Project Gutenberg's Ein frhlicher Bursch, by Bjrnstjerne Bjrnson

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Title: Ein frhlicher Bursch
       Eine Erzhlung

Author: Bjrnstjerne Bjrnson

Release Date: June 9, 2011 [EBook #36363]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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    Ein frhlicher Bursch


    Eine Erzhlung

    von

    Bjrnstjerne Bjrnson


    Im Insel-Verlag zu Leipzig




    Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel & Co. in Altenburg, S.-A.




1


yvind hie er, und er weinte, als er geboren wurde. Als er aber erst
aufrecht auf dem Schoe der Mutter sa, lachte er, und wenn sie des
Abends Licht anzndeten, lachte er so, da es sang, weinte aber, als
er nicht daran durfte. -- Aus dem Jungen mu etwas Besondres werden,
sagte die Mutter.

Dort, wo er geboren war, ragte eine kahle Felswand empor, aber sie war
nicht sehr hoch; Fhren und Birken sahen von oben herunter, der
Faulbaum streute Blten auf das Dach. Aber oben auf dem Dache lief ein
kleiner Bock herum, den yvind ftterte; er sollte dort oben bleiben,
da er sich nicht verliefe, und yvind trug ihm Laub und Gras hinauf.
Eines schnen Tages sprang der Bock herunter und lief auf den Berg
hinauf; er kletterte geradeswegs in die Hhe und kam an einen Ort, wo
er noch nie zuvor gewesen war. yvind sah den Bock nicht mehr, als er
nach dem Abendbrot hinauskam, und dachte gleich an den Fuchs. Es lief
ihm hei ber den ganzen Krper; er sah sich um und lockte: Kille --
kille -- kille -- Bckchen! -- B------! sagte der Bock oben am
Bergesrand, legte den Kopf auf die Seite und sah herab.

Aber neben dem Bock lag ein kleines Mdchen auf den Knien. -- Gehrt
dir der Bock? fragte sie. yvind stand da, sperrte Mund und Augen auf
und steckte beide Hnde in die Kittelhose, die er trug. -- Wer bist
du? fragte er. -- Ich bin Marit, Mutters Tchterchen, Vaters Fiedel,
der Kobold im Hause, Ole Nordistuens Enkelin auf den Heidehfen. Vier
Jahre im Herbst, zwei Tage nach den Frostnchten, ich! -- Bist du
_die_? sagte er und schpfte Atem, denn er hatte nicht zu atmen
gewagt, solange sie sprach.

Gehrt der Bock dir? fragte das Mdchen noch einmal. -- Jawohl,
sagte er und sah hinauf. -- Ich mchte den Bock so gern haben --
willst du ihn mir nicht schenken? -- Nein, das will ich nicht.

Sie lag da und wackelte mit den Beinen und sah zu ihm hinunter, und
dann sagte sie: Aber wenn du einen Butterkringel fr den Bock
bekommst, kann ich ihn dann bekommen? yvind war armer Leute Kind, er
hatte nur einmal in seinem Leben einen Butterkringel gegessen; das
war, als der Grovater zu Besuch gekommen war, und etwas hnliches
hatte er nie, weder frher noch spter, gegessen. Er sah zu dem
Mdchen hinauf: La mich den Kringel erst einmal sehen, sagte er.
Das lie sie sich nicht zweimal sagen, sie zeigte ihm einen groen
Kringel, den sie in der Hand hielt. -- Hier ist er, sagte sie und
warf ihn hinab. Ach! er ist zerbrochen, sagte der Junge; sorgfltig
sammelte er jeden Bissen auf; den allerkleinsten mute er schmecken,
und der war so gut, da er noch einen schmecken mute, und ehe er
sichs versah, hatte er den ganzen Kringel verputzt.

Jetzt gehrt der Bock mir, sagte das Mdchen. Dem Knaben blieb der
letzte Bissen im Munde stecken, das Mdchen lag da und lachte, der
Bock stand daneben mit weier Brust und braunschwarzem Haar, legte den
Kopf auf die Seite und sah herber.

Knntest du nicht ein wenig warten? bat der Knabe; das Herz fing ihm
an zu klopfen. Da lachte das Mdchen noch mehr und richtete sich
schnell auf den Knien auf. -- Nein, der Bock gehrt mir, sagte sie
und schlang die Arme um seinen Hals, lste eins ihrer Strumpfbnder
und band es ihm um. yvind sah ihr zu. Sie erhob sich und fing an, den
Bock mit sich fortzuziehen; er wollte nicht mitgehn und reckte den
Hals zu yvind herunter. B------! sagte er. Sie aber griff ihm
mit der einen Hand ins Haar, zog mit der andern Hand am Bande und
sagte schmeichelnd: Komm nur, Bckchen, bei mir darfst du in der
Stube laufen und aus Mutters Schsseln essen und meine Schrze
fressen. Und dann sang sie:

        Komm Bckchen zum Jungen,
        Komm Klbchen zur Kuh,
        Komm Ktzchen gesprungen
        In schneeweiem Schuh,
        Kommt aus dem Versteck
        Ihr Entlein nur keck,
        Kommt Tubchen mein
        Mit Federchen fein,
        Kommt Kchlein in Haufen,
        Ihr knnt doch schon laufen,
        Na wirds im Gras bald sein,
        Warm ists im Sonnenschein.
    Wie schn ists im Sommer und lind,
    Im Herbst weht der Wind, kommt geschwind!

Und da stand nun der Junge!

Seit dem Winter, wo der Bock geboren war, hatte er ihn gehtet, und er
hatte nie daran gedacht, da er ihn verlieren knnte; aber nun war das
im Handumdrehen geschehen, und er sollte ihn nie wiedersehen.

Die Mutter kam trllernd mit Kbeln, die sie gescheuert hatte, vom
Strande herauf; sie sah den Jungen, die Beine unter sich gezogen, im
Grase sitzen und weinen und kam zu ihm heran. -- Weshalb weinst du?
-- Ach, der Bock, der Bock! -- Ja, wo ist der Bock? fragte die
Mutter und sah nach dem Dache hinauf. -- Der kommt nie wieder, sagte
der Junge. -- Aber Kind, wie ist denn das zugegangen? -- Er wollte
es nicht gleich gestehen. -- Hat ihn der Fuchs geholt? -- Ja,
wollte Gott, es wre der Fuchs! -- Bist du von Sinnen? sagte die
Mutter, was ist aus dem Bock geworden? -- Ach, ach, ach -- ich bin
zu Schaden gekommen, ich habe ihn fr einen Kringel verkauft!

In dem Augenblick, wo er das Wort heraus hatte, begriff er wohl, was
es bedeute, den Bock fr einen Kringel verkauft zu haben; bisher hatte
er noch gar nicht darber nachgedacht. Die Mutter sagte: Was glaubst
du wohl, was der kleine Bock von dir denken mu, da du ihn fr einen
Kringel hast verkaufen knnen?

Und der Junge dachte es selbst und begriff sehr wohl, da er auf
dieser Welt nie wieder froh werden knne -- und auch wohl nicht einmal
bei Gott, dachte er dann.

So tiefen Kummer fhlte er, da er sich selber gelobte, nie wieder
etwas Bses zu tun, weder den Faden des Spinnrockens durchzuschneiden,
noch die Schafe hinauszulassen, noch allein an die See hinabzugehn. Er
schlief ein, dort, wo er lag, und er trumte von dem Bock, und da der
in den Himmel gekommen sei; der liebe Gott sa da mit einem groen
Bart, gerade so wie im Katechismus, und der Bock stand neben ihm und
fra Laub von einem schimmernden Baume; yvind aber sa allein auf dem
Dach und konnte nicht hinaufkommen.

Da fhlte er pltzlich etwas Nasses in seinem Ohr, er fuhr in die
Hhe: B------! sagte es, und das war der Bock, der wieder
zurckgekommen war!

Nein, bist du wiedergekommen! -- Er sprang auf, fate ihn bei den
Vorderbeinen und tanzte mit ihm herum, als sei er sein Bruder; er
zupfte ihn am Bart, und er wollte gerade mit ihm zur Mutter hinein,
als er etwas hinter sich hrte und das Mdchen dicht neben sich auf
dem Rasen sitzen sah. Jetzt begriff er alles. Er lie den Bock los:
Bist du mit ihm hergekommen? -- Sie sa da und zupfte Gras mit der
Hand aus und sagte: Ich durfte ihn nicht behalten; Grovater sitzt da
oben und wartet. -- Whrend der Junge dastand und sie anstarrte,
hrte er eine scharfe Stimme oben vom Wege her rufen: Nun? Da fiel
ihr ein, was sie tun sollte; sie stand auf, ging zu yvind hin,
steckte ihre mit Erde beschmutzte Hand in die seine, wandte sich ab
und sagte: Verzeih mir! Aber dann war es auch aus mit ihrem Mut, sie
warf sich ber den Bock und weinte.

Ich meine, du solltest den Bock doch behalten, sagte yvind und sah
weg.

Beeile dich jetzt! sagte der Grovater oben auf dem Berge. Und Marit
stand auf und ging schleppenden Schrittes den Berg hinan. -- Du
vergit ja dein Strumpfband, rief ihr yvind nach. Da wandte sie sich
um und sah erst das Strumpfband an und dann ihn. Endlich fate sie
einen groen Entschlu und sagte mit erstickter Stimme weinend: Das
kannst du behalten. -- Er lief ihr nach und ergriff ihre Hand. --
Ich bedanke mich vielmals! sagte er. -- Ach, keine Ursache zu
danken! entgegnete sie, seufzte tief auf und ging weiter.

Er setzte sich wieder ins Gras nieder, der Bock graste neben ihm, aber
er hatte ihn nicht mehr so lieb wie vorher.




2


Der Bock war an der Wand des Hauses angebunden, yvind aber stand da
und schaute zu dem Berge empor. Die Mutter kam zu ihm heraus und
setzte sich zu ihm; er wollte Mrchen ber das hren, was weit weg
war, denn jetzt war ihm der Bock nicht mehr genug. Da hrte er denn,
da einstmals alles sprechen konnte: der Berg sprach mit dem Bach, und
der Bach mit dem Strom, und der Strom mit dem Meere, und das Meer mit
dem Himmel; dann aber fragte er, ob denn der Himmel mit niemand
sprche; ja, der Himmel sprche mit den Wolken, und die Wolken mit den
Bumen, und die Bume mit dem Grase, und das Gras mit den Fliegen, und
die Fliegen mit den Tieren, und die Tiere mit den Kindern, die Kinder
mit den Erwachsenen; und so ging es weiter, bis es rundherum ging, und
niemand wute, wer begonnen hatte. yvind sah den Berg an und die
Bume und die See und den Himmel und hatte das alles eigentlich bisher
noch niemals gesehen. In diesem Augenblick kam die Katze heraus und
legte sich auf die steinerne Schwelle in die Sonne. -- Was sagt die
Katze? fragte yvind und zeigte auf sie. Die Mutter sang:

    Die Katze liegt im Sonnenschein,
    Der abends sieht zur Tr herein:
        Ein Museprlein kam
        Und naschte von dem Rahm,
        Vier Stck Fisch,
        Die stahl ich mir vom Tisch,
        Und bin so rund und satt,
        Und bin so faul und matt!
        Sagte die Katze.

Aber der Hahn und alle Hhner kamen. -- Was sagt der Hahn? fragte
yvind und klatschte in die Hnde. Die Mutter sang:

        Gluckhenne ihre Flgel senkt,
        Hahn steht auf einem Bein und denkt:
        Die graue Gans seht blo,
        Dnkt sich wer wei wie gro,
        Doch ob sie haben kann
        Verstand so wie ein Hahn?
    Nun flink, ihr Hennen, soll ich euch jagen?
    Unters Dach! Gute Nacht mag die Sonne jetzt sagen.
        Sagte der Hahn.

Aber oben auf dem Dachfirst saen zwei kleine Vgel und sangen. --
Was sagen die Vgel? fragte yvind und lachte.

    Herr Gott, wie ist es gut zu leben
    Fr den, der nicht braucht zu schaffen und streben!
        Sagten die Vglein.

Und er erfuhr, was sie alle miteinander sprachen bis hinab zur Ameise,
die durch das Moor kroch, und dem Wurm, der in der Borke pickte.

In demselben Sommer begann die Mutter, ihn lesen zu lehren. Bcher
hatte er schon lange gehabt, und er hatte viel darber nachgedacht,
wie es wohl zugehn wrde, wenn auch sie zu sprechen anfingen. Nun
wurden die Buchstaben zu Tieren, Vgeln und zu allem, was da kreucht
und fleugt. Bald aber fingen sie an, zusammen zu gehen, immer zu
zweien; =A= blieb stehn und ruhte unter einem Baume aus, der =B= hie,
dann kam =C= und tat dasselbe; als sie aber zu dreien und vieren
zusammenkamen, da war es, als wenn sie bse aufeinander wrden; es
wollte nicht recht gehn. Und je weiter er kam, desto mehr verga er,
was sie waren; am lngsten dachte er an das =A=, das er am liebsten
hatte; es war ein kleines, schwarzes Lmmchen und war gut Freund mit
allen. Bald aber verga er auch das =A=, das Buch enthielt kein
Mrchen, nur Aufgaben.

Da geschah es eines Tages, da die Mutter zu ihm hereinkam und sagte:
Morgen fngt die Schule wieder an, du sollst mit mir nach dem Hofe
gehn. yvind hatte gehrt, da die Schule ein Ort sei, wo viele
Knaben spielten, und dagegen hatte er nichts einzuwenden. Er war sehr
vergngt; auf dem Hofe war er oft gewesen, allerdings nie, wenn Schule
war, und so schritt er denn schneller als die Mutter die Hgel hinan,
von Sehnsucht erfllt. Sie kamen an die Altenteilerwohnung; ein
entsetzliches Gerusch, wie bei der Mhle daheim, schallte ihnen
entgegen, und er fragte die Mutter, was das sei. -- Das sind die
Kinder, die lesen, antwortete sie, und darber war er sehr erfreut,
denn geradeso hatte er auch gelesen, ehe er die Buchstaben kannte. Als
er hineinkam, saen da so viele Kinder um einen Tisch herum, da in
der Kirche nicht mehr waren; andre saen auf ihren Ebtten an den
Wnden entlang, einige umstanden in einem kleinen Haufen eine Tafel.
Der Schulmeister, ein alter, grauhaariger Mann, sa auf einem Schemel
am Herde und stopfte sich eine Pfeife. Als yvind und die Mutter
eintraten, sahen alle auf, und das Mhlradgeklapper hielt inne,
geradeso wie wenn der Bach gestaut wird. Alle sahen die Eintretenden
an, die Mutter begrte den Schulmeister, der den Gru erwiderte.

Hier komme ich mit einem kleinen Jungen, der gern lesen lernen
mchte, sagte die Mutter. -- Wie heit der kleine Schelm? fragte
der Schulmeister und whlte nach Tabak in dem ledernen Beutel.

yvind! sagte die Mutter, er kennt die Buchstaben, und er kann sie
zusammenfgen. -- Sieh nur an! sagte der Schulmeister; komm einmal
her, du Flachskopf! -- yvind ging zu ihm hin, der Schulmeister
setzte ihn auf seinen Scho und nahm ihm die Mtze ab. -- Was fr ein
hbscher kleiner Junge! sagte er und strich ihm ber das Haar. yvind
sah ihm in die Augen und lachte. -- Lachst du ber mich? Er runzelte
die Brauen. -- Ja, das tue ich! antwortete yvind und lachte aus
vollem Halse. Da lachte auch der Schulmeister, die Mutter lachte, die
Kinder merkten auch, da sie lachen drften, und so lachten sie dann
alle zusammen.

Damit war yvind in die Schule aufgenommen.

Als er sich hinsetzen sollte, wollten sie ihm alle Platz machen. Er
sah sich auch lange um; sie flsterten und sie zeigten, er drehte sich
nach allen Seiten um, die Mtze in der Hand, das Buch unterm Arm. --
Nun, wirds bald? fragte der Schulmeister, der sich wieder mit seiner
Pfeife beschftigte. Als er sich nach dem Schulmeister umwenden
wollte, sah er dicht neben sich am Herde auf einer kleinen rot
angestrichnen Ebtte Marit mit den vielen Namen sitzen; sie hatte das
Gesicht hinter beiden Hnden verborgen und sa da und guckte zu ihm
hinber. -- Hier will ich sitzen, sagte yvind schnell, nahm eine
Ebtte und setzte sich neben sie. Jetzt erhob sie den Arm, der ihm
zunchst war, ein wenig und sah ihn unter dem Ellenbogen weg an;
sofort bedeckte auch er sein Gesicht mit beiden Hnden und sah sie
unter dem Ellenbogen weg an. So saen sie und stellten sich an, bis
sie lachte, da lachte auch er. Die Kinder hatten das gesehen und
lachten mit. Da aber fuhr eine frchterlich starke Stimme, die jedoch
allmhlich milder wurde, dazwischen: Still, ihr Kobolde, ihr
Krabbenzeug, ihr Nichtsnutze! Still, und seid hbsch artig gegen mich,
ihr Zuckerferkelchen! -- Das war der Schulmeister, der die Gewohnheit
hatte, aufzubrausen, aber wieder gut zu werden, ehe er fertig war.
Sogleich wurde es ruhig in der Schule, bis sich die Pfeffermhlen von
neuem in Bewegung setzten. Sie lasen jedes laut in seinem Buche, die
feinsten Diskante spielten auf, die grbern Stimmen trommelten lauter
und lauter, um das bergewicht zu haben, und zuweilen jodelte auch
wohl einer dazwischen; yvind hatte sein ganzes Leben lang keine
solche Kurzweil gehabt.

Ist es hier immer so? flsterte er Marit zu. -- Ja, so ist es hier
immer, sagte sie.

Nach einer Weile muten sie zum Schulmeister kommen und lesen; ein
kleiner Junge wurde dann angestellt, mit ihnen zu lesen, und dann
waren sie frei und durften wieder gehn und sich ruhig hinsetzen.

Nun habe ich auch einen Bock bekommen, sagte sie. -- Wirklich? --
Ja, aber so schn wie deiner ist er nicht. -- Weshalb bist du nicht
fter auf den Berg gekommen? -- Grovater frchtet, da ich
hinunterfallen knnte. -- Aber es ist ja nicht so hoch. --
Grovater will es aber doch nicht.

Mutter kann so viele Lieder, erzhlte er. -- Du kannst mir glauben,
Grovater kann auch welche! -- Ja, aber nicht davon, was Mutter
wei. -- Grovater kann eins vom Tanzen, er. Willst du es hren? --
Ja, gern! -- Aber dann mut du nher hierherkommen, da es der
Schulmeister nicht merkt. -- Er rckte zu ihr heran, und dann sagte
sie ihm ein Bruchstck eines Liedes vier bis fnfmal vor, so da der
Knabe es lernte, und das war das erste, was er in der Schule lernte.

    Zum Tanz! rief die Fiedel.
    Die Saiten erklangen,
    Der Bursch voll Verlangen
    Sprang auf und rief: ho!
    Halt an! sagte Ola.
    Den Schulzen stie um er,
    Hinflog mit Gebrumm der,
    Sie lachten nur so!

    Hinauf! sagte Erik,
    Die Abstze drhnten
    Am Balken, es sthnten
    Die Wnde beim Sprung.
    Hr auf! sagte Erling
    Und packt' ihn beim Kragen,
    Hinaus ihn zu jagen:
    Noch bist du zu jung!

    Nun fix, sagte Rasmus,
    Nahm Randi ums Mieder:
    Den Ku gib mir wieder,
    Du weit! Sei gescheit!
    Wird nix! lachte Randi,
    Eins hinter die Ohren
    Gebhrt solchen Toren,
    Nun weit du Bescheid!

Auf, Kinder! rief der Schulmeister; heute ist der erste Schultag,
da will ich euch frher freigeben; vorher aber mssen wir noch beten
und singen! Das gab ein Leben in der Schule, sie sprangen von den
Bnken, sprangen durch das Zimmer, schwatzten alle durcheinander. --
Still, ihr Teufelsbrut, ihr jungen Elstern, ihr Takelzeug! Stille!
Und geht fein suberlich durch das Zimmer, Kinderchen! sagte der
Schulmeister, und sie gingen ruhig hin und stellten sich auf, worauf
der Schulmeister vor sie hintrat und ein kurzes Gebet sprach. Dann
sangen sie. Der Schulmeister stimmte mit krftigem Ba an, alle Kinder
standen mit gefalteten Hnden da und sangen mit, yvind stand zu
unterst neben der Tr mit Marit zusammen und sah zu; auch sie falteten
die Hnde, aber sie konnten nicht singen.

Das war der erste Tag in der Schule.




3


yvind wuchs heran und wurde ein muntrer Junge. In der Schule war er
einer der ersten, und daheim war er zu jeder Arbeit geschickt. Das kam
daher, da er daheim die Mutter liebhatte und in der Schule den
Schulmeister; von dem Vater sah er nur wenig, denn entweder war dieser
auf dem Fischfang, oder er besorgte ihre Mhle, in der das halbe
Kirchspiel mahlen lie.

Was in diesen Jahren am meisten auf sein Gemt eingewirkt hatte, war
die Geschichte des Schulmeisters, die ihm die Mutter eines Abends, als
sie am Herde saen, erzhlt hatte. Sie senkte sich in seine Bcher
hinab, sie lag jedem Wort zugrunde, das der Schulmeister sagte, und
schlich in der Schule umher, wenn alles still war. Sie flte ihm
Gehorsam und Ehrfurcht ein und verlieh ihm gleichsam ein leichteres
Verstndnis fr alles, was gelehrt wurde. Die Geschichte lautete
folgendermaen:

Baard hie der Schulmeister, und er hatte einen Bruder, der Anders
hie. Sie hatten sich sehr lieb, lieen sich beide anwerben, lebten in
der Stadt zusammen, zogen mit in den Krieg, wo sie beide zu Korporalen
befrdert wurden und beide bei derselben Kompagnie standen. Als sie
nach dem Kriege wieder heimkehrten, fanden alle, da es zwei
stattliche Mnner seien. Da stirbt ihr Vater; er hatte viel Hab und
Gut, das schwer zu teilen war, und deswegen sagten sie zueinander, da
sie auch diesmal nicht uneins werden, sondern eine Auktion ansetzen
wollten, wo jeder kaufen knnte, was er wollte, und dann wollten sie
den Erls teilen. Gesagt, getan! Aber der Vater hatte eine groe
goldne Uhr gehabt, die weit und breit berhmt war, denn es war die
einzige goldne Uhr, die die Leute in dieser Gegend jemals gesehen
hatten, und als diese Uhr ausgerufen wurde, wollten viele reiche
Mnner sie haben, bis auch beide Brder zu bieten anfingen; darauf
lieen die andern nach. Jetzt erwartete Baard von Anders, da er ihm
die Uhr berlassen wrde, und Anders erwartete dasselbe von Baard; sie
boten jeder einmal, um einander auf die Probe zu stellen, und sahen
zueinander hinber, whrend sie boten. Als die Uhr auf zwanzig Taler
gekommen war, dachte Baard, da das nicht schn gehandelt sei von dem
Bruder, und fuhr fort zu bieten, bis er die Uhr ungefhr auf dreiig
hinaufgetrieben hatte; als Anders noch nicht nachlie, meinte Baard,
Anders wisse nicht mehr, wie gut er oft gegen ihn gewesen wre, und
da er auerdem der lteste sei, und so kam die Uhr hher als auf
dreiig Taler. Anders bot noch immer. Da bot Baard vierzig Taler auf
einmal und sah den Bruder nicht mehr an; es war sehr still im
Auktionszimmer, nur der Schulze wiederholte ruhig die Summe. Anders
dachte, wie er so dastand, da, wenn Baard die Mittel habe, vierzig
Taler zu geben, er sie auch wohl habe, und wenn Baard ihm die Uhr
nicht gnne, so wre er im Rechte, sie zu nehmen; er berbot ihn also.
Dies erschien Baard wie die grte Schande, die ihm je zugefgt worden
war; er bot fnfzig Taler, und zwar ganz leise. Viele Leute standen
ringsumher, und Anders dachte, so sollte ihn der Bruder nicht vor
aller Ohren verhhnen, und berbot ihn. Da lachte Baard: Hundert
Taler und meine Bruderschaft mit in den Kauf, wandte sich ab und ging
zur Stube hinaus. Nach einer Weile, whrend er damit beschftigt war,
das eben erstandne Pferd zu satteln, kam jemand zu ihm heraus. Die
Uhr ist dein, sagte der Mann; Anders hat nachgegeben. -- In
demselben Augenblick, wo Baard dies erfuhr, durchzuckte es ihn wie
Reue; er dachte an den Bruder und nicht an die Uhr. Der Sattel war
aufgelegt, aber er hielt inne, die Hand auf dem Rcken des Pferdes,
unsicher, ob er reiten solle. Da kamen viele Leute heraus, unter ihnen
Anders, und wie er den Bruder neben dem gesattelten Pferde stehn sah
-- er wute ja nicht, worber Baard jetzt nachdachte --, schrie er zu
ihm hinber: Hab Dank fr die Uhr, Baard, du sollst sie an dem Tage
nicht gehn sehen, wo dein Bruder dir in den Weg tritt! -- Auch an
dem Tage nicht, wo ich wieder auf den Hof reite! entgegnete Baard,
kreidewei im Gesicht, und schwang sich auf sein Pferd. Das Haus, wo
sie zusammen mit dem Vater gewohnt hatten, betrat keiner von ihnen
wieder.

Bald darauf heiratete Anders in eine Kte hinein, aber er bat Baard
nicht zur Hochzeit; Baard war auch nicht in der Kirche. In dem ersten
Jahre nach Andersens Verheiratung wurde die einzige Kuh, die er hatte,
an der Nordseite seines Hauses, wo sie angepflckt geweidet hatte, tot
aufgefunden, und niemand wute, woran sie gestorben war. Mehrere
Unglcksflle kamen hinzu, und es ging zurck mit ihm; am schlimmsten
aber wurde es, als seine Scheune mitten im Winter abbrannte mit allem,
was darin war; niemand wute, wie das Feuer entstanden war. Das hat
jemand getan, der mir bel will, sagte Anders, und in dieser Nacht
weinte er. Er war ein armer Mann geworden und verlor alle Lust zur
Arbeit.

Da stand Baard am nchsten Tage in seiner Stube. Anders lag auf dem
Bett, als er eintrat, sprang aber auf. -- Was willst du hier? fragte
er, schwieg dann aber und blieb stehn und starrte den Bruder
unverwandt an. Baard wartete eine Weile, ehe er antwortete: Ich will
dir meine Hilfe anbieten, Anders; es geht dir nicht gut. -- Mir geht
es so, wie du es mir gewnscht hast, Baard! Geh, oder ich wei nicht,
ob ich mich beherrschen kann. -- Du irrst, Anders; ich bereue --.
-- Geh, Baard, oder Gott sei dir und mir gndig. -- Baard trat ein
paar Schritte zurck; mit bebender Stimme sagte er: Wenn du die Uhr
haben willst, so sollst du sie bekommen! -- Geh, Baard! schrie der
andre, und Baard wagte nicht lnger zu bleiben, sondern ging.

Mit Baard aber war es so zugegangen. Sobald er hrte, da der Bruder
Not leide, taute ihm das Herz auf, aber der Stolz hielt ihn zurck. Er
empfand das Bedrfnis, zur Kirche zu gehn, und dort fate er gute
Vorstze, allein er brachte sie nicht zur Ausfhrung. Oft kam er so
weit, da er das Haus sehen konnte, bald aber kam jemand aus der Tr,
bald war ein Fremder dort, oder auch Anders stand drauen und hackte
Holz, genug, es war immer irgend etwas im Wege. Aber eines Sonntags zu
Ende des Winters war er wieder in der Kirche, und da war Anders auch
dort. Baard sah ihn; er war bla und mager geworden, er trug noch
dieselben Kleider wie frher, als sie noch zusammen gewesen waren,
aber sie waren jetzt alt und geflickt. Whrend der Predigt sah er zum
Pfarrer hinauf, und Baard erschien es, als she er gut und sanft aus,
er gedachte ihrer Kinderjahre und was fr ein guter Junge er gewesen
war. Baard selber ging an jenem Tage zum Abendmahl, und er legte
seinem Gott das feierliche Gelbde ab, da er sich mit seinem Bruder
vershnen wolle, es mchte kommen, was da wollte. Dieser Vorsatz ging
in dem Augenblick durch seine Seele, als er den Wein trank, und als er
sich erhob, wollte er geradeswegs zu ihm hingehn und sich neben ihn
setzen; aber es sa jemand im Wege, und der Bruder sah nicht auf. Auch
nach der Predigt war wieder etwas im Wege; da waren zu viel Leute, die
Frau ging neben ihm, und die kannte er nicht -- er meinte, es sei das
beste, zu ihm ins Haus zu gehn und ernstlich mit ihm zu reden. Als der
Abend kam, tat er das. Er ging auf die Stubentr zu und lauschte; da
aber hrte er seinen Namen nennen, und zwar von der Frau: Er ging
heute zum Abendmahl, sagte sie; er hat gewi an dich gedacht. --
Nein, er hat nicht an mich gedacht, sagte Anders. Ich kenne ihn; er
denkt nur an sich.

Dann wurde nichts mehr gesagt. Baard schwitzte, wo er stand, obwohl es
ein kalter Abend war. Die Frau drinnen war an einem Kessel
beschftigt, der auf dem Feuer brodelte und prasselte, ein Sugling
weinte von Zeit zu Zeit, und Anders wiegte. Da sagte sie die wenigen
Worte: Ich glaube, ihr denkt beide aneinander, ohne es eingestehn zu
wollen. -- La uns von etwas anderm sprechen, erwiderte Anders.
Nach einer Weile erhob er sich, er wollte auf die Tr zugehn. Baard
mute sich im Holzschuppen verbergen; aber gerade dahin kam auch
Anders, um einen Arm voll Holz hereinzuholen. Baard stand in der Ecke
und sah ihn deutlich; er hatte seine schlechten Sonntagskleider
ausgezogen und trug die Uniform, die er aus dem Kriege mit nach Hause
gebracht hatte, dieselbe wie Baard seine; er hatte dem Bruder
versprochen, sie nie zu berhren, sondern sie ihm zu vererben, wie ihm
auch dieser das gleiche gelobt hatte. Die von Anders war jetzt
geflickt und abgetragen, sein krftiger, wohlgewachsner Krper steckte
wie in einem Bndel Lumpen, und zugleich hrte Baard die goldne Uhr in
seiner eignen Tasche picken. Anders ging dahin, wo das Reisig lag;
aber statt sich gleich zu bcken und sich zu beladen, blieb er stehn,
lehnte sich mit dem Rcken gegen einen Holzstapel und sah zum Himmel
auf, an dem die Sterne hell flimmerten. Dann seufzte er tief auf und
sagte: Ja -- ja -- ja; Herr Gott, Herr Gott!

Solange Baard lebte, hrte er fortan diese Worte. Er wollte auf ihn
zugehn, aber in demselben Augenblick rusperte sich der Bruder, und
das klang so hart -- mehr gehrte nicht dazu, ihn zurckzuhalten.
Anders nahm seinen Arm voll Holz auf und streifte so dicht damit an
Baard vorber, da ihm die Reiser ins Gesicht schlugen, da es
schmerzte.

Wohl zehn Minuten lang stand er noch regungslos auf demselben Fleck,
und man kann nicht wissen, wann er gegangen wre, wenn ihn nicht nach
der starken Erregung ein solcher Frost befallen htte, da es ihn
durchschauerte. Da ging er hinaus; er gestand sich ganz offen, da er
zu feige sei, hineinzugehn; deswegen hatte er jetzt einen andern Plan
ersonnen. Aus einer Aschbtte, die in der Ecke stand, die er soeben
verlassen hatte, nahm er ein paar Kohlen, suchte sich einen Kienspan,
ging in die Scheune hinein, schlo hinter sich und schlug Feuer. Als
er den Kienspan angezndet hatte, leuchtete er in die Hhe nach dem
Nagel, an den Anders seine Laterne hngte, wenn er in der Frhe des
Morgens kam, um zu dreschen. Baard zog seine goldne Uhr heraus und
hngte sie an den Nagel, lschte den Kienspan aus und ging, und da
fhlte er sich so erleichtert, da er wie ein junger Bursche ber den
Schnee dahinlief.

Am nchsten Tage hrte er, da die Scheune in der Nacht abgebrannt
sei. Wahrscheinlich waren Funken von dem Kienspan heruntergefallen,
der ihm leuchten sollte, whrend er die Uhr anhngte.

Dies berwltigte ihn dermaen, da er den ganzen Tag wie ein Kranker
dasa, sein Gesangbuch hervorholte und sang, so da die Leute im Hause
glaubten, es sei nicht ganz richtig mit ihm. Am Abend aber ging er
aus; es war heller Mondschein; er ging nach dem Gehfte des Bruders,
grub auf der Brandsttte nach -- und fand wirklich einen kleinen,
zusammengeschmolznen Goldklumpen; das war die Uhr.

Damit in der Hand ging er an jenem Abend zum Bruder, bat um Frieden
und wollte sich erklren. Wie es aber ging, ist schon erzhlt worden.

Ein kleines Mdchen hatte ihn auf der Brandsttte graben sehen, ein
paar Burschen, die zum Tanze gingen, hatten ihn am vorhergehenden
Sonntagabend auf das Gehft zugehn sehen. Die Leute im Hause
erzhlten, wie sonderbar er am Montag gewesen wre, und da nun alle
wuten, da er und der Bruder bittere Feinde waren, so wurde die Sache
bei Gericht angemeldet und ein Verhr vorgenommen.

Niemand konnte ihm etwas beweisen, aber der Verdacht ruhte auf ihm; er
konnte sich jetzt weniger denn je dem Bruder nhern.

Anders hatte an Baard gedacht, als die Scheune brannte, hatte es aber
zu niemand gesagt. Als er ihn am nchsten Abend bleich und verstrt in
sein Zimmer eintreten sah, dachte er sofort: Jetzt schlgt ihm sein
Gewissen, aber fr eine so schreckliche Tat gegen seinen eignen Bruder
erhlt er keine Vergebung. Spter hrte er denn auch, da die Leute
ihn an demselben Abend, als es brannte, auf das Gehft hatten zugehn
sehen, und obwohl beim Verhr nichts nachgewiesen wurde, glaubte er
steif und fest, da Baard der Missetter sei. Sie trafen einander beim
Verhr; Baard in seinen guten Kleidern, Anders in seinen geflickten;
Baard sah zu ihm hinber, als er eintrat, und die Augen flehten, da
es Anders bis ins Herz hinein fhlte. Er will nicht, da ich etwas
sagen soll, dachte Anders, und als man ihn fragte, ob er dem Bruder
die Tat zutraue, sagte er laut und bestimmt: Nein!

Aber seit jenem Tage ergab sich Anders dem Trunke, und es ging ihm
sehr schlecht. Noch schlechter erging es jedoch Baard, obwohl der
nicht trank; er war nicht wiederzuerkennen.

Da kam eines Abends spt eine arme Frau in die kleine Kammer, in der
Baard zur Miete wohnte, und bat ihn, mit ihr zu kommen. Er erkannte
sie; es war die Frau des Bruders. Baard wute sofort, was sie zu ihm
fhre; er wurde leichenbla, kleidete sich an und folgte ihr, ohne ein
Wort zu sagen. Aus Andersens Fenster schimmerte ein schwacher
Lichtschein, er blitzte und verschwand, und sie folgten dem Licht,
denn es fhrte kein Weg ber den Schnee. Als Baard wieder in der Flur
stand, drang ihm ein wunderlicher Geruch entgegen, so da ihm ganz
schlecht wurde. Ein kleines Kind stand am Herd und a Kohlen, es war
ber das ganze Gesicht schwarz, sah aber auf und lachte mit weien
Zhnen; es war das Kind des Bruders. Aber hinten im Bette, mit
allerlei Kleidungsstcken zugedeckt, lag Anders, abgemagert, mit
klarer, hoher Stirn und sah den Bruder hohlugig an. Baard
schlotterten die Knie, er setzte sich an das Fuende des Bettes und
brach in heftiges Weinen aus. Der Kranke sah ihn unverwandt an und
schwieg. Endlich hie er die Frau hinausgehn, Baard aber winkte, da
sie bleiben solle -- und nun fingen diese beiden Brder an,
miteinander zu reden. Sie erklrten sich alles, von dem Tage an, wo
sie auf die Uhr geboten hatten, bis zu dem heutigen, wo sie sich
wiedersahen. Baard schlo damit, da er den Goldklumpen hervorzog, den
er immer bei sich trug, und jetzt wurde es den Brdern klar, da sie
sich alle diese Jahre lang nicht einen einzigen Tag glcklich gefhlt
hatten.

Anders sagte nicht viel, denn er war nicht dazu imstande; Baard aber
blieb am Bette sitzen, solange Anders krank war. -- Jetzt bin ich
wieder ganz gesund, sagte Anders eines Morgens, als er aufwachte;
jetzt, mein Bruder, wollen wir lange zusammenleben und nie wieder
voneinandergehn, wie in den alten Zeiten. Aber an dem Tage starb er.

Die Frau und das Kind nahm Baard zu sich, und sie hatten es gut seit
der Zeit. Worber sich aber die Brder am Krankenbett unterhalten
hatten, das drang durch die Wnde und die Nacht hinaus, es wurde allen
Leuten im Kirchspiel bekannt, und Baard wurde der geachtetste Mann
unter ihnen. Alle grten ihn wie jemand, der ein schweres Leid gehabt
und wieder Freude gefunden hat, oder wie jemand, der sehr lange fern
gewesen ist. Baards Gemt wurde stark infolge der Freundlichkeit, mit
der man ihm entgegenkam, er wurde gottergeben -- und er wolle etwas zu
tun haben, sagte er, so entschlo sich der alte Korporal, Schulmeister
zu werden. Was er den Kindern von frh bis spt einprgte, war die
Liebe, und er selbst bte sie, so da die Kleinen ihn liebten wie
einen Spielkameraden und Vater zugleich.

Und diese Geschichte, die vom alten Schulmeister erzhlt wurde, machte
einen solchen Eindruck auf yvinds Gemt, da sie ihm zur Religion und
Erziehung wurde. Der Schulmeister war fr ihn ein fast bernatrlicher
Mensch geworden, obgleich er so umgnglich dasa und nur wenig schalt.
Auch nur eine einzige Aufgabe nicht zu wissen, war ihm unmglich, und
lchelte er ihm zu, oder strich er ihm mit der Hand ber das Haar,
wenn er sie aufgesagt hatte, da war ihm den ganzen Tag froh und warm
ums Herz.

Den grten Eindruck auf die Kinder machte es immer, wenn der
Schulmeister ihnen zuweilen vor dem Gesang eine kleine Rede hielt und
ihnen wenigstens einmal in der Woche ein paar Verse vorlas, die von
der Nchstenliebe handelten. Wenn er den ersten von diesen Versen las,
zitterte seine Stimme, obwohl er ihn jetzt schon seit zwanzig bis
dreiig Jahren gelesen hatte; er lautete:

    Seinen Nchsten man lieben mu!
    Niemals tritt ihn unter den Fu,
    Lge er auch im Staube.
    Alles, was lebt, ist untertan
    Gttlicher Liebe! Sieh nur hinan,
    Liebe gibt dir dein Glaube.

Wenn aber dann das ganze Gedicht hergesagt war und er eine Weile
dagestanden hatte, sah er sie an und blinzelte mit den Augen: Auf,
ihr kleinen Kobolde, und geht hbsch ohne Lrm nach Hause; geht hbsch
artig, da ich nur Gutes von euch zu hren bekomme, Kinderchen! --
Whrend sie dann wie besessen lrmten, um ihre Bcher und Ebtten
zusammenzusuchen, schrie er in den Lrm hinein: Kommt morgen wieder,
sobald es hell wird, oder ich hole euch und mache euch Beine! -- Kommt
ja zur rechten Zeit, ihr kleinen Mdchen und Jungen, dann wollen wir
fleiig sein!




4


ber sein weiteres Heranwachsen bis zu dem Jahre vor seiner
Konfirmation ist nicht viel zu berichten. Er lernte am Morgen,
arbeitete am Tage und spielte am Abend. Da er einen ungewhnlich
frhlichen Sinn hatte, whrte es nicht lange, bis die in der Nhe
wohnende Jugend sich in den Freistunden dort einzufinden pflegte, wo
er war. Ein groer Hgel zog sich bis an die Bucht hinab, davor lag
auf der einen Seite das Haus an der Bergwand, und der Wald auf der
andern, wie schon berichtet worden ist, und den ganzen Winter war hier
an jedem schnen Abend und des Sonntags Eisbahn fr die
schlittenfahrende Jugend des Kirchspiels. yvind war Meister auf der
Schlittenbahn, er hatte zwei Schlitten, den Scharftraber und das
Ungetm; diesen lieh er grern Gesellschaften, den andern lenkte er
selbst und hatte dabei Marit auf dem Scho.

Das erste, was yvind in der Zeit tat, war auszugucken, wenn er
aufwachte, ob Tauwetter war, und sah er, da es jenseits der Bucht
grau ber den Bschen hing, oder hrte er, da es vom Dache
heruntertropfte, da ging es so langsam mit dem Ankleiden, als sei an
diesem Tage nichts zu tun. Erwachte er aber, und namentlich des
Sonntags, bei knarrendem Frost und klarem Wetter, hatte er die besten
Kleider und keine Arbeit vor sich, nur berhren und Kirchgang am
Vormittag und dann den ganzen Nachmittag und den Abend frei -- juchhe!
da sprang der Junge mit einem Satz aus dem Bette, kleidete sich an,
als brenne das Haus, und konnte kaum essen. Sobald der Nachmittag da
war und der erste Junge am Wegesrande entlang auf seinen Skien
dahergesaust kam, den Skistab ber dem Kopf schwang und rief, da es
an den Bergabhngen um das Wasser widerhallte, und dann einer den Weg
entlang auf dem Schlitten, und noch einer und noch einer -- da machte
sich der Junge mit dem Scharftraber auf, lief den ganzen Hgel hinan
und machte mit langem, gellendem Jodeln, das an der Bucht entlang von
Berg zu Berg schallte und erst ganz in der Ferne erstarb, zwischen den
zuletzt Angekommnen halt.

Er pflegte sich dann nach Marit umzusehen; war sie aber erst gekommen,
so kmmerte er sich auch nicht mehr um sie.

Aber dann kam ein Weihnachtsfest, wo der Knabe wie auch das Mdchen
ungefhr sechzehn oder siebzehn Jahre alt sein mochten und zum
Frhling konfirmiert werden sollten. Am vierten Tage nach Weihnachten
war ein groes Fest auf dem obersten der Heidehfe bei Marits
Groeltern, bei denen sie erzogen worden war, und die ihr dies fast
nun schon seit drei Jahren versprochen hatten, jetzt aber endlich an
diesem Feiertage damit herausrcken muten.

Dazu war yvind eingeladen worden.

Es war ein halbklarer, nicht kalter Abend, kein Stern war zu sehen, am
nchsten Tage mute Regen kommen. Ein lauer Wind wehte ber den
Schnee, der hie und da von den weien Heidefeldern weggefegt und an
andern Stellen zu langen Schanzen zusammengetrieben war. Am Wege
entlang war, wo kein Schnee lag, Glatteis, und das lag blauschwarz
zwischen dem Schnee und dem nackten Felde und blitzte streckenweise
auf, soweit man sehen konnte. An den Felswnden waren Schneelawinen
niedergegangen; sie hatten Dunkelheit und Leere hinterlassen, aber zu
beiden Seiten ihres Bettes war es hell und schneebekleidet,
ausgenommen dort, wo sich die Birkenwlder zusammendrngten und es
dunkel machten. Das Wasser war nicht zu sehen, aber halbnackte
Heideflchen und Smpfe lagen unten an den Felswnden hinauf,
zerklftet und schwer. Die Gehfte lagen in dichtgedrngten Haufen
mitten auf der Flche; sie sahen in der Dunkelheit des Winterabends
aus wie schwarze Klumpen, von denen sich Licht ber das Feld ergo,
bald aus diesem, bald aus jenem Fenster. Nach den Lichtern zu
urteilen, mute es da drinnen geschftig hergehn. Die Jugend, die
erwachsne wie die halberwachsne, scharte sich von verschiednen Seiten
her zusammen; die wenigsten gingen auf dem Wege, oder sie verlieen
ihn doch, sobald sie sich dem Gehfte nherten, und schlichen sich
dann weiter, einer hinter das Viehhaus, ein paar unter das
Vorratshaus, etliche krochen hinter die Scheune und schrien wie
Fchse, andre antworteten aus der Entfernung wie Katzen, einer stand
hinter dem Backofen und bellte wie ein alter, bissiger Hund, dem die
Quinte gesprungen ist, bis eine allgemeine Jagd angestellt wurde. Die
Mdchen kamen in groen Scharen daher, sie hatten einige Burschen, in
der Regel kleine Jungen, bei sich, die sich auf den Wegen um sie
prgelten, um als Mnner zu erscheinen. Wenn so ein Mdchenschwarm auf
den Hof kam und der eine oder der andre der erwachsnen Burschen ihrer
ansichtig wurde, stoben die Mdchen auseinander, flohen in die Gnge
oder in den Garten hinab und muten eine nach der andern hervorgeholt
und ins Haus gezogen werden. Einige waren so verschmt, da man Marit
holen lassen mute, da sie sie krftig hereinntigte. Zuweilen kam
auch wohl eine, die eigentlich gar nicht eingeladen war, und deren
Absicht es durchaus nicht war, hineinzugehen, sondern die nur zusehen
wollte, aber das Ende von der Sache war dann, da sie doch wenigstens
einen Tanz mitmachen sollte. Die, die Marit gern hatte, lud sie ein,
zu den Altenteilern in eine kleine Kammer zu kommen, wo der Alte sa
und rauchte und die Gromutter hin und her ging; man schenkte ihnen
dann ein und redete sie freundlich an. yvind war nicht unter diesen,
und das erschien ihm ein wenig wunderbar.

Der gute Spielmann des Kirchspiels konnte erst spter kommen, deswegen
muten sie sich bis dahin mit dem alten behelfen, einem Husler, den
sie Grauknud nannten. Er konnte vier Tnze spielen, nmlich zwei
Springtnze, einen Halling und einen alten sogenannten Napoleonwalzer;
nach und nach aber hatte er den Halling in einen Schottisch umwandeln
mssen, indem er den Takt vernderte, und ein Springtanz mute auf
dieselbe Weise zur Polka-Mazurka werden. Er spielte nun auf, und der
Tanz begann. yvind wagte nicht gleich, sich zu beteiligen, denn hier
waren zu viel Erwachsne; aber die Halberwachsnen taten sich bald
zusammen, pufften einander vor, tranken sich Mut in dem starken Bier,
und da kam auch yvind mit; hei wurde es in der Stube, die Lustigkeit
und das Bier stiegen ihnen zu Kopfe. Marit war an diesem Abend die
begehrteste Tnzerin, wahrscheinlich weil ihre Groeltern das Fest
veranstaltet hatten, und das bewirkte, da auch yvind oft nach ihr
sah; immer aber tanzte sie mit andern. Er wollte gern selbst mit ihr
tanzen, deswegen blieb er einen Tanz ber sitzen, um gleich zu ihr
hineilen zu knnen, sobald er zu Ende war, und das tat er auch, aber
ein groer Kerl mit dunkler Gesichtsfarbe und starkem Haarwuchs
vertrat ihm den Weg. Weg, Junge! rief er und puffte yvind, so da
er beinahe rcklings ber Marit gefallen wre. Noch niemals war ihm so
etwas begegnet, nie waren die Leute anders als freundlich gegen ihn
gewesen, nie war er Junge genannt worden, wenn er an irgend etwas
hatte teilnehmen wollen; er wurde dunkelrot, sagte aber nichts und zog
sich in die Ecke zurck, wo der eben angekommne neue Spielmann sa und
stimmte. Es war still in dem Gewimmel geworden, man wartete darauf,
die ersten krftigen Tne von ihm selber zu hren; er versuchte und
stimmte, es whrte lange; endlich strich er drauflos und spielte einen
Springtanz. Die Burschen schrien und warfen sich Paar auf Paar in den
Kreis hinein. yvind sah zu Marit hinber, die dort mit dem
starkhaarigen Manne tanzte; sie lachte ber dessen Schulter weg, da
ihre weien Zhne blitzten, und yvind empfand zum erstenmal in seinem
Leben einen eigentmlich stechenden Schmerz in der Brust.

Wieder und wieder sah er sie an, aber je mehr er sie ansah, desto mehr
kam es ihm vor, als sei Marit vllig erwachsen; das kann doch nicht sein,
dachte er, denn sie ist doch noch mit bei unsern Schlittenfahrten.
Aber erwachsen war sie doch, und der Mann mit dem starken Haarwuchs
zog sie nach dem Tanz auf seinen Scho; sie ri sich zwar los, blieb
aber doch neben ihm sitzen.

yvind betrachtete den Mann; er trug feines blaues Tuchzeug, ein
blaugewrfeltes Hemd und ein seidnes Halstuch; er hatte ein kleines
Gesicht, ausdrucksvolle blaue Augen, einen lachenden, trotzigen Mund,
er war hbsch. yvind sah mehr und mehr, er sah endlich auch sich
selber an; er hatte zu Weihnachten neue Hosen bekommen, auf die er
sehr stolz war, jetzt sah er aber, da sie nur aus grauem Fries waren;
die Jacke war aus demselben Stoff, aber alt und dunkel, die Weste aus
gewrfeltem, eigengemachtem Stoff, ebenfalls alt und mit zwei blanken
und einem schwarzen Knopf. Er sah sich um, und es schien ihm, da
wenige so schlecht gekleidet seien wie er. Marit trug ein schwarzes
Mieder aus feinem Stoff, eine silberne Spange im Halstuch und ein
zusammengelegtes seidnes Tuch in der Hand. Auf dem Hinterkopfe hatte
sie eine kleine schwarzseidne Haube, die mit groen, gernderten
seidnen Bndern unter dem Kinn befestigt war. Sie war rot und wei und
lachte; der Mann sprach mit ihr und lachte. Es wurde von neuem
aufgespielt, und sie wollten wieder tanzen. Ein Kamerad kam und setzte
sich neben ihn. -- Weshalb tanzt du nicht, yvind? fragte er
freundlich. -- Ach nein, sagte yvind, ich sehe nicht danach aus.
-- Du siehst nicht danach aus? Aber ehe er fortfahren konnte, sagte
yvind: Wer ist der da in den blauen Tuchkleidern, der mit Marit
tanzt? -- Das ist Jon Hatlen, du weit, der, der lange auf der
Ackerbauschule gewesen ist und jetzt den Hof bernehmen soll. -- In
demselben Augenblicke setzten Marit und Jon sich. -- Wer ist der
Junge mit dem blonden Haar, der dort neben dem Spielmann sitzt und
mich anstarrt? fragte Jon. Da lachte Marit und sagte: Es ist der
Huslersohn von Pladsen.

yvind hatte ja immer gewut, da er ein Huslerjunge sei, aber bisher
hatte er das nie empfunden. Er fhlte sich auf einmal so klein an
Krper, kleiner als alle die andern; um sich aufrechtzuerhalten, mute
er versuchen, an all das zu denken, was ihn bis dahin froh und stolz
gemacht hatte, von der Schlittenbahn an bis zu jedem einzelnen Wort.
Als er auch an seine Mutter und an seinen Vater dachte, die daheim
saen und glaubten, da er jetzt vergngt sei, war es ihm fast, als
knne er die Trnen nicht zurckhalten. Um ihn her lachte und scherzte
alles, die Fiedel schallte ihm gerade ins Ohr hinein, einen Augenblick
war es, wie wenn etwas Schwarzes in ihm aufsteige, aber dann fiel ihm
die Schule ein mit all den Kameraden und dem Schulmeister, der ihn
streichelte, und der Pfarrer, der ihm beim letzten Examen ein Buch
gegeben und gesagt hatte, da er ein tchtiger Bursch sei. Der Vater
hatte selber dabei gesessen und zugehrt und ihm zugelchelt. Sei
jetzt gut, yvind, hrst du? glaubte er den Schulmeister sagen zu
hren, indem er auf den Scho genommen wurde, wie damals, als er klein
war. -- Herr Gott, das alles hat ja so wenig zu bedeuten, und im
Grunde sind alle Menschen gut; es sieht nur so aus, als wenn sie es
nicht wren. Wir beide wollen tchtig werden, yvind, ebenso tchtig
wie Jon Hatlen; wir wollen schon gute Kleider bekommen und mit Marit
in einer hellerleuchteten Stube tanzen, unter hundert Menschen,
lcheln und miteinander plaudern, zwei Brautleute, der Pfarrer, und
ich im Chor, ich lchle dir zu, und die Mutter wohnt bei dir im Hause,
der Hof ist gro, zwanzig Khe, drei Pferde, und Marit ist gut und
lieb wie in der Schule -- --

Der Tanz war zu Ende; yvind sah Marit vor sich auf der Bank und Jon
neben ihr, das Gesicht dicht ber dem ihren; ein heftiger, stechender
Schmerz durchzuckte wieder seine Brust, und es war, als sage er zu
sich selber: Das ist ja wahr, mir ist elend.

In demselben Augenblick erhob sich Marit und kam gerade auf ihn zu.
Sie beugte sich ber ihn: Du mut nicht so dasitzen und mich
unverwandt anstarren, sagte sie; du kannst dir doch denken, da es
den Leuten auffallen mu; hol dir jemand und tanze!

Er antwortete nicht, aber er sah sie an und konnte nichts dafr: seine
Augen fllten sich mit Trnen. Sie hatte sich schon aufgerichtet und
wollte gehn, als sie es sah und stehn blieb; sie wurde pltzlich
dunkelrot, wandte sich um und kehrte auf ihren Platz zurck; aber dort
wandte sie sich wieder und setzte sich an eine andre Stelle. Jon ging
ihr sofort nach.

Er stand von der Bank auf, ging zwischen den Leuten durch, auf den Hof
hinaus und setzte sich auf den Sller, wute dann aber nicht, was er
dort sollte, erhob sich, setzte sich jedoch wieder hin, denn er konnte
ja ebensogut dort sitzen wie anderswo. Er hatte keine Lust, nach Hause
zu gehn, wieder hineingehn mochte er auch nicht; es war ihm alles
einerlei. Er war nicht imstande, sich klarzumachen, was eigentlich
vorgefallen war; er wollte nicht denken, denn es gab nichts, wonach er
sich sehnte.

Aber woran denke ich denn eigentlich? fragte er sich halblaut, und
als er seine eigne Stimme gehrt hatte, dachte er: Sprechen kannst du
noch, kannst du auch wohl noch lachen? Und er versuchte es: ja, er
konnte lachen, und dann lachte er, laut, noch lauter, und dann fand
er, da es kstlich sei, da er so dasa und ganz allein lachte -- und
darber lachte er dann auch wieder. Aber Hans, der Kamerad, der neben
ihm gesessen hatte, kam heraus, um sich nach ihm umzusehn. -- Um
Gottes willen, worber lachst du denn? fragte er und blieb in der Tr
stehn. Da hrte yvind auf zu lachen.

Hans blieb stehn, als erwarte er, was weiter geschehen wrde; yvind
erhob sich, sah sich vorsichtig um, und dann sagte er leise: Nun will
ich dir sagen, Hans, weshalb ich bisher so frhlich war; das kam
daher, da ich niemand so recht liebgehabt habe; aber von dem Tage
an, wo wir jemand wirklich liebhaben, sind wir nicht mehr frhlich --
und er brach in Trnen aus.

yvind! flsterte es drauen auf dem Hofe; yvind! Er blieb stehn
und lauschte. -- yvind! ertnte es noch einmal, etwas strker. Es
mute die sein, an die er dachte. -- Ja, antwortete er ebenfalls
flsternd, trocknete schnell die Augen und trat hinaus. Da kam eine
Frauengestalt langsam ber den Hof. -- Bist du da? fragte sie. --
Ja, antwortete er und stand still. -- Wer ist da bei dir? --
Hans! -- Aber Hans wollte gehn. -- Nein, nein, bat yvind. Sie kam
jetzt, wenn auch langsam, dicht an sie heran; es war Marit. -- Du
gingst so schnell fort, sagte sie zu yvind. Er wute nicht, was er
darauf antworten sollte. Dadurch wurde auch sie verlegen; sie
schwiegen alle drei. Hans aber schlich sich unbemerkt fort. Die beiden
blieben stehn, sahen sich nicht an, rhrten sich aber auch nicht. Da
flsterte sie: Ich bin schon den ganzen Abend mit einem kleinen
Weihnachtsgeschenk fr dich in der Tasche umhergegangen, yvind, aber
ich habe es dir bis jetzt nicht geben knnen. -- Sie zog einige
pfel, ein Stck Honigkuchen und eine kleine Flasche aus der Tasche,
steckte es ihm zu und sagte, er solle es behalten.

yvind nahm es. -- Danke, sagte er und reichte ihr die Hand; die
ihre war warm, er lie sie gleich wieder los, als habe er sich
verbrannt. -- Du hast heute abend viel getanzt. -- Ja, das habe ich
getan, antwortete sie; aber du hast nicht viel getanzt, fgte sie
hinzu. -- Nein, sagte er. -- Weshalb hast du es nicht getan? --
Ach -- --

yvind! -- Ja! -- Weshalb saest du da und starrtest mich so an!
-- Ach!

Marit! -- Ja! -- Weshalb mochtest du es nicht, da ich dich so
ansah? -- Da waren so viele Menschen! --

Du hast heute abend viel mit Jon Hatlen getanzt! -- Ach ja! -- Er
tanzt gut! -- Findest du? -- Findest du es nicht? -- Ach ja!

Ich wei nicht, woran es liegt, aber ich kann es heute abend nicht
ertragen, da du mit ihm tanzt, Marit! -- Er wandte sich ab, es hatte
ihn berwindung gekostet, dies zu sagen. -- Ich verstehe dich nicht,
yvind. -- Ich verstehe es selber auch nicht, es ist so dumm von
mir. -- Leb wohl, Marit, jetzt will ich gehn. -- Er tat einen
Schritt, ohne sich umzusehen. Da rief sie ihm nach: Das ist falsch,
was du zu sehen geglaubt hast, yvind. -- Er blieb stehn: Da du
jetzt ein erwachsnes Mdchen bist, ist nicht falsch gesehen! -- Er
sprach nicht aus, worauf sie gewartet hatte, deswegen schwieg sie;
pltzlich aber sah sie das Glhen einer Pfeife dicht vor sich; es war
ihr Grovater, der gerade um die Ecke gebogen war und an ihr
vorberkam. Er blieb stehn: Bist du hier, Marit! -- Ja! -- Mit
wem sprichst du? -- Mit yvind! -- Mit wem, sagtest du? -- Mit
yvind Pladsen! -- Ach, mit dem Huslerjungen aus Pladsen; komm
sofort mit mir hinein!




5


Als yvind am nchsten Morgen die Augen aufschlug, erwachte er aus
einem langen, erquickenden Schlaf und glcklichen Traum. Marit hatte
auf dem Berge gelegen und Laub auf ihn herabgeworfen; er hatte es
aufgefangen und wieder hinaufgeworfen. In tausend Farben und Figuren
war es auf und nieder geflattert; die Sonne schien darauf, und der
ganze Berg schimmerte von oben bis unten. Als er erwachte, sah er sich
um, in der Hoffnung, alles wiederzufinden; da entsann er sich aber des
gestrigen Tages, und er empfand wieder denselben stechenden heftigen
Schmerz in der Brust. Den werde ich wohl nie wieder los, dachte er,
und eine Schlaffheit kam ber ihn, als versinke die ganze Zukunft vor
ihm.

Jetzt hast du lange genug geschlafen, sagte die Mutter; sie sa
nebenan und spann. Steh jetzt auf und i! Dein Vater ist schon im
Walde und fllt Holz. -- Es war, als hlfe ihm diese Stimme; ein
wenig mutiger stand er auf. Die Mutter dachte wohl an die Zeit, wo sie
selber getanzt hatte; denn sie sa am Spinnrad und trllerte eine
Tanzmelodie vor sich hin, whrend er sich ankleidete und a. Deswegen
mute er vom Tisch aufstehn und an das Fenster treten; dieselbe
Schwere und Unlust legte sich auf ihn, er mute sich zusammennehmen
und an die Arbeit denken. Das Wetter war umgeschlagen, die Luft war
ein wenig klter geworden, so da das, was gestern als Regen gedroht
hatte, heute als feuchter Schnee niederfiel. Er setzte seine Pelzmtze
auf, zog Schneestrmpfe, eine Seemannsjacke und Fausthandschuhe an,
sagte Lebewohl und ging mit der Axt ber der Schulter von dannen.

Der Schnee fiel langsam in groen, nassen Flocken; er arbeitete sich
den Schlittenberg hinan, um links in den Wald einzubiegen; nie zuvor,
weder im Winter noch im Sommer, war er den Schlittenberg
hinangegangen, ohne an etwas zu denken, was ihn frhlich stimmte, oder
wonach er sich sehnte. Jetzt war es ein toter, schwerer Weg; er glitt
aus in dem feuchten Schnee. Die Knie waren ihm steif, entweder vom
gestrigen Tanz oder von der Unlust; jetzt fhlte er, da es mit dem
Schlittenfahren fr dieses Jahr vorbei sei, und damit fr immer. Nach
etwas anderm sehnte er sich, wie er da so zwischen den Baumstmmen
dahinging, wo der Schnee lautlos fiel. Ein aufgescheuchtes Schneehuhn
schrie und flatterte einige Schritte vor ihm auf, sonst stand alles
da, als wartete es auf ein Wort, das nie gesagt wurde. Aber was es
war, wonach es ihn verlangte, wute er selber nicht deutlich; es war
keine Sehnsucht nach Hause oder in die Ferne, weder nach Lustbarkeit
noch nach Arbeit; es war etwas, das wie ein Lied geradeswegs zum
Himmel aufsteigt. Allmhlich nahm es die Gestalt eines bestimmten
Wunsches an, nmlich im Frhling konfirmiert zu werden und bei der
Gelegenheit Nummer eins zu sein. Das Herz klopfte ihm, als er daran
dachte, und ehe er noch des Vaters Axt in den zitternden Bumchen zu
hren vermochte, erfllte ihn dieser Wunsch mehr als irgend etwas seit
seiner Geburt.

Der Vater sagte wie gewhnlich nicht viel zu ihm; sie schlugen beide
Holz und setzten es in Haufen zusammen. Sie begegneten sich wohl hin
und wieder einmal, und bei einer solchen Begegnung lie yvind die
schwermtigen Worte fallen: Ein Husler hat doch ein mhseliges
Leben. -- Er wie andre! entgegnete der Vater, spie in die Hand und
griff wieder zur Axt. Als der Baum gefallen war und der Vater ihn auf
den Haufen hinaufzog, sagte yvind: Wenn du ein Hofbesitzer wrst,
wrdest du dich nicht so abmhen. -- Ach, dann gbe es sicher
andres, was auf mir lastete! -- Er griff mit beiden Hnden zu. Die
Mutter kam mit dem Mittagessen zu ihnen hinauf; sie setzten sich. Die
Mutter war frhlich, sie sa da und summte eine Melodie vor sich hin
und schlug die Fe aneinander im Takte. Was willst du werden, wenn
du gro bist, yvind? sagte sie pltzlich. -- Fr einen Huslersohn
gibt es nicht viele Wege, erwiderte er. -- Der Schulmeister sagt, du
mtest aufs Seminar, sagte sie. -- Gibts da Freistellen? fragte
yvind. -- Die Schulkasse bezahlt, versetzte der Vater und a
weiter. -- Hast du Lust dazu? fragte die Mutter. -- Ich habe Lust,
etwas zu lernen, aber nicht, Schulmeister zu werden. -- Sie schwiegen
alle drei eine Weile; sie summte wieder eine Melodie vor sich hin und
sah zu Boden. yvind aber ging fort und setzte sich fr sich allein.

Wir brauchen nicht gerade aus der Schulkasse zu leihen, sagte sie,
als der Junge gegangen war. Der Mann sah sie an: Arme Leute wie wir?
-- Ich mag es wirklich nicht, Thore, da du dich immer fr arm
ausgibst, da du es ja doch einmal nicht bist. -- Sie sahen beide
verstohlen zu dem Jungen hinber, ob er es auch nicht hren knnte.
Dann sah der Vater seine Frau zornig an: Du redest, wie du es
verstehst. -- Sie lachte. Es ist wirklich, als wenn wir Gott nicht
dafr danken sollten, da es uns so ergangen ist, sagte sie und wurde
ernsthaft. -- Man kann ihm wohl auch danken, ohne silberne Knpfe
daran, meinte der Vater. -- Ja, aber damit, da wir yvind so zum
Tanze gehn lassen wie gestern, danken wir ihm auch nicht. -- yvind
ist ein Huslersohn! -- Deswegen knnen wir ihn anstndig kleiden,
wenn wir Rat dazu haben, sagte sie und sah den Mann tapfer an, der
finster dreinblickte und den Lffel hinlegte, um zur Pfeife zu
greifen. -- So eine elende Stelle wie die unsre! sagte er. -- Ich
mu ber dich lachen! Immer sprichst du von der Stelle; weshalb
erwhnst du die Mhlen denn nie? -- Ach du mit deinen Mhlen! Ich
glaube, du kannst sie nicht gehn hren! -- Doch, Gott sei Lob und
Dank! Mchten sie nur Tag und Nacht gehn. -- Jetzt haben sie schon
lnger als seit Weihnachten gestanden. -- Die Leute mahlen aber
doch nicht in der Weihnachtszeit! -- Sie mahlen, wenn Wasser da ist,
aber seit sie eine Mhle bei Nystrm gebaut haben, geht es bei uns nur
klglich. -- Davon sagte der Schulmeister heute nichts. -- Ich
werde meine Geldangelegenheiten von einem verschwiegnern Mann als dem
Schulmeister besorgen lassen. -- Ja, er sollte zu allerletzt mit
deiner eignen Frau davon sprechen! -- Thore erwiderte nichts hierauf;
er hatte seine Pfeife gerade angezndet, lehnte sich jetzt gegen ein
Reisigbndel und lie den Blick erst zu der Frau, dann zu dem Sohn
hinberschweifen, bis er an einem alten Krhennest hngen blieb, das
halb zerdrckt an einem Fhrenzweige hing.

yvind sa allein da, vor ihm lag die Zukunft wie eine lange, blanke
Eisflche, ber die er zum erstenmal von einem Ufer bis zum andern
dahinsauste. Da die Armut ihn nach allen Richtungen hin hemmte,
fhlte er, aber deswegen gingen auch alle seine Gedanken darauf
hinaus, an ihr vorber zu gelangen. Von Marit hatte sie ihn sicher fr
immer getrennt; er betrachtete sie als halbwegs mit Jon Hatlen
verlobt. Aber all sein Sinnen war darauf gerichtet, den Wettlauf durch
das ganze Leben mit ihr und mit ihm aufzunehmen. Sich nicht wieder
wegpuffen lassen wie gestern, deswegen sich fernhalten, bis etwas aus
ihm geworden war, das nahm er sich vor, und es stieg kein Zweifel in
seiner Seele auf, da ihm das nicht gelingen sollte. Er hatte das
dunkle Gefhl, da er durch Studium seinen Zweck am besten erreichen
wrde; zu welchem Ziel es ihn fhren sollte, darber mute er spter
nachdenken.

Gegen Abend wurde wieder Schlittenbahn, die Kinder kamen auf den
Hgel, yvind aber kam nicht. Er sa am Herd und lernte, und er hatte
keinen Augenblick zu verlieren. Die Kinder warteten lange, endlich
wurde eins nach dem andern ungeduldig, sie kamen herauf, preten das
Gesicht gegen die Fensterscheibe und riefen hinein; er aber tat, als
hre er es nicht. Es kamen immer mehr, einen Abend nach dem andern;
sie gingen in groer Verwunderung vor dem Hause umher, er aber wandte
ihnen den Rcken zu und las, indem er sich getreulich bemhte, den
Sinn des Gelesenen zu verstehn. Spter hrte er, da Marit auch nicht
mehr kme. Er lernte mit einem Eifer, von dem selbst der Vater sagen
mute, da er zu weit ginge. Er wurde ernsthaft; das Gesicht, das so
rund und so weich gewesen war, wurde magrer, schrfer, das Auge
strenger; selten sang, nie spielte er mehr; es war, als lange die Zeit
nicht. Wenn die Versuchung an ihn herantrat, war es, als flstre ihm
jemand zu: Spter! Spter! und immer wieder: Spter! Die Kinder kamen,
riefen und lachten eine Weile wie frher, als sie ihn aber nicht zu
sich hinauslocken konnten, weder durch ihre eigne Frhlichkeit beim
Schlittenfahren noch durch ihr Rufen mit gegen die Fensterscheiben
gepreten Gesichtern, so blieben sie allmhlich weg; sie fanden andre
Spielpltze, und bald stand der Hgel leer.

Der Schulmeister aber merkte bald, da es nicht mehr der alte yvind
war, der lernte, weil es sich so gehrte, und spielte, weil das
notwendig war. Er sprach oft mit ihm, forschte und sphte; aber
es wollte ihm nicht gelingen, des Burschen Herz so leicht zu
finden wie in alten Zeiten. Er sprach auch mit den Eltern und kam
verabredetermaen eines Sonntagsabends gegen Ende des Winters zu ihnen
und sagte, nachdem er eine Weile bei ihnen gesessen hatte: Komm
jetzt, yvind, wir wollen ein wenig hinausgehn, ich mchte gern mit
dir reden. -- yvind zog sich an und folgte ihm. Es ging bergauf, in
der Richtung nach den Heidehfen, die Unterhaltung war lebhaft, drehte
sich aber um nichts Wichtiges; als sie in die Nhe der Hfe kamen, bog
der Schulmeister nach dem in der Mitte gelegnen ein, und als sie
weiter gelangten, drangen ihnen Rufe und Frhlichkeit entgegen. --
Was ist denn hier los? fragte yvind. -- Hier wird getanzt, sagte
der Schulmeister; wollen wir nicht hineingehn? -- Nein! -- Du
willst nicht mit zu einem Tanze, Junge? -- Nein, noch nicht! --
Noch nicht? Wann denn? -- Er antwortete nicht. -- Was meinst du mit
dem 'Noch nicht'? -- Als der Junge nicht antwortete, sagte der
Schulmeister: Komm jetzt, la den Unsinn! -- Nein, ich gehe nicht!
-- Er war sehr bestimmt und zugleich bewegt. -- Da dein eigner
Schulmeister hier stehn und dich bitten soll, zum Tanze zu gehn! --
Es entstand ein lngeres Schweigen. -- Ist dadrinnen jemand, den zu
sehen du dich frchtest? -- Ich kann es nicht wissen, wer da ist.
-- Knnte aber jemand da sein? -- yvind schwieg. Da trat der
Schulmeister gerade vor ihn hin und legte ihm die Hand auf die
Schulter: Frchtest du dich, Marit zu sehen? -- yvind sah nieder,
sein Atem ging schwer und kurz. -- Sag es mir, yvind, hrst du! --
yvind schwieg. -- Du schmst dich vielleicht, es einzugestehn, da du
noch nicht eingesegnet bist; sage es mir aber trotzdem, yvind, und du
sollst es nicht bereuen. -- yvind blickte auf, vermochte aber kein
Wort hervorzubringen und sah zur Seite. -- Du bist auch in der
letzten Zeit gar nicht mehr so frhlich; mag sie denn andre lieber als
dich? -- yvind schwieg noch immer, der Schulmeister fhlte sich ein
wenig verletzt und wandte sich von ihm ab; sie gingen zurck.

Als sie eine Strecke gegangen waren, blieb der Schulmeister stehn, bis
yvind an seine Seite gekommen war. -- Du sehnst dich wohl danach,
konfirmiert zu werden? fragte er. -- Ja! -- Was denkst du dann
anzufangen? -- Ich mchte gern auf das Seminar. -- Und dann
Schulmeister werden? -- Nein. -- Das scheint dir wohl nicht
groartig genug? -- yvind schwieg. Sie gingen wieder eine lange
Strecke. -- Wenn du nun das Seminar durchgemacht hast, was willst du
dann? -- Darber habe ich noch nicht weiter nachgedacht. -- Wenn
du Geld httest, wrdest du dir wohl gern einen Hof kaufen? -- Ja,
aber die Mhlen wrde ich behalten. -- Dann ist es am besten, du
gehst auf die Ackerbauschule. -- Lernen sie denn da ebensoviel wie
auf dem Seminar? -- Nein, das nicht. Aber sie lernen, was sie spter
gebrauchen knnen. -- Bekommen sie dort auch Zeugnisse? -- Weshalb
fragst du danach? -- Ich mchte gern recht tchtig werden. -- Das
kannst du auch wohl ohne Zeugnis. -- Sie gingen abermals schweigend
weiter, bis sie das Haus sehen konnten; aus der Stube drang ihnen
Licht entgegen, der Berg hing jetzt am Winterabend schwarz darber,
unten lag das Wasser mit blankem, schimmerndem Eis, der Wald stand
ohne Schnee rings um die stille Bucht, der Mond schwebte darber und
spiegelte den Wald im Eise. -- Hier ist es schn bei euch, sagte der
Schulmeister. yvind konnte seine Heimat zuweilen mit denselben Augen
betrachten wie damals, als ihm die Mutter Mrchen erzhlte, oder mit
dem Blick, den er zu haben pflegte, wenn er auf dem Hgel
umherwanderte; jetzt war dies der Fall; alles lag hoch und hell da. --
Ja, es ist schn hier, sagte er, seufzte aber. -- Deinem Vater hat
diese Stelle gengt, du knntest dir auch daran gengen lassen. --
Das freundliche Aussehen der Gegend war mit einemmal verschwunden. Der
Schulmeister stand da, als erwarte er eine Antwort, er erhielt aber
keine. Er schttelte den Kopf und ging mit ins Haus hinein. Dort sa
er eine Weile bei ihnen, schwieg aber mehr, als da er redete, wodurch
auch die andern schweigsam wurden. Als er Abschied nahm, begleiteten
ihn Mann und Frau vor die Tr; es war, als warteten sie beide darauf,
da er etwas sagen wrde. -- Sie blieben stehn und sahen in den Abend
hinaus. -- Es ist hier so ungewhnlich still geworden, sagte endlich
die Mutter, seitdem sich die Kinder einen andern Spielplatz gesucht
haben. -- Ihr habt auch kein _Kind_ mehr im Hause, sagte der
Schulmeister. Die Mutter verstand, was er meinte. -- yvind ist in
der letzten Zeit nicht mehr so frhlich, sagte sie. -- Ach nein, wer
ehrgeizig ist, ist nicht frhlich! -- Er schaute mit der Ruhe des
Greises zu Gottes stillem Himmel empor.




6


Ein halbes Jahr spter, im Herbst nmlich -- die Konfirmation war bis
dahin hinausgeschoben worden --, saen die Konfirmanden des
Kirchspiels im Leutezimmer des Pfarrhofs, um gesetzt zu werden; unter
ihnen waren auch yvind Pladsen und Marit von den Heidehfen. Marit
war gerade von dem Pfarrer heruntergekommen, von dem sie ein schnes
Buch und viel Lob erhalten hatte; sie lachte und schwatzte mit ihren
Freundinnen nach allen Seiten hin und sah sich unter den Knaben um.
Marit war ein vllig erwachsnes Mdchen, leicht und frei in ihrem
ganzen Wesen, und die Knaben wie auch die Mdchen wuten, da der
stattlichste junge Mann des Kirchspiels, Jon Hatlen, sich um sie
bewarb; sie konnte wohl frhlich sein, wie sie so dasa. Unten an der
Tr standen einige Mdchen und Knaben, die nicht bestanden hatten;
sie weinten, whrend Marit und ihre Freundinnen lachten; unter ihnen
war ein kleiner Junge, der seines Vaters Stiefel und seiner Mutter
Sonntagstuch trug. Gott o Gott! schluchzte er, ich wage nicht
heimzugehn. -- Und das ergriff alle die, die noch nicht geprft
worden waren, mit der Macht des Mitgefhls; es entstand ein
allgemeines Schweigen. Die Angst fuhr ihnen in den Hals und in die
Augen, sie konnten nicht klar sehen und auch nicht schlucken, wozu sie
einen unaufhrlichen Drang fhlten. Einer sa da und berrechnete, was
er knnte, und obwohl er erst wenige Stunden zuvor ausgerechnet hatte,
da er alles knne, so fand er jetzt ebenso sicher heraus, da er
nichts konnte, nicht einmal mehr flieend lesen konnte er. Ein andrer
zhlte sein Sndenregister zusammen von der Zeit an, wo er so gro
war, da er sich daran erinnern konnte, bis jetzt, wo er hier sa, und
er fand, da es durchaus nicht merkwrdig wre, wenn ihn der liebe
Gott diesmal noch sitzen liee. Ein dritter sa da und achtete auf
alle mglichen uern Dinge; wenn die Uhr, die gerade schlagen sollte,
zum Schlagen aushbe, ehe er bis zwanzig gezhlt htte, so kam er
durch; wenn der, den er drauen auf der Diele hrte, der Knecht Lars
war, dann kam er durch; wenn der groe Regentropfen, der sich langsam
drauen am Fenster herunterarbeitete, bis an die Leiste gelangte, so
kam er durch. Die letzte und entscheidende Probe sollte sein, ob er
den rechten Fu um den linken zu schlingen vermchte, und das war ihm
ganz unmglich. Ein vierter wute ganz genau, wenn er in der
biblischen Geschichte nur nach Joseph und im Katechismus nur nach der
Taufe gefragt wrde, oder auch nach Saul, oder nach der Haustafel,
oder nach Jesus, oder nach den Geboten, oder -- er sa noch da und
berlegte, da wurde er gerufen. Ein fnfter hatte sich mit groer
Vorliebe auf die Bergpredigt gelegt; er hatte von der Bergpredigt
getrumt; er war fest berzeugt, da er nach der Bergpredigt gefragt
werden wrde, und er sagte sich die ganze Bergpredigt leise her; er
mute sich drauen an die Wand des Hauses stellen, um die Bergpredigt
noch einmal zu berlesen -- da wurde er hinaufgerufen, um ber die
groen und die kleinen Propheten examiniert zu werden. Ein sechster
dachte an den Pfarrer, der ein so prchtiger Mann war und seinen Vater
so gut kannte, er dachte auch an den Schulmeister, der ein so
liebevolles Gesicht hatte, und an Gott, der so barmherzig war und
schon so vielen geholfen hatte, sowohl Joseph als auch Jakob, und dann
dachte er daran, da seine Mutter und seine Geschwister daheim sen
und fr ihn beteten, und da das sicher helfen wrde. Der siebente sa
da und leistete im stillen Verzicht auf alles das, was er hier in der
Welt hatte werden wollen. Einmal hatte er gehofft, es bis zum Knig zu
bringen, einmal bis zum General oder bis zum Pfarrer, jetzt war die
Zeit vorber; aber bis zu dem Augenblick, wo er hierher gekommen war,
hatte er doch daran gedacht, zur See zu gehn und Kapitn, vielleicht
Seeruber zu werden und ungeheure Reichtmer zu erwerben; jetzt
verzichtete er zuerst auf die Reichtmer, dann auf den Seeruber, dann
auf den Schiffskapitn, auf den Steuermann, beim Matrosen blieb er
stehn, hchstens wollte er Bootsmann werden, ja es war mglich, da er
berhaupt nicht zur See ginge, sondern eine dienende Stellung auf dem
Hofe seines Vaters annhme. Der achte war seiner Sache sicherer, wenn
auch nicht ganz gewi; denn selbst der Tchtigste war nicht ganz
sicher. Er dachte an die Kleider, in denen er eingesegnet werden
sollte, und wozu sie verwandt werden wrden, wenn er nicht durchkme.
Kam er aber durch, so sollte er zur Stadt und sich Tuchkleider machen
lassen, und wenn er wieder heimkam, am Weihnachtsfest zum Neide aller
Burschen und zum Staunen aller Dirnen tanzen. Der neunte rechnete
anders; er richtete eine Art Kontobuch mit dem lieben Gott ein, worin
er auf die eine Seite als Debet schrieb: Er soll mich durchlassen, und
auf die andre als Kredit: Dann will ich nie wieder lgen, nie wieder
klatschen, regelmig zur Kirche gehn, die Mdchen in Ruhe lassen und
mir auch das Fluchen abgewhnen. Der zehnte aber dachte, wenn Ole
Hansen im vergangnen Jahre durchgekommen sei, so wre es mehr als
Ungerechtigkeit, wenn er selbst dies Jahr nicht durchkme, er, der
doch immer zu den Bessern in der Schule gehrt hatte und auerdem aus
besserer Familie war. Neben ihm sa der elfte, der sich mit den
schrecklichsten Racheplnen trug, falls er nicht durchkme; entweder
wollte er die Schule in Brand stecken oder aus dem Kirchspiel
weglaufen und als vernichtender Richter des Pfarrers und der ganzen
Schulkommission wiederkommen, dann aber gromtig Gnade fr Recht
ergehn lassen. Zuerst wollte er bei dem Nachbarpfarrer in der
benachbarten Gemeinde in Dienst treten und dort im nchsten Jahre den
ersten Platz erringen und so antworten, da die ganze Kirche sich
wundern sollte. Der zwlfte aber sa ganz allein unter der Uhr, die
Hnde in den Hosentaschen und sah wehmtig ber die Versammlung hin.
Niemand hier wute, welche Brde er trug, welche Verantwortung auf ihm
lastete. Daheim war eine, die es wute, denn er war verlobt. Eine
groe, langbeinige Spinne lief ber den Fuboden und nherte sich
seinem Fu; er pflegte so ein ekelhaftes Insekt totzutreten, heute
aber hob er liebevoll den Fu auf, da es in Frieden gehn knne, wohin
es wolle. Seine Stimme war sanft wie die eines Kollektensammlers,
seine Augen sagten unaufhrlich, da alle Menschen gut seien, seine
Hand machte eine demtige Bewegung aus der Tasche bis zum Haar hinauf,
um es glatter zu streichen. Wenn er sich nur gndig durch dies
gefhrliche Nadelhr hindurchwinden knnte, wollte er auf der andern
Seite schon wieder wachsen, Tabak rauchen und die Verlobung
verffentlichen. Aber unten auf dem niedrigen Schemel, die gekreuzten
Beine unter sich gezogen, sa der unruhige dreizehnte; seine kleinen,
blitzenden Augen durchliefen das ganze Zimmer dreimal in der Sekunde,
und unter seinem dicken, struppigen Schdel wlzten sich die Gedanken
von den zwlfen in bunter Unordnung hin und her, von der gewaltigsten
Hoffnung bis zu dem zermalmendsten Zweifel, von den demtigsten
Vorstzen bis zu den die ganze Gemeinde zerstrenden Racheplnen, und
whrenddes hatte er all das noch brige Fleisch an seinem rechten
Daumen verzehrt, machte sich nun an die Ngel und spuckte groe Stcke
davon ber den Fuboden.

yvind sa am Fenster, er war oben gewesen und hatte alle Fragen, die
ihm gestellt worden waren, beantwortet; aber der Pfarrer hat nichts
gesagt, ebensowenig der Schulmeister. ber ein halbes Jahr lang hatte
er daran gedacht, was die beiden wohl sagen wrden, wenn sie
erfhren, wie er gearbeitet htte, und er fhlte sich nun sehr
enttuscht und zugleich gekrnkt. Da sa Marit, die fr ungleich
geringere Anstrengungen und Kenntnisse sowohl eine Ermunterung wie
eine Belohnung erhalten hatte; gerade um in ihren Augen gro
dazustehn, hatte er gearbeitet, und jetzt erreichte sie lachend, woran
er mit so viel Entsagung gearbeitet hatte. Ihr Lachen und Scherzen
brannte ihm in der Seele; die Freiheit, mit der sie sich bewegte, tat
ihm weh. Er hatte es sorgfltig vermieden seit jenem Abend, mit ihr zu
sprechen; Jahre mssen vergehn, dachte er; aber als er sie so heiter
und berlegen dasitzen sah, fhlte er sich durch ihren Anblick zu
Boden gedrckt, und alle seine stolzen Vorstze hingen da wie feuchtes
Laub.

Nach und nach versuchte er jedoch, es abzuschtteln. Es kam darauf an,
ob er heute Nummer eins wurde, und darauf wartete er. Der Schulmeister
pflegte noch einige Zeit nachher bei dem Pfarrer zu bleiben, um die
Reihenfolge zu ordnen, und dann herunterzukommen und den jungen Leuten
den Ausfall mitzuteilen; es war ja nicht die endgltige Entscheidung,
aber es war das, worber der Pfarrer und er vorlufig bereingekommen
waren. Die Unterhaltung im Zimmer wurde immer lebhafter, je mehr die
Prfung hinter sich hatten und glcklich durchgekommen waren. Aber
jetzt fingen die Ehrgeizigen an, sich stark von den Frhlichen
abzusondern; diese gingen, sobald sie Gesellschaft gefunden hatten, um
den Eltern ihr Glck mitzuteilen, oder sie warteten auf andre, die
noch nicht fertig waren. Die ersten wurden dagegen immer stiller, ihre
Augen sahen gespannt nach der Tr.

Endlich war die Prfung zu Ende; die letzten waren heruntergekommen,
und der Schulmeister sprach also jetzt mit dem Pfarrer. yvind sah
Marit an, sie war noch ebenso frhlich, aber sie blieb doch sitzen, ob
um ihrer selber willen oder andrer wegen, wute er nicht. Wie schn
war Marit geworden; blendendwei und fein war ihre Haut, wie keine
andre sie hatte, die er bisher gesehen hatte; sie trug das Nschen
etwas hoch, ihren Mund umspielte ein Lcheln. Die Augen waren halb
geschlossen, wenn sie nicht gerade jemand ansah; gerade deshalb wirkte
ihr Blick, aber, wenn er jemand traf, mit ungeahnter Macht -- und als
wollte sie zu verstehn geben, da sie nichts damit meinte, lchelte
sie ein wenig dabei. Das Haar war eher dunkel als hell, aber es war
lockig und fiel zu beiden Seiten tief hinab, so da es zusammen mit
den halbgeschlossenen Augen ihr etwas Geheimnisvolles verlieh, das man
nie ganz zu ergrnden vermochte. Man war nie vllig sicher, wen sie
eigentlich ansah, wenn sie fr sich allein oder unter andern sa; auch
nicht woran sie eigentlich dachte, wenn sie sich dann an jemand wandte
und sprach, denn sie nahm gleichsam sofort wieder zurck, was sie gab.
Hinter diesem allen liegt wohl eigentlich Jon Hatlen verborgen, dachte
yvind, sah sie aber bestndig an.

Da kam der Schulmeister. Jeder verlie seinen Platz und strmte auf
ihn ein. Welche Nummer habe ich bekommen? -- Und ich? -- Und ich,
und ich? -- Still! Ihr groen Jungen! Keinen Spektakel hier! --
Ruhig Kinder, dann sollt ihr es hren! -- Du bist Nummer zwei, sagte
er zu einem Knaben mit blauen Augen, der ihn flehentlich ansah, und
der Knabe tanzte jubelnd aus dem Kreise. Du bist der dritte! -- er
klopfte einem kleinen, flinken Rotkopf, der hinter ihm stand und ihn
an der Jacke zerrte, auf die Schulter. Du bist Nummer fnf; du bist
Nummer acht usw. Er erblickte Marit: Du bist Nummer eins von den
Mdchen; sie wurde dunkelrot ber Gesicht und Hals, versuchte aber zu
lcheln. Du, Nummer zwlf, bist ein Faulpelz gewesen und ein groer
Schelm; von dir, Nummer elf, war nichts Besseres zu erwarten, mein
Junge; du, Nummer dreizehn, mut noch tchtig lernen vor der
Katechese, sonst ergeht es dir schlecht! -- --

yvind konnte es nicht lnger aushalten; Nummer eins war freilich noch
nicht genannt, aber er stand doch die ganze Zeit so, da der
Schulmeister ihn sehen konnte. -- Schulmeister! -- Er hrte nicht.
-- Schulmeister! -- Dreimal mute er es wiederholen, ehe er gehrt
wurde. Endlich sah der Schulmeister ihn an: Nummer neun oder Nummer
zehn, ich entsinne mich nicht mehr, welche von beiden, sagte er und
wandte sich an einen andern. -- Wer ist denn Nummer eins? fragte
Hans, yvinds bester Freund. -- Du bist es nicht, du Krauskopf!
sagte der Schulmeister und schlug ihn mit einer Papierrolle auf die
Hand. -- Wer ist es denn? fragten mehrere; wer ist es, ja, wer ist
es? -- Das erfhrt der, der die Nummer hat, erwiderte der
Schulmeister streng; er wollte nicht weiter gefragt werden. -- Geht
nun hbsch nach Hause, Kinder, dankt euerm Gott und macht euern Eltern
Freude! Bedankt euch auch bei euerm alten Schulmeister; ihr httet
schn dagesessen und die Ngel gekaut, wenn er nicht dagewesen wre!
-- Sie dankten ihm und lachten, sie zogen jubelnd von dannen, denn in
diesem Augenblick, wo sie nach Hause zu den Eltern sollten, waren sie
alle froh. Nur einer blieb zurck, der seine Bcher nicht gleich
finden konnte, und der sich, als er sie gefunden hatte, wieder
hinsetzte, als wolle er von neuem anfangen, ber sie wegzulesen. Der
Schulmeister ging zu ihm heran: Nun, yvind, willst du nicht mit den
andern gehn? -- Er antwortete nicht. -- Weshalb schlgst du deine
Bcher auf? -- Ich will sehen, was ich heute verkehrt beantwortet
habe. -- Du hast gar nichts verkehrt beantwortet. -- Da sah yvind
ihn an, Trnen traten ihm in die Augen, er sah ihn unverwandt an,
whrend eine nach der andern die Wange hinabrollte, aber er sagte kein
Wort. Der Schulmeister setzte sich vor ihn hin: Bist du jetzt nicht
froh, da du durchgekommen bist? -- Es zitterte um seinen Mund, aber
er antwortete nicht. -- Deine Mutter und dein Vater werden sehr froh
sein, sagte der Schulmeister und sah ihn an. -- yvind kmpfte lange,
ein Wort herauszubringen, endlich fragte er leise und abgebrochen:
Ist es -- weil ich -- ein Huslersohn -- bin, da ich den neunten
oder zehnten Platz haben soll? -- Gewi ist es deswegen, antwortete
der Schulmeister. -- Dann ntzt es mir ja nichts, wenn ich arbeite,
sagte er klanglos und brach zusammen ber all seinen Trumen.
Pltzlich richtete er den Kopf in die Hhe, hob die rechte Hand auf,
schlug mit voller Macht auf den Tisch, warf sich auf sein Gesicht
nieder und brach in heftiges Weinen aus.

Der Schulmeister lie ihn liegen und weinen, sich so recht ausweinen.
Es whrte lange, aber der Schulmeister wartete, bis das Weinen
kindlicher wurde. Da nahm er seinen Kopf mit beiden Hnden, hob ihn
auf und sah ihm in das verweinte Gesicht: Meinst du, da es Gott
gewesen ist, der jetzt bei dir war? sagte er und zog ihn freundlich
an sich. yvind schluchzte noch, aber krzer; die Trnen rannen
stiller, aber er wagte nicht, den, der die Frage stellte, anzusehen,
noch ihm zu antworten. -- Dies, yvind, ist der Lohn fr das, was du
verschuldet hast. Du hast nicht aus Liebe zu deinem Christentum und zu
deinen Eltern gelernt, sondern einzig und allein aus Eitelkeit. -- Es
wurde jedesmal still im Zimmer, wenn der Schulmeister sprach; yvind
fhlte seinen Blick auf sich ruhen, und unter ihm wurde er weich und
demtig. -- Mit einem solchen Zorn im Herzen httest du nicht
vortreten drfen, um das Bndnis mit deinem Gott zu schlieen; httest
du das wohl knnen, yvind? -- Nein, stammelte er, so gut er es
vermochte. -- Und httest du dagestanden mit eitler Freude darber,
da du Nummer eins wrest, httest du da nicht mit Snde da vorn
gestanden? -- Ja, flsterte er, und es zuckte um seinen Mund. --
Du hast mich noch lieb, yvind? -- Ja! -- Er sah zum erstenmal
auf. -- Dann will ich dir auch sagen, da ich es war, der dich
heruntergesetzt hat; denn ich habe dich sehr lieb, yvind. -- Dieser
sah ihn an, blinkte ein paarmal mit den Augen, und dann strmten ihm
die Trnen von den Wangen herab. -- Du hast doch deswegen nichts
gegen mich? -- Nein! -- Er sah voll und klar zu ihm auf, wenn auch
die Stimme geqult klang. -- Mein liebes Kind; ich will um dich sein,
solange ich lebe.

Er wartete auf ihn, bis er sich zurechtgemacht und seine Bcher wieder
zusammengesucht hatte, dann sagte er, da er ihn nach Hause begleiten
wolle. Sie gingen langsam heimwrts; anfangs war yvind noch still und
kmpfte mit sich, allmhlich aber berwand er sich. Er war so davon
berzeugt, da das Vorgefallne das Beste sei, das ihm jemals htte
widerfahren knnen, und ehe er zu Hause anlangte, war dieser Glaube so
stark geworden, da er seinem Gott dafr dankte und es dem
Schulmeister aussprach. -- Ja, nun wollen wir daran denken, da du
etwas im Leben erreichst, sagte der Schulmeister, und nicht hinter
Irrlichtern und Nummern herjagst. Was sagst du zum Seminar? -- Ja,
ich mchte gern dahin. -- Du meinst die Ackerbauschule? -- Ja!
-- Das ist auch gewi das beste fr dich; sie erffnet andre
Aussichten als auf eine Schulmeisterstelle. -- Aber wie soll ich nur
dahin kommen? Ich habe groe Lust, aber wei keinen Rat. -- Sei
fleiig und brav, dann wird sich schon Rat finden.

yvind fhlte sich ganz berwltigt von Dankbarkeit. Es flimmerte ihm
vor den Augen, sein Atem ging schneller, das Feuer der unendlichen
Liebe loderte in ihm, das hervorbricht, wenn man die unerwartete Gte
der Menschen empfindet. Die ganze Zukunft stellt man sich einen
Augenblick wie eine Wanderung in frischer Bergluft vor; man wird mehr
getragen, als man geht.

Als sie daheim anlangten, waren beide Eltern in der Wohnstube und
hatten in stiller Erwartung dagesessen, obwohl es Arbeitszeit war und
sie viel zu tun hatten. Der Schulmeister kam zuerst herein. yvind
folgte ihm, beide lchelten. -- Nun? sagte der Vater, er legte ein
Gesangbuch hin, worin er gerade das 'Gebet eines Konfirmanden' gelesen
hatte. Die Mutter stand am Herde; sie wagte nichts zu sagen, sie
lachte, aber ihre Hand war unsicher. Sie erwartete offenbar etwas
Gutes, wollte sich aber nicht verraten. -- Ich wollte nur gern
mitkommen, um euch die freudige Nachricht zu berbringen, da er alle
Fragen beantwortet hat, die ihm gestellt wurden, und da der Pfarrer,
als er gegangen war, sagte, er habe nie einen tchtigern Konfirmanden
gehabt! -- Ach nein! sagte die Mutter und war ganz bewegt. -- Das
ist ja schn, sagte der Vater und rusperte sich unsicher.

Nachdem alle eine Weile geschwiegen hatten, fragte die Mutter leise:
Welche Nummer hat er denn bekommen? -- Nummer neun oder zehn,
sagte der Schulmeister ruhig. Die Mutter sah den Vater, dieser erst
sie und dann yvind an; ein Huslersohn kann nicht mehr erwarten,
sagte er. yvind sah ihn wieder an. Nochmals war es ihm, als wolle ihm
etwas im Halse aufsteigen, aber er bezwang sich, indem er schnell an
allerlei Liebes dachte, eins nach dem andern, solange bis er es
hinuntergeschluckt hatte.

Jetzt ist es wohl am besten, wenn ich gehe, sagte der Schulmeister,
nickte und wandte sich um. Beide Eltern begleiteten ihn der
Gewohnheit gem bis auf die steinerne Schwelle; dort nahm der
Schulmeister einen Priem und sagte lchelnd: Er wird doch Nummer eins
werden; aber es ist besser, wenn er nichts davon erfhrt, bis der Tag
kommt. -- Nein, nein, sagte der Vater und nickte. -- Nein, nein,
sagte die Mutter und nickte auch. -- Ja, hab du vielen Dank, sagte
der Vater, und der Schulmeister ging; sie aber standen noch lange da
und sahen ihm nach.




7


Der Schulmeister hatte einen scharfen Blick gehabt, als er den Pfarrer
bat, zu prfen, ob yvind es auch verdiene, der Erste zu sein. Whrend
der drei Wochen, die bis zur Konfirmation verstrichen, war er jeden
Tag bei dem Knaben; eine junge, weiche Seele kann wohl einem Eindruck
nachgeben, etwas andres aber ist es, was sie mit Treue festhalten
wird. Viele finstre Stunden kamen ber den Knaben, ehe er lernte, den
Mastab fr seine Zukunft von bessern Dingen als von Ehre und Trotz
abzuleiten. Wenn er gerade so recht mitten in der Arbeit sa, verlor
er die Lust und gab die Arbeit auf: Wozu, was gewinne ich dabei? --
und dann, eine Weile spter gedachte er des Schulmeisters, seiner
Worte und seiner Gte; aber dieses menschlichen Mittels bedurfte er
jedesmal, um wieder emporzusteigen, wenn er von dem Verstndnis seiner
hhern Pflicht herabgestrzt war.

In den Tagen, wo man sich daheim auf die Konfirmation vorbereitete,
traf man auch Anstalten zu seiner Reise auf die Ackerbauschule; denn
am Tage darauf sollte diese vor sich gehn. Schneider und Schuster
saen in der Stube, die Mutter buk in der Kche, der Vater arbeitete
an einem Koffer. Es wurde viel darber gesprochen, was er ihnen in den
zwei Jahren kosten wrde, da er das erste Weihnachtsfest, vielleicht
auch das zweite nicht nach Hause kommen knne, und wie schwer es sein
wrde, sich so lange getrennt zu wissen. Es wurde auch von der Liebe
geredet, die er zu seinen Eltern haben msse, die um ihres Kindes
willen so groe Opfer bringen wollten. yvind sa da wie jemand, der
sich auf eigne Hand hinausgewagt hatte, aber bergesegelt und nun von
freundlichen Menschen aufgenommen worden war.

Ein solches Gefhl verleiht Demut, und mit ihr kommt noch vieles
andre. Als der groe Tag herannahte, durfte er sich vorbereitet nennen
und durfte ihm mit zuversichtlicher Hingebung entgegensehen. Jedesmal,
wenn Marits Bild mit dabei sein wollte, schob er es vorsichtig
beiseite, fhlte aber den Schmerz wohl, wenn er es tat. Er versuchte,
sich hierin zu ben, kam aber niemals vorwrts damit, im Gegenteil,
der Schmerz nahm zu. Deswegen fhlte er sich mde am letzten Abend,
als er nach einer langen Selbstprfung bat, da Gott ihn in diesem
Punkte nicht prfen mge.

Der Schulmeister kam, als es Abend wurde. Sie setzten sich alle in die
Wohnstube, nachdem sie sich gewaschen und gekmmt hatten, wie das
Sitte ist am Abend, ehe man zum Abendmahl oder zur Hochmesse geht. Die
Mutter war bewegt, der Vater schweigsam; hinter dem Feste am andern
Tage lag der Abschied, und es war ungewi, wann sie wieder
beisammensitzen wrden. Der Schulmeister holte das Gesangbuch hervor,
sie hielten Andacht und sangen, und hinterher sprach er ein kurzes
Gebet, so wie ihm die Worte kamen.

Diese vier Menschen saen nun bis in die Nacht zusammen, und ihre
Gedanken hielten stille Einkehr; endlich schieden sie mit den besten
Wnschen fr den kommenden Tag und das, was er bringen wrde. yvind
mute einrumen, als er sich schlafen legte, da er sich noch nie so
glcklich niedergelegt htte; heute abend gab er dieser Stimmung eine
eigne Deutung; er verstand nmlich darunter: nie habe ich mich so
ergeben in Gottes Willen und so frhlich in ihm niedergelegt. --
Marits Gesicht wollte alsbald wieder vor ihn treten, und das letzte,
dessen er sich bewut war, war, da er dalag und sich selber
versuchte: nicht ganz glcklich, nicht ganz -- und da er erwiderte:
ja, ganz -- dann aber wieder: nicht ganz -- ja, ganz -- nein, nicht
ganz.

Als er erwachte, gedachte er sofort des Tages, betete und fhlte sich
gestrkt, wie man es des Morgens zu tun pflegt. Seit dem Sommer hatte
er allein in der Bodenkammer geschlafen; er stand jetzt auf, zog
behutsam seine neuen, schnen Kleider an; denn solche hatte er noch
nie zuvor gehabt. Namentlich war da eine runde Tuchjacke, die er
wieder und wieder befhlen mute, ehe er sich daran gewhnte. Er zog
einen kleinen Spiegel heraus, als er den Kragen umgebunden und die
Jacke zum viertenmal angezogen hatte. Als er sich nun sein eignes
vergngtes Gesicht, umrahmt von dem ungewhnlich hellen Haar, aus dem
Spiegel entgegenlcheln sah, fiel es ihm ein, da dies sicher wieder
Eitelkeit wre. Ja, aber gut und reinlich gekleidet mssen die Leute
doch da sein, antwortete er sich, indem er das Gesicht vom Spiegel
abwandte, als sei es ein Unrecht, hineinzusehen. -- Freilich, aber man
darf sich in dieser Beziehung nicht so ber sich selbst freuen. --
Nein, aber der liebe Gott mu doch auch sein Wohlgefallen daran haben,
da jemand gern gut aussehen mag. -- Kann wohl sein, aber es gefiele
ihm sicher besser, wenn du hbsch wrest, ohne selber so viel Wert
darauf zu legen. -- Das ist wahr, aber sieh, es kommt wohl davon, da
alles so neu ist. -- Ja, aber dann mut du es auch nach und nach
wieder ablegen. -- Er ertappte sich dabei, da er bald ber diesen,
bald ber jenen Gegenstand selbstprfende Unterhaltung mit sich
fhrte, damit nicht eine Snde auf diesen Weg fallen und ihn beflecken
mge; aber er wute auch, da mehr dazu gehrte.

Als er hinunterkam, saen die Eltern vllig angekleidet da und
warteten mit dem Frhstck auf ihn. Er ging hin und reichte ihnen die
Hand und bedankte sich fr die Kleider und erhielt ein: Vertrag sie
in Gesundheit! zur Antwort. Sie setzten sich zu Tische, beteten leise
und aen. Die Mutter deckte den Tisch ab und holte die fr den
Kirchgang bestimmte Proviantbtte herein. Der Vater zog seine Jacke
an, die Mutter steckte ihre Tcher fest; sie nahmen ihre Gesangbcher,
verschlossen das Haus und gingen bergan. Sobald sie auf den obern Weg
hinaufgelangt waren, begegneten sie Kirchgngern, zu Wagen und zu Fu,
dazwischen Konfirmanden, und hin und wieder in einer Schar weihaarige
Groeltern, die dies eine Mal noch mitmuten.

Es war ein Herbsttag ohne Sonnenschein, wie es zu sein pflegt, wenn
das Wetter umschlagen will. Wolken ballten sich zusammen und
zerteilten sich wieder, zuweilen entstanden aus einem grern Gebilde
zwanzig kleinere, die ber den Himmel dahinjagten wie mit Botschaft an
das Unwetter; aber unten auf der Erde war es noch still, das Laub hing
entseelt da und zitterte nicht einmal, die Luft war etwas schwl; die
Leute hatten Reisemntel mitgenommen, hatten sie aber nicht an. Eine
ungewhnlich groe Menschenmenge hatte sich um die freistehende Kirche
versammelt; aber die Konfirmanden gingen sofort in die Kirche, um
aufgestellt zu werden, ehe der Gottesdienst begann. Da kam der
Schulmeister in blauem Anzug, Rock und Kniehosen, hohen Stiefeln, mit
steifer Halsbinde und aus der hintern Rocktasche guckender Pfeife den
Gang entlang, nickte und lachte, klopfte hier einem auf die Schulter,
sprach dort ein paar Worte mit einem andern und ermahnte ihn, laut und
deutlich zu antworten, und gelangte whrend alledem an die
Opferbchse, wo yvind stand und alle Fragen seines Freundes Hans
wegen der Reise beantwortete. Guten Tag, yvind, ein schner Tag
heute! Er fate ihn beim Kragen seiner Jacke, als wollte er mit ihm
reden. Weit du, ich habe den besten Glauben von dir. Deswegen habe
ich mit dem Pfarrer geredet; du sollst deinen Platz behalten; stell
dich oben an als Nummer eins und antworte deutlich!

yvind sah ihn erstaunt an, der Schulmeister nickte ihm zu, der Knabe
ging einige Schritte, stand still, ging wieder einige Schritte, stand
wieder still; ja freilich ist es so, er hat beim Pfarrer ein gutes
Wort fr mich eingelegt! und schnell ging der Junge weiter. -- Du
sollst ja doch Nummer eins sein! flsterte ihm einer zu. -- Ja,
antwortete yvind leise, wute aber noch nicht recht, ob es auch
wirklich wahr sei.

Die Aufstellung war beendet, der Pfarrer kam, es wurde eingelutet,
und die Kirchgnger strmten herein. Da sah yvind Marit Heidehfen
gerade vor sich stehn, auch sie sah ihn; beide aber waren so ergriffen
von der Heiligkeit des Ortes, da sie nicht wagten, sich zu begren.
Er sah nur, da sie strahlend schn war und schwarzes Haar hatte, mehr
sah er nicht. yvind, der seit lnger als einem halben Jahre so
stolze Plne darauf gebaut hatte, da er ihr gerade gegenberstehn
wrde, verga, als es so gekommen war, den Platz und sie, und da er
jemals an so etwas gedacht hatte.

Als alles vorber war, kamen Verwandte und Bekannte, um ihre
Glckwnsche abzustatten; dann kamen seine Kameraden, um Abschied von
ihm zu nehmen, da sie gehrt hatten, da er am nchsten Tage reisen
solle; dann kamen viele kleinere Kinder, mit denen er auf den Hgeln
Schlitten gefahren war, und denen er in der Schule geholfen hatte, und
der Abschied ging nicht ganz ohne Trnen ab. Zuletzt kam der
Schulmeister, er reichte ihm und den Eltern schweigend die Hand und
machte ihnen ein Zeichen, da sie gehn sollten, er wrde sie
begleiten. Die vier waren wieder zusammen, und jetzt sollte es der
letzte Abend sein. Unterwegs nahmen noch viele von ihm Abschied und
wnschten ihm Glck, miteinander aber sprachen sie nicht, ehe sie
daheim in der Stube waren.

Der Schulmeister bemhte sich, sie bei gutem Mut zu erhalten; es
fehlte nicht viel, da sie alle drei ein Grauen befiel vor der
zweijhrigen Trennung, jetzt, wo es soweit war, da sie bisher noch
nicht einen Tag fern voneinander gewesen waren; aber keins wollte es
sich merken lassen. Je mehr sich der Tag neigte, um so beklommener
wurde yvind; er wollte hinausgehn, um sich ein wenig zu beruhigen.

Es war schon halb dunkel, und ein eigentmliches Sausen ging durch die
Luft; er blieb auf der steinernen Schwelle stehn und sah zum Himmel
empor. Da hrte er vom Rande des Berges seinen Namen rufen, ganz
leise; es war keine Tuschung, denn es wiederholte sich zweimal. Er
sah auf und gewahrte eine weibliche Gestalt, die zwischen den Bumen
kauerte und herabsah. -- Wer ist da? fragte er. -- Ich hre, da du
fortreisen sollst, sagte sie leise, da mute ich zu dir kommen, um
dir Lebewohl zu sagen, da du nicht zu mir kommen willst. -- Liebe,
bist du es! Ich will zu dir hinaufkommen! -- Nein, tu das nicht, ich
habe schon so lange gewartet, und da mte ich noch lnger warten;
niemand wei, wo ich bin, ich mu eilen, nach Hause zu kommen. -- Es
war hbsch von dir, da du gekommen bist, sagte er. -- Ich konnte
den Gedanken nicht ertragen, da du so abreisen solltest, yvind; wir
haben einander gekannt, seit wir klein waren. -- Ja, das haben wir.
-- Und nun haben wir ein halbes Jahr lang nicht miteinander
gesprochen. -- Nein, das taten wir nicht. -- Wir gingen damals
auch so sonderbar auseinander. -- Ja -- ich glaube, ich mu doch zu
dir hinaufkommen. -- Ach nein, tu das nicht! Aber sag mir, du bist
mir doch nicht bse? -- Liebe, wie kannst du das nur glauben! --
So leb denn wohl, yvind, und hab Dank fr alles, was wir zusammen
erlebt haben. -- Nein, Marit! -- Ja, jetzt mu ich gehn, sie
werden mich vermissen. -- Marit! Marit! -- Nein, ich wage es
nicht, lnger fortzubleiben, yvind. Lebe wohl! -- Lebe wohl!

Wie im Traum ging er den Rest des Abends einher und antwortete wie aus
weiter Ferne, wenn man ihn anredete; sie schrieben es der Abreise zu,
was ja ganz natrlich war, und auf diese war auch seine ganze
Aufmerksamkeit gerichtet in dem Augenblick, als der Schulmeister am
Abend Abschied nahm und ihm etwas in die Hand gab, was, wie er
hinterher sah, ein Fnftalerschein war. Als er sich dann aber spter
niederlegte, dachte er nicht mehr an die Abreise, sondern an die
Worte, die vom Bergrande herabgekommen und hinaufgegangen waren. Als
Kind durfte sie nicht auf die Bergwand hinaufkommen, weil der
Grovater frchtete, da sie herabfallen knnte. Vielleicht kommt sie
doch noch herab!




8


        Liebe Eltern!

Jetzt haben wir viel mehr zu lernen bekommen, aber jetzt bin ich den
andern auch mehr nachgekommen, so da es nicht mehr so schwer ist. Und
wenn ich nun wiederkomme, werde ich viel auf Vaters Stelle verndern;
denn da ist vieles verkehrt, und es ist wunderbar, da es so lange
gegangen ist. Aber ich werde es alles in Ordnung bringen, denn ich
habe jetzt viel gelernt. Ich habe groe Lust, auf eine Stelle zu
kommen, wo ich alles das verwerten kann, was ich jetzt gelernt habe;
deswegen mu ich mir eine groe Stelle suchen, wenn ich fertig bin.
Hier sagen alle, Jon Hatlen sei nicht so tchtig, wie bei uns zu Hause
gesagt wird, aber er hat einen eignen Hof, so da es keinen andern
angeht als ihn selber. Viele, die von hier fortkommen, erhalten hohen
Lohn; aber sie werden so gut bezahlt, weil unsre Ackerbauschule die
beste im Lande ist. Einige sagen, da eine im nchsten Bezirke noch
besser sei, aber das ist gar nicht wahr. Hier sind zwei Worte: das
eine heit Theorie und das andre Praxis, und es ist gut, wenn man sie
beide hat, denn das eine ist nichts ohne das andre, das letzte ist
aber doch das beste. Und das erste Wort bedeutet die Kenntnis der
Ursache und des Grundes zu einer Arbeit, das zweite aber bedeutet, die
Arbeit ausfhren knnen, wie zum Beispiel jetzt mit einem Sumpfe, denn
da sind viele, die wohl wissen, wie sie es bei einem Sumpfe machen
sollten, die es aber trotzdem verkehrt machen, denn sie knnen es
nicht. Viele aber knnen es und wissen es nicht, und daher kann es
auch verkehrt gehn, denn es gibt vielerlei Arten von Smpfen. Aber wir
auf der Ackerbauschule, wir lernen beide Worte. Der Direktor ist so
flink, da sich keiner mit ihm messen kann. Bei der letzten
landwirtschaftlichen Versammlung, wo sie aus dem ganzen Lande
zusammenkamen, stellte er zwei Fragen auf, aber die Direktoren der
andern Ackerbauschulen stellten jeder nur eine auf, und es wurde immer
so, wie er es sagte, wenn sie sich die Sache erst ordentlich
berlegten. Aber auf der letzten Versammlung, wo er nicht war, da
redeten sie nur Unsinn. Den Leutnant, der die Landesvermessung lehrt,
hat der Direktor nur wegen seiner groen Tchtigkeit bekommen, denn
die andern Schulen haben keinen Leutnant. Aber er ist so flink, da er
auf der Leutnantschule der allerbeste gewesen sein soll.

Der Schulmeister fragt, ob ich in die Kirche gehe. Freilich gehe ich
in die Kirche, denn jetzt hat der Pfarrer einen Hilfsprediger
bekommen, und der predigt so, da ihnen allen in der Kirche ganz bange
wird, und das ist ein Vergngen zu hren. Er gehrt zu der neuen
Religion, die sie in Christiania haben, und die Leute finden, da er
zu strenge ist, aber das ist ihnen nur heilsam.

Augenblicklich lernen wir viel Geschichte, die wir frher nicht
gelernt haben, und es ist merkwrdig, alles zu sehen, was in der Welt
vorgegangen ist, namentlich aber bei uns. Denn wir haben immer
gewonnen, ausgenommen wenn wir verloren haben, und da sind wir sehr in
der Minderzahl gewesen. Jetzt haben wir Freiheit, und die hat kein
Volk in so hohem Mae wie wir, ausgenommen Amerika, aber da sind sie
nicht glcklich. Und unsre Freiheit sollen wir ber alles andre
lieben.

Jetzt will ich fr diesmal schlieen; denn ich habe einen sehr langen
Brief geschrieben. Der Schulmeister liest wohl den Brief, und wenn er
fr Euch antwortet, so soll er mir etwas Neues von diesem und jenem
erzhlen, denn das tut er nicht. Aber seid jetzt vielmals gegrt von

                            Euerm Euch liebenden Sohn
                                                  yvind Thoresen.


        Liebe Eltern!

Jetzt mu ich euch erzhlen, da hier Examen gewesen ist, und ich bin
in vielen Fchern vorzglich durchgekommen, und sehr gut im Schreiben
und im Feldmessen, aber nur ziemlich gut in der Ausarbeitung in der
Muttersprache. Das kommt davon, sagt der Direktor, da ich nicht genug
gelesen habe, und er hat mir einige Bcher von Ole Vig geschenkt, die
wunderschn sind, denn darin verstehe ich alles. Der Direktor ist sehr
gut gegen mich, er erzhlt uns so vielerlei. Alles hier ist so ganz
klein gegen das, was im Auslande ist; wir verstehn beinahe nichts,
sondern lernen alles von Schottlndern und Schweizern, von den
Hollndern aber lernen wir die Gartenkunst. Viele reisen hinber nach
diesen Lndern. In Schweden sind sie ja auch viel flinker als wir, und
da ist der Direktor selber gewesen. Nun bin ich bald ein Jahr hier
gewesen, und ich glaubte, ich htte vieles gelernt, aber als ich
hrte, was die wuten, die ins Examen gingen, und wenn ich daran
denke, da die auch nichts knnen, wenn sie mit Auslndern
zusammenkommen, so werde ich ganz betrbt. Und dann ist der Boden hier
in Norwegen so schlecht gegen den im Auslande; es verlohnt sich gar
nicht, was wir auch damit anfangen. Auerdem will auch das Volk keine
Neuerungen annehmen. Und wenn sie es auch wollten, und wenn auch der
Boden viel besser wre, so haben sie ja doch kein Geld, um ihn zu
bebauen. Es ist merkwrdig, da es gegangen ist, wie es gegangen ist.

Nun bin ich in der obersten Klasse und soll ein Jahr darin sein, ehe
ich fertig bin. Aber meine meisten Kameraden sind verreist, und ich
sehne mich nach Hause. Es ist mir, als stnde ich ganz allein, obwohl
ich das gar nicht tue; aber es ist so wunderlich, wenn man so lange
fort gewesen ist. Ich glaubte einstmals, ich wrde hier so flink
werden, aber damit sieht es traurig aus.

Was soll ich nun anfangen, wenn ich von hier fortkomme? Zuerst will
ich natrlich heim, spter mu ich mir wohl etwas suchen, aber es darf
nicht weit weg sein.

Lebt nun wohl, liebe Eltern! Gret alle, die nach mir fragen, und
sagt ihnen, da es mir gut gehe, da ich mich nun aber nach Hause
sehne.

                          Euer Euch liebender Sohn
                                          yvind Thoresen Pladsen.


        Lieber Schulmeister!

Hiermit frage ich Dich, ob Du den einliegenden Brief bersenden und
mit niemand davon sprechen willst. Und wenn du es nicht willst, dann
mut Du ihn verbrennen.

                                          yvind Thoresen Pladsen.


      An
  die wohllbliche Jungfrau Marit Knudstochter
    Nordistuen auf den obern Heidehfen.

Du wirst Dich wohl sehr wundern, wenn Du einen Brief von mir erhltst,
aber das sollst Du nicht, denn ich will nur fragen, wie es Dir geht.
Darber mut Du mich baldmglichst und in jeder Hinsicht
benachrichtigen. Von mir selber ist nur zu melden, da ich hier in
einem Jahre fertig bin.

                                Ehrerbietigst
                                                  yvind Pladsen.


      An
  den Junggesellen yvind Pladsen
      auf der Ackerbauschule.

Deinen Brief habe ich richtig vom Schulmeister erhalten, und ich will
Dir antworten, da Du mich darum bittest. Aber ich frchte mich davor,
weil Du so gelehrt bist, und ich habe einen Briefsteller, aber der
will gar nicht passen. So will ich es denn versuchen, und Du mut den
Willen fr die Tat nehmen, aber Du darfst es niemand zeigen, denn dann
wrst Du nicht der, fr den ich Dich halte. Du sollst den Brief auch
nicht aufbewahren, denn da kann ihn leicht jemand zu sehen bekommen,
sondern Du sollst ihn verbrennen, und das mut Du mir versprechen. Es
ist so mancherlei, was ich gern schreiben mchte, was ich aber nicht
recht wage. Wir haben eine gute Ernte gehabt, die Kartoffeln stehn
hoch im Preise, und hier auf den Heidehfen haben wir genug davon.
Aber der Br hat diesen Sommer arg unter dem Vieh gehaust; dem Ole auf
den Niederhfen hat er zwei Stck Rinder zerrissen, und unserm Husler
verletzte er eine Kuh so, da sie geschlachtet werden mute. Ich webe
an einem sehr groen Gewebe, es hat hnlichkeit mit dem schottischen
Zeug, und es ist sehr schwer. Und nun will ich Dir auch erzhlen, da
ich noch zu Hause bin, und da andre es gern anders haben mchten.
Jetzt hab ich fr diesmal nichts mehr zu schreiben und deswegen lebe
wohl!

                                              Marit Knudstochter.

=N. S.= Du mut diesen Brief aber auch wirklich verbrennen.


      An
  den Agronom yvind Thoresen Pladsen.

Das habe ich Dir immer gesagt, yvind, da wer mit Gott wandert, das
bessere Teil erwhlt hat. Aber nun sollst Du meinen Rat hren, da Du
die Welt nicht mit Sehnsucht und Widerwillen ansiehst, sondern auf
Gott vertraust und Dein Herz sich nicht verzehren lssest, denn dann
hast Du einen Gott neben ihm. Ferner mu ich Dir zunchst melden, da
sich Dein Vater und Deine Mutter wohlbefinden, ich aber habe
Schmerzen in der einen Hfte; denn jetzt schlgt der Krieg wieder aus
und all das, was man gelitten hat. Was die Jugend st, das erntet das
Alter, und zwar am Geist wie am Krper, der jetzt brennt und schmerzt
und zu eitel Klage reizet. Aber klagen soll das Alter nicht, denn
Weisheit rinnt aus den Wunden, und der Schmerz predigt Geduld, da der
Mensch Kraft gewinne fr die letzte Reise. Heute habe ich aus
vielerlei Ursache die Feder ergriffen, und zuerst und vor allen Dingen
Marits wegen, die ein gottesfrchtiges Mdchen geworden, aber
leichtfig ist wie ein Renntier und mit vielen Vorstzen. Sie mchte
sich wohl gern an eins halten, kann es aber nicht wegen ihrer Natur,
indessen habe ich oft gesehen, da der Herr gegen ein solches
schwaches Herz langmtig und geduldig ist und es nicht ber Vermgen
versucht, so da es in Stcke zerbricht, denn sie ist gar sehr
zerbrechlich. Den Brief habe ich ihr richtig gegeben, und sie verbarg
ihn vor allen, ausgenommen vor ihrem eignen Herzen. Und wenn Gott
dieser Sache seinen Segen verleihen will, so habe ich nichts dagegen,
denn sie ist eine Augenlust fr junge Mnner, wie man leicht sehen
kann, und sie hat vollauf an irdischen Gtern, und auch die
himmlischen hat sie in all ihrer Unbestndigkeit. Denn die
Gottesfurcht in ihrem Sinn ist wie das Wasser in einem seichten Teich,
es ist da, wenn es regnet, wenn aber die Sonne scheint, so ist es weg.

Jetzt erlauben meine Augen mir nicht mehr, denn sie sehen gut in die
Ferne, schmerzen aber und trnen, wenn ich etwas in der Nhe sehen
will. Zum Schlu will ich Dir noch sagen, yvind, was Du auch
erstrebst und arbeitest, la allzeit Deinen Gott mit dabei sein, denn
wie geschrieben steht: Es ist besser eine Handvoll mit Ruhe, denn
beide Fuste voll mit Mhe und Jammer (Pred. Salom. 4, 6).

                        Dein alter Schulmeister
                                            Baard Andersen Opdal.


      An
  die wohllbliche Jungfrau Marit Knudstochter, Heidehfen.

Ich danke Dir fr Deinen Brief, den ich gelesen und verbrannt habe, so
wie Du sagst. Du schreibst von vielerlei, aber gar nichts von dem,
was ich wollte, da Du schreiben solltest. Auch wage ich nicht, von
etwas Gewissem zu schreiben, ehe ich nicht erfahre, wie es mit Dir _in
jeder Beziehung_ steht. Der Brief des Schulmeisters sagt nichts, woran
man sich halten kann, aber er lobt Dich, und dann sagt er, Du seiest
unbestndig. Das warst Du frher auch. Jetzt wei ich nicht, was ich
glauben soll, und deshalb mut Du schreiben; denn ich bin nicht ruhig,
ehe Du geschrieben hast. In dieser Zeit denke ich am hufigsten daran,
wie Du am letzten Abend auf den Tanz kamst, und was Du da sagtest.
Mehr will ich diesmal nicht sagen, deshalb lebe wohl!

                                Ehrerbietigst
                                                  yvind Pladsen.


      An
  den Junggesellen yvind Thoresen Pladsen.

Der Schulmeister hat mir einen neuen Brief von Dir gegeben, und den
habe ich jetzt gelesen. Aber ich verstehe ihn gar nicht, und das kommt
wohl daher, da ich nicht gelehrt bin. Du willst wissen, wie es mir
_in jeder Beziehung geht_; ich bin gesund und munter, und mir fehlt
nichts. Ich esse sehr gut, namentlich wenn es Milchspeisen gibt; in
der Nacht schlafe ich und zuweilen auch am Tage. Ich habe diesen
Winter viel getanzt, denn es hat hier viele Tanzfestlichkeiten
gegeben, und das ist sehr schn gewesen. Ich gehe in die Kirche, wenn
nicht zu viel Schnee liegt, aber der hat in diesem Winter hoch
gelegen. Jetzt hast Du wohl alles erfahren, und wenn Du es nicht hast,
so wei ich Dir keinen andern Rat, als da Du mir noch einmal
schreiben mut.

                                              Marit Knudstochter.


      An
  die wohllbliche Jungfrau Marit Knudstochter, Heidehfen.

Deinen Brief habe ich erhalten, aber Du scheinst mich ebenso klug
lassen zu wollen. Vielleicht ist dies auch eine Antwort, ich wei es
nicht. Ich wage nichts von dem zu schreiben, was ich wohl schreiben
mchte, denn ich kenne Dich nicht. Aber vielleicht kennst Du mich auch
nicht?

Du mut nicht glauben, da ich noch der weiche Kse bin, aus dem Du
Wasser drcktest, als ich dasa und Dich tanzen sah. Ich habe seitdem
auf vielen Borten gelegen, um zu trocknen. Ich bin auch nicht wie die
langhaarigen Hunde, die gleich den Schwanz einziehen und sich vor den
Leuten frchten, so wie ich es frher tat; jetzt lasse ich es darauf
ankommen.

Dein Brief war spaig genug; aber er spate, wo gar nichts zu spaen
war; denn Du hast mich sehr wohl verstanden, und da httest Du
einsehen knnen, da ich nicht aus Scherz fragte, sondern weil ich in
der letzten Zeit an nichts andres zu denken vermag als an das, wonach
ich fragte. Ich ging voller Angst und Spannung umher, und da kam eitel
Spa und Gelchter.

Lebe wohl, Marit Heidehfen, ich will Dich nicht zuviel ansehen, so
wie bei jenem Tanz. Mgest Du gut essen und gut schlafen und Dein
neues Gewebe zustande bringen, mgest Du vor allem imstande sein, den
Schnee wegzuschaufeln, der vor der Kirchentr liegt.

                                Ehrerbietigst
                                          yvind Thoresen Pladsen.


      An
  den Agronom yvind Thoresen Pladsen, Ackerbauschule.

Trotz meines hohen Alters und der Schwche meiner Augen und des
Schmerzes in meiner rechten Hfte mu ich doch dem Drngen der Jugend
nachgeben; denn sie braucht uns Alte, wenn sie sich selber festgerannt
hat. Sie schmeichelt und weint, bis sie wieder losgekommen ist, dann
luft sie aber wieder davon und will nichts mehr von uns wissen.

Das ist also Marit; sie gibt mir viele se Worte, und ich soll mit
ihr zugleich schreiben, denn sie getraut sich nicht, allein zu
schreiben. Ich habe Deinen Brief gelesen; sie hat sich eingebildet,
Jon Hatlen oder einen andern Narren vor sich zu haben, nicht einen,
den Schulmeister Baard erzogen hat; aber nun wei sie sich nicht zu
helfen. Und doch bist Du zu strenge geworden, denn es gibt gewisse
Frauensleute, die scherzen, um nicht zu weinen, und es ist kein
Unterschied zwischen beidem. Es gefllt mir aber, da Du das Ernste
ernsthaft nimmst, denn sonst kannst Du nicht ber das lachen, was Spa
ist.

Was nun das Gefallen anlangt, das ihr aneinander habt, so ist das aus
vielem ersichtlich. An ihr habe ich oft gezweifelt, denn sie ist wie
das Wehen des Windes; allein jetzt wei ich, da sie Jon Hatlen doch
abgewiesen hat, worber ihr Grovater in heftigen Zorn geraten ist.
Sie freute sich, als Dein Antrag kam, und wenn sie scherzte, so
geschah das nicht aus bsem Willen, sondern aus Freude. Sie hat viel
ausgestanden, und das hat sie getan, um auf den zu warten, nach dem
ihr Sinn stand. Nun aber willst Du sie nicht haben, sondern wirfst sie
von Dir wie ein unartiges Kind.

Das war es, was ich Dir erzhlen wollte. Und den Rat will ich noch
hinzufgen, da Du Dich mit ihr grndlich ausshnen mut, denn an
Kampf wird es Dir nicht fehlen. Ich bin wie jener Greis, der drei
Geschlechter gesehen hat; ich kenne die Torheiten und ihren Lauf.

Von Deinem Vater und von Deiner Mutter soll ich Dich gren. Davon
habe ich Dir aber bisher nicht schreiben wollen, da Dich Dein Herz
nicht schmerze. Deinen Vater kennst Du nicht, denn er ist wie der
Baum, der keinen Seufzer ausstt, bis er umgehauen wird. Wenn Dir
aber einmal etwas zustt, da sollst Du ihn kennen lernen, und Du
wirst Dich wundern wie ber eine reiche Sttte. Er ist bedrckt und
schweigsam im Weltlichen gewesen, Deine Mutter aber hat sein Gemt von
weltlicher Angst befreit, und nun klrt es sich auf ber Tag.

Jetzt umschleiern sich meine Augen, und die Hand will nicht mehr.
Deswegen empfehle ich Dich ihm, dessen Auge immer wacht, und dessen
Hand nie ermdet.

                                            Baard Andersen Opdal.


      An
        yvind Thoresen.

Du scheinst bse auf mich zu sein, und das tut mir sehr leid, denn ich
meinte es nicht so, ich meinte es gut. Es fllt mir aufs Herz, da ich
oft nicht so gegen Dich gewesen bin, wie ich sollte, und deshalb will
ich Dir nun schreiben, aber Du mut es niemand zeigen. Einmal hatte
ich es, wie ich es haben wollte, und da war ich nicht gut; aber jetzt
mag mich niemand mehr, und jetzt geht es mir sehr traurig. Jon Hatlen
hat ein Spottgedicht auf mich gemacht, und das singen alle Burschen,
und ich wage nicht mehr, zum Tanz zu gehn. Die beiden Alten wissen es,
und ich mu bse Worte hren. Aber ich sitze allein und schreibe, und
Du mut es niemand zeigen.

Du hast viel gelernt und knntest mir raten, aber Du bist jetzt weit
fort. Ich bin oft unten bei Deinen Eltern gewesen und habe mit Deiner
Mutter gesprochen, und wir sind gute Freunde geworden, aber ich wagte
nicht, ihr etwas zu sagen, denn Du schreibst so sonderbar. Der
Schulmeister macht sich nur lustig ber mich, und er wei nichts von
dem Spottlied, denn niemand im Kirchspiel wagt so etwas in seiner
Gegenwart zu singen. Jetzt bin ich allein und habe niemand, mit dem
ich sprechen knnte; ich denke an die Zeit zurck, als wir Kinder
waren, und Du so gut gegen mich warst, und ich immer auf Deinem
Schlitten sitzen durfte. Und jetzt wnschte ich, da ich wieder ein
Kind wre.

Ich darf Dich nicht mehr um Antwort bitten, denn das darf ich nicht.
Wolltest Du mir aber nur noch einmal antworten, so wrde ich es Dir
nie vergessen, yvind.

                                              Marit Knudstochter.

Verbrenne diesen Brief, Lieber; ich wei wirklich nicht, ob ich ihn
abschicken darf.


        Liebe Marit!

Habe Dank fr den Brief; den hast Du in guter Stunde geschrieben. Nun
will ich Dir sagen, Marit, da ich Dich so lieb habe, da ich es hier
kaum mehr aushalten kann. Und wenn Du mich ebenso lieb hast, dann
sollen Jons Spottlieder und andre bse Worte nur Bltter sein, deren
der Baum zu viele trgt. Seit ich Deinen Brief erhalten habe, fhle
ich mich wie ein neuer Mensch, denn es ist doppelte Kraft in mich
gefahren, und ich frchte mich vor niemand auf der ganzen Welt. Als
ich den vorigen Brief abgesandt hatte, bereute ich es, so da ich
fast krank davon wurde. Und nun sollst Du hren, was dies zur Folge
hatte. Der Direktor nahm mich beiseite und fragte mich, was mir fehle,
er meinte, ich arbeite zu viel. Da sagte er mir, wenn mein Jahr um
wre, sollte ich noch ein Jahr hierbleiben, und zwar ganz frei; ich
sollte ihm bei diesem und jenem behilflich sein, er aber wolle mich
noch viel lehren. Da dachte ich, die Arbeit sei das einzige, woran ich
mich halten knne, und ich dankte ihm sehr dafr; und auch jetzt
bereue ich es nicht, obwohl ich groe Sehnsucht nach Dir habe; denn je
lnger ich hier bin, mit um so grerm Recht kann ich Dich einstmals
begehren. Wie froh bin ich jetzt! Ich arbeite fr drei, und nie werde
ich in einer Sache zurckstehn! Aber Du sollst ein Buch bekommen, das
ich lese, denn darin steht viel von Liebe. Am Abend, wenn die andern
schlafen, lese ich darin, und dann lese ich auch Deinen Brief wieder
durch. Hast Du Dir wohl unser Wiedersehen vorgestellt? Daran denke ich
so oft, und Du sollst es auch versuchen und sehen, wie schn das ist.
Aber ich bin froh, da ich so viel zusammengekritzelt und geschrieben
habe, obgleich es mir frher so schwer war; denn jetzt kann ich Dir
sagen, was ich will, und in meinem Herzen dazu lcheln.

Viele Bcher will ich Dir zu lesen geben, damit Du sehen kannst, wie
viele Widerwrtigkeiten die hatten, die einander wahrhaft liebten, so
da sie lieber vor Gram gestorben wren, als da sie einander
aufgegeben htten. Und so wollen auch wir es machen, und wollen es mit
groer Freude tun. Wohl werden fast zwei Jahre darber vergehn, bis
wir uns wiedersehen, und noch lnger, bis wir uns haben werden; aber
mit jedem Tage, der vergeht, wird es doch einen Tag weniger; so wollen
wir denken, whrend wir arbeiten.

Mein nchster Brief soll von so vielerlei Dingen handeln, aber heute
abend habe ich kein Papier mehr, und die andern schlafen. So will ich
mich denn hinlegen und an Dich denken, und das will ich tun, bis ich
einschlafe.

                                Dein Freund
                                                  yvind Pladsen.




9


An einem Sonnabend im Hochsommer ruderte Thore Pladsen ber das
Wasser, um seinen Sohn zu holen, der am Nachmittag von der
Ackerbauschule heimkehren sollte, wo er sein Studium beendet hatte.
Die Mutter hatte mehrere Tage vorher Arbeitsfrauen gehabt, alles war
rein und blank, die Kammer war schon vor langer Zeit instand gesetzt,
ein Ofen war hineingestellt, und dort sollte yvind wohnen. Heute trug
die Mutter frisches Laub hinein, legte reines Leinenzeug zurecht und
sah von Zeit zu Zeit hinaus, ob wohl ein Boot ber das Wasser gerudert
kme. Drinnen war ein festlicher Tisch gedeckt, aber immer fehlte noch
dies und jenes, oder es waren Fliegen wegzujagen, und in der Kammer
lag Staub, immer wieder Staub. Noch kam kein Boot. Sie sttzte sich
auf das Fensterbrett und schaute hinber. Da vernahm sie Schritte
dicht ber sich oben auf dem Wege und wandte den Kopf; es war der
Schulmeister, der langsam herunterkam, auf einen Stock gesttzt, denn
er hatte eine kranke Hfte. Die klugen Augen blickten ruhig umher; er
blieb stehn und ruhte sich aus und nickte ihr zu: Noch nicht
gekommen? -- Nein, ich erwarte sie jeden Augenblick. -- Gutes
Heuwetter heute. -- Aber hei zum Gehen fr alte Leute! Der
Schulmeister sah sie lchelnd an: Sind junge Leute heute ausgewesen?
-- Freilich, sind aber wieder gegangen. -- Natrlich, ja, werden
sich wohl heute abend irgendwo treffen. -- Das werden sie wohl, ja;
Thore sagt, sie drften sich in seinem Hause nicht treffen, ehe sie
die Einwilligung des Alten haben. -- Ganz recht, ganz recht! --
Nach einer Weile rief die Mutter: Ich glaube fast, da kommen sie. --
Der Schulmeister sah lange ber den Fjord hinaus. -- Ja, das sind
sie! -- Sie trat vom Fenster zurck, und er kam herein. Als er etwas
geruht und ein wenig getrunken hatte, gingen sie an die See hinab,
whrend das Boot mit schneller Fahrt auf sie zuscho, denn sowohl der
Vater wie der Sohn ruderten. Die Rudernden hatten die Jacken
abgeworfen, der Schaum spritzte wei unter den Rudern auf, deshalb war
das Boot bald bei ihnen angelangt. yvind wandte den Kopf um und sah
auf, er gewahrte die beiden am Anlegeplatz, lie die Arme auf den
Rudern ruhen und rief: Guten Tag, Mutter! Guten Tag, Schulmeister!
-- Was fr eine mnnliche Stimme er bekommen hat! sagte die Mutter;
sie strahlte ber das ganze Gesicht. -- Ach nein, ach nein, er ist
noch ebenso hellblond, fgte sie hinzu. Der Schulmeister nahm das
Boot in Empfang, der Vater zog die Ruder ein, yvind sprang an ihm
vorber und hinauf, gab zuerst der Mutter die Hand, dann dem
Schulmeister; er lachte und lachte einmal ber das andre, und ganz
gegen die Sitte der Bauern erzhlte er sofort in einem reienden
Strome von dem Examen, von der Reise, von dem Zeugnis des Direktors
und den guten Anerbietungen. Er fragte nach dem Stande der Saaten, den
Bekannten, mit Ausnahme einer Einzigen; der Vater war mit dem Gepck
beschftigt und trug es aus dem Boot heraus, wollte aber auch gern
alles hren, deswegen meinte er, es knne hier stehnbleiben, und ging
mit ihnen. Und dann gings bergan, yvind lachte und erzhlte, die
Mutter lachte mit, denn sie wute gar nicht, was sie sagen sollte. Der
Schulmeister schleppte sich langsam neben ihnen her und sah ihn mit
klugen Blicken an, der Vater folgte ehrerbietig in einer kleinen
Entfernung. Und so gelangten sie heim. Er war erfreut ber alles, was
er sah, zuerst darber, da das Haus neu angestrichen war, dann
darber, da die Mhlwerke erweitert worden waren, und darber, da
man die Bleieinfassungen der Fenster in der Stube und in der Kammer
entfernt hatte, da das grne Glas durch weies ersetzt worden war und
die Fensterrahmen grer gemacht worden waren. Als er hineinkam, war
alles so wunderbar klein, wie er es gar nicht mehr in der Erinnerung
gehabt hatte, aber so freundlich dabei. Die Uhr gackerte wie eine
fette Henne, die Sthle waren so kunstvoll geschnitzt, als wollten sie
mitreden, jede Tasse auf dem gedeckten Tische kannte er, der Herd
lchelte ihm so weigekalkt Willkommen zu; das Laub stand duftend an
der Wand entlang, Wacholderzweige lagen am Fuboden und zeugten von
der festlichen Stimmung. Sie setzten sich hin, um zu essen, aber es
wurde doch nicht viel gegessen, denn er plauderte unaufhrlich. Jedes
Einzelne betrachtete ihn jetzt mehr mit Ruhe, entdeckte hnlichkeiten
und Unhnlichkeiten, betrachtete, was ganz neu an ihm war, bis auf den
blauen Tuchanzug, den er trug. Einmal, als er eine lange Geschichte
von einem seiner Kameraden erzhlt hatte und endlich fertig war,
worauf eine kleine Pause entstand, sagte der Vater: Ich verstehe kaum
ein Wort von dem, was du sagst, Junge, du sprichst so ungeheuer
schnell -- da brachen alle in lautes Gelchter aus, nicht am
mindesten yvind; er wute sehr wohl, da es wahr war, aber es war ihm
nicht mglich, langsamer zu sprechen. All das Neue, das er auf
seinem groen Ausfluge gesehen und gelernt hatte, hatte seine
Einbildungskraft und seine Auffassung dermaen ergriffen und ihn so
aus den gewohnten Geleisen herausgerissen, da Krfte, die lange
geruht hatten, gleichsam aufschumten und der Kopf unablssig arbeiten
mute. Ferner bemerkten sie, da er sich angewhnt hatte, hier und da
zwei, drei Worte vor lauter Geschftigkeit wieder und wieder zu
wiederholen, es war, als stolpere er ber sich selber. Bisweilen
wirkte das lcherlich, aber dann lachte er selbst, und vergessen war
es. Der Schulmeister und der Vater saen da und gaben acht, ob er
etwas von seiner frhern Besonnenheit eingebt htte; aber das schien
nicht so: er dachte an alles, erinnerte selber daran, da das Boot
ausgeladen werden msse, packte sofort selber seine Sachen aus und
hngte alles sorgfltig auf, zeigte seine Bcher, seine Uhr, all das
Neue, und es sei gut erhalten, sagte die Mutter. ber sein kleines
Zimmer war er berglcklich; er wolle frs erste zu Hause bleiben,
sagte er, und bei der Heuernte helfen und studieren. Wohin er spter
ginge, wisse er noch nicht; aber das sei ihm ganz allerlei. Er hatte
eine Schnelligkeit und Kraft des Denkens, die erquickte, und eine
Lebhaftigkeit im Ausdruck seiner Gefhle, das den so wohltuend
berhrt, der das ganze Jahr lang nur daran denkt, sich zurckzuhalten.
Der Schulmeister wurde zehn Jahre jnger.

Jetzt wren wir so weit mit ihm gekommen, sagte er strahlend, als er
sich erhob, um zu gehn.

Als die Mutter, die ihn ihrer Gewohnheit gem bis an die Schwelle des
Hauses begleitet hatte, wieder hereinkam, bat sie yvind, ihr in die
Kammer zu folgen. -- Da ist jemand, der dich um neun Uhr erwartet,
flsterte sie. -- Wo? -- Oben auf dem Berge.

yvind sah nach der Uhr, sie ging auf neun, es war ihm nicht mglich,
im Hause zu warten, er ging hinaus, erklomm den Berg, blieb oben stehn
und sah um sich. Das Dach des Hauses lag dicht unter ihm, das
Buschwerk auf dem Dache war gro geworden, alles junge Holz
ringsumher, wo er stand, war auch gewachsen, und er kannte jeden
einzelnen Baum. Er sah den Weg hinab, der am Berge entlang fhrte, und
an dessen andrer Seite der Wald stand. Der Weg lag grau und ernsthaft
da, aber der Wald prangte in allerlei Laub. Die Bume waren hoch und
schlank gewachsen; in der kleinen Bucht lag ein Fahrzeug mit schlaffen
Segeln; es war mit Planken geladen und wartete auf Wind. Er schaute
ber das Wasser hinaus, das ihn fort und wieder zurckgetragen hatte;
still und blank lag es da, einige Singvgel flogen darberhin, aber
ohne Geschrei, denn es war schon spt. Der Vater kam aus der Mhle,
blieb auf der Schwelle des Hauses stehn, sah hinaus wie der Sohn, ging
dann an die See hinab, um das Boot vor der Nacht festzumachen. Die
Mutter kam auf der einen Seite aus dem Hause heraus, denn sie war in
der Kche gewesen; sie sah zum Berge hinauf, als sie mit Futter fr
die Hhner zum Holzplatz ging, sah abermals hinauf und summte eine
Melodie vor sich hin. Er setzte sich nieder, um zu warten; das
Unterholz stand so dicht, da er nicht weit sehen konnte, aber er
lauschte auf das leiseste Gerusch. Lange waren es nur Vgel, die
aufflogen und ihn tuschten, bald wieder ein Eichhrnchen, das in
einen andern Baum hinberhpfte. Endlich aber knackt es in einiger
Entfernung, verstummt einen Augenblick, knackt dann wieder; er springt
auf, sein Herz pocht, das Blut steigt ihm zu Kopfe; da raschelt es in
den Bschen dicht neben ihm, aber es ist ein groer, zottiger Hund,
der kommt und ihn betrachtet, auf drei Beinen stehn bleibt und sich
nicht rhrt. Es war der Hund von den obern Heidehfen, und dicht
hinter ihm raschelt es abermals, der Hund wendet den Kopf und wedelt;
jetzt kommt Marit.

Ein Busch hielt ihren Rock fest, sie wandte sich um, um ihn
loszumachen, und so stand sie da, als er sie zum erstenmal wiedersah.
Sie trug ihr Haar unbedeckt und aufgerollt, so wie die Mdchen an
Alltagen zu gehn pflegen, sie hatte ein buntgewrfeltes Mieder ohne
rmel an, nichts um den Hals auer dem herabfallenden Leinwandkragen;
sie hatte sich von der Feldarbeit weggestohlen und hatte nicht gewagt,
sich zu putzen. Jetzt sah sie ihn von der Seite an und lchelte; wei
schimmerten die Zhne, und wei blitzte es unter den halbgeschlossenen
Augenlidern; sie stand einen Augenblick da und zupfte an ihrem Rock,
dann aber kam sie heran und wurde mit jedem Schritt rter. Er ging ihr
entgegen und nahm ihre Hand zwischen seine beiden. Sie sah zu Boden,
und so standen sie da.

Hab Dank fr alle deine Briefe, war das erste, was er sagte, und als
sie nun ein wenig aufsah und lachte, fhlte er, da sie der
schelmischste Kobold sei, dem er jemals in einem Walde begegnen
knnte; aber er war befangen, und sie war es offenbar nicht minder.

Wie gro du geworden bist! sagte sie, meinte aber etwas ganz andres.
Sie betrachtete ihn mehr und mehr, lachte mehr und mehr, und da lachte
er auch; aber sie sagten nichts. Der Hund hatte sich an den Felsrand
gesetzt und sah in den Hof hinab. Thore bemerkte diesen Hundekopf
unten vom Strande her und konnte bei dem besten Willen nicht
begreifen, was es war, das sich da oben auf dem Berge zeigte.

Aber die beiden hatten einander jetzt losgelassen und fingen
allmhlich an miteinander zu reden. Und als er erst einmal angefangen
hatte, wurde er bald so beredt, da sie ber ihn lachen mute. Ja,
siehst du, das geht mir so, wenn ich frhlich bin, so recht von Herzen
frhlich, siehst du; und als zwischen uns beiden alles wieder gut
geworden war, da war es, als sprnge ein Schlo in mir auf, siehst
du! -- Sie lachte. Dann sagte sie: Alle die Briefe, die du mir
geschickt hast, die kann ich beinahe auswendig. -- Und ich erst die
deinen! Aber du schriebst immer so kurz! -- Weil du die Briefe immer
so lang haben wolltest. -- Und wenn ich wollte, da wir mehr von
einer gewissen Sache schreiben sollten, dann entschlpftest du mir.
-- Ich nehme mich am besten aus, wenn du mich von hinten siehst,
sagte die Waldfrau. -- Aber das ist wahr, du hast mir noch nie
gesagt, wie du Jon Hatlen losgeworden bist! -- Ich lachte! --
Wie? -- Ich lachte! Weit du nicht, was Lachen ist? -- Ja, lachen
kann ich! -- La einmal sehen! -- Hat man je so etwas gehrt! Ich
mu doch etwas zum Lachen haben! -- Das habe ich nicht ntig, wenn
ich frhlich bin. -- Bist du jetzt frhlich, Marit? -- Lache ich
jetzt etwa? -- Ja, das tust du! Er nahm ihre beiden Hnde und
schlug sie wieder und wieder zusammen, so da es klatschte, whrend er
sie dabei ansah. Pltzlich fing der Hund an zu knurren, dann strubte
er das Haar und setzte sich hin, um in die Tiefe hinabzubellen, er
wurde immer aufgeregter und war zuletzt ganz wtend. Marit sprang
erschreckt zurck, yvind aber eilte an den Abhang und sah hinab. Es
war sein Vater, den der Hund anbellte; er stand mit beiden Hnden in
der Tasche dicht unter dem Berge und sah zu dem Hunde hinauf. -- Bist
du da, du auch? Was ist das fr ein toller Hund, den du da oben hast?
-- Es ist ein Hund aus den Heidehfen, sagte yvind ein wenig
verlegen. -- Wie zum Kuckuck ist denn der da hinaufgekommen? -- Aber
die Mutter hatte aus der Kche herausgeguckt, denn sie hatte den
schrecklichen Lrm gehrt; sie begriff alles, lachte und sagte: Der
Hund luft hier jeden Tag herum; das ist doch nichts Sonderbares! --
Es ist aber ein bissiger Kter. -- Er beruhigt sich, wenn man ihn
streichelt, meinte yvind und tat es; der Hund schwieg, knurrte aber.
Der Vater ging arglos ins Haus, und die beiden waren vor der
Entdeckung gerettet.

Ja, diesmal ging es gut, sagte Marit, als sie wieder nebeneinander
standen. -- Meinst du, da es spter schlimmer wird? -- Ich kenne
einen, ich, der uns aufpassen wird. -- Dein Grovater? -- Ja, er!
-- Aber er soll uns nichts tun. -- Niemals! -- Und das gelobst
du? -- Ja, das gelobe ich, yvind! -- Wie schn du bist, Marit!
-- So sagte der Fuchs zum Raben und bekam den Kse. -- Du kannst
mir glauben, ich mchte auch gern den Kse haben. -- Aber du
bekommst ihn nicht! -- Dann nehme ich ihn mir! -- Sie wandte den
Kopf ab, und er -- nahm ihn nicht. -- Ich will dir etwas sagen, ich,
yvind -- sie sah ihn von der Seite an. -- Nun? -- Wie hlich du
geworden bist! -- Du willst mir den Kse doch wohl geben! -- Nein,
das will ich nicht! -- sie wandte sich von neuem ab.

Jetzt mu ich gehn, yvind. -- Ich will dich begleiten. -- Aber
nicht aus dem Wald hinaus, da kann Grovater dich sehen. -- Nein,
nicht aus dem Walde hinaus! -- Du lufst ja so, Liebe! -- Wir
knnen hier doch nicht nebeneinander gehn. -- Aber das nennt man
doch nicht begleiten! -- So greife mich! -- Sie lief, er
hinterdrein, und sie blieb hngen, so da er sie fangen konnte. --
Hab ich dich nun fr immer gefangen, Marit? -- er hatte die Hand um
ihre Taille. -- Ich glaube es, sagte sie leise und lachte, errtete
aber gleich darauf und wurde wieder ernsthaft. -- Nein, jetzt mu es
geschehen, dachte er, umfate sie und wollte sie kssen; sie aber bog
den Kopf unter seinem Arm durch, lachte und lief davon. Bei den
letzten Bumen blieb sie jedoch stehn. Wann werden wir uns
wiedersehen? fragte sie leise. -- Morgen, morgen, flsterte er
zurck. -- Ja, morgen! -- Leb wohl! Sie lief davon. -- Marit! --
Er blieb stehn. -- Du, es war sonderbar, da wir uns zuerst oben auf
dem Berge getroffen haben. -- Ja, das war es auch! Sie lief weiter.

Lange sah er ihr nach, der Hund sprang vor ihr her und bellte, sie
lief hinter ihm her und beschwichtigte ihn. Er wandte sich um, nahm
seine Mtze, warf sie in die Hhe, fing sie wieder auf und warf sie
nochmals in die Hhe. -- Jetzt glaub ich wirklich, da ich anfange
frhlich zu werden, ich, sagte der Bursche und ging singend heim.




10


Eines Nachmittags, als die Mutter und ein Mdchen Heu zusammenharkten,
das der Vater und yvind hineintrugen, kam ein kleiner, barfiger,
barhuptiger Junge ber Hgel und Felder dahergesprungen und gab
yvind einen Zettel. -- Du kannst aber laufen! sagte yvind. -- Ich
bin dafr bezahlt! sagte der Junge. Auf die Frage, ob er Antwort
bringen solle, sagte er nein, und er nahm den Weg nach Hause ber den
Berg, denn auf dem Wege kme jemand hinter ihm her, sagte er. yvind
ffnete mhsam den Zettel, denn er war erst zu einem Streifen
zusammengelegt, dann verschlungen und dann versiegelt, und auf dem
Zettel stand:

Jetzt ist er auf dem Wege, aber es geht langsam. Lauf in den Wald und
verstecke Dich.

                                                    Die Bewute.

Als ob ich das tte! dachte yvind und sah trotzig zu den Bergen
empor. Es whrte auch nicht lange, bis ganz oben auf dem Berge ein
alter Mann sichtbar wurde, sich ein wenig ausruhte, eine Strecke ging,
sich wieder ausruhte; sowohl Thore als seine Frau hielten mit der
Arbeit inne, um ihn zu beobachten. Thore aber lchelte bald, die Frau
hingegen wechselte die Farbe. Kennst du ihn? -- Ja, da ist ein
Irrtum nicht gut mglich.

Vater und Sohn fingen wieder an, Heu hineinzutragen; aber der Sohn
wute es so einzurichten, da sie immer zusammenblieben. Der Alte oben
auf dem Berge kam langsam nher wie ein schweres Gewitter, das von
Westen her heraufzieht. Er war sehr gro und ziemlich korpulent; er
hatte schlimme Fe und ging Schritt fr Schritt, indem er sich
schwerfllig auf einen Stock sttzte. Er kam bald so nahe heran, da
sie ihn genau sehen konnten. Er blieb stehn, nahm die Mtze vom Kopf
und trocknete den Schwei mit einem Taschentuch. Er war ganz kahl bis
hintenber; er hatte ein rundes, runzliges Gesicht, kleine stechende,
zwinkernde Augen, buschige Brauen und noch alle Zhne im Munde. Wenn
er sprach, war es mit einer scharfen und gellenden Stimme, als hpfe
sie ber Kies und Stein; auf einem R aber ruhte sie hin und wieder mit
groem Wohlbehagen, rollte mehrere Ellen lang darberhin und machte
dabei einen gewaltigen Sprung im Tone. Er war in seinen jungen Jahren
als munterer aber etwas heftiger Mann bekannt gewesen; jetzt im Alter
war er infolge von mancherlei Widerwrtigkeiten jhzornig und
mitrauisch geworden.

Thore und yvind waren schon oftmals hin und her gegangen, ehe Ole bis
zu ihnen gelangt war; sie begriffen beide, da er nicht in guter
Absicht kam, deshalb war es um so komischer, da er nicht ans Ziel
gelangen konnte. Sie muten beide hchst ernsthaft einhergehn und
ganz leise sprechen; da dies aber kein Ende nehmen wollte, wurde es
lcherlich. Nur ein halbes Wort, wenn es trifft, kann unter solchen
Umstnden Lachen hervorrufen, namentlich wenn mit dem Lachen Gefahr
verbunden ist. Als er schlielich nur noch wenige Schritte entfernt
war, die aber nie ein Ende nehmen wollten, sagte yvind ganz trocken
und leise: Er mu schwer geladen haben, der Mann! -- Und das
gengte. -- Ich glaube, du bist nicht klug, flsterte der Vater,
mute aber selber lachen. -- Hm! hm! rusperte sich Ole oben auf dem
Berge. -- Er macht die Stimme klar! flsterte Thore. yvind kniete
vor einem Heuhaufen nieder, steckte den Kopf ins Heu und lachte. Auch
der Vater beugte sich hinunter. -- La uns in die Scheune
hineingehn, flsterte er, nahm einen Arm voll Heu und trabte damit
ab; yvind nahm ein kleines Bndel, lief hinterdrein, krmmte sich vor
Lachen und warf sich auf die Tenne nieder. Der Vater war ein ernster
Mann, brachte ihn aber erst jemand ins Lachen, so gluckste es erst in
ihm, dann wurde es immer strker, wie abgerissene Triller, bis sie in
eine einzige lange Lache zusammenflossen, worauf Welle auf Welle
folgte mit immer grerer Macht. Jetzt war er in Zug gekommen, der
Sohn lag am Boden, der Vater stand ber ihn gebeugt, und beide
lachten, da es schallte. Sie hatten bisweilen solche Lachanflle,
aber dieser kme ungelegen, meinte der Vater. Schlielich wuten sie
nicht mehr, wie es werden sollte, denn der Alte mute ja allmhlich
den Hof erreicht haben. -- Ich gehe nicht hinaus, sagte der Vater;
ich habe nichts mit ihm zu tun. -- Ja, dann gehe ich auch nicht
hinaus, erwiderte yvind. -- Hm, hm, erklang es drauen vor der
Scheunentr. Der Vater drohte dem Burschen: Mach, da du
hinauskommst! -- Ja, geh du nur erst! -- Nein, willst du dich wohl
packen! -- Ja, geh du nur erst! Und sie klopften sich gegenseitig
ab und gingen dann hchst ernsthaft hinaus. Als sie unten an die
hlzerne Brcke kamen, sahen sie Ole vor der Kchentr stehn, als
bedchte er sich. Er hielt die Mtze in der Hand, in der er den Stock
hielt, und trocknete mit dem Taschentuch den Schwei von dem kahlen
Kopfe, strich aber auch die Haarbschel hinter den Ohren und im Nacken
hinauf, so da sie wie Stacheln in die Hhe starrten. yvind hielt
sich hinter dem Vater, dieser mute deswegen stillstehn, und um der
Sache ein Ende zu machen, sagte er in ganz ernstem Tone: Wagen sich
so alte Leute noch auf den Berg? -- Ole wandte sich um, sah ihn
scharf an und setzte seine Mtze wieder zurecht, ehe er antwortete:
Ja, das scheint so! -- Du mut mde sein, willst du nicht
hineinkommen? -- Ach, ich kann mich hier ausruhen, wo ich stehe,
mein Geschft whrt nicht lange. -- Aus der Kchentr guckte jemand
heraus; zwischen ihr und Thore stand der alte Ole, den Mtzenschirm
tief ber den Augen, denn die Mtze war ihm jetzt, wo er das Haar
verloren hatte, zu gro geworden. Um sehen zu knnen, legte er den
Kopf weit hintenber, den Stock hielt er in der rechten Hand, und die
Linke stemmte er in die Seite, wenn er nicht gerade gestikulierte.
Aber das tat er nur so, da er den Arm in halber Lnge vor sich
hinstreckte und ihn dort, als Wchter seiner Wrde, stillhielt. --
Ist das dein Sohn, der da hinter dir steht? begann er mit krftiger
Stimme. -- Man sagt es. -- Er heit yvind, nicht wahr? -- Ja,
man nennt ihn yvind. -- Er ist auf einer von diesen Ackerbauschulen
dort im Sden gewesen? -- So etwas hnliches war es, ja. -- Nein,
das Mdchen, meine Tochtertochter, die Marit, ja, die ist in der
letzten Zeit verrckt geworden. -- Das ist ja traurig! -- Sie will
sich nicht verheiraten! -- Nein wirklich? -- Sie will keinen von
den Bauernshnen haben, die sich um sie bewerben. -- So? -- Aber
das soll die Schuld von dem sein, der da steht! -- Was du sagst! --
Er soll ihr den Kopf ganz verdreht haben; ja der da, dein Sohn! --
Das wre doch des Teufels! -- Siehst du, ich leide es nicht, da
mir jemand meine Pferde stiehlt, wenn ich sie ins Gebirge auf die
Weide schicke, ich leids auch nicht, da mir jemand meine Tchter
nimmt, wenn ich sie zum Tanze gehn lasse, ich leide es durchaus
nicht! -- Nein, das versteht sich. -- Ich kann nicht hinterher
laufen; ich bin alt, ich kann nicht aufpassen. -- Nein nein, nein
nein! -- Ja, siehst du, Ordnung mu in allem sein; hier soll der
Haublock stehn, und dort soll das Beil liegen und da das Messer, und
hier mssen sie ausfegen, und da mssen sie es hinauswerfen, nicht vor
die Tr, sondern da in die Ecke, gerade dorthin, ja, und nirgend
anderswohin. Also, wenn ich zu ihr sage: Nicht der, sondern der, so
mu der es sein und nicht der! -- Natrlich! -- Aber so ist es
eben nicht; drei Jahre lang hat sie nein gesagt, und drei Jahre lang
ist es nicht gut gewesen zwischen uns. Das ist schlimm, und wenn er es
ist, der die Veranlassung dazu ist, so will ich ihm nur sagen, so da
du es hrst, du, sein Vater, da es ihm nichts ntzt, da die Sache
ein Ende haben mu. -- Ja ja! -- Ole sah Thore eine Weile an, dann
sagte er: Du antwortest so kurz. -- Die Wurst ist nicht lnger.

Hier mute yvind lachen, obwohl ihm eigentlich gar nicht danach
zumute war. Aber bei unverzagten Menschen steht die Furcht bestndig
auf der Grenze des Lachens, und jetzt neigte es auf diese Seite bei
ihm. -- Worber lachst du? fragte Ole kurz und scharf. -- Ich? --
Lachst du ber mich? -- Gott bewahre mich davor! -- aber seine
eigne Antwort erweckte wieder seine Lachlust. Ole bemerkte das und
wurde ganz wtend. Sowohl Thore als yvind wollten es wieder
gutmachen, indem sie ein ernstes Gesicht aufsetzten und den Alten
aufforderten, hineinzugehn; aber hier machte sich ein seit drei Jahren
verhaltner Groll Luft, und deswegen war er nicht zurckzuhalten. --
Du brauchst nicht zu denken, da du mich zum Narren machen kannst,
fing er an; ich bin in meinem vollen Recht, ich sorge fr das Glck
meines Kindeskinds, so wie ich es verstehe, und das Lachen eines
jungen Windhunds hindert mich nicht daran. Man zieht die Mdchen nicht
dazu auf, da man sie in die erste beste Huslerstelle hineinwirft,
die sich auftun will, und man wirtschaftet nicht vierzig Jahre, um dem
ersten, der der Dirne den Kopf verdreht, die ganze Bescherung an den
Hals zu werfen. Meine Tochter trieb es so lange, bis sie sich
schlielich mit einem Landstreicher verheiraten mute, und er trank
sie beide zu Tode, und ich mute das Kind zu mir nehmen und die Zeche
bezahlen. Aber Tod und Teufel, wenn es meiner Tochtertochter ebenso
ergehn soll, jetzt weit du es! Und das will ich dir sagen, so wahr
ich Ole Nordistuen auf den Heidehfen bin, eher soll der Pfarrer die
Kobolde droben im Nordalswalde zur Hochzeit aufbieten, als da er
deinen und Marits Namen von der Kanzel wirft, du Gelbschnabel! Willst
du mir vielleicht die anstndigen Freier vom Hofe verscheuchen? Ja,
versuch es nur zu kommen, dann sollst du eine solche Reise den Berg
hinabmachen, da die Schuhe hinter dir herdampfen, du Fratzenschneider
du! Du glaubst am Ende, ich wte nicht, woran ihr denkt, du und sie.
Ja, ihr denkt, da der alte Nordistuen bald drauen auf dem Kirchhofe
die Nase in die Luft stecken wird, und dann wollt ihr vor den Altar
treten. Nein, jetzt habe ich sechsundsechzig Jahre gelebt, und ich
will euch beweisen, ich, mein Junge, da ich leben werde, bis ihr die
Bleichsucht darber bekommt, alle beide! Und das will ich dir doch
noch sagen, ich, du kannst dich wie neuer Schnee um die Hauswnde
legen, und du sollst doch ihre Fusohlen nicht sehen, denn ich schicke
sie aus dem Kirchspiel fort, ich schicke sie dahin, wo sie in
Sicherheit ist, dann kannst du hier umherflattern wie ein Spottvogel
und dich mit Regen und Nordwind verheiraten. Und weiter habe ich dir
nichts zu sagen; aber nun kennst du, der du sein Vater bist, meine
Meinung, und wenn du es gut mit ihm meinst, um den es sich hier
handelt, da mut du ihn dazu bringen, da er den Strom dahin lenkt, wo
er flieen kann; ber meinen Hof ist ihm der Weg verboten. -- Er
wandte sich mit kleinen, schnellen Schritten ab, indem er den rechten
Fu immer ein wenig hher hob als den linken und fortwhrend vor sich
hinbrummte.

Ein tiefer Ernst hatte sich der Zurckbleibenden bemchtigt; ein bses
Vorzeichen hatte sich in ihren Scherz und ihr Lachen gemischt, und das
Haus stand einen Augenblick leer wie nach einem Schrecken. Die Mutter,
die von der Kchentr aus alles mit angehrt hatte, sah yvind
bekmmert an, sie war dem Weinen nahe, wollte aber kein Wort sagen, um
ihm das Herz nicht noch schwerer zu machen. Als sie alle
stillschweigend hineingegangen waren, setzte sich der Vater ans
Fenster und sah Ole mit ernstem Gesicht nach. yvinds Augen hingen an
seinem leisesten Mienenspiel; denn in seinem ersten Wort mute ja fast
die ganze Zukunft des jungen Paares liegen. Setzte ihnen Thore in
Gemeinschaft mit Ole ein Nein entgegen, dann war es wohl eine
Unmglichkeit, daran vorbeizukommen. Aufgeschreckt schweiften seine
Gedanken von einem Hindernis zum andern; einen Augenblick sah er
nichts als Armut, bsen Willen, Miverstndnisse und gekrnktes
Ehrgefhl, und jede Sttze, die er ergreifen wollte, entglitt ihm
unter der Wucht der Gedanken. Es vermehrte seine Unruhe noch, da die
Mutter mit der Hand auf der Trklinke dastand, unentschlossen, ob sie
sich das Herz fassen und hereinkommen und die Entscheidung abwarten
solle, und schlielich den Mut vllig verlor und hinausschlich. yvind
sah unverwandt den Vater an, der seinen Blick nicht zu beobachten
schien; auch der Sohn wagte nicht zu sprechen, denn er mute den Vater
doch erst seine Gedanken zu Ende denken lassen. Aber gerade jetzt
hatte die Seele die Bahn ihrer Angst ausgelaufen und gewann wieder
Fassung: schlielich vermag uns doch niemand als Gott allein zu
trennen, dachte er und beobachtete die gerunzelte Stirn des Vaters. --
Nun wrde wohl bald etwas kommen. -- Thore seufzte tief auf, erhob
sich, sah auf und begegnete dem Blick des Sohnes. Er blieb stehn und
sah ihn lange an. -- Mein Wunsch wre, da du ihr entsagtest, denn
man soll sich nichts erbetteln oder ertrotzen. Willst du aber nicht
von ihr lassen, so kannst du es mir gelegentlich sagen; vielleicht
kann ich dir dann helfen. -- Er ging an seine Arbeit, und der Sohn
folgte ihm.

Am Abend aber hatte yvind seinen Plan gemacht; er wollte sich um die
Stelle eines Bezirksagronomen bemhen und wollte den Direktor und den
Schulmeister bitten, ihm dabei behilflich zu sein. -- Hlt sie nur
aus, so will ich sie schon mit Gottes Hilfe durch meine Arbeit
gewinnen. Vergebens wartete er diesen Abend auf Marit, aber whrend er
dort auf und nieder ging, sang er sein Lieblingslied:

    Den Kopf empor, du junges Blut!
    Ob auch ein Fehlschlag weh dir tut,
    Du mut nicht gleich verzagen,
    Du wirst es doch erjagen.

    Den Kopf empor! Schau grade aus,
    Es ruft das Leben dich hinaus
    Mit vielen tausend Zungen,
    Nur frhlich vorgedrungen!

    Den Kopf empor! Sei dir bewut
    Des Himmels in der eignen Brust.
    Das Gute und das Schne
    Klingt drin wie Harfentne.

    Den Kopf empor! Sing es hinaus:
    Die Knospe schwillt trotz Sturmesbraus,
    Wo Frhlingskrfte gren,
    Da kann kein Winter whren.

    Den Kopf empor! Den ficht nichts an,
    Der frohes Herzens hoffen kann.
    Wer hofft, dem kann nichts rauben
    Die Liebe und den Glauben.




11


Es war mitten in der Mittagsruhe; auf den groen Heidehfen schliefen
die Leute. Das Heu lag zusammengeharkt auf der Wiese, und die Rechen
standen in die Erde gesteckt da. Unten an der Scheunenbrcke standen
die Heuwagen, das Sielengeschirr lag abgeschirrt daneben, und die
Pferde weideten angepflckt eine kleine Strecke davon. Auer ihnen und
einigen Hhnern, die sich ins Feld verlaufen hatten, sah man in der
ganzen Ebene kein lebendes Wesen.

Im Gebirge oberhalb der Felswand war eine Schlucht, durch die der Weg
zu den groen, grasreichen Gebirgsweiden der Heidehfe fhrte. Droben
in der Schlucht stand heute ein Mann und sah in die Ebene hinab, so,
als erwarte er jemand. Hinter ihm lag ein kleiner Gebirgssee, von dem
ein Bach herunterflo, der diese Schlucht im Felsen gebildet hatte. Um
diesen See herum fhrten zu beiden Seiten Viehwege nach der Alm
hinauf, die er von weitem bersehen konnte. Jodeln und Hundebellen
klang ihm entgegen, und zwischen den Bergen erschallten die
Herdenglocken, denn die Khe tummelten sich und suchten den See auf,
Hunde und Kuhjungen wollten sie zusammentreiben; es gelang ihnen aber
nicht. Die Khe kamen mit den wunderlichsten Sprngen heruntergesetzt
und liefen mit kurzem, zornigem Gebrll, den Schwanz hoch erhoben,
geradeswegs ins Wasser hinein, wo sie stehnblieben; ihre Glocken
schollen jedesmal, wenn sie den Kopf bewegten, ber das Wasser dahin.
Die Hunde tranken ein wenig, blieben aber auf festem Lande; die
Kuhjungen kamen ihnen nach und setzten sich auf den warmen glatten
Bergabhang. Hier kramten sie ihr Essen heraus, tauschten miteinander,
prahlten mit ihren Hunden, Ochsen und Hausgenossen gegeneinander,
zogen sich dann aus und sprangen zu den Khen ins Wasser. Die Hunde
wollten nicht mit hinein, sondern lungerten trge und mit hngenden
Kpfen und heiem Auge umher, whrend ihnen die Zunge an der einen
Seite aus dem Rachen hing. Ringsumher an den Felswnden lie sich kein
Vogel blicken, kein Laut vernehmen, auer dem Geplauder der Kuhjungen
und dem Luten der Glocken; das Heidekraut stand versengt und
verbrannt da, die Sonne erhitzte die Bergwnde, so da alles lechzte
vor Wrme.

Aber es war yvind, der dort oben in der Mittagssonne sa und wartete.
Er sa in Hemdsrmeln dicht neben dem Bach, der aus dem See rann. Noch
immer zeigte sich niemand in dem Heidehoftal, und er begann schon
unruhig zu werden, als pltzlich ein groer Hund schwerfllig aus
einer Tr in Nordistuen herauskam, und hinter ihm drein ein Mdchen in
Hemdsrmeln. Sie sprang ber die Wiesen dahin und den Berg hinab; er
hatte groe Lust, hinabzujodeln, aber er wagte es nicht. Er sah
aufmerksam auf den Hof hinab, ob auch nicht jemand zufllig herauskme
und sie bemerkte, aber da war sie schon im Schutz angelangt, und er
erhob sich mehrmals voller Ungeduld. Endlich kam sie denn auch, indem
sie sich mhsam am Bach entlang emporarbeitete; der Hund lief dicht
vor ihr her und witterte in der Luft, sie hielt sich am Gestruch
fest, und immer mder wurde ihr Gang. yvind eilte hinab, der Hund
knurrte, wurde aber zum Schweigen gebracht; aber sobald Marit ihn
kommen sah, setzte sie sich, dunkelrot vor Hitze, matt und erschpft
auf einen groen Stein. Er warf sich auf den Stein daneben: Hab Dank,
da du gekommen bist! Was fr eine Hitze, und was fr ein Weg! --
Hast du schon lange gewartet? -- Nein. Seit sie uns des Abends
aufpassen, mssen wir ja die Mittagsstunde benutzen. Aber in Zukunft,
denke ich, wollen wir uns die Sache nicht so heimlich und mhselig
machen; gerade darber wollte ich mit dir reden. -- Nicht heimlich?
-- Ich wei wohl, da es dir am besten gefllt, wenn es heimlich
zugeht; aber es gefllt dir auch, Mut zu zeigen. Heute bin ich
gekommen, um lange mit dir zu reden, und jetzt mut du mich anhren.
-- Ist es wahr, da du Bezirksagronom werden willst? -- Ja, und ich
werde die Stelle wohl auch erhalten. Damit verfolge ich einen
doppelten Zweck: zunchst den, eine Stellung zu erringen, dann aber,
und zwar vor allen Dingen, den, etwas auszurichten, was dein Grovater
sehen und beurteilen kann. Es trifft sich so glcklich, da die
meisten Hofbesitzer auf den Heidehfen jngere Leute sind, die
Verbesserungen wnschen und Hilfe begehren; Geld haben sie auch. Damit
will ich anfangen; ich will alles verbessern, von ihren Viehstllen
bis zu ihren Wasserleitungen, ich will Vortrge halten und arbeiten,
ich will, sozusagen, den Alten mit guten Taten belagern. -- Das ist
keck gesprochen, was aber weiter, yvind? -- Ja, das andre soll von
uns beiden handeln. Du darfst nicht reisen. -- Wenn er es nun aber
befiehlt? -- Und du darfst nichts verheimlichen, was uns beide
angeht. -- Wenn er mich aber qult! -- Durch offnes Auftreten
erreichen wir aber mehr und beschtzen uns besser. Wir wollen gerade
so viel unter den Augen der Leute sein, da sie immer davon reden
mssen, wie wir zueinander halten; um so eher werden sie wnschen, da
es uns gut ergehn mge. Du darfst nicht reisen. Die Getrennten setzen
sich Gefahren aus, und es kann sich Klatsch zwischen sie drngen. Im
ersten Jahre glauben wir nichts, im zweiten aber knnen wir anfangen,
allmhlich zu glauben. Wir beide wollen uns einmal wchentlich treffen
und ber all das Bse lachen, das sich zwischen uns drngen will. Wir
mssen uns beim Tanz treffen knnen und uns im Takte drehen, da es
nur so singt, whrend unsre Verleumder ringsumher sitzen. Wir wollen
uns vor der Kirche treffen und uns begren, da alle es sehen knnen,
die uns hundert Meilen weit voneinander wnschen. Dichtet jemand ein
Spottlied ber uns, so setzen wir uns zusammen und versuchen
unsrerseits, eins zu machen, das ihnen die Antwort nicht schuldig
bleibt; das wird schon gehn, wenn wir uns gegenseitig helfen. Niemand
kann uns etwas anhaben, wenn wir zusammenhalten und den Leuten auch
_zeigen_, da wir es tun. Unglckliche Liebe findet man nur bei
furchtsamen Leuten, oder bei schwachen oder kranken Leuten, oder bei
berechnenden Leuten, die auf eine Gelegenheit warten, bei listigen
Leuten, die schlielich an ihrer eignen List zugrunde gehn, oder bei
sinnlichen Leuten, die sich nicht so innig lieben, da Stand und
Unterschied vergessen werden kann -- die verstecken sich, schicken
sich Briefe, zittern bei jedem Worte, und die Furcht, diese bestndige
Unruhe, dieses Prickeln im Blut halten sie dann schlielich fr Liebe;
sie fhlen sich unglcklich und zerflieen wie Zucker. Pah, so ein
Liebespaar! Htten sie sich nur wahrhaft lieb, dann frchteten sie
sich nicht, dann lachten sie, dann gingen sie in jedem Lcheln, in
jedem Wort offen auf die Kirchentr zu. Ich habe davon in Bchern
gelesen und habe es selber auch schon gesehen: es ist schlecht
bestellt mit der Liebe, die auf Schleichwegen geht. Sie mu in
Heimlichkeit beginnen, weil sie in Verschmtheit beginnt, sie mu aber
offen leben, weil sie in Freude lebt. Es geht damit wie mit dem
Wechsel des Laubes; was wachsen soll, kann sich nicht verbergen, und
jedenfalls siehst du, da all das, was am Baume trocken ist, abfllt,
sobald das neue Laub ausschlgt. Zu wem die Liebe kommt, der lt
fahren, was er an altem, an totem Kram festhielt, die Sfte quellen
und steigen, und das sollte niemand merken? Ju -- ju, Mdchen, sie
sollen frhlich werden, wenn sie uns frhlich sehen; zwei Verlobte,
die ausharren, erweisen den Leuten eine Wohltat, denn sie schenken
ihnen ein Gedicht, das die Kinder zur Beschmung der unglubigen
Eltern auswendig lernen. Ich habe von so vielen Liebenden dieser Art
gelesen, es leben auch hier im Kirchspiel einige in der Leute Mund,
und gerade die Kinder von denen, die einstmals all dieses Bse
verbten, erzhlen es jetzt und sind darber gerhrt. Ja, Marit, jetzt
wollen wir beide einander die Hand geben, und dann wollen wir uns
geloben, zusammenzuhalten, und dann wird auch alles gut gehn, hurra!
-- Er wollte ihren Kopf zu sich ziehen, sie aber wandte sich ab und
lie sich von dem Steine hinabgleiten.

Er blieb sitzen, sie kam zurck, und mit den Armen auf seinen Knien
blieb sie stehn und sprach mit ihm, whrend sie zu ihm aufblickte. --
Hr einmal, yvind, wenn er nun aber will, da ich reisen soll, was
dann? -- Dann sollst du geradeheraus nein sagen. -- Lieber, geht
das wohl an? -- Er kann dich doch nicht in den Wagen hinaustragen.
-- Wenn er auch nicht gerade das tut, so kann er mich doch auf
mancherlei andre Weise zwingen. -- Das glaube ich nicht; Gehorsam
bist du ihm ja schuldig, solange es keine Snde ist; aber du bist es
ihm auch schuldig, ihn deutlich fhlen zu lassen, wie schwer es dir
diesmal wird, gehorsam zu sein. Ich glaube, er wird sich bedenken,
wenn er das sieht; jetzt glaubt er wie die meisten, da es nur
Kinderei sei. Zeig ihm, da es mehr ist. -- Du kannst mir glauben,
mit ihm ist nicht zu spaen. Er bewacht mich wie eine angepflckte
Gei. -- Aber du zerreit die Leine jeden Tag ein paarmal. -- Das
ist nicht wahr. -- Ja, jedesmal, wenn du heimlich an mich denkst, so
zerreit du sie. -- Ach so, ja! Bist du aber auch sicher, da ich so
oft an dich denke? -- Sonst st du nicht hier. -- Lieber, du
liet mir ja sagen, ich sollte hierherkommen. -- Aber du kamst, weil
deine Gedanken dich trieben. -- Oder auch, weil das Wetter so schn
war. -- Du sagtest vorhin, es sei zu warm. -- Den Berg
hinaufzugehn, ja, aber nicht, ihn wieder _hinab_zugehn. -- Weswegen
gingst du denn hinauf? -- Um wieder hinabspringen zu knnen. --
Weshalb bist du denn noch nicht gesprungen? -- Weil ich mich
ausruhen mute. -- Und weil du mit mir von Liebe plaudern wolltest.
-- Ich konnte dir ja gern die Freude machen, dich anzuhren. --
Whrend's Vglein sang -- -- und das andre schlief ein -- -- und die
Glocke erklang -- -- im grnen Hain.

In diesem Augenblick sahen sie beide Marits Grovater auf den Hof
hinaushumpeln und an die Glocke gehn, um die Leute zu wecken. Aus
Scheunen, Schuppen und Stuben kamen die Leute heraus, gingen
verschlafen zu den Pferden und den Harken, zerstreuten sich auf dem
Felde, und bald darauf herrschte berall wieder Leben und Arbeit. Nur
der Grovater ging aus dem einen Gebude heraus und in das andre
hinein, schlielich stieg er auf die hchste Scheunenbrcke und sah
sich um. Ein kleiner Junge kam auf ihn zugesprungen, wahrscheinlich
hatte er ihn gerufen. Darauf lief der Knabe richtig in der Richtung
fort, wo yvinds Elternhaus lag; der Grovater humpelte indes auf dem
Hof umher, indem er oft hinaufschaute und wohl keine Ahnung davon
hatte, da das Schwarze da droben auf dem 'Groen Stein' Marit und
yvind waren. Zum zweitenmal aber bereitete Marits groer Hund
Ungelegenheiten. Er sah ein fremdes Pferd auf die Heidehfe einlenken,
und da er glaubte, er befnde sich mitten in seinem Hofgeschft, so
fing er an, aus Leibeskrften zu bellen. Sie suchten den Hund zu
beschwichtigen, der aber war bse geworden und wollte nicht wieder
aufhren; unten stand der Grovater und starrte gerade in die Hhe.
Aber die Sache sollte noch schlimmer werden, denn alle Hirtenhunde
hrten voller Staunen die fremde Stimme und eilten herbei. Als sie
sahen, da es ein groer wolfhnlicher Riese war, fuhren alle die
struppigen Finnenhunde auf diesen einen ein; Marit erschrak so sehr,
da sie ohne Abschied davonlief. yvind strzte sich mitten in den
Kampf hinein, stie mit den Fen und schlug, aber sie verlegten nur
den Walplatz und fuhren dann unter grausamem Geheul und Gebeie wieder
aufeinander ein, er aufs neue hinterdrein, und so fort, bis sie sich
an das Ufer des Baches wlzten. Da lief er hinzu, und die Folge war,
da sie alle ins Wasser platschten, und zwar gerade da, wo es sehr
tief war; da zogen sie sich beschmt auseinander, und so endete diese
Waldschlacht. yvind ging durch den Wald, bis er an die Landstrae
gelangte, Marit aber begegnete dem Grovater oben an dem Hofzaun; das
hatte sie dem Hunde zu verdanken.

Wo kommst du her? -- Aus dem Walde. -- Was hast du da getan? --
Beeren gepflckt. -- Das ist nicht wahr. -- Nein, das ist es auch
nicht. -- Was hast du da getan? -- Ich habe mit jemand
gesprochen. -- Mit dem Huslerjungen? -- Ja. -- Hre nun, Marit,
morgen verreist du! -- Nein! -- Hre nun, Marit, ich will dir
jetzt eins sagen, nur das eine: du _sollst_ reisen! -- Du kannst
mich nicht in den Wagen heben! -- Ich? Kann ich das nicht? --
Nein, denn du willst es gar nicht. -- Ich will es nicht? Hre nun,
Marit, nur des Scherzes halber, siehst du, nur des Scherzes halber
will ich dir erzhlen, da ich diesem deinem Lumpenbub die Rippen im
Leibe zerschlagen will. -- Nein, das wagst du gar nicht. -- Ich
wage es nicht? Du sagst, ich wage es nicht? Wer sollte mir wohl etwas
tun; wer, wenn ich fragen darf? -- Der Schulmeister! -- Der Schul
-- Schul -- Schulmeister? Glaubst du, da der sich um ihn kmmert,
du? -- Ja, _er_ ist es, der ihn auf der Ackerbauschule erhalten
hat. -- Der Schulmeister? -- Der Schulmeister!

Hre nun, Marit, ich will von diesem Gelaufe nichts wissen, du mut
aus dem Kirchspiel fort! Du machst mir nichts als Kummer und Sorge; so
war es mit deiner Mutter auch, nichts als Kummer und Sorge. Ich bin
ein alter Mann, ich will dich gut versorgt sehen; ich will um dieser
Geschichte willen nicht wie ein Narr in der Leute Mund sein; ich will
ja nur dein Bestes, das mut du doch einsehen, Marit. Bald wird es mit
mir vorbei sein, dann stehst du da; wie wrde es deiner Mutter
ergangen sein, wenn ich nicht dagewesen wre? Hre nun, Marit, sei
verstndig, achte auf das, was ich dir sage, ich will nur dein
Bestes! -- Nein, das willst du nicht! -- So? Was will ich denn?
-- Deinen Willen haben willst du, weiter nichts; aber nach dem meinen
fragst du gar nicht. -- Du willst vielleicht auch schon einen Willen
haben, du Grnschnabel? Du willst dich vielleicht auf dein eignes
Beste verstehen, du, du Nrrin? Ich will dir die Rute geben, das will
ich, so gro und so lang du bist! Hre nun, Marit, ich will in aller
Freundlichkeit mit dir reden; du bist im Grunde gar nicht so verrckt,
du bist nur irregeleitet. Du mut mich anhren; ich bin ein alter,
vernnftiger Mann. Wir wollen ganz ruhig miteinander reden; es steht
gar nicht so gut mit mir, wie die Leute glauben; ein armer, loser
Vogel kann gar bald mit dem Wenigen davonfliegen, was ich habe; dein
Vater hat mein Vermgen arg mitgenommen, der. La uns in dieser Welt
fr uns selber sorgen, sie ist es nicht besser wert. Der Schulmeister
hat gut reden, denn der hat selber Geld; und der Pfarrer hat auch
Geld, die knnen gut predigen, die. Aber wir, die wir uns fr das
tgliche Brot abmhen mssen, mit uns ist es eine andre Sache. Ich bin
alt, ich bin erfahren, ich habe vielerlei gesehen; die Liebe, siehst
du, die mag ganz gut sein, dazu, da man davon redet, ja; aber das
taugt nichts; das ist ganz gut fr Pfarrersleute und solche Art, die
Bauern mssen die Sache anders auffassen. Erst das tgliche Brot,
siehst du, dann Gottes Wort, und dann ein wenig Schreiben und Rechnen,
und dann ein wenig Liebe, wenn sich das gerade so macht; aber es ntzt
dem Teufel was, mit der Liebe anzufangen und mit dem tglichen Brot
enden zu wollen! Was antwortest du darauf, Marit? -- Ich wei
nicht. -- Du weit nicht, was du darauf antworten sollst? -- Doch,
das wei ich. -- Nun denn? -- Soll ich es sagen? -- Gewi sollst
du es sagen. -- Ich halte groe Stcke auf die Liebe. -- Er stand
einen Augenblick ganz entsetzt da, dachte dann an die Hunderte von
hnlichen Gesprchen, die einen hnlichen Ausgang gehabt hatten,
schttelte den Kopf, wandte sich ab und ging.

Er fiel ber die Tagelhner her, schalt die Mgde, prgelte den groen
Hund und ngstigte ein kleines Huhn, das auf den Acker hinausgeraten
war, fast zu Tode. Zu ihr aber sagte er nichts.

Als Marit an diesem Abend hinaufging, um sich schlafen zu legen, war
sie so froh, da sie das Fenster ffnete, sich hinauslehnte und sang.
Sie hatte ein kleines, feines Liebeslied erhalten, das sang sie.

    Liebst du mich, wie ich
    Herzlich liebe dich,
    Fehlt mir nichts zu meinem Glcke.
    Ach wie ist so weit
    Nun die Sommerszeit;
    Doch sie kehrt im nchsten Jahr zurcke.

    Sitzt ein Vgelein
    Vor dem Fenster mein,
    Mit dem Schnabel pocht es an die Scheiben:
    Meine Liebe ists,
    Die mir sagt: Ihr wits,
    Treu, ja treu wollt ihr euch ewig bleiben!

    Und es zwitschert leis:
    Ob ers wirklich wei
    Hinterm Wald mit all den dichten Zweigen?
    Bricht die Nacht herein,
    Mchtst du bei ihm sein,
    Soll ich her zu dir den Weg ihm zeigen?

    Stille, rhr dich nicht!
    Nein, das tat ich nicht,
    Nicht ein Wort hab ich gesagt von Kssen;
    Hast du das gehrt,
    Warst du ganz betrt,
    Wrde mich ja vor ihm schmen mssen!

    Ungesprochnes Wort,
    Das kann doch nicht fort
    Huschen wie ein Vogel durch die Bume.
    Gute, gute Nacht!
    Ob dein Auge lacht,
    Liebster, heute mir durch meine Trume?

    Jetzt geh ich zur Ruh,
    Schlie die Augen zu,
    Botschaft wird von dir der Traum mir bringen.
    Mehr willst ja von mir,
    Mehr will ich von dir
    Nicht, als da dir leis die Ohren klingen.




12


Mehrere Jahre sind seit diesem letzten Auftritt vergangen.

Es ist Herbst, der Schulmeister kommt nach Nordistuen heraufgegangen,
ffnet die uere Tr, findet niemand zu Hause, ffnet noch eine Tr,
findet niemand zu Hause, geht dann immer weiter bis in die innerste
Kammer des langen Gebudes; dort sitzt Ole Nordistuen allein vor dem
Bett und betrachtet seine Hnde.

Der Schulmeister grt und wird willkommen geheien; er nimmt einen
Schemel und setzt sich vor Ole. Du hast einen Boten nach mir
geschickt, sagt er. -- Ja, das habe ich getan.

Der Schulmeister nimmt einen neuen Priem, sieht sich in der Kammer um,
greift nach einem Buche, das auf der Bank liegt, und blttert darin.
-- Was wolltest du denn von mir? -- Ich sitze hier gerade und denke
darber nach.

Der Schulmeister lt sich Zeit, zieht seine Brille hervor, um den
Titel des Buches zu lesen, putzt sie und setzt sie auf. -- Du wirst
nun alt, Ole. -- Ja, gerade darber wollte ich mit dir sprechen. Es
geht bergab mit mir, bald liege ich da. -- Dann sorge dafr, da du
eine sanfte Ruhe bekommst, Ole -- er schliet das Buch, sitzt da und
sieht nach dem Fenster hinaus.

Das ist ein gutes Buch, das du da in den Hnden hast. -- Es ist
nicht bel; bist du oft ber den Einband hinausgekommen, Ole? -- Hm;
in der letzten Zeit, da --

Der Schulmeister legt das Buch hin und steckt die Brille wieder ein.
-- Es geht dir jetzt wohl nicht nach Wunsch, Ole? -- Nach Wunsch
ist es mir nicht gegangen, solange ich zurckdenken kann. -- Ja, so
war es auch lange Zeit mit mir. Ich lebte in Unfrieden mit einem guten
Freund und wollte, _er_ sollte zu _mir_ kommen, und so lange war ich
unglcklich. Da kam ich auf den Gedanken, zu _ihm_ zu gehn, und
seither ist es mir wieder gut ergangen. -- Ole steht auf und
schweigt.

Der Schulmeister: Wie denkst du denn, da es mit dem Hofe geht, Ole?
-- Bergab, so wie mit mir selber. -- Wer soll ihn bernehmen, wenn
du fortgehst? -- Das ist es ja, was ich nicht wei; und das ist es
auch, was mich qult.

Deinen Nachbarn geht es jetzt gut, Ole. -- Ja, die haben auch den
Agronomen zur Hilfe, die.

Der Schulmeister wendet sich gleichgltig nach dem Fenster: Du
wrdest auch Hilfe haben, du auch, Ole. Viel gehn kannst du nicht
mehr, und vom neuen Stil hast du keine Ahnung. -- Ole: Da ist
niemand, der mir helfen wollte. -- Hast du schon darum _gebeten_?
-- Ole schweigt.

Schulmeister: Ich stand lange so mit dem lieben Gott, ich. 'Du bist
nicht gut mit mir,' sagte ich zu ihm. 'Hast du mich darum gebeten?'
fragte er. Nein, das hatte ich nicht getan; so bat ich denn, und
seither ist es sehr gut gegangen. -- Ole schweigt, aber nun schweigt
auch der Schulmeister.

Endlich sagt Ole: Ich habe eine Enkelin, sie wei, was mir Freude
machen wrde, ehe ich heimfahre, aber sie tut es nicht. -- Der
Schulmeister lchelt: Vielleicht wrde das ihr keine Freude machen.
-- Ole schweigt.

Schulmeister: Da sind viele Dinge, die dich bekmmern; aber soweit
ich verstehn kann, dreht es sich doch schlielich alles um den Hof.
-- Ole sagt leise: Er ist seit vielen Geschlechtern in der Familie
gewesen, und der Boden ist gut. Alles das, was Vater nach Vater im
Schweie des Angesichts geschaffen haben, liegt darin, aber jetzt will
hier nichts mehr gedeihen. Auch wei ich nicht, wenn sie mich nun
hinausfahren werden, wer hier dann einfahren wird. Aus diesem
Geschlechte wird er nicht sein. -- Die, die deiner Tochter Tochter
ist, wird das Geschlecht fortpflanzen. -- Aber der, den sie nimmt,
wie wird der auf dem Hofe wirtschaften? Das mu ich wissen, ehe ich
mich niederlege. Es hat Eile, Baard, mit mir und mit dem Hofe.

Sie schwiegen beide; endlich sagte der Schulmeister: Wollen wir nicht
ein wenig hinausgehn und uns auf dem Hofe umsehen bei dem schnen
Wetter? -- Ja, la uns das tun! Ich habe Arbeiter oben im Gebirge,
sie sollen Laub herunterholen, aber sie arbeiten nicht, wenn ich nicht
immer dabei stehe. -- Er humpelte hin, um die groe Mtze und den
Stock zu holen, und sagte derweil: Sie mgen nicht gern bei mir
arbeiten; ich begreife es nicht. -- Als sie glcklich hinausgekommen
waren und um die Ecke des Hauses bogen, blieb er stehn: Da siehst du
es! Keine Ordnung! Das Holz ist ringsumher geworfen, das Beil ist
nicht in den Block gehauen. -- Er bckte sich mhsam, hob es auf und
schlug es hinein. -- Da siehst du, da ein Fell heruntergefallen ist,
hat es aber jemand wieder aufgehngt? -- Er tat es selbst. -- Und
hier die Vorratskammer; meinst du, da die Treppe wieder weggenommen
ist? -- Er trug sie auf die Seite. Da blieb er stehn, sah den
Schulmeister an und sagte: So geht es tagaus, tagein.

Als sie bergauf gingen, hrten sie einen frhlichen Gesang von den
Bergabhngen herab. -- Ei, sie singen ja zur Arbeit, sagte der
Schulmeister. -- Das ist der kleine Knud stistuen, der da singt; er
holt Laub fr seinen Vater. Dort arbeiten meine Leute; die singen
sicher nicht. -- Dies ist doch keine von den Weisen aus dem
Kirchspiel, dies. -- Nein, ich hre es! -- yvind Pladsen ist viel
drben in stistuen gewesen; vielleicht ist es eine von denen, die er
mit heimgebracht hat, denn wo er ist, da wird gesungen. -- Hierauf
erfolgte keine Antwort.

Das Feld, ber das sie gingen, war nicht gut; es entbehrte der Pflege.
Der Schulmeister bemerkte es, und da blieb Ole stehn. -- Ich habe
keine Kraft mehr dazu, sagte er beinahe erschttert. -- Fremde
Arbeiter ohne Beaufsichtigung werden zu kostbar. Aber es ist schwer,
ber so ein Feld zu gehn, das kannst du mir glauben.

Als dann das Gesprch zwischen ihnen auf die Gre des Gehfts kam,
und was am meisten der Pflege bedrfe, beschlossen sie, den Abhang
hinaufzugehn, um das Ganze zu bersehen. Als sie endlich an einen
hochgelegnen Punkt gelangt waren und alles berblickten, war der Alte
sehr bewegt: Ich mchte dies alles nicht gern so verlassen. Wir haben
da unten gearbeitet, meine Vorfahren wie ich, aber es ist nichts davon
zu sehen.

Da erschallte unmittelbar ber ihnen ein Lied, aber mit der
eigentmlichen Schrfe gesungen, wie sie der Knabenstimme eigen ist,
wenn sie so recht drauflos singt. Sie waren nicht weit von dem Baum,
in dessen Wipfel der kleine Knud stistuen sa und Laub fr seinen
Vater abschlug, und sie muten auf den Knaben lauschen:

    Willst du auf den Berg hinauf
    Und dein Bndel schnren,
    Packe dir nicht mehr darauf,
    Als du leicht kannst fhren.
    Nimm nicht mit des Tales Zwang
    Auf die grnen Triften,
    Wirf ihn ab mit frohem Sang,
    La ihn in den Klften.

    Vgel gren dich vom Zweig,
    La den Klatsch da unten;
    Hher, immer hher steig,
    Und du wirst gesunden.
    Sing dir frei und leicht die Brust!
    Aus den Bschen blicken
    Kindheitstrume voller Lust,
    Gren dich und nicken.

    Schaust du in die Runde weit,
    Bleibst du lauschend stehen,
    Wird das Lied der Einsamkeit
    Mchtig dich umwehen.
    Leise nur die Bchlein gehn,
    Nur die Steine rollen;
    Du, du wirst es neu verstehn,
    Dein vergenes Wollen.

    Bebe nur, du bange Seel,
    Du wirst berwinden!
    Frieden wirst, was dich auch qul,
    Du dort droben finden.
    Mosen und Elias wirst
    Und den Herrn du schauen,
    Nicht mehr in der Fremde irrst
    Du mit Gottvertrauen.

Ole hatte sich niedergesetzt und sein Gesicht in den Hnden geborgen.
-- Hier will ich mit dir reden, sagte der Schulmeister und setzte
sich neben ihn.

       *       *       *       *       *

Unten in Pladsen war yvind eben von einer lngern Reise
zurckgekehrt, der Wagen stand noch vor der Tr, da das Pferd sich
ausruhen mute. Obwohl yvind jetzt einen guten Verdienst als
Bezirksagronom hatte, wohnte er doch noch bei den Eltern in seiner
kleinen Kammer unten in Pladsen und half ihnen in jeder freien
Stunde. Pladsen war nach jeder Richtung hin verbessert worden, aber es
war so klein, da yvind das Ganze Mutters Puppenstube nannte, denn es
war namentlich sie, die die Ackerwirtschaft betrieb.

Er hatte sich gerade umgezogen, der Vater war weibestubt aus der
Mhle heimgekehrt und hatte sich ebenfalls umgezogen. Sie standen
gerade da und sprachen darber, da sie vor dem Abendessen noch ein
wenig hinausgehn wollten, als die Mutter ganz bleich hereinkam: Es
kommen seltne Gste auf unser Haus zu, Lieber, sieh nur einmal
hinaus! -- Beide Mnner eilten ans Fenster, und yvind war es, der
zuerst ausrief: Das ist der Schulmeister und -- ja, ich glaube fast
-- ja natrlich ist ers! -- Ja, das ist der alte Ole Nordistuen,
sagte auch Thore, indem er sich vom Fenster abwandte, um nicht gesehen
zu werden; denn die beiden waren schon vor dem Hause.

yvind erhielt einen Blick von dem Schulmeister, als er das Fenster
verlie. Baard lchelte und sah nach dem alten Ole zurck, der an
seinem Stock mit den kleinen kurzen Schritten dahergehumpelt kam,
wobei er immer das eine Bein etwas hher hob als das andre.

Man hrte den Schulmeister drauen sagen: Er ist offenbar erst eben
wieder heimgekommen; worauf Ole zweimal: Na na! antwortete.

Sie standen lange drauen auf der Diele still; die Mutter hatte sich
in der Ecke verkrochen, wo das Milchbort stand, yvind hatte seinen
Lieblingsplatz eingenommen, indem er sich nmlich mit dem Rcken gegen
den groen Tisch lehnte und das Gesicht der Tr zuwandte, der Vater
sa neben ihm. Endlich wurde angeklopft, und herein trat der
Schulmeister und nahm den Hut ab, dann kam Ole, der ebenfalls die
Mtze abnahm, worauf er sich nach der Tr umkehrte, um sie zu
schlieen. Alle seine Bewegungen waren langsam, er war offenbar
verlegen. Thore erhob sich und bat sie, Platz zu nehmen; sie setzten
sich nebeneinander auf die Bank vor das Fenster, Thore setzte sich
auch wieder.

Aber so, wie ich es nun erzhle, trug sich die Werbung zu.

Der Schulmeister: Wir haben doch noch schnes Wetter diesen Herbst
bekommen. -- Thore: Das hat sich nun so gewandt. -- Der Wind wird
sich wohl noch lange halten, da er nach der Richtung hin umgeschlagen
ist. -- Seid ihr da oben mit der Ernte fertig? -- Noch nicht; Ole
Nordistuen hier, den du vielleicht kennst, mchte gern deine Hilfe
haben, yvind, falls sonst nichts im Wege ist. -- yvind: Wenn er
sie verlangt, will ich tun, was ich vermag. -- Ja, so auf den
Augenblick meinte er es eigentlich nicht. Er findet, da es nicht
recht vorwrtsgeht mit dem Hofe, und er glaubt, da es an der
richtigen Methode und der ntigen Aufsicht fehlt. -- yvind: Ich bin
nur so wenig zu Hause. -- Der Schulmeister sieht Ole an. Dieser
fhlt, da er jetzt ins Feuer rcken mu, ruspert sich ein paarmal
und beginnt dann kurz und bndig: Es war -- es ist -- ja, meine
Absicht war, da du ein festes -- ja, da du da oben bei uns wie zu
Hause sein sollst -- da du da sein sollst, wenn du nicht auswrts
bist. -- Vielen Dank fr das Anerbieten, aber ich mchte gern da
wohnen bleiben, wo ich wohne. -- Ole sieht den Schulmeister an, und
dieser sagt: Ole scheint heute nicht den rechten Ausdruck finden zu
knnen. Die Sache ist die, da er schon frher einmal hier gewesen
ist, und die Erinnerung daran verwirrt ihn, so da er die Worte nicht
recht finden kann. -- Ole rasch: So ist es, ja; es war ein dummer
Streich von mir, aber ich hatte mich so lange mit dem Mdchen
herumgezankt, bis mir schlielich die Geduld ri. Lat es aber
vergessen und vergeben sein. Der Wind schlgt das Korn nieder, nicht
aber ein kalter Lufthauch. Der Regenbach lst keine groen Steine;
Schnee im Mai bleibt nicht lange liegen; es ist nicht der Donner, der
die Menschen erschlgt. -- Sie lachen alle vier; der Schulmeister
sagt: Ole meint, du sollst nicht lnger daran denken, und du auch
nicht, Thore. -- Ole sieht sie an und wei nicht, ob er fortfahren
darf. Da sagt Thore: Der Dornbusch greift mit vielen Zhnen zu, aber
er reit keine Wunden. In mir haftet kein Dorn mehr. -- Ole: Ich
kannte den Burschen damals nicht. Jetzt sehe ich, da es wchst, wenn
er st; der Herbst entspricht dem Frhling, in seinen Fingerspitzen
sitzt Geld, und ich mchte ihn gern fest haben.

yvind sieht den Vater und dieser die Mutter an, die ihrerseits wieder
zu dem Schulmeister hinberblickt, und dann sehen alle ihn an. -- Ole
meint, er habe einen groen Hof. -- Ole unterbricht ihn: Einen
groen Hof, aber schlecht bewirtschaftet; ich kann nicht mehr, ich
bin alt, und die Beine wollen nicht mehr so wie der Kopf. Aber es
verlohnte sich schon, da oben alle Kraft dranzusetzen. -- Es ist der
grte Hof im Kirchspiel, und zwar weitaus, fllt der Schulmeister
ein. -- Der grte Hof im Kirchspiel, das ist ja gerade das Unglck,
denn groe Schuhe verliert man; es ist ganz schn, wenn das Gewehr gut
ist, aber man mu es heben knnen! Und indem er sich schnell zu
yvind wendet: Du knntest vielleicht mit zugreifen, du? -- Ich
sollte also Verwalter auf dem Hofe sein? -- Freilich, ja; du sollst
den Hof ja haben. -- Soll ich den Hof _haben_! -- Freilich, ja;
dann wirst du ihn wohl verwalten. -- Aber -- -- Ole sieht den
Schulmeister verwundert an. -- yvind fragt noch, ob er Marit auch
haben soll? -- Ole schnell: Marit mit in den Kauf, Marit mit in den
Kauf! -- Da lachte yvind hell auf und sprang hoch in die Hhe, und
alle drei stimmen in sein Lachen ein. yvind rieb sich die Hnde, lief
in der Stube auf und nieder und wiederholte einmal ber das andre:
Marit mit in den Kauf! Marit mit in den Kauf! -- Thore lachte, da
es laut schluchzte; die Mutter sah den Sohn von ihrer Ecke aus
unverwandt an, bis ihr die Trnen in die Augen traten.

Ole sehr gespannt: Wie denkst du ber den Hof? -- Vorzglicher
Boden! -- Vorzglicher Boden, nicht wahr? -- Unvergleichliche
Weiden! -- Unvergleichliche Weiden! Wird es wohl gehn? -- Es soll
der beste Hof im ganzen Bezirk werden! -- Der beste Hof im ganzen
Bezirk! Glaubst du das, meinst du das? -- So wahr ich hier stehe.
-- Ja, habe ich das nicht gesagt? -- Sie sprachen beide gleich
schnell und paten zueinander wie zwei Wagenrder. -- Aber Geld,
siehst du, Geld, ich habe kein Geld! -- Ohne Geld geht es langsam,
aber es wird schon gehn! -- Es geht! Freilich wird es gehn! Aber
htten wir Geld, ginge es schneller, meinst du? -- Ungleich
schneller! -- Ungleich schneller? Htten wir doch Geld! Nun ja, wer
nicht mehr alle Zhne hat, kann auch kauen; wer mit Ochsen fhrt,
kommt auch ans Ziel.

Die Mutter stand da und blinkte Thore zu, der sie kurz, aber hufig
von der Seite angesehen hatte, whrend er sich mit dem Oberkrper hin
und her wiegte und mit seinen Hnden ber die Knie hinabstrich; der
Schulmeister zwinkerte ihm zu, Thore ffnete den Mund, rusperte sich
ein wenig und nahm einen Anlauf, aber Ole und yvind sprachen
unaufhrlich durcheinander, lachten und lrmten, so da kein andrer zu
Worte kommen konnte.

Ihr mt einen Augenblick schweigen, Thore hat auch etwas zu sagen,
fiel ihnen der Schulmeister in die Rede; sie halten inne und sehen
Thore an. Endlich beginnt dieser ganz leise: Auf dieser Stelle ist es
immer so gewesen, da wir eine Mhle gehabt haben; in der letzten Zeit
war es so, da wir sogar zwei gehabt haben. Diese Mhlen haben immer,
jahraus, jahrein, einen kleinen Groschen eingebracht; aber weder mein
Vater noch ich haben von dem Gelde gebraucht, ausgenommen damals, als
yvind fort war. Der Schulmeister hat das Geld verwaltet, und er sagt,
es htte da, wo es untergebracht ist, gute Zinsen getragen. Aber nun
wird es wohl das beste sein, wenn yvind es fr Nordistuen bekommt.
-- Die Mutter stand hinten in ihrer Ecke und machte sich ganz klein,
aber sie betrachtete Thore mit strahlender Freude, der sehr ernsthaft
dasa und beinahe dumm aussah. Ole Nordistuen sa ihm mit weit
geffnetem Munde gegenber. yvind war der erste, der sich von seiner
berraschung erholte. Ist es nicht, als ob das Glck mich verfolgte!
schrie er, ging durch das Zimmer auf den Vater zu und klopfte ihm auf
die Schulter, da es klatschte. -- Du, Vater! sagte er, rieb sich
die Hnde und ging weiter.

Wieviel Geld mag es wohl sein? fragte endlich Ole den Schulmeister,
aber leise. -- Es ist gar nicht so wenig. -- Einige Hundert? --
Ein wenig mehr. -- Ein wenig mehr? yvind, ein wenig mehr! Gott
bewahr mich, was fr ein Hof soll das werden! Er erhob sich und
lachte laut.

Ich mu dich zu Marit hinaufbegleiten, sagt yvind; wir nehmen den
Wagen, der drauen steht, dann geht es schnell. -- Ja, schnell,
schnell! Willst du auch immer alles schnell haben? -- Ja, schnell
und wie toll! -- Schnell und wie toll! Akkurat so wie ich in meiner
Jugend, akkurat so! -- Hier ist die Mtze und der Stock, jetzt jage
ich dich fort! -- Du jagst mich fort? Ha ha! Aber du kommst mit,
nicht wahr, du kommst mit? Kommt ihr andern auch mit! Heute abend
mssen wir beisammensitzen, solange Glut in der Kohle ist; kommt mit!
-- Sie versprachen es, yvind half ihm auf den Wagen hinauf, und sie
fuhren davon, nach Nordistuen. Da oben war der groe Hund nicht der
einzige, der sich wunderte, als Ole Nordistuen mit yvind Pladsen auf
den Hof gefahren kam. Whrend yvind ihm vom Wagen herunterhalf und
Gesinde und Tagelhner sie angafften, kam Marit auf die Diele heraus,
um zu sehen, weshalb der Hund so anhaltend bellte, blieb aber wie
festgewurzelt stehn, wurde glhendrot und lief wieder hinein. Der alte
Ole rief indessen so entsetzlich nach ihr, sobald sie in die Stube
gekommen waren, da sie wieder zum Vorschein kommen mute. -- Geh hin
und putz dich, Mdchen, hier steht der, der den Hof haben soll!

Ist das wahr? ruft sie, ohne es selber zu wissen, so laut, da es
schallt. -- Ja, es ist wahr! antwortet yvind und klatscht in die
Hnde. Da dreht sie sich auf dem Absatz herum, wirft das, was sie in
der Hand hat, hin und luft hinaus; yvind ihr nach.

Bald kommen der Schulmeister, Thore und seine Frau; der Alte hatte
Licht angezndet und ein weies Tischtuch ber den Tisch breiten
lassen. Wein und Bier wurde gereicht, und er selber ging unablssig
umher, hob die Beine noch hher als gewhnlich, aber doch bestndig
den rechten Fu etwas hher als den linken.

Ehe diese kleine Erzhlung aus ist, mu noch berichtet werden, da
yvind und Marit fnf Wochen spter in der Kirche des Sprengels
getraut wurden. Der Schulmeister leitete selbst an diesem Tage den
Gesang, da sein Hilfskster krank war. Seine Stimme klang jetzt ein
wenig dnn, denn er war alt; yvind aber meinte, es tue gut, ihn zu
hren. Und als er Marit die Hand gegeben und sie an den Altar gefhrt
hatte, nickte ihm der Schulmeister vom Chore herab zu, gerade so, wie
yvind es gesehen hatte, als er bei jenem Tanzfest so traurig dasa;
er nickte wieder, whrend ihm die Trnen in die Augen traten.

Jene Trnen bei dem Tanze waren der Ursprung von diesen gewesen, und
zwischen ihnen lag sein Glaube und seine Arbeit.

Hier endet die Geschichte von dem frhlichen Burschen.




  [ Im folgenden sind die nderungen am Originaltext aufgefhrt.
    Unter der Beschreibung der nderung steht jeweils zuerst die
    Textstelle im Original, dann die genderte Textstelle.


    es gendert zu er:
    Abend kam, tat es das. Er ging auf die Stubentr zu und lauschte; da
    Abend kam, tat er das. Er ging auf die Stubentr zu und lauschte; da

    Knudstocher gendert zu Knudstochter:
    Jetzt hab ich fr diesmal nichts mehr zu schreiben und deswegen lebe
    wohl!
                                              Marit Knudstocher.
    Jetzt hab ich fr diesmal nichts mehr zu schreiben und deswegen lebe
    wohl!
                                              Marit Knudstochter.

    Doppeltes sich gelscht:
    festlichen Stimmung. Sie setzten sich sich hin, um zu essen, aber es
    festlichen Stimmung. Sie setzten sich hin, um zu essen, aber es

    da߫ gendert zu das:
    nicht mglich, langsamer zu sprechen. All das Neue, da er auf
    nicht mglich, langsamer zu sprechen. All das Neue, das er auf

    Jungen gendert zu Jahren:
    dabei einen gewaltigen Sprung im Tone. Er war in seinen jungen Jungen
    dabei einen gewaltigen Sprung im Tone. Er war in seinen jungen Jahren

    Fehlendes ist ergnzt:
    da unten gearbeitet, meine Vorfahren wie ich, aber es nichts davon
    da unten gearbeitet, meine Vorfahren wie ich, aber es ist nichts davon

    Er gendert zu Es:
    aber es wird schon gehn! -- Er geht! Freilich wird es gehn! Aber
    aber es wird schon gehn! -- Es geht! Freilich wird es gehn! Aber

  ]





End of Project Gutenberg's Ein frhlicher Bursch, by Bjrnstjerne Bjrnson

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN FRHLICHER BURSCH ***

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