The Project Gutenberg EBook of Visionen und andere phantastische
Erzhlungen, by Iwan Turgenjew

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Title: Visionen und andere phantastische Erzhlungen

Author: Iwan Turgenjew

Translator: Alexander Eliasberg

Release Date: June 7, 2011 [EBook #36349]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VISIONEN ***




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  Der Liebhaberbibliothek siebzehnter Band




  [Illustration: IWAN TURGENJEW]




  Iwan Turgenjew

  Visionen und andere
  phantastische Erzhlungen


  Deutsch
  von
  Alexander Eliasberg


  Erstes bis fnftes Tausend

  Gustav Kiepenheuer Verlag
  Weimar 1914




  Fr Max Mell

                A. E.




Inhaltsverzeichnis


                                               Seite

  Drei Begegnungen (1861)                          7

  Visionen (1863)                                 58

  Der Hund (1866)                                110

  Das Lied der triumphierenden Liebe (1881)      139

  Ein Traum (1876)                               175




Drei Begegnungen


    Passa quei' colli e vieni allegramente,
    Non ti curar di tanta compagnia--
    Vieni, pensando a me segretamente--
    Ch'io t'accompagna per tutta la via.


I.

Vor Jahren jagte ich mit besonderer Vorliebe in der Nhe des Kirchdorfes
Glinnoje, das etwa zwanzig Werst von meinem Gute entfernt liegt. Es ist
wohl das beste Jagdgebiet im ganzen Landkreise. Nachdem ich alle Felder
und Gebsche nach Wild abgesucht hatte, ging ich noch regelmig gegen
abend zum Moorgrunde -- es war der einzige Moorgrund in der ganzen
Gegend -- und begab mich erst von dort zu meinem gastfreundlichen Wirte,
dem Dorfschulzen von Glinnoje, bei dem ich in der Jagdzeit immer
Quartier nahm. Vom Moor hatte ich bis zum Dorfe kaum zwei Werst zu
gehen; der Weg fhrte durch eine Niederung, und nur auf der halben
Strecke mute ich ber einen nicht sehr hohen Hgel steigen. Auf diesem
Hgel liegt ein kleiner Landsitz, der aus einem unbewohnten
Herrschaftshaus und einem Garten besteht. Ich kam fast immer whrend des
Sonnenuntergangs vorbei, und das von den Strahlen der Abendsonne
bergossene Haus mit den vernagelten Fensterlden erinnerte mich
jedesmal an einen blinden Greis, der aus seinem Kmmerchen
hervorgekrochen war, um sich in der Sonne zu wrmen. Der arme Greis
sitzt so allein an der Strae; statt des Sonnenlichtes sieht er schon
lngst nur ewiges Dunkel; er fhlt aber noch die Sonne auf seinem
Gesicht, das er zu ihr wendet, und auf seinen erwrmten Wangen. Das Haus
sah so aus, als ob darin schon lange niemand gewohnt htte; doch im
winzigen Hofgebude wohnte ein freigelassener Leibeigener, ein
hochgewachsener Greis mit silberweiem Haar und ausdrucksvollem, doch
immer unbeweglichem Gesicht. Er sa meistens auf der Bank vor dem
einzigen Fenster seines Huschens und blickte nachdenklich und bekmmert
in die Ferne; so oft er mich sah, erhob er sich von der Bank und
verbeugte sich vor mir mit jener langsamen Feierlichkeit, die nur den
Leibeigenen der alten Zeit, die zur Generation unserer Grovter und
nicht zu der unserer Vter gehren, eigen ist. Ich versuchte manchmal,
ihn in ein Gesprch zu ziehen, er war aber ungewhnlich wortkarg: das
einzige, was ich von ihm erfahren konnte, war, da das Gut, in dem er
wohnte, der Enkelin seines frheren Herrn gehrte, einer Witwe, die noch
eine jngere Schwester hatte; da die beiden irgendwo hinter dem Meere
wohnten und das Gut niemals aufsuchten; da er selbst nur den einen
Wunsch hatte, baldmglichst sein Leben zu beschlieen: Ich kaue und
kaue meinen Bissen Brot, und manchmal rgert es mich, da ich so lange
daran kauen mu. Dieser Greis hie Lukjanytsch.

Einmal jagte ich lnger als gewhnlich; es gab besonders viel Wild, ich
scho gut, auch war das Wetter ganz besonders fr die Jagd geeignet --
vom frhen Morgen an war der Tag still, trb, gleichsam vom Abend
durchdrungen. Ich war weit vom Dorfe abgekommen, und als ich den
bekannten Landsitz erreichte, war es nicht nur ganz dunkel geworden,
sondern auch der Mond war schon aufgegangen, und die Nacht beherrschte
den Himmel. Ich mute am Garten vorbei; ringsumher war eine seltsame
Stille...

Ich durchquerte die breite Landstrae, bahnte mir vorsichtig den Weg
durch die staubbedeckten Brennesseln hindurch, lehnte mich an die
niedere Hecke und sah in den Garten hinein. Der nicht sehr groe Garten
lag vor mir regungslos, ganz vom silbernen Mondlicht berflutet und
gleichsam beruhigt, feucht und duftend; er war nach alter Mode angelegt
und bestand aus einer lnglichen Rasenflche, die von schnurgeraden
Wegen durchschnitten war; die Wege trafen sich in ihrer Mitte bei einem
runden Beet, auf dem Astern wucherten; hohe Lindenbume umrahmten das
Ganze wie mit gleichmigem Band. Dieses Band war nur an einer Stelle
auf der Strecke von etwa zwei Klaftern durchbrochen, und durch diese
ffnung konnte man ein Stck des niedrigen Herrenhauses sehen; zwei
Fenster des Hauses waren zu meinem grten Erstaunen erleuchtet. Hie und
da standen auf der Rasenflche junge Apfelbume, und durch ihre dnnen
Zweige hindurch blaute der milde Nachthimmel und flutete das
einschlfernde Mondlicht; vor jedem der Apfelbume lag auf dem silbrig
schimmernden Rasen sein Schatten. Auf der einen Seite des Parkes waren
die Linden vom Mondlicht bergossen und standen bleich und grn da; auf
der anderen Seite waren sie schwarz und undurchsichtig; in ihrem dichten
Laub erhob sich ab und zu ein seltsames verhaltenes Geflster; es war
mir, als ob sie mich in ihren Schatten auf die sich zwischen ihnen
verlierenden Gartenwege locken wollten. Der ganze Himmel war voller
Sterne; ihr blaues, mildes Licht ergo sich geheimnisvoll ber die Erde,
auf die sie still, doch gespannt herabzublicken schienen. Leichte
Wlkchen zogen ab und zu an der Mondscheibe vorbei und verwandelten
ihren ruhigen Glanz in einen verschwommenen doch hellen Nebelfleck ...
Alles schlief. Die durch und durch warme, durch und durch duftende Luft
war regungslos; ab und zu erzitterte sie so leise, wie das von einem
herabgefallenen Zweig erschtterte Wasser ... In allen Dingen lag eine
eigentmliche Sehnsucht, eine Erwartung ... Ich beugte mich ber die
Hecke: gerade vor mir erhob sich aus dem verwilderten Gras eine
Mohnblume auf ihrem schlanken Stengel; ein groer runder Tautropfen
glnzte matt auf dem Boden des Bltenkelches. Alles schlief, alles
trumte einen sen Traum; alles stand regungslos da, blickte nach oben
und wartete ... Worauf wartete diese warme, wache Nacht?

Sie wartete auf einen Laut; diese lauschende Stille wartete auf eine
lebendige Stimme, -- doch alles schlief. Die Nachtigallen hatten schon
lange zu schlagen aufgehrt ... und das pltzliche Summen eines
vorbeifliegenden Kfers, das Schnappen der Fische im Setzteiche hinter
den Linden am anderen Ende des Gartens, das Zwitschern eines
verschlafenen Vogels, ein Schrei in weiter Ferne, so weit, da kein Ohr
unterscheiden konnte, ob es ein Mensch, ein Tier oder ein Vogel war, --
ein kurzes rasches Getrabe auf der Strae: alle diese schwachen Tne
vertieften nur die Stille ... Mein Herz war von einem eigentmlichen
Gefhl erfllt; es war wie eine Erwartung und zugleich wie die
Erinnerung an ein entschwundenes Glck; ich wagte mich nicht zu rhren,
ich stand unbeweglich vor dem regungslosen, vom Mondlicht und Tau
bergossenen Garten und blickte, ohne selbst zu wissen warum, unverwandt
auf die beiden Fenster, die rtlich durch das weiche Dunkel schimmerten.
Und pltzlich ertnte im Hause ein Akkord, -- er ertnte und rollte wie
eine Woge durch die Stille ... Die unheimlich klingende Luft antwortete
mit einem lauten Echo ... Ich fuhr unwillkrlich zusammen.

Dem Akkord folgte eine weibliche Stimme ... Ich horchte gespannt auf und
... wie soll ich nur mein Erstaunen schildern? -- vor zwei Jahren hatte
ich in Italien, in Sorrent dasselbe Lied und dieselbe Stimme gehrt ...
Ja, ja...

    Vieni pensando a me segretamente...

Ja, ich habe die Tne erkannt ... Es war damals so gewesen: Nach einem
lngeren Spaziergang am Meeresstrande kehrte ich heim. Ich ging mit
schnellen Schritten die Gasse entlang; die Nacht war schon lngst
hereingebrochen, -- eine herrliche sdliche Nacht, keine stille und
melancholische wie bei uns, sondern eine helle, strahlende und ppige
Nacht, schn wie eine glckliche Frau in der Blte ihres Alters; das
Mondlicht war ungewhnlich hell; die groen strahlenden Sterne schienen
sich auf dem dunklen Himmel zu bewegen; die schwarzen Schatten hoben
sich scharf auf der vom Mondlicht fast gelb gefrbten Erde ab. Zu beiden
Seiten der Strae zogen sich Gartenmauern hin; Orangenbume erhoben
hinter ihnen ihre krummen ste, mit schweren goldenen Frchten beladen,
die bald aus dem dichten Laube hervorschimmerten und bald unverhllt, im
vollen Mondlichte, glhten. Auf vielen Bumen leuchteten zarte weie
Blten; die Luft war von einem starken, fast unertrglichen, doch
unbeschreiblich sen Duft erfllt. Whrend ich so nach Hause ging,
waren mir alle diese Wunder, offen gesagt, nicht mehr neu; ich hatte nur
den einen Wunsch, -- mglichst schnell mein Hotel zu erreichen. Und
pltzlich erklang aus einem kleinen Pavillon, der sich ber einer
Gartenmauer erhob, eine weibliche Stimme. Sie sang ein Lied, das ich
nicht kannte, doch in den Tnen lag etwas so sehr Lockendes, die Stimme
selbst schien von einer so leidenschaftlichen und glcklichen Erwartung,
die wohl auch in den Worten des Liedes lag, durchdrungen, da ich
unwillkrlich stehen blieb und den Kopf hob. Im Pavillon waren zwei
Fenster; doch die Jalousien waren herabgelassen, und durch die schmalen
Spalten drang ein ganz schwacher Lichtschein. Die Stimme wiederholte
noch zweimal die Worte Vieni, vieni und hielt inne; dann lie sich
noch ein leises Klirren von Saiten vernehmen, als ob eine Gitarre auf
einen Teppich gefallen wre, ein Kleid rauschte, ein Dielenbrett knarrte
... Die hellen Lichtstreifen in einem der Fenster erloschen: jemand war
von innen ans Fenster getreten und hatte sich gegen das Fensterkreuz
gelehnt. Ich trat zwei Schritte zurck. Pltzlich knarrte das Fenster,
der Laden wurde aufgeklappt; eine schlanke Frauengestalt, ganz wei
gekleidet, steckte fr einen Augenblick ihren reizenden Kopf heraus und
rief, die Arme gleichsam nach mir ausstreckend: Sei tu? Ich war ganz
verwirrt und wute nicht, was ich sagen sollte, doch die Unbekannte
schrie in diesem Augenblick schwach auf und prallte zurck; der Laden
wurde wieder zugeschlagen, und der Lichtschein wurde auf einmal matter,
als ob man die Lampe in ein anderes Zimmer getragen htte. Ich blieb
unbeweglich stehen und konnte lange nicht zu mir kommen. Das Gesicht der
Frau, das ich in diesem kurzen Augenblick gesehen hatte, war
unbeschreiblich schn. Es war viel zu schnell meinen Blicken
entschwunden, als da ich mir jeden einzelnen Zug htte merken knnen;
doch der ganze Eindruck war ungemein stark und tief ... Ich hatte schon
damals das Gefhl, da ich dieses Gesicht nie vergessen werde ... Das
Mondlicht bergo die Wand des Pavillons und fiel gerade auf jenes
Fenster, in dem ich sie erblickt hatte; mein Gott! -- wie wunderbar
glnzten im Mondlicht ihre groen dunklen Augen! Wie herrlich fielen
ihre halbaufgelsten, schwarzen Flechten auf die runde Schulter herab!
Wie viel verschmte Zrtlichkeit lag in der leichten Neigung ihres
Oberkrpers, wie viel Liebessehnsucht in ihrer Stimme, als sie mich
anrief, -- wie hell klang das rasche Flstern! Nachdem ich noch recht
lange an dieser Stelle gestanden hatte, trat ich etwas zur Seite, in den
Schatten der gegenberliegenden Mauer und blickte von dort aus
verstndnislos und etwas blde auf den Pavillon. Ich lauschte ...
lauschte gespannt und aufmerksam ... Ich glaubte hinter dem dunkel
gewordenen Fenster bald ein leises Atmen zu hren, bald ein seltsames
Rascheln und ein leises Lachen. Pltzlich hrte ich in der Ferne
Schritte ... sie kamen immer nher; am Ende der Strae zeigte sich ein
Mann von gleichem Wuchse wie ich; er kam mit schnellen Schritten zu der
Pforte, die in der Mauer dicht neben dem Pavillon angebracht war und die
ich vorher nicht bemerkt hatte, klopfte zweimal, ohne sich umzublicken,
mit dem eisernen Ring, wartete eine Weile, klopfte noch einmal und
stimmte leise an: Ecco ridente... Die Pforte ging auf und er
schlpfte lautlos hinein. Ich fuhr auf, schttelte den Kopf, spreizte
die Arme auseinander, drckte mir den Hut in die Stirne und ging
ziemlich mivergngt nach Hause. Am nchsten Tage ging ich bei der
grlichen Sonnenglut wohl zwei Stunden lang in der Strae am Pavillon
auf und ab, doch ohne jeden Erfolg. Am gleichen Abend verlie ich aber
Sorrent, ohne Tassos Haus besichtigt zu haben.

Mag sich nun der Leser das Erstaunen vorstellen, das mich ergriff, als
ich in der Steppe, in einer der gottvergessensten Gegenden Rulands die
gleiche Stimme und das gleiche Lied wiedererkannte ... Jetzt wie damals
war es in der Nacht; wie damals erklang die Stimme ganz pltzlich aus
einem erleuchteten unbekannten Zimmer; wie damals war ich ganz allein.
Das Herz klopfte mir und ich fragte mich, ob das Ganze nicht ein Traum
sei. Da erklang das letzte Vieni ... Wird denn auch jetzt das Fenster
aufgehen? Wird sich wieder eine Frauengestalt zeigen? Das Fenster ging
auf. In seinem Rahmen erschien eine Frau. Ich erkannte sie sofort,
obwohl ich fnfzig Schritt von ihr entfernt war, obwohl der Mond in
diesem Augenblick von einem leichten Wlkchen verdeckt war. Es war sie,
meine Unbekannte aus Sorrent. Diesmal streckte sie aber nicht wie damals
ihre entblten Arme vor sich aus, sondern hielt sie auf dem
Fensterbrett gekreuzt und blickte stumm und unbeweglich in den Garten.
Ja, sie war es, es waren ihre unvergelichen Zge, ihre
unvergleichlichen Augen. Sie trug wieder ein weites weies Gewand,
schien aber etwas voller als in Sorrent. Ihr ganzes Wesen atmete
Siegesbewutsein und Liebe, triumphierende, ruhige, glckliche
Schnheit. Sie blieb ziemlich lange unbeweglich am Fenster stehen,
blickte dann ins Innere des Zimmers zurck, richtete sich pltzlich auf
und rief dreimal mit lauter und heller Stimme: Addio! Die herrlichen
Tne ihrer Stimme hallten weit durch die Nacht, zitterten lange nach und
erstarben ber den Linden des Gartens, im Felde hinter mir und berall.
Alles um mich her wurde fr einige Augenblicke von dieser Frauenstimme
erfllt, alles widerhallte die Stimme, sie selbst schien in allen Dingen
zu tnen ... Sie schlo das Fenster, und nach einigen Augenblicken
erlosch auch das Licht im Hause.

Als ich wieder zu mir kam -- ich mu gestehen, da es noch eine ganze
Weile dauerte -- ging ich sofort am Garten entlang zum versperrten Tor
und blickte ber den Zaun. Im Hofe konnte ich nichts Auergewhnliches
wahrnehmen; in einer Ecke stand unter einem Schuppen ein Reisewagen. Der
Vorderteil des Wagens war mit Straenkot bespritzt und schien im
Mondlichte grellwei. Die Lden des Hauses waren wie immer geschlossen.
Ich verga vorher zu sagen, da ich vor diesem Tage eine ganze Woche
nicht in Glinnoje gewesen war. Ich ging ber eine halbe Stunde ganz
verdutzt vor dem Zaune auf und ab, so da ich zuletzt die Aufmerksamkeit
des alten Hofhundes auf mich lenkte; er bellte mich aber nicht an,
sondern sah mich ungewhnlich ironisch mit seinen zusammengekniffenen
halbblinden Augen an. Ich verstand den Wink und zog mich zurck. Ich war
aber noch nicht eine halbe Werst gegangen, als ich pltzlich hinter mir
den Hufschlag eines Pferdes hrte ... Nach einigen Augenblicken sprengte
ein Reiter auf einem Rappen an mir vorbei; fr einen kurzen Augenblick
wandte er mir sein Gesicht zu, so da ich unter der tief in die Stirne
gedrckten Mtze eine Adlernase und einen schnen dichten Schnurrbart
sehen konnte; er schwenkte vom Wege nach rechts ab und verschwand sofort
im Walde. Das ist er also, sagte ich mir mit einem eigentmlichen
Gefhl. Ich glaubte ihn erkannt zu haben; seine Figur erinnerte wirklich
an die des Unbekannten, den ich zu Sorrent in die Gartenpforte eintreten
gesehen hatte. Nach einer halben Stunde war ich schon in Glinnoje. Ich
weckte meinen Quartierwirt und begann ihn sofort auszufragen, wer im
Nachbarsgute angekommen sei. Als er endlich begriff, was ich von ihm
wollte, antwortete er mir, da die Gutsherrinnen eingetroffen seien.

Was fr Gutsherrinnen? fragte ich ungeduldig.

Nun, die Herrschaften, antwortete er sehr trge.

Ja, was fr Herrschaften?

Nun, wie Herrschaften eben sind...

Sind sie Russinnen?

Was denn sonst? Selbstverstndlich Russinnen.

Nicht Auslnderinnen?

Wie?

Sind sie schon lange hier?

Nein, erst seit kurzem.

Bleiben sie lange hier?

Das wei ich nicht.

Sind sie reich?

Auch das wei ich nicht. Vielleicht sind sie reich.

Ist nicht auch ein Herr mit ihnen gekommen?

Ein Herr?

Ja, ein Herr!

Der Schulze seufzte auf.

O Gott! sagte er ghnend. N--n--nein, ein Herr ist nicht dabei ...
Ich glaube nicht, da einer dabei ist. Ich wei es nicht! fgte er
pltzlich hinzu.

Was gibt es hier noch fr Nachbarn in der Nhe?

Was fr Nachbarn? Nun, es sind eben verschiedene da.

Verschiedene? Und wie heien sie?

Wer -- die Gutsherrinnen oder die Nachbarn?

Die Gutsherrinnen.

Der Schulze seufzte wieder auf.

Wie sie heien? murmelte er. Gott wei, wie sie heien! Die ltere
heit, glaube ich, Anna Fjodorowna, und die Jngere ... Nein, ich wei
nicht, wie die Jngere heit.

Weit du wenigstens, wie sie mit ihrem Familiennamen heien?

Familiennamen?

Ja, mit dem Familiennamen, dem Zunamen.

Zunamen ... Ja so. Das wei ich bei Gott nicht.

Sind sie noch jung?

Nein, das nicht.

Wie alt?

Ja, die Jngere wird so ber die Vierzig sein.

Es ist alles nicht wahr, was du mir sagst.

Der Schulze schwieg eine Weile.

Nun, Sie werden es wohl besser wissen. Ich wei von nichts.

Von dir werde ich wohl doch nichts anderes zu hren bekommen! rief ich
gergert aus.

Da ich aus Erfahrung wute, da man von einem Russen, wenn er schon
einmal angefangen hat, solche Antworten zu geben, nichts herausbekommen
kann (ich hatte brigens den Mann aus dem tiefsten Schlafe geweckt, er
war noch ganz verschlafen und fiel bei jeder Antwort, die er mir gab,
ein wenig vorn ber, whrend seine Augen kindliches Erstaunen
ausdrckten und er offenbar groe Mhe hatte, die vom Honig des ersten
Schlummers zusammengeklebten Lippen aufzureien), -- so gab ich alle
weiteren Versuche auf. Ich verzichtete auf das Abendbrot und ging in
meine Scheune schlafen.

Ich konnte lange nicht einschlafen. Wer ist sie? fragte ich mich in
einem fort: Eine Russin? Wenn sie eine Russin ist, warum spricht sie
italienisch?... Der Schulze behauptet, sie sei nicht mehr jung ... Er
lgt ... Und wer ist jener Glckliche?... Ich kann wirklich nichts
begreifen ... Welch ein seltsames Abenteuer! Ist es mglich, so zweimal
hintereinander ... Ich mu aber bestimmt erfahren, wer sie ist und wozu
sie hergekommen ist... Unter solchen wirren, abgerissenen Gedanken
schlief ich sehr spt ein und hatte sonderbare Trume ... Bald schien es
mir, ich irre irgendwo in einer Wste, in der drckendsten Mittagsglut
herum und sehe ber den glhend heien gelben Sand einen groen Schatten
huschen ... Ich hebe den Kopf und sehe meine Schne in den Lften
fliegen. Sie ist ganz wei, hat groe weie Flgel und lockt mich zu
sich. Ich strze ihr nach, sie schwebt aber leicht und schnell vorbei,
ich kann mich nicht von der Erde erheben und strecke vergeblich meine
gierigen Arme nach ihr aus ... Addio! ruft sie mir noch zu und
entschwindet. -- Warum habe ich keine Flgel ... Addio... Und von
allen Seiten klingt es: Addio! Jedes Sandkrnchen schreit und piepst:
Addio... Das i klingt mir als unertrglicher, schneidender Triller
ins Ohr ... Ich bemhe mich, es wie eine Mcke zu verscheuchen, ich
suche _sie_ mit den Augen ... Sie ist aber schon zu einem Wlkchen
geworden und steigt langsam zur Sonne empor; die Sonne zittert,
schwankt, lacht und streckt ihr lange goldene Fden entgegen ... Nun ist
sie schon ganz von diesen Fden umsponnen und lst sich in ihnen auf;
ich schreie aber wie besessen: Das ist nicht die Sonne, das ist nicht
die Sonne, das ist die italienische Spinne; wer hat sie ber die
russische Grenze gelassen? Ich werde sie anzeigen: ich habe mit eigenen
Augen gesehen, wie sie in fremden Grten Orangen gestohlen hat... Bald
trumte mir, ich gehe einen schmalen Bergpfad hinauf ... Ich habe es
sehr eilig: ich mu mglichst schnell irgendein Ziel erreichen, wo mich
ein unerhrtes Glck erwartet; pltzlich erhebt sich vor mir ein
riesengroer, steiler Felsen. Ich suche einen Durchgang, ich suche
rechts, ich suche links, kann aber keinen Durchgang finden! Und
pltzlich erklingt hinter dem Felsen die Stimme: Passa, passa quei'
colli... Die Stimme ruft und lockt mich; sie wiederholt immer den
gleichen traurigen Ruf. Ich bin von Sehnsucht erfat, ich werfe mich
unruhig hin und her, will wenigstens einen schmalen Spalt finden ...
Doch wehe! Von allen Seiten erhebt sich die steile Granitwand ... Passa
quei' colli, wiederholt wehmtig die Stimme. Mein Herz vergeht vor
Sehnsucht, ich strze mich mit der Brust gegen den glatten Stein und
kratze wtend mit den Ngeln an ihm ... Pltzlich ffnet sich vor mir
ein dunkler Gang. Ich kann vor Freude kaum atmen und eile vorwrts ...
Unsinn! ruft mir jemand zu, du kommst nicht durch... Vor mir steht
Lukjanytsch; er winkt mir mit den Hnden und droht ... Ich durchsuche
eilig die Taschen, will ihn bestechen, kann aber keine einzige Mnze
finden ... Lukjanytsch, sage ich ihm, la mich durch, ich werde dich
spter belohnen. -- Sie irren, Signore, antwortet mir Lukjanytsch mit
einem seltsamen Ausdruck: Ich bin kein Leibeigener; erkennen Sie doch
in mir den berhmten fahrenden Ritter Don Quixote von La Mancha. Mein
ganzes Leben lang habe ich meine Dulcinea gesucht und sie nicht finden
knnen. Ich werde nicht leiden, da Sie die Ihrige finden... Und
wieder ruft die Stimme beinahe weinend: Passa quei' colli... -- Aus
dem Weg, Signore! rufe ich wtend aus und strze mich auf ihn ... Doch
die lange Lanze des Ritters trifft mich ins Herz ... ich falle tot hin,
ich liege auf dem Rcken ... kann mich nicht rhren ... und da sehe ich:
_sie_ kommt mit einer Lampe in der Hand, sie hebt die Lampe mit einer
schnen Gebrde ber den Kopf, blickt sich im Finstern um, schleicht
vorsichtig zu mir heran und beugt sich ber mich ... Da ist er also,
der Narr! sagt sie verchtlich lchelnd: Er ist's, der erfahren
wollte, wer ich sei ... Das heie l der Lampe tropft mir auf mein
verwundetes Herz ... Psyche! bringe ich mhsam hervor und erwache...

Ich hatte sehr schlecht geschlafen und war schon beim ersten
Morgengrauen auf den Beinen. Ich kleidete mich schnell an, nahm mein
Jagdgewehr und begab mich direkt zum Landsitz. Meine Ungeduld war so
gro, da ich das mir bekannte Tor noch whrend des Sonnenaufganges
erreichte. Ringsherum sangen die Lerchen, und auf den Birken schrien die
Dohlen, doch im Hause schien noch alles in tiefem Morgenschlaf zu
liegen. Sogar der Hund schnarchte noch am Zaune. Von Erwartung und
Ungeduld geqult und beinahe erbost ging ich im taubedeckten Grase auf
und ab und blickte immerfort auf das niedere unansehnliche Haus, das in
seinen Mauern jenes geheimnisvolle Wesen barg ... Pltzlich knarrte
leise die Gartenpforte und auf der Schwelle erschien Lukjanytsch. Er war
mit einem merkwrdigen gestreiften Halbrock bekleidet, und sein
langgezogenes Gesicht erschien mir mrrischer als je. Er sah mich nicht
ohne Erstaunen an und wollte die Pforte gleich wieder schlieen.

Du, mein Lieber! rief ich ihm schnell zu.

Was suchen Sie hier um diese frhe Stunde? fragte er mich gedehnt und
dumpf.

Sag mir bitte, man sagt, da eure Herrin angekommen sei?

Lukjanytsch schwieg eine Weile.

Ja, sie ist angekommen...

Allein?

Mit der Schwester.

Hatten sie nicht gestern abend Besuch?

Nein.

Mit diesen Worten zog er wieder die Pforte an sich.

Warte, warte, mein Lieber ... einen Augenblick...

Lukjanytsch hstelte und krmmte sich vor Klte.

Was wollen Sie denn eigentlich?

Sage mir bitte, wie alt ist deine Gndige?

Lukjanytsch sah mich mitrauisch an.

Wie alt die Gndige ist? Ich wei nicht. Sie wird wohl ber die Vierzig
sein.

ber die Vierzig! Und die Schwester?

Etwas jnger als vierzig.

Ist's mglich! Ist sie schn?

Wer? Die Schwester?

Ja, die Schwester.

Lukjanytsch lchelte.

Ich wei nicht, das kommt auf den Geschmack an. Ich finde sie nicht
schn.

Wieso?

Sie ist schon gar zu unansehnlich. Ein wenig krnklich.

So! Und ist auer den beiden niemand hergekommen?

Niemand. Wer sollte denn noch herkommen?

Es kann ja nicht sein!... Ich...

Ach Herr! Sie werden mit Ihren Fragen wohl nie aufhren, sagte der
Alte gergert. Es ist auch zu kalt! Adieu!

Warte noch ... Da hast du was!... Ich reichte ihm einen Viertelrubel,
den ich fr ihn vorbereitet hatte; meine Hand stie aber an die Pforte,
die er mir vor der Nase zuschlug. Das Silberstck fiel zu Boden und
rollte mir vor die Fe.

--Du alter Schwindler! -- sagte ich mir. -- Don Quixote von La Mancha!
Man hat dir wohl befohlen, zu schweigen ... Warte nur, mich wirst du
nicht anfhren...

Ich gab mir das Wort, die Sache um jeden Preis aufzuklren. Etwa eine
halbe Stunde ging ich noch unschlssig auf und ab. Endlich beschlo ich,
mich zunchst im Dorfe zu erkundigen, wem eigentlich das Gut gehre und
wer augenblicklich darin wohne; dann wollte ich wieder zurckkehren und
nicht eher fortgehen, als bis ich die Sache aufgeklrt haben wrde. --
Die Unbekannte mu doch frher oder spter das Haus verlassen, und da
werde ich sie endlich bei Tageslicht als einen lebendigen Menschen und
nicht als Gespenst sehen. -- Bis zum Dorfe mochte es eine Werst sein,
ich begab mich aber schnell und rstig dorthin: in meinem Blute siedete
es, ich war ungewhnlich khn und entschlossen; die frische Morgenluft
wirkte auf mich nach der unruhigen Nacht strkend und zugleich
aufregend. Im Dorfe erfuhr ich von zwei Bauern, die gerade an ihre
Feldarbeit gingen, alles, was ich berhaupt erfahren konnte: nmlich,
da das Gut ebenso wie das Dorf, in dem ich mich befand, Michailowskoje
hie, da es der Majorswitwe Anna Fjodorowna Schlykowa gehre, da diese
noch eine unverheiratete Schwester Pelageja Fjodorowna Badajewa habe,
da beide reich seien, auf ihrem Gute fast nie lebten, meistens
herumreisten, da sie bei sich auer zweien leibeigenen Dienstmdchen
und einem Koch niemand htten und da Anna Fjodorowna in diesen Tagen
mit ihrer Schwester aus Moskau angekommen sei; sonst sei aber niemand
mitgekommen ... Dieser letztere Umstand machte mich etwas verdutzt: ich
konnte ja nicht annehmen, da auch der Bauer den Auftrag hatte, ber die
Unbekannte zu schweigen. Ebenso unmglich war auch die Annahme, da die
fnfundvierzigjhrige Witwe Anna Fjodorowna Schlykowa und jene reizende
junge Frau, die ich gestern gesehen hatte, eine und dieselbe Person
seien. Auch Pelageja Fjodorowna zeichnete sich, wie sie mir geschildert
wurde, keineswegs durch Schnheit aus; beim bloen Gedanken, da die
Frau, die ich in Sorrent gesehen hatte, den prosaischen Namen Pelageja
und dazu noch Badajewa tragen sollte, zuckte ich die Achseln und lachte
hhnisch. Und doch, dachte ich, habe ich sie erst gestern abend mit
eigenen Augen in diesem Hause gesehen, ja, mit eigenen Augen! Gergert,
gereizt, doch in meiner Absicht noch mehr gefestigt, wollte ich sofort
zum Gut zurckkehren; doch ich sah auf die Uhr: es war noch nicht sechs.
Daher beschlo ich zu warten. Im geheimnisvollen Hause schlief wohl noch
alles; wenn ich aber schon jetzt in der Gegend herumirren wollte, konnte
ich leicht unntigerweise Verdacht erwecken; auch stand ich gerade vor
einem Gebsch, und hinter diesem war ein Espengehlz zu sehen ... Ich
mu zu meiner Ehre sagen, da trotz der groen Erregung, in der ich mich
befand, die edle Jagdleidenschaft in mir noch nicht vllig verstummt
war. Vielleicht stoe ich auf ein Nest, sagte ich mir, und so wird
die Zeit schneller verstreichen. Ich ging ins Gebsch. Offen gesagt war
ich recht zerstreut und beobachtete wenig die Regeln der Kunst: ich
behielt nicht stndig meinen Hund im Auge, verga ber manchem Strauch
mit der Zunge zu schnalzen, damit daraus mit groem Lrm ein Auerhahn
herausfliege, und sah jeden Augenblick auf die Uhr, was schon durchaus
unerlaubt ist. Endlich zeigte die Uhr ber acht. Es ist Zeit! sagte
ich mir laut und wollte schon den Weg nach dem Landsitze einschlagen,
als pltzlich kaum zwei Schritte vor mir im dichten Grase ein
riesengroer Auerhahn auftauchte; ich scho auf den herrlichen Vogel und
verwundete ihn am Flgel; er fiel beinahe um, berwand aber den Schmerz,
schlug die Flgel und versuchte sich ber die Espenwipfel zu erheben,
doch die Kraft versagte ihm, und er fiel wie ein Stein ins Dickicht. Auf
eine solche Jagdbeute zu verzichten, wre doch ganz unverzeihlich
gewesen; ich ging also ins Dickicht, gab meiner Hndin ein Zeichen, und
nach einigen Augenblicken hrte ich ein verzweifeltes Flgelschlagen:
der unglckliche Auerhahn war bereits unter den Tatzen meiner Diana. Ich
hob ihn auf, steckte ihn in die Jagdtasche, sah mich um und -- blieb wie
angewurzelt stehen...

Der Wald, in den ich geraten war, war so dicht, da ich nur mit groer
Mhe die Stelle erreichte, wo der Vogel hingefallen war; in nicht allzu
groer Entfernung schlngelte sich durch den Wald ein Fahrweg, und auf
diesem kamen gerade Seite an Seite und im Schritt meine Schne und der
Mann, der mich gestern eingeholt hatte, geritten; ich erkannte den Mann
am Schnurrbart. Sie ritten langsam und schweigend und hielten einander
an den Hnden; die Pferde gingen im Schritt, schwankten trge von der
einen Seite auf die andere und reckten die schnen Kpfe. Nachdem ich
mich vom ersten Schreck -- ja, es war ein Schreck: eine andere
Bezeichnung kann ich fr das Gefhl, das sich meiner pltzlich
bemchtigte, gar nicht finden ... nachdem ich mich vom ersten Schreck
erholt hatte, heftete ich auf sie meinen trunkenen Blick. Wie schn sie
war! Wie herrlich hob sich ihre schlanke Gestalt vom smaragdgrnen
Hintergrund ab! Weiche Schatten, zarte Lichter huschten leise ber ihr
langes graues Reitkleid, ber ihren feinen, leichtgebeugten Hals, ber
ihr zartes Gesicht, ihre glnzenden schwarzen Haare, die in ppigen
Flechten unter dem niederen Hut hervorquollen. Wie soll ich aber jenen
Ausdruck vollkommener, leidenschaftlicher, stummer Seligkeit schildern,
den alle ihre Zge atmeten! Ihr Kpfchen schien von der Last dieser
Seligkeit gebeugt; aus den dunklen, halbgeschlossenen Augen sprhten
feuchtglnzende goldene Funken; sie blickten nirgends hin, diese seligen
Augen, die feinen Brauen senkten sich ber sie. Ein unbestimmtes
kindliches Lcheln, das Lcheln grenzenloser Freude schwebte um ihre
Lippen; der berflu von Glck hatte sie gleichsam ermdet, sie schien
beinahe gebrochen, ebenso wie unter einer allzu ppig aufgegangenen
Blte oft der Stengel zusammenbricht; ihre beiden Hnde ruhten kraftlos:
die eine in der Hand ihres Begleiters, die andere auf dem Schopf des
Pferdes. Ich hatte Zeit gehabt, sie zu beobachten und mir genau einen
jeden ihrer Zge zu merken; aber auch _seine_ Zge prgte ich mir ein
... Er war ein schner groer Mann mit nicht russischem Gesicht. Er sah
auf sie selbstbewut, befriedigt und, wie ich in seinen Augen lesen
konnte, nicht ohne einen gewissen geheimen Stolz. Er betrachtete sie mit
Wohlgefallen, der Schurke; er weidete sich an ihrem Anblick, war wohl
sehr mit sich selbst zufrieden, schien aber zugleich eigentmlich
gerhrt ... Und in der Tat: welcher Mann verdient wohl die Hingebung
eines so schnen Geschpfes, welche noch so schne Seele wre wert,
einer anderen Seele ein solches Glck zu schenken?... Ich mu gestehen,
da ich ihn beneidete!... Indessen waren die beiden bis zu mir
herangekommen; mein Hund sprang aus dem Gestruch und bellte sie an. Die
Unbekannte zuckte zusammen, sah sich rasch um, und als sie mich
erblickte, versetzte sie ihrem Pferd einen heftigen Schlag mit der
Reitpeitsche. Das Pferd schnaubte, bumte sich, warf beide Vorderbeine
empor und flog im Galopp dahin ... Der Mann gab im gleichen Augenblick
seinem Rappen die Sporen, und, als ich nach einigen Augenblicken den
Waldrand erreicht hatte, ritten die beiden schon in golden schimmernder
Ferne ber das Feld, sich anmutig in ihren Stteln wiegend ... sie
ritten aber nicht in der Richtung zum Landsitze.

Ich blickte ihnen nach ... Die Sonne bergo sie noch zum letzten Male
mit ihren Strahlen, bevor sie hinter dem Hgel verschwanden. Ich blieb
noch eine Weile stehen, kehrte dann langsam in den Wald zurck, setzte
mich am Wege und bedeckte das Gesicht mit den Hnden. Ich wute, da es
nach der Begegnung mit einem Unbekannten gengt, die Augen zu schlieen,
um sich sofort sein Bild zu vergegenwrtigen; ein jeder kann die
Richtigkeit dieser Wahrnehmung auf der Strae nachprfen. Je bekannter
uns ein Gesicht ist, um so schwieriger wird es, es sich auf diese Weise
zu vergegenwrtigen, um so verschwommener zeigt sich uns sein Bild; an
ein bekanntes Gesicht knnen wir uns wohl erinnern, knnen es uns aber
nicht vergegenwrtigen ... unser eigenes Gesicht knnen wir uns aber
ganz unmglich vorstellen ... Wir kennen wohl jeden einzelnen Zug
unseres Gesichtes, knnen uns aber daraus kein ganzes Bild aufbauen. Ich
setzte mich also hin und schlo die Augen, -- und sofort sah ich die
Unbekannte vor mir, ihren Begleiter, die Pferde, und alles ... Besonders
deutlich sah ich das lchelnde Gesicht des Mannes. Ich betrachtete es
aufmerksamer ... es verwischte sich und verschwand in einem blauroten
Nebel, und gleich darauf zerrann auch ihr Bild und wollte nicht
wiederkommen. -- Ich erhob mich. Nun, jetzt habe ich sie wenigstens
gesehen, habe beide deutlich gesehen, sagte ich mir, nun bleibt mir
nur noch die Namen zu erfahren. Ja, die Namen! Welch eine kleinliche,
unntige Neugier! Ich schwre aber, es war nicht Neugier, die mich so
bewegte: es erschien mir einfach unsinnig, nach diesen seltsamen
zuflligen Begegnungen nicht wenigstens ihre Namen zu erfahren. Mein
frheres ungeduldiges Erstaunen war brigens verschwunden: ich hatte nur
ein seltsam trauriges verworrenes Gefhl, dessen ich mich ein wenig
schmte ... Es war Neid...

Ich beeilte mich nicht, zum Landsitze zurckzukehren. Offen gesagt,
schmte ich mich, so hartnckig einem fremden Geheimnis nachzuspren.
Auch hatte mich das Erscheinen des Liebespaares bei Tageslicht, so
seltsam es auch war, ich will nicht sagen beruhigt, so doch etwas
abgekhlt ... Ich fand in diesem Erlebnisse nichts bernatrliches,
nichts Wunderbares mehr ... nichts, was einem unerfllbarem Traum
hnlich wre...

Ich machte mich wieder an die Jagd, wenn auch mit grerem Eifer als
vorhin, so doch ohne rechte Begeisterung. Ich stie auch auf eine
Auerhahnfamilie, die fr etwa anderthalb Stunden meine Aufmerksamkeit in
Anspruch nahm ... Die jungen Vgel wollten auf meine Lockpfiffe lange
nicht antworten, wahrscheinlich pfiff ich nicht objektiv genug. -- Die
Sonne stand schon ziemlich hoch (die Uhr zeigte auf zwlf), als ich
meine Schritte wieder nach dem Landsitze richtete. Ich ging nicht zu
schnell. Da blickte mich pltzlich vom Hgel aus das kleine Haus an ...
Mein Herz begann wieder zu beben. Ich kam nher ... und sah, nicht ohne
eine heimliche Freude, Lukjanytsch wie gewhnlich auf der Bank vor
seinem Huschen sitzen. Das Tor war geschlossen ... die Fensterlden
auch.

Gr Gott, Onkel! rief ich ihm noch aus der Ferne zu. Willst dich
wohl wieder in der Sonne wrmen?

Lukjanytsch wandte mir sein hageres Gesicht zu und lftete stumm die
Mtze.

Ich trat nher.

Gr Gott, Onkel, wiederholte ich so freundlich, wie ich es nur
konnte, um ihn milder zu stimmen. Hast du ihn denn noch nicht gesehen?
fgte ich hinzu, als ich meinen neuen Viertelrubel noch immer auf der
Erde liegen sah.

Ich zeigte auf die Silbermnze, die aus dem kurzen Grase halb
hervorlugte.

Hab ihn schon gesehen.

Warum hast du ihn nicht aufgehoben?

Das Geld gehrt nicht mir, darum hab' ich es nicht aufgehoben.

Du bist doch wirklich merkwrdig, mein Lieber! entgegnete ich etwas
verlegen. Ich hob die Mnze auf und reichte sie ihm: Nimm, es ist ein
Trinkgeld fr dich!

Vielen Dank, entgegnete Lukjanytsch mit ruhigem Lcheln. Ich brauch'
es nicht, kann auch ohne das Geld auskommen. Vielen Dank.

Ich will dir gern noch mehr geben! sagte ich etwas verstimmt.

Wofr denn? Machen Sie sich keine Mhe, ich danke Ihnen fr die
Freundlichkeit, habe auch so an meinem Brot genug zu beien. Und selbst
mit dem werde ich nicht fertig.

Mit diesen Worten stand er auf und streckte die Hand nach der Pforte
aus.

Warte, warte noch, Alter, sagte ich beinahe verzweifelnd. Wie
wortkarg du doch heute bist ... Sag mir wenigstens, ist deine Gndige
schon aufgestanden?

Die Gndige sind aufgestanden.

Und ... ist sie jetzt zu Hause?

Nein, sie sind nicht zu Hause.

Macht sie irgendwo Besuche?

Nein, sie sind nach Moskau abgereist.

Nach Moskau? Heute frh war sie ja noch hier?

Ja, sie waren noch hier.

Hat auch hier bernachtet?

Ja, sie haben hier bernachtet.

Und war erst seit kurzem angekommen?

Ja, seit kurzem.

Wie ist es nur mglich, mein Lieber?

Ja, vor etwa einer Stunde sind die Gndige wieder nach Moskau
abgereist.

Nach Moskau!

Ich sah ganz verdutzt auf Lukjanytsch: das hatte ich, offen gesagt,
nicht erwartet...

Auch Lukjanytsch sah mich an ... Ein greisenhaftes verschmitztes Lcheln
lag auf seinen trockenen Lippen und leuchtete schwach in seinen
traurigen Augen.

Ist sie mit der Schwester abgereist? fragte ich ihn schlielich.

Mit der Schwester.

Also ist jetzt niemand im Hause?

Niemand.

--Dieser Alte betrgt mich, -- ging es mir durch den Kopf. -- Nicht
umsonst lchelt er so verschmitzt.--

Hr' einmal, Lukjanytsch, sagte ich ihm, willst du mir einen Gefallen
erweisen?

Ja, was wnschen Sie? sagte er gedehnt; meine Fragen rgerten ihn
offenbar.

Du sagst, da im Hause jetzt niemand ist; kannst du mir das Haus
zeigen? Ich wre dir dafr sehr dankbar.

Sie wollen also die Zimmer sehen?

Ja, die Zimmer.

Lukjanytsch wurde nachdenklich.

Mit Vergngen, sagte er nach einer Pause. Kommen Sie, bitte, mit...

Er beugte sich und trat ber die Schwelle der Pforte. Ich folgte ihm.
Wir gingen durch den kleinen Hof und stiegen die bauflligen Stufen zum
Flur hinauf. Der Alte stie die Tr auf; an der Tre war gar kein
Schlo; eine Schnur mit einem Knoten steckte aus dem Schlsselloch
hervor ... Wir traten in das Haus. Es bestand aus fnf oder sechs
kleinen Zimmern; soviel ich bei dem sprlichen Lichte, das durch die
Ritzen in den Fensterlden drang, sehen konnte, waren die Mbel in allen
Zimmern sehr einfach und alt. In einem der Zimmer (dessen Fenster in den
Garten gingen) stand ein kleines altmodisches Klavier ... Ich hob den
verbogenen Deckel und schlug die Tasten an: ein unangenehmer, zischender
Ton erklang und erstarb, sich gleichsam ber meine Frechheit beklagend.
Nichts wies darauf hin, da in diesem Hause erst eben Menschen gewohnt
hatten; selbst die Luft in den Zimmern war ungewhnlich dumpf und tot;
nur einige Papierfetzen, die auf dem Boden lagen und noch ganz frisch
und wei aussahen, lieen darauf schlieen, da sie erst seit kurzem
hergekommen waren; ich hob einen der Fetzen auf. Es war ein Stck von
einem zerrissenen Briefe; auf der einen Seite stand in einer
temperamentvollen weiblichen Handschrift: se taire?, auf der anderen
Seite konnte ich das Wort: bonheur entziffern ... Auf einem runden
Tischchen am Fenster stand in einem Wasserglase ein welker Blumenstrau,
und daneben lag ein zerknittertes grnes Bndchen ... Dieses Bndchen
nahm ich mir als Andenken mit. -- Lukjanytsch ffnete eine enge, mit
Tapeten verklebte Tre und sagte:

Das hier ist das Schlafzimmer, dahinter die Mdchenkammer; mehr Zimmer
gibt's hier nicht...

Wir gingen durch den Korridor zurck.

Und was ist das da fr ein Zimmer? fragte ich, auf eine breite, weie
Tre mit einem Vorhngeschlo zeigend.

Das da? antwortete Lukjanytsch mit dumpfer Stimme. Das ist nichts.

Wieso nichts?

Nichts ... Eine Rumpelkammer... Und er ging ins Vorzimmer.

Eine Rumpelkammer? Kann ich sie sehen?...

Ich begreife nicht, was Sie da so interessiert, entgegnete Lukjanytsch
unzufrieden. Was wollen Sie sehen? Es sind ja nur Koffer darin und
altes Geschirr ... eine Rumpelkammer und nichts weiter.

Ich will sie aber doch sehen, zeig' sie mir bitte, Alter, sagte ich,
obwohl ich mich innerlich meiner unanstndigen Beharrlichkeit schmte.
Siehst du, ich mchte ... ich mchte, auch bei mir im Dorfe ein solches
Haus...

Ich schmte mich noch mehr und konnte den angefangenen Satz nicht zu
Ende bringen.

Lukjanytsch stand, den grauen Kopf gesenkt, und sah mich etwas
eigentmlich mit krauser Stirne an.

Zeig' sie mir doch, wiederholte ich.

Nun, von mir aus, sagte er endlich. Er holte den Schlssel aus der
Tasche und machte sehr ungern die Tre auf.

Ich blickte in die Kammer hinein. Es war da wirklich nichts
Bemerkenswertes. An den Wnden hingen alte Bildnisse mit dunklen,
beinahe schwarzen Gesichtern und bsen Augen. Auf dem Boden lag
verschiedenes Germpel.

Nun, haben Sie sich sattgesehen? fragte mich mrrisch Lukjanytsch.

Ja, danke! erwiderte ich eilig.

Er schlug die Tre zu. Ich ging ins Vorzimmer und aus dem Vorzimmer in
den Hof.

Lukjanytsch geleitete mich hinaus, murmelte: Leben Sie wohl! und begab
sich in sein Huschen.

Und wer war die Dame, die gestern hier zu Besuch war? rief ich ihm
nach. Sie ist mir erst heute frh im Gehlz begegnet.

Ich hoffte, ihn durch diese unerwartete Frage zu verirren und von ihm
eine unberlegte Antwort zu bekommen. Der Alte lachte aber nur und
schlug die Tre hinter sich zu.

Ich kehrte nach Glinnoje zurck. Ich schmte mich wie ein Junge, den man
ausgescholten hat.

--Nein, -- sagte ich zu mir: -- ich werde das Rtsel wohl nicht lsen
knnen. Also geb' ich's auf! Will nicht mehr daran denken.--

Nach einer Stunde war ich schon auf dem Wege nach Hause; ich war erregt
und erbost.

Es verging eine Woche. Wie sehr ich mich auch bemhte, die Erinnerung an
die Unbekannte, an ihren Begleiter und an meine Begegnungen mit ihnen
mir aus dem Kopfe zu schlagen, sie kamen immer wieder und belstigten
mich so hartnckig und zudringlich wie eine Fliege an einem
Sommernachmittag ... Auch Lukjanytsch, mit seinen geheimnisvollen
Blicken und zurckhaltenden Reden, mit seinem khlen und traurigen
Lcheln kam mir immer wieder in den Sinn. Sogar das Haus, so oft ich
daran dachte, -- sogar das Haus schien mich durch seine
halbgeschlossenen Fenster schlau und stumpf anzublicken, als wollte es
mich necken und mir sagen: Und doch wirst du nichts erfahren! Ich hielt
es schlielich nicht aus: an einem schnen Tag fuhr ich wieder nach
Glinnoje und begab mich von da zu Fu ... wohin? Der Leser kann es
leicht erraten.

Ich mu gestehen, als ich mich dem geheimnisvollen Landsitze nherte,
sprte ich eine heftige Erregung. Das Haus schien in seinem ueren ganz
unverndert: dieselben geschlossenen Fenster, dasselbe traurige und
einsame Bild; doch auf der Bank vor dem Hofgebude sa statt des alten
Lukjanytsch ein mir unbekannter Bauernbursche von etwa zwanzig Jahren,
in einem langschigen Kaftan aus Baumwollzeug und in rotem Hemde. Er
sa auf der Bank, den lockigen Kopf auf die Hand gesttzt und
schlummerte; von Zeit zu Zeit fuhr er im Schlafe zusammen.

Gr Gott, Bruder! rief ich laut.

Er sprang sofort auf und sah mich starr mit erschrockenen Augen an.

Gr Gott, Bruder, wiederholte ich, wo ist der Alte?

Was fr ein Alter? fragte mich der Bursche gedehnt.

Lukjanytsch.

Ach so, Lukjanytsch! Er blickte zur Seite. Sie wollen also
Lukjanytsch?

Ja, Lukjanytsch. Ist er zu Hause?

N--ein, sagte der Bursche nach einer Pause. Er ist ... wie soll ich
... wie soll ich es Ihnen sagen...

Ist er etwa krank?

Nein.

Was ist denn mit ihm los?

Er ist nicht mehr da.

Wo ist er denn?

Ja, es ist ihm ... ein Unglck zugestoen.

Ist er gestorben? fragte ich erstaunt.

Er hat sich erhngt.

Erhngt! rief ich erschrocken aus und schlug die Hnde zusammen.

Wir blickten einander an.

Ist es lange her? fragte ich schlielich.

Heute sind es fnf Tage. Gestern wurde er beerdigt.

Warum hat er sich erhngt?

Gott wei warum. Er war ja ein freier Mensch, kein Leibeigener mehr, er
bekam sein Gehalt, er kannte keine Not, die Herrschaft behandelte ihn
wie einen Verwandten. Wir haben ja eine so selten gute Herrschaft, Gott
schenke ihr langes Leben! Man kann gar nicht begreifen, was ihm
geschehen war. Der Bse hat ihn wohl verfhrt.

Wie hat er es denn gemacht?

Ganz einfach. Hat sich halt erhngt.

Und hat man ihm vorher nichts angemerkt?

Wie soll ich es Ihnen sagen ... Etwas Besonderes war an ihm nicht zu
sehen. Er war ja immer finster und mitrauisch. Oft begann er zu
krchzen und zu sthnen und zu sagen, da es ihm so traurig zumute sei.
Nun, er war ja auch nicht mehr jung. In der letzten Zeit schien er
wirklich etwas nachdenklicher als sonst. Manchmal kam er zu uns ins
Dorf; ich bin nmlich sein Neffe. -- 'Komm doch mal zu mir, Wassja,'
sagte er, 'und bernachte bei mir!' -- 'Warum denn, Onkelchen?' -- 'Ich
frchte mich allein zu sein, es ist so langweilig und einsam.' -- Ich
ging also ab und zu zu ihm hin. Manchmal ging er in den Hof hinaus, sah
auf das Haus, schttelte den Kopf und seufzte ... Auch vor jener Nacht,
das heit bevor er sich erhngte, kam er zu uns und rief mich zu sich.
Ich ging auch wirklich mit. Wie wir ankamen, saen wir noch eine Weile
auf der Bank vor seinem Huschen; dann stand er auf und lie mich
allein. Ich wartete; als er lange nicht kommen wollte, ging ich in den
Hof und rief: -- 'Onkelchen, he Onkelchen!...' -- Der Onkel gab keine
Antwort. Da denke ich mir: wo ist er nur hingegangen, vielleicht in das
Herrschaftshaus? Es war aber schon Abend geworden. Ich ging also ins
Haus. Es war schon dunkel geworden. Wie ich an der Rumpelkammer
vorbeikomme, hre ich, da dort jemand hinter der Tre kratzt; ich mache
die Tre auf; richtig, da sitzt er in der Kammer beim Fenster. 'Was
machen Sie hier, Onkelchen?' frage ich ihn. Er dreht sich pltzlich um
und schreit mich wtend an; seine Augen laufen aber nur so hin und her
und leuchten wie bei einem Kater. 'Was willst du? Siehst du denn nicht,
da ich mich rasiere?' Und seine Stimme klingt dabei so heiser. Mir
standen pltzlich die Haare zu Berge, und es wurde mir, ich wute selbst
nicht warum, so ngstlich zumute ... Damals hatten ihn wohl schon die
Teufel in ihrer Gewalt. 'Im Finstern?' frage ich ihn, mir beben aber
dabei die Knie. -- 'Es ist gut,' sagt er mir, -- 'geh nur.' Ich ging,
auch er kam aus der Kammer heraus und verschlo die Tre. Wir kamen
wieder in sein Huschen, und meine Angst war auf einmal wie weggeblasen.
'Was haben Sie, Onkelchen,' fragte ich ihn, 'in der Kammer gemacht?' Er
fuhr zusammen. 'Schweig und kmmere dich nicht um fremde Sachen.' Mit
diesen Worten legte er sich auf die Ofenbank. In der Ecke brennt aber
eine Nachtlampe. So liege ich da, bin gerade beim Einschlafen ...
pltzlich hre ich, wie die Tre leise aufgeht ... ganz wenig geht sie
auf. Der Onkel lag aber mit dem Rcken gegen die Tr; Sie werden sich
wohl erinnern, da er schwerhrig war. Und doch hrte er, wie die Tre
aufging, und sprang pltzlich auf ... 'Wer ruft mich da? Wer? Er will
mich holen!' Mit diesen Worten lief er wie er war ohne Mtze in den Hof
... Ich dachte mir noch: 'Was hat er nur?' schlief aber sofort wieder
ein. Wie ich am nchsten Morgen erwache, ist Lukjanytsch nicht da. Ich
ging aus dem Hause, rief nach ihm, bekam aber keine Antwort. Ich frage
den Wchter: 'Hast du nicht meinen Onkel gesehen?' -- 'Nein,' sagt er
mir, 'ich hab' ihn nicht gesehen.' -- 'Es ist doch merkwrdig,' sage
ich, 'da er nirgends zu sehen ist!' Es wurde uns beiden ganz bange
zumute. 'Komm doch, Fedossejitsch, komm doch,' sage ich, 'wollen wir im
Herrschaftshause nachschauen.' -- 'Komm, Wassilij Timofejitsch,' sagt er
drauf und ist dabei wei wie Kalk. Wir gingen ins Haus ... und wie ich
an der Kammer vorbeikomme, sehe ich, da das Vorhngeschlo an der Tre
aufgemacht ist; ich will die Tre aufstoen, sie ist aber von innen
zugeriegelt ... Fedossejitsch lief sofort von auen herum und sah ins
Fenster. 'Wassilij Timofejitsch!' schreit er, 'die Beine hngen, die
Beine...' Ich laufe sofort zum Fenster. Und es sind wirklich seine
Beine, Lukjanytschs Beine. Er hatte sich mitten im Zimmer erhngt ...
Wir schickten gleich nach der Polizei ... Man nahm ihn aus der Schlinge
heraus: zwlf Knoten waren im Strick.

Und was sagte die Polizei?

Die Polizei? Die sagte nichts. Sie dachten lange nach, was da fr eine
Ursache gewesen war. Es gab aber keine Ursache. Man entschied also, da
er es im Wahnsinne getan hatte, und dabei blieb's. In der letzten Zeit
hatte er auch wirklich oft ber Kopfschmerzen geklagt...

Ich sprach noch etwa eine halbe Stunde mit dem Burschen und ging
schlielich heim, verstimmt und verwirrt. Ich mu gestehen, da ich das
alte Haus nicht ohne eine geheime aberglubische Angst ansehen konnte
... Nach einem Monat reiste ich ab, und alle die schrecklichen Eindrcke
und geheimnisvollen Begegnungen gingen mir allmhlich aus dem Kopf.


II.

Drei Jahre vergingen. Diese Zeit verbrachte ich zum grten Teil in
Petersburg und im Auslande; und wenn ich auch einige Male mein Landgut
aufgesucht hatte, so war es doch nur fr wenige Tage, so da ich kein
einziges Mal Gelegenheit hatte, nach Glinnoje oder Michailowskoje zu
kommen. Auch meine Schne sah ich nicht wieder, ebensowenig ihren
Begleiter. Nach drei Jahren kam ich aber ganz zufllig mit Frau
Schlykowa und ihrer Schwester, Frulein Pelageja Badajewa, derselben
Pelageja, die ich bis dahin, offen gesagt, fr eine erdichtete Person
gehalten hatte, in Moskau in einer Abendgesellschaft zusammen. Beide
Damen waren nicht mehr jung, doch von recht angenehmem ueren; im
Gesprch zeigten sie Geist und heiteres Temperament; sie hatten groe
Reisen gemacht und offenbar mit Nutzen; beide benahmen sich hchst
ungezwungen und schienen lustig. Doch keine von ihnen erinnerte auch im
entferntesten an jene Unbekannte. Ich wurde ihnen vorgestellt. Ich kam
mit Frau Schlykowa ins Gesprch (ihre Schwester unterhielt sich gerade
mit einem zugereisten Geologen). Ich erklrte ihr, da ich das Vergngen
htte, ihr Gutsnachbar im N--schen Kreise zu sein.

Wirklich? Ich besitze dort tatschlich ein kleines Gut, erwiderte sie,
in der Nhe von Glinnoje.

Gewi, gewi, entgegnete ich, ich kenne Ihr Michailowskoje. Kommen
Sie manchmal hin?

Ich? Sehr selten.

Waren Sie nicht vor drei Jahren dort?

Ich mu mich erst besinnen ... Ich glaube, ja. Richtig, ich war
wirklich da.

Allein oder mit Ihrer Frulein Schwester?

Sie sah mich an.

Mit meiner Schwester. Wir blieben acht Tage dort. Wir hatten
geschftlich zu tun. Sind brigens mit keinem Menschen zusammengekommen.

Hm ... Ich glaube, da es dort nicht viel Gutsnachbaren gibt, mit denen
man verkehren kann.

Nein, nicht viel. Auch macht mir solcher Verkehr wenig Spa.

Sagen Sie doch, sagte ich, ich glaube, da dort im gleichen Jahr ein
Unglck passiert ist. Lukjanytsch...

Frau Schlykowa traten Trnen in die Augen.

Haben Sie ihn gekannt? fragte sie mich mit groem Interesse. Dieses
Unglck! Er war ein so schner, guter Greis ... Und denken Sie sich:
ohne jede Ursache...

Ja, ja, murmelte ich, wirklich schrecklich...

Die Schwester der Frau Schlykowa trat zu uns heran. Sie war wohl der
gelehrten Errterungen des Geologen ber die Formation der Wolgaufer
berdrssig geworden.

Denke dir nur, Pauline, sagte Frau Schlykowa, der Herr hat unsern
Lukjanytsch gekannt!

Wirklich? Der arme Alte!

Ich bin fters in der Gegend von Michailowskoje zur Jagd gewesen, und
gerade um die Zeit, als Sie dort waren, also vor drei Jahren, bemerkte
ich wie nebenbei.

Ich? entgegnete Pelageja etwas verlegen.

Nun ja, natrlich! fiel ihr die Schwester ins Wort. Weit du es nicht
mehr?

Sie blickte ihr scharf in die Augen.

Ach ja, gewi! antwortete pltzlich Pelageja.

--He he, -- sagte ich mir -- ich glaube kaum, da du damals in
Michailowskoje gewesen bist, meine Liebe!--

Wollen Sie uns nicht etwas vorsingen, Pelageja Fjodorowna? sagte
pltzlich ein schlanker junger Mann mit blondem Lockenkopf und trben
slichen Augen.

Ich wei wirklich nicht, erwiderte Frulein Badajewa.

Sie singen? rief ich lebhaft aus und erhob mich von meinem Platze. Um
des Himmels Willen ... singen Sie uns etwas vor.

Was soll ich denn singen?

Kennen Sie vielleicht, sagte ich, indem ich mir Mhe gab, mglichst
gleichgltig und unbefangen zu erscheinen, kennen Sie vielleicht ein
italienisches Lied, das mit den Worten beginnt: Passa quei' colli?

Ich kenne es, antwortete Pelageja ganz unschuldig. Wollen Sie, da
ich es Ihnen vorsinge? Mit Vergngen.

Sie ging ans Klavier. Ich bohrte meinen Blick durchdringend wie Hamlet
in Frau Schlykowa. Es schien mir, da sie beim ersten Ton des Liedes
etwas zusammenfuhr; sie hrte brigens das Lied bis zum Ende ruhig an.
Frulein Badajewa sang recht nett. Als das Lied zu Ende war, erscholl
das bliche Hndeklatschen. Man bat sie, sie mchte noch etwas singen;
doch beide Schwestern verstndigten sich mit einem stummen Blick und
brachen auf. Als sie das Zimmer verlieen, glaubte ich das Wort
importun zu hren.

Ganz recht! sagte ich mir. Ich bin mit ihnen nie wieder
zusammengekommen.

Es verging noch ein Jahr. Ich war inzwischen nach Petersburg gezogen. Im
Winter begannen die Maskenblle. Als ich eines Abends gegen elf Uhr das
Haus eines Freundes verlie, berkam mich pltzlich eine ungemein
dstere Stimmung, und ich beschlo, um mich zu zerstreuen, den
Maskenball im Adelsklub aufzusuchen. Lange irrte ich zwischen den Sulen
und den Spiegeln herum, mit jenem bescheidenen und zugleich vielsagenden
Gesichtsausdruck, den, wie ich bemerkt habe, ich wei nicht warum, bei
hnlichen Gelegenheiten selbst die anstndigsten Menschen annehmen.
Lange irrte ich so herum, fertigte ab und zu mit einem Scherz manchen
zudringlichen Domino in zweifelhaften Spitzen und nicht ganz sauberen
Handschuhen ab, der mich mit kreischender Stimme anrief und sprach noch
seltener selbst einen solchen an; lange lie ich das Heulen der
Blasinstrumente und das Winseln der Geigen ber mich ergehen.
Schlielich hatte ich diese Langeweile satt, ich bekam Kopfschmerzen und
beschlo, nach Hause zu fahren; und doch ... und doch blieb ich noch da.
Mir war eine Frau in schwarzem Domino aufgefallen, die an eine Sule
gelehnt stand. Ich ging sofort auf sie zu, blieb vor ihr stehen und ...
werden es mir meine Leser glauben wollen?... ich erkannte in ihr meine
Unbekannte. Woran ich sie erkannte: ob am Blick, den sie mir zerstreut
durch die lnglichen Schlitze in der Maske zuwarf, oder an der
herrlichen Form ihrer Schultern und Arme, an ihrer ganzen ungewhnlich
majesttischen Erscheinung, oder sagte es mir pltzlich eine innere
Stimme, -- ich wei es nicht; jedenfalls hatte ich sie erkannt. Ich ging
einige Male mit bebendem Herzen an ihr vorber. Sie rhrte sich nicht.
Ihre ganze Haltung drckte ungewhnliche, hoffnungslose Trauer aus, und
ich mute unwillkrlich an die Worte einer spanischen Romanze denken:

    Soy un cuadro de tristeza,
    Arrimado a la pared...

    Bin ein trauriges Gemlde
    Angelehnt an eine Wand...

Ich trat hinter die Sule, an der sie lehnte, beugte mich zu ihrem Ohr
und raunte ihr zu:

Passa quei' colli...

Sie erbebte am ganzen Krper und wandte sich rasch nach mir um. Unsere
Augen kamen einander so nahe, da ich deutlich erkennen konnte, wie sich
ihre Pupillen vor Angst erweiterten. Sie blickte mich ganz bestrzt an,
die eine Hand etwas vorgestreckt.

Am 6. Mai 184* in Sorrent, um zehn Uhr abends, in der Strae della
Croce, sagte ich langsam, ohne die Augen von ihr zu wenden, dann in
Ruland, im N'schen Gouvernement, im Dorfe Michailowskoje, am 22. Juli
184*...

Ich sagte das alles franzsisch. Sie rckte von mir weg, und ma mich
von Kopf bis zu den Fen mit einem erstaunten Blick. Dann flsterte sie
mir zu: venez!... und ging mit raschen Schritten aus dem Saal; ich
folgte ihr.

Wir gingen schweigend. Ich kann gar nicht wiedergeben, was ich empfand,
als ich so an ihrer Seite ging. Es war mir, als ob ein herrliches
Traumbild pltzlich zur Wirklichkeit geworden wre, als ob die Statue
der Galathea zum erstaunten Pygmalion als lebende Frau vom Sockel
herabgestiegen wre. Ich traute meinen Augen nicht und wagte kaum zu
atmen.

Wir gingen durch einige Zimmer ... Schlielich blieb sie in einem der
Rume stehen und setzte sich auf einen kleinen Divan vor ein Fenster.
Ich setzte mich an ihre Seite.

Sie wandte mir langsam ihr Gesicht zu und betrachtete mich eine Weile
mit aufmerksamen Blicken.

Kommen Sie ... von _ihm_? fragte sie schlielich.

Ihre Stimme klang schwach und unsicher...

Diese Frage machte mich etwas verlegen.

Nein ... nicht von ihm, antwortete ich stotternd.

Kennen Sie ihn?

Ja, ich kenne ihn, antwortete ich mit geheimnisvoller und wichtiger
Miene. Ich wollte meine Rolle zu Ende spielen. Ich kenne ihn.

Sie sah mich mitrauisch an, wollte mir wohl etwas sagen, sagte aber
nichts und blickte zu Boden.

Sie haben ihn in Sorrent erwartet, fuhr ich fort, Sie waren mit ihm
in Michailowskoje zusammengekommen, sind dort mit ihm einmal
ausgeritten...

Wie konnten Sie... fing sie an.

Ich wei alles, alles, unterbrach ich sie.

Ihr Gesicht kommt mir etwas bekannt vor, fuhr sie fort, doch
nein...

Nein, Sie kennen mich nicht.

Was wollen Sie also von mir?

Ich wei alles, wiederholte ich.

Ich wute sehr wohl, da ich den guten Anfang htte besser ausntzen und
im gleichen Sinne fortfahren sollen, da meine Wiederholungen Ich wei
alles auf die Dauer lcherlich wirkten; meine Aufregung war aber so
gro, die unerwartete Begegnung hatte mich so verwirrt, da ich gar
nicht wute, was ich ihr noch weiter sagen sollte. Auerdem wute ich
auch in der Tat nichts mehr. Ich fhlte, da ich vor ihr auf einmal ganz
dumm dastand und da ich aus dem geheimnisvollen allwissenden Wesen, als
welches ich ursprnglich erscheinen mute, mich allmhlich in einen
blde lchelnden Idioten verwandelte; konnte aber nichts mehr dagegen
tun.

Ja, ich wei alles, sagte ich noch einmal.

Sie sah mich an, stand schnell auf und wollte fort.

Das war aber zu grausam. Ich ergriff sie bei der Hand.

Um Gotteswillen, begann ich, setzen Sie sich und hren Sie mich
an...

Sie dachte eine Weile nach und setzte sich schlielich wieder auf den
Divan.

Ich habe Ihnen soeben gesagt, fuhr ich, mich ereifernd, fort, da ich
alles wei; das ist Unsinn. Ich wei nichts, absolut nichts. Weder wer
Sie sind, noch wer er ist; und wenn Sie sich ber die Worte wundern, die
ich Ihnen vorhin bei der Sule zugeraunt habe, so schreiben Sie doch
alles einem Zufall zu, einem merkwrdigen, unbegreiflichen Zufall, der
mich zweimal wie zum Scherz Ihnen in den Weg gefhrt und zu einem
unfreiwilligen Zeugen von Dingen gemacht hat, die Sie vielleicht geheim
halten wollen...

Und ich erzhlte ihr, ohne irgend etwas zu verheimlichen, alles: von
meinen Begegnungen mit ihr in Sorrent und in Ruland, von meinen
erfolglosen Nachforschungen in Michailowskoje und selbst von meinem
Gesprch mit Frau Schlykowa und deren Schwester zu Moskau.

Jetzt wissen Sie alles, fuhr ich fort, als ich mit dem Bericht fertig
war. Ich will Ihnen gar nicht sagen, welch einen tiefen und
erschtternden Eindruck Sie auf mich gemacht haben: Sie zu sehen und von
Ihnen nicht bezaubert zu werden, ist ganz unmglich ... Andererseits
brauche ich gar nicht zu sagen, welcher Art dieser Eindruck war.
Besinnen Sie sich doch nur, unter welchen Verhltnissen ich Sie beide
Male sah ... Glauben Sie mir, ich gebe mich nicht gerne wahnsinnigen
Hoffnungen hin, begreifen Sie aber jene ungewhnliche Erregung, die sich
meiner heute abend bemchtigt hat, und entschuldigen Sie mir die plumpe
List, die ich anwandte, um Ihre Aufmerksamkeit, wenn auch nur fr einen
kurzen Augenblick, auf mich zu lenken...

Sie hrte meinen verworrenen Erklrungen mit gesenktem Kopfe zu.

Was wollen Sie also von mir? fragte sie schlielich.

Ich?... Ich will nichts ... Ich bin ohnehin glcklich ... Ich
respektiere fremde Geheimnisse.

Wirklich? Bisher hatte ich eigentlich den Eindruck ... Ich will Ihnen,
brigens, keine Vorwrfe machen. An Ihrer Stelle wrde wohl ein jeder so
gehandelt haben. Auch hat uns das Schicksal gar zu beharrlich unter so
ungewhnlichen Umstnden einander zugefhrt ... Das gibt Ihnen
vielleicht ein gewisses Anrecht auf meine Offenherzigkeit. Hren Sie
also: ich gehre nicht zu jenen unverstandenen und unglcklichen Frauen,
die auf Maskenblle gehen, um mit dem ersten Besten von ihren Leiden zu
reden und nach mitfhlenden Seelen zu suchen ... Ich brauche keines
Menschen Mitgefhl; mein Herz ist lngst tot, und ich bin hergekommen,
um es endgltig zu begraben.

Sie fhrte ihr Taschentuch an die Lippen.

Ich hoffe, fuhr sie mit einiger berwindung fort, da Sie meine Worte
nicht als gewhnliche Maskenballergsse auffassen. Sie mssen einsehen,
da es mir ganz anders zumute ist...

Und wirklich glaubte ich in ihrer Stimme, wie angenehm und
einschmeichelnd sie auch klang, etwas Unheimliches zu hren.

Ich bin Russin, fuhr sie russisch fort; bisher hatte sie franzsisch
gesprochen, obwohl ich in Ruland wenig gelebt habe ... Meinen Namen
brauchen Sie nicht zu wissen ... Anna Fjodorowna ist meine alte
Freundin; ich war wirklich einmal in Michailowskoje unter dem Namen
ihrer Schwester ... Damals durfte ich mit ihm noch nicht ffentlich
zusammenkommen ... Es waren auch ohnehin Gerchte ber uns im Umlauf ...
es gab noch verschiedene Hindernisse, er war noch nicht frei ... Diese
Hindernisse sind nun beseitigt ... Da hat aber er, dessen Namen ich
htte tragen sollen, mit dem Sie mich gesehen haben, mich verlassen.

Sie lie hoffnungslos die Arme sinken und schwieg eine Weile ... Dann
fragte sie mich:

Kennen Sie ihn wirklich nicht? Ist er Ihnen nie begegnet?

Wirklich nie.

Er hat sich fast immer im Ausland aufgehalten. Jetzt ist er brigens
hier ... Das ist meine ganze Geschichte, setzte sie hinzu. Wie Sie
sehen, ist an ihr nichts Geheimnisvolles, nichts Auergewhnliches.

Und Sorrent? wandte ich schchtern ein.

Ich hatte ihn in Sorrent kennen gelernt, antwortete sie langsam und
wurde wieder nachdenklich.

Wir schwiegen beide. Eine seltsame Unruhe bemchtigte sich meiner. Ich
sa an ihrer Seite, an der Seite jener Frau, deren Bild so oft meine
Gedanken beherrscht und mich so schmerzvoll bewegt und erregt hatte, --
ich sa an ihrer Seite, doch mein Herz blieb khl, beklommen. Ich wute,
da dieses Gesprch zu nichts fhren wrde, da zwischen mir und ihr ein
unberbrckbarer Abgrund lag, da wir uns nach dieser Begegnung nie
wieder sehen wrden. Den Kopf etwas vorgebeugt, beide Hnde nachlssig
auf die Knie gesenkt, sa sie gleichgltig da. Ich kenne nur zu gut
diese nachlssige Gebrde des unheilbaren Schmerzes, diese
Gleichgltigkeit des nicht wieder gutzumachenden Unglcks! Maskierte
Paare zogen an uns vorbei; die Tne eines eintnigen und wahnsinnigen
Walzers klangen bald leise wie aus der Ferne und bald drhnend in unsere
Ohren; die lustige Ballmusik machte auf mich einen traurigen, schweren
Eindruck. Ist denn diese Frau -- dachte ich -- die gleiche, die mir
einst am Fenster jenes fernen Landhauses im Glanze ihrer sieghaften
Schnheit erschienen war?... -- Und doch schien sie von der Zeit
unberhrt. Der untere Teil ihres Gesichts, den die Spitzen der Maske
offen lieen, war zart wie bei einem Kinde; ihr entstrmte aber ein
Hauch von Klte wie einer Statue ... Galathea war auf ihr Postament
zurckgekehrt und durfte es nie wieder verlassen.

Pltzlich richtete sie sich auf, sah ins andere Zimmer und erhob sich.

Geben Sie mir den Arm, sagte sie mir, kommen Sie schnell...

Wir kehrten in den Saal zurck. Sie ging so schnell, da ich ihr nur mit
Mhe folgen konnte. Vor einer Sule blieb sie stehen.

Warten wir hier eine Weile, flsterte sie mir zu.

Suchen Sie jemand?...

Sie achtete aber nicht mehr auf mich und richtete ihren starren Blick
mitten in die Menge. Ihre groen schwarzen Augen blickten vertrumt und
zugleich drohend durch die Schlitze im schwarzen Samt.

Auch ich blickte in der gleichen Richtung, und sofort wurde mir alles
klar. Im schmalen Gange zwischen den Sulen und der Wand ging er, der
Mann, den ich mit ihr im Walde gesehen hatte. Ich erkannte ihn sofort:
er hatte sich gar nicht verndert. Sein blonder Schnurrbart war noch
ebenso schn, und in seinen braunen Augen leuchtete noch immer die
gleiche selbstbewute und ruhige Heiterkeit. Er ging nicht schnell,
wiegte sich in den Hften und erzhlte etwas einer Dame im Domino, die
er am Arme fhrte. Als er an uns vorberging, hob er pltzlich den Kopf
und blickte zuerst auf mich und dann auf sie, mit der ich stand;
offenbar erkannte er sofort ihre Augen, denn pltzlich zuckten seine
Brauen; er kniff seine Augen zusammen, und ber seine Lippen huschte ein
kaum wahrnehmbares, doch ungemein freches Lcheln. Er neigte sich zu
seiner Dame und flsterte ihr etwas ins Ohr; sie wandte sich sofort um,
und ihre blauen Augen streiften uns mit einem schnellen Blick; dann
kicherte sie leise und drohte ihrem Begleiter mit ihrem kleinen
Hndchen. Er zuckte leicht die Achseln, und sie schmiegte sich kokett an
ihn...

Ich wandte mich zu meiner Unbekannten. Sie blickte dem sich entfernenden
Paare nach; pltzlich ri sie ihren Arm aus dem meinen los und strzte
zur Tre. Ich wollte ihr nacheilen, sie drehte sich aber um und warf mir
einen solchen Blick zu, da ich stehen blieb und mich tief vor ihr
verbeugte. Ich begriff, da es roh und dumm gewesen wre, sie weiter zu
verfolgen.

Sag' mir doch, mein Lieber, fragte ich nach einer Viertelstunde einen
meiner Bekannten, ein lebendiges Adrebuch von Petersburg, wer ist
jener schlanke, hbsche Herr mit dem blonden Schnurrbart?

Dieser?... Irgend ein Auslnder, ein ziemlich rtselhaftes Individuum,
das sich sehr selten an unserem Horizont zeigt. Warum interessiert er
dich?

Ich habe nur so gefragt...

Ich kehrte nach Hause zurck. Seitdem sah ich sie nie wieder. Wenn ich
den Namen des Mannes, den sie geliebt hatte, wte, so knnte ich wohl
auch leicht herausbringen, wer sie war; ich wollte es aber nicht tun.
Ich habe vorhin gesagt, da diese Frau mir wie ein Traumbild erschienen
war; so zog sie auch wie ein Traumbild vorber und verschwand auf
Nimmerwiedersehn.




Visionen

(Eine Phantasie)


    Und der Zauber ist im Nu zerronnen,
    Und das Wirkliche erfllt die Seele.

    A. Feth


I.

Ich konnte lange nicht einschlafen und wlzte mich unaufhrlich von der
einen Seite auf die andere. Hole doch der Teufel das blde
Tischrcken, dachte ich, das greift nur die Nerven an... Endlich
begann der Schlummer mich zu berwltigen...

Pltzlich war es mir, als ob irgendwo im Zimmer schwach und klagend eine
Saite erklnge.

Ich hob den Kopf. Der Mond stand niedrig am Himmel und blickte mir
gerade in die Augen. Sein Licht lag wei wie Kreide auf dem Fuboden ...
Und wieder lie sich der seltsame Klang vernehmen...

Ich sttzte mich auf einen Ellenbogen. Eine leise Furcht regte sich in
meinem Herzen. -- Es verging eine Minute, und noch eine ... Irgendwo in
der Ferne krhte ein Hahn; in noch weiterer Ferne antwortete ihm ein
anderer.

Ich lie den Kopf auf das Kissen sinken. So weit kann es mit einem
kommen, sagte ich mir wieder, da es in den Ohren zu klingen anfngt.

Einige Minuten darauf schlief ich ein, oder kam es mir nur so vor, als
ob ich einschliefe?... Ich hatte einen ungewhnlichen Traum. Mir
trumte, da ich in meinem Schlafzimmer auf einem Bette lge, nicht
schliefe, nicht einmal die Augen schlieen knne. Und nun hre ich
wieder den Klang ... Ich wende mich um ... Der Mondfleck am Boden
richtet sich allmhlich auf, rundet sich oben ab ... Vor mir,
durchsichtig wie ein Nebel, steht unbeweglich eine weie Frau.

Wer bist du? frage ich sie mit groer Anstrengung.

Eine Stimme, hnlich dem Suseln der Bltter, antwortet mir: Das bin
ich ... ich ... ich ... Ich bin dich abholen gekommen.

Mich abholen? Wer bist du?

Komm nachts zur alten Eiche, die an der Ecke des Waldes steht. Dort
werde ich dich erwarten.

Ich will mir das Antlitz der geheimnisvollen Frau nher ansehen, mu
aber pltzlich zusammenschaudern ... ein kalter Odem weht mich an. Und
ich liege nicht mehr, ich sitze auf meinem Bett, und dort, wo die Vision
erschienen war, liegt ein langer, weier Mondlichtstreifen auf dem
Boden.


II.

Wie ich den folgenden Tag verbracht habe, wei ich nicht mehr. Ich
versuchte, glaube ich, etwas zu lesen, zu arbeiten ... nichts wollte mir
gelingen. Die Nacht brach an. Das Herz schlug mir voller Erwartung. Ich
legte mich nieder und kehrte das Gesicht zur Wand.

Warum bist du nicht gekommen? lie sich ein deutliches Flstern
vernehmen.

Ich wandte mich rasch um.

Es war wieder sie ... wieder die geheimnisvolle Vision; die
unbeweglichen Augen in dem unbeweglichen Gesicht blickten regungslos,
und der Blick war von Trauer erfllt.

Komm! flsterte sie wieder.

Ich werde kommen, antworte ich mit unwillkrlichem Schaudern. Die
Vision schwebte leicht nach vorn und verschwamm und verzog sich wie
Rauch, -- und das weie Mondlicht lag wieder friedlich auf dem glatten
Boden.


III.

Ich verbrachte den Tag in Aufregung. Beim Nachtmahl trank ich fast eine
ganze Flasche Wein, trat auf den Flur hinaus, kehrte jedoch gleich
zurck und warf mich aufs Bett. Das Blut wogte schwer in meinen Adern.

Und wieder lie sich der Laut vernehmen ... Ich fuhr zusammen, wandte
mich aber nicht um. Pltzlich fhlte ich, da mich jemand von hinten
fest umschlang und mir ins Ohr flsterte: Komm, komm, komm... Ich
zitterte vor Schreck und sthnte:

Ja, ich werde kommen!

Und mit diesen Worten richtete ich mich auf.

Die Frau stand, ber das Kopfende meines Bettes gebeugt. Sie lchelte
mir leise zu und verschwand. Es gelang mir aber noch, ihr Gesicht zu
sehen. Es war mir, als htte ich es schon frher einmal gesehen; doch wo
und wann? Ich stand spt auf und irrte den ganzen folgenden Tag in den
Feldern und Wiesen umher, kam einige Male zur alten Eiche am Waldsaum
und sah mich aufmerksam um.

Gegen abend sa ich am geffneten Fenster in meinem Arbeitszimmer. Meine
alte Haushlterin stellte eine Tasse Tee vor mich hin, ich rhrte sie
aber nicht an ... Ich war ganz verwirrt und fragte mich sogar: Ob ich
nicht den Verstand verliere? Die Sonne war eben untergegangen, und
nicht nur der Himmel glhte -- auch die ganze Luft fllte sich pltzlich
mit einem fast bernatrlichen Purpurglanz; das Laub und die Grser
schimmerten wie mit frischem Lack berzogen und rhrten sich nicht; in
ihrer starren Unbeweglichkeit, in der grellen Deutlichkeit ihrer
Umrisse, in dieser Verbindung hellen Glanzes mit toter Stille lag etwas
Seltsames und Rtselhaftes. Ein ziemlich groer grauer Vogel flog
pltzlich lautlos herbei und setzte sich auf den Rand des Fensterbrettes
... Ich betrachtete ihn, und auch er betrachtete mich von der Seite mit
seinem runden, dunklen Auge. -- Hat man dich etwa hergeschickt, um mich
zu erinnern? dachte ich.

Der Vogel schwang sogleich seine weichen Flgel und flog so lautlos
davon, wie er gekommen. Ich sa noch lange am Fenster, fhlte mich aber
nicht mehr so verwirrt: ich war gleichsam in einen Zauberkreis
hineingeraten, und eine sanfte, doch unwiderstehliche Macht zog mich
fort, ebenso wie das Boot noch lange vor dem Wasserfall von der Strmung
fortgezogen wird. Endlich raffte ich mich auf. Der Purpurglanz in der
Luft war lngst verschwunden, die Farben waren trber geworden, und der
Zauber der Stille war gebrochen. Ein leiser Windhauch bewegte die Luft,
der Himmel wurde immer dunkler und der Mond immer heller, und bald
funkelte das Laub der Bume in seinem kalten Lichte wie Silber und
schwarzes Email. Meine Alte kam zu mir ins Zimmer mit einer Kerze in der
Hand, doch ein Windhauch aus dem Fenster blies die Flamme aus. Ich
konnte es nicht lnger aushalten; ich sprang auf, drckte mir die Mtze
in die Stirne und begab mich zur alten Eiche am Waldsaume.


IV.

In diese Eiche hatte einmal vor vielen Jahren der Blitz eingeschlagen;
die Spitze war gebrochen und verdorrt, doch im Baume war noch
Lebenskraft fr mehrere Jahrhunderte erhalten. Als ich mich der Eiche
nherte, zog eine leichte Wolke ber den Mond, und unter den breiten
sten des Baumes lag tiefes Dunkel. Zunchst merkte ich nichts
Besonderes; als ich aber zur Seite trat, erbebte in mir das Herz: neben
einem hohen Strauch, zwischen der Eiche und dem Walde, stand eine weie
Gestalt. Das Haar strubte sich mir leicht auf dem Kopfe, ich fate mir
jedoch ein Herz und ging auf den Wald zu.

Ja, das war sie, mein nchtlicher Gast. Als ich mich ihr nherte,
leuchtete der Mond wieder auf. Sie schien ganz aus einem
halbdurchsichtigen milchweien Nebel gewebt -- durch ihr Gesicht
hindurch konnte ich einen leise vom Winde bewegten Zweig sehen -- nur
ihr Haar und ihre Augen hoben sich etwas dunkler ab, und an einem Finger
ihrer gefalteten Hnde glnzte ein schmaler mattgoldener Reif. Ich blieb
vor ihr stehen und wollte sie ansprechen; doch meine Stimme erstarb mir
in der Kehle, obwohl ich eigentlich keine Furcht mehr hatte. Sie
richtete ihre Augen auf mich: ihr Blick drckte weder Leid noch Freude,
sondern eine eigentmliche leblose Aufmerksamkeit aus. Ich wartete, ob
sie nicht etwas sagen werde, sie stand aber stumm und unbeweglich, den
leblosen Blick unverwandt auf mich gerichtet. Mir wurde es wieder
unheimlich zumute.

Ich bin gekommen! brachte ich endlich hervor.

Meine Stimme klang seltsam hohl.

Ich liebe dich! flsterte sie.

Du liebst mich? wiederholte ich erstaunt ihre Worte.

Gib dich mir hin! flsterte sie wieder.

Mich dir hingeben! Du bist ja eine Vision, hast ja auch gar keinen
Krper. Eine seltsame Erregung bemchtigte sich meiner. Was bist du
denn, Rauch, Luft, Dunst? Mich dir hingeben? Antworte mir zuerst, wer
bist du? Hast du je auf Erden gelebt? Woher bist du gekommen?

Gib dich mir hin. Ich werde dir nichts zuleide tun. Sag' mir blo die
drei Worte: Nimm mich hin.

Ich blickte sie an. Was spricht sie da? fragte ich mich. Was soll
dies alles bedeuten? Und wie will sie mich hinnehmen? Oder soll ich es
doch versuchen?

Nun, gut, sagte ich so unerwartet laut, als ob mich jemand von hinten
stiee. Nimm mich hin!

Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, als die geheimnisvolle Gestalt
mit einem inneren Lachen, welches ihr Gesicht fr einen Augenblick
erzittern machte, sich leicht vornber neigte und mir ihre Arme langsam
entgegenstreckte ... Ich wollte zurckprallen, war aber bereits in ihrer
Gewalt. Sie umschlang mich, mein Krper hob sich etwa eine halbe Elle
hoch vom Boden, und schon schwebten wir beide leicht und nicht zu rasch
ber das regungslose, taufeuchte Gras dahin.


V.

Anfangs schwindelte mir der Kopf, und ich schlo unwillkrlich die Augen
... Eine Minute spter schlug ich sie wieder auf. Wir schwebten noch
immer durch die Luft. Doch der Wald war nicht mehr zu sehen: unter uns
breitete sich eine mit dunklen Flecken beste Ebene aus. Ich merkte mit
Entsetzen, da wir uns in einer frchterlichen Hhe befanden.

--Ich bin verloren, ich bin in der Gewalt des Satans, -- ging es mir
blitzartig durch den Kopf. Bis dahin war mir der Gedanke an teuflisches
Blendwerk, an die Mglichkeit eines bsen Endes nicht gekommen. Wir
flogen immer weiter und weiter und stiegen, wie es mir schien, immer
hher und hher.

Wohin trgst du mich? sthnte ich endlich.

Wohin du willst, antwortete meine Gefhrtin. Sie schmiegte sich fest
an mich; ihr Gesicht berhrte beinahe das meinige. Ich sprte brigens
diese Berhrung kaum.

Bringe mich wieder auf die Erde; es schwindelt mir in solcher Hhe.

Gut; schliee nur die Augen und atme nicht.

Ich folgte diesem Rat und fhlte im gleichen Augenblick, da ich wie ein
Stein fiel ... der Wind pfiff durch meine Haare. Als ich wieder zu mir
kam, schwebten wir fast dicht am Erdboden, so da wir die Spitzen der
hohen Grashalme streiften.

Stell mich auf meine Beine, sagte ich. Ist denn das Fliegen eine
Lust? Ich bin ja kein Vogel.

Ich dachte, es wrde dich freuen. Wir tun ja nichts anderes als
fliegen.

Ihr? Wer seid ihr denn?

Sie gab keine Antwort.

Du darfst es mir nicht sagen?

Ein klagender Ton, gleich dem, der mich in der ersten Nacht
aufgeschreckt hatte, klang mir in den Ohren. Indessen schwebten wir
unmerklich durch die feuchte Nachtluft dahin.

La mich doch! sagte ich. Meine Gefhrtin schwebte leise zur Seite,
und ich stand wieder auf meinen Beinen. Sie blieb vor mir stehen und
faltete wieder die Hnde. Ich beruhigte mich und blickte ihr ins
Gesicht: es drckte wie frher Demut und Trauer aus.

Wo sind wir jetzt? fragte ich, denn die Gegend kam mir unbekannt vor.

Weit von deinem Hause, du kannst aber in einem Augenblick wieder dort
sein.

Auf welche Weise? Soll ich mich dir wieder anvertrauen?

Ich habe dir ja nichts zuleide getan und werde dir auch nichts zuleide
tun. Wollen wir bis zur Morgenrte fliegen, das ist alles. Ich kann dich
tragen, wohin du willst, in alle Lnder der Welt. Gib dich mir hin! Sag
mir wieder: Nimm mich hin!

Nun ... nimm mich hin!

Sie schmiegte sich wieder an mich, meine Fe lsten sich vom Erdboden,
und wir flogen wieder durch die Nacht.


VI.

Wohin? fragte sie mich.

Geradeaus, immer geradeaus.

Hier ist aber ein Wald.

Hebe dich ber den Wald, doch nicht zu schnell.

Wir schossen in die Hhe wie eine Waldschnepfe, die auf eine Birke
gestoen ist, -- und flogen wieder in gerader Richtung. Die Gipfel der
Bume schwebten jetzt unter unseren Fen wie frher die Spitzen der
Grashalme. Einen seltsamen Anblick gewhrte der Wald von oben herab, so
eigentmlich sah sein stachliger Rcken im Mondlicht aus. Er glich einem
ungeheueren, schlafenden Tier und begleitete uns mit ununterbrochenem,
weit gedehnten Rauschen, das sich wie dumpfes Brummen anhrte. Ab und zu
flogen wir ber eine kleine Waldwiese, die schn von gezackten Schatten
eingesumt war. Zuweilen schrie unten ein Hase auf; oben pfiff ebenso
klagend eine Eule; es roch nach Pilzen, Knospen und Sumpfgrsern; das
Mondlicht ergo sich kalt und hart nach allen Seiten; hoch oben ber uns
strahlte der groe Wagen. Nun hatten wir schon den Wald hinter uns; ber
der Ebene schwebte ein Nebelstreif; das war ein Flu. Wir flogen lngs
einem seiner Ufer, ber den Bschen, die von Feuchtigkeit schwer und
regungslos waren. Die Wellen auf dem Flusse schimmerten bald in blauem
Glanz, bald rollten sie dunkel und gleichsam erbost dahin. Stellenweise
bewegte sich ber dem Wasser leichter Nebel in seltsamen Formen, -- und
die Kelche der Wasserlilien entfalteten ihre Blumenbltter und strahlten
in ihrem jungfrulichen Wei, als ob sie wten, da sie niemand
erreichen kann. Es kam mir der Wunsch, eine der Blumen zu brechen -- und
schon war ich dicht ber der Wasserflche ... Die Feuchtigkeit schlug
mir feindselig ins Gesicht, als ich den festen Stengel einer groen
Blume abri. Wir begannen ber dem Flusse zu kreuzen, gleich den
Rohrschnepfen, die wir im Fluge immerwhrend aufscheuchten und
verfolgten. Einige Male stieen wir auf kleine Familien von Wildenten,
die im Kreise an einem freien Pltzchen zwischen Binsen ruhten; sie
rhrten sich nicht; hchstens zog eine von ihnen hastig den Hals unter
den Flgeln hervor, blickte sich um und beeilte sich dann wieder den
Schnabel in den weichen Flaum zu stecken, whrend die andere leise
aufschrie und kaum wahrnehmbar am ganzen Krper erzitterte. Einmal
scheuchten wir einen Reiher auf; mit den Beinen baumelnd und etwas
unbeholfen die Flgel schlagend, flog er aus einem Weidenbusche auf.
Nirgends regten sich Fische, -- sie schliefen wohl alle. Ich begann mich
an die Empfindung des Fliegens zu gewhnen und darin sogar ein gewisses
Vergngen zu finden: jedermann, der schon im Traume geflogen ist, wird
mich verstehen. Ich betrachtete mit grerer Aufmerksamkeit das
geheimnisvolle Wesen, dem ich die unglaublichen Erlebnisse zu verdanken
hatte.


VII.

Es war eine Frau mit kleinem Kopf und einem nicht russischen Gesicht.
Grauwei, halbdurchsichtig, mit kaum wahrnehmbaren Schatten erinnerte
sie mich an eine von innen erleuchtete Alabastervase, -- und wieder kam
sie mir so bekannt vor.

Darf ich mit dir sprechen? fragte ich.

Sprich.

Ich sehe einen Ring an deinem Finger; du hast also einst auf der Erde
gelebt, -- bist wohl verheiratet gewesen? Ich stockte ... Sie gab keine
Antwort.

Sag mir wenigstens wie du heit, oder wie du gehieen hast?

Nenne mich Ellis.

Ellis! Das klingt wie ein englischer Name! Bist du Englnderin? Hast du
mich frher gekannt?

Nein.

Warum bist du denn gerade mir erschienen?

Ich liebe dich.

Bist du nun zufrieden?

Ja. Wir schweben und kreisen beide durch die reine Luft.

Ellis! sagte ich pltzlich. Bist du vielleicht die verdammte Seele
einer Snderin?

Meine Gefhrtin neigte den Kopf. Ich verstehe dich nicht, flsterte
sie.

Ich beschwre dich bei dem Namen Gottes... fing ich wieder an.

Was sprichst du da? sagte sie verwundert. Ich verstehe das nicht. Es
war mir, als ob der Arm, der wie ein khler Grtel meine Hften
umschlang, leise erzitterte...

Frchte dich nicht, sagte Ellis. Frchte dich nicht, Geliebter! Sie
wandte sich zu mir und nherte ihr Gesicht dem meinigen ... Ich fhlte
auf meinen Lippen eine eigentmliche Berhrung wie von einem feinen und
weichen Stachel ... So berhrt einen ein nicht allzu blutdrstiger
Blutegel.


VIII.

Ich sah hinab. Wir hatten uns inzwischen wieder zu einer betrchtlichen
Hhe erhoben. Wir flogen gerade ber eine mir unbekannte Provinzstadt,
die am Abhang eines breiten Hgels lag. Aus der dunklen Masse der
Schindeldcher und Obstgrten ragten Kirchtrme empor; eine lange Brcke
dunkelte an einer Biegung des Flusses; alles lag in tiefem Schlummer.
Selbst die Kuppeln und Kreuze schimmerten so eigentmlich stumm und
trge; stumm ragten die hohen Stangen der Ziehbrunnen neben den runden
Kuppen der Weidenbsche; eine weie Landstrae scho wie ein feiner
Pfeil in die Stadt hinein und kam am anderen Ende in der dmmernden
Ferne wieder heraus.

Was ist das fr eine Stadt? fragte ich.

Es ist N.

N. im N--schen Gouvernement?

Ja.

So weit bin ich also von meinem Hause?

Fr uns gibt es keine Entfernung.

Wirklich? Eine pltzliche Khnheit erwachte in mir. So bringe mich
nach Sdamerika!

Nach Amerika kann ich nicht. Dort ist jetzt Tag.

Wir sind also Nachtvgel. Nun trage mich irgendwohin, nur recht weit
von hier.

Schliee die Augen und atme nicht, sagte Ellis, und wir flogen dahin
schnell wie der Sturm. Die Luft drang mir mit erschtterndem Rauschen in
die Ohren.

Wir hielten an, das Rauschen hrte aber nicht auf. Im Gegenteil: es
verwandelte sich in ein drohendes Brllen und Donnergetse...

Jetzt kannst du die Augen ffnen, sagte Ellis.


IX.

Ich gehorchte ... Mein Gott, wo bin ich?

ber mir hngen schwere graue Wolken; sie drngen sich zusammen und
rennen wie eine Herde bser Ungeheuer ... doch dort, tief unten tobt ein
anderes Ungeheuer: das wtende, wirklich wtende Meer ... Der weie
Schaum zuckt und blitzt und kocht und huft sich zu Hgeln, und das Meer
wirft ungeheure Wellen empor, die mit rohem Getse gegen einen riesigen,
pechschwarzen Felsen schlagen. Im Heulen des Sturmes, im eisigen Hauch
des ghnenden Abgrundes, im schweren Brausen der Brandung, aus welcher
ich bald klagendes Heulen, bald fernen Kanonendonner und bald
Glockenluten hre, im lauten Knirschen der am Ufer angehuften
Kieselsteine, im pltzlichen Aufschrei einer unsichtbaren Mwe, im
schwankenden Gerippe eines Schiffes, das sich schwach am grauen Horizont
abhebt, -- in allen Dingen ist der Tod, Tod und Grauen ... Der Kopf
schwindelt mir, und ich schliee wieder bebend die Augen...

Was ist das? Wo sind wir?

Am Sdufer der Insel Wight, vor dem Felsen Blackgany, wo so oft die
Schiffe zerschellen, sagte Ellis, diesmal besonders laut und deutlich
und, wie mir schien, nicht ohne Schadenfreude...

Trage mich fort von hier ... nach Hause! Nach Hause!

Ich krmmte mich ganz zusammen und prete mein Gesicht in die Hnde ...
Ich fhlte, da wir noch rascher flogen; der Wind heulte und pfiff nicht
mehr, -- er winselte frmlich in meinem Haar und in meiner Kleidung ...
Mir verging der Atem...

Stell dich doch auf die Fe, rief ihre Stimme.

Ich gab mir Mhe, mich zu beherrschen, meine Besinnung wieder zu
gewinnen ... Ich sprte unter meinen Sohlen die Erde und hrte nichts,
als ob rund umher alles erstorben wre ... nur in den Schlfen pochte
mir noch das Blut, und in meinem Kopfe sauste es ... mir schwindelte.
Ich richtete mich auf und sah mich um.


X.

Wir befanden uns auf dem Damme meines Teiches. Ich sah gerade vor mir,
durch die spitzigen Bltter der Weidenbsche hindurch, die breite
Wasserflche, auf der hie und da noch einzelne flaumige Nebelfetzen
lagen. Rechts lag im matten Glanz das Kornfeld; links erhoben sich die
schlanken, unbeweglichen und noch feuchten Bume meines Gartens ... Der
Morgen hatte sie bereits mit seinem Atem berhrt. Am reinen grauen
Himmel zogen sich gleich Rauchstreifen einige schrge Wlkchen hin; im
ersten schwachen Widerscheine des Morgenrots, der Gott wei von wo auf
sie fiel, schienen sie gelblich: das Auge konnte am weien Horizonte
noch nirgends die Stelle entdecken, wo die Sonne aufgehen sollte. Die
Sterne erloschen einer nach dem andern; nichts regte sich noch, obgleich
in der zauberhaften Stille des Morgens alles Leben zu erwachen begann.

Der Morgen! Es ist der Morgen! rief mir Ellis dicht ins Ohr. Lebe
wohl! Bis morgen!

Ich wandte mich um ... Sie hob sich leicht von der Erde empor, schwebte
an mir vorber -- und pltzlich hob sie beide Arme ber den Kopf. Dieser
Kopf, diese Arme und Schultern nahmen augenblicklich einen warmen
rosigen Ton an; in den dunklen Augen sprhten lebendige Funken; ein
Lcheln geheimer Wonne bewegte die rot gewordenen Lippen ... Vor mir war
pltzlich ein reizendes Weib erstanden ... Doch im gleichen Augenblick
sank sie, wie in Ohnmacht fallend, zurck und zerflo wie Dunst.

Ich stand regungslos da.

Als ich zur Besinnung kam und um mich blickte, war es mir, als ob der
rosige Ton, in dem soeben das Gesicht meiner Vision erglhte, noch immer
nicht verschwunden sei, sondern die ganze Luft erflle und mich von
allen Seiten umgebe ... Das war das Morgenrot. Pltzlich fhlte ich mich
ungewhnlich matt; ich begab mich nach Hause. Als ich am Geflgelhof
vorbeiging, hrte ich das erste Morgengeschnatter der jungen Gnse (sie
werden vor jedem anderen Geflgel wach); lngs des Daches saen viele
Dohlen, die sich geschftig und stumm putzten; sie hoben sich scharf vom
milchweien Himmel ab. Zuweilen flogen sie alle zugleich auf und setzten
sich nach kurzem Fluge wieder eine neben der anderen ohne Geschrei auf
das Dach ... Aus dem nahen Wldchen lie sich zweimal der erste heisere
Morgenschrei des Auerhahnes vernehmen, der eben in das taufeuchte, von
Beeren durchwachsene Gras herabgeflogen war ... Mit leisem Beben in
allen Gliedern erreichte ich mein Bett und versank sofort in tiefen
Schlaf.


XI.

Als ich mich in der nchsten Nacht der alten Eiche nherte, schwebte mir
Ellis wie einem Bekannten entgegen. Ich frchtete sie nicht mehr, war
ber ihr Erscheinen beinahe erfreut; ich versuchte nicht einmal darber
nachzudenken, was mit mir vorging; ich hatte nur den einen Wunsch,
irgendwohin, recht weit, nach merkwrdigen Orten, zu fliegen.

Ellis umschlang mich wieder mit ihrem Arm, und wir flogen wieder
dahin...

Wollen wir doch nach Italien fliegen, flsterte ich ihr ins Ohr.

Wohin du willst, Geliebter, antwortete sie feierlich und ruhig; ruhig
und feierlich wandte sie mir ihr Gesicht zu. Es erschien mir etwas
weniger durchsichtig als gestern, frauenhafter und ernster; es erinnerte
mich an jenes herrliche Wesen, das mir beim Morgenrot entschwebt war.

Diese Nacht ist eine groe Nacht, sagte Ellis. Sie kommt sehr selten,
nur wenn siebenmal dreizehn...

Hier entgingen mir einige Worte.

In dieser Nacht kann man Dinge sehen, die in den anderen Nchten
verborgen sind.

Ellis! flehte ich sie an, wer bist du denn? Sage es mir endlich!

Sie hob schweigend ihren schlanken weien Arm.

Am dunklen Himmel, dort, wohin ihr Finger wies, strahlte zwischen
kleineren Sternen ein Komet mit rtlichem Schweif.

Wie soll ich dich verstehen? begann ich. Oder ziehst du -- wie dieser
Komet zwischen den Planeten und Sonnen zieht, zwischen den Menschen ...
und _wem_?

Doch sogleich legte sich Ellis' Hand auf meine Augen ... Es war mir, als
ob mich ein weier Nebel aus feuchtem Tal umfinge...

Nach Italien! Nach Italien! flsterte sie. Diese Nacht ist eine groe
Nacht!


XII.

Der Nebel vor meinen Augen verzog sich, und ich erblickte tief unter mir
eine unendliche Ebene. Schon an der warmen und milden Luft, die meine
Wangen streifte, konnte ich erkennen, da ich mich nicht in Ruland
befand; auch glich die Ebene gar nicht unseren russischen Ebenen. Es war
eine groe dunkle Flche, so viel ich erkennen konnte, vollkommen nackt
und de; hie und da glnzten wie kleine Spiegelscherben stehende
Gewsser; in der Ferne konnte ich schwach die Umrisse eines unhrbaren
und unbeweglichen Meeres sehen. Zwischen breiten schngeformten Wolken
strahlten groe Sterne; ein tausendstimmiges, unaufhrliches und dabei
doch nicht lautes Trillern erscholl von allen Richtungen -- wunderbar
war dieses durchdringende und zugleich verschlafene Singen, diese
nchtliche Stimme der Wste...

Die Pontinischen Smpfe, sagte Ellis. Hrst du die Frsche? Sprst du
den Schwefelgeruch?

Die Pontinischen Smpfe... wiederholte ich, und sofort war ich im
Banne dieser majesttischen und schwermtigen Stimmung. Doch warum hast
du mich in dieses traurige verlassene Land gebracht? Bringe mich lieber
nach Rom.

Rom ist nahe, antwortete Ellis, mache dich bereit!

Wir lieen uns etwas tiefer herab und flogen die alte Rmerstrae
entlang. Ein Bffel erhob langsam seinen groen zottigen Kopf mit den
kurzen Borsten zwischen den zurckgebogenen Hrnern aus dem Morast. Er
schielte mit seinen stumpfsinnig bsen Augen und schnaubte schwer mit
den feuchten Nstern, als ob er uns witterte.

Rom ist nahe, flsterte Ellis. Schau vorwrts, vorwrts...

Ich erhob die Augen.

Was ist das Schwarze dort am nchtlichen Horizonte? Sind das die hohen
Bogen einer kolossalen Brcke? ber welchen Strom wlbt sie sich? Warum
ist sie stellenweise durchbrochen? Nein, es ist keine Brcke, es ist ein
alter Aqudukt. Rings ist der geheiligte Boden der Campagna, und dort in
der Ferne ragen die Berge von Albano, und ihre Gipfel und der graue
Rcken des alten Aqudukts schimmern schwach in den Strahlen des
aufgehenden Mondes...

Wir schossen pltzlich in die Hhe und hielten in der Luft ber einer
einsamen Ruine. Niemand htte sagen knnen, was sie frher einmal
gewesen war: ein Grabmal, ein Palast, ein Turm ... Dunkler Efeu umrankte
sie von allen Seiten mit seiner erstickenden Gewalt, und unten ghnte
wie ein gigantischer Rachen ein halbeingestrztes Gewlbe. Schwerer
Kellergeruch wehte mir aus diesem Haufen kleiner, dicht aneinander
gefgter Steine entgegen, von denen schon lngst die Granitbekleidung
abgefallen war.

Hier, sagte Ellis und erhob die Hand. Hier! Sprich laut, dreimal
hintereinander den Namen eines groen Rmers aus.

Und was wird geschehen?

Du wirst es sehen.

Ich dachte nach. Divus Cajus Julius Caesar! rief ich pltzlich. Divus
Cajus Julius Caesar! wiederholte ich gedehnt: -- Caesar!


XIII.

Der letzte Widerhall meiner Worte war noch nicht verstummt, als ich
pltzlich hrte...

Es fllt mir schwer zu sagen, was ich hrte. Anfangs war es ein
undeutliches, kaum wahrnehmbares, doch unaufhrlich sich wiederholendes
Trompetengeschmetter und Hndeklatschen. Es war, als ob irgendwo in
weiter Ferne, in einem Abgrund eine zahllose Menschenmenge wogte -- sie
war in Aufruhr, sie wuchs an, und ihre Rufe klangen kaum hrbar, wie im
Traume, wie aus tiefem, bedrckendem, tausendjhrigem Schlafe. Die Luft
ber der Ruine begann sich zu regen und dunkler zu werden ... Ich
glaubte Schatten zu sehen, Myriaden Schatten, Millionen Umrisse, hier
abgerundet wie Helme, dort zugespitzt wie Speere; auf allen diesen
Helmen und Speeren sprhten im Mondlichte blaue Funken, -- und die ganze
Armee, die ganze Masse rckte immer nher und nher heran, immer
anwachsend und wie ein Meer tobend ... Eine unsagbare Spannung, eine
Spannung, stark genug, um die ganze Welt aus den Fugen zu heben, schien
diese Menge vorwrts zu treiben, und keine einzige Gestalt trat einzeln
hervor ... Und pltzlich war es mir, als ob durch die Menge ein Beben
ginge, als ob ungeheuere Wogen zurckprallten und sich zerteilten ...
Caesar, Caesar venit! rauschten die Stimmen, gleich den Blttern des
Waldes, in den ein pltzlicher Sturm gefahren ist ... Ein dumpfer
Donnerschlag, -- und ein bleiches, ernstes lorbeerbekrnztes Haupt mit
gesenkten Lidern, das Haupt des Imperators kam langsam hinter der Ruine
zum Vorschein...

In der Sprache des Menschen gibt es keine Worte, mit denen ich mein
Entsetzen ausdrcken knnte. Es war mir, als ob ich auf der Stelle
sterben mte, wenn dieses Haupt die Augen aufschlge und die Lippen
ffnete. -- Ellis! sthnte ich, ich will nicht, ich kann nicht, ich
mag nicht dieses rohe, drohende Rom ... Fort, fort von hier!

Kleinmtiger! flsterte sie, und wir flogen weg. Ich hrte hinter mir
noch einen ehernen, donnernden Aufschrei der Legionen ... dann wurde
alles dunkel.


XIV.

Sieh dich um, sagte Ellis, und beruhige dich.

Ich gehorchte. Der erste Eindruck war, wie ich mich noch gut erinnere,
so s und angenehm, da ich nur aufseufzen konnte. Etwas
Durchsichtig-Blaues, etwas Silbriges -- es war kein Licht und auch kein
Nebel -- umflo mich von allen Seiten. Zuerst konnte ich nichts
unterscheiden: mich blendete dieses blaue Glnzen; -- aber allmhlich
traten die Umrisse schner Berge und Wlder hervor; vor mir lag ein See,
in seiner Tiefe zitterten Sterne, lieblich pltscherten seine Wellen.
Ein Strom von Orangenduft schlug mir entgegen, -- und mit ihm zugleich
kamen starke reine Tne einer jugendlichen weiblichen Stimme. Dieser
Duft, diese Tne zogen mich frmlich hinab -- und ich begann mich sinken
zu lassen ... zu einem prunkvollen Marmorpalast hinab, der mir
freundlich aus einem Zypressenhain entgegenschimmerte. Die Tne kamen
aus den weit geffneten Fenstern; die Wellen des Sees, der mit
Bltenstaub best war, pltscherten an die Marmormauern -- und gerade
gegenber erhob sich aus dem Schoe des Wassers eine hohe runde Insel,
ganz bekleidet mit dunklen Pomeranzen und Lorbeeren, ganz bergossen mit
monddurchwebtem leuchtendem Nebel, ganz berst mit Bildwerken,
schlanken Sulen und Tempelhallen...

Isola Bella! sagte Ellis. Lago Maggiore...

Ich sagte nur Ah! und sank weiter hinab. Die weibliche Stimme klang
immer lauter, immer heller; es zog mich unaufhaltsam zu ihr hin ... ich
wollte der Sngerin, die mit solchen Tnen eine solche Nacht erfllte,
ins Gesicht schauen. Wir hielten vor einem der Fenster.

In einem Zimmer, welches im pompejanischen Geschmack ausgestattet war
und mehr einer antiken Tempelhalle als einem modernen Salon glich,
umgeben von griechischen Bildwerken, etruskischen Vasen, seltenen
Pflanzen, kostbaren Stoffen, bergossen mit dem milden Lichte zweier
Lampen in kristallenen Kugeln, -- sa am Klavier eine junge Frau. Den
Kopf leicht in den Nacken geworfen, die Augen halb geschlossen, sang sie
eine italienische Arie; sie sang und lchelte, und doch drckten ihre
Zge dabei Ernst und sogar Strenge aus ... das Kennzeichen vollkommenen
Genieens! Sie lchelte, -- und der Faun des Praxiteles, ebenso
jugendlich und trge wie sie, ebenso verzrtelt und wollstig wie sie,
lchelte ihr hinter den Oleandern in der Ecke zu, durch den leichten
Rauch, der sich aus einem bronzenen Rucherbecken auf antikem Dreifue
erhob. Die Schne war allein im Zimmer. Von den Tnen, von der
Schnheit, dem Glanze und dem Duft dieser Nacht berauscht, vom Anblick
dieses jungen, hellen, strahlenden Glckes aufs tiefste erschttert,
verga ich gnzlich meine Gefhrtin, verga, auf welche seltsame Weise
ich Zeuge eines so weit entfernten, eines mir so fremden Lebens geworden
war -- und ich wollte schon an das Fenster treten, wollte sie
anreden...

Mein ganzer Krper erzitterte von einem heftigen Schlag, -- als ob ich
eine Leidnerflasche berhrt htte. Ich blickte zurck ... Ellis' Gesicht
war -- bei all seiner Durchsichtigkeit -- finster und drohend; in ihren
pltzlich aufgerissenen Augen brannte der Zorn...

Fort! flsterte sie mir wtend zu, und wieder erfaten mich Sturm,
Finsternis und Schwindel ... Diesmal blieb mir aber nicht der Aufschrei
der Legionen, sondern die Stimme der Sngerin, die auf einer hohen Note
abgebrochen war, in den Ohren zurck...

Wir hielten. Die hohe Note, immer die gleiche Note, klang noch immer
fort und wollte nicht verstummen, obwohl ich eine ganz andere Luft
atmete, einen ganz ganz anderen Geruch sprte ... Strkende Frische, wie
von einem groen Strome kommend, der Geruch von Heu, Rauch, Hanf wehte
mir entgegen. Dem ersten langgedehnten Tone folgte ein zweiter, dann ein
dritter; die ganze Manier war aber so unzweideutig, kam mir so bekannt
und vertraut vor, da ich mir sofort sagte: Das ist ein Russe, der ein
russisches Lied singt, -- und im gleichen Augenblick wurde mir alles
klar.


XV.

Wir befanden uns ber einem flachen Ufer. Links zogen sich ohne Ende
gemhte Wiesen hin, mit riesengroen Heuschobern; rechts breitete sich
ebenso endlos der glatte Spiegel eines mchtigen, wasserreichen Stromes
aus. Nahe am Ufer wiegten sich dunkle verankerte Barken leise hin und
her, und die Spitzen ihrer Maste bewegten sich wie Zeigefinger. Aus
einer dieser Barken schlugen die Tne einer klangvollen Stimme an mein
Ohr; auf der gleichen Barke brannte ein Feuer, und sein langer rtlicher
Widerschein zitterte und schwankte im Wasser. Hie und da, auf dem Wasser
wie auf dem Felde, -- man konnte nicht erkennen, ob nah oder fern, --
flimmerten noch andere kleine Feuer, bald verschwindend, bald als
strahlende groe Sterne aufleuchtend; zahllose Grillen zirpten
unaufhrlich, nicht weniger durchdringend als die Frsche in den
Pontinischen Smpfen; unter dem wolkenlosen, doch dunklen und tief
herunterhngenden Himmel schrien unsichtbare Vgel.

Sind wir in Ruland? fragte ich Ellis.

Das ist die Wolga, antwortete sie.

Wir flogen lngs einem der Ufer dahin. -- Warum hast du mich von jener
herrlichen Gegend losgerissen? hub ich an. Bist du etwa neidisch
geworden? Oder ist in dir die Eifersucht erwacht?

Ellis' Lippen bebten kaum merklich, und in ihren Augen blitzte es wieder
drohend auf ... doch gleich darauf erstarrte ihr Gesicht wieder.

Ich will nach Hause, sagte ich.

Warte noch, warte, entgegnete Ellis. Diese Nacht ist eine groe
Nacht. Sie kehrt so bald nicht wieder. Du kannst Zeuge sein ... Warte.

Wir flogen pltzlich schrg ber die Wolga, dicht am Wasser, so niedrig
und stoweise wie die Schwalben vor dem Sturm. Mchtige Wellen rollten
schwer unter uns, scharfer Wind schlug uns mit seinem starken kalten
Flgel ... Bald erhob sich im Halbdunkel das hohe rechte Ufer. Es
zeigten sich steile Berge mit tiefen Klften. Wir flogen auf sie zu.

Rufe: Ssaryn na Kitschku!(1)

  (1) Marsch aufs Verdeck! = Kommandoruf der alten Wolgapiraten.

Ich gedachte des Entsetzens, welches ich beim Erscheinen der rmischen
Legionen empfunden hatte, ich fhlte eine Mdigkeit und eine seltsame
Wehmut, mir war, als schmelze mir das Herz in der Brust, -- ich wollte
die verhngnisvollen Worte nicht aussprechen, ich wute vorher, da als
Antwort auf meinen Ruf ein schreckliches Gesicht, wie in der
Wolfsschlucht des Freischtz, erscheinen werde, -- doch meine Lippen
ffneten sich gegen meinen Willen, und ich rief mit schwacher,
gespannter Stimme:

Ssaryn na Kitschku!


XVI.

Anfangs blieb alles still, gerade wie damals vor der rmischen Ruine;
doch pltzlich erklang dicht an meinem Ohr ein rohes Lachen, -- etwas
fiel mit einem Aufschrei ins Wasser und begann zu glucksen ... Ich
blickte mich um: weit und breit war niemand zu sehen, -- doch vom Ufer
hallte lautes Echo zurck, und zugleich erhob sich von allen Seiten ein
betubender Lrm. Was es nicht alles in diesem Chaos von Tnen gab! --
Schreien und Winseln, wtendes Fluchen und Lachen, -- das Lachen klang
am lautesten, -- Ruderschlge und Axthiebe, ein Krachen wie von
aufgebrochenen Tren und Truhen, Knarren von Takelwerk und Rdern,
Pferdegetrabe, Sturmluten und Kettengerassel, das dumpfe Tosen einer
Feuersbrunst, trunkene Lieder und wirre rohe Reden, untrstliches
Weinen, klagendes, verzweifeltes Flehen, -- gebieterische Rufe,
Todesrcheln und keckes Pfeifen, Kreischen und Stampfen von Tanzenden.
Haut zu! Hngt sie! Ersuft sie! Schlachtet sie ab! So ist's recht! So
recht! Keinen Pardon! -- Ich hrte es ganz deutlich, -- ich hrte sogar
das schwere Keuchen atemloser Menschen, -- und doch war ringsum, soweit
das Auge reichte, nichts zu sehen, alles blieb unverndert: der Strom
rollte geheimnisvoll, beinahe mrrisch an uns vorber; das Ufer selbst
erschien noch der, noch wilder als zuvor -- das war alles.

Ich wandte mich um zu Ellis, sie legte jedoch den Finger an die
Lippen...

Stepan Timofetsch!(2) Stepan Timofetsch kommt! tnte es ringsum, da
kommt unser Vterchen, unser Hauptmann, unser Ernhrer! Ich sah noch
immer nichts, doch pltzlich war es mir, als ob ein mchtiger Krper
sich gerade auf mich zu bewege ... -- Frolka! Wo bist du, Hund?
drhnte eine schreckliche Stimme. -- Znde an von allen Seiten -- und
hau' mit der Axt auf sie los, auf die vornehmen Herren!

  (2) Der berhmte Ruber und Rebell _Stenjka Rasin_, der um die Mitte
  des XVII. Jahrhunderts das ganze Wolgagebiet verwstete. Held
  zahlreicher Volkslieder.

Die Glut einer nahen Flamme berhrte mich beinahe, bitterer Brandgeruch
schlug mir entgegen, und im gleichen Augenblick spritzte mir etwas
Warmes, wie Blut, auf Hnde und Gesicht ... Ein wildes Gelchter
erscholl ringsum.

Ich verlor die Besinnung; als ich wieder zu mir kam, schwebten wir,
Ellis und ich, leise den bekannten Saum meines Waldes entlang, gerade
auf die alte Eiche zu...

Siehst du den schmalen Weg? fragte Ellis: Dort, wo das Mondlicht so
matt leuchtet, wo die beiden jungen Birken ihre Zweige herabhngen
lassen?... Willst du dahin?

Ich fhlte mich aber entsetzlich zerschlagen und erschpft und sagte
nur: Nach Hause ... Nach Hause...

Du bist zu Hause, antwortete Ellis.

Ich stand auch wirklich vor der Tre meines Hauses, -- allein, Ellis war
verschwunden. Der Hofhund kam auf mich zu, betrachtete mich mitrauisch,
-- und lief heulend fort.

Mit Mhe schleppte ich mich zu meinem Bett und schlief sofort,
angekleidet wie ich war, ein.


XVII.

Den ganzen folgenden Morgen hatte ich Kopfweh und konnte mich kaum
bewegen; ich achtete aber wenig auf meinen krperlichen Zustand, denn an
mir nagte Reue, ich erstickte vor rger.

Ich war mit mir uerst unzufrieden. -- Kleinmtiger! -- wiederholte ich
unaufhrlich: -- ja, Ellis hatte recht. Warum frchtete ich mich? Wie
konnte ich mir eine solche Gelegenheit entgehen lassen?... Ich htte ja
Caesar selbst sehen knnen, doch ich erstarb vor Schreck, ich kreischte
und scheute zurck, wie ein Kind vor der Rute. Nun, der Ruberhauptmann
Rasin ist allerdings etwas anderes. Als Edelmann und Grundbesitzer mute
ich ... Aber warum habe ich auch in diesem Falle Furcht bekommen?
Kleinmtiger, Kleinmtiger!...--

--Habe ich vielleicht doch alles nur im Traume gesehen? -- fragte ich
mich schlielich. Ich rief meine Haushlterin herbei.

Marfa, um welche Stunde bin ich gestern abend zu Bett gegangen? Kannst
du dich noch daran erinnern?

Ja, das mut du selbst wissen, mein Wohltter ... Es wird wohl spt
gewesen sein. In der Dmmerung bist du aus dem Hause gegangen und hast
noch spt nach Mitternacht in deinem Schlafzimmer mit den Abstzen
getrampelt. Es wird sogar gegen Morgen gewesen sein, als ich dich habe
herumgehen hren, ja ... Auch vorgestern war dasselbe. Hast wohl einen
Kummer, der dich drckt...

--He, he -- dachte ich. -- Das Fliegen unterliegt also keinem Zweifel.
-- Nun, und wie sehe ich heute aus? fgte ich mit lauter Stimme hinzu.

Wie du aussiehst? La dich mal anschauen. Etwas heruntergekommen. Und
auch bleich bist du, mein Wohltter: kein einziger Blutstropfen im
Gesicht.

Ich schauderte leicht zusammen ... Ich schickte Marfa fort.

--Auf diese Weise kann ich mir noch den Tod holen, oder wahnsinnig
werden, -- sagte ich zu mir selbst, am Fenster stehend. -- Ich mu damit
ein Ende machen. Das ist gefhrlich. Auch das Herz pocht mir heute so
eigentmlich. Und whrend ich fliege, habe ich immer das Gefhl, als ob
mir jemand am Herzen sauge, oder als ob aus ihm etwas heraussickere --
ganz so wie im Frhling der Saft aus der Birke sickert, wenn man mit
einer Axt hineinsticht. Und doch ist es schade. Auch Ellis ist so
eigentmlich ... Sie spielt mit mir wie die Katze mit der Maus ...
brigens wird sie wohl kaum bse Absichten haben. Ich will mich ihr noch
zum letzten Male hingeben, will mich noch einmal satt sehen, -- und dann
... Doch wenn sie mir das Blut aussaugt? Das wre schrecklich!... Auch
kann eine so rasche Fortbewegung nicht unschdlich sein; man sagt, da
es in England auf den Eisenbahnen verboten sei, mehr als 120 Werst in
der Stunde zu fahren...--

So sprach ich mit mir selbst, -- doch gegen zehn Uhr abends stand ich
wieder vor der alten Eiche.


XVIII.

Die Nacht war kalt, trb und grau; in der Luft roch es nach Regen. Zu
meinem Erstaunen traf ich niemand bei der Eiche; ich ging einige Male um
den Baum herum, kam bis an den Saum des Waldes, kehrte wieder zurck und
blickte gespannt in die Finsternis ... Niemand kam. Ich wartete eine
Weile und rief dann einige Male Ellis, immer lauter und lauter ... sie
kam aber nicht ... Ich empfand Trauer, sogar Schmerz; meine
Befrchtungen von vorhin waren verschwunden: ich konnte mich nicht mit
dem Gedanken vertraut machen, da meine Gefhrtin nie mehr wiederkehren
werde.

Ellis! Ellis! So komm doch! Wirst du denn nicht kommen? rief ich zum
letzten Male aus.

Ein Rabe, den meine Stimme aus dem Schlafe geweckt hatte, begann sich im
Wipfel eines nahen Baumes zu rhren; er verwickelte sich in den Zweigen
und schlug die Flgel ... Ellis zeigte sich nicht.

Gesenkten Hauptes begab ich mich nach Hause. Vor mir dunkelten schon die
Weidenbsche auf dem Damme, und zwischen den Apfelbumen des Gartens
flimmerte das Licht in meinem Zimmer; bald leuchtete es auf, bald
verschwand es, wie ein mich belauerndes Menschenauge; -- und pltzlich
hrte ich hinter mir ein leises Sausen der rasch durchschnittenen Luft;
etwas umfing mich und hob mich empor: so packt der Falke die Wachtel. Es
war Ellis. Ich fhlte ihre Wange an meiner Wange, den Ring ihres Armes
an meinem Krper, und wie ein scharfer Lufthauch drang mir ins Ohr ihr
Flstern: Da bin ich. Ich war erschreckt und erfreut zugleich ... Wir
schwebten nicht hoch ber der Erde.

Du wolltest heute nicht kommen? fragte ich.

Und du, hast du dich nach mir gesehnt? Liebst du mich? Oh, du bist
mein!..

Die letzten Worte Ellis' machten mich etwas verwirrt ... Ich wute
nicht, was ich darauf sagen sollte.

Man hat mich zurckgehalten, fuhr sie fort, man hat mich bewacht.

Wer hat dich zurckhalten knnen?

Wohin willst du? fragte Ellis, auf meine Frage wie gewhnlich nicht
antwortend.

Trage mich nach Italien, zu jenem See, -- weit du noch?...

Ellis neigte sich etwas zur Seite und schttelte verneinend den Kopf. Da
merkte ich zum ersten Male, da sie aufgehrt hatte, durchsichtig zu
sein. Auch ihr Gesicht hatte eine Frbung angenommen; ber das nebelige
Wei hatte sich ein rosiger Hauch ergossen. Ich blickte ihr in die Augen
... und es wurde mir ganz unheimlich zumute: in diesen Augen regte sich
etwas, so langsam, unaufhaltsam und unheimlich; ich mute an eine
erstarrte und zusammengerollte Schlange denken, die in den
Sonnenstrahlen wieder aufzuleben beginnt.

Ellis! rief ich, wer bist du? Sag' mir doch, wer du bist!

Ellis zuckte nur die Achseln.

Ich wurde rgerlich ... ich wollte mich rchen, -- da kam mir pltzlich
der Gedanke, ihr zu befehlen, mich nach Paris zu tragen. -- Dort wirst
du schon Gelegenheit haben, eiferschtig zu sein! -- dachte ich.
Ellis! sagte ich laut: Frchtest du die groen Stdte nicht, zum
Beispiel Paris?

Nein.

Nein? Auch solche Orte nicht, wo es so hell ist wie auf den
Boulevards?

Das ist kein Tageslicht.

Sehr gut; so trage mich sofort auf den Boulevard des Italiens.

Ellis warf mir das Ende ihres langen herabhngenden rmels ber den
Kopf. Mich umfing sofort ein eigentmlicher weier Nebel mit
einschlferndem Mohngeruch. Sofort war alles verschwunden: jedes Licht,
jeder Ton und beinahe sogar das Bewutsein. Mir blieb nur die
Empfindung, da ich noch lebe, und das war gar nicht unangenehm.

Pltzlich verschwand der Nebel; Ellis nahm mir den rmel vom Kopf, und
ich sah unter mir einen ungeheuren Haufen dicht aneinander gedrngter
Gebude, voller Glanz, Bewegung und Lrm ... Ich sah Paris...


XIX.

Ich war schon frher einige Male in Paris gewesen und erkannte daher
sogleich den Ort, wohin Ellis flog. Es war der Garten der Tuilerien, mit
seinen alten Kastanienbumen, eisernen Gittern, seinem Festungsgraben
und den tierhnlichen Zuaven als Wachtposten. Wir flogen am Schlo und
an der Kirche St. Roch vorbei, auf deren Stufen der erste Napoleon zum
ersten Male franzsisches Blut vergo, und hielten hoch ber dem
Boulevard des Italiens, wo der dritte Napoleon dasselbe und mit
demselben Erfolg tat. Zahllose Menschen, junge und alte Gecken,
Blusenmnner, Frauen in prchtigen Kleidern drngten sich auf den
Trottoirs; reich mit Bronze geschmckte Restaurants und Cafs strahlten
in zahllosen Lichtern; Omnibusse, Wagen jeder Art und jeden Aussehens
rollten den Boulevard entlang; wohin der Blick fiel, berall war dichtes
Gedrnge und blendendes Licht ... Doch seltsamerweise kam mir gar nicht
der Wunsch, meine dunkle, reine, luftige Hhe zu verlassen und mich
diesem menschlichen Ameisenhaufen zu nhern. Es war mir, als ob eine
heie, schwere, blutrote Dampfwolke von unten heraufstiege, halb
belriechend, halb parfmiert: gar zu viele Leben waren dort unten auf
einen Fleck zusammengedrngt. Ich schwankte noch ... Da drang aber
pltzlich, schneidend wie das Klirren von Eisenstangen, die kreischende
Stimme einer Straenlorette an mein Ohr; wie eine schamlose Zunge
streckte sich mir diese Stimme entgegen, sie stach mich wie der Stachel
eines ekelhaften Reptils. Sogleich stellte ich mir das steinerne,
derbknochige, gierige, flache Gesicht der Pariserin vor, Wucheraugen,
Schminke und Puder, hochfrisiertes Haar und einen Strau greller
knstlicher Blumen unter dem spitzen Hute, sorgfltig gepflegte Ngel
wie Krallen und eine hliche Krinoline ... Ich stellte mir auch einen
von meinen Landsleuten, irgend einen Gutsbesitzer aus dem Steppengebiet
vor, wie er in ungeschickten Bocksprngen der feilen Puppe nachsteigt
... Ich stellte mir vor, wie er, seine Konfusion durch Roheit
maskierend, sich Mhe gibt, das R auf franzsische Manier
auszusprechen und in jeder Weise die Garons aus dem Restaurant Vfour
zu kopieren, wie er zischelt, schwnzelt und schmeichelt -- und ein
Gefhl des Ekels stieg in mir auf ... -- Nein, -- sagte ich mir, -- hier
wird Ellis wohl keine Gelegenheit finden, eiferschtig zu sein...

Inzwischen merkte ich, da wir allmhlich tiefer flogen ... Paris kam
uns mit all seinem Lrm und Qualm entgegen...

Halt! wandte ich mich zu Ellis. Wird es dir nicht zu schwl, zu
bel?

Du hast mich ja selbst gebeten, dich hierher zu tragen.

Ja, ich bin schuld, ich nehme mein Wort zurck. Trage mich bitte fort
von hier, Ellis! Richtig: da schlendert ja schon der Frst Kulmametow
durch den Boulevard, und sein Freund Serge Waraksin, winkt ihm mit der
Hand und ruft: 'Iwan Stepanowitsch, allons souper, schnell, j'ai engag
Rigolboche in eigener Person!' Trage mich fort, Ellis, von diesem
Mabile, diesen Maisons dores, von den Gandins und Biches, vom
Jockey-Klub und Figaro, von den glattrasierten Soldatenschdeln und den
glattgetnchten Kasernen, von den Sergeants de Ville mit ihren
Knebelbrten, vom trben Absinth, von den Dominospielern in den
Cafhusern und den Spielern an der Brse, von den roten Ordensbndern
im Knopfloch der Rcke und im Knopfloch der Paletots, vom Herrn de Foy,
dem Erfinder der 'Spcialit de mariage' und von den Gratis-Konsultationen
des Dr. Charles Albert, von den liberalen Vortrgen und
den offiziellen Broschren, von der Pariser Komdie und
der Pariser Oper, von den Pariser Witzen und der Pariser Unbildung ...
Fort, fort, fort!...

Blicke hinab, entgegnete Ellis, du bist nicht mehr ber Paris.

Ich senkte den Blick ... Es stimmte. Eine dunkle Ebene, hie und da von
den weien Linien der Landstraen durchschnitten, flog rasch unter mir
vorbei, und nur am Horizont hinter uns glnzte noch, wie die Rte einer
mchtigen Feuersbrunst, der Widerschein der zahllosen Lichter der
Welthauptstadt Paris.


XX.

Wieder waren meine Augen verhllt ... Wieder verlor ich die Besinnung.
Endlich fiel die Hlle.

Was ist das dort unten? Was ist das fr ein Park mit den zugestutzten
Lindenalleen, mit einzelnen wie Sonnenschirme zugeschnittenen Tannen,
mit Sulenhallen und Tempeln im Geschmacke Pompadour, mit Statuen von
Satyren und Nymphen aus der Schule Bernini's, mit Rokoko-Tritonen in der
Mitte der Teiche, deren geschwungene Ufer von niedrigem Gelnder aus
schwarz gewordenem Marmor eingefat sind? Ist es nicht Versailles? Nein,
Versailles ist es nicht. Ein kleines Schlo, gleichfalls im Rokoko-Stil,
blickt hinter den Kuppeln krauser Eichen hervor. Der Mond ist in Nebel
gehllt und leuchtet trbe. ber die Erde zieht ein feiner Dunst; das
Auge kann nicht unterscheiden, ob es Mondlicht oder Nebel ist. Hier
schlft auf einem der Teiche ein Schwan; sein lnglicher Rcken
schimmert wei wie der gefrorene Schnee der Steppe; und dort flimmern im
blulichen Schatten der Statuen diamantene Leuchtkfer.

Wir sind in der Nhe von Mannheim, sagte Ellis, das ist der
Schwetzinger Garten.

Wir sind also in Deutschland! Ich horchte auf. Alles war stumm; nur
irgendwo pltscherte einsam und unsichtbar ein Springbrunnen. Er
wiederholte immer ein und dasselbe Wort: So, so, so, immer so, so. Und
pltzlich glaubte ich in einer der Alleen, genau in der Mitte zwischen
den beiden Mauern beschnittenen Laubes ein Paar zu sehen: der Kavalier,
in goldgesticktem Rock, Spitzenmanschetten, mit einem leichten
Stahldegen an der Seite, schritt auf roten Abstzen einher und reichte
geziert den Arm einer Dame mit gepuderter Frisur und buntgeblmtem
Reifrock ... Seltsame bleiche Gesichter ... Ich will sie mir nher
anschauen ... Doch alles ist wieder verschwunden, und nur das Wasser
pltschert wie zuvor...

Das sind Trume, die dort umherwandeln, flsterte mir Ellis zu;
gestern konnte man ihrer viel mehr sehen ... Heute fliehen selbst
Trume das menschliche Auge. Vorwrts! Vorwrts!

Wir stiegen hher und flogen weiter. So gleichmig und leicht war unser
Flug, da ich den Eindruck hatte, als ob nicht wir uns fortbewegten,
sondern alles uns entgegenkme. Dunkle, wellenfrmig geschwungene,
bewaldete Berge stiegen vor unseren Blicken auf und kamen immer nher
... Da schweben sie schon dicht unter uns vorbei, mit allen ihren
Taleinschnitten, Krmmungen, engen Wiesen, mit den Lichtpnktchen
schlummernder Drfer, die in Talgrnden bei schnellen Bchen liegen; und
vor uns tauchen andere Berge auf und auch sie schweben vorbei ... Wir
befinden uns im Herzen des Schwarzwaldes.

Immer Berge und Berge ... und Wald, schner, alter, krftiger Wald. Der
Nachthimmel ist hell: ich kann jede Baumgattung unterscheiden; am
schnsten sind die Silbertannen mit ihren schlanken weien Stmmen. Hie
und da am Waldessaume zeigen sich Rehe; sie stehen schlank und scheu auf
ihren dnnen Beinen und horchen, die Kpfe anmutig zur Seite gewendet,
die groen rhrenfrmigen Ohren gespitzt. Die traurige und blinde Ruine
eines Turmes streckt vom Gipfel eines nackten Felsens ihre
halbverfallenen Zinnen aus; ber den alten, vergessenen Mauern leuchtet
friedlich ein goldenes Sternchen. Aus einem kleinen, fast schwarzen See
erhebt sich, wie geheimnisvolle Klage, das Sthnen kleiner Unken.
Zugleich glaube ich andere Tne zu hren, langgezogene wehmtige Tne,
wie die einer olsharfe ... Da ist es also, das Land der Sagen! Der
gleiche feine Mondlichtnebel, der mir in Schwetzingen aufgefallen war,
liegt auch hier auf allen Dingen, und je weiter sich die Berge auftun,
desto dichter wird er. Ich zhle fnf, sechs, zehn verschiedene
Abstufungen der Schattenschichten an den Berghngen, und ber all diese
stumme Mannigfaltigkeit herrscht der stille Mond. Die Luft strmt sanft
und leicht. Ich selbst fhle mich so leicht, so ruhig und zugleich
traurig.

Ellis, du liebst gewi dieses Land?

Ich liebe nichts.

Wieso? Und mich?

Ja ... dich! antwortet sie gleichgltig.

Mir ist es, als ob ihr Arm mich fester als vorher umschlinge.

Vorwrts! Vorwrts! sagt Ellis eigentmlich begeistert und zugleich
kalt.

Vorwrts! wiederhole ich.


XXI.

Starke, helle, trillernde Schreie erklangen pltzlich ber uns und
wiederholten sich gleich darauf etwas weiter vor uns.

Es sind versptete Kraniche, die zu euch nach dem Norden ziehen, sagte
Ellis, wollen wir uns ihnen anschlieen?

Ja, ja! Trage mich zu ihnen hinauf.

Wir schossen in die Hhe und befanden uns im nchsten Augenblick neben
dem Kranichzuge.

Groe, schne Vgel (dreizehn an der Zahl) zogen in einem Dreieck, stark
und nur selten die gewlbten Flgel schwingend. Kopf und Beine straff
ausgestreckt, die Brust gewlbt, flogen sie unaufhaltsam und so rasch,
da die Luft rund herum pfiff. Es war so seltsam, in einer solchen Hhe,
in einer solchen Entfernung von jedem anderen Leben dieses starke,
glhende Leben, diesen unbeugsamen Willen zu sehen. Unaufhrlich den
Raum besiegend und zerteilend, wechselten die Kraniche ab und zu kurze
Schreie mit ihrem Gefhrten an der Spitze des Zuges, und es lag etwas
Stolzes und Wichtiges, etwas unerschtterlich Selbstbewutes in diesen
lauten Schreien, in dieser luftigen Unterredung. Wir werden unser Ziel
erreichen, und wenn es auch nicht so leicht ist, riefen sie sich,
gleichsam einander aufmunternd, zu. Und da fiel mir ein, da es in
Ruland -- ach, was sage ich Ruland!--, in der ganzen Welt nur wenige
Menschen gibt, die man mit diesen Vgeln vergleichen knnte.

Nun fliegen wir nach Ruland, sagte Ellis. Ich habe schon frher die
Bemerkung gemacht, da sie fast immer meine Gedanken erriet. Willst du
umkehren?

Umkehren?... oder nein? Ich bin schon in Paris gewesen, nun trage mich
nach Petersburg.

Jetzt gleich?

Sofort ... Bedecke mir aber den Kopf mit deinem rmel, sonst wird mir
bel.

Ellis hob den Arm ... Doch bevor mich noch der Nebel umfing, sprte ich
auf meinen Lippen die schnelle Berhrung jenes weichen, stumpfen
Stachels...


XXII.

A--a--achtung! schallte in meinen Ohren ein gedehnter Ruf.
A--a--a--achtung! hallte es wie verzweifelt aus der Ferne zurck.
A--a--a--achtung! erstarb es irgendwo am Ende der Welt. Ich sah hinab.
Eine hohe vergoldete Spitze fiel mir in die Augen: ich erkannte die
Peter-Paulsfestung.

Bleiche nordische Nacht! Ist es denn berhaupt eine Nacht? Ist es nicht
eher ein bleicher kranker Tag? Ich habe die Petersburger Nchte niemals
gemocht; diesmal wurde mir sogar ganz unheimlich zumute! Ellis' Gestalt
verschwand vollstndig, lste sich auf wie der Morgennebel in der
Julisonne, und ich sah deutlich meinen Krper schwer und einsam in der
Hhe der Alexandersule in der Luft hngen. Das ist also Petersburg! Ja,
das ist es wirklich. Diese breiten, den, grauen Straen, diese
grauweien, gelbgrauen, lilagrauen getnchten und abgebrckelten Huser
mit den eingefallenen Fenstern, grellen Ladenschildern, eisernen
Wetterdchern ber den Eingangstren und den elenden Gemselden; diese
Giebel, Aufschriften, Schilderhuschen und Futterkasten; die goldene, an
eine Kutschermtze erinnernde Kuppel der Isaakskirche; die berflssige
bunte Brse; die Granitmauern der Zitadelle und das aufgebrochene
Holzpflaster; diese Barken mit Heu und Brennholz; dieser Geruch von
Staub, Sauerkohl, Bast und Pferdestall; diese versteinerten Hausknechte
in Schafspelzen vor den Haustoren; diese wie im Todesschlaf
zusammengekrmmten Kutscher auf den schbigen Droschken, -- ja, das ist
es, unser Nordisches Palmyra. Alles ist hell, alles ist unheimlich klar
und deutlich zu sehen, und alles schlft einen traurigen Schlaf, sich
als seltsamer Haufen in der dmmerigen, durchsichtigen Luft abzeichnend.
Die Abendrte -- eine schwindschtige Rte -- ist noch nicht vergangen,
und wird auch vor dem Morgen nicht vom weien, sternlosen Himmel
weichen; ihr Abglanz liegt auf der seidenschimmernden Flche der Newa,
die sich kaum bewegt und leise murmelt, ihre kalten, blauen Fluten
vorwrts rollend...

Wollen wir doch von hier fortfliegen, flehte Ellis.

Und ohne meine Antwort abzuwarten, trug sie mich ber die Newa, ber den
Schloplatz nach der Litejnaja. Unten erschollen Schritte und Stimmen:
ber die Strae kam ein Haufen junger Mnner mit abgelebten Gesichtern;
sie unterhielten sich von der Tanzstunde. -- Leutnant Stolpakow, Nummer
sieben! rief pltzlich ein verschlafener Soldat, der bei einer kleinen
Pyramide verrosteter Kanonenkugeln Wache stand, und etwas weiter sah ich
am offenen Fenster eines groen Hauses ein Mdchen in zerknittertem
Seidenkleide ohne rmel, mit einem Perlennetze auf den Haaren und einer
Zigarette im Munde. Sie las sehr andchtig in einem Buche; es war ein
Band eines unserer modernsten Juvenale.

Wollen wir von hier fortfliegen? sagte ich zu Ellis.

Nach einer Minute zogen unter uns schon die faulenden Tannenwldchen und
Moossmpfe, die Petersburg umgeben, vorbei. Wir flogen gerade nach dem
Sden: der Himmel und die Erde und alles wurde immer dunkler. Die kranke
Nacht, der kranke Tag, die kranke Stadt -- alles blieb hinter uns
zurck.


XXIII.

Wir flogen langsamer als gewhnlich, und ich konnte mit den Augen
verfolgen, wie sich vor mir nach und nach, wie im Panorama, die
ungeheure, grenzenlose heimatliche Ebene entrollte. Wlder, Strucher,
Felder, Grben, Flsse, -- etwas seltener Drfer, Kirchen, und dann
wieder Felder und Wlder, Strucher und Grben ... Mir wurde es traurig
zumute, und zugleich empfand ich Gleichgltigkeit und Langeweile. Und
dieses Gefhl kam nicht etwa daher, weil es gerade Ruland war, ber das
ich flog. Nein! Die Erde selbst, diese flache Ebene, die sich unter mir
ausbreitete; der ganze Erdball mit seiner vergnglichen, siechen, von
Not, Kummer und Krankheiten gedrckten, an die Scholle elenden Staubes
geketteten Bevlkerung; diese zerbrechliche, rauhe Kruste, in die der
winzige Feuerkern unseres Planeten eingeschlossen ist, mit ihrem
Schimmel, den wir hochtrabend Tier- und Pflanzenreich nennen; diese
Menschen, winzig wie Fliegen, doch tausendmal nichtiger als die
wirklichen Fliegen; ihre aus Kot zusammengeklebten Wohnungen, die
verschwindenden Spuren ihres kleinlichen, eintnigen Treibens, ihres
lcherlichen Kampfes gegen das Unabwendbare und Unabnderliche, -- wie
widerte mich das alles pltzlich an! Das Herz drehte sich mir im Leibe
um, und mir verging jede Lust, noch lnger auf diese nichtssagenden
Bilder, auf diese abgeschmackte Ausstellung zu gaffen ... Ja, es wurde
mir langweilig zumute, rger als langweilig. Ich empfand nicht einmal
Mitleid mit meinen Mitmenschen: alle meine Gefhle waren in einem Gefhl
untergegangen, welches ich kaum zu nennen wage: im Ekelgefhl, das ich
am strksten -- vor mir selbst empfand.

So hr' doch auf, flsterte mir Ellis zu, hr' doch auf, sonst kann
ich dich nicht tragen. Du wirst zu schwer.

Nach Hause, sagte ich ihr mit derselben Stimme, mit welcher ich meinem
Kutscher zu befehlen pflegte, wenn ich mich gegen vier Uhr morgens von
meinen Moskauer Freunden trennte, mit denen ich seit Mittag ber
Rulands Zukunft und die Bedeutung der Dorfgemeinde disputiert hatte.
Nach Hause, wiederholte ich und schlo die Augen.


XXIV.

Ich schlug sie aber bald wieder auf. Ellis schmiegte sich so sonderbar
an mich und stie mich beinahe. Ich sah sie an, und das Blut erstarrte
in meinen Adern. Wer jemals auf einem fremden Gesichte den pltzlichen
Ausdruck tiefen Grauens, dessen Grund er gar nicht ahnt, wahrgenommen
hat, -- der wird mich begreifen. Die bleichen, beinahe verwischten Zge
Ellis' waren von Grauen, einem qualvollen Grauen verzerrt und entstellt.
Niemals hatte ich hnliches selbst auf einem lebenden Menschengesichte
gesehen. Ein lebloses Nebelgebilde, ein Schatten ... und diese
entsetzliche Angst...

Ellis, was hast du? fragte ich endlich.

Er ... Er... brachte sie mit groer Mhe hervor, Er!

Er? Wer ist Er?

Nenne ihn nicht, nenne ihn nicht, stammelte hastig Ellis. Wir mssen
fliehen, sonst ist alles zu Ende, -- und fr immer zu Ende ... Sieh nur
hin, dort!

Ich wandte den Kopf nach der Seite, wohin mir ihre zitternde Hand wies,
und ich sah etwas ... etwas, was wirklich grauenhaft war.

Dieses Etwas war umso schrecklicher, als es keine bestimmte Gestalt
hatte. Etwas Schwerflliges, Finsteres, Gelblich-Schwarzes, Geflecktes
wie der Bauch einer Eidechse, weder Wolke noch Rauch, wand sich und
kroch langsam wie eine Schlange ber der Erde. In dieser Bewegung war
ein gleichmiges, breites Schaukeln von oben nach unten und von unten
nach oben, gleich dem unheildrohenden Flgelschlagen eines Raubvogels,
der nach Beute ausspht; ab und zu drckte es sich mit unbeschreiblich
widriger Gebrde an die Erde, -- mit hnlicher Gebrde fllt die Spinne
ber die gefangene Fliege her ... Wer bist du, wer bist du, du grliche
Masse? Unter ihrem Einflu wurde, ich fhlte es, alles vernichtet,
verstummte alles ... Der Masse entstrmte eine faule, pestilenzialische
Klte, und von dieser Klte belte es mir, es wurde mir finster vor den
Augen, und meine Haare strubten sich. Es war der Anmarsch einer Kraft;
jener Kraft, gegen die es keinen Widerstand gibt, der alles untertan
ist, welche selbst weder Gesicht, noch Gestalt, noch Sinn hat, doch
alles sieht, alles wei, sich ihre Opfer wie ein Raubvogel auswhlt, wie
eine Schlange sie erdrckt und mit ihrem frostigen Stachel beleckt...

Ellis! Ellis! rief ich wie wahnsinnig. Es ist der Tod! Der Tod
selbst!

Ein klagender Ton, den ich schon frher gehrt hatte, drang wieder aus
Ellis' Munde, -- diesmal glich er aber eher einem menschlichen,
verzweifelten Aufschrei, -- und wir flogen dahin. Doch unser Flug war
seltsam und grauenhaft ungleich; Ellis berschlug sich in der Luft,
strzte, flog im Zickzack wie das Rebhuhn, das tdlich verwundet ist
oder den Hund von seinen Jungen abzubringen sucht. Indessen hatten sich
von jener unbeschreiblich grauenhaften Masse lange wellenfrmige Glieder
abgelst, und sie streckten sich uns entgegen wie Arme, wie Krallen ...
Die riesige Gestalt eines verhllten Reiters auf fahlem Rosse erschien
und schwang sich im gleichen Augenblick hoch in den Himmel hinauf ...
Noch unruhiger, noch verzweifelter warf sich Ellis hin und her. Er hat
mich gesehen! Alles ist zu Ende! Ich bin verloren!... lie sich ihr
hastiges Geflster vernehmen. Oh, ich Unglckliche! Ich htte die
Gelegenheit bentzen knnen, htte neue Lebenskraft schpfen knnen ...
und jetzt ... Jetzt bin ich wieder nichts!

Es ging ber meine Kraft ... Ich verlor die Besinnung.


XXV.

Als ich zu mir kam, lag ich auf dem Rcken im Grase und fhlte in meinem
ganzen Krper einen dumpfen Schmerz wie nach einem Sturz. Am Himmel
dmmerte der Morgen, und ich konnte deutlich die Dinge unterscheiden:
nicht weit von mir zog sich lngs eines Birkengehlzes eine von
Weidenbschen eingefate Strae hin; die Gegend kam mir bekannt vor. Ich
fing an, mich zu erinnern, was mit mir vorgefallen war, und ich zuckte
vor Grauen zusammen, als mir das letzte entsetzliche Gesicht in den Sinn
kam...

--Aber warum erschrak Ellis? -- dachte ich. -- Ist denn auch sie
_seiner_ Gewalt untertan? Ist sie nicht unsterblich? Ist sie denn auch
der Vernichtung, der Auflsung preisgegeben? Wie wre das mglich!--

Ganz nahe lie sich ein leiser Seufzer vernehmen. Ich wandte den Kopf.
Etwa zwei Schritte vor mir lag auf der Erde, unbeweglich hingestreckt,
eine junge Frau in weiem Kleid, mit aufgelstem ppigem Haar und
entblter Schulter. Ein Arm lag hinter dem Kopfe, der andere auf der
Brust. Die Augen waren geschlossen, und auf den zusammengepreten Lippen
zeigte sich ein leichter hellroter Schaum. Ist denn das Ellis? Ellis war
ja ein Gespenst, eine Vision, und vor mir liegt ein lebendiges Weib. Ich
kroch zu ihr heran und beugte mich ber sie...

Ellis! Bist du es? rief ich aus. Pltzlich ffneten sich, leise
erzitternd, ihre breiten Augenlider, dunkle durchdringende Augen bohrten
sich in mich, -- und im gleichen Augenblick saugten sich warme, feuchte,
nach Blut riechende Lippen in die meinen, weiche Arme umschlangen meinen
Hals, eine glhende volle Brust drckte sich an die meine. -- Lebe
wohl! Lebe wohl auf ewig! sprach deutlich die ersterbende Stimme, --
und alles war verschwunden.

Ich erhob mich, schwankte wie trunken, fuhr mir einige Male mit der Hand
ber das Gesicht und sah mich aufmerksam um. Ich befand mich an der
Landstrae, etwa zwei Werst von meinem Gute entfernt. Die Sonne war
schon aufgegangen, als ich mein Haus erreichte.

                   *       *       *       *       *

Alle folgenden Nchte wartete ich -- und ich mu gestehen, nicht ohne
Furcht -- auf das Erscheinen meiner Vision; sie kam jedoch nicht wieder.
Einmal begab ich mich sogar in der Dmmerung zur alten Eiche, doch auch
dort ereignete sich nichts Ungewhnliches. brigens beklagte ich den
Abbruch dieser wundersamen Beziehungen nicht allzu sehr. Ich habe viel
und lange ber diesen unbegreiflichen, ich mchte beinahe sagen, --
albernen Fall nachgedacht und bin zur berzeugung gekommen, da er sich
nicht nur wissenschaftlich nicht erklren lt, sondern da auch in
Mrchen und Sagen nichts hnliches vorkommt. Was war in der Tat diese
Ellis? Ein Gespenst, eine umherirrende Seele, ein bser Geist, eine
Sylphide, vielleicht gar ein Vampyr? Zuweilen schien es mir wiederum,
da Ellis eine Frau sei, welche ich einst gekannt habe, und ich strengte
mich entsetzlich an, um mich zu besinnen, wo ich sie frher gesehen ...
Halt, halt, -- sagte ich mir manchmal, -- da hab ich's, gleich wird's
mir einfallen ... Gefehlt! Alles zerrann wieder wie ein Traum. Ja, ich
berlegte mir viel hin und her und brachte, wie es fast immer der Fall
ist, doch nichts heraus. Andere Leute um Rat oder Meinung zu befragen,
-- konnte ich mich nicht entschlieen. Ich frchtete, da sie mich fr
verrckt halten wrden. Schlielich gab ich alle meine Bemhungen auf;
offen gestanden hatte ich ganz andere Dinge im Kopf. Einerseits war die
Abschaffung der Leibeigenschaft mit der Verteilung der Lndereien
dazwischengekommen, und andererseits war auch meine Gesundheit ziemlich
zerrttet: ich litt an Brustschmerzen, Schlaflosigkeit, Husten. Der
ganze Krper war mir wie ausgetrocknet, mein Gesicht war gelb wie bei
einer Leiche. Der Arzt versichert, da ich zu wenig Blut habe; er nennt
meine Krankheit mit dem griechischen Namen Anaemie und schickt mich
nach Gastein. Der Verwalter schwrt aber, er knne ohne mich mit den
Bauern nicht fertig werden...

Und so mu ich allein mit allem fertig werden!

Doch was bedeuten jene durchdringend-reinen und schrillen Tne, den
Tnen einer Ziehharmonika hnlich, die in meinen Ohren erklingen, so oft
in meiner Gegenwart von irgend einem Todesfalle die Rede ist? Sie werden
immer lauter, immer durchdringender ... Und warum mu ich immer beim
bloen Gedanken an das Nichts, an die Auflsung so qualvoll
zusammenfahren?




Der Hund


Wenn man die Mglichkeit des bernatrlichen, die Mglichkeit seines
Hineinspielens in das wirkliche Leben zugeben soll, -- so gestatten Sie
die Frage, welche Rolle soll dann noch der gesunde Menschenverstand
spielen? verkndete Anton Stepanowitsch und kreuzte seine Hnde ber
dem Magen.

Anton Stepanowitsch hatte den Rang eines Staatsrates, war an irgendeinem
sonderbaren Departement angestellt, redete langsam, gemessen und im Ba
und erfreute sich allgemeiner Hochachtung. Erst kurz vorher hatte man
ihm, wie seine Neider sagten, den Stanislausorden angehngt.

Sie haben vollkommen recht, bemerkte Skworewitsch.

Darber wird auch niemand streiten, fgte Kinarewitsch hinzu.

Ganz meine Meinung, besttigte mit einer Fistelstimme der Gastgeber,
Herr Finoplentow, der in einer Ecke sa.

Ich kann mich aber, offen gestanden, dieser Meinung nicht anschlieen,
denn mir selbst ist einmal etwas durchaus bernatrliches passiert,
sagte ein Mann von mittlerem Wuchs und mittleren Jahren, mit einem
ziemlichen Embonpoint und einer Glatze, der bisher schweigend hinter dem
Ofen gesessen hatte ... Alle Anwesenden blickten ihn sofort neugierig
und fragend an, -- und alle schwiegen.

Dieser Mann, ein nicht sehr bemittelter Gutsbesitzer aus dem
Gouvernement Kaluga, war erst vor kurzem nach Petersburg gekommen. Er
hatte einmal bei den Husaren gedient, sein Vermgen verspielt, den
Abschied genommen und sich schlielich auf dem Lande niedergelassen. Die
mit der Abschaffung der Leibeigenschaft zusammenhngenden
wirtschaftlichen Vernderungen hatten seine Einknfte erheblich gekrzt,
und so war er nach Petersburg gekommen, um sich nach einer Stelle
umzusehen. Er besa weder irgendwelche Fhigkeiten noch Verbindungen,
baute aber felsenfest auf die Freundschaft eines ehemaligen
Regimentskameraden, der pltzlich, ohne ersichtlichen Grund, Karriere
gemacht hatte und dem er einst behilflich gewesen war, einen
Falschspieler zu verprgeln. Auerdem baute er auch noch auf sein Glck,
welches ihn auch wirklich nicht im Stiche lie: einige Tage spter bekam
er die Stelle eines Inspektors der Staatsmagazine, eine vorteilhafte und
sogar ehrenvolle Stelle, die keinerlei besondere Talente erforderte: die
Magazine bestanden berhaupt nur im Projekt, und es war sogar noch nicht
bekannt, womit sie einst gefllt werden sollten; ersonnen waren sie aber
aus Grnden der Staatskonomie.

Anton Stepanowitsch war der erste, der das allgemeine Schweigen brach.

Wie, mein sehr verehrter Herr? begann er: Sie wollen im Ernste
behaupten, da Sie etwas bernatrliches erlebt haben, ich will sagen,
etwas, was mit den Gesetzen der Natur nicht bereinstimmt?

Ja, das will ich behaupten, entgegnete der sehr verehrte Herr, der
eigentlich Porfirij Kapitonowitsch hie.

Etwas, was mit den Gesetzen der Natur nicht bereinstimmt! wiederholte
Anton Stepanowitsch, dem diese Phrase offenbar gut gefiel, beinahe
emprt.

Ja, das meine ich eben; gerade so etwas, wie Sie zu sagen geruhten.

Das ist hchst merkwrdig! Was meinen Sie, meine Herren? Anton
Stepanowitsch bemhte sich, seinen Zgen einen ironischen Ausdruck zu
geben; es kam aber nichts dabei heraus, oder richtiger gesagt, der Herr
Staatsrat nahm eine Miene an, als ob er einen blen Geruch wittere.
Drfen wir Sie vielleicht bitten, verehrter Herr, fuhr er, sich an den
Gutsbesitzer aus Kaluga wendend, fort: Drfen wir Sie vielleicht
bitten, uns die Einzelheiten eines so merkwrdigen Erlebnisses
mitzuteilen?

Warum nicht? Mit Vergngen! erwiderte der Gutsbesitzer. Er rckte
seinen Stuhl ungezwungen in die Mitte des Zimmers vor und begann
folgendermaen:

Ich besitze, meine Herren, was Ihnen vielleicht bekannt, vielleicht
auch unbekannt ist, ein kleines Gut im Koselskischen Kreise. Vor Jahren
hat es mir etwas eingebracht, doch heutzutage kann es mir
selbstverstndlich nichts als Unannehmlichkeiten bringen. Von Politik
will ich brigens nicht sprechen! Auf diesem Gute also habe ich einen
kleinen Hof, einen Gemsegarten, einen Teich mit Karauschen und was
sonst noch dazu gehrt, ein paar Wirtschaftsgebude und schlielich ein
Huschen fr meinen eigenen sndigen Leib ... Darin hauste ich als
Junggeselle. Eines Abends, -- so vor sechs Jahren mag es gewesen sein --
kam ich spt nach Hause: hatte beim Nachbar Karten gespielt, war aber,
was ich Sie wohl zu beachten bitte, vollkommen nchtern; ich kleidete
mich aus, legte mich zu Bett und lschte das Licht aus. Nun stellen Sie
sich vor, meine Herren, -- kaum habe ich das Licht ausgelscht, als sich
etwas unter meinem Bette zu rhren anfngt! Ich denke mir: eine Ratte?
Nein, keine Ratte: es kratzt, es rumort, es juckt sich ... Schlielich
klappert es mit den Ohren!

Selbstverstndlich ist's ein Hund. Wo soll aber ein Hund herkommen? Ich
halte mir keine Hunde; ist's vielleicht irgendein zugelaufener? Ich rief
meinen Diener; Filjka hie er. Der Diener kam mit einem Licht. 'Was ist
das', sage ich ihm, 'mein lieber Filjka, fr eine Unordnung!? Da ist ein
Hund unter mein Bett geraten.' -- 'Was fr ein Hund?' sagt er. -- 'Woher
soll ich es wissen?' sage ich. 'Es ist deine Sache darauf zu sehen, da
dein Herr nicht gestrt wird.' -- Mein Filjka bckt sich und beginnt mit
der Kerze in der Hand unter dem Bette zu suchen. 'Hier ist ja gar kein
Hund!' sagt er schlielich. -- Auch ich bcke mich: wirklich keine Spur
von einem Hund. -- Was fr ein Unsinn! Ich schaue auf Filjka, er
lchelt. -- 'Dummkopf,' sage ich zu ihm: 'was grinst du? Der Hund ist
wohl, als du die Tre aufgemacht hast, in den Flur geschlpft. Und du,
Maulaffe, hast es nicht bemerkt, weil du immer schlfst. Vielleicht
denkst du, da ich betrunken bin?' Er wollte etwas entgegnen, ich jagte
ihn aber fort, rollte mich zu einem Kringel zusammen und hrte in jener
Nacht nichts mehr.

Doch in der nchsten Nacht -- denken Sie es sich nur! -- wiederholt sich
die gleiche Geschichte. Wie ich nur die Kerze ausblies, beginnt es
gleich wieder zu kratzen und mit den Ohren zu klappern. Ich rief wieder
Filjka herbei, er sah wieder unters Bett -- wieder nichts! Ich schickte
ihn weg, blies die Kerze aus und -- pfui Teufel! -- der Hund ist schon
wieder da. Es ist auch ganz sicher ein Hund: ich hre ganz genau, wie er
atmet, wie er mit den Zhnen nach Flhen sucht ... So ungewhnlich
deutlich hre ich es! -- 'Filjka!' rufe ich wieder, 'komm mal her, doch
ohne Licht!' Filjka kommt. -- 'Nun, hrst du es?' -- 'Ich hre es wohl,'
sagt er. Ich kann ihn nicht sehen, doch ich fhle, da er vor Angst am
ganzen Leibe zittert. -- 'Und was sagst du dazu?' frage ich ihn. -- 'Was
soll ich dazu sagen, Porfirij Kapitonowitsch? Es ist Teufelsspuk!' --
'Du dummer Kerl,' sage ich ihm, 'schweig' doch lieber mit deinem
Teufelsspuk...' Doch wir beide piepsen wie die Vgel und zittern wie im
Fieber; finster ist es auch. Ich znde das Licht an: nichts zu sehen,
nichts zu hren, wir beide stehen da wei wie Kalk. So lie ich die
Kerze bis zum Morgen brennen. Nun erklre ich Ihnen, meine Herren, --
Sie mgen es mir glauben oder nicht -- von dieser Nacht an wiederholte
sich die Geschichte jede Nacht durch volle sechs Wochen. Schlielich
gewhnte ich mich daran und lie sogar die Kerze nicht mehr brennen,
denn ich kann bei Licht nicht schlafen. Soll er von mir aus lrmen,
soviel er will! Er wird mir ja nichts zuleide tun!

Wie ich sehe, gehren Sie nicht zu den Feigsten, unterbrach ihn mit
einem halb spttischen, halb herablassenden Lcheln Anton Stepanowitsch.
Man sieht gleich den Husaren!

Vor Ihnen wrde ich auf keinen Fall Furcht haben, versetzte Porfirij
Kapitonowitsch und sah fr einen Augenblick wirklich wie ein Husar aus.
Hren Sie aber weiter. Da kommt zu mir ein Nachbar zu Besuch, derselbe,
mit dem ich Karten zu spielen pflegte. Er a bei mir zu Mittag, was es
eben gab, lie mir so an die fnfzig Rubel fr den Besuch zurck und
wollte sich dann nach Hause begeben, denn drauen wurde es dunkel. Ich
habe aber so gewisse Absichten und sage ihm: 'Bleib doch bei mir zu
Nacht, Wassilij Wassilijewitsch; morgen gewinnst du mit Gottes Hilfe
alles zurck.' Mein Wassilij Wassilijewitsch berlegt sich hin und her
und bleibt. Ich lasse ihm das Bett in meinem Schlafzimmer richten ...
Wir legen uns hin, rauchen und plaudern noch eine Weile -- hauptschlich
ber das zarte Geschlecht, wie es sich unter Junggesellen gehrt, --
scherzen ein bichen ... Ich sehe: Wassilij Wassilijewitsch lscht seine
Kerze aus, und kehrt mir den Rcken; das heit: Gute Nacht! Ich warte
noch eine Weile und lsche auch meine Kerze aus. Nun denken Sie sich:
ich habe noch gar nicht nachgedacht, was es nun fr eine Karambolage
geben wird, als das liebe Geschpf auch schon zu lrmen anfngt. Es
begngt sich nicht mit dem gewhnlichen Lrm, sondern kriecht unter dem
Bette hervor, geht durchs Zimmer, klopft mit den Pfoten auf die Diele,
klappert mit den Ohren und stt pltzlich an den Stuhl, der neben
Wassilij Wassilijewitschs Bett steht. -- 'Porfirij Kapitonowitsch,' sagt
der, und zwar mit einer ganz gleichgltigen Stimme, -- 'ich wute gar
nicht, da du dir einen Hund angeschafft hast. Was ist's fr einer? Ein
Hhnerhund oder was?' -- 'Ich habe gar keinen Hund,' sage ich ihm
darauf, 'und habe auch nie einen gehabt!' -- 'Was, du hast keinen Hund?
Und was ist denn das?' -- 'Was das ist? Znde die Kerze an, so wirst du
es selbst sehen.' -- 'Ist das kein Hund?' -- 'Nein.' -- Wassilij
Wassilijewitsch dreht sich im Bette um. -- 'Du scherzest wohl, mein
Lieber?' 'Nein, ich scherze nicht.' -- Da hre ich, wie er ein
Zndhlzchen an der Schachtel reibt; das Vieh treibt aber noch immer
sein Wesen und juckt sich das Fell. Endlich brennt die Kerze und ...
basta! Keine Spur mehr! Wassilij Wassilijewitsch sieht mich an, -- und
ich sehe ihn an. -- 'Was ist das,' fragt er mich, 'fr ein Witz?' --
'Das ist so ein Witz,' sage ich ihm, 'da, wenn du an die eine Seite
Sokrates in eigener Person und an die andere Friedrich den Groen
hinsetzt, so werden auch die daraus nicht klug werden.' -- Und ich
erzhle ihm alles mit smtlichen Einzelheiten. Wie da mein Wassilij
Wassilijewitsch aufspringt! Wie wenn er sich verbrht htte! Kann
unmglich mit den Fen in seine Stiefel hineingeraten. -- 'Einspannen!'
schreit er: 'Einspannen!' -- Ich versuche ihn zu besnftigen, er will
aber auf nichts hren! Er seufzt und chzt. -- 'Ich bleibe keine Minute
lnger hier! Du bist nach alledem ein verdammter Mensch! Einspannen!'
Endlich gelang es mir, ihn zu berreden. Nur mute ich sein Bett in ein
anderes Zimmer schleppen und in allen Ecken Nachtlichter anznden
lassen. Am nchsten Morgen beim Tee war er schon einigermaen ruhiger
und begann, mir Ratschlge zu geben. 'Du solltest versuchen, Porfirij
Kapitonowitsch,' sagte er mir, 'fr einige Tage das Haus zu verlassen:
vielleicht wirst du dann diesen Teufelsdreck loswerden.' -- Ich mu
Ihnen aber sagen, meine Herren, da dieser Nachbar ein Mann von
ungewhnlichem Verstande war! Unter anderem hatte er seine eigene
Schwiegermutter so ganz wunderbar herumgekriegt: er hatte sie einen
Wechsel unterschreiben lassen, doch so, da sie es selbst gar nicht
merkte, eine so gefhlvolle Stunde hatte er sich dazu ausgesucht. Sie
wurde weich wie Butter, gab ihm sogar eine Vollmacht zur Verwaltung des
ganzen Gutes -- was htte er sich noch wnschen knnen? Und das ist doch
wirklich nicht leicht, eine Schwiegermutter so herumzukriegen! Was
meinen Sie, meine Herren? Er verlie mich aber ziemlich mivergngt: ich
hatte ihm nmlich wieder an die hundert Rubel im Kartenspiel abgeknpft.
Er schimpfte sogar auf mich und sagte, da ich undankbar und gefhllos
sei. Was traf mich aber fr eine Schuld? Nun, das alles versteht sich
von selbst, -- seinen Rat nahm ich aber zur Kenntnis: noch am gleichen
Tage reiste ich in die Stadt und mietete mich in einem Gasthaus, bei
einem mir bekannten alten Sektierer ein. Dieser war ein hchst
ehrenwerter Greis, wenn auch etwas unwirsch infolge seiner
Zurckgezogenheit: seine ganze Familie war ihm ausgestorben. Nur konnte
er in seinem Hause keinen Tabakrauch leiden, und gegen Hunde hatte er
eine ganz schreckliche Abneigung: ich glaube, er wrde es vorziehen,
sich selbst eigenhndig in Stcke zu reien, als einen Hund zu sich ber
die Schwelle zu lassen! Er pflegte zu sagen: 'Hier in meiner Kammer
geruht an der Wand die Himmelsknigin in eigener Person zu wohnen; wie
she es aus, wenn ein unfltiger Hund seine unsaubere Schnauze gegen die
gleiche Wand erheben wollte!' Man kennt es ja -- Unbildung! Im brigen
bin ich der Meinung: ein jeder soll sich an die Weisheit halten, die ihm
gegeben ist!

Wie ich sehe, sind Sie ein groer Philosoph! unterbrach ihn schon
wieder Anton Stepanowitsch mit dem gleichen ironischen Lcheln.

Porfirij Kapitonowitsch runzelte diesmal sogar die Stirne.

Was ich fr ein Philosoph bin, das ist noch ungewi, versetzte er,
sich nervs den Schnurrbart zupfend. Aber Sie wrde ich gerne in die
Lehre nehmen!

Wir alle blickten erwartungsvoll auf Anton Stepanowitsch: ein jeder von
uns erwartete eine stolze Antwort oder wenigstens einen strafenden Blick
... Doch der Herr Staatsrat vernderte sein ironisches Lcheln in ein
gleichgltiges, ghnte, schlenkerte etwas mit dem Fu, -- und das war
alles!

Bei eben diesem Greis mietete ich mich ein, fuhr Porfirij
Kapitonowitsch fort. -- Er gab mir aus Bekanntschaft eine ziemlich
elende Kammer; er selbst hauste dicht daneben, hinter einer dnnen
Bretterwand, doch das pate mir ausgezeichnet. Diese paar Tage waren fr
mich brigens ein wahres Martyrium! Die Kammer war klein, und dazu die
Hitze, die stickige Luft, die vielen Fliegen, die so eigentmlich
klebrig schienen. In der Ecke stand ein mchtiger Heiligenschrein mit
uralten Bildern; die Beschlge an den Bildern waren trbe, pomps, doch
innen hohl; es roch nach Lampenl und nach anderen Spezereien. Auf dem
Bette lagen zwei Daunenpfhle, wenn ich aber ein Kissen anrhrte, so
lief schon gleich eine Schabe hervor ... Aus lauter Langeweile trank ich
eine Unmenge Tee -- ein wahres Elend! Schlielich legte ich mich hin.
Vom Einschlafen war nicht die Rede, -- denn der Wirt hinter dem
Verschlage wollte gar nicht aufhren zu seufzen, zu sthnen und Gebete
zu lesen. Schlielich begab er sich doch zur Ruhe. Ich hre: er
schnarcht, aber so ganz leise, ganz bescheiden und altmodisch. Die Kerze
hatte ich schon lngst ausgeblasen, vor den Heiligenbildern brennt aber
noch ein Lmpchen ... Also ein Hindernis! Ich stehe leise auf, schleiche
barfu in die Ecke zum Heiligenschrein und blase das Lmpchen aus ...
Nichts geschieht. -- Aha! -- sage ich mir, -- bei Fremden will es nicht
anbeien ... Kaum lege ich mich aber ins Bett, als die Geschichte schon
wieder losgeht! Es scharrt und kratzt, und klappert mit den Ohren ...
Mit einem Worte ganz wie es sich gehrt! Gut. Ich liege da und warte,
was weiter geschieht. Da hre ich wie der Alte aufwacht. -- 'Herr', sagt
er mir, 'Herr!' -- 'Was denn?' -- 'Hast du die Lampe ausgeblasen?' Und
ohne meine Antwort abzuwarten, fngt er auf einmal an zu schimpfen: 'Was
ist das? Was ist das? Ein Hund? Ein Hund! Ach du verdammter Ketzer!'
'Warte Alter mit dem Schimpfen,' sage ich, 'komme lieber zu mir herber,
hier gehen erstaunliche Dinge vor.' Der Alte krchzt noch eine Weile und
kommt dann zu mir ins Zimmer, mit einer ungewhnlich dnnen Kerze aus
gelbem Wachs in der Hand; er macht einen wirklich merkwrdigen Eindruck!
Er ist ganz struppig, die Ohren sind behaart, die Augen bse wie bei
einem Iltis, auf dem Kopfe hat er eine weie Kappe aus Filz, der Bart
reicht ihm bis zum Grtel und ist ebenfalls wei, ber dem Hemde trgt
er eine Weste mit Messingknpfen und an den Beinen Pelzstiefel; und
obendrein riecht er nach Wacholder. In diesem Aufzuge ging er zu den
Heiligenbildern, bekreuzigte sich dreimal nach dem Ritus der
Altglubigen mit zwei Fingern, zndete das Lmpchen an, bekreuzigte sich
wieder, wandte sich dann zu mir und fuhr mich an: 'Erklre!' -- Und nun
erzhle ich ihm sofort alles, ohne irgend etwas zu verheimlichen. Der
Alte hrt mich aufmerksam an, unterbricht mich mit keinem Wort,
schttelt nur ununterbrochen den Kopf. Dann setzt er sich zu mir aufs
Bett und schweigt noch immer; kratzt sich die Brust, den Nacken und das
brige und schweigt. -- 'Nun, Fedul Iwanowitsch,' sage ich ihm, 'was
meinst du dazu? Ist das ein hllisches Blendwerk oder was?' -- Der Alte
sieht mich an und sagt: 'Was redest du von einem hllischen Blendwerk!
Wenn es noch in deinem Hause wre, du Ketzer -- aber hier! Bedenke doch
nur, wieviel Heiligkeit hier in meinen Rumen ist! Wie knnte hier
hllisches Blendwerk hereinkommen!' -- 'Und wenn es keines ist, was ist
es dann?' -- Der Alte schweigt wieder eine Weile, kratzt sich und sagt
schlielich mit dumpfer Stimme, denn der Bart wchst ihm in den Mund
hinein; 'Begib dich in die Stadt Bjelew. Auer einem gewissen Menschen
kann dir niemand helfen. Und dieser Mensch wohnt in Bjelew: er ist einer
von den Unsrigen. Wenn er dir helfen will, ist es dein Glck; will er
aber nicht, so mu es bleiben, wie es ist.' -- 'Und wie soll ich diesen
Menschen finden?' frage ich ihn. -- 'Das kann ich dir ganz genau sagen,
aber wie kannst du nur von hllischem Blendwerk sprechen? Es ist
entweder eine Erscheinung, oder ein Zeichen; verstehen kannst du es
sowieso nicht, denn dazu reicht dein Verstand nicht aus. Lege dich jetzt
im Namen Christi schlafen, ich werde ein wenig mit Weihrauch ruchern,
und morgen wollen wir sprechen. Denn Morgenstunde hat Gold im Munde.'

Am anderen Morgen besprachen wir noch einmal die Sache, doch war ich von
seinem Weihrauch beinahe erstickt. Und der Alte gab mir folgende
Anweisung: In Bjelew angekommen, sollte ich mich sofort auf den
Marktplatz begeben und im zweiten Laden rechter Hand nach einem gewissen
Prochorytsch fragen. Und diesem Prochorytsch sollte ich ein
Handschreiben bergeben. Dieses Handschreiben bestand aus einem
Papierfetzen, auf dem folgendes geschrieben war: 'Im Namen des Vaters
und des Sohnes und des heiliges Geistes. Amen. An Ssergej Prochorowitsch
Perwuschin. Traue diesem. Feodul Iwanowitsch.' Und unten stand noch:
'Schick mir Kraut, um Christi Willen.'

Ich dankte dem Alten, lie sofort meinen Reisewagen anspannen und machte
mich auf die Reise nach Bjelew. Denn ich sagte mir: obwohl mir mein
nchtlicher Besucher eigentlich wenig Kummer zufgt, so ist die Sache
doch etwas unheimlich und auch nicht ganz anstndig fr einen Adligen
und Offizier -- was meinen Sie?

Sind Sie denn wirklich nach Bjelew gereist? flsterte Herr
Finoplentow.

Geradewegs nach Bjelew. Ich ging auf den Marktplatz und fragte im
zweiten Laden rechter Hand nach Prochorytsch: 'Gibt's hier so einen
Menschen?' -- 'So einen gibt es schon.' -- 'Und wo wohnt er?' -- 'An der
Oka, hinter den Gemsegrten.' -- 'In wessen Haus?' -- 'In seinem
eigenen.' Ich ging also zur Oka und fand sein Haus; es war eigentlich
kein Haus, sondern eine baufllige Htte. Ich sehe einen Mann in blauem
geflicktem Kittel und zerrissener Mtze; wie ein Kleinbrger sieht er
aus. Er steht mit dem Rcken zu mir und grbt in seinem Krautgarten. Ich
gehe auf ihn zu. -- 'Sind Sie der und der?' -- Er wendet sich zu mir um,
und ich mu Ihnen sagen, da ich so durchdringende Augen noch nie
gesehen habe. Im brigen ist das ganze Gesicht so gro wie eine Faust;
hat ein Ziegenbrtchen und eingefallene Lippen, mit einem Worte -- ein
alter Mann. -- 'Ich bin der und der,' sagt er mir, 'und was wnschen
Sie?' -- 'Das werden Sie gleich erfahren,' sage ich und reiche ihm den
Zettel. Er mustert mich sehr aufmerksam und sagt: 'Wollen Sie geflligst
in die Stube kommen; ohne Brille kann ich nicht lesen.' Wir gingen also
zusammen in seine Htte; es war tatschlich eine Htte: arm, kahl und
schief; die Wnde hielten sich kaum zusammen. An einer Wand hing ein
uraltes Heiligenbild, schwarz wie Kohle; nur die Augen leuchteten darauf
wei. Er holte aus der Tischlade eine runde eiserne Brille, setzte sie
sich auf die Nase, las das Sendschreiben und blickte mich noch einmal
ber die Brille hinweg an. -- 'Haben Sie ein Anliegen?' -- 'Richtig, ich
habe ein Anliegen.' -- 'Nun, wenn Sie ein Anliegen haben, so melden Sie
mir alles, und ich werde zuhren.' -- Stellen Sie sich vor: er setzt
sich selbst hin, holt aus der Tasche ein kariertes Tuch und breitet es
ber seine Knie aus, -- und das Tuch ist voller Lcher. Und sieht mich
dabei so wrdevoll an, wie ein Senator oder ein Minister; mich fordert
er aber gar nicht zum Sitzen auf. Und was noch viel merkwrdiger ist:
ich fhle pltzlich, da ich ganz schchtern werde; ich ersterbe
frmlich. Er durchbohrt mich mit den Augen. Ich fasse mir jedoch ein
Herz und erzhle ihm meine ganze Geschichte. Er schweigt eine Weile,
rckt hin und her, kaut ein bichen mit den Lippen und beginnt mich
auszufragen, wieder wie ein Senator, so wrdevoll und ohne sich zu
bereilen. Wie ich heie? Alter? Wer meine Eltern gewesen? Ob ich ledig
sei oder verheiratet? -- Dann kaut er wieder mit den Lippen, runzelt die
Stirne, hebt einen Finger und sagt: -- 'Verbeugen Sie sich zuerst vor
dem Bilde der heiligen Bischfe von Ssolowezk, Zosima und Sawwatius.' --
Ich verbeugte mich bis zur Erde und blieb auf den Knien; ich fhlte in
mir eine solche Furcht vor dem Manne und eine solche Demut, da ich wohl
alles getan htte, was er mir auch befohlen haben wrde!.. Ich sehe,
meine Herren, Sie schmunzeln; mir war aber damals ganz anders zumute,
bei Gott! -- 'Stehen Sie auf, Herr,' sagte er schlielich. 'Ihnen kann
geholfen werden. Dies ist Ihnen nicht als Strafe beschert, sondern als
Warnung; es besteht wohl eine himmlische Frsorge fr Sie;
wahrscheinlich betet jemand fr Sie. Gehen Sie jetzt auf den Markt und
kaufen Sie sich einen jungen Hund; diesen Hund halten Sie bei sich Tag
und Nacht. Die Erscheinungen werden aufhren, und auerdem wird Ihnen
der Hund ntzlich sein.'

Es war mir, als ob mir ein Licht aufginge; seine Worte machten mir groe
Freude! Ich verbeugte mich vor Prochorytsch und wollte gehen, als mir
noch einfiel, da ich mich ihm doch irgendwie erkenntlich zeigen msse:
ich zog aus dem Beutel einen Dreirubelschein. Er schob aber meine Hand
von sich fort und sagte: 'Geben Sie das Geld in unsere Kapelle oder an
die Armen, aber mein Dienst ist unentgeltlich.' Ich verbeugte mich
wieder vor ihm, fast bis zum Boden, und begab mich sofort auf den Markt.
Und denken Sie sich: kaum komme ich zu den Marktbuden, begegnet mir
schon ein Kerl in einem Friesmantel und trgt unter dem Arm einen jungen
Hhnerhund, zwei Monate alt, braun mit weier Schnauze und weien
Vorderpfoten. 'Halt!' sage ich dem Mann: 'Was willst du fr den Hund?'
-- 'Zwei Rubel.' -- 'Da hast du drei Rubel!' Jener wundert sich und
glaubt wohl, da der Herr verrckt geworden sei; ich drcke ihm aber die
Banknote in die Hand, nehme den Hund und steige sofort in den
Reisewagen. Der Kutscher spannte rasch an, und am gleichen Abend war ich
zu Hause. Der Hund sa auf dem ganzen Wege unter meinem Mantel und gab
keinen Ton von sich; ich sagte ihm immer: 'Tresoruschka, Tresoruschka!'
Zu Hause gab ich ihm sofort zu fressen und zu trinken, lie Stroh
bringen, richtete ihm das Lager und ging selbst zu Bett. Nun blies ich
die Kerze aus; es wurde dunkel. 'Nun,' sage ich, 'fange an!' Es bleibt
still. 'Fang doch an, du Teufelsvieh!' Kein Ton, wr's auch nur zum
Scherz gewesen. Ich werde khn: 'Fang' doch an, du verdammtes
Hllenvieh!' Wieder kein Ton -- es ist aus! Ich hre nur, wie mein Hund
schnarcht. -- 'Filjka!' schreie ich, 'Filjka! Komm doch her, du dummer
Kerl!' Er kommt herein. -- 'Hrst du den Hund?' -- 'Nein,' sagt er, 'ich
hre nichts, Herr,' und lacht selbst dabei. -- 'Und wirst ihn auch nie
wieder hren! Da hast du einen halben Rubel fr Schnaps!' -- 'Lassen Sie
mich Ihre Hand kssen,' sagt der Narr und geht im Finstern auf mich los
... Die Freude war wirklich gro, sage ich Ihnen.

Und damit war die Sache zu Ende? fragte Anton Stepanowitsch, diesmal
ganz ohne Ironie.

Die Erscheinungen hrten wirklich auf, und ich hatte meine Ruhe; warten
Sie aber: die Sache war damit noch nicht zu Ende. Mein Tresor begann zu
wachsen, wurde so ein groer ungeschlachter Kerl, mit dicker Rute,
langen Ohren, dicker Schnauze, -- ein richtiger 'Pile avance.' Auerdem
hing er ungewhnlich an mir. Die Jagd ist in unserer Gegend schlecht; da
ich aber schon einen Hund hatte, so schaffte ich mir auch ein Gewehr an.
Ich fing an, mich mit meinem Tresor in der Umgegend herumzutreiben:
manchmal erbeuteten wir einen Hasen (wie scharf er auf diese Hasen war,
du lieber Himmel!), manchmal auch eine Wachtel oder eine Wildente. Aber
was die Hauptsache war: Tresor folgte mir auf Schritt und Tritt, wo ich
war, da war auch er; selbst ins Dampfbad nahm ich ihn mit, mein
Ehrenwort! Eine von unseren Damen wollte mich wegen dieses Tresors aus
ihrem Salon hinauswerfen lassen, aber ich machte einen groen Krach und
schlug fast smtliche Fensterscheiben kaput! Da ereignete es sich einmal
im Sommer ... Ich mu Ihnen sagen, es war ein so heier und trockner
Sommer, wie es seit Menschengedenken keinen solchen gegeben hat; die
Luft war voll Rauch oder Nebel, es roch wie bei einem Brand, die Sonne
hing im Dunst wie eine glhende Kugel, und vor lauter Staub kam man gar
nicht aus dem Niesen! Die Menschen gingen mit offenen Mulern wie die
Krhen herum. Es war mir zu langweilig, immer den ganzen lieben Tag
vllig entkleidet hinter verschlossenen Fensterlden zu Hause zu sitzen;
auch nahm die Hitze ein wenig ab ... Ich begab mich also zu einer meiner
Nachbarinnen. Sie wohnte etwa eine Werst von mir und war eine recht
angenehme Dame. Auch war sie noch jung, stand in der Blte ihrer Jahre
und hatte ein gewinnendes uere, nur war sie von hchst unbestndigem
Charakter. Bei weiblichem Geschlecht ist das aber kein Unglck; ist
sogar manchmal recht interessant ... So kam ich zu ihrem Haus, -- der
Weg war aber bei der Hitze ein hartes Stck Arbeit! Nun, denke ich mir,
Nymphodora Ssemjonowna wird mich wohl mit Preiselbeersirup laben, auch
mit anderen sen Sachen -- und ich habe schon die Trklinke ergriffen,
als sich pltzlich hinter der Gesindestube ein Stampfen, Winseln und
Kindergeschrei erhebt ... Ich blicke mich um. Du lieber Himmel! Gerade
auf mich zu rennt ein riesengroes rotes Tier, welches ich auf den
ersten Blick gar nicht fr einen Hund hielt: mit aufgerissenem Rachen,
blutunterlaufenen Augen, gestrubten Haaren ... Ich hatte noch nicht
Zeit, Atem zu holen, als das Ungeheuer schon auf den Flur strzt, sich
auf die Hintertatzen stellt und mir an die Brust springt -- denken Sie
sich nur die Situation! Mir steht das Herz still, kann nicht einmal die
Hnde rhren, bin vllig erstarrt ... ich sehe nur die furchtbaren
weien Hauer dicht vor meiner Nase, die rote schaumbedeckte Zunge ...
Doch im gleichen Augenblick erhebt sich vor mir ein anderer dunkler
Krper, er springt in die Hhe wie ein Gummiball; es war mein lieber
Tresor, er kam mir zu Hilfe und bi sich wie ein Blutegel dem anderen,
dem Ungeheuer, in die Kehle fest. Jener rchelte, knirschte mit den
Zhnen und prallte zurck ... Ich reie in einem Nu die Tre auf und bin
schon im Vorzimmer. So stehe ich fast besinnungslos da, stemme mich mit
meinem ganzen Krper gegen die Tre und hre, wie drauen eine
verzweifelte Schlacht vor sich geht. Ich beginne zu schreien, nach Hilfe
zu rufen; das ganze Haus gert in Aufruhr. Nymphodora Ssemjonowna kommt
mit aufgelsten Zpfen herbeigerannt, drauen schreien viele Stimmen
durcheinander, und pltzlich hrt man: 'Haltet ihn, haltet ihn, sperrt
das Tor zu!' -- Ich ffne ein klein wenig die Tre und sehe: das
Ungeheuer ist nicht mehr auf dem Flur, die Leute rennen auf dem Hofe
umher, fuchteln mit den Armen, heben Holzscheite vom Boden auf -- sind
alle wie besessen -- 'Nach dem Dorf! Nach dem Dorf ist er fortgerannt!'
kreischt ein Weib in einem Kopfputze von ungewhnlichen Dimensionen,
sich aus einem Bodenfenster herausreckend. Ich ging wieder in den Hof.
-- 'Wo ist mein Tresor?' Und im gleichen Augenblick erblickte ich meinen
Retter. Er kommt vom Tore her, hinkt, ist ganz zerbissen und blutig ...
-- 'Was ist denn eigentlich los?' frage ich die Leute; die rennen aber
noch immer wie besessen auf dem Hofe umher. -- 'Ein toller Hund!'
antwortete man mir schlielich. 'Er gehrt dem Grafen ... Seit gestern
treibt er sich hier herum.'

Wir hatten einen Grafen in der Nachbarschaft, der sich furchtbare
auslndische Hunde hielt. Mir zittern die Knie; ich strze zu einem
Spiegel, um zu sehen, ob ich nicht gebissen bin. Nein, Gott sei Dank,
nichts zu sehen; nur ist mein Gesicht grn. Indessen liegt Nymphodora
Ssemjonowna auf dem Diwan und gluckst wie eine Henne. Das ist auch wohl
begreiflich: erstens die Nerven und zweitens die Empfindsamkeit. Sie
kommt aber wieder zu sich und fragt mich, mit so matter Stimme, ob ich
noch lebe. Ich sage ihr, da ich noch lebe und da Tresor mein Retter
ist. -- 'Ach,' sagt sie drauf, 'welch ein Edelmut! Hat ihn also der
tolle Hund erwrgt?' -- 'Nein,' sage ich, 'er hat ihn nicht erwrgt,
aber stark verletzt.' -- 'Ach,' sagt sie wieder, 'in diesem Falle mu
man ihn sofort niederschieen!' -- 'Nein,' sage ich, 'damit bin ich gar
nicht einverstanden; ich will versuchen, ihn zu kurieren...' Indessen
kratzt Tresor von auen an der Tre; ich will ihn hereinlassen. --
'Ach,' sagt sie, 'was fllt Ihnen ein? Er wird ja uns alle beien!' --
'Erlauben Sie,' erwidere ich, 'das Gift wirkt nicht so schnell.' --
'Ach,' sagt sie, 'wie kann man nur so was sagen! Sie sind wohl
verrckt!' -- 'Nymphotschka,' sage ich ihr, 'beruhige dich, sei doch
vernnftig...' Da schreit sie aber auf: 'Hinaus, hinaus, sofort
verlassen Sie das Haus zusammen mit Ihrem ekelhaften Hund!' -- 'Gut,'
sage ich, 'gerne, ich gehe schon.' -- 'Sofort, in dieser Sekunde!
Entferne dich,' sagt sie, 'du Mrder, und wage nicht, mir je wieder
unter die Augen zu kommen. Du kannst ja selbst toll werden!' -- 'Sehr
gut,' sage ich, 'lassen Sie mir nur einen Wagen geben, denn ich frchte
mich jetzt, zu Fu nach Hause zu gehen.' -- Sie starrte mich an. --
'Gebt ihm einen Wagen, eine Kutsche, eine Droschke, was er will, nur da
ich ihn nicht mehr sehe! Diese Augen! Was er fr Augen macht!' Mit
diesen Worten rennt sie aus dem Zimmer, gibt einem Dienstmdchen, das
ihr gerade in den Weg kommt, eine Ohrfeige, -- und ich hre, wie sie im
Nebenzimmer einen hysterischen Anfall bekommt. -- Sie mgen es mir
glauben, meine Herren, oder nicht, doch von diesem Tag an brach ich
jeden Verkehr mit Nymphodora Ssemjonowna ab; und bei reiflicher
berlegung mu ich sagen, da ich auch fr diesen Dienst meinem Freund
Tresor bis an mein Lebensende zum Danke verpflichtet bin.

Ich lie also einen Wagen anspannen, setzte mich mit Tresor hinein und
fuhr nach Hause. Zu Hause untersuchte ich ihn, wusch seine Wunden aus
und beschlo, ihn am nchsten Morgen zu einer weisen Frau, die im Kreise
Jefremow wohnte, zu bringen. Diese weise Frau war brigens ein alter
Bauer, ein ganz merkwrdiger Mensch: er flsterte einige Worte ber
Wasser, -- andere sagen, da er Schlangenspeichel hineintat, -- gab
davon zu trinken, und im Nu war jede Krankheit weg. Bei dieser
Gelegenheit wollte ich mir in Jefremow zur Ader lassen: das ist manchmal
sehr gut gegen Schreck; nur selbstverstndlich nicht am Arme, sondern an
der Daumenader.

Wo liegt denn die Daumenader? fragte mit schchterner Neugier Herr
Finoplentow.

Das wissen Sie nicht? Das ist eben die Stelle auf der Faust neben dem
Daumen, wohin man Schnupftabak schttet, bevor man eine Prise nimmt --
hier ist sie! Fr den Aderla ist es die geeignetste Stelle; denn
urteilen Sie selbst: aus dem Arme kommt frisches Aderblut, aber da kann
nur verbrauchtes Blut herauskommen. Die rzte wissen es nicht und
verstehen es nicht; wie sollten sie es auch, diese Deutschen! Bei uns
befassen sich hauptschlich Schmiede damit. Und was es fr geschickte
Leute unter ihnen gibt! So ein Schmied setzt den Meiel an, haut mit dem
Hammer darauf -- und fertig!.. Whrend ich auf diese Weise berlegte,
war es drauen ganz finster geworden, also hchste Zeit, schlafen zu
gehen. Ich legte mich zu Bett, und Tresor blieb selbstverstndlich bei
mir im Schlafzimmer. Ich wei nicht, war es noch der Schreck, oder kam
es von der stickigen Luft, von den Flhen, oder weil ich zu viel
Gedanken im Kopfe hatte, -- aber ich konnte nicht einschlafen, wie sehr
ich mir auch Mhe gab! Ich hatte ein so eigentmliches, beklemmendes
Gefhl, da ich es gar nicht beschreiben kann; ich versuchte alles
Mgliche: trank Wasser, ffnete das Fenster, spielte auf der Gitarre die
Kamarinskaja mit italienischen Variationen ... es ntzte alles nicht! Es
trieb mich aus dem Zimmer ... schlielich nahm ich mein Kissen, die
Bettdecke, ein Laken und begab mich durch den Garten in den Heuschuppen
und richtete mich da ein. Es war so angenehm, meine Herren: die Nacht
ist still, ungewhnlich still, nur ab und zu streicht mir ein Windhauch,
zart wie eine Frauenhand, ber das Gesicht; das Heu duftet wie Tee, auf
den Apfelbumen zirpen die Grillen; mitunter schlgt eine Wachtel, und
man fhlt, da es auch ihr, der Kanaille, so wohlig zumute ist, whrend
sie mit dem Weibchen im Tau sitzt ... Und am Himmel eine strahlende
Pracht: die Sternchen flimmern, und zuweilen schwebt ein Wlkchen
vorbei, wei wie Watte, und bewegt sich kaum...

An dieser Stelle mute Skworewitsch niesen; auch Kinarewitsch, der nie
hinter seinem Freunde zurckblieb, nieste. Anton Stepanowitsch sah die
beiden beifllig an.

Nun, fuhr Porfirij Kapitonowitsch fort, so liege ich da und kann noch
immer nicht einschlafen. Ich mu in einemfort denken und zwar
hauptschlich ber die menschliche Weisheit: wie wunderbar hat mir doch
Prochorytsch das warnende Zeichen gedeutet, und warum solche Wunder
gerade mit mir geschehen?.. Ich wundere mich, weil ich nichts begreife;
Tresor liegt indessen zusammengerollt auf dem Heu und winselt leise;
seine Wunden schmerzen ihn. Ich will Ihnen auch sagen, was mich am
Schlafen hinderte, Sie werden es wohl kaum glauben: der Mond! Er steht
so rund, gro, gelb und flach gerade vor mir, und starrt mich an, bei
Gott! So frech und zudringlich starrt er mich an ... Schlielich zeigte
ich ihm sogar die Zunge. Was bist du so neugierig? -- denke ich mir.
Wenn ich mich von ihm abwende, kriecht er mir ins Ohr, bestrahlt mir den
Nacken, bergiet mich wie ein Regen; und wenn ich die Augen ffne, ist
es noch rger: jedes Hlmchen, jedes unntze stchen im Heu, jedes noch
so unbedeutende Spinngewebe beleuchtet er so grell, so unverschmt: sieh
dir nur alles recht genau an! Es ist nichts zu machen; ich sttze mich
auf einen Ellenbogen und fange an zu sehen. Ich kann auch nicht anders:
meine Augen sind pltzlich wie die eines Hasen, sie sind so weit
aufgerissen, wollen beinahe aus dem Kopfe herausspringen; sie sind so
unheimlich wach, als ob sie gar nicht wten, was Schlaf heit. Ich
glaube, ich htte mit den Augen alles verschlingen knnen. Das Tor steht
weit offen, an die fnf Werst weit kann ich im Felde alles sehen: so
unheimlich deutlich und zugleich undeutlich, wie es immer in einer
Mondscheinnacht ist. So sehe ich, und sehe, und blinzle nicht mal mit
den Augen ... Und pltzlich kommt es mir vor, als ob sich in weiter
Ferne etwas regte. Es vergeht einige Zeit, wieder huscht ein Schatten
vorbei, diesmal etwas nher; und dann noch einmal und wieder nher. Was
kann das sein? Vielleicht ein Hase? Nein, es scheint grer als ein Hase
zu sein, auch springt ein Hase ganz anders. Ich sehe: der Schatten zeigt
sich wieder und huscht schon als dunkler Fleck ber die Viehweide -- die
Viehweide liegt aber im Mondlichte ganz wei da. Es ist ja klar: ein
Tier, ein Fuchs oder ein Wolf. Das Herz steht mir still ... doch was
soll ich mich frchten? Es treibt sich doch immer allerlei Getier nachts
im Feld umher. Die Neugierde ist aber grer als die Furcht; ich stehe
auf, starre hinaus, und auf einmal berluft es mich ganz kalt; ich
erstarre, als ob man mich bis ber die Ohren in Eis gesteckt htte; doch
warum? Das wei Gott allein! Und ich sehe: der Schatten wird immer
grer und wchst und rckt gerade auf meinen Schuppen los ... Und ich
sehe ganz genau, da es ein groes Tier mit dickem Kopf ist ... Es saust
daher wie ein Wirbelwind, wie eine Flintenkugel ... Du lieber Himmel!
Was mag das sein? Das Tier bleibt auf einmal stehen, als ob es etwas
witterte ... Das ist ja ... der tolle Hund von heute frh! Er ist es, er
ist es! Gott! Und ich kann mich weder rhren, noch schreien ... Der Hund
springt in den Schuppen, seine Augen funkeln, und er strzt heulend
gerade auf mich los!

Aber da kommt schon aus dem Heu mein Tresor wie ein Lwe heraus; ja das
tut er! Rachen an Rachen beien sich die beiden ineinander fest und
strzen wie ein Knuel zu Boden! Was weiter geschah, wei ich nicht,
denn ich sprang, wie ich war, ber sie weg, und aus dem Schuppen heraus,
und in den Garten, und nach Hause in mein Schlafzimmer!.. Ich mu
gestehen, da ich mich beinahe unters Bett verkroch. Aber was fr Stze,
was fr Pas fhrte ich im Garten aus! Ich glaube, die erste Tnzerin,
die vor Kaiser Napoleon an seinem Namenstage tanzt, auch die htte es
nicht besser machen knnen. Als ich jedoch einigermaen zur Besinnung
gekommen war, brachte ich gleich das ganze Haus auf die Beine; ich
befahl allen, sich zu bewaffnen und nahm selbst einen Sbel und einen
Revolver. (Ich hatte mir diesen Revolver, offen gestanden, gleich nach
der Aufhebung der Leibeigenschaft gekauft; wissen Sie, fr jeden Fall;
nur hatte ich ein ganz miserables Ding erwischt: von drei Schssen
versagten mindestens zwei.) Ich nahm also das alles und begab mich mit
einer ganzen Schar, mit Knppeln und Laternen bewaffnet zum Schuppen.
Wir kommen an, rufen, -- nichts zu hren; schlielich gehen wir in den
Schuppen. Und was sehen wir? Mein armer Tresor liegt tot mit
durchbissener Kehle -- und der andere, der Verdammte, ist lngst
verschwunden!

Da brllte ich, meine Herren, wie ein Kalb und ich schme mich nicht zu
bekennen: ich fiel ber meinen sozusagen zweifachen Retter und liebkoste
lange seinen Kopf. Und ich blieb in dieser Stellung so lange, bis mich
meine alte Haushlterin Praskowja wieder zur Besinnung brachte (sie war
mit den andern auf den Lrm herbeigeeilt). -- 'Wie knnen Sie sich nur,
Profirij Kapitonowitsch,' sagte sie, 'wegen eines Hundes so grmen? Sie
werden sich noch erklten, Gott bewahre! (Ich war auch in der Tat sehr
leicht gekleidet). Und wenn dieser Hund, als er Sie rettete, sein
eigenes Leben lie, so ist das fr ihn eine groe Gnade und Ehre!'

Obwohl ich Praskowja nicht beistimmen konnte, begab ich mich doch nach
Hause. Der tolle Hund wurde aber am nchsten Tage von einem Soldaten
erschossen ... So ein Ende war ihm wohl vorausbestimmt: der Soldat hatte
zum ersten Male in seinem Leben aus einem Gewehre geschossen, obwohl er
eine Medaille fr das Jahr 1812 besa. Also so eine bernatrliche
Begebenheit hat sich mit mir zugetragen.

Der Erzhler schwieg und begann sich eine Pfeife zu stopfen. Wir sahen
aber einander ganz verdutzt an. -- Vielleicht fhren Sie ein besonders
gottgeflliges Leben, begann Herr Finoplentow, und zur Belohnung...
Doch bei diesem Worte blieb er stecken, denn er sah, da Porfirij
Kapitonowitsch seine Backen aufblies, rot wurde und mit den Augen
zwinkerte, wie einer, der sofort in schallendes Gelchter ausbrechen
wird...

Wenn man aber die Mglichkeit des bernatrlichen, die Mglichkeit
seines Hineinspielens in das sogenannte wirkliche Leben zugeben soll,
begann wieder Anton Stepanowitsch, welche Rolle soll dann noch der
gesunde Menschenverstand spielen?

Niemand von uns wute darauf etwas zu erwidern, und wir verblieben im
Zustande vlliger Ratlosigkeit.




Das Lied der triumphierenden Liebe


    MDXLII.

    Dem Andenken Gustave Flauberts.

    Wage du zu irren und zu trumen.

    Schiller.

Folgendes las ich in einer alten italienischen Handschrift:


I.

Um die Mitte des XVI. Jahrhunderts lebten in Ferrara -- (das damals
unter dem Szepter seiner prachtliebenden Herzge, der Beschtzer der
Knste und der Poesie, in hoher Blte stand) -- zwei junge Mnner, mit
Namen Fabius und Mutius. Gleich an Alter, nahe miteinander verwandt,
waren sie fast immer unzertrennlich; eine innige Freundschaft verband
sie seit frhester Jugend ... Dieses Band war auch durch die hnlichkeit
ihrer Lebensschicksale gefestigt. Beide gehrten alten Geschlechtern an;
beide waren reich, unabhngig und ohne Familie; auch hatten sie gleichen
Geschmack und verwandte Neigungen. Mutius beschftigte sich mit Musik,
und Fabius mit Malerei. Ganz Ferrara war stolz auf sie, als auf den
schnsten Schmuck des Hofes, der Gesellschaft und der Stadt. In ihrem
ueren waren sie aber unhnlich, obwohl sie sich beide durch schlanke,
jugendliche Schnheit auszeichneten: Fabius war etwas grer von Gestalt
und hatte ein zartes, weies Gesicht, blonde Haare und blaue Augen;
Mutius dagegen hatte ein braunes Gesicht, schwarze Haare, und in seinen
dunkelbraunen Augen lag nicht jener heitere Glanz, und auf seinen Lippen
nicht jenes freundliche Lcheln wie bei Fabius; seine dichten Brauen
hingen beinahe auf die schmalen Lider herab, whrend Fabius' goldblonde
Brauen in feinen Halbkreisen auf der reinen, glatten Stirne lagen. Auch
war Mutius im Gesprch weniger lebhaft; trotz alledem hatten beide
Freunde bei Damen den gleichen Erfolg, denn nicht umsonst waren sie
Muster ritterlicher Dienstfertigkeit und Freigebigkeit.

Um die gleiche Zeit lebte zu Ferrara eine Edeljungfrau, mit Namen
Valeria. Sie galt als eine der ersten Schnheiten der Stadt, obgleich
man sie nur selten zu Gesicht bekam: sie lebte sehr zurckgezogen und
verlie das Haus nur um in die Kirche, und hchstens noch an groen
Feiertagen auf die Promenade zu gehen. Sie lebte mit ihrer Mutter, einer
adeligen, doch wenig bemittelten Witwe, deren einziges Kind sie war.
Valeria flte einem jedem, der ihr begegnete, das Gefhl
unwillkrlicher Bewunderung und einer ebenso unwillkrlichen, zarten
Achtung ein: so bescheiden gab sie sich, so wenig schien sie sich selbst
der Macht ihrer Reize bewut zu sein. Manche fanden sie freilich etwas
bla; der Blick ihrer Augen, die sie fast immer gesenkt hielt, drckte
eine gewisse Schchternheit und sogar Furchtsamkeit aus; ihre Lippen
lchelten selten und dann auch nur kaum wahrnehmbar; ihre Stimme hatte
selten jemand gehrt. Aber es ging das Gercht, da diese Stimme sehr
schn sei, und da sie manchmal in ihrer verschlossenen Kammer, frh
morgens, wo noch die ganze Stadt schlief, alte Lieder snge und sich
selbst auf der Laute begleite. Trotz ihres blassen Aussehens erfreute
sich Valeria einer blhenden Gesundheit, und selbst alte Leute, welche
sie sahen, sagten sich unwillkrlich: O wie glcklich wird der Jngling
sein, fr den sich diese unberhrte jungfruliche Knospe dereinst zur
Blte entfalten wird!


II.

Fabius und Mutius erblickten Valeria zum ersten Male bei einem
prchtigen Volksfeste, das auf Befehl des Herzogs Ercole von Ferrara,
eines Sohnes der berhmten Lucretia Borgia, zu Ehren der Wrdentrger
gegeben wurde, die aus Paris auf Einladung der Herzogin, einer Tochter
des Knigs LudwigXII. von Frankreich, eingetroffen waren. Valeria sa
neben ihrer Mutter in der Mitte einer schnen Tribne, die nach dem
Entwurf Palladios auf dem Hauptplatze von Ferrara fr die vornehmsten
Damen der Stadt errichtet war. Beide Jnglinge, Fabius und Mutius,
verliebten sich am gleichen Tage leidenschaftlich in das Mdchen; und da
sie vor einander nichts zu verheimlichen pflegten, erfuhr ein jeder von
ihnen sehr bald, was das Herz des andern erfllte. Sie einigten sich,
da ein jeder von ihnen versuchen werde, sich Valeria zu nhern, und
wenn sie einem von ihnen den Vorzug geben sollte, werde sich der andere
widerspruchslos ihrer Entscheidung unterwerfen mssen. Nach einigen
Wochen gelang es den beiden, dank dem guten Rufe, den sie mit Recht
genossen, Einla in das sonst schwer zugngliche Haus der Witwe zu
erlangen; sie erlaubte ihnen, sie zu besuchen. Nun hatten sie fast
tglich Gelegenheit, Valeria zu sehen und mit ihr zu sprechen; und mit
jedem Tage loderte das in den Herzen der beiden Jnglinge entzndete
Feuer heftiger empor; Valeria schien indessen keinem von ihnen den
Vorzug zu geben, obgleich sie an diesen Besuchen offenbar Gefallen
hatte. Mit Mutius trieb sie Musik, unterhielt sich aber lieber mit
Fabius, in dessen Gesellschaft sie viel unbefangener war. Endlich
sandten die Jnglinge, um sich Gewiheit ber ihr Los zu verschaffen,
Valeria einen Brief mit der Bitte, sie mchte sich ihnen selbst erklren
und sagen, wem sie ihre Hand geben wolle. Valeria zeigte diesen Brief
der Mutter und erklrte ihr, da sie bereit sei, Jungfrau zu bleiben;
wenn aber die Mutter meine, da es fr sie Zeit sei, in die Ehe zu
treten, so wolle sie den heiraten, den ihr die Mutter bestimmen wrde.
Die ehrsame Witwe vergo einige Trnen bei dem Gedanken an die Trennung
von dem geliebten Kinde; sie hatte jedoch keinen Grund, die Freier
abzuweisen: einen jeden von ihnen hielt sie fr gleich wert, die Hand
ihrer Tochter zu erlangen. Doch da sie in der Tiefe ihrer Seele Fabius
vorzog und ahnte, da er auch Valeria mehr zusagte, wies sie auf ihn.
Fabius erfuhr schon am nchsten Tage von seinem Glck; und Mutius blieb
nichts anderes brig, als sein Wort zu halten und sich zu fgen.

Das tat er auch; aber Zeuge des Triumphes seines Freundes und Rivalen zu
sein, -- ging ber seine Kraft. Er verkaufte sofort den greren Teil
seines Besitzes und begab sich mit den paar tausend Dukaten, die er
dafr bekam, auf eine weite Reise nach dem Morgenlande. Beim Abschied
versprach er Fabius, nicht eher zurckzukommen, als bis er fhlen werde,
da die letzten Spuren der Leidenschaft in ihm erloschen wren. Es fiel
Fabius schwer, sich von dem Freunde seiner Kindheit und seiner Jugend zu
trennen ... doch die freudige Erwartung einer nahen Seligkeit lie alle
anderen Gefhle verstummen, und er berlie sich ganz den Wonnen seiner
vom Erfolg gekrnten Liebe.

Bald darauf ging er die Ehe mit Valeria ein und erst da erkannte er den
ganzen Wert des Schatzes, den er gewonnen hatte. Er besa eine schne
Villa, in einem schattigen Garten gelegen, in nicht allzugroer
Entfernung von Ferrara; in diese Villa zog er mit seiner Gattin und
ihrer Mutter. Eine selige Zeit brach fr die beiden an. Valeria zeigte
in der Ehe alle ihre Vorzge und Reize in einem neuen, bezaubernden
Lichte; Fabius entwickelte sich aber zu einem bedeutenden Maler: er war
nicht mehr einfacher Dilettant, sondern ein Meister. Die Mutter Valerias
weidete sich am Glck des jungen Paares und dankte Gott. Vier Jahre
zogen dahin so schnell und unbemerkt wie ein seliger Traum. Nur eins
fehlte den jungen Gatten, sie hatten nur den einen Kummer: der Himmel
gab ihnen keine Kinder ... aber die Hoffnung verlie sie nicht. Am Ende
des vierten Jahres erfuhren sie ein groes, diesmal wirkliches Unglck:
nach kurzer Krankheit starb die Mutter Valerias.

Valeria vergo viele Trnen und konnte sich lange nicht in den Verlust
finden. Aber es verging noch ein Jahr, das Leben trat wieder in seine
Rechte, und alles kam in das frhere Geleise. Und da, an einem schnen
Sommerabend, kehrte nach Ferrara, ohne jemand benachrichtigt zu haben,
Mutius zurck.


III.

In den ganzen fnf Jahren, die er abwesend war, hatte niemand etwas von
ihm gehrt; alle Gerchte ber ihn waren verstummt, als ob er ganz vom
Erdboden verschwunden wre. Als Fabius seinem Freund in einer der
Straen von Ferrara begegnete, schrie er beinahe laut auf, -- zuerst vor
Erstaunen und dann vor Freude. Er lud ihn sogleich nach seiner Villa
ein. In seinem Garten hatte er einen abgesonderten, gerumigen Pavillon,
und er schlug dem Freunde vor, in diesen Pavillon zu ziehen. Mutius ging
gern darauf ein und siedelte noch am gleichen Tage in Begleitung seines
stummen, malaiischen Dieners dahin ber. Der Malaie war stumm doch nicht
taub und sogar, nach der Lebendigkeit seines Blickes zu schlieen, sehr
aufgeweckt und verstndig ... Man hatte ihm einst die Zunge
herausgeschnitten. Mutius brachte zahlreiche Koffer mit, angefllt mit
den verschiedenartigsten Kostbarkeiten, die er auf seinen langen Reisen
gesammelt hatte. Auch Valeria freute sich ber die Rckkehr des Mutius;
er begrte sie freundschaftlich heiter, doch ruhig, und man konnte nach
seinem ganzen Gebaren schlieen, da er seinem Freund Fabius das Wort
gehalten hatte. Im Laufe des ersten Tages richtete er sich in seinem
Pavillon ein und packte mit Hilfe des Malaien die mitgebrachten Schtze
aus: Teppiche, seidene Stoffe, Gewnder aus Samt und Brokat, Waffen,
Schalen, Schsseln und Becher, verziert mit Email, Gegenstnde aus Gold
und Silber, geschmckt mit Perlen und Trkisen, geschnitzte Kstchen aus
Bernstein und Elfenbein, geschliffene Flaschen, Gewrze und Rucherwerk,
Tierfelle, Federn unbekannter Vgel und eine Menge anderer Sachen, deren
Gebrauch sogar geheimnisvoll und unbegreiflich erschien. Unter allen
diesen Kostbarkeiten war auch ein reiches Perlenhalsband, das Mutius vom
persischen Schah fr einen gewissen groen und geheimen Dienst erhalten
hatte; er bat Valeria um Erlaubnis, ihr dieses Perlenhalsband
eigenhndig um den Hals legen zu drfen: es erschien ihr ungewhnlich
schwer und mit einer seltsamen Wrme behaftet ... es schmiegte sich auch
sofort fest an ihre Haut. Am Abend nach der Mahlzeit saen sie alle auf
der Terrasse der Villa im Schatten der Oleander und Lorbeeren, und
Mutius begann seine Erlebnisse zu schildern. Er erzhlte von den fernen
Lndern, die er besucht, von Bergen, die ber die Wolken hinaufragen,
von Flssen, gro und mchtig wie Meere; er sprach von riesenhaften
Gebuden und Tempeln, von tausendjhrigen Bumen, von in allen Farben
des Regenbogens schillernden Blumen und Vgeln, er nannte die Namen der
Stdte und Vlker, die er besucht hatte ... schon diese Namen klangen
wie Mrchen. Mutius kannte den ganzen Orient: er hatte Persien
durchreist und Arabien, wo die Pferde schner und edler sind als alle
anderen Geschpfe; war in die Tiefe Indiens eingedrungen, wo die
Menschen herrlichen Gewchsen gleichen; hatte die Grenzen Chinas und
Tibets erreicht, wo ein Gott, namens Dalai-Lama in Gestalt eines
schweigsamen Mannes mit Schlitzaugen leibhaftig auf Erden wohnt.
Wunderbar waren seine Erzhlungen! Fabius und Valeria hrten ihm wie
bezaubert zu. Mutius hatte sich uerlich wenig verndert: sein von
Kindheit an braunes Gesicht war nur noch etwas dunkler geworden,
versengt von den Strahlen einer heieren Sonne, und die Augen schienen
etwas tiefer als frher; das war auch alles. Sein Gesichtsausdruck war
aber ein anderer geworden: er schien in sich gekehrt, ernst, und belebte
sich auch dann nicht, wenn er von den Gefahren sprach, die er bestanden,
nachts in Wldern, wo Tiger heulten, oder am Tage, auf einsamen Wegen,
wo Fanatiker auf die Reisenden lauerten, um sie zu Ehren einer eisernen
Gttin, die nach Menschenopfern verlangt, zu erdrosseln. Auch die Stimme
Mutius' war dumpfer und eintniger geworden; die Bewegungen seiner Arme
und des ganzen Krpers hatten jene Freiheit und Ungezwungenheit
verloren, die sonst den Italienern eigen ist. Mit Hilfe seines Dieners,
des unterwrfigen und flinken Malaien, zeigte er seinen Freunden einige
Kunststcke, die er von den indischen Brahminen gelernt hatte. So
versteckte er sich z. B. hinter einem Vorhange und erschien pltzlich
mit untergeschlagenen Beinen frei in der Luft schwebend, wobei er sich
nur leicht mit den Fingerspitzen auf ein senkrecht aufgestelltes
Bambusrohr sttzte, was Fabius in groes Erstaunen setzte und Valeria
sogar erschreckte ... -- Ist er wohl gar mit bsen Mchten im Bunde?
dachte sie. -- Als er aber mit den Tnen einer kleinen Flte aus einem
geschlossenen Korbe zahme Schlangen hervorzulocken begann und als die
Schlangen, ihre Stacheln bewegend, die dunklen, platten Kpfe unter der
bunten Decke hervorsteckten, geriet Valeria in Entsetzen und bat Mutius,
diese ekelhaften Geschpfe so schnell wie mglich zu verstecken. Beim
Nachtmahl traktierte Mutius seine Freunde mit Schiras-Wein aus einer
langhalsigen bauchigen Flasche; der ungewhnlich aromatische und dicke
Wein war von goldener Farbe und schillerte grnlich und geheimnisvoll in
den kleinen Schalen aus Jaspis, in die er ihn einschenkte. Sein
Geschmack war von dem der europischen Weine verschieden: er war sehr
s und wrzig, und wirkte, wenn man ihn langsam in kleinen Zgen trank,
angenehm einschlfernd auf alle Glieder. Mutius ntigte Fabius und
Valeria davon zu trinken und trank auch selbst. Er beugte sich ber
Valerias Schale und flsterte etwas, wobei er die Finger eigentmlich
bewegte. Valeria bemerkte es; da ihr aber die Manieren Mutius' und sein
ganzes Auftreten auch ohnehin fremd und sonderbar vorkamen, dachte sie
nur: Hat er vielleicht in Indien irgend einen fremden Glauben
angenommen? Oder herrschen dort solche Gebruche? -- Nach kurzem
Schweigen fragte sie ihn, ob er auch whrend seiner Reise Musik
getrieben habe. Als Antwort lie er sich von seinem Malaien seine
indische Geige bringen. Sie glich den hiesigen, nur hatte sie statt der
vier Saiten drei; sie war mit blulicher Schlangenhaut berzogen, und
der dnne Bogen aus Rohr war zu einem Halbkreis geschwungen und trug an
seinem Ende einen spitzgeschliffenen funkelnden Diamanten.

Mutius spielte zunchst einige traurige, wie er behauptete,
volkstmliche Lieder, die fr ein italienisches Ohr seltsam und sogar
wild klangen; die metallenen Saiten tnten klagend und schwach. Als aber
Mutius ein neues Lied anstimmte, wurde der Ton pltzlich stark und
klangvoll; der Bogen, den er sehr breit fhrte, zauberte eine
leidenschaftliche Melodie hervor, sie glitt anmutig dahin, wie jene
Schlange, deren Haut die Geige bedeckte; und die Melodie leuchtete und
glhte in solchem Feuer, in solchem triumphierenden Jubel, da es Fabius
und Valeria ganz unheimlich zumute wurde, und ihnen Trnen in die Augen
traten ... whrend Mutius, mit gebeugtem, an die Geige gedrcktem Kopf,
mit blassen Wangen und zu einem Strich zusammengezogenen Brauen noch
ernster, noch mehr in sich gekehrt erschien, und der Diamant an der
Spitze des Bogens im Hin- und Hergehen blendende Funken um sich warf,
gleichsam vom Feuer des wunderbaren Liedes entzndet. Als Mutius geendet
hatte, hielt er die Geige noch immer zwischen Kinn und Schultern
gedrckt, lie aber die Hand mit dem Bogen sinken. -- Was ist das? Was
hast du uns gespielt? rief Fabius. -- Valeria sprach kein Wort, schien
aber mit ihrem ganzen Wesen die Frage ihres Mannes zu wiederholen.
Mutius legte die Geige auf den Tisch, schttelte leicht das Haar und
sagte hflich lchelnd: Das? Diese Weise ... dieses Lied hrte ich
einmal auf der Insel Ceylon. Es heit dort im Volke das Lied der
glcklichen, befriedigten Liebe. -- Spiele es noch einmal, flsterte
Fabius. -- Nein; ich darf es nicht wiederholen, entgegnete Mutius.
Auch ist es zu spt. Signora Valeria bedarf der Ruhe und auch ich mu
gehen ... ich bin so mde. Im Laufe dieses ganzen Tages hatte sich
Mutius im Verkehr mit Valeria hflich und einfach, wie ein alter Freund
benommen; beim Abschied drckte er ihr aber auffallend fest die Hand,
wobei er seine Finger auf ihre Handflche prete, und blickte ihr so
unverwandt ins Gesicht, da sie, obwohl sie die Augenlider gesenkt
hatte, diesen Blick auf ihren pltzlich erglhenden Wangen sprte. Sie
sagte nichts zu Mutius, ri aber ihre Hand aus der seinigen los, und als
er gegangen war, warf sie noch einen Blick auf die Tre, durch die er
sich entfernt hatte. Es fiel ihr ein, da sie auch in den frheren
Jahren vor ihm eine gewisse Furcht gehabt hatte ... nun war sie ganz
verwirrt. Mutius begab sich nach seinem Pavillon, und die Gatten zogen
sich in ihr Schlafgemach zurck.


IV.

Valeria konnte lange nicht einschlafen; ihr Blut wogte langsam und matt,
und in ihrem Kopfe sang es ganz leise ... Es kam vom seltsamen Wein,
meinte sie, vielleicht auch von den Erzhlungen des Mutius, oder von
seinem Geigenspiel ... Erst beim Morgengrauen schlief sie ein und hatte
einen wunderbaren Traum.

Es war ihr, als trte sie in ein gerumiges Zimmer mit niedriger
gewlbter Decke ... Ein solches Zimmer hatte sie noch nie im Leben
gesehen. Alle Wnde waren mit kleinen blauen, mit goldenem Blumenmuster
verzierten Kacheln bekleidet; schlanke Sulen von geschnitztem Alabaster
sttzten die Marmordecke; die Decke und die Sulen waren wie
durchsichtig ... bleiches rosiges Licht drang von allen Seiten in den
Raum und bergo geheimnisvoll und gleichmig alle Gegenstnde; in der
Mitte des spiegelglatten Fubodens lagen auf einem schmalen Teppich
Kissen aus Brokat. In den Ecken rauchten kaum wahrnehmbar groe
Rucherbecken in Form von Mrchenungeheuern; es gab hier keine Fenster;
in einer Wandnische dunkelte stumm eine mit einem Samtvorhang verhngte
Tr. Und pltzlich gleitet dieser Vorhang langsam zur Seite ... und an
der Schwelle erscheint Mutius. Er verbeugt sich vor ihr, ffnet die
Arme, lacht ... Seine harten Arme umschlingen roh Valerias Oberkrper,
seine trockenen Lippen versengen sie am ganzen Leibe ... Sie sinkt
zurck auf die Polster...

                   *       *       *       *       *

Valeria sthnt vor Schreck auf, macht verzweifelte Anstrengungen und
erwacht. Ohne noch zu begreifen, wo sie ist und was mit ihr geschehen,
richtet sie sich im Bette auf und blickt sich ganz bestrzt um ... Sie
bebt am ganzen Krper ... Fabius liegt an ihrer Seite. Er schlft; doch
sein Gesicht scheint im Lichte des runden und hellen Vollmondes, der
durchs Fenster hereinblickt, bleich wie bei einem Toten ... es ist
trauriger als das Gesicht eines Toten. Valeria weckt ihren Mann, und als
er sie erblickt, ruft er aus: Was hast du? -- Ich hatte ... ich hatte
einen schrecklichen Traum, flstert sie, noch immer am ganzen Leibe
bebend...

Aber in diesem Augenblick erklangen vom Pavillon her laute seltsame
Tne, und beide, Fabius wie Valeria, erkannten die Melodie, die ihnen
Mutius vorgespielt und die er das Lied der befriedigten, triumphierenden
Liebe genannt hatte. -- Fabius blickte verlegen auf Valeria ... sie
schlo die Augen, wandte sich ab, -- und beide lauschten mit verhaltenem
Atem dem Liede bis zu Ende. Als der letzte Ton erstorben war, versteckte
sich der Mond hinter einer Wolke, und im Zimmer wurde es pltzlich
dunkel ... Beide Gatten lieen ihre Kpfe auf die Polster sinken, ohne
ein Wort zu wechseln -- und keiner von den beiden merkte, wann der
andere einschlief.


V.

Am nchsten Morgen kam Mutius zum Frhstck; er schien zufrieden und
begrte Valeria sehr heiter. Sie erwiderte den Gru ganz verwirrt, sie
blickte ihn flchtig an und erschrak vor seinem zufriedenen, heiteren
Gesicht, vor seinen durchdringenden, fragenden Augen. Mutius begann
wieder etwas zu erzhlen, Fabius unterbrach ihn aber beim ersten Wort.

Du hast wohl am neuen Orte nicht einschlafen knnen? Wir beide hrten,
wie du das gestrige Lied spieltest.

Ja? Habt ihr es gehrt? sagte Mutius. Ich habe es wirklich gespielt;
vorher hatte ich aber geschlafen und sogar einen wunderbaren Traum
gehabt.

Valeria horchte auf. Was fr einen Traum? fragte Fabius.

Es war mir, antwortete Mutius, indem er unverwandt auf Valeria
blickte, es war mir, als ob ich in ein gerumiges Zimmer trte; es
hatte eine gewlbte Decke und war in orientalischem Geschmack
ausgestattet. Geschnitzte Sulen trugen die Decke, die Wnde waren mit
Kacheln bekleidet, und obwohl es weder Fenster noch Kerzen gab, war das
ganze Zimmer von einem rosigen Lichtschein erfllt, als ob seine Wnde
aus durchsichtigen Steinen zusammengefgt wren. In den Ecken standen
chinesische Rucherbecken, auf dem Boden lagen auf einem schmalen
Teppich Brokatkissen. Ich betrat den Raum durch eine verhngte Tre und
aus einer anderen Tre, gegenber, erschien eine Frau, die ich einst
geliebt hatte. Und sie erschien mir so schn, da ich wieder in Liebe zu
ihr entbrannte wie frher...

Mutius schwieg bedeutungsvoll. Valeria sa unbeweglich, wurde immer
bleicher und atmete immer tiefer.

Da erwachte ich, fuhr Mutius fort, und spielte jenes Lied.

Wer war sie? fragte Fabius.

Wer sie war? Die Frau eines Indiers. Ich hatte sie in der Stadt Delhi
kennen gelernt ... Sie ist nicht mehr am Leben ... sie ist gestorben.

Und der Gatte? fragte Fabius, ohne selbst zu wissen, warum.

Auch der Gatte soll tot sein. Ich habe die beiden bald aus dem Gesicht
verloren.

Seltsam! bemerkte Fabius. Auch meine Frau will diese Nacht einen
sonderbaren Traum gehabt haben (Mutius blickte unverwandt auf Valeria),
den sie mir nicht erzhlt hat, fgte Fabius hinzu.

In diesem Augenblick stand aber Valeria auf und verlie das Zimmer. --
Auch Mutius ging gleich nach dem Frhstck fort und erklrte, da er in
Geschften nach Ferrara msse und vor Abend nicht zurckkehren werde.


VI.

Einige Wochen vor der Rckkehr des Mutius hatte Fabius das Bildnis
seiner Frau begonnen; es stellte sie mit den Attributen der heiligen
Ccilie dar. -- Er hatte in seiner Kunst groe Fortschritte gemacht; der
berhmte Luini, ein Schler Leonardo da Vincis, hatte ihn in Ferrara
besucht und ihm neben eigenen Ratschlgen auch einige Lehren seines
groen Meisters mitgeteilt. Das Bildnis war fast fertig; Fabius hatte
nur noch mit wenigen Strichen das Gesicht zu vollenden; er durfte auf
sein Werk mit Recht stolz sein. -- Nachdem er Mutius nach Ferrara hatte
ziehen lassen, begab er sich in seine Werkstatt, wo ihn Valeria zu
erwarten pflegte; diesmal fand er sie aber nicht vor; er rief sie, und
sie antwortete nicht. Fabius fhlte sich von einer geheimen Unruhe
erfat und begann sie zu suchen. Im Hause war sie nicht; Fabius lief in
den Garten und fand schlielich Valeria in einer der entlegensten
Alleen. Den Kopf auf die Brust gesenkt, die Hnde auf den Knien
gekreuzt, so sa sie auf einer Bank, und hinter ihr hob sich vom dunklen
Grn einer Zypresse ein marmorner Satyr ab, der schadenfroh grinste und
an den gespitzten Lippen eine Flte hielt. Valeria freute sich sichtlich
ber das Erscheinen des Gatten und antwortete auf seine unruhigen
Fragen, da sie etwas Kopfweh habe, da dies aber nichts weiter bedeute
und da sie bereit sei, ihm zu sitzen. Fabius geleitete sie in die
Werkstatt, setzte sie auf den gewohnten Platz und ergriff den Pinsel;
doch zu seinem groen Verdru wollte ihm das Gesicht nicht gelingen, so
wie er es gewollt hatte. Und nicht etwa, weil es bla und ermattet
erschien ... nein; aber jenen reinen, heiligen Ausdruck, der ihm an ihr
so gut gefiel und der ihn auf den Gedanken gebracht hatte, seine Gattin
als die heilige Ccilie darzustellen, -- diesen Ausdruck fand er heute
nicht. Schlielich warf er den Pinsel fort, sagte Valeria, da er heute
nicht in der Stimmung sei und da es auch ihr guttun wrde, sich
hinzulegen, da sie nicht ganz wohl zu sein scheine, und stellte die
Staffelei mit dem Bilde zur Wand. Valeria stimmte ihm zu, da sie
ausruhen msse, klagte noch einmal ber Kopfweh und zog sich in ihr
Schlafgemach zurck. Fabius blieb in der Werkstatt. Er fhlte eine
sonderbare Erregung, die er gar nicht begreifen konnte. Die Anwesenheit
Mutius' unter seinem Dache, die er selbst heraufbeschworen hatte, war
ihm auf einmal lstig. Es war nicht Eifersucht ... wie htte er auch auf
Valeria eiferschtig sein knnen! -- er erkannte aber in Mutius nicht
mehr den frheren Freund. All das Fremde, Unbekannte, Neue, was Mutius
aus den fernen Lndern mitgebracht hatte und was ihm in Fleisch und Blut
bergegangen zu sein schien -- alle diese magischen Kunstgriffe, Lieder,
seltsamen Getrnke, dieser stumme Malaie, und selbst der scharfe wrzige
Duft, den die Kleider Mutius', sein Haar und sein Atem ausstrmten, --
all das flte Fabius ein Gefhl ein, welches dem Mitrauen, vielleicht
sogar der Furcht hnlich war. Warum starrte dieser Malaie, wenn er bei
Tisch bediente, ihn, Fabius so unangenehm und unverwandt an? Man konnte
wirklich meinen, er verstnde italienisch. Mutius behauptete von ihm,
da er, indem er sich die Zunge herausschneiden lie, ein groes Opfer
gebracht habe, wofr er aber jetzt ber eine groe geheime Kraft
verfge. -- Was war das fr eine Kraft? Und wie hat er sie um den Preis
seiner Zunge erlangen knnen? Das alles war ja so seltsam, so
unbegreiflich! -- Fabius ging zu seiner Frau ins Schlafzimmer. Sie lag
angekleidet auf dem Bett, schlief aber nicht. Als sie seine Schritte
hrte, fuhr sie zusammen, war aber dann ber sein Kommen ebenso erfreut
wie vorhin im Garten. Fabius setzte sich zu ihr ans Bett, ergriff
Valerias Hand und fragte sie nach kurzem Schweigen, welch einen
ungewhnlichen Traum sie heute Nacht gehabt und warum er sie so
erschreckt habe. Ob er in der Art jenes Traumes gewesen sei, von dem
Mutius erzhlt habe? -- Valeria errtete und erwiderte: O nein, nein!
Ich sah ... ein Ungeheuer, das mich zerreien wollte. -- Ein
Ungeheuer? In Menschengestalt? fragte Fabius. -- Nein, in Gestalt
eines Tieres ... eines Tieres! -- Und Valeria wandte sich ab und
verbarg ihr glhendes Gesicht in den Kissen. Fabius hielt noch eine
Weile die Hand seiner Frau in der seinigen fest, fhrte sie dann
schweigend an seine Lippen und verlie das Schlafgemach.

Beide Gatten hatten an diesem Tage wenig Freude. Etwas Finsteres schien
ber ihnen zu lasten ... aber was es war, wuten sie nicht zu sagen. Sie
hatten das Bedrfnis, beieinander zu sein, als ob ihnen eine Gefahr
drohte; -- sie wuten aber nicht, was sie einander sagen knnten. Fabius
versuchte wieder am Bilde zu arbeiten; dann nahm er wieder Ariost vor,
dessen Gedicht erst vor kurzem in Ferrara erschienen und schon in ganz
Italien berhmt war; es wollte ihm aber nichts gelingen ... Spt am
Abend, gerade zum Nachtmahl, kehrte Mutius zurck.


VII.

Er schien ruhig und zufrieden, erzhlte aber sehr wenig; umsomehr Fragen
richtete er an Fabius: ber die frheren gemeinsamen Bekannten, den
deutschen Feldzug, ber Kaiser Karl; er sprach auch von seinem Wunsch,
nach Rom zu gehen, um den neuen Papst zu sehen. Er bot Valeria wieder
den Schiras-Wein an; und als sie ablehnte, murmelte er wie vor sich hin:
Jetzt ist es nicht mehr ntig. -- Die Gatten begaben sich nach dem
Nachtmahl in ihr Schlafgemach, und Fabius schlief rasch ein ... Als er
aber nach einer Stunde erwachte, sah er, da niemand sein Lager teilte:
Valeria lag nicht an seiner Seite. Er stand rasch auf und sah im
gleichen Augenblick, wie seine Frau im Nachtgewande aus dem Garten ins
Zimmer zurckkehrte. -- Obwohl es kurz vorher geregnet hatte, schien der
Mond hell am heiteren Himmel. Valeria nherte sich mit geschlossenen
Augen und dem Ausdrucke geheimen Grauens auf dem unbeweglichen Gesicht
dem Bette, betastete es mit vorgestreckten Armen und legte sich rasch
und stumm nieder. Fabius wandte sich an sie mit einer Frage, sie gab ihm
aber keine Antwort und schien zu schlafen. Er berhrte sie und fhlte an
ihrer Kleidung und an ihrem Haar Regentropfen und an den Sohlen ihrer
bloen Fe -- Sandkrner. Da sprang er auf und lief durch die
halbgeffnete Tre in den Garten hinaus. Das ungemein grelle Mondlicht
lag auf allen Dingen. Fabius blickte sich um und entdeckte auf dem Sande
des Weges die Spuren von zwei Paar Fen, von denen das eine barfu war;
die Spuren fhrten zu einer Jasminlaube, die etwas abseits zwischen dem
Hause und dem Pavillon stand. Er blieb ganz verwirrt stehen -- und
pltzlich erklangen wieder die Tne des Liedes, das er in der
vergangenen Nacht gehrt hatte! Fabius zuckte zusammen und eilte in den
Pavillon ... Mutius stand mitten im Zimmer und spielte auf der Geige.
Fabius strzte auf ihn zu.

Du warst im Garten, du warst im Freien, deine Kleider sind vom Regen
na!

Nein ... ich wei nicht ... ich glaube ... ich war nicht drauen...
antwortete Mutius mit sichtbarer Anstrengung, gleichsam verwundert ber
das pltzliche Erscheinen Fabius' und dessen Erregung.

Fabius ergreift seine Hand. Und warum spielst du wieder diese Weise?
Hast du wieder getrumt?

Mutius blickt Fabius noch immer erstaunt an und schweigt.

Antworte doch!

    Kupfern steht des Mondes Schild,
    Schlangengleich das Bchlein quillt,
    Und der Habicht packt das Wild,
    Und des Freundes Stimme schrillt:

    Hilf!..

murmelt Mutius singend, wie im Schlafe.

Fabius taumelte einige Schritte zurck, starrte Mutius an, blieb noch
eine Weile unschlssig stehen, ... und kehrte nach Hause und in sein
Schlafgemach zurck.

Das Haupt auf die Schulter gebeugt und die Arme kraftlos zur Seite
geworfen, schlief Valeria einen schweren Schlaf. Es dauerte einige Zeit,
bis es ihm gelang, sie zu wecken ... Als sie ihn erkannte, warf sie sich
an seinen Hals und umarmte ihn krampfhaft; sie bebte am ganzen Krper.
-- Was hast du, meine Liebe, was hast du? wiederholte Fabius, indem er
sich Mhe gab, sie zu beruhigen. Sie lag aber, noch immer am ganzen
Leibe bebend, an seiner Brust. -- Ach, welch furchtbare Trume habe
ich! flsterte sie, sich mit dem Gesicht an ihn schmiegend. Fabius
wollte sie ausfragen, aber sie begann bei seinem ersten Worte noch mehr
zu zittern...

Die Fensterscheiben rteten sich im ersten Frhlicht, als sie endlich in
seinen Armen einschlummerte.


VIII.

Am nchsten Tage war Mutius schon am frhen Morgen verschwunden, und
Valeria erklrte dem Gatten, da sie ein nahes Kloster aufsuchen wolle,
wo ihr Beichtvater, ein alter ehrwrdiger Mnch, zu dem sie grenzenloses
Vertrauen habe, wohnte. Auf die Fragen Fabius' antwortete sie, da sie
ihr Herz, auf dem die ungewhnlichen Eindrcke der letzten Tage so
schwer lasteten, durch die Beichte erleichtern mchte. Als Fabius sah,
wie abgemagert ihr Gesicht war, als er hrte, wie dumpf und mde ihre
Stimme klang, billigte er ihren Entschlu: der ehrwrdige Pater Lorenzo
knnte ihr mit gutem Rat beistehen und ihre Zweifel zerstreuen ...
Valeria begab sich unter dem Schutze von vier Begleitern ins Kloster,
whrend Fabius zu Hause blieb. In Erwartung der Rckkehr seiner Frau
irrte er im Garten umher und suchte sich, gepeinigt von bestndiger
Furcht und Zorn und unbestimmtem Verdacht, zu erklren, was mit ihr
vorging ... Er ging einige Male in den Pavillon, Mutius war aber noch
nicht zurckgekehrt, und der Malaie blickte ihn an wie ein Gtze, den
Kopf ehrfurchtsvoll geneigt, mit einem rtselhaften und, wie es Fabius
schien, bedeutungsvollen und unheimlichen Lcheln auf dem bronzenen
Gesicht. Valeria erzhlte indessen in der Beichte ihrem Seelsorger,
weniger von Scham als von Furcht geqult, alles, was sie in den letzten
Tagen erlebt hatte. Der Seelsorger hrte ihr aufmerksam zu, gab ihr
seinen Segen, erteilte ihr ob der unfreiwilligen Snde Absolution,
dachte aber bei sich selber: Zauberei, Blendwerk des Teufels ... das
darf ich nicht so bleiben lassen... Unter dem Vorwande, sie vllig
beruhigen und trsten zu wollen, begab er sich mit Valeria nach ihrer
Villa. -- Als Fabius den Beichtvater sah, wurde er von neuer Unruhe
ergriffen; doch der vielerfahrene Greis hatte sich noch vorher berlegt,
was er tun msse. Als er mit Fabius allein blieb, verriet er ihm zwar
das Beichtgeheimnis nicht, gab ihm aber den Rat, den Gast, den er selbst
eingeladen hatte und der durch seine Erzhlungen, Lieder und sein ganzes
Gebaren die Phantasie Valerias verwirrte, wenn es nur irgendmglich sei,
aus seinem Hause zu entfernen. Auerdem, meinte der Greis, sei Mutius
auch frher, soviel er sich erinnern knne, nicht sonderlich fest im
Glauben gewesen; nachdem er sich aber so lange in fremden Lndern, die
noch nicht vom Lichte des Christentums erleuchtet seien, aufgehalten
habe, htte er sich dort leicht mit der Pest der Irrlehren und sogar mit
den Geheimnissen der Magier angesteckt haben knnen. Wenn ihm auch die
alte Freundschaft gewisse Rechte gebe, so gebiete ihm doch die kluge
Vorsicht, sich von Mutius zu trennen. Fabius stimmte vllig der Ansicht
des ehrwrdigen Mnches zu, und sogar Valeria wurde wieder heiter, als
der Gatte ihr den Rat des Beichtvaters mitteilte; von den Segenswnschen
der beiden begleitet, mit reichen Geschenken fr das Kloster und fr die
Armen beladen, kehrte Pater Lorenzo in sein Kloster zurck.

Fabius wollte gleich nach dem Nachtmahl mit Mutius sprechen, doch der
unheimliche Gast war auch zum Nachtmahl noch nicht zurckgekehrt. Daher
beschlo Fabius, die Aussprache mit Mutius auf den nchsten Morgen zu
verschieben, und beide Gatten begaben sich in ihr Schlafgemach.


IX.

Valeria schlief bald ein, aber Fabius konnte lange keine Ruhe finden. In
der Stille der Nacht trat ihm alles, was er gesehen und empfunden hatte,
noch lebendiger vor Augen; er stellte sich noch hartnckiger die Fragen,
auf die er noch immer keine Antwort finden konnte ... Ob Mutius
tatschlich mit den bsen Mchten im Bunde stehe und ob er Valeria nicht
vergiftet habe? -- Sie war krank, doch was war ihre Krankheit? --
Whrend er, den Kopf in die Hand gesttzt und den heien Atem anhaltend,
sich den bangen Zweifeln berlie, ging am wolkenlosen Himmel wieder der
Mond auf; und zugleich mit seinen Strahlen drang durch die
halbdurchsichtigen Fensterscheiben, von der Seite des Pavillons her, --
oder kam es Fabius nur so vor? -- drang ein leichter duftender Hauch ins
Zimmer ... da hrte er ein zudringliches, leidenschaftliches Geflster
... und im gleichen Augenblick sah er, wie Valeria sich auf ihrem Lager
leise rhrte. Er fhrt zusammen und sieht: sie erhebt sich, steckt erst
das eine, dann das andere Bein aus dem Bett und geht wie eine
Mondschtige, die trben Augen leblos geradeaus gerichtet, die Arme
vorgestreckt zur Gartentre! Fabius strzt im gleichen Augenblick durch
eine andere Tre aus dem Schlafgemach, luft, so schnell er kann, um die
Ecke des Hauses herum und drckt die Tre, die nach dem Garten fhrt,
von auen zu. Kaum hat er aber die Klinke erfat, als er merkt, da
jemand die Tre von innen ffnen will, sich gegen sie stemmt, -- wieder
und wieder -- dann hrt er ein schmerzvolles Aufsthnen...

Aber Mutius ist ja noch nicht zurckgekehrt, geht es Fabius durch den
Kopf, -- und er strzt zum Pavillon.

Und was sieht er?

Ihm entgegen kommt auf dem vom Mondlicht bergossenen Wege gleichfalls
wie ein Mondschtiger, gleichfalls die Arme vorgestreckt und die Augen
leblos und starr aufgerissen, Mutius ... Fabius eilt ihm entgegen, aber
jener sieht ihn nicht, schreitet langsam und gemessen, und sein
unbewegliches Gesicht zeigt im Mondlichte das gleiche Lcheln, wie es
Fabius beim Malaien wahrgenommen hat. Fabius will ihn beim Namen rufen
... doch im gleichen Augenblicke hrt er: hinten im Hause wird ein
Fenster geffnet ... Er blickt zurck...

Und in der Tat: das Fenster im Schlafzimmer ist ganz heruntergeklappt,
und im Fenster steht Valeria, einen Fu ber das Fensterbrett erhoben
... ihre Arme scheinen Mutius zu suchen ... sie strebt mit ihrem ganzen
Leibe zu ihm hin...

Unbeschreibliche Wut erfllte pltzlich Fabius. -- Verfluchter
Zauberer! schrie er rasend auf, packte Mutius mit der einen Hand an der
Kehle, zog mit der anderen den Dolch aus dem Grtel und stie ihn bis an
den Griff in Mutius' Hfte.

Mutius schrie durchdringend auf, drckte sich die Hand auf die Wunde und
lief stolpernd in seinen Pavillon zurck ... doch im gleichen
Augenblick, als Fabius ihn traf, schrie auch Valeria ebenso
durchdringend auf und fiel wie vom Blitze getroffen zu Boden.

Fabius eilte zu ihr hin, hob sie auf, trug sie ins Bett und sprach auf
sie ein...

Sie lag lange regungslos; endlich ffnete sie die Augen, holte tief Atem
so freudig und tief, wie ein Mensch, der soeben einem unvermeidlichen
Tode entronnen ist, erkannte den Gatten, umschlang seinen Hals mit den
Armen und schmiegte ihr Haupt an seine Brust. -- Du, du, das bist du!
lallte sie. Allmhlich lsten sich ihre Arme, der Kopf fiel zurck, sie
flsterte mit seligem Lcheln: Gott sei Dank, alles ist vorbei ... Aber
ich bin so mde! und sank in einen festen, doch nicht schweren Schlaf.


X.

Fabius lie sich an ihrem Lager nieder, blickte unverwandt auf ihr
bleiches, abgemagertes, doch schon beruhigtes Antlitz und begann ber
das Geschehene nachzudenken ... und auch darber, was er jetzt
unternehmen sollte? Was sollte er tun? Wenn er Mutius wirklich gettet
hatte, -- und wenn er sich erinnerte, wie tief die Klinge des Dolches
eingedrungen war, durfte er nicht daran zweifeln, -- dann liee es sich
ja doch unmglich verheimlichen! Er sollte es eigentlich selbst dem
Herzog und dem Gericht melden ... doch wie es erklren, wie eine so
unbegreifliche Sache erzhlen? Er, Fabius, hatte in seinem Hause seinen
Verwandten, seinen besten Freund, ermordet! Gleich wird man ihn fragen:
Wofr? Aus welchem Grunde?.. Und wenn Mutius doch nicht tot ist? --
Fabius konnte diesen Zustand nicht lnger ertragen, er mute sich
Gewiheit verschaffen; er berzeugte sich, da Valeria schlief, erhob
sich vorsichtig vom Sessel, verlie das Haus und ging zum Pavillon. Im
Pavillon war alles still; nur in einem Fenster war noch Licht. Mit
bebendem Herzen ffnete er die uere Tre (er sah auf ihr noch die
Abdrcke blutiger Finger, und auch auf dem Sande des Weges waren dunkle
Blutspuren zu sehen), -- er durchschritt das erste dunkle Zimmer ... und
blieb erstaunt und bestrzt auf der Schwelle stehen.

In der Mitte des Zimmers lag auf einem persischen Teppich, ein
Brokatkissen unter dem Kopfe, mit einem breiten roten, schwarzgemusterten
Schal bedeckt, alle Glieder gerade ausgestreckt, Mutius;
sein Gesicht, gelb wie Wachs, mit geschlossenen Augen und blau
angelaufenen Lidern, war nach oben gerichtet. Zu seinen Fen kniete,
gleichfalls in einen roten Schal gehllt, der Malaie. Er hielt in der
linken Hand einen Zweig von einer unbekannten Pflanze, dem Farnkraut
hnlich, und blickte, leicht vornbergebeugt, unverwandt auf seinen
Herrn. Eine kleine Fackel, in den Boden gesteckt, brannte mit grnlichem
Feuer und beleuchtete allein das Zimmer. Die Flamme schwankte nicht und
rauchte nicht. Als Fabius eintrat, rhrte sich der Malaie nicht, er warf
ihm nur einen raschen Blick zu und richtete dann die Augen wieder auf
Mutius. Ab und zu senkte er den Zweig, schttelte ihn in der Luft, und
seine stummen Lippen bewegten sich langsam, gleichsam tonlose Worte
sprechend. Zwischen dem Malaien und Mutius lag auf dem Boden der Dolch,
mit dem Fabius seinen Freund getroffen hatte: der Malaie schlug einmal
mit dem Zweige auf die blutige Klinge. So verging eine Minute, -- eine
zweite. Fabius nherte sich dem Malaien, beugte sich zu ihm und fragte
leise: Ist er tot? Der Malaie nickte mit dem Kopf, zog die rechte Hand
aus dem Schal hervor und wies befehlend auf die Tre. Fabius wollte die
Frage wiederholen, doch die befehlende Hand wiederholte die Gebrde, --
und Fabius verlie das Haus, emprt und erstaunt, aber sich fgend.

Er fand Valeria noch immer schlafend, und ihr Gesicht schien noch
beruhigter. Er kleidete sich nicht aus, setzte sich ans Fenster, sttzte
den Kopf in die Hand und versank wieder in Nachdenken. Als die Sonne
aufging, fand sie ihn noch auf demselben Platze. Valeria war nicht
erwacht.


XI.

Fabius wollte abwarten, da sie erwache, und dann nach Ferrara gehen, --
als pltzlich jemand leise an die Schlafzimmertre klopfte. Fabius ging
hinaus und sah seinen alten Haushofmeister Antonio vor sich. Signor,
begann der Alte, der Malaie hat uns soeben erklrt, da Signor Mutius
erkrankt ist und mit allen seinen Sachen in die Stadt bersiedeln will;
daher lt er Euch bitten, ihm Leute zu geben, die beim Einpacken der
Sachen helfen sollen, und gegen Mittag Saum- und Reitpferde, sowie
einige Begleiter zur Verfgung zu stellen. Wollt Ihr es genehmigen? --
Der Malaie hat dir das gesagt? fragte Fabius. Wieso? Er ist doch
stumm. -- Hier ist der Zettel, auf dem er alles in unserer Sprache
aufgeschrieben hat, und sogar sehr richtig. -- Und du sagst, da
Mutius krank ist? -- Ja, er ist schwer krank, und man darf nicht zu
ihm hinein. Hat man denn nicht nach einem Arzte geschickt? -- Nein,
der Malaie wollte es nicht haben. -- Und das hat er dir
aufgeschrieben? -- Ja, er. -- Fabius schwieg. -- Nun, ordne es an,
sagte er schlielich. Antonio entfernte sich.

Fabius blickte etwas bestrzt seinem Diener nach. Er ist also gar nicht
tot? sagte er sich ... und er wute noch nicht, ob er sich darber
freuen oder es beklagen sollte. Ist er krank? Ich habe ja erst vor
einigen Stunden seine Leiche gesehen!

Fabius kehrte zu Valeria zurck. Sie erwachte und hob den Kopf. Die
Gatten wechselten einen langen, vielsagenden Blick. -- Er ist nicht
mehr? fragte pltzlich Valeria. -- Fabius fuhr zusammen. -- Wie meinst
du ... er ist nicht mehr? -- Hast du denn ... ist er abgereist? fuhr
sie fort. Fabius fhlte sich sofort erleichtert. Nein, noch nicht; er
reist aber noch heute ab. -- Und ich werde ihn nie, nie wiedersehen?
-- Nie. -- Valeria atmete wieder freudig auf; auf ihren Lippen
erschien wieder ein seliges Lcheln. Sie streckte dem Gatten beide Hnde
entgegen. -- Und wir wollen nie wieder von ihm sprechen, hrst du, mein
Geliebter, nie wieder! Und ich werde das Zimmer nicht verlassen, solange
er nicht abgereist ist. Schicke mir jetzt meine Dienerinnen her ...
warte noch: nimm dieses Ding weg! Sie wies auf Mutius' Geschenk, das
Perlenhalsband, das auf dem Nachttische lag. Fabius nahm das Halsband,
-- die Perlen schienen ihm trbe angelaufen -- und erfllte den Wunsch
seiner Frau. Dann begann er wieder im Garten herumzuirren und blickte ab
und zu von weitem nach dem Pavillon, bei welchem sich seine Leute
bereits zu schaffen machten, Koffer heraustrugen und Pferde beluden ...
der Malaie war aber nicht dabei. Ein unwiderstehliches Gefhl zog Fabius
noch einmal zum Pavillon, um nachzusehen, was sich jetzt dort abspielte.
Es fiel ihm ein, da sich auf der Rckseite des Pavillons eine
Geheimtre befand, durch die er ins Innere des Zimmers gelangen konnte,
wo Mutius am Morgen gelegen hatte. -- Er schlich sich zu dieser Tre,
fand sie unversperrt, schob den schweren Vorhang auseinander und blickte
unentschlossen hinein.


XII.

Mutius lag nicht mehr auf dem Teppich. Er sa in Reisekleidern in einem
Sessel, sah aber aus wie eine Leiche, wie beim ersten Besuch Fabius'.
Der gleichsam zu Stein gewordene, erstarrte Kopf lag auf der
Sessellehne, die gelben, leblos ausgestreckten Hnde ruhten auf den
Knien. Die Brust hob sich nicht. Auf dem mit getrockneten Krutern
bedeckten Boden, vor dem Sessel, standen einige flache Schalen mit einer
dunklen Flssigkeit, der ein starker, beinahe erstickender Geruch von
Moschus entstrmte. Um jede Schale ringelte sich, ab und zu mit den
goldenen Augen funkelnd, eine kleine kupferrote Schlange; und gerade vor
Mutius, zwei Schritte vor ihm, ragte die lange Gestalt des Malaien,
bekleidet mit einem bunten Brokatgewand, umgrtet mit einem Tigerschwanz
und mit einem hohen Hute, einer Art gehrnter Tiara auf dem Kopfe.
Diesmal war er aber nicht unbeweglich: bald machte er andchtige
Verbeugungen und schien zu beten, bald richtete er sich in seiner ganzen
Gre auf und stellte sich sogar auf die Zehen; bald breitete er
gemessen die Arme aus, bald bewegte er sie gebieterisch oder drohend in
der Richtung nach Mutius hin, zog die Brauen zusammen und stampfte mit
den Fen. Alle diese Bewegungen machten ihm offenbar groe Mhe,
verursachten ihm sogar Schmerz, denn er atmete schwer, und der Schwei
lief ihm vom Gesicht herab. Pltzlich erstarrte er mit angehaltenem Atem
auf einem Flecke, runzelte die Stirne, spannte alle Muskeln seiner
geballten Hnde an, als ob er die Zgel hielte ... und zu
unbeschreiblichem Entsetzen des Fabius hob sich Mutius' Kopf, wie von
den Hnden des Malaien angezogen, langsam von der Sessellehne ... Der
Malaie lie die Hnde sinken, -- und Mutius' Kopf fiel sofort schwer
zurck; er hob wieder die Arme, -- und der Kopf folgte gehorsam seinen
Bewegungen. Die dunkle Flssigkeit in den Schalen begann zu kochen, die
Schalen selbst begannen leise zu klirren, und die kupferroten Schlangen
rollten sich wellenfrmig um jede Schale. Nun machte der Malaie einen
Schritt vorwrts, zog die Brauen in die Hhe, ri die Augen ungeheuer
weit auf und nickte mit dem Kopfe gegen Mutius ... und die Lider des
Toten begannen zu beben, klebten sich ungleichmig auseinander, und
unter ihnen zeigten sich die Pupillen, trbe wie Blei. Das Gesicht des
Malaien erstrahlte in stolzem Triumph und in fast gehssiger Freude; er
ffnete weit seine Lippen, und aus der Tiefe seiner Kehle drang ein
langgedehnter, heulender Ton ... Auch die Lippen Mutius' ffneten sich,
und ein schwaches Sthnen erzitterte auf ihnen als Antwort auf jenen
unmenschlichen Schrei...

Nun hielt es Fabius nicht lnger aus: es war ihm, als ob er irgend
welchen teuflischen Beschwrungen beiwohnte! Er schrie gleichfalls auf
und strzte, ohne sich umzusehen, Gebete vor sich murmelnd und sich
bekreuzigend, schnell nach Hause.


XIII.

Nach etwa drei Stunden meldete ihm Antonio, da alles zur Abreise bereit
sei und da Signor Mutius aufbrechen wolle. Fabius erwiderte darauf kein
Wort und trat auf die Terrasse, von wo der Pavillon zu sehen war. Einige
Saumpferde standen fertig beladen, und vor dem Eingang zum Pavillon
wartete ein krftiger, rabenschwarzer Hengst mit einem breiten Sattel,
welcher fr zwei Reiter eingerichtet war. Da standen auch schon Diener
mit unbedecktem Kopfe und bewaffnete Begleiter. Die Tre des Pavillons
ging auf, und, gesttzt vom Malaien, der wieder sein gewhnliches Kleid
trug, erschien Mutius. Sein Gesicht war leichenbla, seine Hnde hingen
herab wie bei einem Toten, -- aber er schritt vorwrts ... ja! er
bewegte die Beine, und als ihn der Malaie aufs Pferd gehoben hatte,
hielt er sich gerade und fand tastend die Zgel. Der Malaie half ihm in
die Bgel, sprang von rckwrts in den Sattel, umfate seinen Herrn mit
den Armen, -- und der ganze Zug setzte sich in Bewegung. Die Pferde
gingen im Schritt, und als sie am Hause einbogen, glaubte Fabius zu
sehen, wie sich auf dem dunklen Antlitze Mutius' zwei weie Fleckchen
bewegten ... Hatte er vielleicht auf ihn seine Pupillen gerichtet? --
Nur der Malaie grte ihn ... hhnisch wie immer.

Ob auch Valeria diese Szene sah? Die Vorhnge an ihren Fenstern waren
herabgelassen ... vielleicht stand sie aber hinter den Vorhngen.


XIV.

Zu Mittag kam sie ins Speisezimmer und war sehr milde und freundlich;
sie klagte aber noch immer ber Mattigkeit. Doch ihre Unruhe, ihr
stndiges Erstaunen und die heimliche Angst von frher hatten sich
verflchtigt; und als Fabius am nchsten Tage von neuem an ihr Bildnis
ging, fand er in ihren Zgen jenen reinen Ausdruck wieder, dessen
vorbergehendes Verschwinden ihn so sehr beunruhigt hatte ... Und sein
Pinsel flog leicht und sicher ber die Leinwand.

Das Leben der Gatten kam ins frhere Geleis. Mutius war fr sie
verschwunden, als ob er berhaupt nie existiert htte. Wie nach einer
stummen bereinkunft vermieden es Fabius wie Valeria, ber ihn zu
sprechen und sich sogar nach seinen ferneren Schicksalen zu erkundigen.
Mutius war tatschlich verschwunden, wie in die Erde versunken. Fabius
hielt es einmal fr seine Pflicht, Valeria zu erzhlen, was in jener
entscheidenden Nacht vorgefallen ... Doch sie erriet wahrscheinlich
seine Absicht; sie hielt den Atem an und schlo die Augen, als ob sie
einen Schlag erwartete ... Und Fabius verstand sie und verschonte sie.

An einem schnen Herbsttage beendigte Fabius sein Ccilienbild; Valeria
sa vor der Orgel, und ihre Finger irrten ber die Tasten ... Pltzlich
ertnte gegen ihren Willen unter ihren Fingern jenes Lied der
triumphierenden Liebe, welches einst Mutius gespielt hatte, und im
gleichen Augenblick fhlte sie in sich zum ersten Male seit ihrer
Verehelichung das Beben eines neuen, keimenden Lebens ... Valeria
erbebte und hielt an...

Was bedeutete das? Hatte etwa...

                   *       *       *       *       *

Bei diesem Worte endigte die Handschrift.




Ein Traum


I.

Ich lebte um jene Zeit mit meinem Mtterchen in einer kleinen Seestadt.
Ich war eben 17 Jahre alt geworden, meine Mutter war aber noch nicht 35;
sie hatte sehr jung geheiratet. Mein Vater starb, als ich gerade 6 Jahre
alt war, aber ich konnte mich seiner noch genau erinnern. Mtterchen war
eine kleine blonde Frau mit einem schnen, doch ewig traurigen Gesicht,
mit einer stillen, matten Stimme und schchternen Bewegungen. In ihrer
Jugend war sie als eine Schnheit berhmt und sie blieb bis an ihr Ende
anziehend und anmutig. Ich habe nie tiefere, zartere und traurigere
Augen, weichere und feinere Haare, nie vornehmere Hnde gesehen. Ich
vergtterte sie, und sie liebte mich ... Doch unser Leben ging freudlos
dahin: es war, als ob ein geheimer, unheilbarer und unverdienter Kummer
bestndig an den Wurzeln ihres Lebens nagte. Diesen Kummer konnte ich
nicht nur mit der Trauer um meinen Vater erklren, so gro diese Trauer
auch war, so hei sie meinen Vater auch geliebt hatte, so heilig sie
auch sein Andenken hielt ... Nein, hier war noch etwas verborgen, was
ich nicht wute, was ich aber unbestimmt doch stark fhlte, so oft ich
in ihre stillen unbeweglichen Augen oder auf ihre schnen gleichfalls
unbeweglichen Lippen, die nicht in Verbitterung zusammengepret, aber
gleichsam fr ewig erstarrt waren, blickte.

Ich sagte eben, da meine Mutter mich liebte; es gab aber auch
Augenblicke, wo sie mich von sich stie, wo ihr meine Gegenwart lstig
und unertrglich war. Sie schien dann einen unwillkrlichen Ekel vor mir
zu empfinden, -- nachher erschrak sie selbst darber, bat mich unter
Trnen um Verzeihung und drckte mich an ihr Herz. Ich schrieb diese
Ausbrche von Ha ihrer zerrtteten Gesundheit und ihrem Unglck zu ...
Diese feindseligen Gefhle wren allerdings auch mit den seltsamen, mir
selbst unbegreiflichen, bsen und verbrecherischen Regungen zu erklren
gewesen, die sich manchmal in mir regten ... Doch solche Anwandlungen
fielen nicht mit den Augenblicken ihres Hasses zusammen. -- Mtterchen
kleidete sich immer in Schwarz. Wir lebten auf ziemlich groem Fue,
obwohl wir fast keine Bekannten hatten.


II.

Mtterchen hatte alle ihre Gedanken und Sorgen stndig auf mich
gerichtet. Ihr Leben flo mit dem meinigen zusammen. Solche Beziehungen
zwischen Eltern und Kindern sind fr die Kinder nicht immer ntzlich ...
eher sind sie schdlich. Auerdem war ich das einzige Kind meiner
Mutter, und einzige Kinder entwickeln sich meistens hchst
ungleichmig. Bei ihrer Erziehung sind die Eltern gewhnlich ebensosehr
um sich selbst, als um die Kinder besorgt ... Und das kann unmglich gut
sein. Ich war weder verzogen noch verbittert (beides kommt bei einzigen
Kindern vor), doch meine Nerven waren schon im frhen Alter zerrttet;
auch war ich von schwacher Gesundheit, wie die Mutter, der ich auch
sonst nachgeraten war. Ich mied die Gesellschaft meiner Altersgenossen
und war berhaupt menschenscheu; selbst mit meinem Mtterchen sprach ich
sehr wenig. Am meisten liebte ich es, zu lesen, allein spazieren zu
gehen und zu trumen, zu trumen! Was der Inhalt meiner Trume war, kann
ich kaum sagen: ich hatte manchmal wirklich das Gefhl, als ob ich vor
einer halbverschlossenen Tre, hinter der ein Geheimnis verborgen wre,
stnde, und wartete, und die Schwelle nicht zu berschreiten wagte, und
immer grbelte, was sich hinter der Tre befnde -- und ich wartete und
wartete -- oder schlief ein. Wenn in mir eine poetische Ader wre, so
htte ich gewi angefangen, Verse zu machen; wenn ich eine Neigung zur
Religiositt versprte, so wre ich vielleicht Mnch geworden; aber
weder das eine, noch das andere war bei mir der Fall, -- und so fuhr ich
fort, zu trumen -- und zu warten.


III.

Ich erwhnte soeben, da ich zuweilen unter Einwirkung von verworrenen
Gedanken und Trumereien einschlief. Ich schlief berhaupt viel, und
Trume spielten in meinem Leben eine groe Rolle; fast jede Nacht hatte
ich Trume. Ich verga sie nie, ich ma ihnen groe Bedeutung zu, ich
hielt sie fr Vorbedeutungen und suchte sie mir auszulegen; einige
Trume kehrten von Zeit zu Zeit wieder, was mir immer wunderbar und
seltsam erschien. Besonders beunruhigte mich ein Traum: Mir trumte, ich
ginge durch die schmale, schlechtgepflasterte Gasse einer alten Stadt,
zwischen vielstckigen Husern mit spitzen Dchern. Ich suchte meinen
Vater, der gar nicht gestorben war, sondern sich aus irgendeinem Grunde
vor uns verborgen hielt und in einem dieser Huser wohnte. Und ich trete
in ein dunkles niedriges Tor, durchschreite einen langen, mit Brettern
und Balken angefllten Hof und gelange schlielich in ein kleines Zimmer
mit zwei runden Fenstern. Mitten in diesem Zimmer steht mein Vater in
einem Schlafrocke und raucht eine Pfeife. Er sieht ganz anders als mein
wirklicher Vater aus: er ist schlank, hager, schwarzhaarig, hat eine
Hakennase, mrrische, durchdringende Augen; er mag etwa vierzigjhrig
sein. Er ist sehr unzufrieden, da ich ihn aufgefunden habe; auch ich
freue mich gar nicht ber diese Begegnung und stehe unentschlossen da.
Er wendet sich etwas ab, beginnt etwas zu brummen und mit kleinen
Schritten auf und ab zu gehen ... Dann entfernt er sich allmhlich von
mir, immer noch brummend, und blickt immerfort ber die Achsel nach mir
zurck; das Zimmer erweitert sich und verschwindet im Nebel ...
Pltzlich wird mir ngstlich beim Gedanken, da ich meinen Vater wieder
verliere, ich strze ihm nach, -- sehe ihn aber nicht mehr -- und hre
nur noch sein bses Brummen ... Mein Herz steht still -- ich erwache und
kann lange nicht wieder einschlafen ... Den ganzen folgenden Tag denke
ich an diesen Traum und kann ihn mir selbstverstndlich nicht erklren.


IV.

Im Juni belebte sich das Stdtchen, in dem ich mit meiner Mutter wohnte,
ganz auerordentlich. Zahllose Schiffe liefen im Hafen ein, zahllose
neue Gesichter tauchten auf den Straen auf. Ich liebte es, um diese
Zeit auf den Quais, vor den Kaffeehusern und Gasthfen herumzuirren,
die verschiedenen Matrosen und andere Menschen zu beobachten, die unter
leinenen Sonnendchern vor kleinen, weien Tischen saen und aus
Zinnkrgen Bier tranken.

Als ich so einmal an einem Kaffeehause vorberging, erblickte ich einen
Mann, der sofort meine ganze Aufmerksamkeit fesselte. Mit einem langen,
schwarzen Kittel bekleidet, den Strohhut tief ins Gesicht gedrckt, sa
er ganz unbeweglich mit gekreuzten Armen. Dnne, schwarze Locken hingen
ihm fast bis an die Nase herab, die schmalen Lippen hielten das
Mundstck einer kurzen Pfeife umpret. Dieser Mann kam mir so bekannt
vor, jeder Zug seines gelben Gesichtes und seine ganze Erscheinung war
dermaen in meinem Gedchtnisse eingeprgt, da ich nicht umhin konnte,
vor ihm stehen zu bleiben und mir die Frage vorzulegen: wer ist er, wo
habe ich ihn schon gesehen? Da er wohl meinen unverwandten Blick auf
sich ruhen fhlte, richtete er seine schwarzen, stechenden Augen auf
mich ... Ich schrie unwillkrlich auf...

Dieser Mann war jener Vater, den ich suchte, den ich im Traume gesehen
hatte!

Ein Irrtum war ganz ausgeschlossen, -- die hnlichkeit war zu
auffallend. Selbst der langschige, schwarze Kittel, der seine hageren
Glieder umhllte, erinnerte in seiner Farbe und Form an den Schlafrock,
in dem mir mein Vater erschienen war.

Schlafe ich denn nicht? fragte ich mich ... Nein ... Jetzt ist ja Tag,
ringsum lrmt die Menge, am blauen Himmel strahlt die Sonne, und vor mir
ist kein Gespenst, sondern ein lebendiger Mensch.

Ich trat an ein unbesetztes Tischchen, lie mir einen Krug Bier und eine
Zeitung geben und setzte mich in die Nhe dieses rtselhaften Wesens.


V.

Indem ich die Zeitung in der Hhe meines Gesichtes hielt, fuhr ich fort,
den Unbekannten mit den Augen zu verschlingen. -- Er sa fast
bewegungslos da und hob nur selten seinen gesenkten Kopf. Offenbar
erwartete er jemand. Ich sah und sah ... Zuweilen schien es mir, das
Ganze sei Einbildung, von hnlichkeit sei eigentlich keine Spur, ich
htte mich nur von meiner Einbildungskraft tuschen lassen ... So oft
aber jener eine Bewegung machte, auf dem Stuhle ein wenig hin und
herrckte, oder leicht die Hnde hob, schrie ich beinahe wieder auf,
denn ich erkannte in ihm wieder meinen nchtlichen Vater! -- Er
bemerkte schlielich meine zudringliche Aufmerksamkeit, blickte zuerst
erstaunt, dann rgerlich zu mir herber und wollte aufstehen, wobei er
seinen kleinen Rohrstock, den er an den Tisch gelehnt hatte, fallen
lie. Ich sprang sofort auf, hob ihn auf und reichte ihn ihm. Ich hatte
heftiges Herzklopfen.

Er lchelte gezwungen, bedankte sich, nherte sein Gesicht dem meinigen,
und sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen und halboffenem Munde an; ich
hatte auf ihn offenbar einen Eindruck gemacht.

Sie sind sehr hflich, junger Mann, sagte er mit trockener, scharfer
und nselnder Stimme. Heutzutage ist das eine Seltenheit. Gestatten Sie
mir, Ihnen zu der guten Erziehung, die Sie genossen, zu gratulieren.

Ich wei nicht mehr, was ich ihm darauf antwortete; aber bald entspann
sich zwischen uns ein Gesprch. Ich erfuhr, da er ein Landsmann von mir
und soeben aus Amerika zurckgekehrt sei, wo er viele Jahre gelebt habe
und da er bald wieder dorthin zurckzukehren gedenke. Er nannte sich
Baron ... den Namen konnte ich nicht verstehen. Wie mein nchtlicher
Vater, so schlo auch er jeden Satz mit einem undeutlichen innerlichen
Brummen. Er wnschte, meinen Namen zu erfahren ... Als er ihn hrte,
schien er sehr verwundert; dann fragte er mich, wie lange ich hier in
der Stadt wohne und mit wem. Ich sagte, ich wohne bei meiner Mutter.

Und Ihr Vater? -- Mein Vater ist lange tot. Er erkundigte sich nach
dem Vornamen meiner Mutter und lachte dabei gezwungen auf; dann
entschuldigte er sich und sagte, es sei eine ble amerikanische
Angewohnheit, wie er auch sonst ein groer Sonderling sei. Schlielich
fragte er mich nach unserer Adresse. Ich gab sie ihm.


VI.

Die Erregung, die sich meiner im Anfange unseres Gesprches bemchtigt
hatte, legte sich allmhlich; ich fand diese so rasch geschlossene
Bekanntschaft etwas eigentmlich, und das war alles. Mir mifiel das
Lcheln, mit dem der Herr Baron seine Fragen stellte; mir mifiel auch
der Ausdruck seiner Augen, wenn er mich mit ihnen gleichsam durchbohrte
... In diesen Augen lag etwas Raubgieriges und zugleich Herablassendes
... etwas Unheimliches. Diese Augen hatte ich in meinen Trumen nicht
gesehen. Seltsam war das Gesicht des Barons! Welk, mde, abgespannt und
zugleich jugendlich, unangenehm jugendlich; Auch hatte mein nchtlicher
Vater nicht jene tiefe Schramme, die bei meinem neuen Bekannten ber
die Stirne lief und die ich erst dann bemerkte, als ich mich ihm mehr
genhert hatte.

Kaum hatte ich dem Baron den Namen der Strae und die Hausnummer unserer
Wohnung mitgeteilt, als ein hochgewachsener Mohr, bis an die Augen in
einen Mantel gehllt, von hinten an ihn herantrat und ihm leise auf die
Schulter klopfte. Der Baron wandte sich um und sagte: Aha! Endlich!
Dann nickte er mir mit dem Kopfe zu und begab sich mit dem Mohren ins
Innere des Kaffeehauses. Ich blieb allein drauen sitzen; ich wollte das
Fortgehen des Barons abwarten, nicht, um ihn wieder anzusprechen, --
(ich wute eigentlich nicht, worber ich noch mit ihm htte sprechen
knnen) -- sondern um meine ersten Eindrcke nachzuprfen. -- Es verging
aber eine halbe Stunde, eine ganze Stunde, -- der Baron zeigte sich
nicht wieder. -- Ich ging ins Kaffeehaus, lief durch alle Rume, fand
aber nirgends weder den Baron, noch den Mohren ... Die beiden waren wohl
durch eine Hintertre fortgegangen.

Mir schmerzte ein wenig der Kopf; um mich zu erholen, machte ich einen
kleinen Spaziergang am Meeresstrande entlang bis zu dem groen Parke,
der vor etwa zweihundert Jahren angelegt worden war. Nachdem ich gegen
zwei Stunden im Schatten der riesengroen Eichen und Platanen
herumgewandert war, kehrte ich nach Hause zurck.


VII.

Sobald ich in unser Vorzimmer trat, strzte mir unser Dienstmdchen ganz
auer sich entgegen. Ich erriet sofort aus ihrem Gesichtsausdrucke, da
zu Hause whrend meiner Abwesenheit etwas Schlimmes vorgefallen war. Ich
erfuhr auch wirklich, da vor einer Stunde aus dem Schlafzimmer meiner
Mutter ein gellender Schrei erklungen war; das herbeigeeilte
Dienstmdchen hatte sie in tiefer Ohnmacht auf dem Boden liegen
gefunden. Als meine Mutter zu sich kam, sah sie ganz erschrocken und
verstrt aus und mute sich zu Bette legen; sie sprach kein Wort,
beantwortete keine Frage, sah sich immer erregt um und zitterte. Das
Mdchen schickte den Grtner nach einem Arzt. Der Arzt kam und
verschrieb ihr ein Beruhigungsmittel, doch wollte meine Mutter auch ihm
nichts sagen. Der Grtner behauptete, er htte einige Augenblicke nach
dem Aufschreien meiner Mutter einen unbekannten Mann gesehen, der ber
die Gartenbeete zum Tor gelaufen sei. (Wir bewohnten ein einstckiges
Haus, dessen Fenster nach einem ziemlich groen Garten gingen). Das
Gesicht des Fremden hatte der Grtner nicht sehen knnen; er sei aber
hager und mit einem niederen Strohhut und einem langschigen Rock
bekleidet gewesen ... Die Kleidung des Barons! ging es mir sofort
durch den Kopf. Der Grtner konnte ihn nicht einholen, man hatte ihn
auch gleich ins Haus gerufen und nach dem Arzte geschickt. Ich ging zu
meiner Mutter hinein. Sie lag auf dem Bette, blasser als das Kissen, auf
dem ihr Kopf ruhte. Als sie mich erkannt hatte, lchelte sie matt und
streckte mir ihre Hand entgegen. Ich setzte mich zu ihr und begann sie
auszufragen; anfangs wich sie meinen Fragen aus, zuletzt gestand sie
aber, da sie etwas gesehen htte, wovor sie so erschrocken wre. --
Ist hier jemand gewesen? fragte ich sie. -- Nein, sagte sie hastig,
es war niemand hier, aber es schien mir ... es kam mir vor... Sie
schwieg und bedeckte die Augen mit der Hand. Ich wollte ihr schon sagen,
was ich vom Grtner erfahren hatte, auch ber meine Begegnung mit dem
Baron wollte ich ihr berichten, aber die Worte erstarben mir, ich wei
nicht warum, auf den Lippen. Ich erlaubte mir jedoch, der Mutter zu
bemerken, da Gespenster am hellen Tage nicht zu erscheinen pflegen ...
La mich, flsterte sie, la mich, bitte, qule mich jetzt nicht. Du
wirst es schon einmal erfahren... Sie schwieg wieder. Ihre Hnde waren
kalt, der Puls ging schnell und ungleichmig. Ich gab ihr die Arznei
ein und trat ein wenig zur Seite, um sie nicht zu beunruhigen. Sie blieb
den ganzen Tag im Bette. Sie lag still und unbeweglich da, seufzte nur
zuweilen tief und ffnete erschrocken die Augen. Wir alle waren ganz
ratlos.


VIII.

Gegen Abend bekam meine Mutter ein leichtes Fieber und schickte mich
fort. Ich ging aber nicht in mein Zimmer, sondern legte mich im
Nebenzimmer auf den Divan und trat jede Viertelstunde auf den Fuspitzen
an ihre Tre, um zu horchen ... Alles blieb still; ich glaube aber kaum,
da meine Mutter in dieser Nacht ein Auge zugedrckt hat. Als ich am
frhen Morgen zu ihr hineinging, schien ihr Gesicht erhitzt und ihre
Augen hatten einen unnatrlichen Glanz. Im Laufe des Tages fhlte sie
sich etwas besser, doch gegen Abend bekam sie wieder Fieber. Bis dahin
hatte sie hartnckig geschwiegen, nun begann sie mit hastiger,
ungleichmiger Stimme zu erzhlen. Sie phantasierte nicht, ihre Worte
hatten einen Sinn, aber keinen Zusammenhang. Kurz vor Mitternacht
richtete sie sich mit einem krampfhaften Ruck im Bette auf (ich sa
neben ihr) und begann mit hastiger Stimme zu erzhlen, wobei sie
unaufhrlich schluckweise Wasser trank, matte Bewegungen mit den Hnden
machte, mich aber kein einzigesmal ansah. Sie machte Pausen, gab sich
dann wieder einen Ruck und fuhr von neuem fort ... Dies alles war so
sonderbar, als ob sie es im Schlafe tte, als ob sie selbst dabei nicht
zugegen wre, als ob ein anderer aus ihrem Munde sprche oder sie zu
sprechen zwnge.


IX.

Hre, was ich dir erzhlen werde, begann sie. Du bist ja kein Kind
mehr und mut alles wissen. Ich hatte einst eine gute Freundin ... Sie
heiratete einen Mann, den sie von ganzem Herzen liebte, und sie war mit
ihm sehr glcklich. Noch im ersten Jahre ihrer Ehe reisten sie in die
Hauptstadt, um dort einige Wochen zu verleben und sich zu amsieren. Sie
stiegen in einem guten Gasthofe ab und gingen viel ins Theater und in
Gesellschaft. Meine Freundin war schn und fiel allen auf; die jungen
Leute machten ihr den Hof; unter ihnen war aber einer, ein Offizier. Er
verfolgte sie auf Schritt und Tritt und wo sie auch war, -- berall sah
sie seine schwarzen, bsen Augen. Er lie sich ihr nicht vorstellen und
sprach niemals mit ihr, -- er sah sie aber immer so sonderbar frech an.
Alle Vergngungen der Hauptstadt waren fr sie durch seine Gegenwart
vergllt; sie bat ihren Mann, so bald als mglich abzureisen, -- und sie
machten sich reisefertig. Eines Abends begab sich ihr Mann in einen
Klub; einige Offiziere vom gleichen Regiment wie jener hatten ihn zum
Kartenspiel eingeladen ... Sie blieb zum ersten Male allein. Der Mann
blieb lange aus; sie entlie ihr Mdchen und begab sich zu Bett ... Da
berkam sie pltzlich ein beklemmendes Gefhl, so da sie ganz kalt
wurde und schauderte. Es war ihr, als ob sie ein leises Gerusch hinter
der Wand -- wie das Scharren eines Hundes -- hrte, und sie richtete
ihren Blick auf die Wand. In der Ecke brannte ein Lmpchen; das ganze
Zimmer war mit Stofftapeten ausgeschlagen ... Pltzlich bewegte sich
etwas, der Wandbehang hob sich ... Und aus der Wand heraus trat schwarz
und lang jener unheimliche Mensch mit den bsen Augen! Sie wollte
aufschreien und konnte es nicht. Sie war ganz gelhmt vor Angst. Er ging
schnell wie ein Raubtier auf sie zu, warf ihr etwas ber den Kopf, etwas
Schwles, Schweres, Weies ... Was weiter geschah, wei ich nicht ...
wei ich nicht! Es war wie der Tod, wie ein Mord ... Als sich dieser
schreckliche Nebel endlich verzog, als ich ... als meine Freundin zu
sich kam, war niemand im Zimmer. Sie konnte noch lange nicht schreien,
und als sie endlich aufschrie, verlor sie gleich wieder die
Besinnung...

Spter sah sie ihren Mann neben sich, den man bis zwei Uhr nachts im
Klub aufgehalten hatte ... Er war ganz bla vor Schreck. Er begann sie
auszufragen, aber sie sagte nichts ... Dann wurde sie krank ... Doch ich
erinnere mich: als sie einmal allein im Zimmer war, untersuchte sie jene
Stelle an der Wand ... Unter der Stofftapete fand sie eine Geheimtre.
Sie hatte ihren Trauring verloren. Dieser Ring war von ungewhnlicher
Form: Sieben goldene Sterne wechselten auf ihm mit sieben silbernen
Sternen ab; es war ein alter Familienschmuck. Der Mann fragte sie, was
mit dem Ring geschehen sei, sie konnte ihm aber keine Antwort geben. Der
Mann glaubte, sie htte ihn irgendwo fallen lassen und suchte berall,
fand ihn aber nicht. Auch ihn ergriff Unruhe; er beschlo, so schnell
als mglich nach Hause zu reisen, und sobald der Arzt es erlaubte,
verlieen sie die Hauptstadt ... Aber denke dir nur! Am Tage ihrer
Abreise stieen sie auf der Strae auf eine Tragbahre ... Und auf dieser
Bahre lag ein eben ermordeter Mann mit gespaltenem Schdel -- denke dir
nur! -- es war jener nchtliche Gast mit den bsen Augen ... Man hatte
ihn beim Kartenspiel erschlagen!

Dann reiste meine Freundin aufs Land ... sie wurde zum erstenmal Mutter
... und lebte noch einige Jahre mit ihrem Mann. Er erfuhr niemals etwas;
was htte sie ihm auch erzhlen knnen? Sie wute ja selbst nichts.

Doch das frhere Glck war verschwunden. Das Leben der Ehegatten wurde
finster, und diese Finsternis hellte sich nie wieder auf ... Weitere
Kinder bekamen sie nicht, und dieser Sohn...

Mtterchen erbebte am ganzen Krper und bedeckte das Gesicht mit den
Hnden...

Aber sag mir jetzt, fuhr sie mit verdoppelter Kraft fort, hat meine
Freundin etwas verbrochen? Was kann sie sich vorwerfen? Sie war hart
gestraft; hatte sie aber nicht das Recht, vor Gott selbst zu erklren,
da die Strafe, die sie getroffen, ungerecht und unverdient war? Warum
wird sie nun wie eine Verbrecherin von Gewissensbissen gepeinigt, warum
erscheint ihr das Vergangene noch jetzt, nach vielen Jahren, so
grauenvoll? Macbeth hat Banko ermordet, und es ist ganz natrlich, da
er ihn immer vor sich sieht ... aber ich...

Hier wurde die Rede meiner Mutter so verworren, da ich sie nicht mehr
verstand ... Ich zweifelte nicht mehr daran, da sie phantasierte.


X.

Jeder wird leicht begreifen, welchen erschtternden Eindruck die
Erzhlung meiner Mutter auf mich machte! Ich hatte gleich beim ersten
Wort begriffen, da sie von sich selbst und nicht von einer Freundin
sprach; sie hatte sich ja auch einmal versprochen, und dies besttigte
nur meine Vermutung. Also war dieser Mann, den ich im Traume gesucht und
jetzt auch im Wachen gesehen hatte, wirklich mein Vater. Er war nicht
ermordet, wie meine Mutter glaubte, sondern nur verwundet ... Er hatte
sie wohl besucht und war, durch ihren Schreck erschreckt, davongelaufen.
Pltzlich wurde mir alles klar; das Gefhl der unwillkrlichen
Abneigung, welches meine Mutter zuweilen gegen mich empfand, ihr ewiger
Gram und unsere Zurckgezogenheit ... Ich entsinne mich noch, da mich
ein Schwindel erfate, da ich mit beiden Hnden nach meinem Kopfe
griff, als ob ich ihn festhalten wollte. Aber ein Gedanke setzte sich in
meinem Kopfe fest; ich wollte unbedingt, koste es was es wolle, jenen
Mann wieder aufsuchen! Warum? Welchen Zweck sollte das haben? Darber
legte ich mir keine Rechenschaft ab, aber ich mute ihn aufsuchen, das
war mir eine Lebensfrage! Am nchsten Morgen beruhigte sich meine Mutter
endlich, das Fieber wich ... sie schlief ein. Ich berlie sie der
Frsorge der Hausleute und der Dienerschaft und machte mich auf die
Suche.


XI.

Vor allen Dingen begab ich mich selbstverstndlich ins Kaffeehaus, wo
ich den Baron zuerst gesehen hatte; aber dort kannte ihn niemand,
niemand hatte den zuflligen Gast auch nur bemerkt. Auf den Mohren
konnten sich die Wirtsleute wohl besinnen, denn dieser fiel zu sehr in
die Augen, aber wer er war und wo er wohnte, wute niemand. Ich lie fr
alle Flle im Kaffeehaus meine Adresse zurck und begann dann alle
Straen in der Nhe des Hafens, alle Quais und Boulevards der Stadt
abzusuchen, sah in alle ffentlichen Lokale hinein, fand aber nichts,
was dem Baron oder seinem Begleiter hnlich she!... Da ich den Namen
des Barons nicht verstanden hatte, war es mir auch nicht mglich, bei
der Polizei Erkundigungen einzuziehen; ich gab aber einigen
Polizeidienern (die mich allerdings erstaunt und mitrauisch ansahen)
unter der Hand zu verstehen, da sie von mir eine anstndige Belohnung
bekommen wrden, wenn es ihnen gelnge, die Spuren jener zwei Personen,
deren ueres ich ihnen so genau wie mglich beschrieb, aufzufinden.
Nachdem ich auf diese Weise den ganzen Vormittag umhergelaufen war,
kehrte ich erschpft nach Hause zurck. Meine Mutter hatte das Bett
verlassen, doch hatte sich zu ihrer gewhnlichen Trauer etwas Neues
hinzugesellt, eine wehmtige Ratlosigkeit, die mir wie ein Messer in das
Herz schnitt. Den Abend blieb ich an ihrer Seite. Wir sprachen fast
nichts: sie legte Patiencen, und ich sah schweigend in ihre Karten. Sie
kam mit keinem Wort auf ihre Erzhlung und auf die gestrigen Vorgnge
zurck. Es war, als ob wir eine stillschweigende Verabredung getroffen
htten, alle die unheimlichen und seltsamen Vorgnge nicht zu berhren
... Sie bereute anscheinend schon, da sie sich zu dieser Erzhlung
hatte hinreien lassen; vielleicht erinnerte sie sich auch nicht mehr
genau, was sie mir alles in ihrem Fieberzustand erzhlt hatte, und
hoffte, da ich sie verschonen werde ... Ich schonte sie auch wirklich,
und sie fhlte es; sie wich wie gestern meinen Blicken aus. Ich konnte
die ganze Nacht nicht einschlafen. -- Drauen erhob sich pltzlich ein
furchtbarer Sturm. Der Wind heulte wie toll, die Fensterscheiben
drhnten und klirrten, die ganze Luft war von verzweifeltem Winseln und
Schreien erfllt, als ob sich dort oben etwas zerrisse und mit tollem
Weinen ber die erschtterten Huser dahinflge. Vor Sonnenaufgang
schlummerte ich etwas ein ... pltzlich schien es mir, jemand sei ins
Zimmer getreten und htte mich mit leiser doch eindringlicher Stimme
beim Namen gerufen. Ich hob den Kopf und sah niemand; doch seltsam! ich
erschrak nicht nur nicht, ich war eher froh: ich hatte pltzlich die
berzeugung, da ich jetzt bestimmt mein Ziel erreichen wrde. Ich
kleidete mich schnell an und ging aus dem Hause.


XII.

Der Sturm hatte sich gelegt ... doch bebte noch ein leiser Nachhall in
der Luft. Es war noch sehr frh und auf den Straen war noch kein Mensch
zu sehen; an vielen Stellen lagen Trmmer von Schornsteinen, Dachziegel,
Bretter von zerstrten Zunen, abgebrochene Baumste umher ... Wie mag
es nachts auf dem Meere zugegangen sein? -- diese Frage kam mir
unwillkrlich in den Sinn beim Anblick der Spuren, die der Sturm
zurckgelassen hatte. Ich wollte schon nach dem Hafen gehen, aber meine
Fe trugen mich, gleichsam einem fremden Willen gehorchend, nach einer
anderen Seite. Nach kaum zehn Minuten sah ich mich in einem Stadtteil,
in dem ich noch niemals gewesen war. Ich ging nicht schnell, blieb aber
auch nie stehen; ich hatte ein ganz eigentmliches Gefhl im Herzen; ich
erwartete etwas Ungewhnliches, Unmgliches und war zugleich berzeugt,
da dieses Ungewhnliche eintreten werde.


XIII.

Und nun trat dieses Ungewhnliche, dieses Unerwartete wirklich ein! Etwa
zwanzig Schritte vor mir erblickte ich pltzlich jenen Mohren, der im
Kaffeehause vor meinen Augen den Baron angesprochen hatte! In den
gleichen Mantel gehllt, den ich mir schon damals gemerkt hatte, war er
wie aus der Erde geschossen und ging nun, mir den Rcken wendend, mit
raschen Schritten auf dem schmalen Trottoir einer krummen Gasse hinab!
Ich strzte ihm sofort nach, aber er verdoppelte die Schritte und bog
pltzlich, ohne sich nach mir umzublicken, um die Ecke eines
vorspringenden Hauses. Ich erreichte diese Ecke und bog ebenso schnell
um sie herum, wie der Mohr ... Welch ein Wunder! Vor mir lag eine lange,
schmale, ganz leere Strae; sie war ganz in trben, bleiernen
Morgennebel getaucht, -- aber mein Blick konnte bis an ihr Ende dringen,
konnte alle ihre Huser zhlen ... kein lebendes Wesen war zu sehen! Der
lange Mohr im Mantel war ebenso schnell verschwunden, wie er aufgetaucht
war! Ich wunderte mich ... aber nur fr einen Augenblick. Denn gleich
berkam mich ein anderes Gefhl; diese schweigende und gleichsam
ausgestorbene Strae, die sich vor meinen Augen hinzog, -- ich hatte sie
erkannt! Es war die Strae meines Traumes. Ich erbebte, ich zuckte
zusammen -- die Morgenluft war so frisch -- und ging sofort, ohne zu
schwanken, mit einer gewissen ngstlichen Zuversicht weiter!

Ich fange an, mit den Augen zu suchen ... Da ist es ja: rechts, mit
einer Ecke vorspringend, steht das Haus meines Traumes; da ist auch das
altertmliche Tor mit den steinernen Schnrkeln zu beiden Seiten ... Die
Fenster sind allerdings viereckig und nicht rund, aber das ist nicht
wichtig ... Ich klopfe an das Tor zweimal, dreimal, immer lauter und
lauter ... Das Tor geht langsam, mit schwerem Knarren, gleichsam ghnend
auf. Vor mir steht ein junges Dienstmdchen mit zerzaustem Haar und
verschlafenen Augen. Sie ist offenbar eben erst aufgewacht. Wohnt hier
der Baron? frage ich, und meine Blicke durchfliegen den tiefen, engen
Hof ... Es stimmt: da sind auch die Bretter und Balken, die ich im
Traume gesehen hatte.

Nein, antwortet mir das Mdchen, der Baron wohnt hier nicht.

Unmglich!

Er ist jetzt nicht hier. Er ist gestern abgereist.

Wohin?

Nach Amerika.

Nach Amerika! wiederholte ich unwillkrlich. Er kommt doch noch
zurck?

Das Dienstmdchen sah mich mitrauisch an.

Das wissen wir nicht. Vielleicht kommt er auch gar nicht zurck.

Hat er lange hier gewohnt?

Nein, nur eine Woche. Jetzt ist er ganz fort.

Und wie war der Familienname dieses Barons?

Das Mdchen sah mich erstaunt an.

Wie, Sie kennen seinen Namen nicht? Wir nannten ihn einfach Baron. He,
Peter! rief sie, als sie sah, da ich vorwrts dringen wollte. Komm
mal her: ein Fremder ist hier, der alles wissen will.

Aus dem Hause kam die plumpe Gestalt eines krftigen Knechtes hervor.

Was ist los? Was wnschen Sie? fragte er mich mit heiserer Stimme. Er
hrte mich verdrielich an und wiederholte alles, was schon das Mdchen
gesagt hatte.

Wer wohnt denn hier? fragte ich.

Unser Herr.

Und wer ist er?

Ein Schreiner. In dieser Strae wohnen lauter Schreiner.

Kann ich ihn sprechen?

Nein, jetzt nicht; jetzt schlft er.

Darf ich ins Haus hinein?

Nein, gehen Sie.

Kann ich den Herrn vielleicht spter sprechen?

Warum nicht? Gewi. Den knnen Sie immer sprechen ... Dazu ist er ja
Geschftsmann. Aber jetzt gehen Sie. Es ist zu frh!

Nun, und der Mohr? fragte ich ihn unvermittelt.

Der Knecht sah erst mich und dann das Dienstmdchen ganz verstndnislos
an.

Was fr ein Mohr? fragte er schlielich. Gehen Sie, Herr. Sie knnen
spter wiederkommen und mit dem Herrn sprechen.

Ich trat auf die Strae. Das Tor wurde hinter mir schnell und schwer
zugeschlagen, diesmal ganz ohne Knarren.

Ich merkte mir genau die Strae und das Haus und ging, aber nicht nach
Hause. -- Ich empfand etwas wie Enttuschung. Alles, was ich erlebt
hatte, war so seltsam, so ungewhnlich und hatte doch ein so dummes Ende
genommen! Ich war berzeugt, ich war ganz sicher, da ich in diesem
Hause das mir bekannte Zimmer sehen wrde, und mitten im Zimmer meinen
Vater, den Baron, im Schlafrock und mit einer Pfeife ... Und statt
dessen war der Besitzer des Hauses ein Schreiner, den man nach Belieben
aufsuchen durfte, bei dem man vielleicht auch Mbel bestellen konnte...

Und mein Vater ist nach Amerika abgereist! Was bleibt mir nun zu tun
brig?.. Soll ich alles der Mutter erzhlen, oder die Erinnerung an
diese Begegnung begraben? Ich konnte mich unmglich mit dem Gedanken
abfinden, da sich an einen solchen bernatrlichen, geheimnisvollen
Anfang ein solches sinnloses und gewhnliches Ende schlieen knne!

Ich wollte nicht nach Hause zurckkehren und ging ziellos aus der Stadt
ins Freie.


XIV.

Ich ging gesenkten Hauptes, ohne Gedanken, fast ohne Empfindungen, doch
ganz in mich gekehrt. -- Ein gleichmiges, dumpfes und wildes Getse
brachte mich aus dieser Erstarrung. Ich hob den Kopf: die See brauste
etwa fnfzig Schritte von mir entfernt. Ich sah, da ich ber den Sand
einer Dne ging. Die vom nchtlichen Sturme aufgeregte See war bis zum
Horizonte mit weien Wellenkmmen bedeckt, und die steilen, langen Wogen
rollten eine nach der anderen langsam heran und zerschellten am flachen
Ufer. Ich trat nher und ging lngs der Grenzlinie, welche die Brandung
auf dem gelben, gestreiften, mit Fetzen von Seealgen, Muschelscherben,
schlangenfrmigen Bndern des Riedgrases bedeckten Sand zurckgelassen
hatte. Mwen mit spitzen Flgeln kamen mit dem Winde aus ferner,
luftiger Ferne klglich schreiend herbeigeflogen, stiegen schneewei zum
grauen Wolkenhimmel empor, fielen steil herab, sprangen gleichsam von
Welle zu Welle und verschwanden, silbernen Funken hnlich, in den
Streifen des wirbelnden Schaumes. Ich bemerkte, da einzelne Mwen
hartnckig einen groen Stein umkreisten, der einsam inmitten der
gleichfrmigen Sandflche lag. Rauhes Riedgras wuchs in unregelmigen
Bscheln an der einen Seite des Steins, und, wo die verworrenen Stengel
aus dem gelben Salzgrund emporstiegen, lag etwas Schwarzes, Lngliches,
Rundliches, nicht sehr Groes ... Ich sah genauer hin ... Irgendein
dunkler Gegenstand lag unbeweglich neben dem Steine ... Er wurde immer
deutlicher und bestimmter, je nher ich herankam...

Ich war nur noch etwa dreiig Schritte vom Steine entfernt...

Es sind ja die Umrisse eines menschlichen Krpers! Es ist ein Leichnam;
es ist ein Ertrunkener, den die Brandung herausgeworfen hat! Ich ging an
den Stein heran.

Es war der Leichnam des Barons, meines Vaters! Ich blieb wie angewurzelt
stehen. Jetzt erst begriff ich, da mich seit dem frhen Morgen
unbekannte Mchte getrieben hatten, da ich ganz in ihrer Gewalt war, --
und einige Augenblicke lang war in meiner Seele nichts als das
eintnige, unaufhrliche Brausen der See und die stumme Angst vor dem
Schicksal, das mich ergriffen hatte...


XV.

Er lag auf dem Rcken, etwas zur Seite gekehrt, die linke Hand unter dem
Kopfe ... die rechte unter dem gekrmmten Krper. Die Spitzen der mit
hohen Matrosenstiefeln bekleideten Fe waren im zhen Schlamm
eingesunken; die kurze blaue Joppe war ganz mit Salzwasser durchtrnkt
und noch zugeknpft; ein rotes Tuch umschlang straff seinen Hals. Das
dunkle Gesicht war zum Himmel gekehrt und schien zu lcheln; unter der
emporgezogenen Oberlippe sahen die dichten, kleinen Zhne hervor; die
trben Pupillen der halbgeschlossenen Augen stachen nur wenig von dem
dunkel gewordenen Weien ab; die mit Schaumblasen bedeckten und mit Sand
beschmutzten Haare fielen zur Erde und lieen die glatte Stirne mit der
blulichen Schramme frei; die schmale Nase stand scharf zwischen den
eingefallenen Wangen. Der Sturm der vergangenen Nacht hatte das Seinige
besorgt! Er hat sein Amerika nicht wiedergesehen! Der Mensch, der meine
Mutter beschimpft und ihr Leben verstmmelt hatte, mein Vater, -- ja!
mein Vater -- ich durfte nicht daran zweifeln -- er lag jetzt hilflos
ausgestreckt im Schmutze zu meinen Fen. Ich hatte das Gefhl
befriedigter Rachsucht, empfand auch Mitleid, Ekel und Grauen ...
doppeltes Grauen: vor dem, was ich sah und vor dem, was vor Jahren
geschehen war. All das Bse, Verbrecherische, von dem ich schon sprach,
regte sich wieder in mir ... es drohte mich zu ersticken ... Aha! dachte
ich mir: jetzt wei ich, warum ich so bin, jetzt wei ich, von wem ich
das Blut habe! Ich stand neben der Leiche, und sah, und wartete:
vielleicht zuckten noch die toten Pupillen, vielleicht ffneten sich
noch diese erstarrten Lippen ... -- Nein! Alles blieb regungslos, selbst
das Riedgras schien da, wo ihn die Brandung herausgesplt hatte, zu
ersterben; auch die Mwen waren fortgeflogen, kein einziges
Trmmerstck, kein Brett, kein Stck Takelwerk war zu sehen. Alles war
leer ... nur er -- und ich -- und die fernhin brausende See. Ich blickte
mich um: auch hinter mir dieselbe de; bis zum Horizont zog sich eine
Kette lebloser Hgel ... das war alles! Es war mir peinlich, den
Unglcklichen in dieser Einsamkeit, im Uferschlamm als Speise fr die
Fische und Vgel zurckzulassen; eine innere Stimme sagte mir, da ich
Menschen suchen und holen msse, wenn auch nicht zur Hilfe, so doch um
ihn unter ein schtzendes Dach zu bringen. Aber eine unsgliche Angst
ergriff mich pltzlich. Es war mir, als ob dieser tote Mensch wisse, da
ich hergekommen sei, als ob er selbst diese letzte Begegnung veranlat
habe -- ich glaubte sogar jenes unheimliche mir bekannte Brummen zu
hren ... Ich lief zur Seite ... und blickte mich noch einmal um ...
Etwas Glnzendes fiel mir in die Augen und hielt mich zurck. Es war ein
goldener Reif an der zurckgeworfenen Hand des Ertrunkenen ... Ich
erkannte den Trauring meiner Mutter. Ich kann mich noch erinnern, wie
ich mich bezwang, umzukehren, an ihn heranzutreten, mich ber ihn zu
beugen ... wie klebrig seine kalten Finger waren, wie ich schwer
keuchte, die Augen schlo, und mit den Zhnen knirschte, whrend ich den
hartnckigen Ring vom Finger abzog...

Schlielich habe ich ihn abgezogen, und ich renne, renne davon, Hals
ber Kopf -- und irgend etwas jagt mir nach, holt mich ein, packt
mich...


XVI.

Alles, was ich durchgemacht und erlebt hatte, war wohl auf meinem
Gesichte zu lesen, als ich nach Hause zurckkehrte. Als ich ins Zimmer
der Mutter trat, richtete sie sich pltzlich auf und sah mich so
hartnckig-fragend an, da ich, nachdem ich ohne Erfolg versucht hatte,
irgendeine harmlose Erklrung vorzubringen, ihr schlielich schweigend
den Ring berreichte. Sie wurde entsetzlich bla, ihre Augen ffneten
sich ungewhnlich weit und wurden ebenso leblos wie bei ihm. Sie schrie
schwach auf, taumelte, ergriff den Ring, fiel mir halb ohnmchtig an die
Brust und bohrte ihre wahnsinnigen, weit geffneten Augen in mich. Ich
umfate sie mit beiden Armen und erzhlte ihr stehend, ohne mich zu
rhren und ohne berstrzung mit ruhiger Stimme alles, was ich wute:
von meinem Traum, von der Begegnung und von allem. Sie hrte mich bis zu
Ende an, ohne mich auch nur mit einem Worte zu unterbrechen, ihr Atem
ging immer schneller, und pltzlich wurden ihre Augen wieder lebhaft und
senkten sich zu Boden. Dann steckte sie sich den Ring auf den
Goldfinger, trat etwas zur Seite und holte Mantel und Hut. Ich fragte
sie, wohin sie gehen wolle. Sie sah mich verwundert an, wollte
antworten, aber die Stimme versagte ihr. Sie zuckte einige Male
zusammen, rieb sich die Hnde, als ob sie sich erwrmen wollte und sagte
schlielich: Wir wollen gleich hingehen.

Wohin denn, Mtterchen?

Wo er liegt ... ich will sehen ... ich will ihn erkennen ... ich werde
ihn erkennen...

Ich versuchte es ihr auszureden, aber sie htte beinahe einen
Nervenanfall bekommen. Ich begriff, da es unmglich war, sich ihrem
Wunsche zu widersetzen, und wir machten uns auf den Weg.


XVII.

Nun gehe ich wieder ber den Dnensand, aber nicht allein. Ich fhre
meine Mutter am Arme. Die See ist zurckgetreten und ruhiger geworden,
aber auch das schwchere Brausen klingt noch drohend und
unheilverkndend. Da ist endlich der einsame Stein, da ist auch das
Riedgras. -- Ich schaue gespannt hin, ich bemhe mich, jenen rundlichen,
auf der Erde liegenden Gegenstand zu ersphen, -- doch ich sehe nichts.
Wir kommen nher heran; ich verlangsame unwillkrlich die Schritte. Wo
ist denn jenes Schwarze, Unbewegliche? Nur die dunklen Stengel des
Riedgrases ragen aus dem schon trockenen Sande ... Wir treten ganz nahe
an den Stein heran ... Die Leiche ist fort, und nur auf jener Stelle, wo
sie gelegen hatte, ist im Schlamm noch eine Vertiefung zu sehen, und man
kann unterscheiden, wo die Arme und Beine waren ... Das Gras ist etwas
zerdrckt, da sind auch die Fuspuren eines Menschen zu erkennen; sie
laufen quer ber die Dne und verlieren sich auf dem Kieselboden.

Mtterchen und ich sehen uns einander an und erschrecken vor dem, was
wir in unseren Augen lesen...

Er war doch nicht selbst aufgestanden und fortgegangen?

Hast du ihn tot gesehen? fragte die Mutter ganz leise.

Ich nickte nur. Es waren noch nicht drei Stunden vergangen, seit ich die
Leiche des Barons gesehen hatte ... Jemand hatte sie wohl entdeckt und
weggetragen. -- Ich sollte eigentlich feststellen, wer es getan hatte
und was aus ihr geworden war.

Aber zuerst mute ich fr meine Mutter sorgen.


XVIII.

Solange wir auf dem Wege zum verhngnisvollen Orte waren, schttelte sie
zwar ein Fieberfrost, aber sie beherrschte sich noch. Das Verschwinden
der Leiche traf sie wie ein schweres Unglck. Sie verfiel in einen
Starrkrampf. Ich frchtete um ihren Verstand. Mit groer Mhe fhrte ich
sie nach Hause. Ich brachte sie wieder ins Bett und lie den Arzt
kommen; sobald aber die Mutter etwas zur Besinnung kam, verlangte sie
von mir, da ich mich unverzglich auf die Suche nach jenem Menschen
begbe. Ich gehorchte. Aber trotz aller Bemhungen entdeckte ich nichts.
Ich ging einige Male auf die Polizei, besuchte alle in der Nhe
liegenden Drfer, erlie einige Annoncen in den Zeitungen, zog berall
Erkundigungen ein, -- alles war vergebens! Allerdings wurde mir einmal
gemeldet, da in ein Stranddorf ein Ertrunkener gebracht worden sei ...
Ich eilte sofort hin, die Leiche war aber inzwischen beerdigt worden;
brigens glich sie nach dem Signalement gar nicht dem Baron. Ich stellte
fest, auf welchem Schiffe er nach Amerika abgefahren war; zuerst waren
alle berzeugt, da das Schiff whrend eines Sturmes untergegangen sei;
doch einige Monate spter ging das Gercht, da man es im Hafen von
New-York gesehen habe. Ich wute nicht, was ich noch weiter unternehmen
sollte, und begann den Mohren, mit dem ich ihn gesehen hatte, zu suchen;
ich bot ihm durch die Zeitungen eine nicht unbedeutende Geldsumme an,
wenn er sich bei uns melden wrde. Einmal kam in meiner Abwesenheit zu
uns wirklich ein langer Mohr in einem Mantel ... Nachdem er aber das
Dienstmdchen ausgefragt hatte, ging er eilig fort und kam nicht wieder.

So verlor ich die letzte Spur meines ... Vaters; so versank er fr immer
in stummes Dunkel. -- Ich sprach mit der Mutter nie wieder von ihm; nur
einmal, wie ich mich entsinne, kam sie auf meinen Traum zurck und
wunderte sich, warum ich frher niemals seiner erwhnt hatte; sie fgte
dann hinzu: Also war er wirklich... sprach aber ihren Gedanken nicht
zu Ende. Mtterchen war lange Zeit krank, und unser inniges Verhltnis
erneuerte sich nach ihrer Genesung nicht wieder. Sie genierte sich vor
mir ... bis an ihr Ende ... Sie genierte sich buchstblich. Aber dem war
nicht abzuhelfen. Alles gleicht sich aus, selbst Erinnerungen an die
traurigsten Familienereignisse verlieren ihre Kraft und ihre Schrfe;
wenn aber zwischen zwei einander nahestehenden Personen Befangenheit
auftritt, so ist dem nicht abzuhelfen! -- Den Traum, der mich so sehr
beunruhigt hatte, sah ich nie wieder. Ich suche meinen Vater nicht
mehr; doch manchmal kommt es mir im Schlafe vor, -- als hrte ich ein
fernes Schluchzen, ein unstillbares, jmmerliches Klagen; es tnt
irgendwo hinter einer Mauer, die ich nicht bersteigen kann; es
schneidet mir das Herz entzwei, ich weine mit geschlossenen Augen, und
kann unmglich begreifen, was das ist: ob das Sthnen eines lebenden
Menschen, oder das gedehnte wilde Heulen der bewegten See? Die Tne
gehen wieder in ein tierisches Brummen ber, -- und mit tiefem Weh und
Grauen im Herzen wache ich auf.


  HOF-BUCH- U. -STEINDRUCKEREI DIETSCH & BRCKNER, WEIMAR.




  [ Anmerkungen zur Transkription:

    Die mehrmals wiederholte Phrase Passa quei' colli... wurde wie
    im Original beibehalten.

    Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  von ihnen ans Fenster getreten und hatte sich gegen das Fensterkreuz
  von innen ans Fenster getreten und hatte sich gegen das Fensterkreuz

  wollte, wer ich sei ... Das heie l der Lampe tropft mir auf mein
  wollte, wer ich sei ... Das heie l der Lampe tropft mir auf mein

  es, ich war ungegewhnlich khn und entschlossen; die frische Morgenluft
  es, ich war ungewhnlich khn und entschlossen; die frische Morgenluft

  Soy un cadro de tristeza,
  Soy un cuadro de tristeza,

  Und was wird geschen?
  Und was wird geschehen?

  sich selbst hin, holt aus der Tasche ein karriertes Tuch und breitet es
  sich selbst hin, holt aus der Tasche ein kariertes Tuch und breitet es

  mir ein solche Furcht vor dem Manne und eine solche Demut, da ich wohl
  mir eine solche Furcht vor dem Manne und eine solche Demut, da ich wohl

  auf die er noch immer keine Antwort finden konnte .. Ob Mutius
  auf die er noch immer keine Antwort finden konnte ... Ob Mutius

  nicht warum, auf den Lippen. Ich erlaubte mir jedoch, der Muter zu
  nicht warum, auf den Lippen. Ich erlaubte mir jedoch, der Mutter zu

  deren ueres ich ihnen so genau wie mglich bebeschrieb, aufzufinden.
  deren ueres ich ihnen so genau wie mglich beschrieb, aufzufinden.

  luftiger Ferne klglich schreiend herbeigeflogen, stiegen schweewei zum
  luftiger Ferne klglich schreiend herbeigeflogen, stiegen schneewei zum

  Wohin denn, Mtterchen?
  Wohin denn, Mtterchen?

  Mtterchen und ich sehen uns einander an und erschrecken vor dem, war
  Mtterchen und ich sehen uns einander an und erschrecken vor dem, was

  ]






End of the Project Gutenberg EBook of Visionen und andere phantastische
Erzhlungen, by Iwan Turgenjew

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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
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particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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International donations are gratefully accepted, but we cannot make
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