The Project Gutenberg eBook, Inselwelt. Erster Band, by Friedrich
Gerstcker


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Title: Inselwelt. Erster Band
       Indische Skizzen


Author: Friedrich Gerstcker



Release Date: March 22, 2011  [eBook #35651]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK INSELWELT. ERSTER BAND***


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   Sperrung: =gesperrter Text=
   Antiquaschrift: _Antiquatext_





Inselwelt.


Gesammelte Erzhlungen

von

Friedrich Gerstcker.


Erster Band.

=Indische Skizzen.=







Leipzig,
=Arnoldische Buchhandlung.=
1860.




  Inhaltsverzeichni vom ersten Bande.


       I.  In der Sdsee.

                      Seite

Der Wallfischfnger       1

Die Bootsmannschaft      82

Der Schooner            168

      II.  Im Ostindischen Archipel.

Der Balinese            249

Der Menschentiger       313

Der Khris               374




I.

In der Sdsee.

Der Wallfischfnger.


1.

In der weiten und bequemen Corallenbai von Monui, einer der
Tonga-Inseln, ankerte im Januar des Jahres 18** ein englischer
Wallfischfnger, die _Lucy Walker_, Provisionen, Holz und
Erfrischungen einzunehmen, und da sich die Eingeborenen ziemlich
freundlich gezeigt, hatte die Mannschaft in Abtheilungen Tag nach Tag
Erlaubni bekommen, an Land zu gehen und mit den Eingebornen zu
verkehren.

Der Capitain selber, ein junger Mann, der seine erste Reise als Fhrer
eines Schiffes machte, war viel zu entzckt von dem wundervollen Land,
das er betreten, seine Freiheit nicht ebenfalls soviel als mglich
bentzen zu sollen, und unter den freundlichen Menschen, von dem alten
Huptling selber auf das herzlichste aufgenommen, vergingen die Tage in
Zauberschnelle. Er schien zuletzt zwar ganz vergessen zu haben, da er
des Wallfischfanges wegen in diese Breiten gekommen und selber gehen
mte die Fische aufzusuchen, wenn er berhaupt deren fangen, und sein
Schiff voll l bekommen wollte.

Die Scenerie allein trug aber nicht die Schuld. Hua, Toanonga's
liebliches Tchterlein, hatte sein Herz mit einer Leidenschaft
entflammt, der er sich selber im Anfang nicht klar bewut war, die aber
mit jedem Tage mehr berhand gewann. Ja, je mehr ihm Gelegenheit geboten
wurde, sich dem Gegenstand derselben zu nhern, und je weniger nah er
doch demselben dadurch kam, verga er zuletzt selbst seine Pflicht gegen
sein Schiff sowohl, wie seine Mannschaft, um noch immer kurze Zeit
lnger in der verfhrerischen Nhe des holden Mdchens zu weilen.

Hua[1], nach ihrem heiteren, frhlichen Wesen so genannt, sah den
fremden jungen Mann gern bei sich, der ihr, der Tonga-Sprache vollkommen
mchtig, noch von frheren Reisen her, viel von fremden Lndern und
Vlkern erzhlen, und mit dem sie lachen und sich freuen konnte. An eine
ernstere Neigung dachte sie nicht, denn sie wute recht gut, da solche
Schiffe nur immer auf kurze Zeit an eine ihrer Inseln anlegten und
dann wieder fortfuhren, vielleicht nie mehr zurckzukehren -- was htte
ihr seine Liebe gentzt? berdem war sie schon dem jungen Huptling
eines Nachbarstammes versprochen, der jeden Tag eintreffen konnte, sie
abzuholen. Die Zeit bis dahin war ihr denn auch schon recht lang
geworden, und etwas Erwnschteres htte gar nicht kommen knnen, als das
fremde Schiff mit den weien, wunderlichen und doch so freundlichen
Mnnern.

Toanonga befand sich am Besten dabei; der junge Englnder brachte, um
ihn sich beliebt zu machen jeden Tag neue Geschenke, und er sah sich
dadurch bald in dem Besitz einer so bedeutenden Anzahl von Ngeln,
Glasperlen, kleiner Spiegel, Messer, Beile, Kattun, und vor allem Andern
Tabak, dessen Gebrauch er auch schon kennen gelernt, da er schon
anfing, sich als einen Capitalisten zu betrachten, der sich nun bald von
seiner beschwerlichen Huptlingsschaft werde in das Privatleben
zurckziehen knnen, von seinen Renten zu leben.

So angenehm nun aber auch ein solches Leben der Mannschaft des
Wallfischfngers war, der sich, nach dem beschwerlichen Dienst an Bord,
ein frmliches Paradies hier ffnete, so bedenklich schttelten die
Officiere -- Harpuniere und Bootsteuerer -- darber den Kopf. Eine
Zeitlang hatten sich diese wohl mit ruhigem Behagen dem Stillleben der
Inseln hingegeben; als dies aber immer noch kein Ende zu nehmen schien,
gedachten sie auch ihres eigenen Nutzens, und wnschten ihr Geschft
wieder aufzunehmen, wegen dem sie doch eigentlich an Bord gegangen
waren: nmlich Geld durch den Fang der hier muthwillig versumten Fische
zu verdienen.

Zuerst erinnerte der erste Harpunier den Capitain, da es spter und
spter in der Jahreszeit wrde, und sie schon gar nicht mehr daran
denken drften, ihrer ersten Absicht nach, Neuseeland anzulaufen. Die
Mahnung half aber weiter nichts, als da der Capitain noch einmal sechs
Klaftern Holz bei den Eingebornen bestellte, zu denen diese, wie er
recht gut wute, fast eben so viele Wochen brauchten, es zu schlagen,
und doch hatten die Leute an Bord schon jetzt alle Winkel und Ecken
davon vollgestaut, -- doch traten endlich die Officiere zusammen und
erklrten ihrem Vorgesetzten, da sie ihm allerdings gehorchen und so
lange hier bleiben mten, wie er es fr gut fnde, da sie aber bei
ihrer Zurckkunft nach Liverpool jedenfalls Beschwerde oder vielmehr
Klage auf Schadenersatz fr versumte Zeit gegen ihn einreichen
wrden, wenn er jetzt nicht bald wieder die Anker lichte.

Capitain Silwitch, so zum uersten getrieben und sich seinen Leuten
gegenber auch im Unrecht fhlend, beschlo nun einen entscheidenden
Schritt zu thun, und Toanonga selber um die Hand seiner Tochter zu
bitten. Einer ihrer heidnischen Trauungsceremonien konnte er sich, als
hchst unbedeutender Christ, leicht unterwerfen, und ehe er die
Heimfahrt antrat, was noch ein paar Jahr dauern mochte, fand sich immer
eine Gelegenheit, das Mdchen, wenn auch nicht genau an diese, doch
vielleicht an eine der Nachbarinseln wieder abzusetzen -- mit nach Hause
durfte er sie natrlich nicht nehmen.

Toanonga sa mit Hua auf einer groen, aus langem Gras feingeflochtenen
Matte, vor seiner Htte, im Schatten eines gewaltigen Toa-Baumes, der
mit dem Duft seiner Blten die ganze Nachbarschaft erfllte. Es war ein
reizender Platz, gerade an der Mndung eines kleinen, aus den Hhlen
khl und pltschernd niedersprudelnden Bergbachs, der sich die klare
Bahn unter wehenden Palmen und ber moosiges Gestein brach und Blumen
und Frchte als Tribut dem Meere zufhrte. Mchtige Cocospalmen
schttelten ihre federartigen, rauschenden Kronen ber seiner Fluth und
die hohen, stattlichen Mapebume mit ihren breiten, magnolienartigen
Blttern und wunderlich geformten Stmmen[2] deckten und beschatteten
niedere Haine fruchtbeladener Orangen und Citronen und duftender
Bltenbsche, die durch sie gegen die sengenden Strahlen der Sonne
geschtzt wurden.

Das Haus des Huptlings war nur wie das seiner geringsten Unterthanen
aus trockenen, gelben Bambusstben aufgerichtet, und mit
Zuckerrohrblttern fest, aber doch luftig und vollkommen regendicht,
gedeckt. Ein kleiner dabei angelegter und mit dicht gesteckten dnnen
Stangen umzunter Garten (eine Quantitt wild herumlaufender Ferkel
daraus fern zu halten, denen der Besuch des Hauses jedoch vollkommen
frei zu stehen schien) enthielt Reihen gepflanzter Bananen und sogar
einige Yams, und in feuchten Gruben gezogene Taro-Pflanzen, whrend
dichtgesteckte Brotfruchtbume, die jedoch auch berall wild gediehen,
die Hauptnahrung der Insel anzeigten und ihre wohlthtigen pfel vor die
Thr ihres Eigenthmers niederschtteln.

Toanonga schwelgte in der Verdauung eines eben genossenen vortrefflichen
Frhstcks, eines mit heien Steinen gersteten Ferkels und _Me_[3], und
dieser gleichsam eine hhere Weihe zu verleihen, hatte er einen Theil
der erhaltenen Geschenke, besonders eine Anzahl Ngel und Glasperlen,
einige Uniformknpfe und vor allem Andern einen zerbrochenen Sporn, an
dem das Rdchen aber noch gut war und wirbelte, vortrefflich vor sich
ausgebreitet und betrachtete sie mit augenscheinlicher Genugthuung und
Freude.

Capitain Silwitch htte wirklich keinen glcklicheren Moment fr seine
Werbung treffen -- und keinen unglcklicheren Erfolg haben knnen.

Eine ganze Jagdtasche voll Geschenke fr den Knig; Gegenstnde, als ob
ein Trdler seine Bude ausgerumt und den Schutt zurckgeworfen, die
Quantitt vielleicht an den Eisenhndler zu verkaufen. Dazwischen fanden
sich ein paar buntblitzende, blaue, grobeerige Glaskorallen, von
enormem Gewicht; ein kleiner, gesprungener Rasirspiegel, eine unechte
goldene Quaste von irgend einer Gardine, ein Argentan-Lffel und
besonders eine plattirte Schuhschnalle bildeten aber die
Hauptbestandtheile der Masse, die er, Hua dabei freundlich zulchelnd,
vor dem erstaunten _Hou_ -- Huptling der Insel -- und auf die Matten zu
den Knpfen und Perlen schttete.

Tangaloa[4] segne mich! rief der wrdige Toanonga, als er die
unvermutheten Schtze aus dem ganz unscheinbaren Lederbeutel auf sich
frmlich herabregnen sah, ohne in dem Augenblicke eine Ahnung zu haben,
welchem glcklichen Ereignisse er diese fabelhafte Freigebigkeit des
fremden weien Mannes verdanke, -- der Fremde hat sein ganzes Canoe
geplndert, die Augen seines Freundes mit seinen Schtzen glcklich zu
machen, Si-li-wi -- (eine natrliche Verunstaltung des Namen Silwitch,
da die Insulaner nur sehr schwer zwei Consonanten hinter einander in
einer Silbe aussprechen knnen) soll Brotfrucht und Cocosnsse, Bananen
und Taro, Ferkel und Fische haben, so viel er will auf sein Schiff.
Si-li-wi ist ein Ehrenmann und darf sich eine Gnade erbitten.

Und gebe Gott, da du sie erfllst, wrdiger Greis, sagte der junge
Mann halb lachend, halb verlegen, ich komme allerdings heute Morgen mit
einer groen Bitte an dich, oder eigentlich an -- Hua an deiner Seite,
deren Erfllung mich unendlich glcklich machen wrde.

An mich? fragte Hua errthend, whrend sie von ihrer Matte aufsprang
und den Fremden berrascht ansah; willst du noch mehr von den
wunderlichen wei- und rothgefleckten Corallen, die wir in der Bai da
drben gesucht? oder soll ich dir Perlen holen lassen, unten vom Grund
herauf? Ich wei auch --

Halt, halt, Mdchen, mach mich nicht toll mit deinen freundlichen
Worten! bat der junge Mann abwehrend. Es ist mehr als alles Das, und
nun, Toanonga, soll es auch heraus, denn lange Reden bin ich doch nicht
im Stande zu machen. Hier sind die Geschenke, du sollst noch mehr
haben, Tabak, Feuerwasser, Messer, Beile, Kattun -- auch ein Gewehr hab'
ich fr dich bestimmt, das den Blitz und Donner in sich trgt, und womit
du deine Feinde besiegen und dir unterthan machen kannst.

_Mea fanna fonnua_[5]? rief Toanonga rasch, der bei der Aussicht auf
solchen Besitz alles Andere in dem Augenblick verga. Wre nicht bel;
Toanonga mchte ungemein gern _Mea fanna fonnua_ haben.

Und du giebst mir Hua? rief der Englnder rasch und freundlich.

Hua? sagte der alte Huptling erstaunt, whrend das Mdchen bestrzt
und errthend dabei stand und kein Wort zu erwidern wagte. Hua gehrt
nicht mein, kann ich nicht vergeben; gehrt _Tai manavachi_, ist _Tai
manavachis ohana_.

_Ohana?_ wiederholte der junge Mann bestrzt und erschreckt, denn das
Wort bedeutet in der Tongasprache Braut sowohl als Frau. _Ohana?_ --
seit wann?

Bah, nicht so lange, sagte der Alte kopfschttelnd und die vor ihm
ausgebreiteten Geschenke ein wenig mehr nach sich herber schiebend,
als ob er eine ungewisse Ahnung htte, da der Fremde, wenn er den
angebotenen Tausch =nicht= eingehen wolle, diese am Ende auch wieder
zurckziehen knne. Mu heute oder morgen kommen, sie zu holen.

Holen? -- wohin?

Nach Tongatabu -- groe Insel, groer Huptling, setzte der Alte mit
einiger Selbstzufriedenheit hinzu; wird _Ohana_ dort und bekommt groe
Strecke Land.

=Wird= _Ohana_? rief Silwitch aber, denn noch ein Strahl von Hoffnung
dmmerte, also =ist= sie noch nicht seine Frau, und wenn mich Hua lieber
hat, als den braunen Burschen, da denk' ich, soll sie sich bei mir so
wohl befinden, wie bei _Tai manavachi_, -- Und was sagt Hua selber? --
komm her Mdchen und sag' deinem Vater, da du mir gut bist und mich zum
Mann haben willst.

Ich dich zum Mann haben? lachte aber die Schne schelmisch, whrend
ihr ein noch hheres Roth Wangen und Nacken frbte, und wer hat dir das
gesagt, _Muli_[6]?

Nenn' mich nicht =fremd=, denn ich bin es nicht mehr! rief der
Englnder bittend. Wenn du es mir auch noch nicht mit klaren Worten
gesagt, hat es doch jeder Zug deines Angesichts, selbst der Ton deiner
Stimme, der Blick deines Auges schon gesprochen!

Und willst du hier bei uns bleiben auf der Insel, und dein Schiff
verlassen? frug der alte Huptling vorsichtig.

Mein Schiff verlassen? -- jetzt? -- nein, das geht nicht, sagte der
Fremde rasch, ich mu nach Norden hinauf und Fische fangen, aber im
nchsten _Liha mua_[7] komme ich zurck mit Hua, wieder bei Euch zu
wohnen.

Mit Hua? rief der Alte erstaunt und mit eigenthmlichen, halb ernsten,
halb drolligen Zug um die Lippen -- der tolle _Muli_ wr's im Stande. --
Wolltest du das Mdchen mitnehmen auf dein Schiff?

Gewi will ich, rief der Seemann rasch, und sie soll's gut haben bei
mir, und die Welt sehen. Toanonga, ich liebe deine Tochter so hei und
glhend, wie ich dir es gar nicht beschreiben kann, und du =mut= sie
mir zum Weibe geben.

=Mu= ich, so? lachte der Alte gutmthig; Hua aber, noch mehr
errthend, sagte leise und vorsichtig unter den halbgesenkten Wimpern zu
ihm aufschauend.

Und wenn Hua nun nicht will?

Du nicht wollen, Mdchen, und weshalb? rief der junge Mann bittend.

Und _Tai manavachi_?

Bah, _Tai manavachi_! rief der Englnder verchtlich, was schirt der
=mich= -- er soll kommen und dich holen, wenn ich dich erst einmal
habe.

Er ist ein tapferer Krieger! rief aber der Alte jetzt rasch, und hat
seinen Namen danach bekommen. -- Schlimm fr den Feind, dessen Fhrte er
folgt.

Silwitch schttelte den Kopf rgerlich.

Damit kommen wir nicht weiter, rief er rasch; ich frage dich,
Toanonga, ob du mir Hua zum Weibe geben willst?

Warum frgst du nicht Hua selber, ob sie dich haben will? sagte der
Alte mit seinem trocknen Lachen.

Weil ich ihrer Liebe gewi bin, rief der Englnder leidenschaftlich;
sie wird mit mir gehen, wenn =du= ihr die Erlaubni giebst!

Frag' sie, war Alles, was Toanonga erwiderte. Der junge Englnder
wandte sich rasch dem schnen Mdchen zu, und streckte den Arm nach ihr
aus, aber Hua wich ihm rasch und entschlossen aus und rief:

Nein -- nein -- ich bin die Braut eines Andern, fort mit dir,
_Pagalangi_[8], was willst du von mir?

Hua! rief aber der junge Seemann erschreckt. Hua, ich kann nicht
leben ohne dich und mu dich mein nennen, wende dich nicht ab von mir
und sei mein Weib.

Du bist unser Freund gewesen, sagte das Mdchen ernst und fast traurig
mit dem Kopf schttelnd, und wir haben dich und die Deinen freundlich
aufgenommen, was willst du mehr? Ich passe nicht zu euch, zu euren
Sitten, eurer Sprache, eurer Religion, nicht zu den wilden Mnnern auf
deinem Schiff. Ich will auf diesen Inseln bleiben, die meine Heimat
sind.

=Meine= Einwilligung hast du, lachte Toanonga in seiner trockenen
Weise; ich hab' es dir vorher gesagt.

=Deine= Einwilligung hab' ich, Toanonga? rief Silwitch rasch und in
furchtbarer Aufregung, durch den Spott vielleicht nur noch mehr gereizt.

Ja, die hast du, nickte der Alte lachend, aber Hua will nicht.

Sei nicht so bs, weier Mann, sagte aber das Mdchen jetzt
freundlich, ihm die Hand entgegenstreckend, sieh', was wrde _Tai
manavachi_ sagen, wenn er kme und fnde mich als das Weib eines Andern;
bliebest du selbst bei uns auf der Insel, die ich nun einmal nicht
verlassen kann und will. Hua sieht dich gern, aber sie kann dir nie
angehren.

Silwitch nahm die Hand und drckte sie in heftiger Aufregung, barg dann
die Augen kurze Zeit in seiner Linken, und Toanonga sah, wie er einen
heftigen Kampf mit sich selber kmpfe; aber er bezwang sich und als er
den Kopf wieder hob, sagte er ruhig und gefat:

Es ist gut, Hua; wenn du mich nicht haben willst, kann ich dich nicht
zwingen, aber -- ich hatte es gut mit dir gemeint und -- du hast mir weh
-- recht weh gethan. Das ist jetzt vorbei und ich werde nun wieder
fortsegeln von hier, und wahrscheinlich nie -- nie wieder zurckkehren,
nach _Monui_ -- Wirst du noch manchmal meiner dann gedenken?

Wenn ich ein Segel am Horizonte sehe, werde ich wnschen, da es das
deine ist, sagte Hua in ihrer einfachen Herzlichkeit, ihm treu und
kindlich dabei in's Auge schauend.

Und wann willst du gehen, _cowtangata_[9]? frug der Alte jetzt,
anscheinend gleichgltig, aber vielleicht mit dem unbestimmten Wunsch,
das Gesprch auf einen fernen Gegenstand zu bringen, und nicht auf die
noch vor ihm ausgebreiteten Geschenke zurckzufhren, die er eines nach
dem andern, vorsichtig und sorgfltig hinter sich und aus Sicht brachte.

Ich wei es noch nicht, erwiderte der Englnder ruhig; ich habe noch
Holz bei deinen Leuten bestellt, das ich zuerst an Bord nehmen mchte.
Willst du mich los sein?

Nein, nein, bewahre! rief der Huptling rasch und erschreckt; du bist
willkommen, so lange auf der Insel zu bleiben, wie es dir gefllt --
nachher kannst du gehen. -- Und wollen die _Pagalangis_ selber ihr Holz
schlagen?

Nein, ich habe deine Leute schon dafr bezahlt, sagte der Englnder,
und glaube sie sind mitten in der Arbeit; bis morgen Abend soll ich es
an Bord haben.

Es ist gut -- ich will es dir wnschen, erwiderte der Alte mit einem
etwas zweideutigen Lcheln. Ob es Silwitch aber bemerkte oder nicht, er
schaute einen Augenblick sinnend vor sich nieder, nickte dann mit einem
kaum unterdrckten Seufzer Hua, etwas lebendiger ihrem Vater zu, und
schritt mit verschrnkten Armen und gebeugten Hauptes langsam dem
Strande zu, wohin er sein Boot beordert hatte, ihn wieder an Bord zu
rudern.


2.

Die Bootsmannschaft hatte sich indessen, auf ihren Capitain wartend, die
Zeit bestmglichst vertrieben, Cocosnsse abgepflckt, Orangen
ausgesogen, getrunken, und sich dann, in den Schatten eines
engverwachsenen Pandanus-Dickichts auf den brcklichen, fast
pulverisirten Corallenboden niedergeworfen, sich von den Anstrengungen
des Fruchtsammelns zu erholen.

Es waren lauter englische Matrosen, und nur ein Schotte unter ihnen,
Namens Mac Kringo, scherzweise gewhnlich Lord Douglas genannt. Das
Gesprch drehte sich aber natrlich um das herrliche Leben, das sie
hier gefhrt und das, wie sie jetzt fast frchten muten, bald ein Ende
nehmen wrde, wenn sich der Capitain nicht, trotz den Officieren, noch
einmal anders besnne und doch am Lande bliebe.

Hol's der Teufel, Jungen! sagte der eine Matrose, den die andern
seiner ungemein groen Vorliebe fr Fische wegen und in einer
sonderbaren Verwirrung der heiligen Schrift =Jonas= nannten, wenn ich
Capitain der _Lucy Walker_ wre, ich wollte den Teufel thun und ihr
Kupfer so rasch wieder gegen Eisschollen reiben, wo ich selber hier
einen solchen capitalen Hafen gefunden htte. Der Bse mag sich die
Wallfische selbst fangen, wenn er sie haben will, ich bin nicht
eigenntzig, und gnne ihm gern den Verdienst.

Das glaub' ich, da =du= den Wallfischen das Wort redest, Jonas,
lachte Mac Kringo, ihn von der Seite anblinzend, bei dir ist's alte
Anhnglichkeit.

Ah bah, mein _bonny scotsman_, brummte aber der Englnder, wenn du
nichts Besseres weit, so bleib mit deinen abgedroschenen Witzen zu
Hause; die sind auf meinem Namen schon lange stumpf geworden. Gieb uns
aus deinem allzeit fertigen Hirn einen Rath, wie wir anstndiger Weise
hier bleiben knnen, denn zum Weglaufen ist die Insel zu klein, und ich
will dir dann zugestehen, da du wirklich Grtze im Kopfe hast. Bis
dahin aber la mich zufrieden, mit dem was du =glaubst= oder nicht; sag'
uns, was du =weit=.

Guter Rath wre da nicht das erstemal an Narren fortgeworfen, brummte
der unhfliche Schotte rgerlich in den Bart, und wenn der liebe Gott
herunterkme und euch sagte, wie ihr's machen solltet, httet ihr noch
drei Bedenken und fnf Aber. Nein, geht mir fort; mit euch ist nichts
anzufangen, und =wenn= ich das wte, ich behielt's fr mich.

Wenn er was wte, spottete ein Anderer, _Legs_ -- Beine -- von
einem Paar etwas kurzer und eingebogener Extremitten so genannt. Lord
Douglas thut wahrhaftig, als =ob= er etwas im Hinterhalt htte und uns
nun nicht fr wrdig hielt, die Geschichte mit anzuhren. Das ist das
billigste Mittel jedenfalls, dick zu thun. Nein, Kinder, unsere Zeit ist
abgelaufen und ich mte mich, nach allen Vorbereitungen zu urtheilen,
sehr irren, wenn wir nicht schon morgen Abend um diese Zeit wieder
unsere regelmige Wacht gehen und uns die Hlse abdrehen, nach den
Schwarzkitteln auszuschauen. Wasser und Provisionen sind genug an Bord,
und auf das bestellte Holz kommts dann gerade auch nicht so sehr an, ob
wir das einwerfen oder nicht. Der Raum ist berdies so voll, da wir's
eine Zeitlang mitten auf Deck und im Weg lassen mten, und der erste
Harpunier wrfe die verfluchten Scheite eigenhndig ber Bord, wenn er
sich ein einzigesmal die Schienbeine daran stiee.

Ja, auf =unsere= Schienbeine wrd' es da auch nicht besonders
ankommen, knurrte ein Anderer, der den allerdings nicht empfehlenden
Beinamen _Lemon_[10] hatte, weil er fortwhrend und selbst bei seinem
allerdings sehr seltenen Lachen genau solch ein Gesicht schnitt, als ob
er ganz pltzlich aus Versehen in eine Citrone gebissen htte. Es ist
eine verwnscht kuriose Einrichtung in der Welt, man mag's betrachten
wie man will, und wir armen Matrosen ziehen immer den Krzern. Schon
beim Vertheilen, wir haben den hundertzwanzigsten, der Capitain hat den
achtzehnten Theil, und wer fngt die Fische, wir oder er?

Nun, =du= nicht, Lemon, mit deinem ewigen Raisonniren, brummte der
Schotte, denn wenn dir nicht jedesmal beim Anrudern das Maul verboten
wrde, kmen wir auch jedesmal zu spt zum Zulangen.

Zankt euch nicht noch den letzten Tag, den wir vielleicht an Land
sind, fiel Jonas hier rasch ein, als er sah, da Lemon boshaft darauf
erwidern wollte; hier, mit festem Boden unter uns, sind wir doch Alle
gleich, und die vom Lande fragen nicht darnach, ob wir an Bord den
achtzehnten oder hundertachzigsten Theil bekommen. Jungens, Jungens, mir
bricht das Herz ordentlich, wenn ich daran denke, da wir hier fort
sollen.

Herzbrechen? knurrte Lemon, das wre der Mhe werth; kommt auch gar
nicht vor in der Welt, da Einem das Herz bricht, und ich wei nur einen
einzigen Fall, wo wirklich einmal Jemand an gebrochenem Herzen gestorben
ist.

Aus =deiner= Bekanntschaft? rief Jonas unglubig.

Aus =meiner= Bekanntschaft, erwiderte der Matrose ruhig; es war der
lange Tom, wie wir ihn nannten, der hatte in Bristol, wo wir damals
vor Anker lagen, mit einem andern Kameraden, ich wei nicht mehr um was,
gewettet, er wollte einen verdammt schweren Wurfanker von seinem Dock
bis zu dem, wo unser Schiff lag, ohne abzusetzen, tragen -- und er trug
ihn auch, aber -- er lebte keine fnf Minuten mehr -- der Anker hatte
ihm das Herz gebrochen.

Die Anderen lachten, der Schotte blinzte Jonas aber heimlich und
verstohlen mit den Augen an, und sah nach den Busch hinber, ein
Zeichen, das dieser zu verstehen schien, denn er warf erst einen
flchtigen Blick auf seine Kameraden, ob ihn Niemand beobachte, und
nickte dann zurck, da er kommen werde.

Wenn man's so bedenkt, sagte Legs nach einer kleinen Pause, die
Augenbrauen fest zusammengezogen, und mit kleinen Stcken Coralle, die
er vor sich aufnahm, nach einer noch unreifen, am Boden liegenden Orange
werfend, wenn man's so bedenkt, was wir da drauen in See fr ein
Hundeleben fhren, Tag und Nacht in Arbeit und Gefahr, mit schlechter,
salziger Schiffskost und knappem Grog, kein freundliches Gesicht zu
sehen als Lemon's, am Tag in einer Hundeklte zu rudern, da Einem die
Arme mit den Wurzeln ausreien mchten, und Nachts die verdammten
Stcken Blubber[11] an Deck zu werfen und auszukochen; einmal
halberfroren, einmal halb verbrannt, und wenn man nachher von einer
dreijhrigen Reise zurck kommt, vielleicht noch mit zehn Pfund Sterling
Schulden im Buch fr Kleider und Schuhwerk, das man haben mute die Zeit
ber, und dem Schiff zu bezahlen hat, als ob sie von Gold und Seide
gewesen wren, -- nein, das soll verdammt sein. Und dann dagegen hier
die rothen Schufte, was die fr ein Gtterleben in all ihren
Bequemlichkeiten fhren; nicht rhren thun sie die faulen Knochen, als
vielleicht einmal auf einem Brotfrucht- oder Cocosnubaum zu steigen,
oder einen Fisch mit der Holzharpune aus dem seichten Wasser zu holen,
die kleine Insel ist zum berlaufen voll von hbschen Mdchen und man
kann den ganzen Tag in Hemdsrmeln gehn. -- Hol's der Henker, der liebe
Gott htte mir keinen greren Gefallen thun knnen, als mich ebenfalls
braun anzustreichen -- die Farbe hlt besser, und was spart man an
berzgen.

Ich htte auch nichts dagegen! rief ein Anderer, mit einer feinen,
kreischenden Stimme dazwischen, der eigentlich Roberts hie, seines
Organes wegen aber gewhnlich Pfeife genannt wurde, denn auf das
Bischen Couleur wird Einem doch nichts zu Gute gethan; was will aber der
Mensch machen? Wir mssen doch immer noch Gott danken, da er nicht in
den ganz schwarzen Topf gegriffen, denn dann wren wir geleimt gewesen,
zeitlebens.

Bah, was sind wir besser als Sclaven? brummte Legs; die knnen doch
wenigstens heirathen und an Land bleiben, und was knnen wir? Hol der
Teufel das Seeleben; wenn man eine Weile drauen ist, gewhnt man sich
zuletzt daran, und es kommt Einem sogar manchmal ganz hbsch vor, wie
man aber nur wieder den Fu auf festes Land, und besonders auf =solches=
Land setzt, ist auch der Teufel los und es zwickt und reit Einen
wieder, da man sich ordentlich die Beine festhalten mu, nicht davon zu
laufen.

Der Schotte war indessen aufgestanden und am Strande hin, nach den
einzelnen Cocospalmen hinaufschauend, als ob er sich eine Nu aussuchen
wolle, langsam in den dichten Busch geschlendert, der den Corallenboden
begrenzte, und Jonas erhob sich ebenfalls, zog sich den Bund seiner
Segeltuchhose auf, spuckte sein Priemchen aus und bi ein frisches ab
und setzte sich den auf der Erde verschobenen Hut wieder fester auf das
in kleine, krause Lckchen gedrehte Haar.

Nun, dir wird wohl die Zeit lang, sagte Pfeife, sich noch bequemer
ausstreckend und ein Bndel Cocosnubast unter den Kopf schiebend,
weicher darauf zu liegen, ich kann's abwarten -- zum Henker, da man
nun nicht einmal das Glck hat, an irgend einer solchen Corallenbank
hier -- und Zeug ist genug da -- ordentlich auf den Strand und fest zu
kommen. Das wre doch ein kapitaler Spa, wenn wir nachher eine Colonie
grndeten und uns huslich einrichteten -- ich wei auch, wen ich
heirathete.

Ja, wenn wir einmal auf den Strand kommen, knurrte Lemon dazwischen,
so kannst du dich drauf verlassen, da es auch im Schnee und Eis und
ohne Fausthandschuh ist; unser Glck kenne ich; rennen wir aber =nicht=
auf, so magst du Gift darauf nehmen, Kamerad, da die _Lucy Walker_
droben noch drei volle Jahreszeiten[12] herumschwimmt, und nachher immer
noch nicht voll ist. Ich habe =meine= Hoffnung jetzt auch nur auf
nchsten Winter gesetzt, da wird der Alte schon dafr sorgen, da wir
wieder hier anlaufen.

Jonas hatte sich indessen, ohne weiter Theil an dem Gesprch zu nehmen,
ebenfalls langsam und scheinbar ohne besondern Zweck von der in dem
Pandanusschatten gelagerten Gruppe entfernt, und hier an einem Busch
schttelnd, dort sich einen Zweig niederbiegend und vielleicht
abbrechend, kam er nach und nach aus Sicht. Dann aber eine Richtung
einschlagend, die ihn nher dorthin brachte, wo Mac Kringo vor ihm
verschwunden war, traf er auch diesen bald, seiner harrend, unter einer
kleinen Gruppe von Cocospalmen und Casuarinen, von wo aus er ihm winkte
hinanzukommen.

Was zum Teufel hast du denn nur, Douglas, sagte Jonas kopfschttelnd,
als er das geheimnivolle Wesen des Kommenden sah. Du willst doch nicht
etwa auskneifen, mein Bursche? -- das gib auf, denn du weit nicht, wie
dick der Capitain mit dem alten Huptling ist, und wie er berhaupt nur
auf eine anstndige Entschuldigung wartete, noch lnger hier liegen zu
bleiben; der holte dich wieder und wenn er die ganze Jahreszeit darum
versumen sollte.

Schrei doch nicht, als ob du ein Segel drauen bei einem steifen
Nordwester anrufen mtest, Mate, brummte der vorsichtige Schotte mit
gedmpfter Stimme; es fllt mir nicht ein, solchen tollen Gedanken zu
haben, aber -- httest du was dagegen, Kamerad, wenn wir hier an Land
blieben und Brotfrucht und Schweinefleisch rsteten, wie Christen,
anstatt hinter den alten, schmierigen Fischen herzufahren, wie ein Trupp
Narren, und fr andere Leute, die zu klug sind, selber zu gehen, Brennl
zu holen? -- Httest du was dagegen, mir zu helfen einen gescheuten
Gedanken auszufhren, bei dem wir nicht die geringste Gefahr laufen,
wenn wir -- das Maul halten und unser eigenes Geheimni bewahren
knnen?

Frag' mich, ob ich lieber Grog trinke, als Salzwasser, knurrte der
Matrose; la die Vorrede und komm zur Sache, wenn du wirklich was hast,
denn der Alte kann alle Augenblicke herunter kommen und pfeifen und dann
mssen wir fort.

Gut, Jonas, ich will keine Umschweife machen, sagte der Schotte leise,
vorsichtig noch einmal dabei den Blick umherwerfend, aber schweigen
mut du knnen, denn ein Bischen Gefahr ist am Ende doch dabei.

Unsinn, -- ich werde mir nicht selber die Schlinge machen, in die sie
mich hngen wollen, sagte der Matrose mrrisch ber die vielen
Vorreden.

Nun, gut denn, flsterte der Schotte, hast du die beiden Wraks
gesehen, die vor Honolulu lagen, wie wir dort waren?

Die Wraks von den zwei Wallfischfngern? -- gleich am Eingang vom
Hafen?

Dieselben.

Ja wohl; und was ist mit denen?

Du weit, wie sie dorthin gekommen sind.

Es ist Feuer an Bord ausgebrochen, und die Schiffe sind verbrannt.

Und die Mannschaft?

Blieb nachher an Land, bis sie sich auf andere Schiffe verdingte,
brummte Jonas, so haben sie's mir da wenigstens erzhlt; aber was hat
das mit uns zu thun.

Wirst gleich hren, Kamerad; wer hat die Schiffe angesteckt?

Angesteckt?

Nun ja, glaubst du, da ein Schiff im Hafen so leicht von selber zu
brennen anfngt? lachte der Schotte, nein, wenn du's denn nicht weit,
will ich dir's sagen; die Leute der beiden Wallfischfnger haben sich
den Gefallen selber gethan, und was in der weiten Welt hindert uns hier,
da wir nicht dasselbe thun?

Was uns hindert? -- unser Hals, sagte Jonas kopfschttelnd, dem die
Idee zu rasch gekommen war, sie sogleich vollstndig begreifen zu
knnen, weit du, mein Junge, da sie uns einfach an die Raanocke[13]
aufhngen, wenn sie uns dabei erwischen?

Wenn sie uns erwischen, ja, lachte der Schotte, wer hat denn aber die
erwischt, die die Schiffe in der Bai von Honolulu angesteckt haben, heh?
-- Wer =kann= uns denn nachher berfhren, wenn wir unsere Sache nur
einigermaen klug anfangen. Nein, Jonas, mit einem Schwefelholz haben
wir's in der Gewalt, uns einen Aufenthalt auf diesen Inseln zu sichern,
so lang wie er uns behagt, und ich glaube, unser Alter selber wr' ganz
damit einverstanden, wenn er sich's nur eben drfte merken lassen.

Aber die Andern? sagte Jonas, schon halb unschlssig mit der
verfhrerischen Aussicht vor sich, dem traurigen Leben an Bord eines
Wallfischfngers auf so leichte Art pltzlich enthoben zu werden.

Wrden uns auch nicht verrathen, meinte der Schotte, brauchen aber
auch gar Nichts davon zu erfahren; Muth haben sie doch nicht genug,
dafr einzustehen, und ein Paar von ihnen trau' ich nicht eine
Schiffslnge aus Sicht; Pfeife besonders, der Hallunke, ist mir ein Dorn
im Auge, und bleiben wir lnger hier, spiel' ich dem auch noch einmal
einen Possen.

Und meinst du wirklich?

=Meinen=, Jonas? rief Mac Kringo unwillig, was ist da noch zu meinen
dabei? Etwas Einfacheres gibts auf der Welt nicht, und wenn du nur den
zehnten Theil so viel Courage hast, wie ich dir frher zugetraut, so
verlieren wir kein Wort weiter ber die Sache, und schlafen morgen Abend
hier in einem Bambushaus am Strand in -- besserer Gesellschaft als dem
dumpfigen Blubberloch von einem Logiskasten. -- Nun, was sagst du, ja
oder nein?

Und wann soll das geschehen? frug Jonas leise.

Sobald wir die Gelegenheit dazu finden; wahrscheinlich heute Abend mit
Dunkelwerden, wenn der Koch sein Schaffen[14] fertig hat. Sie sitzen
dann Alle oben an Deck, die Officiere, die an Bord sind, kriechen auch
nicht drauen herum, und Einer kann unten Alles besorgen, whrend der
Andere nur oben Wache hlt, da er ein paar Minuten ungestrt bleibt; du
magst Wache stehen, ich will selber das brige in Ordnung bringen. Bist
du damit zufrieden?

Hol's der Teufel, ja! sagte Jonas, sich im Voraus bei dem Gedanken an
den Erfolg die Hnde reibend, stecken wir den alten Blubberkasten vor
seinem Anker an. Wetter noch einmal, was der fr eine famose Fackel
machen wird!

Aber ruhig und keine Silbe zu --

Unsinn! brummte Jonas; werde mich hten -- wenn wir aber nur unsere
Sachen retten knnten.

Nimm dich in Acht! warnte ihn der Schotte, damit hat sich schon
Mancher verrathen; wenns einmal brennt, ja, dann so schnell wie mglich,
und fr ein Canoe in der Nhe will ich schon sorgen; aber vorher keine
Hand angerhrt. Wenn =die= klug sind, da wollen wir nicht dumm sein.

Gut denn, heute Abend --

Ein gellender Pfiff von der Gegend her, in welcher ihr Boot lag,
unterbrach ihr Gesprch, und Mac Kringo dem Andern zuwinkend, da er
sich wieder dorthin begebe, wo er hergekommen, damit sie nicht zusammen
zum Strand zurckkehrten, lief rasch durch eine kleine Lichtung hin, die
freie Corallenbank weiter oben zu erreichen.

Hallo, hier Douglas, Seelwen und Haifische, wo steckt Ihr? rief ihm
der Capitain, der in seinem Boot stand und ungeduldig nach ihm
ausgeschaut zu haben schien, schon von Weitem entgegen; was habt ihr im
Busch zu thun, wenn ihr auf Bootswacht seid? -- Wo ist Jonas?

Ich wollte nur --

Ach, da kommt er; herein mit euch, -- Wetter noch einmal, das faule
Leben hier an Land scheint euch zu behagen; wartet, ich will euch Beine
machen, wenn ich euch wieder drauen in See habe, da die Glieder
gelenk werden. Auf euere Sitze da vorn -- sind wir flott?

Alles in Ordnung, Sir --

Stot ab denn, und legt euch in die Riemen[15], meine Jungen. Ist schon
Holz heut von Land an Bord geschafft?

Nein, Sir! sagte Jonas, der gleich hinten im Boot vor dem Capitain
sa, whrend die rasch eingesetzten Riemen das scharfgebaute Boot
pfeilschnell durch den glatten Wasserspiegel trieben; haben nichts
gesehen.

Schon gut -- macht nichts! lautete die kurze Antwort, und wenige
Minuten spter lief das Boot unter die niederhngende Fallreepstreppe.
Der Capitain sprang an Bord und die Leute wollten damit unter ihre
Krahnen gehn, es wie gewhnlich aufzuheben, die Ordre aber lautete: es
im Wasser zu lassen, da es wahrscheinlich gleich wieder gebraucht wrde.


3.

Einer der Ungeduldigsten an Bord war der erste Harpunier, ein junger,
krftiger Irlnder aus Galvay-Bai und dort erst kurz vor seiner Abreise
verheirathet. Ihm brannte natrlich der Boden unter den Fen, und er
wollte das Schiff wieder in See haben, Beute zu machen und nach Hause
zurckzukehren. Was half =ihm= das mige Leben hier an Land.

Mit diesem hatte der Capitain, als er an Bord zurckkehrte, eine lngere
Unterredung, die den Wnschen des jungen Iren auch vollstndig
entsprochen haben mute, denn er kam bald nachher mit frhlichem Gesicht
gleich hinter dem Capitain an Deck und beorderte seine Bootsmannschaft,
sich fertig zu halten, kurz vor Sonnenuntergang an Land zu rudern, etwas
dort abzuholen. Die vier Matrosen mit dem Bootsteurer, die er
befehligte, waren ebenfalls seine Landsleute, und die Schiffsmannschaft
hatte deshalb das Boot auch das Irische getauft.

An Bord der _Lucy Walker_ herrschte indessen rege Geschftigkeit; ein
paar zum Ausbessern niedergeholte Segel wurden wieder angeschlagen, Taue
gespliet, Pardunen angespannt, das Deck klar gemacht und berhaupt
Manches vorgenommen, das auf einen baldigen Aufbruch schlieen lie. Als
zwei der Leute deshalb, Legs und Pfeife, dem Capitain selber, der mit
raschen Schritten auf seinem Quarterdeck auf- und abging, um kurzen
Urlaub an Land baten, der ihnen, in einzelnen Abtheilungen natrlich,
fast noch gar nicht verweigert worden war, schlug es ihnen dieser rund
ab und schickte sie wieder nach vorn an ihre Arbeit.

Siehst du, flsterte da der Schotte seinem Kameraden Jonas, mit dem er
oben in den Marsen etwas nachzusehen hatte, zu, siehst du, mein Junge,
da ich eine gute Nase habe? Es ist die hchste Zeit fr uns, unser
kleines Geschft in Ordnung zu bringen, denn ich mchte jetzt kein Maul
voll Tabak gegen eine monatliche Lhnung wetten, da wir nicht morgen
Frh mit Tagesanbruch Anker auf und Segel gesetzt htten. Der Alte
dahinten zeigt wenigstens den besten Willen, aber wir Beide, denk' ich,
sollen ihm noch einen Strich durch die Rechnung machen. Das wr' ein
schner Spa, so auf einmal, ohne nur Abschied von unsern Freunden und
Mdchen am Land zu nehmen, wieder auf und davon und drauen
herumrackern; _nai my bonny child_, hier sind auch noch Leute, die ihre
Stimme dabei abzugeben wnschen, wenn sie auch nur eben den
hundertzwanzigsten Theil bekommen von dem Fang und das Ganze mit ihrem
Schwei und Mark bezahlen sollen.

Am Ende will er gar noch heut Abend fort, sagte Jonas leise; nachher
wren wir aber die Angefhrten.

Nein, das nicht, beruhigte ihn der Schotte; ich habe gehrt, da er
sich das Irische Boot bestellt hat, gegen Sonnenuntergang mit an Land zu
fahren, und dann kommt er immer vor vier Glasen[16] nicht wieder zurck;
aber auf morgen Frh hat er's abgesehen. Er frug uns ja auch, als wir
von Land zurckkamen, ob sie Holz an Bord gebracht htten. Bah, so viel
fr deine Berechnungen, -- und er schnalzte hchst selbstzufrieden mit
den Fingern.

Jonas hatte indessen seine Arbeit oben beendet und mute hinunter, wohin
ihm der Schotte bald nachher folgte; als sich aber die Sonne mehr und
mehr dem Horizonte nherte, wurde auch das Boot des ersten Harpuniers,
der vorher einen seiner Mannschaft nach oben zum Ausschauen geschickt
hatte, niedergelassen, und Legs, der in den Besahnwanten etwas
auszubessern hatte, sah mit Erstaunen, da unter einer Matte, auf dem
Boden des Bootes, als sie durch die Einsteigenden zurckgeschoben wurde,
Waffen versteckt waren. Er hatte -- beschwren htt' er's wollen, -- ein
paar Gewehrlufe darunter vorblitzen sehen? was zum Teufel war da wieder
im Wind?

Der Koch, die Abendmahlzeit noch vor Dunkelwerden am Deck beenden zu
knnen, und nicht gezwungen zu sein, in das dumpfige Logis
hinabzusteigen, war inde in der Cambse emsig beschftigt gewesen Thee
zu kochen und Bananen und Brotfrucht zu braten, die mit dem kalten
Fleisch von Mittag her keine ble Schiffskost abgaben. Nachdem er vorher
bei dem jetzt commandirenden zweiten Harpunier die Erlaubni eingeholt,
rief sein gellender, wohlbekannter Ruf bald darauf die Leute smmtlich
nach vorn unter die Back, wo auf der Steuerbordseite des Schiffes die
riesige kupferne Theekanne qualmte und der sonst in breiter hlzerner
Mulde prsentirte harte Schiffszwieback jetzt fast vollkommen durch die
nahrhafte, in Scheiben geschnittene und gerstete Brotfrucht verdrngt
war.

Der Schotte setzte sich auch mit hin auf Deck und schenkte sich seinen
Thee in den breiten, niederen Blechbecher, der den Inhalt einer
gewhnlichen Theekanne htte mit Bequemlichkeit fassen knnen, vermite
dann aber sein Messer und stieg in den Raum hinunter, wo er es heute
Morgen gebraucht und wahrscheinlich vergessen. Jonas indessen sa noch
nicht und hatte ein kleines Fa mit seiner Wsche zu der groen Luke
gezogen, nahm die Hemden einzeln heraus, rang sie aus und legte sie auf
das um den Vormast gehende Nagelbret.

Komm her, Jonas, rief ihn Legs an, hat den ganzen Tag nichts gethan
und jetzt, nun der Thee an Deck steht, fllt's ihm auf einmal ein, da
er Hemden in der Brh hat. Die Bananen werden kalt und schmecken nachher
schlecht.

Sie werden nachher gar nicht schmecken, lachte Pfeife mit seiner
hchsten Stimme, denn ich glaube wir werden damit eher fertig, wie er
mit seinen Hemden.

Glaub's, wenn man sie euch vorstellte, brummte Jonas, mit einem halb
verschluckten Fluch; aber der Koch hat noch mehr.

Hallo! rief Pfeife aufspringend, da will ich mir gleich noch eine
holen! und er kam mit seinem Blechteller zur Cambse, den Versuch
wenigstens zu machen.

Sieh einmal das Wetter, das herauf kommt, rief ihm hier der Koch zu,
der in der niederen Thr stand und mit dem Arm nach Osten hinber
deutete; zum Teufel das sieht schwarz aus, und sollte mich gar nicht
wundern, wenn da eine tchtige Mtze Wind drein stke. Jedenfalls gibts
Regen und wir thun besser die Luken zuzulegen; macht, da ihr mit eurem
Essen da vorn fertig werdet.

Der zweite Harpunier hatte indessen mit dem Fernrohr auf dem Quarterdeck
gestanden, und unverwandt nach der niedrig auslaufenden Landspitze
geschaut, hinter der das Boot vorher verschwunden war.

Mac Kringo stieg in diesem Augenblick die Luke herauf und als der Koch
auch gerade zusprang, nahmen sie die beiden genau passenden und
schlieenden Lukendeckel, an den in den gegenberliegenden Ecken
angebrachten eisernen Ringen und hoben sie in die Falze.

Koch! rief des Harpuniers Stimme in diesem Augenblicke von dem
Quarterdeck aus.

Ay, ay, Sir!

Rasch dein Essen wieder fort und in die Cambse -- _all hands on
deck_[17] -- groe und Vormarsraae auf -- rasch mit euch, meine Jungen,
werft die Falle los! -- Nun, was steht ihr da, wie verhagelt? die
Marsraaen auf, und schnell, oder ich mache euch Beine!

Halloh, was ist nun los? rief aber Legs, der eben einen Teller voll
glcklich erbeuteter heier Bananen in Sicherheit bringen wollte und
jetzt nicht wute, wohin damit, was soll das heien? Es blieb ihm aber
nicht lange Zeit zur Besinnung, die Befehle folgten zu rasch
nacheinander, und whrend unter dem Singen und Schreien der Mannschaft
die schweren Raaen an ihren Ketten in die Hhe klirrten, schob und
schleppte der Koch rasch das Abendbrot der Leute bei Seite und jetzt
vorn in das Logis hinunter, damit er die Sachen nur einmal vor der Hand
aus dem Wege bekme.

An die Winde mit euch, rasch da vorn und ein Bischen lebhaft! rief
jetzt der Officier, der nach vorn und mitten zwischen die Leute gekommen
war, von denen sich die meisten noch gar nicht von ihrer ersten
berraschung erholen konnten, denn es fing ihnen jetzt wirklich an klar
zu werden, da sie ohne Weiteres in See hinaus und die Insel verlassen
sollten; munter, meine Jungen, munter! rief der Harpunier, dabei auf
die Back springend, die Leute besser bersehen zu knnen, her mit
eurem Pumpgeschirr, und nun lat uns einmal sehn, wie rasch ihr den
Anker herauf bekommen knnt. Wetter, Jungen, es sind nur fnfundzwanzig
Faden Kette aus, mit denen mt ihr ja nur so weglaufen knnen.

Den Teufel, Douglas! flsterte Jonas, in Todesangst an den Schotten
hintretend, diesem in's Ohr, hast du's gethan? -- und jetzt sollen wir
in See, das wre eine schne Geschichte.

Hallo, da ihr Beiden! rief in diesem Augenblick, und ehe noch der
Schotte etwas erwidern konnte, der Officier, dessen Adlerblick die
beiden Miggnger dort schon entdeckt hatte. Hier Douglas -- herauf
mit dir, mein Mann, und lse das groe Marssegel, und du, Jonas, auf die
Vormarsraae; marsch mit euch, und nachher die Bramsegel auch frei, und
du Bill, hinaus mit dir, und mach den groen Clver los. Auf mit dem
Anker, auf meine Jungen! -- _Oh joli men hoy!_

Widerspruch gegen die gegebenen Befehle war nicht mglich, obgleich fast
alle Matrosen erstaunt mit den Kpfen schttelten und sich diese bald
abdrehten, um zu sehen, ob ihr Capitain noch nicht bald an Bord kme,
ohne den sie doch unmglich in See gehen konnten. Einmal war es fast,
als ob Mac Kringo zgere, und er machte sogar eine Bewegung nach dem
Harpunier zu, aber er besann sich in demselben Momente, als dieser ihm
ein paar Kernflche ber seine Sumigkeit entgegendonnerte, und lief
jetzt rasch die Wanten hinauf nach oben, den gegebenen Befehl zu
erfllen und die Segel zu lsen, die sie vielleicht bald Alle dem
Verderben entgegenfhren wrden. Gestehen =durfte= er ja nicht was er
gethan, er wre gebrandmarkt gewesen auf Lebenszeit, wenn man ihm
wirklich das Leben geschenkt htte, und die Kameraden --

Ei, zum Teufel! zischte er dabei zwischen den zusammengebissenen
Zhnen durch; krche ich jetzt zu Kreuz, die Schufte lieen keinen
guten Faden an mir, so lang sie mich htten. Ich hab's nicht
meinethalben allein gethan, so mgen's die Anderen auch mit ausbaden.

Die Ankerkette rasselte indessen, mit den raschen Schlgen des eisernen
Pumpgeschirrs, schnell an Deck, der Anker hing schon und das Schiff
trieb mit der ausgehenden Ebbe der Mndung der Bai zu.

Boot ahoy! rief da Einer der Leute an der Winde aus, der eben ber die
Monkeyrailing das rasch anrudernde Boot erkennen konnte, und der
Harpunier drehte sich, das Teleskop, das er noch in der Hand hielt,
darauf richtend, schnell danach um.

Flink, meine Jungen, flink! rief er dabei; hier hat's Eile -- Larbord
Seite da, Einer von euch, werft die Brassen los -- Koch! rasch dahinten,
die Brassen von den Ngeln -- Starbordseite groe und Fockbrassen --
_belay that anchor_[18] -- so, genug! -- Marsbrassen -- so, genug! und
nun die Bramsegelschoten aus -- so, genug! So, nun auf mit dem Anker,
unter die Klsen mit ihm, so rasch ihr laufen knnt. -- _Oh, joly men
hoy!_

Der Schotte, der die Bramsegel gelst hatte, kam jetzt rasch an den
Wanten herunter, als ihn der Harpunier sah.

Hallo, da oben, Sir -- da du einmal gerade unterwegs bist, wirf den
Royal[19] los -- heda -- hast du's gehrt, Bursche? hinauf mit dir, oder
ich werde dir Beine machen. Wenn ich keinen von den Jungen gleich bei
der Hand habe, wird es deinen faulen Knochen wohl auch nichts schaden,
einmal nach oben zu gehen. -- Alle Wetter, da sind sie -- das war Zeit,
da wir fortkommen, unterbrach er sich rasch, als pltzlich eine
frmliche kleine Flotte von Canoes um die Landspitze bog. Die
Aufmerksamkeit der Leute wurde aber rasch von dieser ab an Bord ihres
eigenen Schiffes gelenkt, wo jetzt das vom Land zurckkehrende Boot, um
das sie sich bis daher gar nicht hatten kmmern knnen, langseit legte,
und im nchsten Augenblick, seinen Leuten voran, Capitain Silwitch an
Bord sprang.


4.

Toanonga hatte an dem Nachmittag noch recht herzlich ber den wilden,
tollkpfigen Pagalangi gelacht, der da, aus irgend einem Land
hergeregnet, gleich geglaubt, er knne so ohne weiteres die Tochter
eines ersten Huptlings, aus dem Blut der Hau's oder ersten Knige auf
seine Arme packen und in die weite See damit hinein fahren, wohin es ihm
gerade beliebe.

Guter Bursch, sagt er dabei auf seine gemthliche Weise hin, sehr
guter Bursch; hat mir die ganze Tasche voll Sachen gebracht, und blieb'
er hier bei uns, und _Tai manavachi_ wre nicht da, und Hua wollte ihn
-- und er htte noch mehr solche Sachen, und brchte alles Das, was er
versprochen, wer wei, ob nicht dann der Pagalangi und Hua doch Mann
und Frau geworden wren.

Der alte Huptling, still vor sich hinschmunzelnd, erging sich noch in
einer Menge anderer Mglichkeiten, inde er sich zugleich auf sehr
angenehme Weise mit dem Sortiren der verschiedenen Arten Knpfe und
Ngel beschftigte, als ein Bote, einer seiner jungen Leute, von einem
anderen Theil der Kste herberkam und die Ankunft vieler Kriegscanoes,
wahrscheinlich den jungen Huptling _Tai manavachi_ fhrend, meldete,
der jetzt komme, seine Braut heimzufhren. Kommt gerade recht,
murmelte der alte Mann zufrieden vor sich hin; tollkpfiger Pagalangi
htte am Ende noch dumme Streiche gemacht, und Hua ist nirgends besser
aufgehoben, wie bei ihrem Mann -- aber was ist das? unterbrach er sich
dann selbst, als ein Boot von dem drauen in der Bai liegenden Schiff ab
nach der nchsten Landspitze, wo gar keine Wohnungen lagen, hinber
hielt. Was wollen die Fremden da drben, wo Hua nur Abends mit ihren
Frauen hinbergeht? -- Hm, hm, hm, wird sie noch einmal sprechen und
fragen und gewinnen wollen -- ja, zu spt, _cowtangata_, zu spt -- wenn
sie dich mchte, htte sie lange Ja gesagt.

Eine Zeitlang blieb er so sinnend stehen und schien gewissermaen zu
erwarten, da das Boot, wie jedes anderemal nach seinem gewhnlichen und
ihm eigentlich auch vorgezeichneten Landungsplatz herber halte, von wo
der Capitain des Wallfischfngers dann gewhnlich allein nach der andern
kleinen Bai hinber gegangen war. Da das aber heute Abend
augenscheinlich nicht in der Absicht der Fremden lag, und Toanonga sich
dadurch gewissermaen, er wute selber eigentlich nicht recht warum,
beunruhigt fhlte, beschlo er selber dort hinber zu gehen, und zu
gleicher Zeit seiner Tochter die Ankunft ihres Brutigams zu melden.

Mit einiger Beschwerde erhob er sich von seiner Matte, auf der er vorher
jedoch sorgfltig seine Schtze in ein Stck braungefrbtes und
gedrucktes Gnatu[20] eingeschlagen hatte, die er nun vor allen Dingen in
seiner Htte in Sicherheit brachte. Dann winkte er den beiden Burschen,
ihm zu folgen, und mit diesen langsam ein kleines Dickicht von
Fruchtbumen durchschreitend, das den Hang des Hgels nach dieser Seite
zu bedeckte, stieg er die leise Abdachung hinan, die von ihrem Gipfel
aus einen berblick nach der Nachbarbai, mit ihrem stillen Wasser und
wehenden Palmen gewhrte.

Hierher kam Hua jeden Abend mit mehreren ihrer Gespielinnen sich zu
baden und auf der klaren Fluth, ber den aufzweigenden Corallen hin in
ihrem Canoe zu schaukeln. Silwitch hatte ihr da oft Gesellschaft
geleistet und selige Stunden mit ihr vertrumt, whrend das Mdchen mit
ihm plauderte und lachte, ihm die Legenden und Mrchen ihres Volkes
erzhlte und ihn neckte und seiner spottete, ihm aber nie eine Freiheit
gegen sich selber gestattete. Nie durfte er auch nur den Arm um sie
legen, oder sie gar kssen, und zehnmal war er in bitterem, verzehrendem
Unmuth fest entschlossen gewesen, nie wiederzukehren und die gefhrliche
Nhe der so schnen wie sprden Maid auf immer zu fliehen, aber das
herzliche, lchelnde _chio do fa[21]!_ mit dem sie ihm beim Abschied
jedesmal die Hand unaufgefordert reichte, zwang ihn auch wieder zurck
in ihre Nhe, bis er zuletzt nicht einmal mehr den Gedanken fassen
konnte, sie zu fliehen.

Auch heute hatte sie sich, noch nicht von der Ankunft des Geliebten
benachrichtigt, hierher zurckgezogen, und sein Canoe mute auch in der
That diese Bai passiren, wenn er Toanonga's Wohnort erreichen wollte, da
auf der andern Seite der Insel ein breiter Corallendamm das Umschiffen
derselben im Binnenwasser unmglich machte. Die Mdchen saen zusammen
im Schatten eines breitstigen Toabaumes, dem einzigen auf dem kleinen,
hier absichtlich von Unterholz befreiten Raum, ihr Haar mit
wohlriechendem Cocosnul zu salben, als das Wallfischboot des Fremden
um die Spitze der Bai scho und die Mdchen erschreckt aufspringen
machte; nur Hua blieb ruhig sitzen und sagte lachend:

Was frchtet ihr euch, tolle Dirnen, habt ihr den Pagalangi noch nie
gesehen mit seinem Boot, und sieht er zu windwrts von der Landspitze da
drauen anders aus als zu leewrts? Er wird uns sein Lebewohl sagen
wollen, denn die fremden Mnner sind alle auf das Schiff zurckgefahren,
und den ganzen Tag schon in den Seilen herumgeklettert. Er hat unsere
besten Wnsche fr sein Wohl -- wir =frchten= ihn nicht!

Aber was suchen die Fremden =hier=? rief eines der Mdchen, schchtern
zu ihrem Sitz zurckkehrend; komm, Hua, wir wollen in den Wald gehen,
bis sie vorbeigerudert sind -- siehst du, sie wollen landen.

La sie, Mdchen, sagte des Huptlings Tochter verchtlich; wenn wir
sie hier nicht lnger dulden wollen, schickt sie Hua wieder in See.

_Chio do fa, Hua, chio do fa!_ rief in dem Augenblick die lachende
Stimme des jungen Capitains zu ihnen herber; wartest du hier auf mich,
Maid, zur rechten Stunde? ich komme, ich komme.

Nicht auf dich, Pagalangi, sagte das Mdchen ruhig, sich halb von ihm
abwendend; dieser Platz ist mein Eigenthum, und wer ihn betritt, kommt
zu =mir=.

Und sollen wir hier unser Haus bauen in spterer Zeit? flsterte der
junge Mann, nher zu ihr hintretend und die Hand ausstreckend, die
ihrige zu ergreifen.

Wir? wiederholte die Jungfrau erstaunt.

Zgert nicht lnger wie nthig ist, _Captain dear_! rief aber in
diesem Augenblick der Mate oder Harpunier warnend, ich habe da oben auf
dem Hgel eine Gestalt gesehen und die Canoes, die wir von Deck aus
sahen, knnten auch bald hier sein, wenn sie beabsichtigt htten, hier
herzulaufen.

Es ist wahr, George, rief der Capitain zurck, ich habe berdies
schon zuviel Zeit verloren, und sich rasch zu der Geliebten drehend,
sagte er schmeichelnd:

Komm mit mir, Hua -- da drauen liegt mein Schiff, in wenigen Minuten
setzen wir die Segel und frisch und frhlich ziehen wir hinaus in die
freie, offene See -- meine Seele hngt an dir, Mdchen, und ich kann
nicht ohne dich leben.

Zurck, Pagalangi, rief aber Hua, zum erstenmal vielleicht erschreckt,
als er dreister auf sie zutrat und seinen Arm um sie zu legen suchte;
zurck, _taima tangata_ -- eines Huptlings Tochter ist fr dich zu
gut; such' dir ein Weib unter den Dirnen des Landes.

Meinest du, Herz? rief der junge Mann jetzt, dem Zorn und beleidigte
Eitelkeit das Blut in die Wangen jagte, dann will ich doch sehen, ob du
an Bord dieselbe Sprache hast! und mit raschem Sprung die Strubende
umfassend, ehe sie selbst im Stande war um Hilfe zu rufen, hob er sie
vom Boden auf, und floh mit ihr dem vielleicht hundert Schritte davon
entfernten Boote zu.

Hilfe! Hilfe! schrie jetzt das arme Mdchen, die erst in dem Entsetzen
der Gefahr, als sie das Boot vor sich sah und ihr Schicksal ahnte, die
Sprache wieder fand. Hilfe, Toanonga, zu Hilfe -- zu Hilfe deinem
Kinde!

Sie hren dich nicht, Liebchen, lachte aber der junge kecke Seemann,
seine se Last nur schneller dem Ziele zufhrend; dein Ruf dringt zu
spt an ihr Ohr.

Habt Acht, Capitain! rief aber in dem Augenblick der Harpunier, der
mit dem Steuerriemen in der Hand hinten im Boot gestanden, den Befehl
zum Abstoen zu geben, so rasch ihre Beute geborgen sei, und der jetzt
zwei junge Burschen aus den nchsten Bschen herausbrechen und dem
Mdchenruber folgen sah; habt Acht, sie sind hinter euch! Silwitch
hatte aber, an keine Verfolgung denkend, nur Auge und Ohr fr sein
erobertes Glck, und der junge, riesige Ire, die Gefahr von dem Haupt
des Capitains abzuwenden, flog unbewaffnet wie er war, mit einem Satz so
nahe er konnte, an Land, in die klare und hier seichte Fluth hinein,
unbekmmert, ob sie hier einem ungleichen Kampf entgegengingen, warfen
sich auch die beiden jungen Indianer auf den Capitain, ihres Huptlings
Tochter aus seinem Griff zu retten. Der Ire aber zwischen den Capitain
und seine Verfolger springend, ergriff den ersten beim Arm und
schleuderte ihn wie ein Kind zur Seite, whrend er den Zweiten,
strkeren der einen Schlag nach ihm fhren wollte, mit sicher gezieltem
und gebtem Sto so derb zwischen die Augen traf, da er betubt und
regungslos zu Boden schlug.

Nun fort! rief er jetzt und stie, in das Wasser springend, das Boot,
in das der Capitain seine Beute schon hineingehoben, ab von den
Corallen, und sich nachschwingend, whrend zwei der Leute das Mdchen
hielten, und die andern den Capitain zu sich herein zogen, setzte er
rasch und dringend hinzu: an eure Riemen, meine Bursche, an eure
Riemen, fr euer Leben, denn beim Teufel, dort kommt die ganze
Canoeflotte hinter der Landspitze vor -- an eure Pltze und vorwrts!
der Capitain wird die Dirne schon festhalten und du, Patrick, kannst ihr
indessen ein wenig die Fe zusammenbinden, da sie nicht doch noch ber
Bord springt; erst aber ein Tuch ber den Mund, da sie das verdammte
Schreien lt. Und nun ein mit euren Rudern, und brecht sie, wenn ihr
knnt!

Das elastische Holz bog sich unter den krftigen Zgen der, ein
jubelndes Hurrah ausstoenden Matrosen, denn die kecke Entfhrung hatte
ihre ganze Sympathie, und das scharfgebaute Boot scho schumend durch
die Wellen, dem nicht so gar weit davon ankernden Schiff zu. Die
Fahrzeuge der Eingebornen dagegen, sieben vollbemannte und wunderlich
geschmckte Kriegscanoes, die allerdings noch zu weit entfernt waren,
den Hilferuf zu hren, konnten doch schon auf dem Corallensand des
Strandes die hin und her laufenden dunklen Gestalten erkennen. Wenn sie
deshalb auch vielleicht anfnglich die Absicht gehabt htten, nher am
Land zu bleiben, wo die ihnen hier gnstige Strmung auch die strkste
war, so schien das fremde Boot diesen Plan gendert zu haben. Sie
hielten nun vor allen Dingen gerade auf die ziemlich in ihrem Cours,
aber ihnen gegenber liegende Landspitze zu, wo sie die dunkle Gestalt
eines Eingebornen entdecken konnten, von welcher sie jedenfalls Auskunft
ber das etwas verdchtige Benehmen des Bootes zu erhalten hofften.

Die Gestalt am Ufer war aber Niemand anderer als Toanonga selber, und
nach einigen rasch gewechselten Worten mit dem ersten, festlich
geschmckten, aber mit wohl zwanzig Kriegern bemannten stattlichen Canoe
gab dieser den ihm folgenden Fahrzeugen durch schrill gerufene Laute
irgend einen Befehl, und quer hinber schneidend ber die Bai, wo ihnen
jetzt das die Segel setzende Schiff der Pagalangis in Sicht kam, suchten
sie augenscheinlich diesem die Bahn abzugewinnen.

Anker klar, da vorn! rief die helle, frhliche Stimme des Capitains
ber Deck, als er kaum die Wanten seines Fahrzeugs erfate und die
Railing bersprungen hatte.

Alles klar, Sir! lautete der bestimmte Ruf des Harpuniers zurck.

Her zu mir denn, mein Herz! jubelte er, als er die Arme ausstreckte,
das ihm heraufgereichte und sich wild strubende Mdchen in Empfang zu
nehmen; her zu mir, mein Herz, und nun hab' ich und halt' ich dich, und
_Tai manavachi_ mu rasche Canoes und tapfere Krieger haben, wenn er
dich wiederholen und aus meinen Armen reien will.

Bind mich los, _tangata foi_! rief aber das schne Mdchen, als ihr
das Tuch abgenommen war, das bis dahin ihren Mund bedeckt, in wildem
Zorn: bind' mich los und [**gehrt vor "bind'"!]gib mich frei, falscher,
verrtherischer Pagalangi, der du, wie der Dieb in der Nacht, dich in
meines Vaters Haus geschlichen. Hotuas Fluch ber dich und dein Schiff!
Bind' mich los!

Da du mir ber Bord sprngst und den ganzen Spa verdrbest, lachte
der junge Mann. Nein Herz, du bist jetzt vielleicht bs auf mich, aber
das wird sich schon geben; ich bin nicht so schlimm, wie du mich machst,
und wir werden hoffentlich noch recht gute Freunde werden. Jetzt aber,
wildes Tubchen, mu ich dich auf kurze Zeit hinunter und aus dem Weg
tragen, setzte er rasch hinzu, als ihn ein Blick berzeugt hatte, wie
die Canoes einen nheren, ihnen wohl genau bekannten Canal durch die
Riffe annahmen, den Lauf des Schiffes abzuschneiden, das die breite
Ausfahrt halten mute. Wenn er auch ihren Angriff nicht zu frchten
brauchte, denn selbst vor Anker htte er sich die Canoes abhalten
knnen, wollte er doch, so lange das anging, jedes Blutvergieen, wie
jede weitere Feindseligkeit vermeiden. So denn die geraubte Braut, die
sich vergebens seinem Griff zu entwinden suchte, in die Arme fassend,
trug er sie in die Cajte hinunter, deren Thre er rasch hinter ihr
abschlo.

Keine Zeit war es jetzt fr ihn, die Zrnende zu besnftigen, das Schiff
trieb mit dem schumenden Corallendamme mehr und mehr entgegen, und
nher und nher kamen die Canoes dem Feinde.

Die Commando's am Bord den Steuernden zuzurufen, erforderten jetzt die
ganze Aufmerksamkeit der Mannschaft, die an den Brassen, jeder an seinem
Posten, stand, etwa gegebene Befehle zu anderer Stellung der Segel so
rasch als mglich auszufhren, whrend der Capitain selber vorn von der
Back aus, durch zwischen ihm und dem Steuernden aufgestellte
Harpuniere, den Lauf des Fahrzeugs mit seiner Stimme lenkte. Die _Lucy
Walker_ war brigens ein treffliches Seeboot und gehorchte dem Steuer
rasch; so umschifften sie denn auch, mit der jetzt immer frischer
einsetzenden Brise, die so scharf von Osten herberkam, da sie in eine
B auszuarten drohte, die gefhrlichen Klippen, die ihnen rechts und
links schumende Brandungswellen herberrollten und jetzt, von keiner
Gefahr weiter bedroht, und gerade, als die Sonne in dem noch klaren
Westen verschwand und die von gegenber aufsteigenden Wetterwolken mit
ihrem rosigsten Lichte bergo, breitete sich die freie, offene See vor
ihnen aus.

Freie Bahn! rief da der junge Capitain in lustigstem bermuth, seinen
Hut gegen die noch immer unverdrossen heranschumenden Canoes
schwenkend, inde der Bug seines eigenen Fahrzeugs, die Segel von der
frisch und stark aufkommenden Brise geblht, durch die krystallene Fluth
scho und die klaren Wellen zu beiden Borden spritzend abwarf. -- Freie
Bahn! und nun auf Wiedersehn, vielleicht fr nchstes Jahr. Armer _Tai
manavachi_! setzte er dann lchelnd hinzu, als er noch einen Blick auf
die Canoes warf, ehe er von der Back hinunter sprang, wenn du wirklich
da drin bist, thust du mir wahrhaftig leid, so, nur wenige Minuten, die
Zeit, versumt zu haben. Httest du nicht so lange Siesta gehalten,
vielleicht lge die Braut jetzt in deinen Armen, statt in meiner Cajte.
Zu spt nun deine Anstrengungen, mein Tapferer, zieh deine Ruder ein,
tollkpfiger Bursch, oder das Wetter da drben schneidet dir auch zum
Land zurck die Strae ab?

Nun, meinetwegen, setzte er nach einer kleinen Pause hinzu, whrenddem
er zu seinem Erstaunen sah, wie die Canoes wirklich die Passage in
offener See forcirten und dem drohenden Himmel und der trostlosen
Aussicht auf Erfolg zum Trotz die Verfolgung noch nicht aufgegeben zu
haben schienen, wenn ihr's nicht besser haben wollt, so kann mir's
recht sein; Nebenbuhler sind berdies gefhrliche Gesellen, und an Deck
hinunterspringend und die jetzt zurckbleibenden Canoes keines Blickes
weiter wrdigend, ging er wieder nach aft (hinten), dort die nthigen
Befehle zu geben, einen Theil der Segel wieder zu bergen und fr ein
doch mgliches Unwetter, das in diesen Breiten oft einen furchtbaren
Charakter annehmen kann, wenigstens vorbereitet zu sein.

Die _Lucy Walker_ lie die Insel, jetzt vor dem Wind laufend, rasch
hinter sich, und vor ihnen war an dem, im Abendschein klar
abgeschnittenen Horizont kein Land mehr sichtbar.


5.

Zum Teufel noch einmal, Legs, sagte Pfeife mit seiner feinen,
quitschigen Stimme, als die eine Wacht ins Logis beordert war, rasch ihr
Abendbrot einzunehmen, um an Deck bereit zu sein, wenn das Wetter die
ganze Mannschaft oben verlangte, indem er an seinen indessen kalt
gewordenen Bananen kaute, das riecht mir schon seit einer Weile so
verdammt brandig hier unten -- hast du noch Nichts gemerkt?

Mir ist's auch schon so vorgekommen, rief der Schotte jetzt rasch, der
in tdlicher Ungeduld wie auf Kohlen gestanden und nur nicht gewagt
hatte, selber das erste Wort darber zu sagen. Wre er sich seines
Verbrechens nicht bewut gewesen, wrde er gar nicht daran gedacht
haben, in der ersten Entdeckung ein Zeichen zur Anklage zu finden; wei
der Henker, wo's herkommt, aber es riecht versengt und wir lassen Spunt
lieber einmal nachsehen.

Wo? frug =Spunt=, wie der Bttcher auf Wallfischfngern gewhnlich
genannt wird.

Nun, hier unten in den Ecken, oder wenn da nichts ist, unter Deck,
sagte Douglas ausweichend.

Na, hier werdet Ihr doch wohl auch selber die Nasen in die unteren
Koyen bringen knnen, knurrte der Bttcher, der eben an einer hchst
wohlschmeckenden Schweinsrippe kaute, Spunt -- immer nur Spunt; Spunt
mu bei Allem dabei sein und damit seid Ihr gleich fertig.

Alle an Deck! schrie da die gellende Stimme des Harpuniers, der
zugleich mit einer aufgegriffenen Handspake auf die Logisluke schlug,
seinen Worten greren Nachdruck zu geben; Alle an Deck da unten und
reefen[22], herauf mit Euch, herauf!

Mr. Mate! rief der Schotte jetzt, der zuerst die kleine schmale Leiter
heraufsprang, whrend Legs und Pfeife indessen noch berall in den Ecken
herumvisitirten und rochen, dem unverkennbar brandigen Duft auf die Spur
zu kommen, da unten --

Reefen! schrie ihn aber der Harpunier an, nicht gewohnt, irgend eine
Einrede zu gestatten; Reefen, hast du's gehrt, tauber Schotte? -- nach
oben, wohin du gehrst, oder ich =bring= dich hinauf mein Bursche!

Da unten riechts --

Will er das Maul halten und gehorchen, wenn ich ihm etwas sage? rief
aber der rauhe Geselle, die hingeworfene Handspeiche in zorniger
Drohung wieder aufgreifend.

=Feuer= ist irgendwo unten! knurrte aber der Schotte fest
entschlossen, sich diesmal nicht einschchtern zu lassen und das
Hauptwort gleich vorrckend, den Officier ber die Wichtigkeit der
Einrede nicht in Zweifel zu lassen; es riecht brandig und mu irgendwo
brennen, und wenn =ihr's= wollt brennen lassen, kann's mir recht sein.
Und damit, als ob er Alles gethan, was von ihm konnte verlangt werden,
sprang er auf die Railing und lief, die Wanten fassend, an diesen
hinauf, den gegebenen Befehl auszufhren.

Wo brennt's? rief der Harpunier aber rasch, die Handspake
niederwerfend, dem jetzt ebenfalls heraufkommenden Pfeife an; was ist
da wieder los? -- was habt ihr da unten wieder angerichtet?

Wir? schrie Pfeife, den Officier erstaunt ansehend; angerichtet?
Unser angerichtetes Essen haben wir unten stehen lassen, um schnell
herauf zu kommen.

Der schottische Dickkopf da oben sprach von Feuer, rief der Harpunier
nach oben sehend; na, komm du mir nur wieder herunter!

Ja, brandig riecht's unten, bettigte dies aber ebenfalls der Matrose,
und Spunt hat's jetzt auch herausbekommen und schniffelt in allen Koyen
herum.

Er soll nachher einmal unter Deck nachsehn, sagte der Harpunier;
jetzt rasch nach oben, _boys_, legt euch aus, da wir die Segel klein
bekommen, und zu dem Clverfall springend, warf er dieses selbst los,
da der schwere, lange Clver in seinem Stag niederschnurrte, nachher
bei mehr Mue auf dem Clverbaum festgeschnrt zu werden.

Bis jetzt wehte nur noch erst eine steife Brise, die aber, wie schon
gesagt, leicht in einem Sturm ausarten konnte, und Capitain Silwitch
wollte sein Schiff keiner unnthigen Gefahr aussetzen. Durch die
dichtgereeften Segel wurde aber auch ein Fortgang gehemmt, und wenn sie
auch noch rasch genug durchs Wasser liefen, die ihnen trotzdem
hartnckig folgenden Canoes, behielten sie doch, so lange nmlich die
jetzt rasch einsetzende Nacht nicht ihren Schleier ber das schumende
Meer warf, deutlich von Deck aus in Sicht.

Der Harpunier hatte indessen ber dem ihm gemeldeten brandigen Geruch
die seine ganze Thtigkeit in Anspruch nehmende Beschftigung des
Segelreefens vergessen, und Capitain Silwitch, der bis dahin an Deck
geblieben war, das aufsteigende Wetter und dessen Strke abzuwarten,
wollte sich eben vor einem, in diesem Augenblick beginnenden tchtigen
Schauer froh vielleicht, einen Vorwand zu haben -- in die Cajte
hinabziehn, als Spunt nach dem Quarterdeck hinter kam und mit
abgezogener Mtze seinem Officier meldete, der Feuergeruch wrde
strker, und es wre nthig, da sie unten nachshen.

Was gibt's? rief Capitain Silwitch, schon auf der Cajtstreppe und
noch mit dem Kopf ber die Seitenrailing derselben schauend; was will
der Mann, Sir?

Die Leute wollen vorn einen brandigen Geruch bemerkt haben, rapporte
der Harpunier, Spunt mag wohl einmal nach unten gehen und nachsehen?

Einen brandigen Geruch? -- wo? rief der Capitain, rasch wieder an Deck
springend, denn mit Feuer an Bord eines Schiffes ist nicht zu spaen.
_Damn it_, mir ist's auch schon vorher einmal so vorgekommen. Reit
die Luken auf, Bttcher, rasch, und seht nach; das httet Ihr schon
lange thun knnen.

Der Bttcher ging schnell zurck, von wo er gekommen, den Befehl
auszufhren, als ihm auch schon der Ruf von mehreren Stimmen Feuer!
Feuer! entgegen schallte, unter dem Luckendeckel hervor hatte Lemon,
von oben herunter kommend, den feinen blauen Rauch herausquellen sehen,
und als er zusprang, mit Spunt zusammen die eine Hlfte des Deckels
abzuheben, schlug ihnen der dicke, schwere Qualm in furchtbarer
Wirklichkeit entgegen.

Feuer! gellte der Angstschrei der Leute ber Deck, Feuer! Boote
nieder -- Boote in See -- wir sind verloren!

Teufel! schrie der Capitain, in grimmer Wuth das Deck stampfend;
Teufel -- und gerade jetzt; so, hinunter Einer von euch, und seht, ob
noch zu lschen ist -- heda, Bttcher -- Zimmermann!

Die Leute schienen aber alle den Kopf dermaen verloren zu haben, da
sie gar nicht wuten, wo angreifen, wo helfen, und nur der Schotte, dem
laut lamentirenden Jonas einen Sto in die Rippen gebend, sprang zum
Rand der Luke, und suchte, mit den Fen unten nach den Einschnitten an
der mittleren Sttze fhlend, in den Rauch hinein seine Bahn. Aber auch
er mute es aufgeben, und den einen Arm emporwerfend, streckte er
diesen, schon halb betubt von dem Rauch, nach Hilfe aus, und wurde
rasch wieder an Deck gezogen, whrend der Capitain und Harpunier jetzt
den Luckendeckel wieder zuwarfen, das Feuer, vielleicht in dem
furchtbaren selbsterzeugten Qualm zu ersticken.

Was da unten brannte, und wie das Feuer ausgekommen, war etwas, dem sie
jetzt auch nicht einmal eine Vermuthung gnnen konnten.

Wasser und Provisionen herbei! rief die Stentorstimme des Capitains
ber Deck durch den Lrm; jede Bootsmannschaft ihr Boot so schnell als
mglich verproviantirt und an Lanzen noch hinein was ihr habt. -- Hier
Mr. Fergusen, wandte er sich dann rasch an den ersten Harpunier, sie
besorgen die Instrumente in ihr Boot, Sextant, Compa und Chronometer --
haben sie nach dem Barometer gesehen, wie er steht?

Er ist wieder gestiegen.

Desto besser, ein Sturm jetzt und wir wren verloren.

Und glauben Sie nicht, da wir das Schiff noch retten knnen? frug der
Harpunier, selbst mit wenig Hoffnung im Ton.

=Wie?= entgegnete der Capitain eintnig, ich begreife nicht, da es so
lange unentdeckt bleiben konnte -- frher wre Hilfe vielleicht mglich
gewesen, was sollen wir =jetzt= thun?

Wenn man nur wenigstens wte, =was= brennt, sagte der Harpunier.

Das Schlimmste, was brennen kann, erwiederte der Capitain, der seine
Kaltbltigkeit wieder gewonnen, das l, haben sie das nicht an dem
Qualm gesehen?

Dann sind wir verloren! rief der Harpunier.

Wir? -- das Schiff. -- Mit den Booten knnen wir leicht eine andere
Insel erreichen.

Aber die Canoes hinter uns, -- htten wir nur die verdammte Dirne an
Land gelassen.

Teufel, an die Canoes htt' ich gar nicht mehr gedacht.

Wenn wir jetzt unsern Cours nderten, rief der Harpunier rasch, es
ist dunkel und in kurzer Zeit --

Wird die Flamme lichterloh hier am Deck emporleuchten -- unsere einzige
Hoffnung ist, ihnen vorher mit den Booten aus dem Wege zu kommen. So,
rasch hinein -- mit dem Seitenwind laufen wir dann ein Stck nach Norden
hinauf und sind morgen Frh hoffentlich, wenn die Sonne aufgeht, aus
Sicht.

Die Mannschaft hatte indessen in wilder Hast Alles herbeigeschleppt, was
an Provisionen aus der ihnen geffneten und von dem Feuer noch nicht
angegriffenen Proviantkammer zu erreichen war. Die kleinen, berdies
immer bereiteten Wasserfsser fr jedes Boot waren gefllt und standen
am Deck, jeden Augenblick hinuntergelassen zu werden, da man die oben in
der Schwebe hngenden Boote, Unglck zu verhten, nicht so schwer
beladen durfte, ehe sie auf dem Wasser ruhten.

Der zweite Harpunier war inde beordert, Munition und Gewehre aus der
vordern Cajte herbeizuschaffen, die Leute zu bewaffnen, und Capitain
Silwitch sprang jetzt selber in seine Cajte hinunter, die Gefangene
herauf zu holen, ehe sich das Feuer dorthinein etwa die Bahn gebrochen
htte.

Vor allen Dingen seine Papiere und Geld zu sich steckend, fr alle Flle
gerstet zu sein, trat er zu Hua, die noch gebunden und regungslos in
dem Sopha lehnte, auf das er sie gelegt.

Mdchen, herauf mit dir! rief er ihr zu, nach ihren Armen fhlend,
ihre Banden zu lsen. Das Schiff brennt und wir mssen flchten.

Hotuas Fluch hat dich getroffen, lachte aber die Jungfrau zornig auf,
seiner Rache bist du verfallen. Schon seit ich in deiner Macht bin,
hab' ich den grimmen Feind gewittert, der in den Eingeweiden deines
Schiffes whlt -- er ist von Minute zu Minute mchtiger geworden und da
drinnen kannst du das frhliche Knistern hren, wie er sich die Bahn
grbt ins Freie. Du bist verloren und der Sturm drauen lt dir die
Wahl jetzt zwischen Feuer und Wasser -- zu verderben, wohin du dich
wendest.

Noch nicht, mein Herz, lachte aber der Seemann in fester, trotziger
Entschlossenheit, so lange jene Canoes drauen in solchem Wetter leben
knnen, brauchen wir auch in einem tchtigen, regelrechten Boot nicht
viel zu frchten.

Canoes? -- was fr Canoes? frug Hua rasch aufhorchend.

Es ist gut, mein Schatz, sagte der Seemann ausweichend, den das Wort
schon gereute, das er gesprochen; euere Fischercanoes mein' ich. Und
nun komm! und ihre Banden mit einem Messer durchschneidend, fhrte er
das Mdchen, die ihm jetzt willig folgte, an Deck hinauf. Der Rauch
unten verstattete ihnen schon kaum noch das Athmen, whrend rasch die
Nacht einbrach und ihren dunklen Schleier ber das Meer legte.

Der erste Harpunier hatte inde die Mannschaft in ihre verschiedenen
Boote gewiesen, whrend er das eigene fr sich und seine Leute wie fr
den Capitain mit seiner Gefangenen freibehielt, auch die Instrumente und
einen Theil der Waffen da hineinstaute. Die brigen sollten flott
werden, so rasch sie knnten. An der Starbordseite hatte sich schon die
Flamme durch das dnne Deck die Bahn gebrochen, und einmal nur erst ein
wirkliches Luftloch fr die Gluth geffnet, und jeden Augenblick konnte
dann das ganze Schiff in Flammen stehn. Die Boote blieben jetzt ihre
einzige Rettung.

Als sie das Deck erreichten, schaute Hua rasch und sphend umher, und
horchte in peinlicher Angst in die Nacht hinaus, aber nichts lie sich
weder erkennen noch hren und ihr nchster Blick, mit kalter
Entschlossenheit nur einen Erfolg zur Flucht, sei diese so verzweifelt
wie sie wolle, berechnend, musterte die Mannschaft der verschiedenen
Boote erst und fiel dann auf das wild erregte Meer. Tief aufseufzend hob
sich da ihre Brust, als sie das Trostlose eines jeden solchen Versuchs
fhlte, und schaudernd wandte sie sich ab von dem Manne, der sie Allem
entrissen, was ihr lieb und theuer war auf der Welt, und der sie jetzt
umfate, sie wieder in das Boot zu heben, dem einen Element vertrauend,
was das andere entfesselt bedrohte.

Ihr Fu zgerte auch, als sie das Deck verlassen sollte; zog sie den Tod
nicht solchem Leben vor? -- Aber =die Canoes=? -- das eine Wort, so
unbestimmt und vague, hatte neue Hoffnungen in ihr geweckt. Wurden sie
verfolgt, so lag Rettung im Bereich der Mglichkeit, denn ihre
Landsleute sind berhmt selbst unter den khnen Nachbargruppen im Bau
trefflicher Canoes, mit denen sie hunderte von Meilen weit die See
befahren und nicht selten sogar Strmen trotzen.

Komm, komm, mein Tubchen, mahnte sie aber der Englnder, ihr Struben
fhlend, du kennst die Gefahr nicht, der wir hier mit jeder Secunde
zgern ausgesetzt sind; an ein verwnschtes Fa Pulver unter Deck hab'
ich bis jetzt noch gar nicht gedacht -- ber Bord Leute, ber Bord in
euere Boote, wenn euch euer Leben lieb ist! und das Mdchen auffassend,
schwang er sich in demselben Moment ber die Railing, als das Boot, von
beiden Krahnen gesenkt, niederfiel auf das Wasser und noch von dem rasch
die Fluth durchschneidenden Schiff den nachstrzenden Wellen immer
wieder entfhrt wurde.

Lemon behauptete inde das Ruder in all seiner sauertpfigen
Hartnckigkeit, denn das Schiff mute die Bahn halten, bis smmtliche
Boote frei waren. Eine Handspeiche neben sich, die er zuletzt in's Rad
stecken wollte, es auf seiner Stelle zu halten, wenn er seinen Posten
verlassen mute, stand er mit unerschtterter Ruhe den jetzt aus mehren
Stellen an Deck brechenden Krater unter sich beobachtend und anscheinend
vollkommen gleichgiltig, da Alle das Schiff verlieen und ihn allein
auf dem brennenden Sarg zurcklieen. Rechts und links glitten schon
die glcklich niedergelassenen Boote, mit ihren Segeln gesetzt, ab von
dem seinem Geschick verfallenen Schiff, und nur noch das eigene hing
unter den Krahnen.

Eine helle Flammensule stieg in diesem Augenblick mit blendendem Strahl
hoch auf in die Nacht; ein Theil des Decks war eingestrzt und die Gluth
brach lodernd hinaus in's Freie.

Nieder mit euch, nieder! schrie des Capitains Stimme ber das Wasser,
der mit dem eigenen Boot dicht im Fahrwasser seines Schiffes folgte;
nieder, oder ihr seid verloren!

Der Schotte und Pfeife standen an den Tauen, vierten, auf den jetzt
rasch gegebenen Befehl des Harpuniers, das Boot nieder, langseits dem
Schiff und sprangen dann rasch hinein, Jonas und der ihm aus einem
andern Boote beigegebene Legs mit Spunt, dem Bttcher, reichten ihnen
die schon bereit liegenden kleinen Fsser mit Wasser und Proviant nach,
und ihnen mit dem Harpunier folgend, war Lemon der letzte Mann an Bord.

Komm von Bord, Sir! rief sein Officier, schnell! um dein Leben!

Werdet doch wohl warten, bis ich komme? knurrte der sauertpfische
Gast in voller Ruhe, und die Handspeiche einschiebend und ein dort
liegendes Fall darumschlagend, da sie nicht wieder herausrutschen
konnte, blieb er noch einen Moment stehen, das Deck kopfschttelnd zu
berschauen und stieg dann rasch an der Seite nieder, von halbwegs ab
auf eine der _thwarts_ oder Bootbnke springend. Das Boot hatte inde
seine Segel schon gesetzt, lste das Springtau und kam frei, und allein
fort scho der brennende Kolo, wie ein angeschossener Eber seine wilde
unbewute Bahn, die Todeswunde im Herzen, da er nicht mehr entfliehen
konnte in toller, blindstrmender Wuth.

Habt Acht auf eure Segel! rief ihnen der Capitain zu, der mit seinem
rascheren Boot gerade an ihnen vorberscho, whrend die jetzt
vollkommen ausgebrochene Gluth am Bord der armen _Lucy Walker_ einen
hellen Schein ber das Wasser warf und alle Gegenstnde deutlich
erkennen lie; das obere Fall da hat sich umgeschlagen.

Wirf es herber, Jonas! rief der Harpunier, der den Steuerriemen in
der Hand hielt, wirf es herber, Mann, aber rasch, denn das Segel fat
jetzt den Wind nicht genug, und wenn uns die nchste Welle erwischt,
fllen wir -- Pest und Tod -- werft einen Theil der Ladung ber Bord,
wir gehen ja fast bis an den Rand im Wasser und sind verloren, wenn uns
eine einzige Welle berwscht.

Jonas, berhaupt etwas ngstlicher Natur, und mit dem bsen Gewissen,
Mitwisser der That zu sein, die sie Alle jetzt in Todesgefahr gebracht,
stand zitternd von seinem Sitz auf, dem Befehl Folge zu leisten, whrend
Andere noch unschlssig zwischen den eingestauten Sachen whlten, was
sie hinauswerfen sollten.

Rasch, Leute, rasch, _damn it_, ihr steht da, als ob euch der Compa
gebrochen wre; fat zu!

Ein schriller, jubelnder Schrei gellte in diesem Augenblick in so
furchtbarer Wildheit ber das Wasser, da sich die Leute erschreckt
danach wandten, und Jonas das schon gefate Tau seiner Hand wieder
entgleiten lie.

Teufel! fluchte der Harpunier, die Wilden! und in demselben Moment
fast antwortete von dem vor ihnen dahinschieenden Boot des Capitains
aus ein lauter, weit schallender Hilferuf Huas, dem herausfordernden
Schlachtschrei ihrer Landsleute.

Wahr' dein Segel, Mann, wahr' dein Segel! kreischte der Harpunier, als
dieses, durch das verworfene Tau eingepret, den Wind nicht fate und zu
flappen anfing.

Eure Riemen, Boys, eure Riemen! gellte die entsetzte Stimme des
Harpuniers, als die ihnen folgende Welle drohend hinter ihnen
dreinstrmte. Die Leute griffen auch fast mechanisch nach den Rudern --
aber zu spt; hoch ber ihnen stand die glserne, von dem jetzt
helllodernden Schiff noch grell beleuchtete See -- wenige Secunden fast
war es, als ob sie in der Luft, ber der sicher gefaten Beute hing und
jetzt ein gellender Aufschrei und die Mannschaft des geschwemmten,
berladenen Bootes, rang mit der schumenden Fluth.


6.

Durch die tanzenden Wogen, ber die leuchtende quillende Fluth schossen
die dunklen Canoes der Eingebornen, die Mattensegel geschwellt, heran,
und im Bug des vordersten stand eine hohe, edle Gestalt mit wehendem
Haar und Hftentuch, die weite See mit dem Adlerblick berfliegend, wo
ihn die strzende Woge auf ihren Kamm hob und in jagender Schnelle
voranri.

Es war der junge Huptling _Tai manavachi_, der dem Tod selbst trotzend,
seine kleine Flotte dem frechen Ruber in Nacht und Wetter nachfhrte
und verzweifelnd schon die trostlose Jagd hatte aufgeben wollen, als
der Feuerschein des fremden Schiffes jubelnd von ihm entdeckt wurde.
Auch auf den andern Canoes hatten sie schnell die Wahrheit des Unfalls
ihrer Feinde begriffen, und der gellende Jubelruf, der Schlachtenschrei
ihres Stammes, mit dem sie ihre Lanzen und Speere fester packten, war
es, der das Blut des sonst wahrlich unerschrockenen jungen Englnders in
den Adern gerinnen machte.

Hua aber hatte in jauchzender Seeligkeit die Nhe der Freunde gehrt,
und wenn auch der antwortende Schrei zu schwach war, gegen den Wind an
die Retter zu erreichen, wute sie doch nun, da die Ihren, den Wogen
trotzend, mit khnem Muth ihren Spuren gefolgt waren, und die einzelnen
Boote ihnen jetzt gar nicht mehr entgehen konnten.

Ruhig, mein Tubchen, ruhig! warnte sie aber drohend der neben ihr
stehende Capitain; die Nacht ist dunkel und deine Stimme dringt doch
nicht zu ihnen hinber, aber auch der Gefahr wollen wir uns nicht
aussetzen und -- ich mchte dir kein Leides thun -- aber wirst du noch
einmal laut, so mu ich dich wieder binden und knebeln, so weh mir das
selber thte.

Hua blickte wild und trotzig zu ihm empor, aber sie war auch schlau
genug, nicht nutzlos den Zorn Derer zu reizen, in deren Gewalt sie sich
noch befand, und kauerte von jetzt an still und schweigend im Boot,
aber ihre Blicke forschten, die Sehkraft bis zum Schmerze angestrengt,
in die Nacht hinaus, die Freunde zu entdecken.

Ein blendendes Licht breitete sich in dem Augenblicke ber die See, und
als sie rasch die Blicke dem brennenden Schiffe zuwandten, sahen sie
einen hellen Strahl von seinem Deck emporschieen und ein dumpfer Krach
verkndete die Explosion des Pulvers. Das Fchen hatte aber zu hoch
unter Deck gelegen, dem Rumpf des Schiffes weiteren Schaden zu thun, als
das Deck oben zu sprengen und den Besahnmast zu splittern, der jetzt in
lichten Flammen einen Moment zur Seite schwankte, und dann schwerfllig
und tausend und tausend Funken emporwerfend, ber Bord in See schlug.

Mein armes Schiff! seufzte der Capitain und blickte traurig herber,
da traf ein anderer Ton sein Ohr und ein Schu! rief fast die ganze
Bootsmannschaft wie aus einem Munde.

Ein Schu! -- Ein Schiff war in der Nhe, das ihre Noth erkannt, und
das Signal gab zur Rettung -- ein Schu, und von Gefahr umringt, zeigte
sich Hilfe. Der Schall kam aber vom Sden herauf, und sie muten ihren
Cours jetzt ndern, die Boote deshalb zusammenrufend -- das Sinken des
einen war in der Erregung des Augenblicks von den andern gar nicht
bemerkt -- legten sie rasch ber den andern Bug, schrg von den Wellen
abschneidend und konnten der Richtung, die ihnen jetzt ein zweiter und
dann bald darauf folgender dritter Signalschu angab, genau folgen.
Einmal an Bord und die Canoes, denen sie bis dahin zu entgehen hofften,
waren ihnen nicht mehr gefhrlich.

_Tai manavachi_ kam inde mit geblhten Segeln und sieben vollbemannten
groen Kriegscanoes durch die Wellen schumend an; ein Brautzug hatte es
werden sollen und war eine Jagd geworden auf den Ruber seines
Theuersten, was er auf dieser Welt kannte, und wie die jetzt schon sehr
gemigte, aber doch noch immer frische Brise mit den flatternden,
wehenden Zierrathen am Bug der schlanken, wunderlich geschnitzten
Fahrzeuge schlug und spielte, standen die wilden, trotzigen,
kriegerischen Gestalten, hinaus in die Nacht sphend, am Bord, die
geflchteten Boote zu erkennen und zu verfolgen.

Ein Hilferuf traf ihr Ohr, neben ihnen im Wasser schrie sie ein
Schwimmender an um Rettung, und treibende Ruder und Sitze verriethen
ihnen rasch genug das Schicksal wenigstens eines der Boote. Einen
ngstlich suchenden Blick warf der junge Huptling umher -- wenn gerade
dies Boot -- doch nein, sein Herz zog ihn weiter, und nur dem nchsten
Canoe ein paar Worte zurufend, das rasch zur Seite scho und seinen Bug
gegen die nchsten Wellen anwarf, hier zu halten und die Verunglckten
aufzunehmen, verfolgten die Rcher unaufgehalten ihre Bahn.

Da drhnte auch zu ihnen der Krach des explodirenden Pulvers herber,
aber mehr als das, der helle, blitzhnliche Strahl verrieth ihnen die
wei leuchtenden Segel der Flchtigen, und als gleich darauf die fernen
Kanonenschlge irgend eines zufllig in die Nhe gekommenen Fahrzeugs an
ihr Ohr schlugen, zuckte ein triumphirendes Lcheln ber das Antlitz des
jungen wilden Kriegers. Er kannte die Lage der Feinde, und da sie jetzt
hinberhalten =mten=, dem Schiffe zu, wo sich ihnen allein noch
Rettung bot. Dorthin aber war er im Stande ihnen den Weg abzuschneiden
und wute sie jetzt in seiner Macht.

Capitain Silwitch hatte sich indessen wohl gescheut, den hellen
Wasserstreifen zu durchfahren, den das jetzt bis in die Masten hinauf
brennende Fahrzeug zwischen sich und seinen Verfolgern lie, aber er
durfte auch keine Zeit versumen, denn der Feind mute gewaltig
schnelle und tchtige Canoes haben, da er es nur gewagt hatte, ihnen
bis hier heraus zu folgen. So, auf ihre eigenen guten Boote vertrauend,
hielten sie gerade nach Sden hinunter und einmal wieder weit genug von
dem hellen Schein entfernt, hofften sie auch in der Dunkelheit der Nacht
dem Feinde entgehen zu knnen.

Ein neuer Signalschu des fremden Fahrzeugs, dessen Capitain den Booten
die Stellung seines Schiffes zu zeigen wnschte, tnte schon um vieles
nher, und Capitain Silwitch htte jetzt gern ein Gewehr abgefeuert, dem
ziemlich unter dem Wind befindlichen Fremden die Richtung anzudeuten, in
der sie sich selbst befanden, mute er nicht zugleich frchten, dadurch
auch den vielleicht nhergekommenen Verfolgern die Stelle zu verrathen.

Sein Boot, das grte Segel fhrend, war das erste, die andern
vielleicht in zwei- und dreihundert Schritt Entfernung folgend, und
Einer der Bootssteuerer war vorn in dem Bug postirt, scharf
auszuschauen, ob er nicht vielleicht doch gegen den etwas helleren
Horizont das jetzt keinesfalls so weit mehr entfernte Schiff entdecken
knne.

Hallo, Capitain! rief dieser pltzlich, da vorn sah ich eben etwas
Dunkles, als sich das Boot auf der Welle hob, es sah aus wie ein Boot.

Hab' Acht, wenn es wiederkommt, lautete die Antwort. Die nchste Woge,
jetzt nicht mehr durch den Wind gepeitscht, aber noch immer in schwerer
Dmmung, kam hinter ihnen drein, und rechts und links von dem Boot ihren
zischenden, glhenden Schaum ausgieend, hob sie das schlanke Fahrzeug
auf ihren Nacken ber die nchsten Wellen. Ehe aber nur der Mann eine
weitere Meldung machen konnte, schallte ein gellender Jubelruf, schrill
und furchtbar an ihr Ohr, und:

Hierher, hierher, Tangata Tonga! jauchzte die emporspringende Maid den
Rettern entgegen. -- Hierher zu Hilfe! und die Arme emporschlagend,
wollte sie sich eben in die schumende See werfen, als Silwitch seinen
linken Arm um sie schlang und die sich wild gegen ihn Strubende
festhielt und zu sich zog. Aber _Tai manavachi_ hatte den Ruf gehrt und
erkannt, und whrend die Europer in wilder Hast ihre Waffen aufgriffen
und der Bug des Bootes, wie selber ein lebendiges Wesen, vor der Nhe
des Feindes zurckscheuchend abfiel von seinem Cours, scho auch das
mchtige dunkle Canoe heran, und zwanzig drohende Gestalten, unter denen
her jetzt die andern Canoes preten und ihren antwortenden Jubelruf
durch die Luft sandten, streckten die Arme aus, die Larbordseite des
eingeholten Bootes zu fassen und zu halten. Durch die zerrissenen Wolken
trat in diesem Augenblick die bleiche Mondessichel und warf ihr fahles
silbernes Licht auf die wogende See.

Ergib dich, Pagalangi, ergieb dich! schrie da der junge Huptling, der
die Gestalt der Geliebten in dessen Arm sich winden sah; ergieb dich,
denn ihr seid in meiner Hand!

Zurck! oder Hua ist eine Leiche! donnerte ihm aber des Weien Ruf
entgegen, der sein Messer aus der Scheide ri und es ber dem Mdchen
zuckte -- er sah doch, da hier Widerstand vergebens war, und wollte das
letzte Mittel versuchen, sich und die Seinen vor Gefangenschaft oder Tod
zu retten, dachte aber gar nicht daran, der armen, durch ihn verrathenen
Maid ein Leides zu thun, und flsterte ihr rasch und beruhigend in's
Ohr:

Frchte dich nicht, Hua -- dieser Arm sollte eher verdorren, ehe er
=dich= trfe; und wenn sie mich tdteten, ich htte keine Waffe fr
dich!

=Frchten?= rief aber die Jungfrau, wild und zornig ihm in's Auge
schauend; frchten? sto zu, Pagalangi, wenn du Muth hast, aber du bist
verloren. Hierher, _Tai manavachi_! schrie sie dann in trotziger
Khnheit nach dem Geliebten hinber; hier ist der Ruber deiner Braut
-- triff ihn sicher und kehre dich nicht an mich!

Hua, Hua! rief aber der junge Huptling, den Arm bittend und schtzend
gegen sie ausstreckend; gib sie frei, Fremder, wirf das Messer von dir
und deine Boote mgen ungehindert von mir jenes Schiff suchen --
schdige ihr aber nur eine Locke ihres Hauptes, und zerreien will ich
dich auf langsamem Feuer!

Du sicherst mir unser Leben und unsere Freiheit? rief der Europer.

Ich geb' dir mein Wort! rief der Huptling stolz, whrend die beiden
Fahrzeuge jetzt rasch und schumend neben einander hinschossen und die
Matrosen ihre freilich von Seewasser durchnten Musketen und die
gefhrlicheren Wallfischlanzen aufgegriffen hatten, dem grimmen Feind im
Nothfall trotzig die Stirn zu bieten.

So geh', Hua! sagte Silwitch traurig, sie freigebend aus seinen Armen;
geh' und vergi den Fremden, der dir weh that, weil er dich so
unendlich liebte.

Hua erwiderte keine Silbe, aber ihr Fu stand auf dem Rand des Bootes
und als der Bug des jetzt dicht an sie hinanschieenden Canoes rasch
vorberglitt, sprang sie mit khnem Satz hinber und in die Arme ihres
aufjauchzenden Geliebten.

Fast ber ihren Kpfen hin drhnte in dem Augenblick der schmetternde
Schlag eines Kanonenschusses und als sie berrascht emporschauten, war
das fremde Schiff, dem das brennende Fahrzeug als Mark gedient, so nahe
an sie herangekommen, da das Canoe selbst seinen Bug herumwerfen mute,
nicht berfahren zu werden.

Teufel! schrie Silwitch, ingrimmig mit dem Fue stampfend, so dicht
am Ziel und doch zu spt! Aber in die Nacht hinein, rasch und pltzlich
wie sie gekommen, verschwanden die Canoes. Hhnisch noch schlug ihr
gellender Triumphschrei an sein Ohr, und Hua war auf immer fr ihn
verloren.

Das fremde Schiff, ein Bremer Wallfischfnger, brate seine Segel back,
als es die gesuchten Boote so dicht unter seinem Bug sah, Taue wurden
bergeworfen, die Mannschaft aufzuholen und die Schiffbrchigen sahen
sich bald Alle an sicherem Bord. Nur ein Boot fehlte noch; auf und ab
kreuzte das Schiff, von Zeit zu Zeit noch einen Schu feuernd nach dem
vermiten Boot -- umsonst. Bis Tagesanbruch hielt es auf der Stelle,
und als die Sonne sich ber den Horizont hob, wurden die Tops bemannt,
von oben aus vielleicht etwas zu ersphen -- es lie sich Nichts
erkennen. Nur in blauer Ferne lag das Land, kein Boot, kein Segel war
weiter am Horizont zu sehen und mit scharfangebraten Segeln, dicht am
Wind, hielt das deutsche Schiff mit der geborgenen Mannschaft der _Lucy
Walker_ nach Norden auf, den Sandwichs-Inseln zu.

Funoten:

[1] Die Muntere.

[2] Die sdseelndische Kastanie, _tuscarpus edulis_, ist ein
stattlicher, mchtiger Baum mit immer grnen Blttern und der Kastanie
hnlichen, doch stachellosen Frchten, aber das Eigenthmliche an ihm
ist der Stamm, der etwa zehn oder zwlf Fu hoch aufsteigt, ehe er
auszweigt, und bis zum 7. oder 8. Jahre ziemlich glatt bleibt, dann sich
aber auf eine hchst wunderbare Weise vergrert. An vier, fnf und mehr
Stellen desselben, von oben nach unten, von der Wurzel bis zum Stamme
laufend, erhebt sich die Rinde und wchst -- der Baum behlt seine
Strke und diese Streifen heben sich mehr und mehr, bis sie zuletzt
frmlicher, mit grauer Rinde bedeckten, nicht selten ganz regelmigen
Planken gleichen, die, nur wenige Zoll stark, oft zwei, drei, ja vier
Fu breit, wie die Schaufeln eines Rades vom Baume abstehen. Je lter
der Baum dabei wird, desto knorriger wird er, durch kranke Flecke ziehen
sich diese bretartigen Auswchse hie und da zusammen und er sieht dann
allem Andern hnlicher, als einem Baum.

[3] _Me_, die Brotfrucht.

[4] Tangaloa ist einer ihrer Hauptgtter, der die Tonga-Inseln beim
Fischen mit einem Haken aus dem Meere gezogen haben soll.

[5] _Mea fanna fonnua_, auch Kanone, wrtlich eine Waffe, die gegen das
Land schiet.

[6] Fremder.

[7] Januar.

[8] Englnder oder berhaupt Weier.

[9] Freund.

[10] Citrone.

[11] Der Wallfischspeck

[12] Die Jahreszeit des Fischfangs, also volle Jahre.

[13] Die Raanocke, das uerste Ende der Raaen oder Querbalken, an denen
die Segel befestigt sind. Auf der See werden bei etwa stattfindenden
Executionen die Verurtheilten daran aufgezogen.

[14] Essen.

[15] Ruder.

[16] Die Zeiteintheilung an Bord eines Schiffes geschieht nach Glasen,
von den frheren Sandglsern so genannt. Jede Wacht von vier Stunden hat
acht Glasen; diese zu bezeichnen, wird jede halbe Stunde, bis die Wacht
aus ist, einmal mehr mit dem Klppel an die Glocke geschlagen, so da,
von zwlf Uhr z. B. an gerechnet, halb ein Uhr einmal angeschlagen wird,
um ein Uhr zweimal, halb zwei Uhr dreimal, um zwei Uhr viermal u. s. f.
bis vier Uhr, was man durch acht Schlge oder Glasen angiebt. Ein
viertel auf Fnf beginnt dann wieder mit =einem= Schlag, da vier Glasen
Abends also zehn Uhr bedeuten wrde.

[17] Die ganze Mannschaft an Deck.

[18] Haltet mit dem Anker.

[19] Royal oder Oberbramsegel, das oberste leichte Segel.

[20] Eine zu Zeug verarbeitete und von der Rinde des chinesischen
Maulbeerbaumes bereitete und gedruckte Masse. Ungedruckt hat sie den
Namen Tapa.

[21] Der Gru und Abschied der Tonga-Inseln.

[22] Segel verkrzen.




Die Bootsmannschaft.


1.

Nur =einen= Theil der Mannschaft lie das wackere Schiff zurck, denn
wie vorher erwhnt, schlug auf der Flucht eines der Wallfischboote um,
und die Indianer nahmen die Meisten der Schwimmenden in das fr sie
zurckgelassene Canoe.

Den Morgen trotzend, blieb das schlanke Fahrzeug an der Stelle halten,
wo es die ersten Opfer des Wracks getroffen, und der phosphorisirende
Schaum der zngelnden Wellen half ihnen getreulich die dunklen, in
Wasser schwimmenden Gestalten zu erkennen, so da sechs Verunglckte
nach und nach ihrem nassen Grab entrissen wurden.

Wohl kreuzten sie noch eine Weile dort auf und ab, zu sehen, ob noch ein
Anderer ihre Hlfe in Anspruch nehmen wrde. -- Aber Alles blieb stumm
und still auf der kochenden Fluth. Der schrille Ruf einer
aufgescheuchten Mwe tnte hier und da durch die Dunkelheit, oder der
Schaum zischte in dem schweren Niederschlagen eines sich berstrzenden
Wogenkammes -- sonst war Alles ruhig wie das Grab.

Da drhnte der Signalschu des fremden Schiffes durch die Nacht, dem der
hhnende Jubelruf der Tonga-Insulaner antwortete, und dorthin schwang im
Nu der Bug des flchtigen Canoes, die Freunde einzuholen und sich ihnen
wieder anzuschlieen.

Den Gefangenen befahl inde ein federgeschmckter dunkler Krieger, sich
mitten in das Boot zu legen, und wenn sie seine Worte auch nicht
verstanden, lie ihnen doch die drohende Geberde und gehobene Waffe
keinen Zweifel ber seine Absicht. An Widerstand war berhaupt nicht zu
denken, und so gehorchten sie denn schweigend dem Befehl.

Das Fahrzeug war allerdings eines jener gerumigen, auerordentlich
langen und trefflich gebauten Kriegscanoes; glcklicher Weise aber nicht
fr den Krieg, sondern nur fr die Brautfahrt, mit vielleicht halber
Mannschaft besetzt, so da sie ohne Gefahr fr sich selber die
Schiffbrchigen -- und jetzt Gefangenen -- aufnehmen konnten. Nichts
desto weniger muten sich diese vollkommen ruhig verhalten und lagen,
auf dem Boden des Canoes lang ausgestreckt, eng und gedrckt genug,
immer Zwei neben einander.

Der Wind heulte mit erneuter Wuth ber die aufgeregte See; die Blitze
zuckten, und der Donner prasselte in wilden jhen Schlgen schallend
drein, whrend das schlanke Fahrzeug mit vollgeblhtem Segel mit den
Wogen bumte und sank, und gar nicht selten zngelnde Spritzwellen ber
Bord nahm.

Jonas, der eine der Geretteten, fhlte dabei wohl, da er eng genug
zusammen gepret einen seiner Kameraden neben sich hatte, war aber noch
nicht im Stande gewesen, heraus zu bekommen, wer das sei, und auch bis
zu diesem Augenblicke viel zu sehr mit sich selber beschftigt gewesen,
besondere Nachforschung zu halten. Jetzt aber verrieth ihm ein
auergewhnlich greller und langanhaltender Blitz das Gesicht seines
Nebenmannes, und er erkannte den kleinen Legs.

Legs lag, seine kurzen, etwas gebogenen Beine fest angezogen, auf dem
Rcken, schlo die Augen und schien mit auf der Brust gefalteten Hnden
vollstndig sich in sein Schicksal zu ergeben.

Legs, flsterte da Jonas, der neben ihm auf dem Bauch lag, und sich
nur mit einiger Schwierigkeit nach ihm herumdrehen konnte, Legs bist du
das?

Ich wollte, ich wr's nicht, sthnte der arme Teufel, ohne jedoch die
Augen dabei zu ffnen -- das ist eine schne Lage hier fr einen
ordentlichen Christen, wo einem das verdammte Seewasser am Nacken hinein
und am ganzen Rcken hinunter luft -- das halbe Boot mu voll sein.

Das sei Gott geklagt, sthnte Jonas, ich kann den Mund schon kaum
ber Wasser halten, und habe mir den Hals beinah abgedreht. Wenn ich nur
wenigstens auch auf den Rcken lge, wie du -- so wie ich mich aber
rhre, hauen mir vielleicht die verwnschten braunen Bestien Eins ber.
Prchtige Gelegenheit fr einen Menschen hier, als Ballast fr die
wilden Hallunken im Boot zu liegen!

Jedenfalls wollen sie uns erst einweichen, sthnte Legs in wahrhaft
stoischem Gleichmuth, um uns nachher eher gar zu bekommen.

Die Teufel wren's im Stande, uns auch noch zu braten, seufzte Jonas,
und wenn ich das gewi wte, htt' ich groe Lust, das ganze Ding hier
umzuwerfen und uns alle mit einander auszuschtten. Eben so gern oder
noch lieber von einem verdammten Haifisch auf einmal verschluckt, wie
von solch einer nichtswrdigen Rothhaut stckweis gerstet zu werden.

Und daran ist nur der vermaledeite Capitain schuld, brummte Legs, der
das Mdchen -- Heiland was fr ein Donner! -- der das Mdchen htte da
lassen sollen, wo sie der liebe Gott hingesetzt. Jetzt haben wir die
Geschichte -- den Teufel zu zahlen und kein Pech hei, und Legs wird
wieder, wie gewhnlich, die Suppe ausessen mssen, die Andere fr ihn
eingebrockt.

Na, brummte Jonas, =du= sitzest dieses Mal nicht allein an der
Schssel, und wenn -- der Satz wurde auf gewaltsame Weise unterbrochen,
denn das Boot stieg in dem Augenblicke mit dem Bug auf die Spitze einer
Woge, und das zurckschieende, darin befindliche Seewasser fllte den
geffneten Mund des armen Teufels dermaen, da er durch Sprudeln und
Spucken kaum wieder Luft und Athem bekommen konnte.

Seine Lage wurde jetzt auch so unertrglich, ja, gefhrlich, da das
Canoe reichlich Wasser eingenommen hatte, da er sich gewaltsam begann
umzudrehen und Legs dadurch erbarmungslos gegen die Seitenwand drckte.
Legs brigens, keineswegs in der Stimmung, sich das Mindeste gefallen
zu lassen, fluchte laut und wurde nur zum Schweigen gebracht, als er die
drohend ber sich gebeugte Gestalt eines der Wilden erblickte. Beim
Leuchten eines Blitzes erkannte er aber den dunkeln Feind, wie den, mit
der Waffe oder einem Ruder gehobenen Arm, und kniff mit einem kurzen
Stoseufzer beide Augen fest zusammen.

Die Gefangenen konnten jetzt hren, da sich ihr Fahrzeug wieder der
kleinen Canoeflotte angeschlossen hatte, und dadurch gewannen sie
wenigstens =einen= Vortheil. Die Indianer nmlich wandten nun ihre
Aufmerksamkeit wieder dem eigenen Boote zu und begannen das
bergeschlagene Wasser auszuschpfen -- nicht etwa aus Mitleid fr die am
Boden liegenden Weien, sondern nur um ihr Canoe zu erleichtern und in
dem Wettlauf, der Insel zu, nicht zurckzubleiben.

Die Lage der auf dem Boden des Canoes ausgestreckten Gefangenen war
dadurch um ein Wesentliches verbessert, und wenn die zrnenden Elemente
ihre Herzen auch noch mit banger Furcht erfllten, schienen sie doch
wenigstens fr den Augenblick der Gefahr enthoben zu sein, selbst in dem
Boote zu ertrinken. Das war aber auch fr jetzt der ganze Vortheil, den
sie davon hatten, denn mitten im Sturme und Ungewitter schossen die
Boote dahin, und Jonas, der einmal den Kopf hob, zu sehen, wo sie
eigentlich wren, begriff gar nicht, wie ihre Sieger in der
stockfinstern Nacht nur berhaupt einen Cours halten konnten. --
Verfehlten sie aber das Land -- ein Fleckchen Erde von wenigen
Quadrat-Meilen in dem weiten Ocean -- und hielten sie jetzt hinaus in
die offene See, was sollte dann zuletzt aus ihnen werden?

So schumten sie in toller Flucht durch die aufgerttelten Wogen. Der
Sturm hatte schon ausgetobt, und nur noch mattleuchtende Blitze am
nordwestlichen Himmel verriethen, welche Bahn er genommen; die See ging
aber nichts desto weniger noch hohl, und es erforderte die ganze
Geschicklichkeit und Kaltbltigkeit der Insulaner, ihre Fahrzeuge flott
und unbeschdigt zu halten.

Die englischen Matrosen hatten dabei keine Ahnung, in welcher Richtung
das Land lag, welche Richtung sie selber steuerten. Das vordere Canoe
schien jedoch dieselbe anzugeben, und ein in kurzen Zwischenrumen dort
ausgestoener und langgezogener Schrei -- der wie ein Weheruf ber die
Fluth schallte -- hielt die verschiedenen Canoes zusammen. So viel
entging ihnen aber nicht, da der Wind ihnen nur wenig gnstig sei, denn
das Mattensegel war scharf angebrat und die zu windwrts
berschlagenden Wellen verriethen ebenfalls, da sie so dicht wie
mglich am Winde lgen, gegen die hohe See also schwerlich raschen
Fortgang machen wrden.

Stunde nach Stunde verging auch, und noch war ihnen keine Nacht im Leben
so lang vorgekommen wie diese, die gar kein Ende nehmen wollte. Da
pltzlich hallte ein wilder, jubelnder Ton ber das Wasser, und als
Jonas erstaunt den Kopf hob und danach aushorchte, herrschte in dem
Augenblicke Todtenstille rings umher. Ihm selber aber war es, als ob er
in der Ferne und zwar gerade voraus die Brandung hren knne, wie sie
sich tosend ber den Riffen dieser Inseln bricht; und als ob auch die
Indianer diesem willkommenen Laute -- dem Zeichen des nahen Landes --
gelauscht, so brach jetzt donnernd ihr Jubelruf durch die Nacht.

Doch nicht allein der Brandung jauchzten sie entgegen, noch ein anderes,
willkommneres Zeichen hatten sie erblickt, und zwar einen rothen
Feuerschein, der mit seinem flackernden Licht zu ihnen herber glhte.
Das war das Zeichen des befreundeten Stammes auf Monui, der das Feuer
auf einer der vorragendsten Bergkuppen entzndet und unterhalten hatte,
den khnen Schiffern als Leitstern zu dienen.

Auf dem vorderen Boot hatten sie es zuerst entdeckt, und in froher Lust
stimmten die Huptlinge, die sich im ersten Boot mit ihrem jungen Fhrer
_Tai manavachi_ befanden, den Siegesgesang ihrer Heimat an.

Kaum aber trug die Brise die geliebte Weise zu den anderen Canoes
hinber, als diese jauchzend einfielen und der donnernde Chor das
rauschende Brechen der Wogen selber bertubte.

Im Osten dmmerte dabei der Tag -- immer breiter, immer lichter wurde
der Streifen, und nur kurze Zeit noch verflo, bis sie die dstern
Umrisse des nicht mehr so fernen Landes deutlich vor ihrem Bug erkennen
konnten.

Legs, so theilnahmlos er sich bis jetzt gegen alles gezeigt, was ihn
umgab, hatte doch nicht umhin gekonnt, mit dem dmmernden Tag einen
Ausguck zu halten. Kaum drehte er aber den Kopf herum, als er auch schon
die zackigen Umrisse der nicht mehr fernen Kste am Horizont erkannte,
und wieder in seine alte Lage zurckfallend, brummte er halb laut vor
sich hin:

Na ja -- da sind wir wieder. Die rothen Canaillen mssen Nasen wie die
Sprhunde haben, da sie in der Nacht ihren Cours halten konnten -- und
jetzt freue dich, Benjamin, und steh bei den Fallen, denn ich will ein
Landlubber sein, wenn ich nicht schon das Feuer rieche, an dem wir
geschmort werden sollen. -- Jonas! -- he, Jonas! -- schlfst du!

Schlafen? knurrte der Angeredete, da soll einer auch schlafen, wenn
diese rothen Heiden einen Spektakel machen, da die Fische auf dem
Grunde auseinander fahren. Mir ist berhaupt nichts weniger als
schlfrig zu Muthe. Hrst du die Brandung?

Bah, schon seit einer halben Stunde, sagte Legs. Wir werden gleich
Anker werfen. Schildkrten und Seeschlangen, wie sich die guten Leute
auf Monui freuen werden, uns wieder zu sehen.

Ja, kann ich mir etwa denken, brummte Jonas, und so eine drre
Spiere, wie du bist, kann lachen! Die hat verdammt wenig dabei zu
befrchten; aber wenn ich =meine= Rippen und Arme und Beine anfhle, ist
mir's schon immer, als ob ich ausgenommen und mit heien Steinen gefllt
und sauber in Bananenbltter eingepackt in einem von ihren verwnschten
Backfen schwitzte. Meine einzige Hoffnung ist nur jetzt noch die, da
ich vor lauter Gift und Galle ganz bitter schmecken und vollstndig
ungeniebar sein werde.

Na, ihr habt euch ja alle so schrecklich danach gesehnt, an Bord
bleiben zu knnen, meinte Legs, jetzt knnt ihr das Vergngen
genieen.

Und du wohl nicht? sagte Jonas, den Kopf rasch nach ihm hinumdrehend,
-- aber meinetwegen, setzte er, wieder in seine alte Lage
zurcksinkend, hinzu -- mir ist's recht, und, wenn sie uns nicht
geradezu todtschlagen und auffressen, befinden wir uns dann am Ende noch
immer besser hier, als auf dem blutigen Blubberkocher der _Lucy Walker_,
die jetzt wenigstens ihre Thranfsser sicher auf Meeresgrund gelscht
hat.

Erschreckt schaute er in die Hhe, denn wie er gerade aufsah, hing
anscheinend dicht ber ihnen eine mchtige Woge mit silberblitzendem
Kamm, die im nchsten Augenblick ber ihnen zusammenbrechen und ihr
schwankes Fahrzeug rettungslos begraben mute. -- Aber die Woge blieb
stehen, und der Jubel der Eingeborenen sagte ihm bald, da es die
Brandung gewesen sei, die ber den Riffen ihre ewigen Sturzwellen thrmt
-- da sie die Einfahrt in das glatte Binnenwasser glcklich erreicht,
und nur noch kaum eine englische Meile von dem gestern Abends mit so
ganz anderen Erwartungen verlassenen Lande entfernt seien.

Vom Ufer aus begrte sie auch schon das Jubelgeschrei der Wilden, die
alle mit einander am Strande versammelt schienen, die glcklich und
siegreich Heimgekehrten zu begren.

Die gefangenen Matrosen hoben wohl die Kpfe und blickten dort hinber,
aber der Jubel galt =ihnen= nicht, das wuten sie recht gut, und
mimuthig, und Manche wohl mit ngstlich pochendem Herzen sanken sie in
ihre frheren Stellungen zurck, die Landung und damit den Befehl zum
Aufstehen zu erwarten.

Die Indianer, in deren Gewalt sie sich befanden, hatten sich brigens
die ganze Zeit entsetzlich wenig um sie gekmmert, und nur nicht
gelitten, da sie sich bewegten. Auerdem hatten die Gefangenen aber
auch keine Ahnung, was aus ihrem Capitain und der brigen Mannschaft
geworden sein konnte. Ob die Wilden ihre Kameraden gefangen oder
smmtlich erschlagen und nur =sie= vielleicht fr ein ganz besonderes
Festmahl aufgespart hatten, oder ob sie von dem Schiff, dessen Schsse
sie gehrt, gerettet worden -- sie wuten's nicht und -- kmmerten sich
auch in der That nicht viel darum. In diesem Augenblicke hatte Jeder zu
viel mit sich selber und seiner eigenen Haut zu thun, um besonders viel
auf den Nachbar zu denken.

Von der frischen Brise getrieben, schossen die wackeren Canoes inde
dem Landungsplatze entgegen, und der Federschmuck, mit dem die
hochgeschwungenen Buge geziert waren, flatterte lustig im frischen
Winde. Jetzt formten sie sich in langer Reihe, das Boot ihres jungen
Huptlings mit Hua in seinen Armen voran, die anderen ihm folgend in
wildem Jubel und mit Siegesliedern, und als die scharfgebauten Schnbel
den Corallensand berhrten, da stieen die am Ufer versammelten
Insulaner ein solches tolles entsetzliches Geschrei aus, da die Luft
ordentlich erbebte und die Gefangenen in banger Ahnung zusammenschauderten.


2.

Wohl waren sie an dem Raub des Mdchens vollkommen unschuldig, wrden
aber diese Barbaren darauf Rcksicht nehmen? Sie gehrten mit zu dem
Schiff, das die Gastfreundschaft der Eingeborenen in so undankbarer,
bser Weise vergolten, und was der Capitain gesndigt, konnte jetzt
wahrscheinlich die Mannschaft entgelten.

Im Anfang nahm aber Niemand von ihnen auch nur die mindeste Notiz. Die
Mannschaft der Canoes sprang, so wie ihre Fahrzeuge Grund berhrten,
ber Bord und an Land, und schaute sich nicht einmal nach den
Europern um. Diese blieben auch noch immer, eines weiteren Befehls
gewrtig, im Boote und richteten sich nur jetzt halb auf, dem wilden
Toben am Lande zuzusehen.

Guten Morgen, Lemon, sagte da Jonas, als er den also benannten
Kameraden dicht neben sich erblickte -- auch mit angekommen? -- und
Spund, Pfeife und Lord Douglas sind auch mit da?

Die ganze blutige Gesellschaft, knurrte Lemon mit einem Gesicht, als
ob er sich und die ganze brige Welt htte vergiften knnen. Jetzt
haben wir die Bescheerung!

Und wo ist unser zweiter Harpunier? fragte Jonas, sich nach diesem
unter den Gefangenen umsehend, denn =unser= Boot ist doch wenigstens
hier beisammen.

Das ist dem zweiten Harpunier seine Sache! knurrte Lemon.
Wahrscheinlich frhstckt er heute Morgen mit irgend einem Haifisch --
hol' ihn der Teufel!

Hallo, Mates, an Land! rief da der Schotte Mac Kringo seinen Kameraden
zu -- seht ihr nicht, wie uns das dicke Rothfell da drben zuwinkt und
schreit? -- Sie wollen die Canoes wahrscheinlich auf die Corallen
ziehen.

Na dann _look out for a squall_! murmelte Jonas vor sich hin, indem er
langsam den voransteigenden Gefhrten folgte. Jetzt wird die Bombe
platzen.

Seine Befrchtung zeigte sich indessen, wenigstens fr den Augenblick,
unbegrndet, denn die Insulaner, die fr jetzt noch viel zu sehr mit dem
geretteten Mdchen, der Tochter des Huptlings, zu thun hatten, thaten
gar nicht, als ob die weien Mnner auch nur auf der Welt wren. Ohne
selbst bei dem Aufslandziehen der Boote ihre Hlfe in Anspruch zu
nehmen, lie man den kleinen Trupp der eingebrachten Europer
unbeachtet, selbst unbewacht am Ufer stehen, und Alles drngte sich
jetzt nur um Hua her, Mnner, Frauen und Kinder, sie zu bewillkommnen,
sie zu umarmen.

In vielen Augen standen sogar Freudenthrnen, mit denen sie das geliebte
und schon fast verloren gegebene Kind begrten.

Whrend aber noch ein Theil der Insulaner so umhersprang und jubelte
oder sich wieder und wieder die Abenteuer der letzten Nacht von den
Freunden erzhlen lie, gingen andere mehr praktisch auf die nchsten
Bedrfnisse der Neuangekommenen ein, die jedenfalls nach ihrer langen
gefhrlichen Fahrt Hunger haben muten. Im Schatten der nchsten
Palmen wurden ihre gewhnlichen Kochgruben zum Rsten der Ferkel rasch
hergerichtet, Brotfrchte, Bananen und Fische herzugeschafft und Alles
geordnet, ein baldiges und reichliches Mahl zu versprechen.

Die Frauen verrichteten dabei gar keine oder nur die leichteste Arbeit,
pflckten breite Bltter, besonders von den Hibiscusbumen, die zu
Tischtchern und Servietten dienen sollten, holten in leeren Cocosnssen
Seewasser herbei, das die Stelle des Salzes vertrat, und pflckten
Frchte von den nchsten Bschen, welche dann die Knaben zu den
beabsichtigten Epltzen trugen.

Die Europer standen indessen noch immer auf einem Trupp und leise
flsternd zusammen, sahen zu, wie die Ferkel ausgenommen und gerstet
wurden, und wie die Gste schon Miene machten, ihre verschiedenen, ihnen
durch den Rang angewiesenen Pltze einzunehmen.

Da trat pltzlich Toanonga, der Huptling der Insel und Vater Hua's, aus
dem Kreis der Seinen, wackelte gemthlich auf die Matrosen zu, vor denen
er, beide Hnde auf seine Hften legend, stehen blieb, und sagte:

_Chio do fa_, ihr Mnner -- _chio do fa_ -- ihr seid nicht lange
fortgeblieben und habt schne Streiche mit eurem groen Canoe gemacht.
Wi[23]! -- Wi, ihr Burschen, war das der Dank, da ihr so viel
Brotfrucht und Cocosnsse und Bananen und Ferkel hier bekommen habt und
so freundlich von uns aufgenommen worden seid? -- Wi! schmt euch -- und
wie ihr jetzt da steht! -- Toanonga mchte nicht in eurer Haut stecken,
nicht um alle Glasperlen der ganzen Welt.

Wenn die Meisten der Schaar auch nicht die Worte verstanden, fhlten
doch Alle deutlich genug, =was= der Mann eigentlich zu ihnen sagte, was
er sagen und denken mute -- und er hatte Recht. Die armen Teufel
befanden sich so unbehaglich wie mglich und sahen, nach einem sptern
Vergleich Spund's, wirklich gerade so aus, wie ein Hund, den man beim
Stehlen erwischt.

Der alte wrdige Insulaner war dabei sehr ernst und finster geworden,
und Spund, der Furchtsamste der Schaar, that schon einen Schritt vor,
ihm wo mglich zu Fen zu fallen und um Gnade zu bitten. Mac Kringo
jedoch, der Einzige von ihnen, der die Landessprache verstand und
darin verkehren konnte, whrend die brigen bis jetzt nur Worte davon
begriffen, trat da vor und sagte:

Du hast Recht, Toanonga, es war ein schlechter Streich, den dir der
Capitain gespielt -- aber was knnen =wir= dafr? Waren =wir= in dem
Boot, das deine Tochter vom Lande stahl? Nicht ein Einziger. Frag sie
selber, und sie mu dir meine Worte besttigen. Du bist deshalb auch zu
vernnftig, uns das entgelten zu lassen, was ein Anderer verbrochen
hat.

Schweig du, bis du gefragt wirst, mein Bursche, rief aber Toanonga,
der es fr unter seiner Wrde hielt, sich mit einer untergeordneten
Person -- und er wute recht gut, da die Matrosen das an Bord der
Schiffe waren -- in ein Argument einzulassen. Ihr steckt alle mit
einander unter einer Decke, und wenn =du= in dem Boote gewesen wrest,
wrdest du eben so gut gerudert haben, und wie die Anderen es gethan,
sobald es dir dein Capitain befohlen.

_Tai halla! tai halla!_ -- gewi! schrieen jetzt eine Menge junger
Burschen, die sich herbeigedrngt, so wie sie sahen, da ihr Huptling
mit den Papalangis sprach, und wilde Ausrufe, hier und da auch mit
Verwnschungen gemischt, kreuzten toll und laut durch einander.

Da hob Toanonga nur den Arm auf, und im Augenblick verstummte der Lrm.
Auf ein zweites, eben so gebieterisches Zeichen bemchtigte sich aber
eine Anzahl kleiner Burschen der Mnner und suchte sie unter Lachen und
Schreien von ihrer Stelle hinweg und dem Holzrand zuzufhren.

Widerstand wre unter allen Umstnden fruchtlos gewesen, und die Leute
wollten dem Befehle schon ruhig gehorchen. Spund jedoch, der glaubte,
da es jetzt an ihr Leben ginge, drngte sich bis zu Toanonga hin, und
vor diesem richtig auf die Kniee fallend, bat er den alten ehrlichen
Huptling im breitesten Irisch um sein Leben.

ber das Gesicht des Alten stahl sich aber ein gutmthiges Lcheln, denn
es that ihm wohl, nicht allein den Weien gegenber seine Autoritt
gezeigt zu haben, sondern sich auch von ihnen gefrchtet zu sehen. Er
war aber viel zu weichherzig, ihnen irgend ein Leid anzuthun. Seine
Tochter hatte er wieder zurck, das Schiff, welches ihm hatte Schaden
zufgen wollen, war verbrannt, und die paar davon an seine Insel
verschlagenen Weien dachte er nicht fr Vergangenes zu bestrafen. Die
jungen Burschen hatten im Gegentheil die Papalangis nur eben zum
Frhstck fhren sollen, das etwas abseits von den Eingebornen fr sie
hergerichtet worden, und als ihnen dies jetzt von dem alten Huptling
erklrt wurde, war dem armen Teufel eine groe Last von der Seele
gewlzt.

Der leichte Muth, den Matrosen vor allen brigen Menschen so besonders
eigen, gewann auch bald bei ihnen wieder die berhand, und als sie jetzt
in einem kleinen Dickicht von Pandanus, Casuarinen und einzelnen
hochstmmigen Cocospalmen, unbelstigt von einem der Eingeborenen, um
das reichliche Mahl saen, kehrte die, wenn auch nicht frhliche, doch
sorglose Laune rasch zurck.

Und da htten wir endlich unseren Wunsch erfllt, brach Legs zuerst
das Schweigen, da sen wir auf dem Trocknen mit Schweinebraten und
Brotfrucht, statt Salzfleisches und Schiffszwiebacks, und Cocosmilch,
statt faulen Wassers und dnnen Grogs. Jungens, wenn die Sache nicht
schlimmer wird, so knnen wir es hier ruhig aushalten, und wenn erst ein
paar Tage vorber sind, da von der fatalen Mdchengeschichte nicht
weiter gesprochen wird, so drfen wir am Ende gar noch unserem Schpfer
danken, uns aus dem alten verbrannten Kasten hieher zurckgefhrt zu
haben.

Sei nicht zu sicher, mein Bursche, brummte jedoch der Schotte, wir
wissen noch gar nicht, ob uns der Brand des Schiffes zum Heil
ausschlagen wird; denn ehe wir es uns versehen, kann uns die braune
Rotte ber dem Halse sein.

Der liebe Gott hat es jedenfalls gethan, besttigte aber auch Spund,
eben mit einem delicat gebackenen Rippenstck beschftigt, und Spund
gehrte berhaupt -- wo es ihm gerade pate -- einer streng religisen
und zwar methodistischen Richtung an. Der liebe Gott hat es gethan, und
da er euch nichtsnutziges Gesindel ebenfalls in seinen erbarmenden
Schutz genommen, ist nur wieder einer von seinen unbegreiflichen, aber
sicher zum Heil fhrenden Wegen.

Na, wir wollen hier nicht untersuchen, ob wir es verdient oder nicht
verdient haben, sagte da =Pfeife=, hier sind wir aber einmal, durch
die gtige Frsehung von dem Wassertode und vielleicht noch vor
Schlimmerem bewahrt, und wie ich die Insulaner bis jetzt gefunden, so
glaube ich kaum, da uns noch eine Gefahr fr unser Leben droht. Htten
sie Bses mit uns im Sinne, so brauchten sie uns nur einfach ersaufen zu
lassen; kein Mensch htte ihnen dabei einen Vorwurf machen knnen.
Kalter, berechneter Blutdurst liegt aber nicht in ihrer Natur, und da
sie uns nicht im ersten Augenblicke die Schdel eingeschlagen haben, so
denk' ich, drfen wir fr unsere Sicherheit auch weiter nichts
frchten.

Ich mchte nur wissen, knurrte da Lemon, einen Seitenblick nach dem
Bttcher werfend, warum Spund um Gnade gebeten hat, wie sie uns zum
Frhstck riefen.

La du nur dein Spotten, Lemon, brummte, als die Anderen lachten, der
also geneckte -- Gnade haben wir alle nthig, und ob das, was der Alte
sagte, auf Tongaisch hie: Gieb ihnen ein Spanferkel und Brotfrucht,
oder schneid' ihnen den Hals ab, hast du so wenig gewut wie ich. Wenn
ich nur jetzt erst eine Ahnung htte, wie wir diesen Heiden wieder
entgingen und von der Insel fortkmen!

Fort? rief Legs erstaunt aus -- wer will denn wieder fort? -- ich
wahrhaftig nicht. Ich danke meinem Schutzgeist, der mich hergebracht
hat, und denke gar nicht daran, wieder an Bord irgend eines anderen
blutigen Schiffes zurck zu gehen. Mgen die Thran sieden, die ein
Vergngen daran finden; =ich= befinde mich wohl wo ich gerade bin, und
denke Brger und Einwohner, wie sie bei uns sagen, auf Monui zu werden.

Da kommt der Alte wieder, unterbrach Mac Kringo das Gesprch --
nehmt euch zusammen, Jungens, und macht ihn nicht bse. Er hat uns nun
einmal in der Tasche, und wir mssen sehen, da wir ihn zum Freund
behalten.

Von Toanonga schien ihnen aber nichts Feindseliges zu drohen.

Der gutmthige alte Mann, ohne jedoch seiner Wrde im Mindesten etwas zu
vergeben, mochte sich im Gegentheil in dem Bewutsein behaglich fhlen,
der Protector dieser von ihm abhngigen Papalangis zu sein. Mac Kringo
hatte ihn auch darin bald durchschaut und sein Betragen schon ganz
darnach geregelt.

Er stand auf, sobald sich der alte Huptling ihrem Eplatz nherte,
begrte ihn ehrfurchtsvoll und fragte ihn, was zu seinen Befehlen
stnde, und Toanonga, den das sichtlich erfreute, winkte ihm huldreich
mit der Hand und bedeutete ihm dann, da er sich freuen wrde, wenn die
Fremden seinen Leuten keinen Anla zu Klagen geben wollten. Sie seien
allerdings fr jetzt noch Gefangene, bis das Gericht der Egis oder
Huptlinge ber sie entschieden htte; denn dem, was diese ber sie
beschlieen wrden, mten sie sich allerdings fgen; aber er hoffe, da
sie mit ihrer Lage zufrieden sein sollten. Das hnge jedoch, wie schon
gesagt, lediglich von ihrem eigenen Betragen ab. Fr jetzt sei ihnen
eine leerstehende Htte, die er Mac Kringo an einer vorragenden
Landzunge zeigte, zum Wohnort angewiesen; dorthin wrden sie auch
geschickt bekommen, was sie zum Leben brauchten. -- Auerdem sei ihnen
aber fr jetzt der Verkehr mit den Eingeborenen, besonders den Frauen,
untersagt, und er erwarte, da sie jenen Platz nicht verlassen wrden,
bis sie abgeholt wrden.

Damit, und als ob er sich jetzt genug mit den Leuten eingelassen, machte
er eine hchst wrdevolle, wie verabschiedende Bewegung mit der einen
Hand, drehte sich dann ab, und verlie die darber etwas verdutzten
Matrosen, ohne irgend einen Einwand anzuhren oder nur zu erwarten.


3.

Die Leute waren ber diese Ankndigung, die ihnen Mac Kringo
gewissenhaft bersetzte, allerdings etwas bestrzt. Da sie erst noch
einem Gericht der Egis unterworfen werden sollten, hatten sie nicht mehr
geglaubt. Wer wute denn, was diese ber sie beschlieen wrden? und da
ihnen nicht alle Insulaner so freundlich gesinnt und auch nicht so
gutmthig waren, wie der alte Toanonga, hatten sie lange schon gemerkt.

brigens wurden sie bald gewahr, wie die Ausfhrung der Anordnung auf
dem Fue folge; denn kaum hatte der Huptling sie verlassen, als sich
ein junger Bursch ihnen als Begleiter vorstellte, sie nach ihrem vor der
Hand einzunehmenden Hause oder Gefngni abzufhren. Da sie ihm
gehorchen muten, verstand sich von selbst.

Merkwrdig blieb aber dabei wie sehr sie von den brigen Eingebornen
ignorirt wurden. Man that vollkommen, als ob sie gar nicht auf der Insel
seien, und whrend die Mnner, die ihnen auf dem schmalen Pfade
begegneten, ber sie hinweg in die Wipfel der Cocospalmen starrten,
gerade als wenn sie dort in diesem Augenblick etwas hchst Interessantes
entdeckt htten, glitten die Mdchen und Frauen und Kinder, die sie
unterwegs trafen, scheu in das Dickicht, drckten sich dort hinter einen
Busch oder Stamm und lieen sie ungegrt vorber ziehen.

Alle die frohen und leichtherzigen Hoffnungen, die ihnen das Frhstck
gebracht, zerstrte denn auch dieses unheimliche Betragen wieder. Sie
kamen sich vor wie Ausgestoene, Verfehmte, die Jeder mied, und still
und schweigend wanderten sie zuletzt ihre Bahn, dem etwa eine halbe
Stunde Wegs entfernten Orte ihrer Bestimmung entgegen.

Der Platz dort gefiel ihnen aber gar nicht. Eine schmale, an manchen
Stellen kaum zwanzig Schritt breite Landzunge -- eigentlich nur ein mit
Vegetation bedeckter Corallenstreifen -- lief zu dem Platz aus, auf dem
eine alte, halb verfallene Bambushtte stand, und wenn die Eingeborenen
wirklich etwas Bses gegen sie im Sinne hatten, waren sie dort ohne
Waffen, ohne Boot, vollstndig in ihre Hnde gegeben.

Daran lie sich aber nichts mehr ndern, der Befehl lautete: sie dort
abzuliefern, oder vielmehr sie dort sich selber zu berlassen, und der
Erfolg bewies, wie klug der alte Toanonga die Stelle ausgewhlt. Eine
einzige Schildwacht nmlich, auf den schmalsten Theil der Landzunge
postirt, konnte jede ihrer Bewegungen berwachen, und da sie sich
dieser nicht mit Gewalt widersetzen durften, wuten sie recht gut.

So vergingen ihnen acht volle Tage, in denen die Langeweile sie bald
umbrachte. Der alte Huptling hatte ihnen allerdings ein paar hlzerne
Harpunen geschickt, um sich ihre Fische selbst damit zu fangen, und ein
altes, sehr kleines Canoe war ihnen ebenfalls gegeben worden. Der Raum
aber, in dem sie umherfahren konnten, blieb immer sehr beschrnkt, da
ein bis an die Oberflche steigender Corallengrtel die ganze Landzunge
einfate. brigens wuten sie mit der leichten Harpune nicht ordentlich
umzugehen und fingen wenig oder gar nichts damit.

Nichts desto weniger litten sie keinen Mangel, denn jeden Morgen
brachten ihnen ein paar Eingeborene Brotfrucht und Cocosnsse, mit denen
sie sich freilich vor der Hand begngen muten. Die aber, die ihnen die
Lebensmittel ablieferten, lieen sich auf gar keine Unterhaltung mit den
Gefangenen ein. Die von Mac Kringo an sie gerichteten Fragen
beantworteten sie kurz oder gar nicht, und nur das eine Wort _mawquaw_
-- wartet! hrten sie alle Tage.

Die Eingeborenen hatten allerdings in der Zeit mehr zu thun, als sich
mit den gefangenen Europern einzulassen. Die Verbindung Hua's mit _Tai
manavachi_ wurde gefeiert -- wie Mac Kringo doch herausbekommen hatte --
und das _Cava_-Trinken beschftigte sie fast ausschlielich den ganzen
Tag. Der Lrm ihrer Tnze und Snge schallte auch oft, von der Brise
getragen, bis zu den armen Gefangenen herber; das war aber auch alles,
was sie von der Feierlichkeit genossen, denn die weien Tuas[24]
durften nicht Theil nehmen an einem Feste des ersten Huptlings.

Am neunten Tage Morgens war Alles vorber, und _Tai manavachi_ fhrte
seine junge Frau auf seiner kleinen Flotte mit hinweg, der eigenen
Heimat zu. Die Insulaner gaben ihnen noch eine lange Strecke das Geleit;
dann kehrten sie zurck, und es war jetzt pltzlich so still auf Monui
geworden, da die sonst so lebendige Insel fast wie ausgestorben schien.

Um Mittag herum waren die jungen Leute allerdings schon wieder
zurckgekehrt, aber bei den Matrosen lie sich Niemand blicken als ihr
gewhnlicher Bote, der die Lebensmittel brachte.

Spund, vor allen Anderen, war damit nun allerdings vollkommen
einverstanden. Er lag den ganzen Tag im Schatten einer mchtigen, unfern
von ihrer Htte wachsenden Cocospalme, seinen Platz nur eben so viel
verndernd, wie sich die Sonne drehte. Auch Jonas und Lemon schienen
sich in diesem Leben wohl zu fhlen. Mac Kringo dagegen verlangte es
nach einer Beschftigung, und whrend er die Morgenstunden darauf
verwandte, meist verunglckte Versuche im Fischfang zu machen, benutzte
er den Nachmittag, ein Kartenspiel aus Holz zu fabriciren. Er hatte
nmlich eine Holzart dort gefunden, die sich ziemlich leicht spaltete,
und war mit wahrhaft eiserner Geduld daran gegangen, mit seinem
Taschenmesser, an dem sich eine kleine Sge befand, einen Stamm
abzuschneiden und dnne Scheiben davon herzurichten. Wenn die Sache auch
auerordentlich langsam ging, war es fr ihn doch eine Beschftigung und
versprach spter sogar eine Unterhaltung.

Legs hatte ihm im Anfange aufmerksam zugesehen. So lange er selber
nichts zu thun brauchte, war es ihm recht, wenn ein Anderer arbeitete.
Endlich aber bekam er auch selbst das Zusehen satt, nahm eine Harpune
und schlenderte langsam hinaus, den Strand entlang.

Dort versuchte er allerdings erst eine Weile, ein paar der in dem
krystallklaren Wasser umherschwimmenden Fische zu harpuniren; im
=tiefen= Wasser berstach er sie aber jedes Mal, und im seichten stie
er die Harpune so oft und vergebens gegen die harten Corallen, da er
bald die beinernen, berdies nicht sehr dauerhaften Spitzen abgebrochen
hatte, das unntze Holz dann zu Boden und sich selber unter einen
breitstigen Pandanusbaum warf, den Sonnen-Untergang hier in aller Ruhe
abzuwarten.

Eine halbe Stunde mochte er etwa so gelegen haben, und er fing schon an
schlfrig zu werden. Die Augenlider wurden ihm schwer, und er war eben
im Begriff, wirklich einzuschlafen, als er unfern von sich und schon
halb trumend etwas auf dem Wasser pltschern hrte.

_There she blows_, murmelte er halblaut vor sich hin, denn im Geist sa
er oben im Top vom Vormast auf der _Lucy Walker_, nach Wallfischen
ausschauend, und das Pltschern kam ihm wie das Blasen der Fische vor.
Da es sich jedoch wiederholte, wurde er auch endlich wach, schlug die
mden Augen auf und sah pltzlich, kaum hundert Schritt von sich
entfernt, eines der wunderhbschen Tonga-Mdchen auf den Corallen im
Wasser stehen.

Der ganze weibliche Theil der Bevlkerung hatte sich nun bis jetzt --
den Befehlen des Huptlings nach -- so fern von den Papalangis gehalten,
da ihnen die ganzen neun Tage hindurch keine einzige nur in Sicht
gekommen. Um so mehr wunderte sich jetzt Legs, eine von ihnen so ganz in
der Nhe, und zwar auf dem den Weien angewiesenen Fischgrunde zu
sehen.

Das Mdchen erweckte aber auch noch auerdem seine Neugierde, was sie
dort eigentlich treibe, denn sie stand in dem seichten Wasser, das ihr
bis ber die Knie ging, vollkommen ruhig, und schlug nur manchmal mit
der rechten, flachen Hand darauf, da es weit hinausschallte. -- Auf
solche Art konnte sie doch keine Fische fangen.

Nun war ihnen allerdings streng untersagt worden, mit den Eingeborenen,
besonders mit den Frauen, zu verkehren, wenn die aber selber zu =ihnen=
kamen, glaubte Legs auch keiner Verantwortung unterworfen zu sein.
Jedenfalls hatten sie die Erlaubni, dort, wo sich die Dirne befand, zu
fischen, und wenn er davon Gebrauch machte und das Mdchen da drauen
zufllig fand, war es nicht seine Schuld. Froh auch, etwas gefunden zu
haben, die langweiligen Stunden rascher zu vertreiben, griff er die
weggeworfene und jetzt vollkommen nutzlose Harpune wieder auf, um die
Waffe wenigstens als Beweis seiner Beschftigung bei sich zu haben,
glitt dann unter seinem Baume vor und langsam in das seichte warme
Wasser hinein und nahm jetzt eine solche Richtung, da er dem Mdchen da
drauen, wenn sie wieder zum Ufer zurck wollte, leicht den Weg
abschneiden konnte. Er glaubte nmlich, da sie nur hier herausgekommen
wre, weil sie keinen der Fremden in der Nhe vermuthet htte.

So wenig als mglich Gerusch machend, nherte er sich dabei langsam dem
jungen Ding, das viel zu sehr da drauen beschftigt schien, um auf
irgend etwas Anderes zu achten. Der Boden aber, auf dem er ging, war
nicht eben. Die Corallen bildeten allerdings hier einen ziemlich festen,
bei niederem Wasser etwa zwei Fu tiefen Grund; hier und da waren aber
doch durch ihre Verzweigungen nicht ausgefllte Lcher geblieben. Legs
watete dort hinaus, achtete aber mehr auf das Mdchen als den Grund, auf
dem er hinschritt, versah eines von jenen Lchern und schlug so lang --
oder vielmehr so kurz er war, aufs Wasser.

Etwas bestrzt, raffte er sich allerdings wieder gleich empor und
erwartete jetzt nichts Anderes, als die erschreckte Schne dem Lande
zufliehen zu sehen. Das Mdchen aber, das sich nun nach dem Gerusch
umgedreht hatte, blieb lachend stehen und schien sich nicht im
Geringsten zu frchten, ja, ihn sogar zu erwarten.

Legs, mit einem Kernfluch ber seine eigene Ungeschicklichkeit, lie
sich denn auch nicht lange nthigen und watete, nur allerdings
vorsichtiger geworden, langsam auf die Schne zu, die indessen ihre
wunderliche Beschftigung ruhig und unbekmmert fortsetzte.

Mit der Sprache der Leute konnte der Matrose nun allerdings noch nicht
zu Stande kommen; einzelne Wrter und Benennungen hatte er sich aber
doch gemerkt, besonders den Gru der Insulaner, ihr herzlich klingendes
und so oft gehrtes _chio do fa_, das er auch vor der Hand zur
Einleitung fr ein weiteres Gesprch verwandte.

_Chio do fa_, lchelte das hbsche Kind zurck, und Legs, um weitere
Vocabeln verlegen, fate sich endlich ein Herz und fragte auf gut
Englisch, was sie da mache.

Das Mdchen, eines der hbschesten der Insel, mit weiter keiner
Bekleidung als einer wunderlich geflochtenen, schmalen Matte um die
Hften und einem kurzen Stck Tapa ber den Schultern, das die Bewegung
ihrer Arme keineswegs beeintrchtigte, schttelte aber als Antwort nur
lachend mit dem Kopf -- ein Zeichen, da sie nicht verstehe, was er sage.

Legs fand jetzt, da er das Englische aufgeben und sich mehr auf Zeichen
beschrnken msse. Dehalb auf das Wasser deutend und mit der Hand ihre
bisherige Bewegung nachahmend, sah er sie dabei so komisch fragend an,
da das junge Ding in frhlichem bermuth wieder laut aufjubelte und
dabei ein paar Reihen Zhne zeigte, die ihr wie Perlen zwischen den
rosigen Lippen lagen. Jedenfalls hatte sie aber verstanden, was er
meinte, denn sie nickte ihm freundlich zu und sagte:

_Ang-a!_

_Ang-a_ -- ja wohl, brummte Legs vor sich hin -- jetzt bin ich so
klug wie vorher. Was ist _Ang-a_?

_=Ang-a!=_ wiederholte aber das Mdchen lauter als vorher und wie
erstaunt, da der Fremde nicht wissen solle, was _Ang-a_ sei. Trotzdem
schttelte Legs noch immer bedeutend mit dem Kopf, und da sie wohl
merken mute, da ihm die so deutlich gegebene Erklrung doch noch immer
nicht genge, setzte sie lchelnd hinzu -- _mawquaw!_

=Das= Wort verstand Legs. Die vollen neun Tage hindurch hatten sie das
jeden Morgen von dem Burschen gehrt, der ihnen das Essen brachte
-- warte ein wenig! -- und als er darauf rasch und befriedigt mit dem
Kopfe nickte, drehte sich die Kleine von ihm ab und schlug aufs Neue,
wie vorher, das stille Wasser mit der flachen Hand.

Er sah jetzt, da sie im linken Arm ein kleines Bndel mit Stcken
gersteter Brotfrucht und anderen Lebensmitteln trug -- aber wozu? --
Wollte sie so lange hier drauen im Wasser stehen bleiben, da sie sich
ihr Mittagsessen gleich mit herausgenommen? -- Er war dabei nher zu ihr
hinan getreten, und der weiche, elastische Krper des Mdchens, so in
Arms Bereich von ihm gebracht, schimmerte ihm so verfhrerisch aus der
leichten Umhllung entgegen, da er allen Warnungen zum Trotz seinen Arm
langsam ausstreckte und um ihre Taille legte.

Die Insulanerin nahm jedoch nicht die geringste Notiz davon, und Legs
war selber so erstaunt ber den gnstigen Erfolg seiner Khnheit, da er
ein paar Minuten regungslos in dieser Stellung verharrte, ohne sich
natrlich weiter um das zu kmmern, was auf dem Wasser vorging.

_Gia-hi!_ sagte da pltzlich die braune Schne, indem sie ein Stck
der Brotfrucht nahm und neben sich ins Wasser warf.

Legs konnte nicht umhin, den Kopf nach jener Richtung zu drehen, denn er
sah sich dort pltzlich etwas bewegen. Im nchsten Augenblicke erkannte
er aber auch zu seinem Entsetzen die Finne eines gar nicht etwa so sehr
kleinen Haifisches, der sich in demselben Moment etwas auf die Seite
warf und mit dem geffneten, bis ber die Oberflche reichenden Rachen
das Stck Brotfrucht aufschnappte und verschlang. So nahe war ihnen die
Bestie gekommen, da er sie htte mit der Hand auf den Kopf schlagen
knnen.

_Ang-a!_ lachte das Mdchen noch einmal laut auf, indem sie dem
Ungethm einen neuen Leckerbissen zuwarf.

_Ang-a =hell=!_ schrie aber Legs, der im Todesschreck einen Schritt
zurckprallte, denn selbst der beherzte Matrose frchtet nichts mehr auf
der Welt als den Hai, seinen rgsten Feind. Das ist ein =Hai=, bei
allem, was da schwimmt!

Unwillkrlich drckte er sich dabei hinter das kecke, wilde Ding, das
sich ein solch gefhrlich Spielzeug ausgesucht. Die Insulanerin aber,
mit einem schelmischen Blick auf den Fremden, dessen Entsetzen ihr nicht
entgangen war, lie das nchste Stck Brotfrucht dicht neben sich und
mehr nach rckwrts fallen, so da der Fisch in seinem nchsten Sprung
danach in Wirklichkeit Legs' etwas ausgebogene Extremitten streifte.

Das war diesem aber auer dem Spa, denn whrend der Fisch in die Hhe
schnappte, den fr ihn hingeworfenen Bissen zu ergreifen, wute Legs
jetzt wirklich nicht, ob der Angriff ihm oder der Brotfrucht galt,
stie einen lauten Schrei aus und that, so weit er springen konnte,
einen Satz zurck. Dabei fiel er aber wieder, so lang er war, ins Wasser
und schlug jetzt aus Leibeskrften mit Armen und Beinen um sich, um
durch lautes Pltschern und Lrmmachen, als =einziges= Hlfsmittel, den
furchtbaren Feind fern von sich zu halten.

Er hrte dabei nicht das laute glockenrein klingende Lachen der jungen
Dirne, sah nicht, da der Hai, durch das ungewohnte Gerusch erschreckt,
schon lange wieder hinaus aus der seichten Fluth und durch irgend ein
Loch der Corallenwnde in tieferes Wasser gefahren war. Nur mit jeder,
von ihm selbst aufgeschlagenen Welle, whrend er sich in aller Hast dem
sicheren Ufer zuarbeitete, frchtete er das gefrige Ungeheuer dicht
hinter sich, das vielleicht nur auf einen gnstigen Moment wartete, ihn
zu ergreifen, und wlzte sich solcher Art schreiend und mit Armen und
Beinen schlagend, bis zum nchsten Landvorsprung hin.

Einen solchen furchtbaren Lrm hatte er dabei gemacht, da seine
Kameraden erschreckt aufsprangen und der Richtung zueilten, von der sie
die Hlferufe gehrt. Nicht wenig erstaunt waren sie aber, Legs in
solcher Aufregung ankommen und das Mdchen drauen im Wasser so herzlich
lachen zu sehen, ohne da sie auch nur die geringste Ursache fr Eines
oder das Andere erkennen konnten.

Von den Eingeborenen waren indessen ebenfalls Einige durch den Lrm
herbeigerufen worden. Diese erriethen brigens, wie es schien, was da
drauen vorgefallen, denn sie amsirten sich unter einander
vortrefflich, ohne jedoch den Weien dabei zu nahe zu kommen.

Jedenfalls verhinderte sie ein strenges Verbot ihres Huptlings, sie
wrden diese Gelegenheit sonst gewi nicht versumt haben, sich nach
Herzenslust ber den Fremden lustig zu machen.

Legs behielt deshalb auch volle Freiheit, sein Abenteuer den Kameraden
nach seiner eigenen Art zu erzhlen, und demnach war er drauen beim
Fischen von einem furchtbar groen Hai angegriffen und verfolgt worden
und nur durch seine Geistesgegenwart der Gefahr entgangen, von dem
Ungeheuer erfat und unter Wasser gezogen zu werden. Mac Kringo
schttelte freilich dazu den Kopf und fragte, wie es denn kme, da der
Hai nicht das Mdchen da drauen angegriffen, und warum die Dirne so
entsetzlich gelacht htte. Legs jedoch meinte, die Braunfelle htten
gut lachen; an die ginge ein Hai gar nicht, und da sie sich selber
sicher wten, so wre es keine Kunst, sich ber einen Anderen lustig zu
machen.

Die Aufmerksamkeit der Matrosen sollte aber bald auf etwas Anderes
gerichtet werden, denn ein Bote von Toanonga kam gegen Abend, ihnen
anzuzeigen, da sie sich am nchsten Morgen bereit halten sollten, zu
der Rathsversammlung der Huptlinge abgeholt zu werden.

Weiteres war nun aus dem Burschen nicht heraus zu bekommen. Entweder
wute er selber nicht mehr, oder durfte nicht mehr sagen. Den Seeleuten
war aber bei der ganzen Sache nicht wohl zu Muthe, denn die Vorladung,
wie die ganze Versammlung wurde gar so feierlich gehalten.

Was wollten sie denn eigentlich noch mit ihnen? Da sie an dem Raub der
Huptlingstochter unschuldig waren, wute der alte Toanonga so gut wie
sie selber, und konnte man sie also deshalb noch bestrafen? -- Wenn man
sie also nicht bestrafen wollte, wozu dann eine Rathsversammlung halten?

Jonas schlug jetzt vor, da sie suchen sollten, sich in der Nacht eines
Canoes zu bemchtigen und damit aufs Gerathewohl in See zu gehen. Inseln
lgen doch noch mehrere dort herum, und eine oder die andere wrden
sie schon finden, wenn sie nicht gar unterwegs ein Schiff antrfen, das
sie aufnehmen knnte. Das war aber ein verzweifelter Plan; denn erstens
wuten sie, da sie streng bewacht wurden, dann hatten sie gar keine
Waffen, um sich, wenn angegriffen, zu vertheidigen, und ohne Provision
und Instrumente in See zu gehen, wo ihnen der nchste Sturm auerdem
verderblich werden mute, wre mehr als Tollkhnheit, es wre einfach
Wahnsinn gewesen.

Mac Kringo, der berhaupt als Dolmetscher ein gewisses Ansehen bei den
Kameraden gewonnen hatte, stimmte gleich dagegen und erklrte, da =er=
auf keinen Fall sich bei einem solchen verzweifelten Unternehmen
betheiligen wrde. Htten sie jetzt die ganze lange Zeit nutzlos
verstreichen lassen, so bliebe ihnen nun auch weiter nichts brig, als
das Letzte abzuwarten, und da sie nichts dabei fr ihr Leben zu
frchten htten, glaube er ihnen mit Bestimmtheit versichern zu knnen.
Die Eingeborenen seien viel zu gutmthig, ihnen mit vorbedachter
Grausamkeit etwas zu Leide zu thun, und seiner Meinung nach wre die
ganze Geschichte weiter nichts, als eine Idee des alten Toanonga, der
sich, den Europern gegenber, gern ein wenig wichtig machen wolle. Das
Ganze wrde darauf hinaus laufen, da man ihnen vorhalte, wie gut und
gromthig die Bewohner von Tonga, und wie schlecht die Papalangis
seien, und zuletzt wrde man sie auf der Insel ruhig gewhren lassen, zu
treiben was ihnen gerade beliebe.

Ob er nun das Richtige getroffen oder nicht, blieb sich gleich; darin
hatte er jedenfalls Recht, da ein Fluchtversuch jetzt im letzten
Augenblick Wahnsinn gewesen wre, und die Bootsmannschaft entschlo sich
denn auch endlich, das Resultat, wie es auch ausfallen mge, geduldig
abzuwarten.


4.

Der nchste Morgen kam, und die Leute versuchten, soweit ihnen das
irgend mglich war, =Toilette= zu machen. Damit sah es aber entsetzlich
windig aus, denn bei ihrer Flucht von Bord hatten sie nur das
Nothwendigste mitnehmen knnen, und bei dem Sinken des Bootes auch
selbst das noch verloren. Nur Mac Kringo und Legs besaen Hte, nur
Spund und Jonas Jacken, und ihre Schuhe waren von dem scharfen
Corallenboden, auf dem sie =ohne= Schuhe gar nicht gehen konnten, schon
so mitgenommen worden, da sie kaum noch zusammen hielten.

Die einzige Verbesserung, die sie mit sich vornehmen konnten, war die,
da sie ihre Hemden auswuschen, um wenigstens mit reiner Wsche vor den
Huptlingen zu erscheinen, und was eine Kopfbedeckung betraf, so hatten
die, welche mit einer solchen nicht mehr versehen waren, darin die Mode
der Eingeborenen nachgeahmt und sich eine Art Kopfschutz aus den
Blttern der Cocospalme gefertigt, der die Augen wenigstens gegen das
blendende Sonnenlicht schirmte.

Nur Pfeife, einer gewissen Phantasie dabei folgend, war daran gegangen,
einen wirklichen Hut zu flechten -- was die Matrosen meist verstehen und
sich oft ihre Strohhte selber machen. Das Cocosblatt zeigte sich aber
nicht geschmeidig genug dazu, und wenn er auch wirklich eine Art Hut
zusammen brachte, so hatte derselbe doch eine so wunderliche Form
bekommen, da selbst Lemon lachte, als er ihn zum ersten Male sah.

Die ersten Morgenstunden vergingen brigens, ohne da sie zu der
erwarteten Zusammenkunft wren abgerufen worden. Nur ihr Frhstck
erhielten sie wie gewhnlich, dann war Alles still -- nicht einmal ein
Fischer-Canoe sahen sie in dem Binnenwasser der Riffe, so hatte die
heute gehaltene Rathsversammlung das Interesse der Insulaner in
Anspruch genommen.

Endlich kam der, eines Theils gefrchtete, andern Theils aber auch
wieder sehnlichst erwartete Bote; denn selbst die schlimmste
Wirklichkeit kann in manchen Fllen oft weniger peinlich sein, als diese
ewig zgernde Ungewiheit, in der sich des Menschen Herz in solchem
Falle verzehrt.

Ein junger Bursch, der auf der Insel Constabel-Dienste versah, sich
sonst aber in nichts von den brigen auszeichnete, als wo mglich noch
fauler als der Rest zu sein, kam endlich und meldete den Papalangis, da
Toanonga und die Versammlung der Egis sie erwarte.

Mac Kringo theilte den brigen die Botschaft mit, und Lemon brummte
halblaut vor sich hin: Die Egis sollen verdammt sein!

Das nahm der Botschafter aber entsetzlich bel; denn wenn er auch kein
Englisch verstand, hatten die Eingeborenen jenes Wort verdammt doch so
oft von dort landenden Fremden gehrt, um zu wissen, da es etwas sehr
Bses und Hliches bedeute. Er hielt deshalb auch dem kleinen
sauertpfischen Burschen eine lange und heftige Strafpredigt, die
dieser jedoch mit weiter nichts als einem noch viel mrrischeren Geh
zum Teufel erwiderte.

Mac Kringo gab sich freilich alle Mhe, den Frieden wieder herzustellen
und den Eingeborenen zu besnftigen, indem er ihn zu berzeugen suchte,
da er den Papalangi ganz falsch verstanden habe. Der Bursche wute aber
recht gut, was er selber gehrt hatte, und der Zug setzte sich endlich,
von ihm angefhrt, langsam in Bewegung.

Hrt einmal, Kameraden, sagte da Mac Kringo als sie schon unterwegs
waren, indem er sich gegen die kleine Schaar wandte, ich habe euch
schon versichert, da ich nicht glaube, wir htten irgend etwas von dem
rothen Gesindel zu frchten. Sollten sie uns aber =doch= zu Leib wollen,
und es ist immer gut, auch auf das Schlimmste vorbereitet zu sein, dann
wollen wir uns auch nicht wie die Schafe zur Schlachtbank fhren lassen,
sondern lieber wie englische Matrosen sterben und noch so vielen der
rothen Brotfruchtfresser, wie mglich, die Schdel einschlagen. Seid ihr
damit einverstanden?

Gewi, rief Pfeife fr die brigen; irgend etwas wird man ja dort
schon finden, womit man zuschlagen kann, und wenn das =nicht= wre, so
hat jeder seine Fuste und sein Messer bei der Hand, die lumpigen
Schufte nach Herzenslust zu bearbeiten.

Gut, sagte Mac Kringo. In dem Falle liegt unsere einzige Aussicht auf
Erfolg aber nur darin, da wir uns nicht =trennen= lassen, sondern fest
zusammen halten. Sechs handfeste Burschen wie wir knnen es dann auch
schon mit einem Schock solchen weichlichen Gesindels aufnehmen, und im
schlimmsten Falle arbeiten wir uns zu einem Canoe durch, plndern einen
Brotfruchtbaum und ein paar Cocospalmen und gehen in See.

Das sind schne Aussichten! seufzte Spund, und bedenkt nur dabei, da
wir sie durch Widersetzlichkeit immer noch erbitterter machen!

Wenn =du= dich willst fressen lassen, kreischte Pfeife, so hat
natrlich Niemand was dawider. Ich danke aber dafr, und wenn sie uns
wirklich einmal zu Leib wollen, so liegt nachher verwnscht wenig daran,
ob wir sie dabei in guter oder bser Laune behalten.

Pst -- da sind sie! flsterte aber in diesem Augenblicke Mac Kringo,
der durch die Bsche hin die hellen buntfarbigen Kleider der
Eingeborenen schon erkannt hatte. Jetzt haltet euch ruhig, und im
Nothfalle fest zusammen. Unsere Messer haben wir doch wenigstens alle
im Grtel, und was sie auch vorhaben, sie sollen uns wenigstens nicht
unvorbereitet finden.

Weiteres Gesprch war jetzt auch unmglich geworden, denn wie sie den
nchsten Busch umschritten, sahen sie sich pltzlich der ganzen
Versammlung gegenber, die sie sich allerdings nicht so zahlreich
gedacht. Die Einwohnerschaft der ganzen Insel schien aber hier
versammelt und der groe weite Raum vor Toanonga's Htte, in dem die
Egis den Mittelpunkt bildeten, schwrmte ordentlich von braunen
lebendigen Gestalten beiderlei Geschlechts.

Inmitten des Platzes stand ein riesiger Tamarindenbaum, um den herum
neun hochstmmige Cocospalmen angepflanzt schienen. Dadurch erhielten
sie dem Platz den Schatten, die Sonne mochte stehen, wo sie wollte[25],
und konnten ihre Versammlungen zu jeder beliebigen Tageszeit halten.

Dort waren feine Matten ausgebreitet, welche die Bewohner aller der
Sdsee-Inseln so trefflich zu flechten verstehen, und die Egis von Monui
bildeten, mit Toanonga in der Reihe sitzend, einen vollkommenen Kreis.

In demselben nahmen die verschiedenen Huptlinge ihre Pltze ein, aber
keineswegs nach Gutdnken, sondern sie waren ihnen vorher von dem
Ceremonienmeister angewiesen worden. Toanonga behauptete den Ehrenplatz
und sa, den Rcken seinem Hause zugedreht, mit dem Gesicht der
reizenden Bai zugewandt, die hier durch rechts und links auslaufende
Landzungen gebildet wurde. Zu beiden Seiten dann von ihm ab kamen ihm
zunchst die Angesehendsten und vom edelsten Blut, bis sich mit den
geringeren Huptlingen der Kreis ihm gegenber wieder schlo.

Um die Egis aber her, und zwar so gedrngt, da sie fast deren Rcken
berhrten, saen[26] die brigen Eingeborenen, Mnner und Frauen, bunt
durch einander, und wer dem Kreise nicht so nahe kommen konnte, zu hren
was da verhandelt wurde, lie es sich wenigstens von den nher Sitzenden
mittheilen.

Auerhalb dieses fast dicht geschlossenen Kreises hatten die Kinder
ihren Tummelplatz gewhlt, sich haschend und berschlagend, und mit den
nackten Fen auf dem scharfen Corallensande allerlei wilde Lust
treibend.

Die Berathung war indessen nicht gleich von Anfang an so ffentlich --
wenn auch im Freien -- verhandelt worden. Bis die Egis unter sich einig
geworden, hatte man das Volk in ehrerbietiger Ferne gehalten, und erst
als die Hauptsache vorber war, lie man die Neugierigen hinzu. Wollte
jedoch der alte Toanonga die Galerieen wieder gerumt haben, so brauchte
er nur ein Zeichen zu geben, und Keiner htte daran gedacht, sich dem
Befehle zu widersetzen.

Jetzt brigens, da die gefangenen Fremden in Sicht kamen, wurde eine
andere Ordnung nthig, um sie wrdig zu empfangen, und einer der als
Constabel agirenden Burschen schrie deshalb den Zuhrern zu, Raum zu
geben. Diese muten auch schon wissen, um was es sich handle, denn sie
wichen nach rechts und links zurck, die Fronte gegen die Bai offen
lassend, whrend die mit dem Rcken nach dem Wasser zu sitzenden
Huptlinge ebenfalls aufstanden.

Geschftige Hnde ergriffen dabei rasch ihre Matten, und trugen sie
hinter Toanonga und die ihm zunchst sitzenden Huptlinge, wo sie mit
ihnen eine zweite Reihe bildeten. Dadurch war der Raum vor dem alten
Huptling frei geworden, an beiden Seiten aber kauerte die
Einwohnerschaft von Monui.

Mate, sagte da Legs, indem er seinen Hosenbund etwas hher ber die
Hften heraufzog und aus alter Gewohnheit -- denn Tabak hatte schon
lange Keiner von ihnen mehr -- auf die Erde spuckte -- die Geschichte
wird feierlich -- was sagest =du= dazu.

Mein Leben lang will ich keine Schiffsplanke betreten, murmelte Pfeife
zwischen den Zhnen durch, wenn ich nicht wnsche, da ich hier fort
wre. Da stehen ein paar Hundert breitschulterige Kerle herum, mit den
Waffen vielleicht hinter den nchsten Bschen versteckt, was sollen wir
Sechs gegen die ausrichten?

Bah, =so= viel fr die ganze Band', brummte der, fast um einen Kopf
kleinere Matrose. Meinen Hals setz' ich zum Pfand, da die Kerle nicht
einmal die Courage haben, uns etwas am Zeuge zu flicken. Ja, wenn wir
Einer oder Zwei wren, aber einer ganzen Bootsmannschaft -- wenn auch
unserem Harpunier und Bootsteuerer der Hals voll Wasser gelaufen ist --
kommen sie schon nicht zu nah.

Du, der Alte fngt an, flsterte da Pfeife, indem er den Kameraden in
die Seite stie, jetzt bin ich neugierig.

Toanonga hatte indessen -- die Hnde in voller Ruhe auf seinem Bauch
gefaltet -- die ankommenden Papalangis Einen nach dem Andern aufmerksam
gemustert. Als sie aber auf Anordnung eines der Leute vor ihm
niedergesessen oder vielmehr gekauert waren, und sich halb schchtern im
Gefhl der sie umgebenden Menschenmenge, halb wieder trotzig und im
schlimmsten Falle zum uersten entschlossen, im Kreise umsahen, nickte
er ihnen mit seinem gutmthigen Lcheln zu und sagte:

_Chio do fa, Papalangis -- chio do fa!_


5.

Die Leute, die aus dem freundlichen Gesicht des Alten neuen Muth
schpften, erwiderten den Gru rasch, und dieser fuhr, den Kopf dabei
langsam auf und ab neigend, einer in Bewegung gesetzten Pagoge nicht
ganz unhnlich, fort:

Ich habe euch rufen lassen, Freunde, um mit euch ein ernstes Wort ber
euch und eure Zukunft zu sprechen. Du da vorn, wie heiest du gleich?
-- verstehst ja wohl unsere Sprache genug, den Anderen wieder zu
erzhlen, was ich dir gesagt habe?

Mac Kringo heie ich, erwiderte der also angeredete Schotte, indem er
den Kopf etwas neigte. Rede nur, Toanonga; ich verstehe Alles, und es
soll kein Wort davon verloren gehen.

Gut, Freund -- desto besser. So passe wohl auf, denn es kommt fr euch
viel darauf an, da du auch eben recht verstehest.

Du weit, unter welchen Umstnden wir euch auf diese Insel
zurckbekommen haben. Es war nicht unser Wunsch, und wir htten euch
lieber in eurem groen Canoe fortsegeln sehen. Du weit auch, da ihr
oder euer Capitain -- das bleibt sich gleich, denn ihr gehrtet zusammen
und standet einander bei -- mir hier, der ich euch alle freundlich
aufgenommen, ein groes Leid anthun wolltet. Das war eure Dankbarkeit,
ich will euch das aber nicht so bel nehmen, denn ihr Papalangis wit es
vielleicht nicht besser, und wenn ihr erst einmal eine Zeit lang
zwischen uns gelebt habt, werdet ihr schon gescheidtere und bessere
Menschen werden. Trotzdem nun hat der wackere und tapfere _Tai
manavachi_, whrend er eurem bsen Capitain mitten im Sturm seine Braut
wieder abnahm, euch, seine Feinde, die ihr verunglckt waret, aus dem
Meer gerettet und ans Land gebracht, und euch auch weiter nicht das
geringste Leid zugefgt. Er hatte eurem Capitain versprochen, euch
ungestraft ziehen zu lassen, wenn er Hua, die damals noch in eurem
Canoe war, kein Leid zufgen wollte, und da euer Capitain sie darauf
frei lie, glaubte er auch an euch sein Wort halten zu mssen. -- _Tai
manavachi_ ist ein groer und edler Huptling, und sein gegebenes Wort
war heilig. Die Hotuas hatten es gehrt, und er wute, da er es nicht
brechen durfte. So -- sag' jetzt deinen Freunden erst einmal, was ich
mit dir gesprochen.

Mac folgte dem Befehl und bersetzte den brigen die kurze und einfache
Rede. Die Matrosen hrten ihm aufmerksam zu, bis ihn Legs endlich
unterbrach und ausrief:

Schon gut, schon gut, das ist eine alte Geschichte, und das Meiste
davon wissen wir schon. Er soll uns ein frisches Garn spinnen. Hol' der
Bse die Saalbadereien!

Nur Geduld, Mate! rief aber auch Jonas; wenn einer ein Schiff vom
Stapel lassen will, mu er erst sehen, ob Alles dicht und in Ordnung
ist. Er hat jetzt die Geschichte kalfatert und Masten eingesetzt und
Takelwerk angeschlagen. Pa einmal auf, jetzt wird er die Segel setzen
und 14 Knoten die Stunde gehen.

Haben sie Alles verstanden, fragte Toanonga.

Alles, sagte der Schotte, der klug genug war, den Alten so viel als
mglich bei guter Laune zu erhalten, und sie bitten dich fortzufahren.

Schn, erwiderte der alte Huptling, zufrieden dabei mit dem Kopfe
nickend: Ich mu dir nun sagen, da ich im Anfang gar keine Lust hatte,
euch hier auf der Insel zu behalten. Ihr waret Kriegsgefangene von _Tai
manavachi_ und ich wollte, er sollte euch mit hinber nach Tonga nehmen.
_Tai manavachi_ hat aber ein groes Herz. Er sagte, da seine jungen
Leute sehr zornig auf euch wren, und er nicht wisse, ob er dann sein
Wort halten knne: euch kein Leid zuzufgen. berdies knnte er euch
auch nicht gebrauchen und wolle nichts mehr mit euch zu thun haben.

Sehr freundlich von _Tai manavachi_, dachte Mac Kringo, erwiderte aber
laut kein Wort und verzog keine Miene, und der Alte fuhr nach kurzer
Pause fort:

Da ihm aber nach unseren Gesetzen nun das Recht ber euch zusteht, so
haben wir, die Egis des Landes, uns die Sache berlegt, euch ihm
abgekauft und beschlossen, euch hier auf Monui zu behalten.

=Abgekauft?= rief Mac Kringo erstaunt.

Ja, Freund, sagte der Alte, ganz unbefangen und freundlich dabei
lchelnd, =abgekauft=. Nicht etwa, denn ich wte nicht, was ich mit
euch anfangen sollte, sondern die Egis, und zu welchem Zwecke, will ich
dir gleich auseinandersetzen, wenn du den brigen erst meine Worte
erklrt hast.

Mac Kringo that das diesmal schnell genug, denn die Nachricht hatte ihn
selber berrascht, Legs aber rief lachend aus:

Da htte ich den Alten fr gescheidter gehalten. Wer =uns= kauft, ist
bs angefhrt, denn ich will verdammt sein, wenn ich selbst mein
=eigener Herr= sein mchte.

Und was wollen sie da mit uns machen? fragte Spund erschreckt; da
sollen wir wohl =arbeiten=?

Bah! lachte Jonas; die Arbeit, die =die= faulen Burschen hier zu
verrichten haben, knnte man recht gut vor dem Frhstck fertig bringen,
ehe der Kaffee kalt wird; -- Lumpenvolk das, einen weien
Christenmenschen zu =kaufen=! Aber so viel wei ich, da ich mich schon
dumm genug anstellen werde.

Und dazu brauchst du dich auch gar nicht zu verstellen, brummte Lemon.
So viel ist aber sicher, und Legs hat Recht, ich htte die Rothhute
auch fr gescheidter gehalten, als da sie Kerle wie Spund und Pfeife
kauften.

Na, sei du nur --

Ruhig! unterbrach aber Mac Kringo die Kameraden; ist das jetzt eine
Zeit zum Necken? Hrt erst, was der Alte weiter zu sagen hat, nachher
knnen wir darber reden.

=Was= sagen sie? fragte Toanonga.

Sie lassen dich nur bitten, fortzufahren, erwiderte Mac Kringo.

Gut, sehr gut, nickte der Alte wieder, whrend jetzt besonders die
Frauen unter den Zuhrern sich vordrngten, als ob sie kein Wort von dem
verlieren wollten, was da verhandelt wrde. Die Egis haben euch also,
wie ich dir schon vorher erzhlt, gekauft, und eigentlich blieb ihm
nichts Anderes brig; denn was sollten wir mit euch machen? ihr habt
keinen Tabak, keine Glasperlen, keine Beile, kein Zeug, fr das wir euch
zu einer weiten Seefahrt ausrsten knnten, und ihr werdet doch wohl
einsehen, da wir euch das nicht auch noch obendrein schenken knnen,
weil ihr eines Egi Tochter habt entfhren wollen und dabei verunglckt
seid.

Aber wir knnen uns vielleicht selber ein Boot bauen oder ein Canoe
aushauen, unterbrach ihn jetzt Mac Kringo, dem der Gedanke nicht recht
behagen wollte, den rothen Gesellen kuflich berlassen zu sein.

Womit? fragte ihn aber ganz trocken der Alte. Habt ihr selber Beile?
Habt ihr Segel und Ruder? Habt ihr Proviant? Nein, Freund; wir haben
schon Schaden genug durch euch gelitten und wollen jetzt auch einigen
Nutzen aus euch ziehen.

Aber was sollen wir thun? fragte der Schotte ungeduldig.

Das wirst du gleich hren, lautete die ruhige Antwort des Alten. Die
Egis haben euch allerdings gekauft, aber mit Gtern, die dem Lande
selber gehren, deshalb knnen sie auch nicht und wollen sie nicht eure
Dienste fr =sich= in Anspruch nehmen. Krieg haben wir jetzt nicht; wir
leben mit allen benachbarten Inseln in Frieden, und _Tai manavachi_ ist
unser mchtiger Bundesgenosse geworden. Wre das nicht der Fall, so
wrden wir euch vielleicht in unseren Canoes verwenden knnen, deren
Behandlung ihr bald lernen wrdet. berhaupt seid ihr Weien entsetzlich
unwissende Menschen, fr die es ein groes Glck ist, da sie nach
unserer Insel gekommen sind -- ihr knnt nicht einmal Fische fangen.
Doch das alles werdet ihr wohl nach und nach begreifen, wenn ihr erst
einmal selber fr euch und die Euren sorgen mt.

Wenn wir das aber alles nicht knnen und verstehen, brummte Mac
Kringo, was wollt ihr denn mit uns machen?

Du bist entsetzlich ungeduldig, sagte Toanonga, ich war ja eben im
Begriff, dir das zu erklren. Vor allen Dingen wollte ich dir nur erst
begreiflich machen, da wir uns den Kopf zerbrochen haben, euch eine
ordentliche Stellung hier anzuweisen, und ich selber habe da endlich
einen Vorschlag gemacht, dem die anderen Egis nach reiflicher berlegung
beigepflichtet sind. Unser Entschlu deshalb ist der folgende: Auf Monui
leben, seit unsrem letzten Krieg im vorigen Jahre, einige Frauen ohne
Mnner. Diese haben also auch niemanden mehr, der fr sie sorgt, und
muten deshalb von den Egis oder vielmehr von dem Lande selber erhalten
werden. Unter unsern Einwohnern hat sich aber bis jetzt noch niemand
gefunden, der sie wieder heirathen wollte; der Mnner sind auch durch
die vielen Kriege weniger geworden, und diese Frauen begannen fr uns
eine Last zu werden.

Mac Kringo hatte die Einleitung in immer wachsendem Staunen zugehrt,
denn er begriff gar nicht, was ihre Verhltnisse mit dem der Wittwen auf
Monui zu thun haben knnten. Eben so wute er recht gut, da in diesem
gesegneten Lande niemand dem Andern zur Last sein =konnte=, denn wo die
Leute eben so gengsam von Brotfrucht und Wasser oder Cocosnssen
lebten und von allem diesem brig genug fr smmtliche Bewohner war,
konnte auch von keinem Nahrungsmangel die Rede sein. Er schttelte
deshalb unglubig mit dem Kopf und sagte:

Hatten sie denn keine Brotfrucht, die sie essen, keine Fische, die sie
fangen konnten?

Du verstehst mich nicht, erwiderte ruhig Toanonga. Zu essen haben sie
allerdings genug, Dank den Hotuas[27], die unsere Inseln mit Allem
reichlich gesegnet haben. Frauen verlangen aber nicht blo zu essen, sie
mssen auch einen Beschtzer haben, denn sie frchten sich, allein in
ihren Htten zu wohnen. Wir haben ihnen deshalb bis jetzt ein groes
Haus eingerumt, in dem sie zusammen leben konnten, aber sie wollten
sich dort nicht mit einander vertragen. Sie haben sich gezankt und
Streitigkeiten unter einander angefangen, die dann von den Egis wieder
geschlichtet werden muten, und es ist kein Friede zwischen ihnen
geworden.

Segne meine Seele, knurrte Lemon, das ist ein langer Palaver, und mir
schlafen die Beine schon ein. Was sagt er, Lord Douglas?

Pst -- warte nur noch einen Augenblick, beschwichtigte ihn der
Schotte, der zu begreifen begann, was man von ihnen verlange, und ein
heimliches Lachen kaum unterdrcken konnte.

Damit das anders werde, fuhr Toanonga langsam und bedchtig fort,
haben wir =euch= ausersehen, und eurem Schutz sollen diese Frauen
bergeben werden.

Mac Kringo glaubte noch immer, der Alte wollte sich einen Spa mit ihnen
machen; dazu aber sah er doch viel zu ernsthaft aus, und er fragte
jetzt, immer noch seinen Ohren nicht recht trauend --

=Wir?=

Ja, =Ihr=, erwiderte Toanonga, gravittisch mit dem Kopfe nickend.
=Ihr= sollt sie =heirathen=, dann zieht ihr Jeder wieder in ein
besonderes Haus, und der ewige Scandal hrt einmal auf. Es ziemt sich
auch nicht, da die Frauen die Felder bestellen, _gumala_ und _ufi_[28]
darin zu ziehen. Das ist des Mannes Sache, und ihr werdet das fortan
bernehmen. Du weit jetzt unseren Willen und wirst ihn deinen Freunden
mittheilen. Hast du mich verstanden?

Gewi, rief Mac Kringo rasch, und mute an sich halten, da er nicht
gerade hinaus lachte, denn die Sache kam ihm doch zu komisch vor.

Was will er? fragte aber jetzt auch Spund, der sich vor Neugierde kaum
lassen konnte.

Nun, Messmates, redete da Mac Kringo die Kameraden an, indem er sich
gegen sie wandte und so ernsthaft wie nur irgend mglich dabei
auszusehen versuchte, jetzt =ist= die Bombe endlich geplatzt, und so
viel kann ich euch vor der Hand sagen: gehngt werden wir =nicht=.

Aber was ist's? -- was will das alte dicke Rothfell? -- wozu haben sie
uns gekauft? fragten die brigen durch einander.

Ja, es ist freilich was Erschreckliches, schmunzelte Mac Kringo, indem
er die ziemlich abgerissene Schaar vor sich berblickte, und wenn man
euch hier nach einander ansieht, sollte man eigentlich kaum glauben, da
ihr recht dazu passen wrdet.

Na, zum Teufel, Lord Douglas, rief jetzt aber auch Jonas, den bei der
langen Vorbereitung schon ganz unheimlich zu Muthe wurde -- so schie
einmal los! Was sollen wir denn thun?

Wir sollen =heirathen=, antwortete Mac Kringo mit einem so ernsthaften
Gesicht, als ihm das irgend mglich war; die fnf Seelen brachen aber
in ein schallendes Gelchter aus, das, merkwrdiger Weise, auch die als
Zuschauer umherkauernden Indianer anstecken mute. Was sich wenigstens
an jungen Mnnern dort hinzugedrngt, stimmte pltzlich aus vollem
Herzen in das Lachen mit ein, und die bis zu diesem Augenblicke noch so
ernste Rathsversammlung schien in diesem Ausbruch unerwarteter
Frhlichkeit ihren ganzen Respect zu verlieren.

Da hob Toanonga den Arm empor, und whrend die Insulaner augenblicklich
schwiegen, fhlten selbst die Seeleute, da sie den alten Huptling, in
dessen Gewalt sie sich doch nun einmal befanden, nicht rgerlich machen
durften.

Hast du deinen Freunden gesagt, was ich dir mitgetheilt? fragte der
Alte -- und weshalb lachen sie?

Sie freuen sich, da du so gndig mit ihnen verfahren willst,
erwiderte Mac Kringo, rasch gefat. Es gefllt ihnen hier auf der
Insel, und sie wollen gern bei euch bleiben. Die Hauptsache freilich,
da du uns jetzt die Frauen zeigest, die wir nehmen sollen, damit wir
unsere Wahl treffen.

Es ist gut -- das hat noch Zeit, erwiderte der Huptling. Vor allen
Dingen mchte ich erfahren, wer ihr eigentlich selber seid.

=Wir?= sagte Mac Kringo erstaunt -- nun, Seeleute.

Ja -- das wei ich, erwiderte Toanonga, denn ihr seid alle auf dem
groen Canoe gekommen. Aber ich wei auch, da ihr auf euren Canoes
verschiedene Beschftigungen habt. Euer Capitain hat mir erzhlt, da es
Unterhuptlinge darauf gibt, dann aber auch Leute, die das Holz
bearbeiten und Boote machen, solche, die groe Fsser arbeiten, solche,
die Eisen hmmern, solche, die mit Tauen und Segeln umzugehen wissen,
und so weiter; Was seid =ihr= also? Was bist =du= gewesen?

=Ich?= erwiderte Mac Kringo, der recht gut einsah, da er sich hier in
den Augen der Eingeborenen, ohne da seine Kameraden das Geringste davon
zu erfahren brauchten, einen hheren Rang und dadurch mehr Ansehen geben
konnte. =Ich= war ein Unterhuptling.

Das habe ich mir gedacht, sagte Toanonga, und die Anderen?

Hm, brummte der Schotte, das mgen sie dir lieber selber sagen, und
sich dann zu den Kameraden wendend, bersetzte er ihnen rasch, da der
Alte ihren Stand am Bord zu wissen wnsche.

Nun, ich bin Bttcher! rief Spund.

Allerdings, nickte Mac Kringo -- der hier, Toanonga, ist der Mann,
der die groen Fsser macht.

Gut -- sehr gut! rief der Huptling, er mag deren hier fr uns
machen, Cocosnul hinein zu thun -- und weiter?

Du, Jonas, hast dem Zimmermann ja manchmal geholfen, redete diesen der
Schotte an. Soll ich dich als Zimmermann auffhren? die Rothhute haben
nachher mehr Respect.

Meinetwegen, antwortete Jonas, viel zu zimmern werde ich hier doch
nicht bekommen.

Und dies, Toanonga, sagte der Schotte, ist der Mann, der das Holz
behaut.

Sehr gut! La die Zwei bei Seite sitzen.

Nun, Lemon, wandte sich der Schotte jetzt an diesen, soll ich dich
als Schmied vorstellen?

Schmied, brummte der Matrose, ich habe in meinem Leben keinen Hammer
in der Hand gehabt.

Was thut das, lachte Mac Kringo, du wirst auch hier weder Hammer noch
Ambo finden, um dadurch in Verlegenheit zu kommen.

Dann meinetwegen, sagte Lemon, so lange sie kein Handwerkszeug haben,
will ich wohl ihr Schmied sein, wenn sie dann nur Frieden geben.

Toanonga wurde jetzt also auch mit dieser neuen Eigenschaft bekannt
gemacht, schien sich aber ber eine solche Entdeckung noch mehr zu
freuen, als ber die anderen Handwerker. Er machte sogar Miene, von
seinem Sitze aufzustehen, besann sich aber doch noch in Zeiten, da sich
das nicht recht fr ihn schicken wrde. Dem also entdeckten Schmiede
winkte er jedoch sehr gndig mit der Hand und befahl ihm, als besondere
Auszeichnung, da er an seine Seite kme.

Lemon wute nicht recht, was er aus der ganzen Sache machen solle, und
schnitt ein bitterbses Gesicht, folgte aber nichts desto weniger dem
Befehle.

Fast alle Matrosen sind halbe Segelmacher, und Pfeife wurde deshalb von
dem Schotten als solcher vorgestellt. Jetzt blieb also nur noch Legs fr
ein selbst zu erwhlendes Metier, und da die Leute gemerkt hatten, da
ihnen das mehr Ansehen gab, wollte natrlich Keiner mehr gemeiner
Matrose sein.

Hol's der Henker, sagte Legs, wenn ihr Alles weggenommen habt, bleibt
nichts weiter fr mich brig, wie Koch. Stell mich dem alten runzeligen
Rothfell deshalb als Koch vor, Lord Douglas.

Das geschah; diese Entdeckung schien aber die beabsichtigte Wirkung
nicht hervorzubringen; denn Toanonga sah den kleinen Burschen mit einem
halb mitleidigen, halb geringschtzigen Blicke an und wiederholte
mehrmals das ihm von Mac Kringo genannte Geschft des Mannes:

_Tangata fe-umu, Tangata fe-umu_, wobei er den dicken Kopf von einer
Schulter auf die andere warf.

Na? steht das dem Alten nicht an, fragte Legs, etwas bestrzt ber
diese augenscheinlichen Beweise des Mifallens -- was schneidet er denn
fr Gesichter?

La nur gehen, Legs, beschwichtigte ihn aber der Schotte, ob es ihm
recht ist oder nicht, bleibt sich gleich. Er wei nun alles, was er
wissen will, und jetzt, denke ich, werden uns die Frauen vorgefhrt
werden.

=Ich= wei, wen ich nehme, schmunzelte da Legs, der an das
wunderschne Mdchen dachte, das er drauen im Wasser gefunden. Nachher
kann ich's hier schon eine Weile auf der Insel aushalten. Wenn wir nur
Tabak htten!

Sprich mir nur nicht von Tabak, brummte Spund, ich bin froh, wenn ich
ihn einmal einen Augenblick vergessen habe. Wie ich das Wort nur nennen
hre, luft mir das Wasser schon im Maul zusammen.

Hallo, da kommen die Frauen! rief Legs, der indessen berall umher
geschaut hatte, das Mdchen von gestern unter der Schaar heraus zu
finden, sie aber bis dahin noch nicht entdecken konnte, na, nu wird's
losgehen.


6.

Legs hatte ganz recht gesehen. Unter den Frauen entstand in diesem
Augenblicke eine auffallend lebhafte Bewegung, und whrend bis dahin die
Mnner hauptschlich den innern Ring der Zuschauer gebildet hatten,
drngte sich jetzt der weibliche Theil der Bevlkerung vor, um an der
Verhandlung und ihrem weiteren Verfolge vielleicht thtigen Antheil zu
nehmen.

Jedenfalls geschah dieses auf ein Zeichen, vielleicht auf einen Befehl
Toanonga's, der indessen seine Augen aufmerksam im Kreise umhergehen
lie und die ihm nher drngenden Frauen zu mustern schien. War das
wirklich der Fall gewesen, so kam er damit bald zu einem Resultate; denn
er sah nach wenigen Minuten schon wieder still und nachdenkend vor sich
nieder, nur dann und wann nach den Egis hinberhorchend, die indessen
eine desto lebhaftere Debatte fhrten.

Sie sprachen aber so rasch, da Mac Kringo nur einzelne Worte davon
verstehen konnte. Der alte How oder Knig schien jedoch mit allem, was
sie sagten, einverstanden; nur einmal protestirte er, und die Sache
mute den neben ihm sitzenden Lemon betreffen, auf den er wiederholt
deutete. Lemon merkte ebenfalls etwas hnliches, und der mrrische
Blick, mit dem er den Alten betrachtete, hatte etwas unendlich
Komisches. Toanonga nahm aber weiter nicht die geringste Notiz von ihm,
und die brigen Egis schienen sich endlich seiner ausgesprochenen
Meinung zu fgen.

Ma Kino, sagte da pltzlich der Alte, indem er sich an den Schotten
wandte, ich und die Egis sind darber einig geworden, wie sie euch
versorgen wollen, und ich will dich kurz mit ihrem Entschlu bekannt
machen, welche Frauen euch zugetheilt werden sollen.

Zugetheilt? fragte der Schotte rasch, das ist in unserem Lande nicht
Sitte und meine Kameraden sind vllig damit einverstanden, da wir uns
lieber die, welche uns am besten gefallen, aussuchen wollen.

Das glaube ich euch recht gern, sagte der alte Toanonga gutmthig,
whrend die zunchst sitzenden Frauen unter einander kicherten und
flsterten. Wenn aber hier berhaupt eine =Wahl= Statt finden sollte,
so wren es unsere =Frauen=, die dazu ein Recht htten. Von =euch= kann
gar keine Rede sein. Da die Frauen aber in Geschftssachen sehr
kurzsichtig sind, und die Mnner fr sie denken mssen, so haben die
Egis das bernommen, und du wirst jetzt hren, was wir darber
beschlossen.

Aber meine Kameraden werden damit nicht einverstanden sein, warf Mac
Kringo ein.

Bah -- ich habe dich fr einen vernnftigen Papalangi gehalten, sagte
kopfschttelnd der Alte. Was wollt ihr denn thun? -- haben wir euch
nicht gekauft? -- Knnten wir euch nicht die Schdel einschlagen, wenn
wir sonst Lust dazu htten, und habt ihr das etwa nicht auch verdient?
-- Wer kmmerte sich hier um euch, wenn wir euch in ein durchlchertes
Canoe setzten und euch hinaus in die Bai ziehen lieen, dort nach
Gefallen zu sinken oder zu schwimmen, he? also sprich nicht solch dummes
Zeug und sei gescheidt. Wenn =ihr= etwas an der Sache ndern knntet, so
htten wir euch um Rath gefragt. Da das nicht der Fall war, so habt ihr
fr jetzt weiter nichts zu thun als zu gehorchen.

Der Alte sprach diese Worte mit seiner gewohnten, gutmthigen
Freundlichkeit, aber doch auch mit so viel Entschiedenheit im Ton, da
Mac Kringo bald merkte, wie sie mit ihm und den Eingeborenen berhaupt
standen. Die Schaar der Insulaner war sich, den unbewaffneten Weien
gegenber, ihres bergewichts wohl bewut, und an Widersetzlichkeit von
ihrer Seite war in der That nicht zu denken. Klug genug also, die nicht
fr den Augenblick zu reizen, die einmal die Gewalt in Hnden hatten,
beschlo Mac Kringo, sich vor der Hand allem zu fgen, was sie ber ihn
und die Kameraden verhngen wrden. Mit der Zeit kam dann auch Rath, und
sie fanden vielleicht Mittel und Wege, sich einer ihnen lstig werdenden
Gefangenschaft zu entziehen.

Toanonga kmmerte sich indessen wenig um das, was sein Dolmetscher etwa
denken oder beabsichtigen mochte. Er hatte ihn mit dem Willen der Egis,
der vor allen Dingen auch der seinige war, bekannt gemacht, und da der
durchgefhrt werden mute, verstand sich von selbst.

Ma Kino, begann er deshalb nach kurzer Pause, denn das Wort Mac Kringo
konnte er nicht gut aussprechen, indem er den vor ihm sitzenden Schotten
fest und scharf ansah, du bist, wie du sagst, auf eurem groen Canoe
ein Egi gewesen, und es ist deshalb auch in der Ordnung, da mit dir der
Anfang gemacht wird. Die Anderen kommen nachher in der Reihenfolge, die
ihnen gebhrt. Da du nun unsere Sprache verstehst, gedenke ich dich in
meiner Nhe zu behalten, welcher Ehre du dich hoffentlich wrdig machen
wirst, und zu dem Zweck und um dich auch zugleich recht wohnlich bei uns
einzurichten, habe ich dir eine passende Frau bestimmt, die du gut
behandeln und fr die du sorgen wirst. Hast du mich verstanden?

Mac Kringo nickte schweigend mit dem Kopf, denn der Alte fing an, ihm in
seiner Ruhe und Bestimmtheit zu imponiren. Die Vernderung fiel ihm auch
auf, wie sich Toanonga jetzt und damals benahm, als ihr Capitain noch
mit seiner ganzen Schiffsmannschaft hier lag. Damals war er ihnen weit
mehr als Freund und guter Bursche entgegengekommen, whrend er jetzt,
von seinem ganzen Stamme umgeben und den wenigen Weien gegenber, nicht
ernst und wrdevoll genug aussehen konnte. Doch das alles zuckte ihm nur
in flchtigen Gedanken durch das Hirn, denn der gegenwrtige Moment war
fr ihn selber viel zu entscheidend, um sich mit anderen Beobachtungen
aufzuhalten.

Toanonga winkte nmlich einer Frau, die, nicht mehr ganz jung, aber doch
noch in den besten Jahren, den Kopf gebeugt, in dem vorderen Ringe sa.
Auf das Zeichen, das sie unter den gesenkten Augenlidern vor gesehen
haben mute, richtete sich aber etwas auf und sah Toanonga an. -- Mac
Kringo war fr sie gar nicht da.

Mefo Hupe, sagte Toanonga, die Frau anredend, du bekommst hier einen
Versorger. Ma Kino wird mit dir in deine Htte ziehen und das Feld fr
dich und deine Kinder bearbeiten.

Deine Kinder? rief der Schotte erstaunt, whrend die Frau wieder, als
Zeichen des Gehorsams, den Kopf senkte, sind denn Kinder auch dabei?

Allerdings, erwiderte freundlich der alte How, und um so viel besser
fr dich, denn du hast gleich eine Familie, in der du zu Hause bist.
Mefo Hupe war die Frau eines tapferen Egi's, Luttanaki mit Namen, der in
dem letzten Kampfe gegen die Hapai-Leute getdtet wurde. Er hatte vorher
sieben Hapai-Krieger mit eigener Hand erschlagen; du wirst deshalb nicht
verfehlen, die Frau ehrerbietig zu behandeln. Geh jetzt in deine
Wohnung, Mefo Hupe, und bereite dich zu der blichen Feierlichkeit vor.

Die Frau stand auf und verlie, ohne auch nur einen Blick auf ihren
knftigen Gatten zu werfen, die Versammlung, und Mac Kringo wute
wirklich kaum, ob das hier alles nur ein Scherz sein sollte, oder ob
die Insulaner wirklich Ernst machten. An dem Letzteren brauchte er aber
kaum zu zweifeln, denn Toanonga sah gar nicht wie Spaen aus. Wie er
sich aber noch berlegte, ob es nicht vielleicht schicklich wre, da er
wenigstens ein paar Worte mit seiner knftigen Frau sprche, wandte sich
der Alte schon wieder an ihn, und zwar um zwischen ihm und dem jetzt an
die Reihe kommenden Lemon zu dolmetschen.

Nun war dem How oder Knig dieser Insel nichts erwnschter, als einen
Schmied unter den Papalangis gefunden zu haben; denn den groen Nutzen,
den ihnen eiserne Werkzeuge gewhrten, hatte er schon lange kennen
gelernt. Diesen beschlo er deshalb auch unter seine ganz besondere
Protection zu nehmen und fr sich selber zu benutzen. Da ein Schmied
auch Werkzeug haben mu, ehe er eine Arbeit liefern kann, fiel ihm nicht
ein. Der Fremde war nun einmal ein Schmied, und damit die Sache
abgethan.

Fr Lemon hatte er deshalb auch eine der jngsten zu vergebenden Frauen
bestimmt, und Mac Kringo mute ihn mit dem seiner harrenden Glcke
bekannt machen. Toanonga erstaunte aber nicht wenig, als der Matrose,
der die ganze Sache immer noch fr einen schlechten Spa hielt und
mrrischer als je war, ein Gesicht zu der Erffnung schnitt, als ob er
den Dolmetscher htte umbringen knnen.

Unsinn! knurrte er dabei, la dich doch nicht von dem alten Rothfell
zum Narren haben, Lord Douglas!

Aber er ist in vollem Ernst.

Bah -- Dummheiten -- sag ihm nur, ich wollte keine Frau haben. Erstlich
mcht' ich berhaupt nicht heirathen, und dann -- htte ich auch schon
zwei Frauen in England.

Zwei? rief der Schotte berrascht.

Na, wenn die Erste nicht in der Zeit gestorben, brummte der
sauertpfische Gesell -- ich habe mich wenigstens nie darum bekmmert,
und wei jetzt nicht einmal wo meine =zweite= ist.

Was sagt er, fragte Toanonga, der sich den sichtbaren Unwillen des
Fremden nicht erklren konnte.

Hm, meinte Mac Kringo -- er -- er sagt, er htte schon eine Frau, und
nach unseren Gesetzen drfen wir nicht mehr nehmen.

Oh -- weiter nichts? lachte Toanonga gutmthig, da sag' ihm nur, da
er sich deshalb keine Sorgen mache, denn hier sind wir auf Monui, und
ich selber habe =neun= Frauen. Doch das findet sich alles; ich erlaube
ihm, da er die Frau nimmt, die ich ihm gebe, und an das Andere hat er
sich nicht zu kehren. Auerdem wird er seine Htte auf meinem Grund und
Boden haben und unter meinem ganz besonderen Schutze stehen. Sag' ihm
das!

Die zweite Frau stand auf ein Zeichen Toanonga's ebenfalls auf und
verlie den Kreis. Lemon aber, den Mac Kringo den neuen und verschrften
Befehl bersetzt hatte, konnte von dem Schotten nur mit Mhe beruhigt
werden, da er sich hier nicht gleich vor der ganzen Versammlung
widersetzte. Die ihm bestimmte Frau hatte er nicht einmal angesehn.

Toanonga aber nahm weiter keine Notiz von ihm, da er noch die
Verlobungen der vier anderen Weien zu beseitigen hatte. Mit diesen
verfuhr er jedoch ziemlich summarisch, wenigstens nahm er Jonas, Pfeife
und Spund zusammen, zeigte dabei auf drei neben ihm sitzende Frauen, von
denen zwei kleine Kinder auf dem Schoo hatten, und lie die drei
Matrosen durch Mac Kringo bedeuten, da sie dieselben zu Frauen bekommen
sollten, wie sie gerade in der Reihe sen. Als Empfehlung
wahrscheinlich bemerkte er nur nebenbei, da die eine vier, die andere
drei und die dritte fnf Kinder habe.

Auf eine Antwort der betreffenden Personen wartete er ebenfalls nicht.
Kam es doch hier nur darauf an, da er eben seinen Willen kund that und
die verschiedenen Partieen gewisser Maen einander vorstellte.

Jetzt war nur noch Legs brig, der bis dahin vergebens gesucht hatte,
Mac Kringo zu bewegen, ein gut Wort fr ihn in Betreff des Mdchens
einzulegen, das er mit vielem Vergngen heirathen wolle. Mac Kringo aber
war bis dahin von Toanonga viel zu sehr in Anspruch genommen worden, ihm
willfahren zu knnen und erst jetzt, da der alte Huptling den sechsten
Mann fast vergessen zu haben schien, hielt er es an der Zeit, die
Aufmerksamkeit des Alten auf ihn zu lenken.

Hier, How, sagte er dabei, ist noch Einer, der dir gern eine Bitte
vortragen mchte.

=Der?= sagte Toanonga, indem er einen fast verchtlichen Blick nach
der Stelle hinber warf, wo Legs sa, ohne diesen selbst anzusehen --
der ist gut fr nichts -- das ist blos der Koch[29].

Der soll also gar keine Frau haben? fragte Mac Kringo, und bereuete
schon, da er sich nicht selber als Koch anstatt als Egi angegeben
hatte.

O ja, erwiderte aber Toanonga -- es waren sieben Frauen da, fr euch
sechs. -- Der Koch bekommt die beiden letzten. Sind ein Bischen alt und
nicht gerade hbsch, haben aber zusammen sieben Kinder -- gut genug fr
den Koch. Die da drben sind's.

Mac Kringo mute an sich halten, da er nicht laut auf lachte. Legs
gnnte er brigens die beiden; denn der kleine Bursche war, trotz seiner
ansehnlichen Statur, immer der gewesen, der sich schon an Bord am
unbndigsten gezeigt und nicht selten Streit angefangen hatte. Unendlich
komisch kam es ihm dabei vor, sich den etwas krummbeinigen Kameraden als
doppelten Familienvater zu denken, und da seine Ehe interessant und
keineswegs langweilig werden wrde, dafr brgten die Gesichter der
beiden Frauen. Schienen sie doch selbst in diesem Augenblick schon nicht
bel Lust zu haben, einander in die Haare zu gerathen.

Nun, Lord Douglas, was sagt er? fragte Legs, der sich schon so mit dem
Gedanken vertraut gemacht hatte, ein wackerer Brger von Monui zu
werden, da er die Zeit kaum erwarten konnte. Soll ich den kleinen
Wildfang zur Frau haben? Hol's der Teufel, wir passen auch in der Figur
zusammen und mssen ein prchtiges Paar geben!

Legs, erwiderte aber Mac Kringo, der sich nicht enthalten konnte, bei
dieser Bemerkung einen Blick nach den gebogenen Extremitten des
Seemanns hinunter zu werfen, es thut mir leid, da der Alte deine
Wnsche nicht bercksichtigen kann. Ob die fragliche Schne schon
versprochen ist, oder ob er vielleicht selber ein Auge auf sie geworfen
hat und sie zu seiner zehnten Frau machen will, wei ich nicht. Er wird
dich aber, in Rcksicht deiner Verdienste, entschdigen, und du sollst
zwei andere dafr bekommen.

=Zwei?= rief Legs erstaunt auffahrend.

Ja, mein Junge; die beiden Schnheiten da drben mit der braunen, etwas
runzeligen Haut und den Unmassen Blumen und bunten Lappen um sich her
gesteckt.

Mach keinen dummen Spa! rief Legs rgerlich, indem er einen halb
zornigen, halb scheuen Blick nach den beiden Unholdinnen hinberwarf.

Na, wahrhaftig, mein Junge, sagte aber Mac Kringo gutmthig, es ist
dem Alten da drben grimmiger Ernst, und nach Tisch, so viel ich
verstanden habe, werden wir alle zusammengespliet werden. Von uns hat
Jeder schon seinen Theil angewiesen bekommen, wie du ja auch gehrt
hast, und die Beiden sind mit sieben dazu gehrenden Kindern fr dich
aufgehoben. Na, hoffentlich fhrt ihr eine recht glckliche Ehe
zusammen.

Verdammt will ich sein, rief aber Legs, in allem Eifer in die Hhe
springend, wenn ich mich solcher Art zum Narren halten lasse. Sollte
der alte Holzkopf aber wirklich im Ernst meinen, da ich mich dazu
hergbe, ein Alt-Weiber-Spittel und eine Klein-Kinder-Bewahr-Anstalt auf
der Insel anzulegen, so kannst du ihm nur sagen, Lord Douglas, da er
sich da verwnscht in der Person geirrt hat. Wenn er einen von uns dazu
haben wolle, so konnte er Spund nehmen, mich aber soll er ungeschoren
lassen, so viel wei ich.

Und was willst du machen?

Was ich machen will? dem den Schdel einschlagen, der mir irgendwie zu
nahe kommt.

Unsinn! sagte Mac Kringo ruhig, du siehst, da wir Andern uns alle in
das Unvermeidliche gefgt haben, und du allein kannst nicht gegen die
ganze Insel anspringen. Bietet sich einmal eine gnstige Gelegenheit,
dann kannst du dich darauf verlassen, da Keiner von uns sumen wird,
sie zu benutzen, und je fester wir dann zusammen halten, desto besser.
Bis dahin aber bleibt uns nichts Anderes brig, als uns denen zu fgen,
die fr den Augenblick das Heft in Hnden halten. Zeigst du dich ihnen
widerspnstig, so ist gar nicht abzusehen =was= sie mit dir anfangen,
und wenn sie dich selbst todtschlgen, kann sie kein Mensch daran
verhindern und wrde sich Niemand spter darum kmmern.

Und die beiden Vogelscheuchen sollt' ich heirathen?

Du kommst in eine ganz anstndige Familie, lachte Mac Kringo -- aber
jetzt pa auf, der Alte entlt die Versammlung und wird noch Auftrge
fr mich haben. Halt' dich indessen zu Spund und den Anderen, damit ihr
zusammen seid, wenn man uns verlangt.

Toanonga winkte ihm auch wirklich in diesem Augenblick, denn es galt
nichts Geringeres, als die nthigen Vorbereitungen fr die
Trauungs-Ceremonie der Fremden zu treffen, die auf den Inseln
auerordentlich streng genommen werden. Da diese alle heidnischer Art
waren, versteht sich von selbst; den Weien konnten sie aber nicht
erlassen werden, da nur =durch= dieselben ihre Ehen geheiligt und
gesetzlich wurden.


7.

Die verschiedenen Brute hatte man indessen schon entfernt, um sie fr
die Feierlichkeit anzukleiden, und Toanonga bergab jetzt die Fremden
einer Anzahl seiner jungen Leute, sie etwas anstndig und passend
auszustatten.

Ihre Kleider waren nmlich durch ihren letzten Unglcksfall so arg
mitgenommen worden, da sie ihre Ble kaum mehr bedeckten; besonders
hingen ihnen die Hemden in Lumpen von den Schultern. Toanonga lie
deshalb Jedem ein Stck Tapa[30] reichen, und die Insulaner wiesen sie
dabei auf das freundlichste an, wie sie sich mit Blumen und einigen
anderen Schlingpflanzen wrdig schmcken konnten. Nur Mac Kringo jedoch,
der klug genug war, ihnen zu Willen zu sein, und Spund, der dem Frieden
noch immer nicht traute und Alles geduldig mit sich geschehen lie,
fgten sich dem Vorschlage. Die brigen mit Lemon an der Spitze
verweigerten jede solche Aufmerksamkeit fr ihre zuknftigen Frauen.

Von den Eingeborenen hatten sie aber in der That nichts mehr zu
befrchten, denn von dem Augenblick an, wo Toanonga und das Gericht der
Egis ihre Aufnahme erklrt und dadurch geheiligt hatte, betrachteten die
Leute sie als Freunde und als ihres Gleichen, und brachten ihnen jetzt
sogar von verschiedenen Seiten Lebensmittel herbei, damit sie sich
erholen und strken konnten.

Nach der einfachen Sitte dieser Stmme hatten sie aber auch in der That
weit mehr gethan, als irgend ein civilisirtes Volk, sei es noch so fromm
und christlich, an ihrer Stelle gethan haben wrde. Die Leute, die
ihnen, trotz aller empfangenen Wohlthaten und trotz der frheren
freundlichen Aufnahme, vorstzlich Bses zugefgt und im Begriff gewesen
waren, dem alten Huptling der Insel sein liebstes Kind zu stehlen,
strafte man nicht allein nicht, als man sie in Hnden hatte, sondern man
nahm sie sogar als gleichberechtigt mit den brigen Bewohnern des Landes
auf, gestattete ihnen den Besitz von Grund und Boden, und lie sie
unmittelbar in die Familien des Landes eintreten.

Es ist wahr, der erste Antrag einzelner Huptlinge hatte dahin gelautet,
kurzen Proze mit ihnen zu machen und die Gefangenen das ben zu
lassen, was der Capitain oder Huptling derselben verbrochen, wie diese
Stmme auch fast immer ihre Kriegsgefangenen tdten. Toanonga aber,
neben seiner angeborenen und natrlichen Gutmthigkeit, war klug genug
gewesen, auf einen Ausweg zu sinnen, durch den er die Gefangenen und
ihre Krfte fr die Insel verwerthen konnte. Was htte er oder einer der
anderen Insulaner davon gehabt, wenn man die Weien vor den Kopf schlug
oder in die See warf? -- gar nichts. Die letzten Kriege hatten ihnen
dagegen mehr waffenfhige Mnner gekostet, als die kleine Insel
entbehren konnte, und jetzt halfen sie sich mit den Fremden so gut, wie
sie eben konnten und so weit diese reichten.

Mit dieser Aufnahme in ihren Staats- und Familienkreis war aber auch
jeder Ha, jedes Gefhl der Rache oder Feindseligkeit gegen die Fremden
aus ihrem Herzen geschwunden. Es waren eben keine Fremden mehr, denn sie
gehrten von da an mit zu Monui so gut wie einer der dort Geborenen.

hnliches findet man fast unter allen wilden Stmmen, die sehr hufig
einzelne aus ihren Kriegsgefangenen, whrend sie die brigen mit
durchdachter Grausamkeit zu Tode martern, zurckbehalten und mit der
grten Herzlichkeit in ihre Familien als Shne aufnehmen.

Anders betrachteten dieses allerdings die Matrosen, die sich durch
solche gezwungene Heirathen auf das schlimmste mihandelt glaubten. Legs
verlangte auch von den brigen, als die Eingeborenen ihre Versammlung
aufgehoben und die Papalangis sich selber berlassen hatten, da sie
sich gemeinschaftlich solchem Urtheilsspruch widersetzen sollten. Waffen
htten sie dabei wohl auch bekommen knnen, sobald sie nur in des alten
Toanonga Htte einbrachen. In der ersten berraschung wre ihnen das
jedenfalls gelungen, und dort wurden, wie sie von frher wuten, eine
Anzahl von Beilen und Keulen aufbewahrt.

Hiergegen, als ein ganz wahnsinniges Unternehmen, das jedenfalls den
Untergang Aller zur Folge haben mute, stimmte aber Mac Kringo, von
Spund und Jonas untersttzt, auf das entschiedenste, und da Lemon und
Pfeife ihren Zustand ebenfalls noch nicht so unertrglich fanden, um
gleich zu einem so verzweifelten Mittel zu greifen, so wurde Legs
vollstndig berstimmt.

Die Ceremonie nahm indessen ihren Anfang und wurde, trotzdem, da man
mit den Fremden nicht eben viel Umstnde nthig glaubte, doch ziemlich
feierlich betrieben.

Hier zeigte sich auch wieder die Gutmthigkeit der Insulaner. Diese
wuten natrlich, da die Weien als Schiffbrchige an ihre Insel
gekommen waren und gar nichts zum Leben Nthiges gerettet hatten, und
brachten ihnen jetzt eine Menge Geschenke, um sie zu ihrem neu zu
errichtenden Haushalt auszustatten: Tapa zum Kleiden und starke Matten
zum Schlafen, Fischer-Gerthschaften und sogar Waffen, wie Keulen und
Bogen und Pfeile, um bei einem mglichen Angriff eines Feindes in die
Reihen der Krieger mit eintreten zu knnen.

Als die Fremden nun mit allem ausgerstet waren, was sie zu ihrem
anstndigen Erscheinen unter den Insulanern gebrauchten, denn um ihre
Lebensbedrfnisse durften sie keine Sorgen haben, versammelten sich, wie
es schien, fast alle Bewohner der Insel, um an der Festlichkeit Theil zu
nehmen. Die sieben Brute waren schon in das fr die Trauung bestimmte
Haus abgeholt, und Toanonga, an der Spitze seiner Egis, winkte die
Fremden heran und berlieferte ihnen, mit einigen mahnenden Worten, sich
gut zu betragen und ihrem neuen Vaterlande Ehre zu machen, ihre
knftigen Frauen, die sich dann aber augenblicklich wieder in ihre
verschiedenen Wohnungen zurckzogen. Den Fremden dagegen wurde bedeutet,
zurckzubleiben, um an einem _Cava_-Fest -- der Hauptsache bei der
ganzen Feierlichkeit -- Theil zu nehmen.

Diese _Cava_[31]-Partie schien auch erst die vorhergegangene einfache
Formalitt der Heirath zu besttigen und zu krftigen; denn dadurch, da
die Huptlinge es der Mhe werth hielten, eine solche anzuordnen und die
Fremden daran Theil nehmen zu lassen, heiligten sie den eben
geschlossenen Bund, der jetzt ohne Toanonga's Bewilligung nicht wieder
gelst werden konnte.

Einen schweren Stand hatten die Seeleute aber erst noch bei dem
_Cava_-Fest, denn die Bereitung dieses Trankes kannte Keiner von ihnen,
nicht einmal Mac Kringo. Pfeife besonders, als er merkte, was dort
vorging, wurde steinbel, und Legs wollte schon aufspringen und
hinauslaufen. Der Schotte aber, der sich leicht denken konnte, da etwas
Derartiges von den jetzt nur freundlich gesinnten Eingeborenen als die
grte Beleidigung angesehen werden wrde, bewog sie mit groer Mhe,
sitzen zu bleiben und auch dieses noch ber sich ergehen zu lassen.
Spter konnten sie ja solchen Einladungen schon weit eher ausweichen.
Spund stimmte ihm darin auch vollkommen bei, und whrend die Anderen,
als die Schale an sie kam, nur so thaten, als ob sie schluckten, nahm
er, seinen Willen und Gehorsam zu zeigen, einen langen und herzhaften
Schluck.

Das sollte er aber schwer ben. Kaum hatte er die Mischung hinunter,
als sich ihm der Magen gewaltsam umdrehte, und er mute, unter dem
Gelchter der Eingeborenen, von seinen Kameraden hinausgeschafft werden.

Damit war indessen auch jedem Anspruch, den die Egis noch an sie machen
konnten, Genge geleistet. Whrend die Insulaner noch bei ihrer
Cava-Partie blieben, deren Freuden sie sich oft bis in spter Nacht
hingeben, wurden die Seeleute, jetzt jeder Aufsicht und berwachung
enthoben, von jungen Leuten in die ihnen zugewiesenen Wohnungen
abgefhrt und durften sich von dem Augenblick an als Brger von Monui
betrachten.

Funoten:

[23] Wie: Pfui -- schme dich.

[24] Tuas werden die zur niedrigsten Classe gehrigen Bewohner der Insel
genannt. berhaupt besteht auf den Tonga-Inseln -- wenn man es nicht
gerade Kastengeist nennen will -- eine strenge Absonderung der
verschiedenen Gesellschaftsschichten, die kaum schroffer in dem alten
durch und durch civilisirten Europa sein kann. Mesalliancen kommen
uerst selten vor, und bei jedem Festmahl wird die Rangordnung durch
besondere Ceremonienmeister unerbittlich aufrecht erhalten.

[25] Die Tonga-Inseln liegen, wie bekannt, innerhalb der Wendekreise S.
Br. Die grte Zeit im Jahre haben sie also die Sonne um Mittag im
=Norden=, einen kleinen Theil des Jahres aber, etwa um Mrz, im =Sden=.

[26] In der Nhe der Huptlinge gilt es nicht fr schicklich, zu
=stehen=.

[27] Hotuas sind die obersten Gtter.

[28] Se Kartoffeln und Yams.

[29] Auf den Tonga-Inseln ist der Koch der verachtetste unter den
verschiedenen Handwerkern.

[30] Tapa ist das aus der Rinde verschiedener Bume ausgeschlagene Zeug,
das die Frauen auf allen Sdsee-Inseln selber verfertigen.

[31] Die _Cava_ ist die Wurzel einer pfefferartigen Pflanze (auf den
brigen Inseln Ava genannt), aus der ein ghrendes und besonders bei
festlichen Gelegenheiten benutztes Getrnk bereitet wird. Nur die Art
der Zubereitung ist fr den nicht daran Gewhnten widerlich und
abschreckend, indem die Wurzeln von den daran Theil nehmenden
Eingeborenen =gekaut= und dann in eine Schssel gelegt werden, wo man
sie nachher mit Wasser bergiet. Dieses Wasser, nachdem es den Saft aus
den Wurzeln gezogen hat, wird als eine Delicatesse getrunken.




Der Schooner.


1.

Die Brotfrucht war zum zweiten Male gereift, und die Bume standen mit
diesem wunderbaren Geschenk beladen, das ein gtiger Himmel den
glcklichen Bewohnern jener Inseln gespendet. berall auf Monui
herrschte berflu, und die leichtherzigen Eingeborenen htten jeden Tag
als Fest feiern knnen. Das rege, thtige Leben auf der Insel galt aber
einem andern Zweck, und nicht zu Lust und Frieden sammelten sich die
Mnner in hufigen Berathungen und suchten aus allen Ecken die fast
vergessenen Waffen wieder hervor.

Was hilft den Menschen ein Paradies, wenn sie darin nicht ihre
Leidenschaft zhmen knnen! Was hilft ihnen der berflu an allem zum
Leben Nthigen, wenn sie sich mit dem, womit Gott sie in so reichem
Maae berschttet, nicht begngen knnen oder wollen! Die Sdsee-Inseln
sind uns darin ein lebendiges Beispiel. Hier bringt die Natur alles
hervor, was der Mensch zum Leben braucht. Ohne Arbeit, ohne Anstrengung,
von einer wundervollen Scenerie umgeben, in ihrem Familienleben
glcklich, von Krankheiten wenig heimgesucht, knnten diese Menschen
ein wahrhaft glckliches Dasein fhren -- wenn sie eben den Anderen das
gnnten, was sie selber so reichlich besitzen. Selbst in diesem
reizenden Lande schlummern aber die Leidenschaften nicht, und
Herrschsucht, Ehrgeiz und Aberglauben lassen sie das nicht friedlich
genieen, wonach sie in ihrer unmittelbaren Umgebung nur die Hand
auszustrecken brauchten, um es zu erreichen.

So hatten auch die Bewohner von Monui fast zwei Jahre in Frieden mit den
Nachbar-Inseln gelebt. Kaum aber waren die Wunden der letzten Kmpfe
oberflchlich verharrscht, als sie des ruhigen Lebens schon wieder
berdrssig wurden.

Von Hapai aus war ihnen bis jetzt nmlich, einem alten Abkommen nach,
ein jhrlicher, hchst unbedeutender Tribut von Gnatu[32] und
Cava-Wurzeln bezahlt worden, und das Ganze mehr eine Form gewesen, als
da sie je einen wirklichen Nutzen davon gehabt. Diesen Tribut hatten
die Hapai-Insulaner in diesem Jahre nicht bezahlt, und auf eine Mahnung
deshalb die Bewohner von Monui wissen lassen, sie hielten sich nicht
mehr fr daran gebunden. Das Ganze betraf auch in der That nur eine
religise Ceremonie, die auf Monui schon lange abgeschafft worden. Wie
das aber mit alten Verpflichtungen manchmal so geht, waren diese
Geschenke noch eine Zeit lang beibehalten, bis es die Hapai-Leute selber
mde wurden.

Monui allein htte mit ihnen auch keinen Krieg anfangen knnen, das
wuten sie recht gut; jetzt aber, da der tapfere _Tai manavachi_
Toanonga's Schwiegersohn geworden war, beschlossen die Egis oder
Huptlinge, dessen Hlfe in Anspruch zu nehmen und mit Speer und Keule
das einzutreiben, zu dessen Besitz sie sich berechtigt glaubten. Ihrer
Meinung nach war es ihnen zur Ehrensache geworden, die paar
Kleinigkeiten nicht aufzugeben; was kmmerte es sie, da sie um ein paar
Stck Gnatu und einen Korb voll Wurzeln den Frieden ihres Landes und ihr
Familienglck in die Schanze schlugen!

Mglich ist dabei, da sie durch die Verstrkung der sechs Papalangis
auf ihrer Insel noch mehr in ihrem kriegerischen Entschlu bestrkt
wurden. Von einem Wallfischfnger, der vor einigen Monaten bei ihnen
angelegt, hatte Toanonga zugleich mit einigem Handwerkszeug auch mehrere
Musketen und Munition dazu eingehandelt, und allerdings konnten ihm da
die Weien, die mit solchen Waffen ordentlich umzugehen wuten, eine
wichtige Hlfe leisten. Als jenes Schiff anlegte, wute der alte schlaue
Huptling, auer dem Schotten, alle seine Gefangenen fern davon zu
halten. Er lie auch gar kein Boot ans Ufer, sondern trieb den
Tauschhandel, nur von Mac Kringo begleitet, durch seine Canoes.

So wurden denn jetzt auf Monui die Kriegsrstungen mit mglichstem Eifer
betrieben, und ein Canoe war schon an _Tai manavachi_ abgeschickt
worden, ihn zu einer bestimmten Zeit nach Hapai zu bestellen, auf welche
Insel sie ihre Angriffe vereint machen wollten. Die sechs Europer
hatten inde ihre Wohnungen auf Monui so zerstreut angewiesen bekommen,
da sie einander nur selten zu sehen bekamen. Mac Kringo und Lemon
behielt Toanonga jedoch, wie schon frher erwhnt, in seiner Nhe. Mac
Kringo lebte berhaupt dabei am unabhngigsten, da er sich wohlweislich
fr einen Egi seines Schiffes ausgegeben.

In der That htte er auch mit dem neulich dort angelaufenen
Wallfischfnger wieder in See gehen knnen; denn so bald er es verlangt,
wrde ihn der Capitain schwerlich ausgeliefert haben. Einesteils mochte
er aber die Kameraden nicht im Stich lassen, und anderntheils war ihm
das bequeme, mige Leben am Lande noch viel zu neu, um es gleich wieder
mit der harten Arbeit am Bord eines Wallfischfngers zu vertauschen. In
den letzten Monaten aber, und besonders seit er erfahren, da sie sich
alle mit an einem Kriegszuge betheiligen sollten, bei dem sie nicht das
mindeste Interesse hatten und ihr Leben um nichts aufs Spiel setzen
muten, fing er doch an, sich wieder hier fort zu sehnen, und bereute
schon, die letztgebotene Gelegenheit nicht benutzt zu haben.

Alle Matrosen machen es so, besonders die in der Sdsee kreuzenden. So
lange sie an Bord sind, verwnschen sie ihr Schicksal, fhlen eine
ungeheure Sehnsucht nach festem Lande und benutzen regelmig die erste,
beste Gelegenheit, zu desertiren. So wie sie aber eine Weile auf dem
festen Lande gelebt haben, auf das sie sich vorher so sehr gewnscht,
wird ihnen die Sache langweilig, und sie ruhen nicht, bis sie wieder das
Deck eines Fahrzeuges unter den Fen fhlen.

Mac Kringo besonders hatte sich in der letzten Zeit viel mit allerlei
Planen zu ihrer Flucht beschftigt, die aber jetzt viel schwieriger
auszufhren schienen, als je. Da die Insulaner nmlich einen berfall
auf Hapai beabsichtigten, und die Drohung, den Tribut von dort
gewaltsam einzufordern, schon hinber gesandt hatten, muten sie auch
von daher ein Gleiches frchten, und bewachten deshalb alle
Landungspltze Tag und Nacht auf das Sorgfltigste. Wie sollte da ein
Canoe unbemerkt, unverfolgt entkommen?

Der Schotte gab brigens deshalb die Hoffnung nicht auf, und war
ziemlich fest entschlossen, die erste passende Gelegenheit zu benutzen.
So schlenderte er eines Tages durch die Berge der nicht sehr groen aber
wunderschnen Insel, und zwar in der Absicht, den hchsten Gipfel ihrer
Anhhen zu besteigen und von dort aus zu schauen, ob er nicht in irgend
einer Richtung hin eine andere Insel erkennen knne. Gelang es ihnen
nur, auf eine solche zu entkommen, wo sie nicht mehr als gekaufte
Gefangene betrachtet wurden, so durften sie von dort auch weit eher
hoffen, entweder von einem Schiff erlst zu werden oder vielleicht in
einem Canoe Neuseeland oder Australien zu erreichen.

Der Schotte konnte seinen Weg ziemlich ungehindert verfolgen, denn Monui
war noch nicht so durch die aus Brasilien nach diesen Inseln gebrachten
Guiaven-Bsche berwuchert worden, wie es einige der Gesellschafts-Inseln
sind. Die schlanken Palmen und andere hochstmmige Waldbume hielten
hier das kleine Holz noch ziemlich unter, und die Wlder in der Nhe des
Strandes waren verhltnimig licht. Erst auf den Hhen wurden die
Bsche dichter, und als Mac Kringo einmal die verschiedenen Anpflanzungen
von sen Kartoffeln und Yams im Rcken hatte, mute er sich schon
sorgfltiger seinen Weg suchen.

Da hrte er pltzlich, in nicht gar weiter Entfernung von sich, die
regelmigen Schlge eines Beils, denen er eine Weile horchte, denn er
hatte keine besondere Lust, hier mit einem Eingeborenen zusammen zu
treffen. Das anhaltende Arbeiten des Holzhackenden berzeugte ihn aber
bald, da das kein Indianer sei, und ziemlich erfreut, einen seiner
Kameraden da zu finden, drngte er sich rasch durch das Gebsch der
Richtung zu, von der das Gerusch herber tnte.

Er hatte sich auch nicht geirrt; denn vorsichtig aus einem kleinen
Dickicht herausschauend, erkannte er bald seinen frheren Kameraden
Jonas, und zwar emsig beschftigt, einen starken, hochstmmigen Baum zu
fllen.

Hallo! Jonas! rief er ihn endlich an, nachdem er dem Eifrigen eine
kleine Weile zugeschaut, du arbeitest ja, als wenn du die Geschichte im
Accord httest.

Lord Douglas! so wahr ich lebe! rief der Matrose erfreut, indem er
seinen alten Kameraden erkannte. Wo kommst du her, mein Bursche? Es ist
eine halbe Ewigkeit, da wir einander nicht gesehen haben, und es thut
dem Auge ordentlich wohl, eine weie Haut unter diesen Rothfellen zu
treffen. Jetzt kann man doch wieder einmal ein vernnftiges Wort
Englisch sprechen, denn die Zunge habe ich mir schon fast mit dem
Radebrechen ihrer vermaledeiten Sprache abgedreht.

Aber du siehst gut aus! rief ihm der Schotte entgegen. Das Leben als
glcklicher Familienvater scheint dir vortrefflich zu bekommen! Wie
befinden sich die jungen Jonasse?

Der Matrose antwortete mit einem lsterlichen Fluche.

Da kannst du auch noch lachen? setzte er dann hinzu, aber es ist
wahrhaftig ein Scandal, einem ehrlichen Christenmenschen eine solche
dunkelbraune Ehehlfte und ein Nest voll junger Heiden aufzuhngen.
Verdammt will ich sein, wenn ich das diesem alten, wackeligen Toanonga
nicht gedenke.

Hast du nichts von Legs gehrt? fragte der Schotte.

Jonas lachte.

Das ist das Einzige, was mich noch trstet, schmunzelte er mit einem
breiten Grinsen ber das Gesicht: der gromulige kleine Bursche ist
noch schlimmer angekommen als wir.

Und wie vertrgt er sich mit seinen Frauen? Er mu ja doch in deiner
Nhe wohnen?

Ja wohl, unsere beiden Huser stehen kaum fnfhundert Schritt aus
einander, lachte Jonas, und ich habe in der ersten Zeit immer ganz
genau hren knnen, wenn er sich mit seiner Familie unterhielt.

Und jetzt nicht mehr?

Jetzt haben sie ihn unter. Die ersten Wochen prgelte er seine Frauen
abwechselnd, und, wie ich glaube, nach jeder Mahlzeit, wahrscheinlich um
sich etwas Bewegung zu machen. Das bekamen sie aber bald satt, und
nahmen sich Hlfstruppen ins Haus. Ein ganzer Schwarm Vettern und Basen,
und was wei ich, wer sonst noch! quartierte sich bei ihm ein und zehrte
von ihm, und als er die eines schnen Morgens hinauswerfen wollte,
fielen sie ber ihn her und prgelten ihn, von den beiden Frauen redlich
dabei untersttzt, windelweich. Ich hrte den Lrm und lief hinber; da
man sich aber nicht in fremde Familienstreitigkeiten mischen soll,
strte ich sie auch nicht in ihrem Vergngen und ging wieder zu Hause.
-- Was macht denn Lemon?

Lemon, sagte der Schotte, kommt aus dem grimmigsten rger gar nicht
heraus, aber nur deshalb, weil es ihm so gut geht, und er gar nicht
wei, worber er vernnftiger Weise schimpfen =knnte=. Er hat mir noch
heute Morgens versichert: er wollte lieber auf dem schmierigsten
Wallfischfnger Tag und Nacht Thran auskochen, ehe er noch acht Tage auf
der Insel bliebe.

Und wenn wir heute wieder an Bord sen, wre er der Erste, der sich
fortwnschte. Weit du nichts von Pfeife?

Keine Silbe. Seit sechs Monaten, glaube ich, habe ich den mit keinem
Auge gesehen.

Und wo steckt Spund?

Spund wohnt auch eine Strecke von uns entfernt, kommt aber doch
manchmal hinauf, da er fr den Alten zu arbeiten hat. Er beschftigt
sich brigens jetzt eifrig mit der Bekehrung seiner Familie, die er
absolut zu Christen machen will, und behauptet: der liebe Gott htte ihn
nur zu dem Zweck auf die Insel gesetzt, den Heiden das Evangelium zu
bringen. Auch mit dem alten Toanonga hat er schon ein paar Versuche
gemacht, der ist aber so zh wie Leder und lt sich auf nichts ein.
Wie das Schiff neulich da war, ruhte Spund sogar nicht eher, als bis ich
ihm eine Bibel von Bord mitbrachte.

Ein Schiff war da? rief Jonas erstaunt, und davon haben wir kein Wort
erfahren?

Ja, der Alte hat sich wohl gehtet, da Ihr's gewahr wurdet! lachte
der Schotte. Die Boote durften nicht einmal an's Land, womit der
Capitain auch vollkommen einverstanden schien; denn er frchtete
wahrscheinlich, da ihm welche von seinen Leuten durchbrennen wrden.
Lemon ist brigens mit dem Schiff der schlimmste Streich passirt, denn
er hat Schmiedewerkzeug gekriegt, und soll nun arbeiten und kann nicht.
Das Einzige, was er mit Mhe und Noth fertig bringt, sind Pfeilspitzen,
die er gar klglich aus Ngeln zurecht hmmert.

Hr' einmal, Lord Douglas, sagte er da, nachdem er eine Weile
stillschweigend vor sich hingesehen, ich glaube doch beinahe, da wir
damals mit dem -- mit dem Feuer, du weit schon -- einen dummen Streich
gemacht!

Je weniger wir dann davon reden, desto besser ist's, meinte der
Schotte, denn geschehene Dinge sind nun einmal nicht zu ndern. Was
hatten wir denn auf dem blutigen Blubberkasten, da wir nicht, wenn
wir's hier einmal satt bekommen, auf jedem anderen Schiffe eben so gut
wiederfinden?

Das ist schon wahr, und wenn wir's htten haben knnen, wie wir's uns
im Anfang gedacht, wr' ich der Letzte, der die Vernderung bereute;
aber gleich als Versorger von einer Frau und vier Kindern hingestellt zu
werden, das heit die Huslichkeit doch ein Bichen bertreiben. Wer
steht uns auerdem dafr, da wir nicht, wenn ihnen hier wieder ein halb
Dutzend Ehemnner wegsterben, vielleicht noch Jeder ein oder zwei Frauen
zugelegt bekommen, und dann sieh Legs an, wie's dem jetzt geht! -- Hast
du denn schon von dem neuen Kriegszug gehrt?

Gewi; sie rsten schon mit aller Macht, und die Geschichte wird
nchstens losgehen.

Na, ja, sagte Jonas, und wir sollen auch dabei sein und unsere Haut
zu Markte tragen; das ist aber gegen den Contrakt, und ich mte mich
sehr irren, wenn ich nicht gerade in der Zeit sterbenskrank wrde.

Hallo! ein Segel! rief da Mac Kringo pltzlich, der, whrend Jonas
sprach, durch die Bsche hin auf das Meer hinausgesehen hatte. Das
Weie dort drben =mu= ein Segel sein!

Gewi ist das ein Segel! besttigte Jonas, nachdem er eine Weile --
seine Augen mit der Hand gegen die Sonne schtzend -- nach der
angedeuteten Richtung hinausgeschaut hatte.

Das mu aber noch weit sein, denn es kommt mir so klein vor. Kannst du
ausmachen, nach welcher Richtung es steht?

Spitz jedenfalls, und am Ende nach uns zu, denn wenn es hier
vorbeigesegelt wre, htten wir es schon frher sehen mssen. -- Das
kann auch kein Wallfischfnger sein, man kann ja den ganzen Rumpf
erkennen, und doch zeigt er nicht viel Segel.

Am Ende ist das einer der kleinen Schooner, sagte der Schotte, die
zwischen den Inseln herumkreuzen und Cocosl und Perlmutterschalen
eintauschen. Das wre am Ende eine Gelegenheit, von hier fortzukommen.

Aber wer wei, wie wir es nachher finden? meinte Jonas, und solche
kleine Fahrzeuge haben auch selten viel Platz an Bord. Ja, wenn man
wte, da man damit nach Australien knnte! Dort soll ein tchtiger
Arbeiter in ein paar Jahren ein reicher Mann werden.

Auf einen Wallfischfnger gehe ich nicht wieder, so viel wei ich,
sagte der Schotte; hol' der Teufel das Hundeleben, die Pferdearbeit,
und die Capitaine, die wahrhaftig gar nicht wissen, wie sie einen
armen Teufel von Matrosen nur genug qulen und schinden sollen!

Wahrhaftig, das Schiff hlt gerade auf uns zu! rief jetzt Jonas, der
indessen keinen Blick von dem fernen Segel verwandt hatte. Hinunter
mchte ich doch jedenfalls, wenn es vielleicht ein Boot ans Land
schickte.

Hr einmal, Jonas, ich will dir was sagen, meinte der Schotte, nachdem
beide eine Weile schweigend das ansegelnde Fahrzeug betrachtet hatten.
Wozu ich selber Lust habe, wei ich in dem Augenblicke selbst noch
nicht, und um zu einem Entschlu zu kommen, mu man natrlich doch erst
wissen, was das fr ein Fahrzeug ist und wohin es geht. Jedenfalls
wollen wir aber unten in der Nhe sein, wenn es wirklich landet oder
wenigstens ein Boot herberschickt; denn in die Corallenriffe wird es
sich keinesfalls hereingetrauen. Wann glaubst du, da es heran sein
kann?

Heute Abend kaum mehr, sagte Jonas, der Wind ist fast ganz
eingeschlafen, und es kann nur langsam vorwrtsrcken. Hat es brigens
Lust, Monui anzulaufen, so knnen wir uns fest darauf verlassen, da es
morgen frh mit Tagesanbruch vor den Riffen liegt.

Gut, dann sei du morgen, gleich nach Tagesanbruch, unten bei Toanonga;
eine Ausrede wirst du schon finden; bringe aber Legs mit, denn es ist am
Ende besser, da wir so viel als mglich von uns beisammen sind.

Wenn wir nur wten, wo Pfeife steckt!

Den hat der Alte jedenfalls in die Nhe der Canoes gesetzt, sagte Mac
Kringo, das Segelwerk derselben in Ordnung zu bringen, und Spund wird
dort wohl mit ihm zusammengekommen sein. Spund sehe ich aber jedenfalls
heute Abend, denn Toanonga hat ihn hinbestellt, etwas mit ihm zu
besprechen.

Verstehen sie denn einander?

Vortrefflich! Spund, in der festen berzeugung, da er die Leute hier
bekehren mu, hat das Unglaubliche geleistet und spricht die Sprache
schon fast so gut wie ich; dem Alten wird er aber langweilig, weil er
ihn nie zufrieden lt.

Seit wann ist denn da die Frmmigkeit bei ihm zum Durchbruch gekommen?

Ach, du weit ja, lachte der Schotte, da er uns schon immer am Bord
Predigten gehalten hat; es ist einmal seine schwache Seite. Aber ich
will machen, da ich wieder hinunter komme, denn er mchte frher dort
sein, und ich finde ihn nachher nicht mehr.

Wird aber der Alte nichts merken, wenn wir dort alle zusammentreffen?
fragte Jonas.

Hm! meinte der Schotte, besser ist es freilich, wir lassen uns nicht
gleich alle zusammen sehen, wenn wir nur in der Nhe sind. Legs mag
deshalb auf die Landspitze hinaus gehen, wo wir damals die Woche
gesessen haben, und dorthin soll Spund auch Pfeife schicken, wenn er ihn
auftreiben kann. Wir brigen mssen dann sehen, wie wir uns am besten in
der Nhe halten. Wirst du brigens fortgeschickt, so widersprich nicht,
sondern geh' in den Wald hinein, als ob du nach Hause wolltest, und sieh
dann zu, da du ebenfalls unbemerkt zu den Andern auf die Landspitze
kommst.

Und sollen wir Waffen mitbringen?

Wenn es =heimlich= geschehen kann, ja! Man wei nie, was vorfllt; die
Eingeborenen gehen ja auch jetzt alle schwer bewaffnet umher; aber je
weniger ihr euch damit sehen lat, desto besser ist es.

Gut, das wre also abgemacht. Auf Wiedersehen morgen! Hol's der Teufel!
es ist doch endlich einmal eine Abwechselung in diesem so verzweifelt
langweiligen Leben. Ob wir nun dableiben oder nicht, jedenfalls knnen
wir doch von dem Schiff etwas Tabak bekommen, und ich kann dir
versichern, ich habe einen ordentlichen Heihunger darauf.
Donnerwetter, da fllt mir ein! hast du denn neulich von dem
Wallfischfnger keinen mitgebracht?

Ein verwnscht kleines Stckchen, sagte zgernd der Schotte. Die
Leute waren schon drei Jahre aus, und der Capitain hielt sie furchtbar
knapp mit Tabak.

Hast du welchen bei dir? fragte Jonas gierig.

Hm, ich wei selber nicht einmal -- einen Mund voll hchstens.

Junge, Junge! und da lt du mich hier die ganze Zeit mit trockenem
Maule stehen! Du wirst doch wahrhaftig mit mir theilen?

Mac Kringo suchte eine lange Weile in seinen Taschen, endlich brachte er
ein kleines Stckchen heraus, da er indessen mhsam von einem grern
=in= der Tasche abgedreht.

Das ist alles, was ich noch habe, kaum ein Bissen, aber schneide dir
die Hlfte herunter, da du wenigstens einmal wieder den Geschmack davon
bekommst.

Hurrah! Tabak! schrie Jonas, der das Stck schon vorher mit den
Blicken verschlang. Junge, wenn ich meine Familie gegen Tabak und Grog
eintauschen knnte, so wollte ich mir kein besseres Leben, wie das hier
auf der Insel, wnschen. Na, vielleicht bekommen wir morgen einen
ordentlichen Vorrath. So viel wei ich, ich packe meiner Frau ganze
Toilette morgen ein, um wenigstens zum Tauschen irgend etwas bei der
Hand zu haben. Und nun _good-bye_! mit Tagesanbruch morgen frh bin ich
unten bei Toanonga's Haus.

Damit winkte er dem Freunde einen kurzen Gru zu und verschwand bald in
den Bschen. Mac Kringo verharrte noch eine Weile auf seiner Stelle,
sich ber die Richtung des Segels grere Gewiheit zu verschaffen. Es
blieb aber bald keinem Zweifel mehr unterworfen, da es wirklich nher
kam. Mit =dem= Winde htte es auch gar nicht von ihnen fortsegeln
knnen, und darber beruhigt, stieg er den Weg zurck ins Thal, den er
vorher herauf gekommen.


2.

Mit Tagesanbruch am nchsten Morgen herrschte an der Landung von Monui
ein auerordentlich reges Leben und Treiben. Schon gestern Abends hatten
die Insulaner von ihrem Strand aus das nahende Segel erkannt, und
Frchte und Gemse wurden gepflckt und ausgegraben und alle mglichen
anderen Gegenstnde hervorgesucht, um, sobald das fremde Fahrzeug
herankme, einen lebhaften Tauschhandel mit ihm zu erffnen. War doch
schon vieles, was ihnen die weien Mnner bringen konnten, auf der sonst
so einfachen Insel zum Bedrfni geworden, whrend sie jetzt bei dem
bevorstehenden Krieg auch noch hofften, mehr Feuerwaffen und Munition
und damit den gewissen Sieg ber die feindlichen Stmme zu erlangen.

Mac Kringo hatte Spund noch am vorigen Abend getroffen und ihm seinen
Plan mitgetheilt. Zu seinem Erstaunen schien der wrdige Bursche aber
nicht die mindeste Lust zu haben, darauf einzugehen. Seit er nmlich die
Bibel erhalten und fleiig darin gelesen hatte, war das, was bei ihm
frher nur eine Art von stiller Neigung gewesen, zur wirklich fixen Idee
geworden, da er nmlich berufen sei, diese Heiden zu Christen zu
machen.

Vergebens suchte ihm der Schotte eine solche Idee auszureden und ihm
begreiflich zu machen, da er ganz gewi ein tchtiger Matrose und
Bttcher sei, hchst wahrscheinlich aber einen nur sehr mittelmigen
Prediger abgeben wrde. Spund lie sich nicht irre machen; entgegnete,
da Petrus auch nur ein Fischer gewesen sei, also auch nicht einmal ein
Bttcher, und Alles nur eben auf den Beruf ankomme. Dabei war er fest
berzeugt, da ihr Schiff, die _Lucy Walker_, nur seinetwegen
verbrannt sei, um ihn hier, an dieser fr ihn bestimmten Stelle
festzuhalten, und die brigen -- Mac Kringo wie die anderen Kameraden --
konnten Gott danken, da sie mit ihm in einem Boote gewesen seien, sonst
wren sie auch zu Grunde gegangen.

ber den Brand des Fahrzeuges htte ihm nun allerdings der Schotte einen
besseren Aufschlu geben knnen, und schien einmal nicht bel Lust dazu
zu haben, berlegte sich aber doch die Sache anders und schwieg.
Vergebens waren aber alle Versuche seinerseits, den Kameraden von dem
einmal gefaten Vorsatz abzubringen. Nur dazu verstand er sich, ihren
Planen, wenn sie wirklich fliehen wollten, kein Hinderni in den Weg zu
legen, ja, sie eher nach besten Krften zu frdern. Und das geschah noch
in seinem eigenen Interesse; denn von dem Christenthum der Kameraden
hielt er auerordentlich wenig und frchtete eher, in seinen neuen und
frommen Planen durch die Anderen gestrt und verspottet zu werden. Je
frher sie also die Insel verlieen und ihm das Feld rumten, desto eher
durfte er hoffen, ein Resultat zu erreichen.

Das Fahrzeug war indessen mit der frischen Morgenbrise rasch nher
gekommen, und es lie sich jetzt deutlich erkennen, da es keineswegs
ein groer Wallfischfnger, sondern, wie die beiden Matrosen gestern
Abends richtig gesehen hatten, nur ein kleiner Schooner von vielleicht
hundert oder hundertzwanzig Tonnen war. Im Anfang hatten die Insulaner
auch ihre Canoes bereit gehalten, mit denen sie das fremde Fahrzeug
anlaufen wollten, und Mac Kringo berlegte sich schon dabei, ob es in
dem Falle nicht mglich sein wrde, ein Canoe selbst mit Gewalt zu
nehmen und einen offenen Fluchtversuch zu wagen. Da nderten die
Indianer pltzlich ihren Plan. So wie das Fahrzeug nahe genug kam, die
Strke desselben deutlich erkennen zu knnen, hatte Toanonga seine Egis
zu einer raschen Berathung zusammenberufen. Die Unterredung mute auch
sehr wichtig sein, denn sie besprachen sich lange und heimlich mit
einander, und als sich ihnen der Schotte nhern wollte, wurde er
zurckgewiesen.

Das sah nun allerdings aus, als ob die Indianer etwas im Schilde
fhrten; aber was konnten sie beabsichtigen? einen offenen Angriff? Ihre
Canoes lagen smmtlich in einer kleinen, durch Mangrove-Bsche
geschtzten Bai, um aber mit ihnen hinaus in See zu kommen, muten sie
ber das offene, wohl eine halbe Stunde breite Binnenwasser, das
zwischen den Corallenriffen und dem Ufer lag, und nur ein einziger
schmaler Weg blieb ihnen durch die Riffe und die darber strzende
Brandung ins Freie. Das fremde Fahrzeug htte also in einem solchen
Falle entweder Zeit genug behalten, sich gegen einen solchen Angriff zu
rsten oder demselben auch, mit der jetzt frisch wehenden Brise, leicht
entgehen knnen.

Das schien aber auch nicht in der Absicht der Eingeborenen zu liegen,
denn ihre Canoes wurden nicht gerstet. Nur ein einzelnes, ganz kleines
ruderte, von zwei Insulanern bemannt, hinaus, der Einfahrt zu.

Bis jetzt hatte sich nun allerdings Mac Kringo als Dolmetscher der Insel
betrachtet, und da Toanonga diesmal seine Hlfe nicht in Anspruch
nehmen wollte, machte ihn stutzig. Jedenfalls aber bekam er dadurch
einen Vorwand, den alten Huptling nach der Ursache zu fragen, und ging
deshalb langsam auf ihn zu. Hatte er ein Geheimni, so wollte er es bald
aus ihm heraus bekommen.

Jonas war vor einer Viertelstunde, der gestrigen Verabredung gem,
richtig eingetroffen, von dem Alten aber augenblicklich wieder
fortgeschickt worden und befand sich jetzt mit Legs auf der Landzunge
und ziemlich in der Nhe. Nur von Pfeife hatte der Schotte nichts
erfahren knnen. Spund wute seiner Aussage nach allerdings die Stelle,
wo seine Wohnung stand, wollte ihn aber in den letzten vier Wochen mit
keinem Auge gesehen haben und behauptete nur, da er einige Mal lngere
Unterredungen mit Toanonga selber gehabt.

Der alte Huptling sa wie gewhnlich vor seiner Htte und nickte dem
Schotten, als er ihn kommen sah, freundlich und herablassend zu.

Willst du keinen Handel mit dem Schiff treiben, Toanonga? fragte ihn
dieser, als er, neben ihm angekommen, sich bei ihm niedergelassen hatte.
Brauchst du keinen Tabak und keine Beile mehr?

Je nun, Ma Kino, schmunzelte der Alte, knnen immer Alles gebrauchen.
-- Wenn Papalangis aber mit Toanonga handeln wollen, mgen sie selber
herberkommen.

Aber ein Canoe ist doch schon zu ihnen hinbergefahren.

Ja, sagte der Alte gleichgltig, habe es auch gesehen; sind
neugierige junge Leute, die vielleicht einmal zuschauen wollen, was die
Papalangis an Bord haben.

Mac Kringo wute recht gut, da sich der Alte nur so stellte, als ob
jenes Canoe aus freien Stcken dort hinber gefahren sei. Ohne seine
Erlaubni durfte nmlich gar kein Fahrzeug das Binnenwasser verlassen,
mit irgend einem Schiffe Handel zu treiben. Er lie sich jedoch nichts
merken und antwortete nur ruhig:

Sie werden aber nicht verstehen, was die Papalangis zu ihnen sagen.

Bah! lachte der Alte, ist auch nicht nthig! was werden die
Papalangis viel sagen? Aber weit du, Ma Kino, was das fr ein Schiff
ist? doch keines, das herumfhrt, Wallfische zu fangen?

Ich glaube kaum, sagte der Schotte, und denke eher, da es zu euch
kommt Cocosnul einzutauschen.

Hm, das habe ich mir auch gedacht! Ob sie wohl Kanonen an Bord haben?

Jedenfalls, meinte Mac Kringo, der dadurch alle etwaigen Gelste des
Huptlings auf das Schiff abzuwenden suchte. Bewaffnet sind derartige
Schiffe immer gut, denn sie wissen nie, ob sie Freunde oder Feinde auf
den Inseln finden.

Toanonga erwiderte nichts hierauf, sondern sah eine Weile nachdenkend
vor sich nieder; endlich sagte er:

Wr' ein vortrefflich Ding, wenn wir auch Kanonen htten; was meinst
du, Ma Kino? knnten nach Hapai hinberfahren und die ganze Insel
wegnehmen. Bum -- bum! wie die Hapai-Burschen laufen wrden, wenn
Toanonga mit solchen groen Dingern zu ihnen kme!

Die Papalangis verkaufen nur nicht gern ihre Kanonen, meinte der
Schotte, sie brauchen sie immer selber und knnen hier keine anderen
dafr wieder bekommen.

Wr' auch gar nicht nthig, sagte Toanonga finster, brauchen hier
nicht herzukommen und Tonga-Leute todt zu schieen -- Tonga-Leute gehen
auch nicht zu den Papalangis und fangen dort Krieg an.

Wieder machte er eine Pause, und Mac Kringo schwieg ebenfalls, da er
nicht recht wute, was er ihm darauf erwidern sollte! Jedenfalls merkte
er aber, da der Alte etwas auf dem Herzen habe und nur nicht recht mit
der Sprache herauswollte.

Sag einmal, Ma Kino, fuhr da endlich Toanonga fort, gefllt es dir
auf Monui?

Mir? gewi! erwiderte durch die Frage etwas berrascht der Schotte,
denn bis jetzt hatte sich der alte Huptling entsetzlich wenig darum
gekmmert, ob ihnen das Leben dort zusagte oder nicht.

Und mchtest du wieder hinaus und Wallfische fangen?

Ich danke schn, wenn es nicht sein =mu=, gewi nicht! lachte der
Matrose.

Toanonga schien mit der Antwort zufrieden, denn er nickte leise vor sich
hin.

Gut, sagte er dann, und wenn wir jetzt so ein paar Kanonen und solch
ein groes Schiff htten, dann knnten wir's bald noch besser bekommen.
Wenn Ma Kino mit nach Hapai geht und dort viel Beute macht, kann er sich
Frauen nehmen, so viel er will, die Mdchen von Hapai sind jung und
schn.

Wo, zum Henker! will der Alte hinaus? dachte der Schotte. Hat er doch
am Ende Absichten auf das Schiff, und sollen wir ihm die Castanien aus
dem Feuer holen? darin irrst du dich aber, mein Bursche, denn was =du=
wegschenkst, ist auch gewhnlich nicht werth, da man es aufhebt.

Pfeife ist ein guter Bursche, sprang da pltzlich Toanonga auf ein
anderes Thema ber, und Spund sehr gut, nur ein Bichen dumm, Jonas
nicht viel werth, Schmied gar nicht, und Koch ganz schlechter Kerl --
werde ihm noch zwei Frauen geben, wenn er mit denen nicht Frieden hlt.

Mac Kringo lachte, denn er dachte in dem Augenblicke daran, was ihm
Jonas gestern Abends erzhlt und welche schwere Zeit der arme Legs
schon jetzt mit seinen Frauen hatte. Die Gelegenheit war aber auch zu
gnstig, etwas von Pfeife's Aufenthalt zu erfahren, und er fragte
deshalb den Alten, wo er stecke und was er treibe.

Pfeife, sagte Toanonga, der nur die Spitznamen der Matrosen erfahren
hatte und sie danach nannte, Pfeife geht es sehr gut. Braver Papalangi,
arbeitet fleiig und macht Segel fr die Canoes, und Lemon hilft ihm.

Lemon ist bei ihm? rief Mac Kringo schnell.

Toanonga antwortete ihm nicht darauf, denn seine Aufmerksamkeit wurde in
diesem Augenblicke zu sehr durch den Schooner in Anspruch genommen.
Dieser kreuzte jetzt dicht vor den Riffen und hatte gerade das zu ihm
ausgekommene Canoe langseit genommen. Mac Kringo lag auch nichts daran,
sich jetzt noch lnger hier aufzuhalten, denn er wute Alles, was er
wissen wollte, und da Toanonga das Gesprch nicht wieder aufnahm, erhob
er sich und verlie langsam, als ob er in den Wald wieder
hineinschlendern wollte, den Platz. Sobald er dem Alten brigens aus
Sicht war, eilte er, jeden gebahnten Weg vermeidend, so rasch er konnte,
der Landspitze zu, auf der er die Kameraden wute. Diesen mute er seine
Vermuthungen mittheilen und gemeinschaftlich mit ihnen einen Plan
berathen.


3.

Mac Kringo hatte geglaubt, seinen Weg ziemlich unbemerkt verfolgen zu
knnen. Das, sah er bald, war nicht mglich, denn von allen Seiten kamen
Insulaner und besonders Frauen herbei, und zwar die letzteren nur aus
Neugierde, einen so seltenen Gegenstand, wie ein fremdes Schiff, zu
betrachten. Im Anfange suchte er ihnen auszuweichen, da er aber dadurch
Verdacht zu erregen frchtete, folgte er zuletzt dem offenen Fuweg und
unterhielt sich mit denen, die ihm begegneten. Allerdings wurde er
einige Male gefragt, warum er nicht am Strand bliebe und wohin er wolle;
er gab aber ausweichende Antworten und meinte, es wrde wohl noch eine
Weile dauern, bis die Weien ans Land kmen, und er knne vielleicht
indessen selber einige Yams aus einem dort in der Nhe liegenden und ihm
gehrenden Felde holen, um sie nachher gegen Tabak einzutauschen.

So kam er endlich zu dem Gebsch, das die Landspitze begrnzte, und
einmal dort, traf er auch Niemanden mehr, denn die da drauen stehende
Htte lag unbewohnt. Nur die Fischer bernachteten manchmal in
derselben, wenn sie von dort aus mit der Morgendmmerung auf den Fang
gehen wollten.

An der bezeichneten Stelle fand er brigens die ihn schon ungeduldig
erwartenden Kameraden und zu seiner Freude auch Lemon, den Jonas in der
Nhe der Canoes angetroffen und dorthin bestellt hatte.

Donnerwetter! da ist gut, da du kommst, Lord Douglas! schrie ihm
Legs, der eine mchtige Kriegskeule in der Hand trug, schon von Weitem
entgegen. Ich wei hier ganz in der Nhe ein kleines Canoe, und in
einer halben Stunde knnen wir drauen an Bord und in Sicherheit sein.
Hol' der Teufel das Hundeleben auf der Insel! Ich hab's zum Sterben satt
und will mein Lebtag an Monui denken.

Unsinn! sagte aber Jonas, wenn wir jetzt hier mit einem Canoe
abfahren, schneiden sie uns den Weg ab, ehe wir halb aus der Bai hinaus
sind, und dann drfen wir uns nur jeden Gedanken an Flucht vergehen
lassen.

Wo ist Pfeife? fragte Mac Kringo, den drfen wir doch auf keinen Fall
zurck lassen.

Pfeife steckt drben bei den Canoes, rief Lemon, und nht Segel. Da
mssen wir Spund aber auch mitnehmen, und wenn wir warten wollen, bis
wir erst alle Sechse einmal zusammen haben, knnen wir uns auch darauf
verlassen, da wir sitzen bleiben.

Jungens, sagte da Mac Kringo, der indessen gesucht hatte, durch die
dichten Mangrove-Bsche einen berblick nach der innern Bai zu gewinnen,
mit eurem Plane ist es nichts. Da drauen fhrt eben das Schiffsboot,
von dem Canoe begleitet, das heute Morgen hinausgegangen ist, durch die
Riffe, und das anzurufen, dazu sind wir zu weit entfernt, und es wrde
auch die Insulaner augenblicklich aufmerksam machen.

Und weshalb brauchen wir es anzurufen? rief Legs rgerlich, la die
immer fahren. Wenn wir nur erst einmal an Bord sind, sollen uns die
Rothfelle wahrhaftig nicht wieder herunter bringen.

Du redest, wie du's verstehst, erwiderte ruhig der Schotte, und
glaubst du denn, Toanonga hat nicht Verstand genug, die Weien in dem
Falle als Geiel an Land zu behalten? So wie der merkte, da wir ihm
durchs Netz gingen, machte er die Klappe zu und htte die Anderen fest,
und der Capitain von dem Schooner wird uns wahrhaftig nicht mit in See
nehmen und seine eigenen Leute dafr zurck lassen.

Dann ist die ganze Geschichte wieder faul! fluchte Legs; das kommt
aber von dem ewigen Trdeln und Berathen her! Erst hat =der= ein
Bedenken und dann =der=, und dabei bleiben wir richtig jedesmal in der
Falle sitzen. Das sag' ich euch, wenn sich mir irgend eine Gelegenheit
zur Flucht bietet, auf euch warte ich nicht, denn mit euren berklugen
und ewigen Bedenklichkeiten kommt ihr berall zu kurz.

Renn' du nur mit dem Kopf gegen die Wand, sagte Mac Kringo ruhig, so
wirst du schon bei Zeiten finden, wo du bleibst. brigens sei so gut und
schrei nicht so, denn wir sind keineswegs so weit vom Wege entfernt, und
deine und Pfeife's Stimme hrt man eine Meile durch den Wald.

Na gut, sagte Legs, der Warnung jedoch Folge leistend und nicht so
laut als vorher, wenn du denn so genau weit, was wir thun und lassen
mssen, so erzhl' uns auch jetzt, was nun werden soll und was du im
Sinne hast!

Ja, wenn ich berhaupt etwas im Sinne htte! entgegnete Mac Kringo,
darber scheinen wir allerdings einig zu sein, da wir hier fort
wollen, um auf irgend einer andern Insel als freie Mnner auftreten zu
knnen. Ob das aber mit diesem Schiffe geschehen kann, ist noch die
Frage. Wir wissen ja nicht einmal, ob der Capitain Platz fr uns an Bord
und berhaupt Lust hat, sich mit uns einzulassen. Manche dieser Herren
sind verdammt mitrauisch, und hten sich, besonders in der Nhe von
Australien, englische Matrosen in grerer Zahl aufzunehmen. Sie trauen
nicht, ob es nicht am Ende statt verunglckter oder entlaufener Seeleute
entsprungene Strflinge aus den dortigen Colonien sind.

Ja, wozu sind wir aber dann hier zusammengekommen? rief Lemon. Wenn
wir nicht wenigstens einen Versuch machen, fhrt das Boot wieder ab, und
wir bleiben so klug wie vorher.

Lord Douglas steckt berhaupt immer voller Plane, aus denen nie etwas
wird! rief Legs rgerlich. Wie klug konnte er damals sprechen, als die
_Lucy Walker_ noch hier lag! und wre das Feuer nicht da zufllig
ausgebrochen, so schwmmen wir jetzt wieder ganz ruhig mit dem alten
Kasten im Eismeer umher und ruderten mit Fausthandschuhen hinter
schmierigen Wallfischen drein.

Ja, aber ... wollte Jonas etwas darauf entgegnen, der Schotte
unterbrach ihn jedoch und sagte:

Wenn wir mit dem Maul hier wegzubringen wren, Legs, dann glaube ich
allerdings, da du uns allein helfen knntest. Jetzt aber sei so gut und
la uns mit deinem Unsinn zufrieden, und hrt erst einmal meinen
Vorschlag. Wit ihr dann was Besseres, so soll es mich freuen, ich bin
gern erbtig, euch Folge zu leisten.

Na, da komm endlich einmal klar, und reib' nicht so lange auf dem Sand
herum! rief Lemon; die Zeit vergeht, und wir haben wahrhaftig keine
brig.

So hrt, sagte Mac Kringo, ich mu vor allen Dingen jetzt zum Alten,
um dort zu dolmetschen, wenn die Fremden nichts von der Tonga-Sprache
verstehen. Dort will ich mit dem Steuermann oder wer nun gerade an Land
gekommen ist, schon Gelegenheit finden, ein paar Worte allein zu
sprechen. Wollen sie uns mitnehmen, dann findet sich auch eine
Gelegenheit, fortzukommen, und in dem Fall habe ich selber nichts
dagegen, da wir es zum uersten treiben und Gewalt brauchen, wenn wir
eben auf keine andere Weise fortkommen knnen. Knnen sie uns freilich
nicht mitnehmen, dann bleibt es fr uns das Beste, uns so ruhig wie
mglich zu verhalten. Jeder geht nachher wieder seiner Beschftigung
nach, und wir warten eine gnstige Gelegenheit ab.

Doch wie dem auch sei, von da drben werde ich euch ein Zeichen geben,
damit ihr wit, was ihr zu thun habt. Seht ihr jene in die Bai
auslaufende spitze Corallenbank, auf der ein einzelner Pfahl steckt? --
=Die= behaltet im Auge. Rudert das Boot dorthin, und winken sie euch
von Bord aus, so gilt das als ein Zeichen, da sie uns mitnehmen knnen,
dann kommt so rasch ihr knnt an die Landung, bringt auch irgend eine
Waffe mit, im Nothfall unseren Weg mit Gewalt zu erzwingen. Bekommt ihr
aber von dem Boot =kein= Zeichen, dann heit das so viel, da sie uns
nicht haben wollen, und dann versteht es sich von selbst, da wir fr
jetzt jeden Fluchtversuch aufgeben.

Das klingt doch endlich einmal wie Vernunft, brummte Legs. Nun mach'
aber, da du fortkommst, denn mir brennt der Boden schon unter den
Fen. Ha, ha, ha, wie sich meine Familie freuen wird, wenn ich heute
nicht zum Essen komme.

Und was wird aus Pfeife? fragte Jonas.

Ihr habt ja Zeit genug, dem unsern Plan mitzutheilen, entgegnete der
Schotte; kommt ihr mit dem Canoe, so nehmt ihn ein; im andern Falle
sagt ihm nur Bescheid, aber kommt mir nicht Alle in einem Klumpen,
sondern vertheilt euch hbsch, da die Insulaner nichts merken. Es mu
aussehen, als ob ihr nur zufllig an den Strand kommt. Und jetzt
_good-bye_! wenn das Glck gut geht, sehen wir uns vielleicht an Bord
wieder!

Toanonga hatte indessen in aller Ruhe der Ankunft eines Bootes von dem
fremden Fahrzeug entgegengesehen, und an ihm bemerkte man nicht das
Geringste von der Aufregung, die unter den Egis selber zu herrschen
schien. Da diese dagegen etwas Besonderes und Auergewhnliches
erwarteten, war augenscheinlich. Waffen wurden herbeigebracht und in der
Nhe versteckt, und in Toanonga's Hause selber die bis dahin
eingepackten Musketen hervorgesucht und geladen, ohne da sich jedoch
der alte Huptling im Geringsten selbst darum bemht htte. Er lie das
alles seine Huptlinge besorgen, und wenn man ihn so dasitzen sah, wrde
man kaum geglaubt haben, da all das thtige Leben um ihn her nur einzig
und allein von ihm selber ausgegangen sei.

Um die Papalangis hatte sich indessen Niemand bekmmert, und eigentlich
war es Toanonga ganz recht, da sie sich gerade jetzt nicht am Strand
befanden. Spund allein kam endlich langsam dort herauf geschlendert, und
ohne sich an die geheimnivolle Geschftigkeit der Insulaner zu kehren
oder selbst besonders auf das Schiff zu achten, das ihn doch eigentlich
htte interessiren mssen, schien er ein ganz anderes Ziel im Auge zu
haben.

Feierlich schritt er auf den alten Huptling zu, mit dem er sich in
seiner Sprache schon recht gut unterhalten konnte. Wenn es auch manchmal
ein wenig verkehrt herauskam, verstand doch Toanonga immer, was er
eigentlich sagen wollte.

Ah Spund, redete ihn der Huptling freundlich an, es ist gut, da du
gerade kommst. Ma Kino steckt wer wei wo im Busch, und wenn Papalangis
ans Land kommen, mu doch Jemand da sein, der mit ihnen spricht;
Papalangis schrecklich dummes Volk! mssen erst immer zu Tonga-Inseln
kommen, um die Sprache zu lernen!

Spund lie sich ohne Weiteres neben dem alten Huptling nieder und
sagte.

Ja, Toanonga, Papalangis mgen in Manchem dumm sein, aber sie haben
doch wenigstens den rechten Glauben.

Glauben? Glauben haben wir auch! sagte Toanonga. Ich glaube, da da
drben von dem fremden Schiff gerade jetzt ein Boot abstt und zu uns
herber kommen wird.

Spund seufzte tief auf.

Ach, sthnte er, da du nur immer an irdische Dinge denken willst,
Toanonga! Weit du denn, was uns bevorsteht, wenn wir pltzlich
sterben?

Sterben? wer denkt an Sterben! lachte Toanonga. Wenn das kommt, ist
es Zeit genug, und dann gehen wir hinber nach Bolutu[33] und werden
Hotuas.

Ja, Hotuas! chzte Spund, man wird euch behotuan! Sieh, Toanonga!
setzte er dann gutmthig hinzu, du bist sonst ein braver Mann, und ich
mag dich gern leiden, und deshalb thut es mir immer leid, wenn ich dich
ansehe, und wei, in welcher entsetzlichen Gefahr du schwebst.

Gefahr? sagte der alte Huptling, und sah rasch und mitrauisch in die
Augen des Seemannes, und was weit du von Gefahr?

Ich wei, was hier in dem Buche steht, sagte Spund, auf die Bibel
zeigend, die er sorgfltig unter dem linken Arme trug. Und da wir
einmal an einen sehr bsen Platz kommen, wenn wir uns hier nicht zum
rechten Glauben bekehren.

So? lchelte Toanonga, vollkommen beruhigt, denn die
Bekehrungsversuche des Matrosen hatten ihn bisher auerordentlich
gleichgltig gelassen. Er selber versuchte brigens nie einen der Weien
zu der Annahme seines eigenen Glaubens zu bewegen, weil er sich nicht
denken konnte, da Papalangis auf Bolutu zugelassen wrden. Was htte es
ihm also geholfen, seine Zeit damit zu vergeuden? Seine augenscheinliche
Gleichgltigkeit gegen die Schrecken nach dem Tode reizte den Matrosen
aber nur noch mehr, ihm nachdrcklich in das Gewissen zu reden, und das
Buch vor sich auf die gekreuzten Beine legend, rief er aus:

So? du sagst ganz ruhig: so? wenn wir aber sterben, werden wir nicht
mehr =so= sagen; dann kommen wir an einen Ort, wo da ist Heulen und
Zhneklappern und ein schreckliches Feuer, in dem wir gebrannt werden
von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Ist das euer Glaube? fragte Toanonga, und kommen die Papalangis
wirklich an solchen Platz?

Allerdings! rief Spund, der jetzt endlich des Huptlings
Aufmerksamkeit dahin gelenkt hatte, wohin er sie haben wollte. Wenn wir
nicht fromm und gottesfrchtig auf dieser Erde leben, wenn wir nicht an
Gott glauben, wenn wir sndhafte, schlechte Menschen sind und uns nicht
zu dem bekennen, was in diesem Buche steht, dann erleiden wir furchtbare
Strafen, Strafen, wo einem jetzt schon die Haut schaudert, wenn man nur
daran denkt. Und was sagst du nun, Toanonga?

Der alte Huptling hatte ihm aufmerksam zugehrt und nickte dabei
langsam mit dem Kopfe.

Hm, hm, hm! sagte er dann, =das ist sehr schlimm fr Papalangis!=

Fr Papalangis? rief Spund berrascht, den diese Wendung ganz auer
Fassung brachte.

Toanonga deutete aber mit ausgestreckten Armen auf die Bai, auf der das
Boot der Weien jetzt, von einem Canoe begleitet, schon heranglitt, und
das Gesprch war dadurch natrlich abgebrochen.

Verdammter, dickkpfiger Heide! murmelte aber Spund in sehr
unchristlicher Entrstung halblaut und rgerlich vor sich hin. Na, da
du einmal den ganzen Weg bergunter gehst, wenn du stirbst, darauf kannst
du dich doch fest verlassen.

Toanonga nahm aber nicht mehr die geringste Notiz von ihm.

Einer der Egis war wieder zu ihm getreten und hatte ihm etwas ins Ohr
geflstert, und der alte Huptling stand auf, die Fremden zu begren.

Die Leute im Boot lieen sich jetzt deutlich erkennen. Am Steuer sa ein
Europer, die vier Rudernden waren aber sogenannte Kanakas, Eingeborene
der Sandwichs-Inseln, die jedoch mit den Riemen ganz vortrefflich
umzugehen wuten. Einige der Insulaner liefen ihnen entgegen, und halfen
ihnen das Boot auf den Corallensand ziehen, whrend sie mit den Fremden
ihre Begrungen wechselten. Die Sandwichs-Insulaner haben jedoch eine
von den Tonga's sehr verschiedene Sprache, und die Indianer konnten sich
nicht unter einander verstndigen, whrend der Fremde die Tonga-Sprache
vollkommen gut und flieend redete.

Es war eine breitschulterige, krftige und chte Seemanns-Gestalt, die
den Englnder nicht verlugnen konnte, mit blauen, klaren Augen,
wettergebrunten Zgen und festgelocktem hellbraunem Haar. Er ging auch
ohne Weiteres auf Toanonga, den er bald als den How der Insel erkannt
hatte, zu, schttelte ihm die Hand und redete ihn mit dem blichen Grue
der Insel an. Auf Spund, der mit der Bibel unter dem Arm nicht weit
davon stand, warf er nur einen flchtigen und wie berraschten Blick --
denn der Bursche sah in seiner halb indianischen halb Matrosen-Tracht,
mit dem dicken Buch unterm Arm und dem gar nicht recht dazu passenden
breiten Gesicht, komisch genug aus. Er nickte ihm aber nur zu und
achtete weiter nicht auf ihn. Hatte er doch lange genug die
verschiedenen Inselgruppen besucht, um daran gewohnt zu sein, Missionare
und weggelaufene Matrosen auf ihnen zu finden, wenn er auch nicht gleich
wute, zu welcher der beiden so verschiedenen Classen der Weie hier
gehren mochte.

Seine Absicht war, wie er Toanonga gleich von vorn herein erklrte,
Alles von Cocosnul, was auf der Insel vorrthig sei, aufzukaufen und
dafr Waaren, wie sie die Insulaner gerade gebrauchten, einzutauschen.

Toanonga hrte ihm aufmerksam zu und sagte ihm dann, da er die nthigen
Befehle dazu geben werde. Damit lie er den Fremden stehen und wandte
sich seinen eigenen Leuten wieder zu, wo bald einer der jungen Bursche,
der mit dem Canoe drauen an Bord des Fahrzeugs gewesen war, an seine
Seite glitt.

Nu, Tibi--ano, sagte da der Alte, als er weit genug von dem Fremden
entfernt war, um nicht von ihm gehrt zu werden, wie viel Weie sind
drauen auf dem groen Canoe?

Noch fnf, Toanonga; lautete die Antwort, auer dem hier und noch
drei Kanakas. Der hier Capitain.

Ah, vortrefflich! nickte Toanonga, sehr gut das! und haben sie
Kanonen?

Zwei; nicht sehr groe.

Der alte Huptling schmunzelte vergngt vor sich hin, und warf dabei
vorsichtig den Blick umher, sich zu berzeugen, ob seine Anordnungen
ausgefhrt wrden. Neben dem Schiffsboot standen zwei der Egis und sechs
oder acht andere Insulaner, whrend die Kanakas, von einem der
Monui-Leute gefhrt, zu einer kleinen Gruppe von Cocospalmen gegangen
waren, dort eine Anzahl Nsse herunter zu werfen. Der Capitain des
Schooners stand neben Spund, der ihm gerade Bericht ber den Untergang
der _Lucy Walker_ abstattete.

Eben jetzt kam Mac Kringo aus dem nchsten Pandanus-Dickicht und ging
auf den Capitain zu. Zu seinem Erstaunen sah er aber, da nicht allein
eine Menge Indianer bewaffnet waren, sondern ein Theil von ihnen sogar
im Dickicht versteckt blieb. Mit den Sitten der Insulaner bekannt,
zweifelte er keinen Augenblick daran, da sie irgend etwas Bses gegen
die Fremden beabsichtigen, und je eher er deshalb den Bedrohten warnen
konnte, desto besser.

Der Fremde war indessen mit Spund in ziemlich lebhaftem Gesprch schrg
an der Corallenbank hinausgeschritten. Toanonga hatte ihm eben gewinkt,
zu ihm zu kommen. Dort aber, wo der Corallensand aufhrte und der
Fruchtboden begann, stand ein kleiner Streifen von Casuarinen mit ein
paar Pandanus-Bumen und einem Unterwuchs von einzelnen niederen
Bschen. Im Schatten derselben lagen etwa acht oder neun Insulaner. So
wie jedoch der Capitain an ihnen vorberschritt und hinter dem kleinen
Buschstreifen vom Bord seines eigenen Schiffes aus nicht mehr gesehen
werden konnte, sprangen diese pltzlich empor und warfen sich auf ihn.

berrascht wie er war, gelang es dabei Zweien, sich seines linken Armes
zu bemchtigen, aber sicher zu ihrem Schaden, denn mit dem rechten
schlug er sie mit zwei rasch gefhrten Sten, auch schon im nchsten
Augenblick bewutlos zu Boden. Die berzahl war jedoch zu gro; ehe er
sich gegen die Anderen wenden konnte, hingen diese berall um ihn her,
und trotz seinem wthenden Struben fand er sich bald gebunden und in
der Gewalt der Feinde.

Spund war ein hchst berraschter Zeuge des Ganzen gewesen, und Alles so
schnell gekommen, da er wirklich gar nicht einmal daran dachte, dem
Landsmann beizustehen.

Mac Kringo, der ebenfalls in der Nhe war, hatte allerdings etwas
hnliches gefrchtet, aber er bersah auch mit einem Blick, da sie hier
mit Gewalt gegen die bermacht der Eingeborenen nichts ausrichten
konnten und verhielt sich deshalb gleichfalls ganz ruhig.

Hallo, ihr Halunken! schrie dabei der Englnder in der Tonga-Sprache,
ist das eure Gastfreundschaft, mit der ihr einen Fremden bewillkommt,
und ihm vorher euer verrtherisches _chio do fa_ entgegen ruft? und ihr
da, wandte er sich gegen die Weien, als er Mac Kringo gerade
erblickte, =zwei= Englnder und lassen mich hier von den verdammten
Rothfellen mihandeln? Ihr seid schne Canaillen! htte ich nur =Einen=
von meinen weien Leuten hier an Land, ein ganzes Schock dieser braunen
Schufte wre mir nicht zu nahe gekommen.

Die Kanakas hatten allerdings ihrem Capitain im Anfang zu Hlfe springen
wollen, da sie aber von allen Seiten kriegerische und bewehrte Gestalten
auftauchen sahen, wichen sie scheu zurck, es ihrem Fhrer berlassend,
sich allein aus dieser Verlegenheit heraus zu arbeiten.

Vollkommen ruhig bei diesem pltzlich hereingebrochenen Kampfe war
Toanonga geblieben, der nun erst, als er den Weien gebunden und
unschdlich gemacht sah, zu ihm trat.

Ist das die Freundschaft, die du mir durch dein Canoe hast anbieten
lassen, wortbrchiger Huptling? rief ihm der gereizte Englnder
entgegen.

Ruhig, mein Freund! suchte ihn indessen Toanonga zu beschwichtigen.
Du bist jetzt in unserer Gewalt, und es ist auerordentlich
leichtsinnig von dir, durch nutzloses Schimpfen einen mchtigeren Feind
zu reizen. Wenn wir dir htten ein Leids zufgen wollen, so brauchten
wir dir nur den Schdel einzuschlagen, und die Sache wre abgemacht
gewesen. Wenn du dich aber ruhig verhltst und das thust, was wir von
dir verlangen, so hast du nicht allein fr dich oder die Deinen nichts
zu frchten, sondern kannst auch nach einiger Zeit deine Reise
ungehindert fortsetzen.

Und was verlangst du von mir? fragte der Fremde. Wenn es etwas ist,
das ich erfllen kann, wr' es doch wohl vernnftiger gewesen, mich auf
andere Weise darum zu fragen, als so ber mich herzufallen!

Da du es erfllen =kannst=, wute ich vorher, erwiderte vorsichtig
Toanonga, nur darauf kam es an, ob du es erfllen =wolltest=, und ich
hielt es deshalb fr besser, mir eben diesen guten Willen vorher zu
sichern.

Eine verdammt schne Art! fluchte der Capitain, wenn du dich nur
nicht darin geirrt hast!

Ich glaube kaum, sagte vollkommen gleichmthig der Huptling. Wie
heiest du?

Jacobs, brummte der Fremde verdrielich.

Und dein Schiff?

Bonito.

Sehr gut. Nun sieh, wir brauchen hier auf Monui dein Schiff und deine
Kanonen, um nach Hapai hinber zu fahren, und die Huptlinge zu
zchtigen, die ihre Verbindlichkeiten gegen uns nicht erfllt haben.

Mein Schiff! schrie Jacobs wild emporzuckend, den Teufel auch! das
brauche ich selber! und wenn ihr das haben wollt, so holt es Euch
drauen; seid aber versichert, da euch mein Steuermann auf eine Art
empfngt, die euch nicht behagen wird.

Das habe ich mir etwa gedacht, lachte der Alte, und dich hier
festgehalten, um uns die Mhe zu ersparen. Du bist in unserer Gewalt,
wie du recht gut weit, und meine Egis haben beschlossen, dir das Leben
zu nehmen, wenn du nicht nach unserem Willen thust. Fgst du dich aber
in das, was du doch nicht mehr verhindern kannst, so verspreche ich dir,
da wir dein Schiff allerdings jetzt nehmen und deine Kanonen gebrauchen
werden, da du es aber wieder bekommen sollst, wenn wir in Hapai gesiegt
haben.

Der Teufel trau' euch! rief Jacobs, und im allergnstigsten Falle
htte ich ein paar Monate von meiner besten Zeit verloren. Nein! Thut
mit mir, was ihr wollt, aber das Schiff bekommt ihr nicht. Und darauf
verlat euch, da mein Bruder, der Steuermann an Bord des Bonito ist,
blutige Rache nehmen wird, wenn ihr mir ein Leides thut.

Sei vernnftig, Freund! Was kann er uns zufgen? sagte Toanonga, er
mu froh sein, wenn er unseren Canoes entgeht. Du hast nur noch fnf
weie Mnner an Bord, und der Wind drauen wird schon schwcher. Wenn
wir noch ein paar Stunden warten und rudern dann hinaus, so knnt ihr
nicht einmal fort, und dann ist das Schiff unser, und du bekommst nie
etwas davon wieder.

Jacobs wollte heftig darauf erwidern, Mac Kringo aber, der indessen
hinzugetreten war, blinzelte ihm heimlich zu und sagte dann zu dem
Alten:

La mich mit ihm reden, Toanonga; er wird Vernunft annehmen, wenn er
einsieht, da er doch nichts daran ndern kann.

Toanonga sah den Schotten etwas berrascht an, denn er hatte sein Kommen
gar nicht bemerkt und mochte ihm auch vielleicht nicht so ganz trauen.
Da er die Fremden aber ganz in seiner Gewalt wute, schien er dem
Vorschlage nach einiger berlegung beizustimmen.

Gut, Ma Kino, sagte er, sprich du mit ihm.

Und was willst du, da er thun soll? fragte der Schotte.

Er soll hinausschicken und die anderen weien Mnner an Land rufen. Er
mag ihnen sagen lassen, da sie Messer und Tabak mitbringen, um dafr
Cocosl einzutauschen!

Da ich ein Esel wre! rief Jacobs. Ich soll mir selber die Hnde
binden, nicht wahr?

Seid ihr der Capitain des Schooners? fragte ihn der Schotte in
englischer Sprache.

Ja wohl, der bin ich. Waret ihr mit auf der _Lucy Walker_?

Ja. -- Wie viel Weie habt ihr noch am Bord, auf die ihr euch fest
verlassen knnt?

Fnf, mit dem Steuermann.

Den Steuermann knnen wir nicht rechnen, sagte der Schotte, der mu
an Bord bleiben. Wissen die anderen Vier mit Gewehren umzugehen?

Vortrefflich. Drei sind Franzosen von Taiti, und der Vierte ist ein
Deutscher. Aber glaubt ihr wirklich, da die Rothfelle ihre Drohung
ausfhren wrden?

Ich frchte fast, ja. Sie sind sonst gutmthig und friedlich genug,
aber jetzt gerade zu einem Kriege gerstet, und ich mchte euch nicht
rathen, sie zum uersten zu treiben.

Aber wenn ich das Boot ans Ufer kommen lasse, bin ich verloren, denn
sobald sie ihre Canoes hinausschicken, kann mein Steuermann mit den paar
Kanakas das Fahrzeug nicht allein halten.

Habt ihr Musketen an Bord?

Gewi.

Mac Kringo schwieg eine Weile und sah nachdenkend vor sich nieder.
Toanonga aber, der ein paar Schritte davon entfernt mit einem Huptling
sprach, wurde schon ungeduldig und drehte sich nach ihnen um.

So wie so ist es eine verzweifelte Geschichte, sagte da der Schotte.
Gebt ihr euch ihnen nicht gutwillig, so brauchen sie Gewalt, und euer
eigenes Leben ist dann in ihren Hnden. Mit so schwacher Besatzung
httet ihr nicht so leicht an Land kommen sollen. Trotzdem ist es doch
am Ende noch mglich, sie anzufhren, wenn ihr euch verpflichten wollt,
uns Europer von dieser Insel mit fortzunehmen.

Wie viel seid Ihr?

Sechs; und so tchtige Matrosen, wie ihr euch wnschen knnt.

Aber hier stehen wenigstens sechszig bewaffnete Insulaner um uns her.

Deshalb mssen wir euere vier Leute noch vom Boot zu Hlfe haben.

Und dann sollen wir uns mit Gewalt durchschlagen?

Wir mssen es versuchen! Ich wei wenigstens keine andere Mglichkeit,
euch zu helfen.

Und wer brgt mir dafr, Freund, da =ihr= es ehrlich mit mir meint?
sagte Jacobs. Ihr habt mich hier ohne Warnung den Rothfellen in die
Hnde laufen lassen, und wie kann ich wissen, ob ihr nicht mit ihnen
unter Einer Decke steckt!

Das Mitrauen mu ich euch allerdings zu Gute halten, sagte Mac
Kringo, und wenn ihr meinem ehrlichen Gesicht nicht glaubt, habe ich
keine weitere Brgschaft fr euch, als die Versicherung, da uns allen,
oder wenigstens Fnfen von uns, der Boden hier unter den Fen brennt,
und wir Gott danken wollen, wenn wir die Insel im Rcken haben. Jetzt
thut was ihr wollt; wenn ihr einen anderen Rath wit, euch zu helfen, so
ist es mir lieb, wo nicht, so sagt mir euere Meinung bald, denn wie ich
sehe, fngt der Alte da hinten an, die Geduld zu verlieren.

Ihr habt Recht, sagte Jacobs nach kurzer Pause, es ist das die
einzige Rettung. Im allerschlimmsten Falle kann dann mein Bruder, der
Steuermann, doch am Ende noch mit den paar Kanakas und dem Fahrzeug
entkommen, sobald er merkt, da fr uns Alles verloren ist. Aber auf
welche Art kann ich ihm Kunde schicken? Wenn die Insulaner wenigstens
meine Leute zurckrudern lieen!

Ich glaube schwerlich, da Toanonga das zugiebt, sagte der Schotte,
denn der gnstige Erfolg seiner ganzen List beruht nur darauf, da die
am Bord keinen Verdacht schpfen. Aber da kommt er selber, jetzt wollen
wir gleich hren, wie er sich die Sache weiter ausgedacht hat.

Toanonga war wirklich ungeduldig geworden, denn da er sich nun einmal
mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, das Schiff den Fremden
wegzunehmen und zu seinen eigenen Zwecken zu verwenden, erschien es ihm
hchst rcksichtslos von dem Papalangi, da er ihn auch noch so lange
darauf warten lie.

Nun mach rasch, Ma Kino, sagte er, als er zu ihm trat, meine Leute
wollen nicht lnger warten, und wir haben auch keine Zeit zu verlieren,
denn der Tag vergeht. Was sagt der Papalangi?

Er fgt sich deinem Willen, erwiderte der Schotte; wenn ihr keinem
von ihnen ein Leides thun und ihnen das Fahrzeug, sobald ihr es
gebraucht habt, zurckgeben wollt.

Nun versteht sich, versteht sich, erwiderte der Alte, ungeduldig mit
dem Kopfe schttelnd.

Aber der Steuermann hat Antheil an dem Fahrzeug, fuhr Mac Kringo fort,
und wird es nicht gutwillig hergeben wollen.

Nicht gutwillig hergeben wollen? lachte Toanonga, wenn wir die Weien
erst an Land haben, brauchen wir ihn nicht lange zu fragen.

Aber wie willst du die an Land bekommen, Toanonga? fragte der Schotte.
Wer soll hinberfahren, sie zu holen? Denn eine Flagge haben wir nicht
hier, ihnen ein Zeichen damit zu geben.

Du hast Recht, sagte Toanonga, und sah sinnend vor sich nieder. Den
Papalangi selber durfte er nicht schicken, der wre natrlich nicht
wieder gekommen, und die Kanakas durfte er auch nicht hinber lassen, da
die ja Zeuge des berfalls ihres Capitains gewesen waren.

Mac Kringo, wie einem der anderen Weien auf der Insel traute er
ebenfalls nicht, und das Einzige blieb, da er ein paar von seinen
eigenen Leuten hinber rudern lie. Dabei konnte er sich aber nicht
verhehlen, da die Fremden kaum einem Befehl Folge leisten wrden, der
ihnen von den Eingeborenen einer fremden Insel gebracht wurde. Ein paar
Mal kam ihm freilich der Gedanke, ohne Weiteres mit seinem Canoe
hinauszufahren und den Schooner, der doch nicht ohne seinen Capitain
absegeln konnte, zu entern; aber er frchtete die Kanonen und durfte
seine kriegsfhigen, jungen Leute, gerade im Begriff, einen Kriegszug
zu unternehmen, nicht also gefhrden; so lange er deshalb hoffen durfte,
seinen Plan mit List durchzusetzen, wollte er jede Gewaltthat gern
vermeiden.

Spricht jemand bei euch an Bord die Tonga-Sprache? fragte da Mac
Kringo, whrend der Alte noch mit sich zu Rathe ging, den fremden
Capitain in englischer Sprache.

Nein, kein Mensch, sagte dieser.

Desto besser, nickte der Schotte und fuhr dann, zu Toanonga gewendet,
fort: Darf ich dir einen Vorschlag machen, die Leute an Bord das wissen
zu lassen, was du willst?

Allerdings, sehr gern! rief der Alte, dem damit ein groer Gefallen
geschehen wre.

Nun gut, so schicke Spund mit zwei Tongaleuten hinber.

Spund? fragte Toanonga, und schttelte bedenklich mit dem Kopf.

Spund ist eine gute, ehrliche Haut, beruhigte ihn der Schotte, und
wenn du dem drohest, du wrdest ihm den Schdel einschlagen, sowie er
das Geringste verriethe, warnte er seinen eigenen Vater nicht. Auerdem
braucht er gar nichts zu bestellen, denn du weit, da die Papalangis
die Kunst verstehen, auf ein weies Stck Zeug Zeichen zu malen, die
einem Anderen sagen, was er wissen soll.

Da kann der Fremde aber darauf setzen, was er will!

Er mag es in der Tonga-Sprache thun, und du kannst dich dann selber
berzeugen, da er nichts sagt, als was du von ihm verlangst.

Toanonga begriff noch nicht recht, wie das Ganze gemeint sei. Auf Spund
glaubte er sich brigens am ersten verlassen zu knnen, und wollte jetzt
wenigstens sehen, was die Fremden im Sinne htten. Er gab auch des
Gefangenen Hnde frei, und dieser ging rasch auf Mac Kringo's Plan ein,
nahm seine Brieftafel aus der Tasche, ri ein Blatt heraus und schrieb
darauf in der Tonga-Sprache: Schicke mir augenblicklich die vier
Papalangis herber und la sie Messer und Tabak mitbringen; darunter
aber setzte er in Englisch nur die Worte: Verrath! schicke die vier
Matrosen gut bewaffnet!

Toanonga hatte neben ihm gestanden und ihm aufmerksam zugesehen, war
aber sehr erstaunt, da der Fremde so rasch damit fertig wurde.

Und da sollen sie jetzt wissen, was das bedeutet? fragte er lachend.
Nun wartet, das wollen wir gleich erfahren. Geh' einmal weg, Ma Kino,
der Fremde soll mir allein sagen, was er darauf gemalt hat.

Der Schotte trat zurck, und Jacobs las Toanonga die im Tonga-Dialekt
geschriebenen Worte langsam vor. Darauf ging der Huptling mit dem
Zettel zu Mac Kringo, und war aufs uerste erstaunt, als dieser ihm
jede Silbe genau wiederholte, wobei sich dieser jedoch wohl htete, das
Englische mitzulesen. Toanonga traute aber noch immer nicht; denn die
Beiden konnten sich auch ber diese Worte vorher verstndigt haben. Er
ging also wieder zu Jacobs zurck und flsterte ihm zu, die beiden Worte
=Monui= und =Toanonga= aufzuzeichnen. Davon konnte Mac Kringo jetzt
nichts wissen, als er aber diesem das Blatt zeigte, und der die Worte
ohne Schwierigkeit ablas, kannte sein Erstaunen keine Grnzen. Besonders
konnte er sich gar nicht denken, da er Monui gleich erkannt habe, da
die fnf sehr aufflligen Bergspitzen der Insel gar nicht darin zu
unterscheiden waren.

Er machte den Versuch auch noch mit ein paar andern Worten, und wrde
sich wahrscheinlich den ganzen Tag damit unterhalten haben, htte die
Zeit nicht gedrngt. Von dem also abgefaten Briefe versprach er sich
aber einen auerordentlichen Erfolg, nahm Spund zur Seite und flsterte
lange und heimlich mit ihm. Spund schien auch mit Allem einverstanden
und nickte in Einem fort mit dem Kopfe. Die beiden Insulaner, die vorher
mit dem Canoe an Bord gewesen waren, wurden dann in dem Boot der Weien
mit Spund abgeschickt, und dieser wrdige Mann war jetzt nur in
Verlegenheit, wohin er mit seinem Buche indessen sollte. An Land durfte
er es nicht lassen; denn die Eingeborenen, die es sich einmal in den
Kopf gesetzt, da es Beschwrungen und Zauberformeln enthalte, hatten
ihm schon eine Menge Bltter herausgerissen, wo sie deren nur habhaft
werden konnten. Mac Kringo wollte er es auch nicht anvertrauen, und
beschlo deshalb, es lieber mitzunehmen.

Der Schotte stand mit vorn am Bug, als sie das auf den Corallensand
gezogene Boot wieder in tiefes Wasser schoben. Wie Spund aber bei ihm
vorbei an Bord stieg, flsterte er ihm zu. Bringe Hlfe, oder wir sind
verloren!

Ja, aber! rief Spund ganz verblfft, da er der erhaltenen Befehle
Toanongas gedachte. Mac Kringo lie sich jedoch auf keine weitere
Erklrung ein, im nchsten Augenblick war das Boot flott, und die beiden
Indianer ruderten es rasch dem Eingang der Bai entgegen.


5.

Mac Kringo war jetzt mit seinem Plan im Reinen; die Kameraden durften
keinen Fluchtversuch im Canoe machen, so lange noch der Capitain des
Schooners am Ufer gefangen gehalten wurde. Ihre einzige Rettung lag im
Gegentheil darin, da sie mit der Verstrkung vom Schooner, die
jedenfalls Gewehre mitbrachte, ihre eigene Schaar herbeizogen, und dann
den Indianern weit eher die Spitze bieten konnten. Langsam ging er
deshalb auf die, seinen Schiffsgenossen schon im Voraus bezeichnete
Corallenbank hinaus, blieb dort einen Augenblick stehen, und kehrte dann
zum Ufer zurck. Er wute jetzt, da er die Kameraden bald in der Nhe
hatte, und gelang es ihnen dann, sich bei dem Boote zusammen zu drngen
und dieses in Besitz zu nehmen, so durften sie hoffen, ihre Flucht
glcklich zu bewerkstelligen.

Allerdings waren alle in der Nhe wohnenden Indianer an der Landung
versammelt, da Toanonga seine Leute zusammen halten wollte, um die vier
Matrosen in Empfang zu nehmen. Gelang es ihnen jedoch, das Boot zu
besetzen, so hatten sie dadurch auch wieder den Vortheil, da die
Indianer die wohl eine Viertelstunde entfernt liegenden Canoes nicht so
rasch erreichen konnten und ihnen einen tchtigen Vorsprung lassen
muten. In dem Bewutsein freilich, da sich jetzt der entscheidende
Augenblick nherte, und da ihnen entweder Freiheit winkte, oder im
Falle des Milingens die grte Gefahr von den gereizten Eingeborenen
drohe, schlug ihm das Herz strmisch und ngstlich in der Brust. Die
Minuten dehnten sich ihm zu Stunden aus, und in der Unruhe, in der er
sich befand, schritt er den Bschen zu, vielleicht einem der Kameraden
zu begegnen und ihm Vorsicht zu empfehlen.

Dort kam er an Toanonga's Haus vorbei, und wenn die Eingebornen auch
eines Huptlings Wohnung nicht betreten drfen, besonders wenn sich die
Frauen darin aufhalten, ohne von ihnen dazu aufgefordert zu sein, hatte
man es mit ihm, der als ein Huptling der Weien und als ein Fremdling
betrachtet wurde, nie so genau genommen. Im Gegentheil war er von Anfang
an den Frauen stets willkommen gewesen, da er, der Sprache mchtig,
ihnen viel vom Lande und von den Frauen der Papalangis erzhlen konnte.
So trat er auch jetzt einen Augenblick hinein, um die ihm nachschauenden
Indianer glauben zu machen, er schlendre nur wie gewhnlich absichtslos
in der Nachbarschaft umher.

Hatte er sich aber wirklich dort nur ein paar Minuten aufhalten wollen,
so nderte er bald seinen Plan; denn seinem scharfen in dem inneren Raum
umhergeworfenen Blick entgingen nicht die in einer Ecke lehnenden sechs
oder acht Musketen, die hier jedenfalls zu pltzlichem Gebrauch bereit
gelegt schienen. Den Frauen kam er dabei sehr erwnscht, denn diese
brannten vor Neugierde, etwas Nheres ber das zu hren, was auen
vorging. Etwas Auergewhnliches war jedenfalls im Werke, darber
konnten sie sich nicht tuschen, wren die Gewehre auch nicht
hervorgeholt worden. Toanonga hatte ihnen jedoch nicht eine Silbe davon
erzhlen wollen, und Niemanden sahen sie deshalb jetzt gerade lieber als
Mac Kringo.

Aber von dem Schotten bekamen sie im Anfang nur verworrene und
unzusammenhngende Antworten; denn in dessen Kopfe bildete sich ein
neuer Plan, ob er sich mit den Kameraden nicht vielleicht dieser Gewehre
bemchtigen knnte. Nirgends aber entdeckte er die dazu gehrige
Munition, und milang der Versuch, so waren sie alle verloren. Trotzdem
gelang es ihm aber doch vielleicht, die Waffen wenigstens fr die
Insulaner unbrauchbar zu machen, und darber mit sich im Reinen, begann
er pltzlich eine lebendige Erzhlung. Er beschrieb den Frauen, wie sie
nun bald in Besitz eines groen Schiffes mit Kanonen sein wrden, mit
dem sie nach Hagai hinberfahren und die dortigen Insulaner zchtigen
knnten. Dabei schilderte er mit lebhaften Gestikulationen ihre Landung
dort und ihren Angriff, und erfate dazu, um das anschaulicher zu
machen, eines der Gewehre. Die Frauen, die den Knall dieser fr sie
furchtbaren Waffen kannten, wandten erschreckt die Kpfe und baten ihn,
die Muskete hinzulegen. Mac Kringo that das, aber nicht ohne vorher den
Stein aus dem Schlosse entfernt zu haben, den er geschickt in seine
eigene Tasche schob. Immer aufs Neue kam er dabei auf den Angriff
zurck, bis er von smmtlichen Gewehren die Steine entfernt hatte. Die
Frauen aber schpften natrlich keinen Verdacht, denn sie konnten nicht
wissen, da der Papalangi in solcher Schnelligkeit und vor ihren Augen
im Stande sein sollte, die Waffen vollstndig unbrauchbar zu machen.

Darber war wohl eine halbe Stunde vergangen, und der Schotte sah jetzt
durch die offenen Bambusstbe der Htte, da Jonas drauen angekommen
und von Toanonga gesehen war. Das Boot mute auch den dicht vor der
Einfahrt kreuzenden Schooner schon erreicht haben, und es drngte ihn,
zu wissen, ob die brigen Kameraden in der Nhe und seines Rufs
gewrtig seien.

Sein erster Blick, so wie er ins Freie trat, war nach dem Schiffe
hinber. Dieses hatte eben gewendet und hielt von den Riffen ab, denn
der Wind war so schwach geworden, da die Mannschaft an Bord nicht mit
Unrecht frchten mochte, auf die Corallen getrieben zu werden. Aber das
Boot war schon auf dem Rckweg, und die nchste halbe Stunde brachte
ihnen entweder Hlfe oder sah sie schlimmer in Gefangenschaft als je.

Toanonga schien inde gar nicht mit der Ankunft des andern Weien
einverstanden, ging auch ohne weitere Umstnde auf Jonas zu und fragte
ihn, was er da schon wieder wolle.

Was ich da will? entgegnete dieser etwas verblfft, Tabak, bei Gott,
wenn das Boot landet, denn ich denke, es ist lange genug, da wir keinen
gesehen haben.

Gut, Freund, entgegnete Toanonga ruhig, du sollst Tabak haben, jetzt
aber geh hin, wo du hergekommen bist, und la dich nicht eher wieder
hier sehen, als bis ich dich rufe.

Aber ... sagte der Matrose, der jetzt nicht wute, ob er dem
erhaltenen Befehle folgen solle oder nicht. Der alte Huptling lie ihn
jedoch gar nicht ausreden.

Hast du gehrt, was ich mit dir gesprochen? fragte er, und zwar viel
ernster, als er ihn noch je gesehen. Komm her, Ma Kino, schicke mir den
Zimmermann einmal fort; ich habe gesagt, er soll weggehen, und ich will
ihn hier nicht lnger sehen.

Mac Kringo war, schon nichts Gutes ahnend, herangetreten. Wollten sie
sich aber jetzt schon dem Befehl widersetzen, so mute er frchten, da
ihr ganzer Plan scheitern wrde. Unter einer Viertelstunde konnte das
Boot nmlich nicht heran sein, und bis dahin wrden die Eingeborenen sie
leicht bewltigt haben.

Komm, Jonas, sagte er deshalb zu dem Kameraden, geh zurck in den
Busch, es hilft jetzt nichts, wir mssen ihm gehorchen -- aber nicht zu
weit fort. Wo sind die Anderen?

Nicht hundert Schritte von hier, wo da drben die rothen Blumen
stehen.

Desto besser, in einer Viertelstunde kann das Boot da sein; so wie ihr
mich aber Hlfe schreien hrt, kommt herbei, so rasch euch eure Fe
tragen.

Jonas ging fort. Toanonga hatte jedoch ihrem Gesprch mit unruhigem
Blicke gelauscht. Es gefiel ihm nicht, da sich die Beiden jetzt gerade
in ihrer Sprache so lange unterhielten, und natrlich wre es ihm sehr
unbequem gewesen, Leute in der Nhe zu haben, die am Ende den andern
Weien htten beistehen knnen. brigens lie er sich gegen Mac Kringo
nichts merken, nahm eine junge neben ihm am Boden liegende Cocosnu auf
und sagte zu dem Schotten. Hast du ein Messer bei dir?

Ja wohl, erwiderte rasch dieser, dem daran lag, Toanonga nicht auch
gegen sich mitrauisch zu machen. Soll ich sie dir ffnen?

La nur sein, erwiderte der Alte, ich thue es selber. Damit nahm er
das Messer und stach ein Stck aus der weichen Schale der Nu heraus,
trank den Saft und warf die Schale bei Seite. Mac Kringo streckte die
Hand aus, das Messer wieder zurck zu empfangen, Toanonga aber schob es
mit vollkommener Gemthsruhe in sein eigenes Lendentuch und sagte:

Warte noch ein wenig, Ma Kino, du brauchst es doch jetzt nicht, nachher
sollst du es wieder bekommen. Sieh, das Boot ist schon beinahe am Ufer,
und unsere Freunde werden gleich da sein.

Der Schotte bi die Zhne auf einander vor Wuth, von der alten Rothhaut
auf eine solche Art um seine einzige Waffe gebracht zu sein. Im ersten
Augenblick hatte er auch nicht bel Lust, auf ihn zu springen und es ihm
mit Gewalt zu entreien. Gerade jetzt aber kamen vier der Egis an ihm
vorbei und gingen nach der Landung hinunter, whrend sich von den
brigen Seiten die Insulaner ebenfalls herbeizogen, die ankommenden
Weien gleich in Empfang zu nehmen. Wenn er sich nun doch mit den
Kameraden in die Htte warf und die dort liegenden Gewehre aufgriff --
es war das vielleicht die letzte Hlfe, und in dem ersten panischen
Schrecken der Eingeborenen durfte er hoffen, das rasch herbeischieende
Boot zu erreichen. Aber auch zu jenen Waffen war ihm der Weg
abgeschnitten, denn eine Anzahl dunkler Krieger sammelte sich eben vor
dem Eingang der Htte.

Da sah er, wie Toanonga langsam auf den Capitain des Schooners zuschritt
und neben ihm stehen blieb, und in der Todesangst, seinen ganzen Plan
gescheitert zu sehen, griff er zu dem letzten verzweifelten Mittel. Er
schritt auf die Beiden zu und fragte den Englnder mit vor innerer
Aufregung bebender Stimme, ob er keine Wehr, kein Messer, kein Pistol
bei sich habe.

Nichts, sagte dieser, als meine Hnde; ich habe keine Gefahr
gefrchtet, und als ich vom Bord ging, nur mein kleines Taschen-Teleskop
eingesteckt.

Bei Gott, das thuts! lachte Mac Kringo wild vor sich hin. Zieht es
heimlich in der Tasche aus, fasst dann den Alten, haltet es ihm vor den
Kopf, und droht ihm, da ihr ihn ber den Haufen schieen wollt, so wie
er sich rhrt.

Mit dem Teleskop? fragte der Capitain berrascht.

Was wissen die von einem Teleskop? rief Mac Kringo, sie sehen das
blitzende Metall und halten das -- aber wir versumen die Zeit, es ist
kein Augenblick mehr zu verlieren.

Toanonga hatte den Schotten, whrend er sprach, aufmerksam betrachtet,
als ob er den Sinn der ihm fremden Worte errathen wolle. Das Boot war
aber kaum noch hundert Schritte vom Ufer entfernt, und die rudernden
Matrosen hatten in diesem Augenblicke ihre Riemen eingeworfen, weil sie
wahrscheinlich nicht nher an die vielen Eingeborenen fahren wollten.

Toanonga wandte sich, dort hinunter zu gehen, als er pltzlich die Hand
des Fremden auf seiner Schulter fhlte. Erstaunt drehte er den Kopf nach
ihm um, stie aber ein berraschtes und erschrecktes _Oiau!_ aus, als
er pltzlich vor seinen Augen das unbekannte drohende Instrument
erblickte.

Rhre dich, und du bist des Todes! schrie dabei der Englnder, und
Hlfe! Hlfe! tnte Mac Kringo's gellende Stimme ber den Platz.

Die ihm nchsten Insulaner wollten herzuspringen, ihrem Huptling
beizustehen. Mit ausgebreiteten Armen warf sich ihnen aber Mac Kringo
entgegen und rief. Halt! halt! um Toanonga's willen, er bringt ihn um,
so wie ihr euch ihm naht!

Hurrah, Jungen! Hurrah! tnte in diesem Augenblicke Legs' Jubelruf
durch den Lrm, hier sind die Burschen! Nieder mit den Rothfellen!

berrascht wandten die Insulaner dorthin den Kopf, als vom Wasser her
schnell hinter einander zwei Schsse fielen und die Kugeln dicht ber
ihnen in die Stmme der Palmen schlugen. Jacobs stie zugleich einen
scharfen, eigenthmlichen Schrei aus, ein Zeichen fr seine Leute, und
whrend die beiden Tonga-Insulaner, die mit im Boot waren, erschreckt
ber Bord sprangen und dem Lande zu schwammen, griffen zwei der Leute
wieder zu den Rudern, und die andern Beiden stieen Patronen in ihre
abgeschossenen Gewehre nieder.

Mac Kringo war aber indessen auch nicht mig gewesen. Mit raschem
Griff hatte er sich wieder in den Besitz seines Messers gesetzt, und
sein scharfer Pfiff zeigte den Gefhrten die Stelle, auf der er sich
befand. Panischer Schrecken schien indessen die Insulaner erfat zu
haben, die mit dem bedrohten How vor sich und den Feinden an beiden
Seiten nicht wuten, welcher Gefahr sie zuerst begegnen sollten.

Nach dem Boot! Nach dem Boot! rief Mac Kringo, der recht gut fhlte,
da sie diesen ersten Moment der Bestrzung benutzen muten, und mit der
Rechten Toanonga's Arm ergreifend, whrend er in der linken das gezckte
Messer hielt, folgte Jacobs an der andern Seite seinem Beispiel. Dieser
hielt aber sein Teleskop noch immer drohend vor, in dessen blitzender
Nhe der erschreckte Huptling sein Leben aufs uerste gefhrdet
glaubte.

Auch die am Ufer postirten Indianer hatten bestrzt Raum gegeben, da sie
nur unbewaffnete Weie zu empfangen gedachten, keineswegs aber darauf
vorbereitet waren, den auf sie gerichteten Gewehren zu begegnen. Das
Boot berhrte in diesem Augenblick den Strand, und Spund, der nur ein
halb freiwilliger Theilnehmer des Angriffs gewesen war, sprang in
demselben Moment ans Land, als Legs mit Jonas, Pfeife und Lemon durch
die Schaar der am Ufer gedrngten Mnner und Frauen hindurchbrach, den
sicheren Bord zu erreichen. Rechts und links theilten sie dabei
Keulenschlge aus, und Jonas, Pfeife und Lemon erfaten schon den Rand
des Bootes und schwangen sich hinein, als zwei der Frauen sich pltzlich
und rcksichtslos auf Legs warfen und ihn schreiend zurckhielten.

Du bist unser, du darfst nicht fort! schrien sie dabei, und eine
ergriff die kurze Kriegskeule, die er gefhrt, und ri sie ihm aus den
Hnden, whrend sich die andere an seinen Hals hngte und laute
Wehklagen dabei ausstie.

Mac Kringo und Jacobs hatten inde den ihnen Schutz gebenden Huptling
bis fast zum Boote geschleppt. Jetzt aber brach auch die Wuth der
Eingeborenen aus, die wahrscheinlich glauben mochten, die Papalangis
wollten ihren How gefangen mit fortfhren. Mit wildem Aufschrei strmten
sie herbei, und eben von Toanonga's Hause wieder kam ein kleiner Trupp
von Kriegern mit den dort aufgegriffenen Musketen gesprungen.

Hieher, Legs! hieher Spund! schrie da Mac Kringo, indem er Toanonga
los lie und an Jacobs' Seite mit flchtigen Stzen zum Boot hinunter
floh.

Bestien! knirschte auch Legs zwischen den zusammengebissenen Zhnen
hindurch, und ohne die geringste Rcksicht auf das zarte Geschlecht
versetzte er den beiden Frauen ein paar so wohl gezielte Schlge
zwischen die Augen, da sie mit einem Weheruf zurcktaumelten. Im
nchsten Augenblicke war er frei und rannte an Toanonga vorber dem
Boote zu. Die Eingeborenen aber, die jetzt ihren Huptling auer Gefahr
sahen, sandten ihnen einen Hagel von Pfeilen nach, whrend die mit
Musketen Bewaffneten anlegten, aber vergebens die Hhne schnappen
lieen.

Diese vorbeschriebenen Scenen waren blitzesschnell auf einander gefolgt.
In demselben Moment aber, in dem Legs seinen beiden Frauen entsprang,
war Spund vollstndig einig mit sich geworden, seine Kameraden allein
flchten zu lassen. Zu seinem Entsetzen hatte er nmlich die halbe
Mihandlung bemerkt, die Toanonga, den er sehr schtzte, erlitten, und
eilte jetzt rasch auf ihn zu, ihm seine Hlfe anzubieten. Toanonga
dagegen hielt gerade Spund fr den rgsten Verrther von Allen, da er,
anstatt die Weien in seine Hnde zu liefern, die Leute an Bord
jedenfalls gewarnt und sie bewaffnet herber gebracht hatte. So ruhig
und leidenschaftlos er sich deshalb auch sonst benahm, so zornig und
emprt war er jetzt. War nicht die Huptlingswrde in ihm geschndet?
hatten die Weien nicht gewagt, Hand an ihn, den How dieser Insel, zu
legen? Deshalb also dem ihm nchsten Krieger eine Keule entreiend,
fhrte er einen so gutgemeinten und raschen Schlag nach dem Schdel des
armen Teufels, da er ihm jedenfalls verderblich geworden wre. Zu
seinem Glck schleppte Spund aber noch immer das Buch mit sich herum,
da er fast unwillkrlich mit beiden Hnden empor hob, als er die Keule
niedersausen sah. Allerdings brach der dicke Band die Gewalt des
Schlages in etwas; derselbe war aber zu krftig gefhrt worden, um sich
ganz aufhalten zu lassen, und wie das getroffene Buch auf Spund's Kopf
niederprallte, warf es den Bttcher hinterrcks auf die scharfen
Corallen.

Toanonga sah ihn strzen, kmmerte sich aber nicht weiter um ihn, denn
wichtigere Sachen erforderten seine Aufmerksamkeit. Nach den Canoes,
nach den Canoes! donnerte seine Stimme die Bai entlang, und whrend die
mit den Musketen bewehrten Insulaner noch immer umsonst versuchten, die
verstmmelten Waffen abzudrcken, sprang die Mehrzahl der jungen Leute
flchtigen Fues am Wasserrand hin, die Canoes zu erreichen. Konnten sie
doch dem schwer geladenen Boot der Papalangis noch immer den Weg
abschneiden.

Einzelne waren jedoch noch zu Toanonga's Schutze zurckgeblieben und ein
paar von diesen sprangen auf Spund zu, den also Niedergeworfenen vllig
abzufertigen. Mac Kringo hatte aber im Boot die Gefahr des Kameraden
gesehen, und whrend die Mannschaft desselben das halb auf den Strand
gerathene Fahrzeug zurck in ein tiefes Wasser drckte, griff er eine
der Musketen auf und feuerte sie ber die Kpfe der Insulaner in die
Luft. Das rettete Spund. Bei dem Schu fuhren die Wilden unwillkrlich
zurck, whrend derselbe auf den Matrosen gerade die entgegengesetzte
Wirkung hervorbrachte. Mit einem Satze war er in die Hhe, und Buch wie
Glaubenseifer hinter sich lassend, warf er sich Hals ber Kopf in das
Wasser hinein, den Kameraden zu folgen. Der mit so grimmer Wuth nach ihm
gefhrte Schlag des alten Huptlings hatte ihn, wenn auch nicht
beschdigt, doch so erschreckt, da er gar nicht daran dachte, einen
zweiten derartigen Angriff abzuwarten.


6.

Die Englnder kletterten, so wie das Boot flott war, hinein und griffen
die Ruder auf, whrend die Mannschaft des Schooners mit den Gewehren im
Anschlag stehen blieb, ihren Rckzug zu decken. Das Boot ging aber
durch die vermehrte Besetzung ziemlich schwer im Wasser und machte
keineswegs so raschen Fortgang, wie Mac Kringo gehofft hatte.

Teufel noch einmal! flsterte er Lemon, der auf der Ruderbank vor ihm
sa, zu, die Rothfelle bekommen doch am Ende Zeit, uns mit ihren Canoes
den Weg abzuschneiden.

Wenn ich ihnen den Spa nicht verdorben htte! lachte aber Lemon
ingrimmig vor sich hin. In alle die Canoes, die dort lagen, habe ich
ein wunderhbsches Loch hineingebohrt, und bis sie die jetzt wieder
ausschpfen und flott machen, sind wir lange drauen.

Das war gescheidt, mein Bursche! rief der Schotte, hehehe, wie sie
uns verwnschen werden, wenn sie den Streich merken! Das war aber auch
nthig; denn das alte runde Ding hier schleicht gerade so durchs Wasser,
als wenn wir in einem Splfa sen.

Ein paar Schsse wurden in diesem Augenblicke vom Ufer ihnen
nachgefeuert. Entweder hatten die Insulaner den Verlust der Steine
bemerkt und ersetzt, oder noch andere Musketen gehabt. Keine der Kugeln
traf jedoch das Boot; eine zischte vorber, und die anderen fielen schon
zu kurz.

Sie nherten sich jetzt dem schmalen Eingang der Riffe, als sie die
ersten Canoes der Verfolger aus einer geschtzten Bucht vorschieen
sahen. Durch Lemon's List waren sie aber hinlnglich aufgehalten worden,
um den Flchtigen einen ziemlichen Vorsprung zu gestatten, und da Leute
genug im Boot saen, einander abzulsen, so lieen sie die Ruder aus
Leibeskrften arbeiten.

Die Indianer schienen ihre Canoes auch nicht alle auf einmal flott
bekommen zu haben; denn als das Boot die Riffe verlie, folgten ihnen
erst zwei, und ein drittes wurde eben sichtbar; dann entzog die ber die
Corallen strzende Brandung das innere Wasser der Bai ihren Blicken, und
sie konnten nichts weiter von dem, was dort vorging, erkennen.

Der Schooner lag etwa eine halbe englische Meile weiter drauen. Der
Steuermann hatte aber vom Masttop aus die Flucht des Bootes und die
verfolgenden Canoes bemerkt, ja, sogar die Schsse von dort herber
gehrt und, trotz der Gefahr, die ihm selber von den Riffen drohte, die
Segel backgebrat, seine Leute erst wieder aufzunehmen. Noch waren diese
auch eine ziemliche Strecke vom Schooner entfernt, als die ersten Canoes
schon im Eingang der Bai sichtbar wurden und mit reiender Schnelle
nher kamen; aber berholen konnten sie das Boot nicht mehr. Jetzt lief
es langseit, und wenige Secunden spter kletterten schon die Matrosen
mit lautem Jubelruf an den ihnen zugeworfenen Tauen empor.

Alle wuten aber, da sie sich trotzdem nicht eher fr gerettet halten
konnten, als bis sie die Insel windwrts brachten und die drohenden
Riffe hinter sich lieen. Die Segel flogen deshalb herum, um auch den
geringsten Luftzug zu fangen, den ihnen die schwache Brise bot, und
whrend der Bug nach Westen abfiel, an den Riffen hinzulaufen, sprang
Mac Kringo an der Want des Vordermastes empor, einen berblick nach der
Insel zu gewinnen.

Er kannte nmlich das Binnenwasser von Monui genau und wute, da gerade
nach Westen zu den brigen Canoes ein anderer Pa blieb. Den muten sie
nehmen, wenn sie ihnen den Weg abschneiden wollten; und da der Schooner
nicht nach Osten entkommen konnte, war den Eingeborenen bekannt genug.
In dieser Vermuthung hatte er sich denn auch nicht geirrt, denn oben
kaum angelangt, erkannte er schon sieben stark bemannte Canoes, die ber
die glatte Bai herberschossen und denen der Schooner gar nicht mehr
vorbeilaufen konnte.

Es blieb ihnen jetzt nichts Anderes brig, als sich zu einem Kampfe zu
rsten; denn da die Insulaner, solcher Art um die schon sicher
geglaubte Beute betrogen, ihren Angriff mit erbitterter Wuth machen
wrden, lie sich denken. Jacobs erfuhr brigens kaum die neue Gefahr,
die ihm drohte, als er auch mit gutem Muth den Befehl gab, das Deck zum
Kampfe klar zu machen. Die vier Kanakas hatte er allerdings an Land
zurck lassen mssen -- und den Sandwichs-Insulanern schien diese
Gelegenheit sehr erwnscht gekommen zu sein --, dafr war aber seine
Mannschaft durch sechs tchtige Matrosen verstrkt worden, und mit den
zwei kleinen Kanonen, die er am Bord fhrte, hoffte er sich die Wilden
schon vom Leibe zu halten.

Mac Kringo that es freilich leid, da er jetzt vielleicht genthigt sein
sollte, auf die zu schieen, die ihn doch eigentlich freundlich
aufgenommen. Dabei wute er aber recht gut, da sie keine Gnade zu
erwarten htten, wenn sie zum zweiten Male in die Hnde der Eingeborenen
fielen, und der Selbsterhaltung mute jede andere Rcksicht weichen.

Ihre einzige Hoffnung war noch, da die Brise strker werden sollte, wo
sie den Canoes dann bald entgangen wren. Im Gegentheil schien aber der
Wind fast ganz einzuschlafen, und mit der Ungewiheit, nach welcher
Richtung hin hier die Strmung ging, donnerte ihnen die Brandung schon
drohend in das Ohr. Der Capitain lie allerdings das Senkblei werfen,
aber sie fanden, obgleich gar nicht mehr so weit von den Riffen
entfernt, keinen Grund.

Gerade vor ihnen lief eine Corallenspitze ziemlich hoch nach Norden
hinauf, und wenn sie diese umschiffen konnten, hofften sie an den dort
mehr ablaufenden Riffen eher hinunter zu knnen. Gerade dort aber wurden
jetzt die ersten Canoes sichtbar, whrend die drei, die ihnen gefolgt
waren, ihren Angriff nur zu verzgern schienen, bis sie von ihren
Freunden untersttzt werden konnten.

Der Capitain des Schooners hatte nicht gern die Feindseligkeiten
erffnen wollen, jetzt aber sah er ein, da ihm keine weitere Wahl
blieb; denn einen Erfolg konnte er sich nur, bei der groen bermacht
der Insulaner, in dem Falle versprechen, wenn es ihm gelang, sie etwas
einzuschchtern. Die vorn am Bug stehende Kanone wurde deshalb
gerichtet, Jacobs ergriff selbst die Lunte, und die Kugel schlug gleich
darauf so glcklich ein, da sie das geschnitzte Hintertheil eines der
Canoes wegri und, wie es schien, den Steuernden beschdigte.

Das lieen sich die Insulaner brigens zur Warnung dienen; denn whrend
sie bis jetzt ihre Fahrzeuge auf einem Trupp zusammen gehalten hatten,
vertheilten sie dieselben, und es schien, da sie einen Angriff von
allen Seiten und zu gleicher Zeit beabsichtigten.

Da kommt die Brise! rief da pltzlich der Steuermann des Schooners,
der seinen Stand an der hinteren Kanone bekommen hatte, und als sich
alle Blicke dorthin wandten, sahen sie, wie sich in der That die
Oberflche der See nach Osten zu dunkel frbte und kruselte. Aber die
Canoes mochten das ebenfalls bemerkt haben und wuten jetzt, da sie
ihren Angriff keinen Augenblick mehr verzgern durften. Die Ruderer
strengten alle ihre Krfte an, die verschiedenen, ihnen angewiesenen
Pltze so rasch als mglich einzunehmen, und dies erreicht, glitten sie
von allen Seiten zugleich heran.

Die Mannschaft des Schooners erwartete sie mit klopfenden Herzen, denn
ber das ganze Fahrzeug zerstreut, konnten sie kaum mehr als einen Mann
jedem Canoe zur Abwehr entgegen stellen. Nher und nher kam auch der
dunkle Wasserstreifen geflogen. Schon konnten sie erkennen, wie sich die
kleinen Wellen tanzend hoben, und jetzt -- jetzt schlugen die Segel
flappend gegen den Mast und -- blhten aus. Vorn unter dem Bug kruselte
und schumte das klare Wasser, und whrend sie sich den vorderen Canoes
rasch nherten, lieen sie die hinteren zurck.

Alle nach vorn, Jungens! jubelte da Jacobs' Stimme ber Deck. Das kam
zur rechten Zeit! und Bill, du hltst den Schooner gerade auf das grte
Canoe da vorne mitten darauf!

Immer strker wurde die Brise, schon begann sich das schlanke Fahrzeug
ein wenig zu neigen, und die hinter ihm befindlichen Canoes durften
nicht mehr hoffen zur rechten Zeit heran zu kommen. Trotzdem gaben die
vorderen den Angriff nicht auf. Sie wuten wie wenig Leute ihnen die
Papalangis entgegenstellen konnten, und da die erste Kanonenkugel
keinen greren Schaden angerichtet, hatte ihren Muth noch eher erhht.
Noch ging das Fahrzeug auch nicht rasch genug durchs Wasser, da sie
nicht htten anlaufen und entern knnen; aber mit immer grerer
Anstrengung muten die an der Seite Befindlichen arbeiten, um nicht
zurckgelassen zu werden. Vor dem Schooner hatten sich jetzt vier Canoes
gesammelt, und als er heran kam, wichen sie eben genug aus, ihn hindurch
zu lassen. Gegen den Wind, wuten sie recht gut, konnte er nicht weiter
aufluven, und unter dem Wind lagen die Corallen.

Jacobs kannte seinen Schooner, der nur aber bei mittelmiger Brise mit
vier und einem halben Strich ganz vortrefflich segelte und dem Wind
ordentlich in die Zhne lief. So wie er deshalb die Absicht der
Eingeborenen merkte, war auch sein Plan gefat.

Gebt Feuer, rief er, so wie ihr das Weie von ihren Augen sehen
knnt! und dann selber an sein Steuer springend, lie er sein Fahrzeug
trotz der Corallen wohl zwei Strich abfallen. Den von rechts
herbeikommenden Canoes wich er dadurch aus und berraschte die beiden an
der linken Seite so vollkommen, da der Bug des Bonito das Hintertheil
des einen ergriff und bersegelte. Die Mannschaft desselben hielt sich
allerdings zum Theil selbst an dem vorderen Tauwerk des Schooners und
suchte an Bord zu klettern. Nachdem die Matrosen aber ihre Gewehre in
die nchsten Canoes abschossen und dort Verwirrung verbreitet hatten,
drehten sie die Musketen um, und wo sich ein Kopf ber der
Schanzkleidung zeigte, traf ihn auch ein wohlgezielter Schlag.

Noch heulten und tobten die Eingeborenen in wilder Wuth um sie her, als
der Bug des Schooners schon wieder scharf gegen den Wind aufluvte. Im
nchsten Moment schossen sie so dicht an der Corallenspitze vorber, da
sie mit einem Steine htten in die Brandung werfen knnen, und lieen
jetzt die letzten Canoes, die dieser Gefahr selber entgehen muten,
zurck. -- Noch wenige Secunden, und sie waren gerettet, jede Gefahr lag
hinter ihnen, und Bill, der Steuermann, sprang mit seiner Lunte an die
hinterste Kanone, den Feinden noch eine Kugel zurck zu schicken. Das
aber litt Jacobs nicht.

La sie laufen, mein Junge, sagte er, indem er den Arm des
Steuermannes zurckhielt. Sie werden Noth genug haben, von der Ecke
dort weg zukommen; vor =uns= aber liegt die blaue weite See, und mit dem
Bewutsein, all jenen Gefahren so glcklich entgangen zu sein, mag ich
kein Menschenleben mehr zerstren.

Funoten:

[32] Das aus einer Art Baumrinde bereitete und gedruckte Zeug. Das
ungedruckte heit Tapa.

[33] Bolutu ist nach dem Glauben der Tonga-Inseln der Aufenthalt der
Seligen. Sie denken sich diesen Ort als eine groe, wunderbar schne
Insel, mit allen Frchten reich gesegnet, die weit gegen Nord-Westen
liegt -- so weit in der That, da sie dieselbe mit ihren Canoes nicht
erreichen knnen. Dort werden ihre Seelen zu Hotuas oder gttergleichen
Geistern, die auch -- besonders die Seelen der Huptlinge -- im Stande
sind, Einflu auf das Leben der Sterblichen auszuben. Sie erzhlen
sich, da einmal ein Boot von den Tonga-Inseln dorthin verschlagen sei,
und die Leute wren ans Land gesprungen und htten sich von den
prachtvollen Frchten pflcken wollen; sie htten aber keine ergreifen
knnen; denn unter ihren Hnden wurden sie zu Luft. Auch durch die
Bume, die dort wuchsen, konnten sie gerade hindurchgehen. Sie standen
leibhaftig vor ihnen, bildeten aber keinen festen Krper. Ein Hotua kam
da zu ihnen und ermahnte sie, die Insel so rasch als mglich zu
verlassen, und voll Angst schifften sie sich augenblicklich wieder ein.
Der Wind blies auch so gnstig und scharf, da sie Tonga schon nach
einigen Tagen erreichten; aber am Ufer angekommen, muten sie alle
sterben. Ihre Krper hatten die Luft von Bolutu nicht vertragen knnen.
An eine Strafe nach dem Tode glauben die Tonga-Insulaner nicht.




II.

Im Ostindischen Archipel.

Der Balinese.


stlich von Java, und von dieser Insel nur durch einen schmalen Seearm
getrennt, liegt das zwar kleine, aber wunderschne, gebirgige Eiland
=Bali,=, von einem kriegerischen, krftigen, arbeitsamen Volke bewohnt
und bis in seine Berge hinauf vortrefflich cultivirt und angebaut.

Trotz seiner Nhe bei dem schon lngst den Hollndern unterworfenen Java
hatte es sich dennoch bis zur neueren Zeit seine vollkommene
Unabhngigkeit zu bewahren gewut, und erst in den letzten Jahren gelang
es den Hollndern, theils durch Verrath unter den Eingeborenen, theils
durch ihre Truppen unter dem Commando Sr. Hoheit des Herzogs Bernhard
von Weimar, die Rajahs Balis wenigstens dahin zu bringen, da sie ihre
Oberherrschaft anerkannten.

Die Balinesen sind, was die Missionre blinde Heiden nennen, d. h. sie
haben ihre eigenen Gtter (Brachma, Schiwa und Wischnu) und ihren
eigenen Glauben, den sie sich entschieden weigern abzulegen. Ihre
Javanischen Nachbarn gingen ihnen darin allerdings schon seit lngerer
Zeit mit gutem Beispiel voran, indem sie zum Islam bertraten. Von den
muhamedanischen Priestern besonders, aber auch dann und wann von
christlichen Missionren sind schon verschiedene Versuche gemacht, sie
das abschwren zu machen, was andere Nationen eine =Irrlehre= nennen.
Bis jetzt war es jedoch vergeblich, und wenn es irgend noch eines
Beweises bedrfte, da die christliche Religion keineswegs unumgnglich
nothwendig dazu ist, ein wildes Volk zu civilisiren, so liefern diese
Balinesen als =Heiden=, und ihre Nachbarn, die Javanen, als
=Muhamedaner= davon den schlagendsten Beweis.

Was die Cultur Balis' betrifft, so lt diese nichts zu wnschen brig.
Jedes Pltzchen, das Frucht liefern kann, ist benutzt, und die Balinesen
bauen sogar weit mehr, als sie zu ihrem eigenen Bedarf brauchen. Manches
Schiff hat dort schon fr den europischen Markt seine Ladung von Reis,
Zucker, Kaffee und anderen Produkten eingenommen, whrend hunderte von
Prauen (die inlndischen Fahrzeuge) der benachbarten Inseln, ja selbst
bis von China herber, in stetem und lebendigem Verkehr mit dem kleinen
Reiche stehen. Die Balinesen haben dabei ihre eigenen Rajahs oder
Frsten, und die dem Lande dienlichen Gesetze werden mit
unnachsichtlicher Strenge von ihren weltlichen und geistlichen
Oberhuptern in Kraft gehalten. Auf allen schweren Vergehen, selbst auf
Diebstahl, steht Todesstrafe. -- Auerdem sind sie aber auch noch in
vielen Knsten geschickt und erfahren. Vorzglich ihre Stahl- und
Goldarbeiten, ihre Korbflechtereien und Webereien sind berhmt in der
ganzen Inselgruppe des ostindischen Archipels. Ihre Landestracht ist
dabei anstndig und geschmackvoll, und dem Klima vollkommen angemessen.

So viel als kurze Einleitung fr den Leser, der die kleine Insel bis
jetzt vielleicht kaum dem Namen nach oder doch nur nach Beschreibungen
kannte, welche ihre Bewohner beinah wie eine Ruber- und Piratenbande
erscheinen lie. Jede Sache hat freilich ihre zwei Seiten.


1.

Es war im September des Jahres 184*, als in dem sdlichsten Rayat von
Bali, in Badong, ein junger Bergbewohner rstig aus der fruchtbaren
Hochebene nieder der Sd-West-Kste der Insel und der Bai von Balikota
zu stieg. Wohl fhrte eine breite, gut unterhaltene und fahrbare Strae
von Badong zu dem kleinen Stdtchen Kota an dieser Bai hinab. Der junge
Balinese htte aber, um auf sie zu gelangen, zu weit westlich aus dem
Wege gehen mssen, und da er berdies auch nicht gewohnt war, einer
breiten, bequemen Strae zu folgen, so suchte er sich lieber in gerader
Richtung die nhere, wenn auch nicht eben so glatte Bahn.

Diese fhrte ihn durch weite mit Mais und Zuckerrohr bepflanzte Flchen
und an den schmalen Dmmen bewsserter Reisfelder hin, zu den Rndern
steiler, dichtbewaldeter Ravinen, die das Land durchschnitten und mit
ihrer wilden ppigen Vegetation in die urbar gemachten und in
vollkommenster Cultur gehaltenen Felder gar wunderlich hinein griffen.

Der Thau lag noch in voller funkelnder Pracht auf den Blttern und
Blthen, und hing in schweren Tropfen an den blitzenden Halmen, das
saftige Grn der Hnge mit zauberhaftem Schimmer bergieend. Hoch und
khn daraus hervor ragte die stolze Cocospalme, die Knigin der Wlder,
mit ihrer schwankenden, zitternden Blattkrone, die der Sdost-Monsoon
hier nur in leichtem Suseln erreichen konnte, und die Arekapalme
streckte aus kleinen Fruchtdickichten den schlanken, zierlichen,
pfeilartigen Stamm. Tief und schattig in den reizenden Hainen lagen die
Bambushtten der Eingeborenen gar still versteckt, und die dunklen
Rnder derselben wurden nur hie und da durch die purpurrothe
Blthenmasse des Tjanging[34] unterbrochen, der mit seinen unregelmig
und reich ber die Landschaft gestreuten Bumen der ganzen Scenerie eine
eigene wunderbare Frbung gab.

Wo der junge Eingeborene seinen Pfad suchte, war noch wenig Leben. Hie
und da arbeiteten erst einzelne Gruppen in den Feldern, meistens Frauen,
die mit der Hand den reifen Reis abschnitten und auf die Rnder trugen.
Der Sikup[35] strich noch einsam nach Beute ber die stille Gegend. Hie
und da stand auch wohl ein einsiedlerischer Tjanga mit den langen Beinen
und riesigem, fast unverhltnimig groem Schnabel am Rande der
Reisfelder und trat dem rasch Heranschreitenden mehr, wie es schien,
aus Hflichkeit, als aus besonderer Sorge fr seine eigene Sicherheit
ein paar Fu aus dem Weg. Oder eine Schaar wilder Pfauen, die an dem
Rand der Ravine gesessen und sich gesonnt hatte, bumte auf und schaute
mit den langen Hlsen neugierig nach dem einzelnen Wanderer nieder.

Dieser aber war viel zu sehr mit sich selber und seinen eigenen Gedanken
beschftigt, um solchen, berdies durchaus gewhnlichen Gegenstnden
auch nur einen Blick zu widmen. Rasch nur suchte er durch manche sich
ihm in den Weg stellende Hindernisse seine Bahn, und hielt zum ersten
Male an, als er eine Art Absatz oder Terrasse des Hanges erreicht hatte,
von der aus sich eine weite Aussicht nach Sden und Sdwest ber die
Kste und das ferne Meer gewinnen lie.

ber Gebsch und Palmen hin, die den steilen, tiefablaufenden Hang
bedeckten, konnte er den breiten Cocoshain berschauen, der das kleine
Stdtchen Kota mit der ganzen dortigen Kste umgrtete, whrend das
blaue freundliche Meer an dessen anderer Seite den Strand beschumte.
Massen kleinerer Segel, meist inlndische Prauen, hie und da aber auch
chinesische Dschunken, kreuzten durch das stille, von einer leichten
Brise kaum bewegte Wasser, und nur ein einziges europisches Schiff lag
gerade ber der Corallenbank und durch die sdlich auslaufende Spitze
des Landes (von den Englndern Tafelhoek genannt) gegen den
Sdost-Monsoon geschtzt, drauen vor Anker. Seine Segel waren zwar noch
fest, aber es schien ziemlich schwer geladen und ging tief im Wasser,
whrend einzelne Boote noch immer mehr Fracht hinber brachten. Die
hollndische Flagge wehte von des Fremden Gaffel.

Der junge Balinese blieb hier stehen und schaute lange und sinnend in
das freundliche Thal hinab, das sich seinen Blicken ffnete. Aber seine
Gedanken waren nicht mehr freundlicher Art. So frisch und froh vorher
sein Auge dem niederen Lande entgegengeleuchtet hatte, so zog sich jetzt
seine Stirn in dstere, krause Falten, und mit untergeschlagenen Armen
schaute er schweigend zu dem fremden, unwillkommenen Gast, zu der ihm
verhaten, feindlichen Flagge hinber.

Es war eine edle, schne, schlanke und doch so krftige Gestalt, wie sie
unter der einzelnen wehenden Palme stand. Und Hoheit und Schmerz lag in
den Zgen, als ob der zrnende Gott der Berge selbst aus seines Waldes
Schatten getreten sei und jetzt den Feind seines Landes, seines Volkes
vor sich erblicke. Die Zge seines Gesichts konnten fast griechisch
genannt werden. Die leicht gebogene Nase, die hohe Stirn, die
schwellenden und doch zart geschnittenen Lippen schienen kaum einem
indischen Stamme anzugehren; aber die dunkle Bronzefarbe der Haut, die
dunklen feurigen Augen, das lange, rabenschwarze aber weichlockige Haar
verriethen den Sohn dieser Kste, das Kind dieser Berge. Er ging ganz in
die Landestracht gekleidet. Um den Kopf trug er fast turbanhnlich ein
dunkelfarbiges, mit rothen und gelben Streifen durchzogenes Tuch, nur
da oben die ppige Masse seines schwarzen, langen Haares herausquoll.
Um seine Hften, bis fast zu den Knieen niederreichend, schlang sich ein
gleiches von hnlicher Farbe, der sogenannte Kammen, und der Sappot,
eine Art schottischer Plaid, aber auch aus inlndischem Zeug gewebt,
hing ihm in leichtem, malerischem Wurfe ber die Schulter, mit dem einen
langen Zipfel die rechte Brust bedeckend.

In dem Kammen stak vorn, wie bei allen Balinesen, die Kompec oder
Sirihtasche (zum Betelkauen) aus feingeflochtenem und buntgefrbtem
Bambus verfertigt, und hinten, wie bei den Sdamerikanern, der lange
Dolch oder Khris (im Balinesischen Radotan) in hlzerner, wunderlich
geformter und mit Goldplttchen zierlich ausgelegter Scheide, whrend
der Griff aus einem dunklen fein gravirten Metall bestand und ebenfalls
mit Gold eingelegt war. An den Fen trug er zierlich genhte
Ledersandalen mit einem schmalen, goldgestickten Band quer ber den
Spann herber. Sonst waren Arme und Beine nackt, aber voll und krftig
geformt, und nur um das Gelenk der linken Hand schlang sich ihm ein fast
weibischer Schmuck, ein schmales Armband aus den purpurrothen,
steinharten und herzfrmigen Beeren einer Akazienart aufgereiht und zum
schmalen Bande zusammengeflochten.

Als einzige Waffe hielt die Hand dabei ein langes dnnes Blasrohr, aus
hartem schwerem Holz gebohrt, von etwa fnf Fu Lnge, an das oben mit
Streifen Rattan (spanischem Rohr) eine eiserne Lanzenspitze so an der
Seite befestigt war, da sie dem Schu des Pfeils oder Bolzens nicht
hinderlich sein konnte. Der Kcher, der die kleinen aus Bambus
gefertigten, mit einer Pflanzenmark-Mundspitze versehenen und mit Gift
bestrichenen Pfeile trug, stak ebenfalls in Kammen, an der linken Seite.

Die Waffe stemmte er jetzt auf einen Stein, und mit dem linken Arm sich
daran sttzend, da sein Haupt sich sinnend an die Lanzenspitze legte,
murmelte er mit leiser, halbunterdrckter Stimme vor sich hin:

Wieder so ein Schiff mit seiner stolzen dreifarbigen Fahne, wieder und
wieder eins, in Handel und Freundschaft scheinbar, und =uns= zum Nutzen,
wie sie sagen, heimlich aber nur sich und ihr ruberisches Ziel im Auge.
Halb =sind= wir ja schon besiegt, setzte er mit finsterem Grimm hinzu,
die Worte durch die zusammengepreten Zhne zischend, und wenn nicht
noch der wackere Dewa Argo dem Treiben fest entgegenstnde und mit aller
ihm zu Gebote stehenden Macht an unsern Sitten und Gesetzen hielte, den
Fremden keinen Fu breit Boden weiter gnnend, wie sh's um Bali aus!
Hielt er die Hand nicht ber unser Land gestreckt, wie bald wrden die
Fremden, die Brachma verdammen mge, das Land berschwemmen und den
ganzen Fluch ihres Geschlechts ber uns bringen. In den Thlern wthet
schon die furchtbare Radjadja[36], und die Leichen ihrer Opfer verpesten
die Luft.

Die alten Prophezeihungen werden wahr, fuhr der Einsame in seinem
Selbstgesprch inzwischen fort. Der weie Jakal hat den schwarzen
berlistet und wthet in seinem Jagdgrund, whrend unsere Gtter ihr
Haupt abwenden, um die Schmach ihrer muthlosen Kinder nicht zu schauen.
Der weie Tiger wird kommen und uns verschlingen, wenn wir ihm nicht
gehorchen, sagt der Orakelspruch jenes weisen Rajah, der tausende von
Armen schon entnervt und die Herzen mit Angst und Muthlosigkeit gefllt
hat. Ei, er mchte kommen und es versuchen, und unsere Lanzen und
Pfeilspitzen wrden sein Herz finden, da sein Blut den Boden dngte.
Aber nur zusammen mten wir stehen, in innigem Bndni, nicht jeder
Rajah fr sich selber aus kleinlicher, erbrmlicher Furcht das Bndni
des Feindes suchen, um von sich selber dessen Rache abzuwenden, fr sich
selber die Regierung zu erhalten. Das Wohl der Vlker, lgen sie dabei,
htten sie im Auge, und nur ihr eigener Ehrgeiz macht sie blind gegen
Ehre und Pflicht, und treibt sie, die Vlker, die ihrem Schutz durch
Brachma anvertraut, nichtswrdig zu verrathen.

Wie stehen wir jetzt dem Feinde gegenber? -- Unsere Prauen liegen
mssig am Strande, unsere Arme werden durch gefhrliche Unterhandlungen
gefesselt gehalten, und die Flagge jener Fremden weht stolz unseren
Tempeln entgegen, und schndet uns und unsere Gtter. Fluch ber solche
Unthtigkeit, ber das Zaudern und Zgern und Whlen und Frchten. Wenn
das so fort geht, wird der Name Balinese bald gleichbedeutend werden mit
Sklave und Feigling. O mein schnes, armes Vaterland!

Er stand noch lange da, seinen finsteren, schmerzlichen Gedanken sich
berlassend, als sein Auge pltzlich auf das Armband fiel, das er am
linken Handgelenke trug, und ein freundlicherer Ausdruck seine schnen
und edlen Zge belebte.

Kassiar, murmelte er leise, indem ein flchtiges Lcheln ber sein
Antlitz glitt, Kassiar, du Blume des Thales, dich wenigstens will ich
dem giftigen Einflu jener Fremden entreien und mit mir in meine Berge
fhren. Dort bieten wir dem fremden Einflu Trotz, und kommt einmal die
Zeit, in der mein Vaterland den Fluch erkennt, den es sich selber
muthwillig aufzuladen scheint, dann brechen wir hervor, und unser
Schlachtschrei soll die Feinde zurck auf ihre Schiffe schrecken. --
Kassiar!

Und mit dem Namen der Geliebten auf den Lippen, griff er die Lanze auf,
und sprang mit leichtem Schritt den Hang hinab, der Richtung Kota's zu.
Hier mute er freilich noch ein breites mit Zuckerrohr bepflanztes Feld
durchschneiden, das nrdlich von dem kleinen in die Tanjong-Bai
ausmndenden Kali oder Flusse lag. Eine Brcke gab es ber den Strom
nicht, aber eine Cocospalme, die dicht am Uferrand gestanden, war von
dem angeschwellten Wasser unterwhlt hinbergestrzt, da ihr Wipfel
eben das jenseitige Ufer berhrte. Auf dieser lief er hinber, drngte
sich durch den morastigen, mit niedrigen Bschen bedeckten Uferstrich,
der die nrdliche Seite der von Tuban nach Kota fhrenden Strae und den
Palmenwald begrenzte, und fand sich bald im Schatten der wundervollen
Punjannjo's, der Cocospalmen, wo er auf glattem, ebenem Wege rstig
dahin schritt.


2.

Wie das ber ihm rauschte und zitterte, in einsamer, wundervoller
Waldespracht! -- Wie das flsterte und raschelte, und mit den langen,
herrlichen Blttern wehte und ineinandergriff! -- Hier war nichts
Fremdes, nichts Verhates mehr; das war sein eigenes, schnes Vaterland,
die Cocospalme seines Stammes Bild, und wie das Herz ihm wieder
aufging in Stolz und Lust und die Sehnsucht nach der Geliebten es
rascher schlagen machte, wurde sein Schritt auch leichter und
elastischer, und freundlich nickte er den Leuten zu, die er am Wege
traf, und die Reis und andere Feldfrchte, oder Matten und Krbe in die
Stadt zu Markte trugen.

Schon hatte er hier die Grten erreicht, die theils mit der
rothblhenden Butju (_rosa sinensis_), theils mit der Buntaja (einer
sehr giftigen Rankenpflanze, welche durch bloe Berhrung schon
Entzndungen und Anschwellungen bewirkt) eingezunt waren, und hie und
da schaute aus dem dunklen Laub einzelner Kaffee- und Muskatnubsche,
oder zwischen den hochgezogenen Sirih-Ranken die stille, lauschige
Bambushtte der Eingeborenen hervor, whrend die Cocospalmen in einem
dichten Hain ihre Kronen in einander legten und khlen Schatten auf den
zwischen ihnen durchfhrenden Weg warfen.

Jetzt hatte er die ersten Wohnungen der Stadt erreicht; rechts am Wege
leuchtete ihm schon das helle Dach des Gustis -- des Dorfoberhauptes --
entgegen, und von dort hinauf, der Cocosnulmhle zu, die von den
Weien angelegt worden, gleich ber dem breiten Platz, der sich dort
ausdehnte -- wie rasch das Herz ihm an zu pochen fing -- dort wohnte
Kassiar, und mit fast kindischer, jubelnder Lust malte er sich schon im
Geiste die berraschung der Geliebten aus, die keine Ahnung von seiner
Nhe hatte.

Mehrere junge Mdchen waren ihm begegnet; manche aufgeputzt, wie zu
einem ihrer Feste, andere in das einfach gewebte Zeug des Landes
gekleidet. Aber er achtete ihrer nicht; sein Auge suchte zwischen den an
ihm vorbeigleitenden Dchern hin, die wohlbekannte Gruppe schlanker
Arekapalmen, die das Haus der Geliebten umstanden, und jetzt -- schon
wollte er um des Gustis Garten in die Strae einbiegen, denn dort ragten
die schlanken Wipfel grend und freundlich nickend schon hervor, -- da
schritt ein junges Mdchen die Strae herab, und sein Fu haftete wie
angewurzelt an dem Boden fest.

Das war Kassiar -- und wieder war sie's nicht. Die lieben dunklen Augen
gehrten freilich ihr -- der schlanke Wuchs, der leichte elastische Gang,
dem Kiedang ihrer Wlder gleich -- und dennoch schien sie ihm vollkommen
fremd, denn Tracht und Sitte, wie er's bis jetzt an ihr gewohnt gewesen,
glich sich gar nicht mehr. Das dunkle volle Haar war mit Blumen, rothen
Beeren und kleinen farbigen Muscheln geschmckt, wie den Putz hnlich
auch andere eingeborene Mdchen trugen, aber in den Ohren hingen ihr
goldene Zierrathen, wie sie die verhaten Weien mit herber gebracht,
den weichen runden Arm umschlo ein goldenes, steinbesetztes Band, und
um die Schultern lag ihr ein himmelblau und roth gestreiftes seidenes
Tuch und hing mit dem einen Zipfel vorn ber die linke Brust herab.
Leichten Schrittes kam sie den Weg herab, der nach dem Strande nieder
fhrte, und wenn ihr Blick auch auf den jungen Krieger ber die Strae
herber fiel, war sie doch zu sehr mit ihren eigenen Gedanken
beschftigt, um viel auf ihn zu achten. So wollte sie eben an ihm
vorber eilen, als sein Ruf sie aufhielt und rasch nach ihm herber
sehen machte.

Kassiar! -- Der eine Blick gengte -- zitternd und erschreckt, die
Hnde vorgestreckt, ihre Farbe, die selbst unter der zarten aber dunklen
Haut sichtbar wurde, kommend und schwindend, die Arme halb nach dem
geliebten Manne ausgestreckt, halb ihn damit abwehrend, stand das junge
Mdchen einer schnen Statue gleich da.

Glentek! hauchte sie dabei, wo kommst du her, oder liegt dein Krper
oben in den Bergen, von scharfer Waffe oder Tigerzahn zerrissen, und nur
dein Geist hat mich hier aufgesucht?

Glentek barg einen Augenblick die Stirne in der Hand und strich sich die
langen Haare dann zurck, indem er seinen Blick dabei scheu und erstaunt
auf die Jungfrau heftete.

Und das ist Kassiar? sagte er endlich halblaut und schchtern, indem
er langsam ber die Strae hinber schritt und vor dem zitternden
Mdchen stehen blieb; ist das das Weib, das ich mir in die Berge holen
wollte, um sie der Gefahr hier zu entziehen, die ihr von Fremden und
fremdem Glanz und Luxus droht? -- Es ist zu spt, wie ich sehe, und
Kassiar hat nicht allein Glentek vergessen, sondern auch ihr Vaterland.
Wie sie sich da aufgeputzt, mag sie wohl einem der fremden Mnner fr
kurze Zeit gefallen; werden aber die jungen Leute von Bali ihr wieder
ihre Heldenlieder singen?

Glentek! bat das Mdchen, ihm die Hand entgegen streckend mit
herzlichem, flehendem Ton, ist =das= dein Gru, mit dem du mich nach so
langer Zeit der Trennung empfngst, und hast du in den Bergen oben deine
Kassiar so ganz vergessen -- so ganz vergessen und verlernt sie zu
lieben?

Glentek erwiderte nichts darauf, aber sein Blick hing noch immer fest
und vorwurfsvoll an dem bunten, fremdlndischen Staat, der die Geliebte
schmckte, an den goldenen Ringen im Ohr und um den Arm, an dem
seidenen Tuch, das ihre Schultern umschlo. Endlich sagte er langsam und
traurig:

Dich vergessen, Kassiar? -- Mchtiger Brachma, mein Herz verge ebenso
leicht zu schlagen, mein Ohr den Ruf des Vaterlandes zu hren! Dich
vergessen, Kassiar? -- Und bin ich deinetwegen nicht drei Tage gewandert
und die letzte Nacht, um nur recht bald dein liebes Antlitz wieder zu
schauen, deine Hand in der meinen zu fhlen, dem Flstern deiner Worte
zu lauschen? Die Sterne haben mir von dir gesprochen, wenn sie vom
dunklen Himmel niederfunkelten, der Wasserfall rauschte mir deinen Namen
Tage lang, Nchte lang, und meiner Palmen Wipfel kannten keinen andern
Laut. -- Dich vergessen, Kassiar? -- Jeder Vogel zwitscherte mir das
liebe Wort, in jedem Tropfen perlenden Thaues sah ich dein Bild, und nur
die Sehnsucht nach dir hielt Schritt mit der wachsenden Liebe -- und
jetzt --

Und jetzt, Glentek? sagte das Mdchen und streckte ihm freundlich die
Hand entgegen, war das nun der ganze Gru, den du deiner Kassiar bieten
konntest?

Ich wei nicht, entgegnete der junge Krieger leise und mit tief
bewegter Stimme, ich wei ja gar nicht, ob es noch =meine= Kassiar
ist. Die Augen lachen mich noch so freundlich an, wie vordem, wenn auch
nicht so offen, so treuherzig mehr. Die se Stimme ist es immer noch,
aber der uere Tand, der sie umschlossen hlt, der Schmuck des Fremden,
der ihre schlanken Glieder entstellt, anstatt sie zu zieren -- der ist
mir fremd, der verhllt mir Kassiar, da mein Auge das alte Herz nicht
mehr darunter finden kann. Und ich wei nicht, =wem= es jetzt
entgegenschlgt.

Du bser Glentek, lchelte die Maid, seine Hand ergreifend und ihr
Haupt an seine Schulter lehnend, =du= weit nicht, wem es schlgt?

Von wem ist denn der Putz -- von wem das Tuch? sagte der junge
Balinese noch immer nicht beruhigt.

Wenn es dich rgert, nehm ich's ab und trag's im Leben nicht wieder,
rief schnell Kassiar, das Tuch von ihren Schultern ziehend.

Und wer gab es dir? fragte Glentek finster. Kassiar ist nicht so
reich, da sie der Fremden kostbarste Stoffe mit Reis und Kaffee kaufen
knnte.

Du brauchst mich deshalb nicht so finster anzusehen, Glentek, sagte,
mit einem halbscheuen Blick zu ihm empor, das junge Mdchen. Du
weit, da -- da die Fremden jetzt alles thun, der Balinesen guten
Willen zu erkaufen und sie zu Freunden sich zu machen -- und da --

Und da? wiederholte Glentek finster, aber seine Frage wurde berhrt.

Rasches, donnerndes Pferdegestampf schallte die Strae nieder, die von
Tuban herber fhrte, und als sich die beiden jungen Leute darnach
umsahen, kam ein kleiner Trupp Europer, mit einer Dame an der Spitze,
an deren Seite ein paar eingeborene Rajahs und auch der Gusti von Kota
dahin sprengten. Sie wollten quer ber den mit Waringhis bewachsenen
Platz hinber nach eines Hollnders Wohnung, die dort lag. Die Dame warf
auch nur im Vorbeisprengen einen flchtigen Blick auf das junge Paar,
als sie pltzlich ihrem Pferd rasch in die Zgel griff, da es aufbumte
und schumend in sein Gebi knirschte und zurcklenkte, wo jene Beiden
standen.

Mein Tuch! rief sie dabei; beim Himmel, die Dirne dort hlt mein
gestohlenes Tuch!

Aber, liebes Kind! rief ihr Gatte, der Capitain des auf der Rhede
liegenden hollndischen Schiffes, mach' hier keine Scene. Reite hinber
zum Haus, ich werde das Tuch reclamiren und sehen, wie es sich damit
verhlt.

Die Dame aber, taub gegen die Vorstellungen, rief gereizt:

Da mir die Diebin in die Hecken schlpft und sich nicht wieder an der
Kste sehen lt, nicht wahr. Mich hat ein glcklicher Zufall hierher
gefhrt, und den will ich benutzen.

Was ist -- was gibt's? rief der Gusti, der ebenfalls sein Pferd rasch
parirt hatte und gerade an ihre Seite sprengte, als sie vor dem trotzig
zu ihnen aufschauenden Glentek und dem Mdchen hielten.

Das Tuch ist, glaub' ich, gestohlen und Madame hat es wieder erkannt,
dolmetschte ein anderer Europer dem eingeborenen Richter in
balinesischer Sprache.

=Gestohlen?= schrie Glentek, der die Worte gehrt hatte, wild
emporfahrend, und seine Hand zuckte wie unwillkrlich nach dem Radotan.

Ruhig, mein Bursche! rief aber finster der Gusti; die Sache wird sich
finden. -- Her das Tuch, Kassiar -- zgerst du, Dirne?

Kassiar hatte erbleichend die Beschuldigung gehrt, und ihr Auge haftete
eine Weile in Angst und Schrecken auf dem einen Fremden, dem Capitain
des Schiffs, als ob sie von ihm Schutz und Entschuldigung erwarten
drfe. Der Gusti hatte ihr inde das Tuch aus der Hand genommen und
der weien Frau hingereicht, damit sich diese berzeugen knne, ob es
wirklich das ihre sei.

Gewi -- gewi! rief aber diese, als sie es auf dem Pferd mit der
einen Hand in die Hhe hob und einen forschenden Blick darauf geworfen.
Das ist mein Tuch, das ich seit Jahren nicht mehr getragen und in
meines Mannes Sekretr liegen hatte. Als ich aber neulich zufllig
einmal darnach fragte und es zu sehen verlangte, war es verschwunden.
Niemand konnte sich erklren wie, und jetzt trgt es die Dirne in der
Hand.

Und hast du keine Vertheidigung fr dich, Kassiar? rief mit
unterdrckter Stimme, aber in Todesangst der junge Bergbewohner. Lt
du die Fremden dich eine =Diebin= nennen, und wirfst ihnen die Lge
nicht zurck in ihr Gesicht?

Woher hast du das Tuch? fragte jetzt der Gusti das zitternde und mit
niedergeschlagenen Augen vor ihm stehende Mdchen. Nun, wirst du deinem
Richter antworten, Dirne?

Wieder hob sich der Blick Kassiars scheu und flchtig zu dem Fremden
empor, aber nur einen Moment weilte er dort. Erbleichend wandte sie ihr
Haupt ab, dem Geliebten zu, und barg ihr Antlitz dann, wie ihre Schuld
bekennend, in den Hnden.

Man wird dich reden machen, sagte indessen ruhig der Gusti. Cheh
Lascie, Maras, fhrt sie in mein Haus und haltet sie dort bewacht, bis
ich selbst hinber komme.

Und seinem Pferd die Sporen gebend, winkte er der brigen Gesellschaft
freundlich, ihren Weg fortzusetzen. Die kleine Cavalcade sprengte auch
gleich darauf wieder dem Hause des Hollnders zu, wo sie zahlreiche
Diener empfingen, ihnen die Pferde abnahmen und sie in die Halle
geleiteten. Sie waren alle dort zu Tische geladen, ebenso der Gusti von
Kota, und es wurde neun Uhr Abends, ehe dieser wieder in seine Wohnung
hinber ging, um der Verhafteten fr die Nacht in einem der Gefngnisse
einen Platz anzuweisen. Das Hauptverhr sollte am nchsten Morgen sein.


3.

Der nchste Morgen kam, und Maderai, der Gusti von Kota, hatte seinen
Platz zwischen den brigen Richtern eingenommen, whrend das Volk in
neugierigem, dichtem Schwarm den weiten Raum der groen Bambushtte
fllte. Jedes Schmuckes baar, die Haare glatt und schlicht
herabgekmmt, die Schultern mit einem dunklen selbstgewebten Zeug
bedeckt, ohne Goldringe in den Ohren oder um die Arme, stand das
wunderschne Mdchen seitwrts in einer kleinen Einfriedigung von
Bambusstben und harrte der Klgerin, die vorgefordert war, gegen das
des Diebstahls beschuldigte Mdchen aufzutreten. Das verhngnivolle
Tuch hing an einem Stab neben des Gusti Sitz. Immer aber noch erschien
die Klgerin nicht, und drauen das Schiff in der Bai, das seine Segel
heute Morgen schon gelst, seine Flagge aufgehit und seine Boote an
Bord genommen hatte, war augenscheinlich im Begriff, ihre Kste zu
verlassen. Lieen die Weien also die Klage gegen das Mdchen fallen, so
war sie frei. Von den Eingeborenen konnte ihr Niemand die Schuld
beweisen.

Da senkte sich wieder eins der Boote zum Wasser nieder, deutlich konnte
man, selbst von hier aus, erkennen, wie der Capitain mit seiner Frau
hineinstieg, die hellen Kleider der Europerin, die noch einmal an Land
kam, um eins der eingeborenen Mdchen verurtheilen zu lassen,
schimmerten bis hier herber, und langsam und regelmig fielen die
Ruder ein, das scharfgebaute Boot zum Ufer treibend, das bald seinen
scharfen Bug an dem Corallensand des Strandes scheuerte.

Capitain Van Soeken kam aber nicht freiwillig heute Morgen zum Gericht.
Das Schiff lag zur Abfahrt bereit mit Fracht und Wasser an Bord, Wind
und Strmung waren gnstig, seine Papiere in Ordnung und selbst den
Anker hatte er schon frh am Morgen heben lassen, um jeden Augenblick
die Segel loswerfen und in See gehen zu knnen.

Was liegt denn an dem Tuch? sagte er beschwichtigend, als seine Frau
am frhen Morgen darauf drang, hinber zu rudern an Land und es beim
Gusti, mit Hinterlegung ihrer Klage, abzuholen. Du mochtest es so nicht
mehr tragen, und kommen wir nach Amsterdam zurck, so sollst du dir eins
dafr aussuchen, wie es dein Herz verlangt.

Mir liegt nichts an dem Tuch, entgegnete aber, den Blick fest und
mitrauisch auf den Gatten geheftet, die Frau. Mir ist's der Sache
selber wegen, die Diebin zu bestrafen. Drei- oder viermal hab' ich sie
schon hier an Bord gesehen; was hatte sie anders hier zu thun, wenn
nicht -- Gelegenheit auszuspren?

Sie kam mit den andern Mdchen, sagte kopfschttelnd der Capitain,
lieber Gott, bei dem Volke mu man der Neugierde auch etwas zu gut
halten.

Und wie kam sie in die Kajte hinunter und in den Sekretr? rief
Madame, die Worte scharf betonend. Van Soeken, hier liegt, wie ich fast
frchte, ein Geheimni zu Grunde, das die Schuld der Dirne um ein
gewaltiges vergrert -- und =verringert=. Ich gebe dir mein Wort --

Aber liebes, gutes Kind, bat sie der Capitain, sei doch vernnftig,
und setze dir nicht eine Menge thrichter Sachen muthwillig in den Kopf.
Wenn wir hinber knnten zum Verhr, wrde ich dir rasch beweisen, wie
das Ganze ein einfacher Diebstahl ist, wegen dem ich dich aber =recht
herzlich= bitte, kein groes Aufheben zu machen und die Sache lieber
fallen zu lassen. Du weit, wie furchtbar streng die Eingeborenen jeden
Diebstahl unter sich strafen, wie die Frauen schwere jahrelange
Gefngnistrafe in niederen Bambuskfigen und Verbannung, die Mnner den
Tod zu gewrtigen haben. Die Eingeborenen sind dabei so unendlich
freundlich und gastfrei gegen uns gewesen; la uns nicht mit einer
solchen Erinnerung, einer solchen Kleinigkeit wegen, von ihnen
scheiden.

Wenn wir hinber =knnten=, sagst du? rief die Frau. So willst du
=nicht= gehen?

Aber siehst du denn nicht, da unser Fahrzeug segelfertig liegt und ich
wahrhaftig vor meinen Leuten nicht verantworten kann, die schne Zeit
zu versumen?

Das Schiff ist dein -- ist unser Eigenthum, wir knnen damit thun, was
wir wollen. -- Aber ich sehe schon, wie es ist. -- Rcksicht auf die
Leute willst du nehmen -- auf dein Weib nicht. Und soll ich dir sagen,
weshalb du dich frchtest, das Land wieder und jenen Gerichtshof zu
betreten?

Frchten? -- Aber, bestes Kind --

=Soll= ich's dir sagen, oder glaubst du gar, ich sei blind und htte
den Blick nicht gesehen, den das Mdchen gestern auf dich warf, als ich
sie des Diebstahls beschuldigte?

Auf mich?

Auf =dich=, hab' ich gesagt, und wagtest du heute, der Dirne mit einer
=Klage= gegenber zu treten, wrfe sie dir entgegen, da =du= ihr das
Tuch =geschenkt=.

Aber liebe, beste Marie!

Das Tuch =geschenkt=, sag' ich! rief die Frau, mehr und mehr in
eiferschtigen Zorn gerathend, da die augenscheinliche Verlegenheit des
Mannes ihren Verdacht nur mehr und mehr besttigte. Und wenn du mir das
Gegentheil jetzt nicht =beweisest=, so schwr' ich dir, so wahr ich
Marie heie und das Unglck habe, dein Weib zu sein, das Schiff hier
zu verlassen und am Lande Schutz zu suchen.

Aber Marie, so nimm doch nur Vernunft an! bat der Capitain.

Und weigerst du dich, auch =mich= an Land zu setzen, dann, bei dem
ewigen Gott, spring ich ber Bord und mache diesem Leben, das doch von
da an nur Qual und Elend fr mich haben mte, ein rasches Ende. --
Verrathen und betrogen -- lieber nicht leben, als mit =der= Gewiheit
dem Grabe langsamer aber ebenso sicher entgegen sehen.

Aber so sprich doch nur vernnftig! rief Van Soeken, so gewissermaen
zur Verzweiflung getrieben. Wenn dir das Schiff selber so wenig am
Herzen liegt, einer solchen Bagatelle, einer wahnsinnigen Idee wegen
Wind und Strmung zu versumen, gut, so sag' mir wenigstens, was du
verlangst und eile damit.

Was ich verlange? rief rasch triumphirend die Frau, augenblicklich
mit dir an Land zu fahren und Zeuge der Gerichtsverhandlung zu sein.

=Du= mit mir? weshalb? -- Einer gengt vollkommen, und wenn du es
verlangst und wenn es dich beruhigt, will ich hinber fahren, die Klage
einlegen und dir das Tuch, an dem dein Herz so hngt, zurckbringen.

Du allein? -- Das glaub' ich dir! lchelte die Frau den Gatten hmisch
an. Wenn du mich hier an Bord wtest, wr' das Geschft da drben wohl
bald und glcklich abgemacht. Fort mit dir! =Euch allen= ist nicht zu
trauen, und wo der Eine den Andern untersttzen kann, thut er's mit
Freuden, gilt es ja doch nur, das arme, verrathene Weib zu tuschen.

So komm denn, meinetwegen, sprach der Capitain, der keinen Ausweg
weiter sah, der peinlichen Geschichte zu entgehen, du bist auch im
Stande, eher den =Lgen= der Dirne zu glauben, wenn sie sich irgend eine
Ausflucht suchen sollte, als deinem Mann. Aber komm, du sollst
wenigstens sehen, da =ich= deine wahnsinnige Anklage nicht frchte und
mit gutem Gewissen dem Verhr entgegen gehe. Ist mein Boot noch unten,
Steuermann? rief er dann mit lauter Stimme dem vorn am Anker stehenden
Officier hinber.

Ja, Mynheer, lautete die Antwort zurck; soll gleich aufgeholt
werden. Alles fertig.

Halt! -- wir fahren noch einmal an Land.

Noch einmal an Land? brummte der Steuermann nicht wenig erstaunt, na,
da bitt' ich zu gren, Ebbe und Brise, wie sie im Buche stehen, alles
klar, und noch einmal an Land? Wo so eine Schrze an Bord ist, hrt
doch der ordentliche Dienst gleich auf. Hol's der Teufel, mchte nur
wissen, was jetzt wieder im Wind ist.

Das Brummen half ihm aber nichts. Die Jlle wurde langseits gehalten,
der Kajtsjunge hing die Treppe wieder aus, und wenige Minuten spter
schnitten die Ruder in die klare Fluth und trieben das schlanke Boot
pfeilschnell dem Lande zu.


4.

Lautes Murmeln durchlief die Versammlung der Eingeborenen, zu denen sich
auch jetzt der auf Bali wohnende Europer eingefunden hatte, um Zeuge
der Verhandlung zu sein.

Dort kommt der Fremde mit der weien Frau -- arme Kassiar -- wie viel
lange Jahre wird sie in dem Kfig sitzen mssen, des bunten Lappens
wegen -- und wie bleich sie aussieht und geknickt! -- Wie rachschtig
die Fremden sind und wie habgierig -- arme Kassiar!

Zwischen den Eingeborenen lehnte ein junger Mann an einer der hlzernen
Sttzen des Hauses. Er ging in die Tracht der Bergbewohner gekleidet,
mit dem Radotan im Grtel, und sein Blasrohr mit der Lanzenspitze im
Arm. Aber er sprach mit Niemand; kein Laut kam ber seine Lippen, kein
Ton des Mitleidens mit dem Opfer, oder des Hasses gegen die Klger. Es
war Glentek, und als Kassiars Blick ihn dort erspht, wo er stand, hatte
ihr Auge den Boden gesucht und sich noch nicht wieder von dort gehoben.

Jetzt traten die Fremden in den Saal. Der Hollnder war ihnen entgegen
gegangen, die Dame zu dem fr sie bestimmten Sitz zu fhren. Der Gusti
nickte ihnen freundlich zu, und als das Gerusch verstummt war, das ihr
Betreten des Raumes verursacht hatte, erhob sich der Gusti von seinem
Sitz, berflog mit flchtigem, aber strengem Blick die Versammlung, und
begann dann mit seiner lauten, klangvollen Stimme die Anrede.

Mnner von Bali! wir sind versammelt, die Anklage einer weien Frau zu
hren gegen eine unseres Stammes, die des Diebstahls bezchtigt wird.
Ihr wit, wie streng unsere Gesetze sind, wie sie den Diebstahl beim
Mann mit dem Tode, bei der Frau mit schwerem Kerker strafen, und ihr
werdet Zeugen sein, da den Fremden Gerechtigkeit werde in unserm
Lande.

Nach dieser Einleitung forderte er den der Bali-Sprache vollkommen
mchtigen Europer, der sich erboten hatte, fr die Dame zu
dolmetschen, auf, seine Klage vorzubringen und hier, ffentlich vor
Gericht, zu besttigen, da das Tuch der Europerin und von Bord des
Schiffes entwendet sei. Sie habe dabei anzugeben, ob es dort offen
gelegen, oder aus einem verschlossenen Raum genommen wurde, was die
Strafe fr das Vergehen noch verschrfen wrde.

Die Klage lautete jetzt, von dem Dolmetscher in balinesischer Sprache
vorgetragen, auf allerdings erschwerende Umstnde, da das Tuch von Bord,
und zwar aus einem verschlossenen Kasten gestohlen sei. Hiergegen trat
aber der Capitain selber auf, indem er erklrte, er habe mehrere jener
Stcke Zeug vor einiger Zeit aus seinem Kasten genommen und drauen
liegen lassen. Das Tuch knne darunter gewesen sein.

Kassiar wurde jetzt gefragt, wie sie zu dem Tuch gekommen sei, ob sie es
wirklich heimlich von Bord genommen, oder irgend etwas vorzubringen
habe, was zu ihrer Entschuldigung in der Sache reden knne. Zitternd
stand das Mdchen von ihrem Sitze auf. Mehrere Minuten gebrauchte sie,
sich so weit zu sammeln, da sie den Blick zu ihrer Klgerin erheben
konnte. Neben dieser stand der Capitain, und ihr Auge schweifte kurze
Zeit von Van Soeken zu dessen Gattin und zurck, bis es sich endlich auf
den Seemann heftete. Dieser aber konnte dem Blick, so viel Mhe er
sich auch gab, nicht begegnen. Langsam erhob sich dabei ihr Arm, bis er
auf den Klger deutete, und eine Weile stand sie so, einer wunderschnen
Statue gleich, kein Glied des Krpers regend, nicht mit den Wimpern
zuckend, dem Manne gegenber. Auch die Frau des Capitains war
aufgesprungen, der nchste Moment sollte vielleicht schon ihren lngst
gefaten Verdacht besttigen, und ihr Auge flog wild, in fast peinlicher
Spannung, von den Lippen des Mdchens zu den unverkennbar bleichen Zgen
des Gatten.

Ihr wollt wissen, woher das Tuch in meine Hand gekommen? sagte da
endlich Kassiar mit leiser, wunderbar ruhiger Stimme, ohne ihre Stellung
auch nur mit dem Zucken einer Muskel zu verndern, -- und jene Frau dort
klagt Kassiar des Diebstahls an -- so hrt denn -- ich habe jenes Tuch
--

Dicht hinter dem Hollnder hob sich in diesem Augenblick die schlanke
Gestalt Glenteks still und ruhig empor, und auch sein Blick hing in
athemloser Spannung an den Lippen der Angeschuldigten. Da traf ihn
Kassiars Auge, und pltzlich in sich zusammenbrechend, ihr Antlitz in
den Hnden bergend, rief sie mit markdurchschneidender Stimme aus:

=Gestohlen!= und sank bewutlos auf den Boden nieder.

Armes Kind -- arme Kassiar! klang es von den Lippen der Eingeborenen,
und einige der Frauen drngten sich durch die Wachen, die Ohnmchtige zu
untersttzen und ins Leben zurckzurufen.

Das Gestndni gengt, sagte da der Gusti ernst, der sich ebenfalls
von seinem Sitze erhoben hatte, indem er das neben ihm hngende Tuch von
dem Stabe herunter nahm und einem seiner Diener bergab, damit er es der
Europerin, als ihr Eigenthum, zurckbringe. -- Das unglckliche, junge
Mdchen mag inde der Sorgfalt der Frauen berlassen bleiben, bis es
sich erholt hat, dann aber der Obhut der Gefngniwrter bergeben
werden. In dem Krankeng be sie fnf Jahre lang.

Halt! rief da eine ernste, klangvolle Stimme in den Tumult von Tnen
hinein, der diesem Urtheilsspruch folgte, halt, hrt erst mich. -- Das
Mdchen ist unschuldig!

Wunderbar war die Wirkung, die diese wenigen Worte auf die Versammelten
ausbten, und selbst die Ohnmchtige schienen sie ins Leben
zurckgerufen zu haben. Zu gleicher Zeit sprang Glentek, der junge
Krieger aus den Bergen, die Ballustrade, die ihn von dem innern Raume
trennte, mit einem Satz berspringend, in diesen hinein und ging mit
leichtem Schritt dem Gusti zu, vor dem er, auf seine kurze Lanze
gesttzt und das Haupt vor ihm beugend, ehrerbietig, doch fest
entschlossen stehen blieb.

Wer bist du? fragte dieser freundlich den ihm fremden Krieger, indem
sein Auge mit Wohlgefallen auf den schlanken, krftigen Gliedern, wie
den offenen Zgen des Jnglings hafteten. Was weit du von der Schuld
des Mdchens hier, das ihr Vergehen schon offen eingestanden?

Ich selber bin der Dieb, sagte der Eingeborene, und wenn auch seine
Lippen bei der Lge zitterten und seine Wangen sich entfrbten,
begegnete er fest und unerschttert dabei dem Blick des erstaunt zu ihm
niederschauenden Richters.

Du wrst der Dieb? sagte da der alte Gusti nach langer, peinlicher
Pause, inde er sorgfltiger als vorher noch die edle Gestalt des jungen
Eingebornen gemustert hatte und ernst und zweifelnd dabei mit dem Kopfe
schttelte; wer bist du und woher stammst du?

Ich heie Glentek und meines Vaters Haus liegt in dem Hochland von
Benoi.

Bist du mit dem Rajah Glentek dort verwandt? rief rasch und erschreckt
der Gusti.

Er ist mein Vater, erwiderte mit kaum hrbarer Stimme der junge
Balinese.

Unglcklicher! rief der Gusti da, die Hand abwehrend vor sich
ausstreckend, wozu bekennst du dich? Und weit du, welche Strafe =dir=
bevorstnde?

=Der Tod!= sagte Glentek ruhig und unerschttert -- ich wei es,
Gusti; aber ein Glentek kann nicht dulden, da ein Weib =seinetwegen=
unschuldig leide.

Ein wildes Gemurmel durchlief wieder die Schaar der Eingeborenen, und
der Hollnder war zu seinen Freunden hinber getreten, diesen die
Wendung mitzutheilen, welche die Sache zu nehmen schien.

Wie kann der Bursche dort der Dieb sein? rief da Mevrouw Van Soeken
rasch und zrnend, ich habe ihn noch nie an Bord gesehen. Er hat, so
viel ich wei, das Schiff in seinem Leben nicht betreten.

Das ist eine Liebesgeschichte, sagte der Hollnder kopfschttelnd,
ich glaube selbst nicht, da der junge Bursche mit der ganzen
Geschichte etwas zu thun gehabt, und will dem Gusti wenigstens meine
Meinung darber sagen.

Du siehst nun, liebes Kind, flsterte der Capitain, dem sich bei
dieser Wendung eine groe Last von der Seele wlzte, der Gattin zu, da
dein Verdacht vollkommen grundlos war. Der Bursche dort ist sehr
wahrscheinlich der Brutigam, vielleicht der Mann der Dirne, der jetzt
bekennt, das Tuch entwandt zu haben, um der Geliebten ein seiner Meinung
nach kostbares Geschenk damit zu machen.

Wir wollen sehen, wir wollen sehen! murmelte Madame in fast
fieberhafter Aufregung. Aber -- sie knnen ihn doch nicht deshalb
ermorden?

Der Balinesen Strafe auf Diebstahl ist der Tod, sagte der Capitain
gleichgltig. Ich glaube nicht, da sie mit ihm eine Ausnahme machen
werden. Doch will ich sehen, was sich bei dem Gusti fr ihn thun lt.
Lieber Gott, wenn wir jetzt nur nicht Wind und Strmung damit
versumten!

Der Gusti hrte aufmerksam an, was ihm der Weie als Aussage der
Klgerin mittheilte, und wandte sich dann langsam und ernst an den
Jngling.

Hast du das Schiff dort drauen je betreten, Glentek? fragte er ihn,
und sein Auge haftete dabei fest und prfend auf den Zgen des jungen
Mannes.

Knnt' ich das Tuch sonst entwendet haben? entgegnete dieser finster.

Zu welcher Zeit war das?

Bei Nacht.

Bei Nacht, und die Wachen entdeckten dich nicht?

Die stumpfsinnigen Europer sind nicht so schlau, da sie ein Balinese
nicht betrgen knnte, rief aber der Krieger zornig, Glenteks Fu
berhrt den Boden, wie des Nachtvogels Flgel die Luft. Nicht der Tiger
hrt ihn, wenn er im Teing Dickicht ihn beschleicht, nicht der scheue
Hirsch im Alang Alang.

Glentek! rief da Kassiars Stimme mit herzzerreiendem Ton ihn an. O
glaubt ihm nicht, =meinet=wegen will er dem ehrlosen Tode trotzen. So
edel jeder Tropfen Blutes in ihm, er =lgt=, wenn er sich meinetwegen
schuldig nennt.

Hrst du das Mdchen? sagte der Gusti auf die Jungfrau zeigend, die
sich in angstvoller Hast jetzt vom Boden hob und, die Haare aus der
Stirn streichend, auf den Jngling zustrzte, vor ihm zu Boden sank,
seine Knie umfate und bittend ausrief:

O Glentek, Glentek, kannst du deiner Kassiar verzeihen?

Starr und regungslos blieb der Krieger stehen, und nur ein eigener
Ausdruck von Schmerz und Liebe durchzuckte seine Zge. Doch auch diese
Schwche, wenn es je etwas derartiges gewesen, schwand im Augenblick.
Eisern wie vorher blieb das Antlitz der edlen, dunklen Gestalt, und er
sagte finster:

Hat das Wort einer Dirne hier Gewicht gegen die Aussage Glenteks von
Benoi? -- Ihr seid Mnner, und euch gegenber erklre ich, da ich jenes
Tuch vom Bord des Schiffes heimlich entwendet habe. Wie und weshalb,
darauf weigere ich die Antwort. Jetzt thut mit mir nach dem Gesetz.

Darnach bleibt nichts mehr zu erfllen als der Richterspruch, sprach
feierlich und ernst der Gusti. Glentek von Benoi, bereite dich zum
Tode, denn du hast keine Viertelstunde mehr zu leben.

Ich bin bereit, erwiderte ruhig und mit fester Stimme der junge
Balinese.

Halt -- das geht nicht -- das kann nicht sein! rief aber hier der
Capitain, der ebenfalls hinzugetreten war, und genug vom Balinesischen
verstand, den Sinn des eben hier Verhandelten zu begreifen.

Wei der Europer etwas, das die Schuld von den Hnden des
Verurtheilten nimmt? sagte der Gusti rasch.

Nein, das nicht, versetzte halb scheu und doch auch wieder
entschlossen der Capitain; aber -- giebt es nichts in euren Gesetzen,
das im Stande ist, den Urtheilsspruch zu mildern? -- Kann das Verbrechen
nicht durch irgend eine Bue -- durch Geld vielleicht -- geshnt werden?
Ich mag die Kste hier nicht verlassen und das Blut eines ihrer Kinder,
die mich alle so freundlich hier empfangen haben, mit hinaus nehmen auf
das blaue Wasser. --

Aus der Schaar der Eingeborenen war indessen auf des Gusti Wink ein
Einzelner, der sich sonst in nichts von den brigen unterschied, heraus
und vor den Verurtheilten getreten. Hier zog er langsam sein Messer, den
balinesischen Radotan, aus dem Grtel und wartete der weiteren Befehle
seines Oberen.

Unsere Gesetze, sagte der Gusti ernst, verlangen fr solchen
Diebstahl den =Tod= des Missethters. Aber das Verbrechen ist an einem
Fremden verbt, und wenn er selbst auf Milderung besteht, =giebt= es
einen Ausweg.

Gott sei Dank! rief der Capitain, als er die Worte vernahm. Nennt mir
die Summe. Ich will lieber einen groen Verlust leiden, als Blut -- dies
Blut auf meiner Seele wissen.

Die Summe ist nicht so gro, erwiderte der Gusti, und ebenfalls durch
unsere Gesetze vorgeschrieben. Wenn der Fremde zwei Scke Kupfer (der
Sack etwa dreiig Gulden) zahlt und sich verbindlich macht, den
Verurtheilten, der von da an sein Sklave ist, mit fortzufhren und nie
wieder an diese Kste zurck zu bringen, von der er verbannt ist fr
immerdar, so ist sein Leben gerettet.

Verbannt -- =ich= von Bali, von meinem Vaterland? rief da Glentek,
wild emporfahrend und die Waffe, die er in seinen Hnden trug, fester
fassend -- nie, nie im Leben! Ihr mgt mich tdten -- ich habe den Tod
verdient und mag nicht lnger leben, aber =verbannen= knnt und =drft=
ihr mich nicht. Ein Sklavenleben fr Glentek, fern von der Heimath, fern
von meiner Palmen Wehen? -- Nie -- nie und nimmer!

Ich zahle die zwei Scke Kupfer! rief aber rasch der Capitain. --
Gebt mir einen eurer Leute mit an Bord, Gusti, der mag sie
zurckbringen, und mein Freund dort brgt euch indessen dafr. -- Lat
den Verklagten hier und seiner Wege gehen. Er hat Strafe genug durch die
Angst ausgestanden.

Sein Urtheilsspruch ist gefllt, entgegnete finster der Gusti. Lieen
wir um geringe Geldstrafe den Diebstahl frei, ihr Weien selber wret
die Ersten, die Klage auf Klage huften und uns am Ende zwngen, unsere
Gesetze zu ndern. Aber nicht allein das Verbrechen, setzte er mit
einem ernsten Blick auf den jungen Mann hinzu, nein auch der =Wille=
der Menschen mag seine Geltung finden. Er, dessen Adern noch junges,
rasches Blut durchstrmt, =wollte= den Tod, und seines Vaters wegen
freut es mich, da ich die Strafe in Verbannung mildern darf. Wer sich
aber einmal eines solchen Verbrechens selbst geziehen, kann nicht in
unserer Gemeinschaft lebend bleiben. Er hat sich selbst gerichtet.

=Gusti!= rief der Gefangene, sich stolz, ja selbst drohend gegen den
Richter wendend.

Der alte Mann aber, ohne die Bewegung weiter zu beachten, schttelte nur
langsam mit dem Kopf und sagte wieder finster:

Sendet das Geld an Land und nehmt dafr den Gefangenen hier mit in See.
Vielleicht macht ihr noch einmal einen tchtigen Matrosen aus ihm.
-- Kein Wort weiter, setzte er rasch und fast ngstlich hinzu, als sich
der Verurtheilte noch einmal an ihn wenden wollte; -- ich habe den
Urtheilsspruch gefllt; an meinen Leuten hier liegt es jetzt, ihn
ausgefhrt zu sehen.

Und mit den Worten verlie er rasch das Haus.

Gegen den Spruch des Gusti gab es keine Appellation. Wenn aber ein Wesen
in dem weiten dichtgedrngten Raum in steigendem Interesse, in
erwachender Hoffnung und endlich in jubelnder Lust der Wendung gefolgt
war, die das Todesurtheil nahm, so war das Kassiar, die Angeklagte. Nur
so lange des Gusti Gegenwart ihr Herz mit Scheu und Angst erfllte,
wagte sie nicht zu sprechen, wagte sie nicht, ihren Gefhlen Worte zu
geben. Jetzt aber, als er den Rcken gewandt und in der
zusammendrngenden Masse der brigen verschwunden war, hob sie sich vom
Boden auf, flog auf Glentek zu und bedeckte seine Hnde und Knie mit
Kssen. Aber Glenteks Geist war weit von da, in seinen Bergen, die er
von nun an nie wieder betreten sollte. -- Sein Auge blickte stier in die
Leere und krampfhaft hielt inde die Rechte das treue Rohr, die Linke
seinen Radotan gefat.

Glentek, Glentek, bat da Kassiar, noch immer zu seinen Fen
hingeschmiegt, -- o sage, da du mir nicht zrnst, sage, da du mich
nicht hassest und ich dir folgen darf, wohin dein Schritt sich wendet
-- weit ber das Meer, an ferne, wste Ksten, in nebelbedeckte Lnder,
in de Steppen, wohin es ist, wenn nur dein Blick mir dort wieder
freundlich lchelt, wenn nur dein Liebeslaut wie frher zu meinem Herzen
dringt.

Glentek hrte sie nicht. -- Still und regungslos stand er da und vor
seinen Augen wehten die Farnpalmen seiner Berge, vor seinen Ohren
rauschten die wilden pltschernden Quellen und tnte der schrille Ruf
des wilden Huhns, der gellende Schrei des Tigers.

Da berhrte eine Hand leicht seine Schulter, und als ob ihn ein
elektrischer Schlag getroffen htte, zuckte er empor und sah wild um
sich her.

Es wird Zeit, Glentek, sagte da die freundliche Stimme des Hollnders,
der gut genug mit den Sitten der Eingeborenen bekannt war, um zu wissen,
da den Meisten Verbannung viel frchterlicher ist als der Tod, und der
Mitleid mit dem jungen Burschen fhlte. -- Der Capitain will segeln,
und du weit, da dir die Gesetze deines eigenen Landes nicht gestatten,
lnger -- lebendig -- auf diesem Boden zu weilen.

Es ist gut, entgegnete Glentek, der sich rasch sammelte und jetzt wohl
fhlte, da er sich dem Unvermeidlichen auch wie ein Mann fgen msse.
Es ist gut -- ich bin bereit.

Und darf ich mit dir gehen, mein Glentek -- darf ich dir folgen, wohin
dein Fu sich wendet? bat das Mdchen, noch immer an seine Knie
geschmiegt.

Der junge Bursche schttelte langsam mit dem Kopf.

Fahre wohl, Kassiar, sagte er ernst aber ohne Bitterkeit im Ton, indem
er leise mit seiner Hand ihr Haupt berhrte. Unsere Wege trennen sich
hier. Ich trumte einst von einem Glck an deiner Seite -- das ist
vorbei.

Glentek! klagte in herzzerreiendem Tone das arme Kind.

Lebewohl! sprach der Jngling und schob leise die Hand, die sein
Gewand noch immer fest gefat hielt, zurck. Kassiar gehorchte der
Bewegung und lie ihn los, whrend sie flehend die Arme zu ihm
ausstreckte, aber er wandte sich langsam von ihr ab und schritt, dem
Winken des Europers folgend, ohne auch nur noch einmal den Blick
zurckzuwerfen, dem Strande zu.


5.

Fnf Jahre waren nach den im vorigen Kapitel beschriebenen Vorgngen
verflossen, und manches hatte sich indessen auf Bali verndert. Den
Hollndern war der kriegerische Geist des Nachbarvolkes, der auch oft in
bermthigen, seeruberischen Thaten ausbrach, schon lange lstig
geworden, und sie hatten gesucht die Rajahs von Bali fr sich zu
gewinnen, da sie wenigstens ihre Oberherrschaft =anerkannten=, wenn sie
auch jetzt keine anderen Schritte weiter thaten. Dem entgegen stand aber
stets der einflureichste Mann von Bali, der alte Dewa Argo, der
Oberpriester der Insel. Dieser trat mit allen Krften fr die
Unabhngigkeit der Insel in die Schranken, wollte von keinen Vertrgen
mit den Fremden wissen und behauptete, da sie selbst noch so viel
Gewalt wie Fhigkeit htten, ihre Insel zu regieren und in Ordnung zu
halten. Allen versuchten Bestechungen blieb er ebenfalls unzugnglich,
bis ihn ein pltzlicher Tod jhlings hinwegraffte. Die allgemeine
Stimmung sagte, er sei durch Gift gestorben.

Schon vorher hatten die Hollnder versucht, sich die Insel durch die
Gewalt der Waffen zu unterwerfen. In offener Schlacht und im niedern
Kstenland waren die Insulaner, obgleich sie sich mit wilder Tapferkeit
den berlegenen Waffen der Feinde entgegenwarfen, auch besiegt worden,
in ihren Bergen htten sie sich aber noch lange und fr immer halten
knnen. Die Hollnder sahen das auch recht gut ein. Um das Leben ihrer
eigenen Leute zu schonen, die bei einem fortgesetzten Kampf mit den
zhen Bergvlkern den Gefahren des Klimas nicht allein, sondern auch den
furchtbaren Strapazen und Entbehrungen ausgesetzt bleiben muten,
begannen sie nach des Dewa Argo Tode friedliche Verhandlungen mit den
Rajahs, die ihnen jetzt nicht mehr so feindlich entgegen standen. Diese
wuten sie grtentheils fr sich zu gewinnen, brachen dadurch die
Einigkeit derselben und rckten ihrem Ziele, das sie mit ihren
Geschtzen und Bajonetten vielleicht im Leben nicht, oder doch nur mit
furchtbaren und unverhltnimigen Opfern erreicht htten, durch Geduld
und Schlauheit nher und nher.

Der Gusti von Kota, einer der den Hollndern am meisten geneigten
Balinesen und der intime Freund des jetzt dort installirten
hollndischen Consuls, sa in dieser Zeit Morgens nach dem Frhstck,
und eben aus einer langen europischen Pfeife rauchend, in seinem Hause,
als ein Eingeborener in schmutzigen, zerrissenen Kammen, den Oberleib
nothdrftig durch den ebenfalls zerfetzten Sappot bedeckt, selbst ohne
Kopftuch, die wilden langen Haare nur durch Bast auf seinem Scheitel
zusammengebunden, die Veranda betrat, und ohne sich vorher bei dem
Richter anmelden zu lassen, ja ohne, wie es die Sitte gebot, auf der
Erde knieend seinen Befehl zu erwarten, rasch an den Wachen vorber in
das Zimmer schritt, in dem der Gusti sonst die kleineren Verhre
abzuhalten und Bittende zu empfangen pflegte.

Der junge Eingeborene glich aber keinem Bittenden. Den Radotan
ausgenommen, der im Kammen stak, war er allerdings vllig unbewaffnet,
doch seine ganze Haltung war trotz der zerrissenen Kleidung so khn und
edel, da selbst die Gerichtsdiener, die das Haus umlagerten und den
Hofstaat des Gustis bildeten, nicht wagten, ihn zurck zu halten. Nur an
die Thr drngten sie sich, um dem leisesten Ruf ihres Gebieters rasche
Folge leisten zu knnen, wenn der Fremde, den Niemand von ihnen kannte,
etwa gar Unehrerbietiges oder Bses im Schilde fhren sollte. Da er ein
Recht hatte, aufgerichtet zu ihrem Gusti hineinzutreten, konnten sie
nicht bezweifeln, er htte es sonst nicht gewagt, da ihm die Strafe
gleich auf dem Fue folgen mte.

Der Gusti lehnte auf seinem mit weichen Kissen der Dapatwolle belegten
Bambussopha und hob sich allerdings berrascht empor, als er die wilde
Gestalt so khn und trotzig zu sich eintreten sah.

Ist das Landessitte? sagte er strafend, indem er den Fremden dabei mit
forschendem Blick musterte, in solcher Art den Gusti aufzusuchen? --
Waren keine Diener an der Thr, die dich melden konnten? Bist du hier zu
Hause, auf deiner eigenen Schwelle, da du die schuldige Ehrfurcht
vergissest, die dem Obern gebhrt?

Verzeih den raschen Eintritt, Gusti! rief mit tiefbewegter aber
unterdrckter Stimme, vielleicht um nicht von den auenstehenden Dienern
gehrt zu werden, der Fremde. Aber der Zweck, um den ich komme, mag
mich entschuldigen, mein Name dir brgen, da ich als Gleicher dir nahen
darf. Kennst du mich noch?

Der Gusti musterte die edlen, aber wild verstrten Zge des Fremden, die
fahlen Wangen und eingefallenen Augen, dann sagte er kopfschttelnd:

Nein. Zu viele Gestalten ziehen an meinem Blick vorber. Dein Antlitz
ist mir bekannt, und doch wei ich nicht, wo ich zum letzten Mal dich
sah. Dein Name?

Glentek von Benoi.

Glentek? rief der Richter, erschreckt von seinem Sitz emporspringend.
Unglcklicher, was treibt dich wieder her zu uns? -- Weit du nicht,
da dein Leben in dem Augenblick verfallen ist, wo du des Landes Kste
wieder betrittst, das dich verbannte und von sich stie?

Ich wei es, sagte Glentek ruhig, mein Leben aber wre von geringem
Werth fr das, was jetzt mich herfhrt.

Kassiar? rief der Richter, und ein Zug des Mitleidens zuckte ber das
sonst so starre strenge Antlitz des Mannes. Sie ist todt, Glentek. Der
Gram um dich vielleicht, vielleicht die Reue hat sie das erste Jahr
hinweggerafft. Die khle Erde deckt ihr gebrochenes Herz.

Arme Kassiar! seufzte Glentek leise. -- Doch ihr ist wohl -- wohler
als mir, der ich fnf Jahre der Verzweiflung fern von meinem Vaterland
gelebt. Nein, Gusti, nicht die Liebe zu dem Mdchen fhrt mich an diesen
Strand zurck, -- seit jenem Tag schon war sie fr mich begraben, und
was ich seitdem erlebt, hat mir bewiesen, da Kassiar Glenteks von Benoi
doch nicht wrdig war. Sie ruhe sanft; ich habe ihr verziehen.

Und was trieb sonst dich her? fragte erstaunt der Gusti.

Mein Vaterland! rief der Balinese mit vor innerer Bewegung fast
erstickter Stimme. Ich habe ertragen, fuhr er nach einer kleinen
Pause, in der er sich gewaltsam sammelte, ruhiger aber immer noch in
groer Aufregung fort, -- ertragen die langen Jahre hindurch, was nur
ein Mensch ertragen kann. Die Feinde -- denn unsere =Feinde= sind jene
Mnner, deren Flaggen jetzt von vielen Schiffen im Hafen drauen wehen,
wenn sie auch freundlich und mit gleinerischer Zunge zu uns kommen --
die Feinde halten uns nun einmal fr eine untergeordnete Rae bestimmt
zu gehorchen und ihnen Schtze anzusammeln, die sie weit berm Meere
drben dann verprassen. Ich bin dort gewesen, ich habe ihre Macht und
Gre gesehen, ihre zahlreichen Schiffe, ihre zahllosen Mannschaften,
ihre knstlichen mrderischen Waffen, die Wagen, die mit Blitzesschnelle
das Land durchfliegen, ihre Huser, in denen sie tausende von Menschen
zu =einem= Zweck beschftigen. -- Aber ich habe auch ihre Waarenpltze
gesehen, in denen sie die Produkte einer =Welt= aufhufen, und dort
begriffen, wie ein Volk, das erst so weit gegangen, das solche
Bedrfnisse fr sein =Leben= hat, nicht stehen bleiben kann und wird,
mehr und mehr zu gewinnen, mehr und mehr an sich zu reien. Die
Hollnder haben das Geld und die Macht in Hnden, und =Freundschaft=
zwischen einem solchen Staat und uns ist nicht mehr denkbar. Der
Schwache wird und mu des Strkeren Beute werden.

Aber was hat das alles mit =dir= zu thun? sprach der Gusti, erstaunt
den Beredten anschauend. Ich wei das alles, fgte er mit Stolz hinzu,
es ist ein mchtiges Volk und unser Freund, -- und um mir das zu sagen,
brauchtest du dein Leben nicht zu wagen.

Mein =Leben=! rief der Balinese wieder, verchtlich mit dem Fue den
Boden stampfend. Was gilt mein Leben hier, wo Balis Heil das
Losungswort sein mu? Hre mich weiter. -- Ich wanderte, lebte fnf
lange Jahre zwischen ihnen und lernte ihre Sprache, lernte lesen und
schreiben mit =ihren= Zeichen und Worten und eine neue Welt erffnete
sich mir. Nicht mehr auf Andere brauchte ich mich zu verlassen, um
Nachricht aus der Heimath zu vernehmen. -- Mit eigenen Augen konnte ich
in all den Blttern, die tglich dort im Volk verbreitet werden, selber
lesen, wie sich mein Volk hier wacker allen Eingriffen in seine Rechte,
die jene Fremden wagten, widersetzt. O wie mir das Herz pochte, als ich
die Kunde mit eigenen Augen sah, da meine Landsleute mit Lanze, Bogen
und Blasrohr herab ins flache Land gestiegen waren, dem Feind die nackte
Brust entgegenzuwerfen und ihn zurck ins Meer zu treiben! O wie das da
im Herzen stach und brannte, da ich nicht Theil nehmen durfte an ihren
Kmpfen, an ihren Siegen, da ich =verbannt= von Bali war, ein
Ausgestoener von meiner Mutter Erde, und doch fr sie die heie,
brennende Liebe im Innern tragend! So war mir zu Muth, als ich von Balis
Siegen las. Wie aber, als ich von unserer Niederlage hrte, von
Vortheilen, die die Hollnder ber uns gewonnen, von Bedingungen, die
uns vorgelegt wren, ihren Frieden anzunehmen und ihre Oberherrschaft
anzuerkennen!

Mich litt es nicht mehr in Europa. -- Lngst schon hatt' ich die
Summe, die jener Weie fr mich gezahlt, abverdient -- mehr noch
vielleicht, als er mir dankte. Ich rettete sein Weib bei einer Landung
mit dem Boot in einer Stadt im brittischen Indien, und wenn ich das
Verhltni recht begreife, in dem die beiden Gatten mit einander leben,
so glaub' ich, hab' ich mich fr vergangenes Leid gercht. So, frei von
ihm, schiffte ich mich auf einem andern Fahrzeug ein, das mich nach
Soerabaja an der Javanischen Kste brachte, und hier -- Brachma versenge
mich, wenn mich die Nachricht nicht wie ein Todessto im Herzen traf --
hrte ich, da das einzige Herz von Bali, das voll Kraft und
Vaterlandsliebe im Stande war, die feindlichen und eiferschtigen Rajahs
mit starker Hand zusammenzuhalten, da das einzige Herz in Bali, das,
von reiner Liebe fr die Heimath beseelt, auch die Gefahr begriff, in
der wir schwebten, da der Dewa Argo von feiger, verrtherischer Hand
vergiftet und der Fremde im Begriff sei, mit vorgeschtzter Freundschaft
mein Vaterland zu unterwerfen. Wohl hrte ich von tapferen Schaaren, die
aus den Bergen mit Radotan und Speer hernieder stiegen, dem Feinde zu
begegnen. Aber die =Seele= fehlt, die jetzt die Massen im Zgel halten
knnte. Mein Vater selber ist alt; viele der anderen Rajahs standen
schon frher im Verdacht, mit fremdem Gelde, wenn nicht gekauft, doch
arg geblendet zu sein. Dumpfe Gerchte gingen dabei umher, da Bali
Priester nach Indien abgesandt habe, die Lehre des Islam zu prfen und
zu bestimmen, ob wir selber den alten Gttern treulos werden sollten. Da
litt es mich nicht mehr in Feindes Land; die Gefahr, die meinem Leben
drohte, durfte mich nicht schrecken. Mein Leben gehrt ja Bali, mein
Arm, mein Herz. -- Fr das ersparte Geld erhandelte ich mir ein kleines
Boot, setzte meine Segel und steuerte, selig in dem Gedanken, welchem
Ziel ich entgegenflog, der vaterlndischen Kste wieder zu. In Tabannar
wollt' ich landen und von dort meine Heimat erreichen, als mich der
Sturm erfate, der vor wenigen Tagen diese Kste peitschte, und mich
herunter in die Bai warf. Mein Kahn fllte sich und sank unfern von
Sersek, und mit Schwimmen rettete ich mich wieder an die Kste, die mich
vor so viel Jahren einst als Verbrecher von sich stie.

Und was suchst du hier, Verblendeter? fragte der Gusti, der der
leidenschaftlichen Erzhlung des Flchtlings ernst und kopfschttelnd
gelauscht hatte.

Was ich suche? rief aber Glentek staunend aus. Ein Heer, dem Feind zu
begegnen! -- Die Schaaren der Unseren suche ich, die sich um die
wehenden Lanzen ihrer Rajahs gesammelt haben, die Psse unserer Berge
zu besetzen und Tod und Verderben in die Reihen der Feinde zu
schleudern, wenn sie es wagen sollten, uns da anzugreifen. -- Dich hab'
ich aufgesucht vor allen anderen, weil ich wohl wute, Gusti, du wrdest
den Sohn deines Freundes, wenn du ihn einst auch zum Tode verurtheilen
mutest, nicht =verrathen=, und dich bitte ich jetzt, mir die Psse zu
nennen, in denen die Unseren stehen, da ich im Stande bin, mich ihnen
anzuschlieen. Gram und Leid haben mir so tiefe Furchen in die Haut
gegraben, da ich nicht frchte, dort erkannt zu werden, -- nur meinen
Vater will ich sehen, und dann ja gern das Leben, das doch dem Vaterland
gehrt, fr dieses opfern.

Du trumst, Glentek, entgegnete ihm da ruhig der Gusti. -- Was
sprichst du von gersteten Schaaren, von Feinden und Gefahren, die dem
Lande drohen? Bali hat sich seit langer Zeit keines so ungetrbten
Friedens erfreut als gerade jetzt. Nicht geschlagen, wenn auch in
kleinen Gefechten besiegt, haben unsere Rajahs doch eingesehen, da es
fr das Volk besser sei, sich die Freundschaft des mchtigen Nachbars zu
erhalten. Dessen Truppen sind jetzt nach Java zurckgezogen, die wenigen
ausgenommen, die er zum Schutz seines Handels hier zurckgelassen. Kein
Blut wird mehr auf Bali vergossen werden, eingebildeter, thrichter
Rechte oder Vorurtheile wegen.

Kein Blut auf Bali vergossen? rief Glentek, einen Schritt entsetzt
zurcktretend, und ist der Mord des Dewa Argo denn gercht?

Der =Mord= des Dewa Argo? Wer sagt dir, da ein Mord geschehen sei? Der
Dewa Argo starb natrlichen Tod.

Und Bali ist nicht in Aufruhr? rief Glentek, kaum seinen Sinnen
trauend; die Krieger ziehen nicht in Schaaren, um endlich den letzten
Feind von unserem Boden zu vertreiben?

Du trumst, sag' ich dir! sprach kopfschttelnd der Gusti. Bali ist
ruhig, und wenn du hier herber kamst, die Hoffnung auf blutige Kmpfe
im Herzen tragend, so hast du dich zu unserem Heil getuscht. Es wre
dir besser gewesen, du httest Bali nie wieder gesehen.

Friede und Freundschaft mit den Mrdern des Hohenpriesters! schrie da
Glentek, sich mit blitzenden Augen emporrichtend. Ha, Gusti, da kennst
du nicht die Stimme der Gebirge und ihren Geist! Hier im flachen Lande,
unter Malayen und Chinesen magst du, an sklavische Sitten gewhnt, dich
auch dem Willen fremder Eroberer haben fgen lernen, aber besser kenne
ich dort =mein= Volk. Mein Ruf soll durch die Berge schallen, mein
wohlbekanntes Flammenzeichen die Brder zusammenrufen und wenn sie in
jubelnden Schwrmen aus den Klften und Schluchten unserer bergigen
Heimath niederbrechen --

Wahnsinniger, halt ein! rief der Gusti, von seinem Lager
emporspringend und den Arm in Zorn und Abscheu gegen ihn ausstreckend.
Krieg und Verderben willst du aufs Neue in diese Thler bringen, in
denen der Schlachtenschrei kaum erstorben, das Blut kaum ausgetrocknet
und verdampft ist? Das Messer des Richters hngt ber dir, und du wagst
es, uns mit Meuterei zu drohen! -- Weit du, da ein Wort von mir dich
den drauen nur darauf harrenden Dienern in die Hnde wirft?

Glaubst du, den Glentek fingen sie lebendig? lachte da der junge
Balinese wild auf, wenn er sich nicht geben will? Denkst du, dieser
Radotan wre nicht im Stande, sich die Bahn zu brechen? Und zehn Fu
Vorsprung dann, mit all deinem Schwarm von Dienern auf den Fersen,
brchte mich nicht in wenigen Minuten in die Dickichte dieser Wlder und
unerreichbar frei von euren Sclaven? Hltst du es mit den, dann schlimm
fr dich, wenn wir als rchendes Gericht wieder von den Bergen und ber
dich hereinbrechen! Kein Erbarmen hast du dann von uns zu hoffen. Und
nun thue dein Schlimmstes, denn in wenigen Minuten bin ich frei.

Verblendeter! sagte aber der Gusti, ohne seine Stellung auch nur um
eines Zolles Breite zu verndern. Zum Glck fr Bali kommt dein wilder
Schlachtenschrei zu spt. Schon vor zwei Monaten ist der Handels- und
Schutz- und Trutz-Vertrag mit Holland abgeschlossen, und whrend wir die
Oberherrschaft der Fremden, die uns nun doch einmal in den Waffen und an
Macht berlegen sind, anerkennen muten, haben wir uns heilig
verpflichtet, die Waffen nicht mehr gegen sie zu ergreifen.

Die Oberherrschaft der Fremden anerkannt? -- verpflichtet die Waffen
nicht mehr aufzugreifen gegen den Feind des Vaterlands? rief Glentek
entsetzt und seinen Ohren kaum trauend -- das ist =Landesverrath=!

Ein Friedensbndni ist geschlossen; erwiderte der Gusti, und wer
eine Waffe hebt, das zu brechen, den trifft nach unserem Gesetze der
Tod.

=Der Tod!= wiederholte Glentek in hohlem geisterhaftem Ton, und sein
Schultertuch um das Haupt ziehend, blieb er viele Minuten lang
zerknirscht, vernichtet stehen. Alles war verloren, worauf er noch
seine Hoffnung gesetzt -- ihre Schwerter in die Scheiden zurckgestoen,
ihre Hnde selber durch das Friedensbndni gekettet.

Der Gusti fhlte Mitleid mit dem Jngling, und das eigene Mitrauen
vielleicht, ob jenes Bndni fr Bali so segensreich wirken knne, wie
er es einst gehofft, mochte ihn mit antreiben, die junge Kraft dem
Vaterlande zu erhalten, sie nicht muthwillig zu zerstren.

Du warst im Irrthum, Glentek, sagte er, aufstehend und freundlich
seine Schulter berhrend, als du das Land in Waffen whntest. Es ist
tiefer Friede, und wir knnen und wollen uns nicht lnger mit dem
mchtigen Gegner messen, dessen Geschtze unsere jungen Leute zu
Hunderten niedermhten. Die alten Gesetze dieses Landes sind aber noch
in Kraft geblieben und denen wrst du verfallen, entdeckte auer mir
auch noch ein anderer deinen Namen -- deine Schuld. Tritt hier hinein
und erfrische deinen Krper erst mit den Speisen, die hier stehen, und
dann geh' hinunter zum Strand. -- Gerade dem Wrack gegenber, das an der
Kste liegt, findest du ein kleines grn gemaltes Boot. Es ist mein
Eigenthum. Nimm es und kehre damit nach Java zurck.

Glentek schwieg, und ohne seine Stellung zu verndern, barg er noch
immer das Antlitz in dem Sappot. Als er die Arme endlich sinken lie,
war sein Gesicht fahl und todtenhnlich geworden, und er sagte mit
leiser, aber fest entschlossener Stimme: Ich bleibe hier!

Unglcklicher! schrie aber der Gusti, willst du denn muthwillig in
dein Verderben rennen? Tusche dich nicht, ich selber, wenn ich es
wollte, knnte dich nicht schtzen.

Das sollst du auch nicht, Gusti! sagte da der Jngling pltzlich, und
ein eigenes wildes Feuer glhte aus den rastlos umherblitzenden Augen.
Ich sehe, wie es ist; mein Vaterland ist verrathen und verkauft, unsere
Tempel werden zerstrt, unsere Priester und Rajahs vertrieben, unser
freier Boden selbst wird unter das Joch gedrckt, und ehe ein Jahrzehnt
vergeht, weht von diesen Bergen die verhate dreifarbige Fahne. Stirb
Glentek, stirb, du nicht allein bist Sclave, dein ganzes Volk hat sich
verkauft -- verrathen!

Wahnsinniger! rief der Gusti, seinen Arm ergreifend. Du wirst dich
selbst den Hschern berliefern, die deinen Namen drauen vor der Thr
gehrt.

Zurck von mir! schrie aber Glentek, aus dessen Augen ein rothes
wildes Feuer zu glhen schien. -- Zurck! -- Den Hschern berliefern?
-- Hahaha, sie sollen's wagen, den Tiger zu halten, wenn er im Ansprung
ist! =Uhi!= schrie er da pltzlich mit wildgellendem Ton, indem er mit
der Rechten den Radotan aus der Scheide ri, whrend die Linke den Bast
aus seinem Haar warf, da die langen rabenschwarzen Locken ihm wild die
Schultern und Stirn umflatterten. -- =Uhi!= Glentek ist frei, aus den
Bergen strzt sich der Strom ins flache Land, von Stein zu Stein den
Abgrund niederspringend, aus dem Dickicht schnellt sich der Tiger seiner
Beute zu. Die Anaconda liegt im Palmenwipfel und schiet, dem Pfeil
gleich, von der Hhe nieder auf ihren Raub, und so bricht Glentek jetzt
hinaus in's Freie -- =uhi!= Dewa Argo, wo sind deine Mrder, wo die
feigen Schurken, die dich verrathen haben? -- Ich komme, ich komme dich
zu rchen!

Entsetzt war der Gusti zurckgesprungen und hatte die eigene Waffe von
der Seite gerissen, um sich zu vertheidigen. Aber ihm galt der Angriff
nicht, und mitten hinein zwischen die Hscher, die jetzt die Thr
aufgerissen, den Rasenden zu fassen, sprang Glentek, den geflammten
Radotan in der Faust. -- Da und da! schrie er, nach links und rechts
hinberstoend, habt ihr Stahl -- theilt euch drein, =uhi!= Und wie
die beiden zum Tod getroffen zusammenbrachen, flog der Rasende mit einem
Satz ber sie fort dem Ausgang zu und auf die Strae hinaus.

Wunderbarer Weise kommt dieser Zustand, der in seinem ganzen Wesen die
vollkommenste hnlichkeit mit der beschriebenen Berserkerwuth unserer
Vorfahren hat und im Norden jetzt ganz verschwunden scheint, sehr hufig
auf den Inseln des indischen Archipels vor. Das Volk schreit dann Amok,
Amok (ein Wahnsinniger), und alles, was nicht bewaffnet ist, flieht
scheu zur Seite, whrend die Bewaffneten den Wthenden so rasch wie
mglich zu tdten suchen -- wie man bei uns einen tollen Hund unschdlich
machen wrde. Dieser Zustand von Raserei endet jedesmal mit dem Tode des
Unglcklichen, den er erfat hat.

Amok, Amok! schrie das Volk drauen und stob auseinander. Die
Fruchtverkufer lieen ihre Krbe fallen und flohen in die Seitenstraen
hinein, die Reistrger lieen ihre zusammengedrehten Bndel im Stich,
die Frauen rafften ihre Kinder auf und flohen in die nchsten Huser,
deren Thren zugeschlossen wurden; einzelne junge Burschen flchteten
sogar vor der furchtbaren, den Weg niederrasenden Gestalt in Areka- und
Cocospalmen hinauf, um dem unmittelbaren Anprall zu entgehen.

Vom Hause des Gusti sprang der Unglckliche aber, unbekmmert um das ihm
folgende Geschrei, quer ber den Marktplatz fort, mitten zwischen die
Chinesen hinein, die hier feil hielten und Tische und Stnde
berstrzend zur Seite stoben. Fnf oder sechs von ihnen verwundete oder
tdtete der Rasende, wild und rcksichtslos nur nach allem stoend, was
ihm in den Weg kam, gerade wie ein toller Hund schnappt und um sich
beit, und bersprang jetzt, ohne Achtung auf Weg und Steg, einzelne der
Butju und giftigen Buntajahecken, deren stachliche Zweige ihn blutig
rissen.

Der Schrei Amok zuckte indessen wie ein Blitz durch die Stadt, auch den
Entferntesten Warnung gebend, und von allen Seiten strmten Bewaffnete
herbei, den Rasenden unschdlich zu machen und sich selbst, wie Frauen
und Kinder von der Gefahr zu befreien.

Glentek hatte unter der Zeit die einzelnen Hecken bersprungen. -- Er
fhlte es nicht, da ihm die Glieder brannten von dem Gift, und mit
gezcktem Messer floh er jetzt gerade ber den nchsten offenen Zaun, in
dem sich die Netzlegereien und Webereien befanden. Amok, Amok! tnte
der Schrei hinter ihm her, und die Weber und Netzstricker flohen
entsetzt zur Seite. Nur ein junger Bursche, ein Knabe von kaum mehr als
zehn oder zwlf Jahren, fate keck und rasch ein quer ber den Platz
liegendes Seil von Cocosbast, das an der andern Seite an einem Pflock
befestigt war, und hob es in die Hhe. Der Rasende strmte heran, die
Haare hingen ihm wild ber das Gesicht nieder, und mit der blanken Waffe
stie er blind in die Luft. Da blieb sein Fu in dem ausgespannten Seile
hngen, und whrend er der Lnge nach zu Boden schlug, entfiel seiner
Hand die Waffe. Zwar raffte er sich im Augenblick wieder empor, aber ehe
er den Radotan wieder ergreifen konnte, fielen die Weber und
Netzstricker mit ihren Bumen und eigenen Messern ber ihn her. --
Amok, Amok! schrie die Schaar. Glentek griff des einen Arm, brach ihn
mit Gewalt ab im Gelenk und warf sich dann auf einen andern, um ihn mit
den Zhnen zu fassen und zu zerfleischen. Aber ein furchtbarer Schlag,
der ihn ber die Stirn traf, warf ihn bewutlos zurck und zu Boden, und
im nchsten Augenblick suchten die Waffen Aller seinen Krper -- whlten
in seiner Leiche.

Unten am Strand, zwischen diesem, dem Fahrweg, der von Kota nach dem
Banksal fhrt, und den beiden malayischen Begrbnipltzen, steht eine
einzelne, vom Wetter zerrissene, von unzhligen Orchideen berwachsene
und von Pandanus und wilden Strandgewchsen dicht umgebene Cocospalme.
Unter der ruht der Krper Glenteks von Benoi. Sein Land ist allerdings
in Frieden mit den Fremden, die Waffen sind begraben und
Friedenstraktate unterzeichnet worden. Aber die Macht und der Einflu
der Hollnder wachsen dort von Tag zu Tag, ihre Flagge weht schon am
Strand, und nicht lange wird es dauern, so flattert sie auch von den
Bergen des einst freien Volkes.

Funoten:

[34] Tjanging, der westindische Corallenbaum, der in der letzten Hlfte
des Jahres in Bali in Blthe steht, und dann gar keine Bltter trgt, so
da ihn nur die langen, purpurrothen und bschelartig zusammenstehenden
Kelche seiner Blumen vollkommen bedecken.

[35] Eine rothe Falkenart mit weier Brust, welche die Balinesen
wahrscheinlich Sikup, den Soldaten, nennen, weil ihre Krieger ein
hnliches Schild vorn tragen.

[36] Die Radjadja ist nmlich die Blatternkrankheit, die von den
Europern nach Bali gebracht wurde. Die Seuche forderte dort ungeheure
Opfer und trat mit seltener Bsartigkeit auf. Einem eigenthmlichen
Aberglauben nach beerdigen die Balinesen die an dieser Krankheit
Gestorbenen nicht wie ihre anderen Todten, sondern bedecken nur die
Krper leicht mit Erde und lassen Kopf und Fe frei. Es ist leicht
begreiflich, wie in dem heien Klima Bali's die Verwesung so vieler
menschlicher Krper die Ansteckung der Seuche nur vermehren und die Luft
im wahren Sinne des Wortes verpesten mute.




Der Menschentiger.


1.

In den Preanger Regentschaften auf Java in Tji-dasang, einem kleinen
Dorf oder Kampong, hatte sich schon seit einiger Zeit, und mit
Bewilligung der hollndischen Behrden, ein chinesischer Kaufmann
niedergelassen, der mit den Eingeborenen in seiner Nachbarschaft nicht
allein einen eintrglichen Tauschhandel trieb, sondern auch ein ziemlich
groes, dort in der Nhe gelegenes Gut gepachtet hatte, und Kaffee, Reis
und andere Landesprodukte selber darauf zog.

Im Handel mit den Eingeborenen nahm er alles an, was ihm diese bringen
konnten: eingekochten Arenzucker und geflochtene Matten, Hte,
gebadekte[37] Tcher und Sarongs, gewebte Zeuge, Hhner, Wild,
Cocosl, kurz alles Mgliche. Er selber brachte ihnen dabei eine Masse
Dinge von Batavia mit, die sie oft noch nicht einmal dem Namen nach
kannten, lehrte sie Spiegel und Schmuck, bunte Kattune und andere Sachen
kennen und that, als Vertreter der Civilisation in dieser Berggegend,
sein Mglichstes, die einfachen Menschen mit so viel neuen Bedrfnissen
bekannt zu machen, als irgend anging.

Die Chinesen sind im Ganzen, wie sonst auch nur zu hufig ihre Moralitt
beschaffen sein mag, ein ungemein fleiiges und unternehmendes Volk, und
so geschah es denn auch hier, da Schang-hai, wie er nach seinem
Geburtsort hie, obgleich er nur ein sehr kleines Kapital und einen
geringen Waarenvorrath mit in die Berge gebracht hatte, bald sein
Vermgen verzehn-, ja verhundertfachte und fr einen der Reichsten in
der dortigen Gegend, jedenfalls unter den Eingeborenen galt.

Die Javanen sind ziemlich aberglubischer Natur und haben, wenn sie sich
auch meist zum Islam bekennen, doch noch manches von ihren alten
heidnischen berlieferungen beibehalten, an denen sie mit
auerordentlicher Hartnckigkeit hngen. Es kommt dazu, da dergleichen
Aberglauben meistens von der wilden, sie umgebenden Natur nicht nur
begnstigt, sondern oft auch durch sie begrndet wird. So schrieben sie
auch Schang-hai, dessen rasch wachsenden Reichthum sie natrlich nicht
allein von seinem Unternehmungsgeist und seiner Schlauheit abhngig
glaubten, ebenfalls bald geheime Krfte und Knste zu. Da er sich gern
im Wald aufhielt und oft Tage lang ausblieb -- wobei er in Wirklichkeit
nur kleine geheimgehaltene Geschftsreisen machte -- konnte sie nur noch
mehr darin bestrken. Ebenso schien er nicht die mindeste Furcht vor den
in jener Gegend noch in ziemlicher Anzahl sich aufhaltenden Tigern zu
haben, und das war ihnen besonders verdchtig.

Der Tiger, wie die Gefahr, der sie von diesen wilden Bestien stets
ausgesetzt waren, spielte berhaupt in ihrem ganzen Leben eine sehr
bedeutende Rolle, und wunderliche Sagen ber das geheimnivolle Treiben
dieser Thiere, das sie nur aus seinen furchtbaren Angriffen und
blutdrstigen Verheerungen, wie aus seiner rcksichtslosen Grausamkeit
kannten, waren dort berall im Umlauf.

Eine der bekannteren ist die vom =Menschentiger=, die in mancher
Hinsicht unserer deutschen Sage vom =Wehrwolf= entspricht.

Es soll nmlich im Wald, nur von wenigen Auserwhlten gekannt, ein Kraut
wachsen, da die wunderbarsten Krfte besitzt. Der Genu der Wurzel
besonders verwandelt den Menschen in einen Tiger, und zwar in der
wrtlichen Bedeutung des Wortes, in all seiner zhnefletschenden
gestreiften Furchtbarkeit, und nur der Genu einer anderen heilwirkenden
Wurzel ist im Stande, ihm seine menschliche Gestalt zurckzugeben. Diese
Menschentiger sind dann die gierigsten, grausamsten Bestien in der
ganzen Thierwelt, und besonders dem Menschen gefhrlich. Dabei haben sie
ihren Menschenverstand bewahrt und wissen jeder ihnen drohenden Gefahr
auch auf das Schlaueste und Geschickteste zu entgehen.

Auch in der Nhe von Tji-dasang hatten die Tiger, trotz der vom Staat
ausgesetzten Prmien von fnfzehn Gulden, sehr berhand genommen, und
besonders in einzelnen Kampongs groe Verwstungen unter den Heerden
angerichtet, ja gar nicht selten sogar die mit dem Auskochen von
Arenzucker beschftigten Arbeiter berfallen und zu Holz geschleppt.
Wohl waren die Eingeborenen auerordentlich thtig gewesen, durch Fallen
und Gruben einen Theil dieser gefhrlichen Raubthiere in ihre Gewalt zu
bekommen und unschdlich zu machen; aber dies gelang ihnen bei nur sehr
wenigen, und Jger sind die Malayen und Javanen berhaupt nicht. Sie
wissen zum Beispiel gar nicht mit Schiegewehren umzugehen, und wenn sie
auch dann und wann einmal in Begleitung der Hollnder eine solche Waffe
fhren, gefhrden sie sich selbst und ihre Nachbarn weit mehr damit, als
das Wild. Selbst Bogen und Pfeile fhren sie nur zum Spiel, und ihre
eigentlichen Waffen sind die Lanze, eine auf einen Bambus befestigte
damascirte Stahlspitze, und der stets an der Seite getragene Klewang,
eine Art kurzes Schwert, das ihnen hauptschlich dazu dient, sich in den
Dickichten Bahn zu hauen. Dazu ist es freilich auch dadurch vortrefflich
geeignet, da es vorn an der Spitze am schwersten ist und daher zum
Hiebe die nthige Wucht erhlt. Den Khris oder Dolch haben sie fast
alle im Grtel stecken; die Lanze tragen sie dagegen nur ausnahmsweise,
auf der Jagd und bei besonders festlichen Gelegenheiten.

Die Chinesen auf Java sind indessen noch viel weniger Jger, und fhren
selbst nicht einmal eine Waffe -- es mte denn hie und da einmal
heimlich geschehen, wozu sich aber wieder die leichte Nationalkleidung
nicht eignet, die sie nach einem Gesetz der Hollnder auf Java tragen
=mssen=.

Schang-hai war unverheirathet. Wie sich indessen seine
Vermgensverhltnisse von Tag zu Tag besserten, fhlte er auch das
Bedrfni, eine Lebensgefhrtin zu whlen und sich damit endlich einmal
eine husliche Bequemlichkeit zu schaffen. Es fing an ihm ungenehm zu
werden, in seinem Hause allein zu sitzen, und als er alle seine brigen
Geschfte besorgt hatte, glaubte er sich auch diesen Luxus -- wie er
es bis dahin genannt -- gestatten zu drfen.

Das wre nun allerdings vortrefflich gewesen, wenn er daran schon vor
einer lngeren Reihe von Jahren gedacht und es ausgefhrt htte. Leider
hatte aber der Chinese seine besten Lebensjahre damit verschwendet,
Reichthmer aufzuhufen, und da er nie, selbst nicht in seiner Jugend,
auf Krperschnheit Anspruch machen durfte, so konnte ihm das Alter in
dieser Hinsicht noch weniger gnstig sein. Schang-hai war mit einem
Wort ein kleiner, dicker, hlicher, unansehnlicher Chinese, dessen Zopf
sich schon grau zu frben begann, und die kleinen, etwas feuchten,
brennend schwarzen Augen bekamen durch einen schielenden Blick selbst
einen widerwrtigen, abstoenden Ausdruck. Nichts desto weniger wute
er, was ihm auch der Spiegel ber seine eigene Persnlichkeit sagte,
doch recht gut, da in der Welt mit Geld vieles, wenn nicht alles zu
erreichen ist, und vielleicht war dies auch die Ursache, da er seine
beste Lebenszeit ebenso sorglos und unbekmmert hatte verstreichen
lassen.

Da er dabei vernnftig genug war, bei einer Heirath nicht an die
Vergrerung seines Reichthums zu denken, sondern sich bereits
entschlossen hatte, ein armes, aber hbsches junges Mdchen zu seiner
Gattin zu erheben, so brauchte er, zumal da ihn die etwas wunderlichen
gesellschaftlichen Verhltnisse des Landes, in dem er sich befand, darin
begnstigten, an einem Erfolg nicht einen Augenblick zu zweifeln. Die
Eltern, die eine unbeschrnkte Gewalt ber ihre Kinder, besonders ber
ihre Tchter besitzen, verkaufen dieselben meist an gute Partieen,
denn eine =Heirath= kann man ein solches Ehebndni kaum nennen. Der
Mibrauch geht darin so weit, da die Europer auf Java sich oft
Mdchen auf eine bestimmte Reihe von Jahren fr eine zwischen beiden
Theilen bestimmte Summe ins Haus kaufen und dabei nicht einmal eine
Ceremonie fr nthig halten.

Das war brigens Schang-hai's Absicht nicht. Er wollte sich wirklich
eine Frau nehmen, die ihm dann nicht bei der ersten passenden oder
unpassenden Gelegenheit wieder davonlaufen und der Unbequemlichkeit der
Wahl aufs Neue aussetzen konnte. Sein Auge fiel dabei auf die Tochter
eines armen Javanen, den er sich in der letzten Zeit besonders
verpflichtet und ihn so in Hnden hatte, da er berhaupt gar nicht
seine Einwilligung htte verweigern knnen -- wenn ihm das berhaupt in
den Sinn gekommen. Kelah, wie der Eingeborene hie, dachte aber auch
nicht einmal an etwas derartiges, und wenn er den kleinen dicken
Chinesen mit dem falschen Blick auch sicherlich mehr frchtete als
liebte, fhlte er sich doch durch den eines Tages ganz unerwartet
gestellten Antrag viel zu sehr geehrt, als da er mit seiner
Einwilligung als Vater auch nur einen Augenblick htte zgern knnen.
Was Laykas, die Tochter, anbetraf, so war es eine Sache, die sich ganz
von selbst verstand, da sie weiter nichts zu thun hatte, als den ihr
vom Vater gegebenen Befehlen zu folgen. Htte das Mdchen denn auch ein
greres Glck, eine grere Ehre trumen knnen? Da Laykas den
Chinesen =lieben= sollte, verlangte kein Mensch von ihr -- nicht einmal
ihr Brutigam selber, und da sie diesen jetzt, wie alle Kinder und
Mdchen des Kampongs, =frchtete=, und ebenso gern einem Tiger als ihm
in den Weg gelaufen wre, wenn er einmal die Strae herab kam, war eine
Sache, die sich jedenfalls -- wenn sie nur erst einmal seine Frau war --
von selber gab. Ihr Schicksal sollte ihr aber nicht lange verborgen, ja
nicht einmal Raum zum berlegen bleiben.

Schang-hai hatte nmlich schon seit einer Woche, ohne irgend Jemand zu
sagen weshalb, die Vorbereitungen zu der Festlichkeit herrichten lassen,
die er auf das Glnzendste auszustatten gedachte. Der reiche Chinese
wollte den Eingeborenen einmal zeigen, was er im Stande sei an Glanz und
Pracht in diesen Bergen zu leisten. Das Anhalten um die Braut selber
verschob er natrlich als eine Sache, die in wenigen Minuten abgemacht
werden konnte, bis zum letzten Augenblick. Bedurfte es ja doch unter
solchen Umstnden auch nur eigentlich des Befehls, sie in sein Haus zu
fhren.


2.

Eines hatte er dabei bersehen oder, wenn es ihm je eingefallen, so
gering angeschlagen, da es eine weitere Beachtung nicht verdiente, --
da nmlich seine von ihm ausersehene Braut schon eine andere frhere
Zuneigung haben knne. Das Herz eines jungen Mdchens fragt ja auch
nicht immer erst die Eltern, ehe es sich zu einem andern Herzen
hingezogen fhlt. Darauf kam hier aber gar nichts an; das Herz verlangte
Schang-hai berhaupt nicht weiter, als es eben zu seiner bequemen
Huslichkeit unumgnglich nthig war; er wollte die Hand des Mdchens,
und die gehrte bis jetzt noch Niemand.

Laykas war eine wunderliebliche Maid, und der alte Chinese hatte keinen
schlechten Geschmack in ihrer Wahl bewiesen. Schlank und voll von
Krper, mit Reizen, die von der dunklen Bronzefarbe der Haut eher noch
erhht als vermindert wurden, mit einem Antlitz von fast griechischer
Schnheit, wie man es da oben in den Bergen auch gar nicht so selten
findet, die dunklen Wangen von so sanfter Frische, da das steigende und
schwindende Blut deutlich auf ihnen sichtbar ward, mit feurigen offenen
Augen und Hnden und Fen, um die sie manche stolze Weie beneidet
haben wrde, war sie die Zierde ihres Stammes, der Stolz ihrer Eltern,
und selig wre der Mann unter ihren Landsleute gewesen, den sie einst
mit ihrer Liebe beglckt htte.

Leichten und frohen Herzens hatte sie sich dabei willig und gern jeder
noch so schweren Arbeit in ihrer Eltern Hause unterzogen. Nie kam eine
Klage ber ihre Lippen, und ein freundliches Wort, einen freundlichen
Blick hatte sie fr alle -- konnte sie den Sturm ahnen, der sich ber
ihrem Haupte zusammenzog?

So kam sie auch heute, singend und mit den Kindern lachend, die neben
ihr herliefen, den Berg herauf, denn sie hatte unten im Thale, in den
breiten, hohen Bambusstcken[38] Wasser heraufgeholt. Nur einen
Sarong[39] von blau und rothem, selbstgebadektem Stoff, der ihr bis
zur halben Wade niederhing und die zarten feingeformten Knchel zeigte,
trug sie um die schlanke Hfte festgesteckt; der Oberkrper, wie das in
den Preanger Regentschaften meist Sitte ist, war vollkommen nackt, und
die schwere Wucht des rabenschwarzen Haares hielt sie mit einer groen
Schildplattnadel befestigt. Die beiden mit Wasser gefllten
Bambusstcke, die wohl bei drei Fu Lnge, fnf Zoll und mehr im
Durchmesser haben mochten, trug sie an einem Querstock, an dem sie vorn
und hinten herunterhingen, auf der Schulter, und trotz der gar nicht
unbedeutenden Last war doch der Schritt des jungen, frischen, krftigen
Mdchens leicht und elastisch.

In der Thr der Htte begegnete ihr aber schon der Vater, der eben,
noch freudestrahlend, von Tji-dasang zurckgekehrt war und den
Augenblick nicht erwarten zu knnen schien, wo er der Tochter die
Freudenbotschaft mittheilen sollte.

Was hast du, Vater? rief das Mdchen, dem die frhliche Bewegung in
dem sonst ziemlich mrrischen, einsilbigen Alten nicht entgangen war,
und mitten im Gang hielt sie, die Hnde zur Sttze auf die Hften
stemmend, an, da die beiden Bambusrhren langsam herber und hinber
schwankten. Was hast du, Vater? Es ist doch nicht -- und das Blut
scho ihr in diesem Augenblick vor freudigem Schreck in Wangen und
Schlfe, als sie daran dachte, da vielleicht Maono, der brave arme
Bursch, hier bei ihrem Vater gewesen wre und -- sie konnte keinen
Gedanken ausdenken, so wirr und toll schwirrten ihr die Vermuthungen
durch den Kopf. Und so treu und rein war dabei der Jungfrau Seele, da
kein schlimmer Verdacht, keine Furcht den Spiegel ihres Herzens trben
machte. Lachte doch ihr Vater, und das konnte ja nur Gutes fr die
Tochter deuten.

Freu' dich mit mir, Laykas! rief ihr dieser, als er sie halten sah,
entgegen, freu' dich mit deinen Eltern, denn dein und ihr Glck ist
gemacht.

Maono? war alles, was Laykas herausbringen konnte, und sie fhlte
dabei, wie roth sie wurde.

Maono? meinte der Alte, verchtlich mit den Schultern zuckend, whrend
sich doch ein verschmitztes Lcheln ber seine Zge stahl, wer ist
Maono? So viel fr den! Hat er doch nicht Reis genug fr den morgenden
Tag und steckt nicht umsonst da mitten im Walde, um von Frchten und
Waldfleisch sein Leben zu fristen! Laykas ist fr etwas Besseres
aufbewahrt.

Fr =Besseres=, Vater? sagte das Mdchen leise, und die mit Wasser
gefllten Bambus wurden ihr in dem Augenblick so schwer, als ob sie sich
in Blei verwandelt htten. Kaum konnte sie mit ihnen den letzten Gang
bis zur Htte ersteigen. Fr was Besseres, Vater? wiederholte sie hier
noch einmal. Ich verlange nichts Besseres von Allah -- mge er es mir
gewhren.

Nichts Besseres? lachte aber der Alte und konnte sich gar nicht wieder
zufrieden geben. Wenn die Kinder nicht wissen, was ihnen gut ist,
mssen's die Alten soviel besser verstehen. Aber hr', Laykas was ich
dir sagen will, und fasse dich, denn solche Freude und Ehre wirst du
nicht erwartet haben.

Freude? -- Ehre? rief das arme Mdchen erstaunt und eingeschchtert,
denn bei all den Vorbereitungen begann ihr nichts Gutes zu ahnen.

Nun, ich will dich nicht lnger zappeln lassen, schmunzelte der Alte;
so hre denn, =Schang-hai= hat dich von mir zum Weib begehrt.

Schang-hai? rief Laykas, und der Stab glitt von ihrer Schulter nieder,
da die beiden Bambus umfielen und das Wasser in sprudelndem Quell
wieder den Berg hinunterschickten.

Ja -- der reiche Schang-hai, erwiderte mit selbstzufriedenem Lcheln
der Javane, den Schreck der Tochter natrlich der Freude und
berraschung zuschreibend. Aber lt du nicht das ganze Wasser wieder
den Berg hinunterlaufen, Laykas? Nun la nur sein, von jetzt an wirst du
Diener haben, die das fr dich thun. Allah segne mich! Htte ich doch
nie geglaubt, die Freude an meinem Kind -- und nur eine Tochter -- zu
erleben! Aber morgen mit dem Frhsten gehst du zum Bach hinab und badest
dich, bindest dann deinen besten Sarong um, und wenn die Sonne ber die
Palmen steigt, werde ich dich zu deinem Brutigam fhren!

Brutigam? sthnte Laykas, ihr Antlitz in den Hnden bergend und dann
mit stierem, entsetztem Blick zu dem Vater aufschauend; Schang-hai --
der furchtbare, entsetzliche Mensch, mein -- mein =Brutigam=?

Nun ja, =hbsch= ist er gerade nicht, lachte der Alte gutmthig,
darauf kommt auch nicht viel an. Aber =reich= ist er -- steinreich, und
dein Vater braucht jetzt nicht Haus und Feld aufzugeben und wieder in
den Wald hineinzuziehen, wie ich es thun mte, wenn Schang-hai nur
daran dchte, seine Forderung einzutreiben. -- Du bist ein braves Kind,
mein Herz, und machst deinen Eltern viele, viele Freude.

Laykas erwiderte kein Wort; wo sie stand, kauerte sie sich auf den Boden
nieder und legte den Kopf auf ihren Arm. Sie wute, ihr Schicksal war
besiegelt, ihres Vaters Wille Gesetz, und kannte den Alten zu gut, um
auch nur einen Augenblick daran zu zweifeln, da er Ernst, bittern Ernst
aus seiner Drohung machen wrde. Sie war das Weib des gefrchteten
Schang-hai, dessen Nhe allein sie schon mit Entsetzen erfllte, und
wenn die morgende Sonne ber die Wipfel ihrer Bume schien, -- ein
Schauder berrieselte sie -- fhrte sie ihr Vater in die Arme des
Schrecklichen, der von da an Macht und Gewalt ber sie haben sollte ihr
Leben lang.

Kelah betrachtete die ineinandergeknickte Gestalt der Tochter wenige
Minuten schweigend. Er mochte wohl ahnen, was in ihr vorging, kannte er
doch den Abscheu, den alle Kinder -- ja fast alle Erwachsene in den
Bergen vor dem alten Chinesen hatten, und frchtete er ihn doch selbst
weit mehr als er ihn liebte. Die Sache war aber einmal abgemacht und
nichts weiter daran zu thun, und die Tochter mochte jetzt, ehe er weiter
mit ihr darber sprach, mit dem Gedanken ein wenig vertraut werden. Da
sie sich seinem Willen nicht widersetzte, verstand sich von selbst. Er
ging deshalb in sein Haus zurck, um fr sich selber auf den morgenden
Tag seinen besten Staat, Kopftuch und Sarong, die rothe Kattunjacke und
seinen schnsten Khris hervorzusuchen. Es war ja auch eigentlich bei
der ganzen Sache nichts weiter zu besprechen und alles Nthige so gut
wie abgemacht.

Staunend sahen inde Laykas' Geschwister die Trauer der Schwester, ber
deren Ursache sie sich nicht Rechenschaft zu geben wuten. Was es
bedeute, des Schang-hai Frau zu sein, wuten sie noch nicht, und darum
brauchte Laykas doch nicht das mhsam heraufgetragene Wasser wieder den
Berg hinunterlaufen und den Kopf hngen zu lassen. Nur ein unbestimmtes
Gefhl sagte ihnen, da mit der geliebten Schwester doch eigentlich
Alles wohl nicht so sei, wie es sein solle, und wie der Vater nur erst
einmal ins Haus gegangen war, drngten sie sich ngstlich schchtern um
sie her, zupften sie am Sarong und baten sie leise und schmeichelnd
aufzustehen und sie wieder anzusehen wie vorher.

Das Zureden der Kinder aber weckte den bis dahin gewaltsam
zurckgedrngten Schmerz der Jungfrau. Alles, was sie bis dahin lieb
gehabt, an dem ihr Herz gehangen, sollte sie jetzt verlassen und dafr
das Furchtbarste eintauschen, was ihrer Seele nur in Schrecken und
Entsetzen vorschwebte -- das Weib des Mannes zu werden, von dem sie
jetzt nicht einmal wute, ob sie ihn mehr frchtete oder mehr
verabscheute. Ihre Thrnen flossen unaufhaltsam, und der ganze zarte
Krper zitterte in der furchtbaren, kaum mehr gebndigten Bewegung.

Die Sonne sank, und sie sa noch immer auf der Stelle -- die Kinder
waren zum Haus hinaufgelaufen, dem Vater zu sagen, da Laykas krank wre
und weinte. Dieser bedeutete sie aber, die Schwester zufrieden zu
lassen, sie wrde schon wieder von selber froh und heiter werden.

Als es dunkelte, ging endlich die Mutter zu ihr hinaus.

Laykas, sagte sie freundlich, die Hand auf ihre Schulter legend, komm
herein ins Haus -- der Vater wird sonst bse, und der Thau fllt auch
schon stark.

Mutter, sthnte das arme Kind und fate die Hand der Frau; ich kann
nicht -- ich =kann= nicht das Weib Schang-hai's werden.

Der Vater hat's gesagt, seufzte die Frau leise und mitleidig, das zu
ihr gewendete, von Thrnen berstrmte Gesicht des Mdchens streichelnd.
Du weit, was der sagt, mssen wir thun. Mir wr's auch lieber, ein
armer Javane htte sein Jawort erhalten, als der alte reiche Snder,
aber -- was geschehen, ist nun einmal nicht zu ndern. So komm, Laykas,
komm mit ins Haus und fasse Muth. Es wird vielleicht noch Alles besser
gehen, als wir jetzt denken.

Und Maono? seufzte das Mdchen mit angstgepreter, zitternder Stimme.

Wer kann's ndern? meinte die Mutter, mit den Achseln zuckend. Unser
Geschlecht ist dazu bestimmt, Leiden zu ertragen, und wir drfen nicht
murren. Es ist Allahs Wille. Der arme Bursch thut mir auch leid, setzte
sie leise hinzu, aber was kann er gegen den reichen Chinesen in die
Wagschale werfen?

Und opfert er jetzt nicht sein Leben, die Nachbarschaft von den
gefhrlichen Tigern zu befreien? rief Laykas. Haust er jetzt nicht
allein und abgeschieden mitten im Wald in steter Gefahr, von den Bestien
selber erfat zu werden, nur um eine kleine Summe zu erschwingen, da
wir zusammen den Hausstand beginnen knnten, gegen den selbst der Vater
bis jetzt nichts einzuwenden gehabt?

Das ist alles wahr, mein Kind, sagte die Mutter, das aufgeregte
Mdchen freundlich begtigend, aber damals hatte Schang-hai noch nicht
um dich gefreit, und du weit selber, welche groe Hlfe der fr uns
ist. Das einzige Reisfeld, von dem wir unsere Nahrung ziehen, ist in den
Hnden deines knftigen Mannes, selbst die Arenpalmen um unsere Htte
her gehrten nicht mehr unser, wenn es Schang-hai gefiele, sie zu
fordern. Die Bffel, die unser Feld bearbeiten, haben wir von ihm
geborgt, er kann sie jeden Augenblick zurckfordern. Die Weide selbst,
auf die wir sie treiben, gehrt dem Chinesen, und schon lange habe ich
mir gedacht, da er nicht umsonst so nachsichtig und gtig mit uns
gewesen und seinen Lohn wohl eines Tages einfordern wrde. -- Und doch
hab' ich ihm unrecht damit gethan, denn er hat dich zum =Weibe= begehrt,
und damit uns armen, niederen Leuten, wie auch dir, die grte Ehre
erwiesen, die ein so hochstehender Mann Jemand nur erweisen kann.

Ehre -- Ehre! jammerte das arme Mdchen, mir bringt diese Ehre den
Tod -- und Maono, armer Maono!

Sie stand langsam auf, schttelte die Thrnen von ihren Wimpern und
folgte der Mutter langsam in das Haus, wo sie den Vater schon behaglich
auf seiner Matte ausgestreckt und seine Pfeife rauchend fanden.


3.

Laykas ging ruhig in die Ecke, in der ihr Lager auf einem niederen
Bambusgestell bereitet war, und wenn sich der Alte auch ein paarmal
nach ihr umdrehte und sie augenscheinlich anzureden wnschte, unterlie
er es doch jedesmal wieder. Sie mochte sich die Sache die Nacht ber
durchdenken, wenn sie nur morgen dann ein frhliches Gesicht zeigte --
nur bis die Feierlichkeit berstanden war. Nachher mochte Schang-hai
allein sehen, wie er mit ihr fertig wurde.

Nach und nach wurde es still in dem kleinen dunklen Raum; drauen
rauschten die Palmen ihr flsterndes Nachtlied durch den Wald und der
unten vorbeispringende Bergstrom sandte das Gerusch des fallenden
Wassers in leisem, dumpfem Murmeln bis hierher. Dann und wann vielleicht
unterbrach der gellende Schrei eines Nachtvogels die heilige Stille, und
einmal tnte dumpf und hohl das gierige Gebrll eines Tigers vom Wald
herber. Dann war alles wieder still. Laykas konnte ihr Herz schlagen
hren, wie es mit ngstlichem Klopfen ihr den Schlaf von den Lidern
trieb.

Und morgen? -- Der Kopf brannte ihr im Fieber, wenn sie an den morgenden
Tag dachte! So mute dem unglcklichen Verbrecher zu Muthe sein, der mit
der nchsten Sonne zum Richtplatz gefhrt werden sollte und jetzt, an
Ketten, im festen, verschlossenen Raum, des Henkers harrte, der ihn
hinaus zum Galgen fhren sollte. -- Und =war= sie denn eingeschlossen
und gefesselt? -- Als ob ein scharfer Khris ihr Herz getroffen, so fuhr
sie bei dem Gedanken empor. -- Flucht -- Flucht vor der Gefahr war noch
mglich -- aber wohin? --

Wohin? -- Gleichviel, und wenn in den Tod! Lieber die Glieder im tiefen
Strom gebettet, als in das Haus jenes furchtbaren Menschen! Lieber von
den Tatzen des gierigen Tigers zerrissen, als von den Armen des
Gefrchteten umschlungen! Und hatte sie denn nicht des Vaters Spruch dem
Tode schon geweiht? War denn das =Leben=, wenn sie Tage, vielleicht gar
Wochen, Jahre in jenem furchtbaren Elend vergehen -- sterben mute?

In immer rascheren Schlgen pochte ihr Herz, das die fest darauf
geprete Hand nicht mehr zu bndigen vermochte, und der Athem stockte
ihr, als sie sich leise und geruschlos auf ihrem Lager aufrichtete, um
auf den Schlaf der Ihrigen zu lauschen. -- Sie athmeten tief und ruhig
-- ihr Vater trumte wohl gar von dem Glck und Heil, das er mit der
Tochter Opfer ber seine Htte gebracht, und sah im Geist sich schon
geachtet und geehrt -- ja warum nicht auch =gefrchtet= von den
Nachbarn. -- Fort! -- Das war der einzige Gedanke, der sie jetzt trieb.
-- Fort aus der Heimath -- aus der Eltern Haus, von dem Herzen der
Mutter fort, an der sie mit inniger Liebe hing, von den Geschwistern,
fr die sie ihr Leben gern geopfert htte -- denn das war mehr als Tod,
was man von ihr verlangte!

In der Htte war es vollkommen dunkel; nur durch einen Spalt der
geflochtenen Bambuswand schaute hell und blinkend ein Stern herein.
Geruschlos glitt sie von ihrem Lager nieder und ber den Boden hin.
Htten sie selbst gewacht, sie wrden die Flucht des Mdchens nicht
vernommen haben. Wie sie die Thre erreichte, richtete sie sich auf und
blieb an der Schwelle stehen. Ohne Abschied sollte sie fort, von allen,
die ihrem Herzen theuer waren -- ohne ein freundliches Wort von der
Mutter, ohne eine Umarmung von den Geschwistern? -- Aber sie durfte
nicht zgern -- der Vater regte sich auf seinem Lager. Wenn sie jetzt
entdeckt wurde, ehe sie das Freie erreicht hatte, war sie verloren.

Sie ffnete den hlzernen Drcker der Thr so leise als mglich, und
stand im nchsten Augenblick auf der Schwelle. Rasch fiel die Thr
wieder hinter ihr ins Schlo, und whrend sie im Haus drin Stimmen zu
hren glaubte, glitt sie ber den kleinen freien Platz, der ihre Wohnung
umgab, hinweg und in den Schatten eines dichten Mangustengebsches
hinein, das, mit anderen Fruchtbumen wechselnd, bis zum Rand der
Reisfelder lief. In dunkler Nacht brauchte sie hier keine Verfolgung
mehr zu frchten -- sie war gerettet.

Gerettet? -- Guter Gott -- wie hatten noch gestern Abend diese Bume,
unter denen sie jetzt stand und die ihrer Eltern Haus umgaben, diese
Palmen und Pisang so traulich, so heimlich gerauscht, wie lieb war jedes
Blatt ihr da gewesen, und jetzt! -- Stand sie nicht so wenige Stunden
spter wie eine Fremde in dem trauten Hain, und lag die Welt, nur wenige
Schritte von dem Vaterhaus entfernt, nicht pltzlich so kalt und de um
sie her, als ob sie, inmitten all des Glckes und Segens, das Gottes
Hand darber hingestreut, doch weiter nichts als eine Ausgestoene wre?

Wohin jetzt? -- Wie sie zuerst den Gedanken an Flucht erfate, war es
der Tod, den sie suchen wollte, um sich von aller Noth, von allem Elend
zu befreien. Jetzt aber, wo der Himmel wieder hell und klar mit all
seinen tausend und tausend Sternen ber ihr blitzte, wie sie wieder das
Flstern der Bume, das Murmeln des Baches hrte, da klammerte das
jugendliche Leben sich auch wieder fest und innig an die Welt, und
unwillkrlich fast, ehe sie sich nur selber eines bestimmten Ziels
bewut war, floh ihr Fu jetzt von der Richtung fort, in der der
reiende und tiefe Bergstrom lag. In der Flucht aber, mit der freien
Bewegung ihrer Glieder den Krper von der frischen Nachtluft gekhlt,
mit dem Bewutsein, jetzt zum erstenmal in ihrem Leben selbststndig,
unabhngig, ja sogar der Willkr ihres Vaters entgegen zu handeln,
krftigte sich auch der Muth des armen flchtigen Kindes. Ihr Auge
blitzte khner und entschlossener, ihre kleine Hand ballte sich fast
krampfhaft und die fest zusammengepreten Zhne, die keck und trotzig
aufgeworfenen Lippen verriethen das zu seinem Selbstbewutsein erwachte
Weib.

Unschlssig hatte sie allerdings noch einen Augenblick gestanden, als
sie das nchste Thal erreichte. Aber nicht mehr ber das Ziel, dem sie
zufliehen wollte, war sie in Ungewiheit -- =das= sollte Batavia sein,
so fern dasselbe auch lag, denn dort zwischen den Fremden, von denen sie
schon soviel erzhlen gehrt, durfte sie am leichtesten hoffen,
unentdeckt zu bleiben. Arbeiten wollte sie ja, was ihre Krfte nur
vermochten, und von frh bis spt; war sie das schwerste Mhen doch von
Kindesbeinen auf gewohnt! -- Dorthin reichte auch nicht der Arm
Schang-hai's, und einmal nur aus dem Distrikt hinaus, indem der
Schreckliche zu herrschen schien, glaubte sie nichts mehr von ihm
frchten zu drfen.

Aber sollte sie ihre Berge verlassen, ohne ein Wort des Abschieds von
dem Geliebten? -- Sollte er denn nicht einmal wissen, wohin sie den Fu
gewandt? -- Schreiben, wie es die Weien und Chinesen thaten, konnte sie
nicht, und wie htte ihn je eine mndliche Botschaft erreicht, die nicht
zugleich ihren neuen Aufenthalt zu verrathen drohte? Dort drben, wo der
dunkle Waldesschatten, vom Mond nur schwach beschienen, lag, oben am
Hgelhang, mitten im wilden Dickicht, hauste er, und durfte sie dorthin,
allein, bei Nacht den Fu zu setzen wagen? -- Jene Gegend war ihrer
Tiger wegen gefrchtet, und grade deshalb hatte sich Maono dort
niedergelassen, um desto eifriger den Fang betreiben zu knnen und sein
hchstes Ziel, den Besitz seines treuen Mdchens, zu erreichen. Wohl
getraute sie sich den Pfad zu finden, der zu der einsamen Htte fhrte
-- denn mit der Mutter war sie vor noch gar nicht so langer Zeit einmal
am Tage dort gewesen, um Arekansse zu holen. Wie aber durfte sie der
Gefahr trotzen, von den lauernden Bestien berrascht zu werden? Nachts
und im Dunkel, ob der Mond am Himmel steht oder nicht, kommt der Tiger
aus seinen Dickichten, in denen er den Tag ber versteckt gelegen,
hervor und schleicht ins Freie hinaus, seine Beute zu erlegen. Ein Rind,
das er trifft, ein Pferd, ein Stck Wild, es ist ihm alles willkommen,
und gleich gierig strzt er ber alles her. Die Bestien aber, welche
schon einmal in frherer Zeit Menschenfleisch gekostet, und denen
dasselbe wohl geschmeckt haben mochte, ziehen von da an diese Beute
jeder andern vor. Das sind dann die gefhrlichsten Raubthiere, und dem
Menschen mit ihrer furchtbaren Kraft, ihrer List und Blutgier vor allen
anderen furchtbar. Der Javane nennt diese denn auch in ganz besonderer
Auszeichnung die Menschenfresser.

Laykas zgerte, aber es war nur ein Augenblick. Wie klein schien ihr
diese Gefahr gegen die andere, der sie sich erst gewaltsam durch die
Flucht entzogen! Stieg nicht der Mond gerade in all seiner Pracht und
Klarheit, fast gefllt, am stlichen Himmel empor? Der leuchtete ihrem
Pfad -- er und die Liebe sollten sie fhren! Und hatte sie Maono von
ihrem Plan in Kenntni gesetzt, wute =er=, und nur er allein, wohin sie
sich gewandt, und weshalb sie den verzweifelten Schritt gethan, dann
konnte sie auch mit frhlichem Muth, mit leichtem Herzen ihren weiten,
mhseligen Marsch durch fremde unbekannte Distrikte, zu fremden
Menschen, in eine ihr fremde Welt antreten, und das arme hlflose
Mdchen sah, trotz der Gefahren, die berall ihre Bahn umlauerten, mit
froher, ruhiger Zuversicht der ungewissen Zukunft entgegen.

Wie sie freilich in dem fernen Batavia, wenn sie es erst glcklich
erreicht, ihr Leben fristen sollte, war ihr jetzt selber noch nicht
klar. Nur das fhlte sie, da sie arbeiten konnte und wollte, und aus
ihrer Gegend selbst waren ja schon in frherer Zeit Einzelne dorthin
ausgewandert, und mit Geld und guten kostbaren Kleidern zurckgekehrt --
warum sollte es =ihr= dort fehlen?

Rstig schritt sie, nur dann und wann einen scheuen Blick zurckwerfend,
ob sie nicht verfolgt wrde, ihrem schmalen Pfade entlang, der sie,
sobald sie das Fruchtdickicht ihrer eigenen Heimat verlassen, am
Hgelhang hin, und zwischen einer Anzahl von Reisfeldern hindurchfhrte.
Es war ein beschwerlicher Weg, bei dem unsicheren Licht des kaum
aufgegangenen Mondes die schmalen schlpfrigen Raine zwischen den unter
Wasser gesetzten Reisfeldern einzuhalten, aber sie kannte hier jeden Fu
breit Boden und wute, da sie rascher vorwrts eilen konnte, sobald sie
nur einmal die steinigen Hgelhnge, in denen ihr jetziges Ziel lag,
erreicht hatte.

Hier begann freilich auch das Gebsch, wilder Pisang, prachtvolle Farn-
und einzelne Arekapalmen, mit einem dichten Unterholz anderer Laubbume
-- hier begann fr sie die Gefahr in den Hinterhalt eines der furchtbaren
Raubthiere, und der blutgierigen Bestie in den Rachen zu laufen, und als
sie den dsteren Waldesschatten erreichte, in den der Mond jetzt seine
wunderlichen Lichter warf, blickte sie im Anfang scheu und rasch umher
und hielt auch wohl den flchtigen Schritt pltzlich an, um irgend einem
fremdartigen Gerusch, einem Rascheln im Busch besser zu lauschen, das
ihr Herz schneller klopfen machte. Das aber waren immer nur Momente;
ihre Flucht hielt es nicht auf, und eine Ravine kreuzend, erreichte sie
jetzt wieder, kaum noch tausend Schritt von der Htte entfernt, in der
Maono seine Wohnung aufgeschlagen, einen offenen Strich Landes, durch
den die breite, gut in Stand gehaltene Strae am Rand der Ravine hin
lief. Diese Strae fhrte von Tji-dasang aus zuerst nach dem groen Gut
eines Chinesen, und stand weiter unten mit der Javanischen
Hauptpoststrae, die durch die ganze Insel luft, in Verbindung. Diese
Strae mute sie ebenfalls kreuzen, der Pfad aber, den sie kannte, und
der durch die ihr gegenberliegende Dickung fhrte, lag etwas weiter
oben, gerade an der Stelle, wo eine wohl dreiig Fu hohe Farnpalme
ihren federnartigen Wipfel ber dem Fuhrweg schaukelte. Gerade durch den
Wald zu brechen wre ihr, selbst am hellen Tag nicht mglich gewesen, so
dicht in einander flocht diese gewaltige Vegetation ihre Zweige und
Lianen, und rasch der Strae aufwrts folgend, sah sie schon von weitem
den Schatten der Palme ber die weie Strae hinber hngen, als sie,
dicht neben sich im Weg sich etwas regen sah.

Mit einem halben, kaum unterdrckten Aufschrei flog sie zurck, und wie
gelhmt erstarrten ihr in dem Moment, vor dem entsetzlichen, jede
Willenskraft vernichtenden Schreck die Glieder, denn vor ihr stand, halb
scheu unter seinen groen Hut zurckgedrckt, und doch auch wieder fast
eben so berrascht, wie sie selber, auf sie schauend, der furchtbare
Schang-hai. Die kleine, breite, wie zum Sprung ineinandergeprete
Gestalt war nicht zu verkennen, und seine Augen schienen wie glhende
Lichter nach ihr herber zu funkeln.

Allah schtze mich! sthnte die Jungfrau. Als ob aber mit den
herausgestoenen Worten der Zauber gebrochen wre, der sie bis dahin
gefangen gehalten, so floh sie jetzt, einem aufgescheuchten Reh gleich,
mit Blitzesschnelle der Farnpalme zu, und dort mit einem Sprung den
weiten Graben berfliegend, in den Wald hinein. Scheu drehte sie den
Kopf zurck -- sie hrte Schritte hinter sich -- das Laub raschelte, und
kaum ihrer Sinne noch mchtig, verfolgte sie ihre Flucht in wilder Hast
immer den Pfad entlang, bis sie sich endlich an der wohlbekannten Gruppe
von Arekapalmen fand. Wieder glaubte sie ein dumpfes Gerusch hinter
sich zu hren, aber durch die Palmen hin kannte sie einen nheren Pfad
zur Htte, und glitt wie eine Schlange in den dunklen Schatten des
dichten Unterwuchses von Pisang- und Cacaobschen hinein. Jetzt hatte
sie das Bambushaus erreicht -- die hohen Stufen flog sie hinan, prete
den Drcker nieder, und als dieser dem Griff nachgab, und die Thr sich
in ihren Angeln drehte, brach sie, nicht mehr im Stande die furchtbare
Aufregung der letzten Stunden zu ertragen, auf der Schwelle ohnmchtig
zusammen.


4.

Mitten im wilden, dichten Wald auf Java, findet der Wanderer oder Jger,
wenn er sich durch einen halbverwachsenen alten Pfad Bahn gehauen,
manchmal weite Gruppen schlanker hochstmmiger Cocos- und Arekapalmen in
der tiefsten Wildni stehn. Sonst sind dies stets, besonders die
letzteren, sichere Zeichen von der Nhe menschlicher Wohnungen, und
noch mehr besttigen gewhnlich schattige Fruchtdistrikte von
Mangusten-, Romboutan-, Nangka- und Manga-Bumen, und wie die
wundervollen Bume alle heien, solche Vermuthung, und scheinen dem
Fremden wie bittend die beladenen Zweige entgegenzustrecken, da er sie
nur in etwas von ihrem drckenden Reichthum befreien mge. Und doch
wrde in den meisten Fllen der mit dem Land Unbekannte kaum ein Merkmal
finden, da solche Stelle je bewohnt gewesen und noch andere Geschpfe
als Tiger und Rhinoceros hier dem weichen Boden ihre Fhrten
eingedrckt.

Und dennoch standen dort frher die leichten Htten der Eingeborenen,
deren Spur jetzt freilich der Zahn der Zeit vom Boden vertilgt, und ihre
letzten berreste unter der verwesenden dichten Laubdecke dieser ppigen
Vegetation begraben hat. Nur die Natur selber blieb ewig jung, und hher
und krftiger noch hoben die Palmen ihre wehenden Kronen empor, und
schauten stolz und khn aus dem dichten Laubmeer hervor, das sie ringsum
berragten.

Unter diesen Palmen und dem wilden Gewirr von Pisang, Farren, Lianen und
andern Fruchtbschen hat in frherer Zeit einmal ein urbargemachtes Feld
gelegen und des Menschen fleiige Hand dem Boden Nahrung fr sich
abgezwungen. Kaum aber wurden die Menschen wieder abgezogen, so
forderte der Wald sein Eigenthum mit herrischer Gewalt zurck, streute
seinen Saamen darber hin, und trieb die alten, bis dahin nur mit Noth
und Mhe zurckgehaltenen Wurzeln auf's neue in krftigen Schlingen
empor. Was dabei die Vegetation allein zu leisten vermag, beweisen schon
die Pisang oder Bananenstmme; denn in sechs Monaten treiben diese einen
Stamm von Beinesdicke, um im nchsten Jahr den Boden damit zu dngen,
und fnf oder sechs hnlichen Schlingen Saft und Nahrung zu geben.

Solche todte Kampongs sind fast immer, und mit nur wenigen Ausnahmen,
in frherer Zeit der berhand nehmenden Tiger wegen von ihren Bewohnern
gerumt worden, die lieber ihre Fruchtbume und das mhsam bestellte
Feld im Stich lieen, um nur der gefhrlichen Gesellschaft zu entgehen.
Weiter dem bebauten Lande zogen sie dann zu, und wenn sie da auch ihre
Arbeit von vorn beginnen, und das Wachsen neu gepflanzter Palmen und
Fruchtbume erwarten muten, waren doch ihre Familien auch mehr
gesichert, und Frau und Kinder brauchten nicht mehr, selbst in der Thr
der Htte, wie das im Walde oft der Fall gewesen, den Angriff des
gierigen Rubers zu frchten. Von den verlassenen Pltzen aber nahm der
Frst der Javanischen Waldung, der Knigstiger, Besitz, und in der neu
und dicht aufschieenden Wildni konnte er seine Tage sicher und
ungestrt vertrumen, um dann erst Abends mit der Dmmerung seiner Beute
nachzugehn.

Auch diese Stelle, durch die der Fu der armen gengstigten Maid
geflohen, war ein solcher todter Kampong, und die Tiger hatten sich in
der Nachbarschaft so vermehrt, da sie sogar von dort aus die dicht
besiedelten Nachbardrfer aufsuchten und Schrecken und Entsetzen unter
den Bewohnern verbreiteten. Nicht allein sah sich die hollndische
Regierung dadurch genthigt, in der letzten Zeit einen erhhten Preis
auf die Einbringung oder Tdtung dieser gefhrlichen Raubthiere zu
setzen, sondern die Eingeborenen selber waren zusammengetreten und
sicherten noch besonders dem glcklichen Erleger eines Tigers reiche
Belohnung zu. Konnten sie doch nur auf solche Art hoffen, von ihnen
befreit zu werden, und ihre grimmen Reih'n gelichtet zu sehn.

Bei den Eingeborenen ging aber dabei nicht allein das Gercht, sondern
war in ihrem angsterfllten Hirn, von aberglubischer Furcht gestachelt,
zur festen berzeugung herangewachsen, da zwischen ihnen ein
=Menschentiger= sein entsetzlich Wesen treibe. Zu viele Menschen, und
zwar lauter Javanen, waren gerade in den letzten Monaten im Wald und
selbst bei ihrer Arbeit auf den dicht am Wald liegenden Feldern
zerrissen worden, von denen man viele unversehrt, nur mit zerrissener
Kehle wieder aufgefunden. Unter ihnen hatte jedenfalls ein solches
Ungeheuer gewthet, und der Preis, den die Eingeborenen unter sich auf
den Fang desselben gesetzt, wre hoch genug gewesen, den glcklichen
Jger zum reichsten Mann des Kampongs zu machen, -- nur da sich der
Menschentiger eben nicht fangen =lie=.

Diese hohen ausgesetzten Preise waren denn auch die Ursache gewesen, da
sich Maono, ein junger krftiger Sundanese -- wie die Bewohner der
stlichen Gebirgshlfte von Java im Gegensatz zu den westlichen, den
Javanen, eigentlich heien -- dem gefhrlichsten Handwerk, das seine
Berge kennen, dem Tigerfang ausschlielich zugewandt. Er hatte es aber
nicht aus Gierde nach Schtzen gethan, denn der wackere Bursch bedurfte
deren fr sich selber nicht; sondern nur um sein Mdchen, seine Laykas,
dem drngenden Vater abzukaufen, und fr sich selber dann, an ihrer
Seite, ein neues stilles Leben zu beginnen, whlte er sein gefhrliches
Geschft, durch das allein er hoffen durfte, in kurzer Zeit ein kleines
Capital zurckzulegen -- wenn ihn nicht die Tiger selbst zerrissen. Ohne
Laykas aber konnte er sich das Leben doch nicht denken, und was galt ihm
jetzt die Gefahr, der er sich hier jede Stunde aussetzte, wenn er damit
die Hoffnung gewann, ihren Besitz zu erkaufen! Dieser Platz schien ihm
dabei vor allen andern passend, sein Vorhaben auszufhren, und in dem
Dickicht selber, in dem er sich mit seinem Klevang einen kleinen Raum
freigeschlagen, errichtete er aus Bambusstben seine feste Htte, deckte
sie mit den Fasern der Arekapalme und Bambuslaub zu festen Matten
geflochten, und stellte Fallen, legte Gruben an und fing in rascher
Reihenfolge fnf starke Tiger, die er allein mit seiner Lanze in der
Grube tdtete.

Maono war an dem Abend erst mit der Dmmerung nach Hause gekommen. Vor
einigen Tagen fast selber von einem riesigen Tiger berrascht, dessen
Wechsel er in dem Pfad, nahe bei seiner Htte gesprt, hatte er kurz vor
Dunkelwerden eine neue Grube beendet und mit der Lockspeise belegt, und
sich jetzt, mde und erschpft vom schweren Graben und Balkenschleppen,
auf sein Lager geworfen. Aber sein Schlaf, fortwhrend von Gefahr
umgeben, war nur leicht, und wie der Griff seiner Thre niederklappte,
diese sich ffnete und eine dunkle Gestalt auf seiner Schwelle
zusammenbrach, griff er die Lanze auf, die immer dicht neben ihm an
seinem Lager lehnte, und fuhr, sprungfertig wie der Tiger selber, empor,
dessen Angriff er fast frchtete.

Aber Alles blieb ruhig -- drauen rauschte der Wald, die Frsche
quackten in dem nahen Sumpf, und laut und donnernd schlug pltzlich ein
wild drhnendes Gebrll an sein Ohr.

Ha? lachte der junge kecke Jger vor sich hin, hast du das Weite
wieder gesucht, mein Bursche, wie du das Lager des Feinds gewittert? --
Aber nein -- das konnte der Tiger nicht sein, denn der steckt noch dort
im Alang Alang[40] drauen, und folgt vielleicht jetzt gerade meiner ihm
gelegten Witterung. Aber die Thr ffnete sich doch, und ich dchte, ich
htte vorhin einen dunklen Schatten dort gesehen. Vorsichtig, mit
vorgehaltener, zur Vertheidigung oder zum Angriff bereiter Lanze nherte
er sich langsam der Thr; der Mondenschein fiel hell und voll darauf,
und bald erkannte sein scharfes Auge eine da kauernde menschliche
Gestalt.

Der Menschentiger! knirschte er zwischen den Zhnen durch, und die
krampfhaft gepackte Lanze drngte sich fast unwillkrlich zurck, zum
Todessto ausholend. -- Aber das sah nicht wie ein Angriff aus; die Arme
fortgestreckt vom Krper lag die dunkle Gestalt still und regungslos zu
seinen Fen -- in seiner Gewalt. So htte sich ihm das Ungeheuer, das
er mehr frchtete als alle Tiger der Welt, im Leben nicht preis gegeben.
Das war ein Mensch. Und als er endlich, noch immer scheu und vorsichtig
und sprungbereit dem fremden Wesen nher trat, und sich langsam und
scheu niederbog, um es mit der Hand zu berhren, da fhlte er unter den
Fingern das weiche warme zarte Fleisch und wute jetzt, da es ein
jedenfalls im Wald verirrtes Weib sein mute, das vor den Tigern
flchtend, hier bei ihm Schutz gesucht.

Er stellte die Lanze neben die Thr, und beugte sich nieder, die Arme
aufzuheben und in die Htte zu tragen, als der bewutlose Krper wieder
Leben gewann. Die erste Bewegung aber war der scheu nach rckwrts
gedrehte Kopf, ob der Entsetzliche ihr folge und -- Laykas! schrie
Maono, und schlang staunend und erschreckt den Arm um die Geliebte.

Schtze mich, Maono! war aber alles, was Laykas im Anfang ber die
bleichen Lippen bringen konnte, und zugleich drngte sie sich jetzt
scheu von der Thr hinweg.

Frchte dich nicht, mein Herz, sagte Maono freundlich ihre Angst
beschwichtigend. Wenn ich auch nicht begreife, wie du in Nacht und
Dunkel den Weg -- Allah schtze mich! rief er pltzlich, in
Todesschreck emporfahrend -- wie bist du denn zu dieser Htte gekommen?
Den Pfad entlang?

Den Pfad entlang, bis zum Pinangdickicht, und dann in wilder Flucht
durch die Stmme und Dornen durch, die mir die Haut zerfleischten.

Dich hat dein guter Geist beschirmt, sprach Maono, liebkosend ihr die
Haare aus der feuchten Stirn streichend. Aber um deiner Liebe willen,
Laykas, was fhrt dich in der Nacht in dieses Dickicht, das selbst die
Mnner deines Kampongs nur am hellen Tag in Trupps betreten? Wenn du nun
in die Klauen einer der gierigen Bestien gefallen wrst? Wie elend wre
ich gewesen, ob ich auch deinen Tod blutig an ihnen gercht! Oder droht
dir Gefahr von anderer Seite, als den wilden Thieren dieser Waldung?

Das Mdchen hatte sprechen, hatte dem Geliebten die Vorgnge des letzten
Abends erzhlen, und dann ruhig von ihm Abschied nehmen wollen, um ins
weite ferne Land hinaus zu ziehn. Das Schreckbild aber, das in der
letzten Stunde wie aus dem Boden herausgewachsen, vom Mondlicht bleich
beschienen, vor ihrem entsetzten Blicke aufgetaucht war, hatte ihre
Sinne und Gedanken so betubt, verwirrt, da nur das eine Wort Raum in
ihnen fand. -- Schang-hai!

Ha! -- was mit dem? fuhr Maono auf, drngte der alte Snder deinen
Vater zum uersten? Den Tod ber ihn! Aber nicht lange mehr, so hat
Maono Geld und wird --.

Dort -- dort -- hinter mir! sthnte Laykas und deutete mit zitterndem
Arm durch die noch offene Thr hinaus ins Freie, er folgt mir --
schtze mich!

Wer? -- Schang-hai? rief Maono mit weit geffneten stieren Augen,
indem ein furchtbarer Verdacht vor seiner mit all den Schreckbildern
blinden Aberglaubens gefllten Seele emporstieg. Schang-hai -- jetzt im
Wald? -- Auf deiner Fhrte? Und rasch und unwillkrlich suchte die Hand
die fort gestellte Waffe.

Nur mit unendlicher Mhe bezwang sich das arme, zum Tod erschpfte
Mdchen endlich soweit, dem Jngling zuerst die Vorgnge der letzten
Viertelstunde, die pltzliche Erscheinung des Chinesen und ihre wilde
Flucht zu erzhlen, denn in des Geliebten Nhe fhlte sie sich
wenigstens vor augenblicklicher Verfolgung sicher. Dann aber, wie sie
sich mehr und mehr erhohlte, und Maono jetzt die Thre schlo, auf dem
kleinen Herd ein prasselndes Feuer von drren Bambusstben entzndete,
das Licht und Wrme verbreitete, und dann seine Matte zur Flamme zog,
da sie ihnen als Sitz diene, da ging sie auch auf die Vorgnge des
letzten Abends zurck, sagte, was ihr mit der heutigen Sonne gedroht und
sie zur Flucht getrieben, und bat den Geliebten jetzt mit leiser
ngstlicher Stimme sie am nchsten Morgen nur wenigstens bis durch den
Wald zu geleiten, damit sie nicht etwa nach ihr ausgeschickten
Verfolgern in die Hnde fiele, und vor allem -- dem furchtbaren
Schang-hai nicht wieder begegnete.

Maono hatte mit keinem Laut, keinem Wort ihre ganze leidenschaftliche
Erzhlung unterbrochen -- nur seine Augen funkelten, seine Glieder
zitterten, und wie unwillkrlich suchte oft die Rechte, whrend er mit
der Linken die an ihm lehnende Geliebte umfat hielt, den im Grtel
steckenden Khris. Laykas fr ihn verloren, einem Ungeheuer verkauft oder
in die Fremde hinausgestoen -- es blieb sich fast gleich, und keine
Hlfe -- keine Rettung aus dieser furchtbaren Noth! Blieb Laykas hier,
so wute er recht gut, da schon am nchsten Morgen, noch dazu, da
Schang-hai die Richtung ihrer Flucht wissen mute, Boten nach ihr
ausgesendet wrden, um sie zurckzufordern; und setzte die Unglckliche
auch ihre Flucht fort, was half es ihr -- allein da drauen im Wald --
allein in der Welt? --.

=Allein?= rief er da pltzlich, und richtete sich rasch und hoch
empor, nein Laykas, nicht allein la ich dich mehr hinaus in die fremde
Welt, nicht allein selbst durch diese gefhrdeten Waldungen mehr. =Ich=
fliehe mit dir -- die Berge kenn' ich alle, von den Reisfeldern, die an
ihrem Fue liegen, bis zu den nackten Lavagipfeln ihrer glhenden
Krater, und nicht nach Batavia gehen wir dann, zu den fremden Weien und
ihren verdorbenen Sitten, wo dein Vater auch unsere Spur wieder
auffinden und uns zurckfordern knnte in das alte Leid. Gerade Nord
hinauf ziehen wir; in Indramaju lebt mir ein Bruder, und von dort fhr'
ich dich in dessen Prau hinauf nach den tausend Inseln. Dorthin wagen
sie nicht uns --. Er hielt pltzlich inne, denn gar nicht weit von der
Htte entfernt tnte so drhnend, da das Laub auf dem Dach zu zittern
schien, das tiefe furchtbare Gebrll eines Tigers herber, dem sich ein
wilder, gellender Schrei, wie fast aus gequlter Menschenbrust kommend,
beimischte.

Der ist in der Grube! jubelte Maono, in seiner Jagdlust fast die
augenblickliche Gefahr der Geliebten vergessend, und mit dem rasch
aufgegriffenen Speer sprang er der Thr der Htte zu.

Maono! bat aber Laykas, ngstlich seinen Arm ergreifend, gehe nicht
fort von mir. La mich nicht hier allein, ich wrde vor Angst vergehen.
Und wenn nun Schang-hai wirklich meinen Schritten gefolgt wre.

Wre er's nur! zischte Maono, den Speer fester packend, zwischen den
Zhnen durch. Aber horch, Laykas -- hrtest du nicht jetzt --? -- Er
hatte die Thr aufgestoen und horchte, halb unschlssig, ob er gehen
oder bleiben solle, in die Nacht hinaus.

Ich hre nichts als das Rascheln des Windes im Wipfel der Bume,
flsterte die Jungfrau; es ist so furchtbar todt und still da drauen!


5.

Maono stand noch lange und lauschte in den Wald hinein. Es drngte ihn
hinaus, um nachzusehen, ob er den grimmen Feind gefangen, und doch
konnte er die Maid hier nicht allein zurcklassen. So verging die Nacht.
Mehr aber befestigte sich auch dabei in ihm der einmal gefate
Entschlu, die Geliebte nicht allein ziehen zu lassen, sondern mit ihr
den fernen, nicht unter Hollndischer Botmigkeit stehenden Inseln
zuzufliehen.

Und nun komm mein Lieb! sagte der junge Jger, als das erste dmmernde
Licht im Osten sichtbar wurde und rasch wachsend seinen grauen
Silberschein in die dsteren Waldesschatten warf. Er band sich dabei
sein Kopftuch fester um die langen schwarzen Haare, steckte seine Waffen
in den Sarang, band etwas Reis in ein Tuch, das sich das Mdchen um die
Schulter knpfte, und mit den unter den Fu geschnrten Sandalen trat er
hinaus vor seine Thr, Laykas an der Hand. Erst freilich wollte er noch
seine Gruben untersuchen, wenn er die gemachte Beute auch einem Andern
berlassen mute, und rasch schritt er jetzt den schmalen Pfad voran,
der Stelle zu, von wo, wie er glaubte, das letzte wthende Gebrll
herber geschallt.

Es war dies eben die letzte Grube, die er gegraben, und schon von
weitem, so viel es ihm das matte Licht des jungen Morgens zu sehen
gestattete, erkannte er die eingebrochenen Zweige der Decke, das sichere
Zeichen einer gefangenen Beute.

Ich hab' ihn! flsterte er halb zurckgewandt, mit blitzenden Augen
seinem Mdchen zu ich hab' ihn! -- Da drinn wird er kauern scheu und
tckisch und lauernd, die glutrothen Augen in Furcht und Ha zu mir
aufgedreht, wenn ich die Decke hebe. Warte, Gesell, das soll meine
letzte Arbeit hier im Lande sein, dir den Speer noch in den Leib zu
werfen -- dann mag er verbluten da unten, und die Geier sich sein
Fleisch zu Neste tragen.

Er bog sich nieder, den Hauptzweig der Decke von der Grube
zurckzuwerfen, als Laykas schchtern fragte:

Und wird er nicht herausspringen knnen, wenn du die Decke wegnimmst?

Nicht von dort, lachte nun der junge Mann, die Grube ist tief, und
der Boden durch eingetriebene Stbe in der Mitte der Art bedeckt, da
seine Hintertatzen nicht einmal einen festen Anhalt fassen knnen --
siehst du dort? --

Hlfe! tnte in demselben Augenblick eine Menschenstimme klglich zu
ihm herauf, rettet mich!

Ein Menschentiger! schrie der Sundanese in jubelnder Luft
emporspringend, ich hab' ihn, ich hab' ihn! -- Nun Laykas, gehn wir
nicht fort, nun braucht Maono nicht zu fliehn, und wenn ich deinem Vater
mit vollen Hnden Geld in's Haus geschleppt, dann mag der alte
tckische Chinese nur heimziehen nach seinem Zopf- und Opiumland.

Aber Maono, bat Laykas in Todesangst, da unten in der Grube liegt ein
Mensch.

Ein Mensch? -- Ein Tiger ist's; ich hab' ihn selbst gesehn, seine
funkelnden Augen, seine streifige Haut, seine fletschenden Zhne! -- Er
hat die Wurzel nicht, da er sich wieder verwandeln kann. Da -- sieh
dort! rief er, whrend er die bergelegten Zweige mit der Hand bei
Seite ri, siehst du die lauernde, kauernde Gestalt? -- Siehst du, wie
er sich sprungfertig hinein in die Ecke, und doch das breite boshafte
Gesicht scheu zu Boden drckt, weil er sich schmt im Sonnenscheine
ertappt zu sein?

Hlfe! tnte da wieder leise und ngstlich, da sie gehrt wrde,
dicht =unter= ihnen eine Menschenstimme, und wie Maono, jetzt selber
erschreckt, die ihm nchsten Zweige bei Seite ri, erkannte er in immer
steigendem Erstaunen erst eine menschliche Gestalt, fest und ngstlich
in eine Ecke gedrckt, die chinesische Tracht derselben, und jetzt, als
sich das Antlitz des da unten in so furchtbarer Nachbarschaft kauernden
langsam zu ihm aufdrehte, die scheuen, widerwrtigen Zge seines
Nebenbuhlers.

Schang-hai! jauchzte aber der junge Sundanese, als er seinen Verdacht
in solcher Weise gerechtfertigt und bewiesen sah, ohne daran zu denken,
dem also Gefangenen Hlfe zu leisten. Hab' ich also recht gehabt? --
Bist du mir auf die Lockspeise gesprungen und hast die Grube drunter
nicht gemerkt? -- Deine Wurzel hilft dir jetzt nichts mehr, ob du da
unten auch noch so klglich thust! Hat doch der ganze Kampong schon die
langen Jahre Verdacht auf dich gehabt, und endlich, endlich halt' ich
dich!

Schang-hai! sthnte auch Laykas und barg, zusammenschaudernd vor dem
furchtbaren Gedanken, da sie dem Entsetzlichen hatte sollen zu eigen
sein, ihr Antlitz in den Hnden. Zu sehr theilte sie brigens den
Aberglauben ihres Volkes, um nicht aus vollem Herzen alles zu glauben,
was an dunklen Gerchten ihren Stamm durchlief. Und htte der Mensch da
unten in der Grube auch neben dem Tiger aushalten knnen, wre er nicht
seines Gleichen gewesen? -- Nimmermehr! Das Raubthier wrde ihn
hundertmal zerrissen haben.

Wunderbar war es jetzt zu sehn, wie sich der Tiger in der Ecke der Grube
vor dem hellen Sonnenstrahl, wie dem Laut der Menschenstimme immer mehr
und mehr zusammendrckte, und whrend Maono in jubelnder Lust oben
stand, den Triumph so glcklichen Fanges feiernd, erhob jetzt der
unglckliche Chinese drunten mehr und mehr die Stimme und bat den
Eingeborenen, ihn doch nur um Allahs Willen, wenn er =seine= Gtter
nicht anerkenne, aus seiner furchtbaren drohenden Lage zu befreien. Er
versprach, ihn dabei zum reichen angesehenen Mann zu machen -- versprach
auf Laykas, deren Stimme er ebenfalls erkannt, zu verzichten -- er htte
seine eigene Seligkeit verpfndet, wenn man es von ihm in diesem
Augenblick verlangt, um nur von der entsetzlichen Todesgefahr befreit zu
sein, nur seine Spanne Leben zu retten.

Eine ebenso groe Gefahr drohte ihm aber in diesem Augenblick gerade von
daher, von wo er Rettung erhoffte. Maono nmlich, in der festen
berzeugung, da der gefangene Chinese wirklich ein =Menschentiger= sei,
der nur, als er sich ertappt sah, seine menschliche Gestalt wieder
angenommen, beschlo ohne Weiteres, die Gegend von diesem Ungeheuer zu
befreien. Whrend der Chinese deshalb unten bat und flehte, befestigte
Maono oben ganz ruhig und unbefangen die lange feste Leine am oberen
Theil seiner Lanze, um diese nach dem Wurf wieder zurckziehen zu
knnen, und trat dann an den Rand der Grube, die Waffe zum Todeswurf
erhoben.

Vorbereitung zum Tode, sagte er dabei ruhig, brauchst du drunten wohl
nicht, denn wer in Nacht und Finsterni in =solcher= Verwandlung
umherschleicht, wei genau, was ihm bevorsteht, wenn man ihn endlich
einmal ertappt. So nimm denn --

Halt ein -- halt ein! schrie aber der Unglckliche, der die drohende
Bewegung bemerkt, in Todesangst. Ich schenke dir Htte und Felder von
Laykas' Vater, mit all den Thieren, die ihm zugehren. Ich schenke dir
sechs meiner besten Bffel und die zwei groen Reisfelder, die hinter
deinem neuen Hause liegen. -- Ich schenke dir vier Scke Deute auerdem
und all die Arenpalmen, die auf dem Grundstck stehen, und du magst
Laykas zur Frau nehmen, -- aber wirf den Speer weg, um meines Lebens
willen -- wirf den Speer fort und reich' mir die Schnur herunter! Der
Tiger dort in der Ecke wirft immer gierigere Blicke auf mich -- ich bin
verloren, wenn du mich nicht rettest.

Maono warf =nicht=; diese ungeheuern Versprechungen, die ihm der
Gefangene machte, brachten seinen Entschlu, ihn zu tdten und seinen
Fangpreis dafr einzuziehen, doch zum Wanken. Er war damit reicher als
er es je gehofft, und in der Gewalt behielt er den Chinesen ja noch
immer.

Und wirst du halten, was du da gelobt? fragte er zgernd.

Rette mich, und ich gebe dir mehr, als ich dir versprochen, winselte
der Unglckliche.

Du willst ihn nicht tdten? fragte Laykas erstaunt, wenn du ihn
aufziehst, wird er seine Tigergestalt wieder annehmen und uns Beide
vernichten.

Dagegen giebt es ein Mittel, lachte der junge Sundanese, indem er
jetzt, von einem neuen Plan ergriffen und rasch entschlossen, die starke
Schnur von der Lanze warf, whrend er dem Mdchen die Waffe reichte.
Da, Laykas, sprach er dabei, nimm du den Speer und fass' ihn fest,
indessen ich den Burschen in die Hhe ziehe. Bleibt er, was er ist, so
werd' ich schon allein mit ihm fertig, denkt er aber zu seiner alten
List zu greifen, so bald er sich im Freien wei, siehst du das geringste
Zeichen der gelben Streifen an den Seiten, der vorgestreckten Tatzen --
dann stt du ihm die Lanze bis ans Heft ins Herz, und mit meinem Khris
schick' ich ihn rasch wieder in die Grube zurck. Und jetzt fass' an da
unten! rief er, ohne sich weiter um den daneben liegenden Tiger zu
bekmmern, dem Chinesen zu, indem er ihm die Leine niederwarf. Schling'
dir die Schnur um den Leib und ich ziehe dich herauf zu mir.

Schang-hai befolgte mit zitternden Hnden den gegebenen Befehl, scheu
dabei den Blick fortwhrend nach der kauernden, aber regungslosen Bestie
gewandt. Strker funkelten dabei die Augen des Tigers, als er seinen
Mitgefangenen sich bewegen sah, fester drckte er sich zurck, auf die
Hintertatzen zum Sprung zurckgebogen. Die tckischen Augen glnzten in
einem grnen Feuer, die kurzen spitzen Ohren waren dicht an den Kopf
zurckgelegt und die grimmen fletschenden blendendweien Zhne zeigten
sich in ihrer vollen furchtbaren Pracht. -- Trotzdem wagte er den Sprung
nicht und schien nur einen Angriff auf sich selber zu erwarten, dem er,
so gerstet, begegnen wollte.

Es war ein merkwrdiger Anblick, die Gruppe zu beobachten, die in diesem
Augenblick oben an der Grube stand. Der Chinese, der sich die Schnur um
den Leib geknpft und mit Hnden und Fen, wenn auch noch immer scheu
den Kopf nach der ihm nchsten Gefahr zurckdrehend, nachgeholfen, hatte
eben mit den Hnden den obern Rand erreicht. Maono lehnte, den linken
Arm zum bessern Halt um eine schlanke dnne Arekapalme geschlagen, den
Fu gegen ihre Wurzel gestemmt, das Seil in der Hand dort und zog aus
allen Krften den schweren kleinen Chinesen aufwrts, und neben ihm,
die gefllte Lanze zum Sto bereit in der Hand, mit funkelnden und doch
in ngstlicher Scheu blitzenden Augen, halb Muth, halb Furcht in den
belebten Zgen, stand das wunderschne Mdchen, nackt bis zum Grtel,
die schwarzen langen Locken ihre Schultern umflatternd, die Verwandlung
des Ungeheuers mit jedem Augenblick erwartend.

Aber von dem armen kleinen Chinesen brauchten sie nichts zu frchten,
und kaum hatte er den obern Rand vollstndig erreicht und sich in
scheuer Angst einen Schritt davon hinweggeschleppt, als er, zum Tode
erschpft und von dem Entsetzen der letzten Stunden aufgerieben,
bewutlos neben der Grube zu Boden brach und es ruhig geschehen lie,
da ihm der Sundanese Arme und Fe mit derselben Leine fest
zusammenschnrte, an der er ihn heraufgezogen.


6.

Unschlssig, was nun zu beginnen und welcher Weg am besten
einzuschlagen, entschlo sich Maono endlich dazu, Hlfe vom nchsten
Kampong herbeizuholen. Die Mnner dort sollten entscheiden, ob der also
ertappte und berfhrte Chinese als ein entdeckter Menschentiger noch
den Tod verdiene, wonach der Kampong selber den auf solchen Fang
gesetzten Lohn gezahlt htte, oder ob er mit dem versprochenen Lsegeld
freikomme, die Gegend aber auf immer verlassen solle. -- Das schien ihm
nach kurzer berlegung das Beste; htten doch sonst die Nachbarn gar am
Ende glauben knnen, er habe den Mann aus Eifersucht schuldlos ermordet.
Laykas deshalb mit der Waffe bei dem Gebundenen zurcklassend, damit sie
ihm dieselbe ins Herz stoe, sobald er den Geringsten Versuch mache,
sich zu befreien, eilte er jetzt so rasch er konnte, den schmalen Pfad
entlang, der aus dem Walde auf die Strae fhrte, um von dort aus den
Kampong Tji-dasang zu erreichen.

Die Mhe wurde ihm brigens erspart; denn da er die Lichtung erreichte,
fand er sich einer Schaar von Mnnern, Laykas Vater, Kelah, an der
Spitze, gegenber, die bis hierher der Spur des flchtigen Mdchens
gefolgt waren, und jetzt eben unschlssig auf der stark betretenen
Strae standen, welcher Richtung sie von hier aus folgen sollten.

Maonos Ruf brachte sie bald an seine Seite, und mit wenigen flchtigen
Worten schilderte er jetzt Kelah die Vorgnge der letzten Nacht, den
Fang des so gefrchteten Menschentigers, mit einer mchtigen Tigerin
zusammen. Ohne weiter eine Antwort abzuwarten, wandte er sich dann und
schritt, von allen in schweigender Scheu gefolgt, den Pfad zurck, den
er gekommen, bis zu der Stelle, wo er den Gefangenen unter Laykas
Aufsicht zurckgelassen.

Schang-hai hatte sich inde von seiner Ohnmacht erholt, und das junge
Mdchen, das neben ihm die Wacht hielt, mit den flehendsten Worten
gebeten, ihn loszubinden. Laykas wrde aber ebenso bald, ja vielleicht
noch eher daran gedacht haben, den in der Grube gefangenen Tiger als den
Gebundenen an ihrer Seite zu befreien, und der mit Ha und Furcht
gemischte Blick, mit dem sie der geringsten seiner Bewegungen folgte,
wie die oft drohend gehobene Lanze verrieth ihm, da er von ihr nichts
zu hoffen hatte. Endlich schlug das Gerusch von Stimmen an sein Ohr,
und mit einem leise, aber aus vollem Herzen gemurmelten Dank erkannte er
den alten Kelah neben Maono an der Spitze des Zugs.

Hatte er brigens gehofft, bei diesem unbedingten Schutz zu finden, so
war er dabei im Irrthum und der alte Sundanese viel zu schlau, um nicht
im Augenblick zu bersehen, wie die Sache stand. Einestheils stak er
selbst zu tief in dem Aberglauben seines Volkes, um auch nur einen
Augenblick zu zweifeln, da der Chinese das wirklich sei, dessen ihn
Maono beschuldigt hatte. Wenn er aber die Versprechungen hielt, die er
dem jungen Mann gethan und die ihm dieser unterwegs schon mitgetheilt,
so stand er auch ganz anders neben dem Chinesen. Wie htte er berhaupt
nach der jetzt gemachten Entdeckung noch daran denken drfen, ihm die
Tochter zur Frau zu geben! Hierbei hatte er brigens zwischen den
anderen, weit mehr angesehenen Eingeborenen auch nur eine ganz
untergeordnete Stimme, und Schang-hai fand bald, da er zuerst einem
frmlichen Verhr Rede stehen mute, ehe er hoffen durfte, selbst von
diesen Leuten, die ihn sonst mit der hflichsten, oft kriechenden
Artigkeit behandelten, in Freiheit gesetzt zu werden.

Er erzhlte jetzt -- immer noch mit gebundenen Hnden, obgleich seinen
Fen Freiheit gegeben war, da er erst spt Abends von der Plantage
seines Landsmannes nach Tji-dasang hatte zurckkehren wollen, als er
pltzlich eine Gestalt vor sich auf dem Weg gesehn, und wie er im
Schatten eines Baumes stehn geblieben, beim hellen Licht des Mondes
Laykas, seine =Braut= erkannt habe. Bei seinem Anblick sei sie in den
Wald, und zwar den Fupfad hinein geflohen, der nach Maonos Htte zu
fhrte; und nicht gesonnen, sie dort zu lassen, ohne seine, durch
Einwilligung des Vaters gewonnenen Rechte auf sie geltend zu machen, sei
er ihr dorthin gefolgt. Wie sie selber den Pfad entlang gekommen, wisse
er nicht, aber er sei, als er dem dunklen Gang gefolgt, in die hier
verborgene Grube gestrzt. Um Hlfe zu rufen, habe er sich nicht
getraut, aus Furcht, vielleicht eines der gefhrlichen Raubthiere
herbeizulocken, bis gegen Morgen die Tigerin, wahrscheinlich auf seiner
Spur folgend, zu ihm hineingebrochen wre. Jetzt habe er mit gellender
Stimme um Hlfe geschrieen und die Bestie, dadurch vielleicht
gengstigt, den entgegengesetzten Winkel behauptet, ohne ihm ein Leides
zu thun. Erst am Morgen sei Maono gekommen, der aber htte ihn fr einen
Menschentiger gehalten und beinahe umgebracht, wenn er sich nicht sein
Leben mit schweren Versprechungen erkauft.

Schang-hai schien auch die ganze Sache wirklich fr abgemacht zu halten
und nicht einmal daran zu denken, die gegebenen Versprechungen zu
erfllen. Er verlangte jetzt mit finsterer Miene losgebunden zu werden,
und drohte widrigenfalls das ganze Verfahren dem hollndischen
Residenten (der obersten Gerichtsperson des Distrikts nach dem
Gouverneur) anzuzeigen. Wenn er sich aber so weit sicher glaubte, hatte
er sich doch geirrt. Die Eingeborenen, die fast smmtlich in dem letzten
Jahr einen nheren oder entfernteren Verwandten durch die Raubthiere,
und wie sie fest glaubten, hauptschlich durch einen Menschentiger
eingebt, gedachten alle der dunklen wilden Erzhlungen, die schon seit
langen Jahren ihre Nachbarschaft ber den kleinen Chinesen durchlaufen,
und waren nicht gesonnen, den scheinbaren Beweis seiner Schuld so leicht
und rasch wieder aus den Hnden zu lassen. Der Vorschlag wurde deshalb
auch ohne Weiteres gemacht und ihm nicht einmal von Kelah widersprochen,
in einer Art Gottesurtheil den Verdchtigen zu prfen. Er sollte nmlich
wieder in die Grube hinunter, und zwar gerade =auf= die Tigerin geworfen
werden. Griff ihn die dann an, so wollten sie suchen, ihn so rasch wie
mglich wieder herauf zu ziehen und er durfte frei ausgehen, lie sie
ihn aber unbelstigt, wie sie es die ganze Nacht gethan, so war es ein
sicheres Zeichen, da er zu ihrem Geschlecht gehrte, und dann sollte
er, wie die wilde Bestie selber, mit Lanzen getdtet werden. Seine
Erzhlung, wie er in die Grube gekommen, glaubte ihm Niemand, und selbst
die jetzt darum befragte Laykas erzhlte, da er unter der Palme am Weg
wie ein Tiger gekauert, und sie seine Sprnge hinter sich her, wie die
des wilden Raubthiers, gehrt und erkannt htte.

Der alte Kelah selbst schmte sich, da er einem solchen Ungeheuer seine
Tochter versprochen. Durfte Schang-hai doch jetzt nie daran denken,
seine Schuld von ihm einzufordern, und so stimmte er auf das eifrigste
fr dessen Tod. berhaupt thaten das alle, die dem Chinesen eine
bedeutende Summe schuldig waren.

Man band ihm jetzt die Hnde los und die Schnur wieder um den Leib, wie
ihn Maono vorher heraufgezogen, und Laykas selber stand in sprachloser
Erwartung dabei, ob die Tigerin da unten den verkappten Gefhrten
erkennen oder in wilder Wuth ber ihn herfallen wrde. Schang-hai hatte
aber keineswegs Lust, eins von beiden Resultaten, beide gleich
schrecklich fr den Unglcklichen, abzuwarten. Mit Drohungen war inde
nichts auszurichten und sein Leben soweit gefhrdet, da der nchste
Augenblick schon jeden zu spt kommenden Entschlu nutzlos gemacht
htte. Er lag auf der Folter -- ein Leugnen htte ihn zu der wilden
Bestie hinunter geworfen, die schon bereit lag ihn, als einen
vermutheten Angreifer, mit Klauen und Zhnen zu empfangen. Nur eine
Rettung blieb fr ihn -- er kannte seine Leute, und mit bleichen,
zitternden Lippen rief er: Halt!

Hinunter mit ihm! tnte Kehlahs heisere Stimme. --

Lat mich reden, bat aber der Chinese, was ntzt euch mein Tod --
was mein Gestndni, =da= ich ein Menschentiger sei --. --

Er bekennt es! rief jubelnd Maono, und die Andern sahen mit scheuem,
erschrecktem Blick auf den Unglcklichen. Dieser aber, den
augenblicklichen Vortheil der wenigstens gestatteten Rede benutzend,
fuhr rasch und ngstlich fort. Wenn ihr mich tdtet, verfllt mein Hab
und Gut dem Staat -- den Hollndern. Ich habe keine Kinder -- keine
Verwandte -- in meinen Bchern sind alle meine Schuldner angegeben. Die
weien Mnner werden sie einzutreiben wissen. Schenkt mir das Leben und
ich will nicht allein Maono geben, was ich ihm versprochen habe -- ich
erlasse auch euch, die ihr hier seid, was ich noch sonst von euch zu
fordern htte, und will selber in den nchsten Tagen dieses Land
verlassen. -- Seid ihr das zufrieden?

Ein Streit entstand jetzt unter den Sundanesen. Ein Theil, und zwar die,
die ihm bis dahin noch am freundlichsten gewesen, riefen jetzt, da sie
sein geglaubtes Gestndni gehrt, da er getdtet werden msse, denn er
habe bekannt, da er ein Menschentiger sei, und in der nchsten Nacht
werde er, wenn man ihn freilasse, nur soviel wthender ber sie
herfallen, um die jetzige Mihandlung zu rchen. Andere dagegen, mit
dem erlangten Gewinn zufrieden und doch auch vielleicht nicht ganz
sicher, wie die Weien den =Mord= ansehn wrden, stimmten dafr, ihn
unter der Bedingung, da er binnen drei Tagen den Distrikt verlasse, die
drei Nchte aber den Fu nicht ber seine Schwelle setze, frei zu geben.

Der Chinese versprach alles. Neben ihm lauerte der nackte Tod, in den
ihn der tolle Aberglauben dieser Menschen jauchzend hineingeworfen htte
-- und vor ihm lag das Leben!

Seine Banden wurden jetzt gelst, und whrend Kelah, etwas verlegen
allerdings, aber doch auch auer Stande, anders zu handeln, dem jungen
wackeren Maono in derselben Zeit etwa die Tochter zusagte, als er sie,
nach der Absicht des vorigen Abends, hatte in das Haus des jetzt
gechteten Chinesen fhren wollen, schlich dieser, in scheuer Angst, da
seine Freilassung die hinter ihm her jauchzende und tobende Schaar doch
am Ende noch gereuen knne, den Wald entlang, bis er die Strae
erreichte, und eilte dann, so rasch ihn seine Fe trugen, der eigenen
Wohnung zu.

Das Jauchzen, das Schang-hai gehrt, galt freilich nicht ihm, sondern
dem Tod des gefangenen Tigers, auf den die jungen Bursche jetzt ihre
Khrise und Klewangs schleuderten, bis Maono das vor Wuth und Schmerzen
schumende, brllende Thier mit dem sicheren Wurf seiner Lanze erlegte.

Mit Blitzesschnelle durchlief inde die Kunde von dem gefangenen
Menschentiger, und dem Versprechen, das Schang-hai, sein Leben zu
retten, gegeben, den Kampong. Ein hollndischer Unterbeamter, der sich
gerade dort aufhielt, ging allerdings hierauf zu Schang-hai, forderte
ihn auf, in seinem Besitzthum zu bleiben und sicherte ihm den vollen
Schutz der hollndischen Gesetze zu, nach denen selbst die abgezwungenen
Versprechungen nicht bindend waren. Schang-hai aber, der dem Tod unter
den Hnden der Eingeborenen zu nahe gewesen, als da er ihnen noch
einmal htte trauen mgen, und recht gut wute, da ihn auf den Verdacht
hin, in dem er jetzt einmal unter den Sundanesen stand, alle Gesetze der
Welt vor einem heimlichen Angriff nicht schtzen konnten, zog es vor,
mit einem kleinen Verlust seiner Gter sein gegebenes Versprechen zu
halten. Ein anderer Chinese bernahm seinen Pacht und kaufte ihm auch
sein Waarenlager ab, und am dritten Morgen -- die Nchte hielt er sich
in seinem Haus fest eingeschlossen, -- verlie er unter einer erbetenen
und erhaltenen Bedeckung malayischen, dort in der Nhe stationirten
Militrs die Preanger Regentschaften, um in ihre Grenzen wahrscheinlich
nie mehr zurckzukehren.

Funoten:

[37] Badek heit auf Java eine eigenthmliche Art, weies Zeug in den
verschiedenartigsten Mustern zu drucken und zu frben. Es wird nmlich
zu dem Zweck die Zeichnung aus =freier Hand= mit einer kleinen
Kupferrhre, aus der heies Wachs sickert, auf das Tuch =an beiden
Seiten= aufgetragen und dieses dann erst gefrbt, wonach die Stellen,
auf denen kein Wachs liegt, die Farbe annehmen. Bei schwierigen und
theuern Mustern geschieht dies mhsame Auftragen der Zeichnung
verschiedene Male, um ebensoviele Farben herauszubringen.

[38] In den Javanischen Bergen dient der schilfartige Bambus zu sehr
verschiedenartigen Verrichtungen und besonders benutzen die Frauen die
strksten, oft vier bis fnf Zoll im Durchmesser haltenden Stcke, das
Wasser darin zu tragen.

[39] Ein rockhnliches Stck Tuch von vielleicht drei Fu Breite, unten
und oben gleich weit, das ber den Hften eng zusammengezogen und durch
einen in das Zeug hineingesteckten knoten gehalten wird. Es wird von
beiden Geschlechtern getragen.

[40] Alang Alang, das hohe schilfige Gras, das in der Wildni fast alle
offenen Stellen ausfllt und der Lieblingsplatz der Raubthiere ist.




Der Khris[41].


Am Kali Besaar[42] in Batavia, dem groen Handels-Viertel des Ostens, wo
die Ostindische Maatschappy ihre gewaltigen Niederlagen, und der
Batavische Kaufmann sein Comtoir und Waarenlager hat, war heute ein
regeres Gedrnge als gewhnlich. Die Menschenstrmung, die sonst mehr an
beiden Ufern des kleinen Flusses ziemlich gleich vertheilt auf- und
abwogte, schien gerade heute auch mehr dem Mittelpunkt der Hauptstrae
zuzupressen. Dort hatte sich unter den Bambus Schuppen und zwischen den
aufgefahrenen Cabriolets und Cabs der Kaufleute, eine Masse Chinesischer
und Javanischer Fruchtverkufer angesammelt und hielt ihre duftigen
saftigen Waaren, vor den glhenden Sonnenstrahlen durch das hlzerne
Dach geschtzt, feil.

Es war eine Auction in einem der groen, dsteren Gebude, und zwar
nicht von importirten Europischen Waaren oder veralteten Gtern, oder
von inlndischen Producten, wie sie die Maatschappy oft hlt -- oder gar
von spanischen Dollarn, wie sie vor noch gar nicht so langer Zeit hier
ebenfalls stattgefunden, sondern nur von Naturalien, Waffen,
Vogelblgen, Gerthschaften, Anzgen, Instrumenten etc. etc. der
benachbarten Inseln, die den Nachla eines verstorbenen Deutschen
Naturforschers bildeten, und jetzt hier, da kein Testament ber die
Sammlung selber disponirte, ffentlich versteigert werden sollten. Alles
das, woran ein tchtiger, wackerer, muthiger Mann seine ganze Lebenszeit
gesetzt, es zusammenzubringen und der Nachwelt aufzubewahren, sollte
hier, wie das eine Menschenherz zu schlagen aufgehrt, in wenig Stunden
wieder in alle Winde zerstreut und verworfen werden, und lachend und
erzhlend, zankend und schreiend, drngten sich inde die Fremden aus
und ein, besahen die Schtze, die ihren Augen preis gegeben waren und
die nur Wenige von ihnen zu wrdigen wuten, und packten das Gekaufte
gleichgltig in ihre Cabriolets, es Abends mit nach Haus zu nehmen.

Hier standen ein Paar Hollnder zusammen, die einen Bogen spannten und
einen der Pfeile in die Luft hinaufschnellten, zu sehen, wie weit er
tragen wrde, dort arbeitete sich ein Anderer, mit einem ausgestopften
Affen unter dem Arm, aus dem Gedrnge, und wurde von seinen Bekannten
jubelnd empfangen. Inlndische Diener schleppten Lasten von fremdartigen
Gerthschaften und Schilden und Speeren heran, Andere trugen Schdel von
Tigern und Krokodillen, und an einen Bambusstab geschlungen, den sie auf
den Schultern trugen, keuchten zwei Javanen mit einem Elephantenschdel
herbei, ihn zum Zierrath in das Landhaus des in Weltevreden oder Kramat
wohnenden glcklichen Kufers hinaufzuschaffen.

Zwei Weie, der Capitain eines vor einiger Zeit eingelaufenen
Hollndischen Kauffahrers, und ein Amerikanischer Kaufmann, der sich
schon seit lngeren Jahren in Batavia niedergelassen, waren ebenfalls
durch das rege Leben und Treiben angelockt worden, das Haus zu betreten
und die ausgestellten Sachen in Augenschein zu nehmen. Es kostete
freilich Mhe, bis sie sich durch das Gedrnge von Chinesen, Javanen und
Europern, die in allen Sprachen der Welt hier durch einander schrieen,
Bahn machten. Endlich aber erreichten sie doch den weiten luftigen Raum,
in dem die Waaren, theils an den Wnden hngend, theils auf den
Seitentischen ausgelegt, wirr und unordentlich, wie man sie eben aus
den Kisten gepackt, aufgeschichtet und zerstreut lagen. Auf den Tischen
herum springende Chinesen schienen dabei das Ganze zu berwachen, auf
die Gebote zu horchen, das Erstandene auszuliefern, und das Geld dafr
in Empfang zu nehmen, wobei sie noch auerdem auf die Finger ihrer
Landsleute zu passen hatten, die in dieser Hinsicht in eben keinem
besondern Rufe stehen.

Die Auction selber fand, von einem Liplap[43] gefhrt, in Hollndischer
und Malayischer Sprache zugleich statt, und ganze Bndel seltener Speere
und Pfeile, Bgen, Schilde, Schmuck von Muscheln und Zhnen, geflochtene
Gerthschaften, geschnittene Gefe und knstlich und sauber verfertigte
Zierrathen, wie Kasten mit ausgestopften Vogelblgen und Thieren, mit
Schmetterlingen und Kfern, Sammlungen von Frchten, Conchilien und
Mineralien, wurden um einen Spottpreis, oft gleich nach dem ersten
flchtigen Gebot, den Kufern zugeschlagen.

Die beiden Mnner hatten sich endlich mit nicht geringer Mhe dorthin
Bahn gemacht, wo eine Anzahl sehr schner Waffen, besonders Khrise, auf
einem kleinen Seitentische lagen, und eben, dem Wunsch eines Franzosen
nach, zum Kaufe ausgeboten wurden. Manche davon waren sehr knstlich, ja
kostbar gearbeitet, und mit Gold und Steinen eingelegt, wie mit
herrlichen damascirten Klingen; andere wieder einfach und derb
gearbeitet, mit glatter hlzerner Scheide und nicht selten mit dem
Haarbschel der erlegten Feinde geziert, wie es auf Borneo die Sitte der
Krieger ist. Der Franzose erstand eine ziemliche Anzahl derselben um
einen ziemlich hohen Preis, whrend ein dicht neben ihm stehender Javane
die einzelnen Waffen, jede besonders, aus der Scheide zog und aufmerksam
betrachtete, ohne jedoch darauf mit zu bieten.

Der Hollndische Capitain hatte indessen dem ganzen Handel ziemlich
gleichgltig zugeschaut, bis der Franzose seine Einkufe gemacht und den
Platz mit den Erstandenen Waffen gerumt hatte. Auch der Javane schien
genug von dem ganzen Treiben gesehn zu haben, zog seinen Sarong fester
um sich und verlie das Zimmer. Indessen entdeckte der Chinesische
Aufseher unter den brigen Sachen noch einen zurckgebliebenen Khris und
legte ihn auf den Tisch des Verkufers.

Ach wahrhaftig, da ist =noch= einer! rief dieser, nun, meine Herren,
wer bietet darauf, denn unser Khriskufer ist fort -- noch ein
werthvolles Stck, mit prchtigen Granaten besetzt und fein damascirter
Klinge -- dreiig Gulden zum Ersten, dreiig Gulden zum Ersten sag' ich,
die Waffe ist hundert werth --

Ein und dreiig Gulden, bot der Hollndische Capitain.

Ein und dreiig Gulden, guter Gott, ein Spottpreis, sagte der
Auctionator, -- ein und dreiig Gulden zum Ersten.

Vierzig! bot ein daneben stehender Englnder. Fnf und vierzig! der
Capitain wieder, und erstand zuletzt die wirklich schne und
geschmackvoll, wenn auch einfach gearbeitete Waffe, bis zu sieben und
achtzig Gulden hinaufgetrieben. Augenscheinlich lag ihm aber sehr wenig
daran, und sie in seine Tasche schiebend, sah er dem Verkauf der brigen
Sachen noch eine kurze Weile zu, ergriff dann den Arm des Amerikaners
wieder, und verlie den durch die zahlreiche Menschenmenge doch schwl
und dumpfig gewordenen Raum, die freie Luft zu erreichen.

Man sollte doch wahrhaftig schon aus Grundsatz nie eine Auction
betreten, sagte er hier, als er die Waffe wieder vorzog und
betrachtete, wenn man nicht irgend etwas Bestimmtes kaufen will und
wirklich braucht. So fest ich mir vorgenommen hatte, mein gutes Geld
nicht muthwillig an irgend einen nutzlosen Gegenstand zu verschleudern,
hab' ich mich doch hier wieder mit dem Ding da anfhren lassen, und bin
um ein Stck Eisen reicher, und um sieben und achtzig Gulden rmer
geworden, als ich vorher war.

Der Amerikaner hatte den Khris indessen aus der Scheide gezogen und
prfend betrachtet und sagte lachend:

Lieber Freund, das geht uns oft so auf der Welt, und wir vor allen
Anderen knnen uns gratuliren, da die Menschen im Allgemeinen eben
nicht das nur kaufen, was sie gerade nothwendig brauchen, denn unser
ganzer Handelsstand beruht darauf, da sie das eben =nicht= thun. Der
Mensch bedarf zu seinem Leben wirklich =nthig= entsetzlich wenig, und
wollte er sich darauf beschrnken, wie sollte es dann mit Handel und
Wandel, um Schifffahrt und Verkehr aussehen. Der Luxus gerade, fr den
wir civilisirte Menschen gar keine Grenze mehr haben, weil er mit
unserem einfachsten Leben schon so fest verwachsen ist, hlt die Sache
in Gang, und bleibt eben nur so lange wirklich Luxus, als wir auch ihn
nicht nothwendig brauchen, wo er dann zum =Bedrfni= und zu dem wird,
was wir eben zum Leben haben mssen.

Nun aber der Khris hier ist doch wirklich Luxus, lachte der Capitain.

Fr Sie in diesem Augenblick, ja, aber wie lange vielleicht, und Sie
brauchen ihn nicht allein nothwendig, sondern mssen sogar noch eine
Menge anderer hnlicher Sachen dazu haben, ein =Naturalien-Cabinet= zu
vervollstndigen. Mit =einer= Sache mu der Mensch anfangen, und das
Eine zieht eben das Andere nach. Sehn Sie zum Beispiel den Javanen an;
mit einer Handvoll Reis hlt er seine Mahlzeit; eine Bambushtte, die
ihn eben nothdrftig gegen Thau und Regen schtzt, gengt ihm zur
Wohnung, ein Stck Baumwollenzeug und ein Strohhut zur Kleidung, und was
fr einen Gefallen glauben Sie wohl, da Sie einem solchen Menschen mit
einer Astrallampen oder mit irgend einer Europischen Zimmer-Verzierung
erweisen wrden? Gehen Sie aber zu einem der unter Hollndischen Einflu
stehenden Huptlinge, und Sie werden Astrallampen und Zimmer-Verzierungen,
Teppiche, Kronleuchter, Wandgemlde etc. etc. im wahren berflu als
=nothwendiges Bedrfni= finden. Die Khrise spielen brigens in dem
Leben der Javanen eine sehr bedeutende Rolle, und einzelne von ihnen
erben von Vater zum Sohn und Enkel herab, und drfen nimmer verkauft
werden. Viele davon sind jedoch in den letzten Kriegen in den Besitz der
Weien gekommen, und fters ist es vorgekommen, da Javanische
Huptlinge, die ihre Stammwaffe in fremden Hnden fanden, bedeutende
Summen gegeben haben, sie wieder zu erlangen.

Ich wollte, ein solcher Javanischer Huptling htte Lust zu =diesem=
Khris, lachte der Capitain, die Waffe aus der Scheide ziehend und in
der Sonne blitzen lassend, mit einigen Prozenten Gewinn knnte er
ungemein leicht wieder Eigenthmer derselben werden.

Dort steht gleich Einer, sagte der Yankee, und wenn ich nicht irre
sogar derselbe, der da drben im Verkaufslokal die Waffen so genau
betrachtete. Der kann uns wenigstens sagen, was das Messer wirklich
werth ist, und wir erfahren dann gleich, ob Sie einen guten Kauf gemacht
haben. Heh, Freund, komm einmal hier her, und sage, wie dir der Khris da
gefllt.

Der also Angeredete, der unfern von ihnen mit untergeschlagenen Armen an
einem Pfeiler lehnte, war ein schlanker, stattlicher Bursch von ungefhr
zwei bis drei und zwanzig Jahren, und die dunklere Hautfarbe, wie die
edelgeschnittenen Zge und blitzenden Augen verriethen allerdings den
Javanen, der sich von den Sunda'nern (wie die Bewohner der stlichen
Insel genannt werden) wesentlich unterscheidet. So knechtisch diese aber
den Hollndern, ihren jetzigen Herren, gegenber sind, so wenig nahm der
Bursche hier Notiz von der Anrede, die er jedenfalls gehrt haben mute.
Mit eben nicht ganz freundlichem Blick die Gestalten der beiden Mnner
nur flchtig berfliegend, wandte er den Kopf halb zur Seite, und schien
keineswegs gesonnen, auch nur ein Glied zu rhren, der Aufforderung
Folge zu leisten.

Hallo, der ist unabhngig, lachte der Amerikaner vor sich hin, und
wir werden zu =ihm= gehen mssen, wenn wir etwas von ihm wissen wollen.
-- Heda, Freund! setzte er dann in Malayischer Sprache hinzu, die Waffe
dabei aus des Capitains Hand nehmend und auf den Javanen zugehend,
kannst du mir sagen, was das Messer hier einmal gekostet?

Der Javane zog die Brauen finster zusammen, richtete sich dann stolz und
trotzig empor, und wollte sich eben, ohne ein Wort auf die Anfrage zu
erwidern, von den ihm jedenfalls verhaten Weien abwenden, als sein
Auge auf den Khris fiel und er in demselben Moment auch wie
unwillkhrlich den Arm danach ausstreckte. Das Blut scho ihm dabei in
die Schlfe und er suchte fest und forschend den Blick des Fremden, als
ob er dessen Absicht in seinem Antlitz lesen wollte. Aber es war auch
wirklich nur ein Moment, der Arm glitt zurck in seine alte Stellung,
ebenso der Krper, der sich wieder nachlssig gegen den Pfeiler drckte;
nur den Blick konnte er nicht losreien von der Waffe, und der
Amerikaner mute seine Frage wiederholen, ehe er sie nur verstand.

Wei ich nicht, sagte er dann, finster den Kopf zur Seite werfend,
ist ein alter Khris -- wollt Ihr ihn verkaufen?

Junge, Junge[44], sagte der Yankee, der schon lange im Ostindischen
Archipel wohnte und die Sitten und Gebruche der Eingeborenen genau
kannte, in Hollndischer Sprache zu dem Capitain, der Bursche da wei
mehr von dem Khris, als er uns jetzt verrathen mag, und giebt sich
umsonst die grte Mhe, gleichgltig dabei zu bleiben. Auerdem ist das
auch gar kein gewhnlicher Eingeborener, wie ich im Anfang geglaubt. Was
fr einen kostbaren Sarong er trgt, und welch' ein prachtvolles
golddurchwirktes Kopftuch -- hm, hm, wenn der ihn haben will, soll er
tchtig dafr bezahlen.

Des Javanen Auge war indessen bei den ihm unverstndlichen Worten
forschend von dem Antlitz des einen der Fremden zu dem des anderen
geflogen, ohne da er jedoch seine Stellung auch nur um eines Haares
Breite verndert htte, nur als der Amerikaner schwieg, ffnete er die
Lippen wieder, als ob er die letzte Frage wiederholen wolle, zwang aber
das Wort zurck, das Anerbieten lieber von Jenen zu erwarten.

Fordert nur nicht =zu= viel, lachte der Capitain; wenn er wirklich
Lust zum Kaufen hat, wollen wir ihn wenigstens nicht kopfscheu machen.

Nur nicht ngstlich, entgegnete ihm der Freund, entweder liegt ihm
daran, den Khris zu bekommen, dann ist kaum ein Preis zu hoch, den wir
fordern =knnen=, oder es liegt ihm Nichts daran, was ich aber nach
seinem ganzen Betragen kaum glaube, und dann wissen wir wenigstens,
woran wir sind -- lat mich nur machen; und sich dann an den Javanen
wendend, sagte er, indem er den Khris wieder aus der Scheide zog und die
grau damascirte Klinge in der Sonne blitzen lie, knntet ihr uns nicht
wenigstens sagen, was so ein Ding in eurer Gegend kostet, wenn man 's
machen lie, und von welcher Insel es berhaupt stammt, -- von Java,
oder vielleicht von Macassar oder Sumatra?

Der Javane streckte langsam die Hand nach dem Khris aus, nahm die
Waffe, betrachtete, ohne mehr als einen flchtigen Blick auf den Griff
zu wenden, die Damascirung des Stahls mit prfendem Auge, und gab ihn
dann ruhig zurck -- kein Muskel seines Gesichts verrieth mehr, da er
irgend einen Antheil an der Waffe nehme.

Und was ist er werth? sagte der Capitain ungeduldig.

Mit funfzig Gulden ist Geld und Arbeit daran bezahlt, brach jetzt der
Eingeborene mit tiefer klangvoller Stimme das Schweigen.

Funfzig Gulden? Nun ja, fluchte der Capitain wieder in seiner eigenen
Sprache, da habe ich wenigstens sieben und dreiig Gulden zum Fenster
hinausgeworfen, -- hol' der Teufel die Auctionen. Und den Braunen habt
ihr auch mit seiner Kauflust in falschem Verdacht gehabt.

Dann hat er den Khris jedenfalls im Anfang fr einen Anderen gehalten,
sagte der Kaufmann, aber das schadet nichts; es ist immer ein schnes,
sauber gearbeitetes Stck, fr das euch ein Naturalien-Cabinet in der
alten Welt leicht den vollen Preis wieder zahlt, solltet ihr es doch
einmal verkaufen wollen. Und sich ohne weiteren Gru oder fernere Notiz
von dem Javanen zu nehmen, von diesem abwendend, fate er den Arm des
Capitains, und wollte mit ihm an dem Kali Besaar hinauf und der Brcke
zugehn, die unter dem Chinesischen Viertel nach dem andern Ufer
hinberfhrte, als der Eingeborene ruhig sagte:

Wollt ihr den Khris verkaufen?

Ja, wenn wir einen guten Preis dafr bekommen, erwiderte ihm der
Kaufmann, sich halb nach ihm zurckwendend --

Und was nennt ihr einen guten Preis? frug der Eingeborene wieder.

Fordert hundert Gulden, sagte der Capitain, der etwas vom Malayischen
verstand, es aber nicht soviel sprach, sich in einen Handel einzulassen.

Nur langsam, entgegnete aber der vorsichtigere Kaufmann, der Bursche
fngt an, wrmer zu werden; schon da er nach dem Preis des Khrises
fragte, wo er oben im Auctionszimmer die anderen wirklich schnen Waffen
keines Gebots gewrdigt hatte, ist ein gutes Zeichen; wir wollen ihm da
nicht vorgreifen und uns selber die Hnde binden -- =er= mag sagen, was
er geben will, nachher steht es uns frei, sein Gebot anzunehmen oder zu
verweigern.

Und was nennt ihr einen guten Preis? wiederholte der Javane, der
entweder ungeduldig wurde, oder auch glauben mochte, die Weien htten
seine Frage nicht verstanden.

Sag' du selber, was du geben willst, erwiderte ihm jetzt der
Amerikaner, indem er den Khris noch einmal aus der Scheide zog, flchtig
betrachtete, zurckstie und nachlssig in die Tasche schob, ich habe
ihn erst gekauft und mchte mich nicht gern gleich wieder von ihm
trennen.

Dort unten? frug der Javane, mit dem Arm nach dem Auctionshause
deutend, ich habe ihn dort nicht gefunden.

Also hat er ihn gesucht --, lachte der Yankee still vor sich hin, das
steigert den Preis, Kamerad; =die= Bemerkung war dir nicht ntzlich --
nun, was willst du geben? setzte er dann auf Malayisch hinzu.

Der Khris ist funfzig Gulden werth, sagte der Javane gleichgltig,
ich gebe funfzig.

Und =ich= habe sieben und achtzig dafr gezahlt, rief der Capitain
rasch auf Hollndisch.

Nur ruhig, beschwichte ihn der Kaufmann, wir fangen eben erst an. --
Funfzig Gulden sind ein kleiner Preis, Freund, dafr knntest du kaum
die Scheide bekommen, und du wirst verschiedene Male funfzig Gulden
neben einander legen mssen, wenn du die Waffe haben willst. Du mut
mehr bieten.

Der Javane schien keine besondere Lust dazu zu haben, und erst, als
sich die Mnner wieder zum Gehen wandten, sagte er langsam:

Und was hast du dafr bezahlt?

Das kann dir gleichgltig sein, lautete die Antwort, mehr brigens,
als du zu glauben scheinst.

So geb' ich dir fnf und siebenzig.

Auch das reicht noch nicht, erwiderte der Yankee, und der Javane
zgerte augenscheinlich mehr zu bieten, lie sich aber die Waffe noch
einmal zeigen, betrachtete besonders die Damascirung wieder genau und
prfend, und bot dann hundert. Der Kaufmann kannte brigens seinen
Vortheil, und trieb den Eingeborenen, ohne sich darauf einzulassen,
einen eigenen Preis zu nennen, endlich bis zu zwei- und dann zu
dreihundert Gulden hinauf, und als ihn der Capitain jetzt selber bat,
doch nur um Gotteswillen zuzuschlagen, da er ein weit besseres Geschft
damit gemacht habe, als er je erwartet, erklrte er vollkommen ruhig,
der Eingeborene msse erst so viele =tausend= Gulden bieten, wie er
jetzt Hunderte genannt, und =dann= selbst wrde er sich noch besinnen.

Aber das ist Wahnsinn, rief der Capitain.

Und doch nicht ganz, lachte der Amerikaner, lehren Sie mich die
Burschen kennen.

Er wird zuletzt gar nichts weiter bieten, rief der Capitain
ungeduldig werdend, und ich behalte den Khris.

Wenn Sie das frchten, sagte der Kaufmann, so berlassen Sie =mir=
die Waffe um den Preis, und den weiteren Handel mit dem Manne.

Von Herzen gern, rief der Seemann, ich mchte berdies nicht gern
mehr damit zu thun haben.

Also die Sache ist abgemacht? ich zahle Ihnen dreihundert Gulden und
der Khris ist mein?

Mit dem grten Vergngen!

Willst du dreihundert Gulden fr den Khris? frug der Javane jetzt
wieder, der indessen ein ungeduldiger Zuhrer der in einer ihm fremden
Sprache gefhrten Verhandlung gewesen war, es ist viel Geld fr das
Messer.

Und doch lange nicht genug, Freund, sagte der jetzige Eigenthmer der
Waffe, du mut hher, weit hher bieten, wenn du es in deinen Grtel
schieben willst -- aber ich habe jetzt nicht lnger Zeit, und behalte
auch am Ende lieber den Khris, als da ich ihn um einen solchen
Spottpreis verschleudere. Was liegt mir an den Paar hundert Gulden.

So =nenne= deinen Preis, rief der Javane, die Lippen fest
zusammengebissen und einen finsteren Blick auf den Europer schieend,
ich kenne die Familie, aus der die Waffe stammt, und wenn es meine
Krfte nicht bersteigt, mchte ich sie ihr wieder bringen.

Du giebst mir doch nicht was ich dafr fordere, sagte der Kaufmann
kopfschttelnd.

Fordere, rief der Javane, in kaum zu migender Ungeduld mit dem Fu
den Boden stampfend.

Gut -- hast du Lust dreitausend Gulden an den Stahl zu wenden? frug
jetzt der Amerikaner, und der Capitain wandte sich von ihm ab, denn er
schmte sich selber der rasenden Forderung. Der Javane aber knirschte
die Zhne zusammen und sagte finster:

Dreitausend Gulden fr das Messer? -- du trumst, Weier, aber ich gebe
dir tausend, und du hast den zwanzigfachen Werth.

Ah bah, lachte der Kaufmann, ob ich die habe oder nicht, die machen
mich nicht reich noch arm, und ich sehe schon, du hast keine Lust zum
Handel, so _tabee_ -- und sich abdrehend von ihm, ergriff er wieder den
Arm des Seemanns und schritt mit diesem langsam die Strae hinauf.

Und sie wollen die tausend Gulden nicht nehmen? frug ihn dieser, jetzt
wirklich zum uersten erstaunt, Wetter noch einmal, in fnf Minuten
siebenhundert Gulden zu verdienen --

Nicht wahr das ist nicht schlecht? lachte der Amerikaner, wenn man
seine Zeit nur ein paar Jahr auf hnliche Weise verwerthen knnte, liee
sich schon ein ganz hbsches Vermgen zusammen scharren. Aber, Scherz
bei Seite, Freund, der Zufall hat uns hier einen glcklichen Streich
gespielt, und der Javane =mu= den Khris kaufen, wir mgen fordern was
wir wollen.

=Mu= ihn kaufen? frug der Capitain erstaunt, wer soll ihn zwingen?

Seine eigene Sitte, rief der Yankee; schon aus frherer Zeit wei ich
hnliche Beispiele, und es giebt ein altes Gesetz unter diesen Stmmen,
da sie den Khris ihrer Vorfahren, den sie an eigenthmlichen, nur ihnen
deutlichen Zeichen in der Damascirung kennen, wenn sie ihn verlieren und
in fremden Hnden wiederfinden, um =jeden= Preis wieder an sich bringen
=mssen=. Ich war selber dabei, wie ein Javane einst fr eine solche
Klinge mit vollkommen werthlosem Heft zweitausend Gulden bezahlte, und
=vier=tausend gegeben haben wrde, wenn er sie nicht anders bekommen
htte. Dasselbe ist hier der Fall, und umsonst bot der Bursche
wahrhaftig nicht tausend Gulden fr den Stahl. Nein, um hundert, wenn er
sich klug dabei anstellte, htte er den Khris vielleicht kaufen knnen,
denn was kann man weiter damit thun, als ihn an die Wand hngen, aber
um =tausend= kauft er ihn jetzt nicht, soviel ist sicher, und an mir
soll's nicht liegen, wenn ich ihn jetzt nicht so weit hinaufschraube,
als das Gewinde reicht.

Da er Ihnen dann nur nicht abfllt, sagte kopfschttelnd der
Capitain, und berdies thut mir der arme Teufel leid. Wenn der Khris
nun einmal in seine Familie gehrt und sein Herz so daran hngt, weshalb
ihm den Wiedergewinn so entsetzlich, und auch ungerecht erschweren.

Oh, hol' die braunen Hallunken der Teufel, fluchte der Amerikaner,
ich kann schon die =Farbe= nicht leiden, und das Gesindel trgt dabei
noch die Nase berhoch. Wo sie =uns= betrgen knnen, thun sie es auch,
und wenn wir aus ihnen den grtmglichen Nutzen herauspressen, ben wir
nicht mehr als unser Recht der Selbstvertheidigung. Auerdem fttert und
erhlt die Hollndische Regierung nicht allein diese Faullenzer, sondern
zahlt ihnen auch noch rasende Gehalte, die sie doch in Schmuck,
nutzlosen Juwelen und Harems verschwenden. Es ist nicht mehr als
Christenpflicht, ihnen einen kleinen Theil derselben wieder abzunehmen.

Wenn er Sie aber jetzt mit dem Gebot gehen lt? sagte der Capitain.

Da hinten kommt er schon, lachte der Amerikaner still vor sich hin,
dessen sind wir sicher, und bis der Khris nicht in seinen Hnden ist,
verlt der meine Spur nicht wieder.

Als sie die Biegung ber die Brcke machten, und links wieder nach den
Waarenhusern des Kali Besaar einbogen, konnten sie auch wirklich, ohne
den Kopf besonders nach ihm umzudrehen, den Javanen erkennen, der bis
dahin regungslos an dem Pfeiler lehnen geblieben war, als ob er die
Rckkehr der Mnner erwarten wolle. Da sie aber =nicht= kamen, schien er
jetzt selber zu frchten, da sie ihm entgehen knnten.

Der Amerikaner hatte auch in der That ganz recht vermuthet; der Khris,
den der Capitain so zufllig in der Auction erstanden, gehrte wirklich
der Familie jenes Javanen; die geheimnivollen Zeichen der Damascirung
lieen diesen nicht einen Augenblick darber in Zweifel, und er =mute=
ihn wiederhaben. Aber wie? Hatten die gierigen, ehrgeizigen Weien ihn
nicht Alles dessen beraubt, was er sein eigen nannte? war er nicht ein
halber Bettler und Flchtling fast auf demselben Boden, den er frher
als Frst beherrscht, und wute er sich nicht dabei noch mitrauisch
berwacht, weil die Regierung recht gut sowohl den Einflu, den er
frher ausgebt, wie auch den starren Sinn kannte, der sich der fremden
Herrschaft nicht gutwillig und geduldig beugen wollte? Sein Pferd, ein
wackerer Macassar-Hengst, und eine Handvoll Juwelen, die ihm sein Vater
hinterlassen, war Alles, was er noch sein nannte; aber selbst das, wenn
er es jetzt rasch verkaufen mute, brachte ihm kaum die ganze, von dem
gierigen Weien geforderte Summe, und was blieb ihm zuletzt brig? -- In
finsterem Brten folgte er den beiden Mnnern, die, ohne anscheinend
weiter auf ihn Acht zu geben, vor einem der Geschftslokale stehen
geblieben waren und den Herankommenden den Rcken zukehrten. Der
Amerikaner hatte dem hollndischen Capitain eben die verabredeten
dreihundert Gulden fr die Waffe, fr die er so viele Tausende zu
gewinnen hoffte, ausgeliefert, und besah jetzt gerade wieder lchelnd
den unscheinbaren Stahl, als der Javane zu ihm herantrat, die Hand auf
seine Schulter legte und leise sagte.

Ich gebe dir zweitausend Gulden fr die Waffe, und einen besseren Khris
als diesen hier. La ihn mir. Ich habe mein Herz einmal darauf gesetzt,
und mchte ihn mein nennen, wenn es auch thricht ist.

Du bist ein wackerer Bieter, lachte der Amerikaner, aber =mein= Herz
hngt besonderer Weise auch daran, und wir mssen nun sehen, welches
schwerer ist, deines oder meines. Um zweitausend Gulden gebe ich ihn
nicht her, hast du vielleicht Lust =dreitausend= dagegen zu wenden?

Der Javane bi seine Unterlippe, da der Eindruck der scharfen Zhne
darin zurckblieb; er fhlte, da der Fremde die Beweggrnde kannte, die
ihn trieben, =wute=, da er entschlossen sei seinen Vortheil zu wahren,
und zgerte dennoch mit dem Gebot, da ihn zum Bettler machen mute.
Aber es blieb ihm keine andere Wahl; der heilige Khris war eines
=Fremden= Eigenthum, und die Geister der Verstorbenen htten den Frevel
gercht, wenn er die Waffe in jenes Hnden lie.

Gut, sagte er endlich, whrend ein schwerer Seufzer sich seiner Brust
entrang, sei hier an dieser Stelle eine Stunde vor Sonnenuntergang, ich
bringe dir das Geld; und seinen Sarong fester um sich herziehend, und
ohne sich weiter nach den Mnnern umzusehen, schritt er die Strae rasch
zurck.

Um die Lippen des Amerikaners zuckte ein triumphirendes Lcheln, der
hollndische Capitain aber theilte seine Gefhle nicht und sagte ernst:

Sie sind zu weit gegangen, Goodwin; dem armen Teufel wird es blutsauer
werden, das Geld aufzubringen, und htt' ich =das= vorher gewut, wrd'
ich es nicht geduldet haben.

Das kann ich mir denken, lachte der Kaufmann, es thut Ihnen jetzt
leid, da Sie mir nicht geglaubt, und frchteten, er liefe Ihnen mit dem
Dreihundert-Gulden-Gebot davon. Hatt' ich Ihnen nicht vorher gesagt, da
er so viele =Tausende= dafr geben wrde?

Er bezahlt das Messer theuer genug damit, sagte der Hollnder.

Und bekommt es noch nicht einmal dafr, rief der Amerikaner lachend.

Bekommt es nicht dafr?

Nein; er mu und wird mehr geben; hol's der Teufel, ich habe den
Burschen jetzt einmal in Hnden, und will ihn pressen, so lange noch ein
Gulden aus ihm herauszubringen ist. Solche Gelegenheit kommt mir sobald
nicht wieder, und wer sie nicht benutzte, wre ein Thor.

Lieber Goodwin, sagte der Hollnder ernst, ich verdiene auch gern
Geld, und brauche es vielleicht so nthig, wie jeder Andere, aber -- auf
solche Weise --!

Bah, rief der Amerikaner, sich von dem Hollnder abwendend; =Sie=
haben mehr als _200_ Procent fr den Khris genommen, =ich= gehe in die
Tausende; der einzige Unterschied liegt in der Summe, und moralische
Bedenklichkeiten wren Unsinn. Aber das ist Nebensache und abgemacht;
=wann= gehen Sie an Bord, da ich Ihnen noch das Nthige besorgen kann?

Heute Abend vor Sonnenuntergang, erwiderte der Hollnder, soeben habe
ich die Nachricht bekommen, da die letzte Praue drauen lscht und das
Wasser an Bord gekommen ist. Meine Papiere sind smmtlich in Ordnung,
also hindert mich Nichts, mit dem Landwind morgen frh unter Segel zu
gehen.

Apropos, Sie wollten mir ja noch eins von den Schachspielen verkaufen,
die Sie von China mitgebracht haben, sagte der Amerikaner.

Es steht Ihnen gern zu Diensten, aber ich habe keins an Land.

Gut, dann begleite ich Sie heute Abend an Bord und hole es selber; und
nun auf Wiedersehen, denn ich habe noch Manches zu besorgen.

Die beiden Mnner trennten sich hier, ihren verschiedenen
Beschftigungen nachzugehen, und wir wollen indessen dem Javanen folgen,
der, nur das eine Ziel vor Augen, in wilder Hast zurck in seine Wohnung
eilte, sein Pferd, seine Juwelen zu verkaufen, um zur rechten Zeit an
dem bezeichneten Platz zu sein.

Kufer fand er allerdings dafr; der schlaue Chinese ist stets bereit,
einen vortheilhaften Handel einzugehen, und Geld auf Waaren als Pfand
vorzuschieen, oder auch diese selber anzukaufen, wenn er den sicheren
Gewinn voraussehen kann. Aber die zhen Gesellen wollten die Juwelen
nicht nach ihrem Werth, nur nach dem Drngen des Augenblicks bezahlen,
und der Javane, dem es schon berdies die Seele zerschnitt, um den
Nachla seines Vaters mit gierigen Mklern zu feilschen, mute von Einem
derselben zum Andern laufen, die von dem Amerikaner geforderte Summe
endlich zusammenzubringen.

Als die Sonne noch eine Stunde hoch am Firmamente stand, eilte er mit
dem Rest seines Vermgens, zu Fu und mit triefender Stirne, dem
bestimmten Platz an Kali Besaar zu, und fand den Amerikaner dort schon
seiner wartend, dicht am Flusse stehen.

Hast du den Khris? frug der Huptling leise, als er zu ihm trat, und
die Rolle mit Hollndischen Banknoten aus seinem Grtel nahm.

Ah, _tabe_, mein brauner Freund, lachte der Amerikaner, als er seiner
ansichtig wurde, bist du wieder da? ein Paar Minuten spter, und du
httest mich nicht mehr getroffen.

Hast du den Khris? sagte der Javane, ohne den Gru weiter zu
erwidern.

Den Khris? -- allerdings, hier ist er, mein brauner Tuwan.

Und hier ist dein Geld dafr -- gieb mir die Waffe, sagte der Javane,
ihm mit der linken Hand die Banknoten reichend und die rechte nach dem
Messer ausstreckend.

Halt, nicht so schnell, entgegnete ihm aber ruhig der Kaufmann, wie
viel hast du in dem Bananenblatt da eingewickelt?

Was du verlangt hast -- dreitausend Gulden, sagte der Eingeborene, mit
finster zusammengezogenen Brauen, es ist mir schwer genug geworden, es
zu schaffen.

Mglich, lachte der Amerikaner, aber fr =dreitausend= Gulden gebe
ich den Khris nicht her.

Hast du ihn mir nicht um den Preis verkauft? rief der Javane, mit
zornfunkelnden Augen emporfahrend, whrend die Rechte fast unwillkrlich
nach dem Griff der eigenen Waffe fuhr, die er im Grtel trug.

Nur ruhig, Freund, entgegnete ihm aber mit einem verchtlichen Lcheln
ber die drohende Bewegung der kaltbltige Yankee, ich habe dich blo
gefragt, =ob du Lust httest, dreitausend Gulden an den Stahl zu
wenden=, dir aber nicht gesagt, mit keinem Worte, da ich ihn dafr
lassen wrde -- Giebst du aber =vier=tausend, soll er dein sein.

=Vier=tausend, rief der Javane, die Zhne zusammenknirschend, was ich
an mir trage, ist mein ganzes Vermgen, ich habe nicht tausend Deute
mehr, sie zuzulegen.

Das thut mir leid, sagte der Amerikaner achselzuckend, dann frcht'
ich, werd' ich den Khris behalten mssen.

Der Khris ist =mein=! zischte da der Javane zwischen den
zusammengebissenen Zhnen durch, du =darfst= ihn mir nicht
vorenthalten. Hier ist dein Geld, es ist mein Alles, und ich gnne es
dir, verdank' ich dir dann doch die Waffe meiner Ahnen, aber -- weigere
mir sie nicht.

Hm, ich dachte, du wolltest ihn nur fr einen =Freund= haben, lachte
der Yankee, htte ich das gewut, wr' er mir nicht einmal um
=vier=tausend feil; aber ein Mann ein Wort, und schaffst du mir =die=
Summe, magst du ihn haben, unter dem aber um keinen Deut.

Gib mir den Khris und nimm dein Geld, drngte der Eingeborene, ich
=kann= dir, bei Allah, nicht mehr geben; treibe mich nicht zum
uersten.

Wo du die =Drei=tausend aufgetrieben hast, spottete der Amerikaner,
wird dir auch wohl noch ein viertes zu Gebote stehen. Es ist mein
letztes Wort, und jetzt la mich zufrieden, denn ich mu an Bord eines
der Schiffe auf der Rhede fahren. Wenn du das Geld zusammen hast, so
komm' morgen frh in das Amsterdam-Hotel.

Und du verweigerst mir ihn fr dreitausend Gulden, frug der Javane mit
leiser, von innerem Grimm fast erstickter Stimme; der Amerikaner aber,
der an der ganzen Aufregung des Mannes wohl sah, da er sein Spiel
gewonnen habe, antwortete ihm gar nicht darauf, sondern schritt, sich
von ihm abwendend, langsam am Ufer des Flusses nieder. -- Er htte
vielleicht besser gethan, ihm den Dolch zu geben.

Etwas weiter unten stand sein Cabriolet, der braune Kutscher mit dem
runden, backschsselfrmigen, vergoldeten Hut hatte ihn kommen sehen,
und fuhr mitten in die Strae; Goodwin stieg langsam ein und einen
flchtigen Blick zurckwerfend, suchte sein Auge die Gestalt des eben
verlassenen Eingeborenen. Dieser aber war nirgends mehr zu sehen und der
Yankee, dem Kutscher in ein paar Malayischen Worten das Steueramt am
Kali Besaar als Bestimmungsort nennend, lehnte sich nachlssig in dem
kleinen Fuhrwerk zurck, still vor sich hinlchelnd ber den
vortheilhaften Handel.

Als sie den Ort erreichten, an dem smmtliche Boote anlegen mssen, die
den schmalen, zum Hafen fhrenden Canal passiren, ob sie nun ein- oder
auswrts gehen, war die Jlle des Hollndischen Capitains noch nicht
gekommen, und der Yankee ging eine ziemlich lange Weile mit wachsender
Ungeduld am Strande auf und ab.

Den Canal herunter kam eine kleine Praue von vier Malayen gerudert. Ein
fnfter lag lang ausgestreckt und in einen schmutzigen alten Sarong
gehllt, im Spiegel des schlanken Fahrzeugs. Die Praue glitt dicht und
langsam am Steindamm des Steueramts hin, dem dort postirten Beamten --
einem Liplap -- zu zeigen, da sie nichts einer Abgabe Unterliegendes im
Boote htten. In der That war sie auch vollkommen leer, und nur ein Paar
Fruchtbndel Bananen oder Pisang, ein Dutzend Cocosnsse und ein Paar
Krbe mit Reis und anderen Frchten lagen im Vordertheil derselben. Ein
weiteres Anhalten war deshalb nicht nthig und das Fahrzeug trieb
langsam vorbei.

Nun, kann der faule Bursche da hinten nicht aufsitzen, wenn er die
Steuer passirt? rief der Liplap mrrisch.

Ist krank, sagte der eine Malaye, whrend er sein Ruder einsetzte, und
gleich darauf scho das scharf gebaute Boot, die Strmung der Ebbe
wieder erreichend, rasch das enge Fahrwasser hinab.

Der Amerikaner hatte die Leute halten sehen, aber nicht weiter auf sie
geachtet, denn das schon ungeduldig erwartete Boot kam endlich den Canal
nieder, hielt einige Sekunden an dem Steinwerft, wo es den Yankee an
Bord nahm und passirte dann, da der Capitain nur Hhner, Frchte und
einige andere Sachen zur Verproviantirung seines Schiffes bei sich
fhrte, unbehindert nach auen.

Auf der Rhede berholten sie die Praue mit den fnf Malayen -- der eine
Bursche lag noch immer auf seiner Bank ausgestreckt, und die brigen
Ruderer schienen es auch nicht besonders eilig zu haben, denn sie
trieben mit der ausgehenden Strmung langsam zwischen die dort vor Anker
liegenden Schiffe hinein.

Die Sonne war indessen untergegangen und Goodwin blieb mehrere Stunden
an Bord des Hollnders, theils die bald eintretende Fluth, theils den
Aufgang des Mondes abzuwarten, der Capitain frug ihn einmal nach seinem
Handel mit dem Javanen, der Amerikaner aber gab eine ausweichende
Antwort, besorgte, was er noch an Bord zu besorgen hatte, und verlie
dann mit den Malayischen Bootsleuten, die jedes Europische Fahrzeug fr
die Dauer seines Aufenthalts auf der Rhede von Batavia miethet, das
Schiff, an Land zurckzukehren.

Ein aufsteigendes Gewitter schickte eben eine frische Brise vom Ufer
herber, und die Malayen muten zu den Rudern greifen, dieser
entgegenzuarbeiten; die See war aber noch vollkommen ruhig, und der Mond
schien hell und klar auf die leicht gekruselte, blitzende Fluth.

Die Lastprauen, die ber Tag den Schiffen ihre Ladung zufhren, waren
schon smmtlich in den Canal zurckgekehrt; nur hie und da glitt noch
ein einzelnes versptetes Boot, eigentlich gegen das Gesetz, und dann
und wann von dem Wachtschiff angerufen, durch die dort ankernden
gewaltigen Fahrzeuge, und der regelmige Schlag der Ruder klang weit
hin durch die Nacht. -- Ihnen gerade entgegen kam jetzt ein solches und
der Amerikaner, der hinten am Ruder sa, sah es pltzlich so dicht vor
sich auftauchen, da er kaum Zeit behielt, den Bug seines eigenen Bootes
herumzuwerfen, um nicht mit dem des fremden zusammenzurennen.

Holla, da vorn, zum Teufel, weshalb pat ihr nicht auf! rief er auf
Englisch rgerlich den Begegnenden zu. Das fremde Boot vernderte
seinen Cours aber nicht um eines Haares Breite, ja, folgte eher noch
etwas der abweichenden Bewegung des anderen, dessen Planken es jetzt
berhrte und scheuerte. Die Malayen behielten in der That kaum Zeit,
ihre Ruder aus den Dollen zu werfen und in Sicherheit zu bringen.

_Tabe Tuwan_[45]! rief dabei zu gleicher Zeit eine trotzige Stimme,
die des Amerikaners Blut zu Eis erstarren machte, und eine dunkle
Gestalt sprang, whrend zwei der fremden Bootsleute ihr folgten, und die
beiden Fahrzeuge fest zusammenhielten, mit wildem Satz auf den
Amerikaner zu.

Hlfe! Mrder -- Ruber! schrie dieser und ri den Khris, den er in
seiner Tasche trug, heraus, sich gegen den auf ihn einspringenden Feind
zu vertheidigen. Ehe er aber den Stahl aus der hlzernen Scheide bringen
konnte, hatte des Javanen schmchtige doch elastische Gestalt sich ber
ihn geworfen und den Khris gefat.

Hlfe, Mrder! tnte wieder der gellende Ruf des berfallenen, der
jetzt in wilder Wuth sich von dem Griff des Feindes zu befreien suchte,
und mit der rechten Faust wohl gut gemeinte, aber erfolglose Ste nach
dessen Kopf fhrte.

Meinen Khris will ich, knirschte der Javane dabei zwischen den
zusammengebissenen Zhnen durch, gieb meinen Khris, oder du bist ein
Kind des Todes.

Verdammte braune Bestie, eher mein Leben! schrie der Yankee, jetzt zu
wilder Wuth entflammt, warte Hallunke, =das= zahlst du mir theuer.
Hierher, Malayen, helft mir den Schurken binden.

Auf den benachbarten Schiffen, die den Lrm und das Hlferufen gehrt,
wurde es laut, und das Knarren der Blcke auf dem nchsten verrieth dem
gebten Ohr des Eingeborenen, wie ein Boot niedergelassen wurde. Auch
aus der Gegend, wo das Wachtschiff lag, tnten rasche Ruderschlge
herber, die das Ohr des Amerikaners ebenfalls trafen.

Zu Hlfe hierher -- hurrah meine Bursche, ich halte die Canaille!
schrie dieser jubelnd auf, hierher, ohoy.

So hab' deinen Willen! zischte es in des Amerikaners Ohren, und ein
gellender Angstschrei antwortete der schlangenhnlichen Bewegung des
Javanen, der sich im nchsten Augenblicke aus den Armen des Weien wand,
und zurck in sein eigenes Fahrzeug sprang.

Her zu mir! rief er dabei seiner Bootsmannschaft zu, und nun fort!
und blitzschnell folgten die braunen gewandten Gestalten dem Befehl,
whrend des Amerikaners Malayen starr und entsetzt zurckblieben, und
kein Glied zur Vertheidigung des angegriffenen Weien zu rhren wagten.

Halt dort -- was fr ein Boot ist das? rief da eine tiefe Stimme ber
das Wasser, und die rasch eingesetzten und wieder gehobenen Ruder
blitzten im Mondenlicht.

Segel auf! rief der Javane dagegen seinen Leuten zu, denen er jetzt
selber ganz kaltbltig half, das Mattensegel zu setzen. Kaum aber hob
sich dies mit seiner breiten Flche ber Deck, als es der immer schrfer
einsetzende Wind auch schon fate, und das schlanke Boot vor sich
hintrieb.

Halt da, sag' ich! schrie die nher und nher kommende Stimme in
malayischer Sprache, whrend von der andern Seite ebenfalls ein Boot
herber scho, euer Segel nieder, oder ich gebe Feuer.

Feuert! lachte der Javane trotzig zurck, feuert so viel ihr mgt!
und das Steuer ergreifend, lenkte er den scharf gebauten Bug des kleinen
Fahrzeugs gerade vor den Wind, da das riesige Segel weit ausblhte und
die Fluth vorn wild und schumend emporspritzte.

Drei, vier Schsse fielen jetzt hinter ihm her, aber sie erreichten das
Boot nicht. Trotzdem gab das Wachtboot die Verfolgung nicht auf, sondern
setzte jetzt ebenfalls ein Segel, den frischen Wind zu benutzen. Der
commandirende Officier rief indessen dem zweiten herbeieilenden Boote,
das von einem englischen Kriegsschiffe abgeschickt worden, zu, das
andere, auf dem Wasser treibende Fahrzeug anzulaufen und zu untersuchen.
-- Es war das Boot des Amerikaners, in dem die Malayen noch nicht wieder
zu den Rudern gegriffen hatten, denn sie waren um die =Leiche= des
weien Mannes beschftigt. Hlfe konnten sie ihm freilich nicht mehr
bringen; der scharfe Khris hatte sein Herz mit furchtbarer Sicherheit
getroffen.

ber die See schumte indessen, des Verfolgers spottend, die flchtige
Praue des Javanen den tausend Inseln zu, in deren Bereich sich das
Wachtboot nicht einmal allein hineinwagen durfte, und wo auch weitere
Verfolgung zwischen den vielen kleinen Inseln nutzlos gewesen wre. Nach
zweistndigem Rennen mute es die Jagd aufgeben und kehrte langsam und
unverrichteter Sache zu seinem Stationsschiff auf der Rhede zurck.

Funoten:

[41] Ein eigenthmlich geformter Javanischer Dolch.

[42] Ein kleines Bergwasser, das eingedmmt durch Batavia fliet und von
den Eingeborenen Kali Besaar, der groe Strom, genannt wird.

[43] Mischling der Europischen mit der indischen Race.

[44] Eine gewhnliche unter den Hollndern gebruchliche gemthliche
Anrede zwischen vertrauten Bekannten.

[45] Ich gre euch, Herr!




      *      *      *      *      *




Liste der Korrekturen:


Der Wallfischfnger

  sein Schiff voll l bekommen wollte
  sein Schiff voll l bekommen wollte.

  berdem war sie schon mit dem jungen Huptling eines Nachbarstammes
  versprochen
  berdem war sie schon dem jungen Huptling eines Nachbarstammes
  versprochen

  er sah sich dadurch bald in den Besitz
  er sah sich dadurch bald in dem Besitz

  nnd Toanonga selber um die Hand seiner Tochter zu bitten.
  und Toanonga selber um die Hand seiner Tochter zu bitten.

  so bedenklich schttelten die Offiziere
  so bedenklich schttelten die Officiere

  mit zu Hause durfte er sie natrlich nicht nehmen.
  mit nach Hause durfte er sie natrlich nicht nehmen.

  dichtgesteckte Brodfruchtbume
  dichtgesteckte Brotfruchtbume

  Gasperlen
  Glasperlen

  soll Brodfrucht und Cocosnsse, Bananen und Turo
  soll Brotfrucht und Cocosnsse, Bananen und Taro

  ist Tai manavachis ohana.
  ist Tai manavachis Ohana.

  eines nach dem andern
  eines nach dem Andern

  Und wollen die Pagalangis selber ihr Holz schlagen?
  Und wollen die Papalangis selber ihr Holz schlagen?

  Orangen ansgesogen
  Orangen ausgesogen

  auf einem Brodtfrucht- oder Cocosnubaum
  auf einem Brotfrucht- oder Cocosnubaum

  Brodfrucht und Schweinefleisch rsteten
  Brotfrucht und Schweinefleisch rsteten

  die Luci Walker droben noch drei volle Jahreszeiten
  die Lucy Walker droben noch drei volle Jahreszeiten

  tollkpfigen Pagalangi gegelacht
  tollkpfigen Pagalangi gelacht

  Hierher kam Hua jeden Abend mit mehren ihrer Gespielinnen
  Hierher kam Hua jeden Abend mit mehreren ihrer Gespielinnen

  zwei junge Bursche
  zwei junge Burschen

  das die Segel setzende Schiff der Pagalangis
  das die Segel setzende Schiff der Papalangis

  da sie eine B auszuarten drohte
  da sie in eine B auszuarten drohte

  rasch ihr Abendbrod einzunehmen
  rasch ihr Abendbrot einzunehmen

  den Offizier ber die Wichtigkeit der Einrede
  den Officier ber die Wichtigkeit der Einrede

  frug der Harpurnier, selbst mit wenig Hoffnung im Ton
  frug der Harpunier, selbst mit wenig Hoffnung im Ton

  entgegnete der Capitn eintnig
  entgegnete der Capitain eintnig

  Capitn Silwitch sprang jetzt selber
  Capitain Silwitch sprang jetzt selber

  der wir hier mit jeder Secunde Zgern ausgesetzt sind
  der wir hier mit jeder Secunde zgern ausgesetzt sind

  angeschlossener Eber
  angeschossener Eber

  werft einen Theil der Landung ber Bord
  werft einen Theil der Ladung ber Bord

  vor der Nhe Feindes
  vor der Nhe des Feindes


Die Bootsmannschaft

  der hhnende Jubelruf der Jonga-Insulaner antwortete
  der hhnende Jubelruf der Tonga-Insulaner antwortete

  ein Schiff antrfen, da sie aufnehmen knnte.
  ein Schiff antrfen, das sie aufnehmen knnte.

  um ihre Canoe zu erleichtern
  um ihr Canoe zu erleichtern

  der wie ein Weheruf ber die Flut schallte
  der wie ein Weheruf ber die Fluth schallte

  Das ist dem zweiten Haarpunier seine Sache!
  Das ist dem zweiten Harpunier seine Sache!

  Auslandziehen
  Aufslandziehen

  jeden Morgen brachten ihn ein paar Eingeborene
  jeden Morgen brachten ihnen ein paar Eingeborene

  Was ist An-ga?
  Was ist Ang-a?

  hinaus aus der seichten Flut
  hinaus aus der seichten Fluth

  die hier durch rechts und links auslaufende Landzungen gebildet werde.
  die hier durch rechts und links auslaufende Landzungen gebildet wurde.

  auf die Erde spukte --
  auf die Erde spuckte --

  Du, Jonas hast dem Zimmermann
  Du, Jonas, hast dem Zimmermann

  gegen die Hagai-Leute
  gegen die Hapai-Leute

  sieben Hagai-Krieger
  sieben Hapai-Krieger

  von dem alten Rothfell zum Narren haben, Lord Donglas!
  von dem alten Rothfell zum Narren haben, Lord Douglas!


Der Schooner

  neben ihn angekommen
  neben ihm angekommen

  nach Hagai hinberfahren
  nach Hapai hinberfahren

  noch schlimmer angekommen, als wir.
  noch schlimmer angekommen als wir.

  einen scharfen, eigentmlichen Schrei
  einen scharfen, eigenthmlichen Schrei

  endlich sagt er:
  endlich sagte er:

  fast dann den Alten
  fasst dann den Alten

  als zwei der Frauen sich pltzlich und rsichtslos auf Legs warfen
  als zwei der Frauen sich pltzlich und rcksichtslos auf Legs warfen


Der Balinese

  die Arecapalme streckte aus kleinen Fruchtdickichten
  die Arekapalme streckte aus kleinen Fruchtdickichten

  Glenteck! hauchte sie dabei,
  Glentek! hauchte sie dabei,

  am Anker stehenden Offizier
  am Anker stehenden Officier

  Auch die Frau des Capitains war anfgesprungen,
  Auch die Frau des Capitains war aufgesprungen,

  whrend sie flehend die Arme zu ihm aufstreckte
  whrend sie flehend die Arme zu ihm ausstreckte

  verb nnte
  verbannte

  Handels- und Schutz und Trutz-Vertrag
  Handels- und Schutz- und Trutz-Vertrag

  Einem eigentmlichen Aberglauben nach
  Einem eigenthmlichen Aberglauben nach


Der Menschentiger

  In den Preauger Regentschaften auf Java
  In den Preanger Regentschaften auf Java

  der furchtbare Schanghai.
  der furchtbare Schang-hai.

  Schanghai befolgte mit zitternden Hnden den gegebenen Befehl
  Schang-hai befolgte mit zitternden Hnden den gegebenen Befehl

  um von dort aus dem Kompang Tji-dasang zu erreichen.
  um von dort aus den Kampong Tji-dasang zu erreichen.

  sein Leben zu retten, gegeben, den Kompang.
  sein Leben zu retten, gegeben, den Kampong.


Der Khris

  keine Muskel seines Gesichts verrieh mehr
  kein Muskel seines Gesichts verrieth mehr

  den sie an eigentmlichen, nur ihnen deutlichen Zeichen
  den sie an eigenthmlichen, nur ihnen deutlichen Zeichen

  Um zweitausend Gulden gebe ich ihn her
  Um zweitausend Gulden gebe ich ihn nicht her

  und sagte erst:
  und sagte ernst:

  Der commandirende Offizier
  Der commandirende Officier



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