The Project Gutenberg EBook of Der schwarze Baal, by Paul Zech

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Title: Der schwarze Baal
       Novellen

Author: Paul Zech

Release Date: January 3, 2011 [EBook #34833]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHWARZE BAAL ***




Produced by Jens Sadowski




Paul Zech

Der schwarze Baal

Novellen








Verlag der Weien Bcher / Leipzig

1917













Copyright Verlag der Weien Bcher, Leipzig, 1917





Inhalt

Die Birke
Der schwarze Baal
Das Pferdejuppchen
Die Gruft von Valero
Das Vorgesicht
Nervil Munta
Der Anarchist











Die Birke


(1910)

Eine halbe Stunde weit von der groen Stadt, deren Trme, Gasometer und
Riesenschornsteine aus dem gelbgrauen Nebel wie Kpfe langsam Ertrinkender
sich emporqulen, liegt die Gewerkschaft Frisch auf.

Mitten im Grn flacher Weideflchen und bis zum Rand der pastellhaften
Kurve brauner cker. Aufrecht und starr wie eine starkbefestigte Insel.

Sie bleckt wie alle diese klobigen Tempel Vulkans bissig unnahbar aus den
Umzunungen.

Braune, mchtige Eichenbohlen stehn riesenhaft verkettet. An den vier Enden
erheben sich schmiedeeiserne Tore mit spitzen Zacken auf den Huptern;
martialische Landsknechte.

Aus der Umzunung ragen drohend die Frdergerste empor: Phantastische
Wurfmaschinen mit groen, flinkkreisenden Rdern; darber Seile gleiten,
welche die Geschosse auf- und niederheben. Die ringfrmige Strae ist wie
ein Graben vertieft. Schienenstrnge gleien darin wie dnne halbversiegte
Wasserrillen. Die Lastwagen schaukeln wie Boote vorber; alte
vorsintflutliche Kasten.

Jenseits der Strae ragen die Halden.

Das sind die Forts. Regelrechte Gebirge mit ausgewaschenen Hhlen,
verwitterten Kanten und schroffen Kmmen. Sie sind keine dreiig Meter
hoch. Aber mit finsteren Mienen bewachen sie die Gewerkschaft wie riesige
Fleischerhunde, weier Geifer quillt aus den aufgesperrten Rachen. Dann und
wann verschlingen sie ein paar Kinder, die, klein wie Vgel mit spitzen
Schnbeln, auf ihren Huptern herumstelzen und aus dem struppigen Gestrhn
kleine Kohlenstckchen in Scke sammeln.

Unten, nach der Kolonie zu, wo die Huser wie blanke Zahnreihen blitzen,
hat man einen neuen Berg aufgeschichtet.

Unbarmherzig ber saftige Grasflchen und Strauchwerk rollte das schwarze
Verhngnis und fra alles stckweise weg mit qualmender, zischender
Begierde.

Nur eine Birke war stehen geblieben. Obwohl ihr das schwarze Gift in
Mannshhe schon den weien Leib umklammert hatte.

Es war kein drrer Ast an ihr. Sie war zart und hob das kraus gekmmte Haar
trotzig in den Wind empor. Mit Abscheu sah sie auf die magern Gartenklexe
der Kolonie, die gar nicht anrennen wollten gegen die weit umsichgreifende
Umklammerung des Gebirges. Sie schaute gelangweilt auf die schmutzigen
Hfe, wo frischgesuberte Leibwsche sich auf den Leinen spreizte, um das
Wei ihres jungfrulichen Gewandes nachzuahmen, und sie zuckte nur auf, als
ein verirrter Vogel Schutz in ihrem grnen Bltterscho suchte. Schutz vor
den gelben Ausdnstungen der Kokereien und dem Gestber der Rauchwolken,
die unaufhrlich den Feuerschlnden entquollen.

Sie strubte das Gefieder wie eine Gluckhenne und nickte beseligt ein, als
der aller Gefahr entronnene Snger, den drauen niemand mehr anhren
wollte, sein Lied zu Ende fltete. Das war ein Lied von der andern Welt, wo
ein kristallner Himmel sich zur Kuppel wlbte, weie, gleiende Sonne die
Felder segnete und phantastische Schatten weglang hin- und herwrts jagten.

Die Seele der Birke weitete sich. Kindheitserinnerungen zogen vorber; ewig
blauer Himmel und immergrne Wiesen mit zottigen Schafen und silbernen
Bchen.

Und der Vogel sang strker. Immer leidenschaftlicher rollten die Tne,
berschlugen sich. Und endeten schlielich in einer weichen Wiegenmusik.

Die Birke schlo die Augen. Ihre smaragdnen Behnge kuschelten sich
zusammen, und die Dmmerung breitete die schweren Schlafdecken darber.

Ein bser Traum erschtterte das Herz der Birke.

Wie mit wachen Augen sah sie das Kommen wildfremder Dinge und konnte sich
nicht wehren. Der Alp lastete mit Zentnergewichten und schlug alle
Anstrengungen des Wachwerdenwollens in Fesseln. Droben auf der Halde aber
rauschten die Flammenkessel. Signalposaunen bliesen. Transmissionen
kreischten und wildbrtige Sturmkolonnen rsteten sich zum Angriff auf die
arme, frierende Birke. Dampfmaschinen fuhren auf wie Kanonen. Mnner mit
furchtbar entstellten Gesichtern hoben lodernde Blcke auf kleine
Kippwagen. Dumpf rollte der Niedersturz. Und dann drhnten die Lavablcke
mit hllischem Gepolter den Abhang hinunter. Weie Dunstwolken mit
orangenen Helmen jauchzten hinterdrein. Donnernd schlug die ehern glhende
Masse unten auf. Ein Funkenregen spritzte bis in die Kolonie. Die Birke
stand in einem blutroten Nebel. Sie erbebte bis in die feinsten
Faserwurzeln. Und konnte sich doch nicht rhren. Immer neue Geschosse
flogen hinab. Die Splitter schwirrten wie ein Gewitterregen. Sturzbche
schwollen zu Tal.

Die Birke stand bis zu den Armen in der brodelnden Flut. Immer
unermelicher rauschte das Funkenmeer. Der rote Nebel blhte sich wie eine
Retorte. Minutenlang war die Birke darin verschwunden.

Und als sich die letzten Schwaden verzogen hatten, die straffen Gurten der
Funken gelockert, wehte nur das zerzauste Haar des Baumes herauf. Stamm und
Arme krmmten sich unten in dem qualmenden Schlackenmorast und starben
brchig ab.

Lange nachdem der Feind vor den Pfeilen der Morgenschauer geflchtet war,
erwachte die Birke mit fieberndem Kopf. Ihr Herz ging in langsamen
Schlgen, und in den Schlfen hmmerte der Brand.

Erst gegen den Nachmittag zu, als die Sonne ihr das Haar wieder geglttet
hatte, und ein frischer Wind, der vom Flu heraufkam, khlen Tau
mitbrachte, begann das bse Fieber zu weichen.

Die Birke sah mit kranken Augen in die Kolonie hinunter. Da polterten die
schwarzen Wagen ber das Pflaster, als wre nichts geschehen.
Halberwachsene Mdchen spazierten langsam mit den Kindern: zottelige,
ungewaschene Brder und Schwestern in allen Altersstufen. Der Obersteiger
trug seine Wrde behbig in die Fliederlaube, wo der Kaffeetisch gedeckt
stand, umbrmt von einem schbig blauen Rideaux. Die Frau Kuscinsky stritt
sich mit der Frau des Maschinisten Klwer um einen neuen Hut, den sie beide
nicht besaen. Hinter dem Kaninchenstall lag der Invalide Wladislaw und war
wieder einmal selig besoffen. Die magern Schweine grunsten. Hhner warfen
den Staub auf den Hfen wirr durcheinander. Spatzen hpften umher. Dnne
Glocken schnarrten die langweiligen Viertelstunden mit Bravour herunter.

Die Birke versuchte zu lcheln ber so viel Lebensbunterlei, das nutzlos in
den Tag hineinlebte.

Aber die Brust. O, wenn nur die Brust nicht so geschmerzt htte! Das Wetter
war bedeckt und der Wind -- es war ein anderer -- hob alle die
entsetzlichen Gerche von dem Zechenhof und versprengte sie wie durch eine
Brause.

Die Birke reckte, so gut es eben ging, den Kopf.

Aber das verirrte Vgelchen von gestern war einfach nicht mehr vorhanden,
vielleicht hockte es schon irgendwo in einem Kfig. Denn die jungen
Burschen, die unten im Schacht die Pferde mihandelten, fingen mit
Leimruten alles weg, was auch nur einen kleinen Ton in der Kehle stecken
hatte.

In langen Reihen hingen die Vogelzwinger vor den kleinen Husern.
Grammophone animierten die Drosseln, Stare und Hnflinge zum Konzert.

Nicht ein Vgelchen schwirrte mehr durch den hereinbrechenden Dmmer. Nur
die ekelhaften Fledermuse mit den stumpfen Nasen und khlen Krallen.

Und da wurde es merkwrdig still in den Mienen der Birke. Schwer fiel ihr
das Haar in die Stirn. Und sie mute es geschehen lassen, da die
heraufspringende Abendkhle sich darin festsetzte und die grauen Sacktcher
wusch.

Ein bleicher Stern, der zischend vom Himmel fiel und um Haaresbreite das
herabgebeugte Haupt der Birke streifte, weckte die Halberstarrte noch
einmal aus dem langsamen Hinberschlummern.

Zwischen den halbgeffneten Lidern sah sie noch die lang aufquellende
Lichterreihe, und dicht dahinter fuhren schon wieder die mrderischen
Geschtze auf.

Ein Schreckschauer rieselte schwer ber ihre blasse Stirne. Gleichgltig
lie sie die beiden Verliebten vorberstreichen, die sich nicht schmten,
die Wildgier ihrer Lippen vor den Augen der vielen jungfrulichen
Wasserspiegel auf dem Pfad zu schren.

Oh, diese Jungverliebten, die in diesem geizigen, raubgierigen Lande doch
nur allezeit zwei verlobte Waisenkinder sein werden! Die Birke zitterte
strker auf.

Es war nichts. Oder es war das Atmen der Stille, der tdlichen Stille vor
dem letzten Herzschlag.

Auf der uersten Flanke der Halde flatterten schon die schneeigen Gewnder
der Engel auf, um die Seele der Birke hinwegzutragen. Feuerbche brausten
in der Tiefe und wehten den metallischen Schaum bis zum Gipfel empor.

Die ersten Geschosse knatterten.

Dicht vor der zusammengebrochenen Birke schlugen sie ein.

Gerllstcke lsten sich los und brachen krachend in das Hufchen Tod.

Langsam begruben sie die sprlichen berreste.

Der ganze Hllenspektakel der Schlacht rauschte noch einmal auf.
Unheilvolles Gebrll zog Kreis zu Kreis. Der Himmel tanzte. Die Erde tat
sich auf. Und aus dem klaffenden Spalt schwebte langsam, von hundert weien
Fittichen getragen, die arme Seele der Birke empor. Glockengelut schwoll
auf. Und die schauervolle schwarze Nacht wallte wie ein unabsehbares
Trauergefolge.




Der schwarze Baal


(1911)

Oh, das Unglck! Oh, das Unglck!

Wie ein dichtes Schneegestber fuhr dieses flockige Rufen ber das Dorf,
immer wenn der schwarze Baal die roten Fangarme durch den Schacht gestoen
hatte und von jenen Mnnern, die ihr Bndel heiler Knochen Tag fr Tag auf
die blutrostigen Bden der Frderschale legen muten, sich irgend einen,
oder ein Dutzend oder Hundert auswhlte zum Fra und den Rest wieder von
sich gab wie einen ausgedrrten Kothaufen.

Oh, das Unglck! Oh, das Unglck!

Und die Witwen im schwarzverlogenen Gewand der Trauer, die diesen Ruf
gleichgltig hinausmurmelten wie den Perlenfall des Rosenkranzes,
zerdrckten in der Linken das Taschentuch und wogen in der Rechten den
Goldklumpen der Unfallprmie. Sie wogen und prahlten, bis das Gleiende zum
Glck wurde fr den neuen Schuft aus der Reihe der Schlafburschen.

Und dann schickten die wiederum Mtter Gewordenen ihre Shne in den Schacht
hinunter. Und es dnkte ihnen eine groe, unverdiente Gnade, wenn der
Grubendirektor Brot gab fr die hungrigen Muler. Denn der Schatten des
Hungers lag wuchtender auf den paar ausstzigen Htten am Flu, als der
hagelwolkige Vorbergang einer Katastrophe, die eigentlich nur die Fenster
zum Klirren brachte und ein paar Gnge zum Kirchhof mehr.

Niemand im Dorf glaubte an die Brandopfergier des Baals. Kein Gatte, Sohn,
Brutigam, Kostgnger war ihnen ein dem Baal Geweihter. Vorbestimmt war
diesen nur jenes sanfte Hinberschlummern zwischen den Kissen des
Ehebettes. Aller Tod, der anders kam, war ein Unglck. Oder ein Zufall, wie
die Aufgeklrten meinten.

Und die, die auf das Kreuz des Alltags genagelt, hinunterfuhren in die
verfluchten Bezirke der Fron und Station an Station durchwanderten, da
einen Arm, dort ein Bein lieen, frchteten den Hunger maloser als die
fnf Bretter des Sarges. Nicht einen Augenblick dachten sie bei dem
zerfetzten Kadaver eines Kameraden an die Mglichkeit, an gleicher Stelle
zu liegen. Heute oder morgen. -- Oh ein Unglck! Ein Unglck! Nichts
weiter.

Und das Opfer in den hakigen Klauen des Baals, reit es nicht das Maul auf
zum Schrei: Oh ihr Brder: das Unglck! Das Unglck!

Und die diesen Schrei hren, sind sie nicht ein furchtbares Echo, das das
Bersten und Krachen der Planken bertnt wie ein Orkan?

Aber alle, die es auffangen dort oben im weien Dunst des Tages, blasen es
weiter in die stumpfe Melodie des Trauermarsches: Oh das Unglck! Das
Unglck!

Das schnurrt der Pfaffe am Massengrab nach. Die Mtter und Witwen und
Tchter verdrehen die Augen, die nicht weinen wollen und krmmen die Rcken
ein paar Tage lang. Dann entklafft ihrem Scho ein Neues und wird Unglck,
das sie nicht wissen wollen.

Und doch war einer in dieses Dorf gekommen, den man alsogleich zum Opfer
bestimmte. Obwohl er das Schandmal des Unglcks an der Stirn trug wie eine
aufgebrochene Schwre, bekam er seinen Tod zugewiesen. Und die, die ihn
hielt, war nicht untertnig wie Abraham, da er Isaak opfern ging. Das
brachte ihn nun in eine allzuschiefe Stellung zu den wichtigsten Dingen
dieses Lebens, wiewohl seine Mutter dagegen ankmpfte mit den Instinkten
eines Raubtiers.

Schon da Fredrik als eine Frhgeburt just in dem Augenblick zur Welt kam,
da man seinen Erzeuger ins Haus brachte: schwarz, entstellt und
rotgeschunden, gab ihm eine Sonderstellung inmitten des groen Haufens.

Und dieser unabgestempelte Vater hinterlie ihm nicht einmal seinen Namen.
Denn die Hochzeit, die jene zwei, die sich erkannt hatten, zusammenkoppeln
sollte nach dem Gesetz, stand erst vier Wochen nach dem Unglcksfall an.
Einen Toten aber mit einer Lebenden zu verbinden, war derzeit noch nicht
gestattet.

Das zerstach der jungen Mutter das Herz, und sie hate hinfort den Mann,
der solches heraufbeschworen hatte. Sie hate diesen Mann ber das Grab
hinaus und sie hate seine Hantierung.

Sie gab dem Jungen die Brust und harte Pellkartoffeln, die sie dem Amtmann
stahl, bei dem sie bedienstet war, und sie bertrug auf den Bastard alle
Zrtlichkeiten, die sie Israel, dem Geliebten, schuldig geblieben war.

Fredrik wuchs auf wie die anderen Wrmchen, trotzdem die hohe Obrigkeit
allerhand Schwierigkeiten machte, ihm die Trchen ins Dasein aufzusperren.

Tags war er im Spital bei der Muhme. Und die alten Klatschmhlen, die mit
auf der Stube waren, rissen ihn dutzendmal aus der Wiege und betasteten den
Krper, um irgend etwas Besonderes zu entdecken. Denn da Fredrik dem Vater
nachmute, stand sicherlich irgendwo auf der Haut geschrieben. Und sie
fanden auch nach langem Suchen einen dunklen Fleck auf dem rechten Oberarm,
der sah aus wie zwei gekreuzte Schlgel.

Die junge Mutter war verzweifelt, wenn sie solches gewahrte, und entri das
Kind den Triefaugen der Hexen, um sich mit ihm in eine dunkle Ecke zu
verkriechen.

Und wenn dann Fredrik aufkrhte unter dem warmen Strom der Sttigung, hob
sie ihn empor und ging in der Stube herum wie eine Siegerin: Seht, was fr
ein gesundes Jungchen! Mein Jungchen hat gerade Arme und gerade Beinchen.
O, was fr ein gesundes Jungchen. Aber in die Grube soll mein Jungchen doch
nicht!

Die Spitalweiber lieen sich aber nicht bereden.

Der Vater wird ihn schon holen kommen, Antje. Du mut ihn doch einen
Bergmann werden lassen. Ja, ja, der Vater wird ihn schon holen.

Sie sagten das mit einem furchtbaren Ernst und verdrehten mystisch die
Nasen.

In den Worten der runzligen Hexen lag ihr Schicksal. Das fhlte Antje. Die
Worte schnitten wie zwei scharfe Messer gleichzeitig in ihr Herz. Aber sie
kmpfte dagegen an und verstopfte die Wunde immer wieder mit einem
kleberigen Trotz.

Als Fredrik vier Jahre alt wurde, kaufte Antje sich von dem Ersparten ein
Huschen und tat einen Handel auf. Das Jungchen lag in der Tr und
beschnupperte jeden einzelnen Eintretenden. Manchmal ging er auch mit den
Jungens auf die Gasse zum Spiel. Auf die Schlackenhalde, oder nach dem
groen Kohlenlager. Da spielten sie Verstecken und balgten sich wie junge
Katzentiere.

Einmal waren sie ihrer vier die Halde emporgeklettert. Es war so schn warm
dort oben, und die dnnen Rauchschlangen, die aus den Ritzen zngelten,
fingen sie mit den Hnden auf, oder hielten den offenen Mund darber, bis
die Wangen ganz bla wurden und eine belkeit die Kpfe in heftige
Umdrehungen brachte. Dann rollten sie den Abhang hinunter wie Murmeltiere
und lagen lange in dem drftigen Gras der Bschung. Starr und mit dnnen
Atemzgen.

Die schwarzen Mnner, die oben die Wagen entleerten, warfen ihnen bse
Flche nach und drohten furchtbar mit den Armen.

Lchelnd erzhlte Fredrik der Mutter von dem groen Berg, der immer so
schn rauchte und ganz warm war.

Da wurde Antje sehr zornig und verbot Fredrik dort hinzugeben. Sie schrfte
ihren Willen an dem ewigen Wahrsagenwollen der Spitalweiber. Und diesen
Willen blute sie dem Jungen ein.

Ein paar Tage lang lie sie Fredrik nicht aus den Augen. Als dann aber der
ljude kam und ihre ganze Aufmerksamkeit wegfeilschte, schlich Fredrik sich
flugs auf die Gasse und fand ein paar Gefhrten, die mit ihm zum
Schlackenberg gingen.

Sie hatten aber kaum die Hlfte der Anhhe erstiegen, da gab es ein
ohrenbetubendes Donnern. Der Berg ffnete sich, eine Rauchwolke wirbelte
hervor, und die drei Spielgefhrten Fredriks polterten in den Spalt.

Fredrik scho den Abhang hinunter und lag, mit versengten Haaren und ein
paar Brandwunden im Gesicht, zappelnd in einer Pftze.

Die Mnner, die ihn der Mutter ins Haus brachten, grinsten, als diese sich
wie eine Irrsinnige ber den Jungen strzte. Einer von den verruten
Mnnern sagte: Antje, da du's weit, der Israel hat das Shnchen holen
wollen, aber der Bengel war zu langsam. Na, ein andermal wird er ihn schon
sicherer fassen bei der Gurgel.

Da stellte Antje sich wie eine angeschossene Brin und trieb die Lsterer
mit Ruten aus dem Hause.

Und die Kinder wichen dem kleinen Fredrik aus, wenn er zur Schule ging. Und
die Spitalweiber murmelten: Antje hat ihn verhext. Sie hat Stutenmilch
getrunken, als sie den Bengel sugte. Das feit gegen das Unglck. Aber wenn
ihm die Milchzhne ausgegangen sind, wird es doch mit ihm kommen!

Antje nahm den Buben nun jeden Morgen bei der Hand und brachte ihn zur
Schule. Um zwlf stand sie wieder vor dem gebrechlichen alten Hause mit den
vielen Fenstern und holte ihn ab. Dann mute er das Pensum erledigen und
sich auf die Salzkiste setzen bis zum Abend. Sie gab ihm Maiskolben und
getrocknete Pflaumen zum Spielen. Und nach dem Essen brachte sie ihn zu
Bett und atmete auf.

Er wird nie mehr auf die Strae kommen zu den anderen Jungens, und wenn er
zwlf Jahre alt ist, bringe ich ihn zum Oheim nach Karna. Dort kann er auf
der Mhle helfen und ein Mller werden!

Sonntags ging Antje auch mit dem Shnchen durch die mageren Kartoffelfelder
und zeigte ihm die bunten Schmetterlinge und den Grashpfer mit dem gelben
Schopf.

Einmal sagte Fredrik: Mutter, wo ist mein Vater? Alle Jungens haben einen
Vater. Nur ich nicht und der Schorch. Aber Schorchens Vater ist doch auf
dem Kirchhof. Mutter, sag, ist mein Vater auch auf dem Kirchhof?

Antje prete den Zipfel des Kopftuches heftig gegen die Lippen, damit der
Junge nicht das leise Sthnen hrte.

So gingen sie eine weile schweigend. Jedes ein Schicksal, und ihre
Schicksale sthnten in der herben Luft.

Schwarz fielen die Schatten von den Pappelbumen.

Und Fredrik schaute noch immer fragend zur Mutter hinauf. Er betrachtete
ihre Hnde, die welk und rissig waren, und liebkoste sie.

Ganz schchtern ffnete er dann wieder den Mund:

Mutter, sag . . .

Und da bemerkte sie sein schmales, entstelltes Gesichtchen. Die spitze
Falte zwischen den Augenbrauen und den verquollenen Mund, den die obere
Zahnreihe gewaltsam aufstie.

Ja, ja, Jungchen. Ich werde dir den Vater zeigen, wenn wir wieder zu Hause
sind. Wenn die Sterne scheinen. Dein Vater ist ein Stern. Ein ganz heller
Stern.

Fredrik reckte den Hals, und der Atem pfiff hindurch wie das Gekreisch
einer Ratte, die im Eisen sitzt. Er mahlte mit den Zhnen irgendein Wort,
aber eine frstelnde Scheu fra es ungeboren wieder weg.

Ja, ja, Jungchen, dein Vater ist ein Stern.

Fredrik gab sich einen Ruck und sagte weinerlich: Wenn du mir den Stern
zeigst, werde ich auch nie mehr fortlaufen.

Am Abend, als sie daheim am offenen Kammerfenster standen, zeigte Antje dem
Buben einen runden Stern, der flimmernd ber dem Kirchturm stand.

Das ist dein Vater, Jungchen, sieh nur!

Fredrik reckte die Hand und versuchte den Stern zu pflcken wie eine Blume.
Und er trumte die ganze Nacht von dem schnen, blanken Stern.

Und jeden Abend, wenn ihn die Mutter entkleidet hatte, sprang er ans
Fenster und griff mit dem hageren rmchen den Stern. Er verschlo ihn mit
der kleinen Faust und trug ihn in den Traum hinber. Dort schien er die
ganze Nacht so hell, so hell.

Da machten die Kinder mit dem Lehrer einen Spaziergang. Fredrik ging
anfangs ganz still zur Seite des Magisters und suchte den Boden ab. Bis ihn
zwei grere Buben beim Arm nahmen und mit fortrissen.

Er kam bald in Feuer und war der schnellste Junge. Er sprang wie ein
abgekoppeltes Fohlen querfeldein: Greift mich! Greift mich!

Doch als die Buben einen Graben bersprangen, gab die Erde pltzlich nach
und klaffte breit auf.

Unten war die Hauptsohle des Schachtes.

Der Lehrer drehte sich ein paar mal im Kreise. Irr. Dann war er mit einem
Satz zur Stelle und sah ganz unten den Jungen auf einem Gesteinsblock
liegen.

Die Rettungsmannschaft von der Grube kam und holte den zerschundenen Krper
herauf. Das Haar war mit Blut verklebt, und die Beine hingen schlaff
herunter wie an Zwirnfden.

Diesmal wird es sein Tod sein, sagte der alte Doktor.

Und die Spitalweiber grinsten und hoben die drren Finger: Ja, sein Tod
wird es sein.

Und: Siehste Antje, der Israel hat ihn doch geholt. Haha, haha, haha.

Vier Monate lang lag das Jungchen in Gips, und die Mutter legte derweilen
ihr Haar in den Rauhfrost hinaus.

Sie hatte auch ihrem Verstorbenen endlich ein Denkmal gesetzt und ging
immer in der Frh, wenn das Jungchen schlief, auf den Kirchhof hinaus. Die
Weiber versuchten ein Gesprch mit ihr anzubndeln, aber ihre Augen waren
weit und wei wie zwei gleiende Schlnde. Nur ihre Hnde konnte, sie noch
ballen, immer, wenn sie an der Unfallstelle vorberging, die jetzt in einem
groen Umkreis abgezunt war. Und die Mnner von der Direktion waren da und
fremde Herren, die maen, klopften und bohrten.

Und dann hrte sie, da das Dorf niedergerissen werden sollte, der
Unsicherheit des Gesteins wegen.

Sie sah das alles kommen wie eine Mrzahnung. Denn die Wege hier dnkten
ihr jetzt de und verworfen. Und Fredrik lag im Bett und fieberte.

Diese verfluchten Spitalweiber mit dem Blutgeruch . . . O, da die Erde
sich noch einmal auftte, diese Henker zu verschlingen!

Als Fredrik wieder den Oberkrper heben konnte aus den rotgewrfelten
Kissen, holte die Mutter allerlei Spielwerk zusammen, damit der Junge
wieder lachen knnte. Und aus einem alten Legendenbuch las sie ihm vor von
den frommen Einsiedlern und dem groen Propheten in der Lwengrube.

Und da Fredrik einmal mit beiden Hnden nach dem Bchlein griff, um die
Bilder anzuschaun, fiel eine verblichene Photographie aus dem Buch.

Fredrik fate danach und betrachtete lange das fremde Gesicht.

Mutter, was ist das fr ein bser Mann? Sieh, er hat genau solch einen
schwarzen Kittel an wie die Mnner, die immer hinter den Srgen gehn!

Antje rieb sich ein paar Mal die Augen und ihre Lippen sprangen scharf von
den Zhnen. Die leeren Augen des Jungen irrten um sie wie feuchtrauchende
Phosphorkugeln. Dann sagte sie ganz ernst: Das ist dein Vater, Jungchen,
dein Vater, ehe er ein Stern ward.

Und sie stand vor dem zerwalkten Bett und wartete auf ihn mitten in dem
gelben Zwielicht, das so peinvoll war.

Fredrik hob den Kopf etwas. Die Augen quollen auf, und entgeisterte Blicke
schossen heraus wie ein bser Schreck. Und die Lippen raschelten Worte, die
sie nicht verstand.

Dann zerschlug den armen Krper ein tonloses Wimmern. Stoweises Meckern
und Sgen und Kratzen.

Und er wehrte sich nicht, da sie sich ber ihn beugte in sanfter
Sinnlichkeit, wie einst ber den Israel, als er noch nicht wild gewesen war
in ihres Leibes Rosenbeet.

Sie kte den Buben, trocknete ihm das Gesicht, strich ihm das Haar glatt
und die tiefen Kummerfalten. Sorgsam, mdchenhaft und ganz sinnlich.
Immerzu und stetiger, heftiger.

Antje wagte auch nicht, dem Jungen das Bild wieder abzufordern. Etwas
Feindliches lag schattenhaft auf seinem Gesicht. Er fragte nie mehr nach
dem schnen blanken Stern. Aber sie wollte nichts wissen. Nichts wissen,
nichts wissen.

Da Fredrik wieder aufstand, vergrub er das Bildchen schnell in der
Lehmgrube unter dem Ofen. Denn er hatte Angst, da ihm die Mutter das
schne Ding wieder abnehmen knnte.

Fredrik hatte jetzt eine verkrppelte Schulter und mute sich auf einen
Stock sttzen.

Aber der Steiger Verweno, der ein Bruder der Antje war, meinte: Och, och,
ich werde den Bengel schon mitnehmen. Er kann in meinem Revier Pferdejunge
werden. Da verdient er seine vier Gulden die Woche.

Antje fuhr wild auf und verbat sich solche Reden.

Jungchen soll nie und nimmer zur Grube. Er wird berhaupt nicht arbeiten
gehn!

Das sagte sie auch dem Pfarrer, als Fredrik zur Kommunion ging.

Die Spitalweiber, die auch in der Kirche waren, sahen den Jungen fremd wie
einen Toten an und bekreuzten sich.

Im Sptsommer kam der groe Auszug. Der Staat hatte das Dorf geschlossen.
Am jenseitigen Ufer war unterdessen eine neue Kolonie errichtet. Da war die
Erde noch nicht angebohrt. Und die Bume standen grn und saftig in den
Blttern.

Das alte Dorf sollte niedergesprengt werden. Von der Genietruppe hatte man
zwanzig Mann gesandt, die legten berall Sprengschsse, um die elenden
Htten dem Boden gleichzumachen. Und auf den abgesperrten Gassen standen
Posten mit geladenem Gewehr, damit niemand mehr in das Dorf zurckkehre.

Antje hatte ein schnes, weigekalktes Huschen bekommen. Fredrik half
wacker beim Einrumen der Sachen. Pltzlich vermite Antje zwei
Speckseiten. Da fiel ihr ein, da sie die im Schornstein hatte hngen
lassen.

Und Fredrik hatte sein Bildchen unter dem Ofen vergessen. Er gab sich das
aber nicht blo. Antje jammerte um den schnen Speck.

Mutter, sagte Fredrik ganz heftig, heut abend, wenn die Soldaten in der
Schenke sind, holen wir den Speck!

Antje wollte nichts davon wissen, wie sehr auch der Verlust des Speckes
schmerzte.

Die Erde kann sich auftun und dann haben wir wieder das Unglck. Nein,
nein! La man den Speck. Das sagte sie Fredrik.

Aber Fredrik, der das Bild nicht missen wollte, qulte die Mutter immerzu.

Sie frstelte und fluchte, die Hnde schlaff im Scho. Sie dachte das
wieder aus, das Furchtbare, das dem jhen Unglck vorausging. Josef, Maria!
Das Unglck! Nein, nein!

Doch Fredrik lie nicht nach, bis die harten Linien des Zornes in ihrem
Gesicht verschmolzen.

Und als es Abend wurde, nahm Antje den Jungen und sie gingen miteinander
hinaus.

Sie holperten schweigend den Weg hinunter, weiter und nach dem Flu hin.
Die Brcke schwankte und sthnte laut wie eine Vergewaltigte. Und der
Stern, den Antje suchte, kam nicht. Schauer rieselten dahin.

Durch den dicken, trgen Dunst schaukelte das Dorf heran. Ein armseliges
Ausgestoenes hinter den Schachttrmen und Erzmhlen. Der Schein der
Hochfen lag darber wie aufgelstes Blondhaar von Millionen Frauen.

Da flammte das hohe weie Kreuz, das sie dem Israel hatte setzen lassen,
auf und berschwemmte alle Grber.

Sie ri den Jungen zurck, wollte ihn hinbetten an die offene Brust, daraus
sieben Schwerter starrten. Sie ri den Jungen zurck. Etwas schnrte ihr
die Kehle zu. Ein Blutschrei, der hinaus wollte.

Und sie fhlte des Knaben Abwehr wie eine gemeine Schndung und konnte doch
nicht die magern, abwehrenden Hnde halten.

Als Fredrik seine Arme locker fhlte, wandte er sich jh ab und hopste wie
ein Heupferdchen davon.

Da war Antje wach gerufen und sah nur den stachligen Zaun vor sich.

Fredrik zwngte sich hindurch, schlenkerte das lahme Bein hinunter und
stand steif in dem Abgezunten.

Antje sah noch sein starres, verstrtes Gesicht aus dem roten Nebel wie
einen Totenschdel.

Sie konnte nicht weiter und beschlo zu warten.

Rief da nicht jemand: Fredrik? -- -- Fredrik . . .?

Eine Eule huschte laut vorber.

Fredrik ging nicht zuerst in die Rucherkammer, um nach dem Speck zu
fingern. Er tastete sich durch den Flur in das Hinterstbchen und stolperte
ber einen schweren Balken, den die fremden Soldaten wohl dort hingeworfen
hatten.

Fredrik erhob sich chzend.

Blut rann ber sein Gesicht, und der Totenvogel schrie strker. Mit beiden
Hnden grub er wie ein Maulwurf den Lehm vor dem Ofen auf. Das Bildchen kam
noch immer nicht.

Pltzlich fhlte er einen harten runden Gegenstand, der an einer Schnur
hing. Dieses fremde Ding machte ihn neugierig zittern. Er mute das
Feuerzeug schlagen. Das Feuerzeug an der Sprengpatrone.

Schwer rollte der Donner ber das tote Dorf und die Erde spaltete
klafterweit.

Knirschen und Krachen von Geblk bertnte das Brausen der Hochfen. Und
Wnde und Estrich und Dach knarrten, polterten, wlzten sich in den Abgrund
hinein. Rauch und Staub jagten wie ein Wetter davon, und die Nacht
flatterte auf mit blutigen Tchern.

Die aber, die auf dem Stein an der Umzunung sa, sah alles mit
aufgerissenen Augen und schlug hintenber, als die Explosion ber die Erde
fuhr und das Dunkel zerfetzte.

Und unten aus dem grausen Spalt lachte und wieherte gellwahnsinnig der Tanz
zweier Stimmen, die sich verschwisterten. Lachten, posaunten, rollten
weiter und immer ferner scholl das Gelach: Huhu -- huhu -- huhu -- huhu --
hu -- huhu.

Huhu -- huhu sprang Antje aus der Betubung auf und rannte querfeldein.
Blutrote Fragen vorauf. Sie breitete die Arme aus. Die Schatten
berschlugen sich, verwirrten sich in der grlichen Lache, oh das Unglck!
oh das Unglck!

Das war wie eine Beschwrung. Wie eine Erlsung.

Und es war kein hohles Echo, das tausendstimmig zurckdonnerte aus der
zerklfteten Nacht. In dichten Scharen kam es von der Grube und von der
neuen Siedlung.

Und sie wuten alle, da einer fort mute von der Welt. Einer, dessen Tag
nun gekommen war, wie sie es vorausgesagt hatten mit lsterlichen, kalten,
trostlosen Worten.

Sie suchten triumphierend Antje. Ihre Blicke glhten wie in der Extase des
Rausches. Es war ein Blutrausch. Der Rausch nach dem Opfer.

Antje aber fand sich wieder in einem anderen fernen Grubendorf. Dort
verdingte sie sich auf der Erzmhle. Suchte dort den Tod und suchte ihn
vergebens.




Das Pferdejuppchen


(1910)




I


Am Palmsonntag war Juppchens Konfirmation. Der Vater hatte versprochen
mitzugehen. Dann aber kam pltzlich das mit dem Wetterbruch dazwischen, und
er mute die ganze Samstagnacht auf der zweiten Sohle durcharbeiten. Erst
gegen sechs Uhr war er von der Grube gekommen. Mistna und hundemde. Und
um neun begann schon die Kirche. Als ihn seine Frau leise weckte, richtete
er sich halb auf, stie einen krftigen Fluch aus und wlzte sich auf die
andere Seite.

Da gingen Juppchen, Mutter und Gromutter allein. Es waren an die zwanzig
Knaben, die eingesegnet wurden. Und sie trugen alle schon die Runen der
Adamsqual auf der Stirn.

Der alte Pastor hatte danach seinen Text gewhlt und schob mit viel
Umstndlichkeit den sechsten Vers des elften Kapitels aus dem Prediger
Salomo seiner Rede voraus. Er hatte die Genugtuung, da nur wenige Augen
trocken blieben.

Die Orgel spielte einen Choral dazu, der dumpf wie das Donnern der groen
Frdermaschine klang.

Juppchens Lippen murmelten mechanisch das Schlugebet, und dann stand er
mit der Mutter wieder drauen auf dem den, sandigen Kiesplatz.

Langsam kam die Gromutter angehumpelt. Sie kte Juppchen auf beide
Backen, da es schallte. Und darber hin gingen drei frhliche
Kirchenglocken.

Juppchen fuhr sich mit dem Handrcken durch das Gesicht und sprang auf den
Weg.

Als sie den Vorgarten des Huschens betraten, kam der Vater in Hemdsrmeln
aus dem Kaninchenstall, die abgezogenen Felle von zwei weien Tieren in der
Hand.

Juppchen erschrak, als er des Vaters blutbefleckte Hnde sah. An dem
Kchenfensterkreuz hingen die dicken Blge mit den bloen Billen. Die
runden Kpfe waren eine unkenntliche Masse mit herausquellenden Augen.

O meine Hnschen, seufzte Juppchen und eine Trne kollerte ber sein
Gesicht.

Es waren seine eigenen Tiere. Er mute fr das Futter sorgen und den Stall
reinmachen. Er lebte mit den Tieren, er wute, wann die Jungen geboren
waren und wieviel von den Dingern jedesmal im Nest lagen. Er nahm sie, so
oft er in den Stall kam, in die Hand, strich langsam und zrtlich ber das
samtene Fell und kte die offenen runden Schnuzchen. Nun waren die zwei
schnsten Tiere tot.

Mausetot, sagte der Vater, wie wenn er die Gedanken Juppchens erraten
hatte.

Sie gingen zusammen in die Stube.

Mutter zog das schwarze Kleid aus und band sich eine groe blaue Schrze
vor, um das Mittagessen zu bereiten. Whrend sie in der Kche hantierte,
setzte sich Juppchen ans Fenster und erzhlte dem Vater von der Predigt.

Schon recht! Schon recht! brummte der und schob den Pfeifenstummel von
einem Mundwinkel zum andern.

Inzwischen hatte Mutter das Mittagessen bereitet: eine Schssel
Salzkartoffeln und Buttersauce und in einem tiefen runden Napf das weie
Kaninchenfleisch.

Juppchen a nur von den Kartoffeln und lie das Fleisch stehen.

Mutter schalt. Aber Vater sagte: La nur, Alte. Morgen schmeckts dem
Bengel schon besser.

Juppchen stand vom Tisch auf. Zum ersten Mal hatte er vergessen, das
Dankgebet zu sprechen und den Alten die Hnde zu kssen.

Es erinnerte ihn auch niemand daran.

Er setzte sich in die Laube und weinte still und stetig.

Am Nachmittag gingen sie aufs Feld und pflanzten Bohnen. Die Sonne stach
hei wie im August. Die Erde staubte wei auf. Und die Bume der Allee
tanzten hin und her in der ersten Knospenfreude.

Vom Dorfplatz, wo ein paar Karusselle, Luftschaukeln und allerlei Krambuden
standen, kam wstes Gerusch: Drehorgelgekreisch und Blechmusik.

Juppchen horchte auf und flsterte der Mutter etwas ins Ohr.

Was will er? schnauzte der Vater.

Juppchen mchte auf die Kirmes gehn!

Da wird nix draus. Morgen um fnf mssen wir aufstehn. Die Bummelei mu
jetzt aufhren.

Juppchen duckte sich wie unter einem Schlag. Er wollte ein Wort
hinausstoen. Aber die Zunge hielt es fest und verstopfte seinen Mund wie
mit einem trocknen Lappen.

Gern htte er auf den schnen braunen Holzpferden geritten.

Pferde liebte er noch mehr wie die Kaninchen. Jeden Nachmittag nach der
Schulstunde war er dem Pferdeknecht des Direktors begegnet, der ein
schwarzes blankgeputztes Tier durch das Dorf spazieren ritt.

Juppchen war immer eine Weile stehen geblieben und hatte mit
feuchtglnzenden Augen dem Reiter nachgeschaut.

Einmal, als der Knecht vor dem Wirtshaus abgesessen war, mute Juppchen das
Pferd so lange halten, bis der bestaubte Reiter seinen Durst gelscht
hatte.

Juppchen bekam dafr ein paar Pfennige. Er sagte danach zur Mutter, da er
auch gern ein Kutscher werden mchte.

Aber die Mutter meinte, da der Vater nie so etwas zulassen wrde. Denn er
sollte ein Bergmann werden, wie Vater und Grovater und all die anderen aus
der Familie.

Juppchen hatte versucht, vielerlei Einwnde aus seinem kleinen Gehirn zu
kramen. Er hatte wirklich deren gefunden und die Mutter damit berschttet,
Tag fr Tag. Bis sie des Geredes berdrssig geworden war und ihn strafen
mute. Da hatte Juppchen einen kleinen verwunderlichen Schmerz empfunden
und fortan der Mutter gegenber von den Plnen geschwiegen.

An den stillen Vormittagen aber, wenn die Mutter im Grtchen hantieren
mute, war er zur Gromutter auf die Stube gegangen und hatte vor ihren
erstaunten Augen alle Wnsche vollzhlig aufgebaut. Und die verhutzelte
Greisin war immer milder Trstungen voll, bis der Raum sich in Rhrung
gehoben hatte.

Sobald ein Karussell dann im Dorf war, steckte Gromutter dem Jungchen eine
kleine Mnze zu, sich nach Herzenslust auf den Holzpferdchen auszureiten.

Am Morgen vor der Konfirmation hatte sie ihm gar zwei Groschen geschenkt,
auf den Kirmesrummel zu gehn.

Wer wei was morgen ist, hatte sie gesagt und war mit der Hand ber die
Augen gefahren.

Nun hatte ihm der Vater das alles zunichte gemacht. Und sein Herz war doch
so voll davon gewesen. Whrend der Predigt und beim Mittagsmahl und noch
lange nachher.

Juppchen sah nach dem Vater hinber mit zerfurchten Mienen, bse glimmenden
Augen und dumpfen Blutes im Kopf.

Als die Dmmerung schattenhaft ber das Feld kroch, gingen sie zusammen
nach Hause. Vor der Straenbiegung drehte sich Juppchen noch einmal um und
sog die verworrenen Gerusche vom Kirmesplatz wie einen schnen Geruch ein.

Gleich nach dem Abendessen fing man an sich auszuziehen. Hosen und Rcke
flogen ber die Stuhllehnen. Mutter holte den neuen blauen Leinenanzug fr
Juppchen aus der Kommode und legte ihn auf den Schemel vor das Bett.

Und nun fix in die Falle und morgen frisch aufgewacht! polterte der
Vater.

Bald wurde es totenstill im Hause. Aus der Kammer und vom Boden herab, wo
die Gromutter schlief, scholl schweres Schnarchen.

Drauen im Garten blieb graugrnes Dmmerlicht, bis der Mond vorber war.

Juppchen wachte die halbe Nacht. Zauberte sich Pferdchen in allen Farben
vor und whlte sich aus der Schar einen kleinen schlanken Silberschimmel
aus. Darauf ritt er hurtig ber Berg und Tal einer fremden Ferne zu, und
fhlte sich wachsen und sah sich wie einen glnzenden Ritter aus dem
Mrchenbuch. Und als die Uhr schlug, drei harte abgezhlte Schlge, fhlte
Juppchen dieses wie einen Befehl ber sich: zurckzukehren und auszuharren
in der Bestimmung des Vaters.

So wollte er nun ohne Gedanken wachliegen und warten, bis die Mutter
aufstand und das Feuer in der Kche schrte.

Aber seine Augenlider wurden so schwer und auf der weien Wand des Zimmers
fingerte ein blutroter Schatten. Hastig zog Juppchen die Decke ber den
Kopf.

Mutters schwere Holzpantoffeln, die ber die Diele stampften und nach
drauen gingen und wieder zurckkamen, rissen ihn wie ein heftiger Schreck
empor. Er fuhr hastig in die Leinenhosen und ging breitbeinig an die
Wasserleitung. Mit viel Umstndlichkeit wusch er sich Brust, Nacken und
Hals, so wie er es beim Vater gesehen hatte. Danach setzte er sich wartend
an den Tisch.

Da kam auch schon der Vater aus der Kammer. Schaute schlaftrunken drein und
blieb ghnend vor dem Herd stehen.

Die Mutter stellte den Kaffee auf den Tisch und schnitt das Brot zurecht,
das Vater und Juppchen mitnehmen sollten auf die Grube.

Juppchen trank hastig den Kaffee und vervollstndigte seinen Anzug. Ein
Schauer der Erwartung frstelte ber sein schmales Gesicht und frbte die
Lippen blau.

Der Vater nahm ihn beim Arm und zog ihn hinaus in den khlen Morgen.




II


ber den toten Lehmweg zog schon ein langer schwarzer Zug von Fronleuten
der Grube zu. Man ging wie ber einen Feuerwerkplatz. Die kleinen Huser an
der Strae warfen groe, braunblaue Vierecke auf den gelten Weg. Das
Gerusch der Seiltrme flog gewitternd ber die krausen Netze des Rauches.
Ruschwrme jagten wirbelnd durcheinander. Tne von menschlichen Stimmen:
Ein Zusammengeworfenes, dumpfes, melodisches Summen wie von Insekten,
zerrissen in der Orgie der materiellen Brandung. Klangen nur in Pausen nach
wie gedunsene Halle eines Echos, waren Endungen eines Spieles, das Seele
verlor.

Im Schein der wattigen Lampenhelle, die kaum die Giebel berhrte, wanderten
alle Menschen krumm, wie vergreist. Sie schienen nichts mehr wissen zu
wollen und trumten ihre Wege hinab. Erde zitterte ihren Hlsen zu und
mhte sich, die eckigen, durchgearbeiteten Schdel zu halten. In den Kpfen
waren allein nur Kerne noch wach. Alles, was diese Kerne umhllte, war ein
trunkener Mechanismus. Eine Welle regelte ihn. Ein Magnetismus, der von
einer auerordentlich organisierten Zentrale herkam: zu regieren und zu
profanieren.

Und eins dieser Tore ghnte gefrig und sog die Menschen, die waren,
mhelos hinein.

Lange Arme ruderten. Gesichter sprangen wei vor. Knochige Hnde griffen
Zahlen an. Gewirr von Lampen flog auf. Signalglocken berschrien den
Steiger, der vielerlei Namen gleichgltig aufrief. Und die Namen bejahten
halbgemurmelt die Aufrufe.

Dann und wann schnellte eine Hand empor: wie, wenn Kinder Schulweisheiten
auskramen. Eine Hand, die khle Gefhle sprte. Wre ein Wille darber
gelegen, htte sie zugestoen. Spitz und blank. Und wre warm geworden in
Rte.

Die Menschen aber wanderten in die Kaue. Das war ein kalkweier Saal zur
ebenen Erde. Lange Steintrge mit flieendem Wasser flankierten die Wnde.
Von der Decke baumelte in gedrehten Wirbeln das verschwrzte Blau der
Arbeitsanzge.

Man zog sich um. Die Luft stank von Schwei und verschwitzter
Unterkleidung. Dann standen Akte: blank wie Bronzen von Meunier.

Tatzenbreite Klauen klatschten zum Spa auf muskulse Schultern.
Krampfadern standen geschwollen auf Fleischklumpen der Oberarme und
Unterschenkel. Geschlechtliches lag dumpfverkrochen in den Hhlen. Nur das
gewohnte Werfen mit Zoten, das gering und automatenhaft war, tuschte
Springlebendigkeit vor.

Die Glocke ratterte wieder. Und ein Blken schwoll wie Gedrnge von Schafen
im engen Stall. Hitzige Gerusche aus den Kehlen hatten aber kein Medium zu
durchdringen.

Juppchen stand mit hochroten Wangen und klopfenden Herzens da. Etwas in
ihm, das lange geschwiegen hatte, jubelte auf.

Der Vater aber sagte pltzlich ganz barsch: Marsch, hallo!

Und bergab den Jungen dem Schreiber und entfernte sich mit einem
gleichgltigen Glck auf!

Mit fnf anderen Burschen, die schon lnger auf der Grube waren, wurde
Juppchen in den Frderkorb geschoben. Dann ging es hinunter. Dreihundert
Meter tief.

Juppchen fhlte, wie sich alles in seinem Leib im Kreisel drehte und nach
oben stieg. Sein Mund wsserte sauer, und seine Nase begann zu bluten.

Da hielt der Korb mit einem heftigen Sto. Die Burschen zerrten Juppchen
heraus und stieen ihn durch den Querschacht zur Pferdehalle.

Warmer Stallgeruch kam aus dem niedrigen Saal. An fnfzig Pferde standen da
in Reih und Glied vor den langen Zementkrippen. Von der schwarzen,
glimmernden Decke baumelten lange Lichterreihen und der weie
Strahlengischt schumte in die entlegensten Ecken.

Ein Halbinvalide fhrte die Aufsicht ber den Stall. Juppchen reichte ihm
den Schein, den er vom Schreiber erhalten hatte, und bekam darauf seinen
Platz zugewiesen. Ein lterer Bursche mute ihn mit der Handhabung von
Striegel und Brste bekanntmachen und das Fttern zeigen.

Juppchen pate mit hellen Augen auf und begriff sehr schnell. Er fhlte
sich jetzt dem Willen des Vaters berlegen und triumphierte innerlich.

Als er nach Beendigung der Schicht wieder auffuhr, stand der Vater schon
fertig in der Kaue. Er machte ein bses Gesicht und fragte auch Juppchen
nicht, wie es ihm unten ergangen war. Wortlos machten sie sich auf den
Heimweg.

In der harten schneidenden Luft des Sptnachmittags fhlte Juppchen eine
schwere Mdigkeit in den Gliedern. Seine Knie drohten einzuknicken. Er
hielt sich aber tapfer bis zur Behausung.

Da, hier hast du dein Pferdejuppchen, Mutter. Zu schwach ist er, um ins
Gedinge zu fahren. Einen ganzen Taler Lhnung weniger bekommt er. Kaum
genug, die Kost zu bezahlen!

Die Mutter erwiderte nichts auf die ungewhnlich harten Worte des Vaters,
der sich mimutig auf den Stuhl warf. Sie strich Juppchen ber das feuchte
Braunhaar und ber die schmalen, sommersprossigen Backen.

Juppchen wollte der Mutter die Freude, da er ganz unerwartet zu den
Pferden gekommen war, jubelnd mitteilen. Aber vor dem Vater wagte er es
nicht auszusprechen. Durch seinen Kopf rauschten die frischen Eindrcke
wirr durcheinander. Er schwankte zwischen Wollen und Nichtwollen eine lange
Weile. Dann legte sich das Fieber.

Nach und nach verschwand auch die Mdigkeit in den Gliedern, wenn er von
der Grube kam. Ganz heimisch war er dort unten schon geworden und stand mit
den sechs Pferden, die er zu besorgen hatte, auf Du und Du. Den einugigen
Schimmel hatte er besonders lieb. Diese Liebe ging mit der Zeit so weit,
da er die Haferration der anderen Pferde beschnitt und das Ergatterte dem
Schimmel zufhrte.

Das merkte das so bevorzugte Pferd sehr bald, und es entspann sich eine
innige Freundschaft zwischen den Beiden. Jeden Abend, wenn Juppchen den
Stall verlie, drehte sich der Schimmel um, wippte mit dem Kopf und stie
ein helles Gewieher aus. Und sobald am nchsten Morgen der Frderkorb in
die Sicherung schlug, vernahm Juppchen schon aus dem betubenden Gerusch
den leise gewieherten Frhgru.

Immer, wenn er das Tier fr die Wagenfahrt zurecht machte, erzhlte er ihm
alle Plne, die er mit ihm noch vorhatte. Er wrde sich Geld sparen. Jede
Lhnung eine Mark. Und wenn dann ein schnes Smmchen zusammen war, wrde
er den Schimmel dem Direktor abkaufen und mit ihm die Grube verlassen auf
Nimmerwiedersehen. Oben konnte man vielleicht billig einen Wagen erstehen
und fr die Bahn Fuhrdienste tun. In der Sonne mte es dem Schimmel doch
viel besser gefallen. Da gab es frischen Klee und langes, weiches Gras. Und
ein blankes Ledergeschirr mit Schellen am Joch sollte der Schimmel haben.
Eine weie, gebogene Peitsche mit einem goldenen Griff wrde er auch
kaufen. Aber nicht um den Schimmel zu schlagen. O nein, das tun nur die
rohen Sandkrrer, die ihre Tiere im Regen stehen lassen, derweil sie im
Wirtshaus sitzen und stundenlang Karten spielen.

Manchmal flocht Juppchen seinem Schimmel ein buntes Wollband, das er der
Mutter abgeluxt hatte, in die Mhne. Und den Fahrer bat er, nicht so rauh
mit dem Tiere umzugehen.

Doch der verlachte ihn und ri das bunte Band immer wieder aus der Mhne
heraus.

Eines Tages sagte Juppchen zum Schimmel: Weit Du, zwanzig Mark habe ich
schon zusammen. Das wird bald langen zum Kauf. Dem Vater will ich es nicht
eher sagen, bis es soweit ist. Dann rume ich den Kaninchenstall aus und
bau Dir eine Krippe hin. Daraus sollst Du ganz allein fressen. Das wird
viel schner sein als mit den vielen zusammen. Und an den Wagen spanne ich
Dich auch allein. Kein anderer soll Dich fhren.

Der Schimmel senkte den Kopf und schnupperte mit den weiten Nstern ber
Juppchens Gesicht.

Whrend dieses Auftritts war der Inspektor mit dem Stallwrter in den
Verschlag getreten und machte sich an dem Schimmel zu schaffen. Juppchen
htte aufweinen mgen, so rauh fuhr der Mann dem Tier ber Rcken und
Gelenke.

Nach einer Weile des Prfens sagte der Inspektor: Na, den alten Bock
knnen wir ebenfalls ausrangieren. Zusammen mit dem lahmen Fuchs aus der
vordersten Coje. Die Tiere brauchen nicht mehr eingespannt zu werden. Um
zehn kommt der neue Transport.

Der Wrter nickte und begleitete den Inspektor hinaus.

Juppchen, der den Sinn der Worte nur halb verstanden hatte, stand mit
offenem Munde da und sah bald den Schimmel an, bald die anderen Pferde.

So, sagte der Wrter, der wieder zurckgekommen war, nun werden wir den
Klepper endlich los, Juppchen. Dafr bekommen wir ein ganz junges Tier!
Fein, was?

Juppchen kroch tief in sich hinein. Seine Knie zitterten. Die Augen rollten
vor wie auf Stahlnadeln gespiet. Ein Weinen stieg von unten herauf und
wrgte ihm in der Kehle. Und dann war es, als ob er sich mit ausgereckten
Armen an einen festen Gegenstand lehnen mte. Die Schlfen klopften wie
Hmmer. Die Lippen brachen auf. Ein heller Schrei zerfetzte die Luft.

Ich la ihn nicht fort! Ich will ihn kaufen! Ich habe Geld! Wieviel willst
Du haben? Morgen bringe ich es Dir! Ein ganzes Beutelchen voll Geld habe
ich! Ich la den Schimmel wirklich nicht fort!

Ach, was bist Du fr ein kindischer Bengel! So ein Junge! Hat man so etwas
schon erlebt?

Juppchen weinte lautlos und ganz gebrochen.

Da ri ihn der Wrter an der Schulter empor: Marsch, die Kette los. Und
da Du mir den Halfter ordentlich aufsetzt. Gleich kommt der Korb herab.

Juppchen schritt an den Schimmel, strich ihm zrtlich das Fell und machte
langsam die Kette los.

Der Schimmel beugte den Kopf herab. Mit dem offenen weitsichtigen Auge
starrte er den Knaben an, als wte er, da es ein Abschiednehmen fr immer
war.

Juppchen fhlte, wie ein blutiger Tau sein heies Herz berstrmte. Er fuhr
sich ber die Stirn und lie die Hnde schlaff herabfallen.

Pltzlich sprang er an den Verschlag, holte sein ganzes Brot und gab es
Stck fr Stck dem Tier.

Noch ehe der Schimmel den letzten Happen verschluckt hatte, rief der
Wrter.

Juppchen warf dem Pferde den Halfter um und zerrte es hinaus. Er schritt
wie zu einem Begrbnis.

Der Wrter ri ihm die Zgel aus der Hand, versetzte dem Schimmel einen
Sto in die Weichen und trieb ihn in den Frderkorb. Der Fuchs war schon
festgebunden an der Gitterstange und stand ruhig mit herabgesenktem Kopf.
Juppchens Schimmel kam vorn zu stehen. Der Seilschlger ri an, und
pfeifend fuhr der Korb in die Hhe.

Juppchen stand gerade unter der Schachtluke. Er schnalzte mit der Zunge,
und gleich darauf vernahm er in dem schwelenden Dster ein unterdrcktes
Gewieher. Und ganz deutlich sah er noch, da der Schimmel den Kopf aus dem
Gitter herabbeugte.

Juppchen wollte die Hand heben und winken -- -- in demselben Augenblick
fiel etwas unendlich Schweres herab und traf ihn mitten in das erhobene
Gesicht, wie ein nasser Sack klatschte er breit hin und erhob sich nicht
wieder.

Ein kantiger Trrahmen bei dem ersten Fllschacht hatte den vorgelegten
Kopf des Tieres whrend der rasenden Fahrt glatt vom Halse getrennt.

Der Grubenarzt, der Juppchen den Totenschein ausschrieb, setzte trocken
hinzu: er wurde von einem in den Schacht herabfallenden Pferdekopf
erschlagen.




Die Gruft von Valero


(1911)




I


Unter den Zwanzig, die den Frderkorb betraten, als er schon murrend in den
Gelenken knackte, waren zwei bemerkenswert. Piet, der Vollhauer und Jonsen,
sein Gehilfe. Sie waren Whler auf derselben Sohle. Piet begrte den
Jonsen zuerst. Ein kurzes heftiges Anziehen durch die Nase ging seinem Gru
vorauf. Und der Fall seiner Worte gluckste wie das Gerinsel einer
Regentraufe.

Wir werden heute den neuen Flz anpacken. Du weit ja, den am
Wetterschacht. Saure Arbeit wird's geben!

Dabei stie er seine Fuste klumpig empor wie fluchend. Und sein Gesicht
schrumpfte aus dem Ungewissen des Lichtes tierisch ins Besessene.

Jonsen nickte. Nickte nur und sagte rein nichts. Vielleicht war es ein
Vorgefhl tiefsten Schreckes. Zudem krankte er an der Formulierung eines
Prinzipes zu hherem Lebenszweck. Man sagte unten im Dorf, da er nur
Studien halber sich ins Joch gespannt hatte.

Polternd schttete der Korb die Hauer auf den Gang. Sie rannen auseinander
wie gewordene Brut aus Schalen. Immer in Trupps zu zwein und drein.

Piet und Jonsen hatten von dem Steinriff, wo die Knappen in gesonderten
Hhlen Hacken und Schaufeln rhrten, noch eine viertelstndige Wanderung zu
machen. Das gewohnte dumpfe Surren der Kippwagen, das Kreischen der
Sauerstoffgeblse und alle Gerusche von Schlgel und Bohreisen hinderten
nicht, da den Wallern die Minuten durch den stockdunklen Gang lautlos
erschienen, wie von einer bis zur letzten Endung gespannten Feder gehalten.

Jonsen hob die Lampe. Ein winziger blauer Kranz umschwirrte zitternd den
roten Lichtkegel.

Piet schnffelte lange und verdrehte die Augen wie unter der Nhe von etwas
bitter Sem.

Hier stimmt es nicht mit der Luft. Die Berieselung klappt ja. Aber die
Enge -- -- die Enge. Sprst du das denn nicht?

Jonsen verneinte. Aber mit offenen Augen horchte er herum. Endlich, leise
. . . aus Tiefen -- rauschten Dinge. Aber er war nicht aufgeklrt, sie zu
deuten. Sein Instinkt war hier einfach abgeschraubt.

Da ging Piet voran. Der gekrmmte Rcken, dessen Muskulatur bei jedem
Schritt aufschwoll, sowie die eckigen Knullen der Oberarme scharrten an der
Verzimmerung. Feuchtigkeit triefte dnn von den Bohlen herab. Der schwarze
Schlamm lag zh wie ein pilziger Brotteig auf dem Boden und sog das
Schuhzeug an: schner Teppich fr Besoffene. Ins Gesicht Getropftes
schmeckte sauer und lie den Speichel auf der Zunge gerinnen. Es lie sich
auch nicht vernichten. Klebte sich an die Kleider und wurde gewohnt.

Piet und Jonsen standen am Ende der Sohle. Der Fels, das reine,
schwarzglnzende Fleisch der Erde, hob sich aus dem berschwemmten Bett der
Seugen.

An einen Pfosten, dem lange Schmarotzer der Fule wie Strhnen eines
verwilderten Bartes herabhingen, klemmten sie die Lampen. Piet tat noch den
grnen Kittel hinzu.

Eine torartige Verzimmerung schlo den Gang ab. Dahinter lag der
Schlagwetterherd: die Gruft. Man war gewohnt, nie von dieser Leichenkammer
zu sprechen, ohne sich zu bekreuzen. Vielleicht waren noch Scherben darin
von Toten, die vermit wurden, damals vor zehn Jahren, und die man nie
wiederfinden wird. Achtzig waren eingefahren und nur siebenundsechzig hatte
man ausgegraben. Dieses befahl Furcht. Und Jonsen frchtete sich. Sein Blut
sah. Und sein Gehirn fhlte so, wie man, von einer Ursache geregt, fhlen
kann. Aber er konnte es sich nicht erklren und das Trbe des Geahnten
nicht filtern. Darum meinte er:

Warum mauert die Verwaltung das Ding nicht zu? Tote wollen doch ihre Ruhe.
Gestrte Ruh aber fordert Opfer.

Na, Jungchen, die Herren glauben, da sich der Teufel wieder verkriechen
wird. Voriges Jahr lieen sie den Berg absuchen. Aber der schwarze Satan
speit immer noch Gift. Wir wollen gleich mal schaun!

Jonsen zitterte vor dieser Schwrze. Als er noch klein gewesen war, litt er
unter epileptischen Anfllen. Vielleicht war das Zittern in manchen
Minuten, die dieser glichen, ein matter Nachhall der Krankheit.

Piet aber ri mit Gewalt das Brett los und zwngte seinen zyklopischen
Krper durch den Spalt.

Jonsen zgerte.

Du hast wohl Angst, mein Lieber, was? Nicht? Na, dann lang' mir mal die
Lampe her!

Er reichte sie ihm durch das Dunkel und kroch hinterdrein. Der Frost stand
ihm auf der Haut, die wie mit grobem Sand bestreut war.

Das trge Dunkel, das Jonsen berfiel, war mulmig, wie zerkaut und
ausgespien. Das Grundwasser klatschte breiig gegen seine Schaftstiefel.
Irgendwoher kam ein Gerusch wie angestrengtes Sgen. Stahl durch Stahl.

Nun schau mal her, Jonsen. Siehst du diese Blasen? . . . Hier die Klumpen
meine ich! Da unten kommt es herauf.

Piet bckte sich noch tiefer herab und betastete mit dem hochgeschraubten
Licht den Boden. Das Wasser war wie mit Millionen Perlen bestreut; Blasen,
die stndig emporrollten und zerschlugen, gerieben durch ein ewiges Grau.

Wird denn hier nicht mehr gepumpt? fragte gedehnt Jonsen.

Aber gewi, gewi doch. Da, vom andern Ende pumpen sie schon seit Jahr und
Tag Hunderttausende von Kubikmetern frische Luft hinunter. Der Satan
schluckt das aber wie Wein und mstet sich daran. Der geht nie hier weg.

Und wenn man einen Luftschacht baut?

Dann fllt der Dreck wieder zusammen wie damals. Unser Schliefche war auch
schon drin. Meine Alte hat ihn noch an der geflickten Hose erkannt.
Gesichter hatten sie alle nicht mehr. Die hatte das Wetter eingeschlagen.

Piet schwieg einen Augenblick. Sein Gesicht verzog sich grimassenhaft gelb.
Seine Schultern bogen sich flach herab. Die Lampe pendelte wie ein Zeiger,
der die letzten Sekunden eines Mrders unter dem Beil von der Endung
schneidet.

Dann wurde der Ausdruck seines Gesichtes wieder borstigrot. Die Schultern
hoben sich in Beruhigung. Die Lampe stieg.

Jonsen hatte sich mit dem Rcken gegen die Verschalung gestemmt, belkeiten
zerwalkten seine Gurgel. Durch die gehhte Ttigkeit der Nerven sah er viel
schrfer und suchte, wie in Sturmnchten, einen unbekannten Weg.

Piet rttelte Jonsen auf: Siehst du den Fels dort? Da geht der Flz durch,
den wir anreien sollen, von hier htte man halbe Arbeit. Aber was nicht
geht, kommt auch nicht. Und solange der Teufel hier die Luft verpestet --

Sie schritten auf den Gesteinssturz zu. Glnzend frisch, wie die
aufgehauenen Innenseiten eines Ochsen, quoll der schwarze Flz heraus.

Das ist schon ein massives Kohlchen, meinte Jonsen interessiert.

Eigentlich sollte man den Abbau vornehmen. Es mu doch Mittel geben, die
Wetter wegzublasen, wenn _eine_ Pumpe nicht gengt, nimmt man drei,
vielleicht kmmert sich der Steiger darum.

O Jonsen, der mchte schon. Aber die Direktion will noch nicht. Vorlufig
wenigstens. Die andern Sohlen liefern ja genug. Und dann: sie bluten jetzt
noch, die Aktionre. Der Bruch hat viel Geld gekostet. Einmal aber mssen
sie doch anfangen. Nur ich werd's schon nicht mehr erleben. Gewi nicht.

Er wischte sich mit der Hand ber die Stirne, und mit zwei Fingern strich
er sich ber die Augen.

Dann zupfte er Jonsen am rmel und zog ihn hinaus. Schichten von
ausgelebten Stundenkrpern fielen zurck. Sie trugen gestohlene Larven vom
Schauplatz der Seelen.

Als Jonsen im Hinausgehen endlich begriffen hatte, was war, kroch er wie
ein getretenes Tier und wnschte sich weg.

Mit einem Faustschlag setzte Piet die Bohle wieder in die ffnung. Der
blaue Lichtkegel in der Lampe stumpfte ab und lie sich von der Rte der
Dochtstrahlung verschlingen.

Die beiden Hauer bogen schweigend um die Ecke und setzten das Gezhe in den
harten Stein. Schrnen und Schrfen fllte die sechs Stunden der
Restschicht. Wie dumme Kletten in Mdchenhaaren sa das Radgetriebe der
Fron im Blut beider und mahlte Schwei und chzen.

Ehe sie die Schicht beendet hatten, kam der Steiger und strte.

Er schnupperte wie ein Polizeihund am Gestein herum. Klopfte, horchte und
trat in den Abbruch.

Ich werde morgen noch ein Dutzend Kerle herschicken, sagte er gedehnt.

Piet zerbi einen dicken Fluch. Jonsen sah nicht auf.

Dann verlie der Steiger mit den beiden den Ort. Sie schritten wie Gnse
durch die Enge. Jonsen war der letzte, ber eine verschobene Schiene
strzte er pltzlich und brach das Bein.




II


Man hatte Jonsen ins Spital geschafft. Die sen Giftgerche waren Ruber
seines Gehirns fr Wochen, wie durch einen blutroten Nebel sah er die nahen
Frdertrme und Schachtgerste. Gerusche, die durch die geffneten Fenster
gekommen waren, empfand er wie die Nhe eines Meeres, das von verschluckten
heien Untergngen wimmelt. Die Schwestern waren einfach unertrglich. Und
die rzte griffen zu wie Henker.

Manchmal umschwirrten ihn Bestimmungen: was tatest du! Du! Wen wecktest du!
Wen wecktest du!

Die Feinde, unter denen er hier lebte, wann wrden sie das Seil knpfen
. . . die Klinge heben . . . das Gift gieen?

Begrbnisse fuhren stndlich durch sein Gehirn. Er schritt hinter seinem
eigenen Sarge einmal.

Und als er sah, wozu er geholfen hatte, dachte er: gerade das Gegenteil
wollte ich.

Das Fieber aber war strker als der gepfhlte Willen. Es zerstubte ihn
vllig, wie Tne eines dunklen Spieles. Schmerzen des Wachen rissen sie
fort.

An einem Sonntage kam Piet zu Besuch. Jonsen richtete sich auf. Aus dem
gebrsteten Sonntagsrock des Kameraden kam ihm ein lieber Geruch zugeweht.

Piets Stimme machte einen brutalen Griff: Da du auch so ein Tlpel sein
mut! Warum hast du das nicht dem Steiger berlassen? Lag der hier, wre
die Gruft nicht offen. Nun sind wir drin. Acht Tage haben wir gebraucht, um
den Sumpf zu stopfen. Aber weit du, der Satan ist immer noch da. So was
riecht man doch. Die andern ja gewi nicht. Aber weit du, eine Kohle gibt
es . . . o, . . . eine Kohle . . . die Kerle haben noch nie so verdient.
Und du mut hier nun faulenzen! Na, es geht doch besser? Was?

Piet beugte sich herab. Sein langer Bart kitzelte Jonsens Ohr. Sein Atem
war geschwngert vom Geruch der Gruft. So schien es Jonsen. Und dieses
Fhlen von Verwestem, das durch seine Wachtrume gerast war solange er hier
lag, lie ihn zurckschaudern von der Berhrung mit den Hnden Piets.

Aber Piets Hnde waren wie Eisenklammern. Wie Zangen. Und griffen zu.

Er sa eine Viertelstunde auf dem Matratzenrand Jonsens. Der Abend brach
weigelb herein. Todbereite und Genesende dieses Saales freuten sich daran.
Beflgelung ihrer Atemzge klang wie Vogelgezwitscher. Urteile waren
aufgehoben. Hoffnungen stiegen strahlend und standen real. Jonsens Blut
allein ging trge. Manchmal setzte das Herz ganz aus. In diesen
Augenblicken der absoluten Leere nickte der kahle Schdel Piets in sein
Bewutsein hinein wie die Fratze eines Skeletts. Er hatte sicher noch
Wundfieber. Denn er schrie pltzlich auf.

Piet sprang wie gestochen empor und rief die Wrterin.

Sie haben den Jonsen behext, schrie sie wutkreidig auf und stand wie ein
Panther geduckt vor ihm.

Piet drehte die Mtze in den schwitzigen Hnden und ging langsam rckwrts
zur Tr. Die groen Ohren, die von seinem Kopf weit abstanden, bogen sich
wie krumme Hrner vor.

Satan! Satan ! bellte da Jonsen und war mit einem Satz aus dem Bett. Aber
die Beine hielten ihn nicht und warfen ihn platt auf den Boden. Man mute
ihm die Zwangsjacke anlegen. Vierzehn Stunden whrte das Delirium.

Die schwarze Fahne des Todes und die rote des Wahnsinns umarmten sich. Doch
das Dicktrge des burischen Blutes hielt sich wie ein Wall. Das Gift
schrumpfte einschlfernd zurck.




III


Mitten im Winter warf man den wieder gesunden Jonsen aus dem Spital. Die
Schlackenhalden glnzten wie blaue Schneeberge. Vom Frderturm rutschten
die Seilbahnen wie Gletscher. Den Husern waren greise Brte gewachsen von
den Dchern. Fenster schauten blind wie aus weien Wimpern.

Jonsen ging lahm auf einem derben Stock gesttzt. Der Schimmelwirt nahm ihn
wieder auf. Jonsen schuldete diesem bierseligen Faulenzer noch achtzig
Frank. Die sollte er abarbeiten. Ein Lahmer ist immerhin noch als
Nachtwchter ntz, hie es auf der Gewerkschaft. Jonsen bemhte sich um
diesen Posten. Aber er dachte sich fast widerwillig auf die Grube. Noch
waren Plne da, die harrten. Seine Organe betrogen ihn nicht. Seine Ohren
hrten lange die Melodie des wiedergewordenen Fronens und griffen danach.
Richteten sie auf und verdrngten andere Assoziationen. Gewesenes zeigte
sich in neuer Gestaltung. Alles Seiende vermochte nichts mehr zu gestalten.
Der dnne Strich Verzicht war nur noch ein kaum gesehener Punkt.

Nach dem Abendessen sagte der Wirt zu Jonsen: Da die Gruft sich wieder
aufgetan hat, weit du wohl? Zwanzig Kerle hat sich der Satan geholt.
Schade um den Piet. Es war ein schnes Begrbnis. Die Knappen von Ronsdael
und Saint Legr waren mit ihren Fahnen gekommen.

Es war etwas Gebieterisch-Entsetzliches in dieser grauenhaft nchternen
Rede des Berichtes. Feuer und Schwefel standen darber und drrten
Blutstrme.

Jonsen war aufgesprungen. Er hielt sich die Schlfen, die schmerzhaft
hmmerten. In seiner Kehle war kein Ton. Nur eine schwrende verklumpte
Tiefe. Ein Reflex kam herauf und spiegelte das Wiedersein der Gruel als
Meer im Gehirn.

Das Gesicht des Schimmelwirts hatte sich zu einer Grimasse breiten Lchelns
verzogen. Es kam wie ein Pfiff: Den Steiger haben sie eingesperrt. Er soll
an allem schuld sein . . . he . . . he, he, he.

Als Jonsen die ohnmchtig gebrochenen Augen auftat, um einen Satz zu
sprechen, sah er hundert Gesichter. Flache Fragen wie Fischbuche und
teergesalbt von der Schwrze der Explosion, fuhren ihn an mit Augen, die
aus den Hhlen gesprungen waren. Heier Atem qualmte auf und sengte alles
Denken an.

Der Schimmelwirt glotzte Jonsen an wie: ist der Bengel verrckt! Hat er
Fusel gesoffen? Gestohlenen Fusel?

So qulte er Jonsen und hatte den Heiligenschein Luzifers mit einem Mal. Da
ri Jonsen eine Flasche vom Tisch und schlug sie dem Wirt in die Frage.
Sufer und Weiber liefen zusammen.

Jonsen wollte fliehen. Hinunter in die Gruft, zu Piet -- zu Piet -- und
weiter . . .

Der Gendarm aber legte ihm blanke Handeisen fest um die Gelenke.




Das Vorgesicht


(1912)




I


Einmal geschah es, da Sverin Roubaud den erkrankten Steiger Poulein
pltzlich vertreten mute, weil er der lteste auf der Sohle war.

Sverin aber betrachtete den Auftrag, einen verlodderten Flz wieder
berggerecht zu schaffen, sozusagen als Prfungsaufgabe fr den
Hilfssteiger-Posten, der zu vergeben war.

Er spannte, von brutalem Ehrgeiz getreten, Hirn und Muskeln an. Trieb die
fnf Kameraden wie Ochsen und fluchte bei der Einfahrt wie der
Berginspektor selber.

Jaques, der fnfte von den Kerlen, lockerte im ersten Zorn schon das
Messer.

Der verwahrloste Schacht stundete bereits ein paar Jahre und war schlpfrig
wie ein Sumpf.

Die sechs Mnner hatten schwere Arbeit mit dem hervorgequetschten Gebirge,
das sich ber zehn Fu Mchtigkeit hinstreckte.

Sie sackten jeden Schritt breit, den sie herausschlugen, sofort zu. Keile
und Bolzen saen fest im Aufhieb. Und aus Pram und Sohl rieselte kaum noch
Staub.

Nur im vordersten Gang, wo Sverin allein schaffte, stand das Feuer in
geduckten Funken und schrie nach der Wettermhle.

Aber Sverin hatte einen harten Schnapsschdel und bohrte fort, trotzdem
die Blser aus dem gerissenen Bruch schon explodierten und ein Heulen wie
von gereizten Lwen war.

Dicht hinter den anderen strzten die Ladungen wie Lawinen von Staub.
Benahmen ihnen allen den Atem und saen faustdick auf dem Gestnge.

Jaques murrte und warnte Sverin: den Bruch doch erst ausschwelen zu
lassen.

Sverin aber stemmte die Eisen, als se hinter ihm einer mit Keulen.

Da fingen auch die anderen um Jaques an, unruhig zu werden. Man sollte den
Obersteiger anklingeln, schrie der rote Jean.

Zwei Weiber, die ganz hinten die Wagen andrckten und in Rufnhe waren,
pfiff man heran.

Sie muten die Wettermhle holen.

Sverin schlug weiter. Schlug, da die ausgeklfteten Felsen drhnten.

In den Hlzern knackte es, als bohrten tausend Wrmer darin, und aus den
Nebengebirgen scholl dumpfes Grollen herber.

Man deckte das Kappholz und rammte die Buchenpfhle Schlag auf Schlag.

Widerliche Schwle kam aus den Gngen, trotzdem die Mhle ungeheuer mit den
Flgeln aus den Saugern schlug.

Der rote Jean, der aus dem Vlmischen stammte, warf die Eisen einfach fort
und verkroch sich hinter das Gestnge. Ein schweres Grauen war ber ihn
gekommen, denn er hatte in der verflossenen Nacht einen bsen Traum gehabt.
Er hatte seinen Vater rot und gro gesehen. Seinen Vater, der vom
Frderseil aufgerissen wurde, vor Jahren, im Leichenkittel ber die Halde
tanzen sehen.

Du Sverin! heulte er auf und wischte sich den Schmutz von den dnnen
Lippen.

Sverin blickte nicht auf von der Arbeit. Er lag auf den Knien und
arbeitete, da ihm die Zunge breit aus dem Halse hing.

Hin und wieder tat er ein paar Fehlschlge. Dann rann ihm das Blut aus
groen Wunden von den Hnden. Aber er zuckte nicht. Er fhlte sich wie ein
Teil dieses Gebirges, das den anderen wie ein massiver Haufen aus dicker,
ansteckender Finsternis erschien, in die sie ohnmchtig hineinbellten.

Endlich hatte er ein riesiges Loch geschlagen. Das Gerll quatschte auf
seine Lenden wie lauter feuchte Sandscke.

Er beugte sich vor, tastete klirrend herum, ergriff die Flasche vom Rcken
und go sie ganz in sein inflammiertes Inwendige.

Als ihm der letzte Tropfen des Fusels durch den Schlund gefahren war,
fhlte er wieder, was er vorhatte und schleuderte die Flasche zurck.

Der Hammer sprang wie gelt von seinen Schultern herab.

Rings war es ganz still geworden von den Fustelschlgen der anderen.

Jean stand mitten im Gang und schrie noch einmal: Du . . . du . . .
Sverin . . . du . . . Mrder!

Sein Gesicht war kreidig verzerrt.

Und die Augen zerrissen die Finsternis. Und pltzlich ffnete sich da im
innersten Innern ihrer Pupillen eine Luke. Kohlschwarze Sammetpforten
wurden tief drinnen aufgeschoben. Und es stiebte eine schwarze Glut heraus.
Ein knitternder Schatten von Feuer. Eine Flamme . . .

Sein Atem hielt mit einem Seufzer inne.

Er fhlte sich sengend hei.

Die Lippen brannten.

Mein Gott!

Mutter Maria!

Joseph . . .

Der Vater . . . !

Und da . . . da . . . da . . . wie von unten mit riesigem Nacken wtend
emporgedrckt, brach die ganze Arbeit zusammen.

Splitterte. Ri. Knallte und rollte empor.

Die Kolbenwuchten steilten sich wie Dmme. Berg und Gehlz verschwanden in
Rauch und Steinhagel. Ein Geheul wie nicht mehr aus menschlichen Kehlen
donnerte auf.

Aber die wahnsinnigen Rufe starben hin in dem Lrm von herabstrzenden
Brocken und Wasser, das wie ein Bergstrom einbrach und den Staub
verschlammte.

Sverin schnaubte durch den verstopften Mund wie ein wilder Hengst. Strzte
in das Dunkel vor, wo er die Kameraden vermutete.

Da brach es noch einmal los und es war, als barst die ganze Erde zusammen.

Bis zur Brust war er festgekeilt und griff mit den Hnden wie in Mehlberge.

Und immer neues Wasser ergo sich und verschlang die Staubwolken.

Von einem geknickten Pfahl herunter blinkte gelbes Licht.

Das war Jeans Lampe.

Er griff danach und hob sie hoch.

Seine Augen zersgten das Dunkel.

Da hrte er ein Jammern tief unter sich wie aus einem ungeheueren Keller
herauf.

Seine Augen begannen zu hpfen.

Blut siedete auf den zackigen Felsstcken. Fleischteile lagen dampfend auf
den zerschmetterten Hlzern.

Er bekam endlich eine warme Hand zu fassen und versuchte sie mit aller
Macht emporzuziehen.

Tastete hinunter und griff nasses Gestein.

Die Hand ging verloren.

Er kratzte berall herum und konnte sie nicht wiederfinden.

Er versuchte, sich aus dem Bruch herauszuwinden. Aber je heftiger er sich
abmhte, um so nachgiebiger rollte neues Gestein herab.

Seine Kraft erlahmte. Seine Augen brannten weh aus der Schwrze und suchten
nach der Hand. Sie wurden gejagt von einem furchtbaren Wahnwitz. Jeder Nerv
war aufgespannt.

Und da sah er sie wieder.

Die Hand . . .

Mit fnf Fingern . . .

Die bewegten sich. Zitterten. Krallten sich zusammen.

Sverin chzte und drehte sich aus der Umklammerung in unsinnigen
Verrenkungen.

Die dicke Luft machte seinen Atem kurz.

An den Gerllklumpen hmmerte sein Arm sich lahm.

Und dort unten war noch immer die Hand . . .

Finger, die krampfhaft verzerrt um Hilfe zuckten.

Sich wieder schlossen.

Ein mrderisch geballter Fluch, diese Faust.

Und sie wuchs heraus aus dem Gestein.

Ungeheuer gro heraus.

Sverin schttelte sich wild.

Frost klirrte ber sein Gesicht.

Tausend Rder brausten durch sein Gehirn.

Brausten und rissen die Augen mit, die nun nichts mehr sahen. Nur eine
furchtbare Nhe geisterhaft fhlten.

Die krummgeballte Faust des Satans.

Und Brausen und Stampfen des Weltgerichts.

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II


Als Sverin erwachte aus purpurner Finsternis, sah er in das blutige
verzerrte Gesicht Jeans. Und die Hand, die er gefhlt hatte, die sich in
sein Gehirn gehmmert hatte, hielt ihm die Lampe in die Augen.

Ah -- -- -- ah . . . du . . . du . . . chzte er und schttelte sich
vollends wach.

Jean erhob sich, langsam, mhselig, den Raum wie ein Riese ausfllend. Eine
Wolke, ein Berg -- und brllte: Seht da! Seht den Sverin! Seht ihn an: da
ist er, der das alles getan hat. Seht da! Den Mrder!

Sverin, ganz Besinnung wieder und stark, packte ihn bei den Schultern, ri
ihm die Lampe weg und kommandierte: Maul halten! Du . . . du Tier. Siehst
du nicht, da wir hier fest sind?

Jean schwankte zurck und grinste.

Sverin suchte indes mit der Lampe das Gerll ab. Nach einem Eisen oder so
etwas. Und fand schlielich einen Fustel.

Damit beklopfte er hinten die Wand.

Es klang hohl.

Sverin schrie auf: Hierher Jean. Hier mssen wir durch.

Jean hatte sich inzwischen ein Eisen herausgekratzt und kroch heran.
Sverin hielt die Lampe in der einen Hand und hmmerte mit der anderen wild
auf den Felsen.

Jean stie mit dem Eisen schon wuchtig hinterdrein. Jeder Sto wrgte ihm
das Gedrm in die Kehle. Sein nackter Oberkrper war klatschna und hautlos
vor Schwei.

Das Gebirge gab langsam nach und brach in kurzen Schollen herab. Dumpfes
Drhnen schauerte nach allen Seiten und fand keinen Ausweg. Die Adern der
beiden Whler bumten sich gegen die Gerusche wie Stacheln auf, und
Spannung brannte in den Muskeln mit rauchendem Eiter.

Sie hmmerten drei volle Stunden in einem Zuge. Und fielen beide zu
gleicher Zeit erschpft um.

Es war, als wrden ihnen erst jetzt Augen, Ohren und alle Eingeweide allen
Ernstes geffnet fr die Bodenlosigkeit dieses nachtschwarzen Elends!

Sverin flsterte matt: Jean . . . Jean . . . hr doch!

Was ist noch zu hren? chzte der aus schmerzhaften Krmmungen herauf.

Du Jean!

Zum Teufel noch, was soll ich!

Du Jean, wenn wir noch eine Stunde schlagen, mssen wir durch sein. Keinen
Meter mehr ist die Wand.

Verflucht, schlag doch wenn du kannst!

Hr', ehe sie uns von vorn herausgraben, sind wir da hinten schon auf dem
alten Gang. Ein Notschacht ist da.

Schrei doch nicht so, du Hund! Mein Kopf ist ganz zerschossen. Krepieren
mssen wir doch hier. Alles ist vorbei.

Sein Gesicht fiel mit einem Knick vornber.

Sverin bemhte sich, wieder auf die Fe zu kommen. In seinen Schlfen und
in seiner Stirn beutelten sich dicke Blasen. Blut trat ihm schwarz aus Kinn
und Hals.

Dann begann er zu hmmern und dachte an Maruscha. O, schnes warmes Bett
mit Maruscha! Nun wird sie oben am Tor stehen und mit den anderen Weibern
flennen. O Maruscha! Bald, ja, ach bald komm ich wieder zum Kssen. Schnes
warmes Bett. Maruscha!

Er hatte wieder Schwung in den Muskeln und sein Riemen stand. O Maruscha!

Auch Jean hatte sich wieder aufgereckt. Sttzte sich auf das Eisen und
horchte. Schlenkerte mit dem verwundeten Arm und sackte ein bichen in den
Knien ein.

Pltzlich jauchzte er laut: Schsse . . . hr' . . . Sprengschsse!

Sverin lie den Hammer fallen und drckte sich mit dem Kopf tief in das
Gestein.

Donner, ja. Jean, ganz deutlich, wirklich Schsse!

Nun hieben sie alle beide wie verrckt. Krper an Krper. Und Jeans
Besinnung wuchs mit jedem Hieb, den er ausholte.

Ach, die Wand gab nicht nach. Und die Minuten zogen die Sekunden mehr und
mehr in die Lnge, zerrten sie ungeheuer auseinander, walzten sie wie Draht
aus, der mit spinnendem Klang in die Ohren hineintnte. Jean schmi das
Eisen trostlos hin. Seufzte: Alles ist wieder still. Horch . . . ganz
still . . .

Sverin klappte zusammen. Tastete blind und grausam in der Luft herum.
Dachte einen Augenblick: Hab' ich wirklich Schsse gehrt? Wie? Hab' ich
Schsse gehrt?

Jean fhlte sich wie ins Genick gestoen. Ein Knochengerst klapperte ber
seinen Rcken.

Hu . . . Hu . . . Der Alte . . . spie er frstelnd, und sprang wieder an
die Wand.

Helles Feuer blitzte vom Eisen. Und der Staub pfiff, von einer fremden
Schwingung weggestoen, ihm breit ins Maul.

Splitternd gab die Gesteinswand nach.

Eine handgroe Lcke klaffte und lie eine wunderlich kalte Luft
hereinziehen.

Sverin, der einen halben Meter seitwrts stand, bekam den Durchzug zu
schnappen.

O ihr Heiligen all! Jean! Jean! Nun knnen wir bald durchschlpfen.

Jean sprte, wie seine Adern heraufschwollen: Dieser Hund kann noch lachen?
In diesem Unglck noch lachen?

Und stellte sich vor das Loch: so, da der andere nicht hinzukonnte und
schlug in besessener Wut in den Bruch.

Stck um Stck fiel klirrend herab. Und das Loch war schon so, da man den
Kopf durchstecken konnte.

Und noch immer lie er Sverin nicht heran. Eine wahnsinnige Ahnung
polterte durch sein Gehirn.

Mit einem Ruck hob er sich in die Ellenbogen und zwngte erst seinen Kopf
und dann den Oberkrper durch das Loch.

Enttuscht lie er sich wieder zurckschnellen und fiel hinterrcks auf
eine Steinkante. Sverin sah, wie er die Beine hoch in die Luft warf. Und
dann auf einmal die Hand.

Die Hand mit den fnf Fingern, die auf- und zugingen. Sich ballten und wie
ein fleischgewordener Fluch standen.

Er hielt sich an einen Felszacken gepackt. Und aus seinen Augen, die vor
Qual schimmerten, scho wagerecht die Angst.

Da flog er vor, warf den Hammer wtend in den Bruch und begann die ffnung
weiter auszubrechen.

Jean konnte sich nicht rhren. Seine Augen waren voll Blut. Und durch
dieses Blut schwamm das knarrende Geripp des Alten. Und immer hrte er den
andern hmmern.

Er wird durchkriechen und mich hier liegen lassen! Der Mrder wird mich
hier verrecken lassen! Ei verflucht!

Und da kam ihm seine Kraft zurck und ri den Wahnsinn aus den Augen.

Und sieh: Heilige Mutter Maria, Joseph! Der andere steckte schon halb im
Loch.

Wie eine Riesenschlange wlzte sich Jean auf den Knien vor und fate
Sverins Beine.

'Rau da, du Mrder!

Sverin strzte platt zu Boden. Drehte sich herum. Sein Gesicht gab ein
wstes Gebrll. Er schlug mit den Armen wild um sich. Kam mit einem Ruck
wieder auf die Beine und rutschte nach der ffnung.

Da kugelte sich Jean noch einmal auf ihn, bi und kratzte.

Was willst du Lump? Hast du einen Flapps? krchzte Sverin.

Jean hatte Sverins Kehle zu fassen bekommen. Schraubte seine Finger fest
herum.

Sverin fhlte diese Krallen wie Schsse im Gehirn. Jeder Finger scho
hundert Kugeln. Das Herz stand ihm bebend in der Kehle. Finger rissen es
heraus. Fnf Finger, die wie ein Fluch geschlossen waren.

Maruscha . . . !

Das war der einzige Laut, den die Finger aus dem zuckenden Herzen
quetschten.

Dann schnellten diese Finger zurck, und Jean fuhr sich damit ber den
rauchenden Schdel.

Und da befiel ihn nakalt schweiiges Grausen.

Mit einem Satz war er aus dem Loch heraus. Tastete sich mit blinden Hnden
durch den Schacht. Sein Kopf ging wie ein Pendel. Ein ganz kleines Pendel.
Bis er an ein Gerst schlug und stehenblieb.

Verdammt und verflucht stehenblieb.

Mit einem gut Teil Anstrengung war es Jean dann gelungen, sich wieder zu
konzentrieren. Seine Finger griffen etwas Festes. Balken, die hochsteilten.
Ein widerlicher Luftstrom brauste da von oben herab. Ein Fauchen und
Zischen von Drhten.

Und dann stolperte Jean in den Korb. Ri an dem Zinkseil. Das
Auffahrtsignal schnellte nach oben. Packend schnappten die schweren
Traggesenke ineinander. Der Korb stieg wie eine Wolke. Die Luft pfiff hei
und giftig.

Jean hatte eine Empfindung, als sei er erst jetzt er selber geworden, ganz
und gar. Und jubelte: o ihr Heiligen alle! Gelobt! Gelobt Jesus Christus!

Pltzlich stand der Korb mit einem Ruck. Schleuderte Jean herauf, da ihm
die Bordkante tief in die Brust schnitt.

Jh grub er beide Fuste wild in seinen Busen hinein. Krhend vor Schreck.
Und suchte das Seil.

Ri mit beiden Hnden an dem Tau und schrie alle Schutzpatronen hinauf. Ri
das Tau herunter und ri es tief in seinen Schdel. Mit den Armen, die in
weilichen glatten Windungen von seinem Krper herabfielen.

Und da! Wie ein geborstener Meteor, sausend, polternd fegte der Korb wieder
in die Tiefe hinab, von einer Satanskralle wtend herabgezogen.

Immer tiefer.

Grenzenlos durch Finsternis und Nchte sausend.

Bis auf den Grund durch Meerjahre und Sternkorallen.

Abwrts.

Endlos in das torweit aufgesperrte Maul des Alten, der einmal im
Knochenrock ber die Halde tanzte.




Nervil Munta


(1912)




I


Soo . . . soo . . . seufzte Nervil Munta, nach dem sich die eisenbezackte
Tr des Zuchthauses zu Ottignies hinter ihm geschlossen hatte und hob die
Brust. Hob sie, wie um den roten Mauerberg der Stadt, der vor ihm aufragte,
empor zu drcken.

Soo . . . das Jhrchen ist um. Der Streik wird auch vorbei sein. Jarse
wird einen schnen Stein auf seinem Grabe haben. Die Hauer zwei Frank die
Woche mehr verdienen. Vielleicht nimmt mich der Direktor wieder an.
Gewesenes, kann nicht mehr dauern. O, ich will schon arbeiten. Fr zwei
oder drei, wenn es sein mu. Und acht Schichten die Woche. Mutter braucht
dann nicht mehr auf die Zinkschmelze gehen. Und wenn mich eine von den
Koksmdchen will, wird sie geheiratet, man mu nun endlich voll werden.

Er hob die Brust und ging durch die lichtbeglnzte schnurgerade Strae.
Ging mit schaukelnden Schritten zum Bahnhof wie auf einem Schiff. Radfahrer
stieen mit krummen Lichthrnern die gehetzte Menge an die Huserkanten.
Funken von den Stromzuleitungen der Tram schossen wie Silberfische durch
die dichtmaschigen Netze der Luft, und die Paukenwirbel der Gerusche
drhnten langgezogen und jagten Echos auf und nieder. Dann und wann blieb
Nervil Munta vor einem groen Schaufenster stehen. Hob die Hnde aus den
tiefen Hosentaschen, bewegte die Lippen lautlos und schob die Hnde wieder
hinein. Ging weiter, kopfschttelnd, murmelnd, lie sich anrempeln. Rauch
ins Gesicht blasen. Lief einen Baum um. Kam in Gefahr, von einem Lastwagen
berfahren zu werden und stand endlich vor dem Bahnhofsgebude.

Hinter ihm schlug es zusammen wie ein geteilt gewesenes Meer. Der
Ziffernkreis der Uhr stand gro und gelb wie ein aufgehender Mond. Die
Fahrkarte kostete fnf Frank, die er gewissenhaft abgezhlt auf das
Zahlbrett warf. Er wog das graue Pappstckchen in der Hand und fhlte
Heimat und eine freiere Luft. Im Warteraum erstand er sich einen Genever.
Trank noch einen und kam bis zum fnften.

Da rief der Wrter den Zug aus.

Nervil Munta schlpfte in den Wagen und fuhr drei Stunden wie im Traum. Die
Augen leblos in den schwarzen, bespienen Boden gebohrt.

In Namur mute er umsteigen und vier Stunden auf den Zug nach Charleroi
warten. Seine Fahrtgenossen, Bauern, Kleinbrger und Soldaten suchten sich
in dem groen Wartesaal geeignete Pltze zum Schlafen.

Ein junger Bursche, den Leinenkittel dick mit Kalk beschmiert, --
vielleicht war es ein Maurer, der, nachdem die Bauerei in der Stadt zu Ende
war, in sein Heimatdorf zurckkehren wollte, -- sprach ihn an.

Lie die weien Zhne lchelnd blecken und forderte ihn zum Trinken auf.

Sie traten an den Schanktisch und stieen miteinander an. Der Maurer aber
hatte eine gelufige Zunge und schnurrte wie ein geschmiertes Rad. Der
Speichelschaum zischte und spritzte.

Da drehte sich Nervil Munta wortlos um und suchte sich einen freien Tisch.
Streckte die Beine aus und strzte die Ellenbogen auf. Nun er die vielen
Menschen gesehen hatte, nach einem Jahre wieder richtig gehende Menschen,
die laut und lustig schwatzen konnten, fluchen und rauchen durften, wurde
ihm die Zunge, ber die der Schnaps gebrannt war, wie Stiche von Insekten,
seltsam trocken und der Kopf wie ein Klumpen Blei widerlich schwer.

Es berkam ihn, zurckzudenken. Sich zurckzudenken in den kahlen
gefhllosen Kerker. Er hrte vernehmlich den Filzschritt der Wache und das
bse Geklirr des Schlieers. Der Dunst von vergossenen Getrnken und
verbrodelten Speisen kitzelte seine Nase, die noch wund war von dem faden
Leichengeruch der Zelle. Klappern von Tellern und Glsern schwirrte durch
die heftigen Pulsschlge seines Gehirns wie das Scharren der Blechschssel
jeden Mittag ber den Zement des Zellenbodens, vom Fu des Kalfaktors durch
die Eisentr geschoben. Jedes geregte Leben, das hier im Wartesaal geschah,
wurde zum Fhler zurck in kaum berstandene Stunden der Einzelhaft.

Und er hllte sich in die wiederaufgebrochenen Gefhle, glaubte, da er sie
fhlte und merkte nicht, da er nur die Mntel der Gefhle ausbreitete zum
Spiel, das Schlaf herbeilockte.

Er schlief fest und fuhr wie gestochen auf, als die Glocke der Abfahrt
schrillte.

Wie zerschlagen tappte er sich auf den Perron und erreichte mit Not den
Zug. Die Abteile waren berfllt, dunkel und dunstig.

Als die schweren Wagen die Halle verlieen, hmmerte der graue, windharte
Morgen an die Scheiben.

Nervil Munta, der sich einen Fensterplatz mit seinen starken Knochen
erdrckt hatte, sah sphend in die rauchige Landschaft hinaus. Die
hereinbrechende Frhe hatte seine Gedanken aufgepeitscht, in Zukunft zu
sinnen, und lebendiges Feuer in seine Glieder geworfen. Das Wirbelnde der
bewegten Erde tanzte in sein Gehirn wie ein Kirmesreigen und wlzte ein
freudiges Schnalzen auf seine Zunge, das lange anhielt. Dann berschrie der
Bremsstrom die Achsen, und der Train stand am Ziel wie festgerammt.

Fluchend vorgeschoben verlie Nervil Munta den Wagen und zwngte sich durch
das Portal.

Auf der Strae blieb er stehen. Sah sich nach allen Seiten lauernd um wie
einer, der zum ersten Mal in dieses Gesichtsfeld rckt. Klopfte an den
Kleidern herum, schob die Mtze zurecht und trabte der Vorstadt zu.

Gasometer und Hochfen winkten mit klobigen Fusten. Rauch zog in gelben,
grauen und weien Klumpen wie ein Riesengeschwader ber die zermrbten
Lehmhuser. Dunst von verbranntem Erz und ranzigen len machte die Luft
schwer und feucht.

Nervil Munta aber blhte die Nasenflgel weit, spreizte die Finger und
schmeichelte sich ein Leuchten in die Augen. Federnd schnellten seine Beine
ber das schlechte Pflaster, und wie ein Verfolgter griff er die Klinke
einer Tr, die in das letzte Haus diesseits der Strae fhrte.

Mit der Mutter, die ihren schwarzen Tuchrock angezogen hatte und ein reines
Hubchen aufgestlpt, machte er nicht viel Umstnde. Als sie freudeweinend
auffuhr, kte er sie sauber ab und drckte sie wieder in den Stuhl zurck.

Der weie Kopf neigte sich seitwrts, und ganz leise sagte sie: Wie bist
du gewachsen, mein Sohn! Und wie stark siehst du aus. O, alles ist besser
geworden, als ich meinte. Und wie ich mich gegrmt habe, mein Sohn! Sieben
Vaterunser habe ich fr dich gebetet. Und die heilige Jungfrau beschworen.
Und du, du mein Sohn . . .?

Nervil Munta hob den Kopf und tastete die Wand ab. Blieb vor dem
Muttergottesbilde stehen und reckte die Arme. Ging in die Kammer, whlte in
seinen Sachen herum und ging wieder ans Fenster und sah lange auf die
Strae, wo die Kinder sich jagten und schrieen.

Zum Mittag hatte ihm die Mutter eine Fleischsuppe gekocht. Er wagte erst
nicht, die wrzige Brhe zu berhren. Dann aber, als ihm die Kostprobe auf
der prfenden Zunge zergangen war, schlrfte er den Teller in einem Zuge
leer und schnalzte wie ein an der Brust gestilltes Kind. Erzhlte der Frau
mit dem weien Scheitel von den harten Erbsen und trockenen Brotrinden im
Kerker und geriet dabei in einen hellen Zorn. Obwohl er sich in der Zelle
vorgenommen hatte, niemandem etwas von den schweren Tagen zu erzhlen,
erfuhr die Mutter alles, was ihm noch im Gedchtnis geblieben war. Und er
kam sich wie ein Held vor, als er die Erzhlung beendet hatte.

Zum Abend ging er ins Wirtshaus und vertrank mit den Freunden, die ihn
schon erwartet hatten, das ganze Geld, welches man ihm fr geleistete
Arbeit im Zuchthaus gezahlt hatte. Nichts sollte mehr von den Tagen in
seinem Besitz bleiben.

Und alle, die er freigehalten hatte, wollten sich bemhen, fr ihn zu
sprechen beim Steiger, Inspektor und Direktor. Und der Wirt sagte
gewichtig: Wenn alles reit, Nervil Munta, kannst du bei mir im Hause
schaffen. Bekommst dein schnes Essen und guten Lohn.

Aber es gab zwischen den bereiten Helfern und dem siegbewuten Nervil Munta
keine voneinander abhngigen Zusammenschlsse. Da ihm seine von der Mutter
gelobte Strke einfiel, wurde sein Bewutsein freier und von stolzem
Erhobensein.




II


Am nchsten Tage, nachdem er bis zum Mittag geschlafen hatte, ging Nervil
Munta auf die Gewerkschaft hinaus.

Grauer verstrter Regen rann, und in den verkrppelten Bumen der Allee
hing der Sturm und heulte. Von den Hochfen her brausten die Geblse wie
Wiehern lsterner lstiger Hengste. Die Zinkhtten qualmten empor wie
dunkle Wldermassen, und die spitzen Schornsteine zerstachen den Horizont,
der wie eine riesige Blase schwamm.

Nervil Munta stieg in sein Innerstes nieder und brachte die Tage herauf, da
er in Begleitung seines Vaters diesen Weg zum ersten Male geschritten war.
Zur Arbeit aufgeschrieben wurde, das erste Geld der Mutter brachte.
Vertrauensmann des Arbeitskomitees wurde. Beitrge einziehen mute. Und
dann der Streik. Und die Schlgerei mit dem Jarse. Das Gericht. Der Kerker
. . .

Und nun ging er wieder Arbeit suchen.

Mancher Zelle Kern, der whrend des stumpfen Jahres sich verhllt hatte,
ergo sich in den fiebernden Puls der Adern und berschwemmte die Schlacken
der verflackten Flche, die in den ersten Wochen der Gefangenschaft sein
Denken vergifteten. Das Schmerzen der Schlfen war nicht mehr. Zu Tat und
Freude schwollen Atem und Muskeln und fhlten die Arbeit vor sich als
edelste Lust. Nicht fr Erbrmlichkeiten mehr wrde man diese
wiedergeborenen Gefhle in Fesseln zwngen.

Das Gefhl dieser gesteigerten Bedeutung von dem Erhobensein seines Ichs
erfuhr der Portier, den er gebietend ansprach und die Passiermarke zum
Direktor forderte.

Der dicke Kerl, der in der Kolonialarmee als Korporal gedient hatte, lie
sich so leicht nicht berzeugen und fauchte ihn an wie einen Strolch.
Stellte ein Kreuzverhr an und lie sich die Papiere geben. Dann erst
langte er die Marke heraus.

Nervil Munta sagte dem Portier ein Trinkgeld zu, wenn der Direktor ihm den
alten Posten an der Frdermaschine wiedergeben wrde.

Dann stieg er die Treppe zum Bro pfeifend empor und klopfte stark an. Die
Angeln der Tr kreischten wie die Riegel der Zelle, die er kaum verlassen
hatte. Das machte ihn schon unsicher, als htte er den frohen Umschwung des
Blutes vergessen.

Der Direktor kam ihm barsch bis zur Schranke entgegen und hob die Stirn
gekruselt.

Sie suchen Arbeit?

Soo . . . soo . . . ist es, Herr Direktor!

Arbeitsbuch! Papiere!

Nervil Munta wickelte das gelbe Buch aus der Zeitung und reichte es dem
Direktor zgernd hin. Geduckt, wie einer, der Prgel empfangen soll.

Der schlug das Buch auf. Las. Hob die Schultern. Las noch einmal und machte
das Buch wieder zu, berlegen und kalt.

Sagte dann: Die neuen Bestimmungen der Gesellschaft verbieten, Bestrafte
anzunehmen. Zumal Leute, die dem Komitee angehrt haben. Auf die
Nichtorganisierten mu Rcksicht genommen werden. Sind die fleiigsten
Arbeiter. Reibereien wrden wieder entstehen. Streik und Schlgerei. Sehr
bedauerlich, aber nicht zu ndern.

Mit zwei Fingern reichte er dem zusammengesackten Menschen das Buch zurck
und drehte ihm den Rcken zu.

Nervil Munta schlich sich sthnend hinaus und kam erst wieder zu sich, als
er auf dem Hof stand. Mitten in dem satten Gewirr von Arbeit, das von den
Werken herbergewitterte.

Dem Portier, der die Hand geffnet hinhielt, spie er ins Gesicht. Stellte
sich drauen vor den Zaun und ballte die Fuste. Das Gesicht zerri ein
bser Krampf, und trockener Husten qulte die Kehle. Aber dann hakte sich
etwas in die Stirn hinein und zog den Willen zurck von einem Sprung ins
Rcherische. Beruhigte das Gehirn und frchtete die letzte Armut nicht.

Wie er nun dastand und das Gespannte der Fuste lste, brach weie Sonne
schrg durch die Wolken und verwirrte seine Augen so, da sie trnten. Er
bedeckte das Gesicht mit der Hand und ging in die Stadt zurck. Auf
Umwegen. Es war ein steiler und steiniger Pfad, der ber den Hgel zwischen
Ginster hindurch fhrte.

Die Mutter betrachtete ihn blinzelnd.

Seine hervorstehenden Augen aber starrten ins Dunkel der Kammer. Und die
Unterlippe fiel herab. Zum Reden war er an diesem Tage nicht zu bewegen.

Am dritten Tage endlich, nachdem er auf sechs Stellen abgewiesen war, im
Walzwerk, in der Bleihtte, in der Ziegelei, Pumpanlage, Gasanstalt,
Teerfabrik, bekam er auf der Koksmhle Arbeit. Da zwanzig Leute die Brocken
dort hingeworfen hatten, nahm man gern Ersatz. Gleichviel, wo er herkam.

Nervil Munta, der einem Streikbrecher das Messer in die Rippen gesetzt
hatte, nun selber ein solcher Lump?

Er frchtete die letzte Armut nicht. Aber die andere Angst. Vor dem Ekel
des Nichtstuns frchtete er sich malos und griff darum zu und belobte den
Tag und das Werk.

Da er zur Nachtschicht befohlen war, war ihm eine Last genommen. Die
Genossen, denen er nicht gern begegnet wre auf dem Werkgang, waren ihm auf
diese Weise entrckt. Man wrde nun nicht mit Fingern auf ihn zeigen. Ihn
nicht anspein, auflauern, verprgeln.

Aber in Gedanken noch wollte er ein Krper der Freiheit sein. Entflohen aus
der Armut, der Fremde, der Schande. Im Schaffen war ihm Leben. Wollust
hierzu peitschte sein ungeschwchtes Blut auf.

Der Aufseher, bei dem sich Nervil Munta um acht Uhr zur Nachtschicht
meldete, war der Schwager des erstochenen Jarse. Er beriet schon in
Gedanken dem Mrder, der ihm in die Hnde gegeben war, waffenlos und
gedemtigt, die Minute seines letzten Blickes.

Nervil Munta aber merkte nicht den Triumph und lie sich wie ein blindes
Kind an die gewaltige Maschine, die sonst von zwei Mnnern bedient wurde,
fhren.

Zwischen kreischenden Schwungrdern und sausenden Treibriemen wurde sein
arbeitshungriger Krper hingestellt. Wie ein strzender Felsblock warf er
sich in die Fron und lie die Muskeln springen. In rhythmischem Hin- und
Herwrtswiegen zitterte sein geladener Krper. Da ihm diese Arbeit
ungewohnt war, ermdete er bald und bog den gekrmmten Rcken chzend
gerade. Wischte sich den Schwei aus der Stirn und hustete den Staub, der
seine Kehle zugeschnrt hatte, hinaus. Das Zuchthaus hat mir das Fleisch
von den Knochen gefressen und das Mark ausgesogen, dachte er und strich
sich mit der flachen Hand ber die gedunsenen Adern.

Aber da stand der Aufseher lauernd hinter ihm und brllte Was zum Satan
glotzt du herum? Hast dich nicht lange genug ausgeruht. Da hinten im Bau?

Nervil Munta starrte mit verglasten Augen empor, griff nach der Schaufel
und warf den Koks in die Mhle. Der Aufseher stand lauernd hinter ihm und
sah zu.

Du Faulpelz mut schneller schippen. Noch einmal so schnell. Soll die
Maschine leerlaufen, springen?

Nervil Munta nahm sich zusammen. Irgendwo schwoll eine Wut in ihm und
befeuerte die Gelenke. Nur mehr ein Werkzeug war ihm der Arm. Und durch
sein Gehirn blitzte das Erkennen: Ich bin nicht mehr _ich_.

Immer noch fixer und mehr auf die Schippe, brummte der Aufseher und ging.

Nervil brach am Morgen wie ein Sack zusammen. Lag im Ankleideraum erst eine
gute halbe Stunde lang auf der Erde, ehe er aus der Fabrik in die Stadt
zurcktaumelte.

Dann trank er die Kanne Kaffee, die ihm die Mutter vorsetzte, in einem Zuge
leer und warf sich auf's Bett. Schlief bis zum Abend und war nur mit Mhe
wach zu kriegen.

Packte dann die Brotstcke und die Geneverflasche in den Kober und ging
wieder auf die Mhle.

Und Nacht fr Nacht kamen die gleichen Auftritte mit dem Aufseher, der ihn
zwackte und peinigte wie eine Schindmhre. Seine Rachlust lebte ihm darum
und davon. Nur die Geschicklichkeit Jetzt zu sagen, war ihm noch nicht
geworden.

Nervil Munta lebte in einem besinnungslosen Dmmer.

War steingewordene Antwort eines lebendigen Hetzers.

Seine Hnde waren aufgerissen, und das Blut klebte den Holzgriff der
Schaufel unentrinnbar ans Fleisch.

Stand nicht einer hinter ihm, der mit den Fusten an seine Schlfen
hmmerte, so, da man die Knochen klingen hrte?

Dann wieder kam die Angst: Gib acht; die Rder donnern auseinander und
zerschlagen deinen Schdel. Die Riemen zischen wie Schlangen und werden
dich umringeln und die Brust zerquetschen. Gib acht! Gib acht!

Durch das Gedrhn der Walzen, durch Staub, Aufseherfluch und Schweitropfen
kam ihm diese Furcht.

Wrde sie nie aufhren zu sein?

In der fnften Nacht sprang ein Koksstck aus der Mhle und zerfetzte sein
Ohr. Das blutete und wurde eine einzige schwarzblaue Geschwulst.

Siehst du, sagte der Aufseher, der ihm die Wunde verband, siehst du, der
Jarse hat dich gerufen. Nimm dich in acht, da er dich nicht ganz holt!

Nervil Munta dachte an die Schlgerei und versprach sich, dem Jarse von dem
ersten Verdienst eine Messe lesen zu lassen.

Der Aufseher begann zu hoffen und trieb es in der siebenten Nacht noch
rger mit Nervil Munta. Der Mrder mute zu Ende gepeinigt werden. Und sein
blutgieriger Wille hetzte sich hinauf in seinen letzten Mut.

Als Nervil Munta sich unter den letzten Flchen des Hetzers schlielich
aufbumte und nach einem Eisenstck greifen wollte, glitt er auf der
glatten Bhne pltzlich aus und geriet in das Radgezhn. Und ehe der
Aufseher dazu kam, den Schwung der Transmission zu stoppen, war sein
Schwager Jarse gercht.




Der Anarchist


(1912)




I


Mitte Mrz trat der neue Ingenieur Erwin Vallotti sein Amt an. Er hatte die
drei Dynamo-Maschinen zu beaufsichtigen, die in Bordael drhnten und
ratterten, die Pumpanlagen und Paternosterwerke betrieben.

Der Direktor der Grubengesellschaft stellte ihm die drei Gehilfen vor.
Zuerst den Techniker Vildrac, dann den Jean Paquet und zuletzt Henri
Semella.

Der Techniker Vildrac war der einzige auf diesem Werk, der keiner
Organisation angehrte. Er mied den Schnaps, ging jeden Sonntag zweimal in
die Kirche und besa fnf Kinder. Auerdem hatte er rote Haare,
Sommersprossen in einem wulstigen Gesicht und ein unregelmiges Gebi.

Von den beiden anderen Kerlen war Jean Paquet der intelligentere. Obwohl
etwas Raubtierhaftes von ihm ausging (wenn man z. B. seine
unverhltnismig langen Arme und den wst bebuschten Schdel betrachtete)
war sein Gesicht schmal und offen, und der Blick stand fast immer frei.

Henri Semella endlich fiel nur durch sein Sprechen auf, das mehr wie ein
gewrgtes Knurren ging und gut zu dem Bulldoggenmaul pate. Da er in der
Kneipe hufig zu finden war, mag auch erwhnt werden.

Der Ingenieur Erwin Vallotti machte, nachdem er sich von dem Vorhandensein
der drei Mitarbeiter zur Genge berzeugt hatte, nunmehr die Bekanntschaft
der Maschinen in der weien Riesenhalle, die aus zwlf ungeheuren
Bogenfenstern Weltmeere von Licht empfing.

Die drei Dynamos mit ihren Kesseln waren von verschiedenen Dimensionen.
Jene zwei an den beiden Auenflgeln des Raumes hielten sich in lteren
Konstruktionsmaen und verursachten nur mige Gerusche. Aber es schien,
als uerten diese Gerusche feinste Wissenschaft, welche die Menschen
kannte, in denen Tore sind, ihnen zueilte, in ihnen bebte wie ein
gewordenes Spiegelbild des Daseins und Nchte zerstach.

Wenn die breiten Lederriemen ber die Stahltrommeln fuhren, die Brsten
schrill pfiffen und die Luft sich zwischen den Polen wie eine Gewitterboe
erbrach, sprte man deutlich, wie in den Menschen dnne Schichten einer
Halluzination gegeneinanderdrngten, nebelzart und schmerzgefranzt, sich
ineinanderschoben und ein Gesicht formten, das nicht von dieser Welt war.

Mimische Ausdrucksposen dieses also Geformten stellte das jeweilige
Blut-Tempo des Halluzinierten.

Aber all diese traum-trchtigen Gerusche der zwei ueren Maschinen
verstummten, sobald das Ungetm in der Mitte die Flgel erhob. Hart wie ein
Gebirge stand sein Schnauben im Raum und ballte die Luft zu Lawinen, die
vom Schwungrad durcheinandergewrfelt eisige Nacht seten, wer wohl fnde
Worte, die die Krfte jener frostigen Niederbrche mndig machen, um sie
gegeneinander sprechen zu lassen? Knnten es Laute aus unseren Sprachen
sein? Ach, solche Laute fgen sich nie zu Wrtern und Stzen, die
antworten. Sie knnen auch nicht beschreiben. Ununterscheidbar schwarz in
schwarzem dnnem Tuche wren alle Schlnde und Abhnge, von denen unsere
Sprache gesprochen hat.

Unersttlich mahlte das Maschinenungeheuer. Thronte in dem schwrzlich
dsteren Rot der Hhle wie ein Drachen und lenkte mit seiner gigantischen
Schwere das Pendel Mensch in die nchste herzukommende Zeit hinein, die
eine vllige Wahrheit strahlen wird.

War es nicht eine infernalische Groteske, da der Techniker Vildrac auf der
Plattform stand und den Gang dieser Maschinen lenkte? Mit den Fen eines
gebrechlichen Glaubens sein Dasein in das Hirn dieses Gott-Embryos rammte,
ohne zerzwirbelt zu werden wie ein lstiges Insekt?

Der Ingenieur Erwin Vallotti kannte, fremd in dieser Halle, natrlich noch
nicht das wahre Gesicht des Molochs. Als ihm aber Jean Paquet wie auf eine
heimliche Verabredung hin die Opfer nannte (zwlf vom Hundert), da war kein
Zweifel mehr in ihm. Er segnete diese Stunde. Und alle Furchen in seinem
hageren Antlitz schienen wie eingemeielt in die harte Haut. Jeder Zug um
Nase und Mundwinkel stand starrend steif.




II


Drei Wochen waren verrollt. Da zogen die Grubenleute in hellen Scharen in
die Versammlung. Ein Obmann von der Zentralleitung der roten Organisation
war gekommen und sprach fr den Achtstunden-Tag. Man jubelte ihm zu, wenn
er mit einem Worthieb starre Gesetze splitterte, oder alles Bestehende, das
faul war, mit einem Futritt in den Orkus stie. Man heulte auf, als er
mit einem Scheinwerferstrich von Allwissenheit in das sumpfige
Qual-Labyrinth der Gewerkschaft von Bordael stach und Zustnde lichtete,
die schon nicht mehr strflich waren. Und das Geheul der Wissenden klang
wie das Feldgeschrei irgendeines wilden Volksstammes und schien von
dumpfen, schmetternden Trommelwirbeln begleitet. Denn in den Mienen des
Redners stand glubig geschrieben: Ich bin schon nah; gleich wird das
Vollbringen mich umhllen.

Sieghaft verlas er die Resolution, welche forderte: sogleich in den Streik
zu treten, der als ein Unerwartetes schon halberfllte Forderung war.

Da setzte breit und dumm die Diskussion ein. Zog den Willen zurck von dem
letzten Sprung und lie ihn wie eine offengestpselte Essenz verflchten,
die zum Himmel stank. Und die Stimmung zerri. Blut kochte. Exzesse wurden.

Da trat der Ingenieur Erwin Vallotti, der von einem Pfeiler verdeckt der
Strmung gefolgt war, vor und versuchte sich einen Weg zu der Tribne zu
bahnen, wo der fremde Redner sa. Halsgeschwollen und mit zurckgebeugten
Armen. Hatte Hmmern im Kopf, whrend Adern sich verknoteten, whlten und
zerrten: Fuste zu ballen ber diese Haltlosen. Zu brllen: Ihr Vieh!

Rings um ihn her hatte sich aus Getreuen und Standhaften ein tonnenfrmiger
Kreis geschlossen, dessen Dauben alle Mhe hatten, den Druck von auen
auszuhalten. Die armen Leute quetschten sich so schmal wie mglich.
Krmmten die Schultern und spreizten die Beine, um dem entsetzlichen Muskel
standzuhalten, der sich um das lebende Fa wand und prete.

Der Ingenieur Erwin Vallotti kam nicht einmal bis zur Mitte des Saales. Als
er umherblickte mit verwundert fragenden Augen, sah er, da er der
Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden war. Man stierte ihn
verdutzt an. Lie die Unterkiefer hngen und erreizte sich Gedanken, wer er
sei, was er hier zu tun habe und mit welchen Absichten.

Da schrie einer: 'Raus mit dem Spion!

Aber noch ehe es aus dem zwiespltigen Gemurmel zum Orkan schwoll, ging die
Glocke auf der Tribne.

Da drngte es sich in ihm auf wie ein Gefhl von Scham: Wer sind denn
eigentlich diese Geschpfe. Diese schlappen Gesichter mit ihrer gedunsenen
Un-Ironie? Ihrem matten Unwillen? Da gerade diese des Elementaren
verlustig gegangen waren: der Kraft, zu zrnen. Gewaltsam ans Licht zu
drngen!

Er empfand diesen Augenblick etwas wie Verachtung gegen sich selbst und
suchte den Ausweg zur Tr. Ging ber die Strae zum Kanal hinunter, wo ein
Sturm erbost war. Schob sich mit wagerechtem Oberkrper durch den
treibenden, puffenden Widerstand.

Da segelten dichte, monderhellte Wolken um einen Strahlenkern. Unter ihnen
klatschte und flatterte es wie unter einer Reihe riesig gebauschter Segel,
und unter dem Holzpfahlwerk des Kais wetzten zerbrochene Scherben ein
Spiel, das keinen Klang mehr hatte. Schiffsmaste beschrieben weite
Pendelbewegungen. Schornsteine von drben schnellten wie Gerten und
zerrissen die Wasserhaut in lange weischumende Wunden.

Es lag nahe, die Raserei von einem flammenden Zorn mihandelter Elemente,
in denen es ohne Unterla ri und peitschte, knirschte und schrie,
winselte, zischte und schluchzte, unvernnftig sinnlos zu nennen. Aber
gehorchten nicht die Elemente des Menschenhirns denselben Gesetzen wie
Himmel und Flut?

Und doch: die Elemente da hinten im Versammlungshaus interessierten ihn
mehr, als das Unwetter hier drauen, das ja wohl ihr entfernter Verwandter
war. Sie sprachen eine gleich unartikuliert klingende Sprache, wenn auch
von Furcht noch gehalten.

Aber diese Naturkraft mu noch im Keim konzentriert, gezhmt werden, um sie
als Kraft auf gewaltige Entfernungen zu bertragen. Und ohne ihre Macht zu
dmpfen, mu man sie hindern knnen, ihre eigene Maschine zu zerschmettern.

Ach, begreifen sie wirklich schon: wie, lebten sie so, wie sie leben? Und
wie vermchten sie es, wie vermgen sie's? Hren sie denn nicht den Schrei:
Es wartet einer drauen schon?

Sind sie denn krank?

Krank, da sie sich noch bemhen knnen, ehe der Schrei des Todes
herausgenommen ist aus ihrer Welt oder -- ganz in sie hineingekommen? Aber
wie knnen nur ganze Haufen sich als die Einzelnen fhlen, da jener Schrei
doch an alle und als das Erste herangeht. Mten die Menschen innerlich so
verschieden sein, wie sie heute ihr ueres einander verweist?

Man ginge lieber zu den Kaffern und wte schon, bevor man mit ihnen
sprche, ber sie: In diesen bist du wie in jedem Lebenden zu Hause. Und
diese Sicherheit strkte und man knnte leben ohne das Schmerzen der
einsamen Wachheit.

Der Ingenieur Erwin Vallotti hatte die Strae wieder erreicht. Der Sturm
blies nun von rckwrts, hob ihn empor, stie ihn fast vor sich her und
spreizte ihm die Rocksche aus wie Flgel. Er sah nach dem
Versammlungshaus hinber. Alle Lichter waren erloschen dort. Der Regen
hatte das Volk wie Spreu zerstreut. War der hundertfltige Willen der
Vielen endlich geknotet zu einem einzigen Tau, jenen Riesen zu fesseln,
gegen dessen Bestialitt man anzurennen versuchte?

Vor einer miserablen Wirtschaft stand noch eine kleine Gruppe
Abschiednehmender. Das Harmonikagezwitscher von drinnen drang kaum durch
die Scheiben ins Freie, und das Klirren der Glser nahm sich aus wie ein
schwaches tickendes Knipsen.

In der Nhe einer Laterne stie der Ingenieur Erwin Vallotti mit einem
lteren Mann zusammen, der ihn trotz seiner klar gehrten Entschuldigung
mit den Augen verfolgte.

Der Ingenieur Erwin Vallotti guckte neugierig ber die Achsel zurck und
wre vor Erstaunen fast gestolpert. Diesen buschigen Kopf hatte er schon
gesehen, ebenso, wie diesen starren Blick unter den Hngebrauen.

Er rief darum, nicht mehr zweifelnd: Jean Paquet!

Da drehte sich der Schwarze um und kam rasch aus der brausenden Finsternis.

Nun sah er deutlich: der Mann, dessen Gesicht sauber geseift war, hatte
Fanatisches. Und war sein Mitarbeiter.

Dann sagte er: Nun, mein lieber Paquet, wie lief die Sache? Wird gestreikt
oder nicht?

Jean Paquet beugte sich vor. Wie jung er doch aussah!

Fast sieghaft kam es heraus: Ja. Sie, morgen schon! Und Sie knnen es auch
gleich wissen: ich mach mit. Dafr knnen _Sie_ meine Maschine lenken. Oder
der Vildrac. Oder ihr alle zusammen!

Wer?

Na, der Vildrac, der Kriecher! Wer denn sonst? Sein Gott wird ihm wohl
noch einen Arm dazu wachsen lassen, damit er nicht mehr zehn, ach, gleich
zwanzig Stunden schuften kann.

Sagen Sie mal, Paquet, weshalb beschimpfen Sie gleich Ihren Genossen?
Wissen Sie denn schon, da er nicht mittut, wenn alle streiken?

Jean Paquet verzog den Mund und spuckte aus: Der und streiken? Tausend
Knppel jagen ihn nicht aus dem Maschinenhaus!

Sie sollten ihm mal ins Gewissen reden! Oder mit Geld herumkriegen.
Vielleicht hat er Angst zu hungern.

Jean Paquet richtete sich auf. Trotzig. Hob die Schultern. Und schrie
gemein: Sie wollen mich wohl aushorchen. Herr Ingenieur??

Da fate ihn der Ingenieur Erwin Vallotti bei der Schulter, um ihn in das
gegenberliegende Lokal zu zerren.

Paquet aber witterte Verrat. Bekam einen Wutanfall und ri sich los.
Brllte ber die Strae hin: Nun pack' dich aber, du Spion! Pack' dich!
Sonst gibt's noch eine Leiche heute Nacht!

Feigling! knurrte der Ingenieur Erwin Vallotti und ging mit starren
Blicken in das fahle Frhlicht.




III


Am nchsten Morgen waren nur zehn Knappen von der ganzen Belegschaft
gekommen, die sich zur Einfahrt meldeten. Man wies sie zurck und hing
doppelte Schlsser vor die Tore. Die Heizer aber, junge Kerle aus dem
Osten, standen vollzhlig vor den Kesseln, und in der Maschinenhalle fehlte
nur Jean Paquet.

Da ersuchte der Direktor, dem der Streik wirklich nicht naheging, den
Ingenieur Erwin Vallotti, die verwaiste Maschine fr die paar Tage, wo
dieser Karneval tobte, selbst zu halten. Denn das Wasser mte unter allen
Umstnden aus dem Schacht.

Der Ingenieur Erwin Vallotti schwoll rot an. Zuckte aber nicht. Stellte
sich vor das Schwungrad und lenkte den Hebel. Der Schwei glnzte dick in
den schwarzen Haarstrhnen, die ihm unter dem Hut hervorhingen. Und seine
Augen lagen tief wie zwei ausgebrannte Kohlen.

Er dachte: warum sind nur die Heizer da? Dieser Streik wre dann der erste,
der zu gewinnen ist. Lumpenpack!

In der Mittagspause, als der Vildrac im lkeller war, hatte der Ingenieur
Erwin Vallotti eine Unterredung mit Henri Semella, die so gestellt war, da
dieser am nchsten Morgen nicht wieder kam. Da setzte der Ingenieur Erwin
Vallotti mit den kleinen Maschinen aus.

Nun ging die groe Riesenmhle allein, und Vildrac war stolz auf das
durchdringende Getse, das sie verursachte. Er sog das Sausen der Zylinder
wie Musik ein und ahmte mit heftigen Lungensten das Auszischen des
Dampfes nach. Er putzte und reinigte die Metallteile, bis sie die Sonne an
Glanz bertrafen. Sang und putzte und sah strahlend erhoben auf den
Ingenieur herab, dessen schlangenhafter Schatten in dem Lichtpfad auf
zitternden Steinen zwischen den ruhenden Dynamos unter den Riemen hin- und
herhuschte.

Das ging Tag fr Tag so. Und drei Wochen hindurch. Und um keinen Schritt
waren die Streikenden mit ihren Forderungen nher gekommen.

Der Herr Direktor ging wie ein Pfau umher und rauchte teure Zigarren auf
dem Grubenhof. Sein Blick fuhr streichelnd ber die festverrammten Tore und
ber jedes Gebude. Minutenlang horchte er auf das Brausen aus dem
Maschinenhaus und klopfte sich befriedigt auf den Bauch. Denn auf den Hfen
lagen noch ungeheure Kohlenvorrte aufgestapelt. Und solange die Pumpen das
Wasser in breiten Strmen aus den Schchten hoben und der Knig und
Soldaten waren -- -- --

Eines Abends belauschte der Ingenieur Erwin Vallotti einen Trupp
Ausstndiger im Wldchen, wo sie faul und mutlos im Moos lagen. Man
resignierte da: Solange die Maschinen gehen, gibt der Hund von Direktor
nicht nach. Warum haben wir die Heizer nicht auf unserer Seite? Der Streik
ist doch auch ihre Sache. Man sollte das Maschinenhaus strmen und die
Lumpenkerle totschlagen. Diese Lumpenkerle, -- sie spuckten alle
geruschvoll aus, -- die ihren Brdern in der Verdammnis noch ein Bein
stellen, gerade das: ein Bein stellen, denn es ist doch so, wie wenn zwei
raufen und ein dritter kommt und stt den Schwcheren mit dem Fu unter
die Kniekehlen und nimmt dann fr die Mhe noch fnf Groschen. Es ist
akkurat dasselbe, wie wenn das Schwalbenjunge dem Kuckucksjungen hlfe, die
Schwalben aus dem Nest zu schmeien. Aber man kann die Hunde nicht mehr
fassen. Tag und Nacht liegen sie auf dem Werk. Dynamit sollte man legen.

Der Ingenieur Erwin Vallotti zuckte auf: Verwirre ich mich denn immer
mehr? Geht nicht einer hinter mir, der mit den Kncheln seiner Finger auf
meinen Rcken klopft, so da ich meine Gedanken aus den Knochen klingen
hre? Als Echo einer gewordenen Tat klingen hre: Dynamit sollte man legen
. . . !

Bin ich denn Gott?

Freilich, der Gott, den unsere Vlker zu fhlen glauben, hat ja auch nicht
gelernt, _der_ Gott zu sein.

Trotzdem will ich mein Werk vollenden. Sei's auch um den Preis der Brder.

Als der Ingenieur Erwin Vallotti wieder in das Maschinenhaus kam, schickte
er den Heizer, der ihn vertreten hatte, wieder weg und nahm sich den
Vildrac vor.

Sie sind schon fnfzehn Jahre auf dem Werk, hrte ich!

Ja, Herr Ingenieur!

Was sagen _Sie_ denn zu dem Streik, he?

Ich . . . ich . . . meine, die Kerle haben keinen Grund. Sie haben doch
ihr Auskommen und acht Stunden den Tag -- das geht doch nicht. Da lungern
sie blo in der Kneipe herum und vertrinken noch mehr. Es ist eine Schande,
Herr, wie die Kerle saufen!

Sie lesen viel in der Zeitung, Vildrac?

Ach, mehr in der heiligen Schrift. Die Zeitungen lgen ja so. Nur im
Kreisblatt steht manchmal Wahres. Da steht _auch_, da der Streik nichts
wie Erpressung ist. Aber man wei ja, die Kerle haben sich aufhetzen lassen
von denen, die oben stehen und berhmt werden wollen. Der Jean Paquet ist
brigens auch so ein Hetzer. Was hat er als Maschinist mit den Grubenleuten
zu tun? Schon lngst htte er hier weg mssen. Der Hetzer!

Sind Sie nie in einer Versammlung gewesen?

Vildrac richtete sich auf mit gerteten Augen. Sein sonst gelbes Gesicht
glich augenblicklich einem nebligen Herbstmond. Es war fast glutrot. Mit
schleimigen Gurgelsten erwiderte er: Soll ich auch etwa unter die
Hungerleider gehn, Herr Ingenieur? Ich habe fnf Kinder, Herr! Gegen meine
berzeugung soll ich Front machen? Nein. Nie im Leben! Sie sehen ja, die
Geschichte fhrt ja doch zu nichts. Nchste Woche werden Leute aus Holland
kommen. Dann knnen die hier sich trollen. Und dann: Ist das ein Kampf?
Nichts als Mord. Mord!

Da brauste der Ingenieur Erwin Vallotti auf: Aber nun hren Sie mal. Gewi
ist das ein Kampf. Ein Bazillenkampf. Ihre Brder hungern. Ihre Brder
finden das Hungern unbehaglich. Sie vereinigen sich, um sich das Brot, d.
h. die Produktion zu erkmpfen. Sie sagen Mord? Nun, wenn Kampf einmal im
Gange ist, hagelt es auch Hiebe. Und wenn Brotlden gestrmt werden, hol'
der Henker den, der umherfackelt und von den Lilien auf dem Felde faselt.
Es wird ja nicht nach Formen und Billigkeit gefragt, sondern nach Macht und
Konjunkturen. Rechtmig heit jeder Streik, der gelingt. Und dieser Streik
wird und mu gelingen, weil er sozial und ein Kraftmesser ist.

Vildrac spreizte die Hnde. In seinen Mienen jagten sich Abwehr und Angst.
Keifte Unverstndliches und kroch wie ein verprgelter Hund unter die
Riemen.

Der Ingenieur Erwin Vallotti hingegen stand mit geballten Fusten. Ein
Verdendes lief ber sein Denken. Er wurde fast irre in der Wut darber,
da jener, ein Vernarrter, da war und sein Haus beschrie. Einer da war, der
nicht fhlte, da die groe Quelle des Neuen drauen unter den Brdern
herausgebrochen ist, die schon lebte in ihrer dem Tode abgekehrten Art.
Ihre Sache ist Zweck und ihre Seele Lust. Frei freute diese sich erst, wenn
keiner der Beteiligten mehr unentwickelt im Knuel der primren Triebe
lge, wenn nicht mehr lebende Mglichkeiten von Menschen aus dem Meere des
Goldes hinausgeworfen wren auf den Strand der Not.

In diesen Gedankengngen kam der Ingenieur Erwin Vallotti dazu, ein Signal
zu geben. Und sein Wille konzentrierte sich vorerst auf die groe Maschine,
die Ursache war, da unter den Brdern Unlust und Unttigkeit verheerend
kroch. Und eine Eingebung versetzte ihn in einen Zustand freudiger
Erregung.




IV


In der Nacht auf den Tag, da zweihundert Streikbrecher unter Begleitung von
Gendarmen ins Dorf gekommen waren, gingen alle drei Dynamomaschinen. Die
Frderkrbe stiegen auf und ab und in den Paternosterwerken lrmten die
eisernen Schieber. Vildrac und der Ingenieur Erwin Vallotti waren allein in
dem Maschinenhaus. Ihre schwarzen Schatten standen riesengro auf den
weien Wnden. Die Bogenlampen schwammen wie in Blut, und die groen
Regulatoren zerspritzten das Purpurne mit rasendgeregten Drehungen. Die
Pistons chzten unruhig einem Unfabaren entgegen. Durch die Fenster
zwngte sich der Flor der Nacht und trieb die Auenwelt weit hinaus.

Vildrac hockte wie ein Gtze auf der Plattform, und unter ihm sausten die
ligen Drahtseile wie Befehle aus _seinen_ Hnden entsprungen. Die Ringe
unter den Kupferbrsten liefen durch sein Gehirn, das von jeder Runde das
geschpfte Wasser zu messen schien. Der dumpfe Ton des Tumultes klang ihm
wie eine Besttigung.

Der Ingenieur Erwin Vallotti pendelte mit unruhig gelngten Schritten durch
den ungeheuern Raum. Als er aber an den Schalttafeln hantierte, lie ihn
Vildrac nicht mehr aus den Augen. Eine ertrumte Ahnung quoll die
weiverzerrten pfel wie Knollen aus den Hhlen vor. Pltzlich vereinte
sich dem ahnend Erdachten, zu dem ihm Hellsehen stie, eine Tat. Er hrte
etwas einschnappen und sah, da die Armatur ihren Lauf vernderte.
Kurzschlu!

Der Ingenieur Erwin Vallotti stand am Fenster und rhrte sich nicht.

Da kroch Vildrac von der Plattform und untersuchte den Draht. Er chzte und
sthnte dabei. Hielt Schlge aus, die vom Strom sprangen, und nherte sich
befriedigt der Endung, als die Armatur pltzlich zurcksprang und den
Krper hochri.

Wie ein nasser Sandsack platschte er aus der Hhe auf den Steinboden
zurck.

Der Ingenieur Erwin Vallotti klingelte die Heizer herein. Einer mute den
Direktor holen. Der richtete an den Ingenieur einige Fragen, die dieser mit
gleichgltigem Kopfnicken besttigte.

Unfall. Selbstverschuldet.

Man hielt sich nicht lange auf und schaffte den Leichnam hinaus. Es waren
noch zwei Stunden bis zur Ablsung, und die ntzte der Ingenieur Erwin
Vallotti, der allein in der Halle blieb, aus zu dem rcherischen Werk, das
keiner Zeugen bedurfte. Er hatte den vorerwogenen Weg, der doch zu keinem
Ziele fhrte, endgltig verlassen und strebte darum dem Letzten zu. Er
wute: nur ein drhnendes Signal knnte die Scharen sammeln. Und dieses
furchtbare Signal wollte er geben. Denn die Brder brauchten einen
Schlachtruf zu jener Sieghaftigkeit, die ihres Willens zur Freude wert ist.
Sie werden dann nicht mehr sich selber zerfhlen, zerfleischen mssen,
fhlten sie erst den groen Kampf vor sich als einen halberrungenen Sieg.

Dann erst wandelte sich zur Tat jedes Mhn, wenn der es in den Ekel
zerrende Zusammenhang mit der Stillung des Hungers zerrissen wre und auch
nicht mehr die Farbe des Einzelnen trge.

Der Ingenieur Erwin Vallotti atmete erst auf, als die Patronen gelegt waren
und die Drhte verbunden. Und niemand wrde, das war ihm gewi, den Plan in
den ersten vierundzwanzig Stunden entdecken.

Mit gehobenen Schultern trat er ins Freie.




V


Vor dem Tor der Grube staute sich ein wtender Menschenschwarm. Mit Steinen
standen sie da. Wurfbereit, manche schwangen schwere Knppel. So wollten
sie die Streikbrecher empfangen.

Der Direktor hatte nach der Stadtkommandantur telegraphiert. Militr war
unterwegs. Um sechs sollte es eintreffen. Das war zeitig genug. Denn um
sieben kamen erst die Streikbrecher aus der Schicht. Als der Ingenieur
Erwin Vallotti sich durch den Menschenwald zwngte, vertrat ihm Jean Paquet
den Weg. Ein unheimliches Feuer brannte in dessen Blick.

Da sagte der Ingenieur, indem er ihm die Hand hinreichte: Was ist Ihnen?
Sie sehen aus wie der Tod. Zweifeln Sie an der Sache ?

Verflucht! Sie fragen noch? Mit den Soldaten hat man uns gedroht!

Den Ausgang habe ich vorausgesehen!

Natrlich wuten Sie das. Denn Sie haben ja ein Interesse daran, da die
Maschinen wieder voll gehen.

Das knnen Sie glauben?

Jean Paquet griff sich ans Herz. Aber dann ging wieder die Wut ber sein
Gesicht und er schrie: Das sage ich Ihnen, ehe das erste Bajonett blitzt,
haben wir die fremden Teufel aus dem Dorf gejagt. Mit Steinen werden wir
sie jagen. Und das Maschinenhaus werden wir strmen. Kein Rad soll ganz
bleiben. Dann wird der Hund von Direktor schon nachgeben! Und wenn Sie kein
Messer zwischen die Rippen haben wollen, Herr Ingenieur, dann bleiben Sie
nur heute aus dem Werk.

Der Ingenieur Erwin Vallotti hatte von dem Sprecher kein Auge gewandt. Und
dachte: Seltsam, da niemand von den Oberbeamten begriffen hat, was da
unter den rauchigen Augenbrauen dieses Kerls qualmte. Heute forderte er
diese Idioten heran, sie zu zermalmen. Die Masse wird sie zermalmen, die
schlau genug ist, ihre Dummheit zu hten, diesen unersetzlichen Vorrat an
Energie, Glauben und Selbstsicherheit. Sie braucht nicht von ihrer Hhe
hinabzusteigen wie der Philosoph, wenn er zur Schimre des Wissens
vorgedrungen ist und ein Verlangen nach Handgreiflichkeit und Handlung
fhlt. Sie besitzt aber auch nicht jene Naivitt, die der Philosoph
vorheucheln oder erst schaffen mu, wenn er sich auf Erden wandeln fhlen
will. Die Kultur ist ihr Zeughaus fr ihren Kampf gegen die Kultur, und das
einzige, was sie sich aus Hellas geholt hat, heit Ostrazismus, die
Verfolgung der Selbstndigen. Und jetzt ballen sie die Fuste, jetzt
lockert der halbnackte Rotzbengel den Leibgurt mit der Stahlschnalle.

Ein Ellenbogenpuff irgendwoher weckte den Ingenieur Erwin Vallotti aus
seinem Traumzustande, der schon eine Helle war. Dicht trat er an Jean
Paquet heran und flsterte fast: Sie haben recht. Ich werde das Werk nicht
mehr betreten. Ich reise heute ab, und unsere Wege werden sich nicht mehr
kreuzen. Denn meine Arbeit ist hier beendet. Aber ein Signal werde ich
zurcklassen. Das soll die neue Stunde anzeigen. Denken Sie dann an mich.

Seine Brust arbeitete, er richtete den Blick nach oben.

Jean Paquet stand gefesselt, gelhmt auf dem Fleck, von wo aus der
Ingenieur wie ein Spuk sich erhoben hatte. Nicht einmal der Geruch seines
Atems war geblieben.

Jean Paquet stand und tat nichts, schrie nicht auf: Simson wach auf!
Philister ber dir!

Ein Signal? Sollte es das Recht sein, ehe das Rufen zum Wiederwerden aus
dem Gewordenen zu tnen beginnt, diese Unterdrckten hinberzusenden in
ihren Ursprung, ins Nichts?

Da zerri endlich heiseres Rufen die Menge, die geballt war. Bewegung
schnellte in die Breite: Auf! Die Soldaten kommen!

Das rttelte empor. Raste durch's Dorf. Ri an den Fensterlden. Stieg ber
die Dcher. Strich wie Brandgeruch.

Und es war ein Blitz: Auf mit dir, alter Faulpelz, der du mit deinen
achtzig Jahren daliegst und dich rkelst!

Auf Gebrende, deine Geburtswehen knnen warten!

Und der Boden drhnte schon unter dem Marschtritt: eins, zwei! Eins, zwei!

Die Masse stand wie eine Mauer. Und der buntgefleckte Schlangenleib wlzte
sich nher heran.

Helme blitzten.

Mann an Mann.

Schritt und Tritt.

Steine her! Steine her!

Trommelwirbel.

Kerle, schleppt Steine . . . Steine . . . !

Lautlose Stille hben und drben.

Da fegte ein Donner ber die Strae und ri alles zu Boden. ber dem
Gewerkschaftskomplex entbrannte furchtbarer Qualm. Ein Steinhagel pflgte
Blutfurchen.

Durch die schreckentwaffnete Menge stampfte der Soldatenzug in prachtvoller
Auflsung zu retten. Kletterte ber die Fabrikmauern und sammelte sich auf
dem Hof.

Das Maschinenhaus war vom Boden rasiert und die Dcher von den
stehengebliebenen Husern einfach abgesgt.

Mit wahnsinnig vorgerollten Augen sprang der Direktor durch die Trmmer.
Stieg auf den Steigerturm und ri die Notglocke.

Da kamen die Ausstndigen mit kindlichem Willen. Verbrdert mit der
Soldateska retteten sie, was zu retten war. Stiegen auf Leitern die
Notschchte hinab, die Streikbrecher zu suchen, die gnzlich abgeschnitten
waren und versaufen muten, nun, da die Pumpen nicht gingen.

Drauen aber, auf der hchsten Gerllhalde, stand der Ingenieur Erwin
Vallotti mit ausgebreiteten Armen und sah beschwrend auf die Trmmer, wo
die Saat des Neuen aufging.

ber seine Lippen strich es wie Osterwind: Nun werden Wandlungen sein, und
sie werden nicht mehr wissen, da sie waren. Immer aber: da sie _sind_.
Sie werden das wissen, weil sie nicht _sie_ sind, sondern irgendein Mai,
der sich in jedem Baum fhlt, der grn wird. Denn das unendliche Grn ist
unendlicher Weg geworden. Dieses gengt, dieses befiehlt. Ist schn und
lockte.

_Ich aber nehme mich zurck. Denn in Wahrheit ist meine Welt nicht die ihre
zu fhlen, da ich ehrlich war mitten in dem Verbrechen._









Gedruckt bei Gottfr. Ptz, Naumburg a. S.






End of the Project Gutenberg EBook of Der schwarze Baal, by Paul Zech

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHWARZE BAAL ***

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