The Project Gutenberg eBook, Ludwig Fugeler, by Anna Schieber


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Title: Ludwig Fugeler
       Roman


Author: Anna Schieber



Release Date: November 23, 2010  [eBook #34424]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUDWIG FUGELER***


E-text prepared by Heiko Evermann, Wolfgang Menges, and the Online
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Anmerkungen zur Transkription

      Passagen, die im Original nicht in Fraktur gesetzt waren, sind
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      durch _Unterstriche_.

      Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende des Textes.





LUDWIG FUGELER

Roman

von

ANNA SCHIEBER

Erste bis vierzehnte Auflage






[Illustration: Verlags-Signet]

Verlegt bei Eugen Salzer in Heilbronn
1918

Copyright by Eugen Salzer, Heilbronn
Den Einband zeichnete Karl Sigrist




Ich mu dir etwas erzhlen, liebste Frau, was mir gestern begegnet ist,
und was ich dir gerne mndlich sagte, wenn du nicht in weiter Ferne am
Meeresstrande sest, du Ausreierin.

Deine braunen Fensterlden sind geschlossen; der alte Nubaum klopft mit
schwanken Zweigen daran und fragt, ob du bald kommest.

Und auch ich frage so. Du weit, warum. Ich darf heute nichts davon sagen,
ich habe es dir versprochen. Du sollst Ruhe haben zu allem. Ruhe? Wenn ich
dir diese Bltter schicke?

Doch ich wollte dir ja etwas erzhlen.

Ich ging mit meinem Freund Haller, den du den Tolpatsch nennst, gegen die
Wilhelmsburg hinauf. Er hatte das kaffeebraune Sommerrckchen an, das du
ihm lngst wegsprechen wolltest, und ging, die eine Hand in der Tasche, mit
der andern lebhaft seine Rede begleitend, neben mir her. Er ist ein Kind
und ein Weiser zugleich. Du httest ihn sehen und hren sollen. Er fand
einen aus dem Nest gefallenen jungen Finken und trug ihn im Taschentuch mit
sich, solang er mir seine Lieblingsidee, die er von Fichte aufgenommen hat,
auseinandersetzte: es gibt nur eine Tugend, sich selber vergessen, und nur
eine Snde, sich selber zu wichtig nehmen. Dabei erdrckte er im Eifer des
Gesprchs den Finken und sah, als er es merkte, bestrzt das Vogelleichlein
an. Ich wollte es nicht, versicherte er, ich wollte es gewi nicht tun.
Pltzlich sah ich einen in der Sonne schimmernden Faden, der an seiner
Schulter aufglnzte, und dessen anderes Ende in der himmlischen Blue
verfestigt zu sein schien. Er mochte sich drehen oder wenden wie er wollte,
der Faden ging mit ihm, so zart er war, denn die unsichtbaren Spinnfrauen
hatten ihn fest und zh gesponnen. Und mich ergriff eine heitere Rhrung,
als ich das groe Kind so lieblich an das All gekettet sah. Geh' du nur
hin, dachte ich, und stolpere deinen Gang. Es fliegt doch ein zartes
Seelchen hinter dir drein und leitet dich an einem Silberfaden.

Aber als ich nach Hause kam, fiel es mir ein: Kann nicht im Grunde auch ich
von einem solch festen und zarten Gespinst sagen, das mich, mir selbst zum
Trotz manchmal, auf Holper- und Stolperwegen begleitet hat, ohne zu
zerreien? Ich achtete nicht darauf, denn ich war in mir selbst befangen
und haschte tppisch nach Scheindingen, die mir in der Hand zergingen,
indes ich das Beste am Wege stehen lie. Ich machte weite Umwege und verlor
dabei Kostbares, das ich nicht mehr fand, und beinahe auch mich.

Und doch zerri der Faden nicht, der mich mit dem lebendigen Leben verband.
Als ich erwachte und mich einsam sah, wurde ich seiner gewahr. Da merkte
ich, da er von guten Hnden fest gesponnen sein mute, denen man nicht so
leicht hinauskommt, um ins Abgrndige und Wesenlose zu fallen. Mit dir
werden sie leichtere Mhe haben, als mit mir.

Ich habe mich nun entschlossen, dir die Bltter zu schicken, die ich
eigentlich fr mich selbst beschrieben habe. Es war vor deiner Zeit. Ich
wute nicht, ob ich sie noch einmal in vertraute Hnde legen wrde, als
ich an vielen einsamen Abenden mein Leben vor mir ausbreitete, das zu
stocken schien. Bei manchem, das in der Erinnerung freudig und freundlich
zu mir trat, verweilte ich gern und ausfhrlich, manches aber
aufzuschreiben fiel mir schwer, wie es einem schwer wird, im Spiegel mit
Aufmerksamkeit sein Gesicht zu betrachten, wenn man inne wird, da es von
vorzeitigen Runzeln durchfurcht oder von Flecken entstellt ist, und vor
manchem auch graute mir, da es einmal gewesen sei. Da hie ich meine Feder
eilen. Doch glaube ich, kann ich sagen, da ich mich davor gehtet habe,
etwas an mir zu beschnigen, oder mich besser zu machen, als ich war,
wenngleich es mich manchesmal verlangte, da ein lieber Mensch mir in die
Bltter she und zu mir sagte: Du seiest, wie du wollest, so bin ich
dennoch dein und liebe dich.

Ein solcher, der es sagen wrde, war einmal.

Wird auch jetzt ein solcher zu mir kommen, wenn du sie gelesen hast?

Ich soll ja nicht fragen. Aber warten, das darf ich doch?

                  *       *       *       *       *

Es war einmal ein Tag, da machte ich die Augen auf in einem hohen, weiten
Raum. Das ist das erste von allem, dessen ich mich entsinnen kann, es ist
mir, als sei ich damals in die Welt herein geboren worden. Ich lag auf
einer Bank, die eine hohe, geschnitzte Lehne hatte, und sah mit blinzelnden
Augen um mich und ber mich. Es ging hoch hinauf, fast schwindelnd hoch,
und ich sprte auf einmal, da ich ein klein-- kleinwinziges Bblein und
nicht daheim in meiner Stube sei. Da waren viele steinerne Sulen, die alle
so unmenschlich hoch und gro waren und oben irgendwie zusammenstrebten.
Und da waren Fenster, durch deren buntfarbiges Glas Strme von farbigem
Licht in die hohe, dmmerige Halle flossen. Das Licht flo an den
Steinsulen hin und auf dem Fuboden weiter und traf auch mich, und auf
einmal fing es an, zu klingen, zuerst hoch und hell, und dann leise und
zart, und dann so mchtig, immer strker und mchtiger, da ich nicht
wute, wo ich hinfliehen sollte, so mchtig drhnte und tnte das Licht,
das ich noch nie gesehen hatte. Es tat mir etwas wohl, aber noch viel weher
tat es daneben, und ich tat, was alle Kinder in der Not ihres erschrockenen
Herzleins tun mgen, ich rief der Mutter.

Sie hrte es nicht, weil das Getse so stark war, da rief ich lauter und
lauter und rutschte von der Bank herunter auf meine Fe und schrie:
Mutter, Mutter!

Da hrte ich unter das starke Tnen hinein eine Weiberstimme, die gehrte
einer breiten, dicken Gestalt, die einen Besen fhrte, und sie rief nach
einer Ecke hin: Fugelerin, Ihr Bub ist aufgewacht, er schreit.

Gleich darauf tauchte meine Mutter zwischen den Steinsulen auf und kam
schnell auf mich zu. Still, still, Ludwig, sagte sie und wischte mir mit
einem trockenen Zipfel ihrer nassen Schrze die Trnen weg, die mir im
ersten Schreck ber die Backen gesprungen waren. Und dann nahm sie mich an
der Hand und fhrte mich den langen Weg zwischen den Sulen hindurch bis an
einen groen steinernen Tisch, auf dem eine grne Decke lag mit silbernen
Fransen, und hie mich auf die Stufen niedersitzen, die zu dem Tisch
hinauffhrten.

Ein Teppich lag darauf, den streichelte ich mit der Hand. Er war so weich
und dick, wie das graue Fell unserer Katze daheim, und ich bekam einen
halben Wecken, den die Mutter aus der Tasche zog. Ich solle jetzt ruhig
hinsitzen und auf das schne Orgelspiel horchen, sagte die Mutter, und als
ich fragte, was das sei, Orgelspiel, hob sie den Finger in die Hhe und
sagte: Horch, Bble, da droben kommt's herunter, dort wo es so silberig
glitzert an der Wand. Dort sitzt ein Mann und spielt, und morgen ist
Sonntag, da sitzt alles voller Leut' in der Kirche, und da mu er wieder
spielen; dann ging sie, und ich sah sie dort drben mit Eimer und
Schrubber hantieren, da konnte mich das Groe, Fremde nicht mehr anfechten,
weil ich ihre lebendige Nhe sprte.

Aber das konnte ich noch nicht verstehen, da das Tnen dort oben herunter
komme und das Scheinen zum Fenster herein. Es war beides da, der Raum war
voll davon, und mein Kinderherz war voll davon, und als ich mit der Mutter
heimkam, da rief ich den beiden Schwestern, die in dem schmalen Vorgrtlein
neben der Haustr saen und strickten, entgegen: Ihr mt einmal mitgehen,
in dem groen Haus drin ist etwas ganz rot und blau und goldenes, das
schreit so arg.

Da lachten sie und staunten, da ich solche Sprche tue, und erzhlten es
am Abend unserem Mietsmann, dem Heinrich Kilian, der mit seinen sechzig
Jahren noch Auslufer in einer Buchhandlung war, und der immer alles wissen
mute, was ich den Tag ber gesagt und getan hatte. Er hatte mich stark in
sein altes Herz geschlossen, die Freundschaft war aber gegenseitig.

Ich meine, mich zu entsinnen, da ich an jenem Abend, als die Schwestern um
ihn herumstanden und ihm von meinem Ausflug in die Kirche, in der meine
Mutter zum Reinigen angestellt war, und von meinem Ausspruch erzhlten,--
da ich auf seinen Knien sa und die rote Nelke hinter seinem Ohr
hervorholte und sie hinter mein eigenes steckte. Er aber lie mich reiten,
nach Sachsen, wo die schnen Mdchen auf Bumen wachsen, und sagte
wohlgefllig: Ja, ja, du kriegst sie, Herzkfer, gescheiter, und lachte
in seinen Stoppelbart hinein.

Wenn es nicht an diesem Abend war, so war es sicher an vielen andern so.

Denn alles, was schn, erfreulich und begehrenswert war in dem kleinen
Bereich, in dem ich lebte, das war mein. Ich streckte die Hand darnach aus
und es neigte sich zu mir. Das war eine lange Zeit hindurch so.

Die graue Katze gehrte mir, und die Mutter und die Schwestern und der alte
Heinrich Kilian samt allem, was er in seiner Kammer hatte, und Huslein und
Garten und darber hinaus. Das war die Zeit, da ich im Paradiese lebte, und
a von allen Bumen im Garten und wute noch nichts vom verbotenen Baum der
Erkenntnis des Guten und Bsen. Es war nichts verboten, und so konnte ich
nicht sndigen.

Mein Vater starb, als ich noch kein Jahr alt war. Er hatte mich in seiner
Krankheit bei sich im Bett, wenn er genug Atem hatte, um mich auf seiner
Decke sitzen zu lassen, und ich zupfte mit meinen kleinen Hnden an seinem
dichten Bart herum. Damals soll ich, geht die Sage, ein sehr schnes Kind
gewesen sein mit einem braunen Lockenbusch und dunkelblauen Augen, und er,
der sich immer einen Sohn gewnscht hatte und ihn nun, da er in so
erwnschter Weise vorhanden war, verlassen mute, sagte mit seinem letzten
Atemzug: Lasset mir meinem Bble nichts geschehen.

Das war nun ein heiliges Vermchtnis fr die Mutter und die beiden
Schwestern, die vier und sechs Jahre lter waren als ich, und denen die
Lust an einem hbschen, lebendigen Spielzeug noch ein strkerer Antrieb
war, mich zu verwhnen und zu htscheln, als das letzte Wort des
verstorbenen Mannes, der an ihnen nie die groe Besitzerfreude gehabt
hatte, wie an mir.

Wir wohnten damals in einem der kleinen Huslein am Graben, die der
Stadt gehrten und von dieser samt den winzigen Vorgrtchen um ein Billiges
an Taglhner, Waschfrauen, Flickschuster, Nherinnen und dergleichen kleine
Leute vermietet wurden.

Es ist mir, als habe dort immer die Sonne geschienen, und tatschlich
blinkten auch die nach Sdosten gelegenen kleinen Fenster der einstckigen
Huslein, die kein Gegenber hatten, in jedem Morgenstrahl, der vom Himmel
kam; und in den schmalen Rabatten der Grtchen hoben, vom ersten
Schneeglckchen bis zur letzten Aster des Herbstes, den ganzen Sommer die
Blumen der armen Leute ihre Gesichter dem freundlichen Licht entgegen.

Salat und Suppenkruter baute meine Mutter in ihrem Grtchen; sie hatte
keine Zeit und auch nicht so recht die Gemtsart, die man braucht, um
Blumen zu ziehen; die Blumen pflegte dafr Heinrich Kilian; der hatte ein
Stcklein des Gartens in Pacht, nicht viel grer, als meines Vaters
schmales Bett auf dem Kirchhof drben, und doch gro genug fr eine Flle
der rtesten Nelken. Rote Nelken, das waren seine Lieblingsblumen, von
denen hatte er immer, so lang sie blhten, eine zwischen den Zhnen oder
hinter dem Ohr, mit ihnen trieb er einen Luxus und eine Verschwendung, wie
sonst mit gar nichts.

Kilian, sagte meine Mutter manchmal, wenn sie ihm seine gewaschene und
geflickte Wsche zurckgab, Kilian, die Hemden halten nimmer. Ich setze
einen Fleck an den andern, aber was genug ist, ist genug.

Ja, ja, sagte der Kilian, sie tun's schon noch. Gut geflickt gibt auch
warm. Ich kauf' dann schon einmal neue, jetzt grad langt das Geld nicht
dazu.

Aber zu den teuren Nelkenstcken, da langt's, eiferte die praktische
Frau. Denn er hatte sich wieder einmal etwas ganz Wunderbares kommen
lassen, etwas ganz Mrchenhaftes, nie Dagewesenes von roten Nelken, das in
der Zeitung ausgeschrieben gewesen war. Er fiel immer damit herein, es war
nie so etwas ganz Besonderes, es wurden eben immer gewhnliche rote Nelken,
wie von jeher. Aber er hatte seine groe Vorfreude daran, wenn sie Knospen
trieben und die Knospen sich rundeten. Diesmal gibt's ganz dicke, ganz
groe, sagte er dann geheimnisvoll.

Das sagte er auch jetzt, als ihn die Mutter wegen der Hemden plagte.

Ja, ja, und dann sind's wieder dnne, und das Geld ist drauen, und der
Winter kommt, und kein gutes Hemd ist im Kasten, und das Alter kommt auch.

Aber er lchelte blo und lie mich auf den Knien reiten. Und ich schlug
mich auf seine Seite und sagte: Jawohl gibt es dicke, gelt, Heinrich, es
ist in der Zeitung gestanden?

Da seufzte die Mutter nur noch ein wenig und brummte: Vier Kinder hab'
ich, nicht blo drei. Aber es htte ihr eins gefehlt, wenn sie den
Heinrich Kilian nicht mehr zu bemuttern gehabt htte. Sie war eine gute,
gute Frau. Sie gab alle ihre Kraft her fr die, die sie liebte, sie wollte
nichts fr sich. Sie schaffte im Taglohn in guten Brgerhusern, sie wusch
und putzte, sie hatte das Kirchenreinigen und das Schulhausfegen. Sie
gehrte einem Heer von Frauen an, die da mit Kbeln und Besen hantierten.
Sie brachte verschrumpelte Hnde mit heim und in der Tasche das Geld, das
unser tgliches Brot kostete. Und sie sa bis in den spten Abend hinein
bei der Lampe, die einen grnen Blechschild hatte, und flickte alles, was
wir den Tag ber zerrissen, und einmal brachte sie einen Samtrest mit heim,
der aus fnf bis sechs Stcken bestand, und machte mir ein Anzglein
daraus. Das alles tat sie mit wenig Worten und mit einem ruhigen, ebenen
Gesicht. Ich glaube, wer nach ihren Augen gesehen htte, der htte viel
gefunden. Aber ich wei jetzt nur noch von einem einzigenmal, da ich ganz
weit hinein gesehen habe in diese Augen. Das war spt, das kommt jetzt noch
nicht.

Als sie das Samtanzglein genht hatte, nahm sie mich den Sonntag drauf an
der Hand und ging mit mir in ein schnes, vornehmes Haus, das war mitten
drin in der Altstadt. Es hatte eine breite, schwere Tr, daran war ein
groer eiserner Kopf von irgend einem Ungetm, der hatte einen dicken Ring
im Maul.

Daneben hing ein Glockenzug, der hatte einen Griff von einer Schlange, die
eine lange Zunge herausstreckte. Und die Mutter hob mich auf und lie mich
daran ziehen. Da ging die Tr von innen auf und wir traten in eine Halle,
darin war ein grnes Licht, das kam vom Garten herein, zu dem hin eine
Pforte offen stand, und wir stiegen eine breite, dunkle Treppe hinauf, die
ein geschnitztes Gelnder hatte, und kamen in einen weiten Raum, an dem
viele Tren lagen, und von dessen Wnden gemalte Mnner und Frauen auf uns
niedersahen. Ich hielt mich fest an der Hand der Mutter, denn unsere
Schritte hallten in dem hohen Raum, der mit einem buntfarbigen Steinmuster
gepflastert war, und es war khl und gro und dmmerig da. Da ging eine
Tr auf, es fiel helles Sonnenlicht auf die Steine des Pflasters, und in
dem Sonnenlicht stand ein schner alter Herr. Er hatte einen Sammetkittel
an, darauf fiel ein langer, silberiger Bart hinunter, und seine vollen
Locken schimmerten auch silberig, und er rief: Aha, da haben wir ja das
Zaunkniglein! Gr Sie Gott, Frau Fugeler. So, so, das ist recht, wollen
Sie nur geflligst hereinspazieren! Er hatte ein so lachendes, helles,
heiteres Gesicht, da ich ihn immer ansehen mute, auch als wir in dem Saal
waren, in den er uns fhrte, er war das Hellste von allem. Zwar die Sonne
fiel durch hohe Fenster herein, und auf dem Boden lag ein Teppich voll
glhender Blumen, und an den Wnden hingen Bilder: pfel und Birnen und
Trauben, die aussahen, als ob sie zum Essen wren, eine Wiese mit lauter
durchsonnten, roten und blauen Blumen, ein Bltenbaum mit weischimmernden
sten. Aber der alte Herr war doch noch heller als das alles.

Ich starrte ihn unverwandt an. Da sagte er lachend: Was ist, kleiner
Zaunknig, was guckst du so? Und ich wurde dunkelrot und sagte aus der
Mutter Schrze heraus, in die ich meinen Kopf gesteckt hatte, vor
pltzlicher Verlegenheit: Das da ist so glnzig. Ich deutete auf seinen
Kopf. Da brach er in ein helles Lachen aus und lie mich kleinen Buben in
seinen Armen durch die Luft fliegen, ganz hoch hinauf gegen die Decke hin,
auf der in hoher Arbeit ein Walfisch war, der den Propheten Jonas ans Land
warf.

Und meine Mutter sa da und hatte noch nichts gesagt.

Ja also, Frau Fugeler, sagte der alte Herr, ich brauche so ein paar
kleine Buben fr mein groes Altarbild. Der da gibt schon so einen
Engelsbuben mit seinen Locken und seinem Gesichtlein. Ziehen Sie ihn nur
einmal aus, ich mchte ihn einmal in seiner ganzen Herrlichkeit durch die
Stube springen lassen.

Wieso denn ausziehen? fragte meine Mutter. Ich hab' ihm extra ein
besseres Gewndlein gemacht, da er sich sehen lassen kann. Das Hemdlein,
das ist nicht mehr neu, ich mu ihm die alten anziehen, von den Mdchen
her.

Ja, da wir einander recht verstehen, Frau Fugeler, der Bub soll ja gar
nichts anhaben. Das mu sein wie im Paradies, wie in seligen Welten, wo
niemand sich verhllen und vor dem andern verstecken mu. Das mu sein, wie
wir alle wren, wenn wir geblieben wren, wie in der Kindheit: schn,
wahrhaftig, lachend, fromm und gesund.

Die Mutter schttelte den Kopf. Ich bin ein einfaches Weib, Herr
Professor, es mag schon recht sein, wie Sie's meinen, aber ich versteh' das
nicht so. Mein Mann tt's nicht leiden, wenn er's wte, da Sie den Buben
so nackend vor aller Welt hinstellen wollen, und ich leid's auch nicht.

Der alte Herr trommelte mit den Fingern auf die Fensterscheiben und sah
eine Weile in den Garten hinaus. Dann rief er hinunter: Maidi, komm einmal
herauf. Und gleich darauf wurde ein leichter Tritt drauen hrbar, und ein
kleines Mdchen kam herein. Es hatte ein wei und rotes Gesichtlein und
hatte ein blaues Kleid an, auf das zwei hellglnzende Zpfe niederhingen,
und alles an ihm wippte und lachte. Maidi, nimm einmal das Bblein eine
Weile mit dir in den Garten, sagte der alte Herr, du kannst ihm Kirschen
geben und mit ihm spielen.

Ja, Gropapa, sagte Maidi, er kann mein Brutigam sein, wir spielen
Hochzeiterles.

Wer ist das: wir?

Ach, sagte Maidi, die andern, die hab' ich mir blo so dazu gedacht, die
Brautfrulein und alle. Sie haben weie Kleider mit Schleppen und tragen
Krnze und Lichter.

So, so, ja, dann tut das nur, sagte der Grovater und schob uns zwei zur
Tre hinaus.

So, sagte Maidi, jetzt mut du der Brutigam sein. Wir waren in eine
grne, blhende Welt eingetreten. Groe, schattige Bume wlbten sich ber
unsern Huptern, ppiges Buschwerk neigte sich ber die Steige hin und
machte sie eng und schmal, Beete waren da voll dunkelblauer Iris und
flammender Feuerlilien, ein Rondell aus lauter Rosen; es schlug eine groe,
schwere Welle von Duft und Farben und Schnheit ber dem kleinen Buben
zusammen, der willenlos und wie im Traum tat, was das Mdchen ihn hie.

Du mut mich jetzt am Arm fhren, sagte Maidi, und mut sehr aufpassen,
da du mir meinen Schleier nicht zerdrckst. Und da vornen, an der Laube,
das Bnkchen, das mu die Kirche sein, da brennen Lichter, viele, sie
sprang voraus und pflckte von dem Schutthaufen hinten in der Ecke einige
von den Samenkugeln des Lwenzahns, die dort standen, und steckte sie in
die Bretterspalten des Bnkchens. So, jetzt-- nein, jetzt mut du der
Pfarrer sein, ich kann schon eine Weile denken, da der Brutigam da
steht.

Aber ich konnte nicht so spielen, ich war ein wenig steif und dumm und
stellte mich ungeschickt an, da schlug sie vor, da wir nun essen mten,
und dazu war ich vielleicht eher zu gebrauchen. Wir traten in die Laube
ein, da stand ein weiglnzendes, geflochtenes Krbchen voll groer brauner
Kirschen, und wir fingen an, zu schmausen. Aber Maidi hngte mir zuerst
noch Zwillingskirschen an die Ohren und steckte mir ein kleines Zweiglein
mit Laub und Kirschen dran in die schne, steife Schleife, die mir meine
Mutter am Hals zugebunden hatte zum Schmuck des Samtanzgleins. Dann durfte
ich essen. Mir war so seltsam wohl, wie noch nie. Und in diesem Wohlsein,
in der grnen, farbigen Welt, die ber uns beiden Kindern zusammenschlug,
kam mich das Reden an. Ich erzhlte Maidi, da wir auch einen Garten haben,
der gehre mir, und er sei ganz voll roter Nelken, und da ich eine Katze
habe, wenn man die vom Schwanz an aufwrts streichle, so schlage sie
Funken. Sie habe ganz grne Augen, damit knne sie bei Nacht sehen, und im
Dunkeln seien sie wie glhende Kohlen. Da staunte Maidi und wollte brennend
gern das alles auch sehen. Und ich sagte, da ich auch noch den Heinrich
Kilian habe, der gehre mir ganz allein, und er knne wunderschn auf der
Mundharfe blasen, da kommen abends alle Leute vor ihre Tren und horchen,
und der Heinrich Kilian habe in der Stadt drinnen ein groes Haus ganz voll
mit Bchern.

So tat ich dem kleinen Mdchen, in dessen wundersamer Welt ich einen kurzen
Augenblick zu Gaste war, meine eigene Welt auf, die ihr vom Hrensagen
vorkam, wie ein Knigreich und sie mit einem Verlangen fllte, das nicht
gestillt werden konnte, weil es alles im Tageslicht drauen anders aussah,
als hier in der grngoldenen Dmmerung des Gartens und des Kinderherzens.
Aber das wute ich jetzt selber nicht.

Mama, Mama! rief Maidi und flog auf eine Frau zu, die den gelben Sandweg
des Gartens herunterkam. Sie trug ein langes, dnnes, weies Kleid und
hatte einen sonnigen Schein um den Kopf aus lauter krausen, blonden Haaren,
und trug auf den Armen ein kleines Kindlein.

Mama, es ist noch viel schner bei ihm. Sie haben rings herum alles ganz
voll roter Blumen, und eine Katze geht herum und gibt Funken und hat Augen
wie glhende Kohlen, und ein Mann ist dabei, der macht immerfort Musik. Und
alle Leute stehen auen am Garten herum und horchen.

Die junge Frau lchelte gut und fein. Sie hatte den Auftrag, mich zu meiner
Mutter zu holen, die auen auf der Strae auf mich wartete. Sie kannte
unser armes Huslein und Grtchen und unsere kleine Welt wohl, aber sie
wollte nicht an unser beider Seligsein rhren. Sie sagte nur: Das wirst du
alles einmal sehen, Maidi. Aber jetzt mssen wir bei dem kleinen Bruder
bleiben, das weit du ja. Und der Ludwig mu jetzt zu seiner Mutter gehen,
komm, zeig' ihm den Weg durch das grne Pfrtchen. Er ist ihr Bub, und du
bist mein Maidi. Da tat sich hinter mir die Pforte wieder zu. Auf der
Schwelle sah ich noch einmal den Weg hinunter und sah die schne Frau mit
dem Kindlein im Grnen stehen, und sah Maidi wie einen Schmetterling auf
sie zufliegen und hrte ihren lachenden Ruf: Mama, ich habe gesagt, wir
kommen dann einmal alle. Wenn der Bubi laufen kann, dann.

Da stand ich auf der Strae und sah nur noch die grnen Baumkronen oben
ber die hohen Gartenmauern herausgren, und sah meine Mutter, die ein
Stck weiter unten vor der Haustr auf mich wartete. Sie nahm mich fest und
ein wenig hart bei der Hand und machte fast zu groe Schritte fr mich
kleinen Buben, als wir wieder unsrem Hause zugingen.

Mutter, wer ist der schne, alte Herr? Mutter, was hat er gesagt? fing
ich an. Aber sie war nicht zum Reden aufgelegt. Der alte Herr war rgerlich
geworden, als sie ihm ihren steifen, ungelenkigen Widerstand entgegenhielt.
Es waren Funken aus seinen gtevollen blauen Augen gefahren, und die junge
Frau war aus dem Nebenzimmer herein gekommen und hatte vermitteln mssen.
Er hatte geschimpft und gewettert, da nirgends mehr Natur sei,
Einfachheit, Selbstverstndlichkeit. So gottverlassen seien die Menschen,
da sie sich der Glieder schmen, die ihre Kinder in ihrer unschuldigen
Pracht mit sich herumtragen.

Dabei war die Mutter immer stummer geworden. Sie konnte nicht dafr, es war
ihre Art so. Sie konnte nicht mehr umlenken, wenn sie sich irgendwo
festgefahren hatte, auch wenn sie wollte nicht. Sie blieb dabei: Nackend
lass' ich den Buben auf kein Bild, und gar in einer Kirche. Ich versteh's
nicht besser, so kommt mir's recht vor.

Damit ging sie, es half alles nichts.

Sie tat mir das Samtkittelchen aus, als wir daheim waren und lie mich in
Hemdsrmeln auf die Gasse springen. Und ich hrte noch, wie sie zum
Heinrich Kilian sagte: Die Vornehmen sollen mir vom Leib bleiben. Alles
drehen sie um und um in einem. Ich versteh's nicht; er ist sonst ein guter
Herr, der Herr Professor, und nicht unrecht. Aber im Himmel die seligen
Leut' haben doch auch Kleider an, steht in der Bibel. Brav soll er werden
und recht, der Bub, sonst nichts. Ich kann nicht draus hinaus, wir haben's
bei uns immer so gehabt.

So ungefhr sagte die Mutter damals. Ich aber stand mitten auf der Gasse
und sah das Grtchen an, das winzige, schmale, und das niedrige Huslein,
dem das steile Dach so tief ber den einzigen Wohnstock herunterhing, da
es aussah, wie ein Mensch, dem der Hut in die Stirne gerutscht ist. Und
mich berkam ein kleines, dummes Leiden und ein Zorn, da es alles nicht so
schn sei, wie ich es vorhin der Maidi beschrieben hatte, und wie es auch
in meinem kleinen Bubenherzen gewesen war. Da ging ich ins Haus zurck und
setzte mich auf die Schwelle, die von der Wohnstube in den Alkoven fhrte,
in dem ich mit der Mutter schlief, und fing an, laut hinauszubrllen, denn
ich wute mir nicht anders zu helfen. Und sie kamen alle zusammen, die
Schwestern, der Heinrich Kilian und die Mutter, und fragten, was mir sei.
Aber die Mutter sagte: Lasset ihn nur, er hat's wie ich, er ist aus dem
Gleis gekommen. Da fing sie sachte an, mich auszuziehen und wickelte mich
in den alten, grauen, wollenen Schal, der fr alle Schden gut war, und
legte mich in ihr groes Bett, und ich sprte ihre guten, hartgeschafften
Hnde und roch den Duft von dem Strohblumenkranz, der um des Vaters Bild
gelegt war, gerade ber meinem Kopf. Da hllte mich das Heimatliche wieder
warm und gewohnt ein, und ich schlief in den andern Tag hinber. Denn es
war noch ein Leiden, das man verschlafen konnte.

                  *       *       *       *       *

Aber nach dem alten Herrn hatte ich hie und da ein Verlangen. Nicht nach
Maidi und nicht nach ihrer feinen, weien Mutter. Ja, ich hatte manchmal
eine pltzliche Angst, sie knnten kommen und sehen wollen, was ich Maidi
beschrieben hatte und was doch nicht so war, und ich mte mich dann
verkriechen in hilfloser Scham. Dann verga ich sie nach und nach, und
eines Tages stand ich pltzlich vor dem alten Herrn. Es war in einer engen
Gasse zwischen hohen Husern, die sich oben fast zusammenneigten.

Da schritt er fest und rasch daher und war wieder das Hellste von allem.

Ich trug ein neues Rnzlein auf dem Rcken, darin klapperte und rasselte es
von Tafel und Griffelrohr, die es bis jetzt noch allein bewohnten, und kam
in einem blauen Anzglein, das mir die Mutter aus einer Arbeitsbluse vom
Vater gemacht hatte, gerade aus der Schule, in die ich erst seit Tagen
ging. Woher er gekommen war, wute ich nicht. Vermutlich aus einem der
alten Huser. Er trug den Hut in der Hand und sah beim Gehen links und
rechts an den Husern hinauf, es war aber nichts zu sehen, als alte Giebel
und einige Blumenbretter und Taubenschlge und so altes Zeug; aber mich sah
er nicht und wollte grad an mir vorbeischreiten. Da griff ich, weil das
nicht sein durfte, schnell nach seinem Samtkittel und hielt ihn daran fest
und erschrak erst, als ich es getan hatte, ber meine eigene Keckheit, denn
zuvor hatte ich nichts gedacht, nur gesprt, da er mir nicht so
entschwinden durfte.

Oho, du Stumper, sagte der alte Herr, der solchergestalt mit seinen
Gedanken auf die Strae heruntergezogen worden war, und sah mir in das
Gesicht, das in groer Verlegenheit erglhte, was gibt's? Und ich freches
Mcklein htte mich gern verkrochen, aber ich konnte nicht.

Da fiel ihm auf einmal ein, wo er mich schon gesehen hatte, und er sagte:
Ja, ja, ja, das ist ja der Maidi ihr Brutigam, den man nicht abmalen
durfte. Und wie es ihm so gerade durch den Kopf ging, sagte er: Weit du
was? Willst du was sehen? Komm einmal mit mir. Sag einen schnen Gru an
deine Mutter und ich htte dir etwas gezeigt.

Damit nahm er mich an der Hand und machte lange Schritte, und ich kleiner
Schulbub rasselte mit meinem Rnzlein neben ihm her und konnte es fast
nicht erschreiten, bis wir an ein groes, kahles Haus kamen und etliche
Treppen erstiegen. Da traten wir in einen hellen Raum ein und waren beide
ganz still. Denn was da drinnen war, das redete mit uns. Da sa die blonde
junge Frau, Maidis Mutter, auf einem kleinen Grashgelchen, ganz im Grnen,
aber sie hatte andere Kleider an, als man bei uns hatte, etwas wie einen
groen Mantel, der sie und das Kindlein, das sie auf dem Scho hatte, ganz
einhllte. Und irgendwo kam Sonne her, die war im Haar und im Mantel und in
den Gesichtern, da wurden sie ganz glnzend und ganz fremd und froh.

Aber von beiden Seiten her kamen kleine Buben mit lustigen kurzen Flgeln,
die ihnen am Rcken herauswuchsen, die trugen Blumenstrue und Kirschen,
und einer schleppte ein Vglein herbei, das ihm davonfliegen wollte, und
einer ein schneeweies Hschen. Das brachten sie alles der schnen, schnen
Frau und ihrem Kindlein. Sie hatten keine Kleider an, aber sie kamen mir
auch nicht vor, wie rechte Buben, solche, mit denen ich auf der Gasse
spielte, sie waren anders. Es war alles eine ganze Welt fr sich auf einem
groen Bilde, das lebte und blhte und rhrte sich doch nicht.

Da streifte mich eine groe, fremde Schnheit und strich mir ber die
Augen, da sie wie in ein Wunder hineinsahen. Und ich stand ganz still und
rhrte mich nicht und atmete kaum. Das wei ich alles noch, als ob es erst
geschehen wre. Auf einmal mute ich aufsehen, es zwang mich etwas dazu. Da
sah ich, wie der alte Herr seine Augen auf mir liegen hatte, voller Gte
und wie in einer groen Bewegung, die mochte ihm mein stummes Andchtigsein
geschaffen haben. Und er hob mich ganz sachte mit seinen Hnden empor und
kte mich auf den Mund. Dann stellte er mich wieder auf den Boden und
sagte: So, jetzt gehst du heim zu deiner Mutter. Gr' sie. Findest du den
Weg? Beht dich Gott.

Ja, den Weg fand ich schon, meine Fe fanden ihn von selber, denn ich ging
wie in Trumen.

Da sah die Schnheit in mein Kinderleben herein und sagte: Ich bin. Suche
mich, kenne mich, liebe mich. Ich bin Wahrheit und Gte, Farbe, Licht und
Glanz. Ich bin in allem und auch in dir.

Aber ich konnte es nicht recht erzhlen, als ich nach Hause kam.

Doch war es der Mutter recht, da der Herr Professor scheint's nicht mehr
bse sei. Denn sonst htt' er dich nicht mitgenommen, denk ich, sagte
sie.

Aber da er mich gekt hatte, das behielt ich fr mich.

Bei uns daheim kte man einander nicht. Auch mich nicht, so gut ich es
sonst hatte.

                  *       *       *       *       *

Eines Tags wurde Lotte Wolf unsere Nachbarin; ich konnte froh sein, da sie
es wurde.

Sie war gro und dunkelhaarig; es dauerte nicht lange, bis sie auch zu
meinen Besitztmern gehrte. Als sie am ersten Abend nach ihrem Einzug eine
Weile unter der niedrigen Haustr stand und auf die grnen Bume der Au
hinbersah, da wunderte ich mich, da sie da drinnen in dem Huschen Platz
haben sollte. Es schien mir niedriger zu sein als alle andern, weil sie so
gro und hoch war. Sie trug eine blaue Bluse und eine weie Schrze und
hatte den Hals frei, daran hing ein dnnes Silberkettlein mit einem
Herzchen. Es zog mich mchtig zu ihr hin, aber ich wute nicht, was ich
sagen sollte; ich beschrieb aber immer engere Kreise um sie her. Da sah sie
mich und lachte mich an und sagte: Komm her, Kleiner, wie heit du? Ich
sagte, da ich Ludwig Fugeler heie, und da das Haus da drben mir gehre,
und da ich viele rote Nelken habe. Da sagte sie, ich solle ihr eine davon
holen, die wolle sie an ihre Bluse stecken und dafr wolle sie mir etwas
Schnes zeigen. Ich rannte hinber und pflckte einen ganzen Strau von den
Blumen, die mir seither nur zum Ansehen gehrt hatten, und brachte sie
ihr, die mich zum Dank mit ihrer groen, festen Hand an meinem Lockenwald
packte und ein wenig zauste. Da wurde ich hei und rot vor Glck und Stolz,
und sie nahm mich mit in ihr Huslein hinein, da, wie die andern alle,
eine Stube mit einem Alkoven und zwei Kammern hatte.

Das Schne, das sie mir zeigen wollte, stand auf der glnzend polierten
Kommode und war ein ausgestopftes Eichhorn, das blanke uglein und spitze
weie Zhne hatte. Es sa auf einem bemoosten Baumast und hatte eine Nu
zwischen den Vorderpftchen, und Lotte sagte, sie wolle mir einmal die
ganze Geschichte des Eichhorns erzhlen, das Mux geheien habe und fast
gescheiter als ein Mensch gewesen sei. Sie sei aber sehr traurig und ob ich
gerne traurige Geschichten hre? Das wute ich aber nicht, denn bis jetzt
hatte mir niemand Geschichten erzhlt, und ich entdeckte auch in diesem
Augenblick noch etwas anderes, das mich stark interessierte. Das war eine
alte Frau, die neben dem Ofen in einem mchtig hohen Lehnstuhl sa und
immerfort mit dem Kopf zitterte. Sie hatte eine breite weie Binde um die
Stirn gelegt, und unter der Binde sahen ein paar dunkle Augen hervor und zu
mir herber, und ich bekam auf einmal Angst vor diesem Menschenwesen und
wollte mich aus der Stube machen. Da nahm mich Lotte bei der Hand und
fhrte mich zu ihrer Mutter hin. Denn das sei ihre Mutter, sagte sie, und
sie msse immer im Lehnstuhl sitzen, sie knne gar nicht von selber
aufstehen. Ja, nun sah ich es, sie zitterte mit den Hnden und den Fen
ganz ebenso, wie mit dem Kopf, sie zitterte am ganzen Krper, das sah
unheimlich aus. Aber als sie anfing zu sprechen, da war es gleich anders.
Da hatte sie einen so freundlichen Mund und so freundliche Augen, da meine
ganze Angst verging. Sie sagte, wenn wir nun Nachbarsleute seien, so msse
ich fleiig zu ihr kommen, und sie habe auch ein Buch mit Bildern, das
wolle sie mir zeigen, und ob ich keine Geschwister habe? Da sagte ich
zuerst nein, denn die Schwestern waren immer wie etwas anderes, wie
Kindermdchen oder Pflegemtter, und sie hatten auch eine jede ein Haus,
fr das sie Ausgnge zu machen hatten und spielten fast nie auf der Strae
oder ums Haus herum. Aber dann besann ich mich und sagte, da ich doch
Geschwister habe, zwei, es seien aber blo groe Schwestern. Und Frau Wolf
sagte, das msse ich nie vergessen, da ich groe Schwestern habe. Auch
spter nicht, wenn ich ein Mann sei, denn es gebe sonst fast niemand, die
Mtter ausgenommen, der so getreulich fr die Brder sei, wie ltere
Schwestern, die gehen durch dick und dnn mit ihnen.

Mutter, das versteht er ja noch nicht, sagte Lotte, und die alte Frau
wackelte mit dem Kopf und sah mich freundlich an, und schwieg. Und ich
erfuhr es erst spter, da sie einen einzigen Bruder habe, der ein groer
Herr geworden sei und nichts mehr von ihr wissen wolle. Aber, sagte
Lotte, als sie das meiner Mutter erzhlte, das mag er halten, wie er will.
Ich kann meine Mutter gut erhalten, und das tue ich auch. Dabei streckte
sie den einen bloen Arm mit dem heien Bgelstahl, den sie in der Hand
hatte, wagrecht hinaus und ich dachte, sie sehe der Germania gleich, die
oben auf dem Kriegerdenkmal auf dem Friedhof stand, nur da die Germania
einen Kranz ausstreckte und Lotte einen Bgelstahl. Aber fr Lotte pate
ein Bgelstahl besser, denn eben damit erhielt sie ihre Mutter.

Sie stand den ganzen Tag am Bgelbrett, und um sie herum hufte sich die
weieste Wsche; sie hatte immer eine schneeweie Schrze an und eine Bluse
mit kurzen rmeln und regierte das heie Eisen, da es blitzend hin und her
fuhr und alles sich glttete, was sie unter die Hand bekam.

An schnen Sommertagen, wenn drinnen in der Kche der kleine Bgelofen
glhte und seine Hitze mit der zitternd warmen Sommerluft vermischte, stand
sie wohl drauen unter dem Vordach aus Sackleinwand, das sie sich selber
aufgespannt hatte. Dann hingen an den Latten des Zaunes gebgelte weie
Unterrcke und rosenfarbige und blaue Kleider und fhrten, wenn ein
Lftchen zwischen ihnen hinstrich, fr sich selbst ein Tnzchen auf, als
wollten sie sich auf den Sonntag einben, wo sie sich um junge, warme
Glieder schmiegen wrden, drunten in der Au und wo ihre Falten und Spitzen
noch ganz anders hin und her geschwenkt werden wrden als jetzt, nach den
Klngen einer guten Blechmusik und in den Armen der stattlichen Grenadiere
und Pioniere. Denn die schne Lotte hatte zu ihrer Kundschaft nicht die
groen, feinen Huser in der Stadt, die, wenn sie tanzgelstig wurden, sich
selber aufspielen lassen konnten, sondern das hart verdienende, arbeitsame
Vlkchen der Fabrikmdchen, der Verkuferinnen in den Warenhusern und was
so junges, lebenslustiges Geziefer mehr war. Es kamen auch ledige Herren zu
ihr, die ihre Wschepckchen selber unter dem Arm trugen und am
Samstagabend selber wieder abholten. Darunter waren solche, die ich leiden
konnte, und solche, die mir unausstehlich waren. Einige stellten sich zu
Lotte ans Bgelbrett und sahen zu, als ob sie demnchst ihre Hemden selber
bgeln wollten und ihnen nur noch die letzte Feile zu der Kunst fehlte, und
dann begannen sie allerlei Gesprche mit ihr. Aber manche machten dumme
Spe und versuchten Lotte in die bloen Arme zu kneifen, da fuhr ich
wtend dazwischen, denn das durften sie nicht, da Lotte mir gehrte und ich
sie, wenn ich gro war, heiraten wollte. Lotte aber zupfte mich leise am
Haar, da ich still sein sollte und sagte: La nur, Ludwig, ich wehre mich
schon selber, und holte sich einen frischen Bgelstahl, den schwenkte sie
ein paarmal hin und her, da sah sie wieder aus, wie die Germania, und ihr
Gesicht war ernst und schn, aber zu dem Kecken sagte sie gar nichts. Da
sah der meist ein bichen dumm aus und machte, da er fort kam. Das war mir
recht, denn es war mir am wohlsten, wenn wir drei allein waren. Bei mir
zuhause war oft den ganzen Nachmittag niemand daheim, da wurde das Huschen
der beiden Frauen meine zweite Heimat, und ich dnkte mich Knig darin zu
sein. Aber eines Abends kam ich so gegen Dunkelwerden hinber. Man hatte
mir heut bei Tag meine Locken abgeschnitten, weil ich nun doch zu gro
dafr wurde, und weil mich die Buben soviel damit neckten, und ich fhlte
mich erwachsener als je dadurch, aber es fror mich auch irgendwie, und ich
wollte mich bei meinen Freunden wrmen. Da sah ich, als ich in die Stube
trat, einen jungen Mann, den ich immer gern hatte leiden mgen, weil er so
still und bescheiden kam und ging und nie viel sagte. Der hatte seinen Arm
um die schne Lotte geschlungen und sah sie leuchtend an, und sie wehrte
sich gar nicht, sondern stand ganz still und sah ihn auch so an, und das
Bgeleisen stand mitten auf einer Bluse, es roch auch schon verdchtig. Ich
blieb an der Tre stehen und wute gar nicht, was beginnen, es ging ein
Schmerz und Zorn und ein Schrecken durch mich durch. Da sahen sie mich und
lchelten und winkten mir mit den Augen, da ich nher treten solle, und
Lotte nahm das Bgeleisen und stellte es an seinen Platz. Aber ich rhrte
mich nicht von der Stelle und wre nur gern wieder drauen gewesen, weil
ich das nicht sehen konnte, da sie der fremde Mensch umschlungen hielt.

Da sahen sie meine Not und Lotte machte sich los und kam zu mir her und
sagte: Siehst du, Ludwig, das ist mein Brutigam. Jetzt gerade vorhin habe
ich mich ihm versprochen. Gib ihm eine Hand, er heit Friedrich Meister,
ihr msset nun auch Freunde sein. Aber ich gab ihm keine Hand. Wie konnte
ich ihm die Hand geben, wenn er nur so da herein kam und alles strte, was
bisher war und wenn er Lotte um den Hals fate? Da sagte die alte Mutter
aus ihrem Lehnstuhl heraus: Gehet ihr beiden nur ein bichen spazieren,
das wird euch gut tun. Der Ludwig bleibt bei mir, gelt, Ludwig?

Und ich setzte mich auf den niedrigen Schemel zu ihren Fen und legte
meinen geschorenen Kopf an ihre Knie und sprte, wie sie fortwhrend
zitterten. Das Brautpaar ging hinaus, und wir blieben allein, und die alte
Frau sagte, als ob sie mich durch und durch sehen knnte: Ja, lieber Bub,
das kommt uns beiden sonderbar vor, da uns der Friedrich unsere Lotte
nimmt, gelt? Aber weit du, er nimmt sie nicht fort, er lt sie da und
bleibt auch dabei, und so haben wir sie alle beide.

Aber ich schttelte meinen Kopf in ihre Zudecke hinein und sagte da heraus:
Er soll sie nicht in den Arm nehmen, sie gehrt mir. Sie hat es gesagt,
da sie mir gehrt. Und dann sah ich auf, ob sie keinen Rat wisse.

Da lagen ihre alten Augen gut und warm auf mir, und sie sagte: O Bblein,
wo will das hinaus mit deinem heien Herzen? Sieh, wir knnen nicht alles
fr uns allein haben, was gut ist und schn und was wir lieb haben. Du
verstehst es noch nicht, aber du mut es noch lernen. Das kommt noch oft.
Komm, komm, und sie streichelte mich mit ihren zittrigen Hnden und sagte:
Es wird schner, als du denkst. Was meinst du, mir hat die Lotte auch
gehrt, schon lang vor dir, schon als sie noch ganz klein war. Da mute
ich sie ansehen, wie sie so gut und so gelassen in ihrem Stuhl sa und ich
dachte, ich msse sie lieb haben, weil sie so arm sei und packte sie
pltzlich mit beiden Hnden an den Armen. Das tat weh, das durfte man
nicht. Sie zuckte zusammen und prete die Lippen aufeinander, und ich
schmte mich, da ich so ungestm war. Aber sie lchelte mich an und sagte:
Ich versteh's schon, Ludwig, du meinst es gut. Sei nur ruhig, sei nur
still. Komm, ich erzhl' dir was, weil wir grad so schn beisammen sind.
Da erzhlte sie mir die Geschichte von dem ausgestopften Eichhrnchen. Die
hie etwa so:

Es ist einmal gewesen, schon lang, als die Lotte noch nicht viel grer
war als du, da haben wir, mein Mann und das Kind und ich, droben an der
steilen Steige gewohnt in dem Bahnwrterhaus, denn mein Mann ist ein
Bahnwrter gewesen. Da haben wir eine gute Zeit gehabt, sag' ich dir. Da
bin ich noch grad gewesen und aufrecht und stark. Ja ja, guck nur, ich bin
erst seit der bsen Krankheit so, so elend. Der Mann, so gut und immer
vergngt, es sei ein Wetter gewesen, was es fr eins wolle. Eine Stimme wie
eine Amsel hat er gehabt und immer die Mundharfe in der Tasche. Wenn er die
Strecke abgeschritten ist, hat er immer geharft dabei, und am Abend daheim
gesungen auf dem Bnklein vor der Tr, und unsern Garten geschafft, es hat
kein frwitziges Grslein drin sein drfen. Solche rosa Pfingstnelken,
dnkt mich, habe es sonst nirgends gegeben. Einen Nubaum haben wir gehabt,
der hat ein ganzes Dach ber unser Huslein gebreitet, und gleich dahinter
hat der Wald angefangen.

Ja, lieber Bub.

Da sitzen wir einmal an einem Sonntagabend um den Tisch. Alle drei. Das
Fenster steht offen und die Lotte sagt: >Vater, blas' eins. Blas': Brder,
Brder, wir ziehen in den Krieg<. Denn er ist ein alter Soldat gewesen und
htt' gern einen Buben gehabt, der auch einmal Soldat wrde, und hat der
Lotte immer vom Militr erzhlt. Das ist ihr Leben gewesen. Da zieht er die
Mundharfe heraus und blst eins ums andere, und auf einmal legt Lotte ihre
Hand auf meinen Arm und sagt leise: >Da sieh' hin<. Da sitzt auf dem
Fenstersims ein Eichhrnchen und guckt mit seinen schwarzen uglein zu uns
her und horcht auf die Musik. Denn darauf sind sie aus, das lieben sie.

Wir sind ganz still gewesen, um es nicht zu verscheuchen, und es ist erst
wieder fortgesprungen, als mein Mann das Blasen einstellte und die
Mundharfe auf den Tisch legte. Von da an ist es oft gekommen, immer fter.
Es ist noch ein ganz junges gewesen, und es ist nach und nach ganz zahm
geworden. Die Lotte hat ihm Haselnsse auf den Sims gelegt und dann auf die
Bank am Fenster und auf den Tisch, und es ist bald aus- und eingegangen,
wie ein Eigenes. Dann, im Winter, ist es ganz dageblieben. Die Lotte hatte
ihm ein Bettchen gemacht in einem Korb, darin ist es gelegen, wie ein Kind.
Sie hat es immer selber hineingetan, es hat ihm sonst niemand etwas tun
drfen. Wenn sie ganz leise gepfiffen hat, so ist es heraus und auf ihre
Achsel gesprungen und hat seinen schnen buschigen Schwanz um ihren Hals
gelegt. Die Lotte ist damals hergewachsen, wie ein junger Baum und hat zwei
lange dicke Zpfe hinuntergehngt, aber mit dem Lernen, da ist's ihr nicht
so leicht gegangen. Sie hat sonst so vielerlei im Kopf gehabt. Jetzt hat
sie nur noch lernen knnen, wenn der Mux mit in das Buch hineingesehen hat.
Und dann hat sie ihn allemal gefragt: >Verstehst du das, Mux?< und hat ihm
ins Gesicht geblasen, da hat er sich geschttelt und sie hat zu mir in die
Kche hinausgerufen: >Mutter, der Mux ist ein Gescheiter, der versteht's
auch nicht.<

Das ist drei Jahre lang so gegangen. Im Sommer hat der Mux seine Freiheit
gehabt. Bei Tag auf dem Nubaum und im Wald und bei Nacht in seinem Korb.
Im Winter, da hat er ganz bei uns gelebt. Da, in einem Frhjahr, die Lotte
ist zwlf Jahre alt gewesen und ein groes Mdchen, geht eines Tages ein
schweres Gewitter herunter. Es donnert und blitzt und der Regen fllt nur
so kbelweis, und ich denke: Das ist schon gar nicht mehr geregnet, und
richte trockne Sachen fr meinen Mann, denn er ist ja richtig weit drauen
auf der Strecke. Da sind auf einmal Tritte vor der Tr, und etwas schttelt
sich und pustet, und ein Herr kommt herein, den hatte ich noch nie gesehen.
Es war der neue Forstassessor, und er wollte dableiben, bis der rgste Gu
vorbei sei. Es war ein schner Mensch, gro und breit und mit einem
Weltsschnurrbart, aber es hat mir gleich etwas nicht gefallen an ihm, so um
die Augen herum. Die Lotte ist dagesessen und hat an ihrem Federhalter
genagt, denn sie hat sollen einen Aufsatz machen, und der Mux sitzt an
seinem gewhnlichen Platz auf ihrer Achsel und klopft mit dem Schwanz, wie
wenn er sich auch besinnen mte. Da packt der Assessor die Lotte am Zopf
und sagt: Ein schnes Kind! Das drfen Sie auch hten, wenn ein paar Jahre
noch herum sind. Und ich sagte: Wir wollen es so erziehen, da es sich
selber htet, das wird noch besser sein.

Die Lotte funkelt ihn so an mit den Augen und zieht den Zopf wieder aus
seiner Hand, sagt aber nichts. Da bleibt ihm das Zopfband in der Hand und
er fragt: Schenkst du mir das? Und ich sage statt ihrer: sie ist noch ein
ganzes Kind, sie braucht ihre Zopfbnder selber, gelt, Lotte? Aber sie
macht nur ein trutziges Gesicht, und als der Assessor ihr auf die Achsel
klopfen will, rckt sie auf der Bank hinunter. Wie es aber geschah, wei
ich nicht mehr zu sagen: Der Mux fhrt blitzschnell nach seiner Hand und
schlgt ihm seine spitzen Zhne in den Zeigefinger. Er hatte vorher nie
jemand gebissen, es war das erstemal.

>Verfluchte Wildkatz,< sagt der Assessor und pfeift zwischen den Zhnen,
und seine Augen sehen aus, wie nichts Gutes. Da geht auf den leisen Pfiff
pltzlich die Tr auf, die nicht ganz fest zu war, und ein brauner Jagdhund
kommt herein, der drauen unter dem Vordach gelegen war. Und da geht eine
Jagd an, das ist nicht zu sagen. Der Hund fhrt auf das Eichhorn los, und
das rennt an der Wand hinauf in sinnloser Angst. Alles Locken von der Lotte
und mir hilft nichts, und es hilft auch nichts, da ich das Fenster
aufmache, damit es sich flchten soll. Vielleicht, wenn der Assessor seinem
Hund gleich gepfiffen htte, wre es noch Zeit gewesen. Aber der besah
seinen gebissenen Finger und war still, und als er endlich sagte: Feldmann,
daher! da steht er auf dem Tisch und bellt wtend an dem Bcherbrett
hinauf, auf das sich das Tierchen geflchtet hatte. Ich wei nicht, wie es
zuging, aber als der Assessor endlich seinen Hund am Halsband hatte und ihn
zur Stube hinausfhrte, da tat der Mux pltzlich einen klagenden Schrei und
war tot. Mein Mann, der bald nachher heimkam, sagte: es sei an einem
Herzschlag gestorben, den habe ihm die groe Angst angetan.

Die Lotte aber war nicht zu trsten. Sie hat vorher noch nie ein Herzeleid
erlebt gehabt, es war ihr erstes, und es war ein groes. Sie legte den Kopf
auf den Tisch und weinte, als ob sie nie mehr aufhren wolle, und der
Assessor stand daneben und sah erschrocken und bekmmert aus. Und ich
sagte, da er lieber jetzt gehen solle, denn das Kind sei so auer sich,
ich knne es jetzt nicht vor einer Unart hten. Da, wie er so dastand, tat
es mir auf einmal leid, denn das Spttische, Ungute war aus seinem Gesicht
weg, und er sah aus, wie ein groer Bub, der etwas angestellt hat und gern
wieder gut sein mchte. Und ich dachte, ob er wohl auch eine Mutter habe,
denn das denken wir Frauen immer zuerst, und gab ihm die Hand und sagte:
>Beht Sie Gott, und wir wollen einander nichts nachtragen.<

Soweit hatte die liebe Frau erzhlt, und ich fhlte einen Grimm in mir
gegen den Hund und den Herrn, es war mir nicht recht, da ihm die Mutter
die Hand gegeben hatte, und ich htte der Lotte etwas Gutes antun mgen,
weil sie damals so ein Leid gehabt hatte. Da fiel es mir ein, da ich ihr
ja nun den Friedrich Meister gnnen knne, und ich beschlo, es zu tun, und
als die beiden wieder herein kamen, da stand ich auf und gab ihm die Hand
und sagte: Dann will ich! Das sollte heien, da ich nun sein Freund sein
wolle und ihm die Lotte lassen. Er verstand es auch, er lachte so herzlich
erfreut ber sein ganzes Gesicht und drckte meine kleine Bubenhand, da
sie krachte, und versprach auch sogleich, da er mir einen Drachen machen
wolle, so gro, da die Spatzen davor erschrecken.

Ja, und mit einem langen Schwanz, sagte ich.

Da versprach er das auch noch, und ich merkte, da auch die neue
Einrichtung ihr Gutes habe.

                  *       *       *       *       *

Einmal, als ich neun Jahre alt war, lag ich in meinem Gitterbett, das mir
schon fast zu klein wurde, im Alkoven neben der Stube. Es hing ein alter,
farbiger Zitzvorhang von der Decke herunter, der trennte die beiden
Gemcher voneinander und lie nur einen gedmpften Schein der Lampe zu mir
herein. Drauen vor dem Haus jagte ein starker Wind vorber. Er klapperte
mit Fensterlden und ri die paar Bume in den Nachbargrten hin und her;
man konnte sie bis hier herein sthnen hren, und es zog ein Gewitter
herauf. Ich kugelte mich unter meiner Decke zusammen vor Wohlbehagen, da
ich hier so im Windstillen und Hellen lag und so beschtzt und umgeben war.
Drauen in der Stube saen sie noch alle um den Tisch her: meine Mutter und
meine beiden Schwestern und Heinrich Kilian. Ihre Stimmen gingen in ruhigem
Gesprch einher, ich horchte nicht besonders darnach hin. Ich hatte ihnen
vorhin, eh' ich ins Bett geschickt wurde, ein Gedicht hergesagt: War einst
ein Riese Goliath, ein gar gewaltig' Mann. Das ging mir nun noch im Kopf
herum; ich wre wohl auch daran eingeschlafen, wenn ich nicht auf einmal
meinen Namen htte nennen hren und dann eine Sache, die mich anging. Sie
whnten mich wohl schlafend, weil ich so ganz stille lag.

Als ich anfing aufzuhorchen, sagte meine Mutter: Wenn es geschehen soll,
dann ist es an der Zeit. Ich bin heut bei seinem Lehrer gewesen-- ich habe
bei seiner Frau gewaschen-- und habe ihn gefragt. Da hat er gesagt: Ja,
ja, der Bub ist hell im Kopf und ist auch fleiig und hat gute Gedanken.
Ich glaube, man kann aus ihm machen, was man will. Aber es wird Ihnen sauer
geschehen, Frau Fugeler. Das Schulgeld ist teuer, und es dauert eine lange
Zeit, bis einer fertig ist, wenn er ein Studium ergreift. Da habe ich
gesagt, da es mir nicht ums Hochhinauswollen sei mit meinem Buben,
sondern da ich es dem Mann versprochen habe, da ich alles an ihm tun
will, was ich kann, und da ich auch zwei Tchter habe, die mir helfen
knnen.

Ich sah ein wenig durch ein kleines Loch im Vorhang, als die Mutter so
redete und sah, da die Schwestern einverstanden mit dem Kopf nickten ber
ihre Arbeit hin, und da Heinrich Kilian beide Arme vor sich auf den Tisch
legte und den Kopf vorstreckte vor Eifer und hrte ihn sagen: Und von mir,
hat sie von mir auch etwas gesagt, die Mutter? Hat sie nicht gesagt, da
der Heinrich Kilian auch mittun will?

Nein, sagte die Mutter, von Ihnen habe ich nichts gesagt, Kilian, das
wr' noch schner.

Aber er tat es nicht anders, er wollte auch etwas an meinem Schulgeld
bezahlen, wenn ich ins Gymnasium kme.

Wen hab' ich denn sonst? sagte er. Ich habe niemand, als euch. Ich habe
dreihundert Mark in der Sparkasse, die vermache ich dem Buben sowieso. Ich
bin in der Sterbekasse, zu meinem Begrbnis brauch' ich nichts zu sparen.
Und wenn ich nicht mehr schaffen kann, krieg' ich meine Altersrente. Aber
ich kann noch lang schaffen.

Da legte ich mich wieder in meine Kissen zurck und schlo die Augen und
sah in meine herrliche Zukunft hinein.

Also ich sollte auch zu denen gehren, die jetzt nchstens von der
Brgerschule ins Gymnasium hinbergingen. Ich war der Zweite in meiner
Klasse. Der Erste war Fritz Meiner, der Sohn eines Kaufmanns am
Marktplatz, ein groer und gescheiter Kerl, der immer Rohrstiefel mit
Glanzlederstulpen anhatte und sehr breit in ihnen auftrat. Der Dritte war
Samuel Kern, ein Pfarrerssohn, fein und blond und von einer guten
Aussprache des Deutschen, weil seine Mutter eine Hannoveranerin war und es
von ihm verlangte. Aber manchmal, wenn er in die Hitze geriet, was selten
war, verfiel er in ein ebenso gutes Schwbisch, wie wir andern es sprachen;
erst vorgestern hatte er, als wir miteinander rangen und ich ihn unten
liegen hatte, keuchend an mir emporgefaucht: Du Saukerl. Das war mir eine
groe Ehre und ein rechtes Freundschaftsstck gewesen. Diese beiden standen
seit einiger Zeit mit ein paar andern, die weiter unten saen, immer in den
Freistunden auf einem Huflein beisammen und beredeten, wie es wrde, wenn
sie drben seien. Darber gab es viel zu sagen, von neuen, farbigen Kappen
und von vielen andern Dingen, aber ich glaube nicht, da sie viel von den
Wissenschaften sprachen, die waren ihnen noch nicht so wichtig. Ich aber
stand beiseite und bi an meinen Ngeln herum, denn nun sah ich, da ich
nicht so kurzweg an allem teilhatte, was das Leben hergab. In der
Volksschule war es einerlei gewesen, da meine Mutter eine arme Wittfrau
war, da kam es nur darauf an, da ich in allem meinen Mann stellte. Aber
das wurde jetzt anders, denn aus ihr hinaus fhrte nur ein Weg fr die, die
Geld hatten. Das war eine bse Sache. Aber nun war ihr auf einmal
gesteuert. Denn die Mutter und die Schwestern und der Heinrich Kilian
sorgten dafr, da ich mit den Auserlesenen ber die Strae gehen knne und
grne oder rote Kappen tragen und alles tun, was die andern auch taten und
auch alles lernen. Aber an das Lernen dachte ich erst zuletzt, denn ich
lernte gern und leicht, aber ohne Leidenschaft, das hatte mich bisher noch
nicht besonders angefochten. Es erschien mir recht von den Meinigen, da
sie so taten, aber sie konnten es wohl tun, denn sie verdienten ja alle
Geld. Meine Schwester Luise war jetzt fnfzehn Jahre alt und stand den
ganzen Tag am Bgelbrett drben bei Lotte, die jetzt Frau Meister hie, und
einen kleinen Buben in der Wiege hatte. Und Helene war fast dreizehn, aber
sie war fast so gro wie Luise, und war Ausluferin fr ein Modegeschft
neben der Schule her und brachte auch schon Geld heim, und Heinrich Kilian
hatte dreihundert Mark in der Sparkasse, das war viel, da konnte ich
beruhigt sein. So schlief ich nun in guten Gedanken ein. Als ich schon
lange geschlafen hatte, war es mir auf einmal, die Mutter stehe vor mir mit
dem Lmpchen in der Hand und sehe ber mich hin. Ich hrte sie sagen: Mach
mir etwas Rechts aus meinem Buben. Tchtig soll er werden und brav. Pa'
auf ihn auf, wenn ich nicht mehr da bin.

Aber ich wute nicht, zu wem sie es sagte, denn es war sonst niemand da.
Ich konnte auch die Augen nicht recht aufmachen, sie waren mir voll
Schlafs.

Als ich am andern Morgen meinen Kameraden verkndigte, da ich auch ins
Gymnasium komme, drehte sich auf einmal mein Vordermann um und sah mich mit
merkwrdig erloschenen Augen an. Ich hatte ihn gern, denn er war ein
frhlicher Kamerad, der einen Spa verstand, und dabei ein tchtiger
Schler. Seine Mutter ging mit der meinigen zum Kirchenreinigen. Wir waren
schon oft dabei gewesen, alle beide, und hatten uns auf den Emporen und
hinter der Orgel umhergetrieben und untereinander ausgemacht, wem die
angemalten Posaunenengel in der Spitalkirche hnlich shen. Da hatten wir
immer viel Vergngen dabei gehabt und auch ein paarmal die Blge getreten,
wenn jemand kam zum Orgelspielen. Jetzt sah er mich erschrocken an und
sagte: Du auch? sonst nichts. Aber in der Freiviertelstunde wartete er,
bis ich die Treppe herunter kam und sagte, er msse mich etwas fragen, und
wir gingen miteinander hinter die Holzbeige im Hof. Ich stand dumm und
bockig da, denn ich hatte etwas wie ein schlechtes Gewissen gegen ihn, aber
ich wute nicht recht, warum. Da schlug er mir auf einmal mit aller Macht
eine hinter die Ohren und drehte sich dann an das Holz hin und fing an, in
die Scheiter hineinzuschluchzen. Wenn er nicht geweint htte, dann htte
ich ihm die Ohrfeige ohne Frage heimgegeben, aber so war ich ratlos und
wute mir nicht zu helfen. Ich htte jetzt bei den andern stehen knnen zum
erstenmal. Denn darauf hatte ich mich schon den ganzen Morgen gefreut. Und
nun hatte ich eine Ohrfeige auf mir sitzen, die brannte und mute dazu noch
aus meinem Kameraden herausfragen, warum ich sie hatte, und es war mir
fast, ich wisse es schon.

Da kam es denn nach und nach heraus, da er sich schon eine ganze Weile
gefreut habe, bis die andern fort seien, und da wir dann zusammenhalten
und alles herrlich regieren wollten. Er habe sich schon Sachen ausgedacht,
feine, aber er sage mir's jetzt nicht, was fr, er suche sich jetzt einen
andern heraus, dem er sie sage. Ich solle nur machen da ich fortkomme,
ihm sei es ganz recht, er mchte nicht geschenkt da hinber. Dabei
trocknete er nach und nach seine Augen und sah mich zornig an, da ich mir
noch einmal vorkam, wie geschlagen. Denn ich hatte ihn recht eigentlich
gern, das sprte ich nun deutlich, und ich stand in zwei Feuern, die
brannten mich von links und rechts. Da sagte ich in meiner Not, ich knne
doch nichts dafr, da ich ins Gymnasium komme. Meine Mutter wolle es
haben, mir wre es sonst gleich. Aber das war gelogen, denn es war mir gar
nicht gleich, und da in diesem Augenblick die andern nach mir riefen, lief
ich schnell davon und stellte mich zu ihnen, und es war mir bel zumute.
Aber es mute ja nun dennoch alles seinen Gang gehen und ging ihn auch, und
als der Herbst kam, da war ich ein hherer Schler geworden.

                  *       *       *       *       *

Drben bei Meisters war ich nach wie vor oft und viel, und dort lernte ich
auch eigentlich meine Schwester Luise kennen. Ich trat sozusagen in ein
neues Verhltnis zu ihr, denn daheim war ich um sie herumgestrichen wie um
die alte Stockuhr in unserer Wohnstube oder um den Rosmarinstock, der auf
dem breiten Fenstersims stand. Sie war eben da wie alles andere und gehrte
zum Haus wie die graue Katze, nur da die Katze immer im Fuende meines
Bettes schlief und eine persnliche Freundschaft mit mir hatte. Bei
Meisters aber sagten sie, da Luise ein gescheites und geschicktes Mdchen
sei, und da sie hbsch werde, eh' man sich's versehe. Gro sei sie schon,
einmal fr ihr Alter, aber nun fange sie auch an, aufzublhen, und das
stehe ihr gut. Das alles sagten sie nicht vor ihren Ohren, sondern
vielleicht einmal, wenn sie in die Kche ging, um im Bgelofen
nachzuschren oder, wenn sie drauen im Vorgrtchen die gebgelte Wsche in
der Sonne ausbreitete. Denn sie war bei Lotte als Lehrmdchen eingetreten.
Aber mir kam ein solches Wort hie und da zu Ohren, und dann dachte ich: Ja,
gelt, die gefllt euch schon. Sie ist meine Schwester, aber ich lasse sie
euch einstweilen. Ich habe noch eine, die heit Helene, an der ist bis
jetzt noch nicht so viel zu sehen.

Solche Sachen sagte ich in Gedanken zu ihnen, aber ich mute aufpassen, da
es die alte Frau Wolf nicht merkte, denn sie sah mir immer alles an, was
ich im Herzen hatte, und dann sagte sie: O Ludwig, dich sieht man doch
durch und durch. Du hast ein Gesicht wie ein Spiegel. Das war mir nicht
recht, denn ich wollte nicht immer alles wissen lassen, was ich dachte.

Aber da mir meine Schwester Luise gut gefiel, das durften sie wohl wissen,
das mute kein Geheimnis sein, blo sollten sie nicht merken, da es mir
etwas Neues sei und da ich es von ihnen gelernt habe. Und sie gehrte mir
doch zuerst und vor allen.

Sie hatte ganz hellblonde Haare, und sie waren lang und dick. Sie trug sie
glatt gekmmt mit einem Scheitel in der Mitte und zwei Zpfe um den Kopf
gelegt, da es war wie ein Kranz. Ich hatte gar nicht gewut, da sie so
gut lachen knne; wenn sie lachte, dann sah man, da oben einer von ihren
vorderen Zhnen schief stand, aber das sah so drollig aus. Es war wie ein
Wegweiser, der in ihren Mund hinein fhrte: Hier ist Luise Fugeler. Man
mu keine Angst vor ihr haben.

Das sagte ich auch niemand, da ich das dachte. Denn es fielen mir hie und
da sonderbare Sachen ein, und wenn ich sie heraussagte, dann lachten sie
alle und erzhlten es weiter. Und das war mir nicht recht. Aber meine
Schwester Luise lachte nie ber mich, weil sie merkte, da ich dann rot und
verlegen wurde; sonst lachte sie viel und gern. Es gab auch genug andere
Sachen dazu, da hatte sie ganz recht. Gegen mich war sie immer gut und
freundlich. So war sie frher nicht gewesen meiner Meinung nach. Es war
aber nur so, da sie nun berhaupt mehr ins Heitere, Jugendliche hineinkam,
da zeigte sich alles, was gut und lieb an ihr war, mehr als vorher. Denn
sie hatte nie recht ein Kind sein drfen; es waren immer Sorgen vorhanden
gewesen und Armut und Arbeit. Das erfuhr ich alles erst spter recht, denn
ich selber hatte es viel zu gut. Bei Meisters da konnte sie schon in ein
freudiges Fahrwasser kommen, wenn sie gleich in ihrer jungen Jugend schon
stramm an den Wagen gespannt war. Da man arbeiten msse, das war ihr
nichts Neues, das verstand sich von selber. Was denn sonst? Aber sie waren
alle miteinander so herzlich und frhlich und gut, und es war nicht wie ein
Dienst bei einer Herrschaft. Sondern man half einander mit der Arbeit und
mit dem Lohn und mit dem Zusammengehren und keins war hher und vornehmer,
als das andere. Friedrich Meister war Schreiber auf dem Rathaus. Er ging
immer anstndig angezogen zum Haus hinaus; da sah ihm Lotte unter der Tre
nach und hatte den Buben auf dem Arm. Wenn er aber abends heimkam, oder
auch mittags schon, dann fuhr er flugs in einen Hauskittel und
wirtschaftete irgendwo herum mit Hammer und Ngeln und mit alten Brettern.
Zum Beispiel machte er einen Taubenschlag auf das Dach und setzte Tauben
hinein. Er mute ihn aber bald wieder wegtun, weil die Tauben keinen
rechten Respekt vor der weien Wsche im Garten hatten. Sie machten sie
ohne alles Verstndnis schmutzig, und da war nicht zu helfen, sie muten
wieder fort. Da trstete er sich und verfertigte ein Stockbrett fr das
Kchenfenster, darauf setzte er ein Zigarrenkistchen mit Schnittlauch und
eins mit Monatrettichen. Das heit, er steckte die Rettichkerne hinein und
wartete tglich darauf, da sie treiben sollten. Sie trieben auch, aber bis
zu richtigen Knollen brachten sie es nicht. Es blieben kraftlose
Schwnzchen. Da mute er sich viel gutmtigen Spott von seiner Frau
gefallen lassen, und um sich in Respekt zu setzen, machte er nun ein
Blumenbrettchen ans Wohnstubenfenster. Denn sie konnten in ihrem
Vorgrtchen nichts ziehen, sie brauchten den Platz fr die Wsche.

Da konnte sie nun nichts mehr sagen, auer darber, da er sich mit der
grnen Farbe ganz eingeseift hatte an Rock und Hosen. Sie schluckte es aber
und nannte ihn zrtlich Meister Hmmerlein. Aber er wute nicht sicher,
ob es nicht doch ein bichen spttisch gemeint sei. Denn sie verbarg ihre
Liebe zu ihm gern unter ihrer Neckerei, wenigstens vor den Leuten. Er war
fast einen Kopf kleiner als sie. Aber darum mu ich doch an ihm
hinaufsehen, sagte sie, er ist gerade um einen Kopf klger als ich. Das
mute ich ohne weiteres zugeben. Denn sie machte Schreibfehler, das hatte
ich schon gesehen, und sie wute nicht einmal, wo der Neckar entspringt.
Ich habe es natrlich einmal gewut, sagte sie, aber ich habe es wieder
vergessen. Es schien ihr nicht viel auszumachen. Mein Bub kann es einmal
lernen. Ich habe sonst so viel um die Ohren, ich kann mich nicht auch noch
um die Geographie bekmmern.

Aber einmal nahm Friedrich Meister sie mit auf einen Ausflug an den
Bodensee. Er hatte dort droben einen Bruder verheiratet, der ein Landwirt
war und ein kleines, eigenes Gtchen hatte.

Davon kam sie am Abend des dritten Tages ganz erregt zurck.

Mir brachte sie einen groen gebackenen Hasen mit aus Kuchenteig und sagte:
das sei ein Seehas. Das sei eine ganz besondere Sorte, die gebe es bei uns
nicht. Und der See sei so gro, nicht zu sagen, und so tief, sie habe sagen
hren, man knne einen Kirchturm hineinstellen, ohne da er oben
heraussehe. Wenn man mitten auf dem See sei, so kommen am anderen Ufer die
Schweizer Berge heraus, man mchte nur vollends hinber, so verlange es
einen darnach, wie sie so dastehen und leuchten. So schn gebe es bei uns
nichts, das sei aus und vorbei. Ich mute sie immer ansehen, wie sie im
whrenden Erzhlen geschftig hin und her ging, die Reisekleider ausstubte
und verschlo, ihr Bbchen besorgte und ihre langen, prachtvollen Zpfe
losband, da sie ihr ber den Rcken hinunterhingen, und wie ihr Gesicht
dabei hell, klug und durchsonnt aussah, wie eine Landschaft, in die auf
einmal neues Leben gekommen ist, etwa durch einen Maienregen oder durch
einen unverhofften Sonnenblick. Ihr Mann sa neben mir auf der Bank am
Fenster, folgte ihr mit den Augen und sah glcklich drein. Guck, sagte
Lotte pltzlich zu mir, das kann ich jetzt behalten. Von dem, was ich
gesehen habe, da vergesse ich nichts, das ist mir alles in den Kopf
hineingebrannt oder ins Herz meinetwegen. Das kann ich meinem Buben noch
erzhlen, wenn er gro ist. Das andere, was nur so in den Bchern steht,
das ist nichts fr mich. Zum Beispiel Schwenningen oder Tuttlingen, das ist
gar nichts. Da kann ich mir nichts Besonderes denken. Aber Friedrichshafen,
das hat ein Schlo mit zwei Trmen, die sehen zwischen grnen Bumen heraus
und spiegeln sich im See, und auf der Bahnhofsterrasse haben wir einen
Schoppen Seewein getrunken und verschiedene Schiffe ankommen sehen. Das ist
etwas Lebendiges.

So werde ich dir eben nach und nach das ganze Vaterlndchen zeigen
mssen, sagte Friedrich Meister behaglich lchelnd. Ich habe eine
gescheite Frau, die will die Welt selber sehen, vom Hrensagen glaubt sie
nichts.

Damals stieg Lotte gewaltig im Respekt bei mir.

Dumm war sie freilich nicht, wenn sie alles selber sehen wollte. So knnte
jeder kommen, dachte ich. Aber es gefiel mir, da sie so anspruchsvoll war
und schien mir Beweis einer Besonderheit zu sein, die Lotte ja auch in
anderen Dingen an sich hatte. Die Reisen durch das Vaterlndchen hin und
her wurden aber nicht getan. Sondern das Leben zeigte ihr seine Reichtmer
und Weisheiten auf andere Weise, und es gab vieles dabei in den Kopf und
ins Herz zu fassen, das man gleichfalls nicht aus Bchern und vom
Hrensagen kennen lernt.

Als ihr Bbchen seine ersten Schritte machte, lag wieder eins in der Wiege,
und als das heraus war, folgte ihm ein Schwesterlein. Und die Mutter wurde
immer schner, stattlicher, fleiiger und frhlicher dabei.

Aber als sie das Kleeblatt beisammen hatte, da kam eines Tages Friedrich
Meister mitten im Vormittag nach Hause und legte sich ins Bett mit einer
schweren Fieberkrankheit, und als er es verlie, da war es nur, um es mit
einem andern drauen auf dem Friedhof zu vertauschen. Da war sie eine Witwe
geworden und stand in einem schwarzen Kleid am Bgelbrett. Denn das Bgeln
durfte sie nicht versumen, jetzt noch viel weniger als je. Wenn ihr hie
und da Trnen auf das weie Zeug tropften, so fuhr der heie Stahl darber
und lschte sie aus, und das war noch gut. Denn die alte Mutter sa immer
noch in ihrem Lehnstuhl am Ofen und zitterte heftiger als frher und hatte
ber dem Unglck, das in das Haus eintrat, alle ihre schne Gelassenheit
und Seelenruhe verloren. Nun seufzte sie ohne Ende, da es eine verkehrte
Einrichtung sei: sie, die alte, unntze Frau, sei noch da als Last fr die
andern, und der junge Mann, der fast nicht zu entbehren sei, der sei nun
weggenommen, es sei eine Jammererde, und es knnen einen nur die Kinder
dauern, die dahinein geboren werden. Da hatte nun Lotte statt eines
mtterlichen Trostes eine ewig flieende Jammerquelle um sich herum. Aber
das war vielleicht noch besser fr sie als alle Teilnahme und alles
Mitleid htte sein knnen. Denn nun mute sie sich zusammenraffen, da das
Licht im Hause nicht auslsche. Sie mute fr Brot sorgen und fr ein wenig
Frhlichkeit fr die Kinder und mute noch die alte Mutter aufzuhellen
suchen, wenn diese gar zu tief ins Jammern geriet.

Weil sie aber eine so durchaus gesunde, wahre und unverstellte Natur war,
so geriet ihr dieses alles auch selber zum Heil, und sie erlebte trotz
ihrer aufrichtigen Liebe zu dem Toten eine neue Auffrischung und war als
Witwe wie als glckliche Frau ein Menschenbild, das einem verbissenen
Schwarzseher htte zeigen knnen, es sei noch nicht alles verloren bei
unserem Geschlecht. Denn die Kinder von solchen Mttern mssen ja doch
etwas mitbekommen ins Leben hinein, das sie nicht so leicht unter die Rder
des Wagens kommen lt.

                  *       *       *       *       *

In den Jahren, in denen dies alles geschah, wuchs ich zu einem groen,
krftigen Buben heran. Es ging mir berall gut, ich kann nichts von einer
schweren Kindheit erzhlen. Ich nahm es mit Seelenruhe und ohne viel
Gedanken hin, da die Meinigen fr mich sparten und schafften; es war mir
nichts Besonderes, da meine Mutter und Heinrich Kilian allmhlich ein paar
alte abgerackerte Leute wurden, die auch am Sonntag nichts anderes mehr
wollten, als nach der Kirche, die sie nie versumten, auf dem Bnklein vor
der Haustr zu sitzen und sich von der Sonne anscheinen zu lassen. Die
Mutter war ja viel jnger, als Heinrich Kilian, der schon unermelich alt
war in meinen Augen. Aber dafr hatte sie mehr mit Sorgen und Lebensnten
gekmpft und schwerere Lasten getragen als er, der nur die Bcherpakete
auf der Achsel, aber nichts Schweres auf dem Herzen hatte. Sie ging immer
noch zum Waschen und Putzen fort, aber ich besuchte sie nicht mehr in der
Kirche, um dort hinter der Orgel und auf den Emporen herumzustreichen und
mit meinem alten Freund August Volland seltsame Geschichten ber die Bilder
der frheren Prlaten und Kirchenerbauer zu erfinden. Ich war ein Schler,
bei dem es ohne allzugroe Mhe voranging, und der auch in den Freistunden
ein Wort reden durfte und seinen Mann stellte. Die grne Mtze sa mir
kecklich auf dem vollen Haarbusch, und ich fhlte mich darunter als einer,
dem das Leben eine schne Sache ist.

Viel darber nachzudenken, war nicht meine Art damals; ich lebte meine Tage
dahin, wie sie kamen, und fand es ganz in der Ordnung, da ich immer
saubere Kleider und gute Stiefel hatte und da auf dem tglichen Brot auch
die Butter nicht fehlte. Meine Schwester Helene war nun auch konfirmiert.
Sie trat sogleich nach dem Verlassen der Volksschule bei einer
Kleidermacherin in die Lehre. Diese gab ihr die Kost und ein weniges an
Geld, und sie mute dafr im ersten Jahre alle untergeordnete Arbeit tun,
die Rocksume mit Litzen einfassen und dergleichen, und auerdem die
fertige Arbeit zu den Kunden tragen. Dabei begegnete sie mir manchmal mit
einem groen, in ein grnes Tuch geschlagenen Bndel auf dem Arm, in ihrem
kurzen und unscheinbaren Kleidchen, und ich schlffelte mit meinen
Kameraden an ihr vorbei, ohne sie mit mehr als einem halbverlegenen
Zunicken zu begren. Sie nahm mir das weiter nicht bel, weil Buben halt
so sind, und stellte ihre Jugend ebenso fraglos in den Dienst der strengen
Pflicht, wie Luise es vor ihr getan hatte und immer noch tat.

Sie war zufrieden, etwa am Sonntag ein paar Stunden in einem billigen
Fhnchen, mit einem hellen Band oder Spitzenkrgelchen geschmckt, mit der
Schwester oder einer Freundin in die Au hinunter zu wandern, der Musik
zuzuhren und die heiteren Bilder des Lebens an sich vorbeiziehen zu lassen
und vielleicht dabei den einen oder anderen Gedanken daran auszuspinnen,
da auch ihr einmal irgendeine bescheidene Frucht und ein paar farbige
Blumen in dem reichen Garten des Daseins zuwachsen wrden. Sie entwickelte
sich aber in den drftigen Sonnenstrhlchen, die ihre Jugend trafen, wie
ihre Schwester zu einem schlanken, hbschen, blhenden Geschpf, dem auch
eine natrliche Frhlichkeit nicht fehlte, und es tnten in diesen Jahren
oft aus der Giebelkammer, in der die beiden Schwestern schliefen, am frhen
Morgen oder am Abend, wenn sie ihre Ruhesttten aufsuchten oder verlieen,
die schwermtigen Lieder, die das Volk singt, wenn es frhlich ist, oder es
ging ein Geplauder und Lachen die steile Treppe hinunter, wenn ich an
dunklen Wintermorgen noch im Bett lag. Dann drehte sich der Schlssel in
der Haustr, und die Schritte und das Lachen ertnten auf der Strae, der
Stadt und der Arbeit zu.

Es war alles gut und schn. Aber eines Tages, als ich beim Dunkelwerden von
einer Streife durch den Frhlingswald nach Hause kam, einen groen Busch
hellblauer Scillablten in den Hnden, da fand ich die beiden Schwestern
und die Mutter miteinander um meinen guten alten Freund Heinrich Kilian
herumstehen, der auf dem harten Sofa mit dem blumigen Zitzberzug lag mit
geschlossenen Augen und schwer atmete.

Sie flsterten miteinander, und als ich fragend von einem zum andern sah,
da legten sie die Finger an die Lippen: Still, Ludwig, str' ihn nicht,
und sagten, da der Doktor bald kommen werde.

Ich legte meine Scillablten auf den Tisch und fhlte eine dumpfe
Beklommenheit in mir. Wie konnte das sein, da auf einmal etwas anderes
war, als sonst? Es war so fremd und merkwrdig, da Heinrich Kilian da auf
dem Sofa lag und die Augen geschlossen hielt. Er war sonst immer irgendwo
herumgegangen oder auf der Bank am Fenster gesessen und hatte ein Spchen
fr mich gehabt oder eine Geschichte, die ihm in der Stadt ber den Weg
gelaufen war.

Die andern machten so ernste und bestrzte Gesichter; es roch in der Stube
nach Hoffmannstropfen und Kruteressig, und Lotte Meister kam herber und
wurde ganz still, als sie in die Stube trat, Sie hatte ihr Mariele auf dem
Arm und hielt ihm das Mulchen zu, als es anfing, Heinrich zu rufen, und
sie schttelte den Kopf, als ob sie nichts Gutes von der Sache denke.

Der Doktor kam, und ich wurde hinausgeschickt und bekam das Nachbarskind
mit. Da standen wir im Vorgrtchen, das der Heinrich erst gestern
umgegraben hatte. Es roch nach frischer Erde, in der Rabatte guckten schon
da und dort grne Spitzen heraus, und in der Ecke am Zaun war ein runder
Fleck ganz blau von Veilchen. Es strich ein frischer Wind an den Husern
hin, und alles war so lebendig da drauen, aber drinnen im Haus war es
anders. Ich hatte vor zwei Jahren Friedrich Meister tot daliegen sehen,
still und bleich und mit wchsernen Hnden; alles war mir noch gegenwrtig:
Glockengelute, Gesang und Schluchzen bei seiner Beerdigung. Nun war es
mir, als trete der Tod durch unsere eigene Tr, und das war schauerlich
genug. Aber da der Heinrich Kilian dann nicht mehr da sein knnte, das
konnte ich mir noch nicht denken, denn er war immer dagewesen, schon lang
vor mir.

Der Doktor kam wieder aus dem Haus und ging rasch weiter, und ich dachte
hinter ihm drein, da ich kein Doktor sein mchte, denn berall, wo er
hinkomme, sei etwas Arges im Haus, und helfen knne er doch nicht. Das
machte, da bei uns armen Leuten da herum der Doktor meistens nur in ganz
schweren Fllen geholt wurde, wo dann freilich gegen den Tod kein Kraut
gewachsen war. Ich stand noch trbsinnig herum und sah ins Wetter, da kam
meine Mutter zu mir heraus und sagte: Du sollst zum Kilian kommen, er will
dich.

Stirbt er? fragte ich, und sie nickte kummervoll mit dem Kopf: Wird wohl
so sein, sagte sie. Und dann erfuhr ich, da er in der Stadt von einem
Lastwagen berfahren worden sei, grad ber den Leib seien ihm die Rder
gegangen. Man sehe gar keine Verletzung, es sei alles innen, aber da sei es
auch bs. Sie wute nicht, wie es hatte zugehen knnen, aber das wute sie,
da er noch heim verlangt hatte, nicht ins Spital. Das erzhlte sie in den
nchsten Tagen mit traurigem Stolz noch oft, wenn die Nachbarn kamen, denn
das durfte man wohl wissen, da der Kilian hier eine Heimat gehabt hatte.

Ich schlich auf den Zehen in die Kammer, in der mein Freund jetzt im Bett
lag. Er sah zum Erschrecken elend aus. Der schwarze Bart, der ihm sonst
ganz frhlich um sein heiteres Gesicht herumstand, sah dster und wild aus,
weil das Gesicht selber so fahl und eingesunken dazwischen lag. Er lie
seine Augen mhsam nach mir hingehen, als ich zu ihm trat und regte die
Lippen, um etwas zu sagen, aber es kam nichts Deutliches heraus, und das
leise Flstern, das er hervorbrachte, verlor sich in seinem Bart. Noch ein-
oder zweimal probierte er es, dann lie er's sein und schickte noch einen
Blick zu mir herber, der deutlich sagte: Da ist nun eben nichts mehr zu
machen; ich habe dir noch etwas mitteilen wollen, aber das mu ich nun fr
mich behalten.

Mich packte ein ngstliches Grauen, das war noch grer als das Leid, das
ich empfand ber sein Hingehen, und kam davon, da ein Mensch daliegen
mute mit einem Gedanken in sich, den er gern aussprechen wollte, und fr
den es keine Brcke mehr gab heraus zu den andern. Ich wollte der Mutter
rufen, aber ich brachte keinen Ton heraus, es war mir, als ob ich nun auch
stumm sein msse, weil es das gab. Da sah ich auf einmal, wie sich die
Hnde meines Freundes, die fest verschlungen ineinander auf der Bettdecke
lagen, auseinander taten. Das geschah nicht wie von einem Willen diktiert,
sondern es sah aus, als ob sich mit den Hnden auf einmal alles Leben lse
und nun still und mde daliege, weil es nicht mehr weiter knne, und als
ob von jetzt an ein anderer zu dirigieren habe in allem, was den alten
Heinrich Kilian betreffe. Whrenddiesem kam meine Mutter herein mit einem
geffneten Champagnerflschchen, mit dessen Inhalt sie den Sterbenden
erquicken wollte. Als sie aber einen Blick auf sein Gesicht geworfen hatte,
stellte sie es still zur Seite, denn sie sah, da hier nichts mehr zu
strken sei.

Das Glas flo ber von dem schumenden Wein, und die Mutter, die das doch
nicht mitansehen konnte, tauchte ihre Hand in die kleine Lache, die sich
auf dem Tisch bildete, und bestrich Stirn und Hnde ihres alten Pfleglings
mit dem Na, vor dem sie um seiner Kostbarkeit und Seltenheit willen eine
groe Ehrfurcht hatte, und unter ihren netzenden Hnden verging er vollends
und atmete tief und leise aus.

Ich aber durfte mich nicht dem reinen Gefhl des schmerzlichen Abschieds
hingeben, wie die Mutter und die beiden Schwestern, die in ein herzliches
Weinen aus der Tiefe ihrer guten Gemter ausbrachen. Ich mute mich damit
qulen, was es wohl gewesen sei, das er zu mir hatte sagen wollen, und ich
wute nicht, sollte ich froh oder traurig sein, da er es nicht mehr hatte
aussprechen knnen, denn ich hatte ein schlechtes Gewissen von seinetwegen,
das wachte nun mchtig auf.

Der Tag, an den ich denken mute, lag um vier Wochen zurck. Ich hatte dem
Kilian am Abend vorher abgebettelt, da ich seine groe silberne Uhr in der
Schule tragen drfe, weil alle andern Buben auch Uhren hatten. Am Sonntag
allemal, da kriegst du sie wieder, da gehrt sie dir, hatte ich gesagt;
denn am Sonntag trug er sie selber an einer dicken Nickelkette. Er war
nicht recht damit einig gewesen. Du wirst mir doch nicht groartig werden,
Ludwig, hatte er gesagt, silberne Uhren am Werktag, behte Gott, das ist
fr Herrenleut', aber nicht fr unkonfirmierte Buben von unserlei Leuten.

Aber ich hatte es dann doch durchgesetzt, er konnte mir nichts abschlagen.

Und nun trug ich die Uhr recht sichtbar an der Kette und hatte den Kittel
offen, da man sie deutlich sehen mute und ging mit meinen Kameraden nach
der Schule in einen Laden, wo man Bleistifte und dergleichen kaufen konnte.
Zwei oder drei waren drin, ein paar andere, zu denen ich auch gehrte,
standen unter der Ladentr und warteten auf ihr Herauskommen. Es war einer
dabei, den ich schon lang gern zum Freund gehabt htte, ein kleiner,
gewandter Kerl, blond und witzig und aus einem Knstlerhause stammend, der
tat allerlei Sprche ber die Vorbergehenden und brachte uns so zum
Lachen, da unsere Kameraden im Laden drin neugierig die Hlse streckten,
um zu sehen, was da Lustiges vor sich gehe.

Whrenddem kam auf der andern Seite der Strae mein Heinrich Kilian daher,
schwer mit Bcherpaketen beladen, deren eines ihm unbequem auf der Achsel
sa, so da er den Kopf stark auf die Seite legen und immer wieder drehen
mute, um eine ertrgliche Stellung zu gewinnen. Das fiel dem Spamacher
sogleich auf, er fing in seiner sprhenden Laune an, den Gang und die
Haltung des alten Mannes nachzumachen, und der Zufall kam ihm noch mit
weiterem Material zu dieser Vorstellung entgegen, indem dem Schwerbeladenen
ein anderes Paket, das er unter dem Arm getragen hatte, entglitt, und er
sich unter starken Verrenkungen bcken mute, dasselbe aufzuheben. Bei
dieser mhsamen Bewegung nun geschah es, da die alte, geflickte Hose, die
ihm meine Mutter lngst hatte wegsprechen wollen, hinten nachgab und einen
groen, klaffenden Ri bekam. Er befhlte den Schaden verdutzt und
kopfschttelnd und ging dann, berschttet von dem Bubengelchter, das von
der anderen Straenseite herberscholl, weiter bis zu einem schmalen
Nebengchen, in dem er verschwand, wahrscheinlich um sich dort in
irgendeinem Hause notdrftig ausbessern zu lassen. Das war nun ein groes
Gaudium fr den Witzbold und die ins Lachen geratene Bubenschaft. Mir aber
war bel zumute. Da stand ich, hatte Kilians Kette ber meine Schlerbrust
gespannt und trug seine Uhr in der Tasche und lachte mit den andern ber
ihn, denn ich konnte es nicht lassen, ich mute lachen, so schndlich ich
mich auch empfand, und tat, als ob er mich nichts anginge. Als er
verschwunden war, machte ich mich unter irgendeinem Vorwand von den andern
los und schlich mich nach Hause, wo ich kaum den Kopf aus den Bchern
erhob, als Heinrich Kilian am Feierabend kam und gut und freundlich wie
immer war. Er hatte mich nicht gesehen, das merkte ich gleich, und ich
schttelte, so gut es ging, mein bles Empfinden ab durch allerlei
Entschuldigungen, die ich in mir selbst vorbrachte.

Aber nun lag er da und hatte die Augen fr immer geschlossen, und vorher
hatte er sich noch gemht, mir etwas zu sagen; wer konnte wissen, ob es
nicht doch _das_ gewesen war?

Und es gab keine Gelegenheit mehr, miteinander ins Glatte zu kommen, keine;
ich mute nun mein Leben lang so an ihn denken, und wer wei, wie er an
mich dachte? Denn es war doch eine recht unsichere Sache mit dem Totsein,
es gab da so allerlei Mglichkeiten, und vielleicht war er nun auf einmal
irgendwo fein heraus, sah alles und verachtete mich. Das war eine schwere
Sache.

Zwei Tage lang ging ich mit bsem Gewissen herum, stumm und bedrckt. Ich
mu bleich ausgesehen haben, denn meine Mutter fragte mich, ob ich krank
sei, und ich hrte sie zu Lotte Meister sagen: Es geht ihm nher als er
zeigen mag; er hat auch viel verloren, es ist kein Wunder. Und dann fgte
sie mit einiger Befriedigung bei, da ich doch ein gutes Gemt zu haben
scheine, und da sie froh sei, es zu sehen, denn sie sei manchmal in Sorgen
meinetwegen, ob auch alles gut ablaufe mit mir und ich nicht an meiner
Seele Schaden leide durch die Standeserhhung, in die sie mich selber
hineingestellt habe durch die hhere Schule.

Ich wei nicht, wie lang ich noch da bin, sagte sie, und wei oft nicht,
ob ich nicht etwas Dummes angerhrt habe mit dem Buben; ich habe gemeint,
es msse so sein, weil ich's dem Mann versprochen habe, da ich alles tun
will fr ihn. Jetzt geb's der liebe Gott, da er recht wird, denn ich mu
ihn grad laufen lassen, er ist einen halben Kopf grer als ich, und ich
bin ein einfltiges Weib.

Was Lotte darauf sagte, hrte ich nicht mehr, denn beide Frauen gingen
miteinander zur Tre hinaus, und ich sa in dem Alkoven hinter dem alten
Vorhang auf einem Stuhl und wute nicht recht, was mit mir anfangen.

Die Mutter kam wieder herein und setzte sich auf die Bank, die am Fenster
hinlief; sie hatte die Hnde im Scho gefaltet und sah still vor sich hin
mit einem Ausdruck von Mdigkeit und Ergebung, wie ihn Menschen bekommen,
die sich ein ganzes, langes Leben hindurch immer in das, was ihnen auflag,
schicken muten und denen dieses Sichschicken die einzige Waffe war im
Lebenskrieg. Mich aber berkam es, ihr zu sagen, da ich recht werden wolle
und gut und da sie meinetwegen ohne Sorge sein solle. Ja, es trieb mich
ein starkes Verlangen dazu, auf ihren Scho zu sitzen, wie als kleines Kind
und ihre Hnde um mich herum zu spren, warm und gut. Dann htte ich
vielleicht auch von mir getan, was mich Heinrich Kilians wegen beklemmte,
denn ich fand nicht recht den Weg daraus heraus.

Aber ich war nicht gewhnt, zrtlich zu sein und fand auch das Wort nicht,
das ich gern gesagt htte. Ich schob mich langsam aus dem Alkoven heraus in
die Stube, und als mich die Mutter sah, sagte sie: Bist du da drin gewesen
und hast alles gehrt?

Das bejahte ich mit einem Kopfnicken, und als ich in ihr Gesicht sah, da
war es so voll von einer groen Liebe und Sorge und so himmelgut, wie ich
glaubte, es noch nie gesehen zu haben, und ich legte meinen Kopf auf den
Tisch und lie meine Trnen, die ich bisher immer noch verschlossen gehabt
hatte, laufen, wie sie wollten. Aber es wurde mir so wohl dabei, wie schon
lange nicht mehr. Es war, als ob ein Bach aus meinem Innern breche und
alles mit sich fortnehme, was bel und schwer darin gelegen war, und als ob
meine Mutter alles wisse, was mich angehe, ohne da ich ein Wort sage, blo
weil sie meine Mutter sei. Und das wird ja wohl auch so gewesen sein.

                  *       *       *       *       *

Ich wollte, ich htte sie lnger gehabt, es htte meiner Jugend gut getan.

Ich wei nicht. Vielleicht htte ich alle meine Torheiten dennoch begangen,
auch wenn sie dagewesen wre, denn sie htte mich nicht davor behten
knnen, wenn ich in der Welt drauen war. Und vielleicht htte ich ihr weh
getan, wie den andern. Ich mchte so gerne denken, da ich den Weg zu ihr
gefunden htte, wenn ich mir verweht und verlaufen vorgekommen wre, und
da ich ihr zuliebe manches besser gemacht htte, als ich es tat. Es ist
umsonst, da ich mich darber besinne.

Es mu ja alles so recht sein, wie es ist.

Als ich konfirmiert war und am Sonntag in einem neuen dunklen Anzug und mit
einer gestrkten Hemdbrust auftrat, machte ich zum ersten- und einzigenmal
in meinem Leben einen Ausflug mit ihr. Er geschah zu einem entfernten
Vetter auf der Alb, der mein Pate war, und der uns eingeladen hatte. Wir
zogen am frhen Maimorgen aus und sahen die Stadt und die Trme und den
Flu im Nebel liegen und schritten selber durch den Nebel, der bald rosig
durchleuchtet wurde von der durchbrechenden Sonne. Da wurde uns ganz
reiselustig zumute, und meine Mutter machte Schritte neben mir her wie ein
junges Mdchen vor lauter Freude am Dasein und an der Reise mit mir.

Dann saen wir in der Bahn und fuhren nach Blaubeuren, und sie hatte
tausend Dinge zu bestaunen und wurde ganz redselig mit den Fahrtgenossen,
deren Reiseziel und Heimat sie unverzagt erfragte, und mit denen sie sich
ohne weiteres einig fhlte, als mit solchen, die einen seltenen, schnen
Sonntag in der Freiheit genieen.

Es war auch ein altes Bauernweiblein im Wagen, das sa mit einer scheuen
Glckseligkeit im Schatten eines mchtigen, breitschultrigen Mannes von
exotischem uern, der an allen erdenklichen Stellen von goldenen Knpfen,
Ketten und Ringen erglnzte. Er hatte ein gutes Gesicht und fing bereits
an, sein anglo-amerikanisches Deutsch, das er drben angenommen hatte,
wieder mit schwbischen Brocken zu vermischen. Sie war seine Mutter und war
ihm auf seinen Wunsch entgegengefahren, weil er jetzt auf Besuch heimkam,
und sie fhlte sich wie auf einer Himmelfahrt, da sie nun mit dem
stattlichen Sohn ihrem Dorf entgegenfuhr. Mit ihr kam meine Mutter bald ins
Gesprch und sagte mit hoffnungsvollem Stolz, da sie ihren Ludwig auch
etwas Rechtes werden lasse, er msse nur sagen, was er im Sinn habe, und
da es freilich, wenn es auf sie ankomme, nicht grad Amerika sein msse,
indessen, wie es Gottes Will' sei, wenn er nur brav werde und recht. Da sah
mich das alte Weiblein, das sein Schaf im Trocknen hatte, kopfnickend an
und dachte wohl, freilich, so einer, wie ihr Johann, wachse nicht an jedem
Hag, aber recht werden knne ich immerhin, schon der Mutter zulieb, und
der mchtige Amerikaner sagte: +Well+ und strich sich den Bart, da die
Ringe an seinen Fingern erglnzten. Ich war froh, als wir ausstiegen und
wieder fr uns waren.

Die Mutter freilich konnte noch nicht so schnell von den beiden abkommen.
Sie waren am Bahnhof von einem stattlichen Fuhrwerk mit zwei schweren
Gulen abgeholt worden und verschwanden vor uns in einer weien Staubwolke,
als wir sachte, Schritt vor Schritt die Steige hinanstiegen, die hinter dem
Blautopf auf die Hhe der Alb hinauffhrt.

Das Gefhrt ist nicht ihr eigen, sagte meine Mutter. Es gehrt ihrem
Nachbar. Der hat es entgegengeschickt, weil er einen Respekt hat vor dem
Amerikaner. Sie hat es auch mhsam gehabt vorher, aber seit fnf Jahren hat
ihr der Sohn immer Geld geschickt, da hat sie sich eine Gte antun knnen.

Sie schwieg und sah an mir hinauf und hinunter und htte gern noch mehr
gesagt. Aber sie wollte vielleicht meine Jugend nicht beladen, oder sie
traute sich selber nicht, so weit hinauszufahren mit ihren Gedanken, so
ging sie neben mir her, ohne es auszusprechen, wie sie es von mir auch
erhoffe, da ich einst ihr Alter schmcke und erleichtere.

Mich trieb es an, ihr groe Dinge zu versprechen, denn ich konnte es nicht
leiden, da mich der Amerikaner etwa ausstechen sollte. Aber ich wute noch
nicht, wo bei mir der Glcksbaum wachsen wrde, von dessen Zweigen ich
meiner Mutter die Taler herunterschtteln konnte, und um das Gesprch auf
etwas zu bringen, bei dem ich auch etwas galt, fing ich an, meiner Mutter
die Geschichte von der schnen Lau zu erzhlen, die ich krzlich gelesen
hatte.

Sie horchte hoch auf und nahm es alles wahr und wichtig, so da mir die
Sache selber im Erzhlen noch viel lebendiger wurde als zuvor.

Tief unter uns lag das Stdtlein mit Kloster und Kirche friedlich hingelegt
bei dem tiefen, dunklen Wasserbecken, an dessen Ufer wir vorhin gestanden
waren mit einem leisen Grauen, weil es gar so unergrndlich tief hinabging.

Nun sahen wir nur noch die Bume, deren grne Wipfel sich ber ihm zusammen
zu neigen schienen, und sahen die junge Blau, die hell und frhlich durch
grne Wiesen ging, als ob sie nicht erst vorhin aus ihrer wundersamen
Quellenheimat ausgeflossen wre. Die nackten Felsen standen trutzig um das
Tal herum, aber die Sonne legte einen Glanz auf sie, da sie zu scheinen
anfingen, und der Himmel stand hoch und heiter ber dem Ganzen.

Und die schne Lau stieg aus ihrer blauen Tiefe herauf und trug ihr
schweres Herz zu den Menschen und lernte bei ihnen das Lachen, das ihr so
ntig war. Als alles gut ausgegangen war, atmete die Mutter tief auf. Gott
Lob und Dank, sagte sie, wenn's auch blo ein Mrlein ist, mich hat die
arme Frau doch gedauert; ich wei gut, wie es ist, wenn's einem nicht ums
Lachen ist. Als ich mit dir gegangen bin, Ludwig, ein paar Monate vor
deiner Geburt, da ist mir's immer so schwer gewesen, das ist nicht zum
Aussagen. Da hab' ich immer gedacht: Lieber Gott, la nur mein Kind kein
schweres Gemt kriegen. Gelt, du hast keins, Ludwig, ich meine einmal
nicht. Wenn ich dich habe lachen hren und gesehen, da du lustig bist,
dann ist mir ein Stein vom Herzen gefallen.

Als die Mutter so redete, wurde es mir sonderbar ums Herz. Es war mir
auch, als ob ich in eine unterirdische Quellenstube hineinsehe, aus der
mein Leben herausgeflossen sei, und ich sprte eine dunkle Zrtlichkeit fr
diese Frau, anders als je zuvor. Aber ich lie nichts davon merken.

Als wir hher stiegen, atmete sie mhsam und schwer und blieb immer wieder
stehen, um sich den Schwei abzuwischen, dabei sah sie blsser aus, als ich
sonst an ihr gesehen hatte.

Ich wei nicht, es ist mir nicht ganz recht, sagte sie. Mich deucht, ich
hre ein Fuhrwerk; wenn ich das erwarten knnte und ein Stck weit
aufsitzen, das wre gut. Du knntest derweil weitergehen, dir tut das
Laufen gut, du hast junge Fe und ein junges Herz.

Das wollte ich meinen, da ich das hatte. Ich lie die Mutter auf einem
Steinhaufen am Wegrand sitzen und ging voran, singend und pfeifend. Unter
mir tat sich das Tal immer weiter auf, Drfer lagen in der Sonne, und
Hhenzge traten hervor und grten herber. Im reinen Blau des Maihimmels
schwammen kleine, weie Wlkchen dahin, und in den Ebereschen zu beiden
Seiten der Strae pfiffen Ammern und Meisen in ausgelassener Daseinslust.
Ich empfand mich jung, stark und froh, und es schien mir alles gut zu sein.
Nach der Mutter sah ich mich nicht um. Ich wollte, wenn die Hhe vollends
erstiegen wre, auf das Fuhrwerk warten, aber meine Gedanken flogen ein
paarmal zu ihr, weil sie mir das Herz so sonderbar bewegt hatte.

Doch sagte mir keine Ahnung, auch nicht die leiseste, da meine Mutter
jetzt eben den Tod erlitt. Er war ihr lind und gut; er trat nur an sie
heran, als sie erschpft auf dem Steinhaufen sa und legte ihr die Hand auf
das Herz, da hrte es auf, zu schlagen. Vielleicht sah sie ihn herankommen,
ich wei es nicht. Wenn sie ihn gesehen hat, das glaube ich, dann hat sie
ihre hartgeschaffte Hand mit einem geduldigen Seufzer in seine kncherne
gelegt und sich von ihm fhren lassen. Denn es war nichts von Widerstreben
und darum auch nichts von Angst in ihr.

Als der leere Mllerwagen kam, den sie gehrt hatte, sa sie in sich
zusammengesunken da, die Hnde md im Scho und den Kopf auf der Brust. Die
Sonne lag auf ihrem grauen Scheitel und der Mllerknecht meinte, sie
schlafe.

Als er merkte, da sie tot sei, packte ihn ein Grauen, und er hieb auf
seine Schimmel ein, da sie die Steige hinaufrasselten, wie auf der Flucht.
Da unten sitzt ein totes Weib, rief er, als er mich sah, weit du, wer
sie ist?

Da lschte mir mit einem Male die frhliche Fackel aus, die mir den ganzen
Morgen ins Leben hinein geleuchtet hatte, und es kam eine dunkle Wolke, die
berzog Land und Himmel und meine Jugend und mich. Ich lief in
verzweifelten Sprngen die Steige wieder hinab, bis ich bei ihr war, und
blieb in Herzensnot und Grauen bei ihr sitzen, bis Leute von oben
herunterkamen, von dem Mllerknecht geschickt und sich unser annahmen.

Sie wurde dort droben in dem Albdrflein begraben. Da war ein Platz frei in
dem ganz zusammengesunkenen Grab der Gromutter meiner Mutter, das einst
von der Familie gekauft worden war.

Da liegt sie gut, sagte der Vetter, den wir hatten besuchen wollen.

Die Gromutter ist ein braves Weib gewesen, bei der hat sie ihren Frieden.
Und sie liegt im eigenen Grund und Boden, das httet ihr in der Stadt
drunten nicht zahlen knnen.

Da kam in aller Trauer noch ein kleines, bescheidenes Stlzlein in uns auf,
auch in den Schwestern, die gekommen waren, da wir hier an diesem Platz
sozusagen ansssig seien, und wir waren einig damit, die Mutter hier zu
lassen.

Das liegt tiefer als es viele wissen, im Menschenherzen, da es irgendwo
unvertrieben sein will, da es ein Stcklein Land besitzen will und wre es
noch so klein, teilhaben an der Erde, die unser aller Mutter ist.

Im Leben hatte die Mutter immer im Hauszins wohnen mssen, nun ererbte sie
im Tode ein eigenes, enges Huslein und war nur gehalten, die bleichen,
weien Knchelein der Urahne bei sich ruhen zu lassen, denn diese war
immerhin vorher dagewesen.

                  *       *       *       *       *

Ein halbes Jahr nach der Mutter Tod wurde uns das Huschen gekndigt, weil
die Stadtverwaltung irgendeine nderung in dieser Gegend vornehmen wollte.
Da gab es einen schweren Abschied zwischen Meisters und uns. Denn wir zogen
nun in zwei verschiedene Stadtteile. Auch Lotte hatte die Kndigung
getroffen, und es war nun zwischen ihr und meiner Schwester Luise ein
Abkommen wie zwischen Abraham und Lot: Willst du zur Rechten, so geh' ich
zur Linken, willst du aber zur Linken, so geh' ich zur Rechten. Luise
wollte nun ein eigenes Bgelgeschft aufmachen mit Lehrmdchen und Pariser
Neubgelmethode, und dazu brauchte sie ein Feld fr sich. Lotte aber zog
ihre bisherige Kundschaft nach sich in ein Haus, das in der Nhe des alten
lag. Sie waren beide wie Schwestern miteinander, es war nichts von Neid und
Streit in ihrem Auseinandergehen, sondern, weil das Leben mit seinen
Bedrfnissen es so verlangte, darum trennten sie ihre Wege und blieben sich
um so mehr in Freundschaft zugetan.

Wir zogen an einem Tag nach verschiedenen Seiten hin. Unsere Mbel waren
aufgeladen und zeigten sich im Tageslicht und unter freiem Himmel als eine
rmliche Habe. Einmal waren sie auch neu gewesen und aus vielen
Spargroschen mit Lust und Liebe nach und nach erworben worden, nun sah die
neue Generation darber hin als ber etwas Abgngiges, es war aber so der
Lauf der Welt. Wir gingen noch einmal durch die leeren Rume und sahen an
den dunklen Stellen auf den verschossenen Tapeten, wo die Bilder gehangen
waren: Hier des Vaters Bild und hier die Schlacht bei Leipzig, und dort der
Haussegen, der die heilige Dreieinigkeit zeigte, je nachdem man links oder
rechts oder in der Mitte stand, den Vater oder den Sohn, oder den heiligen
Geist als Taube. ber der Bank war eine fettige Flche, da hatte der alte
Heinrich Kilian immer seinen Kopf angelehnt. Die Schwestern waren in
gerhrter Stimmung, als sie sich noch einmal hier umsahen und lehnten sich
aneinander, wie um sich zu vergewissern, da keine von ihnen allein in die
Fremde geht. Mir aber war es unbehaglich zumute. Es ging so allerlei durch
einen durch, wenn man hier seinen Gefhlen nachhing, es war wohl am besten,
vorwrts zu gehen und sich nicht mehr viel umzusehen, sonst tat es in der
Brust weh, und das Herz klopfte einem; das war aber eines bloen Umzuges
wegen nicht ntig, meinte ich.

Da kam soeben Lotte Meister zur Tr herein, um Luise noch etwas zu sagen.
Sie stand so gro und hoch und stattlich in der niederen Stube, aber sie
hatte ein Glnzen in den Augen, aus dem man schlieen mute, da sie
geweint habe. Denn sie nahm ja freilich hundertfache Erinnerungen mit sich
fort. Es war bei ihr nicht wie bei uns das Geschehen zu tragen, das im Gang
des Menschenlebens von vornherein liegt, da die Alten davongehen und zu
den Vtern versammelt werden, sondern sie hatte die Unnatur des Zerreiens
erlebt, der Trennung mitten auf der gemeinsamen Bahn. Die alte, leidende
Mutter aber ging mit ihr und freilich auch die Kinder, das kommende
Geschlecht, das hier seinen Ursprung genommen hatte.

Man konnte aber mit keinem mitleidigen Gedanken an Lotte herankommen,
obgleich man ihre Trnenspuren noch sah. Denn sie beherrschte ihr Gesicht
und ihre Haltung vollstndig und war dem Leben gewachsen, wie es auch
verfahren mochte, man konnte in allem nur Respekt vor ihr haben. Als sie
ihre Sache an Luise ausgerichtet hatte, sah sie mich lchelnd an, wie
frher, da ich noch als lockiges Brschlein neben ihr am Bgelbrett
gestanden war und sagte: Wie ist's, Ludwig, wird man dich auch noch hie
und da zu sehen bekommen, wenn man eine Viertelstunde Wegs zueinander hat,
oder mssen wir gleich ganz Abschied nehmen? Sie streckte mir aber dabei
ihre schne, krftige Hand hin, und ihr Gesicht war so voll von einer
unwandelbaren Gte und Zuversicht, da es mich hei durchfuhr, und ich in
einem Augenblick die ganze Zukunft durchreiste, in der es immer eine Lotte
Meister geben mute, sie war nicht wegzudenken. Ich sprte, da ich
feuerrot wurde und da mich ein ungestmes Verlangen packte, sie wieder fr
mich zu haben, wie einst, aber ich tat nicht dergleichen, sondern sagte
nur, ich werde schon kommen, wenn ich Zeit habe und ich msse jetzt so viel
lernen, weil der Professor so streng sei. Darauf sah sie mich einen
Augenblick prfend an und erklrte dann, eigentlich habe sie fragen wollen,
ob eins von uns den Rollstuhl mit der Gromutter in die neue Wohnung fhren
wolle. Die Kinder knnten es ja, aber die Gromutter vertraue sich ihnen
nicht an, weil sie ohnehin vor dem fremden, entlehnten Rollstuhl und vor
dem Fahren durch die Straen eine entsetzliche Angst habe. Ich sprte, da
ich dazu vermeint sei, aber ich konnte mich nicht schnell entschlieen,
denn es konnte mir jemand begegnen, etwa der Stadtpfarrer, der dann sagen
wrde, so sei es recht, oder meine Kameraden, die lachen wrden, wenn die
alte Frau immer mit dem Kopf wackelte, und da war eines so schlimm, wie das
andere. Es gab eine Verlegenheitspause, und in die Stille hinein sagte
meine Schwester Helene ganz freundlich und bereitwillig, ja natrlich, das
tue sie gern, und Lotte empfahl sich, ohne noch einmal etwas zu mir zu
sagen. Sie mute schleunigst hinter ihrem Mbelwagen, auf dem hoch oben
die drei Kinder saen, eng in dem geblumten Sofa aneinandergeschmiegt,
lustig und lachend, weil ihnen das Fahren ein Fest war. Wir sahen ihnen
nach, und dann gingen wir gleichfalls davon und lieen die Tren hinter uns
offen, weil nichts mehr im Haus war, das man verschlieen mute. Aber nun
hatte ich auch mein Teil an Abschiedsschmerzen, und es war mir vielleicht
bler zumut als den andern allen, sie brauchten es aber nicht zu wissen.

Die neue Wohnung, die wir bezogen, lag mitten in der Altstadt, in einer
engen Gasse, in der die Huser nah beisammen standen, und in der es mit
Sonne, Mond und Sternen nicht besonders leuchtend zuging. Ich allein hatte
in meiner Kammer hoch oben unter dem Dach Licht genug, und die Nelken des
alten Heinrich Kilian, die meine Schwestern sorglich ausgegraben und in
Tpfe gepflanzt hatten, fhrten vor meinem Fenster ein blhendes Leben, so
lang die gute Jahreszeit whrte. Unten im Haus, im Kellergescho, da war es
fast den ganzen Tag dmmerig; es mute gut gehen, wenn einmal ein wenig
Sonne hereinkam. Aber es ging hell und heiter zu trotzdem. Da ging es mit
glhenden Bgelsthlen um und mit Lachen und Schwatzen und oft mit Singen
daneben her. Sie schafften selbdritt oder viert, Luise und ihre
Lehrmdchen. Sie hatten Kundschaft genug, denn schn gebgelte Kragen und
Manschetten, das war etwas, das jedermann brauchte; auch der einfachste
Mann wollte wenigstens am Sonntag glnzen und gleien mit sauberer Wsche.

Luise spielte so wenig wie Lotte Meister die hohe Vorgesetzte. Sondern sie
zeigte, wie die Sache gemacht werden mute, und da hie es parieren, denn
was aus dem Haus kam, das mute tadellos sein; aber im brigen war eine
schne und freudige Arbeitsgemeinschaft, und es war hier nichts von
Arbeitgeber und Arbeitnehmer und von bitteren Standesunterschieden. Um
die Vesperzeit ging das jngste Lehrmdchen, wie es ging und stand, mit
aufgekrempelten rmeln und in weier Schrze, ber die Gasse zum
Dreiknigswirt und holte so viel Glser Bier, als Personen da waren, und
dann gab es eine vergngliche Pause, in der man sich von den
Stadtneuigkeiten unterhielt und von den privaten Erlebnissen, etwa einem
neuen Kleid oder einem Sonntagsausflug, oder auch, wenn man gerade recht in
Stimmung war, von dem jeweiligen Schatz und den Zukunftsaussichten mit ihm.

Das taten sie nicht gern vor mir, der ich mich oft um diese Stunde auch da
unten herumdrckte. Was braucht so ein Bub davon zu wissen?, sagten sie
und steckten wispernd die Kpfe zusammen. Aber gerade davon htte ich gern
gewut. Es schienen mir lauter hbsche Mdchen zu sein, fast eine wie die
andere. Sie hatten bloe Hlse und Arme und junge, frische Gesichter und
meistens ein hbsches Band im Haar oder so etwas, und es mute eine schne
Sache sein, mit solch einem Geschpf einmal spazieren zu gehen oder gar zu
tanzen. Da sie Du zu mir sagten, strte mich hier im Hause, wo es niemand
sonst sah und hrte, nicht, ich gab es ihnen heim und es war mir behaglich
dabei. Ich sa auf einem umgestlpten Waschkorb oder einer Strkekiste,
trank gleichfalls mein Bier und machte billige Witze, bis Luise ihr leeres
Glas wegstellte und sich die Hnde wusch, was ihr die andern nachtaten, und
was das Zeichen zum Wiederanfangen war. Dann ging ich mit meinem
Bcherpack, den ich unter dem Arm getragen hatte, in meine Kammer hinauf
und lie den Eindruck zurck, als ob ich mich in meine Arbeit vergrabe. Das
tat mir wohl, da die Mdchen das von mir dachten; aber ich stand oft genug
am Fenster und sah ins Wetter, denn es ging noch manches mit mir um, was
ich unten gesehen und gehrt hatte. Da war ein hbsches, weiblondes
Mdchen namens Hermine, das ein so lustiges Gesicht und ein ganz schlankes,
feines Hlschen hatte, und das schon einen Brutigam besa. Er war
Feldwebel bei den Pionieren, und sie wollte um Geld bgeln, wenn sie
verheiratet war, darauf freute sie sich, als ob es in ein lustiges Leben
hinein ginge. Den Tag ber schaffen wir, und abends geht's zur Musik oder
sonstwohin, sagte sie und zeigte alle ihre weien Zhne. Da wre ich auf
einmal gern Feldwebel gewesen, denn man konnte nicht wissen, ob es nicht
auf dem wissenschaftlichen Weg, den ich eingeschlagen hatte, viel
langweiliger zuging, und ich wute manchmal nicht recht, warum ich gerade
studieren sollte. Da horchte ich hinunter in die enge Gasse, ob ich nicht
einen Zipfel von dem vergngten Leben da unten wahrnehmen knne. Aber nach
einer Weile war die Anwandlung vorber, und ich sa wieder an meinen
Bchern und hielt mich ordentlich zur Arbeit, ohne besondere Begeisterung
dafr, nur weil so eines aus dem andern folgte und ich nichts anderes
vorhatte. So kam ich voran, wie andere auch und bestand, als ich etwas ber
das achtzehnte Jahr hinaus war, die Reifeprfung fr die Universitt. Jetzt
galt es aber, sich endgltig fr ein Fach zu entschlieen, denn das hatte
ich bis jetzt immer noch hinausgeschoben, weil ich fr keines eine
besondere Liebe hatte und an jedem etwas auszusetzen war. Da fragte mich
der Rektor, als ich mein Abgangszeugnis von ihm holte, ob ich nicht Lust
htte, in eine vornehme Universittsbuchhandlung einzutreten und das
Studium berhaupt zu unterlassen. Er sei von einem Freund, der der Inhaber
sei, gefragt worden, ob er nicht einen tchtigen jungen Menschen wisse, der
eine gute Vorbildung habe und Lust zu den Bchern, aber auch zu einem
soliden und praktischen Geschftswissen, und der es bei ihm zu etwas
Rechtem bringen knne. Er habe mich vorgeschlagen, weil er gemerkt zu haben
glaube, da ich Freude an der Literatur habe und auch nicht unpraktisch
sei, und weil,-- setzte er vterlich hinzu,-- es vielleicht doch auch
ratsam sei fr mich, da ich es in absehbarer Zeit zu einer Selbstndigkeit
bringe.

Er kannte meine Schwestern und besonders Helene, die bei ihm im Hause nhte
und seiner Frau die Kleider machte, und hatte einen hohen Respekt vor ihrer
arbeitsamen Tchtigkeit. Vielleicht rgerte er sich auch im stillen, da
ich den braven Mdchen so ganz auf der Tasche lag, aber davon sagte er
nichts, sondern fragte nur, ob ich vielleicht schon eine starke Vorliebe
fr ein besonderes Fach habe, was dann freilich die Sache verndern wrde.

Aber das hatte ich nicht, sondern es war gut fr mich, da mir jemand
einen Schub gab von auen her, und ich sagte nach kurzem Zgern, da ich
morgen kommen und mit dem Herrn reden wolle, der gerade in der Stadt zum
Besuch war, und da es vielleicht ganz gut fr mich passe, ein Buchhndler
zu werden, weil es mich immer nach Bchern gelstet habe, schon seit ich
mir denken knne.

                  *       *       *       *       *

Daheim war ein groes Erstaunen, als ich mit meinem Plan daherkam, der
schon auf dem kurzen Weg nach Hause deutliche Gestalt in mir gewonnen
hatte. Die Buchhandlung, um die es sich handelte, war in einer Stadt, von
deren Schnheit ich schon viel gehrt hatte, unfern des Rheins und des
Schwarzwaldes, also immerhin weit genug von meiner Heimat entfernt, um den
Zauber der Ferne und Fremde fr mich zu haben. Die Schwestern waren ein
wenig enttuscht, da nun kein Student zu ihnen in die Ferien kommen wrde
und kein studierter Herr einmal mit einem guten Titel etwa in der Zeitung
stehe, von dem sie dann sagen konnten, das sei ihr Bruder. Auch ging es
vielleicht tiefer bei ihnen, da sie mir in Wahrheit alle Pforten des
Lebens wollten aufgetan wissen. Aber ich sagte mit schnell angenommener
berlegenheit, da ich es auf diesem Wege mindestens gerade so weit bringen
werde, als auf dem andern, und da ich berhaupt trachten werde, so bald
als mglich selbstndig zu werden. Das rhrte die Schwestern tief, denn ich
hatte ihnen noch nicht oft gezeigt, da ich an ihre Arbeit und Mhe fr
mich denke, und so gern sie alles fr mich taten, so tat es ihnen doch
wohl, da ich nicht nur so ins Blaue hinein alles anzunehmen schien. Aber
sie wuten nicht, da ich vor dem Besuch bei dem Rektor noch keinen
Augenblick daran gedacht hatte, und von mir aus brauchten sie es auch nicht
zu wissen.

Am andern Tag ging ich wieder zu dem Rektor hin, und da war dann auch der
Buchhndler, der ein alter Junggeselle war und uerlich nichts vorstellte.
Er trug sich in einem lederfarbigen Braun und hatte selber eine etwas
vergilbte, pergamentene Haut, und ich wei nicht, wie mir so geschwind der
Gedanke kam, er sehe aus, wie ein antiquarisches Exemplar etwa des Horaz
oder sonst so eines alten Weisen, in Leder gebunden. Darber ging mir, ehe
ich es verhindern konnte, ein Lachen ber das Gesicht, und der Rektor, der
dabeistand, fragte mich: Was haben Sie Heiteres, Fugeler? Aber ich fate
mich schnell und machte ein ernsthaftes Gesicht und sagte, es sei mir
drauen auf der Gasse ein Kameltreiber begegnet mit drei ffchen, die seien
so possierlich gewesen. Das war schon wahr, aber gelacht htte ich darum
nicht.

Sie sind noch sehr jung, mein Lieber, sagte der alte Herr, der Hagenau
hie, und meckerte ein wenig. Das war bei ihm gelacht. Ich sagte, da ich
achtzehn sei und das Maturum gemacht habe, und das hatte er ja auch schon
gewut und die Bemerkung nur meines unzeitigen Lachens halber gemacht.

Wir kamen aber darauf gut ins Gesprch und einigten uns auch darauf, da
ich am ersten Oktober bei ihm eintreten und drei Jahre lernen solle, ohne
Gehalt, aber mit freier Kost und Wohnung in seinem Hause. Spter sehe man
wieder. Er habe es mit einem, der sich zur Sache anlasse, gut im Sinne,
wolle aber vorher sehen, was an mir sei. Darum, da er ein Junggeselle sei,
brauche ich mich nicht um das leibliche Auskommen bei ihm abzukmmern. Er
habe eine Schwester bei sich, die mich so wohl versorgen werde, als eine
rechte Hausfrau, und sie sei auch sonst gut, ich komme bei ihr in gute
Hnde. Zu lernen gebe es genug fr einen, der strebsam sei, es msse nicht
alles auf Universitten erworben werden, es gebe auch sonst noch
Mglichkeiten. Das kam mir alles ganz richtig und vernnftig vor, und auf
dem Heimweg kaufte ich mir ein steifes Htlein, weil ich das
Gymnasiastenwesen abgelegt hatte und in eine Bahn einlenken wollte, auf der
es frhzeitig dem Ernst des Lebens zuging.

Als ich aber nur noch ein paar Schritte von unserem Haus entfernt war, sah
ich eine helle, schlanke Mdchengestalt in Luisens Bgelstube von der
Strae her eintreten, und als ich gleich nach ihr auch dort hineinging, war
es Maidi, mit er ich als kleiner Bube im Garten gespielt und Kirschen
gegessen hatte, und die ich noch gut genug kannte. Sie war eine Berhmtheit
unter den Gymnasiasten ihrer feinen Schnheit wegen, und es galt fr eine
Ehre, wenn man sie gren konnte; da neigte sie leicht den Kopf, wie ein
Knigskind, und war dabei doch keine stolze Jungfer, sondern eine freudige
Augenweide.

Geredet hatte ich nie mehr mit ihr seit jenem Gartentag, nun stand sie hier
in der halbdunkeln Bgelstube, in der man schon das Gas anznden mute und
war wie eine Sonne darin. Da rgerte mich auf einmal mein steifes Htlein,
und ich tat es schnell in ein Fach hinein, in dem Strkwsche lag, weil es
gar nicht zu ihr pate. Sie hatte ein hellblaues Kleid an und niedere
braune Schuhe, und ihren langen, blonden Zopf hatte sie hinten im Nacken
mit einer blauen Schleife hinaufgebunden, auf der kleine rote Punkte saen,
wie lauter Herrgottskfer. Um ihr Gesicht her aber drngten sich lustige
Lckchen unter dem breiten Hut hervor, und auf dem Hut lag ein Kranz von
Margeriten. Sie sah aus, als ob sie zu einem Fest ginge, aber das war bei
ihr immer so, und das Fest war ihr junges Leben, in das schritt sie hinein
in ihren hbschen braunen Schuhen.

Ich konnte sie beobachten, ohne da sie mich sah, denn ich war hinter den
Vorhang getreten, der den Eingang in ein Nebenkmmerchen verdeckte und sah
hinter demselben vor in ihr helles Gesicht. Sie hatte eine Bestellung zu
machen. Es sollte regelmig zu bestimmten Zeiten Wsche abgeholt und
wieder hingebracht werden und sie nannte dazu das Haus ihres Grovaters, in
dem sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder wohnte. Der Vater, der zum Ganzen
gehrte, war nicht mehr vorhanden, und ich wute, da er irgendwie
nebenhinaus gegangen war auf der Welt und wohl noch lebte, aber nicht mehr
zu den Seinigen gehrte. Wie es zusammenhing, wute ich nicht, aber es
hatten also doch auch schon dunkle Schatten das junge Leben gestreift, das
hier in aufblhender Pracht in unserer Stube stand und mit meiner Schwester
sprach. Als mir das einfiel, gewann ich auf einmal die Macht, hinter meinem
Vorhang hervorzutreten und sie anzureden, denn sonst wre sie mir zu schn
dazu gewesen und zu hoch, so freundlich sie auch aussah.

Ich berlegte mir auch, was ich zu ihr sagen wollte. Sie hatte einen
Vetter, der war mein Schulkamerad gewesen und war nun seit einem Jahr bei
der Marine, und er war es auch gewesen, der bei den Kameraden immer ihren
Preis verkndigt hatte. Nach dem wollte ich sie fragen. Aber ich war es
nicht gewohnt, junge Mdchen anzureden, so oft ich es auch in der Phantasie
tat, und so stand ich etwas verlegen herum, als ich sie gegrt hatte.

Da sah ich an ihrem Gesicht, da sie mich auch kannte, vielleicht noch von
damals her, und da lustige Lichter darberflogen wie Sonnenvgel und sie
ein Lachen unterdrcken wollte, das um jeden Preis gelacht sein mute.

Es war sicher, sie kannte mich noch und auf einmal sagte sie: Da wohnen
Sie jetzt? Seit wann? Wissen Sie noch, damals? Sie erzhlten mir von Ihrem
Garten, und-- da wurde sie doch ein bichen rot und ich auch, denn es war
ein heikler Punkt. Und in der Verlegenheit fingen wir beide an zu lachen
und wurden dadurch ganz erlst. Denn wenn man darber lachen konnte, dann
war es nicht mehr schlimm. Ja, ja sagte ich, ich habe damals, glaub'
ich, ein bichen dazu erfunden, und nachher hatte ich immer Angst, Sie
knnten einmal kommen und ich stehe dann mit Schanden da.

Aber als ich das sagte, war es mir inwendig hei vor Glck, da sie mich so
gut kannte, und da sie noch an damals dachte, und es kam mir auch
sonderbar vor, da wir nun Sie zueinander sagten, denn ich hatte immer in
Gedanken Du zu ihr gesagt.

Ich bin auch einmal gekommen, sagte sie, das Verlangen war immer strker
geworden in mir, und der Garten immer grer und die Nelken immer rter.
Wissen Sie noch, von der Katze, die da herumgehen und Funken sprhen sollte
und von der Musik, die der alte Mann machte? Da brachte ich es einmal mit
List heraus, wo Sie wohnten und suchte mir den Weg. Aber als ich die
Huschen sah und die kleinen Grtchen davor, da wurde ich bse und traurig
und htte fast geweint vor Zorn und Enttuschung. Und meine Mutter sagte
nachher, als ich es ihr erzhlte: Siehst du, man mu auch nicht alles
untersuchen wollen, das geht noch mit vielem so im Leben. Und sie sagte,
da das Bbchen damals nicht gelogen habe, es habe es alles so im Herzen
gehabt, wie es gesagt habe.

Als Maidi das alles erzhlte, sah ich so unbegreiflich deutlich wieder das
kleine Mdchen von damals vor mir und die schne junge Frau mit dem Kinde,
und es war mir, als gehre ich irgendwie zu ihnen. Die Bgelmdchen sahen
mit Staunen zu und Luise auch, da wir so ins Reden miteinander kamen, aber
ich machte mir gar nichts daraus, sondern als Maidi gehen wollte, fragte
ich ganz kecklich, ob ich ein Stckchen mit ihr gehen drfe, ich msse
sowieso noch einmal in die Stadt. Sie sagte auch freundlich: ja, das drfe
ich gerne, und wir wollen dann ber den Marktplatz gehen, weil Messe sei.

Da ging ich denn nun neben dem allerschnsten Mdchen her, das ich kannte,
aber ich hatte meine Schlermtze aufgesetzt und das Htlein daheim
gelassen, und nun pochte mir das Herz wie ein Schmiedehammer, weil solche
Dinge geschahen, nicht in Trumen, sondern im hellen Wachen.

Maidi stieg so leicht und schlank und lieblich daher, und wir plauderten,
als ob vieles nachzuholen sei, aber es war mir immer darunter hinein
unbegreiflich, da es ihr nicht zu wenig sei, mit mir zu gehen, und ich
hielt mich so aufrecht wie mglich. Inzwischen kamen wir auf den
Marktplatz, wo sich eine bunte Menge von Menschen hin und her schob, unter
die wir uns frhlich mischten. Maidi fragte mich, wo ich eigentlich hin
wolle, weil ich von einer Besorgung gesagt hatte, die ich machen msse,
aber ich lachte nur und sagte, das habe noch lange Zeit, und wir waren wie
rechte Kinder, die nicht viel an nachher denken, sondern sich an dem, was
gerade vor Augen ist, ganz vergessen.

Es war ein selten schner Tag, der dem Marktleben wohl bekam.

An den Stnden der Schuster, der Hut- und Kappenmacher, der Messerschmiede
und Wollwarenhndler drngten sich die Albbauern und ihre Weiber, aber da
hatten wir nichts verloren, sondern wir gingen den Ausrufern nach, die vor
ihren Schaubuden standen und alle Seltenheiten der Welt anpriesen. Da war
ein rmliches Leinwandzeltchen, in dem ein lebendiges Kalb mit zwei Kpfen
zu sehen war, und daneben wurde eine Riesendame gezeigt, deren Bildnis in
grellen Farben auf der Eingangsseite der Bude prangte und einem schlanken
Herrchen zulchelte, das ihr auf einem Brett Wrste, Schinken und einen
angeschnittenen Brotlaib hinhielt und wie ngstlich schien, es mchte etwa
aus Versehen mitgeschluckt werden. Ein Wachsfigurenkabinett war da, und ein
schwindschtig aussehender Mensch in einem fadenscheinigen Frack lud die
Leute hustend ein, hereinzuspazieren. Es sei da zu sehen die Ermordung
Wallensteins, die Hamburger Kindsmrderin soundso, der Ritter Blaubart aus
dem Mrchen und Schneewittchen mit der bsen Knigin, alles beweglich und
in voller Arbeit. Er sah selber einer vergilbten Wachsfigur nicht unhnlich
und bewegte wie automatisch den Kopf hin und her, um nach rechts und links
hin die Leute einzuladen. Am Eingang der Bude sa ein prchtig gekleideter
und angemalter Trke, der aus einer langen Pfeife sehr natrlich zu rauchen
schien, und an seinen Knien lehnte eine wunderschne Frau, die
todunglcklich aussah und deren rabenschwarzes Haar ihr am Rcken hinunter
und bis auf den Boden hinabflo. Sie zwinkerte bestndig mit den
Augenlidern und hob hie und da in abgemessenen Zwischenrumen die beringte
Hand, was alles ein wenig gespenstig aussah. Auch schien sie die Lippen zu
regen, wenn man lnger hinsah, und der schwindschtige Ausrufer sagte, es
sei die Scheherazade, die bestndig unter dem Henkersbeil lebe und sich nur
ihr Leben retten knne, indem sie dem Sultan tausend und eine Nacht lang
Geschichten erzhle. Es gingen ziemlich viele Leute hinein, Soldaten und
Mgde und Arbeiter, die gerade aus den Fabriken kamen, und auch
Schulkinder. Wir sahen einander fragend an, ob wir es auch wollten. Aber
Maidi schttelte nach kurzem Besinnen den Kopf, denn innen waren sicher
grausige Dinge zu sehen, und sie ging lieber den frhlichen nach, deren es
genug hatte auf dem Markt. Da war gleich in nchster Nhe das
Kasperletheater, das kam uns so recht gelegen. Wir stellten uns hinter den
Seilen, die den Zuschauerraum umgrenzten, auf, und sahen zu, wie der
Kasperle mit einem Prgel auf den armen Bauern einhieb, der ihm eine Katze
in einem Sack hatte verkaufen wollen. Das war nichts so Besonderes, aber
wir hatten schon selber die ntige Frhlichkeit in uns und brauchten nicht
viel Ansto dazu, um mitzulachen. Es stand ein kleines Kerlchen neben uns,
das sich vergebens auf die Zehen stellte, um etwas zu sehen. Das setzte ich
auf meine Achsel, und nun schrie und strampelte es vor Wonne und brachte
die ganze Umgebung ins Feuer mit seiner Begeisterung. Maidi aber lachte uns
beide gut und freundlich an, das Kind und mich, und mich dnkte, es sei bis
jetzt kein Tag in meinem Leben gewesen, der diesem gleichzustellen sei. Ich
kaufte ihr ein Rosenstruchen aus Zucker und sie mir einen roten Ballon,
den ich mit seinem Schnrchen in meinem Knopfloch befestigte, und das
geschah beides neben dem Kasperle her, denn es gingen hausierende Verkufer
ber den ganzen Markt hin und an uns vorbei. Da kam die Frau des Besitzers
mit einem Sammelteller in unsere Nhe, und ich wollte mich eben davon
drcken, wie wir Buben das in solchen Fllen sonst getan hatten, aber das
schne und anstndige Wesen neben mir legte mir in aller Stille eine
moralische Verpflichtung auf, so da ich mnnlich in die Tasche griff und
ein paar Nickel in den Teller legte: Fr uns beide, sagte ich wie
selbstverstndlich, und die Frau dankte achtungsvoll. Da berkam es mich
wie eine heimliche Besitzerfreude, da ich fr Maidi bezahlt hatte und sie
in diesem Augenblick zu mir gehrte, und es flog mir durch den Sinn, da
ich ungeheuer arbeiten wolle die nchsten Jahre, weil ich es bald zu etwas
Rechtem bringen msse. Aber es war nur so ein Augenblicksgedanke, und der
nchste mute wieder hier auf dem Platze sein, sonst verging etwas von
dieser Stunde, ohne da ich es geno. Sie war ohnehin vorbei, eh' man es
dachte. Vom hohen Kirchturm herunter schlug es sieben Uhr, und Maidi sagte
mir wie erwachend, da sie nach Hause msse, und gab mir die Hand, als ob
wir tglich beisammen wren. Aber als ich ihr mit pltzlichem Ernst sagen
wollte, da ich sie nun wahrscheinlich nie mehr sehe, weil ich in die
Fremde gehe, sah sie drben zwischen den Buden ihren Grovater gehen, der
den Hut in der Hand trug, und in der ganzen Pracht seiner silbernen Haare
und seines heiteren Gesichts einherschritt, und sie ging rasch davon, um
ihn noch einzufangen und winkte nur noch einmal mit Hand und Augen grend
zurck. Ich sah die beiden miteinander gehen und sah wohl, da sie eines
Blutes und einer Art waren: kniglich, heiter, vornehm und frei. Mich aber
hatte nur ein Sonnenstrahl getroffen, der gerade vorberflog. Doch hatte er
mein junges Blut erfreut und erwrmt, und es malte mir nun zum Dank tausend
Bilder, die eine schne, freudige Zukunft gaben. Ich hatte aber freilich
noch nie daran gezweifelt.

                  *       *       *       *       *

Wenn ich jetzt an meine Lehrjahre denke und sie an mir vorbeigehen lasse,
so wundert es mich immer aufs neue, wie zufllig und ohne Einmischung von
irgend einer vterlichen oder beratenden Stimme, ausgenommen meinen Rektor,
meine Berufswahl vor sich gegangen war. Ich hatte wohl einen Vormund, den
buerlichen Vetter, den ich damals mit der Mutter auf ihrem letzten Wege
besucht hatte, aber er war froh, wenn wir Geschwister uns selber rieten,
und sagte zu allem Ja und Amen. So sah ich mich auf einmal in der neuen
Umgebung auf eine Bahn gestellt, von der ich gar nicht wute, ob ich fr
sie und sie fr mich tauge und von deren Mglichkeiten ich wenig genug
kannte. Es htte aber schlimmer ausfallen knnen, als es geschah, denn ich
hatte tchtige Lehrmeister, wenn auch meiner Meinung nach nicht die
angenehmsten, nmlich lauter ltere Mnner, die einer um den andern so
vertrocknet waren, wie alte Wstenheilige; wenigstens kamen sie mir so vor.
Sie waren alle, ein Buchhalter und ein paar Gehilfen, schon lang im Hause
Hagenau, dem sie mit groer Zhigkeit anhingen, und wuten, wie es mir
schien, nichts Besseres, als auch vollends darin abzusterben, was mich mit
Grauen und einem zornigen Widerstand erfllte. Ich kam mir vor wie das
Entlein auf dem gefrierenden Teich im Mrchen, das rudert und rudert, um
nicht mit einzufrieren, und das eines Morgens dennoch tot im Eise steckt,
so frostig dnkte meiner warmen Jugend das umgebende Alter, dem ich dennoch
nicht entfliehen konnte. Doch mu ich ja sagen, da man in unreifen Jahren
die Altersgrenze bei andern, die einem um ein Stck voraus sind, niedrig
genug steckt, und sie erst sachte hinauszurcken anfngt, wenn man selber
dabei in Betracht kommt. Es war vielleicht nicht gar so weit damit bei den
Herren, von denen nur einer, der die Bcher fhrte, angegraute Haare hatte,
whrend ein anderer, der sein intimer Freund war, mit einer tchtigen
Glatze herumlief, was mir alles fr mich selbst in unendlichen Fernen zu
liegen schien. Heute denke ich schon etwas anders darber. Der Buchhalter
war mir eigentlicher und nchster Vorgesetzter, da der lederbraune Herr
Hagenau stets in seinem kleinen Privatkontor steckte und nur zu besonderen
Gelegenheiten daraus hervorkam, wo er mich kaum beachtete; wenigstens kam
es mir so vor. Das war mir einesteils angenehm, da ich mich trichterweise
schmte, von ihm gesehen zu werden, wenn ich, der ich noch vor kurzem ein
Primaner gewesen war und ein Student hatte werden wollen, nun Dinge zu tun
hatte, die jeder frisch entlassene Volksschler auch konnte, denn die
geschftserfahrenen Herren schenkten mir nichts von allem, was einem
Lehrling gebhrt. Ja, sie hielten mich wohl grundstzlich ein wenig
drunten, als sie meine junge berheblichkeit bemerkten, der dies und jenes
unntig erschien, was durch Brauch und Herkommen geheiligt, sein und
geschehen mute, und das mir tdlich langweilig war. Ich hatte nicht von
ferne gedacht, da es solches auf der Welt gebe. Da waren Register zu
fhren von solcher Umstndlichkeit, und die so vielfach verstelt waren,
da es mir vorkam, als ob ein findiger Kopf, dem es zugleich um eine
tchtige Bosheit zu tun gewesen sei, ein System ausgeheckt habe, das
unzweifelhaft alle, die sich damit befaten, in die Irre und im Kreis herum
fhren msse.

Einmal getraute ich mir, einem der Gehilfen, der es mir auseinandersetzte,
einen Vorschlag zu machen, wie man irgend ein Ding meiner Ansicht nach
etwas einfacher angreifen knnte. Aber der sah mich von seinem Schreibbock
herunter an mit einer strafenden und doch milden berlegenheit, da mir das
Blut in den Kopf stieg vor Scham und ich mich ber meine Zettel beugte,
ohne mehr ein Wort zu sagen. Ich sah wohl, ich mute mich da durchbeien,
es war nichts anderes zu machen, und nach und nach kam auch ein Sinn in das
Irrsal. Aber lieber war es mir doch, wenn die Bcher selbst durch meine
Hand gingen und ich einen Blick hinein tun konnte, gerade lang genug, um zu
sehen, da es fr mich noch unabsehbare Goldfelder umzupflgen, Meere zu
befahren, Bergwerke auszugraben gab in der Welt der Dichter und der Weisen.
Nach und nach fingen einzelne Namen an, aus den vielen anderen
herauszuglnzen, wie an dem unbersehbaren Sternenhimmel dem Liebhaber und
Beobachter, je fleiiger er hinaufschaut, einzelne herausleuchten in
besonderer Klarheit, um die sich dann wieder andere zu sammeln scheinen in
milderem Glanze. Wenn mein Prinzipal im Laden stand und etwa mit einem der
bekannteren Kunden verhandelte, so konnten sie miteinander in ein Feuer
geraten ber dies oder jenes Buch, da der trockene und etwas angestaubte
Mann wie verjngt und verwandelt schien. Dann horchte ich auf meiner Leiter
oder wo ich gerade war, und beschlo, mir das Kleinod dem Inhalt nach auch
anzueignen, denn es stand mir ja die ganze Schatzkammer offen. Ich fing an,
in meinen Freistunden zu lesen, ber Mittag und am Abend bis tief in die
Nacht hinein und es schien mir, als ob ich nicht aufhren knne, ehe ich
alle Schnheit und allen Reichtum in mich hineingetrunken htte, und kam
mir ja freilich dazwischen hinein vor wie das Knblein des heiligen
Augustin, das in seine kleine Schale das groe Weltmeer fassen wollte.

Aber ich htte mich vielleicht doch verirrt in den weiten Grten der
schnen Literatur, denn dahinein zog es mich zuerst und mit aller Macht,
wenn sich mir nicht ein besonderes Schlogrtlein aufgetan htte, in dem
das Schnste vom Schnen blhte. Es war ein kleiner, offener
Mahagonischrank, mit Bchern angefllt, der in dem Zimmer des Frulein
Brigitte Hagenau stand. Das war die Schwester des Prinzipals, und ich kann
kaum erwarten, von ihr zu reden.

Ich habe bei ihr viel fr meinen Beruf gewonnen, was mir sonst niemand
geben konnte; aber noch mehr frs Leben. Die Werke der Dichter hatten eine
stille Heimat bei ihr; sie sprach von den besten unter ihnen als von ihren
Freunden und lehrte mich, den Edlen aufgeschlossen und ehrfrchtig entgegen
zu kommen, nur dadurch, da sie selbst es tat. Was echt war und aus den
Tiefen des Lebens stammte, das nahm sie freudig auf, und lehnte alles
Halbe, Oberflchliche, oder was nach Gunst und Mode ging, ab; so war sie
mir ein Wegweiser, als ich dessen sehr bedurfte, und glcklicherweise ohne
einen solchen darstellen zu wollen.

Ich hatte noch nie gesehen, da man so las wie sie, die ein Buch geno,
wie man edlen Wein aus kristallenen Kelchen langsam schlrft, zugleich den
Duft genieend mit dem khlen Labsal; ich selbst hatte, von dem groen
Reichtum berauscht, angefangen, eins ums andere zu verschlingen, wie man
wohl an heiem Tage ein Glas Apfelmost nach dem anderen mit langen,
durstigen Zgen leert, ohne doch mehr davon zu haben, als den prickelnden
Reiz, mit dem er durch die Kehle fliet.

Nun, ich war jung und fing erst an, in dieser Welt daheim zu werden; sie
aber lebte schon lang darin und verlangte nichts von mir, was meinen Jahren
nicht natrlich war, denn sie war keine vorstzliche Einwirkerin, sondern
lebte, wie sie ihrem Wesen nach mute, ohne damit Schule zu machen.

Es war viel anderes, was ich von ihr hatte, und mehr, was ich htte haben
knnen, wenn ich den Sinn dafr gehabt htte. Sie ist einer der wenigen
Menschen aus meinen jungen Jahren, an die ich ohne Leid und Reue
zurckdenken kann, und wenn ich auch zuzeiten manches verga oder in den
Winkel stellte, was Lebendiges von ihr htte mit mir gehen und mein Tun
bestimmen sollen, so habe ich doch sie selber verehrt und sie hochgehalten,
und sie ist mir gut gewesen wie eine Mutter oder eine Freundin.

Davon will ich nichts vergessen.

Als ich sie zum erstenmal sah, erschrak ich vor ihr, denn sie war klein und
stark verwachsen und hatte den Kopf tief zwischen den Schultern sitzen. Sie
sa mir am Tisch gegenber, neben ihrem Bruder, und sprach unbefangen, frei
und heiter, fragte mich nach der Reise, von der ich gerade erst herkam, und
nach allerlei anderem und war in allem ein Mensch, der dem Schicksal
gewachsen oder sogar berlegen ist, da sie doch mit einem miratenen Krper
hausen mute und von Rechts wegen htte bedrckt und kleinlaut sein sollen
meiner Meinung nach. Denn ich begriff nicht, wie man leben und dazu noch
heiter sein mochte, wenn man nicht aufrecht und gerade gewachsen war.

Es sahen auch lauter stattliche Leute auf sie hernieder von den Wnden,
nmlich eine Anzahl von gemalten Vorfahren, die mit klugen und aufrecht
getragenen Kpfen unter feinen Hauben oder Percken hervor zu fragen
schienen, wie eins aus der Familie so kmmerlich habe werden knnen, und
deren Gesichter sie aber nicht im mindesten zu scheuen schien. Im Gegenteil
blickte sie aus groen grauen Augen warm lebendig drein und hatte alle
Augenblicke ein solches Lcheln um den Mund, als ob sie ber alles hinber
inwendig etwas freue, und ich hielt mein Gesicht nicht im Zaum, das sie
erstaunt betrachtete.

Es fiel mir auch auf einmal ein Spiel ein, das wir daheim gehabt hatten mit
zerschnittenen menschlichen Figuren, die man wechselsweise zusammensetzen
konnte nach Belieben; und es fuhr mir so durch den Sinn, da hier aus
Versehen oder im Spiel ein feiner, wohlgebildeter Kopf auf ein Krperlein
gesetzt sei, das ihn nicht aufrecht zu tragen vermge, whrend vielleicht
anderwrts ein grotesker Schdel auf schnen, schlanken Schultern ruhe und
man nun die Figuren wieder verwechseln msse, da sie in Richtigkeit seien.

Darber kam mich ein kleines dummes Lachen an, das ich mit aller Mhe nicht
schnell genug erwrgen konnte, und pltzlich sah ich die schnen Augen der
Hauswirtin gro und ein wenig verwundert auf mir liegen, so als ob sie
schon alles wten, und kam mir unter ihnen wie ein rechter Schulbub vor,
da ich doch hatte in allem Ernst mit der Mnnlichkeit anfangen wollen.

Sie lie es mich aber nicht entgelten, sondern lachte mich auch ein wenig
an ohne alle Empfindlichkeit, aus einer ganz jugendlichen Seele heraus, die
alles versteht, was junge Dummheiten sind, so da ich mit einem Schlag fr
sie gewonnen war und ihr am liebsten alle meine Gedanken gesagt htte.

So kann es zugehen, da man einen achtzehnjhrigen Jngling gewinnt, habe
ich spter oft gedacht, denn es wissen es nicht alle Leute so gut
anzugreifen. Aber es gibt freilich auch nicht viel Brigitten.

An jenem Abend, den ich noch ein wenig vor mir ausbreiten will, weil es der
erste war, stand sie gleich nachher auf und ging ans Klavier, da spielte
sie ohne Noten eine Musik, welcher der Bruder, in einer Ecke sitzend, mit
in die Hnde vergrabenem Kopf zuhrte und welche mich fremd und
geheimnisvoll berhrte. Ich hatte bis jetzt noch nicht viel Musik gekannt,
und jedenfalls gar keine intime, wie diese hier, die eigentlich nur auf
einen Zuhrer berechnet war, denn ich, das fhlte ich wohl, sa nur dabei
und strte vielleicht sogar. Aber ich schaute doch aufmerksam nach dem
Klavier hin und mute mich wundern, wie sicher und krftig das Frulein mit
schlanken, schnen Hnden auf den Tasten herumregierte und das Instrument
nach einem inneren Wissen zum Erklingen brachte, so, da es inwendig in mir
mitklang.

Ich mute an daheim denken, an meine Mutter und an Heinrich Kilian, die
beide schon lange vom Leben hinweggegangen waren, und die mir nur ganz
selten einfielen, und auch an meine Schwestern, wie sie morgens an der
Eisenbahn gestanden waren in ihren grauen Regenmnteln und mit ihren
freudlosen Gesichtern, die meinem Fortgehen galten. Es rhrte sich allerlei
in mir, da ich ihnen gern ein gutes Wort gesagt htte, weil sie immer im
Geschirr stehen muten und nie hinauskamen, und weil ihnen nie etwas zu
viel war fr mich. Aber sie waren nun fern von mir, und am Ende htte ich
doch nichts gesagt, wenn ich sie dagehabt htte, denn es war nicht der
Brauch bei uns. Das machte alles nur die Musik, ich wute nicht, wie es
zuging.

Als sie zu Ende war, kam der Prinzipal wie erwachend aus seiner Ecke
hervor. Das war schn, Brigitte, sagte er, und sie nickte ihm zu, noch
den einen oder andern Ton leise anschlagend: Das freut mich, Bruder, es
war aber auch Beethoven. Er nannte sie immer beim Taufnamen, dabei die
mittlere Silbe betonend, sie aber sagte nie anders als Bruder zu ihm. Das
sei, erfuhr ich spter, darum der Fall, weil er Kasimir heie und den Namen
nicht ausstehen knne, was ja auch wohl zu begreifen war. Ich nannte ihn
aber von da an im stillen und nenne ihn auch in diesen Aufzeichnungen so.

Er hatte damals recht geredet, als er sagte, da ich bei seiner Schwester
in rechten Hnden sei. Ich htte, grn und unreif, wie ich von daheim
fortkam, in keine besseren fallen knnen.

Sie hatte nicht nur ein schnes Gesicht und schne Hnde, sondern es
brannte auch aus ihrem Wesen heraus eine stille und helle Flamme von
unberwundener Liebe zu allem Schnen und Guten, und sie war nicht nur
nicht zu bemitleiden, sondern sie stand weit ber unsereinem, der noch am
Leben herumtastete als ein Neuling.

Es erging mir mit der Zeit sonderbar genug mit ihr. Nachts, wenn ich im
Bett lag und im Begriff war, ins Nichts hinberzutrumen, dann kam es mir
hie und da vor, als ob ich in sie verliebt sei. Dann sahen mich ihre
groen, klaren Augen wundergtig an, und ihr feiner Mund lchelte unendlich
lieblich, und ich ahnte hinter beidem verborgene Schmerzen und Reichtmer.
Die Musik, die sie gemacht hatte, schien mir ihre eigene Sprache zu sein,
die mir jungem Knaben das Herz umdrehte und alles, was sie am Abend getan
und gesagt hatte, bte noch im Nachhall einen Zauber auf mich aus, so da
ich etwa aufstand und nach dem nchtlichen bewaldeten Berg hinber und auf
das in den Nachthimmel hinein dunkelnde Mnster schaute, was beides von
meinem Zimmer aus zu sehen war, und dabei die Strme meines warmen Blutes
ziehen hrte. Dann dachte ich mir aus, da sie eine wunderschne Prinzessin
sei, die ein bser Zauberer in einer Migestalt gefangen halte und die sich
selbst erlsen msse in viel Mhsalen, bis ein Stck des Hlichen ums
andere von ihr abfalle und sie in lauterer Schnheit dastehe. Es brannte
etwas in mir und ri mich mit sich fort, und ich entsinne mich noch einer
strmischen Februarnacht, in der es mich dergestalt berwltigte, da ich
in meine Kissen hineinschluchzte, wie ein unglcklicher Verliebter, bis ich
daran mde wurde und einschlief. Aber am Morgen war alles anders. Da konnte
ich froh sein, da sie nichts von dem allem wute. Denn sie regierte das
Haus so ruhig und sicher wie eine brave Brgersfrau und ging auch selber
auf den Markt, von der Magd Salome begleitet, und sah kmmerlich genug
dabei aus.

Man konnte auch sogleich sehen, wer einheimisch war und wer fremd. Denn die
Einheimischen grten, soweit sie honorige Leute waren, das Frulein mit
viel Respekt, und sie dankte mit ruhiger Hflichkeit, aber wer fremd war,
sah sich, wenn sie vorbeigegangen war, kopfschttelnd nach ihr um, und ich
war dumm genug, froh zu sein, da ich nicht neben ihr gehen mute. Sie aber
schien nichts von meinen heimlichen Gedanken zu merken. Sie versorgte mich
im Leiblichen so gut, da ich krftig aufscho und auseinanderging, wie ein
junger Baum, und tat zu allem noch etwas hinzu von einer schnen, geistigen
Wrme und Bildung, die ich bisher nicht einmal vom Hrensagen gekannt
hatte, und die mich umgab wie eine heilsame Luft. Sie scheint mir, wenn ich
an sie zurckdenke, eine jener Frauen gewesen zu sein, denen das Schicksal
darum eigene Kinder versagt, damit sie um so ungeminderter allen, die in
ihren Weg kommen, etwas von der wahren, durchschauenden und alliebenden
Mtterlichkeit zu geben vermgen, die einem jeden not tut. Gott mag wissen,
woher sie ihre eigene Nahrung beziehen, aber sie scheinen nur leben zu
knnen, indem sie andern geben und fr sie da sind, was dann ihr Glck
ausmacht und sie aufleuchten lt in einem milden und warmen Glanz.

                  *       *       *       *       *

Unter den Herren im Geschft war einer, der sich hie und da etwas mehr mit
mir zu schaffen machte, als unumgnglich ntig war. Er lockte mich zu
dieser und jener Arbeit heran, etwa zur Ausschmckung eines Schaufensters,
zum Zusammenstellen einer Auswahlsendung und dergleichen, wobei er mich um
meine Meinung fragte und mich etwas gelten lie, was mir zwar wohl gefiel,
mich aber doch wunderte, da er diese Dinge sehr gut allein machen konnte
und jedenfalls besser als ich, wenigstens fr jetzt noch. Es kam mir mehr
und mehr vor, als ob er etwas Besonderes von mir wolle, ich konnte mir aber
nicht denken, was es sei. Hie und da sah ich, da er mich mit auf die Seite
geneigtem Kopf anschaute, als ob er ber irgend etwas im Zweifel sei, und
ich war mehr als einmal nahe daran, ihn zu fragen, was er damit meine, lie
es aber, weil es mich dann doch wieder nicht genug interessierte. Er war
ein sterreicher, der schon in seiner frhen Jugend zu uns verschlagen
worden war durch irgend ein Schicksal, wie ich gelegentlich erfuhr, und
hie Frerichs. Von den andern Herren wurde er nicht besonders geschtzt,
wie ich merkte, trotzdem er ein stiller, friedlicher Mensch und ein beraus
fleiiger Arbeiter war. Sie machten sich gern ber ihn lustig, und
besonders tat das der rotbrtige Giller, den ich im stillen den Kettenhund
hie, denn er war wie ein solcher knurrig und bissig und hatte eine
Bewegung an sich, die aussah, als ob er zuschnappen wolle. Dieser sprach
von Frerichs als dem Dichter, aber in einer Weise, wie wenn ein anderer von
einem Dummkopf spricht, oder wie einer der Josephsbrder auf der Weide bei
Sichem gesagt haben mag: Seht, da kommt der Trumer her. Das hrte ich aber
nur nebenbei, denn mit mir sprach er nur ber geschftliche Dinge. Da begab
es sich, da ich eines Abends mit Frerichs zugleich das Kontor verlie, um
noch einen Gang zu tun vor dem Abendessen, das ich allein von allen
Angestellten im Hause einnahm, wie ich auch allein darin wohnte. Er sah
mich wieder so zweifelhaft an und sagte dann mit der kindlichen Stimme, die
mir immer an ihm auffiel, weil sie gar nicht zu seinem ueren pate: Ich
mchte Sie schon lang etwas fragen, Fugeler. Ich habe nmlich,-- ich mache
nmlich hie und da Gedichte, oder auch-- er neigte den Kopf zu mir her
und sah sich um, ob niemand in der Nhe sei, und flsterte: ich verfasse
auch hie und da Novellen oder dergleichen, und wrde Ihnen gern einmal
etwas zeigen. Das heit, wenn Sie es gerne wollen.

Da war nun das Rtsel gelst. Ich ging mit ihm in seine Stube, die hoch
gelegen war und eine schrge Wand hatte, wie sich das fr einen Dichter
gehrt, und er hatte auf einmal einen festlichen Glanz in den Augen und ein
aufgewachtes Wesen, und holte aus einem Wandschrnklein ein Bndel Hefte
hervor, die alle mit einer kleinen, schnrkeligen Schrift beschrieben
waren, von denen sollte ich dies und das mitnehmen und lesen, wenn ich
nmlich so gut sein wolle. Ich fhlte mich nicht wenig geschmeichelt, da
er mich ins Vertrauen zog, und las auch seine Sachen, die mir aber
teilweise irgendwie bekannt vorkamen, ohne da mir beikommen wollte, woher.
Einmal erinnerte mich etwas an diesen Dichter, einmal an jenen; ich wurde
nicht recht klug daraus. Dann wieder auf einmal kam ein Gedicht, in dem
sonderbar traurige oder sehnliche Gedanken in eine ungefge Form gefat und
so halblebendig geblieben waren, da man doch den Eindruck hatte, als ob
gerade diese ihm ganz eigen seien und er nur nicht die Kraft besessen habe,
sie herauszumeieln. Frerichs wartete geduldig, bis ich etwas sagte, ich
sah ihm aber wohl an, wie gern er mich gefragt htte, whrend es mir doch
schwer fiel, eine Kritik zu ben, die eigentlich kein Lob enthielt, da ich
doch ein junger Mensch war seinem reifen Alter gegenber und auch gar keine
bung darin hatte, was ich meinte, sachlich zu begrnden.

Einmal mute es aber doch sein. Ich gab ihm die Hefte zurck und sagte
zgernd, manches habe mir gut gefallen; ob es aber nicht schwer sei, zu
vermeiden, da einem fremdes dazwischen komme, wenn man unter so vielen
Bchern lebe?

Da sah er mich erschrocken an und sagte: Also das haben Sie auch gemerkt?
Und so hilft denn alles nichts! Und er bekannte mir, da er an einer Art
von Dichtkrankheit leide, die ihn zwinge, immer, wenn er etwas recht
Schnes gelesen habe, etwas dem hnliches zu verfassen, das ihm aber
whrend des Schreibens nach und nach so eigen werde, als ob es ganz allein
aus ihm heraus entstanden sei, so da er die Dinge eigentlich geistig
wiederkue oder vielmehr wiedergebre und sie trotzdem dann liebe wie
eigene Kinder. Er habe deren auch, denn hie und da falle ihm, etwa Sonntag
morgens im Bett, etwas ein, das ihn dann nicht mehr loslasse, bis er
versuche, ihm eine Form zu geben, was aber meistens nur halb gelinge, so
da die Lebewesen dann nicht ganz entstnden und etwa mit dem Kopf oder
Oberleib aus dem Stein herausschauten, mit den brigen Teilen aber stecken
blieben, was ihn dann klglich plage.

Er sagte das alles so bekmmert und ehrlich, wie ein Patient dem Doktor, zu
dem er Zutrauen hat, die Symptome seines Leidens mitteilt, und mir blieb
das Gelchter, in das ich schon hatte ausbrechen wollen, im Hals stecken
und zuckte nur immerfort in den Kinnbacken, so da ich das Gesicht
verziehen mute, als ob mir etwas weh tue. Denn es war eine solche Mischung
von Torheit und von Ehrlichkeit und eigentlich rhrendem Ernst in seinem
Gesicht, als er die Sache vorbrachte, da ich mich gar nicht dabei zu
behaben wute.

Er fgte noch hinzu, wenn die Spiegelgebilde, wie er sie wohl nennen drfe,
da sie im Spiegel der echten Werke entstanden seien, dann allemal ein
gewisses Alter erreicht htten, und er sie wieder ansehe, so sei es ihm
oft, als ob sie ihren Urbildern doch nicht so hnlich seien und er sie
eigentlich wohl fr eigene ausgeben drfe. Dann reize es ihn immerfort, sie
in die Welt hinauszugeben und ihnen so ein eigenes Leben zu verschaffen,
und er msse sie vor sich selber verstecken, damit er es nicht tue, bis er
wieder etwas Neues mache und das Spiel von vorne anfange.

Ich hatte mich inzwischen gefat und sagte einige weise Worte, die mir im
Gefhl meiner Wichtigkeit einfielen, wie, da nicht jeder Mensch ein
Dichter sein knne und man freilich jedem das Seinige lassen msse, da das
Nachahmen keine schne Sache sei, und solcher Binsenwahrheiten mehr.

Denn damals wute ich noch nicht, was ich jetzt wei, da nicht alle, die
an dieser Krankheit leiden, sich damit hinter Schlo und Riegel setzen,
sondern manche der Patienten machen ein groes Geschrei und tun noch, als
ob die Bastarde die rechten Kinder wren.

Der Nachdichter, wenn ich ihn so heien soll, hatte in einer Anwandlung
von Schwche erhofft, meine Jugend und Unerfahrenheit, die aber doch wieder
nicht gar zu gro sei, werde das Verfahren nicht merken, so da ihm
vielleicht in mir einer entstehe, gleichsam als Vertreter einer Sorte von
Lesern, der sich unbefangen an seinen Schtzen erfreue und den zweiten
Aufgu fr einen ersten nehme. Denn es verlangte ihn nach einem kleinen
Ruhm oder einer Wirkung bei aller Wahrhaftigkeit, die ihm immer wieder das
Gelste totschlug, und er hatte sich mit den zwei Seelen, die er in der
Brust trug, tchtig herumzuplagen.

Fr den Augenblick war er jetzt verlegen und enttuscht und sah aber auch
an meiner Findigkeit hinauf, die mir selber erstaunlich war, und mich vor
mir erhob, so da ich, ohne es zu wissen, fr einige Zeit den raschen,
federnden Gang und die elegante Handbewegung des Herrn Hubli annahm, der
mir am meisten von den Gehilfen imponierte trotz seiner groen Glatze. Denn
ich war selber ein Nachahmer, wenn auch in andern Dingen, nur mir selber
unbewut; ich merkte es immer erst nachtrglich.

Mit Herrn Frerichs kam ich in ein halb freundschaftliches Verhltnis, das
bei mir aber mit ein wenig berheblichkeit vermischt war, so da ich in
meiner Jugend vterlich ber ihn lchelte, was dann wieder den Kettenhund
Giller reizte, da es nach seiner Meinung nicht dasselbe war, ob er oder ich
ber den seltsamen Kauz urteilte.

Wir gingen hie und da miteinander spazieren in fleiigen Gesprchen, und
ich merkte wohl, da er freilich dennoch ein Dichter sei, da er selig
empfand, was tief und schn sei, und da er litt, wenn er nicht das Wort
fand fr das, was in ihm lebte.

So ging ich einige Zeit mit dem reiferen Alter um, ohne Verkehr mit
Jugendgenossen; es konnte aber nicht lange so bleiben.

Eines Wintersonntags kamen wir beide von einem Waldspaziergang her auf die
breite, mig abfallende Steige, die von dem bewaldeten Berge nach der
Stadt hinunterfhrt. Es lag ein schner Schnee, der in der blassen
Wintersonne frisch erglnzte. Im Wald war es traumhaft still gewesen, bis
wir uns dem Ausgang genhert hatten, wo dann die Auslufer eines lustigen
Lrms hereingeschallt waren und mich ungeduldig getrieben hatten, an die
Quelle solcher Frhlichkeit zu kommen. Denn es war Zeit bei mir, da ich
wieder unter meinesgleichen kam, nachdem ich lange nur im Bcherlesen und
im Umgang mit den Alten gelebt hatte. Als wir nun an den Tag traten,
wimmelte der Berg von einer frhlichen Jugend, die auf Schlitten die glatte
Bahn hinuntersauste mit Geschrei und Lachen, von dem die Luft widerhallte.
Es waren da viele rote und blaue Mtzen und farbige Brustbnder der
Studenten zu sehen, und dazwischen mischten sich zierliche Pelzmtzen, die
auf blonden oder braunen Locken oder Zpfen saen, ungerechnet das Gewimmel
der Schulkinder, das barhuptig, in gestrickten Sturmhauben oder Kapuzen
erschien und den weitaus grten Lrm machte, denn es mute die
berschssige Kraft los werden.

Das alles rhrte mich heimatlich an und rief mich zu sich, da ich
mitkommen mge, so da ich es nicht erwarten konnte, bis ich den Frerichs
los hatte, der mir auf einmal in seinem langen berzieher und mit dem
milden Gesicht vor aller Lustbarkeit zu stehen schien. Ich stand begierig
zusehend still, bis er kalte Fe bekam und entschuldigend sagte, wenn es
mir nichts ausmache, so wolle er vorausgehen, da er noch etwas zu tun habe;
denn er hatte wieder ein neues Buch gelesen, das ihm keine Ruhe lie,
soviel ich schon unterwegs gemerkt hatte.

Da stand ich denn nun in der Freiheit auf dem Berge und berlegte mir, wie
ich zu einem Schlitten kommen solle, denn ich mute fahren, das war
ausgemacht.

Als ich nun so sinnierte und nicht recht den Rang bekam, einen der
Schulbuben darum zu fragen, ertnte auf einmal neben mir ein helles
Gelchter und ich sah, mich umwendend, drei lustige junge Mdchen, die mich
vergngt betrachteten. Sie hatten einen langen Schlitten, den sie
miteinander an einem Strick den Berg hinaufgezogen hatten, und waren jetzt
im Begriff, wieder abzufahren. Es waren offenbar Mdchen, die am Werktag in
irgend einer Brotarbeit standen, das konnte ich wohl sehen, so sauber sie
auch jetzt in einem billigen Sonntagsputz aussahen. Vielleicht waren es
Bgelmdchen, wie die, die daheim meiner Schwester Luise halfen.

Wollen Sie aufsitzen? fragte die eine, die eine weie wollene Mtze auf
den krausen Haaren trug und ein paar frische rote Backen hatte von der
Schneeluft. Aber als sie das gesagt hatte, lachten alle drei aufs neue,
denn sie waren in dem Alter, wo man keinen besonderen Grund zum Lachen
braucht, sondern nur in der passenden Stimmung sein mu, um unaufhrlich
fortzulachen. Da war ich nun in der Lage, die ich mir gewnscht hatte, ich
htte nur ja sagen oder mit dem Kopf nicken mssen, so htte ich ohne
weiteres den Strick in die Hand bekommen und auch etwa das eine oder andere
der jungen Geschpfe hinter mich auf den Schlitten fr eine oder ein paar
Fahrten den Berg hinab. Denn sie waren einfachen Wesens und nicht
zimpferlich, das war leicht zu sehen. Mir aber scho auf einmal eine
hochmtige Regung durch den Sinn, so da ich dachte: Das denn doch nicht,
obgleich ich soeben noch voller Verlangen nach der Jugendlust gewesen war.
Und weil ich nicht wute, warum sie lachten, und dachte, ihre Frhlichkeit
sei irgendwie auf mich gemnzt in spttischer Weise, so stieg mir das Blut
in den Kopf wie einem gereizten Truthahn, und ich gab dem Schlitten einen
Sto mit dem Fu, damit immerhin und ohne meinen Willen zeigend, da ich
kein vornehmer junger Herr sei, sondern eher in etwa ihresgleichen, aber es
doch nicht sein wollte. Sie waren ein wenig betreten wegen meines
unfreundlichen Wesens und sahen einander und mich einen Augenblick erstaunt
an. Aber der Schaden war nur auf meiner Seite, denn die kecke Blonde mit
der weien Mtze sagte mit schnell wiedergewonnener Fassung: So kommt und
lasset den Herrn. Er wird schon zu alt sein zu solchen Sachen, und es
knnte ihm auch sein Htlein davonfliegen. Und darauf stiegen sie alle
drei ohne viel Umstnde wieder auf den Schlitten; aber als ich
unwillkrlich den Abfahrenden noch einen Blick nachsandte, da traf mich aus
einem Paar guten braunen Augen, die der Letzten auf dem Fahrzeug gehrten,
ein Strahl, der mir Herzklopfen machte, weil er freundlich und gut war und
zu sagen schien: Wir haben es nicht bs gemeint, du httest immerhin
aufsitzen knnen. Da war es bei mir aus mit der Lust; ich ging mimutig
nach Hause und vergrub mich in meine Kammer. Ich konnte es aber nicht
lassen, zum offenen Fenster hinauszuhorchen, ob ich von ferne den
Schlittenjubel vernehme, und wenn ein Jauchzen die dnne Luft zerschnitt,
so sprte ich, da ich meiner Jugend etwas schuldig geblieben sei.

                  *       *       *       *       *

Bald darauf schmolz der Schnee, der nur noch ein Nachzgler gewesen war,
und der Frhling kam ins Land mit allen guten Dingen, die er hatte: mit
frischen Winden, die er den Leuten lachend ins Gesicht blies, mit
Starengeschwtz, mit singenden Bchen, die berall von den Bergen herunter
kamen, mit Palmktzchen, die die Bauernweiber auf dem Mnsterplatz feil
hielten, und dergleichen, so da wieder einmal die Zeit war, in der man
nicht wute, was noch werden mag.

An einem sonnigen Nachmittag trat ich unter die Ladentr, die offen stand,
um etwas von dem leiernden Lied eines Orgelmanns, der drauen vorbeiging,
aufzunehmen. Er spielte und sang dazu mit mitniger Stimme Bertrands
Abschied, und hatte einen Schweif von Gassenkindern hinter sich drein.
Neben uns lag ein Blumenladen, dem eine sehr stattliche Dame vorstand,
deren Leibesflle ich schon oft angestaunt hatte. Sie hatte ein kleines
Schnurrbrtchen auf der Oberlippe und gar nichts von einer Flora an sich.
Aber an diesem lichten Frhlingstag trat auf die Schwelle heraus ein
schlankes, braunhaariges Mdchen, das einen angefangenen Kranz in den
Hnden hielt, und dessen Gesicht ich frher schon gesehen haben mute, aber
ich wute nicht gleich, wo. Das Mdchen ging, nachdem es einen Augenblick
gehorcht hatte, in den Laden zurck und kam gleich darauf mit einem
Nickelstck wieder heraus, das sie dem Orgelmann auf seinen Kasten legte.
Sie lchelte ihn gut und freundlich an, und in dem Augenblick wute ich
auch, da sie das Mdchen von dem Schlitten war, das mich so trstlich
angeblickt hatte. Da besann ich mich nicht lange, sondern ging, weil es
Frhling und mein Blut in frischer Regung war, ohne Scheu ber die Strae,
um ein gleiches Stck daneben zu legen und gleichfalls einen guten Blick
aus den braunen Augen zu erhaschen. Der Leiermann lie sich nicht in seinem
Lied stren, er nickte uns beiden, dem Mdchen und mir, nur beifllig zu
und wir hielten uns auch nicht mit ihm auf, sondern lachten einander an wie
alte Bekannte, und das war der Eingang zu einer kleinen Unterhaltung. So,
also da sind Sie? sagte ich, denn es fiel mir nichts anderes ein; was tun
Sie denn da?

Da lachte sie ohne allen ersichtlichen Grund noch mehr, vielleicht blo,
weil es ihr gefiel, zu lachen. Das htten Sie schon lang sehen knnen, da
ich da bin, sagte sie, aber wenn man immer so ernsthaft herumgeht und die
Augen nicht aufmacht, dann kann viel vorbeigehen, was man nicht sieht.

Und sie erzhlte mir ohne aller Ziererei, da sie schon damals, als die
Schlittengeschichte gewesen war, meine Nachbarin gewesen sei, und da es
ihr immer leid getan habe, da ich ihr nie einen Blick geschenkt habe.
Lieber Gott, wenn man so jung ist, sagte sie, dann mu man doch auch
ansehen, was jung ist, und einander ein gutes Wort gnnen, alt wird man
bald genug, meinen Sie nicht auch?

Da hatte sie recht, das fhlte ich deutlich. Aber noch war es ja Zeit, und
es mute jetzt anders kommen, sonst ging mir irgend etwas vorbei, das schn
sein konnte und es nicht war, weil ich die Augen nicht aufmachte. Sie mute
wieder zu ihrem Kranz zurckkehren, der Eile habe, wie sie sagte. Er sei
ganz aus einem hellen Moos mit lauter Veilchenstruen rings herum, und er
sei fr ein junges Mdchen, das an der Auszehrung gestorben sei. Als sie
das sagte, wurde ihr helles freundliches Gesicht wie beschattet, weil es so
unbegreiflich war, da man vom Jungsein hinwegsterben konnte. Ich trage
ihn nachher selber auf den Friedhof, sagte sie, denn ich will das Mdchen
sehen, das schon in der Leichenhalle liegt. Es ist fremd hier, ein Herr hat
den Kranz bestellt, ich glaube, es ist ihr Schatz gewesen, aber ein
vornehmer. Er htte sie doch nicht genommen, wenn sie auch gelebt htte.

Das sagte sie mit einem kleinen Seufzer, aber ich wute nicht, ob er dem
toten Mdchen galt oder dem verlassenen, das es wahrscheinlich geworden
wre, wenn es gelebt htte, und ich mochte auch nicht fragen, weil mir zu
viel Neues auf einmal im Kopf herum ging.

Das Mdchen sah mich einen Augenblick prfend an, dann fgte es hinzu:
Wenn Sie wollen, knnen Sie mitkommen. Oder sehen Sie nicht gern Tote? Ich
schon, ich lebe dann noch viel lieber, wenn ich gesehen habe, da man auch
tot sein kann. Es war mir nicht ganz so, ich hatte immer ein Grauen vor
dem Tode und allem, was damit zusammenhing. Aber ich mochte es jetzt nicht
gestehen, weil sie so ganz natrlich davon sprach, und ich mochte ihr das
Mitgehen auch nicht abschlagen, sonst sa ich wieder allein da. So sagte
ich zu ohne viel Besinnen und hatte nun also eine Verabredung mit einem
hbschen jungen Mdchen, das ich vor ein paar Minuten noch gar nicht
gekannt hatte. So ging es zu im Frhling.

Die dicke Dame mit dem Schnurrbrtchen rief: Hertha! mit ihrer tiefen
Stimme, und das Mdchen enteilte, aber es nickte mir vorher noch gut und
freundlich zu, und ich ging nachdenklich und aufgeregt zu meinen Bchern
zurck, denn es ging allerlei in mir um.

Ich war kaum fnf Minuten drauen gewesen. Auf dem Ladentisch lag ein Sto
Landkarten, denen ich Etiketten aufzukleben hatte. Der Buchhalter hustete
und rusperte sich im Kontor, dessen Tr offen stand, und Herr Hagenau ging
drinnen auf und ab und hielt ihm einen Vortrag, den er schon vorher
angefangen hatte. Es war alles ganz wie zuvor. Aber ich hatte in der
Zwischenzeit etwas erlebt. Es hatte sich eine Tr aufgetan, die seither
verschlossen gewesen war, und ich stand unter ihr und sah allerlei schne
Dinge. Sie durfte nicht wieder zufallen, denn drauen stand die Jugend und
das Leben und hatte lachende braune Augen und einen Kranz von braunen
Zpfen. Und alles hing auch wieder mit dem Tod zusammen. Man konnte
davonkommen, eh' man es dachte, und dann blieb vieles ungeschehen, das erst
htte kommen sollen.

Das durfte aber um keinen Preis sein, dazu war man nicht Mensch geboren.
Aber andererseits: Wie konnte ich es mglich machen? Ich hatte nach
Ladenschlu beim Nachtessen zu erscheinen und da gediegen und ehrbar am
Tisch zu sitzen bei Frulein Brigitte und Herrn Kasimir. Das waren alte
Leute, von meiner Jugend aus betrachtet, und sie konnten mir zum Umgang
keineswegs gengen. Bis aber das Essen vorbei war, wurde es dunkel, und der
Abend war hin. Da wurde mein Gemt borstig und strubte sich, denn es
wollte nicht an der Kette liegen, und es tat nichts zur Sache, da es diese
bis heute nicht empfunden hatte. Ich schmi die Karten mit einem zornigen
Wurf auf den Nebentisch, um doch etwas gegen die Ordnung zu tun, und
beschlo bei mir, der alten Salome zu sagen, da ich in einen Vortrag gehe
und nicht beim Abendessen erscheinen knne. Das war frank und frei gelogen,
und es war eine Kunst, die ich bisher nicht gebt hatte. Aber es kam mir
nicht unmnnlich vor, da ich es tat, im Gegenteil. Denn man brauchte nicht
alles zu wissen, was ich vorhatte, da ich immerhin ber neunzehn war. Da,
als ich grimmig ausdachte, wie ich mich benehmen wolle, kam zur Ladentr
herein ein junges Menschenpaar, Bruder und Schwester, wie man sogleich sah.
Sie waren beide hoch und schlank und von einem hellen, khlen Blond, und
ich wute, als sie nach Herrn Hagenau fragten, da es erwartete Gste
waren, Neffe und Nichte aus Holstein oder sonst da oben her. Man hatte bei
Tisch von ihnen gesprochen und sie wohl an einem andern Tag erwartet. Aber
nun sie da waren, gab es ein groes Gren und Hndeschtteln. Herr Kasimir
verjngte sein Faltengesicht in der Freude an der Familienjugend und lie
es sich gefallen, da er auf beide Backen gekt wurde; das mochte dem
Weib- und Kinderlosen ein seltenes Streicheln sein.

Ich hatte das Zusehen dabei, und es war mir einen Augenblick, als she ich
einen alten ledernen Geldbeutel auseinandertun, verwittert und
abgerutscht, aus dessen Innerem es pltzlich hervorgleite von Gold und
Silber, was ihm uerlich niemand zugetraut htte, so zum Lebendigen
verndert schien es aus dem alten Herrn heraus, den ich noch nie so
durchsonnt gesehen hatte.

Da konnte ich nun meine Pfeifen einziehen, was die Tischgesellschaft bei
uns betraf, denn Jugend gab es nun gleichfalls im Hause, es war nur die
Frage, ob sie etwas von mir wissen wollte.

Die alte Salome ging eilig, um noch irgend etwas einzukaufen, an der
offenen Ladentr vorbei, und ich wre vielleicht wohlfeil davongekommen,
wenn ich mich bei ihr abgemeldet htte. Aber ich tat es nicht, es war keine
Rede mehr davon bei mir, sondern ich ging nach einer Zeit, als ich gerufen
wurde, mit einer neuen Krawatte geschmckt, zum Tisch und sa herzklopfend
neben dem jungen Mdchen, das Eleonore hie, Eleonore Bitterolf nmlich,
und vielleicht zwischen siebzehn und achtzehn war. Es war aber, um es
gleich zu sagen, kein junges Mdchen, was man so heien konnte, sondern
eine Dame, vor deren sicherem und gewandtem Wesen und Auftreten ich mich
verkriechen konnte. Der Bruder hie Hermann, hatte ein freies und heiteres
Gesicht, erzhlte frisch und munter, brachte alle und auch mich zum Lachen
und war ein junger Mensch wie ich. Dagegen das Frulein brachte sogleich
die berzeugung in mir auf, da es auf mich herabsehe und mich gering
schtze, was mich tief krnkte, obgleich ich keinen Beweis dafr hatte. Sie
hatte einen khl-erstaunten Blick zu versenden, wenn ich, von des Bruders
frohmtigem Wesen angesteckt, ins Lachen geriet und in die Unterhaltung
eingriff in meiner schwbischen Mundart. Dann wurde ich verlegen und
zornig auf mich selbst, da ich es wurde, sprach schriftdeutsch und
stolperte dabei und machte eine unglckliche Figur, vor mir selbst
vielleicht mehr als vor den andern, die mich gewi nicht so wichtig nahmen.

Frulein Brigittens schne Augen lagen des ftern aufmunternd auf meinem
Gesicht, und sie versuchte mein Schifflein zu steuern und brachte es auch
in ruhigeres Fahrwasser, nur durch ihr freundliches Dabeisein. Das Mdchen
war vielleicht so bel nicht, wenn man es recht berlegte, es war ihm alles
fremd hier unten im Sden, und es hatte von Natur eine andere Gemtsart und
Sprache als wir, nmlich eine norddeutsche, da konnte man nichts machen.
Dazu kamen die groen hellblauen Augen und die Last des ganz hrenblonden
Haares samt der weiesten Haut, was alles zusammen unerreichbar fein und
vornehm aussah, so da man zwar vorlufig einen vorsichtigen Bogen um die
ganze Erscheinung herum machte, aber zum Ha keinen ausreichenden Grund
hatte. Es wurde auch alles leichter und besser, als der Abend vorrckte.
Nach dem Nachtessen gab es Bowle, und als ich aufstehen und mich entfernen
wollte, lud mich Herr Kasimir in aufgemachter Stimmung ein, ein Glas
mitzutrinken, und ich lie mich ohne Mhe halten, trotzdem ich Hertha das
Mitkommen versprochen hatte. Es wurde musiziert, das Frulein Eleonore
spielte die Geige, die sie mitgebracht hatte, und ich hing mit den Augen an
ihr, wie sie so schlank und hoch dastand in ihrem dunkelblauen Kleid und
mit sicherer Bewegung den Bogen fhrte, whrend dagegen Frulein Brigitte
recht kmmerlich am Klavier sa, was mir heute auf einmal wieder auffiel
und mir ein peinliches Gefhl schuf. Aber das konnte bei ihr nie lange
dauern. Man brauchte blo in ihr heiteres, warm beseeltes Gesicht zu
blicken, so konnte man sich mit seinem Mitleid verkriechen und sie fr eine
verkleidete Gttin halten, und dafr sprach auch die Musik, die unter ihren
Fingern hervorquoll, wie ein kristallener Bach.

Es war Mozart, was sie spielten, und es war eine so reine, leichte
Heiterkeit und ein so frhlingshafter Duft und Wohlklang darin, da meine
trichte Wichtignehmerei davor in nichts verging und ich nur begierig war,
mich noch lnger so dahintragen zu lassen ohne Gedanken und auch ohne
persnliche Ansprche.

Es war mir zumute wie einst beim Baden im heimatlichen Flu, wo ich mich
gern auf den Rcken gelegt und von den lauen, durchsonnten Wellen hatte
tragen lassen. Aber das konnte nicht ewig fortgehen. Die Musik jubelte noch
einmal auf und schwieg dann, und es wurde einiges darber geredet, von dem
ich nichts verstand. Ich sa auf einem Stuhl am Fenster, von dem ein Spalt
geffnet war, und sah bald auf die schwach erhellte Strae hinaus, bald
nach dem blonden Frulein hin, und es ging allerlei in mir um, von dem ich
am Morgen noch nichts gewut hatte. Ich dachte, wer solche Musik spielen
knne, der sei freilich zu bewundern und habe allen Grund, viel auf sich zu
halten, denn er habe einen Schlssel zu hohen und schnen Welten. Und ich
bat es dem Frulein Bitterolf ab, da ich sie im stillen ein steifes und
hochmtiges Ding genannt hatte, und schickte meine Augen unverhllt nach
ihr hin. Da lchelte sie pltzlich und wurde ein wenig rot und sah auf
einmal aus wie ein siebzehnjhriges Mdchen, das sich gern in seiner
schnen Jugendpracht ein bichen bewundern lt. Und ich war froh und
befreit, denn lange htte ich das verehrende Gefhl doch nicht ausgehalten,
ich hatte keine bung darin.

Der Bruder sang noch ein paar Lieder mit einer hbschen, warmen Stimme; ich
fhlte mich zu ihm hingezogen und wnschte ihn mir zum Freund zu haben, und
er war auch ganz harmlos herzlich und einfach mit mir, obgleich er lter
war als ich.

Die Geschwister blieben etwa vierzehn Tage da, und es war in dieser Zeit
ein anderes Leben im Hause als sonst. Es ging allerlei Jugend aus und ein,
es wurde gespielt und musiziert, und ich nahm an allem Anteil, als verstehe
es sich von selbst. Da verging manches Unsichere, Ungelenke und es fiel
auch manches trotzige Wehren gegen blo vermutete Geringschtzung von mir
ab, da mir niemand etwas zuleide tat und ich im allgemeinen ein frhlicher
Bursch war, wo ich mich heimisch und im Recht fhlte. Es wurden
Nachenfahrten und Ausflge gemacht, und ich bekam zum einen und andern ein
paarmal Urlaub, was mir freilich den zornigen Ingrimm der alten Garde
zuzog, wie ich die Herren bei mir hie, die fr sich selber nie eine freie
Stunde auer der Regel nahmen. Das focht mich aber wenig an, denn es ging
mir im allgemeinen viel zu gut, es sollte nur brummen, wer es nicht lassen
konnte, bei mir ging es mit vollen Segeln ins Jungsein hinein.

Ich kaufte mir ein Fahrrad und mute ja freilich meinen Schwestern die
Rechnung darber schicken und einen Brief, in dem geschrieben stand, da
ich es spter einmal zahlen wolle, denn jetzt brauche ich es unbedingt.
Denn es war so, da ein ganzer Trupp junger Leute von beiderlei Gattung
sich zum Radfahren zusammentat und am letzten Tag, den die Geschwister
Bitterolf unter uns waren, einem Sonntag, eine weite Fahrt in die
Rheinebene hinunter machen wollte. Dabei aber zurckzustehen, wre mir
bitter gewesen, und ich sah keinen Grund ein, es zu tun. Gelernt hatte ich
die Kunst schon auf dem klapprigen Rad unseres Auslufers, und als der
Sonntag kam, sa ich auf meinem Wanderer und fuhr leicht wie ein Vogel
dahin in einem frhlichen Schwarm.

Die Stadt lag in einem wei- und rosafarbigen Bltenstrau und spiegelte
sich im Flu, wie ein junges Mdchen, das Freude an seinem hbschen Bilde
hat, und wir, als wir unter dem blauen Himmel in einer leichten Staubwolke
dahinflogen, die unsere Rder aufwirbelten, fhlten uns so recht im Besitz
der schnen Welt. Ich lenkte mein Rad neben das der Frulein Eleonore, die
soeben ein wenig hinter den andern zurckgeblieben war. Denn ich hatte
einen ganzen Sack voll Lebensmut an diesem schnen Sonntagsmorgen, und ich
wollte ihn vor ihr auftun und spielen lassen, da sie morgen wieder fortging
und ich noch etwas bei ihr auszuwetzen hatte vom ersten Abend her. Es
peinigte mich, da sie mich als einen ungeschickten Burschen in der
Erinnerung behalten sollte, was ich meiner Meinung nach gar nicht war. Denn
ich hatte doch viel gelesen und gelernt und war berhaupt nicht dumm, ich
konnte mich ganz gut unterhalten, wenn jemand auf mich einging. Auch fielen
mir oft die lustigsten Sachen ein, wenn ich nur jemanden gehabt htte, dem
ich sie erzhlen und der mit mir htte lachen knnen.

Also nahm ich einen Anlauf mit einem Strau Maiblumen und einer hflichen
Anfrage, ob ich sie am Rad befestigen drfe. Es fiel aber, um es gleich zu
sagen, nicht gut aus. Denn das Frulein, das hoch und nobel auf seinem Rad
sa in seinem blauen Leinenkleid, blieb unlebendig und hchstens hflich
und lie seine Augen nach unserem Vordermann, einem Mediziner, hingehen,
der sich soeben zu einer dicken und lustigen Studentin gesellt hatte und
ihr etwas Lachendes zurief, das man bei uns nicht verstehen konnte. Es war
meiner Dame nicht recht, da der Mediziner nicht neben ihr fuhr, das mochte
ich ihr aber in meinem Innern gnnen, ja es erhob mich, da sie auch nicht
alle Trmpfe in der Hand hatte, und ich bekam pltzlich Oberwasser und fing
an, vom schnen Wetter und der schnen Gegend zu reden und, als das nicht
recht verschlagen wollte, vom Geigenspiel und der Musik berhaupt. Ich
verstand zwar nichts davon, aber das schadete nichts, darum konnte ich doch
davon reden, und die Dame wurde auch dabei auf einmal lebendig und munter
und belehrte mich aufs beste.

Da kamen wir schn in Zug miteinander. Ich bekam vor lauter Frhlichkeit
eine Suada, als ob ich sen Wein getrunken htte, und brachte das Frulein
einmal ums andere zum Lachen. Die Trauben wuchsen mir nur so zu, und sie
sah mich drunterhinein erstaunt an, was ich so auslegte, als ob sie mich
nun erst recht kennen lerne, und ich ihr imponiere, und ich dachte: Ja,
schau nur, du wirst dann spter schon noch das Nhere von mir erfahren,
nmlich, da Ludwig Fugeler es mit allerlei Leuten aufnimmt, ob sie nun aus
Preuen oder Schwaben seien.

Da mute aber gerade in diesem erhebenden Augenblick der Mediziner
dazwischenfahren, der mit einem schnen Gru von der Gesellschaft kam und
uns meldete, da man keine Zeit habe, aufeinander zu warten und auch nicht
zu dem Schneckentempo, das wir neuerdings eingeschlagen htten. Er fuhr auf
die andere Seite des Fruleins und sagte mit Lachen: Oder haben Sie eine
dringende Unterhaltung? In diesem Fall bedaure ich, stren zu mssen. Da
fuhr dem Frulein Bitterolf eine kleine Rte und ein gehriger Schu
Hochmut in den Kopf, und sie sagte, kalt wie ein Eiszapfen: Ich wte
nicht, und gab ihrem Ro die Sporen, da es flog. Wir beide danebenher im
Saus, eine Strecke geradeaus und dann um eine scharfe Wegbiegung. Vor uns
stob die weie Wolke, in der die andern daherfuhren, aber dazwischen drin
war etwas lebendig, nmlich eine Gruppe junger Mdchen, die den Weg gerade
vor uns berquerten, als wir um die Ecke bogen. Sie waren in hbschen,
farbigen Sonntagskleidern und hatten Maiblumenstrue in den Hnden, die
sie im Wald geholt hatten, nun flatterten sie auseinander im Schreck vor
dem berfahrenwerden und schrien auf wie eine Herde Kchlein, in die der
Habicht stt. Das Unglck wollte es, da meine Nachbarin Hertha darunter
war, derentwegen ich schon seit jenem Abend, da ich sie hatte warten
lassen, ein schlechtes Gewissen in mir herumtrug. Sie erkannte mich und
lie mir einen Blick zulaufen ber die Schulter zurck, der war mit
allerlei beladen, was ich so schnell nicht auseinanderklauben konnte, und
in dem Augenblick fuhr das Frulein mit dem Rad in ihre Blumen und ihr
blauweies Sonntagskleid hinein. Es gab eine Erschtterung beider
Parteien, bei welcher die Blumen in den Straenstaub fielen, das blauweie
Kleid einen langen Ri bekam, und das Frulein auf seinem Sitz schwankte.
So machen Sie doch die Augen auf, herrschte sie das Mdchen an, das
verwirrt, erschrocken und in Staub gehllt dastand und seinen verdorbenen
Sonntagsputz ansah. Niemand, und auch ich nicht, gab ihm ein freundliches
und gutes Wort, wir fuhren weiter und sprachen davon, da am Sonntag die
Landstraen so voll seien von gewhnlichem Volk. Da man eigentlich besser
tte, werktags zu fahren, und da es zum Glck noch gut abgelaufen sei. Das
heit, die andern sprachen davon, aber ich war still dazu und hatte nur
immer das Mdchen vor Augen, wie es im Straenstaub stand und seine Blumen
am Boden lagen. Es hatte mir vor dem Unglck einen Blick zugesandt, und ich
htte etwas gegeben, wenn ich ihn htte deuten knnen: ein bichen traurig
und ein bichen schelmisch und in allem lieb und schn. Den Augenwink hatte
es nun zahlen mssen mit einem zerrissenen Sonntagskleid und einem
herrischen Wort in sein sonntagsfrohes Gemt hinein. Mir war nicht gut
zumute, aber ich lie nichts davon verlauten, denn es brauchte niemand zu
wissen, da ich das Mdchen gekannt hatte. Es war ein unfrohes Lustigsein
den Sonntagmorgen hindurch, bis ich, was mich bedrckte, pfeifend in den
Wind schlug, da ich es doch nicht ndern konnte.

                  *       *       *       *       *

In der Nacht, die darauf folgte, ging es mir sonderbar. Es war mir, als
gehe meine Tr auf und ein Mensch komme herein mit einem Licht in der
Hand. Es war eine alte lampel, wie wir zu Hause eine gehabt hatten, und zu
deren l ich die Buchelen selber im Stadtwald gesammelt hatte. Die Ampel
kannte ich sogleich wieder, sie war von Zinn und blank geputzt, und ihr
Licht schien durch eine vorgehaltene Hand, an der ein dnner silberner Ring
schwach erglnzte. Die Hand war rot durchleuchtet und als ich sie ansah
samt dem Ring, wute ich, da sie meiner Mutter gehre. Da dachte ich: Das
ist ein Traum, denn deine Mutter lebt ja nicht mehr. Aber es ging mir durch
und durch ein wehes Wohlsein und ein lebendiges Gefhl von einer lieben
Nhe, und ich war begierig, wie es weiter komme. Die Mutter stellte die
Ampel auf den Nachttisch, und dann sah ich sie vor mir stehen, klein und
kmmerlich und mit einem angstvollen Ausdruck in ihrem schmalen
Runzelgesicht. Sie sah ber mich hin, und ich erkannte durch die
geschlossenen Lider ihren Mund, der schmallippig und eingesunken war, wie
er sich leise flsternd bewegte. Lieber Gott, la mir meinen Buben recht
werden, sagte sie, ich bin ein einfltiges Weib. Es ging mir durch und
durch, ich htte ihr gern gesagt, da alles im besten Schick sei mit mir,
aber ich konnte mich nicht rhren. Da fhlte ich eine groe Trne hei und
schwer auf mein Gesicht niederfallen. Sie brannte mich und ich sthnte und
wollte sie wegwischen, aber es ging nicht, es wurde mir angst und bang. Ich
versuchte, mein Kinderverslein zu beten, das ich abends beim Schlafengehen
mit der Mutter gesprochen hatte, aber ich konnte nur einen Satz daraus
finden: Alle Kindlein, blo und arm, decke du sie weich und warm. Aber es
war nicht das, was ich sagen wollte, ich mhte mich vergebens, und als ich
es nicht zuwege brachte, ging die Mutter kopfschttelnd wieder weg. Das
Licht nahm sie mit. Da, als sie die Tr hinter sich zumachte, trat mir das
Elend und das Verlassensein ans Herz. Ich htte sie gern zurckgerufen und
ihr Liebes gesagt, aber es war zu spt, und auf einmal liefen mir die
Trnen stromweis bers Gesicht.

Eine Uhr schlug von irgend einer Kirche her, vielleicht vom nahen Mnster,
ein Luftzug wehte ber mich hin. Da sa ich pltzlich aufrecht im Bett mit
offenen Augen und hatte in Wahrheit noch nasse Backen von den vergossenen
Trnen des Traumes.

Der Mond sah neugierig ins Zimmer und legte eine lange, schmale Lichtbahn
auf den Fuboden. In dieser Lichtbahn war wohl vorhin die Mutter gestanden,
an die ich schon so lang nicht mehr gedacht hatte. Es plagte mich, wo sie
wohl auf einmal hergekommen sei, denn, Traum oder nicht Traum, sie war mir
auf einmal nah und lebendig und regte allerlei in mir auf; ich mochte mich
auf die rechte oder linke Seite legen, so blieb das helle, aufgestrte
Wachsein, das mir fremd und ungewohnt war, und das Denken an Dinge, die
weit von mir lagen am Tag und fr gewhnlich.

Zum Beispiel sah ich hell und deutlich zum Greifen unsere Stube daheim an
einem Himmelfahrtsfestmorgen vor mir. Ich hatte einen Frhspaziergang in
den Wald gemacht und einen Hut voll von den rosasamtigen Blmlein
mitgebracht, die man bei uns Himmelfahrtsblmlein hie. Sie wuchsen an
einer heimlichen Stelle, tief im Wald, und ich hatte den Kuckuck schreien
und eine Drossel singen gehrt, hatte Eichhrnchen ihre Sprnge machen und
ihre stolzen Fahnen dennoch leicht und zierlich tragen sehen und hatte
etwas von Morgenfrische mit in die niedrige Stube gebracht. Die Mutter
machte ein Krnzlein aus den Blumen und hngte es um das kleine, verblate
Bildchen eines jungen Weibes, das einmal ihre Mutter gewesen war. Sieh,
Ludwig, sagte sie, man mu die nicht vergessen, die fortgegangen sind.
Sie sind nicht tot, sie sehen uns und brauchen, da wir sie lieb haben.
Wenn wir sie vergessen, so friert sie's und tut ihnen weh. Dann klopfen sie
an, oder sie kommen uns im Traum, oder es zerspringt ein Glas, das ihnen
gehrt hat, oder ein Spiegel, und anders knnen sie nicht sagen, was sie
gern wollen: denkt an uns, vergesset uns nicht, denn ihr seid Fleisch von
unserem Fleisch, und es ist um eine Zeit, so kommet ihr auch zu uns. Jetzt
freut's vielleicht die Gromutter, da du ihr das Krnzlein gebracht hast.

Das alles war mir damals nicht wichtig. Ich war von Kindesbeinen an ein
Bub, der vor sich hin und in den Tag hinein lebte ohne viel sinnige
Gedanken, und die Blmlein hatte ich nur geholt, weil es mich freute, in
der Morgenfrhe in den Wald zu gehen, die Gromutter war gar nichts fr
mich, ich hatte sie nie gekannt.

Aber mein Hirn hatte getreulich alles aufbewahrt mit allen Tnen und
Farben, was an jenem Morgen gewesen war, und noch vieles dazu, das
schttete es aus, wie ein Scklein voll Raritten und breitete es um mich
herum aus, ein Stck ums andere. Ich sah die ganze Heimat. Die Mutter hatte
sie mir mitgebracht, aber es war etwas dabei, das mich nicht recht freuen
konnte. Denn sie hatte mich traurig angesehen, ich war ihr nicht recht
irgendwie. Und es war jetzt zu bedenken, da sie vielleicht lebte auf
irgend eine Art, wenn man es auch nicht erklren konnte, wie, und da sie
zur Tr hinausgegangen war, weil ich meinen Vers nicht konnte, und da sie
mich mahnen wollte, ich solle sie nicht vergessen. Bei dem allem wurde es
mir eng und schwl zumute, wie ich es vordem kaum je so empfunden hatte,
und ich erhob mich aus dem Bett, um ans Fenster zu treten und die frische
Nachtluft ber mich hinstrmen zu lassen. Da geschah es, da mir beim
Vorbergehen mein Bild aus dem Spiegel entgegensah, vom Mondlicht schwach
beleuchtet, und ich erschrak daran, stellte mich aber trotzdem aufmerksam
davor hin und sah mein Gesicht seine Augen auf mich richten, als ob es mich
prfen und ergrnden wollte. Es war mir, als sei es ein zweiter Mensch,
einer, der zu meinem Ich du sagen knne, und der mich durch und durch sehe,
und es war mir nicht im mindesten mglich, mich von ihm abzuwenden oder ihm
das Anstarren zu verbieten, ich war festgehalten, wie das Eisen vom
Magneten. Dergleichen hatte ich vordem nie erlebt. Was bist du fr einer?
schien mir das Spiegelbild zu sagen. Dich sollte ich kennen, meine ich.
Schon von frher, von lang her. Du bist schon lang nicht mehr bei mir
gewesen, es ist eigentlich schade. Aber wie ich, mich dem Bilde
befreundend, es nher ansah, und der Mond mir dazu leuchtete, fate mich
auf einmal ein Grauen vor mir selbst und dem Spiegelbild, das ich als mein
Selbst erkennen mute; es war, als ob aus den glnzenden Punkten meiner
Pupillen ein Dritter heraussehe, der wieder ich war. Es konnte ins
Unendliche so fortgehen, man wute nicht mehr, wer man selber war und wer
sich fremd in einem bewegte, und dazu tauchten Mglichkeiten und Fragen
auf, die einem nie kamen, wenn man unbesehen fr sich hinlebte und vor
denen es einen ins Mark hinein fror. Da ri ich mich mit Gewalt von mir
selber los und flchtete mich ans Fenster, meine aufgeregten Pulse im
Anschauen des stillen Nachtbildes beruhigend, das da drauen fr sich
hinlebte, gleichgltig, ob einer es ansah oder nicht. Die herrliche
Pyramide war ganz vom Mondlicht durchflossen, es war, als bade sie alle
ihre Blumen, Rosetten, Knufe und Spitzen darin und sei lebendig in
ruhevollem Atmen, und hinter ihr stieg der Berg auf mit seinen dunklen
Bumen, deren Wipfel in den silberlichtbeglnzten Himmel tauchten, ohne
sich zu rhren. Die Huser aber standen von innen heraus verdunkelt und
ganz im Schlaf, und nur ich junges Blut wachte und wre gern gut, einig mit
mir und den ewigen Lebensgewalten und allem, zu dem ich im stillen du sagen
konnte, gewesen, denn ich war wunderlich aufgerhrt. Und ich htte auch
gern jemanden gehabt, zu dem ich nah gehrte, einen Freund oder so. Aber
das dauerte nicht lange, und es kam nicht viel darnach. Es schauerte mich
am offenen Fenster und im leichten Hemd, und ich kroch ins Bett zurck, den
Spiegel vermeidend. Da nahm mich der Schlaf in die Arme bis der Morgen kam.

                  *       *       *       *       *

Als die Geschwister Bitterolf abgereist waren, ging das Leben im Hause
wieder seine alten Gleise hin. Mir war es recht, da sie dagewesen, und da
sie wieder gegangen waren, beides hatte sein Gutes. Ich war in allerlei
Leben hineingekommen, das ich vordem nicht gekannt hatte. Zum Beispiel
konnte ich auf der Strae hie und da den Hut abziehen vor angesehenen
Leuten, deren Namen und Art ich kannte, die mich wieder grten mit
Hflichkeit und Achtung, und konnte jungen Mdchen unter den Hut schauen
mit Fug und Recht, weil ich schon mit ihnen gespielt und geredet und ihnen
etwa das Jckchen oder den Schirm getragen hatte. Im Laden aber gab es
Gelegenheit, mit Studenten oder anderen jungen Leuten Gesprche zu fhren.
Da war ich nicht mehr nur der junge Mensch mit dem braunen Haarbusch, als
der ich etwa schon bezeichnet worden war, sondern ich hie Herr Fugeler
oder auch Fugeler kurzweg, je nach der Intimitt. Und ich strengte mich an,
in meine Arbeit hineinzuwachsen, da ich gern etwas Rechtes darin vorstellen
wollte.

Es war, wie man so sagt, ein Knopf gebrochen bei mir, das hing mit dem
Besuch insofern zusammen, als ich durch ihn unter die Menschen und mit
ihnen in eine Gleichartigkeit gekommen war. Aber es war auch wieder gut,
da er vorber war, denn ich war doch nicht ganz gleichartig mit den
Bitterolfschen, ich mochte mich strecken, wie ich wollte. Sie hatten etwas
mitbekommen von klein auf, und es war noch in ihnen grogezogen worden, das
ich kaum vom Hrensagen kannte. Das konnte man nicht mehr nachholen. Es war
vielleicht ein Erbteil von vielen Vorfahren her, die sich selbst und ihre
Kinder geschult und erzogen hatten, da sie leicht und frei und ohne Mhe
sich im Leben bewegen konnten und nirgends anstieen durch Unbehilflichkeit
oder Nichtwissen. Auch hatten sie, wie sie sprechen und hren lernten,
gleich eine Luft um sich herum gehabt, in der es mit allerlei Geistigem
reichlich umging. Vielleicht waren schne Bilder und Musik, und Frauen in
feinen Gewndern um sie her gewesen, und sie hatten kluge Mnner von aller
Kunst und Weisheit reden hren; das war ihnen alles gewesen wie das
tgliche Brot. Mit dem allem war ihnen der Tisch gedeckt von Jugend an, da
wuchsen sie heran und wurden Auserwhlte und hielten sich auch dafr. Und
es war so, da man vieles erwerben und in manches hineinwachsen konnte,
wenn man sich darnach sehnte und alle Kraft anspannte, sie aber waren da
von jeher daheim und lebten hochgemut und auch hochmtig, wie es mir
schien, und es blieb immer ein Zaun, an dem man sich stoen konnte,
zwischen ihnen und unsereinem. Dann, wenn man sich stie, sahen sie
einander an und lchelten erstaunt oder verzeihend, und man sah, da sie
hinter ihren klugen Stirnen dachten: ach du, du kennst ja unsere Sprache
nicht, du bist aus einem andern Land.

Sonst, fr dich selbst betrachtet, wrest du ganz recht, aber unsereiner
kannst du ja nicht sein.

Solche Gedanken gingen viele mit mir um, als wir wieder wie sonst im Hause
Hagenau zusammen lebten.

Aber halt, kam es mir dann: ist nicht Frulein Brigitte auch eine von
derselben Art, klug, vornehm und von reicher Bildung, sicher in sich selber
und vor den andern? Ungescheut trgt sie ihre Last auf dem Rcken und hat
eine stolze Wrde, als wre sie die aufrechteste Frau. Sie aber zieht keine
Grenzen um sich, sondern ist gleich nah und gtig mit allen und auch mit
mir. Was also ist besonders an ihr-- und wie kommt es, da man Vertrauen
und Verehrung zu gleicher Zeit bei ihr empfindet?

Sie ist eine Persnlichkeit, entschied der Verstand, stolz ber die Formel,
die er gefunden hatte; eine solche wird nicht geboren, sondern entwickelt
sich erst.

Ja, aber wie? Einfach mit dem Alter? Oder durch Leiden, wie bei ihr?

Das blieb immer noch die Frage, die indessen wieder in den Hintergrund
trat, weil die Gegenwart fortwhrend Neues an den Tag brachte.

Ich war wieder mit dem Blumenmdchen Hertha zusammengekommen, was sich bei
unserer nahen Nachbarschaft fast von selber machte und was ich auch
wnschte, denn so unbekmmerlich ich auch fr gewhnlich meines Weges ging,
so ertrug ich doch nicht leicht das Gefhl, da irgend jemand mir bse oder
von mir beleidigt sei, ich wollte nirgends einen schlechten Eindruck
machen. Das hing freilich nicht mit irgendeiner Tugend in mir zusammen,
sondern nur mit der Gewhnung daran, da jedermann mir wohlgesinnt und
zugetan sei, die ich in nichts unterbrochen wissen wollte.

Das gute und natrliche Mdchen machte es mir auch leicht, meine
Entschuldigung anzubringen; es gengte ihr, da ich im Grunde der war, fr
den sie mich gehalten hatte und mit dem man ein harmloses Wort sprechen
konnte, was sie so gern tat, und wozu sie den Tag ber bei ihrer etwas
griesgrmlichen Frau wenig Gelegenheit hatte.

Eines Abends begegnete sie mir in der Nhe des Kirchhofeingangs, an dem ich
zufllig auf einem Spaziergang vorbei kam. Wir waren schon wieder so gute
Freunde, da ich auf ihre Einladung mit ihr hinein ging, da sie, wie sie
sagte, den Oberaufseher besuchen wollte, mit dem sie gut bekannt sei. Wir
gingen durch die Grberreihen, zwischen denen wie schwarze Schatten hie und
da Trauernde wandelten, nach einer Gegend hin, wo alte Bume zwischen
eingesunkenen Hgeln standen, und wo die Steine verwittert und die Namen
fast unleserlich und mit feinem Moos ausgefllt waren. Es war eine lngst
verklungene Gesellschaft hier beisammen, es mochte aber nicht mehr viel von
den stillen Bewohnern der unterirdischen Kammern brig sein. Whrend dort
immer noch Trauer und Trnen umgingen, war hier lngst Ruhe eingekehrt, und
die Vgel bauten ihre Nester an den Struchern, die aus den Gebeinen der
lngst Gewesenen entsprossen waren.

Sehen Sie, sagte Hertha vorstellend, als msse sie mir die Bekanntschaft
der Ruhenden vermitteln, hier liegt ein alter Junggeselle oder doch
wahrscheinlich ein Junggeselle. Es hat niemand um ihn geweint, als er
gestorben ist, das hat mich schon schwer erbarmt. Ich habe ihm schon einmal
einen Syringenstrau gebracht, aber freilich, es hilft ihm nichts mehr. Man
sollte leben, so stark man kann, solange man da ist, denn nachher ist es zu
spt, und man lt nichts hinter sich.

Ich sah sie verwundert an. Woher wute sie die Lebensgeschichte dessen, der
unter dem ganz bemoosten Stein lag, und wie kam sie dazu, ihm Blumen zu
bringen, wenn er sie doch nichts anging? Und wie kam aus ihrem jungen und
blhenden Munde solche Erfahrungsweisheit?

Da, sehen Sie! Sie schob ein paar Zweige des Efeus, der von der Mauer
hergekrochen war und das Grab umarmte, zurck.

Hier ruht ein Fremdling, Herr Vinzentius Burhagen, hier gestorben Anno
1799, dem Gott gndig sei.

So hie die Grabschrift. Die Buchstaben waren einmal ausgekratzt worden,
das sah man, damit sie wieder lesbar wurden. Aber als ich Hertha fragend
ansah, ob sie das getan habe, schttelte sie den Kopf.

Das hat der Zeitler getan, der ber den Ort hier gesetzt ist. Er kennt
alle Begrabenen hier und wei von ihnen, woher, das wei kein Mensch. Er
ist einmal in der Fremde gewesen und hat auf die Gelehrsamkeit studiert,
aber es ist ihm etwas dazwischen gekommen, und er ist heimgekommen und hat
angefangen, die Toten zu hten. Sie seien so friedlich, sagt er, und htten
alles hinter sich, Dummheit und Bosheit und Schmerzen, alles, es sei gut
mit ihnen auskommen. Da ist er, unterbrach sie sich und strebte vorwrts
nach einer halbrunden Bank hin, die auf einem winzigen Hgel stand. Dort
sa ein lterer Mann in ausruhender Haltung. Er trug Kopf und Schultern
vorgeneigt und hatte die lssigen Hnde zwischen die Knie gelegt; ein paar
rote Nelken hielt er lose darin. Als ich ihn sah, war es mir sogleich, als
ob ich ihn schon irgendwo einmal gesehen htte, vielleicht vor langer Zeit,
ich wute aber nicht wann und wo. Das erinnerte mich an meine Kindertage,
wo ich ein hnliches Erlebnis hier und da gehabt hatte. Ich sah einen Ort
oder Menschen oder ein Ding zum erstenmal, und es war mir, als she ich
etwas Altbekanntes und lie es mir auch nicht ausreden, da es in Wahrheit
so sei. In solchen Fllen pflegte meine Mutter zu sagen: Du wirst es noch
von damals kennen, als du das erstemal auf der Welt gewesen bist, und ich
wute nicht, ob sie das im Spa oder im Ernst sagte und dachte auch nicht
tiefer darber nach.

Der alte Mann lie ein paar ruhig betrachtende Augen auf mir liegen, und
ich gab es ihm in meiner Verwunderung ber das vermeintliche Wiederkehren
von etwas lngst Gewesenem heim, so sahen wir einander ins Gesicht,
vielleicht nur ein paar Sekunden, aber doch lang genug, um in der
Schnelligkeit irgendeine Verbindung zwischen uns herzustellen.

Hertha sagte: Ich bringe einen Besuch mit. Er ist mir unterwegs begegnet,
er ist mein Nachbar, und wir lieen uns links und rechts von dem
Friedhofswchter auf der Bank nieder. Er reichte Hertha eine seiner Nelken,
die sie begierig riechend an die Nase fhrte. O, die sind von der jungen
Frau Maibom, sagte sie, den Duft erkennend, er aber schttelte den Kopf:
Falsch geraten, sie sind von der Familie Gutekunst, und ich merkte, da
sie von Grbern sprachen. Da wurde es mir eigen zumute. Der Abend war noch
im Verlschen mild und schn. Am Horizont waren Tcher ausgebreitet von
bunten, allmhlich erblassenden Farben, eine Betzeitglocke lutete, im
Gebsch fing eine Nachtigall an zu schlagen, neben mir sa der Mann mit dem
schmalen, bekannten Gesicht und drben das junge, starklebendige Mdchen,
es htte alles heimelig und warm sein knnen. Aber unfern von uns war ein
altes Grab aufgemacht, und es lag ein Hufchen gelber halbvermoderter
Knochen dabei, die der Totengrber herausgeschaufelt hatte, und es war ein
Gerchlein von welkenden Krnzen vorhanden, die in der Nhe auf einem
Haufen lagen, das alles mahnte mich diesseitigen Menschen an die Gegenden
jenseits der Grenzen, und ich wunderte mich, wie ich hier hereingeraten
sei. Jedoch nicht lange, denn Hertha hatte keineswegs die Absicht, Geister
zu beschwren oder Vergnglichkeitsgedanken nachzuhngen, sondern sie stand
blhend und freudig im Leben und hatte nur ein freilich merkwrdiges
Mitleid mit den Toten, weil sie von dieser Welt fortgemut hatten, auf der
es doch so schn war; es konnte um sie herum kein spukhaftes Grauen
aufkommen.

Sie roch an ihrer Nelke und sagte: Gebt doch dem Herrn auch eine. Er
steckt den ganzen Tag zwischen den Bchern, ich mchte nicht in seiner Haut
sein. Er hat ein so ernsthaftes Gesicht, das kommt davon. Es ist aber blo
oben drauf, er kann auch lachen, ich hab's schon gesehen.

Der Friedhofswchter gab mir eine der wrzhaft duftenden Blumen. Es waren
solche, wie sie der alte Heinrich Kilian gepflegt hatte und wie sie jetzt
noch daheim vor meinem Kammerfenster blhten, wahrscheinlich wenigstens.
War denn aber alles verhext heute abend und war etwa mein Kilian in den
Zeitler geschlpft, um mit mir Versteckens zu spielen und zu fragen: Kennst
mich noch? Woher mir solche Gedanken kamen, wei ich nicht, aber sie waren
um den Weg und ich mute, wie damals in den Spiegel, so heute mit einer
halben Lust und einem halben Grausen in das Gesicht des Zeitlers sehen, ob
mir eine Erkenntnis komme, die mich ja freilich beim ersten Augenwink in
die Flucht gejagt htte, da, was man etwa im Traum gelassen oder freudig
hinnimmt, das Dasein eines Hingegangenen, im Wachen jhes Entsetzen
bedeutete. So unverrcklich fest steht uns in uns selber Eingeschlossenen
die Ordnung der Dinge beider Welten. In mein Schweigen hinein und das des
Zeitlers schttete Hertha ihr Geplauder, das in der werdenden Dmmerung
tnte wie ein spielendes Bchlein, und zu dem nach und nach meine Gedanken
zurckkehrten unverrichteter Sache. Denn es war ja, wenn ich mich nchtern
besann, ohnehin ein Unsinn, was sie ausheckten.

Ich verstehe nichts von Bchern, hrte ich Hertha sagen, man mte mir's
grad sagen, was darin steht, da ich's nicht selber lesen mu.

Der Zeitler gab einen summenden Ton von sich, der allerlei bedeuten konnte,
ein Lachen oder einen Zweifel, und Hertha fuhr fort:

Ich bin nur froh, da ich's mit den Blumen habe, es ist, wie wenn ich dazu
auf die Welt gekommen wre, da ich das Kranzbinden treibe. Das kann ich
nach der Regel, ich hab's gelernt und hab's auch in den Fingern. Meine Frau
pat nicht dazu, sie hat erst in das Geschft hineingeheiratet, das ist der
Unterschied. Sie dauert mich eigentlich, denn sie hat ein saures Gemt. Sie
hat als Kind einmal in einen Essighafen gerochen, davon ist's ihr
geblieben. Mich hat sie aber gern, und sie ist auch froh an mir. Die Leute
kaufen gern bei mir, weil ich freundlich bin und gern lache. Es gibt auch
nichts Schneres, als den ganzen Tag geschafft haben und abends fertig
sein. Oder ja, vielleicht gibt es auch etwas Schneres, und man wei es
blo nicht. Heute habe ich eine Girlande machen mssen um ein
Kindersrglein aus lauter Monatrschen und mit Immergrn. Da habe ich
weinen mssen, weil es mich so gedauert hat, zu denken, ich knnte als Kind
gestorben sein und wre dann nicht mehr da. Ich bin gern da, das mu ich
sagen; von mir aus knnte jeder Tag hundert Stunden haben, es wre mir
keine zu viel.

Du Nrrlein, sagte der Zeitler, was wr's denn dann mit dem Feierabend
und dem Sonntag, wenn du so lange Tage haben willst?

Jaso, ja, gab das Mdchen zu, es ist nur gut, da ich's nicht machen
mu, es kme etwas Schnes dabei heraus. Versteht sich, der Sonntag mte
geradeso lang sein und der Feierabend auch. Es ist mir auch ganz recht, wie
es ist, ich will es gar nicht anders haben. Gestern war das bucklige
Frulein Hagenau bei mir im Laden und kaufte einen Rosenstock, und ich trug
ihn hinber. Da sa sie in ihrem schnen Wohnzimmer in einem seidenen
Sessel, und ihr Bruder sa ihr gegenber und las in der Zeitung, und die
alte Magd Salome trug den Kaffee herein. Die haben's schn, aber ich mchte
sie nicht sein, um kein Geld. Lieber Gott, wenn man jung ist und vergngt
und gerade Glieder hat, dann freut's einen, und alles kann noch kommen, was
es Gutes gibt. Ich mchte doch nicht ledig bleiben, nicht um alles.

So sei jetzt auch einen Augenblick still, sagte der Zeitler, man kann ja
mit keinem Steckelein dazwischenfahren, wenn du einmal anfngst, es luft
wie aus einem Brunnenrohr. Was weit denn du davon, wie es gehen kann auf
der Welt, und was weit du von Glck und Unglck? Verheiratetsein kann ein
Glck oder ein Elend sein, und Ledigsein auch, es kommt drauf an, wie man
es erlebt. Er sagte es ein bichen scharf und streng, und Hertha dauerte
mich, denn ich dachte auch wie sie, einmal in diesem Augenblick sicher.
Aber sie machte sich augenscheinlich nichts daraus, denn sie lchelte vor
sich hin und dann zu mir herber, als ob wir beide besser wten, wie es
wre.

Auch fuhr der Zeitler gleich darauf milder fort: Die Brigitte tauschte mit
niemand, wenn man es ihr anbieten wollte. Heit das, was sie in sich selbst
und aus sich heraus geworden ist, gbe sie nicht hin, wenn sie noch einmal
ein Leben leben drfte in einem schlanken Krper und mit allem, was man so
gemeinhin Glckseligkeiten heit.

Wir sahen ihn beide fragend an, weil er das Frulein beim Vornamen nannte
und weil er ber ihr Inneres Bescheid zu wissen und sie berhaupt zu kennen
schien.

Er ist bei Hagenaus, sagte Hertha und deutete mit dem Kopf nach mir hin.

Der Zeitler hatte noch nicht nach meinen Verhltnissen gefragt, nun sah er
mich aufmerksam an und sagte: Sie sind da in guten Hnden; er zgerte ein
wenig und fgte dann hinzu, zum wenigsten, was die Schwester betrifft,
obgleich ich Herrn Kasimir nichts zuleide tun will. Ich kenne ihn weniger
als sie, die ein lebendiger Mensch ist, wie es nicht viele gibt.

Was er da sagte, erfllte mich mit Begierde, mehr von den beiden und
besonders von Frulein Brigitte zu hren. Ich mag wohl auch den Zeitler
bittend genug angesehen haben, denn er fing nach einigem Zgern wirklich
an, einiges aus ihrer Lebensgeschichte mitzuteilen. Woher er sie wute,
verlautete nicht. Ich mu glauben, da er selber irgendwie an ihr beteiligt
oder mindestens Zuschauer gewesen war; er vermied es aber, sich selbst zu
nennen. Das sei immer so, sagte Hertha, er rede nie von sich.

Es ist mir aber, als habe er doch von sich geredet ohne Willen, denn er
verfiel im whrenden Erzhlen in eine seltsam reiche und blhende Sprache,
die deutlich genug sagte, da er einmal in einer Welt gelebt habe und sie
noch in sich trage, die von seiner jetzigen unterschieden sei in mehr als
einer Hinsicht.

Ich meine, ich hre ihn noch; es wird aber wohl bei mir anders
herauskommen.

Dort drben, sagte Zeitler, und deutete nach einem Marmorgrabmal, das
zwischen einer Baumgruppe heraussah, liegt oder lag eine junge, feine
Frau, die der Tod an einem einzigen heien Krankheitstag erwrgt hat. Sie
hatte die Augen noch offen, als der Sarg geschlossen wurde, oder vielmehr,
sie waren, schon zugedrckt, langsam wieder aufgegangen, und es sah
erschtternd aus, wie die erloschenen Sterne unbeweglich nach dem
Kinderhuflein hinschauten, dem sie noch lange htten scheinen sollen. Das
war die Mutter der Geschwister Hagenau. Sie war eine Waldbauerntochter
gewesen, gesund, schn, lebensfreudig und heibltig und dabei reich und
von guter Bildung, und hatte dem etwas verbrauchten Hause mit Blut und Geld
aufhelfen sollen. Letzteres war geschehen, aber der Reichtum ihres
sprhenden Lebens schien ganz und gar der jngsten Tochter Brigitte
aufbehalten gewesen zu sein, whrend die lteste und der um weniges jngere
Sohn dem Vater nacharteten, der brav, gewissenhaft, grndlich belesen und
mit allgemeiner Bildung versehen, aber etwas trocken und unlebendig war.
Oder wenigstens so ungefhr wurde er geschildert. Doch soll er an der Frau
unendlich gehangen haben und durch ihren Tod ganz gebrochen, und also doch
nicht ohne Leidenschaft gewesen sein. Fr die Kinder hatte er nach dem Tode
der Frau nicht mehr viel Aufmerken. Er veranlate ihre Schulbildung, wie es
recht und blich war und nahm eine Hausdame, die fr Nahrung und Kleider
und fr das Hergebrachte an guten Sitten und was man so gemeinhin Erziehung
nennt, sorgte, und die er der Bequemlichkeit halber nach einiger Zeit
heiratete, ohne da sie viel fr ihn gewesen wre. Die arme Frau und Mutter
hatte allen Grund gehabt, ihr Huflein mit gebrochenen Augen noch traurig
anzusehen, wenn man so sagen darf, denn es war nicht mehr viel Freudigkeit
und Kinderglck im Hause. Einzig die jngste Tochter, die auch im ueren
das Abbild der Mutter war, schien Sonne und Lebenslust in sich selbst zu
tragen und sich ihre Nahrung zu holen, wo man sie ihr nicht anbot. Sie war
von jedermann berzeugt, da er sie liebe und Freude an ihr habe, und
dieses glckliche Wissen um sich selbst, lie sie hinwiederum auch allen
Leuten strahlend und wie ein kleines Snnchen entgegenkommen, dem sich in
Wahrheit niemand ganz entziehen konnte. Die beiden andern Kinder wuchsen
dagegen als Schattenpflanzen auf; das Mdchen als stille, brave,
pflichttreue Schlerin, die ihren Ehrgeiz darein setzte, alle
Unterrichtsstoffe grndlich und unvergelich in sich aufzunehmen, der
Knabe, der vielleicht am meisten von allen die Mutter entbehrte, aber ohne
sich dessen bewut zu sein, als knurriger und verdrielicher Sohn seines
unfrohen Vaters, ohne rechte Blte lang ins Kraut schieend. Er rgerte
sich selbst und andere bei jeder Gelegenheit, und besonders hatte er es auf
die lachende Brigitte abgesehen, deren Liebreiz er versprte und geno,
ohne es merken zu lassen. Vielmehr stritt und balgte er sich mit der
Schwester herum und hatte hunderterlei an ihr auszusetzen, vielleicht nur,
um sie in raschem Zorn entflammen zu sehen, worin sie ihm besonders gut
gefiel, oder auch, um ihr helles und unwiderstehliches Gelchter zu hren,
wenn ihr sein nrgelndes Wesen komisch erschien.

Das rgerte und entzckte ihn dann zu gleicher Zeit; er lie aber weder das
eine noch das andere merken, sondern tat gleichgltig und als ob es ihm zu
wenig wre, darauf zu horchen. In ihrem zwlften Jahr war Brigitte ein
schlank aufgeschossenes Mdchen mit prachtvollen Zpfen, die sie lang
herabhngend trug, und mit einem Ausdruck in dem blhenden Gesichtchen, als
ob sie von weitem die vollen Strme des Lebens rauschen hre und sich
anschicke, darauf zuzugehen, um sich darin zu baden. Statt dessen aber
wartete ein dunkles Meer der Leiden auf sie, und das Rauschen war ein
herannahendes Gewitter, das den vernichtenden Blitz auf sie niedersandte
und die Sonne auslschte, ehe sie noch im Mittag stand.

Hier unterbrach sich der Zeitler, fr einen Augenblick aus der
Vergangenheit auftauchend, und merkte selbst, da er in einer Weise zu uns
redete, die wir nicht bei ihm gesucht htten, und die auch bei ihm selbst
zurzeit nicht blich war. Er nahm eine der Nelken zwischen die Lippen, und
es war mir pltzlich, als habe ich ihn nicht im Leben, sondern auf einem
Bild so gesehen und wisse nun, wer er sei, es falle mir nur der Name nicht
ein.

Kurzum, fuhr er nach einer kleinen Pause fort, als habe er wie ein Maler
nach einem andern Pinsel gesucht oder als Musiker eine andere Saite
aufgezogen, die Brigitte erlitt einen schweren Unfall, der sie zu dem
verwachsenen Geschpf machte, das sie jetzt ist, und ihr ganzes Leben
umkehrte. Es ist schon lang her, und vielleicht sollte man es jetzt nicht
mehr sagen, aber der Kasimir war schuld daran. Es war in einem
Nachbargarten. Die Brigitte sa in einer Schaukel, die zwischen zwei Bumen
angebracht war; sie schwang sich leicht spielend hin und her und plauderte
daneben mit den Nachbarsmdchen. Da trat der Kasimir hinzu und fing an, die
Schaukel zu stoen, da sie hoch und immer hher hinausflog. Vielleicht
gefiel es ihm, da die schwarzen Zpfe so lustig tanzten, vielleicht auch
hatte er sein unholdes Vergngen daran, da die Brigitte rief: >La sein,
ich will nicht so hoch!<, kurzum, er stie mit aller Kraft, da die
Schaukel mit dem schnen Vogel drin an die vollen Kronen der Bume anstie
und zwischen den Zweigen hindurchrauschte. Das Mdchen wurde bla und bekam
Angst, was sonst nicht in seiner Art lag, und bat flehentlich ums Aufhren,
aber der fnfzehnjhrige Flegel hatte seiner Lust noch nicht Genge getan,
oder was es war; als die Brigitte auer sich herunterrief: >La los, oder
ich springe heraus!<, gab er, der es natrlich nicht glaubte, noch einen
letzten, wilden Sto drein, um dann aufzuhren, und in dem Augenblick flog
das Mdchen durch die Luft und schlug schwer auf den Boden auf. Die
Schaukel aber kam ledig zurck und schwang sich, in den Ringen knarrend,
noch eine Weile hin und her, bis einer hinging und sie anhielt.

Da war dann nun eine Zerstrung geschehen, die jedem weh tun mute, der sie
sah. Es wre fast leichter anzusehen gewesen, wenn das arme, totenblasse
Kind, das da im kurzen Grase lag, die Augen nicht mehr aufgemacht htte. Es
wre dann in aller seiner sonnigen Schnheit dahingegangen, und jedermann
htte es als einen Liebling bei Gott und Menschen in der Erinnerung gehabt.
Aber freilich, der Kasimir wre dann sein Mrder gewesen in aller tapsigen
Dummheit, und so konnte man es wieder nicht wnschen, auch wenn es etwas
geholfen htte. Das Leben ging auch, ohne zu fragen, seine eigenen Wege,
legte das schne, unglckliche Geschpf auf ein jahrelanges schmerzhaftes
Siechbett, drohte zuweilen, es nachtrglich noch hinweg zu nehmen und lie
es dann zu einem schweren, unbegreiflichen Dasein wieder aufstehen. Die
Wirbelsule war verkrmmt und wurde es immer mehr, und unaufhaltsam sank
der schne, feine Kopf zwischen die Schultern und beugte sich der aufrechte
Wuchs, den das heranblhende Kind gehabt hatte. Da war die Brigitte kein
Snnchen mehr, sondern eine arme, leidende Kreatur, von deren tieferen
Schmerzen gewi kaum ein Mensch recht wute, und die eine Mutter htte
brauchen knnen, wenn sie, die drauen schlief, irgend zu erwecken gewesen
wre. Denn als das lange Siechtum berstanden war, regten sich von neuem in
dem lebensvollen Mdchen die Krfte des Blutes und der berschwngliche
Lebensdrang, den sie von der Mutter ererbt hatte, und der nun in einem
verwachsenen Leibe gefangen lag. Die Schwester heiratete in all ihrer
dnnbltigen Zahmheit einen Privatdozenten von der Universitt, der in
frheren Jahren die kleine Brigitte sein Brutchen geheien hatte, und dem
auch jetzt unglcklicherweise ihr lebenverlangendes Herz mit harten Pulsen
entgegenklopfte. Er zog mit der Frau nach dem hohen Norden hin und wurde
eine Berhmtheit in seinem Fach, das junge, schmerzlich lebendige Geschpf
aber blieb in dem unfrohen Vaterhause zurck. Die zweite Frau des Vaters
war auf einer Erholungsreise in ihre Heimat gestorben und auch dort
begraben worden, und es verstand sich von selbst, da Brigitte die Fhrung
des Haushalts bernahm, der aus dem Vater und dem Unglckswurm Kasimir
bestand. Dieser war ber den Unfall, den er herbeigefhrt hatte, auer sich
gewesen, was sich darin zeigte, da er, wie er ging und stand, von der fr
sterbend gehaltenen Schwester weg in ein benachbartes wildes Tal lief und
sich dort verschiedene Tage und Nchte lang umhertrieb, bis ihn endlich das
Verlangen, etwas Nheres zu erfahren, wieder in die Stadt fhrte, und zwar
zuerst auf den Friedhof, wo er sehen wollte, ob sich das Muttergrab
geffnet und ber einer neuen Bewohnerin wieder geschlossen habe. Als er
nun sah, da nichts dergleichen erfolgt war, setzte er sich, bermdet von
Angst und Reue und dem ziellosen Umherirren, auf den mtterlichen Hgel
nieder und schlief ein, bis er spt am Abend verwirrt emporfuhr, weil
jemand seinen Namen gerufen hatte. Es war dies sein Vater, der, gleichfalls
aufgestrt aus seiner gewhnlichen Ruhe, heftige Angst um sein
Lieblingskind empfand, dem er freilich sein besonderes Wohlgefallen kaum je
gezeigt hatte, und der nun fast instinktmig den Ruheplatz seines Weibes
aufsuchte, um ihr als Mutter zu sagen, da sie eigentlich jetzt am Platze
sein mte. Als er nun an dieser Stelle den Sohn fand, dem er
begreiflicherweise heftig zrnte, und dem er eine gehrige Strafe, er wute
nur noch nicht welche, zugedacht hatte, ging eine seltsame Wandlung mit ihm
vor, deren er sich nicht erwehren konnte. Der Missetter hatte nmlich,
vielleicht um bequemer zu ruhen, vielleicht aber auch in einem
ausbrechenden Verlangen nach Schutz und Hilfe, mit beiden Armen den
aufrechtstehenden Marmorblock umfat und den Kopf auf den mtterlichen
Namen gelegt, und erschien dem Vater wie ein alttestamentlicher Flchtling,
der zur Sicherung vor seinen Verfolgern in den Tempel eindrang und die
Hrner des Altars umklammerte. Auch zeigte sich im Schlaf eine so
unverstellte Herzensnot und Bekmmernis auf dem sonst gleichgltigen
Gesicht des Sohnes, da sich der Vater des Erbarmens und der Rhrung ber
das Leiden, das noch grer war als seines, nicht enthalten konnte und den
Schlafenden aufweckte, nicht zum Gericht, wie dieser meinen mute, sondern
um ihn ans Herz zu schlieen. Das ist freilich nicht buchstblich zu
verstehen, denn Liebkosungen waren in der Familie nicht Sitte und waren
bisher nur von dem jetzt verdunkelten Snnchen ausgegangen, aber dennoch
ging von da an ein stilles Einverstndnis zwischen Vater und Sohn einher.
Fr diese beiden war berhaupt das Unglck der armen Brigitte ein freilich
noch tiefverschleiertes Glck. Denn die Reue, die der Kasimir, und das
Mitleid, das beide empfanden, zwang sie, ihrer kargen Natur einiges an
Zartheit, Gte und Frsorge abzuringen, um der armen Kranken das Leben zu
erleichtern, was alles ihnen selber wieder zugute kam. Es geschah aber das
Wunderbare, da das gequlte Geschpf, die Brigitte, in aller ihrer Leibes-
und Seelennot dennoch wieder etwas von dem alten Lachen fand, zuerst nur
selten und fast widerwillig, aber spter sich selbst unwiderstehlich. Das
war, als sie sah, wie die beiden Mnner, der alte und der junge, ihre
ungeschickten Versuche machten, sie aufzuheitern und das dster gewordene
Haus zu erhellen. Es war ihr wie jemandem, der zusieht, wie unerfahrene
Hnde sich mhen, verquollene Fensterladen aufzumachen, um Licht in einen
dunklen Raum zu lassen, und der endlich hingeht, um es selber zu tun, da
doch keine Aussicht ist, da es anders hell werde. Denn die ursprngliche
und gottbegnadete Heiterkeit hatte in der ganzen Familie doch nur Brigitte
allein, und es wurde ihr nach und nach klar, da es alles nichts helfe, sie
msse den verschtteten Quell wieder ausgraben, da sie ohne ihn nicht leben
knne, und auch die andern darnach drsteten. Das ging freilich nicht ohne
blutende Hnde ab und nicht ohne Verzweiflung am endlichen Gelingen. Es
wurde ihr nichts erspart an qualvollem Verlangen nach Glck und vollem
Menschenleben, besonders wenn sie andere in aller Ruhe und Gottergebenheit
erleben sah, was sie selber, wenn es ihr zuteil geworden wre, mit
Seelenjauchzen und Wonnestrmen in sich ausgetragen htte.

Doch, unterbrach sich Zeitler, es hat schlielich niemand das Recht,
davon zu reden, da sie selber es nicht tat. Wenn sie aber, fuhr er fort,
von einem Anlauf nach der festen Burg der Herzensstille und des sich
Gengenlassens ermdet zurcksank, so malte sich ein so ehrlicher und
ratloser Kummer in den Gesichtern der Mnner, da sie es nicht mitansehen
konnte und sich wieder aufraffte, und wieder, wenn sie ein heiteres Gesicht
und einen kleinen Scherz zuwege brachte, so erhellten sich die trockenen
und verlegenen Mienen so sehr, da es ihr ein bestndiger Reiz war, die
Verwandlung zu sehen und hervorzubringen.

Was aber zuerst nur kraftlose und gequlte Versuche waren, das entwickelte
sich im Lauf der Jahre durch ehrliche und anhaltende bung zu einem
lebendigen und ungestrten Besitz, um den sie die meisten Menschen, in
deren Dasein es immer glatt und eben zugegangen ist, beneiden knnten, wenn
sie dazu die Fhigkeit htten, ja zu einer Quelle, nach der es verstubte
und mde Wanderer hinzieht und niemals umsonst. Natrlich steckt da noch
allerlei darin und dahinter, zu dem, wie zu einer verschlossenen
Brunnenstube, sie allein den Schlssel hat. Doch kann man immerhin an einem
frisch und unermdlich sprudelnden Brunnen merken, wie die aus der Tiefe
steigende Quelle beschaffen sein mu.

Der Kasimir hatte schon lngst bei sich selber beschlossen, unverheiratet
zu bleiben, um der Schwester ein dauerndes Heim bieten zu knnen. Das htte
unter Umstnden ein schweres Opfer sein knnen, das wohl auch die klare und
natrlich empfindende Frau, die Brigitte ist, niemals angenommen htte.
Aber sie sah bald, da sie dem Bruder mehr geben knne, als er ihr, ja, da
der etwas trocken und karg ausgestattete Mensch nicht so viel mitteilende
Lebenskraft habe, da es um die Ehe, die er htte fhren knnen, schade
gewesen wre. Sie lie ihn ruhig gewhren, ohne es ihm auf die Nase zu
binden, wie sie die Sache auffate, so da er das erwrmende Gefhl
behielt, ihr zur Shne fr einen ungezogenen Augenblick sein ganzes Leben
zum Opfer zu bringen, was ihm wohl tat und ihn, wenn er es hie und da
bedachte, erhebend anrhrte. Oder vielleicht auch noch anrhrt, schlo der
Zeitler, dem es pltzlich einzufallen schien, da die Personen, die er aus
der Vergangenheit heraufgeholt hatte, wo er ihnen irgendwie nher gestanden
sein mute, noch da waren, ja, da ich begierig Horchender jeden Tag um sie
war.

Es war inzwischen fast ganz Nacht geworden, aber nicht eigentlich dunkel,
denn am wolkenlosen Himmel waren die Sterne sichtbar geworden und
flimmerten wie Fenster, auf denen der Widerschein eines Lichtes liegt; auf
dem weiten Grberfeld webte und rhrte sich allerlei, aber es waren nur die
Gebsche, die der leise Nachtwind regte, oder die weichen, langen Zweige
der Trauerweiden, die sachte hin und her wogten; Dfte kamen in weichen
Wellen heran und umgaben uns, und ich dachte an meine Mutter und da sie
gesagt hatte: Die Toten haben keine andere Sprache, um uns zu sagen:
Verget uns nicht, denkt an uns. Aber es war nichts von Grausen dabei, denn
es hllte mich ein groes Wohlsein ein. Ich fhlte eine quellende Liebe im
Herzen und wute nicht, galt sie der siegreichen Brigitte oder dem kleinen
Snnchen, das sie frher gewesen war, oder dem Zeitler, der mir so
wunderbar bekannt schien, und der sich selber ganz im Dunkel hielt, wenn er
von den andern erzhlte. Wer war er denn, wenn man fragen durfte? Aber man
durfte nicht fragen, man mute sich ganz still halten.

Da sagte auf einmal Hertha mit einem kleinen Seufzer: Ach, da die arme
junge Frau die Augen offen gelassen hat! Aber ich liee sie auch offen,
wenn ich sterben mte, man drfte sie mir nicht zudrcken. Ich mchte
wissen, ob meine Mutter auch noch nach mir hingesehen hat, wie sie tot
gewesen ist. Nein, sie hat es nicht getan, sie hat mich ja schon vorher
hergegeben gehabt, mich armes Kind. Wenn ich nicht so vergngt wre, so
wre ich gewi recht traurig; ich habe es aber in mir, da mich das Leben
freut, ich kann nichts dafr.

Der Zeitler stand auf und fhrte uns zum Ausgang; es war mir, als sei ich
in einer andern Welt gewesen und kehre nun wieder in die vorige zurck.
Hertha sagte, als wir vor ihrer Haustr waren: Ach, es ist schad, da man
die Nchte verschlft, aber es wird so sein mssen, scheint mir. Ich mchte
einmal eine Nacht durch laufen und bis in den Morgen hinein, durch den Wald
und ber einen Berg hinber, aber nicht allein, es mte zu zweit sein. Und
wenn es hell wrde, stnden wir oben auf einem andern Berg und wren froh,
da wir schon auf sind, eh' die Sonne kommt, weil es schad' ist um alles,
was schn ist, und man sieht's nicht.

Da htte ich doch nicht bel Lust gehabt, sogleich mit ihr fortzuwandern
durch schlafende Wlder und an schwatzenden Bchen hin und in den Morgen
hinein. Aber sie schlpfte ins Haus, und ich ging allein vollends in die
Stadt hinein, und nach einer Weile hatte ich das Gelste schon vergessen,
denn es war so vieles lebendig in mir an diesem Abend, es war gut, da ich
mit keinem Menschen reden mute.

                  *       *       *       *       *

Einmal, nicht lang nach diesem, kam ein Brief von meiner Schwester Luise,
der mir viel zu schaffen machte. Er weckte mich, der ich ganz im Hier und
Heute lebte und genug damit zu tun hatte oder es doch meinte, fr eine
Weile zum Gedenken an eine Welt auf, die mich nur ungern und nach ihrem
Dafrhalten nur leihweise hergegeben hatte, die mir aus ihren treuen und
stillen Krften unermdlich spendete, was ich bedurfte oder auch nur zu
bedrfen glaubte und die nichts zum Entgelt wollte, als etwas von mir
selbst, ein Zugehren, ein Heimdenken und freilich auch hie und da ein
Zeichen davon.

In der Krze: ich schrieb wenig genug nach Hause; es war mir alles entweder
zu gro oder zu klein, als da ich es htte mitteilen mgen. Auch war das
Schreiben langweilig und jede Stunde sonst besetzt, und so kam es, da
meine Schwestern nur nichtssagende Zettel von mir bekamen. Ich brauchte
Wsche oder Stiefel, oder mute mir dies und das anschaffen; sie hatten mir
einen Kuchen geschickt nach altem Rezept, er war gut gewesen, aber ich
stand gut im Futter und sie brauchten mir in Zukunft nichts zum Essen zu
schicken; ich machte einen Ausflug und grte sie mit einer Ansichtskarte;
im brigen ging es mir gut und ich hoffte es auch von ihnen. Ich dachte,
sie seien damit zufrieden, denn ich war es selber auch, und in ihren
Briefen stand auch nichts anderes. Nun aber hatte Luise den Plan gefat,
mich zu besuchen und sich zu dieser Reise, die ein groes Ereignis in ihrem
Leben werden konnte, nach und nach ein Smmchen zurckgelegt. Sie wollte
sich ein besseres Kleid dazu anschaffen, ein Reisekfferchen und
dergleichen, und sie gedachte auch, es sich unterwegs einige Tage wohl
sein zu lassen und auch mir die oder jene Gte anzutun. Dabei rechnete sie
meine Freude, mit der ich sie empfangen wrde, mit der ihrigen, mich
wiederzusehen, zusammen, und es schien ihr eine Summe, die es wert war, das
Ersparte daran zu wenden, besonders wenn sie ihr Verlangen nach einer
kleinen Unterbrechung des arbeitsreichen und einfachen Lebens, das sie
fhrte, noch dazu tat. Denn ich hatte die Freude am Schnen und Freien, das
es auf der Welt gab, nicht allein gepachtet, es gab noch andere Leute,
denen es um ein offenes Fenster nach der Sonnenseite hin zu tun war.

Aber es war ein Strich durch die hbsche Rechnung gemacht worden, denn es
war ein Posten fr ein Fahrrad eingelaufen, und zwar fr ein gutes, da die
billigen nichts aushielten. Dafr htte man einige Reisen machen knnen,
aber es war jetzt nichts zu wollen, das Geld mute zuerst abbezahlt werden
so nach und nach. Denn wer wollte sich einen hbschen Hut kaufen oder einen
Schirm, was beides man unterwegs brauchte, an die Reisekosten nicht zu
denken, solang eine unbezahlte Rechnung im Hause lag? Also das war nichts
gewesen fr diesmal; man mute es auf ein anderes Jahr sparen, es war aber
schade, denn es wre doch an der Zeit gewesen, einander wieder zu sehen.
Nicht da mir das Rad nicht gegnnt war, aber wenn es noch ein bichen Zeit
damit gehabt htte, so wre es besser gewesen.

Das alles war so ungefhr aus dem Brief zu lesen, einiges davon ergnzte
ich auch in meinen Gedanken, denn ich konnte mir ja deutlich vorstellen,
wie alles zu Hause zuging. Ich sah sogar das zinnerne Bchschen von der
Mutter her, das Luise in einer Schublade aufbewahrte, und das ihre
Extragelder barg. Sie hatte es gewi oft herausgenommen und die Stcke
gezhlt, die darin lagen, und hatte dann mit Helene ausgerechnet, was alles
zusammen kosten konnte. Nun aber war es leer, und es kam auch so schnell
nichts mehr hinein, und das hing mit mir zusammen. Ich rgerte mich nicht
wenig, als ich den Brief las bis zu dieser Stelle, aber ich wute nicht
recht ber wen oder was am meisten. Freilich ber mich mute es eigentlich
sein, ich war der schuldige Teil, und es half mir nichts, da Luise mir gar
keinen Vorhalt machte, nicht den mindesten. Htte sie es getan, so htte
sich mein Grimm einigermaen gegen sie wenden knnen, denn sie htte dann
unrecht gehabt auf irgend eine Weise. Ich mute es aber selber tun. Aber
wie? Lebte ich etwa in etwas anspruchsvoller als andere junge Leute, die
ich kannte, nicht eher im Gegenteil? Und htte ich nicht studieren knnen,
wenn ich gewollt htte? Das aber htte dann noch viel mehr gekostet. Und
hatte ich nicht die bestimmte Absicht, spter das Rad zu bezahlen? Ich ging
um den wahren Kernpunkt der Sache herum, der darin bestand, da die
tchtigen, liebevollen und guten Schwestern umsonst darnach aussahen, ich
mge mein junges Sein und Wesen in etwas mit ihnen teilen, da sie es so
unermdlich nhrten und bereicherten mit ihrer Arbeit und Sorge. Vielmehr
glaubte ich eine Mahnung zur Dankbarkeit zu verspren, die mir unleidlich
war. Obgleich ich keine Scheu trug, alle Opfer anzunehmen, wollte ich mich
doch nicht verpflichtet fhlen, sondern dachte, wenn man dankbar sein
msse, so knne einem schon alles gestohlen werden, und war mir nicht
bewut, da der Stachel, wider den ich lckte, in meiner eigenen Brust
sa, da mich ja sonst niemand angriff. Ich wre am liebsten auf ein paar
Tage heimgefahren, das wre das einfachste gewesen; doch, begreiflich,
gerade das konnte ich nicht tun, denn umgekehrt kostete die Reise auch
Geld. Im stillen aber wute ich: wenn ich gekommen wre, sie htten mich
dennoch mit Jubel und Jauchzen empfangen, es wre etwas ganz anderes
gewesen.

Als ich den Brief wieder zur Hand nahm, wurde ich inne, da ich ihn erst
zur Hlfte gelesen hatte; es lag ein zweites Blatt dabei, in dem stand
geschrieben, da meine Schwester Helene im Lauf des nchsten oder
bernchsten Jahres zu heiraten gedenke, nmlich wenn die Aussteuer
beieinander sei. Denn auf Abzahlung wolle sie kein Stck anschaffen. Sie
habe einen guten und tchtigen Verlobten, der ein Schreiner sei und es wohl
einmal zum Meister bringen werde. Er sei beraus sparsam und fleiig und
fange schon an, in den Abendstunden das eine oder andere Stck fr den
einstigen Haushalt zu schreinern. Helene bekomme es einmal nicht schlecht;
der Brutigam habe schon gesagt, nach der Hochzeit drfe sie nicht mehr um
Geld nhen, er knne selber eine Frau erhalten, sie msse dann nur das Haus
imstand halten und vielleicht ein Stck Gemseland, denn er esse gern
selbstgepflanzte Bohnen und Erbsen. Freilich, fr jetzt nhe sie um so
eifriger, sie mchte vier Hnde haben, um nur viel fertig zu bringen, denn
alles koste Geld, es sei nicht zum Sagen.

Darum wolle auch Luise von jetzt an alles, was mich angehe, allein
bestreiten, sie sage es mir im Vertrauen, da ich mich in allem an sie
wenden solle. Helene wolle es nicht, natrlich. Sie sage, es drfe in
nichts anders werden, aber sie werde schon froh sein, wenn ihr Geldlein
sich schneller aufrunde, da der Schatz nicht so gar lang warten msse. Ich
solle mich nichts anfechten lassen, es werde alles recht und gut. Das
Bgelgeschft gehe gut, es sei keine Not. Wenn sie nicht so altvterisch
erzogen wre, so htte sie die Reise trotz allem gemacht, aber ich wisse
ja, wie die Mutter gewesen sei: lieber um und um geflickt, als einen
Pfennig Schulden. Von der habe sie es auch, sie knne nichts dafr. Ich
solle nur freudig sein in meiner Jugend, es sei gut, da ich aus dem Engen
hinausgekommen sei, sie wollte oft selber auch, sie wre es. Wenn sie nur
wisse, da es mir gut gehe und da ich in das Hohe und Feine hineinkomme,
so sei es schon recht. Vielleicht wisse ich einmal ein gutes Buch fr sie
zum Lesen, denn das sei ihre Liebhaberei schon von jeher gewesen, und
Sonntags habe sie Zeit dazu. Wenn man doch einen Bruder habe, der mitten in
den Bchern sitze, so sei es ja zu machen.

Da war es mir nun leichter und schwerer in einem. Denn Luise war viel zu
gut und zu lieb, und man mute ihr dankbar sein, ob man wollte oder nicht,
ja, an ihr hngen von Herzen, so oft sie einem einfiel, was freilich oft
lange anstand. Und Helene war Braut und steuerte auf das
Frau-Meisterin-sein hin. Aber daneben war da ein Schwager, der ein
Schreinergeselle war und von dem ich nichts wute, als da er sparsam sei
und fleiig. Das war noch lange nichts Besonderes, man konnte daneben
unausstehlich sein. Vielleicht hatte er schon einen Pik auf mich, weil ich
noch in den Kosten war, was ihn, rund herausgesagt, gar nichts anging. Es
war immer so schn gewesen, als die beiden Schwestern miteinander hingelebt
hatten und ihnen alles gemeinsam gewesen war. Es kam mich an wie Heimweh,
aber nach dem, was sich ndern wollte, nicht nach dem, was neu entstand.
Und heimfahren wollte ich jetzt gerade nicht, auch fiel der Brief, den ich
schrieb, steif und hlzern aus, weil ich eine Verlegenheit in mir trug.
Wenn aber Luise htte in mir lesen knnen, was ich eigentlich gern gesagt
htte, sie htte sich nicht beklagen mssen.

                  *       *       *       *       *

Sie beklagte sich auch nicht, sondern im dritten Jahr meiner Lehrzeit, als
diese fast zu Ende war, kam sie dennoch angefahren und mit ihr Lotte
Meister. Man konnte alles nachholen, was das erstemal gewesen wre, und
besser als damals. Denn ich war mittlerweile ein junger Mann im
zweiundzwanzigsten Jahr geworden, der ein sicheres Auftreten hatte und sich
in der Gegend auskannte; ich konnte sie herumfhren, wo es schn war, und
ich konnte ihnen sagen, was sie wissen wollten. Denn sie kamen sich
himmelweit von zu Hause vor; es war ein anderes Wasser und andere Berge als
bei uns. Die Wlder sahen dunkel in die Stadt herein, aber die Stadt selber
war heiter und hell. Doch hatte sie im Innern alte Straen und Tore, und
das Mnster war ein Bruder von den unsrigen daheim. Die Leute hatten eine
andere Aussprache als bei uns; was vom Land hereinkam, trug eine schne und
ehrenfeste Tracht, und die beiden hatten kein hheres Lob dafr, als da
sie sagten, so habe man es auf der Alb auch, wenigstens nicht viel anders.
Sie schauten alles genau und ausfhrlich an, denn sie muten nachher davon
zehren und daheim davon erzhlen knnen; sie sahen in fnf Tagen mehr als
ich in drei Jahren; sie waren ruhigen und gesammelten Gemtes und machten
die Tore weit auf, um alles hereinzulassen. Da ging mir selber manches erst
auf, als ich es ihnen zeigte, ich wunderte mich, wo ich meine Augen gehabt
hatte, aber ich lie es nicht merken, sondern tat mit allem vertraut. Es
waren zwei stattliche, tchtige Frauenwesen; Lotte war immer noch schn,
obgleich das Leben nicht oben ber sie hinwegging. Sie hatte ihr kluges und
heiteres Gesicht behalten, wenn auch kleine Fltchen dazwischen hinliefen;
ihre Zpfe lagen gro und schwer am Hinterkopf, und da die Gestalt etwas
an Flle gewonnen hatte, pate ganz gut zu ihr. Luise hatte ich eigentlich
grer in der Erinnerung gehabt, das machte, da sie ein wenig in die
Breite ging, da sah sie krzer aus. Auch gefiel mir an ihrem Anzug einiges
nicht so recht, ich meinte fast, sie sei in der losen, kurzrmeligen
Bgelbluse hbscher gewesen als in dem fest anliegenden und verzierten
Kleid, das gut und neu und auch modisch war, ich war es nur nicht an ihr
gewhnt, und es schien ihr auch nicht ganz behaglich darin zu sein. Aber
wenn sie den Hut abnahm, sah man das glatte blonde Haar um ihr gutes,
groes Gesicht herum; sie trug es immer noch in einem Kranz aufgesteckt,
und ihre blauen Augen waren so treu; sie brauchte gar nichts zu reden, so
wute man dennoch, wie endlos gut sie es meinte. Aber sie sagte es auch,
wenngleich mit andern Worten.

Sag mir alles, was dich angeht, Ludwig, bat sie, du bist mir doch
wichtiger als die ganze Stadt. Wir sind keine Briefschreiber, einmal du
nicht; ich verlang's auch nicht, der Mensch kann nicht aus seiner Haut
heraus. Aber das weit du doch, da wir daheim davon leben, wie dir's geht
und was aus dir wird. Und berhaupt. Du bist doch unser Einziges. Darum bin
ich doch gekommen, ich htte ja auch sonstwohin reisen knnen.

Das htte sie aber nicht sagen sollen, denn es drckte mich. Man mute mir
nicht nachlaufen; es wrgte mich im Hals, da sie so liebreich mit mir
redete. Geschwister muten es einander nicht sagen, wenn sie einander gern
hatten. Ich hatte sie auch gern, aber ich sagte es nicht, sonst sprte ich
das Gegenteil in mir. Alles, nur nicht an der Kette sein, und wre sie noch
so zart und fein gesponnen. Ich schwieg und machte ein strrisches Gesicht.
Aber Lotte Meister brach meinen Bock; sie scheute sich nicht, sie hatte
noch immer ein Recht an mich gehabt, und sie durfte auch reden, denn sie
brachte mir keine Opfer das ganze Jahr hindurch, sie stand frei vor mir und
ich vor ihr. Sie nahm mich gehrig her, sie fand eine Gelegenheit unter
vier Augen.

Ludwig, Ludwig, sagte sie, lauf die Welt aus und ein, du findest keine
solche Treue mehr. Du hast Hrner aufgesetzt und mut sie dir verstoen,
denk' an mich; es kann einmal weh tun, wenn du zu dir kommst und merkst,
was du dir selber verhunzt hast. Ich seh' dich wie in einem Spiegel, du
brauchst gar nichts zu sagen. Du nimmst es den Mdchen bel, da sie fr
dich schaffen und da sie arm und einfach sind; du willst hoch hinaus und
willst niemand etwas zu danken haben dabei, und bist dennoch ein Genieer,
der sich nichts versagen kann. Ich knnte dir noch vieles sagen, aber du
verstehst es nicht, du hast noch Scheuleder auf, die mssen dir zuerst
herunterfallen, vorher hilft das Reden nichts. Ich meine dir's gut: vergi
nicht, woher du kommen bist, und da du ein goldenes Kleindlein daheim
hast.

Zuerst dachte ich patzig: Was habe ich denn getan? Was tu' ich denn
Unrechtes? Es htte nicht viel gefehlt, so wre es bs ausgefallen. Aber
Lotte sah wieder einmal aus wie die Germania auf dem Kriegerdenkmal; ich
war ein kleiner Bub ihr gegenber. Und doch brach dabei ein so heller und
wahrhaftiger Strahl aus ihrem Gesicht und Wesen, der klopfte bei mir an,
da ich auftun mute. Sie wartete auch zum Glck auf keine Antwort, sondern
fing an, kleine Dinge von daheim zu erzhlen. Da ihre alte Mutter das
Nervenzittern noch verloren habe, es sei wie ein Wunder, sie sei fast
wieder jung; da das lustige Mdchen Hermine seinem Feldwebel angetraut
sei, und da ihre, Lottens, Kinder wie die Tnnlein heranwachsen, es sei
schade, wenn ich sie nicht sehe, sie seien im nettsten Alter.

Da sind sie, glaub' ich, schon lang drin, sagte ich und lachte. Da lachte
sie auch, und als Luise zu uns trat, waren wir in einer Frhlichkeit, an
der sie unverzglich teilnahm, denn sie sprte freudig, da ein Riegel
aufgegangen sei.

Ich hatte denn auch, angestoen wie ich war, vieles mitzuteilen, das mir
die beiden Getreuen begierig abnahmen; ich htte noch mehr haben knnen, es
wre ihnen nicht zu viel gewesen.

Im vorigen Winter hatte ich Kolleg gehrt bei einem Geschichtsprofessor. Es
war ein Prachtsmensch mit einem silbernen Bart. Man meinte, er sei
dabeigewesen, als Napoleon seinen Leuten unter den gyptischen Pyramiden
sagte: Jahrtausende schauen auf euch hernieder. Manchmal schlo er die
Augen, wenn er redete, und manchmal griff er mit der gespreizten Hand in
die Luft, da holte er sein Wissen her, es stand in Flle um ihn herum. Er
kannte mich; er hatte zu Herrn Hagenau gesagt, ich htte Augen gemacht wie
ein hungriger Hund. Wenn er in den Laden kam, sagte er: Mein lieber
Fugeler.

Literaturvortrge hrte ich auch. Und ich las viel, aber davon war nicht
anzufangen; es gehrte zum Beruf und zur allgemeinen Bildung. Man konnte
ein Buchhndler sein so oder so, ich hatte aber im Sinn, etwas Rechtes zu
erreichen. Ich sprach mit ernsthafter Wichtigkeit, und die beiden Frauen
hrten mir mit Andacht zu, Lotte aber mit einem leisen Zweifel, ob man der
Sache in allem richtig trauen knne; wenn ja, dann wollte sie mir gern mit
Achtung begegnen. Sie hatte mich abgekanzelt, aber sie war ja dennoch froh,
wenn etwas Rechtes mit mir los war, denn sie hatte mich gern, und sie
gnnte es den Schwestern, wenn sie mit mir zu Ehren kamen.

Luise sa still und freudig dabei. Wenn ihr etwas das Herz regte, so nannte
sie den Mutternamen. Das mchte die Mutter freuen, sagte sie, als ich
preisgab, man lasse mich im Hause Hagenau etwas gelten und habe mich
ersichtlich gern. Auch sei die Kundschaft im Laden mir zugetan. Herr
Kasimir hatte vor kurzem gesagt, ich solle nach der Lehrzeit noch ein Jahr
im Hause bleiben und dann mich in der Welt umsehen, er wisse mir schon
Pltze. Nachher sehe man wieder. Das schwellte mich, ich sah einen
gesicherten Weg vor mir, und auerdem tat es meiner jungen
Selbstherrlichkeit gut, da der schweigsame und zugeknpfte Herr auf
einmal anfing, mit mir ins Benehmen zu treten. Er sprach ber das und das
mit mir, gab mir Briefe zu schreiben und Bcher zu lesen, lobte oder
kritisierte, was ich tat und lie hie und da unverhofft bei Tisch oder
sonstwo die Blicke auf mir liegen, als ob ich ihm zu denken gebe.

Ich dachte zufrieden, es seien ihm die Augen ber mich aufgegangen und er
fange an zu merken, da er gut mit mir fahre. Auch sei er lngst nicht so
trocken, wie man von weitem meine, sondern ein feiner und zurckhaltender
Mensch, der sich seine Leute zuerst ansehe, ehe er sich mit ihnen gemein
mache.

Das alles lie ich vor den beiden spielen, fing aber unversehens einen
Augenwink von Lotte Meister auf, der sagte: Ach du, ich seh' dich ja durch
und durch, mach' mir nichts weis. Es lag ein bichen gutmtiger Spott darin
bei aller Freundschaft, das stach und streichelte mich zu gleicher Zeit.

Luise aber sah in die Zukunft hinein wie in einen goldenen Becher, denn ich
kam immer mehr aus ihren Sorgen, und man sah, da kein Grund vorhanden war,
ber mich zu kmmern, denn ich wurde recht, man konnte mich ruhig laufen
lassen. Sie war es nicht gewhnt, sorgenfrei zu sein, sie hatte seinerzeit
von der Mutter ein Bndel bernommen und es bis hieher getragen, nun lachte
etwas im Grund ihres Herzens: es ist dann nicht so, da ich nicht auch
lustig sein kann, wenn die Zeiten darnach sind. Nur her mit den guten
Zeiten, ich habe schon lang auf sie gewartet. Sie fing an auszuladen, was
sie von daheim wute.

Helene wre gern mitgekommen, aber es mute ihr ums Geld sein. Der Schwager
Schreiner hatte groe Rosinen im Sack; nmlich es war eine Schreinerei
feil, ein altes Lottergestell von einem Haus freilich, aber nicht teuer und
mit einer Kundschaft darauf, die nicht zu verachten war. Sie wollten noch
ein Jahr mit der Hochzeit warten und zusammenlegen, was jedes verdiente,
dann war dem schweren Anfang schon etwas abgebrochen. Vielleicht zog Luise
mit und mietete den unteren Stock fr ihre Bgelei, es half den
Schreinersleuten auf, man konnte gemeinsame Haushaltung machen und
beisammen bleiben. Sie zog ein Bild des Brautpaars aus dem Ledertschchen,
das sie am Arm trug. Helene war schmal und fein und hatte ein zartes
Gesicht mit einem lieben, aber etwas mden Ausdruck. Das sei immer so bei
den Bruten, die lange warten mssen, erklrte Luise, es sei begreiflich
und habe gute Grnde. Sie sei aber gesund und munter, nur schaffe sie zu
viel; es sei gut, wenn das spter anders komme. Im Haus herum schaffen sei
gesnder als das ewige Sitzen bis spt in die Nacht hinein.

Der Schreiner stand hinter ihr mit gezwirbeltem Schnurrbart und mit
Besitzermiene. Ich konnte ihn nicht leiden, seit ich von seinem
Vorhandensein wute, und als ich ihn sah, noch weniger. Es ging etwas
Feindliches von ihm aus, das aber mich allein anging, sonst mochte er ein
guter Kerl sein, und er war auch ansehnlich von Gestalt und stand stramm
und aufrecht da wie ein Feldwebel in Zivil. Ich durfte nicht sagen, was mir
durch den Kopf ging, es war aber oft so bei mir.

Luise sagte noch zu seiner Empfehlung, da er Zither spiele und nie ins
Wirtshaus gehe und auch nicht rauche. Da war mir eines so verhat wie das
andere, denn man sah an allem, da er ein Leimsieder war und sich etwas
darauf einbildete, da er sparsam und fleiig sei. Mit solchen Leuten ma
ich mich von vornherein nicht, denn es gab hhere Eigenschaften, man sprach
aber nicht davon.

Es lauerte in der Zukunft eine unangenehme Begegnung mit ihm auf mich, das
sprte ich sogleich, aber ich lie mir nichts gefallen und sah schon dem
Bild kalt in die Augen. Helene aber nahm ich aus; sie tat mir leid, weil
sie dazwischen stehen mute, es war aber so der Lauf der Welt.

Von dem allem wute Luise nichts. Sie war voller Lobpreis ber eine
Begegnung mit Frulein Brigitte, die sie soeben gehabt hatte. Sie wr's
allein schon wert, da man hierher reiste, so gibt's nicht viele Leute. Du
hast nie geschrieben, wie sie ist, Ludwig. Wie eine Schwester mit
unsereinem, oder wie eine Mutter. Auf hundert Schritt sieht man, was das
fr ein Mensch ist, lauter Gte bis auf den Grund. Man sagt sonst den
Krummen nichts Gutes nach. Je krmmer, desto schlimmer, heit's im
Sprichwort. Aber die ist ber ihren Berg hinbergestiegen, mag sie's
gemacht haben, wie sie will, es mag nicht leicht gewesen sein.

Da lie ich meine Wissenschaft auffahren, die ich von dem Zeitler hatte;
denn es sollte niemand meinen, da man mir erst den Star stechen msse, was
Frulein Brigitte betraf. Man konnte nicht alles heimschreiben, es war
besser, auch noch etwas zum Reden aufzuheben, und ich kannte sie genauer
als die meisten Menschen, ich hatte es aber seither fr mich behalten.

Lotte Meister sa dabei und dachte sich ihr Teil, man konnte es ihr
ansehen, sie hatte nichts zu verstecken in ihrem offenen Gesicht. Sie wute
auch, wie es war, wenn man ber Berge hinbersteigen mu, sie hatte es
erlebt. Und sie dachte, fr mich knne es vielleicht noch kommen, bis jetzt
wisse ich alles nur vom Hrensagen. Aber sie hatte es doch anders als
Frulein Brigitte. Denn diese mute ihre Last lebenslnglich mit sich
herumtragen, aber Lotte war aus der Trbsal hervorgegangen wie aus einem
Bad: gesund an Leib und Seele, stark und aufrecht wie ein Baum, und war
eine Kindermutter, whrend die andere mit leeren Hnden im Leben stand und
nur einen geheimnisvollen Schatz mit sich herumtrug, dessen Widerschein aus
ihren Augen glnzte.

                  *       *       *       *       *

Als ich meine beiden Besucherinnen nun an die Bahn geleitete, stand ich mit
zufriedenen Sinnen bei ihnen, weil sie einen so guten Eindruck von mir
hinwegnahmen. Ich sah sie schon heimkommen, ihre kleinen Geschenke
austeilen, die sie hier am Orte mit Bedacht ausgewhlt hatten, die
Reisekleider versorgen und in die alltglichen schlpfen, und hrte sie
erzhlen, wie schn die Gegend und die Stadt sei, in der ich lebe, wie ich
bei rechten und guten Leuten sei, die mich gern htten und etwas auf mich
hielten, wie ich als einziger Junger unter lauter lteren Herren mich
munter und als einer, der sich zu regen wisse, bewege, und so mehr, was ich
mir alles in Gedanken zugute schrieb. Ja, jeden schnen Platz, den ich
ihnen gezeigt, die Aussicht, die wir vom Berge herab auf das Flutal, auf
die Stadt mit ihren vielen Trmen und das von leichtem Dunst umwallte
Gebirge gehabt hatten, die Frhlichkeit, in der wir beisammen gewesen
waren, sah ich als eine Art Gastgeschenk an, das sie von mir empfangen
hatten, und ich fhlte mich reich und froh, da alles gut ausgefallen war,
so da ich mit gehobenem Mut von einer zur andern schaute. Denn ich mochte
gern in gutem Andenken zurckbleiben, aber mitzufahren verlangte es mich
nicht, wir hatten doch verschiedene Arten, zu leben. Da, als wir so standen
und auf den Zug warteten, kam auf einmal der Zeitler gegangen, wie ich nach
Herthas Beispiel den Oberaufseher des Friedhofs nannte. Er ging mit einem
kurzen Gru vorber, kehrte aber noch einmal um, da ihm, wie er sagte, noch
rechtzeitig eingefallen sei, da dies die Meinigen sein werden, von deren
baldiger Ankunft ich ihm schon erzhlt hatte. Denn jener abendliche Besuch
mit Hertha war nicht der einzige geblieben, den ich ihm machte inmitten
seiner stillen Gesellschaft. Ich hatte ihn aber immer nur in der losen
Joppe mit Hirschhornknpfen gesehen, die er im Dienst trug, und in der
Mtze mit dem Abzeichen seines Berufs, nun trug er, da er eine kleine Reise
vorhatte, einen dunklen Anzug nach feinem, aber lterem Zuschnitt und einen
weichen, breitrandigen Filzhut und sah sehr verndert aus, so da ich ihn
erstaunt betrachtete. Zum Staunen war es mir aber auch, mit welch
ritterlicher und herzlicher Hflichkeit er die beiden Frauen begrte und
mit ihnen redete ein paar Minuten lang, so da diese ganz erwrmt
zurckblieben und sich wunderten, was das fr ein Freund von mir sei, denn
als einen solchen gab ich ihn in der Geschwindigkeit aus.

Als der Zeitler weggegangen war, sagte Luise zu Lotte Meister: Es ist
schade, da der Ludwig es sich nicht mehr denken kann: der Mann sieht doch
ganz und gar dem alten Stadtpfarrer Mbius gleich. Und sie erzhlte eine
Geschichte davon, da dieser heimatliche Geistliche, den man im Gegensatz
zu jngeren Kollegen nur den alten Herrn genannt habe, als letzte
Amtshandlung meine Taufe und zwar am Bett meines kranken Vaters vorgenommen
habe. Als nun der geistliche Herr mit den netzenden Fingern meine kleine
Stirn berhrt habe, sei es ihm aufgefallen, wie ich ihn mit groen, offenen
Augen betrachtet und pltzlich das Gesicht zu einem Lcheln verzogen habe.
Er sei, dies ansehend, leicht erblat, wie einer, der eine Erschtterung im
Innern versprt und habe nach einer fast unmerklichen Pause seine
Amtshandlung fortgesetzt, aber nachher zu meiner Mutter gesagt, die mich im
Arm hielt, es sei ihm gewesen, wie wenn ich kleines Seelchen eine Botschaft
an ihn htte aus dem Lande, von dem ich herkomme. Das habe ja aber freilich
jedes Kind, wenn man recht in die unschuldige Tiefe seiner Augen zu
versinken wisse, indessen sei es ihm heute besonders aufgefallen. Meine
Mutter habe zu diesem nicht recht etwas zu sagen gewut; der alte Herr sei
aber am Abend desselben Tages an einem Schlaganfall gestorben und habe es
also wohl schon vorher in sich gehabt. Ich tat nicht viel dergleichen, als
ob mich die Geschichte aus meiner frhesten Kindheit interessiere, im
stillen aber war es mir, als habe ich noch eine Erinnerung an das alte
Gesicht, das sich ber mich geneigt habe, und es fiel mir wieder ein, wie
es mir mit dem Zeitler beim ersten Sehen gegangen war. Doch konnte das ja
freilich nicht sein, wie ich mir sagte, da ja die menschliche Erinnerung so
weit nicht zurckreicht. Ich blieb aber doch in wunderlich aufgerhrter
Stimmung stehen, und sah mich, als ich allein durch die Straen ging, als
kleines Kindlein auf dem Arm meiner Mutter liegen und dem alten Herrn mit
groen Augen entgegenlcheln. Was fr eine Botschaft konnte er aber
empfangen, und was konnte ich neugeborenes Wesen ihm zu sagen gehabt haben?
Aus welchem Lande war ich gekommen? Doch aus dem Leibe meiner Mutter, die
mich zrtlich und traulich bei sich gehabt hatte, bis ich gro genug war,
um ein eigenes Leben zu fhren?

Es berlief mich eine weiche und dunkle Woge, als ich so meines Ursprungs
gedachte, den der alte Herr mit ahnendem Sinn noch von weiter her geleitet
hatte. Vielleicht hatte er eine Stimme vernommen, die zu den Alten und
Jungen sprach: Kommet wieder, Menschenkinder, und die ihn nun beim Namen
rief. Ich wute es nicht und besann mich auch nicht weiter darber, da ich
ja, fern vom Anfang und vom Ende, mitten im Leben stand, aber ich sprte
den Zusammenhang mit beiden auf eine kurze Weile, wie wohl ein Wanderer,
der an einer Brunnenstube vorbeikommt, sein Ohr einen Augenblick an die Tr
legt und die unterirdischen Wasser brausen hrt, dann aber wieder weiter
geht, weil genug frhliche Bche am Tageslicht springen.

                  *       *       *       *       *

Wenn ich gerade einen derartigen Vergleich brauchen will, so war das
Blumenmdchen Hertha ein solches Bchlein, das ber allerlei Steine
hinrieselte seinem freudigen Lebensgesetz nach und mit klarem Wasser,
soviel auch Gelegenheit zur Trbung um den Weg gewesen wre. Was mich
betrifft, so war ich nicht schuldig, da das hbsche und gute Mdchen so
herzlich und traulich wie ein Nachbarskind mit mir verkehrte. Denn ich
htte es wohl nicht schwer genommen, eine Liebelei mit ihr anzufangen, da
ja andere auch dergleichen taten und sie mir wohlgefiel in ihrer
unverstellten und heiteren Natrlichkeit. Ich machte ein paarmal
Abendspaziergnge mit ihr, wenn ich nichts anderes vorhatte und es mich
darnach gelstete. Sie konnte tun, was sie wollte, denn sie stand allein in
der Stadt und hatte niemand, der auf sie achtete, wenn es nicht in gewissem
Sinn der Zeitler tat. Sie tat es aber selbst, und das war es, was mich
wunderlich an sie knpfte. Es war an einem Frhlingsabend gewesen. Wir
hatten uns ausruhend auf eine Bank gesetzt, und das Mdchen hatte begonnen,
mit halber Stimme ein Volksliedchen zu singen. Da war es mich, als ich ihre
schlanke Gestalt und ihr helles, hbsches Gesicht so neben mir sah,
angekommen, ein wenig zrtlich mit ihr zu sein, und ich fing an, da ich
keine bung darin hatte, halb zutppisch und halb verlegen mit den Lckchen
an ihrem Nacken zu spielen. Sie litt es auch schweigend und wie in einem
kleinen Wohlsein, aber als ich dadurch ermutigt, den ganzen Kopf zu mir
herberbiegen wollte, sah sie mir ernsthaft in die Augen und sagte: Nein,
das mut du nicht tun, Ludwig. Sieh', ich will dir etwas sagen, das habe
ich schon lang im Sinn. Ich knnte dein Schatz sein, das wre leicht zu
machen, denn man kann etwas mit dir anfangen, du bist leicht zu bewegen.
Aber ich will es doch nicht sein. Ich habe mir vorgenommen, da ich einen
Schatz haben will, der mich heiratet, und ein solcher bist du nicht. Du
nimmst eine Feine und Vornehme, ich wei es fr sicher, und wenn es eine
Rechte ist und die gut zu dir pat, so ist es mir auch recht. Ich hab' dich
gern, ich mu es grad sagen, von allem Anfang an, seit ich dich gesehen
habe. Ich kenne dich auch gut, denn du bist leicht zu kennen, und ich bin
nicht dumm. Du kommst von einfachen Leuten her, das hast du noch an dir, du
mut nicht meinen, du mssest es verstecken, ein mancher wr' froh, er wre
her wo du bist. Gescheit bist du auch und hast viel gelernt und lernst
immer noch mehr dazu. Du wirst ein Herr und vergissest mich, und das mu
alles so sein. Aber wenn wir jetzt mit Kssen und Lieben eine schne Zeit
htten, so liee ich dich nicht mehr leicht fahren. Ach Gott, so ist es
vielleicht meiner Mutter gegangen. Vielleicht hat sie einen schnen und
feinen Schatz gehabt und hat nicht mehr aufhren knnen. Ich habe oft dran
denken mssen. Ich mu oft die Leute ansehen, ob nicht vielleicht mein
Vater unter ihnen herumlaufe, der schnste und nobelste knnte es sein. Ich
bin ein armes Kind, es nimmt mich wunder, da ich so recht geworden bin, es
dnkt mich, ich habe selber Respekt vor mir.

Aber als sie das gesagt hatte, liefen ihr auf einmal die Trnen bers
Gesicht. Sie wischte sie aber mit den Hnden weg und schlenkerte die
Tropfen von sich, es kam gleich wieder ein Lachen hintendrein.

Ich aber sa dabei und htte sie gern in den Arm genommen und gekt, sie
war mir noch viel lieber als vorher, denn da war es nur eine Spielerei
gewesen, jetzt aber dnkte sie mich auf einmal etwas Kstliches zu sein,
hold und zrtlich und wie vom Himmel gefallen. Aber ich durfte sie mit
keinem Finger anrhren, sie war um und um zu respektieren. Und einiges
stach mich aber auch an ihrer Rede, denn sie tat, als wisse sie in allem
von mir Bescheid und knne ber mich hinweg beschlieen, was mit mir sei,
ich konnte aber nichts darauf entgegnen, sie hatte das Oberwasser in unsrer
ganzen Sache. Da streckte sie mir auf einmal die Hand her und sagte: Wir
wollen gut Kamerad miteinander sein, so lang wir knnen. Vielleicht heirate
ich einmal einen Grtner; er fhre gut mit mir, denn ich knnte ihm das
Geschft in die Hhe bringen, ich verstehe meine Sache. Ich habe mir's
vorgenommen, ein rechter Mann soll es gut haben bei mir, ich wollte, ich
htte ihn schon. Der Zeitler hat gut reden vom Ledigsein, fr mich ist es
nichts. Ich mu Kinder haben und einen Mann. Dann, wenn ich eine
Grtnersfrau bin, kaufst du einen Rosenstock bei mir fr deine Frau
Liebste. Du kannst es ihr kecklich sagen, da du mich schon ledig gekannt
habest; es ist keine Schande. Du kannst es aber auch bleiben lassen, kurz
und gut. Ich wollte, du wrest selber der Grtner, das mte ein Leben
sein. Aber du bist es nicht, das ist aus und vorbei; du solltest mein
Bruder sein, das wre das beste.

Als sie das gesagt hatte, gab sie mir pltzlich einen Ku und stand auf,
weil es anfing, dunkel zu werden. Ich htte ihr gern auch einen oder
etliche gegeben, aber im whrenden Reden war es mir klar geworden, da sie
recht habe und da ich es nicht drfe. Sie durfte es wohl, es war ein- fr
allemal gewesen, das sprte ich.

Wir gingen schnell bis in die Stadt, da trennten wir uns. Dann gingen wir
vier Wochen lang nicht mehr spazieren.

Aber das lag nun eine Zeitlang zurck, und jetzt waren wir im Zug
miteinander wie gute alte Bekannte. Manchmal sahen wir uns oft und manchmal
selten, aber wenn es geschah, dann war es immer so, da mich eine Lust nach
der Traulichkeit und Einfachheit meiner Kinderheimat anwandelte, von der
ich auch bei dem guten Mdchen etwas fand, wenngleich sich in ihre lautere
Frhlichkeit manchmal ein wenig Wehmut mischte, die ich hinnahm, ohne ihrem
Grund nachzufragen.

Hertha sagte, als sie meine Schwester gesehen hatte: Jetzt wei ich erst,
was mir fehlt von klein auf. Ich mchte von deiner Mutter trumen heute
nacht. Sie mte mich zum Kind annehmen und Luise mte meine Schwester
sein. Wenn ich mir's nur getraut htte, ich htte ihr einen Ku gegeben
oder einen Blumenstrau. Ach Gott, es gibt Menschen, die wachsen in einem
Paradiesgrtlein auf und wissen's nicht; mich hat meine Mutter auf einen
Steinhaufen gesetzt: Da wachse daher, wenn du kannst.

Dabei sah sie mich zornig und zrtlich an, aber die Zrtlichkeit galt nicht
mir, sondern meiner Jugendheimat. Einmal erfuhr ich, da Herthas Mutter vom
Lande gewesen und noch jung, nachdem sie das Kind irgendwo in Pflege
gegeben habe, in einer groen Stadt an einer Zehrkrankheit gestorben sei.
Da ging nun vielleicht in dem lieben Mdchen eine rechtschaffene buerliche
Urahne um, die pflanzen und schaffen und in Ehren sein wollte, und aber
auch ein Grovater, der Freude am Schnen und Ernsten gehabt hatte, eine
Mutter voller Lebensdrang und ein Vater von leichtsinnig spielerischer
Anmut. Sie hatte von allen das beste bekommen, und es blhte aus ihr
heraus zum Zeichen, da die Natur Wunder genug hat, und wenn sie will,
einen Dornbusch in der Wildnis mit tausend Blten bedecken, einen
Rosenstock im Garten aber krnkeln lassen kann.

                  *       *       *       *       *

Herr Kasimir hatte seit einiger Zeit etwas Munteres und Aufgewachtes an
sich, das ihn pltzlich viel jnger erscheinen lie als sonst. Er schaffte
sich einen Hund an, mit dem er weite Spaziergnge machte und mit dem er
sich zuweilen eifrig unterhielt. Er gewhnte das Tier durch Pfeifen und
Locken, Befehle und Zurufe an sich, brachte es aber nicht so weit, da es
ihn unbedingt als Herrn respektierte, was ihm manchen rger bereitete. Es
war ein ungewhnlich schner Sptsommer, und jedermann suchte ihn zu
genieen, so gut er konnte, Herr Kasimir aber flog aus wie ein Falter, der
eine Ahnung hat, da seine Zeit kurz ist. Er kam zu allerlei Zeiten durch
den Laden gegangen mit straffen Schritten, seinen hellen Panamahut auf dem
Kopf und den Hund hinter sich drein. Dann hrte man ihn eilig die Strae
hinuntergehen, irgendwohin ins Freie. Es gab ein Sommertheater, und es gab
Gartenkonzerte, und als die Trauben reiften, gab es Herbstfeste und
Suserfahrten an den Kaiserstuhl und ins Markgrfler Land. Und berall war
mein Herr Kasimir dabei, ich hatte ihn entweder noch nie gekannt, oder ich
kannte ihn jetzt nicht mehr. Mit mir war er in einer neuen Art vertraut,
nicht mehr so vterlich oder gnnerhaft wie die Zeit vorher, sondern fast
kameradschaftlich munter; er klopfte mir etwa auf die Achsel oder blinzelte
mir vergngt und pfiffig zu, als ob er sagen wollte: Ja, nicht wahr, wir
Jungen, wir schaffen es schon, oder dergleichen. Ich wute nicht recht,
was ich mit dieser seiner neuen Natur anfangen sollte; er fhrte vielleicht
etwas Besonderes mit mir im Schilde, oder er war im Schlaf gelegen seither
und hatte jetzt pltzlich die Augen aufgemacht, denn das schne Wetter
allein konnte den Umschwung nicht vollbringen.

Da hrte ich eines Tages einen der Gehilfen zum Buchhalter sagen: Es hat
ihn wieder einmal, und als ich die Ohren spitzte, erfuhr ich, da der
trockene und scheinbar ausgemergelte Herr von einer Liebesflamme entzndet
sei, wie ihm das in lngeren Zeitrumen regelmig widerfahre, und die
allemal so lange brenne, bis der mige Vorrat an Lebensl in ihm erschpft
sei. Dann sinke der angekohlte Docht in seine vorige Trockenheit zusammen,
und Herr Kasimir sei wieder der nchterne und brigens gescheite und
tchtige Geschftsmann, als den man ihn im allgemeinen kenne.

Sie wuten nicht, da ich, im Nebenraum auf einer hohen Leiter stehend, ihr
Gesprch mitanhrte, und setzten es fort, indem sie ber sein Benehmen
gegen mich sich aufhielten. Man merke schon, wo es hinaus wolle, es sei
nicht das erstemal, da er einen jungen Fant heranziehe, der dann entweder
mirate oder ihm sonst durch die Latten gehe. Mit mir nun sei es ein Getue,
als ob er mich selbst erzeugt htte, was freilich dem Alten passen knnte,
der es ja soweit nicht gebracht habe. Ausgeschlossen sei es nicht, da ich
mich dauernd ins Haus schlachten lasse, denn ich sei eitel und ein Streber
und dazu arm, es knnte mir passen, mich eines Tages in eine Goldgrube, und
die dazu ein vornehmes Ansehen geniee, hineinzusetzen. Man sei aber dann
auch noch da, und so weiter. Ich hrte begierig zu mit wechselnden
Gefhlen, bis mir unversehens ein Buch aus der Hand fiel und sein Gepolter
die beiden schwatzenden Hausgeister erschreckt verstummen lie, was ich
ihnen gnnen mochte. Ich lie sie aber im Zweifel, ob ich etwas gehrt
habe, und fuhr in meiner Arbeit des Einordnens einer Sendung fort, freilich
nur zum Schein, denn es ging mir genug Neues durch den Kopf, und ich hatte
nur zu tun, es alles an seinen Platz zu stellen. Es war aber bald
geschehen, denn ich hatte bung in Zukunftsplnen, und als es Zeit zum
Essen war, stieg ich die Treppe zum oberen Stock empor als der zuknftige
Inhaber der Firma; es mute mir aber einiges umgebaut und verschnert
werden an dem alten Hause, schon meiner Frau zulieb, die es prchtig
gewhnt war.

Herrn Kasimir sah ich mit neugierigen Augen an, wie ich ihm am Tisch
gegenbersa. Man konnte ihm ein Vergngen gnnen, das ohnehin kurz whrte,
da der Gegenstand seines spten Feuers nur fr einige Wochen in der Stadt
war und bald wieder in die Pfalz reiste, woher sie, eine lustige und
feurige Dame in mittleren Jahren, auf Besuch gekommen war. Dann mute er
wieder bescheiden zurcktreten und anderen Platz machen, die jung und mit
allen Lebensrechten neben ihm daherwuchsen, und eigentlich konnte er einem
leid tun. Frulein Brigitte sa in ihrer schnen, gelassenen Wrde da und
war ihm weit ber, er aber griff nach geschehener Sttigung nach dem Hut
und flog auf, und das setzte er noch eine Zeit hindurch fort. Ich sah ihn
an einem abendlichen Gartenfest, an dem ich auch teilnahm, mit der ppigen
und heiteren Pflzerin tanzen und nachher mit ihr an dem Waldsee, an dessen
Ufer das Fest gefeiert wurde, sich ergehen. Da lachte er laut und sprach
lebhaft und mit berglnztem Gesicht, und mir fiel des Zeitlers Erzhlung
von der jungverstorbenen Mutter Hagenau ein, und ich dachte, es sei doch
auch ein kleiner Spritzer von ihrem Lebenssaft in den Sohn gefahren, der
sich nur freilich zur Unzeit bemerklich mache und auch nicht lang vorhalte.

Letzteres war bald zu erleben. Als der Herbst die bunten Farben, die er
angezndet hatte und das freudige Leben in der Natur wieder auslschte, und
im Flutal die Nebel geisterten, sa Herr Kasimir wieder am Abend in seiner
Ecke und hrte seine Schwester Klavier spielen, oder er las die Zeitung
oder pflog mit lteren Herren politische Gesprche und war in allem ein
Haupt, vor dem man aufstand. Was in ihm umging, sah man nicht, denn er
hatte sein Gesicht wieder zugeknpft. Manchmal tat er einen kleinen Seufzer
und sagte: Ach ja, oder er lchelte in sich hinein und wiegte den Kopf
dazu. Der Hund lag am Ofen und schlief, und nur manchmal tat er einen
kurzen Blaff, oder er fuhr empor und warf mit leichtsinniger Gebrde das
linke Schlappohr zurck, und die alte Magd Salome, die um ihn herumsteigen
mute, sagte: Es trumt ihm. Doch sagte sie nicht, ob sie den Herrn oder
den Hund meinte, es htte je nachdem beiden gelten knnen, denn sie sahen
ein jeder seinen Sommerfreuden nach. Ich aber rstete mich, in die Welt
hinauszugehen.

Es war eine Stelle in einer groen Buchhandlung einer mitteldeutschen Stadt
fr mich ausgemacht, zu der Herr Kasimir alte Beziehungen hatte. Alles war
geebnet und gebahnt fr mich, wie es von jeher immer gewesen war, und ich
wei nicht, soll ich das Leben darum anklagen oder soll ich ihm dafr
danken. Es wird wohl alles so gewesen sein, wie es mute, und es war mein
Schicksal, das ich in mir selber trug, wie ein Nachtwandler meinem
unerhellten, selbstschtigen Ich nachzugehen, das mich auf breiten Straen
zu Schuld und schweren Lasten gelangen lie. Vielleicht htte mich eine
arme, sehnliche Jugend frher aufgeweckt, dem Schlfer gleich, den unter
dnner Decke schaudert und der erwacht, weil der kalte Wind durch seine
Dachkammer streicht. Ich bin erst spt erwacht.

                  *       *       *       *       *

Frulein Brigitte war in den letzten Wochen fters krank gewesen, was neu
an ihr war oder mir wenigstens schien, denn sie war sonst immer dagewesen,
freundlich und voller Teilnahme an allem und auch an mir. Nun fehlte sie
hie und da am Tisch, und ich hrte, da sie an einer Krankheit leide, die
ihre Krfte unwiderruflich nach und nach verzehre. Herr Kasimir sa dann in
einer halb verlegenen Bekmmernis mir gegenber, sprach nicht oder raffte
sich nur hie und da zu irgendeiner Bemerkung auf, an die er gleich nachher
nicht mehr dachte, und es war ein bedrcktes Beisammensein. Wenn aber
Frulein Brigitte dann nach Tagen wieder im Wohnzimmer erschien, so fand
ich, sie sehe aus wie sonst und dachte, es werde nicht so schlimm sein, wie
die Leute meinten; es schien mir dann wieder alles in Ordnung zu sein, denn
sie gehrte ohne Frage in die altbekannten Rume, und wenn sie da war,
fehlte nichts. Doch huften sich die Flle, in denen sie zurckgezogen
leben mute, und mein Reisetag kam heran, als eben wieder eine
schmerzenvolle Nacht auf einen blen Tag gefolgt war. Ich sa am
Frhstckstisch und wartete auf Herrn Kasimir, als er hereinkam und sagte:
Meine Schwester lt Sie bitten, noch in ihr Schlafzimmer zu kommen; es
geht ihr nicht gut, und sie kann Ihnen auf keine andere Weise Lebewohl
sagen. Ich ging mit einigem Herzklopfen hinber und betrat einen lichten
Raum, in dem ich noch nie gewesen war, und der mir pltzlich alles Leben
des Hauses zu umfassen schien. Es war, als ob hier die Quelle sei, von der
aus die andern Rume irgendwie gespeist wrden und ohne die alles de und
leer wre. Frulein Brigitte sa, von vielen Kissen gesttzt, im Bett. Ihr
Gesicht war bla und trug die Spuren berstandener Schmerzen, und mehr noch
taten das die Hnde, die schmal und wei auf der Decke lagen und hie und da
leise zuckten. Aber etwas an ihr deuchte mich schner als je zu sein, ich
mute sie verstohlen betrachten, whrend ich ihr gegenber sa. Das
Verwachsene ihrer Gestalt war nicht so sichtbar wie sonst, denn sie war um
und um eingehllt in ein groes Tuch von weicher, mattweier Seide, und der
Kopf ruhte in flaumigen Kissen wie eine mde Blume. Aber das war es nicht
allein, was mir auffiel; es war vielmehr ein triumphierendes Leuchten in
den groen glnzenden Augen und ein Lcheln um den feinen Mund, zu was
beidem sie nach meiner Meinung weniger als je Veranlassung gehabt htte.

Wir sagen uns nun Lebewohl, sagte die Kranke, und es wird auf immer
sein. Sie kommen wieder, mein Bruder hofft es, aber dann bin ich nicht
mehr da. Sie sagte es mit einer gelassenen und fast heiteren
Freundlichkeit, so etwa, als ob sie von einer Reise oder lngeren
Ortsvernderung sprche, die sie vorhabe, und als ich eine erschreckte
Bewegung machte, hob sie eine der weien Hnde wie abwehrend und lie sie
mde wieder fallen. Dabei lchelte sie mich gut und bekannt an.

Sie mssen nicht erschrecken, sagte sie. Ich wei, da meine Zeit
herankommt, das ist ja gut. Wenn Sie nicht fortgingen, wrde ich es nicht
sagen. So darf ich es wohl. Sie machte eine Pause, als sinne sie vor sich
hin, dann fuhr sie fort: Es ist nicht so, da ich lebensmde wre, das
mssen Sie nicht meinen. Ich habe das Leben lieb, es ist eine groe und
kstliche Sache, und weil ich seine Schnheit habe hart erstreiten mssen,
drum liebe ich es um so mehr.

Ich fhlte, wie mir eine dunkle Rte bis unter die Haare stieg. Denn ich
glaubte mich von ihr durchschaut in meinem Herumspren an ihrem Wesen und
Schicksal, und es durchfuhr mich hei, da sie so kniglich vor mir war,
als eine Unberwundene, die mich aus freiem Willen zu sich hineinsehen
lie. Sie hatte niemals von sich geredet, nun tat sie es, und es war der
Abschied.

Ich habe einen langen und harten Krieg hinter mir, sagte sie, davon
knnten diese Wnde reden; drauen brauchte es niemand zu sehen. Aber ich
gbe keinen von allen meinen Schmerzen her; ich habe sie wohl alle
gebraucht, und nun sie weit dahinten liegen, bin ich froh und reich. Ich
bliebe gern noch hier. Ich habe immer versucht, ganz im Jetzt und im Tag
zu leben und nicht an dem herumzuspren, was nachher kme. Das reut mich
nicht. Ich glaube, da wir uns auf das nchste Stadium, das etwa unser
harrt, am besten vorbereiten, indem wir das jetzige ganz erleben. Wir
brauchen auch alle Krfte dazu. Aber jetzt hre ich die fernen Strme der
jenseitigen Welt brausen und wei, da sie mich davontragen werden auf
ihren Wellen. Da will ich es nun lieber freiwillig tun, ehe mich die Sinne
und Gedanken verlassen, nmlich mein Leben hingeben als etwas Kostbares, ja
das einzige, was ich besitze, und mit mir geschehen lassen, was da wolle.

Als sie das sagte, stand eine so groe, ja heldenmtige Tapferkeit in ihrem
Gesicht geschrieben und ein so freier und harter Wille, sich in das Sterben
zu schicken, da mich ein unsgliches Staunen berkam. Denn es war, als ob
eine Knigin aus Glanz und Glck und im vollen Reichtum aller Krfte
davongerufen werde und sich dazu hergebe, Kronen und Kleinodien auf den
Altar niederzulegen, da doch ein mhseliges und entbehrungsreiches Leben
sich dem Ende zuneigte.

Ich hatte dergleichen noch nie gesehen und konnte kein Wort sagen; es war
ein Sturm von Verehrung und auch von Not und Schmerz in mir. Denn ich
merkte in diesem letzten Augenblick, wieviel ich hier zurcklasse, da ich
doch gemeint hatte, als ein Freier, und dem das Glck hold war, in die Welt
hinauszuziehen. Ich konnte wiederkommen, wenn ich wollte, ich konnte aber
auch drauen finden, was mich nach meinem eigenen Willen hielt und band.
Bis jetzt war mir der Himmel voller Geigen gehangen, und nun auf einmal
sauste es mir in den Ohren: Bleib da, geh' nicht, denn es geht hier Groes,
ja Unermeliches vor, wie magst du dem entrinnen, und was ist drauen so
wichtiges wie das?

Ich lie, um meine Verlegenheit zu verbergen, meine Augen an den Wnden
hingehen und sah, obgleich sie von verhaltenen Trnen erfllt waren, die
Umgebung an, in der die Pflanze aufgeblht war, die vor dem Welken so
starken Glanz und Duft verbreitete.

Es hing ein schner Stich des Ecce-Homo von Carlo Dolce zu Hupten des
Bettes und an der Lngsseite ein Holzschnitt nach Albrecht Drers Ritter,
Tod und Teufel. Der Ritter zog seine Strae ohne Wanken und lie einen, wie
mir schien, spttischen Blick nach den Ungeheuern hinlaufen, die ihm den
Weg abschneiden wollten, aber unter ihm hing ein unsglich liebliches
Bildchen in Wasserfarben: Eine schne, junge Frau mit einem jhrigen Kind
auf dem Scho, das sie zrtlich umfat hielt und auf dessen weiches
Rundgesichtlein ihre Augen mit warmem Glanz niedersahen. Das mute wohl die
Mutter sein, die nach des Zeitlers Erzhlung noch im Tode die Augen nicht
hatte von ihren Kindern abwenden knnen, was ich auf einmal wohl begriff.

Auf der weien Decke lag ein schmales Lesezeichen, das wohl einem der
wenigen, vielgelesenen Bcher entfallen war, die bequem erreichbar auf
einem hngenden Ebenholzgestell lagen. Es trug in Lapidarschrift von
purpurroter Farbe die Inschrift: Ich, die aber von den liegenden Balken
eines schwerflligen Kreuzes ausgestrichen war. Als Frulein Brigitte sah,
da meine Augen darauf lagen, machte sie eine Handbewegung, als wollte sie
es wegnehmen, denn es hatte wohl noch nie ein fremder Blick auf der kleinen
Malerei geruht, die vielleicht viel bedeutete in ihrem Leben, aber sie lie
das Bildchen dann doch liegen, als verlohne es sich nicht mehr, etwas zu
verstecken. Mochte ich doch ruhig ihre Waffenkammer betrachten und die
Schilder und Schwerter, die ihr geholfen hatten, den Riesen zu erschlagen,
da ja nun der Sieg erfochten war. So kam es mir vor, und pltzlich sah ich
einen ihrer leuchtenden Blicke auf mir liegen und das geheimnisvoll
triumphierende Lcheln wieder um ihren Mund spielen. Sie suchte nach einem
Wort, das ihr auf die Lippen treten wollte, als der Arzt ins Zimmer trat
und ich, widerstrebend genug, gehen mute nach einem kurzen Lebewohl, das,
wie ich wute, eins fr immer war. Es wre noch so vieles auszusprechen
gewesen, sowohl von mir als auch von ihr, aber es war nun abgeschnitten und
konnte nie mehr nachgeholt werden.

Ich trat ins Wohnzimmer, wo ich noch einige Kleinigkeiten hatte liegen
lassen.

Da reizte es mich, einen Augenblick in den Stuhl an Frulein Brigittens
Arbeitstisch zu sitzen, wo ich sie so oft gesehen hatte, und spielend den
einen oder andern Gegenstand, der ihr gehrte, in die Hand zu nehmen.

Unter einem kleinen Notizblock lag ein mit Bleistift beschriebener Zettel
von ihrer Handschrift, und ich konnte keinen Augenblick der Versuchung
widerstehen, ihn fr mich zu behalten, denn es war mir, als enthalte er das
Wort, das sie fr mich auf den Lippen gehabt, aber nicht habe aussprechen
mgen, als ich ihn las.

Er fing mitten in einem Satz an und lautete: Doch nahm ich zu allem, was
mir begegnete, diese eine Stellung ein. Es sei Liebes oder Leides gewesen,
so sagte ich ihm: ich lasse dich nicht, du segnest mich denn, und so habe
ich schlielich, wenn auch mit verrenkter Hfte den Sieg behalten, und ich
bin dennoch-- da endete die Schrift auf dem Blttchen, dessen unendlichen
Lebensinhalt ich von ferne einen Augenblick ahnte, ohne einer Ergnzung zu
bedrfen. Ich barg den Zettel in meiner Brusttasche, wozu ich eben noch
Zeit hatte, da Herr Kasimir eintrat und ich auch von ihm Abschied nehmen
mute.

Er lchelte mich, als ich ihm die Hand reichte, hilflos traurig an, und
sagte, indem er seine Augen an mir herauf und hinunter gehen lie, mit
bedrckter Stimme: Ja, ja, die Jahre vergehen, es ist unglaublich, wie
schnell sie vergehen und wie sich alles ndert, was ich freilich ebensogut
als Ausdruck der Trauer ber mein Scheiden wie ber die Vergnglichkeit der
Dinge berhaupt ansehen konnte und worauf ich nichts zu erwidern wute. Wir
tauschten noch ein paar Worte ohne viel Inhalt, denn er horchte mit halbem
Gehr nach dem Gang hinaus, da er den Arzt sprechen wollte, ehe dieser das
Haus verlie; ich aber war in aufgerhrten Gedanken und Gefhlen
beschftigt, einige Stze in mir zu formen, die ich gern der Frulein
Brigitte noch gesagt htte zum Abschied. Ja, es war mir in diesem
Augenblick, als knne ich nicht gehen, denn hier sei der Urquell des
Lebens, und er msse auch mich gleichgltigen und unbewuten Burschen
segnen, da ich seither blind an ihm vorbei gestolpert sei. Aber die
Minuten gingen vorber, und ich versumte auch hier den Augenblick ber
meiner Herzensunruhe. Es ging drauen die Tr, und ich hrte pltzlich
Herrn Kasimir sagen: So leben Sie denn wohl, lassen Sie von sich hren und
vielleicht kehren Sie uns einst zurck; ich fhlte seinen Hndedruck und
sah ihn hinausgehen, um den Arzt noch zu erfassen, und ich blieb zurck,
ohne ihm, wie ich wollte, Dank und Anhnglichkeit ausgesprochen zu haben,
wozu ich immerhin Veranlassung gehabt htte. Da legte sich noch ein
weiterer Stein auf mein Reisegemt, und ich ging aus dem Hause, dem ich nun
ferner nicht mehr angehrte, mit bedrcktem Herzen, da ich doch hatte als
ein Liebling des Lebens und mit geschwellten Segeln ausfahren wollen.

                  *       *       *       *       *

Es dauerte aber nicht lange mit dem Trbsinn und mit der Herzbewegung bei
mir. Ich war nicht dazu angelegt, und ich war stets dem Gegenwrtigen,
Neuen und Tglichen aufgetan. Auch hrte meine Jugend andere Strme
brausen, als die, von denen Frulein Brigitte gesprochen hatte, und die sie
auch in Wahrheit von dannen trugen. Es war ein halbes Jahr spter, als ich
die Nachricht von ihrem Tode erhielt. Ich fand sie eines spten Abends in
meinem Zimmer, als ich aus einer politischen Versammlung dahin
zurckkehrte, warm und angeregt vom genossenen Wein und mehr vom
Disputieren, an dem ich mich zwar nicht ffentlich, aber nach Schlu der
Versammlung an einem Tisch voller Bekannten und Gesinnungsgenossen
beteiligt hatte.

Ich fing zu dieser Zeit an, aus allen Brunnen zu trinken, mehr im Gefhl
der Freiheit und da mir jegliches offen stehe, als aus besonderem Gelste
nach dem und jenem. Ich nahm am ffentlichen Leben teil, indem ich
Versammlungen von allerlei Art besuchte und meine Meinung ber alles
unverzagt preisgab in den Wirtshaussitzungen, die sich daran knpften, und
gab mir in bezug auf Bescheidenheit im Reden, Meinen und Auftreten weiter
nicht viel Mhe. Es war damals nichts um den Weg, was mich am seidenen oder
goldenen Faden gelenkt htte zu irgendeiner ernsteren Besinnlichkeit, einer
Liebe oder Frmmigkeit hin, oder wenn etwas da war, so wute ich es nicht
oder gedachte nicht seiner. Als ich an jenem Abend mein Zimmer betrat und
die Lampe anzndete, taumelte ein dunkler Falter, der auf dem Tisch
gesessen haben mochte, auf und tat summend schwerfllige Flgelschlge um
das Licht her, und ich sah ihm gedankenlos zu oder vielmehr in abwesenden,
selbstndig sich tummelnden Gedanken, bis er sich einen Augenblick
niedersetzte und ich den Brief entdeckte, auf dem er sa. Er war von Herrn
Kasimirs steifer Handschrift, der nur an gewissen Stellen wohlerwogene,
wrdige Schnrkel angehngt waren und freilich auch, ihm selbst unbewut,
hie und da kleine, lcherliche Schwnzchen, die das Entzcken eines
graphologischen Seelenkndigers gewesen wren. Nun, ich verstand nichts
davon und dachte auch damals nicht an dergleichen, sondern es durchfuhr
mich beim Anblick des Briefes sogleich das Wissen um seinen Inhalt und
machte mich pltzlich ganz nchtern, wach und ernsthaft.

Der Brief war nicht so kurz, als ich htte erwarten knnen, da es sich um
die Mitteilung eines Trauerfalls handelte. Und er war auch nicht gleich
nach dem Hingang der schnen Seele entstanden, sondern etwa vierzehn Tage
spter, als dem Schreiber in seinem leeren Hause bereits zum vollen
Bewutsein gekommen war, was er verloren hatte, und wie einsam er nun war.
Es ging eine rhrende Klage durch das Blatt hindurch, da er nicht genug
erkannt habe, was fr einen Reichtum er besitze und ihn nicht in seinem
vollen Wert geschtzt habe, da er die Verstorbene vielleicht habe Mangel
leiden lassen an brderlicher Liebe und Aufmerksamkeit und es nun nicht
mehr nachholen knne. Ja, ja, es sei immer eine Mahnung da, die sage: O
lieb', so lang du lieben kannst, aber man beachte sie zu spt.

Das alles kam mir unrichtig vor fr seinen Fall, da ja die Geschwister
stets eintrchtig zusammen gehaust hatten, fast wie Mann und Frau, und ich
nicht begriff, was Herr Kasimir verfehlt haben wollte.

Ich war noch zu unerfahren, um zu wissen, wie beim Scheiden sich alles
Erlebte unter einem Brennpunkt zusammendrngt, und alles, Liebe, Leid,
erlittener und zugefgter Schmerz, Getanes und Unterlassenes, frisch und
neu da ist und noch einmal vor dem Herzen steht in unbestechlicher
Wahrhaftigkeit. Da ist wohl keiner, der sich sagen kann, da er nichts
versumt und nichts falsch gemacht habe und sich nicht noch einmal das
Vergangene zurckwnscht, auch nur auf einen Augenblick, um das Mangelhafte
zu verbessern. Selbst, wenn er lebendig gelebt hat und sich seiner selbst
und des andern stets bewut war, geht es ihm so, wieviel mehr fllt den
die Wirklichkeit des Geschiedenseins mit scharfen Klauen an, der halb im
Traum dahin gegangen ist und auf einmal aufschreckend sieht, was fr immer
hinter ihm liegt, unerreichbar fr Liebe und Reue.

So denke ich jetzt. Wie es in dieser Hinsicht mit Herrn Kasimir bestellt
war, wei ich nicht. Es gab mir ein wichtiges Gefhl meiner selbst, da er
mich erwhlt hatte, als denjenigen, bei dem er sich aussprach, und ich
setzte mich noch in der Nacht hin, um ihm allerlei weise Trostgedanken, die
mir einfielen, zu schreiben; ich kam aber nicht weit damit, denn whrend
des Schreibens wurde mir erst recht die Tatsache bewut, da auch ich etwas
verloren hatte, und zwar etwas Kostbares, dessengleichen ich so leicht
nicht wieder fand. Ich starrte in die Lampe und lie die Bilder der Jahre,
die nun schon Vergangenheit waren, an mir vorberziehen, soweit Frulein
Brigitte darin zu sehen war in all ihrer feinen Gte, Herzlichkeit und
siegreichen Freudigkeit. Das mangelhafte Krperliche, das sie mit so viel
Wrde getragen hatte, war nun abgefallen, und sie war hoch, aufrecht, schn
und triumphierend irgendwie herausgestiegen, was man zwar nicht beweisen
konnte, mir aber unwiderleglich sicher schien, so wenig ich sonst ber
derlei Dinge nachdachte. Und mich ergriff pltzlich eine heftige Sehnsucht
nach ihr, als ob ich eine Liebste verloren htte; ich legte den Kopf auf
den Tisch und sagte leise ihren Namen, schreckte aber entsetzt auf, als
mich etwas Weiches, Feines wehend anrhrte. Es war aber nur der
Fenstervorhang, der vom Nachtwind bewegt, um mich herumspielte. Doch wute
ich in diesem Augenblick, da das Beste in mir, was ich war und irgend
werden konnte, bei ihr eine Zuflucht gehabt htte zu aller Zeit, und da
sie mir entglitten war in die Unendlichkeit hinein; es fror mich im
Tiefsten, und etwas in mir erschrak, wie wenn ein Schlfer zwischen zwei
Trumen in die Hhe fhrt und sich der Wirklichkeit bewut wird.

                  *       *       *       *       *

Ich war in meiner jetzigen Stellung nicht im Verkehr mit dem Publikum, wie
zuvor, sondern hatte lediglich Korrespondenzen mit Unbekannten oder auch
nur dem Namen nach Bekannten zu fhren und wie sich versteht, auch dies nur
in rein geschftlicher Beziehung, was in mir einen Hunger nach menschlich
nahen Berhrungen erzeugte, denn ich konnte nicht gut fr mich allein sein.
Es war nun in dem groen Hause, dem ich als Angestellter angehrte, ein
junger Mann, nicht viel lter als ich, doch so etwa drei bis vier Jahre,
der mich stark anzog. Er hatte, wie ich erfuhr, Philologie studiert, war
aber wegen bermtiger Streiche, die er auf der Universitt verbt haben
sollte, und durch die er die Professoren gegen sich aufgebracht hatte, aus
seiner Laufbahn geworfen worden. Doch machte er nichts weniger als den
Eindruck etwa eines verbummelten Studenten oder sonst einer verkrachten
Existenz. Im Gegenteil trat er mit groer Sicherheit und eher etwas
herrisch auf, leistete viel und das mit Leichtigkeit und lie gelegentlich
durchblicken, da er seinen jetzigen Beruf nur als bergang zu einem andern
ansehe. Er wolle sich ganz der Politik widmen, auch etwa eine groe Zeitung
redigieren oder dergleichen, das habe indessen alles noch Zeit. Es war,
als habe er alles in der Hand, was er sein oder erreichen wollte, und es
blitzte auch in seinem Gesicht von Geist und Temperament, da einer nur
hinsehen und staunen und sich ihn zum Freunde wnschen mute. Wir gingen
fters miteinander aus, und eines Abends in warmer und aufgeschlossener
Stimmung lie er sein Glas mit meinem zusammenklingen und bot mir das Du
an. Es wolle bei ihm etwas heien, wenn er das tue, sagte er, er sei keiner
von denen, die mit der ganzen Welt auf Smollis seien, ich htte indessen
etwas an mir, was ihn reize, mich zum Freund zu haben, obgleich ich ein
Unschuldslmmchen sei. Oder vielleicht gerade deswegen, setzte er lachend
hinzu. Er msse mich seiner Mutter zeigen, die dann vielleicht neue
Hoffnung schpfe, da er auf ein brgerlich ehrbares Leben hinsteuere, wenn
er mich vorweise.

Das Unschuldslmmchen stach mich ein wenig, so sehr die neue Freundschaft
mich beglcken wollte. Es htte mich mehr geehrt, fr einen leichtsinnigen
Tausendsasa gehalten zu werden, denn fr ein braves Kind, das man seiner
Mutter vorzeigt, um Lob zu ernten. Olbrich mochte mir das angesehen haben,
denn er sagte gutmtig: Du mut das nicht schwer nehmen, im Gegenteil.
Meine Mutter ist das allerfeinste, was ich kenne, es gibt keine Frau, die
ihr gleicht. Wenn ich einen Freund htte, der ihr gefallen sollte, so mte
er der auserlesenste Mensch sein, der du vermutlich gar nicht bist. Doch
sei nur ruhig, sie liebt mich, wie ich bin und nimmt an, was ich ihr
bringe, obgleich es schon hie und da harte Brocken waren, die ich ihr zu
beien zugemutet habe. Er sah eine Weile vor sich hin, als ob er erst
nachtrglich merke, da wirklich gute Zhne dazu gehrt htten, alles zu
beien, was er seiner Mutter auf den Tisch gelegt habe, und als ob er
bedenke, da es vielleicht auch einmal genug damit sein knnte, da man im
Alter sonst gern weicheres Brot und leichtere Speise geniee.

Wie aus einem solchen Gedankengang heraus, sagte er, mich anblickend: Du
hast es eigentlich gut in deiner Haut, die dich ordentlich auf dem einmal
gebahnten Weg weitergehen lt, whrend in mir ein Feuer ist, das noch
allerlei anstellen kann, und das ber mich befiehlt. Wenn ich allein wre,
kme es mir nicht darauf an, tchtig in der Welt herumgeworfen zu werden,
denn umzubringen bin ich nicht, aber die alte Frau tut mir leid; sie htte
es verdient, da ich ihr Enkelchen ins Haus brchte und sie selbst Sonntags
am Arm spazieren fhrte als ein braver Sohn und Brger. Aber ehe das
geschieht, kann noch viel Wasser ins Meer flieen, und kurz und gut, sie
sollte dich zum Sohn haben anstatt meiner, wenigstens so viel ich von dir
kenne.

Das sagte Olbrich aber nur, weil er einen Mangel von mir fr eine Tugend
hielt und weil er der starken Krfte, die ihn selber umtrieben, nicht ganz
froh werden konnte. Ich war unberaten und zufllig in meinen Beruf hinein
gegangen, es htte ebensogut irgendein anderer sein knnen, und ich htte
dann das Meinige darin getan, wie ich es in diesem tat, denn ich hatte gute
Gaben und viel Anpassungsvermgen, und es rief mich keine starke Neigung
nach einer andern Seite. Auch hatte ich ein lebhaftes Verlangen nach
uerem Vorwrtskommen und ein anererbtes Respektgefhl vor dem jeweilig
als Pflicht bernommenen, das mich zuverlssig und arbeitsam sein lie. Das
war aber auch alles. Obwohl ich meinen Beruf leidlich ausfllte, so fllte
er doch mich nicht aus; ich suchte meine Weide und die Stillung meines
Glcks- und Lebensverlangens auf andern Wegen, deren mir ja viele offen
standen, nicht in dem, was ein Mann ber alles lieben sollte, im Zentrum
meiner Lebensarbeit.

Das alles sagte ich meinem neuen Freund nicht und wute es auch damals noch
nicht wie heute, wo mir der rosige Nebel, der ber allen Dingen lag,
vergangen ist und der nchterne Tag vieles klar gemacht hat, Liebes sowohl
als Leides. Nur meiner Mutter gedachte ich einen Augenblick, als er von der
seinigen sprach, und da ich ihr auch htte gnnen mgen, mich so
wohlgeraten zu sehen. Es kamen aber Bekannte an unsern Tisch, und das
Gesprch ging auf allgemeine Dinge ber.

Olbrich zgerte nicht lange, mich in allerlei Kreise einzufhren, in denen
er bereits etwas galt und auch in einen Singverein, der hauptschlich
klassische Musik zur Auffhrung brachte. Ich war in keiner Weise
musikalisch gebildet, aber ich pflegte auf Spaziergngen, oder wenn ich in
meinem Zimmer umherkramte, vor mich hin zu singen, was ich etwa gehrt
hatte und was mir im Gedchtnis hngen geblieben war. Darber wurde ich von
Olbrich betroffen, der mir auf den Kopf zusagte, da ich eine Stimme habe
und musikalisch sei, und der nicht nachlie, bis ich in den Sngerchor
eingeordnet war, in dem er selbst eine ziemliche Rolle spielte. Meine
Einwendungen in dem Sinne, da ich ja gar nichts gelernt habe, kaum nach
Noten singen knne und so weiter, verlachte er, da es nicht darauf ankam,
ob man bereits gedrillt sei, sondern ob man die Gaben habe, alles
nachzuholen, was bei mir der Fall sei. Es ging auch richtig ziemlich gut,
und ich war mit Ernst bei der Sache, da es mich selber wunderte, welch
starke und freudige Tne meine Kehle hervorbrachte, und wie sie in dem
Brausen des Mnnergesangs krftig mitschwangen. Aber noch erfreulicher war
die Entdeckung, da all unser Singen doch erst eine Vollendung, ja einen
eigentlichen Zweck bekam, wenn das Heer der weiblichen Stimmen sich darein
mischte und zur Kraft die Se, zu dem festen Untergrund der Bsse und
Tenre das hohe, silberne Klingen des Soprans und das warme,
herzandringende des Alts fgte. Ich fhlte mich recht als Glied eines
Ganzen und tat wacker und ehrlich mit, was mir bald einigen gutmtigen
Spott von Olbrich und ein paar andern eintrug, die es darauf abgesehen
hatten, mich als Musterknaben auszuspielen. Sie hatten fast alle unter den
singenden Damen Bekannte, die sie nach Schlu der Proben heimbegleiteten,
und mit denen es unterwegs noch viel Scherz und Gelchter gab, und es
schien, als ob manchen dieser Teil der Sache der wichtigere wre. Dabei
konnte ich nun schon aus Mangel an Bekanntschaften nicht mittun, aber es
war auch noch etwas anderes bei mir, das nmlich, da mir auf einmal in ein
ziemlich inhaltloses Leben hinein die Musik wie eine Geliebte getreten war,
der ich mein Herz auftat, und die mich mit Feuer und Andacht erfllte. Es
wurde mir jetzt nachtrglich klar, welch herzliche und innige Schnheit
mich oft angerhrt hatte, wenn ich Brigitte Hagenau hatte Klavier spielen
hren und jetzt, nach ihrem Tode, war es mir, als habe sie damals ber alle
Kraft und Klarheit ihres Wesens, ja ber die geistige Welt, in der sie
lebte, mit mir geredet, ich habe es aber an mir vorbergehen lassen.

Da war ich denn nun an den Musikabenden meistens verschlossener gegen die
scherzhaften Gesprche, die in den Pausen und nach dem Schlu hin und her
flogen, als es sonst meine Art war, und Olbrich sagte, man msse mir zu
einem Damenverkehr helfen, denn es sei die Sehnsucht da mitzutun, die mich
so schweigsam mache. Es msse aber ein feines Mutterkind sein, das man mir
heimzugeleiten gebe, denn ich sei selber noch ein solches und gleich und
gleich geselle sich gern.

Er hatte mich ehrlich gern und zeigte mir das auch auf jede Weise, nur da
er es nicht unterlassen konnte, mich mit dem zu necken, was ich meiner
Meinung und meinen Wnschen nach gerade gar nicht war. Ich war nur ohne
bung im freieren Flug, und ich meinte, mich weltmnnisch genug zu betragen
und war auch bereit, noch mehreres darin zu tun, wenn es die Gelegenheit
ergab. Er aber sah den Anlauf, den ich zu diesem allem nehmen mute, und
hatte etwas wie eine Rhrung darber, die er unter leichtem Spott und
Necken verbarg. Im Grunde war er selber eine durchaus gesunde und
unverdorbene Natur, die sich ruhig ein Stck weit die Zgel schieen lassen
konnte, auf die Dauer aber ihr Gesetz in sich selber nicht berhrte und
nach allerlei Seitensprngen immer wieder in ihre richtige Lage
zurckkehrte. Ich dagegen horchte viel nach allen Seiten und bemhte mich,
zu tun, was etwa andere, die mir imponierten, fr geschmackvoll und richtig
hielten, und es ist nur ein Wunder, da ich bei alledem doch so ungefhr
auf dem Wege blieb.

Es begegneten mir freilich immer wieder Menschen von der echten und
lebendigen Sorte, die dem unbewut Guten, das ich doch auch in mir hatte,
entgegen kamen und es einstweilen fr eigen und fr bare Mnze nahmen, ja
mich liebten, ohne da ich mir gerade um sie besondere Mhe gab. Ich war es
aber so gewhnt von jung auf und wunderte mich nicht einmal besonders
darber. Es mute alles so sein, wie es war.

                  *       *       *       *       *

Olbrich nahm mich eines Sonntags mit zu seiner Mutter, die in einem Vorort
ein kleines Landhaus allein bewohnte, whrend er selbst ein Zimmer in der
Stadt hatte, schon der Geschftsnhe wegen, aber auch, um sich ganz
ungehindert bewegen zu knnen, worin seine Mutter ganz einig mit ihm war.
Sie war schon seit vielen Jahren Witwe und hatte nur diesen einzigen Sohn,
den sie an ihrem Herzen mit einem starken Band angebunden hielt, aber lang
genug, um nichts von Unfreiheit spren zu lassen. Sie war seine Freundin
und ging mit groem Interesse auf alles ein, was er ihr brachte, ja sie
hatte einen so guten und glcklichen Humor, da er sich eines spahaften
Erlebnisses oder einer lustigen Geschichte erst recht freute, wenn sie mit
ihm darber gelacht hatte. Diesmal nun erzhlte er, er habe diese Woche
einmal bei einem Umtrunk auf die Frage: Bruder, deine Liebste heit?
geantwortet: Friederike, was alle aufs hchste verwundert habe, denn man
sei gewhnlich mit dem Gegenstand seiner Neigung auf dem Laufenden und habe
in der ganzen Stadt keine Friederike gekannt, um die es sich habe handeln
knnen. Er habe ihnen aber nicht entdeckt, da es sich bei dem
geheimnisvollen Kleinod um seine Mutter handle und lasse sie nun alle
zappeln. Darber lachten sie beide herzlich, und ich entdeckte, da sie
einander im Lachen, ich mchte sagen, lcherlich hnlich sahen, aber ich
sah auch den vollen Glcksblick, den die Mutter whrend des Lachens auf den
Sohn warf, und der mich wunderlich aufrhrte. Ich htte etwas darum
gegeben, auch einen solchen Blick auf mir ruhen zu sehen, und dachte eines
Anlasses, der um einige Zeit zurcklag.

Ich war nmlich auf der Reise zwischen beiden Orten ein paar Tage zu Haus
gewesen, um die Hochzeit meiner Schwester Helene mitzufeiern, die eigens um
meinetwillen auf diese Zeit gelegt worden war. Die guten Schwestern hatten
alles getan, um mich behaglich, oder, wie sie meinten, wrdig aufzunehmen,
es hatte an keinem Guten gefehlt. Sie waren nun schon in das Haus
umgezogen, das der Schreiner gekauft und nach Mglichkeit hergerichtet
hatte. Luise wohnte im Unterstock, und dort war auch fr mich eine Kammer
bereit, die Luise so wohnlich als mglich gemacht und geschmckt hatte. Es
hingen Vorhnge an den Fenstern und Bilder, von denen sie gedacht hatte,
da sie mir gefallen wrden, an den Wnden, und Luise hoffte auf mein
freudiges Erstaunen und auf die uerungen eines befriedigten
Heimatsgefhls. Aber ich fand sowohl die Liebespaare an den Wnden, als die
blaue Tapete scheulich, und sagte das zwar nicht, aber auch nichts Gutes,
und litt selber unter einer schlechten, enttuschten und widerwrtigen
Stimmung, die ich nicht ganz verdecken konnte. Es war weder die alte,
einfache, fast rmliche Heimat mehr, die mich schon um der Erinnerung
willen an sich gezogen htte, noch als Ersatz dafr ein Ort, an dem es
meinem jetzigen Selbst entsprechend zuging und aussah. Sondern es waren
Kraftanstrengungen gemacht worden, um ein bichen Schnheit oder Eleganz in
die Rume zu bringen, und ich sah nicht den guten Willen und das Verlangen
nach einem freundlichen Aufstieg, sondern nur das miratene (nach meinem
Dafrhalten) in der Ausfhrung.

Dazu kam, da ich mich mit dem Schwager nicht verstand, was ich ja
vorausgesehen hatte, und da sich Helene darber betrbte. Nachtrglich
sprte ich wohl, da es an mir selber gelegen war, aber das machte die
Sache nicht besser. Ich hatte dem jungen Paar als Hochzeitsgeschenk ein
Bchergestell mit einigen Klassikerbnden mitgebracht, worber sich Helene
kindlich freute. Sie hngte das hbsch gearbeitete Brett auch sogleich im
sogenannten guten Zimmer auf und stellte zu meinem Grauen ein paar kleine
lackierte Gipsbsten oben darauf, die Schiller und Goethe vorstellen
sollten, und die ihr der Brutigam gekauft hatte. Letzteres wute ich
nicht, sonst htte ich mich wohl zurckgehalten, zu sagen: La' doch die
Scheusale weg, die ich am liebsten durchs Fenster werfen mchte; viel
besser nichts, als solche Greuel. Ich sagte es etwas heftig, denn es
entlud sich allerlei angesammelter Unmut in den paar Worten, Helene aber
bekam eine dunkle Rte ins Gesicht und schaute mich verwundert an oder
vielmehr verwundet. Der Schwager aber sah von seiner Zeitung auf, in der
er eben las, und sagte scharf: Es haben nicht alle Leute die Mittel, teure
Sachen zu kaufen und aufzustellen, worauf er wieder weiter las oder doch
dergleichen tat. Dieser Satz nun traf das, was ich gesagt hatte, nicht,
indem es sich nicht ums Geld, sondern um den Geschmack handelte, und war
vielleicht auch nicht tiefer zu nehmen, aber ich sah darin den lngst
erwarteten Vorwurf ber meinen Geldverbrauch auf Kosten der Schwestern, und
ging stumm, aber innerlich rasend, aus dem Zimmer. Das war am Vorabend der
Hochzeit; ich wre aber am liebsten sogleich abgefahren und htte es
vielleicht auch getan, wenn es mir nicht um das Aufsehen gewesen wre, das
es erregt htte, und schlielich doch auch um die Schwestern, denen ich das
Leid nicht antun mochte. So blieb ich denn und fate mich auch
einigermaen, was mir die Schwestern nicht genug danken konnten. Ich war
auch ein leidlich liebenswrdiger Brautfhrer, Festordner und Tnzer am
andern Tag, stie sogar mit dem Schwager an, der gar nicht wute, was er
angerichtet hatte, weil er meinte, ich lebe schon lang von eigenem Gelde,
und kte Helene, ehe sie mit ihrem Mann auf drei Tage zu seinen Verwandten
reiste. Unter diesem Ku fing das liebe Mdchen, oder die junge Frau, die
sie nun war, so heftig und innig an zu weinen, da ich es nicht unterlassen
konnte, sie noch ein paarmal trstend weiterzukssen, worauf sie unter
Trnen lachend sagte: Ach, du bist doch ein guter Kerl, und sich nach
einem Taschentuch umsah, das sie gerade nicht zur Hand hatte, um sich die
Augen abzutrocknen. Luise hatte die ihrigen selber voll Wasser, es reichte
aber ihr festliches Spitzentchlein fr beide Schwesterngesichter, die sich
noch einmal fest aneinanderschmiegten vor der groen Trennung, die freilich
so gar einschneidend nicht war, weil sie nachher fast gleich miteinander
fortlebten wie bisher. Der Mann war nichts so Neues fr sie, da er schon
lange dabei gewesen war. Ich mu auch bekennen, da er meine beiden
Schwestern hoch und wert hielt und ihnen auf seine Weise zulieb tat, was er
konnte, viel mehr als ich in bsen Zeiten.

Doch fllt in jene Tage noch ein freundlicher Strahl, an dem ich mir unter
den glcklich lachenden Augen von Mutter und Sohn ein wenig gtlich tat.

Als nmlich das junge Ehepaar abgefahren war in dem Ktschchen eines
Vetters, berkam mich, vielleicht in dem Wohlgefhl ber den zrtlichen
Abschied mit Helene, eine pltzliche Lustigkeit. Ich fate Luise, die
gerade ein bichen traurig sein wollte, um den Leib und zwang sie, sich mit
mir in der engen Stube zu drehen, wozu ich ein Liedchen pfiff; darber
mute sie wider Willen lachen, und wir beide kamen in eine hchst
behagliche Stimmung, in der wir beschlossen, noch einen schnen Abend
miteinander zu haben und Lotte Meister abzuholen in einen aussichtsreichen
Wirtsgarten. Es wurde ein gutes Beisammensein, an das ich gerne denke. Wir
saen beim sinkenden Abend und noch spterhin in einem kleinen, erhht
gelegenen Tempelchen, abseits von den brigen Gartengsten und genossen ein
gutes Nachtessen, bei dem ich zum erstenmal in meinem Leben meine
Schwester frei hielt. Um uns her standen hohe Bume, deren volle Kronen
leise rauschten, unter uns zog der breite Flu vorbei mit eiligen Wellen,
und wir saen in einem freudigen Wohlsein und auch einer kleinen Wehmut,
weil alles so schnell vorberging, beisammen und plauderten von allerlei
Dingen. Unter anderem sagte Luise: Du, hr' einmal, Ludwig, der Herr
Professor, der dich einmal hat malen sollen, ist vorigen Herbst gestorben,
und seine Tochter, die mit den Kindern bei ihm gelebt hat, ist wieder bei
ihrem Mann, aber in Amerika. Es geht oft sonderbar zu. Die htten doch
ihrer Lebtag beisammen sein knnen. Es heit, er habe es mit einer andern
gehabt und sei jetzt krank und elend. Da ist sie jetzt der Gutgenug. Aber,
was rechte Frauen sind, die sind wie die Mtter, die Liebe ist nicht zum
Umbringen in ihnen. Ich glaube, sie hat immer gewartet, da er sie wieder
zu sich ruft.

Wo ist denn ihre Tochter, die Maidi? fragte ich. Ist die auch mit nach
Amerika gegangen?

Ach nein, die studiert irgendwo auf die Malerei; sie habe es vom Grovater
geerbt, da sie malen msse. Es ist schade, sie gbe eine liebe Frau, ich
habe schon gedacht, so eine wie sie, mchte ich dir wnschen, sie ist so
fein und doch nicht stolz. Wie einem halt so Gedanken kommen. Es wird ihrer
noch mehr solche geben.

Das meinte ich auch, es gab massenhaft feine Mdchen, das war gut
eingerichtet; ich konnte aber nicht unterlassen, die Frauen zu belehren,
da die Maidi darum doch heiraten knne, wenn sie auch Malerin sei, das
komme oft vor. Sie knne ja dann das Malen aufgeben, oder man knne ihr
eine gute Kchin halten. Darber nickten sie einverstanden, und wir lachten
alle drei, da wir so schn einig waren, whrend doch keines von uns wute,
wo sich das Malweibchen umhertrieb und es uns auch gleichgltig war.

An diesen Abend und den darauffolgenden Tag dachte ich jetzt und htte gern
das freudige und stolze Gesicht meiner Schwester Luise wieder einmal
aufleuchten gesehen, mit dem sie mich von sich gelassen hatte. In der
Zwischenzeit hatte ich es so ziemlich vergessen gehabt.

Damals, als ich ging, stand sie am Bgeltisch unter ihren Gehilfinnen; sie
konnte mich nicht begleiten, denn es war ber die Hochzeit viel versumt
worden. Aber sie sah mich voller Liebe an und sagte: Gelt, komm' auch
wieder, da man warm bleibt miteinander, und in diesem Augenblick dachte
ich auch, da ich es tun wolle, ja, ich htte sie gern gekt, wenn es
wegen der Bgelmdchen angegangen wre. Und alles in mir war voller
Zugehrigkeit, Respekt und Wohlgefallen; denn sie stand da so tchtig und
wacker an ihrem Platz, als eine ganze Person, aber mich liebte sie ber
alles, und in mir wallte es zu ihr hin, wie zu einer Heimat. Man konnte es
nur freilich nicht aussprechen, denn so etwas sagte man nicht, auch sa mir
etwas Ungewohntes im Halse, und ich drckte ihr nur die Hand, das mute fr
alles gelten und galt auch.

Diese Erinnerungen gingen in einem Augenblick an mir vorber, im nchsten
war ich wieder hier am Platze, doch blieb noch etwas in mir zurck, was
mich heute noch wundert. Ich dachte nmlich: wenn ich nun gefragt worden
wre, wie meine Liebste heie, was htte ich dann gesagt? Und es antwortete
in mir zu meiner berraschung: Maidi. Das erschien mir als ein Unsinn, denn
ich hatte ja das Mdchen nur als halbes Kind und dann nie mehr gesehen, und
es war jetzt irgendwo in der Fremde, Gott mochte wissen, wo, es war mir
auch gleich. Aber das vorwitzige Stimmlein in mir sagte immer noch Maidi
und erinnerte mich daran, da ich schon einmal ihr Brutigam gewesen sei,
da mute ich in Gedanken daran ein bichen vor mich hinlachen. Das fiel
aber nicht auf, da es ohnehin heiter und traulich zuging, und ich dachte
weiter: Nun, ein Unding wre es nicht, sie war hbsch und fein und lieb
genug, und ich spielte ein wenig mit ihrem Bilde. Wir stieen auch gleich
darauf an mit hohen, feinen Stengelglsern, in denen blaroter
Stachelbeerwein war, und da es einen hellen Doppelklang gab, lutete das
Stimmchen in mir mit: Maidi, was mich zugleich belustigte und erwrmte.
Denn es schien mir pltzlich, als htte ich einen heimlichen Schatz.

Frau Olbrich war so einfach mtterlich und natrlich mit mir, als habe sie
mich lngst gekannt und fllte mir beim Gehen die Taschen mit Birnen aus
ihrem Garten, wie einem groen Buben, und ihr Sohn stand befriedigt dabei.
Siehst du, sagte er auf dem Heimweg, siehst du, meine alte Herzensdame
hat schon auf dich angebissen, ich habe es wohl gewut. Du hast so etwas an
dir, was alten Frauen gefllt, sie mchten dann die Hnde ber dich
breiten, da du ein braves Kind bleibst; so etwas tun sie gern. Meine
Mutter hat gesagt, du seiest weiches Wachs, man sehe alle Eindrcke an
dir, es knne noch alles aus dir werden. Du mssest nur die richtige Frau
haben, das sei der entscheidende Punkt.

Ich knurrte ein wenig, und er lachte: Das ist ihr bei mir auch das
Wichtigste; sie wei aber wohl, da ich keine nehme, die nicht zu mir pat
und vielleicht auch gar keine. Denn noch eine solche, wie sie, finde ich
doch nicht. Das alles brachte er in leichtsinnig sein sollendem Tone vor,
man merkte aber gut, wie stark er am Herzbndel seiner Mutter angebunden
und wie wohl es ihm dabei war, alles andere ungeachtet. Ich konnte ihn fast
beneiden, es ging aber noch etwas Frohes in mir um von meinem Gedankenspiel
mit dem Kinderbrutchen her, es war mir, als gehe Maidi irgend woher auf
mich zu, so, wie ich sie das letztemal gesehen hatte, in ihren hbschen
Schuhen und unter dem Margeritenkranz.

Solcherlei Gedankenspiele hatte ich oft, ich dachte mir dann etwas aus bis
ins einzelne und war verwundert, wenn ich um mich schaute, und alles anders
war. Doch diesmal war es in Wahrheit, als sei von ihr, die so stark in mein
Leben treten sollte, und die mir nher war, als ich wute, schon eine
Vorahnung in der Luft gelegen. Es begegnete uns ein junges Mdchen, das
ihr, wie ich meinte, so sehr glich, da ich erschrak und sie anstarrte, und
es rief eine weibliche Stimme in einem dunklen Garten mit langgezogenem Ton
den klingenden Namen, den ich sonst nie gehrt hatte. Aber das alles traf
und berhrte mich nur, weil sie in mir selbst aus dem Dunkel der
Vergangenheit emporgetaucht war.

Ich habe oft in meinem Leben den Frhling vorausgesprt und voll
herzklopfender Ahnung sein Kommen ersehnt, wenn er Tauwinde, blhenden
Seidelbast und frhe Vogelstimmen vorausschickte, aber von dem kurzen und
holden Frhling meines Lebens konnte ich nichts voraus wissen, und ich kann
nicht sagen, wie es kam, da ich ihn dennoch vernahm, wie ein liebliches
Gelute, von dem man nicht wei, woher es tnt und was es bedeutet.

                  *       *       *       *       *

Es waren zu dieser Zeit die Vorbereitungen fr ein groes Musikfest im
Gang, an dem sich alle besseren Musikvereine der Stadt, ja des Landes,
beteiligen sollten. Ein berhmter Dirigent, bei dessen bloer Namennennung
alle Herzen der Snger und der Hrer hher schlugen, war angeworben, um
unter seinem Stab alle Bche und Flsse der Musik, die sonst fr sich
allein dahinpltscherten oder strmten, in ein einziges groes Meer von
Tnen zu versammeln. Inzwischen aber bten die einzelnen Vereine mit mehr
Nachdruck als sonst ihre Melodien ein, nicht um nachher mit Glanz
hervorzutreten, sondern um die Fhigkeit zu erwerben, vllig im ganzen
untergehend, es dennoch in ihrem Teil mit Kraft und Schnheit zu erfllen.

Auch gleichgltige und zerstreutere Liebhaber der Liederkunst rafften sich
zusammen, weil es galt, und lieen die Allotria, die sie sonst wohl
danebenher getrieben hatten, beiseite, um ernstlich und wacker im Takt
mitzumarschieren, und ihre Stimmen nahmen zu an Reinheit und Kraft, je mehr
die Besitzer des inneren Schwunges teilhaftig wurden. Es traten auch
einzelne Persnlichkeiten, die sich sonst abseits gehalten hatten, um
daheim in ihren Husern eine vornehme Musik zu pflegen, aus ihrer
Verborgenheit hervor und stellten sich in die Reihen, wie im Krieg die
Freiwilligen unter die Fahnen eilen und nichts mehr fr sich selber sein
wollen um der Sache willen. Da war nun auch ich mit Leib und Seele dabei;
es war wohl kaum vorher und nachher eine Zeit in meinem Leben, wo mir so
das Ich versank um eines Hheren willen, in dem es aufgehen konnte, wie
damals. Die Zeichen mehrten sich, da die Zeit erfllet werde. Schon nahm
ein verdienter Tonmeister der Stadt die Zgel in die Hand, um einzelne
Chre mit verschiedenen Vereinen zusammen zu probieren, und das geschah in
einer groen Halle, die eigens fr das Fest aus leichten Balken und
Brettern gezimmert worden war, und Tausende von Menschen fassen konnte.
Noch ermangelte der riesige Raum des festlichen Schmuckes der Tcher,
Fahnen und Laubgewinde, der ihm zugedacht war, aber machtvoll und freudig
erklangen darin die Chre und versprachen schn zu werden, wenn sie, von
aller Schwere und Unreinheit befreit, auf breiten Wogen am Tage des Festes
durch die Halle fluten wrden, vereint mit anderen gereinigten Strmen.

Noch war es freilich nicht so weit; das Taktstcklein des Dirigenten fiel
oft genug und mit wachsender Ungeduld hart klopfend auf das Pult, die
Snger belehrend, da ihrer Emporluterung zum Vollkommenen hin noch lange
nicht genug getan sei. Es ging scharf zu, und das bei den Mnnern wie bei
den Frauen, ja es dnkte mich, als seien die letzteren noch hrter
mitgenommen als wir. Als nun einmal der Sopran fr sich allein eine Stelle
vier- oder fnfmal wiederholen mute und ich mig zusah, wie die
angespannten Sngerinnen sich mhten, das Hchste zu leisten, fiel mein
Auge auf ein Mdchengesicht, das ganz versunken weder auf den Dirigenten
noch in die Noten sah, sondern in sich selbst hinein zu horchen schien,
woher ihm ohne Mhe die Melodien zuflssen, die es leicht hervorbrachte und
mit einem weichen, taktmigen Wiegen des Oberkrpers begleitete.

Warum zum Kuckuck sieht sie denn nicht auf den Dirigenten, wenn es gilt
wie jetzt? dachte ich mit polizeidienerhaftem rger, als in dem Augenblick
sich das Gesicht dem befohlenen Punkt zuwandte und einen oder ein paar
Takte lang darauf verweilte, bis sich ein unwiderstehlich belustigtes
Lcheln ber die ganze Flche verbreitete und die Augen wieder in ihre
Versunkenheit zurckgingen. Sogleich aber wute ich, da das Mdchen nur
deshalb in sich selbst hineinsah, weil ihm der Anblick des heftig
fuchtelnden Mannes einen unbesieglichen Lachreiz erweckte und es in seiner
andchtigen Hingabe an die Musik strte. Aber whrend in mir der brennende
Wunsch entstand, sie mchte das hbsche Schauspiel noch einmal auffhren
und ich sie erwartungsvoll ansah, kam mir die Sngerin immer bekannter vor.
Sie trug ein loses Kleid von grner Farbe, das mit einer schmalen Goldborte
unter der Brust zusammengehalten war, und hatte ein leichtes
Schleiertchlein am Halsausschnitt, aus dem heraus lieblich und jetzt
wieder ganz ernsthaft das Singewesen stieg. Wo aber hatte ich schon einen
Kopf so frei und freudig tragen sehen, und wo nahm das Mdchen die Zge
her, die mir mit jedem Augenblick vertrauter wurden? Sie sollte jetzt
einmal einen Augenblick aufhren, zu singen, da man sie in Ruhe betrachten
konnte, das feste Kinn und den blhenden Mund und die Augen, die vorhin so
heiter aufgeleuchtet hatten. Aber das dauerte nicht so lang als die
Beschreibung, so sagte das schon einmal angefhrte Stimmlein in mir halb
zweifelhaft und halb triumphierend: Maidi? Der Verstand wandte ein, die
Sngerin sei grer, schmaler und von dunklerem Blond als die Maidi aus der
Vaterstadt und trage die Haare tief gescheitelt und aufgesteckt, was jene
auch nicht gehabt habe; worauf es sagte, natrlich, begreiflich, denn es
sei fnf Jahre her seit damals, und ich msse nicht etwa meinen, da ich
mich in dieser Zeit nicht auch verndert habe. Ich erwiderte hierauf, falls
es je die betreffende junge Dame sein sollte, die aber fr mich noch nie
Maidi geheien habe (jene Stunde in dem grnen Garten ausgenommen), so habe
das weiter fr mich nichts zu sagen. Oder ob ich vielleicht hingehen solle
und fragen, ob sie sich erinnere, einmal mit mir auf dem Markt
herumgestrichen und beim Kasperle gestanden zu sein? Auerdem handle es
sich sicher um eine zufllige hnlichkeit. Das aber glaubte mein Herz, das
sich auf einmal in die Sache zu mischen anfing, keineswegs, und es entstand
ein heftiger Disput in mir mit Fr und Wider, der nur obenhin geschweiget
wurde, als auch wir Mnner wieder mitzusingen hatten. Ich kam nun mit mir
berein, die Sngerin, sie sei, wer sie wolle, in eine nhere Beziehung zu
mir zu denken. Sie sang gewissermaen ein Duett mit mir, zu dem die andern
den Chorus bildeten. Wenn ihre Stimme empor frohlockte, so hielt ihr die
meinige die Leiter dazu, und wenn ich ihr ein neues Thema angab, so ging
sie lieblich und bereitwillig darauf ein und machte etwas so Schnes
daraus, da mir die Brust vor Wonne schwoll. Da sie mich dabei nicht
ansah, war weiter nicht zu verwundern, es war genug, da ihre Stimme mit
der meinigen zusammenklang, es war eine schnere Gemeinschaft, als ich sie
je besessen hatte. Als die Probe aus war, verschwand sie sogleich, und ich
sprte ihr auch nicht nach, denn auf der Strae wre sie nicht mehr
dieselbe gewesen, aber ich wartete mit brennendem Verlangen auf die nchste
Singgelegenheit, die auch bald erschien und die heimliche Wonne fortsetzte.
Es war mir jetzt, als sei die Musik, meine unbesprochene Geliebte, aus
ihrer Verborgenheit hervorgetreten in einem grnen Kleide und einem
Heiligenschein von blondem Kraushaar, das sich aus den Scheiteln
herausdrngte, und alles sei voller Wohlklang, solange sie im Saal regiere.
Aber auf einmal sah ich, da die Gttin mich aufmerksam und prfend ansah
in einer Pause, und da sich ber ihr Gesicht ein unglubiges Staunen und
dann ein kleines Lcheln verbreitete, und sie wurde mit einem Schlag zum
Menschenkind, das mich zgernd und fragweise, ob ich es auch sei, mit einem
Augenwink grte. Da war es Maidi, ich hatte es aber schon lang gewut.

Doch fand ich noch nicht so schnell den Weg zu ihr, denn ich war seltsam
befangen, was ich sonst nicht an mir kannte, und mochte mich nicht durch
die Menge drngen, oder sie am Tor erwarten. Ich sah sie aber einmal in
einer Gruppe junger Leute beiderlei Geschlechts die Halle verlassen und
dachte, sie habe ja wohl schon ihren Umgang und habe nicht auf mich
gewartet, was ja auch begreiflich genug sei: Da suchte ich wieder in die
schne und heilsame Ichlosigkeit der ersten Wochen unterzutauchen, in der
es mir so wohl gewesen war, sie lie sich aber nicht erjagen und war
vorbei, doch aus dem Meer von klingenden Wogen und Wellen war eine Gestalt
aufgetaucht, nach der ich hinsehen mute, wie nach einem anderen Ich.

Inzwischen kam das Fest heran. Ich hatte etwas so Groes und nach meinen
Begriffen unirdisch Schnes noch nicht erlebt und ging nach dem ersten
Abend, der nicht von Menschenstimmen, sondern von einem Riesenorchester
erlesener Streichinstrumente gespeist worden war, in einem halben Rausch
und einer ganzen Begeisterung in den Anlagen umher, in denen die Festhalle
stand, und in denen viel Volks lustwandelte, festlich geschmckt und in
guter Stimmung, denn sie waren, wie einst die Juden und die Griechen zu
ihren Festen, aus vielen Orten zusammengekommen zu dem einen schnen Zweck
und hatten jetzt bereits Nektar und Ambrosia gegessen und getrunken, morgen
aber gab es mehr davon.

Es waren da und dort leichte Zelte zur Bewirtung der Gste aufgestellt, die
nicht von der Gtterspeise allein leben mochten oder konnten, und auch in
ihnen ging es zwar lebhaft und freudig, aber doch nicht ausgelassen zu,
denn noch hingen, wie Weihrauchwolken von Opferaltren, die eben
verklungenen Harmonien von zwei Beethovensymphonien in den Wipfeln der
Bume und stiegen, langsam einen Ausweg suchend, zum gestirnten Himmel
auf. Ich suchte Olbrich und einige andere Gesellen, die sich nach
Verabredung zusammen getan hatten, um noch eine Flasche Wein miteinander zu
trinken und die ich hatte vorausgehen lassen, weil ich noch zu erregt war,
um ihre unausbleiblichen Scherze, Kritiken und Neckereien, an denen ich
mich sonst gern beteiligte, mitanzuhren. Ich summte leise die und jene
Takte der Musik vor mich hin, und alle Nerven waren in mir aufgespannte
Saiten, die mitspielten und mich den vollen Strom noch einmal hren lieen,
und in allen Adern kreisten eingeschlossene Quellen des Lebens, die an ihre
Pforten klopften, weil sie aufgerufen worden waren; es war eine Qual voller
Glck. Jenseits des Rondells, das ich eben umging, trat in den Lichtkreis
einer Bogenlampe, die in dem grnen Gest eines Ahorns hing, eine
Gesellschaft junger Mdchen in hellen Kleidern; sie plauderten und lachten,
und als ich nher zusah, war Maidi unter ihnen. Sie war still und es schien
mir, als sehe sie suchend umher, da brannte mich etwas im Innersten, denn
wen suchte sie wohl, und warum mute ich hier allein sein? Sie trug immer
noch den Kopf in einer so festlichen und freudigen Haltung wie einst, ich
hatte das noch bei keinem Menschen so gesehen, aber ihr Gesicht war
zugeschlossen und ernst. Ich hatte strmisches Herzklopfen und wute nicht
warum. Als der hellgefiederte Schwarm auf mich zukam, trat ich in einen
Seitenweg ein und ging ihn auch zu Ende bis an eine kleine Wirtslaube, die
von einer einzigen Flamme matt erhellt war. Es saen ein paar stille Zecher
darin, jeder fr sich vor seinem Wein, und auch ich setzte mich an ein
Ende des Tisches und bekam einen gefllten Rmer vor mich hingesetzt. Ich
betrachtete einen graubrtigen Mann mit langem und schlecht gepflegtem
Knstlerhaar. Er trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte und hielt
den Kopf tief gesenkt.

Dem geht's wie mir, dachte ich. Auch er ist allein und mu alles in sich
selbst verarbeiten. Und es war mir, als mte ich mit allem Drang in der
Brust mein Leben lang fr mich bleiben und einsam alt werden; ich trank
ziemlich viel von dem guten und trstlichen Wein und hrte auf einmal den
Alten sagen: Liebeskummer? Aber als ich ihn zornig ansah, lchelte er in
sich hinein, als wisse er gar nichts von mir.

Da stand ich auf, zahlte und ging. Mir war sehnschtig und heimwehig
zumute.

Aber am andern Tag war es vorbei. Olbrich fragte mich, wo ich gewesen sei;
sie htten lang auf mich gewartet und seien darum endlos sitzen geblieben,
was ich nun zu verantworten habe, und ich verteidigte mich lachend, da sie
auch frher ohne mich lange Sitzungen gehalten htten; ich htte noch
frische Luft gebraucht nach der Hitze in der Halle.

Er sah mich aufmerksam an, denn ich ging auf einmal eigene Wege und hatte
etwas Entschlossenes an mir. Ich hatte mir beim Aufstehen vorgenommen, da
heute ein Knopf an die Sache mit der Maidi gemacht werde, so oder so.
Entweder ich ging hin und sagte: Guten Tag, kennen Sie mich noch?, oder ich
ging meiner Wege und lie sie laufen. Eins oder das andere.

In dieser Entschlossenheit ging ich den ganzen Tag umher und duldete nicht,
da der kleinste Zweifel darein kam, es war aber Gefahr vorhanden, da mir
das ganze Fest zuschanden kam, denn bald war ich auf dem einen Punkt, bald
auf dem andern, wie konnte ich da an etwas anderes denken?

Aber es ging viel einfacher zu, als ich meinte. Denn als ich am Abend in
die Halle trat, ging Maidi mit mir zu der schmalen Hintertr herein, die
fr die Snger bestimmt war. Sie sah mich freimtig erkennend an und sagte:
So sind Sie es also doch gewesen. Ich habe Sie in der Probe gesehen und
von weitem gegrt, aber Sie waren so fremd und finster, da ich dachte,
ich htte mich geirrt, oder Sie wollten mich nicht mehr kennen. Aber jetzt
ist weder das eine noch das andere wahr.

So konnte sie wohl sagen, da sie mein erfreutes Gesicht sah, das ich ihr
nicht verbarg, und den festen Druck sprte, mit dem ich in der
Erleichterung meines Herzens ihre Hand hielt und schttelte.

War sie es denn aber noch bei nherer Betrachtung? Oder wie war das Wesen,
in welches das zutrauliche, lustige Mdchen von damals sich verwandelt
hatte, beschaffen? Gott sei Dank, nicht viel anders, als ich sie noch im
Sinn hatte, das heit: aufrecht und mit erwartungsvoll schreitendem Gang,
sicher, freudig und einfachen Wesens, ohne alle Ziererei, aber dabei
kniglich in der Haltung, wie sie es von ihrem silberglnzenden Grovater
ererbt hatte. Es war aber noch viel hinzugekommen, was ich nicht aufs
erstemal erfassen konnte, und worin sie mir weit ber war. Denn sie hatte
in ihrer blhenden Jugend dem furchtbaren Ernst des Lebens ins Gesicht
gesehen und eine Reife dabei empfangen, die man mit Schmerzen zahlt und
mit dem Zauber der hintrumenden Unbewutheit. Schicksale waren vor ihr
aufgestanden, die ihre nchsten Menschen betrafen; es war nicht so einfach,
gut zu sein und friedlich beisammen zu wohnen. Man konnte mit
Leidenschaften beladen in der Welt umher irren und daran zugrunde gehen,
und es konnte dann dennoch das Wunder ber einen geschehen, da im tiefsten
Elend noch die Liebe sich aufmachte und erlsend zu einem trat; so war es
bei ihrem Vater. Und es konnte sein, da die liebste Liebe verraten und
zertreten wurde und litt und doch nicht unterging, sondern wie ein
bedecktes Feuer unter der Asche weiter glhte und wartete. Aber wenn dann
ihre Zeit noch einmal kam und ein Sturmwind sie neu anblies, dann mute sie
andern nehmen, was sie dem einen gab, und es war eine Not ohnegleichen. So
war es bei ihrer Mutter, die sich von den Kindern gelst hatte und von dem
alten Vater, um zu dem Mann zu gehen, der ihr Glck und ihr Unglck gewesen
war. Und es konnte kommen, da man sich zwischen zwei liebste Menschen
stellen mute und den, der einem am wehsten tat, decken vor dem, dem man im
stillen recht gab, der Sache nach. So war es Maidi gegangen, als der
Grovater gegen die Mutter tobte und fluchte, da sie gehe. Sie htte sie
gern gehalten, denn war nicht hier ihre Aufgabe und ihre Heimat? Wie konnte
sie dorthin gehen, wo ein unnennbares Grauen wohnte? Und doch kte sie die
bleichen Lippen, die immer sagten: ich mu doch, begreift es denn niemand?,
und hie sie gehen, obgleich es ein dunkles Rtsel war. Voller Rtsel war
das Leben und auch voller Strme. Der heitere Greis mit seiner
prachtvollen Lust am Leben wurde dennoch vom Tod hingemht, und auch sein
Glanz war nicht ohne Trbung. Denn er hatte nie fr die Zukunft gesorgt,
weder fr sich, noch fr die Seinen. Sparen und vorsorgen schien ihm eine
geringe und hausbackene Tugend zu sein fr Krmer und enge Brger recht,
aber nicht fr Knige, Lieblinge des Lebens und der Kunst. Er war bewundert
gewesen, geliebt von Frauen und Mnnern, heiter, freigebig und voll gtiger
Launen, aber es blieb nichts brig fr die geliebten Kinder seiner Tochter,
die in Flle und mit dem leuchtenden Sinn fr das Schne herangewachsen
waren. Das alte Haus und der grne Garten waren verkauft, es war nicht
leicht, daran zu denken und nicht leicht, das geliebte Bild des alten Herrn
ganz strahlend hell im Herzen zu haben.

Schwer und unbegreiflich war vieles im Leben; es meielte weiche,
jugendliche Zge und gab ihnen feste, bestimmte Linien, und es lie
lachende Augen, die berall den Sonnenschein auffingen, wach und wissend in
den Tag sehen.

Das alles erfuhr ich erst nach und nach, aber etwas davon ging mir beim
ersten Sehen auf, ein Ernst und eine reife berlegenheit, vor der ich fast
erschrak, denn ich hatte das nicht erwartet. Aber Gott sei Dank, es hatte
das Jungsein doch noch daneben Platz oder vielmehr, es brach daraus hervor,
wie eine verschttete Pflanze aus wstem Gerll oder wie der Saft aus einem
zurckgeschnittenen Baum, der bermchtig treibt und die Wunden zudeckt mit
neuen grnen Trieben. Es mute ja nicht immer so dster kommen, man hatte
ja sein eigenes Leben zu leben, das erst vor einem lag und in dem es gut
und hell zugehen mute, allem Dunklen zum Trotz.

Das alles gab mir Maidi nach und nach zu sehen und zu kosten, den Ernst und
den Stolz und das Lachen, ich habe es aber gleich auf einmal heraufgeholt,
weil ich meine, keinen Zug ihres geliebten Bildes verschweigen zu knnen,
wenn ich von ihr rede, auch keinen Augenblick.

Sie war nicht auf der Malerakademie, wie meine Schwester Luise gemeint
hatte, sondern in einer Kunstgewerbeschule, wo sie in absehbarer Zeit zu
Beruf und eigenem Verdienst kommen konnte. Ihr Bruder, den sie sehr liebte,
war irgendwo auf einer Hochschule, wozu ihm Stipendien verhalfen aus
reichen alten Stiftungen eigener Vorfahren. Er war begabt, und sie war
stolz auf ihn, sie war nicht im Zweifel, da es einmal wieder gut kam im
Leben.

Von dem allem erfuhr ich bei der ersten Begrung nur das uerlichste, so
viel ungefhr, da ich wute, ich habe es nicht mit einem Wesen zu tun, das
nach eigener Wahl und aus innerem Mssen den schnen Knsten nachfolge,
sondern mit einem solchen, das gentigt sei, auf eigenen Fen zu stehen
und selbstverdientes Brot zu essen. Aber freilich mute das Brot auf einem
Acker gewachsen sein, dem es zwischen den hren nicht an rotem Mohn und
blauen Kornblumen fehlte, denn ohne Schnheit wre sie geistig oder
seelisch Hungers gestorben.

Wir waren ein paarmal miteinander vor der Halle auf und ab gegangen, da
noch etwas Zeit brig war vor dem Beginn des Konzerts, und hatten das
Ntigste vom Woher, Wohin und Wieso miteinander geredet, aber unversehens
doch als solche, die einander etwas angehen. Ist es nun nicht wunderbar,
sagte Maidi, da wir Landsleute und Stadtkinder hier in der Fremde
zusammentreffen? Htte es nicht jedes von uns ebensoviele Stunden weit nach
einer andern Richtung hinwehen und absetzen knnen, wo dann keines etwas
vom andern gewut htte? Das sagte sie so drollig und mit sichtlicher
Freude an dem Geschehen, da ich erleichtert anfing zu lachen, denn ich
mute mir bildhaft vorstellen, wie uns der Wind nach verschiedenen
Richtungen getragen und niedergelassen htte, und Maidi fiel so herzlich in
mein Lachen ein, als ob sie schon lang nicht mehr recht gelacht htte und
nun die erste Gelegenheit dazu ergreife. Dabei hatte sie auf einmal wieder
die Zge, die ich gut an ihr kannte, es fiel mir ein, da ich sie auch in
der Konzerthalle zuerst lachend erblickt hatte, und ich teilte ihr das mit.

Ja, sagte sie wieder ernsthaft und wie in einer kleinen Bekmmernis, es
hat vieles Platz nebeneinander in einem Menschen. Es wundert mich oft
selber. Ich habe es an mir, da mich das Komische, besonders wo es wichtig
auftritt und sich breit macht, berwltigt und ich dann alle Kraft brauche,
um die Lachlust zu unterdrcken. Das kann mir in der Kirche geschehen oder
bei einem an sich traurigen Anla; ich bin schon bs damit hereingefallen.
Es darf nur jemand ein groes Pathos entfalten oder eine strenge Amtsmiene
aufsetzen bei einer unwichtigen Sache, oder schwnzelnd hinter einem
Leichenwagen einherschreiten, gleich steigt es mir auf mit aller Macht. Es
ist dann nur gut, wenn mein Bruder nicht in der Nhe ist, der es auch so
hat. Allein werde ich eher damit fertig, es dauert dann nur einen
Augenblick. Wenn ich ihn aber nur von hinten sehe, wie er mit den Achseln
zuckt, so wei ich schon Bescheid, nmlich da er lautlos in sich
hineinlacht, und dann bin ich verloren.

Das alles sagte sie ernsthaft und als ob es ihr Not bereite, und es war
vielleicht auch der Fall, aber es sa doch ein Schelm in ihren
Augenwinkeln, und ich htte uns jetzt gleich einen der beschriebenen
Anlsse hergewnscht, um den Bruder zu vertreten, denn das war so recht
eine Sache fr mich. Das Zeichen erscholl, das die Snger an ihren Platz
rief, und Maidi enteilte mir, ich aber begab mich in der besten Laune zu
meinen Sangesbrdern, hochgestimmt und aufgeheitert zu gleicher Zeit.

Wenn-- weil ich schon einmal das Meer zum Vergleich angefhrt habe, fr
das Zusammenflieen so vieler und starker Tonmassen-- im groen Weltmeer
hie und da zwei aufblitzende Wellchen mit lustigen Schaumkrnlein einander
von weitem erblicken und gren und darnach wieder untersinken in die
weitausgereckten Arme des Meeres, so haben sie es, wie wir beide, Maidi und
ich, an diesem Tage es hatten. Wir waren eins mit dem Ganzen und hingegeben
an dasselbe, andchtig und voller Lust und doch auch wieder selber etwas,
das mit Zunicken und freudigem Gren das andere suchte. Ich wei, da es
nicht nur bei mir so war, es war auch in Maidi eine Freude, hier in der
Fremde und in der Gegenwart, die so ganz anders war als die Heimat und die
Vergangenheit, einen zu finden, der bis ins Kinderland zurckreichte; und
so, erwrmt und heimatlich angerhrt, sang sie sich, untertauchend und
wieder emporgehoben, in eine still-beseeligte Wonne hinein, wie sie mir
spter einmal mit aufleuchtenden Blicken erzhlte. Als nun der Schluchor
einer Kantate und zugleich der des Abends kam und ein sieghaftes Getne
anhob, in dem immer eine Stimme der andern zurief: Frohlocket-- und
singet-- und die andere es aufgriff und weitergab, bis zuletzt ein groes
allgemeines Frohlocken entstand, das die Wnde zu eng machte und in die
Nacht hinausschallte, da war es uns eben recht, wir frohlockten und
sangen-- und sangen und frohlockten, so viel wir konnten, und hatten den
starken Widerhall in der Brust. Es war mir aber, wie wenn ein helles,
lustiges Glcklein neben einem vollen Domgelute fr sich bimmelt, als ich
auf einmal sah, wie ber Maidis Gesicht mitten drin ein Lachen lief, das
ich begierig war, noch oft zu sehen. Denn es gingen ihr neben allem Groen
her kleine lustige Geisterchen, die stiegen auf und saen rittlings auf den
hohen Wogen, wie rosige Engelsbbchen; dann war sie kstlich anzusehen.

                  *       *       *       *       *

Es begab sich wie von selbst, da ich von jetzt an fter mit Maidi zusammen
kam, die mich mit einer groen Selbstverstndlichkeit und Unbefangenheit an
ihrem Leben teilnehmen lie, soviel sich davon ereignen wollte. Sie stand
in festen Schuhen, in viel festeren als ich. Als ihr Herkommen in seinen
Grundlagen erschttert worden war, da hatte sie sich auf sich selbst
besonnen. Es war da noch etwas Eigenes, das nicht hinwegstarb und nicht
verkauft werden konnte, ein kstlicher Besitz, mit dem es sich leben lie.
Ich mu etwas aus mir selber machen, wute sie, und mu auf eigenen Fen
stehen. Sie sah klar in ihre Zukunft hinein und wute, was sie wollte und
was sie erreichen konnte, was mir stark imponierte, da es bei mir damit
nicht zum Besten bestellt war. Zwar was ich wollte, wute ich auch, wenn
man das Wollen heien kann, da einer berzeugt ist, es msse ihm alles
Gute in den Scho fallen oder vielmehr alles Angenehme. Ich war damit
aufgewachsen, da ich haben konnte, was ich begehrte, und gerade der
Umstand, da ein neues Verlangen immer auf der Schulter eines erfllten
Wunsches gestanden war, hatte mich daran gewhnt, auch hher gehngte Dinge
fr erreichbar zu halten. Das war ja an sich nichts Unrichtiges, ich konnte
ebensogut wie ein anderer gescheiter Kerl vorwrts kommen, es fragte sich
nur, ob ich alle Kraft zusammennehmen und arbeiten wollte. Aber so war es
nicht gemeint bei mir, denn das, was man so am ebenen Weg erreichen konnte,
war nicht genug.

Es ist nicht angenehm, es mir zu unterbreiten, aber es hilft alles nichts:
ich wollte eine Lebensstellung haben, in der ich geehrt und angesehen war
in den Kreisen, die einen Zaun um sich zogen von Geld und von Bildung, und
in einem schnen Hause wohnen mit einer eleganten, schnen und vornehmen
Frau und was mehr zu dem allem gehrte.

Ich konnte es verlangen, da es so kam, denn, war nicht seither auch eins
aus dem andern gekommen bei mir, seit ich ein kleines Bbchen gewesen war?
Also mute es auch weiter gehen in aufsteigender Linie. Wie? Das wute ich
freilich nicht. Denn obgleich ich ja eigentlich ziemlich viel Selbstgefhl
hatte, dachte ich doch nicht daran, die gnstigen Wendungen in meinem Leben
durch eigene Kraft herbeizufhren, sondern ich erwartete sie von
glcklichen Zufllen oder Schickungen, die ja rechtzeitig eintreffen
muten. Ich hatte mir eine Art von Lebensanschauung zurecht gemacht, die
der Bescheidenheit den Tod schwor und groe Mnner dabei zum Zeugen
aufrief, freilich in ganz falschem Sinne, nmlich so, da, wer mit einem
niederen Los zufrieden sei, auch kein hheres verdiene, wer es aber in sich
habe, den treibe es hinauf. Das wre alles schon recht gewesen, wenn es mir
um die Sache selbst und nicht um die Nebendinge zu tun gewesen wre, und
wenn mich ein inneres Feuer gedrngt htte, als Meister und Schmied meines
Schicksals aufzutreten und es so zu hmmern, wie ich es zu brauchen meinte,
und wie es ins Einzelne auszuspinnen meine geschftige Phantasie nicht mde
wurde.

Ich habe, nachdem ich meine Lehrgelder bezahlt und meine Umwege gemacht
habe, wohl gelernt, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Damals hie ich
Schnheitssinn, was bereits ins Kraut geschossen und Begehrlichkeit
geworden war, und Aufwrtsstreben, was erst recht am Boden klebte.

Nun, es ist mir nichts geschenkt worden.

Ich htete mich wohl, meine Weisheiten vor Olbrich auszubreiten, der ja
gerade ein Beispiel dafr gewesen wre, wie innewohnende starke Krfte
Schicksalsleiter sind, und trug sie dagegen zu Maidi, zu der ich alles
Zutrauen hatte, und die mich auch mit allem aufnahm, was ich vorbrachte,
ohne mir aber blindlings recht zu geben, so da sie sowohl meine Zuflucht
als auch mein Gewissen war, obgleich ich ihm freilich nicht folgte. Es zog
mich zu ihr und vielleicht nicht am wenigsten darum, weil ich etwas von
ihrer freudigen und ernsten Kraft sprte, die sie nicht nur das Ziel,
sondern auch den Weg wollen lie, und die mir Respekt einflte.

                  *       *       *       *       *

Ich hatte oft das Gefhl, als ob ich Maidi bedauern mte und mich
glcklich preisen, da sich das Blatt so gewendet hatte, seit unsern
Kindertagen. Denn hatte sie nicht alles gehabt und alles verloren, was mir
wie ein fernes Paradies noch im Gedchtnis war? Und mute sie nicht ihr
schnes junges Leben nun in den Zeichenslen versitzen und auf ein
Pflichtendasein ausgehen?

Und war ich nicht, der ich einstmals geweint hatte vor Scham ber unser
rmliches Huschen, auf dem besten Wege zu einer allerschnsten Villa
(wenigstens in meinen Tagtrumen)?

Ach, ich wute nicht, um wie vieles sie mir voraus war, der ich noch so gar
nicht geschult war im Lebenskampf, dem es an Erschtterungen uerer und
innerer Art bisher gnzlich gefehlt hatte, um zu irgendeiner Tiefe zu
gelangen. Wie wenig kannte ich von den ernsteren Seiten des Lebens; wie
wenig ri mich ein starkes Mssen auch nur in mir selbst zum Guten oder
Bsen nach irgendeiner Seite. Ich war eine der sogenannten glcklichen
Naturen, die von vielen so gern gesehen werden, weil es sich mit ihnen
behaglich und ohne viel Reibung leben lt, und denen das eigentliche
Glck, das errungen sein will, so leicht entgeht, da sie es nicht zu
rechter Zeit erkennen und dafr irgendeinem Scheingebilde nachgehen. Doch,
was ich versumt und gesndigt habe, habe ich bezahlen mssen. Und-- wie
ich auch gewesen sein mag, es war eine Zeit in meinem Leben, da Maidi mich
liebte.

Ich habe oft versucht, mich mit diesem Wort wie mit einem Schilde zu decken
und bin gewi, da Maidi, wenn sie knnte, trotz allem, was ich ihr angetan
habe, sagen wrde: Tue es nur, denn es ist wahr, und ich wute wohl, was
ich tat, als ich dich liebte.

Aber der Schild kann mich nicht vor mir selber schtzen, und Maidi kann ihn
nicht ber mich halten. Wenn ich in grauen Stunden ber das lieblichste und
traurigste Kapitel meines Lebens nachsinne, so hhnt etwas in mir: Kann
auch einer, der im Angesicht der Sonne schlimme Taten verbte, ja die Sonne
selber gering achtete, sich trsten, da er doch von ihr beschienen worden
sei und es also wert gewesen sein msse?

Dann aber sagt eine liebe Stimme: Grme dich nicht lnger. Wir tragen alle
unser Schicksal in uns selber und mssen es vollenden. Das war das Liebste
an meiner Liebe, da ich dich vor dir selber schtzen wollte; nun tue du es
selbst.

Ich mute das vorausschicken, um mir Mut zu machen fr das, was ich nun
aufschreiben will, und was ich gern verschieben mchte, wie Kinder tun,
wenn sie eine Dummheit oder Bosheit bekennen sollen und tausend Umschweife
machen, ehe sie mit der Sprache herausrcken. Ein unverschuldetes Unglck
verhehlen sie nicht, sondern verkndigen es mit lautem Geschrei des guten
Gewissens.

Maidi hatte, als sie die Kunstgewerbeschule bezog, etwas mitgebracht, was
ihr ebenso ntzlich war, wie der kleine Vermgensrest, von dem sie die paar
Jahre leben und ihre Studiengelder bestreiten konnte. Es konnte nicht
verborgen bleiben, da sie in einer Umgebung aufgewachsen war, in der die
Kunst oberste Regentin war, und zwar die frei schaffende Kunst, die ohne
Nebenzweck und nur vom Genius befruchtet, Schnstes und Lebendigstes
schafft, die aber doch, eben wenn ein wirklicher Knstler sie besitzt, das
Technische, Handwerksmige ebenso wichtig nimmt und beherrscht wie das
geistige.

Es mute auffallen, mit welch raschem Verstndnis Maidi den Anweisungen der
Lehrer in den praktischen Fchern entgegenkam und wie sie sich, zwar
bescheiden, aber auf Grund einsichtigen Nachdenkens, hie und da erlaubte,
eine kleine nderung in einer Sache vorzuschlagen, die man ihrer Meinung
nach auch anders angreifen konnte. Auch mochte es ungewhnlich zu sehen
sein, wie sie bei Anhrung der theoretischen Vortrge, die ihr Studium
betrafen, entweder mit dem lebhaften Interesse dessen, der schon die
ntigen Grundlagen hat und darum leicht folgen kann, oder mit dem
einverstandenen Lcheln und Kopfnicken dessen, der Bekanntes neu vortragen
hrt, dasa. So dauerte es nur kurze Zeit, bis sie vom Direktor der Anstalt
nach ihrem Herkommen befragt wurde, und, als sie den Namen ihres Grovaters
nannte, von ihm in einer gewissen Art und Sprache, wie sie eine Kaste
untereinander hat, angeredet und behandelt wurde. Er lud sie auch bei
Gelegenheit in seine Familie ein, und seine Frau war es, die Maidi
ihrerseits in den Singverein eingefhrt hatte. Diesem trat sie aber nicht
als ordentliches Mitglied bei, sondern beteiligte sich nur bei besonderen
Anlssen an den Chorgesngen. Auch bentzte sie ganz selten die
Gelegenheit, in der Familie des Direktors einer greren Geselligkeit
beizuwohnen, obgleich ihr diese offen gestanden wre. Beidem aber entzog
sie sich mit einer ruhigen Bestimmtheit, die mich aufs neue in Erstaunen
setzte, und die wohl zeigte, wie gut sie wute, was sie wollte und auch was
sie nicht wollte. Denn als ich sie einmal fragte, ob sie das alles ihrer
Arbeit zulieb unterlasse, auf die sie auch ihre Abendstunden vielfach
verwendete, sagte sie lachend: Es ist gut, da ich sie vorschieben kann,
aber wenn mich etwas so recht von Herzen locken wrde, so wrde ich
ebensogut bummeln und Nebendinge treiben, wie Sie. Das traf mich
einigermaen, denn ich glaubte meinem Beruf auch die ntige Pflege
angedeihen zu lassen, und ich sagte es auch. Maidi aber fuhr fort, ein
Muster, das sie heut entworfen hatte, in Kerbschnitt auszufhren, und
sagte, nicht von der Arbeit aufblickend: Es ist verschieden, was man unter
ntig versteht. Mancher hlt nur fr ntig, da er seine Schuldigkeit tut,
und mancher ist unzufrieden mit allem, was er auer dem einen tun mu, es
kommt darauf an, wie stark man mit einer Sache verheiratet ist. Und Sie
also glauben, strker mit Ihren Kerbschneidereien verheiratet zu sein, als
ich es mit meinen Bchern bin? sagte ich znkisch, denn ich wollte auf
keine Weise unten durch sein. Dann lassen Sie sich nur sagen, da ich mir
an die andere Hand mit der Zeit noch eine Frau antrauen lassen werde und
vergngt mit beiden zu leben gedenke; Sie aber, werden Ihre Knste
verlassen, sobald der Rechte kommt, der Sie heiraten wird.

Ich war selbst betroffen, als mir das trichte und flegelhafte Gerede
entfahren war und htte es gern ungeschehen gemacht; denn ich dachte im
Herzen gar nicht so, im Gegenteil reizte es mich, da Maidi ihrer Sache so
sicher war.

Sie schien mir oft viel mehr als ein guter Kamerad, denn als eine junge
Dame, und das um ihrer eifrigen Berufsarbeit willen; sonst war sie ja schn
und lieb und bewunderungswrdig genug.

Jetzt aber sah ich, wie Gesicht und Nacken der gebckt Dasitzenden langsam
von einem lichten Rot bedeckt wurde, das sich tiefer frbte und ebenso
langsam wieder zurckging. Maidi rhrte sich nicht, aber ihre Hnde
zitterten ganz leise, fast unmerklich.

Da kam es mir mit einer leichten und warmen Wallung herauf: Sie ist doch
auch eine Frau und hat alles in sich, was zu einer solchen gehrt, ich aber
bin ein Esel von der besseren Sorte, und das letztere sprach ich auch
reumtig aus.

Da blickte Maidi auf und sah mich an, zuerst mit zornig zusammengezogenen
Brauen, dann mit einer kleinen, bsen aber lustigen Grimasse und sagte:
Stimmt, worauf wir beide anfingen, zu lachen, ich in einer unsglichen
Erleichterung. Darauf besprachen wir einen Sonntagsausflug, an dem sich
diesmal Olbrich beteiligen wollte, den ich mit Maidi bekannt gemacht hatte,
und pltzlich sagte Maidi nachdenklich: Eigentlich, wenn ich's recht
berlege, bummle ich doch auch ziemlich viel und zwar mit Ihnen, ich wei
nicht, was Sie wollen, und dann lachten wir aufs neue, denn es kam nicht
darauf an, ob es klug oder dumm geredet war, wir muten nur gute Freunde
sein.

                  *       *       *       *       *

Olbrich machte sich sehr gut als Wandergenosse. Wir waren mit der Bahn, wie
wir fters taten, bis an einen Punkt gefahren, von dem aus wir das Gebirge
leicht erreichen konnten, und stiegen nun frisch bergan, denn wir hatten
uns einen ziemlich weiten Weg vorgenommen. Da war es nun Olbrich, der
meinen allzuweit ausgreifenden Schritt durch seinen gemigteren hemmte.
Ich hatte nie daran gedacht, da es fr Maidi vielleicht beschwerlich sein
knnte, so ohne Schonung der Krfte drauf los zu steigen, wie ich ja
berhaupt nicht die Anlage hatte, nach anderer Leute Mglichkeiten zu
fragen, solange sie sich nicht beschwerten. Olbrich aber zeigte sich von
einer aufmerksamen Ritterlichkeit, die mir auffiel, weil ich sie selber
nicht besa, und zwang mich nur durch sein Wesen, nun auch die Augen
aufzumachen. Da sah ich denn freilich, da Maidi eine helle Rte im Gesicht
hatte und viel krzer und schneller atmete als wir, und ich stellte auch
diese meine Bemerkung fest. Sie lachte mich aber aus, da es, wie sie sagte,
damit an andern Tagen viel schlimmer gewesen sei, und das heutige Tempo ihr
sehr zusage, und fgte, wie etwas Nebenschliches, hinzu, sie habe einen
kleinen Herzfehler, der aber nicht viel ausmache, da schon verschiedene
Personen in ihrer Familie mit einem solchen alt geworden seien. Und ich
denke auch alt damit zu werden, sagte sie triumphierend, denn ich habe
eine solche Lebenslust in mir, da alles Krankhafte davor ducken mu. Ich
glaube, man kann es berwinden durch den Willen zum Gesundsein und durch
die bung aller Krfte, und dabei reckte sie sich hoch auf und warf den
Kopf in der ihr eigenen sieghaften Weise zurck, da ich tatschlich
dachte, sie sei jedem Feind in sich gewachsen und habe es in der Hand, zu
leben, so lange sie wollte, obgleich ich ein kleines Unbehagen ber ihren
Herzfehler nicht zu unterdrcken vermochte. Oder vielmehr war es ein halb
rgerliches Staunen darber, da das blhende und vollwertige Wesen da
neben mir eine Beschdigung mit sich herumtrage; es war, wie wenn man beim
Anstoen an einem schnen Kristallglas ein ganz feines Klirren hrt, das
von einem noch verborgenen Ri zeugt. Er ist noch nicht mit den Augen
wahrnehmbar, aber man wei, da er da ist, und das Glas kann eines Tages in
Stcke gehen. Doch kam ich schnell ber das dunkle Unlustgefhl hinber, da
ja Maidi selber nichts aus der Sache machte, und auch auf dem jetzt
erreichten Hhenweg leicht und mhelos neben uns herging.

Olbrich aber sagte trocken und fast vterlich: Sie mssen dann nur Ihr
Herz vor groen Strapazen bewahren, die mag es nicht leiden, und meinte
damit das krperliche Herz, das sie ein wenig schonhaft halten sollte; aber
es fiel doch uns allen dreien ein, da die Ausfhrung dieses Rates bedeuten
wrde, das ganze stark lebendige Menschenkind von den Gluten und Strmen
des Schicksals abzuschlieen unter einer Glasglocke zahmer Vorsicht und
Selbstbewachung, wozu sich Maidi gar nicht eignete. Sie schttelte auch den
Kopf und sagte: Schonen, wrde ich nicht leben heien, und brachte das
Gesprch absichtlich auf andere Dinge. Unter anderem beschrieb sie Olbrich
und mir, der ich nicht viel mehr davon wute, als er, ihr grovterliches
Haus von auen und innen, die breiten Treppen mit dem geschnitzten
Gelnder, den groen Vorplatz mit den Stuckdecken und den Flgeltren, was
alles deutlich von den alten Geschlechtern sprach, die sich das Haus erbaut
und ausgeschmckt und die es bewohnt hatten. Wir selbst waren andere, als
sie, und nun wohnen wieder andere darin, sagte Maidi, und obgleich ihre
ganze Beschreibung lebhaft und farbig gewesen war, merkte man jetzt
pltzlich an ihrem Ton und Gesichtsausdruck, da sie von Heimweh und Trauer
nach dem Gewesenen ergriffen war. Sie schwieg eine Weile, und ich sah
Olbrichs Augen mit bewundernder und bewegter Zrtlichkeit auf ihr liegen;
Maidi konnte das aber nicht gewahr werden. Sie ging wohl in Gedanken die
Treppe hinunter und durch das schmale Seitentrchen in den grnen Garten
hinaus, der mir immer noch als Bild des Paradieses vor Augen schwebte. Aber
lange konnte das nicht dauern; es kehrte ein heller Schein in ihre Augen
zurck, und sie sagte: Auf dem oberen Boden ist noch eine groe
Rumpelkammer voll schner Sachen, die uns gehren, meinem Bruder und mir:
Bilder und Gerte, Zinn-und Silbersachen, die wir besonders lieben, ein
paar geschnitzte Lehnsthle und eine eichene Truhe voller Teppiche und
Kissen; das alles wartet auf uns und steht jetzt im Dunkeln, denn die
Fensterladen sind geschlossen. Am leidesten tun mir die schnen Bilder, die
mit dem Gesicht an der Wand lehnen und die wohl gar nicht begreifen
knnen, wo die Leute hingekommen sind, die immer so frhlich unter ihnen
herumgingen. Sie lchelte uns an, wie entschuldigend, da sie von solchen
Dingen redete, die uns vielleicht fern und fremd sein konnten, und ich
wunderte mich heut zum zweitenmal ber Maidi, da sie weich und fein und
verletzlich war, von sehnlichem Gemt, und nicht nur Kraft, Willen und
freudige Sicherheit besa. Aber sie war mir so um so lieber; ich konnte
mich gar nicht ersttigen, sie reden zu hren und sie anzusehen, und ich
wunderte mich nicht ber Olbrich, dem es auch so ging, ja der sie von Zeit
zu Zeit verstohlen ansah, wie ein seltenes Wunder.

Ich erinnere mich eines schnen Platzes, an dem wir einige Zeit rasteten
und ein mitgenommenes Vesperbrot aen. Maidi teilte es aus und war so
heiter wie nur je, was dann uns wieder zu allerlei Scherzen und Neckereien
anfeuerte, in denen die ungewohnte Rhrung und Herzbewegung bald unterging.
Wir saen unter einer Gruppe von hohen, schlanken Kiefern, die eine kleine,
steil abfallende Waldlichtung bekrnten. ber diese Lichtung hin ging der
Blick in ein jenseitiges Flutal, aus dem sich wieder Berge erhoben, mit
dunklen Wldern bedeckt und hinter ihnen neue Hhenzge, blau verschleiert;
es sah aus, als sollte es so in die Unendlichkeit hinein fortgehen. Der
Flu, der hier ein geringes Geflle hatte, schien ganz still in seinem
Bette zu liegen, an das sich junger Wald nahe herzudrngte; auf einer der
ferneren Hhen lag ein Dorf oder ein kleines Stdtchen mit Resten einer
alten Befestigung, deren zerbrochene Mauern von dunklen Bumen beschattet
waren, und zwischen denen ein trotziger Kirchturm schwer und ungefge
heraussah. Das Ganze aber lag unter dem blauen Septemberhimmel in der
goldensten Sonne und winkte von seiner Ferne her, seltsam verlockend zu uns
herber, so da wir erwogen, ob wir es nicht einmal aufsuchen wollten, denn
damals waren unsere Wanderfe gelstig nach allen Hhen und Fernen.

Ach, ich wei nicht, sagte Maidi, von nahem ist es vielleicht nicht mehr
so schn, wir knnen uns aber von weitem alles Schnste hinter den alten
Mauern denken. Sie hatte sich im blhenden Heidekraut ausgestreckt und
sah, die Arme unter dem Kopf verschrnkt, zwischen den Bumen durch zum
blauen Himmel auf, fing aber bald an, zu blinzeln und schlo mit einem
wohlig tiefen Seufzer die Augen.

Da legten auch wir uns nieder und wenigstens ich war bald eingeschlafen.

Es war mir aber nach einiger Zeit, als ob ich im Traum einen lieblichen
Gesang vernehme, der verhallen mte, wenn ich mich rhre, und ich hielt
mich auch noch auf der Schwelle des Erwachens ganz still; es war mir
unsglich wohl zumute dabei. Als ich aber dann dennoch die Augen aufschlug,
sah ich Maidi ein Stckchen entfernt von uns am uersten Rande des Abhangs
stehen mit in die Ferne gerichteten Augen und hrte sie ein Lied singen in
einer Melodie, die ich noch nie gehrt hatte, und von der mir jetzt noch
hie und da verwehte Bruchstcke in der Erinnerung anluten, lieblich und
voller Heimweh. Im Tale geisteten schon die frhen Abendnebel um den Flu
und das junge Erlengebsch an den Ufern, die Huser und Trme auf dem Berge
aber waren von der sinkenden Sonne in rote Glut getaucht, und Maidi sang:
Du bist Orplid, mein Land, das ferne leuchtet. Aber ob sie in Wahrheit
eine unsichtbare Ferne suchte und wo diese lag, wute ich nicht, und nun
kann ich sie auch nicht mehr fragen. Sie kehrte sich zu uns her und wir
stiegen unsern Weg nieder, der sich bald ins Tal senkte, in die
Abendschatten.

                  *       *       *       *       *

Solcher Gnge zu allen Jahreszeiten knnte ich noch viele beschreiben; es
she dann aus, als ob die Zeit stillgestanden wre, um uns eine Weile jung
und heiter und schicksalslos sein zu lassen. Aber das tat sie nicht,
sondern sie ging ihren gemessenen Schritt und nahm uns alle mit, jeden in
sein Verhngnis hinein.

Olbrich war eine Zeitlang als der frhlichste Kamerad bei allem
dabeigewesen, und ich dachte oft mit Befriedigung, so mte es immer
fortgehen. Denn ich lebte wie ein Schlaraffe in den Tag hinein zwischen den
liebsten und erfreulichsten Menschen hin und hatte dabei immer noch das
Land der unbegrenzten Mglichkeiten vor mir, was mir vor allem zusagte.
Maidi und Olbrich hatten diesen Ausdruck, den ich hie und da genieerisch
gebrauchte, wie man einen besonderen Leckerbissen auf der Zunge zergehen
lt, von mir aufgefangen und neckten mich damit, was ich mir gerne
gefallen lie; doch hatten sie ja immerhin so viel Freiheit des Handelns
wie ich, und ich sagte ihnen das auch. Maidi konnte aber bei einem solchen
Gesprch aus aller glcklichen Heiterkeit heraus ernst werden und leise
den Kopf schtteln, denn sie wute gut genug, was es mit den unbegrenzten
Lebensmglichkeiten und der Freiheit auf sich hat. Das Furchtbarste konnte
pltzlich wahr werden und auf dem Wege stehen unausweichlich; einzig ttig
zu sein und unablssig den Schatz in sich selbst zu vermehren durch Lernen
und Arbeiten, gab etwas wie eine Sicherheit.

                  *       *       *       *       *

Wir waren eine Zeitlang wegen anhaltend regnerischen Wetters nicht mehr
ausgeflogen; jetzt hatten krftige Winde den Boden wieder aufgetrocknet,
und ich sehnte mich darnach, einen tchtigen Marsch zu machen und zugleich
einen jungen Buchenwald, den ich besonders liebte, wieder zu sehen. Denn er
mute, da es Frhling war, whrend des Regenwetters grn geworden sein, und
ihn so im ersten Schmuck zu sehen, wollte ich mir nicht entgehen lassen.
Ich kam mit Olbrich aus einer Singstunde, und wir lenkten fast von selber
unsere Schritte an dem Haus vorbei, in dem Maidi wohnte. Vielleicht ist
sie noch auf, und wir knnen sie fragen, sagte ich; denn es war
selbstverstndlich, da sie an dem Gang teilnehmen mute. Aber ihre Fenster
in der Mansarde des kleinen Hauses waren schon dunkel, nur unten schien
noch Licht durch geschlossene Fensterladen, und als wir nher kamen, hrten
wir ein Kinderweinen. Da kamen auch gerade eilige Schritte hinter uns her,
und als sie uns einholten, war es Rosa, das Dienstmdchen der jungen
Pfarrerswitwe, der das Huschen gehrte, und bei der Maidi in Kost und
Wohnung war. Sie kannte uns gut, denn sie hatte uns schon manchesmal die
Treppe zum Oberstock hinaufgeleuchtet; besonders mir, von dem sie wute,
da ich Maidis Landsmann und Kindheitsbekannter war, galt ihr halb
vertraulicher Gru.

Sie sagte unaufgefordert und etwas erregt, das Frulein sei unten in der
Kinderschlafstube. Es sei eines der Kinder erkrankt, und die Mutter sei auf
zwei Tage verreist; nun habe sie, Rosa, in die Apotheke gehen mssen, um
ein Mittel, das die Frau gewhnlich anwende, zu holen, da es gerade nicht
im Hause gewesen sei; das Frulein aber sei einstweilen bei den Kindern
geblieben, die ohnehin an ihr hngen, fast wie an der Mutter, oder doch
wenigstens wie an ihr, der Rosa.

Ich hrte nur halb nach dem Bericht hin, da mich nur das eine daran
interessierte, da Maidi noch auf und also zu sprechen sei und sagte der
Rosa, wir htten etwas Dringendes zu fragen, worber sie sich trotz der
spten Stunde nicht besonders zu wundern schien. Sie lie uns ins Haus und
ins Wohnzimmer eintreten, und bei dem Gerusch unserer Schritte und Stimmen
kam Maidi aus dem anstoenden Schlafzimmer, um zu sehen, was es gebe. Sie
hatte das kranke Kind auf dem Arm; es war in eine leichte Steppdecke
eingewickelt und hatte das Kpfchen auf Maidis Schulter liegen, hob es aber
auf, um uns neugierig anzublinzeln und hielt mit dem klglichen Weinen, das
wir eben noch gehrt hatten, eine Weile ein, da es ber dem neuen Anblick
sein belbefinden auf kurze Zeit verga. Erst an Maidis erstaunten und
etwas erschreckten Augen, die zu fragen schienen, was es denn so spt noch
gebe, fiel es mir ein, da der Besuch zu dieser Stunde nicht blich sei,
und ich brachte unser Anliegen schleunigst vor, um wenigstens einen
triftigen Grund dafr angeben zu knnen. Da brach Maidi in ein herzliches
Lachen aus, das mich aus der kleinen Verlegenheit erlste, wie schon oft in
hnlichen Fllen, und sagte: Gott sei Dank! Ich habe schon an irgendein
Unglck gedacht, das ich heute nacht noch erfahren sollte; es geschehe
nichts Schlimmeres als das. Wohin soll's denn gehen? Natrlich gehe ich
mit, ich habe lang genug keinen frischen Wind mehr gesprt.

Das Kind hatte offenbar aufmerksam zugehrt, aber nur das eine aus Maidis
Rede entnommen, da sie irgendwohin mitgehen wolle; nun brach es aufs neue
in einen hilflosen Jammer aus, umklammerte mit beiden Armen ihren Hals und
schluchzte: Nein, du sollst nicht mitgehen, du sollst dableiben, welche
Worte es nun unaufhrlich wiederholte in immer klglicheren Tnen. Maidi
setzte sich mit dem Bbchen aufs Sofa, bettete es bequem auf ihren Scho
und sagte trstlich: Nein, nein, ich gehe ja nicht fort, ich bleibe bei
dir, und trocknete das trnennasse Kindergesicht mit ihrem Tchlein,
fortwhrend sanfte, liebkosende Worte oder Laute halb singend und halb
sprechend dabei hervorbringend, was alles miteinander unbeschreiblich
lieblich anzusehen und anzuhren war. Sie hatte ein weiches, hellblaues
Morgenkleid an, in dessen Falten das Bbchen lag wie in dem Mantel einer
Muttergottes auf einem Altarbild, und ich htte mich am liebsten behaglich
niedergelassen, um das holde Schauspiel recht ausfhrlich zu genieen; es
kam aber unversehens auf bloen Fen der Bruder des Schokindes aus dem
Schlafzimmer gepatscht und rief zornentbrannt: Geht doch fort, geht doch
heim, denn er meinte, eben aus dem Schlaf erwacht, wir htten den ganzen
Jammer veranstaltet. Maidi zog auch den andern Hemdenmatz mit der freien
Hand an sich und redete ihm zu, ins Bett zurckzukehren, es seien lauter
gute Leute hier, wir fhlten uns aber dann doch berflssig und nahmen
Abschied. Das heit, das Ganze, sowohl das Kommen, als das Bleiben und
Gehen ging von mir aus, denn Olbrich hatte sich bei allem ganz als
Zuschauer betragen, was sonst seine Art nicht war. Ich sah ihn, als ich ihm
zum Aufbrechen winkte, am Fenster stehen, die Augen ganz versunken auf der
kleinen Gruppe liegend, und ebenso versunken, wie ein Nachtwandler, gab er
Maidi die Hand zum Abschied; die ganze Abmachung hatte er mir berlassen.

Auf der Strae ging er eine Weile stumm neben mir her, dann sagte er wie
beilufig: Ich habe noch vergessen, dir zu sagen, da der Chef mir die
erledigte Stelle in der philologischen Abteilung des Verlags angeboten hat.
Sie ist auf Dauer; ich mte mich auf eine Reihe von Jahren verpflichten.
Und? fragte ich gespannt; es war mir aber kaum zweifelhaft, da sich der
Vogel, der schon lange die Schwingen zum Weiterfliegen hob, nicht wrde
anbinden lassen, so verlockend manchem andern das Anerbieten gewesen wre.

Ach, ich wei noch nicht, sagte er, und es war, als unterdrcke er eine
heftige Bewegung, irgendeine Ungeduld oder dergleichen. Frage mich nicht.
Wenn ich es dann selber wei, sage ich's dir. Es hngt noch von einer
Sache ab, die zuerst entschieden sein mu.

Ich htte dennoch gern gefragt, welche Sache das sei, denn es schien mir
seit einiger Zeit, als trage er etwas mit sich herum, das ich wissen msse.
Er war wechselnd in seinem Wesen geworden, oft zerstreut und wie
gedankenabwesend, lssig und weich im Gegensatz zu seiner sonst straffen,
herrischen Art und in Gesellschaft schweigsam, was er denn mit Willen
wieder alles von sich warf, um lustig und bermtig zu sein, so da ich
mich nicht recht mit ihm auskannte.

Er fing aber pltzlich an, lange Schritte zu machen und verabschiedete sich
bald von mir, so da ich nicht mehr zum Wort kam und meinen Weg
nachdenklich allein fortsetzte, denn der richtige Grund fr sein
verndertes Wesen war mir noch nicht eingefallen.

Es hat mich nachher oft gewundert, da ich so blind gewesen sei, nicht zu
merken, wie er ganz in Liebe fr Maidi erglht war, und ich konnte es mir
dann nur dadurch erklren, da ich ihn bei frheren Liebessachen so ganz
anders gesehen hatte: spielerisch, bermtig und in strahlender Laune, die
nur freilich bald in Unlust oder Langeweile berging, da ihn noch nichts
recht auf die Dauer gefesselt hatte. Aber es war auch allerdings noch keine
Maidi dabei gewesen.

                  *       *       *       *       *

Am andern Tag sagte Olbrich ber das Pult herber, an dem wir beide
arbeiteten: Wartet morgen frh nicht auf mich, ich habe anders ber den
Sonntag verfgt und kann nicht mitkommen. Ich sah enttuscht und etwas
gergert auf und hatte eine scharfe Entgegnung ber seine schwankenden
Launen auf der Zunge, unterdrckte sie aber, als ich sein bleiches,
berwachtes Gesicht sah, aus dem die Augen in einer fremden Glut heraus
brannten. Bist du krank? fragte ich unwillkrlich, aber er schttelte den
Kopf und lchelte mich an, wie er ganz selten tat, und wie es jedesmal mein
ganzes Herz gewann.

Armer Kerl, ich plage dich, sagte er gedmpft, da die Herren im nchsten
Zimmer es nicht hren sollten, doch auch mich selber. Warte noch ein
Weilchen, es wird dann schon wieder recht. Und ich war zufrieden und
dachte, er sei ja doch mein Herzensfreund, es solle mich nichts an ihm
stren; es tat mir aber leid, da wir morgen nicht zu dreien ausflogen,
denn man konnte nicht wissen, wie lang wir einander noch in der Nhe
hatten.

                  *       *       *       *       *

Ich nahm mir vor, mit Maidi von Olbrichs verndertem Wesen zu reden; ich
wollte wissen, ob sie es auch bemerkt habe; es mute ja der Fall sein, sie
konnten es fr gewhnlich gut miteinander, ja so gut, da ich schon
manchmal mit einer kleinen Eifersucht neben ihnen hergegangen war, wenn
sich ihr lebhaftes Gesprch um Dinge drehte, die mir im Leben verschlossen
geblieben waren. Es hatte aber nie lang gedauert, denn Maidi sprte es
immer gleich, wenn ich nicht ganz mit im Takte ging und wechselte den
Schritt mir zuliebe, auch in der Unterhaltung.

Es kam aber ganz anders an diesem schnen Morgen, als ich gedacht hatte.
Ich traf Maidi zwar sonntglich angetan, aber noch nicht wandermig
gerstet und sagte scherzend, es sei gut, da Olbrich nicht dabei sei, der
das Warten nicht gut ertragen knne. Er gehe nmlich nicht mit.

Ja, ich wei, sagte Maidi, er hat es mir mitgeteilt. Sie mssen aber
heute den schnen Wald auch von mir gren, denn ich kann leider auch nicht
ausfliegen. Ich hatte mich schon so gefreut, aber es ist nichts. Die Frau
Pfarrer ist unterwegs aufgehalten worden und kommt erst morgen zurck. Und
das Kind ist immer noch nicht wohl; es hat eine schlechte Nacht gehabt, und
ich bin nicht ruhig, wenn ich gehe. Sie sah mich dabei lieb und klar an,
aber sie war bla und hatte dunkle Ringe unter den Augen, die freilich vom
ungewohnten Schlafbrechen kommen konnten, die mich aber pltzlich an
Olbrichs gleichfalls schlechtes Aussehen mahnten und einen Zusammenhang
damit zu haben schienen. Wenigstens scho mir in der groen Enttuschung,
die mir Maidis Absage schuf, und dem rger, den ich darber empfand, ein
ungewohntes Mitrauen durchs Herz und eine Lust, ihr weh zu tun. Ich sagte
bissig, es scheine sich ihr nicht mehr zu lohnen, mit mir allein zu gehen.
Das Kind werde so gefhrlich krank nicht sein, und je nachdem Leute
mitgegangen wren, htte sie es auch wohl verlassen, sie sei ja nicht seine
Kinderfrau. Maidi zuckte zusammen wie unter einem Schlag, und ehe sie es
verhindern konnte, schossen ihr Trnen in die Augen, was ihr wohl nicht
geschehen wre, wenn sie nicht durch Sorge und Nachtwachen bermdet
gewesen wre. Sie fand in ihrem schmerzlichen Schreck bei meinem berfall
nicht gleich ein Wort der Entgegnung und sah mich bla und hilflos an; aber
ich sprte pltzlich eine brennende Eifersucht in mir, die mich blind
machte gegen ihr rhrendes Bild, denn es dnkte mich, da sie nichts
erwiderte, als ob ich recht htte und sie Olbrichs wegen zu Hause bliebe,
ja es dmmerte mir, die beiden htten sich verabredet hinter meinem Rcken,
heute ohne mich beisammen zu sein, was alles mich aus blauer Luft anfiel
und mich peinigte wie ein Hornissenschwarm, so da ich alles verga,
Respekt und schuldige Ehrerbietung sowohl als Freundschaft, Liebe und
Zutrauen. Ich wute mich gar nicht zu wehren, denn es war mir selber alles
neu, und ich htte vielleicht ungeheure Beschuldigungen, die ich innerlich
erhob und zu denen ich gar kein Recht hatte, hervorgestoen, wenn mir nicht
Maidi die Hand auf den Arm gelegt und mich flehentlich angesehen htte.

O still, sagte sie leise und mit zitternder Stimme, so drfen Sie nicht
reden. Es ist nicht, wie Sie meinen, es ist alles ganz anders.

Auf ihrem Gesicht kam und ging eine schnelle Rte, und es liefen ihr ein
paar Trnen herunter, die sie nicht aufhalten konnte; ich sah an allem, da
sie litt, und das tat mir sonderbar wohl, denn ich litt ja auch.

Es kehrte sich aber nun mit einemmal der Stachel gegen mich selbst, denn
ich mute ihr aufs Wort glauben und war also ein Unhold gewesen, und sie
konnte nun tief beleidigt sein. Da fate ich ihre Hand, die eiskalt war,
und sagte bestrzt: Was soll ich tun? Ich habe von dem allem vorher nichts
gewut, es ist auf einmal gekommen. Denn ich meinte, sie habe alle meine
Gedanken gelesen, und es wird wohl auch so gewesen sein.

Maidi zog leise ihre Hand zurck. Sie lehnte an der Wand und wartete eine
kleine Weile, dann sagte sie: Gehen Sie jetzt. Sie mssen gut von mir
denken. Machen Sie einen schnen, weiten Weg. Ich sah sie verlangend an,
denn es mute noch etwas kommen, aber im Nebenzimmer rief das Bbchen:
Maidi!, und sie nickte mir noch einmal zu, ohne Krnkung jetzt, wie mir
schien, gut und ernst, und ging zu dem Kinde. Das hatte es gut, denn es
durfte unwillig sein und maleidig bei Tag und Nacht, und sie blieb doch
bei ihm, ja sang ihm Lieder und trug es herum, ich aber mute gehen und
meiner selbst Herr werden, es half mir niemand.

Da hatte ich nun meine Arbeit auf unterwegs. Am liebsten wre ich
heimgegangen in meine Stube, aber dort war es nicht anders als drauen, ich
mute den Tumult in mir anhren und damit aufrumen, und das war nicht
leicht, vielleicht ging es im Freien doch besser damit. Es lutete auch in
die Kirche, als ich durch die Straen ging. An einer kam ich vorbei, dort
hatte schon das Orgelspiel eingesetzt, und viele Menschen gingen in
Sonntagskleidern durch die offenen Tren; es gelstete mich einen
Augenblick, ihnen zu folgen, denn das Orgelbrausen lockte mich an, und
vielleicht konnte ich das ble Gefhl, das ich von mir selber hatte, dort
drinnen los werden. Aber ich ging dann doch vorbei und kam ins Freie und in
langem Ausschreiten durch ein Wiesental und ber einen Bach, dessen Rnder
ganz gelb von Dotterblumen waren, an den Berg und auch hinauf und in den
Wald, der richtig im festlichen lichten Grn prangte und mit den
grausilbernen Stmmen dastand wie eine wartende Hochzeitsgesellschaft. Es
standen Blumen genug dazwischen, Knabenkraut und Leberblmchen und die
lieben blauen Sterne der Szilla, die hatte ich heute wieder begren wollen
nach dem langen Winter und mit den Freunden den Frhling feiern. Der war
auch da und war so schn wie je. Buchfinken saen auf schwanken sten und
riefen mir zu: Jetzt, jetzt bin i wieder kreuzfidel, wie wir bei uns
daheim ihren Schlag deuteten; und Ammern pfiffen: d' Zit isch do, d' Zit
isch do.

Aber es war alles ganz anders, als ich gemeint hatte und auch als ich sonst
je erfahren hatte. Wie konnte das sein, da man morgens aus dem Haus ging
mit ruhigem und freudigem Gemte und einen schnen Tag vor sich zu haben
glaubte mit dem liebsten und feinsten Mdchen, das es gab, und da auf
einmal Brunnen in einem aufbrachen, die ein dunkles und bitteres Wasser
ausstrmten, und Mitrauen das Haupt erhob, wo man einig und voller
Freundschaft gewesen war? Und wo kam es her, da man einem Menschen, dem
man alles Liebe htte antun mgen, weh tat, fast mit Lust?

Nun ging ich hier durch die lichten Hallen des Frhlingswaldes und war
unglcklich genug und htte gern jemanden gehabt, dem ich die Schuld daran
htte geben knnen. Aber es gab niemanden als mich selbst, und doch war mir
alles fremd. Da suchte ich in mir selber, ob ich es fnde, und es fielen
mir ein paar Gelegenheiten ein aus meiner Kindheit, wo ich in pltzlichem
Zorn einmal meine Schwester Helene geschlagen und einmal meiner Mutter ein
abscheuliches Wort gesagt hatte und auch nachher unglcklich gewesen war.
Meine Mutter hatte damals gesagt, ich soll mich vor dem Zornteufelchen in
acht nehmen, das nur leise in mir schlafe, und hatte mich ein Verslein
oder Gebetlein gelehrt, das dahin lautete, Gott solle mich zu einem frommen
Kind machen oder sonst lieber gar nicht aufwachsen lassen.

Aber ich war jetzt doch da und konnte nicht wissen, was fr dunkle Ungetme
noch im Untergrund meines Wesens auf ihren Augenblick warteten. Vielleicht
mute ich einmal einen Menschen totschlagen oder einen Meineid schwren,
obgleich ich weder das eine noch das andere wollte, es konnte mich aber
ebenso dunkel berfallen. Das Schicksal konnte es wollen, und nachher mute
ich bezahlen. Da kam ich mir schuldig und unschuldig in einem vor, es
verlangte mich aber nach einer Freisprechung, und zwar durch Maidi selber,
die doch den dunklen Brunnen in mir entriegelt hatte, wenn auch ohne ihr
Wissen. Sie mute mir wieder gut sein, das war die Hauptsache. Denn das
fhlte ich durch alles hindurch, sie gehrte zu mir und meinem Leben; ich
mute Teil an ihr haben und durfte ihr nicht fremd werden. Es war ja schon
das Ende ihres Aufenthalts in der Stadt abzusehen; dann ging sie vielleicht
fort, irgendwo hin, wo ich ihr nicht folgen konnte, und gewann neue Freunde
und gab sich vielleicht auch einem Mann zu eigen fr ganz. Es fiel mir ein,
da sie mir von ihrer Mutter erzhlt hatte, die aus Amerika glckliche
Briefe schrieb, trotzdem sie den Mann unheilbar siech angetroffen hatte. Es
war alles ausgelscht, was jemals Dunkles zwischen ihnen gestanden hatte,
und die Frau trug nun ihre Liebe wie eine Dornenkrone, die ausgeschlagen
hat und rote Blten trgt, so sehr war alles Geistige, Unvergngliche daran
aufgeblht.

Maidi hatte dieser Erzhlung hinzugefgt, sie bitte der Mutter nun alles
ab, was sie je bitteres ber sie gedacht habe, denn sie sei ja einfach
ihrem Schicksal gefolgt oder ihrem Herzen, was dasselbe sei, und jeder
rechte Mensch msse das tun. Obgleich ich hoffe, hatte sie hinzugesetzt,
da es mir einmal nicht so schwer gemacht wird.

Ja, dachte ich nun im Weitergehen, dir wird es wohl leichter gemacht
werden, denn wer einmal etwas so Kstliches zu eigen hat, wie dich, der
luft nicht mehr davon.

Aber da ich sie selber gewinnen wolle mit allen Krften und aller Einheit
meiner Sinne und Gedanken und sie mein Herrlichstes sein lassen, fr das
ich arbeiten und mich hher spannen wolle, und das mir auch mehr sei als
alles uerliche sonst, das war noch nicht in mir geboren. Ich schaute an
ihr hinauf, weil sie so tchtig und freudig und sicher war und so frei und
vornehm ihres Weges ging, und es war mir wohl, wenn ich bei ihr sein und
ihr alle meine Gedanken ausbreiten konnte.

Es nahm auch mehr und mehr die schne Frau, die spter in meinem Haus und
Garten umhergehen sollte, ihre Gestalt und ihre Zge an und trug den
schmalen Grtel aus alter Silberschmiedearbeit, der fast immer Maidis
Kleider zusammenhielt und ein altes Familienerbstck war. Das konnte ich
mir alles ausdenken, aber wenn ich mit ihr einen Tag verwanderte oder einen
Abend in ihrem hbschen Wohnzimmerchen war und ihren fleiigen Hnden
zusah, die fast immer noch etwas zu tun hatten, dann dachte ich nicht an
die Zukunft, und es war alles gut und recht, wie es war.

Meistens war ja auch Olbrich dabei, und wir waren ein feines Kleeblatt,
das man am besten noch lange so liee. Aber der war von irgend etwas
verscheucht und verstrt, und ich hatte Maidi gekrnkt und beiden mitraut;
da berfiel es mich von neuem, da ich mich htte ohrfeigen knnen und da
ich mich gern htte trsten lassen, beides in einem. Ich schritt weit aus
mit langen Schritten, als ob ich so schneller zu ihr kme, und brach ein
paar hellgrne Zweige von Buchen und Birken, die wollte ich ihr mitbringen.

Aber als ich mit sinkender Nacht mde und verlangend und doch auch
gesnftigt und mit frischen Bildern gefllt in die Stadt zurckkam und das
Haus aufsuchte, in das es mich zog, sah ich unten in dem Wohnzimmer der
Pfarrerswitwe Olbrich am Fenster stehen, wie am vorletzten Abend. Er kehrte
den Rcken nach der Strae und sprach ins Zimmer hinein. Ich hrte
gedmpfte Laute seiner Stimme und auch irgend ein Gemurmel, das ihm
antwortete. Oben war es dunkel.

Da berfiel mich von neuem das grimmige und wtende Mitrauen, als ob sich
die beiden ber mich hinber zusammengeschlossen und mich ausgetan und
belogen htten. Es flammte ein roter Zorn in mir auf, durch den hindurch
nur undeutlich Maidis lautere und klare Augen leuchteten, die nicht lgen
konnten, und Olbrichs aufrechte und stolze Art, die sich nicht versteckte,
wenn sie etwas wollte.

Ich machte ein paar Schritte auf das Haus zu. Die Tr war verschlossen, und
als ich den groen Messinggriff in der Hand hatte, kam eine kalte und
schmerzhafte Stimmung ber mich. Ich wollte nicht hineingehen, sondern
meinen Strau an die Tr stecken zum Zeichen, da ich dagewesen sei und
alles wisse. Aber als ich das getan hatte, kehrte ich wieder um und holte
ihn, und unterwegs warf ich die zarten und lichten Zweige, die schon ein
wenig in sich zusammengesunken waren, auf die Strae. Ich ging auch nicht
heim in meine Wohnung, sondern in ein Wirtshaus. Da sa ich allein an einem
Tisch, trank Bier und nachher noch Wein, war grob gegen die Kellnerin, die
ein wenig zutraulich sein wollte, und gab mich unguten Gedanken und
Gefhlen kampflos hin. Zum Beispiel fiel mir wieder ein, da beide, Maidi
und Olbrich, aus einer andern Kaste stammten als ich, und da sie von
Kindheit an groe Vorsprnge vor mir htten, die ich nie einholen konnte.
Sie kannten die Geheimsprache, wie ich es nannte, wenn jemand im Besitz
einer guten Erziehung alle Umgangs- und Lebensformen leicht und spielend
beherrschte, was ich freilich auch gelernt hatte, was mir aber nicht
angewachsen war. Sie aber hatten alles mit der Muttermilch und mit jedem
jungen Atemzug eingesogen. Und sie hatten eine sogenannte Familie, von der
man reden und die man aufzhlen konnte mit guten Namen und Titeln.
Vielleicht wollten sie einander heiraten, das konnte ihnen ja kein Mensch
verbieten, und sie wrden es mir morgen mitteilen und sagen, da ich der
Nchste dazu sein solle. Dann durfte ich dabei stehen und zusehen; das war
bel und nicht auszuhalten.

Es meldete sich leise durch den Dunst und Nebel meiner Gedanken, da Maidi
oft und gern mit mir von meinen Schwestern redete, die sie gut kannte und
hie und da aufgesucht hatte, und da sie mich antrieb, ihnen oft zu
schreiben und sie sogar gren lie. Aber ich warf ein, da das ein Almosen
sei, welches ich nicht begehre, und da sie immer nur, wenn wir allein
gewesen seien, mit mir von meiner Heimat gesprochen habe. Das war mir sonst
besonders traulich und lieb gewesen und wie ein Geheimbesitz zwischen uns
beiden, aber ich war in der Stimmung, aus allem Gift zu saugen, und kam
immer tiefer in einen dumpfen und bitteren Jammer hinein, in dem mir
zuletzt die weggeworfenen Zweige das Jmmerlichste und Qulendste waren, da
sie lebendig und ganz schuldlos im Straenstaub lagen und zertreten wurden.
Ich schrak auf, als die Kellnerin fragte, ob ich noch etwas trinken wolle.
Das Lokal war leer bis auf mich, und die Kellnerin sah verschlafen aus und
hoffte, ich wrde gehen. Da tat ich ihr den Gefallen und zahlte, ging durch
die menschenarmen Straen nach Hause und ins Bett, schlief und hatte
unruhige Trume, und kam am andern Morgen bedrckt und armselig ins
Geschft. Da dachte ich Olbrich in Glanz und Sieghaftigkeit zu finden,
wovor ich mich am meisten frchtete. Er war aber gar nicht da, und als er
den Tag ber nicht kam, fragte ich die Kollegen, ob sie nichts von ihm
wten, und einer sagte, er sei frhmorgens dagewesen und habe den Chef um
ein paar Tage Urlaub gebeten und sie auch erhalten.

Es handle sich um eine auswrtige Stelle als Privatsekretr bei einem
politisch groen Tier, fr die er vorgeschlagen sei und die er zu erlangen
trachte, setzte der Wissende geheimnisvoll hinzu; er hatte es zufllig
aufgeschnappt. Fr die Stelle am philologischen Verlag sei bereits ein
anderer Herr vorgemerkt, Olbrich nehme sie nicht an. Da mischte sich ein
anderer ins Gesprch und sagte, das alles msse ich doch eigentlich wissen,
da ich ja der intimste Freund von Olbrich sei, und ich schwieg dazu, da
konnten sie denken, was sie wollten. Am Abend lag ein Briefchen von Maidi
auf meinem Tisch. Ich konnte es kaum ffnen vor Herzklopfen und wartete auf
irgend ein Beil, das nun auf mich niedersausen wrde. Sie schrieb aber nur,
ich mchte sie diese Woche nicht besuchen, da sie nicht ganz wohl und etwas
beranstrengt sei und dabei eine besonders vollbesetzte Woche in der Schule
habe, und fgte dann hinzu: Ich freue mich, bis wir wieder einmal
miteinander wandern, in den Frhling hinein. Es ist mir, als liege noch der
ganze Winter auf mir. Maidi.

Da wute ich mir gar keinen Vers mehr zu machen, denn es lautete nicht nach
Glckseligkeit und triumphierendem Krfteberschwang, wie ihn die Liebe
gibt, und aber auch nicht nach Gleichgltigkeit oder unvergebener Krnkung.
Sondern es lag etwas auf Maidi, das sie selber tragen mute, und vielleicht
war es nur Mdigkeit, vielleicht aber auch etwas anderes. Aber sie freute
sich, bis wir wieder miteinander wanderten und war lauter und klar gegen
mich. Olbrich aber ging fort, und wahrscheinlich hatte ich ihm auch unrecht
getan, und er hatte auch eine Last auf sich und hatte mich vielleicht bei
Maidi zu finden geglaubt. Ich wute nicht, wie ich in die ganze Wirrnis
hineingeraten war und wartete sehnlich, bis mein Freund wieder komme.

Aber als er da war, schien er mir gar nicht mehr derselbe zu sein wie
vorher, und ich wnschte fast, er mchte mich wieder mit wechselnden Launen
qulen, zwischen denen dann doch immer wieder sonnige und goldene
Augenblicke herausgeschienen hatten.

Jetzt ging er straff und sthlern einher, geschlossen und gepanzert,
arbeitete rastlos und wie fr drei und betrieb daneben die Vorbereitungen
fr seine Abreise, denn er hatte die Stelle erhalten, um die er sich
beworben hatte, und mute sie bald antreten. Im Geschft lie man ihn
ungern gehen, und doch mit der kurzen Kndigungsfrist, die er brauchte,
denn er war kein Mensch, den man halten konnte. Ich aber fand mich nicht
mit ihm zurecht; es schien, als ob unsere Freundschaft irgendwo begraben
oder in weiter Ferne lge; ich hatte aber keine Macht, sie aufzuwecken oder
herbeizuholen.

Manchmal fing ich einen Blick auf, den Olbrich zu mir hersandte, und wute
mir auch den nicht zu deuten; denn er war spttisch oder bitter und ein
wenig von oben herab. Aber ich fand nicht das Wort, ihn zu fragen: Warum
siehst du mich so an, und was ist mit dir? Denn es kam mir alles verhext
und verzaubert vor, und ich litt es eine traurige Woche lang. Abends war
ich immer allein. Da nahm ich das eine oder andere Buch in die Hand, las
eine Weile darin und stellte es wieder zurck und schrieb einmal an meine
Schwestern. Helene hatte voriges Jahr ein Kind bekommen und erwartete das
zweite. Und Luise bgelte, wie immer. Ich schrieb, da ich im Sinn habe, an
Weihnachten heimzukommen, und es lief mir allerlei Anhngliches, Warmes in
die Feder, was sonst kaum geschah. Dann ging ich wohl noch aus und kehrte
bald wieder zurck und kam mir wie auf einem fremden Stern vor. Denn so
wenig ich es schwer nahm, einmal rcksichtslos und gleichgltig gegen die
zu sein, die mich liebten, und die auch ich zu lieben meinte, so wenig
ertrug ich es, wenn es mir von andern widerfuhr. Am Sonntag hoffte ich, zu
Maidi zu gehen und ihr alles zu sagen. Aber es kam ein Briefchen von ihr
mit wenigen Worten. Sie fuhr mit der Pfarrerswitwe und den Kindern zu deren
Verwandten aufs Land und kam erst Montags wieder. Es ist ein
Genesungsausflug, schrieb sie, nun bin ich bald wieder die Alte. Ich
hatte mir aber jetzt ernstlich vorgenommen, mit Olbrich zu reden; es war
unwrdig und ging nicht lnger, wie es war.

Da pfiff er am Samstag Abend unter meinem Fenster, ganz wie sonst. Machst
du einen Lauf mit mir? fragte er. Es ist so schn strmisch. Das war es.
Der Wind trieb die Wolken vor sich her und sang sein Lied in den Bumen des
Gartens, auf den jenseits der Strae der Blick aus meinen Fenstern ging. Es
war eine laue und lebendige Nacht. Der Wind kam aus Sdwesten, und
vielleicht regnete es morgen oder auch heute noch. Ich war in einer Minute
unten, und wir machten lange Schritte nebeneinander her; geredet hatten wir
noch nichts; es hatte ja Zeit. Ich denke, wir gehen aufs Schwalbennest,
sagte Olbrich, als wir in einer Vorstadtstrae waren. Das ist ein gutes
Stck zu gehen und nachher ein gemtlicher Sitz in der Wirtsstube. Ich will
der Friedel noch ein Andenken geben, sie hat sich immer gut zu mir
gestellt.

Dann gingen wir wieder schweigend nebeneinander her, lange. Es ging zuerst
auf der Landstrae hin zwischen Pappeln, die sich im Winde bogen und ihre
langen Haare schttelten, dann durch ein Dorf und dahinter eine Anhhe
empor. Ganz oben sah uns ein Licht entgegen; es hielt jemand eine Laterne
in der Hand und ging damit um ein Haus herum, das schwach erhellt zwischen
Bumen lag. Da sagte Olbrich: Du hast mich nicht gefragt, und es ist gut
gewesen, da du es nicht getan hast. Wir feiern aber heute meinen Abschied,
und es ist mir lieb, wenn du gut an mich denkst, denn ich habe dich gern,
trotz-- hm, trotz manchem. Ich mu dir etwas sagen, so lang es noch dunkel
ist. Ich habe Gehen oder Bleiben auf eine Karte gesetzt, und sie hat auf
Gehen entschieden. Es ist aber sonst noch allerlei drum und dran, und,
kurzum, es hat mich ein Mdel ablaufen lassen, das ich gern geheiratet
htte. Das htte mir nicht passieren sollen. Es hat einmal jemand zu mir
gesagt, ein rechter Mann frage da nicht an, wo er nicht sicher sei, kein
Nein zu bekommen. Der hat recht gehabt. Es ist ein verdammtes Gefhl. Aber
was will man machen, wenn man eine Entscheidung braucht und wenn man sprt:
Die will ich, oder keine? Ich habe gemeint, es knne mir nicht fehlen. Sie
will aber noch nichts vom Heiraten wissen, wie sie sagt und vielleicht auch
meint. Es sei ihr noch lang wohl so. Es ist aber anders, so viel ich
gemerkt habe, und es liegt ihr ein anderer im Sinn. Einer, den sie
vielleicht nicht einmal bekommt, wenn ihm nicht jemand beizeiten den Star
sticht. Denn er ist sonnenblind, und es mu gut gehen, wenn es gut geht mit
ihm. Sie kann mir eigentlich leid tun, denn sie ist vom Kopf bis zu den
Fen ein rares Mdchen und gbe eine feine Frau. Aber die Mdchen sind
manchmal so, gerade die feinsten; sie fallen auf den Buben herein, wenn sie
den Knig haben knnten. Na, sie mssen's ja wissen.-- Da ist die Friedel
mit der Laterne. Gr Gott, Friedel!-- Du, hre, drinnen reden wir dann
nicht mehr davon, gelt? Es vertrgt noch nicht viel bei mir.

Da gingen wir in die Wirtsstube und setzten uns an den groen Tisch in der
Ecke beim Ofen, wo wir schon manchmal gesessen waren; es war da aber noch
anders zwischen uns gewesen. Die schwarzhaarige Friedel trug Wein auf, wie
sie es gewhnt war, und Olbrich machte ein paar Spe mit ihr, es war aber
nicht viel damit los, und er lie es bald wieder sein. Und ich sa stumm
und geschlagen daneben, denn es war ein Blitz durch eine dunkle Landschaft
gefahren und hatte sie auf einen Augenblick erhellt, und ich wute und sah
alles. Ich htte so gerne gesagt: Gelt, es ist Maidi! Aber ich durfte
nicht, und es war ja auch nicht ntig, ich wute es ohnehin. Und der Bube
war ich, der Knig aber Olbrich. Denn er war voll hohen Selbstgefhls und
von rasendem Stolz, aber er durfte es auch sein, denn er hatte Kraft und
Willen und Feuer genug in sich. Und doch hatte Maidi ihn weggeschickt,
und-- es quoll etwas Ses und Holdes in mir auf-- meinetwegen?
meinetwegen? Vielleicht tuschte er sich; sie hatte es ja nicht gesagt.

Da hob Olbrich das Glas und stie mit mir an. La das Nachdenken, sagte
er. Es kommt nichts dabei heraus. Wir wollen heute noch einmal beisammen
sein, wie frher, und dann sehen, was wir aus uns machen. Vielleicht
begegnen wir uns wieder, und dann sieht jeder, was aus dem andern geworden
ist. Vielleicht auch nicht, denn es gibt so viele Straen auf der Welt, und
man kann immer nur eine gehen. Hr' du, da habe ich, glaub' ich,
versehentlich etwas gesagt, was fr dich ins Stammbuch pat. Man kann
immer nur eine Strae gehen und mu wissen, welche man will. Du denkst
immer noch, es stehen einem alle offen, aber es ist nichts damit. Sondern
man hat es in sich, welche recht ist und passend, und wenn man eine andere
einschlgt, so mu man umkehren, falls man noch kann. Es ist meistens eine
teure Sache. Ich habe anfangs gemeint, du seiest so einer, der unentwegt
vor sich hin geht in der Zucht und Furcht. Aber ich denke jetzt ein bichen
anders. Denn du hast die Augen berall und willst rechts und links zu
gleicher Zeit, und vielleicht machst du noch die dmmsten Streiche, wer
wei? Na,-- du mut es dann selber zahlen. Du hast auch kein rechtes
Augenma fr gro und klein, und vielleicht kommt dir bei einer Gelegenheit
das Beste hinaus, wenn dein Schutzengel nicht aufpat.

Er sprach in einem halb ironischen Ton, den ich gut an ihm kannte, aber
heute tat er mir weh. Denn wir waren nicht beisammen, wie frher, obgleich
er es verheien hatte; es stand etwas zwischen uns, das auf keine Weise zu
entfernen war; es stiegen bittere Blasen in ihm auf und zerplatzten ihm auf
der Zunge, und das war nun unser Abschied. Aber ich sah, da er litt, und
vielleicht hatte er auch in etwas recht gegen mich, und ich legte ihm die
Hand auf den Arm und sagte: Vielleicht wird es nicht so schlimm mit mir.
Warum sollen wir uns nicht wiedersehen und voneinander wissen? Warum sollen
wir uns knstlich meiden, da wir einander doch nichts getan haben? Es wird
ein jeder seine Schwierigkeiten mit sich selber haben und auch seine
Wegweiser. Du hast doch auch nicht aus dir selber gewut, was du mut,
sondern hast ein Mdchen gefragt. Als ich das gesagt hatte, erschrak ich,
denn er konnte nun auffahren und es sich verbitten; aber er lchelte trbe
und sagte: Ja, ja, die Liebe. Von der verstehst du noch nichts. Wir wollen
einander aber nicht anpredigen, du hast recht, und auch nicht verlieren.
Wer wei, ob wir einmal froh aneinander sind, wenn jeder noch ein paar
Dummheiten gemacht hat und es ihm windig zumute ist.

Wir saen noch lange und redeten noch allerlei, aber nichts mehr von der
Liebe. Er kam in eine grere Stadt in Bayern und hatte wahrscheinlich
ziemlich viel Reisen zu machen; es tat ihm leid um die alte Dame, wie er
seine Mutter nannte in der Art, wie die Studenten von ihrem Vater als dem
alten Herrn sprechen (sie war nmlich noch nicht alt, sondern hatte etwas
mdchenhaft Zierliches im Wuchs und reiches blondes Haar). Sie vermite ihn
natrlich, und ich sollte sie besuchen; aber sie war keineswegs ngstlich,
ihn von sich zu lassen, sondern machte nur den Herzbndel etwas lnger, der
nie zerreien konnte. Ich war froh, ihn von dem allem reden zu hren und
sagte selber nicht viel. Denn wovon htte ich reden sollen? Ich hatte genug
zu denken. Ich htte eine ganze Nacht hindurch gehen knnen und htte noch
nicht alles bedacht, was in mir strmte durcheinanderhin. Wir waren kein
Kleeblatt mehr, und Olbrich ging verwundet in die Welt hinaus. Vor mir
selber aber tat sich eine neue Landschaft auf, die mich entzckte und
schreckte zu gleicher Zeit, weil mein Freund neben mir sa und daraus
verwiesen war.

Die junge Friedel, die Nichte der Wirtin, ging mit Trnen in den Augen hin
und her und setzte sich auch eine Weile zu uns, denn sie war immer gut
Freund mit Olbrich gewesen, und er kte sie zum Abschied und hngte ihr
einen Achatstein an einem Silberkettlein um den Hals, damit sie hie und da
an ihn denke. Da lehnte sie den Kopf an den Trrahmen und weinte leise und
herzlich; wir aber gingen durch die brausende Frhlingsnacht den Berg
hinunter und in die Stadt. Dort trennten wir uns; ich sah meinem Freund
nach, so lang ich konnte und hrte dann noch im Dunkeln seinen Schritt
hallen; es wre mir beinahe auch so gegangen wie der Friedel. Er war in
allem anders als ich und war oft schroff und launisch gegen mich gewesen;
ich konnte niemals mit ihm gleichen Schritt halten, und es lag in unserer
Natur und war unser Schicksal, da unsere Wege sich trennen muten. Aber
mein Herz hing doch an ihm, und es ging ein Stck Leben und Jugend von mir
fort; es blies irgendwo ein kalter Wind herein, der kam durch die Lcke,
die er gemacht hatte.

Als ich in mein Zimmer kam, lag eine Karte auf dem Tisch, die war von Herrn
Kasimir Hagenau, meinem alten Chef. Er war zur Messe in die Stadt gekommen
und war nun dagewesen und lud mich auf morgen in sein Gasthaus zum
Mittagessen ein. Da trat nun das Alte wieder in mein Leben, an das ich
meiner Art nach nicht mehr sehr viel gedacht hatte. Doch hatten wir
immerhin manchmal Briefe gewechselt, und ich wute, da Herr Kasimir eine
Vorliebe fr mich bewahrt hatte, die mir angenehm, aber nicht weiter
verwunderlich war. Jetzt, da er wieder auftrat, freute es mich, mit ihm
zusammen zu kommen, denn ich war im Augenblick etwas anerkennungs- und
anschlubedrftig, und es war doch ein gutes Zeichen fr mich, da er mich
noch aufsuchte und einlud. Auch fiel es mir vor dem Einschlafen ein, da
er mich ja eigentlich seinerzeit zum Wiederkommen aufgefordert hatte, und
ich war neugierig, ob er darauf zurckkommen wrde. Aber das letzte, was
mir in den Schlaf hinein nachging, war Maidi. Sie hatte ein grnes Kleid an
und ein weies Schleiertchlein am Ausschnitt und lchelte mich an. Sie war
ein Knigskind, aber ohne Schlo und Land.

                  *       *       *       *       *

Herr Kasimir sa im Lesezimmer des Gasthauses hinter einer Zeitung, als ich
ihn aufsuchte. Er sah noch aus wie bei meinem Abschied, nur vielleicht
etwas grauer im Haar und Bart und hatte auch einen kleinen Bauch angesetzt.
Als er mich erblickte, ging sein Gesicht so hell und freudig auseinander,
da es mich an den Abend erinnerte, an dem die Bitterolfschen Geschwister
angekommen waren; er stand auf und schttelte mir beide Hnde, so da ich
fast in Verlegenheit geriet, was ich mit all der Wrme anfangen solle, denn
ganz so herzlich hatte ich mir das Wiedersehen nicht vorgestellt. Es fand
sich aber, da es bei Herrn Kasimir mit dem Andenken an seine Schwester
zusammenhing, die er sehr vermite, und die mir doch gut gesinnt gewesen
war, und als die Rede auf sie kam, wurde auch ich warm und ein wenig weich,
denn es stieg ein liebes und wertvolles Bild vor mir auf, wenn ihr Name
genannt wurde, und es war etwas von Heimat fr mich um sie her gewesen.

Herr Kasimir wischte sich ein paarmal die Augen, als er mir whrend der
Mahlzeit ungefragt noch dies und jenes aus Frulein Brigittens letzter Zeit
erzhlte, er hielt sich aber daneben doch wacker ans Essen und Trinken, so
da es mir fast komisch vorkam, ihn so die Rhrung mit hinunterschlingen zu
sehen. Vielleicht fing er einen unbewachten Blick von mir auf; denn ich
konnte ja meine Gedanken nie verstecken, und er sagte wehmtig: Ja, was
wollen Sie, man lebt ja eben weiter, so gut man kann. Ich mu ja sagen, es
kommt Ihnen vielleicht sonderbar vor: es schmeckte mir trotz alledem, wenn
ich so allein am Tische sa in meinem leeren Hause, ja vielleicht mehr als
frher, weil ich nicht viel anderes hatte, was mich freute oder anregte bei
den Mahlzeiten. Ich bin ja auch dabei gediehen, wie Sie sehen, und stelle
vielleicht das Bild eines gleichgltigen Selbstlings vor, was aber nicht
ganz stimmt.

Es erheiterte mich inwendig immer mehr, mir den einsamen Mann, dem es aber
dennoch trefflich schmeckte, unter den Bildern der Vorfahren mit den
Percken und Spitzenmanschetten vorzustellen, wie sie ihm alle teils
mibilligend, teils wohlwollend zusahen, bis er sich den Mund wischte und
gesegnete Mahlzeit sagte. Aber nein, er hatte ja niemanden, zu dem er es
sagen konnte, und nun tat er mir wieder leid, so da Lachen und Mitleid in
mir kmpften. Ich sagte irgend etwas davon, da ich mir wohl denken knne,
wie still es nun in seinen Zimmern sei, worauf Herr Kasimir halb verlegen
und halb triumphierend sagte: Ja, eigentlich sei das zwar bis vor kurzem so
gewesen, aber nun nicht mehr, denn seit wenigen Wochen sei seine Nichte
Eleonore, die ich ja auch kenne, bei ihm eingezogen und stelle nun alles
auf den Kopf, denn sie wolle ein Haus machen, was sie auch ausgezeichnet
verstehe.

Das letztere sagte er mit einem halbanerkennenden Schmunzeln, wie etwa ein
Vater von seinem Sohn, dem Studenten, sagt: der Tausendsasa verstehe Geld
auszugeben wie ein Alter, wobei man aber doch merkt, da das Wohlgefallen
daran seine Grenzen hat.

Ich war sehr berrascht, die khle Blonde aus dem Norden als Dame des
Hauses Hagenau vorgestellt zu bekommen und fragte, ob sie auf lngere Zeit
dableiben werde, worauf Herr Kasimir sagte: Ja, wohl fr immer. Sie sei
Waise geworden, schon voriges Jahr, und da ihr einziger Bruder als junger
Jurist, der kaum mit dem Studium fertig sei, nun auch die Vaterstadt
verlassen habe, um das bliche Wanderleben der ersten Dienstjahre
anzutreten, so sei sie zu ihm bergesiedelt, was fr beide Teile das
Natrliche sei. Es kam mir aber nicht vor, als ob er ganz behaglich von der
Sache rede, doch forschte ich nicht weiter darnach. Es fiel mir wieder ein,
wie mhsam ich einst nach der Gunst oder vielmehr Anerkennung der jungen
Dame gestrebt hatte, und es schwellte mich ein stolzes Gefhl, zu denken,
da es damit nun vorbei sei, denn ich war ein gewandter und vielseitiger
Mann geworden, soviel ich von mir wute. Ja, es reizte mich in diesem
Augenblick, ihr unter die Augen zu treten und eine hbsche Unterhaltung
leicht und spielend mit ihr zu fhren.

Wie wenn er meinen Gedanken gefolgt wre, sagte da Herr Kasimir: Erinnern
Sie sich eigentlich noch daran, da wir seinerzeit so halb und halb
ausgemacht haben, Sie mten zu uns zurckkehren? Und ist es Ihnen noch so,
da Sie es gerne tten? Es wrde mich freuen, wenn Sie wieder in mein
Geschft eintreten wollten. Es ist ja viel kleiner als das, in dem Sie
jetzt sind, natrlich. Aber Sie wissen ja, das hat seine Vorzge. Man ist
nicht auf eine bestimmte Arbeit beschrnkt, sondern bersieht das Ganze und
hat es in der Hand; es ist anregender und vielseitiger, und auerdem-- ich
htte eigentlich einen Plan mit Ihnen. Ich mchte es mir allmhlich
leichter machen und einen Nachfolger einarbeiten. Dazu htte ich Sie im
Sinn. Es hngt da so allerlei drum und dran, was sich vielleicht nach und
nach einrichten liee. Ich mchte nicht gern verkaufen und drausgehen; ich
htte lieber die Hnde noch darin. Auch habe ich ungern immer wieder neue
Leute. Und so weiter. Kurzum, Sie wrden mir passen. berlegen Sie es
einmal. Es liee sich vielleicht einrichten, da Sie gar kein Kapital
brauchten, sondern vorlufig bei mir angestellt wren. Spter she man dann
wieder.

Mir hing der Himmel voller Geigen. Am liebsten wre ich aufgestanden und zu
Maidi gelaufen. Denn war hier nicht wieder einmal das Zufllige oder
Gefgte mein Freund? Und hatte ich nicht immer gewut, da es bei mir so
gehe? Einfach, es lag so in meiner Lebenslinie. Daneben mute ich natrlich
dennoch ein tchtiger Kerl sein und war es auch. Maidi htte nur zuhren
sollen: Und kurzum, Sie passen mir. Und so weiter.

Aber sie hatte nie darauf eingehen wollen, da etwas Glckliches
irgendwoher kommen konnte, es mute immer alles erworben sein. Was mich
betraf, ich lie mir gern etwas in den Scho werfen. Das Haus Hagenau war
vornehm, alt, angesehen und das Geschft ein Goldgrblein, wie ich es schon
hatte nennen hren. Ich reiste mit Extrapost in meinen Gedanken. Daneben
sprach Herr Kasimir weiter. Wohnung und Tisch im Hause knnte ich Ihnen
freilich vorlufig nicht anbieten; die Umstnde sind nicht so gelegen
dafr. Dagegen sind Sie selbstverstndlich stets willkommen als Abendgast
und etwa Sonntags. Ich wrde mich immer freuen. Jetzt fuhr wieder er mir
zu schnell. Ich hatte ja noch gar nicht gesagt, ob ich wollte. Ich war hier
auch nicht schlecht angeschrieben. Auch stand mir noch die Welt offen. Ich
machte ein weises und undurchdringliches Gesicht und sagte, es msse
berlegt sein. Es sei sehr freundlich von ihm und habe viel Verlockendes,
indessen knne ich nicht nur so handumkehr mein Leben darauf einstellen. Im
Geschft gebe es ohnehin auch zur Zeit Vernderungen, und ich habe alle
Aussicht, vorzurcken. Doch wolle ich es mir merken. Es msse doch nicht
heute entschieden sein? Nein, das mte es nicht, doch sollte es auch nicht
mehr lang hinausgeschoben werden. Und, wenn er das sagen drfe,
Selbstndigkeit sei doch auch eine schne Sache. Ja, ja, das war es; wenn
er nur schon abgereist wre, da ich htte zu Maidi gehen knnen. Es
brannte mich; ich dachte in diesem Augenblick nicht an die trbseligen
Tage, die hinter mir lagen, und an alles Halbdunkle, das zwischen dem
letzten Beisammensein und heute schwebte, und an meinen Freund, der mit
trauriger Bitterkeit und einer Herzenswunde in die Welt hinausfuhr, sondern
nur an Maidis staunendes Gesicht und an meinen Triumph, und da wir alles
miteinander besprechen wrden.

Aber ich mute mich noch eine Nacht und einen Tag lang gedulden, und als
ich am Montag abend zu ihr kam, war sie selber voll von einer groen
Neuigkeit, die sie mir erzhlen mute. Einer der Lehrer an der
Kunstgewerbeschule hatte den Auftrag bernommen, den neuen und prchtigen
Landsitz eines Groindustriellen, der an einem herrlichen Platz im Gebirge
lag, knstlerisch auszuschmcken, und er hatte Maidi mit noch ein paar
andern Schlern und Schlerinnen der obersten Klasse den Vorschlag gemacht,
ihm dabei zu helfen. Er wollte schon whrend des Semesters mit ihnen dahin
ausrcken, da er ein paarmal in der Woche die nicht ganz kleine Fahrt in
die Stadt machen konnte, um seine Stunden zu geben, und da sie ihre Arbeit
als praktische Vorbereitung auf die Prfung ansehen konnten. Maidi war voll
brennenden Eifers, mir die Vorzge dieser Abmachung auseinanderzusetzen.
Sie hatte schne Entwrfe fr Vorhnge und Wandbekleidungen im Kopf, und
auf dem Tisch lagen geffnete Mappen mit Zeichnungen, die sie sich einmal
fr ein Kinderspielzimmer ausgedacht hatte: ein Fries mit allerlei Tieren:
Schnecken, Frschen, Kfern und Schmetterlingen, und eine Tapete mit Bienen
und Hummeln, die auf Blumen saen.

Wenn Maidi etwas Schweres durchgemacht hatte, wie ich ja annehmen mute, so
kam ihr freilich die neue Aufgabe mit allen Vernderungen und
Kraftanstrengungen, die sie mit sich brachte, sehr zustatten. Sie sah auch
freudig angeregt aus und kam mir hchstens etwas schmler vor, und als ob
sie in der Zwischenzeit noch gewachsen sei, was ja freilich nicht sein
konnte. Ich hielt mich auch nicht mit Betrachtungen auf, sondern eilte,
meine Sache auch anzubringen, und nun sangen wir wieder einmal ein Duett,
in dem jedes die erste Stimme haben wollte, denn es war alles neu und
wichtig, und jedes mute dem andern zugeben, da es vorwrts ging im Leben,
und da freilich beides am Werk sei, Glck und Verstand, aber welches am
meisten, das konnte man nicht ausmessen. Der Professor hatte auch bei
Gelegenheit der Abmachung gesagt, da er fr Maidi bereits eine schne
Arbeit in Aussicht habe, die sie, wenn sie wolle, sofort nach der Prfung,
die im Herbst stattfand, antreten knne. Es war die Stelle einer Lehrerin
an derselben Anstalt, fr die sie sich nach der Ansicht des Professors
besonders gut eignen wrde, und die ihr auch einen festen, wenngleich
bescheidenen Grund unter die Fe gab. Das war es ja, was Maidi gewollt
hatte, und ich fragte sie, ob sie dazu entschlossen sei, die Stelle
anzunehmen oder sich etwa schon verpflichtet habe. Es war aber bis jetzt
weder das eine noch das andere der Fall. Maidi sagte, trumerisch vor sich
hinblickend, sie wolle jetzt auch einmal eine Weile das Land unbegrenzter
Mglichkeiten vor sich haben, oder ob ich es vielleicht allein gepachtet
habe? Bei dieser Frage sandte sie mir unversehens einen Blick zu, der mich
an die alte Neckerei erinnerte, die von Olbrich und ihr mit diesem Wort
getrieben worden war, und ich sagte, eifrig darauf eingehend: Sehen Sie
jetzt, wie schn es ist, wenn man alles vor sich hat, was einen freuen
kann, aber immer noch frei ist, zu tun, was man will? Es ist ein so
behaglicher Zustand, da man ihn ausdehnen sollte, solang es irgend geht.

Aber es war nicht ganz das Rechte gewesen, wie ich merkte, denn Maidi sagte
leise und fing an, die Mappen wieder einzupacken: Ich habe es ein bichen
anders gemeint, und dabei wurde sie wieder einmal rot, was ich wohl sah,
obgleich sie sich im Hintergrund des Zimmers an einem Schrank zu schaffen
machte. Sie hatte dieses Kommen und Gehen der Farbe von jeher an sich, wie
sie mir schon erzhlt hatte, und rgerte sich oft darber, weil es das
geheime Leben ihres Herzens allzu offenkundig zeigte; es war aber immer
lieblich anzusehen, und ich htte es gern hufig hervorgerufen, um sie dann
betrachten zu knnen. Diesmal aber fiel mir mit Gewalt ein, was Olbrich mir
erzhlt hatte und was ber all den Neuigkeiten eine Weile im Hintergrund
gestanden war.

Ich sah auf einmal Maidi vor mir stehen wie ein Paradiesgrtlein, in das
durchaus nicht jeder eintreten durfte, aber das in aller Stille fr mich
erblhte, so unbegreiflich es eigentlich war. Es wurde mir hei dabei, aber
auch seelenwohl, und ich machte unwillkrlich einen Schritt vorwrts, auf
Maidi zu, denn da war kein berlegen, ich wute pltzlich alles von ihr und
von mir; es war wie vom Himmel gefallen. Sie sah aber meine Augen, in denen
das neu erwachte Leben freudig und strmisch loderte, und beugte sich, noch
tiefer erglhend, ber eine offene Truhe, in die sie die Mappen legte. Das
dauerte eine ziemliche Weile, dann sagte sie, ohne sich umzusehen und
eifrig beschftigt dem Anschein nach: Jetzt wird einmal vor allen Dingen
das Examen gemacht, dann sieht man weiter. Man mu sich in der Hand
behalten und wissen, was man will; dann ist es immer noch Zeit, ja zu
sagen. Das sollte freilich dem Professor gelten mit seiner Stelle, aber
mir machte sie nichts mehr weis. Es mute heien: Warte noch ein
Weilchen, frage mich jetzt nichts, denn im Augenblick ist nicht Zeit dazu.
Sie wollte selber etwas sein, wenn sie sich hingab, etwas Ganzes und
Fertiges, denn sie hatte ihren Stolz und ihre Arbeit darangesetzt, und wer
sie bekam, der mute froh sein an ihrer Liebe und ihrem blhenden Leben und
selber auch Liebe und Leben hergeben; um anderes ging es nicht bei ihr. Es
war begreiflich, und man mute ihren Willen ehren, aber so sehr ich vorhin
die Freiheit gepriesen hatte, so fiel es mir doch sauer, da Maidi sich
ihrer jetzt bediente. Ich htte sie gerne leise in den Arm genommen und
gekt und mute mich doch still halten. Es sang und musizierte aber in
mir, wie noch nie zuvor.

Darauf brachten wir noch einmal ein ertrgliches Gesprch zustande. Maidi
mute schon in acht Tagen abreisen und hatte vorher noch alle Hnde voll zu
tun mit Vorbereitungen. Sie freute sich auf die Arbeit; es wurde ein
Gartensaal ausgemalt, dessen Schmuck, vom Professor entworfen, von den
Schlern ausgefhrt werden sollte. Und es gab eine heitere Gesellschaft von
jungen Leuten, die zusammen arbeiteten den Sommer lang. Aber ich hatte
keinen Teil daran, sondern mute allein in der Stadt zurckbleiben, die mir
d und ausgestorben vorkam, wenn ich nur daran dachte.

Ich sagte bedrckt, am liebsten mchte ich auch gleich abreisen und meine
neue Stelle antreten, es sei dann ohnehin nichts mehr hier. Da lachte Maidi
und fragte mich, ob ich denn schon entschieden sei und ob ich denn nicht
vielmehr noch eine Zeitlang in der schnen Entschlufreiheit leben wolle?
Und wie es dann im Herbst wre, wenn sie zurckkme? Da wrde dann wohl
die Stadt auch ausgestorben sein. Ich sagte, wie es im Herbst werde, das
komme noch auf sie selber an; es msse ja nun vor allem, wie ich habe sagen
hren, das Examen gemacht werden, und sie knne dann auch immer noch
hingehen, wo sie wolle. Das alles brachten wir im heiteren Ton der Neckerei
vor, wie sie manchmal zwischen uns hin und her ging, aber wir waren nicht
frei dabei, denn auf einmal stand Trennung und Abschied zwischen uns, und
wir waren noch gar nicht beisammen gewesen. Ich machte bald, da ich fort
kam, denn ich war es nicht gewhnt, mich zu beherrschen, und es ging zu
vieles zu stark in mir um.

In der Nacht fiel es mir noch ein, da ich Maidi am nchsten Sonntag ein
gutes Stck weit begleiten konnte ber einen Gebirgskamm hinber und bis an
eine kleine Station, von der sie dann an die Hauptbahnlinie gelangen und zu
ihren Gefhrten stoen konnte. Ich stand auf und suchte auf der Karte und
mit dem Wanderbuch den Weg und wre am liebsten noch einmal ausgegangen, um
es Maidi durchs Fenster zuzurufen. Aber es schlug zwlf Uhr, und sie war
nicht Olbrich, sondern ein feines und kstliches und vornehmes Frauenwesen,
das jetzt hinter zugezogenen Vorhngen schlief und nicht auf Pfeifen ans
Fenster kam.

Also behielt ich meinen Vorsatz bei mir und schlief auch mit ihm ein, so
da es weiter nicht verwunderlich war, da auch meine Traumgebilde auf
Wanderfen gingen. Sie fhrten mich aber nicht in die dortige Gegend,
sondern auf einen Berg bei uns daheim und auf einen grasigen Platz, wo ich
folgendes Schauspiel hatte: Es stand eine hohe und dunkle Tannenfront da,
die den Weg begrenzte. Die Bume waren aufrecht und in Reih' und Glied
gestellt, sie konnten sich nicht mucksen. Aber an ihnen vorbei trippelten
mit zierlichen Schritten schlanke junge Birken in weien Kleidern und mit
grnen Seidentchern, die leicht um sie herumwehten, und lachten mit ganz
hellen und hohen Stimmen, so da es mehr gesungen als gelacht war. So
gingen sie an den dunklen Bumen vorbei, die sich nicht rhren konnten. Es
waren aber eigentlich Mnner, die ums Leben gern die feinen Mdchen, die
die Birken eigentlich waren, zum Tanzen aufgefordert htten. Sie zwirbelten
ihre Brte mit dsteren Gesichtern und lieen die Augen herumlaufen, als
wollten sie sagen: Wartet nur, bis wir dann nachher aufgewacht sind. Da
wollen wir euch schon kriegen. Aber die Birken schwnzelten weiter, nur die
grte und schnste blieb ruhig stehen und lie ihre Schleier wehen. Da war
es auf einmal Maidi und winkte mir mit der Hand zum Mitkommen. Aber ich
konnte nicht zu ihr und sie nicht zu mir, und sie nickte mit dem Kopf. Ich
bin gewi nicht schuldig, sagte sie zrtlich und traurig und hatte die
leuchtenden Augen voller Trnen.

                  *       *       *       *       *

Wenn ich nun den letzten Tag beschreiben will, den ich mit Maidi erlebte,
so zittert mir aufs neue das Herz, und ich wei nicht, ist es mehr die
Wonne, ihn erlebt, oder die Trauer, ihn nicht gentzt zu haben, was mich im
tiefsten bewegt. Doch kann man beides nicht auseinander halten; es ist
ineinander verflossen und lt sich nicht trennen. Auch habe ich mir
vorgenommen, mir in diesen Blttern das Wort der Selbstbespiegelung und der
Klage abzuschneiden, so oft es sich auch hervordrngen will. Denn was mache
ich anders damit? Und liegt es nicht an mir, vergangene Lieblichkeiten und
Schmerzen, die sich stets erneuern, zu ntzen, so da noch eine spte Ernte
daraus hervorgeht?

Maidi war auf dem Weg, den sie mit leichten Schritten und wie beschwingt
neben mir beging, von der goldensten Laune und glich so recht dem
Frhlingstag, der ber uns blaute, und der alles sprossen und blhen lie,
was nur im Lichte webte und sich drngte. Sie schwang ihren Wanderstab wie
eine glckspendende Gttin oder Fee ihr Zauberstbchen, und berall, wo er
seine Kreise zog, lagen Sonnenlichter auf dem Boden, wehte ein leichtes,
frisches Lftchen um uns her und rauschten klare Brunnen oder blhende
Bume uns entgegen. Sie war so voll freudigen berschwangs, da sie jedem
Begegnenden ins Gesicht sah mit sonnigem Lachen und ihn grte, Mann, Weib
oder Kind, und jeder, ob es auch der griesgrmlichste Gesell gewesen wre,
dankte ihr, freilich mehr oder minder freundlich, und sah ihr mit
zurckgebogenem Kopfe nach, was ich alles aufs genaueste beobachtete und
einheimste wie einen Zoll, dessen Ertrag nun fr eine Zeitlang meinen
Lebensunterhalt bilden mute. Ich war ein wenig schwermtig aufgestanden an
diesem Morgen, weil mir die nchste Zeit in ghnender Leere zu liegen
schien, und vielleicht htte ich auf dem Weg meine sentimentale Stimmung
weiter gepflegt, aber das war nicht mglich neben dem freudigen Leben, das
erwartungsvoll in den Tag hinein schritt und doch auch ganz hier zur
Stelle war, um nichts zu versumen. Wir gerieten, als wir an verschiedenen
Bauernhfen vorbei, die bereinander an einem Bergabhang lagen, die Hhe
erklommen hatten, und nun auf einem leicht gewellten Gebirgskamm
dahinschritten, in ein trauliches und ausgiebiges Geplauder, wie wir es
unter den mancherlei Strmen der letzten Zeit schon lang nicht mehr gebt
hatten, und besonders Maidi brachte alles Mgliche hervor, das sie gedacht,
erlebt und getrumt hatte. Wenn ich heute noch einmal denselben Weg gehen
sollte, wozu ich mich bis jetzt nicht aufgeschwungen habe, und was ich auch
nicht so leicht tun werde, so knnte ich sicher noch aus der Erinnerung
sagen: Das haben wir an der alten hohlen Eiche geredet, und das bei dem
Wegkreuz mit der seltsamen Inschrift, dies an der Aussichtsstelle in das
wildromantische Felsental, und dies, als wir an der halbzerfallenen
Holzknechtshtte vorbergingen. Es wren alle diese Orte wie Bltter eines
Buches, dessen Lettern im Dunkeln frisch und neu geblieben sind; aber ich
brauche nicht darin zu lesen, denn ich kenne die Geschichten, die darin
stehen, aus- und inwendig.

Maidi hatte auf dem Ausflug, den sie mit der Pfarrerswitwe gemacht hatte,
in deren frherer Heimat einen Bauersmann kennen gelernt, einen entfernten
Verwandten der Pfarrfamilie, die auch aus buerlichen Verhltnissen
stammte. Sie mute es dem ernsten und schweigsamen Mann, der ein Witwer war
und allein mit einer alten Magd lebte, durch den Liebreiz und die offene
Zutraulichkeit ihres Wesens angetan haben, so da er ihr ein leidvolles
Stck seiner Lebensgeschichte erzhlte, die sie mir nun wiedergab. Wenn
ich sie jetzt aufschreibe, so geschieht es, da ein Menschenleben, das
sonst wohl schon vergessen wre oder es doch bald sein wrde, noch einmal
eine kleine Wellenbewegung macht auf der Oberflche des Stromes, der uns
alle mitnimmt, was vielleicht mir einmal nicht geschieht, wenn ich
vergangen sein werde. Wer wei?

Der Bauer war der ltere Sohn seines Vaters gewesen, oder vielmehr lngere
Zeit der einzige, und hatte sich als solcher schon im Besitz des Hofs
gesehen, an dem er mit allen Eigentumsgedanken und Gefhlen hing, als nach
einer Reihe von Jahren noch ein Nachzgler erschien und das ganze
Zukunftsbild durch sein bloes Erscheinen auslschte, da in jener Gegend
die Erbschaftsgebruche dem Jngsten den Besitz zusprachen, whrend die
lteren Kinder anderweitig abgefunden wurden. Diese feststehende Regel
umzustoen, konnte niemandem einfallen, sie war durch das Herkommen
geheiligt und wurde so wenig angetastet wie das Erbfolgerecht eines
regierenden Hauses. So sah der lteste bereits den Tag vor sich, an dem er
den geliebten Hof verlassen mute, um irgendwo anders unterzukommen, sei es
durch Einheirat oder durch das Erlernen eines anderen Berufes, falls er
nicht als Knecht dem Bruder dienen wollte, was ihm alles gleich schrecklich
war. Er warf im stillen einen Ha auf den Bruder, den er aber so gut als
mglich zu verbergen und auch zu berwinden trachtete, wovon ihm aber nur
das erstere gelang, und auch das nicht immer. Der Kleine, der ein schnes
und zutrauliches Kind war, hing an dem groen Bruder und ging ihm auf
Schritt und Tritt nach, obgleich dieser ihn kalt und oft abstoend
behandelte; das schien ihn nur noch mehr zu reizen, sich seine Liebe zu
erringen. Der ltere wurde auch manchmal gerhrt, wenn der kleine
Lockenkopf sich an ihn drngte und ihn liebkoste, aber mitten drin kam
wieder der Groll ber ihn, da dieser Blondkopf ihm durch sein bloes
Dasein die Heimat nehme, und er wurde von dunklen Gewalten umhergerissen,
die ihn allmhlich so in die Hand bekamen, da er den Tod des Bruders
wnschte.

Es begab sich nun das Unglck, da dieser Wunsch erfllt wurde, und zwar
durch seine eigene schuldig-unschuldige Hand, indem ein Gewehr, mit dem die
beiden Buben spielten, und das sie fr entladen hielten, losging und den
Kleinen niederstreckte, ohne da dieser noch einen Laut von sich gab. Der
Groe war durch diesen erschtternden Vorfall pltzlich im Tiefsten wach
geworden und sah sich als den Mrder seines Bruders an, der er ja freilich
auch war, wenngleich nicht mit Willen im Augenblick des Geschehens, aber
hundertfltig in Gedanken und Wnschen. Er verfiel in eine schwere
Gemtskrankheit, von der er nur langsam genas, und von der ihm immer ein
Rest dunkler Melancholie zurckblieb, auch als er dann in den Besitz des
gewnschten Erbes kam, das ihm nun ein Reichtum und eine Armut zugleich
war. Er heiratete eine Bauerntochter, die ihm sein Vater aussuchte, und
neben der er gleichgltig hinlebte, ohne zu sehen, da sie ihm mit aller
Frauenliebe anhing. Wenn er etwas wnschte, so war es ein Erbe, und auch
diesen begehrte er nur um des Hofes willen, der nicht in fremde Hnde
kommen durfte. Als er nun nach einer Reihe von Jahren erschien, starb die
Mutter, die mit dem Sohn die Liebe ihres Mannes zu erwerben gehofft hatte,
hinweg, und auch hier war es so, da diesem erst die Augen aufgingen, als
sie ihm sterbend sagte, wie sehr sie ihn geliebt habe. Er wollte nun aber
nichts mehr versumen in seinem Leben und nahm sich vor, dem Sohn ein so
guter Vater zu sein, als irgend mglich, und auch nicht mehr zu heiraten,
um nicht von neuem den schweren Konflikt in ein Gemt zu werfen, das von
sich aus schuldlos ins Leben hineinging, und das hier vor ihm in der Wiege
friedlich schlummerte. Aber als das Bbchen die Augen aufheben sollte, fand
es sich, da sie blind waren, und so schlo nun auch dieser teuer bezahlte
Reichtum eine Armut ein. Doch blieb der Vater dennoch seinem Vorsatz getreu
und lebte fr den Sohn, der ein feines, zartes und reich veranlagtes Kind
und trotz des groen Mangels in seinem Dasein von einer sonnigen Heiterkeit
war, wovon der Vater manche Zge zu erzhlen wute. Die Sonne habe der
Blinde, der sie nur vom Hrensagen kannte, innig geliebt und Gesicht und
Hnde ihren Strahlen ausgesetzt, auch die Arme ausgebreitet, um sie zu
umfangen, und wenn sie nicht gekommen sei, so habe er sehnlich auf sie
gewartet. Wie die meisten Blinden war er musikalisch und spielte mit seinen
feinen, beweglichen Hnden leise, trumerische Melodien auf dem Harmonium,
das der Vater ihm kaufte, so da es rhrend und erbaulich anzusehen und zu
hren gewesen sei. Er habe auch eine sonderbar wohlklingende, weiche und
doch volle Stimme gehabt, die schon beim Sprechen wie eine Melodie gewesen
sei. Mit dieser Stimme habe er Menschen und Tiere gewonnen, so da er aller
Liebling gewesen sei. Gerade diese Stimme sei aber auch sein Verhngnis
gewesen, wie denn (wie der nachdenkliche Bauer sagte) jeder sein Schicksal
und auch seine Todesart in sich trage, er brauche nicht viel hinzuzutun.

Es war nmlich auf dem Hof ein wilder, strrischer und gefhrlicher
Zuchtfarren, den zu bndigen, wenn er in der Hitze war, niemandem gelingen
wollte, so da man schon verschiedene Male seinen Tod beschlossen hatte und
ihn nur immer wieder behielt, weil er von vorzglicher Rasse und zur Zucht
besonders geeignet war. Wunderbarerweise ereignete es sich, da, als der
kleine Blinde einmal in die Nhe kam und vor den Augen des entsetzten
Vaters auf das um sich stoende Tier zuging, ehe dieser es hindern konnte,
der Bulle durch die sanfte und helle Kinderstimme beruhigt wurde und sich
sogar von den kleinen Hnden streicheln und fhren lie. Das alles war noch
nie erhrt und ging von Mund zu Munde, so da das blinde Bbchen eine Art
Sehenswrdigkeit wurde und zum Wundertun ausersehen von vielen, denen das,
was da und wirklich war, noch nicht gengte, sondern nur ein Angeld und
eine Verpflichtung auf Ferneres schien.

Diese kamen aber nicht auf ihre Kosten, sondern als man das blinde Kind
nach fterem Gelingen des seltsamen Versuchs allmhlich mit dem Stier
umgehen lie wie mit einem gnzlich unterjochten Feind, ohne genaueste
Aufsicht, wurde es zur bsen Stunde von ihm totgedrckt. Es habe noch einen
hellen Aufschrei getan und sei tot umgefallen. Der Stier aber sei darauf in
solche Raserei geraten, da man ihn schleunigst habe erschieen mssen; er
sei mit einem dumpfen Brllen in sich zusammengestrzt und habe also leben
mssen, bis er sein Werk getan habe.

Das alles habe der Bauer als etwas jetzt Fernliegendes und doch stets
Gegenwrtiges ruhig und mit tiefer Stimme erzhlt und dabei mit seinen
stahlblauen Augen unter weien, buschigen Brauen wie in eine groe Weite
gesehen. Maidi habe ihn teilnehmend gefragt, ob er sich vielleicht damals
wieder habe Vorwrfe machen mssen, da er den Stier nicht frher
erschossen, das Kind nicht ngstlicher behtet habe. Darauf habe er
erwidert, nein, sondern es sei ihm auf einmal aufgegangen, da alles
geschehe, wie es sein msse, doch aber so, da der Mensch trachten msse,
aus aller seiner Schuld und dem Bsen, das in ihm sei, und aus dem Unglck,
das ihm widerfahre, wenn auch durch eigene Mngel, das Beste zu machen und
noch etwas zu tun oder zu werden, was ohne das nicht geschehen wre. Man
drfe sich natrlich den Schmerzen, die das alles mache, nicht entziehen
wollen, denn dann geschhe erst das eigentliche Unglck, ja das Verderben,
nmlich das Versinken in Stumpfheit und Gleichgltigkeit, worin dann die
Seele ersticke. Ihn habe das schwere Leid seines Lebens aus dem Niederen
erlst, und er beklage sich nicht. Vielmehr habe er Gott von Angesicht
gesehen und seine Seele sei genesen.

Das alles erzhlte Maidi mit der staunenden Verwunderung, mit der sie es
das erstemal mochte vernommen haben, und setzte leise erschauernd hinzu:
Ach, wenn es doch anginge, da man, ohne schuldig zu werden und ohne
solche Abgrnde in sich und im Leben zu entdecken, dennoch ein guter und
gottgeflliger Mensch werden knnte! Denn das mchte ich, aber vor
Schmerzen und besonders vor solchen, die aus eigener Schuld kommen, frchte
ich mich entsetzlich. Sie sah mich fragend und von pltzlicher Kmmernis
befallen an und sah dabei so unendlich unschuldig und lieblich beseelt aus,
da ich, obgleich mir hnliches durch den Sinn gegangen war, doch eifrig
und hingerissen versicherte, es gebe auch Menschen, die ganz lauter und
schuldlos durchs Dasein gehen, und die man gerade wie sie seien lassen
msse als Beweise des Guten an sich und als Herz-und Augenweide fr die
andern. Das alles wute ich zwar nicht aus Erfahrung, aber es fiel mir ein,
es zu sagen, und ich mag Maidi dabei entzckt und belehrend zugleich
angesehen haben, so da sie, die ein so starkes Gefhl fr das Komische
hatte, pltzlich anfing, zu lachen und, aber mit einem kleinen Seufzer
dazwischen hinein, sagte: Ach, ich glaube, wir mssen es abwarten. Sagen
Sie aber noch mehr solche weisen und angenehmen Sachen; sie freuen mich
inzwischen, bis ich dann sehen werde, wie es weiter geht.

Wir kamen aber beide noch nicht so schnell von der Geschichte weg und
hielten uns besonders damit auf, uns das Unglck des Blindgeborenseins so
recht innig vorzustellen, um dann desto wonnevoller unsere hellen Augen in
der lichten Welt herumzuschicken, deren Hhen und Weiten vor uns
ausgebreitet lagen. Ich will es einmal versuchen, sagte Maidi
trumerisch, mir vorzustellen, ich sei blind. Nur eine kleine Weile, fnf
Minuten lang. Freilich htte ich dann immer noch viel vor dem blinden
Bbchen voraus, das die schne Welt nie gesehen hat, whrend ich mir
dreiundzwanzig Jahre lang Vorrat gesammelt htte fr dunkle Tage.

Sie schlo die Augen und ging mit tastend ausgestreckten Hnden, deren
eine ich als Fhrer erfate, auf dem moosigen Pfad weiter, whrend sie
offenbar alle Qualen eines, der das Licht nie mehr sehen kann, sich
vorzutuschen suchte, denn ihr Gesicht wurde merklich blsser, und ihre
blhenden Lippen zitterten. Sie atmete hrbar und fragte nach einer kleinen
Weile: Sind denn die fnf Minuten noch nicht um? Es waren aber erst zwei,
und ich riet ihr, doch die Augen aufzumachen, da es schad um jeden
Augenblick sei, den man sich trbe. Aber sie schttelte den Kopf und wollte
ihren Vorsatz durchfhren, und dabei fate sie meine Hand fester, um einen
sicheren Halt zu haben. Ich aber sah ihr voll in das liebe und schne
Gesicht, und es zog mich unsglich, es zu kssen, jetzt, da die Augen nicht
darber wachten. Aber ich durfte es nicht tun, und aus Rache und um mein
Vergngen bei der Sache zu haben, schlug ich mit der vorstzlich Blinden
einen dsteren Seitenweg ein, der schmal und dunkel zwischen hohen Tannen
hinging, so da sie, als ich nun den Ablauf der fnf Minuten ausrief,
entsetzt die aufgeschlagenen Augen im Halbdunkel umhergehen lie und
vielleicht in den ersten Sekunden frchtete, zur Strafe fr das Spiel mit
der Blindheit nun an den Augen gelitten zu haben. Es ging zwar diese Angst
gleich vorber, aber Maidi sagte, als sie wieder im vollen Lichte stand,
tief atmend: Ich tue es nicht mehr. Es ist zu schrecklich. Ich habe es
alles durchgelebt in den paar Minuten und dabei das Gefhl gehabt, ich sei
selber schuldig, so da ich nun schon ein bichen wei, wie es ist, wenn
man ein schlechtes Gewissen hat im Unglck. Sie breitete wie zur
Entshnung ihre Arme aus und hob die beiden und auch das Gesicht der
vollen Sonne entgegen, wie um sich dem Licht wieder in die Arme zu werfen,
das sie einen Augenblick verleugnet hatte. Da sah ich erst, wie gesund,
unverstellt und lauter sie von Grund aus war, und sprte mit einer zornigen
Verlegenheit, wie wenig ich selber neben ihrer klaren Einfachheit bestehen
knne. Ich hatte freilich auch schon oft genug ein schlechtes Gewissen
gehabt, aber die Ursachen dazu hatten anders ausgesehen.

Wie nun Maidi ihre Hnde ausreckte und eine kleine Weile in der sonnigen
Helle badete, kam ein schner Zitronenfalter durch die Luft dahergetaumelt
und setzte sich auf das ausgebreitete, rtlich durchleuchtete Stck Leben,
das er fr eine schne Blume halten mochte. Er blieb auch ruhig sitzen, als
Maidi entzckt und vorsichtig ihre Hand zurckzog, und lie sich ein Stck
weitertragen, flog dann auf, um zwischen den Bumen umherzuwirbeln, und kam
noch einmal an seinen wandelnden Ruheort zurck, bis er an einer blhenden
Waldwiese seine rechte Heimat und Atzung fand. Dieses kleine Erlebnis
gehrt zum letzten, dessen ich mich von dem sonnigen Tag entsinne. Unser
Weg neigte sich abwrts, und wir sahen schon von weitem die Schienen der
Eisenbahn in der Sonne blitzen und hrten das Fauchen der
Schnellzugslokomotive, die an der kleinen Station vorberjagte. Wir stiegen
den schmalen, trockenen Fuweg hinunter, neben dem schon der Ginster zu
blhen anhob, hrten Lerchen singen und sahen weie Wolken im Blauen
dahinziehen und erschraken pltzlich vor der Nhe des Abschieds, denn es
war auf Monate, wie wir meinten, und schon das schien uns lang genug. Ich
beklagte mich pltzlich wieder ber den leeren Sommer, den ich vor mir
hatte; und Maidi sagte: Aber wir haben ja doch beide unsere Arbeit. Sie
meinte etwas Trstliches damit zu sagen, und zwar, wie ich wohl sah, so gut
fr sich als fr mich. Aber sie forderte meinen Widerspruch dadurch heraus,
denn es konnte kein Vergleich sein zwischen uns, da sie ihre Arbeit liebte
und die meinige mich gleichgltig lie, und da sie auerdem Maidi bei sich
hatte, die ich entbehren mute. Das brachte ich ein wenig strrisch heraus,
denn es war mir in der Tat nicht freudig zumute, aber Maidi fing ber die
letztere Begrndung so hell und sonnig an zu lachen, da ich wider Willen,
wenn auch etwas knurrig, mitlachte, und in diesem Augenblick kam der Zug,
der an der kleinen Station ganz kurz anhielt, so da Maidi noch lachend
einstieg, so wenig es ihr vor ein paar Minuten drum gewesen war. Ich
brauche manchmal eine Weile, bis ich den Grund einer Frhlichkeit erfasse,
die ich an andern sehe und hre; es ist dies bei mir, was man eine lange
Leitung nennt, und so merkte ich erst, als Maidis helles Gesicht und
flatterndes Tchlein undeutlich zu werden und zu verschwinden begann, da
ihr Lachen vom hohen Glck selber eingegeben war; denn ich hatte ihr in
meiner augenblicklichen Verdrielichkeit deutlicher als es sonst meine Art
war, gezeigt, wie kstlich es mich dnkte, bei ihr sein zu drfen.

                  *       *       *       *       *

Ich kehrte nun allein in die Stadt zurck; es dnkte mich aber, als htte
ich nicht mehr viel darin verloren, und ich fing ernstlich an, mich zu
besinnen, ob ich im gleichen Trab weitermachen oder Herrn Kasimirs
Vorschlag nun ehestens annehmen solle. Es sprach eigentlich fast alles
dafr; nur war es mir, als sei ich, wenn ich in das alte Haus zurckgehe,
dann fr alle Zeit dort angebunden, und der rosenrote Nebel, in dem mir
stets die Zukunft gestanden war, verflchtigte sich dabei, um einem
nchternen Tageslicht Platz zu machen. Es gab keine Fernen und Weiten mehr,
wenn mich eine scharf umrissene Wirklichkeit umgab, und vielleicht war die
Erfllung lange nicht so schn, als die Trume von allen Mglichkeiten. Ich
dachte hin und her, berlegte, beschlo und verwarf wieder und kehrte immer
wieder in meinen Gedanken zu einem lieblichen Spielzeug zurck: zu unserer
Gemeinschaft, Maidis und meiner.

Ich war nun sicher, da sie mich liebte, und es war unsglich schn,
rckwrts blickend einen Beweis um den andern zu finden. Ein gutes Wort,
einen berraschten Blick, ein helles Errten; ich hatte nicht so darauf
geachtet, so lange ich immer neue, schne Dinge bei ihr fand. Nun, da ich
vom Vergangenen zehren mute, wurde mir eins ums andere klar und
beweiskrftig. Es war, wie wenn beim Einnachten ein Stern um den andern aus
dem Dunkel taucht, bis allmhlich die ganze lichte Schar zu Hupten steht,
so da man nicht mehr an sie zu glauben braucht, sondern von ihrem Glanz
beschienen wird. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie es in Maidi ausshe.
Vielleicht hatte sie mit Staunen und zuerst mit Unwillen einen Ri in dem
festen Gefge ihrer Plne und Vorstze entdeckt und ihn auszubessern oder
zu verkleben gesucht durch vermehrten Eifer und grere Hingabe an ihre
Arbeit. Und doch immer wieder aufs neue schien der goldene Tag zu neuen
Fugen und Spalten herein, so da sie sich nicht mehr anders zu helfen
wute, als da sie ihn einlie. Ich dachte mir aus, wie es bei Olbrichs
Werbung zugegangen sei, und wie sie da nur mhsam verborgen habe, da sich
ihr Herz mir zuwende, so da es ihm, dessen Blicke durch die Leidenschaft
geschrft gewesen waren, unausgesprochen klar geworden sei. Alles das
machte, da mir nicht nur Maidi immer lieber wurde, sondern auch, da ich
vor mir selber gewann, da solch ein feines Wesen sich mir zuneigte und mich
andern vorzog.

Ich zgerte noch, wie gesagt, mich ber die Zukunft zu entscheiden, denn
ich war nicht mehr frei und unbeladen wie frher. Ging ich, so fand mich
Maidi im Herbst nicht mehr, wenn sie zurckkam; blieb ich aber, so lie ich
die erwnschte Gelegenheit zum schnellen Vorwrtskommen hinaus, und um
nicht das eine oder andere erwhlen zu mssen, flchtete ich mich immer
wieder in meine leichten Wonnen und Schmerzen hinein, da ich ja morgen oder
bermorgen immer noch tun konnte, was ich wollte.

In dieses Schwanken hinein kam ein Brief von Herrn Kasimir, der auf einmal
dem Znglein der Wage einen Sto gab, so da es sich zum Gehen neigte. Er
fragte mich dringlich nach meinen Entschlssen und bat, ich mchte mich
rasch entscheiden, wenn ich auf seinen Vorschlag einzugehen gedenke; er
habe geschftliche und andere Grnde, die Vernderungen, die er im Sinn
habe, in mglichster Blde vorzunehmen. Die Energie, mit der er auftrat,
steckte mich an; ich lie pltzlich alles Hin- und Herdenken fahren und
schrieb ihm, da ich komme, da ich eigentlich keinen schwerwiegenden Grund
dagegen hatte. Es war mir aber, als ich den Brief mit meiner Zusage in den
Kasten gesteckt hatte, nicht ganz wohl bei der Sache aus irgend einem
dunklen Gefhl heraus. Ich besann mich, was es wohl sein knnte und hatte,
wie ich damit einschlief, in der Nacht einen wunderlichen Traum.

Es ging nmlich meine Tr auf, und ein Unbekannter kam auf mich zu und
setzte sich auf meinen Bettrand, mich unverwandt ansehend. Unter seinen
Blicken wurde es mir sehr unbehaglich zumute, und ich fing an, damit er
etwas von seiner Starrheit verlieren mge, ihm, obwohl ungern, von mir zu
erzhlen. Ich sagte aber lauter furchtbare Dinge, die ich getan htte oder
zu tun im Begriff sei, und konnte kaum atmen vor Angst und Grauen. Er sah
mich immerfort ernst und aufmerksam an und sagte dann kopfnickend: Da will
ich dich lieber gleich totschlagen, und er tat es auch.

Dieser Traum lag schwer und bedrckend auf mir, als ich zu mir kam. Ich
schttelte ihn aber ab und hatte auch in dem erlangten Wachsein ein, wie
ich meinte, scharfes und klares Denkvermgen, in dem ich beschlo, nun
einmal ohne nutzlose Qulerei einen Schritt um den andern zu tun. Maidi,
mit der mir der dumpfe Druck zusammenzuhngen schien, den ich immer noch
nicht ganz los war,-- Maidi hatte sich ja selber alle Freiheit vorbehalten
und sie auch mir gelassen.

Ich wute mich liebend und geliebt und dennoch frei, und wenn ich eines
Tages zu ihr kam, um sie an mich zu binden, so wrde sie, daran zweifelte
ich nun nicht mehr, sich mir nicht versagen. Inzwischen baute ich an der
Zukunft und ging guten Verhltnissen entgegen, die ich schon ausntzen und
immer besser ausgestalten wollte; es war nicht einzusehen, was Beklemmendes
um den Weg sein sollte.

Auf einmal fiel mir auch noch das Frulein Bitterolf ein, der gehrig zu
imponieren ich mir schon jetzt vornahm, und deren erstaunte Augen, wenn ich
einmal mit Maidi vor ihr erscheinen wrde, mir heute schon Freude
bereiteten. Aber, wie war denn das? Sie wohnte ja in dem alten Hause, das
ich selber beziehen wollte? Zog sie denn mit Herrn Kasimir aus und lie uns
hinein? Aber es gehrte ja nicht mir, und ich konnte es auch nicht kaufen.
Und es fiel ihnen auch nicht ein, auszuziehen. Da waren schon wieder neue
Fragezeichen, und es eilte mir auf einmal, sie aufgelst und beantwortet zu
sehen. Ich traf meine Vorbereitungen zum Weggang, zu dessen Beschleunigung
Herr Kasimir alles beitrug, was in seinen Krften stand, so da er ziemlich
rasch geschehen konnte. Ich feierte allerlei Abschiede mit allerlei
Genossen und schied von ihnen als einer, der auszog, sein Glck zu machen.

Und nichts und niemand sagte mir, da ich von meiner besten und
glcklichsten Zeit Abschied nehme, und da ich einmal in sie wie in ein
verlorenes Paradies zurckschauen werde von vergeblicher Reue gepeinigt.

Als ein Mannhafter und Freier glaubte ich in alte Sttten zurckzukehren,
um mir dort ein Leben zu bauen, das meiner wrdig und voller Reichtum von
auen und innen sei, und wute nicht, da ich in mir selber gefangen sei,
unfrei zu sein und zu handeln, den Gesetzen nach, die sich mein
selbstisches Ich geschaffen hatte eine ganze Jugend hindurch.

                  *       *       *       *       *

Als ich wieder in das alte Haus eintrat, schien mir zuerst alles eng,
niedrig und kleinlich zu sein. Ich hatte ein Gefhl wie ein Primaner, der
probeweise wieder einmal seine langen Glieder in das winzige Bnkchen der
Vorschule klemmt und nicht glauben kann, da er jemals darin sich habe
rhren knnen. Doch dehnte sich vor meinen Augen, was nur scheinbar so eng
gewesen war. Ich sah, da in den beschrnkten Rumen, in denen nur wenige
Menschen sich regten, dennoch alle Fden zusammenliefen, die der
menschliche Geist gesponnen hat, und von ihnen wieder hinausgingen in
menschliche Herzen und Gehirne, so da wir eine Art von geistiger
Speisekammer oder Apotheke fr die Stadt waren, die noch dazu Rat und
Anweisung von uns empfing, whrend das gro angelegte Unternehmen, in dem
ich bis jetzt ttig gewesen war, nichts von persnlichem Verkehr mit den
Menschen gestattete, sondern wie ein Meer in Flut und Ebbe die Strme der
geistigen Produktion anzog und wieder ausstie, ohne sich darum zu kmmern,
wo der Segen schlielich landete.

Es kam mir aber noch eine andere Seite des beschrnkten Arbeitskreises bald
zu pa, als ich mit steigendem Behagen bemerkte, wie gut es mir tauge,
Lenker und Leiter eines, wenn auch migen Reiches zu sein, nachdem ich
dort nur ein Rad in dem groen Getriebe gewesen war. Es ging mir wie Csar,
der lieber auf jenem Dorfe der erste, als in Rom der zweite sein wollte.
Die alte Garde war in den Jahren meines Fernseins stark
zusammengeschmolzen, da der Buchhalter gestorben und seinem Freund, dem
ltesten Gehilfen, ein kleines Erbe zugefallen war, das er stracks bentzt
hatte, sich ein freikommendes Buchldchen in einer naheliegenden Kleinstadt
zu erwerben. Nur Herr Frerichs und der rotbrtige Giller, der jetzt die
Bcher fhrte, waren noch alte Bekannte, denen ich mit einer leichten
Verlegenheit gegenbertrat, da sie doch geholfen hatten, mich zu meinem
Beruf vorzubilden, und ich ihnen jetzt vorgesetzt war. Frerichs begrte
mich mit der kindlichen Freundlichkeit, die sein trockenes Gesicht je und
je durchsonnen konnte, und schien nichts gegen den Wechsel der Dinge zu
haben. Ich fragte ihn, ob er wieder etwas geschrieben habe, da lchelte er
freudig und verschmt und sagte flsternd: Ja; und diesmal ist es etwas
nach dem Leben, worauf er mich erwartungsvoll ansah, bis ich sagte, ich
wolle es einmal lesen. Damit war die Freundschaft wieder geschlossen, und
ich hatte bei ihm die Bahn frei, whrend mir von Giller etwas Feindseliges
zu kommen schien, nach dem ich aber nun gerade nichts zu fragen, sondern
ganz als Herr aufzutreten beschlo, da ich es ja nun einmal zu werden im
Begriff sei. Freilich htte es mir noch viel mehr getaugt, Besitzer, als
nur angehender Geschftsfhrer zu sein, und ich zerbrach mir vergebens den
Kopf, wie das zu machen sei, fand aber keinen Rat dazu.

Auch wartete ich tglich darauf, da Herr Kasimir mir mitteile, was fr
dringende und eilige Grnde ihn bewogen hatten, mich schnellstens
herbeizurufen. Ich legte mich mit allen Krften ins Zeug, um ihm zu
zeigen, da ich etwas von den Sachen verstehe, und nahm ihm mit
ungeduldigem Eifer eine Funktion nach der andern aus der Hand. Das lie er
auch eine Zeitlang stillschweigend geschehen, mich, wie es mir vorkam,
wohlgefllig betrachtend, bis er eines Tages seine endlichen Absichten vor
mir ausbreitete.

Oder vielmehr geschah es eines Abends, als wir miteinander von dem schnen
Garten in halber Bergeshhe herabstiegen, den er sich vor kurzem gekauft
hatte, um, wie er sagte, als halbalter Privatmann noch etwas zu tun zu
haben, wenn ihm nun die Jugend ber den Kopf wachse.

Es stand ein hbsches steinernes Gartenhaus an der hchsten Stelle des
Gartens, gro genug, um einem nicht zu anspruchsvollen Einsiedler als
Wohnung zu dienen, wenn er sich zurckziehen wollte, und mit herrlichem
Ausblick auf Stadt und Flutal mit Bergen und Wldern.

Aus einem kleinen, heiter ausgemalten Gartenslchen im Erdgescho gelangte
man auf eine groe Terrasse, deren Gelnder mit Reben bewachsen war und die
aussah, als ob schon manche frhliche Gesellschaft sich auf ihr versammelt
htte. Sie war auch jetzt schon wieder zu demselben Zweck eingerichtet, und
auch heute war ziemlich viel Jugend droben versammelt gewesen und teilweise
noch versammelt, als schon die ersten Sterne aus dem dunkel werdenden
Himmel auftauchten.

Frulein Bitterolf-- von der ich nun anfangen mu, zu reden, da sie sich
nicht mehr verschieben lt-- verstand es in der Tat gut, ein Haus zu
machen, wie mir Herr Kasimir schon im voraus erzhlt hatte. Sie hatte sich
nicht sehr verndert, seit ich sie das erstemal gesehen hatte, wenigstens
kam es mir so vor. Sie war damals lter gewesen, als ihre Jugend es wollte,
und hatte einst dargestellt, was sie heute war: eine gewandte, sicher
auftretende Dame von klarem, khlem Wesen und von ziemlich groen
Ansprchen an das Leben und die Menschen, dabei aber anziehend (wenigstens
fr mich, aber wie ich sah, auch fr andere) durch die vornehm-berlegene
Gelassenheit, mit der sie alles handhabte und allem gegenbertrat, und die
zu beobachten es mich immerfort reizte. Ich htte sie einmal mgen aus der
Fassung kommen sehen, hilflos oder zornig erregt, oder auch von einem
warmen Gefhl durchglht, so sehr, da sie es nicht gleich in einem
geordneten Register untergebracht htte. Sie htte dann beraus anziehend
aussehen mssen, denn das Material dazu war vorhanden in gut geschnittenen
Zgen, schnen Farben und Formen, dem allem nur eine strkere Belebung
fehlte. Ich mitraute aber, ob sie diese vielleicht nicht in sich habe und
nur verberge, und strich daher fleiig um sie herum, um den Augenblick
nicht zu verpassen. Von der verlegenen Scheu meiner halben Knabenjahre war
nichts mehr brig geblieben, das hatte ich mir richtig prophezeit, dagegen
merkte ich nicht, was ich jetzt wei, da an ihre Stelle eine andere
Schwche getreten war, die ihren Ursprung in derselben Wurzel meines
Herkommens hatte, nmlich die Sucht, ihr mein gesellschaftliches
Fertiggewordensein unter die Augen zu rcken und sie zur Anerkennung
desselben zu ntigen. Sie war auch in ihrer Weise freundlich und sogar ein
wenig vertraulich gegen mich, nahm mich hie und da zu kleinen Diensten in
Anspruch und untersttzte Herrn Kasimirs Aufforderung, da ich viel im
Hause verkehren mge, auch ohne da Gesellschaft da sei, so da ich mir als
Gnstling vorkam und mir nicht wenig darauf zugute tat. Wenn wir dann in
dem groen Wohnzimmer unter den Familienbildern beisammen waren, und
Frulein Bitterolf den Platz einnahm, den sonst Brigitte Hagenau innegehabt
hatte, so schien sie mir etwas von der feinen Fraulichkeit, die die
Verstorbene ausgestrahlt hatte, an sich zu haben, nur da sie bei ihr
verschlossener und gehaltener war, aber nicht weniger anziehend. Ich
dachte, sie werde die Anlagen dazu in sich haben, und es komme nur auf die
richtigen Umstnde an, da sie sich entwickeln knnten, was alles mit Maidi
zu bereden es mich immer aufs neue antrieb. Doch kam es mir nicht in den
Sinn, ihr darber zu schreiben, sondern es war mir, wenn ich im Geiste
lange Reden bei ihr vorbrachte, als wisse sie nun alles und es fehle mir
nur der Widerhall.

Auch kam es immer bald wieder anders, und das htte ich ihr ohnehin nicht
geschrieben. Nmlich in Gesellschaft war das stolze Frulein unversehens
wieder khl und unnahbar gegen mich, lie sich in feiner und
selbstverstndlicher Weise von andern den Hof machen, ohne brigens
gefallschtig zu wirken, unterhielt sich leicht und gewandt ber alle
erdenklichen Dinge, und das mit Professoren, Studenten oder lteren Damen,
wie es sich begab, und handhabte die Geheimsprache, wie ich es nannte, in
einer Weise, die mich zugleich entzckte und zornig eiferschtig erregte.
Ich hatte nun die Gesellschaft, die ich mir immer gewnscht hatte, in
ausgiebiger Weise und war in sie eingereiht durch Herrn Kasimirs ganz
selbstverstndliche und unauffllige Vermittlung. Es ebnete sich alles fr
mich, ohne da ich einen Finger dazu zu rhren brauchte, und doch stand
mein unersttliches Verlangen immer nach mehr.

Ich dachte viel an Maidi und sehnte mich oft nach ihr, die mir hie und da
mitten aus aller freudigen und gedeihlichen Arbeit heraus Gre schickte,
aber daneben nahm die Gegenwart mich mehr und mehr gefangen, so da ich oft
Mhe hatte, mir ihr Bild vor Augen zu stellen und manchmal ihre Gestalt,
ihr Kleid oder sonst etwas sah, aber nicht das Gesicht oder im Gesicht
nicht die Augen, was mich wunderlich qulte.

An diesem Abend htte ich sie gern dabei gehabt oder vielmehr sie als von
weitem zusehend und hrend gewut, weil es sich traf, da ich eine gute
Figur machte, wie noch kaum einmal, und ich ihr das htte triumphierend
vorweisen mgen.

Es war ein junger Arzt in der Gesellschaft, der in einer der Kliniken der
Stadt als Assistent angestellt war. Ich kannte ihn von frher her aus der
Zeit, da die Geschwister Bitterolf zum erstenmal in der Stadt gewesen
waren, und wo er an der dortigen Universitt studiert hatte. Er hatte sich
damals eifrig um die Gunst des Fruleins Eleonore beworben und es gut mit
ihr gekonnt. Seither hatte er sie auch in ihrer Heimat aufgesucht, wie ich
erfuhr, und setzte nun, da sie beide wieder in derselben Stadt lebten, den
Verkehr mit ihr fort in einem Ton, der mir von Maidi und mir her gelufig
war, halb kameradschaftlich, aber mit einem kleinen Anklang von
Zrtlichkeit, wenigstens von seiner Seite. Das Frulein hatte sich gut in
der Gewalt, falls sie je etwas Wrmeres fr den Mediziner empfand, was mich
mehr interessierte und eigentlich auch plagte, als mir zustand, da es mich
ja, wie ich mir selber sagte, gar nichts anging.

Er brachte hie und da eine Laute mit und begleitete sich selbst zum Singen
kleiner Lieder, die er ohne Kunst und auch ohne viel Stimme, aber mit
Lebendigkeit und Wrme vorzutragen verstand und mit denen er ziemlich viel
Beifall erntete. Heute war er etwas heiser gewesen und hatte die Bitte der
Gesellschaft, etwas vorzutragen, ablehnen mssen, was allgemein beklagt
wurde. Da hatte ich mit bescheidener Miene, aber innerlichem Frohlocken,
gesagt, vielleicht knne ich in die Lcke treten, da ich auch etwas singe,
und allerdings die Laute so meisterhaft zu spielen nicht verstehe, aber
doch einige Akkorde dazu greifen knne. Denn das letztere hatte ich kurze
Zeit zuvor bei einem Bekannten meines vorigen Wohnorts einige Male gebt
aus Lust an dieser Art von Musik.

Es entstand nun ein Staunen, das vielleicht mit etwas Mitrauen gemischt
war, ob ich auch etwas knne, und whrenddem nahm ich die Laute und begann
ein Lied, von dem soeben die Rede gewesen war, zu singen, ohne Scheu, denn
ich wute, da ich es konnte und da ich berhaupt mit dem Gesang auf
sicherem Boden mich befinde. Ein erhobenes Gefhl in mir machte, da meine
Stimme gut und ausgiebig klang; ich bekam selber Lust, fortzufahren und
wurde darin durch den Beifall der Anwesenden ermutigt, so da ich auf eine
Stunde der Mittelpunkt des Kreises war, was mir auerordentlich wohlgefiel.
Besonders das Frulein Bitterolf sah mich aus groen, erstaunten Augen an
und sagte: Sie verstehen ja Ihre Talente vorzglich zu verbergen. Haben
Sie etwa noch mehr geheime Knste im Hintergrund? Und werden Sie uns diese
nach und nach erst zu genieen geben? Und Herrn Kasimir hrte ich zu
seinem Nachbar, einem lteren Gelehrten, der sich hie und da dem mehr
jugendlichen Kreise im Garten anschlo, etwas von groen Vorzgen sagen,
die an der rechten Stelle sich noch ungeahnt entfalten wrden, was ich ohne
weiteres auf mich bezog und freudig einheimste, so da ich selber
berrascht war, welch vielversprechender Charakter ich sei. Ich erhob mich
auch gleich nachher, von so viel Vorzglichkeit geschwellt, und sagte, ich
bedaure, mich nun entfernen zu mssen, da ich noch im Geschft die spte
Post nachsehen wolle, mit der ich wichtige Nachrichten erwarte, und hatte
nun sowohl das Bedauern ber mein Gehen, als auch die stumme Hochachtung
meiner Tchtigkeit auf mich zu nehmen, so da ich frmlich gespreizt den
Berg hinunterstieg. Kaum aber war ich einige Schritte vom Gartentor
entfernt, als ich Herrn Kasimir hinter mir herkommen hrte, der sich mir
anschlo, weil er, wie er sagte, etwas mit mir zu besprechen habe, das er
nun nicht mehr hinausschieben wolle.

Er sei von einer doppelten Sorge umgetrieben, der um sein Geschft und Haus
und der um seine Nichte. Oder eigentlich wnsche er eine einzige daraus zu
machen, sie wolle sich aber nicht ohne weiteres vereinigen lassen, und er
hoffe, ich helfe ihm dabei, was dann wieder zu meinen eigenen Gunsten
geschehe.

Er habe, sagte er, sein Vermgen fast ganz im Haus und Betrieb stecken und
wnsche es auch darin zu erhalten, da das Geschft schon so lange in der
Familie sei und er es nicht in ganz fremde Hnde kommen lassen wolle. Wenn
er einen Sohn htte, lge die Sache einfach, er htte dann einen
natrlichen Nachfolger und wre aller Sorgen ledig. Da er aber ohne
Leibeserben sei, so wolle er wenigstens trachten, die Sache so
einzurichten, da dennoch ein Glied der Familie in dem alten Anwesen sitze.
Der Sohn Bitterolf, der Jura studiert habe und durch nichts zu bewegen
gewesen sei, in das Geschft einzutreten, scheide aus, und es sei nur noch
die Tochter Eleonore da, auf die er es nun abgesehen habe. Diese sei, wie
ich ja sehe, ein etwas verwhntes Mdchen, das es nicht billig tue mit
seinen Ansprchen, sie drfe es aber auch sein, da das Leben sie mit
allerlei Vorzgen ausgestattet habe, die nur in einer entsprechenden, das
heit reichen und behaglichen Umgebung zur Geltung kmen. Sie habe auch
noch andere, mehr innerliche, die sich zu ihrer Zeit gewi auch entwickeln
wrden, und sei nicht kalt, sondern nur ihrer niederdeutschen Art nach
gehalten und karg mit Gefhlsuerungen, und es werde sich einer, den sie
wirklich liebe, einmal nicht ber sie zu beklagen haben. Das alles htte er
mir nicht gesagt, wenn nicht besondere Grnde ihn jetzt dazu getrieben
htten, sondern htte mir berlassen, es nach und nach herauszufinden. Ich
sei ihm lieb wie ein Sohn, und er wnsche, da ich die Nichte fr mich
gewinne, wodurch ja dann auch mein eigenes Glck gemacht wre.

Es sei nun aber eine Strung seines Planes in Gestalt des jungen Mediziners
aufgetreten, der Eleonore fr sich zu haben wnsche und auch redlich in sie
verliebt zu sein scheine. Ob das Mdchen ihn wolle, wisse er noch nicht
sicher, doch scheine es ihm so. Er habe an sich nichts gegen den Doktor,
mchte aber womglich die Nichte anders beeinflussen und sage mir das,
damit ich das Meinige tue, um den Liebhaber auszustechen, da es ihm
vorkomme, als ob ich auch nicht taub gegen ihre Anziehungskraft sei, und da
ich neuerdings angefangen habe, mich auch bei ihr ins Ansehen zu setzen,
wie er mit Vergngen sehe. Am besten wre es, wenn alles schnell geschhe,
wozu er, wenn es dann zum Klappen komme, auch das Seinige beitragen werde,
und kurzum, er habe nun geredet.

Ich hatte das alles stumm mit angehrt und war froh, da es dunkel war, so
da Herr Kasimir mein Gesicht nicht sehen konnte, denn wir hatten den
weiteren Heimweg durch eine lange Platanenallee eingeschlagen, in deren
Schatten wir nun hingingen.

Doch hrte er mich, als er aufgehrt hatte, ein paar schwerere Atemzge tun
als sonst und fragte mich, da ich nicht antwortete: Oder sind Sie am Ende
schon anderweitig gebunden? Das wre freilich schade, denn es wrde alles
ndern von Grund aus.

Ich sagte beklommen, nein, ich sei nicht gebunden, es sei mir nur alles
berraschend und neu, und Herr Kasimir redete mir wohlwollend zu, mir die
Sache zu berlegen.

Er mochte den Eindruck haben, da ich von dem Glcksfall, den das
Anerbieten fr mich bedeute, ein wenig berwltigt sei, und da es besser
sei, wenn er mich nun vorlufig in Ruhe lasse, damit ich mit mir selbst ins
reine komme; so verlie er mich, und ich setzte meinen Weg allein fort. Das
Geschft aber und die spte Post kam mir fr heute nicht mehr in den Sinn.

                  *       *       *       *       *

Ich will nun nichts beschnigen von dem, was an diesem Abend und in den
Tagen, Abenden und Nchten der folgenden Zeit in mir geschah. Wie knnte
ich es auch, da doch das Liebste, Holdeste und Echteste, was in mir war,
dabei unterlag, obgleich es sich wehrte, wie ich meinte. In Wahrheit hatte
ich es ja schon verraten, als ich auf Herrn Kasimirs Frage, ob ich schon
gebunden sei, mit nein antwortete, wenn ich es auch nicht tatschlich war.
Nicht gegen ihn, sondern gegen mich selbst hatte ich Maidi verleugnet, und
als ich unter den dunklen Bumen hinging, klopfte mir das Herz hart und
stark, als ob ich mich schon entschieden htte ohne alles Nachdenken, dem
Schicksal oder dem, was sich dazu aufwarf, zu folgen, und als ob ich nun
nicht mehr zurck knnte, obgleich mich eine zrtliche und lebensvolle
Stimme riefe.

Wenn ich den Zustand jener Tage schildern wollte, so mte ich bekennen,
da es nicht ein Auf und Ab oder einen Kampf zwischen hohen und niedrigen
Geistern in mir gab, sondern nur etwa einen Streit von frohen und traurigen
Gefhlen. Es schmerzte mich wohl heftig, da ich nicht beides beisammen
haben konnte, was mir begehrenswert und wichtig war, doch glaube ich nicht,
da ich jemals schwankte, was ich whlen wrde, wenn ich es mir auch
zuweilen vortuschte. Im Grunde wute ich wohl, da ich mir die sichere
Aussicht auf eine stattliche, mit Behagen, Schnheit und Ansehen verknpfte
Lebenslage nicht wrde entgehen lassen, ja es schien mir sogar mnnlich und
zielbewut, da ich es nicht tat. Ich knnte vieles nennen, was ich mir an
guten Grnden fr meine Handlungsweise vorredete, unter anderem auch das,
da ich Herrn Kasimir gegenber Verpflichtungen htte, da er mir so
sorglich und vterlich gesinnt sei, doch will ich es mir nicht antun, noch
einmal alle Geister der lngst vergangenen Zeit, die immer noch zuweilen
Macht haben, mich zu berfallen, heraufzubeschwren. Es ist genug, da ich
nichts von allem ungeschehen machen kann, was ich tat und in was ich jetzt
hineinging.

Als ich Eleonore, wie ich sie jetzt kurzweg nennen will, zum erstenmal
wiedersah, ein paar Tage nach der Unterredung mit Herrn Kasimir, hatte ich
bereits so viel ber das neue Verhltnis nachgedacht, in das ich zu ihr zu
treten bestimmt schien, da es mir nicht mehr ganz berwltigend war, mir
vorzustellen, ich knnte sie einmal mit du anreden, knnte sie am Arm durch
die Straen fhren, ihr am Tisch als Hausherr gegenbersitzen und
dergleichen, was mir alles, als ich es zum erstenmal in Gedanken bte, so
unwahrscheinlich vorgekommen war, wie da die steinerne Justitia am Rathaus
von ihrem Sockel herabstiege und sich zu mir auf das Sofa setzte. Ich mute
freilich sagen, da sich meine Gedanken noch mehr als mit ihr selbst mit
der allgemeinen Lebensvernderung befat hatten, die mir die Verbindung mit
ihr bringen wrde, da ich nicht in sie verliebt war und nur nicht hatte
leiden wollen, da sie hochmtig ber mich hinweg she.

An diesem Abend, dem ich immerhin mit einigem Herzklopfen entgegengesehen
hatte, schien sie mir aber in etwas verndert zu sein gegen sonst, so da
ich den Vorsatz, ihr khn und selbstbewut entgegenzutreten, den ich mir im
stillen zurechtgelegt hatte, nicht recht ausfhren konnte. Sie hatte etwas
Mdes in Gesicht und Haltung, das ich noch nie an ihr gesehen hatte, und
das aussah, als ob sie von ihrer Damenhaftigkeit ein wenig ausruhe im
Familienscho. Es konnte aber auch sein, da sie irgend ein Leiden hatte,
das sie innerlich qulte, ja es schien mir sogar wahrscheinlich, wenn ich
nach ihren Augen sah, die vielleicht im Verborgenen geweint haben konnten,
dem feuchten Glanze nach, den sie ausstrahlten. Das alles zusammen machte,
da ich keinerlei Minen springen lie, sondern mich einfach und bescheiden
benahm mit rcksichtsvoller Hflichkeit, was dann wieder sie an mir nicht
gewhnt war, so da wir einander gegenseitig neugierig und erstaunt
betrachteten und dachten: Aha, so kannst du also auch sein? Ich mu sagen,
es gefllt mir an dir, und vielleicht hast du noch mehr dergleichen im
Hintergrund. Oder wenigstens ich dachte so.

Wir waren nur zu dreien. Herr Kasimir sa zufrieden lchelnd in seinem
Sessel und lie sich von der Nichte tchterlich bedienen, so da wir schon
wie eine kleine Familie aussehen konnten. Ich wurde auch gebeten, zu
singen, und als ich mich wehrte, da ich ja keine ausgebildete Stimme habe
und neulich nur mit kleinen Volksliedchen in die Lcke getreten sei, sagte
Eleonore lchelnd: Das sagen Sie zu spt, denn es ist nun schon am Tage,
da Sie singen knnen, es wird Ihnen nicht mehr geschenkt, und Herr
Kasimir ermahnte mich, nicht ber das erlaubte Ma bescheiden zu sein,
sondern mein Licht auf den Leuchter zu stellen, so da es mir wind und weh
wurde vor lauter Wohlsein. Das Frulein schlug vor, mich auf dem Klavier zu
begleiten und belehrte mich in so wenig schulmeisterlicher Weise, ja in
einer fast demtigen Liebenswrdigkeit ber gewisse Schwierigkeiten an den
Liedern, die sie mir zu singen vorschlug, da ich dachte, sie werde
bereits zahm, was mir aber nicht erstaunlicher war als der ganze Zustand,
der mich umgab, und der einer gebratenen Taube glich, die mir in den Mund
geflogen kam.

Ich will es nun kurz machen. Ich gewann, durch leicht errungene Erfolge
geschwellt und ermutigt, stets wieder neue, und zwar sowohl in der
Gesellschaft, in der ich mich so leicht bewegte wie ein Seiltnzer, aber
mit der Miene und Haltung des gediegenen Geschftsmannes, als auch, eben
dadurch untersttzt, bei der Dame. Sie wechselte zwar in jener Zeit oft die
Stimmung und schien sich nicht leicht zu ergeben, kam aber doch immer
wieder mit liebenswrdigen und angenehmen Zgen zwischen der Khle und
Unnahbarkeit ihres Wesens heraus, so da ich dachte wie einst bei Maidi:
Mir machst du nichts mehr weis. Ich glaubte allmhlich den Mediziner in
Wahrheit auszustechen und war nicht wenig eitel darauf. Eines Tages
verschwand er auch von der Bildflche, um, wie ich hrte, einen Urlaub
anzutreten, und ich machte mich darauf gefat, nun den groen Schritt wagen
zu knnen.

Es war auch ntig, da es geschah, denn es hatte sich meiner eine Unruhe
bemchtigt, die ich mir selber nicht gestand, die mich aber besonders bei
Nacht berfiel, so da ich anfing, schlecht zu schlafen, was mir noch nie
geschehen war, so lange ich denken konnte. Um dem zu entgehen, gewhnte ich
mir an, sehr spt nach Hause und ins Bett zu gehen. Ich blieb bis tief in
die Nacht im Geschft, wo ich aber nicht etwa angestrengt arbeitete,
sondern irgend etwas zu lesen oder zu studieren versuchte, was mir oft
gelang, oft auch nicht, so da ich bleich auszusehen und fr einen
spekulativen Kopf zu gelten anfing, ohne da ich etwas Besonderes
geleistet htte.

Herr Kasimir nahm mich eines Tages auf die Seite und ermahnte mich, es mir
nicht zu schwer zu machen, da es nicht ntig sei, ich werde, so viel er
merke, keinen Fehlantrag stellen. Denn er meinte, ich plage mich als ein
unglcklicher Verliebter mit mir herum, dem es an Selbstvertrauen und Mut
gebreche, hervorzutreten. Es war aber ein wenig anders. Doch hatte sein
Ansto, wie schon ein paarmal in meinem Leben, Erfolg bei mir. Ich dachte,
es wrde alles anders und besser, wenn die Sache einmal im reinen wre, und
wenn ich mich vor mir selber mit meinen geteilten Gefhlen und Gedanken in
die khle und klare Ruhe Eleonorens flchten knne.

Es kam aber noch etwas anderes dazu, da ich es tat, etwas, das mich
ebensogut htte von der begonnenen Bahn zurcktreiben knnen, wenn ich
nicht schon das weitaus grere bergewicht meines Begehrens und Wollens
auf diese Seite gelegt gehabt htte. Es war ein Brief von meiner Schwester
Luise, die mich mit herzlichen und freundlichen Worten schalt, da ich so
lange nichts von mir hren lasse, da sie doch zu Hause mit Stolz und Freude
meine Schritte in Gedanken begleiteten. Sie nannte, wie immer, wenn sie
etwas so recht innig bewegte, den Namen meiner Mutter und schrieb, es sei
doch ihr Segen ber mir; sie habe sich so viel darum gekmmert, da es gut
mit mir komme, wie wrde sie sich nun freuen, da ich in eine gute und
sichere Bahn gerate, auf der ich als ein rechter Mann bestehen und gedeihen
knne. Dann fuhr sie fort, sie wisse nmlich mehr von mir, als ich denke.
Es sei lieber Besuch dagewesen, den ich wohl kaum errate, oder doch?

Der Besuch war Maidi, die ihre Arbeit auf einige Tage unterbrochen hatte,
um eine Zusammenkunft mit ihrem Bruder zu haben, das neu errichtete
Familiengrab mit dem Grabmal des Grovaters anzusehen und sich einiges aus
der verschlossenen Schatzkammer, von der ich ja auch wute, zu holen. Dies
konnten freilich alles Grnde sein, aber nicht der Hauptgrund, der Maidi
hergetrieben hatte, und der wohl darin bestand, da sie meine Schwestern
hatte besuchen wollen, um von mir mit ihnen reden zu knnen. In dem Briefe
stand das freilich nicht ausdrcklich, aber es ging fr mich aus dem
Folgenden hervor. Luise erzhlte wie beilufig, da sie viel von mir
gesprochen htten, und fragte, ob mir nicht etwa die Ohren gelutet htten?
Maidi sei begierig gewesen, durch sie von mir zu erfahren, da sie seit
lngerem nichts von mir wisse, und habe lchelnd hinzugefgt, sie sei
nmlich verwhnt durch das hufige persnliche Zusammensein mit mir, so da
es dann um so leerer sei, wenn die Post ausbleibe. Sie, Luise, habe ihr
aber gesagt, da es meine Art nicht sei, viele Briefe zu schreiben, das
msse man bei mir in den Kauf nehmen, wobei das feine und liebherzige Wesen
nachdenklich und wie mit einem Blick ins Weite dann mit dem Kopf genickt
habe.

Sie habe Maidi auch zu Helene gefhrt, die eben ihr zweites Kindchen an der
Brust gehabt und daher habe auf sich warten lassen. Da habe Maidi aber
gebeten, doch dabei sein zu drfen, und habe die liebe Gruppe mit
entzckten und zrtlichen Augen angesehen, so da man wohl gemerkt habe,
wie sie sich auch dergleichen wnsche. Kurzum, der ganze Brief war voller
Maidi und so gehalten, als ob mir die Schreiberin eine rechte Herzensfreude
damit machen wollte, da sie keine Brille brauchte, um zu sehen, wie es
stand. Sie schlo mit dem Versprechen, mir, falls ich es wissen wolle, dann
einmal alles zu erzhlen, was sie geredet htten-- hoffentlich an
Weihnachten, wenn es da das Geschft erlaube, heimzukommen, was ja
natrlich Vorbedingung sei, wie sie wohl einshe.

Ich konnte kaum zu Ende lesen, so sehr berfiel mich aus dem Brief heraus
alles Holde und Liebliche, das in der Ferne treumeinend auf mich wartete,
und dem das Herz schwer und unruhig klopfte, weil ich so lange stumm blieb.
Es war in der Mitte des Nachmittags an einem schnen, sommerheien Tage.
Ich nahm meinen Hut und ging aus dem Kontor und Hause und wre gern
gelaufen, so weit mich meine Fe trugen, denn es war alles vorbei und
umsonst, ich kam nicht mehr zu Maidi zurck, ich war hier angeschmiedet mit
ganz andern Fesseln, als sie wute, und so, da ich nicht mehr heraus
konnte, aber mein unterjochtes und zum Schweigen verdammtes Herz rief nach
ihr wie ein verlorenes Kind.

Und so, in dieser Erregung, mit klopfenden Pulsen und vor schmerzlicher
Leidenschaft flimmernden Augen kam ich, ohne mich besonnen zu haben, wohin
ich gehe, auf dem Berg an, wo Eleonore war, um die Vorbereitungen fr eine
Gesellschaft zu treffen, die sich am Abend da versammeln wollte. Sie hatte
soeben das Mdchen, das bei ihr war, noch einmal ins Haus hinunter
geschickt, um einiges zu holen, und war allein. Ich sah sie an dem
steinernen Tisch auf der Terrasse sitzen mit einem Haufen abgeschnittener
Blumen vor sich, die sie in Vasen ordnen wollte, aber ihre feinen, weien
Hnde lagen unbeschftigt mitten in den Blten; sie sah aus, als erleide
sie Schmerzen oder sinne etwas Schwerem und Traurigem nach, und von ihrer
verschlossenen Khle war nichts zu sehen. Als sie mich erblickte, kam eine
jagende Rte in ihr Gesicht; sie stand auf, ohne ein Wort zu sagen, und sah
mir erschreckt in die Augen, denn sie hatte mich noch nie so gesehen wie
jetzt. Ich besann mich aber keinen Augenblick, ihr zu sagen, warum ich hier
sei. So oft ich mir vorher in khler berlegung ausgedacht hatte, wie ich
es angreifen wolle, so unbedacht flossen mir nun die Worte von verhaltener
Leidenschaft fr eine andere erfllt, von den Lippen. Was ich gesagt habe,
wei ich jetzt nicht mehr, da es in einem Rausch geschah, doch mute sie
aus der drngenden Glut meines Wesens ja schlieen, da ich in glhender
Liebe, die sich nicht mehr zurckhalten lasse und nicht mehr auf Antwort
warten knne, fr sie entbrannt sei. Es drhnte mir dabei ein Wasserfall in
den Ohren, dessen strzende Wellen zu schreien schienen: du lgst, und den
ich bertuben mute, da er mich sonst vernichtete. Ich wei noch, da
Eleonore tief erblat und hoch aufgerichtet vor mir stand und mir wie
gebannt in die Augen sah, und da ein schluchzender Laut aus ihr
hervorbrach, als ich schwieg. Ihre Lippen zuckten, und es kam etwas von
Feuer in ihre Augen. Sie sttzte sich mit einer Hand auf den Tisch, mitten
in die Blumen hineingreifend, als suche sie einen Halt, und sagte mit einer
Stimme, die mir fremd klang vor der starken Bewegung, die darin zitterte,
und die sie unterdrckte: Sie sind anders, als ich meinte. Ich wute, da
Sie kommen wrden, aber ich glaubte, es wrde anders sein.

Und dabei sah sie mich immer noch staunend an, schlo aber pltzlich die
Augen mit einem tiefen Seufzer und litt es, da ich sie heftig an mich zog,
wobei ich sprte, da sie am ganzen Leibe zitterte. Der Wasserfall meines
Blutes und wohl auch meines Gewissens brauste strker. Willst du mein
sein? fragte ich in sein Drhnen hinein, und sie nickte geisterhaft mit
geschlossenen Augen, so da es mir fast unheimlich war.

Es dauerte aber vielleicht nur Sekunden, so richtete sie sich auf und lste
sich aus meinen Armen. Man mu mich nehmen, wie ich bin, sagte sie, und
zwang sich zu einem Lcheln, ich kann keine Zrtlichkeit geben; sie liegt
mir nicht, oder wenn doch, dann tief unten. Da bezwang ich mich, aber ich
dachte, ich wolle sie heraufholen, denn wie sollte ich sonst leben knnen
mit der neuerwachten und ungebndigten Glut meines Innern?

Sie las aber wohl meine Gedanken, was nicht schwer gewesen sein mag bei
meinem Zustand, und sagte mit Angst in der Stimme, wie ich deutlich hrte,
aber doch in der Haltung einer Herrin: Ich brauche Zeit zu dem allem; es
kam so pltzlich. Auf ihrem weien Gesicht kam und ging die Farbe, sonst
hatte sie sich wieder ganz in der Gewalt und nun auch mich. Sie setzte sich
an den Steintisch nieder, so da der Tisch zwischen uns war, und bedeutete
mich, es auch zu tun, und mich berkam nach der heftigen Bewegung etwas wie
Mattigkeit, so da es mir recht war, wie es geschah.

Wir fingen an, dies und das von der Zukunft zu reden, indes Eleonore
fortfuhr, ihre Blumen zu ordnen; das schien sie zu beruhigen, obgleich ihre
Hnde, beseelter und erregter als ihr Gesicht, hier und da noch leise
zuckten, was ich mit einer gewissen Neugierde sah.

Das ist nun deine Braut, dachte ich; es war mir aber, als gehe die Tatsache
einen andern Menschen an, und ich hatte Mhe, sie mir vorzuhalten; denn die
steil aufschieende Flamme war wie ein bengalisches Licht in sich
zusammengesunken, und ich wunderte mich, wie ich vorhin hatte Mut und Worte
zu meiner Tat finden knnen.

                  *       *       *       *       *

Es ist mir, wenn ich an die Zeit zurckdenke, in der wir beide ein
Brautpaar vorstellten, als sei immer ein steinerner Tisch zwischen uns
gewesen, an dem wir beide eine leidlich gute Figur bildeten. Wir hatten
viele Glckwnsche, Blumen, Geschenke, Einladungen und dergleichen ber uns
ergehen zu lassen. Ich sah in manchem Gesicht das wohlwollend
sachverstndige Lcheln, das man den Brautpaaren entgegenbringt, um ihnen
zu zeigen, man wisse aus eigener Erfahrung, wie selig eine solche Zeit sei,
und es sei einem jede Art von Torheit oder Zerstreutheit im voraus
verziehen um des eigenartigen Zustandes willen, in dem man sich befinde.
Ich dachte dann, ich mchte wohl wissen, ob die Betreffenden zu ihrer Zeit
seliger gewesen seien als ich, und ob sie mehr liebende Torheiten begangen
htten. Uns beiden hatte man wohl in dieser Hinsicht nichts zu verzeihen.
Wir erfllten alle geselligen Pflichten mit Hingabe und Anstand und man
nannte uns ein schnes Paar, das sich gut zu benehmen wisse, weil uns
keine heimliche Sehnsucht nach dem Alleinsein zu zweien erfllte, wenn wir
unter Menschen waren, keine zrtliche Unruhe uns von der Gegenwart
ablenkte. Wenn ich mit Eleonore im offenen Wagen durch die Straen fuhr, um
Besuche zu machen, so dachte ich wohl, es werden mich die Menschen, die uns
nachsahen, fr einen glcklichen Mann halten, dem alles gelinge, was er
wolle, und ich sagte mir mit Verwunderung, da mir ja nun alle meine
Wnsche erfllt seien und fragte mich, ob denn jetzt noch etwas nachkomme,
da es nicht alles sein konnte und ich zuzeiten eine trostlose Leere in mir
fhlte. Doch suchte ich mich damit zu beschwichtigen, da ich ja immer noch
in einem Zwischenzustand mich befinde, und da gerade bei solchen Leuten,
wie wir, das Leben im eigenen Heim und Haus und im Ehestand das bessere
Teil sei. Da wrde dann auch, hoffte ich, Eleonore allmhlich ihre
Zurckhaltung, die mir knstlich vorkam, ablegen und das Warme, Lebendige
und Reiche, das ihre Natur doch auch hatte, zu seinem Recht kommen lassen.
Sie erschien mir oft, als litte sie unter sich selbst, und das zog mich zu
ihr, denn ich meinte, es falle ihr schwer, etwas Hartes, Sprdes an sich zu
zerbrechen, und es fiel mir sonderbarerweise nicht ein, da etwas anderes
zwischen uns stehen knnte, wozu ich doch alle Ursache gehabt htte. Ich
traute ihrer stolzen und hochfahrenden Natur ganz, da sie das whle und
tue, was ihr innerlich gem sei und stellte sie viel zu hoch, als da ich
htte denken drfen, sie habe mir ohne Liebe die Hand gegeben, ohne dabei
zu erwgen, wie sehr ich mich selber damit richte. Herr Kasimir war wohl
der Glcklichste von uns dreien. Er war rastlos beschftigt, uns die Wege
zu ebnen, Verschnerungen in der Wohnung anbringen zu lassen und mit uns
Mbel, Teppiche und allerlei Hausrat auszusuchen, wobei er an nichts
sparte. Wir sollten in dem alten Hause wohnen, in dem er sich auch ein oder
zwei Zimmer vorbehielt, whrend er sich im brigen in das Gartenhaus auf
dem Berge zurckzog, in dem er noch allerlei ausbauen und verbessern lie,
um es auch im Winter bewohnen zu knnen, wenn er Lust htte. Doch
verkndigte er im voraus, da er nicht allzuviel in der Stadt sein werde,
da er endlich einmal seinen alten Wunsch, in Mue auf Reisen zu gehen und
bald da bald dort sich aufzuhalten, wo es schn sei, in Erfllung bringen
wolle. Das geno er alles im voraus und kam so jetzt schon auf einen Teil
seiner Kosten, was ihn ungemein straffte und belebte.

Wir waren alle drei einig, da die Hochzeit in aller Blde stattfinden
solle, vielleicht jeder aus einem andern Grunde, aber die Sache war darum
doch dieselbe. Eleonore zeigte ihr Talent, anzuordnen, Leute in Schwung zu
bringen, so da sie ihr alle zu Willen waren, mit wenigen Worten und in
ruhiger, fast nachlssiger Weise zu bestimmen, wie dies und das gehalten
werden sollte. So und so wnsche ich das, sagte sie, und die Geschftsleute
sahen sie dann bewundernd an und fgten sich, auch wenn sie es ganz anders
gemeint hatten. Sie wurde angeregt und frisch whrend der Besprechungen
ber Einrichtung und dergleichen, fragte mich um Rat und tat, als gehe sie
darauf ein, machte es aber dann doch so, wie sie zuerst gemeint hatte, und
es war auch immer besser auf ihre Weise, denn sie hatte Geschmack und
Erfindungsgabe zugleich.

Eigentlich htte ich gern ein neues Haus drauen in den Grten, sagte
sie, das mte dann von Grund aus harmonisch gebaut und eingerichtet sein;
aber Onkel Kasimir will, da wir in dem alten Hause wohnen, und es ist ja
auch vornehmer als mancher neue Kasten, man mu nur nach und nach
herausholen, was drin steckt, ich habe da noch allerlei Mglichkeiten im
Sinn. Sie sah nachdenklich aus, als ob sie ber etwas Tiefes nachsinne,
und ich lachte, denn ich hatte gern, wenn ihr unser Haus so wichtig war;
sie freute sich doch, darin zu wohnen und es war uns ja gemeinsam. Es mute
ja doch gut kommen. So konnte ich es nicht lange mehr aushalten, wie es
jetzt war. Ich war nervs geworden und schlief nicht, oder wenn ich
schlief, hatte ich unruhige Trume, von denen ich dann schreckhaft und mit
schwerem Druck erwachte. Eigentlich htte ich mich besinnen mssen, was
immer auf mir liege, aber gerade das wollte ich nicht wissen. Nachher kommt
es anders, wenn dann einmal alles in Ordnung ist, dachte ich, und das war
mein Beruhigungsmittel. Ich hatte lange daran herumgedrckt, bis ich meinen
Schwestern die Anzeige von meiner Verlobung schickte. Denn da war der
letzte Brief von Luise, der allzu durchsichtig ihre Hoffnung auf eine
andere Verbindung fr mich zeigte, ja sie als bestimmt vorgesehen
voraussetzte. Wie sollte ich ihr begreiflich und fabar machen, was nun
inzwischen geschehen war und was sie mit ihrem schlichten Empfinden, das
immer in seinem Kreise geblieben war, doch nicht fassen konnte? Ich konnte
es ja selber nur, wenn ich von allem wegsah, was ich nun auerhalb meiner
Bahn gestellt hatte und was fr mich nicht mehr in Betracht kommen durfte.
Denn ich wollte ein Ehrenmann sein, und ein solcher mute Opfer bringen
knnen, wie ich mir vorsagte. Zuletzt entschlo ich mich, eine gedruckte
Anzeige abzuschicken, auf die ich einige nichtssagende Worte kritzelte, die
von Arbeitshufung und Zeitmangel redeten und fr die nchste Zeit einen
ausfhrlichen Brief verhieen. An Maidi schickte ich keine Anzeige und
schrieb auch nicht. Darber will ich kein Wort verlieren. Ich konnte nicht.
Sie war irgendwo in einer Welt, in der ich auch einmal gelebt hatte, und
von der ich nun geschieden war.

Eines Abends, als ich noch nach einem Buch suchte, in dem ich lesen wollte,
bis ich schlfrig werde, fiel mir das Volkmann-Leandersche Mrchenbchlein
in die Hnde und darin das Mrchen von dem reichen Mann, der sich, in der
Ewigkeit angekommen, die Lebensweise aussuchen darf, die er fhren will,
und der sich, als er alles hat, was er wollte, nun im Himmel whnt. Aber
eines Tages merkt er, da er in der Hlle ist, und zwar recht tief drin,
denn was er hat an Gtern, sttigt ihn nicht, und er sehnt sich, der Arme
zu sein, der auf einem Schemelchen zu Gottes Fen sitzt, wie er sich
gewnscht hat, aber es ist zu spt.

Da fing mein belberatenes Herz an, sich aufzubumen, denn es wollte leben
und nicht zusammengedrckt sein, und rief: Das bist du! Aber ich gebot ihm
Schweigen und malte ihm alles Gute aus, was es jetzt auch htte. Das tat
ich manche Nacht.

Bei Tage war ich rastlos ttig, so sehr, da der rotbrtige Giller knurrend
sagte, man habe zu der Zeit, da ich nicht dagewesen sei, auch schon
gearbeitet, es sei aber anders zugegangen, und an einer Hetzjagd wolle er
sich nicht beteiligen. Er sah dabei mit seinen etwas vorstehenden Augen,
die er bse rollen konnte, der stumpfen Nase und dem breiten Munde, aus dem
er die gelben Schaufelzhne drohend hervorblckte, mehr als je aus wie ein
grimmiger Kettenhund, vor dem ich mich auch frchtete, ohne eigentlich zu
wissen, warum, nur aus meiner inneren Unsicherheit heraus. Man sagt ja
auch, da die Hunde spren, wenn ein Vorbergehender oder ins Haus
Eintretender ein tadelhaftes Gewissen habe und ihn daher schrfer anfallen
als einen ruhig und in unschuldiger Harmlosigkeit Auftretenden, so da hier
das Bild einigermaen passen mag, indem der im Dienst des Hauses gealterte
Mensch mir wohl ansprte, da etwas mit mir nicht in Ordnung sei und mich
daher mitrauisch anknurrte. Denn als den Herrn der Firma konnte er mich
bis jetzt noch nicht ansehen, er wandte sich vielmehr, so viel er konnte,
in allen Dingen an Herrn Kasimir, was diesem wohlzutun schien, obgleich er
ihn meistens von sich ab und an mich verwies. Mir konnte es gleich sein,
denn ich bernahm ja doch bald das Geschft, und wem es dann nicht gefiel,
der war ja nicht ans Bleiben gebunden.

Frerichs sah mich hie und da scheu an. Er hatte ein Gedicht zu unserer
Verlobung gemacht, voller Se und voller Weissagung des Schnsten und
hatte begierig auf mein Lob gewartet, das aber ausblieb. Nun dachte er, da
er es nicht recht gemacht habe; er kannte sich nicht aus bei mir und htte
mich gern gefragt, aber ich half ihm nicht dazu. Fr Eleonore hatte er eine
stumme Verehrung; manchmal traute er sich, ein Wort von ihr zu sagen, ob
mir das vielleicht die Zunge lse gegen ihn. Er hatte schon eine
Hochzeitsdichtung angefangen, wie er durchblicken lie; am liebsten htte
er den Plan dazu mit mir besprochen. Aber ich war nicht mehr der Alte ihm
gegenber. Es tat mir weh, denn ich wute, er hing an mir, aber es kam nun
auf einen, den ich krnkte, nicht mehr an, es waren deren noch mehr auf der
Welt.

                  *       *       *       *       *

So kam die Hochzeit nher. Es wurde jetzt beraten, wie sie gefeiert werden
sollte. Eleonore wollte eine groe Gesellschaft dabei haben, denn sie
gedachte, als verheiratete Frau viel und ansehnlichen Umgang zu pflegen,
wie sie das ja auch jetzt schon getan hatte, und mit einer strahlenden
Hochzeitsfeier gewissermaen die Tren unseres Hauses zu ffnen. Bei dieser
Beratung kam es zwischen uns zum ersten Streit; wir waren einander seither
in allem so gut als mglich entgegengekommen und hatten darum friedlich
gelebt. Oder eigentlich mu ich wohl sagen, da ich selber in vielen Dingen
meiner Braut freie Hand gelassen hatte, weil sie mir nicht so wichtig
waren, und weil ich sie gern gut gestimmt sah. Als wir nun die Personen
aufzhlten, die zur Hochzeit geladen werden sollten, und ich die Liste
berlas, fehlten auf derselben meine Schwestern, und ich fhlte, da es
Absicht sei, sagte aber so ruhig als mglich, da hier zwei wichtige Namen
ausgelassen seien, die an einem guten Platz eingeschoben werden mten. Ich
hatte mit Eleonore schon fters von den Meinigen zu reden versucht; sie
wute aber immer das Gesprch auf etwas anderes zu bringen, und ich lie
mich auch dazu bewegen; doch sprte ich, da es eine Auseinandersetzung
geben msse, die sich nicht mehr lang verschieben lasse. Sie wollte nichts
von meiner Herkunft und meiner Familie wissen, das sah ich wohl, und wenn
ich nicht blind und taub gewesen wre, so wre es mir wohl ein sicheres
Zeichen gewesen, da sie auch mich nicht liebe. Denn Liebe htte den
Hochmut berwunden, der in ihr gro und mchtig war.

Heute nun merkte sie, da es nicht mit Ablenken getan sei und sagte
gleichmtig: Ach, ich dachte, du wrdest sie nicht einladen wollen, was
sollen sie denn dabei? Sie wrden sich ja doch nicht wohl fhlen. Dabei
sah sie mir lchelnd ins Gesicht und blies ein Stubchen von meinem Rock,
weil wir gleich nachher ausgehen wollten. Ich fhlte dunkel, da es jetzt
gelte, und nahm mich zusammen, mit mnnlicher Betonung zu sagen, was mir
ganz selbstverstndlich und mhelos htte vom Herzen kommen sollen: Wie
kann ich denn daran denken, meine Schwestern nicht einzuladen? Es sind
meine einzigen Verwandten, und ich bin ihnen viel Dank schuldig. Sie mssen
kommen, es geht gar nicht anders. Vielleicht polterte ich das, weil es mit
einem Anlauf geschah, ein wenig grblich heraus, was ich mir sonst Eleonore
gegenber noch nie gestattet hatte. Sie sah mich unwillig errtend an und
sagte khl verwundert: Was ist das fr ein Ton? La mich dir sagen, da
ich sie nicht bei meiner Hochzeit wnsche. Sie passen nicht zu der brigen
Gesellschaft, und ich fhle mich ihnen nicht verpflichtet. Wenn du ihnen
etwas dankst, so ist das deine Sache.

Sie sah dabei unendlich hochfahrend aus, und mich berkam ein Trotz und ein
Elend zugleich; ich fhlte mich selber geschmht und heruntergesetzt in
meinen Schwestern, denen in diesem Augenblick mein Herz sehnlich
entgegenwallte; ich htte meine Braut am liebsten in ihr weies Gesicht
geschlagen und ihr den Trauring auf den Tisch geworfen. Aber ich wute, da
ich es nicht tun und da ich ihr nachgeben wrde, obgleich ich dachte: Du
Affe, du bist sie ja gar nicht wert. Da nderte sie auf einmal den Ton und
das Gesicht, fate mich am Arm und schmiegte sich an mich. Sei doch lieb,
sagte sie, verstehe mich doch. Ich will nur dich, die Deinen kenne ich
nicht. Du lebst doch nun in meiner Welt und mut Rcksicht darauf nehmen.
Wir knnen sie ja auf der Hochzeitsreise besuchen, das ist fr alle Teile
besser, du siehst es spter selber ein.

Und ich gab ihr in allem Elend recht, denn vielleicht war es tatschlich
besser, so wie die Dinge jetzt lagen, und hoffte, als sie mich neben sich
aufs Sofa zog und mit meiner Hand spielte, ich werde sie nach und nach zu
allem gewinnen, was sein mute und recht war.

Wir machten Besuche und nachher noch Besorgungen und standen auf einmal in
einem Blumenladen in der Nhe des Friedhofs meiner alten Freundin Hertha
gegenber. Sie hatte, wie ich schon erfahren hatte, einen Grtner
geheiratet und also ihren Vorsatz ausgefhrt, was ja auch bei ihr nicht zu
bezweifeln gewesen war. Aufgesucht hatte ich bis jetzt weder sie noch den
alten Zeitler, so oft ich auch daran gedacht hatte, es zu tun. Anfangs
hatte ich den festen Vorsatz und auch das Verlangen darnach gehabt und es
nur immer wieder verschoben, und nun, da ich keine Lust und auch keinen Mut
mehr dazu hatte, kam ich von ungefhr dazu.

Sie stand in einer blhenden Fraulichkeit unter ihren Blumen und hatte
eine anstndige Wrde in ihrer Erscheinung. Ich htte sie wohl
freundschaftlich begren und meiner Braut von ihr sagen knnen, und sie
schien es auch zu erwarten, da ich es tue, denn sie sah mich mit
herzlichem Freudenblick des Wiedersehens an, merkte aber dann bald, da
nichts von mir ausgehen wrde und wandte sich bedienend an die Dame. Es
wurde ausgemacht, da bei unserer Trauung die Kirche geschmckt werden
solle, und es wurden Strue fr die Brautjungfern bestellt; ich wurde bei
dem und jenem um Rat gefragt und gab ihn blindlings, und es war mir bel
zumute. Es ging aber heute in einem hin. Ich dachte, so lange Eleonore in
ihrer kurzen und sachlichen Weise Anweisungen gab, whlte und verwarf, an
einen Tag, da Hertha gesagt hatte, da sie einmal meiner Braut den
Hochzeitskranz machen wolle, wenn es eine sei, die gut zu mir passe, und
ich besann mich, ob sie ihr wohl so erscheine, und warf einen heimlichen
Blick nach den ungleichen Frauen hinber. Da fing ich einen von Hertha auf,
der schien mir spttisch und traurig zugleich zu sein, auch glitt er nur an
mir vorber und endigte in einem Kopfnicken, als gebe sich die Grtnersfrau
selber Antwort auf eine Frage, da ich ihr keine gab. Da war es mir wie
heute schon einmal, als gleite mein Nachen stetig und unaufhaltsam an allen
blhenden Ufern vorbei, die ich jung und schuldlos betreten hatte, und ich
selber sitze darinnen wie im Zwang eines argen Traumes und sehe Menschen
und Ufer hinter mir verschwinden. So ging es mir in der Zeit, die meine
hohe sein sollte.

Es war meine niedrigste.

Ich sah Hertha noch einmal und auch den Zeitler. Ich kaufte einen Kranz
mit roten Rosen und trug ihn mit Herrn Kasimir auf das Grab von Brigitte
Hagenau am Abend vor ihrem Geburtstag. Eleonore war da nicht dabei; sie
ging nicht gern auf den Friedhof, das sagte sie offen. Hertha war nicht im
Blumenladen, ein kleines Dienstmdchen gab mir den Kranz. Ich traf sie aber
mit einem Bbchen auf dem Arm im Friedhof; sie stand neben einem starken,
krftigen Mann in einer grnen Schrze, der ein paar Grtnerburschen
anwies; sie waren beide groe, stattliche Leute und sahen fest und freudig
aus, so als ob sie auf sicherem, gutem Boden stnden. Es brannte in mir,
da ich nicht mit Hertha reden konnte, wie ich wollte. Ich wre gern noch
einmal eine Stunde mit ihr allein gewesen, oder ein paar Minuten. Aber das
war drben am andern Ufer. Doch fate ich den Mut, sie zu fragen, wie es
gehe, obgleich ich sah, da es gut sei, und sie gab mir ruhigen und
freundlichen Bescheid; vielleicht sah sie, da ich nicht glcklich sei, und
es tat ihr leid. Der Zeitler kam auch herbei; er gab mir die Hand und
sagte, da er gehrt habe, ich sei wieder in der Stadt, und da er gedacht
habe, ich komme dann einmal. Die Hertha habe auch darauf gewartet. Ich
stammelte etwas von viel Arbeit und Abhaltung, und er sah mich ruhig an und
sagte: Ja, Sie sind ja auch verlobt und machen bald Hochzeit. Da wnsche
ich Glck. Er hatte fr mich keine hnlichkeit mehr mit alten Gesichtern
aus meiner Kindheit; er war auch im Nebel und stand auch am Ufer, an dem
ich vorberfuhr. Vielleicht hatte er mir viel zu sagen, frher hatte ich
das immer gemeint; jetzt durfte ich nichts hren, denn wie sollte ich
sonst vollenden, was ich angefangen hatte? Ich redete einige nichtssagende
Worte und stand an Brigittens Grab. Sie war ber allem drauen und hatte es
gut; ich wollte, sie wre noch dagewesen in ihrer schnen und klaren
Freudigkeit. Herr Kasimir sa auf dem Bnkchen unter der Linde, die neben
dem Grab stand; ich hrte, da er den Zeitler mit du anredete, und da sie
irgendwie von alten Zeiten sprachen. Das wunderte mich, aber es fiel mir
ein, da der Zeitler so gut Bescheid mit der Jugend der Hagenausgeschwister
wute, und ich dachte, da gewi alle Menschen irgendwie miteinander
zusammenhingen, nur ich trennte mich von meiner Welt und wurde ganz einsam.
Der Zeitler sagte lind und freundlich zu mir, ich solle einmal abends
kommen, vielleicht morgen? Da sagte ich, ja, ich komme bald, aber ich hatte
nicht im Sinn, es zu tun, und wir gingen. Auf dem Heimweg erzhlte mir Herr
Kasimir, da der Zeitler sei, was man eine verkrachte Existenz nenne. Er
htte es weiter bringen knnen, da er von guten Gaben und guter Bildung
sei. Es sei aber einmal ein Bruch in sein Leben gekommen durch eine
leidenschaftliche Liebe, um derentwillen er einen Menschen beinahe
umgebracht und dafr eine Strafe verbt habe, whrend deren ihm dann die
Geliebte untreu geworden sei. Brigitte habe ihn aber immer hoch geschtzt.
Sie habe gesagt, da, wer aus Liebe sndige, lebendiger sei, als wer aus
kalter Tugend gerecht bleibe, und da Zeitler einer von denen sei, die
wissend geworden seien durch heies Verschulden. Wissend und verstehend.

Als Herr Kasimir mir das erzhlte, da war es mir, als ob ich doch morgen zu
dem Zeitler gehen wolle, denn vielleicht verstand er auch mich. Aber
gleich darauf wute ich, da es nicht sein konnte; denn ich sndigte weder
aus Liebe, noch blieb ich aus Tugend gerecht. Ich mute meines Weges gehen
und durfte niemand fragen.

                  *       *       *       *       *

Ich habe den Brief, den ich in dieser Zeit an Luise schrieb, spter wieder
gelesen, als ich ihn in ihrem Nachla fand, und tat mir selber leid darin,
so sehr ich mich htte verdammen mssen. Denn es war kein freies und
trotziges Sndigen eines einfachen Selbstlings, der sich in dem, was er
tut, im Rechte meint, und ber das, was ihn hemmen will, hinwegschreitet
ohne Reue, sondern ich litt, whrend ich tat, was ich verurteilte, und tat
es dennoch, weil ich das Geschlinge um meine Fe nicht zerreien und den
Preis, den mich das vorschwebende Bessere gekostet htte, nicht bezahlen
konnte meiner Meinung nach. So tat ich denen, die ich liebte, weh, ohne mir
selber wohlzutun, und stand unfrei vor mir und vor ihnen, und es ging mir
beides verloren, das gute Gewissen dessen, der vor sich selber richtig
handelt, und die Lust des Unrechts, das ich tat. Doch habe ich eine
Erlsung erlebt, nicht unhnlich der, die die Frommen Bekehrung nennen, die
mich mit Gewalt umkehrte, indem sie mir das selbstgebaute Haus zerbrach,
mir unter freiem Himmel mich selbst zeigte, wie ich war, und mich mir, arm
und zerschlagen, in die Hand gab.

Es war ber allem dem Herbst geworden. Eines Morgens erwachte ich an dem
Klang einer Stimme, die laut und deutlich sagte: Heute kehrt Maidi in die
Stadt zurck. Ich schlug verwundert die Augen auf, aber es war niemand
bei mir im Zimmer, und ich hatte wohl selbst die Worte ausgesprochen. Ich
erinnerte mich auch noch eines soeben entschwindenden Traumes, dessen
Gestalten vor dem Tageslicht erblaten, in dem es mir aber seltsam wohl
gewesen war, so da es mir leid tat, erwacht zu sein. Denn auch das
Wohlsein schwand, je wacher ich wurde.

Ich stand auf und trat ans Fenster, und immer noch hatte ich das
gesprochene Wort in den Ohren. Als ich Maidi hinausgeleitet hatte, war der
Wald jung belaubt gewesen; jetzt lag er hier und wohl auch dort in
herbstlichen Farben. Die Schwalben sammelten sich zur Reise und saen
dichtgedrngt auf den Telephondrhten. In wenigen Tagen wrde auch ich mit
Eleonore dem Sden entgegenfahren. Wir waren dann Mann und Frau und muten
uns miteinander ein Leben bauen. Das, was ich frher gelebt hatte, lag dann
noch weiter dahinten als jetzt; es mute so sein, ich wute es. Wrde es
mir dann auch noch hie und da ans Herz treten, so wie im Traum des heutigen
Morgens? Und wrde es mir lieb oder leid sein, wenn es geschhe? Es war so
lieb und so leidvoll zugleich. Drauen war eine warme, fhnige Luft; die
Hhen und Wlder lagen nahe zusammengerckt in Glanz und Klarheit; ich
fhlte mich sonderbar la und mde und htte am liebsten meinen Gedanken
freien Lauf gelassen. Den hatten sie schon lang nicht mehr; ich hatte mir
das Tagtrumen abgewhnt. Sie wollten unruhig flattern wie die Schwalben,
denen die Reisesehnsucht keine Ruhe mehr lie; sie wollten fragen, wie es
nun dort sei? Ob Maidi traurig sei oder ob sie mich verachte? Ob sie gehrt
hatte, da ich verlobt sei und da das Land der unbegrenzten Mglichkeiten
nun erst ganz und auf immer hinter mir liege? Wenn sie es wute, dann wute
sie auch, warum ich ihr nicht geschrieben hatte. Es war mir, als wisse und
verstehe sie alles und als liebe sie mich immer noch, und das legte sich
wie eine abgrundtiefe Traurigkeit auf mich, denn es war fern, fern, und es
fhrte keine Brcke und kein Steg mehr dorthin. Pltzlich wurde ich gewahr,
da die Pyramide des Mnsters mich ansehe. Sie lag in einem merkwrdig
grellen Licht; ihre Steine glnzten, und sie war ganz durchschienen von
einer heien Sonne, was so frh am Morgen und um diese Jahreszeit
ungewhnlich war. Es fiel mir ein, wie oft ich sie von meiner Mansarde aus
gegrt hatte, als ich zum erstenmal in der Stadt und ein Lehrling war, und
es schien mir, als frage sie mich, was ich nun inzwischen aus mir gemacht
habe? Ich trat vom Fenster zurck, aber nun war es mir, als warte sie
drauen, da ich ihr Antwort gebe. Die Rosette hatte ein Gesicht, und alle
die Luken, durch die das Licht fiel, waren Augen, die mich ansahen. Sie
hatte ihre stille, hehre Schnheit verloren und war unerbittlich und
furchtbar. Ich versuchte zu lachen, denn das war ja doch wieder das
Tagtrumen, was ich jetzt hatte. Aber es gelang mir nicht so recht. Da
sagte ich mir, da es der Fhn sei, der mich so sonderbar errege. Ich wusch
mich mit kaltem Wasser und brachte meine Gedanken in Ordnung. Sie hatten
hier am Platze genug zu tun. Es wollte noch viel in die Tage hinein. Herr
Kasimir wollte mir das Geschft bergeben und allerlei niet- und nagelfest
machen. Er blieb noch da, so lange wir reisten, dann wollte er sein Bndel
schnren und ebenfalls reisen. Ich war dann Inhaber von Haus und Geschft
und hatte eine Frau und war ein Mann, der hier am Platze zu sein hatte mit
aller Kraft und allen Sinnen. Darber hinaus gab es nichts. Wenn es doch
etwas gab, so war es nicht fr mich. Ich bemhte mich, an Eleonore zu
denken; nicht an das Steinbild, das sie hie und da sein konnte, herb und
hochmtig, sondern an die Stunden, in denen sie unter ihrer eigenen
zurckhaltenden Art zu leiden schien. Sie hatte dann brennende Augen und
sah bla und schmal aus, es war, als ob ein verstecktes Feuer in ihr
lodere. So hatte ich sie noch lieber, als wenn sie, wie es auch geschah,
kleine brutliche Zrtlichkeiten fr mich hatte. Denn ich dachte gern, da
sie ein heies Herz in sich trage, das fr mich glhe und das im Kampf mit
ihrer kargen Natur sich verwunde und abmhe, um leben zu knnen. Es schien
mir an der Zeit, da es zu seinem Recht komme, das ich ihm ja gegeben
hatte. Gestern abend war sie so gewesen, mde und unruhig zugleich. Sie
hatte mir beim Gutenachtsagen eine heie Hand und kalte Lippen gegeben und
gesagt: Ich wollte, wir wren schon weit fort, und es wre alles vorber.
Das hatte mich gewundert, denn sie selbst hatte doch die glnzende
Hochzeitsfeier angeordnet und sich nicht genug tun knnen, alles bis ins
kleinste festlich auszugestalten. Es war wohl so, wie ich dachte, da sie
sich sehnte, bei mir zu sein, und ich nahm mir vor, es solle sie nicht
gereuen. Es gab wohl viele Mnner, die eine Jugendliebe in sich begruben,
wenn es das Leben erforderte, und auch ich wollte das tun; da brachte ich,
der ich so gewandt im Zudecken, Flicken und bermalen meines Innern
geworden war, es denn auch an diesem Morgen so weit, da ich als ein
Tchtiger und ein Ehrenmann das Zimmer und das Haus verlie mit straffen
Schritten. Sie waren beide froh, da sie mich hatten, Eleonore und Herr
Kasimir, und das konnten sie auch wohl sein, denn alles lag bei mir in
guten Hnden, und da es mich viel gekostet hatte, das gab mir Ernst und
Tiefe, wie ich mir selbst, vor diesem bedeutenden Einfall leicht
erschauernd, sagte.

Am Vormittag dieses Tages hrte ich, nach langer Zeit wieder zum erstenmal,
Eleonores Geigenspiel gedmpft aus dem Zimmer ber mir her erklingen. Sie
hatte nie gespielt, seit wir verlobt waren, und wenn ich in sie gedrungen
war, so hatte sie mich auf spter vertrstet, wo sie wieder Ruhe und
Stimmung dazu haben werde. Jetzt schien es mir, als ob sie mich zu sich
riefe mit feurigen und verheienden Tnen und mit hinstrmender Klage ber
ihre eigene eingeschlossene Seele, so da ich es kaum erwartete, bis ich
von den Geschften loskommen und hinaufgehen konnte, denn ich war begierig,
ihr zu zeigen, da ich fr sie da sei und sie verstanden habe. Sie hatte
aber, als ich kam, die Geige schon wieder in ihr Futteral geschlossen und
verwahrt und schien sich zu wundern, da ich mitten im Vormittag
heraufkomme. Die Geige hing stumm an der Wand, als ob sie nie geklagt und
gerufen htte, und als ich sagte, da ich sie gehrt habe, zog Eleonore die
Brauen leicht zusammen, wie unwillig. Ich habe etwas gebt, sagte sie,
was ich lange nicht gespielt habe und was ich heute abend zu spielen
versprochen habe. Wir waren beide zu einer Geburtstagsfeier in eine
bekannte Familie eingeladen, deren Wohnhaus ber den sonnigen Rebbergen
der Stadt in Waldeshhe stand. Ich wute, da der Hausherr, der ein alter
Freund des Hauses war, Eleonore schon manchesmal umsonst gebeten hatte, zu
spielen, freute mich, da sie es heute tun wollte, und bat sie nur, es spt
genug zu tun, da ich das Stck auch hren knne, das mich so angezogen
hatte. Denn ich konnte des Geschfts und vieler Arbeit wegen erst am Abend
nachkommen. Sie versprach es auch, und ich dachte, sie sei doch eine
rtselhafte Natur, anziehend und abstoend zugleich, ich wolle aber alle
Rtsel in ihr auflsen, da sie ja eine Seele habe, die darnach verlange,
wie ich sicher zu wissen glaubte.

Der Nachmittag war noch schwler, als es der Morgen gewesen war. Die Luft
lag still und stickig ber der unteren Stadt, und um ihr zu entgehen,
machte ich frher Schlu, als ich eigentlich im Sinn gehabt hatte, und ging
den Rebbergen zu. Ich hatte ein lhmendes Kopfweh, das ich auf die Fhnluft
schob und das mich veranlate, einen kleinen Umweg im Freien und in der
Einsamkeit zu machen, um nachher vor den Leuten besser bestehen zu knnen.
Daher ging ich nicht durch die Weinberge auf den steilen Staffeln in die
Hhe, sondern blieb auf der Strae bis da, wo der Wald in einer schmalen
Zunge zu ihr herunterreichte und wo ich nun ohne Weg, durch goldbraunes,
raschelndes Buchenlaub, das hier und da den Boden bedeckte, anfing
hinaufzusteigen. Das Rauschen unter meinen Fen weckte irgend eine
Erinnerung in mir, der ich nachsprte, bis es mir einfiel, wie ich als
kleiner Bube im heimischen Stadtwald an der Hand meiner Mutter gegangen war
und glckselig mit den Stiefeln das Laub vor mir her aufgehuft hatte, was
genug war, mich mit Lust und Wonne zu erfllen. Es schien mir aber um
hundert Jahre zurck zu liegen, oder vielmehr in einem vorigen Dasein
geschehen zu sein, und ich konnte auch nicht lange bei der lieben
Erinnerung bleiben, denn es ging auf einmal ein heftiger Windsto von der
Hhe herunter mir entgegen, der die schlaffe Schwle zerri und sich als
Vorbote eines Unwetters ankndigte. Ich beschleunigte daher meine Schritte,
um nicht drauen zu sein, falls es schnell hereinbreche. Es wurde zusehends
dunkler unter den Bumen, was noch nicht vom Einnachten kommen konnte,
sondern von heraufziehendem Gewlk, das der Wind vor sich herjagte. Ich war
auf der Hhe angelangt, wo der Garten des bekannten Hauses sich in den Wald
verlor, von demselben nur durch ein dichtbewachsenes, hohes Drahtgitter
getrennt, und wollte gerade auf die schmale Tr zugehen, als ich hinter der
grnen Wand, aber dicht an derselben, sprechen hrte. Und zwar war es die
Stimme meiner Braut, die, als ich ganz nahe war, in hrbarer Erregung
sagte: Du httest nicht mehr kommen sollen. Wir htten uns nicht sehen
drfen. Es ist genug, da ich jetzt mit jedem Atemzug durch mein ganzes
Sein hindurch lge, ich, die ich immer wahr gewesen bin, solang ich denken
kann. Ich will es nicht noch durch die Tat tun. Es mu das letztemal sein.

Ich fhlte, wie mein Herz heftig zu schlagen anhob, als ich diese Worte
hrte. Ich konnte mich nicht von der Stelle bewegen und mute nun weiter
mitanhren, was mich und den Bau, den ich mir errichtet hatte, in Scherben
schlug.

Es ist mir, als sei ich eine Ewigkeit dort droben gestanden, im heftig
wehenden Wind, der die Kronen der Bume herumri und mir die gesprochenen
Worte zutrug wie auf Flgeln, und unter den jagenden Wolken, die stets
tiefer zu hngen kamen. Doch wird es wohl nicht lange gedauert haben, nach
menschlicher Zeitrechnung, da ja Minuten so voll sein knnen, da sie von
Leben oder Tod berflieen. Ich will es mir sagen, wenn ich meines
Gerichtstags gedenke, da es dennoch nicht Tod, sondern Leben war und Gte,
was dort unter den Bumen auf mich wartete. Wo nhme ich sonst den Mut her,
es noch einmal heraufzuholen? Da es ja lange her ist seitdem und ich es
knnte ruhen lassen.

Obgleich mir, auf immer unvergelich, jedes Wort und jeder Ton und jeder
Zug der Gesichter, die ich durch etliche Lcken in der grnen Wand wohl
sehen konnte, ins Gedchtnis gebannt ist, will ich doch unterlassen, alles
Schmerzliche und Beschmende noch einmal zu sagen und es einfach
aufzeichnen in meiner eigenen Rede. So sehr erregt und verwundet ich auch
war, so ruhig bin ich jetzt, ja dankbar bin ich, da der Zufall, der mich
wunderbarerweise zu dieser Stunde an diesen Ort fhrte, mein Leben aus den
falschen Bahnen warf, so lange es Zeit war. Es htte auch anders gehen
knnen, und ich wei nicht, was dann aus mir geworden wre.

                  *       *       *       *       *

Der Mensch, an den meine Braut ihre beschwrenden und selbstanklagenden
Worte gerichtet hatte, war, wie ich bald aus der Antwort merkte, der
Mediziner, den ich in irgend einer Ferne glaubte. Er war aber
zurckgekommen und hatte Eleonore auch schon ein paarmal getroffen mit
ihrem Willen und auch gegen ihn, da er, wie er sagte, sie wohl entbehren
wolle, wenn es sein msse, sie aber nicht an mich verloren geben knne, der
ich in keiner Weise an sie hinanreiche, ja, den sie doch nur mit in den
Kauf genommen habe mit Haus, Geschft, Geld und so weiter. Er nannte sie
du, und sie waren ein Liebespaar, das sich getrennt hatte, ohne da die
Liebe vergangen war. Vielmehr hatten sie in einem merkwrdigen Grad von
gegenseitiger Offenheit miteinander ausgemacht, da sie sich lassen mten,
weil sie das ntige Geld nicht htten, um einen Haushalt zu fhren, der
ihren Bedrfnissen entspreche, da sie beide verwhnte Kinder mit
anspruchsvollen Gewohnheiten waren und diesen nicht glaubten entsagen zu
knnen, ohne da die Liebe darunter litte und sie dann einander qulten.
Einst, als sie einander nher traten, hatte jedes vom andern geglaubt, da
es wohlhabend oder vielmehr reich sei, wenigstens der Mediziner hatte es
von Eleonore geglaubt, in deren Elternhaus es auf eine feine und
geschmackvolle Weise ppig zuging, wie es nur bei Leuten sein kann, bei
denen das Geld keine Rolle spielt, ja, denen es zum einfachen Anstand zu
gehren scheint, da man sich nicht darum kmmere und es mglichst wenig
nenne. Als aber die Eltern gestorben waren, hatte sich's gefunden, da wohl
eine Menge kostbarer Dinge vorhanden seien, die geistige Werte darstellten,
aber kein Geld mehr, und da die Kinder arm seien wie Kirchenmuse. Der
Bruder hatte sogleich seine berufliche Laufbahn antreten knnen, da er mit
den Studien fertig war und der Onkel ihm unter die Arme griff mit einigen
Zuschssen. Eleonore aber, die nun auch mit Zuversicht heraustrat und ihre
Wnsche bekannte (denn das Hagenausche Geld war trotz der lssigen
Vornehmheit in der Bitterolfschen Familie als sicheres Erbe, eigentlich nur
als einstweilige Reserve angesehen), hatte sich bitterlich enttuscht
gesehen, wenn sie auf reichliche Mittel hoffte, um mit dem Geliebten einen
noblen Haushalt zu erffnen. Denn ein anderer kam nicht in Betracht bei dem
beiderseits so hochentwickelten Schnheitssinn.

Der Onkel hatte ihr erffnet, da er keineswegs ein bloer Geldsack sei,
den man nach Belieben auf- und zuschnren knne, sondern da er auch seine
Liebe und seinen Stolz habe, nmlich das alte Haus und Geschft, dem er
freilich leider keinen Erben seines Namens hinterlassen knne, da er das
Heiraten versumt habe, das er aber doch, solang er es wenigstens
verhindern knne, nicht wolle in fremde Hnde kommen lassen, und das er
darum nicht zu verkaufen gesonnen sei. Da aber das betrchtliche Vermgen
fast ganz darin stecke, so wolle man es vorlufig auch beisammen lassen,
denn so halte es sich am besten und so weiter.

Und kurz, er habe andere Plne mit der Nichte.

Das alles besprachen die zwei im heraufziehenden Unwetter freilich nicht so
genau, wie ich es hier tue, denn sie wuten alles gut genug voneinander, um
nur das eine und andere Wort darber verlieren zu mssen, das mich aber
genugsam ber ihre Vorgeschichte belehrte, soweit sie mir nicht schon
vorher bekannt war. Sie hatten sich auch nicht von der Gesellschaft
entfernt, die soeben vor dem Wetter ins Haus geflchtet war, um das Alte zu
wiederholen, sondern um sich ein letztesmal vor der Hochzeit miteinander
auszusprechen und sich bewut zu werden, wie sie es ins Knftige halten
wollten. Denn sie waren in der Zeit ihrer Trennung und besonders jetzt beim
Wiedersehen inne geworden, da sie fester aneinander hingen, als sie gewut
hatten. Das drngte den Liebhaber, Eleonore zu beschwren, sie mge jetzt
noch von mir ablassen, da sie sonst verderben msse. Er sprach mit groer
Geringschtzung von mir, als von einem ganz gewhnlichen Streber,
Glcksjger und Emporkmmling und reizte sie, sich vorzustellen, wie es
sei, wenn sie mich als ihren Herrn und Gemahl ansehen msse, wobei er sie,
offenbar einer alten Liebessitte nach, Herrin, Prinzessin und hohe Frau
nannte, aber mit spttischer Betonung, um sie aufzustacheln. Ich sah, da
er sie glhend liebte und nur darum so gering von mir sprach, um sie noch
in letzter Stunde von mir abzuwenden, denn dann konnte immer noch die Zeit
fr ihn arbeiten und einen Glcksfall herbeifhren, da das Glck in der
Htte nicht in Betracht kam. Oder vielmehr sehe ich es jetzt bei ruhiger
Betrachtung so an; damals sauste mir das Blut in den Augen und Ohren bei
meinem Lauschen, das ich doch nicht abkrzen konnte, denn jetzt mute ja
der Augenblick kommen, wo Eleonore fr mich eintrat. Ich konnte immer noch
nicht davon ablassen, zu glauben, sie liebe jetzt mich und mich allein, und
das geschah nicht nur aus Selbstgefhl und aus Not, sondern auch aus dem
hohen Respekt vor ihrer stolzen Art, die sich nie dazu bequemt htte, einen
Mann zu nehmen, den sie nicht liebe, wie ich mir das schon oft vorgesagt
hatte.

Sie richtete sich auch zornig erglhend auf, als der Doktor mich
geringschtzig vor ihr herabsetzte; aber es war nur ihr Hochmut, nicht ihre
Liebe, die er getroffen hatte.

O still, sagte sie, so darfst du nicht reden. Mein Herr wird er niemals,
das weit du wohl, und er wei es auch. Er lt mich in allem gewhren, was
ich will und tue, und das ist es, was ich brauche, wenn es nun Liebe nicht
sein kann. Das heit gegenseitige, denn er liebt mich aus allen Krften.

Der Mediziner pfiff durch die Zhne und sagte spttisch: Wir wollen
einander nichts weis machen, denn wir wissen wohl beide, was er liebt, wenn
er dich bekommt, wenigstens zuerst und vor allem, er, der sich von deinem
Onkel dazu anwerben lie.

Das mochte dem stolzen Mdchen ein allzu scharfer Hieb sein, denn es griff
mit der Hand heftig in die grne Wand, wie um einen Halt zu haben, und war
mir in diesem Augenblick ganz nahe, rumlich geredet, da sich ja der
innerliche Abgrund zwischen uns von Minute zu Minute erweiterte.

So will ich dir denn sagen, wie alles war und ist, sagte sie mit herbem
Entschlu, denn es mu sowieso das letztemal sein, da wir von diesen
Dingen reden, da ich nicht zurck kann noch will. Sie sah jetzt bla aus
und atmete tief mit geschlossenen Lippen und ihre feinen Nasenflgel
bebten. Dann, als sie sich etwas gefat hatte, fing sie an, von mir und
sich zu reden. Das hre ich heute noch wie Drommeten des Gerichts.

Sie habe, sagte sie, damals, als er von ihr gegangen sei, geglaubt, mit ihm
und ihrer Liebe fertig werden zu knnen, da das andere, das Bedrfnis nach
Reichtum, Ansehen und etwas zum Regieren strker als alles in ihr gewesen
sei. Das aber habe sie im Hause Hagenau gefunden, denn ihr Onkel, dankbar
dafr, da sie wenigstens seinen Wnschen nicht zuwider handle, habe ihr in
allem freie Hand gelassen. Doch sei dann gleich darauf das Verhngnis
erschienen, wie sie mich im stillen genannt habe, als sie mich als Bewerber
um ihre Hand habe ansehen mssen. Ich sei ja freilich nicht mehr der
tapsige Junge von einst gewesen, ber den sie damals beide so viel gelacht
htten, sondern habe mich gemausert und zu einem gewandten, tchtigen
Geschftsmann entwickelt, dem es auch an geselligen Tugenden nicht mangle
bis zu einem gewissen Grad. Sie habe auch bald gesehen, wie der Onkel
besonders viel Wert darauf lege, da ich der Gemahl und zugleich (oder
vielmehr zuvrderst) der Geschftsinhaber werde. Er habe es ihr nicht so
gesagt, aber sie habe es selber gewut, da seine Vorliebe fr mich
hauptschlich daher komme, da ich, arm und ohne Anhang, wenigstens ohne
solchen, der in Betracht komme, in allem gefgig und abhngig bleiben
werde, trotz meiner Tchtigkeit, so da ich dann so eine Art von
Prinzregenten darstellen knne, was ihm alles in den Kram gepat habe.

Sie habe sich innerlich freilich gekrnkt, denn ich habe ihr nicht gengen
knnen nach dem Geliebten, obgleich das ja nicht so leicht einer gekonnt
htte, sie habe sich aber offen gesagt, da es nun auch darauf nicht
ankomme, denn sie wisse ja, was sie wolle.

Trotzdem habe es ihr oft vor dem Tage gegraut, an dem ich kommen und um sie
anhalten wrde, denn Heirat sei immerhin Heirat, auch wenn es ohne
gegenseitige Liebe abgehe. Man gebe sich einem Manne doch in die Hand, das
habe sie sich nicht verborgen.

Es sei aber dann ganz anders gekommen.

Sie habe immer wieder aufs neue unter der Trennung von ihm gelitten, und
zwar je lnger je mehr, denn es gehe doch nicht so, wie man meine mit der
Liebe, die Wurzel sitze tief. Sie habe ihn oft gerufen, wo er auch sei in
der Welt, und so sei sie auch eines Tages im Weinberg gesessen und habe
sehnlich an ihn gedacht, den sie doch nicht habe zurckholen knnen, da es
ja nachher das gleiche gewesen wre wie zuvor.

Da sei das Verhngnis erschienen, urpltzlich, und zwar ganz verwandelt
gegen sonst, nicht mehr der hbsche, freundliche Junge mit dem weichen
Kindergesicht und den heiteren blauen Augen, sondern ganz glhend und
bebend vor Leidenschaft, die sie gar nicht hinter mir gesucht htte. Er
habe sie mit Liebesworten berschttet, aber noch viel mehr mit dem
Gluthauch seines Wesens, und habe augenblickliche Antwort von ihr verlangt,
ob sie die Seine sein wolle, so da sie vor unsglichem Staunen nicht habe
die Augen abwenden knnen. Es sei aber dann ber sie gekommen, da er mit
den heien Wogen seiner Leidenschaft die Sehnsucht, unter der sie so sehr
gelitten habe, zugedeckt oder auf eine Weile weggesplt habe, und sie habe
sich mit geschlossenen Augen wie in einen Abgrund gleiten lassen auf der
Flucht vor ihm, dem Geliebten.

Das habe freilich nicht lang dauern knnen, denn sie habe ja sogleich
wieder gesprt, da sie nichts fr mich fhle, was auch nie anders
geworden sei.

Nur eine gewisse Bewegung habe sie hie und da empfunden, wenn ich sie mit
so unentwegten Hoffnungsblicken angesehen habe, denn bei mir sei es echt,
und sie wisse, da ich leide unter ihrer Kargheit. Dann sei sie gut und
freundlich mit mir gewesen. Manchmal aber reize es sie auch zu zorniger
Ungeduld, da ich mit selbstsicherem Wartenknnen Liebe von ihr erwarte, so
als ob ich dchte: Ich bekomme dich ja doch noch. Es wre vielleicht
besser, wenn ich sie nicht so sehr liebte, da dann jedes von uns auf seine
Kosten kme, denn es werde ja nicht, wie ich meine; sie werde mich schon im
Schach zu halten wissen, soweit sie wolle. Sie richte sich ihr Leben ein,
wie sie es ntig habe, das sehe er daran, da sie die groe Hochzeit halten
werde, denn so sei sie einmal, da sie Luxus und Gesellschaft brauche; sie
wolle das groe Opfer nicht umsonst gebracht haben.

Sie sprach schnell, mit erregtem Atem, wie um alles los zu werden.

Dann wieder habe sie Respekt davor, da ich so an ihr hange, so ernst und
ehrlich. Sie denke oft, es wre gut, wenn wir einmal Mann und Frau wren,
denn dieser Brautstand sei eine Komdie, und es werde nachher alles besser
sein.

Oder wenigstens, setzte sie zgernd hinzu, war es so, bis du wieder
kamest und alles neu aufwecktest. Es wre wohl alles recht geworden ohne
das. Ich hatte die besten Vorstze.

Er sah sie immerfort an. Sie verwirrte sich unter seinem standhaften Blick.

Es war, als ob er sie zu sich heranzge. Und nun? fragte er. Nun hast
du die groe Hochzeit eingerichtet und wirst sie halten, nicht?

Nun wirst du mir zu mchtig. Ich wei nicht mehr, was ich kann und soll,
du wendest alles in mir um. Du httest nicht mehr kommen sollen. Ich gehe
umher und verachte mich, weil ich wie eine gemeine Dirne eine Liebschaft
habe hinter dem Mann, der mir vertraut und ein Ehrenmann ist, ich, Eleonore
Bitterolf, die einst so stolz war. Ich mu es wieder sein knnen, ich halte
das nicht aus. Nein, schttle nicht den Kopf. Ich habe ihn freilich nicht
belogen; ich habe nie getan, als ob ich ihn liebte. Und ich habe dir nichts
gegeben, keinen armen Ku mehr. Nichts als meine Gedanken, nichts als mein
Herzklopfen bei Tag und Nacht, und mein Geigenspiel, das ihm nie geklungen
hat, und--

Komm, sagte er und breitete die Arme aus. Und dein Herz? Ist es nicht
so?

Sie tat einen zgernden Schritt nach ihm hin. Wenn ich mir einmal gewnscht
hatte, sie erregt zu sehen, von einem starken Gefhl bermannt, so konnte
ich das nun haben. Sie sah prachtvoll aus, ganz durchglht von innerem
Feuer und doch zerrissen, stolz und unterjocht zugleich.

Ich konnte es nicht hindern, da ich einen sthnenden Laut ausstie. Sie
hrten mich aber nicht. Sie sahen nur einander an. Es fielen jetzt groe,
schwere Tropfen. Geh'! hrte ich Eleonore auf einmal sagen. Es klang hart
und hochmtig. Das Feuer in ihrem Gesicht erlosch. Sie wurde wieder das
Steinbild, das ich kannte.

Nein, mein Herz nicht. Ich mu es fr mich behalten. Ich htte dich nicht
mehr sehen sollen. Geh' jetzt, folge mir nicht ins Haus. Ich will
wenigstens ich sein, so viel ich auch dafr bezahlen mu. Es wird wohl von
uns dreien keiner glcklich sein, aber es kommt schlielich auch nicht
darauf an.

Sie ging dem Hause zu, langsam. Er folgte ihr nicht. Er ging die schmalen
Staffeln hinunter, die nach der Stadt fhrten, im Regen, der nun
herniederstrmte.

                  *       *       *       *       *

Ich hrte ein Lachen, laut und hart. Wer hatte das ausgestoen? Ich sah
mich um. Es war niemand in der Nhe. So mute ich es wohl selber gewesen
sein. Es kam noch einmal, aber diesmal war es der Wind. Er lachte, da es
drhnte. Also dies ist nun der Schlu, dachte ich, dies ist nun der Schlu.
Ich mute irgendwo hingehen, um mich zusammenzulesen, denn es war mir, als
sei ich in Fetzen gerissen. Es brauste immer strker, ich wute aber nicht,
ob es in mir sei, oder in der Natur. Es konnte der Sturm sein, ich fragte
aber nicht darnach. Ich ging, von dem Hause abgewendet, auf dem Bergkamm
hin. Der Regen fiel jetzt in dichten Gssen hernieder. Die Schwle war
vergangen, aber nun war die ganze Welt in nasses Grau eingewickelt, das war
ganz pltzlich gekommen. Man sah kaum vor sich hin, es war aber gleich, ich
brauchte nicht mehr zu sehen. Es gab da einen grellen Punkt, einen
einzigen, und ich mhte mich, ihn ins Auge zu fassen. Aber wenn ich es
wollte, dann kam das Lachen wieder, vor dem mir graute. Ich blieb stehen
und versuchte, einen Satz auszusprechen. Er war aber schwer
zusammenzubringen, ich mute scharf denken. Endlich hatte ich ihn und sagte
mit schwerer Zunge: Also diese Hochzeit kommt nun nicht zustande. Ich
sah mich um, ob mir nicht jemand widerspreche. Aber die Bume standen
schweigend, der Regen flo an ihren Stmmen herunter und rieselte auf dem
Boden weiter. Da sagte ich es noch einmal. Also diese Hochzeit kommt nun
nicht zustande. Ich ging mit eiligen Schritten weiter und hrte mich
einmal sagen: Ich bitte hflichst, mir den Kaufpreis zurckzuzahlen. Dann
dachte ich, ich sei ja wohl verrckt geworden, und verbot mir das Denken,
es konnte ebensogut spter noch geschehen. Es wurde allmhlich dunkel. Ich
fand mich auf einer breiten Fahrstrae, die durch den Wald fhrte. Der
Sturm hatte aufgehrt, es regnete aber weiter. Es handelte sich fr mich
darum, irgendwohin zu kommen, wo ich sitzen und nachdenken konnte, denn im
Marschieren ging es nicht, wie ich merkte. Also schritt ich schrfer aus.
Die Kleider klatschten um mich herum, und in den Stiefeln schwappte es beim
Gehen vor Nsse. Pltzlich blieb ich stehen und dachte: Mu ich mir nun
das Leben nehmen? Aber auch diese Entscheidung mute ich verschieben, bis
ich irgendwo in Ruhe sa. Es wartete irgendwo ein Platz auf mich, da wollte
ich mit mir reden. Einmal kam ich an einem Hof vorbei. Ein Hund schlug an,
Licht schien aus den Fenstern unter dem weit vorspringenden Dach, aber ich
ging schnell weiter, denn im Hellen durfte es nicht sein. Es ging zwischen
ckern hindurch, dann wieder durch den Wald, es lste sich eine unbndige
Kraft in mir; es war mir, als knnte ich die ganze Welt durchwandern bis zu
dem Platz hin, wo ich mit mir abrechnen mute. Es wurde schlimm, ich wute
es. Es ging etwas Furchtbares hinter mir her. Wie lang ich so gegangen
war, wute ich nicht. Es war auf einer Waldble. Der Mond kam einen
Augenblick zwischen zerrissenen Wolken heraus, als wollte er sagen: Da ist
es. Es stand eine offene Blockhtte da, wie sie die Holzknechte zum
Unterstand bentzen. Da ging ich hinein und legte mich auf die Holzbank,
die der Wand entlang lief.

Ich wei nicht, ob es mglich ist, da ich geschlafen habe mit dem Aufruhr
in meinem Innern, aber ich fuhr pltzlich empor mit klaren, wachen Sinnen.
Es schttelte mich, ich wute nicht, war es vor Nsse oder Klte, oder vor
Entsetzen, vielleicht war es alles zusammen. Das ist nun also das Ende,
dachte ich noch einmal. Denn es stand alles vor mir, wie ein Bild oder wie
eine Landschaft, durch die, nachdem sie im Dunkel lag, ein heller Blitz
hindurchfhrt, so da sie auf einen Augenblick bis in die hintersten Grnde
erhellt ist. Ich hatte keine Veranlassung, irgend jemanden zu verachten
oder zu befehden; mein Unglck lag in mir selber und war meine Schuld.
Eleonore war viel klarer und viel wahrer als ich, der ich mir die ganze
Zeit mein Wesen und Handeln mit einem bunten Mntelchen aus Scheingrnden,
guten Vorstzen und gewollten Tugenden behngt hatte. Ich habe ihn nicht
belogen, nie habe ich ihm Liebe geheuchelt, hatte sie gesagt. Und ich? O
still, wohin war ich geraten? Es war nicht daran hinauszusehen und nicht
gut zu machen. Ich konnte nicht zurck und auch nicht vorwrts, und wenn
mich die Reue anfiel wie ein Geier, so half das doch nichts. Es reichte
alles weit zurck, weiter als man sagen konnte, und auch das Nachdenken
half nichts. Es war auch gar nicht ntig, ich wute alles ohnehin gut
genug. Heiraten konnte ich jetzt nicht und auch nicht im Hause bleiben. Und
berall hatte ich mir die Wege verschttet, zu allen Menschen hin, die
einst mein gewesen waren, und auch zu mir selbst, wie ich vordem gewesen
war. Es graute mir vor dem Leben und auch vor dem Tod. Es war nicht so
einfach, zu sterben, denn man konnte nicht wissen, ob es etwas half. Ich
hatte da noch nie recht getraut, schon bei andern Menschen nicht, und nun,
da es mich selbst betraf, war es mir ganz unsicher, ob ich dann wirklich
tot sein wrde, und was etwa nachkme. Doch lag ein kleiner, ferner Trost
in dem Gedanken, da ich das Mittel ja immer noch versuchen knne, wenn es
gar kein anderes gebe, da ja der Tod eine offene Tr sei, durch die man
jederzeit eingehen knne.

Es ging schon gegen den Morgen hin. Irgendwo her erscholl ein Hahnenschrei,
dem ein anderer antwortete. Es regnete sachte weiter, und es war khl. Ich
war auf einer Hochebene; es strich ein Wind darber hin. Als ich aus der
Htte trat, hrte ich, wie die nassen Bume erschauerten und ihre Tropfen
versprhten. Ich besann mich, wo ich sei und was ich tun wolle, und
beschlo, dem Hahnenschrei nachzugehen bis in ein Dorf, wo ich dann den Weg
erfragen knne. Es war alles so entsetzlich wst und leer in mir; ich htte
gern geschlafen, wenn ich nicht gewut htte, da ich dann wieder aufwachen
msse, und wenn mich nicht das starke Gefhl der Klte und Nsse getrieben
htte, eine Abhilfe zu suchen. So ging ich denn weiter, aber nicht mehr mit
der Kraft der Erregung von vorher, sondern mit schweren Fen, die sich
widerwillig einer vor den andern setzten. Als es Tag war, fand ich mich in
einem Dorf, das an einer kleinen Seitenbahn lag. Ich ging in ein Wirtshaus
und trank Kaffee. Die Wirtin sah mich verwundert an und sagte teilnehmend:
Sind Sie krank? und ich schttelte den Kopf, dachte aber, ich sei es doch
und frchtete nun pltzlich, nicht mehr weiter zu knnen, da sich ein
dumpfer Druck ber mir auszubreiten begann. Ich mag wohl stundenlang an dem
Wirtstisch gesessen sein, und die Wirtin begann besorgt zu werden. Sie
sagte, der Doktor fahre nachher durch, sie wolle ihn hereinrufen, und sie
wolle meine Kleider trocknen. Aber ich raffte mich auf und ging, und als
ich an dem kleinen Bahnhof war, sah ich von fernher ein kleines Lichtlein
durch den berhand nehmenden Nebel meiner Gedanken scheinen: Ich wollte
heimfahren. Es war mir, als warte der Alkoven noch auf mich, in dem ich als
Kind geschlafen hatte, unter dem Strohblumenkranz mit dem Bild des Vaters.
Das war nicht der Fall, aber irgendwie war ich doch daheim dort in der
Stadt. Die Mutter war nicht mehr da. Aber die Schwestern. Es stach und
brannte, als ich das dachte, aber das Verlangen war grer als alles. Ich
sa in der Bahn und dachte das eine Wort: Heimgehen. Dort kam alles brige,
ich mute nur einmal in meiner Kammer geschlafen haben. Das Klingelbhnchen
fuhr so langsam, es war mir, als komme ich nicht mehr an. Ich wartete
wieder auf einem Bahnhfchen und sa endlich im Zug, der nach meiner
Vaterstadt fuhr. Wie ich von der Bahn nach Hause gekommen bin, wei ich
nicht mehr. Es war schon Licht in der Schreinerwerkstatt. Ein kleines
Bbchen spielte unter der Tr mit Holzkltzen. Drinnen bei dem Mann sah
ich Helene stehen, sie hatte das Kleinste auf dem Arm. Ich ging leise durch
die offene Haustr und machte die Flurtr auf. Eine kleine Schelle
klingelte atemlos an der Tr; da kam Luise aus der Bgelstube und sah mich.
Sie machte die Tr hinter sich zu und ergriff mich stumm an der Hand. Bist
du da? sagte sie und umfate alles, was an mir war mit einem einzigen
Blick, ohne nach irgend etwas zu fragen.

                  *       *       *       *       *

Ich lag in ihrer Stube und in ihrem Bett, das vordem das unserer Mutter
gewesen war, aber ich wute es nicht. Ich ging in schweren Trumen durch
unterirdische Gnge, um jemanden zu suchen, den ich um Lebens und Sterbens
willen finden mute. Manchmal war es meine Mutter und manchmal Maidi,
manchmal auch der Zeitler. Aber wenn ich eins von ihnen von weitem sah, so
war es doch nur von hinten, und es ging durch eine Tr, die sich in der
Mauer auftat und wieder hinter ihm schlo. Ich wollte rufen und konnte
nicht, ich stemmte mich gegen die Tr, um sie zu ffnen, und mute machtlos
davon ablassen. Oder sie ffnete sich, und irgend ein anderer Mensch trat
mir entgegen, der mich aufhielt, indes das Gesuchte schon wieder in halber
Dunkelheit lautlos verschwand. Einmal war es Rosa, das Dienstmdchen der
Pfarrerswitwe, bei der Maidi wohnte. Sie grte mich mit vertraulichem
Lcheln und hatte Maidis blaugepunktetes Sommerkleid an, und auch das
Samtbndchen war wie einst durch die Spitze am Halsausschnitt gezogen.
Wissen Sie es nicht? sagte sie. Das Frulein ist lebendig begraben
worden. Es ist ja aber gleich, es gibt noch andere. Sie drngte sich an
mich, und ich sprte ihre volle Brust an meiner und ihre Arme um meinen
Hals. Ich wollte mich wehren, da ich soeben von weitem Maidi gehen sah mit
geschlossenen Augen und schlicht herabhngendem Haar, und ich sie zu
errufen hoffte; aber kncherne Finger drckten mir die Gurgel zu, so da
mir die Luft ausgehen wollte, und ich sah ein Gesicht ber mir, das mich
aus starren Augen schrecklich anblickte, und hrte von weitem Eleonore
sagen: Die Tischkarten mssen zuerst geschrieben sein, was mir klang wie
ein Todesurteil.

Inmitten der jagenden und sich berstrzenden Bilder und Gedanken, die aus
einem unerschpflichen unterirdischen Brunnen zu strmen und sich ber mich
zu ergieen schienen, sprte ich manchmal eine khle und sanfte Decke, die
sich ber alles breitete und die Bilder auslschte, so da eine wohlttige
Dunkelheit mich umfing und ich sachte und tief hinuntersank in ein
Nichtwissen, das ich nur wie von ferne als etwas Gutes empfand. Ich mhte
mich hie und da, die Augen aufzumachen, um die Decke zu sehen, die mir von
purpurroter Farbe zu sein schien und sich leicht und weich anfhlte, aber
ich konnte die Lider nicht heben. Doch hrte ich dann halblaut gesprochene
Worte, die mich seltsam beruhigten, obgleich ich sie nicht verstand, und
schlief unter ihnen ein, wenn ich so sagen soll, da ich ja nie wach war,
bis mich neue Traumbilder, die mein kochendes Blut auf dunklen Bahnen
herzutrug, zu neuen Mhsalen aufschreckten. Dann war es einmal lange
schwarz und khl. In einer Nacht schlug ich die Augen auf. Ich glaubte
soeben unzhlige Staffeln aus unendlicher Erdtiefe emporgestiegen und aufs
hchste ermdet auf die oberste niedergesunken zu sein, und war nun
verwundert, mich im Bett zu finden in einer Umgebung, die mir bekannt
vorkam, die ich mir aber nicht mit mir selbst zusammenreimen konnte. Auf
dem Tisch an der nchsten Wand stand brennend eine kleine Lampe mit grner
Glasglocke, und neben ihr lag ein schlafender Kopf mit schweren Zpfen, auf
ausgebreitete Arme hingelagert. Ich hatte die schwierige Aufgabe,
herauszubringen, wem er gehre, aber in diesem Augenblick hob er sich und
sah zu mir herber. Es war meine Schwester Luise. Sie stand auf und kam zu
mir her. Ach, da bist du, sagte sie mit glckseligem Ausdruck, und auf
einmal rannen ihr die Trnen stromweis ber die Wangen. Davon verstand ich
nichts. Ich betrachtete sie aufmerksam, bis mir die Augen wieder zufielen
und ich tief einschlief.

So kehrte ich nun wieder in die Wirklichkeit zurck, die sich nach und nach
bei mir anmeldete mit Geruschen und Lichtern des Tages, die ich wahrnahm,
ohne ganz wach zu sein, bis sich die Nebel, die mein Denken und Fhlen noch
umgaben, auf einmal lichteten und ich mit jhem Erschrecken meiner selbst
und der jngsten Vergangenheit bewut wurde.

Sie war aber nicht mehr ganz so jung, wie ich meinte, denn ich war
wochenlang krank gewesen, ohne es zu wissen. Luise erzhlte mir, da ich
viel gesprochen und auch gegessen und getrunken habe, aber ohne jemals mit
klarem Blick um mich zu sehen, so da sie fast noch mehr fr meinen
Verstand als fr mein Leben gefrchtet habe und darum so erschttert
gewesen sei, als ich zum erstenmal mit sichtlichem Bewutsein die Augen
auf sie gerichtet habe. Sie hatte bei mir gewacht und mich gepflegt, und
die khle Decke, die meine wirren Trume gebannt und zugedeckt hatte, war
ihre Hand gewesen, die auf meiner Stirn geruht und mich stets beschwichtigt
hatte, wie sie mir einmal gestand, fast beschmt ber die starke Wirkung,
die sie auf mich ausbte, da sie ihr selber neu und verwunderlich war. Sie
fragte mich nichts, sondern brachte Helene herber, die mit dem kleinen
Mdchen auf dem Arm erschien und wortlos meine Hnde streichelte, bis ich,
da mir alles nacheinander einfiel, was mich beschweren mute, mich nach der
Wand drehte und sthnte.

Mit dem Wachsein wuchs nun die Angst, wie es um mich stehe, und ich mute
nun anfangen, zu reden, obgleich ich lieber wieder ins Unbewute
hinbergedmmert wre. Da fand es sich, da Luise genug von mir wute,
vielleicht mehr als ich selbst, weil ich ohne die Hemmungen der wachen
Scham fortwhrend geredet hatte, zwar oft unzusammenhngend, aber
verstndlich genug, um sehen zu lassen, da mir der Garten verhagelt und
ich selber mit verwstet sei. Das alles hatte sie im Tiefsten erbarmt und
ihr bei aller Erschtterung und Enttuschung aber auch ein warmes
Glcksgefhl gegeben, weil ich mich von meinem Scherbenhaufen weg zu ihr
geflchtet und mich, wie ich war, in ihre Hut und Pflege gegeben hatte.

Nun konnte sie mir mit allerlei Berichten entgegenkommen. Ich hatte mich
nicht zu Bett bringen lassen wollen, eh' ich einen gewissen Brief
geschrieben htte, der vor allem sein msse, hatte aber einen Bogen um den
andern mit vergeblichen Anfngen bedeckt und war schlielich fiebernd
darber eingeschlafen, worauf dann die eigentliche Krankheit, die sich wohl
schon lange in mir vorbereitet hatte, ausgebrochen war.

Luise, die sogleich sah, da es sich bei mir um eine groe Erschtterung
handle, schrieb nun an Herrn Kasimir, da ich krank heimgekommen und ohne
Bewutsein sei, was sie mir, da ich ja jetzt der Genesung entgegenging, mit
einer kleinen Beimischung von Genugtuung erzhlte, weil sie
begreiflicherweise keine Sympathien fr Eleonore hatte und nun den
traurigen Triumph erlebte, mich, wo es galt, am nchsten bei sich zu haben.

Darauf war Herr Kasimir hergereist gekommen, ohne meine Braut, wie Luise
nicht zu sagen verga, war lange an meinem Bett gesessen und hatte mich
allerlei gefragt, was ich auch beantwortet hatte, alles ohne nachher noch
davon zu wissen. Herr Kasimir war, was Luise gleichfalls freute, sehr
bedrckt und bekmmert gewesen; besonders als er aus meinen Reden erfuhr,
was mich fortgetrieben hatte.

Eleonore hatte ihm in der Bestrzung ber mein rtselhaftes Verschwinden
und ber die Nachricht von meiner Erkrankung mitgeteilt, da sie sich mit
ihrem frheren Liebhaber getroffen und ausgesprochen habe, da sie sich
aber nicht denken knne, auf welche Weise ich das habe erfahren knnen,
obgleich sie annehmen msse, da es so sei, was er ja nun besttigt fand,
ohne zu wissen, wie sehr ich selber gerichtet und in mir zerschlagen sei.
Im Gegenteil glaubte nun er und auch Eleonore, ich sei in meiner groen
Liebe zu dem Mdchen so tief verwundet worden, da ich in Verzweiflung
geraten sei, was sie mir zugute schrieben als einem tiefen und warmen
Gemte, und was sie den Weg, den es genommen hatte, beklagen lie. Sie
sahen aber wohl ein, da aus der Hochzeit nun nichts werden knne, und es
war bereits die Nachricht eingelaufen, da Eleonore fr lngere Zeit
verreise, um dem Gerede in der Stadt aus dem Wege zu gehen, whrend Herr
Kasimir nun aufs neue angebunden sei, bis sich fr ihn eine Lsung finde.
Er habe, sagte Luise mit Stolz, gejammert, da er mich nun wohl auch
verlieren msse, wobei ihr die Augen darber aufgegangen seien, da meine
Berufung in das Haus Hagenau, ber die sie sich so gefreut hatte, einem
doppelten Zweck gedient habe.

Man hat dich, sagte sie, eingefangen fr die stolze Jungfer, und du bist
ahnungslos ins Garn gegangen, weil du ein guter und harmloser Mensch bist;
jetzt, wo nichts aus der Heirat werden kann, fllt auch die Notwendigkeit,
dich im Geschft zu haben, dahin. Du wirst aber, wenn du doch so tchtig
bist, schon etwas anderes finden.

Ich hrte das alles an, ohne etwas darauf zu sagen, es senkte sich aber
immer schwerer und tiefer eine abgrndige Traurigkeit auf mich herab, die
noch dadurch vermehrt wurde, da Luise es vermied, mir auch nur den
kleinsten Vorhalt ber meine Handlungsweise gegen sie zu machen, oder die
Rede auf Maidi zu bringen, sondern nur mit groer Zartheit und Gte um mich
war und alles sagte, was mich beruhigen und trsten konnte ihrer Meinung
nach. Vielleicht hielt sie mich fr sehr schwach und schonungsbedrftig
oder auch fr genug gestraft, wo ich etwa tadelhaft gehandelt habe. Sie
hatte, wie ich wohl merkte, eine wenig gute Meinung von Eleonore, mit der
sie sich nach und nach hervorwagte, so lang ich nicht widersprach, und war
geneigt, sie fr herzlos, kalt und falsch, und mich fr umgarnt und
betrogen zu halten, was ich endlich nicht mehr aushielt. Es war an einem
spten Abend. Luise hatte mich fr die Nacht besorgt und wollte sich
zurckziehen, da es nicht mehr ntig war, bei mir zu wachen, als ich ihre
Hand ergriff und sagte: Ich bin selber an allem schuld; es trifft keinen
Menschen ein Vorwurf, als mich, was auszusprechen mich aber einen solchen
Kampf und Krampf kostete, da ich das bichen Kraft, das mir noch blieb,
zusammenraffen mute, um nicht fassungslos hinauszuweinen.

Ich kehrte mich nach der Wand und verbarg mein Gesicht. Luise aber stellte
die Lampe, die sie schon in der Hand hatte, auf den Tisch und setzte sich
auf meinem Bettrand, um still zu warten, bis sich die hohen Wellen in mir
gelegt htten oder wenigstens mich ihres Dabeiseins zu versichern.

Es wurde mir aber, nachdem ich jetzt angefangen hatte, nicht mehr so
schwer, ja, es schien mir eine Erlsung, mir vom Herzen herunterzureden,
was da angesammelt war. Ich schonte mich nicht und beschnigte auch nichts
von allem, was mein blindes und selbstschtiges Wesen an mir selbst und
andern angerichtet hatte, und mein lang beschwichtigtes und unterdrcktes
Herz kam wieder einmal zu Worte, ohne da ich ihm das Reden verbot, was ihm
zu gleicher Zeit wohl und weh tat. Das will ich nun nicht mehr alles
heraufholen. So wenig ich wollte, da ich diese Stunde nicht erlebt htte,
so wenig knnte ich noch einmal ausbreiten, was mir unter Schauern und
Schrecken als mein Ich gezeigt worden war wie im Spiegel. Es waren oft
genug Boten des lebendigen Lebens an meinem Weg gestanden, und es hatte
mich auch etwas zu ihnen gezogen, aber ich war dennoch dem uerlichen und
Niedrigen in mir nachgegangen, dem ich noch wackere und tchtige Namen
gegeben hatte, um es vor mir aufzuputzen. Die falsche Richtung der Wnsche
und Begierden hatte ich schon lange eingeschlagen, und was ich diesen
Sommer getan hatte, das war alles nur als reife Frucht vom Baum gefallen.
Dabei konnte ich nicht sagen: Da und da hat es angefangen und von da an
mut du bereuen, sondern es war eines aus dem andern gekommen wie aus
einer Wurzel in aller heimtckischen Ehrbarkeit und Strebsamkeit. Ich hatte
Maidi verlassen und Eleonore belogen und die Schwestern verleugnet und in
allem noch recht gehabt wie ein Tugendmensch und braver Brger, weil ich ja
doch kein Wort gebrochen und keinen falschen Eid geschworen hatte. Es war
nicht auf den Grund zu kommen mit dem trben Wasser, und ich schwieg
endlich, mutlos und erschpft, aber mit einem Frageblick in Luisens gutes
und aufrichtiges Gesicht hinein, ob sie vielleicht weiter wisse.

Sie sah schon lange, da es da mit Beschwichtigen und Rechtgeben nicht
gemacht sei; sie nickte, solang ich sprach, hie und da nachdrcklich und
ernsthaft mit dem Kopf, als ob sie danebenher ihre eigene Gedankenfden
spinne. Das war auch so, wie ich gleich sah.

Ach, lieber Ludwig, sagte sie, da mu ich jetzt auch anfangen mit
Bekennen und Bereuen, wenn ich so sagen soll. Ich habe mir schon viel
Gedanken und Herzbrechen gemacht deinetwegen, mit Helene und auch allein.
Vielleicht sind wir an dem, was du da sagst, alle miteinander schuldig. Du
bist uns von klein auf gewesen wie ein goldener Becher, in den wir alle
hineingesehen haben mit Stolz und Hoffnung und auch mit Liebe. Aber die
Liebe hat es vielleicht nicht recht gemacht bei uns. Wir haben dir alles zu
leicht gemacht und alles entgegengetragen, nach was es dich verlangt hat.
Wenn wir gedacht haben, da du es weit bringen sollest auf der Welt, so
haben wir nicht an deine Seele gedacht, sondern an Ehre und Fortkommen und
gutes Bestehen vor den Menschen. Und auch an uns haben wir gedacht, da
einer aus unserem Haus hervorgehe, der mehr sei und hher stehe als wir,
und es ist ein Ehrgeiz in uns gewesen, dich dahin zu bringen. Das andere
freilich, das hat sich fr uns von selber verstanden, da wir an dir Teil
haben und du zu uns gehrst, und da du ein Mensch werdest, an dem man
seine Freude haben knne. Die Mutter hat sich oft gesorgt um dich und
gekmmert, ob alles recht werde. Da haben wir deine Partei genommen und
gesagt, es sei ein Unrecht, daran zu zweifeln. Man msse dir nur immer
zeigen mit der Tat, da du einem wichtig seiest und wert, so kommest du nie
von uns los. Dann, wie wir dich allein gehabt haben, ist es auf und ab
gegangen, das weit du ja. Ich mache dir keinen Vorwurf, lieber Ludwig, du
machst ihn dir ja selber. Das erbarmt mich und erfreut mich auch, wenn ich
ehrlich sein soll, denn ich htte es nicht tun knnen, ich habe es nie
gelernt, dir so etwas zu sagen. Sieh, es haben dich immer alle Leute gern
gehabt, wo du auch hingekommen bist, weil du so die Anlagen gehabt hast,
da du heiter und gesellig und auch gescheit gewesen bist. Das ist dir
alles ganz natrlich gewesen, als ob es so sein mte. Ich sehe alles, wie
es gekommen ist, eins aus dem andern. Es ist wie bei kleinen Kindern: man
mu ihnen hartes Brot zu beien geben, da sie feste und gesunde Zhne
bekommen. Es ist nichts, wenn man es einem Menschen zu gut macht, er mu es
mit der Not zu tun haben und mit Mhe und Sorge, damit er sieht, was es fr
eine ernste Sache ist um das Leben. Sonst geht ihm alles obenhin, und er
meint, es sei sein Recht, da es so fortgehe.

Ich hatte Luise noch nie so viel auf einmal reden hren, da sie sonst eher
still war als gesprchig, und ich merkte, da es ihr eine Wohltat und eine
Vereinigung mit mir bedeutete, sich einmal ber all das auszusprechen.

Sie lschte die Lampe, die anfing zu rauchen und zu spucken und fuhr beim
Scheine des kleinen Nachtlichts, das sie mir angezndet hatte, fort:

Als dann Maidi zu uns kam in der Zeit, da du eine so erwnschte
Lebensstellung gefunden hattest und ein gemachter Mann zu sein schienest,
da waren wir voller Freude. Es deuchte uns ein besonderer Segen auf dir zu
liegen, der dich durch alle Gefahren und Versuchungen hindurch dennoch zu
einem guten Ziele fhre, und wir sagten zueinander, es sei gewi die
Mutter, die von drben herber ber dir wache, obgleich Helene dann
hinzufgte, du habest ja jetzt den besten, sichtbaren Schutzengel um dich
und brauchest keinen andern mehr. Denn wir meinten nicht anders, als es sei
zwischen euch ein Einverstndnis, was allerdings nur davon herkam, da uns
das liebe Mdchen gar so gut gefiel und da wir ihm anmerkten, es sorge
sich um dich und sehne sich nach deinen Nachrichten.

Als Luise das erzhlte, konnte ich nicht verhindern, da mir ein tiefer
Seufzer entstieg, und sie meinte aufhren und mich der Nachtruhe berlassen
zu mssen, sah aber dann selber ein, da ich, berwach und erregt, doch
nicht schlafen knne, ehe wir unser Gesprch zu Ende gefhrt htten, und
sagte: In der unglcklichen Zeit, die dich und uns so viele Schmerzen
gekostet hat, trumte mir einmal, da die Mutter vor dem alten Huschen am
Graben auf dem Bnklein sitze und zu mir sagte: >Es wird ihm nichts
geschenkt, er mu alles teuer zahlen. Man htte ihn sollen als klein hrter
halten, denn es kommt jetzt doch alles auf ihn heraus.< Da wute ich, da
etwas Schweres auf dich wartet, und als du krank und elend heimkamst, war
ich nur froh, da ich dich da habe, denn es war mir, als sei das rgste
schon vorbei, und es komme nun wieder besser. Und du wirst sehen, es kommt
auch.

Dabei sah sie mir mit einem Anflug von Hoffnungsfreude und fast Schelmerei
in die Augen, und ich wute, da sie nun denke, es knne vielleicht, da ich
nun frei sei, wieder ein Weg von mir zu Maidi hin gefunden werden, was ihr
nicht nur ein Glck an sich, sondern auch ein Beweis gewesen wre, da nun
das zchtigende Schicksal seinen Grimm ber mir erschpft htte und mich
fortan durch Gte auf freundlichen Pfaden zum vollen Leben hin zu fhren
gedenke. So lie sie mich, obgleich erregt und aufgewhlt, doch nicht ohne
ein kleines Flmmchen zurck, das, wie das winzige Nachtlicht an die
dunklen Wnde meiner Schlafkammer, blasse und sich trstlich vermehrende
Lichtringe in die Nacht meines Innern warf. Das hatte schon sehnlich darauf
gewartet, da es noch einmal hoffen drfe, und fing begierig an, wenn auch
noch zaghaft und scheu, sich der Entfernten, in der Zeit der Untreue am
meisten Geliebten zu nhern.

Ich war noch fiebrig und schwach und zu nichts fhig, als vor mich hin zu
trumen, meistens mit geschlossenen Augen. Manchmal berfielen mich dabei
die dunklen Geister der Vergangenheit. Es reute mich die Zeit, die mir
verloren gegangen war, die Umwege, die ich gemacht hatte. Mein Stolz bumte
sich auf, wenn ich daran dachte, wie Eleonore und der Doktor ber mich
gesprochen hatten. Olbrich fiel mir ein, und Hertha, und der Zeitler. Ich
war berall unten durch; sie hatten alle recht, wenn sie auf mich
heruntersahen, und ich wnschte, nie mehr aufzustehen. Aber fter und fter
gewann meine genesende Seele die Macht, sich vor dem Dunkeln zu flchten.
Ich konnte noch nicht an Maidi schreiben, und es war mir, als knne ich es
berhaupt nicht, als msse ich zu ihr gehen und ihr alles sagen, und sie
wrde mich nicht von sich weisen, denn sie liebte mich, wie ich war. Ich
lie mir von Luise erzhlen, was sie von mir gesagt hatte, als sie
dagewesen war. Luise sagte lchelnd: Sie meinte, du seiest dir selber
gefhrlich und eigentlich gar kein Kraftmensch, aber sie machte ein so
liebes Gesicht dazu, als ob ihr gerade das das liebste an dir sei. Das kann
auch sein, denn ich glaube, sie hat das Sichere und Bestimmte, das dir
manchmal fehlt, und das will sich gern mit dir vermischen. berhaupt ist
sie ein Mensch, der lieben kann und sich nicht besinnt, welche
Eigenschaften ihr Geliebter haben soll; sondern sie liebt, weil sie liebt,
und aus keinem andern Grunde.

Hat sie dir denn das gesagt? fragte ich verwundert.

Nein, sagte Luise, so etwas brauchen wir Frauen einander nicht zu sagen,
das merken wir auch so.

Dieses Gesprch war mehr als Arznei fr mich. Ich fhlte neuen Saft in mir
aufsteigen und sah den Baum meines Lebens wieder Knospen treiben. Drauen
ging der Oktober zu Ende mit sonnigen, warmen Tagen, hinter denen der
Winter kommen mute, ich aber rief mir den Frhling herauf, der gewesen
war, und schpfte aus ihm die Hoffnung auf einen neuen.

Ich dachte daran, wie Maidi von ihrer Mutter geredet hatte und von ihrer
harrenden Liebe, die durch nichts erttet werden konnte, und wie die
Tochter sich einer gleichen fhig gefhlt hatte. Freilich hatte ich damals
gedacht, Maidi wrde nie solche Schmerzen erleiden, denn etwas so
Kstliches wie sie wrde niemand verlassen, der es besitzen knne, und nun
war ich selber es gewesen, der an ihr gesndigt hatte. Aber darum konnte
ich doch zu ihr zurckkehren, denn sie war treu, daran konnte ich nicht
zweifeln. Alles andere aber mute sich finden und fand sich auch, wenn ich
nur wieder mit ihr einig war.

Manchmal kam mir der unsinnige Gedanke, sie knne auf einmal zur Tr
hereinkommen und an meinem Lager stehen. Ich schlo die Augen und sah sie
vor mir, und mein Herz klopfte ihr entgegen und gab ihr tausend liebe
Namen. So gingen einige Tage vorbei, in denen ich krftiger wurde und nach
dem Aufstehen verlangte, denn es eilte mir auf einmal mit dem Gesundwerden.
Luise war jetzt wieder viel in ihrer Bgelstube, und eines Tages fiel es
mir auf, da sie bla und bernchtig aussehe und rotgernderte Augen habe.
Ich schalt mich, da ich nicht mehr an sie gedacht hatte, die mich mit so
groer Treue gepflegt und mir zurechtgeholfen hatte, denn ich dachte, sie
sei bermdet vom Nachtwachen, aber als ich sie darauf anredete, lchelte
sie traurig und sagte, ich solle mich nicht um sie kmmern, sondern nur
trachten, gesund zu werden, da ich dem Leben wieder gewachsen sei, denn
das verlange viele Krfte, mehr als man ahne. Das fiel mir auf, da sie
sonst so zuversichtlich und wacker dastand, und ich dachte, sie mache sich
Sorgen um mich und mein Fortkommen, mehr als sie zeigen wolle, und nahm mir
vor, sie so recht an allem Guten, das ich doch noch zu erreichen hoffte,
teilhaben zu lassen, so da sie wieder freudig aufatmen knne. In diesen
Tagen kam Helene viel mit den Kindern zu mir, die ich ja noch gar nicht
kannte, und die man mir seither, um mich zu schonen, ferngehalten hatte.
Das kleine Mdchen auf ihrem Arm, das Maria hie, sah mich ernst und
aufmerksam an, bis auf einmal ein Lcheln das ganze runde Gesichtchen
berzog und es wie in Sonnenschein tauchte, whrend das Bbchen sich zuerst
in die Rockfalten der Mutter verkroch und mich aus ihnen heraus musterte,
und dann mit Geschrei fortgebracht zu werden begehrte, weil ich ihm in
meiner Blsse und Hilflosigkeit unheimlich war. Wir befreundeten uns aber
doch nach und nach, und bald kam der Kleine, der meinen Namen trug, auch
allein zu mir. Ich setzte ihn auf meine Bettdecke und sagte ihm Liedchen
vor, die mir aus meiner Kindheit her wieder einfielen, von denen er aber
einige schon kannte und mich berichtigte, da ich sie nicht recht wisse,
die Mutter habe sie ihm anders gesagt, und so mssen sie heien. Es war ein
frhgewecktes und gelehriges Kind mit dunklem Lockenbusch und blauen Augen.
Man sagte mir, er sei eine zweite Auflage von mir, wie ich in seinem Alter
gewesen sei, und ich dachte daran, da mich mein Vater, der Erzhlung nach,
auch so vor sich auf der Bettdecke sitzen gehabt und mich Liedchen gelehrt
habe. Es drngte mich eine warme und dunkle Lust, ein eigenes Kind aus
meinem Blute zu umfassen, und reiche Quellen, die neu aufsprangen, strmten
von mir zu Maidi hin, deren Namen ich im Geheimen den kleinen Ludwig sagen
lehrte.

Ich versuchte das Aufstehen und sa zum erstenmal in einem Korbstuhl am
Fenster, als Lotte Meister mich besuchte. Ich dachte, ich msse mich wohl
sehr verndert haben, da sie mich ernst und bewegt ansah und eine meiner
zart gewordenen Krankenhnde behutsam zwischen ihre beiden festen und
gesunden nahm. Du mut jetzt ein fester und starker Mann werden, sagte
sie; wir warten alle darauf. Es schien, als wolle sie mir noch etwas
mitteilen, was ihr aber nicht ber die Lippen wollte, und als ich sie
fragte, ob sie etwas Besonderes habe, sagte sie hastig, sie komme morgen
wieder, und krzte ihren Besuch ab. Sie trug ein schwarzes Kleid und schien
zu einer Beerdigung zu gehen, und es luteten auch gleich nachher die
Glocken einer entfernten Kirche zusammen, dumpf und schwer. Im Hause war es
still; nur von der Werkstatt herber hrte ich das Kreisen und Schwirren
der Bandsge, das mit scharfem Ton die Luft zerri. Die Glocken drhnten;
es lag ein Nebel ber der Gasse, der zusehends dichter wurde; mir war
schwer und angst zumute. Ich versuchte im Zimmer auf und ab zu gehen, um
meine Kraft zu ben, denn ich mute machen, da ich bald auf die Reise kam,
um Maidi zu finden. Sie mute mich lossprechen und mit mir eins sein, sonst
konnte ich nicht neu anfangen zu leben.

Als nach einiger Zeit Luise zu mir kam, sagte ich erregt, ich msse mit ihr
reden, ich knne es nicht mehr verschieben. Ich htte die ganze Zeit
darber geschwiegen, aber nun halte ich es nicht mehr aus, ich msse Maidi
wieder gewinnen. Wenn sie wirklich zu lieben verstehe, so msse sie auch
ber alles hinberkommen, was uns getrennt habe. Ich dachte nicht daran,
da wir uns ja noch gar nie ausgesprochen hatten, noch nie in Wirklichkeit
geeint gewesen waren; es war mir, als htten unsere Seelen schon lange im
innigsten Verein gelebt und wren nur fr eine kurze und dunkle Zeit
auseinandergerissen gewesen durch meine Schuld. Ich sah betroffen, da sich
Luise ber den Tisch warf und, den Kopf auf die Arme gelegt, lautlos
schluchzte, so da ihre Schultern zuckten vor heftigem Weinen. In meiner
starken Erregung fate ich es so auf, als halte sie es fr unmglich, da
Maidi mir verzeihen knne, oder als wisse sie mit Sicherheit das Gegenteil.
Ich rhrte sie an der Schulter und sagte: So gib doch Antwort, worauf sie
den Kopf hob und, mich mit groen Augen schmerzlich ansehend, tonlos sagte:
Es hilft nichts mehr. Maidi ist nicht mehr am Leben. Sie ist vor einer
Stunde begraben worden, hier in ihrem Familiengrab!

                  *       *       *       *       *

Wenn ich an jene Stunde und an die Tage denke, die darauf folgten, so
wundert es mich, da sie vorbeigingen und da ich sie berstehen konnte. Es
rinnen ja Zeit und Stunde auch durch den rauhsten Tag, aber wer, mit
schwerer Last beladen, jede Minute schmerzvoll auskostet, dem ist ein Tag
eine Ewigkeit, und er sieht ihn herniedersinken in den Scho der Nacht, als
ob das Gestern unaussprechlich lange her wre, und als ob es zu viel
verlangt wre, da er auch noch das Morgen tragen solle.

Dennoch fassen sich auch in solcher Zeit die Stunden an den Hnden, nicht
zu leichtbeschwingtem Tanze, sondern zu langsam schleichendem Gange, der
aber auch sein Ziel erreicht, wie die trge dahinrollende Welle eines
Stromes, der in der Niederung angelangt ist.

Die Meinigen hatten befrchtet, da ich aufs neue erkranken wrde, wenn ich
die Nachricht von Maidis Tod vernhme, die sie aus der Zeitung schon einige
Tage zuvor erfahren und mir noch vorenthalten hatten, bis ich mehr
gekrftigt sein wrde. Sie hatte mit ihrem Bruder eine grere Wanderung
gemacht, nachdem sie die Schluprfung an der Schule hinter sich hatte, und
war beim Baden in dem herbstlich durchsonnten, aber doch eiskalten Wasser
eines Gebirgssees vom Herzschlag getroffen worden und lautlos
untergesunken. Der Bruder, der nher am Ufer war als sie, sah sie, die weit
hinausgeschwommen war, pltzlich verschwinden, schwamm mit starken Sten
auf die Stelle zu, wo das Wasser noch weite, unruhige Kreise zog, und
konnte mit Hilfe eines Schiffmanns, der am Ufer an seinem Nachen bastelte,
den geliebten Leichnam bergen, was alles, mit vielen Zutaten versehen und
ausgeschmckt, in der Stadt, wo die Geschwister noch viele Freunde und
Bekannte hatten, erzhlt wurde und von Mund zu Mund ging.

Der beraubte Bruder hatte dann die Schwester in das Familiengrab zu dem
silberglnzenden Grovater gebettet, dessen Liebling sie gewesen war, und
mit dem man sie so oft hatte durch die Straen gehen sehen, aufrecht, mit
freier und freudiger Haltung und mit erwartungsvoll schreitendem Gange, wie
sich jedermann, der sie gekannt hatte, wohl erinnerte.

Ich wurde nicht krnker, so wohl es mir getan htte, aufs neue ins
Nichtwissen und noch besser Nichtfhlen unterzusinken. Meine gesunde
Lebenskraft hatte fr jetzt einmal den Kampf mit der Krankheit bestanden,
die ihr ohnehin fremd genug gewesen war. Sie lie sich jetzt nicht mehr in
ihrer Erneuerung aufhalten, so schwer und gramvoll es auch dem Bewohner des
jungen und frisch sich aufbauenden Leibes zumute war. Sondern alles, was
sich auf mich strzte: Gram, Sehnsucht, Liebe und Reue und das Heer von
fragenden und vergeblich suchenden Gedanken zwang und trieb mich, aus der
Enge des stillen Krankenstbchens hinauszukommen, wo die Wnde mich zu
erdrcken drohten, um im Freien und in der Bewegung meiner selbst und der
erbarmungslosen Wirklichkeit Herr zu werden.

Es gab Tage, wo sich alles in mir dagegen auflehnte, da es mir so
furchtbar ergehen und ich, als ich dem holden Glck eine Weile den Rcken
gewandt hatte, um eines Irrtums oder eines falschen Triebes willen, seiner
nun auf immer verlustig gehen sollte. Ich zrnte mit Gott, den ich nun auf
einmal anzureden und vorzufordern begann, nachdem ich sonst wenig genug
Verkehr mit ihm gepflegt hatte. Wie ein Kind, das sich allzuhart bestraft
vorkommt um eines Vergehens willen, das ihm eben der herben Zchtigung
wegen klein zu werden beginnt, trotzte ich und bumte mich auf, denn es war
mir, als sei Maidi einzig von mir hinweggestorben, eben jetzt, als ich den
Rckweg zu ihr suchte. Ich htte durch alle Welt hinstrmen und sie zwingen
wollen, mich noch einmal anzuhren. Aber sie war nirgends mehr aufzufinden,
und wenn ich auch Flgel der Morgenrte genommen htte. Einzig jenseits des
Todestores wre sie vielleicht gewandelt, und ich htte ihr begegnen
knnen, wenn ich auch da hindurchgegangen wre. Aber es graute mir vor dem
Gedanken, mit dem ich doch eine Zeitlang gespielt hatte, denn ich dachte
der angstvollen Trume in den Fiebertagen, wo sie fremd und lautlos vor mir
hergegangen und mir immer entschwunden war, wenn ich sie hatte fassen
wollen. Wer brgte mir, da sie auch jetzt sich nicht von mir abwandte oder
mich aus toten, leeren Augen fremd ansah, wenn ich sie traf? Stumm, ohne
ein Wort oder ein Zeichen, da sie meiner noch gedenke, war sie aus der
Welt gegangen, und wenn ich auch in die kalte und furchtbare Einsamkeit
hineinrief, die mich, selbst wenn ich mitten unter den Menschen war,
umfing: Maidi, wo bist du? Gib mir ein Zeichen, nur einmal, da wir uns
berhren und du noch zu mir gehrst, so kam doch nicht der leiseste Laut,
nicht der fernste Traum zu mir. Ich blieb in der Schuld gegen sie und im
Unrecht. Ich mute weiterleben und mich selber tragen; niemand entshnte,
niemand entlastete mich, und die Wirklichkeit sah mich aus unerbittlichen
Augen streng und grausam an.

Bei dem allem war ich begierig zu hren, was sich die Leute, die mehr
wuten als ich, von Maidis Tod erzhlten. Es kam nicht viel Neues hinzu,
aber es war mir jedes Wort kostbar, das von ihr noch in der Luft umging.
Luise, die durch ihr Bgelgeschft mit allerlei Menschen zusammenkam,
heimste es fr mich ein und gab es mir weiter, obgleich ihr weiches und
liebreiches Herz sah, wie ich dabei litt, und lieber geschwiegen htte.

Zum Beispiel sollte der Bruder gesagt haben, das Studieren sei Maidi nicht
gut bekommen; sie sei ber ihre Jahre und ganz gegen ihre Natur ernst und
still geworden. Sie habe auf jener Wanderung ein paarmal von ihrem Herzen
gesprochen, das nicht mehr so leicht und frhlich schlage wie einst und
habe dann aber hinzugefgt, es mache nichts, denn ein leichtes Leben sei
ein leeres Leben, nach dem es sie nicht verlange. Der Bruder habe den
Eindruck gehabt, als sei ihr etwas Schweres widerfahren, und habe sie
gefragt, ob ihr jemand ein Leid zugefgt htte, da habe sie mit lieblichem
und traurigem Lcheln gesagt: Liebes und Leides; es ist aber noch nicht zu
Ende. Es geht mir wie der Mutter, ich mu warten.

Dabei habe sie so fest und geradeaus wie in eine Ferne gesehen, aus der das
Erwartete herkommen solle, da der Bruder gedacht habe, sie knne
herbeizwingen, was sie wolle, nur durch unentwegtes Warten.

Es sei ein sonniger Tag gewesen am letzten Oktober. Die Geschwister seien
an dem Gebirgssee angekommen, der wie ein groes, klares Auge oder wie eine
Opferschale voll geweihten Wassers still und glnzend in der Sonne lag, und
Maidi habe sogleich gesagt, hier wolle sie schwimmen, und zwar bis ans
jenseitige Ufer, an dem der Erzhlung der Leute nach eine Wiese voll
blhender Herbstenziane liege. Der Bruder habe anfangs keine rechte Lust
bezeugt und sei am Ufer geblieben, indes Maidi, wohlig auf dem Rcken
liegend, von dem durchsonnten Wasser sich habe tragen lassen, bis sie auf
einmal gesagt habe: Jetzt schwimme ich hinber, komm doch nach, und
angefangen habe, sich rasch von ihm zu entfernen. Da habe es ihn auch
darnach verlangt, und er habe die Kleider abgeworfen, sei aber noch nicht
weit gewesen, als sie pltzlich gesunken sei und also von ihm weg an einem
Ufer gelandet, wohin er ihr nicht habe folgen knnen.

Sie habe dann im Sarg einen vollen Kranz der dunkelblauen spten Blten im
Haar gehabt, unter denen sie feierlich und geheimnisvoll aussehend mit
geschlossenen Augen und leicht geffnetem Munde gelegen sei, so da man sie
nur htte fragen mgen, welches Wissen ihr noch im letzten Augenblick, eh'
ihr Herz stillstand, gekommen sei.

Alle diese Dinge mute ich wie einer, den sie nichts angingen, von fremden
Leuten erfahren, die heute davon und morgen von etwas anderem redeten,
indes ich sie ins Herz sammelte, um davon zu zehren, wenn ich verschmachten
wollte.

Ich suchte, so bald ich irgend konnte, das Grab auf, das mir aber kein
liebes Gefhl der Nhe der Geliebten gab, sondern nur eine strenge und
starre Besttigung davon, da sie sich verborgen habe vor mir und aller
Welt. Sie, die sich nicht hatte ersttigen knnen an allen Hhen und Weiten
und die ihre Arme dem Licht entgegengebreitet hatte, da es sie ganz
umfange, hatte nun ein so enges und schmales Bett und Erde auf ihrem lieben
Gesicht. Sie wanderte nie mehr mit mir durch die rauschenden Wlder,
sondern lag still an den alten, kniglichen Herrn angeschmiegt, der ihres
Blutes und ihrer Art war, was mich in aller Betrbnis noch mit einer Art
von Eifersucht erfllte, so lcherlich das im Grunde war.

Als ich durch die Stadt zurckging, kam ich zufllig an dem alten
Patrizierhaus vorbei, das Maidis Heimat gewesen war, und sah einen Wagen
vor demselben stehen, auf den allerlei Hausrat, Kisten, Teppichrollen und
dergleichen aufgeladen wurde. Wie fremd und verwundert vor der taghellen
und nchternen Umgebung stand eine groe, uralte geschnitzte Truhe aus
schwerem Eichenholz zwischen dem andern Gerte, die ich sogleich als die
von Maidi auf jener Wanderung mit Olbrich geschilderte erkannte, und die
also ihr kleines Erbe enthielt, das irgendwohin wanderte, Gott mochte
wissen, wo. Ein Mann brachte unter jedem Arm ein Gemlde in Goldrahmen
hergeschleppt. Sie wurden auf dem Wagen in grne Tcher eingeschlagen, und
ich sah, eh' sie verschwanden, leuchtende, sonnige Landschaften unter
blauem Frhlingshimmel. Eine Flut glnzte auf, Bltenbume schimmerten,
dann lagen die lichten und freudigen Gebilde wieder auf ihrem Angesicht,
wie sie es lange in der dunkeln Kammer hatten tun mssen. Vorber,
vorber, dachte ich. Es war ein Leuchten in meinem Leben, aber es ist
ausgelscht.

                  *       *       *       *       *

Eines Tages ging ich in schweren Gedanken am Ufer des breiten und mchtigen
Flusses hin, der an meiner Vaterstadt vorbeistrmt. Er war voll vom vielen
Regen der letzten Tage, und seine Wellen eilten rauschend und unaufhaltsam
in ihrem Bette dahin. Die Ufer lagen im Nebel, der die Bume auf der andern
Seite einhllte, so da ihre Stmme und Kronen aus dichten Schleiern
sonderbar fremd und schweigend herbersahen. Stumm und schattenhaft flog
ein Schwarm von Krhen ber mir hin, in den Nebel hinein; kaum da man ihre
Flgel rauschen hrte. Eine alte, zerklftete Weide hngte nackte Zweige in
das Wasser, das sie hob und senkte im raschen Vorbereilen. Ich war allein
und fremd, denn ich fand den Weg nicht mehr ins Leben zurck. Hier hatte
ich in glcklichen Kindertagen Kiesel auf dem Wasser tanzen lassen, hatte
den Schiffern, die ihre Fle stromabwrts steuerten, zugerufen und mit
frhlichen Kameraden Weidengerten geschnitten. Es war noch der Flu meiner
Kindheit, der einst blau und pltschernd geflossen war, der mich als
krftigen Schwimmer auf dem Rcken getragen und an kiesige, durchsonnte
Ufer lachend ausgesetzt hatte. Jetzt strmte er mit schweren Wellen eilig
und gleichgltig an mir vorber, als ob er mich nicht mehr kenne, und seine
Ufer lagen im Nebel, wie mein Leben. Ich dachte, ob es nicht besser wre,
wenn ich mich in das trbe Wasser gleiten liee und von ihm unaufhaltsam
fortgetragen wrde, da dann alles auslsche, was drckend auf mir liege,
und ich mit. Da tauchte aus dem Nebel ein Pfahl auf, an dem eine
Bildertafel befestigt war, die ich aus meinen Kindertagen her wohl kannte.
Sie stellte in ungeschickter Malerei, die auch schon ziemlich verblat und
verwaschen war, eben dieses Ufer dar, von einem Hochwasser des Flusses
berschwemmt. In hohen Wellen und weiem Gischt war ein versinkendes
Fuhrwerk zu sehen, dessen Lenker samt den Gulen noch halben Leibes aus der
Flut herausragte, ihr aber nicht mehr zu widerstehen vermochte. Wir hatten
als Buben unser Vergngen an der Schilderei gehabt, da in einer
mangelhaften Schreibweise mit vielen orthographischen Fehlern den
Vorbergehenden empfohlen wurde, fr die Seele des Ertrunkenen, der ein
Mller gewesen war, zu beten, und der Maler gleich zur Untersttzung seiner
Ermahnung einige wei gekleidete Mllerskinder in engen Kamislchen und mit
andchtig aufgehobenen Hnden auf dem Bilde angebracht hatte. Sie hatten,
da es lauter Buben waren, sonderbar starrende weie Zipfelmtzen auf und
sahen nicht viel anders aus als aufrecht stehende Kaninchen mit gespitzten
Ohren, was alles zusammen uns vielen Spa machte. Heute las ich zum
erstenmal mit leidvoller Aufmerksamkeit den Text, da ich auch am Ertrinken
war, wie der Mller, wenngleich durch andere Fluten. Es hie:

    Glck und Unglck, beide trag' in Ruh',
    Alles geht vorber, und auch du.

Hier ist mit Ro und Wagen in den Grund gefahren und vertrunken der Mller
Daniel Jungbluth, dessen Seele Gott gndig sein wolle. Wanderer, der du
vorber gehst, versume nicht, frzubitten, denn du weiest nicht, ob auch
du der Frommen Gebete brauchest, wenn du von hinnen gefahren bist.

Da wei ich nun nicht zu erklren, woher mir auf einmal beim Lesen etwas
wie gelinder Trost durch die Seele flo, als ob mich eine sanfte Hand leise
berhre und den grauen Wolkenvorhang meines Innern lfte. Alles geht
vorber, und auch du, sprach es in mir, und was mir vorher schrecklich und
trostlos gewesen war, nmlich das Vergehen, barg auf einmal Trost und
Hoffnung in sich, da nicht nur das Liebe und Schne verging, sondern auch
das Schwere und Traurige. Ich mute es tragen. Aber nicht fr immer, es
hatte alles ein Ende und ein Ziel, und auch ich hatte es, ohne da ich es
mir vorzeitig setzte. Irgendwann strmten alle Wasser ins Meer, die klaren
und die trben, und vereinigten sich am Herzen der Mutter, nach der sie in
Sehnsucht hingewallt waren.

Wie es aber geht, wenn die Nebel anfangen, sich zu heben und ein Stck Flu
und Tal ums andere im lieben Lichte liegt, so folgte dem Lichtblick ein
anderer, da mir auch Maidis Tod nicht mehr als eine Flucht vor mir
erschien, sondern als die Erfllung ihres eigenen Schicksals. Auch sie war
vorbergegangen in all ihrer Lieblichkeit. Sie hatte das Leben zu erfassen
gemeint, dem ihr Herz zrtlich und sehnlich entgegenklopfte und war in
ihrer goldenen Jugend an das jenseitige Ufer hingerufen worden, um
vielleicht dort neue Auftrge entgegenzunehmen, ein anderes Leben zu
fhren, zu dem ich keinen Zutritt hatte. Ich mute es aufgeben, sie
ngstlich und leidenschaftlich zu suchen und ihr nachzurufen, und hatte
nichts zu tun, als mein Leben zu leben und daraus zu machen, was irgend
mglich war. Das zu denken und mir vorzusetzen, schuf mir eine freie,
einsame Khle, in der die tobenden Schmerzen, aber auch die Selbstvorwrfe
und die mutlose Schwche vergehen muten und aus der heraus es einen Weg
gab, zur einfachen Pflicht zurckzukehren, in der so viele Menschen leben
muten ohne hohes Glck und berschwengliches Hoffen.

Doch erreichte ich diese Lebensmglichkeit freilich nicht auf einmal und
nicht ohne viel bung im Fahrenlassenknnen, im Stillen und Geschweigen der
begehrlichen Sinne, im Wegblicken von der Vergangenheit, der lieben und der
schlimmen, und nicht ohne williges Eingehen auf einen neuen Weg, der sich
vor mir auftat, ohne da ich ihn gesucht hatte.

                  *       *       *       *       *

Ich hatte einige Male gesehen, da Luise mitten am Werktag ausging, was sie
fr gewhnlich nicht tat, in gutem, sorgfltigem Anzug und mit Handschuhen
versehen und mit einer gewissen feierlichen Wichtigkeit. Da sie mir aber
nicht von selber sagte, was es bedeutete, fragte ich auch nicht, obgleich
mir ihr Gesicht und Wesen beim Heimkommen irgend etwas ausdrckte, als ob
die Gnge mit mir zusammenhingen. Das war auch der Fall, wie ich bald
erfuhr.

Mitten in der Stadt lag in einer schmalen Strae des Geschftsviertels ein
Buchladen, dem seit vielen Jahren ein Mnnchen vorstand, das ich schon seit
Knabengedenken als alt und engbrstig in Erinnerung hatte. Man sah es
hufig, wenn die Sonne ber die hohen Dcher stieg, vor der Tr stehen und
sich hndereibend an dem bescheidenen Strhlchen wrmen, das die Strae
erreichte, dann sein Schaufenster betrachten und hstelnd wie ein rechter
Asthmatiker wieder in den Laden zurckkehren. Diesen hatte ich in meiner
Schlerzeit nie besonders angesehen, da im Schaufenster allerlei altes,
verstaubtes Zeug lag, das mich nicht im mindesten interessierte. Es war ein
Antiquariat, das der Alte neben dem Wichtigsten an neuer Literatur, das er
auch fhrte, mit Liebe und Sorgfalt betrieb. Gott mochte wissen, wo er in
seiner Gebrechlichkeit die seltenen Exemplare, die alten Ausgaben rar
gewordener Werke, geschmckt mit Kupferstichen oder ausgezeichnet durch
wertvolle Handschriften, auftrieb, die er den Kennern hstelnd und
hndereibend vorzeigte. Man sagte von ihm, er sei arm geblieben, weil er
sein Herz so an die Schtze gehngt habe, die er in den staubigen Regalen
seines Ladens angehuft habe, da es ihn jedesmal einen Kampf und schweren
Abschied koste, wenn er etwas davon verkaufen solle, so da die Kunden, die
ihn nher kannten, alle Listen anzuwenden gentigt seien, um berhaupt das
Beste und Seltenste gezeigt zu bekommen, wovon die ergtzlichsten
Geschichten im Umlauf waren. Dieses Mnnchen nun war allmhlich so
asthmatisch geworden, da es seiner Sache nicht mehr vorstehen konnte, und
mute sich zu dem bittern Geschft des Verkaufens oder Verpachtens
entschlieen, welch letzteres ihm das Leichtere schien, da es seiner
Meinung nach immerhin sein konnte, da ihm eine Kur, die es anzuwenden
gedachte, noch einmal freien Atem und Leichtfigkeit verschaffte, und es
dann von neuem anfangen konnte, zwischen den Bchern herumzustbern. So
wenigstens hatte Luise gehrt und hatte den Bchermann aufgesucht, weil
sie erfahren wollte, ob da vielleicht etwas fr mich herausspringe. Der
Alte, der mitrauisch und zurckhaltend war, hatte an der treuherzigen
Einfachheit und aber auch ehrenhaften und klugen Biederkeit meiner
Schwester Wohlgefallen gefunden und sie hatte ihm, so viel er es hatte
leiden mgen, von mir erzhlt. Darauf hatte er, wie ich spter erfuhr,
schmunzelnd gesagt: So, so, also er ist auf die Nase gefallen zu guter
Zeit noch? Das tut ihm nichts, das tut ihm gar nichts, im Gegenteil, wen
die Gtter lieben, den lassen sie beizeiten einen Knacks bekommen, wobei
er so lachen mute, da ihm der Atem knapp wurde und er blaurot im Gesicht
wurde. Das alles erschreckte Luise so sehr, besonders auch die heidnische
Gttermehrheit, die er als schicksalswaltend anfhrte, da sie schon
anfing, zu bereuen, sich in mein Geschick gemengt zu haben, als der Alte
sich erholte und ernst werdend sagte: Man kann es natrlich auch anders
ausdrcken, +item+, es ist nicht immer gut, wenn einem alles glatt
hinausgeht. Darauf fing er an, sich mit ihr auf das Geschftliche
einzulassen, wegen dessen sie allein zu ihm gekommen war; denn sie hatte
wissen wollen, ob die Ersparnisse, die sie in den letzten Jahren gemacht
hatte, wohl hinreichend wren, mich in das Geschft hineinzusetzen, falls
ich Lust dazu htte.

Das wre nun nicht der Fall gewesen, wenn der Alte nicht eine besondere
Freude an Luise gehabt und ein Vertrauen zu ihr gefat htte, so da er die
Bedingungen leicht und mglich machte.

Das alles erfuhr ich erst viel spter; es wre mir sonst noch schwerer
gefallen, als es ohnehin geschah, auf den Plan, den sie mir zgernd und
halb verlegen eines Abends unterbreitete, einzugehen. Ich hatte mir jetzt
vorgenommen, meine Zukunft und alles, was ich noch erreichen wollte, nur
von meiner Arbeit und streng zusammengerafften Kraft abhngig zu machen und
sollte nun ein neues Opfer von Luise annehmen und wieder gewissermaen
etwas Zuflliges ber mich entscheiden lassen. Doch sah ich, mit welcher
Begierde Luise auf meine Entscheidung wartete und wie lieb und wertvoll es
ihr war, mich in ihrer Nhe zu behalten, und dachte, da doch sonst nirgends
auf Erden ein Mensch nach meiner Gegenwart verlange, so knne ich wohl hier
bleiben, und es kam auch gleich etwas wie ein Heimatsgefhl ber mich, als
ich in Gedanken so weit war. Auch verstand ich mich mit dem alten
Buchhndler besser, als ich fr mglich gehalten htte, da ich mich nun
selber mit ihm ins Benehmen setzte. Er war ein grndlich gebildeter Mensch,
der aber nach irgendwelchen schweren Schicksalen und nachdem ihm die
nchsten Menschen gestorben waren, sich in sich selbst und seine Bcherwelt
zurckgezogen und uerlich etwas Ungepflegtes, Uhuartiges bekommen hatte.
Wenn man aber die dicke Staubschicht, die auf ihm sa, hinwegblies, um ihn
jetzt mit einem seiner alten Folianten zu vergleichen, so kam allerlei
Lesenswertes zum Vorschein, schnrkelig und grillig zwar, und in einer
seltsamen Sprache, aber nicht ohne einen trockenen Humor und nicht ohne
Geist, was mancher seiner Kunden wohl wute, der gern ein lngeres Gesprch
mit ihm fhrte auer dem Geschftlichen, und der auch in Letzterem sich
gern von ihm beraten lie, so belesen er selber sein mochte. Kurzum, ich
sah, da es nicht das Erbe eines alten Trdelmannes zu bernehmen galt,
sondern eher die sorglich gefllte Schatzkammer eines Sammlers, der mit
leuchtenden Augen unter verwilderten Brauen hervor seine Lieblinge
betrachtete und sie am liebsten alle mitgenommen htte. Ich gewann
Interesse dafr und verga zum erstenmal wieder etwas von meinen eigenen
Kmmernissen im Durchstbern der Bcherreihen, die sich in einem langen,
schmalen Gemach hinter dem kleinen Laden hinzogen, und die ich an ein paar
Abenden mit dem Alten nach Ladenschlu betrachtete. So ein Einsiedler und
Sonderling wirst du nun auch nach und nach werden, dachte ich freilich
dabei, aber es machte mir im Augenblick keine Beschwerden, denn es fiel mir
leichter, mich hier zu bergen in die Abgeschlossenheit des kleinen Ladens,
als irgendwo drauen auf der Welt, die mich gar nicht lockte, wieder neue
Fahrten zu tun und mit vielen Leuten meines Alters zusammen zu sein. Auch
machte sich, als wir wirklich bereingekommen waren, da ich das Geschft
auf eigene Rechnung fhren solle und der alte Uhu mit scheuem Flgelschlag
hinausgeflattert war, doch bald geltend, da ich etwas gelernt hatte und
jung war, so da ich in manchen Zweig des Betriebs einen frischen Zug
brachte, ohne dabei das Eigenartige zu verlieren, das der Alte gepflegt
hatte.

Ich lebte zurckgezogen, ohne Gesellschaft zu suchen, denn es war alles
noch zu frisch, was ich erlebt hatte, und es ging mir zu viel nach, als da
ich htte unter Menschen gehen mgen. Ich hoffte, meine Schwester Luise
werde zu mir ziehen und mir das Hauswesen fhren, so da wir dann
beieinander eine Heimat gehabt htten. Aber sie wollte nicht. Komm zu
mir, so viel du willst, sagte sie, je fter je lieber, und ich will auch
nach dir sehen, so viel es dir recht ist, doch soll jedes in seinem
Eigentum und Lebenskreise bleiben, so da es frei und natrlich leben kann,
wie es ihm pat. Ich merkte wohl, da sie dachte, sie wrde mir ein
Hindernis sein, falls ich mich einmal zu verheiraten gedchte, oder ich
wrde, behaglich bei ihr eingesponnen, die Lust dazu verlieren, und stritt
nicht mit ihr, obgleich ich zu wissen meinte, da der Gedanke an Liebe und
Heirat hinter mir liege fr alle Zeit. Sie brachte aber viele Abende bei
mir in der kleinen Wohnstube hinter dem Laden zu, die sie behaglich fr
mich eingerichtet hatte und in der sie immer wieder einen kleinen Schmuck
oder eine neue Bequemlichkeit anbrachte, und hatte den dienstbaren Geist,
der mir das Hauswesen in Ordnung hielt, gut im Zug, so da mir nichts
abging im ueren. Wenn sie sah, da ich trbsinnig war und mich qulte, so
lockte sie mich, da ich Helene aufsuchte und mich an ihren Kindern
erfreute, und hatte immer neue hbsche und liebliche Zge von ihnen zu
erzhlen. Manchmal kam auch Lotte Meister mit ihr, und wir saen behaglich
zusammen und plauderten, oder wir machten an schnen Abenden noch einen
Gang und kehrten irgendwo ein, wo es uns gefiel. Da lernte ich nun im
hufigen und anspruchslosen Verkehr mit den beiden eigentlich zum erstenmal
recht die gesunde Kraft ihres klugen, einfachen Wesens kennen, den
unverbildeten Verstand, die Schlagfertigkeit ihrer Rede, mit der sie so
recht den Nagel auf den Kopf zu treffen wuten, und den Mutterwitz, der
sich nach und nach herauswagte, als sich mein trbseliger Ernst erhellte.
Lotte Meister war die Lebhaftere von beiden; sie wute mich aus aller
Schweigsamkeit herauszulocken und immer neue Dinge aufs Tapet zu bringen,
ber die ich Bescheid geben, mich verantworten, die ich erklren oder
verteidigen sollte. Dabei stellte sie ihre Unwissenheit in allen Sachen,
die man durch Lesen oder Studieren erwirbt, gar nicht in Abrede, zeigte
aber keinerlei Verlegenheit darber, sondern eher eine Art von frhlicher
Unbekmmerlichkeit. Sie war sich darin und in allem Wesentlichen gleich
geblieben, wie sie von jeher gewesen war. Es war aber nicht so weit her mit
ihrem Nichtwissen, sondern sie kannte sich besser aus auf der Welt als
mancher, der die Nase kaum aus den Bchern erheben mag; nur lie sie sich
die Sachen gern mndlich vortragen gleich einem Regenten, der sich von
seinem Kanzler oder Minister Vortrag halten lt, um das Wichtigste nahe
beisammen zu haben, und bte auch, kaum da sie aufmerksam zugehrt hatte,
ihre Kritik daran, an der gut zu merken war, wie hell es in ihrem Kopfe
zuging. Meine Schwester Luise sah und hrte mit innigem Vergngen zu, wenn
wir uns zuweilen stritten und einander sogar freundschaftliche Grobheiten
an den Kopf warfen; denn es war ihr alles ein Zeichen meiner
Wiederherstellung und meines Heimischwerdens in dem neuen Leben, an dem sie
sich durch ihren Eingriff in mein Schicksal mitverantwortlich fhlte. Sie
war auch froh, schon um Helenens willen, da ich mich mit dem Schwager gut
vertrug, soweit das bei unseren verschiedenen Naturen mglich war. Er war
ja ein tchtiger Arbeiter, der sich und die Seinen vorwrts brachte, und
auch ein sorglicher Familienvater, aber eng begrenzt im Denken, und ich
traute auch immer noch nicht, ob nicht die Sparsamkeit seine Haupttugend
sei, auf die er sich am meisten zugute tue. Doch hatte ich keinen Grund,
mit hheren Tugenden zu prahlen, und war berhaupt mehr gewillt als frher,
die Menschen zu nehmen wie sie waren, da man ja bei mir auch so manches in
den Kauf genommen hatte. Da die Schwestern glcklich waren ber die gute
Neuordnung der Dinge, und da Lotte Meister, die ich immer noch in einem
leisen Verdacht gehabt hatte, als sehe sie ein bichen auf mich herunter,
sich von mir belehren lie und mich ersichtlich zu respektieren anfing, tat
meinem Herzen wohl; es wre aber auf die Dauer doch nicht genug gewesen. Es
gab sich aber nach und nach von selbst, da ich auch wieder anderen Umgang
gewann.

                  *       *       *       *       *

Mein Vorgnger hatte mir unter vielen gleichgltigen, die es wie berall
gab, einen Stamm von Kunden hinterlassen, die das Bcherkaufen mit Liebe
und mit feiner Witterung fr das Bleibende und Wertvolle betrieben. Manche
unter ihnen hatten nur schmale Geldbeutel, aber sie hatten eine durstige
Liebe zum Schnen und Geistigen und hatten Verstndnis fr das Echte. Sie
lieen sich alles zeigen und htten am liebsten das Feinste und Beste
gekauft, wenn sie gekonnt htten. An solchen Kunden war nicht viel
verdient, und doch gewann ich mehr von ihnen als Geld, denn es spannen sich
durch den einen oder andern von ihnen wieder neue Fden herber und hinber
zwischen mir und der Menschheit. Darber knnte ich manches sagen. Was ich
frher in unreifem Lebensverlangen gewnscht hatte, nahen Verkehr mit den
Besten und ein Dazugehren mit Fug und Recht, das wurde mir jetzt, als ich
es nicht mehr von den Bumen zu schtteln begehrte, nach und nach ganz von
selbst zuteil. Ich trat aus meinem engen Lebenskreise, in den ich mich wie
in ein Schneckenhaus verkrochen hatte, wieder mehr heraus, nicht um zu
sehen, was es etwa fr mich selbst zu erobern gebe, sondern um mich
irgendwie ans Ganze und Lebendige anzuschlieen, das drauen vorbeiflutete,
und ohne das ich so wenig wie ein anderer Mann auf die Dauer bestehen
konnte. Da fand sich's nun, da ich bisher mich selber viel zu wichtig
genommen hatte, da es in der ffentlichen Gemeinschaft so viele Dinge gab,
fr die zu denken und zu sorgen und um die sich zu ereifern es der Mhe
viel mehr wert war und ber die man sich selbst zurckstellen, ja vergessen
konnte. Wenigstens schien es mir damals so. Es wird aber beides seine Zeit
und seinen Wechsel brauchen, das Eigene und das Allgemeine, und ein Aus-
und Einatmen sein, und das eine kann nicht ohne das andere bestehen. Wenn
die Welle im Meer hin und her geworfen worden ist, so kehrt sie doch wieder
in die stille Bucht am Ufer zurck, wo grne Baumwipfel sich flsternd ber
sie hinneigen und wo Heimat zu sein scheint; aber dann zieht das groe und
allgemeine Strmen sie wieder hinaus in rastloser Bewegung. Was mich
betrifft, so hatte ich mich fr einmal genug mit mir selbst herumgeschlagen
und begehrte nichts, als mitzuerleben, was es Allgemeines gab, was freilich
wieder zu meiner eigenen Beruhigung und meinem Nutzen diente und so den
Kreislauf besttigte, in den wir alle eingeschaltet sind.

Denn je mehr ich am ffentlichen Leben teilnahm und es mir wichtig sein
lie, je nher traten mir auch diejenigen unter den Menschen, die etwa
hnlich dachten und fhlten wie ich, so da ich Freunde und
Gesinnungsgenossen und auch ein geachtetes Ansehen gewann und ich wohl
sagen kann, ich habe gefunden, als ich nicht mehr gesucht habe, und
freilich auch zu einer Zeit, in der ich es nicht so stark begehrte.

Es ging mir aber auch noch mit etwas anderem so, das wieder mich allein
anging. Als ich nmlich aufgehrt hatte, der liebsten Seele durch
unendliche Rume nachzujagen und ich sie ganz und fr immer hergegeben
hatte, fand sich's, da Maidi mir nher und unverlierbarer schien, als
zuvor. Ich sah sie nicht mehr, und sie konnte mich nicht mehr lossprechen,
nicht neben mir hergehen auf allen Wegen, aber ich konnte so leben, wie es
ihrer lauteren, aufs wesentliche gerichteten Art gefallen htte und mich
mit ihr einiger finden als manchesmal, wo ihre hellen Augen erstaunt und
vielleicht traurig auf mir gelegen waren. Es fielen mir viele Dinge ein,
die wir einst miteinander erlebt und gesprochen hatten; sie lagen mir jetzt
klarer am Tage als damals, wo mich die Lust, zu scheinen und mich
hervorzutun, oberflchlich und unaufmerksam gemacht hatte. Und ich wurde
durch die Sehnsucht meines beraubten Herzens in die Welt des Innerlichen
und Unvergnglichen hineingefhrt, nicht um Maidis, sondern um meiner
selbst willen, doch war sie auch darin, unverloren, liebend und geliebt.
Sie hatte sich gewnscht, ohne Schuld und ohne die Schmerzen der Reue
hinzugehen; das war ihr zuteil geworden, mir nicht. Ich war von anderem
Stoffe, und das Leben brauchte andere Mittel, um etwas aus mir zu machen,
und braucht sie noch. Denn ich kann ja, wie man zu sagen pflegt, nicht aus
meiner Haut heraus und habe mit den Mngeln meiner Natur immer Krieg zu
fhren. Doch habe ich sie wenigstens erkannt und gehe ihnen zu Leibe, wo es
sein kann. Oft habe ich den alten Adam, wie die Theologen das nennen, was
uns Anererbtes im Blute liegt, am Kragen, bald er mich, und wir raufen uns
miteinander herum. Ich habe aber einmal, als ich die Taschen eines alten
Rockes aussuchte, eh' ich ihn verschenkte, einen kleinen, gnzlich
zerknitterten Zettel gefunden, dessen blasse Schriftzge dennoch wohl noch
zu lesen waren, und der mir jetzt wie ein neubelebtes Vermchtnis einer
lngst Gestorbenen erschien, nachdem ich ihn einst nur in einer flchtigen
Abschiedsstimmung mit leiser Ahnung des Inhalts gelesen und vom Nhtisch
der Brigitte Hagenau an mich genommen hatte. Er hie: ----doch nahm ich
zu allem, was mir begegnete, diese eine Stellung ein. Es sei Liebes oder
Leides gewesen, so sagte ich ihm: >Ich lasse dich nicht, du segnest mich
denn.< Und so habe ich schlielich, wenn auch mit verrenkter Hfte, den
Sieg behalten und bin nun dennoch----

Ich las die Worte an dem kleinen Fenster der Kammer, in der mein
Kleiderschrank stand, solang noch der Auslufer, dem ich den Rock schenken
wollte, drauen auf mich wartete, und es war mir, als ob ich sie nun wohl
auch nachsprechen drfe, wie man bei einem Dichter oder Weisen unversehens
in Form gefat findet, was unbewut und doch lebendig in einem lag und nun
auf einmal ist, als habe man es selber gesagt.

Denn es dnkte mich, als ob auch ich zu meinem Schicksal, in mir selbst
und auer mir, sage, indem ich mit ihm kmpfe und ihm das Beste
abzugewinnen versuche: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn, wie es
einst das verwachsene und dennoch hochragende Frauenbild, das den Zettel
schrieb, zu dem seinen gesagt hatte, und vor ihm viele bis zu dem Erzvater
hin, der an der Furt Jabok mit dem Gotte seines Lebens rang. Es sollte
nichts umsonst gewesen sein, und nicht hinter mir in nichts zerflieen, was
einst mein Leben erschttert hatte. Schmerzen, die ich erlitten und die ich
andern zugefgt, Torheiten, die ich begangen und die sich schwer bestraft
hatten, standen wohl hin und wieder auf und fielen mich an, aber ich
wollte, da sie zu Krften wrden in mir, die mir zu einer neuen und
lebendigeren Einheit hlfen. Das hatten sie auch schon begonnen. Aber was
hie es denn bei mir, wenn ich auch sagte: Und bin nun dennoch...? Was
war ich denn nun dennoch oder wenigstens, was wollte ich dennoch sein?

Da meldete sich ein Stimmlein, zaghaft und trotzig in einem, das in hellem
Silberton aus der wohlverschlossenen Kammer meines Herzens hervorrief, es
wisse wohl, was damit gemeint sei. Nmlich ich wolle noch was Rechtes mit
mir anfangen, die getrbten und verschtteten Brunnen meines Daseins wieder
in klaren Flu bringen und kein Einsiedler oder suerlicher Junggesell
werden.

Sondern weil es noch an der Zeit sei, wolle ich trachten, hereinzuholen,
was mglich sei, und mich nicht mutlos ausschlieen vom vollen Leben, denn
ich spre ja selber den aufsteigenden Saft in mir, wie in einem
zurckgeschnittenen Baum, der wieder ans Ausschlagen denke.

Da ging dann freilich der Krieg in mir von neuem an, denn die grauen
Geister der Niedergeschlagenheit waren stets bereit, den freudigen Krften
den Mund zu verbieten, die mich wieder bergan fhren wollten. Sie stellten
sich fromm und tugendhaft und wollten mir weismachen, da es fr mich nicht
so gemeint sei, da ich bereits genug auf dem Kerbholz habe. Es sei besser,
schweigend und aber freundlich und ergeben beiseite zu stehen, meinen Beruf
auszuben, woran sich mancher rechte Mensch gengen lasse, und, der
Vergangenheit gedenkend, von der Zukunft nichts fr mich zu verlangen. Das
trotzige Engelsbbchen aber, das zuerst gesprochen hatte, erhob einen
groen Lrm, strampelte mit Hnden und Fen und rief, rittlings auf der
Herzkammertr sitzend: Nichts da, sondern es wird aus allen Krften
gelebt, damit es dann, wenn einmal gestorben sein mu, etwas Rechtes
aufzugeben, niederzulegen und zu hinterlassen gibt. Das kam mir auf einmal
frmmer vor als die graue Weisheit, und weil es mir auch sonst wohlgefiel,
so fing ich an, auf das helle Stimmlein zu hren, das mir tglich Neues zu
sagen wute und noch wei, und das seinen Willen durchzusetzen strebt.

Es kam ihm freilich allerlei zu Hilfe, was ich nicht verschweigen will.
Eines Tages stand unter der Tr meines Ladens, den ich auszurumen soeben
beschftigt war, um seinen Inhalt in einem greren und besseren Lokal
unterzubringen, Herr Kasimir Hagenau, den ich seit meiner Flucht nicht mehr
gesehen hatte. Er begrte mich mit einiger Verlegenheit, die sich aber
bald verlor, als er mich, wie er sah, in guten Umstnden und einer nicht
unfreudigen Sicherheit des Auftretens fand, und sagte aufatmend, es gehe
ihm schon lange nach, da wir uns so ganz fremd geworden seien. Er habe
immer noch eine Vorliebe fr mich behalten, und es sei ihm leid genug
gewesen, da es damals so gegangen sei. Indessen msse man es nehmen, wie
es komme. Er redete ein wenig um den heien Brei herum, wie man sagt, da er
nicht wute, ob er bei mir die vergangenen Dinge kecklich berhren drfe,
und noch in der Meinung lebte, ich sei, in groer Liebe zu seiner Nichte
stehend, grausam enttuscht und geschlagen gewesen, was ja auch, freilich
in einer andern Richtung, der Fall war. Da er nun sah, da ich
unverheiratet war, mute er meinen, ich habe noch an der unverwundenen
Liebe zu Eleonore zu tragen, und war froh, als ich mglichst gleichgltig
sagte, er solle sich nicht kmmern, es sei fr mich ganz gut ausgefallen.
(Denn meine eigensten Kmmernisse rieb ich ihm nicht unter die Nase.)

Ich erzhlte ihm, um doch irgendwie zu zeigen, da ich auch ohne das Haus
Hagenau fortbestehe, von einer groen Bcherauktion im Hause eines
bekannten Gelehrten und Sammlers, aus der ich seltene und fast verschollene
Werke in Menge erstanden habe, um die sich nun wiederum die Liebhaber
stritten, und lie ihn berhaupt merken, da ich bei den Guten und
Verstndigen etwas gelte und ein Geschft wohl zu fhren wisse, auch wenn
es Ansprche an nicht ganz gewhnliche Tchtigkeit mache.

Dabei hatte nun mein alter Adam wieder einmal sein Vergngen, das ich ihm
aber diesmal nicht untersagte, weil mir immerhin das Herz etwas unruhig
klopfte in Erinnerung an die schlechte Figur, die ich zum Schlusse im Hause
Hagenau gemacht hatte und ich eine kleine Aufmunterung mir schon gnnen
mochte. Der alte Herr taute ganz auf, als er mich so wohlbestallt vorfand,
und erzhlte nun auch von seinen heimischen Verhltnissen. Er hatte sich
jetzt doch entschlossen, das alte Vtererbe zu verkaufen, da ihm sein so
wohlausgedachter Plan zwischen den Fingern zerronnen war, und erlebte nun
die langersehnten Freiheits- und Reisejahre mit immerhin noch einigem
Jugendmut, wie ich an der Beschreibung der und jener Gensse merkte, die er
sich unterwegs gnnte. Die Nichte, auf die er nun doch auch zu sprechen
kam, hatte vor einem halben Jahr ihren Doktor geheiratet, der sich umgetan
habe, selber etwas Rechtes zu leisten, und aber freilich dennoch nichts
dagegen hatte, da ihm die Frau einen ordentlichen Batzen zubrachte, wie
Herr Kasimir pfiffig lchelnd sagte, durchblicken lassend, da er als Onkel
das Seinige getan habe, da die Leutchen es nicht so einfach gewhnt seien,
was ich ja gut genug wute. Ich war froh genug, da die Rechnung, an der
ich doch immerhin auch beteiligt gewesen war, noch so glatt aufgegangen
war, und nahm den Dmpfer, den mir der alte Herr ganz naiv und gedankenlos
aufsetzte, mit in den Kauf. Er machte nmlich, ohne es besonders
auszusprechen, gar kein Hehl daraus, da er mich nur als einen Faktor in
eben dieser Rechnung zum zweitenmal in sein Haus gerufen habe, und da, als
sie nicht stimmte, auch ferner mein Dabeisein nicht mehr in Betracht
gekommen sei. Es stach und reizte mich noch eine Weile, als er wieder
gegangen war, denn ich mute mir schwere Gedanken darber machen, was mich
der Versuch gekostet habe. Aber ich war doch schon so weit genesen, da
ich den Brigittenspruch, den ich als meinen eigenen Wahlspruch ansehen
gelernt hatte, auch jetzt anzuwenden die Kraft hatte, und so eine der
vielen Gelegenheiten, aufs neue in Trbsinn zu verfallen, vorbergehen
lie. Vielmehr lsten sich in mir die alten Reste der Beklemmung, die ich
in Ansehung des Hauses Hagenau noch herumgetragen hatte, wie alte
Schneereste, die immer noch an schattigen Pltzen liegen geblieben sind,
wenn es ringsum lngst grnt, und die nun endlich auch von linden
Frhjahrslften aufgetrunken werden.

Bald darauf tat mir meine Schwester Luise den Schmerz an, da sie sich
hinlegte und starb. Sie war mir in der Zeit meines Tiefstandes und meines
sachten Aufstiegs so sehr zur Freundin und zur Genossin meiner Gedanken,
Wnsche und Hoffnungen geworden, da ich zuerst wie betubt war, als sich
ihre Krankheit, die am Anfang harmlos ausgesehen hatte, pltzlich zum
Schlimmen wendete. Ich glaubte verlangen zu knnen, da sie mir bleibe, da
ich ja sonst nichts hatte, was ganz nah zu mir gehrte. Denn bei Helene kam
begreiflicherweise zuerst der eigene Familienkreis, der stetig am Wachsen
war, so treulich sie auch ihren Geschwistern anhing.

Luise aber hatte nichts Eigenes; ich war ihr das Wichtigste in ihrem Leben,
und sie war nur glcklich, da ich in ihrer Nhe sei und sie zusehen knne,
wie ich allmhlich das erreiche, was sie fr mich wnsche. Sie heimste
alles, was ich etwa an guten Beziehungen, brgerlichem Ansehen und an
gedeihlichem Fortkommen gewann, emsig ein und baute in Gedanken Huser fr
mich darauf, da sie merkwrdigerweise gar nichts fr sich verlangte auer
ihrer fleiigen Arbeit und vielleicht der Aussicht auf einen ruhigen
Lebensabend, umgeben von einer aufsprossenden Jugend aus dem Blute ihrer
Geschwister, die sie dann in Ehren halten wrde, und der sie mit schnen
Sparpfennigen zum Fortkommen hlfe, falls sie dessen berhaupt bedrfe.
Aber nun lag sie krank im Spital und sah ihr Ende herankommen. Man hatte
sie operiert, um einem innerlichen Feind, der in ihrem stattlichen,
blhenden Leibe sein Unwesen trieb, das Handwerk zu legen, aber er trieb es
fort, und sie wute wohl, da er sich nicht aus dem Feld schlagen lasse, da
sie etliche Flle aus der ferneren Familie anzufhren wute, in denen auch
das Leben auf solche Weise unterlegen war.

Es ging ihr nahe, da sie mitten aus der Bahn weg sollte, denn sie hing,
wie alle gesunden und natrlichen Menschen, am Dasein, das fr sie, nach
dem Rezept des alten Sngers, kstlich gewesen war, indem es Mhe und
Arbeit war. Als sie aber sah, da ich ohne Fassung mich gegen ihr Scheiden
auflehnte und Gott beschwor, sie mir noch zu lassen, da ich viel an ihr
hereinzubringen habe, was Zeit brauche und nicht in kurzem abzumachen sei,
nahm sie wieder die Fhrung an sich und sagte, glcklich lchelnd, weil ihr
mein unverhehlter Schmerz dennoch wohl tat, aber fest: Nein, nein, Ludwig,
so machen wir's nicht, sonst sind wir erst recht unten durch. Sondern wer
sich schicken kann, gewinnt das Spiel und stellt sich auf die strkere
Seite, und so wollen wir auch tun. Damit war sie mir nun wieder einen
Schritt voraus und weit berlegen, und ich konnte nichts tun, als mein
ungebrdiges Wehren beiseite lassen, da es hier nicht am Platze war.

In dieser Zeit mute ich einmal eine dringende Geschftsreise nach der
Hauptstadt unseres Landes machen. Ich ging ungern genug, denn ich konnte
nicht am selben Tage wiederkommen, und als es Abend wurde, befiel mich eine
Unruhe, die ich mir dahin erklrte, es sei daheim etwas bles vorgefallen,
so da ich rasch an den Bahnhof ging, um zu sehen, ob ich nicht doch den
letzten Zug erreichen knne, so stark lebte ich damals mit meinen Gedanken
in dem engen Krankenstblein. Der Zug war aber schon fort, und weil ich
nicht den ganzen Abend im Wirtshaus versitzen mochte, betrat ich eine
Konzerthalle, an der ich gerade vorbeikam, ohne zu wissen, was fr Musik es
gebe. Da fand sich's nun, da von einem kleinen Orchester jene Symphonie
aufgefhrt wurde, die ich am ersten Abend des Musikfestes gehrt hatte, an
dem ich Maidi wiedersah, und die mir seitdem nicht wieder begegnet war. Sie
erregte mich aber nicht, wie damals, zu starken Wonnen und Schmerzen,
sondern ich sa mit geneigtem Kopf still horchend da und fhlte, wie meine
Unruhe in ein stilles Gleiten kam und wie mein Herz, das traurig in mir
lag, von eiligen Wellen aufgehoben und getragen wurde, die sangen: Alles
geht vorber, und auch du.

Ich gedachte alles Fernen und Verlorenen in meinem Leben, und auch meines
Freundes Olbrich, den ich nie wieder gesehen und mit dem ich auch keine
Briefe gewechselt hatte. Ich hatte seinen Namen hie und da in der Zeitung
gelesen, denn er nahm starken Anteil am politischen Leben des Landes und
ergriff in Reden und gedruckten Artikeln oft das Wort, wenn es eine
wichtige Sache zu verfechten gab. Aber ob er noch an mich denke, und wie,
das wute ich nicht, und ich hatte sowohl das Verlangen, ihn wieder zu
sehen, als auch eine Scheu davor.

Doch wute ich, da es einmal geschehen mute, da die Erde nicht gro genug
ist, um sich zwei Menschen nicht wieder begegnen zu lassen, unversehens,
die eigentlich nahe zusammen gehren.

Ich war spt gekommen, als schon der Saal verdunkelt war und die Musik
angefangen hatte, und hatte nur gerade meinen Platz gefunden, ohne nach
rechts oder links zu sehen. Da schrak ich denn aus meinen Gedanken auf, die
zwischen der Musik hergingen, als sich auf einmal eine Hand auf meinen Arm
legte und es der Freund war, der neben mir sa und mir zunickte. Ich mochte
mich nicht rhren, denn ich sprte in einem ruhigen Wohlsein, da wir uns
nahe waren und da ich ihn lieb hatte, wie je.

Man sollte nicht reden mssen, dachte ich. Man sollte alles so
stillschweigend voneinander wissen und einer in den andern hinberflieen
lassen, was er ihm sagen mchte. Vielleicht ist es so, wenn man sich auf
einem andern Stern wieder findet. Vielleicht sprt man nur: Du bist da, und
begrt und durchdringt einander mit der Seele, und alles, was auf der Erde
geschah, lst sich auf in einem groen und weiten Verstehen und Liebhaben.

Da bot ich meinem Freund leise die Hand und er nahm und drckte sie
krftig, und ich wute: Er ist doch auch noch der meine. Wie sehr ich ihn
vermit und wie seinetwegen ein Druck auf mir gelegen hatte, das sprte ich
erst jetzt recht, als ich ihn wieder hatte. Denn wir lieen es dann doch
nicht bei der stummen Begrung bewenden, die wir gar nicht gebt htten,
wenn nicht die Musik das Wort gehabt htte, sondern hielten nachher eine
lange Nachtsitzung, und zwar, da es eine schne Sommernacht war, in einem
Garten unter einer alten Platane, in deren sten eine Lampe hing.

Dort lieen wir so viel von der alten Zeit und auch dem, was dazwischen
lag, zwischen uns auferstehen und hinwandeln, als dazu gehrte, wieder
zusammen zu kommen, nicht mehr und nicht weniger. Denn es handelte sich
jetzt nicht ums Rechthaben und Abbitten, wie wir beide wohl sprten,
sondern darum, da einer des andern Freund sei, wie der alte Claudius sagt,
wobei freilich ich am besten wegkam.

Es schwirrte allerlei Nachtgeziefer um uns her, und einmal kam auch ein
groer Falter und stie mit seinen Flgeldecken an mein Glas, da es einen
feinen Klang gab. Da hob mir Olbrich das seinige entgegen und sah mir mit
dem schnen Lcheln in die Augen, das er selten hatte und an dem ich ihn
berall erkannt htte. Denn es war uns, als htte eine feine Seele, die
einmal mit uns zu dritt gewesen war, mit zartem Finger angeklopft und wolle
einen Augenblick mit uns sein. Das kam und ging so in mir.

Dann zog Olbrich ein Bild aus der Brusttasche und zeigte es mir mit
glcklichem Gesicht: eine junge, mtterlich blickende Frau, die ein Bbchen
auf dem Arm trug. Beide sahen den Beschauer voll an und hatten ein gut Teil
Schelmerei in allerlei Grbchen sitzen. Das sind die Meinen, sagte
Olbrich. Du siehst, es geht mir gut.

Er brachte, wie man so sagt, den Mund nicht zusammen vor Behagen an dem
Bildchen oder vielmehr vor dem freudigen Wissen um die lebendigen
Urbilder; er wollte es aber nicht wahr haben vor mir und sagte
achselzuckend: Ich habe es der alten Frau zulieb getan, denn ich bin ihr
doch Enkelchen schuldig gewesen. Daheim liegt mir schon der zweite Bub in
der Wiege.

Dabei berglnzte es ihn aber doch, so da ich schon wute, was es
geschlagen habe, und da er sein gutes Teil erworben habe; da fiel mir doch
noch irgend ein Band von meinem Herzen.

Und du? fragte Olbrich fast zart.

Aber ich wute im Augenblick nichts zu sagen, denn ich hatte wohl schon
einen Schimmer, er hatte aber noch keinen Namen, und ich hob nur mein Glas
und sagte halb verlegen: Ich komme nach.

Das alles erzhlte ich am andern Abend meiner Schwester Luise, zu der ich
von der Bahn her ging mit raschen Schritten und mit dem Verlangen, sie in
allem zu mir hineinsehen zu lassen, so lang ihre guten Augen noch offen
standen ber meinem Leben. Es war nicht mehr lang, das sah ich wohl, und es
war mir, als habe sie seit vorgestern wieder abgenommen, so da es mich
reuen wollte, fort gewesen zu sein, was mich doch um Olbrichs willen freuen
mute und auch freute. Sie streichelte mich aber mit ihrer feinen, weien
Krankenhand und sagte glcklich, es sei ihr ein Stein vom Herzen, weil wir
Freunde uns nun wieder htten. So sehr hatte sie meine Sachen zu den
ihrigen gemacht, denn ihre eigenen waren bald beschickt.

Ich mute die Tage ber im Geschft sein, wenigstens die meiste Zeit; aber
die Abende und oft bis tief in die Nacht war ich bei ihr und begleitete sie
nher und nher gegen die Grenze hin, an der es fr die Zurckbleibenden
umkehren heit.

Auf diesem dunklen und bitteren Weg habe ich dennoch viel gesehen und auch
viel gelernt, das man nicht aus Bchern und nicht aus dem Umgang mit den
Klugen dieser Welt lernen kann, und das ich nicht vergessen werde.

Ich habe gesehen, da es Liebe gibt, die bis zum Ende nicht an sich selber
denkt und noch aus der letzten Not hilfreich dem andern zunickt, trstlich
und verheiungsvoll, weil das Allerlebendigste eben sie selber ist, die
nicht stirbt. Und ich habe gesehen, wie stark und mchtig die Willigen
sind, die keine Bedingungen stellen, sondern ja sagen, und mit Vertrauen
dem dunklen Gott in die Augen sehen, wenn er ihnen zum Mitkommen winkt, so
da sie den schweren Feind berwinden mit einem demtigen Neigen ihres
Hauptes und ihn sich zum Freunde machen. Ich sah, wie, wer von Herzen
gelebt hat, auch von Herzen sterben kann, und wie Glauben und Frommsein
freudige, starke Dinge sind, anders als viele meinen, und als auch ich
zuzeiten gemeint habe.

Das alles ist mir nicht nur ein ernstes und wertes Andenken und ein reiches
Blatt in dem Buche meiner Erinnerung, das so manche tricht verkritzelte
Seite hat, sondern es schwingt ein Ton davon je und je in meine jetzigen
Tage herein, voll und dunkel und auch weich und s, und wenn ich ihn hre,
so snftigt er mir das Herz und lt es aufmerken auf das, was hinter den
Tagesdingen liegt, in denen ich ja freilich mitten drin stehe. Denn mein
Lebenstag liegt noch weit vor mir, nach Menschenrechnung, und ich will ihn
leben als ein Mensch und Mann.

                  *       *       *       *       *

Ich habe, liebste Frau, in spter Nachtstunde das Buch noch einmal
durchgelesen, dessen Bltter zu beschreiben ich aufgehrt habe, als du in
mein Leben tratest. Du wutest nicht, da ich dich sah. Du kamest die
Strae herab, die Hnde voll Blumen, und dein Gesicht sah aus, als ob du im
stillen ein Liedchen summest, das nur du selber hrest. Da dachte ich, wer
dir wohl die Blumen gegeben habe und wem du sie bringest? Am andern Tag
hingen Kinder an deinen beiden Seiten und drngten sich an dich, und ihre
Gesichter sahen eifrig in das deine; ich htte hren mgen, was du zu ihnen
sagtest, aber ihr ginget vorber. Von da an kamst du jeden Tag und hattest
immer Blumen und Kinder mit dir und immer ungesungene Lieder auf den
Lippen. Das war in der Zeit, als meine Schwester Luise sich zum Sterben
anschickte und zu mir sagte: Gelt, du machst aber die Augen auf und holst
dir ein Stck Leben ins Haus, es geht immer drauen vorbei. Sie wute
nichts von dir. Das Stimmlein aber, von dem ich schrieb, da es so
vorwitzig und ungebrdig geredet habe, rief in die Trauer meines Herzens
hinein: O, wie wahr ist doch das! Und wie freudig sieht es aus! so da es
mich in aller Betrbnis ein bichen lcherte, worauf Luise der Spur nach
mitlachte, wenn auch bllich, da es sich bei ihr nicht mehr gut tun lassen
wollte. Und so hast du noch in ihren Abschied hinein geblinkert, du
Sonnenvglein, denn es dauerte da nicht mehr lange bei ihr.

Ich mu mir noch ein wenig Mut machen, weil du nicht selber da bist. Ich
will daran denken, wie ich dich drauen am Badeplatz traf mit deiner Schar.
Sie stob aus dem Wasser, als du riefest, und es sprhte ein Tropfenregen
um sie her von den nassen Mhnen und den blanken Leibern, das glitzerte
alles in der Sonne, und ein jedes wollte zuerst bei dir sein. Ich sah eine
Weile zu, eh' ich vorbei ging und grte. Sie whlten sich in den warmen
Sand ein, und du sollest dich mitten hineinsetzen, aber du konntest noch
nicht, denn es stand ein Kind neben drauen, das ri mit finsterem und
trotzigem Gesicht Bltter und Zweige von einem Weidenbusch und stampfte
dazu mit den braunen Fen den Boden. Da gingest du hin und hattest ein
solches Lachen in deinem Gesicht, da das Zornteufelchen davor ausfuhr,
wenngleich mit erbrmlichem Wehren, und das Kind sich an dich hin verkroch.
Ich htte hren mgen, was du sagtest, aber auch vom Sehen wute ich, da
du Schatten aufhellen kannst.

Das wei ich nun noch besser als damals, denn ich habe die Sonnenkraft
deines Wesens versprt. Du sagst, du habest sie nicht immer gehabt, und
dein Lachen sei ein wieder erworbenes, denn auch du seiest durch tiefe
Schatten gegangen.

Daran habe ich den Mut gefat, dich auch in die meinigen hineinsehen zu
lassen, dich allein von allen Menschen. Du siehst, sie herrschen auch ber
mich nicht mehr.

Wie hast du wohl den Weg zum Hellen hin gefunden?

Aus was fr Quellen hast du getrunken?

Ich meine, ich wisse sie. Wenn es so kommt, wie ich hoffen mu, da du die
Neunundneunzig verlssest und mein Leben teilst, so trinken wir miteinander
daraus.



                  *       *       *       *       *



Anmerkungen zur Transkription

  Seite 40: eh, man sich's versehe wurde gendert in
            eh' man sich's versehe
  Seite 83: und sie ist erst sachte wurde gendert in
            und sie erst sachte
  Seite 120: mir wohlgesinnt und zugetan sein wurde gendert in
             mir wohlgesinnt und zugetan sei
  Seite 155: mit groen Augen entgegenlchelten wurde gendert in
             mit groen Augen entgegenlcheln
  Seite 162: ich nur zu tun wurde gendert in ich hatte nur zu tun
  Seite 192: Sngerinnnen wurde gendert in Sngerinnen
  Seite 198: So sind sie es also doch gewesen wurde gendert in
             So sind Sie es also doch gewesen
  Seite 211: werden ihre Knste verlassen wurde gendert in
             werden Ihre Knste verlassen
  Seite 245: nicht so gelegen dasr wurde gendert in
             nicht so gelegen dafr



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUDWIG FUGELER***


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