The Project Gutenberg EBook of Ulrike, by Carl Sternheim

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Title: Ulrike
       Eine Erzhlung

Author: Carl Sternheim

Release Date: November 20, 2010 [EBook #34374]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Produced by Jens Sadowski




ULRIKE

Eine Erzhlung

von

CARL STERNHEIM



Kurt Wolff Verlag, Leipzig

1918




Bcherei Der jngste Tag Band 50







Druck der Spamerschen Buchdruckerei, Leipzig
Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1917








Ulrike


Ulrikes beflaggtes Elternhaus, Schlo Miltitz, stand unter Fhren in einem
Blachfeld der Uckermark. Trat von der Anfahrt und geharkten Wegen man zur
Seite, sank der Fu durch Sand auf Grund. Manchmal stak eine Stange, sa wo
ein Rabe im Park; sonst war Acker. Latten fehlten Bnken, Rabatten das
Mittelstck. Am Haus des ersten Stockes viertem Fenster eine Scheibe.

Von Blei schien meist der Himmel. Blaue Fahnen klafften kaum hinein, hufig
aber strich Regen schrg und mengte aus Erde klebriges Gelb, durch das ein
Wagen sich vors Haustor wlzte.

In das trat Paschke, der Diener, stracks und gab allem, was ankam, den Arm.
Die Kinder warf er wie Blle zum Flur, wo Graf Bolz, der Vater, mit
drhnendem Willkomm empfing. Aller Mahlzeit Beginn und Schlu hie Gebet.
Brot, Schwein und Kartoffel lagen inmitten. Das und die Familie war
protestantisch. Preue der liebe Gott.

Evangelisch war Magd, Knecht und Vieh und alles sehr in den Herrn gekehrt.
ber der Gemter fader Landschaft lag in Kindern und Gesinde des Hausherrn
Zufriedenheit als Licht, wie Sturm und Gewitter sein Unwille. Auf seine
Person war alles Begreifen gedrillt, der Hosen Sitz, des Bartes Schmi frh
allemal Symbol.

Ulrike von Bolz sah in des Vaters Blick und war mit Ruck ein Bndel Angst.
In Gewohnheiten und Erfordernisse tauchte sie, ohne den Sinn zu wissen.
Wuchs als Teil eines Ganzen, das Bolz hie und Rang vor der Umwelt hatte.
In der es Bolzburg, Bolzmhle, Bolzweg gab, und brgerliche Bolze durch
alle Drfer balgten. Hier lebte aus dem Geschlecht ein Spro, ohne sich
weitlufig zurechtfinden zu sollen. Denn berall ging durch Mensch und
Landschaft seine Blutspur, und am besten lief wie der windende Hund er der
Nase nach.

So machte an Ulrike sich alles selbst. Zum Knie wuchs der Rock, zur Wade,
zum Schuh. Haar flo in lngerem Blond, Brust sprang zu Kugeln vor, und es
rundeten sich mhlich die Beine. Sie reichte dem Obst in die ste und
mute, es zu pflcken, nicht mehr klettern. Sechzehn Jahr war sie alt und
wute nicht, wie sie's geworden.

Pastor Brand blieb tabakbestubt, kalt feiertags die Kirche, im Saal des
Harmoniums F im Diskant verstimmt. Und immer noch schwang der Graf, war er
milaunt, die Hand der Tochter um die Lffel. Nur berm Knie hatte sie ihm
letzthin nicht gelegen und seine Faust nicht auf sich gefhlt. Doch konnte
das stndlich wiederkommen.

Im Stall fhrte sie der Khe Melkung. Morgens um fnf, schlief sie noch
halb, sprang das Literma ihr ins Bewutsein. Wie oft wrde sich's heut
unter den Eutern fllen? Wrde trocken die Spreu, Rbe verdaulich und warm,
mehlig und schmackhaft die Kleie sein? Ob Hnde, Schleuder und
Buttermaschine die Mgde gesplt haben mchten, und durch Klee und Luzerne
die Tiere nicht im Pansen geblht wren, da, ehe der Vater vom Grlichen
wute, mit dem Trokar sie das Schlimmste Verhten mte.

Auch die Hhner waren ihr anvertraut. Sie machten kaum Pein. Mit Futter und
Frohsinn hielt sie sie bei Laune, da emsig sie legten. Keins hatte
letzthin den Pips oder wre sonst zu heilen gewesen.

Liebe und Ehrfurcht, die fr Pflege das Vieh ihr bot, bewegten in Ulrike
ein Gegengewicht zur Unterwerfung unter Vaters Willen und der krnkelnden
Mutter Nrgelsucht. Von den Brdern, denen sie im Weg war, setzte es Pffe
zwischen die Schenkel. Zog sie abends Kleider aus und legte sie auf den
Stuhl am Bett, war sie blau davon. Spter wurden in Silber und Grn mit
Litzen, Schnren und Tressen die beiden Husar und Ulan. Fleiiger sparte
man zu Haus, da Dietrich und Horst im Regiment sein konnten.

Im Herbst blies in Lebens Bla mit Jagden schmetternder Auftakt. Tagsber
flimmte das Korn in den Kimmen, knallte Pulver im Hag, und kleine Leichname
lagen abends, in Parade gestreckt, an der Terrasse. Gerckte Frster
hielten Fackeln, und Gste kamen gro daher.

Ulrike aber zog ein weies Kleid an, das zwischen Strumpf und Hose Knie
sehen lie und strich mit gekniffenem Lcheln unter Mnnern, die nach
Schwei rochen und sie auf den Scho holten.

Nachts war Trenschlagen. Das weibliche Gesinde, sonst mit den Hhnern im
Bett, huschte durch die Flure und hatte in Mundwinkeln Feuchtigkeit. An
ihres Stbchens Gegenwnden hrte Ulrike der Fremdenzimmer Betten seufzen
und frchtete sich melancholisch.

                                * * *

Als sie Pelzmantel und Federhut bekommen hatte, fuhr mit den Eltern sie
nach Berlin. Vor der Abfahrt war der Pastor dagewesen, hatte wie ein
Menetekel geflammt und sie bis ins Blut erschttert. Nein, ihr wrde die
Fahrt nichts anhaben! Die gleiche Ulrike wollte ihrem Seelsorger wieder
zufliegen, und ihres Busens fromme Himmel sollten nicht wechseln. Sie war
getrost und hatte mit Trnen den Kopf geschttelt. Auch wute sie gar
nicht, was Brand wirklich meinte.

In Berlin war alles elektrisch. Schon am Bahnhof hing Kuppel an Kuppel vom
Plafond wie in Miltitz der wchserne Mond. Man flog durch Straen, Treppen
im Hotel hoch, indem man kurbelte und Knpfe drckte. Auch in den Zimmern
ging alles auf Druck und Zug; aber wie jedermann mit Blitz entsprach, mute
der eigene Geist sich tummeln. Schnell sollte zu Auftrgen man ausholen, wo
aller Auge wartete.

Durch ppige Mahlzeiten triefte der Leib vor Saft und wuchs zu
Auerordentlichem. Ihre Glieder sah Ulrike flitzen. Schon wenn mit Schwung
das Bein sie morgens aus dem Bett warf, Wsche, Kleid, Frisur im Sturm
vollendete, mute sie ihrer Flinkheit staunen. Hier, wo Bilder an Wnden
des Daseins Reize priesen und mit Liebesszenen und Schwelgereien den
Augenblick zum Verweilen luden, erfllte sich in Wirklichkeit der Sinn der
in Miltitz in Holzbrand prangenden Weisheiten unaufhrlich: Was du tun
willst, tu bald. Und: Doppelt gibt, wer schnell gibt.

Von frh bis spt war sie purpurne Eile. Herz und Backen brannten in Angst,
Wichtiges zu versumen. Auch die Eltern, die nrgelnde Mutter selbst,
holten mit Schritten aus, und mit gespreizten Beinen sprang Ulrike an ihren
Armen. Nach links, rechts klopfte der Zopf, flogen die schlrfenden Augen.
Nie gesehenen Ausdruck der Gesichter, berraschende Haltung der Figuren,
der Linien, Kreuzungen und Schnrungen gab es berall, Gerusche
festzustellen und bei Gerchen zu schaudern oder lustigem Kitzel zu wehren.

An Soldaten, die im Helmbusch mit paukendem Klamauk stampften, sah das
Mdchen Mannes Strammheit ein, und da in Miltitz die Knechte lmmelten. An
den Frauen, die beim Regen Rcke hoben, stellte sie einer freien Wade
heftigen Reiz anders fest als bei Mgden, die arbeitend Beine ganz
entblten. Selbst eines Pferdes Stallen auf der Strae wirkte bei
strmender Wagen allgemeiner Hast als schallende Sensation.

Panoptikum und zoologischer Garten schlossen in Ulrike die Vorstellung des
brodelnden Topfs, in den sie geworfen war. Doch lie auf einmal Spannung
nach, in sich brach sie zusammen und war nur matt und schlapp. Im Dom der
Gottesdienst, bei dem ein feister Geistlicher, das Ordensband auf dem
Talar, zur Andacht rief, konnte ihre Sehnsucht nach Miltitz' Khen und
Hhnern, dem Himmel von Blei und Pastor Brands schlechtduftendem Rock nicht
mehr beschwichtigen.

Doch bis sie nach Haus kam, blieb noch zu erleben: Eine Auffhrung des
Wilhelm Tell, in der Rudenz die Federn prachtvoll vom Haupt schaukelten,
man vom Parkett aus Trude Stauffachers Strumpfbnder sah, und in der nach
Tells Schu der Apfel auf seines Knaben Scheitel geduldig liegenblieb. Das
war in dieser Stadt, die in eilenden Treibriemen kreischte, das erstemal,
da eine Nummer versagte. Tiefen Eindruck machte das Ereignis auf Ulrike,
und sie lie in ihrem beranstrengten Bemhen nach.

Das Schadenfeuer in des Hotels Nhe packte sie nicht ganz, weil ein
anderes, das man im Kino gezeigt, plastischer gebrannt hatte. Insbesondere
konnte auf der Leinwand ein von Dmpfen Betubter mittels sinnreicher
Anstalten noch durchs Fenster ins Freie gebracht werden, whrend in der
Wirklichkeit Schreie hinter Rauchgardinen schlimmen Ausgang verrieten.

Doch war endlich fr den nchsten Morgen der Aufbruch angesagt. Am Abend
gab im kleinen Saal der Graf den Freunden noch das Abschiedsessen, und
Ulrike mute dabei sein. Die Herren, eines Sinns und einer aus gleichen
Quellen bechernden Frhlichkeit prosteten mit roten Antlitzen zu weien
Haaren. In vorgerckter Stunde trat unter die Zecher gro, wuchtig, mit
gutgemachtem Glatzkopf ein Mann. Auf seiner Brust am Frack hing ein Stern.

Augenblicklich hatten wippende Stimmen sich befestigt, Kpfe sich
zurechtgerckt; Ulrikes Nachbar aber dem Nebenmann zugeraunt: Spt kommt
er, doch er kommt, der Jude.

Dem flog des Mdchens mchtige Spannung zu. Nicht der Weltstadt fehlender
Glaube und Miltitz' unverlierbare Liebe zu Gott zeigten ihr den Abgrund
zwischen der Heimat und der neuen Umgebung schneidend, aber wie dort zu
Blum, dem Pferdehndler, Berge gesellschaftlichen Abstands der Vater
trmte, und hier alter Preuenfamilien Abkmmlinge vor diesem Fremdbltigen
sich zusammennahmen, bewies Ulrike, Berlin knne ihre Welt nicht sein, und
unberhrt und geprft, sei sie sich selbst zurckgegeben.

Noch manches hatte auf der Rckfahrt der Vater von diesem Mann gesagt, den
wie ein Dutzend seiner Glaubensgenossen man bei wichtigen Sitzungen nicht
mehr missen konnte. Bedeutend hatte die Mutter genickt, und es ward Ulrike
durch der Frau geprete Zustimmung dieser Mnner Kraft gewisser als durch
des Vaters Beweise. Es besa also der wie ein Araber gemachte Mann
Eigenschaften aus seines Blutes Wucht, die Fhrer wie den Vater zwangen,
ihn trotz unverhehlten Abscheus an ihrer Seite bei Geschften zu dulden,
deren Sinn Ulrike dunkel war, von denen sie aber sprte, ihretwegen spielte
sich alles nach auen gerichtete Leben ihres Volkes ab.

Doch zog vor dieser Erkenntnis sich das Herz noch mehr zusammen, und als an
der Station man in den Wagen sprang, schwur mit Schwung das Mdchen, tiefer
in sich und Gefhle fliehen zu wollen, die keiner Elektrizitt und
brausender Eile, aber auch Berlins nicht und keiner Juden bedurften.

Brand war seines Zglings froh. Statt erzogener Neigung fr den Erlser
entspannte der jungen Brust sich so warme Hingabe, da ein Blhen ber
Miltitz wuchs, wohin Ulrike kam. Nicht mehr nur Pflicht war ihr Erscheinen,
sondern mit dem Notwendigen gab sie den Armen noch ihrer Gte Licht,
kleidete die Kleinen und kte sie, Kraft vergieend, auf die kmmerlichen
Backen; drckte Strme guter Hoffnung mit dem Geldstck den Wchnerinnen in
die Hand. ber ihre Tiere hinaus schuf unter Menschen sie helle Gesichter
und blieb ihnen Versicherung, Gott meine es gut mit ihnen.

Nur zwei-, dreimal im Jahr bei festlichen Anlssen schien sie noch eine
Bolz, und der Spruch ber der Haustr:

   Doch im Herzen starr der Glaube:
   Wer den lieben Gott lt walten,
   Und rassiger Trotz und Treue zum Thron
   Haben sich wunderbar erhalten.


   Wo ein Turm in sandige Wste ragt
   Am Tor das alte Wappenschild --
   Zwischen Elbe und Oder liegt das Land,
   Wo Luther und Hohenzollern gilt.


dnkte, als sie erwachsen war, sie beschrnkt. In ungehemmterem Sinn war
Ulrike Christin.

Eifrig glaubte sie, auf gleicher Freuden und Leiden brderlicher
Gemeinschaft mit aller Umwelt beharren zu mssen. Eigenes Glck drfe von
den brigen sie nicht trennen, Vorrechte kein Leben erleichtern. Wolle sie
sich auszeichnen, mge an des Menschenstroms Spitze sie der trotzenden
Wogen Gewalt brechen. So war aus ihr die Brcke zu allem Menschlichen
geschlagen, Himmel und Landschaft nur noch Staffage allgemein kreatrlichen
Gedeihens.

Schlichte Tracht, bescheidener Hunger und Wunschlosigkeit machten sie zur
angenehmsten Hausgenossin, und Vater Bolz hatte Beifall zu ihrem Wandel
lngst in die Anrede gelegt, mit der er sie grte: Jungfrau Mrtyrerin; in
der er anfangs das letzte Wort betonte. Doch als Ulrike lter und der
zwanzigste Geburtstag ein Weilchen gefeiert war, glitt in des Vaters Mund
der Ton deutlicher auf das erste Wort. Und mit den Jahren so entschieden,
da endlich das Mdchen den Sinn zu fragen begann. Stellte vor aller Welt
und mehrmals am Tag man ihren ledigen Stand ausdrcklich fest, war er eine
Eigenschaft, die allmhlich zu denken aufgab; und so wurde Ulrike dahin
gefhrt, die Mglichkeit zu berlegen, das Elternhaus und ihr ausgeflltes
Sein einst mit einem neuen vertauschen zu mssen, von dem jede Vorstellung
fehlte.

Denn sie sah die bessere Kraft nicht, die aus einem Mann sie mehr beglcken
sollte, als die aus des eigenen Lebens Wurzeln sie tglich berraschte. War
himmlischer Rundlauf aus ihr zur Welt und in sie zurck nicht offenbar, und
wo gab's in diesem Strmen ein Halt, Ursache, es nach vorwrts, rckwrts
oder irgendwohin zu verbreitern? Las aus allem Blick, zu jeder Tat sie
nicht Bejahung?

Wo war der irdische Mann, in dessen sichtlich grere Gewalt sie ihren
Drang htte senken sollen, da steiler der Strahl der Liebe sprang und
ihres Daseins Sinn sich grndlicher erfllte? Keiner, den sie gekreuzt,
hatte an Demutswillen mit ihr gewetteifert, und war sein Tun und Predigen
tausendmal gesegnet, auch Pastor Brand nicht.

Aber Kandidat Kittels Barmherzigkeit wuchs ganz aus Ulrikes feurigem
Ansto. Lau war, als er gekommen, seine seelsorgerische Lust gewesen, und
brach seine Nchstenliebe nun wie Fall zu Tal, empfing von ihren Gnaden er
die treibende Kraft.

Auf dem Friedhof die Kapelle bauten sie nach gemeinsamem Plan und whlten
den blulichen Stein, die Glser gedmpft ihrer gegenseitigen milden
Neigung freinander gem. Ton, der aus des Jnglings Brust mit
evangelischen Schwingen zu dem Mdchen fuhr, blieb unverndert fern und
zart.

So wnschte Ulrike Leben nicht gendert. Wie war in dieser Welt jede
Wegstation ihr frhliche Ankunft, gesegneter Aufbruch aller Abschied. Viele
Schicksale fllten sie, und mannigfach war schon erdiente Erfahrung in ihr,
die begann, in die jungen Zge zu schreiben. Sie hoffte, es msse der Vater
begreifen, an so entschlossener Fhrung sei nicht zu deuten. Geworfen sei
ihr Los, und was zu hoffen blieb, sei, durch hhere Ereignisse mchte das
Ma des durch sie zu lindernden Elends gesteigert werden. Das war auch
ihrer Gebete Sinn.

                                * * *

Der sich erfllte, als die europischen Kriege kamen. Nach des Rauschs und
der Panik Tagen fand, aus friedlichem Wirken geschleudert, sie sich in
kaltem Gemuer, wo auf Stroh verstmmelte Rumpfe lagen, die von ihr
begossen, gewickelt und entleert sein wollten, und deren stinkenden Abfall
sie den Gossen zukehrte, bis die sich mit teigigem Schlamm verstopften. Zu
der Front Gebrll drang Fluch, Gesthn und letzter Seufzer so gewaltig zu
ihr, da Einzelnes sie nicht mehr unterschied und ohne Besinnen nur faulige
Jauche der Blutstrme und des massenhaft Amputierten in gurgelnde Kanle
go. Erst nach Wochen stockte der pestende Auswurf und begannen Gesichter
durch Krach und Qualm in ihre von Schreck gesperrten Augen zu blinzeln. Nun
schickte sie sich, Flle und Namen zu merken, an und schied von allen
brigen die Mnner ohne Arme und Beine, die ihrem Beistand auf Gnade und
Ungnade verfallen waren und gehrte ihnen ganz. Bestrich lindernd Stmpfe
und durchgerissenes mrbes Fleisch, flog mit Gefen so hurtig herbei, da
Wind der Schrze Segel blhte. Dazu scho aus brennenden Lichtern sie ihrer
Hast verheiende Blicke voraus. Mit Schwung hob sie Kissen und lie Decken
wie Watte flattern, da zage Hute von ihnen keinen Druck mehr sprten. Der
rzte Strenge fiel durch ihrer Mienen Sieb wie Trost an der Duldenden Ohr,
und zu Leid und Qual schwang Gelassenheit und frisches Zutraun allmhlich
durch den Saal. Blume erschien erst einzeln, dann in bunten Reihen vor den
Fenstern, ein Bild hing pltzlich da, und Tcher blhten frisch und weich.

Hatte sie abends letzte Bedrfnisse berall gestillt, und fiel ein Auge
nach dem anderen zu, gab sie menschlichen Lchelns, sanfter Bewegung Reiz
den Mden mit in den Schlaf. Ohne Nahrung, in verschwitzter Wsche strzte
sie in die Matratze und trank aus verwunschener Ruhe Kraft fr den neuen
Tag.

Innig schlossen in liebeshungrige Herzen sie die Mnner. Mit kupierten
Leibern waren sie doch galant und gaben sich in den Kissen mit gewolltem
Schick. Mute ein Peinliches sein, sagten sie gleich Pardon und errteten
wie Knaben. Das Ungehrige war vor dem Engel ihnen grlich, und noch lange
nachher wuten sie vor Scham nicht aus noch ein. Von ihres Lebens besten
Dingen sprachen sie und suchten aus der Erinnerung schon fleiig nach
feinen Worten, ehe die Pflegerin sie riefen. Deren Bitte war mehr Befehl
als des Vorgesetzten Weisung und, den Widerspenstigsten zu zhmen, gengte
des Kameraden Ruf: So wills Ulrike aus der Uckermark!

Nahmen die meisten aber ihre Gte wie geschuldeten Ausgleich finsteren
Schicksals, gab es andere, die in Schwrmerei fielen und an ein Himmlisches
mit ihr glaubten. Die hatten morgens Blicke wie ins Trockene schnappende
Karpfen, bis die Schwester Glck des besonderen Hinsehens ihnen schenkte.
Bald vermochten wie auf Rollen sie den Krper in die gewollte Lage zu
schieben, dem angeschwrmten Mdchen Last zu sparen und lachten bers ganze
Gesicht, fand das sie in der neuen Stellung, deren Zustandekommen es sich
nicht deuten konnte.

Einer von den Soldaten, August Bslack, war nur noch Rumpf mit einem Arm.
Niemand wute, zu welchem Ende Gott das Paket noch verwahrte. Er selbst
aber, nachdem er tagelang in Morsten gefault, schien auf Stroh unter Dach
und Fach sich wohl zu befinden. Kam Ulrike, ri er Mund und Nase auf und
starrte sie an, als sei sie Theater. Erst sprach er nicht, schlang nur
Speise und Trank ein. Trnen flossen ihm in den Teller, die nicht Leid,
sondern Entspannung waren. Unter dem Leintuch trommelte oft Sturm der Leib;
oder Schwei brach in Bchen aus, und wie ein Kessel dampfte der Mann.

Allmhlich aber dichteten sich Fugen, und der Musketier ward ein
Saalinsasse wie die anderen. Nun blieb auch bei ihm Ulrike und zog in
Gesprchen das Schicksalhafte aus ihm. Ein Unhold war vor dem Krieg er
gewesen, in Gefngnissen hufiger Gast, der nur zugesehen hatte, wie unter
seelischen Erregungen, die er nicht missen wollte, jeder Tag mit
Diebsabenteuern und Schlimmerem fr ihn verlief. Putzige Grundstze hatte
er, behauptete, aller Menschen Absicht ginge auf Raub aus, und seine Art
sei nur die einfltigste und schbigste von allen. Doch reiche zu hherer
sein Verstand nicht hin. Ulrikes sittliche Einwnde hrte er hflich dann
mit Ermdung an; meinte, sie seien auch darum berflssig, weil der alte
Beruf fr ihn ohne Beine und Arm nicht tauge. Als das Mdchen sah, hier
fiel zum erstenmal ihr Wort auf Stein, flammte Bekehrungseifer auf.
Hufiger stand sie an Bslacks Bett und ffnete ihrer Grnde Schleusen
weit. Whrend sie den Liegenden mit Bibeltexten berschwemmte, brannte das
gute Herz bis zu den Backen und erleuchtete den Verstockten. Doch wies der
sich auch als kein schlichter Gauner, sondern verteidigte begeistert sein
feindliches Verhltnis zur Menschheit, das mit Moralbegriffen er nicht zu
messen doch natrlich fand, und das er politisch nannte. Wie sie denn
Christentum den Greueln verbinde, mit denen gerade ein Erdteil kreise? Ob
es nicht peinlicher sei, in des Erlsers Namen unter besiegten Vlkern
brennen und sengen zu mssen als nach eigenem oder der Obrigkeit Willen? Er
wenigstens spre Genugtuung, bei solchen Anlssen nicht jedesmal erst
seelische Turnkunststcke vor seinem robusten Gewissen wie die Kameraden
machen zu mssen, sondern das Befohlene und anscheinend Notwendige mit
Humor und wirklichem Genu ausfhren zu drfen. Schema rede sie und betube
sich mit Gang und Gbem. In folgende Dinge etwa solle sie sich
hineindenken: Und nach knappen Fakten, die er verbrgen wollte, malte er
kaustisch die geschaute menschliche Demenz.

Er lge, schrie Ulrike ihn an, lge infam und fr solche Geschichten wolle
sie ihn zur Verantwortung ziehen. Doch knickte Bslacks Geschiel ihre
Entrstung und entformte sie zu Zweifel und Angst. Immerhin hatte am
anderen Morgen sie Haltung genug, mit berzeugung wieder bei ihm zu sein;
und aus ihres Glaubens Kraft bliesen zwei Menschen sich fiebrig an, bis des
Mannes Gewalt aller geschndeten Kadaver Gesamtheit vor sie hintrmte und
ihr seelisches Gleichgewicht strzte, da als Pfeil ihr aufrecht im Herzen
ein Finsteres stand. Da hatte Ulrike Ringe um die Augen, und ber den
Kiefern lagen Schatten in des Fleisches Teichen. Hielt sie sich uerlich
vor Bslack steif, sah sie, er kannte ihren Bruch und werde sie nicht aus
den Fngen lassen.

Zu den brigen floh sie und suchte aus ihrem Glauben Mut. Alle Soldaten im
Saal haten Bslack, der sie wie betrogene Betrger ma und Zhne zeigte,
sangen unter Ulrikes blonder Fhrung sie:

   Ruland, o Ruland,
   Wie wird es dir ergehen,
   Wenn du die deutschen Soldaten wirst sehen?
   Deutsche Feldsoldaten
   Schieen alle gut
   Wehe dir, wehe dir, Rulands Blut!


oder bers ganze Gesicht lachte, folgte laut das gemeinsame Nachtgebet.

brigens neigte jh sein Zustand zur Krise, und eines Morgens stand der Tod
so nah bei ihm, da vom Sterbenden selbst er nicht mehr mikannt sein
konnte. Da schlug Bslack Ulrike den Blick wie mit dem Hammer ins Herz, da
platt an ihm sie festsa und go mit heimlich obsznen Bewegungen ihr eine
Flut unfltiger, alle menschlichen Ideale schndender Worte ins Ohr, wozu
er selig, fast verklrt, wie zu lsender Beichte lchelte.

Als befleckt Ulrike eine Gebrde des Abscheus machte, lie er sie, die
Decke lpfend, seines zertrmmerten Leibes Grauen noch einmal schauen, warf
mit letztem Schwung ihr das Ges entgegen und verschied.

                                * * *

Nach einjhriger Arbeit an der Front lie Ulrike sich in die Etappen holen.
Auf ihrer Station fand sie Kittels Schreiben, der als Feldgeistlicher das
Eiserne Kreuz erworben hatte. Sein Brief war Begeisterungsschrei.
Mannschaft, untere und obere Fhrung -- alles prachtvoll. Schlacht und Sieg
folgten sich wie in Bilderbchern. Der Soldat rief Halleluja wie Hurra und
fiel angemessen schlicht. Zum Schlu schrieb Kittel, wie oft ein Zwang ihn
fasse, selbst die Waffe zu nehmen und mit den Strmern in des Qualms
geballteste Wolke sich zu werfen. Einmal habe er nicht widerstehen knnen:
Als bei einem Angriff des Bataillons smtliche Offiziere gefallen waren,
habe den erstbesten Degen er geschwungen, und unter seiner und des
Stabsarztes Fhrung sei frisch die Attacke bis in die feindlichen Grben
geschwenkt worden. Gewi, sie spre voll und ganz, welch unvergleichliche
Zeit ihnen mitzuerleben vergnnt sei, drcke als ihr ewiger Bruder in
Christo, Kittel, er ihr die Hand.

Ulrike sah ihr Leben in Schluchen sickern, die nicht mehr dicht waren.
Kittels Brief stimmte zu Bslacks Bekenntnissen wie der Jugend hbsches
Einerlei zum heutigen Chaos. Doch merkte sie pltzlich Krieg und Krppel
unmittelbarer und jetzige Zustnde den Menschen der Epoche gemer als
alles, was im Frieden gewesen, und das ihr nun wie von einem ironischen
Konditor verzuckert schien.

Gelang es mit Standesgenossen noch, deren Sprache zu sprechen, fand sie
sich bald in zwei Wesen gesprengt, von denen eins den alten Text geduldig
sprach, ein anderes jedes Wort von den Lippen fing und in ihm allemal einen
fatalen Gegensinn feststellte. Erschreckend fand Ulrike das Gespenst,
belustigte sich aber mit ihm ber die andere Ulrike aus der Uckermark, wie
die Soldaten sagten.

Durch Erschtterungen entrundet, tat im Lazarett sie mechanisch ihre
Pflicht. War mit ghnendem Maul nun Pflegerin wie die anderen, schlrfte
durch Bettreihen und schien den Kranken wie Trank und Arzneien bitter.

Doch ekelte sie Unlust zur Arbeit. Khe und Hhner htte sie wieder
fttern, mit Leuten vom Land deren Notdurft bereden mgen, um nicht bei
jeder Handreichung wachsenden Widerstand beugen zu mssen. Das Hrteste
war, des Zerfalls Ursachen zu nennen und aufzuklren, erlaubte sie sich
nicht. Als sie die Verwandlung erkannt, hatte sie sogleich jenen
unwiderstehlichen Geist in sich gesprt, der auch im Elternhaus manch
berkommenes belchelte, mit Stolz und Absicht aber weiterschleppte, als
hingen Geltung und Leben davon ab.

So ging wie gekpft sie durch die tolle Zeit. Und als in Reden und
Schriften der Unsinn kra wurde, groteske Ereignisse lrmender prasselten,
rettete vor Not sie sich in uere Zerstreuung. Fand vor europischer Nacht
Licht bei exotischen Kinobildern. Jede freie Stunde, die auf Grund
bevorzugter Geburt sie sich jetzt unbedenklich verschaffte, sa sie in der
besetzten Hauptstadt Lichtspielslen, in derem gepflegtesten Krankenhaus
sie seit kurzem wirkte. Aus dem Film rollten Geschpfe in Situationen, die
zwar kaum noch wahrscheinlich waren, aber Kanle zu ihr vertrauten
Empfindungen offenlieen. Wilde gab's im Busch, zur Rache gekmmte Indianer
auf dem Kriegspfad, Schakale in der Jagden Rausch; doch immer konnte der
Beschauer an der Kreaturen Gewaltttigkeit begreifend teilnehmen. Es blieb
gewissermaen der Gott sichtbar. Nicht Christus gerade, doch Jehovah,
Mohammed oder ein Fetisch, der die Dinge in hherem Sinn lenkte. Im Mord
war Vergeltung, Hunger im Raub, vor Urteil Verbrechen. Es klang die im
Orchester gemachte Musik aus den Ereignissen mit. Von feurigen Wassern
solcher Abenteuer gewaschen, vermochte Ulrike den tglichen Dienst gefater
zu verrichten.

Aber mit der Ereignisse Folge schlug Sucht nach eines Herzens Umgang
endlich zgellos aus ihr. Von Bekanntschaft sprang zu Bekanntschaft sie
nach dem erlsenden Zeichen, miachtete Schnurrbrte und Monokel und
ersehnte vor Essen und Trinken ein einziges Wort, wie sie Bslack in
Katarakten vom Maul geflossen waren. Ihn sah sie innerlich wieder, seiner
Blicke klirrenden Fluch, die blanken Verdammungen. Und wie in Rotgu
erschien die mit dem letzten Atemzug ihr prsentierte Plastik wieder. Durch
Gassen lief sie, stberte im Gesindel nach khnen Visagen, drngte in des
Mobs Zusammenrottungen und fand auch da zu Brei gewlzte Phrasen, denen
noch die Druckerschwrze vom Morgen nachstank. Ein Menschengewhl, ber das
man Kbel Kleister gestrzt hatte.

Am Ort, wo mit Bekannten sie a, sa ein Landsmann, der durch sein ueres
auffiel. Da er mit Herren an ihrem Tisch sprach, hrte sie manches von ihm:
ein Maler, Hilfsarbeiter im Gouvernement und Jude. Man sprach halber
Zurckhaltung zu ihm, nicht gerade wie Vater Bolz einst zum Pferdehndler
Blum, doch weiter noch von der feindlichen Hochachtung entfernt, die am
festlichen Abend in Berlin jenem Besternten gegenber Ulrike einst bei den
Ihrigen bemerkt hatte.

Als untersplt und Hemmungslosigkeiten preisgegeben, sie durch die Welt den
Blick nach Hilfe schickte, blieb er manchmal bei jenem Mann, der wie aus
Quarz die Kinnlade, gestielte Augen trug und auf der Bank wie in sie
hineingetrieben sa. Mchtige Schlucke und Bissen tilgte er und schwang aus
sthlernen Gewinden. Oft auch entzischte ihm Feuer wie aus Gasgeblsen, das
Ulrike versengte.

War ihre adelige Struktur auch bis zum Grund gelockert, hielt Vorurteil sie
doch reichlich ab, diesen Menschen als aus ihrer Welt zu sehen. Tauchte
seine Vorstellung auf, wuchs vom Hals zum Fu ihr eine Gnsehaut. Wie einen
Orang-Utan nahm sie ihn, aber nicht, ohne da wie vor solchem Tier sie
allmhlich Schauer khner Gewalt und urfremd elementarer Art bewehten. Ihr
Leben, das sich eben gegen eine Welt gestrubt hatte, suchte sich nur vor
dem Nachdenken ber die mnnliche Bestie, die die Freunde Posinsky riefen,
zu bewahren, und zum erstenmal fand sie sich eine richtige Bolz, vor einem
Lebendigen absichtlich mit geblhten Nstern stelzend.

Eines Tages in Regengssen bot er einen Schirm an; sie trat zu ihm, und
gleich pfiff er ein so besonderes Lied, da mit allen Sinnen sie horchte.
Merkte sie auch, er fhrte ber Straen und Pltze sie kreuz und quer,
mochte sie ihn nicht hindern und betrat an seinem Arm schlielich eine
Wirtschaft.

Ellbogen auf den Tisch gestemmt, hieb er dort so erbarmungslos in das
Gerst der Welt, da einzelne Zusammenbrche sie nicht mehr merkte, nur
sah, wie mit besessener Kraft und besserem Wissen er zuschlug. Als trnke
sie Punsch und sei irgendwie wieder kstlich warm, hatte sie ein Gefhl.
Und als er gegangen war, hielt aus seinen Worten eine Wolke sie noch
schwebend.

Da waren ihres Urteils mit Mhe verriegelten Schleusen geffnet. Begriffe
in des Gedchtnisses Schacht wechselten Farbe, und in ihrer Erkenntnis war
vor Taifun jngster Tag. Mit schrfstem Mikroskop in der seelischen Brille
stand sie vor der Schpfung und erbrach ihrer Erziehung frommen Betrug, auf
einmal.

Nun sehnte mit Posinsky sie das Wiedersehen herbei, da seine guten Grnde
ihr das Entdeckte sttzten. Doch war das zweitemal er ein anderer. Gut
gelaunt und sanft, wies das Zeitgenssische er berhaupt von sich und
begann von Dingen ganz auerhalb heutiger Vorstellungen zu sprechen. In
Afrika war er gewesen und erzhlte von Negervlkern. Auf des
Kaffeehaustisches Platte zauberte er Tropenlandschaft und, im Sturz des
Lichts, ein scharlachenes Paradies. Von dieser Einfachen Trieben sprach er
so dringlich, da Luft um ihn vor Vergngen sich rtete, und Hitzschauer
durch Ulrikes Wsche liefen. Europas Veitstanz lie er hinter sich und
buchstabierte ihr begeistert einen schwarzen Kanon.

Bei spteren Zusammenknften fuhr er damit fort, und in des Cafs Winkel
ri er sie und sich vollstndig aus Wirklichkeit. Um rotes Sofa blhte der
Brotbaum, kieselten durch Urwlder Stromschnellen, und schwitzte der
schwarze Kontinent seine ganze leckere Fruchtbarkeit. Unter Bambus und
Bananen, Frchten und Orchideen verschwenderischer Natur sahen in blauen
Winden sie ebenholzenen Rassen beim Schaffen zu. Wie Balubas, Hussahs und
Watussis rinderweidend, auf der Jagd oder webend, tpfernd und stickend den
schlichten Tag hinbrachten, der seit Karthagos Zeiten dauerte. Das war
Posinskys Trumpf, des Negers klassische Bestndigkeit in jahrtausendelanger
Reibung mit den Weien zu zeigen. Aus ihrem Blut allen Lockungen der
Zivilisation trotzend, erhielten sie sich der Gtter zauberisch
parfmiertes Eiland, um das ein Wall von Eis, drrender Glut, Wste und zu
dichten Wldern gekeilt, sie vor eiliger Beweglichkeit schtzte. Aber diese
Wilden wies er ihr ohne Philosophie mit handfesten Begriffen, ohne Kunst
bildnerisch, fromm ohne Dogmen. Wie ihre Handlungen, aus Trieb unmittelbar
aufspringend, die Welt nicht zu Entwicklungen vorwrtsstoen, sondern das
Glck am Feuer bewahren wollten, sie sich erobernd nicht ausgebreitet und
versprengt, sondern kraftstrotzend am immer gleichen Platz ihre eigenen
Weiber mit sehaft gewilltem Samen gefllt hatten.

Aus Ulrikes Brust scho gro und dunkel eine Blume, die sie mit Lebenssaft
bego, und als deren Schpfer sie Posinsky ohne sein Wissen liebte, wie man
das sich Offenbarende verehrt. Holz- und Elfenbeinskulpturen der Sudanneger
besa er und wollte sie ihr bei sich zeigen. Sie folgte dorthin und
bestaunte die kubischen Hlzer; durchbltterte seine afrikanischen Skizzen,
in denen er die feurig edle Gestikulation ihr anmerkte. Sie, aus uraltem
Stamm, sagte er, habe oft eine Neigung des Kopfes oder der Beine Drehung,
die ihn an schwarze Weiber mahnte.

Bald darauf zeichnet er sie vor seinem Tisch. Pltzlich wischt er Kragen
und Krawatte fort; man sieht, wie ihn Begeisterung packt. Aufrecht stellt
er sie, und mit Rucken zieht Zeug und Wsche er ihr von den Hften, da in
Bluse und Schuhen sie nackt vor ihm ist. Dann fegt mit Faustschlgen aus
dem Pinsel er des Schenkels Kontur auf den Malgrund.

Modell und Geliebte war sie ihm, wie er sie wollte. Aus allem Sonst war sie
in ihn und auf eine Spirale gerollt, aus der er sie schnellte und sich
ducken lie. Bald stand sie hoch auf Podien, und er renkte ihre Mae in
seines Bilds Erfordernisse, da das Getast unter seinen Griffen bumte und
Gesait zu spitzen Tnen aufschrie oder in Geheul verseufzte. Pedal war sie,
von ihm getreten und englische Stimme, durch ihn gelockt. Doch in
raumloser, zeitloser Flle gebar sie sich fortwhrend Himmlisches.

Aus gekappten Rndern lief sie ganz in ihn aus und war nur noch Teig, an
dem er a und satt wurde. Da er sie afrikanisch wollte, schickte sie sich
an, Trope, schwarzer Beischlaf, halbtierische Schwellung und Geruch von
Negerbeize zu sein. Alles Wirkliche war so von ihr gesplt, da Geschosse,
die oft genug in die Stadt fielen, ihr von drauen schreckliche Gegenwart
nicht mehr vermitteln konnten.

                                * * *

Aber auch Vergangenes ward apokryph. Kam es ihr selten in den Sinn, glaubte
sie an Traum und Sage. Das arme Mdchen, das das alles erlebte, mute einer
fremden Rasse angehren, deren Aufnehmer welk und verblht waren. Manchmal
summte Ulrike eine Strophe, die ihr exotisch klang, wegen der Worte, an
Schnre gereiht:

   Gouvernante, Stundenplan,
   Knix, Pflicht, Ordnung, lieber Gott!
   Taufe, Impfung, danke schn,
   Polizei und Magistrat.


und tanzte dazu, indem sie den Bauch kugelig und immer runder rollte.

Mit Posinsky lebte sie auf einem Flur, und ihre Stuben liefen ineinander.
Vorhnge hielt sie geschlossen und ging, ihres Dienstes ledig, kaum noch
zur Strae. Tag war Vorbereitung fr ihn, kam er nach Haus und wollte
verschnaufen.

Im groen Wohnzimmer hatte an Pfhlen sie den Kral aufgemacht, unter dem
auf einer Lwenhaut sie die grellgeschrzten Lenden, fleischige Beine
spreizte und einfachste Vorstellungen hatte. Quelle war sie, in die, sich
zu nssen, er tauchen sollte, und hielt sich rein und von anderem Verlangen
ungetrunken. Kaum gab dem Licht sie mehr nach, das durch Gardinenschlitze
nach ihr leckte, sondern war ohne ihn aus aller Wahrnehmung in einen
lchelnden Halbschlaf geschlt und hrte das Murmeln ferner Meerbusen.

Trat er aber ein, und es klirrten des Himmels Soffitten, entschrnkte sich
das ausgeruhte Weib, renkte Gelenke an Ketten hervor, und motorisches
Pochen klopfte aus allen Gliedern schon den Boden. Dann war Kilimandscharo,
keine Zeit und heier Wind im Halbdunkel, eine polierte Magd und ein
saftiger Huptling. Fast nur ein starker behaarter Affe und die berauschte
ffin.

Von Entwicklungen tropfte Ulrike sich frei und schabte Ursprngliches, in
Geschlechtern verschttet, aus sich heraus, bis sie blank und ihr
dichtestes Ich war. Jahrtausende hatte sie rckwrts eingeholt und wnschte
das spte Paradies nicht herrlicher.

Lchelnd lie von Posinsky sie sich noch die Hute bemalen und ttowieren;
zu tiefem Schwarz das Haar frben. Lippen und Zitzen spitzte sie selbst mit
Zinnoberrot.

Ganz im Glck hatte sie nur noch Gehorsam. Peitsche kam von selbst, nach
der sie schwank und frhlich tanzte.

Der Mann aber fhlte sich auch behaglich und verbrauchte zu seinem
Einkommen eifrig Ulrikes Rente. Seiner geschmeichelten Eitelkeit gelangen
sogar betrchtliche Bilder.

Oft kam er sich erhaben vor, schleifte vor ihm das berckte Fleisch, das
eigentlich eine deutsche Grfin war. Manchmal war er auch traurig darber,
und wute nicht warum. Immerhin schien er schlielich nicht unglcklich,
als Ulrike einen Knaben entband und in der Geburt mit verzckten Grimassen
starb.

Da das Kind mit aufgekippten Lippen ihm widerlich schien, gab er es an ein
Findelhaus, nicht ohne vorher auf der wichtigsten Leinwand seine Umrisse
der unter Palmen schlafenden Ulrike in den Scho gemalt zu haben.

Das Bild heit Nevermore und hngt in ffentlicher Sammlung.




Nachwort


Kampf der Metapher!

Das Verdienst beanspruche ich, in einer Komdienreihe, dann in Erzhlungen
ein bis 1914 wesentlich durch praktische Erfolge und groe Bankguthaben
hervorragendes Brgertum als seiner eigenen, gehtschelten Ideologie
inkommensurabel gezeigt zu haben.

Ich entfachte zu keiner Erziehung; im Gegenteil warnte ich vor einer
Verbesserung gttlicher Welt durch den Brger und machte ihm Mut zu seinen
sogenannten Lastern, mit denen er Erfolge errang, und riet ihm, meiner
Verantwortung bewut, Begriffe, die einseitig nach sittlichem Verdienst
messen, als unerheblich und lebensschwchend endlich auch aus seiner
Terminologie zu entfernen.

Es sei unwrdig und lohne nicht, das Ziel, eigener Natur zu leben,
metaphorisch ngstlich zu umschreiben. Es gehe damit, bei selbstisch
gerichtetem Urtrieb, kostbare Kraft verloren.

Auch msse er frchten, es kme ihm sonst noch der Proletarier zuvor, der
mit Metaphysik und allem Eidos krftig tabula rasa zu machen sich
anschicke, nachdem der Adel schon seit Menschenaltern vernnftig und
politisch lebe.

Mein Unternehmen ist nicht ohne Nachfolge geblieben. In manches Dichters
Schriften beginnt sich hnliche Absicht auszudrcken, ohne da der
Verfasser Aufhebens von seines geistigen Mutes Herkunft machte. Mit dem
eigenen Namen deckt er vielmehr, was Jahre vorher gltiger durch mich
festgelegt wurde.

Thea Sternheim aber, meine Frau, fgte in ihrer Erzhlung Anna Eigenes zu
meinem einmal gewonnenen Standpunkt und hat durch einen Erfolg, den ihr
anonymes Werk mit meinen Novellen eines gleichen Bandes beim Publikum und
der Kritik fand, eine zwar demtige doch bedeutende Wirkung.







End of the Project Gutenberg EBook of Ulrike, by Carl Sternheim

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