The Project Gutenberg eBook, Eros und die Evangelien, by Waldemar Bonsels


This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org





Title: Eros und die Evangelien
       Aus den Notizen eines Vagabunden


Author: Waldemar Bonsels



Release Date: September 1, 2010  [eBook #33603]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EROS UND DIE EVANGELIEN***


E-text prepared by Norbert H. Langkau, Peter Simon, and the Project
Gutenberg Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)



Anmerkungen zur Transkription:

      Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
      bernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
      korrigiert. Eine Liste der vorgenommenen nderungen findet
      sich am Ende des Textes.
      Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.





WALDEMAR BONSELS

EROS UND DIE EVANGELIEN

Aus den Notizen eines Vagabunden


67. bis 90. Tausend


1922

*       *       *       *       *

Verlag der Literarischen Anstalt
Rtten & Loening
Frankfurt a. M.

Alle Rechte, besonders das der bersetzung, vorbehalten.
Copyright 1920 by Literarische Anstalt Rtten & Loening, Frankfurt a. M.
Die Einbandzeichnung ist von Walter Tiemann.
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.

Die hollndische Ausgabe im Verlag Patria, Amersfort.



Kapitelfolge

Seite
Der Tod        7
Das Meer     109




Erstes Kapitel

Der Tod


Eines Morgens machte ich die Entdeckung, da sich am Deckleder eines
meiner Stiefel eine Naht zu lsen begann, so da eine Spalte klaffte,
wenn ich den Fu streckte. Es setzte mich in Erstaunen, da meine
Stiefel, mit Ausnahme der Sohlen, eigentlich noch in einem recht
brauchbaren Zustand waren, zumal, wenn man nicht absichtlich den Blick
auf die Abstze richtete, die nicht mehr ganz grade aussahen. Da ich
damals eine fr meine Verhltnisse und Ansprche angesehene Stellung in
einer Buchdruckerei bekleidete, mute ich Wert auf meine uere
Erscheinung legen und begab mich deshalb zu einem Schuhmacher, der
Stevenhagen hie und in der Nhe meiner Behausung auf einem Hofe wohnte.

Er war, wie alle Schuhmacher, ein Mann von Nachdenklichkeit und Bildung,
besonders fr die erste seiner Eigenschaften gaben meine Stiefel ihm
Gelegenheit. Er hielt sie mit einer Unnachsichtigkeit ans Licht, die
etwas Rohes an sich hatte, und sah mich dann mit einem Ernst an, der
meiner Meinung nach in keinem Verhltnis zur Bedeutung des vorliegenden
Falls stand.

Es handelt sich vorlufig nur um die Naht, ich springe nur eben so auf
meinem Weg zu Ihnen herein sagte ich.

So, antwortete er mit genauer Beachtung meiner Worte, lange werden
Sie auf diesen Stiefeln nicht mehr springen.

Der Mann war ohne Takt, er sprach nur zur Sache, ohne in Betracht zu
ziehen, da zu dieser Sache auch eine Person gehrte. Zudem kostete er
die zufllige berlegenheit, die die Lage ihm einbrachte, zu auffllig
aus. Ich htte auch vielleicht besser daran getan, nichts davon zu
sagen, da ich nur auf einen Sprung zu ihm gekommen sei. Wenn ich die
Stiefel mrrisch und wortlos hingehalten, ins Zimmer gespuckt und
geflucht htte, so wre ihm von mir und meinen Stiefeln ein Gesamtbild
entstanden, das er besser berblickt und ohne inneren Widerstand
hingenommen htte. Offenbar war er jetzt der Meinung, da ich
beabsichtigt hatte, mehr zu scheinen, als ich war, da ich gewissermaen
den schlimmen Zustand meiner Bekleidung als zufllig hinzustellen
beabsichtigte, und mich fr etwas besseres hielt, als andere Leute mit
zerschlissenen Stiefeln.

Ich dachte, am besten ist es, man spricht offen mit dem Mann ber diese
Dinge, und ich htte es sicher getan, wenn drauen nicht der Regen vom
grauen Himmel gestrmt wre. Die eintnige Pflicht meines Tages lag mir
schwer im Sinn. Der Sommer ging zur Neige und die ratlose Trauer ber
mein Geschick und meine Zukunft qulte mich. Welch eine Kluft ghnte
zwischen meinen Erwartungen und den Aussichten, die sich mir boten, ich
lebte Tag um Tag nur von meiner Hoffnung, sie war mein Brot. Solche
Leute sind vom Sonnenschein abhngig, wer dagegen wei, was er zu tun
hat, tut es auch im Regen, und ein Ziel lt sich selbst im Sturm
verfolgen, aber die Hoffnung hngt vom Licht und von der Wrme ab, wie
ein Keim in der Erde.

Ich fhlte, whrend die Gerte des Handwerkers erklangen, die Unruhe mit
ihrem tdlichen Nachbarn, dem Hang zu zerstren, in mir wachsen. So
erhob ich mich von meinem Sitz auf der Fensterbank und schritt auf
Strmpfen durch die angelegte Tr auf den Hausflur hinaus, nur um mich
zu bewegen, in meinem hilflosen Ungengen. Die Stube des Schuhmachers
lag zu ebener Erde, ein finsterer Gang fhrte weiter in das eng und
drftig gebaute Hinterhaus hinein, rechts und links waren Tren und am
Ende eine Treppe, auf der es zum ersten Stockwerk emporging. Da vernahm
ich in der Dmmerung ein hoffnungsloses Weinen, es wurde durch kein
Schluchzen unterbrochen, es klang wie ein der, stiller Gesang. Unter
diesen Lauten, die mich festhielten, wo ich stand, brach in meiner Brust
eine Quelle auf und mir war, als sei ihre Leere, an der ich eben noch
gelitten hatte, ausgefllt wie durch eine jhe Begnstigung. Es wurde
mir warm und ich empfand Dankbarkeit, ohne da ich mir darber klar zu
werden vermochte, wie dies geschah, aber wie im Gehorsam gegen einen
inneren Befehl, ffnete ich die Tr, hinter der die Stimme zu klagen
schien, und trat in ein niedriges Zimmer ein, in dem eine Frau an einem
Herd vor dem erlschenden Feuer kniete und dicht am Fenster ein Bett
stand, in dem ein Mdchen schlief. Aber es war alles still im Raum.

Von den nur leicht verhangenen Scheiben fiel der glanzlose Tagesschein,
eine stille Lichtdecke, auf das Gesicht der Ruhenden, das wei und
unwirklich schimmernd in das lose Haar eingebettet lag, das schwarz wie
Kohle war. Die Arme waren zur Rechten und zur Linken an den Krper
angelegt, der sich unter der leichten Decke abhob, grade gebettet wie
bei einer Toten. Aber die Ruhende lebte, denn ich sah, wie ihre Brust
sich unter ihren Atemzgen hob und senkte, aber ich erkannte zugleich,
da sie krank war und an der Grenze ihres Lebens stand. Ich sagte zu der
Frau, die sich langsam aufrichtete und mich wortlos ansah:

Wenn Sie erlauben, werde ich Sie besuchen.

Die Frau gab mir zgernd die Hand, nickte langsam und schob mir einen
Stuhl hin, den sie mit ihrer Schrze abwischte.

Schickt Sie jemand zu uns? fragte sie.

Die anfngliche Ratlosigkeit ihres von Entbehrungen elenden Gesichts
wich einer ruhigen Aufmerksamkeit, die ohne Neugier in meinen Zgen zu
lesen trachtete. Ich antwortete nicht auf ihre Frage, weil sie meine
Antwort nicht verstanden htte und weil ich keine Worte machen wollte,
die meinem inneren Zustand nicht entsprachen. Die Traurigkeit gibt den
Menschen eine eigenartige Freiheit, weil sie die Augen aus dem Wirrsal
der kleinen Sorgen auf ein einziges Ziel richtet, so dunkel es auch sein
mag, sie hat mit der Freude die Ausschlielichkeit gemeinsam und richtet
unsere innere Haltung aus den Regionen der tglichen Beengung in eine
Welt hherer Erwartung empor. Vielleicht vermochte diese Frau deshalb
das Seltsame meiner unvermuteten Ankunft nicht als etwas Ungewhnliches
oder Hinderndes zu betrachten, sie nahm sie gleichmtiger hin als es
andere, in ihren Gewohnheiten gesicherte Menschen, getan htten.

Wie geht es Ihrer Tochter? fragte ich.

Diese Frage wirkte nicht ungewhnlich, denn eine Mutter setzt immer
voraus, da die Welt von ihrem Kummer um ihr Kind erfllt ist, so
antwortete sie einfach:

Wenn Asja nur ein einziges Mal eine Klage aussprechen wollte, wre mir
wohler. Ich habe immer gedacht, diese Krankheit bliebe den Leidenden
verborgen, aber sie wei sie und spricht ohne Kummer von ihrem Tod.

Vielleicht ist dies eine Erleichterung, antwortete ich.

Es ist doch mein Kind, sagte sie und sah mich an.

Darauf vermochte ich keine Antwort zu geben und sah zu Asja hinber. Die
Ruhe ihres Gesichts erfllte das Zimmer. Die Lider ber den Augen waren
das hellste der bleichen Landschaft dieses Angesichts aus Menschenarmut,
Schlaf und Ferne. Neben dem Bett stand auf einem kleinen Tischchen eine
Tasse, eine Kerze und ein Krug. Ein Buch in rotem Einband, aus dem ein
paar lose Bltter Papier hervorschauten, lag zwischen einer Blumenvase
und einem Stck Brot.

Liest Asja viel? fragte ich.

Die Mutter nickte. Ich gehe um Bcher, aber die Leute leihen sie
ungern. Wenn Sie Bcher htten ...

Ich kann bringen, antwortete ich, heute noch.

Die Mutter lchelte.

Das wre wirklich schn, Asja wird mit Ihnen darber sprechen, was in
den Bchern zu lesen steht. Wenn man Tag fr Tag und Nacht fr Nacht
auf einem Fleck daniederliegt, wird man dankbar und ist mit weniger
zufrieden, als die Menschen wissen, die alles haben, und gehen und
leben, wie sie wollen. Wenn die Toten noch Empfindungen htten, so wren
sie sicher dankbar fr jeden Wassertropfen, der durch ihre Sargwand
sickert. Ich htte gewi noch Kraft, vieles zu tun, was dem Kind Hilfe
brchte, aber es gibt keine mehr fr uns, und das Warten, ohne etwas
bewirken zu knnen, macht mutlos, weil keine Hoffnung mehr da ist ...
Oft berwltigt mich dies Leben jetzt und ich meine, es nicht mehr
ertragen zu knnen.

Als ich an Ihrer Tr vorberging, dachte ich dasselbe.

Wenn Sie noch bleiben wollen, bis Asja erwacht ... sagte die Frau mit
zgernder Erwartung. Sie hatte ein Tuch um die Schultern gelegt, eine
Tasche ber den Arm gehngt und schickte sich nun an, das Zimmer zu
verlassen.

Herr Stevenhagen hat meine Stiefel, es kann noch eine Weile dauern, so
bleibe ich also noch ...

Asja wird sich freuen, da man sie besucht.

Sie stellte noch eine kleine Glocke neben das Bett, seufzte auf, mit
einem langen Blick auf die Kranke, und gab mir die Hand. Wenn Sie an
die Bcher denken wollen?

Ich versprach es und begleitete sie an die Tr. Sie kam noch einmal
zurck: Es stnde Kaffee im Rohr, wenn ich etwas wollte, oder vielleicht
auch, da Asja darum bte. Sie selbst ginge bis zum Mittag in die
Papierfabrik.

Als die Tr sich geschlossen hatte, sah ich zu der Schlafenden hinber
und begegnete ihrem Blick, der gro und dunkel auf mir ruhte. Ein kaum
bemerkbares Lcheln, ein wenig schelmisch, belebte ihre Zge und wurde
zu einem leisen Lachen, als ich meine Gegenwart zu begrnden suchte.

Ich wei schon, sagte sie, Sie warten auf Ihre Stiefel. Aber warum
tun Sie es bei uns?

Sie haben gewacht?

Die Mutter findet schwer fort, wenn ich nicht schlafe, und da es doch
sein mu, da sie geht, schlafe ich, damit sie leichter fortfindet. Wie
kommen Sie zu uns?

Als ich ber den Hausflur ging, hrte ich jemanden weinen und trat ein,
man kann nie wissen ...

Niemand hat in diesem Zimmer geweint.

Mir schien es so.

Sie wollen mir Bcher bringen? Da bin ich doch gespannt, was es sein
wird. Haben Sie viele Bcher?

Wenn ich ehrlich sein soll, so habe ich berhaupt keine, sie sind mir
abhanden gekommen, oder liegen auf dem Dachboden meines Elternhauses,
das nicht in dieser Stadt ist. Aber ich werde welche beschaffen, das
wird mir nicht schwer.

Machen Sie sich keine Mhe, sagte sie langsam, lchelte und sah vor
sich nieder. In ihrer Ablehnung, die keinesfalls Bescheidenheit war, lag
trotzdem nichts von einer Krnkung.

Mir war zumut, als habe die Welt, in der ich mich eben noch befunden
hatte, sich jhlings gegen eine andere vertauscht, als sei ich aus einer
lauen, bedrckenden Luft, die von Bedrftigkeit und einem vagen Hang zu
bereitwilligem Mitleid gesttigt war, pltzlich in einen herben Windzug
geraten und in einen Bereich, in dem es nicht zu helfen galt, sondern zu
bestehen. Ein leiser Unwille, dessen ich mich schmte, machte mich
unsicher. Ich dachte: da sieht man es nun, jetzt sitzt du hier.

Aber als ich dann den Blick hob und ihn ruhig in die Augen dieses
Mdchens senkte, begriff ich, auf welche Art ich ihr mit dem Gefhl des
Mitleids Unrecht getan hatte. Es wird das beste sein, ich sage es ihr,
dachte ich, und begann zgernd:

Als ich dies Zimmer betrat und Umschau in ihm gehalten hatte, als ich
Ihre Mutter und Sie gewahr geworden war, hatte ich das qulende
Schuldbewutsein, in das uns Mitleid zu strzen vermag, aber seit ich
nun in der ruhigen Helligkeit Ihrer Augen stehe, bin ich nichts mehr
schuldig, Ihre Augen machen das Herz frei.

Das Mdchen richtete sich auf, sttzte sich auf ihre Ellenbogen und sah
mich in so groem Erstaunen an, da ich, wie vor mir selbst, erschrak.
Was habe ich denn gesagt? dachte ich. Ein leiser Schwindel ergriff mich,
ich besann mich, als htte ich jahrelang etwas Unnennbares vergessen,
das ich heimlich dennoch gesucht hatte.

So bist du nun doch gekommen, sagte das Mdchen schchtern und
langsam, aber mit groer Deutlichkeit, und als ich den Blick wieder hob,
sah ich, da sie so bleich war, wie das Leinen ihres Betts.

Da ich keinen Mut hatte, zu glauben, fragte ich zgernd:

Wen hast du erwartet?

Es gibt fr uns alle nur einen Menschen, zu dem wir du sagen.

Nie hat mein Herz so schmerzhaft geschwankt wie unter diesen Worten, nie
war es so von unfabaren Gewalten hin und her geworfen. Hoffnung und
Mut, Zweifel, Aberglauben und Zuversicht strzten sich wie Lichtstrme
und Nachtwolken ber mich. Die Welt und die Menschen haben mich
verdorben, dachte ich, denn wie kann mein Glaube am Tor dieser Wohltat
zaudern, was hindert mich, den Garten zu betreten und zu sein, was ich
bin, und zugleich immer zu erweisen gehofft habe, mir selbst und allen?
Ich schme mich, ein Mensch zu sein, dachte ich, daran sind wir alle
krank. Aber darber ward die Helligkeit der Genesung, die mir
entgegenstrmte und die zugleich aus mir hervorbrach, so mchtig in mir,
da ihr Licht meine Augen blendete.

Asja erhob sich von ihrem Lager, trat auf mich zu und legte ihren Arm um
meinen Hals. Ich sah ihr Gesicht dicht vor meinem und unter der nun
ruhig gewordenen und zuversichtlichen Aufmerksamkeit ihrer Blicke, wute
ich, da ich bestehen wrde. Da begriff ich, was Dank ist; wieviel
erlebte ich doch in diesen Augenblicken, ein ganzes Leben vermag es
nicht auszumessen. Ich glaube, in Wahrheit leben wir alle nur ein paar
Augenblicke, alles andere ist Ahnung, Erinnerung und Hoffnung. Dies aber
war Wahrheit, und so sagte ich es Asja, denn sonst wute ich im
drohenden Ernst meines Glcks nichts zu sagen.

Die Lichtabgrnde ihrer groen Augen schienen das einzige zu sein, vor
dem ich mich befand. Sie lag nun wieder still und grade vor mir auf
ihrem Lager und sah mich an. Eine Weile sprach keiner von uns, ich lie
mich so an ihrem Bett nieder, da ich ihr gegenber sa, sie ffnete
meine Hand und legte die ihre hinein, warm und fest, mit dem Rcken nach
unten, als bettete sie sie in ein lebendiges Lager.

Bist du sehr krank? fragte ich.

Sie nickte und lchelte.

Wirst du gesund werden?

Sie schttelte den Kopf, aber ihr Lcheln blieb.

Ich befand mich in einem Zustand berbotenen Gefhls, wie in einem
Seelenraum, der weder Glck noch Schmerz zu fassen vermag, mir war
zumut, als zge das Leben ohne mich an mir vorber, und ich fhlte doch,
da ich zum erstenmal ganz in seinem Strom trieb. Es sind die Ufer, die
dahinziehen, dachte ich, es erscheint mir als stnde ich selber still
und als zgen die Ufer dahin, aber in Wahrheit bin ich es, der zum
erstenmal in die Bewegung des Lebens geraten ist und ich sehe nun, wie
die Werte alten Bestands davonziehen.

Sie ist krank und wird sterben, dachte ich dann, sonderbar nchtern,
aber zu erfassen oder zu glauben vermochte ich den Sinn meines Gedankens
nicht. Es kann nicht wahr sein, wie ich es bisher fr wahr gehalten
habe, sann ich schwerfllig, denn was bedeutet sonst dieses Lcheln,
dieses Lcheln, das ich aus alter Erinnerung her kenne? So lchelte
meine Mutter, wenn sie mir scherzend eine arge Botschaft brachte, hinter
der sich im Grunde doch eine frohe Verheiung verbarg, sie, die damals
noch alles mglich machen konnte, was mein Kinderherz begehrte, und von
der ich wute, da sie es zuletzt doch tun wrde, da mein Leid ihr
schmerzlicher war als mir ...

Da sagte Asja:

Die Gesunden ahnen das Wesen der Krankheit nicht und frchten sie
immer. Wer aber krank gewesen ist, wei, da die Erinnerung an diese
Zeit nicht immer trb und trostlos ist, wie vorher die Befrchtung war,
sondern da eine Helligkeit ber diesen Tagen und Nchten liegen kann,
die sogar die Schmerzen vergessen lt. Dieses Licht bricht aus der
Freiheit, in die uns unsere Anspruchslosigkeit fhrt, die sich langsam
mehr und mehr mit unserem Daniederliegen einstellt. Krank zu werden ist
viel schmerzlicher, als krank zu sein, denn zu Anfang fhlt sich unsere
Seele noch an die Welt der Sinne gebunden, in der sie gefangen lag, und
wir verstehen ihre neue Freiheit nur langsam. Aber sie stellt sich wider
unseren Willen ein, und mehr und mehr gelangen wir aus den Regionen des
Vergnglichen in die Bereiche des Unvergnglichen. Alle Krankheiten sind
Entfesselungen der Seele aus der Welt der Sinne. Ich glaube, da der Tod
der hellste Wipfel dieser Hhen der Freiheit fr unser Bewutsein zu
werden vermag.

Das Mdchen sprach eifrig und einfach, aber ohne den Wunsch zu
berzeugen, ich habe niemals im Leben etwas so deutlich gehrt wie den
Sinn dieser Stimme. Es war als stnde eine aufrechte Gestalt hinter der
liegenden, eine andere, die doch dieselbe war, ein Wesen, das keiner
Worte bedurfte, um sich verstndlich zu machen, sondern das klar und
selbstverstndlich dadurch sprach, da es so und nicht anders beschaffen
war. Eine schweigsame Herrlichkeit der Verkndigung ging von ihr aus,
wie von Wert und Unwert genesen.

Drauen schien der Morgen sich ein wenig aufzuhellen, es regnete nicht
mehr und der Lichtschimmer, der ins Zimmer fiel, verriet, da Wolken und
Sonnenschein sich hoch ber uns im Freien vermischten. Die Gegenstnde
des Zimmers, das sorgfltig geordnet war, nahmen in meinen Augen eine
nchterne Selbstndigkeit an, wie Wesen von Sinn und Lebendigkeit, die
in einer erstarrten Bereitschaft warteten. Ich betrachtete diese Dinge
und die Eigenart dieser Morgenstunde beschftigte mich. Solche
Morgenstunden in einem Wohnzimmer sind mir fremd geworden, dachte ich,
wo war ich denn stets um diese Zeit? Seit meiner frhsten Kindheit habe
ich grade diese Stunden nicht mehr erlebt. Wenn ich krank war und nicht
zur Schule konnte, erfuhr ich sie, oder Sonntags, aber schon dann waren
sie anders.

Asjas Hand lag immer noch in der meinen. Sie hatte die Augen geschlossen
und ich sah auf ihr Gesicht nieder. Das Lebenslicht der Zge flo ber
die mattfarbigen Formen der Schlfen und Wangen, deren Tne sich nicht
unterschieden, alles war in ein ruhiges Bla gebettet. Die Bogen der
Brauen waren breit und tiefschwarz und die Augenlider am hellsten. Die
Wimpern auf den Wangen ruhten dicht und dunkel, wie aus Samt, und der
Mund, dessen Lippen kaum einen Schimmer von rot trugen, war von einer
Lebendigkeit, die mich erbeben lie. Ich sah mit Grauen und Andacht auf
diese schwermtige Se, von der es wie Frhlingssonnenschein aufstieg.

Mich ergriff ein Taumel von Armut und Gram, der mich durch und durch
verwandelte, aber zugleich blhte mein Herz. Da wute ich: Dies ist der
Anfang und das Ende. Es ist die Besttigung, dachte ich, und nahm das
Urteil hin. Ich hatte das Empfinden uralt zu sein, und ma und erkannte
dies Bewutsein doch in der Allgewalt einer unbestrmbaren Jugend.
Schlag deine Augen auf und sprich wieder zu mir, ich bin verwirrt und
mchte doch meine Sicherheit nicht an Wesen und Dingen zurckgewinnen,
an die ich nun nicht mehr glauben kann, und die ich niemals wieder
lieben werde. In einem einzigen Augenblick hat das Lebenssinnbild deines
Mundes eine Welt in Trmmer geworfen. --

Wir haben noch mancherlei miteinander gesprochen, dieses und jenes, wie
der Augenblick es uns eingab, aber wenn auch von nichtigen Dingen die
Rede gewesen sein mag, so war doch alles, was uns im Geist begegnete,
von jener reinen Wichtigkeit des Wesens, die die Achtung und die
beglckende Vorsicht der Liebe schaffen. Ich ahnte die Durchsichtigkeit
der Welt, in der diese Seele lebte und meine Begierde wachte mchtig in
mir auf, wie Durst. Als ich gewahrte, da das Mdchen mde wurde, ohne
da sie die Erschpfung ihres Krpers selbst sprte, verlie ich sie und
ging, ohne ihr zu versprechen, da ich wiederkommen wrde, denn es
verstand sich von selbst, und mir wre eine solche Zusage vorgekommen,
als htte ich gesagt, da es Tag sei, oder wieder Nacht werden wrde. --

Irgendwo, mir aus weiter Ferne der Erinnerung noch dunkel bekannt, wie
auf einem anderen Stern, sa der Schuster Stevenhagen, der meine Stiefel
in Kur genommen hatte. Er sah mich erstaunt an, als ich bei ihm
eintrat, wies nur schweigend in einen Zimmerwinkel und rckte den Schuh
auf seinen Knien wieder in den Lichtkegel der glsernen Wasserkugel,
hinter der eine Lampe brannte. Ich suchte mein Eigentum unter den arg
mitgenommenen Fremdlingen heraus, die wie eine Schar flchtig geordneter
Landstreicherpaare am Boden umherstanden, und fragte nach meiner
Schuldigkeit.

Das lt sich aufbringen, sagte der Alte.

Ich lie mich auf einem Hocker nieder und zog die Stiefel an.

Wo sind Sie gewesen? fragte der Schuster.

Ich sagte es ihm und er hielt in seiner Arbeit inne, wandte sich mir zu
und sah mich an.

Kennen Sie Asja?

Ja, sagte ich, noch nicht lange, aber fr immer.

Er fuhr fort mich prfend zu betrachten, lchelte, scheinbar dankbar
ber dieses Bekenntnis, schwieg aber und wandte sich endlich seiner
Arbeit wieder zu. Als ich ihm Geld zum Wechseln gab, schob er die Mnze
fort, schttelte den Kopf und forderte mich durch eine Bewegung auf, das
Geld zurckzunehmen.

Ich verstand pltzlich, nahm die Mnze und ging davon.

Ist es so, dachte ich drauen, als ich ziellos und doch eilig die nasse
Strae durchschritt, da es gengt mit dir bekannt zu sein, Asja, um
alle zu Freunden zu haben, die von dir wissen?

Die Gesichter der Menschen, der Lrm der Strae und die Mauerwnde der
Huser begannen auf mich zu drcken. Wenn ich doch Horizonte, Wiesen
und Pflanzen she, dachte ich, ich wrde meinen Glauben besser zu wahren
wissen und meine Frhlichkeit wrde standhalten. Was ruft ihr mich an,
bemchtigt euch meiner und zerrt mir die Seele aus dem Leib, ihr Namen
und Bilder, Inschriften und Auslagen, Glocken und Stimmen? Eure traurige
Hast und leere Mhe, eure Sucht ohne Sehnsucht und euer Weh ohne Heimweh
verfhren und verraten mich und machen mir alles verchtlich, um dessen
willen ich allein leben mchte. Ihr betrgt die Seele um die Heimat.

ber solchen Gedanken kam mir in den Sinn, da ich Asja Bcher
versprochen hatte, und wenn ihre Worte, die mich gleichmtig und
zurckhaltend nach diesem Vorsatz gefragt hatten, auch kein sonderlich
starkes Vertrauen zum Wert dessen verraten haben mochten, was ich etwa
bringen wrde, so beschlo ich doch mein Vorhaben auszufhren und das
Mdchen womglich auf das angenehmste zu enttuschen.

Whrend ich ber die Strae dahinschritt durch den Regen, berfiel mich
pltzlich der Gedanke an meine Beschftigung, an meine Tagespflicht, an
die Druckerei und meinen Brotherrn. Seit drei Stunden wartete man auf
mich, ich war unentschuldigt ausgeblieben, in Gefahr ernstlich verstimmt
zu haben und entlassen zu werden. Aber als ich auf eine Erklrung sann
und erwog, ob ich die Angelegenheiten Asjas nicht besser in meinen
freien Mittagsstunden erledigen sollte, berkam mich ein jher
Entschlu, der mir das Bewutsein einer beseligenden Freiheit
einbrachte. Ich nahm mir vor, berhaupt nicht mehr in die Druckerei zu
gehen, und meine alte Verpflichtung gegen eine wertvollere
einzutauschen, gegen die, Asja zu Diensten zu sein so lange sie noch
lebte. Was galten mir uerliche Verluste gegen das Glck der inneren
Entbundenheit, in der ich nach diesem Vorsatz, wie neugestrkt,
dahinschritt. Eine noch ungewisse Ahnung, da ich Vergngliches gegen
Unvergngliches eintauschte, erfllte mich durch und durch mit
Frhlichkeit. Auch wute ich, da es mir fr den Fall der Not nicht
schwer fallen wrde, wieder irgendeine Beschftigung zu finden, die mich
vor Hunger schtzte, wie sie einem Menschen stndlich zu Gebote steht,
der bereit ist jede Arbeit zu bernehmen.

Es mochte zwischen zehn und elf Uhr sein. Ich geno fr eine kurze Weile
diese ungewhnliche Stunde, die ich in den letzten Wochen nur mit
Bedrcktheit und Verlangen von dem nchternen Zifferblatt der
Geschftsuhr abgelesen hatte. Es galt aber sie zu ntzen, und ich
berdachte, auf welche Art ich mich am besten in den Besitz von Bchern
zu setzen vermchte. Meine Barmittel waren gering und ich sah ein, da
ich nicht nur der Gelegenheit, Bcher zu erwerben, sondern zugleich auch
eines wohlmeinenden Rates und teilnehmender Frsorge bedurfte. Da
erinnerte ich mich dessen, da ich zuweilen Korrekturbogen aus der
Buchdruckerei zu einem wohlgebildeten und sehr vermgenden Herrn
gebracht hatte, der Doktor der Philosophie, Kunsthistoriker und
Schriftsteller war. Ich war gentigt gewesen, im Vorzimmer dieses Herrn
auf dessen Einblick in die Satzproben zu warten und hatte, als der
Diener in das Arbeitszimmer trat, einmal durch die Tr eine gewaltige
Bcherwand erblickt, die bis an die Decke hinauf in den gedmpften
Gold- und Farbtnen alter und neuer Bcher glitzerte. Ohne Besinnen
entschlo ich mich einen Versuch zu machen, hier zu Bchern zu gelangen,
und indem das Ungewhnliche meines Vorhabens mir die Brust ein wenig
beengte, erwachte zugleich jene unbndige Lust am Wagnis und am
Besonderen, jener Hang, alle Fesseln einer hergebrachten Lebensform
gegen die einfache Bewegung eines mutigen Menschentums einzutauschen,
der mir meine ganze Jugend hindurch viel Leid und Seligkeit eingebracht
hat, Erniedrigungen und Triumphe, Ha und Liebe.

Whrend ich den Weg in die Gartenvorstadt nahm, in der das Landhaus des
wohlbekannten, ja auf seinem Gebiet berhmten Mannes lag, verbannte ich
alle Vorstze zu einer bestimmten Art des Auftretens aus meinen
Erwgungen und beschlo, mich ganz der Gunst oder Ungunst des
Augenblicks zu berlassen und nur dem zu gehorchen, was die Lage mir
eingab und zumutete. Werde ich abgewiesen, dachte ich, so befinde ich
mich bald wieder an dieser Stelle der Strae, auf der ich mich jetzt
bewege, und ich befinde mich hier sehr wohl. Aber dann wurden meine
Gedanken in einen verschleierten Ernst hinbergezogen, denn Asjas
Gestalt stand vor ihnen auf und ihr Lcheln begleitete mich. Da glaubte
ich zu wissen, da alles kommen wrde, wie es kommen mute, und fhlte
mich im Recht.

Als ich an dem hohen, eisernen Gartentor anlangte, setzte ich die Glocke
in Bewegung und wartete darauf, da der Hausdiener den Kiesweg
herabkommen wrde, um die Gruppe der Lebensbume herum, die den
seitlichen Eingang zum Haus verdeckte. Es war aber diesmal ein
Stubenmdchen. Sie machte nicht auf, sondern fragte mich durch das
Gitter, was ich wollte.

Hinein, sagte ich einfach.

Ach so, meinte sie und musterte mich, Sie kommen von der Druckerei.

Sie wartete meine Antwort nicht ab, sondern zog die Gittertr auf,
schlo sie sorgfltig hinter mir und schritt mir dann voran, bis in das
Wartezimmer, das ich kannte. Vorsichtig begab sie sich dann an die Tr
zum Arbeitszimmer, beugte sich vor, zgerte eine Weile und pochte dann
leise und auerordentlich zurckhaltend dreimal. Es sah aus, als wre
die schwere Eichentr zerbrechlich. Mir schien, da der Gemeinte, wie
manche verwhnten Leute, durch allzu groe Rcksicht auf seine Wnsche
ungeduldig wurde, denn es ertnte ein sehr unfreundliches Was ist los?
und das Stubenmdchen wagte kaum die Tr zu ffnen. Sie tat es, nachdem
sie mir einen inhaltslosen Blick zugeworfen hatte, einen Blick, wie ihn
Leute haben, deren innere Augen anders gerichtet sind als die uern.

Ein junger Mann von der Druckerei ist da, sagte sie auf der Schwelle.

Also. Was bringt er? Geben Sie her!

Das Mdchen winkte mit der Hand eifrig zu mir hinber, damit ich ihr
einhndigen sollte, was sie fr ihren Herrn bei mir vermutete.

Ich bringe nichts, sagte ich, ich mchte den Herrn Doktor sprechen.

Jetzt trat sie ganz ein, lehnte aber die Tr nur hinter sich an, so da
ich die laute mnnliche Stimme deutlich vernahm.

Etwas abholen? Ich habe nichts, es ist alles geschickt worden.

Als die Tr sich wieder ffnete, rief der Herr Doktor mich selbst an:

Was ist denn? So kommen Sie herein.

Ich trat ein und war erstaunt ber die vornehme Pracht dieses groen
Zimmers. Ein schwerer roter Teppich fing mich auf, von den Erkerfenstern
brach gedmpftes Licht auf den mchtigen Schreibtisch, der mitten im
Raum stand, umlagert bis zur Decke hinauf von hohen Bcherschrnken und
-borden, die in die Wnde eingelassen waren. Ein dunkler Eichentisch mit
rundlehnigen Ledersesseln bot sich zur Rechten, aus dmmrigem
Hintergrund, den Augen dar, und neben ihm stand ein breites Ruhebett,
belastet mit gewirkten Decken und einer groen Menge vielfarbiger
Kissen, deren Zahl ich in der Eile auf etwa hundert schtzte.

Der Herr Doktor sa an seinem Schreibtisch und hatte sich mir zugewandt,
die eine Hand auf die Lehne des Sessels aufgesttzt, so da er ber
seinen emporgestemmten Ellenbogen hinweg nach mir hinbersah. Zwischen
den Fingern hielt er eine Zigarre, so gro und dick wie ein
Tannenzapfen, von der eine hellblaue Rauchlinie emporstieg, deren
lichtes Leben wundervoll ber die Dmmerung des Hintergrunds dahinzog.

Mir schien, als mifiele dem Herrn die Aufmerksamkeit nicht, die ich
seinem Zimmer entgegenbrachte, erst nach einer Weile sagte er mit einem
etwas selbstgeflligen Lcheln:

Also, was ist denn?

Ich trug mein Anliegen in einfachen Worten vor, ohne da ich ihnen durch
ungebhrliche Wendungen oder unbescheidene Selbstverstndlichkeit den
Anschein einer heimlichen Anmaung verlieh, es war nicht meine Schuld,
da unser Gesprch bald darauf einen Fortgang nahm, der den Hausherrn
aufbrachte.

Bcher wollen Sie von mir? fragte er gedehnt und mit einer Betonung,
als htte ich von einem Schreiner einen Schuh verlangt. So ohne
weiteres, das ist denn doch ... mu ich sagen, ein hchst sonderbares
Anliegen. Wer sind Sie denn berhaupt, ich meine eigentlich ...

Ich will Ihnen meinen Namen und meine Adresse spter aufschreiben, wenn
Sie mir Bcher gegeben haben. Als ich im Auftrag der Druckerei einmal
bei Ihnen war, sah ich durch die Trspalte den Reichtum an Bchern, ber
den Sie verfgen, und ich dachte an Sie, als ich heute frh bei der
Kranken war.

Und daraufhin ... ich glaube, Sie sind verrckt. Nehmen Sie es mir
nicht bel, aber einem daraufhin ohne weiteres mit dieser Bitte zu
kommen, ist denn doch wohl mehr als ungewhnlich. Sie glauben wohl in
mir einen Dummen gefunden zu haben?

Nein, sagte ich, man kommt nicht immer gleich auf das Rechte.

Der Angeredete schien den Satz daraufhin zu prfen, ob sein Sinn
eindeutig sei, und schaute dabei auf den Teppich nieder, als lse er ihn
noch einmal in seinen Ornamenten nach, dann erhob er sich und schritt
auf mich zu.

Das war allerdings kaum das Rechte, so mir nichts dir nichts bei mir
einzufallen. Gibt es nicht Buchhndler oder, wenn es Ihnen an
Barmitteln fehlen sollte, Leihbibliotheken genug? Aber es wird wohl
zuguterletzt auf etwas anderes herauskommen.

Er zog seine Geldbrse und begann mit kurzsichtigen Augen darin zu
suchen, whrend sein Finger die Mnzen hin und her schob. Wundert mich
nur, wie Sie es fertiggebracht haben, bei mir einzudringen. Sie haben
das Vertrauen Ihres Chefs mibraucht, mein Lieber ... Bcher! Wie lange
kennen Sie denn dieses Mdchen schon?

Ich wollte bei der Auswahl des Geldstckes nicht stren und wartete
deshalb ab, auf welches die Wahl meines erzrnten und unfreiwilligen
Gastgebers fiele. In Erfahrung gebracht habe ich es niemals, denn es
wurde mir mit viel Takt in der geschlossenen Hand geboten; jeder andere
htte die Mnze sicherlich zwischen zwei Fingern erhoben dargereicht.

Sie sind sehr freundlich, sagte ich ohne zurckzutreten, aber mir ist
mit einer kleinen Geldsumme nicht gedient. Wenn Sie keine Bcher
verleihen wollen, so mu ich unverrichteter Sache wieder meines Wegs
gehen. Aber ich will es nicht tun, ohne einen letzten Versuch zu machen,
Sie davon zu berzeugen, da weder ein unbedachter und leichtfertiger
Einfall, noch die Gier nach einem unverdienten Vorteil mich zu Ihnen
gefhrt haben. Wenn ich den Reichtum an Unterhaltung, Belehrung und
Erhebung, an menschlicher Freude und menschlichem Erleiden berdenke,
den Sie in Ihrem Zimmer angesammelt haben, all das erschlossene und
unerschlossene Glck, das diese Bnde bergen, so erscheint es mir fr
einen Augenblick ungerecht, da diese farbige Welt mit ihren
Landschaften der Seele und der Erde hier verborgen und unbenutzt liegen
soll, whrend ein paar Huser weiter ein Mensch, der dies alles und mehr
in kurzer Zeit fr immer aufgeben mu, Verlangen danach trgt, fr eine
Stunde seine Armut und sein Geschick zu vergessen.

Es entstand eine kleine Pause, als ich schwieg. Ein sonderbarer Blick
voll Gift und Staunen traf mich, haftete wider Willen an meinen Zgen,
umglitt mich, verchtlich geworden, und lste sich endlich in einem
Lcheln, voll Neugier und Herablassung.

Schon gut, schon gut, sagte er, Sie werden mich nicht beschwatzen.

Nach diesen hlichen Worten brach pltzlich eine befangene Gutmtigkeit
im Ausdruck seines Gesichts durch, die ich nicht erwartet hatte, und die
ich mir nicht erklren konnte, obgleich sie das einzige war, was auf
mich wirkte. Wahrscheinlich hat er mir zuvor seine Kraft beweisen
wollen, ehe er mir seine Schwche verrt, dachte ich und darber wurde
ich mutlos, denn ich erkannte aufs neue, was unter den Menschen als
stark gilt und was als schwach.

Da es in meiner Art und unbewuten Neigung lag, den Fortgang eines Wegs
immer dort zu suchen, wo ich am tiefsten durch das Wirrwarr der
Erscheinungswelt blickte, sprach ich als Antwort von dem, was ich
erkannte und sagte:

Nun Sie mir durch Ihr Wort bewiesen haben, wie wohl Sie gegen meine
Tcke gewappnet sind, wird Ihr Herz einen freien Weg fr seine Gte
finden knnen.

Mein Gegenber lachte breit und ungeschickt auf, so da ich ihn fr
einen Augenblick bedauerte, aber ich gab dieser Ablehnung nicht nach,
sondern wappnete mich aufs neue, ich war entschlossen, zu meinem Ziel zu
kommen. Ein leise qulender Zweifel nagte tief in mir und fr einen
Augenblick hate ich diesen Mann, der den Wert der feinen Fgung meiner
Gedanken verstie, als sprche ein Narr zu ihm. Ich hate die Kraft in
ihm, die nichts als Roheit war, die ich hassen werde, solange ich atme,
die am Tor aller Vernunft und Freiheit lauert und sich Mnnlichkeit
nennt. Da er nun auch noch sagte: Das war nicht schlecht geantwortet,
verzagte ich fast, denn ein Lob aus der Welt, die wir verachten, ist
rger als ein Tadel aus der Welt, die wir lieben.

Woher kommen Sie denn eigentlich, wer sind Sie, haben Sie eine Schule
besucht? Nun antworten Sie einmal.

Lassen Sie mich in Ruh, sagte ich schroff. So wohlfeil werden Sie Ihr
Gefhl der berlegenheit, das Sie vermissen wie eine Krcke, nicht
zurckbekommen. Was geht Sie das an, woher ich komme? Wollen Sie mir ein
Mittel geben, Sie sichtbar zu tusche, damit es Ihnen leichter wird, mir
nicht zu glauben? Sie glauben mir lngst. Ich lasse mich nicht auf ein
Gebiet locken, auf dem Sie schon deshalb recht behalten, weil Sie eine
hohe Haltung gegen eine niedrige vertauschen.

Das ist also einfach eine Unverschmtheit, sagte mein Gegner
freundlich, lachte und setzte sich breit und sicher mitten auf seinen
Sessel.

Nehmen Sie Platz, fuhr er in einem vernderten Ton wohlwollenden
Befehls und skeptischer Neugier fort, in dem seine Niederlage lag. Sie
haben vollstndig recht. Ich mte ein Lump sein, wenn ich das nicht
zugbe. Aber Bcher bekommen Sie keine.

Welch ein armseliger Seitenweg ist diese halbe Freundlichkeit, dachte
ich. Er zieht die Pfeile aus seiner Brust, bricht sie ab, und tut, als
seien sie stumpf gewesen. Eher werden die Strme zu den Bergen
zurckflieen, als da einem Menschen meiner Zeit sein fanatischer
Glaube an den Triumph der Mittelmigkeit abhanden kommt. Ich frchtete
den aufsteigenden Ekel, der mich noch immer entwaffnet hat, und warf
mich bereilig auf die Bahn eines neuen Mittels. Ich darf nicht auf
diese halbe Belustigung eingehen, wute ich, dieser Mann reit mich
anders in seine Niederlage hinein, und am Ende erhalte ich doch noch die
Mnze, die er immer noch zwischen den Fingern drckt, als stammte sie
aus einem Taschendiebstahl. Zudem kam mir ber dem Gedanken an diese
Mnze in den Sinn, da ein paar Bcher, die ich vielleicht doch endlich
leihweise erhielt, der Freundin wahrscheinlich wenig genug bedeuten
wrden, denn nicht nur ihre Frage nach meinen Bestnden, sondern auch
ihre Miene hatten mir verraten, wie schwer ihrem Anspruch Genge getan
werden konnte. Auch erschien es mir, als sei der ganze Kraftaufwand
dieser Stunde schon viel zu gro, als da ein paar entliehene Bnde ihn
endlich zu rechtfertigen vermchten. Ich mute viel mehr erreichen. Mein
Mierfolg lag daran, da mein Kraftaufwand in keinem Verhltnis zu
meiner Forderung stand; was konnte diesen bedrngten Unglubigen
mitrauischer machen, als meine Anspruchslosigkeit?

Whrend ich sann, betrachtete mein Gegenber mich mit unverhohlener
Aufmerksamkeit, mit einer etwas benommenen Neugier, deren Lebenslicht
mir aber keineswegs die Furcht einjagte, er mchte mich mit diesen
aufgetanen Augpfeln auch durchschauen. So sagte ich, meiner selbst
sicher:

Wenn ich den Ring betrachte, den Sie an Ihrem Finger tragen, der sicher
nur einen geringen Teil Ihres groen Besitzes ausmacht, und bedenke, da
schon in ihm die Macht liegt, einem Menschen, der bald sterben wird,
noch einmal die irdische Landschaft in Freuden und Ruhe zu erhellen, so
meine ich, Sie mten ihn mir geben, um Ihrer Freude und Ruhe willen.

Der Angeredete lchelte betroffen und berlegen, aber nicht mehr
mibilligend. Vielleicht war er mir, ohne es zu wissen, dankbar dafr,
da ich die Haltung nicht einnahm, die er vorgeschlagen hatte, und derer
er sich heimlich schmte.

An diesen Ring fesselt mich eine Erinnerung, ein teures Andenken. Nun?

Die Herausforderung in diesem letzten Wort emprte mich, die lssige
Aufforderung darin, in meiner Mhe fortzufahren, war herabwrdigend.

Und nun haben Sie dieses Andenken entweiht, sagte ich rasch.

Was habe ich getan? Junger Mensch -- wenn eines mich wundert, so ist
es, da ich Ihnen nicht lngst die Tr gewiesen habe ...

Ich will Ihnen sagen, wie ich denke, damit Sie sich nicht erzrnen,
antwortete ich und fate mich. Ist dieser Ring ein teures Andenken an
einen Menschen, der Ihnen in Liebe nahesteht, oder gestanden hat, so ist
er ein Sinnbild der Gemeinschaft, unvergnglichen Guts, heiligen Daseins
ber allem, das verfllt. So ist die Sendung, die ihn gehen und wirken
hie, mit der er untrennbar behaftet ist, wie mit seinem Glanz, die des
wahrhaftigen Lebens, und nur indem es sich mit ihm erfllt, ist die
Erinnerung an den Geber geheiligt. Ich nehme nach Ihren Worten an,
dieser Mensch liegt begraben, Ihnen oder uns allen; wird es nicht sein,
als sei er auferstanden, wenn die teure Glut in heimlicher Glorie um
seine Gabe neu ersteht, als fiele sie auf ihn zurck, nach dem Kreislauf
ihrer Bestimmung, und schlsse ihn in ihr Licht ein? Sie aber drngen
mit Ihrem Hang nach totem Besitz den lebendigen Geist in sein kaltes,
goldenes Grab zurck.

Es wurde still im Zimmer, der Angeredete sah starr vor sich hin, ohne
da mir irgendein Zeichen verriet, ob meine Worte ihn im Guten bewegt
oder aufs neue erzrnt hatten. Dann sah er langsam auf, sein Blick
berging mit beinah trauriger Entschlossenheit die prchtigen Dinge
seines Raums, die Gerte seines Schreibtisches, die Bltter und Bcher
darauf, und wurde endlich, als habe er sein eigenes Leben verloren, in
das Leben des Lichts gezogen, das durch das Fenster eindrang, und dort
verirrte er sich im wesenlosen Geist der Helligkeit.

Ich dachte daran, da Asja nun auf ihrem Lager lag und in das gleiche
Tageslicht schaute, und mir wollte scheinen, als mten sich die Blicke
dort drben und drauen in der Hhe begegnen, so da der Fremde von dem
Ausdruck in Asjas Zgen berwunden wrde, wie vor kurzem ich selbst,
und mir so das Ende des schweren Wegs erspart bliebe.

Hren Sie einmal, sagte da pltzlich die tiefe Stimme und das
langbrtige Gesicht wandte sich mir zu. Sei das, wie es wolle, ich
mchte nicht dieses oder jenes, nicht Wohltaten tun, noch Segen stiften,
aber ich mchte einmal wieder glauben, auch an mich. Sie haben da eine
Erinnerung in mir wachgerufen, auf eine eigene Art wachgerufen, das will
ich Ihnen lassen. Weit mehr taucht mit ihr mein eigenes Leben vor mir
auf, als dasjenige der Toten, von der dieser Ring stammt. Ich wei
nicht, wer Sie sind und welch merkwrdiges Unterpfand des Wesens Ihnen
diese Kraft gibt, ich mchte es nicht prfen noch ergrnden, denn ich
frchte mich vor Eingestndnissen, fr die ich noch nicht alt genug bin.
Ich will Ihnen glauben, lassen Sie sich daran gengen, ich will es, es
ist mir gleichgltig, ob Sie es verdienen. Diesen Ring selbst werde ich
nicht fortgeben, jetzt weniger als je, denn die Macht seiner Mahnung ist
von dieser Stunde ab grer geworden und ich bedarf ihrer, mehr
vielleicht als andere, mehr sicherlich als Sie. Aber der Sinn, den Sie
diesem Ring beimessen, soll sich nach Ihrer Erwartung erfllen, und ich
werde Ihnen die Summe zur Verfgung stellen, die seinen bezahlbaren Wert
ausmacht. Es wird Ihnen gleichgltig sein, ob ich ihn Ihnen abkaufe oder
ein Hndler. Dann knnen Sie Bcher und alles beschaffen, was Sie wollen
und brauchen, oder was Ihre bedrftige Freundin ntig hat.

Gut. Handeln Sie so.

Sie danken mir nicht, nun das ist wohl auch in Ordnung so ... Mir liegt
die Zeit im Sinn, in der ich noch so jung und so erwartungsvoll, so
zuversichtlich und glubig war, wie Sie. Damals, als ich diesen Ring
erhielt, stand ich im Beginn meiner Laufbahn, ich fing damals an berhmt
zu werden, man las mein erstes Buch, es ist jetzt vergessen. Die Zeit
geht eben rasch; nun, es kamen andere Werke und trugen meinen Namen in
die Welt, aber wissen Sie, was mir ber Ihren Worten vorhin so durch den
Sinn gegangen ist -- da diese anderen Bcher auch einmal -- vergessen
sein knnten ... Aber nicht das allein, sondern vielmehr eine seltsame
Gewiheit, als sei jene vergangene Zeit, ohne Ruhm und Besitz, durch
einen ganz bestimmten Wohlstand reicher gewesen, als die heutige es ist,
mit ihrem Erfolg.

Sagen Sie mir das nicht, lehnte ich ab, ich wollte Sie nicht
demtigen.

Demtigen? Sonderbarer Mensch ...

Unsicher und geqult sah ich ins Leere. Mir war, als habe ich unrecht
getan, aber erst spter sollte ich erfahren, worin dies Unrecht
bestanden hatte.

Also gut denn, hrte ich ihn wieder sprechen, lassen wir ruhen, was
ruht, und leben, was leben soll. Ich biete Ihnen tausend Mark an Stelle
des Rings und der Bcher; sind Sie einverstanden?

Ja, aber Sie sind es nicht.

Ich bin es. Sie hatten recht, meine Anwandlung zu Eingestndnissen,
meine melancholische Selbstbetrachtung, abzulehnen. Vielleicht hoffte
ich, mich von einer Niederlage wiederherzustellen, indem ich ein
geringes Bild von mir entwarf, um, wenn Sie davongingen, in dem
Bewutsein zurckbleiben zu knnen, da ich doch um einiges mehr sei,
als ich Sie zuzugestehen gentigt hatte. Der Ruhm verdirbt, wir sind
unehrliche Leute vor uns selbst geworden, um die Ehrlichkeit zu retten,
um derer willen uns die anderen, die Welt, Bekenner und Eroberer nennt.
Sie hat noch keinen Wahrhaftigen ihren Erlser genannt ...

Also tausend Mark wollen Sie geben?

Er schwieg, mit schrg gesenktem Blick.

Sie nehmen mir die Freude daran, sagte er langsam und in erkennbarem
Verdru ber sein erneutes, unfreiwilliges Gestndnis. Aber er holte
dann zgernd, mit zurckgelegtem Oberkrper seine Schlssel hervor,
ffnete ein Schubfach des Schreibtisches, rumte etwas zur Seite, als
seien es seine lstigen Gedanken, und entnahm einer Stahlkassette eine
lederne Brieftasche.

Hier, sagte er kurz und unsicher, als frchtete er durch sich selbst
bei einem Diebstahl berrascht zu werden, nehmen Sie und stiften Sie
Segen und Gutes. Er tastete an den Geldscheinen herum, als wollte er
ihnen noch einmal, vor dieser Willkr, seine ganze besorgte Neigung
zukommen lassen, und doch schien er diese Finger zu verachten, die den
Wert des Papiers zu genieen trachteten. Mge das Geld auf einen Acker
fallen, besser bereitet, als es mein Herz noch ist. Und Sie, Sie
selbst ... Wer sind Sie denn, so reden Sie doch. Dies alles ist doch
hchst eigentmlich. -- In die Hosentasche stecken Sie die Scheine?

Pltzlich befiel mich eine wilde, heie Frhlichkeit. Es war mir, als
erwachte ich mit dem Bewutsein dieses Erfolges endlich aus einer Welt
von Beziehungen, Krften und Verstrickungen, die nichts mit jener zu
schaffen hatte, in die ich nun gehen wollte, um der Freundin den Weg zu
ihrer Gesundheit und zu glcklichen Tagen zu ebnen.

Ich ----? fragte ich pltzlich wie verwandelt, ich komme mir vor wie
Einer, der sich beim Satan eine Leiter geliehen hat, um Gott in den
Himmel steigen zu lassen.

Auch ein Dank, sagte er verstndnislos und sah mich beinahe gierig an,
mit einem Ausdruck, den ich so wenig auf seinen Ursprung zu prfen
vermochte, wie er meine Worte.

Gren Sie Ihre Freundin, sagte mein Gastgeber, als er sah, da ich
meinen Hut nahm, berichten Sie mir, lassen Sie sich einmal wieder
sehen, tun Sie es, vielleicht wird Ihre Teufelsleiter doch noch zu einer
Brcke zwischen uns zwei.

Ich lie es offen.

Wei der Kuckuck, was mir dies bedeuten soll, nun, was geschehen ist,
soll recht bleiben, leben Sie wohl. Wie eilig Sie es haben.

Er gab mir die Hand, als sollte ich ihr Gewicht prfen, ich fhlte mich
erlst und eilte rasch von dannen, seltsam benommen in einem
merkwrdigen Unterbewutsein, in dem mir zumut war, als freute meine
Freude mich nicht, und als sei ich fr meine Kraft nicht stark genug
gewesen. --

Wohl drngte es mich, mit meinem Schatz zu Asja zu eilen, aber ich
wartete und begab mich zuvor in meine Behausung. Ich beschlo, eine
Reihe ntzlicher und erfreuender Einkufe zu machen, fhrte meinen
Vorsatz jedoch nicht aus, da alles mir in heimlichem Widerspruch zu den
Bedrfnissen dieses Mdchens zu stehen schien. Auch fehlte es mir an
Erfahrungen, und ich schmte mich, an jene belanglosen oder nur
uerlich ntzlichen Dinge zu denken, fr deren Beschaffung den Frauen
ein so sonderbares Talent eigentmlich ist, das in gleichem Mae von
Liebesbereitschaft, wie von glckhafter Schamlosigkeit zeugt. Sie
bringen es fertig, Pulswrmer, Zahnstocher, Pfeifenreiniger, oder
unbedeutende Bruchteile von Nahrungsmitteln durch Ankauf in ihren Besitz
und durch Schenkung in die Hnde geschtzter Persnlichkeiten zu
bringen. Auch auf kleinere Vasen, auf Lschbltter oder Bleistifte
verfallen sie zuweilen, und die Anmut ihrer Darbietungen lt uns in
bestrzter Rhrung erkennen, da diese Dinge in kleinen, schwachen
Hnden zu Sinnbildern der groen, ewigen Liebe zu werden vermgen. Wir
Verdorbenen und Unglubigen dagegen vermgen uns nur auf Blumen oder
Bcher zu beschrnken, weil wir an die Allmacht der Liebe nicht glauben
knnen, wenn unsere Gabe nicht schon ein Sinnbild der Geisteswelt ist.

Als ich meine Dachkammer betrat, erschien sie mir so fremdartig, da ich
lcheln mute, es war gewissermaen notwendig, da ich mich allen
Einrichtungsgegenstnden erneut vorstellen mute, was nicht lange
dauerte. Ich warf meinen Hut aufs Bett, das noch nicht geordnet war, und
sah in das Buch hinein, das von der letzten Nacht her noch aufgeschlagen
neben der Kerze lag. Dies alles steht jenseits, dachte ich, eine neue
Welt beginnt, es hat sich eine Strae vor mir aufgetan, ich wei den
Weg. Eine unbestimmte Traurigkeit machte mich ruhlos, ein pltzlich
erwachtes Bewutsein fr die Sinnlosigkeit alles dessen, was ich bisher
zur Erhaltung meines Daseins begonnen hatte, berfiel mich und fllte
mich mit Zweifeln am Wert alles Zuknftigen. Auch du wirst alle Fragen
der Brust nicht beantworten, Asja, dachte ich, du selbst bist die
Antwort, und wenn ich dich nicht habe, so werden meine Kmpfe nicht
enden.

Gegen Mittag kam ein Bote aus der Druckerei, um sich nach mir zu
erkundigen. Ich schrieb auf einen Zettel, da ich nicht mehr kme,
siegelte den Brief mit dem Wachs der Kerze und war sicher, da man mich
in Ruhe lassen wrde. Da drauen im Hof die Sonne schien, entschlo ich
mich fortzugehen, aber mein Gewand machte mich nachdenklich und ich nahm
den Spiegel von der Wand. Offenbar mute der Kragen gewechselt werden,
aber der andere war in der Wsche. So nahm ich auch seinen ausdauernden
Gefhrten ab, suchte mein Halstuch, ergriff Stock und Hut und ging
davon. Das Tuch machte mich frhlich, ich wei nicht weshalb. Ich, dein
Bruder, dachte ich und sprach zu Asja, mchte in Armut und Schande, in
Lumpen zu dir kommen. Ist es denn wahr, da ich von ganzem Herzen
glaube, da deine Augen es nicht einmal sehen wrden, es sei denn aus
Erbarmen? Ist es wahr, da die Tage der Menschenwertung nach Erfolg und
Besitz eine solche Zuflucht haben, wie dein Sinn es ist?

Ich verga ber solchen Gedanken die Geldsumme, die ich bei mir trug,
wie man auf einem Feldweg die Straen der Stadt vergit. Auch als ich zu
Asja kam, dachte ich lange Zeit nicht daran, aber als ich mich an ihrem
Bett niederlie, empfand ich eine groe Mdigkeit, die mir fremd war,
und ich atmete tief auf und mute seufzen, ohne da ich Kummer hatte.

Sie nickte und sagte: Du ruhst dich nun von allem aus, was dir bisher
schwer gewesen ist, weil du allein warst, deshalb bist du jetzt mde.
Da verlor ich unter dem Frhling ihrer Augen meine Beherrschung, aber
sie schien kaum darauf zu achten, sondern blieb von wunderbarer
Festigkeit, weil sie die Kraft hatte, die Gabe ihres Wesens nicht zu
verkleinern.

Ich sagte nach einer Weile, indem ich das Geld hervorzog und vor ihr auf
die Decke des Betts legte:

Nun werden gute Tage fr dich kommen, du wirst dieses dunkle Zimmer
gegen ein helles mit Sonne vertauschen, die Stadt gegen das Land. Du
wirst gesund werden.

In ihr Gesicht kam ein Zug von Schrecken, ihr Lcheln verschwand, ihre
Augen sahen mich forschend an und sie unterbrach mich ngstlich:

Woher hast du das Geld? Du hattest kein Geld.

Ich erzhlte von Anfang bis zu Ende alles. Sie strte meinen Bericht
durch kein Wort und keine Frage, und schwieg auch noch, als ich am Ende
war und, unsicher mit den Geldscheinen spielend, mein Verlangen verriet,
eine Zustimmung von ihr zu hren.

Nimm es und bring es zurck, sagte sie.

Sie beobachtete die Wirkung ihrer Worte auf mich kaum, sondern schien
nun vielmehr durch etwas anderes beschftigt und bewegt; sie fragte
unvermutet:

Hast du von dem fremden Herrn diese Summe nur deshalb bekommen, weil du
mit ihm gesprochen hast, hast du ihn berwunden, sie dir zu geben, nur
durch den Willen, hat sich alles so zugetragen, wie du es mir gesagt
hast?

Denke doch jetzt nicht an das Geld, Asja, denke daran, was es fr dich
tun soll.

Ach, es war so, wie du gesagt hast! -- Ich denke nicht an das Geld, ich
denke an dich.

Sie sah mich schweigend an, dann kam Sorge in ihren Zgen auf und sie
bat noch einmal:

So nimm es und bring es wieder fort.

Du weist das Geld zurck, Asja?

Alles, was man fr Geld haben kann, ist nichts wert. Ja, ich weise das
Geld zurck.

Du wirst sterben, Asja.

Wie wir alle, sagte sie einfach.

O Asja, du machst aus der Not, da du nicht leben sollst, die Tugend,
da du sterben willst.

Das Mdchen sah mich an, aber ich sprte wohl, da sie nicht ber den
Sinn meiner Worte nachdachte, sondern da sie nur die Gesinnung prfte,
die hinter ihnen stand. Ich empfand pltzlich, da es bei ihr immer so
gewesen war, und als lge in solcher Prfung und ihrem Ergebnis der
Ursprung der Harmonie und Gemeinschaftlichkeit, die zwischen uns
geherrscht hatten, und die nicht zu beugen waren. Ist es dies, dachte
ich, und ward abgelenkt, liegt der Grund aller Miverstndnisse und der
Verwirrung, die so viele befllt, die sich vor anderen erweisen oder
bewhren mchten, darin, da sie die Gesinnung nicht zu ermessen
vermgen, und sich daher an das unredliche und mibrauchte Gezcht der
Worte halten, die der Augenblick eingibt? Asja war nicht in die
Befangenheit eines meiner Worte geraten, sondern sie hatte darber
hinausgesehen, wie sie auch ber die Erscheinungs- und Tatsachenwelt des
Lebens fortzublicken schien -- wohin nur? Ich wute es noch nicht, aber
ich fhlte, da ich ihre Freiheit bedroht hatte.

Ich will dir antworten, sagte sie endlich ohne Aufwand und, wie
meistens, mit einem beinahe schmerzlichen Zgern, ich mache aus keiner
Not eine Tugend, aber es ist ganz gleichgltig, ob du es so nennst. Wie
knnte ich dir aber so unrecht tun, da ich dort deine Krfte zu recht
bestehen liee, wo sie dich verderben werden? Du bist so jung, wie
willst du verstehen, wieviel du mir bedeutest? Du kennst dich nicht, und
nun sollte ich dieses Geld nehmen und dir dadurch antworten: So bist du.
-- Ich wei, da ich sterben werde, aber ich wei, da es so gut ist, und
da ich zu meiner Stunde sterbe und mit Willen.

Liebst du das Leben nicht, Asja?

Oh, ber alles, sagte sie und ihre Augen glnzten, aber ich denke
anders darber als du. La uns doch nicht von diesen Dingen sprechen.
Wenn du bei mir bleibst, wirst du bald alles wissen, auch wenn ich
schweige.

Wie meinst du das?

Was ich nicht bin, das will ich auch nicht sagen, was ich aber bin,
wirst du fhlen, ohne da ich es sage, und nachher wird dir sein, als
htte ich zu dir gesprochen. Ach, sei nicht besorgt, gib mir deine Hand
und ffne dein Herz, la mich Einkehr bei dir halten, dann wirst du
bald empfinden, wie gut und gro du bist.

O Asja, sagte ich und erbebte tief, nun wei ich, wie sehr du das
Leben liebst, Asja.

Nicht wahr? sagte sie glcklich, und ich habe dir nichts erklrt.

Sie lchelte entschuldigend, da sie diese Zustimmung ausgesprochen
hatte, als sei es etwas Geringes, die Frhlichkeit ihres Lchelns war
von einer Bescheidung, da ich sie empfand, als stnde ich ber und ber
in Licht. Welch ein Wunder geschieht mir, dachte ich, dies alles ist ein
heller Traum, nicht Fleisch und Blut verwaltet dieses Erlebnis, nicht
die alten Dinge der Welt kommen darin vor. Mir war, als wendete ich mich
fort, zu Anderen, zu Fremden, und riefe ihnen zu: Wie arm waren wir doch
bisher, ihr und ich!

Aber wieder erwachte der Wille in mir, alles zu tun, was Menschen zu tun
vermgen, um dies Leben dem Leben zu erhalten, das wir alle vollbringen.
Ich empfand, da ich irrte, aber ich wute nicht worin. Welchen Opfers
wre ich nicht in dieser Stunde fhig gewesen! So sprach ich denn aufs
neue und bat von Herzen darum, sie mchte ihr Leben zu erhalten suchen.
Sie antwortete mir, sie wolle es nicht so, wie ich es dchte.

Sieh, sagte sie, was ist denn Leben und was nennst du so? Ist das
kleine Ma deines Daseins vom Aufgang bis zum Niedergang das Leben? Je
mehr wir solch bemessene Tage, und unseren vergnglichen Wohlstand
darin, so nennen, um so mehr verleugnen wir das Leben. Das ist
sicherlich wahr und du wirst es verstehen lernen.

Ich verstehe diesen Gedanken, Asja, aber begreifst du nicht, da meine
Liebe sich wnscht, da du bei mir bleibst? Ich habe dich erst heute
gefunden.

Sei ruhig, ich verspreche dir, immer bei dir zu bleiben. Aber hindere
mich nicht, la mir mein Wesen. Ich bin nur ein Weg. Was ber mich hin
zu dir kommt, ist viel mehr als ich. Wurde dein Herz nicht eben noch
befriedigt, obgleich ich nichts getan habe? Sind nicht meine Augen und
mein Angesicht voll Licht? Woher sollte es kommen, wenn ich dem Licht
nicht zugewandt wre? Weshalb ereiferst du dich? Glaube mir doch, damit
du frhlich sein kannst.

Du willst immer bei mir bleiben? fragte ich, als habe ich nur diesen
Satz gehrt. Eine schmerzhafte, verrterische Neugier bewegte mich, ich
zitterte vor Begierde und Widerstand und begriff meinen Wunsch nicht,
das Mdchen mchte mir eine Antwort geben, die mir ein Recht zur
spttischen Abkehr gab. Aber sie antwortete mir nicht.

So schwiegen wir lange. Endlich sagte ich:

Ich will das Geld nun fortbringen, und erhob mich, um zu gehen.

In diesem Augenblick hate ich das Angesicht, den Menschen, der vor mir
lag, der, ohne mich anzuschauen, mich doch zu sehen schien, der sich mit
seinem Schweigen von mir abgewandt hatte, und der mich doch umfing, und
dessen Unterlassen mich leidenschaftlicher beriet, als es der khnste
Eifer vermocht htte. Aber mein Trotz war mchtiger als alles andere in
mir, und ich sagte:

Nein, Asja!

Mir war, als habe ich alles mit diesem Nein gesagt. Es klang rauh und
bse, wie eine ewige Absage, in dem stillen, einfachen Raum, und
erschtterte mich so mchtig, als htte ich den schwachen Krper vor mir
durch einen Schlag verwundet. Da sah das Mdchen zu mir auf, voll
Hilflosigkeit und Schmerz, nahm meine Hand und kte sie. Es war kein
Ku der Andacht oder Demut, sondern ein kindlicher Ku, eifrig und
innig, ein herzliches Tun.

                    *       *       *       *       *

Das Alter wnscht sich noch froh zu sein, aber die Jugend liebt es, fr
ihr Glck zu leiden. Der in meiner Natur ruhende Widerspruch gegen die
Freundin vertiefte sich oft bis zum Schmerz, denn der Jugend ist das
Bedrfnis nach dem Abbild und Widerschein der vollkommenen Harmonie
fremd, sie ist im Eigenen befangen und je echter sie ist, um so mehr
scheut sie sich vor frhzeitiger Abrundung oder unerprobter Zustimmung.
So ist ihr Widerstand nicht immer Mangel an Ehrfurcht, wie es hufig
denen erscheint, die vom Wert ihrer Darbietungen berzeugt sind, sondern
es ist das Recht der schlummernden Kraft. Oft erscheint es, als bedrfe
diese werdende Kraft zu ihrem Wachstum des Leids, das sie sich selbst
bereitet, und manche Herzen suchen es.

So verstehe ich heute, da mein Gemt vor dem Wesen Asjas schwankte, in
Sorge sich zu verlieren oder in Begierde zu begreifen und sich
hinzugeben. Aber ich segne den Widerstand meines Wesens, denn er rief
die Blumen ihrer Seele hervor; nie wird die Liebe jemals Klage fhren,
da ihrem Licht widerstanden worden ist. Ihr Wesen ist frei von jeder
Absicht, und ihre Wirkung ist ihre Folge, nicht aber ihr Zweck. Erst wer
diese Wahrheit in sich erlebt hat, wird der Freiheit im Bewutsein
teilhaftig, mit der ihr Reich in uns beginnt.

Wenn ich diese Worte niederschreibe, so spreche ich schon von dem
Geistesgut, das dieses besondere Kind darstellte, denn es wre unrichtig
zu sagen, da sie es nur verwaltete, wute oder besa. Heute erkenne ich
gut, da zweierlei Dinge mein Gemt zu Anfang verschlossen, es waren die
Sorge, mich in ihr vllig zu verlieren und die Scham. Ich schmte mich
ihres Menschentums, der Allmacht ihres unverhllten Fhlens und ihrer
Trnen. Wie wenig unterschied ich mich, verglichen mit ihr, von allen,
von denen ich mich so bemerkbar zu unterscheiden geglaubt hatte. Welch
ein geringes Tun war doch mein Hang gewesen, voreilige Gemeinschaften zu
meiden und meine Ansprche nicht preiszugeben.

Wie ungern denke ich an jene Stunde zurck, in der ich am Tage darauf
meinem vornehmen Freund in der Villenstrae sein Geld zurckbrachte. Er
empfing mich freundlich, aber seine Entrstung stieg ins Malose, als
ich ihm sein verschmhtes Gut berreichte. Ich verlie ihn eilig, da es
mir widerstand, etwas zu erklren, unter dessen Walten ich selber noch
litt, ohne volle Klarheit zu haben, auch glaubte ich nicht daran, ihn
von den Beweggrnden meiner Handlungsweise berzeugen zu knnen. Es mag
ihm erschienen sein, als wre er zum Spielball einer Laune entwrdigt
worden, vielleicht auch, da eine Ahnung des Geistes ihn qulte, dem ich
gehorsam war.

Narr! schrie er, bleich vor Wut.

Sein Wort begleitete mich. Als ich in meiner Dachkammer anlangte,
wiederholte ich es mir ohne zu denken, starrte vor mich hin und lie die
Stunden verstreichen. Ich mu fort, dachte ich, wieder durch Wlder,
ber Heidehgel dahin, an Fluufern entlang, wo das Wasser mich lebendig
begleitet. Habe ich den Aufgang der Sonne ber der Landschaft vergessen,
den glitzernden Mrz, die Sommersonne im Schilf oder die schweigsame
Herrlichkeit der Sternbilder? Aber ich verwarf alles. Das alles ist es
nicht, dachte ich, es ist nur ein Trost, ein Gleichnis, ein
wahrsagerischer Weg auf das Eine zu, nicht mehr. Warum bin ich so
mutlos? Bin ich nicht durch die Pracht des Vielerlei dahingeschritten,
Jahre um Jahre, um das Eine zu finden, liebte ich nicht alles allein als
ein Sinnbild jenes Einen, vor Hoffnung ruhlos und aus Zuversicht
trunken? Nun scheint sein Licht aus einem Herzen, es ruft mich und ich
zaudere. Ach, ich ahne, wieviel es ist, dachte ich, weil es lngst in
mir glimmt. --

So geschah es, da ich mit diesen Gedanken eines Tages zu Asja kam. Sie
hob mir beide Arme entgegen und ich beugte mich, zitternd vor innerer
Not, unter ihren Liebesgru.

Asja, glaubst du an Gott?

Wie fragst du so rasch, so bse? sagte sie erschrocken.

Antworte mir!

O Freund, ich kann nicht sprechen.

So sieh mich an. Antworte auf deine Art, aber antworte.

Du Lieber, wie es dich qult! Ach, wre ich, was du ersehnst!

Du bist es. Sieh mich an.

Ich glaube an die Liebe, sagte sie und mir war, als habe sie mich
vergessen. Ich will kein Bild von Gott. In der Liebe ist alles
beschlossen, der Vater, das ist der Gehorsam in uns, der Sohn, das ist
die Offenbarung in uns, und der Geist, das ist die Gemeinschaft. Sei
doch ruhig, du Lieber, in deinem Sinn, so brennend und allein. Es ist
alles geschehn. Nicht wir sollen die Liebe erwhlen sondern sie hat uns
erwhlt.

O Asja, du machst das Herz froh.

Ich tue nichts.

Glaubst du an Christus, sag' es mir.

Wie du doch fragst! So kann ich nicht antworten. Ich glaube nicht an
ihn, aber ich glaube wie er. Er war reinen Geistes, ein freier Weg der
Liebe, die vor ihm war und immer ist. Sagt nicht er selbst, er sei der
Weg? Sieh, so versteh es. Nicht mit ihm kam die Liebe in die Welt,
sondern durch ihn, wie durch viele vor ihm und viele nach ihm. Zuweilen
erwhlt sie einen Menschen, in dem sie sich ohne Makel offenbart, dann
ist es, als shest du die Liebe selbst, oder Gott. Sagt er nicht, da
wer ihn sieht, Gott erblickt, und sagt er nicht, da Gott die Liebe sei?
Oh, welch eine Offenbarung der Liebe war sein Wesen! Aber alles, was uns
von ihm bekannt ist, ist uns durch Menschengedanken und -sinne
bermacht, es ist besser, an die Liebe selbst zu glauben, von ihr aus
wirst du ihn verstehen, besser als umgekehrt. Immer ist der Vater die
Quelle.

Der Vater, Asja?

Ja, durch den Gehorsam, sagte ich es dir nicht?

Was nennst du Gehorsam?

Oh, frag mich nicht, du wirst alles erleben, bald oder spt, ich aber
mchte mich irren, wer wird einem Wort vertrauen, das so schnell gesagt
ist, wie eine Antwort es herausfordert? Gehorsam sein heit der Liebe
kein Hindernis bereiten. Es gibt kein anderes Gebot, keinen anderen
Gehorsam.

Und alle Gesetze, die Kirche?

Die Lieblosigkeit, der Zweifel, der Unglaube haben die Kirche
erschaffen. Die Liebe bedarf ihrer nicht. Als Luther die Gesetze der
alten Kirche zertrmmerte, trieb ihn die Liebe, als er neue erschuf,
qulte ihn der Zweifel. Aber wie spreche ich denn, du drngst mich in
meine Armut.

Oh, sprich weiter, Asja.

Nein, ich will nicht sprechen. Ich habe Furcht vor dem Eigenen in mir.
Immer wieder drngt es sich noch herzu. Es mu aus mir sprechen, ohne
mich. Komm, sieh die Sonne an, erzhle mir. Sprich von dir. Wie du bei
mir von dir sprechen mut, wird es dich frei und glcklich machen, denn
unter meinen Augen verstehst du dich. Oh, wie ich dich liebe, weil du
durstig bist.

So sag' mir noch eins, nur eines, was ist die Liebe? Ist sie ein
Element, auerhalb unserer, eine Kraft, die in uns einzieht, eine Gnade,
der wir teilhaftig werden? Wo ist ihr Ursprung, wo ihr Ende, wo ist ihr
Sinn?

Da hob Asja ihr Kinderhaupt aus dem weien Kissenlager, neigte sich mir
zu und sah mich an. Mir war, als bedrohte ihr Auge mich in einem
unirdischen Schein, ich erbebte und tauchte in ihren Blick, der klar und
still war. Ein unbeschreibbares Lcheln voll ser Traurigkeit trug
diese Stille zu mir. Da fhlte ich mein Herz wie Feuer brennen, schwieg
und wute, da ich nie mehr im Leben diese Frage stellen wrde.

                    *       *       *       *       *

Ihr sonderbaren Tage meines Lebens; Menschen, Wind und Sternbilder, Raum
und Stunden aus dieser Zeit, wo seid ihr? Ich war ausgefllt von innerem
Erleben und Gesichten, getragen von Flle und Licht ohne Ende, und wute
es kaum. Die Dinge der Umwelt zogen fremd an mir vorber, ich beachtete
sie nicht und begreife heute schwer, wie es hat mglich sein knnen, da
ich mein ueres Dasein ohne Not fristete. Es geschahen Wunder, aber ich
empfand sie nicht, merkwrdige Umstnde traten ein, die mir alles
erleichterten und mglich machten, ich nahm sie hin, als seien sie
selbstverstndlich, wie das Tageslicht oder die Luft. Wenn ich heute
zurckdenke, so staune ich mit heimlichem Erzittern, und wo ich einst
kleine Geschehnisse verwundert belchelte und ihnen kaum Beachtung
schenkte, wo Fgungen eintraten, die ich Zuflle nannte, ohne mehr als
einen Blick auf sie zu verlieren, die ich rasch verga und ohne Dank
hinnahm, da sehe ich heute himmlische Engel, die in gewaltiger Macht
Abgrnde berbrckten und Berge versetzten, die die Nacht zum Tage
machten und meine Augen vor allzu blendendem Erstrahlen schtzten. Heute
erkenne ich das Gesetz, das ber meinem Leben waltete, das mich, aus mir
stammend, in sich verwob und ward, indem ich war. Du Eines und du Alles,
was suche ich nach deinem Namen? Es war alles gut! Das ist dein Name.

Eines Abends, als ich von Asja kam, empfing meine Zimmerwirtin mich
wartend in meiner Kammer. Sie schien sich im Raum umgesehen zu haben,
der Schrank stand offen, ich verschlo ihn fr gewhnlich nicht, da er
leer war. Sie hatte ein paar Wschestcke in der Hand, die aber
wahrscheinlich nicht mir gehrten, und schien auf dem Tisch umhergesucht
zu haben. Als sie mich ansah, erstarben der Unwille und die Besorgnis
auf ihren Zgen, sie lchelte und setzte sich auf den Bettrand.

Soll das so weiter gehen? fragte sie mtterlich.

Ich beschlo alles einzusehen, um den Wohlstand ihres Gesichts nicht zu
stren und sagte eifrig:

Ich werde es ndern, es wird schon gehen.

Sie gehen nicht mehr in die Druckerei?

Nein, das nicht, ich habe zu tun.

Ich wei nicht, auf was fr Wege Sie so pltzlich geraten sind, sagte
sie, aber Abwege sind es nicht.

Ich schwieg.

Ich mchte Sie um etwas bitten, fuhr die Frau fort und sah ein Bild an
der Wand an.

Es soll alles bezahlt werden, entgegnete ich rasch. Noch ein paar
Tage und ich habe Geld. Ich werde es bestimmt bekommen.

Woher denn? Aber das wollte ich nicht bitten. Vor ein paar Tagen haben
Sie mir von ihrer neuen Freundin erzhlt, von der Kranken. Wie geht es
ihr?

Krank? fragte ich erstaunt, aber dann besann ich mich, und antwortete
auf ihre Frage.

Die Frau sah mich still und aufmerksam an. Ihren Namen habe ich
vergessen, aber ihres Gesichts erinnere ich mich noch gut, jedoch nur
deshalb, weil in seinen Zgen einst ein Widerschein meines inneren
Erlebens stand. Sie schien verlegen und fuhr unbeholfen fort:

Sie haben mir vor ein paar Tagen von diesem Mdchen erzhlt. Wie war
doch ihr Name?

Asja.

Ja, Asja. Jetzt denke ich daran und beschftige mich damit. Ich wollte
Sie nicht wegen Ihrer Schuld mahnen, deshalb bin ich nicht gekommen;
meine Bitte geht dahin, Sie mchten von Asja noch erzhlen, nur so dies
und das, was sie sagt und von ihren Ansichten.

Gewi, sagte ich rasch, aber natrlich.

Frher, fuhr sie fort, waren Sie stumm und fast verschlossen, gingen
und kamen wie ein Schatten, aber Sie hatten, was Sie brauchten. Jetzt
sind Sie rmer als ein Straenbettler, essen nicht, Ihre Kleidung
verkommt, Ihr Gesicht ist elend, aber Sie sind frhlich. Nicht da Sie
lachten oder scherzten, aber man sprt es und wei nicht wie, es bleibt
im Zimmer zurck, wenn Sie fortgegangen sind, es kommt die Stufen
herauf, wenn Ihr Schritt klingt.

Sie schwieg befangen und erweckte den Anschein, als schme sie sich,
oder als habe sie sich verirrt. Ich meine ja nur so, sagte sie und
lchelte ausgleichend, nehmen Sie es nicht bel, junger Herr. Ich bin
nicht arm, lebe mit den Mietern und arbeite, aber das Leben wirft nichts
Besonderes fr unsereinen ab und man hrt gern solche Dinge, wie Sie
erzhlt haben. Da einer glcklich ist in seiner Lebensnot, wie dies
Mdchen ... Sie werden schon verstehen.

Ich schwieg und sah in das abendliche Licht des Hofs hinaus. Die
gegenberliegende rtliche Ziegelwand mit ihren kahlen Fenstern lag im
sptherbstlichen Dmmerlicht, und vom Hofe herauf drangen Gerusche und
Stimmen, es wurden Kisten verladen und in den dumpfen Lrm der Fuhrwerke
drangen Kinderstimmen, dieser grelle, leere Jubel, der sinnlos und
wehmtig klingt, wie das Zwitschern gefangener Vgel hinter den Stben
ihrer Kfige.

Meiner Wirtin mochte sein, als sei sie nach ihrer ihr selber kaum
verstndlichen Bitte noch etwas schuldig.

Denken Sie nicht an die Miete und das Essen, sagte sie, wer entbehrt
denn etwas, es wird schon ins Reine kommen. Wenn ich bisweilen am Abend
mit der Lampe kommen darf und Sie erzhlen mir, sprechen wie damals, aus
der Seele und froh, so soll es gut sein.

Ich nickte und blieb dem Fenster zugewandt. Im spiegelnden Glas sah ich,
wie die Alte sich vorbeugte und zur Seite, um zu erkunden, ob ich mit
Wohlwollen oder widerwillig zustimmte. Dann ging sie still hinaus. --

Ich fand Asja am andern Nachmittag schlafend. Das Zimmer schimmerte
still im Licht des ersten Schnees, der vorzeitig gefallen war und auf
den schrgen Dchern drauen lag, den grauen Himmelsschein ber sich. Im
Herd brannte ein Holzfeuer, das Zimmer war warm und licht und schien
sonderbar leer. Ich war darin nun lngst ein vertrauter Gast, und auch
die Mutter hatte sich an meine Gegenwart gewhnt, froh darber, da ihr
Kind in den langen Stunden ihres Fortseins Gesellschaft und Unterhaltung
fand. Sie achtete unsere Angelegenheiten mit einer Art ehrfrchtiger
Scheu, ohne Eifersucht, aber ein klein wenig zgernd und ablenkend, als
gben wir uns Hoffnungen hin, die enttuschen mten. Aber sie schien
lngst damit abgefunden, da ihre Tochter in einer anderen Welt lebte
als sie selbst, und so wenig sie frher besondere Teilnahme gezeigt
hatte, so gleichmtig beachtete sie die meine; zumal da Asja in ihrer
Gegenwart mit derselben Gelassenheit und Selbstverstndlichkeit sprach,
in der sie frher geschwiegen hatte. Sie empfand meine Schonung und
Sorgfalt gegen ihr Kind, und nur zuweilen sah sie erstaunt in Asjas
leicht erglhtes Gesicht, lchelte nachsichtig, wohl auch ein wenig
stolz, und riet zu Ruhe und Schlaf, wie der Arzt es sie gelehrt hatte.
Mit den ein wenig aufs Materielle gerichteten Sinnen einer alternden
Frau, die die Last des tglichen Erwerbs und den Wert der kleinsten
Mnze kennt, vermutete sie hinter meiner Erscheinung mehr und anderes,
als sich ihr durch den Augenschein bot, denn sie hatte Sinn fr den
Gegensatz, in dem meine Sprechweise und mein Benehmen zu meinem
bedrftigen Wandel standen.

Ich war an jenem Tag noch von der Frhe her bekmmert und sorgenvoll,
wie so manchen Morgen hindurch, den ich allein verbrachte und nicht zu
verwenden wute, da er ein einziges Warten auf die Stunde war, in der
ich Asja zu Gesicht bekommen sollte. Auch war ich zu jung und
ungebrdig, als da ich in solchen Stunden des Alleinseins ein volles
Genge an meinem Leben und Denken empfand; mchtiger als je drngte
alles in mir zu Entschlssen und Taten, ziellos stand ich im Walten
eines bohrenden Triebs, und meine Ruhlosigkeit peinigte mich
bermchtig, solange ich nicht Asjas Hand und Augenlicht auf meiner
Stirn fhlte. Es war ein erstes Bewutsein von Verantwortlichkeit, das
sich vor ihrem Herzensgut erhob; ich war voll seligen Eifers, aber ohne
Geduld. Meine hohen Entschlsse setzten mich oft in heiliges Feuer, aber
es lohte sinnlos in mir empor, wie ein Reisigfeuer auf einer
Frhlingswiese, dessen Glut nur die berreste des verflossenen Jahrs
verzehrt, aber keinen Keim des Bodens frdert.

Ich schritt leise durchs Zimmer, legte lautlos Holz aufs Feuer und sah
kniend zu Asja hinber: sie schlief fest. Wie meistens lag sie grade
ausgestreckt auf dem Rcken, und die leichte Decke lie die Linien ihres
Krpers erkennen. Sie war nicht gro, und das farblose Gesicht mit dem
berschmalen Kinn lag im Nachtgrund des offenen Haars, das den Scheitel
mit den Schultern verband, und grade von der Decke abgeschnitten wurde,
merkwrdig feierlich, wie nach einem Gesetz. Das Schneelicht machte das
Zimmer seltsam unwirklich, es lag jene Erneuerung aller Dinge im Raum,
die mit dem ersten erkennbaren Wechsel der Jahreszeiten eintritt, und
die solchen Menschen, die allein leben, oft wie ein Rcken des Zeigers
an der groen Lebensuhr des Daseins erscheinen kann.

Ich nahm meinen Stuhl sacht vom Tisch fort, stellte ihn an Asjas Bett
und lie mich nieder. Auf dem kleinen Tisch neben ihrem Bett lag ein
Stck Brot, von dem die Hand ein Stckchen abgebrochen hatte. Obgleich
ich in Armut lebte und das Brot in dieser Gestalt kannte, bewegte mich
sein Anblick an Asjas Bettstatt bis in die Tiefen der Seele, ich
begriff nicht, woher die schmerzhafte Bestrzung voll Rhrung kam, und
sah das Brot an, als verklagte es mich.

Aber je lnger ich es betrachtete, zur Stille gentigt durch die
gleichfrmige Lebensmelodie der Atemzge der Schlafenden, und je
andchtiger ich in dies Gesicht sah, um so inbrnstiger begannen dies
Brot und dies Angesicht zu mir zu reden und trsteten mich.

Du Brot bewegst mich nicht, weil du Armut verrtst, dachte ich, denn es
ist meiner Rhrung eine Gewiheit zugetan, die keine Bekmmernis ist. Du
bist das ewige Ma, nicht Flle noch Entbehrung, sondern ein edles und
einfaches Genug. Du bist das Sinnbild der mchtigen Ausmae der Seele
und des Geistes, du erhltst, ohne zu gefallen und ohne zu schmeicheln,
du befriedigst, ohne da Aufwand oder Flle die Krfte beanspruchen, du
forderst keine Beachtung, und die Selbstverstndlichkeit deines Gebens
wehrt dem Unfrieden. Wie begreife ich, da einst Christus dich und dein
Wesen mit dem seinen verglich, da er dich brach und gab, wie auch sich,
als er das Opfer seiner Liebe und Erkenntnis feierte. Du bist das
Sinnbild der Erhaltung, der Wandlung und Wiedergeburt, Abschied und
Auferstehung.

Warum siehst du das Brot an? fragte Asjas Stimme pltzlich in mein
verlorenes Sinnen hinein, bist du hungrig?

Ich habe ewig, ewig Hunger!

Sie richtete sich auf, kam mir nah mit dem durchscheinenden Licht ihrer
unstillbaren Augen, und verlangend, fast zornig, sah es mich unter den
angstvoll zusammengezogenen Brauen an. Die forschende Gier lie mich
erschauern. Da senkte sie mit einem unaussprechlichen Lcheln ihre Stirn
auf meine Hand:

Ach, Bruder ...

                    *       *       *       *       *

Aber die schwermtigen Bewegungen, in die mein Geist geriet, und die
Beunruhigungen, die mit meiner Liebe zu Asja ber mich kamen, zerstrten
mir die letzte Eintracht, in der ich mich zu den Dingen meines Lebens
geglaubt hatte, und so gering meine Zufriedenheit gewesen sein mochte,
nun erst sprte ich, da ich aufgescheucht worden war. Wie handle ich
nun tricht, dachte ich oft, da ich mich auf einen fremden Weg locken
lasse. Stehe ich denn im Zeichen des Abschieds, oder im Zeichen des
Beginns? Aber dann war mir, als begnne mit allem bewuten Leben in uns
Menschen der Abschied und als erwachten wir nur zur Erde, um Abschied
von ihr zu nehmen. War denn, gemessen am Gang der Tage und Jahre, das
Stndlein Zeit, das ich vielleicht lnger verweilte, als diese zum
Abschied so froh Gerstete, gar so gro und gewichtig, und flogen die
Stunden nicht eilig und unaufhaltsam dahin, von Hoffnung zu Hoffnung
getrieben, und rissen mich mit auf einem fremden Weg, der nicht der
meine war? Und so beschftigte mich der Sinn dieses eigenen Wegs, den
ich suchte, und ich sagte es Asja:

Ich finde den Weg nicht!

Sie richtete sich auf und sah mich an. Ihre Augen schienen zu fragen, zu
forschen, weit in die Welt hinaus, und nichts von der Antwort zu
wissen, die sie gab. Es war Abend, auf dem Tisch brannte eine Kerze, von
drauen hrte man den schon winterlichen Wind, und Asjas Bett war ein
wenig vom Fenster abgerckt worden, das von unten her zum Teil verhngt
worden war, so da es kleiner und hher erschien. Wir waren allein und
hatten lange Zeit geschwiegen, bis die Stille des ruhenden Angesichts
mir mehr und mehr zum Spiegel meiner qualvollen Lebensunruhe ward und
mich zugleich ermutigte, das Schweigen zu brechen.

Den Weg? fragte sie langsam, du suchst etwas vor dir und um dich her,
was du selbst sein sollst. Wenn nicht du selbst der Weg bist, so findest
du keinen, bist du es aber, so suchst du nicht mehr. Der Weg fr was
oder fr wen, fragst du mich? Ich will es sagen: der Weg der Liebe. Mehr
kann niemand finden und sein, und alles andere Suchen verlohnt sich
keiner Lebensmhe, es macht arm und fhrt mehr und mehr zur
Verlassenheit.

Bedenke doch recht, wieviele Wege du gefunden, verworfen und lngst
vergessen hast. Aber dann sieh weit, weit hinaus, und betrachte das
Verlangen und die Worte der Erkenntnis derer, deren Namen die
Erinnerungskraft der Menschen bewahrt hat. Aus ltester Zeit her klingt
das Wort: der Weg. Keiner der Vollendeten suchte oder nannte den Weg;
forsche nach, sie alle riefen: Ich bin der Weg! Begreife nun, welche
Gewiheit diese Worte bergen, die Flut der Liebeskraft zog durch sie in
den groen, lebendigen Strom der Liebe zurck, den wir Gott nennen. So
nur ist er. Glaube mir, die Liebe ist nicht ohne deine Liebeskraft, erst
du und alle sind sie. Der Liebe kein Hindernis zu bereiten, das ist der
Gehorsam, der zur Vollendung fhrt. Sprach nicht auch Christus: Ich bin
der Weg? Die Menschen verstehen dies Wort, als hiee es: Ich bin der Weg
fr euch. Nicht so ist Wahrheit darin, sondern es bedeutet, da er
selbst der Weg der Liebe ist, die durch ihn hindurch, ohne Hemmung, in
die Welt scheint. Und fhrt er nicht fort, in der Zuversicht jener
Allmacht, die ihn mit diesem Gehorsam durchdrang: Ich bin die Wahrheit
und das Leben? Seine Worte bedeuten: Ich habe der Liebe kein Hindernis
bereitet, sie strmt durch mich, ihren Weg, so rein in die Welt, da ihr
Wesen offenbar wird, wie Gottes Wesen. So nur vermochte er frohen Sinns
zu rufen: Wer mich sieht, der sieht Gott, der sieht die Liebe. Meinst
du, dies sei sein Vorrecht gewesen? Es ist das deine. So suche nun
keinen Weg mehr, die Erde hat keine Wege, die zur Ruhe fhren, aber du
bist der irdische Weg Gottes, seine Offenbarung und Auferstehung, sein
Leben ... die Seele ist Maria.

Oft liege ich still, im Tageslicht oder in der Dunkelheit der
dahinziehenden Nacht, und Gedanken kommen zu mir, wie Lichtvgel,
farbige Bilder voll Helligkeit und Gewiheiten, die mich so erfreuen,
da ich schluchze. Ich liege in ihrem Glanz, wie der Tauschnee in der
Sonne, fhle mich dahinschwinden, aufsteigen und schweben, in
unfalicher Gestalt. So dankbar ist das Herz in solchen Stunden und die
Zeit ist nicht mehr. Dann wei ich, da ich nicht sterbe und nicht den
Tod sehe, sondern da ich mich verwandle, bevor ich den Tod schmecke.
Das ist kein Traum und seliger Rausch, du Lieber, nicht Schwche noch
rasche Glaubenswilligkeit, es ist die Zuversicht jener Gemeinschaft,
wenn ich mein ganzes Sein und Recht zum Weg der Liebe mache. Bin ich nun
ganz in ihr, der Ewigen, die zu mir kam, so bin ich wie sie, ohne Anfang
und Ende, ein Weg, und Wahrheit und Leben. Das sei mein irdischer Tod.

Ihre Worte waren in ein Flstern bergegangen und ihre Augen waren
geschlossen, als schliefe sie. Im Schein der Kerze sah ihr Angesicht wie
Stein aus, alt und jung, zeitlos wie eine Landschaft aus weiter Ferne
und so rein wie Schnee. Ich sah das stille Gebilde aus Fleisch und
Blut an und begriff zum erstenmal im Leben die Hoheit eines
Menschenangesichts, dies Alles und dies Letzte der Natur, die Quelle und
die Mndung ihrer Flle, das Sinnbild ihres Triumphs. Vom Keim auf den
Wiesen bis zum Glanz dieser Stirn, welch ein unnennbarer Weg! Und der
Weg ward mir im zweifachen Sinn deutlich, und zum erstenmal war mir, als
formte sich in meiner Seele ein Gebet, nicht in Gedanken und in Worten,
sondern im Geist und in der Wahrheit. --

Oft, wenn die Kerze niedergebrannt war und die Mutter lngst in ihrer
Kammer schlief, wenn die Nacht zu uns kam, und ich im Dunkel nichts mehr
erkannte, war mir, als she ich Asja deutlicher, als jemals am Tage.
Zuweilen lag ihre Hand in meiner und wir schliefen beide, sie auf ihrem
Lager, ich in meinem alten Korbsessel, der bei jeder Bewegung knisterte.
Brannte im Herd noch das Feuer, so umflatterte uns der Widerschein von
den Wnden, zeigte uns einander und verbarg uns, aber unsrer Nhe taten
Licht oder Finsternis nicht Schaden an, sie war im Schlaf und Wachen der
Zustand unsres Daseins.

Oft war mir, nach solchem Ruhen, wenn ich erwachte und sandte meine
Gedanken erneut zu den Dingen hinber, die uns zuvor beschftigt hatten,
als seien sie mir nun verstndlicher geworden und nhergerckt, obgleich
nichts zu ihrer Erklrung getan war, als jene von allem Denken
unabhngige Hingabe, die in der Wohltat der Ruhe lag, Hand in Hand.

Mir kamen ber solcher Erfahrung merkwrdige Gedanken, wunderartig und
flchtig, Visionen und geheimnisvollen Einsichten vergleichbar, voll
Trost. Eine neue Macht erhob ihr Morgenglhn an den fernen Horizonten
meiner Erkenntnis, ich ahnte einen herrlichen Aufgang des Lichts und
verga alles, was nicht von diesem Licht beschienen wurde. Krankheit,
Schmerz und Tod, dachte ich, wo seid ihr in diesem Morgenrot, diesem
Lcheln der hohen Berge der Zuversicht, die keinen Namen haben, die
aber, dem Auge des Geistes erreichbar, alles gering erscheinen lassen,
was nicht im Glauben an die Allmacht der Liebe liegt. --

So erstand uns in den armen vier Wnden dieses kleinen Raums eine Welt,
die keiner andern Welt zu vergleichen war, die uns von Himmel und Erde
abschlo, aber die ihren eigenen Himmel und ihre eigene Erde hatte.
Unsere Gemeinschaft kam und wuchs so selbstverstndlich heran, wie das
Tageslicht anbricht, sie war von groer Herbheit und so ernst, wie nur
die Jugend zu sein vermag.

Wenn ich nachts, am Abend oder am Tag diese Welt verlie, so kam ich mir
verirrt vor und wie ein verstoener Fremdling, aber so zuversichtlich
und geborgen zugleich, wie ich es im Leben nicht wieder empfunden habe.
Ich wute das groe Geheimnis, da die Welt nicht an den
Erscheinungsformen, die unsere Sinne wahrnehmen, ermebar ist, sie wurde
mir frhzeitig zu einem Gleichnis und ich fhlte, was uns allein heiter
und wahrhaft gerecht macht. Ich stellte keine Anforderungen, deren
Gegenstand mir zugute kommen sollte, an diese Welt umher, und wute
doch, da ich nicht verzichtete und kein Opfer brachte. Darber begriff
ich, da nicht der Verzicht uns beruhigt, sondern die Einkehr. Ich will
in der Welt nur wiederfinden, was ich bin, dachte ich, nicht aber von
ihr empfangen, damit ich sei. Wer sich kennt, findet die Welt nicht
fremd, wer in ihr erst sein Teil sucht, verliert sich in ihr.

Wenn ich mich aber fragte: Was bin und was habe ich denn? so wute ich
nur zu sagen, ich liebe aus tiefster Seele und habe Gemeinschaft. Und
darber begriff ich mit heiem Erzittern, da dies alles sei. So sagte
ich denn zu meinem Herzen fr immer: Was dich die Liebe nicht lehrt, das
sollst du nicht wissen.

Aber es kamen Stunden, in denen mich der glhende Wunsch ergriff, Herz
und Mund zu ffnen, um alle an dem teilnehmen zu lassen, was mich
erfllte. Mir erschien es, als brenne und verlsche ein Licht im
Verborgenen, und ich msse aufstehen und seinen Schein verknden. Ich
sprach darber einmal mit Asja, voll Ergriffenheit und betrt von Eifer.
Sie sah mich an, als verstnde sie mich nicht, endlich erfate sie, was
ich meinte und sagte:

Hast du etwas zu sagen, das schn und wahr ist, so ereifere dich nicht,
sage einfach und geduldig, was dich bewegt, und bemhe dich nicht, der
Wahrheit Flgel zu verschaffen, damit sie zu den Menschen dringt; das
ist die Besorgnis des Zweiflers. Was dagegen Wahrheit ist, ist es nur
deshalb, weil es lngst Teil und Gut aller Wahrhaftigen und Erkennenden
ist. So sprich nur, als sprchest du zu Brdern. Alles andere ist
Torheit.

Frage nicht danach, ob die Menschen dich verstehen, darauf kommt es
nicht an, sondern darauf, da du sie verstehst. Wappne dein Herz nicht,
gib es ruhig dahin, sein Heldentum ist ohne Waffen. Aus Quellen, die
sich hell und wehrlos in die Tler strzen, wird der groe Strom, das
Meer, das Reich. Nur wer auf solche Art sein Herz preisgibt, wei, was
er tut, wenn er spricht: Dein Reich komme.

Oft will es mir erscheinen, als seien die wahrhaftigen Menschen unsrer
Zeit, in der Gemeinschaft ihrer Geistesentwicklung, heute noch nicht
weiter gekommen, als bis zu dieser Bitte. Das Vaterunser mit die ganze
Geschichte des Reichs aus, zugleich den einfachen Tag des Lebens. Es
betrifft zugleich die Stunde der Gegenwart, das Wesen der Welt und dein
Wesen, von der Geburt bis zum Tode. Es ist prophetisch wie sonst kein
Wort und einfltig wahr, wie alles Prophetische. So ist es zugleich von
Anfang bis zu Ende auf diesen Tag zutreffend, wie es ein Sinnbild der
Bahnen aller Geisteskulturen ist, und endlich der Menschheitsgeschichte
selbst. Liegt nicht das >Geheiligt werde dein Name< in Opfern, Weihrauch
und Domen hinter uns, so sichtbar, als stnde es mit groen Zeichen ber
der Vergangenheit? Es wird eine Zeit nach uns kommen, die wird im
Zeichen des dritten Worts stehn, das lautet: Dein Wille geschehe. Wie
weit, weit liegt noch die Zeit, in der den Menschen das tgliche Brot
die einzige Bitte wird, wo sie keines anderen irdischen Guts mehr
bedrfen, wie nah werden sie der Liebe sein! Welch eine Zeit aber wird
endlich anbrechen, die mit Zuversicht ausruft: Nun ist dein das Reich,
die Kraft und die Herrlichkeit.

Sie schwieg eine kleine Weile und fuhr dann fort, wie im Bannkreis eines
deutlichen Bildes:

Es ist wahr, tausend Jahre sind wie ein Tag. Nicht an Zeit, sondern im
Wesen, das ist das Geheimnis. So sind Gegenwart und Zukunft, Zeit und
Ewigkeit einig, einig in einem Sinn, der sie lutert und der ich bin.

                    *       *       *       *       *

Zuweilen, wenn ich von Asja kam und der Tag noch dauerte, durchschritt
ich die Straen der lauten Stadt, mischte mich unter Menschen und
betrachtete ihr Tun und Treiben, als sei ich in eine ganz neue Welt
verschlagen, auf einen fremden Stern. Und ich empfand, wie gut es sei,
dies hier und da zu knnen, der groe Abstand tat mir wohl und ffnete
meine Augen. Es war kein Unfriede in meinem Bewutsein, ihnen in der
Nhe des Tages fern zu sein, und ich unterschied zwischen ihnen und mir
ohne Groll.

Nur wenn langsam ein schlummernder Sinn der Zugehrigkeit, bei langem
Verweilen unter ihnen, in mir neu erwachte, kam ein sonderbares Lcheln
auf, das ich frchtete. Es entstand gewissermaen ohne mich in mir, und
ich ward unruhig und oft zornig vor Sorge.

Dann dachte ich: Asja, deine Welt wird in mir versinken, diese groe
Welt, die nur der Jugend aufglht. Bin ich nicht einzig fhig und
erbtig, in ihr zu wandeln, weil ich jung und ohne Erfahrung bin? Wie
aber vermag ich zu sichern, was du mir gegeben hast, wo ist das
allgemeine Geistesland der Einsicht, Erkenntnis und Besttigung? An
Stelle deiner Gter werden mich die Tage mit ihrer Wirklichkeit, mit
Stundengewalt und nchternem Ermessen wieder in ihren Bannkreis ziehen
und beherrschen. Ich werde wieder bereitwillig in das feine,
verchtliche Lcheln einstimmen, in dem Satan triumphiert und das den
Tod so gewaltig erscheinen lt, da wir ihn nicht bedenken knnen. Die
nahen Menschen mit ihren wohlbegrndeten Rechten, die Uhren und die
Pflichten, der Ernst dem Geringen gegenber, das vergeht, und die
zugestndnisreiche Geselligkeit, die als Tugend gilt, alle werden sie
wiederkehren, denn sie sind eine gewaltige Macht. Ich werde denken, wo
war ich nur, was trieb und beherrschte mich, wie habe ich so entfremdet
abschweifen knnen und mich so weit verirren? Und ich werde vergessen,
da ich in der Heimat war, denn ich wei nicht, was dir Kraft gibt,
allein zu sein und im Hellen zu verharren.

So sagte ich auch dieses eines Abends Asja, wie gro doch mein Vertrauen
war. Ja, es ist die Zeit meines Lebens gewesen, in der ich nicht allein
war, aber ich wute es damals nicht, denn wir Menschen haben weit mehr
Sinn fr das, was uns fehlt, als fr das, was wir besitzen. Die wahrhaft
Einsamen aber wissen fr gewhnlich nicht, da sie es sind.

Ich sah nicht, wie schwach und bleich Asja war, erst viel spter, als
ich mich einzelner ihrer Worte im Besonderen erinnerte, tauchte auch
ihre weie Stirn wieder vor mir auf, der farblose Mund und die
bergroen Augen. Ich sah und empfand nur die lebendige Kraft, die von
ihr ausstrmte, und nahm sie gierig und wie mein Recht an. Es war gut so
und nach ihrem Willen, und es ist aller Menschen Recht, die Flamme zu
sehen und nicht den dahinwelkenden Docht.

Sie sagte mir auf meine Frage:

Ein rechtfhlendes Herz ist der Mittelpunkt der ganzen Welt, es gibt
kein Bett der Ordnung und Ruhe, das ihm zu vergleichen ist, und vor
seiner Echtheit ordnet sich immer wieder das Weltgeschehen. Nur, nur
daran, sonst wre die Erde lngst ein Trmmermeer und die Menschen
htten einander vernichtet. Auch das Wissen ist ohne das Herz kein
Trost, es ist wie eine Leiter, die in die Helligkeit gebaut wird und
endet bald. Erst wenn sein Geistesweg ein echtes Gemt umkreist, ist es
ein seliger Ring der Freude, selig durch die Bewegung, nicht aber durch
das Ergebnis, denn die Bewegung in ihm selbst ist das Ziel, nicht aber
ein Ziel als Ende und Zweck. Ein echtes Gemt aber ist Quelle und Weg
der Liebe, sieh, so ordnet Gott, der die Liebe ist, die Welt.

Es hat keine Zeit gegeben, in der die Hoffnung der Besten nicht wahr und
erhaben gewesen ist, es kann keinen Gott gegeben haben, der nicht aus
dieser ordnenden Kraft der Liebe war. Die Bilder der Gtter, die
versunken sind, verstehen wir nicht mehr, aber das Herz ist lter als
alle Gtter, sein Gleichtakt im Licht und in der Wahrheit ist die
Stimme und endlich die Gestalt der Gottheit. Die meisten Menschen
brauchen ein Bild von Gott, das sich in der Schwche ihrer Herzen
spiegelt, aber in einem starken Gemt haftet kein Bild, sondern nur
Licht und Wrme. Darum sorge dich nicht, da du vergessen oder dich
verlieren mchtest, denn das Herz wei das Gleichnis vom Wesen zu
unterscheiden und den Schattenri vom Angesicht.

Was fragst du mich nach Zeit und Ewigkeit, nach Ursprung und Ende! Wir
wandern durch den Sonnenschein, die Hand voll Wiesenblumen, hren die
Lerche -- und suchen den Frhling. Verwirf alles, alles, Bruder, und
schlag die Augen deiner Seele auf, ist Liebe in deinem Herzen, so
offenbart sie dir dein Teil. Dann rufst du aus: Es ist alles geschehen,
es ist alles gut, es ist vollbracht.

So sag' mir noch ein Wort, nur ein Wort ber die Auferstehung, Asja!

Ich war in heftiger Erregung und mir war zumut, als sei meine Wibegier
in ein Miverhltnis zu meiner Andacht geraten, als kniete ich nicht am
Altar, sondern als lftete ich den Vorhang zum Allerheiligsten. Ich
empfand, da ich falsch fragte, da ich kleine und trichte Mae der
Einsicht in den Lichtstrom dieser Seele stellte. So beruhigte es mich
fast, da Asja nicht antwortete, obgleich meine persnlichen
Liebespflichten und mein unpersnliches Verlangen nach den Wundern ihrer
Worte sich oft miteinander vermischten, so da ich sie nicht mehr zu
scheiden vermochte.

Asja wandte sich ab gegen die Wand, die Linie ihres Nackens und der
Schulter, unter dem Haar, verrieten mir eine Miene schweren Leides. Ein
unerklrliches Schuldbewutsein machte mich unsicher, und aus solcher
Unsicherheit heraus wiederholte ich meine Frage beinahe unfreundlich.
Aber die Herausforderung meiner Stimme weckte nicht ihren Unwillen,
sondern ihre Gte. Sie wandte sich mir wieder zu und sah mich an:

Wie mag ein Mensch fragen, was Auferstehung ist, dessen Seele nicht in
der Schmerzensfinsternis ihres Grabes liegt? Fragt derjenige, der nicht
gefallen ist, die Vorbergehenden, wie er sich erheben knnte? Wer aber
nur deshalb fragt, weil er frchtet, er mchte einmal fallen, der wird
keine Antwort erhalten, denn er fragt aus Furcht, und Furcht ist nicht
in der Liebe. Aber die Liebe, die in der Welt allein zu antworten
vermag, kann nur der Liebe antworten. Sieh, das ist der Irrtum der
Jahrhunderte, in denen unsere Geschlechter um Freiheit ringen, da sie
hoffen, die Liebe mchte der Lieblosigkeit Antwort geben. Nur wer aus
der Wahrheit ist, hrt die Stimme der Wahrheit, nur wer aus der Liebe
ist, hrt die Stimme der Liebe. Ich kann dir auf deine Frage nicht
antworten, denn meine Antwort ist heilig, aber deine Frage ist es nicht.
Jedoch die Stunde wird kommen, in der die Finsternis der Welt ber dir
zusammenschlgt, wo du im geistigen Tode am Boden liegst und weder
fragen noch hoffen kannst. Dann will ich zu dir kommen, ich, deine
Liebe, und zu dir sagen: Stehe auf!

                    *       *       *       *       *

Erst darber, da ein Widerschein von Asjas Wesen sich in dem meinen
kundtat, und da andere ihn wahrnahmen, begriff ich recht, welch
wahrhaftige Heiterkeit von ihrem Wesen ausging. Ich war in meiner
Kindheit und Jugend zu eng in die Bereiche einer rasch zufriedenen und
kampflos bescheidenen Frmmigkeit geraten, als da ich nicht eine
leidende Abwehr und einen an Widerwillen grenzenden Zorn vor jener
Bescheidung in einer Gottseligkeit empfand, die nur Bestand hatte, weil
ihren Trgern alle wahrhaftigen Ansprche fehlten, und weil sie die
Natur dadurch zu berwinden glaubten, da sie sie leugneten und
verrieten oder verachteten. So erhoben sich meine Forschungen vor den
Quellen des Glcks dieser Seele oft bis zum Ha und mein Widerspruch bis
zur Bosheit, ich wollte ihre Ansprche kennen, bevor ich ihr Gengen
guthie, und war darin um so strmischer und ungerechter, als ich die
meinen noch nicht kannte.

Dann wieder, wenn die herbe Einfalt dieser einfachen Verkndigung mich
berwunden hatte, bat ich ihr zerknirscht und meinen Trotz verwnschend
meine Zweifel ab, aber sie zrnte mir nicht und war weit eher erstaunt
als nachsichtig.

Nie wird die Liebe Klage darber fhren, da ihrem Licht widerstanden
wird, sagte sie einfach und ohne ihre Worte in den Widerstreit meiner
Gedanken zu fhren. Sie sagte sie wie fr sich, und ihre beinahe arme
Gebrde der Verzagtheit, die sie nur selten verbarg, wenn sie sprach,
gaben der Wahrheit ihrer Worte etwas vom Himmelsschein auf fernen Angern
der Welt, die nie ein Mensch betritt.

Aber wie jedes absichtslose, in sich selber selige Erkennen unsern Geist
weit lebendiger anzieht und mchtiger fesselt, als alle, noch so
leidenschaftlich und glhend ins Feld gefhrte berredung, so erwachte
und entflammte meine Wibegier weit lebendiger in Asjas herber
Zurckhaltung, als sie je vor ihrem Wunsch sich mitzuteilen erstanden
wre.

Am meisten beschftigte mich nach allem, was ich gehrt hatte, Asjas
Stellung zu den Worten und zur Gestalt Christi, dessen Name und
Aussprche sie oft in so merkwrdigen Zusammenhngen erwhnte, da es
mir zuweilen, um der einfach menschlichen und vernnftigen Auffassung
willen, fast praktisch und ins tgliche Dasein verwoben, dann wieder von
solcher Inbrunst der Liebe erhoben vorkam, da ich lange kein klares
Bild zu gewinnen vermochte. Ich beneidete sie zuweilen um ihre von
keinem Vorurteil bedrngte Art, seine Erscheinung und seine Wirkung
nicht anders zu nehmen, als sie die irgend eines sonstigen weisen und
groen Menschen hinnahm, verehrte und wiedergab.

Sie war auf eine fr unsere Zeit ungewhnliche und durch keinerlei
Vorurteil beeintrchtigte Art an die Evangelien gekommen, erst in
gereifter Jugend, und ohne in ihrer Kindheit jemals ein Wort daraus
vernommen zu haben oder gar belehrt worden zu sein. Sie fand dies Buch
eines Tages im Winkel eines vergessenen Schranks, als das Haus ihres
wohlhabenden Vaters nach seinem Tode mit seiner ganzen Habe in die Hnde
fremder Menschen berging. Sie las es mit Erstaunen, begierig und
eifrig, aber ohne eine andere Not der Seele, als diejenige, welche der
Durst nach geistigem Gut in einem echten Gemt hervorbringt.

Wohl hatten Asjas Worte an mich, einst zu Beginn, ein fruchtbares Leben
in meiner Gedankenwelt entfacht, aber ich begriff die Einheit dieser in
ihr wirksamen Erscheinung Christi nicht, und mein Wille, ihn ruhig zu
betrachten und auf mich wirken zu lassen, wurde immer wieder durch die
Vorstellungen getrbt, die man mich anzuerkennen gelehrt hatte, und
durch die Bilder, die mich von Kind auf begleitet hatten. Ich entschlo
mich schwer zu einer direkten Frage aus jener Schamhaftigkeit heraus,
die die erklrliche Folge der absichtsvollen Entstellungen ist, unter
denen wir gentigt waren, uns seinem Bild zu nhern. Es mochte
hinzukommen, da mein Gemt in dieser Zurckhaltung den Anschein
vermeiden wollte, als habe es Gemeinschaft mit allen denen, die den
groen Namen nennen, um ein kleines, armes und unerprobtes Herz zu
bemnteln.

Aber die Natur unserer Gesprche brachte es doch mit sich, da ich meine
heien Fragen, denen schon so klare Antwort gegeben worden war,
zweiflerisch wiederholte, denn einem jungen Menschen ist eine allzu
endgltige und umfassende Antwort oft ein zu schwerer Baustein im
Gebilde seiner Entwicklung und er verwirft ihn mit Recht und nicht mit
Unrecht, wie die Weisheit jener Abgeschlossenen lehrt, die sich niemals
in einer eigenen, sondern nur in fremden Welten bewegt haben.

Asja sah lange vor sich hin, als warte sie auf etwas, ihre Zge nahmen
an Trauer und Hilflosigkeit zu und sie begann stockend:

Ich denke wohl darber dies und jenes, aber ich vertraue meinen
Gedanken nicht. Sie erscheinen mir wie dahinziehende Wolken, und was sie
mir an Klarheit bringen, liegt nicht in ihnen, sondern ber ihnen und
scheint erst durch sie hindurch, sobald sie sich lichten. Mir ist dann,
als sei diese Helligkeit ber ihnen immer vorhanden, vielleicht gewinnt
sie ihre Gestalt durch die Gedanken, aber nicht ihr Wesen. Dann frchte
ich mich aber auszusprechen, was ich erschaue, denn mir ist, als sei es
lngst und immer das Gut und Eigentum aller Wahrhaftigen und entstnde
nicht durch mich, sondern kme nur auch zu mir, in jenem kleinen Teil,
den ich zu bergen vermag. Zu reden aber verstehe ich immer nur zu jenem
kleinen Teil, und bin voll Furcht, das hohe Wesen ber mir zu
entstellen. Ich glaube nicht, da ein Mensch eine Wahrheit auszusprechen
vermag, die nicht lngst vor ihm Wahrheit gewesen ist und immer sein
wird, glcklich sind oft Schweigende, die schauen und entbehren. Sieh,
wer nicht zu glauben vermag, whnt die Wahrheit abhngig von seiner
Einsicht, aber sie ist es nicht, sie ist vom Glauben abhngig, von einem
Glauben, den wir wie eine Beschaffenheit haben mssen.

Die Menschen rhmen, wie nun auch du, den Gedanken. Was aber nennen sie
ihre Gedanken? Sie lassen den Wind der vergnglichen Geschehnisse durch
die Kammern ihrer Brust streichen, und wenn es darin ertnt, so sagen
sie: Ich denke. Wer aber macht auch nur seinen Leib mit der Welt der
Sinne zum Bogen, um die Krfte seiner Gedanken pfeilgrade ins Licht
emporzuschleudern? Wo blinkt der Panzer gegen den Unrat der Welt? Wer
denkt, indem er Leib und Seele der Flamme seines Geistes zur Nahrung
gibt, vor Khnheit hilflos und arm vor Ehrlichkeit?

Und selbst dies Denken, wie Feuer gebildet aus dem Mark des Selbst, ist
noch nichtig, mein Freund, es bleibt ein lichtloses Gleichnis, das in
Gleichnissen irrt, wenn nicht die Gnade der Offenbarung den bereiteten
Geist befllt. Die Offenbarung ist nicht durch die Macht der Gedanken zu
locken, sie bereiten ihr wohl den Weg, aber ihr Kommen ist Gnade. Ich
glaube nicht, da die Lichtblumen dieser Gnade nach dem Wert des Ackers
fragen, auf dem sie emporblhen. Sie keimen geheimnisvoll, mit
Vergangenheit und Zukunft im heiligen Bund, dort auf, wo sie wollen,
nicht aber dort, wo ein Mensch will. Die Kraft des Gedankens allein hat
noch kein bleibendes Geisteswerk, das schn, gut oder erhaben ist,
hervorgebracht, glaube mir, keins; immer geschah die letzte Vollendung
im gttlichen Spiel der Gnade, heiter und mhelos, und der Empfangende,
der erwhlte Herd, sprach seinen Seufzer, dessen Name Gnade ist.

Begreifst du nun, was es bedeutet, erwhlt zu sein? Die Erwhlten sind
der Weg. Es gibt kein anderes Gesetz unserer Beschaffenheit, in dessen
Erkenntnis Erlsung ruht. Nur Erlsung, kein anderer Vorteil, wie ihn
die Vielen suchen, die die Geisteskraft des Einzigen in die kleine Welt
ihrer Begierden vor vergnglichem Bestand getragen haben. Wie soll sich
dort bewhren, wie soll dort trsten, was der Erlsung gilt?

Der Ausspruch Christi von den Berufenen und Erwhlten, den ich eben in
meine Worte verwoben habe, bezeichnet ihn, von ihm aus wird er
auferstehen, nicht einst, sondern wieder und wieder, gestern, heute und
morgen, berall, wo die Beschaffenheit eines Menschen seiner
Beschaffenheit gleicht, nicht aber dort, wo seine Gre, entstellt und
zubereitet, den Unberufenen dargeboten wird.

Er traf keine Bestimmungen, sondern er erkannte Gesetze und sprach sie
aus, obgleich sie Bestehendes zerstrten, allein um der Wahrheit willen.
Niemals aber wird ein Mensch eine Wahrheit erkennen, aus der er nicht
ist. Sieh, so scheidet Christus, nach uralter Sage von der Gottheit, das
Licht von der Finsternis. Er ist der Weg, auf dem die Liebe sich
offenbart, er ist die Gestalt der Offenbarung. Sagte ich dir nicht, da
in der groen Dreieinigkeit der Liebe der Sohn die Offenbarung sei?

Der heilige Geist aber ist jene Gemeinschaft, die ohne Willkr und ohne
Tun unter denen ist, die beschaffen sind, zum Weg der Liebe zu werden.
Ihr Schein ist von _einer_ Art, sein Strom ist das Licht der Welt. Es
gibt kein anderes Licht, keine andere Gemeinschaft. Die Erwhlten wissen
voneinander zu ihrer Zeit selten etwas und solche Gemeinschaft hat
nichts mit jener Wrme und Nhe zu tun, die wir Armen, gekettet an die
Welt der Sinne, zu unserm raschen Trost Gemeinschaft nennen. Sie sind
alle allein, denn die Liebe ist Glut und nicht laues Erwrmen, sie
richtet sich nicht in unsern Wohnzelten ein und hat keine Zuflucht, sie
frchtet die Berhrung der Leiber im Blut und im Wort. Sieh, das
bedeutet es, da auch der Sohn kein Obdach auf der Erde hatte, keine
Mutter, keine Brder. In solcher Gemeinschaft aber, wie ich sie nenne,
ist der Tod berwunden, sie berdauert das Dahinsinken der Leiber, sie
ist Auferstehung. Wo ist die Bitterkeit des Todes, wenn dieser Strom der
Gemeinschaft nicht endet? Sieh, das wird niemand begreifen, der nicht
in jener Gemeinschaft steht, er kennt ihr Wesen nicht, ihm ist der Tod
mchtiger und er frchtet ihn. Bin ich aber beschaffen, ganz von Licht
erfllt zu sein, so werde ich Licht und begreife seine Dauer. Es ist
mein Empfangenes, in das ich verwandelt bin. In ihm, das ich ausstrahle,
trete ich aus mir heraus, was bleibt dem Tod noch, als jene Hlle, die
lngst nicht mehr ich ist?

Alle aber, welche fragen: Werde ich einst hier oder dort sein, die
irren. Nur in der Gemeinschaft leuchtet die Heimat. Gemeinschaft ist das
groe, das eine Wort des Bewutseins, der Heilige Geist; die Quelle in
der Hhe, nicht die Mndung im Tal, nicht Wiederkehr, sondern Dasein,
das Heute als Ewigkeit, die tausend Jahre als ein Tag. Es gibt keine
andere Erlsung. Ich war gehorsam und die Offenbarung kam zu mir, die
zur Gemeinschaft fhrte, so sind Vater, Sohn und Geist mir zum Bild der
Liebe geworden und ich sage Gott, ohne Zweifel und Angst, heiter und
wahrhaftig, unaussprechlich gewi.

Da fragte ich: So glaubst du nicht an die Erlsung der Unerwhlten?

Nein, sagte Asja, die Unerwhlten sind es, die wiederkehren, nicht
die Erwhlten, denn die Unerwhlten sind es, die noch der vergnglichen
Gestalt allein angehren, dem Wandel der Natur. Sie sind der sinkende
Becher, die Verschttung und Beerdigung, die Wehmut der Hoffnung auf
eine Heimkehr, die auch sein wird, jedoch zur Erde, zur Mutter. In diese
Wehmut hat die Welt die Gestalt des Einzigen verwoben, um dieses
Irrtums, dieser Schuld willen sinkt die Kirche in den Staub, die sein
Wort nicht verstand: La die Toten ihre Toten begraben, sondern die die
Hoffnung der innerlich Toten unter den lebendigen Menschen auf die
Grber wies. Erkennst du im Bild der Geschichte nicht deutlich, wie
Maria, die Mutter, am Altar auftaucht, jemehr der Christus selbst
verhllt und verschttet wird, und wie der Sohn zum Kinde wird? -- Er
wird wieder zum Mann werden, und aus den Schleiern jener Wehmut treten,
die die Erde, die Mutter, das Heimweh der Unberufenen, um seine helle
Stirn gelegt hat. Sie haben ihm den Hirtenstab gegeben und das Schwert
der Entscheidung genommen, von welchem er gesprochen hat, als er vom
Geisteswesen seines Kommens, vom Sinn seiner Sendung redete.

Nein, er hat nichts mit dieser Wehmut gemein. Auch hat er nichts mit
denen gemein, die von ihrer Hoffnung sprechen, irdisch, nach dunkler
Wandlung, in erneuter Gestalt wiederzukehren. Es ist kein Licht in
dieser Zuflucht, keine Erlsung, denn der Wandel der Natur hat keine
Kraft ber seine Kreise emporzuheben, allein der Geist. Er hat das
Bewutsein zum Bett seiner Erstehung, seine erste Gestalt ist der
Glaube, als eine Beschaffenheit, ihm folgt die Erkenntnis, deren Krone
die Offenbarung ist. Seine letzte Gestalt, die offenbar wird, ist die
Liebe, sie ist Anfang und Ende, das heilige >Gut<, sie ist Gott. Wehe
einer Welt, die glaubt, die Natur vollende sich in ihrem Wandel bis zu
Gott empor. Niemals! Auch unsere nicht. Nicht wir haben die Liebe
erwhlt, sondern die Liebe hat uns erwhlt.

Wer aber fragt, was Liebe sei, der ist wie eine Wasserwoge, die sich dem
Feuer zu verbinden trachtet. Kein Strahl aber fragt nach dem Wesen
seiner Sonne, denn er ist ihr Wesen.

                    *       *       *       *       *

Es war sonderbar genug, wie Asjas Leben langsam in mir ein eigenes Leben
begann, als htte ihr Geist in meinem Einkehr gehalten, in einer
mystischen Hochzeit. Ihre Worte, schwer, einfach und an Flle der
Offenbarung fruchtbarem Korn vergleichbar, sanken in mein Gemt, keimten
und blhten. Ich verlor bald den Sinn dafr, ob ein Gedanke nach ihren
Berhrungen aus dem Boden meiner eigenen Seele emporwuchs, oder ob ich
ihn von ihr bernommen hatte, ohne eigenes Tun. Auf wunderbare Art
verschmolzen mir die Grenzen unsrer Beschaffenheit in ein Lichtgebilde
schpferischer Vereinigung, und ich begriff den Sinn der Gemeinschaft.

Was fr die vergnglichen Leiber die Berhrungen des Bluts waren, seine
Verschmelzung und Auferstehung zu einer neuen Einheit, war das im
hheren Sinn die Vereinigung der Seelen durch die Offenbarung, getragen
durch die Gedanken, wiedergeboren im Geist? War hier Gottes Wiege, wie
dort die Wiege des Menschen war, und waren Gott und Mensch in jenem
heiligen Sinn eins, wie es von Christus heit, der ein Gott genannt wird
und des Menschen Sohn?

Im Reich des Geistes aber gab es nicht Mann noch Weib, ich begriff mit
Erschauern den einfachen Sinn dieser einst so dunklen Worte vom Reich,
von der Ewigkeit, von jener unendlichen Harmonie, die die Heiligen der
Welt ersehnten und erschauten, die ewig ist, da sie stets gegenwrtig
zu sein vermag. Ich begriff Asjas hellsichtige Auffassung des Worts, da
tausend Jahre wie ein Tag sind, nicht in der Dauer, sondern im Wesen.

So gingen die Monate des Winters herum, Tag nach Tag, nicht gemessen an
Daten und Stunden, nicht an Wachen und Schlafen, sondern an den
Schritten in die Regionen einer innerlichen Lebenszuversicht. Ich befand
mich in jenen Zeiten auerhalb aller Bedrngnisse, die durch unsere
Befangenheit und Abhngigkeit von der Erscheinungs- und Tatsachenwelt
entstehen, und lebte. Meine Freiheit und Heiterkeit war zumeist
unaussprechlich, die Erde schien klein und wie eine Gelegenheit von
vielen, wie eine Station der groen Wanderung, ohne Last und Finsternis.
Ich kannte keine Sorgen und glaubte mit einer flammenden Inbrunst, ohne
sagen zu knnen, an wen oder an was, ich glaubte an das Licht in mir,
und an meine Liebe.

So kam es, da ich Asja seltener fragte und mir an ihrem Dasein genug
sein lie, vielleicht kam es auch deshalb, weil sie einmal eine Frage
mit Zorn von sich gewiesen hatte, ich vergesse ihr Wort nicht, es ist
wahr gewesen:

Meinst du, es lge mir daran, dich zu berzeugen, oder ich gbe dir
Ratschlge? Niemals, nimmermehr! Ich spreche, wie ein Baum blht, aber
nicht, damit jemand Nutzen davon habe. Die Wirkung des Herzens macht
sich nicht belohnt, verstehe doch dies: weit eher ist sie ein Lohn. Ein
Lohn, wie eine Seligkeit in sich selbst, der Triumph von Krften, die
lngst zurckliegen, ein Ende, auf da begonnen werde.

Die Menschen haben die Folge der Liebe zu ihrem Zweck gemacht, und haben
die Liebe dadurch entheiligt. So mchten sie sie nun berall finden --
bei Anderen, und traurig wendet der Engel das Haupt. Sie glauben durch
die Liebe die Welt zu bessern, und empfehlen sie den Unglubigen und
Lieblosen, den Bedrngten oder Traurigen. Als die Kriegsknechte das
Haupt des Heiligen bespieen, waren sie schuldloser, als diese Propheten
der Liebe, die niemand berufen hat, als Baal, um sein Reich der
Finsternis zu sichern. Sie raten den Menschen, ihre Seele zu erhalten,
und nennen sich die Priester dessen, der gesagt hat: Wer da sucht seine
Seele zu erhalten, der wird sie verlieren.

Weit du, was das heit? Es ist der gleiche Geist, aus dem du zweifelst.
Wer seine Seele zu erhalten sucht, hat nichts gemein mit der Liebe. Das
Reich kommt nicht mit uerlichen Gebrden ...

Sie schwieg und sah mich ratlos und erschrocken an. Und langsam fllten
sich ihre Augen mit Trnen, mir war, als erblickten diese Augen nichts
mehr um sich her. Sie sa still und aufrecht in ihrem Bett und weinte,
wie ohne Grund und Anla, ein verlorenes Kind in der traurigen Welt,
deren Wege voll Steine sind.

Es mag Menschen geben, dachte ich, die eines Tages in Trnen ausbrechen,
weil es ihnen an Kraft gefehlt hat, sich zu erweisen. Aber du, Asja,
weinst nicht deshalb, denn du weit nichts von diesem Wunsch, du weit
nicht einmal deinen Wert. Du bist geistig arm. Du bist wie der Klang
einer Glocke, oder wie der Morgenschein auf den Bergen. Wir sind geistig
reich, wir wissen von Glocken aus Erz und von Bergen aus Gestein, aber
das Reich ist nicht unser. --

Darber wurde mir in meinen Gedanken an Asja und ihre Art das
Menschenwesen und die Welt zu schauen, mehr und mehr deutlich, da jenes
geheimnisvolle Wort der Evangelien, das von den Berufenen und Erwhlten
handelt, wie ein aufklrender Stern der Einsicht ber ihren
Betrachtungen und Einschtzungen stand. Meine Jugend und ihr Innenleben
waren zu tief von jenem ttigen Mitleidsgedanken der Nchstenliebe
durchtrnkt, der alle Wohlgesinnten leitet, die unsere Kindheit bewacht
haben, als da Asjas einsame Haltung mir nicht zuweilen wie voll
unerhrten, kindlichen Hochmuts erschienen wre. Mir war, als lge viel
Unbarmherzigkeit, ja Grausamkeit in solcher unerprobten Gewiheit. Wo
blieb bei solchem Glauben und solcher Heilsgewiheit die unbersehbare
Schar aller derer, die nach jenem Worte nicht erwhlt waren? Mein Sinn
emprte sich oft bis zum Ha, wenn ich lange allein war, aber ich
schwieg beharrlich, im selbstschtigen Genu einer vermeintlichen
heimlichen berlegenheit. Du liegst auf deinem weien, stillen
Ehrenlager des hochherzigen Abschieds, dachte ich, was bekmmert dich
das groe, allmchtige Leben, der heie Strom, der unter dem Lichthorst
deiner traumhaften Wolkenburg des Glaubens dahinflutet? Du hrst das
Geschrei der Gebrenden so wenig, wie das Seufzen der Sterbenden, das
gepeitschte Glutmeer des Kampfs der Geschlechter ist dir wie das
seelenlose Brausen des Meers, und wer ist dein Nchster, den du lieben
sollst, wie dich selbst?

Du! antwortete Asjas Stimme in meiner Brust. Und die Schweigende fuhr
fort, in mir zu reden: Hast du geglaubt, dein Nchster sei der, welcher
dir, Krper an Krper, rtlich am nchsten steht? Gehrst auch du zu
denen, die der Buchstabe ttet und die der Geist nicht zu befreien
vermag? Ihr schleppt den hohen Sinn in die Gassen des Alltags, und wenn
ihr ihn darin zertreten und beschmutzt, verkleinert und geschndet habt,
so verhhnt ihr ihn und vermeint, seine Lge erwiesen zu haben. Wenn der
Falke im Gitterwerk des Hhnerstalls verdirbt, so fragt ihr den
Zerbrochenen: Wo ist dein hoher Flug ber den Wldern? Dein Nchster ist
nicht der, welcher dir rtlich am nchsten steht, sondern der, dessen
Wesen deinem Wesen am nchsten ist, dessen Seelenkraft und
Geistestugend, dessen Heimweh, Schmerz und Kraft den deinen gleichen,
und dessen Blick dich spiegelt, zugleich Gram und Schmach, Beseligung
und Zuversicht, ein Weckruf und ein Trost. Ihn wirst du lieben, wie dich
selbst, das ist kein Befehl, sondern eine glckhafte Notwendigkeit, ein
erhabenes und furchtbares Schicksal, eine mystische Pflicht. Gott aber,
den du ber alles stellen sollst, das ist die Liebe selbst, und ohne ihn
ist auch dein Nchster dir fremd. Nur in der Liebe gibt es einen
Nchsten, nicht in der Leidenschaft, noch im Hang nach irdischem
Bestand, Vorteil oder Gewinn, noch nach Gefallen oder Vergngen im Leben
des Alltglichen. Welch ein Widerspruch entstnde zu der wahrsagerischen
Verkndigung, da der Erwhlte Vater und Mutter verlassen wrde, wenn
sein Nchster, der Mensch seiner rtlichen Nhe wre? Denn wer steht dem
Menschen nher, als sein Vater und seine Mutter? Du wirst sie
verlassen, wenn sie nicht im Geist deine Nchsten sind, um deinen
Nchsten zu suchen.

Und mit Erschauern erhoben meine Gedanken sich vor den besonnten
Schneewipfeln der Geistesreinheit und Liebeshoheit, die einst mit
Schmerzen und Jubel, die kein Sinn ermit, eine Liebesforderung
sondergleichen, aus blendend erhelltem Herzen strahlten. Die Marterblume
eines schweren Lchelns blhte mir aus den Wolkenzgen des Abendhimmels
meines unruhigen Tags und meiner Zeit entgegen, ich ging ziellos und
allein weit vor die Stadt hinaus, und ich verstand Asjas Wort des
Willkommens, als ich einst zum erstenmal an ihr Lager trat: Wir haben
alle nur einen Menschen, zu dem wir du sagen, und ihr einfaches
Versprechen, bei mir zu bleiben. Es verwandelt sich mir langsam in die
Verheiung: Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.

Als ich in der Abenddmmerung heimschritt, begegnete mir auf einem
verlassenen Feldweg, der auf de Baupltze und so auf die Vorstadt
zurckfhrte, ein Mann, der etwa zehn Schritte vor mir mitten auf dem
Weg stehenblieb und mich zu erwarten schien. Als ich ihn erreicht hatte,
bemerkte ich seine Absicht, mich anzusprechen, hielt im Schreiten inne
und sah ihn an. Er fragte mich auf eine Art nach dem Weg, der ich
anmerkte, da er keine Auskunft erwartete, sondern etwas anderes. Es war
schon zu dunkel, als da der Anstand von Wesen oder Kleidung fr uns
beide deutlich festzustellen gewesen wre, bevor wir uns einander nicht
ganz genhert hatten, und ich empfand nun, da ich enttuschte, und mir
schien, als gbe mein Gegenber in etlicher Befangenheit seine Hoffnung
preis, mehr bei mir zu finden, als er selbst besa. So wurde seine
Bitte, die er dennoch vorbrachte, auf eine vertraulichere Stufe
kameradschaftlicher Mitteilung gehoben.

Hast du Geld?

Ich durchsuchte meine Taschen in groer Verlegenheit, und um sie zu
verbergen, sprach ich von Dingen, die nichts mit meinem Betreiben zu tun
hatten. Er betrachtete mich verdrossen und abwartend. Als ich endlich
ein paar Mnzen fand und sie hinreichte, trat er zurck und winkte mir
ab.

Hast du mehr? fragte er.

Nein, sagte ich.

Ist das alles? wiederholte er seine Frage.

Ja.

Behalt's, sagte er und schritt ohne Gru davon.

Ich wandte mich langsam, um auch meinerseits meinen Weg fortzusetzen,
aber als ich die Mnzen wieder in meinem Rock bergen wollte, hatte ich
nicht die Kraft dazu; ich wute nicht, wem sie gehrten.

Als ich die Stadt wieder erreicht hatte, umschlich ich das Haus, in dem
Asja wohnte, und sah, da Licht in ihrem Zimmer brannte, es war gegen
zehn Uhr abends. Ich konnte ihr Fenster, das auf einen Hof hinausfhrte,
durch den Mauerspalt zweier Huser von der Strae aus sehen. Der
Schuster Stevenhagen, der neben dem Eingang im Hinterhaus seine Wohnung
hatte, ffnete mir auf mein Pochen, wie schon oft, und lie mich ein.

Wie geht es Asja? fragte er, ohne ber mein sptes Eindringen ein Wort
zu verlieren.

Ich mute mich besinnen und erschrak fast darber, wie ungewi meine
Vorstellungen von ihrem krperlichen Zustand waren.

Wir werden sie bald verlieren, fuhr er auf meine unsichere Auskunft
hin fort. Ihre Mutter war heute bei mir. Er sah mich an, als erwarte
er von mir irgendein ungewhnliches Wort der Erklrung, eine rasche und
zuversichtliche Mitteilung, die seine Befrchtung zunichte machte, als
msse irgendein Wunder geschehen, von dessen Art und Wirkung niemand
einen Begriff hatte. Ich war mutlos und schwieg, alles, was mich auf
meinem Wege beruhigt und erhoben hatte, verflog.

Vielleicht bringt die Zeit Besserung, weil jetzt der Frhling kommt,
fgte der Alte hinzu, als sei es nun an ihm, ein Wort der Beruhigung zu
sagen, da von mir keines gefallen war. Er nickte mir zum Abschied zu und
lie mich auf dem dunklen Gang allein. Ich lehnte mich an die Wand und
dachte: Es wird Frhling. Unter Asjas Tr glomm eine schmale, rtliche
Lichtlinie, es war totenstill im Haus. Es wird Frhling, dachte ich, von
den Bergen fallen warme Winde ins Land, ber die Wiesen. Die Wipfel der
Buchen frben sich rtlich, und die Bche rauschen trb und eilig
zwischen ihren Ufern dahin, an denen Anemonen und Primeln keimen. Die
Nchte sind voll warmer, glcklicher Unruhe. In der lndlichen
Abgeschiedenheit krhen die Hhne von Hof zu Hof, da nun die Sonne schon
eher aufgeht, ber den Feldern mit grnem Winterkorn. An besonnten
Hngen erklingt ber den stubenden, gelben Weidenblten das erste
Bienensummen, und hier und da, in der kaum begrnten Landschaft,
zwischen den braunen Winterfarben der Bsche und Wege, taucht in der
glitzernden Mrzsonne ein erstes helles Kleid auf, zwischen den Hecken.

Aber Frhling, mein Bruder, was tue ich in deiner Gemeinschaft, wenn
Asja begraben liegt? Ich frchtete mich vor dem Eintritt in den grauen
Raum der Entbehrung, des Verzichts und des Abschieds, der pltzlich zu
einem Sterbezimmer geworden war, wie einst das erstemal, als ich ihn vor
Monaten betreten hatte. Ich versuchte, mir gewaltsam jene Gter als
meinen und Asjas Besitz ins Gedchtnis zurckzurufen, die in hohen
Stunden unser Teil gewesen waren, aber es wollte mir nicht gelingen, die
Finsternis erwrgte mich.

Wie eine unberschreitbare Feuergrenze zwischen Leben und Tod brannte am
Boden die Lichtlinie der Tr und ich verga, wo ich mich befand und
erschauerte, wie in einem finstern Kerker. Ich entsinne mich meines
Entschlusses nicht mehr, die Tr zu ffnen, wohl aber erblickte ich
gleich darauf Asjas emporgerichtetes Gesicht im Licht der nahen Kerze,
die es beschien, als wre es allein in der Welt, und ich taumelte vor
Ergriffenheit, wie ber alles Vergleichen und Ermessen schn dies
Angesicht war. Es sah aus der Nacht des Haars auf mich hin, ruhig und
klar, das Lichtgebilde einer vor seligem Triumph trunkenen
Weltenvernunft, ausstrahlend vor Lebendigkeit, still, ein Bild der
Heimat. Und der Frhling, mein Bruder, den ich fern vermutet und weit
von dieser Sttte verbannt hatte, kam mir aus der warmen Nacht der
groen Augen entgegen, die Lerchenlieder ber den Feldern, feuchter Wind
und der se Duft aus Schollen und Keimen, aus dem das lichte
Bltenkleid sich bildet. Aber die Hoffnung, sein unruhiges Wesen, war
hier in eine lautlose, mchtige Zuversicht verwandelt. Da wute ich, da
ich es war, der zurck mute, da aber Asja in Frieden blieb.

Hilf mir, sagte ich, wer hat dich erwhlt? Ich kann mich nicht von
dir trennen und wei doch, da es meine Armut und Schwche sind, die
mich von dir scheiden werden.

Wie immer, erkannte Asja unmittelbar den inneren Zustand, in dem ich
mich befand, sie war weder zu tuschen, noch irrte sie sich, und die
gttlich-dmonische Macht ihrer Einsicht bestand darin, da sie niemals
bei ihren Schlssen aus meinem Ungemach, oder bei dessen Benennung, von
etwas anderem ausging, als von dem unerschtterlichen Glauben an eines
Menschen Wert, Gte und Lebensrecht. Es ist unausdenkbar, da jemals ein
Mensch, selbst der schlechteste, solchem Glauben an seinen Wert etwas
geringeres htte entgegensetzen knnen, als ein erschrockenes Glck. Wer
hoffte nicht darauf, er mchte einer Erlsung wert sein, wenn er leidet?
Wer aber vermag einer Seele diese Ahnung ihrer Befreiung eher zu
bringen, als der, welcher ihr altes Kinderrecht der Zugehrigkeit zur
Liebe glaubt? Die Macht eines solchen Glaubens, wenn er wahrhaftig ist,
vermag Berge von Schmach und Finsternis, von Selbsterniedrigung und
Verarmung zu versetzen, und auf den befreiten Boden bricht wieder das
Himmelslicht, keimt das Leben. Die Macht eines solchen Glaubens, gro
genug, vermag Wsten der Herzen in fruchtbares Land zu verwandeln, vom
trocknen Firmament brechen die feuchten Schauer, und der Sand begrnt
sich.

Was qult dich? fragte Asja mich. Oh, ber diesen unvergebaren Ernst
ihrer Fragen, ich habe ihn niemals im Leben wiedergefunden. Warum
lcheln diejenigen, welche sich fr strker oder erfahrener halten, und
wieviel ist eine Gabe unter solchem Lcheln noch wert? Ihr rechnet alle
auf freundliche Nachsicht, weil ihr nur die Hlfte gebt, und weil ihr
die Wahrhaftigkeit eines Anspruchs zu glauben verlernt habt. Euer
Lcheln dieser Art ist der Erweis, da ihr weder an eine echte
Zugehrigkeit, noch an Gemeinschaft glaubt, ja kaum an Verstndnis, nur
an gegenseitige Nachsicht, und an ein ausgleichendes Mitleid der
Hilflosigkeit. Als sei eines Menschen inneres Erleiden nicht erlaubt,
und als sei ihm durch Herablassung am sichersten beizukommen. An diesem
Lcheln gleitet ihr aneinander vorber und gebt eure herrliche Liebe in
der armen, kleinen Mnze der Freundlichkeit aus, die jeder selber hat.

Asjas Augen ffneten mein Herz unter ihrer Frage bis auf den Grund, und
ich sagte einfach, als wte sie schon alles:

Das Wort von den Berufenen und Erwhlten qult mich wieder und wieder.
Du hast einmal davon gesprochen, da das Wesen und Schicksal des
Menschen mit diesem Gesetz offenbar wrde, und da seine furchtbare
Wahrheit der Anfang der Ordnung zu aller Einsicht sei. Du hast gesagt,
dies Wort vor allen andern bezeichnete die Erkenntnis und Lehre Christi,
aber mich lt die Frage nicht ruhen, was mit allen jenen geschehen
soll, die weder berufen noch erwhlt sind. Sind es nicht Menschen wie
wir, und sind nicht wir wie alle? Dieses Wort aber schliet aus und
sondert, entscheidet und verwirft. Ist das das Wesen der Liebe?

Ja, antwortete Asja, ich habe es gesagt.

Ich wartete und hoffte darauf, da die Sicherheit ihrer Antwort mir die
innere Haltung schenkte, selbst zu sehen, was ihre Augen schauten, aber
es blieb alles ungewi in mir, und die Wege meiner Gedanken verirrten
sich im Dunkeln.

Sag' mir das Licht, in dem die Unerwhlten stehen, und ich will
schweigen und warten, sagte ich.

Sie stehen im Licht der Erwhlten, antwortete Asja. Die Liebe
scheidet und lt sich nicht vermischen, das ist ihre Kraft und
Herrlichkeit. Satan mischt und legt die Namen der Liebe an die laue und
falsche Gestalt. Wer sind die Erwhlten, da du von ihnen sprichst, als
seien sie im Sinn der Welt bevorteilt? Erwhlt sein, heit von der Liebe
erwhlt sein, zum Weg ihres Lichts. Glaubst du, solch heilige Gunst
raffte den Wert an sich, um ihn fr sich zu besitzen, gesttigt,
zufrieden, selbstschtig? Sie strahlt ihn aus! Und je reiner ein Herz
dies Licht ausstrahlt, um so eher ist es erwhlt. Wer hat das groe Wort
auf Gunst und Wohlstand des zeitlichen Lebens ausgelegt? Wer hat es
unter den Schein von kleiner Tugend und armseligen Lohn gestellt und in
einen Rangstreit des Vorteils gezogen? Ich bin betrbt. Wieviel Angst
mu in der Welt sein! Was von der Erlsung galt, das haben die Menschen
in den Widerstreit von Vorteil und Besitz getragen. Ich habe Angst vor
der Macht des Satan!

Wer ist Satan?

Steht er neben dir, da du so fragst? Satans Reich ist berall, wo
Gottes Reich nicht ist. Wenn du zum Bild der Liebe das Bild Gottes
setzt, so setze fr das Bild der Nichtliebe das Bild Satans. Sagt nicht
der Bse von ihm! Er mchte euch im Bild dessen berlisten, was ihr das
Gute nennt.

Ich raffte mich zu einer raschen Frage auf, aber sie sah mich drohend an
und rief laut:

Schweig!

Und wieder, wie einst, als eine harte Absage mich betroffen hatte,
neigte sie sich ber meine Hand und drckte ihre Lippen darauf. Erst
nach einer Weile hob sie die Stirn und sagte frhlich:

Ich kenne ein altes Lied, willst du es hren? Es lautet so:

  Ich mchte dich beglcken
  und kann nicht dunkel sein.
  So tritt mit deinem Zweifel
  in meiner Liebe Schein.

  Mich qult nur eine Frage:
  Hast du mich lieb, sag an?!
  So bleib in diesem Lichte,
  das ich nicht trben kann.

  Frag nicht, weshalb ich frage.
  Aus Zweifel frag ich nicht.
  Es gibt nur eine Klage
  der Liebe, die um Licht.

                    *       *       *       *       *

Es wurde nun Frhling, er wehte auch in die Mauern der Stadt und
verkndete seine Gegenwart berall. Meinem Kammerfenster gegenber, an
der Hofseite des Nachbarhauses, hoch am Giebel, begann ein altes
Mtterchen ihren Garten zu pflegen, der nicht grer als eine schmale
Bank war und ber der Dachrinne hing. Er hatte ein kleines grnes
Gitter, und die Alte arbeitete mit einem Blechlffel in der Erde, unter
dem Giebel ihres Dachfensters. Wenn mittags die Sonne schien, hing sie
ihren Kanarienvogel ber dem Garten auf, und seine Stimme schmetterte in
warmen Stunden durch die den Hallen der Hfe. Man hrte auch wieder
Kinderstimmen, und berall standen die Fenster offen. Die Weiber
schnatterten auf den Stiegen, und es war schon hell, wenn man des
Morgens erwachte.

Oft, wenn mich die Luft in der Frhe auf den Straen umwehte, sehnte ich
mich danach, die Stadt zu verlassen. Wohl entfloh ich zuweilen ihren
Husermauern, aber das de Bereich ihrer Umgebung befriedigte nicht,
sondern stimmte traurig. Einmal hrte ich ber den Baupltzen und
Stadtgrten eine Lerche und erzitterte unter ihrer Stimme, die mich
berwltigte. Ihr Gesang war berredender und ser, als ich ihn jemals
in der Freiheit der Fluren drauen vernommen hatte, und ich begriff, da
ihr Trost nicht wie eine Freude gesucht sein wollte, sondern wie eine
Gnade in unsere Finsternis fallen mu. Und pltzlich verstand ich in
einem ganz neuen Sinn das Wort: Wer da sucht seine Seele zu erhalten,
der wird sie verlieren.

Ich lauschte dem Singen und verga die Stadt und ihre Beengung. Nun
blht drauen der Frhling ber Wldern und Wiesen, dachte ich, die
Sonne scheint auf den nassen Boden, die Pflanzen keimen und die ste im
Wind begrnen sich. Ich mchte ber den nassen Acker gehen und
Samenkrner in die aufgebrochene Erde streuen, ich mchte die Saat mit
meinen Trnen benetzen und auf dem dunklen Grund niederknien und zu
Gott, dem Vater, beten. Mein Gebet wre nicht Klage noch Bitte, es wre
ein unaussprechbarer Dank, ein Dank und Gehorsam wie das Blhen, das
mich umweht und berkommt. Keine Worte sollten den Geist bedrngen, der
mich durchdringen und erhellen wrde, o Frhling, o Vater, du Liebe! --

Dies waren die Tage, Stunden und Gesichte meiner kurzen Jugend auf der
Erde, in denen Asja starb. Ich habe auer der Nacht, in der sie Abschied
von mir nahm, kaum mehr im Gedchtnis, was sich sonst zutrug, und wei
in meiner Erinnerung dies Erlebnis in keinen Rahmen uerer Gewiheiten
zu stellen. Das Jahr mte ich errechnen, wie ich auch mein Alter nicht
mehr wei, denn es kamen ruhlose Zeiten des Dahintreibens auf dem
uferlosen Meer des Lebens fr mich.

Wie einer, der graden Blicks in die Sonne schaut, die Stunde des Tags an
ihr nicht festzustellen vermag, so gibt es Ereignisse in unserm Dasein,
deren Einwirkung so stark ist, da wir den Widerschein auf den
erkennbaren Dingen um uns her nicht festzustellen vermgen, sie stehen
in unserm Leben, wie Gestirne am Himmel oder wie Grabhgel auf den
Feldern.

Der Erdboden verliert seine freundliche, ruhige Gestalt, wenn der Pflug
ihn fr die Saat aufreit, und die Zugvgel sehen, wie mit neuen Augen,
nichts mehr als ein fernes Ziel, wenn ihre Stunden der Heimkehr kommen.
Aber solche Blindheit ist in Wahrheit der wichtige Zustand unseres
Daseins, in dem wir auf einen Weg gezogen werden, der zum lebendigen
Sein und Schauen fhrt, sowohl die Seele, als endlich auch den Geist,
der nicht durch den Gedanken allein gefhrt wird, sondern durch jene
Macht, die auch den Gedanken zu wollen scheint.

Fr diese Macht suchen wir alle Gestalt und Namen, unsere Bewegung hat
diesen Sinn. Es gibt Augenblicke, in denen wir ihn wissen, von ihnen
schweigt jeder Mund. Aber in diesem Schweigen liegen Erinnerung, Mahnung
und Verkndigung und ein erlsendes Glck.

Es sind Jahre und Jahre ber Asjas Todesnacht dahingegangen; auf dem
Acker meines Herzens ist nun die Saat dieser Stunden aufgebrochen und
blht. Ihr sollt mich nicht nach diesem oder jenem fragen, denn was ich
auf diesen Blttern darstelle, sind nicht die Saatkrner, wie sie einst
fielen, sondern die Felder in der Mittagssonne des Lebens.

Als ich nach einem unruhigen Tag, der mich zerstreut und geqult hatte,
am Abend zu Asja kam, sa sie ruhig in ihrem Bett und richtete ihre
Blicke auf mich, als sei sie um mich in Sorge. Ich empfand die Aussage
ihrer Zge so deutlich, als sagte sie zu mir: Leb nun wohl.

So stand unser Beisammensein im Zeichen des Abschieds, und ich vermochte
mich nicht zu fassen, obgleich ich uerlich gelassen und geduldig
erschienen sein mag. Aber die kleinen freundlichen Tuschungen, mit
denen die meisten Menschen sich im Guten zu beruhigen und zu trsten
hoffen, hatten keine Bedeutung in unserm Umgang, und sie gelangen mir
nicht, denn Asjas Seele war von jener Unverfhrbarkeit, wie nur die
aufrichtigen Menschen sie haben. Sie griff niemals nach einer kleinen
Hilfe und verschmhte jede Schonung, um der Wahrheit willen.

Ihre Mutter war noch eine Weile bei uns, und ich sprach ber dieses und
jenes mit ihr, aber ohne da meine Gedanken bei meinen Worten waren, und
ich war in einer geteilten Haltung von Ablehnung und scheuer Begierde,
sie mchte uns nicht verlassen. Sie wagte nicht in Asjas Gegenwart mit
mir von dem zu sprechen, was sie auf dem Herzen hatte, und ihren
heimlichen Andeutungen, ich mchte ihr zu einer Unterredung unter vier
Augen Gelegenheit geben, leistete ich nicht Folge. Sie hatte am Tage
eine Besprechung mit dem Arzt gehabt, und wenn sie auch nicht ahnte, wie
nahe der Tod ihrer Tochter bevorstand, so war sie doch voll jener
schwankenden ngste, die Herzen durchmachen, die sich bereitwillig
tuschen lassen, wo sie hoffen, und die den geistigen Krften des
Bedrohten nicht gewachsen sind. Es kam hinzu, da Asja sich, ohne
Verstellung, in den letzten Tagen zuversichtlicher und lebendiger
gezeigt hatte, als zuvor, besonders in Dingen, die das uerliche Dasein
betrafen und in ihrer Teilnahme am Ergehen der Umwelt. Es bewegte mich
tief, da sie dieser seltsamen Regung erlag, die die von ihrer Krankheit
Befallenen so oft durchmachen, obgleich die Hoffnungsfreudigkeit, die
sie zur Schau trug, kein Licht auf den Weg ihrer Seele warf, die in
einem andern Licht lag, sondern gewissermaen ein selbstttiges Aufatmen
ihres Krpers darstellte, der sich erleichtert fhlte.

Sie ordnete Feldblumen in ein kleines Gef und lchelte zuweilen
flchtig zu uns beiden hinber. Ihre Gedanken schienen auf den Wiesen zu
sein, auf denen die Blumen gewachsen waren, die ihre Hnde bewegten. Sie
schaute die farbigen Kelche in einer Nachdenklichkeit ohne Trauer an,
wie in einer zgernden Erwgung, wie berhaupt ihr Hang zu allen schnen
Gebilden der Natur wohl beziehungsvoll, aber nicht berschwenglich war.

Einmal sagte sie leise zu mir, in ein Gesprch hinein, das ich mit ihrer
Mutter fhrte:

Geh nicht fort.

Kurz darauf schlief sie ein, ich sah es daran, da die Blumen zur Erde
niederfielen. Ihre Mutter ging zur Ruhe in ihre Kammer und bat mich, sie
zu wecken, wenn es schlechter ergehen sollte, aber sie glaube es nicht,
da die Kranke doch nun ruhig schlafe. Sie sah noch einen Augenblick in
das Gesicht Asjas, und ich hatte den Wunsch es zu verhllen. Auch legte
sie noch eine Kerze neben den Leuchter und lie mich nicht ohne einen
beinahe zrtlichen Blick und Hndedruck in meinem Korbstuhl allein.

Asja hatte mich noch niemals gebeten zu bleiben, zu gehen oder zu
kommen, und ich dachte an ihr Wort und hrte Hof und Haus ruhig werden,
whrend ich gegen meine Mdigkeit ankmpfte, die mich jetzt oft
berwltigte, da ich mein ueres Leben vernachlssigte und wenig
Nahrung zu mir nahm. Ich wei, da ich ein tiefes, merkwrdiges Gefhl
einer fast lieblosen Furcht hatte, wie sie mich fast immer befallen hat,
bevor es galt sich zu erweisen. Ich dachte darber nach und mir schien,
da diejenigen, welche vor verantwortungsvollen Handlungen, die ihnen
neu sind, Zuversicht und gedankenlosen Mut an den Tag legen, sich fr
gewhnlich nicht darin bewhren. Wer aber die Kraft hat, im Schweren zu
bestehen, der hat auch die Vorahnung der Aufgaben, die es zu bewltigen
gilt, darum erscheinen die wahrhaft Fhlenden zuweilen so kalt und
herzlos, wenn es sich um ein rasches Mitleid und eilfertige Teilnahme
handelt. Wer sich bereitwillig und unbedacht zu einer Tat drngt, die
als bedeutsam erachtet wird, findet fr gewhnlich geringeres Vertrauen,
als derjenige, der zu ihr gerufen wird, und unter denen, die der Wille
der Andern erwhlt, wird wahrscheinlich derjenige der Strkste sein, der
sich am lngsten strubt.

Meine Gedanken umwanderten solcherart in ruhloser Ermattung dies und
das, ich fhlte den Schlaf nahen und kmpfte in willenloser Absicht
gegen seine wohltuenden Dmmerungen. Ich warf einen Blick auf die Kerze,
um mich zu vergewissern, ob kein Schaden entstehen knnte, wenn sie ohne
unsere Beachtung niederbrennen mte. Auf dem Tischchen am Bett lag ein
Buch in einem roten Einband und Brot, von dem die Hand ein Stckchen
abgebrochen hatte. Hoch am Fenster war ein gelblicher Lichtschein
erkennbar, der, durch die Hauswnde fallend, von einer Straenlampe
herrhrte, und in dem das Muster der Gardine grau und schattenhaft
sichtbar wurde, im Bereich zweier Lichtherde, denn die Kerze brannte nur
trb und flackernd. Ich dachte: Wenn die Morgendmmerung hereinbricht,
so werde ich, wie schon so oft, Asjas leichten Kopf fr den
Frhschlummer auf das umgewandte Kissen betten, sie wird mich anlcheln,
und unter ihrem Lcheln und Abschiedswort werde ich durch die leeren
Straen gehen, die Amseln in den Grten hren und die feuchte Morgenluft
des Frhlings auf der Stirn spren. So war es oft, so wird es auch
diesmal sein, denn wie sollte der Tod, wirklich der unfabare und
entscheidende Tod uns nahen, um uns zu trennen?

Aber ber dieser Zuversicht berkam mich in dunkler Allmacht ein
Schatten von groer Liebesangst, so da ich meine Hnde mit bebender
Gewalt vor mein Gesicht schlug und glaubte in einen Abgrund von Nacht
und Jammer zu versinken. Ich fhlte, wie ber alles lieb ich Asja hatte,
befreite meine heien Augen und sah sie wieder an, von einer furchtbaren
Ahnung berwltigt. Ich erblickte ihr zur Hlfte abgewandtes Angesicht,
und Grauen und Wehmut schttelten mich mit unbarmherziger Gewalt. Ich
mute mich wieder abwenden, um nicht laut nach ihr zu rufen. Dies
Kinderhaupt in Gottes ganzer Gte war von einer unirdischen Schnheit,
wie nur das Wesen der Liebe sie verleiht, ungetrbt durch Begehren und
eigenen Sinn, von einer Verletzbarkeit sondergleichen und bereit zu
ertragen, was immer die Fremde bot. Aber die Last der Erde wurde auf
dieser Stirn zur Glorie und das Kindertum der Zge zu einer so freien
Weisheit der Liebe, da das Erbarmen, das sie in mir auslsten, sich
wie in heiligem Kreislauf in eine Trstung verwandelte. Ist es so,
dachte ich, und meine Sinne verloren sich wie in einen Traum, da das
Erbarmen, das die Unschuld in uns hervorruft, wenn sie sich von der
Lieblosigkeit der Umwelt abhebt, da dieses Erbarmen in uns sich in
einen Glauben an unsere Erlsung verwandelt? Fliet der Segen eines
hilflosen Blicks aus solcher Quelle, und mssen wir um dieser Allmacht
willen zu Kindern werden, um das Reich zu finden?

Ich schlief ein und trumte, da ich von der Strae aus einen groen,
dunklen Garten sah, in dessen Tiefe ein verschwiegenes totenstilles Haus
stand. Vor den Fenstern erhoben sich schwarze mchtige Stmme, wie
Sulen, und die hohen Kronen der Bume legten die Mauern in
geheimnisvolle Schatten. Aber hoch ber dieser Ruhe mute es strmen,
denn trotz der toten Versunkenheit dieses Bildes sah ich die ste der
Bume sich in den Scheiben bewegen, sie flatterten wie Fahnen,
schwarzgrn in den dunklen Spiegeln. Dies ist eine alte, vornehme,
unvergngliche Welt, kam mir zum Bewutsein, hier wohnt der edle Geist
der Menschenfamilie, hier ist Glaube an den Bestand des Irdischen, und
wer es wagt vom Tode zu sprechen, der wird feierlich ausgewiesen und
gilt als ein Leichtfertiger, der die hohe Wrde des Bestehenden nicht
achtet und Zerstrung st.

Die Baumstmme standen sehr nahe am Haus, man mute sie von den Fenstern
aus fast berhren knnen. Es war nicht mehr bekannt, wer diese Bume
gepflanzt hatte, sie erhoben sich wie Hter der Stille und zugleich
gehrten sie zum ehrwrdigen Wesen dieses starken Baus. Die Fahnen der
Zweige wehten ruhlos in den Spiegeln der Scheiben; es qulte mich zu
erfahren, wer dies Haus bewohnte und ich wurde mir dessen schmerzhaft
bewut, wie zerklftet, wirr und staubig die Heimat der Strae war, und
wie friedlos die Freiheit der Suchenden. Wir haben unrecht, dachte ich,
darum ist es so schwer. Unsere Liebe ist der Feind der Welt, und wir
bringen Unfrieden in die Seelen und Grten.

Da hrte ich eine klagende Stimme, so schmerzdurchzittert, da sich mein
Herz bumte. Nur die Seele, die durch den Schlaf ungerstet zum
Widerstand ist, empfngt so mchtige Eindrcke, erliegt so ganz dem
Zauber und Gram des Gefhls. Weckte mich nicht einst eine Geige aus dem
Schlaf und war mir nicht, als snke ein farbiger Himmel von
unaussprechlicher Wohltat auf mich nieder?

O ewige Liebe, erbarm' dich meiner!

Das war Asjas Stimme.

Ich richtete mich in groem Erschrecken auf und streckte ihr meine Arme
entgegen, aber sie sanken mir nieder, denn Asja sah mich nicht. Sie
kniete in ihrem Bett und ihre groen Augen waren weit geffnet und in
eine Ferne gerichtet, die sie entfhrte. Ihre Hnde lagen im Scho, aber
nicht gefaltet, sondern leblos und still, als habe sie sie fr immer
vergessen, und als wre ihrem Bereich entrckt und ungreifbar, was die
Augen schauten. Die Kerze war niedergebrannt, und Asjas Gesicht lag in
dem verschleierten Licht, das, wie Mondlicht, von auen in unser Zimmer
fiel. Es war ein Ausdruck von so groer Hilflosigkeit, ja so voller
Verzweiflung in ihren Zgen, da ich ohne Hoffnung zurckbebte und
schweigen mute.

Da sagte sie mit zitternder und schwacher Stimme, mit einem tiefen
Seufzer:

Bist du nicht mehr bei mir? Ach hilf mir! Wer kann mir helfen? Es ist
dunkel umher und wird bald noch dunkler sein. O, es war alles gering,
ich habe es nicht vermocht, ich bin zu schwach fr die Marter und fr
das Licht gewesen.

Sie barg ihr Gesicht in den Hnden und sank vor Schwche nieder, ohne
noch darauf achten zu knnen, wie sie lag, als sei sie tdlich
verwundet.

Bruder, ach Bruder, klang ihre Klage, wo ist es besser? Ich bin nicht
gewesen und habe nicht getan, was ich sein und tun sollte, im Raum ohne
Ende, bei den fremden Menschen hier. Es ist berall Nacht, wer wei es?
Wie soll sie enden? Ich bin so traurig, da ich es nicht ertragen kann.

Ihr Krper bebte, wie von mchtigen Sten erschttert. Ihr Gesicht, das
nun in meiner Hand lag, flog und glhte, und ihr Haar deckte sie wie ein
schwarzer Mantel zu. Ein zitternder, durchbrannter Rest ihres Lebens
lag, wie in Nacht verloren, in meinen Hnden, dann warf ein furchtbarer
Schmerz, dessen Ursprung schaurig war, ihr heies Kinderhaupt empor. Sie
sah mich nicht, ihr nasses Gesicht richtete sich hoch in das sprliche
Licht empor, sie warf die Stirn weit zurck, und totenstill rang das
Elend des armen Gesichts und Leibes wie mit einer gefesselten und
gelsterten Seele.

Ewige Liebe, nimm mich an! Ach, habe Arme, ein Herz, erblickende Augen,
Trnen fr mich! O sei Gestalt, du Liebe, weil ich arm bin, rmer als
alle, so schwach, so elend, da ich schreie.

Ich kniete leblos an ihrem Bett, hilfloser war ich nie in meinem Leben.
In meinem Fhlen und Wollen ri ich sie wieder und wieder in meine Arme,
prete sie an meine Brust und kte ihr Gesicht, als mte ich ihren
Schmerz mit meinem Leben zudecken. Aber ich tat es nicht. Alle Untat,
Angst und Mdigkeit der Welt lagen in meinen Gliedern, keine Trnen
lsten die Erstarrung und kein Seufzer brach den Bann.

Als habe Asja in ihrem Leben nie ein anderes Wort zu mir gesagt, so
deutlich vernahm ich aus aufgewhlten Grnden der Seele tief in mir
einen Ausspruch ihrer Lippen, den sie vor langer Zeit in einer
versunkenen Stunde vor mir getan hatte: Vergi nie, da wir der Liebe
am nchsten sind, je hilfloser wir sind. Der Geist dieses Worts kam zu
uns und hllte uns voll Erbarmen in einen groen Glanz ein, als eine
unnennbare und bersinnliche Zuversicht. Es sprach in mir: Du sollst nun
allein sein, Asja, liebe Schwester, wie einst ich, wie alle, die in
Wahrheit Abschied von der Erde nehmen und die den Abschied von ganzem
Herzen gewollt haben.

Langsam glttete sich nun der Leidenskrampf in Asjas Zgen, derweil der
Morgen am Fenster herandmmerte und die Stube sprlich aufhellte. Der
Krper wurde schwerer in meinen Armen, sie ffnete mit wehem Atmen den
Mund, als trnke sie einen Trank der Linderung. Ein leiser Hauch
streifte meine Stirn, er erklang und rief mich: Mein Bruder. Darauf
sank ihr Gesicht zur Seite, die Augen schlossen sich, und sie verschied.

                    *       *       *       *       *

Der Kirchhof war ein weiter, groer Garten, in dem zu Anfang, dort wo
das eiserne Tor hineinfhrte, die Tannen hoch und dicht standen, wie in
einem Wald, kaum da man alte Grabtafeln im Schatten noch entdeckte, nur
zuweilen erhoben sich aus kleinen Efeubergen bemooste Steinkreuze unter
ihnen. Als die Bume niedriger und die Wege zur rechten und linken
schmler wurden, erblickte ich Rosen und Jasminbsche, die in Blte
standen, Flieder und Weidorn, oft in wilden farbigen Dickichten, von
denen ein berauschender Duft aufstieg. Da ein Frhlingsregen niederfiel,
glnzten die Bltter und Blten vor Nsse, und aus ihrer Frische
erklangen die Stimmen der Singvgel.

Langsam wurden nun auch die Bumchen und Bsche immer sprlicher, der
Garten lichtete sich zusehends und die Grabsteine und Kreuze umher
hatten helle Farben, standen, obgleich in graden Reihen, doch wirr und
bunt da, und wre der Gesang der Vgel nicht ber sie dahingeklungen,
durch die Frhlingsluft, htte ihr Anblick mich verletzt. So aber
standen sie geweiht unter dem warmen, trben Himmel, der am Horizont
einen rtlichen Lichtstrich zeigte, obgleich es noch nicht spt am Tage
war, es mochte gegen fnf Uhr nachmittags sein.

Ich schritt neben der Mutter hinter dem Wagen her, der Schuster
Stevenhagen schien ein wenig Mhe zu haben uns zu folgen, obgleich der
kleine Zug sich langsam dahinbewegte. Der alte Handwerker sah sonderbar
in seinem sonntglichen Aufzug aus, aber ich beneidete ihn doch, denn
mein eigenes Gewand war weder feierlich noch auch nur ansehnlich. Ich
hatte meinen Stock mit mir und nur ein Tuch um den Hals geschlungen,
meine Habseligkeiten fhrte ich bei mir, in einem Bndel, denn ich
wollte von diesem Grab aus nicht mehr in die Stadt zurckkehren, sondern
hinausgehen, dem Sommer entgegen.

Es begleiteten uns noch einige Leute, die mir fremd waren, es mochten
Bewohner des Hauses sein, in dem Asja gestorben war, arme, fremde
Gestalten, wie wir, die niemand kannte. Neben dem Wagen her schritt ein
junger Pfarrer, dessen Gestalt und Bewegungen, in seiner Amtstracht,
mich beschftigten. Da der Weg schmaler wurde, blieb er stehen, lie den
Wagen an sich vorber und trat an meine Seite.

Wir sind gleich am Grab, sagte er zu mir, haben Sie die Tote
gekannt?

Ja.

So knnen Sie mir vielleicht irgend etwas sagen, das Beziehung zu ihrem
verflossenen Leben hat, und das ich in meinen Worten am Grab zum Trost
der Mutter anfhren knnte.

Der junge Geistliche machte mich sonderbar befangen; ich werde
freundlich und hflich antworten, dachte ich, aber mir kam nichts in den
Sinn, das mir, in Worte gefat, nicht sinnlos erschienen wre. So
schwieg ich unbeholfen und fhlte den Blick des Mannes forschend auf mir
ruhen.

Es ist gut, sagte er endlich nachsichtig, und, wie um auszugleichen,
da ich nicht vor ihm bestanden hatte, fgte er herbeilassend hinzu,
ohne da es mitteilsam wirkte:

So will ich denn das Wort aus Johannes ber dieser Toten sagen: Ihr
habt nicht mich erwhlt, sondern ich habe euch erwhlt.

Ich erbebte und legte meine Hand auf den blumenlosen Sarg. Asja, sagte
ich.

Warum lcheln Sie? sagte der Geistliche betroffen.

Ich schaute zu ihm auf, ohne auf ihn zu achten.

Ja, ja ... sagte er in meinen Blick hinein, ja ...

Er sah mich fortgesetzt verwundert an, der Wagen hielt, der Sarg wurde
herausgehoben und ein paar Schritt weit vor ein offenes Grab getragen.
Aber man hatte sich geirrt, hob ihn erneut auf und trug ihn ein
Stckchen weiter, es war eine Reihe offener Gruben, vor denen wir uns
befanden.

In einer Birke, die schon auf freiem Feld stand, sang ein Vogel. Ich
lauschte und wartete, denn ich kannte ihn nicht, er sang berhell und in
klaren, gejubelten Tnen, hnlich wie das Rotkehlchen, aber sein
Gefieder war hellbraun und er war kleiner. Ein sanfter Wind strich ber
das Feld hin und berhrte uns. Zur Seite lag nun der groe alte
Friedhof, dessen Bepflanzungen aus Grabhgeln, Kreuzen und Buschwerk
langsam zum hohen Wald anwuchsen. Ein paar dunkle Gestalten bewegten
sich in naher Ferne zwischen neueren Grbern, sie blieben stehen, als
die Stimme des Pfarrers durch die stille Luft scholl, und sahen zu uns
hinber.

Die Worte des Sprechenden brachten mich sonderbar auf, mich ergriff ein
mchtiger Zorn, den ich nicht zu meistern wute und der meinen Krper
wie Fieber schttelte, mir kam darber zum Bewutsein, wie schwach und
hinfllig ich geworden war, und pltzlich berkam mich ein Verlangen,
mein Gesicht in einem Spiegel zu betrachten, denn ich kannte mich nicht
mehr. Vielleicht war dieser Zorn auch nichts als Bewegung, die einen
Ausweg suchte, da sie in meinem Schmerz, den ich nur wute, keinen
Ausweg fand. Da berhrte mich der dumpfe Anschlag von Erde auf dem
Holzsarg, ein jeder warf anfnglich ein Huflein hinab. Der Geistliche
fhrte der Mutter die Hand mit der Schaufel und umschlang sie hilfreich,
denn sie wankte. Hierauf bernahmen die Totengrber die Beendigung
dieser Arbeit, die wir nicht abwarteten. Langsam bewegte sich unser
Huflein wieder auf den Hauptweg zurck, der Wagen war fort, aber der
Vogelgesang aus den Waldlauben erklang immer noch und es hatte aufgehrt
zu regnen. Ich nahm Abschied von der Mutter, sie sah mich ngstlich an,
als ob sie eine Frage stellen wollte, schwieg aber und nahm wieder den
Arm des Schusters. Mir war, als sagte sie mir mit dieser Abkehr ein Wort
anklagender Enttuschung, als sprche sie: Seht nun, es hat euch nichts
gentzt, ihr Kinder. Was habt ihr so viel miteinander gesprochen und
waret so ernst und tatet wichtig und feierlich und glaubtet froh sein zu
drfen. Httet ihr auf mich gehrt, die Mutter, so ... Aber hier brach
ihre stumme Gedankenrede ab, denn dort wie hier stand fr sie der Tod,
und mutlos senkte sie die gerteten Augen auf den Weg.

Ich blieb zurck, fand zwischen den Tannen einen schmalen Seitenpfad,
den ich einschlug, um so, von den andern getrennt, einen Ausweg aus dem
Garten zu suchen. Eile hatte ich nicht, mein Weg war das ganze Leben und
ich wute kein Ziel. Die nassen Zweige der Tannen warfen Tropfen auf
mich, hier und da hoben sich graue Steinkreuze im feuchten
Frhlingsschatten, sie standen in Duft und Stille feierlich in den
Tannendomen und sonderbar erhaben durch die Lieder der singenden Vgel,
deren Stimmen unermdlich und berselig die Welt einhllten, wie ein
klingender Schleier.

Als ich nahe am Ausgang nach einer guten Weile wieder den Hauptweg
erreichte, auf dem mancherlei Besucher des Gartens einherschritten, sah
ich, da der junge Pfarrer in der Nhe der groen eisernen Pforte stand
und scheinbar wartend auf mich hinschaute. Als ich ohne Gru an ihm
vorberschritt, trat er auf mich zu.

Da sind Sie, sagte er freundlich, ich mchte noch ein Wort mit Ihnen
sprechen.

Er lenkte die Schritte wieder in den Garten zurck, denn er schien den
begangenen Weg und die Nhe der Menschen vermeiden zu wollen, und ich
folgte ihm. Nach einer Weile begann er zgernd:

Ich bin mir nicht darber klar, was mich drngt, noch ein paar Worte an
Sie zu richten. Sagen Sie mir, wer Sie sind und wohin Ihre Strae Sie
fhrt.

Nein, antwortete ich ohne Schroffheit, so nicht. Was sollen solche
Fragen, was kmmert es Sie, wer ich bin und wohin ich gehe? Wenn Sie
etwas zu sagen haben, so reden Sie einfach und nur das, sonst lassen
Sie mich gehen.

Sie haben recht, sagte er schnell, und dann nach einer Pause. Wer war
diese Tote?

Ich wei es noch nicht.

Sie weichen mir aus.

Ja, aber Sie wollen es nicht bemerken und richten sich nicht danach.

Nicht doch, bat er herzlich, ich will offen sein. Ich habe kraft
meines Amts viele Tote zur Ruhe gebracht, bekannte und unbekannte, aber
niemals hat eine Grablegung mich so mchtig ergriffen, wie soll ich mich
Ihnen erklren, da ich doch selbst wie in einem Bann befangen bin, den
ich nicht verstehe.

Da blieb ich stehen und blickte ihn an. Ich sah eine offene Stirn ber
suchenden Augen und ein Angesicht, in dem Zweifel, Mhe und Schmerz ihre
Linien zurckgelassen hatten, jene trben Lichtbahnen, deren Runen von
allen Gebilden der Schpfung nur die Gesichter der Menschen aufweisen.
Aber mein Mund blieb versiegelt. Da fuhr er fort und lchelte befangen:

Als wir vorhin miteinander neben dem Sarg dahinschritten, sagte ich
Ihnen, fast wider meinen Willen, das Wort, ber das ich am Grab zu
sprechen vorhatte, es ist mir nicht gelungen, ich wei, denn ich war
tief erregt ber Ihr sonderbares Verhalten im Augenblick vorher. Sie
legten die Hand auf den Sarg, nannten den Namen der Toten und lchelten
so, als sei Ihr Lcheln eine Antwort auf ein Wort, das aus diesem Sarg
zu Ihnen hinberklang. Ich bitte Sie herzlich, halten Sie mich nicht
fr einen Schwrmer oder fr einen ungesicherten Empfindlichen, der das
Wunderliche an Stelle des Vernnftigen setzt und sich darin gefllt,
mehr sehen zu wollen als andere. Dies ist es nicht, gewi nicht, aber
die Helligkeit in Ihrem Gesicht, die ich nie vergesse, brach aus dem
Sarg hervor. Gott mge mir vergeben, wenn ich tricht bin ...

Da wandte ich mich ab. Nun legst du deine Hand auf meine Augen, Asja,
und hilfst mir, da sich endlich ihr Brennen lst. -- Aber meine Kraft
war zu Ende.

Nach einer Weile saen wir miteinander auf einer Bank. Mein Nachbar
hatte bereifrige Worte der Entschuldigung gefunden, als sei er es
gewesen, der mich bewegt htte, aber mir schien es, in der leidenden und
wachen Aufmerksamkeit, die ich niemals auszuschalten vermag, und die
mich verzehrt, als sei er durch den Ausbruch meines Schmerzes sicherer
und unbeteiligter geworden, ja, als sei er enttuscht. Darber fhlte
ich mein Herz heilen, wie unter einem mchtigen Gebot, und begriff, da
wer sein Leid nur leidet, niemals Trger der Kraft sein kann, die heilt.

Mach' mich nicht schuldig, sagte ich zu der Toten, mach' mich
frhlich!

Vorsichtig begann mein Nachbar wieder:

Mchte ich Ihnen doch weder voreilig noch allzu eindringlich
erscheinen, wenn ich Sie bitte, mir von der Toten zu erzhlen.

Niemals, sagte ich.

Er sah mich erschrocken an, als sei ich wieder ein anderer geworden.

Gut denn, sagte er zgernd, so sollen Sie heute schweigen, wie Sie es
wollen, aber ich mchte doch, Sie verstnden mich recht. Glauben Sie an
Wunder?

Was nennen Sie Wunder? Sie fragen wie ein Knabe. Entweder glaubt ein
Mensch, oder er glaubt nicht. Glaubt er, so gibt es nichts, das fr ihn
unmglich wre, wie Menschen von mglich oder unmglich sprechen.
Glauben heit schon, das Willkrliche und Zufllige der vergnglichen
Erscheinungen- und Tatsachenwelt fr nichts achten. Die Welt des
Glaubens ist einfltig und wunderbar, wie alles Glck.

Ich stand auf und bot ihm die Hand zum Abschied.

Bleiben Sie noch, bat er, Sie mssen doch fhlen, was mich bitten
lt. Es drngt und bohrt und arbeitet in mir, mir ist als mte dieser
Tag mir etwas Unnennbares bringen. So hren Sie denn, was Sie hren
mssen: ich glaube gewilich, aber nun sagen Sie mir das Eine, was ich
durchforsche wie trbe Luft, in qualvollem Eifer, damit die Tropfen
fallen und der Himmel klar wird. Was wute diese Tote, was wissen Sie?
Ich bin mir kaum ber das klar, was ich hier fragen mu ...

So ist es, Sie wissen nicht, was Sie sagen, am wenigsten aber, was Sie
hren. Jenes Wort, das Sie am Grabe gesprochen haben, ist mehr und
grer, als die Geistesarbeit einer ganzen lebendigen Jugend zu ermessen
vermag. Es ist das Wort gewesen, mit dem die Tote einst in mein Leben
trat. Sie versprach mir, bei mir zu bleiben, auch wenn sie strbe. Das
ist das Geheimnis jener Ergriffenheit, deren Zeuge Sie gewesen sind, ich
begriff ber Ihrem Ausspruch den Sinn der Verheiung aufs neue und der
Mantel des Todes sank von der ruhenden Gestalt. Ich wei, da sie lebt,
denn ihr Wesen war nichts anderes mehr, als jenes Licht, das heute und
morgen in die Menschenfinsternis scheint, und ewig.

Mein Nachbar schwieg, wie auch ich, und versank in sich. Er schien nicht
zu bemerken, da ich davonschritt, vielleicht auch war es ihm recht, da
ich ihn nun allein lie, auf seinem Weg zu sich selbst, jenem einzigen
Weg, den wir gehen knnen, wenn wir wahre Gemeinschaft mit den Menschen
finden sollen.




Zweites Kapitel

Das Meer


Nach Asjas Tod vermochte ich mein Leben auf der Landstrae nicht zu
ertragen, mir war, als schleppte ich auf Schritt und Tritt eine Last mit
mir herum, die zu schwer drckte. Dabei empfand ich weder Trauer noch
Schmerz, sondern nur Verlassenheit und die Tage flossen mir in einem
Gleichmut herum, der mich ngstigte. Ich kann nicht wahrhaft traurig
werden, dachte ich. Dann wieder frchtete ich, der Verlust dieses
Menschen habe etwas fr alle Zeit in mir zerstrt, meine Ruhlosigkeit
war furchtbar und verfolgte mich bis in den Schlaf, der nicht mehr tief
und dunkel war, wie einst, sondern voll nebelhaften Lichts und ohne
Versunkenheit. In ihm erlitt ich zuweilen eine gegenstandslose
Traurigkeit von solcher Inbrunst, da ich durch mein Schluchzen geweckt
wurde und zornig im Erwachen eine Gestalt zu erhaschen trachtete, die
ich nicht gesehen hatte. Ich besann mich mhsam und war bekmmert, diese
Traurigkeit verloren zu haben, die mir in meiner Traumerinnerung wie ein
unirdischer Reichtum vorkam.

Den Vgeln, den Blumen, den Bumen sagte ich oft: ich kenne euch alle
lngst. Menschen mied ich; gesellte sich mir hier und da auf der
Wanderschaft einer zu, so vertrieb ich ihn durch meine Schweigsamkeit,
denn da ich nicht alles zu sagen vermochte, sagte ich nichts. Nur eines
Mdchens entsinne ich mich aus dieser Zeit noch, zwar habe ich auch mit
ihr nur ein paar Worte gewechselt, aber ich kann sie nicht vergessen und
immer, wenn ich ihrer gedenke, ist mir zumut, als htte ich an jenem
Tage mir selbst und ihr wichtige Eingestndnisse gemacht, die mich
beruhigten. Bilder und Gestalten dieses Erlebnisses haben sich mir
sonderbar eingeprgt, wie ein Abschied; wenn ich an sie zurckdenke, so
ermesse ich daran den Zustand meiner Seele, die beziehungslos aufnahm,
was sich ihr bot, wohl aber deutlich, sinnbildhaft, ein fremder Spiegel.

Es war ein heier Tag des Frhlings, der schon in den Sommer berging,
und mein Weg hatte mich durch eine verlassene Moorlandschaft gefhrt, in
der ich den Vormittag hindurch niemandem begegnet war. Als ich das von
Weiden- und Erlengebsch bewachsene Ufer eines Flusses erreicht hatte,
warf ich mich ins Gras nieder, das in der feuchten Erde so hoch stand,
da es mich wie eine grne Flut aufnahm. Es war so still, da man die
Flgel der Libellen in der Luft des warmen Mittags hrte und die
geheimnisvollen Stimmen des trge dahinziehenden Wassers. Die
Rohrspatzen schrieen im Schilf, in einer nahen Sumpfniederung, in der
das tote Wasser zwischen den hohen Halmen in der Sonne glitzerte. Ich
dachte an das heie Leidensband der Strae, wie an eine berstandene
schmerzhafte Krankheit, trocknete meine Stirn und atmete tief.

Der sanfte Wind bewegte ber meinen Augen die Halme, sie schaukelten im
Himmel. Eine Biene zog daher, summte bekmmert und lie sich am Rand des
Kelches einer Blume nieder, die sich mit ihr neigte. Das kleine Tier
zog in die farbige Helligkeit der Blte ein, in den strahlenden
Sonnentempel, in dessen reiner Halle das Leben einander suchte und sich
begegnete. Langsam wanderte eine Wolke hoch am Himmel dahin, leuchtete,
ward kleiner und zerging im Blau. Wenn die Wipfel der Erlen von einem
Windhauch berhrt wurden, begann fr eine Weile ein geschftiger Eifer
in den Blttern, ein silberner Strom umflo sie, der die Augen lockte
und in glckhafte Gefangenschaft nahm. Die Dfte, die vom durchwrmten
Wasser und aus dem feuchten Grund der Ufer strmten, schlferten ein und
fhrten merkwrdige Erinnerungen aus den Tagen der Kindheit mit sich,
die zugleich gegenwrtig und vergessen waren, wie ein von Trumen
befangener Blick.

Ich lie die Stunden verstreichen, als habe ich mein ganzes Leben lang
auf sie gewartet. Als die Gnadenbahn der Sonne ihren Hhepunkt
berschritten hatte, vernahm ich ein gedmpftes hlzernes Poltern und
ein Pltschern des Wassers, das nicht von der Strmung kommen konnte.
Ich richtete meinen Kopf empor und sah auf der Silberleiste des Flusses
einen Kahn dahintreiben, in dem ein Mdchen stand, das mit einem groben
Ruder steuerte und auf das Ufer zuhielt, an dem ich lag. Ich betrachtete
ihre von Licht umflossene Gestalt, die jungen Glieder, die das drftige
und arme Sommerkleid kaum verhllte, und das feuchte Haar, das in einem
nachlssigen Knoten in den gebrunten Nacken hing. Es war von einem
seltsamen, farblosen Blond, als htten Sonne und Regen ihm seinen Glanz
genommen, und doch lag ein matter Schein darauf. Dicht an meinem
Ruheplatz sah ich nun einen Holzsteg im Sumpf, der, auf morschen
Pfhlen, ein wenig in den Flu hineinragte, zwischen dem Schilf.

Als das Mdchen den Kahn an die Bretter treiben lie und ihn befestigen
wollte, erblickte sie mich und sah mich mit groen, berhellen Augen
starr und erschrocken an. Die Helligkeit dieses Blaus hatte etwas
tierhaft Leeres und Einschchterndes, es flackerte ber dem matten Braun
der Wangen wie ein gespenstiges Lebenswahrzeichen von sagenhafter
Unberhrbarkeit. Die Strmung drehte langsam den Kahn, das Mdchen hielt
einen der Pfhle, etwas geneigt, mit der Hand fest, beugte sich vor und
staunte, bis der Ausdruck meines Gesichts ein ratloses Lcheln in ihren
Zgen hervorbrachte.

Was liegst du dort? Woher kommst du? fragte sie langsam mit einer
tiefen Altstimme.

Sie zgerte den Kahn zu befestigen und den Steg zu betreten, vielleicht,
weil ich nicht sogleich antwortete. Endlich erhob ich mich halb unter
der Last des schweren goldenen Sonnenmantels, der lange auf meinen
Gliedern und Gedanken gelegen hatte, und sagte:

Ich ruhe und schaue das Licht, die Pflanzen, den Himmel an, und nun
auch dich.

Mit leichter Verwirrung sah sie auf mich nieder, sie schien zu
empfinden, da sich mit mir nicht auf die Art reden lie, wie sie es mit
den Leuten ihrer Gegend und Heimat konnte. Aber in einem bescheidenen
Stolz verbarg sie ihre Scheu vor dem Fremden, es war, als wnschte sie
zu bestehen, und ihre heimliche Sorge, ohne Angst, war rhrend und voll
kindlicher Gefatheit.

Du bist mde, oder vielleicht hungrig, auch lange unterwegs ... Ihre
Augen musterten mich aufmerksam, aber ihr Forschen verletzte nicht.
Diese Sinne suchten nach anderen Merkmalen und Zeichen, als die Menschen
es tun, die die Stdte in toter Gemeinschaft bewohnen. Vorsichtig, klug
und heiter umwanderten mich die hellen Lichter der Augen, voll
freundlicher Neugier und bereit zu verstehen.

Die Wrde ihrer Armut rhrte mich tief. Mir schien, als entstammte ihre
Gestalt dieser Landschaft so unmittelbar, wie eine Pflanze dem
Wiesengrund. Die Sonnenglut verwob mir alles zu einem einzigen Teppich
des Lebens, in dem das eine soviel wie das andere galt, Pflanzen und
Wind, Mdchen und Hecken. Ich tat mir Gewalt an, erhob mich und machte
einen Schritt auf den Steg zu.

Komm herber zu mir, sagte ich, ich werde dir helfen.

Sie antwortete nicht, sah mich voll und ruhig an und lste die Hand vom
Pfahl, ohne sich zu rhren, so da der Flu den Kahn langsam vom Steg
abtrieb. Ich sah ihre Gestalt gegen den Himmel, unbeweglich und doch auf
stiller Wanderschaft, wie zuvor die Wolke im Blau. So entfernte sie sich
mehr und mehr von mir, aber sie lchelte mich an, als kme sie mir
entgegen.

Komm doch wieder, sagte ich und trat vom Steg zurck. Da sie sah, wie
ich mich an meinen alten Platz ins Gras sinken lie und da kein
Anzeichen von Groll in meinem Gesicht zu finden war, tauchte sie das
Ruder ein und stie den Kahn wieder gegen die Flut, bis ihre Hand den
Pfahl im Wasser erreichte, der sich ein wenig neigte, als sie sich und
den Kahn aufs neue daran festhielt. Er war schwarz und schien so alt wie
die Welt, wie lange mochte er an dieser Stelle im morastigen Grund
stecken? Das Schilf rhrte sich unter einem kaum sprbaren Luftzug, der
sich vom Wasser erhob und wieder auf die ziehende Silberbahn sank.

Was wolltest du hier tun? fragte ich.

In der Bachmndung liegt die Fischreuse. Die Fischreuse ...
wiederholte sie erschrocken. Es mochte ihr in den Sinn gekommen sein,
da sie mir mit dieser Aussage das Versteck ihres Gerts verraten hatte.
Aber da ich weder danach suchte noch ihr antwortete, sah sie mit
Befangenheit in meine Augen, als habe sie mir mit ihrer Besorgnis
unrecht getan.

Ja, antwortete ich ihrem Blick, ohne zu sprechen, es gibt eine frhliche
Traurigkeit. Du hast mir kein Unrecht getan, weshalb wchst deine
Unsicherheit? Ich will nicht mehr mit dir reden, denn ich wei alles.
Was ich aber nicht erlebt habe, ist dennoch mein Eigentum, es ist wie
die Zukunft, s wie die Keime der Pflanzen, wie die Liebe des Bluts und
wie die Nacht.

Da lste das Mdchen, wie gengstigt durch mein Schweigen, in einer kaum
sichtbaren Regung die Hand vom Pfahl, sie wagte nicht zu sprechen und
schlug die Augen nieder, damit die sonderbare Frage meiner Blicke sie
nicht erreichen konnte. Die willkommene Strmung fate wieder den Kahn,
drehte ihn langsam und nahm ihn lautlos mit sich fort. Erst als schon
die Schilfwnde sie zur Hlfte meinen Blicken verdeckten, hob sie die
Hand und winkte schchtern ins Grne, Weite hinein.

Erst vereinzelt, dann in Gemeinschaft erklangen nun wieder die Stimmen
der Rohrspatzen und eine Libelle mit dunkelblauen Flgeln lie sich auf
einem Schilfhalm dicht vor mir nieder. Als die Sonne mehr und mehr sank,
wehte es khler vom Wasser her. Der Sonnenschein umher bekam auf allen
Blttern, auf dem Wiesengrund und in der Weite am Saum des Waldes, jenen
Goldglanz ohne Frische, wie er die Nachmittage so klar und sonderbar
macht in ihrer Stille. Die Fische begannen zu springen, ein dichter
Schwarm kleiner, weigeflgelter Insekten spielte ber dem toten
Wasserarm in der reinen Luft, und sah sich tausendfach im Spiegel seiner
Lebenswelt: ein blanker, dunkler Abgrund mit dem Bild des Himmels, Wiege
und Grab ...

So taucht in meiner Erinnerung zuweilen diese Stunde empor, die in den
Stunden dieser Tage und Nchte merkwrdig geschieden und in gesonderter
Deutlichkeit in mir zurckgeblieben ist. Sie ist zu Abschied und
Verheiung fr mich geworden und steht zwischen Trennung und Erneuerung,
ein wahrsagendes Lebensbild.

Erst unsere Gedanken machen die Seele zum Geist, aber zuweilen scheint
es, als dchte es in uns, ohne uns, wir werden zu Zuschauern unserer
selbst, schreiten neben uns dahin und lassen neben uns geschehen und
ber uns dahingehen, was wir nicht teilen und doch sind. Es ist dann,
als ob ein uraltes Vermchtnis in uns zu einer milden Ungeduld erwachte,
wir empfinden spter, da wir Erben sind, die ihr Teil, obgleich sie es
nicht erkennen, doch verwalten.

Mochte es sein, weil ich am Tage geruht hatte, ich versprte mit der
herabsinkenden Dmmerung keine Mdigkeit und schritt durch ein Dorf, in
dem ich niemanden sprach, in die hereinbrechende Nacht hinaus. Es
bildeten sich Wolken, die, ein rotbrauner feiner Rauch aus dem Herd des
Sonnenuntergangs aufzogen und die aufbrechenden Sterne verschleierten.
Sie und die schmale Mondsichel schienen hinter diesem ziehenden Flor
dahinzueilen, fern und hastig, aber still, wie alles, das nicht dem
Boden der Erde entstammt. Ich stand und sah die Sterne wandern. Sie
stehen still und scheinen doch zu ziehen, dachte ich, aber hinter dieser
Gewiheit gibt es eine andere, die, da sie wandern, hoch im Weltall,
obgleich es uns so erscheint, als stnden sie still. Was wir mit unseren
Sinnen allein wahrnehmen ist immer nur richtig oder unrichtig, aber
Wahrheit ist nicht durch die Welt der Sinne zu erkennen, erst die Geist
gewordene Seele lebt in Regionen, in denen es Wahrheit gibt. Das ist das
Ziel. Ob ich aber gehe oder ruhe, verweile oder dahintreibe, wer von
euch wei es, ich wei es nicht. Ruhe sanft, schlaf wohl, Asja, du ewig
Geliebte in der seligen Ruhlosigkeit deines lebendigen Lebens tief in
mir und aller Liebe.

Es wurde so dunkel, da ich kaum noch den Weg erkannte, obgleich die
Augen sich leicht an Finsternis gewhnen, wenn sie sich langsam mit
ihrem Hereinbrechen, wie von innen her, ffnen. Ein dichter Buchenwald
begann, dessen Stmme, glatt wie Sulen, ihr schwarzes nchtiges
Bltterdach wie ein Domgewlbe trugen. In einer Lichtung hrte ich
Eulenstimmen, und die Nacht wurde mir pltzlich lieb und voller
Geheimnisse. Ein sonderbarer Geruch, der mich zugleich beunruhigte und
mir die Brust weitete, machte sich wie ein Zustand bemerkbar, ich kannte
diesen Hauch, aber er entsank immer wieder meinen Gedanken, so da ich
mich nicht sammelte, um ihn zu prfen. Aber meine Unruhe wuchs, ich ging
langsamer, der Wald lichtete sich und der Weg fhrte sanft bergan,
sandig und ber kahles Gelnde.

Als ich die Anhhe erreicht hatte, sah ich wieder Sterne, es ging ein
khler, gleichmiger Windzug und ich hrte ein sonderbares gedmpftes
Rauschen, als ob der Wind durch Tannenwipfel zge. Vor mir lag ein
matter, groer Lichtschimmer, wie durchscheinender Nebel, und mir war,
als sei ich vor eine Schranke geraten, als wanderten aber zugleich die
Blicke von mir fort, so da ich die Gewalt ber sie verlor, und ein
leiser Schwindel befiel mich. Da erkannte ich jhlings, was vor mir lag,
und erschrak sehr, taumelte gegen ein Bumchen der Strae und schrie
laut auf -- das Meer!

Da lag es vor mir, ber sich den mchtigen Dom der Nacht. Ein Schauer
voller Freiheit und Erhobenheit fate mich wie Wind, mein Glck war so
gro, da ich bebte, aber zugleich ergriff mich mit Ungestm eine
grblerische Sehnsucht und ein unnennbares Ungengen. Nie war ich
kleiner und rmer, nie so wenig dem Glck gewachsen, das sich in mir und
vor mir weitete, als sei das Meer das Unfabarste und zugleich das
Ersehnteste des Lebens. So lehnte ich an dem Straenbaum in der
Dunkelheit und sah das graue Meer leben und matt leuchten. Ich schlo
die Augen, als trge nun der Strom der Seele mich, aus mir selber
stammend, ber die Weite. Tief hinter der dsteren Meerwlbung, in
Weltenfernen, muten bunte Ksten flammen, berhell in der zornigen
Sonne des Orients, hei und wunderbar ...

Die dunkle feuchte Luft nahm mich wieder auf, als ich die Augen ffnete,
mir war als she ich sie. Das hellere Band des nahen Strands zog sich
zur Linken in einem weiten freien Bogen dahin, an dessen fernem Ende der
Wald sich bis an die Flut drngte, und dort schimmerte in seiner
schwarzen Mauer ein winziges Lichtlein, so rot wie ein Farbfleck,
seltsam trb und leblos in der silbrigen Dmmerwelt der Kstennacht.

Wenn man wochenlang das Meer befahren hat und sieht am Horizont endlich
die starre, graufarbige Leiste der Kste, so ist man nicht weniger
ergriffen, als wenn sich unerwartet die lebendigen Wassermassen des
Meers vor uns auftun. Oft ist schon sein Schimmer in der Ferne, das auch
ein Himmelsstreif, ein Strom oder eine Wolkenbank sein knnte, je nach
der Beschaffenheit der Luft, ein Anblick voll sonderbar erregender
Krfte, es vollzieht sich ein Wechsel in uns, der unbeschreibbar ist und
keinem anderen Gefhl zu vergleichen, wir verlieren heimlich eine alte,
trichte Erdensicherheit, die unsere Seele in Fesseln gelegt hatte. In
gndiger Einfalt zeigt sich uns nun die Erde, unser Stern, fr eine
kurze Weile in der ungeheuren Dreieinigkeit von Himmel, Erde und Meer.
Wie eine Last, wie ein hliches bestaubtes Reisekleid sinkt das
Bewutsein von tausend kleinen Tages- und Lebenssorgen an uns nieder,
unser Leib erhebt sich, umweht, vom kaum berhrten Boden, und wir
wissen, wie feierlich es ist, ein Mensch zu sein.

So stand ich lange und sann, bis das rote Licht am fernen Waldrand mich
aufs neue in die Gefangenschaft seines Daseins nahm, und ohne es recht
zu wissen, ging ich seinem stillen Ruf nach. Es galt, die Meerbschung
wieder ein wenig emporzuklimmen, um festeren Boden zu gewinnen, denn das
Schreiten im Sand ermdete. Am Rand eines Kartoffelackers fhrte ein
schmaler Fuweg entlang, auf der Hhe des Deichs, auf seinem Kamm ging
ich dahin, zwischen Meer und Land. Wie eine mchtige, ruhende
Silbersichel zog sich der Bogen der Bucht mit seiner helleren Brandung
dahin, sie leuchtete strker als Himmel und Meer und lebendiger. Die
Landschaft zu meiner Linken ruhte in geheimnisvoller Dmmerung und
duftete nach sommerlicher Abendnsse. Ich kam an ein Roggenfeld, dessen
Halme sprlich standen, aber im nchtlichen Licht war dieser silbrige
Lebensteppich von beglckender Flle. Ich strich mit der Hand ber die
hren, sie rauschten geheimnisvoll und fllten durch ihre Berhrung mein
Blut mit einem wunderbaren Dank.

Der Wald vor mir wuchs an, ich nherte mich langsam seinem Bereich, und
nun schien der rote Lichtschein bald zu erlschen, bald wieder
aufzuglimmen, jenachdem die Baumzweige und Bsche ihn meinen Augen
verdeckten. Ich kam an einen verfallenen Gartenzaun aus groben,
genagelten Planken, deren Spalten von Buschwerk durchwachsen waren und
die teilweise lose niederhingen. Es war so dunkel hinter der Buschhecke,
da ich nichts erkannte, und still, wie auf einem Kirchhof. Dies muten
Haselnustrucher sein, hier duftete Hollunder, oder war es Jasmin? Die
schweren, khlen Duftwogen standen wie Wolken ber den Schattengrnden
der Gartentiefe, und erst meine Bewegungen in der Nachtluft schienen sie
zu mischen. Kein Laut erhob sich, nur der rote Lichtschein glomm immer
noch geheimnisvoll in naher Ferne, hher nun als vorher, und zuweilen
sah ich die Zweige eines Ahornbaums mit dem gezackten Bltterwerk gegen
den viereckigen Lichthintergrund des offenen Fensters, aus dem das Licht
brach.

Nahe am Haus hrten die Bsche auf, so da unter den Bumen ein freierer
Platz entstand, vielleicht ein breiter Weg oder ein Rasenrund. Ich
erkannte eine schmale Holzbank, die um den Stamm eines der alten Bume
gefhrt war, und beschlo dort zu ruhen und zu prfen, ob menschliches
Wesen in dem kleinen Lichtbereich herrschte, dessen Ruf ich gefolgt war,
und dessen viereckiges Tor, wie ein rosa Vorhang, totenstill in der
Nacht schwebte.

Ich nahm meinen Stock fester in die Hand und schritt zgernd auf die
Bank zu, jeden Augenblick konnte ein Hund hinter dem Haus hervorstrzen,
das htte mhevolle Beschftigung gegeben, die ich kannte. Ich wute aus
Erfahrung, da man in solchem Fall nicht flchten darf, sondern
standhalten mu und sich erst nach kurzer, ruhiger Haltung, langsam,
Schritt fr Schritt und rckwrts schreitend, auf den Zaun zurckziehen
durfte. Einmal hatte ich auf einem Hof in der Einde in einer
pechschwarzen Regennacht mehr als eine Stunde lang einem groen Hund
gegenber gestanden, der mich gestellt hatte, und von dem ich nichts
sah, als seine Augen. Keiner von uns rhrte sich, wir waren zwei Statuen
in der verlorenen Weltfinsternis, und jeder wartete auf die erste
Bewegung des anderen. Das Tier und ich, wir beide wuten, es ging um
unser Leben, diese Gewiheit verdichtete sich in unserm Bewutsein zu
einem graunhaft einsamen und einzigen Mordgedanken. Mit Bewegungen, die
langsam waren wie der Zeiger einer Uhr, gelang es mir, mein Messer in
die Hand zu bekommen und den Arm weit hinter mich zurckzustrecken, wozu
ich mehr als eine Stunde gebraucht habe. Mit dem Wahnsinn, der
Verzweiflung und dem Todesgrauen, die wie ein langes, atemloses Sterben
gewesen waren, stie ich jhlings im Dunkeln das Messer unter die beiden
glhenden Augen. Der Zustand mute ein Ende haben, so oder so. Und meine
Hand war glcklich, es rchelte, wlzte sich scharrend am Erdboden und
ward still. Aber auch ich sank zur Erde und fand erst, als der Morgen
dmmerte, die Kraft mich davon zu schleppen, bis an einen Wald, in dem
ich lange schlief. --

Aber hier, unter den Ahornbumen, blieb es still, nur die Erinnerung
jagte meinen Geist fr eine Weile vor sich her, als verfolgte ihn das
Gespenst jenes Erstochenen in einer gleichen, finstern Nacht, wie es die
Nacht seines Todes gewesen war. Trste mich in der dunkeln Verlorenheit,
du Licht, dachte ich, irgend ein Mensch wird in deinem Bereich atmen,
ein Mann, ein Weib, vielleicht ein Kind, das bei der brennenden Kerze
eingeschlafen ist. Ich lauschte hinauf, da vernahm ich in kleinen
Abstnden von einander jenes leise knisternde Rascheln, das durch das
Wenden der Buchbltter beim Lesen entsteht. Das war mir ein gutes
Zeichen. Menschen, die nachts in Bchern mit den Geistern anderer
verkehren, sind dem meinen verwandt, wer in einem Buche liest, ist schon
mein Bruder.

Da fragte ich laut zum Fenster empor: Was liest du fr ein Buch?

Himmel, Tod und Wolkenbruch, antwortete eine Mdchenstimme, als riefe
sie um Hilfe, wer ist denn da?

Ein Mensch wie du, der die Welt durchwandert, wie dein Geist das Buch.

Aber wo steckst du denn? Deine Stimme klingt, als kme sie von der
Decke herab.

Ich bin im Garten, unter den Ahornbumen.

Merkwrdig ...

Sprich von dem Buch, in dem du liest.

Warum nicht gar! Soll ich etwa den ganzen Inhalt erzhlen? Er wrde
dich kaum erfreuen, denn du gehst auf besseren Wegen als ich, drauen
durch die Sommernacht, vom Strand her ... Dies Buch dagegen ist von
Tante Mimsey, da wirst du dir schon denken knnen.

Hast du keine anderen Bcher?

Sag' erst, wer du bist.

Ich bin einer, der die Bcher von Tante Mimsey nicht liest.

Dann bist du also Vetter Eberhard.

Ich denke nicht daran.

Ach ... er wollte kommen.

Kommt er immer nachts?

Ich kenne ihn noch gar nicht, er ist Student, vielleicht kommt er
nachts und erschreckt mich wie du es getan hast. Sag' jetzt, wer du
bist, sonst mu ich die Unterhaltung abbrechen. Ich liege hier im Bett,
habe nicht einmal ein Hemd an und spreche mit einem fremden Mann.
Gottlob schlft Tante Mimsey an der andern Seite des Hauses, wegen der
Sperlinge, die hier im Efeu nisten.

So werde ich also zu ihr hinbergehen.

Da kannst du allerlei erleben. Auerdem ist sie schwerhrig, sie hat
eine Ohrentrompete, die auf ihrem Nachttisch liegt.

So soll ich bleiben?

Sag' erst, wer du bist.

Gut, ich will es sagen, aber versprich mir, wenn du mich anerkennst,
nachdem ich mich dir vorgestellt habe, da du zu mir herunterkommst.

Was fllt dir ein, niemals werde ich herunterkommen.

Warte ab, was ich dir sage. Wenn ich gesprochen habe und du willst
nicht herabkommen, so verlangt auch mich nicht mehr danach, und ich
werde meines Wegs gehen.

Wie unhflich du bist.

Unhflich ...

Natrlich! Seit wann kommt eine Dame zuerst zu einem Herrn? Knntest
denn nicht du heraufkommen zu mir?

Nun war es eine Weile still.

Geht denn das? fragte ich endlich. So armselig kann ein Mensch aus
seiner Rolle fallen. Welch eine trichte Frage das doch war. Die Stimme
antwortete ohne Eifer:

Wenn ich dir sagen mu, ob es geht, so geht es sicher nicht. Aber erst
wolltest du dich vorstellen. Ich verspreche dir getrost alles, was du
willst, denn ich wei, da du schon bei der ersten Bedingung versagst,
unter der ich meine Versprechungen mache. Wenn du dich vorgestellt hast,
so werde ich dich nicht einladen, sondern verabschieden.

Was war doch das? Ein mhsam unterdrcktes Ghnen scholl zu mir herab.
Jetzt geht noch das Licht aus und das Fenster wird geschlossen, dachte
ich mutlos. Aber es geschah etwas weit Schlimmeres: Ich hrte wieder,
wie eine Seite im Buch umgeblttert wurde.

Nun galt es, einen neuen Anfang zu finden. Ach, wollte Gott, ich fnde
einst das Ende so leicht und froh, wie ich alle Anfnge gefunden habe.

Leg' dein Buch fort! sagte ich laut.

Es rauschte aus dem Fenster heraus jhlings durch die Luft, raschelte
wild im Gezweig und schlug klatschend neben mir am Boden auf. Das war
das Buch.

Und jetzt? fragte es schlfrig aus dem Licht.

Jetzt sei still. Glaubst du immer noch, da du meine Krfte
beeintrchtigst, wenn du sie bezweifelst? Wieviel Sinn du doch dafr
hast, da einem Mann vor einem jungen Weib das Herz schchtern wird,
wenn sie ihm seinen Ernst durch ihr Spiel raubt und seinen Hang zum
Spiel durch ihren unehrlichen Ernst. Wenn du wissen willst, wer ich bin,
so darf ich nicht ber mich, sondern ich mu ber dich sprechen. Du
wirst mich hren, als hrte mich niemand und alle. Spreche ich nicht aus
der Nacht in ein ungewisses Licht empor und glaube immer und immer
wieder, es sei der Morgen, der heraufdmmert? Von mir ist nichts zu
sagen, als da ich immer geglaubt habe, es sei der Morgen. Auch zuletzt
werde ich es glauben, und dann wird er es sein.

Aber jetzt ist noch Nacht fr mich, und du stehst mitten darin, so schn
wie die Ahnung des Morgens und oft viel mchtiger. Wenn ich auf dich
zugehe, so ist es auch, als ob ich dem Morgen entgegenginge. Auch du
fllst die Seele wieder und wieder mit Hoffnung und bist in Wahrheit ein
Morgenschein. In der Welt ist es wie eine Nacht in der Nacht, und es
gibt zwei Morgen. Der eine bricht aus dem Blut hervor, der andere aus
dem Geist, verstehe es wer mag, Gott ist in beiden, denn in beiden sind
Lust und Heimweh, auch Zuversicht der Wiederkehr, der Dauer, der
Ewigkeit und Freiheit.

Wie soll das Herz sich entscheiden? Ist das nicht unser einziges Leid?
Seit ich nun deine Stimme gehrt habe, ist jeder Morgen aus meinen
Sinnen und Gedanken entschwunden, der nicht der Morgen ist, dessen
Schein aus deinem Liebreiz bricht. Ich wei nicht, ob du gut oder schn
bist, hlich oder bse, aber ich wei, wie klar und feierlich die Liebe
ist, die in meiner Brust erwachen knnte. Sie zeigt mir dein Lebenswesen
als einen strahlenden Weg, dessen Ende und Ziel der ewige Gott ist, das
groe Meer aller Lichtwogen der Freude und aller Trnenstrme. Sieh, so
stehe ich hier in meinem Licht, das von dem deinen angelockt worden ist,
in der irdischen Nacht, keine Sorge qult das Herz, das bereit ist, sich
abzuwenden, denn es gibt jenen andern Morgen, weit du noch von ihm?

Ihr wit nichts von ihm, nur wie im Traum hrt ihr von ihm reden und
seht ihn fern leuchten, regt euch sehnschtig, lauscht wohl auch, und
seid glubig nach der Art der Mdchen und Frauen, ein wenig bestrzt,
wie vom Licht benommen und rhrender, als da ein erkennendes Auge es
ohne Trnen zu schauen vermchte. Aber unsere Morgenhoffnung lebt nicht
als Quelle in eurem Gemt, und wenn wir nicht in euch wiederkehren, so
war schon euer Willkommen ein Abschied. Versndige ich mich nun, oder
bin ich gehorsam? Sieh, ich mchte mehr wissen, als nur, da du hell
bist.

So sprach ich in der Dunkelheit, bald stockend und sonderbar traurig,
bald von einer jubelnden Gewiheit des Glcks und des Triumphs erhoben,
und stets dachte ich heimlich, als dchte es neben mir ein anderer: Du
kannst jeden Augenblick still davongehen, du Narr und Held, und niemand
wird wissen, wer geredet hat.

Als ich schwieg, blieb alles still. Ich hrte ein sonderbares fernes
Gerusch und lauschte. Es war das Meer. Ein ungestmer Frohsinn ergriff
mich jhlings. Da drauen wogt und rauscht es, die mchtige Wasserebene,
unter der Sternenweite. Ich will hinab ans Meer, dachte ich und schritt
auf das Haus zu. Ich will am Strand schlafen und mich von den Stimmen
des Meers einwiegen lassen, wie wird sein Laut wohlttig sein, ohne
Wissen und Urteil, ohne Einschtzung, wie schon die Toten ihn vor
tausend Jahren vernommen haben und wie die Kommenden ihn vernehmen, wenn
wir unter der Erde sind.

Ja, es war ein krftiger alter Efeustock, der am Hause emporrankte und
dessen Schlangenarme, fest im Mauerwerk verwachsen, wohl einen Menschen
tragen konnten, ohne durch sein Gewicht niedergerissen zu werden. Darin
schliefen jene Spatzen, die Tante Mimsey mied. Wahrscheinlich wrden
einige von ihnen aufgescheucht werden. Wenn ich im Klettern innehielt,
hrte ich mein Blut und das Meer brausen und klopfen. Wenn wir unter
der Erde sind ... Wie bald wird es sein, Mut, meine Seele! Noch bist du
ber der Erde und schon ein erhebliches Stckchen hher, als eben noch.
Wenn dieser knorrige Arm der alten, guten Efeustaude standhlt, so
erreicht meine Hand das Fensterbrett. Da die fremde Freundin dieser
Nacht von ihrem Lager aus nicht widersprach! Sollte ich vor ihr
bestanden haben, mit meiner sonderbaren Rede? Was hatte ich denn
gesagt ...

Nun erreichte ich das Fenster, schwang mich empor, sa auf dem Brett und
schaute in den erhellten Schlafraum. Ich sah wenig darin, da meine
Blicke zuerst allein durch das von einer Kerze beschienene Angesicht der
Liegenden angezogen wurden, das wie in einem blonden Lichttal der Haare,
etwas zur Seite geneigt, in tiefem Schlaf vor mir ruhte. Vielleicht
verstellte sie sich, wer wollte es wissen, in dieser holden,
schrecklichen Welt von Nacht, Fremde und sem Weltzauber aus Khnheit,
Not und Glauben. Ich schwang mich lautlos auf das Fensterbrett, wartete
still ein wenig, ob das Zittern meiner Glieder sich legen wrde und
darber die hellen Lider vor mir im Lichtschein sich ffnen mchten,
aber beides blieb, wie es war, und so lie ich mich leise in den Raum
nieder, trat auf das Bett zu und setzte mich auf den hlzernen Rand.

Ich wurde sonderbar ruhig, als ich dort nun sa. Wie mit einem tiefen
Atemzug kam mir der Gedanke: Da sind wir nun beieinander, zwei Menschen
in der Nacht, was sonst? Aber langsam berkam mich eine immer tiefer
erregende Angst davor, das Mdchen mchte erwachen, auch beschmte es
mich, sie zu betrachten und in ihren Zgen zu forschen, ohne da sie es
wute und hindern konnte. Es mochte nach ihren Worten mein Recht gewesen
sein, in diesen Raum zu dringen, dagegen in diese Seele einzudringen,
deren unbewachtes Bild das junge Antlitz spiegelte, widerstand mir
schmerzlich. Du sollst mir das Bild von dir geben, das du selber willst,
dachte ich. So strich ich ruhig mit der Hand ber die schne, klare
Stirn und das weiche Haar, das so zart war, wie die Haut der Schlfe und
das sich nicht von ihr unterschied, nicht in der Berhrung und nicht im
Licht. Ich erzitterte vor der Unschuld dieser Zge, die ich nicht mit
dem kecken und heiteren Aufwand der Worte in Zusammenhang zu bringen
vermochte, die ich vernommen, und die mich khn und selbstvergessen
gemacht hatten. Die Kinderseligkeit dieses Angesichts nahm mir jede
Willkr und fhrte mich mchtig zu mir zurck, als wre alle Erinnerung
meiner Jugend zu einer blendenden Mahnung geworden.

Da ffnete die Schlafende die Augen, setzte sich erschrocken auf und
nahm mit beiden Hnden meine Hand:

Oh, verzeih! sagte sie herzlich, du hast so schn gesprochen, und ich
bin eingeschlafen. Wie hlich von mir. Aber glaube doch, ich habe das
meiste gehrt, es war wirklich sehr schn, besonders der Anfang. Bist du
bse?

Wer bist du?

Sicher kein Gespenst -- du schaust mich an, als sei ich eins. Bitte gib
mir mein Hemd.

Ich sah mich um.

Dort am Waschtisch.

Ich fand dort etwas Helles, leichter als ein Taschentuch, und reichte es
ihr, wie im Traum. Es flatterte auf wie ein Nebelwlkchen im Licht,
senkte sich zwischen den erhobenen Armen, und das blonde Haar flimmerte
wieder im Kerzenschein. Aus dem losen goldenen Rahmen, aus betrend
zartem Lebensbla, sahen die Augen mich gro und sicher an, zugleich
hell und dunkel, mit lchelndem Forschen, ohne Schchternheit, aber
ernst.

Also ich heie Kaja, von Geburt und Titel bin ich Baronesse,
Freifrulein und gndige Frau. Das tut aber nichts zur Sache, ich lege
keinen Wert darauf, und wer bist du?

Worauf legst du Wert?

Das ist einfach zu sagen: Auf Sonnenschein, auf ein gutes Buch und
kluge Mnner.

Ich wrde wenigstens sagen: Auf gute Bcher und einen klugen Mann.

Weshalb? Aus dir wird man nicht klug. Steigst du in Kammerfenster zu
den Mdchen ein, um Predigten ber Moral zu halten?

Setzt du voraus, da man unmoralisch ist, wenn man zu einem Mdchen
einsteigt?

Du weit zu antworten. Ich setze es nicht voraus, aber ihr, ihr alle!
Wenn ich es aber bei dir vorausgesetzt habe, so hoffe ich, nicht
enttuscht zu werden.

Ich dachte nach, begriff den kecken Sinn dieser Wendung und erschrak
hei.

Ich wei, da ich dich enttuschen werde, sagte ich abweisend.

Woher weit du das? Wie siehst du berhaupt aus? Dein Gesicht und deine
Stimme sind anders als dein Gewand. Aber sag', wie willst du wissen, da
du mich enttuschen wirst?

Du kannst nicht lieben, Kaja.

Sie lachte laut und frhlich auf: Ich -- nicht -- lieben!? Weit du, ich
habe mir zuweilen mancherlei Vorstellungen davon zu machen versucht, wie
ich wohl auf einen Menschen wirken wrde, dem ich mich durch einen
gndigen Zufall von Anfang an so zu zeigen vermchte, wie ich wirklich
bin. Aber so khn meine Phantasie die Wirkung ermessen hat, auf deine
Antwort war ich nicht gefat! Ich soll nicht lieben knnen? Weshalb
nicht?

Die Liebe ist wie ein Gott aus einem hellen Bereich, Kaja, der diese
Erde betritt: Wenn nur erst sein Fu ihren Boden berhrt, so umhllt er
sich mit einer Wolkenwoge von Traurigkeit, Angst und Zgern. So geht es
der Liebe, wenn sie unser Herz befllt.

Sie sah mich mit wunderbaren Augen an, wie ein schnes, lebensvolles
Tier, das zugleich erschrickt und seine Kraft ermit zu Flucht oder
Angriff.

Hre doch, sagte sie herzlich und nahm meine Hand, du bist ja
verrckt, oder sogar fromm, Herrgottsakrament. Da wrst du doch besser
bei Tante Mimsey hereingeklettert. Jetzt machst du mich ganz befangen,
fromme Leute machen mich verlegen, sie haben immer in ihrer Gesinnung
recht und in ihren Ansichten unrecht, Gesinnungstchtigkeit und Dummheit
sind eine schreckliche Mischung. Dumm bist du nicht -- aber
gesinnungstchtig? Wie gut, da ich mein Hemd anhabe. Ach, nimm doch an,
das Hemd sei jene Wolkenwoge, mit der der Gott sich umgibt. Es wird dich
beruhigen.

Ich wollte antworten: >Du verspottest mich<, aber ein trotziger, wilder
Geist ergriff Besitz von mir und gewann Gewalt ber mich. Ist es mein
Lebensamt, Klage zu fhren, dachte ich, wo es gilt, Herr der Stunde zu
sein, die ich durchschreite? Ich will mich nach meinem Willen
entscheiden, aber ich werde mich nicht erniedrigen und meine Flucht
meine Entscheidung nennen. Es liegt alles viel weiter, in groer Ferne,
dachte ich bebend, ich werde nicht umkehren. Lieber nenne ich meine
Lebensbegier meine Pflicht, als da ich meine Feigheit meine Tugend
nenne. Aber ich fhlte wohl, da ich in se und schmachvolle Wirbel
geraten war und mit geblendeten Augen in ein mchtiges Erdenlicht sah.
Die blinde Kraft macht jede Schuld heilig, es gab nur noch diese Kraft
oder die rasche Abkehr, tausend kleine Engel und Teufel tauchten auf und
drohten mir mit dem rgsten Bann des Daseins, mit einer unsterblichen
Lcherlichkeit. Da verscheuchte ich die unheilige Schar der geflgelten
Sptter und Versucher und sagte:

Du verstellst dich, Kaja.

Wie? sagte sie und richtete sich in ehrlicher Neugier auf. Ich sollte
mich verstellen? Bin ich denn hlich? Wenn eine schne Frau sich
verstellt, so hat sie immer einen schwachen oder albernen Mann vor
sich.

Wenn aber ein kluger Mann zu einer schnen Frau sagt: Du verstellst
dich, so meint er damit, sie sei immer noch nicht frei und offen genug
fr ihre Schnheit.

Ach -- so --

Wenn du deinen Krper mit einem Gott vergleichst, Kaja, wie du es eben
getan hast, so gehrt er zu denen, die ohne Wolkenwoge schner sind.

Sie verstand sofort:

Siehst du, wie schlecht und bse du bist? sagte sie bekmmert. Sie
lachte leise auf, wie ber sich selbst, als zwnge mein Verhalten sie
sonderbare und unntze Dinge zu sagen, Dinge und Worte, derer sie sonst
weder bedurft hatte, noch da sie sich ihrer jemals auch nur bewut
gewesen wre. Ein Hauch holden, unwirschen Zweifels verzog ihre Lippen,
in kindlicher Herablassung, erstaunt und schchtern.

Mich befielen zugleich Zorn und Scham, aber mit ihnen ein warmer
Himmelsschein, tief her aus meiner Seele, wo sie noch schlief und dem
Licht vertraute. Ein Gefhl von Verantwortlichkeit, das zugleich Gier
war, bemchtigte sich meiner und ein Mitleid, als sei es Erbarmen und
Trotz.

Warum qulst du mich? fragte ich und seufzte.

-- Du groe Frhlingsfrage!

Auf welchen Lippen hast du nicht gelegen und welch weite Landschaften
voller Blten und Gram hast du nicht berflogen? Und immer wieder wird
die Antwort die gleiche sein, das wehmtige, staunende Glnzen in den
groen Mrzaugen der erwachenden Seele, das se Zgern zwischen Angst
und Pflicht und das Beben der beseligten Schwche, aus der die grte,
die eine Kraft emporsteigt, ihren ersten allmchtigen Lebensschritt in
die Zukunft zu tun, uns verwundet und blutend hinter sich
zurcklassend. --

Das kleine Licht am Bett erlosch unter einer suchenden Hand, um ein
bermchtiges Licht in uns emporstrmen zu lassen, das uns blendete.

Sie ist dahingegangen und im Strom der Zeit versunken, diese Nacht, und
ich wei nichts von ihr und alles. Ich lasse sie in meinem Geiste
emporsteigen und rede von ihr, meine lautlose Stimme zerflattert im
nchtlichen Raum, und niemand hrt mich. Und ist diese vergangene Stunde
nicht dennoch jetzt und immer? Beschirmt von der Nacht, die sanft zu mir
hereinscheint, an tausend Orten der Welt gegenwrtig, wie ein
Bltenkranz um die kreisende Erde gelegt? Die aber, die heute ihre
Blumen und Dornen tragen, lcheln ber mich, sie wissen nicht, wovon ich
rede, sie schauen sich an und erglhen tief versunken, fremd, in
heiliger Torheit. Und der Schritt der Kraft, das lebendige Leben, geht
ber mein Herz, seinen Boden, und ber die ihren, und fort und fort.

                    *       *       *       *       *

Wie gut ich noch wei, da mich die Sperlinge weckten, wahrhaftig, es
war das irdische Leben, das helle, gleiche, namenlose wie zuvor. Mein
erster Gedanke, der wie ein Schreck ber mich herfiel, war die
Gewiheit, da ich ein Mensch auf der Erde sei, aber ich fand mich nicht
in meine Lebenseinzelheiten zurck. Ich umschlang den goldumsponnenen
Nacken neben mir, als stiee dies helle Fenstertor der fremden Welt
drauen mich zurck, aber eine zarte Schulter stie mich auch hier fort.

Ach, nicht doch, sagte sie zrtlich, la mich doch schlafen, geh doch
nun, es wird ja schon hell, siehst du nicht? Schau doch hin!

Sie selbst ffnete kaum die Augen und wandte sich ab, als hoffte sie
darauf, einen Berg herabzurollen. Ich sprang empor und sah den Morgen,
sah den schimmernden Krper und sah wieder den Morgen und taumelte mit
tiefen Atemzgen gegen das umwachsene Fensterkreuz. Es lag alles voll
Tau und die Sperlinge riefen, als meinten sie mich. Der khle Seewind
trug den Geruch des Gartens zu mir herein, er legte sich auf Stirn,
Gesicht und Brust. Ich faltete die Hnde und wnschte mir beten zu
knnen. Ich mu mit Gott reden, rief ich, wohin soll dieser Strom von
Seligkeit und Liebe fluten? Ist nicht drauen alles von bergroer
Erwartung so voll, so rein vor Licht, so khl vor Frieden, so erfllt
vom Blhen, da meine Seele nicht Raum darin findet?

Vorsichtig stieg ich gleich darauf durchs Fenster hinaus und die
Efeuwand hinab. Ein Star schwatzte im Ahornwipfel, auf dem leeren Weg
lag das Buch, am Rasenrand, klglich aus seiner wrdigen Form gebracht,
beleidigt ob seiner Ungestalt, wie ein Vorwurf, ber den ich lachen
mute. Ein Tannenpfad fhrte zum Strand hinab, es ging noch eine gute
Weile durch alten Park. Rosengruppen und farbige Beete von Blumen
wechselten ab, alles in einer frhlichen Verwilderung. Auf den Wegen
wuchs Lwenzahn, und langsam gingen die Pfade im Gestruch unter, das
schon auf sandigem Boden stand. Nur ein schmaler Weg fhrte, deutlich
geschieden, zum Strand nieder, und nun ffnete sich vor meinen Augen das
Meer und hinter ihm der erstrahlende Morgenhimmel.

Vom flachen Deich aus sah ich die ruhigen groen Wellen nahen und sich
im Morgenrot auf den Strand werfen. Es roch nach Seetang und mir war,
als schmeckte ich den Salzgeruch auf den Lippen. Zur Linken sah ich die
in Deichhgel geduckten Strohdcher eines Dorfs, auf deren Giebeln
brunliches Licht lag. Es war kein Segel am Horizont zu sehen, kein
Inselland, nur fern vor dem Ort am Strand machten Fischer ein groes
Boot flott, um auf den Fischfang auszufahren, sie sahen klein wie
Spielzeug aus und bewegten sich trge.

Ich warf meine Kleider ab und stieg langsam ins Wasser. Der kalte nasse
Sand an meinen Fen rann mit den kommenden und weichenden Wellen unter
mir fort, mir war, als schwebte ich, die Erde trug hier nicht mehr den
Menschen, wo das Reich des fremden Elements begann. Ein Mwenschrei lie
mich den Kopf wenden, da sah ich die Landschaft liegen, schlafend und
brunlichrot, noch stieg kein Rauch aus den Htten.

Die Bewegung des Meeres und die bebenden Jubelrufe meiner Seele
erschtterten mich so mchtig, da ich aufsingen mute, einen hilflosen,
wilden, jauchzenden Gesang, voll Gram und Andacht, Finsternis und Licht,
Gebet und Blut. Wie oft sang ich doch einst diese armen, mchtigen
Lieder ohne Sinn, die die Natur und die Einsamkeit mich gelehrt hatten,
und die meiner schlafenden Seele entsprangen, wie Quellen dem Erdgrund.
Nun habe ich lngst begonnen zu denken, und wie manches wei ich nun,
und meine Lust und Trauer sind nicht mehr mein Teil allein. Aber mein
Gesang von einst bleibt wie ein Grundakkord in allem, und wenn ich ihn
fern hre, so wei ich wieder, da unsere Seele niemals vllig wach sein
wird, unser Leib ist ihr Reisegewand und Totenhemd, ein heiliges Kleid.

Ich schwamm weit hinaus, geblendet von der aufgehenden Sonne, die aus
dem Meer emporstieg und Himmel und Wasser in goldenen Glutstrmen
miteinander vereinte. Sie schwebte in den durchhellten Elementen, und
erst mit ihrem Aufstieg schied sie wieder Erde, Wasser und Himmel
voneinander.

Als ich wieder den Strand erreichte, fand ich ein altes Boot, das
umgekehrt im Sand lag, aber so, da die Morgensonne unter sein schwarzes
Dach schien. Ich kroch unter diese mchtige Hhlung, wie in den Rachen
eines groen Fisches und whlte mich ein wenig in den Sand, um zu
schlafen. Langsam nahmen die Musik der Wogen, das Morgensonnenlicht und
der tragende Boden sich meiner an, und ich wurde ein Teil dieser
Elemente und gab versinkend auf, was mich von ihnen unterschied. Aber im
Traum erwachte mein Geist zu einem eigenmchtigen Leben, und ich sah
groe Bilder und weite Landschaften von solcher Freiheit, da ich
schluchzte. Ein breiter ruhiger Strom trennte mich von ihnen, die Welt
bestand aus zwei Hlften, auf der einen befand ich selbst mich, wie im
leeren Raum, der sonderbar wogte und spiegelte, auf der anderen lag bunt
und deutlich die Flle der irdischen Erscheinungen in ihrer Pracht. Ich
sah beblhte Wiesen, Tler und Berge, Wohnsttten und Baumgruppen,
Quellen und Strme. Und mitten darin, wie geboren und erblht aus diesem
lieblichen und mchtigen Wesen der Natur, stand das Weib, das Haar
funkelte, ihr Leib schimmerte heller als die fernen Wipfel der
Schneeberge und blhte und duftete holdseliger, als alle Pflanzen im
Land. Um ihre Lippen lagen die Stimmen der Bume, das Flstern der
Grser und der Vogelgesang. Schattige Grnde der Triften, Kelche und
Frchte waren umher, um zu verschnen und den Sinnen nahe zu bringen,
was diese Schultern und Hften trugen, die reinen Glieder und der
unnennbare Grund und Wesenssinn des ganzen Leibes, den kein Name benennt
und kein Auge schaut, keine Nhe erreicht und keine Hingabe berwindet.
Es war mir, als gehre dies lichthafte Locken und diese betrende
Mahnung schon einer zuknftigen Zeit an, Vergangenheit aber und Ewigkeit
lagen, wie eine Einheit, auf meiner Seite der Welt, die erhaben und
traurig war.

Die spiegelnden Lichtwellen, die mich in meiner heiteren und klaren
Leere umgaben, jener Welt, die ich drben erblickte, so nah, und doch
von ihr geschieden, sprachen zu mir und waren ich. Geh hinber -- bleibe
hier. Und so fort und fort erklang es und wiegte mich und lud mich ein
und warnte mich und war mir unaussprechlich wohlgesinnt. --

Als ich nach vielen Stunden eines tiefen Schlafs erwachte, mochte es,
dem Stand der Sonne nach, gegen elf Uhr Mittags sein. Ich kroch frhlich
und alsbald vllig wach und wunderbar belebt aus meiner dunklen
Bootmuschel hervor und taumelte vor Glck und Licht in der Sonne, die
ber dem Meer und Strand erstrahlte. Ich schttelte den Sand aus meinen
Kleidern und brachte sie in Ordnung und Anstand, wie der schne Festtag
der Natur es erheischte und vor allem der Besuch, den ich im
freiherrlichen Hause plante. Ich war mir vllig darber klar, da dieser
Besuch stattfinden mute, vermochte mir allerdings ber die Art keine
Vorstellung zu machen.

Es wird sonderbar genug sein, dachte ich, wenn ich nun nach allen
Vorschriften der Sitte dieser jungen Dame vorgestellt werde, die ich
besser kenne, als alle, die ihr Leben von Anfang an mit ihr geteilt
haben. Eine heie Liebe zum wunderartigen Dasein berkam mich. Wie
sollte ich nicht Mut zum Gewhnlichen finden, sann ich, da ich doch das
Ungewhnliche bestanden habe?

Ich warf noch einen freundlichen Blick auf mein Boot, in dem ich meine
zuknftige Herberge erblickte, und das ich nach meinen Gewohnheiten
einzurichten beschlo, und begab mich dann auf gut Glck in den Park
zurck. Es war zwischen den Bschen schon sommerlich warm, und berall
strahlte die Sonne. Schmetterlinge schaukelten durch den heien Duft,
und die Reiser der Bsche blhten. Auch sangen noch Vgel in der Khle
der Baumkronen, denn es war zu Sommers Beginn, die schnste Zeit im
Jahr.

Wo die Verwilderungen der Strandniederungen in den gepflegteren Garten
bergingen, und die Wege sogar mit Kies bestreut waren, standen alte,
grne Bnke, manche waren rund um die Stmme der Buchen herumgefhrt.
Ich sah auf einem der Wege eine alte Dame langsam auf mich zukommen, die
ein zerzaustes Huhn an einer Kette hinter sich herfhrte. Als sie nher
kam, erkannte ich, da es kein Huhn war, sondern ein Schohndchen. Der
Anblick dieser alten, wrdigen Dame beruhigte mich tief und machte mich
frhlich. Sie war in ein helles Seidentuch gehllt und trug einen
breitrandigen Hut aus weichem Stroh, dessen Rand zur Rechten und Linken
bis auf die Schulter niedergebogen war. Von den Schlfen fielen
schneeweie Ringellckchen auf die Schultern nieder, und zwischen ihnen
lchelte ein feines, zartes Angesicht von ser Welkheit, aller Welt
fern, und voll kindlich hochgemuter Versunkenheit in den Sonnenglanz
ihres spten Lebenstages.

Als wir auf dem Weg einander nher gekommen waren, blieb ich stehen,
verbeugte mich tief und zog meinen Hut, so da er einen groen Bogen
machte und den Kies am Boden berhrte. Die alte Dame blieb gleichfalls
stehen, ein wenig mit Aufwand, und hob langsam eine groe,
schwarzgerandete Brille, die an einem Stiel befestigt war, vor ihre
Augen. Ich trat nher herzu, um ihr die Aufgabe zu erleichtern, die sie
sich stellte, und sagte mit groer Hflichkeit, da mein Weg mich an
ihrem Garten vorbergefhrt habe, und da ich um Verzeihung bte, ihn
ohne Erlaubnis betreten zu haben.

Sie nickte bedchtig ein paarmal, betrachtete mich aufmerksam von oben
bis unten durch ihre Brille und sagte dann leise, mit feiner,
gebrechlicher Stimme:

Guten Morgen, guten Morgen.

Ich wiederholte meinen Gru und nahm wieder den Hut ab, wobei ich ein
wenig zurcktreten mute, damit mein Gru dies zweite Mal nicht weniger
ehrerbietig ausfiel.

Eigentlich erstaunt war meine vornehme Gastgeberin nicht, kaum ein wenig
zgernd, keinesfalls aber ablehnend. Sie hob nun mit der feinen Hand ein
merkwrdiges Horn empor, das an einer silbernen Kette befestigt an ihrer
Seite hing, und das jenen Hrnern glich, die die alten Germanen nach der
Sage zum Trinken verwandt haben sollen. Ihre zarte Hand, die aus einer
schneeweien rmelkrause von Spitzen hervorschaute, rhrte mich tief,
ich htte diese Hand an meine Lippen ziehen mgen, um meine Ehrfurcht
kundzutun, vor diesem lieblichen, welken Lebensgebilde, im warmen
Dmmerlicht von vielen, vielen Daseinsjahren, von Abschied und dankbarer
Demut gegen sein letztes Wirken.

Aber bevor das sonderbare Horn in seine Bestimmung eingesetzt werden
konnte, ereignete sich ein Vorfall, der Beachtung forderte, er ging von
dem Begleiter der Dame aus, von dem bereits erwhnten Schohndchen, das
sich offenbar erst nun seiner Aufgaben und Verpflichtungen entsann. Das
Tier ging, offenbar durch meinen Gru irre gemacht, zum Angriff gegen
mich vor. Mit einem heftigen, sehr hohen Gebell, das durch ein Schnarren
unterbrochen wurde, kam es zur Hlfte unter dem schwarzen Seidenrock
seiner Herrin hervor, verschwand aber sofort wieder, als seine
Gebieterin es durch einen entrsteten Zuruf aufklrte. Sie lchelte
vershnlich und sah mich an.

Er ist nicht bissig, teilte sie mit.

Ich sagte rasch ein paar Worte ber seine Anhnglichkeit, die
offenkundig sei, und ber seinen Gehorsam. Inzwischen war das Horn
erhoben worden und seine Spitze hatte die weien Lckchen zur Seite
geschoben und den Eingang zur Ohrmuschel gefunden. Da erkannte ich
Tante Mimsey, von der Kaja gesprochen hatte, und nahm erneut Haltung an.

Tante Mimsey begann von vorn und wiederholte ihr freundliches: Guten
Morgen; diesmal fgte sie hinzu: Was fhrt Sie zu uns?

Unmittelbar darauf wurde die breite ffnung des Horns auf mich
gerichtet, man erwartete eine Aufklrung.

Ich bin ein wenig schwerhrig, sagte die alte Dame freundlich und zog
mit dem Augenglas eine wagrechte Linie durch die Luft, die diesen
Umstand ausglich.

Ich wiederholte mit groem Aufwand meine erklrenden Worte ber meinen
Eintritt in diesen Garten, aber ich kam nicht damit zu Ende, denn Tante
Mimsey lie ihr Horn sinken und trat einen Schritt zurck.

So laut brauchen Sie nicht zu sprechen! Sie brllen ja!

Ich entschuldigte mich rasch:

Ich werde knftig leiser sprechen, sagte ich.

Tante Mimsey schttelte nachsichtig den Kopf:

Wenn Sie leise sprechen, kann ich Sie nicht verstehen, ich bin etwas
schwerhrig.

Nun schien alles zu Ende und ich war ratlos.

Aber es war doch nicht so, denn die alte Dame nahm das Gesprch
bereitwillig wieder auf und schien in keiner Weise durch mein Ungeschick
enttuscht zu sein. Sie mute von meinen Worten so viel verstanden
haben, da sie sich als Besitzerin dieses Gartens anerkannt sah, und da
meine Absichten keine Anforderungen an sie stellten, die ber eine
kleine Morgenunterhaltung hinausgingen.

Was sind Sie und was fhrt Sie denn zu uns hier ans Meer? Hier
verkehren nicht viele Menschen, wir wohnen hier einsam.

Das Horn kam, und ich versuchte, ihm gerecht zu werden.

Ich bin ein Studierender der Naturwissenschaften, sagte ich rasch und
schnell gefat, denn ich sah ein, da ich der Vorstellungswelt meiner
prfenden Gastgeberin ein wenig entgegenkommen mute. Ja, ich bin ein
Student, ein armer, ein rmerer ... Ich bin auf einer Forschungsreise,
es sind zugleich die Sommerferien.

Sie lie es sich noch einmal sagen und schien leicht zu zweifeln. Ich
nahm wahr, da ich doch sehr laut sprechen mute, wenn ich verstanden
werden wollte.

Was erforschen Sie? fragte sie. Wir gingen nun langsam nebeneinander
die Gartenwege entlang.

Seetiere!, schrie ich in das Rohr.

So, so ... sagte sie nachdenklich. Seetiere. Wohl auch Algen?

Sie schien stolz auf diese Unterscheidung zu sein und musterte mich
glcklich mit den lieben, stillen Augen, voll heiterer Bescheidung.

Auch Algen! rief ich.

Wie? fragte sie bestrzt.

Algen auch, wiederholte ich deutlicher.

Nun ja, meinte sie verwundert, das sagte ich ja schon.

Wir lieen uns auf eine Bank nieder, die ganz von Flieder und Jasmin
berschattet war. Die Bsche hatten hier unter den hohen Bumen lange,
hagere Triebe geschossen und blhten nur sprlich, ihr blattloses
Gestnge um uns her wirkte wie ein Gitterwerk.

Das Hndchen mute vorsichtig unter der Bank untergebracht werden, damit
die Kette sich nicht verwickelte. Das kleine Tier trug schwer an dieser
Fessel und schien verstimmt. Soweit seine Stirnzotteln, die wie die
Fransen einer Reisedecke ber seine Augen und die Schnauze fielen, es
zulieen, warf es hier und da einen melancholischen Blick auf seine
Herrin und einen uerst mitrauischen auf mich.

Nieder, Niko! rief die alte Dame entschlossen. Nieder mit dir!

Niko verkroch sich.

Wollen Sie hier verweilen? fragte mich das alte Frulein. Sie sah mich
liebevoll und aufmunternd an, ich hatte deutlich den Eindruck, nicht
abstoend auf sie zu wirken.

Vielleicht finde ich im Dorf Unterkunft, antwortete ich.

Das wird schwer halten, aber was gelingt nicht einem mutigen, jungen
Menschen, der vorlieb nimmt und nicht auf uerlichkeiten sieht. Der
Jugend ist kein Lager hart.

Sie wohnen hier sehr schn, sagte ich und ma Haus und Park mit einer
Armbewegung.

Ja, sagte sie dankbar, ein schner Tag.

Zuweilen rckte sie pltzlich ein wenig mit der Schulter beiseite, als
erwartete sie einen jhen berfall der Rede, der ihr entgehen mchte,
oder der zu laut sein knnte. Sie ist nur noch Grobheiten gewohnt,
dachte ich, denn wie kann man Zartheiten brllen? Aber ich beschlo doch
den Versuch zu machen, feine und schmiegsame Worte mit groem Aufwand
von Lungenkraft auszustoen und ihnen im Rahmen ihres Schallumfangs
Milde und Anstand zu verleihen. Man mu die Verhltnisse berechnen und
alles auf einer anderen Grundlage wieder ausgleichen ... ich begann zu
grbeln.

Wir wohnen hier im Sommer auf diesem kleinen Landsitz, erzhlte mir
Tante Mimsey, ich und meine Nichte Kaja, ein Kind noch, ein rechtes
Kind. Ich ertrage die Grostadt nicht, die Menschen bengstigen mich,
und ich liebe den Verkehr und die Gesellschaften nicht mehr. Einmal sah
ich eine edle Taube -- mein Bruder hielt Tauben --, die in einen
Fabriksaal geraten war, in dem die Maschinen rasselten und die Arbeiter
bohrten und feilten. Sie flatterte zwischen den Treibriemen hin und her
und war auer sich! So fhle ich mich in der Grostadt. Meine Brder
bewohnen den Erbsitz, auch hierzulande, so habe ich mich auf diese
kleine Besitzung zurckgezogen, ich nenne sie meinen Taubenschlag. Sie
lchelte nachsichtig.

Ich verstand alles durch eine zustimmende Neigung des Kopfes, die ich
jedesmal wiederholte, wenn ich angesehen wurde. Da ich nicht zu
antworten brauchte, konnte ich berdenken, auf welche Art es mir am
besten gelingen mchte, die Teilnahme und das Wohlwollen des alten
Fruleins zu gewinnen und zu festigen, denn mein Entschlu war gefat,
unsere Beziehungen fortzuspinnen und ihnen auf irgendeine Art die
natrliche Dauer eines gesellschaftlichen Verkehrs zu geben. So whlte
ich unbewut durch das Schweigen, in das mein Grbeln mich senkte, den
besten Weg, denn ich gab meiner Nachbarin Gelegenheit, sich ungestrt
mitzuteilen. Wie ich sie spter kennenlernte, htte ich kein
geeigneteres Mittel ersinnen knnen, ihre Freundschaft zu gewinnen. Es
schien ziemlich gleichgltig, ob ich zuhrte, denn oft, mitten in mein
Schweigen hinein, stie sie mit einem erschrockenen Wie? gegen mich
vor, whrend sie meine zustimmenden Bemerkungen berhrte. Einmal schien
es mir jedoch notwendig, deutlich und freundlich beizupflichten, aber
sie schrie nur:

Nieder Niko!

Ich erfuhr in jener frohen Morgenstunde vielerlei und verlor nicht einen
Augenblick die Geduld, denn ich wute, worauf ich wartete. Immer begann
die sanfte Klage an meiner Seite mit einer Schwingung der verzagten und
unverstandenen Seele und verirrte sich langsam in die Unzutrglichkeiten
einer kleinen Alltagssorge. Wie bei manchen gealterten Gemtern, deren
Herkommen mit der unantastbaren Autoritt ihres Standes verknpft ist,
bewegte auch Tante Mimseys Vorstellungswelt sich noch um die Achse einer
anerkannten Richterlichkeit und eines oft gefragten Urteils. Sie hatte
den Zusammenhang mit den Lebensrechten und der Interessengemeinschaft
der neuen Generation verloren, hielt aber diese Generation fr verloren,
da diese die alten Anschauungen nicht teilte. Nur ihre Nichte Kaja war
fr sie der Inbegriff einer im erwiesenen Geist gesicherter Lebensform
heranreifenden Persnlichkeit, sie erklrte den Charakter und
Lebensanstand ihrer Schutzbefohlenen fr das Resultat ihrer Einwirkung
und war stolz auf diesen Triumph ihrer Anschauungen. Bewegend war die
innige und selbstlose Liebe, die aus allen Einwnden sprach, die sie
selber schchtern wagte, mehr um fr die hellen Tugenden einen
Hintergrund zu haben, als etwa um sich zu beklagen, oder den Wert des
jungen Mdchens in Frage zu stellen.

Nur eines bereitet mir Sorge, sagte sie nachdenklich und sah mich
streng an, da das Kind sich nicht entschlieen will, beim Baden in der
See den blichen Badeanzug anzulegen. Sie tut es nicht, ich wei es,
obgleich ich es nicht deutlich unterscheiden kann, ich bin etwas
kurzsichtig. Aber der Badeanzug, den sie mitnehmen mu, ist nachher
gewhnlich trocken. Sie erklrt mir, die Sonne habe ihn getrocknet, aber
nein, nein ... da soll sie ihre alte Tante doch nicht zum Narren
haben. -- Kaja, ich spreche von meiner Nichte Kaja. Sie wird gleich
kommen, dann will ich sie Ihnen vorstellen, sie geht zum Baden und mu
hier vorberkommen. Vorher ... vorher stelle ich sie Ihnen vor.

Sie richtete ihr Horn auf mich.

Ich werde mich sehr freuen, rief ich.

Leider ist Kaja nicht dazu zu bewegen, jemals beim Bade eine
angemessene Bekleidung anzulegen. Ich leide darunter und hege die
Befrchtung, ein unberufenes Auge mchte Zeuge dieser kindlichen
Vorurteile sein. So pflege ich denn whrend ihres Bades hier im Park und
auch am Strand, wenn es nicht zu sonnig ist, zu wachen und Passanten
abzulenken. Gottlob gibt es hier keine. Es wre ja auch schrecklich!

Sie erhob sich, nach einem ngstlichen Blick zur Seeseite, zerrte Niko,
der eingeschlafen war, unter der Bank hervor und drngte auf das Haus
zu.

Sie nehmen vielleicht gern einen Imbi? fragte sie herzlich, aber
deutlich in jener befangenen Besorgnis, die entsteht, wenn eine gute
Absicht noch nicht die Form ihrer Durchfhrung gefunden hat. Sie zerrte
an Nikos Kette, die sich anscheinend etwas verwickelt hatte, weil er
erst unterwegs erwacht war. Die Kette kam seitlich unter ihm hervor, so
da er dadurch gentigt war mit schrgem Kurs unsere Richtung
einzuhalten, aber deutlich war es nicht zu unterscheiden.

Helfen Sie! rief Tante Mimsey, aber Niko schnarrte und drohte vor
Grimm zu ersticken, als ich mich ihm nherte. Obgleich Tiere mir lieb
sind, habe ich fr diesen Hund niemals Zuneigung aufzubringen vermocht,
er war mir nicht angenehm. Wir kamen an einer Grotte vorber, in der ich
spter oft mit Kaja gesessen habe. Man sieht von dort auf das Meer, ohne
den Strand zu erblicken, durch die Stmme der Buchen hindurch und unter
ihrem Dach dahin. Es ist ein goldgrner Rahmen, in dem niemals etwas
anderes erschienen ist, als Himmel oder Meer, Wogen oder Sterne, Licht
oder Nacht. Ich sehe seine Form noch heute, ein unruhig gerndertes Tor,
durch das die Lichtbahnen der Augen nur unvernderbaren Dingen begegnet
sind. Nur einmal stand auch Kaja mitten darin, der Mond schien und sie
frstelte leicht im Mantel ihres Haars ...

Wenn Sie meine Nichte Kaja erblicken sollten, so machen Sie mich bitte
darauf aufmerksam, sagte Tante Mimsey. Hier knnen wir warten, spter
werden wir dann etwas zu uns nehmen.

Bald darauf sah ich es dicht am Haus lebendig schimmern und mein Herz
schlug bermchtig. Hell, rasch, eine weie Seligkeit von Sein und
Kommen, glitt es wie ein Frhlingslied hinter dem Vorhang der Bsche
dahin, und das blonde Haar, eine schwere goldene Kappe, lag um die
Schlfen und tief im Nacken. Wie gro sie war!

Vielleicht ist sie das ... stammelte ich und fhlte deutlich, da es
verchtlich klang.

Ja, ja, ja! rief Tante Mimsey, die nur meine Bewegung verstanden
hatte, und dann laut: Kaja, Kaja!

Das Mdchen sah mich gro und heiter an, als sie nun auf uns zutrat.
Ohne berraschung musterte sie mich, nhertretend, aufmerksam und
abweisend, und sah dann ernst und warnend in Tante Mimseys Augen.

Um Gottes willen, wen hast du dir da aufgeladen? fragte ihr Blick die
Tante.

Ich rckte meinen Hut zurecht und brachte mein eines Bein in eine
gefllige und vornehme Haltung.

Tante Mimsey verschanzte sich hinter dem Morgenku, aber er ging zu Ende
und nun mute sie sich rechtfertigen.

Ein unerwarteter Gast, sagte sie, zwar unerwartet, aber ein junger
Student auf der Reise. Er ist Naturforscher und hier fremd.

Kaja machte einen strengen Knicks.

Geh zu deinem Bad, mein Kind, fuhr die Tante fort, wir unterhalten
uns hier noch ein Weilchen.

Jetzt wirst du zum Christentum bekehrt, sagte Kaja zu mir, nachher
komm schwimmen. Du siehst schrecklich aus im Tageslicht, man schmt sich
ja. Also auf Wiedersehen.

Es war mir ein Rtsel, wie ein Mensch diese Worte aussprechen konnte und
dazu ein Gesicht machen, als sagte er, betroffen und verlegen: Guten
Morgen, mein Herr, ich danke Ihnen fr die Ehre Ihres Besuchs und hoffe,
da Sie sich in diesem Hause wohlbefinden werden.

Tante Mimsey schien zufrieden, sie nickte gewissermaen in sich hinein,
und man sah den Bewegungen ihrer Hnde an, da ihr ein Hindernis als
berwunden galt.

Eine reizende junge Dame, sagte ich zurckhaltend.

Ja, ja, ja ... sagte Tante Mimsey leise, als sei es die Schluzeile
eines Gedichts; sie dachte an etwas anderes.

Ich bat um die Erlaubnis, mir jetzt im Dorf eine Unterkunft suchen zu
drfen, und half ihr damit aus ihrer kleinen Verlegenheit. Whrend sie
sich zu Niko niederbeugte, schnitt ich mit dem Taschenmesser ihre
gestielte Brille von der Seidenschnur, an der sie befestigt war, und
steckte sie ein, denn ich wollte mit Kaja baden. Auch hatte ich damit
fr alle Flle einen Anla spter wiederzukommen, um als glcklicher und
ehrlicher Finder empfangen zu werden. --

Kaja sa auf einer schmalen Sandbank, im harten Gras des Strandes und
zog sich aus. Sie hatte einen Platz gewhlt, der vom Land aus nicht zu
sehen war, da die Buchen dort bis dicht ans Wasser wuchsen, auf einem
untersplten Hang.

Ich bewundere dich, sagte sie. Da du mit mir fertig geworden bist,
ist keine Heldentat, denn ich habe es dir leicht gemacht, aber mit Tante
Mimsey -- das will etwas heien. Es war deutlich, da sie dir
wohlgesinnt ist.

Ich hatte erwartet, sie wrde sich vor mir frchten. Bist du noch
einmal eingeschlafen?

Wie hast du es nur angefangen? Deine Reden versteht sie nicht.

Ich berwand mit Gewalt meine trichte Unsicherheit, die sich in meiner
lcherlichen Frage kundgetan hatte, und begriff, da um Kaja der Seewind
strich. Aber die Allmacht ihrer Unbefangenheit war eine furchtbare
Prfung. Mir war, als bewrfe mich eine Gttin mit Sonnenstrahlen, je
mehr ihr schimmernder Leib aus den sinkenden Hllen emporstieg. Als sie
ihr Hemd fortwarf, kehrte sie mir den Rcken zu und sagte nachsichtig:

Man mu dich ja schonen, du Armer.

Ich htte die Hlfte meines Lebens fr eine Faust voll Roheit gegeben,
als ich da nun im Sand lag, das Gesicht in den Hnden und bebte.

Wir mssen vorsichtig sein, sagte sie und versuchte durch die Buchen
zu sphen.

Ich hab' die Brille, antwortete ich schluchzend.

Sie starrte mich an und brach in Lachen aus.

Mit der einen Hand betest du, und mit der anderen raubst du, stellte
sie nachdenklich fest. Aus dir wird man nicht klug. Aber vor allen
Dingen mut du jetzt etwas essen. Sieh das Pckchen dort, es ist fr
dich.

Daran hast du gedacht, Kaja?

Sie sah mich fragend an.

Ich merkte erst nun, wie hungrig ich war, und unter diesen Augen war ich
es ohne Arg. Ich werde niemals zu schildern vermgen, woher die Gefahr
und Wohltat dieser Seele kamen, sie strmten auf mich ber und
verwandelten mich. Diese Welt ohne Pflichten, Dank und Schuld war
ungreifbar, von heiliger, uranfnglicher Freiheit. Man vermochte in ihr
zu sein, beglckt oder traurig, aber erreichbar war sie nicht.

Sie sa nackt im Sand, die Augen gegen das Meer gerichtet, mitten in der
Sonne, und rauchte. Ihr Haar fiel hinter ihr bis auf den Boden nieder,
als schiene die Sonne durch ihre Stirn und verlre sich, selig ermdet,
in mattem goldenen Flu, im Schatten dieser hellen Schultern. Nun hob
sie es langsam, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen, mit beiden
Hnden, und barg es unter einer roten Kappe aus dichtem Stoff, um es
beim Bad vor dem Meerwasser zu schtzen. Eine feine blaue Rauchsule
erhob sich lebendig ber ihr und wanderte, sich leicht zerteilend,
lautlos ins Buchengrn empor.

Kaja legte sich nun langsam auf den Sand zurck und ffnete sich ganz
den Sonnenstrahlen, wie eine blhende Pflanze. Sie breitete ihre Arme
aus, und als sie die leicht erhobenen Knie ein wenig ffnete, wandte sie
mir gleichzeitig langsam ihr Gesicht zu, und ihre Blicke suchten und
umfaten mich, zugleich entschuldigend, lauernd und durstig. Aber von
einer Offenheit sondergleichen und gebieterisch, ja verchtlich, so da
mir war, als saugte das Lebenslicht ihres Wesens mich in einen blassen
Abgrund von ewiger Selbstverlorenheit.

Sie gab mir ihr Pckchen Zigaretten herber, als wrfe sie es fort.
Keine Geste schien ihr verchtlicher zu sein, als die der Darbietung.
Dankbar ist sie nicht, dachte ich, als dchte ein anderer fr mich.
Eines guten Mannes gute Frau wird sie niemals, denn wie vermchte heute
eine brave Mnnerseele sich leicht das Zelt seiner Ehe anders zu denken,
als im Talgrund der Dankbarkeit eines durch ihn begnadeten Weibes. Ich
mute lachen, und Kaja sah sich nach mir um.

Was ist geschehen?

Ich mute lachen, weil ich mir dich als Ehegattin eines braven Mannes
vorstellte.

Ja, sagte sie, ich wei schon von heute nacht her, wie ausschweifend
du in deinen Gedanken bist.

Erzhle mir von dir, Kaja.

Hast du noch nicht genug erfahren? Du mchtest mich endlich
kennenlernen, nicht wahr? Wie leichtsinnig ihr doch seid, da ihr den
Mdchen erlaubt sich zu beschreiben, wie sie gesehen sein mchten. Es
geschieht, weil ihr nicht selbst sehen knnt, wie sie sind, oder weil
ihr es nicht wagt. Auch in den Bchern, die ich lese ... es ist immer
dasselbe. Erst flehen sie einander um Schonung an und nennen es
Verstndnis, dann verstehen sie einander endlich und werfen sich
Tuschung vor. Ein lcherliches Volk. Jetzt geh ich ins Wasser.

Sie erhob sich, und der Sand blhte. Langsam, Schritt fr Schritt, ma
sie den feuchten Teppich, ging in Meer und Himmel ber und schien die
helle Welt, das schne Leben selbst zu sein, dessen Beglckung sie
annahm. Als eine grere Welle heraneilte, deren blendender Schaumkamm
ihre Brust erreicht htte, warf sie sich ihr entgegen und verschmolz mit
dem khlen Wasser wie fr immer.

Ich a und rauchte und zitterte vor Wut, da ich beides zu dieser Stunde
vermochte, aber es ging, und ich fhlte eine schmerzende Zweiheit
wunderbar in mir heilen. Zugleich aber sank es um mich her nieder, als
fielen die Sterne vom Himmelszelt, als wren alle Wunder zu Dingen
geworden. Habe ich einst gesndigt, oder sndige ich nun? fragte ich
mein Herz, aber als Antwort hrte ich nur den fhllosen Frohsinn der
groen Wellen erklingen, die sich bildeten und zerwarfen, zergingen und
sich erneuten unter der gleichen Sonne, in deren Himmelsflut meine Brust
sich hob und senkte. Im gleichen Sonnenschein, Asja, liegt weit in der
Ferne, bei der groen Stadt, dein Grabhgel. --

In einem frohen Taumel von Glck und Mdigkeit stampfte ich bald darauf
durch die Mittagssonne am Strand dahin auf das kleine Dorf zu. Ich war
nicht ratlos noch auch nur besorgt, wie es sich einrichten mchte, da
ich bei Unterkunft und unter gutem Vorwand im Lande blieb. Ist so
Wichtiges, so Lebendiges, so viel glckliches Tun mir gelungen, so wird
sich das Beiwerk dieser Tage ihrem Sinn fgen, dachte ich und war nach
Art der Seelen frei und unbekmmert, die ein Ziel haben, einen
Mittelpunkt, um den ihr Tun kreist.

Aber, sonderbar genug, mein Vertrauen wollte immer wieder von mir hren,
wie gro es sei. Ich hatte es nie zuvor gekannt, da man Zuversicht
gewinnen kann im glckseligen Aberglauben und wie im Selbstbetrug einer
beinahe heiligen Oberflchlichkeit. Wenn ich mir sagte, da ich Kaja
liebte mit der ganzen Inbrunst und aus tiefster Seele, so erschien es
mir in der eroberten Gewiheit und im Wohlstand meines hohen Rechts
doch, als zge ich diese Liebe herbei, um mich freizusprechen. Sonderbar
und mtterlich lchelte der Weltgeist mich an, gndig und zgernd, als
sei ihm ein Irrtum gefllig.

Es ist die Mittagsstunde im Sand am Meer, dachte ich, diese gewaltttige
Verlassenheit, die die begrnte Erde vergessen macht. Ich blieb stehen
und hrte den Wellen zu, ihre magischen Stimmen bemchtigten sich
meiner, und ich empfand die Wohltaten, die mit ihrem Ausgleich in uns
mchtig werden. Hart am Strand lag ein verwittertes Wrack, das schwarze
Rippen in den fahlen Sonnenglanz emporreckte.

Ich schrieb mit dem Stock ein Wort in den weichen nassen Sand, den die
Flut besplte, und beobachtete, wie die Wogen es auslschten. Ich grub
die Buchstaben tiefer ein und sah abwartend und begierig auf die sanft
heraneilenden, durchsichtigen Wasserhgel, die sich dicht ber den
Schriftzgen hoben, als wollten sie ihr Opfer bedrohen, niederbrachen,
wie mit Gelchter, und sich breit und gelassen verebbend ausbreiteten
und zerteilten. Sie lschten aus, was ich geschrieben hatte und rannen
zu sich selbst zurck. Sie kamen und gingen immer auf die gleiche Art,
ob ich ihnen eine Beute zur Vernichtung bot oder ob ich stumm ihr
geglttetes Sandbett betrachtete.

Ich begriff ihre gefhrliche Weisheit und beschlo mein Herz zu hten,
aber ihre Macht war eindringlich und der Gehorsam gegen ihr Gesetz eine
se Wollust. Und pltzlich mute ich ber alles lcheln, was ich auf
der bewohnten Erde zu beginnen im Sinn hatte, ber den Knabenernst
meiner Absichten, ber das Lebensgewicht der kommenden Jahre, voll
Streben, Erfolg und Wirken, ber Ziele, Zukunft und Ende. Ihr Wellen
werdet euch im Sonnenlicht oder im ruhigen Mond, bei Regengssen oder
im Wind erheben, neigen und auf den Sand niederbrechen, zurckfluten und
aufs neue in vergnglichem Gebilde erstehen, um wiederum zu zerflieen.

Ich trat hinzu und schrieb Kajas Namen in den Sand. Die erste Woge
verwischte ihn, als sei er tiefer eingeschnitten und verblat, die
zweite Woge nahm ihn spurlos dahin, die dritte fand den tausendjhrigen
Strand in seiner alten Wesenheit. Da schrieb ich mit zitternder Hand,
ein leidender Mrder, Asjas Namen in den Sand. Die erste Woge verwischte
ihn, als sei er tiefer eingesunken und verblat, die zweite Woge nahm
ihn spurlos dahin, die dritte fand den tausendjhrigen Strand in seiner
alten Wesenheit.

Aber kaum hatte sich auf meinen Lippen ein ungewisses Lcheln gebildet,
als mir sonderbar deutlich Asjas Worte ber den Wandel der Natur zum
Bewutsein kamen, und zum erstenmal verstand ich den Sinn: Der Wandel
der Natur hat keine Kraft ber seine Kreise emporzuheben, allein der
Geist.

                    *       *       *       *       *

Das erste Fischerhaus, das ich erreichte, war eine kleine mit Stroh
gedeckte Kate, die, zwischen Kartoffelckern, hinter den Deich geduckt,
mit ihren Fenstern, wie mit Augen, eben noch auf die Meerweite
hinaussah. Ein Vorgrtchen, dicht gedrngt voller Buschnelken, Phlox und
Malven, ein Holzstall und weiter abseits im Land ein Ziehbrunnen machten
den sichtbaren Bestand des kleinen buerlichen Anwesens aus. In langen
durchsichtigen Bahnen, braun wie Erde, hingen die Netze, dicht am
Strand, zwischen alten geteerten Pfhlen ausgespannt, und zwei Boote
lagen im Sand. Ein Geruch von Seetang und verdunstendem Meerwasser
hauchte mir warm entgegen und meine frohen Kindertage kamen, wie Engel,
zu mir und ermutigten mich.

Es schien niemand anwesend zu sein. Am Hauseingang war eine Ziege
angebunden, die still vor sich hinsah und auf das Meerrauschen zu achten
schien. Als ich mich ihr nherte, sah sie mich an und begann eifrig zu
wedeln. Da ich nicht gewut hatte, da Ziegen diese Gewohnheit an den
Tag legen, blieb ich stehen und beschftigte mich eine Weile mit ihr. Es
schien mir jedoch bald, als ob dieses eigenartige Wedeln keinesfalls in
einer Beziehung zu ihrem Seelenleben stand, denn es unterblieb und
erneuerte sich ruckweise und willkrlich und ging auch dann vor sich,
wenn mein Verhalten und meine Einwirkung auf das Tier unterblieben, oder
jedenfalls derart waren, da sie keine Zustimmung herausforderten.

Dagegen lieen sich deutlich Wahrzeichen von Wachsamkeit feststellen,
denn als ich den Nacken der Ziege zu streicheln versuchte, senkte sie
mit einer sonderbar strrischen Gelassenheit den Kopf und ging mit ihren
Hrnern gegen mich vor. Das Seil verhinderte die Ausfhrung ihres
Vorhabens, jedoch beschlo ich vorsichtiger zu sein und den Abstand zu
wahren, auf den sie Gewicht zu legen schien.

Nach einer Weile trat ein alter Mann unter der niedrigen Tr hervor und
musterte mich mit listigen Augen, wobei sein Gesicht einen Ausdruck
zeigte, als lache er mich heimlich aus. Sein Gesicht war von einem Bart
eingerahmt, der wie ein gelblich-weier, gleichmiger Halbkreis von
Ohr zu Ohr um das Kinn herumlief, er trug zwei Transtiefel, gro wie
Giekannen, und die kurze Pfeife in seinem Mundwinkel machte in ihrem
Verhltnis zu seinem Mund den Eindruck auf mich, als nhrte er sich von
ihr. Da sie nicht zu brennen schien, bot ich ihm Feuer an, mute aber
zurcktreten, als er mir gemchlich eine Rauchwolke ins Gesicht blies.
Er fragte mich auf niederdeutsch, was mein Begehr sei, und da ich seine
Sprache nicht nur verstand, sondern mich ihrer auch zu bedienen wute,
glaubte ich daran, da ich mit ihm bereinkommen und ein Obdach in
seinem Hause finden wrde. Aber merkwrdigerweise verstand er mich
nicht. Ob ich ein Franzose sei.

Ein Franzose? Nein, sagte ich auf hochdeutsch.

Na, sieh an, es geht ja, meinte er ermutigend in seinem Kauderwelsch,
warum sprichst du nicht gleich vernnftig?

Ich habe plattdeutsch gesprochen.

Seine winzigen Augen wurden so gro wie Taler.

Also das adelige alte Frulein vom Wasserschlo schickt Sie zu mir?
fragte er.

Ja, die Baronin, meine Freundin ...

Sieh an, meinte er und blinzelte, aber es schien ihm keinen besonderen
Eindruck zu machen. Ich wrde mich an die Junge halten, wenn ich in
deiner Haut steckte.

Dazu ist die Haut nicht mehr heil genug, antwortete ich und wies auf
meinen Rock.

Der Alte spie aus. Es pfiff, ganz bestimmt traf er irgend ein Ziel
drauen auf dem Deich.

Die Weiber, um die es sich lohnt, haben noch keinen Mann nach seinem
Rock gewhlt, das bilden sich nur die Laffen ein, die nichts als ihren
Frack besitzen. Aber was man Grnschnbeln sagt, ist in den Wind
geredet. Eine Kammer habe ich, was gibst du mir?

Wir einigten uns, da ich keinen Grund hatte, eine Summe zu hoch zu
finden, die ich doch nicht bezahlen konnte.

Melden sich Herrschaften als Badegste bei mir an, sagte der Alte, so
kannst du Unterkunft bei deiner Baronin suchen.

Damit war ich einverstanden. Die kleine Kammer zu ebener Erde enthielt
nicht viel mehr als ein Bett, aber der Boden war mit weiem Sand
bestreut, und das Fenster fhrte auf das Meer hinaus. Ich legte mein
Bndel gewichtig auf den Holztisch, als sei es schwer von irdischen
Gtern, aber der Alte hob es gelassen auf, wog es, um das Gewicht
nachzuprfen, und lie es wieder nieder. Er sagte: Nun ja ... wirst
auch nur eine Mutter gehabt haben.

Das verstand ich nicht ganz, aber es berhrte mich wohlwollend, denn es
stellte eine Art Gemeinschaft zwischen ihm und mir her, als habe er nach
etwas gesucht, das wir sicherlich beide einmal aufzuweisen gehabt
hatten.

Ich habe eine Nichte, die das Haus versieht, teilte er mir auf meine
Frage mit, ob er allein lebe, aber halt dich an deine Schlomuhme,
fgte er hinzu, sonst hat's gespukt. Er nahm die Kissen vom Bett, um
sie fortzutragen, und lie nur ein Tuch aus grobem Leinen ber dem
Rapsstroh liegen, mit dem die Lade angefllt war wie eine Krippe.

Dann gingen wir miteinander durch die zwei andern Stuben des Hauses und
durch den Garten, der Alte zeigte mir alles. Der Brunnen befand sich
weiter drauen im Feld, die Kartoffelbschel waren schon gro, wie
kleine Strue, bald wrden sie blhen. Ja, der sandige Boden sei fr
die Kartoffel gerade das rechte. Aber seine Netze und die Boote waren
ihm doch das wichtigste. Ich bot ihm meine Hilfe beim Fischen an, aber
er spie nur aus, und wir sahen miteinander dem Vogel seiner schmalen
Lippen nach, wie er das Weite suchte. --

Ich verschlief den Mittag nah am Strand im Halbschatten eines struppigen
Busches. Da ich am Nachmittag mit dem Alten im Kartoffelacker arbeitete,
dessen Pflanzen gehufelt werden muten, verstand es sich von selbst,
da ich auch sein Brot und seine gerucherten Fische mit ihm teilte.
Gegen fnf Uhr kam seine Nichte aus dem Dorf zurck, ein
siebzehnjhriges Mdchen mit blondem Haar, so hell wie Flachs. Ihre
blauen Augen sahen ernst und mit Zurckhaltung auf mich, aber ohne
andere Einschtzung, als die einer natrlichen Neugier. Ich wechselte
nur ein paar Worte mit ihr, als wre es Geld, denn sie war von
unwahrscheinlicher Schchternheit und nicht gewohnt, andere Menschen als
die Dorfbewohner zu sehen. Auch wollte ich mich aufmachen, um im
Wasserschlchen meinen geplanten Besuch zu machen. Gottlob war ein
schner Tag, denn ich frchtete mich davor, in den Rahmen eines
wohlbestellten Zimmers treten zu mssen, der Garten war mir lieber. Ich
lie das Fenster meiner Kammer leicht angelehnt offen stehen und
verabschiedete mich ohne Erklrungen.

Nimm den Butt mit, sagte der Alte und gab mir einen groen Fisch.

Die gestielte Brille Tante Mimseys und dieser platte Fisch waren mir
Gewhr, eine gute Aufnahme zu finden. Die Sonne stand nun hinter dem
Land und das Meer hatte sein Wesen gendert. Mir war, als she man viel
weiter hinaus ber seine silberblaue Ebene, und die Mwen waren blendend
wei und schwebten klar geschieden und ruhig im farbigen Himmel. Alles
war wirklicher und verstndlicher, die Lichtmysterien des Sonnenaufgangs
und die blendenden Bewegungen der Elemente, die brausenden Wogen aus
Glanz und Flut waren gestillt und schienen sich voneinander getrennt zu
haben.

Ich sah in der Landschaft, hinter Kartoffel- und Buchweizenfeldern, eine
Mhle am Horizont, deren Flgel sich bewegten, wie Sonntagsspaziergnger.
Es verband sich mit dieser Gestilltheit eine leichte Enttuschung, wie sie
der erste Tag in einer neuen Lebenswelt in seinem Verlauf mit sich zu
bringen pflegt. Auch sollte ich nun bleiben und mich einrichten, das war
mir fremd.

Kajas Bild gaukelte in blauen Nachtschleiern und in den Strzen der Flut
vor meinen Augen, verwoben in die Elemente der Natur, zugleich Plan und
Entzckung, unerreichbar, um mich her und tief in mir. Wie ruhlos machst
du mich durch die Trennung, Kaja, und welche Trennung von mir selbst ist
die Beruhigung deiner Nhe.

Als ich beim Garten angelangt war, sah ich Tante Mimsey an einem
gedeckten Kaffeetisch sitzen. Ich blickte durch die Bsche, die die
Gartenpforte bergrnten, und erkannte Niko auf ihrem Scho, der
schlief. Etwas abseits stand Kaja vor einer Staffelei und malte. Es war
ein friedliches Bild von lndlichem Ruhn und Tun, und ich fand in der
Gewohnheit dieser Stunde die innere Haltung mich ihr einzufgen.

Unser Student! rief Tante Mimsey sichtlich erfreut und hielt mir ihre
liebe alte Hand hin, als gbe es nichts in der Welt, das je zwischen uns
treten knnte. Kaja drehte sich um, knixte steif und wischte ihren
Pinsel am Rasen ab, als ob sie einen Zaun anstriche. Niko sah den Fisch
und flchtete. Er verschwand lautlos unter dem Tisch, als ob er
herabfiele und kam nicht mehr zum Vorschein.

Auch Tante Mimsey verriet Entfremdung, als sie den Butt erblickte, den
sie mit meinen Forschungen in Zusammenhang brachte, und an dessen Tod
sie erst glaubte, als sie seine Bestimmung erfuhr. Sie dankte mir
zrtlich, ja, der alte Ldersen sei ihr guter Freund und seine Tochter
Han habe sie auf den Armen getragen. Diese Erinnerung rhrte sie, sie
verbarg ihre Bewegung. Als sie nun den Fisch fr tot hielt und ihre
Brille mit frohem Dank zurckgenommen hatte, fragte sie mich, wie ich zu
Gott stnde. Darauf vermochte ich nicht rasch zu antworten, am wenigsten
laut, ich sagte zunchst nur: Danke gut, und berlegte mir die Sache.
Kaja erschwerte mir den geforderten Ernst, denn sie rief, ohne sich
umzudrehen, gleichmtig:

Brll' einen Bibelspruch, sonst sind wir verloren!

Ich fate mich und schrie: Der Spruch meiner Einsegnung war: Der Herr
ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Bisher hat er sich bewhrt.

Er wird es auch knftig tun, sagte Tante Mimsey liebevoll und schob
mir ein groes Stck Kuchen hin.

War ich nun anfnglich der Meinung, die Stellung der alten Dame zu
religisen Dingen sei von jener beziehungslosen uerlichkeit, wie sie
so oft in welken Gemtern angetroffen wird, die eher eines
undurchdachten Trostes als eines trostreichen Gedankens bedrfen, so
irrte ich mich, denn das alte Frulein lebte in den Bildern und
Gestalten der Bibel, wie in ihrem Haus und Garten, still, heiter und in
kindlicher Anhnglichkeit. Ihr Fehler bestand in der Hauptsache nur
darin, da sie niemanden fr glcklich zu halten vermochte, der ihre
Welt nicht teilte. Da ihr aber das ausgesagte Zugestndnis einer
aufrichtigen Teilnahme gengte, um eine Gemeinschaft fr erwiesen zu
halten, war es leicht, ihr Wohlwollen zu finden, ohne deshalb eine
Unwahrheit zu sagen. Ich rgerte mich oft ber Kaja, die ihre Zustimmung
bertrieb, um zu spotten, und in ihrer ironischen Bereitwilligkeit viel
weiter ging, als ntig war, um im Guten zu befriedigen. Aber ihr Hohn
war von so feiner Schrfe, er verriet eine solche Kraft der
Unterscheidung und des Anspruchs, da ich an meinem heimlichen Tadel
irre wurde, denn ich empfand sie als kalt, mich aber als lau.

Sie lie an jenem Nachmittag ihre Arbeit, kehrte ihr Bild auf der
Staffelei um und setzte sich zu uns. Ihr Ausdruck von Arglosigkeit und
Unschuld war so vollkommen, so ohne einen Schatten von Verstellung oder
Willkr, da ich hei erschrak und oft in einem Gefhl so schmerzlicher
Wehmut in die Reinheit dieser Zge sah, da ich glaubte, mein Herz
schmerzen zu fhlen, wie in einem kalten Ring ewiger Rtsel. Ihr leicht
geffneter Mund, die holde Senkung der Stirn und das liebe Forschen
ihrer Augen berredeten mich so unmittelbar zu einem wehen und sen
Gehorsam der Hingabe, da keine Macht im Himmel und auf Erden mich vom
heiligen Stolz dieser Pflicht geheilt htte. Ich suchte mit Angst nach
den Merkmalen ihrer schrankenlosen Sinnenfreiheit, nach den Wahrzeichen
ihrer dmonischen Lust zur Erde, nach den Todesrunen der Wollust ohne
Halt -- kein Hauch von Schwle oder Glut lag um die klare Stirn, kein
Feuer unheiliger Gier des Bluts zeichnete das reine Wei der Haut, die
Kinderblue des heiteren Blicks, den Frieden ihres feinen Wohlstands.

Diese Kindschaft der Natur, dieser Frohsinn, der dem farbigen Odem einer
Wiesenblume im Morgentau vergleichbar war, hatte eine furchtbare Wirkung
auf die schmerzenden Glutwunden meiner Seele, und ich begriff mit
Erbeben den hllischen Geist dieser Entstellung aller Werte, in der die
heiligen Feuer meiner Leidenschaft und Liebe mir unrein erschienen, und
ihre dmonische Priesterin von himmlischer Reinheit. Gott ward in meiner
entflammten und gequlten Vorstellung bald zu einem grausamen und
betrgerischen Spieler, bald zu einem Gtzen, der weit hheren Gesetzen
unterworfen war, als sein Schpferwesen sie umfate.

Tante Mimseys biblischer Eifer lie nicht zu, da ich mich mit Kaja oder
meinem Gedanken beschftigte, diesen beiden Elementen, um derer willen
mir das Leben allein lobenswert erschien. Ich fhlte mich unter den
Belehrungen und Darbietungen der alten Dame wie in einer gemtlichen
Tortur, die mich zugleich in Erstaunen setzte und ungeduldig machte.
Wenn ich von ihren Errterungen und Erklrungen religiser Fragen fr
einen Augenblick abschweifte und, durch den Gegenstand angeregt, an Asja
dachte, so war mir, als she ich von einem einfltigen Kartenspiel, auf
dessen Blttern bunte, biblische Figuren prangten, ber einen dunklen
See zu den Bergen, deren Wipfel in der Sonne lagen.

Wir mssen einander lieben, sagte Tante Mimsey innig, die Welt ist an
Liebe arm, erst wenn wir diese Absicht an den Tag legen, wird es
besser.

Es tut schon jeder, was er kann, sagte Kaja, die mir mit gefalteten
Hnden gegenbersa.

Tante Mimsey zog eine Bibel aus ihrem Tschchen, gemeinsam mit einem
Pckchen von Schriften. Sie schien nach einem Gegenstand Umschau zu
halten, der ihr fehlte; endlich bat sie ihre Nichte um eine Nadel, und
Kaja zog eine aus ihrem Haar und reichte sie hinber. Dann hielt Tante
Mimsey die Bibel zwischen beiden Hnden so auf dem Tisch fest, da sie
aufrecht emporstand und forderte mich auf, mit der Nadel in die leicht
zusammengehaltenen Bltter zu stechen.

Das war mir neu, und ich zgerte.

Mutig, sagte Kaja freundlich.

Ich stach, das Buch ffnete sich an der Stelle des Spalts, und Tante
Mimsey nahm die Brille.

Nun werden wir sehen, sagte sie.

Ich hatte den alten Habakuk erwischt, von dem ich bisher nur gewut
hatte, da er vor Zephanja kommt. Tante Mimsey vergrerte mit einer
Lupe, was von seinen Niederschriften gedruckt worden war, um das
Zehnfache, und begann zu lesen.

Komm um elf Uhr heute nacht, sagte Kaja und sah mich an.

Langsam, als buchstabierte sie, las das alte Frulein:

Ihre Rosse sind schneller denn die Parder und behender, denn die Wlfe
des Abends. Ihre Reiter ziehen in groen Haufen von ferne daher, als
flgen sie, wie die Adler zum Aas ... Parder, erklrte sie ber die
Brille fort, das sind wahrscheinlich Panther, frher sagte man Parder.

Ich nickte Kaja Antwort zu, und mir war, als verstrmte ich mich in
meinem Blick, meine Lippen erstarrten mir wie unter einem herben
Schmerz.

Kaja senkte die Augen, deutlich befangen gemacht durch meinen Blick, und
von ihren hellen Lidern strahlte mir mein unmgliches Wesen zurck, wie
ein Strom von Traurigkeit.

Tante Mimsey begann nun, mir den Inhalt des gelesenen Kapitels
auszulegen, sie bezog die Wahrsagungen des alten Propheten auf das
kommende Reich des Heilands und verglich die angefhrten beltter mit
den Feinden der Kirche, mit den Gottlosen der argen Tage, in denen sie
lebte. Sie kam dann zu meiner berraschung darauf zu sprechen, da
deshalb die Wiederkunft des Herrn unmittelbar bevorstnde.

Kaja sah auf die Uhr.

Er wird wie ein Dieb in der Nacht kommen, teilte Tante Mimsey
geheimnisvoll mit und sah warnend drein.

Herr Habakuk macht Schule, meinte Kaja. Die Tante wird hellsichtig.
Nimm dir heute nacht ein Beispiel am Dieb und sei pnktlich.

Hiernach erhob sie sich artig, kte der Tante die Hand und ging,
nachdem sie ihren Hofknicks vor mir gemacht hatte, ins Haus. Nun wre
Andacht mglich gewesen, wenn es nicht Niko im Sinn gelegen htte, Kaja
zu folgen. In traumwandlerischer Sinnlosigkeit galoppierte er unter
seiner befestigten Kette, ohne von der Stelle zu kommen, so da der Kies
flog. Tante Mimsey gewahrte es nicht, weil sie sich wieder in Habakuk
versenkt hatte. Als ich sie endlich darauf aufmerksam machte, war Niko
atemlos, und sie geriet in groe Bestrzung, denn sie hielt seine
strmische Bestrebung fr das Anzeichen einer Verrichtung, die nicht
hinausgeschoben werden durfte. Sie lie alles stehen und liegen wie es
war, lste die Kette von der Banklehne und lie sich von Niko
davonzerren. Beim Haus gab es eine flchtige Strung, weil das Tier die
Ecke zu rasch umeilte, so da die alte Dame nicht ohne Bedrngnis zu
folgen vermochte; aber dann entschwand auch sie meinen Blicken, und es
wurde still im sommerlichen Garten.

Ich schritt unruhigen Sinns zum Meer hinab, erheitert und zugleich
unbefriedigt. Der Gleichmut der Meerstimmen zog mich an, und solange ich
nicht daran dachte, beruhigte er mich. Mein Ungengen verwandelte sich
langsam in Traurigkeit, und ich sah den Lichtgang der sinkenden Sonne
auf dem Wasser. Ich glaubte den weiten Schattenteppich zu erkennen, den
die Parkbume aufs Meer warfen, die Mwen flogen mit ruhigem
Flgelschlag, rot beschienen, es war so still, als sei die Welt
verlassen. Der Seetang duftete schwl und fremdartig.

Ich war den kunterbunten Jahrmarkt der zurckliegenden Eindrcke nicht
mehr gewohnt und sah Kaja wie in einem Narrenkleid einhergehen. Die
Verfhrungen dieser arglosen Alltglichkeiten bedrngten mich
bitterlich, obgleich ich wieder und wieder versuchte, sie als das zu
nehmen, was sie waren, als Stundentand und Sinnenreiz des raschen Tags.
Aber mir war, als gelte es etwas unsagbar Wichtiges zu retten, das in
diesen Einflssen herabgesetzt wurde und verdarb. Es fiel Staub darauf,
und alles wurde kleiner und rmer, es verlor die Feierlichkeit, und
umher standen hmische Verknder der Erniedrigung.

Einst fhlte ich die Nacht kommen wie einen Menschen und vermochte in
meinen Gedanken zu verweilen, wo immer ich wollte. Die Sterne und
Stunden waren meine Geschwister, und ich hatte Zeit, als verteilte ich
Ewigkeiten. Ich lebte allein und ging Gott entgegen, ich sah die Erde in
die Gestirne eingereiht, und es war selig beliebig, welcher von ihnen
mich trug. Jetzt war es die Erde ... Aber je lnger ich im Sande lag,
die Stirn gegen den Himmel, und je weiter die Nacht in tiefer Klarheit
zum Meergesang hereinbrach, um so grer wurden die Sterne und um so
kleiner die Erde. --

Es mochte dicht vor Mitternacht sein, als Kaja mir im Garten
entgegenkam. Der Mond, eine schmale Silbersichel, schien nur sprlich
durch die Baumkronen zu uns nieder. Das Mdchen war gro und frauenhaft
in diesem geheimnisvollen Licht, ich erkannte ihre Gewandung nur
undeutlich. Wir sprachen unwillkrlich leise, obgleich kein uerer
Grund dazu vorlag, das Haus war totenstill und dunkel und der Park im
leeren Land wie eine Insel. Das Gras duftete feucht, und die Grillen
feilten an ihren undeutbaren Sttten.

Wir wollen das Siebengestirn am Himmel suchen, sagte Kaja, komm ans
Meer. Ich wei nicht, warum es mich vor allen anderen Gestirnen anzieht,
wir haben sicher alle irgendeine Beziehung zu einem besonderen Stern. Es
ist eine geheimnisvolle Undeutlichkeit um dieses Sternenbild, wenn du es
genau zu erkennen trachtest; schliet du aber die Augen halb, so
erstrahlt es am hellsten wie eine kleine Lichtwolke. Du weit den
siebenten Stern und siehst ihn nicht, dann wieder siehst du ihn und
glaubst es nicht. Ich beschftigte mich viel mit den Sternen.

Sie sprach mit groem Ernst und wichtigen Gebrden. Ihr Fu auf dem
Boden war lautlos, es ging eine heimliche Wrme von ihr aus, ein
Sommerduft und -leid. Ich taumelte und verstand nicht auch nur ein Wort
zu sprechen.

Man sollte viel mehr an die Sterne denken, tust du es? Hast du nicht
gemerkt, da man es immer nur ganz kurze Zeit kann, es ist doch schade.
Ich mchte die Sterne >tun<, verstehst du das? Wie man die Liebe tut,
da das Verlangen einmal still wird, und die Seele freundlich atmet und
glcklich ausruht. Ich glaube, die Gestirne bewegen sich, um einander
nher zu kommen ... lachst du mich aus?

Sie nahm ihren Mantel von den Schultern und gab ihn mir. Sie trug
darunter nichts als ihre blasse Mdchenherrlichkeit.

Ist der Mantel schwer, da du seufzt? Als ich ein kleines Mdchen war,
noch fast ein Kind, gab ich den Sternen Namen. Ein jeder hie nach den
Empfindungen, die ich hatte, wenn er gerade ber mir stand, wenn ich zu
mancherlei Stunden im Boot oder auf dem Kstensand lag. Dieser hie
>Trauer<, jener >Unverstand<, dieser >Frohsinn<, und einer hie >Snde
der Nacht<. Ich hate und liebte ihn, er erinnerte mich immer wieder an
das Blutheimweh der Einsamkeit, er flimmerte in allen Farben. Ich
verklagte ihn und sprach: Du hast mir alles gesagt. Einen anderen nannte
ich >Erlser<, zu ihm betete ich, bis ich sie alle nicht mehr brauchte.
Das war auf einer Fahrt mit einem jungen Fischer in den Ferien. Ich war
sechzehn Jahre alt. -- Hier ist es gut, der Sand ist noch warm. Wie bla
du in diesem Licht bist, Lieber. Nun leg deine Kleider ab, wir wollen
baden. Ich mchte dich ruhig betrachten, es tut so wohl, trstet, khlt
und heiligt mich. Ich sehe dich jede Nacht so, jede Nacht im Einschlafen
und Traum.

Du hast noch keine Nacht vertrumt, seit du mich kennst, Kaja.

Dich? Habe ich von dir gesprochen? Nein, ich meine den Mann. Wie soll
ich es dir sagen, da ich doch nicht zu reden verstehe, wie ihr. Oft
staune ich ber eure Worte und Reden, aber ich hre euch gerne
sprechen, es berhrt so nah und wrmend, oft knnte ich mich in die
Worte der Mnner betten, wie in ein Lager von Wohlklang. Ich verstehe
die Mnner immer.

Hast du auch mich in der letzten Nacht verstanden, als ich unter deinem
Fenster sprach?

Ja, du wolltest zu mir hinauf, ist es nicht so?

Ja, Kaja, ja. Ich habe nichts als das gesagt.

Wie du glhst! Oh, du bist gut und schn.

Ich wei nichts mehr und will nichts mehr sagen, als da ich zu dir
will.

So sprichst du nun, hat aber die Herzglut sich erstrzt, so wirst du
mir viel sagen; auch das Schweigen ist dann so lieblich, wie Tau. Jedoch
ich liebe sehr, wenn ihr sprecht, ihr wit ja so wenig, ach, so wenig,
ihr Beherrscher der Erde, ihr sen, lieben Diener ihrer Weiden. Wenn
eure Worte dann ernst und wichtig erschallen, gndig oder wohl auch
erzrnt, khler oder gieriger, nach eurem Gehorsam, dann begleiten sie
die groen Melodien meines Bluts, klingen ber dem Meer, kruseln
freundlich die wogende Flut, die entzndete, die sich nicht
beschwichtigt, wie euer Sturm. Dann trag ich dich, ob du mich kt oder
schlgst ...

Sie erhob den zurckgelegten Kopf und sah mich verstrt an: Was sag ich
denn nur, sei nicht bse ... Sie lie sich langsam niedersinken und lag
nun, als sei sie an den linden Sandhgel gekreuzigt, die Arme weit
ausgebreitet, in reiner Khle, ohne Durst. Sie sah mich Knienden mit
Mund und Augen blicklos an, bis sich ihr Knie ein wenig hob und zur
Seite neigte, und Landschaft, Meer und Sterne strzten in ihren
schaurigen Befehl.

                    *       *       *       *       *

Der Mond war untergegangen, wir hatten nur noch Sternlicht am Ufer, und
die Nacht war von majesttischer Gre. Sie erhob sich in einer blauen
Sternwand ber dem bewegten Meer, das sich schwarz und mchtig vor uns
ausdehnte. Die Himmelsbilder am Horizont waren in einen feinen Flor
gelegt, aus wrmeren Grnden stieg es zu herrlicher Klarheit auf.
Vielleicht schlief Kaja; oder lauschte sie, wie ich, auf die Stimmen des
Wassers? Ich frstelte leicht in dieser Khle der Nacht und sah das
edle, gesetzmige Raumma des Orion ber mir erstrahlen. Der lose Sand
gab jeder kleinen Regung des Krpers nach, und trug uns, als tte er es
leicht und gern. Langsam wich alles Gefhl fr Zeit aus meinem
Bewutsein, so da ich nur mein Herz und Blut noch hrte, die Quelle
ber dem Sand.

Zuweilen hob ich die Stirn und schaute ber Kajas entfesselten Leib hin.
Sie lag da, als erflehte sie in einem tiefen Weltentraum, mit allem Sein
und Sinnen, die Liebe des ganzen Alls, Sonne, Regen und Wind. Sie
verschmolz mit dem dmmrighellen Strand und bildete gegen den Meerhimmel
eine Landschaft. Diese vom Sternlicht sanft beschienenen Hhen und Tler
waren uralt, steinern, ein Weltgesicht und zugleich Form des zaghaften
Gemts meines von Andacht und Ahnung wunden Wesens, dessen arme und
flchtige Bewutheit, haltlos vor Ergriffenheit, vor dem Geheimnis
bebte.

Da berwltigte mich tief von innen her eine groe Erschtterung, die
ich nicht benennen kann, die, ein Geschehnis ohne Klarheit, doch eine
mchtige Wahrheit in meinem Leben ist. Es zwang mein Gesicht in die
Hnde, und ich kmpfte, wie gegen ein Ungeheuer, gegen das furchtbare,
wilde Schluchzen an, das mich ergriff. Es schttelte mich, als wollte es
mich aus einem langen Schlaf der Seele erwecken, der aufhren mute, um
nicht berzugehen in Erstarrung und Tod, und als es sich lste, in einer
Hilflosigkeit ohnegleichen, verstrmend wie fr immer, lag ich fest,
fest in Kajas Armen und weinte zum erstenmal darber, da Asja gestorben
war.

Ich hrte Kajas tiefe, se Stimme, sie sprach, ihren Mund dicht ber
meinen Augen; ihr Haar fiel wie eine Wand aus dunklem Nachtgold nah an
meiner Wange nieder. Ihr Krper deckte mich zur Hlfte, khl und doch
wrmend, wie auch ihr Atem, der, von holder Nhe berstrmend, ihre
Worte auf mich niederhauchte, da Geist und Sinne sie bei meiner tiefen
Schwche gleicherweise tranken.

Sag doch, o sag, was ich fr dich tun kann, Lieber!

Ich schlo die Augen, die ganze Erde blhte.

Sie bettete meine Wange in ihre Hand, in diese Hand, die die Lust so
lieblich regierte und die der Schmerz hilflos machte. Sie berhrte mich
so ngstlich wie ein Kind:

Du bist ja ein Knabe, sagte sie, ein Kind. So sprich doch, ach, ich
bitte dich, sprich!

Nach einer Weile fuhr sie klagend fort:

Kannst du nicht sprechen? Betrbe ich dich? Ich bin dir ja gern zu
Willen, und du darfst nicht von mir glauben, da ich arm und hlich
bin. Ich gehre ja dir, kannst du es nicht glauben? Geh doch nicht fort
tief innen, wohin treibt es dich denn? Aber sprich doch, sprich doch!

Sie schmiegte den leichten, suchenden Leib inniger an mich, und schaurig
still, wie Gewitter am Himmel, entzndeten Schmerz und Freiheit der
Seele in mir sich ber Zorn und Ha zu einem gewaltttigen Opferdank. --

Sie lachte leise auf, zitternd im Gewinnen, tief erheitert, doch ohne
Stolz, pltzlich in den drohenden Ernst ihres unerbittlichen Rechts
gestellt, im Eigensinn der brennenden Begabung. In Mrz- und Sommerglut
und hellen Frsten durcheilte ich die weiten Landschaften, die meine
Augen gesehen hatten, Jahre vergingen, in Sekunden gedrngt, Augenblicke
dehnten sich, in Silberfahnen gestaltgewordener Sehnsucht von Gestirn zu
Gestirn gespannt, das Meer strzte ber die schneidende Firn der
Ohnmacht aller Kraft, und mit der Rckkehr hallte es, mit der wieder
emporsteigenden Nacht, ber die gleitenden Grenzen der Bewutheit hin:
Tausend Jahre sind wie ein Tag. --

Kaja, liebe Kaja, ich will einen weiten, stolzen Weg des Lebens machen,
anders als alle. Ich will einen guten Grtel haben, rasche Fe, frohe
Augen. Wie offen liegt die Welt der Tage und Nchte, alles ist frei und
nichts getan.

Du trumst ja schon, sagte eine Stimme dicht ber mir.

Zwei Hnde zogen liebevoll einen Mantel ber mich, wie eine Decke.

Bald kommt der Morgen, Kaja ... sprach ich nicht vom Morgen zu dir, als
ich dich noch nicht kannte, als ich im Dunkeln zu dir kam, damals unter
dem Fenster?

Friert dich nicht? fragte die Stimme, schlaf nun, bald wird es
hell. --

Als ich erwachte, stand der Morgenstern ber dem Meer. Er leuchtete so
hell am Horizont, da mir war, als fllte sein ferner Glanz mich an, als
sei mein Leib durchscheinendes Glas. Das Meer war schon farbig, ein
leichter Wind strich ber das Wasser. Neben mir im Sand sah ich die
Spuren des holden Lebens, das mich diese Nacht erfllt hatte. Kaja war
fort, es war alles umher still und leer wie am ersten Tag. Eine
Frhlichkeit ohnegleichen stieg in meiner Seele empor, meine Augen
empfingen das Bild von Meer und Erde im Morgenlicht, das zu immer
grerer Macht anwuchs.

                    *       *       *       *       *

Ein paar Tage darauf begleitete ich Han, Ldersens Nichte, im Wind ber
den Deich. Es war ein trber, strmischer Tag und das Meer tobte. Han
sah es selten an, es hatte schon in ihre Wiege geklungen, sie hatte es
schon als Kind im Boot ihres Vaters befahren, aber sie hrte mir gerne
zu, wenn ich ber das Meer sprach.

Eigentlich sollte ich es dir erzhlen, sagte sie und lchelte
schchtern.

Nein, Han, du gehrst dazu.

Ja, sagte sie, so ist es.

Kennst du die Leute vom Wasserschlo? Die alte Baronin, Proker, den
Diener, die Kchin mit der Haube wie ein Beduinenzelt und Niko? Aber
wie solltest du sie nicht kennen ... das ist ja natrlich.

Ja, ich kenne sie alle, sagte Han, auch das junge Frulein.

Kaja, ach ja.

Han wandte den Kopf mit den braunen, festen Wangen; das helle Blau ihrer
Augen war farbig und hart wie Glas, ein untrbbares, leeres Licht ohne
Wehmut und Se. Aber sie schlug die Augen nieder und sagte:

Also, dann sprich von ihr ...

Ich erschrak.

Was ist von ihr zu sagen, sie ist sehr schn. Wenn man neben ihr
dahingeht oder mit ihr redet, so verwandelt sich alles und bekommt
seinen Wert durch sie ... Ich stockte und schwieg.

Der Wind pfiff schneidend, wir gingen vom Deich hinab, um uns zu
schtzen, und tappten weiter durch den losen Sand. An geschtzteren
Stellen wuchsen Heidekraut und Ginster, da schritt es sich leichter.

Hier hat das Meer einmal den Deich durchbrochen, erzhlte Han. Es war
eine Sturmflut, alles lag unter Wasser, und der Leuchtturm und die
Station standen auf einer Insel.

Sie erzhlte mir dann von ihrem Onkel Ldersen, der weite Reisen gemacht
hatte; ihre Eltern lebten in der Stadt. Alles kam herb und mhsam ber
ihre Lippen, es war, als tte das Sprechen ihr weh; die Arbeit, die mit
dem ganzen Krper getan werden konnte, ging ihr geflliger vonstatten,
Schreiten und Rudern und das Schaffen an den Netzen oder im Garten. Sie
sagte:

Sie kam vor vier Jahren das erstemal zu uns, ich habe die Hnde falten
mssen, als ich sie sah. Ich brachte die Koffer auf der Schiebkarre.

Wer? Wer kam?

Das Frulein doch ...

Ach so, kam sie vor vier Jahren?

Ja, fr den Sommer. Das erstemal nur kurz, weil Veit Geesten ertrank.

Wer war das?

Ein Fischer.

Was hat das mit ihrem Kommen und Gehen zu tun?

Das war so.

Sag mir doch, was du weit, Han.

Ich wei nichts, sagte sie bse, ich hab auch nichts gesagt. Wir
waren uns pltzlich fremd und schwiegen beide. So lie ich sie denn
allein ihren Weg machen und legte mich in den Sand, bis der Abend und
der Regen mich heimtrieben. Eine Brigg kmpfte auf hoher See, sie hatte
wenig Segel gesetzt und sah merkwrdig zerzaust aus, ohne Licht und wie
auf einen Fleck gebannt, schaukelte sie in den grausamen Wasserbergen.
Die graue, groe Seewelt um mich her breitete ihre de in meinem Gemt
aus, und ich kmpfte gegen sie, wie drauen das Schiff gegen die Wogen.

Wenn ich die Augen schlo, sah ich einen hell erleuchteten Saal von
groer Pracht, der mit festlich gekleideten Menschen angefllt war. Eine
verborgene Musik spielte, frhliches Lachen und das Klingen von
Weinglsern erschollen. Die Kleider der vornehmen Frauen waren aus
kostbaren Stoffen und es schien, als erleuchteten ihre Schultern und
Arme den Saal. Ich suchte mit meinen Augen Kaja. In einem Winkel der
Vorhalle lehnte sich eine dunkle Herrengestalt ber ein Mdchen, das
fast noch ein Kind war. Da sie nicht zu ihm aufsah, musterten seine
Augen sie mit schleichender Habgier, verchtlich und begierig. Sie
lchelte schchtern vor sich hin, und als sie die Blicke hob, fing er
sein Gesicht und schaute einfltig-gtig drein. Ein Diener mute
Vorwrfe anhren, er schwieg, bleich und leblos, wie eine Sule. Endlich
kam Kaja. Sie ging sehr rasch und die geschmeidige Kraft ihres Krpers
wirkte aufreizend, aber ihr Verhalten gebot Ehrfurcht. Zwei junge Herren
begleiteten sie, ein greiser Ritterlicher empfing sie, und mit der
Huldigung, die er ihr bot, fgte sich der ganze Saal ihrem Zauber.

Ich ri die Augen auf. Ldersen hatte schon Licht, aber ich ging noch
ein paar Schritte ber sein Haus hinaus, um nach dem Wasserschlo
auszusphen. Ein dunkler Waldfleck in der grauen Strandde war alles,
was ich sah. Der nasse Sturm trieb mich ins Haus. --

Aber die feuchten Schleier ber der Welt wichen wieder dem Sommerwind,
und als eines Morgens die Sonne strahlend ber dem Meer aufging,
glitzerte ihr Licht in der Feuchtigkeit der Buchenwlder. Der Strand
wurde wieder wei und sumte das bewegte Meer. Man sah weit, weit hinaus
zur Rechten und Linken. Die Brust hob sich mit dem frischen Blick und
das Gemt war wie verwandelt. Es war als wrden Himmel, Meer und Erde
fr ihre Geduld gelohnt, sie waren neu wie am ersten Tag, und keine
Entstellung aus einem Kampf gegen das Ungemach der trben Zeit war an
ihnen zu finden.

Ich traf Kaja im Wald, dicht am Strand, wo das Wasser blau durch die
Bume glitzerte. Sie schritt hell und rasch durch die goldenen Lichtwege
der Sonne und sang.

Da bist du! rief sie frhlich, wo warst du so lange?

Das hatte ich sagen und fragen wollen. Sie war ohne Entzcken und ohne
Enttuschung, von einem beseligenden Wohlstand in sich selbst, und unter
ihrer heiteren Gelassenheit glitten rasch und schaurig die dunklen
Stunden der letzten Tage und Nchte an mir vorber. Der Regen an den
trben Scheiben, der qulende Seewind, der berall pfiff und rttelte,
dieser unheilige Strenfried voll Beunruhigung, das feuchte Stroh meines
Betts, Hans tdlich geduldiges Mdchenwesen um mich her, diese
halbnackte, sinnlose Gemahnung, die mich umgeben hatte, wie ein
einfltiger Hohn auf meine Verlassenheit.

Was wei ich, antwortete Kaja wohlgemut auf meine Frage, wie sie die
Regenzeit verbracht htte. Die Sonne scheint ja, es ist ja vorber.
Tante Mimsey hat tglich nach dir gefragt, du hast wirklich ihr Herz
gewonnen, brich es nicht und geh zu ihr.

Sie sah mich neugierig an.

Ach, die Tante ..., sagte ich.

Unterschtz' das nicht, meinte Kaja, mit den alten Weibern hast du
die halbe Welt, das wissen die wenigsten. Was kann dir an den Mnnern
liegen, du bist ja selber einer.

Hast du Freundinnen, Kaja?

Das brauchtest du nach meiner letzten Weisheit nicht mehr zu fragen.

Ich frag' auch nur, weil ich besttigt haben mchte, da du keine
hast.

Ich hatte eine, damals vor ...

... vor Veit Geesten.

Ja. Wenn du sie gesehen httest, so wrdest du mich verlassen haben,
wie man ein Schiff verlt, das am Ziel angelangt ist. Ihr Krper war
wie Glas und warme Seide; sie war so zart und schweigsam, am Tage ging
sie wie eine kleine Heilige still umher, ihre Hnde schienen nach Hilfe
zu suchen, und ihre Lippen mute man berhren, um zu verstehen, was sie
verschwieg. Nachts blhte sie auf, im Dunkeln, und tanzte auf der
Waldwiese im Mond. Wenn ich ber ihr Haar strich, es war weich, wie
laues Wasser und du fhltest es kaum ber der Haut, dann ahnte ich mein
Liebesgeschick, den schmerzlichen Frhling.

Ist sie auch tot?

Aber wieso denn?! Sie hat einen Mann geheiratet, aus dessen zwei Wangen
du ihren Krper httest formen knnen. Als wir uns wiedersahen, wandte
sie sich ab. Sie ist also glcklich. -- Du nimmst alles so ernst.

Ich dachte, sie wei nicht, da ich die Nchte unter ihrem Fenster
gestanden habe, da ich ruhlos durch die Wlder geirrt bin und am Meer
dahin, bis ich mich im feuchten Sand bettete, in den ich sank. Han hatte
heimlich heien Wein in meine Stube gebracht, sie sah die stumme Schmach
meines Leids mit blicklosen Augen, wie ein Spiegel, der doch das Bild
mit sich forttrgt. Oder wei Kaja dies alles doch, fragte ich mich,
und hat es durchlebt, wie ich es durchlebt habe? Hat sie gehofft, ihr
Fenster mge von den Steinchen erklingen, die ich im Dunkeln im Kies
ausgewhlt und doch nicht emporgeworfen habe?

Mein Ungengen, Zweifel und Zorn wurden zu Blick- und Sinnengestalt, im
Uferlosen meiner Gedanken war kein Halt zu finden. Der Wert meiner
Hoffnung erzitterte und schmckte Kajas leichtes Kleid am Fall des
Knies, wo er haften blieb, wie miachtetes Geschmeide, wie ein
verratenes Heil. Ihr Kleid war aus ockerrotem, hellem Stoff und fiel und
schmiegte sich, als sei der leichte Sommerwind ein Meister, der mit
diesen wehenden Hllen den jungen Krper ma und prfte. Die Arme waren
nackt und die langen, schlanken Beine, unsichtbar schauhaft, wie der
Wert im Gold, gingen nicht nur ihre Frauenschritte auf dem weichen
Moosboden, sondern sie rhmten in lockendem Gleichtakt den Sommerhauch,
die warme Erde und einen hellen, schluchzenden Tod.

Pflck' die Blume dort, Kaja!

Sie bckte sich nieder, tat es und gab sie mir.

Wozu? Was willst du damit?

Da sah sie in meine Augen und erbebte frstelnd in einem tierhaften
Blick von Prfung und Gunst.

Wir gehen baden, komm, sagte sie rasch und ihre Neigung des Kopfs, der
zaghafte Schritt voran und ihre Hand in meiner taten einen Himmel von
wilder Freiheit auf. Der Sand und Wogenschlag empfingen uns, warmer Wind
und ein Licht, das uns taumelnd machte und in eine herbe Verzcktheit
von Lust und Unschuld hob.

Ihre Kleider wehten von den Hften wie buntes Licht, sie lagen bald hier
und dort im Sand umher, bei meinen groben Stiefeln, die einst der
Schuster Stevenhagen geflickt hatte.

Wie gut macht Nacktheit, sie heilt und reinigt, in jener herben Kraft
der leichten Enttuschung, die sie nach den schwlen und sen Ahnungen
des Begehrens mit sich bringt. Kaja atmete hoch und mchtig, als sie
langsam ins Wasser schritt, denn die Flut war noch kalt. Erregt und
unbedachten, unsicheren Schritts vermochte sie nichts zu beachten, das
ihre Dargebotenheit milderte, sie lachte nicht und ihr besonnener Ernst
im Genu aller Sinnesgaben wirkte auch hier wie ein mit Vorbedacht
gesteigerter Wille zur Herrschaft. Sie wandte sich halb um und rief mir
etwas zu, das die Brandung verschlang. In der ungeheuerlichen Linie der
Meerbucht, im Sonnenall der blau-weien See- und Strandweite war nur sie
zu sehen, als wre sie unter dem Himmel allein.

Die salzige Flut trug uns weit hinaus, die leise Beklemmung, die das
Meer mit sich bringt, sein herber Duft, die Wasserschwere, der Glanz der
grnlichen Wogenberge verwandelten uns zu neuen Geschpfen einer
freieren Schickung. Vergehen und Vergessen zogen in unsere Seelen, wie
Wiedergeborene schwebten wir in gelinder Kampfesmhe ber der
unsichtbaren Tiefe, im Spiel erlst, in weitausholenden Regungen der
Glieder befriedigt, berhrt und khl geborgen, wie kein anderes Element
aufzunehmen vermag.

Der heie Sand empfing unsere durchkhlten Krper, Kaja sa aufrecht und
sah in die Weite. Ihr frauenhaftes Mdchenhaupt mit der gehaltenen und
klargeschiedenen Haarflle, die tief in den Nacken sank, ohne sich
gelockert zu haben, hob sich gegen den ehern schillernden Himmel ab, in
frommer Majestt. Die liebliche Vollendung der Natur in diesem
herrlichen Gebilde erschtterte mich tief und die Unnahbarkeit dieser
Pracht und Flle nahm mich in einen Bann von Ehrfurcht. Da ich gewagt
habe, auch nur zu dir zu beten, erschreckt mich schon, dachte ich, und
nun -- ist es denn Wahrheit? -- wrdest du mir zrnen, wenn ich nicht mit
aller Macht meiner Seele und meines Leibes der rauhe Diener deines
Wunsches wrde? La mich die Augen schlieen, bis mein Glck strker als
meine andchtige Besinnung wird, ich kann nicht schuldig werden durch
Willkr und Tun, die Allmacht der aufschreckenden heien Pflicht mu zu
mir kommen und mich erwhlen. Ich will dein Weg sein, du Schmerz und
Glut, aber niemandes Herr. Aus meiner Andacht soll deine Fackel brechen,
strker als sie.

Ich mag oft nicht haben, wenn du schweigst, sagte Kaja pltzlich und
lchelte fragend, dann ist mir, als sammelte sich in dir dunkles Feuer,
und ich frchte mich. Leg deine Hand auf meine Brust, oft mchte ich
deine Schwester sein, aber es ist ja Torheit, ich bin keines Menschen
Schwester. -- Wenn du mich berhrst, wirst du ruhiger, ich fhle es ...
Wie nennst du mich? Ach, sag nicht solche Namen und Worte, ich wei, da
du gut von mir denkst, viel zu gut, und als shest du mich durch lauter
Zauberspiegel. Ich bin ja so einfach. Ein Wort gengte, aber das gibt es
nicht unter den menschlichen Worten. Nach diesem Wort sucht ihr Mnner
alle, euer Suchen ist so schn. Ich kenne das Wort auch nicht, aber
seinen Sinn. Ich habe und wei und behalte ihn heute. Ich bin da, und
ihr sagt es mit tausend Worten. Klug, sagst du, sei ich? Ja, vielleicht
bin ich klug, da ich nichts sein mchte, als das, was ich bin. Du bist
jung, viel jnger als du weit, viel jnger als ich, obgleich du mich
ein Kind nennst. Ich hre dies und alles, als htte ich es schon tausend
Jahre lang gehrt!

Du fhrst auf einem Nachen in der Sonne, Kaja, das Wasser glitzert und
trgt dein leichtes Boot. >Das Licht spiegelt sich in den Wellen und in
meinen Augen!< rufst du, aber auch tief, tief in den Grund sinkt Licht.

Oft lockt die Tiefe, sagte sie ernst.

Du weit nichts von ihr, Kaja.

Sie trgt mich, sagte sie leise, so ist es gut.

Ja, so ist es gut, liebe Kaja, oh, ich bin glcklich!

Warum sagst du das, als schmerzte es dich; weit du, da ich dich
manchmal beneide?

Um was, Kaja? Durstig suchte ich ihren Blick.

Sie sah mich gro und suchend an, als sollte ich die Antwort geben, ihr
Kopf kam mir nah und ich sprte ihren Atem, den Lebensduft der Frage,
die sie tat, die Antwort, die sie gab, die Lippen, den khlen, blassen
Leib.

                    *       *       *       *       *

Ich mute Tante Mimsey besuchen, das sah ich ein, nach all den Tagen der
heien und herrlichen Freiheit, die mich durch Wald und Wogen um ihr
stilles Haus gefhrt hatten. Da ich Kaja die letzten zwei Tage nicht
gefunden hatte, von Schlaf und Trauer wie ein Verwandelter gepeinigt,
im Schein der groen Erinnerung, die wie die Sonne ber allen Stunden
stand, war mir der geplante Gang in zweifachem Sinn wichtig, und ich
machte mich zur gewohnten Nachmittagsstunde auf.

Zu meinem Erstaunen sa zwischen den beiden Damen am Teetisch ein junger
Herr. Was war natrlicher und was htte mich mehr in eine planlose
Bestrzung werfen knnen, aber ich konnte nicht mehr umkehren und nahm
mit Gewalt alle Unbefangenheit zusammen, die ich irgend aufzubringen
vermochte, beschleunigte meinen Schritt und tat, als wollte ich wieder
gehen, noch ehe ich recht angekommen war.

Die beiden jungen Leute erhoben sich zur Begrung, Tante Mimseys zarte
Hand und ihr liebes Lcheln ermutigten mich, ich fand darber meinen
Weg, der als ein Weg zu ihr und nur zu ihr gelten sollte, das wollte ich
deutlich betonen. Wie verstndlich war es, dieser liebevollen, alten
Dame eine ehrfrchtige Aufwartung zu machen. Sie nahm sich meiner gtig
an, wie griff sie gndig und zart, in dankbarer Gewhrung, meine arme
Gabe auf, deren Not sie nicht ahnte.

Die Hand des jungen Herrn ruhte kurz und fest in meiner; sichere,
lebendige Augen prften mich unbefangen, ein klein wenig spttisch, aber
nicht mehr, als man einem Befremdeten gern verzeiht, da man ihm das
Recht zugesteht, die eigene Befangenheit dahinter zu verbergen. Er war
gro von Gestalt, schlank und krftig, sein lebensvoller Blick glitzerte
ein wenig, aber nicht hart, sondern frhlich und klug. Seine Zge, alles
andere als knabenhaft, waren eindringliche Lebensrunen, die von
Erlebnissen sprachen, aber das Alter schwer erraten lieen. Er berlie
mich nach der Begrung ganz Tante Mimsey, es schien, als sei er
gewohnt, da Menschen und Dinge an ihn herantraten, seine Zurckhaltung
war selbstbewut. Eberhard verstand ich; wo war doch der Name schon
gefallen?

Kaja war ernst und undurchdringlich wie immer, vielleicht ein wenig
ernster als sonst. Was bedeutete dieser Ernst? Ich wappnete mein Herz in
bebenden Klammern des Willens zu bestehen, und begriff die Feindschaft
nicht, die in mir erwachte.

Tante Mimsey glaubte mir schuldig zu sein, mich nach den Resultaten
meiner Forschungen zu fragen, ich mute so antworten, da mir unter
gleichmtigeren Fragen einer spteren Prfung von anderer Seite zwei
Wege offen blieben.

Der Vetter hat uns mit seinem Besuch ganz unerwartet berfallen,
erzhlte mir Kaja und sah an mir vorber, whrend sie sprach, so da ich
nur eine trichte Antwort geben konnte. Das Gesprch ging stockend und
planlos hin und her, Tante Mimsey schwenkte ihr Horn in alle Richtungen
und verstand nur das, was nicht fr sie bestimmt war. Endlich gab sie es
auf, teilzunehmen und kraute Niko.

Sie studieren Naturwissenschaften?, fragte mich Vetter Eberhard.

Kaja sah mich an.

Im Blick des jungen Mannes lag jetzt ein offenkundiger, wenn auch
durchaus liebenswrdiger Hohn. Er sah an meiner Kleidung so augenfllig
vorbei, da sie mir auf dem Krper brannte. Es gab nur eine Rettung:

Ja, antwortete ich, wenn Sie es so nennen wollen. In der Hauptsache
beschftigt mich jedoch der Mensch, und an ihm vornehmlich sein
sonderbarer Hang, Fragen zu stellen, deren Antworten er nicht zu glauben
wnscht.

Ich sah Kaja nicht an, obgleich ich alles Heil von einer noch so feinen
Regung ihrer Lippen htte nehmen knnen.

Vetter Eberhard beugte sich vor, als sei seine Teilnahme erst nun
erwacht.

Ach, sagte er langsam, da haben Sie ja bei meiner alten Tante eine
gediegene Grundlage, um Ihre Bildung zu vervollkommnen. Sie hrt nur
leider etwas schwer.

Gut, da sich solche Eigenschaften in der Verwandtschaft nicht immer
vererben, antwortete ich. Die Gefahr liegt natrlich nahe. Es soll
dann gewhnlich damit anfangen, da man zwar noch die Worte, aber selten
ihren Sinn versteht.

Jetzt lachte Kaja, und ich wurde rot vor Zorn. Glaubte sie mir helfen zu
mssen? Ich lehnte ihre Zustimmung ab:

Warum lachen Sie? fragte ich.

Wollen Sie sich nicht daran halten, die Fragen der Menschen zu
erforschen und nicht auch noch ihr Lachen? antwortete sie khl.

Gut, dachte ich, so sind es zwei Feinde. Aber ich schwieg und sah vor
mich hin. Warum habe ich die Hand geschlagen, die sich mir bot, dachte
ich, warum vermute ich Gegner, wo harmlose Gefhrten des Lebens sind?
Aber willst du denn, da ich unterliege, Kaja? Willst du, da meine
schreckliche Hilflosigkeit in den Augen Gleichgltiger deutlich wird,
wie sie den Augen deiner Liebe deutlich geworden ist? Weit du nicht,
da ich bse bin aus Scham vor meiner Gte, und stolz vor
Schchternheit, und hart aus Furcht das Edelste zu teilen?

Pltzlich htte ich lachen mgen und beiden die Hnde reichen. Vetter
Eberhard sah aus, als wrde er sie nehmen. Mit heiterer Unbekmmertheit
betrachtete er mich, es war deutlich, da der Aufwand meines Verhaltens
ihn leicht befremdete; auch nicht ein Schatten vom Ehrgeiz zu bestehen,
von der Sorge zu unterliegen, trbte das kluge Gesicht. Er fragte mich
nicht mehr, da ich doch ungern zu antworten schien, auch so waren die
Welt und ihre Dinge prchtig, und Kaja schn darin. Er sprach mit ihr,
als wre ich nicht da. Seine groe Hand lag auf dem Tisch. Ich ma die
Entfernung zwischen ihr und Kaja. Was meiner Liebe horizonteweit
erschien, war fr diese Hand in der Regung eines Augenblicks erreichbar.

Vetter Eberhard hielt mir sein Zigarrentschchen hin.

Rauchen Sie? fragte er freundlich.

Ich lehnte ab, ohne zu danken.

Aber nehmen Sie doch bitte, bat er herzlich. Sie rauchen ja, Kaja
erzhlte mir, da Sie am Strand Ihre ganzen Tabakbestnde vernichtet
haben. Oder ist das zuviel gesagt?

Ich sah ihn an und antwortete:

Nein, Sie haben genau so viel gesagt, als Sie mich wissen lassen
wollten.

Wieso? -- Also Sie rauchen jetzt nicht ...

Meine Blicke gingen zu Kaja. Ich war pltzlich durch und durch von einer
groen, tiefen Ruhe erfllt. Meine Augen sahen in ihren Zgen nur ein
gleichmig-holdes Lcheln von besonnener Arglosigkeit, ihr Mund war
ein wenig geffnet und sie schien an etwas zu denken, das unsere Rede
nicht betraf. Vielleicht an Tante Mimseys leise Zurckgesetztheit, an
diese zrtliche Beachtung aller Einzelheiten, die das alte Frulein so
rhrend zur Schau trug, und die ihre Abgeschiedenheit von unserem Tun
und Sprechen zu verbergen trachtete.

Nun sah Kaja mich an und sagte:

Ich mchte dich morgen treffen, wenn du es willst, vielleicht am
Strand, wie sonst?

Wenn ich Sie nun doch um eine Zigarre bitten darf, sagte ich leichthin
zu meinem Nachbarn, ich wre Ihnen sehr dankbar. Fr den Heimweg nehme
ich sie gern.

Bitte, sagte er freundlich, aber sie ist nicht so leicht, wie Sie
vielleicht glauben.

                    *       *       *       *       *

Meine Nacht war qualvoll, und wandernde Geister der Zuversicht und Not
wechselten miteinander ab, Wolken zogen ber den Mond, der nur selten
sein klares Licht in meine Kammer warf. Der Wind rttelte an meinem
Fenster, das drftig gehalten offen stand, und ich hrte die See
rauschen. Nhe und Ferne waren wie Gestalten, die sich zu mir drngten
oder weit abrckten. Bald rang ich um Schlaf und bald um Kraft, aber
beide mieden mich und die Stimmen der Nacht wurden zu Fieberlauten und
verwandelten sich in vernehmbare Stimmen tief in mir. Was soll ich dir
gestehen, damit du mir Ruhe gibst?

Erst das heraufdmmernde Licht trstete mich, aber ich erhob mich nicht,
weil ich die langen Morgenstunden frchtete und die entkrftigenden
Schwankungen des Wartens. Ich dachte an den Schlaf, an sein schweres,
ses Kommen, an diese Wohltat des Versinkens und an den hellen Gram
seiner Tler. Unter den beinahe finsteren Baumkronen ist es khl, von
groer Weite und ziellosem Nirgendwo. Die Gedanken kommen nicht aus den
bewuten Tiefen des eigenen Sinnens, sondern sie schweben als bunte,
lautlose Vgel durch den Frieden der Fluren. Bald dieser, bald jener
lt sich auf unserer Schulter nieder und achtet auf das Lcheln des
atmenden Mundes. Es sorgt umher fr dich und mich, keiner soll sich am
Tun ermden, fern hinter uns, hinter den Bumen der Nebelstrich, das ist
der vergangene Tag.

Endlich hrte ich Han im Hause wirtschaften, die Eimer klapperten, sie
ging zum Brunnen. Ich will gehen und ihr helfen, dachte ich, und blieb
liegen und begleitete sie in meinen Gedanken. Wir wanden den Eimer, der
seinen berflu unten im Dunkeln der Brunnentiefe zurckgab, langsam
gemeinsam herauf. Han hatte ber dem Hemd nur ihren bunten, groben Rock
an, und wir drehten die Winde Arm neben Arm. Sie bckte sich ein wenig
und ich rckte ihr das Tragholz auf die Schultern, die beiden Eimer
hoben sich mit ihr und sie ging langsam ins Haus. Nein, wir sprachen
nicht, Han war noch schweigsamer geworden.

Als ich aus dem Hause trat, sah man den Mond noch. Der Horizont ber dem
Meer war von mattem, brunlichem Rot, das die Erwartung freudig hob.
Weit, gro und leer breitete die aufgehellte Strandwelt sich aus. Ich
dachte an jenen Tag, den ich emporkommen sah, nachdem ich Kaja zum
erstenmal umarmt hatte. Endlich tauchte die Sonne rot aus dem Meer, aber
die Macht ihrer Strahlen war zu gro fr meine bernchtigten Sinne, ihr
Licht betubte mich und ich schlief ein.

Ein Traumbild zog durch diesen leichten, wachsamen Schlaf: Ich sah Kaja
nackt am Strand ber den feuchten Sand laufen, dicht an der Brandung,
die ihre Schaumseen nach ihr ausdehnte, als legte sie Teppiche. Kaja
lief wild und sinnlos gegen den jagenden Wind, der ihr aufgelstes Haar
wie eine groe, gelbe Fahne flattern lie. Sie lief ein wenig
ungeschickt, und mir war, als schrie sie helle, kurze Schreie, wie ber
ihr die Mwen. Es waren zugleich Lust und Schmerz und Seligkeit, die sie
dahintrieben, bis sie sich mit hocherhobenen Armen in den Sand fallen
lie und klein und sonderbar hell im Hellen am fernen Strand liegen
blieb. --

Ich mute mich wohl dicht an jenem Ort zum Schlafen niedergelegt haben,
den Kaja mir genannt hatte, denn ich schrak von ihrer Stimme empor. Ihr
Blick in meine erwachenden Augen verriet mir, da sie mein schlafendes
Gesicht betrachtet hatte, ich fand einen Schein in ihren Augen, dem ich
noch niemals begegnet war. Es war eine wehmtige Erwartung darin, als
wenn ihr Mund ein mtterliches Wort gesprochen htte.

Hast du hier geschlafen? fragte sie mich.

La mich ins Wasser, ich schlafe ja noch.

Doch nicht hier, die ganze Nacht?

Nein, nein, Kaja, ich habe prchtig in meinem Bett geschlafen.

Bleib, wir wollen jetzt nicht baden.

Sie sah sich um.

Kaja, ich habe viel von dir getrumt, sonderbare Dinge, wieviel erfuhr
ich doch da ber dich, wie naiv du bist und zugleich wie listig, klug
und tricht, unvorsichtig und schlau, aufrichtig und versteckt. Ich
sprach rasch und beilufig, als wollte ich erst auf das kommen, was mich
wesentlich bewegte.

Kaja sah mich gro mit wachsamen Augen an:

So fge doch noch hinzu keusch und eine Dirne. Fr mich wird sich alles
zu einem Ganzen vereinen, was dir, im Traum, wie du sagst, so
willkrlich zusammengesetzt erschien, denn ich bin glcklich. Sieh, ich
meine oft, fuhr sie einlenkend fort, die Menschen haben verlernt zu
leben, sie glauben, sie drften das Leben erst >tun<, nachdem sie es
geordnet haben. Darber lassen sie die Jugend in grauer Mhe
verstreichen. Sie sind schwach, nichts als das. Sie lachte leise vor
sich hin. Im Grunde bauen sie ihre Schranken doch nur aus Angst vor der
Wahrheit des Lebens. Ich gebe zu, sie brauchen sie, aber mich la in
Ruh.

Wre die Sitte nur das, antwortete ich, so wre sie lngst zerfallen.
Sie hat eine tiefe Beziehung zum Wert des Menschen.

Warum sprichst du heute von diesen Dingen? Geh hin und sage das den
Mnnern. Ich bin ein Weib. Ich fhle mich eurer Gemeinschaft nicht
zugehrig, und solange ich keine Anforderungen an euch stelle,
versndige ich mich nicht, wenn ich gelassen nach meinem Sinn lebe.
Steinigt mich doch! Ich erlaube euch, mich umzubringen, weitere
Zugestndnisse gedenke ich jedoch nicht zu machen.

Sie hatte Kornblumen gepflckt und zerrte an den Stielen, um sie krzer
zu machen.

Warum sagst du das so hart und hlich, Kaja? Das alles ist es ja
nicht, wenn du mich doch einmal anhren wolltest. Weit du, was du tust,
wenn du dich auerhalb der Sitte stellst ... verzeih, habe ich dich
gekrnkt?

Was ich tue, fragst du? Ich tue, was ich bin. Sie zog die Hand ber
ihr Haar und runzelte forschend die Brauen.

Oh, Kaja, da du immer noch glaubst, ich wollte dich ndern, dich
bessern. Ich liebe dich!

Wie schrecklich! Halb scherzhaft, halb befangen verfolgte sie die
Wirkung ihres kaum gewollten Worts, bereit es zu mildern.

Ja, Kaja, es ist schrecklich. Was wei dein Herz davon. Du sollst mich
anhren, weil ich nicht schweigen kann und reden mu, aber ich spreche
nicht in der Hoffnung, dich zu bestimmen. Ich wei, wer du bist, aber
ich wei auch, wer ich bin. Und ich fgte in meinen Gedanken hinzu:
Tricht bin ich, tricht.

Sag es doch gleich, was ich bin, antwortete Kaja, fge doch hinzu,
da du glcklich wrst, wenn du mich verachten knntest.

Du bist klug wie Feuer.

Ist das Feuer klug?

Auf seine Art. Wer das Feuer anbetet, wei nichts von der Liebe.

Leuchtet es nicht?

Ja, indem es wahllos verzehrt, was es zu seinem unruhigen Dasein
braucht. Es >versteht< gleich dir alles, was es braucht, und alles, was
es hindert.

Was du dir doch fr sonderbare Gedanken machst, sagte sie, einen
Augenblick kindlich betroffen. Du bist ein gefhrlicher Mensch, du
raubst der Natur ihre Ruhe.

Ja, Kaja, ja, auch der meinen, bis ich ihren Sinn begreife. Ich bin ein
Mensch, sonst nichts. Glaubst du denn, ich klagte dich an, um mich zu
verteidigen, oder um zu meinem Recht zu kommen? Nein, nein, es ist
umgekehrt und wird bis zu meinem letzten Atemzug so sein, da ich mich
gering mache, um zu rechtfertigen. Es soll nichts von mir gelten, als
da ich hier keine Ruhe fand, und da ich mich nie beschied. In solcher
Auflehnung gegen die betrgerische Standhaftigkeit des Vergnglichen
beginnt das Menschenbewutsein, erhebt Gott, die Liebe, in uns ihr
Wirken. Ich habe einen neidlosen Blick ewigen Abschieds auf die
Lebensbereiche derer geworfen, die sich kampflos und begngsam
bescheiden. Wenn ich im Leben einen Todfeind haben werde, so ist es ihr
Frieden, wenn ich etwas zerstren werde, so werde ich ihre Ruhe
zerstren, wenn meiner ein Kampf wartet, so ist es der Kampf gegen ihren
Gott, der ihre Huser schirmt und ihren Geist ttet. Eine furchtbare
Macht wird auf meiner Seite sein, himmlischen Heerscharen vergleichbar,
das ist die Jugend ...

Ich schwieg erschrocken. Kaja sah mich mit einem Blick an, der tief
sank, ich kann ihn nicht schildern. Mein Herz blutete darunter, denn ich
fhlte eine Zustimmung voll heiliger Fremdheit und einen Abschied ohne
Gemeinschaft. Aber sie wute es nicht, sie sagte:

Du sprichst wie zu einem Feind. Wir sind doch allein.

Weshalb sagst du das?

Nur so ... ich habe dir ja auch zugehrt. Aber ist Gott, oder die
Liebe, wie du sagst, nicht Ruhe? Wie willst du zu ihm kommen?

Er wird zu mir kommen, Kaja, er wird, er wird!

Ein Schleier von Traurigkeit sank auf ihre Stirn, er schmerzte mich, als
sei meine Hoffnung unshnbar und eine ewige Schuld.

Ich wre glcklich auf deine Weise, Kaja, wenn ich dich miachten
knnte, wenn ich dich nehmen und genieen knnte, wie du genommen und
genossen sein willst. Ich kann es nicht. Erst wenn ich mich gebe, glaube
ich. Sieh, mich selbst knnte ich vielleicht sogar fortwerfen in Taumel
und Rausch, aber meine Liebe nicht. Sie steht mit lauter Klage vor
deinem Wesen auf, sie sucht die Augen ihrer selbst, ihren einzigen
Blick, und macht mich ungewi und ruhlos bis zur Marter. Ach, wie arm du
bist, wenn du glaubst, ich vermite bei dir ueren Anstand oder
Einschrnkung, ich suche bei dir das Eine, das nie Aussprechbare. Es ist
nicht Zuversicht, nicht Ruhe, nicht Heimat, alles das ist zu wenig, es
gibt kein Wort. Das Wesen schweigt und wei ... ich mu wieder fort,
Kaja.

Aber wenn es so ist, sagte Kaja sinnend, indem sie meine letzten Worte
berging, so mte doch dein Hinnehmen nicht abhngig sein von meiner
Tugend oder Untugend.

Wie wahr du sprichst, nicht mein Hinnehmen, aber meine Hingabe ist
davon abhngig! Nicht jenes Glck, von dem du sprichst, und das du reich
und beseligend austeilst, nicht jenes Glck, das du bist, sondern ein
anderes, das ich zugleich bin und suche, es heit Glaube. Du fllst mich
mit Trauer und Unruhe, mit einem leidenden heien Heimweh nach ewigem
Bestand.

Sie sah mich unruhig und bse an.

Nun mache mir noch einen Heiratsantrag, rief sie ungeduldig.

Du hast recht, sagte ich und erstarrte. In diesem Augenblick begriff
ich, da ein Mensch einen anderen zu tten vermag. Aber gleichzeitig
fhlte ich meine Liebe zu diesem Mdchen so bermchtig, da ich die
fernen blauen Berge wie Tand und Plunder htte dahingeben knnen und
Gott kreuzigen, fr eine einzige Berhrung dieses lieblichen sen
Scheins, der auf ihrer nackten Schulter lag und im Fall ihres hellen
Haars. Aber weder die Berge noch der holde Schein weichen im Frhling
auf unser Gehei von uns.

Da fhlte ich mit Zittern und tiefer Furcht, da ich dieser Welt niemals
anders Herr zu werden vermchte, als indem ich sie ganz erlitt.

Ich verlie Kaja und schritt in der leicht verschleierten Sonne auf das
Dorf zu. Die Mwen flogen ber den Wellen und der Horizont ber dem
Wasser verschmolz in zartem Nebelblau mit dem Himmel, in der Ferne waren
Meer und Himmel eins, nicht wie in der Nacht die Dinge verschmelzen und
ineinander bergehen, sondern im Licht, in einem Glanz, der nicht
blendete. Ich bin wie jenes trichte Kind, dachte ich, das ruhlos
wanderte, um den Ort zu finden, wo die Kuppel des Himmels die Erde
berhrt.

Ich wute nicht mehr, da in der Scheidung von Himmel und Erde der Trost
liegt, und nicht in der Mischung, wie fern war doch Asja mir gerckt,
wie ein Traum. Ich versuchte, an sie zu denken, aber sie entglitt mir,
ernst, ohne Lcheln. Es war mir wichtig, mir klarzumachen, da meine
Betrbnis daher stammte, da sie mir verloren war, aber ich wute in
heimlichen Grnden der Seele, da ich mich nur deshalb grmte, weil nun
Tage vergehen wrden, an denen ich Kaja nicht sah, und da sie nicht
allein sein wrde.

Ich hing meine Blicke an die weien Sommerwolken, die ber dem grnen
Bogen der Landschaft, im Blauen, auf das Meer zu wanderten, aber die
Betrbnis, die mich qulte, lie sich nicht auf den hellen Wegen der
groen Himmelswanderer entfhren. Und ich dachte, vor Schmerzen blind
und taumelnd: Es mu etwas geben, es mu etwas geben ... warum qult
mich mein bergroes Glck so sehr? Ich mchte es halten und festigen,
ich mchte ihm ewige Gestalt geben, ich mchte es Gott ans Herz legen
und mchte es glauben, ohne Zweifel und ohne Not. Ich mchte es glauben,
wie das Wasser zu Tal rinnt, oder wie das Licht scheint, ich mchte es
sein ohne Trennung, ach, wieviel ist ein Glck wert, das ich habe, das
in mir oder bei mir ist, von dem ich sage: Ich und mein Glck. Ich will
es sein, ganz sein! Es darf keine Macht im Himmel und auf der Erde
geben, die es betasten oder verletzen knnte, ich mu um meines
Liebesglcks willen zu Gott werden, sonst sterbe ich vor Ungengen und
Traurigkeit.

So dachte ich in jenen Tagen, ich dachte und empfand, wie in
Frhlingstagen, in denen zugleich die Sonne scheint und warmer Regen
niedergeht, in denen der Acker taut und keimt, in denen die Quellen der
Berge sich im Land trben und die Morgensonne im Nebel aufgeht, in denen
im heiligen berschwang unzhlige Blten aufbrechen und dahinsinken, die
nicht bestimmt waren, Frchte zu tragen.

Heute wei ich, da der Frhling des Bluts und der Seele in jener holden
Ungewiheit verstreichen soll, die uns mit Ungeduld und unstillbarem
Verlangen erfllt, und da seine Qualen und Seligkeit die Ahnung des
Scheidewegs sind, an den wir alle kommen. Der Scho der Erde, die warme
Brust der Mutter, die Sigkeit unseres Traums der Zugehrigkeit zu
ihrem dunkeln Reich der Entstehung liegt im ersten Streit mit dem
Widerschein des Geistes, des Vaters, zu dem wir berufen sind, bis das
Vergngliche und das Unvergngliche sich wie Erde und Himmel vor den
Augen unserer Seele ffnen. Das ist der Scheideweg, die Stunde unseres
Abschieds von der Mutter, um zum Vater emporzufinden.

Was uns die Mutter versprochen hat, kann sich nicht nach unserem
Kindersinn erfllen; Maria weint ohne Hoffnung unter dem Kreuz und kennt
den auferstandenen Sohn nicht wieder. Aber die Forderung des Sohnes ist
gro in uns geworden, sie trgt kein Verlangen mehr danach, sich im
Vergnglichen zu bewhren, dessen Schnheit nur ein Gleichnis der
Wahrheit ist. Aber je weniger die hohe Forderung sich im Vergnglichen
bewhren kann, -- ach snke doch diese Wahrheit in alle Herzen! -- _um so
mchtiger_ blht ihr Glanz _ber_ der Welt auf. Weil es auf der Erde
nicht hat sein knnen, wie ich gefordert habe, deshalb fordere ich
dreifach und hundertfach! Und wunderbar! Indem ich nicht ruhe, und mein
heiliger Eifer berhand nimmt, strahlt mir die schne Welt der
vergnglichen Erscheinungen entgegen, als sprche sie: Bin ich nicht
doch erfllt, nur deshalb, weil du, aus mir stammend und mir zugetan,
nicht aufgabst zu fordern?

                    *       *       *       *       *

Als ich nach einigen Tagen, die ich mit Ldersen und Han verbrachte,
nachts in den Garten des Wasserschlchens schlich, kaum noch ein
Mensch, hrte ich Stimmen in Kajas Zimmer. Tante Mimseys Ba hat sich
verdunkelt, dachte ich und beschlo zu warten, bis es oben still
geworden war. Die Bsche waren vom Regen na und es trpfelte aus dem
Ahorn auf mich nieder, die Khle der Sommernacht war voller Gerche, und
jeder barg ein Lebensgeheimnis voll mtterlicher Sanftmut. Wohl waren
die Blten vollendet, aber ihr Odem lag noch ber den wachsenden
Frchten der Pflanzen, eine Erinnerung voller Hoffnung und Schicksal.

Wie ein Irrlichtschein klang Kajas leises Lachen durch die nassen
beschienenen Bltter zu mir nieder, aber mit diesem Klang kam mich ein
schauriges Frieren an, es legte sich wie Eis um mein Herz. Mir war, als
ob dieses unnennbare, zitternde Lachen nicht durch Mund und Augen aus
ihrer Seele brach, sondern wie ein Flimmern von ihrem nackten Leib
aufstieg, der in einer furchtbaren Weise preisgegeben sein mute. Wie
glhende Schneiden zog es durch meine Glieder und hemmte den Kreislauf
meines Bluts, als stockte der Schlag der Adern in Glassplittern und
Funken.

Selbst die grte Wachsamkeit der Sinne wird den Schrei des Schmerzes
mit einem Jubelruf verwechseln knnen, den Seufzer der Erhobenheit mit
dem Sthnen der Schmach, das Ja mit dem Nein, wenn es Leben oder Tod
gilt, aber das Ohr der Liebe erkennt ohne zu irren in der Stille der
Nacht oder im Trubel des Marktes dies eine, dies unfabare und doch so
berdeutliche Vibrieren im Odem eines Weibes, dessen Sinne das unheilige
Feuer der Lsternheit entzndet hat.

Und nun hrte ich die zrtliche, werbende Stimme eines Mannes, jenen
tiefen singenden Klang, der dem Ohr des Mannes zu den qualvollsten
Geruschen des Lebens gehrt, und den er an sich selbst nicht ertragen
knnte, wenn er ihn nur einmal mit Bewutsein vernhme. Ich entsinne
mich, da eine verlorene Nacht leichtfertiger Lustbarkeit mich viel
spter im Leben mit einem Mdchen zusammenfhrte, um dessen billige
Gunst der Stunde ich in der Haltlosigkeit eines leichten Rausches warb,
und ber deren Schulter ich im Spiegel fr einen kurzen Augenblick mein
unbewachtes Gesicht sah. Ich versteinerte ber diesen Zgen und floh wie
vor einem geisterhaften Todfeind in die Nacht hinaus.

Aber sonderbar, waren diese Gerusche ber mir zu deutlich, zu wahr,
als da ich sie schon im Bewutsein verstand? Gibt es eine
Wahrnehmungsfhigkeit des Gemts, rascher als die der Sinne, und sind
wir zuweilen eines Schicksals teilhaftig, bevor es uns betrifft? Es kam
mich ein unterweltliches, sonderbares Lachen an, ein Lachen von grauser
Unbeteiligtheit, urteilsreich, gerecht und mitleidig. Arme, kleine Kaja,
lachte ich vor mich hin, hat es dich in den Krallen und schttelt es
dich, arme Verlorene du, in der bunten Sigkeit deines Irrtums? Und
ber diesem Geschehen in mir erwachte jhlings etwas wie eine gutmtige
Hilfsbereitschaft: Du Menschenschwester da oben, du lieber Irgendwer.

Dann hob mich der stille grause Geist des Geschehens in eine andere
Sphre der Betrachtung: Sie hat einen Kerl bei sich, einen Mann im Bett,
heimlich bei Nacht, wie ein Dienstbote, wie ---- wie einst mich. War ich
nicht auch ein solcher Bote im Dienst ihrer Vergngungen gewesen? Und
nun hockte mir ein Gespenst in der Brust und versuchte, mir die
Trostbrocken einer jmmerlichen Richterlichkeit zuzuwerfen. Aber wohin
sollte ich mich wenden? ber dieser Hilflosigkeit empfand ich, da ich
allein auf der Erde war, mehr, tiefer und erfahrener als je zuvor, aber
ich mochte mich in die Leere selbst dieser Gewiheit nicht flchten,
sondern begann leise ein Lied zu pfeifen, das wir in der Schule hatten
singen mssen.

Es wurde sonderbar still ber mir, dann kamen von einem Menschen, der
sich im Zimmer bckte, zwei Hnde zum Vorschein und zogen langsam und
leise die beiden Fensterflgel zu. Eine glserne Wand war zwischen mir
und Kaja entstanden, fr immer.

Wer in dunkler Nacht bei einem Ungewitter durch einen Wald gegangen ist,
vermag wenig Einzelheiten in seinem Gedchtnis festzuhalten, weil die
Bilder unvorhergesehen wechseln, und die Kraftschlge der Wetter wohl
ein neues, aber ein kaum vom vorhergegangenen unterscheidbares Bild der
Natur hervorbringen. Es ist die grell, in bengalischem Grn aufflammende
Waldwildnis, ein von Dmonen entfachtes und entzndetes Weltenangesicht,
dessen Bildnis im Strom der niederschttenden Wasser und im betubenden
Krachen des Donners verwildert. Der neue Eindruck folgt so rasch dem
kaum erfaten, da sie einander ihr Recht in unserem Geiste bestreiten
und zu einem einzigen Gesamtempfinden von Grauen, Angst, Ergriffenheit
und Andacht verschmelzen. Wohl bleibt hier ein durchleuchteter
Wassersturz, dort eine wirr aufstrzende und wild gepeitschte
Baumkronenwolke in unsern Sinnen haften, aber wir werden zu stark von
allem aufgenommen, zu hilflos in die Elemente verwoben, als da wir ihr
Beschauer und Beurteiler blieben.

So wei ich wenig aus den Nachtstunden, die meinem Erlebnis vor Kajas
Zimmerfenster folgten. Es war schon morgendmmrig, als ich in mein
Fenster einstieg. Im unsicheren Licht sah ich, da Han sich vom Boden
erhob und zitternd vor mir stand.

Lieber ... sagte sie wie im Traum und schwieg bebend.

Was will nur Han zu dieser Stunde in meinem Zimmer? dachte ich. Han ist
die Hausgenossin eines Fischers am Meer, am Meer, an dem ich weile, aus
diesem oder jenem Grund des Weltwillens, der in meinem Ich waltet.

Geh, Han, und schlaf.

Sie faltete die Hnde und rang sie, gebeugt, ber ihren Knieen.

Es wird schon Morgen, kleine Han. Man sieht das Frhlicht auf deinem
Scheitel, der hell schimmert.

Ja, sagte sie gehorsam und dann stockend: Du bist traurig ...

Ja, Han, ich bin traurig, gewi, sehr traurig. Auch traurig wird man
zuweilen, nimmt dies und das, ein Mensch, wie es kommt.

Dort steht Brot und Milch, sagte sie hilflos, so i doch, strke
dich, ich habe Angst, aber ich wei nicht warum.

So stand sie da, hell und unwirklich, ein matter Lichtschein in der
leeren Morgenstunde im dmmrigen Raum. Ich sah sie an und hrte ihre
Worte, und es lief mir aus den Augen ber mein Gesicht und tropfte auf
den Boden in der Stille, so da ich es hrte. --

Als ich am Margen erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Ihre
Strahlen sanken schrg an meinem Fenster vorber und streiften die
Hauswand, an der farbige Bohnen blhten. Eine der Blumen, an einer
beweglichen Ranke, sa wie ein kleiner Schmetterling aus Feuer und
schaukelte sich im tiefen Himmelsblau. Aus dem Garten klang die Stimme
Ldersens und verstummte, es herrschte drauen wieder die groe
Sonnenstille des Sommers.

Ich ging ans Meer und wusch mich. Das Boot war neu geteert worden und
duftete so stark, da sein Hauch mich wie eine Glutwelle berfiel. Das
Wasser flsterte kaum vernehmlich, die Wogen liefen trge und klein
nacheinander heran, niedrig und zgernd, wie von der Lichtflut
schlfrig gemacht. Ich sah zum Wasserschlchen hinber und erblickte
fern zwei zierliche Gestalten am Ufer, Kajas rote Kappe leuchtete, und
hinter diesen bildhaft feinen, fernen Strandfigrchen war die Weite
lichtblau und verschwommen, ein Traumtal ohne Ende.

Ich ging ins Haus zurck und rief Han, die im Garten arbeitete.

Heute Nacht ... vergib, sagte sie, als sie schchtern eintrat, ich
wollte nur ...

Hast du Geld, Han?

Geld?

Antworte.

Ich habe nicht viel zur Hand, ein paar Mark in der Kommode.

Und anderswo?

In der Kreisstadt habe ich auf der Sparkasse mehr als hundert Taler.

Gieb mir das Buch fr die Sparkasse.

Ihr Angesicht hellte sich auf, als brche die Sonne ins Zimmer.

Ach, seufzte sie nur und prete mit einem glcklichen Lcheln ihre von
der Gartenerde rauhe Hand auf die Brust. Gleich, sogleich, aber geh
derweil nicht fort.

Ich sah den Boden an, bis sie zurckkam und mir das schmale Heft gab,
das sorgfltig in eine Zeitung eingewickelt und mit einem Bndchen
verschnrt war.

Kommst du wieder? fragte sie.

Ich nickte, nahm das Buch und ging fort.

Es waren fast zwei Stunden Wegs bis zum Stdtchen, es ging zwischen
Knicks dahin, ber die reifenden Kornfelder, auch hier und da durch
Wald. Ich sah Windmhlen munter am Werk, und hrte die Stimmen der
Goldammern. berall war das Vieh drauen. Unterwegs sagte ich mir, da
ich Hans erspartes Geld nicht nehmen drfte, aber woher sollte ich die
Mittel erlangen, um den Plan ausfhren zu knnen, der mich beschftige?
Und war es mir denn ernst mit diesem sonderbaren Plan, der sich meiner
bemchtigt hatte, als liee sich ein fremder bunter Vogel auf der Tenne
eines Bauernhauses unter den Vgeln der Heimat nieder? Ich wute nicht,
ob es mir ernst mit meinem Plan war, wie ich denn berhaupt nicht wute,
was ich tat, und ein Verbrechen so leicht und unbedacht htte
vollbringen knnen, wie eine gute Tat. Eine gndige Fhrung meines
Geschicks lie mich an jenem Tag diesen Weg finden, fort von der Sttte
meiner Schmach und Schmerzen, gaukelte mir ein trichtes und einfltiges
Beginnen als eine Errettung vor und hielt mich im Bann der armen
lcherlichen Tatkraft meiner verwundeten Hoffnung, um mich so vor einer
Untat zu bewahren, die mich htte verderben knnen.

Als ich den Ort erreicht hatte, erhob ich die Geldsumme und erstand mir
Kleider, Wsche und Schuhe, alles, dessen ich bedurfte, um der ueren
Erscheinung nach in einen Stand erhoben zu werden, dessen Ansehen mir,
an mir wahrnehmbar, so wichtig erschien wie mein Leben. Ich erschrak,
als ich mich nun in einer spiegelnden Scheibe erblickte und zog den Hut.
Es fehlte mir jetzt nichts mehr, sogar ein paar Handschuhe besa ich und
einen Stock mit verziertem Griff. Gegen Mittag sa ich an einem alten
Steinbrunnen am Markt, im Schatten der Kirche und bemerkte pltzlich,
da ich weinte. Darber mute ich lachen, und ich bemhte mich, diesen
Umstand der Trnen zu verbergen, der mir an mir, dem Fremden, peinlich
auffiel. Am liebsten htte ich mich mit den Vorbergehenden ber diesen
Fall in ernsten, gehaltenen Stzen ausgesprochen, und ich wrde es wohl
verstanden haben, mich, wie einen anvertrauten Schtzling, an den mich
eine beilufige Teilnahme band, in das rechte Licht zu rcken. Man wrde
mich angehrt haben, dessen war ich gewi, denn wer verweigert einem
wohlgekleideten jungen Menschen jene flchtige Aufmerksamkeit, die die
Hflichkeit vorschreibt, wenn er sittsam zu sprechen versteht?

Aber ich trachtete nur danach zu verbergen, was mir geschah, und ein
heiteres Angesicht zur Schau zu tragen. Auf dem Heimweg schreckte mich
der Staub der Strae, weil ich um meine Schuhe in Sorge war. Ich zog sie
aus, um sie zu schonen, sie waren auch zu eng. Es mochte gegen vier Uhr
sein, als ich wieder in Ldersens Fischerkate anlangte, er war zum
Fischfang drauen und Han empfing mich unter der offenen Tr des Hauses.

Oh Gott! rief sie, ja! ja! Sie schlug jubelnd die Hnde zusammen und
wagte nicht mehr, mich mit du anzureden.

Sind Sie jetzt frhlich? fragte sie stockend und schlug ihre Augen
nieder, um ihr Glck nicht zu verraten.

Aber ihre Hoffnung peinigte mich, ich erschrak vor einer in mir
aufkeimenden Mglichkeit zu einer Bescheidung, ich frchtete ihre
Zustimmung und Freude und mir graute davor, da ein Trostschimmer in mir
aufflammte, als riefe ein freundlicher Lebensgeist mich zurck, und als
gbe es im Schatten der Begngsamkeit noch Lebenspltze. Aber schon ein
einziger Gedanke, der mich zu mir selbst htte fhren knnen,
erschtterte mich grausam, da er mich an die Abgrnde der heimlichen
Gewiheit fhrte, die mich langsam verzehrte. Ich darf nicht denken,
dachte ich, es gilt doch, mein Eines zu retten. Und pltzlich erbebte
ich vor Zorn ber dies Glck um dessen willen ich meine Gedanken tten
sollte.

Ich gab Han das Geld, das ich nicht gebraucht hatte, sie erschrak
heftig, weil es ihr, nun, da sie es vor Augen hatte, weit mehr erschien,
als es ungeteilt, in ihrer Vorstellung gewesen war. Mit einem unbewuten
Lcheln der Betrbnis gegen meine Bereitwilligkeit es zurckzugeben,
barg sie es, als wollte sie sagen: Ich heb es fr dich auf. Es gehrte
nicht mehr ihr und niemand durfte ihr Glck schmlern.

                    *       *       *       *       *

Wenn ich heute, um sie niederzuschreiben, an die Erlebnisse denke, die
nun folgten, so ist mir zumute, als sei ich, der heute schreibt, der
gleiche, der einst neben mir herschritt, als ich zum Wasserschlchen
ging, nicht aber der, der alles selbst erlebte. Denn ich war nicht eins
mit mir, wie wir es sind, wenn wir einfach, unbewut und frohsinnig
dahinleben, sondern ich war wie aus mir vertrieben und sah mich mit
spottenden Augen dahinschreiten. Auch heute sehe ich mich noch
dahinschreiten, aber meine Augen spotten nicht mehr. Wohl denen, welchen
mit der Erinnerung Freiheit entsteht und nicht Bitterkeit, Verstehen und
nicht Reue. Nur der Leidenschaft ist diese Wohltat der Erinnerung
vorbehalten und nicht, wie die meisten Menschen glauben, der
mattherzigen Anteilnahme der Beweglichen. Nur aus wahrhaftiger Glut und
Trnen steigt uns die Lebensform der Vergangenheit auf, die uns nie
beschmt, weil wir unser Wachstum darin erkennen und das Gesetz unseres
Daseins.

Mit den Schmerzen aber ist es mir anders ergangen, als den Menschen, die
ich kenne und die ich oft darum beneidet habe, da sie sich ihrem
Schmerz ganz hinzugeben vermochten. Sie knnen schwer verlieren und
leicht vergessen, aber ich kann leicht verlieren und schwer vergessen.
Wozu mag es wichtig sein? Sagt es mir und euch, denn ich mag nicht
darber sprechen. Auf einem schnen Bildwerk des spten Mittelalters sah
ich einst einen Mann, der an einen Pfahl gebunden, und dessen Krper von
Pfeilen durchbohrt war. Er lebte, und seine ruhigen Augen schienen seine
Peiniger zu betrachten. Mir war, als msse ich die Pfeile aus seinem
Krper ziehen, damit das erstrzende Blut ihm Erlsung verschaffte, aber
ich wute, da seine Augen sich dann schlieen wrden, darum wollte ich
es nicht, in meinen Gedanken, denn ich beneidete ihn glhend um das, was
er sah. --

So schritt ich denn im Nebelkleid der ungefaten Seele am Strand dahin,
den ich gut kannte. Die schwarzen Rippen des alten Wracks starrten aus
dem Sand empor und fern in den Hgeln erkannte ich, als ich schon dicht
am Garten des Wasserschlchens war, Kajas vergessene Staffelei, ein
kleines zierliches Gerst. Ich beschlo vom Meer her in den Garten
einzudringen, da mich dort die groen, verwilderten Baumgebsche noch
eine Weile schtzten.

Als ich den Schatten kaum betreten hatte, hrte ich Kajas Stimme in der
Nhe und blieb stehen. Ich erblickte sie neben Eberhard unter einer der
Buchen, deren Stamm von einer runden Bank umzogen war, und auf der ich
am Tage meiner Ankunft mit Tante Mimsey gesessen hatte. Sie trug ihr
leichtes helles Kleid aus ockerrotem Seidenbattist, und ihr Haar war nur
flchtig, in einem feuchten Knoten, tief zwischen den Schultern
gehalten. Offenbar kam sie vom Baden, denn sie hatte nackte Fe und
trug ihre rote Kappe in der Hand. Wrme und Sommerwesen hllten ihre
Gestalt sonderbar ein, die helle Farbe ihres Kleids verwob sich mit dem
Licht, das in Goldflecken durch die Bltter fiel, und die schlanke Flle
ihres Krpers schien unbedeckt, so vernehmlich und fhlbar war sie allen
Sinnen, denen die Augen nur eine arme, trgerische Hilfe gewhrten. Ich
sprte ihren Duft und hrte den Schlag ihres Bluts, ich schmeckte die
bleichen Schatten dieses Leibes und trank den Ausdruck ihrer Zge wie
Wein.

Das fehlte mir, Schwesterchen! rief Vetter Eberhard mit bser, ein
wenig verschleierter Stimme. Ich bin nicht dein Narr, und deine Spe
gefallen mir nicht. Fr wen hltst du mich? -- Wo warst du?

Er stand mit gespreizten Beinen da, in einer Haltung, zu der ihn sein
schmucker Reitanzug zu verpflichten schien, halb abgewandt und den
schnen Kopf schrg nach ihr hinbergerichtet, so da ich sein
jugendlich khnes Profil ber seiner Schulter sah.

Kajas Antwort vernahm ich nicht, sie gab sie auf ihre leise Art, eher
mit dem ganzen verhaltenen Wesen als in Worten deutlich, und sonderbar
schchtern, unterwrfig wie aus Anteillosigkeit, aber zugleich
herausfordernd. Bat sie denn um etwas? Die weiche Anmut ihrer Geste war
betrend, von der ganzen berlegenheit ihrer Lieblichkeit getragen und
hilflos im unbestrmbaren Anstand ihrer Zurckhaltung.

Du verkennst deine Stellung, Kleine, sagte der junge Mann barsch. Ich
habe mir deine Kammertr nicht geffnet, um von dir eingeschlossen zu
werden. Glaubst du, deinesgleichen sei mir im Umgang neu und ich mache
mir aus deinem Hemd einen Betschemel? Du bist eine Dirne! Was dir noch
fehlt, ist, da man es dir deutlich sagt, damit du endlich zum Genu
deiner Freiheit kommst. Das willst du! Und das ...

Er hieb ihr mit diesen letzten Worten seine Gerte ber die Schulter ...
wieder, ein drittes Mal. Er stand da wie aus hartem Holz, unbeweglich.
Lau und hell, ohne Laut und wie gebrochen sank Kaja an seinen Knieen
nieder, umschlang deren eines und drckte ihre Lippen fest und hei
darauf.

Schner ... Lieber, sagte sie deutlich und hob den Blick zu ihm empor.

Nicht jmmerlich werden, meine Kleine, antwortete er, wir wollen im
Stil bleiben. Steh auf! Komm mit!

Er nahm sie und trug sie halb in seinem Arm, sie so fest umschlingend,
da ihr das Gehen beinahe unmglich war, aber so schien es ihm recht zu
sein. Wie ein nachsichtiger Sieger neigte er sich ein wenig zu ihr
herab, verchtlich und gierig. Aber so gewaltttig sich mir in Handlung
und Erscheinung das Bild seines Triumphes darbot, sah ich ihn doch als
einen gefgigen Sklaven und bebte vor Kajas Macht. Das willst du! Und
das ... klang sein Wort an sie in mir nach, wie der Anprall eines
Steins im zerspringenden Glas nachklingt. --

                    *       *       *       *       *

Am anderen Tage traf ich Kaja allein am Strand, sie sah, da ich mein
Bndel und meinen Stock bei mir hatte. Ich war stundenlang um das Haus
geirrt, um sie zu finden.

Du gehst? fragte sie.

Ja, Kaja, ich gehe.

Also weit du. Sieh, ich mchte nicht ...

Sie sah mich an. Ihren Blick werde ich nie vergessen, solange ich lebe.

Wir lieen uns auf einem Sandhgel nieder, ich begann damit, denn ich
vermochte mich nicht mehr aufrecht zu halten.

Wohin du wohl berall kommen magst, Lieber, dir steht die Welt offen,
nichts ist dir verschlossen, und vielleicht bringst du es zu etwas. Wer
wei ...

Ich werde wohl noch lange wandern, Kaja, vielleicht immer. Es ist mir
nicht gegeben, in Bescheidung zu verweilen, und welche Gaben meiner
Natur erlaubten mir auch ein Freund meiner Gefhrten zu werden? Wir
haben viel miteinander gesprochen, und ich habe dir manches ber mich
gesagt, heute verlangt mich nicht danach zu reden, auch ist es wohl so,
da man ber sich einem Menschen nicht viel mehr zu sagen vermag, als er
selber sprt.

Ja, das ist wahr, meinte Kaja.

Es war ein trber Tag geworden, doch regnete es nicht, aber das Meer
ging bewegt, und sein Rauschen fiel in unsere Stimmen. Kaja schien
leicht zu frsteln, denn sie war sommerlich bekleidet, und ihre Arme
waren unbedeckt, wie auch ihr Hals und Nacken, die das blonde Haar
trugen, das heute khl und farbiger wirkte und so schwer wie ein
lebendiges Gut.

Ein Ziel hast du wohl nicht, ein bestimmtes ... oder?

Sie lchelte, als bedrfe ihre Frage der Nachsicht, und ihre Augen,
unberhrt wie die eines Kindes, senkten sich und schienen ohne Eifer zu
warten.

Tante Mimsey mchte dir Lebewohl sagen, sie bat mich, es dir zu
bestellen. Willst du ihr nicht noch die Hand drcken? Sie hat dich sehr
ins Herz geschlossen.

Wei sie denn, da ich fort will?

Ach so. Ja. Ich habe es ihr gesagt ...

Du hast es ihr gesagt ...

Wenn man den Weg ber unser Dorf nimmt und sich nach Westen hlt, so
kommt man in eine schne Gegend, die bewaldet ist und Seen hat. Ich war
mit einem ... mit einer Freundin einmal dort, und wir verlebten schne
Sommertage. Freilich, das Meer ist es nicht ...

Ich kenne solche Gegenden wohl, Kaja, wer so viel unterwegs ist wie
ich, der sieht mancherlei. Solche Orte haben Beschaulichkeit und
Besinnung fr sich, und man verweilt an ihnen, wie um sich zu sammeln
oder zu rsten, nicht eben ungeduldig, aber voll ungestillter Erwartung.
Solche Wohltaten befriedigen mich nicht, obgleich ich sie zuweilen
aufsuche und ber mich ergehen lasse. Die lauen, stillen Wasser
erfrischen nicht, und zuweilen ist mir unter diesen Bumen, als mte
ich mich auf ihre Wipfel stemmen, um hoch ber sie fort in die Runde zu
schauen. Nein, das Meer ist es nicht.

Mich drngt es jetzt oft in die groen Stdte, meinte Kaja nach einer
Weile. Mit meiner Mndigkeit werde ich unabhngig sein. Hier ist es
still und langweilig.

Ein weier Schmetterling flatterte heran, lie sich eine Weile vor uns
auf einen Halm des zhen Deichgrases nieder und gaukelte dann auf das
Meer hinaus. Er entschwand bald unsern Blicken, die ihm folgten. Kaja
lie den trockenen Sand durch die Finger gleiten.

Dir wird es an nichts fehlen, nahm sie nach einer Weile die
Unterhaltung aufs neue auf. Wieder begleitete ein haltloses Lcheln ihre
Worte, und diesmal war mir als verscheuche sie in ihm etwas wie eine
flchtige Regung des Kummers. Es mute wohl so sein, denn sie fuhr
langsam fort: Vielleicht haben manche Strke, aber du hast etwas
anderes. Ich mchte dir gern etwas darber sagen, aber wie soll ich es
tun? Ich unterlasse es nicht, weil ich es fr unntz halte, sondern weil
ich es nicht kann. Mchtest du doch scheiden und glauben, ich sei
glcklich; wenn du das knntest, wie schn wre das. Ich wei, da du
keine Ruhe hast, bevor du nicht gut von andern denken kannst, das ist
deine groe Unruhe. Aber nun mu ich fort. Gute Reise, Lieber.

Wir gaben uns nicht mehr die Hnde, sondern wandten uns ab, und ich
schritt davon, ohne mich umzusehen. --

Ja, das war nun einmal ein Gehen, immer Fu vor Fu, als trte ich eine
sinnlose Maschine. Ich mu wohl zu Boden geschaut haben, denn ich sehe
noch heute den Sand des Strandes und dann die graue Bahn der Strae
unter mir flieen. Staublinien und Furchen, kleine Steinchen,
Lichtflecke und auch schon herabgesunkene Bltter, da der Sommer
vorgeschritten war. Ich hufe und mehre etwas zwischen ihr und mir,
dachte ich, es wird langsam, mit jedem neuen Schritt grer. Ich blieb
stehen, ohne den gefesselten Blick zu wenden und lauschte auf etwas. Es
waren die Stimmen der Natur, jene Laute, die wir lngst gewohnt sind zu
berhren, die Wanderstimmen der Luft und das Flstern von Pflanzen,
Insektensummen und das leise Regen des Wassers in der Sommerstille. Auch
erklang hier und da ein Vogellaut. Auf der Erde bin ich, dachte ich, ach
knnte ich sie, die unerreichbare, unbersehbare, zwischen dich und mich
legen. Aber du sollst nicht sinnen, mein Haupt, nicht pochen, Herz, ihr
tragt schaurige Ungewitter von Bitternis und Zorn, Schmach und Wut, und
ich darf nicht vergessen, ich darf nicht vergessen!

Ich kann nicht umkehren und kann nicht vergessen. Der eine Fu am Boden
rief mit dumpfem Aufschlag: Vergessen! der andere rief: Umkehren! Und
mir war, als mte ich diese Rufe wie Steine, Wort fr Wort auflesen,
sie huften sich als ein Berg in meiner Brust, und ich mute die Last
schleppen. Wie licht hat es mir doch durch manche Trne des Abschieds
einst geschimmert, aber nun wird es umher dunkler und dunkler.

Das Licht versank, es wehte khl aus dem Wald, der mich aufnahm. Ich
schritt tief gebeugt, und meine Hnde hingen herab, mein Schritt klang
nicht mehr, denn ich hatte nun Moos und Walderde unter den Fen, die
ziehende Bahn der Strae hatte ich nicht mehr ertragen knnen, mir war
zuletzt gewesen, als mte ich die eilende unter mir, die sich zwischen
mich und mein Leben legte, mit meinen Hnden halten, die Kaja gehalten
hatten.

Der Geruch der dunklen Erde, mtterlich, umfing mich in der Waldtiefe so
mchtig, da ich an einem Baumstamm niedersank. Die Berhrung meines
ganzen Krpers mit dem Boden tat mir wohl. Noch trug sie mich, mir war,
als snke die gesammelte Last des Wegs neben mich in die Pflanzen, und
das Moos khlte die Stirn; die Kniee, die Arme, alles wurde getragen,
und die Augen schlossen sich.

Ich schlief vor Schwche ein, und langsam hellte die Luft um mich her
sich wunderartig auf, so da die Umrisse der Bume und Bsche im Licht
vergingen, das immer klarer wurde. Da trat Asja aus dem hellen Glanz,
als kme meine Liebe zu mir. Sie sah auf mich nieder, und als ihre Augen
den meinen begegneten, erstrahlte mein Wesen durch und durch. Sie hob
ihre Hand und rief laut:

Stehe auf! Stehe auf!




                    *       *       *       *       *




Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte
Zeile steht.

  Stadt ist Aber ich werde welche beschaffen, das wird
  Stadt ist. Aber ich werde welche beschaffen, das wird

  Windzug geraten und in ein Bereich, in dem es nicht zu
  Windzug geraten und in einen Bereich, in dem es nicht zu

  und -borten, die in die Wnde eingelassen
  und -borden, die in die Wnde eingelassen

  Oh frag mich nicht, du wirst alles erleben, bald oder
  Oh, frag mich nicht, du wirst alles erleben, bald oder

  Noch ein paar Tage und ich habe Geld. Ich werde
  Noch ein paar Tage und ich habe Geld. Ich werde es

  Geheiligt werde dein Name in Opfern, Weihrauch und
  >Geheiligt werde dein Name< in Opfern, Weihrauch und

  der Liebe, die um Licht.
  der Liebe, die um Licht.

  den naen Boden, die Pflanzen keimen und die ste im
  den nassen Boden, die Pflanzen keimen und die ste im

  Wind begrnen sich. Ich mchte ber den naen Acker
  Wind begrnen sich. Ich mchte ber den nassen Acker

  Pltschern der Wassers, das nicht von der Strmung
  Pltschern des Wassers, das nicht von der Strmung

  mit den Geistern anderer verkehren, sind dem meinen verwand,
  mit den Geistern anderer verkehren, sind dem meinen verwandt,

  Setzst du voraus, da man unmoralisch ist, wenn
  Setzt du voraus, da man unmoralisch ist, wenn

  dir leicht gemacht, aber mit Tante Mimsey das
  dir leicht gemacht, aber mit Tante Mimsey -- das

  mich auf niederdeutsch, was mein Begehr sein, und da
  mich auf niederdeutsch, was mein Begehr sei, und da

  die Mven waren blendend wei und schwebten klar geschieden
  die Mwen waren blendend wei und schwebten klar geschieden

  Ach, die Tante.., sagte ich.
  Ach, die Tante ..., sagte ich.

  schwieg und sah vor mir hin. Warum habe ich die Hand
  schwieg und sah vor mich hin. Warum habe ich die Hand

  Pltzlich htte ich lachen mgen und Beiden die Hnde
  Pltzlich htte ich lachen mgen und beiden die Hnde

  Bleib, wir wollen jetzt nicht baden
  Bleib, wir wollen jetzt nicht baden.

  Also weit du. Sieh ich mchte nicht ...
  Also weit du. Sieh, ich mchte nicht ...



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EROS UND DIE EVANGELIEN***


******* This file should be named 33603-8.txt or 33603-8.zip *******


This and all associated files of various formats will be found in:
http://www.gutenberg.org/dirs/3/3/6/0/33603



Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://www.gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://www.gutenberg.org/about/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:
http://www.gutenberg.org/fundraising/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

