The Project Gutenberg EBook of Die Entwicklung des Berliner
Flaschenbiergeschfts, by Gustav Stresemann

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Title: Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschfts

Author: Gustav Stresemann

Release Date: August 13, 2010 [EBook #33418]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ENTWICKLUNG DES BERLINER ***




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                              DIE ENTWICKLUNG
                   DES BERLINER FLASCHENBIERGESCHAEFTS.



                          INAUGURAL-DISSERTATION

                                    ZUR

                         ERLANGUNG DER DOKTORWRDE

                                    DER

                      HOHEN PHILOSOPHISCHEN FAKULTT

                                    DER

                            UNIVERSITT LEIPZIG

                               VORGELEGT VON

                             GUSTAV STRESEMANN

                                STUD. PHIL.




       GEDRUCKT BEI R. F. FUNCKE, BERLIN SO. 16. KPENICKERSTR. 114




                            Inhaltsverzeichnis.


                                                                 Seite

  Vorwort                                                            V

  Das Flaschenbiergeschft und seine Entstehung                      1

  Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschfts I. Periode
  (bis 1868)                                                         5

  Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschfts II. Periode
  (1868 bis zur Gegenwart)                                          19

  Die gegenwrtige Lage der Berliner Bierverleger                   50




                                 Vorwort.


Die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft ist in den letzten
Jahrzehnten gekennzeichnet durch ein berall bemerkbares Vordringen der
Grossunternehmung, welche die kleinen Betriebe im Handel und Gewerbe
verdrngt. Den unleugbaren Vorteilen, welche diese Entwicklung auf der
einen Seite den Konsumenten gebracht hat, steht als Kehrseite gegenber
die Vernichtung vieler, bis dahin selbststndiger Existenzen, die
anstatt eines spter, wenn auch nur durch angestrengte Arbeit zu
erreichenden Wohlstandes, vielfach ein Zurcksinken in die Klasse der
Lohnarbeiter erleben mssen. Die Statistik zeigt in deutlicher Weise,
dass die Aussicht auf eine selbstndige Stellung in demselben Masse
geringer wird, wie die Zahl der Personen, auf welche ein selbstndiger
Gewerbe- oder Handeltreibender kommt, sich vergrssert. Die
Stellungnahme zu den durch diese Entwicklung herbeigefhrten
Erscheinungen wird verschieden sein je nach dem Ausgangspunkt, den der
Betrachtende whlt. Wer vor allem die Interessen oder auch nur das
Selbstbestimmungsrecht der grossen Klasse der Konsumenten bercksichtigt
wissen will, wird ihr wohlwollend gegenberstehen, wer in der
Vernichtung oder Verdrngung der sogenannten Mittelstandsklassen eine
Gefahr fr das Allgemeinwohl erblickt, wird sie rckhaltslos bekmpfen.

In der Gegenwart hat die letztere Richtung in der Verfechtung ihrer
Interessen sich besonders rhrig gezeigt und die von ihr betriebene
Agitation scheint nicht ohne Eindruck auf die massgebenden Kreise
geblieben zu sein, wie u. a. das Gesetz ber die Besteuerung der
Warenhuser erkennen lsst. Aus dem Bestreben ferner, einen Einblick in
die Lage der Kleinbetriebe zu erhalten, sind die Erhebungen ber die
Lage des Kleinhandels hervorgegangen, welche die Handelskammer zu
Hannover in Verbindung mit anderen Interessenvertretungen veranstaltet
hat; allerdings ist sie ber die Verffentlichung zweier kleiner
Bndchen nicht herausgekommen.

Die vorliegende Arbeit mchte nun auch als ein Beitrag zu diesen
Erhebungen angesehen werden. Den usseren Anlass zu ihrer Entstehung
gaben die vielfachen Beziehungen, welche der Verfasser mit Angehrigen
des Brauer- und Bierverleger-Berufes in Berlin anknpfen konnte. Sie ist
nicht in der Absicht geschrieben fr oder gegen die Zweckmssigkeit der
sogenannten Mittelstandspolitik einzutreten, sie will vielmehr lediglich
auf Grund einer durch praktische Bethtigung und mannigfache Erkundigung
gewonnenen Erfahrung eine Darstellung der Lage der Berliner Bierverleger
(Flaschenbierhndler) zu geben versuchen, eine Darstellung welche
zugleich die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschfts und seine
Ueberfhrung in den Grossbetrieb einschliesst. Ein gewisser Wert der
vorliegenden Skizze liegt vielleicht darin, dass sie eine Entwicklung
schildert, welche in mancher Beziehung eine typische genannt werden
kann, denn ein Kennzeichen der Entwicklung zum Grossbetrieb ist
entschieden die Ausschaltung der Zwischenglieder dadurch, dass Produzent
und Konsument in direkte Verbindung treten, wie es sich in dem hier
behandelten Falle zeigt.

Was die Fragebogen anbelangt, von denen in der Arbeit die Rede ist, so
erfolgte deren Ausfllung nicht durch die betreffenden Bierverleger.
Eine Zustellung an die einzelnen Geschfte mit der Bitte um Auskunft
ber die darin gestellten Fragen htte voraussichtlich gar keinen Erfolg
gehabt. Die Erkundigungen geschahen daher durch den Verfasser auf
mndlichem Wege und auf Grund der hierbei erhaltenen Angaben sind sodann
die einzelnen Bogen ausgefllt worden. Es war mir mglich, von 46
Bierverlegern, deren Geschfte in den verschiedensten Stadtteilen liegen
und deren Adressen mit Absicht ganz willkrlich aus dem Adressbuch
gewhlt worden waren, detaillierte Ausknfte zu erlangen, die namentlich
in den Ausfhrungen des II. Teiles vielfach zur Illustrierung und zum
Beweise fr die behaupteten Thatsachen angezogen worden sind.

Wenn es mir gelungen sein sollte, die mir gestellte Aufgabe zu lsen, so
danke ich dies vor allem der Untersttzung, welche mir seitens der
beteiligten Kreise zu teil geworden ist. In der bereitwilligsten Weise
sind mir sowohl aus Bierverleger- als auch aus Brauerkreisen oft ins
Detail gehende mndliche und schriftliche Ausknfte gegeben worden, ganz
besonders fhle ich mich dadurch dem Dozenten am Institut fr
Ghrungs-Gewerbe und Sekretr des Verbandes der Brauereien von Berlin
und Umgegend, Herrn Dr. Struve, zu Dank verpflichtet.

Schliesslich ist es mir Bedrfnis, Herrn Professor Dr. Bcher dafr Dank
zu sagen, dass er mich nicht nur zu dieser Arbeit angeregt, sondern mich
auch whrend der Herstellung derselben mit Rat und That untersttzt hat.

     _Leipzig_, Dezember 1900.

                                                      $Der Verfasser.$




                                    I.

              Das Flaschenbiergeschft und seine Entstehung.


Um eine Grundlage fr die folgenden Ausfhrungen zu schaffen, wird es
ntig sein, zunchst den Begriff des zu untersuchenden Gegenstandes
festzulegen. Unter einem Flaschenbiergeschft werden wir ein Unternehmen
zu verstehen haben, welches sich mit dem Vertrieb von auf Flaschen
gefllten Bieren abgiebt. Zwei Formen kommen bei diesem Vertrieb
hauptschlich in Frage: der Verkauf ber die Strasse und die auf
Bestellung erfolgende Lieferung ins Haus. Bei letzterer Form handelt es
sich naturgemss um grssere Quantitten, da sonst die Lieferung, zumal
wenn der Kunde weit entfernt wohnt, unlohnend sein wrde. Wir knnen
diese Lieferung von auf Flaschen geflltem Bier in grsseren Quantitten
gegenber der allgemeinen Definition als Flaschenbierlieferungsgeschft
bezeichnen.

Die Vorbedingung jedes Flaschenbiervertriebes ist die Mglichkeit des
Abzuges von Bier auf Flaschen. Die Natur des Bieres ist dabei das
Entscheidende. In Deutschland liegen in dieser Beziehung die
Verhltnisse derartig, dass im allgemeinen zwischen unterghrigem und
oberghrigem Bier unterschieden werden muss. Das unterghrige Lagerbier,
welches vornehmlich in Sddeutschland, speziell in Bayern fast
ausschliesslich genossen wird, _kann_ auf Flaschen gezogen werden, aber
fast allgemein ist die Ueberzeugung, dass dieses Bier frisch vom Fass
weit bekmmlicher und besser ist, als das auf Flaschen gezogene. Das in
Norddeutschland und speziell in Berlin frher allgemein, aber auch heute
noch im grossen Masse konsumierte oberghrige Bier _muss_ auf Flaschen
gezogen werden, weil es in diesen noch eine Ghrung durchzumachen hat,
ehe es genussreif wird, eine Ghrung, welche im Fass nicht vor sich
gehen kann. Die Grundlagen fr das Flaschenbiergeschft sind also
durchaus verschiedene, je nachdem es sich um ober- oder unterghriges
Bier handelt. In einer Gegend, in der ausschliesslich oberghriges Bier
genossen wird und daher der Abzug des Bieres auf Flaschen eine
Notwendigkeit ist, wird sich auch der Verkauf ber die Strasse bald
einbrgern, und das Flaschenbierlieferungsgeschft findet einen usserst
gnstigen Boden. Umgekehrt wird da, wo ausschliesslich unterghriges
Bier konsumiert wird, schon der Abzug auf Flaschen und der Verkauf von
Flaschenbier ber die Strasse auf Schwierigkeiten stossen, man wird
vorziehen, das Bier direkt in der Wirtschaft zu verzehren, oder aber es
in Krgen, in welche das Bier vom Fass ausgefllt wird, holen zu
lassen.[1] In Gegenden, in denen beide Bierarten getrunken werden, wird
die allgemeine Einbrgerung des Flaschenbieres davon abhngig sein,
welches Bier _zuerst_ in den Konsum eingefhrt wurde. Es ist Thatsache,
dass beim unterghrigen Bier der Abzug auf Flaschen dort weniger auf
Widerstand stsst, wo man schon vorher durch den Genuss oberghrigen
Bieres daran gewhnt war, Flaschenbier zu geniessen. An Orten, wo das
oberghrige Bier spter auftritt, ist die Rckwirkung auf die Abzugsart
des unterghrigen Bieres eine geringere.

Die Grnde, welche von dem Abzuge des Bieres auf Flaschen zum Verkauf
ber die Strasse und weiterhin zum Lieferungsgeschft fhren, sind zum
Teil durch die Natur des Aufbewahrungsgefsses gegeben. Dieselbe
ermglicht eine lngere Haltbarkeit des Flaschenbieres und macht dadurch
den Bezug grsserer Quantitten berhaupt mglich; die bequeme Form der
Flaschen erleichtert die ntige Aufbewahrung. Eine Verflschung durch
Neig- oder Tropfbier ist ausgeschlossen, ebenso ist ein Schneiden wie
es in manchen Gastwirtschaften wohl gebt wird, beim Flaschenbier nicht
mglich. Die Etikettierung der Flaschen gestattet dem Biertrinker eine
Kontrolle ber Herkunft des Bieres; beim direkten Bezug aus der Brauerei
ist natrlich jeder Zweifel ausgeschlossen. Vor allem aber kommt die
_Bequemlichkeit der Zustellung_ in Betracht. Der Flaschenbierhndler
oder die Brauerei liefert bereitwilligst die Flaschen ohne Pfand und
drngt nicht auf sofortige Wiedergabe. Man ist nicht an das Bier des in
der Nachbarschaft wohnenden Gastwirts gebunden, sondern kann es dort
bestellen, wo es einem beliebt. Die Entfernung kommt nicht in Betracht,
da eine schriftliche oder telephonische Bestellung gengt, um innerhalb
kurzer Zeit das Bier im Hause zu haben. Hauptschlich fllt ins Gewicht,
dass durch diese Zustellung das Lstige des Bierholens an sich vermieden
wird. Den Frauen oder erwachsenen Tchtern war das Selbsteinholen des
Bieres oft unbequem oder direkt peinlich, namentlich wenn kein
Kolonialwarengeschft in der Nhe war und das Bier infolgedessen aus
einer benachbarten Gastwirtschaft oder Restauration geholt werden
musste. Es ist nicht bertrieben, wenn man behauptet, dass durch die
Zusendung des Bieres in Verbindung mit der ebenfalls blich gewordenen
Zustellung anderer Genussmittel manche Familien mit bescheidenem
Einkommen einen Dienstboten ersparen.

Neben diesen Grnden sind es dann weiter wohl hauptschlich der manchmal
fhlbare _Mangel einer in der Nhe gelegenen Bezugsquelle_, welcher sich
namentlich in vornehmen Stadtgegenden zeigen wird, sowie die
_Rabattbewilligung_ gewesen, welche speziell das Lieferungsgeschft
gefrdert haben. Von Wichtigkeit war bei der ganzen Entwicklung des
Flaschenbiergeschftes, dass die _Qualitt des Flaschenbieres_ ihr
_nicht_ im Wege stand. Vom hygienischen Standpunkt aus knnen gegen das
Flaschenbier keine Bedenken obwalten: denn es enthlt die nmlichen
Bestandteile, die nmliche Kohlensuremenge wie das Fassbier. Ein
Verderben, Altwerden des Bieres durch zu langes Lagern ist bei der
Minimalgrenze, bei welcher das Bier von den Hndlern schon frei ins
Haus gesandt wird, so gut wie ausgeschlossen, namentlich da es ja dem
Lieferanten bei einigermassen geregeltem Absatz leicht ist, seinen
Kunden das Bier mglichst frisch zu liefern. Andererseits besteht
gerade bei dem Bezug von Fassbier oft die Gefahr nicht frisches Bier
zu erhalten. Die Gastwirte sind bemht, mglichst grosse Fsser
aufzulegen, weil sie bei dem Bezuge von Bier umso besser fortkommen, je
grsseres Gemss sie nehmen (eine ganze Tonne kostet weniger als 4
Vierteltonnen) und infolgedessen lsst sich tagelanges Lagern nicht
vermeiden. Auch liegt die Regulierung der Temperatur in den Hnden des
Empfngers, whrend dieselbe bei dem Bezuge von Bier vom Fass nur schwer
ist. So drfte ersichtlich sein, dass die _Qualitt_ des Flaschenbieres
seiner Verbreitung nicht hinderlich sein kann.

Eine Thatsache lsst sich allerdings gegen den Flaschenbierversand
anfhren, die ihm vielleicht bei einem Teile der Konsumenten nicht zur
Empfehlung gereicht: er beruht fast durchweg auf _Barzahlung_. Der
kleine Viktualienhndler, der das Bier selbst erst in Flaschen vom
Bierhndler bezieht, mag seinen Kunden, die bei ihm neben anderen Waren
auch Bier holen, Kredit gewhren, ebenso der Kolonialwarenhndler und
der Gastwirt. Sie alle haben Gelegenheit, sich ber die Kreditwrdigkeit
ihrer Kunden nher zu unterrichten, sie vielleicht tglich zu sehen und
wenden deshalb nichts dagegen ein, wenn vom 20. des Monats oder von der
Mitte der Woche ab angeschrieben und nach Empfang des Gehaltes oder
des Lohnes gezahlt wird. Der Bierhndler, der in den meisten Fllen den
Kunden nur dem Namen nach kennt, kann sich hierauf natrlich nicht
einlassen, wenigstens nicht, soweit es sich, wie in diesen Ausfhrungen,
um Privatkunden handelt. Geht dem Flaschenbiergeschft hierdurch auf der
einen Seite ein Teil der Kundschaft verloren, so trgt doch andererseits
das Prinzip der Barzahlung auch zu seiner Konsolidierung bei.

Funoten:

[1] Es kommt hierbei noch besonders in Betracht, dass infolge des
strkeren Bierkonsums in Sddeutschland und weil die sddeutschen
Bierwirtschaften meist nur _eine_ Sorte Bier zu fhren pflegen, die
Wirtschaften pro Tag mehrere Gefsse ausschnken und infolgedessen das
Bier meist frisch ist. In Norddeutschland dagegen, beispielsweise in
Berlin, dauert bei den meisten Gastwirtschaften der Ausschank eines
Hektoliters mehrere Tage, whrenddessen steht das Bier unter
Kohlensuredruck, um es frisch zu erhalten. Hier ist also das
Flaschenbier kein Notbehelf sondern wird von manchen direkt aus
sthetischen Grnden vorgezogen.




                                    II.

            Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschfts.

                          I. Periode (bis 1868.)


Mit der Thatsache, dass bis in die ersten Jahrzehnte unseres
Jahrhunderts hinein in Berlin nur oberghriges Bier produziert wurde
erbrigt sich die Aufgabe, die _Entstehung_ des _Flaschenbiergeschfts_
fr Berlin zu begrnden. Schon Krnitz[2] erwhnt im fnften Bande
seiner Encyklopdie in dem Artikel ber das Bier, der nebenbei bemerkt
287 Seiten umfasst, das Weissbier wird in Berlin _selten vom Fass_
verkauft, sondern insgemein an die Bierschnker abgeliefert und von
diesen auf Bouteillen gezogen. Bei der hier erwhnten Ausnahme handelt
es sich wahrscheinlich um das Koffent von dem Professor Holtze in seiner
Skizze Berlin vor zwei Menschenaltern schreibt: Der gemeine Haustrunk
war ein mattherziges Weiss- oder Braunbier, die Quartflasche zu 1
Silbergroschen. Ein noch viel wohlfeileres und viel dnneres Getrnk gab
es in dem sdlichen Teile der Wilhelmstrasse und gewiss auch anderwrts
unter dem Namen Koffent. Wenn der Koffent, ber dessen Geschmack und
Wirkungen ich nicht mitreden kann, vom Fass gezapft wurde, wie ich mich
zu erinnern glaube, _so war es das einzige Bier, welches in anderer
Gestalt als in Flaschen aus dem Keller kam_. In welcher Weise der
Koffent mit dem Weissbier verwandt und wie es mglich war, ihn vom
Fasse zu verzapfen, oder ob es sich bei den hier von Krnitz und Holtze
in allerdings sehr unbestimmter Form ausgesprochenen Beobachtungen um
eine Art Frischbierverkauf (vgl. sp. S. 57) handelte, soll an dieser
Stelle nicht nher untersucht werden, zumal ja aus beiden Aeusserungen
hervorgeht, dass der Koffent nur eine geringe Rolle unter den Berliner
Bierarten gespielt hat. Wenn wir von dem Koffent absehen, so bleibt also
die Thatsache bestehen, dass bis weit in unser Jahrhundert hinein in
Berlin nur oberghriges Bier produziert wurde, das, wie es bei Krnitz
heisst, auf Bouteillen gezogen wurde. Die Produktion lag im
achtzehnten Jahrhundert in Berlin, wie auch sonst in Brandenburg, in den
Hnden der Brauberechtigten, d. h. die Braugerechtigkeit war als
Realrecht mit gewissen Grundstcken verbunden. Geschah das Brauen
zunchst in den Husern selbst, so wurden spter, angeblich aus
feuerpolizeilichen, vornehmlich aber wohl aus fiskalischen Grnden
eigene Brauhuser vom Magistrat errichtet, in denen die Brger reihum
brauten. Doch machten gegen den Anfang unseres Jahrhunderts viele
Brau_eigner_ -- wie sie im Adressbuch bezeichnet wurden -- von ihren
Braurechten keinen Gebrauch mehr, noch zu Anfang des 18. Jahrhunderts
wurden in Berlin 426 Braustellen gezhlt, im Jahre 1800 war ihre Zahl
schon auf 85 gesunken. In dem Jahrzehnt zwischen 1770 bis 1780 verliert
die Brauerei den ihr bis dahin eigenen Charakter eines Nebengewerbes und
tritt als alleiniges Gewerbe ohne Berufsvereinigung auf, wenigstens
ergiebt die Statistik in diesen Jahren zum ersten Mal, dass die Zahl der
im Brauereigewerbe beschftigten Personen _grsser_ ist, als die der
Braueigner, whrend frher beide Zahlen mit einander stets
bereinstimmten.[3] Die lteste von den noch heute bestehenden
Brauereien, die Weissbierbrauerei von Albert Bier, fhrt ihre Grndung
auf das Jahr 1792 zurck. Mit der Einfhrung der Gewerbefreiheit
verschwindet das Eigenbrauen nach und nach vollstndig und das
Brauereigewerbe entwickelt sich in ungehinderter Weise.

Mit dem Vorherrschen des oberghrigen Bieres war nun zunchst der
Flaschenbierhandel in der Form des Verkaufs ber die Strasse verbunden.
Wenn das Bier von den Bierschnkern auf Bouteillen gezogen wurde, so
wird es nicht nur in der Wirtschaft zum Ausschank gekommen, sondern auch
von den Brgersleuten zum Teil zu Hause getrunken worden sein.
Wahrscheinlich war dieser Absatz zunchst nicht gross, da es nach den
Schilderungen, die wir ber das Berlin des vorigen Jahrhunderts
besitzen, den Anschein hat, als ob der Hauptabsatz des Bieres in den
Gastwirtschaften lag und das Bier berhaupt mehr fr die _mnnliche_
Bevlkerung reserviert und noch nicht in dem Masse wie heute als
tgliches Genussmittel in die Familie eingedrungen gewesen wre.
Immerhin bleibt auch dann fr den Verkauf ber die Strasse noch eine
andere Art der Bierverwendung brig, nmlich der Zusatz von Bier zu
Biersuppen, ferner zum Karpfenkochen, wovon brigens auch schon Krnitz
berichtet.

Frhzeitig fand nun in Berlin schon ein Import von allerlei Bieren
statt, aus verschiedenen Teilen der Mark, ebenso wie aus Pommern (bes.
Stettin), und im Jahre 1711 findet man in der Jahresrechnung der
Steuerbehrde schon 52 Sorten fremder Biere, die in 40464 Tonnen zum
Ausschank kamen; kurze Zeit darauf sind es gar 72 Sorten geworden,
whrend spter dieser Import wieder auf ca. 20000 Tonnen herabsank. Ob
sich unter den eingefhrten Sorten auch unterghrige Biere befanden,
lsst sich schwer feststellen, berwiegend waren wohl die eingefhrten
Biere auch oberghrig. Fr den Fall, dass auch unterghrige Bierarten
mit eingefhrt wurden, lsst sich als sicher annehmen, dass auch bei
diesem Bier der Abzug auf Flaschen oder Kruken sich eingebrgert hat, da
die Berliner durch das Weissbier an den Genuss von Bier in der Form von
Flaschenbier gewohnt waren.

In welcher Weise sich nun der Verkauf ber die Strasse erweitert hat,
welche der vorher angegebenen _allgemeinen_ Grnde fr die Entwicklung
des Berliner Flaschenbierversandgeschftes besonders massgebend gewesen
sind, dass lsst sich bei dem vollstndigen Mangel an irgendwelchem
Material weder nachweisen noch konstruieren. Thatsache ist jedenfalls,
dass wir schon sehr frh authentische Nachrichten ber das Bestehen
eines Flaschenbierhandels haben und zwar durch folgende, der Vossischen
Zeitung entnommene Inserate:

Aus dem Jahrgang 1820:

     Stettiner Doppelbier von A. Bergemanns Erben ist in Gefssen und
     Flaschen in deren Niederlage zu haben. R. Bettge, Gertraudt- u.
     Rossstr.-Ecke. Lautersack, Jgerstr. 52.

     Stettiner Bier in grossen und kleinen Gebinden, in Quart und
     Flaschen zu haben bei G. C. Elgeti.

     Porter Bier  Fl. 6 Gr. bei mehreren Flaschen billiger.
     Friedrichsgracht 60.

Diese Anzeigen bedeuten nur eine Stichprobe und liessen sich leicht
vervielfachen. Whrend in ihnen zunchst nur die vage Ankndigung in
Partieen billiger, bei mehreren Flaschen Rabatt sich findet, geben
sptere Anzeigen darber genauere Angaben:

     1823. Bergemanns Stettiner Doppelbier, die grosse Flasche 5 Gr. 10
     gr. Fl. fr 1 2/3 Thl. ferner Sssrahmbutter empfiehlt Dittmann,
     Zimmerstr. 78.

     1828. Wir liefern 22 Fl.  3/8 oder 12 Fl.   Quart fr 1 Thlr.
     und senden es jedem frei in seine Wohnung. Ostermann & Co.,
     Spandauerstr. 29.

Ein anderer Bierhndler fhrt mehrere Biersorten und empfiehlt in seiner
Anzeige aus dem Jahre 1836: Bayrisches Felsenkeller-Bier, Grnthaler,
Ale und Porter; schon 6 Jahre frher, 1830, findet sich eine Annonce,
welche speziell auf Wiederverkufer berechnet ist:

     Den Herren _Gastwirten_ und _Restaurateuren_ liefere ich frei ins
     Haus: fr 1 Thlr. 18  Fl. auch 42 2/8 Fl.; die To. zu 7 Thlr.
     Einfach-Bier To. 3 Thlr., bei mehreren To. billiger. Niederlage bei
     Ostermann, Brderstr. 7, Philipson, Poststr. 1.

Es ist diesen Anzeigen eines gemeinsam: fast durchweg empfehlen sie
auswrtige Biere, es wird Stettiner, Kottbuser, Potsdamer,
Frstenwalder, Augsburger, Crossener und Kstritzer Bier empfohlen,
daneben Porter und Ale. Jedoch wre es falsch, aus dieser Thatsache
folgern zu wollen, dass das Flaschenbierlieferungsgeschft sich zuerst
bei den auswrtigen Bieren eingebrgert htte. Auch in den Zeiten, als
das Flaschenbierlieferungsgeschft lngst eine grssere Bedeutung
erlangt hatte, wird man vergebens nach Anzeigen suchen, welche das
Berliner Weissbier empfehlen. Wenn in diesen frhen Jahren und auch
spter in den Annoncen nur von auswrtigen Bieren die Rede ist, so
beweist dies nur, dass diese Biere zu ihrer Einfhrung fortgesetzter
Reklame bedurften, whrend die Weissbierlieferungsgeschfte eine solche
fr unntig hielten. Auf der anderen Seite lsst die zum Teil intensive
Benutzung der Reklame seitens der Niederlagen fr auswrtige Biere auch
einen Schluss auf ihre kaufmnnische Ueberlegenheit zu.

Zu gleicher Zeit geben diese Anzeigen aber auch nach einer anderen
Richtung hin wertvolle Fingerzeige; sie lassen in Verbindung mit anderen
Quellen erkennen, wie es in Berlin in jenen Jahren mit den
Bierverhltnissen berhaupt bestellt war. Was zunchst den Konsum von
Bier ausser dem Hause anbetraf, so konnte er geschehen beim Gastwirt
(auch Bierschnker genannt), im Restaurant und im Caf oder Kaffeehaus.
Dabei war die Bedeutung dieser Bezeichnung eine hnliche wie heute:
unter Restaurant verstand man ein Lokal fr das bessere Publikum, die
Verabreichung warmer Speisen bildete bei ihm, im Gegensatz zur
Gastwirtschaft die Regel. Im Caf erhielt man ausser dem Getrnk, von
welchem der Name des Betriebes sich herleitet meist nur Bayrische oder
echte Biere. Vielfach scheint in diesen Caf's weibliche Bedienung
vorgewaltet zu haben, denn in dem Inseratenanhang des Berliner
Adressbuches findet sich in diesen Jahren bei einer Annonce die
vielsagende Ueberschrift: Wo findet man ein Caf mit gutem bayrischen
Bier _ohne_ weibliche Bedienung? welche Frage vom Fragesteller dann in
beruhigender Weise beantwortet wird. Das Kaffeehaus trgt einen
gemtlicheren Charakter, es verhlt sich zum Caf etwa wie der Gasthof
zum Hotel, das feinere giebt der Deutsche natrlich durch den
franzsischen Ausdruck wieder! Im Kaffeehaus gab es auch Weissbier, wie
aus einer Annonce in dem Jahrgang 1829 der Vossischen Zeitung
hervorgeht. Zum Teil besassen auch die Viktualienhndler die
Ausschankgerechtigkeit fr Bier, wenigstens kann man es nicht anders
verstehen, wenn es im Adressbuch unter dem Branchenverzeichnis heisst:
Bierschnker s. a. Viktualienhndler. Schliesslich erhielt man Bier
auch in den Hotels und Gasthfen, wenn auch deren Betriebsvereinigung
mit der Restauration wohl noch nicht so allgemein geworden war, wie
heute. In den Konditoreien dagegen, die gegenwrtig fast smtlich Bier
fhren, manche sogar vom Fass, scheint man bis in die vierziger Jahre
hinein kein Bier erhalten zu haben. Destillation bedeutet damals noch
einen reinen Branntweinausschank, der erst spter mit dem Bierausschank
vereinigt wurde, sodass noch heute fr ein Lokal, in dem neben Bier auch
Schnaps ausgeschnkt wird, die Bezeichnung Destillation gebruchlicher
ist als Gastwirtschaft.

Was die Zahl der hier angefhrten Geschfte anbelangt, so gab es in
Berlin 1840 etwa 80 Caftiers und Restaurateure und 380 Schankwirte,
1850 dagegen 450 Caftiers und Restaurateure und 700 Schankwirte, die
Zahl der Viktualienhndler betrug 1840 etwa 700, 1850 gegen 1000. Doch
sind letztere Zahlen fr uns ohne Wert, da wir nicht wissen, wie viele
Viktualienhndler Bierausschank betrieben. In einem Aufsatz, der in der
Wochenschrift fr Brauerei verffentlicht wurde,[4] werden bereits fr
das Jahr 1825 984 Speise- und Schankwirte gezhlt, allerdings erwhnt der
Verfasser, dass deren Zahl whrend der nchsten Jahre fortdauernd
zurckgegangen wre.

Fr den Flaschenbierhandel kommen diese Geschfte -- mit Ausnahme der
Cafs und wohl auch der Hotels -- insofern in Frage, als sie Bier ber
die Strasse verkaufen. Die Cafs bezogen das Bier, dessen Absatz bei
ihnen ja noch mehr als heute Nebengeschft war, selbst erst vom
Bierhndler und beschftigten sich nur mit dem Ausschank, ebenso die
Hoteliers und Gasthofbesitzer. Die Kaffeehuser dagegen (deren es
allerdings wohl nur wenige gab), verkauften auch Bier ber die Strasse
und zwar kostet nach einer Annonce aus dem Jahre 1828 die Flasche
Weissbier im Hause 2  Sgr. ausser dem Hause 2 Sgr. Bei den
Restaurateuren, die besser durch die damals auch noch bliche
Bezeichnung _Speisewirte_ gekennzeichnet werden, spielt der Verkauf
ber die Strasse nur eine geringe Rolle, manche verzichten ganz darauf.
In der Hauptsache lag also der Verkauf ber die Strasse in den Hnden
der Schankwirte und Viktualienhndler, bei welchen letzteren das Bier
unter den zum Verkauf gelangenden Viktualien an erster Stelle gestanden
zu haben scheint. Neben den Viktualienhndlern kommt schliesslich noch
der Material- oder Kolonialwarenhndler, auch wohl einfach Kaufmann
genannt, in Betracht.

Diese drei letzteren Geschftszweige mssen wir nher ins Auge fassen,
um ber die Natur des Bierlieferungsgeschftes in den ersten Jahren
seiner Entwicklung Klarheit zu erhalten. Es sind vorher die sachlichen
Grnde namhaft gemacht worden, welche fr den Bierbezug in grsseren
Quantitten sprechen. Der _ussere Anlass_ zu einem solchen Bierbezug
konnte ja leicht gegeben sein, z. B. bei Festlichkeiten in der Familie
oder sonstigen besonderen Gelegenheiten, welche einen starken Bierkonsum
voraussehen liessen. Da es sich in einem solchen Fall wohl um die
Abnahme von 15-20 Flaschen handelte, so berechnete der Lieferant auch
einen ermssigten Preis bezw. gab eine oder zwei Flaschen mehr, als er
nach dem Detailpreis zu liefern verpflichtet war. Eine gewisse
Bequemlichkeit[5] und die Absicht, dauernd diesen Rabatt zu erhalten,
waren unter den angefhrten Grnden wohl die augenflligsten und daher
zunchst wirkenden, welche den Einzelfall zu einer dauernden
Gepflogenheit machten. In der ersten Zeit hat sich der Kundenkreis des
Bierhndlers gewiss nur ber die nchste Nachbarschaft erstreckt. Dann
konnte es aber wohl vorkommen, dass jemand aus der Nachbarschaft
fortzog, das Bier aber noch von seinem frheren Lieferanten beziehen
wollte; Verwandte und Bekannte des Bierhndlers aus anderen Stadtteilen
kamen hinzu, und so begann das Lieferungsgeschft seinen anfnglichen
Charakter als _Gelegenheitsgeschft_ aufzugeben und ein planmssig auf
Erwerbung von Kunden zum Zwecke des Absatzes grsserer Quantitten Bier
gerichteter Geschftsbetrieb zu werden.

Dass fr Berlin dieser Charakter dem Bierlieferungsgeschft schon
frhzeitig aufgeprgt wurde, ist vorher gezeigt worden. Wenn man nun die
Namen derjenigen, welche die citierten Annoncen verffentlicht haben, im
Adressbuch nachschlgt, so findet man bei der Mehrzahl von ihnen die
Bezeichnung Kaufmann. Im Berliner Sprachgebrauch ist diese
Bezeichnung damals, wie z. T. auch noch heute, gleichbedeutend gewesen
mit _Materialwarenhndler_, whrend man in den meisten Fllen, heute den
Begriff von Handlungsgehlfen, Komptoirpersonal, berhaupt
kaufmnnischer _Angestellten_ damit verbindet. Hinter den Namen einiger
der Inserenten finden wir die Berufsbezeichnung Handelsmann, einer
wird als Posamentier (!) bezeichnet, mehrere als Restaurateure, wobei
hinzugesetzt ist und Niederlage fremder Biere. Fgen wir hinzu, dass
schon Ende der dreissiger Jahre der Begriff des Viktualienhndlers mit
dem des Bier_hndlers_ identisch ist (nicht mehr mit dem des
Bier_schnkers_), so ergiebt sich fr die Gestaltung des
Bierversandgeschftes folgendes Bild:

Es ist schon damals zu unterscheiden zwischen den Geschften, welche
sich mit dem Vertrieb des Berliner oberghrigen Weissbiers und denen,
welche sich hauptschlich mit dem Vertrieb auswrtiger, z. T.
unterghriger Biere abgeben. Die Inhaber der ersteren, die grosse
Mehrzahl, setzen sich zusammen aus Viktualienhndlern und Gastwirten,
die der letzteren aus Kaufleuten (d. h. Kolonialwarenhndlern) und
Restaurateuren. Aus diesen Bezeichnungen lsst sich schon ersehen, dass
die oberghrigen _Berliner Biere_ das Volksgetrnk darstellten, whrend
die auswrtigen Biere von den feineren Kreisen genossen wurden, die ja
auch sonst ihre Bedrfnisse zumeist nicht beim Viktualien-, sondern beim
Kolonialwarenhndler deckten und ihr Glas Bier nicht beim Bierschnker,
sondern im Restaurant tranken. In der ersteren Kategorie scheint das
_Lieferungs_geschft zumeist bei den Viktualienhndlern ausgebildet
gewesen zu sein, vielleicht schon deshalb, weil dem Viktualiengeschft
fr sich die Frau allein viel besser vorstehen konnte, als der
Gastwirtschaft. Whrend der Mann die Bestellungen auf Bier ausfhrte und
mit dem Handwagen oder einem primitiven Gefhrt (Hundewagen) das Bier an
die Kunden ablieferte, ebenso zu Hause den Abzug, die Reinigung der
Flaschen etc. besorgte, verkaufte die Frau Gemse, Obst, Kartoffeln,
Bier in einzelnen Flaschen und die brigen zum Haushalt gehrenden
Artikel des Geschfts, vermietete die Drehrolle fr das Rollen der
Wsche etc., alles Obliegenheiten, die ihrer Natur nach der Frau viel
eher anstehen, als dem Mann. In der Gastwirtschaft dagegen, ist das
Bedienen der Gste, die Unterhaltung mit ihnen u. a. wieder durchaus
Sache des Mannes, sodass dieser, wenn er neben der Gastwirtschaft noch
Bierverlag betreibt, immer in Gefahr kommt, eines der Geschfte auf
Kosten des anderen zu vernachlssigen.

So ist die erste Geschftsart fr die Ausbildung des
Bierlieferungsgeschftes gnstiger als die letztere und die Loslsung
des Bierverlages aus der Betriebsvereinigung ist in ihr wahrscheinlich
eher erfolgt, als in den wenigen Gastwirtschaften, welche einen ber die
nchste Nachbarschaft hinausgehenden Bierversand betrieben.

Was nun die Bier-Niederlagen angeht, welche schon frh als besondere
Rubrik im Berliner Adressbuch auftauchen, so tragen sie einen hnlichen
Charakter, wie heute die Vertretungen oder Generalagenturen der
auswrtigen Brauereien. Allerdings mit zwei Ausnahmen. Die heutigen
Vertreter oder Generalagenten auswrtiger Brauereien beschrnken sich
_meist_ auf den Fassbierhandel und berlassen den Verschleiss in
Flaschen an Zwischenglieder; jene Bierniederlagen gaben zwar auch das
Bier in Fssern ab, wenn es verlangt wurde; das Hauptgeschft aber
bildete der Vertrieb von Flaschenbier und zwar sowohl in der Form der
_Lieferung_ als auch in der des Verkaufes ber die Strasse. Die
Verbindung mit dem Verkauf ber die Strasse, der bei manchen vielleicht
den betrchtlicheren Teil des Gesamtumsatzes ausmachte, giebt auch den
zweiten Hauptunterschied: die Bierniederlage trat damals nur in
Berufsvereinigung mit anderen Geschften auf, die heutige Vertretung
bildet ein Geschft fr sich. Die Aehnlichkeit auf der anderen Seite
liegt darin, dass beide das Bier in Fssern von einer auswrtigen
Brauerei beziehen und vertreiben, ebenso dass diese Bierniederlagen, wie
heute die Vertretungen, im Gegensatz zu den brigen Bierhandlungen schon
frhzeitig _kaufmnnisch_ betrieben wurden. So wird nicht nur die
Reklame von ihnen zuerst ausschliesslich und planmssig zur Gewinnung
von Kunden betrieben, sondern es muss auch auffallen, dass unter ihnen
zuerst ein Geschftsinhaber auftritt, der zur Korporation der Berliner
Kaufmannschaft gehrt (C. W. Hoffmann 1830); ebenso wie zuerst unter
ihnen Kompagniegeschfte sich bilden (Ostermann & Co., 1828).

In der weiteren Entwicklung des Berliner Flaschenbierhandels tritt nun
bis zu dem Jahre, das wir als Schlusspunkt der ersten Periode angenommen
haben, in den Konsumtionsverhltnissen ein Moment auf, welches _damals_
auf die Entwicklung des Flaschenbierhandels noch keinen tiefgehenden
Einfluss ausgebt hat, wegen seiner Wichtigkeit aber doch an dieser
Stelle schon erwhnt werden muss. Es betrifft die Einfhrung des nach
bayrischer Art gebrauten Bieres in Berlin. Nach der von uns gegebenen
Darstellung war der Konsum der Berliner Einwohnerschaft bis dahin
gedeckt worden durch in Berlin gebrautes oberghriges (Weiss- und
Braunbier) und durch auswrtiges Bier, das sowohl oberghrigen als auch
unterghrigen Charakters sein konnte. Nun wird im Jahre 1838 in Berlin
durch den frheren bayrischen Weinkfer Hopf zum ersten Male Bier nach
bayrischer Art gebraut und in seinen, am Tempelhofer Berg gelegenen
Lokalitten zum Ausschank gebracht[6]. Das neue Bier mundet den
Berlinern zum grossen Teile ausserordentlich und findet daher leichten
Eingang in den Konsum, verschiedene Braumeister, die anfnglich bei Hopf
angestellt waren, machen sich selbstndig. Ebenso wie der erste
Hersteller des bayrischen Bieres aus einer Weinhandlung hervorgegangen
ist, so soll auch in den Weinstuben zuerst das bayrische Bier neben dem
Wein eingefhrt worden sein[7]. Eine besondere Anziehungskraft bte auf
die Berliner die von Hopf seit 1840 eingefhrte, auch von Bayern
importierte Sitte des Bock-Anstiches im Frhjahr aus; bis in die
achtziger Jahre war der Bock-Ausschank am Tempelhofer Berg ein
Wallfahrtsort fr die Berliner und der erste Tag des Bock-Anstiches
bedeutete ein Ereignis. Eine Anzahl von grossen Ausschnken wurde
gegrndet, sogenannte Bayrische Bierhallen. In welcher Weise der
Konsum von bayrischem Bier seit seiner Einfhrung zugenommen hat,
darber fehlen uns leider zuverlssige Zahlen, wie ja die ersten Zahlen
ber die Berliner Bierproduktion berhaupt erst fr das Jahr 1860 aus
dem Jahresberichte der Aeltesten der Kaufmannschaft erhltlich sind. Im
Jahre 1860 hatte die Produktion des Lagerbieres beinahe die Hlfte von
der des Weissbieres erreicht: sie betrug 150421 hl; die
Weissbierproduktion 370284 hl. Schon 1865 hatte sich das Verhltnis auf
324108 zu 544723 verschoben und vom Jahre 1869 an begann die Produktion
des nach bayrischer Art gebrauten Lagerbieres die der oberghrigen Biere
zu berholen, und hat sich bis in die Gegenwart hinein aus ihrer
fhrenden Stellung nicht mehr verdrngen lassen.

_Zunchst_ wurde, wie schon bemerkt, eine auffallende Aenderung in der
Form des Flaschenbierhandels durch die Einfhrung und schnelle
Ausbreitung des Konsums von bayrischem Bier, wie es in Berlin genannt
wurde, nicht bewirkt. Eine Konkurrenz wurde dadurch den
Weissbierbrauereien und den auswrtigen Brauereien geschaffen, die Bier
nach Berlin exportierten. Diese Konkurrenz wirkte auch auf die
Bier-Niederlagen ein, denn es ist ersichtlich, dass z. B. der Absatz
auswrtiger unterghriger Biere durch die Konkurrenz des neuen Berliner
unterghrigen Bieres bedroht sein musste. Die brigen Bierhndler
schwankten eine Zeit lang in ihrer Stellungnahme zu dem neuen Biere; ein
Teil unter ihnen beschrnkte sich bis in den Anfang der sechsziger Jahre
hinein auf den Absatz von Weiss- und Braunbier. Die Mehrzahl jedoch kam
dem Verlangen ihrer Kunden nach, zog auch das bayrische Bier[8] auf
Flaschen und versuchte dadurch den Ausfall der durch die Zurckdrngung
des Konsums von Weissbier herbeigefhrt wurde, zu kompensieren.
Allerdings waren ja von vornherein fr den Flaschenbiervertrieb die
Chancen bei dem bayrischen Biere erheblich ungnstigere als bei dem
Weissbier. Da das Weissbier auf Flaschen gezogen werden _musste_, so war
bei ihm der Absatz in Flaschen gleich 100 %. Das bayrische Bier dagegen
kam zu etwa 70 % vom Fass zum Ausschank und nur der kleinere Teil wurde
in der Form des Flaschenbieres genossen. Neben den grossen
Ausschanklokalen, in denen -- schon der Bequemlichkeit halber -- das
bayrische Bier sich usserst schnell einbrgerte, begannen auch die
Gastwirte nach und nach mit dem Ausschank und wenn es auch gewiss in den
sechsziger Jahren noch keine Gastwirtschaften gab, welche _nur_
bayrisches Bier ausschnkten, so verringerte sich doch andererseits auch
stndig die Zahl derjenigen, welche nur Weissbier fhrten und
allmhlich begannen diejenigen Geschfte zu berwiegen, bei denen das
Hauptgewicht auf dem Ausschank des bayrischen Bieres lag.

Auf den ersten Blick scheint es, als wenn diese Vernderung in den
Konsumtionsverhltnissen den Bierhndlern nur Nachteile htte bringen
knnen. Vor allen ging die Lieferung an die grossen Ausschanklokale in
Berlin und Umgegend zurck; eine Kompensation durch Lieferung von
bayrischem Bier war hier ausgeschlossen, denn wenn diese
Ausschanksttten bayrisches Bier verschnkten, so bezogen sie es in
Fssern von den Brauereien. Doch stand dieser Absatzminderung zunchst
die _absolute_ Steigerung der Weissbierkonsumtion entgegen, die im
Zusammenhang mit der Bevlkerungszunahme auch damals anhlt. Dazu kommt
aber noch ein anderes Moment. In vielen Gastwirtschaften hatte, wie
schon bemerkt, der Ausschank von bayrischem Bier den des Weissbieres bei
weitem berflgelt. Unter diesen Umstnden hielt es der betreffende
Gastwirt nicht mehr fr ntig, das Weissbier selbst abzuziehen, sondern
bezog es in Flaschen vom Bierverleger. Es hngt dies damit zusammen,
dass der Abzug des bayrischen Bieres, das Verschnken des in der
Brauerei genussreif hergestellten Bieres durchaus keine Schwierigkeiten
macht, im Vergleich zu dem Abzug von Weissbier, das zumal frher eine
individuelle Behandlung verlangte (vgl. spter S. 58). So kam es denn,
dass mit der Einfhrung des bayrischen Bieres viele Leute aus allerlei
Berufen ohne irgend welche Vorkenntnisse eine Kneipe aufmachten, denen
das Abziehen des Weissbieres nicht nur wegen des geringeren Absatzes
unntig, sondern in den meisten Fllen _unbequem_ erschien und die es
deshalb vorzogen, das Bier vom Flaschenbierhndler zu beziehen. War
frher der Gastwirt fast in allen Fllen ein Konkurrent des
Flaschenbierhndlers, so wurde jetzt eine grosse Anzahl zu Kunden ihres
frheren Konkurrenten. Eine hnliche Erscheinung finden wir bei den
Viktualienhndlern. Ein Teil derselben betrieb den Absatz von Bier als
Hauptgeschft und bildete das Hauptkontingent fr den neu sich bildenden
Stand der Bierverleger, die brigen jedoch gaben den Abzug des Bieres
auf und zogen es vor, das Bier in Flaschen vom Flaschenbierhndler zu
beziehen.

Es ist anzunehmen, dass diese Umwandlungen in der Gastwirtschaft und im
Viktualienhandel die durch die Einfhrung des bayrischen Bieres
bedingte teilweise Ungunst der Geschftslage aufhoben. Nimmt man hinzu,
dass der Bedarf fortwhrend im Steigen begriffen war, eine Uebersetzung
in dem Gewerbe des Flaschenbierhandels aber nicht eintrat, so konnte die
Lage der Flaschenbierhndler ohne Uebertreibung als eine sehr gnstige
bezeichnet werden. Diese Gunst der Geschftslage fhrt dazu, dass
zunchst schon in den fnfziger, in strkerem Massstabe dann in den
sechsziger Jahren aus den verschiedenen Betriebsvereinigungen der
Flaschenbierhandel als _selbststndige Unternehmung_ sich loszulsen
beginnt. Und zwar aus dem Viktualiengeschft und der Gastwirtschaft der
Bier-Verlag, aus der in Verbindung mit Restauration oder
Kolonialwarenhandlung betriebenen Bier-Niederlage die selbstndige
Vertretung. Im Jahre 1868 finden wir im Branchenregister des Berliner
Adressbuches zum ersten Male die Rubrik Bier-Verleger und zwar werden
in ihr 102 Namen aufgefhrt mit Inbegriff der Vertretungen auswrtiger
Brauereien. Dieser Umstand ist natrlich nicht dahin zu deuten, als ob
im Jahre 1868 oder berhaupt in einem Zeitraum von wenigen Jahren die
Umwandlung aus der Betriebsvereinigung in den selbstndigen Bierverlag
vor sich gegangen sei, es wurde schon darauf hingewiesen, dass bereits
in den fnfziger Jahren Bierverlagsgeschfte als solche bestanden.[9]
Andererseits ist als ebenso sicher anzunehmen, dass der Prozess der
Loslsung des Bierverlages aus der Betriebsvereinigung auch im Jahre
1868 noch nicht abgeschlossen war und namentlich die Form der
Betriebsvereinigung des Bier-Verlages mit der Gastwirtschaft vielfach
noch bestand. Immerhin ist die Thatsache, dass im Jahre 1868 die
Bierverleger durch die Aufnahme ihres Gewerbes im Berliner Adressbuch
als besonderer Berufsstand gewissermassen legitimiert wurden, wichtig
genug, um in ihr einen gewissen Abschluss des ersten Teiles der
Entwicklung des Berliner Flaschenbierhandels zu sehen. Noch aus einem
anderen Grunde. Um dieselbe Zeit, in welcher der Bierverlag immer mehr
selbstndig wurde, entsteht gleichzeitig in Berlin die erste
Lagerbrauerei fr bayrisches Bier _in der Form der Aktiengesellschaft_,
welche versucht, die als Zwischenglieder zwischen Brauerei und Publikum
stehenden Bierverleger dadurch auszuschalten, dass sie, und zwar
im Jahre 1868, _ihr Flaschenbier direkt an die Konsumenten
absetzt_. Der Bierverlag als selbstndiges Unternehmen auf der einen
-- die Lagerbierbrauerei als Aktiengesellschaft, welche den
Flaschenbiervertrieb in eigene Regie nimmt, auf der anderen Seite --
erffnen fr unsere Betrachtung ganz neue Ausblicke, die von selbst in
die zweite Periode der Entwicklung des Berliner Flaschenbierhandels
hinberleiten.

Funoten:

[2] Oekonomische Encyklopdie, oder allgemeines System der Land-, Haus-
und Staats-Wissenschaft etc. In 242 Bnden von 1772-1858.

[3] Vergl. Wiedfeldt, Statistische Studien zur Entwicklungsgeschichte
der Berliner Industrie von 1720-1890. Schmollers Forschungen, Band XVI,
Heft 2.

[4] Berlin im Zeichen des Gambrinus vom Jahre 1319 bis zum Jahre 1848.
(Ohne Nennung des Verfassers.) Wochenschrift fr Brauerei, Berlin. XVI.
Jahrgang.

[5] Z. B. die Unlust des Treppensteigens bei dem Aufkommen der hohen
vierstckigen Huser.

[6] Schon 1829 hatte brigens die preussische Regierung auf ihre Kosten
und wohl auf Anregung der Knigin Elisabeth, einer bayrischen Prinzessin
2 (Potsdamer) Brauer nach Mnchen zur Erlernung der bayr. Brauerei
geschickt. Vgl. Struve, Bayr. Braugewerbe, pag. 60.

[7] Wie anderwrts, so liessen auch in Berlin Weinhndler und
Hotelbesitzer ihre Shne oft Brauer werden und in Mnchen lernen. Die
Familien Habel und Happold gehren hierher, erstere eine Weinhandlungs-,
letztere eine Hotelbesitzersfamilie, die zuerst auch eine sogenannte
bayerische Bierstube fhrte.

[8] Diese Bezeichnung ist sprachlich unrichtig, aber da sie in Berlin
eingefhrt ist (das aus Bayern eingefhrte Bier bezeichnet man im
Gegensatz zu dem nach bayrischer Art gebrauten Berliner Lagerbier als
echtes), so ist sie auch in dieser Arbeit beibehalten worden.

[9] Als der lteste Bierverleger wurde mir ein gewisser Lange,
Barnimstrasse, bezeichnet, der bereits 1842 sein Viktualiengeschft
aufgegeben und sich lediglich mit dem Vertrieb von Flaschenbier befasst
haben soll.




            Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschfts.

                   II. Periode (1868 bis zur Gegenwart).


Bei unseren Betrachtungen ber die weitere Entwicklung des Berliner
Flaschenbiergeschfts werden wir von der Entwicklung des Berliner
Bierkonsums im allgemeinen auszugehen haben. Anschliessend hieran wird
es uns leicht sein, die Einwirkung dieser Entwicklung auf den Genuss von
Flaschenbier und so auf das Flaschenbiergeschft selbst zu ersehen. Die
Weiterbildung des Berliner Brauereigewerbes wird uns die Anteilnahme der
Brauereien an der Befriedigung des Flaschenbierkonsums zeigen, ebenso
die Entstehung der Kannenbier- und Syphongeschfte und deren Bedeutung.
Die Verschiebungen in der Lage des Bierverlegerstandes durch die
Einwirkung der vorerwhnten Momente werden dann deutlich erkannt werden
knnen.


                 Die Entwicklung des Berliner Bierkonsums.

In erster Linie werden hierbei die Vorgnge in der Bewegung der
Bevlkerung ins Auge zu fassen sein. Denn naturgemss kommt die
Bevlkerung nach Zahl und Zusammensetzung vor allem _da_ in Betracht, wo
es sich um den Konsum von Genussmitteln handelt. Berlins Bevlkerung ist
nun, wie bekannt, in einer selbst fr eine Grossstadt berraschenden
Weise gestiegen. Noch 1858 hatte Berlin kaum eine halbe Million
Einwohner (448000), zehn Jahre spter zhlte es bereits 700000 und 1876
erreichte es fast die Million (964000). Rechnet man die Vororte im
Umkreise von 2 Meilen hinzu, die ja bei der Ausbildung der
Verkehrsverhltnisse de facto lngst zu Berlin gehren, so hat Berlin
bereits 1875: 1131000, 1885: 1559000 und 1895: 2255000 Einwohner. Die
Konsumfhigkeit wird dabei durch ihre Alterszusammensetzung noch erhht.
Es werden in einer Grossstadt wohl in den meisten Fllen Leute im
erwerbsfhigen Alter in den besten Jahren zahlreicher zu finden sein,
als in der Mittel- oder Kleinstadt und gar auf dem Lande, weil die in
den Stdten dominierende Grossindustrie auf der einen Seite diese Leute
braucht und auf der anderen Seite bei diesen selbst der Trieb zu
wandern, der Wunsch, die Arbeitskraft mglichst teuer zu verkaufen und
gleichzeitig das Einerlei des Landes oder der Kleinstadt mit dem lebhaft
pulsierenden Leben der Grossstadt zu vertauschen, besonders in jungen
Jahren stark ausgebildet ist. Wie sich diese Thatsache in dem
Altersaufbau der Bevlkerung bemerkbar macht, zeigt nachfolgende
Tabelle, welche ebenso wie die meisten auf Berlin bezglichen
statistischen Angaben, Wiedfeldt's vorzglichem Werke entnommen ist. Es
standen danach 1890 von 100 Personen im Alter von:

  -------------------------------------------------------------------
              | unter|10 bis|20 bis|30 bis|40 bis|50 bis|60 bis|ber
              |  10  |  20  |  30  |  40  |  50  |  60  |  70  | 70
  ------------+------+------+------+------+------+------+------+-----
  in Preussen | 24,8 | 20,7 | 16,2 | 12,9 | 10,1 |  7,6 |  5,0 | 2,7
  in Berlin   | 19,1 | 17,5 | 23,1 | 17,1 | 11,5 |  6,5 |  3,6 | 1,6
              |      |      |\------------v------------/|      |
              |      |      |+ 6,9 |+ 4,2 |+ 1,4 |      |      |

Nun stellen die Altersklassen vom 20. bis zum 50. Jahre gewiss
denjenigen Teil der Bevlkerung dar, welcher produktiv am thtigsten ist
und auch fr den Bierkonsum in erster Linie in Betracht kommt. Da nun
gerade diese Bevlkerungsklassen in Berlin um 12,5 % strker vertreten
sind, als in der gesamten preussischen Monarchie so kann es im
Zusammenhang mit der raschen Bevlkerungszunahme nicht auffallen, wenn
auch der Bierkonsum absolut und relativ in erheblichem Maasse gestiegen
ist. Er zeigt im allgemeinen eine stetige Aufwrtsbewegung, wenn auch
die Durchschnittszahlen der Grnderjahre in den darauffolgenden Jahren
wirtschaftlicher Depression nicht erreicht wurden, wie ja in gewisser
Beziehung die Verhltniszahlen des Bierkonsums gleichzeitig ein Bild des
jeweiligen Wohlstandes der Bevlkerung abgeben.[10] Wenn wir nun die
Produktionszahlen betrachten (vgl. Tabelle), so zeigen dieselben neben
dem Steigen der Produktion zugleich eine Verschiebung der
Verhltniszahlen beider Arten des produzierten Bieres.

                        _Bierproduktion in Berlin_.

  -----------------------------------------------------------------------
         |                 |               |              |   pro Kopf
         |  unterghriges  |  oberghriges |    Gesamt-   |     der
   Jahr  |      Bier       |      Bier     |  Produktion  |  Bevlkerung
         |       hl        |       hl      |      hl      |      l
  -------+-----------------+---------------+--------------+--------------
   1860  |      150421     |     370284    |    520705    |     110
   1865  |      324108     |     544723    |    868831    |     132
   1870  |      536840     |     512878    |   1049718    |     133
   1875  |     1112283     |     874317    |   1986600    |     206
   1880  |     1983357     |     708267    |   1799624    |     160
   1885  |     1492487     |     805927    |   2308414    |     176
   1890  |     1939023     |    1060001    |   2999024    |     189
   1895  |     2379368     |    1234153    |   3613521    |     202

Schon vorher ist darauf hingewiesen worden, wie das erst um das Jahr
1840 eingefhrte bayrische Lagerbier sich in kurzer Zeit in allen
Kreisen der Bevlkerung Eingang zu verschaffen wusste, sodass um die
Mitte der sechziger Jahre bereits nur noch doppelt soviel Weissbier
gebraut wurde als Lagerbier. Den strksten Umschwung aber brachte der
Anfang der siebziger Jahre. Es wurden produziert:

                    -----------------------------------
                            | unterghrig | oberghrig
                     Jahr   |     hl      |     hl
                    --------+-------------+------------
                     1860   |   150421    |   370284
                     1865   |   324108    |   544723
                     1868   |   417340    |   418169
                     1869   |   525534    |   462711
                     1870   |   536840    |   512878
                     1871   |   614231    |   526660
                     1872   |   917813    |   654718
                     1873   |  1088155    |   766099
                     1874   |  1148421    |   785115
                     1875   |  1112283    |   874317

Bereits um die Mitte der siebziger Jahre hat also das bayrische Bier
beinahe jenen Anteil an der Gesamtproduktion zu erlangen gewusst, den
es bis zum Ausgang der neunziger Jahre behauptet und noch um ein
geringes berschritten hat (von 61,1 auf 64,9 %). Verschiedene Grnde
sind dafr maassgebend gewesen, dass gerade Anfang der siebziger Jahre
dieser Umschwung in den Berliner Bierkonsumtionsverhltnissen eintrat,
zunchst die gesteigerte Kaufkraft des Publikums, welches durch die
ausserordentlich gnstige Geschftslage in den Grnderjahren in den
Stand gesetzt wurde das _teurere_ bayrische Lagerbier zu bezahlen; denn
das Glas Bayrisch  3/10 Liter kostete 10 Pfg., whrend die fr
denselben Preis abgegebene kleine Weisse 5/10 Liter enthielt und von
dem einfachen Weiss- und Braunbier 8/10 oder oft auch 10/10 Liter nur
auf 10 Pfg. kamen. Dann sind aber auch hier vor allem Aenderungen in der
Bevlkerungszusammensetzung in Betracht zu ziehen. Gewisslich ist gerade
in diesen Jahren die Berliner Bevlkerung am strksten in ihrer
Zusammensetzung in der Richtung des Vorwiegens der jngeren
Altersklassen und in der Tendenz einer Zurckdrngung des Berlinertums
beeinflusst worden. Ebenso wie der erstere Umstand im Zusammenhang mit
der Bevlkerungszunahme den Konsum im allgemeinen steigerte, so trug die
Thatsache, dass das Berlinertum innerhalb der Berliner Bevlkerung an
Einfluss und Zahl verlor, auf der anderen Seite dazu bei, das
Ueberwiegen des Konsums von bayrischem Bier zu bewirken. Denn das
Berliner Weissbier ist, wie u. a. auch der Name besagt ein spezifisch
berlinisches Getrnk und seine Eigenart wie seine Vorzge werden
infolgedessen auch nur von echten Berlinern in richtiger Weise
eingeschtzt und gewrdigt. Wie die Form der Glser und die Natur des
Bieres ein hastiges Heruntergiessen verbieten, vielmehr Ruhe und
Behaglichkeit zum Geniessen des Weissbieres Vorbedingung sind, so kann
man vielleicht sagen, dass in der Eigenart dieses Bieres sich das Bild
des behbigen, bedchtigen und etwas philistrsen alten Berliner
Brgertums spiegelt. Welcher Gegensatz zwischen einer Weissbierstube im
alten Berlin und den in den letzten Jahren entstandenen berhmten
Aschinger'schen Bierquellen! Dort die Brger etwas ehrwrdig an den
einfachen Tischen vor den runden grossen Glsern vereinigt, Zeitung
lesend oder in Ruhe und Behbigkeit sich unterhaltend. Hier ein ewiges
Hasten und Treiben, Kommen und Gehen, die Einzelnen kaum sich Zeit
lassend, um Platz zu nehmen, sondern im Stehen eines der obligaten
belegten Brdchen essend oder einen Schnitt echten Bieres
herunterstrzend und mit dem Blick auf die Uhr nach einigen Minuten
wieder forteilend, um anderen Platz zu machen, welche ebenso wie sie in
der Eile etwas geniessen wollen. Es ist interessant und gewiss nicht
Zufall, dass in denselben Jahren, in welchen in Berlin das bayrische
Bier eingefhrt wurde, auch in den meisten Schichten der Bevlkerung die
_Cigarre_ an die Stelle der _Pfeife_ trat. Wenn wir noch einen Schritt
weiter gehen und an die Cigarette denken, so wird man unbedingt
beipflichten mssen, dass die Vorbedingungen fr den Genuss bei beiden
ganz verschiedenartige sind und dass aus dem Genuss des Tabaks in der
einen oder der anderen Form sehr wohl Rckschlsse auf den Charakter der
Rauchenden oder doch wenigstens, auf die Umstnde gemacht werden knnen,
unter denen das Rauchen geschieht. Aehnlich steht es mit dem Genuss von
Weiss- oder bayrischem Bier. Allerdings darf man nicht Ursache und
Wirkung verwechseln, wie Prof. Hoppe es thut, wenn er den unruhigen Sinn
der Berliner in den vierziger Jahren zum Teil auf das Konto der
Einfhrung des bayrischen Bieres setzen will. Nein, weil Berlin infolge
seiner Entwicklung zur Grossstadt aus dem behbig ruhigen Leben
aufgestrt wurde, deshalb fgte sich das bayrische Bier viel besser in
das Leben der Stadt ein, als es in frherer Zeit der Fall gewesen wre.
Und dass gerade der Charakter der Grnderjahre diese Wirkung in der
Verschiebung des Konsums der beiden Biersorten am strksten zum Ausdruck
bringen musste, leuchtet ohne weiteres ein.

In der Folgezeit hat sich, wie schon erwhnt, an dem Verhltnis der
Produktion beider Biersorten wenig gendert. Im Jahre 1898, dem letzten,
fr das uns Zahlen vorliegen, wurden produziert 2480418 hl unterghriges
und 1357993 hl oberghriges Bier, was einem Verhltnis von 64,9 zu 35,1
entspricht. Noch ungnstiger aber stellt sich das Verhltnis, wenn die
Zahlen der Ein- und Ausfuhr in Bercksichtigung gezogen werden. Es
wurden im Jahre 1898 in Berlin eingefhrt 607150, ausgefhrt 626527 hl.
Die Einfuhr ist lediglich den unterghrigen Bieren zuzuzhlen mit
Ausnahme der ca. 20-30000 hl oberghrigen Grtzer Bieres, das aber auch
mit dem Weissbier durchaus nicht verwandt ist. Nimmt man nun an, das
Berliner Weissbier sei an der Ausfuhr nur mit demselben prozentualen
Verhltnis beteiligt, wie an der Produktion, so sinkt der Anteil des
Weissbieres an dem genannten Berliner Bierkonsum auf ca. 30 %. In
Wirklichkeit drfte sich aber das Ergebnis noch ungnstiger stellen,
denn es ist bekannt, dass das Berliner Weissbier in grossen Mengen nach
aussen versendet wird; sein Anteil an der Ausfuhr wird daher vermutlich
bedeutend hher sein, als derjenige an der Produktion. Wenn in den
letzten Jahren die _Produktion_ des Weissbieres absolut und z. T. auch
relativ gestiegen ist (1883/84 war der Anteil des Weissbieres an der
_Produktion_, d. h. ohne Bercksichtigung der Ausfuhr auf 30,06 %
gefallen), so ist diese Erscheinung neben anderen Grnden vielleicht
darauf zurckzufhren, dass die Berliner Weissbierbrauereien fr den
Rckgang des Berliner Weissbierkonsums in der Provinz einen Ersatz
gesucht und gefunden haben. Ob mit dem Aussterben des alten Berlinertums
auch der Konsum von Weissbier aufhren wird, kann dagegen stark
bezweifelt werden. Vielfach wird das Weissbier heute von den weniger
wohlhabenden Klassen schon wegen seiner Billigkeit dem bayrischen Biere
vorgezogen, die Versendung kleiner und kleinster Gebinde, (allerdings
handelt es sich bei dieser Versendung um schwcher eingebrautes
(einfaches) Weiss- oder Braunbier) z. B. zum Preise von 1 Mark nebst
pfandlosem Hingeben von Utensilien, welche zum Selbstabzug ntig sind,
hat den Absatz des Weissbieres bedeutend gesteigert, auch scheint es,
als ob ein Teil der Arbeiterschaft seit dem Boykott gegen die
Lagerbier-Brauereien (1894) sich vielfach mit dem Weissbier wieder
befreundet htte. Namentlich in den Arbeitspausen wird von den Arbeitern
auch heute noch vielfach beim Gastwirt Weissbier konsumiert, whrend in
der Fabrik fast nur bayrisches Bier getrunken wird, hauptschlich
deshalb, weil das bayerische Bier bequem aus der Flasche getrunken
werden kann, was beim Weissbier nicht der Fall ist. Es ist bedauerlich,
dass in den Aufzeichnungen ber Import und Export des in Berlin
konsumierten bezw. produzierten Bieres ein Unterschied zwischen
oberghrigem und unterghrigem Bier nicht gemacht wird. Eine solche
Unterscheidung allein wrde uns in den Stand setzen, genau den Anteil
beider Bierarten am Berliner Konsum festzustellen. Jedenfalls ist bei
Betrachtung der mitgeteilten Zahlen und fr daraus spter zu ziehende
Schlsse daran festzuhalten, dass die Hhe der Weissbierproduktion
allein fr den Anteil am Gesamtkonsum nicht gengende Anhaltspunkte
bietet.


              Einwirkung der Konsumtionsverhltnisse auf das
                      Flaschenbierlieferungsgeschft.

Die Erhhung des Bierkonsums und die Vernderung des Anteils der beiden
Biersorten an ihm beeinflusste das Flaschenbiergeschft und speziell das
_Flaschenbierlieferungsgeschft_ in gnstigem Sinne. Verschiedene Grnde
wirkten in besonders gnstiger Weise auf die Ausbreitung des letzteren.
In erster Linie die _Vermehrung der Fabriketablissements_. Nach
Wiedfeldt sind in den Jahren 1869-1892 nicht weniger als 1638
polizeiliche Konzessionen zu Fabrikbauten erteilt worden, die grsste
Zahl 204 bezw. 196 in den Jahren 1872 und 1873, die geringste 16 und 10
in den Jahren 1879 und 1878. Gerade in den Fabriken wird aber fast nur
Flaschenbier konsumiert. Es ist in jedem Betrieb mit einer grsseren
Zahl von Arbeitern so gut wie ausgeschlossen, dass das Bier in Glsern
oder Krgen aus der benachbarten Gastwirtschaft geholt und nur in den
allergrssten Etablissements wiederum ist es mglich, dass das Bier
selbst abgezogen wird. So mussten die ausgedehnten Neugrndungen und
Hand in Hand damit die Vergrsserungen der bestehenden Fabriken den
Flaschenbiervertrieb mchtig frdern, und den Flaschenbierhndlern
regelmssige Abnehmer grsserer Quantitten zufhren. Nicht so
regelmssig und mit einem Risiko verknpft, aber den Flaschenbierhandel
auch sehr steigernd, war die Lieferung an die bei den _Bauten
beschftigten Arbeiter_. So lange in Berlin fast allein Weissbier
produziert wurde, war der Konsum auf den Bauten nur gering. Direkt aus
der Flasche konnte das Weissbier nicht genossen werden, es in Glser zu
schnken war zu umstndlich, da der Standort der Arbeiter nicht derselbe
blieb und die Gefahr bestand, dass bei etwaiger Ungeschicklichkeit das
Glas mit dem Bier umgeworfen wurde. Der Genuss von Bier beschrnkte sich
daher meist auf die Arbeitspausen. Seit Einfhrung des bayrischen Bieres
vollzieht sich der Konsum in viel einfacherer und bequemer Weise: der
Arbeiter steckt eine oder mehrere Flaschen in die Tasche und trinkt je
nach Bedrfnis. Da der Beruf der Bauarbeiter namentlich im Sommer, wo
dieselben der sengenden Hitze schutzlos ausgesetzt sind, ein sehr
schwerer und anstrengender, andererseits aber auch die Entlohnung in den
meisten Fllen eine gute ist, so wird auf den Bauten sehr viel Bier
getrunken, es kommen manchmal auf jeden Mann im tglichen Durchschnitt
6 bis 10 Flaschen. Wenn diese Verhltnisse auch bereits in den ersten
Jahrzehnten nach der Einfhrung des bayrischen Bieres sich eingebrgert
haben, so haben sie doch erst seit den siebziger Jahren erhhte
Bedeutung erlangt. Einesteils aus dem Grunde, weil die Bauwut der
Grnderjahre berhaupt den Berufszweig der Bau-Unternehmer und
Bau-Arbeiter in den Vordergrund stellte,[11] andererseits weil infolge
der grossen Nachfrage nach Bauarbeitern auch deren Disziplin in der
Arbeit mehr gelockert und infolgedessen fr den Biergenuss whrend der
Arbeit keine hemmenden Vorschriften gegeben wurden. Seit den siebziger
Jahren ist die Bauthtigkeit mit wenigen Ausnahmen eine geregelte
gewesen, im Durchschnitt der Jahre 1869-1895 wurden jhrlich in Berlin
4795 Neubauten ausgefhrt. Auf diesen Bauten wird durchweg Flaschenbier
konsumiert, Lieferant ist nur in wenigen Fllen und bei kleinen Bauten
der Gastwirt, in den meisten Fllen der Flaschenbierhndler. Ein Risiko
ist mit der Lieferung allerdings insofern verbunden, als die
Flaschenverluste in der Regel ziemlich bedeutende sind.

Schliesslich ist noch eine Erscheinung zu erwhnen, welche an dieser
Stelle krzer behandelt werden kann, weil auf sie bereits in der
allgemeinen Betrachtung ber die Grnde zur Ausbreitung des
Flaschenbierversandgeschfts hingewiesen ist. Es war erwhnt worden,
dass die weite Entfernung von einer Bezugsquelle fr Fassbier, oder von
einem Einzelverkauf von Flaschen das Flaschenbierversandgeschft
befrderte. In Berlin haben sich nun einige Stadtviertel abgesondert,
welche speziell nur fr die wohlhabenden Kreise bestimmt sind, da durch
die Hhe der Miete schon jeder, der nicht zu den oberen Zehntausend --
in Berlin sind es aber betrchtlich mehr! -- gehrt, abgeschreckt wird,
dort sein Heim aufzuschlagen. Es sind dies in Berlin sowohl das
Bellevue-, als das Hansa- und Tiergartenviertel, ferner die Gegenden in
der Nhe des Zoologischen Gartens bis Wilmersdorf hinauf und die
Villenkolonie Grunewald. In diesen Stadtteilen giebt es wohl
Restaurateure aber keine Gastwirte und da nur die letzteren in
grsserem Maassstabe sich mit dem Verkauf ber die Strasse befassen, so
sind die Bewohner dieser Gegenden auf den Bezug von Flaschenbier aus
einem Flaschenbierlieferungsgeschft direkt angewiesen. Sie knnen zwar
auch Bier in Flaschen einzeln vom Viktualien- oder Kolonialwarenhndler
kommen lassen, letzterer bezieht aber sein Bier auch erst vom Hndler,
sodass auf alle Flle eine Steigerung des Versandes von Flaschenbier
erreicht wird. Dass hnliche Erscheinungen auch in anderen Stdten
vorliegen, ergiebt sich aus dem Hinweis eines Leipziger Bierverlegers
(des Vorsitzenden des dortigen Vereins), der die Existenz des
Leipziger Gewandhausviertels als eine Sttze fr das dortige
Flaschenbiergeschft bezeichnete.


           Die Weiterentwicklung des Berliner Brauereigewerbes.

Hand in Hand oder doch vielfach im Anschluss und im Zusammenhang mit den
hier angefhrten Thatsachen, hat nun diejenige Umwandlung sich
vollzogen, welche fr den Flaschenbiervertrieb im allgemeinen, fr seine
Form im speziellen von allerhchster Wirkung wurde: _die Entwicklung der
Berliner unterghrigen Brauereien zum Grossbetrieb und infolge davon die
Uebernahme des Flaschenbiervertriebes in eigene Regie_. Bis in die Mitte
dieses Jahrhunderts trugen die Berliner Brauereien noch durchweg den
Charakter von Kleinbetrieben an sich. 1845 produzierten die 12 Weiss- und
18 Braunbierbrauereien im Ganzen 145355 t Bier, d. h. es kamen auf jede
Brauerei noch nicht 5000 t im Durchschnitt. In welcher Weise das nach
bayrischer Art gebraute Lagerbier sich in Berlin dann Eingang zu
verschaffen wusste, ist an anderer Stelle bereits dargelegt worden.
Hatte es 1838 3 bayrische Brauereien in Berlin gegeben, so ist ihre Zahl
schon zehn Jahre spter (1848) auf 14 gestiegen und gegen Ende der
sechziger Jahre giebt es in Berlin 20 Brauereien, welche bayrisches Bier
produzieren, darunter eine Aktiengesellschaft. In der Zeit, in welcher
die Gesamtproduktion an bayrischem Bier der des Weissbieres gleichkommt,
ist die _Durchschnitts_produktion bei den bayrischen Brauereien bereits
hher als bei den Weissbierbrauereien, sie betrug bei ersteren im Jahre
1870 26847, bei den letzteren 20513 hl.

Als nun zu Anfang der siebziger Jahre das Grndungsfieber in Berlin
grassierte, wandte sich die Spekulation in augenflligem Maasse den
Brauereibetrieben zu. Es konnte nicht berraschen, wenn sie dabei die
unterghrigen Brauereien bevorzugte. Einesteils deshalb, weil der Anteil
des Weissbieres an der Konsumbefriedigung stetig zurckzugehen und bei
der vorauszusehenden Entwicklung der Reichshauptstadt, dem Einstrmen
fremder Elemente zu dauernden Niederlassungen ebenso wie zu zeitweiligem
Aufenthalt und jener brigen erwhnten Momente, dem bayrischen Bier die
Zukunft zu gehren schien. Dazu kam, dass bei den Besitzern der
Weissbierbrauereien viel weniger Neigung bestand, ihre Hand zur
Umwandlung ihres Betriebes in eine Aktiengesellschaft zu bieten als bei
den Besitzern der z. T. selbst noch nicht lange bestehenden bayrischen
Brauereien. Whrend daher die Weissbierbrauereien fast durchweg ihren
privaten Charakter behielten, hat sich bei den bayrischen Brauereien die
Umwandlung in Aktiengesellschaften so zu sagen _auf der ganzen Linie_
vollzogen. Die 1868 in eine Aktiengesellschaft umgewandelte
Tivoli-Brauerei wurde schon erwhnt, es folgen 1870 die Brauerei
Friedrichshain, 1871 die Brauereien Friedrichshhe, Moabit und
Schlossbrauerei Schneberg, 1872 die Berg-, Bock-, Adler-,
Schultheiss- und Vereins-Brauerei, das Berliner Brauhaus, insgesamt also
13 Umwandlungen, von denen nicht weniger als 7 auf das eine Jahr 1872
fallen.

Es liess sich voraussehen, dass in der Folgezeit die Entwicklung der
unterghrigen Brauereien wesentlich von derjenigen der oberghrigen
verschieden sein wrde. Ebenso wie die Aktiengesellschaft die modernste
Form der Unternehmung ist, so lsst sich auch bei ihr voraussetzen, dass
sie sich aller derjenigen Hilfsmittel bedienen wird, welche in modernen
kaufmnnischen Betrieben angewendet werden, um ein Geschft in die Hhe
zu bringen. Man hat versucht, die Hauptmerkzeichen dieses modernen
Geschftsbetriebes in die Worte: Coulanz und Reklame zu kleiden,
ebenso den Unterschied zwischen alter und neuer Geschftspraxis dahin zu
kennzeichnen, dass frher der Geschftsinhaber wartete, bis der Kunde zu
ihm kam und dann erst lieferte, whrend heute der Lieferant den Kunden
aufsucht und ihn zur Abnahme seiner Waren zu bestimmen sucht. Man kann
darber streiten, ob die gegebene Charakteristik auf alle
Grossbetriebe passt, jedenfalls ist sie richtig in Bezug auf die
Berliner Lagerbier-(bayrischen) Brauereien, welche in derselben
Zeit alle Fortschritte der modernen Technik und Geschftspraxis
sich zu Nutze machen, in welcher die Weissbierbrauereien
ihren alten konservativ-patriarchalischen Charakter behalten.
Nicht als ob diese verschiedenartige Entwicklung allein der
verschiedenen Natur der Unternehmungsform, dem Gegensatz zwischen
Aktiengesellschaft und privatem Besitz zuzuschreiben wre. Auch die
im Privatbesitz befindlichen bayrischen Brauereien werden nach grossen
kaufmnnischen Gesichtspunkten geleitet, whrend andererseits die
Weissbier-Aktienbrauereien nicht allzusehr von den brigen sich
unterscheiden. Es mchte scheinen, als wenn auch hier der Charakter des
Bieres wieder seinen Einfluss zeigte. Noch vor nicht gar langer Zeit
standen in einer der grssten Berliner Weissbierbrauereien alle Arbeiter
in _Lohn_, _Kost_ und _Wohnung_, in einer anderen, deren
Durchschnittsproduktion gewiss ber 50000 hl betrgt, konnte sich der
Besitzer nicht dazu entschliessen, sich Fernsprechanschluss zu besorgen.
In manchen der grsseren Berliner Weissbierbrauereien wird die
kaufmnnische Buchfhrung auf das Notwendigste beschrnkt und das
Comptoirpersonal einer der grssten Berliner Weissbierbrauereien, deren
Geschftsumsatz sich gewiss auf ber 1 Million Mark jhrlich beluft,
besteht aus -- zwei Buchhaltern, welche alle Abrechnungen mit den
Lieferanten, Kunden, Fahrern besorgen, die Bcher fhren, berhaupt in
Gemeinschaft mit dem Besitzer den Betrieb leiten. Oft reichen in diesen
Brauereien die Betriebsrume nicht zu, man weiss manchmal nicht, wie man
ber den mit Fssern, Wagen und Utensilien aller Art angefllten Hofraum
zu dem Comptoir gelangen soll. Doch von solchen Aeusserlichkeiten
abgesehen: es fehlte bei allen diesen Betrieben ein Streben nach Absatz
und Vergrsserung des Geschfts, sie hielten keine Reisenden und gaben
wenig fr Reklame aus; ihre Thtigkeit beschrnkte sich darauf, die
ihnen zugegangenen Auftrge auszufhren. Wie anders dagegen bei den
bayrischen Brauereien! Von vornherein gross angelegt und mit einem
Kapitalaufwand gegrndet, der nur bei eintretender Vergrsserung
rentieren konnte,[12] waren sie auf eine ganz andere Leitung
zugeschnitten. Sie suchten auf alle nur denkbare Weise ihren Absatz zu
vergrssern; weitestgehende Kreditbewilligungen, Verleihung von
Geschftsutensilien an ihre Abnehmer, Errichtung eigener
Ausschanksttten, vornehme Reklame waren hauptschlich die Mittel, deren
sie sich bei diesem Streben bedienten. Im Verlauf dieser Entwicklung
mussten die kleineren Betriebe, gegenber den kapitalkrftigeren
Unternehmungen, immer mehr in den Hintergrund treten. Hand in Hand mit
dem Streben nach Erhhung des Absatzes, ging die Tendenz auf Ausnutzung
aller durch die Fortbildung der Technik erringbaren Vorteile, und auch
hier konnten die kleineren Betriebe nicht mitkommen, die, wie es im
Jahrbuch f. d. a. Statistik Preussen von 1876 heisst ohne Eiskeller,
ohne Maschinen, ohne spezielle Techniker mit den grossen Etablissements
weder in Bezug auf die Gte noch in Bezug auf die Herstellungskosten des
Bieres konkurrieren konnten. Stellen wir diese fortschrittsfreudige und
aller Hilfsmittel der modernen Technik und Reklame sich bedienende
Leitung der grossen bayrischen Brauereien in Vergleich zu dem
geschilderten Charakter der Weissbierbrauereien, so kann es nicht
berraschen, dass schon frh die Durchschnittsziffern der Produktion
bei den bayrischen Brauereien viel hher sind, als bei den
Weissbierbrauereien. So heisst es bereits in dem Jahresb. d. Aelt. d.
Kaufm. von 1875: Von den 22 bayrischen Brauereien versteuerten je eine
ber 70000 und 60000 Centner Braumalz, je zwei ber 40000 und 30000, 5
zwischen 20-30000 und alle brigen (11, also 50 %) unter 20000 Centner
Braumalz. Von 26 oberghrigen Brauereien versteuerten je zwei ber 30000
und 20000 Centner, alle brigen (22, also beinahe 90 %) unter 20000
Centner. Im Laufe der Jahre hat sich die Entwicklung der unterghrigen
Bierbrauereien immer weiter nach der Richtung eines Ueberwiegens der
Grossunternehmungen ausgebildet, whrend auf dem Gebiete der
Weissbierproduktion, die Vermehrung der Brauereien in gar keinem
Verhltnis stand zu der Zunahme der Produktion und zwar infolge der
Errichtung vielfacher kleiner Brauereien (sogenannte Quetschen),
welche ihr Bier direkt an die Konsumenten in Gestalt von Frischbier oder
in ganz kleinen Gebinden absetzten. Ihren Ausdruck findet die
Entwicklung in den Zahlen fr die gegenwrtige Durchschnittsproduktion,
welche fr die bayrischen Bierbrauereien 84384, fr die
Weissbierbrauereien 18269 hl[13] betrgt.

Im Zusammenhang mit der Entwicklung der bayrischen Brauereien zum
Grossbetrieb steht nun als ein Glied in der Kette der auf die Erhhung
des Absatzes gerichteten Anstrengungen die _Uebernahme des
Flaschenbiervertriebes[14] durch die unterghrigen Brauereien_. Es wird
vielfach behauptet, diese Uebernahme sei geschehen auf Anregung des
Generaldirektors der Schultheissbrauerei, Roesicke, und zwar zum Schutze
des biertrinkenden Publikums. Die Bierverleger, habe Herr Roesicke
ausgefhrt, panschten zu viel und deshalb mssten die Brauereien den
Flaschenbiervertrieb in eigene Regie bernehmen, damit das Publikum
unverflschte Ware erhielte und die Brauereien nicht lnger der Gefahr
ausgesetzt seien, dass das von ihnen den Bierverlegern im reinen
Zustande gelieferte Bier von diesen verflscht und dadurch ohne Schuld
der betreffenden Brauerei diese selbst in einen schlechten Ruf gebracht
wrde. Nun mag ohne weiteres zugegeben werden, dass in dieser und
anderer Beziehung Missstnde im Bierverlage vorhanden gewesen sein
mgen, obwohl eine Verflschung des bayrischen Bieres wohl seltener
vorgekommen sein mag, als der Wasserzusatz zum Weissbier. Jedoch muss
gegen die Auffassung Einspruch erhoben werden, als wenn die Brauereien
lediglich aus dieser Frsorge fr das Publikum und aus Furcht vor
Schdigung ihres Rufes zu der Einfhrung des Flaschenbiervertriebs
gewissermassen gedrngt worden wren. Es mgen Erwgungen der vorher
dargelegten Art mit obgewaltet haben, aber sie haben sicherlich nur eine
nebenschliche Rolle gespielt gegenber solchen von weit
schwererwiegender Natur. Vor allem kam es darauf an, den Absatz und
zugleich den Gewinn zu erhhen, den man unzweifelhaft und wahrscheinlich
in bertriebenem Maasse von der Einfhrung dieses Vertriebes erhoffte.
Durch den direkten Verkehr mit den Konsumenten auf dem Wege der
Flaschenbiersendung erwartete man weiter, das Bier der betreffenden
Brauerei leichter einzufhren bezw. weiter zu verbreiten. Man rechnete
darauf, dass diejenigen Familien, welche Bier von einer bestimmten
Brauerei als Hausgetrnk gewhnt wren, auch in den Restaurants und
Ausschanksttten dieses bevorzugen wrden. Schliesslich aber und zwar
wohl als ausschlaggebender Faktor sind Erwgungen volkswirtschaftlicher
Natur massgebend gewesen. Schon 1879 war in dem Berichte der Aeltesten
der Kaufmannschaft von Berlin darber geklagt worden, dass die Unsitte
des Uebermaasses unglaubliche Dimensionen angenommen htte, es ist dies
nach jeder Hinsicht bedauerlich, denn einerseits werden dadurch nur die
_sogenannten Bierverleger_, $deren Existenz$ mit wenigen Ausnahmen
$weder fr Fabrikanten$ _noch fr Konsumenten von Nutzen_ ist,
begnstigt, andererseits wird die Soliditt und Rentabilitt der
Brauereien selbst dadurch untergraben. Ebenso wie der Verfasser dieser
Auslassungen in dem citierten Bericht sind wahrscheinlich auch manche
der Brauereidirektoren der Meinung gewesen, dass die Existenz des
Bier-Verlages als eines Zwischengliedes zwischen Produzenten und
Konsumenten als volkswirtschaftliche Notwendigkeit nicht anzuerkennen
sei. Sie glaubten, das Publikum mit Leichtigkeit davon berzeugen zu
knnen, dass es sich bei dem direkten Bierbezug aus der Brauerei weit
besser stnde, als wenn es sich an die Bierhndler wendete. Es musste ja
einleuchten: _besser_ konnte der Bierverleger das Bier seinen Kunden auf
keinen Fall liefern, als die Brauerei, von der er es selbst bezog, wohl
aber bestand die Gefahr der Verflschung. _Billiger_ liefern konnte der
Bierverleger auch nicht, denn er konkurrierte ja mit seinen eigenen
Lieferanten. So schien bei dem geplanten Versuch jeder Vorteil auf
Seiten der Brauereien, aller Nachteil auf Seiten der Bierverleger zu
sein.

Die weitere Entwickelung hat gezeigt, dass diese Kalkulationen richtige
waren. Das Publikum kam den Brauereien mit grossem Vertrauen entgegen
und begann, sich von den Bierverlegern abzuwenden. Eine intensive
Reklame seitens der Bierbrauereien untersttzte diese in ihren
Bemhungen. Annoncen in den Zeitungen, an den Scheiben der damaligen
Pferdebahn und in den Stadtbahnwagen, Zustellung frankierter
Bestellkarten, Neujahrsgeschenke auch an Nichtkunden (Abreisskalender,
Tintenwischer, auch Aschenbecher in Tonnenform mit Firma etc.),
schliesslich das Aeussere der Wagen, das hflichere Benehmen der
Kutscher, alles wirkte zusammen, um den Kundenkreis der Brauerei
fortgesetzt zu vermehren. Einen besonderen Vorteil sah das Publikum
auch darin, dass auf den hbsch etiquettierten Flaschen durch eine
besondere Etiquette auch der Tag des _Abzuges_ vermerkt war, sodass sich
das Publikum jederzeit davon berzeugen konnte, ob es frisches Bier vor
sich hatte oder nicht. Sobald erst ein geregelter Absatz nach den
verschiedenen Stadtteilen sich entwickelt hatte, waren zudem die
Brauereien in der Lage, das Bier in regelmssig guter Qualitt, d. h.
nicht zu alt und nicht zu jung zu liefern -- im Gegensatz zu vielen
Bierverlegern, welche bei ihrem kleinen Absatz oft in die Lage kamen, zu
frisches oder zu lange gelagertes Bier abgeben zu mssen. Vielfach wird
von den Bierverlegern auch behauptet, die Brauereien htten in der
ersten Zeit das Bier, welches sie selbst auf Flaschen zogen, strker
eingebraut, als dasjenige, welches sie den Bierverlegern lieferten und
diese so ausser Stand gesetzt, hinsichtlich der Qualitt berhaupt zu
konkurrieren. Der vom Standpunkt der Bierverleger an sich schon sehr
anfechtbare Kampf -- insofern er nmlich von den Lieferanten gegen ihre
eigenen Kunden gefhrt wurde -- bekme dadurch einen allerdings sehr
hsslichen Anstrich. Ob diese Behauptung richtig ist, lsst sich
natrlich nicht entscheiden. Jedenfalls ist es falsch, sie wie es
seitens der Bierverleger hufig geschieht, als alleinigen Grund fr die
Ueberlegenheit der Brauereien anzusehen; diese Ueberlegenheit war schon
durch die angefhrten Grnde hinlnglich gegeben. Thatsache ist denn
auch, dass die ersten Versuche einzelner Brauereien zu einem usserst
gnstigen Ergebnis fhrten, und nachdem diese ersten Versuche geglckt
waren, folgten schnell die anderen nach. Einige Brauereien wurden zur
Einfhrung des Flaschenbiervertriebes direkt gezwungen, indem
fortgesetzt Bestellungen auf Flaschenbier bei ihnen einliefen, welche
sie auf die Dauer nicht zurckweisen konnten und wollten. Von den jetzt
in Berlin bestehenden 29 bayrischen Brauereien sind es nur noch 6 (und
zwar die kleineren), welche auf den Vertrieb von Flaschenbier
verzichten, die brigen haben ihn in immer weiter steigendem Maasse
eingefhrt und man kann behaupten, dass die Versorgung Berlins mit
Flaschenbier, soweit das bayrische Bier in Betracht kommt, fast ganz in
ihren Hnden ruht. In erster Linie haben sie die Privatkundschaft
erobert. Es muss betont werden, dass sie diesen Teil ihrer Kundschaft
den Bierverlegern nicht dadurch abnahmen, dass sie jene unterboten, denn
sie lieferten ebenso wie die Bierverleger nur 32 Flaschen fr 3 Mark. Es
war bei diesen Kunden hauptschlich das grssere Vertrauen zur Qualitt
des in der Brauerei abgezogenen Bieres, welches sie diesen zufhrte. Die
Kantinen der Fabriken dagegen, ebenso wie andere Geschftskunden wurden
durch Gewhrung eines Rabattes gewonnen, welchen der Gastwirt oder
Bierverleger nicht bewilligen konnte, ohne zu Grunde zu gehen. Auch
heute, nachdem den Brauereien dieser Kundenkreis lngst gesichert ist,
dauert das Unterbieten im gegenseitigen Konkurrenzkampfe der Brauereien
_unter sich_ noch fort. So bedauert eine der bedeutendsten Berliner
Brauereien in einem an den Verfasser dieser Schrift gerichteten
Schreiben, dass bei dem Verkauf von Lagerbier an Wiederverkufer und
Kantinen seitens mehrerer Brauereien eine Preisschleuderei eingetreten
sei und verschiedene Brauereien 42-50 Flaschen fr 3 Mark lieferten.

Die Entstehung des Flaschenbiervertriebes seitens der Brauereien fllt
in den Anfang der achtziger Jahre, in der Gegenwart hat die dadurch
herbeigefhrte Entwicklung gewissermassen ihren Abschluss gefunden.
Ueber die Entwicklung des Absatzes bei einzelnen Brauereien selbst geben
die nachfolgenden Zahlen Aufschluss, welche dem Verfasser von den
betreffenden Brauereien freundlichst zur Verfgung gestellt wurden.

                        _Absatz von Flaschenbier._

                      1. _Aktienbrauerei Knigstadt_.

                           1881/82:      2802 hl
                           1898/99:     16157 "

                  2. _Schlossbrauerei Schneberg_, A.-G.

                           1886/87        ?   hl[15]
                           1887/88      15875 "
                           1888/89      25303 "
                           1889/90      30147 "
                           1890/91      33048 "
                           1891/92      43170 "
                           1892/93      52437 "
                           1893/94      58706 "
                           1894/95      68854 "
                           1895/96      86551 "
                           1896/97      95158 "
                           1897/98      96200 "
                           1898/99      94222 "

             3. _Aktien-Brauerei-Gesellschaft Friedrichshhe_
                            vorm. Patzenhofer.

                         1889/90    3250000 Flaschen[16]
                         1890/91    5000000     "
                         1891/92    6050000     "
                         1892/93    6700000     "
                         1893/94    8450000     "
                         1894/95   11000000     "
                         1895/96   14000000     "
                         1896/97   16540000     "
                         1897/98   17816000     "
                         1898/99   18159000     "
                                 = 63335 hl.

                       4. _Vereinsbrauerei Rixdorf_.

                           1894/95       4476 hl[17]
                           1895/96      14381 "
                           1896/97      22802 "
                           1897/98      28541 "
                           1898/99      33096 "

       5. _Bhmisches Brauhaus_, Kommandit-Gesellschaft auf Aktien.

                           1888/89       4135  hl[18]
                           1889/90       8087  "
                           1890/91      10617  "
                           1891/92      12442  "
                           1892/93      11795  "
                           1893/94      13423  "
                           1894/95      17163  "
                           1895/96      19023  "
                           1896/97      19904  "
                           1897/98      23712  "
                           1898/99      28721  "

                     6. _Schultheiss-Brauerei_, A.-G.

                           1876/77        ?   hl[19]
                           1877/78        ?   "
                           1880/81       6700 "
                           1881/82       6800 "
                           1882/83       9350 "
                           1883/84      11426 "
                           1884/85      13976 "
                           1885/86      16251 "
                           1886/87      18442 "
                           1887/88      19810 "
                           1888/89      24072 "
                           1889/90      31752 "
                           1890/91      48644 "
                           1891/92      57849 "
                           1892/93      78753 "
                           1893/94      94547 "
                           1894/95     104271 "
                           1895/95     120906 "
                           1896/97     128228 "
                           1897/98     156290 "
                           1898/99     183990 "[20]

Der Gesamtumsatz der zum Verband der Berliner Brauereien gehrenden
unterghrigen Brauereien betrug nach den Berichten des Verbandes im
Jahre 1897/98: 531947, im Jahre 1898/99: 599502 hl, welche sich auf die
einzelnen Brauereien folgendermassen verteilen:

           ---------------------------------------------------
                                       |  1897/98  |  1898/99
           ----------------------------+-----------+----------
           Schultheissbrauerei         |   139140  |   167250
           Schlossbrauerei Schneberg  |    96200  |    94222
           Friedrichshhe              |    62377  |    63335
           Viktoria-Brauerei           |    28654  |    32445
           Vereinsbrauerei             |    28541  |    33096
           Bhmisches Brauhaus         |    23712  |    28721
           Unions-Brauerei             |    23400  |    26800
           Oswald Berliner             |    22921  |    26800
           Friedrichshain              |    21792  |    24373
           Happoldt                    |    18626  |    24351
           Bock-Brauerei               |    15920  |    20640
           Moabit                      |    15133  |    16826
           Norddeutsche Brauerei       |    13812  |    15839
           Knigsstadt                 |    13680  |    16157
           Gregory                     |    11732  |    13092
           Werm                        |     8000  |     9251
           Versuchsbrauerei            |     5952  |     6506
           Germania                    |     5033  |     5222
           Gambrinus                   |      243  |     1017

Zu dieser gewaltigen Zahl von beinahe 600000 hl ist noch der Absatz
derjenigen Brauereien hinzuzurechnen, welche dem Verbande nicht
angehren, und deshalb in der Tabelle nicht angefhrt sind. Es sind dies
u. a. die Vereinigten Werder'schen Brauereien, welche ihren Hauptabsatz
in Berlin haben, sowie die grsste der bestehenden bayrischen
Brauereien, soweit diese noch in Privathnden sind, die von Julius
Btzow. Der Absatz von Flaschenbier der letzten Brauerei ist allein auf
ca. 50-60000 hl jhrlich zu schtzen. Dazu kommen nun noch die
Generalvertreter auswrtiger Brauereien, welche ebenfalls einen
schwunghaften Flaschenbierhandel treiben, wie die Haasebrauerei in
Breslau und die Radeberger Exportbrauerei. Der Gesamtumsatz von
Flaschenbier seitens der Berliner Brauereien ist somit auf ca. 7-800000
hl jhrlich zu schtzen. Berechnet man, dass ein Bierverleger bei einem
jhrlichen Absatz von 800-1000 hl schon verhltnismssig gut bestehen
kann, so ist ersichtlich, wie viele solcher Betriebe ein einziges
Grossunternehmen, wie die Schultheissbrauerei, berflssig macht.

Die _Berliner Weissbierbrauereien_ haben in ihrer Mehrzahl aus den
Grnden, die auch ihrer allgemeinen Entwicklung zu Grossunternehmen
entgegenstanden, die Uebernahme des Flaschenbiervertriebes _abgelehnt_.
Einige, die es versucht hatten, den Flaschenbiervertrieb in grsserem
Massstabe in eigene Regie zu bernehmen, wurden durch einen Boykott der
Bierverleger zur Aufgabe desselben gezwungen. Der Boykott liess sich in
diesem Falle durchfhren, weil die betreffenden Brauereien den
Bierverlegern nicht, wie die bayrischen Brauereien als _eine_
geschlossene Macht gegenbertraten, sondern vereinzelt dastanden und
zudem auch einzeln nicht ber ein derartiges Kapital verfgten, wie
jene. Von den grsseren Brauereien betreiben nur zwei den Selbstabzug
und Vertrieb von Flaschenbier, nmlich die Weissbierbrauerei vorm.
Albert Bier, und die vor kurzem in eine Aktiengesellschaft umgewandelte
Brauerei von Gebhardt. Die Bier'sche Brauerei begann mit dem Vertrieb
von Flaschenbier im Jahre 1890, ihr jetziger Absatz beziffert sich auf
ca. 15000 hl, der Absatz der Gebhardt'schen Brauerei soll etwa 30000 hl
betragen. Die Kundschaft der letzteren Brauerei setzt sich berhaupt zum
grssten Teile aus Abnehmern von Flaschenbier zusammen, wenigstens wurde
der Brauereibesitzer Gebhardt frher von den Berliner Bierverlegern
charakterisiert als ein Bierverleger, der sich sein Bier selbst
abzieht.

Es ist eine eigenartige Erscheinung, wie auch in diesem
Falle die Weissbierbrauerei in Berlin ihren eigentmlich
konservativ-patriarchalischen Charakter sich bewahrt hat. In der Natur
des oberghrigen Bieres liegt durchaus nichts, was die Brauereien htte
abhalten knnen, den Selbstabzug und Vertrieb in eigene Hand zu nehmen.
Die Gefahr der Verflschung des Bieres, von der in Bezug auf die
bayrischen Brauereien gesprochen wurde, bestand bei ihnen in weit
hherem Masse als bei jenen; der Erfolg htte sie bei ihrem Bestreben,
auf Uebernahme des Flaschenbiervertriebes vermutlich ebenso untersttzt,
wie die bayrischen Brauereien. Aber die Art des Betriebes, die Furcht
vor einer ungewissen Vergrsserung des Absatzes und damit der Uebernahme
eines Risikos, endlich aber und entscheidend, der noch ziemlich
ausgebildete persnliche Verkehr des Weissbierbrauereibesitzers mit
seinen Kunden trat dem entgegen. Erwgungen volkswirtschaftlicher Natur
wie sie bei den kaufmnnischen Direktoren der bayrischen
Aktienbrauereien vorwalteten, waren ihnen gewisslich fremd, sie sahen
die Sachlage nur von dem Gesichtspunkte an, dass sie ihren eigenen
Kunden Konkurrenz machen sollten, und das widerstrebte ihnen. Solange
daher die Weissbierbrauereien in den Hnden ihrer jetzigen Besitzer
bleiben, ist eine Aenderung der bestehenden Verhltnisse kaum
wahrscheinlich.

Ob aber die nach ihnen folgende zweite Generation das Geschft in alter
Weise fortfhren wird, ist mehr als zweifelhaft. Verschiedene der jetzt
bestehenden, grossen Weissbierbrauereien werden daher in absehbarer Zeit
auch wohl in Aktiengesellschaften umgewandelt werden, und ob dann, wenn
ein gengendes Kapital, verbunden mit Unternehmungslust an die Stelle
des jetzigen Betriebes tritt, nicht auch die Geschftsprinzipien
wesentlich andere, auch in Bezug auf den Flaschenbiervertrieb werden,
muss abgewartet werden.


                 Die Syphon- und Kannenbiergesellschaften.

Von einer geringeren Bedeutung als die Uebernahme des
Flaschenbiervertriebes durch die Brauereien ist fr die Form des
Flaschenbiergeschftes die Einfhrung des Syphon- und Kannenbieres
gewesen, an die man anfnglich grosse Erwartungen geknpft hatte. Im
wesentlichen kommen alle Konstruktionen dieser Apparate darauf hinaus,
durch Zufhrung von Kohlensure, die bei den einfachen Flaschen nicht
mglich ist, das Bier bis zum letzten Tropfen frisch zu halten.
Hierdurch bieten die Syphons (die gebruchlichste Form hat einen Inhalt
von 5 l) noch den Vorteil, dass man nicht gezwungen ist, eine bestimmte
Quantitt zu trinken, wie beim Flaschenbier, man kann sich so viel oder
wenig abzapfen als man will. Auch Raumersparnis bietet der
Syphon-Apparat, da er nicht soviel Platz fortnimmt wie etwa 12 Flaschen
 0,4 l Inhalt, die seinem Gesamtgehalt entsprchen. Diese Vorzge
bieten die _Bierkannen_ nicht, die wesentlich nur durch einen
luftdichten Verschluss die Kohlensure im Bier besser erhalten und
ausserdem durch elegantes Aussehen, die Tafel vor einer Verunreinigung
bewahren wollen. Man glaubte in den beteiligten Kreisen, dass diese
neuen Gefsse eine Umwlzung im Bierhandel herbeifhren wrden. Es kam
darauf an, wer den Verkauf des Syphon-Bieres in die Hand nahm. An vielen
Orten haben die Bierverleger sofort die Gefahr erkannt, die ihnen daraus
erwachsen msste, wenn der Vertrieb von Syphon-Bier durch die
Brauereien, oder eigene Syphon-Versandgesellschaften geschhe und
infolgedessen selbst den Vertrieb von Bier in Syphons bernommen. In
manchen Stdten, z. B. Hamburg, hat sich nach den Berichten des dortigen
Bierverleger-Vereins der Bezug von Bier in Syphons auch eingebrgert,
anderwrts wieder verschwand mit dem Reiz der Neuheit auch die Nachfrage
und zahlreich sind die Anzeigen im Bierverleger, in denen grssere und
kleinere Syphons, gebraucht, zum Kauf angeboten werden. In _Berlin_
hatten die Bierverleger nicht dasselbe Interesse an der Einfhrung der
Syphons und des Kannenbieres, wie an anderen Orten. Es erhellt, dass die
Syphons nur fr die Lagerbiere in Betracht kommen, da sich das Weissbier
nicht aus diesen Gefssen, wie berhaupt nicht vom Fass in Verbindung
mit Kohlensure-Druckapparaten verschnken lsst. Allerdings htte man
meinen sollen, dass vielleicht einige kapitalkrftige Gastwirte und
Bierverleger sich ebenfalls die Einfhrung von Syphons oder Kannen
htten angelegen sein lassen, um dadurch zu versuchen, dem
Flaschenbiervertrieb der Brauereien entgegenzutreten und wenigstens die
Nachbarkundschaft wieder an sich zu ziehen. Aber das geschah nur in
wenigen Fllen. Auch von den Brauereien haben nur wenige neben der
Flaschenbier- eine Syphonbierabteilung eingerichtet; so die
Schloss-Brauerei Schneberg, in deren Bilanz eine Abteilung fr Versand
von Syphonbier, mit 51000 Mark zu Buch steht. Ausser dieser Brauerei
betreiben speziell 5 Gesellschaften Verkauf und Versand von Syphonbier,
darunter die als Genossenschaft m. b. H. begrndete Deutsche
Syphongesellschaft (Kapital 300000 Mark). Doch ist zu beachten, dass
sich diese Gesellschaften ausser mit dem Versand von Bier in
Syphon-Gefssen auch mit der Herstellung dieser Gefsse selbst befassen.

Bei dem Kannenbier, das anscheinend in den vornehmeren Gegenden vielfach
das Flaschenbier verdrngt hat, liegt der Vertrieb in den Hnden der
Kannenbierversand-Aktiengesellschaft, welche seinerzeit mit einem
Kapital von 1 Million Mark gegrndet wurde ca. 12-15 Wagen im Betrieb
hat und fr die ersten beiden Jahre ihres Bestehens je 16 % Dividende zu
verteilen in der Lage war. Geschdigt werden durch diesen Versand sowohl
Brauereien als auch Bierverleger, welche in jenen westlichen Gegenden
Kunden besassen und diese nun verloren haben. Bei den Berliner
Bierverlegern haben sich ebenso wie die Syphons auch die Kannen sehr
wenig eingebrgert; vor allem wohl haben die grossen Kosten die meisten
von einer Anschaffung zurckgeschreckt. Ein Syphonapparat von 5 l Inhalt
kostet im Durchschnitt 10-12 Mark, eine Kanne etwa 1-1,50 Mark; die
Anschaffung einiger hundert Stck, wie sie doch fr einen einigermassen
ausgedehnten Betrieb unbedingt notwendig ist, bedingt also erhebliche
Anschaffungskosten.


        Die Bierverlagsgeschfte im Kampfe mit den Grossbetrieben.

Wie haben die hier geschilderten Aenderungen des Bierkonsums ebenso wie
die neuen Formen des Biervertriebs nun auf die Lage der Bierverleger
eingewirkt? Wir hatten unsere Betrachtungen ber die Entwicklung des
Flaschenbierhandels bis zu jener Zeit gefhrt, in welcher aus der
Berufsvereinigung von Gastwirtschaft oder Viktualiengeschft mit
Flaschenbierhandel der Bierverlag als selbstndiges Gewerbe sich
entwickelt hat. Seit dem Jahre 1868 findet sich im Berliner
Adressbuch die Rubrik Bierverleger stndig, im Jahre 1879 wird eine
Unterscheidung zwischen Bierverlegern und Bier-Engroshandlungen gemacht,
hierunter sind die grsseren Bierhandlungen zusammen mit den
Brauereivertretern aufgefhrt. Die Zahl der Eintragungen in beide
Rubriken ergiebt sich aus der nachfolgenden Tabelle:

                     ---------------------------------
                     Jahr | Verleger | Engrosgeschfte
                     -----+----------+----------------
                     1868 |    102   |       --
                     1869 |    115   |       --
                     1870 |    108   |       --
                     1871 |    116   |       --
                     1872 |    120   |       --
                     1873 |    158   |       --
                     1874 |    185   |       --
                     1875 |    266   |       --
                     1876 |    257   |       --
                     1877 |    289   |       --
                     1878 |    289   |       --
                     1879 |    302   |       23
                     1880 |    302   |       17
                     1881 |    309   |       24
                     1882 |    308   |       26
                     1883 |    324   |       32
                     1884 |    337   |       47
                     1885 |    323   |       47
                     1886 |    311   |       51
                     1887 |    329   |       71
                     1888 |    344   |       76
                     1889 |    363   |       70
                     1890 |    321   |       67
                     1891 |    385   |       67
                     1892 |    332   |       76
                     1893 |    242   |       91
                     1894 |    326   |       96
                     1895 |    353   |       94
                     1896 |    391   |      104
                     1897 |    416   |      112
                     1898 |    414   |      102
                     1899 |    404   |       96
                     1900 |    367   |       97

Es lsst sich aus diesen Zahlen nicht unmittelbar auf die Lage und die
Entwicklung der Berliner Bierverlags- oder Bierengrosgeschfte
schliessen. Dafr sind sie zu unsicher, weil namentlich diejenigen
Bierverleger, welche nebenbei noch Gastwirtschaft betreiben, in der
Berufseintragung fr das Adressbuch durchaus nicht immer gleich
bleibende Angaben machen. Immerhin geben sie doch Illustrationen zu der
jeweiligen Lage des Berufszweiges, sie zeichnen die wechselnden
Konjunkturen ab, welche er durchgemacht hat. Welcher Gegensatz zwischen
der Bewegung der Zahlen von 1870-1885 und von da ab bis 1900! In der
ersten Periode ein nur selten durch kleine Oscillationen unterbrochenes
stetiges Aufsteigen, (1870: 108, 1875: 266, 1880: 319, 1885: 370), in
jenem zweiten Abschnitt ein ewiges Hin- und Herschwanken, Aufsteigen und
Absteigen nebeneinander, ohne dass eine bestimmte _Tendenz_ sich
herausarbeitete (1885: 370, 1890: 388, 1894: 322, 1895: 447, 1897: 528,
1900: 464). In jener ersteren Zeit steigt die Zahl der Bierverleger um
das Dreieinhalbfache (von 108 auf 370), in der gleichen Zeit steigt aber
auch der Konsum des Bieres in Berlin um mehr als das Doppelte (von
1049718 hl auf 2308414 hl). Dabei ist noch zu bemerken, dass der
Bierbezug auf dem Wege der Lieferung durch den Verleger gerade in dieser
Zeit in immer mehr steigendem Masse sich ausbildete, dass der
Bierverleger vielfach an solche Leute Bier lieferte, welche es frher
vom Gastwirt bezogen, oder allgemeiner ausgedrckt, dass das
Bierlieferungsgeschft den Verkauf ber die Strasse zum Teil
zurckzudrngen begann. Jede Frderung des Lieferungsgeschftes, mochte
dieselbe sich nun auf das bayrische oder Weissbier beziehen, kam aber
dem Bierverleger zu Gute, da das Lieferungsgeschft noch fast vllig in
ihren Hnden ruhte, wenn auch einzelne Brauereien bereits mit dem
Vertrieb von Flaschenbier begonnen hatten.[21] So ist es erklrlich,
dass die Verhltnisse fr den Bierverlag usserst gnstig waren. Seine
Entwicklung aus der Betriebsvereinigung zwischen Viktualien- und
Flaschenbierhandel hatte sich bereits gegen die Mitte der siebziger
Jahre vollstndig durchgesetzt, und teilweise wohl unter einem Druck der
Bierverleger hrten die Brauereien berhaupt auf, den brigen
Viktualienhndlern noch Bier in Fssern zu liefern, sodass diese behufs
Deckung ihres Bedarfs, ebenfalls an die Bierverleger gewiesen waren.
Wenn wir annehmen, dass damals ebenso wie heute ca. 30 % des
unterghrigen Bieres in der Form des Flaschenbieres konsumiert werden,
so wrde sich beispielsweise fr 1875 ein Gesamtflaschenbierkonsum von
1255078, fr 1885 ein solcher von 1303423 hl ergeben. Wenn wir diese
Ziffern vergleichen mit der Zahl der Bierverleger und fr das Jahr 1885
20000 hl bereits als Flaschenbierabsatz der Brauereien in Abzug bringen,
so ergiebt sich, dass im Jahre 1875 ein Bierverlag auf je 4719 hl
Flaschenbierkonsum kommt, im Jahre 1885 infolge Steigerung der Zahl der
Bierverleger und des relativen Sinkens der Weissbierproduktion ein
Bierverlag auf 3472 hl. Diese Ziffern bedeuten natrlich nicht, dass
jeder Bierverlag in den betreffenden Jahren einen durchschnittlichen
jhrlichen Absatz von 4719 bezw. 3472 hl Flaschenbier gehabt habe, denn
in den Zahlen fr den Absatz von Flaschenbier spielt natrlich auch
_der_ Verkauf ber die Strasse eine grosse Rolle, welcher in den Hnden
der Gastwirte liegt. Der durchschnittliche Umsatz eines
Bierlieferungsgeschftes drfte also nur einen Bruchteil dieser Zahlen
betragen, die ja auch an sich, da es sich um Schtzung handelt, ziemlich
unsicher sind, aber doch durch die _Vergleichung_ ihren Wert erhalten.

Die Vernderung in der Geschftslage hat angefangen mit dem Jahre, in
welchem die bayrischen Brauereien mit dem Vertrieb des Flaschenbieres
begannen, und wie die mitgeteilten Ziffern zeigten, in ihrem Bemhen,
direkt als Produzenten mit den Konsumenten in Verbindung zu treten, so
ausserordentlich erfolgreich waren. Es war den Bierverlegern unmglich,
in Preis oder Qualitt mit ihren Lieferanten zu konkurrieren und so
verminderte sich ihr Absatz an unterghrigem Biere in demselben Masse
und derselben Relation wie die mitgeteilten Ziffern einzelner Brauereien
steigen. Eine planmssige Zusammenstellung der Absatzziffer in Bezug auf
das Flaschenbier ist seitens des Verbandes der Berliner Brauereien
leider erst vor 2 Jahren angeregt und durchgefhrt worden, sodass sich
zuverlssige, vollstndige Berichte ber das Fortschreiten dieses
Absatzes der Brauereien leider nicht bringen lassen. Soviel aber scheint
fr die derzeitige Lage der Dinge festzustehen, dass in Bezug auf den
Absatz von bayrischem Lagerbier in Flaschen mindestens neun Zehntel
dieses Absatzes durch die Brauereien besorgt werden. Wenn fast alle
Bierverleger noch Lagerbier neben dem Weissbier beziehen, so geschieht
dies, weil sie zum Teil ber die Strasse noch bayrisches Bier in
Flaschen verkaufen, andererseits einige alte Privatleute oder
Viktualienhndler zu Kunden haben, die, weil sie jahrelang das
Weissbier von dem betreffenden Verleger bezogen haben, aus einer Art
Piett auch das bayrische Bier von ihm entnehmen.

Nach dem Verlust des Absatzes von bayrischem Bier blieb den
Bierverlegern in der Hauptsache noch der Versand von Weissbier und da
der Konsum von Weissbier wenigstens _absolut_ gestiegen ist, so liesse
sich vermuten, dass der Absatz von Weissbier bei den einzelnen Verlegern
mindestens gleichgeblieben sei. Nehmen wir die Zahlen von 1880 und 1898
zum Vergleich, so ergiebt sich, dass die Zahl der Verleger um ca. 63 %,
die Produktion des Weissbieres dagegen in derselben Zeit um 78 %
gestiegen ist. Doch mssen wir uns zunchst erinnern, dass von dieser
Produktion ein erheblicher Bruchteil abzuziehen ist, welcher in die
Provinz ausgefhrt[22] wird, und dass zudem der Umsatz derjenigen
Weissbierbrauereien in Abzug zu bringen ist, welche ebenfalls den
Vertrieb von Flaschenbier selbst besorgen.

Schliesslich aber ist eine Verschlechterung der Lage dadurch bedingt
worden, dass in immerhin betrchtlichem Masse der _Selbstabzug_ von
Weissbier bei der arbeitenden Bevlkerung sich eingebrgert hat. Dieser
Selbstabzug geschieht entweder durch den Bezug von Frisch- oder
Jungbier, oder durch den Bezug von kleineren Gebinden, die bis auf den
Umfang von ca. 5 l zurckgehen. Das Frischbier wird gewhnlich auf dem
Hofe der Brauerei an die Hausfrauen verkauft, welche es sich in Eimern
oder Kannen literweise holen und auf Flaschen ziehen, nachdem sie je
nach ihrem Geschmack noch Wasser oder Zucker hinzugesetzt haben. Dieser
Frischbierverkauf wird von vielen Weissbierbrauereien, namentlich aber
von den in letzterer Zeit aufgekommenen Braunbierquetschen betrieben, er
ist erst in neuerer Zeit zu grsserer Bedeutung gekommen. Bei den
kleineren Weissbierbrauereien bildet er einen betrchtlichen Anteil
ihres Gesamtumsatzes, aber auch bei den grossen Brauereien ist er
bedeutend; so schtzt man in Bierverlegerkreisen den tglichen Verkauf
von Frischbier in der Brauerei von Albert Bier auf 12/2 t, in der
Weissbierbrauerei von Gabriel & Jger auf 36/2 t pro Tag. Der Versand
von Bier in kleinen Gebinden geschieht hauptschlich seitens jener
grossen Zahl neu entstandener Quetschen, welche berhaupt keine
grossen Gebinde fhren, weil sie Wiederverkufer niemals zu Kunden
haben, ihr Absatz sich vielmehr auf den Verkauf an die Konsumenten
beschrnkt. Das von ihnen gebraute Bier ist ein leichtes oberghriges
Bier und wird als Braunbier bezeichnet, in der Statistik jedoch
jederzeit zusammen mit dem Weissbier aufgefhrt, wie wir auch in unseren
Betrachtungen, wenn wir vom Weissbier sprachen, das Braunbier stets
eingeschlossen hatten. Das Braunbier[23] unterschied sich von dem
Weissbier durch einen starken Zusatz von Zucker und zuckerhaltigen
Stoffen, durch den es im Verhltnis zu seinem geringen Preis einen
immerhin merklichen Nhrwert erhielt und so in Verbindung mit seinem
sssen Geschmack ein beliebtes Getrnk fr Frauen und Kinder, namentlich
als Strkungsmittel wurde.[24] Doch hielt diese Beliebtheit des
Braunbieres nur bis zum Ende der siebziger Jahre an, dann kam es immer
mehr aus dem Verkehr. In neuerer Zeit ist es jedoch zu neuem Leben
erwacht und zwar dadurch, dass einesteils die Verwendung von Saccharin
an Stelle des teuren Malzes oder Zuckers die Herstellung des Bieres
verbilligte, anderenteils die frher infolge der zuckerhaltigen Stoffe
oft strmische Nachghrung in den Flaschen bei lngerem Lagern (das Bier
wurde wild) vermieden wurde. Ueber 40 Brauereien sind in kurzer Zeit
entstanden, welche sich mit der Herstellung dieses Braunbieres abgeben,
ihre Produktion wird auf ca. 400000 hl jhrlich geschtzt, welche
Schtzung mir allerdings bertrieben erscheint! Ueber die Art, wie die
Herstellung dieses Bieres oft vor sich geht -- in einem
waschkchenhnlichen Raum! -- wie aus einem Centner Malz 12 hl Bier
hergestellt werden (bei dem Weissbier aus einem Centner ca. 3 hl), giebt
das citierte Gutachten, welches diese Art der Braunbierbrauerei als
Pseudobraugewerbe bezeichnet, erbauliche Angaben. Diese Brauereien
sind es nun, welche, da ihre Produkte stets mit denjenigen der
Weissbierbrauereien zusammen aufgefhrt werden, oft ein falsches Bild
geben. _Einesteils_ in Bezug auf die Durchschnittsproduktion der
oberghrigen Brauereien, welche ohne diese Quetschen doch nicht jenen
ausserordentlich niedrigen Stand haben wrde, den sie in der Statistik
einnimmt, anderenteils in Bezug auf die Lage der Bierverleger, welche
von der Steigerung der Produktion oberghriger Biere durchaus nicht in
vollem Masse profitiert haben, da die gesamte Produktion dieser Braun-
und Bitterbierbrauereien davon abzurechnen ist. Der Absatz dieser
Brauereien an ihre Abnehmer vollzieht sich meist derart, dass das
bentigte Bier in Kannen oder kleine Gebinde gefllt, oft aber auch
direkt vom Fass mittels Ablasshahnes abgefllt und so in einer Art
Strassenhandel abgesetzt wird. Das Feilhalten von losem Bier mit einem
Extraktgehalt von unter 2 % ist zwar polizeilich verboten, jedoch soll
nach Aeusserungen aus Fachkreisen diese Bestimmung vllig auf dem
Papiere geblieben sein.

Durch die Art des direkten Absatzes dieser kleinen Brauereien ist
natrlich den Bierverlegern ebenfalls eine empfindliche Konkurrenz
entstanden. Whrend frher die Braunbierbrauereien ihr Bier ebenso wie
die Weissbierbrauereien den Bierverlegern in Fssern lieferten und diese
den Absatz in Flaschen besorgten, welcher oft einen bedeutenden Teil des
Gesamtabsatzes ausmachte -- namentlich an die Viktualienhndler wurde
viel Braunbier geliefert -- ist ihnen heute dieser Absatz fast gnzlich
aus den Hnden genommen. Dazu kommt als letztes Moment noch, dass die
Gastwirte aus ihrem Kundschaftsverhltnis zu den Bierverlegern
heraustraten. Seitdem in den achtziger Jahren die Weissbierbrauereien,
um den Wnschen nicht nur der Gastwirte, sondern auch eines Teiles der
jngeren Bierverleger nachzukommen, immer mehr dazu schritten, den
letzten Ghrungsprozess beim Weissbier in ihren eigenen Kellereien
vorzunehmen, begannen auch die Gastwirte mehr und mehr das Bier wieder
selbst von der Brauerei zu beziehen und so ging auch dieser Kundenkreis
den Bierverlegern verloren.

Es ist daher wohl ersichtlich, dass der Einfluss, welchen die Steigerung
des Konsums oberghriger Biere auf die Lage der Bierverleger ausbte,
durch die brigen namhaft gemachten Momente mehr als aufgewogen werden
musste. Nur ein Gebiet blieb den Bierverlegern, auf dem sie, von
drckender Konkurrenz befreit, ihre frhere Stellung nicht nur
behaupten, sondern sogar verstrken konnten: dasjenige der sogen.
echten Biere. Es war bereits dargelegt worden, wie der Vertrieb der
auswrtigen Biere zuerst in den Hnden jener Bier-Niederlagen
sich befand, welche daneben meist noch mit einem besseren
Kolonialwarengeschft oder einem Restaurant verbunden waren. Spter
entwickelten sich aus dieser Betriebsvereinigung die General-Agenturen
der auswrtigen Brauereien als selbstndige Gewerbe und zwar zum
grssten Teil mit der Beschrnkung auf den Absatz in Fssern, whrend
der Vertrieb des Flaschenbieres in die Hnde der Bierverleger berging.
Im wesentlichen liegen die Dinge auch heute noch so, nur dass viele
Bierverleger, angesichts der Verringerung der Absatzmglichkeit auch
eigene Brauereivertretungen bernommen haben und z. T. neben ihrem
Flaschen- auch Fassbierhandel treiben. Fr die Mehrheit der Bierverleger
wichtiger als diese einzelnen Vertretungen ist jedoch der Absatz
derjenigen sogenannten echten, d. h. auswrtigen Biere, welche
allgemein eingefhrt sind und deren Vertrieb durch die Bierverleger
geschieht, da die betr. Generalvertretungen sich auf den Fassbierhandel
beschrnken. In Betracht kommen hier vor allem das Grtzer und das
Kulmbacher Bier. Von den 46 Bierverlegern, ber deren Geschftsbetrieb
mir Ausknfte vorliegen, fhrten 36 Grtzer und 21 Kulmbacher Bier,
Mnchener Bier wurde in 3, Pilsener Bier in 5 Fllen gefhrt. Das
Grtzer Bier (aus Grtz in der Provinz Posen) wurde Mitte der achtziger
Jahre in Berlin eingefhrt, es ist ein oberghriges Bier, das sehr lange
Lagerung erfordert, (mindestens 14 Tage), der Geschmack ist ein
eigentmlich rauchiger. Es wird meist in den Nachtcafs gefhrt. Die
jhrliche Einfuhr von Grtzer Bier soll nach den Angaben des
Generalvertreters einer der bekannteren Grtzer Brauereien etwa 25000 hl
betragen. Eine Zeit lang hatte der Vertreter der Brauerei Bhnisch in
Grtz den Flaschenbiervertrieb selbst bernommen, doch wurde er durch
einen Boykott der Berliner Bierverleger gezwungen, ihn wieder
aufzugeben, da er mehr Fassbierkunden verlor, als er an den
neugewonnenen Flaschenbierkunden verdiente. So ist der Absatz des
gesamten in Berlin eingefhrten Grtzer Bieres in den Hnden der
Bierverleger geblieben.

Allerdings konnten die 25000 hl, welche der Absatz von Grtzer Bier
ausmachte, keinen Ersatz bieten fr dasjenige Absatzfeld, welches ihnen
die Brauereien entrissen hatten. Wir hatten vorher Berechnungen
angestellt, welche die Zahl der Bierverleger in Vergleich setzten mit
dem gesamten Berliner Flaschenbierkonsum. Danach kam ein Bierverlag im
Jahre 1875 auf 4719 hl Flaschenbierabsatz, im Jahre 1885 auf 3472 hl
Flaschenbierabsatz. Stellen wir dieselbe Berechnung fr das Jahr 1898
auf, so ergiebt sich folgendes: Es kommen als Flaschenbierkonsum in
Betracht: 1357993 hl oberghriges Bier und 30 % der auf 2480418 hl
angegebenen Produktion von unterghrigem Bier = 826806 hl, also zusammen
2184799 hl. Hiervon sind jedoch in Abzug zu bringen 1. derjenige Teil
dieses Konsums, welcher durch die Brauereien gedeckt wird mit mindestens
700000 hl, 2. derjenige Teil der Weissbierproduktion, welcher unter
Uebergehung der Zwischenhand in der Form von Frischbier oder in kleinen
Gebinden an die Konsumenten geliefert wird, mit mindestens 400000
hl.[25] Nach Abzug dieses Absatzes von 1100000 hl, welcher bei
Gleichbleiben der frheren Verhltnisse zum grossen Teile den
Bierverlegern zugefallen wre, bleiben noch 1084799 hl oder angesichts
der Zahl von 516 Bierverlegern, ein Bierverlag gegenber 2102 hl Absatz
an Flaschenbier! Es gilt von dieser Zahl dasselbe, wie von den vorher
genannten: sie ist an sich ziemlich unsicher, aber sie erhlt ihren Wert
durch die Vergleichung. Wenn man noch in Bercksichtigung zieht, dass
der Anteil der Bierverleger an der hier berechneten Hhe des Absatzes
infolge der frher nicht in diesem Masse aufgetretenen Konkurrenz der
Gastwirte eine geringere ist, als frher, so drfte die in den an sich
ungewissen Zahlen 4719 und 2102 gegebene Relation mit dem Verhltnis des
einstigen zu dem heutigen Durchschnittsumsatz ziemlich bereinstimmen.

Die vorhergegangen Betrachtungen umfassten die Entstehung und
Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschfts bis zum gegenwrtigen
Zeitpunkt. Die Ausfhrungen mussten sich dabei auf allgemeine
Gesichtspunkte beschrnken und konnten die geschilderte Entwicklung nur
in grossen Zgen geben. Zu ihrer Vervollstndigung soll daher die
nachfolgende Darstellung dienen, welche im Rahmen der Detailschilderung
die gegenwrtige Lage des Berliner Bierverlegerstandes im besonderen
schildern will, als desjenigen Gliedes im Berliner Flaschenbiergeschft,
dessen Entwicklung eine typische Bedeutung beanspruchen kann, welche
ber das Interesse an dem vorliegenden Einzelfall hinausgeht.
Gleichzeitig wird diese Einzelschilderung aber auch Rckschlsse auf die
Ausfhrungen des ersten Teiles dieser Arbeit gestatten und zur
Besttigung der darin ausgesprochenen Behauptungen dienen.

Funoten:

[10] In dem Arbeiterfreund, Jahrgang 1877, ist eine Studie
verffentlicht: Der Bierverbrauch in Berlin ein Spiegel der sozialen
Lage des Volkes. Die Voraussetzungen, von denen der Verf. der betr.
Arbeit ausgeht, sind jedoch ziemlich willkrlich und seine Folgerungen
daher mit Vorsicht aufzunehmen.

[11] Es wurden Neubauten genehmigt: 1869: 2473, 1870: 2576, 1871: 3789,
1872: 6331, 1873: 6076, 1874: 6556, 1875: 6278; die 1874 erreichte Zahl
ist bis in die Gegenwart nur einmal berschritten worden.

[12] Vergl. Jahresbericht der Aeltesten der Kaufmannschaft von 1880:
Die Berliner Brauereien haben in den Jahren 1871-1875 eine selbst ber
das _damalige_ Bedrfnis hinausgehende Erweiterung ihrer Anlagen
erfahren und steht deshalb ihr Absatz nicht im richtigen Verhltnis zu
ihrer Einrichtung. Der Sachlage nach knnen sich diese Worte nur auf
die bayrischen Brauereien beziehen.

[13] Letztere Zahl wrde allerdings _etwas_ hher sein (ca. 25000 hl),
wenn man nur die Produktion der _Weiss_bierbrauereien bercksichtigte
und nicht, wie es regelmssig in den Berechnungen geschieht, Weiss- und
Braunbierbrauereien zusammen betrachtete. Vgl. weiter Seite 45.

[14] Der gewhnliche Ausdruck lautet auch hier Flaschenbier_handel_
doch kann man im volkswirtschaftlichen Sinne nicht von Handel sprechen.

[15] Erstes Jahr des Vertriebes.

[16] Erstes Jahr des Vertriebes.

[17] Erstes Jahr des Vertriebes.

[18] Erstes Jahr des Vertriebes.

[19] Erstes Jahr des Vertriebes.

[20] Die Zahlen verstehen sich incl. des Flaschenbierversandes nach
ausserhalb. Den Anteil dieser Sendungen n. a. an der Gesamtziffer sieht
man aus einer Vergleichung fr die beiden letzten Jahre, fr welche mir
beide Ziffern vorliegen.

  Absatz einschliesslich Sendungen        fr Berlin allein
        nach ausserhalb

     1897/98:  156290 hl                        139140 hl
     1898/99:  183990 "                         167250 "

                    also Sendungen nach auswrts:
                    1897/98: 17150 hl = ca. 11 %
                    1898/99: 16740 "  = ca.  9 %.

[21] Doch betrug sogar der Umsatz der Schultheiss-Brauerei 1885 erst
gegen 15000 hl.

[22] Vergl. Seite 23.

[23] Vielfach auch Lbbener Bier genannt, weil in Lbben eine beliebte
Art Braunbier gebraut wurde.

[24] Vergl. Gutachten des Vereins der Brauereien Berlins und der
Umgegend, erstattet an den Polizeiprsidenten von Berlin betr. Wsserung
und Verflschung von Bieren.

[25] Incl. des Flaschenbiervertriebs der Weissbierbrauereien.




                                   III.

             Die gegenwrtige Lage der Berliner Bierverleger.

                Begriff und Form der Bierverlagsgeschfte.


_Begriff_. Der Bierverlag als besondere Form des Flaschenbiergeschfts
stellt, wie aus den vorhergehenden Aeusserungen erhellt, ein Unternehmen
dar, welches von einer oder mehreren Brauereien Bier in Fssern bezieht,
es _bis zur_ Genussreife lagern lsst und an Geschfte, die sich mit dem
Ausschank oder Einzelverkauf von Flaschenbier befassen, sowie an
Privatleute in grsseren und kleineren Quantitten abgiebt, wobei als
Minimum gewhnlich die Entnahme von 10-20 Flaschen gefordert wird. Es
ist ntig, auf diese Minimalgrenze hinzuweisen, denn sonst wrden wir
jeden Kleinhandel mit Flaschenbier, sofern nur der betr. Hndler das
Bier vom Brauer in Fssern bezieht als Bierverlag ansprechen mssen.

Fr einen kleinen Teil der Berliner Bierverleger wrde die obige
Definition noch in einer Hinsicht zu erweitern sein, indem dieselben von
der durch die Brauereien eingefhrten Lieferung des Berliner Weissbieres
in demjenigen Zustande, welcher nur noch mehrtgiges Lagern verlangt, um
in Genussreife berzugehen, keinen Gebrauch machen, sondern die letzte
Nachghrung noch in ihrem eigenen Keller sich vollziehen lassen. Ihre
Thtigkeit bei der Bierbereitung geht also in diesem Falle ber das
Lagern bis zur Genussreife hinaus, bewirkt allerdings andrerseits
keine Formvernderung von Rohstoffen, sodass von Gewerbe im
nationalkonomischen Sinne auch bei ihnen nicht gesprochen werden kann.

_Name_. Die Bezeichnung Bierverleger fr den hier behandelten
Geschftszweig ist nicht berall gebruchlich. Am verbreitetsten ist
vielmehr der Name Flaschenbierhndler, wenigstens fhrt ihn die
Mehrzahl der unter den betreffenden Unternehmern bestehenden Vereine,
auch der seit Jahresfrist bestehende _Verband_ nennt sich Verband
deutscher Bierhndler, das offizielle Verbandsorgan, welches in Lbeck
erscheint, heisst dagegen wieder: Der Bier-Verleger. Der Berliner
Sprachgebrauch unterscheidet ferner zwischen Biergrosshandlung und
Bier-Verlag, im Berliner Adressbuch ist diese Unterscheidung durch die
Bezeichnungen Bier-Engrosgeschft und Bierverlag zum Ausdruck gekommen.
Ein Wesensunterschied besteht zwischen beiden Formen nicht, im
allgemeinen haben sich nur die grsseren Geschfte unter der ersteren
Bezeichnung eintragen lassen,[26] ebenso sind unter ihr die
Brauereivertretungen aufgefhrt.

_Zahl der Berliner Bierverleger_. In dem Berliner Adressbuch von 1900
sind 97 Biergrossgeschfte und 367 Bierverleger verzeichnet. In Abzug zu
bringen sind von diesen 464 Geschften 22 Fassbierhandlungen, welche
unter der Rubrik Bier-Engrosgeschfte sich verzeichnet finden, und 10
Geschfte, welche unter beiden Rubriken zugleich verzeichnet sind. Wir
erhalten also im ganzen die Zahl von 432 Bierverlegern. Von diesen 432
Geschften sind 23 in das Handelsregister eingetragen.

_Formen des Bierverlages_. In der reinen Form findet sich der Bierverlag
nur selten. Abgesehen von der Vereinigung mit dem Bier-Kleinhandel,
welche sich bei dem Vorhandensein der erforderlichen Rume, d. h. bei
einem bequemen Zugang zum Keller sozusagen von selbst ergiebt, findet
sich der Bierverlag hauptschlich in folgenden Formen der
Betriebsvereinigung:

1. _Bier-Verlag in Verbindung mit Fassbierhandel_. Diese Verbindung
findet sich in denjenigen Fllen, in welchen ein Bierverleger
gleichzeitig Vertreter irgend einer auswrtigen Brauerei ist und deren
Bier nicht nur in Flaschen, sondern auch in Fssern abgiebt. Die
Vertretung auswrtiger Brauereien findet sich in Berlin in verschiedenen
Formen. Entweder bezieht der betr. Vertreter nur Bier von einer oder
mehreren _auswrtigen_ Brauereien (fhrt also kein _Berliner_ Bier) und
giebt dieses nur in Fssern ab. In diesem Falle handelt es sich
ausschliesslich um Fassbierhandel, der mit dem Flaschenbiergeschft
nichts zu thun hat. In denjenigen Fllen, in welchen ein solcher
Brauereivertreter die Biere dieser auswrtigen Brauereien auch in
Flaschen absetzt, ist er den Flaschenbierhndlern zuzuzhlen, wenn er
auch deren Typus durchaus nicht entspricht. Fr denjenigen Teil der
Berliner Flaschenbierhndler, welcher fr uns hauptschlich in Betracht
kommt, tritt diese Vertretung nur in der Form auf, _dass der
Flaschenbierhndler, dessen Hauptgeschft in dem Vertrieb einheimischer
Biere liegt, nebenbei die Vertretung einer auswrtigen Brauerei hat und
deren Bier auch in Fssern abgiebt_. Doch tritt diese Form der
Betriebsvereinigung nicht in vielen Fllen auf. In der Regel haben
nmlich die auswrtigen Brauereien in Berlin meist einen
General-Vertreter, der ihr Bier _nur in Fssern_ abgiebt, whrend auf
der anderen Seite wieder diejenigen Bierverleger, welche nebenbei noch
die Vertretung auswrtiger Brauereien bernehmen, deren Bier meist nur
in Flaschen vertreiben.

2. _Betriebsvereinigung mit Gastwirtschaft_. Schon an frherer Stelle
ist dieser Art der Betriebsvereinigung gedacht worden. Wieviele der
Berliner Bierverleger zugleich Gastwirte sind, lsst sich schwer
bestimmen. Das Berliner Adressbuch giebt keine Anhaltspunkte. Denn da
die Eintragung in mehr als eine Branchebezeichnung fr jede Branche und
Zeile 1 Mark kostet, so lassen sich die meisten Berliner
Gewerbetreibenden nur unter einer Rubrik eintragen. Daher kann es sehr
wohl sein, dass mancher Name unter der Rubrik Gastwirte zu finden ist,
der eigentlich unter Bierverleger gehrte und umgekehrt. Unter den 46
Bierverlegern, von denen ich Ausknfte erhielt, waren 5 zugleich
Gastwirte. Man knnte vielleicht aus dem Umstande auf ein hufigeres
Vorkommen dieser Verbindung schliessen, dass der Verein der Berliner
Bierverleger vor wenigen Jahren seinen Namen in Verein der Berliner
Bierverleger, Gast- und Schankwirte umgendert hat. Doch ist dies wohl
weniger aus dem Grunde geschehen, weil eine grssere Anzahl von
Vereinsmitgliedern nicht nur Bierverleger, sondern auch zugleich
Schankwirte waren, als vielmehr deshalb, weil ein grosser Teil der
Vereinsmitglieder berhaupt das Bierverlagsgeschft an den Nagel gehngt
und sich lediglich auf die Gastwirtschaft beschrnkt hat.

3. _Betriebsvereinigung mit Viktualien-(Spezerei-)Handel_. Diese
Verbindung, welche zu Anfang der siebziger Jahre, nachdem die Bildung
des Bierverlages als selbstndiges Unternehmen vollzogen war, ganz
aufgehrt hatte, beginnt jetzt, bei der schlechten Lage des
Bierverlegerstandes, wieder in den Vordergrund zu treten. Insofern zeigt
sich allerdings ein Unterschied gegenber der alten Form, als in dieser
der Viktualienhandel das ursprngliche war und aus ihm allmhlich der
Flaschenbierhandel sich entwickelte, whrend bei den jetzigen Grndungen
das Geschft als Bierverlag gedacht ist, der Kleinhandel mit Bier und
Viktualien jedoch als Untersttzung fr das ganze Unternehmen dienen
soll, das auf dem Bierverlag, bei dem namentlich in der ersten Zeit
nur geringen Umsatz, doch zu unsicher aufgebaut wre. Hauptschlich
findet sich diese Verbindung bei vielen der neueren Geschfte und es
scheint, als wenn sie fr Neugrndungen von Bierverlagsgeschften
typisch werden sollte. Von der Weiterentwicklung des Geschfts hngt es
dann ab, ob dieses mehr nach der Seite des Flaschenbier- oder
Viktualienhandels hinneigt. In letzterem Falle wird vielfach an die
Stelle des Bezuges von Fassbier derjenige von Flaschenbier aus der
Brauerei oder vom Verleger treten, womit dann der Begriff des
Bierverlages aufgegeben ist.

Als andere Arten der Betriebsvereinigung kommen in Betracht der
Nebenhandel mit Mineralwasser (inkl. Limonaden), Eis und Kohlensure. An
kleineren Orten ist die Verbindung von Bier-Verlag mit Mineralwasser-
und Eishandlung viel hufiger als in Berlin; die Zahl der verschiedenen
Verbindungsarten ist dort auch mannigfaltiger. So soll in einigen
Stdten der Bierverlag in Verbindung mit Holz- und Kohlenhandel sich
finden, ebenso wird im Organ des Verbandes deutscher Bierhndler den
Bier-Verlegern empfohlen, den Petroleumhandel als Nebengeschft
einzufhren, namentlich um -- ebenso wie bei dem Holz und Kohlenhandel
-- whrend der Winterszeit, wenn der Bierkonsum naturgemss geringer
ist, nicht ganz ohne Absatz zu sein. In Berlin sind mir derartige Formen
von Betriebsvereinigung nicht bekannt geworden. Dagegen ist darauf
hinzuweisen, dass bei denjenigen Bierverlegern, welche den
Nachghrungsprozess des Berliner Weissbieres in ihren eigenen Kellereien
vornehmen, Hefe als Nebenprodukt gewonnen wird, welche in der Regel ein
in der Nhe wohnender Bcker dem betr. Bierverleger abkauft. Bei einem
Umsatz von etwa 1000 hl Weissbier beziffert sich der Erls fr diese
Hefe (Brme) auf 150-200 Mark.

Die verschiedenen skizzierten Nebengeschfte knnen natrlich in allen
mglichen Kombinationen zum Flaschenbiergeschft hinzutreten. So finden
sich beispielsweise bei einem Berliner Bierverleger Flaschenbierhandel,
Gastwirtschaft, Fassbierhandel und Kohlensure-Niederlage zusammen.


       Verschiedenartigkeit der Berliner Bierverlagsunternehmungen.

Abgesehen von den verschiedenen Formen der Betriebsvereinigung ist noch
eine prinzipielle Scheidung unter den Berliner Bierverlegern
vorzunehmen. Es handelt sich dabei um den Gegensatz zwischen denjenigen
Geschften, welche nach modernen, kaufmnnischen Prinzipien geleitet
werden zu den Betrieben, welche eine solche Leitung durchaus vermissen
lassen. Zu den ersten gehren natrlich die Generalvertretungen der
auswrtigen Brauereien, soweit sie einen Flaschenbiervertrieb haben,
ausserdem aber auch eine Anzahl von Biergrosshandlungen. Wenn ihre Zahl
auch gering ist und sie gegenber der grossen Zahl der brigen
Bierverleger nicht in Betracht kommen, so ist es doch ntig, an dieser
Stelle eine kurze Schilderung der Art ihrer Betriebe zu geben, zumal
sich unsere weiteren Ausfhrungen auf denjenigen Teil der Berliner
Bierverleger beschrnken sollen, welcher die typischen Merkmale des
Berliner Flaschenbierhandels an sich trgt. Der Gegensatz dieser
Geschfte zu den brigen Betrieben wird am besten gekennzeichnet durch
ihre Entstehungsart. Zunchst stammen sie fast smtlich aus neuerer
Zeit. Sie richteten von vornherein ihr Hauptaugenmerk auf die
unterghrigen Biere, und zwar fhrten sie neben den Berliner Lagerbieren
besonders auswrtige, whrend der Absatz von Weissbier dagegen weit
zurcktrat. Fast alle liefern das Bier auch in kleinen Gebinden, doch
kommt dieser Fassbierhandel nur als Gelegenheitsgeschft (bei
Familienfestlichkeiten etc.) in Betracht. Bezeichnend ist auch, dass der
Absatz sich meist auf Detailkunden beschrnkt, wie auch der ganze
Betrieb auf diese Art des Absatzes eingerichtet ist (keine zweispnnigen
grossen, sondern kleinere einspnnige Wagen, dafr aber eine grssere
Anzahl fr die entsprechend grssere Anzahl von Kunden). Der Abdruck
einer Bestellkarte eines dieser Geschfte mge das hier gesagte
illustrieren.

        Bitte mir am ...................... 1
                              zu senden

        .... Fl. Englisch Porter                        8 Fl. 3 Mk.
        ....  "  Englisch Pale Ale                      8  "  3  "
        ....  "  Pfungstdter Bock-Ale                 12  "  3  "
        ....  "  Mnchener Spatenbru                  15  "  3  "
        ....  "  Nrnberger, Henninger                 15  "  3  "
        ....  "  Kulmbacher Exportbier                 15  "  3  "
        ....  "  Pilsener, Brgerliches                15  "  3  "
        ....  "  Grtzer, Gesundheitsbier              24  "  3  "
        ....  "  Schultheiss-Versand                   26  "  3  "
        ....  "  Schultheiss-Mrzen, hell, 26 gr. oder 30  "  3  "
        ....  "  Bockbrauerei, hell        26 gr. oder 30  "  3  "
        ....  "  Bock-Versand                          26  "  3  "
        ....  "  Breslauer Weizenbier                  30  "  3  "
        ....  "  Patzenhofer               26 gr. oder 30  "  3  "
        ....  "  Weissbier, Landr, Akt.-Ges.          30  "  3  "
        ....  "             do.                 grosse 15  "  3  "
                      1/8 hl Lagerbier      Mk. 3,--
                      1/8 hl Versandbier     "  3,--
                      1/8 hl Patzenhofer     "  3,50
        Nrnberger Original-Gebinde von ca. 30 Liter an
        Spaten             do.       "   "  30   "   "
        Lwenbru          do.       "   "  15   "   "
        Kulmbacher         do.       "   "  25   "   "

  Name: .............................

  Wohnung: ..........................

          $Berlin$, den .......................

  $N.B. Um pnktlich liefern zu knnen, ersuche hflichst Bestellungen
                         Tags zuvor aufzugeben.$

  $Die Kutscher sind angewiesen, die leeren Flaschen stets mitzunehmen.$

Ebenso wie die Brauereien machen diese Unternehmungen oft Reklame durch
Inserate, Zeitungsbeilagen, Plakate, Zusendung von Prospekten etc., ihre
Wagen fallen durch eine gewisse Geflligkeit des usseren Anstrichs
sogar noch gegenber den Brauereiwagen auf. Die Inhaber dieser Geschfte
sind ebenso wie die Brauereivertreter meist Leute, die niemals in der
Brauerei oder im Bierverlag gearbeitet haben, sie besitzen lediglich
kaufmnnische Bildung. Zu ihnen gehren auch die neuen kaufmnnischen
Betriebe fr den Vertrieb von Syphonbier, sowie ein oder der andere
grosse Weissbierverlag, deren Absatz im Gegensatz zu den brigen
hauptschlich bei der Privatkundschaft liegt.

Innerhalb der Mehrzahl nicht kaufmnnisch betriebener Geschfte, welche
im wesentlichen die typische Form des Berliner Bierverlegers erkennen
lassen, sind Unterscheidungen nur nach der Hhe des Umsatzes zu machen.
Das Gemeinsame tritt jedoch gegenber dieser Verschiedenheit
ausserordentlich hervor, namentlich was die Entstehung und allmhliche
Entwicklung des Geschftes anbelangt. Die lteren Geschfte sind
zumeist, wie ausgefhrt, aus der Gastwirtschaft oder dem
Viktualienhandel entstanden; im ersteren Falle haben manche die
Gastwirtschaft als Nebengeschft noch behalten. Die Inhaber derjenigen
Geschfte, welche aus neuerer Zeit stammen, waren zu einem grossen Teil
frher Kutscher bei einer Brauerei oder einem Bierverleger und wagten es
dann, auf ihre Ersparnisse und den von den Lieferanten gewhrten Kredit
sich sttzend, einen Bierverlag zu grnden. Die Kunden wurden entweder
durch persnliche Bekanntschaft gewonnen (die Kutscher haben ja viel
mehr Gelegenheit die Kunden kennen zu lernen als die Bierverleger oder
die Brauerei selbst!) oder durch direktes Aufsuchen, man kann sagen
hausieren. Whrend noch Anfang der achtziger Jahre der Hauptnachdruck,
auch bei allen Neugrndungen auf das Lieferungsgeschft gelegt wurde,
ist es bei denjenigen Geschften, welche in den letzten Jahren
entstanden, namentlich im Anfang, wesentlich anders. Die Hauptsttze des
Geschftes bildet hier der Kleinhandel mit Bier, der Detailverkauf ber
die Strasse, z. T. wird auch von der Brauerei bezogenes Frischbier
literweise verkauft. Weiterhin werden vielfach auch noch Spezereiwaren
gefhrt, eine Wscherolle steht zur Verfgung der Hausfrauen, und von
aussen unterscheidet sich ein solches Geschft von einer
Viktualienhandlung (Grnkramkeller) nur dadurch, dass die langen
senkrechten Tafeln, auf denen die Preise der einzelnen Biersorten
verzeichnet sind, darauf hinweisen, dass das Bier in dieser Handlung als
Verkaufsobjekt eine grssere Rolle spielt, als in den brigen Kellern
dieses Charakters.

Was das durchschnittliche Alter der heute bestehenden Bierhandlungen
anbelangt, so stammte von den 46 Geschften, welche mir hierber
Auskunft erteilten, das lteste aus dem Jahre 1849, im brigen waren
begrndet worden:

                        in den Jahren 1860-1870: 5
                         "  "    "    1870-1880: 8
                         "  "    "    1880-1890: 12
                         "  "    "    1890-1896: 20

Aus diesen Zahlen geht zunchst hervor, dass eine grosse Anzahl der
frheren Geschfte eingegangen sein muss, denn sonst wre es nicht zu
erklren, dass aus der so gnstigen Zeit 1860-1880 nur eine geringe
Anzahl von Bierverlagsgeschften noch bestnde. Manche der Inhaber
dieser Geschfte haben vielleicht, nachdem sie in den guten Jahren
gengend zurckgelegt hatten, ihr Geschft aufgegeben und die
Kundschaft an irgend einen anderen Bierverleger verkauft; manche,
welche frher neben dem Bierverlag noch eine Gastwirtschaft betrieben,
beschrnken sich heute auf letztere. Die Thatsache, dass die Mehrzahl
der heute bestehenden Bierverlagsgeschfte aus den letzten Jahren
stammen, ist fr die Umwandlung in dem Charakter des Bierverlages von
grsster Bedeutung.


                    Personalverhltnisse im Bierverlag.

          A. Thtigkeit des Geschftsinhabers und seiner Familie.

Die Personalverhltnisse sind abhngig von der verschiedenen Hhe und
Ausbreitung des Umsatzes. Zunchst giebt sich dies darin kund, dass in
den Geschften mit grsserem Umsatz der Inhaber das Bier nicht mehr
selbst ausfhrt, sondern seine Thtigkeit auf die Aufsicht im Geschft
und den Verkehr mit den Kunden und Lieferanten beschrnkt. Zur
Illustrierung dieser Thtigkeit ist es ntig, sich von den
Rumlichkeiten eines solchen Bierverlages eine Vorstellung zu machen.
Der meist im Kellergeschoss sich befindende Bier-Verkaufsraum enthlt in
der Hauptsache Regale und Eisschrnke mit gefllten Bierflaschen, auf
dem Erdboden haben die zurckgebrachten leeren Flaschen Platz gefunden.
In den grsseren Geschften ist ein Teil dieses Raumes abgetrennt und
als Comptoir mit den dazu gehrigen Utensilien hergerichtet; in vielen
Fllen gengt der Pultaufsatz, in dessen Innern sich die Geschftsbcher
befinden, whrend die eingegangenen Rechnungen angeheftet daneben
hngen. In diesem Raum geht der Verkauf in Flaschen vor sich, werden
Reisende und Lieferanten empfangen etc. Von ihnen fhren nun zwei oder
drei Stufen in diejenigen Kellerrume, in denen das Bier abgezogen,
d. h. auf Flaschen gefllt wird. Diese Kellerrume sind angefllt mit den
Bottichen, meist Zuber oder im Berliner Dialekt Zober genannt, in welche
das Weissbier von den Tonnen ausgegossen wird, ferner stehen gefllte
und leere Fsser umher, eine Korkmaschine, Flaschenspl- und
Bierabfllapparate oder hnliches. Vielfach behilft man sich auch ohne
jedwede mechanischen Apparate und Maschinen, an Stelle der
Flaschensplmaschine tritt in diesem Falle eine einfache, mit warmem
Wasser gefllte Wanne, in welcher die Flaschen durch Aussplen mit
Stahlschrotkrnern gereinigt werden. Den Hauptraum nehmen die Holzlagen
ein, auf denen das auf Flaschen gefllte Bier sich befindet, welches aus
diesen Kellerrumlichkeiten in die Ksten und dann auf den Wagen
gebracht wird, um verladen und ausgefahren zu werden.

Die Thtigkeit des Bierabziehens ist eine usserst einfache. Sie besteht
bei dem bayrischen Lagerbier ebenso wie bei den auswrtigen echten
Bieren nur darin, dass es vom Fass abgelassen und in Flaschen gefllt
wird. Eine vorsichtigere Behandlung verdient das Grtzer Bier, aber auch
nur insofern, als es je nach der Beschaffenheit und Jahreszeit 14 Tage
bis 6 Wochen lagern muss, ehe es zum Genusse reif ist. Sobald dies der
Fall ist, muss wieder fr nicht zu langsamen Absatz gesorgt werden,
damit das Bier nicht verdirbt. Die grsste Sorgfalt verlangte frher der
Abzug von Weissbier und verlangt sie noch jetzt bei denjenigen
Bierverlegern, welche darauf verzichten, sich das Bier von der Brauerei
genussreif liefern zu lassen. Diese Bierverleger empfangen das Weissbier
von der Brauerei, nachdem es in deren Keller die erste Ghrung
durchgemacht hat, welche die Zersetzung des Malzzuckers bewirkt, als
sogenanntes Frischbier. Dieses Frischbier musste der Bierverleger in
seinem Keller einer Nachghrung unterziehen, es wurde in die Zuber
gegossen und blieb dort etwa 2-3 Tage (im Winter 3-5 Tage) stehen,
whrend dieser Zeit setzte sich die im Biere enthaltene, schon in der
Brauerei zugesetzte Hefe ab. Nachdem sie abgefllt worden war, wurde das
Bier in Eimer abgelassen und in einen neuen Zuber geschttet. Der jetzt
gewonnene reine Ausstoss wird mit Frischbier gemischt in der Weise,
dass auf 5 Teile Ausstoss ein Teil Frischbier kommt. Das so erhaltene
Bier wird dann auf Flaschen gezogen und hat bis zur Genussreife noch
6-10 Tage zu lagern. Die meisten Bierverleger nehmen Weissbier von
mehreren Brauereien, jedes verlangt seiner Natur nach eine besondere
Behandlung, die sich namentlich auf das Mischungsverhltnis beim
sogenannten Anstellen mit Frischbier bezieht; auch werden vielfach die
Biere aus den verschiedenen Brauereien miteinander gemischt. Diese
Behandlung erfordert also eine gewisse Sachkenntnis und in frherer
Zeit, als alle Bierverleger das Bier noch selbst anstellten war auch die
Qualitt des von den Einzelnen gelieferten Bieres sehr verschieden und
manche Bierverleger besassen wegen ihres guten Weissbieres einen
besonderen Ruf. In der Gegenwart, wo ber  der in Betracht kommenden
Bierverleger das Bier schon angestellt von der Brauerei beziehen,
hngen die Qualittsunterschiede natrlich nur von der Art der
Herstellung in der Brauerei ab, dafr ist die dem Bierverleger
verbleibende Thtigkeit eine viel einfachere geworden, da sie sich auch
bei diesem Biere nunmehr auf das einfache Abziehen beschrnkt.

Das Nebeneinanderliegen des Detailverkaufsraumes und des Abzieh- und
Lagerkellers ermglicht eine leichte Kontrolle seitens des
Geschftsinhabers. Es ist ihm mglich, im Keller zu arbeiten und
gleichzeitig dem Detailverkauf vorzustehen, da er zu diesem Zwecke nur
die Thr zwischen beiden Rumen offen lassen und in den Verkaufsraum
einzutreten braucht, wenn ein Kufer kommt. So kann also auch ein
unverheirateter Mann, wenn er sich einen Kutscher hlt, das Geschft
betreiben. Die berwiegende Mehrzahl der Berliner Bierverleger ist
jedoch natrlich -- ebenso wie die Mehrzahl aller Kleingewerbetreibenden
-- verheiratet und infolgedessen in der Lage, die Familienmitglieder zur
Thtigkeit im Geschft heranzuziehen. So liegt der Detailverkauf meist
in den Hnden der Frau, die sich whrend der Zeit, in welcher sie in der
Wirtschaft zu thun hat, von ihren lteren Kindern vertreten lsst. Die
Mitarbeit auch der Kinder ist im Bierverlag berall Sitte, auch bei
denjenigen Bierverlegern, welche wohlhabend zu nennen sind. Oft mssen
die Kinder des Abends fragen gehen, d. h. zu den Grnkram- und kleinen
Kolonialwarenhndlern gehen, um zu fragen, was am nchsten Tage
gebraucht wird, da diese kleinen Geschfte, die pro Tag ca. 20 bis 60
Flaschen Bier verkaufen, erst am Abend feststellen knnen, was sie am
nchsten Tage gebrauchen werden. Auch zur Fhrung der Bcher pflegt der
Bierverleger seine Kinder oft zu verwenden, da seine schwere Hand des
Schreibens ungewohnt ist und er im allgemeinen ein Misstrauen dagegen
hat, einen Fremden in seine Bcher sehen zu lassen. Bei den kleineren
Geschften tritt die Mitarbeit der Familienangehrigen, namentlich der
Frau, natrlich noch strker hervor. Nicht nur der Detailverkauf von
Flaschenbier ber die Strasse gehrt zu ihren Obliegenheiten, sondern in
manchen Fllen wird es auch vorkommen, dass sie beim Bierabzug mithilft.
Namentlich dann wird dies ntig sein, wenn in dem betr. Betriebe
berhaupt kein Arbeiter beschftigt ist, was in 12 von 46 untersuchten
Fllen vorkam.


       B. Angestellte im Bierverlag, Arbeits- und Lohnverhltnisse.

_Kaufmnnische Hilfskrfte_. Die kaufmnnisch geleiteten Geschfte
werden wohl durchgngig kaufmnnisches Personal beschftigen, unter den
brigen Bierverlegern kommt dies nur vereinzelt vor. Von unseren 46
Bierverlegern beschftigte einer einen Geschftsfhrer und einen
Buchhalter stndig, ein zweiter einen Buchhalter und einen Reisenden,
zwei dauernd je einen Buchhalter, die brigen besorgten die Buchhaltung
selbst. Im allgemeinen lsst die Art der Buchhaltung seitens der
Bierverleger viel zu wnschen brig, sie erstreckt sich meist nur auf
die Eintragung des ausgefahrenen Bieres und auf Kontofhrung fr die
Kunden, dagegen werden die Lieferungen der Brauereien etc. meist vom
Bierverleger nicht besonders gebucht, ebensowenig wie vielfach Einnahmen
und Ausgaben generell eingetragen zu werden pflegen. Auch Haushaltungs-
und Geschftskasse werden selten getrennt. Selbst unter den grsseren
Geschften fand ich manche, die ihre Einnahmen und Ausgaben zu buchen
nicht fr ntig hielten.

_Der Arbeiter im Bierverlag_. Aus der vorher gegebenen Beschreibung des
Bierverlagbetriebes erhellt, dass wir es hier mit ungelernten Arbeitern
zu thun haben. Zwar findet man oft in Berliner Blttern Annoncen des
Inhalts: ein Arbeiter gesucht, der schon im Bierverlag gearbeitet hat,
doch ist dies mehr nur die bliche Form der Annonce, denn die Arbeit im
Bierverlag erfordert so wenig Kenntnisse und ist so leicht zu begreifen,
dass sie von jedem Handlanger verrichtet werden kann. Hchstens wird
durch die Gewhnung wohl ein _schnelleres_ Arbeiten ermglicht. Manche
Arbeiter bleiben auch Jahre hindurch im Bierverlag, doch ist es stets
nur eine bestimmte Klasse von Arbeitern, welche mit der Stellung im
Bierverlag zufrieden ist. Zunchst handelt es sich fast ausschliesslich
um ledige Leute, was damit zusammenhngt, dass die Mehrzahl der
Bierverleger von ihren Arbeitern verlangt, dass sie im Hause wohnen. Da
die an hhere Ansprche gewhnten Arbeiter nur in seltenen Fllen
geneigt sind, sich der Kontrolle zu unterwerfen, welche mit diesem in
Lohn und Kost stehen (wobei man das Wohnen beim Arbeitgeber als
selbstverstndlich hinzudenkt) verbunden ist, so kann es nicht
befremden, dass die Mehrzahl der im Bierverlag beschftigten Arbeiter
aus den Ostprovinzen (Ostpreussen, Westpreussen, Pommern, Posen) stammt,
whrend die brigen Provinzen dahinter weit zurcktreten und die
westlichen fast garnicht vertreten sind. Aus den Bchern des
Arbeitsnachweises fr den Verein der Berliner Bierverleger habe ich mich
ber die Herkunft der dort sich meldenden Arbeiter zu informieren
gesucht und dabei Folgendes gefunden:

Von 190 in Berlin im Bierverlag beschftigten Personen waren geboren:

                          in den Ostprovinzen     96
                          "  Brandenburg          34
                          "  Schlesien            26
                          "  Stadt Berlin         21
                          "  anderen Provinzen    13

Nun ist bekanntlich der Anteil der stlichen Provinzen an der Berliner
Bevlkerung ein grosser; dennoch muss es berraschen, dass _ber die
Hlfte_ der hier in Betracht kommenden Arbeiter aus diesen Provinzen
stammt. Im Gegensatz hierzu steht die geringe Beteiligung geborener
Berliner. Im Jahre 1890 waren nach dem Ergebnis der Volkszhlung von
1000 Einwohnern in Berlin 405 daselbst auch geboren, also 40 %, whrend
bei den hier genannten Arbeitern der Anteil der geborenen Berliner nur
etwas ber 10 % ausmacht.

Ueber das Alter dieser Arbeiter habe ich gleichfalls versucht, einige
authentische Angaben zu erhalten und infolgedessen aus den An- und
Abmeldebchern verschiedener Bierverleger Auszge gemacht. Zu Grunde
gelegt ist das Alter in dem der Betreffende die Arbeit antrat. Von 103
Arbeitern standen danach im Alter von:

                              35-40 Jahren   3
                              30-35   "     10
                              25-30   "     30
                              20-25   "     36
                           unter 20   "     24 (!)

Der lteste der betreffenden Arbeiter zhlte 39 Jahre, in der letzten
Altersklasse fanden sich zwei Arbeiter im Alter von 16 Jahren, das
Durchschnittsalter wrde sich auf 23,8 Jahre belaufen. Es wrde noch
geringer sein, wenn man unterscheiden wollte zwischen Kellerarbeitern
und Kutschern; denn nur unter den letzteren finden sich ltere und
verheiratete Leute hufiger. Was die frhere Beschftigung der
betreffenden Arbeiter anlangt, so hat etwa die Hlfte schon vorher im
Bierverlag gearbeitet; die brigen haben alle mglichen Stellungen inne
gehabt; als Hausdiener bei Fabriken oder Transportunternehmungen,
Handlanger auf Bauten etc. Auch frhere Handwerker finden sich des
fteren unter ihnen, besonders hufig, und zwar namentlich im Sommer,
frhere Schlchter. Es lsst sich diese Erscheinung einesteils wohl
daraus erklren, dass gerade zu der Zeit, in welcher der Bierkonsum
ausserordentlich hoch ist, der Fleischverbrauch zurckzugehen pflegt, in
Berlin schon durch die grosse Anzahl derjenigen, welche verreisen.
Andererseits sehen es die _Gastwirte_, und unter ihnen natrlich auch
diejenigen, welche nebenbei Bierverleger sind, sehr gern, wenn sie
Arbeiter erhalten, die einige Kenntnis von der Schlchterei besitzen, da
sie dieselben bei verschiedenen Anlssen, z. B. bei der Abteilung von
Portionen in der Kche, ferner dann, wenn frische Wurst gemacht wird,
sehr gut gebrauchen knnen. Hinzuzufgen wre noch, dass diese Arbeiter
nach ihrer Verheiratung gewhnlich ihre Arbeit im Bierverlag aufgeben
und sich nach anderer Beschftigung umsehen.[27] Da die Arbeiter im
Bierverlag zur Ortskrankenkasse der im Gewerbebetrieb der Kaufleute,
Handelsleute und Apotheker beschftigten Personen gehren, so lassen
sich aus den statistischen Angaben dieser Krankenkasse, welche sich auf
smtliche Mitglieder beziehen, natrlich keine Rckschlsse auf die
Arbeiter im Bierverlag machen.

_Lohnverhltnisse_. Entweder stehen die Arbeiter in Lohn und Kost und
erhalten ausserdem das _Logis_ vom Brotherrn zugewiesen, oder sie
erhalten Lohn und Kost, wohnen aber ausserhalb der Betriebssttte, oder
endlich, sie erhalten nur Geldlohn ohne Kost[28] und Logis. Im ersteren
Falle bewegt sich der Lohn zwischen 24 bis 32 Mark monatlich (nur bei
jugendlichen Arbeitern geringer). Der zweite Fall kommt praktisch nur
fr die geringe Zahl der verheirateten Arbeiter in Betracht, der
Lohnsatz betrgt hier 10-12 Mark wchentlich. Der Lohn schliesslich
ohne Kost und Logis beluft sich in der Regel auf 16,50 Mark pro Woche.
Allerdings kann man von einem festen Satze in keinem Falle reden, denn
bei der usserst schwankenden Konjunktur wechselt auch das Verhltnis
von Angebot und Nachfrage und damit die Hhe der Entlohnung sehr hufig.
Im Sommer 1900 beispielsweise, als Arbeiter fr den Bierverlag berhaupt
nur sehr schwer zu erhalten waren, wurden von verschiedenen
Bierverlegern neben Kost und Logis 36 Mark pro Monat gegeben, oder
_ohne_ Kost und Logis 24 Mark pro Woche. In den meisten Fllen ist dem
Bierverleger sehr daran gelegen, dass die Arbeiter bei ihm wohnen, denn
er kann sie in diesem Falle weit besser beaufsichtigen. Vielfach hat er
eine gesonderte Wohnung in dem Hause, in welchem er selbst wohnt, fr
seine Leute gemietet, oder ihre Wohnrume stossen direkt an die seinen.
Die Wohnungen der Arbeiter, werden von der Frau des Bierverlegers oder
dem Dienstmdchen in Stand gehalten. Mit dem Logis bei dem Brodherrn ist
auch die Bekstigung von seiner Seite fast stets verbunden. Namentlich
wenn mehrere Arbeiter beschftigt werden, steht sich der Bierverleger
besser dabei, als wenn er nur Geldlohn bezahlen wrde, ausserdem glaubt
er aber auch hierdurch der allzu langen Ausdehnung der Mittagpausen
vorbeugen zu knnen. Ist es so auf der einen Seite praktische
Geschftserwgung, welche die Bierverleger veranlasst, an diesem System
festzuhalten, so haben doch auch andererseits die Arbeiter Vorteile
davon, denn sie erhalten gutes und krftiges Essen. Es wre nicht
wirtschaftlich, wenn zweierlei gekocht wrde und deshalb bekommt der
Arbeiter dieselbe Kost wie sein Brotgeber und dessen Familie. Allerdings
ziehen die Arbeiter trotzdem den reinen Geldlohn vor, vor allem aus dem
Grunde, weil er sie in den Stand versetzt, ausserhalb des Geschfts
wohnen zu knnen und nach Feierabend ebenso wie in den Pausen zwischen
den einzelnen Mahlzeiten Gelegenheit zu erhalten, an die frische Luft zu
kommen. Ausserdem bietet das Wohnen ausserhalb der Betriebssttte fr
die Arbeiter noch den Vorteil, dass sie nicht so leicht zu Nebenarbeiten
verwendet werden knnen. So ist es z. B. bei manchen Bierverlegern, und
namentlich bei solchen, welche nebenbei Gastwirtschaft betreiben, Sitte,
dass einer der Arbeiter sich auch des Abends bis zum Geschftsschluss,
der oft erst nach 10 Uhr, bei den Gastwirten noch spter erfolgt, zur
Verfgung halten muss, um event. eintreffende Bestellungen aus der
Nachbarschaft erledigen zu knnen. Trotz der Abneigung, die so bei den
Arbeitern gegen das Wohnen beim Brotherrn herrscht, ist es dem
Bierverleger in den meisten Fllen doch gelungen, dieses durchzusetzen.
Von 34 Bierverlegern, welche Arbeiter beschftigen, hatten nach ihren
Aussagen 21 ihre Leute in Kost und Logis, in 11 Fllen wurde nur
Geldlohn gezahlt und bei zwei Bierverlegern bestanden beide Formen der
Entlohnung nebeneinander.

_Arbeitszeit_. Von den in Betracht kommenden 34 Bierverlegern haben 6 in
Bezug auf die Arbeitszeit mitgeteilt, dass dieselbe fest bestimmt wre;
in den brigen Betrieben waren Anfang oder Ende der Arbeitszeit ebenso
wie die Mahlzeitpausen nicht fest geregelt. Von den 6 Bierverlegern,
welche feste Normen in Bezug auf die Arbeitszeit eingefhrt haben, geben
4 den Anfang der Arbeitszeit auf 6 Uhr morgens an, einer auf 7 Uhr, ein
anderer im Sommer um 5 Uhr, im Winter um 6 Uhr. Die Arbeit endet nach
denselben Angaben in einem Falle um 6 Uhr abends, in zwei Fllen um 7
Uhr, in je einem um 8 bezw. 9 Uhr abends. Einer der betreffenden
Bierverleger giebt als Ende der Arbeitszeit an 5-10 Uhr abends! Es
bedarf keiner nheren Auseinandersetzung darber, dass eine feste
Regelung der Arbeitszeit sich am ehesten in denjenigen Betrieben
erreichen lsst, in denen die Arbeiter in Geldlohn stehen, in 5 von den
hier angefhrten 6 Betrieben war dies der Fall, die Ausnahme bildete
bezeichnender Weise derjenige Bierverleger, welcher das Ende der
Arbeitszeit als unbestimmt, zwischen 5-10 Uhr abends angegeben hatte.
Die Unbestimmtheit der Arbeitszeit ist im brigen Regel in allen
Bierverlagsgeschften, wenn viel zu thun ist, mssen die Leute eben
lnger bleiben, sonst knnen sie gehen, sobald das Bier abgezogen ist.
Gewhnlich beginnt die Arbeit um 6 Uhr morgens und dauert mindestens bis
7 Uhr abends, bei geringen Unterbrechungen. In denjenigen Geschften,
welche ihren Arbeitern Geldlohn geben, betrgt die Mittagspause 1
Stunde, die Frhstcks- und Vesperpause je  Stunde; wenn die Arbeiter
in Kost stehen, sind diese Pausen nur halb so lang. Whrend die Arbeit
im Winter oft zeitig aufhrt, wird im Sommer nicht selten bis 9 oder 10
Uhr abends durchgearbeitet, namentlich wenn einige Tage hintereinander
die Hitze auftritt, wodurch namentlich der im Sommer besonders starke
Weissbierkonsum ausserordentlich gesteigert wird. In Zeiten gnstiger
Geschftslage pflegt berhaupt der Bierverleger hohe Anforderungen an
seine Leute in Bezug auf Leistungsfhigkeit und Ausdauer zu stellen und
wrde etwaigen Forderungen der Arbeiter gegenber in dieser Hinsicht
sehr wenig zugnglich sein. Die stereotype Antwort, namentlich bei
lteren Bierverlegern, wrde lauten: Wir haben in unserer Jugend noch
viel schwerer arbeiten mssen. Es ist dies keine Phrase, sondern
entspricht wohl der Wahrheit, es soll frher, bis in den Anfang der
achtziger Jahre hinein, im Bierverlag vom frhen Morgen bis zum spten
Abend gearbeitet worden sein, wobei noch zu bedenken ist, dass die
Arbeit damals viel schwerer war. Denn whrend heute mit Glasflaschen
gearbeitet wird, deren Patentverschlsse mit einem einzigen Fingerdruck
zum Anliegen an die Flasche, d. h. zum Verschluss zu bringen sind, hatte
man frher ziemlich unfrmige Thonkruken, welche mit Korken verschlossen
werden mussten. Diese Manipulation geschah dadurch, dass die Korke
durch die Korkmaschine direkt in den Flaschenhals hineingepresst wurden,
worauf dann noch die Korke durch mehrere Bindfaden befestigt werden
mussten, was sich nicht ohne Geschicklichkeit und Anstrengung ausfhren
liess. Auch der Transport dieser Kruken war viel schwieriger als das
heutige Fortbringen der Glasflaschen. Heute geschieht dieses Fortbringen
in Flaschenksten, die genau abgemessene Fcher fr jede Flasche
enthalten und so eingerichtet sind, dass sie hchstens 30 kleine
Flaschen enthalten, sodass der Kasten bequem auf die Schulter genommen
werden kann; damals hatte man grosse geflochtene Krbe mit Holzeinsatz.
Dass im brigen eine bermssige Ausnutzung der Arbeiter nicht damit
entschuldigt werden kann, es sei frher noch schlimmer gewesen, liegt
auf der Hand. Es ist zu hoffen, dass mit der Ausbreitung des Wohnens
ausserhalb der Betriebssttte und des reinen Geldlohnes als Lohnform
etwaige Uebelstnde in dieser Hinsicht -- auf welche auch der Vorwrts
vor Jahren einmal hinwies -- verschwinden werden. Eine Organisation der
Arbeiter zur Erzwingung der Forderungen auf feste Arbeitszeit, Bezahlung
der Ueberstunden, Wohnen ausser dem Hause, wie sie damals der Vorwrts
empfahl, drfte wohl auf erhebliche Schwierigkeiten stossen, die in dem
Mangel eines festen Zusammenhalts innerhalb dieser Schar ungelernter
Arbeiter, die bald hier bald dort ihre Dienste anbieten, begrndet
liegen.

_Die Kutscher_ nehmen eine Sonderstellung ein. In den kleineren
Geschften wird einer der Arbeiter als Kutscher angenommen -- d. h.
soweit der Herr nicht selbst fhrt --, der in seiner freien Zeit bei der
Kellerarbeit mit zu helfen hat. In den grsseren Geschften hat der
Kutscher mit den Arbeiten im Keller nichts zu thun. Die Zahl der
verheirateten ist bei ihnen viel grsser als bei den Kellerarbeitern,
und deshalb erhalten sie meist nur Geldlohn, auch von solchen
Bierverlegern, deren brige Arbeiter in Kost und Wohnung stehen. Von den
34 Bierverlegern, welche unter 46 berhaupt Arbeiter beschftigen,
befanden sich 26, die eigene Kutscher hatten, darunter 10 die je 2, 4
die je 3, und einer der 4 Kutscher beschftigte, 10 fuhren selbst. Von
diesen 26 Betrieben zahlten 18 ihren Kutschern Geldlohn und nur in 6
Fllen standen auch die Kutscher in Lohn und Kost. Der Lohn war im
Durchschnitt etwas hher, als derjenige, welchen die in Geld entlohnten
Arbeiter erhielten, nmlich 18-24 Mark pro Woche. In 7 Fllen wurde
ausserdem pro 3 Mark ausgefahrenes Bier noch 10 Pfg. als Gewinnanteil
ausbezahlt. Diese Gewinnbeteiligung der Kutscher ist erst neueren
Datums, sie soll zuerst von den Brauereien eingefhrt worden sein.
Allerdings findet sie sich bei den Brauereien in etwas anderer Form; sie
wird nmlich nicht berechnet nach der Menge und dem Wert des
ausgefahrenen Bieres, sondern nach der Menge der zurckgebrachten leeren
Flaschen, um auf diese Weise den Kutscher anzuhalten, auch seinerseits
dafr zu sorgen, dass die Flaschen mglichst vollzhlig zurckgegeben
werden. Unter den Bierverlegern ist dieses System der Gewinnbeteiligung
der Kutscher zumeist von solchen Geschftsinhabern eingefhrt, denen es
namentlich in der ersten Zeit des Bestehens ihres Betriebes darauf
ankam, neue Kunden zu erhalten und die deshalb ihre Kutscher anwiesen,
einen gewissen Hausierhandel mit Bier zu treiben. Sobald ein gewisser
Kundenkreis gewonnen war, hrte auch diese Art des Absatzsuchens auf,
die Gewinnbeteiligung erhielt sich jedoch; in den Fllen, in welchen
dieser Anteil gewhrt wird, ist jedoch meist der Lohn geringer. In
manchen Fllen erhalten die Kutscher keinen bestimmten Anteil am Umsatz,
wohl aber eine Gratifikation fr jeden neu gewonnenen Kunden. Zu dem
gezahlten Lohn tritt dann noch die oft nicht unbetrchtliche Summe von
Trinkgeldern hinzu, wodurch sich das Einkommen dieser Kutscher oft auf
1500-1700 Mark erhht, whrend der Durchschnittssatz etwa 1300 Mark
ist. Zusammen mit den Brauereikutschern, welche zuverlssigen
Nachrichten zufolge jhrlich _mindestens_ 2100-2400 Mark verdienen,
bilden sie den Nachwuchs fr das Bierverlags- und Gastwirtsgewerbe, zu
dem die Mehrzahl von ihnen im hheren Alter berzugehen pflegt.

In den hier geschilderten Arbeitsverhltnissen im Bierverlag wird eine
wesentliche Aenderung durch den Hinzutritt irgend eines der namhaft
gemachten Flle der Betriebsvereinigung nicht bewirkt. In denjenigen,
vorlufig noch wenigen Fllen, in welchen der Viktualienhandel neben dem
Kleinhandel und Versand von Bier eine irgendwie bedeutende Rolle spielt,
ist die Thtigkeit der Frau eine ausgedehntere, ebenso werden bei der
Verbindung von Bierverlag mit Gastwirtschaft alle Familienangehrigen in
weitestem Maasse zur Mitarbeit herangezogen, da sich ihnen ja auch hier
weit mehr Gelegenheit zur Bethtigung bietet. Was die Arbeiter
anbetrifft, so stehen diese im Falle der Betriebsvereinigung mit der
Gastwirtschaft stets in _Kost_, schon aus dem Grunde, weil der Wirt oft
Mittagsgste hat und es deshalb fr ihn mit keiner Unbequemlichkeit
verbunden ist, fr die Arbeiter mit kochen zu lassen. Die freie Zeit der
Arbeiter ist noch mehr beschrnkt, als im Bierverlag. So muss bezw.
abwechselnd jeden Sonntag einer der Arbeiter zu Hause bleiben, um
etwaige Bestellungen aus der Nachbarschaft auszufhren, ebenso wie auch
an Wochentagen abends, worauf schon hingewiesen wurde. Es wird nach dem
hier Gesagten nicht verwunderlich erscheinen, dass fr solche Geschfte,
namentlich bei gnstiger wirtschaftlicher Konjunktur Arbeiter noch
schwerer zu erhalten sind, als fr den Bierverlag.


                    Der Geschftsbetrieb im Bierverlag.

                              A. Der Einkauf.

_Die Lieferanten_. Der Eigenart seines Geschftes nach hat der
Bierverleger nur mit wenigen Lieferanten zu thun. Da die Kufer bei den
Lagerbieren auf die Herkunft aus einer bestimmten Brauerei Gewicht legen
(man fordert Bhmisches -- Schultheiss- -- Union-Bier, indem man damit
Lagerbier aus dem Bhmischen Brauhaus, der Schultheiss- oder der
Union-Brauerei meint), so wird der Bierverleger bei grsserem Umsatz von
mehreren bayrischen Brauereien Bier beziehen mssen, meist kommt er
jedoch, bei dem geringen Bedarf an bayr. Bier mit einer Brauerei aus. Zu
dieser Brauerei fr bayrisches Bier tritt hinzu der Generalvertreter
fr eine der Grtzer Brauereien, ebenso der einer Mnchener oder in
wenigen Fllen Pilsener Brauerei, ferner einige Weissbier-Brauereien.
Ausser mit diesen Brauereien steht der Bierverleger noch im
Einkaufsverkehr mit dem Fouragehndler, der das Futter fr die Pferde
liefert, der Flaschenfabrik, welche zumeist auch die Lieferung der
Verschlsse bernimmt, der Flaschenkstenfabrik und vielleicht dem
Korkenlieferanten, wenn fr gewisse Biersorten der Korkverschluss noch
eingefhrt ist, schliesslich mit einer der Firmen, welche sich mit der
Lieferung von Bedarfsartikeln fr den Bierabzug und die Fllung auf
Flaschen befassen.

_Zahlungsbedingungen gegenber den Lieferanten_. Barzahlung bildet die
Ausnahme. Sie wird in der Regel von denjenigen Brauereien verlangt, von
denen der Bierverleger nur geringe Quantitten bezieht. Dagegen kommt
den brigen Brauereien gegenber entweder die in das Belieben des
Bierverlegers gestellte, oder die monatliche, oder die Bezahlung nach
der jeweiligen Entnahme von einem Stock Bier in Betracht. Unter einem
Stock versteht man die Zahl von 20 halben Tonnen; auf einen Stock
giebt es 2-4 halbe Tonnen gratis. Es herrscht diese Bezeichnung und die
damit zusammenhngende Zahlungsart brigens _nur beim Weissbier_; von
einem Stock bayrischen Bieres wird nicht gesprochen. Im brigen ist
dieser Zahlungsmodus nur bei den kleineren Geschften blich, die
mittleren und grsseren Bierverlagsgeschfte sehen sich einer usserst
weitgehenden Koulanz der Brauereien gegenber, und sind an die
Innehaltung bestimmter Zahlungsfristen nicht gebunden. In manchen Fllen
sieht es die Brauerei, wenn der Kunde ihr nur irgend welche Sicherheit
bietet, garnicht ungern, wenn auf seinem Konto eine nicht zu geringe
Summe zu Gunsten der Brauerei steht, da sie dadurch in die Lage gesetzt
ist, ihn viel fester an sich zu fesseln. Hat die Summe, welche der
Bierverleger schuldet, eine bestimmte Hhe erreicht, so lsst sich die
Brauerei einen Schuldschein darber geben, der Bierverleger verpflichtet
sich vielfach zur Zinszahlung, oftmals aber, und das ist der springende
Punkt, lsst die Brauerei auch von dem Bierverleger einen Revers
unterschreiben, wodurch er sich weiterhin verpflichtet, wchentlich oder
monatlich mindestens so und so viele Tonnen von der betreffenden
Brauerei zu entnehmen. In vielen Fllen wird auch gleichzeitig eine
Amortisationsquote gefordert in der Form eines Aufschlages auf jede
fernerhin gelieferte Tonne Bier; allerdings wird diese Forderung der
Amortisation nicht so hufig bei Schulden gestellt, welche aus der
Lieferung von Bier resultieren, als bei Darlehen, die oftmals schon bei
Errichtung des Geschftes in Anspruch genommen werden, ebenso bei
Lokalmiete in einem der Brauerei gehrigen Hause. Auf diese Darlehen
ebenso wie auf die Eigenart der Kreditverhltnisse zwischen Brauerei und
Bierverlegern berhaupt ist an anderer Stelle nher eingegangen. Bei der
Lieferung von Flaschen, welche nchst den Bierlieferungen den grssten
Posten im Ausgabenkonto des Bierverlegers ausmachen, herrschen die
vorher gekennzeichneten Verhltnisse nicht, die Lieferung erfolgt hier
bei den meisten Firmen gegen 3 Monat Ziel oder 2 % Sconto.


                         B. Der Absatz des Bieres.

Der geringen Anzahl von Lieferanten steht eine sehr grosse und
mannichfache Zahl von Abnehmern gegenber. Dieser Kundenkreis ist
verschieden, je nachdem es sich um die vorher gekennzeichneten
modern-kaufmnnischen Geschfte oder um das Gros der brigen
Bierverleger handelt. Jene ersteren liefern an wohlhabende Beamten- und
Kaufmannsfamilien in kleinen Quantitten (in den meisten Fllen im
Betrage von 3 Mark). Von Kreditgewhrung ist natrlich nicht die Rede,
der Kutscher hat das volle Geld fr das ausgefahrene Bier abzugeben und
haftet dafr, falls er etwa in Abwesenheit der Herrschaften das Bier
ohne Bezahlung abgegeben hat. Ebenso ruhig und glatt vollzieht sich der
Verkehr der brigen Bierverleger mit ihren Abnehmern, soweit es sich um
Privatkundschaft handelt. Anders steht es dagegen mit den
Geschftskunden. Sie setzen sich, soweit der Absatz von Weissbier in
Betracht kommt, zusammen aus Restaurateuren, Gastwirten, Destillationen
im alten Sinne des Wortes[29], Kolonialwaren- und Grnkramhandlungen,
ferner Kantinen in grossen Fabriketablissements oder beim Militr. Bei
den Restaurateuren und Gastwirten handelt es sich um die geringe Zahl
derjenigen, welche trotz der gebotenen Erleichterung beim Abzug des
Weissbieres auch gegenwrtig auf den Selbstabzug verzichten, sei es,
dass es ihnen an den geeigneten Kellerrumen fehlt oder der Selbstabzug
bei dem geringen Absatz sich nicht lohnen wrde. Dasselbe gilt von den
wenigen Cafs und Htels, welche Weissbier fhren. Trotz der oft
geringfgigen Entnahme von Bier halten sich diese Geschftskunden in den
meisten Fllen nicht zur Barzahlung verpflichtet, sondern verlangen,
dass der Bierverleger in gewissen Zwischenrumen sie besucht, um das
Geld selbst abzuholen, wobei er natrlich eine nicht zu geringe Zeche
machen soll. Die Kolonial- und Grnkramhandlungen pflegen sofort zu
bezahlen. Die letzteren waren frher Abnehmer oft _grosser Quantitten_
Braunbieres, welches die rmeren Volksklassen aus den Grnkramkellern
holten, heute ist der Absatz von Braunbier in Flaschen aus den vorher
angefhrten Grnden auf ein Minimum gesunken. Bei den Kantinen und
Konsumvereinen fr Angestellte bildet die monatweise Abrechnung die
Regel; sie verlangen hufig einen sehr grossen Rabatt, zeigen sich aber
sehr koulant in Bezug auf den Ersatz von Flaschen, welche in der Fabrik
abhanden kommen oder zerbrochen werden. Mit einem gewissen Risiko ist
die Lieferung an kleinere Fabriken verbunden, in denen der Verkauf des
Bieres meist in der Hand eines dazu bestimmten Arbeiters liegt. Oft
bezahlt dieser Arbeiter bei der wchentlich erfolgenden Abrechnung nicht
die ganze Summe, behauptet, er htte selbst kreditieren mssen, oder er
verlsst die Arbeit; es wird ein neuer Bierverkufer gewhlt und dem
Bierverleger liegt ob, sich mit dem frheren Abnehmer, der oft
unbekannt verzogen ist, auseinandersetzen etc. Dazu treten die
bedeutenden Flaschenverluste, welche dadurch verursacht werden, dass die
Arbeiter hufig die Bierflaschen zum Kaffee und Schnapsholen verwenden,
sie auch mit in ihre Wohnung nehmen, wo sie im Haushalt in Gebrauch
genommen werden. Diese Missstnde bewirken, dass den Bierverlegern an
der Lieferung fr solche kleineren Fabriken meist wenig liegt und
vielfach beziehen diese deshalb auch ihr Bier von dem in der Nhe
wohnenden Gastwirt, bei dem sie zu verkehren gewohnt sind; die Lieferung
und Kontrolle seitens des Lieferanten regelt sich hier viel leichter,
auch knnen Nachbestellungen z. B. an heissen Tagen eher ausgefhrt
werden.

Die Kunden auf _Grtzer Bier_ setzen sich zusammen aus: Hteliers,
Restaurateuren, Caftiers und Gastwirten. Der Selbstabzug des Grtzer
Bieres ist bei den Gastwirten noch weniger verbreitet, als der des
Weissbieres; diejenigen Gastwirte, welche es fhren, beziehen es deshalb
stets vom Bierverleger in Flaschen. Doch ist der Absatz an die Gastwirte
nur gering. Mehr schon wird das Grtzer Bier in den Restaurants und
Htels genossen; der Hauptabsatz aber entfllt auf die Berliner
Nachtcafs, welche den Treffpunkt fr die Halbwelt abgeben. Ueber die
Gewohnheit der Caftiers von mglichst vielen Lieferanten zu beziehen,
selten bar zu bezahlen, dagegen sehr oft die Kontrahierung einer grossen
Zeche zu verlangen, ehe sie die Rechnung begleichen, wird in
Bierverlegerkreisen sehr geklagt. Ebenso wie in diesen Cafs wird auch
in den Kneipen mit Damenbedienung Grtzer Bier konsumiert, in manchen
Fllen wird an solche Kneipen und Cafs auch Weissbier geliefert.
Schliesslich sei noch erwhnt, dass auch die Konditoreien fr den Absatz
von Weiss- und Grtzer Bier in manchen Fllen in Betracht kommen, bei
ihnen sind die gergten Zahlungsverhltnisse der Cafbesitzer jedoch
nicht Regel.


                  Einnahmen und Ausgaben im Bierverlage.

                               A. Einnahmen.

_Die Absatzpreise der Biere_. Die Preise sind verschieden, je nachdem es
sich um Privat- oder Geschftskunden handelt. So lange die Brauereien
den Flaschenbiervertrieb nicht hatten, waren die Preise vom Standpunkt
der Bierverleger aus als sehr angemessene zu bezeichnen. Die Konkurrenz
der Berufsgenossen war nicht allzu drckend, und da der Markt so gross
war, dass alle gengend Absatz fanden, so hielten sie sich auf einer
gewissen herkmmlichen Hhe, von der nicht abgewichen wurde. Zum Teil
sind diese Verhltnisse noch in dem Handel mit bayrischem Bier, soweit
es sich um den Absatz an Privatkundschaft handelt, dieselben
geblieben. Wenn es den Brauereien gelungen ist, fast den gesamten
Flaschenbierhandel in Lagerbier in ihre Hnde zu bekommen, so haben sie
dieses Resultat, soweit es sich um den Absatz an Privatkunden handelt,
nicht durch Preisdrckerei erzielt. Die Bierverleger gaben an
Privatkunden 32 Flaschen Lagerbier fr 3 M. und mehr boten die
Brauereien auch nicht. Welche Umstnde den Brauereien in diesem Kampfe
um die Privatkundschaft den Sieg verschafften, wurde schon frher
dargelegt. Ebenso ist andererseits auch der Preisschleuderei Erwhnung
gethan worden, welche demgegenber in den Lieferungen an Fabriken,
Kantinen etc. zu Tage trat. So berichtet eine Brauerei auf eine von mir
gestellte Anfrage, dass sie an Wiederverkufer und Kantinen 40 Flaschen
von 3/8 Liter Inhalt fr 3 M. abgbe, beklagt sich aber gleichzeitig,
dass andere Brauereien 42-50 Flaschen fr 3 M. lieferten. Zum Vergleich
sei angefhrt, dass die Bierverleger frher 36 Flaschen fr 3 M.
lieferten. Nun stellt sich der Preis eines Hektoliters Lagerbier in
Berlin auf durchschnittlich 16 M. Gben die Bierverleger 40 (3/8 Ltr.)
Flaschen fr 3 M., so blieben ihnen bei dieser Lieferung 68 Pf.
Bruttogewinn, d. h. nur etwas ber 10 pCt. Dabei zu bestehen, ist dem
Bierverleger bei seinen verhltnismssig hohen Geschftsunkosten kaum
mglich, bei einer Ueberschreitung dieses Rabattsatzes in der erwhnten
Hhe hrt natrlich jede Konkurrenzmglichkeit fr ihn auf. Verlor er
also auf der einen Seite die frhere Privatkundschaft auf bayrisches
Bier, weil das Publikum den Brauereien mehr Vertrauen entgegenbrachte,
so bsste er auf der anderen Seite seine Geschftskundschaft ein, weil
er in Bezug auf Rabattbewilligung nicht konkurrieren konnte. Aber der
Verlust der Kundschaft auf bayrisches Bier war nicht die einzige Folge
des Eintretens der Lagerbierbrauereien in den Konkurrenzkampf. Denn
dieser Verlust fhrte im Zusammenhang mit der Uebernahme des
Flaschenbiervertriebs seitens einzelner Weissbierbrauereien dazu, dass
jeder Bierverleger ihn durch erhhten Absatz von Weissbier auszugleichen
versuchte, und die Folge war ein rapides Sinken der Preise. Abgesehen
von dem einfachen Weissbier, das nur noch wenig abgesetzt und zum Preise
von 40 (1 Ltr.) Flaschen fr 3 M. abgegeben wird, unterscheidet man bei
dem Weissbier zwei Sorten: Weissbier mit -- und Weissbier ohne
Wasserzusatz. Noch gegen Ende der achtziger Jahre waren die Preise fr
Weissbier folgende:

               I. Qualitt Privatkunden        26 Fl. fr 3 M.
                           Geschftskunden     30  "   "  3 "
              II.    "     Privatkunden        32  "   "  3 "
                           Geschftskunden     40  "   "  3 "

Heute sind die Preise im Durchschnitt folgende:

               I. Qualitt Privatkunden       30 Fl. fr 3 M.
                           Geschftskunden 36-42  "   "  3 "
              II.    "     Privatkunden       36  "   "  3 "
                           Geschftskunden 45-58  "   "  3 "

Zur Berechnung der Rentabilitt des Weissbierhandels muss man wissen,
dass eine halbe Tonne etwa 60-70 Ltr. enthlt und durchschnittlich 6 M.
kostet. Bei dem heutigen Flascheninhalt ergiebt eine halbe Tonne etwa
160 Flaschen ohne, und 200 Flaschen mit Wasserzusatz. Nehmen wir ferner
an, ein Bierverleger htte je zur Hlfte Privatkunden und zur Hlfte
Geschftskunden, so wrde also sein Bruttogewinn an einer halben Tonne
Weissbier sich folgendermassen berechnen:

                              frher              jetzt
                  I. Qualitt 11,00 M. pro    t  8,00 M.
                 II.    "     10,50 "   "   "  "  7,50 "

Also auch hier ist der Verdienst sehr gesunken, obwohl die Annahme, dass
der Absatz sich je zur Hlfte auf Privat- und Geschftskunden verteilte,
noch zu gnstig gegriffen ist; der Anteil der Geschftskundschaft ist
wahrscheinlich ein weit betrchtlicherer und infolgedessen verringert
sich auch der Bruttogewinn. Auch beim Absatz von Grtzer Bier ist der
Verdienst gegen frher gesunken. Der Preis des Grtzer Bieres stellte
sich frher auf 16 M. pro hl. Die Bierverleger lieferten ihren
Privatkunden 25 Flaschen fr 3 M., ihren Geschftskunden 100 Flaschen
fr 11 M. Spter fiel der Preis fr 100 Flaschen Grtzer Bier fr die
Geschftskunden erst auf 10 M. dann fast allgemein auf 9 M. einige
Bierverleger lieferten dann sogar 100 Flaschen fr 8 M. Im Jahre 1899
schlossen sich nun die in Grtz vereinigten Brauereien zu einem Verbande
zusammen und setzten, da sie angeblich bei einem Preis von 16 M. pro hl
Bier nicht mehr bestehen konnten, den Preis auf 18 M. pro hl fest.
Infolgedessen beschloss der Verein Berliner Bierverleger seinerseits,
mit den Generalvertretern der Brauereien in Grtz ein Abkommen dahin zu
treffen, dass sich die Vertreter der Grtzer Brauereien verpflichteten,
an keinen Bierverleger fernerhin Bier zu liefern, welcher nicht durch
Namensunterschrift erklren wrde, fr 100 Flaschen Grtzer Bier
mindestens 10 M. zu verlangen. Die Konventionalstrafe wurde fr jede zur
Anzeige kommende und nachzuweisende Uebertretung auf 50 M. festgesetzt.
Der grsste Teil der Mitglieder des Vereins unterschrieb sofort, die
brigen wurden ebenso wie die Nichtmitglieder dazu gezwungen, da keiner
der Vertreter ihnen weiterhin Bier lieferte. War durch die erwhnten
Preisreduktionen der Bruttogewinn pro hl allmhlich von 13,30 auf
5,30-8,00 M. gefallen, so betrgt derselbe jetzt trotz der erfolgten
Preiserhhung der Brauereien im Minimum (d. h. wenn wie vorher nur die
Rabattstze fr Geschftskunden bercksichtigt werden) 8,60 M. pro hl,
d. h. ca. 50 pCt. Im allgemeinen wird sich aber hier durch die Lieferung
an Privatleute, denen das Grtzer Bier wohl manchmal rztlich verordnet
wird, der Bruttogewinn erhhen.


                               B. Ausgaben.

1. _Flaschenverluste_. Abgesehen von den Ausgaben fr das Bier selbst,
deren Hhe aus den Betrachtungen ber den Brutto- und Nettogewinn im
Bierverlag zu ersehen ist, spielen die Flaschenverluste mit die grsste
Rolle bei den Ausgaben. Dieselben entstehen auf verschiedene Weise.
Einesteils werden beim Fllen des Bieres auf Flaschen, beim Reinigen und
beim Transport, manchmal vielleicht mit Mutwillen, Flaschen zerbrochen.
Anderenteils erhlt der Bierverleger von seinen Kunden oft nicht die
gelieferte Anzahl zurck, sei es, dass sie in der Haushaltung in
Gebrauch genommen und zu anderen Zwecken benutzt oder beim Kunden
zerschlagen sind, sei es, dass ein Konkurrent, falls der betr. Kunde von
mehreren Geschften Bier bezog, sich einen Teil derselben angeeignet
htte. Die an ersterer Stelle genannten Flaschenverluste pflegen
gegenber den letzteren in den Hintergrund zu treten und wenn in den
Fachblttern von Flaschenverlusten und Mitteln zu ihrer Abhilfe
gesprochen wird, so sind fast stets die Verluste gemeint, welche durch
Zurckbehalten der Flaschen seitens der Kunden, und durch absichtliches
oder unabsichtliches Vertauschen der Flaschen entstehen. Wenn man die
Klagen der Bierverleger ber die Grsse der Flaschenverluste hrt, so
mchte man dieselben fr bertrieben halten. Wer jedoch Gelegenheit
gehabt hat, die hier beklagten Zustnde aus eigener Anschauung kennen zu
lernen, der wird der Behauptung zustimmen mssen, dass in Bezug auf den
Missbrauch von Bier- (und auch u. a. Mineralwasser-)Flaschen in vielen
Kreisen des Publikums eine Laxheit der Ansichten herrscht, welche nicht
scharf genug verurteilt werden kann. Die Hausfrauen oder Dienstmdchen
machen sich in vielen Fllen gar kein Gewissen daraus, die Bierflaschen
zu allen mglichen Zwecken zu gebrauchen, sie holen Spiritus, Oel,
Fleckwasser etc. darin, und in der Kche prangen die dem Bierhndler
gehrenden Flaschen ganz ungeniert neben anderen Utensilien. Die
Arbeiter betrachten es als ihr selbstverstndliches Recht, die
Bierflaschen zum Einholen von Schnaps oder Kaffee zu gebrauchen. Am
tollsten geht es auf den Bauten zu, da wird die Flasche oft, wenn sie
ausgetrunken ist, einfach auf den Boden geworfen, ob sie dabei entzwei
geht oder nicht, ist ganz gleichgltig, wenn der Kutscher des
Bier-Lieferanten am nchsten Tage kommt, so kann er sich die leeren
Flaschen aus allen Ecken und Winkeln des Bauplatzes zusammensuchen. Ganz
raffiniert verfahren oft diejenigen Familien, welche das Bier selbst
abziehen, indem sie solange von den Viktualienhndlern, Gastwirten oder
Bierverlegern Bier in Flaschen holen lassen, bis sie diejenige Zahl von
Flaschen erworben haben, welche zum Abzug ntig ist. Zerbricht spter
mal eine Flasche, so wird eine dadurch ergnzt, dass zur Abwechselung
wieder einmal eine Flasche Bier beim Gastwirt etc. geholt und die leere
Flasche zurckbehalten wird. Non olet!

Sind die hierdurch den Bierverlegern zugefgten Flaschenverluste
lediglich dem Publikum und seiner skrupellosen Auffassung vom
Eigentumsrechte zuzuschreiben, so tragen die Bierverleger an der
Vertauschung der Flaschen und etwaigen dadurch entstandenen Verlusten
selbst die Schuld. Allerdings werden Vertauschungen in manchen Fllen
vielleicht dadurch begnstigt, dass die Flaschen der verschiedenen
Lieferanten, welche an _einen_ Kunden liefern, berhaupt keinen Aufdruck
tragen und in der Form gleich sind. Diese Vertauschungen, wenn sie auch
gewiss unangenehm sind, bergen allerdings noch keine Verluste in sich,
vorausgesetzt, dass die Zahl der zurckgegebenen fremden Flaschen ebenso
gross ist, wie die der gelieferten eigenen. Oft stimmt dieses Verhltnis
allerdings nicht, und es hat den Anschein, als ob die Vertauschung nicht
durch Zufall oder Nachlssigkeit des Kunden, sondern durch ganz
bestimmte Nebenabsichten des betr. Konkurrenten herbeigefhrt sei.

Wie gross die Gesamtheit der Bierflaschenverluste aller derer ist, die
ein Flaschenbiergeschft betreiben, erhellt aus einer Mitteilung der
Berliner Wochenschrift fr Brauerei (Jahrgang 1900, No. 1). Diese
teilt mit, dass ein lokaler Brauereiverein (_wahrscheinlich_ der Verband
der Berliner Brauereien) in einem bestimmten mehrmonatlichen Zeitraum
eine Enqute ber den Verlust von Bierflaschen anstellte. Von den
abgesetzten Flaschen kamen weniger zurck 3,37 %, beim Austausch kamen
weniger zurck 0,48 %, der Flaschenbruch bezifferte sich auf 2,51 %, der
Gesamtverlust also im Durchschnitt auf 6,05 %! Der hchste Gesamtverlust
betrug 14,23 %, der niedrigste 4,3 %! Der Durchschnittsatz von 3,37 % fr
nicht zurckgekommene Flaschen wurde von acht Brauereien berschritten.
Das Maximum _dieses_ Verlustes lag bei 7,43 %, das Minimum bei 1,38 %.
Wenn auch die Verhltnisse in Bezug auf den Flaschenverlust bei den
Brauereien nicht berall die gleichen sind, wie bei den Bierverlegern,
so knnen doch die hier angefhrten Zahlen vielleicht als
Durchschnittsziffern fr die Flaschenverluste auch der Bierverleger
angesehen werden.

Irgendwelche Maassnahmen sind bisher gegen den Flaschenmissbrauch
seitens der Berliner Bierverleger noch nicht getroffen worden. Die
Einfhrung des Flaschenpfandes ist in Berlin auf dieselben
Schwierigkeiten gestossen, wie in anderen Stdten. Die Brauereien haben
jngst in den gelesensten Zeitungen grosse Erklrungen abgegeben, wonach
sie jedem Flaschenmissbrauch gerichtlich entgegentreten wrden. Ob diese
Erklrungen Erfolg haben werden, ist zweifelhaft, zumal die Gerichte die
Verwendung und Fllung von Bierflaschen mit anderen Flssigkeiten etc.
bei erfolgender Anzeige in den seltensten Fllen bestrafen[30]. Gegen
die unlautere Konkurrenz von Berufsgenossen (Vertauschen und Fortnehmen
von Flaschen) hat die Mehrzahl der zum Verband deutscher Bierhndler
gehrenden Vereine bereits das Mittel der Errichtung von
Flaschen-Austauschlagern angewandt, und ist z. T. mit _Recht_ energisch
vorgegangen gegen diejenigen Bierverleger, welche ihre Beteiligung etwa
ablehnten. In Berlin ist hnliches seitens des Vereins Berliner
Bierverleger (der auch nicht zum Verbande gehrt) noch nicht geschehen.
Allerdings hat der Verein vor kurzer Zeit seinen Vorsitzenden delegiert,
in einen vom Bund der Industriellen niedergesetzten Ausschuss
einzutreten, welcher speziell die Bekmpfung des Flaschenmissbrauches
zur Aufgabe hat, und zu dem u. a. auch Vertreter des Brauerei-Verbandes,
des Vereins Berliner Weissbierwirte, des deutschen Gastwirtsverbands,
des Berliner Gastwirte-Vereins und des Verbandes deutscher
Mineralwasser-Fabrikanten gehren. Irgendwelche positiven Beschlsse
liegen jedoch seitens des Ausschusses, der sich eben erst konstituiert
hat, noch nicht vor.

2. _Spesen_. Es ist ntig, nher auf sie einzugehen, da sie oft nicht
unbetrchtlich sind. Wenn in Bierverlegerkreisen von Spesen gesprochen
wird, so sind damit nicht nur diejenigen Unkosten gemeint, welche
dadurch entstehen, dass die Geschftskunden der Bierverleger oft in
lngeren Zwischenrumen bezahlen und die letzteren gezwungen sind, beim
Abholen der Rechnungsbetrge grssere Zechen zu machen. Oft besteht ja
auch hierbei ein Missverhltnis zwischen dem Verdienst an der
gelieferten Ware und dem durch die Zeche gewhrten Rabatt, und manche
Gastwirte besitzen eine gewisse Virtuositt darin, ihre Lieferanten bei
solchen Besuchen durch Vermittelung ihrer Kunden, anreizen zu lassen,
recht viel zum Besten zu geben. Die raffinierteste Form der Erzwingung
eines ausserordentlichen Rabatts von den Lieferanten besteht jedoch in
der Veranstaltung der sogenannten Abendtische. Man versteht darunter
Abendessen mit Weinzwang, zu denen hauptschlich die Lieferanten
eingeladen werden, Fleischer, Bcker, Liqueur- und Schnapslieferanten,
vor allen aber die Brauer und Bierverleger. Die Stammgste dienen oft
nur als Dekoration, sie lassen sich in Bezug auf das Weintrinken
vielleicht noch von den Lieferanten freihalten. Gleichmssig werden
durch diese Veranstaltungen Brauer und Bierverleger getroffen. Wie tief
eingerissen diese Unsitte ist, beweist der Umstand, dass in der hier in
Betracht kommenden, hohen Saison (Dezember-Januar) bei den Brauereien
manchmal das Comptoirpersonal kaum ausreicht, um den Einladungen folgen
zu knnen. Handelt es sich um einen Kunden, der wenig braucht, so kaufen
sich wohl auch die Brauereien einfach von ihren Verpflichtungen los,
indem sie an Stelle der Entsendung irgend jemandes dem betr. Gastwirt
ein Gefss Bier vergten, dessen Grsse sich nach der Hhe des
Absatzes an den betr. Kunden richtet. Dem Bierverleger sind diese
Verpflichtungen natrlich noch drckender, da seine Lieferungen in den
weitaus meisten Fllen viel geringer sind, als diejenigen der
Brauereien. Handelt es sich um Kunden, welche Abnehmer grsserer
Quantitten sind, so kann der Bierverleger ohne grosse Skrupel 10-20
Mark ausgeben; als drckend, aber empfindet er die Verpflichtung, wenn
eine solche Einladung beispielsweise von einem Kunden kommt, der
vielleicht alle 2-3 Wochen einmal 100 Flaschen Grtzer Bier von ihm
bezieht! Dazu kommt, dass viele Gastwirte und Caftiers sich an der
Veranstaltung _eines_ Abendtisches im Winter nicht gengen lassen,
sondern ihre Lieferanten mehrmals um sich versammeln, sei es zum
Wurstessen, zum Frhschoppen mit Musik, zur Geburtstagsfeier des
Inhabers (die oft zweimal im Jahre stattfindet) etc. Ebenso wie die
Brauereien, kaufen sich in solchen Fllen auch die Bierverleger manchmal
los, indem sie gleichfalls, anstatt zu erscheinen, einige Ksten oder
einen Kasten Bier gratis senden. Wenn derartige Einladungen sich
allzuhufig wiederholen und dem Bierverleger klar wird, dass sein
Verdienst durch die von ihm verlangten Gegenleistungen fast vllig
ausgeglichen wird, so wird er auch wohl in manchen Fllen auf einen
solchen Kunden verzichten. In jedem Falle hat ein Bierverleger mit
diesen Spesen als einem ansehnlichen Posten in seinem Ausgabenkonto zu
rechnen. Welche Anteilnahme die Bierverleger dieser ganzen Frage
entgegenbringen, geht daraus hervor, dass in dem ersten Jahrgange (1899)
ihres Fachorgans nicht weniger als sechs Einsendungen aus
Bierverlegerkreisen ber diese Frage sich finden, ohne dass allerdings
diskutable Vorschlge darin gemacht worden wren, wie den allseitig
erkannten Missstnden entgegenzutreten sei.

3. _Andere Ausgaben_. Neben den Flaschenverlusten und Spesen kommen fr
den Bierverlag als Ausgaben noch in Betracht: die Lhne, die Miete,
Reparaturen, die Unterhaltung von Pferd und Wagen, Gewerbesteuer,
Beitrge zur Krankenkasse sowie fr Alters- und Invalidittsversicherung
der Arbeiter, schliesslich Anzeigen und Reklame. Wenn diese Ausgaben
hier lediglich aufgezhlt werden im Gegensatz zu der eingehenden
Besprechung der Ausgaben fr Flaschen und fr Spesen, so geschieht dies
deshalb, weil sie einer nheren Erluterung kaum bedrfen. Ueber die
Lhne ist vorher schon gesprochen worden, die Reparaturen beziehen sich
beispielsweise auf die Flaschenksten oder die Holzlager in den
Kellereien, ferner etwaige im Keller angewandte Maschinen. Fr Anzeigen
und Reklame pflegt der Bierverleger in der Regel so wenig wie mglich
auszugeben: immerhin muss er Rechnungen mit Firmenaufdruck, oft auch
Bestellkarten, ferner Etiquetten, Plakate, Preiskourante u. dergl.
fhren.


                  Brutto- und Nettogewinn beim Bierverlag.

Aus der Vergleichung des Bruttogewinns mit den skizzierten Ausgabeposten
liesse sich sehr leicht ein Gewinn- und Verlustkonto fr einzelne
Umsatzhhen konstruieren. Jedoch sind solche theoretische Konstruktionen
immer sehr angreifbar und an ihrer Stelle mge deshalb hier ein
praktisches Beispiel gesetzt werden. Es ist der Jahresabschluss eines
Bierverlags mit etwa 20000 Mark Umsatz aus dem Jahre 1899.

                               _Einnahmen:_

       Erls aus 1200 halben Tonnen Weissbier  12 Mark = 14400 Mark
         "    "   120   hl   Grtzer Bier      27   "  =  3240  "
         "    "    32   "    Bayrisch  "       27   "  =   864  "
         "    "    20   "    echtes    "       44   "  =   880  "
                                                         -----------
                                                          19384 Mark

                                _Ausgaben_.

                              A. _Bierkonto_.

       1200 halbe    Tonnen Weissbier        6 Mark   =   7200 Mark
        120   hl     Grtzer Bier           16  "     =   1920  "
         32   "      Bayrisch Bier          20  "     =    640  "
         20   "      echtes Bier            25  "     =    500  "
                                                        ------------
                     (inkl. Fracht)                       10260 Mark
                                   Demnach Bruttogewinn    9124 Mark.

Von diesem Bruttogewinn waren in Abzug zu bringen fr:

       Miete                                               1200 Mark
       Unterhalt eines Pferdes                              700  "
       Ergnzung an Flaschen und Verschlssen               650  "
       Reparaturen                                           65  "
       Telephon                                             150  "
       Reklame und Spesen                                   200  "
       Gas, Heizung, Gewerbesteuer, Beitrge zur
          Versicherung u. a.                                150  "
       Lhne: 1 Kutscher                                   1248  "
              3 Arbeiter im Durchschnitt[31]               2964  "
                                                          ----------
                                                           7327 Mark
                                     Demnach Bruttogewinn  9124  "
                                               Reingewinn  1797  "

Zu dieser Aufstellung ist zu bemerken, dass einerseits die gewhrten
Rabattpreise beim Weissbier sehr hoch waren, da sich dessen Absatz im
wesentlichen auf grosse Abnehmer verteilte, dafr gengte jedoch auch
ein Pferd und ein Wagen zur Fortschaffung des Bieres, whrend bei einer
Zersplitterung der Kundschaft mindestens zwei Wagen mit je einem Pferd
bespannt, in Betrieb htten sein mssen. Im brigen soll die Aufstellung
weniger zur Illustration des Rein- als vielmehr des Bruttogewinnes
dienen. Es ergiebt sich aus ihr beim Weissbier ein Bruttogewinn von
genau 100 %, d. h. weniger, als wir vorher angenommen hatten, was sich
aus den angegebenen Grnden erklrt, dagegen ist der Verdienst an
Grtzer Bier hher als in unserer Annahme, da in dem betr. Bierverlag
auch zu der Zeit, als der hl Grtzer Bier nur 16 Mark kostete 100
Flaschen nicht unter 10 Mark fortgegeben wurden. Die Flaschenverluste
betrugen nur ca. 2,5 %, was ebenfalls mit der geringen Zahl der Abnehmer
zusammenhngt. Aus den Aeusserungen einer grossen Zahl von Bierverlegern
ist anzunehmen, dass der Reingewinn -- von individuellen Zuflligkeiten
abgesehen -- da, wo Weissbier und Grtzer Bier den berwiegenden Teil
des Absatzes bilden, in der Regel nicht unter 10 und nicht ber 15 % des
Umsatzes betrgt. Es scheint dabei nicht, als wenn mit der Erhhung des
Umsatzes der Reingewinn verhltnismssig hher wrde: vielmehr wird ein
verhltnismssiges Steigen desselben dadurch, dass bei hherem Umsatz
der Geschftsinhaber nicht mehr mitarbeiten kann, sondern sich auf die
Beaufsichtigung des Geschftsbetriebes beschrnken muss, ferner durch
Erhhung der Spesen u. a. in der Regel kompensiert.


   Der durchschnittliche Jahresumsatz der Berliner Bierverlagsgeschfte.

Als Maassstab knnen uns zwei Momente dienen:

1. die Anzahl der im Betriebe beschftigten Arbeiter,

2. die Anzahl der Pferde, welche zur Fortschaffung des Bieres ntig
sind. Aus den gemachten Erkundigungen ergiebt sich nun zunchst, dass
von 46 Bierverlegern im Durchschnitt beschftigten

       keinen Arbeiter          14 Betriebe
       einen     "              11    "
       zwei      "               8    "
       drei bis vier Arbeiter    8    "
       mehr als vier Arbeiter    5    "      (Maximum 9 Arbeiter).

                         Pferde wurden gebraucht:

      ein Pferd       in       15 Betrieben
      zwei Pferde     in       10    "
      drei bis vier Pferde in   7    "
      ber vier Pferde     in   3    "      (Maximum 6 Pferde)
      ohne Pferd behalfen sich 11 Bierverleger.

Aus diesen Angaben lassen sich allerdings keine zahlenmssig genauen
Rckschlsse auf die Hhe des Umsatzes der einzelnen Geschfte machen,
immerhin geben sie uns dazu gewisse Anhaltspunkte. Ich mchte auf Grund
dieser Aufstellungen die Bierverlagsgeschfte in drei Kategorieen teilen:

1. in solche Betriebe, welche ohne Arbeiter und ohne Pferd auskommen,

2. in solche, welche 1 bis 2 Arbeiter beschftigen und 1 bis 2 Wagen mit
1 bis 2 Pferden gebrauchen,

3. in solche, welche 3 Arbeiter und darber beschftigen und 3 und mehr
Pferde gebrauchen.

Man knnte diese Kategorien etwa als kleine, mittlere und grssere
Bierhandlungen bezeichnen. Ein charakteristisches Unterscheidungsmoment
werden die kleinen Geschfte vor denen der zweiten und dritten Kategorie
haben, welche letzteren ihrer Art nach wenig von einander verschieden
sein werden. Aus dem Umstande nmlich, dass die kleinen Bierhandlungen
ohne Pferde, d. h. ausschliesslich mit einem Handwagen auskommen, geht
deutlich hervor, dass ihr Absatz sich zum grossen Teile auf den Verkauf
ber die Strasse beschrnkt und das Lieferungsgeschft daneben nur eine
geringere Rolle spielt. Diese Geschfte stammen meist aus neuerer Zeit
(unter den 11 Geschften, welche ohne Pferd auskamen, sind 7 in den
Jahren 1890-96 gegrndet), entweder hat sich das Lieferungsgeschft
noch nicht oder doch kaum ber die nchste Nachbarschaft ausgebildet,
oder sie verzichteten berhaupt darauf und beschrnken sich auf den
Kleinhandel mit Bier. Als Nebengeschft kommt fr sie in allerdings nur
wenigen Fllen der Verkauf von Frischbier in Betracht, das von den
Weissbierbrauereien bezogen wird, hufiger der Spezereiwarenhandel. Der
Bierabsatz schwankt pro Tag zwischen 10 bis 40 Mark, der
Durchschnittssatz betrgt etwa 20 Mark. Ihrer ganzen Art nach erinnern
diese Geschfte an denjenigen Viktualienhandel der ersten Jahrzehnte,
der in der Hauptsache zum Kleinhandel von Bier geworden war, nur dass
damals die Entwicklung eine zum Lieferungsgeschft _aufsteigende_ war,
whrend wir es heute in diesen Geschften mit Rckbildungen zu thun
haben, welche den Viktualienhandel zur Sttze gebrauchen, weil sie vom
Bierhandel allein nicht existieren knnen.

Im Gegensatz zu den Geschften dieser Art haben die Bierhndler der
zweiten und dritten Kategorie mehr die alte Form des Bierverlags als
Lieferungsgeschft bewahrt. Der Verkauf ber die Strasse bildet bei
ihnen nur eine Ergnzung zum Versandgeschft; unter sich sind sie nur
durch die Hhe des Umsatzes von einander unterschieden. Diejenigen
Bierverleger, welche einen Wagen in Betrieb haben, sei es nur mit einem
oder zwei Pferden bespannt, fahren im Sommer pro Tag etwa fr 40-50, im
Winter etwa fr 30 Mark Bier pro Tag aus, d. h. ihr jhrlicher Umsatz im
Versandgeschft beziffert sich auf 12-15000 Mark jhrlich; der
Reingewinn welchen ein solches Geschft abwirft, ist also an sich kaum
hher als der Lohn, den die Kutscher im Bierverlag und geringer als der
Lohn, den die Brauereikutscher erhalten. Allerdings ist zu dem
Reingewinn aus dem Versandgeschft noch derjenige aus dem Verkauf ber
die Strasse hinzuzuzhlen, immerhin drfte das Einkommen eines solchen
Bierverlegers selten ber 1800-2400 Mark betragen, in den meisten
Fllen aber unter diesem Satze sich bewegen.

Was nun die Geschfte der dritten Kategorie betrifft, so haben diese
ihren verhltnismssig hohen Umsatz verschiedenen Umstnden zu
verdanken. Entweder sind es _alte_ Geschfte, die zugleich mit dem guten
Ruf aus frheren Zeiten auch einen Stamm von Weissbierkunden behalten
haben, welcher ihnen treu geblieben ist. Oder sie werden von irgend
einer Weissbierbrauerei untersttzt, in der Weise, dass dieselbe die
Bestellungen auf Flaschenbier, welche bei ihr gemacht werden, dem
betreffenden Bierverleger zuweist; allerdings fhren solche Bierverleger
nur Bier von _einer_ Weissbierbrauerei. Der Umsatz dieser Geschfte
schwankt zwischen 20 bis 75000 Mark jhrlich, der Verdienst ist also als
sehr auskmmlich zu bezeichnen.

_Der Umsatz frher und jetzt_. Auf die Frage, wie sich der heutige
Umsatz zu dem frheren stellt, habe ich in 4 Fllen die Antwort
erhalten, derselbe sei _gestiegen_, in 10 Fllen war er _gleich
geblieben_, in 32 Fllen _zurckgegangen_. Es ist kaum ntig, darauf
hinzuweisen, dass es sich bei den ersteren Fllen meist um Geschfte
handelt, welche in neuerer Zeit entstanden sind, whrend diejenigen,
welche noch aus den achtziger Jahren stammen, durchweg einen Rckgang
des Umsatzes zu beklagen hatten.

Wie sich dieser in einzelnen Fllen gestaltet hat, davon hier einige
frappante Beispiele: Bierverleger A.[32] begrndete seinen Bierverlag
1866 im Anschluss an die Gastwirtschaft, hatte anfangs der achtziger
Jahre 2 Wagen und 4 Pferde; ein Wagen fuhr nach ausserhalb, um an die
dortigen Ausschanklokale Weissbier zu liefern, der Umsatz betrug 50000
Mark im Bierverlag jhrlich. Gab 1893 das Bierverlagsgeschft auf,
nachdem er fast alle Kunden verloren hatte, und ist jetzt nur noch
Gastwirt. -- Bierverleger B., dessen Geschft seit 1879 besteht, hatte
frher 2 Pferde und 2 Wagen, jetzt gengt ein Handwagen, Arbeiter werden
nicht mehr beschftigt. -- Bierverleger C. hatte frher 2 Wagen und 3
Pferde, Umsatz 50 bis 60000 Mark, jetzt noch 1 Wagen, 1 Pferd, 20000
Mark Umsatz. Geschft besteht seit Anfang der sechsziger Jahre. --
Bierverleger D. bernahm 1891 das frher von E. betriebene
Bierverlagsgeschft. E. gebrauchte 3 Wagen und 6 Pferde und beschftigte
12 Arbeiter. D. kommt im Sommer mit 2, im Winter mit 1 Pferd aus, er
beschftigt noch 4 Arbeiter. Das Geschft wre ruiniert, wenn nicht 4
Bataillonskantinen als Abnehmer geblieben wren. -- Bierverleger F.
beschftigte frher 12 Arbeiter und hatte einen Absatz von 10-12000 hl
Bier jhrlich, an heissen Tagen gebrauchte er 80 halbe Tonnen. Als er
starb, war nur noch ein Wagen im Betrieb, unter seiner Frau wurde der
Konkurs ber das Geschft erffnet. -- Bierverleger G. besass Anfang der
achtziger Jahre 6-8 Pferde, bankerott seit 1895, H. frher 6 Pferde,
liess 1896 das Inventar seines Geschfts versteigern. -- J., dessen
Geschft seit 1882 besteht, beschftigte 3 Arbeiter, jetzt fhrt er das
Bier selbst am Vormittag aus, seine Frau und er ziehen nachmittags und
abends selbst ab, und besorgen den Verkauf ber die Strasse. -- Im
Bierverlage von K. betrug der Absatz anfangs der neunziger Jahre u. a.
110 hl Braunbier, 1075 hl Weissbier, 300 hl Lagerbier, jetzt kein
Braunbier, 620 hl Weissbier, 110 hl Lagerbier. -- Bierverleger L. hatte
frher einen zweispnnigen und einen einspnnigen Wagen, jetzt noch
einen einspnnigen. -- K., dessen Geschft seit 1864 besteht, will jetzt
event. den Bierverlag ganz aufgeben und eine Gastwirtschaft bernehmen.
-- Bierverleger M. gab 1894 seinen seit 17 Jahren betriebenen Bierverlag
auf und lebt jetzt als Restaurateur.

Es ist ein trauriges Bild, welches diese Stichproben aus den Notizen,
die ich mir gemacht habe, ergeben, sie liessen sich leicht verdoppeln
oder verdreifachen, aber sie gengen auch wohl so als Illustration.


          Die Verschuldung der Bierverleger bei den Brauereien.

Mit der usserst gedrckten Lage der Berliner Bierverleger, welche sich
aus diesen Darlegungen ergiebt, hngt auch die bermssige Verschuldung
derselben bei den Brauereien zusammen. Diese Verschuldung kommt z. T. in
ganz eigentmlichen Formen der Kreditinanspruchnahme zum Ausdruck. Nicht
der Umstand, dass im Laufe der Jahre, bei der Unregelmssigkeit der
Bezahlung, die Schulden fr geliefertes Bier oft eine abnorme Hhe
erreichen, ist das entscheidende. Oft beginnt vielmehr die Verschuldung
der Bierverleger bei der Brauerei schon in dem Augenblick, in welchem
das Geschft berhaupt begrndet wird. Selten hat der Betreffende, der
oft frher irgendwo Kutscher war, die gengenden Mittel und deshalb
wendet er sich an die Brauerei, welche dann die ganze Einrichtung
liefert: Pferd, Wagen, Flaschen, Flaschenkasten etc. Der Bierverleger
unterschreibt einen Leihkontrakt und verpflichtet sich, fr jede von der
Brauerei zu entnehmende Tonne Bier einen Aufschlag von so und soviel zu
bezahlen, bis die Summe, welche die geliehene Einrichtung darstellt,
durch diese Aufschlagzahlungen (2-4 Mark pro  Tonne) gedeckt sei,
worauf das Inventar in seinen Besitz bergehen soll. Oft hrt das
Geschft nach wenigen Monaten auf zu existieren und es kommt berhaupt
nicht zur Uebergabe des Inventars, welche in anderen Fllen wiederum
dadurch ermglicht wird, dass der betreffende Bierverleger nur diejenige
Brauerei pnktlich bezahlt, welche ihm das Inventar geliehen hat,
dagegen bei den brigen das bezogene Bier schuldig bleibt. Besteht
zwischen der Brauerei und ihren Abnehmern schon ein nach Jahren
zhlendes Geschftsverhltnis, so muss sich die Brauerei darauf gefasst
machen, von ihren Kunden, und zwar den Gastwirten, in demselben Masse
wie den Bierverlegern als _der_ Kreditgeber angesehen zu werden. Will
der Bierverleger Neuanschaffungen machen, und es mangelt ihm an Geld, so
geht er zum Brauer und lsst es sich von ihm geben; wenn seine Tochter
sich verheiratet, so muss er, der Brauer, aushelfen, um die Ausstattung
zu bezahlen u. a. m. Ausser den Bierschulden haben die Bierverleger also
in sehr vielen Fllen noch private Schulden bei den Brauereien, ja
selbst in _den_ Fllen werden letztere in Anspruch genommen, wo der
Bierverleger sehr wohl das Geld auch von Anderen erhalten knnte, z. B.
bei Hypotheken. So wie die Verhltnisse heute liegen, muss eine
neugegrndete Brauerei mindestens 1- bis 200000 Mark Kapital _flssig_
haben, um Darlehnsgesuche ihrer Kunden befriedigen zu knnen. Teilte mir
doch eine der kleineren Weissbierbrauereien, deren Produktion jhrlich
etwa 20000 Tonnen betrgt, mit, dass sie an _zinslosen_ Darlehen allein
ca. 40000 Mark ausgeliehen habe, und der Geschftsfhrer einer der
grsseren Berliner Weissbierbrauereien konstatierte, dass 7/8
derjenigen Bierverleger, welche von der betreffenden Brauerei Weissbier
entnehmen, stark verschuldet wren. Um welche Summen es sich bei der
Kreditinanspruchnahme handelt, zeigt die Thatsache, dass die 18 Berliner
Brauerei-Aktiengesellschaften laut Bilanz vom 1. Oktober 1899 nicht
weniger als 8456000 Mark Forderungen an ihre Kunden hatten, d. h. im
Durchschnitt 469000 Mark, eine Summe, an der allerdings nicht nur die
Bierverleger beteiligt sind, sondern die sich vor allem auf die
Gastwirte, Restaurateure und Ausschanklokale bezieht (unter den 18 in
Betracht gezogenen Brauereien sind 14 fr bayerisches Bier); doch wrde
eine Statistik der Berliner Weissbierbrauereien in Bezug auf die
Bierverleger wohl verhltnismssig hnliche Resultate ergeben! Nichts
ist bezeichnender fr die Anschauung von der _Kreditpflicht_ der
Brauereien als eine kurze Annonce, die sich in No. 6 des Bierverleger,
Jahrgang 1900, findet: Bierverleger, dem seine Brauerei nicht gengend
entgegenkommt, wnscht sich mit einer anderen leistungsfhigen in
Verbindung zu setzen.


                Der Versuch einer Genossenschafts-Brauerei.

Die in den vorher gehenden Betrachtungen gekennzeichneten traurigen
Verhltnisse im Bierverlagsgeschft waren es, welche gegen Ende der
achtziger Jahre in einer Anzahl von Bierverlegern den Plan entstehen
liessen, durch Grndung einer Genossenschaftsbrauerei dem anscheinend
unaufhaltsamen Rckgang des Geschfts entgegenzutreten. Man hatte schon
vorher von Seiten des Vereins der Berliner Bierverleger und in der
Oeffentlichkeit versucht, gegen den Flaschenbiervertrieb der Brauereien
durch die Boykottierung derselben Stellung zu nehmen; aber die Versuche
dieser Art waren klglich gescheitert. Einesteils war der Ring
derjenigen Brauereien, welche ihr Bier in Flaschen absetzten, zu stark,
anderenteils stand die tonangebende liberale Presse ebenso wie die
ffentliche Meinung den Versuchen der Bierverleger entweder teilnahmslos
oder direkt gegnerisch gegenber. Die Bierverleger sahen ein, dass das
Gebiet des Flaschenbierhandels mit bayrischem Bier ihnen in absehbarer
Zeit ganz verloren gehen msse und dass fr sie nur der Absatz von
Weissbier brig bliebe. Aber auf diesem Gebiete waren, wie schon
erwhnt, die Aussichten auf Verdienst immer geringere geworden, weil
namentlich diejenigen Bierverleger, welche vorher hauptschlich
bayrisches Bier abgesetzt hatten, sich jetzt mit Nachdruck auf den
Absatz von Weissbier legten, durch Preisunterbietungen den brigen
Weissbierverlegern scharfe Konkurrenz machten und sie zwangen, auch
ihrerseits mit den Preisen herunterzugehen. Unter diesen Umstnden
musste der Gedanke einer Genossenschaftsbrauerei etwas Verfhrerisches
haben, man bezog das Bier zum Produktionspreis und konnte infolgedessen
auch bei dem Rckgang der Preise in erfolgreicher Weise mit den brigen
konkurrieren. Im Jahre 1890 wurde die Genossenschaftsbrauerei unter dem
Namen Berliner Brauhaus E. G. m. u. H. gegrndet. Man whlte die Form
der unbeschrnkten Haftpflicht, um mglichst leicht Kredit erhalten zu
knnen. Fast durchgngig waren es alte Firmen, welche der Brauerei
beitraten; der Hauptabsatz hatte bei ihnen von vornherein auf dem
Weissbier gelegen. Dem Umfange nach wrden sie smtlich zur Kategorie
III gehren. Man berechnete in den Voranschlgen, dass die Brauerei
schon existieren knne, wenn sie nur die Genossen zu Abnehmern zhle.
Weissbier und Braunbier sollte gebraut werden. Leider bewhrte sich der
theoretisch sehr gut ausgedachte Plan nicht in der Praxis. Ueber den
ersten Geschftsjahren der Brauerei waltete ein ungnstiger Stern, und
das wurde ihr zum Verderben. Man hatte sich nicht dazu entschliessen
knnen, _geaichte_ Gefsse anzuschaffen, und so kam es zwischen den
Genossen fortwhrend zu Eiferschteleien, jeder hatte den anderen im
Verdacht, das grsste Gemss zu erhalten und fhlte sich zurckgesetzt.
Gleichzeitig brachen Differenzen aus zwischen dem Geschftsfhrer und
den Braumeistern, welche mehrmals wechselten; gleich im ersten Jahre
gingen auch mehrere der angekauften Pferde ein, und die Bilanz schloss
mit einem Verlust von ca. 9000 M. Auch in den nchsten Jahren schloss
das Gewinn- und Verlustkonto mit einer erheblichen Unterbilanz, und zwar
infolge der abnormen Steigerung der Getreidepreise, welche bekanntlich
Anfang der neunziger Jahre eine aussergewhnliche Hhe erreichten. Die
Verluste wurden durch Umlagen bei den Mitgliedern gedeckt, und wenn es
sich auch um verhltnismssig wohlhabende Leute handelte, so wurde es
ihnen natrlich doch nicht leicht, jhrlich 1-2000 M. zuzuzahlen,
anstatt eine Dividende fr ihr angelegtes Kapital zu erhalten. Der
Absatz der Brauerei selbst ging nicht weit ber den Kreis ihrer
Mitglieder hinaus und zwar lediglich deshalb, weil es ihr infolge
Kapitalmangels nicht mglich war, sich Kunden dadurch zu erwerben, dass
sie dieselben von ihren Lieferanten durch ein Darlehen auslste. Es gab
viele auch unter den minder wohlhabenden Bierverlegern, welche zwar
nicht Mitglieder der Genossenschaftsbrauerei werden wollten, da sie
finanziell nicht in der Lage waren, das damit verbundene Risiko zu
tragen, die aber doch gern von der Genossenschaftsbrauerei ihr Bier
bezogen htten, wenn sie nicht bei ihren Lieferanten infolge zu
weitgehender Kreditinanspruchnahme festgesessen htten. Nach
vierjhrigem Bestehen liquidierte das Berliner Brauhaus. Es schienen fr
einen Rckgang der Getreidepreise keine gnstigen Aussichten vorhanden
zu sein, ein Geldgeber hatte die geliehenen 30000 M. gekndigt, die
Genossen, deren Zahl brigens auch zusammengeschmolzen war, verloren den
Mut. Das Inventar wurde versteigert, die Kundschaft wurde an eine grosse
Weissbierbrauerei verkauft; zur Deckung der vorhandenen Schulden (u. a.
musste die Miete fr die Brauereirumlichkeiten fr die ganze Dauer des
Kontraktes, d. h. noch auf mehrere Jahre hinaus bezahlt werden) wurden
die Genossen mit 285 pCt. ihrer Anteile herangezogen. Ein Jahr darauf
sanken die Hopfenpreise so bedeutend (von 346,3 M. pro Doppelzentner auf
215,0 M.), dass die dadurch erzielte Ersparnis zugleich mit der aus dem
Sinken der Gerstenpreise erzielten Ersparnis gengt htte, um eine
Unterbilanz im Durchschnitt der Geschftsjahre nicht nur zu decken,
sondern darber hinaus noch Dividende zu verteilen. So ist es nicht
unberechtigt, den Misserfolg dieses genossenschaftlichen Versuchs auf
das Zusammenwirken einer Reihe ungnstiger Umstnde zurckzufhren, und
es wre falsch, aus dem Misslingen dieses Versuchs irgendwie Grnde
gegen den Genossenschaftsgedanken oder seine Ausfhrbarkeit schlagen zu
wollen.




                     Ergebnisse, Schlussbetrachtungen.


Wenn wir die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung rckblickend
betrachten, so stehen wir vor einer Erscheinung, welche vom
nationalkonomischen Standpunkte nicht ohne Interesse ist, wenn sie
auch, im Zusammenhang mit der volkswirtschaftlichen Entwickelung der
letzten Jahrzehnte betrachtet, nichts Ueberraschendes bietet. Aus dem
kleinsten Krmerverhltnis heraus entstanden, anfangs nur als
Nebengeschft auftretend, wird der Bierverlag im Laufe der Jahre zur
selbstndigen Unternehmung. Als Zwischenglied zwischen den Brauereien
auf der einen und den Konsumenten auf der anderen Seite stehend,
bernimmt er die Funktion der Vermittelung zwischen beiden, eine
Funktion, welche der Sprachgebrauch vielfach als Zwischenhandel
bezeichnet, whrend die nationalkonomische Wissenschaft mit diesem
Worte einen anderen Begriff verbindet. Wenn wir einmal die Bezeichnung
Zwischenhandel im obigen Sinne gebrauchen wollen, so lsst sich wohl die
Behauptung aufstellen, dass ein Zwischenhandel solange berechtigt und
volkswirtschaftlich ntzlich ist, als er die Verbindung zwischen
Produzenten und Konsumenten bequemer und wohlfeiler vermittelt, als es
den Produzenten selbst mglich wre. Solange daher die Brauereien darauf
verzichteten bezw. verzichten mussten, den direkten Absatz ihrer
Produkte an die Konsumenten zu bewerkstelligen, solange konnte sich der
Bierverlag als volkswirtschaftlich berechtigter Zweig des Handels
ungehindert in gnstiger Weise entwickeln. In dem Augenblick, als die
Brauereien den Versuch machten, sich des von ihnen bis dahin bedienenden
Zwischengliedes zu entledigen, kommt es fr die Weiterentwicklung beider
Geschftszweige darauf an, ob die Brauereien in der Lage sind, die
erforderlichen Leistungen mit einem geringeren konomischen
Kraftaufwand auszufhren und die Bedrfnisse der Konsumenten besser und
wohlfeiler zu befriedigen. Man wird zugestehen mssen, dass die
Brauereien, soweit sie den Flaschenbiervertrieb bernahmen, diese Probe
bestanden haben. In dem Augenblicke, wo die Konsumenten den
Zwischenhandel zu ignorieren begannen, sah sich dieser einer Krisis
ausgesetzt, welche sich in dem Masse verschrfte, als die Uebernahme des
Flaschenbiervertriebs durch die Brauereien fortschritt. Wahrscheinlich
htte diese Entwicklung bereits zu einer fast vlligen Ausschaltung
des Bierverlages gefhrt, wenn nicht als retardierendes Moment der
gekennzeichnete konservative Charakter der Weissbierbrauereien ihr
entgegengetreten wre. Whrend so demnach die Bierverleger den grssten
Teil des Absatzes an Lagerbier an die Lagerbierbrauereien abgeben
mssen, bleibt ihnen der Absatz von Weissbier. Die naturgemsse
Verschrfung der Konkurrenz fhrt jedoch in Verbindung mit
ausserordentlichem Herabsinken des durchschnittlichen Absatzes eine
Herabsetzung der Preise und Hand in Hand damit eine ausserordentliche
Verschlechterung der Lage der Bierverleger herbei. Ein Teil frher
bestehender Geschfte geht ein, ein anderer, der den Charakter als
Lieferungsgeschft beibehlt, sieht sich einem ausserordentlich
geminderten Absatz und Verdienst gegenber, ein dritter Teil sucht eine
Sttze in der Anlehnung an die Gastwirtschaft, den Kleinhandel mit Bier
oder an den Viktualienhandel. Und da es gerade die neueren Geschfte
sind, bei denen der Charakter als Lieferungsgeschft mehr zurcktritt,
so lsst sich wohl behaupten, dass sich gegenwrtig im Bierverlagsgeschft
eine Tendenz zu Rckbildungen in frhere Formen zeigt, welche man nach
dem Laufe der Entwicklung fr berwunden htte ansehen sollen.

Wie die weitere Zukunft des Bierverlages sich in Berlin gestalten wird,
darber lassen sich nur Vermutungen anstellen. Im wesentlichen wird sie,
wie aus den vorhergegangenen Betrachtungen ersichtlich ist, von dem
Anteil abhngen, welchen der Weissbierkonsum in Berlin an dem gesamten
Bierkonsum haben wird und ferner von der Weiterentwicklung der Berliner
Weissbierbrauereien. In dem Augenblicke, wo diese ebenso allgemein, wie
gegenwrtig die Berliner Lagerbierbrauereien, den Flaschenbiervertrieb
in eigene Regie bernehmen, wre meines Erachtens das Schicksal der
Bierverleger besiegelt, und an Stelle der heute noch bestehenden
Lieferungsgeschfte mit grsserem Umsatz wrden jene Unternehmungen der
ersten Kategorie treten, welche sich zu den Geschften alten Stiles etwa
ebenso verhalten wie die gekennzeichneten Quetschen zu den soliden
Weissbierbrauereien. Von den Geschften dieser Art zu jener Spezies des
Viktualienhandels, welcher nur nebenbei Bier fhrt und dieses nicht in
Fssern, sondern in Flaschen -- bei der von uns angenommenen
Voraussetzung also von den Brauereien -- bezieht, wre nur noch ein
Schritt, und sobald dieser erst gethan, wre natrlich das Ende des
Bierverlages in jeder Form besiegelt.

Aufgabe der Bierverleger muss es von ihrem Standpunkt aus natrlich
sein, diese Entwicklung zu verlangsamen oder aufzuhalten. Der Einzelne
kann hierzu natrlich nicht viel thun, es kommt auf den Zusammenschluss,
die feste Organisation an. Unter diesem Gesichtspunkte ist es zu
bedauern, dass der Verein der Berliner Bierverleger bis heute noch nicht
dem Verbande deutscher Bierhndler angehrt, vielmehr bei dem Verband
der Gast- und Schankwirte von Berlin und Umgegend Anschluss gesucht hat,
wie er ja auch laut Statut Gastwirte in seine Reihen aufnimmt. Die
Interessen der Gastwirte sind denen der Bierverleger in vielen Fllen
diametral entgegengesetzt, und ein Verein von Angehrigen beider Berufe
kann fr die Interessen des einzelnen Berufszweiges -- in diesem Falle
fr die Interessen der Bierverleger! -- oft nicht ungehemmt genug
auftreten. Der V. d. B. dagegen hat trotz seines erst kurzen Bestehens
bereits Beweise dafr gegeben, dass er seinem Berufe als
Interessenvertretung der Bierhndler in sachlicher und doch zugleich
energischerweise gerecht wird, wozu vor allem auch die vorzgliche
Redaktion seines Fachorgans beigetragen haben mag, in dem (1899
begrndet) fast alle bestehenden und empfundenen Missstnde im
Bierverlagsberuf und etwaige Mittel zur Abhilfe in ernster sachlicher
Weise besprochen worden sind. Die Anregung, welche durch die hier
gebotenen Artikel gegeben wird in Verbindung mit den vielfachen
Versuchen der Berufsgenossen an anderen Orten wrde vor allem dazu
beitragen, die Hoffnungslosigkeit zu bekmpfen, welche heute vielfach
unter den Berliner Bierverlegern herrscht und gewiss auch einen
ungnstigen Einfluss auf irgend welche Versuche zur Hebung der
bedrngten Lage ausbt. Solche Versuche liessen sich auf verschiedenen
Gebieten machen, z. B. durch gemeinsamen Einkauf von Flaschen,
Errichtung eines Flaschenaustauschlagers, gemeinsam erlassene Warnungen
gegen Flaschenmissbrauch, vor allem aber fr die unabhngigen
Bierverleger: Durch einen abermaligen Versuch mit der _Grndung einer
Genossenschaftsbrauerei_, die allerdings von vornherein kapitalkrftig
genug sein msste, um nicht aus denselben Grnden liquidieren zu mssen,
wie jene erste. Auch sonst sind die Lehren sehr wohl zu beherzigen,
welche jener erste Versuch gegeben hat. So msste z. B. von vornherein
auf die Aichung der Fsser und gleiches Maass gesehen werden. Wird der
Genossenschaftsgedanke in _allen_ Punkten richtig erfasst, so kann der
Erfolg nicht ausbleiben und ev. auch durch geschlossenes Vorgehen
verhindert werden, dass die Weissbierbrauereien den Flaschenbiervertrieb
bernehmen. Die Ausbildung und Ausfhrung des Genossenschaftsgedankens
ist jedenfalls ein weit praktischeres Mittel, als eine Petition an
den Reichstag um Einfhrung der Konzessionspflicht fr den
Flaschenbierhandel[33], die doch wahrscheinlich auch bei der heutigen
Zusammensetzung des Reichstags kaum eine Mehrheit finden wrde.

Wir sind am Schlusse unserer Betrachtungen angelangt. Vielleicht kein
Gebiet ist gerade in den letzten Jahren so oft Gegenstand der
ffentlichen Diskussion gewesen, als die Kleinhandelsfragen, sei es nun,
dass sie im Zusammenhang mit der Warenhausentwicklung oder anderen
Erscheinungen des modernen Wirtschaftslebens aufgetreten sind. Vielfach
wird man aber gerade in wissenschaftlichen Kreisen der Ansicht gewesen
sein, dass auf diesem Gebiete noch sehr viel Vorarbeit zu leisten ist,
ehe wir zu einem Urteil kommen knnen, und dass wir uns vor allgemeinen,
oft von einseitigen Gesichtspunkten ausgehenden Beurteilungen hten
mssen. Der vorliegende Versuch der Monographie einer bestimmten Art des
Kleinhandels wird seinen Zweck erfllt haben, wenn er einen Stein zu dem
Bau dieser Vorarbeiten geliefert hat.

Funoten:

[26] Es geht dies u. a. auch aus der verhltnismssig sehr verschiedenen
Anzahl derjenigen Geschfte hervor, welche Fernsprechanschluss haben.
Unter den 97 Bier-Engrosgeschften sind dies 49 (nach Abzug der
Fassbierhandlungen von 75 Biergrosshandlungen 27), von den 367
Bierverlegern dagegen nur 21. Auch die im Handelsregister eingetragenen
Firmen finden sich nur unter der ersteren Rubrik.

[27] Vielfach gehen sie zur Flaschenbierabteilung einer Brauerei, da
dort der Naturallohn und das Wohnen beim Brotherrn natrlich lngst
abgeschafft ist.

[28] Doch wird in allen Fllen der sogenannte Haustrunk gewhrt, d. h.
die Arbeiter brauchen das im Betriebe getrunkene Bier nicht zu bezahlen.

[29] D. h. Ausschanksttten von Branntwein, welche nur nebenbei Bier
fhren.

[30] Vgl. in dieser Hinsicht die sehr interessanten Verhandlungen des
Verbands deutscher Bierhndler. Abgedruckt in dem Verbandsorgan. Der
Bier-Verleger II. Jahrg. bes. S. 278 u. f.

[31] D. h. es wurden im Sommer 4, im Winter nur 2 Arbeiter beschftigt.
Die Lohnsumme ist nach den Buchungen angegeben.

[32] Aus begreiflichen Grnden habe ich die wirklichen Anfangsbuchstaben
der betr. Namen durch fingierte ersetzt.

[33] Wie sie u. a. auch auf dem Vertretertage des V. D. B. vorgeschlagen
wurde.




                                   Vita.


Ich, Gustav Stresemann, evang. Konfession, wurde am 10. Mai 1878 als
Sohn des Biergrosshndlers Ernst Stresemann zu Berlin geboren. Von
Michaelis 1884 bis Ostern 1897 besuchte ich daselbst das
Andreas-Realgymnasium, das ich mit dem Zeugnis der Reife verliess.
Hierauf bezog ich die Universitt Berlin und hrte whrend dreier
Semester die Vorlesungen der Herren Professoren Boeckh, Bornhak, Gierke,
Herrmann, Hintze, Jastrow, Lenz, Liesegang, Nand, Pernice, Reinhold,
Schmoller und Wagner. Im Winter-Semester 1898 setzte ich meine Studien
in Leipzig fort und hrte whrend der folgenden vier Semester
Vorlesungen bei den Herren Professoren Bcher, Fricker, Friedberg,
Haepe, Pohle und Stieda. Ausserdem nahm ich an den Seminarbungen der
Herren Professoren Bcher und Fricker, sowie des Herrn Oberlehrer
Lambert teil. Allen meinen Lehrern fhle ich mich zu Danke verpflichtet
fr die mir zu Teil gewordene Frderung, insbesondere Herrn Professor
Bcher dafr, dass ich in seinem Seminar zuerst systematisch arbeiten
lernte.




Anmerkungen zur Transkription:

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Rechtschreibung
und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.

Der vertikale Text auf beiden Seiten der Tabelle auf Seite 55 wurde
an das Ende der Tabelle gesetzt.

Formatierung:

Gesperrter Text wurde mit Unterstrich (_Text_) und fett gedruckter Text
wurde mit Dollarzeichen ($Text$) markiert.

Die nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller gegenber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

  S. 3: in der Nhe belegenen -> gelegenen
  S. 5: In 242 Bnden von 1772-1858 -> 1858.
  S. 6: in Berlin nur oberjhriges -> oberghriges
  S. 7: Bevlkerung reserviert und und -> zweites 'und' berflssig
  S. 7: der vorher angebenen -> angegebenen
  S. 7: Bier von den Bierschenkern -> Bierschnkern
  S. 14: sie berug -> betrug
  S. 20: Wiedfeld's -> Wiedfeldt's
  S. 23: Bier eingefhrt wurde -> wurde,
  S. 23: lediglich den unterjhrigen -> unterghrigen
  S. 25: steckt eine oder mehre -> mehrere
  S. 26: 1869: 2473. -> 1869: 2473,
  S. 26: 1874: 6556. -> 1874: 6556,
  S. 27: Kleinbetrieben an sich, -> Kleinbetrieben an sich.
  S. 29: zu ihrer Einrichtung -> zu ihrer Einrichtung.
  S. 30: So heist -> heisst
  S. 30: Errichtung vielfacher kleinen -> kleiner
  S. 31: aber sie haben sicherich -> sicherlich
  S. 31: dass diejenigen Familen -> Familien
  S. 31: etwas hher sen -> sein
  S. 31: den Berechnungen gescheht -> geschieht
  S. 39: dass man nicht gezwungne -> gezwungen
  S. 40: ber die Entwiklung -> Entwicklung
  S. 40: 1868 findet sich im im -> 1868 findet sich im
  S. 50: ca.  9 % -> ca.  9 %.
  S. 53: Unternehmen dienen sollen -> soll
  S. 54: einem Berliner Bierverleger, -> einem Berliner Bierverleger
  S. 55:  ....  " do -> do.
  S. 55: Lwenbru do -> do.
  S. 70: zur Barzahlung verpflicht -> verpflichtet
  S. 71: Hauptabsatz aber entflt -> entfllt
  S. 76: bezifferte sich auf 2,51 -> 2,51 %
  S. 76: betrug 14,23 -> 14,23 %
  S. 79: in seinem Ausgabekonto -> Ausgabenkonto
  S. 83: geht deutlich hervor- -> geht deutlich hervor,
  S. 83: eines solchen Bierlegers -> Bierverlegers
  S. 86: Masse wie pen -> den
  S. 87: Verhltnisse im Bierverlaggeschft -> Bierverlagsgeschft
  S. 88: Haftpflicht, um mglicht -> mglichst
  S. 93: bedrngten Lage ausbt, -> bedrngten Lage ausbt.
  S. 94: Ich -> Ich,
  S. 94: Hierauf bezog -> bezog ich





Transcriber's Notes:

The original spelling and minor inconsistencies in the spelling and
formatting have been maintained.

The text vertically aligned on both sides of the table was placed
at the end of it on page 55.

Formatting:

Spaced text was marked using underscores (_text_) and bold text using
the Dollar sign ($text$).

The table below lists all corrections applied to the original text.

  p 3: in der Nhe belegenen -> gelegenen
  p 5: In 242 Bnden von 1772-1858 -> 1858.
  p 6: in Berlin nur oberjhriges -> oberghriges
  p 7: Bevlkerung reserviert und und -> superfluous second 'und'
  p 7: der vorher angebenen -> angegebenen
  p 7: Bier von den Bierschenkern -> Bierschnkern
  p 14: sie berug -> betrug
  p 20: Wiedfeld's -> Wiedfeldt's
  p 23: Bier eingefhrt wurde -> wurde,
  p 23: lediglich den unterjhrigen -> unterghrigen
  p 25: steckt eine oder mehre -> mehrere
  p 26: 1869: 2473. -> 1869: 2473,
  p 26: 1874: 6556. -> 1874: 6556,
  p 27: Kleinbetrieben an sich, -> Kleinbetrieben an sich.
  p 29: zu ihrer Einrichtung -> zu ihrer Einrichtung.
  p 30: So heist -> heisst
  p 30: Errichtung vielfacher kleinen -> kleiner
  p 31: aber sie haben sicherich -> sicherlich
  p 31: dass diejenigen Familen -> Familien
  p 31: etwas hher sen -> sein
  p 31: den Berechnungen gescheht -> geschieht
  p 39: dass man nicht gezwungne -> gezwungen
  p 40: ber die Entwiklung -> Entwicklung
  p 40: 1868 findet sich im im -> 1868 findet sich im
  p 50: ca.  9 % -> ca.  9 %.
  p 53: Unternehmen dienen sollen -> soll
  p 54: einem Berliner Bierverleger, -> einem Berliner Bierverleger
  P 55:  ....  " do -> do.
  p 55: Lwenbru do -> do.
  p 70: zur Barzahlung verpflicht -> verpflichtet
  p 71: Hauptabsatz aber entflt -> entfllt
  p 76: bezifferte sich auf 2,51 -> 2,51 %
  p 76: betrug 14,23 -> 14,23 %
  p 79: in seinem Ausgabekonto -> Ausgabenkonto
  p 83: geht deutlich hervor- -> geht deutlich hervor,
  p 83: eines solchen Bierlegers -> Bierverlegers
  p 86: Masse wie pen -> den
  p 87: Verhltnisse im Bierverlaggeschft -> Bierverlagsgeschft
  p 88: Haftpflicht, um mglicht -> mglichst
  p 93: bedrngten Lage ausbt, -> bedrngten Lage ausbt.
  p 94: Ich -> Ich,
  p 94: Hierauf bezog -> bezog ich





End of the Project Gutenberg EBook of Die Entwicklung des Berliner
Flaschenbiergeschfts, by Gustav Stresemann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ENTWICKLUNG DES BERLINER ***

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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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