The Project Gutenberg EBook of Ein Kampf um Rom. Zweiter Band by Felix
Dahn



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Title: Ein Kampf um Rom. Zweiter Band

Author: Felix Dahn

Release Date: July 5, 2010 [Ebook #33090]

Language: German

Character set encoding: US-ASCII


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KAMPF UM ROM. ZWEITER BAND***





                            Ein Kampf um Rom.

                           Historischer Roman

                                   von

                               Felix Dahn.



                                _Motto:_
                      "Wenn etwas ist, gewalt'ger als das Schicksal
                      So ist's der Mut, der's unerschuettert traegt"
                                          _Geibel._



Zweiter Band.

48. Auflage.

Leipzig,
Druck und Verlag von Breitkopf und Haertel.
1906.





       Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung, vorbehalten.





                                  INHALT


Fuenftes Buch. Witichis. Erste Abteilung.
   Erstes Kapitel.
   Zweites Kapitel.
   Drittes Kapitel.
   Viertes Kapitel.
   Fuenftes Kapitel.
   Sechstes Kapitel.
   Siebentes Kapitel.
   Achtes Kapitel.
   Neuntes Kapitel.
   Zehntes Kapitel.
   Elftes Kapitel.
   Zwoelftes Kapitel.
   Dreizehntes Kapitel.
   Vierzehntes Kapitel.
   Fuenfzehntes Kapitel.
   Sechzehntes Kapitel.
   Siebzehntes Kapitel.
   Achtzehntes Kapitel.
Fuenftes Buch. Witichis. Zweite Abteilung.
   Erstes Kapitel.
   Zweites Kapitel.
   Drittes Kapitel.
   Viertes Kapitel.
   Fuenftes Kapitel.
   Sechstes Kapitel.
   Siebentes Kapitel.
   Achtes Kapitel.
   Neuntes Kapitel.
   Zehntes Kapitel.
   Elftes Kapitel.
   Zwoelftes Kapitel.
   Dreizehntes Kapitel.
   Vierzehntes Kapitel.
   Fuenfzehntes Kapitel.
   Sechzehntes Kapitel.
   Siebzehntes Kapitel.
   Achtzehntes Kapitel.
   Neunzehntes Kapitel.
   Zwanzigstes Kapitel.
   Einundzwanzigstes Kapitel.
   Zweiundzwanzigstes Kapitel.
   Dreiundzwanzigstes Kapitel.
   Vierundzwanzigstes Kapitel.
   Fuenfundzwanzigstes Kapitel.
   Sechsundzwanzigstes Kapitel.
   Siebenundzwanzigstes Kapitel.
   Achtundzwanzigstes Kapitel.
   Neunundzwanzigstes Kapitel.
Bemerkungen zur Textgestalt






                              Fuenftes Buch.


                                WITICHIS.


                             Erste Abteilung.


                              "Die Goten aber waehlten zum Koenig Witichis,
                             einen Mann, zwar nicht von edlem Geschlecht,
                                      aber von hohem Ruhm der Tapferkeit."

                                               Prokopius, Gotenkrieg I. 11




                             Erstes Kapitel.


Langsam sank die Sonne hinter die gruenen Huegel von Faesulae und vergoldete
die Saeulen vor dem schlichten Landhaus, in welchem Rauthgundis als Herrin
schaltete.

Die gotischen Knechte und die roemischen Sklaven waren beschaeftigt, die
Arbeit des Tages zu beschliessen. Der Mariskalk brachte die jungen Rosse
von der Weide ein. Zwei andere Knechte leiteten den Zug stattlicher Rinder
von dem Anger auf dem Huegel nach den Staellen, indes der Ziegenbub mit
roemischen Scheltworten seine Schutzbefohlnen vorwaerts trieb, die genaeschig
hier und da an dem salzigen Steinbrech nagten, der auf dem zerbroeckelten
Mauerwerk am Wege gruente. Andre germanische Knechte raeumten das Ackergeraet
im Hofraum auf: und ein roemischer Freigelassener, gar ein gelehrter und
vornehmer Herr, der Obergaertner selbst, verliess mit einem zufriedenen
Blick die Staette seiner bluehenden und duftenden Wissenschaft.

Da kam aus dem Rossstall unser kleiner Freund Athalwin im Kranze seiner
hellgelben Locken. "Vergiss mir ja nicht, Kakus, einen rostigen Nagel in
den Trinkkuebel zu werfen. Wachis hat's noch besonders aufgetragen! Dass er
dich nicht wieder schlagen muss, wenn er heimkommt." Und er warf die Thuer
zu. "Ewiger Verdruss mit diesen welschen Knechten!" sprach der kleine
Hausherr mit wichtigem Stolz. "Seit der Vater fort ist und Wachis ihm ins
Lager gefolgt, liegt alles auf mir: denn die Mutter, lieber Gott, ist wohl
gut fuer die Maegde, aber die Knechte brauchen den Mann."

Und mit grossem Ernst schritt das Bueblein ueber den Hof.

"Und sie haben vor mir gar nicht den rechten Respekt," sprach er und warf
die kirschroten Lippen auf und krauste die weisse Stirn. "Woher soll er
auch kommen? Mit naechster Sunnwend bin ich volle neun Jahr: und sie lassen
mich noch immer herumgehn mit einem Ding wie ein Kochloeffel." Und
veraechtlich riss er an dem kleinen Schwert von Holz in seinem Gurt. "Sie
duerften mir keck ein Weidmesser geben, ein rechtes Gewaffen. So kann ich
nichts ausrichten und sehe nichts gleich."

Und doch sah er so lieblich, einem zuernenden Eros gleich, in seinem
kniekurzen, aermellosen Roeckchen von feinstem weissem Leinen, das die liebe
Hand der Mutter gesponnen und genaeht und mit einem zierlichen roten
Streifen durchwirkt hatte.

"Gern lief' ich noch auf den Anger und braechte der Mutter zum Abend die
Waldblumen, die sie so liebt, mehr als unsre stolzesten Gartenblumen. Aber
ich muss noch Rundschau halten, ehe sie mir die Thore schliessen: denn:
"Athalwin, hat der Vater gesagt, wie er ging, halt mir das Erbe recht in
acht und wahre mir die Mutter! Ich verlass mich auf dich!" Und ich gab ihm
die Hand drauf. So muss ich Wort halten."

Damit schritt er den Hof entlang, an der Vorderseite des Wohnhauses
vorueber, durchmusterte die Nebengebaeude zur Rechten und wollte sich eben
nach der Rueckseite des Gevierts wenden, als er durch lautes Bellen der
jungen Hunde zur Linken auf ein Geraeusch an dem Holzzaun, der das Ganze
umfriedete, merksam wurde.

Er schritt nach der bezeichneten Ecke hin und erstaunte: denn auf dem
Zaune sass oder ueber denselben herein stieg eine seltsame Gestalt. Es war
ein grosser, alter, hagrer Mann in grobem Wams von ganz rauhem Loden, wie
ihn die Berghirten trugen: als Mantel hing eine maechtige Wolfsschur
unverarbeitet von seinen Schultern nieder, und in der Rechten trug er
einen riesigen Bergstock mit scharfer Stahlspitze, mit welchem er die
Hunde abwehrte, die zornig an dem Zaun hinaufsprangen. Eilends lief der
Knabe hinzu. "Halt, du landfremder Mann, was thust du auf meinem Zaun? -
willst du gleich hinaus und herab?"

Der Alte stutzte und sah forschend auf den schoenen Knaben. "Herunter, sag'
ich!" wiederholte dieser. - "Begruesst man so in diesem Hof den wegmueden
Wandrer?" - "Ja, wenn der wegmuede Wandrer ueber den Hinterzaun steigt. Bist
du was Rechtes und willst du was Rechtes, - da vorn steht das grosse
Hofthor sperrangelweit offen: da komm' herein."

"Das weiss ich selbst, wenn ich das wollte." Und er machte Anstalt, in den
Hof hereinzusteigen.

"Halt," rief zornig der Kleine, "da kommst du nicht herab! Fass, Griffo!
Fass, Wulfo! Und wenn du die zwei jungen nicht scheust, so ruf' ich die
Alte. Dann gieb acht! He Thursa, Thursa, leid's nicht!"

Auf diesen Ruf schoss um die Ecke des Rossstalles ein riesiger, grau
borstiger Wolfshund mit wuetendem Gebell herbei und schien ohne weiteres
dem Eindringling an die Gurgel springen zu wollen.

Aber kaum stand das grimmige Tier vor dem Zaun, dem Alten gegenueber, so
verwandelte sich seine Wut ploetzlich in Freude: sein Bellen verstummte und
wedelnd sprang er an dem Alten hinan, der nun ganz gemuetlich herein stieg.
"Ja, Thursa, treues Tier, wir halten noch zusammen," sagte er. - - "Nun
sage mir, kleiner Mann, wie heisst du?" - "Athalwin heiss' ich," versetzte
dieser, scheu zuruecktretend, "du aber, - ich glaube, du hast den Hund
behext - wie heisst du?" - "Ich heisse wie du," sagte der Alte freundlicher.
"Und das ist huebsch von dir, dass du heissest wie ich. Sei nur ruhig, ich
bin kein Raeuber! fuehr' mich zu deiner Mutter, dass ich ihr sage, wie tapfer
du deine Hofwehr verteidigt hast."

Und so schritten die beiden Gegner friedlich in die Halle, Thursa bellte
freudig springend voran.

Das korinthische Atrium der Roemervilla mit seinen Saeulenreihen an den vier
Waenden hatte die gotische Hausfrau mit leichter Aenderung in die grosse
Halle des germanischen Hofbaues verwandelt. In Abwesenheit des Hausherrn
war sie zu festlicher Bewirtung nicht bestimmt und Rauthgundis hatte fuer
diese Zeit ihre Maegde aus der Frauenkammer hierher versetzt. In langer
Reihe sassen rechts die gotischen Maegde mit sausender Spule; ihnen
gegenueber einige roemische Sklavinnen mit feineren Arbeiten beschaeftigt. In
der Mitte der Halle schritt Rauthgundis auf und nieder und liess selbst die
flinke Spule auf dem glatten Mosaik des Estrichs tanzen, aber dabei auch
nach rechts und links stets die wachen Blicke gleiten.

Das kornblumenblaue Kleid von selbstgewirktem Stoff war ueber die Knie
heraufgeschuerzt und hing gebauscht ueber den Gurt von staehlernen Ringen,
der ihren einzigen Schmuck, ein Buendel von Schluesseln, trug. Das
dunkelblonde Haar war rings an Stirn und Schlaefen zurueckgekaemmt und am
Hinterkopf in einen einfachen Knoten geschuerzt. Es lag viel schlichte
Wuerde in der Gestalt, wie sie mit ernst pruefendem Blick auf und nieder
schritt.

Sie trat zu der juengsten der gotischen Maegde, die zu unterst in der Reihe
sass und beugte sich zu ihr. "Brav, Liuta," sprach sie, "dein Faden ist
glatt und du hast heut' nicht so oft aufgesehen nach der Thuer wie sonst.
Freilich," fuegte sie laechelnd hinzu - "es ist jetzt kein Verdienst, da
doch kein Wachis zur Thuer hereinkommen kann." Die junge Magd erroetete.
Rauthgundis legte die Hand auf ihr glattes Haar: "Ich weiss," sagte sie,
"du hast mir im stillen gegrollt, dass ich dich, die Verlobte, dieses Jahr
ueber taeglich morgens und abends eine Stunde laenger spinnen liess als die
andern: es war grausam, nicht? Nun, sieh: es war dein eigner Gewinn.
Alles, was du dies Jahr aus meinem besten Garn gesponnen, ist dein; ich
schenk' es dir zur Aussteuer: so brauchst du naechstes Jahr, das erste
deiner Ehe, nicht zu spinnen."

Das Maedchen fasste ihre Hand und sah ihr dankbar weinend ins Auge. "Und
dich nennen sie streng und hart!" war alles, was sie sagen konnte. - "Mild
mit den Guten, streng mit den Boesen, Liuta. Alles Gut, dessen ich hier
walte, ist meines Herrn Eigen und meines Knaben Erbe. Da heisst es genau
sein."

Jetzt wurden der Alte und Athalwin in der Thuer sichtbar: der Knabe wollte
rufen, aber sein Begleiter verhielt ihm den Mund und sah eine Weile
unbemerkt dem Schalten und Walten Rauthgundens zu, wie sie der Maegde
Arbeit pruefte, lobte und schalt und neue Auftraege gab.

"Ja," sprach der Alte endlich zu sich selbst, "stattlich sieht sie aus,
und sie scheint wohl die Herrin im Hause - doch! wer weiss Alles?" Da war
Athalwin nicht mehr zu halten: "Mutter," rief er, "ein fremder Mann, der
Thursa behext und ueber den Zaun gestiegen und zu dir will. Ich kann's
nicht begreifen."

Da wandte sich die stattliche Frauengestalt wuerdevoll dem Eingang zu, die
Hand vor die Augen haltend, die blendende Abendsonne, die in die offne
Thuere brach, abzuwehren. "Was fuehrst du den Gast hierher? Du weisst, der
Vater ist nicht hier. Fuehr' ihn in die grosse Halle. Sein Platz ist nicht
bei mir."

"Doch, Rauthgundis! hier, bei dir, ist mein Platz," sprach der Alte
vortretend.

"Vater!" - rief die Frau und lag an der Brust des Fremden. Verdutzt und
nicht ohne Missbehagen sah Athalwin auf die Gruppe. "Du bist also der
Grossvater, der da oben in den Nordbergen haust? Nun gruess Gott, Grossvater!
Aber warum sagst du denn das nicht gleich? Und warum kommst du nicht
durchs Thor wie andre ehrliche Leute?"

Der Alte hielt seine Tochter bei beiden Haenden und sah ihr scharf ins
Auge. "Sie sieht gluecklich aus und gedeihend," brummte er vor sich hin.

Da fasste sich Rauthgundis: rasch warf sie einen Blick durch die Halle.
Alle Spindeln ruhten - ausser Liutas - aller Augen musterten neugierig den
Alten.

"Ob ihr wohl spinnen wollt, fuerwitzige Elstern?" rief sie streng. "Du,
Marcia, hast vor lauter Gaffen den Flachs herabfallen lassen, - du kennst
den Brauch, du spinnst eine Spule mehr, - ihr andern macht Feierabend.
Komm, Vater! Liuta, ruest' ein laues Bad und Fleisch und Wein. -"

"Nein!" sprach der Vater, "der alte Bauer hat am Berg auch nur Bad und
Trunk am Wasserfall. Und was das Essen anlangt, - draussen, vor'm
Hinterzaun, am Grenzpfahl, liegt mein Rucksack, den holt mir: da hab ich
mein Speltbrot und meinen Schafkaese, den bringt mir. - Wieviel habt ihr
Rinder im Stall und Rosse auf der Weide?" Es war seine erste Frage. -

Eine Stunde darauf - schon war es dunkel geworden und der kleine Athalwin
war kopfschuettelnd ueber den Grossvater zu Bett gegangen, - da wandelten
Vater und Tochter beim Licht des aufgehenden Mondes ins Freie. "Ich hab'
nicht Luft genug da drinnen," hatte der Alte gesagt.

Sie sprachen viel und ernst, wie sie durch den Hof und durch den Garten
schritten. Mitten drein warf der Alte immer wieder Fragen nach ihrer
Wirtschaft auf, wie sie ihm Geraet oder Gebaeude nahe legten: und in seinem
Ton lag keine Zaertlichkeit: nur manchmal in dem Blick, der verstohlen sein
Kind musterte.

"Lass doch endlich Roggen und Rosse," laechelte Rauthgundis, "und sage mir,
wie's dir gegangen ist die langen Jahre? Und was dich endlich einmal
herabgefuehrt hat von den Bergen zu deinen Kindern?" - "Wie's mir gegangen?
Nun: halt einsam, einsam! Und kalte Winter! Ja, bei uns ist's nicht so
huebsch warm, wie hier im Welschthale." Und er sagte das wie einen Vorwurf.
"Und warum ich herunter bin? Ja sieh, letztes Jahr hat sich der Zuchtstier
zerfallen auf dem Firnjoch. Und da wollt' ich mir einen andern kaufen hier
unten."

Da hielt sich Rauthgundis nicht laenger: mit warmer Liebe warf sie sich an
des Alten Brust und rief: "Und den Zuchtstier hast du nicht naeher gefunden
als hier? Luege doch nicht, Steinbauer, gegen dein eigen Herz und dein
eigen Kind. Du bist gekommen, weil du gemusst, weil du's doch endlich nicht
mehr ausgehalten vor Heimweh nach deinem Kinde."

Der Alte blieb stehen und streichelte ihr Haar: "Woher du's nur weisst! Nun
ja! ich musste doch mal selbst sehen, wie's um dich steht und wie er dich
haelt, der Herr Gotengraf."

"Wie seinen Augapfel," sprach das Weib selig. - "So? und warum ist er denn
nicht daheim bei Hof und Haus und Weib und Kind?" - "Er steht beim Heer in
des Koenigs Dienst."

"Ja, das ist's ja eben. Was braucht er einen Dienst und einen Koenig? Doch
- sage: warum traegst du keinen goldnen Armreif? Ein Gotenweib aus dem
Welschthal kam einmal des Wegs bei uns vorbei, vor fuenf Jahren, die trug
Gold handbreit: da dacht ich: so traegt's deine Tochter, und freute mich,
und nun -"

Rauthgundis laechelte: "Soll ich Gold tragen fuer meiner Maegde Augen? Ich
schmuecke mich nur, wenn Witichis es sieht." - "So? moeg' er's verdienen!
Aber du _hast_ doch Goldspangen und Goldreife wie andre Gotenfrauen hier
unten?" - "Mehr als andre, truhenvoll. Witichis brachte grosse Beute vom
Gepidenkrieg." - "So bist du ganz gluecklich?" - "Ganz, Vater, aber nicht
wegen der Goldspangen." - "Hast du ueber nichts zu klagen? Sag's mir nur,
Kind! Was es auch sei, sag's deinem alten Vater und er schafft dir dein
Recht."

Da blieb Rauthgundis stehen. "Vater, sprich nicht so! Das ist nicht recht
von dir zu sprechen, nicht von mir zu hoeren. Wirf ihn doch weg, den
unglueckseligen Irrwahn, als muesste ich elend werden, weil ich zu Thal
gezogen. Ich glaube fast, nur diese Furcht hat dich hier herabgefuehrt."

"Nur sie!" rief der Alte hastig mit dem Stock aufstossend. "Und du nennst
einen Wahn, was deines Vaters tiefstes inneres Wesen? Ein Wahn! Ah, ist's
ein Wahn, dass sich's schwer atme hier unten? Ein Wahn, dass unsre
hochgewachsenen, weissen Goten klein und braun geworden hier unten im Thal?
Ist es ein Wahn, dass alles Unheil von jeher von Sueden hergekommen, von
diesem weichen, falschen Thal? Woher kommen die Bergstuerze ueber unsre
Huetten? von Sueden her. Von wo kommt der giftige Wind, der Mensch und Vieh
verdirbt? Von Sueden. Warum stuerzt' mir Kuh und Schaf, wann sie am Suedhang
grasen? Warum starb deine Mutter, wie sie das erstemal von unserm Berge
nach Bolsanum herabkam, in der schwuelen Stadt? Ein Bruder von dir stieg
auch herab, trat in des Koenigs Theoderich Waffenschar zu Ravenna:
erstochen haben ihn die Welschen beim Wein. Warum taugt kein Knecht mehr
was, der je hier in den Sueden herabstieg, auch nur auf einen Winter? Wo
hat unser grosser Held Theoderich das verfluchte Regieren gelernt, mit
Steuern und Folter und Kerker und Schreiben? Was haben unsre Vaeter von
all' dem gewusst?

Von woher kommt aller Trug, alle Unfreiheit, alle Ueppigkeit, alle Unkraft,
alle List? Von hier: aus dem Welschthal, aus dem Sueden, wo die Menschen zu
Tausenden beisammen nisten, wie unsauber Gewuerm und einer dem andern die
Luft vergiftet. Und da kommt mir so einer auf meinen Fels und holt mein
frisches Kind herab in dieses Land des Unsegens! Dein Eheherr hat was
Gutes und Klares, ich leugn' es nicht; und haette er sich droben bei mir
ein Gehoeft gebaut, ich haette ihm gern mein Kind und das Joch der besten
Ochsen dazu gegeben. Aber nein! Da herunter musste er sie fuehren ins heisse
Sumpfthal. Und er selbst bueckt den Kopf in goldnen Saelen zu Rom und in der
Rabenstadt. Wohl hab' ich mich lang gewehrt -"

"Aber endlich gabst du nach -"

"Was wollt' ich machen? War doch mein kernfrisches Maedel ganz herzenssiech
geworden nach dem Ungluecksmann."

"Und zehn Jahre hat der Ungluecksmann dein Kind beglueckt." - "Wenn's nur
auch wahr ist!" - "Vater!" - "Und wahr bleibt. Es waere das erstemal, dass
Glueck von Sueden kaeme. Sieh', mein Abscheu ist so gross vor der Ebne, dass
ich die sieben Jahr nicht niederstieg, gar mein Enkelkind nie gesehn habe.
Wenn ich es jetzt doch gethan, hat's schweren Grund."

"Also nicht die Liebe? nicht dein Herz?"

"Freilich! doch mein banges Herz! Ein boeses Zeichen ist geschehen. Du
denkst doch noch der freudigen Buche, die am Felsbache stand, rechts vorm
Hause? Ich pflanzte sie, nach altem Brauch, an dem Tag, da du geboren
wardst. Und praechtig, wie du selbst, gedieh der Baum. In dem Jahr, da du
fortzogst freilich, fand ich, er sehe krank und traurig. Aber die andern
sahen es nicht und lachten mich aus.

Nun, sie erholte sich wieder und war frisch und gruen. Doch in der letzten
Woche kam des Nachts ein Hochgewitter, so wuetig, wie ich's selten gehoert
da droben in den Felsen, und als wir am Morgen vor das Thor treten, - ist
der Stamm vom Blitz zerspalten und die Krone hat der Giessbach mit sich
fortgerissen - nach Sueden."

"Schad um den lieben Baum! Doch kann dich das aengstigen?"

"Es ist nicht alles. Traurig grub ich am Abend, nach dem Tagewerk, den
armen Stamm aus der Erde und warf ihn ins Herdfeuer, dass er nicht
verunehrt und elend am Wege stehe, der meines Kindes ein Bild und Zeichen
war. Und ich nahm mir's sehr zu Herzen und ich sann und sann mit schweren
Sorgen ueber deinen Mann, und meine Zweifel an ihm kamen dicht und dichter.
Und ich sah ins Feuer, drin der Stamm verkohlte.

So schlief ich ein und im Traum sah ich dich und Witichis. Er tafelte im
Goldsaal unter stolzen Maennern und schoenen Frauen, in Glanz und Pracht
gekleidet. Du aber standest vor der Thuer, im Bettlerkleid, und weintest
bittre Thraenen und riefst ihn beim Namen. Er aber sprach: "wer ist das
Weib? ich kenne sie nicht." - Und es liess mich nicht mehr droben in den
Bergen. Herab zog's mich: ich musste sehen, wie mein Kind gehalten ist im
Thal und ueberraschen wollt' ich ihn, - deshalb wollt' ich nicht durchs
Thor ins Haus."

"Vater," sprach Rauthgundis zornig, "dergleichen soll man selbst im Traume
nicht denken. Dein Misstrauen -"

"Misstrauen! ich traue niemand als mir selbst. Und in dem Blitzschlag und
in dem Traumgesicht hat sich's mir deutlich gemeldet: dir droht ein
Unglueck! Weich' ihm aus! Nimm deinen Knaben und geh mit mir in die Berge!
Nur auf kurze Zeit. Glaub' mir, du wirst es bald wieder schoen finden in
der freien Luft, wo man ueber aller Herren Laender hinwegsieht."

"Ich soll meinen Mann verlassen? Niemals." - "Hat er nicht dich verlassen?
Ihm ist Hof und Koenigsdienst mehr als Weib und Kind. So lass ihm seinen
Willen."

"Vater," sprach jetzt Rauthgundis, seine Hand heftig fassend, "kein Wort
mehr! Hast du denn meine Mutter nicht geliebt, dass du so reden kannst von
Ehegatten? Mein Witichis ist mir alles, Luft und Licht des Lebens. Und er
liebt mich mit seiner ganzen treuen Seele. Und wir sind eins.

Und wenn er fuer recht haelt, fern von mir zu schaffen - zu wirken, so _ist_
es recht. Er fuehrt seines Volkes Sache. Und zwischen mich und ihn soll
kein Wort, kein Hauch, kein Schatte treten. Und auch ein Vater nicht."

Der Alte schwieg. Aber sein Misstrauen schwieg nicht. "Warum," hob er nach
einer Pause wieder an, "wenn er am Hof so wichtige Geschaefte hat, warum
nimmt er dich nicht mit? Schaemt er sich der Bauerntochter?" und zornig
stiess er seinen Stock auf die Erde.

"Der Zorn verwirrt dich! Du grollst, dass er mich vom Berg ins Thal der
Welschen gefuehrt - und grollst ebenso, weil er mich nicht nach Rom mitten
unter sie fuehrt!"

"Du sollst's auch nicht thun! Aber er soll's wollen. Er soll dich nicht
entbehren koennen. Aber des Koenigs Feldherr wird sich des Bauernkindes
schaemen."

Da, ehe Rauthgundis antworten konnte, sprengte ein Reiter an das jetzt
verschlossene Hofthor, vor dem sie eben standen. "Auf, aufgemacht!" rief
er, mit der Streitaxt an die Pfosten schlagend. - "Wer ist da draussen?"
fragte der Alte vorsichtig. - "Aufgemacht! solang laesst man einen
Koenigsboten nicht warten!"

"Es ist Wachis," sprach Rauthgundis, den schweren Riegelbalken im Ring
zurueckschiebend, "was bringt dich so ploetzlich zurueck?"

"Du bist es selbst, die mir oeffnet!" rief der treue Mann, "o Gruss und
Heil, Frau Koenigin der Goten! Der Herr ist zum Koenig des Volks gewaehlt.
Diese meine Augen sahen ihn hoch auf den Heerschild gehoben: er laesst dich
gruessen: und entbietet dich und Athalwin nach Rom. In zehn Tagen sollst du
aufbrechen."

In allem Schrecken und in aller Freude und zwischen allen Fragen durch
konnte sich Rauthgundis nicht enthalten eines freudig stolzen Blicks auf
ihren Vater: dann warf sie sich an seine Brust und weinte. "Nun," fragte
sie endlich sich losmachend, "Vater, was sagst du nun?"

"Was ich sage? Jetzt ist das Unglueck da, das mir geahnt! Ich gehe noch
heute Nacht zurueck auf meinen Berg."




                             Zweites Kapitel.


Waehrend die Goten bei Regeta tagten, umklammerte in weit geschwungenem
Halbkreis das maechtige Heerlager Belisars die hart bedraengte Stadt
Neapolis.

Rasch, unaufhaltsam wie ein Brand in getrocknetem Heidegras, hatte sich
das Heer der Byzantiner von der aeussersten Suedostspitze Italiens bis vor
die Mauern der parthenopeischen Stadt gewaelzt, ohne Widerstand zu finden.
Denn, dank den Befehlen Theodahads, waren nicht hundert Gotenkrieger in
jenen Gegenden zu finden.

Das kurze Vorpostengefecht am Passe Jugum war der einzige Aufenthalt, auf
den die Griechen stiessen: die roemische Bevoelkerung von Bruttien mit den
Staedten Regium, Vibo und Squyllacium, Tempsa und Croton, Ruscia und
Thurii, von Calabrien mit den Staedten Gallipolis, Tarentum und Brundusium,
von Lucanien mit den Staedten Velia und Buxentum, von Apulien mit den
Staedten Acheruntia und Canusium, Salernum, Nuceria und Campsae, und viele
andere Staedte nahmen Belisar mit Jubel auf, als er ihnen im Namen des
rechtglaeubigen Kaisers Justinian die Befreiung von dem Joche der Ketzer
und Barbaren verkuendete. Bis an den Aufidus im Osten, bis an den Sarnus im
Suedwesten war Italien den Goten entrissen und erst an den Waellen von
Neapel brach sich der Ungestuem dieser feindlichen Wogen.

Und wohl ein herrliches Kriegsschauspiel waren diese Heerlager Belisars zu
nennen. Im Norden, vor der Porta Nolana, dehnte sich das Lager Johannes
des Blutigen. Diesem tapfern Fuehrer war die Via Nolana anvertraut und die
Aufgabe, die Strasse nach Rom zu erzwingen. Hier in den breiten
Wiesenflaechen, auf den Saatfeldern fleissiger Goten, tummelten die
Massageten und die gelben Hunnen ihre kleinen, haesslichen Gaeule. Daneben
lagerten leichte persische Soeldner, in Linnenpanzern, mit Pfeil und Bogen;
dann schwere armenische Schildtraeger, Makedonen mit zehn Fuss langen
"Sarissen" (Lanzen) und grosse Massen thessalischer und thrakischer, aber
auch saracenischer Reiter, zu verhasster Unthaetigkeit in diesem
Belagerungskampf verurteilt und ihre Musse nach Kraeften ausfuellend mit
Streifzuegen ins Innere des Landes.

Das mittlere Lager, gerade im Osten der Stadt, war von dem Hauptheer
erfuellt: Belisars grosses Feldherrnzelt von blauer sidonischer Seide, mit
dem Purpurwimpel, ragte in seiner Mitte. Hier stolzierte die Leibwache,
die Belisar selbst bewaffnete und besoldete und zu der nur die erlesensten
Leute, die sich dreimal durch Todesverachtung im Kampf ausgezeichnet,
zugelassen wurden: - aus ihr gingen Belisars Schueler und beste Heerfuehrer
hervor, - in reichvergoldeten Helmen mit rothen Rosshaarkaemmen, den besten
Brust- und Beinharnischen, ehernen Schilden, dem breiten Schwert und der
partisanen-gleichen Lanze. Hier bildeten den Kern des Fussvolks achttausend
Illyrier, die einzige gute Truppe, die das Griechenreich noch selbst
stellte: hier aber lagerten auch unter dem Befehl ihrer Stammesfuersten die
avarischen, bulgarischen, sarmatischen und auch germanischen Scharen, wie
Heruler und Gepiden, die Byzanz um schweres Geld werben musste, den Mangel
der kriegsfaehigen Mannschaft zu decken. Hier auch die ausgewanderten und
die vielen Tausend uebergegangenen Italier.

Endlich das suedwestliche Lager, das sich dem Strand entlang dehnte,
befehligte Martinus, der den Belagerungswerkzeugen vorstand: hier standen
die Katapulten und Ballisten, die Mauerbrecher und Wurfmaschinen in
Vorrat: hier wogten die isaurischen Bundesgenossen und die Scharen, die
das neu von den Vandalen zurueckeroberte Afrika stellte: maurische,
numidische Reiter, libysche Schleuderer durcheinander.

Aber vereinzelt waren Abenteurer und Soeldner fast aus allen
Barbarenstaemmen der drei Erdteile vertreten: Bajuvaren von der Donau,
Alamannen vom Rhein, Franken von der Maas, Burgunden von der Rhone, dann
wieder Anten vom Dniester, Lazier vom Phasis, pfeilkundige Abasgen,
Sabiren, Lebanthen und Lykaonen aus Asien und Afrika. So bunt
zusammengesetzt aus barbarischen Haufen war die Kriegsmacht, mit der
Justinian die gotischen "Barbaren" vertreiben und Italien befreien wollte.
Den Befehl ueber die Vorposten hatten immer und ueberall die Leibwaechter
Belisars: und diese Kette zog sich um die Stadt her von der Porta Capuana
fast bis an die Wogen des Meeres. Neapolis aber war schlecht befestigt und
schwach besetzt. Nicht tausend Goten waren es, welche die ausgedehnten
Werke gegen ein Heer von vierzigtausend Byzantinern und Italiern
verteidigen sollten.

Graf Uliaris, der Befehlshaber der Stadt, war ein tapfrer Mann und hatte
bei seinem Bart geschworen, die Feste nicht zu uebergeben. Aber auch er
haette der ueberlegnen Macht und Feldherrnkunst Belisars wohl nicht lange
widerstehen koennen, waere nicht ein gluecklicher Umstand ihm zu Hilfe
gekommen. Das war die unzeitige Rueckkehr der griechischen Flotte nach
Byzanz. Als naemlich Belisar, nachdem er sein gelandetes Heer in Regium
eine Nacht geruht und gemustert hatte, den allgemeinen Aufbruch mit der
Land- und Seemacht gegen Neapolis befahl, sandte ihm sein Nauarchos Konon
einen bisher geheim gehaltnen Auftrag des Kaisers, wonach die Flotte
sofort nach der Landung nach Nikopolis an der griechischen Kueste
zuruecksegeln solle, angeblich, neue Verstaerkungen herueberzuholen, in
Wahrheit aber nur, den Prinzen Germanus, Justinians Neffen, mit den
kaiserlichen Lanzentraegern nach Italien zu fuehren, der die Siegesschritte
Belisars beobachten, ueberwachen, noetigenfalls hemmen und, als
Oberfeldherr, die Interessen des kaiserlichen Misstrauens gegen den
Unterfeldherrn Belisar wahren sollte. Zaehneknirschend musste Belisar seine
Flotte im Augenblick, da er ihrer am meisten bedurfte, absegeln sehen: und
nur mit vielen Bitten erlangte er, dass ihm der Nauarch vier Kriegstrieren,
die noch bei Sicilien kreuzten, zu senden versprach.

So hatte denn Belisar, als er sich anschickte Neapolis zu belagern, die
Stadt zwar von Nordost, Ost und Suedost mit seiner Landmacht eng
einschliessen koennen: - den Westen, die Strasse nach Rom, durch Castellum
Tiberii gedeckt, hielt Graf Uliaris mit hoechster Kraft frei: - aber den
Hafen von Neapolis und seine Verbindung mit der See hatte er nicht zu
sperren vermocht.

Anfangs zwar troestete er sich damit, dass ja auch die Belagerten keine
Flotte haetten und also von ihrer Verbindung mit dem Meer nicht eben viel
Vorteil wuerden ziehen koennen. Aber hier trat ihm zuerst die Begabung und
die Kuehnheit eines Gegners in den Weg, den er spaeter noch mehr fuerchten
lernen sollte. Das war Totila. Kaum hatte dieser Neapolis erreicht, der
Leiche des alten Valerius mit Julius die letzte Ehre erwiesen und die
ersten Thraenen Valerias getrocknet, als er mit rastloser Thaetigkeit an der
Aufgabe arbeitete, eine Flotte aus dem Nichts zu schaffen.

Er war Befehlshaber des Geschwaders von Neapolis: aber dieses ganze
Geschwader hatte Koenig Theodahad schon vor Wochen, trotz Totilas
Vorstellungen, Belisar aus dem Wege, nach Pisa beordert, wo es die
Arnusmuendung bewachen sollte. So besass Totila von Anfang nichts als drei
leichte Wachtschiffe, von denen er zwei bei Sicilien verloren hatte: und
er war nach Neapolis gekommen, an jedem Widerstand zur See verzweifelnd.
Aber da er das Unglaubliche vernahm, dass die byzantinische Flotte nach
Hause gegangen sei, belebte sich sofort seine Hoffnung. Und nun ruhte er
nicht, bis er aus grossen Fischerbooten, Kaufmannsschiffen, Hafenkaehnen und
in der Eile notduerftig seetuechtig gemachten Wracks der Werften sich eine
kleine Flottille von etwa zwoelf Segeln gebildet, die freilich weder einen
Sturm auf hoher See noch einem einzigen Kriegsschiff Trotz bieten konnte,
aber doch vortreffliche Dienste leistete, die sonst voellig abgeschnittene
Stadt von Bajae, Cumae und anderen Staedten im Nordwesten her mit
Lebensmitteln zu versehen, die Bewegungen der Feinde an den Kuesten zu
beobachten und mit unaufhoerlichen Angriffen zu quaelen, indem Totila mit
einer kleinen Schar oft im Sueden, im Ruecken der griechischen Lager,
landete, sich ins Land schlich, bald hier, bald da einen Trupp der Feinde
ueberfiel und zersprengte und solche Unsicherheit verbreitete, dass sich die
Byzantiner nur in starken Abteilungen und nie zu weit von ihren Lagern zu
entfernen wagten, waehrend diese Erfolge die hart bedraengte, von steten
Wachdiensten und Kaempfen angegriffene Mannschaft des Uliaris immer wieder
ermutigten.

Bei alledem konnte sich Totila nicht verhehlen, dass die Lage schon jetzt
eine hoechst bedenkliche und, sowie einige griechische Schiffe vor der
Stadt erschienen, eine unhaltbare werde. Er verwandte daher einen Teil
seiner Boote dazu, taeglich eine Anzahl von wehrunfaehigen Einwohnern aus
Neapolis aufwaerts nach Bajae und Cumae zu schaffen, wobei er die Anforderung
der Reichen, dass diese Rettungsfahrten nur gegen Bezahlung stattfinden
sollten, streng zurueckwies und ohne Unterschied Arme wie Reiche in seine
rettenden Schiffe aufnahm. Vergebens hatte Totila wiederholt und immer
dringender Valeria gebeten, unter dem Schutz von Julius auf diesen
Schiffen zu fluechten: noch wollte sie sich nicht von dem Sarge ihres
Vaters, noch von dem Geliebten nicht trennen, dessen Lob als des Schirmers
der Stadt sie nur zu gern aus aller Munde einsog. Und ruhig fuhr sie fort,
in dem vaeterlichen Hause ihrer Trauer und ihrer Liebe zu leben.




                             Drittes Kapitel.


In diesen ersten Tagen der Belagerung empfand auch Miriam die hoechsten
Freuden und die hoechsten Schmerzen ihrer Liebe.

Haeufiger als je konnte sie sich in des Geliebten Anblick sonnen: denn die
Porta Capuana war ein wichtiger Punkt der Befestigung, den der Seegraf oft
besuchen musste. In der Turmstube des alten Isak hielt er taeglich mit Graf
Uliaris den traurigen Kriegsrat. Dann pflegte Miriam, wann sie die Maenner
begruesst und das schlichte Mahl von Fruechten und Wein auf den Tisch
gestellt, hinunterzuschluepfen in das enge Gaertlein, das dicht hinter der
Turmmauer lag. Der Raum war urspruenglich ein kleiner Hof im Tempel der
Minerva, der Mauerbeschuetzerin, gewesen, der man gern an den Hauptthoren
der Staedte einen Altar errichtete.

Seit Jahrhunderten war der Altar verschwunden: aber noch ragte hier der
alte maechtige Olivenstamm, der einst die der Goettin geweihte Statue
beschattet hatte: und ringsum dufteten die Blumen, die Miriams liebevolle
Hand hier gepflegt und oft fuer die Braut des Geliebten gebrochen hatte.
Gerade gegenueber dem riesigen Oelbaum, dessen knorrige Wurzeln ueber die
Erde hervorstarrten und eine dunkle Oeffnung in den Erdgeschossen des alten
Tempels zeigten, war von dem Christentum ein grosses, schwarzes Holzkreuz
angebracht ueber einem kleinen Betschemel, der aus einer Marmorstufe des
Minervatempels gebildet war: man liebte, die Staetten des alten
Gottesdienstes dem neuen zu unterwerfen und die alten Goetter, die jetzt zu
Daemonen geworden, durch die Sinnbilder des siegreichen Glaubens zu
verscheuchen.

Unter diesem Kreuz sass das schoene Judenmaedchen oft stundenlang mit der
alten Arria, der halbblinden Witwe des Unterpfoertners, die, nach dem
fruehen Tod von Isaks Weib, wie eine Mutter das Heranbluehen der kleinen
Miriam mit ihren Blumen in dem oeden Gestein der alten Mauern ueberwacht
hatte. Da hatte diese viele Jahre lang still lauschend zugehoert, wie die
fromme Alte in fleissigem Gebet zu dem Gott der Christen flehte: und
unwillkuerlich war so mancher Strahl der mildern, hellern Liebeslehre des
Nazareners in das Herz der Heranwachsenden gedrungen.

Jetzt da Alter und Erblindung die Witwe hilfsbeduerftig gemacht, vergalt
Miriam mit liebevoller Treue der Pflegerin ihrer Kindheit. Mit Ruehrung
nahm Arria diese Treue hin; ihr altes Herz umschloss mit Dank und Liebe und
Mitleid das herrliche Geschoepf, dessen maechtige Liebe zu dem jungen Goten
sie laengst erkannt und beklagt, aber nie gegenueber der scheuen Jungfrau
beruehrt hatte.

Am Abend des dritten Tages der Belagerung schritt Miriam nachdenklich die
breiten Mauerstufen nieder, die von der Turmpforte in den Garten fuehrten:
ihr edles, seelentiefes Auge glitt, in ernstes Sinnen verloren, ueber die
duftigen Blumen der Beete hin: auf der letzten Stufe blieb sie traeumend
stehen, die linke Hand auf den Mauerrand lehnend. Arria kniete auf dem
Betschemel, ihr den Ruecken wendend, und betete laut. Sie wuerde die Nahende
nicht bemerkt haben, wenn nicht gefluegeltes Leben ploetzlich den stillen
Hof beseelt haette: denn in den breiten Zweigen der Olive nisteten die
schoensten, weissen Tauben, der einsamen Miriam einzige Gespielinnen. Als
diese die vertraute Gestalt auf den Stufen erscheinen sahen, erhoben sie
sich alle, in schwirrendem Flug ihr Haupt umschwaermend; eine liess sich auf
des Maedchens linke Schulter nieder, die andere auf das feine Gelenk der
Rechten, die Miriam, aus ihrem Traume geweckt, laechelnd ausstreckte.

"Du bist's, Miriam! deine Tauben verkuenden dich!" sprach Arria sich
wendend. Und das schoene Maedchen stieg die letzte Stufe nieder, langsam,
die Voegel nicht zu verscheuchen: die Abendsonne fiel durch die Blaetter der
Olive auf ihre pfirsichroten Wangen: es war ein lieblich Bild.

"Ich bin's, Mutter!" sagte Miriam, sich zu ihr setzend. "Und ich hab' eine
Bitte. Wie lautet," fragte sie leiser, "dein Spruch vom Leben nach dem
Tode, dein Glaubensspruch? - "ich glaube an die Gemeinschaft"" - -

"An die Gemeinschaft der Heiligen, Auferstehung des Fleisches und ein
ewiges Leben." - "Wie koemmst du auf diese Gedanken."

"Ei nun," sagte Miriam, "mitten im Leben stehen wir im Tode, sagt der
Saenger von Zion. Und jetzt wir besonders! Fliegen nicht taeglich Pfeile und
Steine in die Strassen? Aber - ich will noch Blumen pfluecken!" sprach sie
wieder aufstehend.

Arria schwieg einen Augenblick. "Jedoch der Seegraf war heute schon da:
mir ist, ich haette seine helle Stimme gehoert."

Miriam erroetete leicht. "Sie sind nicht fuer ihn," - sprach sie dann ruhig
- "fuer sie." - "Fuer sie?" - "Ja, fuer seine Braut. Ich habe sie heute zum
erstenmal gesehen. Sie ist sehr schoen. Ich will ihr Rosen schenken." - "Du
hast sie gesprochen. Wie ist sie geartet?"

"Nur gesehen, sie bemerkte mich nicht. Ich schlich schon lange um den
Palast der Valerier, seit sie hier ist. Heute ward sie in die Saenfte
gehoben, sie ward in die Basilika getragen. Ich lehnte hinter der Saeule
ihres Hauses."

"Nun, ist sie seiner wuerdig?"

"Sie ist sehr schoen. Und vornehm. Und klug sieht sie aus: auch gut. Aber,"
seufzte Miriam, "nicht gluecklich. Ich will ihr Rosen schenken. - Mutter,"
sagte sie, nach einiger Zeit sich wieder mit ihren duftigen Blumen zu ihr
setzend, "was bedeutet das: die Gemeinschaft der Heiligen. Sollen nur die
Christen dann beisammen leben? Nein, nein!" fuhr sie fort, ohne die
Antwort abzuwarten, "das kann nicht sein. Entweder alle, alle Guten oder"
- und sie seufzte. "Mutter, in den Buechern Mosis steht nichts davon, dass
die Menschen erwachen aus dem Tode. O und es waere auch so schrecklich
nicht," sprach sie, die Rosen zusammenfuegend, "endlich ausruhn! Ganz
ausruhn! In suesser, stiller, traumloser Nacht. Ausruhn vom Leben! Denn
giebt es Leben ohne Schmerz? ohne Sehnen? ohne leisen, niegestillten
Wunsch? Ich kann's nicht denken."

Und sie hielt inne im Flechten ihres Kranzes, und stuetzte das Haupt auf
das Handgelenk. Die Tauben flogen weg: denn die Herrin achtete ihrer
nicht.

"Den Seinen hat der Herr," sprach Arria feierlich, "die selige Staette
bereitet: sie wird nicht mehr hungern noch duersten. Es wird auch nicht auf
sie fallen die Sonne, oder irgend eine Hitze. Denn Gott der Herr wird sie
leiten zu dem lebendigen Wasserbrunnen und abwischen alle Thraenen von
ihren Augen."

"Alle Thraenen von ihren Augen," sprach Miriam nach. "Rede weiter. Es
klingt so gut."

"Dort werden sie leben, wunschlos, den Engeln gleich: und sie werden Gott
schauen und sein Friede wird Palmenschatten ueber sie breiten: sie werden
vergessen Hass und Liebe und Schmerz und alles, was ihre Herzen bewegt auf
Erden. Und ich habe viel gebetet, Miriam, fuer dich: und auch deiner wird
sich der Herr erbarmen und dich versammeln zu den Seinen."

Aber Miriam schuettelte leise das Haupt. "Nein, Arria, da ist fast besserer
Trost der ewige Schlaf. Denn wie kann deine Seele lassen von dem, was
deiner Seele Leben ist? Wie kannst du abthun dein tiefstes Sein und doch
dieselbe bleiben? Wie soll ich selig sein und vergessen was ich liebe?
Ach, nur das, dass wir lieben, ist ja des Lebens wert. Und haett' ich zu
waehlen: hier alle Seligkeit des Himmels und sollte abthun meines Herzens
einzig Gut: oder behalten meines Herzens Liebe mit all' ihrer ewigen
Sehnsucht, - ich neidete den Seligen ihren Himmel nicht. Ich waehlte meine
Liebe und mein Weh."

"Kind, sprich nicht so! laestre nicht. Sieh, was geht ueber Mutterliebe?
nichts auf Erden! Doch wird auch sie im Himmel nicht mehr leben! Die
Liebe, die das Maedchen zieht zum Mann, sie ist ein Traum von Gold.
Mutterliebe ist ein ehern Band, das ewig schmerzend bindet. O mein
Jucundus, mein Jucundus! Moechtest du bald wieder kommen, dass ich dich noch
schauen kann hienieden, eh meine Augen volle Nacht bedeckt. Denn droben im
Himmelreich wird auch die Mutterliebe untergehen in der ewigen Liebe
Gottes und der Heiligen. Und doch moecht' ich ihn noch einmal fassen und
umfangen und mit den Haenden betasten sein geliebtes Haupt. Und hoere nur,
Miriam: ich hoffe und vertraue: bald, bald werd' ich ihn wiedersehen."

"Du darfst mir nicht sterben, Arria." - "Nein, so mein' ich's nicht! hier
auf Erden noch muss ich ihn wiedersehen. Ich muss ihn wieder kommen sehen
des Weges, den er gegangen."

"Mutter," sagte Miriam sanft, wie man einem Kinde einen Wahn ausredet,
"wie magst du noch immer daran glauben! Dein Jucundus ist seit dreissig
Jahren verschwunden!"

"Und doch kann er wiederkommen! Es ist nicht moeglich, dass der Herr all'
meiner Thraenen nicht geachtet, all' meiner Gebete. Was war er fuer ein
braver Sohn! Mit seiner Haende Arbeit ernaehrte er mich, bis er erkrankte
und Axt und Schaufel nicht mehr fuehren konnte: und wir litten Not. Da
sprach er: "Mutter, ich kann's nicht mehr mit ansehen, dass du darbest. Du
weisst, in den Gaengen des alten Tempels, dort unter dem Olivenstamm, sind
Schaetze der Heidenpriester vergraben: der Vater drang einmal hinein und
brachte eine goldene Spange zurueck. Ich will hineinschluepfen, so tief ich
kann, ob ich von dem verborgnen Gold nichts finde: und Gott wird mich
beschuetzen." - Und ich sagte Amen. Denn die Not war schwer: und ich wusste
wohl, der Herr werde den frommen Sohn der Witwe behueten.

Und wir beteten miteinander eine Stunde, hier vor dem Kreuz. Und dann
erhob sich mein Jucundus und drang in die Hoehlung dort unter den Wurzeln
der Olive. Ich horchte dem Schall seiner Bewegungen, bis er verhallte.

Er ist noch immer nicht zurueckgekommen.

Aber tot ist er nicht! O nein! Kein Tag vergeht, dass ich nicht denke:
heut' fuehrt ihn Gott zurueck. War nicht auch Joseph fern lange Jahre in
Aegyptenland? und doch haben Jakobs Augen ihn wieder gesehen. Und mir ist,
heut' oder morgen sehe ich ihn wieder. Denn heute Nacht im Traum hab' ich
ihn gesehen, wie er im weissen Gewand heraufschwebte aus der Hoehlung dort:
und beide Arme breitete er aus: und ich rief ihn beim Namen und wir waren
vereint auf ewig. Und so wird's werden: denn der Herr erhoeret das Flehen
der Betruebten und wer ihm traut, wird nicht zu Schanden werden."

Und die Alte erhob sich, drueckte Miriams Hand und ging in ihr kleines
Haeuschen.

Allmaehlich war der Mond voll aufgegangen und erhellte zauberisch das enge
Gaertchen, in das des Turmes schwere Schatten fielen: und stark dufteten
die Rosen. Miriam stand auf und blickte an dem Kreuz empor. "Welch
maechtiger Glaube! welch lebendiger Trost! welch milde Lehre! Ist es so?
Ist der Mann, der dort am Kreuz in Todesweh das Haupt gebeugt, ist er der
Messias? Ist er aufgefahren gen Himmel und sorget fuer die Seinen, wie ein
Hirt, der seine Laemmer weidet? - - - Ich aber zaehle nicht zu seiner Herde!
An jenem Trost hat Miriam keinen Teil. Mein Trost ist meine Liebe mit all'
ihrem Weh: sie ist meine Seele selbst geworden. Und ich sollte einst dort
oben ueber den Sternen hinschweben, ohne diese Liebe? Dann waer' ich nicht
Miriam mehr! Oder soll ich sie mit hinauf tragen: und wieder zurueckstehen?
und wieder durch alle Ewigkeit die Roemerin an seiner Seite sehen? Sollen
sie dort wohnen und wandeln in der Fuelle des Glanzes und ich im trueben
Nebel einsam folgen und nur von ferne leuchten sehen den Saum seines
weissen Gewandes? Nein, o nein, viel besser, wie meine Blumen hier,
erbluehen am Sonnenblick der Liebe, duften und gluehen eine kurze Weile, bis
sie die Sonne versengt, die sie geweckt und geopfert hat: und verwehen in
ewige Ruhe, nachdem der weiche, suesse, unselige Drang nach dem Lichte
gebuesst ..." - -

"Gute Nacht, Miriam, lebewohl!" rief eine melodische Stimme.

Und fast erschrocken blickte sie auf: und sah noch des Goten weissen Mantel
vor der Treppe um die Ecke verschwinden. Uliaris ging nach der
entgegengesetzten Seite. Rasch sprang sie die Stufen hinan und sah dem
weissen Mantel, der silbern im Mondlicht glaenzte, nach, lang, lang, bis er
verschwand in fernen Schatten.




                             Viertes Kapitel.


Alle Tage zweimal traten so Uliaris und Totila zusammen, berichteten ihre
Erfolge, ihre Verluste und prueften ihre Aussichten zur Rettung der Stadt.

Aber am zehnten Tage der Belagerung etwa rasselte Uliaris vor Tagesanbruch
auf das Verdeck von Totilas "Admiralschiff", eines morschen
Muraenenfaengers, wo der Seegraf von Neapel, von einem zerfetzten Segel
gedeckt, schlief. "Was ist?" rief Totila auffahrend, noch im Traum, "der
Feind? wo?" - "Nein, mein Junge, diesmal ist's noch Uliaris, nicht
Belisar, der dich weckt. Aber lange, beim Strahl, wird's nicht mehr
dauern." - "Uliaris, du blutest - dein Kopf ist verbunden!" - "Bah, war
nur ein Streifpfeil! Zum Glueck kein giftiger. Ich holt' ihn mir heut'
Nacht. Du musst wissen: die Dinge stehen schlecht, schlechter als je seit
gestern. Der blutige Johannes, Gott hau' ihn nieder, graebt sich wie ein
Dachs an unser Kastell Tiberii: und hat er das, dann: gute Nacht,
Neapolis! Gestern Abend hat er eine Schanze auf dem Huegel ueber uns
vollendet und wirft uns Brandpfeile auf die Koepfe. Ich wollt' ihn heute
Nacht aus seinem Bau werfen, ging aber nicht. Sie waren sieben gegen einen
und ich gewann nichts damit als diesen Schuss vor meinen grauen Kopf."

"Die Schanze muss weg," sagte Totila nachsinnend.

"Den Teufel auch, aber sie will nicht!

Allein mehr. Die Buerger, die Einwohner fangen an, schwierig zu werden.
Taeglich schiesst Belisar hundert stumpfe Pfeile mit seinem "Aufruf zur
Freiheit!" herein. Die wirken mehr noch als die tausend scharfen. Schon
fliegt hier und da ein Steinwurf von den Daechern auf meine armen Burschen.
Wenn das waechst - -! - Wir koennen nicht mit tausend Mann vierzigtausend
Griechen draussen abhalten und dreissigtausend Neapolitaner drinnen: drum
meine ich" - und sein Auge blickte finster -

"Was meinst du?"

"Wir brennen ein Stueck der Stadt nieder! Die Vorstadt wenigstens ..." -

"Damit uns die Leute lieber gewinnen? Nein, Uliaris, sie sollen uns nicht
mit Recht Barbaren schelten. Ich weiss ein besser Mittel - sie hungern: ich
habe gestern vier Schiffsladungen Oel und Korn und Wein hereingefuehrt, die
will ich verteilen." - "Oel und Korn, meinethalben! aber den Wein, nein!
Den fordre ich fuer meine Goten, die trinken schon lang Cisternenwasser,
pfui Teufel!" - "Gut, durstiger Held, ihr sollt den Wein fuer euch haben."
- "Nun? Und noch keine Botschaft von Ravenna? von Rom?" - "Keine! Mein
fuenfter Bote ist gestern fort." - "Gott hau' ihn nieder, unsern Koenig.

Hoere Totila, ich glaube nicht, dass wir lebendig aus diesen wurmstichigen
Mauern kommen!"

"Ich auch nicht!" sagte Totila ruhig und bot seinem Gast einen Becher
Wein.

Uliaris sah ihn an: dann trank er und sagte: "Goldjunge, du bist echt und
dein Caekuber auch. Und muss ich hier umkommen, wie ein alter Baer unter
vierzig Hunden, - mich freut's doch, dass ich dich dabei so gut kennen
gelernt: dich und deinen Caekuber." Mit dieser rauhen Freundlichkeit stieg
der graue Gote vom Verdeck.

Totila schickte den Leuten im Kastell Wein und Korn und sie labten sich
herzlich daran. Als aber Uliaris am andern Morgen aus dem Turm des
Kastells lugte, rieb er sich die Augen. Denn auf der Huegelschanze wehte
die blaue gotische Fahne. Totila war in der Nacht im Ruecken der Feinde
gelandet und hatte das Werk in kuehnem Anlauf genommen.

Aber diese neue Keckheit reizte den ganzen Zorn Belisars. Er schwur, den
verwegnen Planken ein Ende zu machen um jeden Preis. Hoechst erwuenscht
trafen ihm zur Stunde die vier Kriegsschiffe von Sicilien her aus der Hoehe
von Neapolis ein. Er befahl, sie sollten sofort in den Hafen von Neapolis
dringen und den Seeraeubern das Handwerk legen. Stolz rauschten noch am
Abend des gleichen Tages die vier maechtigen Trieren heran und legten sich
an der Einfahrt des Hafens vor Anker. Belisar selbst eilte mit seinem
Gefolge an die Kueste und freute sich, die Segel von der Abendsonne
vergoldet zu sehen: "Die aufgehende Sonne sieht sie in den Hafen der Stadt
fahren trotz jenem Tollkopf," sprach er zu Antonina, die ihn begleitete,
und wandte seinen Schecken zurueck nach dem Lager.

Noch hatte er am andern Morgen das Feldbett nicht verlassen - Prokopius,
sein Rechtsrat, stand vor ihm und las ihm den entworfnen Bericht an
Justinian - da erschien in seinem Zelt Chanaranges, der Perser, der Fuehrer
der Leibwaechter, und rief: "Die Schiffe, Feldherr, die Schiffe sind
genommen."

Wuetend sprang Belisar aus den Decken und rief: "Der soll sterben, der das
sagt."

"Besser waere es," meinte Prokopius, "der stuerbe, der es gethan." - "Wer
war es?" - "Ach Herr, der junge Gote mit blitzenden Augen und dem
leuchtenden Haar." - "Totila!" sprach Belisar, "schon wieder Totila."

"Die Bemannung lag zum Teil am Strand, bei meinen Vorposten, zum Teil
schlaftrunken unter Deck. Ploetzlich, um Mitternacht, wird's lebendig
ringsum, als waeren hundert Schiffe aus der Tiefe des Meeres getaucht." -
"Hundert Schiffe! Zehn Nussschalen hat er!" - "Im Augenblick und lang, eh'
wir vom Strand zu Hilfe kommen koennen, sind die Schiffe geentert, die
Leute gefangen, eine der Trieren, deren Ankertau nicht rasch zu kappen
war, in Brand gesteckt, die andern drei nach Neapolis gefuehrt."

"Sie sind noch frueher in den Hafen gekommen, als du dachtest, o Belisar,"
sprach Prokopius. Aber Belisar hatte sich jetzt wieder ganz in der Gewalt.
"Nun hat der kecke Knabe Kriegsschiffe! nun wird er unertraeglich werden.
Jetzt muss ein Ende werden." Er drueckte den praechtigen Helm auf das
majestaetische Haupt: "Ich wollte der Stadt, der roemischen Einwohner
schonen: es geht nicht laenger. Prokopius, geh und entbiete hierher die
Feldherren Magnus, Demetrius und Constantianus, Bessas und Ennes, und
Martinus, den Geschuetzmeister; ich will ihnen zu thun geben vollauf. Sie
sollen ihres Sieges nicht froh werden, die Barbaren, sie sollen Belisar
kennen lernen."

Alsbald erschien im Zelte des Oberfeldherrn ein Mann, der trotz des
Brustpanzers, den er trug, mehr einem Gelehrten als einem Krieger glich.
Martinus, der grosse Mathematiker, war eine friedliche, sanfte Natur, die
lange im stillen Studium des Euklid ihre Seligkeit gefunden. Er konnte
kein Blut sehen und keine Blume knicken. Aber seine mathematischen und
mechanischen Studien hatten ihn eines Tages dahin gefuehrt, eine neue
Wurfmaschine von furchtbarer Schleuderkraft, wie im Vorbeigehn, zu
erfinden; er legte den Plan Belisar vor und dieser, entzueckt, liess ihn gar
nicht mehr in sein Studierzimmer zurueck, sondern schleppte ihn sofort zum
Kaiser und zwang ihn "Geschuetzmeister des Magister-Militum per Orientem",
d. h. eben Belisars, zu werden; er erhielt einen glaenzenden Sold und war
kontraktlich verpflichtet, jedes Jahr eine neue Kriegsmaschine
herzustellen. Mit Seufzen ersann nun der sanfte Mathematiker jene
graesslichen Zerstoerungswerkzeuge, welche die Waelle der Festen, die Thore
der Burgen niederschmetterten, unloeschbares Feuer in die Staedte der Feinde
Justinians schleuderten und Menschen zu vielen Tausenden niederrafften. Er
hatte wohl jedes Jahr seine Freude an der mathematischen Aufgabe, die er
in unermuedlichem Fleiss sich stellte: aber war nun die Aufgabe geloest, so
dachte er mit Schaudern an die Wirkungen seiner Gedanken. Mit trauriger
Miene erschien er deshalb vor Belisar.

"Martine, Zirkeldreher," rief dieser ihm zu, "jetzt zeige deine Kunst! Wie
viele Katapulten, Ballisten, Wurfmaschinen im ganzen haben wir?" -
"Dreihundertfuenfzig, Herr!" - "Gut! Verteile sie um unsre ganze
Belagerungslinie! Oben im Norden, bei der Porta Capuana und bei dem
Kastell, die Mauerbrecher gegen die Waelle! Sie muessen nieder und waeren sie
Diamant. Vom Mittellager aus richte die Geschosse von oben, im Bogenwurf,
in die Strassen der Stadt. Biete alle Kraft auf, setze keinen Augenblick
aus, vierundzwanzig Stunden lang! Lass die Truppen sich abloesen. Lass alle
Werkzeuge spielen."

"Alle, Herr?" sprach Martinus. "Auch die neuen? Die Pyrobalisten, die
Brandgeschosse?" - "Auch die! die zumeist!" - "Herr, sie sind graesslich! du
kennst noch ihre Wirkung nicht." - "Wohlan! Ich will sie kennen lernen und
erproben." - "An dieser herrlichen Stadt? An des Kaisers Stadt? Willst du
Justinian einen Schutthaufen erobern?" Die Seele Belisars war edel und
gross.

Er war unwillig ueber sich, ueber Martinus, ueber die Goten. "Kann ich denn
anders?" zuernte er, "diese eisenkoepfigen Barbaren, dieser tolldreiste
Totila zwingen mich ja. Fuenfmal hab ich ihnen Ergebung angeboten. Es ist
Wahnsinn! Nicht dreitausend Mann stecken in den Waellen. Beim Haupte
Justinians! warum stehen die dreissigtausend Neapolitaner nicht auf und
entwaffnen die Barbaren?"

"Sie fuerchten wohl deine Hunnen aerger als ihre Goten," meinte Prokop.
"Schlechte Patrioten sind sie! Vorwaerts Martinus! In einer Stunde muss es
brennen in Neapolis."

"In kuerzerer Zeit," seufzte der Geschuetzmeister, "wenn es denn doch sein
muss. Ich habe einen kundigen Mann mitgebracht, der uns viel helfen kann
und die Arbeit vereinfachen: er ist ein lebendiger Plan der Stadt. Darf
ich ihn bringen?"

Belisar winkte und die Wache rief einen kleinen, juedisch aussehenden Mann
herein. "Ah, Jochem, der Baumeister!" sprach Belisar. "Ich kenne dich
wohl, von Byzanz her. Du wolltest ja die Sophienkirche bauen. Was ward
daraus?" "Mit eurer Gunst, Herr: nichts." - "Warum nichts?"

"Mein Plan belief sich nur auf eine Million Centenare Goldes: das war der
kaiserlichen Heiligkeit zu wenig. Denn je mehr eine Christenkirche
gekostet, desto heiliger und gottgefaelliger ist sie. Ein Christ forderte
das Doppelte und erhielt den Auftrag."

"Aber ich sah dich doch bauen in Byzanz?"

"Ja, Herr, mein Plan gefiel dem Kaiser doch! Ich aenderte ein wenig, nahm
die Altarstelle heraus und baute ihm danach eine Reitschule."

"Du kennst Neapolis genau? Von aussen und innen?"

"Von aussen und innen. Wie meinem Geldsack."

"Gut, du wirst dem Strategen die Geschuetze richten gegen die Waelle und in
die Stadt. Die Haeuser der Gotenfreunde muessen zuerst nieder. Vorwaerts!
mache deine Sache gut! sonst wirst du gepfaehlt. Fort!" - "Die arme Stadt!"
seufzte Martinus. "Aber du sollst sehen, Jochem, die Pyrobalisten, sie
sind hoechst genau - und sie gehen so leicht - ein Kind kann sie loslassen!
Und sie wirken allerliebst."

Und nun begann entlang dem ganzen Lager eine ungeheure und
verderbenschwangere Thaetigkeit. Die Gotenwachen auf den Zinnen sahen
herab, wie die schweren Kolosse, die Maschinen, mit zwanzig bis dreissig
Rossen, Kamelen, Eseln, Rindern bespannt, laengs den Mauern hingezogen und
auf der ganzen Linie verteilt wurden. Besorgt eilten Totila und Uliaris
auf die Waelle und suchten, Gegenmassregeln zu treffen. Saecke mit Erde
wurden an den von den Mauerbrechern bedrohten Stellen herabgelassen:
Feuerbraende bereit gehalten, die Maschinen, wann sie nahten, in Brand zu
stecken; siedendes Wasser, Pfeile und Steine gegen die Bespannung und die
Bedienung gerichtet: und schon lachten die Goten der feigen Feinde, als
sie bemerkten, wie die Maschinen, weit ausser der gewohnten Schussweite und
den Belagerten voellig unerreichbar, Halt machten.

Aber Totila lachte nicht.

Er erschrak, wie die Byzantiner ruhig die Bespannung abschirrten und ihre
Maschinen spannten. Noch war kein Geschoss entsandt.

"Nun?" spottete der junge Agila neben Totila, "wollen sie uns von da aus
beschiessen? Doch lieber gleich von Byzanz her uebers Meer! Es waere noch
sicherer!" Er hatte noch nicht ausgeredet, als ein vierzigpfuendiger Stein
ihn und die ganze Zinne, auf der er stand, herunterschmetterte: Martinus
hatte die Tragweite der Ballisten verdreifacht. Totila sah ein, dass sie
voellig widerstandslos sich von den Feinden mit Geschossen ueberhageln
lassen mussten.

Entsetzt sprangen die Goten von den Waellen herab und suchten Schutz in den
Strassen, den Haeusern, den Kirchen. Vergebens! Tausende und Tausende von
Pfeilen, Speeren, schweren Balken, Steinen, Steinkugeln sausten und
pfiffen im sichern Bogenschuss auf ihre Koepfe: ganze Felstruemmer kamen
geflogen und schlugen krachend durch Holzwerk und Getaefel der festesten
Daecher, waehrend im Norden gegen das Kastell unaufhoerlich der Sturmbock mit
seinen zermuerbenden Stoessen donnerte. Indes der dichte Hagel der Geschosse
buchstaeblich die Luft verfinsterte, betaeubte das prasselnde Niederfallen
der Steine, das brechende Gebaelk, die zerschmetterten Zinnen und der
Weheschrei der Getroffenen das Ohr mit furchtbarem Laerm. Erschrocken
fluechtete die zitternde Bevoelkerung in die Keller und Gewoelbe ihrer
Haeuser, Belisar und die Goten um die Wette verfluchend.

Aber noch hatte die bebende Stadt das Aergste nicht erfahren.

Auf dem Marktplatz, dem Forum des Trajan, nahe dem Hafen, stand ein
ungedecktes Haus, eine Art Schiffsarsenal, mit altem wohl getrocknetem
Holz, Werg, Flachs, Teer und dergleichen vollgefuellt. Da kam zischend und
dampfend ein seltsames Geschoss gefahren, traf in das Holzwerk und im
Augenblick, da es niederfiel, schlug hellauflodernd die Flamme hervor und
verbreitete sich, von dem Schiffsmaterial genaehrt, mit Windeseile. Jubelnd
begruessten draussen die Belagerer den hochaufwirbelnden Qualm und richteten
eifrig die Geschosse nach der Stelle, das Loeschen zu hindern.

Belisar ritt zu Martinus heran. "Gut," rief er, "Mann der Zirkel, gut! Wer
hat das Geschoss gerichtet?" - "Ich," sprach Jochem, "o ihr sollt zufrieden
sein mit mir. Gebt acht! Seht ihr da, rechts von der Brandstaette, das hohe
Haus mit den Statuen auf flachem Dach? Das ist das Haus der Valerier, der
groessten Freunde des Volkes von Edom. Gebt acht! Es soll brennen."

Und sausend fuhr der Brandpfeil durch die Luft und bald darauf schlug eine
zweite Flamme aus der Stadt gen Himmel.

Da sprengte Prokop heran und rief: "Belisarius, dein Feldherr Johannes
laesst dich gruessen: das Kastell des Tiberius brennt, der erste Wall liegt
nieder." Und so war es und bald standen vier, sechs, zehn Haeuser in allen
Teilen der Stadt in vollen Flammen.

"Wasser!" rief Totila, durch eine brennende Strasse nach dem Hafen
sprengend, "heraus, ihr Buerger von Neapolis! Loescht eure Haeuser. Ich kann
keinen Goten von dem Wall lassen. Schafft Faesser aus dem Hafen in alle
Strassen! Die Weiber in die Haeuser! - was willst du Maedchen? lass mich - Du
bist's, Miriam? Du hier? Unter Pfeilen und Flammen? Fort, was suchst du?"

"Dich," sprach das Maedchen. "Erschrick nicht. Ihr Haus brennt. Aber sie
ist gerettet."

"Valeria! um Gott, wo ist sie?" - "Bei mir. In unserm dichtgewoelbten Turm:
dort ist sie sicher. Ich sah die Flamme aufsteigen. Ich eilte hin. Dein
Freund mit der sanften Stimme trug sie aus dem Schutt: er wollte mit ihr
in die Kirche. Ich rief ihn an und fuehrte sie unter unser Dach. Sie
blutet. Ein Stein hat sie verletzt, an der Schulter. Aber es ist ohne
Gefahr. Sie will dich sehen. Ich kam, dich zu suchen!"

"Kind, Dank! Aber komm! komm fort von hier!"

Und rasch fasste er sie und schwang sie vor sich auf den Sattel. Zitternd
schlang sie beide Arme um seinen Nacken. Er aber hielt schuetzend mit der
Linken den breiten Schild ueber ihr Haupt und im Sturm sprengte er mit ihr
durch die dampfende Strasse nach der Porta Capuana.

"O jetzt - jetzt sterben - sterben an seiner Brust, wenn nicht mit ihm!"
betete Miriam.

Im Turme traf er Valeria, auf Miriams Lager gestreckt, unter Julius' und
ihrer Sklavinnen Hut. Sie war bleich und geschwaecht vom Blutverlust, aber
gefasst und ruhig. Totila flog an ihre Seite: hochklopfenden Herzens stand
Miriam am Fenster und sah schweigend hinaus in die brennende Stadt. - -

Kaum hatte sich Totila ueberzeugt, dass die Verwundung ganz leicht, als er
aufsprang und rief: "Du musst fort! sogleich! in dieser Stunde! In der
naechsten vielleicht erstuermt Belisar die Waelle. Ich habe alle meine
Schiffe nochmals mit Fluechtenden gefuellt: sie bringen dich nach Cajeta,
von da weiter nach Rom. Eile dann nach Taginae, wo ihr Gueter habt. Du musst
fort! Julius wird dich begleiten."

"Ja," sprach dieser, "denn wir haben Einen Weg."

"Einen Weg? wohin willst du?"

"Nach Gallien, in meine Heimat. Ich kann den furchtbaren Kampf nicht
laenger mit ansehn. Du weisst es selbst: ganz Italien erhebt sich gegen
euch, fuer eure Feinde: Meine Mitbuerger fechten unter Belisar: soll ich
gegen sie, soll ich gegen dich meinen Arm erheben? Ich gehe."

Schweigend wandte sich Totila zu Valeria.

"Mein Freund," sagte diese, "mir ist: der Glueckstern unsrer Liebe ist
erloschen fuer immer! Kaum hat mein Vater jenen Eid mit vor Gottes Thron
genommen, so faellt Neapolis, die dritte Stadt des Reichs."

"So traust du unserm Schwerte nicht?"

"Ich traue eurem Schwert, - nicht eurem Glueck! Mit den stuerzenden Balken
meines Vaterhauses sah ich die Pfeiler meiner Hoffnung fallen. Lebwohl, zu
einem Abschied fuer lange. Ich gehorche dir. Ich gehe nach Taginae."

Totila und Julius eilten mit den Sklaven hinaus, Plaetze in einer der
Trieren zu sichern.

Valeria erhob sich vom Lager, da eilte Miriam herzu, ihr die glaenzenden
Sandalen unter die Fuesse zu binden.

"Lass, Maedchen! du sollst mir nicht dienen," sprach Valeria. - "Ich thue es
gern," sagte diese fluesternd. "Aber goenne mir eine Frage." Und mit Macht
traf ihr blitzendes Auge die ruhigen Zuege Valerias. "Du bist schoen und
klug und stolz - aber sage mir, liebst du ihn? - du kannst ihn jetzt
verlassen! - Liebst du ihn mit heisser, alles verzehrender, allgewaltiger
Glut, liebst du ihn mit einer Liebe wie -"

Da drueckte Valeria das schoene, gluehende Haupt des Maedchens wie verbergend
an ihre Brust: "Mit einer Liebe wie du? Nein, meine suesse Schwester!
Erschrick nicht! Ich ahnt' es laengst nach seinen Berichten ueber dich. Und
ich sah es klar bei deinem ersten Blick auf ihn. Sorge nicht; dein
Geheimnis ist wohl gewahrt bei mir; kein Mann soll darum erfahren. Weine
nicht, bebe nicht, du suesses Kind. Ich liebe dich sehr um dieser Liebe
willen. Ich fasse sie ganz. Gluecklich, wer, wie du, in seinem Gefuehl ganz
aufgehen kann im Augenblick. Mir hat ein feindlicher Gott den
vorschauenden Sinn gegeben, der stets von der Stunde nach der Ferne
blickt. Und so seh' ich vor uns dunkeln Schmerz und einen langen, finstern
Pfad, der nicht in Licht endet. Ich kann dir aber den Stolz nicht lassen,
dass deine Liebe edler sei als meine, weil sie hoffnungslos. Auch meine
Hoffnung liegt in Schutt. Vielleicht waere es sein Glueck geworden, die
duftige Rose deiner schoenen Liebe zu entdecken: denn Valeria, - fuercht'
ich - wird die Seine nie. Doch leb wohl, Miriam! Sie kommen. Gedenke
dieser Stunde. Gedenke mein als einer Schwester und habe Dank, Dank fuer
deine schoene Liebe."

Wie ein entdecktes Kind hatte Miriam gezittert und vor der
Allesdurchschauenden fliehen wollen. Aber diese edle Sprache ueberwaeltigte
die Scheu ihres Herzens: reich flossen die Thraenen ueber die gluehendroten
Wangen: und heftig presste sie, vor Scheu und Scham und Weinen bebend, das
Haupt an der Freundin Brust.

Da hoerte man Julius kommen, Valeria abzurufen.

Sie mussten sich trennen: nur einen einzigen raschen Blick aus ihren
innigen Augen wagte Miriam auf der Roemerin Antlitz. Dann sank sie rasch
vor ihr nieder, umfasste ihre Knie, drueckte einen brennenden Kuss auf
Valerias kalte Hand und war im Nebengemach verschwunden.

Valeria erhob sich wie aus einem Traum und sah um sich.

Am Fenster in einer Vase duftete eine dunkelrote Rose.

Sie kuesste sie, barg sie an ihrer Brust, segnete mit rascher Handbewegung
die trauliche Staette, die ihr ein Asyl geboten, und folgte dann rasch
entschlossen Julius in einer gedeckten Saenfte nach dem Hafen, wo sie noch
von Totila kurzen Abschied nahm, ehe sie mit Julius das Schiff bestieg.
Alsbald drehte sich dieses mit maechtiger Wendung und rauschte zum Hafen
hinaus.

Totila sah ihnen wie traeumend nach.

Er sah Valeriens weisse Hand noch Abschied winken: er sah und sah den
fliehenden Segeln nach, nicht achtend der Geschosse, die jetzt immer
dichter in den Hafen zu rasseln begannen. Er lehnte an einer Saeule und
vergass einen Augenblick die brennende Stadt und sich und alles.

Da weckte ihn der treue Thorismuth aus seinen Traeumen.

"Komm, Feldherr," rief ihm dieser zu, "ueberall such' ich dich: Uliaris
will dich sprechen. - Komm, was starrst du hier in die See unter
klirrenden Pfeilen?"

Totila raffte sich langsam auf: "Siehst du," sagte er, "siehst du das
Schiff? - Da fahren sie hin! -"

"Wer?" fragte Thorismuth.

"Mein Glueck und meine Jugend," sprach Totila und wandte sich, Uliaris zu
suchen.

Dieser teilte ihm mit, dass er, Zeit zu gewinnen, soeben einen
Waffenstillstand auf drei Stunden, den Belisar, um Unterhandlungen zu
fuehren, angetragen, angenommen habe. "Ich werde nie uebergeben! Aber wir
muessen Ruhe haben, unsere Waelle zu flicken und zu stuetzen. Koemmt denn
nirgends Entsatz? hast du noch keine Nachricht auf dem Seeweg vom Koenig?

"Keine."

"Verflucht! Ueber sechshundert von meinen Goten sind vor den hoellischen
Geschossen gefallen. Ich kann gar die wichtigsten Posten nicht mehr
besetzen! Wenn ich nur wenigstens noch vierhundert Mann haette!"

"Nun," sprach Totila nachsinnend, "die kann ich dir schaffen, denk' ich.
In dem Castellum Aurelians, auf der Strasse nach Rom, liegen
vierhundertfuenfzig Mann Goten. Sie haben bisher erklaert, vom Koenig
Theodahad den unsinnigen, aber strengen Befehl zu haben, nicht Neapolis zu
verstaerken. Aber jetzt in dieser hoechsten Not! - Ich selbst will hin,
waehrend des Waffenstillstandes, und alles aufbieten, sie zu holen."

"Geh nicht! du kommst erst nach Ablauf des Stillstandes zurueck und die
Strasse ist dann nicht mehr frei. Du kommst nicht durch."

"Ich komme durch, mit Gewalt oder mit List: halte dich nur, bis ich zurueck
bin! Auf, Thorismuth, zu Pferd."

Waehrend Totila mit Thorismuth und wenigen Reitern zur Porta Capuana
hinausjagte, war der alte Isak, der unermuedlich auf den Waellen ausgeharrt
hatte, die Pause des Waffenstillstands benutzend, in seine Turmklause
zurueckgekehrt, die Tochter wiederzusehen und sich an Trank und Speise zu
laben. Als Miriam Wein und Brot gebracht hatte und aengstlich dem Bericht
Isaks von den Fortschritten der Feinde lauschte, erscholl ein hastiger,
unsteter Schritt auf der Treppe und Jochem stand vor dem erstaunten Paar.

"Sohn Rachels, wo kommst du her zu uebler Stunde, wie der Rabe vor dem
Unglueck? Wie kommst du herein? zu welchem Thor?" - "Das lass du meine Sorge
sein. Ich komme, Vater Isak, noch einmal zu fordern deiner Tochter Hand: -
zum letztenmal in diesem Leben."

"Ist jetzt Zeit zu freien und Hochzeit zu machen?" fragte Isak unwillig,
"die Stadt brennt und die Strassen liegen voll Leichen."

"Warum brennt die Stadt? warum liegen voll Leichen die Strassen? Weil die
Maenner von Neapolis halten zu dem Volk von Edom. Ja, jetzt _ist_ Zeit zu
freien. Gieb mir dein Kind, Vater Isak, und ich rette dich und sie. Ich
allein kann's." Und er griff nach Miriams Arm.

"Du mich retten?" rief diese, mit Ekel zuruecktretend. "Lieber sterben!"

"Ha, Stolze!" knirschte der grimmige Freier, "du liessest dich wohl lieber
retten von dem blondgelockten Christen? Lass sehen, ob er dich retten wird,
der Verfluchte, vor Belisar und mir. Ha, bei den langen, gelben Haaren
will ich ihn durch die Strassen schleifen und spucken in sein bleich
Gesicht."

"Hebe dich hinweg, Sohn Rachels," rief Isak, aufstehend und den Spiess
fassend. "Ich merke, du haeltst zu denen, die da draussen liegen! Aber das
Horn ruft, ich muss hinab; das jedoch sag' ich dir: noch mancher unter euch
wird ruecklings fallen, eh' ihr steigt ueber diese morschen Mauern."

"Vielleicht," grinste Jochem, "fliegen wir drueber wie die Voegel der Luft.
Zum letztenmal, Miriam, ich frage dich: lass diesen Alten, lass den
verfluchten Christen: - ich sage dir, der Schutt dieser Waelle wird sie
bald bedecken. Ich weiss, du hast ihn getragen im Herzen: - ich will dir's
verzeihen: - nur werde jetzt mein Weib." Und wieder griff er nach ihrer
Hand. - "Du mir meine Liebe verzeihn? Verzeihn, was so hoch ueber dir wie
die leuchtende Sonne ueber dem schleichenden Wurm? Waer ich's wert, dass ihn
je mein Auge gesehen, wenn ich dein Weib wuerde? Hinweg; hinweg von mir!"

"Ha," rief Jochem, "zu viel, zu viel! Mein Weib - du sollst es nimmer
werden! Aber winden sollst du dich in diesen Armen und den Christen will
ich dir aus dem blutenden Herzen reissen, dass es zucken soll in
Verzweiflung. Auf Wiedersehen."

Und er war aus dem Hause und alsbald aus der Stadt verschwunden.

Miriam, von bangen Gefuehlen bedraengt, eilte ins Freie: es trieb sie zu
beten: aber nicht in der dumpfen Synagoge: sie betete ja fuer ihn: und es
draengte sie, zu seinem Gott zu beten. Sie wagte sich scheuen Fusses in die
nahe Basilika Sankt Mariae, aus der man an Friedenstagen oft die Juedin mit
Fluechen verscheucht hatte. Aber jetzt hatten die Christen keine Zeit, zu
fluchen.

Sie kauerte sich in eine dunkle Ecke des Saeulenganges und vergass in heissem
Gebet bald sich selbst und die Stadt und die Welt: sie war bei ihm und bei
Gott. -

Inzwischen verlief die letzte Stunde der Waffenruhe; schon neigte sich die
Sonne dem Meeresspiegel zu. Die Goten flickten und stopften nach Kraeften
die zertruemmerten Mauerstellen, raeumten den Schutt und die Toten aus dem
Wege und loeschten die Braende. Da lief die Sanduhr zum drittenmal ab,
waehrend Belisar vor seinem Zelte seine Heerfuehrer versammelt hielt, des
Zeichens der Uebergabe auf dem Kastell des Tiberius harrend. "Ich glaub' es
nicht!" fluesterte Johannes zu Prokop. "Wer solche Streiche thut, wie ich
von jenem Alten gesehen, giebt die Waffen nicht ab. Es ist auch besser so:
da giebt's einen tuechtigen Sturm und dann eine tuechtige Pluenderung."

Und auf der Zinne des Kastells erschien Graf Uliaris und schleuderte
trotzig seinen Speer unter die harrenden Vorposten.

Belisar sprang auf. "Sie wollen ihr Verderben, die Trotzigen; wohlan, sie
sollen's haben. Auf, meine Feldherrn, zum Sturm. Wer mir zuerst unsre
Fahne auf den Wall pflanzt, dem geb' ich ein Zehntel der Beute."

Nach allen Seiten eilten die Anfuehrer auseinander: Ehrgeiz und Habsucht
spornten sie. Eben bog Johannes um die zerstoerten Bogen des Aquaedukts,
welchen Belisar durchbrochen, den Belagerten das Wasser zu entziehen, da
rief ihn eine leise Stimme.

Schon daemmerte es so stark, dass er nur mit Muehe den Rufenden erkannte.
"Was willst du, Jude?" rief Johannes eilig. - "Ich habe keine Zeit! Es
gilt harte Arbeit! Ich muss der erste sein in der Stadt."

"Das sollt ihr, Herr, ohne Arbeit, wenn ihr mir folgt."

"Dir folgen? weisst du einen Weg ueber die Mauer durch die Luft?"

"Nein! Aber unter der Mauer, durch die Erde. Und ich will ihn euch zeigen,
wenn ihr mir tausend Solidi schenkt und ein Maedchen zur Beute zusprecht,
das ich fordre."

Johannes blieb stehen: "Was du willst, sei dein. Wo ist der Weg?" -
"Hier!" sagte Jochem und schlug mit der Hand auf die Steine. - "Wie? die
Wasserleitung? woher weisst du?" - "Ich habe sie gebaut. Ein Mann kann,
gebueckt, durchschleichen; es ist kein Wasser mehr drin. Eben komme ich auf
diesem Wege aus der Stadt. Die Leitung muendet in einem alten Tempelhaus an
der Porta Capuana; nimm dreissig Mann und folge mir."

Johannes sah ihn scharf an. "Und wenn du mich verraetst?"

"Ich will zwischen euren Schwertern gehen. Luege ich, so stosst mich
nieder." - "Warte!" rief Johannes und eilte hinweg.




                             Fuenftes Kapitel.


Bald darauf erschien Johannes wieder mit seinem Bruder Perseus und
ungefaehr dreissig entschlossenen armenischen Soeldnern, die ausser ihren
Schwertern kurze Handbeile fuehrten. "Wenn wir drin sind," sprach Johannes,
"reissest du, Perseus, das Ausfallpfoertchen auf, rechts von der Porta
Capuana, im Augenblick, da die andern unsre Fahne auf dem Wall entfalten.
Auf dies Zeichen stuerzen von aussen meine Hunnen auf die Ausfallpforte.
Aber wer huetet den Turm an der Porta? Den muessen wir haben."

"Isak, ein grosser Freund der Edomiten, der muss fallen."

"Er faellt," sprach Johannes und zog das Schwert: "Vorwaerts!" Er war der
erste, der in den Hohlgang der Wasserleitung stieg. "Ihr beiden, Paukaris
und Gubazes, nehmt den Juden in die Mitte: beim ersten Verdacht - nieder
mit ihm!"

Und so, bald auf allen Vieren kriechend, bald gebueckt tastend, bei
voelliger Dunkelheit, rutschten und schlichen die Armenier ihm nach,
sorgfaeltig jeden Laerm ihrer Waffen vermeidend: lautlos krochen sie
vorwaerts.

Ploetzlich rief Johannes mit halber Stimme: "fasst den Juden! Nieder mit
ihm! - Feinde! Waffen! - - Nein, lasst!" rief er rasch, "es war nur eine
Schlange, die vorueber rasselte! Vorwaerts."

"Jetzt zur Rechten!" sprach Jochem, "hier muendet die Wasserleitung in
einen Tempelgang."

"Was liegt hier? - Knochen - ein Skelett!

Ich halt's nicht laenger aus! der Modergeruch erstickt mich! Hilfe!"
seufzte einer der Maenner.

"Lasst ihn liegen! vorwaerts!" befahl Johannes. "Ich sehe einen Stern." -
"Das ist das Tageslicht in Neapolis," sagte der Jude - "nun nur noch
wenige Ellen." -

Johannes' Helm stiess an die Wurzeln eines hohen Oelbaums, die sich im
Atrium des Tempelhauses breit ueber die Muendung des Tempelgangs spannten.

Wir kennen den Baum.

Den Wurzeln ausweichend, stiess er den Helm hell klirrend an die
Seitenwand: erschrocken hielt er an. Aber er hoerte zunaechst nur den
heftigen Fluegelschlag zahlreicher Tauben, die da hoch oben wild
verscheucht aus den Zweigen der Olive flogen.

"Was war das?" fragte ueber ihm eine heisere Stimme.

"Wie der Wind in dem alten Gestein wuehlt!" Es war die Witwe Arria. "Ach
Gott," sprach sie, sich wieder vor dem Kreuze niederwerfend: "erloese uns
von dem Uebel und lass die Stadt nicht untergehen, bis dass mein Jucundus
wieder kommt! Wehe, wenn er ihre Spur und seine Mutter nicht mehr findet.
O lass ihn wieder des Weges kommen, den er von mir gegangen: zeig ihn mir
wieder, wie ich ihn diese Nacht gesehen, aufsteigend aus den Wurzeln des
Baumes."

Und sie wandte sich nach der Hoehlung. "O! dunkler Gang, darin mein Glueck
verschwunden, gieb mir's wieder heraus! Gott, fuehr' ihn mir zurueck auf
diesem Wege." Sie stand mit gefalteten Haenden gerade vor der Hoehlung, die
Augen fromm gen Himmel gewendet.

Johannes stutzte. "Sie betet!" sagte er, "soll ich sie im Gebet
erschlagen?" - Er hielt inne; er hoffte, sie solle aufhoeren und sich
wenden. "Das dauert zu lange: ich kann unserm Herrgott nicht helfen!" Und
rasch hob er sich aus den Wurzeln heraus. Da schaute die Betende mit den
halberblindeten Augen nieder; sie sah aus der Erde steigen eine
schimmernde Mannesgestalt.

Ein Strahl der Verklaerung spielte um ihre Zuege. Selig breitete sie die
Arme aus. "Jucundus!" rief sie.

Es war ihr letzter Hauch. Schon traf sie des Byzantiners Schwert ins Herz.

Ohne Weheruf, ein Laecheln auf den Lippen, sank sie auf die Blumen: -
Miriams Blumen.

Johannes aber wandte sich und half rasch seinem Bruder Perseus, dann dem
Juden und den ersten dreien seiner Krieger herauf. "Wo ist das Pfoertchen?"
- "Hier links, ich gehe zu oeffnen!" Perseus wies die Krieger an. - "Wo ist
die Treppe zum Turm!" - "Hier rechts," sprach Jochem - es war die Treppe,
die zu Miriams Gemach fuehrte, wie oft war Totila hier hereingeschluepft! -
"still! der Alte laesst sich hoeren."

Wirklich, Isak war es. Er hatte von oben Geraeusch vernommen: er trat mit
Fackel und Speer an die Treppe: "Wer ist da unten? bist du's, Miriam, wer
kommt?" fragte er.

"Ich, Vater Isak," antwortete Jochem, "ich wollte euch nochmal fragen ..."
- und er stieg katzenleise eine Stufe hoeher. Aber Isak hoerte Waffen
klirren.

"Wer ist bei dir?" rief er und trat vorleuchtend um die Ecke. Da sah er
die Bewaffneten hinter Jochem kauern. "Verrat, Verrat!" schrie er, "stirb,
Schandfleck der Hebraeer!" Und wuetend stiess er Jochem, der nicht zurueck
konnte, die breite Partisane in die Brust, dass dieser ruecklings
hinabstuerzte. "Verrat!" schrie er noch einmal.

Aber gleich darauf hieb ihn Johannes nieder, sprang ueber die Leiche
hinweg, eilte auf die Zinne des Turmes und entfaltete die Fahne von
Byzanz. Da krachten unten Beilschlaege: das Pfoertchen fiel, von innen
eingeschlagen, hinaus und mit gellendem Jauchzen jagten - schon war es
ganz dunkel geworden - die Hunnen zu Tausenden in die Stadt.

Da war alles aus.

Ein Teil stuerzte sich mordend in die Strassen, ein Haufe brach die naechsten
Thore ein, den Bruedern draussen Eingang schaffend.

Rasch eilte der alte Uliaris mit seinem Haeuflein aus dem Kastell herbei:
er hoffte, die Eingedrungenen noch hinauszutreiben: umsonst: ein Wurfspeer
streckte ihn nieder. Und um seine Leiche fielen fechtend die zweihundert
treuen Goten, die ihn noch umgaben.

Da, als sie die kaiserliche Fahne auf den Waellen flattern sahen, erhoben
sich - unter Fuehrung alter Roemerfreunde, wie Stephanos und Antiochos des
Syrers, - ein eifriger Anhaenger der Goten, Kastor, der Rechtsanwalt, ward,
da er sie hemmen wollte, erschlagen - auch die Buerger von Neapolis: sie
entwaffneten die einzelnen Goten in den Strassen und schickten,
glueckwuenschend und dankend und ihre Stadt der Gnade empfehlend, eine
Gesandtschaft an Belisar, der, von seinem glaenzenden Stab umgeben, zur
Porta Capuana hereinritt.

Aber finster furchte er die majestaetische Stirn und ohne seinen Rotscheck
anzuhalten, sprach er: "Fuenfzehn Tage hat mich Neapolis aufgehalten. Sonst
lag ich laengst vor Rom, ja vor Ravenna. Was glaubt ihr, dass das dem Kaiser
an Recht und mir an Ruhm entzieht? Fuenfzehn Tage lang hat sich eure
Feigheit, eure schlechte Gesinnung von einer handvoll Barbaren beherrschen
lassen. Die Strafe fuer diese fuenfzehn Tage seien nur fuenfzehn Stunden -
Pluenderung. Ohne Mord: - die Einwohner sind Kriegsgefangene des Kaisers -
ohne Brand: denn die Stadt ist jetzt eine Feste von Byzanz. Wo ist der
Fuehrer der Goten? Tot?"

"Ja," sprach Johannes, "hier ist sein Schwert, Graf Uliaris fiel."

"Den meine ich nicht!" sprach Belisar. "Ich meine den jungen, den Totila.
Was ward aus ihm? Ich muss ihn haben."

"Herr," sprach einer der Neapolitaner, der reiche Kaufherr Asklepiodot,
vortretend, "wenn ihr mein Haus und Warenlager von der Pluenderung
ausnehmt, will ich's euch wohl sagen."

Aber Belisar winkte: zwei maurische Lanzenreiter ergriffen den Zitternden.
"Rebell, willst du mir Bedingungen machen? Sprich, oder die Folter macht
dich sprechen."

"Erbarmen! Gnade!" schrie der Geaengstigte. "Der Seegraf eilte mit wenigen
Reitern waehrend der Waffenruhe hinaus, Verstaerkung zu holen vom Castellum
Aurelians: er kann jeden Augenblick zurueckkehren."

"Johannes," rief Belisar, "der Mann wiegt so schwer wie ganz Neapolis. Wir
muessen ihn fangen! Du hast, wie ich befahl, den Weg nach Rom abgesperrt?
das Thor besetzt?"

"Es hat niemand nach dieser Richtung die Stadt verlassen koennen." sprach
Johannes.

"Auf! Blitzesschnell! wir muessen ihn hereinlocken!

Zieh rasch das gotische Banner auf dem Kastell des Tiberius wieder auf und
auf der Porta Capuana. Die gefangenen Neapolitaner stelle wieder bewaffnet
auf die Waelle: wer ihn warnt, mit einem Augenwinken, ist des Todes. Zieht
meinen Leibwaechtern gotische Waffen an. Ich selbst will dabei sein!
dreihundert Mann in der Naehe des Thors. Man lasse ihn ruhig herein. Sowie
er das Fallgitter hinter sich hat, laesst man's nieder. Ich will ihn lebend
fangen. Er soll nicht fehlen beim Triumphzug in Byzanz."

"Gieb mir das Amt, mein Feldherr," bat Johannes. "Ich schuld' ihm noch
Vergeltung fuer einen Kernhieb." Und er flog zurueck zur Porta Capuana, liess
die Leichen und alle Spuren des Kampfes wegschaffen und traf sonst seine
Massregeln.

Da draengte sich eine verschleierte Gestalt heran: "Um der Guete Gottes
willen," flehte eine liebliche Stimme, "ihr Maenner, lasst mich heran! Ich
will ja nur seine Leiche, - o gebt Acht! sein weisser Bart! o mein Vater."
Es war Miriam, die der Laerm pluendernder Hunnen aus der Kirche nach Hause
gescheucht hatte. Und mit der Kraft der Verzweiflung schob sie die Speere
zurueck und nahm das bleiche Haupt Isaks in ihre Arme.

"Weg, Maedel!" rief der naechste Krieger, ein sehr langer Bajuvare, ein
Soeldner von Byzanz: - Garizo hiess er. "Halt uns nicht auf! wir muessen den
Weg saeubern! In den Graben mit dem Juden!"

"Nein, nein!" rief Miriam und stiess den Mann zurueck.

"Weib!" schrie dieser zornig und hob das Beil. -

Aber die Arme schuetzend ueber des Vaters Leiche breitend und mit
leuchtenden Augen aufblickend blieb Miriam furchtlos stehen: - wie gelaehmt
hielt der Krieger inne: "Du hast Mut, Maedel!" sagte er, das Beil senkend.
"Und schoen bist du auch, wie die Waldfrau der Liusacha. Was kann ich dir
Liebes thun? du bist ganz wundersam anzuschauen." - "Wenn der Gott meiner
Vaeter dein Herz geruehrt," bat Miriams herzgewinnende Stimme, "hilf mir die
Leiche dort im Garten bergen: - das Grab hat er sich lange selbst
geschaufelt, - neben Sarah, meiner Mutter, das Haupt gegen Osten." - "Es
sei!" sprach der Bajuvare und folgte ihr. Sie trug das Haupt, er fasste die
Knie der Leiche: wenige Schritte fuehrten sie in den kleinen Garten: da lag
ein Stein unter Trauerweiden: der Mann waelzte ihn weg und sie senkten die
Leiche hinein, das Antlitz gegen Osten. -

Ohne Worte, ohne Thraenen starrte Miriam in die Grube: sie fuehlte sich so
arm jetzt, so allein; mitleidig, leise schob der Bajuvare die Steinplatte
darueber. "Komm!" sagte er dann. - "Wohin?" fragte Miriam tonlos. - "Ja,
wohin willst du?" - "Das weiss ich nicht! - Hab Dank," sprach sie und nahm
ein Amulett vom Halse und reichte es ihm: es war von Gold, eine Schaumuenze
vom Jordan, aus dem Tempel.

"Nein!" sagte der Mann und schuettelte das Haupt.

Er nahm ihre Hand und legte sie ueber seine Augen.

"So," sagte er, "das wird mir gut thun mein Leben lang. Jetzt muss ich
fort, wir muessen den Grafen fangen, den Totila. Leb wohl."

Dieser Name schlug in Miriams Herz: - noch einen Blick warf sie auf das
stille Grab und hinaus schluepfte sie aus dem Gaertchen. Sie wollte zum
Thore hinaus auf die Strasse: aber das Fallgitter war gesenkt, an den
Thoren standen Maenner mit gotischen Helmen und Schilden. Erstaunt sah sie
um sich.

"Ist alles vollzogen, Chanaranges?" - "Alles, er ist so gut wie gefangen."
- "Horch, vor dem Wall, - Pferdegetrappel - sie sind's! zurueck, Weib."

Draussen aber sprengten einige Reiter die Strasse heran gegen das Thor.

"Auf! auf, das Thor," rief Totila von weitem. Da spornte Thorismuth sein
Ross heran. "Ich weiss nicht, ich traue nicht!" rief er, "die Strasse war wie
ausgestorben und ebenso drueben das Lager der Feinde: kaum ein paar
Wachtfeuer brennen."

Da scholl von der Zinne ein Ruf des gotischen Hornes. "Der Bursch blaest ja
graesslich!" sprach Thorismuth zuernend. "Es wird ein Welscher sein," meinte
Totila. "Gebt die Losung," rief's herab auf lateinisch. "Neapolis,"
antwortete Totila entgegen. "Hoerst du's? Uliaris hat die Buerger bewaffnen
muessen. Auf das Thor! ich bringe frohe Kunde," fuhr er fort zu den oben
Aufgestellten, "vierhundert Goten folgen mir auf dem Fuss: und Italien hat
einen neuen Koenig."

"Wer ist's?" fragte es leise drinnen. "Der auf dem weissen Ross, der erste."
Da sprangen die Thorfluegel auf, gotische Helme fuellten den Eingang,
Fackeln glaenzten, Stimmen fluesterten.

"Auf mit dem Fallgitter," rief Totila, dicht heranreitend. Spaehend blickte
Thorismuth vor, die Hand vor den Augen. "Sie haben gestern getagt zu
Regeta," fuhr Totila fort, "Theodahad ist abgesetzt und Graf Witichis
..." -

Da hob sich langsam das Gitter und Totila wollte eben dem Ross den Sporn
geben, da warf sich vor die Hufen seines Hengstes ein Weib aus der Reihe
der Krieger. "Flieh," rief sie, "Feinde ueber dir! die Stadt ist gefallen!"
Aber sie konnte nicht vollenden: ein Lanzenstoss durchbohrte ihre Brust.

"Miriam!" schrie Totila entsetzt und riss sein Pferd zurueck.

Doch Thorismuth, der laengst Argwohn geschoepft, zerhieb, rasch
entschlossen, mit dem Schwert, durch das Gitter hindurch, das haltende
Seil, an dem das Thor auf und nieder ging, dass es droehnend vor Totila
niederschlug.

Ein Hagel von Speeren und Pfeilen fuhr durch das Gitter. "Auf das Gitter!
Hinaus auf sie!" rief Johannes von innen: aber Totila wich nicht.

"Miriam, Miriam," rief er im tiefsten Schmerz. Da schlug sie nochmal die
Augen auf, mit einem brechenden, von Liebe und Schmerz verklaerten Blick: -
dieser Blick sagte alles: er drang tief in Totilas Herz. "Fuer dich!"
hauchte sie und fiel zurueck. - Da vergass er Neapolis und die Todesgefahr.
"Miriam," rief er nochmals, beide Haende gegen sie ausbreitend. -

Da streifte ein Pfeil den Bug seines Pferdes, blitzschnell prallte das
edle Tier hochbaeumend zurueck. Das Fallgitter fing an, sich zu heben: da
fasste Thorismuth nach Totilas Zuegel, riss das Pferd herum und gab ihm einen
Schlag mit der flachen Klinge, dass es hinwegschoss. "Auf und davon, Herr,"
rief er, "ja, sie muessen flink sein, die uns einholen." Und brausend
sprengten die Reiter auf der Via Capuana den Weg zurueck, den sie gekommen;
nicht weit verfolgte sie Johannes, im Dunkel der Nacht und des Wegs
unkundig. Bald begegnete ihnen die heranziehende Besatzung vom Kastell
Aurelians: auf einem Huegel machten sie Halt, von wo man die Stadt mit
ihren Zinnen, in dem Schein der byzantinischen Wachtfeuer auf den Waellen,
liegen sah.

Erst jetzt raffte sich Totila aus seinem Schmerz, aus seiner Betaeubung
auf. "Uliaris!" seufzte er, "Miriam!" "Neapolis, - wir sehen uns wieder."
Und er winkte zum Aufbruch gen Rom.

Aber von Stund an war ein Schatte gefallen in des jungen Goten Seele: mit
dem heiligen Recht des Schmerzes hatte sich Miriam in sein Herz gegraben
fuer immerdar.

Als Johannes mit den Reitern von seiner fruchtlosen Verfolgung heimkehrte,
rief er, vom Pferde springend, mit wuetiger Stimme: "Wo ist die Dirne, die
ihn gewarnt? Werft sie vor die Hunde." Und er eilte zu Belisar, das
Missgeschick zu melden.

Aber niemand wusste zu sagen, wohin der schoene Leichnam geraten. Die Rosse
haetten sie zertreten, meinte die Menge. Aber einer wusste es besser:
Garizo, der Bajuvare. Der hatte sie im Tumult sachte, wie ein schlafend
Kind, auf seinen starken Armen davongetragen in das nahe Gaertchen, hatte
die Steinplatte von dem kaum geschlossenen Grabe gewaelzt und die Tochter
sorglich an des Vaters Seite gelegt: dann hatte er sie still betrachtet.

Aus der Ferne scholl das Getoese der gepluenderten Stadt, in der die
Massageten Belisars, trotz seines Verbots, brannten und mordeten und sogar
die Kirchen nicht verschonten, bis der Feldherr selbst, mit dem Schwert
unter sie fahrend, Einhalt schuf. -

Es lag ein edler Schimmer auf ihrem Antlitz, dass er nicht wagte, wie er so
gern gewollt, sie zu kuessen. So legte er denn ihr Gesicht gegen Osten und
brach eine Rose, die neben dem Grabe bluehte, und legte sie ihr auf die
Brust. Dann wollte er fort, seinen Teil an der Pluenderung zu nehmen. Aber
es liess ihn nicht fort: er wandte sich wieder um. Und er hielt die Nacht
ueber, an seinen Speer gelehnt, Totenwacht am Grabe des schoenen Maedchens.

Er sah auf zu den Sternen und betete einen uralten heidnischen Totensegen,
den ihn die Mutter daheim an der Liusacha gelehrt. Aber es war ihm nicht
genug: andaechtig betete er noch dazu ein christlich Vaterunser. Und als
die Sonne emporstieg, schob er sorgfaeltig den Stein ueber das Grab und
ging.

So war Miriam spurlos verschwunden.

Aber das Volk in Neapolis, das im stillen warm an Totila hing, erzaehlte,
schoenheitstrahlend sei sein Schutzengel herabgestiegen, ihn zu retten, und
wieder aufgefahren gen Himmel.




                            Sechstes Kapitel.


Der Fall von Neapolis war erfolgt wenige Tage nach der Versammlung zu
Regeta.

Und Totila stiess schon bei Formiae auf seinen Bruder Hildebad, den Koenig
Witichis mit einigen Tausendschaften schleunig abgesandt hatte, die
Besatzung der Stadt zu verstaerken, bis er selbst mit einem groesseren Heere
zum Entsatz herbeieilen koenne. Wie jetzt die Dinge standen, konnten die
Brueder nichts andres thun, als sich auf die Hauptmacht, nach Regeta,
zurueckziehen, wo Totila seinen traurigen Bericht von den letzten Stunden
von Neapolis erstattete. Der Verlust der dritten Stadt des Reiches, des
dritten Hauptbollwerks Italiens, musste den ganzen Kriegsplan der Goten
veraendern.

Witichis hatte die zu Regeta versammelten Scharen gemustert: es waren
gegen zwanzigtausend Mann. Diese, mit der kleinen Schar, die Graf Teja
eigenmaechtig zurueckgefuehrt, waren im Augenblick die ganze verfuegbare
Macht: bis die starken Heere, die Theodahad weit weg nach Suedgallien und
Noricum, nach Istrien und Dalmatien entsendet, wiewohl sofort zur
schnellen Rueckkehr aufgefordert, einzutreffen vermochten, konnte ganz
Italien verloren sein.

Gleichwohl hatte der Koenig beschlossen, sich mit diesen zwanzig
Tausendschaften in die Werke von Neapolis zu werfen und hier dem durch den
Zufluss der Italier auf mehr als die dreifache Uebermacht angeschwollenen
Heere der Feinde bis zum Eintreffen der Verstaerkungen Widerstand zu
leisten. Aber jetzt, da jene feste Stadt in Belisars Hand gefallen, gab
Witichis den Plan, sich ihm entgegenzustellen, auf. Sein ruhiger Mut war
ebensoweit von Tollkuehnheit wie von Zagheit entfernt.

Ja, der Koenig musste seiner Seele noch einen andern schmerzlicheren
Entschluss abringen. Waehrend in den Tagen nach dem Eintreffen Totilas in
dem Lager vor Rom sich der Schmerz und der Grimm der Goten in
Verwuenschungen ueber den Verraeter Theodahad, ueber Belisar, ueber die Italier
Luft machte, waehrend schon die kecke Jugend hier und da anhob, auf das
Zaudern des Koenigs zu schelten, der sie nicht gegen diese Griechlein
fuehren wolle, deren je vier auf einen Goten gingen, waehrend der Ungestuem
des Heeres schon ueber den Stillstand grollte, gestand sich der Koenig mit
schwerem Herzen die Notwendigkeit, noch weiter zurueckzuweichen und selbst
Rom voruebergehend preiszugeben.

Tag fuer Tag kamen Nachrichten, wie Belisars Heer anwachse: aus Neapolis
allein fuehrte er zehntausend Mann - als Geiseln zugleich und
Kampfgenossen, - von allen Seiten stroemten die Welschen zu seinen Fahnen:
von Neapolis bis Rom war kein Waffenplatz fest genug, Schutz gegen solche
Uebermacht zu gewaehren und die kleineren Staedte an der Kueste oeffneten dem
Feind mit Jubel die Thore.

Die gotischen Familien aus diesen Gegenden fluechteten in das Lager des
Koenigs und berichteten, wie gleich am Tage nach dem Falle von Neapolis
Cumae und Atella sich ergeben, darauf folgten Capua, Cajeta und selbst das
starke Benevent. Schon standen die Vorposten Belisars, hunnische,
saracenische und maurische Reiter, bei Formiae. Das Gotenheer erwartete und
verlangte eine Schlacht vor den Thoren Roms.

Aber laengst hatte Witichis die Unmoeglichkeit erkannt, mit zwanzigtausend
Mann einem Belisar, der bis dahin hunderttausend zaehlen konnte, im offnen
Feld entgegenzutreten. Eine Zeit lang hegte er die Hoffnung, die maechtigen
Befestigungen Roms, das stolze Werk des Cethegus, gegen die byzantinische
Ueberflutung halten zu koennen: aber bald musste er auch diesen Gedanken
aufgeben.

Die Bevoelkerung Roms zaehlte, dank dem Praefekten, mehr waffenfaehige und
waffengeuebte Maenner denn seit manchem Jahrhundert: und stuendlich
ueberzeugte sich der Koenig, von welcher Gesinnung diese beseelt waren.
Schon jetzt hielten die Roemer kaum noch ihren Hass wider die Barbaren
zurueck: es blieb nicht bei feindlichen und hoehnischen Blicken: schon
konnten sich Goten in den Strassen nur in guter Bewaffnung und grossen
Scharen blicken lassen: taeglich fand man vereinzelte gotische Wachen von
hinten erdolcht.

Und Witichis konnte sich nicht verhehlen, dass diese Elemente des
Volksgeistes gegliedert und geleitet waren von schlauen und maechtigen
Haeuptern: den Spitzen des roemischen Adels und des roemischen Klerus. Er
musste sich sagen, dass, sowie Belisar vor den Mauern erscheinen werde, das
Volk von Rom sich erheben und mit dem Belagerer vereint die kleine
gotische Besatzung erdruecken wuerde.

So hatte Witichis den schweren Entschluss gefasst, Rom, ja ganz
Mittelitalien aufzugeben, sich nach dem festen und verlaessigen Ravenna zu
werfen, hier die mangelhaften Ruestungen zu vollenden, alle gotischen
Streitkraefte an sich zu ziehen und dann mit einem gleich starken Heere den
Feind aufzusuchen.

Er war ein Opfer, dieser Entschluss.

Denn auch Witichis hatte sein redlich Teil der germanischen Rauflust und
es war seinem Mut eine herbe Zumutung, anstatt frisch drauf loszuschlagen,
zurueckweichend seine Verteidigung zu suchen. Aber noch mehr. Nicht
ruehmlich war es fuer den Koenig, der um seiner Tapferkeit willen auf den
Thron des feigen Theodahad gehoben worden, wenn er sein Regiment mit
schimpflicher Flucht begann: er hatte Neapolis verloren in den ersten
Tagen seiner Herrschaft: sollte er jetzt freiwillig Rom, die Stadt der
Herrlichkeiten, sollte er mehr als die Haelfte von Italien preisgeben? Und
wenn er seinen Stolz bezwang um des Volkes willen, - wie musste das Volk
von ihm denken? Diese Goten mit ihrem Ungestuem, ihrer Verachtung der
Feinde! Konnte er irgend hoffen, ihren Gehorsam zu erzwingen? Denn ein
germanischer Koenig hatte mehr zu raten, vorzuschlagen, als zu befehlen und
zu gebieten. Schon mancher germanische Koenig war von seinem Volksheer
wider seinen Willen zu Kampf und Niederlage gezwungen worden. Er fuerchtete
ein Gleiches: und schweren Herzens wandelte er einst des Nachts im Lager
zu Regeta in seinem Zelte auf und ab.

Da nahten hastige Schritte und der Vorhang des Zeltes ward aufgerissen:
"Auf, Koenig der Goten," rief eine leidenschaftliche Stimme, "jetzt ist
nicht Zeit, zu schlafen!" - "Ich schlafe nicht, Teja," sprach Witichis,
"seit wann bist du zurueck? Was bringst du?" - "Eben schritt ich ins Lager,
der Tau der Nacht ist noch auf mir. Wisse zuerst: sie sind tot." - "Wer?"
- "Der Verraeter und die Moerderin!" - "Wie? du hast sie beide erschlagen?"
- "Ich schlage keine Weiber. Theodahad, dem Schandkoenig, folgte ich zwei
Tage und zwei Naechte. Er war auf dem Weg nach Ravenna, er hatte starken
Vorsprung. Aber mein Hass war noch rascher als seine Todesangst. Schon bei
Narnia holte ich ihn ein: zwoelf Sklaven begleiteten seine Saenfte: sie
hatten nicht Lust, fuer den Elenden zu sterben: sie warfen die Fackeln weg
und flohn.

Ich riss ihn aus der Saenfte und drueckte ihm sein eigenes Schwert in die
Faust: er aber fiel nieder, bat um sein Leben und fuehrte zugleich einen
heimtueckischen Stoss nach mir. Da schlug ich ihn, wie ein Opfertier: mit
drei Streichen. Einen fuer das Reich: und zwei fuer meine Eltern. Und ich
hing ihn an seinem goldenen Guertel auf, an der offenen Heerstrasse, an
einem duerren Eibenbaum: da mag er hangen, ein Frass fuer die Voegel des
Himmels, eine Warnung fuer die Koenige der Erde."

"Und was ward aus ihr?"

"Sie fand ein schrecklich Ende!" sprach Teja schaudernd.

"Als ich von hier nach Rom kam, wusste man nur, dass sie verschmaeht, den
Feigling zu begleiten: er floh allein. Gothelindis aber rief seine
kappadokische Leibwache zusammen und verhiess den Maennern goldne Berge,
wenn sie zu ihr halten und mit ihr nach Dalmatien und in das feste Salona
sich werfen wollten.

Die Soeldner schwankten und wollten erst das verheissne Gold sehen. Da
versprach Gothelindis, es zu bringen und ging. Seitdem war sie
verschwunden. Wie ich wieder durch Rom kam, war sie freilich gefunden." -
"Nun?" - "Sie hatte sich in die Katakomben gewagt, allein, ohne Fuehrer,
einen dort vergrabnen Schatz zu holen. Sie muss sich in diesem Labyrinth
verirrt haben, sie fand den Ausgang nicht mehr. Suchende Soeldner trafen
sie noch lebend: ihre Fackel war nicht herabgebrannt, sondern fast voellig
erhalten: sie musste alsbald erloschen sein, nachdem sie die Hoehlung
beschritten. Wahnsinn sprach aus ihrem Blick: lange Todesangst,
Verzweiflung haben dieses boese Weib zermuerbt: sie starb, sowie sie ans
Tageslicht gebracht war."

"Schrecklich!" rief Witichis. - "Gerecht!" sagte Teja. "Aber hoere weiter."

Eh' er beginnen konnte, eilten Totila, Hildebad, Hildebrand und andre
gotische Fuehrer ins Zelt: "Weiss er's?" fragte Totila. - "Noch nicht,"
sagte Teja. - "Empoerung!" rief Hildebad! "Empoerung! Auf, Koenig Witichis,
wehre dich deiner Krone! Lege dem Knaben das Haupt vor die Fuesse."

"Was ist geschehn" fragte Witichis ruhig.

"Graf Arahad von Asta, der eitle Laffe, hat sich empoert. Er ist gleich
nach deiner Wahl davongeritten gegen Florentia, wo sein aelterer Bruder,
der stolze Herzog von Tuscien, Guntharis, haust und herrscht. Da haben die
Woelsungen viel Anhang gefunden, haben die Goten ueberall aufgerufen gegen
dich zum Schutz der "Koenigslilie", wie sie sie nennen: Mataswintha sei die
Erbin der Krone. Sie haben sie als Koenigin ausgerufen. Sie weilte in
Florentia, fiel also gleich in ihre Gewalt. Man weiss nicht, ist sie
Guntharis Gefangene oder Arahads Weib. Nur das weiss man, dass sie avarische
und gepidische Soeldner geworben, den ganzen Anhang der Amaler und ihre
ganze Sippe und Gefolgschaft, zu all' dem grossen Anhang der Woelsungen,
bewaffnet haben. Dich schelten sie den Bauernkoenig: sie wollen Ravenna
gewinnen!"

"O schicke mich nach Florentia mit nur drei Tausendschaften!" rief
Hildebad zornig. "Ich will dir diese Koenigin der Goten samt ihrem adeligen
Buhlen in einem Vogelkaefig gefangen bringen."

Aber die andern machten besorgte Gesichter. "Es sieht finster her!" sprach
Hildebrand. "Belisar mit seinen Hunderttausenden vor uns: - im Ruecken das
schlangenhafte Rom, - all' unsre Macht noch fuenfzig Meilen fern - und
jetzt noch Bruderkrieg und Aufruhr im Herzen des Reiches! der Donner
schlag' in dieses Land."

Aber Witichis blieb ruhig und gefasst wie immer. Er strich mit der Hand
ueber die Stirn. "Es ist vielleicht gut so," sagte er dann. "Jetzt bleibt
uns keine Wahl. Jetzt _muessen_ wir zurueck." - "Zurueck?" fragte Hildebad
zuernend. - "Ja! Wir duerfen keinen Feind im Ruecken lassen. Morgen brechen
wir das Lager ab und gehn ..." - "Gegen Neapolis vor?" sagte Hildebad. -
"Nein! Zurueck nach Rom! Und weiter, nach Florentia, nach Ravenna! Der
Brand der Empoerung muss zertreten sein, eh' er noch recht entglommen." -
"Wie? du weichst vor Belisar zurueck?" - "Ja, um desto staerker vorzugehen,
Hildebad! Auch die Bogensehne spannt die Kraft zurueck, den toedlichen Pfeil
zu schnellen." - "Nimmermehr!" sprach Hildebad, "das kannst - das darfst
du nicht."

Aber ruhig trat Witichis auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die
Schulter: "Ich bin dein Koenig. Du hast mich selbst gewaehlt. Hell klang vor
andern _dein_ Ruf: "Heil Koenig Witichis!" Du weisst es, Gott weiss es: nicht
ich habe die Hand ausgestreckt nach dieser Krone! Ihr habt sie mir auf das
Haupt gedrueckt: nehmt sie herunter, wenn ihr sie mir nicht mehr
anvertraut. Aber solang ich sie trage, traut mir und gehorcht: sonst seid
ihr mit mir verloren."

"Du hast recht," sagte der lange Hildebad und senkte das Haupt. "Vergieb
mir! Ich mach' es gut im naechsten Gefecht."

"Auf, meine Feldherrn," schloss Witichis, den Helm aufsetzend, "du, Totila,
eilst mir in wicht'ger Sendung zu den Frankenkoenigen nach Gallien: ihr
andern, fort zu euren Scharen, brecht das Lager ab: mit Sonnenaufgang
geht's nach Rom."




                            Siebentes Kapitel.


Wenige Tage darauf, am Abend des Einzugs der Goten in Rom, finden wir die
jungen "Ritter": Lucius und Marcus Licinius, Piso, den Dichter, Balbus,
den Feisten, Julianus, den jungen Juristen, bei Cethegus dem Praefekten in
vertrautem Gespraech.

"Das also ist die Liste der blinden Anhaenger des kuenftigen Papstes
Silverius, meiner schlimmsten Argwoehner? Ist sie vollstaendig?" - "Sie ist
es. Es ist ein hartes Opfer," rief Lucius Licinius, "das ich dir bringe,
Feldherr. Haett' ich gleich, wie das Herz mich antrieb, Belisar aufgesucht,
ich haette jetzt schon Neapolis mit belagert und bestuermt, statt dass ich
hier die Katzentritte der Priester belausche und die Plebejer marschieren
und in Manipeln schwenken lehre." - "Sie lernen's doch nie wieder," meinte
Marcus.

"Geduldet euch," sagte Cethegus ruhig, ohne von einer Papyrusrolle
aufzublicken, die er in der Hand hielt. "Ihr werdet euch bald genug und
lang genug mit diesen gotischen Baeren balgen duerfen. Vergesst nicht, dass
das Raufen doch nur Mittel ist, nicht Zweck."

"Weiss nicht," zweifelte Lucius.

"Die Freiheit ist der Zweck und Freiheit fordert Macht," sprach Cethegus;
"wir muessen diese Roemer wieder an Schild und Schwert gewoehnen, sonst -"
der Ostiarius meldete einen gotischen Krieger. Unwillige Blicke tauschten
die jungen Roemer.

"Lass ihn ein!" sprach Cethegus, seine Schreibereien in einer Kapsel
bergend. Da eilte ein junger Mann im braunen Mantel der gotischen Krieger,
einen gotischen Helm auf dem Haupt, herein und warf sich an des Praefekten
Brust.

"Julius!" sprach dieser kalt zuruecktretend. "Wie sehn wir uns wieder! Bist
du denn ganz ein Barbar geworden. Wie kamst du nach Rom?"

"Mein Vater, ich geleite Valeria unter gotischem Schutz: ich komme aus dem
rauchenden Neapolis." - "Ei," grollte Cethegus, "hast du mit deinem
blonden Freund gegen Italien gestritten? Das steht einem Roemer gut! Nicht
wahr, Lucius?" - "Ich habe nicht gefochten und werde nicht fechten in
diesem Krieg, dem unseligen. Weh denen, die ihn entzuendet."

Cethegus mass ihn mit kalten Blicken. "Es ist unter meiner Wuerde und ueber
meiner Geduld, einem Roemer die Schande solcher Gesinnung vorzuhalten.
Wehe, dass ein solcher Abtruenniger mein Julius. Schaeme dich vor diesen
deinen Altersgenossen. Seht, roemische Ritter, hier ist ein Roemer ohne
Freiheitsdurst, ohne Zorn auf die Barbaren!"

Aber ruhig schuettelte Julius das Haupt. "Du hast sie noch nicht gesehen,
die Hunnen und Massageten Belisars, die euch die Freiheit bringen sollen.
Wo sind denn die Roemer, von denen du sprichst? Hat sich Italien erhoben
seine Fesseln abzuwerfen? Kann es sich noch erheben? Justinian kaempft mit
den Goten, nicht wir. Wehe dem Volk, das ein Tyrann befreit."

Cethegus gab ihm im geheimen recht, aber er wollte solche Worte nicht
billigen vor Fremden: "Ich muss allein mit diesem Philosophen disputieren.
Berichtet mir, wenn bei den Frommen etwas geschieht."

Und die Kriegstribunen gingen, mit veraechtlichen Blicken auf Julius.

"Ich moechte nicht hoeren, was die von dir reden!" sagte Cethegus, ihnen
nachsehend. - "Das gilt mir gleich. Ich folge meinen eignen und nicht
fremden Gedanken." - "Er ist Mann geworden," sagte Cethegus zu sich
selbst.

"Und meine tiefsten und besten Gedanken, die diesen Krieg verfluchen,
fuehren mich hierher. Ich komme, dich zu retten und zu entfuehren aus dieser
schwuelen Luft, aus dieser Welt von Falschheit und Luege. Ich bitte dich,
mein Freund, mein Vater: folge mir nach Gallien." - "Nicht uebel," laechelte
Cethegus. "Ich soll Italien aufgeben im Augenblick, da die Befreier nahen!
Wisse: ich war es, der sie herbeigerufen, ich habe diesen Kampf entfacht,
den du verfluchst." - "Ich dacht' es wohl," sprach Julius schmerzlich.
"Aber wer befreit uns von den Befreiern, wer endet diesen Kampf?"

"Ich," sprach Cethegus ruhig und gross. "Und du, mein Sohn, sollst mir
dabei helfen. Ja, Julius, dein vaeterlicher Freund, den du so kalt und
nuechtern schiltst, hat auch eine begeisterte Schwaermerei, wenn auch nicht
fuer Maedchenaugen und gotische Freundschaften. Lass diese Knabenspiele
jetzt, du bist ein Mann. Gieb mir die letzte Freude meines oeden Lebens und
sei der Genosse meiner Kaempfe und der Erbe meiner Siege! Es gilt Rom,
Freiheit, Macht! Juengling, koennen dich diese Worte nicht ruehren? Denk'
dir," fuhr er, waermer werdend, fort, "diese Goten, diese Byzantiner - ich
hasse sie wie du - die einen durch die andern erschoepft, aufgerieben, und
ueber den Truemmern ihrer Macht erhebt sich Italien, Rom in alter
Herrlichkeit! Auf dem kapitolinischen Huegel thront wieder der Herrscher
ueber Morgen- und Abendland: eine neue roemische Weltherrschaft, stolzer als
sie dein caesarischer Namensvetter getraeumt, verbreitet Zucht, Segen und
Furcht ueber die Erde ..." -

"Und der Herrscher dieses Weltreichs heisst - Cethegus Caesarius!"

"Ja - und nach ihm: Julius Montanus! Auf, Julius, du bist kein Mann, wenn
dich dies Ziel nicht lockt!"

Julius sprach bewundernd: "Mir schwindelt! Das Ziel ist sternenhoch: aber
deine Wege, - sie sind nicht gerade. Ja, waeren sie gerade, bei Gott, ich
teilte deinen Gang.

Ja, rufe die roemische Jugend zu den Waffen, herrsche beiden Barbarenheeren
zu: "Raeumt das heilige Latium!" fuehre einen offnen Krieg gegen die
Barbaren und gegen die Tyrannen: und an deiner Seite will ich stehen und
fallen!" - "Du weisst recht gut, dass dieser Weg unmoeglich ist." - "Und
deshalb - ist's dein Ziel!" - "Thor, erkennst du nicht, dass es gewoehnlich
ist, aus gutem Stoff ein Gebilde fertigen, dass es aber goettlich ist, aus
dem Nichts, nur mit eigner schoepferischer Kraft, eine neue Welt schaffen."
- "Goettlich? durch List und Luege? Nein." - "Julius!" - "Lass mich offen
sprechen, deshalb bin ich gekommen.

O koennt ich dich zurueckrufen von dem daemonischen Pfade, der dich sicher in
Nacht und Verderben fuehrt. Du weisst, - wie ich dein Bild verehre und
liebe. Es will mir nicht stimmen zu dieser Verehrung, was Griechen, Goten,
Roemer von dir fluestern."

"Was fluestern sie?" fragte Cethegus stolz.

"Ich mag's nicht denken: aber alles, was in diesen Zeiten Furchtbares
geschehen: Athalarichs, Kamillas, Amalaswinthens Untergang, der Byzantiner
Landung, - du wirst dabei genannt, wie der Daemon, der alles Boese schafft.
Sage mir, schlicht und treu, dass du frei bist von dunkeln" -

"Knabe!" fuhr Cethegus auf, "willst du mir zur Beichte sitzen und zu
Gericht? Lerne erst das Ziel begreifen, eh du die Mittel schiltst.

Meinst du, man baut die Weltgeschichte aus Rosen und Lilien? Wer das Grosse
will, muss das Grosse thun, nennen's die Kleinen gut oder schlecht." - "Nein
und dreimal nein! ruft dir mein ganzes Herz entgegen. Fluch dem Ziel, zu
dem nur Frevel fuehren. Hier scheiden sich unsre Pfade."

"Julius, geh nicht! Du verschmaehst, was noch nie einem Sterblichen geboten
ward. Lass mich einen Sohn haben, fuer den ich ringe, dem ich die Erbschaft
meines Lebens hinterlassen kann." - "Fluch und Luege und Blut kleben daran.
Und sollt ich sie schon jetzt antreten: - ich will sie nie! Ich gehe, dass
sich dein Bild nicht noch mehr vor mir verdunkle. Aber ich flehe dich um
Eins: wann der Tag kommt (und er wird kommen), da dich ekelt all des
Blutes und des frevlen Trachtens und des Zieles selbst, das solche Thaten
fordert, - - dann rufe mir: ich will herbeieilen, wo immer ich sei, und
will dich losringen und loskaufen von den daemonischen Maechten und sei's um
den Preis meines Lebens."

Leichter Spott zuckte zuerst um des Praefekten Lippe, aber er dachte: "Er
liebt mich noch immer. - Gut, ich werde ihn rufen, wenn das Werk
vollendet: lass sehen, ob er ihm dann widerstehen kann, ob er den Thron des
Erdkreises ausschlaegt." - "Wohl," sagte er, "ich werde dich rufen, wenn
ich dein bedarf. Leb wohl." Und mit kalter Handbewegung entliess er den
Heissbewegten.

Aber als die Thuere hinter ihm zugefallen, nahm der eisige Praefekt ein
kleines Relief von getriebenem Erz aus einer Kapsel und betrachtete es
lang. Dann wollte er es kuessen. Aber ploetzlich flog der hoehnische Zug
wieder um seine Lippen. "Schaeme dich vor Caesar, Cethegus," sagte er, und
legte das Medaillon wieder in die Kapsel. Es war ein Frauenkopf und Julius
sehr aehnlich.




                             Achtes Kapitel.


Inzwischen war es dunkler Abend geworden. Der Sklave brachte die zierliche
Bronzelampe, korinthische Arbeit: ein Adler, der im Schnabel den
Sonnenball traegt, gefuellt mit persischem Duftoel. "Ein gotischer Krieger
steht draussen, Herr, er will dich allein sprechen. Er sieht sehr
unscheinbar aus. Soll er die Waffen ablegen?" "Nein," sagte Cethegus, "wir
fuerchten die Barbaren nicht. Lass ihn kommen." Der Sklave ging und Cethegus
legte die Rechte an den Dolch im Busen seiner Tunika.

Ein stattlicher Gote trat ein, die Mantelkapuze ueber den Kopf geschlagen:
er warf sie jetzt zurueck.

Cethegus trat erstaunt einen Schritt naeher. "Was fuehrt den Koenig der Goten
zu mir?"

"Leise!" sprach Witichis. "Es braucht niemand zu wissen, was wir beide
verhandeln. Du weisst: seit gestern und heute ist mein Heer von Regeta in
Rom eingezogen. Du weisst noch nicht, dass wir Rom morgen wieder raeumen
werden."

Cethegus horchte hoch auf.

"Das befremdet dich?" - "Die Stadt ist fest," sagte Cethegus ruhig. "Ja,
aber nicht die Treue der Roemer. Benevent ist schon abgefallen zu Belisar.
Ich habe nicht Lust, mich zwischen Belisar und euch erdruecken zu lassen."

Vorsichtig schwieg Cethegus, er wusste nicht, wo das hinaus sollte.
"Weshalb bist du gekommen, Koenig der Goten?" - "Nicht um dich zu fragen,
wie weit man den Roemern trauen kann. Auch nicht, um zu klagen, dass wir
ihnen so wenig trauen koennen, die doch Theoderich und seine Tochter mit
Wohltaten ueberhaeuft; - sondern um grad und ehrlich ein paar Dinge mit dir
zu schlichten, zu eurem wie zu unsrem Frommen."

Cethegus staunte. In der stolzen Offenheit dieses Mannes lag etwas, das er
beneidete. Er haette es gern verachtet. "Wir werden Rom verlassen, und
alsbald werden die Roemer Belisar aufnehmen. Das wird so kommen. Ich kann's
nicht hindern. Man hat mir geraten, die Haeupter des Adels als Geiseln mit
hinwegzufuehren."

Cethegus erschrak und hatte Muehe, das zu verbergen.

"Dich vor allen, den Princeps Senatus." - "Mich!" laechelte Cethegus. -
"Ich werde dich hier lassen. Ich weiss es wohl: du bist die Seele von Rom."

Cethegus schlug die Augen nieder. "Ich nehme das Orakel an," dachte er.

"Aber eben deshalb lass' ich dich hier. Hunderte, die sich Roemer nennen,
wollen die Byzantiner zu ihren Herren, - du, du willst das nicht."

Cethegus sah ihn fragend an.

"Taeusche mich nicht! Wolle mich nicht taeuschen. Ich bin der Mann
verschlagner Kuenste nicht. Aber mein Auge sieht der Menschen Art. Du bist
zu stolz, um Justinian zu dienen. Ich weiss, du hassest uns. Aber du liebst
auch diese Griechen nicht und wirst sie nicht laenger hier dulden als du
musst. Deshalb lass ich dich hier: vertritt du Rom gegen die Tyrannen: ich
weiss, du liebst die Stadt."

Es war etwas an diesem Mann, das Cethegus zum Staunen zwang. "Koenig der
Goten," sagte er, "du sprichst klar und gross wie ein Koenig: ich danke dir.
Man soll nicht sagen von Cethegus, dass er die Sprache der Groesse nicht
versteht. Es ist, wie du sagst: ich werde mein Rom nach Kraeften roemisch
erhalten."

"Gut," sagte Witichis, "sieh, man hat mich gewarnt vor deiner Tuecke: ich
weiss viel von deinen schlauen Plaenen: ich ahne noch mehr: und ich weiss,
dass ich gegen Falschheit keine Waffe habe. Aber du bist kein Luegner. Ich
wusste, ein maennlich Wort ist unwiderstehlich bei dir: und Vertrauen
entwaffnet einen Feind, der ein Mann."

"Du ehrst mich, Koenig der Goten.

Ich will dich warnen: weisst du, wer die waermsten Freunde Belisars?" - "Ich
weiss es: Silverius und die Priester." - "Richtig. Und weisst du, dass
Silverius, sowie der alte Papst Agapetus gestorben, den Bischofstuhl von
Rom besteigen wird?"

"So hoer' ich.

Man riet mir, auch ihn als Geisel fortzufuehren. Ich werd' es nicht thun.
Die Italier hassen uns genug. Ich will nicht noch in das Wespennest der
Pfaffen stossen. Ich fuerchte die Maertyrer."

Aber Cethegus waere den Priester gern los geworden. "Er wird gefaehrlich auf
dem Stuhl Petri," meinte er.

"Lass ihn nur! Der Besitz dieses Landes wird nicht durch Priesterkunst
entschieden." - "Wohlan," sprach Cethegus, die Papyrusrolle vorzeigend,
"ich habe hier die Namen seiner waermsten Freunde zufaellig beisammen. Es
sind wichtige Maenner."

Er wollte ihm die Liste aufdringen und hoffte, die Goten sollten so seine
gefaehrlichsten Feinde als Geiseln mitfuehren.

Aber Witichis wies ihn ab. "Lass das! Ich werde gar keine Geiseln nehmen.
Was nuetzt es, ihnen die Koepfe abzuschlagen? Du, dein Wort soll mir fuer Rom
buergen."

"Wie meinst du das? ich kann Belisar nicht abhalten."

"Du sollst es nicht: Belisar wird kommen: aber verlass' dich drauf: er wird
auch wieder gehn. Wir Goten werden diesen Feind bezwingen: vielleicht erst
nach hartem Kampf: aber gewiss. Dann aber gilt es den zweiten Kampf um
Rom."

"Einen zweiten?" fragte Cethegus ruhig, "mit wem?"

Aber Witichis legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihm ins Antlitz
mit einem Auge wie die Sonne: "Mit dir, Praefekt von Rom!"

"Mit mir!" Und er wollte laecheln, aber er konnte nicht.

"Verleugne nicht dein Liebstes, Mann: es ist deiner nicht wuerdig. Ich weiss
es, fuer wen du die Tuerme und Schanzen um diese Stadt erbaut: nicht fuer uns
und nicht fuer die Griechen! fuer dich! Ruhig! Ich weiss, was du sinnest,
oder ich ahn' es: kein Wort! Es sei! Sollen Griechen und Goten um Rom
kaempfen und kein Roemer? Aber hoere: Lass nicht einen zweiten jahrelangen
Krieg unsre Voelker hinraffen.

Wenn wir die Byzantiner niedergekaempft, hinausgeworfen aus unserm Italien,
- dann, Cethegus, will ich dich erwarten vor den Mauern Roms; nicht zur
Schlacht unsrer Voelker, - zum Zweikampf: Mann gegen Mann, du und ich, wir
wollen's um Rom entscheiden."

Und in des Koenigs Blick und Ton lag eine Groesse, eine Wuerde und Hoheit, die
den Praefekten verwirrte. Er wollte heimlich spotten der einfaeltigen
Schlichtheit des Barbaren. Aber es war ihm, als koenne er sich selbst nie
mehr achten, wenn er diese Groesse nicht zu achten, nicht zu ehren, nicht zu
erwidern faehig sei. So sprach er ohne Spott: "Du traeumst, Witichis, wie
ein gotischer Knabe."

"Nein, ich denke und handle wie ein gotischer Mann. Cethegus, du bist der
einzige Roemer, den ich wuerdige, so mit ihm zu reden. Ich habe dich fechten
sehen im Gepidenkrieg: du bist meines Schwertes wuerdig. Du bist aelter als
ich, wohlan: ich gebe dir den Schild voraus!"

"Seltsam seid ihr Germanen," sagte Cethegus unwillkuerlich: "was fuer
Phantasien!"

Aber jetzt furchte Witichis die offne Stirn: "Phantasien? Wehe dir, wenn
du nicht faehig bist, zu fuehlen, was aus mir spricht. Wehe dir, wenn Teja
recht behaelt! Er lachte zu meinem Plan und sprach: "das fasst der Roemer
nicht!" Und er riet mir, dich gefangen mitzufuehren. Ich dachte groesser von
dir und Rom. Aber wisse: Teja hat dein Haus umstellt: und bist du so klein
oder so feig, mich nicht zu fassen, - in Ketten fuehren wir dich aus deinem
Rom. Schmach dir, dass man dich zwingen muss zur Ehre und zur Groesse."

Da ergrimmte Cethegus. Er fuehlte sich beschaemt. Jenes Ritterliche war ihm
fremd und es aergerte ihn, dass er es nicht verhoehnen konnte. Es aergerte
ihn, dass man ihn mit Gewalt noetigte, dass man seiner freien Wahl misstraut
habe. Wuetender Hass gegen Tejas Missachtung wie gegen des Koenigs brutale
Offenheit loderte in ihm auf. All diese Eindruecke rangen in ihm, er haette
gern den Dolch in des Germanen breite Brust gestossen. Fast haette er vorhin
aus soldatischem Ehrgefuehl im vollen Ernst sein Wort gegeben. Jetzt
durchzuckte ihn ein davon sehr verschiedenes, unschoenes Gefuehl der
Schadenfreude. Sie hatten ihm nicht getraut, die Barbaren: sie hatten ihn
gering erachtet: nun sollten sie gewiss betrogen sein! Und mit scharfem
Blick vortretend fasste er des Koenigs Hand. "Es gilt," rief er.

"Es gilt," sprach Witichis, fest seine Hand drueckend.

"Mich freut es, dass ich recht behielt und nicht Teja. Leb wohl! huete mir
unser Rom. Von dir fordre ich es wieder in ehrlichem Kampf." Und er ging.

"Nun," sprach Teja draussen mit den andern Goten rasch vortretend, "soll
ich das Haus stuermen?"

"Nein," sagte Witichis, "er gab mir sein Wort."

"Wenn er's nur haelt!"

Da trat Witichis heftig zurueck. "Teja! dich macht dein finstrer Sinn
ungerecht!

Du hast kein Recht, an eines Helden Ehre zu zweifeln. Cethegus ist ein
Held."

"Er ist ein Roemer. Gute Nacht!" sagte Teja, das Schwert einsteckend. Und
er ging mit seinen Goten andren Weges.

Cethegus aber warf sich diese Nacht unwillig aufs Lager. Er war uneins in
sich. Er grollte mit Julius. Er grollte bitter mit Witichis, bittrer noch
mit Teja. Am bittersten mit sich selbst.

                              --------------

Am folgenden Tage versammelte Witichis noch einmal Volk, Senat und Klerus
der Stadt bei den Thermen des Titus. Von der hoechsten Stufe der
Marmortreppe des stolzen Gebaeudes herab, die von den Grossen des Heeres
besetzt war, hielt der Koenig eine schlichte Ansprache an die Roemer. Er
erklaerte, dass er auf kurze Zeit die Stadt raeumen und zurueckweichen werde.
Bald aber werde er wiederkehren.

Er erinnerte sie der Milde der gotischen Herrschaft, der Wohlthaten
Theoderichs und Amalaswinthens, und forderte sie auf, Belisar, falls er
heranruecke, mutig zu widerstehen, bis die Goten zum Entsatz wieder
heranrueckten: der Roemer wieder an die Waffen gewoehnte Legionare und ihre
starken Mauern machten langen Widerstand moeglich.

Zuletzt forderte er den Eid der Treue und liess sie nochmals feierlich
schwoeren, dass sie ihre Stadt auf Leben und Tod gegen Belisar verteidigen
wollten. Die Roemer zoegerten: denn ihre Gedanken waren jetzt schon im Lager
Belisars und sie scheuten den Meineid.

Da scholl dumpfer feierlicher Gesang von der Sacra Via her: und an dem
flavischen Amphitheater vorbei zog eine grosse Prozession von Priestern mit
Psalmengesang und Weihrauchschwang heran. In der Nacht war Papst Agapet
gestorben und in aller Eile hatte man Silverius, den Archidiakon, zu
seinem Nachfolger gewaehlt.

Langsam und feierlich wogte das Heer von Priestern heran: die Insignien
der Bischofswuerde von Rom wurden vorausgetragen: silberstimmige Knaben
sangen in suessen und doch weihevollen Weisen.

Endlich nahte die Saenfte des Papstes: offen, breit, reichvergoldet, einem
Schiffe nachgebildet. Die Traeger gingen langsam, Schritt fuer Schritt, nach
dem Takt der Musik, von ringsum draengendem Volk umwogt, das nach dem Segen
seines neuen Bischofs verlangte.

Silverius spendete unablaessig denselben, mit seinem klugen Haupte rechts
und links hin nickend.

Eine grosse Zahl von Priestern und ein Zug von speertragenden Soeldnern
schloss die Prozession. Sie hielt inne, als sie in die Mitte des Platzes
gelangt war.

Schweigend, mit trotzigen Augen, sahen die arianischen, gotischen Krieger,
die alle Muendungen des Platzes besetzt hielten, den stolzen,
prachtentfaltenden Aufzug der ihnen feindlichen Kirche, indes die Roemer
die Ankunft ihres Seelenhirten um so freudiger begruessten, als seine Stimme
ihre Gewissenszweifel wegen des zu leistenden Eides loesen sollte.

Eben wollte Silverius seine Ansprache an das versammelte Volk beginnen,
als der Arm eines turmlangen Goten, ueber die Bruestung der Saenfte
hereinlangend, ihn an dem goldbrokatnen Mantel zupfte.

Unwillig ob der wenig ehrerbietigen Stoerung wandte Silverius das strenge
Gesicht, aber uneingeschuechtert sprach der Gote, den Ruck wiederholend:
"Komm, Priester, du sollst hinauf zum Koenig."

Silverius haette es angemessener gefunden, wenn der Koenig zu ihm
heruntergekommen waere, und Hildebad schien etwas dergleichen in seinen
Mienen zu lesen. Denn er rief: "'s ist nicht anders! duck' dich,
Pfaefflein!"

Und damit drueckte er einen der die Saenfte tragenden Priester an der
Schulter nieder: die Traeger liessen sich nun auf die Kniee herab und
seufzend stieg Silverius heraus, Hildebad auf die Treppe folgend.

Als er vor Witichis angelangt war, ergriff dieser seine Hand, trat mit ihm
vor, an den Rand der Treppe, und sprach: "Ihr Maenner von Rom, diesen hier
haben eure Priester zu eurem Bischof bezeichnet. Ich genehmige die Wahl:
er sei Papst, sobald er mir Gehorsam geschworen und euch den Eid der Treue
fuer mich abgenommen hat. Schwoere, Priester!"

Nur einen Augenblick war Silverius betroffen.

Aber sogleich wieder gefasst, wandte er sich mit salbungsvollem Laecheln zu
dem Volk, dann zum Koenig. "Du befiehlst?" sprach er.

"Schwoere," rief Witichis, "dass du in unsrer Abwesenheit alles aufbieten
wirst, diese Stadt Rom in Treue zu den Goten zu erhalten, denen sie soviel
verdankt; in allen Stuecken uns zu foerdern, unsre Feinde aber zu schaedigen.
Schwoere Treue den Goten."

"Ich schwoere," sagte Silverius, sich zu dem Volke wendend. "Und so fordre
ich, der ich die Macht habe, die Seelen zu binden und zu loesen, euch, ihr
Roemer, umstarret rings von gotischen Waffen, auf, im gleichen Sinne zu
schwoeren, wie ich geschworen habe."

Die Priester und einige der Vornehmen schienen verstanden zu haben und
erhoben unbedenklich die Finger zum Schwur. Da besann sich auch die Menge
nicht laenger und der Platz erscholl von dem lauten Ruf: "Wir schwoeren
Treue den Goten."

"Es ist gut, Bischof von Rom," sprach der Koenig. "Wir bauen auf euren
Schwur. Lebt wohl, ihr Roemer! Bald werden wir uns wieder sehen." Und er
schritt die breiten Stufen nieder. Teja und Hildebad folgten ihm.

"Jetzt bin ich nur begierig ..." - sagte Teja.

"Ob sie es halten?" meinte Hildebad.

"Nein. Gar nicht. Aber wie sie's brechen. Nun, der Priester wird's schon
finden."

Und mit fliegenden Fahnen zogen die Goten ab zur Porta Flaminia hinaus,
die Stadt ihrem Papst und dem Praefekten ueberlassend, waehrend Belisar in
Eilmaerschen auf der Via Latina nahte.




                             Neuntes Kapitel.


In der Stadt Florentia waltete eifriges kriegerisches Leben. Die Thore
waren geschlossen: auf den Zinnen und Mauerkronen schritten zahlreiche
Wachen, in den Strassen klirrte es von Zuegen reisiger Goten und bewaffneter
Soeldner: denn die Woelsungen Guntharis und Arahad hatten sich in diese
Stadt geworfen und sie einstweilen zum Hauptwaffenplatz des Aufstandes
gegen Witichis gemacht.

In der schoenen Villa, die sich Theoderich in einer Vorstadt am Ufer des
Arnus, aber noch in den Ringmauern der Stadt, gebaut, hausten die beiden
Brueder.

Herzog Guntharis von Tuscien, der aeltere, war ein gefuerchteter Kriegsmann
und seit Jahren Graf der Stadt Florentia: rings in ihrem Weichbild lagen
die Gueter des maechtigen Adelsgeschlechts, von Tausenden von Colonen und
Hintersassen bebaut: ihre Macht in dieser Stadt und Landschaft war ohne
Schranken und Herzog Guntharis war entschlossen, sie voellig zu gebrauchen.

In voller Ruestung, den Helm auf dem Haupt, schritt der stattliche Mann
unwillig durch das marmorgetaefelte Zimmer, indes der juengere Bruder in
schmucker Feiertracht, ohne Waffen, schweigend und sinnend an dem
Citrustisch lehnte, der von Briefen und Pergamenten bedeckt war.

"Entschliesse dich, mach' vorwaerts, mein Junge!" sprach Guntharis: "es ist
mein letztes Wort. Noch heute bringst du mir das Ja des stoerrigen Kindes
oder ich - hoerst du? - ich selbst gehe, es zu holen. Aber dann, wehe ihr.
Ich weiss besser als du umzuspringen mit einem launischen Maedchenkopf."

"Bruder, das wirst du nicht."

"Beim Donner, das werd' ich. Meinst du, ich wage meinen Kopf, ich versaeume
das Glueck unsres Hauses um deine schmachtende Zartheit? Jetzt oder nie ist
der Augenblick, den Woelsungen endlich die erste Stelle im Volk zu
schaffen, die ihnen gebuehrt und von der Amaler und Balten sie seit
Jahrhunderten ausgeschlossen. Wird die letzte Amalungentochter dein Weib,
kann niemand dir die Krone bestreiten: und mein Schwert soll sie schon
schuetzen auf deinem Haupt gegen diesen Bauernkoenig Witichis.

Aber nicht zu lange mehr darf's waehren. Ich habe noch keine Nachricht von
Ravenna: doch ich fuerchte, die Stadt wird nur Mataswintha, nicht uns,
zufallen, das heisst, nicht uns allein; wer sie hat, hat aber Italien,
nachdem Neapolis und Rom verloren: die maechtige Festung muessen _wir_
haben. Deshalb muss sie dein Weib sein, eh' wir vor die Rabenmauern ziehen:
sonst wird ruchbar, dass sie mehr unsre Gefangene als unsre Koenigin."

"Wer wuenscht das mehr, heisser als ich? aber ich kann sie doch nicht
zwingen?" - "Nicht? warum nicht? Suche sie auf und gewinne sie im guten
oder boesen. Ich gehe, die Wachen auf den Waellen zu verstaerken. Bis ich
zurueck bin, will ich Antwort!"

Herzog Guntharis ging: und seufzend machte sich sein Bruder nach dem
Garten auf, Mataswintha zu suchen.

Der Garten war von einem kunstverstaendigen Freigelassenen aus Kleinasien
angelegt. Er hatte im Hintergrund einen waldaehnlichen Abschluss, der, frei
von Beeten und Terrassen, das wunderbar reiche Wiesengruen noch erhalten
hatte. Diese blumigen Wiesenufer und dichte Oleanderbuesche durchrieselte
ein klarer Bach, mit anmutigem Gewoge.

Dicht an dem Rande des Baches, im weichen Grase hingegossen, lag eine
jugendliche Frauengestalt. Sie hatte von dem rechten Arm das Gewand
zurueckgeschlagen und schien bald mit den murmelnden Wellen, bald mit den
nickenden Blumen am Rande zu spielen. Sinnend sah sie vor sich hin und
warf wie traeumend hier und da ein Veilchen oder einen Krokus in die
Wellen, mit leise geoeffneten Lippen der Bluete nachsehend, die rasch die
klaren Wellen entfuehrten.

Dicht hinter ihren Schultern kniete ein junges Maedchen in maurischer
Sklaventracht, eifrig beschaeftigt, einen Kranz fertig zu flechten, an
welchem nur die letzten Verbindungen fehlten: sorgsam spaehte die
anmutfeine Kleine manchmal, ob die Traeumende ihre heimliche Arbeit nicht
gewahre.

Aber diese schien ganz in ihre Phantasien verloren.

Endlich war der zierliche Kranz vollendet: mit lachenden Augen drueckte sie
ihn auf das prachtvolle feuerfarbne Haar der Herrin und bog sich um ihre
Schulter, deren Blick zu suchen. Aber diese hatte gar nicht bemerkt, wie
die Blumen ihr Haupt beruehrten. Da ward die Kleine unwillig und rief mit
schmollend aufgeworfnen Lippen: "Aber Herrin, bei den Palmenwipfeln des
Auras, was denkest du wieder? Bei wem bist du?"

Mataswintha schlug die leuchtenden Augen auf: "Bei ihm!" fluesterte sie.

"Weisse Goettin, das trag' ich nicht mehr!" rief die Kleine aufspringend,
"es ist zu arg, die Eifersucht bringt mich um! Nicht mich, deine Gazelle
nur, auch die eigne Schoenheit vergisst du - ueber dem unsichtbaren Mann:
schau' doch nur einmal in die Wellen und sieh, wie reizend dein Haar von
den dunkeln Veilchen und weissen Anemonen sich hebt."

"Dein Kranz ist schoen!" sagte Mataswintha, ihn herunterlangend und dann
leicht in die Wellen werfend, "welch' suesse Blumen! Gruesst ihn von mir."

"Ach, meine armen Blumen!" rief die Sklavin, ihnen nachblickend; aber sie
wagte nicht, weiter zu schelten. "Sag' mir nur," rief sie, sich wieder
niederlassend, "wie all' dies enden soll? Da sind wir jetzt schon viele
Tage, wir wissen nicht recht, Koenigin oder Gefangne? Jedenfalls in fremder
Gewalt: haben den Fuss nicht aus deinem Gemach oder diesem hochummauerten
Garten gesetzt und wissen nichts von der ganzen Welt. Du aber bist immer
still und selig, als muesste das alles so sein."

"Es muss auch alles so sein."

"So? und wie wird es enden?"

"Er wird kommen und wird mich befreien."

"Nun, Weisslilie! du hast einen starken Glauben. Waeren wir daheim im
Mauretanierland und saehe ich dich Nachts zu den Sternen blicken, so sagte
ich wohl: du habest das alles in den Sternen gelesen. Aber so! Ich
begreife das nicht" - und sie schuettelte die schwarzen Locken - "ich werde
dich nie begreifen."

"Doch, Aspa! du wirst und sollst," sprach Mataswintha sich aufraffend, und
zaertlich den weissen Arm um den braunen Nacken schlingend, "deine treue
Liebe verdient laengst diesen Lohn, den besten, den ich zu spenden habe."

In der Sklavin dunkles Auge trat eine Thraene. "Lohn?" sprach sie. "Aspa
ward geraubt von wilden Maennern mit roten, fliegenden Locken. Aspa ist
eine Sklavin. Alle haben sie gescholten, viele geschlagen. Du hast mich
gekauft wie man eine Blume kauft. Und du streichelst mir Wange und Haar.
Und bist so schoen wie die Goettin der Sonne und sprichst von Lohn?" Und sie
schmiegte das Koepfchen an der Herrin Busen.

"Du bist meine Gazelle!" sagte diese "und hast ein Herz wie Gold. Du
sollst alles wissen, was niemand weiss, ausser mir. Hoere also. Ich hatte
eine Kindheit ohne Freude, ohne Liebe: und doch verlangte meine junge
Seele nach Weichheit, nach Liebe. Meine arme Mutter hatte einen Knaben,
einen Thronerben heiss gewuenscht und sicher erwartet: - und mit
Widerwillen, mit Kaelte und Haerte behandelte sie das Maedchen. Als
Athalarich geboren war, nahm die Haerte ab, aber die Kaelte nahm zu: dem
Erben der Krone allein ward alle Liebe und Sorge. Ich haette es nicht
empfunden, haette ich nicht in meinem weichen Vater den Gegensatz gesehen:
ich fuehlte, wie auch er litt unter der kalten Haerte seiner Gattin: und oft
drueckte mich der kranke Mann mit Seufzen, mit Thraenen an die Brust.

Und als er gestorben und begraben war, da war mir alle Liebe in der Welt
erstorben. Wenig sah ich Athalarich, der von andern Lehrern und im andern
Teil des Palastes erzogen ward: weniger noch die Mutter: fast nur, wenn
sie mich zu strafen hatte. Und doch liebte ich sie so sehr: und doch sah
ich, wie meine Waerterinnen und Lehrerinnen ihre eignen Kinder liebten,
herzten und kuessten: und nach gleicher Waerme verlangte mit aller Macht mein
Herz.

So wuchs ich heran, wie eine bleiche Blume ohne Sonnenlicht!

Da war denn mein liebster Ort in der Welt das Grab meines Vaters Eutharich
im stillen Koenigsgarten zu Ravenna. Da suchte ich bei dem Toten die Liebe,
die ich bei den Lebenden nicht fand: und sowie ich meinen Waertern
entrinnen konnte, eilte ich dorthin, zu sehnen und zu weinen. Und dies
Sehnen wuchs, je aelter ich ward: in Gegenwart der Mutter musste ich all'
meine Gefuehle zusammenpressen: sie verachtete es, wenn ich sie zeigte.

Und wie ich vom Kind zum Maedchen heranwuchs, merkte ich wohl, dass die
Augen der Menschen oft wie bewundernd auf mir ruhten: aber ich dachte, sie
bedauerten mich: und das that mir weh. Und oefter und oefter fluechtete ich
zum Grabe des Vaters, bis es der Mutter gemeldet ward: und ich ward
verklagt, dass ich dort weinte und ganz verstoert zurueckkaeme.

Zornig verbat mir die Mutter, ohne sie das Grab wieder zu besuchen: und
sprach von veraechtlicher Schwaeche.

Aber dawider empoerte sich mein Herz und ich besuchte das Grab trotz dem
Verbot. Da ueberraschte sie mich einst daselbst: und schlug mich: und ich
war doch kein Kind mehr: und fuehrte mich in den Palast zurueck: und schalt
mich schwer: und drohte, mich zu verstossen fuer immer: und fragte im
Scheiden zuernend den Himmel, warum er sie mit einem solchen Kinde
gestraft.

Das war zu viel.

Namenlos elend beschloss ich, dieser Mutter zu entrinnen, der ich zur
Strafe leben sollte, und davonzugehen, wo mich niemand kennte: ich wusste
nicht wohin: am liebsten in das Grab zu meinem Vater.

Als es Abend geworden, stahl ich mich aus dem Palast, ich eilte nochmals
an das geliebte Grab zu langem thraenenreichem Abschied. Schon gingen die
Sterne auf: da huschte ich aus dem Garten, aus dem Palast und eilte durch
die dunkeln Strassen der Stadt an das faventinische Thor. Gluecklich
schluepfte ich an der Wache vorbei ins Freie und lief nun eine Strecke auf
der Strasse fort, gradaus in die Nacht, ins Elend.

Aber auf der Strasse kam mir entgegen ein Mann im Kriegsgewand. Als ich an
ihm vorueber wollte, schritt er ploetzlich heran, sah mir ins Antlitz und
legte die Hand leicht auf meine Schulter: "Wohin, Jungfrau Mataswintha,
allein, in so spaeter Nacht?"

Ich erbebte unter seiner Hand, Thraenen brachen aus meinen Augen und
schluchzend rief ich: "In die Verzweiflung!"

Da fasste der Mann meine beiden Haende und sah mich an, so freundlich, so
mild, so besorgt. Dann trocknete er meine Thraenen mit seinem Mantel und
sprach in weichem Ton der tiefsten Guete: "Und warum? Was quaelt dich so?"

Mir ward so weh und wohl ums Herz beim Klange dieser Stimme. Und wie ich
in sein mildes Auge sah, war ich meiner selbst nicht mehr maechtig. "Weil
mich die eigne Mutter hasst, weil's keine Liebe fuer mich giebt auf Erden."
- "Kind! Kind! Du bist krank," sagte er, "und redest irr. Komm, komm mit
mir zurueck! Du? warte nur! du wirst noch eine Koenigin der Liebe werden."

Ich verstand ihn nicht. Aber ich liebte ihn unendlich fuer diese Worte,
diese Milde. Fragend, staunend, hilflos sah ich ihm ins Auge. Ich bebte
und zitterte. Es musste ihn ruehren; oder er dachte, es sei die Kaelte.

Er nahm seinen warmen Mantel ab, schlug ihn um meine Schultern und fuehrte
mich langsam zurueck durchs Thor, auf unbelebten Strassen, durch die Stadt
nach dem Palast.

Willenlos, hilflos, wankend wie ein krankes Kind folgte ich ihm, das
Haupt, das er mir sorglich verhuellte, an seine Brust gelehnt. Er schwieg
und trocknete mir nur manchmal die Augen. Unbemerkt, wie ich glaubte,
gelangten wir an die Thuere der Palasttreppe: er oeffnete sie, schob mich
sanft hinein: dann drueckte er mir die Hand. "Gut sein," sagte er, "und
ruhig. Dein Glueck wird dir schon kommen. Und Liebe genug." Und er legte
leise die Hand auf mein Haupt, schloss die Thuere hinter mir und stieg die
Treppe hinab.

Ich aber lehnte an der halbgeschlossenen Thuer und konnte nicht fort. Mein
Fuss versagte, mein Herz pochte.

Da hoert' ich, wie eine rauhe Stimme ihn ansprach:

"Wen schmuggelst du da zur Nachtzeit in das Schloss, mein Freund?" Er aber
antwortete: "Du bist's, Hildebrand? Du verraetst sie nicht! Es war das Kind
Mataswintha: sie hat sich verirrt in der Nacht, in der Stadt, und
fuerchtete den Zorn ihrer Mutter." - "Mataswintha!" sprach der andre, "die
wird taeglich schoener." Und mein Beschuetzer sprach" - und sie stockte und
flammend Rot schoss ueber ihre Wangen ... -

"Nun," fragte Aspa, sie gross ansehend, "was sagte er?"

Aber Mataswintha drueckte Aspas Koepfchen nieder an ihre Brust. "Er sagte,"
fluesterte sie - "er sagte: - die wird das schoenste Weib auf Erden!"

"Da hat er recht gesagt," sprach die Kleine, "was brauchst du da rot zu
werden? Ist's doch so! Nun aber weiter! Was thatest du?"

"Ich schlich auf mein Lager und weinte, weinte Thraenen der Trauer, der
Wonne, der Liebe, alles durcheinander. In jener Nacht stieg eine Welt, ein
Himmel in mir auf: er war mir gut, das fuehlte ich, und er nannte mich
schoen. Ja, jetzt wusst' ich es: ich war schoen, und ich war selig darueber:
ich wollte schoen sein: fuer ihn! O wie gluecklich war ich! seine Begegnung
brachte Glanz in mein Dunkel, Segen in mein Leben. Ich wusste jetzt, man
konnte mir gut sein, man konnte mich lieben! Sorglich pflegte ich des
Leibes, den er gelobt. Die suesse Macht in meinem Herzen breitete eine milde
Waerme ueber mein ganzes Wesen: ich ward weicher und inniger: und selbst der
Mutter strenger Sinn ward jetzt liebevoller gegen mich, seit ich nur
sanfte Liebe ihrer Haerte entgegengab: und taeglich wurden alle Herzen
guetiger gegen mich, wie ich weicher gegen alle.

Und all' das dankte ich ihm: er hatte mir die Flucht in Schmach und Elend
erspart und mir eine ganze Welt von Liebe gewonnen. Seitdem lebte und lebe
ich nur fuer ihn." Und sie hielt inne und legte die Linke auf die wogende
Brust.

"Aber, Herrin, wann hast du ihn wieder gesehen? gesprochen? Lebt deine
Liebe von so karger Kost?"

"Gesprochen nie mehr: gesehen nur einmal noch: am Todestage Theoderichs
befehligte er die Palastwache, da sagte mir Athalarich seinen Namen: denn
nie haette ich gewagt, nach ihm zu forschen, aus Furcht, meine Flucht, ach,
mein Geheimnis zu verraten. Er war nicht am Hof: und wann er dort
erscheinen mochte, war ich auf den Villen."

"So weisst du weiter gar nichts von ihm, von seinem Leben, von seiner
Vergangenheit."

"Wie haett' ich forschen koennen! gluehende Scham haette mich verraten! Lieb'
ist des Schweigens Tochter und der Sehnsucht. Aber von seiner, von unsrer
Zukunft weiss ich."

"Von eurer Zukunft?" laechelte Aspa.

"An den Hof kam alle Sonnenwende die alte Radrun und erhielt von Koenig
Theoderich fremde Kraeuter und Wurzeln, die er ihr aus Asien bringen liess
und vom Nil. Das hatte sie sich ausbedungen zum einzigen Lohn dafuer, dass
sie ihm als Knaben sein ganzes Schicksal geweissagt hatte: und war alles
eingetroffen aufs Haar: sie braute Salben und mischte Traenke: "das
Waldweib" nannte man sie laut: aber leise: "die Wala, das Zauberweib". Und
wir alle am Hof wussten - ausser den Priestern, die haetten es gewehrt - dass
jede Sommersonnenwende, wann sie kam, der Koenig sich das Jahr vorhersagen
liess. Und kam sie von ihm heraus, so riefen sie, das wusste ich, meine
Mutter und Theodahad und Gothelindis und fragten sie aus: und nie blieb
noch aus, was sie verkuendet.

Da, in der naechsten Sonnenwende, fasste auch ich mir ein Herz, lauerte der
Alten auf und lockte sie, wie ich sie allein fand, in mein Gemach und bot
ihr Gold und lichte Steine, wenn sie mir weissagen wollte.

Aber sie lachte und zog ein Flaeschchen von Bernstein hervor und sprach:
"Nicht um Gold! Aber um Blut! Um maechtig Blut von einem reinen
Koenigskind."

Und sie ritzte mir eine Ader im linken Arm und fing den Strahl in ihrem
Bernstein. Dann sah sie forschend in meine beiden Haende und sang endlich
tonlos: "Den du haeltst im Herzen hoch, der giebt dir groessten Glanz und
groesstes Glueck, schafft dir allerschaerfsten Schmerz, wird dein Gemahl, dein
Gatte nicht." Und damit war sie hinaus."

"Das ist wenig troestlich: - soviel ich's fasse."

"Du kennst der Alten Sprueche nicht: sie sind alle so daemmerdunkel: sie
fuegt jeder Verheissung eine Drohung bei, fuer alle Faelle: ich aber halte
mich an das Helle, nicht an das Dunkle. Weissagung erfuellt sich, wie man
sie fasst: ich weiss: er wird mein und bringt mir Glanz und Glueck: den
Schmerz daneben will ich tragen: Schmerz um ihn ist Wonne."

"Ich bewundre dich, Herrin, und deinen Glauben. Und auf den Spruch der
Hexe hin hast du ausgeschlagen all' die Koenige und Fuersten, vom Vandalen-
und Westgoten-, Franken- und Burgunderland, die um dich freiten? selbst
Germanus, den edeln, den kaiserlichen Prinzen von Byzanz? und harrst auf
ihn?"

"Und harr' auf ihn! Aber nicht des Spruches allein wegen. In meinem Herzen
lebt ein Voegelein, das singt mir alle Tage: "er wird dein, er muss dein
werden." Ich weiss es sternengewiss," schloss sie, das Auge zum Himmel
aufschlagend und in die fruehere Traeumerei versinkend.

Rasche Schritte toenten von der Villa her. "Ah," rief Aspa, "dein schmucker
Freier! Armer Arahad, du verlierst deine Muehe!"

"Ich will dem Spiel ein Ende machen heut'!" sprach Mataswintha, sich
erhebend: und auf ihrer Stirn, in ihren Augen lag jetzt eine zornige
Strenge, die das Blut der Amaler in ihren Adern bekundete: es lebte eine
seltsame Mischung von lodernder Leidenschaft und hinschmelzender Weichheit
in dem Maedchen. Aspa staunte oft ueber das verhaltne Feuer in ihrer Herrin.
"Du bist wie die Goetterberge in meiner Heimat," sagte sie: "Schnee auf dem
Gipfel: Rosen um den Guertel: aber im Innern versengendes Feuer: das oft
ueber Schnee und Rosen stroemt."

Indes bog Graf Arahad aus dem buschigen Wege und neigte sich vor dem
schoenen Weibe mit einem Erroeten, das ihm wohl anstand. "Ich komme," sagte
er, "Koenigin ..." -

Aber herb unterbrach sie ihn. "Hoffentlich, Graf von Asta, kommst du,
endlich diesem schnoeden Spiel von Gewalt und Luege ein Ende zu machen.

Nicht laenger will ich's tragen. Dein kecker Bruder ueberfaellt mich
ploetzlich, die wehrlose, in die Trauer um ihre Mutter versunkene Waise, in
meinen Gemaechern, nennt mich in einem Atem seine Koenigin und seine
Gefangene und haelt mich wochenlang in unwuerdiger Haft. Er bringt mir den
Purpur und nimmt mir die Freiheit. Darauf kommst du und verfolgst mich mit
deiner eiteln Werbung, die dich nie zum Ziele fuehrt. Ich habe dich
verschmaeht in der Freiheit: glaubst du, gefangen, in deiner Zwanggewalt,
wird dich, du Thor, das Kind der Amaler erhoeren? Du schwoerst, du liebest
mich? Wohlan, so achte mich. Ehre meinen Willen, lass mich frei. Oder
zittre, wenn mein Befreier naht." Und drohend trat sie auf den Bestuerzten
zu, der keine Worte finden konnte.

Da eilte heftigen Schrittes Herzog Guntharis herbei, mit funkelnden Augen.

"Auf, Arahad," rief er, "komm zu Ende. Wir muessen fort, sogleich. Er naht,
er dringt mit Macht heran." - "Wer?" fragte Arahad hastig. - "Er sagt, er
kommt sie zu befreien. Er hat gesiegt, der Bauernkoenig, und unsre
Vorposten geschlagen bei Castrum Sivium."

"Wer?" fragte jetzt Mataswintha eifrig.

"Nun," antwortete Guntharis zornig, "jetzt magst du's erfahren: es ist
doch nicht mehr zu bergen: Graf Witichis von Faesulae."

"Witichis!" hauchte Mataswintha mit leuchtenden Augen und hochaufatmend.

"Ja! ihn haben die Rebellen von Regeta, das Recht des Adels vergessend,
zum Koenig der Goten erhoben."

"Er! er mein Koenig!" sprach Mataswintha wie im Traume.

"Ich haette dir's gesagt, schon da ich dich als Koenigin begruesste; aber in
deinem Gemach stand seine Marmorbueste, bekraenzt. Das war mir verdaechtig.
Spaeter sah ich's: es war ein Zufall: es ist ein Areskopf."

Mataswintha schwieg und suchte die gluehende Roete zu verbergen, die ihr
Antlitz ueberflog.

"Nun," rief Arahad, "was ist zu thun?"

"Wir muessen fort. Wir muessen ihm zuvorkommen in Ravenna. Florentia, die
Feste, haelt ihn eine Weile auf: indessen gewinnen wir Ravenna und wenn du
Beilager gehalten in der Burg Theoderichs mit dessen Enkelin, ist alles
Volk der Goten unser. Auf, Koenigin! Ich lasse deinen Wagen schirren: in
einer Stunde gehst du nach Ravenna in der Mitte unsrer Scharen." Und die
Brueder eilten hinweg.

Blitzenden Auges sah ihnen Mataswintha nach:

"Ja, fuehrt mich fort, gefangen und gebunden; wie der Adler aus der Hoehe
wird mein Koenig auf euch niederstossen und mich retten aus eurer Gewalt.
Komm, Aspa, der Befreier naht."




                             Zehntes Kapitel.


Kaum hatten die Goten den Mauern Roms den Ruecken gewendet, so berief Papst
Silverius - es war am Tage nach seinem Eide - die Spitzen der
Priesterschaft, des Adels, der Beamten und der Buergerschaft der Stadt in
die Thermen des Caracalla zu einer Beratung ueber Heil und Gedeihen der
Stadt des heiligen Petrus. Auch Cethegus war geladen und erschienen.

Mit Unbefangenheit stellte Silverius darauf den Antrag, da endlich die
Stunde gekommen sei, das Joch der Ketzer abzuwerfen, eine Gesandtschaft an
Belisarius, den Feldherrn des rechtglaeubigen Kaisers Justinian, des einzig
rechtmaessigen Herrn Italiens, abzuordnen, ihm die Schluessel der ewigen
Stadt zu ueberreichen und ihm und seinem Heere den Schutz der Kirche und
der Glaeubigen gegen die Rache der Barbaren zu empfehlen.

Den Gewissenszweifel eines noch sehr jungen Priesters und eines ehrlichen
Schmiedemeisters wegen des gestern geleisteten Eides beseitigte er
laechelnden Mundes mit der Berufung auf seine apostolische Macht, wie zu
binden, so zu loesen: und auf die offenbare Gewalt gotischer Waffen, unter
deren Eindruck sie den Schwur geleistet. Darauf ging der Antrag einstimmig
durch: und der Papst selbst, Scaevola, Albinus und Cethegus wurden als die
Gesandten gewaehlt.

Aber Cethegus widersprach: schweigend hatte er die Verhandlung mit
angehoert und sich der Abstimmung enthalten: jetzt stand er auf und sprach:
"Ich bin gegen den Beschluss. Nicht wegen des Eides. Ich brauche deshalb
apostolische Loesungsgewalt nicht in Anspruch zu nehmen. Denn ich habe
nicht geschworen. Aber um der Stadt willen. Das heisst: uns ohne Not dem
gerechten Zorn der Goten aussetzen, die wohl einmal wiederkommen koennen
und dann solch offnen Abfall nicht mit apostolischer Loesung entschuldigen
werden. Lasst uns gebeten oder gezwungen werden von Belisar: wer sich
wegwirft, wird mit Fuessen getreten."

Silverius und Scaevola tauschten bedeutsame Blicke.

"Solche Gesinnung," sprach der Jurist, "wird dem Feldherrn des Kaisers
gewiss sehr gefallen, kann aber an dem Beschluss nichts aendern. Du gehst
also nicht mit uns zu Belisar?"

Cethegus stand auf: "Ich gehe zu Belisar. Aber nicht mit euch," sagte er
und ging hinaus.

Als die uebrigen die Thermen verlassen, sprach der Papst zu Scaevola: "Das
giebt ihm den Rest. Er hat sich vor Zeugen gegen die Uebergabe erklaert!" -
"Und er geht selbst in die Hoehle des Loewen." - "Er soll sie nicht mehr
verlassen. Du hast doch die Anklageakte aufgesetzt?" - "Schon laengst. Ich
fuerchtete, er werde die Gewalt in der Stadt an sich reissen: und er geht
selbst zu Belisar! Er ist verloren, der Stolze." - "Amen!" sagte
Silverius. "Und so mag jeder untergehen, der in weltlichem Trachten dem
heiligen Petrus widerstreitet. Uebermorgen um die vierte Stunde machen wir
uns auf."

Aber er irrte, der heilige Vater: diesmal sollte der Stolze noch nicht
untergehen.

Cethegus war sofort nach seinem Hause geeilt, wo der gallische Reisewagen
angeschirrt seiner wartete. "Gleich brechen wir auf," rief er dem Sklaven
zu, der auf dem vordersten Rosse sass, "ich hole nur mein Schwert."

Im Vestibulum traf er die Licinier, die ihn ungeduldig erwarteten. "Heut'
kam der Tag," rief ihm Lucius entgegen, "auf den du uns solang
vertroestet!" - "Wo ist die Probe deines Vertrauens in unseren Mut, unser
Geschick, unsre Treue?" fragte Marcus. - "Geduld!" sprach Cethegus mit
erhobenem Zeigefinger und schritt in sein Gemach.

Alsbald kam er wieder, sein Schwert und mehrere Pergamente unterm linken
Arm, eine versiegelte Rolle in der Rechten: sein Auge leuchtete: "Ist das
aeusserste Eisenthor der Moles Hadriani fertig?" fragte er. - "Fertig,"
sprach Lucius Licinius. - "Ist das Getreide aus Sicilien in dem Kapitol
geborgen?" - "Geborgen." - "Sind die Waffen verteilt und die Schanzen am
Kapitol vollendet, wie ich befahl?" - "Vollendet," antwortete Marcus. -
"Gut. Nehmt diese Rolle. Entsiegelt sie morgen, sowie Silverius die Stadt
verlassen, und erfuellt jedes ihrer Worte genau. Es gilt nicht nur mein
Leben und das eure -: es gilt Rom! Die Stadt Caesars wird eure Thaten
sehen. Geht: auf Wiedersehen!"

Und aus seinen Augen spruehte Feuer in die Herzen der jungen Roemer. - "Du
sollst zufrieden sein!" - "Du und Caesar!" riefen sie und eilten hinweg.
Mit einem Laecheln, das selten auf seinem Antlitz mit solcher Freudigkeit
spielte, sprang Cethegus in seinen Wagen. "Heiliger Vater," sagte er zu
sich selbst, "ich bin noch in deiner Schuld fuer die letzte Versammlung in
den Katakomben: ich will sie zahlen! - Die Via latina hinab!" rief er
rasch dem Sklaven zu, "und lass die Rosse jagen, was sie koennen."

Der Praefekt hatte einen Vorsprung von mehr als einem Tag vor der langsamer
reisenden Gesandtschaft. Und er nutzte ihn wohl.

Er hatte in seinem unermuedlichen Geist einen Plan ersonnen, trotz Belisars
Landung in Italien, doch in Rom Herr und Meister zu bleiben. Und er ging
jetzt mit all seiner Umsicht an die Ausfuehrung.

Kaum konnte er erwarten, bis er auf die Vorposten der Byzantiner bei Capua
traf, deren Fuehrer, Johannes, ihn durch einige Reiter und seinen eignen
juengeren Bruder, Perseus, nach dem Hauptquartier geleiten liess. Im Lager
angekommen fragte Cethegus nicht nach dem Feldherrn, sondern liess sich
sofort nach dem Zelt des Rechtsrats Prokopius von Caesarea fuehren.

Prokopius war sein Studiengenosse in Berytus auf der Juristenschule
gewesen: und die beiden bedeutenden Geister hatten sich maechtig angezogen.
Aber nicht die Waerme der Freundschaft fuehrte den Praefekten vor allem zu
diesem Mann: dieser Mann war der beste Kenner von Belisars ganzer
politischer Vergangenheit, wohl auch der Vertraute seiner Plaene fuer die
Zukunft.

Mit Freuden empfing den Jugendfreund Prokopius.

Er war ein Mann von frischem, gesundem Menschenverstand, einer von den
wenigen Gelehrten jener Zeit, denen die gekuenstelte Bildung in den
Rhetorenschulen nicht die Faehigkeit, einfach aufzufassen und gesund zu
fuehlen, unter den Schnoerkeln byzantinischer Gelehrtheit erstickt hatte.
Heller Verstand lag auf der offnen Stirn und in dem noch jugendlich
leuchtenden Auge glaenzte die Freude an allem Guten.

Nachdem Cethegus Staub und Muehsal der Reise in einem sorgfaeltigen Bad
abgespuelt, machte sein Wirt, ehe er ihn zur Abendtafel in sein Zelt
fuehrte, mit ihm die Runde durch das Lager, ihm die Quartiere der
wichtigsten Truppenteile, der bedeutendsten Heerfuehrer weisend und mit ein
paar Worten deren Eigenart, Verdienste und oft bunt zusammengesetzte
Vergangenheit erlaeuternd.

Da waren die Soehne des rauhen Thrakiens, Constantinus und Bessas, die sich
aus rohem Soeldnerhandwerk emporgerungen, tapfre Soldaten, aber ohne
Bildung, mit dem ganzen Eigenduenkel selbstgemachter Maenner: - sie
betrachteten sich als Belisars unentbehrliche Stuetzen und ihn
vollersetzende Nachfolger.

Daneben der vornehme Iberier Peranius, aus dem Koenigsgeschlecht der
Iberier, der feindlichen Nachbarn der Perser, der aus Hass gegen die
persischen Ueberwinder Vaterland und Hoffnung des Thrones aufgegeben und
Dienste in des Kaisers Heer genommen hatte.

Dann Valentinus, Magnus und Innocentius, verwegene Fuehrer der Reiterei,
Paulus, Demetrius, Ursicinus, die Fuehrer des Fussvolks, Ennes, der
isaurische Haeuptling und Heerfuehrer der Isaurier Belisars, Aigan und
Askan, die Fuehrer der Massageten, Alamundarus und Koenig Abocharabus, die
Saracenen, Ambazuch und Bleda, die Hunnen, Arsakes, Amazaspes und
Artabanes, die Armenier - der Arsakide Phaza war mit dem Rest der Armenier
in Neapolis zurueckgelassen werden - Azarethas und Barasmanes, die Perser,
Antallas und Cabaon, die Mauren. Sie alle kannte und nannte Prokopius,
karg sein Lob, reichlich und mit Behagen spitzen, aber geistvollen Tadel
spendend.

Eben wandten sie sich zu dem Quartier des Martinus, des friedlichen
Staedteverbrenners, zur Rechten, da fragte Cethegus, stehen bleibend: "Und
wessen ist das Seidenzelt dort auf dem Huegel, mit den goldnen Sternen und
dem Purpurwimpel? und seine Wachen tragen goldne Schilde?"

"Dort," sprach Prokop, "wohnt seine unueberwindliche Koestlichkeit, des
roemischen Reiches Oberpurpurschneckenintendant, Prinz Areobindos, den Gott
erleuchte."

"Des Kaisers Neffe, nicht?"

"Jawohl, er hat des Kaisers Nichte, Projecta, geheiratet: sein hoechstes
und einziges Verdienst. Er ist hierher gesendet mit der Kaisergarde, uns
zu aergern und dafuer zu sorgen, dass wir nicht so leicht siegen. Er ist
Belisarius gleichgestellt, versteht vom Krieg sowenig, wie Belisar von den
Purpurschnecken, und soll Statthalter von Italien werden."

"So," sprach Cethegus.

"Er wollte beim Lagerschlagen sein Zelt durchaus zur Rechten Belisars
haben. Wir gaben nicht nach. Zum Glueck hat Gott in seiner Allweisheit
jenen Huegel zur Loesung unsres Rangstreits schon vor Jahrtausenden hier
aufgeworfen: nun lagert der Prinz zwar links, aber hoeher als Belisarius."
- "Und wessen sind die bunten Zelte dort, hinter Belisars Quartier? Wer
wohnt darin?" - "Dort," seufzte Prokop, "ein sehr unglueckliches Weib:
Antonina, Belisars Gemahlin." - "Sie ungluecklich? die Gefeierte, die
zweite Kaiserin? warum?" - "Davon ist nicht gut reden in offner
Lagergasse. Komm mit ins Zelt, der Wein wird genug gekuehlt sein."




                             Elftes Kapitel.


Im Zelte fanden sie die zierlichen Polster des Feldbetts um einen niedern
Bronzetisch von durchbrochner Arbeit gelegt, den Cethegus lobte.

"Das ist ein afrikanisches Beutestueck aus dem Vandalenkrieg: ich nahm es
aus Karthago mit. Und diese weichen Kissen lagen einst auf dem Bett des
Perserkoenigs: ich erbeutete sie in der Schlacht von Dara."

"Du bist mir ein praktischer Gelehrter!" laechelte Cethegus. "Wie bist du
so anders geworden seit den Tagen von Athen."

"Das will ich hoffen!" sprach Prokop und zerschnitt selbst - er hatte die
aufwartenden Sklaven entfernt - die dampfende Hirschkeule vor ihm. "Du
musst wissen: ich wollte Philosophie zu meinem Beruf machen, Weltweiser
werden. Drei Jahre hoerte ich die Platoniker, die Stoiker, die Akademiker
zu Athen, - und studirte mich krank und dumm. Auch blieb es nicht bei der
Philosophie. Nach loeblicher Sitte unsres frommen Jahrhunderts musste auch
die Theologie beigezogen werden: und ein weiteres Jahr hatte ich darueber
nachzudenken, ob Christus, als Gott Vater, zugleich seiner eignen
jungfraeulichen Mutter Vater, also sein eigner Grossvater sei. Nun, ueber
all' diesen Studien drohte mir mein von Natur gar nicht zu verachtender
Verstand abhanden zu kommen.

Zum Glueck ward ich sterbenskrank und die Aerzte verboten mir Athen und alle
Buecher. Sie schickten mich nach Kleinasien. Ich rettete nur einen
Thukydides in meinen Reiseranzen. Und dieser Thukydides rettete mich.

Ich las und las in der Langeweile der Reise seine herrliche Geschichte von
der Hellenen Thaten in Krieg und Frieden: und nun bemerkte ich mit
Staunen, dass der Menschen Thun und Treiben, ihre Leidenschaften, ihre
Tugenden und Frevel eigentlich doch viel anziehender und denkwuerdiger
seien als alle Formeln und Figuren heidnischer Logik - von der
christlichen Logik vollends zu schweigen!

Und wie ich nach Ephesos gelangte und durch die Strassen schlenderte, kam
ploetzlich ueber mich eine wunderbare Erleuchtung. Denn ich wandelte ueber
einen grossen Platz: da stand vor mir die Kirche des heiligen Geistes: und
war erbaut auf den Truemmern des alten Dianatempels. Und zur Linken stand
ein zerfallner Altar der Isis und zur Rechten ragte das Bethaus der Juden.

Da ergriff mich ploetzlich der Gedanke: "Die alle glaubten und glauben nun
steif und fest, sie allein wuessten das Rechte von dem hoechsten Wesen.

Und das ist doch unmoeglich: das hoechste Wesen hat, wie es scheint, gar
kein Beduerfnis, von uns erkannt zu werden - ich haette es auch nicht, an
seiner Statt! - und es hat die Menschen geschaffen, dass sie leben, tuechtig
handeln und sich wacker umtreiben auf Erden. Und dies Leben, Handeln,
Geniessen und Sichumtreiben ist eigentlich alles, worauf es ankoemmt. Und
wenn einer forschen und denken will, so soll er der Menschen Leben und
Treiben erforschen."

Und wie ich so stand und sann, da schmetterten Trompeten: ein glaenzender
Reiterzug trabte heran: an seiner Spitze ein herrlicher Mann auf einem
Rotscheck, schoen und stark wie der Kriegsgott. Und ihre Waffen blitzten
und die Fahnen flogen und die Roesslein sprangen. Und ich dachte mir: "Die
wissen, warum sie leben: und brauchen keinen Philosophen darum zu fragen."

Und wie ich mit verwunderten Augen den Reitern zusah, schlug mich ein
Buerger von Ephesos auf die Schulter und sprach: "Ihr scheint nicht zu
wissen, wer das war, und wohin sie ziehen? Das ist der Held Belisarius,
der zieht in den Perserkrieg." - "Gut," sagte ich, "Freund! Und ich ziehe
mit!" Und so geschah's zur selben Stunde.

Und Belisarius bestellte mich bald zu seinem Rechtsrat und
Geheimschreiber. Und seither habe ich einen doppelten Beruf: bei Tage
mach' ich Weltgeschichte oder helfe sie machen: und bei Nacht schreibe ich
Weltgeschichte." - "Und welches ist deine bessere Arbeit?" - "Freund,
leider das Schreiben! Und das Schreiben waere noch besser, wenn die
Geschichte besser waere. Denn ich bin meistens gar nicht einverstanden mit
dem was wir thun: und thu's nur mit, weil's doch besser ist, als gar
nichts thun oder philosophieren. Bringe den Tacitus, Sklave!" rief er zur
Zeltthuer hinaus.

"Den Tacitus?"

"Ja Freund, vom Livius haben wir jetzt genug getrunken. Du musst wissen:
ich nenne meine Weine je nach ihrer geschichtlichen Eigenart. - Zum
Beispiel dieses laermende Stueck Weltgeschichte, das wir hier auffuehren,
dieser Gotenkrieg ist ganz gegen meinen Geschmack: Narses hat ganz recht,
erst sollten wir die Perser abwehren, eh wir die Goten angreifen."

"Narses! was treibt mein kluger Freund?"

"Er beneidet Belisar und laesst sich's selbst nicht merken. Ausserdem macht
er Kriegs- und Schlachtenplaene. Ich wette, er hatte Italien schon erobert
ehe wir landeten."

"Du bist nicht sein Freund. Er ist doch ein hoher Geist. Warum ziehst du
Belisar vor?"

"Das will ich dir sagen," sprach Prokop, den Tacitus einschenkend. "Mein
Unglueck ist, dass ich nicht Geschichtschreiber Alexanders oder Scipios
geworden. Mein ganzes Herz sehnt sich, seit ich der Philosophie - und
Theologie! - genesen, nach Menschen, nach dem vollen ganzen Menschen, mit
Fleisch und Blut. Da widern mich diese spindelduerren Kaiser und Bischoefe
und Feldherrn an, die alles mit dem Verstand erkluegeln; wir sind ein
verkrueppeltes Geschlecht geworden: die Heroenzeit liegt hinter uns! Nur
Belisarius, der Biedre, ist noch ein Heros, wie aus der alten Zeit. Er
koennte mit Agamemnon vor Troja liegen. Er ist nicht dumm; er hat Verstand;
aber nur den Naturverstand des edeln, wilden Tieres zu seinem Beutefang,
zu seinem Handwerk. Belisars Handwerk nun ist die Heldenschaft!

Und ich habe meine Freude an seiner breiten Brust und seinen blitzenden
Augen und den maechtigen Schenkeln, mit denen er die staerksten Hengste
zwingt. Und mich freut's, wenn ihm manchmal die blinde Lust,
dreinzuschlagen, durch alle seine Feldherrnplaene braust. Mich freut's,
wenn ich ihn in der Schlacht mitten unter die Feinde jagen sehe und
kaempfen, wie ein schaeumender Eber haut.

Freilich, sagen darf ich's ihm nicht, dass mir das gefaellt; denn sonst
waer's nicht auszuhalten: in drei Tagen waer' er in Stuecke gehauen. Im
Gegenteil; ich halte ihn zurueck: ich bin sein Verstand, wie er mich nennt.
Und er laesst sich meine Verstaendigkeit gefallen, weil er weiss, dass sie
nicht Feigheit ist. Hab' ich ihn doch mehr als einmal mit meiner
Laienklugheit aus einer Verlegenheit ziehen muessen, in die ihn der Trotz
seines Heldentums gebracht! Die lustigste dieser Geschichten ist die von
Horn und Tuba."

"Welche von beiden blaesest du, o mein Prokopius?"

"Keine, nur die Posaune des Ruhms und die Pfeife des Spottes!"

"Aber was war's mit Horn und Trompete?"

"Ei, wir lagen vor einem Felsennest in Persien, das wir haben mussten, weil
es die Strasse beherrscht. Wir hatten uns aber schon mehrmals unsere
heroischen Koepfe uebel daran zerstossen: und mein zorniger Herr schwor "bei
dem Schlummer Justinians" -, das ist naemlich sein hoechstes Heiligtum - er
werde nie vor dieser Burg Anglon zum Rueckzug blasen lassen. Nun wurden
aber unsre Vorposten sehr oft aus der Festung ueberfallen: wir, im
hochgelegnen Lager, konnten die Angreifer aus der Burg brechen sehen,
nicht aber konnten das unsre Vorposten am Fusse des Berges. Ich riet nun,
dass wir vom Lager aus unsern Leuten das Zeichen zum Rueckzug geben lassen
sollten, so oft wir die Gefahr ihnen drohen sahen.

Aber da kam ich uebel an!

Der Schlummer Justinians sei ein solches Heiligtum, dass man an einem
darauf geleisteten Schwur nicht makeln duerfe! Und so mussten sich denn
unsre armen Burschen von den Persern unversehens ueberrumpeln lassen! Bis
ich auf den scharfsinnigen Ausweg kam, meinem Helden vorzuschlagen, er
solle, um die Unsern zum Rueckzug zu mahnen, das Angriffszeichen mit dem
Horn, statt mit der Tuba, blasen lassen.

Das leuchtete ihm ein, dem biedern Belisarius.

Und wenn wir nun lustig die Hoerner zum Angriff schmettern liessen, liefen
unsre Leute schleunigst wie geschreckte Hasen davon! Es war zum Todlachen,
jene mutigen Klaenge so schnoede wirken zu sehen! Aber es half: Justinians
Schlummer und Belisars Eid blieben ungeschwaecht, unsre Vorposten wurden
nicht mehr abgeschlachtet und das Felsnest fiel endlich. Also schelt' ich
ihn immer spottend aus fuer seine Heroenthaten. Aber im stillen erwaerme und
erfreue ich mein tiefstes Herz dran: er ist der letzte Heros!"

"Nun," meinte Cethegus, "bei den Goten findest du gar manchen solchen
Schlagetot."

Prokop nickte bedaechtig: "Kann auch nicht leugnen, dass ich grosses
Wohlgefallen habe an diesen Goten. Sind aber doch zu dumm."

"Wie? Warum?"

"Dumm sind sie, dass sie, anstatt huebsch langsam, Schritt fuer Schritt, im
Zusammenhang mit ihren gelbhaarigen Bruedern, sich gegen uns vorzuschieben
- sie waeren unaufhaltsam! - in dieses Italien sich ohne allen Verstand
vereinzelt hereingedraengt haben, wie ein Stueck Holz mitten in einen
glimmenden Herd. Daran werden sie untergehen: sie werden verbrennen, du
wirst es sehen." - "Ich hoffe, es zu sehen. Und was dann?" fragte Cethegus
ruhig.

"Ja," antwortete Prokop verdriesslich, "was dann! Das ist das Aergerliche!
Dann wird Belisar Statthalter von Italien - denn mit dem Schneckenprinzen
dauert es kein Jahr - und er verliegt hier seine schoenste Kraft, waehrend
es Arbeit vollauf gaebe bei den Persern. Und ich werde dann als sein
Hofhistoriograph nur zu schreiben haben, wie viele Schlaeuche Wein wir
jaehrlich vertilgen."

"Du willst also, wenn die Goten beseitigt sind, Belisar wieder fort haben
aus Italien?"

"Freilich! Im Perserland bluehn seine Lorbeern und die meinen! Ich sinne
schon lange auf ein Mittel, ihn von hier dann wieder fortzubringen."

Cethegus schwieg. Er freute sich, einen so wichtigen Bundesgenossen fuer
seinen Plan gefunden zu haben. "Und so beherrscht also sein Verstand
Prokopius den Loewen Belisar," sagte er laut. - "Nein!" seufzte Prokop,
"vielmehr sein Unverstand, sein Weib." - "Antonina! Sage, weshalb nanntest
du sie ungluecklich."

"Weil sie halb ist und ein Widerspruch. Die Natur hat sie zu einem braven,
treuen Weib angelegt: und Belisar liebt sie mit der vollen Kraft seiner
Heroenseele. Da kam sie an den Hof der Kaiserin. Theodora, diese schoene
Teufelin, ist von Natur ebenso zur Buhlschaft angelegt wie Antonina zur
Tugend. Die Cirkusdirne hat gewiss noch nie einen Stachel des Gewissens
empfunden. Aber ich glaube, sie ertraegt es nicht, ein ehrsam Weib in ihrer
naechsten Naehe zu haben, das sie verachten muesste. Sie ruhte nicht, bis es
ihr gelungen, durch ihr hoellisches Beispiel Antoninas Gefallsucht zu
wecken. Gewissensqual empfindet diese ueber ihr Spiel mit ihren Verehrern:
denn sie liebt ihren Mann, sie betet ihn an."

"Und doch? Wie mag ihr ein Held, wie Belisar, nicht genuegen?" -

"Eben, weil er ein Held ist! Er schmeichelt ihr nicht, bei all seiner
Liebe. Sie konnt' es nicht tragen, die Buhler der Kaiserin in Versen,
Blumen, Geschenken sich erschoepfen zu sehen und selbst solcher Huldigung
zu entbehren. Eitelkeit ward ihr Fallstrick. Aber es ist ihr gar nicht
wohl bei all dem Getaendel."

"Und ahnt Belisar?" -

"Keinen Schatten! Er ist der einzige im ganzen roemischen Kaiserreich, der
es nicht weiss, was ihn doch zumeist angeht. Ich glaube, es waere sein Tod.
Und auch deshalb schon darf Belisar nicht hier im Frieden Statthalter von
Italien werden. Im Lager, im Getuemmel des Krieges, da fehlen dem
gefallsuechtigen Weib die Schmeichler und auch die Musse, sie zu hoeren.
Denn, gleichsam zur freiwilligen Busse fuer jene suessen Verbrechen der
heimlichen Gedichte und Blumen - groeberer Schuld ist sie gewiss nicht faehig
- ueberbietet Antonina alle Frauen an Pflichtstrenge; sie ist Belisars
Freund, sein Mitfeldherr; sie teilt die Beschwerden und Gefahren des
Meeres, der Wueste, des Krieges mit ihm: sie arbeitet mit ihm Tag und
Nacht, wann sie nicht gerade Verse andrer auf ihre schoenen Augen liest! -
Schon oft hat sie ihn gerettet aus den Schlingen seiner Feinde am Hofe zu
Byzanz. Kurz, nur im Krieg, im Lager thut sie gut, da wo auch seine Groesse
allein gedeiht."

"Nun," sprach Cethegus, "weiss ich genug, wie die Dinge hier stehen. Lass
mich offen mit dir reden: du willst Belisar nach seinem Sieg aus Italien
wieder fort haben; ich auch: du um Belisars, ich um Italiens willen. Du
weisst, ich war von jeher Republikaner ...." - - -

Da schob Prokop den Becher zur Seite und sah seinen Gast bedeutsam an:
"Das sind alle jungen Leute zwischen vierzehn und einundzwanzig Jahren.
Aber dass du's noch bist - find' ich - sehr - sehr - unhistorisch. Aus
diesem italischen Gesindel, unsern hoechst liebwerten Bundesgenossen gegen
die Goten, willst du Buerger einer Republik machen? Sie sind zu nichts mehr
gut als zur Tyrannis!"

"Ich will darueber nicht streiten!" laechelte Cethegus. "Aber vor _eurer_
Tyrannis moecht ich mein Vaterland bewahren."

"Kann dir's nicht verdenken!" laechelte Prokop, "die Segnungen unsrer
Herrschaft sind - erdrueckend!"

"Ein eingeborner Statthalter unter dem Schutz von Byzanz genuegt zunaechst."

"Jawohl, und dieser wuerde Cethegus heissen!"

"Wenn's sein muss, - auch das!"

"Hoere," sprach Prokop ernsthaft, "ich warne dich dabei nur vor einem. Die
Luft von Rom heckt stolze Plaene aus. Man ist dort, als Herr von Rom, nicht
gern der zweite auf Erden. Und glaube dem Historikus: es ist doch nichts
mehr mit der Weltherrschaft Roms."

Cethegus ward unwillig. Er gedachte der Warnung Koenig Theoderichs.
"Historikus von Byzanz, meine roemischen Dinge kenne ich besser als du. Lass
dich jetzt einweihen in unsre roemischen Geheimnisse; dann verschaffe mir
morgen frueh, eh' die Gesandtschaft von Rom anlangt, ein Gespraech mit
Belisar und - sei eines grossen Erfolges gewiss." Und nun begann er dem
staunenden Prokop mit raschen Strichen ein Bild der Geheimgeschichte der
juengsten Vergangenheit und seine Plaene der Zukunft zu entwerfen, sein
letztes Ziel wohlweislich verhuellend.

"Bei den Manen des Romulus!" rief Prokop, als er geendet hatte. "Ihr macht
noch immer Weltgeschichte an dem Tiber. Nun, hier meine Hand. Meine Hilfe
hast du! Belisar soll siegen, doch nicht herrschen in Italien; darauf lass
uns noch einen Krug herben Sallustius leeren!"

Frueh am andern Tage vermittelte Prokop seinem Freunde eine Unterredung mit
Belisar, von welcher jener sehr befriedigt zurueckkam.

"Nun, hast du ihm alles gesagt?" fragte der Historiker.

"Nicht eben alles!" sprach Cethegus mit feinem Laecheln: "man muss immer
noch etwas zu sagen uebrig behalten."




                            Zwoelftes Kapitel.


Bald darauf ward das Lager von seltsamer Aufregung erfuellt.

Das Geruecht von der Ankunft des heiligen Vaters, das seiner reich
vergoldeten Saenfte voranflog, riss die Tausende von Soldaten mit Kraeften
der Andacht, der Ehrfurcht, des Aberglaubens, der Neugier aus ihren
Zelten, von Schlaf und Schmaus und Spiel hinweg, ihm entgegen. Kaum, dass
die Anfuehrer die Mannschaft im Dienst und auf den Wachen zurueckhalten
konnten; meilenweit waren ihm die Glaeubigen entgegengeeilt und geleiteten
jetzt, mit Haufen des Landvolks der Umgegend gemischt, seinen Zug ins
Lager. Laengst hatten sich Bauern und Soldaten an der Eselinnen Statt, die
seine Saenfte trugen, eingespannt: - vergebens hatte sich die
Bescheidenheit des Papstes dagegen gestraeubt - und unter unaufhoerlichem
Jubelruf: "Heil dem Bischof von Rom, Heil dem heiligen Petrus!" waelzte
sich der Strom der Tausende heran, ueber die Silverius unermuedlich Segen
sprach. Seiner beiden Mitgesandten, Scaevola und Albinus, dachte kein
Mensch.

Belisar sah von seinem Zelthuegel aus mit ernsten Augen das maechtige
Schauspiel. "Der Praefekt hat Recht!" sprach er dann: "dieser Priester ist
gefaehrlicher als die Goten. Es ist ein Triumphzug! Prokop, lass die
byzantinische Leibwache an meinem Zelt abloesen, sowie die Unterredung
beginnt: sie sind allzugute Christen. Lass die Hunnen aufziehn und die
heidnischen Gepiden."

Damit schritt er in sein Zelt zurueck, wo er alsbald, von seinen
Heerfuehrern umgeben, die roemische Gesandtschaft empfing. Den Prinzen
Areobindos hatte Prokop von der Notwendigkeit einer Rekognoscierung
ueberzeugt, die nur heute und nur von ihm vorgenommen werden konnte.

Umwogt von einem glaenzenden geistlichen Gefolge nahte der Papst dem
Feldherrnzelt. Grosse Massen Volkes draengten nach, aber sowie der Papst mit
Scaevola und Albinus die Muendung der engen Lagergasse hinter sich hatten,
sperrten die Wachen mit gefaellten Lanzen den Weg und liessen weder Priester
noch Soldaten folgen.

Laechelnd wandte sich Silverius zu dem Fuehrer der Schar und hielt ihm eine
schoene Rede ueber den Text: "lasset die Kleinen zu mir kommen und wehret
ihnen nicht." Aber der Germane schuettelte den zottigen Kopf und wandte ihm
den Ruecken: der Gepide verstand kein Latein, ausser dem Kommando.

Da laechelte Silverius wieder, segnete nochmals seine Getreuen und schritt
dann ruhig weiter in das Zelt. Belisar sass auf einem Feldsessel: darueber
war eine Loewenhaut gebreitet: ihm zur Linken thronte die schoene Antonina
auf einem Pardelfell. Ihre wunde Seele hatte in dem Nachfolger des
heiligen Petrus einen Arzt und Helfer zu finden gehofft. Aber bei dem
Anblick der weltklugen Zuege des Silverius zog sich ihr Herz zusammen.

Belisar erhob sich beim Eintritt des Papstes.

Dieser schritt, ohne sich zu neigen, gerade auf ihn zu und legte ihm - er
musste sich muehsam dazu aufrichten - wie segnend beide Haende auf die
Schultern. Er wollte ihn leise niederdruecken auf die Kniee: - aber
eichenfest blieb der Feldherr aufrecht stehen: und Silverius musste dem
Stehenden den Segen erteilen.

"Ihr kommt als Gesandte der Roemer?" begann Belisar.

"Ich komme," unterbrach Silverius, "im Namen des heiligen Petrus, als
Bischof von Rom dir und dem Kaiser Justinian meine Stadt zu uebergeben.
Diese guten Leute," fuhr er fort, auf Scaevola und Albinus weisend, "haben
sich mir angeschlossen wie die Glieder dem Haupt." Unwillig wollte Scaevola
einfallen, - so hatte er seinen Bund mit der Kirche nicht verstanden! -
aber Belisar winkte ihm, zu schweigen.

"Und so heisse ich dich willkommen in Italien und Rom im Namen des Herrn.
Ziehe ein in die Mauern der ewigen Stadt zum Schirme der Kirche und der
Glaeubigen wider die Ketzer! Erhoehe dort den Namen des Herrn und das Kreuz
Jesu Christi und vergiss nie, dass es die heilige Kirche war, die dir die
Wege gebahnt und die Pfade gebaut. Ich bin es gewesen, den Gott zum
Werkzeug gewaehlt, die Goten in thoerichte Sicherheit zu wiegen und blinden
Auges aus der Stadt zu fuehren: ich bin es gewesen, der die schwankende
Stadt, die Buerger fuer dich gewonnen und die Anschlaege deiner Feinde
vernichtet hat. Der heilige Petrus ist es, der dir mit meiner Hand die
Schluessel seiner Stadt ueberreicht, auf dass du sie ihm beschirmest und
beschuetzest. Vergiss niemals dieser Worte." Und er reichte ihm die
Schluessel des asinarischen Thores.

"Ich werde sie nie vergessen!" sprach Belisar und winkte Prokop, der den
Schluessel aus der Hand des Papstes nahm. "Du sprachst von Anschlaegen
meiner Feinde. Hat der Kaiser Feinde in Rom?"

Da sprach Silverius mit Seufzen: "Lass ab, Feldherr, zu fragen.

Ihre Netze sind zerrissen: sie sind unschaedlich und der Kirche steht nicht
an, zu verklagen, sondern zu entschuldigen und alles zum besten zu
kehren."

"Es ist deine Pflicht, heiliger Vater, dem rechtglaeubigen Kaiser die
Verraeter zu entdecken, die unter seinen roemischen Unterthanen sich bergen
und ich fordre dich auf, seinen Feind zu entlarven."

Silverius seufzte: "die Kirche duerstet nicht nach Blut." - "Aber sie darf
den Arm der weltlichen Gerechtigkeit nicht hemmen," sprach Scaevola. Und
der Jurist trat vor und ueberreichte Belisar eine Papyrusrolle. "Ich hebe
Klage gegen Cornelius Cethegus Caesarius, den Praefekten von Rom, wegen
Majestaetsbeleidigung und Empoerung gegen Kaiser Justinian. Diese Schrift
enthaelt die Klagepunkte und die Beweise. Er hat des Kaisers Regierung eine
Tyrannei gescholten. Er hat sich der Landung kaiserlicher Heere nach
Kraeften widersetzt. Er hat endlich noch vor wenig Tagen, er allein, dafuer
gestimmt, die Thore Roms dir nicht zu oeffnen."

"Und welche Strafe beantragt ihr?" fragte Belisar, in die Schrift
blickend.

"Nach dem Gesetz den Tod," sprach Scaevola. - "Und seine Gueter verfallen
nach dem Gesetz," sprach Albinus, "halb dem Fiskus, halb den Klaegern." -
"Und seine Seele der Barmherzigkeit Gottes," schloss der Bischof von Rom.

"Wo ist der Angeklagte?" fragte Belisar.

"Er verhiess, dich aufzusuchen; aber ich fuerchte, sein boeses Gewissen wird
ihn nicht haben kommen lassen."

"Du irrst, Bischof von Rom," sprach Belisar, "er ist schon hier."

Bei diesem Wort fiel der Vorhang im Hintergrund des Zeltes und vor den
erstaunten Anklaegern stand Cethegus der Praefekt. Ueberrascht fuhren die
Anklaeger auf; schweigend, mit vernichtendem Blick, trat Cethegus einige
Schritte vor, bis er zur Rechten Belisars stand.

"Cethegus hat mich frueher aufgesucht als du," fuhr der Feldherr nach einer
Pause fort: "und er ist dir zuvorgekommen - auch im Anklagen. Du stehst
als schwer Beschuldigter vor mir, Silverius. Verteidige dich, ehe du
verklagst."

"Ich als Beschuldigter?" laechelte der Papst. "Wo waere ein Klaeger oder ein
Richter fuer den Nachfolger des heiligen Petrus?"

"Der Richter bin ich: an deines Herrn, des Kaisers Statt."

"Und der Klaeger?" fragte Silverius.

Cethegus wandte sich halb gegen Belisar und sprach: "Der Klaeger bin ich!
Ich habe Silverius, den Bischof von Rom, des Verbrechens der verletzten
Majestaet des Kaisers und des Hochverrats am roemischen Reich geziehen. Ich
beweise sofort meine Klage. Silverius hat die Absicht, die Herrschaft der
Stadt Rom und einen grossen Teil Italiens dem Kaiser Justinian zu entreissen
und - laecherlich zu sagen! - ein Priesterreich zu gruenden in dem
Vaterlande der Caesaren. Und schon hat er den naechsten Versuch gethan zur
Ausfuehrung dieses - soll ich sagen: seines Wahnsinns oder seines
Verbrechens? Hier ueberreiche ich einen Vertrag, - hier steht die
Unterschrift seiner Hand - den er mit Theodahad, dem letzten Fuersten der
Barbaren, geschlossen. Der Koenig verkauft darin fuer ewige Zeiten fuer die
Summe von tausend Pfund Gold an den heiligen Petrus und seine Nachfolger,
fuer den Fall, dass Silverius Bischof von Rom werde, die Herrschaft der
Stadt und das Weichbild von Rom und dreissig Meilen in der Runde. Es sind
aufgezaehlt alle Hoheitsrechte: Gerichtsbarkeit, Gesetzgebung, Verwaltung,
Steuern, Zoelle und selbst Kriegsgewalt. Dieser Vertrag ist nach seinem
Datum drei Monate alt. Also im selben Augenblick, da der fromme
Archidiakon, hinter Theodahads Ruecken, die Waffen des Kaisers herbeirief,
schloss er, hinter des Kaisers Ruecken, einen Vertrag, der diesem die
Fruechte seiner Anstrengung rauben und den Papst fuer alle Faelle sichern
sollte. Ich ueberlasse es dem Stellvertreter des Kaisers, wie solche
Klugheit zu wuerdigen sei. Fuer die Erwaehlten des Herrn gilt als besondre
Klugheit der Schlangen Moral: - unter uns Laien ist solches Thun ..." -

"Der schaendlichste Verrat!" fiel Belisar donnernd ein, sprang auf und nahm
die Urkunde aus des Praefekten Hand. - "Hier sieh, Priester, deinen Namen:
kannst du noch leugnen?"

Der Eindruck dieser Anklage, dieses Beweises auf alle Anwesenden war ein
gewaltiger. Staunen und Unwillen, gemischt mit Spannung auf des Papstes
Verteidigung, lag auf den Zuegen aller Gesichter; am meisten aber war
Scaevola, der kurzsichtige Republikaner, ueberrascht von diesen
Herrscherplaenen seines gefaehrlichen Verbuendeten. Er hoffte, Silverius
werde die Verleumdung siegreich niederschlagen.

Die Lage des Papstes war in der That hoechst gefaehrlich, die Anklage schien
unwiderleglich und das zornlohende Antlitz Belisars haette manch' tapfres
Herz erschreckt. Aber Silverius zeigte in diesem Augenblick, dass er kein
unebenbuertiger Gegner des Praefekten und des Helden von Byzanz war. Nicht
eine Sekunde hatte er die Fassung verloren: nur als Cethegus die Urkunde
aus dem Gewand hervorzog, hatte er einen Moment die Augen
niedergeschlagen, wie aus Schmerz. Aber dem donnernden Ruf wie den
blitzenden Augen Belisars hielt er ein unerschuetterlich ruhiges Angesicht
entgegen. Er fuehlte, dass er in dieser Stunde den Gedanken seines Lebens
verfechten musste: dies gab ihm kuehne Kraft, keine Wimper zuckte ihm.

"Wie lange wirst du noch schweigen?" fuhr ihn Belisar an.

"Bis du faehig und wuerdig bist, mich zu hoeren. Du bist besessen von
Urchitophel, dem Daemon des Zornes."

"Sprich! Verteidige dich!" sagte Belisar, sich setzend.

"Die Klage dieses gottlosen Mannes," hob Silverius an, "bringt nur ein
Recht der heiligen Kirche noch frueher ans Licht, als sie es in dieser
unruhigen Zeit geltend machen wollte. Es ist wahr, ich habe diesen Vertrag
mit dem Barbarenkoenig geschlossen."

Eine Bewegung der Entruestung ging durch die Reihen der Byzantiner.

"Nicht aus weltlicher Herrschsucht, nicht, um neues Recht zu erwerben,
habe ich mit dem Koenig der Goten, als dem damaligen Besitzer der Stadt,
verhandelt. Nein! die Heiligen sind mir Zeugen! Nur weil es meine Pflicht,
ein uraltes Recht des heiligen Petrus nicht fallen zu lassen."

"Ein uraltes Recht?" fragte Belisar unwillig.

"Ein uraltes Recht!" wiederholte Silverius, "das geltend zu machen die
Kirche nur bisher unterlassen hat. Ihre Feinde noetigen sie, in diesem
Augenblick damit hervorzutreten. Wisset denn, du Vertreter des Kaisers,
hoeret es, ihr Kriegsobersten und Schwertgewaltigen, was sich die Kirche
von Theodahad hat einraeumen lassen, ist schon seit zwei Jahrhunderten ihr
Eigentum: der Gote hat es nur bestaetigt.

An demselben Ort, wo des Praefekten tempelschaenderische Hand diese
Bestaetigung entwendet, haette er auch die Urkunde finden koennen, die
urspruenglich unser Recht begruendet hat. Der fromme Kaiser Constantinus,
der sich zuerst von den Vorgaengern Justinians der Lehre des Heils
zugewandt, hat auf Bitten seiner gottseligen Mutter Helena, nachdem er
alle seine Feinde mit sichtbarer Hilfe der Heiligen, besonders des
heiligen Petrus, unter seine Fuesse getreten, zur dankbaren Anerkenntnis
solchen Beistandes und um vor aller Welt zu bezeugen, dass Krone und
Schwert sich vor dem Kreuz der Kirche zu beugen haben, die Stadt Rom mit
ihrem Weichbild und die benachbarten Staedte und Marken durch eine
feierliche Schenkungsurkunde fuer ewige Zeiten dem heiligen Petrus zu eigen
uebertragen, mit Gericht und Verwaltung, Steuer und Zoll und allen
Kronrechten irdischer Herrschaft, auf dass die Kirche auch einen weltlichen
Boden habe zur leichteren Vollfuehrung ihrer weltlichen Aufgaben. Diese
Schenkung ist durch eine rechtsgueltige Urkunde in aller Form verbrieft:
der Fluch von Gehenna ist jedem gedroht, der sie anstreitet. Und ich
frage, im Namen des dreieinigen Gottes, den Kaiser Justinian, ob er diese
Rechtshandlung seines Vorgaengers, des in Gott seligen Kaisers
Constantinus, anerkennen oder ob er sie, aus weltlicher Habgier, umstossen
und damit den Fluch der Gehenna und die ewige Verdammnis auf sein Haupt
laden will?"

Diese Rede des Bischofs von Rom, mit aller Kraft geistlicher Wuerde und
aller Kunst weltlicher Rhetorik vorgetragen, war von unwiderstehlicher
Wirkung. Belisar, Prokop und die Feldherren, die eben noch ueber den
verraeterischen Priester ein zorniges Gericht hatten halten wollen, fuehlten
sich jetzt durch den ploetzlich ihnen entgegengehaltenen Rechtstitel selbst
wie verurteilt.

Der Kern Italiens schien unwiederbringlich dem Kaiser verloren und der
Herrschaft der Kirche anheimgegeben. Ein banges Schweigen lagerte ueber den
juengst noch so herrischen Byzantinern und triumphierend stand der Priester
als Sieger in ihrer Mitte. Endlich sprach Belisar, der die Aufgabe der
Bekaempfung oder die Schmach der Niederlage von sich abwaelzen wollte:
"Praefekt von Rom, was hast du zu erwidern?"

Mit einem kaum bemerkbaren Zucken des Spottes um die feinen Lippen
verneigte sich Cethegus und begann: "Der Angeklagte beruft sich auf eine
Urkunde.

Ich koennte, glaub' ich, ihn in grosse Verlegenheit versetzen, wenn ich ihr
Vorhandensein bestritte, und die sofortige Vorlage der Urschrift von ihm
verlangte. Indessen will ich dem Manne, der sich das Haupt der
Christenheit nennt, nicht wie ein gehaessiger Anwalt begegnen. Ich raeume
ein, die Urkunde existiert."

Belisar machte eine Bewegung hilflosen Verdrusses.

"Mehr noch! Ich habe dem heiligen Vater die Muehe der Vorlage derselben,
die ihm sonst sehr schwer fallen duerfte, erspart und die Urkunde selbst
mitgebracht in meiner tempelschaenderischen Hand." Er zog ein vergilbtes
Pergament aus dem Sinus und sah laechelnd bald in dessen Zeilen, bald auf
des Papstes, bald auf Belisars Gesicht, an deren Spannung sich weidend.

"Ja, noch mehr. Ich habe die Urkunde viele Tage lang mit feindselig
forschenden Augen, mit Zuziehung noch schaerferer Juristen, als ich es
leider nur bin, - so meines jungen Freundes Salvius Julianus, - bis auf
jeden Buchstaben nach ihrer formellen Gueltigkeit geprueft. Vergebens. -
Selbst der Scharfsinn meines verehrten und gelehrten Freundes Scaevola
koennte keinen Mangel herausinterpretieren. Alle Formen des Rechts, alle
Klauseln hoechster unanfechtbarer Sicherheit sind in der Schenkungsakte
haarscharf gewahrt; und in der That: ich haette den Protonotarius des
Kaisers Constantin kennen moegen, er muss ein Jurist ersten Ranges gewesen
sein." Er hielt inne: - hoehnisch ruhte sein Auge auf dem Antlitz des
Silverius, der sich den Schweiss von den Schlaefen wischte.

"Also," fragte Belisar in hoechster Aufregung: "die Urkunde ist formell
ganz richtig - daher beweiskraeftig?"

"Jawohl!" seufzte Cethegus, "die Schenkung ist in ganz makelloser Ordnung.
Schade nur, dass ... -"

"Nun?" unterbrach Belisar.

"Schade nur, dass sie falsch ist."

Da flog ein Schrei von allen Lippen. Belisar, Antonina sprangen auf, alle
Anwesenden traten einen Schritt naeher zu dem Praefekten. Nur Silverius
wankte einen Schritt zurueck.

"Falsch?" fragte Belisar mit einem Ruf, der wie ein Jubel klang. "Praefekt,
- Freund, - kannst du das beweisen?"

"Sonst haette ich mich gehuetet es zu behaupten. Das Pergament, auf das die
Schenkung geschrieben ist, zeigt alle Spuren eines hohen Alters: Brueche,
Wurmstiche, Flecken jeder Art, - alles, was man von Ehrwuerdigkeit
verlangen kann, - so dass es manchmal sogar schwierig ist, die Buchstaben
zu erkennen. Gleichwohl stellt sich die Urkunde nur so alt; mit so grossem
Aufwand von Kunst, als manche Frauen sich den Schein der Jugend geben,
luegt sie die Heiligkeit des Alters. Es ist echtes Pergament aus der alten,
von Constantin begruendeten, noch heute bestehenden kaiserlichen
Pergamentfabrik zu Byzanz."

"Zur Sache," rief Belisar.

"Aber es ist wohl nicht jedem bekannt, - und es scheint auch leider dem
heiligen Bischof entgangen zu sein! - dass bei diesen Pergamenten ganz
unten - links, am Rande - durch Stempelschlag das Jahr der Fertigung durch
Angabe der Jahreskonsuln in allerdings kaum wahrnehmbaren Buchstaben
bezeichnet wird. Nun gieb wohl acht, o Feldherr!

Die Urkunde will, wie sie im Texte sagt, gefertigt sein im sechzehnten
Jahre von Constantins Regierung, im gleichen Jahre, da er die Heidentempel
schliessen liess, wie das fromme Pergament besagt, ein Jahr nach der
Erhebung von Constantinopolis zur Hauptstadt, und nennt richtig die
richtigen Konsuln dieses Jahres, Dalmatius und Xenophilos.

Da ist es nun wirklich nur durch ein Wunder zu erklaeren, - aber hier hat
Gott der Herr ein Wunder _gegen_ seine Kirche gethan! - dass man in jenem
Jahre, also im Jahre dreihundertfuenfunddreissig nach der Geburt des Herrn,
schon ganz genau wusste, wer im Jahr nach dem Tode des Kaisers Justinus und
des Koenigs Theoderich Konsul sein wuerde; denn seht, hier unten am Rande
der Stempel besagt: der Schreiber hatte ihn nicht beachtet - er ist auch
wirklich sehr schwer wahrzunehmen, wenn man das Pergament nicht gegen das
Licht haelt - so etwa, siehst du, Belisar? - und er hatte blindlings drei
Kreuze darauf gemalt; ich aber habe diese Kreuze mit meiner - wie hiess es
doch? - "tempelschaenderischen", aber geschickten Hand weggewischt und
siehe, da steht eingestempelt:

"VI. Indiktion: Justinianus Augustus, allein Konsul im ersten Jahre seiner
Herrschaft."

Silverius wankte und hielt sich an dem Stuhl, den man fuer ihn bereit
gestellt.

"Das Pergament der Urkunde, auf welches der Protonotar des Kaisers
Konstantin vor zweihundert Jahren die Schenkung niederschrieb, ist also
erst vor einem Jahre zu Byzanz einem Esel von den Rippen gezogen worden.
Gesteh, o Feldherr, dass hier das Gebiet des Begreiflichen endet, und des
Uebernatuerlichen beginnt, dass hier ein Wunder der Heiligen geschah und
verehre das Walten des Himmels." Er reichte Belisar die Urkunde.

"Das ist auch ein tuechtig Stueck Weltgeschichte, heilige und profane, was
wir da erleben!" sagte Prokop zu sich selbst.

"Es ist so, beim Schlummer Justinians!" frohlockte Belisar. "Bischof von
Rom, was hast du zu erwidern?"

Muehsam hatte sich Silverius gefasst; er sah den Bau seines Lebens vor
seinen Augen in die Erde versinken. Mit halb versagender Stimme antwortete
er:

"Ich fand die Urkunde im Archiv der Kirche vor wenigen Monden. Ist dem so,
wie ihr sagt, so bin ich getaeuscht, wie ihr."

"Wir sind aber nicht getaeuscht," laechelte Cethegus.

"Ich wusste nichts von jenem Stempel, ich schwoere es bei den Wunden
Christi." - "Das glaub ich dir ohne Schwur, heiliger Vater," fiel Cethegus
ein. - "Du wirst einsehn, Priester," sprach Belisar, sich erhebend, "dass
ueber diese Sache die strengste Untersuchung ..." -

"Ich verlange sie," sprach Silverius, "als mein Recht."

"Es soll dir werden, zweifle nicht! Aber nicht ich darf es wagen, hier zu
richten: nur die Weisheit des Kaisers selbst kann hier das Recht finden.
Vulkaris, mein getreuer Heruler, dir uebergeb ich die Person des Bischofs.
Du wirst ihn sogleich auf ein Schiff bringen und nach Byzanz fuehren."

"Ich lege Verwahrung ein," sprach Silverius. "Ueber mich kann niemand
richten auf Erden als ein Konzil der ganzen rechtglaeubigen Kirche. Ich
verlange, nach Rom zurueckzukehren."

"Rom siehst du niemals wieder! Und ueber deine Rechtsverwahrung wird der
Kaiser Justinian, der Kaiser des Rechts, mit Tribonian entscheiden. Aber
auch deine Genossen, Scaevola und Albinus, die falschen Mitanklaeger des
Praefekten, der sich als des Kaisers treusten, kluegsten Freund erwiesen,
sind hoch verdaechtig. Justinian entscheide, wie weit sie unschuldig. Auch
sie fuehrt in Ketten nach Byzanz. Zu Schiff! Dort hinaus, zur Hinterthuer
des Zeltes, nicht durchs Lager. Vulkaris, dieser Priester aber ist des
Kaisers gefaehrlichster Feind. Du buergst fuer ihn mit deinem Kopf."

"Ich buerge," sprach der riesige Heruler, vortretend und die gepanzerte
Hand auf des Bischofs Schulter legend. "Fort mit dir, Priester! zu Schiff.
Er stirbt, eh' er mir entrissen wird."

Silverius sah ein, dass weiteres Widerstreben nur seine Wuerde gefaehrdende
Gewalt hervorrufen werde. Er fuegte sich und schritt neben dem Germanen,
der die Hand nicht von seiner Schulter loeste, nach der Thuer im Hintergrund
des Zeltes, die eine der Wachen aufthat.

Er musste hart an Cethegus vorbei. Er beugte das Haupt und sah ihn nicht
an: aber er hoerte, wie dieser ihm zufluesterte: "Silverius, diese Stunde
vergilt deinen Sieg in den Katakomben. Nun sind wir wett!"




                           Dreizehntes Kapitel.


Sowie der Bischof das Zelt verlassen, erhob sich Belisar lebhaft von
seinem Sitze, eilte auf den Praefekten zu, umarmte und kuesste ihn: "Nimm
meinen Dank, Cethegus Caesarius! Ich werde dem Kaiser berichten, dass du ihm
heute Rom gerettet hast. Dein Lohn wird nicht ausbleiben."

Aber Cethegus laechelte: "Meine Thaten belohnen sich selbst."

Den Helden Belisarius hatte der geistige Kampf dieser Stunde, der rasche
Wechsel von Zorn, Furcht, Spannung und Triumph mehr als ein halber Tag des
Kampfes unter Helm und Schild angestrengt und erschoepft. Er verlangte nach
Erholung und Labung und entliess seine Heerfuehrer, von denen keiner ohne
ein Wort der Anerkennung an den Praefekten das Zelt verliess. Dieser sah
seine Ueberlegenheit von allen, auch von Belisar, anerkannt; es that ihm
wohl, in einer Stunde den schlauen Bischof vernichtet und die stolzen
Byzantiner gedemuetigt zu haben. Aber er wiegte sich nicht muessig in dieser
Siegesfreude. Dieser Geist kannte die Gefaehrlichkeit des Schlafes auf
Lorbeer: Lorbeer betaeubt.

Er beschloss, sofort den Sieg zu verfolgen, die geistige Uebergewalt, die er
in diesem Augenblick ueber den Helden von Byzanz unverkennbar besass, jetzt,
unter ihrem ersten frischen Eindruck, mit aller Kraft zu benutzen und den
lang vorbereiteten Hauptstreich zu fuehren. Waehrend er mit solchen Gedanken
dem Zug der Heerfuehrer nachsah, die sich aus dem Zelt entfernten, bemerkte
er nicht, dass zwei Augen mit eigentuemlichem Ausdruck auf ihm ruhten. Es
waren Antoninas Augen. Die Vorgaenge, deren Zeugin sie gewesen, hatten
einen seltsam gemischten Eindruck auf sie gemacht. Zum erstenmal hatte sie
den Abgott ihrer Bewunderung, ihren Gatten, ohne alle eigne Kraft sich zu
helfen und zu wehren, in den Schlingen eines andern, des klugen Priesters,
liegen und nur durch die ueberlegne Kraft dieses daemonischen Roemers
gerettet gesehen. Anfangs hatte ihr in dem Gatten verletzter Stolz diese
Demuetigung mit schmerzlichem Hass gegen den Uebermaechtigen empfunden.

Aber dieser Hass hielt nicht vor und unwillkuerlich trat, wie immer
gewaltiger sich die Macht seiner Ueberlegenheit entfaltete, Bewunderung an
des Verdrusses Stelle und erschreckte Unterordnung; sie empfand nur noch
das Eine: ihren Belisar hatte die Kirche und Cethegus hatte ihren Belisar
und die Kirche verdunkelt. Und daran knuepfte sich unzertrennlich der
aengstliche Wunsch, diesen Mann nie zum Feind, immer zum Verbuendeten ihres
Gatten zu haben. Kurz, Cethegus hatte an dem Weibe Belisars eine geistige
Eroberung von groesster Wichtigkeit gemacht: und er sollte es, noch dazu,
sofort merken.

Mit gesenkten Augen trat das schoene, sonst so sichre Weib auf ihn zu; er
sah auf: da erroetete sie ueber und ueber und reichte ihm eine zitternde
Hand. "Praefekt von Rom," sagte sie, "Antonina dankt dir. Du hast dir ein
grosses Verdienst erworben um Belisarius und den Kaiser. Wir wollen gute
Freundschaft halten."

Mit Staunen sah Prokop, der im Zelt zurueckgeblieben, diesen Vorgang: "Mein
Odysseus ueberzaubert die Zauberin Circe," dachte er.

Cethegus aber erkannte im Augenblick, wie sich diese Seele vor ihm beugte
und welche Gewalt er dadurch ueber Belisar gewonnen. "Schoene Magistra
Militum," sagte er, sich hoch aufrichtend, "deine Freundschaft ist der
reichste Lorbeer meines Sieges. Ich stelle sie sogleich auf die Probe. Ich
bitte dich und Prokop, meine Zeugen, meine Verbuendeten zu sein in der
Unterredung, die ich jetzt mit Belisar zu fuehren habe."

"Jetzt?" sagte Belisar ungeduldig. "Kommt, lasst uns erst zu Tische und im
Caekuber den Sturz des Priesters feiern." Und er schritt zur Thuere.

Aber Cethegus blieb ruhig stehen in der Mitte des Zeltes, und Antonina und
Prokop lagen so ganz unter dem Bann seines Einflusses, dass sie nicht ihrem
Herrn zu folgen wagten. Ja, Belisar selbst wandte sich und fragte: "Muss es
denn jetzt gerade sein?"

"Es muss," sagte Cethegus und er fuehrte Antonina an der Hand nach ihrem
Sitz zurueck.

Da schritt auch Belisar wieder zurueck. "Nun so sprich," sagte er, "aber
kurz."

"So kurz als moeglich. Ich habe immer gefunden, dass gegenueber grossen
Freunden oder grossen Feinden Aufrichtigkeit das staerkste Band oder die
beste Waffe. Danach werd' ich in dieser Stunde handeln. Wenn ich sagte:
mein Thun lohnt sich selbst, so wollt' ich damit ausdruecken, dass ich dem
falschen Priester die Herrschaft ueber Rom nicht eben um des Kaisers Willen
entrissen."

Belisar horchte hoch auf. Prokop, erschrocken ueber diese allzukuehne
Offenheit seines Freundes, machte ihm ein abmahnendes Zeichen.

Antoninas rasches Auge hatte das bemerkt und stutzte, misstrauisch ueber das
Einverstaendnis der beiden. Cethegus entging dies nicht. "Nein, Prokop,"
sagte er zu Belisars Erstaunen: "unsre Freunde hier wuerden doch allzubald
erkennen, dass Cethegus nicht der Mann ist, seinen Ehrgeiz in einem Laecheln
Justinians befriedigt zu finden. Ich habe Rom nicht fuer den Kaiser
gerettet."

"Fuer wen sonst?" fragte Belisar ernst.

"Zunaechst fuer Rom. Ich bin ein Roemer. Ich liebe mein ewiges Rom. Es sollte
nicht dem Priester dienstbar werden. Aber auch nicht die Sklavin des
Kaisers. Ich bin Republikaner," sprach er, das Haupt trotzig aufwerfend.

Ueber Belisars Antlitz flog ein Laecheln: der Praefekt schien ihm nicht mehr
so bedeutend. Prokop sagte achselzuckend: "Unbegreiflich." Aber Antoninen
gefiel dieser Freimut.

"Zwar sah ich ein, dass wir nur mit dem Schwerte Belisars die Barbaren
niederschlagen koennen. Leider auch, dass unsere Zeit nicht ganz reif ist,
mein Traumbild republikanischer Freiheit zu verwirklichen. Die Roemer
muessen erst wieder zu Catonen werden, dies Geschlecht muss aussterben und
ich erkenne, dass Rom einstweilen nur unter dem Schilde Justinians Schutz
findet gegen die Barbaren. Drum wollen wir uns diesem Schilde beugen -
einstweilen."

"Nicht uebel!" dachte Prokop, "der Kaiser soll sie solang schuetzen, bis sie
stark genug sind, ihn zum Dank davonzujagen."

"Das sind Traeume, mein Praefekt," sagte Belisar mitleidig, "was haben sie
fuer praktische Folgen?"

"Die, dass Rom nicht mit gebundenen Haenden, ohne Bedingung, der Willkuer des
Kaisers ueberliefert werden soll. Justinian hat nicht nur Belisar zum
Diener. Denke, wenn der herzlose Narses dein Nachfolger wuerde!" - Die
Stirn des Helden faltete sich. - "Deshalb will ich dir die Bedingungen
nennen, unter denen die Stadt Caesars dich und dein Heer in ihre Mauern
aufnehmen wird."

Aber das war Belisar zu viel. Zuernend sprang er auf, sein Antlitz gluehte,
sein Auge blitzte. "Praefekt von Rom," rief er mit seiner rollenden
Loewenstimme, "du vergisst dich und deine Stellung. Morgen brech' ich auf
mit meinem Heer von siebzigtausend Mann nach Rom. Wer wird mich hindern,
einzuziehen in die Stadt, ohne Bedingung?"

"Ich," sagte Cethegus ruhig. "Nein, Belisar, ich rase nicht. Sieh hier,
diesen Plan der Stadt und ihrer Werke. Dein Feldherrnauge wird rascher,
besser als das meine, ihre Staerke erkennen." Er zog ein Pergament hervor
und breitete es auf dem Zelttische aus.

Belisar warf einen gleichgueltigen Blick darauf, aber sofort rief er: "Der
Plan ist irrig! Prokop, reiche mir unsern Plan aus jener Capsula. -

Sieh her, diese Graeben sind ja jetzt ausgefuellt, diese Tuerme eingefallen,
hier die Mauer niedergerissen, diese Thore wehrlos. - Dein Plan stellt sie
alle noch in furchtbarer Staerke dar. Er ist veraltet, Praefekt von Rom."

"Nein, Belisar, der deine ist veraltet: diese Mauern, Graeben, Thore sind
hergestellt." - "Seit wann?" - "Seit Jahresfrist." - "Von wem?" - "Von
mir." Betroffen sah Belisar auf den Plan.

Antoninas Blick hing aengstlich an den Zuegen ihres Gatten.

"Praefekt," sagte dieser endlich, "wenn dem so ist, so verstehst du den
Krieg, den Festungskrieg. Aber zum Krieg gehoert ein Heer und deine leeren
Waelle werden mich nicht aufhalten."

"Du wirst sie nicht leer finden. Du wirst einraeumen, dass mehr als
zwanzigtausend Mann Rom, - naemlich dies _mein_ Rom hier auf dem Plan, -
ueber Jahr und Tag selbst gegen Belisar zu halten vermoegen. Gut: so wisse
denn, dass jene Werke in diesem Augenblick von fuenfunddreissigtausend
Bewaffneten gedeckt sind."

"Sind die Goten zurueck?" rief Belisar. Prokop trat erstaunt naeher.

"Nein, jene fuenfunddreissigtausend stehen unter meinem Befehl. Ich habe
seit Jahren die lang verweichlichten Roemer zu den Waffen zurueckgerufen und
unablaessig in den Waffen geuebt. So habe ich zur Zeit dreissig Kohorten,
jede fast zu tausend Mann, schlagfertig."

Belisar bekaempfte seinen Unmut und zuckte veraechtlich die Achseln.

"Ich geb' es zu," - fuhr Cethegus fort - "diese Scharen wuerden in offner
Feldschlacht einem Heere Belisars nicht stehen. Aber ich versichre dich:
von diesen Mauern herab werden sie ganz tuechtig fechten. Ausserdem hab' ich
aus meinen Privatmitteln siebentausend auserlesene isaurische und
abasgische Soeldner geworben und allmaehlich in kleinen Abteilungen ohne
Aufsehen nach Ostia, nach Rom und in die Umgegend gebracht. Du zweifelst?
hier sind die Listen der dreissig Kohorten, hier der Vertrag mit den
Isauriern. Du siehst deutlich, wie die Sachen stehen. Entweder du nimmst
meine Bedingung an: - dann sind jene fuenfunddreissigtausend dein, dein ist
Rom, mein Rom, dieses Rom auf dem Plan, von dem du sagtest, es sei von
furchtbarer Staerke, und dein ist Cethegus. Oder du verwirfst meine
Bedingung: dann ist dein ganzer Siegeslauf, dessen Gelingen auf der
Raschheit deiner Bewegung ruht, gehemmt. Du musst Rom belagern, viele Monde
lang. Die Goten haben alle Zeit, sich zu sammeln. Wir selber rufen sie
zurueck: sie ziehen in dreifacher Uebermacht zum Entsatz der Stadt heran,
und nichts errettet dich vom Verderben als ein Wunder."

"Oder dein Tod in diesem Augenblick, du Teufel," donnerte Belisar, und
riss, seiner nicht mehr maechtig, das Schwert aus der Scheide. "Auf, Prokop,
in des Kaisers Namen! Ergreife den Verraeter! Er stirbt in dieser Stunde!"

Entsetzt, unschluessig trat Prokop zwischen die beiden, indes Antonina
ihrem Gatten in den Arm fiel und seine rechte Hand zu fassen suchte.

"Seid ihr mit im Bunde?" schrie der Ergrimmte. "Wachen, Wachen herbei!"

Aus jeder der beiden Thueren traten zwei Lanzentraeger in das Zelt: aber
noch zuvor hatte sich Belisar von Antonina losgerissen und mit dem linken
Arm den starken Prokop, als waer' er ein Kind, zur Seite geschleudert. Mit
dem Schwert zu furchtbarem Stoss ausholend, stuerzte er auf den Praefekten
los.

Aber ploetzlich hielt er inne und senkte die Waffe, die schon des Bedrohten
Brust streifte.

Denn unbeweglich, wie eine Statue, ohne eine Miene zu verziehen, den
kalten Blick durchbohrend auf den Wuetenden gerichtet, war Cethegus stehen
geblieben, ein Laecheln unsaeglicher Verachtung um die Lippen.

"Was soll der Blick und dieses Lachen?" fragte Belisar innehaltend.

Prokop winkte leise den Wachen, abzutreten.

"Mitleid mit deinem Feldherrnruhm, den ein Augenblick des Jaehzorns fuer
immer verderben sollte. Wenn dein Stoss traf, warst du verloren."

"Ich!" lachte Belisar. "Ich sollte meinen du."

"Und du mit mir. Glaubst du, ich stecke tolldreist den Kopf in den Rachen
des Loewen? Dass einem Helden deiner Art zu allererst der feine Einfall
kommen werde, dich mit einem guten Schwertstreich herauszuhauen, das
vorauszusehen war nicht schwer. Dagegen hab' ich mich geschuetzt. Wisse:
seit diesem Morgen ist infolge eines versiegelten Auftrages, den ich
zurueckliess, Rom in den Haenden, in der Gewalt meiner blindergebnen Freunde.
Das Grabmal Hadrians, das Kapitol und alle Thore und Tuerme der Umwallung
sind besetzt von meinen Isauriern und Legionaren. Meinen Kriegstribunen,
todesmutigen Juenglingen, hab' ich diesen Befehl hinterlassen fuer den Fall,
dass du ohne mich vor Rom eintriffst." Er reichte Prokop eine Papyrusrolle.

Dieser las: "An Lucius und Marcus die Licinier Cethegus der Praefekt. Ich
bin gefallen, ein Opfer der Tyrannei der Byzantiner. Raechet mich! Ruft
sofort die Goten zurueck. Ich fordre es bei eurem Eid. Besser die Barbaren
als die Schergen Justinians. Haltet euch bis auf den letzten Mann.
Uebergebt die Stadt eher den Flammen als dem Heer des Tyrannen."

"Du siehst also," fuhr Cethegus fort, "dass dir mein Tod die Thore Roms
nicht oeffnet, sondern fuer immer sperrt. Du musst die Stadt belagern: oder
mit mir abschliessen."

Belisar warf einen Blick des Zornes, aber auch der Bewunderung auf den
kuehnen Mann, der ihm mitten unter seinen Tausenden Bedingungen vorschrieb.
Dann steckte er das Schwert ein, warf sich unwillig auf seinen Stuhl und
fragte: "Welches sind deine Bedingungen fuer die Uebergabe?" "Nur zwei.
Erstens giebst du mir Befehl ueber einen kleinen Teil deines Heeres. Ich
darf deinen Byzantinern kein Fremder sein."

"Zugestanden. Du erhaeltst als Archon zweitausend Mann illyrischen Fussvolks
und eintausend saracenische und maurische Reiter. Genuegt das?"

"Vollkommen. Zweitens.

Meine Unabhaengigkeit vom Kaiser und von dir ruht einzig auf der
Beherrschung Roms. Diese darf durch deine Anwesenheit nicht aufhoeren.
Deshalb bleibt das ganze rechte Tiberufer mit dem Grabmal Hadrians, auf
dem linken aber das Kapitol, die Umwallung im Sueden bis zum Thore Sankt
Pauls einschliesslich, bis zum Ende des Krieges in der Hand meiner Isaurier
und Roemer; von dir aber wird der ganze Rest der Stadt auf dem linken
Tiberufer besetzt, von dem flaminischen Thor im Norden bis zum appischen
Thor im Sueden."

Belisar warf einen Blick auf den Plan. "Nicht uebel gedacht! Von jenen
Punkten aus kannst du mich jeden Augenblick aus der Stadt draengen oder den
Fluss absperren. Das geht nicht an."

"Dann rueste dich zum Kampf mit den Goten und mit Cethegus zusammen vor den
Mauern Roms."

Belisar sprang auf. "Geht! lasst mich allein mit Prokop! Cethegus, erwarte
meine Entscheidung."

"Bis morgen," sagte dieser. "Bei Sonnenaufgang kehr' ich nach Rom zurueck,
mit deinem Heer oder - allein."

                              --------------

Wenige Tage darauf zog Belisar mit seinem Heer in der ewigen Stadt ein
durch das asinarische Thor.

Endloser Jubel begruesste den Befreier, Blumenregen ueberschuettete ihn und
seine Gattin, die auf einem zierlichen weissen Zelter an seiner Linken
ritt. Alle Haeuser hatten ihren Festschmuck von Teppichen und Kraenzen
angethan.

Aber der Gefeierte schien nicht froh: verdrossen senkte er das Haupt und
warf finstre Blicke nach den Waellen und dem Kapitol, von denen, den alten
roemischen Adlern nachgebildet, die Banner der staedtischen Legionare, nicht
die Drachenfahnen von Byzanz, herniederschauten.

Am asinarischen Thor hatte der junge Lucius Licinius den Vortrapp des
kaiserlichen Heeres zurueckgewiesen: und nicht eher hob sich das wuchtige
Fallgitter, bis neben Belisars Rotscheck, getragen von seinem prachtvollen
Rappen, Cethegus der Praefekt erschienen war. Lucius staunte ueber die
Verwandlung, die mit seinem bewunderten Freunde vorgegangen. Die kalte,
strenge Verschlossenheit war gewichen: er erschien groesser, jugendlicher:
ein leuchtender Glanz des Sieges lag auf seinem Antlitz, seiner Haltung
und seiner Erscheinung. Er trug einen hohen, reichvergoldeten Helm, von
dem der purpurne Rossschweif niederwallte bis auf den Panzer: dieser aber
war ein kostbares Kunstwerk aus Athen und zeigte auf jeder seiner
Rundplatten ein fein gearbeitetes Relief von getriebenem Silber, jedes
einen Sieg der Roemer darstellend.

Der Siegesausdruck seines leuchtenden Gesichts, seine stolze Haltung und
sein schimmernder Waffenschmuck ueberstrahlte, wie Belisar, den
kaiserlichen Magister Militum selbst, so das glaenzende Gefolge von
Heerfuehrern, das sich, gefuehrt von Johannes und Prokop, hinter den beiden
anschloss. Und dies Ueberstrahlen war so augenfaellig, dass sich, sowie der
Zug einige Strassen durchmessen hatte, der Eindruck auch der Menge
mitteilte und der Ruf "Cethegus!" bald so laut und lauter als der Name
"Belisar" ertoente.

Das feine Ohr Antoninas fing an, dies zu bemerken: mit Unruhe lauschte sie
bei jeder Stockung des Zugs auf das Rufen und Reden des Volks. Als sie die
Thermen des Titus hinter sich gelassen und bei dem flavischen Amphitheater
die sacra Via erreicht hatten, wurden sie durch das Wogen der Menge zum
Verweilen gezwungen: ein schmaler Triumphbogen war errichtet, den man nur
langsam durchschreiten konnte.

"Sieg dem Kaiser Justinian und Belisarius, seinem Feldherrn," stand darauf
geschrieben. Waehrend Antonina die Aufschrift las, hoerte sie einen Alten,
der wenig in den Lauf der Dinge eingeweiht schien, an seinen Sohn, einen
der jungen Legionare des Cethegus, Fragen um Auskunft stellen. "Also, mein
Gajus, der Finstre mit dem verdriesslichen Gesicht auf dem Rotscheck ... -"
"Ja, das ist Belisarius, wie ich dir sage," antwortete der Sohn. "So? Nun
- aber der stattliche Held, ihm zur Linken, mit dem triumphierenden Blick,
der auf dem Rappen, das ist gewiss Justinianus selbst, sein Herr, der
Imperator?" - "Beileibe, Vater! der sitzt ruhig in seinem goldnen Gemach
zu Byzanz und schreibt Gesetze. Nein, das ist ja Cethegus, _unser_
Cethegus, mein Cethegus, der Praefekt, der mir das Schwert geschenkt. Ja,
das ist ein Mann. Licinius, mein Tribun, sagte neulich: wenn der nicht
wollte, Belisar saehe nie ein roemisch Thor von innen."

Antonina gab ihrem Apfelschimmel einen heftigen Schlag mit dem
Silberstaebchen und sprengte rasch durch den Triumphbogen.

Cethegus geleitete den Feldherrn und dessen Gattin bis an den Palast der
Pincier, der prachtvoll zu ihrer Aufnahme in stand gesetzt war. Hier
verabschiedete er sich, den byzantinischen Heerfuehrern seinen Beistand zu
leihen, die Truppen teils in den Haeusern der Buerger und den oeffentlichen
Gebaeuden, teils vor den Thoren in Zelten unterzubringen.

"Wenn du dich von den Muehen - und Ehren! - dieses Tages erholt,
Belisarius, erwarte ich dich und Antonina und deine ersten Heerfuehrer zum
Mahl in meinem Hause."

Nach einigen Stunden erschienen Marcus Licinius, Piso und Balbus, die
Geladenen abzuholen. Sie begleiteten die Saenften, in denen Antonina und
Belisar getragen wurden, die Heerfuehrer gingen zu Fuss.

"Wo wohnt der Praefekt?" fragte Belisar beim Einsteigen in die Saenfte.

"So lang du hier bist: tags im Grabmal Hadrians, und nachts - auf dem
Kapitol."

Belisar stutzte. Der kleine Zug naeherte sich dem Kapitol.

Mit Staunen sah der Feldherr alle die Werke und Waelle, die seit mehr denn
zweihundert Jahren in Schutt gelegen waren, zu gewaltiger Staerke wieder
hergestellt.

Nachdem sie durch einen langen, schmalen und dunkeln Zickzackgang, den
engen Zugang zu der Feste, sich gewunden, gelangten sie an ein gewaltiges
Eisenthor, das fest geschlossen war, wie in Kriegszeit.

Marcus Licinius rief die Wachen an.

"Gieb die Losung!" sprach eine Stimme von innen.

"Caesar und Cethegus!" antwortete der Kriegstribun. Da sprangen die
Thorfluegel auf: ein langes Spalier der roemischen Legionare und der
isaurischen Soeldner ward sichtbar, letztere in Eisen gehuellt bis an die
Augen und mit Doppelaexten bewaffnet. Lucius Licinius stand an der Spitze
der Roemer, mit gezuecktem Schwert in der Hand: Sandil, der isaurische
Haeuptling, an der Spitze seiner Landsleute. Einen Augenblick blieben die
Byzantiner unentschlossen stehen, von dem Eindruck dieser Machtentfaltung
von Granit und Eisen ueberwaeltigt.

Da wurde es hell in dem matt erleuchteten Raum: man vernahm Musik aus dem
Hintergrund des Ganges: und, von Fackeltraegern und Floetenspielern
begleitet, nahte Cethegus, ohne Ruestung, einen Kranz auf dem Haupt, wie
ihn der Wirt eines Festgelages zu tragen pflegte, im reichen Hausgewand
von Purpurseide. So trat er laechelnd vor und sprach: "Willkommen! und
Floetenspiel und Tubaschall verkuende laut: dass die schoenste Stunde meines
Lebens kam: Belisar, _mein Gast_ im Kapitol."

Und unter schmetterndem Klang der Trompeten fuehrte er den Schweigenden in
die Burg.




                           Vierzehntes Kapitel.


Waehrend dieser Vorgaenge bei den Roemern und Byzantinern bereiteten sich
auch auf Seite der Goten entscheidende Ereignisse vor.

In Eilmaerschen waren Herzog Guntharis und Graf Arahad von Florentia, wo
sie eine kleine Besatzung zurueckliessen, mit ihrer gefangenen Koenigin nach
Ravenna aufgebrochen. Wenn sie diese fuer uneinnehmbar geltende Feste vor
Witichis, der heftig nachdraengte, erreichten und gewannen, so mochten sie
dem Koenig jede Bedingung vorschreiben. Zwar hatten sie noch einen starken
Vorsprung und hofften, die Verfolger durch die Belagerung von Florentia
noch eine gute Weile aufzuhalten. Aber sie buessten jenen Vorsprung beinahe
voellig dadurch ein, dass die auf der naechsten Strasse nach Ravenna gelegenen
Staedte und Kastelle sich fuer Witichis erklaerten und so die Empoerer
noetigten, auf grossem Umweg im rechten Winkel zuerst noerdlich nach Bononia
(Bologna), das zu ihnen abgefallen war, und dann erst oestlich nach Ravenna
zu marschieren.

Gleichwohl war, als sie in der Sumpflandschaft der Seefestung anlangten
und nur noch einen halben Tagemarsch von ihren Thoren entfernt waren, von
dem Heer des Koenigs nichts zu sehen. Guntharis goennte seinen stark
ermuedeten Truppen den Rest des ohnehin schon gegen Abend neigenden Tages
und schickte nur eine kleine Schar Reiter unter seines Bruders Befehl
voraus, den Goten in der Festung ihre Ankunft zu verkuenden.

Aber schon in den ersten Morgenstunden des naechsten Tages kam Graf Arahad
mit seiner stark gelichteten Reiterschar fluechtend ins Lager zurueck. "Bei
Gottes Schwert," rief Guntharis, "wo kommst du her?"

"Von Ravenna kommen wir. Wir hatten die aeussersten Werke der Stadt erreicht
und Einlass begehrt, wurden aber entschieden abgewiesen, obwohl ich selbst
mich zeigte und den alten Grippa, den Grafen von Ravenna, rufen liess. Der
erklaerte trotzig, morgen wuerden wir seine und der Goten in Ravenna
Entscheidung erfahren: wir sowohl wie das Heer des Koenigs, dessen Spitzen
sich bereits von Suedosten her der Stadt naeherten."

"Unmoeglich!" rief Guntharis aergerlich.

"Mir blieb nichts uebrig, als abzuziehen, so wenig ich dies Benehmen
unseres Freundes begriff. Die Nachricht von der Naehe des Koenigs hielt auch
ich fuer eine leere Drohung des Alten, bis meine im Sueden der Stadt
schwaermenden Reiter, die nach einer trockenen Beiwachtstelle suchten,
ploetzlich von feindlichen Reitern unter dem schwarzen Grafen Teja von
Tarentum mit dem Ruf: "Heil Koenig Witichis!" angegriffen und nach scharfem
Gefecht zurueckgeworfen wurden."

"Du rasest," rief Guntharis. "Haben sie Fluegel? ist Florentia aus ihrem
Wege fortgeblasen?"

"Nein! aber ich erfuhr von picentinischen Bauern, dass Witichis auf dem
Kuestenweg ueber Auximum und Ariminum nach Ravenna eilt." - "Und Florentia
liess er im Ruecken, ungezwungen? Das soll ihm schlecht bekommen." -
"Florentia ist gefallen! Er schickte Hildebad gegen die Stadt, der sie im
Sturme nahm. Er rannte mit eigener Hand das Marsthor ein, - der wuetige
Stier!"

Mit finsterer Miene vernahm Herzog Guntharis diese Ungluecksbotschaften;
aber rasch fasste er seinen Entschluss. Er brach sofort mit all seinen
Truppen gegen die Stadt auf, sie durch einen raschen Streich zu nehmen.

Der Ueberfall misslang.

Aber die Empoerer hatten die Befriedigung, zu sehen, dass die Festung, deren
Besitz den Buergerkrieg entschied, wenigstens auch dem Feind sich nicht
geoeffnet hatte. Im Suedosten, vor der Hafenstadt Classis, hatte sich der
Koenig gelagert. Des Herzogs Guntharis geuebter Blick erkannte alsbald, dass
auch die Suempfe im Nordwesten eine sichere Stellung gewaehrten, und rasch
schlug er hier ein wohlverschanztes Lager auf.

So hatten sich die beiden Parteien, wie zwei ungestueme Freier um eine
sproede Braut, hart an beide Seiten der gotischen Koenigsstadt gedraengt, die
keinem ein guenstiges Gehoer schenken zu wollen schien.

Tags darauf gingen zwei Gesandtschaften, aus Ravennaten und Goten
bestehend, aus dem nordwestlichen und aus dem suedoestlichen Thor der
Festung, dem Thor des Honorius und dem des Theoderich, und brachten, jene
in das Lager der Woelsungen, diese zu den Koeniglichen, den verhaengnisvollen
Entscheid von Ravenna.

Dieser musste sehr seltsam lauten. Denn die beiden Heerfuehrer, Guntharis
und Witichis, hielten ihn, in merkwuerdiger Uebereinstimmung, streng geheim
und sorgten eifrig dafuer, dass kein Wort davon unter ihre Truppen gelangte.
Die Gesandten wurden sofort aus den Feldherrnzelten beider Lager unter
Bedeckung von Heerfuehrern, die jede Unterredung mit den Heermaennern
verwehrten, nach den Thoren der Stadt zurueckgebracht.

Aber auch sonst war die Wirkung der Botschaft in den beiden Heerlagern
auffallend genug. Bei den Empoerern kam es zu einem heftigen Streit
zwischen den beiden Fuehrern: dann zu einer sehr lebhaften Unterredung von
Herzog Guntharis mit seiner schoenen Gefangenen, die, wie es hiess, nur
durch Graf Arahad vor dem Zorne seines Bruders geschuetzt worden war.
Darauf versank das Lager der Rebellen in die Ruhe der Ratlosigkeit.

Folgenreicher war das Erscheinen der ravennatischen Gesandten in dem Lager
gegenueber. Die erste Antwort, die Koenig Witichis auf die Botschaft erliess,
war der Befehl zu einem allgemeinen Sturm auf die Stadt.

Ueberrascht vernahmen Hildebrand und Teja, vernahm das ganze Heer diesen
Auftrag. Man hatte gehofft, in Baelde die Thore der starken Festung sich
freiwillig aufthun zu sehen. Gegen das gotische Herkommen und ganz gegen
seine sonst so leutselige Art gab der Koenig niemand, auch seinen Freunden
nicht, Rechenschaft von der Mitteilung der Gesandten und von den Gruenden
dieses zornigen Angriffs.

Schweigend, aber kopfschuettelnd und mit wenig Hoffnung auf Erfolg, ruestete
sich das Heer zu dem unvorbereiteten Sturm: er ward blutig
zurueckgeschlagen. Vergebens trieb der Koenig seine Goten immer wieder aufs
neue die steilen Felswaelle hinan. Vergebens bestieg er, dreimal der erste,
die Sturmleitern: vom fruehen Morgen bis zum Abendrot hatten die Angreifer
gestuermt ohne Fortschritte zu machen: die Festung bewaehrte ihren alten
Ruhm der Unbezwingbarkeit.

Und als endlich der Koenig, von einem Schleuderstein schwer betaeubt, aus
dem Getuemmel getragen wurde, fuehrten Teja und Hildebrand die ermuedeten
Scharen ins Lager zurueck.

Die Stimmung des Heeres in der darauf folgenden Nacht war sehr truebe und
gedrueckt. Man hatte empfindliche Verluste zu beklagen und nichts gewonnen,
als die Ueberzeugung, dass die Stadt mit Gewalt nicht zu nehmen sei. Die
gotische Besatzung von Ravenna hatte neben den Buergern auf den Waellen
gefochten; der Koenig der Goten lag belagernd vor seiner Hauptstadt, vor
der besten Festung seines Reiches, in der man Schutz und die Zeit zur
Ruestung gegen Belisar zu finden gehofft!

Das Schlimmste aber war, dass das Heer die Schuld des ganzen
Unglueckskampfes, die Notwendigkeit des Bruderstreits auf den Koenig schob.
Warum hatte man die Verhandlung mit der Stadt ploetzlich abgebrochen? Warum
nicht wenigstens die Ursache dieses Abbrechens, war sie eine gerechte, dem
Heere mitgeteilt? Warum scheute der Koenig das Licht?

Missmutig sassen die Leute bei ihren Wachtfeuern oder lagen in den Zelten,
ihre Wunden pflegend, ihre Waffen flickend: nicht, wie sonst, scholl
Gesang der alten Heldenlieder von den Lagertischen, und wenn die Fuehrer
durch die Zeltgassen schritten, hoerten sie manches Wort des Aergers und des
Zornes wider den Koenig.

Gegen Morgen traf Hildebad mit seinen Tausendschaften von Florentia her im
Lager ein. Er vernahm mit zornigem Schmerz die Kunde von der blutigen
Schlappe und wollte sofort zum Koenig; aber da dieser noch bewusstlos unter
Hildebrands Pflege lag, nahm ihn Teja in sein Zelt, und beantwortete seine
unwilligen Fragen.

Nach einiger Zeit trat der alte Waffenmeister ein, mit einem Ausdruck in
den Zuegen, dass Hildebad erschrocken von seinem Baerenfell, das ihm zum
Lager diente, aufsprang und auch Teja hastig fragte: "Was ist mit dem
Koenig? Seine Wunde? Stirbt er?"

Der Alte schuettelte schmerzlich sein Haupt: "Nein: aber wenn ich richtig
rate, wie ich ihn kenne und sein wackres Herz, waer' ihm besser, er
stuerbe."

"Was meinst du? was ahnest du?"

"Still, still," sprach Hildebrand traurig, sich setzend, "armer Witichis!
es kommt noch, fuercht' ich, frueh genug zur Sprache." Und er schwieg.

"Nun," sagte Teja, "wie liessest du ihn?" - "Das Wundfieber hat ihn
verlassen, dank meinen Kraeutern. Er wird morgen wieder zu Ross koennen. Aber
er sprach wunderbare Dinge in seinen wirren Traeumen - ich wuensche ihm, dass
es nur Traeume sind, sonst: weh dem treuen Manne."

Mehr war aus dem verschlossenen Alten nicht zu erforschen. Nach einigen
Stunden liess Witichis die drei Heerfuehrer zu sich rufen. Sie fanden ihn zu
ihrem Staunen in voller Ruestung, obwohl er sich im Stehen auf sein Schwert
stuetzen musste; seitwaerts auf einem Tisch lag sein koeniglicher Kronhelm und
der heilige Koenigsstab von weissem Eschenholz mit goldner Kugel. Die
Freunde erschraken ueber den Verfall dieser sonst so ruhigen, maennlich
schoenen Zuege. Er musste innerlich schwer gekaempft haben. Diese kernige,
schlichte Natur aus Einem Guss konnte ein Ringen zweifelvoller Pflichten,
widerstreitender Empfindungen nicht ertragen.

"Ich hab' euch rufen lassen," sprach er mit Anstrengung, "meinen Entschluss
in dieser schlimmen Lage zu vernehmen und zu unterstuetzen. Wie gross ist
unser Verlust in diesem Sturm?"

"Dreitausend Tote," sagte Teja sehr ernst. "Und ueber sechstausend
Verwundete," fuegte Hildebrand hinzu.

Witichis drueckte schmerzlich die Augen zu. Dann sprach er: "Es geht nicht
anders. Teja, gieb sogleich Befehl zu einem zweiten Sturm."

"Wie? Was?" riefen die drei Fuehrer wie aus Einem Munde.

"Es geht nicht anders," wiederholte der Koenig. "Wie viele Tausendschaften
fuehrst du uns zu, Hildebad?" - "Drei, aber sie sind totmuede vom Marsch.
Heut' koennen sie nicht fechten."

"So stuermen wir wieder allein," sagte Witichis nach seinem Speer langend.

"Koenig," sagte Teja, "wir haben gestern nicht einen Stein der Festung
gewonnen und heute hast du neuntausend weniger .." -

"Und die Unverwundeten sind matt, ihre Waffen und ihr Mut zerbrochen,"
mahnte der alte Waffenmeister.

"Wir muessen Ravenna haben!"

"Wir werden es nicht mit Sturm nehmen!" sagte Teja.

"Das wollen wir sehen!" meinte Witichis.

"Ich lag vor der Stadt mit dem grossen Koenig," warnte Hildebrand: "er hat
sie siebzigmal umsonst bestuermt: wir nahmen sie nur durch Hunger - nach
drei Jahren." -

"Wir _muessen_ stuermen," sagte Witichis, "gebt den Befehl." Teja wollte das
Zelt verlassen. Hildebrand hielt ihn. "Bleib," sagte er, "wir duerfen ihm
nichts verschweigen. Koenig! die Goten murren: sie wuerden dir heut' nicht
folgen: der Sturm ist unmoeglich."

"Steht es so?" sagte Witichis bitter. "Der Sturm ist unmoeglich? Dann ist
nur eins noch moeglich: der Weg, den ich gestern schon haette einschlagen
sollen: - dann lebten jene dreitausend Goten noch. Geh, Hildebad, nimm
dort Krone und Stab!

Geh ins Lager der Empoerer, lege sie dem jungen Arahad zu Fuessen: er soll
sich mit Mataswintha vermaehlen; ich und mein Heer, wir gruessen ihn als
Koenig." Und er warf sich erschoepft aufs Lager.

"Du sprichst wieder im Wundfieber," sagte der Alte. "Das ist unmoeglich!"
schloss Teja.

"Unmoeglich! Alles unmoeglich? der Kampf unmoeglich? und die Entsagung? Ich
sage dir, Alter: es giebt nichts andres nach der Botschaft aus Ravenna."
Er schwieg.

Die drei warfen sich bedeutende Blicke zu.

Endlich forschte der Alte: "Wie lautet sie? vielleicht findet sich doch
ein Ausweg? Acht Augen sehen mehr als zwei."

"Nein," sagte Witichis, "hier nicht, hier ist nichts zu sehen: sonst haett'
ich's euch laengst gesagt: aber es konnte zu nichts fuehren. Ich hab's
allein erwogen. Dort liegt das Pergament aus Ravenna, aber schweigt vor
dem Heer."

Der Alte nahm die Rolle und las: "Die gotischen Krieger und das Volk von
Ravenna an den Grafen Witichis von Faesulae!" -

"Die Frechen!" rief Hildebad dazwischen.

"Den Herzog Guntharis von Tuscien und den Grafen Arahad von Asta. Die
Goten und die Buerger dieser Stadt erklaeren den beiden Heerlagern vor ihren
Thoren, dass sie, getreu dem erlauchten Hause der Amalungen und eingedenk
der unvergesslichen Wohlthaten des grossen Koenigs Theoderich, bei diesem
Herrscherstamm ausharren werden, solang noch ein Reis desselben gruent. Wir
erkennen deswegen nur Mataswintha als Herrin der Goten und Italier an: nur
der Koenigin Mataswintha werden wir diese festen Thore oeffnen und gegen
jeden andern unsre Stadt bis zum aeussersten verteidigen."

"Diese Rasenden," sagte Teja. "Unbegreiflich," versetzte Hildebad.

Aber Hildebrand faltete das Pergament zusammen und sagte: "Ich begreife es
wohl. Was die Goten anlangt, so wisst ihr, dass Theoderichs ganze
Gefolgschaft die Besatzung der Stadt bildet; diese Gefolgen aber haben dem
Koenig geschworen, seinem Stamm nie einen fremden Koenig vorzuziehen: auch
ich hab' diesen Eid gethan: aber ich habe dabei immer an die Speerseite,
nicht an die Spindeln, nicht an die Weiber, gedacht: darum musst' ich
damals fuer Theodahad stimmen: darum konnt' ich nach dessen Verrat Witichis
huldigen. Der alte Graf Grippa von Ravenna nun und seine Gesellen glauben
sich auch an die Weiber des Geschlechts durch jenen Eid gebunden: und
verlasst euch darauf, diese grauen Recken, die aeltesten im Gotenreich und
Theoderichs Waffengenossen, lassen sich in Stuecke hauen, Mann fuer Mann,
eh' sie von ihrem Eide lassen, wie sie ihn einmal deuten. Und, bei
Theoderich! sie haben recht. Die Ravennaten aber sind nicht nur dankbar,
sondern auch schlau: sie hoffen, Goten und Byzantiner sollen den Strauss
vor ihren Waellen ausfechten. Siegt Belisar, der, wie er sagt, Amalaswintha
zu raechen kommt, so kann er die Stadt nicht strafen, die zu ihrer Tochter
gehalten: und siegen wir, so hat sie die Besatzung in der Burg gezwungen,
die Thore zu sperren."

"Wie immer dem sei," fiel der Koenig ein, "ihr werdet jetzt mein Verfahren
verstehn. Erfuhr das Heer von jenem Bescheid, so mochten viele mutlos
werden und zu den Woelsungen uebergehn, in deren Gewalt die Fuerstin ist. Mir
blieben nur zwei Wege: die Stadt mit Gewalt nehmen - oder nachgeben: jenes
haben wir gestern vergebens versucht und ihr sagt, man koenne es nicht
wiederholen. So eruebrigt nur das andre: nachgeben. Arahad mag die Jungfrau
freien und die Krone tragen; ich will der erste sein, ihm zu huldigen und
mit seinem tapfren Bruder sein Reich zu schirmen."

"Nimmermehr!" rief Hildebad, "du bist unser Koenig und sollst es bleiben.
Nie beug' ich mein Haupt vor jenem jungen Fant. Lass uns morgen hinueber
ruecken gegen die Rebellen, ich allein will sie aus ihrem Lager treiben und
das Koenigskind, vor dessen Hand wie durch Zauber jene festen Thore
aufspringen sollen, in _unsre_ Zelte tragen."

"Und wenn wir sie haben?" sagte Teja, "was dann? Sie nuetzt uns nichts,
wenn wir sie nicht als Koenigin begruessen. Willst du das? Hast du nicht
genug an Amalaswintha und Godelindis? Nochmals Weiberherrschaft?"

"Gott soll uns davor schuetzen!" lachte Hildebad.

"So denke ich auch," sprach der Koenig, "sonst haett' ich laengst diesen Weg
ergriffen."

"Ei, so lass uns hier liegen und warten bis die Stadt muerbe wird."

"Geht nicht," sagte Witichis, "wir _koennen_ nicht warten. In wenigen Tagen
kann Belisar von jenen Huegeln steigen und nacheinander mich, Herzog
Guntharis und die Stadt bezwingen: dann ist's dahin, das Reich und Volk
der Goten. Es giebt nur zwei Wege: Sturm -"

"Unmoeglich," sprach Hildebrand.

"Oder nachgeben. Geh, Teja, nimm die Krone. Ich sehe keinen Ausweg."

Die beiden jungen Maenner zauderten.

Da sprach mit einem ernsten, trauervollen Blick der Liebe auf den Koenig
der alte Hildebrand: "Ich sehe den Ausweg, den schmerzvollen, den
einzigen. Du musst ihn gehen, mein Witichis, und bricht dir siebenmal das
Herz." Witichis sah ihn fragend an: auch Teja und Hildebad staunten ob der
Weichheit des felsharten Alten.

"Geht ihr hinaus," fuhr dieser fort, "ich muss allein sprechen mit dem
Koenig."




                           Fuenfzehntes Kapitel.


Schweigend verliessen die beiden Goten das Zelt und schritten draussen, den
Ausgang abwartend, die Lagergasse auf und nieder. Aus dem Zelt drang hin
und wieder Hildebrands Stimme, der in langer Rede den Koenig zu ermahnen
und zu draengen schien: und hin und wieder ein Ausruf des Koenigs.

"Was kann nur der Alte sinnen?" fragte Hildebad, still haltend, "weisst
du's nicht?" "Ich ahn' es," seufzte Teja, "armer Witichis!" - "Zum Teufel,
was meinst du?" "Lass," sagte Teja, "es wird bald genug auskommen."

So verging geraume Zeit.

Heftiger und schmerzlicher klang die Stimme des Koenigs, der sich der Reden
Hildebrands maechtig zu erwehren schien.

"Was quaelt der Eisbart den wackern Helden?" rief Hildebad ungeduldig. "Es
ist, als wollt' er ihn ermorden. Ich will hinein und helf' ihm."

Aber Teja hielt ihn an der Schulter.

"Bleib," sagte er. "Es muss wohl sein."

Waehrend sich Hildebad losmachen wollte, nahte Laerm von Stimmen aus dem
obern Ende der Lagergasse. Zwei Wachen bemuehten sich vergebens, einen
starken Goten zurueckzuhalten, der mit allen Zeichen langen und eiligen
Rittes bedeckt, sich gegen das Zelt des Koenigs draengte.

"Lass mich los," rief er, "guter Freund, oder ich schlage dich nieder."

Und drohend hob er eine wuchtige Streitaxt.

"Es geht nicht. Du musst warten. Die grossen Heerfuehrer sind bei ihm im
Zelt."

"Und waeren alle grossen Goetter Walhalls samt dem Herrn Christus bei ihm im
Zelt, ich muss zu ihm. Erst ist der Mensch Vater und Gatte und dann Koenig.
Lass' los, rat' ich dir."

"Die Stimme kenn' ich," sagte Graf Teja, naehertretend - "und den Mann.
Wachis, was suchst du hier im Lager?"

"O Herr," rief der treue Knecht, "wohl mir, dass ich euch treffe. Sagt
diesen guten Leuten, dass sie mich loslassen. Dann brauch' ich sie nicht
niederzuschlagen. Ich muss gleich zu meinem armen Herrn."

"Lasst ihn los: sonst haelt er Wort: ich kenne ihn. Nun, was willst du bei
dem Koenig?"

"Fuehrt mich nur gleich zu ihm. Ich bring ihm schwarze, schwere Kunde von
Weib und Kind."

"Von Weib und Kind?" fragte Hildebad erstaunt. "Ei, hat Witichis ein
Weib?"

"Die wenigsten wissen es," sagte Teja. "Sie verliess fast nie ihr Gut, kam
nie zu Hof. Fast niemand kennt sie: aber wer sie kennt, der ehrt sie hoch.
Ich weiss nicht ihresgleichen."

"Da habt ihr recht, Herr, wenn ihr je recht gehabt," sprach Wachis mit
erstickter Stimme. "Die arme, arme Frau und ach, der arme Vater. Aber lasst
mich hinein. Frau Rauthgund folgt mir auf dem Fuss. Ich muss ihn
vorbereiten."

Teja, ohne weiter zu fragen, schob den Knecht in das Zelt, und folgte ihm
mit Hildebad.

Sie trafen den alten Hildebrand ruhig, wie die Notwendigkeit, auf dem
Lager des Koenigs sitzen, das Kinn mit dem maechtigen Bart in die Hand und
diese auf das Steinbeil gestuetzt. So sass er unbeweglich und richtete fest
die Augen auf den Koenig, der, in hoechster Aufregung, mit hastigen
Schritten, auf und nieder ging und im Sturm seiner Gefuehle die
Eintretenden gar nicht bemerkte: "Nein! nein! niemals!" rief er, "das ist
grausam! frevelhaft! unmoeglich!"

"Es muss sein," sagte Hildebrand, ohne sich zu ruehren.

"Nein, sag' ich," rief der Koenig und wandte sich.

Da stand Wachis dicht vor ihm. Er starrte ihn wirr an: da warf sich der
Knecht laut weinend vor ihm nieder.

"Wachis," rief erschreckend der Koenig, "was bringst du? Du koemmst von ihr!
Steh' auf - was ist geschehen?"

"Ach Herr," jammerte dieser immer noch knieend, "euch sehen, zerreisst mein
Herz! Ich kann nichts dafuer! Ich hab's vergolten und geraecht nach
Kraeften."

Da riss ihn Witichis bei den Schultern auf: "Rede, Mensch, was ist zu
raechen? Mein Weib -?"

"Sie lebt, sie kommt hierher, aber euer Kind ..." -

"Mein Kind," sprach er erbleichend, "Athalwin, was ist mit ihm -?"

"Tot, Herr, - ermordet!"

Da brach ein Schrei wie eines Schwerverwundeten aus des gequaelten Vaters
Brust. Er bedeckte das Antlitz mit beiden Haenden, teilnehmend traten Teja
und Hildebad naeher. Nur Hildebrand blieb unbeweglich und sah starr auf die
Gruppe.

Wachis ertrug die lange Pause des Schmerzes nicht. Er suchte die Haende
seines Herrn zu fassen. Da senkte sie dieser von selbst. Zwei grosse
Thraenen standen auf den braunen Wangen des Helden: er schaemte sich ihrer
nicht.

"Ermordet!" sagte er, "mein schuldlos Kind! von den Roemern!" "Die feigen
Teufel," rief Hildebad.

Teja ballte die Faust und seine Lippen bewegten sich lautlos.

"Calpurnius!" sprach Witichis mit einem Blick auf Wachis.

"Ja, Calpurnius! Die Nachricht von deiner Wahl war aufs Gut gelangt und
dein Weib und Sohn in dein Lager entboten. Wie jauchzte jung Athalwin, dass
er nun ein Koenigssohn sein werde, wie Siegfried, der den Drachen schlug!
Nun wolle er bald ausziehen auf Abenteuer und auch Drachen schlagen und
wilde Riesen. Da kam der Nachbar von Rom zurueck. Ich merkt' es wohl, dass
er noch finsterer sah und neidischer als je und huetete dir Haus und Stall.
Aber das Kind hueten - wer haette daran gedacht, dass Kinder nicht mehr
sicher!"

Witichis schuettelte schmerzlich das Haupt.

"Der Knabe konnte nicht erwarten, dass er seinen Vater sehen solle im
Kriegslager und all' die Tausende von gotischen Heermaennern und dass er
Schlachten solle in der Naehe sehen. Er warf sein Holzschwert weg von Stund
an, und sagte: ein Koenigssohn muesse ein eisernes tragen, zumal in
Kriegszeiten. Und ich musste ihm ein Jagdmesser suchen und schleifen dazu.
Mit diesem seinem Schwert nun rannte er Frau Rauthgunden jeden Morgen frueh
davon. Und fragte sie, "wohin?" so lachte er: "auf Abenteuer, lieb'
Mutter!" und sprang in den Wald. Dann kam er mittags mued und zerrissenen
Gewandes heim: und ausgelassen stolz. Aber er sagte kein Wort und meinte
nur, er habe Siegfried gespielt.

Ich hatte aber meine eigenen Gedanken. Und als ich gar einst an seinem
Schwert Blutflecken bemerkte, schlich ich ihm nach zu Walde. Richtig, es
war, wie ich gedacht.

Ich hatte ihm einst warnend eine Hoehle im schroffen Felsgeklueft gezeigt,
das steil ueber den Giessbach hangt, weil dort die giftigen Vipern zu
Dutzenden nisten.

Er fragte mich damals nach allem aus: und als ich sagte, jeder Biss sei
toedlich, und gleich gestorben sei eine arme Beerensammlerin, die der
Beisswurm in den nackten Fuss gestochen, da zog er flugs sein Holzschwert
und wollte mitten darunter springen. Mit Muehe und schwer erschrocken hielt
ich ihn damals ab.

Und jetzt fielen mir die Vipern ein und ich zitterte, dass ich ihm eine
Eisenwaffe gegeben. Und bald fand ich ihn im Walde, mitten im
Steingeklueft, unter Dornen und Gestruepp: da holte er einen maechtigen
Holzschild hervor, den er sich selbst gezimmert und dort versteckt hatte.
Und eine Krone war frisch drauf gemalt.

Und er zog sein Schwert und sprang laut jauchzend in die Hoehle.

Ich sah mich um: da lag das lang maechtige Gewuerm zu halben Dutzenden von
fruehern Schlachten her mit zerhauenen Haeuptern umhergestreut: ich folgte,
und so besorgt ich war, ich konnt' ihn nicht stoeren, wie er so heldenmuetig
focht! Er trieb eine dickgeschwollene Natter mit Steinwuerfen aus ihrem
Loch, dass sie sich zuengelnd aufringelte: gerade wie sie zischend gegen ihn
sprang, warf er blitzschnell den Schild vor und hieb sie mit einem Streich
mitten entzwei. Da rief ich ihn an und schalt ihn herzhaft aus. Er aber
sah gar trotzig drein und rief: "Sag's nur der Mutter nicht! denn ich
thu's doch! bis der letzte der Drachen tot ist!" Ich sagte, ich wuerde ihm
sein Schwert nehmen. "Dann fecht' ich mit dem hoelzernen, wenn dir das
lieber ist!" rief er. "Und welche Schmach fuer einen Koenigssohn!"

Da nahm ich ihn die naechsten Tage mit mir zum Einfangen der Rosse auf die
Wildweide. Das vergnuegte ihn sehr: und naechstens, dacht' ich, brechen wir
ja auf.

Aber eines Morgens war er mir wieder entschluepft und ich ging allein an
die Arbeit. Den Rueckweg nahm ich den Fluss entlang, gewiss, ihn an der
Felshoehle zu finden. Aber ihn fand ich nicht. Nur das Gehaeng seines
Schwertes, zerrissen, an den Dornen hangen und seinen Holzschild zertreten
auf der Erde. Erschrocken sah ich umher und suchte, aber -"

"Rascher, weiter," rief der Koenig.

"Aber?" fragte Hildebad.

"Aber in den Felsen war nichts zu sehen. Da gewahrte ich grosse Fussspuren
eines Mannes im weichen Sande. Ich folgte ihnen.

Sie fuehrten bis an den steilen Rand des Felsens. Ich sah hinab. Und
unten" -

Witichis wankte.

"Ach, mein armer Herr! Da lag am Ufer des Flusses hingestreckt die kleine
Gestalt.

Wie ich die steilen Felsschroffen hinabkam, ich weiss es nicht, im Flug war
ich unten. - Da lag er, das kleine Schwert noch fest in der Hand, von den
Felsspitzen zerrissen, das lichte Haar von Blut ueberstroemt -"

"Halt ein," sprach Teja, die Hand auf seine Schultern legend, indes
Hildebad des armen Vaters Hand fasste, der stoehnend auf sein Lager sank.

"Mein Kind, mein suesses Kind, mein Weib!" rief er.

"Ich fuehlte das kleine Herz noch schlagen. Wasser aus dem Fluss brachte ihn
nochmal zu sich. Er schlug die Augen auf und erkannte mich. "Du bist
herabgefallen, mein Kind," klagte ich.

"Nein," sagte er, "nicht gefallen, geworfen." Ich war starr vor Entsetzen.
"Calpurnius," hauchte er, "trat ploetzlich um die Felsecke, wie ich auf die
Vipern einhieb. "Komm mit mir," sagte er und griff nach mir. Er sah boes
aus und falsch. Ich sprang zurueck. "Komm," sagte er, "oder ich binde
dich." "Mich binden!" rief ich. "Mein Vater ist der Goten Koenig und der
deine. Wag' es und ruehr' mich an!" Da ward er ganz wuetig und schlug nach
mir mit dem Stock und kam naeher; ich aber wusste, dass in der Naehe unsere
Knechte Holz faellten und schrie um Hilfe und wich zurueck bis an den Rand
der Felsen. Erschrocken sah er sich um. Denn die Leute mussten mich gehoert
haben: ihre Axtschlaege ruhten ploetzlich. Doch ploetzlich vorspringend,
sagte er: "Stirb, kleine Natter!" und stiess mich ueber den Fels.""

Teja biss die Lippen. "O der Neiding," rief Hildebad. Und Witichis riss sich
mit einem Schrei des Schmerzes los.

"Mach's kurz," sagte Teja. - "Er verlor wieder die Sinne. Ich trug ihn auf
meinen Armen nach Hause zur Mutter. Noch einmal schlug er die Augen auf,
in ihrem Schos. Ein Gruss an dich war sein letzter Hauch."

"Und mein Weib - ist sie nicht verzweifelt?"

"Nein, Herr, das ist sie nicht: die ist von Gold, aber auch von Stahl. Wie
der Knabe die Augen geschlossen, zeigte sie schweigend zum Fenster hinaus,
nach rechts.

Ich verstand sie: dort stand des Moerders Haus.

Und ich waffnete alle deine Knechte und fuehrte sie hinueber zur Rache: und
wir legten den ermordeten Knaben auf deinen Schild, und trugen ihn in
unsrer Mitte zur Mordklage. Und Rauthgundis ging mit, ein Schwert in der
Hand, hinter der Leiche. Vor dem Thor der Villa legten wir den Knaben
nieder.

Calpurnius selbst war entflohn auf dem schnellsten Ross zu Belisar. Aber
sein Bruder und sein Sohn und zwanzig Sklaven standen im Hof: sie wollten
eben zu Pferd steigen und ihm folgen. Wir erhoben dreimal den Mordruf.
Dann brachen wir ein.

Wir haben sie _alle_ erschlagen, alle: und das Haus niedergebrannt ueber
den Bewohnern. Frau Rauthgundis aber sah dem allen zu, an der Leiche Wacht
haltend, auf ihr Schwert gestuetzt, und sprach kein Wort. Und mich schickte
sie Tags darauf voraus, nach dir zu suchen. Sie folgte mir bald darauf,
sowie sie die kleine Leiche verbrannt. Und da ich einen Tag verloren,
durch die Empoerer vom naechsten Wege abgesperrt, so kann sie stuendlich da
sein."

"Mein Kind, mein Kind, mein armes Weib! Das ist der erste Ertrag, den mir
diese Krone bringt. Und nun," rief er mit aller Heftigkeit des Schmerzes
den Alten an, "willst du noch das Grausame fordern, das Untragbare?"

Hildebrand stand langsam auf: "Nichts ist untragbar, was notwendig ist.
Auch der Winter ist tragbar. Und das Alter. Und der Tod. Sie kommen ohne
zu fragen, wollt ihr's tragen? Sie kommen. Und wir tragen's. Weil wir
muessen. Aber ich hoere Frauenstimmen und rauschende Gewande. Gehen wir."

Witichis wandte sich von ihm zur Thuer.

Da stand, unter dem Zeltvorhang, in grauem Gewand und schwarzem Schleier
Rauthgundis sein Weib, eine kleine schwarze Marmorurne an die Brust
drueckend.

Ein Ruf liebereichen Schmerzes und schmerzreicher Liebe: - - und die
Gatten hielten sich umfangen.

Schweigend verliessen die Maenner das Zelt.




                           Sechzehntes Kapitel.


Draussen hielt Teja den Alten leise am Mantel zurueck: "Du quaelst den Koenig
umsonst," sagte er. "Er wird nie darein willigen. Er kann's auch nicht.
Jetzt am wenigsten."

"Woher weisst du ...? -" unterbrach der Greis. - "Still: ich ahn' es: wie
ich alles Unglueck ahne." - "Dann wirst du auch einsehen, dass er muss." -
"Er, - er wird's nie thun." - "Aber - du meinst sie selbst?" -
"Vielleicht!" - "Sie wird," sagte Hildebrand.

"Ja, sie ist ein Wunder von einem Weib," schloss Teja.

Waehrend in den naechsten Tagen das jetzt kinderlose Paar seinem stillen
Schmerze lebte und Witichis kaum sein Zelt verliess, geschah es, dass die
Vorposten der koeniglichen Belagerer und die Aussenwachen der gotischen
Besatzung von Ravenna, den eingetreten thatsaechlichen Waffenstillstand
benutzend, in mannigfachen Verkehr traten.

Sie warfen sich, scheltend und zankend, gegenseitig die Schuld an diesem
Buergerkriege vor.

Die Belagerer klagten, dass die Besatzung in der hoechsten Not des Reiches
dem gewaehlten Koenig der Goten seine Koenigsburg verschlossen. Die
Ravennaten schmaehten auf Witichis, der der Tochter der Amaler nicht goenne,
was ihr gebuehre.

Einer solchen Unterredung hoerte unbemerkt der alte Graf Grippa von Ravenna
selber zu, der die Runde auf den Waellen machte. Ploetzlich trat er vor und
rief zu den Leuten des Witichis hinunter, die ihren Koenig lobten und
ruehmten:

"So? Ist das auch edel und koeniglich gehandelt, dass er statt aller Antwort
auf unsern billigen Spruch Sturm lief wie ein Rasender? Und hatte doch ein
so leichtes Mittel, das Gotenblut zu sparen! Wir wollen ja nur, dass
Mataswintha Koenigin sei! Nun, kann er deshalb nicht Koenig bleiben? Ist's
ein zu hartes Opfer, mit dem schoensten Weib der Erde, mit der Fuerstin
Schoenhaar, von deren Reiz die Saenger singen aus den Strassen, Thron und
Lager zu teilen? Mussten lieber so viel tausend tapferer Goten sterben?
Nun, er soll nur so fortstuermen! Lass sehn, was eher bricht: sein Eigensinn
oder diese Felsen."

Diese Worte des Alten machten den groessten Eindruck auf die Goten vor den
Waellen.

Sie wussten nichts zu erwidern zu ihres Koenigs Verteidigung. Von seiner Ehe
wussten sie so wenig wie das ganze Heer: daran hatte auch Rauthgundens
Anwesenheit im Lager wenig geaendert: denn, wahrlich, nicht gleich einer
Koenigin war sie eingezogen.

In grosser Erregung eilten sie zurueck ins Lager und erzaehlten, was sie
vernommen, wie der Eigensinn des Koenigs ihre Brueder hingeopfert. "Darum
also hat er die Botschaft aus der Stadt verheimlicht," riefen sie!

Bald bildeten sich in jeder Gasse des Lagers Gruppen, lebhaft bewegte, die
anfangs leiser, bald immer lauter die Sache besprachen und auf den Koenig
schalten. Die Germanen jener Zeit behandelten ihre Koenige mit einem
Freimut der Rede, der die Byzantiner entsetzte.

Hier wirkten der Verdruss ueber den Rueckzug von Rom, die Schmach der
Niederlage vor Ravenna, der Schmerz um die geopferten Brueder, der Zorn
ueber sein Geheimtun zusammen, einen Sturm des Unwillens gegen den Koenig zu
erregen, der deshalb nicht minder maechtig, weil er noch nicht offen
ausgebrochen.

Nicht entging diese Stimmung den Heerfuehrern, wann sie durch die Gassen
des Lagers schritten und bei ihrem Nahen die Drohworte kaum mehr
verstummten. Aber sie konnten die Gefahr nur entfesseln, wenn sie strafend
sie beim Namen nannten.

Und oft, wann Graf Teja oder Hildebad beschwichtigend einschreiten
wollten, hielt sie der alte Waffenmeister zurueck.

"Lasst es nur noch anschwellen," sagte er: "wenn's genug ist, werd' ich's
daemmen." "Die einzige Gefahr waere," murmelte er halblaut vor sich hin -

"Dass uns die drueben im Rebellenlager zuvorkaemen," sagte Teja.

"Richtig, du alles Erratender. Aber das hat gute Wege. Ueberlaeufer
erzaehlen, dass sich die Fuerstin standhaft weigert. Sie droht, sich eher zu
toeten als Arahad die Hand zu reichen."

"Pah," meinte Hildebad, "daraufhin wuerd' ich's wagen."

"Weil du das leidenschaftliche Geschoepf nicht kennst, das Amalungenkind.
Sie hat das Blut und die Feuerseele Theoderichs und wird auch uns am Ende
boeses Spiel machen."

"Witichis ist ein anderer Freier als jener Knabe von Asta," fluesterte
Teja. "Darauf vertrau ich auch," meinte Hildebad. "Goennt ihm noch einige
Tage Ruhe," riet der Alte. "Er muss seinem Schmerz sein Recht anthun: eh'
ist er zu nichts zu bringen. Stoert ihn nicht darin: lasst ihn ruhig in
seinem Zelt und bei seinem Weibe. Ich werde sie bald genug stoeren muessen."

Aber der Greis sollte bald genoetigt sein, den Koenig frueher und anders als
er gemeint aus seinem Schmerz aufzurufen.

Die Volksversammlung zu Regeta hatte gegen diejenigen Goten, die zu den
Byzantinern uebergingen, ein Gesetz erlassen, das schimpflichen Tod drohte.
Solche Faelle kamen zwar im ganzen selten, aber doch in den Gegenden, wo
wenige Germanen unter dichter Bevoelkerung lebten und haeufige Mischheiraten
stattgefunden hatten, haeufiger vor.

Der alte Waffenmeister trug diesen Neidingen, die sich und ihr Volk
entehrten, ganz besonderen Zorn. Er hatte jenes Gesetz beantragt gegen
Heereslitz und Fahnenwechsel. Noch war eine Anwendung desselben nicht
noetig gewesen und man hatte der Bestimmung fast vergessen.

Ploetzlich sollte man ernst genug daran gemahnt werden.

Belisar selbst hatte zwar Rom mit seinem Hauptheer noch nicht verlassen.
Aus mehr als Einem Grunde wollte er vorlaeufig noch diese Stadt zum
Stuetzpunkt all' seiner Bewegungen in Italien machen.

Aber er hatte den weichenden Goten zahlreiche Streifscharen nachgesandt,
sie zu verfolgen, zu beunruhigen und insbesondre die zahlreichen Kastelle,
Burgen und Staedte zu uebernehmen, in welchen die Italier die barbarischen
Besatzungen vertrieben oder erschlagen hatten, oder, von keiner Besatzung
im Zaum gehalten, einfach zum "Kaiser der Romaeer," wie er sich auf
griechisch nannte, abgefallen waren.

Solche Vorfaelle ereigneten sich, besonders seit der gotische Koenig in
vollem Rueckzug und nach Ausbruch der Empoerung die gotische Sache halb
verloren schien, fast alle Tage. Teils mit dem Druck, teils ohne den Druck
oder die Erscheinung byzantinischer Truppen vor den Thoren ergaben sich
viele Schloesser und Staedte an Belisar.

Da nun die meisten doch lieber den Schein einer Noetigung abwarteten, um,
falls die Goten gleichwohl unverhofft wieder siegen sollten, eine
Entschuldigung zu finden, war dies fuer den Feldherrn ein weiterer Grund,
solche kleine Abteilungen, meist aus Italiern und Byzantinern gemischt,
unter Fuehrung der Ueberlaeufer, die der Gegend und der Verhaeltnisse kundig
waren, auszusenden. Und diese Scharen, ermutigt durch den fortgesetzten
Rueckzug der Goten, wagten sich weit ins Land: jedes gewonnene Kastell
wurde ein Ausgangspunkt fuer weitere Unternehmungen.

Eine solche Streifschar hatte juengst auch Castellum Marcianum gewonnen,
das bei Caesena, ganz in der Naehe des koeniglichen Lagers, eine Felshoehe
oberhalb des grossen Pinienwaldes kroente. Der alte Hildebrand, an den
Witichis seit seiner Verwundung den Oberbefehl abgegeben, sah diese
gefaehrlichen Fortschritte der Feinde und den Verrat der Italier mit
Ingrimm: und da er ohnehin die Truppen nicht gegen Herzog Guntharis oder
gegen Ravenna beschaeftigen wollte, - er hoffte auf eine friedliche Loesung
des Knotens - beschloss er, gegen diese kecken Streifscharen einen
zuechtigenden Streich zu thun.

Spaeher hatten gemeldet, dass, am Tage nach Rauthgundens Ankunft im Lager,
die neue, byzantinische Besatzung von Castellum Marcianum sogar Caesena,
diese wichtige Stadt, im Ruecken des gotischen Lagers, zu bedrohen wagte.

Grimmig schwur der alte Waffenmeister diesen Frechen das Verderben. Er
selbst stellte sich an die Spitze einer Tausendschaft von Reitern, die in
der Stille der Nacht, Stroh um die Hufe der Rosse gewickelt, in der
Richtung gegen Caesena aufbrachen.

Der Ueberfall gelang vollkommen.

Unbemerkt gelangten sie bis in den Wald, an den Fuss des hoch auf dem Fels
gelegenen Kastells. Hier verteilte Hildebrand die Haelfte seiner Reiter auf
alle Seiten des Waldes, die andere Haelfte liess er absitzen und fuehrte sie
leise die Felswege des Kastells hinan. Die Wache am Thor ward ueberrascht
und die Byzantiner, von einer ueberlegenen Macht ueberfallen, flohen nach
allen Seiten den Fels hinab in den Wald, wo der grosse Teil von den
Berittenen gefangen wurde. Die Flammen des brennenden Schlosses
erleuchteten die Nacht.

Eine kleine Gruppe aber zog sich fechtend ueber das Fluesschen am Fuss des
Felsens zurueck, ueber das nur eine schmale Bruecke fuehrte. Hier wurden die
verfolgenden Reiter Hildebrands von einem einzelnen aufgehalten, einem
Anfuehrer, nach dem Glanz der Ruestung zu schliessen.

Dieser hochgewachsene und schlanke, wie es schien noch junge Mann - sein
Visier war dicht geschlossen - focht wie ein Verzweifelter, deckte die
Flucht der Seinen und hatte schon vier Goten niedergestreckt.

Da kam der alte Waffenmeister zur Stelle und sah eine Weile den ungleichen
Kampf mit an. "Gieb dich gefangen, tapferer Mann!" rief er dem einsamen
Krieger zu, "dein Leben sichr' ich dir."

Bei diesem Ruf zuckte der Byzantiner zusammen: einen Augenblick senkte er
das Schwert und sah auf den Alten. Aber schon im naechsten Moment sprang er
wuetend vor und wieder zurueck; er hatte dem vordersten Angreifer mit
gewaltigem Streich den Arm vom Leibe geschlagen. Entsetzt wichen die Goten
etwas zurueck.

Hildebrand ergrimmte. "Drauf!" schrie er, vorspringend, "jetzt keine Gnade
mehr! Zielt mit den Speeren." "Er ist gefeit gegen Eisen!" rief einer der
Goten, ein Vetter Tejas, "dreimal hab' ich ihn getroffen - er ist nicht zu
verwunden."

"Meinst du, Aligern?" lachte der Alte grimmig, "lass sehen, ob er auch
gegen Stein gefeit ist."

Und er schleuderte seinen steinernen Wurfhammer - er war fast der einzige,
der nicht von dieser heidnisch alten Waffe gelassen - sausend gegen den
Byzantiner.

Die wuchtige Steinaxt schlug krachend grad auf den stolz geschweiften Helm
und wie blitzgetroffen fiel der Tapfere nieder. Zwei Maenner sprangen rasch
hinzu und loesten ihm den Helm.

"Meister Hildebrand," rief Aligern erstaunt, "das war kein Byzantiner."
"Und kein Italier," sagte Gunthamund. "Sieh die Goldlocken - das war ein
Gote!" meinte Hunibad. Hildebrand trat hinzu - - und schrak zusammen.

"Fackeln her," rief er - "Licht! - - Ja," sprach er finster, seinen
Steinhammer wieder aufhebend, "das war ein Gote. Und ich! - ich hab' ihn
erschlagen," fuegte er mit eisiger Ruhe hinzu. Aber seine Faust zitterte am
Hammerschaft.

"Nein, Herr," rief Aligern, "er lebt. Er war nur betaeubt! Er schlaegt die
Augen auf."

"Er lebt?" fragte der Alte mit Grauen, "das woll'n die Goetter nicht!" "Ja,
er lebt!" wiederholten die Goten, ihren Gefangenen aufrichtend. - "Dann
weh ueber ihn! und mich! Aber nein! ihn senden die Goetter der Goten in
meine Gewalt! Bind' ihn auf dein Ross, Gunthamund, aber fest! Und wenn er
entwischt, gilt es deinen Kopf statt des seinen. Auf, zu Pferd und nach
Hause!"

Im Lager angelangt fragte die Bedeckung den Waffenmeister, was sie fuer
diesen Gefangenen ruesten sollten.

"Einen Bund Stroh fuer heute Nacht," sagte der, "und fuer morgen frueh -
einen Galgen." Mit diesen Worten ging er in das Zelt des Koenigs und
berichtete den Erfolg seines Zuges.

"Wir haben unter den Gefangenen" schloss er finster, "einen gotischen
Ueberlaeufer. Er muss haengen, ehe die Sonne morgen niedergeht." "Das ist sehr
traurig," sagte Witichis seufzend. - "Ja, aber notwendig. Ich berufe das
Kriegsgericht der Heerfuehrer auf morgen. Willst du den Vorsitz fuehren?"
"Nein," sagte Witichis, "erlass mir's: ich bestelle Hildebad an meiner
Statt." "Nein," sagte der Alte, "das geht nicht an. Ich bin Oberfeldherr,
solang du im Zelte liegst: ich fordere den Vorsitz als mein Recht."
Witichis sah ihn an: "du siehst grimmig und so kalt! Ist's ein alter Feind
deiner Sippe?" "Nein," sprach Hildebrand. - "Wie heisst der Gefangene?" -
"Wie ich, Hildebrand." - "Hoere, du scheinst ihn zu hassen, diesen
Hildebrand! Du magst ihn richten, aber huete dich vor uebertriebener
Strenge. Vergiss nicht, dass ich gern begnadige."

"Das Wohl der Goten fordert seinen Tod," sagte Hildebrand ruhig "und er
wird sterben."




                           Siebzehntes Kapitel.


Frueh am andern Morgen wurde der Gefangene verhuellten Hauptes hinausgefuehrt
auf eine Wiese, im Norden, "an der kalten Ecke" des Lagers, wo sich die
Heerfuehrer und ein grosser Teil der Heermaenner versammelt hatten.

"Hoere," sagte der Gefangene zu einem seiner Begleiter, "ist der alte
Hildebrand auf dem Dingplatz?"

"Er ist das Haupt des Dings."

"Barbaren sind und bleiben sie! Thu' mir den Gefallen, Freund - ich
schenke dir dafuer diese purpurne Binde - und geh zu dem Alten. Sag ihm:
ich wisse, dass ich sterben muss.

Aber er moege doch mir - und mehr noch meinem Geschlecht - hoerst du? -
meinem Geschlecht - die Schande des Galgens ersparen. Er moege mir heimlich
eine Waffe senden." Der Gote, Gunthamund, ging, Hildebrand zu suchen, der
das Gericht bereits eroeffnet hatte. Das Verfahren war sehr einfach. Der
Alte liess zuerst das Gesetz von Regeta vorlesen, dann von Zeugen
feststellen, wie man sich des Gefangenen bemaechtigt, darauf diesen selbst
vorfuehren. Noch immer bedeckte ein Wollsack sein Haupt und seine
Schultern. Eben sollte dieser abgenommen werben, als Gunthamund sich zu
Hildebrand draengte und in sein Ohr fluesterte.

"Nein," sagte dieser, die Stirn runzelnd. "Ich lass' ihm sagen: die Schmach
fuer sein Geschlecht sei seine That, nicht seine Strafe." Und laut fuhr er
fort: "Zeigt das Antlitz des Verraeters! Er ist Hildebrand, der Sohn des
Hildegis!"

Ein Ruf des Staunens und Schreckens lief durch die Menge.

"Sein eigner Enkel!" "Alter, du sollst nicht weiter richten! Du bist
grausam gegen dein Fleisch und Blut!" rief Hildebad aufspringen. "Nur
gerecht, aber gegen alle," sagte Hildebrand, den Stab auf die Erde
stossend. "Armer Witichis!" fluesterte Graf Teja.

Aber Hildebad sprang auf und eilte hinweg nach dem Lager.

"Was kannst du fuer dich vorbringen, Sohn des Hildegis?" fragte Hildebrand.

Der junge Mann trat hastig vor: sein Antlitz war von Zorn geroetet, nicht
von Scham: keine Spur von Furcht lag auf seinen Zuegen: sein langes, gelbes
Haar flog im Wind. Die Menge war von Mitgefuehl ergriffen. Schon der
Bericht seines todesmutigen Widerstandes, dann die Entdeckung seines
Namens, endlich jetzt seine Jugend und Schoenheit sprachen maechtig fuer ihn.
Er liess sein Auge flammend die Reihen durchfliegen, und mit Stolz auf dem
Alten haften.

"Ich verwerfe dies Gericht! Euer Gesetz trifft mich nicht! Ich bin Roemer,
kein Gote! Mein Vater starb vor meiner Geburt, meine Mutter war eine
Roemerin, die edle Cloelia. Diesen barbarischen Alten hab' ich nie als mir
verwandt empfunden. Seine Strenge hab' ich verachtet wie seine Liebe.
Seinen Namen hat er mir, dem Kinde, aufgezwungen, mich meiner Mutter
entrissen. Ich aber entlief ihm, sobald ich konnte: nicht Hildebrand,
Flavus Cloelius habe ich mich von je genannt. Roemisch waren meine Freunde,
roemisch von jeher meine Gedanken, roemisch mein Leben. All meine Freunde
gingen zu Belisar und Cethegus: sollt' ich zurueckbleiben? Toetet mich, ihr
koennt' es und ihr werdet's. Aber gesteht, dass es Mord ist, nicht
Rechtsvollzug. Ihr richtet keinen Goten, ihr ermordet einen gefangenen
Roemer. Denn roemisch ist meine Seele."

Schweigend, mit gemischten Empfindungen hoerte die Menge diese
Verteidigung.

Da erhob sich ingrimmig der Alte, sein Auge spruehte Blitze, seine Hand
zitterte, vor Zorn, an dem Stabe. "Elender!" schrie er, "du bist eines
gotischen Mannes Sohn, das raeumst du ein. So bist du denn ein Gote: und
wenn du dich als Roemer fuehlst, verdienst du schon dafuer, zu sterben.
Sajonen, fort mit ihm, an den Galgen."

Da trat der Gefangene noch mal an die Schranken der Stufe. "So sei
verflucht," schrie er, "du tierisch rohes Volk! Verflucht, ihr Barbaren
allesamt, und zumeist du, Greis, mit dem Wolfsherzen! Glaubt nicht, dass
all eure Wildheit euch frommt und eure Grausamkeit! Hinweggetilgt sollt
ihr werden aus diesem schoenen Land und keine Spur soll von euch kuenden."

Auf einen Wink des Alten warfen ihm die Bannboten wieder die Huelle ums
Haupt und fuehrten ihn ab nach einem Huegel, wo ein starker Eibenbaum aller
seiner Zweige und Blaetter beraubt war. Da wurden die Augen der Menge von
ihm nach dem Lager abgelenkt, aus dem Laerm und Hufschlag eilender Rosse
nahte.

Es war ein Zug Reiter mit dem koeniglichen Banner, Witichis und Hildebad an
der Spitze. "Haltet ein," rief der Koenig von weitem, "schont den Enkel
Hildebrands: Gnade, Gnade!"

Aber der Alte wies nach dem Huegel.

"Zu spaet, Herr Koenig," rief er laut, "es ist aus mit dem Verraeter. So geh
es jedem, der seines Volks vergisst. Erst kommt das Reich, Koenig Witichis,
und dann kommt Weib und Kind und Kindeskind."

Gross war der Eindruck dieser That Hildebrands auf das Heer, groesser noch
auf den Koenig. Witichis fuehlte das Gewicht, das durch dieses Opfer jede
Forderung des Alten gewonnen hatte. Und mit dem Gefuehl, dass jetzt jeder
Widerstand viel schwerer geworden, kehrte er in sein Zelt zurueck. Und
Hildebrand benutzte seinen Vorteil, die Stimmung. Er trat am Abend mit
Teja in das Zelt des Koenigs.

Schweigend, Hand in Hand sassen die Gatten auf dem Feldbett; auf dem Tisch
vor ihnen stand die schwarze Urne, daneben lag eine Goldkapsel nach Art
der Amulette an blauem Bande: die kleine roemische Bronzelampe verbreitete
nur truebes Licht. Als Hildebrand dem Koenig die Hand reichte, sah ihm
dieser ins Antlitz: ein Blick sagte ihm, dass Hildebrand mit dem festen
Entschluss eingetreten sei, jetzt seinen Gedanken durchzusetzen um jeden
Preis.

Alle Anwesenden schienen stillschweigend von dem Eindruck des
bevorstehenden Seelenringens durchschauert.

"Frau Rauthgundis," hob der Alte an, "ich habe Hartes mit dem Koenig zu
reden. Es wird euch kraenken, es zu hoeren."

Die Frau erhob sich, aber nicht um zu gehen. Der Ausdruck tiefen Schmerzes
und tiefer Liebe zu ihrem Gatten gab den regelmaessigen festen Zuegen eine
edle Weihe. Sie legte, ohne die Rechte aus der Hand des Gatten zu ziehen,
leise die Linke auf seine Schulter.

"Sprich nur fort, Hildebrand, ich bin sein Weib und fordre die Haelfte
dieser Haerte."

"Frau," - mahnte der Alte nochmal.

"Lass sie bleiben," sprach der Koenig, "fuerchtest du, ihr ins Angesicht
deine Gedanken zu sagen?" - "Fuerchten? nein! und sollt ich einem Gott ins
Antlitz sagen, das Volk der Goten ist mir mehr als du - ich thaet's ohne
Furcht: Wisse denn ..." -

"Wie? du willst? Schone, schone sie," sprach Witichis, den Arm um seine
Frau schlingend. Aber Rauthgundis sah ihn gross und fest an: "Ich weiss
alles, mein Witichis. Wie ich gestern Abend durchs Lager wandelte,
unerkannt, im Schutz der Daemmerung, hoerte ich die Heermaenner an den Feuern
auf dich schelten und diesen Alten hoch erheben. Ich lauschte und hoerte
alles, was dieser fordert und was du weigerst."

"Und du hast mir nichts gesagt?" "Hat es doch keine Gefahr. Weiss ich doch,
dass du dein Weib nicht verstossen wirst. Nicht um eine Krone und nicht um
jenes zauberschoene Maedchen. Wer will uns scheiden? Lass diesen Alten drohn:
ich weiss ja doch, es haengt kein Stern am Himmel fester als ich an deinem
Herzen."

Diese Sicherheit wirkte auf den Alten.

Er furchte die Stirn: "Nicht mit dir hab' ich zu rechten. Witichis, ich
frage dich vor Teja: - du weisst, wie es steht. Ohne Ravenna sind wir
verloren - Ravenna oeffnet dir nur Mataswinthens Hand. - Willst du diese
Hand fassen oder nicht?"

Da sprang Witichis auf. "Ja, unsre Feinde haben Recht! Wir sind Barbaren!
Da steht vor diesem fuehllosen Alten ein herrlich Weib, an Schmerzen wie an
Treue unerreicht, vor ihm steht die Asche unseres gemordeten Kindes und er
will von diesem Weib, von dieser Asche weg den Gatten zu neuer Ehe rufen.
Nie, niemals!"

"Vor einer Stunde waren Vertreter aller Tausendschaften des Heeres auf dem
Weg in dein Zelt," sprach der Greis. "Sie wollten erzwingen, was ich
fordere. Ich hielt sie mit Muehe ab."

"Lass sie kommen!" rief Witichis, "sie koennen mir nur die Krone nehmen,
nicht mein Weib."

"Wer die Krone traegt, ist seines Volkes, nicht mehr sein eigen."

"Hier," - da ergriff Witichis den Kronhelm und legte ihn auf den Tisch vor
Hildebrand, - "noch einmal geb' ich euch und zum letztenmal die Krone
zurueck. - Ich habe sie nicht verlangt, weiss Gott. - Sie hat mir nichts
gebracht als diese Aschenurne. - Nehmt sie zurueck: - lasst Koenig sein wer
will und Mataswintha frein."

Aber Hildebrand schuettelte das Haupt. "Du weisst, das fuehrt zum sichersten
Verderben. Schon jetzt sind wir in drei Parteien gespalten. Viele Tausende
wuerden Arahad nie anerkennen. Du bist's allein, der noch alles
zusammenhaelt. Faellst du weg, so loesen wir uns auf, ein Buendel
losgebundener Ruten, die Belisar im Spiele bricht. Willst du das?"

"Frau Rauthgundis, kannst du kein Opfer bringen fuer dein Volk?" sprach
Teja naeher tretend.

"Auch du, hochsinniger Teja, gegen mich? ist das deine Freundschaft?"
"Rauthgundis," sprach dieser ruhig, "ich ehre dich vor allen Frauen hoch,
und Hohes fordre ich darum von dir." -

Hildebrand aber begann, "du bist die Koenigin dieses Volkes. Ich weiss von
einer Gotenkoenigin aus unsrer Ahnen Heidenzeit. Hunger und Seuchen
lasteten auf ihrem Volk. Ihre Schwerter waren sieglos. Die Goetter zuernten
den Goten. Da fragte Swanhild die Eichen des Waldes und die Wellen des
Meeres und sie rauschten zur Antwort:

  "Wenn Swanhild stirbt, leben die Goten.
  Lebt Swanhild, so stirbt ihr Volk."

Und Swanhild wandte den Fuss nicht mehr nach Hause. Sie dankte den Goettern
und sprang in die Flut. Aber freilich, das war die Heidenzeit."

Rauthgundis blieb nicht unbewegt. "Ich liebe mein Volk," sprach sie, "und
seit von Athalwin nur diese Locke uebrig," sie wies auf die Kapsel, "glaub'
ich, gaeb' ich mein Leben fuer mein Volk. Sterben will ich - ja," rief sie,
"aber leben und diesen Mann meines Herzens in andrer Liebe wissen - nein."

"In andrer Liebe!" rief Witichis, "wie redest du mir so? Weisst du's denn
nicht, wie ewig dies gequaelte Herz nur nach dem Wohlklang deines Namens
schlaegt? Hast du's denn nicht empfunden, noch nicht, an dieser Urne nicht,
wie ewig unsre Herzen eins? Was bin ich, ohne deine Liebe? Reisst mir das
Herz aus der Brust, setzt mir ein andres ein: dann etwa lass ich von dieser
Seele. Ja, wahrlich," rief er den beiden Maennern zu, "ihr wisst nicht was
ihr thut und kennt euren Vorteil schlecht. Ihr wisst nicht, dass meine Liebe
zu diesem Weib und dieses Weibes Liebe das Beste ist am armen Witichis.
Sie ist mein guter Stern. Ihr wisst nicht, dass ihr zu danken ist, ihr
allein, wenn etwas euch an mir gefaellt. An sie denk' ich im Getuemmel der
Schlacht und ihr Bild staerkt meinen Arm. An sie denk ich, an ihre Seele,
klar und ruhig, an ihre makellose Treu, wenn's gilt, im Rat das Edelste zu
finden. - O, dieses Weib ist meines Lebens Seele, nehmt sie hinweg und ein
Schatte ohne Glueck und Kraft ist euer Koenig."

Und in leidenschaftlicher Erregung schloss er Rauthgundis in die Arme. Sie
war erstaunt, selig erschrocken. Noch nie hatte der stete, ruhige Mann,
der sein Gefuehl gern scheu in sich verschloss, so von ihr, von seiner Liebe
gesprochen. Nicht, da er um sie warb, wie jetzt, da er sie lassen sollte.

Aufs maechtigste erschuettert sank sie an seine Brust: "Dank, Dank, Gott,
fuer diese Schmerzenstunde," fluesterte sie, "ja, jetzt weiss ich, dein Herz,
deine Seele sind ewig mein."

"Und bleiben dein," sagte Teja leise, "wenn auch eine andre seine Koenigin
heisst! Sie teilt nur seine Krone, nicht sein Herz."

Das schlug tief in Rauthgundis Seele. Sie sah, ergriffen von diesem Wort,
mit grossen Augen auf Teja.

Hildebrand erkannte es wohl und sann darauf, jetzt seinen Hauptschlag zu
fuehren.

"Wer will, wer kann an eure Herzen ruehren?" sprach er. "Ein Schatte ohne
Glueck und Kraft - das wirst du nur, wenn du mein Wort verwirfst und
brichst deinen heiligen, heiligen Eid. Denn der Meineidige ist hohler als
ein Schatte."

"Seinen Eid?" fragte Rauthgundis erbebend. "Was hast du geschworen?"

Witichis aber sank auf den Sitz und sein Haupt auf seine Haende.

"Was hat er geschworen?" wiederholte sie.

Da sprach Hildebrand, langsam jedes Wort in die Seele der Gatten zielend.
"Wenige Jahre sind's. Da schloss ein Mann, in mitternaechtiger Stunde, mit
vier Freunden einen maechtigen Bund. Unter heiliger Eiche ward der Rasen
geritzt und er that einen Eid bei der alten Erde, dem wallenden Wasser,
dem flackernden Feuer und der leichten Luft. Und sie mischten ihr rotes
Blut zu einem Bund von Bruedern auf immer und ewig und alle Tage.

Sie schworen den schweren Schwur, zu opfern alles Eigen: Sohn und Sippe,
Leib und Leben: Waffen und Weib dem Glueck und Glanz des Geschlechtes der
Goten. Und wer von den Bruedern sich wollte weigern, den Eid zu ehren mit
allen Opfern, des rotes Blut solle rinnen ungeraecht wie dies Wasser unter
den Waldwasen. Auf sein Haupt solle die Himmelshalle niederdonnern und ihn
erdruecken. Und wer vergisst dieses Eides und wer sich weigert, alles zu
opfern dem Volk der Goten, wenn die Not es gebeut und ein Bruder ihn
mahnt, der soll verfallen sein auf immer den dunkeln Gewalten, die da
hausen unter der Erde. Gute Menschen sollen mit Fuessen schreiten ueber des
Neidings Haupt und sein Andenken verschlungen sein spurlos in die Tiefe: -
oder wer seiner gedenkt, gedenke sein mit Fluchen: und verdammt soll sein
seine Seele zu ewiger Qual. Und ehrlos soll sein sein Name, so weit
Christenleute Glocken laeuten und Heidenleute Opfer schlachten, so weit der
Wind weht ueber die weite Welt.

So ward geschworen in jener Nacht von fuenf Maennern: von Hildebrand und
Hildebad, von Totila und Teja. Wer aber war der fuenfte? Witichis, Waltaris
Sohn."

Und - rasch streifte er dem Koenig das Gewand ueber den linken Knoechel
zurueck. "Sieh her, Rauthgundis, noch ist die Narbe des Blutschnitts nicht
verwischt. Aber der Schwur ist verwischt in seiner Seele. So schwor er
damals, als er noch nicht Koenig war.

Und als ihn die Tausende von gotischen Maennern auf dem Feld von Regeta auf
den Schild erhoben, da that er einen zweiten Schwur: "Mein Leben, mein
Glueck, mein alles, euch will ich's weihn, dem Volk der Goten, das schwoer
ich euch beim hoechsten Himmelsgott und bei meiner Treue." Nun, Witichis,
Waltaris Sohn, Koenig der Goten, ich mahne dich an jenen doppelten Eid zu
dieser Stunde. Ich frage dich, willst du opfern, wie du geschworen, dein
alles, dein Glueck und dein Weib, dem Volk der Goten? Siehe, auch ich habe
drei Soehne verloren fuer dies Volk.

Und habe meinen Enkel, den letzten Spross meines Geschlechts, geopfert,
gerichtet fuer die Goten, ohne Zucken mit den Wimpern. Sprich, willst du
das Gleiche thun? willst du halten deinen Eid? oder ihn brechen und ehrlos
unter den Lebendigen, verflucht sein unter den Toten, willst du?"

Witichis wand sich im Schmerz unter den Worten des furchtbaren Alten.

Da erhob sich Rauthgundis. Die Linke auf ihres Mannes Herz gelegt, die
Rechte wie abwehrend gegen Hildebrand ausstreckend, sprach sie: "Halt ein.
Lass ab von ihm. Es ist genug, schon laengst. Er thut, was du begehrst. Er
wird nicht ehrlos und eidbruechig an seinem Volke, um sein Weib."

Aber Witichis sprang auf und umfasste sie, als wollte man ihm sein Weib
sogleich entreissen.

"Geht jetzt," sprach sie zu den Maennern, "lasst mich allein mit ihm."

Teja wandte sich zum Ausgang, Hildebrand zoegerte.

"Geh nur, ich gelobe es dir:" sprach sie, die Hand auf die Marmorurne
legend, "bei der Asche meines Kindes: mit Sonnenaufgang ist er frei."

"Nein," sprach Witichis, "ich stosse mein Weib nicht von mir, nie."

"Das sollst du nicht. Nicht du vertreibst mich: ich wende mich von dir.
Rauthgundis geht, ihr Volk zu retten und ihres Gatten Ehre. Du kannst dein
Herz nie von mir loesen: ich weiss es, es bleibt mein, seit heute mehr denn
je. Geht, was jetzo zwischen uns beiden zu leben ist, traegt keinen
Zeugen."

Schweigend verliessen die Maenner das Zelt, schweigend gingen sie
miteinander die Lagergasse hinab, an der Ecke hielt der Alte.

"Gut Nacht, Teja," sagte er, "jetzt ist's gethan."

"Ja, doch wer weiss, ob wohlgethan. Ein edles, edles Opfer: noch viele
andre werden folgen und mir ist: dort in den Sternen steht geschrieben:
umsonst. Doch gilt's die Ehre noch, wenn nicht den Sieg. Lebwohl."

Und er schlug den dunkeln Mantel um die Schulter und verschwand wie ein
Schatten in der Nacht.




                           Achtzehntes Kapitel.


Am andern Morgen noch vor Hahnenkraht ritt ein verhuelltes Weib aus dem
Gotenlager. Ein Mann im braunen Kriegermantel schritt neben ihr, das Ross
am Zuegel fuehrend und immer wieder in ihr verschleiert Antlitz schauend.
Einen Pfeilschuss hinter ihnen ritt ein Knecht, ein Buendel hinter sich auf
dem Sattel, an dem die schwere Streitaxt hing.

Lange verfolgten sie schweigend ihren Weg.

Endlich hatten sie eine Waldhoehe erreicht: hinter ihnen die breite
Niederung, in der das Gotenlager und die Stadt Ravenna ruhten, vor ihnen
die Strasse, die nach der Via Aemilia im Nordwesten fuehrte.

Da hielt das Weib den Zuegel an.

"Die Sonne steigt soeben auf: ich hab's gelobt, dass sie dich frei und
ledig findet. Leb wohl, mein Witichis." "Eile nicht so hinweg von mir,"
sagte er, ihre Hand drueckend. "Wort muss man halten, Freund, und bricht das
Herz darob. Es muss sein." - "Du gehst leichter, als ich bleibe." Sie
laechelte schmerzlich. "Ich lasse mein Leben hinter dieser Waldhoehe: Du
hast noch ein Leben vor dir." - "Was fuer ein Leben!" - "Das Leben eines
Koenigs fuer sein Volk, wie dein Eid es gebeut." - "Unseliger Eid." - "Es
war recht, ihn zu schwoeren: es ist Pflicht, ihn zu halten. Und du wirst
mein gedenken in den Goldsaelen von Rom, wie ich dein in meiner Huette tief
im Steingeklueft. Du wirst sie nicht vergessen, die zehn Jahre der Lieb'
und Treu, und unsern suessen Knaben."

"O mein Weib, mein Weib," rief der Gequaelte und umschlang sie mit beiden
Armen, das Haupt auf den Sattelknopf gedrueckt. Sie beugte das Haupt ueber
ihn und legte die Rechte auf sein braunes Haar.

Inzwischen war Wachis herangekommen: er sah der Gruppe eine Weile zu, dann
hielt er's nicht mehr aus. Er zog leise seinen Herrn am Mantel: "Herr,
passt auf, ich weiss euch guten Rat, hoert ihr nicht?"

"Was kannst du raten?"

"Kommt mit, auf und davon! werft euch auf mein Pferd und reitet frisch
davon mit Frau Rauthgundis. Ich komme nach. Lasst ihnen doch, die euch so
quaelen, dass euch die hellen Tropfen im Auge stehen, lasst ihnen doch den
ganzen Plunder von Kron' und Reich. Euch hat's kein Glueck gebracht: sie
meinen's nicht gut mit euch: wer will Mann und Weib scheiden um eine tote
Krone? Auf und davon, sag ich! Und ich weiss euch ein Felsennest, wo euch
nur der Adler findet oder der Steinbock."

"Soll dein Herr von seinem Reich entlaufen, wie ein schlechter Sklave aus
der Muehle? Leb wohl Witichis, hier nimm die Kapsel mit dem blauen Band:
des Kindes Stirnlocken sind darin und eine," fluesterte sie, ihn auf die
Stirn kuessend und das Medaillon umhaengend, "und eine von Rauthgundis. Leb
wohl, du mein Leben!"

Er richtete sich auf, ihr ins Auge zu sehen.

Da trieb sie das Pferd an: "Vorwaerts, Wallada," und sprengte hinweg:
Wachis folgte im Galopp, Witichis stand regungslos und sah ihr nach.

Da hielt sie, ehe die Strasse sich ins Gehoelz kruemmte: - nochmal winkte sie
mit der Hand und war gleich darauf verschwunden.

Witichis lauschte wie im Traum auf die Hufschlaege der eilenden Rosse. Erst
als diese verhallt, wandte er sich.

Aber es liess ihn nicht von der Stelle.

Er trat seitab der Strasse: dort lag jenseit des Grabens ein grosser
moosiger Felsblock: darauf setzte sich der Koenig der Goten, und stuetzte
die Arme auf die Knie, das Haupt in beide Haende. Fest drueckte er die
Finger vor die Augen, die Welt und alles draussen auszuschliessen von seinem
Schmerz.

Thraenen drangen durch die Haende, er achtete es nicht. Reiter sprengten
vorueber, er hoerte es kaum. So sass er stundenlang regungslos, so dass die
Voegel des Waldes bis dicht an ihn heran spielten.

Schon stand die Sonne im Mittag.

Endlich - hoerte er seinen Namen nennen. Er sah auf: Teja stand vor ihm.

"Ich wusst es wohl," sagte dieser, "du bist nicht feig entflohn. Komm mit
zurueck und rette das Reich. Als man dich heut nicht in deinem Zelte fand,
kam's gleich im ganzen Lager aus: du habest, an Krone und Glueck
verzweifelnd, dich davon gemacht.

Bald drang's in die Stadt und zu Guntharis: die Ravennaten drohen einen
Ausfall, sie wollen zu Belisar uebergehn. Arahad buhlt bei unsrem Heer um
die Krone. Zwei, drei Gegenkoenige drohn. Alles faellt in Truemmer
auseinander, wenn du nicht kommst und rettest."

"Ich komme," sagte er, "sie sollen sich hueten! Es brach das beste Herz um
diese Krone: sie ist geheiligt und sie soll'n sie nicht entweihn. Komm,
Teja, zurueck ins Lager."





                              Fuenftes Buch.


                                WITICHIS.


                            Zweite Abteilung.




                             Erstes Kapitel.


Im Lager angelangt fand Koenig Witichis alles in hoechster Verwirrung;
gewaltsam riss ihn die draengende Not des Augenblicks aus seinem Gram und
gab ihm vollauf zu thun.

Er traf das Heer in voller Aufloesung und in zahlreiche Parteiungen
zerspalten. Deutlich erkannte er, dass der Fall der ganzen gotischen Sache
die Folge gewesen waere, haette er die Krone niedergelegt oder das Heer
verlassen.

Manche Gruppen fand er zum Aufbruch bereit.

Die einen wollten sich dem alten Grafen Grippa in Ravenna anschliessen.
Andere zu den Empoerern sich wenden, andere Italien verlassend ueber die
Alpen fluechten. Endlich fehlte es nicht an Stimmen, die fuer eine neue
Koenigswahl sprachen: und auch hierin standen sich die Parteien
waffendrohend gegenueber.

Hildebrand und Hildebad hielten noch diejenigen zusammen, die an des
Koenigs Flucht nicht glauben wollten. Der Alte hatte erklaert, wenn Witichis
wirklich entflohen, wolle er nicht ruhen, bis der eidbruechige Koenig wie
Theodahad geendet. Hildebad schalt jeden einen Neiding, der also von
Witichis denke. Sie hatten die Wege zur Stadt und nach dem Woelsungenlager
besetzt und drohten, jeden Abzug nach diesen Seiten mit Gewalt
zurueckzuweisen, waehrend auch bereits Herzog Guntharis von der Verwirrung
Kunde erhalten hatte und langsam gegen das Lager der Koeniglichen anrueckte.

Ueberall traf Witichis auf unruhige Haufen, abziehende Scharen, Drohungen,
Scheltworte, erhobene Waffen: - jeden Augenblick konnte auf allen Punkten
des Lagers ein Blutbad ausbrechen. Rasch entschlossen eilte er in sein
Zelt, schmueckte sich mit dem Kronhelm und dem goldenen Stab, stieg auf
Boreas, das maechtige Schlachtross, und sprengte, gefolgt von Teja, der die
blaue Koenigsfahne Theoderichs ueber ihm hielt, durch die Gassen.

In der Mitte des Lagers stiess er auf einen Trupp von Maennern, Weibern und
Kindern, - denn ein gotisches Volksheer fuehrte auch diese mit sich - der
sich drohend gegen das Westthor waelzte.

Hildebad liess die Seinen mit gefaellten Speeren in die Thore treten.

"Lasst uns hinaus," schrie die Menge, "der Koenig ist geflohen, der Krieg
ist aus, alles ist verloren, wir wollen das Leben retten." "Der Koenig ist
kein Tropf wie du," sagte Hildebad, den Vordersten zurueckstossend. "Ja, er
ist ein Verraeter," schrie dieser, "er hat uns alle verlassen und verraten
um ein paar Weiberthraenen."

"Ja," schrie ein anderer: "er hat dreitausend von unseren Bruedern
hingeschlachtet und ist dann entflohn."

"Du luegst," sprach eine ruhige Stimme und Witichis bog um die Lagerecke.

"Heil dir, Koenig Witichis!" schrie der riesige Hildebad, "seht ihr ihn da!
- Hab' ich's nicht immer gesagt, ihr Gesindel? Aber Zeit war's, dass du
kamst - sonst ward es schlimm."

Da sprengte von rechts Hildebrand mit einigen Reitern heran: "Heil dir,
Koenig, und der Krone auf deinem Helm. - Reitet durch das Lager, Herolde,
und kuendet, was ihr saht: und alles Volk soll rufen: "Heil Koenig Witichis,
dem Vielgetreuen.""

Aber Witichis wandte sich schmerzlich von ihm ab. -

Die Boten schossen wie Blitze hinweg; bald scholl aus allen Gassen der
donnernde Ruf: "Heil Koenig Witichis," und von allen Seiten stimmten die
juengst noch Hadernden einig in diesen Ruf zusammen.

Sein Blick flog mit dem Stolz tiefsten Schmerzes ueber die Tausende. Und
Teja sprach hinter ihm leise: "du siehst, du hast das Reich gerettet."

"Auf, fuehr uns zum Sieg!" rief Hildebad, "denn Guntharis und Arahad ruecken
an: sie waehnen, uns ohne Haupt in offenem Zwist zu ueberraschen! heraus auf
sie! sie sollen sich schrecklich irren; heraus auf sie und nieder die
Empoerer." - "Nieder die Empoerer!" donnerten die Heermaenner nach, froh,
einen Ausweg ihrer tieferregten Leidenschaft zu finden.

Aber der Koenig winkte mit edler Ruhe: "Stille! nicht noch einmal soll
gotisch Blut fliessen von gotischen Waffen. Ihr harret hier in Geduld: du,
Hildebad, thu' mir auf das Thor. Niemand folgt mir: ich allein gehe zu den
Gegnern. Du, Graf Teja, haeltst das Lager in Zucht, bis ich wiederkehre. Du
aber, Hildebrand," - er rief's mit erhobener Stimme, - "reit' an die Thore
von Ravenna und kuende laut: sie sollen sie oeffnen. Erfuellt ist ihr Begehr,
und noch vor Abend ziehen wir ein: der Koenig Witichis und die Koenigin
Mataswintha."

So gewaltig und ernst sprach er diese Worte, dass das Heer sie mit
lautloser Ehrfurcht vernahm.

Hildebad oeffnete die Lagerpforte: man sah die Reihen der Empoerer im
Sturmschritt heraneilen: laut scholl ihr Kriegsruf, als sich das Thor
oeffnete.

Koenig Witichis gab an Teja sein Schwert und ritt ihnen langsam entgegen.
Hinter ihm schloss sich das Thor.

"Er sucht den Tod," fluesterte Hildebrand. "Nein," sprach Teja, "er sucht
und bringt das Heil der Goten."

Wohl stutzten die Feinde, als sie den einzelnen Reiter erkannten: neben
den woelsungischen Bruedern, die an der Spitze zogen, ritt ein Fuehrer
avarischer Pfeilschuetzen, die sie in Sold genommen. Dieser hielt die Hand
vor die kleinen, blinzenden Augen und rief: "Beim Rosse des Rossgotts, das
ist der Koenig selbst! jetzt, meine Burschen, pfeilkundige Soehne der
Steppe, zielt haarscharf und der Krieg ist aus." Und er riss den krummen
Hornbogen von der Schulter.

"Halt, Chan Warchun," sprach Herzog Guntharis, eine eherne Hand auf seine
Schulter legend. "Du hast zweimal schwer gefehlt in einem Atem. Du nennst
den Grafen Witichis Koenig: das sei dir verziehn. Und du willst ihn morden,
der im Botenfrieden naht: Das mag avarisch sein: es ist nicht Gotensitte.
Hinweg mit dir und deiner Schar aus meinem Lager."

Der Chan stutzte und sah ihn staunend an: "Hinweg, sogleich!" wiederholte
Herzog Guntharis. Der Avare lachte und winkte seinen Reitern: "Mir gleich!
Kinder: wir gehn zu Belisar. Sonderbare Leute, diese Goten! Riesenleiber -
Kinderherzen."

Indessen war Witichis herangeritten. Guntharis und Arahad musterten ihn
mit forschenden Blicken. In seinem Wesen lag neben der alten, schlichten
Wuerde eine ernste Hoheit: die Majestaet des hoechsten Schmerzes.

"Ich komme, mit euch zu reden, zum Heil der Goten. Nicht weiter sollen
Brueder sich zerfleischen. Lasst uns zusammen einziehen in Ravenna und
zusammen Belisar bekaempfen. Ich werde Mataswintha freien und ihr beide
sollt am naechsten stehen an meinem Thron."

"Nimmermehr!" rief Arahad leidenschaftlich. "Du vergisst," sprach Herzog
Guntharis stolz, "dass deine Braut in unsern Zelten ist."

"Herzog Guntharis von Tuscien, ich koennte dir erwidern, dass bald wir in
euren Zelten sein werden. Wir sind zahlreicher und nicht feiger als ihr,
und, o Herzog Guntharis, mit uns ist das Recht. Ich will nicht also
sprechen. Aber mahnen will ich dich des Gotenvolks. Selbst wenn du siegen
solltest, - du wirst zu schwach, um Belisar zu schlagen. Kaum einig sind
wir ihm gewachsen. Gieb nach!"

"Gieb du nach!" sprach der Woelsung, "wenn dir's ums Gotenvolk zu thun.
Lege diese Krone nieder: kannst du kein Opfer bringen deinem Volk?" - "Ich
kann's - ich hab's gethan. Hast du ein Weib, o Guntharis?"

"Ein teures Weib habe ich." - "Nun wohl: auch ich hatte ein teures Weib.
Ich hab's geopfert meinem Volk: ich habe sie ziehen lassen, Mataswinthen
zu freien."

Herzog Guntharis schwieg. Arahad aber rief: "dann hast du sie nicht
geliebt."

Da fuhr Witichis empor: sein Schmerz und seine Liebe wuchsen riesengross:
Glut deckte seine Wangen, und einen vernichtenden Blick warf er auf den
erschrockenen Juengling: "Schwatze mir nicht von Liebe, laestre nicht, du
thoerichter Knabe! Weil dir ein paar rote Lippen und weisse Glieder in
deinen Traeumen vor den Blicken glaenzen, sprichst du von Liebe? Was weisst
du von dem, was ich an diesem Weib verloren, der Mutter meines suessen
Kindes! Eine Welt von Liebe und Treue. Reizt mich nicht: meine Seele ist
wund: in mir liegen Schmerz und Verzweiflung mit Muehe gebaendigt: reizt sie
nicht, lasst sie nicht losbrechen."

Herzog Guntharis war sehr nachdenklich geworden.

"Ich kenne dich, Witichis, vom Gepidenkrieg: nie sah ich unadeligen Mann
so adelige Streiche thun. Ich weiss, es ist kein Falsch an dir. Ich weiss,
wie Liebe bindet an ein ehlich Weib. Und du hast das Weib deinem Volk
geopfert? Das ist viel."

"Bruder! was sinnest du?" rief Arahad, "was hast du vor?" - "Ich habe vor,
das Haus der Woelsungen an Edelmut nicht beschaemen zu lassen. Edle Geburt,
Arahad, heischt edle That!

Sag' mir nur eins noch: weshalb hast du nicht lieber die Krone hingegeben,
ja dein Leben, als dein Weib?"

"Weil es des Reiches sicheres Verderben war. Zweimal wollt' ich die Krone
Graf Arahad abtreten: zweimal schwuren die Ersten meines Heeres, ihn nie
anzuerkennen. Drei, vier Gegenkoenige wuerden gewaehlt, aber, bei meinem
Wort, Graf Arahad wuerde niemals anerkannt. Da rang ich mein Weib von mir
ab, vom blutenden Herzen. Und nun, Herzog Guntharis, gedenk' auch du des
Gotenvolks. Verloren ist das Haus der Woelsungen, wenn die Goten verloren.
Die edelste Bluete des Stammes faellt mit dem Stamm, wenn Belisar die Axt an
die Wurzel legt. Ich habe mein Weib dahingegeben, meines Lebens Krone:
gieb du die Hoffnung einer Krone auf."

"Man soll nicht singen in der Goten Hallen: Der Gemeinfreie Witichis war
edler, als des Adels Edelste! Der Krieg ist aus: ich huldige dir, mein
Koenig." Und der stolze Herzog bog das Knie vor Witichis, der ihn aufhob
und an seine Brust zog.

"Bruder! Bruder! was thust du an mir! welche Schmach!" rief Arahad. "Ich
rechn' es mir zur Ehre!" sprach Guntharis ruhig. "Und zum Zeichen, dass
mein Koenig nicht Feigheit sieht, sondern eine Edelthat in der Huldigung,
erbitt' ich mir eine Gunst. Amaler und Balthen haben unser Geschlecht
zurueckgedraengt von dem Platz, der ihm gebuehrt im Volke der Goten." "In
dieser Stunde," sprach Witichis, "kaufst du ihn zurueck: die Goten sollen
nie vergessen, dass Woelsungen-Edelsinn ihnen einen Bruderkampf erspart
hat." - "Und des zum Zeichen sollst du uns das Recht verleihen, dass die
Woelsungen der Goten Sturmfahne dem Heer vorauftragen in jeder Schlacht."
"So sei's," sagte der Koenig, ihm die Rechte reichend, "und keine Hand wird
sie mir wuerdiger fuehren." "Wohlan, jetzt auf zu Mataswintha," sprach
Guntharis.

"Mataswintha!" rief Arahad, der bisher wie betaeubt der Versoehnung
zugesehen, die alle seine Hoffnungen begrub. "Mataswintha!" wiederholte
er. "Ha, zur rechten Zeit gemahnt ihr mich. Ihr koennt mir die Krone
nehmen: - sie fahre hin, - nicht meine Liebe und nicht die Pflicht, die
Geliebte zu beschuetzen. Sie hat mich verschmaeht: ich aber liebe sie bis
zum Tode. Ich habe sie vor meinem Bruder beschirmt, der sie zwingen
wollte, mein zu werden. Nicht minder wahrlich will ich sie beschuetzen,
wollt ihr sie nun beide zwingen, des verhassten Feindes zu werden. Frei
soll sie bleiben, diese Hand, die kostbarer als alle Kronen der Erde." Und
rasch schwang er sich aufs Pferd und jagte mit verhaengtem Zuegel seinem
Lager zu.

Witichis sah ihm besorgt nach. "Lass ihn," sprach Herzog Guntharis, "wir
beide, einig, haben nichts zu fuerchten. Gehen wir die Heere zu versoehnen,
wie die Fuehrer."

Waehrend Guntharis zuerst den Koenig durch seine Reihen fuehrte und diese
aufforderte, gleich ihm zu huldigen, was sie mit Freuden thaten, und
darauf Witichis den Woelsungen und seine Anfuehrer mit in sein Lager nahm,
wo die Besiegung des stolzen Herzogs durch Friedensworte als ein
Wunderwerk des Koenigs angesehen wurde, sammelte Arahad aus den Reitern im
Vordertreffen eine kleine Schar von etwa hundert ihm treu ergebenen
Gefolgen und sprengte mit ihnen nach seinem Lager zurueck.

Bald stand er im Zelt vor Mataswinthen, die sich bei seinem Eintreten
unwillig erhob. "Zuerne nicht, schilt nicht, Fuerstin! diesmal hast du kein
Recht dazu. Arahad kommt, die letzte Pflicht seiner Liebe zu erfuellen.
Flieh, du musst mir folgen." Und im Ungestuem seiner Aufregung griff er nach
der weissen, schmalen Hand.

Mataswintha trat einen Schritt zurueck und legte die Rechte an den breiten
Goldguertel, der ihr weisses Untergewand umschloss: "fliehen?" sagte sie,
"wohin fliehen?"

"Uebers Meer! Ueber die Alpen! gleichviel: in die Freiheit. Denn deiner
Freiheit droht hoechste Gefahr."

"Von euch allein droht sie." - "Nicht mehr von mir! Und ich kann dich
nicht mehr beschirmen. Solang du mein werden solltest, konnte ich es,
konnte grausam sein gegen mich selbst, deinen Willen zu ehren. Aber nun -"

"Aber nun?" sprach Mataswintha erbleichend.

"Sie haben dich einem andern bestimmt. Mein Bruder, mein Heer und meine
Feinde im Koenigslager und in Ravenna, alle sind darin einig. - Bald werden
sie dich tausendstimmig als Opfer zum Brautaltar rufen. Ich kann's nicht
denken! Diese Seele, diese Schoenheit entweiht als Opfer in ungeliebtem
Ehebund."

"Lass sie kommen," sagte Mataswintha, "lass sehen, ob sie mich zwingen!" Und
sie drueckte den Dolch, den sie im Guertel trug, an sich. - "Wer ist er, der
neue Zwingherr, der mir droht."

"Frage nicht!" rief Arahad, "dein Feind, der dein nicht wert, der dich
nicht liebt; der - folge mir! - flieh', schon kommen sie!" Man hoerte von
draussen nahenden Hufschlag.

"Ich bleibe. Wer zwingt das Enkelkind Theoderichs?"

"Nein! du sollst nicht, sollst nicht in ihre Haende fallen, der Fuehllosen,
die nicht dich lieben, nicht deine Herrlichkeit, nur dein Recht auf die
Krone! Folge mir ... -"

Da ward der Thuervorhang des Zeltes zur Seite geschoben: Graf Teja trat
ein. Zwei Gotenknaben mit ihm, in weisser Seide, festlich gekleidet.

Sie trugen ein mit einem Schleier verhuelltes Purpurkissen. Er trat bis an
die Mitte des Zeltes und beugte das Knie vor Mataswinthen. Er trug, wie
die Knaben, einen gruenen Rautenzweig um den Helm. Aber sein Auge und seine
Stirne war duester, - als er sprach: "Ich gruesse dich, der Goten und Italier
Koenigin!"

Mit erstauntem Blick mass sie ihn. Teja erhob sich, trat zurueck zu den
Knaben, nahm von dem Kissen einen goldenen Reif und den gruenen Rautenkranz
und sprach: "Ich reiche dir den Brautkranz und die Krone, Mataswintha, und
lade dich zur Hochzeit und zur Kroenung - die Saenfte steht bereit."

Arahad griff ans Schwert.

"Wer sendet dich?" fragte Mataswintha mit klopfendem Herzen, aber die Hand
am Dolch. "Wer sonst, als Witichis, der Goten Koenig." Da leuchtete ein
Strahl der Begeisterung aus Mataswinthens wunderbaren Augen: sie erhob
beide Arme gen Himmel und sprach: "Dank, Himmel, deine Sterne luegen nicht:
und nicht das treue Herz. Ich wusst es wohl." Und mit beiden schimmernden
Haenden ergriff sie das bekraenzte Diadem und drueckte es fest auf das
dunkelrote Haar. "Ich bin bereit. Geleite mich," sprach sie, "zu deinem
Herrn und meinem." Und mit koeniglicher Wendung reichte sie Graf Teja die
Linke, der sie ehrerbietig hinausfuehrte.

Arahad aber starrte der Verschwundenen nach, sprachlos, noch immer die
Hand am Schwert. Da trat Eurich, einer seiner Gefolgen, zu ihm heran, und
legte ihm die Hand auf die Schulter: "Was nun?" fragte er, "die Rosse
stehen und harren: wohin?" "Wohin?" rief Arahad auffahrend - "wohin? Es
giebt nur noch Einen Weg: wir wollen ihn gehen. Wo stehen die Byzantiner
und der Tod?"




                             Zweites Kapitel.


Am siebenten Tage nach diesen Ereignissen bereitete sich ein glanzvolles
Fest auf den Fora und in dem Koenigspalast zu Ravenna.

Die Buerger der Stadt und die Goten aller drei Parteien wogten in
gemischten Scharen durch die Strassen und fuhren durch die Lagunenkanaele, -
denn Ravenna war damals eine Wasserstadt, fast, aber doch nicht ganz, wie
heute Venedig - die riesigen Kraenze, Blumenbogen und Fahnen zu bewundern,
die von allen Zinnen und Daechern niederwehten: denn es galt, Vermaehlung
des gotischen Koenigspaares zu feiern.

Am fruehen Morgen hatte sich das ganze jetzt vereinigte Heer der Goten vor
den Thoren der Stadt zu feierlicher Volksversammlung geschart. Der Koenig
und die Koenigin erschienen auf milchweissen Rossen: abgestiegen waren sie
vor allem Volk unter eine breitschattende Steineiche getreten: dort hatte
Witichis seiner Braut die rechte Hand auf das Haupt gelegt: sie aber trat
mit dem entbloessten linken Fuss in den Goldschuh des Koenigs.

Damit war unter dem Zuruf der Tausende die Ehe nach Volksrecht
geschlossen. Darauf bestieg das Paar einen mit gruenen Zweigen geschmueckten
Wagen, der von vier weissen Rindern gezogen ward; der Koenig schwang die
Geissel und sie fuhren, gefolgt von dem Heere, in die Stadt. Dort schloss
sich an die halb heidnische, germanische, eine zweite, die christliche
Feier: der arianische Bischof erteilte seinen Segen ueber das Paar in der
Basilika Sancti Vitalis und liess es die Ringe wechseln.

Rauthgundens wurde nicht gedacht.

Noch war die Kirche nicht maechtig genug, ihre Forderung der
Unaufloeslichkeit einer kirchlich geschlossenen Ehe ueberall durchzusetzen:
vornehme Roemer und vollends Germanen verstiessen noch haeufig in voller
Willkuer ihre Frauen. Und wenn gar ein Koenig aus Gruenden des Staatswohls
und ohne Einspruch der Gattin das Gleiche beschloss, erhob sich kein
Widerstand. -

Aus der Kirche ging der Zug nach dem Palast, in dessen Hallen und Gaerten
ein grosses Festmahl geruestet war.

Das ganze Gotenheer und die ganze Bevoelkerung der Stadt fand hier, dann
auf den Fora des Herkules und des Honorius und in den naechsten Strassen und
Kanaelen auf Schiffen, an tausend Tischen reiche Bewirtung, waehrend die
Grossen des Reiches und die Vornehmen der Stadt mit dem Koenigspaar in der
Gartenrotunde oder in der weiten Trinkhalle, die Theoderich hatte in dem
roemischen Palast anbringen lassen, tafelten.

So wenig die Lage des Landes und des Koenigs Stimmung zu rauschenden Festen
passen mochten, - es galt, die Ravennaten mit den Goten und die
verschiedenen Parteien der Goten unter sich zu versoehnen: und man hoffte,
in Stroemen des Festweins die letzten feindseligen Erinnerungen
hinwegzuspuelen.

Am besten uebersah man den Koenigstisch und die festlichen Tafeln, die sich
ueber den weiten Garten und Park verteilten, von dem zum Brautgemach
Mataswinthens bestimmten kleinen Gelass, dessen einziges Fenster auf die
Rotunde vor dem Garten und, ueber den Garten hin, bis auf das Meer
ausblicken liess.

In diesem Gemach drei Tage zuvor schon schmueckend zu schalten und zu
walten, hatte sich Aspa, die Numiderin, als Lohn treuer Dienste
ausgebeten. "Denn diese ernsten, finstern Roemer wissen ebensowenig wie die
rauhen Goten, dem schoensten Weib der Erde das Brautbett zu bereiten: in
Afrika, im Land der Wunder, lernt man das."

Und wohl war ihr's gelungen, wenn auch im Sinn der schwuelen,
phantastischen Ueppigkeit ihrer Heimat. Sie hatte das enge und niedre
Gemach wie zu einem kleinen Zauberkistchen umgeschaffen! Waende und Decke
waren von glaenzend weissen Marmorplatten gefuegt.

Aber Aspa hatte den ganzen Raum mit drei- und vierfach aufeinandergelegten
Gehaengen von dunkelroter Seide verhuellt, die in schweren Falten von den
Waenden niederfloss, sich ueber die Getaefeldecke wie ein Rundbogen woelbte und
den Marmorboden so dicht verhuellte, dass jeder Tritt lautlos drueber hin
glitt und alles Geraeusch sich im Entstehen brach. Nur an der
Fensterbruestung sah man den schimmernd weissen Marmor sich prachtvoll von
der Glut der Seide heben.

Das Fenster von weissem Frauenglas war mit einem Vorhang von mattgelber
Seide verhangen und alles Licht in dem kleinen Raum stroemte aus von einer
Ampel, die von der Mitte der Decke aus niederhing: eine Silbertaube mit
goldnen Fluegeln schwebte aus einem Fuellhorn von Blumengewinden: in den
Fuessen trug sie eine flache Schale aus einem einzigen grossen Karneol, der,
ein Geschenk des Vandalenkoenigs, in den aurasischen Bergen gefunden, als
ein seltenes Wunder galt.

Und in dieser Schale gluehte ein rotes Flaemmchen, genaehrt von stark
duftendem Cederoel. Ein gebrochenes, traeumerisches Daemmerlicht ergoss sich
von hier aus ueber das phantastische Doppelpfuehl, das, halb von Blumen
verschuettet, darunter stand. Aspa hatte sich das braeutliche Lager als die
aufgeschlagnen Schalen einer Muschel gedacht, die an der innern Seite
zusammenhaengen, zwei ovale muschelfoermige Klinen von Citrusholz erhoben
sich nur wenig von dem Teppich des Bodens. Ueber die weissen Kissen und
Teppiche hin war eine Linnendecke von orangegoldnem Glanz gegossen.

Aber der eigenste Schmuck des Gelasses war die Fuelle von Blumen, welche
die Hand der Numiderin mit poesiereichem, wenn auch phantastischem
Geschmack ueber das ganze Gemach verstreut und ueber die Waende, Decken,
Vorhaenge, die Thuere und das Lager verteilt hatte.

Ein Bogen von starkduftigen Geissblattranken ueberwoelbte laubenartig die
einzige Thuere, den schmalen Eingang. Zwei maechtige Rosenbaeume standen zu
Haeupten des Lagers und streuten ihre roten und weissen Blueten auf die
Teppiche. Die Ampel hing, wie erwaehnt, aus einem kunstvoll gewundnen
Fuellhorn von Blumen herab. Und ueberall sonst, wo eine Falte, eine Biegung
der Teppiche das Auge zu verweilen lud, hatte Aspa eine seltene Blume
gluecklich angeschmiegt. Der Lorbeer und der Oleander Italiens, die
sicilische Myrte, das schoene Rhododendron der Alpen und die gluehenden
Iriaceen Afrikas mit ihren reichen Kelchen: - alle lauschten je am
gelegensten Ort und doch, wie es schien, vom Zufall hingeworfen. -

Schon standen die Sterne am Himmel.

Es daemmerte draussen: im Gemach hatte Aspa die Flamme in der
veilchendunkeln Schale entzuendet und war nur noch beschaeftigt, hier und da
eine Falte zu glaetten, indes sie eine roemische Sklavin anwies, in den
Silberkruegen auf dem Bronzekredenztisch den Palmwein mit Schnee zu kuehlen,
eine andre, das Gemach mit Balsam zu durchsprengen.

"Reichlicher die Narden, reichlicher die Myrrhen gesprengt! So!" rief
Aspa, eine volle Libation ueber das Lager spritzend.

"Lass ab," mahnte die Roemerin, "es ist zu viel! Schon der Duft der Blumen
betaeubt: die Rose und das Geissblatt berauschen fast die Sinne: mir wuerde
schwindeln hier."

"Ah," lachte Aspa, "wie singt der Dichter: "Nuechternen nimmer nahet das
Glueck: nur in seligem Rausche." Lass uns jetzt das Fenster schliessen." -
"Nur ein wenig noch lass mich lauschen," bat eine dritte junge Sklavin, die
dort lehnte. "Es ist zu schoen! Komm, Frithilo," sprach sie zu einer
gotischen Magd, die neben ihr stand, "du kennst ja all die stolzen Maenner
und Frauen: sage, wer ist der zur Linken der Koenigin mit dem goldnen
Schuppenpanzer? er trinkt dem Koenig zu." - "Herzog Guntharis von Tuscien,
der Woelsung. Sein Bruder, Graf Arahad von Asta ... - wo mag der sein zu
dieser Stunde?"

"Und der Alte neben dem Koenig, mit dem grauen Bart?"

"Das ist der Graf Grippa, der die Goten in Ravenna befehligt. Er spricht
die Fuerstin an. Wie sie lacht und erroetet! Nie war sie so schoen." - "Ja,
aber auch der Braeutigam - welch herrlicher Mann! Der Kopf des Mars, der
Nacken des Neptun. Aber er sieht nicht froehlich: - vorhin starrte er lange
sprachlos in seinen Becher und furchte die Stirn: - die Koenigin sah es: -
bis der alte Hildebrand, gegenueber, ihm zurief. Da sah er seufzend auf.
Was hat der Mann zu seufzen? neben diesem Goetterweib."

"Nun," sprach die Gotin, "er hat dann doch nicht ein ganz steinern Herz.
Er denkt dann vielleicht an die, die sein rechtes Weib vor Gott und
Menschen, die er verstossen."

"Was? wie? was sagst du? riefen die drei Sklavinnen zugleich. Aber
urploetzlich fuhr Aspa zwischen die Maedchen: "Willst du wohl schweigen mit
dem dummen Gerede, Barbarin! Mach, dass du fortkommst! Ein solches Wort: -
eine Silbe, dass es die Koenigin hoert und du sollst der Afrikanerin
gedenken."

Frithilo wollte erwidern. "Still," rief eine der Roemerinnen. "Die Koenigin
bricht auf." - "Sie wird hier herauf kommen." - "Der Koenig bleibt noch." -
"Nur die Frauen folgen ihr." - "Sie geben ihr das Geleit bis hierher,"
sprach Aspa. "Gleich kann sie hier sein: bereitet euch, sie zu empfangen."

Bald nahte der Zug, von Fackeltraegern und Floetenblaesern eroeffnet. Darauf
eine Auswahl der gotischen Edelfrauen: neben Mataswintha, der Braut oder
jungen Frau, schritt Theudigotho, die Gattin Herzogs Guntharis, und
Hildiko, die Tochter Grippas. Die vornehmen Frauen von Ravenna schlossen
den Zug.

An der Schwelle der Brautkammer verabschiedete Mataswintha ihr Gefolge, an
die jungen Maedchen ihren Schleier, an die Frauen ihren Guertel
verschenkend.

Die meisten zogen sich wieder zu dem Fest in den Garten, andre nach Hause
zurueck. Sechs Gotinnen aber, drei Frauen und drei Jungfrauen, liessen sich
als Ehrenwache vor der Thuere des Brautgemaches nieder, wo Teppiche fuer sie
bereitet lagen. Dort hatten sie mit einer gleichen Zahl gotischer Maenner,
die den Braeutigam geleiteten, die Nacht zu verbringen: so wollt' es die
gotische Sitte.

Mataswintha ueberschritt die Schwelle mit einem Ausruf des Staunens.
"Aspa," rief sie, "das hast du schoen gemacht! - zauberisch!" -

Die Afrikanerin kreuzte selig die Arme ueber die Brust und beugte den
Nacken. Sie an sich ziehend, fluesterte die Braut:

"Du kanntest mein Herz und seine Traeume! Aber," fuhr sie aufatmend fort,
"wie schwuel! Deine gluehenden Blumen berauschen."

"In Glut und Rausch nahen die Goetter!" sprach Aspa.

"Wie schoen jene Violen: und dort die Purpurlilie; mir ist, die Goettin
Flora flog durchs Zimmer und dachte einen Liebestraum und verlor darueber
ihre schoensten Blumen. Es ist ein ahnungsvolles Wunder, das ich hier
erlebe. Es durchrieselt mich heiss. - Es ist schwuel. - Nehmt mir den
schweren Prunk ab." Und sie nahm die goldne Krone aus dem Haar.

Aspa strich ihr die vollen, dunkelroten Flechten hinter das feine Ohr und
zog die goldne Nadel heraus, die sie am Hinterkopf zusammenhielt: frei
wallte das Haar in den Nacken. Die andern Sklavinnen loesten die Spange,
die in Gestalt einer geringelten Schlange den schweren Purpurmantel mit
seinen reichen Goldstreifen auf der linken Schulter zusammenhielt. Der
Mantel fiel und zeigte die edle, hochschlanke Gestalt der Jungfrau in dem
aermellosen wallenden Unterkleid von weisser persischer Seide. Ihre
schimmernden Arme umzirkten zwei breite, goldne Armreife: - Erbstuecke aus
dem alten Schatz der Amalungen: gruene Schlangen von Smaragden waren darin
eingelegt.

Mit Entzuecken schaute Aspa auf die Gebieterin, wie diese vor den in den
Marmor eingelassenen Metallspiegel trat, das lose Haar mit goldnem Kamm zu
schlichten.

"Wie schoen du bist! wie zauberschoen! - wie Astaroth, die Liebesgoettin: -
nie warst du so schoen, wie in dieser Stunde." Mataswintha warf einen
raschen Blick in den Spiegel. Sie sah, noch mehr, sie fuehlte, dass Aspa
recht hatte: und sie erroetete.

"Geht," sagte sie, "lasst mich allein mit meinem Glueck." Die Sklavinnen
gehorchten. Mataswintha eilte ans Fenster, das sie rasch oeffnete, wie um
ihren Gedanken zu entfliehen. Ihr erster Blick fiel auf Witichis, der
unten vom Schein der Haengelampen im Garten voll beleuchtet war.

"Er! Wieder er. - Wohin entflieh ich vor ihm, dem suessen Tod?"

Sie wandte sich rasch: da an der Wand, gerade dem Fenster gegenueber,
glaenzte im Ampellicht eine weisse Marmorbueste. Sie kannte sie wohl: Aspa
hatte den Areskopf nicht vergessen, den treuen Begleiter lang harrender
Sehnsucht. Heute aber schlang sich ein Kranz von weissen und roten Rosen um
sein Haar. "Und wieder du!" fluesterte die Braut, suess erschrocken und legte
die weisse Hand vor die Augen. "Und schliess ich die Augen und wend' ich sie
nach innen, so seh ich wieder sein Bild, sein Bild allein im tiefsten
Herzen. Ich werde noch untergehn in diesem Bilde! Ach, und ich will's!"
rief sie die Hand fallen lassend und dicht vor die Bueste tretend: "ich
will's! Wie oft, mein Ares, wann der Abend kam, hab' ich zu dir
aufgeblickt, wie zu meinem Stern, bis Frieden und Ruhe aus deinen klaren,
grossen Zuegen drang in die schwanke Seele. Wie wunderbar hat dieses Ahnen,
dieses Sehnen, dieses Hoffen sich erfuellt! Wie er einst dem weinenden
Kinde die Thraenen getrocknet und die Ratlose nach Hause gefuehrt, so wird
er auch jetzt all mein Klagen stillen und mir die wahre Heimat bauen in
seinem Herzen. Und durch all diese oeden Jahre, durch all die letzten
Monate voll Gefahr und Angst trug ich in mir das sichere Gefuehl: "Es wird!
Dir wird geschehen wie du glaubst! Dein Retter kommt und birgt dich sicher
an der starken Brust." Und, o Gnade, unaussprechliche reiche Gnade des
Himmels: - es ward. Ich bin sein! Dank, gluehenden, seligen Dank, wer immer
du bist, beglueckende Macht, die ueber den Sternen die Bahn der Menschen
lenkt mit weiser, mit liebender, mit wunderbar segnender Hand. O ich
will's verdienen, dieses Glueck. Er soll im Himmel wandeln. Sie sagen, ich
bin schoen: ich weiss es, dass ich's bin: ich weiss es ja durch ihn: - ich
will's fuer ihn sein. Lass mir, Himmel, diese Schoene. Sie sagen: ich habe
einen maechtigen, schwungvollen Geist. O gieb ihm Fluegel, Gott, dass ich
seiner Heldenseele folgen kann in alle Sonnenhoehen. Aber, o Gott, lass mich
auch abthun meine Fehler, den sproeden, stolzen, leicht gereizten Sinn, den
Trotz des zornigen Eigenwillens, den unbaendigen Drang nach Freiheit ... -
O fort damit: beuge dich, beuge dich, hochmuetiger Geist: ihm sich zu
beugen ist edelster Ruhm. Gieb dich gebunden, Herz, und verloren auf ewig
an ihn, deinen starken und herrlichen Herrn. O Witichis," rief sie und
sank fortgerissen vom Gefuehl halb aufs Knie, sich an das Lager lehnend und
zu der Bueste aufblickend mit schwimmenden Augen - "ich bin dein. Thu wie
du willst mit meiner Seele! Vernichte sie! nur gesteh, dass du gluecklich
bist, gluecklich durch mich."

Und sie beugte das schoene Haupt vor, nach den gefaltenen Haenden.

Doch ploetzlich fuhr sie empor. Licht, helles Licht floss ins Gemach. An der
offenen Thuere stand der Koenig: draussen auf dem Gang zeigten sich
zahlreiche Goten und Ravennaten mit hellen Fackeln.

"Dank, meine Freunde," sprach der Koenig mit ernster Stimme. "Dank, fuer das
Festgeleit. Geht nun und vollendet die Nacht," und er wollte die Thuere
schliessen.

"Halt," sprach Hildebrand, mit der Hand die Thuere wieder oeffnend, so dass
Mataswintha sichtbar ward, "hier seht ihr, alles Volk: der Mann und das
Weib, die heut wir vermaehlt, sind gluecklich geeint im Ehegemach. Ihr sehet
Witichis und Mataswintha: und ihren ersten ehelichen Kuss."

Mataswintha erbebte. Sie wankte, und schlug ergluehend die Augen nieder.

Unschluessig stand der Koenig in der Thuer. "Du kennst der Goten Brauch,"
sprach Hildebrand laut, "so thu' danach."

Da wandte sich Witichis rasch, ergriff die zitternde Linke Mataswinthens,
fuehrte sie schnell einen Schritt vorwaerts und beruehrte mit den Lippen ihre
Stirn. Mataswintha zuckte.

"Heil euch!" rief Hildebrand. "Wir haben gesehen den braeutlichen Kuss. Wir
bezeugen hinfort den ehelichen Bund! Heil Koenig Witichis und seinem
schoenen Weib, der Koenigin Mataswintha."

Der Zug wiederholte den Ruf und Hildebrand, Graf Grippa, Herzog Guntharis,
Hildebad, Aligern und der tapfere Bandalarius (Bannertraeger) des Koenigs,
Graf Wisand von Volsinii, lagerten sich neben den sechs Frauen und Maedchen
vor der Thuere des Brautgemachs, welche Witichis nun schloss.

Sie waren allein.

Witichis warf einen langen, pruefenden Blick durch das Gemach. Das erste,
was Mataswintha that, war, - sein Kuss brannte auf ihrer Stirn, - dass sie
unwillkuerlich soweit als moeglich von ihm hinwegglitt. So war sie - sie
wusste nicht wie - in die fernste Ecke des Zimmers, an das Fenster,
gelangt. Witichis mochte es bemerken. Er stand hart an der Schwelle, die
Haende auf das maechtige, breite und fast brusthohe Schwert gestuetzt, das
er, aus dem Wehrgehaeng genommen, in der Scheide, wie einen Stab, in der
Rechten fuehrte.

Mit einem Seufzer trat er einen Schritt vor, das Auge ruhig auf
Mataswintha gerichtet. "Koenigin," sprach er und seine Stimme drang ernst
und feierlich aus seiner Brust, "sei getrost! Ich ahne, was du fuerchtend
fuehlst in zarter Maedchenbrust. Es musste sein. Ich durfte dein nicht
schonen. Das Wohl des Volks gebot's: ich griff nach deiner Hand: sie muss
mein sein und bleiben. Doch hab' ich schon in allen diesen Tagen dir
gezeigt, dass deine Scheu mir heilig. Ich habe dich gemieden: - und wir
sind jetzt zum ersten Mal allein. Auch diese gepresste bange Stunde haett'
ich dir gern erspart: es ging nicht an. Du kennst, glaube ich, die alte
Sitte des Brautgeleits. Und du weisst, in unserem Fall liegt alles daran,
sie nicht zu verletzen. Als ich in dies Gemach trat, und die Roete in
deinen Wangen aufflammen sah, - lieber haett' ich im oedesten Berggeklueft
dieses muede Haupt auf harten Fels zur Ruhe gelegt. Es ging nicht:
Hildebrand und Graf Grippa und Herzog Guntharis hueten diese Schwelle.
Sonst ist kein Ausgang aus diesem Gemach.

Wollt' ich dich verlassen, es gaebe Laerm und Spott und Streit: und neuen
Zwist vielleicht. Du musst mich diese Nacht in deiner Naehe dulden."

Und er trat einen Schritt weiter vor und nahm die schwere Krone ab: auch
den Purpurmantel, den er, aehnlich dem Mataswinthens, ueber der Schulter
trug, warf er ab.

Zitternd, sprachlos lehnte Mataswintha an der Wand.

Witichis drueckte dies Schweigen: so schwer er selber litt, ihn dauerte des
Maedchens. "Komm, Mataswintha," sprach er. "Verharre nicht in unversoehntem
Zorn. Es musste sein, sag' ich dir. Lass uns, was sein muss, edel tragen und
nicht durch Kleinheit uns verbittern. Ich musste deine Hand nehmen, - dein
Herz bleibt frei.

Ich weiss, du liebst mich nicht: du kannst, du sollst, du darfst mich nicht
lieben. Doch glaub' mir: redlich ist mein Herz und achten sollst du
immerdar den Mann, mit dem du diese Krone teilst. Auf gute Freundschaft,
Koenigin der Goten!"

Und er trat zu ihr und bot ihr die Rechte.

Nicht laenger hielt sich Mataswintha: rasch ergriff sie seine Hand und sank
zugleich zu seinen Fuessen nieder, dass Witichis ueberrascht zuruecktrat.

"Nein, weiche nicht zurueck, du Herrlicher!" rief sie. "Es ist doch kein
Entrinnen vor dir! Nimm alles hin und wisse alles. Du sprichst von Zwang
und Furcht und Unrecht, das du mir gethan. O Witichis, wohl hat man mich
gelehrt, - das Weib soll immer klug verbergen, was es fuehlt, soll sich
bitten lassen und erweichen und nur genoetigt geben, was es aus Liebe
giebt, auch wenn ihr ganzes Herz danach verlangt. Sie soll niemals ... -
Hinweg mit diesen niedrigen Plaenen armer Klugheit! Lass mich thoericht sein!
Nicht thoericht! Offen und gross, wie deine Seele!

Nur Groesse kann dich verdienen, nur das Ungewoehnliche. Du sprichst von
Zwang und Furcht? Witichis, du irrst! - Es brauchte keines Zwangs! -
gern ..." -

Staunend hatte sie Witichis eine Zeit lang angesehen.

Jetzt endlich glaubte er, sie zu verstehen. "Das ist schoen und gross,
Mataswintha, dass du feurig fuehlest fuer dein Volk, die eigene Freiheit ohne
Zwang ihm opfernd. Glaub' mir, ich ehre das hoch, und schlage das Opfer
darum nicht niedriger an. That ich doch desgleichen! Nur um des
Gotenreiches willen griff ich nach deiner Hand und nun und nie kann ich
dich lieben."

Da erstarrte Mataswintha.

Sie ward bleich wie eine Marmorstatue: die Arme fielen ihr schlaff herab:
sie starrte ihn mit grossen, offnen Augen an. "Du liebst mich nicht? du
kannst mich nicht lieben? Und die Sterne logen doch? Und es ist doch kein
Gott? Sag, bin ich denn nicht Mataswintha, die du das schoenste Weib der
Erde genannt?"

Aber der Koenig beschloss, dieser Aufregung, die er nicht verstand und nicht
erraten wollte, rasch ein Ende zu machen. "Ja, du bist Mataswintha, und
teilst meine Krone, nicht mein Herz. Du bist nur die Gemahlin des Koenigs,
aber nicht das Weib des armen Witichis. Denn wisse, mein Herz, mein Leben
ist auf ewig einer andern gegeben. Es lebt ein Herz, ein Weib, das sie von
mir gerissen: und dem doch ewig mein Herz zu eigen bleibt. Rauthgundis,
mein Weib, mein treues Weib im Leben und im Tod!"

"Ha!" rief Mataswintha, wie von Fieber geschuettelt und beide Arme
erhebend, "und du hast es gewagt ... -"

Die Stimme versagte ihr. Aber aus ihren Augen loderte Feuer auf den Koenig.
"Du wagst es!" rief sie nochmals - "Hinweg, hinweg von mir!"

"Still," sprach Witichis, "willst du die Lauscher draussen herbeirufen?
Fasse dich, ich verstehe dich nicht."

Und rasch zog er das maechtige Schwert aus der Scheide, trat damit an das
Doppelpfuehl und legte es auf den Rand der beiden Lager, wo sie eng
aneinanderstiessen.

"Sieh hier dies Schwert! Es sei die ewige, scharfe, eherne, kalte Grenze
zwischen uns! Zwischen deinem Wesen und dem meinen.

Beruhige dich doch nur. Es soll uns ewig scheiden.

Ruhe du hier zur Rechten seiner Schneide, - ich bleibe links. So teile,
wie ein Schwertschnitt, diese Nacht fuer immer unser Leben!"

Aber in Mataswinthens Busen wogten die maechtigsten Gefuehle, furchtbar
ringend, drohend: Scham und Zorn, Liebe und gluehender Hass. Die Stimme
versagte ihr. "Nur fort, fort aus seiner Naehe," konnte sie noch denken.
Sie eilte gegen die Thuer.

Aber mit fester Hand ergriff Witichis ihren Arm.

"Du musst bleiben." Da zuckte sie zusammen: das Blut schoss in ihr auf:
bewusstlos sank sie nieder.

Ruhig sah Witichis auf sie herab. "Armes Kind," sprach er, "der schwuele
Duft in diesem Gelass hat sie ganz verwirrt! Sie wusste nicht, was sie
sinnlos sprach!

Was ist deine kleine maedchenhafte Verwirrung gegen Rauthgundens
Herzzerreissung und die meine."

Und leise legte er die Besinnungslose auf das Pfuehl zur Rechten des
Schwertes.

Er selbst setzte sich nun, in seinen Waffen klirrend, auf den Bodenteppich
zur Linken und lehnte den Ruecken an das Lager.

Lang sass er so, das Haupt vorgebeugt und die Lippen auf ein blondes
Haargeflecht gedrueckt, das er in kleiner Kapsel auf dem Herzen trug. Es
kam kein Schlaf in seine kummervollen Augen. -

Mit dem ersten Hahnenschrei verliess die Brautwache ihren Posten, von
Floetenblaesern abgeholt. Gleich darauf schritt der Koenig aus dem Gemach, in
voller Ruestung.

Die Floeten hatten auch Mataswintha geweckt.

Aspa, die sich leise heranschlich, hoerte ploetzlich einen dumpfen Schlag.
Sie eilte in das Gemach. Da stand die Koenigin, auf des Koenigs langes
Schwert gestuetzt, und starrte vor sich zur Erde.

Der Areskopf lag zertruemmert zu ihren Fuessen.




                             Drittes Kapitel.


Im friedlichen Licht des spaeten Nachmittags schimmerten die Kirche und das
Kloster, die am Fuss des Apenninus nordoestlich von Perusia und Asisium,
suedlich von Petra und Eugubium, hoch auf dem Felsenhang oberhalb des
kleinen Fleckens Taginae, Valerius gebaut, seine Tochter vom Dienst des
Jenseits einzuloesen.

Das Kloster, aus dem dunkelroten Gestein der Gegend aufgefuehrt, umfriedete
mit seinen Geviertmauern einen stillen Garten von dichtem gruenem Laubwerk.
An den vier Seiten desselben liefen kuehle Bogengaenge hin mit
Apostelstatuen und Mosaik und mit Fresken auf goldnem Grund geschmueckt.
All dies Bildwerk hatte den freudlosen byzantinischen Ernst: es waren
sinnbildliche Darstellungen aus der heiligen Schrift, zumal aus der
Offenbarung Johannis, dem Lieblingsbuch jener Zeit.

Feierliche Stille waltete rings. Das Leben schien weithin ausgeschlossen
von diesen hohen und starken Mauern. Cypressen und Thuien herrschten vor
in den Baumgruppen des Gartens, in dem nie eines Vogels Gesang vernommen
ward. Die strenge Klosterordnung duldete die Voeglein nicht: der Nachtigall
suesses Rufen sollte nicht die frommen Seelen in ihren Gebeten stoeren.

Cassiodor war es, der, schon als Minister Theoderichs einer streng
kirchlichen Richtung ergeben und biblischer Gelehrsamkeit voll, seinem
Freunde Valerius den ganzen Plan der aeusseren und inneren Einrichtung
seiner Stiftung entworfen - aehnlich der Regel des Maennerklosters, das er
selbst zu Squillacium in Unteritalien gegruendet - und dessen Ausfuehrung
ueberwacht hatte. Und sein frommer, aber strenger, der Welt und dem Fleisch
feindlich abgewendeter Geist drueckte sich denn im groessten wie im kleinsten
dieser Schoepfung aus. Die zwanzig Jungfrauen und Witwen, welche hier als
Religiosae lebten, verbrachten in Beten und Psalmensingen, in Busse und
Kasteiung ihre Tage. Doch auch in werkthaetiger christlicher Liebe, indem
sie die Armen und Kranken der Umgegend in ihren Huetten aufsuchten und
ihnen Seele und Leib troesteten und pflegten.

Es machte einen feierlichen, poesievollen, aber sehr ernsten Eindruck,
wenn durch die dunkeln Cypressengaenge hin eine dieser frommen Beterinnen
wandelte, in dem faltenreichen, dunkelgrauen Schleppgewand, auf dem Haupt
die weisse enganschliessende Kalantika, eine Tracht, die das Christentum von
den aegyptischen Isispriestern ueberkommen. Vor den oft in Kreuzesform
geschnittenen Buchsgebueschen blieben sie stehen und kreuzten die Arme auf
der Brust. Immer gingen sie allein und stumm, wie Schatten glitten sie bei
jeder Begegnung aneinander vorueber. Denn das Gespraech war auf das
Unerlaessliche beschraenkt.

In der Mitte des Gartens floss ein Quell aus dunklem Gestein von Cypressen
ueberragt. Ein Paar Sitze waren in den Marmor gehauen.

Es war ein stilles, schoenes Plaetzchen: wilde Rosen bildeten dort eine Art
Laube und verbargen beinahe voellig ein finsteres, rohes Steinrelief, das
die Steinigung des heiligen Stephanus darstellte.

An diesem Quell sass, eifrig lesend in aufgerollten Papyrusrollen, eine
schoene, jungfraeuliche Gestalt in schneeweissem Gewand, das eine goldne
Spange ueber der linken Schulter zusammenhielt, das dunkelbraune Haar, in
weichen Wellen zurueckgelegt, umflocht eine fein geschlungene Epheuranke: -
Valeria war's, die Roemerin.

Hier, in diesen entlegenen, festen Mauern hatte sie Zuflucht gefunden,
seit die Saeulen ihres Vaterhauses zu Neapolis niedergestuerzt. Sie war
bleicher und ernster geworden in diesen einsamen Raeumen. Aber ihr Auge
leuchtete noch in seiner ganzen stolzen Schoenheit.

Sie las mit grossem Eifer; der Inhalt schien sie lebhaft fortzureissen, die
feingeschnittenen Lippen bewegten sich unwillkuerlich und zuletzt ward die
Stimme der Lesenden leise vernehmlich:

  - - "Und er vermaehlte die Tochter dem erzumpanzerten Hektor. -
  Die kam jetzt ihm entgegen, die Dienerin folgte zugleich ihr,
  Tragend am Busen das zarte, noch ganz unmuendige Knaeblein,
  Hektors einzigen Sohn, holdleuchtendem Sterne vergleichbar.
  Schweigend betrachtete Hektor mit laechelndem Blicke den Knaben.
  Aber Andromache trat mit thraenenden Augen ihm naeher,
  Drueckt' ihm zaertlich die Hand und begann die gefluegelten Worte:
  "Boeser, dich wird noch verderben dein Mut! Und des lallenden Knaebleins
  Jammert dich nicht, noch meiner, die bald ach! Witwe von Hektor
  Sein wird. Bald ja werden die grimmigen Feinde dich toeten,
  Alle mit Macht einstuermend auf dich. Dann waer' mir das beste,
  Dass mich die Erde bedeckt, wenn du stirbst: bleibt doch mir in Zukunft
  Nie ein anderer Trost, wenn dich wegraffte das Schicksal:
  Nein, nur Trauer: lang ist mein Vater dahin und die Mutter:
  Du nur allein bist Vater mir jetzt und Mutter und alles ... -""

Sie las nicht weiter: die grossen runden Augen wurden feucht, ihre Stimme
versagte; sie neigte das blasse Haupt.

"Valeria," sprach eine milde Stimme, und Cassiodor beugte sich ueber ihre
Schulter. "Thraenen ueber dem Buch des Trostes? Aber was sehe ich: - die
Ilias! Kind! ich gab dir doch die Evangelien."

"Verzeih mir, Cassiodor. Es haengt mein Herz noch andern Goettern an als
deinen. Du glaubst nicht: je gewaltiger von allen Seiten her die Schatten
ernster Entsagung auf mich eindringen, seit ich bei dir und in diesen
Mauern weile, desto krampfhafter klammert sich die widerstrebende Seele an
die letzten Faeden, die mich mit einer andern Welt verbinden. Und zwischen
Grau'n und Liebe ratlos schwankt der Sinn."

"Valeria, du hast keinen Frieden in diesem Haus des Friedens gefunden.
Wohlan, so zieh hinaus. Du bist ja frei und Herrin deines Willens. Kehre
zurueck zu jener bunten Welt, wenn du glaubst, dort dein Glueck zu finden."

Sie aber schuettelte das schoene Haupt. "Es geht nicht mehr. Feindlich
ringen in meiner Seele zwei Gewalten. Welche auch siege, - ich verliere
immer."

"Kind, sprich nicht so! du kannst die beiden Maechte, Erdenlust und
Himmelsseligkeit, nicht wie zwei gleiche Dinge in einer Wage wiegen."

"Weh' denen," fuhr sie, wie mit sich selbst sprechend, fort, "welchen das
Schicksal den gespaltnen Doppeltrieb in die Seele gepflanzt, der bald zu
den Sternen nach oben, bald nieder zu den Blumen zieht. Sie werden keines
der beiden froh."

"In dir, mein Kind," sprach Cassiodor, sich zu ihr setzend, "walten
freilich unversoehnt deines weltlichen Vaters und deiner frommen Mutter
Sinn. Dein Vater, ein Roemer der alten Art, ein Kind der stolzen, rauhen
Welt, kuehn, sicher, selbstvertrauend, nach Gewinn und Macht strebend,
wenig, allzuwenig, fuercht' ich, ergriffen von dem Geist unseres Glaubens,
der nur im Jenseits unsere Heimat sucht, - in der That Valerius, mein
Freund, war mehr ein Heide denn ein Christ. Und daneben deine Mutter,
fromm, sanft, aus einem Martyrergeschlecht, den Himmel suchend und der
Erde vergessen, auch sie hat wohl ein Teil von ihrem Wesen in dich ... -"

"Nein," sprach Valeria aufstehend und das edle Haupt kraeftig
zurueckwerfend, "ich fuehle nur des Vaters Art in mir. Kein Tropfen Blut
neigt jener Seite zu. Die Mutter war viel krank und starb schon frueh.
Unter meines Vaters Augen wuchs ich auf; Iphigenia und Antigone und
Nausikaa, Cloelia und Lucretia und Virginia waren die Freundinnen meiner
Jugend. Nicht viele Priester sah man in des Kaufherrn Haus und wenn er
abends mit mir sass und las, so waren's Livius und Tacitus und Vergilius,
nicht das heilige Buch der Christen. So wuchs ich heran bis in mein
siebzehntes Jahr, den Sinn allein auf diese Welt gerichtet. Denn auch die
Tugenden, die der Vater pries und uebte, sie galten nur dem Staat, dem
Haus, den Freunden. Gluecklich war ich in jener Zeit, ungespalten meine
Seele."

"Du warst eine Heidin trotz des Taufwassers."

"Ich war gluecklich. Da kamen wir auf einer Reise zuerst in diese Mauern
mit ihrem Grabesernst und dunkle schwere Schatten fielen hier zuerst in
meine Seele. Dich fand ich hier und du entdecktest mir, was man mir bisher
sorgfaeltig verborgen hatte, dass die Mutter in schwerer Krankheit mich
schon vor meiner Geburt durch ein Geluebde dem ehelosen Leben im Kloster
geweiht, wenn Gott sie und ihr Kind am Leben erhalte, und dass mein Vater,
dem dieser Gedanke unertraeglich, spaeter mich vom Himmel eingeloest, indem
er, freilich mit Zustimmung des Bischofs von Rom, statt die Tochter
hinzugeben, Kirche und Kloster hier gebaut."

"So ist es, Kind, mit dem vierten Teil seines Vermoegens! Darueber kannst du
dich beruhigen. Der Nachfolger des heiligen Petrus, der die Macht hat, zu
binden und zu loesen, hat den Tausch, die Umwandlung des Geluebdes
gebilligt. Du bist frei!" - "Aber ich fuehle mich nicht frei! Nicht mehr
seit jener Stunde! Was auch du, was auch der Vater gesagt, tief, tief in
meinem Herzen spricht eine Stimme: "der Himmel nimmt nicht totes Gold
statt einer lebendigen Seele. Das Schicksal laesst sich nicht abkaufen, was
einmal ihm verwirkt war." Die finstre, ernste, drohende Macht jenes
heiligen Glaubens, der meiner Seele fremd gewesen und geblieben ist, die
in diesem feierlichen Raume wohnt, hat ein Recht, ein zwingend
Herrschaftsrecht ueber meine Seele und laesst nicht davon. Ich bin ihr
verfallen. Ihr gehoer' ich an, nicht wollend, widerstrebend, aber sicher
doch. Der Welt der Entsagung, des Schmerzes, der Dornen: nicht jener
goldnen Welt meines Homers, der Blumen und des Sonnenscheins, zu der noch
immer von innen meine ganze Seele neigt. So oft ich's auch vergessen will,
immer ziehen wieder die Wolkenschatten ueber meine Seele. Sie drohen im
Hintergrunde aller Freuden: wie dort das finstre Martyrbild hinter den
roten Rosen."

"Valeria, du hassest, scheint's, was du verehren solltest."

"Ich hasse es nicht. Ich fuerchte es. Wohl war eine Zeit," - und ein Strahl
der Freude flog ueber ihre Zuege - "da glaubte ich den dunkeln Schatten fuer
immer besiegt von einem hellen Gott des Lichts. Als ich zuerst des jungen
Goten lachend Auge sah und seine sonnige Seele mich umschloss, als soviel
Jugend, Schoenheit, Liebe und Glueck mich umfluteten, da waehnte ich wohl,
fuer immer sei jener Bann geloest. Aber es waehrte nicht lang.

Der finstre Gott des Schmerzes pochte vernehmlich an die goldne Wand, die
ich zwischen ihn und mich gebaut und immer naeher drangen seine Schlaege.
Der Krieg bricht aus, mein teurer Vater faellt und nimmt einen
verhaengnisvollen Eid des Geliebten mit sich ins Grab. In Schutt versinkt
das Haus meiner Ahnen und ich muss fluechten aus meiner Vaterstadt. Sie
faellt dem Feinde zu. Nur das Opfer eines koestlichen Lebens rettet mir den
Geliebten. Die Woge des Krieges verschlaegt ihn fern von mir.

Und wie ich erwache aus der Betaeubung dieses Streichs, - find' ich mich
hier, in diesem grossen Grabe, dem Ort meiner Bestimmung. Ach, du wirst
sehen, der Himmel begnuegt sich nicht mit dem leeren Grab. Er fordert auch
die Leiche, die hinein gehoert."

"Valeria! du solltest Kassandra heissen."

"Ja, denn Kassandra sah die Wahrheit, ihre Gesichte trafen ein!"

"Du weisst, wir erkennen einer Seele den Preis zu, die der Erde vergisst
ueber dem Himmel. Aber Gott will erzwungne Opfer nicht. Und so sag' ich
dir, du quaelst dich mit eitlem Vorwurf. Der Papst hat dich geloest, so bist
du frei."

"Die Seele loest kein Papst. Der Papst nimmt Gold, das Schicksal nicht. Du
wirst erfuellt sehen, was ich dir ahnend vorhersage - nie werd ich
gluecklich, nie werd ich Totilas und diese Staette wird ... -"

"Und wenn's so waere? Haengst du denn noch gar so fest an Glueck und
Hoffnung? Freilich, du bist noch jung. Aber Kind, ich sage dir: je frueher
du dich losmachst, desto groesserem Weh entrinnst du. Ich habe die Welt und
ihre falschen Freuden und Ehren alle gekostet und sie alle eitel und
treulos erfunden. Nichts auf Erden fuellt die Seele aus, die nicht von
dieser Erde ist. Wer das erkennt, der sehnt sich hinweg aus dieser Welt
der Unrast und der Suende. Erst in der Welt jenseits des Grabes ist deine
Heimat. Dahin verlangt die ganze Seele ... -"

"Nein, nein, Cassiodor," rief die Roemerin, "meine ganze Seele verlangt
nach Glueck auf dieser schoenen Erde! Ihr gehoer' ich an! Auf ihr fuehl' ich
mich heimisch. Blauer Himmel, weisser Marmor, rote Rosen, linde,
duftgefuellte Abendluft: - wie seid ihr schoen!

Das will ich einatmen mit entzueckten Sinnen! Wer das geniesst, ist
gluecklich! Weh dem, der es verloren! Von deinem Jenseits hab' ich kein
Bild in meiner bangen Seele! Nebel, Schatten - graues Ungewiss allein liegt
jenseit des Grabes. Wie spricht Achilleus?

  "Troeste mich doch nicht ueber den Tod! Du kannst nicht, Odysseus.
  Lieber ja moecht' ich das Feld als Lohnarbeiter bestellen
  Fuer den beduerftigen Mann, dem nicht viel Habe geworden,
  Als hier allzumal die Schatten der Toten beherrschen."

So empfind' auch ich. Weh' dem, den nicht die goldne Sonne mehr bescheint.
O wie gern, wie gern waer' ich gluecklich in dieser schoenen Welt, in meinem
schoenen Heimatland: wie fuercht ich das Unheil, das doch unaufhaltsam naeher
dringt, wie hier auf dieser Wand mit der sinkenden Sonne die Schatten
unhoerbar, doch unhemmbar wachsen. O, wer ihn aufhielte, den furchtbar
nahenden Schatten meines Lebens!"

Da drang vom Eingang her ein heller, kraeftiglust'ger Schall, ein fremder
Ton in diesen stillen Mauern, die nur vom leisen Choral der Jungfraun
wiedertoenten. Die Trompete blies den muntern, kriegerischen Feldruf der
gotischen Reiter: belebend drang der Ton in die Seele Valerias.

Aus dem Wohngebaeude aber eilte der alte Pfoertner herbei. "Herr," rief er,
"keckes Reitervolk lagert vor den Mauern. Sie laermen und verlangen Fleisch
und Wein. Sie lassen sich nicht abweisen und der Fuehrer: - da ist er
schon" -

"Totila!" jauchzte Valeria und flog dem Geliebten entgegen, der in
schimmernder Ruestung, vom weissen Mantel umwallt, waffenklirrend,
heranschritt.

"O du bringst Luft und Leben!" "Und neues Hoffen und die alte Liebe," rief
Totila. Und sie hielten sich umschlungen.

"Wo kommst du her? Wie lang bist du mir fern geblieben!" - "Ich komme
geradeswegs von Paris und Aurelianum, von den Hoefen der Frankenkoenige. O
Cassiodor, wie gut sind jene daran jenseit der Berge! Wie leicht haben
sie's! Da kaempft nicht Himmel und Boden und Erinnerung gegen ihre
Germanenart. Nahe ist der Rhenus und Danubius und ungezaehlte
Germanenstaemme wohnen dort in alter ungebrochner Kraft: - wir dagegen sind
wie ein vorgeschobner, verlorner Posten, ein einzelner Felsblock, den
rings feindliches Element benagt.

Doch desto groesser," sprach er, sich aufrichtend, "ist der Ruhm, hier,
mitten im Roemerland, Germanen ein Reich zu bauen und zu erhalten.

Und welcher Zauber liegt auf deinem Vaterland, Valeria. Es ist das unsre
auch geworden! Wie frohlockte mein Herz, als mich wieder Oliven und
Lorbeer begruessten und des Himmels tiefes, tiefes Blau. Und ich fuehlte
klar: wenn mein edles Volk sich siegreich erhaelt in diesem edlen Land,
dann wird die Menschheit ihr edelstes Gebilde hier erstehen sehn."

Valeria drueckte dem Begeisterten die Hand.

"Und was hast du ausgerichtet?" fragte Cassiodor.

"Viel! - Alles! Ich traf am Hofe des Merowingen Childibert Gesandte von
Byzanz, die ihn schon halb gewonnen, als sein Bundesgenosse in Italien
einzufallen. Die Goetter - vergieb mir, frommer Vater - der Himmel war mit
mir und meinen Worten. Es gelang, ihn umzustimmen. Schlimmstenfalls ruhen
seine Waffen ganz. Hoffentlich sendet er uns ein Heer zu Hilfe."

"Wo liessest du Julius?"

"Ich geleitete ihn bis in seine schoene Heimatstadt Avenio. Dort liess ich
ihn unter bluehenden Mandelbaeumen und Oleandern. Dort wandelt er, fast nie
mehr den Platon, meist den Augustinus in der Hand und traeumt und traeumt
vom ewigen Voelkerfrieden, vom hoechsten Gut und von dem Staate Gottes! Wohl
ist es schoen in jenen gruenen Thaelern: - doch neid' ich ihm die Musse nicht.
Das Hoechste ist das Volk, das Vaterland! Und mich verlangt's, fuer dieses
Volk der Goten zu kaempfen und zu ringen. Ueberall, wo ich des Rueckwegs kam,
trieb ich die Maenner zu den Waffen an. Schon drei starke Scharen traf ich
auf dem Wege nach Ravenna. Ich selber fuehre eine vierte dem wackern Koenig
zu. Dann geht es endlich vorwaerts gegen diese Griechen, und dann: Rache
fuer Neapolis!" Und mit blitzenden Augen hob er den Speer - er war sehr
schoen zu schauen.

Entzueckt warf sich Valeria an seine Brust. "O sieh, Cassiodor, das ist
_meine_ Welt! _meine_ Freude! _mein_ Himmel! Mannesmut und Waffenglanz und
Volkesliebe und die Seele in Lieb' und Hass bewegt - fuellt das die
Menschenbrust nicht aus?"

"Jawohl: im Glueck und in der Jugend! Es ist der Schmerz, der uns zum
Himmel fuehrt."

"Mein frommer Vater," sagte Totila, mit der Linken Valeria an sich
drueckend, mit der Rechten an seine Schulter ruehrend, "schlecht steht mir
an, mit dir, dem Aeltern, Weisern, Besseren zu streiten. Aber anders ist
mein Herz geartet. Wenn ich je zweifeln koennte an eines guetigen Gottes
Walten, so ist es, wann ich Schmerz und unverschuldet Leiden sehe. Als ich
der edeln Miriam Auge brechen sah, da fragte mein verzweifelnd Herz: "lebt
denn kein Gott?"

Im Glueck, im Sonnenschein fuehl' ich den Gott und seine Gnade wird mir
offenbar. Er will gewiss der Menschen Glueck und Freude: - der Schmerz ist
sein heiliges Geheimnis - ich vertraue: dereinst wird uns auch dies Raetsel
klar. Einstweilen aber lass uns auf der Erde freudig das Unsere thun und
keinen Schatten uns allzulang verdunkeln.

In diesem Glauben, Valeria, lass uns scheiden. Denn ich muss fort zu Koenig
Witichis mit meinen Reitern."

"Du gehst von mir? schon wieder? Wann, wo werd' ich dich wiedersehn?"

"Ich seh' dich wieder, nimm mein Wort zum Pfand!

Ich weiss, es kommt der Tag, da ich mit vollem Recht dich aus diesen
ernsten Mauern fuehren darf ins sonnige Leben. Lass dich indes nicht
allzusehr verduestern. Es kommt der Tag des Sieges und des Gluecks: und mich
erhebt's, dass ich zugleich das Schwert fuer mein Volk und meine Liebe
fuehre."

Inzwischen war der Pfoertner mit einem Schreiben an Cassiodor
wiedergekommen.

"Auch ich muss dich verlassen, Valeria," sprach der.

"Rusticiana, des Boethius Witwe, ruft mich dringend an ihr Sterbebett: sie
will ihr Herz erleichtern von alter Schuld. Ich gehe nach Tifernum."

"Dahin fuehrt auch unser Weg, du ziehst mit mir, Cassiodor. Leb wohl,
Valeria!"

Nach kurzem Abschied sah die Jungfrau den Geliebten gehn. Sie bestieg ein
Tuermchen der Gartenmauer und sah ihm nach. Sie sah, wie er in voller
Ruestung sich in den Sattel schwang, sie sah mit freudigen Augen seine
Reiter hinter ihm traben. Hell blitzten ihre Helme im Abendlicht, die
blaue Fahne flatterte lustig im Winde: alles war voll Leben, Kraft und
Jugend.

Sie sah dem Zuge nach, lang und sehnend.

Aber als er fern und ferner sich hinzog, da wich der frohe Mut, den sein
Erscheinen gebracht, wieder von ihr. Bange Ahnungen stiegen ihr auf und
unwillkuerlich sprachen sich ihre Gefuehle aus in den Worten ihres Homeros:

  "Siehest du nicht wie schoen von Gestalt, wie stattlich Achilleus?
  Dennoch harrt auch seiner der Tod und das dunkle Verhaengnis,
  Wann auch ihm in des Kampfes Gewuehl das Leben entschwindet,
  Ob ihn ein Pfeil von der Sehne dahinstreckt, oder ein Wurfspeer."

Und schmerzlich seufzend schritt die Jungfrau aus dem rasch sich
verdunkelnden Garten in die dumpfen Mauern zurueck.




                             Viertes Kapitel.


Inzwischen hatte Koenig Witichis in seinem Waffenplatz Ravenna jede Kunst
und Thaetigkeit eines erfahrnen Kriegsmannes entfaltet.

Waehrend jede Woche, ja jeden Tag vor und in der Stadt groessere und kleinere
Scharen von den gotischen Heeren eintrafen, die der Verrat Theodahads an
die Grenzen gesendet hatte, arbeitete der Koenig unablaessig daran, das
ganze grosse Heer, das allmaehlich bis auf einhundertundfuenfzig
Tausendschaften gebracht werden sollte, auszuruesten, zu waffnen, zu
gliedern und zu ueben. Denn die Regierung Theoderichs war eine aeusserst
friedliche gewesen: nur die Besatzungen der Grenzprovinzen, kleine
Truppenmassen, hatten mit Gepiden, Bulgaren und Avaren zu thun gehabt, und
in den mehr als dreissig Jahren der Ruhe waren die kriegerischen Ordnungen
eingerostet.

Da hatte der tuechtige Koenig, von seinen Freunden und Feldherren eifrig
unterstuetzt, Arbeit vollauf. Die Arsenale und Werften wurden geleert, in
Ravenna ungeheure Vorratspeicher angelegt und zwischen der dreifachen
Umwallung der Stadt endlose Reihen von Werkstaetten fuer Waffenschmiede
aller Art aufgeschlagen, die Tag und Nacht unablaessig zu arbeiten hatten,
den Forderungen des kampfbegierigen Koenigs, des massenhaft anschwellenden
Heeres zu genuegen. Ganz Ravenna ward ein Kriegslager. Man hoerte nichts als
die Hammerschlaege der Schmiede, das Wiehern der Rosse, den Sturmruf und
Waffenlaerm der sich uebenden Heerscharen.

In diesem Getoese, in dieser rastlosen Thaetigkeit betaeubte Witichis, so gut
es gehen wollte, den Schmerz seiner Seele und begierig sah er dem Tag
entgegen, da er sein schoenes Heer zum Angriff gegen den Feind fuehren
koenne. Doch hatte er bei allem Drange, im Kampfgewuehl sich selber zu
verlieren, seiner Koenigspflicht nicht vergessen, und durch Herzog
Guntharis und Hildebad ein Friedensanerbieten an Belisar gesendet mit den
maessigsten Vorschlaegen.

So von Krieg und Staat ganz in Anspruch genommen, hatte er kaum einen
Blick und Gedanken fuer seine Koenigin, der er auch, wie er meinte, kein
groesseres Gut als die ungestoerteste Freiheit zuwenden konnte.

Aber Mataswintha war von jener unheilvollen Brautnacht an von einem Daemon
erfuellt, von dem Daemon unersaettlicher Rache. In Hass uebergeschlagene Liebe
ist der giftigste Hass.

Ihre tiefe und leidenschaftliche Seele hatte von Kindheit an das Ideal
dieses Mannes hoch zu den Sternen erhoeht. Ihr Stolz, ihre Hoffnung, ihre
Liebe, war einzig an dieser Gestalt gehangen und sicher, wie den Aufgang
der Sonne, hatte sie die Erfuellung ihrer Sehnsucht durch diesen Mann
erwartet.

Und nun musste sie sich gestehn, dass er ihre Liebe hatte ans Licht gebracht
und nicht erwidert: dass sie, obwohl seine Koenigin, mit dieser Liebe wie
eine Verbrecherin dem verstossenen und doch ewig allein in seinem Herzen
wohnenden Weibe gegenueberstehe. Und er, auf den sie als Retter und
Befreier von unwuerdigem Zwang gehofft, er hatte ihr die hoechste Schmach
angethan: eine Ehe ohne Liebe. Er hatte ihr die Freiheit genommen und kein
Herz dafuer gegeben. Und warum? was war der letzte Grund dieses Frevels?

Das Gotenreich, die Gotenkrone!

Sie zu erhalten, hatte er sich nicht besonnen, einer Mataswintha Leben zu
verderben. "Haette er meine Liebe nicht erwidert - ich waere zu stolz, ihn
darum zu hassen. Aber er zieht mich an sich, behaengt mich, wie zum Hohne,
mit dem Namen seines Weibes, fuehrt diese Liebe bis hart an den Gipfel der
Erfuellung und stoesst mich dann achtlos hinunter in die Nacht
unaussprechlicher Beschaemung. Und warum? warum das alles. Um einen eiteln
leeren Schall: "Gotenreich!" Um einen toten Reif von Gold. Weh ihm, und
wehe seinem Goetzen, dem er dies Herz geschlachtet. Er soll es buessen. An
seinem Goetzenbilde soll er's buessen. Hat er mir ohne Schonung mein Idol,
sein eigen Bild, meine schoene Liebe mit Fuessen getreten, - wohlan, Goetze
gegen Goetze! Er soll leben, dieses Reich zernichtet zu sehen, diese Krone
zerstueckt. Zerschlagen will ich ihm seinen Lieblingswahn, um den er die
Bluete meiner Seele geknickt, zerschlagen dieses Reich wie seine Bueste. Und
wenn er verzweifelnd, haenderingend vor den Truemmern steht, will ich ihm
zurufen: sieh, so sehn die zerschlagenen Goetzen aus."

So, in der widerstandlosen Sophistik der Leidenschaft, beschuldigte und
verfolgte Mataswintha den unseligen Mann, der mehr als sie gelitten, der
nicht nur sie, der sein und des geliebten Weibes Glueck dem Vaterland
geopfert.

Vaterland, Gotenreich: - der Name schlug ohne Klang an das Ohr des Weibes,
das von Kindheit auf unter diesem Namen nur zu leiden, nur dagegen fuer
ihre Freiheit zu ringen gehabt hatte. Sie hatte nur der Selbstsucht ihres
Einen Gefuehls, der Poesie dieser Leidenschaft gelebt, und zur Rache, Rache
fuer die Hinopferung ihrer Seele, dies Gotenreich zu verderben, war ihre
hoechste, grimmige Lust. O haette sie, wie jene Marmorbueste, mit Einem
Streich, dies Reich zerschmettern koennen!

Mit diesem Wahnsinn der Leidenschaft empfing sie aber deren ganze
daemonische Klugheit. Sie wusste ihren toedlichen Hass und ihre geheimen
Rachegedanken so tief vor dem Koenig zu verbergen, - so tief wie sie sich
selbst die geheime Liebe verbarg, die sie noch immer fuer den grimmig
Verfolgten im tiefsten Busen trug.

Auch wusste sie dem Koenig ein Interesse an der gotischen Sache zu zeigen,
welches das einzige Band zwischen ihnen zu bilden schien und das, wenn
auch in feindlichem Sinne, wirklich in ihr bestand. Denn wohl begriff sie,
dass sie dem gehassten Koenig nur dann schaden, seine Sache nur dann
verderben konnte, wenn sie in alle Geheimnisse derselben genau eingeweiht,
mit ihren Staerken wie mit ihren Bloessen genau vertraut war.

Ihre hohe Stellung machte ihr leicht moeglich, alles, was sie wissen
wollte, zu erfahren: schon aus Ruecksicht auf ihren grossen Anhang konnte
man der Amalungentochter, der Koenigin, Kenntnis der Lage ihres Reiches,
ihres Heeres nicht vorenthalten. Der alte Graf Grippa versah sie mit allen
Nachrichten, die er selbst erfuhr. In wichtigeren Faellen wohnte sie selbst
den Beratungen bei, die in den Gemaechern des Koenigs gehalten wurden.

So war Mataswintha ueber die Staerke, Beschaffenheit und Einteilung des
Heeres, die naechsten Angriffsplaene der Feldherren und alle Hoffnungen und
Befuerchtungen der Goten so gut wie der Koenig selbst unterrichtet. Und
sehnlich wuenschte sie eine Gelegenheit herbei, dies ihr Wissen sobald und
so verderblich wie moeglich zu verwerten.

Mit Belisar selbst in Verkehr zu treten, durfte sie nicht hoffen.
Naturgemaess richteten sich ihre Augen auf die aus Furcht vor den Goten
neutralen, im Herzen aber ausnahmlos byzantinisch-gesinnten Italier ihrer
Umgebung, mit denen sie leichten und unverdaechtigen Verkehr pflegen
konnte.

Aber so oft sie diese Namen im Geiste musterte, - da war keiner, dessen
Thatkraft und Klugheit sie das toedliche Geheimnis haette vertrauen moegen,
dass die Koenigin der Goten selbst am Verderben ihres Reiches arbeiten
wolle. Diese feigen und unbedeutenden Menschen - die Tuechtigeren waren
laengst zu Cethegus oder Belisar gegangen - waren ihr weder des Vertrauens
wuerdig, noch schienen sie Witichis und seinen Freunden gewachsen.

Wohl suchte sie auf schlauen Umwegen durch den Koenig und die Goten selbst
zu erkunden, welchen unter allen Roemern sie fuer ihren gefaehrlichsten,
bedeutendsten Feind hielten. Aber auf solche Anfragen und Erkundigungen
hoerte sie immer nur Einen Mann nennen, immer und immer wieder einen
einzigen. Und der sass ihr unerreichbar fern im Kapitol von Rom: Cethegus
der Praefekt. Es war ihr unmoeglich, sich in Verbindung mit ihm zu setzen.
Keinem ihrer roemischen Sklaven wagte sie einen so verhaengnisvollen
Auftrag, als ein Brief nach Rom war, anzuvertrauen.

Die kluge und mutige Numiderin, die den Hass ihrer angebeteten Herrin gegen
den rohen Barbaren, der diese verschmaeht, vollauf teilte, ungeschwaecht bei
ihr durch heimliche Liebe, hatte sich zwar eifrig erboten, ihren Weg zu
Cethegus zu finden. Aber Mataswintha wollte das Maedchen nicht den Gefahren
einer Wanderung durch Italien, mitten durch den Krieg, aussetzen. Und
schon gewoehnte sie sich an den Gedanken, ihre Rache bis zu dem Zug auf Rom
zu verschieben, ohne inzwischen in ihrem Eifer in Erforschung der
gotischen Plaene und Ruestungen zu erkalten.

So wandelte sie eines Tages nach der Stadt zurueck von dem Kriegsrat, der
draussen im Lager, im Zelt des Koenigs war gehalten worden. Denn seit die
Ruestungen ihrer Vollendung nah und die Goten jeden Tag des Aufbruchs
gewaertig waren, hatte Witichis, wohl auch um Mataswintha aus dem Wege zu
sein, seine Gemaecher im Palatium verlassen und seine schlichte Wohnung
mitten unter seinen Kriegern aufgeschlagen.

Langsam, das Vernommene ihrem Gedaechtnis einpraegend und ueber die
Verwertung nachsinnend, wandelte die Koenigin, nur von Aspa begleitet,
durch die aeussersten Reihen der Zelte, einen sumpfigen Arm des Padus zur
Linken, die weissen Zelte zur Rechten. Sie mied das Gedraenge und den Laerm
der innern Gassen des Lagers.

Waehrend sie bedaechtig und ihrer Umgebung nicht achtend dahinschritt,
musterten Aspas scharfe Augen die Gruppe von Goten und Italiern, die sich
hier um den Tisch eines Gauklers geschart hatte, der unerhoerte und nie
gesehene Kuenste zum besten zu geben schien, nach dem Staunen und Lachen
der Zuschauer zu schliessen.

Aspa zoegerte etwas in ihrem Gang, diese Wunder mit anzusehen. Es war ein
junger, schlanker Bursch: nach der blendend weissen Haut des Gesichts und
der blossen Arme wie nach dem langen gelben Haar gallischen Zuschnitts ein
Kelte, wozu die kohlschwarzen Augen nicht stimmen wollten. Er verrichtete
wirklich Wunderdinge auf seiner einfachen Buehne. Bald sprang er in die
Hoehe, ueberschlug sich in der Luft und kam doch senkrecht, bald wieder auf
die Fuesse, bald auf die Haende, zu stehen. Dann schien er brennende Kohlen
mit sichtlichem Behagen zu verspeisen und dafuer Muenzen auszuspeien: dann
verschluckte er einen fusslangen Dolch und zog ihn spaeter wieder aus seinen
Haaren hervor, um ihn mit drei, vier andern scharfgeschliffenen Messern in
die Luft zu werfen und eins nach dem andern mit nie fehlender Behendigkeit
am Griff aufzufangen, wofuer ihn Gelaechter und Rufe der Bewunderung von
Seite seiner Zuschauer belohnten.

Aber schon zu lange hatte sich die Sklavin verweilt.

Sie sah nach der Herrin und bemerkte, dass ihr Weg gesperrt war von einer
Schar italischer Lasttraeger und Trossknechte, welche die Gotenkoenigin
offenbar nicht kannten und gerade an ihr vorbei, ueber den Weg hin, nach
dem Wasser zu, laermende Kurzweil trieben. Sie schienen sich einen
Gegenstand, den Aspa nicht wahrnahm, zu zeigen und ihn mit Steinen zu
werfen.

Eben wollte sie ihrer Herrin nacheilen, als der Gaukler neben ihr auf dem
Tisch einen gellenden Schrei ausstiess; Aspa wandte sich erschrocken und
sah den Gallier in ungeheurem Satz ueber die Koepfe der Zuschauer weg wie
einen Pfeil durch die Luft auf die Italier losschiessen. Schon stand er
mitten in dem Haufen und schien, sich bueckend, einen Augenblick unter
ihnen verschwunden.

Aber ploetzlich ward er sichtbar. Denn einer und gleich darauf ein zweiter
der Italier stuerzte von seinen Faustschlaegen nieder.

Im Augenblick war Aspa an der Koenigin Seite, die sich schnell aus der Naehe
der Schlaegerei entfernt hatte, aber, zu der Sklavin Befremden, stehen
blieb, mit dem Finger auf die Gruppe weisend.

Und seltsam in der That war das Schauspiel.

Mit unglaublicher Kraft und noch groesserer Gewandtheit wusste der Gaukler
das Dutzend der Angreifer sich vom Leibe zu halten. Die Gegner
anspringend, sich wendend und duckend, weichend, dann wieder ploetzlich
vorspringend und den naechsten am Fuss niederreissend oder mit kraeftigem
Faustschlag vor Brust oder Gesicht niederstreckend, wehrte er sich.

Und das alles ohne Waffe: und nur mit der rechten Hand: denn die linke
hielt er, wie etwas bergend und schuetzend, dicht an die Brust. So waehrte
der ungleiche Kampf minutenlang. Der Gaukler ward naeher und naeher von der
wuetenden laermenden Menge dem Wasser zugedraengt. Da blitzte eine Klinge.
Einer der Trossknechte, zornig ueber einen schweren Schlag, zuckte ein
Messer und sprang den Gaukler von hinten an. Mit einem Schrei stuerzte
dieser zusammen: die Feinde ueber ihn her.

"Auf! reisst sie auseinander! helft dem Armen," rief Mataswintha den
Kriegern zu, die jetzt von dem verlassenen Tisch der Goten herankamen,
"ich befehle es! die Koenigin!"

Die Goten eilten nach dem Knaeuel der Streitenden: aber noch ehe sie
herankamen, sprang der Gaukler, der sich fuer einen Moment von allen
Feinden losgemacht, hoch aus dem Gewirr und eilte mit letzter Kraft davon,
gerade auf die beiden Frauen zu - verfolgt von den Italiern, welche die
wenigen Goten nicht aufzuhalten vermochten.

Welch' ein Anblick! Seine gallische Tunika hing ihm in Fetzen vom Leibe:
ein Stueck seiner gelben Haare schleifte am Ruecken und siehe, unter der
gelben Peruecke kam schwarzes glaenzendes Haar zum Vorschein und der weisse
Hals verlief in eine bronzebraune Brust.

Mit letzter Kraft erreichte er die Frauen. Da erkannte er Mataswintha.
"Schuetze mich, rette mich, weisse Goettin!" schrie er und brach zusammen vor
Mataswinthas Fuessen. Schon waren die Italier heran, und der vorderste
schwang sein Messer. -

Aber Mataswintha breitete ihren blauen Mantel ueber den Gefallenen:
"Zurueck!" sprach sie mit Hoheit, "lasst ab von ihm. Er steht im Schutz der
Gotenkoenigin." Verbluefft wichen die Trossknechte zurueck. "So?" rief nach
einer Pause der mit dem Dolch, "straflos soll er ausgehn, der Hund und
Sohn eines Hundes? und fuenf von uns liegen am Boden halbtot? und ich habe
fortan drei Zaehne zu wenig? Und keine Strafe?" "Er ist gestraft genug,"
sagte Mataswintha, auf die tiefe Dolchwunde am Halse deutend. "Und all das
um einen Wurm," schrie ein zweiter, "um eine Schlange, die aus seinem
Ranzen schluepfte und die wir mit Steinen warfen." - "Da seht! er hat die
Natter geborgen, da, an seiner Brust. Nehmt sie ihm." "Schlagt ihn tot,"
schrien die andern.

Aber da kamen zahlreiche Gotenkrieger heran und schafften ihrer Koenigin
Gehorsam, die Italier unsanft zurueckstossend und einen Kreis um den
Gefallnen schliessend. Aspa blickte scharf zu und ploetzlich sank sie mit
gekreuzten Armen neben dem Gaukler nieder.

"Was ist dir, Aspa? steh auf!" sprach Mataswintha staunend. "O Herrin!"
stammelte diese, "der Mann ist kein Gallier! Er ist ein Sohn meines
Volkes. Er betet zu dem Schlangengott! Sieh hier seine braune Haut unter
dem Halse. Braun wie Aspa, - und hier - hier, eine Schrift; Schriftzeichen
eingeritzt ueber seiner Brust: die heilige Geheimschrift meiner Heimat,"
jubelte sie. Und, mit dem Finger deutend, hob sie an zu lesen.

"Der Gaukler scheint verdaechtig. - Warum diese Verstellung?" sprach
Mataswintha. "Man muss ihn in Haft nehmen."

"Nein, nein, o Herrin," fluesterte Aspa. "Weisst du, wie die Inschrift
lautet? - Kein Auge als meines kann sie dir deuten." - "Nun?" fragte
Mataswintha. "Sie lautet," fluesterte Aspa leise: "Syphax schuldet ein
Leben seinem Herrn, Cethegus dem Praefekten." Ja, ja ich erkenne ihn, das
ist Syphax, Hiempsals Sohn, ein Gastfreund meines Stammes: die Goetter
senden ihn zu uns."

"Aspa," sprach Mataswintha rasch, "ja, ihn senden die Goetter: die Goetter
der Rache. Auf, ihr Goten, legt diesen wunden Mann auf eine Bahre, und
folgt damit meiner Sklavin in den Palast! Er steht fortan in meinem
Dienst."




                             Fuenftes Kapitel.


Wenige Tage darauf begab sich Mataswintha wieder ins Lager, diesmal nicht
von Aspa begleitet. Denn diese wich Tag und Nacht nicht von dem Bette
ihres verwundeten Landsmannes, der unter ihren Haenden, ihren Kraeutern und
Spruechen sich rasch erholte.

Koenig Witichis selbst hatte diesmal die Koenigin abgeholt mit dem ganzen
Geleit seines Hofes. In seinem Zelte sollte der wichtigste Kriegsrat
gehalten werden. Das Eintreffen der letzten Verstaerkungen war auf heute
angekuendet: und auch Guntharis und Hildebad wurden zurueckerwartet mit der
Antwort Belisars auf das Friedensanerbieten.

"Ein verhaengnisvoller Tag!" sagte Witichis zu seiner Koenigin. "Bete zum
Himmel um den Frieden."

"Ich bete um den Krieg," sprach Mataswintha, starr vor sich hinblickend.
"Verlangt dein Frauenherz so sehr nach Rache?" - "Nach Rache nur noch ganz
allein - und sie wird mir werden."

Damit traten sie in das Zelt, welches schon von gotischen Heerfuehrern
erfuellt war. Mataswintha dankte mit stolzem Kopfbeugen dem ehrerbietigen
Gruss. "Sind die Gesandten zurueck?" fragte der Koenig, sich setzend, den
alten Hildebrand, "so fuehrt sie ein."

Auf ein Zeichen des Alten erhoben sich die Seitenvorhaenge und Herzog
Guntharis und Hildebad traten ein, sich tief verneigend.

"Was bringt ihr? Frieden oder Krieg?" fragte Witichis eifrig. "Krieg!
Krieg, Koenig Witichis!" riefen beide Maenner mit Einem Munde. - "Wie?
Belisar verwirft die Opfer, die ich ihm biete? Du hast ihm freundlich,
eindringlich, meine Vorschlaege mitgeteilt?"

Herzog Guntharis trat vor, und sprach: "Ich traf den Feldherrn im Kapitol
als Gast des Praefekten und sprach zu ihm: "Der Gotenkoenig Witichis
entbietet dir seinen Gruss.

In dreissig Tagen kann er mit hundertfuenfzig Tausendschaften wehrhafter
Goten vor diesen Thoren stehn. Und ein Schlachten und Ringen um diese
ehrwuerdige Stadt wird anheben, wie es ihre seit tausend Jahren mit Blut
getraenkten Gefilde nie geschaut.

Der Koenig der Goten liebt den Frieden mehr als selbst den Sieg: und er
gelobt, Kaiser Justinian die Insel Sicilien abzutreten und ihm in jedem
seiner Kriege mit dreissigtausend Mann Goten beizustehen, wenn ihr sofort
Rom und Italien raeumt, das uns gehoert nach dem Recht der Eroberung wie
nach dem Vertrag mit Kaiser Zeno, der es Theoderich ueberliess, wenn er den
Odovakar stuerzen koenne." So sprach ich, deinem Auftrag gemaess.

Belisar aber lachte und rief: "Witichis ist sehr gnaedig, mir die Insel
Sicilien abzutreten, die ich schon habe und er nicht mehr hat. Ich schenke
ihm dafuer die Insel Thule! Nein. Der Vertrag Theoderichs mit Zeno war
abgezwungen und das Recht der Eroberung, - nun das spricht jetzt fuer uns.
Kein Friede, als unter der Bedingung: das ganze Gotenheer streckt die
Waffen, und das ganze Volk zieht ueber die Alpen und sendet Koenig und
Koenigin als Geiseln nach Byzanz.""

Ein Murren der Entruestung ging durch das Zelt.

"Zornig, ohne Antwort auf solchen Vorschlag, wandten wir ihm den Ruecken
und schritten hinaus. "Auf Wiedersehen in Ravenna," rief er uns nach. Da
wandt' ich mich," sprach Hildebad "und rief: "Auf Wiedersehen vor Rom!"
Auf, Koenig Witichis, jetzt zu den Waffen. Du hast das Aeusserste versucht an
Friedensliebe und Schmach geerntet. Jetzt auf! Lang genug hast du gezoegert
und geruestet! Jetzt fuehr' uns an, zum Kampf."

Da toenten Trompetenstoesse aus dem Lager: man hoerte den Hufschlag eilig
nahender Rosse. Alsbald hob sich der Vorhang des Zeltes und eintrat Totila
in glaenzenden Waffen, vom weissen Mantel umwallt. "Heil meinem Koenig, Heil
dir Koenigin," sprach er huldigend. "Mein Auftrag ist erfuellt: ich bringe
dir den Freundesgruss des Frankenkoenigs. Er hielt ein Heer bereit im Solde
von Byzanz, dich anzugreifen. Es gelang mir, ihn umzustimmen. Sein Heer
wird nicht gegen die Goten in Italien einruecken. Graf Markja von
Mediolanum, der bisher die Cottischen Alpen gegen die Franken gedeckt,
ward dadurch frei mit seinen Tausendschaften: er folgt mir in Eile. Im
Rueckweg hab ich aufgerafft, was ich irgend von waffenfaehigen Maennern fand
und die Besatzungen der Burgen an mich gezogen. Ferner:

Wir hatten bisher Mangel an Reiterei. Getrost, mein Koenig: ich fuehre dir
sechstausend Reiter zu, auf herrlichen Rossen. Sie verlangen, sich zu
tummeln in den Ebenen von Rom. Nur Ein Wunsch lebt in uns allen: fuehr uns
zum Kampf, zum Kampf nach Rom."

"Hab Dank, mein Freund, fuer dich und deine Reiter.

Sprich, Hildebrand, wie verteilt sich jetzt unsres Heeres Macht? Sagt an,
ihr Feldherren, wie viele fuehrt ein jeder von euch? Ihr Notare, zeichnet
auf!"

"Ich fuehre drei Tausendschaften Fussvolk," rief Hildebad. "Ich vierzig
Tausendschaften zu Fuss und zu Ross mit Schild und Speer," sprach Herzog
Guntharis. "Ich vierzig Tausendschaften zu Fuss: Bogenschuetzen,
Schleuderer, Speertraeger," sagte Graf Grippa von Ravenna. "Ich sieben
Tausendschaften mit Messer und Keule," zaehlte Hildebrand. "Und dazu
Totilas sechs Tausendschaften Reiter und vierzehn erlesene Tausendschaften
Tejas mit der Streitaxt - wo ist er? ich vermisse ihn hier! - Und ich habe
meine Scharen zu Fuss und zu Ross auf fuenfzig Tausendschaften erhoeht,"
schloss der Koenig.

"Das sind zusammen einhundertsechzig Tausendschaften," schrieb der
Protonotar, die Pergamentrolle dem Koenig ueberreichend.

Da flog ein froher Glanz kriegerischen Stolzes ueber des Koenigs ernstes
Angesicht. "Einhundertsechzig Tausendschaften gotische Maenner: Belisar,
sollen sie vor dir die Waffen strecken, ohne Kampf? Wie lang braucht ihr
noch Rast, um aufzubrechen?"

Da eilte der schwarze Teja ins Zelt. Er hatte beim Eintreten die letzte
Frage vernommen. Sein Auge spruehte Blitze, er bebte vor Zorn. "Rast? Keine
Stunde Rast mehr: auf zur Rache, Koenig Witichis! Ein ungeheurer Frevel ist
geschehn, der laut um Rache gegen Himmel schreit. Fuehr' uns sofort zum
Kampf!"

"Was ist geschehn?"

"Ein Feldherr Belisars, der Hunne Ambazuch, umschloss, wie du weisst, seit
lange mit Hunnen und Armeniern das feste Petra. Kein Entsatz war nah und
fern. Der junge Graf Arahad nur - er suchte wohl den Tod - ueberfiel mit
seiner kleinen Gefolgschaft die Uebermacht; er fiel im tapfersten Gefecht.
Verzweifelt widerstand das Haeuflein gotischer Maenner in der Burg. Denn
alles wehrlose Volk der Goten: Greise, Kranke, Weiber, Kinder, vom flachen
Land in Tuscien, Valeria und Picenum war hierher gefluechtet vor dem Feind,
wohl viele Tausend. Endlich zwang sie der Hunger, gegen freien Abzug die
Thore zu oeffnen. Der Hunne schwor allen Goten in der Stadt, ihr Blut nicht
zu vergiessen. Er zog ein und befahl den Goten sich in der grossen Basilika
Sankt Zenos zu versammeln. Das thaten sie, ueber fuenftausend Koepfe, Greise,
Weiber, Kinder und ein paar hundert Krieger. Und als sie alle beisammen
... -" Teja hielt schaudernd inne.

"Nun?" fragte Mataswintha, erblassend.

"Da schloss der Hunne die Thueren, umstellte das Haus mit seinem Heer und -
verbrannte sie alle fuenftausend, samt der Kirche."

"Und der Vertrag?" rief Witichis.

"Ja, so schrieen auch die Verzweifelten ihn an durch Qualm und Flammen.
"Der Vertrag," lachte der Hunne, "sei erfuellt: kein Tropfe Blutes sei
vergossen. Ausbrennen muesse man die Goten aus Italien wie die Feldmaeuse
und schlechtes Gewuerm." Und so sahen die Byzantiner zu, wie fuenftausend
Goten, Greise, Weiber, Kranke, Kinder - Koenig Witichis, hoerst du's?
Kinder! - elend erstickten und verbrannten. Solches geschieht und du - du
sendest Friedensboten! Auf, Koenig Witichis," rief der Ergrimmte, das
Schwert aus der Scheide reissend, "wenn du ein Mann bist, brich jetzt auf
zur Rache. Die Geister der Erwuergten ziehen vorauf: - Fuehr' uns zum Kampf!
zur Rache fuehr' uns an!"

"Fuehr' uns zum Kampf! zur Rache fuehr' uns an!" wiederhallte das Zelt vom
Ruf der Goten.

Da stand Witichis auf in ruhiger Kraft.

"So soll's sein. Das Aeusserste geschah. Und unsere beste Ruestung ist unser
Recht: jetzt auf, zum Kampf."

Und er reichte seiner Koenigin die Pergamentrolle, die er in der Hand
hielt, die ueber seinem Stuhl haengende Koenigsfahne, das blaue Bandum, zu
ergreifen.

"Ihr seht das alte Banner Theoderichs in meiner Hand, das er von Sieg zu
Sieg getragen. Wohl ruht es jetzt in schlechtrer Hand als seine war: -
doch zaget nicht. Ihr wisset: uebermuetige Zuversicht ist meine Sache nicht,
doch diesmal sag ich euch voraus: in dieser Fahne rauscht ein naher Sieg,
ein grosser, stolzer, rachefroher Sieg. Folgt mir hinaus. Das Heer bricht
auf, sogleich. Ihr Feldherren, ordnet eure Scharen: nach Rom!"

"Nach Rom," wiederhallte das Zelt. "Nach Rom!"




                            Sechstes Kapitel.


Inzwischen schickte sich Belisar an, mit der Hauptmacht seines Heeres die
Stadt zu verlassen: Johannes hatte er deren Bewachung uebertragen.

Er hatte beschlossen, die Goten in Ravenna aufzusuchen. Sein bisher von
keinem Unfall gehemmter Siegeslauf und die Erfolge seiner
vorausgeschickten Streifscharen, die durch den Uebergang der Italier alles
flache Land, auch alle Festen und Burgen und Staedte, bis nahe bei Ravenna,
gewonnen, hatten in ihm die Zuversicht erzeugt, dass der Feldzug bald
beendigt und nur das Erdruecken der ratlosen Barbaren in ihrem letzten
Schlupfwinkel uebrig sei.

Denn nachdem Belisar selbst den ganzen Sueden der Halbinsel: Bruttien,
Lucanien, Calabrien, Apulien, Campanien: dann Rom mit Samnium und die
Valeria durchzogen und besetzt hatte, waren seine Unterfeldherren, Bessas
und Constantinus, mit der lanzentragenden Leibwache des Feldherrn, die
unter Fuehrung des Armeniers Zanter, des Persers Chanaranges und des
Massageten Aeschman standen, vorausgesendet worden, Tuscien zu unterwerfen.

Bessas rueckte vor das sturmfeste Narnia: fuer die damaligen
Belagerungsmittel war die Burgstadt fast uneinnehmbar: - sie thront auf
hohem Berge, dessen Fuss der tiefe Nar umspuelt. Die beiden einzigen
Zugaenge, vom Osten und vom Westen, sind ein enger Felsenpass und die hohe,
alte, von Kaiser Augustus gebaute, befestigte Bruecke. - Aber die roemische
Bevoelkerung ueberwaeltigte die halbe gotische Hundertschaft, die hier lag,
und oeffnete den Thrakiern des Bessas die Thore. Dem Constantinus
erschlossen sich ebenso ohne Schwertstreich Spoletium und Perusia. Auf der
oestlichen Seite des Ionischen Meerbusens hatte inzwischen ein andrer
Unterfeldherr Belisars, der Comes Sacri Stabuli Constantinus, den Tod
zweier byzantinischer Heerfuehrer, des Magister Militum fuer Illyrien,
Mundus, und seines Sohnes Mauricius, die gleich im Anfang des Krieges bei
Salona in Dalmatien im Gefecht gegen die Goten gefallen waren, geraecht,
Salona besetzt und durch ihre grosse Uebermacht die geringen gotischen
Scharen zum Rueckzug auf Ravenna gezwungen. Ganz Dalmatien und Liburnien
war darauf den Byzantinern zugefallen. Von Tuscien aus streiften, wie wir
sahen, die Hunnen Justinians schon durch Picenum und bis in die Aemilia.

Die Friedensvorschlaege des Gotenkoenigs hielt Belisar daher fuer Zeichen der
Schwaeche. Dass die Barbaren zum Angriff uebergehen koennten, fiel ihm nicht
ein. Dabei trieb es ihn, Rom zu verlassen, wo es ihn anwiderte, der Gast
des Praefekten zu heissen; im freien Felde musste sein Uebergewicht bald
wieder hervortreten.

Der Praefekt liess das Kapitol in der treuen Hut des Lucius Licinius und
folgte dem Zuge Belisars. Vergebens warnte er diesen vor allzugrosser
Zuversicht.

"Bleibe du doch hinter den Felsen des Kapitols, wenn du die Barbaren
fuerchtest," hatte dieser stolz geantwortet.

"Nein," erwiderte dieser. "Eine Niederlage Belisars ist ein zu seltnes
Schauspiel, man darf es nicht versaeumen." In der That, Cethegus haette eine
Demuetigung des grossen Feldherrn, dessen Ruhm die Italier allzusehr anzog,
gern gesehen.

Belisar hatte sein Heer aus den noerdlichen Thoren der Stadt gefuehrt und
wenige Stadien vor der Stadt in einem Lager versammelt, es hier zu mustern
und neu zu ordnen und zu gliedern. Schon der starke Zufluss von Italiern,
die zu seinen Fahnen geeilt waren, machte das noetig. Auch Ambazuch, Bessas
und Constantinus hatte er mit dem groessten Teil ihrer Truppen wieder in
dies Lager herangezogen: sie liessen in den von ihnen gewonnenen Staedten
nur kleine Besatzungen zurueck.

Dunkle Geruechte von einem anrueckenden Gotenheer hatten sich in das Lager
verbreitet. Aber Belisar schenkte ihnen keinen Glauben. "Sie wagen es
nicht," hatte er dem warnenden Prokop entgegnet. "Sie liegen in Ravenna
und zittern vor Belisarius."

Spaet in der Nacht lag Cethegus schlaflos auf dem Lager in seinem Zelt. Er
liess die Ampel brennen. "Ich kann nicht schlafen," sagte er -: "in den
Lueften klirrt es wie Waffen und riecht's wie Blut. Die Goten kommen. Sie
ruecken wohl durch die Sabina, die Via casperia und salara herab."

Da rauschten seine Zeltvorhaenge zurueck und Syphax stuerzte atemlos an sein
Lager.

"Ich weiss es schon," sagte Cethegus aufspringend, "was du meldest: die
Goten kommen." - "Ja, Herr, morgen sind sie da. Sie zielen auf das
salarische Thor. Ich hatte das beste Ross der Koenigin, aber dieser Totila,
der den Vortrab fuehrt, jagt wie der Wind durch die Wueste. Und hier im
Lager ahnt niemand etwas."

"Der grosse Feldherr," laechelte Cethegus, "hat keine Vorposten
ausgestellt." - "Er verliess sich ganz auf den festen Turm an der
Aniusbruecke(1) aber ... -"

"Nun? der Turm ist fest." - "Ja, aber die Besatzung, roemische Buerger aus
Neapolis, ging zu den Goten ueber, als sie der junge Totila, der Fuehrer des
Vortrabs, anrief. Die Leibwaechter Belisars, welche sich widersetzten,
wurden gebunden, zumal Innocentius, und Totila ausgeliefert. Der Turm und
die Bruecke ist in der Goten Hand."

"Es wird huebsch werden! Hast du eine Ahnung, wie stark der Feind?" -
"Keine Ahnung, Herr: ich weiss es so genau wie Koenig Witichis selbst. Hier
die Liste ihrer Truppen. Sie schickt dir Mataswintha, seine Koenigin."

Cethegus sah ihn forschend an. "Geschehen Wunder, die Barbaren zu
verderben?"

"Ja Herr, Wunder geschehen! Dies sonnenschoene Weib will ihres Volkes
Untergang um des Einen willen. Und dieser Eine ist ihr Gatte."

"Du irrst:" sagte Cethegus, "sie liebte ihn schon als Maedchen und kaufte
seine Bueste."

"Ja, sie liebt ihn. Aber er nicht sie. Und die Marsbueste ward zerschlagen
in der Brautnacht."

"Das hat sie dir doch schwerlich selbst gesagt."

"Aber Aspa, die Tochter meines Landes, ihre Sklavin. Sie sagt mir alles.
Sie liebt mich. Und sie liebt ihre Herrin, fast wie ich dich. Und
Mataswintha will mit dir das Gotenreich verderben. Und sie wird durch Aspa
alles schreiben in den Zauberzeichen unseres Stammes. Und ich wuerde diese
Sonnenkoenigin zu meinem Weibe nehmen, wenn ich Cethegus waere."

"Ich auch, wenn ich Syphax waere. Aber deine Botschaft ist eine Krone wert!
Ein listig, racheduerstend Weib wiegt Legionen auf! Jetzt Trotz euch,
Belisar, Witichis und Justinian! Erbitte dir eine Gnade, jede, nur nicht
deine Freiheit: - ich brauche dich noch."

"Meine Freiheit ist - dir dienen. Eine Gunst: lass mich morgen neben dir
fechten."

"Nein, mein huebscher Panther, deine Klauen kann ich noch nicht brauchen: -
nur deinen Leisegang. Du schweigst gegen jedermann von der Goten Naehe und
Staerke. Lege mir die Ruestung an und gieb den Plan der salarischen Strasse
dort aus der Kapsel. Jetzt rufe mir Marcus Licinius und den Fuehrer meiner
Isaurier, Sandil." Syphax verschwand. Cethegus warf einen Blick auf den
Plan. "Also dort her, von Nordwesten, kommen sie, die Huegel herab. Wehe
dem, der sie dort aufhalten will. Darauf folgt der tiefe Thalgrund, in dem
wir lagern. Hier wird die Schlacht geschlagen und verloren. Hinter uns,
suedoestlich, zieht sich unsre Stellung entlang dem tiefen Bach; in diesen
werden wir unfehlbar geworfen: die Bruecken werden nicht zu halten sein.
Darauf eine Strecke flachen Landes - welch schoenes Feld fuer die gotischen
Reiter, uns zu verfolgen! - Noch weiter rueckwaerts endlich ein dichter Wald
und eine enge Schlucht mit dem zerfallnen Kastell Hadrians ... - Marcus,"
rief er dem Eintretenden entgegen, "meine Scharen brechen auf. Wir ziehn
hinab den Bach in den Wald und jeden, der dich fraegt, dem sagst du: wir
ziehn zurueck nach Rom."

"Nach Hause? ohne Kampf?" fragte Marcus erstaunt, "du weisst doch: es steht
der Kampf bevor?"

"Ebendeswegen!" Damit schritt er hinaus, Belisar in seinem Zelt zu wecken.
Aber er fand ihn schon wach: Prokop stand bei ihm. "Weisst du's schon,
Praefekt? fluechtendes Landvolk meldet, ein Haeuflein gotischer Reiter naht:
die Tollkuehnen reiten in ihr Verderben: sie waehnen die Strasse frei bis
Rom." Und er fuhr fort sich zu ruesten.

"Aber die Bauern melden, die Reiter seien nur die Vorhut. Es folge ein
furchtbares Heer von Barbaren," warnte Prokop.

"Eitle Schrecken! Sie fuerchten sich, diese Goten. - Witichis wagt gar
nicht, mich aufzusuchen. Endlich habe ich ja, vierzehn Stadien vor Rom,
die Aniobruecke durch einen Turm geschuetzt: - Martinus hat ihn gebaut nach
meinem Gedanken: - der allein haelt der Barbaren Fussvolk mehr als eine
Woche auf - moegen auch ein paar Gaeule durch den Fluss geschwommen sein."

"Du irrst, Belisarius! ich weiss es gewiss: das ganze Heer der Goten naht,"
sprach Cethegus. - "So geh' nach Hause, wenn du es fuerchtest." - "Ich
mache Gebrauch von dieser deiner Erlaubnis. Ich habe mir in diesen Tagen
das Fieber geholt. Auch meine Isaurier leiden daran: - ich ziehe mit
deiner Gunst nach Rom zurueck."

"Ich kenne dieses Fieber," sagte Belisar - "das heisst: - an andern. Es
vergeht, sowie man Graben und Wall zwischen sich und dem Feinde hat. Zieh
ab, wir brauchen dich so wenig wie deine Isaurier."

Cethegus verneigte sich und ging. "Auf Wiedersehen," sprach er, "o
Belisarius. Gieb das Zeichen zum Aufbruch meinen Isauriern," sprach er im
Lager laut zu Marcus. "Und meinen Byzantinern auch," setzte er leiser bei.

"Aber Belisar hat ..." -

"Ich bin ihr Belisar. Syphax, mein Pferd." Waehrend er aufstieg, sprengte
ein Zug roemischer Reiter heran: Fackeln leuchteten dem Anfuehrer vorauf.

"Wer da? Ah du, Cethegus? wie, du reitest ab? Deine Leute ziehn sich nach
dem Fluss? Du wirst uns doch nicht verlassen, jetzt, in dieser hoechsten
Gefahr?" Cethegus beugte sich vor. "Sieh, du, Calpurnius! ich erkannte
dich nicht: du siehst so bleich. Was bringst du von den Vorposten?"

"Fluechtige Bauern sagen," sprach Calpurnius aengstlich, "es sei gewiss mehr
als eine Streifschar. Es sei der Koenig der Barbaren, Witichis selbst, im
raschen Anzug durch die Sabina: sie seien schon auf dem linken Tiberufer:
Widerstand ist dann .. - Wahnsinn - Verderben. Ich folge dir, ich schliesse
mich dir an."

"Nein," sagte Cethegus herb, "du weisst, ich bin aberglaeubisch: ich reite
nicht gern mit den Furien verfallnen Maennern. Dich wird die Strafe fuer
deinen feigen Knabenmord sicher bald ereilen. Ich habe nicht Lust, sie mit
dir zu teilen."

"Doch fluestern Stimmen in Rom, auch Cethegus verschmaehe manchmal einen
bequemen Mord nicht," sprach Calpurnius grimmig.

"Calpurnius ist nicht Cethegus," sprach der Praefekt, stolz davon
sprengend. "Gruesse mir einstweilen den Hades!" rief er.




                            Siebentes Kapitel.


"Verfluchtes Omen!" knirschte Calpurnius. Und er eilte zu Belisar:
"Befiehl den Rueckzug, rasch, Magister Militum." - "Warum, Vortrefflicher?"
- "Es ist der Gotenkoenig selbst." "Und ich bin Belisar selbst," sagte
dieser, den prachtvollen Helm mit dem weissen Rossschweif aufsetzend. "Wie
konntest du deinen Posten im Vordertreffen verlassen?" - "Herr, um dir das
zu melden." - "Das konnte wohl kein Bote? Hoere, Roemer, ihr seid nicht
wert, dass man euch befreit. Du zitterst ja, Mann des Schreckens. Zurueck
mit dir ins Vordertreffen.

Du fuehrst unsre Reiter zum ersten Angriff: ihr, meine Leibwaechter Antallas
und Kuturgur, nehmt ihn in die Mitte. Er _muss_ tapfer sein, hoert ihr?
Weicht er, - nieder mit ihm. So lehrt man Roemer Mut.

Der Lagerrufer sagte eben die letzte Stunde der Nacht an. In einer Stunde
geht die Sonne auf. Sie muss unser ganzes Heer auf jenen Huegeln finden.

Auf! Ambazuch, Bessas, Constantinus, Demetrius, das ganze Lager bricht
auf, dem Feind entgegen."

"Feldherr, es ist wie sie sagen," meldete Maxentius, der treueste der
Leibwaechter, "zahllose Goten ruecken an."

"Sie sind zwei Heere gegen uns," meldete Salomo, Belisars
Hypaspisten-Fuehrer.

"Ich rechne Belisar ein ganzes Heer."

"Und der Schlachtplan?" fragte Bessas.

"Im Angesicht des Feindes entwerf' ich ihn, waehrend des Calpurnius Reiter
ihn aufhalten. Vorwaerts, gebt die Zeichen, fuehrt Phalion vor." Und er
schritt aus dem Zelte; nach allen Seiten stoben die Heerfuehrer, die
Hypaspisten, Praetorianer, Protektoren und Doryphoren auseinander, Befehle
gebend, verteilend, empfangend.

In einer Viertelstunde war alles in Bewegung gegen die Huegel. Man nahm
sich nicht Zeit, das Lager abzubrechen. Aber der ploetzliche Aufbruch
brachte vielfache Verwirrung. Fussvolk und Reiter gerieten in der dunkeln,
mondlosen Nacht untereinander. Auch hatte die Kunde von der Uebermacht der
vordringenden Barbaren Mutlosigkeit verbreitet.

Es waren nur zwei nicht sehr breite Strassen, die gegen die Huegel fuehrten:
so gab es manche Stockung und Hemmung. Viel spaeter als Belisar gerechnet,
langte das Heer im Angesicht der Huegel an: und als die ersten
Sonnenstrahlen sie beleuchteten, sah Calpurnius, der den Vortrab fuehrte,
von allen Hoehen gotische Waffen blitzen.

Die Barbaren waren Belisar zuvorgekommen. Erschrocken machte Calpurnius
Halt und sandte Belisar Nachricht.

Dieser sah ein, dass Calpurnius mit seinen Reitern nicht die Berge stuermen
koenne. Er schickte Ambazuch und Bessas mit dem Kern des armenischen
Fussvolks ab, um auf der breitern Strasse zu stuermen. Den linken und den
rechten Fluegel fuehrten Constantinus und Demetrius, er selbst brachte im
Mitteltreffen seine Leibwachen als Rueckhalt heran. Calpurnius, froh des
Wechsels im Plan, stellte seine Reiter unter den steilsten Abfall der
Huegel, links seitab der Strasse, von wo kein Angriff zu befuerchten schien,
den Erfolg von Ambazuchs und Bessas Sturm abzuwarten und die fliehenden
Goten zu verfolgen oder die weichenden Armenier aufzunehmen.

Oben auf den Hoehen aber stellten sich die Goten in langer Ausdehnung in
Schlachtordnung. Totilas Reiter waren zuerst eingetroffen: ihm hatte sich
Teja, zu Pferd, vor Kampfbegier fiebernd, angeschlossen: - sein
beiltragendes Fussvolk war noch weit zurueck: - er hatte sich ausgebeten,
ohne Befehlfuehrung, ueberall, wo es ihn reizte, ins Handgemenge zu greifen.
Darauf war Hildebrand eingetroffen und hierauf der Koenig mit der
Hauptmacht gefolgt. Herzog Guntharis mit seinen und Tejas Leuten wurden
noch erwartet.

Pfeilschnell war Teja zu Witichis zurueckgeflogen.

"Koenig," sagte er, "unter jenen Huegeln steht Belisar.

Er ist verloren, beim Gott der Rache! Er hat den Wahnsinn gehabt,
vorzuruecken. Dulde nicht die Schmach, dass er uns zuvorkoemmt im Angriff."

"Vorwaerts!" rief Koenig Witichis, "gotische Maenner vor!" In wenigen Minuten
hatte er den Rand der Huegel erreicht und uebersah das Thalgefild vor ihm.
"Hildebad - den linken Fluegel! Du, Totila, brichst mit deinen Reitern hier
im Mitteltreffen, die Strasse herunter, vor. Ich halte rechts seitab der
Strasse, bereit, dir zu folgen oder dich zu decken."

"Das wird's nicht brauchen," sagte Totila, sein Schwert ziehend. "Ich
buerge dir, sie halten meinen Ritt diesen Huegel herab nicht auf."

"Wir werfen die Feinde in ihr Lager zurueck," fuhr der Koenig fort, "nehmen
das Lager, werfen sie in den Bach, der dicht hinter dem Lager glaenzt: was
uebrig ist, koennen eure Reiter, Totila und Teja, ueber die Ebene jagen bis
Rom."

"Ja, wenn wir erst den Pass gewonnen haben, dort in den Waldhuegeln, hinter
dem Fluss," sagte Teja mit dem Schwert hinueberdeutend.

"Er ist noch unbesetzt, scheint's: ihr muesst ihn mit den Fluechtigen
zugleich erreichen."

Da ritt der Bannertraeger, Graf Wisand von Volsinii, der Bandalarius des
Heeres, an den Koenig heran. "Herr Koenig, ihr habt mir eine Bitte zu
erfuellen zugesagt." - "Ja, weil du bei Salona den Magister Militum fuer
Illyrien, Mundus, und seinen Sohn vom Ross gestochen."

"Ich habe es nun einmal auf die Magistri Militum. Ich moechte denselben
Speer auch an Belisar erproben. Nimm mir, nur fuer heute, das Banner ab und
lass mich den Magister Belisar aufsuchen. Sein Ross, der Rotscheck Phalion
oder Balian, wird so sehr geruehmt: und mein Hengst wird steif. Und du
kennst das alte gotische Reiterrecht: "wirf den Reiter und nimm sein
Ross"."

"Gut gotisch Recht!" raunte der alte Hildebrand.

"Ich muss die Bitte gewaehren," sprach Witichis, das Banner aus der Hand
Wisands nehmend. Dieser sprengte eilig hinweg. "Guntharis ist nicht zur
Stelle, so trage du es heute, Totila."

"Herr Koenig," entgegnete dieser, "ich kann's nicht tragen, wenn ich meinen
Reitern den Weg in die Feinde zeigen soll." Witichis winkte Teja.

"Vergieb," sagte dieser: "heut' denk' ich beide Arme sehr zu brauchen." -
"Nun, Hildebad." - "Danke fuer die Ehre: ich hab's nicht schlechter vor als
die andern!" "Wie," sagte Witichis, fast zuernend, "muss ich mein eigner
Bannertraeger sein, will keiner meiner Freunde mein Vertrauen ehren?"

"So gieb mir die Fahne Theoderichs," sprach der alte Hildebrand, den
maechtigen Schaft ergreifend. "Mich luestet weitern Kampfes nicht so sehr.
Aber mich freut's, wie die Jungen nach Ruhme duersten. Gieb mir das Banner,
ich will's heute wahren wie vor vierzig Sommern." Und er ritt sofort an
des Koenigs rechte Seite.

"Der Feinde Fussvolk rueckt den Berg hinan," sprach Witichis, sich im Sattel
hebend. "Es sind Hunnen und Armenier," sagte Teja, mit seinem Falkenauge
spaehend, "ich erkenne die hohen Schilde!" Und den Rappen vorwaerts spornend
rief er: "Ambazuch fuehrte sie, der eidbruechige Brandmoerder von Petra."

"Vorwaerts, Totila," sprach der Koenig, "und aus diesen Scharen - - keine
Gefangnen."

Rasch sprengte Totila zu seinen Reitern, die hart an der Muendung der
aufsteigenden Strasse auf der Hoehe aufgestellt waren. Mit scharfem Blick
musterte er die Bewaffnung der Armenier, die in tiefen Kolonnen langsam
bergauf rueckten. Sie trugen schwere, mannshohe Schilde und kurze Speere zu
Stoss und Wurf.

"Sie duerfen nicht zum Werfen kommen," rief er seinen Reitern zu. Er liess
sie die leichten Schilde auf den Ruecken binden und befahl, im Augenblick
des Anpralls die langen Lanzen, statt, wie ueblich, in der Rechten, in der
Linken, der Zuegelhand, zu fuehren, den Zuegel einfach um das Handgelenk
geschlungen und ueber die Maehne weg die Lanze aus der rechten in die linke
Faust werfend. Dadurch trafen sie auf die rechte, vom Schild nicht
gedeckte Seite der Feinde. "Sowie der Stoss angeprallt - sie werden ihm
nicht stehen! - werft die Lanze im Armriem zurueck, zieht das Schwert und
haut nieder, was noch steht."

Er stellte sie nun, die Kolonne der Feinde rechts und links ueberfluegelnd,
auf beiden Seiten neben der Strasse auf.

Er selbst fuehrte den Keil auf der Strasse. Er beschloss, den Feind die
Haelfte des Huegels herankommen zu lassen. Mit atemloser Spannung sahen
beide Heere dem Zusammenstoss entgegen.

Ruhig rueckte Ambazuch, ein erprobter Soldat, vorwaerts.

"Lasst sie nur dicht heran, Leute," sagte er, "bis ihr das Schnauben der
Rosse im Gesicht spuert. Dann, - und nicht eher, - werft: und zielt mir
tief, auf die Brust der Pferde, und zieht das Schwert. So hab' ich noch
alle Reiter geschlagen."

Aber es kam anders.

Denn als Totila, voransprengend, das Zeichen zum Angriff gab, schien eine
donnernde Lawine vom Berg herab ueber die erschrocknen Feinde einzubrechen.
Wie der Sturmwind jagte die blitzende, klirrende, schnaubende, droehnende
Masse heran: und eh' die erste Reihe der Armenier Zeit gefunden, die
Wurfspeere nur zu heben, lag sie schon, von den langen Lanzen auf der
schildlosen Seite durchbohrt, niedergestreckt. Sie waren weggefegt, als
waeren sie nie gestanden.

Blitzschnell war das geschehen: und waehrend noch Ambazuch seiner zweiten
Reihe, in der er selber stand, Befehl geben wollte, zu knieen und die
Speere einzustemmen, sah er schon auch seine zweite Reihe ueberritten, die
dritte auseinandergesprengt und die vierte unter Bessas kaum noch
Widerstand leistend gegen die furchtbaren Reiter, die jetzt erst dazu
kamen, die Schwerter zu ziehen. Er wollte das Gefecht stellen: er flog
zurueck und rief seinen wankenden Scharen Mut zu.

Da erreichte ihn Totilas Schwert: ein Hieb zerschlug ihm den Helm. Er
stuerzte in die Knie und streckte den Griff seines Schwertes dem Goten
entgegen. "Nimm Loesegeld," rief er, "ich bin dein."

Und schon streckte Totila die Hand aus, ihm die Waffe abzunehmen, da rief
Tejas Stimme: "Denk' an Burg Petra."

Ein Schwert blitzte und zerspaltnen Haupts sank Ambazuch. Da stob die
letzte Reihe der Armenier, Bessas mit fortreissend, entsetzt auseinander, -
das Vordertreffen Belisars war vernichtet. Mit lautem Freuderuf hatten
Koenig Witichis und die Seinen den Sieg Totilas mit angesehn.

"Sieh, jetzt schwenken die hunnischen Reiter, die hier gerade unter uns
stehen, gegen Totila," sagte der Koenig zu dem alten Bannertraeger. "Totila
wendet sich gegen sie. Sie sind viel zahlreicher. Auf! Hildebad, eile die
Strasse hinunter, ihm zu Hilfe."

"Ah," rief der Alte, sich vorbeugend im Sattel, und ueber den Felsrand
spaehend, "wer ist der Reitertribun da unten zwischen den zwei Leibwaechtern
Belisars?"

Witichis beugte sich vor. "Calpurnius!" rief er mit gellendem Schrei.

Und siehe, urploetzlich sprengte der Koenig, keinen Pfad suchend, gerade wo
er stand, hinab die Felshoehe auf den Verhassten. Die Furcht, er moechte ihm
entrinnen, liess ihn alles vergessen. Und als haette er Fluegel, als haette
der Gott der Rache ihn herabgefuehrt ueber Gebuesch und spitze Felsspalten
und Schroffen und Graeben sauste der Koenig hinunter.

Einen Augenblick fasste den alten Waffenmeister Entsetzen: solchen Ritt
hatte er noch nie geschaut. Aber im naechsten Moment schwang er die blaue
Fahne und rief: "Nach! nach eurem Koenig!" Und das berittene Gefolge voran,
das Fussvolk, springend und auf den Schilden rutschend, hinterher, brach
das Mitteltreffen der Goten ploetzlich steil von oben auf die hunnischen
Reiter.

Calpurnius hatte aufgesehn. Ihm war, als ob sein Name, gellend gerufen, an
sein Ohr schluege. Ihm klang der Ruf wie die Posaune des Weltgerichts.

Wie blitzgetroffen wandte er sich und wollte auf und davon. Aber der
maurische Leibwaechter zur Rechten fiel ihm in den Zuegel: "Halt, Tribun!"
sagte Antallas, auf Totilas Reiter deutend - "_dort_ ist der Feind!" Ein
Schmerzenschrei riss ihn und Calpurnius zur Linken herum. Denn da stuerzte
der zweite der Leibwaechter, der Hunne Kuturgur, zu seiner Linken, klirrend
vom Pferd, unter dem Schwerthieb eines Goten, der ploetzlich wie vom Himmel
gefallen schien. Und hinter diesem Goten drein sprang und kletterte und
wogte es den steilen Felshang hinab, der doch pfadlos schien: und die
Reiter waren von diesem ploetzlich von oben gekommenen Feind in der Flanke
umfasst, waehrend sie gleichzeitig in der Stirnseite mit den Geschwadern
Totilas zusammenstiessen.

Calpurnius erkannte den Goten. "Witichis!" rief er entsetzt, und liess den
Arm sinken. Aber sein Pferd rettete ihn; verwundet und scheu geworden
durch den Fall des hunnischen Leibwaechters zur Linken, setzte es in wilden
Spruengen davon.

Der maurische Leibwaechter zu seiner Rechten warf sich wuetend auf den Koenig
der Goten, der ganz allein den Seinigen weit vorausgeeilt war. "Nieder,
Tollkuehner!" schrie er. Aber im naechsten Augenblick hatte ihn das Schwert
des Witichis getroffen, der unaufhaltsam alles vor sich niederzuwerfen
schien, was ihn von Calpurnius jetzt noch fern hielt. Rasend setzte ihm
Witichis nach. Mitten durch die Reihen der hunnischen Reiter, die,
entsetzt vor diesem Anblick, auseinanderstoben.

Calpurnius hatte sein Pferd wieder bemeistert und suchte jetzt Schutz
hinter den staerksten Geschwadern seiner Reiter. Umsonst. Witichis verlor
ihn nicht aus dem Auge und liess nicht von ihm ab. Wie dicht er sich unter
seinen Reitern barg, wie rasch er floh, - er entging nicht dem Blicke des
Koenigs, der alles erschlug, was sich zwischen ihn und den Moerder seines
Sohnes draengte.

Knaeuel auf Knaeuel, Gruppe auf Gruppe loeste sich vor dem furchtbaren
Schwert des raechenden Vaters: die ganze Masse der Hunnen war quer geteilt
von dem Fluechtenden und seinem Verfolger. Sie vermochte nicht, sich wieder
zu schliessen. Denn ehe noch Totila ganz heran war, hatte der alte
Bannertraeger mit Reitern und Fussvolk ihre rechte Flanke durchbrochen, in
zwei Teile gespalten.

Als Totila ansprengte, hatte er nur noch Fluechtlinge zu verfolgen. Der
Teil zur Rechten wurde alsbald von Totila und Hildebrand in die Mitte
genommen und vernichtet.

Der groessere Teil zur Linken floh zurueck auf Belisar.

Calpurnius jagte indessen, wie von Furien gehetzt, ueber das Schlachtfeld.
Er hatte einen grossen Vorsprung, da sich Witichis siebenmal erst hatte
Bahn hauen muessen. Aber ein Daemon schien Boreas, des Goten Ross, zu
treiben: naeher und naeher kam er seinem Opfer. Schon vernahm der Fluechtling
den Ruf, zu stehen und zu fechten. Noch hastiger spornte er sein Pferd. Da
brach es unter ihm zusammen. Noch bevor er sich aufgerafft, stand Witichis
vor ihm, der vom Sattel gesprungen war. Er stiess ihm, ohne ein Wort, mit
dem Fuss das Schwert hin, das ihm entfallen. Da fasste sich Calpurnius mit
dem Mut der Verzweiflung.

Er hob das Schwert auf und warf sich mit einem Tigersprung auf den Goten.
Aber mitten im Sprung stuerzte er ruecklings nieder.

Witichis hatte ihm die Stirn mitten entzwei gehauen. Der Koenig setzte den
Fuss auf die Brust der Leiche und sah in das verzerrte Gesicht. Dann
seufzte er tief auf: "Jetzt hab' ich die Rache. O haett' ich mein Kind."

Mit Ingrimm hatte Belisar die so unguenstige Eroeffnung des Kampfes mit
angesehen. Aber seine Ruhe, seine Zuversicht verliess ihn nicht, als er
Ambazuchs und Bessas' Armenier weggefegt, als er des Calpurnius Reiter
durchbrochen und geworfen sah.

Er erkannte jetzt die Uebermacht und Ueberlegenheit des Feindes. Allein er
beschloss, auf der ganzen Linie vorzuruecken, eine Luecke lassend, um den
Rest der fliehenden Reiter aufzunehmen.

Jedoch scharf bemerkten dies die Goten und draengten, Witichis voran,
Totila und Hildebrand, welche die Umzingelten vernichtet hatten, folgend,
den Fluechtlingen jetzt so ungestuem nach, dass sie mit ihnen zugleich die
Linie Belisars zu erreichen und zu durchdringen drohten.

Das durfte nicht sein. Belisar fuellte diese Luecke selbst durch seine
Leibwache zu Fuss und schrie den fliehenden Reitern entgegen, zu halten und
zu wenden.

Aber es war, als ob die Todesfurcht ihres gefallnen Fuehrers sie alle
ergriffen haette. Sie scheuten das Schwert des Gotenkoenigs hinter sich mehr
als den drohenden Feldherrn vor sich: und ohne Halt und Fassung rasten
sie, als wollten sie ihr eignes Fussvolk niederreiten, im vollen Galopp
heran.

Einen Augenblick ein furchtbarer Stoss: - ein tausendstimmiger Schrei der
Angst und Wut: - ein wirrer Knaeuel von Reitern und Fussvolk minutenlang: -
darunter einhauende Goten: - und ploetzlich ein Auseinanderstieben nach
allen Seiten unter gellendem Siegesruf der Feinde. -

Belisars Leibwache war niedergeritten, seine Hauptschlachtlinie
durchbrochen. - Er befahl den Rueckzug ins Lager.

Aber es war kein Rueckzug mehr: es war eine Flucht. Hildebads, Guntharis
und Tejas Fussvolk waren jetzt auf dem Schlachtfeld eingetroffen: die
Byzantiner sahen ihre Stellung im ganzen geworfen: sie verzweifelten am
Widerstand und mit grosser Unordnung eilten sie nach dem Lager zurueck.
Gleichwohl haetten sie dasselbe noch in guter Zeit vor den Verfolgern
erreicht, haette nicht ein unerwartetes Hindernis alle Wege gesperrt.

So siegesgewiss war Belisar ausgezogen, dass er das ganze Fuhrwerk, die
Wagen und das Gepaeck des Heeres, ja selbst die Herden, die ihm
nachgetrieben wurden nach der Sitte jener Zeit, den Truppen auf allen
Strassen zu folgen befohlen hatte. Auf diesen langsamen, schwer beweglichen
und schwer zu entfernenden Koerper stiessen nun ueberall die weichenden
Truppen und grenzenlose Hemmung und Verwirrung trat ein.

Soldaten und Trossknechte wurden handgemein: die Reihen loesten sich
zwischen den Karren, Kisten und Wagen. Bei vielen erwachte die Beutelust
und sie fingen an, das Gepaeck zu pluendern, ehe es in die Haende der
Barbaren falle. Ueberall ein Streiten, Fluchen, Klagen, Drohen: dazwischen
das Krachen der Lastwagen, die zerbrochen wurden, und das Bloeken und
Bruellen der erschrocknen Herden.

"Gebt den Tross Preis! Feuer in die Wagen! schickt die Reiter durch die
Herden!" befahl Belisar, der mit dem Rest seiner Leibwachen in guter
Ordnung mit dem Schwert sich Bahn brach. Aber vergebens. Immer
unentwirrbarer, immer dichter wurde der Knaeuel: - nichts schien ihn mehr
loesen zu koennen.

Da zerriss ihn die Verzweiflung.

Der Schrei, "die Barbaren ueber uns!" erscholl aus den hintersten Reihen.
Und es war kein leerer Schreck. Hildebad mit dem Fussvolk war jetzt in die
Ebene hinabgestiegen und seine ersten Reihen trafen auf den wehrlosen
Knaeuel.

Da gab es eine furchtbare wogende Bewegung nach vorn: ein tausendstimmiger
Schrei der Angst - der Wut - des Schmerzes der Angegriffenen, der
Leibwachen, die, alter Tapferkeit gedenk, fechten wollten und nicht
konnten: - der Zertretenen und Zerdrueckten - und ploetzlich stuerzte der
groesste Teil der Wagen, mit ihrer Bespannung, und mit den Tausenden, die
darauf und dazwischen zusammengedraengt waren, mit donnerndem Krachen in
die Graeben links und rechts neben der Hochstrasse.

So ward der Weg frei. Und unaufhaltsam, ordnungslos ergoss sich der Strom
der Fluechtigen nach dem Lager. -

Mit lautem Siegesgeschrei folgte das gotische Fussvolk, ohne Muehe mit den
Fernwaffen, mit Pfeilen, Schleudern und Wurfspeeren, in dem dichten Gewuehl
seine Ziele treffend, waehrend Belisar mit Muehe die unaufhoerlichen Angriffe
der Reiter Totilas und des Koenigs abwehrte. "Hilf, Belisar," rief Aigan,
der Fuehrer der massagetischen Soeldner, aus dem eben gesprengten Knaeuel
heranreitend, das Blut aus dem Gesicht wischend: "meine Landsleute haben
heut' den schwarzen Teufel unter den Feinden gesehen. Sie stehn mir nicht.
Hilf: dich fuerchten sie sonst mehr als den Teufel!"

Mit Knirschen sah Belisar hinueber nach seinem rechten Fluegel, der
aufgeloest ueber das Blachfeld jagte, von den Goten gehetzt.

"O Justinianus, kaiserlicher Herr, wie erfuell' ich schlecht mein Wort!"

Und die weitere Deckung des Rueckzugs ins Lager dem erprobten Demetrius
ueberlassend, - denn das huegelige Terrain, das jetzt erreicht war,
schwaechte die Kraft der verfolgenden Reiter - sprengte er mit Aigan und
seiner berittenen Garde querfeldein mitten unter die Fluechtenden.

"Halt!" donnerte er ihnen zu, "halt, ihr feigen Hunde. Wer flieht, wo
Belisar streitet?

Ich bin mitten unter euch, kehrt und siegt!"

Und aufschlug er das Visier des Helmes und zeigte ihnen das majestaetische,
das loewengewaltige Antlitz.

Und so maechtig war die Macht dieser Heldenpersoenlichkeit, so gross das
Vertrauen auf sein sieghaftes Glueck, dass in der That alle, welche die hohe
Gestalt des Feldherrn auf seinem Rotscheck erkannten, stutzten, hielten,
und mit einem Ruf der Ermutigung sich den nachdringenden Goten wieder
entgegenwandten. An dieser Stelle wenigstens war die Flucht zu Ende.

Da schritt ein gewaltiger Gote heran, leicht sich Bahn brechend. "Heia,
das ist fein, dass ihr einmal des Laufens muede seid, ihr flinken
Griechlein. Ich konnt' euch nicht mehr nach vor Schnaufen. In den Beinen
seid ihr uns ueberlegen. Lasst sehn, ob auch in den Armen. Ha, was weicht
ihr, Bursche! Vor dem, auf dem Braunscheck? Was ist's mit dem?"

"Herr, das muss ein Koenig sein unter den Welschen, kaum kann man sein
zornig Auge tragen."

"Das waere! Ah - das muss Belisarius sein! Freut mich," schrie er ihm
hinueber, "dass wir uns treffen, du kuehner Held. Nun spring vom Ross und lass
uns die Kraft der Arme messen. Wisse, ich bin Hildebad, des Tota Sohn.
Sieh, auch ich bin ja zu Fuss. Du willst nicht?" rief er zornig. "Muss man
dich vom Gaule holen?" Und dabei schwang er in der Rechten wiegend den
ungeheuren Speer.

"Wende, Herr, weich' aus," rief Aigan, "der Riese wirft ja junge
Mastbaeume." "Wende, Herr," wiederholten seine Hypaspisten aengstlich.

Aber Belisar ritt, das kurze Schwert gezueckt, ruhig dem Goten um eine
Pferdelaenge naeher. Sausend flog der balkengleiche Speer heran, grad gegen
Belisars Brust.

Aber grad', ehe er traf, - ein kraeftiger Hieb von Belisars kurzem
Roemerschwert und drei Schritte seitwaerts fiel der Speer harmlos nieder.

"Heil Belisarius! Heil," schrieen die Byzantiner ermutigt und drangen auf
die Goten ein.

"Ein guter Hieb," lachte Hildebad grimmig. "Lass sehen, ob dir deine
Fechtkunst auch gegen den hilft." Und sich bueckend hob er aus dem
Ackerfeld einen alten zackigen Grenzstein, schwang ihn mit zwei Armen erst
langsam hin und her, hob ihn dann ueber den Kopf mit beiden Haenden und
schleuderte ihn mit aller Kraft auf den heransprengenden Helden -: ein
Schrei des Gefolges: - ruecklings stuerzte Belisar vom Pferd. -

Da war es aus.

"Belisarius tot! wehe! Alles verloren, wehe!" schrieen sie, als die
hochragende Gestalt verschwunden, und jagten besinnungslos nach dem Lager
zu. Einzelne flohen unaufhaltsam bis an und in die Thore Roms.

Umsonst war's, dass sich die Lanzen- und Schildtraeger todesmutig den Goten
entgegenwarfen: sie konnten nur ihren Herrn, nicht die Schlacht mehr
retten.

Den ersten toedlichen Schwerthieb Hildebads, der herangestuermt war, fing
der treue Maxentius auf mit der eignen Brust. Aber hier sank auch ein
gotischer Reiter endlich vom Ross, der erst nach Hildebad Belisar erreicht
und sieben Leibwaechter erschlagen hatte, um bis zum Magister Militum
durchzudringen. Mit dreizehn Wunden fanden ihn die Seinen. Aber er blieb
am Leben. Und er war einer der wenigen, welche den ganzen Krieg
durchkaempften und ueberlebten -, Wisand, der Bandalarius.

Belisar, von Aigan und Valentinus, seinem Hippokomos (Rosswart), wieder auf
den Rotschecken gehoben und rasch von der Betaeubung erholt, erhob umsonst
den Feldherrnstab und Feldherrnruf: sie hoerten nicht mehr und wollten
nicht hoeren. Umsonst hieb er nach allen Seiten unter die Fluechtigen: er
wurde fortgerissen von ihren Wogen bis ans Lager.

Hier gelang es ihm noch einmal, an einem festen Thor, die nachdringenden
Goten aufzuhalten. "Die Ehre ist hin," sagte er unwillig, "lasst uns das
Leben wahren." Mit diesen Worten liess er die Lagerthore schliessen, ohne
Ruecksicht auf die grossen Massen der noch Ausgeschlossenen.

Ein Versuch des ungestuemen Hildebad, ohne weiteres einzudringen,
scheiterte an dem starken Eichenholz des Pfahlwerks, das dem Speerwurf und
den Schleudersteinen trotzte. Unmutig auf seinen Speer gelehnt kuehlte er
sich einen Augenblick von der Hitze.

Da bog Teja, der laengst, wie der Koenig und Totila, abgesessen, pruefend und
das Pfahlwerk messend, um die Ecke des Walls.

"Die verfluchte Holzburg," rief ihm Hildebad entgegen. "Da hilft nicht
Stein, nicht Eisen."

"Nein," sagte Teja, "aber Feuer!" Er stiess mit dem Fuss in einen
Aschenhaufen, der neben ihm lag. "Das sind die Wachtfeuer, samt dem
Reisig, von heute Nacht. Hier glimmen noch Gluten! Hierher, ihr Maenner,
steckt die Schwerter ein, entzuendet das Reisig! werft Feuer in das Lager!"

"Prachtjunge," jubelte Hildebad, "flugs, ihr Bursche, brennt sie aus, wie
den Fuchs aus dem Bau! der frische Nordwind hilft." Rasch waren die
Wachtfeuer wieder entfacht, Hunderte von Braenden flogen in das trockne
Sparrenwerk der Schanze. Und bald schlugen die Flammen lodernd gen Himmel.
Der dichte Qualm, vom Wind ins Lager getragen, schlug den Byzantinern ins
Gesicht und machte die Verteidigung der Waelle unmoeglich. Sie wichen in das
Innere des Lagers.

"Wer jetzt sterben duerfte!" seufzte Belisar. - "Raeumt das Lager! Hinaus
zur Porta decumana. In gut geschlossener Ordnung zu den Bruecken hinter
uns!"

Aber der Befehl, das Lager zu raeumen, zerriss das letzte Band der Zucht,
der Ordnung und des Mutes. Waehrend unter Tejas droehnenden Axthieben die
verkohlten Thorbalken niederkrachten und mitten durch Flammen und Qualm
der schwarze Held, wie ein Feuerdaemon, der erste, durch das praetorische
Thor ins Lager sprang, rissen die Fluechtenden alle Thore, auch die
seitwaerts aus dem Lager nach Rom zu fuehrten, die Portae prinzipales rechts
und links, auf einmal auf und stroemten in wirren Massen nach dem Fluss. Die
ersten erreichten noch sicher und unverfolgt die beiden Bruecken; sie
hatten grossen Vorsprung, bis Hildebad und Teja Belisar aus dem brennenden
Lager herausgedraengt.

Aber ploetzlich - neues Entsetzen! - schmetterten die gotischen
Reiterhoerner ganz nahe.

Witichis und Totila hatten sich, sowie sie das Lager genommen wussten,
sogleich wieder zu Pferd geworfen und fuehrten nun ihre Reiter von beiden
Seiten, links und rechts vom Lager her, den Fluechtenden in die Flanken.

Eben war Belisar aus dem decumanischen Lagerthor gesprengt und eilte nach
der einen Bruecke zu, als er von links und rechts die verderblichen
Reitermassen heransausen sah. Noch immer verlor der gewaltige Kriegsmann
die Fassung nicht. "Vorwaerts im Galopp an die Bruecken!" befahl er seinen
Saracenen, "deckt sie!" -

Es war zu spaet: ein dumpfer Krach, gleich darauf ein zweiter, - die beiden
schmalen Bruecken waren unter der Last der Fluechtenden eingebrochen und zu
Hunderten stuerzten die hunnischen Reiter und die illyrischen Lanzentraeger,
Justinians Stolz, in das sumpfige Gewaesser.

Ohne Bedenken spornte Belisar, an dem steilen Ufer angelangt, sein Pferd
in die schaeumende und blutig gefaerbte Flut. Schwimmend erreichte er das
andere Ufer. "Salomo, Dagisthaeos," sagte er, sowie er drueben gelandet, zu
seinen raschesten Praetorianern, "auf, nehmt hundert aus meinen
Reiterwachen und jagt was ihr koennt nach dem Engpass. Ueberreitet alle
Fluechtigen. Ihr muesst ihn vor den Goten erreichen, hoert ihr? _ihr muesst!_ Er
ist unser letzter Strohhalm."

Beide gehorchten, und sprengten blitzschnell davon.

Belisar sammelte, was er von den zerstreuten Massen erreichen konnte. Die
Goten waren wie die Byzantiner durch den Fluss eine Weile aufgehalten. Aber
ploetzlich rief Aigan: "Da sprengt Salomo zurueck!" "Herr," rief dieser
heranjagend: "alles ist verloren! Waffen blitzen im Engpass. Er ist schon
besetzt von den Goten."

Da, zum erstenmale an diesem Tage des Ungluecks, zuckte Belisar zusammen.
"Der Engpass verloren? - Dann entkommt kein Mann vom Heere meines Kaisers.
Dann fahrt wohl: Ruhm, Antonina und Leben. Komm, Aigan, zieh' das Schwert,
- lass mich nicht lebend fallen in Barbarenhand."

"Herr," sagte Aigan, "so hoert' ich euch nie reden."

"So war's auch noch nie. Lass uns absteigen und sterben." Und schon hob er
den rechten Fuss aus dem Buegel, vom Ross zu springen, da sprengte Dagisthaeos
heran -: "Getrost, mein Feldherr!" - "Nun?" - "Der Engpass ist unser -
roemische Waffen sind's, die wir dort sahen. Es ist Cethegus, der Praefekt!
Er hielt ihn geheim besetzt."

"Cethegus?" rief Belisar. "Ist's moeglich? Ist's gewiss?"

"Ja, mein Feldherr. Und seht, es war hoch an der Zeit." Das war es. Denn
eine Schar gotischer Reiter, von Koenig Witichis gesendet, den Fluechtenden
am Engpass vorauszukommen, hatte durch eine Furt den Fluss durchschritten,
den Reitern Belisars den Weg abgeschnitten und vor ihnen den
verhaengnisvollen Pass erreicht. Aber eben als sie dort einmuenden wollten,
brach Cethegus an der Spitze seiner Isaurier aus dem Versteck der Schlucht
hervor und warf die ueberraschten Goten nach kurzem Gefecht in die
Flucht. -

"Der erste Glanz des Sieges an diesem schwarzen Tag!" rief Belisar. "Auf,
nach dem Engpass!" Und mit besserer Ordnung und Ruhe fuehrte der Feldherr
seine gesammelten Scharen an die Waldhuegel.

"Willkommen in Sicherheit, Belisarius," rief ihm Cethegus zu, seine
Schwertklinge saeubernd. "Ich warte hier auf dich seit Tagesanbruch. Ich
wusste wohl, dass du mir kommen wuerdest."

"Praefekt von Rom," sprach Belisar, ihm vom Pferd herunter die Hand
reichend: "du hast des Kaisers Heer gerettet, das ich verloren hatte: ich
danke dir."

Die frischen Truppen des Praefekten hielten, eine undurchdringliche Mauer,
den Pass besetzt, die zerstreut heranfluechtenden Byzantiner durchlassend
und Angriffe der ersten ermuedeten Verfolger, die ueber den Fluss gedrungen,
- sie hatten einen vollen Tag des Kampfes hinter sich - in der guenstigen
Stellung ohne Muehe abwehrend.

Vor Einbruch der Dunkelheit nahm Koenig Witichis seine Scharen zurueck, auf
dem Schlachtfeld ihres Sieges zu uebernachten, waehrend Belisar mit seinen
Feldherren einstweilen im Ruecken des Passes, so gut es gehen wollte, die
aufgeloesten Heeresmassen, wie sie zerstreut und vereinzelt eintrafen,
ordneten. Als Belisar wieder einige tausend Mann beisammen hatte, ritt er
zu Cethegus heran und sprach: "Was meinst du, Praefekt von Rom? Deine
Truppen sind noch frisch. Und die Unsern muessen ihre Scharte auswetzen.
Lass uns hervorbrechen nocheinmal - die Sonne geht noch nicht gleich unter
- und das Los des Tages wenden."

Mit Staunen sah ihn Cethegus an und sprach die Worte Homers: "Wahrlich,
ein schreckliches Wort, du Gewaltiger, hast du gesprochen. Unersaettlicher!
So schwer ertraegst du's, ohne Sieg aus einer Schlacht zu gehn? Nein,
Belisarius! dort winken die Zinnen Roms: dahin fuehre deine todesmatten
Voelker. Ich halte diesen Pass, bis ihr die Stadt erreicht. Und froh will
ich sein, wenn mir das gelingt."

Und so war's geschehn. Belisar vermochte unter den dermaligen Umstaenden
weniger als je den Praefekten gegen dessen Willen zu bewegen. So gab er
nach und fuehrte sein Heer nach Rom zurueck, das er mit dem Einbruch der
Nacht erreichte.

Lange wollte man ihn nicht einlassen. Den von Staub und Blut Bedeckten
erkannte man nur schwer. Auch hatten Versprengte die Nachricht aus der
Schlacht in die Stadt getragen, der Feldherr sei gefallen und alles
verloren. Endlich erkannte ihn Antonina, die aengstlich auf den Waellen
seiner harrte. Durch das pincianische Thor liess man ihn ein; es hiess
seitdem Porta belisaria.

Feuerzeichen auf den Waellen zwischen dem flaminischen und dem
pincianischen Thor verkuendeten die Erreichung Roms dem Praefekten, der nun,
in guter Ordnung und von den ermuedeten Siegern kaum verfolgt, im Schutze
der Nacht seinen Rueckzug bewerkstelligte.

Nur Teja draengte nach mit einigen seiner Reiter bis an das Huegelland, wo
heute Villa Borghese liegt, und bis zur Aqua Acetosa.




                             Achtes Kapitel.


Am Tage darauf erschien das ganze zahlreiche Heer der Goten vor der ewigen
Stadt, die es in sieben Lagern umschloss.

Und nun begann jene denkwuerdige Belagerung, die nicht minder das
Feldherrntalent und die Erfindungsgabe Belisars als den Mut der Belagerer
entfalten sollte.

Mit Schrecken hatten die Buerger Roms von ihren Mauern herab mit angesehen,
wie die Scharen der Goten nicht enden wollten. "Sieh hin, o Praefekt, sie
ueberfluegeln alle deine Mauern." - "Ja! in die Breite! lass sehen, ob sie
sie in der Hoehe ueberfluegeln. Ohne Fluegel kommen sie nicht herueber."

Nur zwei Tausendschaften hatte Witichis in Ravenna zurueckgelassen, acht
hatte er unter den Grafen Uligis von Urbssalvia und Ansa von Asculum nach
Dalmatien entsendet, diese Provinz und Liburnien den Byzantinern zu
entreissen und zumal das wichtige Salona wieder zu gewinnen; durch Soeldner,
in Savien geworben, sollten sie sich verstaerken.

Auch die gotische Flotte sollte - gegen Tejas Rat! - dort, nicht gegen den
Hafen von Rom, Portus, wirken.

Den Umkreis der Stadt Rom aber, und ihre weit hinausgestreckten Waelle, die
Mauern Aurelians und des Praefekten, umguertete nun der Koenig mit
einhundertundfuenfzig Tausendschaften.

Rom hatte damals fuenfzehn Hauptthore und einige kleinere.

Von diesen umschlossen die Goten den schwaecheren Teil der Umwallung, den
Raum, der von dem flaminischen Thor im Norden (oestlich von der jetzigen
Porta del Popolo) bis zum praenestinischen Thor reicht, vollstaendig mit
sechs Heerlagern; naemlich die Waelle vom flaminischen Thor gegen Osten bis
ans pincianische und salarische, dann bis an das nomentanische Thor
(suedoestlich von Porta pia), ferner bis gegen das "geschlossene Thor", die
Porta clausa, endlich suedlich von da das tiburtinische Thor (heute Porta
San Lorenzo) und das asinarische, metronische, latinische (an der Via
latina), das appische (an der Via appia) und das Sankt Pauls-Thor, das
zunaechst dem Tiberufer lag. Alle diese sechs Lager waren auf dem linken
Ufer des Flusses.

Um aber zu verhueten, dass die Belagerten durch Zerstoerung der milvischen
Bruecke den Angreifern den Uebergang ueber den Fluss und das ganze Gebiet auf
dem rechten Tiberufer bis an die See abschnitten, schlugen die Goten ein
siebentes Lager auf dem rechten Tiberufer: "auf dem Felde Neros," vom
vatikanischen Huegel bis gegen die milvische Bruecke hin (unter dem "Monte
Mario"). So war die milvische Bruecke durch ein Gotenlager gedeckt und die
Bruecke Hadrians bedroht, sowie der Weg nach der Stadt durch die "Porta
Sancti Petri", wie man damals schon, nach Prokops Bericht, das innere Thor
Aurelians nannte. Es war das naechste an dem Grabmal Hadrians. Aber auch
das Thor von Sankt Pankratius rechts des Tibers war von den Goten scharf
beobachtet.

Dies Lager auf dem neronischen Feld, auf dem rechten Tiberufer, zwischen
dem pankratischen und dem Petrus-Thor, ueberwies Witichis dem Grafen Markja
von Mediolanum, der aus den Cottischen Alpen und der Beobachtung der
Franken zurueckgerufen worden war. Aber der Koenig selbst weilte oft hier,
das Grabmal Hadrians mit scharfen Blicken pruefend.

Er hatte kein einzelnes Lager uebernommen, sich die Gesamtleitung
vorbehaltend, vielmehr die sechs uebrigen an Hildebrand, Totila, Hildebad,
Teja, Guntharis und Grippa verteilt. Jedes der sieben Lager liess der Koenig
mit einem tiefen Graben umziehn, die dadurch ausgehobne Erde zu einem
hohen Wall zwischen Graben und Lager aufhaeufen und diesen mit Pfahlwerk
verstaerken, - sich gegen Ausfaelle zu sichern.

Aber auch Belisar und Cethegus verteilten ihre Feldherren und Mannschaften
nach den Thoren und Regionen Roms. Belisar uebertrug das praenestinische
Thor im Osten der Stadt (heute Porta maggiore) Bessas, das stark bedrohte
flaminische, dem ein gotisches Lager, das Totilas, in gefaehrlicher Naehe
lag, Constantinus, der es durch Marmorquadern, aus roemischen Tempeln und
Palaesten gebrochen, fast ganz zubauen liess.

Belisar selbst schlug sein Standlager auf im Norden der Stadt. Dieser war
unter den ihm von Cethegus eingeraeumten Teilen der Festung Rom der
schwaechste.

Den Westen und Sueden hielt eifersuechtig, unentfernbar und unentbehrlich,
der Praefekt.

Aber hier im Norden war Belisar Herr: zwischen dem flaminischen und dem
pincianischen - oder nun "belisarischen" - Thor, dem schwaechsten Teil der
Umwallung, liess er sich nieder, zugleich Ausfaelle gegen die Barbaren
planend. Die uebrigen Thore ueberwies er den Fuehrern des Fussvolks Peranius,
Magnus, Ennes, Artabanes, Azarethas und Chilbudius.

Der Praefekt hatte uebernommen alle Thore auf dem rechten Tiberufer, die
neue Porta aurelia an der aelischen Bruecke bei dem Grabmal Hadrians, die
Porta septimiana, das alte aurelische Thor, das nun das pankratische hiess,
und die Porta portuensis: auf dem linken Ufer aber noch das Thor Sankt
Pauls. Erst das naechste Thor weiter oestlich, das ardeatinische, stand
unter byzantinischer Besatzung: Chilbudius befehligte hier.

Gleich unermuedlich und gleich erfinderisch erwiesen sich die Belagerer und
die Belagerten in Plaenen des Angriffs und der Verteidigung. Lange Zeit
handelte es sich nur um Massregeln, welche die Bedraengung der Roemer ohne
Sturm, vor dem Sturm, bezweckten und andrerseits, sie abwehren sollten.

Die Goten, Herren und Meister der Campagna, suchten die Belagerten
auszudursten: sie schnitten alle die prachtvollen vierzehn Wasserleitungen
ab, welche die Stadt speisten. Belisar liess vor allem, als er dies
wahrnahm, die Muendungen innerhalb der Stadt verschuetten und vermauern.
"Denn," hatte ihm Prokop gesagt, "nachdem du, o grosser Held Belisarius,
durch eine solche Wasserrinne nach Neapolis hineingekrochen bist, koennte
es den Barbaren einfallen, - und kaum schimpflich scheinen, - auf dem
gleichen Heldenpfad sich nach Rom hinein zu krabbeln."

Den Genuss des geliebten Bades mussten die Belagerten entbehren: kaum
reichten die Brunnen in den vom Fluss entlegenen Stadtteilen fuer das
Trinkwasser aus.

Durch das Abschneiden des Wassers hatten aber die Barbaren den Roemern auch
das Brot abgeschnitten. - Wenigstens schien es so. Denn die saemtlichen
Wassermuehlen Roms versagten nun. Das aufgespeicherte Getreide, das
Cethegus aus Sicilien gekauft, das Belisar aus der Umgegend Roms
zwangsweise hatte in die Stadt schaffen lassen, trotz des Murrens der
Paechter und Colonen, dieses Getreide konnte nicht mehr gemahlen werden.

"Lasst die Muehlen durch Esel und Rinder drehen!" rief Belisar. "Die meisten
Esel waren klug genug und die Rinder, ach Belisarius," sprach Prokop,
"sich nicht mit uns hier einsperren zu lassen. Wir haben nur soviel, als
wir brauchen, sie zu schlachten. Sie koennen unmoeglich erst Muehlen drehen
und dann noch Fleisch genug haben, das gemahlene Brot selbst zu belegen."

"So rufe mir Martinus. Ich habe gestern an dem Tiber, die Gotenzelte
zaehlend, zugleich einen Gedanken gehabt ... -"

"Den Martinus wieder aus dem Belisarischen in das Moegliche uebersetzen muss.
Armer Mann! Aber ich gehe, ihn zu holen."

Als aber am Abend des gleichen Tages Belisar und Martinus durch
zusammengelegte Boote im Tiber die erste Schiffsmuehle herstellten, welche
die Welt kannte, da sprach bewundernd Prokopius: "Das Brot der
Schiffsmuehle wird laenger die Menschen erfreu'n, als deine groessten Thaten.
Dies so gemahlene Mehl schmeckt nach - Unsterblichkeit." Und wirklich
ersetzten die von Belisar erdachten, von Martinus ausgefuehrten
Schiffsmuehlen den Belagerten waehrend der ganzen Dauer der Einschliessung
die gelaehmten Wassermuehlen.

Hinter der Bruecke naemlich, die jetzt Ponte San Sisto heisst, auf der
Senkung des Janiculus, befestigte Belisar zwei Schiffe mit Seilen und
legte Muehlen ueber deren flaches Deck, so dass die Muehlenraeder durch den
Fluss, der aus dem Brueckenbogen mit verstaerkter Gewalt hervorstroemte, von
selbst getrieben wurden.

Eifrig trachteten alsbald die Belagerer, diese Vorrichtungen, die ihnen
Ueberlaeufer schilderten, zu zerstoeren. Balken, Holzfloesse, Baeume warfen sie
oberhalb der Bruecke von dem von ihnen beherrschten Teil aus in den Fluss
und zertruemmerten so in Einer Nacht wirklich alle Muehlen. Aber Belisar
liess sie wieder herstellen und nun oberhalb der Bruecke starke Ketten
gerade ueber den Fluss ziehen und so auffangen, was, die Muehlen bedrohend,
herabtrieb.

Nicht nur seine Muehlen sollten diese eisernen Stromriegel decken: sie
sollten auch verhindern, dass die Goten auf Kaehnen und Floessen den Fluss
herab und, ohne die Bruecke, in die Stadt draengen.

Denn Witichis traf nun alle Vorbereitungen zum Sturm.

Er liess hoelzerne Tuerme bauen, hoeher als die Zinnen der Stadtmauer, die auf
vier Raedern von Rindern gezogen werden sollten. Dann liess er Sturmleitern
in grosser Zahl beschaffen und vier furchtbare Widder oder Mauerbrecher,
die je eine halbe Hundertschaft schob und bediente. Mit unzaehligen Buendeln
von Reisig und Schilf sollten die tiefen Graeben ausgefuellt werden.

Dagegen pflanzten Belisar und Cethegus, jener im Norden und Osten, dieser
im Westen und Sueden die Verteidigung der Stadt ueberwachend, Ballisten und
Wurfbogen auf die Waelle, die auf grosse Entfernung balkenaehnliche
Speergeschosse schleuderten mit solcher Kraft, dass sie einen gepanzerten
Mann voellig durchbohrten. Die Thore schuetzten sie durch "Woelfe", d. h.
Querbalken, mit eisernen Stacheln besetzt, die man auf die Angreifer
niederschmettern liess, wann sie dicht bis an das Thor gelangt waren. Und
endlich streuten sie zahlreiche Fussangeln und Stachelkugeln auf den
Vorraum zwischen den Graeben der Stadt und dem Lager der Barbaren.




                             Neuntes Kapitel.


Trotz alledem, sagten die Roemer, haetten laengst die Goten die Mauern
erstiegen, waere nicht des Praefekten Egeria gewesen.

Denn es war merkwuerdig: so oft die Barbaren einen Sturm vorbereiteten -:
Cethegus ging zu Belisar und warnte und bezeichnete im voraus den Tag. So
oft Teja oder Hildebad in kuehnem Handstreich ein Thor zu ueberrumpeln, eine
Schanze wegzunehmen gedachten: - Cethegus sagte es vorher, und die
Angreifer stiessen auf das Zweifache der gewoehnlichen Besatzung der Punkte.
So oft in naechtigem Ueberfall die Kette des Tibers gesprengt werden sollte:
- Cethegus schien es geahnt zu haben und schickte den Schiffen der Feinde
Brander und Feuerkaehne entgegen.

So ging es viele Monate hin. Die Goten konnten sich nicht verhehlen, dass
sie, trotz unablaessiger Angriffe, seit Anfang der Belagerung keinerlei
Fortschritte gemacht.

Lange trugen sie diese Unfaelle, die Entdeckung und Vereitelung all ihrer
Plaene, mit ungebeugtem Mut. Aber allmaehlich bemaechtigte sich nicht bloss
der grossen Masse Verdrossenheit, insbesondere da Mangel an Lebensmitteln
fuehlbar zu werden begann, - auch des Koenigs klarer Sinn wurde von trueber
Schwermut verduestert, als er all' seine Kraft, all' seine Ausdauer, all'
seine Kriegskunst wie von einem boesen Daemon vereitelt sah. Und kam er von
einem fehlgeschlagenen Unternehmen, von einem verunglueckten Sturm, matt
und gebeugt, in sein Koenigszelt, so ruhten die stolzen Augen seiner
schweigsamen Koenigin mit einem ihm unverstaendlichen, aber grauenvoll
unheimlichen Ausdruck auf ihm, dass er sich schaudernd abwandte.

"Es ist nicht anders," sagte er finster zu Teja, "es ist gekommen, wie ich
vorausgesagt. Mit Rauthgundis ist mein Glueck von mir gewichen, wie die
Freudigkeit meiner Seele. Es ist, als laege ein Fluch auf meiner Krone. Und
diese Amalungentochter wandelt um mich her, schweigend und finster, wie
mein lebendiges Unglueck."

"Du koenntest Recht haben," sprach Teja. "Vielleicht loes' ich diesen
Zauberbann. Gieb mir Urlaub fuer heut' Nacht."

Am selben Tage, fast in derselben Stunde, forderte drinnen in Rom
Johannes, der Blutige, von Belisar Urlaub fuer diese Nacht. Belisar schlug
es ab. "Jetzt ist nicht Zeit zu naechtlichen Vergnuegen," sagte er.

"Wird kein gross Vergnuegen sein, in der Nacht zwischen alten feuchten
Mauern und gotischen Lanzen einem Fuchs nachspueren, der zehnmal schlauer
ist als wir beide."

"Was hast du vor?" fragte Belisar, aufmerksam werdend.

"Was ich vorhabe? Ein Ende zu machen der verfluchten Stellung, in der wir
alle, in der du, o Feldherr, nicht zum mindesten stehst. Es ist schon
alles ganz recht. Seit Monaten liegen die Barbaren vor diesen Mauern und
haben nichts dabei gewonnen. Wir erschiessen sie wie Knaben die Dohlen vom
Hinterhalt und koennen ihrer lachen. Aber wer ist es eigentlich, der all
dies vollbringt? Nicht, wie es sein sollte, du, des Kaisers Feldherr, noch
des Kaisers Heer: sondern dieser eisige Roemer, der nur lachen kann, wenn
er hoehnt. Der sitzt da oben im Kapitol und verlacht den Kaiser und die
Goten und uns und, mit Verlaub zu sagen, dich selber am meisten. Woher
weiss dieser Odysseus und Ajax in Einer Person alle Gotenplaene so scharf,
als saesse er mit im Rat des Koenigs Witichis? Durch sein Daemonium, sagen die
einen. Durch seine Egeria, sagen die andern. Er hat einen Raben, der hoeren
und sprechen kann wie Menschen, meinen wieder andere: den schickt er alle
Nacht ins Gotenlager. Das moegen die alten Weiber glauben und die Roemer,
nicht meiner Mutter Sohn. Ich glaube, den Raben zu kennen und das
Daemonium. Gewiss ist, er kann die Kunde nur aus dem Gotenlager selbst
holen; lass uns doch sehen, ob wir nicht selbst an seiner Statt aus dieser
Quelle schoepfen koennen."

"Ich habe das laengst bedacht, aber ich sah kein Mittel."

"Ich habe von meinen Hunnen alle seine Schritte belauern lassen. Es ist
verdammt schwer: denn dieser braune Maurenteufel folgt ihm wie ein
Schatte. Aber tagelang ist Syphax fern: - und dann gelingt es eher. Nun,
ich habe erspaeht, dass Cethegus so manche Nacht die Stadt verliess, bald aus
der Porta portuensis, rechts vom Tiber, bald aus der Porta Sankt Pauls,
links vom Tiber im Sueden, die er beide besetzt haelt. Weiter wagten ihm die
Spaeher nicht zu folgen. Ich aber denke heute Nacht - denn heute muss es
wieder treffen, - ihm so nicht von den Fersen zu weichen. Doch muss ich ihn
_vor_ dem Thore erwarten: seine Isaurier liessen mich nicht durch; ich
werde bei einer Runde vor den Mauern in einem der Graeben zurueckbleiben."

"Gut. Es sind aber, wie du sagst, zwei Thore zu beobachten." - "Deshalb
hab' ich mir Perseus, meinen Bruder, zum Genossen erkoren; er huetet das
paulinische, ich das portuensische Thor; verlass dich drauf - bis morgen
vor Sonnenaufgang kennt einer von uns das Daemonium des Praefekten." - Und
wirklich: einer von ihnen sollte es kennen lernen.

Gerade gegenueber dem Sankt Pauls-Thor, etwa drei Pfeilschuesse von den
aeussersten Graeben der Stadt, lag ein maechtiges altertuemliches Gebaeude, die
Basilika Sancti Pauli extra muros, die Paulskapelle vor den Mauern, deren
letzte Reste erst zur Zeit der Belagerung Roms durch den Connetable von
Bourbon voellig verschwanden. Urspruenglich ein Tempel des Jupiter Stator
war der Bau seit zwei Jahrhunderten dem Apostel geweiht worden: aber noch
stand die bronzene Kolossalstatue des baertigen Gottes aufrecht: man hatte
ihm nur den flammenden Donnerkeil aus der Rechten genommen und dafuer ein
Kreuz hineingeschoben: im uebrigen passte die breite und baertige Gestalt gut
zu ihrem neuen Namen.

Es war um die sechste Stunde der Nacht. Der Mond stand glanzvoll ueber der
ewigen Stadt und goss sein silbernes Licht ueber die Mauerzinnen und ueber
die Ebene, zwischen den roemischen Schanzen und der Basilika, deren
schwarze Schatten nach dem Gotenlager hin fielen.

Eben hatte die Wache am Sankt Pauls-Thor gewechselt.

Aber es waren sieben Mann hinausgeschritten und nur sechs kamen herein.
Der siebente wandte der Pforte den Ruecken und schritt heraus ins freie
Feld.

Vorsichtig waehlte er seinen Weg: vorsichtig vermied er die zahlreichen
Fussangeln, Wolfsgruben, Selbstschuesse vergifteter Pfeile, die hier ueberall
umhergestreut waren und manchem Goten bei den Angriffen auf die Stadt
Verderben gebracht hatten. Der Mann schien sie alle zu kennen und wich
ihnen leicht aus. Aber er vermied auch das Mondlicht sorgfaeltig, den
Schatten der Mauervorspruenge suchend und oft von Baum zu Baum springend.

Als er aus dem aeussersten Graben auftauchte, sah er sich um und blieb im
Schatten einer Cypresse stehen, deren Zweige die Ballistengeschosse
zerschmettert hatten. Er entdeckte nichts Lebendes weit und breit: und er
eilte nun mit raschen Schritten der Kirche zu.

Haette er nochmal umgeblickt, er haette es wohl nicht gethan.

Denn, sowie er den Baum verliess, tauchte aus dem Graben eine zweite
Gestalt hervor, die in drei Spruengen ihrerseits den Schatten der Cypresse
erreicht hatte. "Gewonnen, Johannes! du stolzer Bruder, diesmal war das
Glueck dem juengeren Bruder hold. Jetzt ist Cethegus mein und sein
Geheimnis." Und vorsichtig folgte er dem rasch Voranschreitenden.

Aber ploetzlich war dieser vor seinen Augen verschwunden, als habe ihn die
Erde verschlungen. Es war hart an der aeussern Mauer der Kirche, die doch
dem Armenier, als er sie erreicht, keine Thuer oder Oeffnung zeigte.

"Kein Zweifel," sagte der Lauscher, "das Stelldichein ist drinnen im
Tempel: ich muss nach."

Allein an dieser Stelle war die Mauer unuebersteiglich.

Tastend und suchend bog der Spaeher um die Ecke derselben. Umsonst, die
Mauer war ueberall gleich hoch. - Im Suchen verstrich ihm fast eine
Viertelstunde.

Endlich fand er eine Luecke in dem Gestein: muehsam zwaengte er sich
hindurch. Und er stand nun im Vorhofe des alten Tempels, in dem die dicken
dorischen Saeulen breite Schatten warfen, in deren Schutz er von der
rechten Seite her bis an das Hauptgebaeude gelangte.

Er spaehte durch einen Riss des Gemaeuers, den ihm die Zugluft verraten
hatte. Drinnen war alles finster. Aber ploetzlich wurde sein Auge von einem
grellen Lichtstrahl geblendet. Als er es wieder aufschlug, sah er einen
hellen Streifen in der Dunkelheit: - er ruehrte von einer Blendlaterne her,
deren Licht sich ploetzlich gezeigt hatte.

Deutlich erkannte er, was in dem Bereich der Laterne stand, den Traeger
derselben aber nicht: wohl dagegen Cethegus den Praefekten, der hart vor
der Statue des Apostels stand und sich an diese zu lehnen schien: vor ihm
stand eine zweite Gestalt: ein schlankes Weib, auf dessen dunkelrotes Haar
schimmernd das Licht der Laterne fiel.

"Die schoene Gotenkoenigin, bei Eros und Anteros!" dachte der Lauscher:
"kein schlechtes Stelldichein, sei's nun Liebe, sei's Politik! Horch, sie
spricht. Leider kam ich zu spaet, auch den Anfang der Unterredung zu
hoeren."

"Also: merk' es dir wohl! uebermorgen auf der Strasse vor dem Thor von Tibur
wird etwas gefaehrliches geplant." - "Gut: aber was?" frug des Praefekten
Stimme. - "Genaueres konnte ich nicht erkunden: und ich kann es dir auch
nicht mehr mitteilen, wenn ich es noch erfahre. Ich wage nicht mehr, dich
hier wieder zu sehen: denn" ... - Sie sprach nun leiser.

Perseus drueckte das Ohr hart an die Spalte: da klirrte seine
Schwertscheide an das Gestein und nun traf ihn ein Strahl des Lichts.

"Horch!" rief eine dritte Stimme - es war eine Frauenstimme, die der
Traegerin der Laterne, die sich jetzt in dem Strahl ihres eigenen
Blendlichts gezeigt hatte, da sie sich rasch gegen die Richtung des
Schalles gekehrt hatte. Perseus erkannte eine Sklavin in maurischer
Tracht.

Einen Augenblick schwieg alles in dem Tempel. Perseus hielt den Atem an.
Er fuehlte, es galt das Leben. Denn Cethegus griff ans Schwert.

"Alles still," sagte die Sklavin. "Es fiel wohl nur ein Stein auf den
Erzbeschlag draussen."

"Auch in das Grab vor dem portuensischen Thor geh' ich nicht mehr. Ich
fuerchte, man ist uns gefolgt." - "Wer?" - "Einer, der niemals schlaeft, wie
es scheint: Graf Teja." Des Praefekten Lippe zuckte.

"Und er ist auch bei einem raetselhaften Eidbund gegen Belisars Leben: der
blosse Scheinangriff gilt dem Sankt Pauls-Thor." "Gut!" sagte Cethegus
nachdenklich. "Belisar wuerde nicht entrinnen, wenn nicht gewarnt. Sie
liegen irgendwo, - aber ich weiss nicht, wo - fuercht' ich, im Hinterhalt,
mit Uebermacht, Graf Totila fuehrt sie."

"Ich will ihn schon warnen!" sagte Cethegus langsam.

"Wenn es gelaenge ..!" - "Sorge nicht, Koenigin! Mir liegt an Rom nicht
weniger denn dir. Und wenn der naechste Sturm fehlschlaegt, - so muessen sie
die Belagerung aufgeben, so zaehe sie sind. Und das, Koenigin, ist dein
Verdienst. Lass mich in dieser Nacht - vielleicht der letzten, da wir uns
treffen, - dir mein ganzes staunendes Herz enthuellen. Cethegus staunt
nicht leicht und nicht leicht gesteht er's, wenn er staunen muss. Aber dich
- bewundere ich, Koenigin. Mit welch' totverachtender Kuehnheit, mit welch'
daemonischer List hast du alle Plaene der Barbaren vereitelt! Wahrlich: viel
that Belisar, - mehr that Cethegus, - das meiste: Mataswintha."

"Spraechst du wahr!" sagte Mataswintha mit funkelnden Augen. "Und wenn die
Krone diesem Frevler vom Haupte faellt ... - -"

"War es _deine_ Hand, deren sich das Schicksal Roms bedient hat. Aber,
Koenigin, nicht damit kannst du enden! Wie ich dich erkannte, in diesen
Monaten - darfst du nicht als gefangene Gotenkoenigin nach Byzanz. Diese
Schoenheit, dieser Geist, diese Kraft muss herrschen - nicht dienen, in
Byzanz. Darum bedenke, wenn er nun gestuerzt ist - dein Tyrann, - willst du
nicht dann den Weg gehn, den ich dir gezeigt?"

"Ich habe noch nie ueber seinen Fall hinaus gedacht," sagte sie duester.

"Aber ich - fuer dich! Wahrlich, Mataswintha," - und sein Auge ruhte mit
Bewunderung auf ihr, - "du bist - wunderschoen. Ich rechn' es mir zum
groessten Stolz, dass selbst du mich nicht in Liebe entzuendet und von meinen
Plaenen abgebracht hast. Aber du bist zu schoen, zu koestlich, nur der Rache
und dem Hass zu leben. Wenn unser Ziel erreicht, - dann nach Byzanz!

Als mehr denn Kaiserin: - als Ueberwinderin der Kaiserin!"

"Wenn mein Ziel erreicht, ist mein Leben vollendet. Glaubst du, ich
ertruege den Gedanken, aus eitel Herrschsucht mein Volk zu verderben, um
kluger Zwecke willen? Nein: ich konnt' es nur, weil ich musste. Die Rache
ist jetzt meine Liebe und mein Leben und" ... - -

Da scholl von der Fronte des Gebaeudes her, aber noch innerhalb der Mauer,
laut und schrillend der Ruf des Kaeuzchens, einmal - zweimal rasch nach
einander.

Wie staunte Perseus, als er den Praefekten eilig an die Kehle der Bildsaeule
druecken sah, an der er lehnte, und wie sich diese geraeuschlos in zwei
Haelften auseinander schlug. Cethegus schluepfte in die Oeffnung: die Statue
klappte wieder zusammen. Mataswintha aber und Aspa sanken wie betend auf
die Stufen des Altars.

"Also war's ein Zeichen! Es droht Gefahr:" dachte der Spaeher; "aber wo ist
die Gefahr? und wo der Warner?" Und er wandte sich, trat vor und sah nach
links, nach der Seite der Goten.

Allein damit trat er in den Bereich des Mondlichts: und in den Blick des
Mauren Syphax, der vor der Eingangsthuer des Hauptgebaeudes in einer leeren
Nische Schildwache stand, und bisher scharf nach der linken, der
gotischen, Seite hin, gespaeht hatte.

Von dort, von links her, schritt langsam ein Mann heran. Seine Streitaxt
blitzte im Mondlicht.

Aber auch Perseus sah jetzt eine Waffe aufblitzen: es war der Maure, der
leise sein Schwert aus der Scheide zog.

"Ha," lachte Perseus, "bis die beiden mit einander fertig sind, bin ich in
Rom, mit meinem Geheimnis."

Und in raschen Spruengen eilte er nach der Mauerluecke des Vorhofs, durch
die er eingedrungen. Zweifelnd blickte Syphax einen Augenblick nach rechts
und nach links. Zur Rechten sah er entweichen einen Lauscher, den er jetzt
erst ganz entdeckte. Zur Linken schritt ein gotischer Krieger herein in
den Tempelhof. Er konnte nicht hoffen, beide zu erreichen und zu toeten.

Da ploetzlich schrie er laut: "Teja, Graf Teja! Hilfe! zu Hilfe! Ein Roemer!
rettet die Koenigin! dort rechts an der Mauer, ein Roemer!"

Im Fluge war Teja heran, bei Syphax. "Dort! rief dieser: "ich schuetze die
Frauen in der Kirche!" Und er eilte in den Tempel.

"Steh, Roemer!" rief Teja, und sprang dem fliehenden Perseus nach.

Aber Perseus stand nicht: er lief an die Mauer: er erreichte die Luecke,
durch welche er hereingekommen war: doch er konnte sich in der Eile nicht
wieder hindurchzwaengen: so schwang er sich mit der Kraft der Verzweiflung
auf die Mauerkrone: und schon hob er den Fuss, sich jenseits hinabzulassen:
da traf ihn Tejas Axt im Wurf ans Haupt und ruecklings stuerzte er nieder,
samt seinem erlauschten Geheimnis. -

Teja beugte sich ueber ihn: deutlich erkannte er die Zuege des Toten. "Der
Archon Perseus," sagte er, "der Bruder des Johannes." Und sofort schritt
er die Stufen hinan, die zur Kirche fuehrten. An der Schwelle trat ihm
Mataswintha entgegen, hinter ihr Syphax und Aspa mit der Blendlaterne.
Einen Moment massen sich beide schweigend mit misstrauischen Blicken.

"Ich habe dir zu danken, Graf Teja von Tarentum," sagte endlich die
Fuerstin. "Ich war bedroht in meiner einsamen Andacht."

"Seltsam waehlst _du_ Ort und Stunde fuer deine Gebete. Lass sehen, ob dieser
Roemer der einzige Feind war."

Er nahm aus Aspas Hand die Leuchte und ging in das Innere der Kapelle.
Nach einer Weile kam er wieder, einen mit Gold eingelegten Lederschuh in
der Hand. "Ich fand nichts als - diese Sandale am Altar, dicht vor dem
Apostel. Es ist ein Mannesfuss."

"Eine Votivgabe von mir," sagte Syphax rasch. Der Apostel heilte meinen
Fuss, ich hatte mir einen Dorn eingetreten."

"Ich dachte, du verehrst nur den Schlangengott?" - "Ich verehre, was da
hilft." - "In welchem Fusse stak der Dorn." Syphax schwankte einen
Augenblick. "Im rechten," sagte er dann, rasch entschlossen.

"Schade," sprach Teja, "die Sandale ist auf den linken geschnitten." Und
er steckte sie in den Guertel. "Ich warne dich, Koenigin, vor solcher
naechtlichen Andacht."

"Ich werde thun, was meine Pflicht," sagte Mataswintha herb.

"Und ich, was meine." Mit diesen Worten schritt Teja voran, zurueck zum
Lager: schweigend folgte die Koenigin und ihre Sklaven.

                              --------------

Vor Sonnenaufgang stand Teja vor Witichis und berichtete ihm alles.

"Was du sagst, ist kein Beweis," sagte der Koenig. - "Aber schwerer
Verdacht. Und du sagtest selbst, die Koenigin sei dir unheimlich."

"Gerade deshalb huet' ich mich, nach blossem Verdacht zu handeln. Ich
zweifle manchmal, ob wir an ihr nicht Unrecht gethan. Fast so schwer, wie
an Rauthgundis." - "Wohl, aber diese naechtlichen Gaenge?" - "Werd' ich
verhindern. Schon um ihretwillen."

"Und der Maure? Ich trau' ihm nicht. Ich weiss, dass er tagelang abwesend:
dann taucht er wieder auf im Lager. Er ist ein Spaeher."

"Ja, Freund," laechelte Witichis. "Aber der meine. Er geht mit meinem
Wissen in Rom aus und ein. Er ist es, der mir noch alle Gelegenheiten
verraten."

"Und noch keine hat genuetzt! Und die falsche Sandale?"

"Ist wirklich ein Votivopfer. Aber fuer Diebstahl; er hat mir, noch ehe du
kamst, alles gebeichtet. Er hat, bei der Begleitung der Koenigin sich
langweilend, in einem Gewoelbe der Kirche herumgestoebert und da unten
allerlei Priestergewaender und vergrabnen Schmuck gefunden und behalten.
Aber spaeter, den Zorn des Apostels fuerchtend, wollt' er ihn
beschwichtigen, und opferte, in seinem Heidensinn, diese Goldsandale aus
seiner Beute. Er beschrieb sie mir ganz genau: mit goldnen Seitenstreifen
und einem Achatknopf, oben mit einem _C_ -. Du siehst, es trifft alles zu.
Er kannte sie also: sie kann nicht von einem Fluechtenden verloren sein.
Und er versprach, als Beweis die dazu gehoerige Sandale des rechten Fusses
zu bringen. Aber vor allem: er hat mir einen neuen Plan verraten, der all'
unsrer Not ein Ende machen und Belisarius selbst in unsre Haende liefern
soll."




                             Zehntes Kapitel.


Waehrend der Gotenkoenig diesen Plan seinem Freunde mitteilte, stand
Cethegus, in fruehester Stunde nach dem belisarischen Thor beschieden, vor
Belisar und Johannes.

"Praefekt von Rom," herrschte ihn der Feldherr beim Eintreten an, "wo warst
du heute Nacht?"

"Auf meinem Posten. Wohin ich gehoere. Am Thor Sankt Pauls."

"Weisst du, dass in dieser Nacht einer der besten meiner Anfuehrer, Perseus
der Archon, des Johannes Bruder, die Stadt verlassen hat und seitdem
verschwunden ist?"

"Thut mir leid. Aber du weisst: es ist verboten, ohne Erlaubnis die Mauer
zu ueberschreiten."

"Ich habe aber Grund zu glauben," fuhr Johannes auf, "dass du recht gut
weisst, was aus meinem Bruder geworden, dass sein Blut an deinen Haenden
klebt." "Und beim Schlummer Justinians!" brauste Belisar auf, "das sollst
du buessen. Nicht laenger sollst du herrschen ueber des Kaisers Heer und
Feldherrn. Die Stunde der Abrechnung ist gekommen. Die Barbaren sind so
gut wie vernichtet. Und lass sehn, ob nicht mit deinem Haupt auch das
Kapitol faellt."

"Steht es so?" dachte Cethegus, "jetzt sieh dich vor, Belisarius." Doch er
schwieg.

"Rede!" rief Johannes. "Wo hast du meinen Bruder ermordet?" Ehe Cethegus
antworten konnte, trat Artasines, ein persischer Leibwaechter Belisars,
herein. "Herr," sagte er, "draussen stehn sechs gotische Krieger. Sie
bringen die Leiche Perseus, des Archonten. Koenig Witichis laesst dir sagen:
er sei heut' Nacht vor den Mauern durch Graf Tejas Beil gefallen. Er
sendet ihn zur ehrenden Bestattung."

"Der Himmel selbst," sprach Cethegus stolz hinausschreitend, "straft eure
Bosheit Luegen." Aber langsam und nachdenklich ging der Praefekt ueber den
Quirinal und das Forum Trajans nach seinem Wohnhaus. "Du drohst,
Belisarius? Dank' fuer den Wink! Lass sehn, ob wir dich nicht entbehren
koennen."

                              --------------

In seiner Wohnung fand er Syphax, der ihn ungeduldig erwartet hatte und
ihm raschen Bericht ablegte. "Vor allem, Herr," schloss er nun, "lass also
deinen Sandalenbinder peitschen. Du siehst, wie schlecht du bedient bist,
ist Syphax fern: - und gieb mir guetigst deinen rechten Schuh."

"Ich sollte dir ihn nicht geben und dich zappeln lassen fuer dein freches
Luegen," lachte der Praefekt. "Dieses Stueck Leder ist jetzt dein Leben wert,
mein Panther. Womit willst du's loesen?"

"Mit wichtiger Kunde. Ich weiss nun alles ganz genau von dem Plan gegen
Belisars Leben: Ort und Zeit: und die Namen der Eidbrueder. Es sind: Teja,
Totila und Hildebad."

"Jeder allein genug fuer den Magister Militum," murmelte Cethegus
vergnueglich.

"Ich denke, o Herr, du hast den Barbaren wohl wieder eine schoene Falle
gestellt! Ich habe ihnen, auf deinen Befehl, entdeckt, dass Belisar selbst
morgen zum tiburtinischen Thor hinausziehen will, um Vorraete
aufzutreiben."

"Ja, er selbst geht mit, weil sich die oft aufgefangnen Hunnen nicht mehr
allein hinauswagen; er fuehrt nur vierhundert Mann."

"Es werden nun die drei Eidbrueder am Grab der Fulvier einen Hinterhalt von
tausend Mann gegen Belisar legen. "Das verdient wirklich den Schuh!" sagte
Cethegus und warf ihm denselben zu.

"Koenig Witichis wird indessen nur einen Scheinangriff machen lassen auf
das Thor Sankt Pauls, die Gedanken der Unsern von Belisar abzulenken. Ich
eile nun also zu Belisar, ihm zu sagen, wie du mir aufgetragen, dass er
drei Tausend mit sich nimmt und jene gegen ihn Verschwornen vernichtet."

"Halt!" sagte Cethegus ruhig, "nicht so eilfertig! Du meldest nichts."

"Wie?" fragte Syphax erstaunt. "Ungewarnt ist er verloren!" -

"Man muss dem Schutzgeist des Feldherrn nicht schon wieder, nicht immer,
ins Amt greifen. Belisar mag morgen seinen Stern erproben."

"Ei," sagte Syphax mit pfiffigem Laecheln, "solches gefaellt dir? Dann bin
ich lieber Syphax, der Sklave, als Belisarius, der Magister Militum. Arme
Witwe Antonina!"

Cethegus wollte sich auf das Lager strecken, da meldete Fidus, der
Ostiarius: "Kallistratos von Korinth."

"Immer willkommen."

Der junge Grieche mit dem sanften Antlitz trat ein.

Ein Hauch anmutiger Roete von Scham oder Freude faerbte seine Wangen: es war
ersichtlich, dass ihn ein besonderer Anlass herfuehrte.

"Was bringst du des Schoenen noch ausser dir selbst?" so fragte Cethegus in
griechischer Sprache.

Der Juengling schlug die leuchtenden Augen auf: "Ein Herz voll Bewunderung
fuer dich: und den Wunsch, dir diese zu bewaehren. Ich bitte um die Gunst,
wie die beiden Licinier und Piso, fuer dich und Rom fechten zu duerfen."

"Mein Kallistratos! was kuemmern dich, unsern Friedensgast, den
liebenswuerdigsten der Hellenen, unsre blutigen Haendel mit den Barbaren?
Bleibe du von diesem schweren Ernst und pflege deines heitern Erbes: der
Schoenheit."

"Ich weiss es wohl, die Tage von Salamis sind ferne wie ein Mythos: und ihr
eisernen Roemer habt uns niemals Kraft zugetraut. Das ist hart - aber doch
leichter zu tragen, weil ihr es seid, die unsre Welt, die Kunst und edle
Sitte verteidigt gegen die dumpfen Barbaren. Ihr, das heisst Rom und Rom
heisst mir Cethegus. So fass ich diesen Kampf und so gefasst, siehst du, so
geht er wohl auch den Hellenen an."

Erfreut laechelte der Praefekt. "Nun, wenn dir Rom Cethegus ist, so nimmt
Rom gern die Hilfe des Hellenen an: du bist fortan Tribun der Milites
Romani wie Licinius."

"In Thaten will ich dir danken! Aber eins noch muss ich dir gestehn - denn
ich weiss: du liebst nicht ueberrascht zu sein. Oft hab' ich gesehen, wie
teuer dir das Grabmal Hadrians und seine Zier von Goetterstatuen ist.
Neulich hab' ich diese marmornen Waechter gezaehlt und
zweihundertachtundneunzig gefunden. Da macht' ich denn das dritte Hundert
voll und habe meine beiden Letoiden, die du so hoch gelobt, den Apollon
und die Artemis, dort aufgestellt, dir und Rom zu einem Weihgeschenk."

"Junger lieber Verschwender," sprach Cethegus, "was hast du da gethan!"

"Das Gute und Schoene," antwortete Kallistratos einfach.

"Aber bedenke - das Grabmal ist jetzt eine Schanze: -

"Wenn die Goten stuermen -" - "Die Letoiden stehen auf der zweiten, der
innern Mauer. Und soll ich fuerchten, dass je Barbaren wieder den
Lieblingsplatz des Cethegus erreichen? Wo sind die schoenen Goetter sichrer
als in deiner Burg? Deine Schanze ist mir ihr bester, weil ihr sicherster
Tempel. Mein Weihgeschenk sei zugleich ein gluecklich Omen."

"Das soll es sein," rief Cethegus lebhaft, "und ich glaube selber: dein
Geschenk ist gut geborgen. Aber gestatte mir dagegen" -

"Du hast mir schon dafuer erlaubt, fuer dich zu kaempfen. Chaire!" lachte der
Grieche und war hinaus.

"Der Knabe hat mich sehr lieb," sagte Cethegus, ihm nachsehend. "Und mir
geht's wie andern Menschenthoren: - mir thut das wohl. Und nicht bloss,
weil ich ihn dadurch beherrsche."

Da hallten feste Schritte auf dem Marmor des Vestibulums und ein Tribun
der Milites ward gemeldet.

Es war ein junger Krieger mit edeln, aber ueber seine Jahre hinaus ernsten
Zuegen. In echt roemischem Schnitt setzten die Wangenknochen, fast im
rechten Winkel, an die gerade strenge Stirn: in dem tief eingelassenen
Auge lag roemische Kraft und - in dieser Stunde - entschlossener Ernst und
ruecksichtsloser Wille.

"Siehe da, Severinus, des Boethius Sohn, willkommen mein junger Held und
Philosoph. Viele Monate habe ich dich nicht gesehen - woher kommst du?"

"Vom Grabe meiner Mutter," sagte Severinus mit festem Blick auf den
Frager.

Cethegus sprang auf. "Wie? Rusticiana? meine Jugendfreundin! meines
Boethius Weib!"

"Sie ist tot," sagte der Sohn kurz. Der Praefekt wollte seine Hand fassen.
Severinus entzog sie.

"Mein Sohn, mein armer Severinus! Und starb sie - ohne ein Wort fuer mich?"

"Ich bringe dir ihr letztes Wort - es galt dir!"

"Wie starb sie? an welchem Leiden?" - "An Schmerz und Reue." - "Schmerz -"
seufzte Cethegus, "das begreif' ich. Aber was sollte sie bereuen! Und mir
galt ihr letztes Wort! - sag' an, wie lautet es?"

Da trat Severinus hart an den Praefekten, dass er sein Knie beruehrte und
blickte ihm bohrend ins Auge. "Fluch, Fluch ueber Cethegus, der meine Seele
vergiftet und mein Kind."

Ruhig sah ihn Cethegus an. "Starb sie im Irrsinn?" fragte er kalt.

"Nein, Moerder: sie lebte im Irrsinn, solang sie dir vertraute. In ihrer
Todesstunde hat sie Cassiodor und mir gestanden, dass ihre Hand dem jungen
Tyrannen das Gift gereicht, das du gebraut. Sie erzaehlte uns den Hergang.
Der alte Corbulo und seine Tochter Daphnidion stuetzten sie. "Spaet erst
erfuhr ich," schloss sie, "dass mein Kind aus dem toedlichen Becher
getrunken. Und niemand war da, Kamilla in den Arm zu fallen, als sie
trinken wollte. Denn ich war noch im Boot auf dem Meere und Cethegus noch
in dem Platanengang." Da rief der alte Corbulo erbleichend: "Wie? der
Praefekt wusste, dass der Becher Gift enthielt?" - "Gewiss," antwortete meine
Mutter. "Als ich ihn im Garten traf, sagt' ich es ihm: "es ist
geschehen."" Corbulo verstummte vor Entsetzen: aber Daphnidion schrie in
wildem Schmerz: "Weh! meine arme Domna! so hat er sie ermordet! Denn er
stand dabei, dicht neben mir, und sah zu, wie sie trank." - "Er sah zu,
wie sie trank?" fragte meine Mutter mit einem Tone, der ewig durch mein
Leben gellen wird.

"Er sah zu, wie sie trank!" wiederholten der Freigelassene und sein Kind.
"O so sei den untern Daemonen sein verfluchtes Haupt geweiht! Rache, Gott,
in der Hoelle, Rache, meine Soehne, auf Erden fuer Kamilla! Fluch ueber
Cethegus!" Und sie fiel zurueck und war tot."

Der Praefekt blieb unerschuettert stehen. Nur griff er leise an den Dolch
unter den Brustfalten der Tunika. "Du aber" - fragte er nach einer Pause -
"was thatest du?"

"Ich aber kniete nieder an der Leiche und kuesste ihre kalte Hand und schwor
ihr's zu, ihr Sterbewort zu vollenden. Wehe dir, Praefekt von Rom:
Giftmischer, Moerder meiner Schwester - du sollst nicht leben."

"Sohn des Boethius, willst du zum Moerder werden um die Wahnworte eines
laeppischen Sklaven und seiner Dirne? Wuerdig des Helden und des
Philosophen!"

"Nichts von Mord. Waere ich ein Germane, nach dem Brauche dieser Barbaren:
- er duenkt mir heute sehr vortrefflich! - rief' ich dich zum Zweikampf, du
verhasster Feind. Ich aber bin ein Roemer und suche meine Rache auf dem Wege
des Rechts. Huete dich, Praefekt, noch giebt es Richter in Italien. Lange
Monate hielt mich der Krieg, der Feind von diesen Mauern ab. - Erst heute
habe ich Rom, von der See her, erreicht: und morgen erheb' ich die Klage
bei den Senatoren, die deine Richter sind - dort finden wir uns wieder."

Cethegus vertrat ihm ploetzlich den Weg an die Thuere.

Aber Severinus rief: "Gemach, man sieht sich vor bei Moerdern. Drei Freunde
haben mich an dein Haus begleitet: - Sie werden mich mit den Liktoren
suchen, komm' ich nicht wieder, noch in dieser Stunde."

"Ich wollte dich nur," sagte Cethegus wieder ganz ruhig, "vor dem Wege der
Schande warnen. Willst du den aeltesten Freund deines Hauses um der
Fieberreden einer Sterbenden willen mit unbeweisbarer Mordklage verfolgen,
- thu's: ich kann's nicht hindern. Aber noch einen Auftrag zuvor: du bist
mein Anklaeger geworden: aber du bleibst Soldat: und mein Tribun. Du wirst
gehorchen, wenn dein Feldherr befiehlt."

"Ich werde gehorchen."

"Morgen steht ein Ausfall Belisars bevor: und ein Sturm der Barbaren. Ich
muss die Stadt beschirmen. Doch ahnt mir Gefahr fuer den loewenkuehnen Mann: -
ich muss ihn treu gehuetet wissen. Du wirst morgen, - ich befehl' es, - den
Feldherrn begleiten und sein Leben decken."

"Mit meinem eignen."

"Gut, Tribun, ich verlasse mich auf dein Wort."

"Bau' du auf meines: auf Wiedersehn: nach der Schlacht: vor dem Senat.
Nach beiden Kaempfen luestet mich gleich sehr. Auf Wiedersehn: - - vor dem
Senat."

"Auf Nimmerwiedersehn," sprach Cethegus, als sein Schritt verhallte.
"Syphax," rief er laut, "bringe Wein und das Hauptmahl. Wir muessen uns
staerken: - auf morgen."




                             Elftes Kapitel.


Frueh am andern Morgen wogte sowohl in Rom als in dem Lager der Goten
geschaeftige Bewegung.

Mataswintha und Syphax hatten zwar einiges entdeckt und gemeldet: - - aber
nicht alles. Sie hatten von dem Geluebde der drei Maenner gegen Belisar
erfahren und den frueheren Plan eines blossen Scheinangriffs gegen das Sankt
Pauls-Thor, um von dem Gedanken an Belisars Geschick abzulenken. Aber
nicht hatten sie erfahren, dass der Koenig, in Aenderung jenes Planes eines
blossen Scheinangriffs, fuer diesen Tag der Abwesenheit des grossen Feldherrn
einen in tiefstes Geheimnis gehuellten Beschluss gefasst hatte: es sollte ein
letzter Versuch gemacht werden, ob nicht gotisches Heldentum doch dem
Genius Belisars und den Mauern des Praefekten ueberlegen sei. Man hatte sich
im Kriegsrat des Koenigs nicht ueber die Wichtigkeit des Unternehmens
getaeuscht: wenn es wie alle frueheren, vereinzelten Angriffe -
achtundsechzig Schlachten, Ausfaelle, Stuerme und Gefechte hatte Prokop
waehrend der Belagerung bis dahin aufgezaehlt - scheiterte, so war von dem
ermuedeten, stark gelichteten Heer keine weitere Anstrengung mehr zu
erwarten. Deshalb hatte man sich auf Tejas Rat eidlich verpflichtet, ueber
den Plan gegen jedermann ohne Ausnahme zu schweigen.

Daher hatte auch Mataswintha nichts vom Koenig erfahren, und selbst ihres
Mauren Spuernase konnte nur wittern, dass auf jenen Tag etwas Grosses
geruestet werde; - die gotischen Krieger wussten selbst nicht was.

Totila, Hildebad und Teja waren schon um Mitternacht mit ihren Reitern
geraeuschlos aufgebrochen und hatten sich suedlich von der valerischen
Strasse bei dem Grabmal der Fulvier, an dem in einer Huegelfalte Belisar
vorbeikommen musste, in Hinterhalt gelegt: sie hofften, mit ihrer Aufgabe
bald genug fertig zu sein, um noch wesentlich an den Dingen bei Rom
teilnehmen zu koennen.

Waehrend der Koenig mit Hildebrand, Guntharis und Markja die Scharen
innerhalb der Lager ordnete, zog um Sonnenaufgang Belisar, von einem Teil
seiner Leibwaechter umgeben, zum tiburtinischen Thor hinaus. Prokop und
Severinus ritten ihm zur Rechten und Linken: Aigan, der Massagete, trug
sein Banner, das bei allen Gelegenheiten den Magister Militum zu begleiten
hatte. Constantinus, dem er an seiner Statt die Sorge fuer den
"belisarischen Teil" von Rom uebertragen, besetzte alle Posten laengs der
Mauern doppelt, und liess die Truppen hart an den Waellen unter den Waffen
bleiben. Er uebersandte den gleichen Befehl dem Praefekten fuer die
Byzantiner, die dieser fuehrte.

Der Bote traf ihn auf den Waellen zwischen dem paulinischen und dem
appischen Thor. "Belisar meint also:" hoehnte Cethegus, waehrend er
gehorchte, "mein Rom ist nicht sicher, wenn er es nicht behuetet: ich aber
meine: Er ist nicht sicher, wenn ihn mein Rom nicht beschirmt. Komm,
Lucius Licinius," fluesterte er diesem zu, "wir muessen an den Fall denken,
dass Belisar einmal nicht wiederkehrt von seinen Heldenfahrten: dann muss
ein andrer sein Heer mit fester Hand ergreifen."

"Ich kenne die Hand."

"Vielleicht giebt es alsdann einen kurzen Kampf mit seinen in Rom
belassenen Leibwaechtern: in den Thermen des Diokletian oder am
tiburtinischen Thore. Sie muessen dort in ihrem Lager erdrueckt sein, ehe
sie sich recht besinnen. Nimm dreitausend meiner Isaurier und verteile
sie, ohne Aufsehen, rings um die Thermen her: auch besetze mir vor allem
das tiburtinische Thor." - "Von wo aber soll ich sie fortziehen?" - "Von
dem Grabmal Hadrians," sagte Cethegus nach einigem Besinnen. "Und die
Goten, Feldherr?" - "Bah! das Grabmal ist fest, es schuetzt sich selbst.
Erst muessen vom Sueden her die Stuermenden ueber den Fluss: und dann diese
eisglatten Waende von parischem Marmor hinan, meine und des Korinthers
Freude. Und zudem," laechelte er, "sieh' nur hinauf: da oben steht ein Heer
von marmornen Goettern und Heroen: sie moegen selber ihren Tempel schirmen
gegen die Barbaren. Siehst du, - ich sagte es ja - es geht nur hier gegen
das Sankt Pauls-Thor," schloss er, auf das Lager der Goten deutend, aus
welchem eben eine starke Abteilung in dieser Richtung aufbrach.

Licinius gehorchte und fuehrte alsbald dreitausend Isaurier, etwa die
Haelfte der Deckung, ab: von dem Grabmal ueber den Fluss und den Viminalis
hinab gegen die Thermen Diokletians. Belisars Armenier am tiburtinischen
Thor loeste er dann auch durch dreihundert Isaurier und Legionare ab.

Cethegus aber wandte sich nach dem salarischen Thor, wo jetzt Constantinus
als Vertreter Belisars hielt. "Ich muss ihn aus dem Wege haben," dachte er,
"wenn die Nachricht eintrifft." - "Sobald du die Barbaren zurueckgeworfen,"
sprach er ihn an, "wirst du doch wohl einen Ausfall machen muessen? Welche
Gelegenheit, Lorbeern zu sammeln, waehrend der Feldherr fern ist!" -
"Jawohl," rief Constantinus, "sie sollen's erfahren, dass wir sie auch ohne
Belisarius schlagen koennen."

"Ihr muesst aber ruhiger zielen," sagte Cethegus, einem persischen Schuetzen
den Bogen abnehmend. "Seht den Goten dort, den Fuehrer zu Pferd! Er soll
fallen." Cethegus schoss; der Gote fiel vom Ross, durch den Hals geschossen.
"Und meine Wallbogen, - ihr braucht sie schlecht! Seht ihr dort die Eiche?
ein Tausendfuehrer der Goten steht davor, gepanzert. Gebt acht!" Und er
richtete den Wallbogen, zielte und schoss: durchbohrt war der gepanzerte
Gote an den Baum genagelt.

Da sprengte ein saracenischer Reiter heran: "Archon," redete er
Constantinus an, "Bessas laesst dich bitten, Verstaerkungen an das Vivarium,
das praenestinische Thor: die Goten ruecken an."

Zweifelnd sah Constantinus auf Cethegus. "Possen:" sagte dieser, "der
einzige Angriff droht an meinem Thore von Sankt Paul: und das ist gut
gehuetet: ich weiss es gewiss: lass Bessas sagen: er fuerchte sich zu frueh.
Uebrigens, im Vivarium habe ich noch sechs Loewen, zehn Tiger und zwoelf
Baeren fuer mein naechstes Cirkusfest! Lasst sie einstweilen los auf die
Barbaren! Es ist auch ein Schauspiel fuer die Roemer dann!"

Aber schon eilte ein Leibwaechter den Mons Pincius herab: "Zu Hilfe, Herr,
zu Hilfe! Constantinus, dein eignes, das flaminische Thor! Unzaehlige
Barbaren! Ursicinus bittet um Hilfe!"

"Auch dort?" fragte sich Cethegus unglaeubig.

"Hilfe an die gebrochene Mauer! zwischen dem flaminischen und dem
pincianischen Thor!" rief ein zweiter Bote des Ursicinus.

"Diese Strecke braucht ihr nicht zu decken! Ihr wisst, sie steht unter
Sankt Peters besonderem Schutz: das reicht!" sprach beruhigend
Constantinus. Cethegus laechelte: "Ja, heute gewiss: denn sie wird gar nicht
angegriffen."

Da jagte Marcus Licinius atemlos heran. "Praefekt, rasch aufs Kapitol, von
wo ich eben komme. Alle sieben Lager der Feinde speien Barbaren zugleich
aus allen Lagerpforten: es droht ein allgemeiner Sturm gegen alle Thore
Roms."

"Schwerlich!" laechelte Cethegus. "Aber ich will hinauf. Du aber, Marcus
Licinius, stehst mir ein fuer das tiburtiner Thor. Mein muss es sein, nicht
Belisars! Fort mit dir! Fuehre deine zweihundert Legionare dorthin!"

Er stieg zu Pferd und ritt zunaechst gegen das Kapitol zu, um den Fuss des
Viminal. Hier traf er auf Lucius Licinius und seine Isaurier. "Feldherr,"
sprach ihn dieser an, "es wird Ernst da draussen. Sehr Ernst! Was ist's mit
den Isauriern? Bleibt es bei deinem Befehl?"

"Habe ich ihn zurueckgenommen?" sagte Cethegus streng. "Lucius, du folgst
mir und ihr andern Tribunen. Ihr Isaurier rueckt unter eurem Haeuptling
Asgares zwischen die Thermen des Diokletian und das tiburtiner Thor."

Er glaubte an keine Gefahr fuer Rom. Meinte er doch zu wissen, was allein
in diesem Augenblick die Goten wirklich beschaeftigte. "Dieser Schein eines
allgemeinen Angriffs soll," dachte er, "die Byzantiner nur abhalten, ihres
bedrohten Feldherrn vor den Thoren zu gedenken."

Bald hatte er einen Turm des Kapitols erreicht, von welchem er die ganze
Ebene ueberschauen konnte. Sie war erfuellt von gotischen Waffen. Es war ein
herrliches Schauspiel. Aus allen Lagerthoren wogte die ganze Streitmacht
des gotischen Heeres heran, die ganze Ausdehnung der Stadt umguertend. Der
Angriff sollte offenbar gegen alle Thore zugleich unternommen werden und
war nach Einem Gedanken entworfen.

Voran in dem ganzen, zu drei Vierteln geschlossenen Kreise schritten
Bogenschuetzen und Schleuderer, in leichten Plaenklerschwaermen, die Zinnen
und Brustwehren von Verteidigern zu saeubern. Darauf folgten Sturmboecke,
Widder, Mauerbrecher aus roemischen Arsenalen entnommen oder roemischen
Mustern, wiewohl oft ungeschlacht genug, nachgebildet, mit Pferden und
Rindern bespannt, bedient von Truppen, die, fast ohne Angriffswaffen, nur
mit breiten Schilden sich und die Bespannung gegen die Geschosse der
Belagerten decken sollten. Dicht hinter ihnen schritten die zum
eigentlichen Angriff bestimmten Krieger: in tiefen Gliedern, mit voller
Bewaffnung, zum Handgemeng mit Beilen und starken Messern geruestet, und
lange, schwere Sturmleitern schleppend. In grosser Ordnung und Ruhe rueckten
diese drei Angriffslinien ueberall gleichmaessigen Schrittes vor: die Sonne
glitzerte auf ihren Helmen: in gleichen Zwischenraeumen erschollen die
langgezognen Rufe der gotischen Hoerner.

"Sie haben etwas von uns gelernt," rief Cethegus in kriegerischer Freude.
Der Mann, der diese Reihen geordnet hat, versteht den Krieg." "Wer ist es
wohl?" fragte Kallistratos, der, in reicher Ruestung, neben Lucius Licinius
hielt. "Ohne Zweifel, Witichis, der Koenig," sagte Cethegus. - "Das haette
ich dem schlichten Mann mit den bescheidnen Zuegen nie zugetraut." - "Diese
Barbaren haben manches Unergruendliche."

Und vom Kapitol herab ritt er nun, ueber den Fluss, nach der Umwallung am
pankratischen Thor, wo der naechste Angriff zu drohen schien, und bestieg
mit seinem Gefolge den dortigen Eckturm.

"Wer ist der Alte dort, mit dem wehenden Bart, der mit dem Steinbeil den
Seinen voranschreitet? Er sieht aus, als haette ihn der Blitz des Zeus
vergessen in der Gigantenschlacht," forschte der Grieche.

"Es ist der alte Waffenmeister Theoderichs; er rueckt gegen das
pankratische Thor," antwortete der Praefekt.

"Und wer ist der Reichgeruestete dort, auf dem Braunen, mit dem Wolfsrachen
auf dem Helm? Er zieht gegen die Portuensis." - "Das ist Herzog Guntharis,
der Woelsung," sprach Lucius Licinius. "Und sieh, auch drueben auf der
Ostseite der Stadt, ueberm Fluss, so weit man schauen kann, gegen alle
Thore, ruecken Sturmreihen der Barbaren," sagte Piso.

"Aber wo ist der Koenig selbst?" fragte Kallistratos.

"Siehe, dort in der Mitte ragt die gotische Hauptfahne: dort haelt er,
oberhalb des pankratischen Thors," erwiderte der Praefekt. "Er allein steht
regungslos mit seiner starken Schar, weit, um dreihundert Schritt zurueck,
hinter der Linie," sprach Salvius Julianus, der junge Jurist. "Sollte er
nicht mit kaempfen?" meinte Massurius. "Waere gegen seine Weise. Aber lass
uns vom Turm aus den Wall hinab: das Gefecht beginnt," schloss Cethegus.
"Hildebrand hat den Graben erreicht." - "Dort stehen meine Byzantiner,
unter Gregor. Die Gotenschuetzen zielen gut. Die Zinnen am pankratischen
Thor werden leer. Auf, Massurius, schicke meine abasgischen Jaeger und von
den roemischen Legionaren die besten Pfeilschuetzen dorthin: sie sollen auf
die Rinder und Rosse der Sturmboecke zielen."

Bald war der Kampf auf allen Seiten entbrannt: und mit Verdruss bemerkte
Cethegus, dass die Goten ueberall Fortschritte machten. Die Byzantiner
schienen ihren Feldherrn zu vermissen: sie schossen unsicher und wichen
von den Waellen, indes die Goten heute mit besonderer Todesverachtung
vordrangen. Schon hatten sie an mehreren Stellen den Graben ueberschritten
und Herzog Guntharis hatte sogar schon Leitern angelegt an den Waellen bei
dem portuensischen Thore, waehrend der alte Waffenmeister einen starken
Widderkopf herangeschleppt und denselben durch ein Schirmdach gegen die
Feuergeschosse von oben gesichert hatte. Bereits donnerten die ersten
Stoesse laut durch das Getuemmel des Kampfes gegen die Balken des
pankratischen Thors. Dieser wohlbekannte Ton erschuetterte den Praefekten,
der eben hier anlangte: "Offenbar," sagte er zu sich selbst, "machen sie
jetzt bittern Ernst, nachdem der Scheinversuch so gut gelungen."

Und wieder ein droehnender Stoss. Gregor, der Byzantiner, sah ihn fragend
an. "Das darf nicht lange waehren!" rief Cethegus zuernend, entriss dem
naechsten Schuetzen Bogen und Koecher und eilte auf den Mauerkranz an dem
Thore: "Hierher, ihr Schuetzen und Schleuderer! Mir nach!" rief er,
"schafft schwere Steine bei. Wo ist der naechste Ballist? Wo die
Skorpionen? das Schirmdach muss entzwei."

Unter dem Schirmdach aber standen gotische Schuetzen, die eifrig durch die
Schiessscharten nach den Zacken der Mauerzinnen lugten. "Es ist umsonst,
Haduswinth," schalt der junge Gunthamund, "zum drittenmal leg' ich
vergeblich an! es wagt ja keiner nur die Nase ueber die Brustwehr." -
"Geduld," sagte der Alte, "halte den Bogen nur gespannt! Es kommt schon
einer, den der Fuerwitz plagt. Auch mir leg' einen Bogen bereit. Nur
Geduld." - "Die hat man leichter mit deinen siebzig als mit meinen zwanzig
Jahren."

Inzwischen hatte Cethegus die Wallzinne hier erreicht: er warf einen Blick
in die Ebene: da sah er den Koenig, in der weiten Ferne, unbeweglich, im
Centrum stehen der gotischen Scharen, auf dem rechten Tiberufer. Das
stoerte und beunruhigte ihn. "Was hat er vor? Sollte er gelernt haben, dass
der Feldherr nicht fechten soll? Komm, Gajus," rief er dem jungen Schuetzen
zu, der ihm kuehn gefolgt war, "deine jungen Augen sehen scharf, blick' mit
mir ueber die Zinne hier - was treibt der Koenig dort?" Und er beugte sich
ueber die Brustwehr, Gajus folgte, eifrig spaehend, seinem Beispiel.

"Jetzt, Gunthamund!" rief Haduswinth unten. Zwei Sehnen klangen und die
beiden Spaeher fuhren zurueck.

Gajus stuerzte, in die Stirn geschossen, nieder: und unter des Praefekten
Helmdach zersplitterte klirrend ein Pfeil. Cethegus strich mit der Hand
ueber die Stirn.

"Du lebst, mein Feldherr?" rief Piso, heranspringend.

"Ja, Freund. Es war sehr gut gezielt. Aber die Goetter brauchen mich noch:
nur die Haut ist geritzt," sprach Cethegus und schob den Helm zurecht.




                            Zwoelftes Kapitel.


Da flog Syphax die Mauertreppe hinauf. Streng hatte ihm sein Herr
verboten, sich am Kampf zu beteiligen: "die Barbaren sollen dich mir nicht
toeten und auch dich nicht erkennen: - du bist unersetzlich als Sklave
Mataswinthens und Kundschafter des Koenigs Witichis," hatte Cethegus
gesagt.

"Wehe, wehe," schrie er so ueberlaut, dass es seinem Herrn auffiel, der des
Mauren kluge Ruhe kannte, "welch' ein Unglueck!" - "Was ist geschehen?" -
"Constantinus ist schwer verwundet. Er wollte einen Ausfall fuehren aus dem
salarischen Thor und stiess sogleich auf die gotischen Sturmreihen. Ein
Schleuderstein traf sein Gesicht. Mit Muehe rettete man ihn auf den Wall.
Dort fing ich den Sinkenden auf: - er ernannte den Praefekten zu seinem
Vertreter. Hier ist sein Feldherrnstab."

"Das ist nicht moeglich!" schrie Bessas, der auf Syphax' Ferse folgte. Er
hatte in Person selbst neue Verstaerkungen verlangen wollen und kam eben
recht, die Nachricht zu hoeren. "Oder er war schon sinnlos als er's that."

"Haette er dich bestellt, jedenfalls," sprach Cethegus, ruhig das Scepter
ergreifend und dem schlauen Sklaven mit einem raschen Wink des Auges
dankend. Mit einem wuetenden Blicke sprang Bessas von der Bruestung und
eilte davon. "Folg' ihm, Syphax, und beacht' ihn wohl," fluesterte der
Praefekt.

Da eilte ein isaurischer Soeldner herbei: "Verstaerkung, Praefekt, ans
portuensische Thor. Herzog Guntharis hat zahllose Leitern angelegt." Da
sprengte Cabao, der Fuehrer der maurischen berittnen Schuetzen heran:
"Constantinus ist tot. Vertritt du Constantinus."

"Belisar vertret' ich," sprach Cethegus stolz: "fuenfhundert Armenier
ziehet ab vom appischen und schickt sie ans portuensische Thor."

"Hilfe, Hilfe ans appische Thor! alle Verteidiger auf den Zinnen sind
erschossen!" meldete ein persischer Reiter, "die Vorschanze ist halb
verloren: vielleicht ist sie noch zu halten: aber schwer! Aber unmoeglich
waer's, sie wieder zu nehmen!"

Cethegus winkte seinem jungen Juriskonsulten, Salvius Julianus, jetzt
seinem Kriegstribun: "Auf, mein Jurist: "_beati possidentes_"! - Nimm
hundert Legionare und halte die Schanze um jeden Preis, bis weitere Hilfe
kommt." -

Und er sah von der Mauerkrone wieder hinab. Unter seinen Fuessen tobte das
Gefecht, donnerte der Mauerbrecher Hildebrands. Aber ihn kuemmerte mehr die
raetselhafte Ruhe, in welcher der Koenig im Hintergrund unbeweglich stand.
"Was hat er nur vor?"

Da droehnte von unten ein furchtbar krachender Stoss und lauter Siegesjubel
der Barbaren: Cethegus brauchte nicht zu fragen: in drei Spruengen war er
unten. -

"Das Thor ist eingestossen!" riefen ihm entsetzt die Seinigen entgegen.
"Ich weiss es: jetzt sind wir selbst der Riegel Roms." Und den Schild
fester andrueckend, trat er hart an den rechten Thorfluegel, in dem in der
That ein breiter Riss klaffte; und schon stiess der Widder an die
splitternden Platten neben der Oeffnung. "Noch ein solcher Stoss und das
Thor liegt ganz," sagte Gregor, der Byzantiner. "Richtig, deshalb darf es
nicht mehr dazu kommen. Her zu mir, Gregor und Lucius: stellt euch,
Milites! die Speere gefaellt! Fackeln und Braende! zum Ausfall! Winke ich,
so oeffnet das Thor und werft Widder und Schirmdach und alles in den
Graben."

"Du bist sehr kuehn, mein Feldherr!" rief Lucius Licinius, entzueckt neben
ihn springend.

"Ja, jetzt hat die Kuehnheit Vernunft, mein Freund!"

Schon war die Kolonne gestellt, schon wollte der Praefekt das Schwert zum
Zeichen des Angriffs erheben -: da erscholl vom Ruecken her ein Laerm,
groesser selbst als der der stuermenden Goten: Wehegeschrei und
Pferdegetrappel: - und Bessas draengte sich heran: er fasste den Arm des
Praefekten: - seine Stimme versagte.

"Was hemmst du mich in diesem Augenblick?" rief dieser und stiess ihn
zurueck. - "Belisars Truppen," stammelte entsetzt der Thraker, "stehen
schwer geschlagen vor dem tiburtinischen Thor: - sie flehen um Einlass: -
wuetende Goten hinter ihnen - Belisar ist in einen Hinterhalt gefallen: -
er ist tot."

"Belisar ist gefangen!" schrie ein Tuermer vom tiburtinischen Thor, atemlos
heraneilend. "Die Goten! die Goten sind da! sie stehn vor dem
nomentanischen und vor dem tiburtinischen Thor!" scholl's aus der Tiefe
der Strasse. "Belisars Fahne ist genommen! Prokop verteidigt seine Leiche!"
"Lass das tiburtinische Thor oeffnen, Praefekt!" draengte Bessas, "deine
Isaurier stehen ploetzlich dort. Wer hat sie dorthin geschickt?"

"Ich!" sagte Cethegus, ueberlegend.

"Sie woll'n nicht oeffnen ohne deinen Befehl! rette doch seine - Belisars!
- Leiche!"

Cethegus zauderte - er hielt das Schwert halb erhoben - er schwankte. "Die
_Leiche_," dachte er, "rett' ich gern." Da flog Syphax heran. "Nein! er
lebt noch!" rief er seinem Herrn ins Ohr, "ich hab ihn gesehen von der
Zinne: er regt sich noch: aber er ist gleich gefangen: die gotischen
Reiter brausen heran: - Totila, Teja, gleich sind sie bei ihm!"

"Gieb Befehl, lass das tiburtiner Thor oeffnen!" mahnte Bessas. Aber des
Praefekten Auge blitzte: sein Antlitz ueberflog jener Ausdruck stolzer,
kuehner Entschlossenheit, der es mit daemonischer Schoenheit verklaeren
konnte. Er schlug mit dem Schwert an den zertruemmerten Thorfluegel vor
sich: "Auf, zum Ausfall. Erst Rom: dann Belisar! Rom und Triumph!" Das
Thor flog auf.

Die stuermenden Goten, schon des Sieges sicher, haetten alles eher erwartet
als dies Wagnis der, wie sie waehnten, ganz verzagten Byzantiner. Sie waren
ohne Fechtordnung um das Thor herum zerstreut, wurden voellig ueberrascht
und durch den Anlauf der fest geschlossenen Reihe rasch in den hinter
ihnen klaffenden Graben geworfen.

Der alte Hildebrand wollte seinen Widder nicht lassen.

Sich hoch aufrichtend, zerschmetterte er Gregor, dem Byzantiner, mit
seinem Steinhammer den hochgeschweiften Helm und das Haupt. Aber
gleichzeitig fast stiess ihn selber Lucius Licinius mit dem Schildstachel
in den Graben. Cethegus zerhieb mit dem Schwert die Seile der Maschine,
die krachend auf den Alten stuerzte.

"Jetzt Feuer in die Holzmaschinen, die noch stehen," befahl Cethegus.
Rasch loderten deren Balken auf in Flammen. Sogleich kehrten die
siegreichen Roemer zurueck in die Waelle. Da rief Syphax dem Praefekten
entgegen: "Gewalt, Herr, Aufruhr und Empoerung! Die Byzantiner gehorchen
dir nicht mehr! Bessas rief sie auf, das tiburtinische Thor mit Gewalt zu
oeffnen. Seine Leibwaechter drohen, Marcus Licinius anzugreifen und deine
Legionare und Isaurier zu schlachten durch die Hunnen."

"Das buessen sie!" rief Cethegus grimmig. "Wehe Bessas! Ich will's ihm
gedenken! Auf, Lucius Licinius, nimm den halben Rest der Isaurier! Nein,
nimm sie alle! alle! du weisst wo sie stehn: fasse die Leibwaechter des
Thrakers von Porta Clausa her im Ruecken. Und stehn sie nicht ab, - so hau'
sie nieder, ohne Schonung. Hilf deinem Bruder! Ich folge gleich!"

Lucius Licinius zauderte. "Und das tiburtinische Thor?" - "Bleibt
geschlossen." - "Und Belisar?"

"Bleibt draussen." - "Teja und Totila sind schon heran." - "Desto weniger
kann man oeffnen. Erst Rom: dann alles andere. Gehorche, Tribun!"

Cethegus blieb noch, die Ausflickung des pankratischen Thores anzuordnen.
Das waehrte sehr geraume Zeit. "Wie ging es, Syphax?" fragte er leise.
"Lebt er wirklich?" - "Er lebt noch." - "Toelpel, diese Goten!"

Da kam ein Bote von Lucius. "Dein Tribun laesst melden: Bessas giebt nicht
nach: - schon ist das Blut deiner Legionare am tiburtiner Thor geflossen.
Und Asgares und deine Isaurier zoegern, einzuhauen. Sie zweifeln an deinem
Ernst." "Ich will ihnen meinen Ernst zeigen!" rief Cethegus, warf sich
aufs Pferd, verliess diesen Teil der Stadt, und jagte wie der Sturmwind
davon.

Weit war sein Weg: ueber die Tiberbruecke des Janiculum, am Kapitol vorbei,
ueber das Forum Romanum, durch die Sacra Via und den Bogen des Titus, die
Thermen des Titus rechts lassend, ueber den Esquilin hinaus, endlich durch
das esquilinische Thor an das tiburtinische Aussenthor: - ein Weg vom
aeussersten Westen an den aeussersten Osten der weitgestreckten Stadt.

Hier, hinter dem Thore, standen die Leibwaechter von Bessas und Belisar mit
gedoppelter Front. Die eine Schar schickte sich an, die Legionare und
Isaurier des Praefekten unter Marcus Licinius an der Thorwache zu
ueberwaeltigen und das Thor mit Gewalt zu oeffnen, waehrend die zweite Fronte
mit gefaellten Speeren der Masse der andern Isaurier gegenueberstand, die
Lucius vergeblich zum Angriff befehligte.

"Soeldner," rief Cethegus, das schnaubende Ross dicht vor deren Linie
anhaltend, "wem habt ihr geschworen: mir oder Belisar?" "Dir, Herr,"
sprach Asgares, ein Anfuehrer, vortretend, "aber ich dachte" - Da blitzte
das Schwert des Praefekten und toedlich getroffen stuerzte der Mann. "Zu
gehorchen habt ihr, eidbruechige Schurken, nicht zu denken!"

Entsetzt standen die Soeldner. Aber Cethegus befahl ruhig: "Die Speere
gefaellt! zum Angriff! mir nach!" Und die Isaurier gehorchten ihm und nun,
- ein Augenblick noch, und es begann in Rom selbst der Kampf.

Aber da erscholl von Westen, von der Richtung des aurelischen Thores, her
ein furchtbares, alles uebertaeubendes Geschrei: "Wehe, Wehe, alles
verloren! Die Goten ueber uns! Die Stadt ist genommen!"

Cethegus erbleichte und blickte zurueck. Da sprengte Kallistratos heran,
Blut floss ihm ueber Gesicht und Hals. "Cethegus," rief er, "es ist aus! Die
Barbaren sind in Rom! Die Mauer ist erstiegen." "Wo?" fragte der Praefekt
tonlos. "Am Grabmal Hadrians!" - "O mein Feldherr!" rief Lucius Licinius,
"ich habe dich gewarnt."

"Das war Witichis!" sagte Cethegus, die Augen zusammendrueckend.

"Woher weisst du das!" staunte Kallistratos. "Genug, ich weiss es." Es war
ein furchtbarer Augenblick fuer den Praefekten.

Er musste sich sagen, dass er, ruecksichtslos seinen Plan zum Verderben
Belisars verfolgend, eine Spanne Zeit Rom uebersehen hatte. Er biss die
Zaehne in die Unterlippe.

"Cethegus hat das Grabmal Hadrians entbloesst! Cethegus hat Rom ins
Verderben gestuerzt!" rief Bessas an der Spitze der Leibwaechter.

"Und Cethegus wird es retten!" rief dieser, sich hoch im Sattel
ausrichtend. "Mir nach, alle Isaurier und Legionare." "Und Belisar?"
fluesterte Syphax. - "Lasst ihn herein. Erst Rom: dann alles andre! Folgt
mir!" Und im Sturmflug sprengte er zurueck, des Weges, den er gekommen. Nur
wenige Berittene konnten ihm folgen: im Lauf eilte sein Fussvolk, Isaurier
und Legionare, nach.




                           Dreizehntes Kapitel.


Draussen vor dem tiburtinischen Thore ward es zu gleicher Zeit stiller. Ein
Bote hatte die gotischen Reiter von dem ueberfluessigen Gefechte abgerufen.
Sie sollten hier innehalten und alle verfuegbare Mannschaft um die Stadt
und ueber den Fluss eilig an das aurelische Thor senden, durch welches man
soeben in die Stadt gedrungen sei: dort brauche man alle Kraefte. Die
Reiter jagten, rechtsum schwenkend, nach jenem Thor, wo sich jetzt alles
zusammendraengte: aber ihr eigenes Fussvolk, stuermend an den
zwischenliegenden fuenf Thoren: der Porta clausa, nomentana, salaria,
pinciana und flaminia, versperrte ihnen den Weg so lange, dass sie zu der
Entscheidung zu spaet kamen, die am Grabmal des Hadrian gefallen war.

Wir erinnern uns der Lage dieses Lieblingsplatzes des Praefekten: dem
vatikanischen Huegel gegenueber, einen Steinwurf etwa vor dem aurelischen
Thor gelegen, mit diesem durch Seitenmauern verbunden und ueberall, ausser
im Sueden, wo der Fluss decken sollte, durch neue Waelle geschuetzt, ragte die
"_moles Hadriani_", ein gewaltiger runder Turm von festestem Bau. Eine Art
Hofraum umgab das eigentliche Gebaeude: vor der ersten, aeusseren
Deckungsmauer im Sueden floss der Tiber. Auf den Zinnen dieser Aussenmauer,
in dem Hofraum und auf den Zinnen der Innenmauer lagerten sonst die
Isaurier, die der Praefekt zu uebler Stunde hinweggezogen hatte, seinen Plan
gegen Belisar durchzusetzen. Auf den Zinnen der Innenmauer aber standen
die zahlreichen Statuen von Marmor und Erz, deren drittes Hundert das
Geschenk des Kallistratos vervollstaendigt hatte.

Der Koenig der Goten hatte sich fuer heute in der Mitte des grossen
Halbkreises, den die Barbaren auch um die Westseite, auf dem rechten
Tiberufer, um die Stadt gezogen, auf dem Felde Neros zwischen dem
pankratischen (alten aurelianischen) und dem (neuen) aurelianischen Thor,
wo sonst nur Graf Markja von Mediolanum lagerte, eine zurueckgenommene,
abwartende Stellung gewaehlt. Er baute seinen Plan darauf, dass der
allgemeine Sturm gegen alle Thore notwendig die Kraefte der Belagerten
werde zersplittern muessen: und sowie an irgend einem Punkt durch
Hinwegziehung der Verteidiger eine Bloesse entstehen wuerde, gedachte er, sie
sofort zu benuetzen.

In dieser Absicht hielt er unbeweglich im zweiten Treffen weit hinter den
Sturmkolonnen. Er hatte allen Anfuehrern Auftrag gegeben, ihn schleunig
herbeizurufen, wo sich eine Luecke der Verteidigung zeige.

Lange, lange hatte er so gewartet. Manches Wort der Ungeduld hatte er von
seinen Scharen zu tragen gehabt, die muessig stehen sollten, waehrend die
Genossen ueberall im frischen Vordringen waren: lange, lange harrten sie
auf einen Boten, der sie abriefe zur Teilnahme am Kampf.

Da bemerkte endlich des Koenigs scharfes Auge selbst zuerst, wie von den
Zinnen der Aussenmauer am Grabmal Hadrians die wohlbekannten Feldzeichen
und die dichten Speere der Isaurier verschwanden. Aufmerksam blickte er
hin: sie wurden nicht abgeloest, die Luecken nicht ersetzt. Da sprang er aus
dem Sattel, gab seinem Rosse einen Schlag mit der flachen Hand auf den
stolzen Bug, sprach: "Nach Hause, Boreas!" und das kluge Tier lief
geradeaus in das Lager zurueck. "Jetzt, vorwaerts meine Goten! vorwaerts,
Graf Markja!" rief der Koenig, "dort ueber den Fluss - die Mauerbrecher lasst
hier zurueck: nur die Schilde und die Sturmleitern nehmt mit. Und die
Beile. Voran!" Und im Lauf erreichte er den steilen Uferhang an der
suedlichen Biegung des Flusses und eilte den Huegel hinab.

"Keine Bruecke, Koenig, und keine Furt?" fragte ein Gote hinter ihm.

"Nein, Freund Iffamer, schwimmen!" und der Koenig sprang in die gelbe
schmutzige Flut, dass sie zischend hoch ueber seinem Helmbusch
zusammenschlug. In wenigen Minuten hatte er das andere Ufer erreicht, die
vordersten seiner Leute mit ihm. Bald standen sie hart vor der hohen
Aussenmauer des Grabmals und die Maenner blickten fragend, besorgt hinauf.
"Leitern her!" rief Witichis, "seht ihr nicht? Die Verteidiger fehlen ja!
Fuerchtet ihr euch vor hohen Steinen?" Rasch waren die Leitern angelegt,
rasch die Aussenwaelle erstiegen, die wenigen Wachen hinabgestuerzt, die
Leitern nachgezogen und an der Innenseite der Aussenmauer in den Hof
hinabgelassen.

Der Koenig war der erste in dem Hofraum.

Hier freilich wurde das Vordringen der Goten eine Weile gehemmt. Denn auf
den Zinnen der Innenmauer standen, vom pankratischen Thore hierher geeilt,
Quintus Piso und Kallistratos mit hundert Legionaren und nur ein Paar
Isauriern: und diese schleuderten einen dichten Hagel von Speeren und
Pfeilen auf die nur vereinzelt in den Hofraum hinabsteigenden Goten: auch
ihre Ballisten und Katapulten wirkten verheerend. "Schickt um Hilfe, um
Hilfe zu Cethegus!" rief oben auf der Mauer Piso. Und Kallistratos flog
davon.

Rechts und links fielen die Goten unten im Hof neben Witichis. "Was thun?"
fragte Markja an seiner Seite. "Warten, bis sie sich verschossen haben,"
sagte dieser ruhig. "Es kann nicht lange mehr waehren. Sie werfen und
schiessen viel zu hastig in ihrem Schrecken. Seht ihr: schon fliegen mehr
Steine denn Pfeile. Und die Speere bleiben aus." - "Aber die Ballisten,
die Katapulten -" - "Werden uns bald nicht mehr schaden. Ordnet euch zum
Sturm. Seht, der Hagel wird sehr spaerlich. So, nun die Leitern bereit und
die Beile. - Jetzt, rasch mir nach." Und in schnellem Anlauf rannten die
Goten ueber den Hof.

Nur wenige waren dabei gefallen. Und schon standen sie hart an der
zweiten, der inneren Mauer: und hundert Leitern waren angelegt. Jetzt aber
waren alle Ballisten und Katapulten Pisos nutzlos geworden: denn, zum
Schuss in die Weite gespannt, konnten sie nicht ohne grosse Muehe und lange
Zeit zu senkrechtem Schuss gerichtet werden. Piso bemerkte es wohl und
erbleichte. "Wurfspeere her! Speere! Speere! oder alles ist hin!" - "Alle
verschossen," keuchte trostlos neben ihm der dicke Balbus.

"Dann ist's vorbei!" seufzte Piso, den rechten Arm totmuede senkend. "Komm,
Massurius, lass uns fliehn," mahnte Balbus. "Nein, lasst uns hier sterben,"
rief Piso. Und schon tauchte der erste gotische Helm ueber den Rand der
Mauer.

Da scholl es die Mauertreppen von der Stadtseite herauf: "Cethegus!
Cethegus der Praefekt!"

Und er war's; rasch sprang er auf die Zinne vor und hieb dem Goten, der
eben die Hand auf die Brustwehr stuetzte, sich heraufzuschwingen, die Hand
samt dem Arme ab. - Der Mann schrie und stuerzte.

"O Cethegus," sagte Piso, "du kommst zu rechter Zeit!" - "Ich hoffe es,"
sprach dieser und stiess die Leiter um, die vor ihm angelegt stand.
Witichis war darauf gestanden, - behend sprang er hinab. "Aber jetzt
Geschosse her, Speere, Lanzen. Sonst hilft alles nichts," rief Cethegus.
"Kein Geschoss mehr weit und breit," antwortete Balbus. "Du kommst, hofften
wir, mit deinen Isauriern?" "Die sind noch weit, weit hinter mir!" rief
Kallistratos, der eben als der erste nach Cethegus wieder erschien.

Und aufs neue wuchs die Zahl der Leitern und der aufsteigenden Helme. Und
es wuchs die dringendste Gefahr.

Wild blickte Cethegus um sich. "Geschosse," rief er mit dem Fusse
stampfend, "es muessen Geschosse herbei!" Da fiel sein Auge auf die riesige
Marmorstatue Zeus, des Erretters, die zu seiner Linken auf der Zinne
stand. Ein Gedanke durchzuckte ihn mit Blitzesschnelle, er sprang hinzu
und schlug mit einem Handbeil den rechten Arm der Statue mitsamt dem
Donnerkeil in ihrer Faust herab. "Zeus," rief er, "leih mir deinen Blitz!
- Was haeltst du ihn so muessig? Auf! zerschlagt die Statuen: und schleudert
sie den Feinden auf die Koepfe." Und rascher, als er dies gesagt, ward sein
Beispiel befolgt. Mit Aexten und Beilen fielen die geaengstigten Verteidiger
ueber die Goetter und Heroen her und im Augenblick waren all' die herrlichen
Gestalten zertruemmert.

Es war ein grausenhafter Anblick: da barst ein erhabner Hadrian, eine
Reiterstatue, Ross und Reiter mitten auseinander: da stuerzte eine laechelnde
Aphrodite in die Knie: da flog der schoene Marmorkopf eines Antinous vom
Rumpfe und sauste, von zwei Haenden geschleudert, auf einen gotischen
Bueffelschild. Und weithin spritzten, die Zinnen bedeckend, Splitter und
Truemmer von Marmor und Erz, von Bronze und Gold. Krachend und droehnend
schlugen die gewaltigen Lasten von Stein und Metall von den Zinnen herab
und zerschmetterten die Helme und Schilde, die Panzer und die Glieder der
stuermenden Goten und die Leitern selber, die sie trugen.

Mit Grauen blickte Cethegus auf das furchtbare Werk der Zerstoerung, das
sein Wort angerichtet. Aber es hatte gerettet. Zwoelf, fuenfzehn, zwanzig
Leitern standen leer von den hart aufeinander folgenden Maennern, die sie
kurz zuvor ameisendicht besetzt hatten: ebensoviel lagen zerbrochen am Fuss
der Mauer: ueberrascht von diesem unerwarteten Erz- und Marmorhagel, wichen
die Goten einen Augenblick. Aber gleich wieder rief sie das Horn Markjas
zum Sturm: und wieder sausten die centnerschweren Lasten hernieder.

"Unseliger, was hast du gethan?" jammerte Kallistratos und starrte auf die
Truemmer.

"Das Notwendige!" antwortete Cethegus und schleuderte den Rest von Zeus
dem Erretter ueber den Wall. "Siehst du, wie das traf? - zwei Barbaren auf
Einen Schlag" - und zufrieden blickte er hinab.

Da hoerte er den Korinther rufen: "Nein, nein. Nicht diesen! Nicht den
Apoll!"

Und Cethegus wandte sich und sah, wie ein riesiger Isaurier sein Beil
gegen das Haupt des Latoniden schwang. "Narr, sollen die Goten herauf?"
fragte der Barbar und holte wieder aus.

"Nicht meinen Apollon!" wiederholte der Hellene und umschlang den Gott
schuetzend mit beiden Armen, weit sich vorbeugend.

Das ersah auf der naechsten Leiter Graf Markja: und glaubend, jener wolle
die Statue auf ihn niederschleudern, kam er ihm zuvor: sein Wurfspeer flog
und traf den Griechen mitten in die Brust. "Ach - Cethegus!" seufzte er
und starb. Der Praefekt sah ihn fallen und presste die Brauen zusammen.
"Rettet die Leiche und seine beiden Goetter verschont!" sprach er kurz -
und stiess die Leiter um, auf der Markja gestanden: mehr konnte er nicht
sagen und nicht thun: denn schon rief ihn eine neue, die drohendste
Gefahr.

Witichis, von seiner Leiter halb herabgeschleudert, halb herabgesprungen,
war seither hart an der Mauer gestanden unter dem Hagel der Stein- und
Metalltruemmer nach neuen Mitteln spaehend. Denn seit der erste Versuch der
Sturmleitern durch die unverhofften, neuen Geschosse, die Goetter und
Herren, abgewiesen war, hoffte er kaum noch, den Wall zu gewinnen. Waehrend
er sann und spaehte, schlug das schwere Marmorfussgestell eines Mars
gradivus dicht neben ihm auf die Erde, prallte nochmal empor und traf
dabei an eine Mauerplatte. Und siehe, diese Platte, die ein Quader von
haertestem Stein geschienen hatte, zersprang zerbroeckelnd in kleine Stuecke
von Moertel und Lehm: und an ihrer Stelle wurde sichtbar eine schmale
Holzpforte, die von jener Masse nur locker verkleidet und verdeckt, den
Maurern und Werkleuten zum Ausgang und Eingang gedient hatte, wenn sie an
dem grossen Gebaeude arbeiteten und nachbesserten.

Kaum ersah Witichis die Holzthuer, als er jubelnd ausrief: "Hierher,
hierher, ihr Goten! Beile zur Hand!" Und schon schlug seine eigne
Streitaxt donnernd an die duennen Bretter, die nichts weniger als stark
schienen.

Verhaengnisvoll drang der neue, seltsame Ton an des Praefekten Ohr! er hielt
oben inne in der Blutarbeit und lauschte. "Das ist Eisen gegen Holz! Bei
Caesar!" sagte er zu sich selbst und sprang die schmale Mauertreppe herab,
die an der Innenseite der zweiten Mauer in den schwach durch Oel-Lampen
beleuchteten Innenraum des Grabmals fuehrte.

Da droehnte ein Schlag lauter als alle frueheren, ein dumpfes Krachen und
helles Splittern folgte und jauchzendes Siegesgeschrei der Goten. Wie
Cethegus auf die letzte Stufe der Treppe sprang, fiel die Pforte krachend
nach innen in den Hof und Koenig Witichis ward sichtbar auf der Schwelle.

"Mein ist Rom!" jubelte er, das Beil fallen lassend und das Schwert aus
der Scheide ziehend. "Du luegst, Witichis! zum erstenmal im Leben!" rief
Cethegus grimmig und sprang vor, so gewaltig den starken Schildstachel
stossend gegen des Goten Brust, dass dieser ueberrascht einen Schritt
zuruecktrat.

Diesen Schritt benutzte der Praefekt und stellte sich selbst auf die
Schwelle, die ganze enge Pforte fuellend. "Wo bleiben die Isaurier!" rief
er.

Aber nur einen Augenblick hatte ihm Witichis Zeit gelassen, bis er ihn
erkannte. "So treffen wir uns doch im Zweikampf um Rom." Und nun war das
Anspringen an ihm. Cethegus, bemueht die ganze Oeffnung der Pforte zu
verschliessen, deckte mit dem Schild seine Linke; sein rechter Arm mit dem
kurzen Roemerschwert vermochte nicht genug, seine rechte Seite zu decken.
Der Stoss des langen Schwertes des starken Goten drang, nicht stark genug
von Cethegus abgewehrt, die Schuppenringe des Panzers durchschneidend,
tief in seine rechte Brust.

Der Praefekt wankte nach links: schon neigte er sich zu fallen: aber er
fiel nicht. "Rom! Rom!" sagte er tonlos, und krampfhaft hielt er sich noch
aufrecht.

Witichis war einen Schritt zurueckgetreten, um in neuem Ansprung dem
gefaehrlichen Feind den Rest zu geben. Aber in diesem Augenblick erkannte
ihn oben auf der Zinne Piso und schleuderte einen prachtvollen schlafenden
Faun, der bereits mit abgehauenen Fuessen auf dem Walle lag, auf den Koenig
herab; er traf die Schulter und Witichis stuerzte nieder. Graf Markja,
Iffamer und Aligern trugen ihn aus dem Gefecht.

Cethegus sah ihn noch fallen. Dann brach er selbst auf der Schwelle der
Pforte zusammen; schuetzende Arme eines Freundes fingen ihn auf: - aber er
erkannte diesen nicht mehr: sein Bewusstsein schwand.

Doch weckte ihn gleich wieder ein wohlbekannter Ton, der seine Seele
entzueckte: es war die Tuba seiner Legionare, das Feldgeschrei seiner
Isaurier, die jetzt - endlich - im Sturmschritt eintrafen und, von den
Liciniern gefuehrt, in dichten Scharen sich auf die durch den Fall ihres
Koenigs erschuetterten Goten stuerzten. Sie draengten sie siegreich zu einer
(einstweilen von den eingedrungenen Goten von Innen hinausgebrochenen)
Bresche der ersten Mauer unter grossem Blutvergiessen hinaus.

Der Praefekt sah die letzten Barbaren fluechten: - da schlossen sich
abermals seine Augen. "Cethegus!" rief der Freund, der ihn im Arme hielt,
"Belisar im Sterben: und so bist auch du verloren?" Cethegus erkannte
jetzt die Stimme Prokops. "Ich weiss nicht," sprach er mit letzter Kraft,
"aber Rom, - Rom ist gerettet!" Und damit vergingen ihm die Sinne.




                           Vierzehntes Kapitel.


Nach der Anspannung aller Kraefte zu dem allgemeinen Sturm und seiner
Abwehr, der mit dem Morgenrot begonnen und bei sinkender Sonne erst
beendet war, trat bei Goten und Roemern eine lange Pause der Erschlaffung
ein. Die drei Fuehrer Belisar, Cethegus und Witichis lagen wochenlang an
ihren Wunden danieder.

Aber noch mehr wurde die thatsaechliche Waffenruhe veranlasst durch die
tiefe Niedergeschlagenheit und Entmutigung, die das Heer der Germanen
befallen hatten, nachdem der mit hoechster Anstrengung angestrebte Sieg in
dem Augenblick, da er bereits gewonnen schien, ihnen entrissen wurde.

Sie hatten einen ganzen Tag lang ihr Bestes gethan: ihre Helden hatten an
Tapferkeit gewetteifert: und doch waren beide Plaene, der gegen Belisar und
der gegen die Stadt, im Gelingen selbst noch gescheitert. Und wenn auch
Koenig Witichis in seinem steten Mute die Gedruecktheit des Heeres nicht
teilte, so erkannte er dafuer desto klarer, dass er seit jenem blutigen Tage
das ganze System der Belagerung aendern musste.

Der Verlust der Goten war ungeheuer; Prokop schaetzt ihn auf dreissigtausend
Tote und mehr als ebensoviele Verwundete: sie hatten sich im ganzen
Umkreis der Stadt mit aeusserster Todesverachtung den Geschossen der
Belagerten ausgesetzt und am pankratischen Thor und bei dem Grabmal
Hadrians waren sie zu Tausenden gefallen.

Da nun auch in den achtundsechzig frueheren Gefechten die Angreifenden
immer viel mehr als die hinter Mauer und Turm gedeckten Verteidiger
gelitten hatten, so war das grosse Heer, das Witichis vor Monden gegen die
ewige Stadt gefuehrt, furchtbar zusammengeschmolzen. Dazu kam, dass schon
seit geraumer Zeit Seuchen und Hunger in ihren Zelten wueteten. Bei dieser
Entmutigung und Abnahme seiner Truppen musste Witichis den Gedanken, die
Stadt mit Sturm zu nehmen, aufgeben und seine letzte Hoffnung - er
verhehlte sich ihre Schwaeche nicht - bestand in der Moeglichkeit, der
Mangel werde den Feind zur Uebergabe zwingen. Die Gegend um Rom war voellig
ausgesogen: und es schien nun darauf anzukommen, welche Partei die
Entbehrung laenger wuerde ertragen oder welche sich aus der Ferne wuerde
Vorraete verschaffen koennen. Schwer fehlte den Goten die an der Kueste von
Dalmatien beschaeftigte Flotte. -

Der Erste, der sich von seiner Wunde erholte, war der Praefekt.

Von der Pforte, die er mit seinem Leibe verschlossen, bewusstlos
weggetragen, lag er anderthalb Tage in einem Zustand, der halb Schlaf,
halb Ohnmacht war.

Als er am Abend des zweiten Tages die Augen aufschlug, traf sein erster
Blick auf den treuen Mauren, der am Fussende des Lagers auf der Erde
kauerte und kein Auge von ihm wandte. Die Schlange war um seinen Arm
gerollt.

"Die Holzpforte!" war des Praefekten erstes, noch schwach gehauchtes Wort,
"die Holzpforte muss fort - ersetzt durch Marmorquadern .. -"

"Danke, danke dir, Schlangengott!" jubelte der Sklave, "jetzt ist der Mann
gerettet. Und auch du selbst. Und ich, ich, Herr, habe dich gerettet." Und
er warf sich mit gekreuzten Armen nieder und kuesste das Lagergestell seines
Herrn. - Er wagte nicht, dessen Fuesse zu beruehren. "Du mich gerettet? -
Wodurch?"

"Als ich dich so totesbleich auf diese Decken gelegt, habe ich den
Schlangengott herbeigeholt, dich ihm gezeigt und gesprochen: "Du siehst,
starker Gott, des Herrn Augen sind geschlossen. Hilf, dass er sie wieder
aufschlaegt. Bis du geholfen, erhaeltst du keine Krume Brot und keinen
Tropfen Milch. Und wenn er die Augen nicht wieder aufschlaegt - an dem
Tage, da sie ihn verbrennen, verbrennt Syphax mit: aber du, o grosser
Schlangengott, desgleichen. Du kannst helfen: also hilf: oder brenne." So
sprach ich, und er hat geholfen."

"Die Stadt ist sicher - das fuehl' ich, sonst haette ich nicht entschlafen
koennen. Lebt Belisar? Ja! wo ist Prokop?"

"In der Bibliothek mit deinen Tribunen. Sie erwarten nach des Arztes
Ausspruch noch heute dein Erwachen oder deinen ... -" - "Tod? Diesmal hat
dein Gott noch geholfen, Syphax. Lass die Tribunen ein."

Bald standen die Licinier, Piso, Salvius Julianus und einige andere vor
ihm; sie wollten bewegt an sein Lager eilen: er winkte ihnen Ruhe zu. "Rom
dankt euch, durch mich. Ihr habt gefochten wie - wie Roemer. Mehr,
Stolzeres kann ich euch nicht sagen." Und er uebersah wie nachsinnend die
Reihe, dann sagte er: "Einer fehlt mir - ah mein Korinther! Die Leiche ist
gerettet. Denn ich empfahl sie Piso, sie und die beiden Letoiden; setzt
ihm als Denkmal eine schwarze Platte von korinthischem Marmor an die
Stelle, wo er fiel: stellt die Statue des Apollo ueber die Aschenurne und
schreibt darauf: "Kallistratos von Korinth ist hier fuer Rom gestorben; er
hat den Gott, der Gott nicht ihn gerettet." Jetzt geht, bald sehen wir uns
wieder - auf den Waellen. Syphax, nun sende mir Prokop. Und bring einen
grossen Becher Falernerwein." "Freund," rief er dem eintretenden Prokopius
entgegen, "mir ist, ich habe vor diesem Fieberschlaf noch fluestern hoeren:
"Prokop hat den grossen Belisar gerettet." Ein unsterblich Verdienst! Die
ganze Nachwelt wird dir's danken - so brauch' ich's nicht zu thun. Setze
dich hierher und erzaehle mir das Ganze ... - Aber halt: erst schiebe die
Kissen zurecht, dass ich meinen Caesar wieder sehen kann. Sein Anblick
staerkt mehr als Arzneien. Nun sprich."

Prokopius sah den Liegenden durchdringend an.

"Cethegus," sagte er dann, ernsten Tones, "Belisar weiss alles." "Alles?"
laechelte der Praefekt, "das ist viel." - "Lass den Spott und versage
Bewunderung nicht dem Edelsinn: du, der du selber edel bist." - "Ich?
Nicht dass ich wuesste." - "Sowie er zum Bewusstsein kam, hat ihm Bessas
natuerlich sofort alles mitgeteilt: hat ihm haarklein erzaehlt, wie du
befohlen, das Thor gesperrt zu halten, als Belisar in seinem Blute davor
lag, den wuetigen Teja auf den Fersen: dass du befohlen, seine Leibwaechter
niederzuhauen, die mit Gewalt oeffnen wollten: jedes Wort von dir hat er
berichtet, auch deinen Ausruf: "Erst Rom, dann Belisar": und hat deinen
Kopf verlangt im Rat der Feldherren. Ich erbebte. Aber Belisarius sprach:
"er hat recht gethan! hier, Prokop, bring ihm mein eigen Schwert und die
ganze Ruestung, die ich an jenem Tage trug, zum Dank." Und in dem Bericht
an den Kaiser hat er mir die Worte diktiert: "Cethegus hat Rom gerettet
und nur Cethegus! Schick' ihm den Patriciat von Byzanz!""

"Ich danke: ich habe Rom nicht fuer Byzanz gerettet." - "Das brauchst du
mir nicht erst zu sagen, unattischer Roemer."

"Ich bin nicht in attischer Laune, Lebensretter! Was war dein Dank?"

"Still. Er weiss nichts davon. Und soll es nie erfahren."

"Syphax, Wein. - Soviel Edelsinn kann ich nicht vertragen! Es macht mich
schwach. Nun, wie war der Reiterspass?"

"Freund, das war kein Spass. Sondern der furchtbarste Ernst, der mir noch
begegnet. Um ein Haar fehlte es, so war Belisar verloren."

"Ja, es ist jenes Eine Haar, um das es immer fehlt bei diesen Goten! Dumme
Toelpel sind sie samt und sonders."

"Du sprichst, als waer' es dir sehr leid, dass Belisar nicht umgekommen."

"Recht waer ihm geschehn. Ich hab ihn dreimal gewarnt. Er sollte endlich
wissen, was einem alten Feldherrn ziemt und was einem jungen Raufbold."

"Hoere," sagte Prokop, ihn ernsthaft betrachtend, "du hast dir ein Recht
erworben, so zu sprechen, vor dem Grabmal Hadrians. Frueher, wenn du des
Mannes Heldentum herabzogst ..." - "Dachtest du, ich spraeche aus Neid
gegen den tapfern Belisar! Hoert es, ihr unsterblichen Goetter."

"Ja, zwar deine gepidischen Lorbeern ..." -

"Lass mich mit diesen Knabenstreichen zufrieden! Freund, wenn es gilt, muss
man den Tod verachten, sonst aber vorsichtig das Leben lieben. Denn nur
die Lebendigen herrschen und lachen, nicht die stummen Toten. Das ist
meine Weisheit, und nenn' es meine Feigheit, wenn du willst. Also - euer
Ueberfall - mach's kurz! Wie ging's?"

"Scharf genug. Als wir die Gegend erkundet hatten, - alles schien frei vom
Feind und sicher zum Futter holen - da wandten wir die Rosse allmaehlich
wieder gegen die Stadt, die wenigen Ziegen und die magern Schafe, dir wir
aufgetrieben, in der Mitte, Belisar voran, der junge Severinus, Johannes
und ich an seiner Seite. Ploetzlich, wie wir aus dem Dorf _ad aras Bacchi_
ins Freie kommen, jagen aus den Gehoelzen zu beiden Seiten der valerischen
Strasse von links und rechts gotische Reiter auf uns zu. Ich sah, dass sie
uns stark ueberlegen waren und riet die Flucht mitten durch sie hindurch
auf der Strasse nach Rom zu versuchen. Aber Belisar meinte: "Viele sind es,
doch nicht allzuviele," und sprengte gegen die Angreifer zur Linken, ihre
Reihen zu durchbrechen. Doch da kamen wir uebel an: die Goten ritten besser
und fochten besser als unsere mauretanischen Reiter: und ihre Fuehrer,
Totila und Hildebad - jenen erkannte ich an den langflatternden gelben
Haaren und diesen an der ungeschlachten Groesse - hielten sichtlich scharf
auf den Feldherrn selbst. "Wo ist Belisar und sein Mut?" schrie der lange
Hildebad vernehmlich durch das Klirren der Waffen.

"Hier!" antwortete dieser unverzueglich: und ehe wir ihn abhalten konnten,
hielt er schon dem Riesen gegenueber. Der war nicht faul und hieb ihm mit
seinem wuchtigen Beil auf den Helm, dass der goldene Kamm mit dem weissen
Rosshaarbueschel zerschmettert zur Erde rollte und Belisars Haupt bis auf
den Kopf des Pferdes niederfuhr. Und schon holte jener zum zweiten, dem
toedlichen Streiche aus: da war der junge Severinus, des Boethius Sohn,
heran und fing den Hieb mit dem runden Schilde auf. Aber das Beil des
Barbaren drang durch den Schild und flog noch tief in den Hals des edeln
Juenglings. Er stuerzte" - Prokop stockte in schmerzlichen Gedanken.

"Tot?" fragte Cethegus ruhig.

"Ein alter Freigelassener seines Vaters, der ihn begleitete, trug ihn aus
dem Gefecht. Doch starb er schon, so hoert' ich, eh' er das Dorf
erreichte."

"Ein schoener Tod!" sagte Cethegus. "Syphax, einen neuen Becher Wein!"

"Belisar hatte sich aber inzwischen aufgerafft und stiess nun in grossem
Zorn mit seinem Speer dem Goten so gewaltig auf die Brustplatte seines
Harnisches, dass er der Laenge nach vom Pferde flog. Laut jubelten wir auf,
aber der junge Totila" -

"Nun?"

"Sah kaum seinen Bruder fallen, als er sich grimmig durch die Lanzen der
Leibwaechter Bahn brach zu Belisar. Aigan, sein Bannertraeger, wollte ihn
decken, aber des Goten Schwert traf seinen linken Arm: er riss ihm die
Fahne aus der erschlafften Hand und warf sie dem naechsten Goten zu. Laut
auf schrie Belisar vor Zorn und wandte sich gegen ihn: aber der junge
Totila ist rasch wie der Blitz und zwei scharfe Hiebe trafen, eh' er
sich's versah, des Feldherrn beide Schultern: der wankte im Sattel und
sank langsam vom Pferd, das im selben Augenblick ein Wurfspeer traf und
niederwarf. "Gieb dich gefangen, Belisar!" rief Totila.

Der Feldherr hatte gerade noch die Kraft, das Haupt verneinend zu
schuetteln, da sank er vollends zur Erde. Rasch war ich abgesprungen, hatte
ihn auf mein eigen Pferd gehoben und der Sorge des Johannes empfohlen, der
fuenfzig Leibwaechter um ihn scharte und ihn schnell aus dem Getuemmel
fluechtend nach der Stadt hin brachte." - "Und du?"

"Ich focht zu Fuss weiter. Und es gelang mir, da jetzt unsere Nachhut
eintraf, - die Vorraete in der Mitte hatten wir preisgegeben - das Gefecht
gegen Totila zu stellen. Aber nicht auf lange. Denn nun war auch die
zweite Schar der gotischen Reiter heran; wie der Sturmwind sauste der
schwarze Teja herzu, durchbrach unsern rechten Fluegel, der ihm zunaechst
stand, von vorn, durchbrach dann meine eigene gegen Totila gerichtete
Front von der Flanke und zersprengte unsern ganzen Schlachthaufen. Ich gab
das Gefecht verloren, ergriff ein ledig Ross und eilte dem Feldherrn nach.
Aber auch Teja hatte die Richtung von dessen Flucht erkannt und jagte uns
wuetend nach. An der fulvischen Bruecke holte er die Bedeckung ein; Johannes
und ich hatten mehr als die Haelfte der noch uebrigen Leibwaechter an der
Bruecke aufgestellt, den Uebergang zu wehren, unter Principius, dem tapfern
Pisidier, und Tarmuth, dem riesigen Isaurier. Dort fielen sie alle
dreissig, zuletzt auch die beiden treuen Fuehrer, von dem Schwerte des Teja
allein, wie ich vernahm. Dort fiel die Bluete von Belisars Leibwaechtern:
darunter viele meiner naechsten Waffenfreunde, Alamundarus der Saracene,
Artasines der Perser, Zanter der Armenier, Longinus der Isaurier, Bucha
und Chorsamantes die Massageten, Kutila der Thrakier, Hildeger der
Vandale, Juphrut der Maure, Theodoritos und Georgios die Kappadokier. Aber
ihr Tod erkaufte unsere Rettung. Wir holten hinter der Bruecke unser hier
zurueckgelassenes Fussvolk ein, das dann noch die feindlichen Reiter so lang
beschaeftigte, bis das tiburtinische Thor sich, - spaet genug! - dem wunden
Feldherrn oeffnete. Dann eilt' ich, als wir ihn auf einer Saenfte Antoninens
Pflege zugesandt, an das Grabmal Hadrians, wo, wie es hiess, die Stadt
genommen sei und fand dich dem Tode nah."

"Und was hat jetzt Belisar beschlossen?"

"Seine Wunden sind nicht so schwer wie die deine und doch die Heilung
langsamer. Er hat den Goten den Waffenstillstand gewaehrt, den sie
verlangten, ihre vielen Toten zu bestatten."

Cethegus fuhr auf von den Kissen. "Er haette ihn verweigern sollen! Keine
unnuetze Verzoegerung der Entscheidung mehr! ich kenne diese gotischen
Stiere; nun haben sie sich die Hoerner stumpf gestuermt: jetzt sind sie mued
und muerbe.

Jetzt kam die Zeit fuer einen letzten Schlag, den ich schon lang ersonnen.
Die Hitze draussen in der gluehenden Ebene werden ihre grossen Leiber
schlecht ertragen: schlechter den Hunger: am schlechtesten den Durst. -
Denn der Germane muss saufen, wenn er nicht schnarcht oder pruegelt. Nun
braucht man nur ihren vorsichtigen Koenig noch ein wenig einzuschuechtern.
Sage Belisar meinen Gruss: und mein Dank fuer sein Schwert sei mein Rat: Er
solle noch heute den gefuerchteten Johannes mit acht Tausend Mann durch das
Picenum gegen Ravenna schicken: die flaminische Strasse ist frei und wird
wenig gedeckt sein: denn Witichis hat die Besatzungen aller Festungen
hierher gezogen: und leichter gewinnen wir jetzt Ravenna, als die Barbaren
Rom. Sowie aber der Koenig Ravenna, seinen allerletzten Hort, bedroht
sieht, wird er eilen, ihn um jeden Preis zu retten. Er wird sein Heer
hinwegziehen von diesen uneinnehmbaren Mauern und wieder der Verfolgte
statt des Verfolgers sein." "Cethegus," sprach Prokop aufspringend, "du
bist ein grosser Feldherr." - "Nur nebenbei, Prokopius! geh jetzt und gruesse
mir den grossen Sieger Belisar."




                           Fuenfzehntes Kapitel.


An dem letzten Tage des Waffenstillstands konnte Cethegus bereits wieder
auf den Waellen des Grabmals Hadrians erscheinen, wo ihn seine Legionare
und Isaurier mit lautem Zuruf begruessten. Sein erster Gang war zu dem
Grabmal des Kallistratos; er legte auf die schwarze Marmorplatte einen
Kranz von Lorbeern und von Rosen nieder. Waehrend er von hier aus die
Verstaerkung der Befestigungen anordnete, brachte ihm Syphax ein Schreiben
von Mataswintha.

Es lautete lakonisch genug: "Mach' bald ein Ende. Nicht laenger kann ich
den Jammer ansehn. Die Bestattung von vierzig Tausend Maennern meines Volks
hat mir die Brust zerrissen. Die Klagelieder schienen alle mich
anzuklagen. Waehrt das noch laenger, so erlieg ich. Der Hunger wuetet
furchtbar in dem Lager. Ihre letzte Hoffnung ist eine grosse Zufuhr von
Getreide und Vieh, die aus Suedgallien unter Segel ist. An den naechsten
Calenden wird sie auf der Hoehe von Portus erwartet. Handle danach - aber
mach' rasch ein Ende."

"Triumph," sprach der Praefekt, "die Belagerung ist aus. Unsre kleine
Flotte lag bisher fast muessig zu Populonium. Jetzt soll sie Arbeit finden.
Diese Koenigin ist die Erinnys der Barbaren." Und er ging selbst zu
Belisar, der ihn mit edler Grossheit empfing. -

In derselben Nacht, der letzten der Waffenruhe, zog Johannes zum
pincianischen Thore hinaus, dann links nach der flaminischen Strasse
schwenkend. Ravenna war sein Ziel. Und eilende Boten flogen zur See mit
raschen Segeln nach Populonium, wo sich ein kleines roemisches Geschwader
gesammelt hatte. Der Kampf um die Stadt ruhte, trotz Ablauf des
Waffenstillstands, fast ganz. Eine Woche darauf etwa, machte der Koenig,
der sein Schmerzenslager zum erstenmal verliess, in Begleitung seiner
Freunde den ersten Gang durch die Zelte. Drei von den sieben vormals
menschenwimmelnden Lagern waren voellig veroedet und aufgegeben: auch die
uebrigen vier waren nur noch spaerlich bevoelkert. Todmuede, ohne Klage, aber
auch ohne Hoffnung, lagen die abgemagerten Gestalten, von Hunger und
Fieber verzehrt, vor ihren Zelten.

Kein Zuruf, kein Gruss erfreute den wackern Koenig auf seinem
schmerzensreichen Gang: kaum dass sie die mueden Augen aufschlugen bei dem
Schall der nahenden Schritte.

Aus dem Innern der Zelte drang das laute Stoehnen der Kranken, der
Sterbenden, die den Wunden, dem Mangel, den Seuchen erlagen. Kaum fand man
die hinlaengliche Zahl von Gesunden, die noetigsten Posten zu beziehen. Die
Wachen schleppten die Speere hinter sich her, zu matt, sie aufrecht oder
auf der Schulter zu tragen.

Die Heerfuehrer kamen an die Schanzen vor dem aurelischen Thor; im
Wallgraben lag ein junger Schuetz und kaute an dem bittern Gras. Hildebad
rief ihm zu: "Beim Hammer! Gunthamund, was ist das? deine Sehne ist ja
gesprungen, was ziehst du keine andre auf?" - "Kann nicht, Herr, die Sehne
sprang gestern bei meinem letzten Schuss. Und ich und die drei Bursche
neben mir, wir haben die Kraft nicht, eine neue aufzuziehen." Hildebad gab
ihm einen Trunk aus seiner Lederflasche: "hast du auf einen Roemer
geschossen?" "O nein, Herr," sagte der Mann, "eine Ratte nagte dort an der
Leiche. Ich traf sie gluecklich und wir teilten sie zu viert."

"Iffaswinth, wo ist dein Oheim Iffamer?" fragte der Koenig. "Tot, Herr.

Er fiel hinter dir, als er dich hinwegtrug. Vor dem verfluchten
Marmorgrab."

"Und dein Vater Iffamuth?" - "Auch tot. Er vertrug's nicht mehr, das
giftige Wasser aus den Pfuetzen. Der Durst, Koenig, brennt noch heisser als
der Hunger. Und es will ja nicht regnen aus diesem bleiernen Himmel." "Ihr
seid alle aus dem Athesisthal?" "Ja, Herr Koenig, vom Iffinger-Berg. O
welch koestlich Quellwasser dort daheim!"

Teja sah in einiger Entfernung einen andern Krieger aus seiner Sturmhaube
trinken. Seine Zuege verfinsterten sich noch mehr. "He du, Arulf!" rief er
ihm zu, "du scheinst nicht Durst zu leiden?" - "Nein, ich trinke oft,"
sprach der Mann. "Was trinkst du?" - "Das Blut von den Wunden der
Frischgefallnen. Anfangs ekelt's sehr: aber man gewoehnt's in der
Verzweiflung."

Schaudernd schritt Witichis weiter. "Schick' all' meinen Wein ins Lager,
Hildebad. Die Wachen sollen ihn teilen." - "All deinen Wein? O Koenig, mein
Schenkamt ist gar leicht geworden. Du hast noch anderthalb Kruege. Und
Hildebrand, dein Arzt, sprach, du sollst dich staerken."

"Und wer staerkt diese, Hildebad? Die Not macht sie zu wilden Tieren!"

"Komm mit nach Hause," mahnte Totila, des Koenigs Mantel ergreifend. "Hier
ist nicht gut sein."

Im Zelt des Koenigs angelangt, setzten sich die Freunde schweigend um den
schoenen Marmortisch, der auf goldnen Gefaessen steinhartes verschimmeltes
Brot aufwies und wenige Stuecke Fleisch. "Es war das letzte Pferd aus den
koeniglichen Staellen," sagte Hildebad, - "bis auf Boreas." - "Boreas wird
nicht geschlachtet! - mein Weib, mein Kind sind auf seinem Ruecken
gesessen."

Und er stuetzte das muede Haupt auf die beiden Haende: eine neue schwere
Pause trat ein. "Freunde," hob er endlich an, "das geht nicht laenger also.
Unser Volk verdirbt vor diesen Mauern. Mein Entschluss ist schwer und
schmerzlich gereift -"

"Sprich's noch nicht aus, o Koenig!" rief Hildebad. "In wenig Tagen trifft
Graf Odoswinth von Cremona ein mit der Flotte: und wir schwelgen in allem
Guten."

"Er ist noch nicht da!" sprach Teja.

"Und unser Verlust an Menschen, so schwer er ist," ermutigte Totila, "wird
er nicht durch frische Mannschaft ersetzt, wenn Graf Ulithis von Urbinum
eintrifft, mit den Besatzungen, die der Koenig aus den Festen von Ravenna
bis Rom weggezogen hat, unsre leeren Zelte zu fuellen?"

"Auch Ulithis ist noch nicht da," sprach Teja. "Er soll noch in Picenum
stehen. Und kommt er gluecklich an, so wird der Mangel im Lager noch
groesser."

"Doch auch die Roemerstadt muss fasten!" meinte Hildebad, das harte Brot mit
der Faust auf dem Steintisch zerschlagend. "Lass sehn, wer's laenger
aushaelt!"

"Oft hab' ich's ueberdacht in schweren Tagen und schlummerlosen Naechten,"
fuhr der Koenig langsam fort.

"Warum? warum das alles so kommen musste? Nach bestem Gewissen hab' ich
immer wieder Recht und Unrecht abgewogen, zwischen unsern Feinden und uns:
und ich kann's nicht anders finden, als dass Recht und Treue auf unsrer
Seite stehen. Und wahrlich, an Kraft und Mut haben wir's nicht fehlen
lassen."

"Du am wenigsten," sagte Totila.

"Und an keinem schwersten Opfer!" seufzte der Koenig. "Und wenn nun doch,
wie wir alle sagen, ein Gott im Himmel waltet, gerecht und gut und
allgewaltig, warum laesst er all' dies ungeheure, unverdiente Elend zu?
Warum muessen wir erliegen vor Byzanz?"

"Wir duerfen aber nicht erliegen," schrie Hildebad. "Ich habe nie viel
gegruebelt ueber unsern Herrgott. Aber wenn er das geschehen liesse, muesste
man Sturm laufen gegen den Himmel und ihm seinen Thron mit Keulen
zerschlagen."

"Laestre nicht, mein Bruder!" sprach Totila. "Und du, mein edler Koenig, Mut
und Vertrauen.

Ja, es waltet ein gerechter Gott dort ueber den Sternen. Drum muss zuletzt
die gute Sache siegen. Mut, mein Witichis, und Hoffnung bis ans Ende."

Aber der Tiefgebeugte schuettelte das Haupt. "Ich gestehe es euch, ich habe
aus diesem Irrsal, aus den schrecklichen Zweifeln an Gottes Gerechtigkeit,
nur einen Ausweg gefunden. Es kann nicht sein, dass wir all' dies schuldlos
leiden. Und da unsres Volkes Sache zweifellos gerecht, so muss verborgne
Schuld an mir, an eurem Koenig haften. Wiederholt, erzaehlen unsre Lieder
aus der Heidenzeit, hat sich ein Koenig fuer sein Volk selbst den Goettern
geopfert, wenn Unsieg, Seuche, Misswachs jahrelang den Stamm verfolgte. Er
hat die verborgne Schuld auf sich genommen, die auf den Volksgenossen zu
lasten schien und sie durch Tod gebuesst, oder indem er ohne die Krone ins
Elend ging, ein friedloser Landfluechtiger. - Lasst mich die Krone abthun
von diesem Haupt ohne Glueck noch Stern. Waehlt einen andern, dem Gott nicht
zuernt: waehlt Totila, oder -"

"Das Wundfieber faselt noch aus dir!" unterbrach ihn der alte
Waffenmeister. "Du mit Schuld beladen! du, der Treueste von uns allen!
Nein, ich will's euch sagen, ihr Kinder allzujunger Tage, die ihr der
Vaeter alte Kraft mit der Vaeter altem Glauben verloren habt, und nun keinen
Trost wisst fuer eure Herzen. Mich erbarmt eurer Reden ohne Zuversicht." -
Und seine grauen Augen leuchteten in seltnem Glanze ueber die Freunde hin.
"Alles was hier auf Erden erfreut und schmerzt, ist kaum der Freude noch
des Schmerzes wert. Nur auf eines kommt es hier unten an: ein treuer Mann
gewesen sein, kein Neiding, und den Schlachttot sterben, nicht den
Strohtot. Den treuen Helden aber tragen die Walkueren aus dem blutigen Feld
auf roten Wolken hinauf in Odhins Saal, wo die Einheriar mit vollen
Bechern ihn begruessen. Dann reitet er alltaeglich mit ihnen hinaus zu Jagd
und Waffenspiel beim Morgenlicht und wieder herein zu Trunk und
Skaldensang in goldner Halle beim Abendlicht. Und schoene Schildjungfrauen
kosen mit den Jungen: und weise Vorzeitrunen raunen wir Alten mit den
alten Helden der Vorzeit. Und ich werde sie alle wiederfinden, die starken
Gesellen meiner Jugend, den kuehnen Winithar und Herrn Waltharis von
Aquitanien und Guntharis den Burgunden. Und schauen werd' ich auch ihn,
dessen Anblick ich lange begehrt: Herrn Beowulf, den Geaten, und aus
grauen Urtagen den Cherusken, der zuerst die Roemer schlug, von dem noch
die Saenger der Sachsen singen und sagen. Und wieder trag' ich Schild und
Speer meinem Herrn, dem Koenig mit den Adleraugen. Und so leben wir fort in
alle Ewigkeit in Licht und heller Freude, vergessen der Erde hier unten
und alles ihres Wehs."

"Ein schoen Gedicht, alter Heide," laechelte Totila. "Wenn uns aber das
nicht mehr troestet fuer wirkliches, herznagendes Leid? Sprich du doch auch,
Teja, du finstrer Gast. Was ist dein Gedanke bei diesen unsern Leiden? Nie
fehlt uns dein Schwert: was versagst du dein Wort? Was schweigt dein
troestender Harfenschlag, du liederkundiger Saenger?"

"Mein Wort," sagte Teja aufstehend, "mein Wort und Gedanke waere euch
vielleicht schwerer zu tragen als all' dies Leid. Lass mich noch schweigen,
mein sonnenheller Totila. Vielleicht kommt noch der Tag, da ich dir
Antwort gebe. Vielleicht auch zur Harfe spiele, wenn dann noch eine Saite
daran haelt." Und er schritt aus dem Zelte.

Denn draussen in dem Lager hatte sich ein wirrer, raetselhafter Laerm von
rufenden, fragenden Stimmen erhoben.

Die Freunde sahen ihm schweigend nach. "Ich weiss wohl, was er denkt,"
sagte der alte Hildebrand endlich. "Denn ich kenne ihn vom Knaben auf: Er
ist nicht wie andere. Auch im Nordland denken manche so, die nicht an Thor
und Odhin glauben, sondern nur an die Not und ihre eigene Kraft und
Staerke. Es ist fast zu schwer fuer ein Menschenherz. Und gluecklich, -
gluecklich macht es nicht, wie er zu denken. Mich wundert, dass er singt und
Harfe schlaegt dabei."

Da riss Teja, wieder eintretend, die Zeltvorhaenge auf: sein Antlitz war
noch bleicher als zuvor: seine dunkeln Augen blitzten: aber seine Stimme
war ruhig wie sonst, da er sprach: "Brich das Lager ab, Koenig Witichis.
Unsere Schiffe sind bei Ostia in der Feinde Hand gefallen. Sie haben Graf
Odoswinths Kopf ins Lager geschickt. Und sie lassen auf den Waellen Roms,
vor den Augen unserer Wachen, von den gefangenen Goten die erbeuteten
Rinder schlachten. Grosse Verstaerkungen aus Byzanz unter Valerian und
Euthalius: Hunnen, Sclavenen und Anten, hat eine segelreiche Flotte aus
Byzanz in den Tiber gefuehrt. Denn der blutige Johannes hat das Picenum
durchzogen ... -"

"Und Graf Ulithis?"

"Er hat Ulithis geschlagen und getoetet, Ancona und Ariminum genommen. Und
-"

"Ist das noch nicht alles?" rief der Koenig.

"Nein, Witichis! Eile thut not! Er bedroht Ravenna: er steht nur noch
wenige Meilen von der Stadt."




                           Sechzehntes Kapitel.


Am Tage nach dem Eintreffen dieser fuer die Goten so verhaengnisvollen
Nachrichten hatte Witichis die Belagerung Roms aufgegeben und sein tief
entmutigtes Heer aus den vier noch uebrigen Lagern herausgezogen.

Ein volles Jahr und neun Tage hatte die Einschliessung gewaehrt. So viel Mut
und Kraft, so viele Anstrengungen und Opfer waren vergeblich gewesen.

Schweigend zogen die Goten an den stolzen Waellen vorueber, an denen ihr
Glueck und ihre Macht zerschellt waren. Schweigend trugen sie die hoehnenden
Worte, die Roemer und "Romaeer" (Byzantiner) ihnen von den sichern Zinnen
herab zuriefen. Ihr Zorn und ihre Trauer waren zu gross, um durch solchen
Spott getroffen zu werden.

Aber als Belisars Reiterei, aus dem pincianischen Thore brechend, die
Abziehenden verfolgen wollte, wurde sie grimmig zurueckgewiesen. Denn Graf
Teja fuehrte die gotische Nachhut.

So zog das Heer von Rom auf der flaminischen Strasse durch Picenum in
raschen Maerschen (obwohl den von den Feinden besetzten Plaetzen Narnia,
Spoletium und Perusium ausgewichen werden musste) nach Ravenna, wo Witichis
zur rechten Zeit eintraf, die gefaehrliche Stimmung der Bevoelkerung, die
auf die Kunde von dem Unglueck der Barbaren schon mit dem drohenden
Johannes in geheime Verhandlungen getreten war, zu unterdruecken.

Johannes zog sich bei der Annaeherung der Goten in seine letzte wichtige
Eroberung Ariminum zurueck. In Ancona lag Konon, der Nauarch Belisars, mit
den thrakischen Speertraegern und mit Kriegsschiffen.

Der Koenig fuehrte aber keineswegs sein ganzes, von der Belagerung Roms
aufgebrochenes Heer nach Ravenna, sondern hatte unterwegs viele
Mannschaften in Festungen verteilt. Eine Tausendschaft liess er unter
Gibimer in Clusium in Tuscien, eine andre in Urbs Vetus unter Albila, eine
halbe in Tudertum unter Wulfgis: in Auximum vier Tausendschaften unter
Graf Wisand, dem tapfern Bandalarius: in Urbinum zwei unter Morra: in
Caesena und Monsferetrus je eine halbe. Hildebrand entsandte er nach
Verona, Totila nach Tarvisium und Teja nach Ticinum, da auch der Nordosten
der Halbinsel durch byzantinische, von Istrien aus drohende Truppen
gefaehrdet wurde.

Er that dies uebrigens noch aus andern Gruenden.

Einmal, um Belisar auf dem Wege nach Ravenna aufzuhalten. Dann, um im Fall
einer Einschliessung nicht wieder sobald durch die grosse Staerke des Heeres
dem Mangel ausgesetzt zu sein. Und endlich, um fuer den naemlichen Fall die
Belagerer auch vom Ruecken und zwar von mehreren Seiten her beunruhigen zu
koennen. Sein Plan war zunaechst, die seinem Hauptstuetzpunkt Ravenna
drohende Gefahr abzuwenden, und sich mit seinen zerruetteten Streitkraeften
auf die Verteidigung zu beschraenken, bis fremde Hilfstruppen,
langobardische und fraenkische, die er erwartete, ihn in den Stand setzen
wuerden, wieder das offne Feld zu halten.

Aber die Hoffnung, Belisar auf seinem Wege nach Ravenna durch diese
gotischen Burgen hinzuhalten, erfuellte sich nicht. Er begnuegte sich, sie
durch beobachtende Truppen einzuschliessen und zog ohne weiteres gegen die
Hauptstadt und den letzten bedeutenden Waffenplatz der Goten. "Habe ich
das Herz zum Tode getroffen," sagte er, "werden sich die geballten Faeuste
von selbst oeffnen."

                              --------------

Und so dehnten sich alsbald um die Koenigsstadt Theoderichs in weit
gestrecktem Bogen die Zelte der Byzantiner, an allen drei Landseiten, von
der Hafenstadt Classis an bis zu den Kanaelen und Zweigarmen des Padus, die
im Westen besonders die Verteidigung der Festungslinien bildeten.

Zwar hatte die alte, vornehme Stadt damals schon viel verloren von dem
Schimmer, in dem sie seit zwei Jahrhunderten fast strahlte als Residenz
der Imperatoren: und auch das letzte Abendrot, das die glorreiche
Regierung Theoderichs ueber sie gebreitet, war seit dem Ausbruch des
Krieges verschwunden.

Aber gleichwohl. Welch andern Eindruck muss damals die immer noch
volkreiche, dem heutigen Venedig gleichende Wasserstadt gemacht haben als
heute, wo es den Wandrer aus den ausgestorbnen Strassen, den leeren
Plaetzen, den einsam schweigenden Basiliken nicht minder melancholisch
anhaucht als draussen, vor den Mauern der Stadt, wo sich weithin die oede
Sumpflandschaft der Padusniederungen dehnt, bis sie in den Schlamm des
weit zurueckgetretenen Meeres auslaufen.

Wo einst in der Hafenstadt Classis zu Wasser und zu Lande geschaeftiges
Leben wogte, wo die stolzen Trieren der kaiserlichen Adria-Flotte tief
schaukelnd sich wiegten, da liegen jetzt sumpfige Wiesen, in deren hohem
Schilf und Riedgras verwilderte Bueffel grasen; versumpft die Strassen,
versandet der Hafen, verschollen das Volk, das hier freudig geherrscht: -
nur ein riesiger runder Turm aus der Gotenzeit steht noch neben der allein
erhaltnen, einsamen Basilika San Apollinare in Classe fuori, die, von
Witichis begonnen, von Justinian vollendet, nun eine Stunde fern von aller
Menschenwohnung auf der sumpfigen Ebene trauernd ragt.

Die starke Seefestung galt fuer uneinnehmbar: darum hatten sie seit dem
Sinken ihrer Macht, und der wachsenden Gefaehrdung Italiens durch die
Barbaren, die Kaiser zur Residenz gewaehlt. Die Suedost-Seite deckte das
damals noch bis an und in ihre und der Hafenstadt Mauern spuelende Meer.

Und um alle drei Landseiten hatten Natur und Kunst ein labyrinthisches
Netz von Kanaelen, Graeben und Suempfen des vielarmigen Padus gesponnen, in
welchem sich der Belagerer rettungslos verstricken musste. Und diese
Mauern! noch jetzt erfuellen ihre gewaltigen Reste mit Staunen; ihre
ungeheure Dicke und - weniger ihre Hoehe als - die Anzahl von starken
Rundtuermen, die von ihren Zinnen noch heute aufsteigen, trotzten vor der
Erfindung der Feuerwaffe jedem Sturm, jedem gewaltsamen Angriff. Nur durch
Aushungerung hatte nach fast vierjaehrigem Widerstand der grosse Theoderich
diese letzte Zuflucht Odovakars bezwungen.

Vergebens hatte Belisar versucht, gleich nach seiner Ankunft die Stadt mit
Sturm zu nehmen. Kraeftig ward sein Angriff abgewiesen und die Belagerer
mussten sich begnuegen, die Festung enge zu umschliessen und, wie einst der
Gotenkoenig, durch Mangel zur Uebergabe zu noetigen. Dem aber konnte Witichis
getrost entgegensehn. Denn er hatte mit der Vorsicht, die ihm eigen, in
diesem seinem Haupt-Bollwerk, schon vor dem Aufbruch nach Rom, Vorraete
aller Art, namentlich aber Getreide, in ausserordentlicher Menge in
besonders von ihm (mit Benutzung und in den Raeumen des ungeheuren
Marmorcirkus des Theodosius) erbauten Kornspeichern von Holzgezimmer
aufgehaeuft. Diese ausgedehnten Holzbauten, gerade gegenueber dem Palast und
der Basilika Sancti Apollinaris, waren des Koenigs Stolz, Freude und Trost.
Nur weniges von diesen Nahrungsmitteln hatte man durch das von den Feinden
durchstreifte Land nach dem Lager vor Rom fuehren koennen: und bei einiger
Sparsamkeit reichten diese Magazine ohne Zweifel fuer die Bevoelkerung und
das nicht mehr zahlreiche Heer leicht noch zwei und drei Monate aus. Bis
dahin aber war das Eintreffen eines fraenkischen Hilfsheeres infolge der
aufs neue angeknuepften Verhandlungen sicher zu erwarten. Und dieser
Entsatz musste notwendig die Aufhebung der Belagerung herbeifuehren.

Dies wussten - oder ahnten doch - Belisar und Cethegus so gut wie Witichis:
und rastlos spaehten sie nach allen Seiten, ein Mittel zu finden, den Fall
der Stadt zu beschleunigen. Der Praefekt suchte natuerlich vor allem seine
geheime Verbindung mit der Gotenkoenigin zu diesem Zwecke zu benutzen. Aber
einmal war der Verkehr mit ihr jetzt sehr erschwert, da die Goten alle
Ausgaenge der Stadt sorgfaeltig ueberwachten. Und dann schien auch
Mataswintha wesentlich veraendert und keineswegs mehr so bereit und
willfaehrig, sich als Werkzeug gebrauchen zu lassen, wie ehedem.

Sie hatte eine rasche Vernichtung oder Demuetigung des Koenigs erwartet. Das
lange Hinzoegern ermuedete sie: und zugleich hatten die grossen Leiden ihres
Volkes in Kampf und Hunger und Krankheit angefangen, sie zu erschuettern.

Dazu kam endlich, dass die traurige Verwandlung in dem sonst so kraeftigen
und gesundfreudigen Wesen des Koenigs, der stille, aber tiefe und finstre
Gram, der ueber seiner Seele lag, maechtig an ihrem Herzen ruettelte. Wenn
sie auch mit der ganzen Ungerechtigkeit des Schmerzes, mit dem bittern
Stolz gekraenkter Liebe ihn verklagte, dass er ihr Herz verworfen und doch,
um der Krone willen, mit Gewalt ihre Hand erzwungen hatte, und wenn sie
ihn dafuer auch mit der ganzen leidenschaftlichen Glut ihres Wesens zu
hassen glaubte und zum Teil auch wirklich hasste, so war doch dieser Hass
nur umgeschlagene Liebe. Und als sie ihn nun von dem schweren Unglueck der
gotischen Waffen, von dem Fehlschlagen all' seiner Plaene - an dem ihr
heimtueckischer Verrat so grossen Anteil trug, - tief, bis zur
krankhaft-schwermuetigen Verfinsterung des Geistes, zu marternder
Selbstpeinigung niedergebeugt sah, so wirkte dieser Anblick gewaltig auf
ihre aus Haerte und Glut seltsam gemischte Natur.

Sie haette im Augenblick des schmerzlichen Zornes mit Entzuecken sein Blut
fliessen sehen. Aber mondenlang ihn mit bohrendem Gram sich selbst
zerstoeren sehen, - das ertrug sie nicht. Zu dieser weichern Stimmung trug
aber endlich wesentlich bei, dass sie seit der Ankunft in Ravenna auch eine
Veraenderung in des Koenigs Benehmen gegen sie selbst bemerkt zu haben
glaubte. Spuren von Reue, dachte sie, von Reue ueber die Gewaltsamkeit, mit
welcher er in ihr Leben eingegriffen hatte.

Und weil sich in diesem Glauben ihr hartes, schroffes Auftreten bei den
selten und immer nur vor Dritten erfolgenden Begegnungen unwillkuerlich
gemildert hatte, erblickte Witichis hierin einen erfreulichen Schritt des
Entgegenkommens, den er stillschweigend ebenfalls mit freundlicheren
Formen anerkannte und lohnte. Grund genug fuer Mataswinthens beweglich
flutende Gedanken, die Antraege des Praefekten, selbst wenn diese manchmal
noch durch des klugen Mauren Vermittelung an sie gelangten, abzuweisen.

Doch hatte der Praefekt aus dieser Quelle schon waehrend des Zuges gegen
Ravenna erfahren, was spaeter auch sonst bekannt wurde, dass die Goten Hilfe
von den Franken erwarteten. Unverzueglich hatte er deshalb seine alten
Verbindungen mit den Vornehmen und Grossen, die an den Hoefen zu Mettis
(Metz), Aurelianum (Orleans), und Suessianum (Soissons) im Namen der
merowingischen Schattenkoenige herrschten, wieder angeknuepft, um die
Franken, deren damals sprichwoertlich gewordne Falschheit gute Aussicht auf
Gelingen solcher Versuche gewaehrte, von dem gotischen Buendnis wieder
abzuziehen.

Und als die Sache durch diese Freunde gehoerig vorbereitet war, hatte er an
Koenig Theudebald, der zu Mettis Hof hielt, selbst geschrieben und ihn
dringend gewarnt, bei einer so verlornen Sache, wie die gotische seit dem
Scheitern der Belagerung Roms offenbar geworden, sich zu beteiligen.
Diesen Brief hatten reiche Geschenke an seinen alten Freund, den
Majordomus des schwachen Koenigs, begleitet: und sehnlich erwartete der
Praefekt von Tag zu Tag die Antwort auf denselben: um so sehnlicher, als
das veraenderte Benehmen Mataswinthens die Hoffnung auf raschere
Ueberwaeltigung der Goten abgeschnitten hatte.

Die Antwort kam, gleichzeitig mit einem kaiserlichen Schreiben aus Byzanz,
an einem fuer die Helden in und ausser Ravenna gleich verhaengnisvollen Tage.




                           Siebzehntes Kapitel.


Hildebad, ungeduldig ueber das lange Muessigliegen, hatte aus der ihm zu
besonderer Obhut anvertrauten Porta Faventina mit Tagesanbruch einen
heftigen Ausfall auf das byzantinische Lager gemacht, anfangs in
ungestuemem Anlauf rasche Vorteile errungen, einen Teil der
Belagerungswerkzeuge verbrannt und ringsum Schrecken verbreitet.

Er haette unfehlbar noch viel groessern Schaden angerichtet, wenn nicht der
rasch herbeieilende Belisar an diesem Tage all' seine Feldherrnschaft und
all' sein Heldentum zugleich entfaltet haette. Ohne Helm und Harnisch, wie
er vom Lager aufgesprungen, hatte er sich zuerst seinen eignen fliehenden
Vorposten, dann den gotischen Verfolgern entgegengeworfen und durch
aeusserste persoenliche Anstrengung und Aufopferung das Gefecht zum Stehen
gebracht. Darauf aber hatte er seine beiden Flanken so geschickt
verwendet, dass Hildebads Rueckzug ernstlich bedroht war und die Goten, um
nicht abgeschnitten zu werden, all' ihre errungenen Vorteile aufgeben und
schleunigst in die Stadt zurueckeilen mussten.

Cethegus, der mit seinen Isauriern vor der Porta Honoriana lag und zur
Hilfe herbeikam, fand das Treffen schon beendet und konnte nicht umhin,
nachher Belisar in seinem Zelte aufzusuchen und ihm, als Feldherrn wie als
Krieger, seine Anerkennung auszusprechen, ein Lob, das Antonina begierig
einsog. "Wirklich, Belisarius," schloss der Praefekt, "Kaiser Justinian kann
dir das nicht vergelten."

"Da sprichst du wahr," antwortete Belisar stolz: "er vergilt mir nur durch
seine Freundschaft. Fuer seinen Feldherrnstab koennte ich nicht thun, was
ich fuer ihn schon gethan habe und noch immer thue. Ich thu's, weil ich ihn
wirklich liebe. Denn er ist ein grosser Mann mit allen seinen Schwaechen.
Wenn er nur Eins noch lernte: mir vertrau'n. Aber getrost: - er wird's
noch lernen."

Da kam Prokop und brachte einen Brief von Byzanz, der soeben von einem
kaiserlichen Gesandten ueberbracht worden. Mit freudestrahlendem Antlitz
sprang Belisar, aller Muedigkeit vergessen, vom Polster auf, kuesste die
purpurnen Schnuere, durchschnitt sie dann mit dem Dolch und oeffnete das
Schreiben mit den Worten: "Von meinem Herrn und Kaiser selbst! Ah, nun
wird er mir die Leibwaechter senden und den lang geschuldeten Sold, den ich
erwarte, und das vorgeschossene Gold."

Und er begann zu lesen.

Aufmerksam beobachteten ihn Antonina, Prokop und Cethegus: seine Zuege
verfinsterten sich mehr und mehr: seine breite Brust fing an, sich wie in
schwerem Krampf zu heben: die beiden Haende, mit welchen er das Schreiben
hielt, zitterten. Besorgt trat Antonina heran: aber ehe sie fragen konnte,
stiess Belisar einen dumpfen Schrei der Wut aus, schleuderte das
kaiserliche Schreiben auf die Erde und stuerzte ausser sich aus dem Gezelt;
eilend folgte ihm seine Gattin.

"Jetzt darf ihm nur Antonina vor die Augen," sagte Prokop, den Brief
aufhebend. "Lass sehn: wohl wieder ein Stuecklein kaiserlichen Dankes," -
und er las: "Der Eingang ist Redensart, wie gewoehnlich - aha, jetzt kommt
es besser:

"Wir koennen gleichwohl nicht verhehlen, dass wir, nach deinen eignen
frueheren Beruehmungen, eine raschere Beendigung des Krieges gegen diese
Barbaren erwartet haetten und glauben auch, dass eine solche bei groesserer
Anstrengung nicht unmoeglich gewesen waere. Deshalb koennen wir deinem
wiederholt geaeusserten Wunsche nicht entsprechen, dir deine uebrigen
fuenftausend Mann Leibwaechter, die noch in Persien stehen, sowie die vier
Centenare Goldes nachzusenden, die in deinem Palaste in Byzanz liegen.

Allerdings sind beide, wie du in deinem Briefe ziemlich ueberfluessigermassen
bemerkst, dein Eigentum: und dein in demselben Brief geaeusserter Entschluss,
du wollest diesen Gotenkrieg bei dermaliger Erschoepftheit des kaiserlichen
Saeckels aus eignen Mitteln zu Ende fuehren, verdient, dass wir ihn als
pflichtgetreu bezeichnen. Da aber, wie du in gleichem Briefe richtiger
hinzugefuegt, all dein Hab' und Gut deines Kaisers Majestaet zu Diensten
steht und kaiserliche Majestaet die erbetene Verwendung deiner Leibwaechter
und deines Goldes in Italien fuer ueberfluessig halten muss, so haben wir,
deiner Zustimmung gewiss, anderweitig darueber verfuegt und bereits Truppen
und Schaetze, zur Beendung des Perserkriegs, deinem Kollegen Narses
uebergeben." - Ha, unerhoert!" unterbrach sich Prokop.

Cethegus laechelte: "Das ist Herrendank fuer Sklavendienst."

"Auch das Ende scheint huebsch," fuhr Prokopius fort. - "Eine Vermehrung
deiner Macht in Italien aber scheint uns um so minder wuenschbar, als man
uns wieder taeglich vor deinem ungemessenen Ehrgeiz warnt.

Erst neulich sollst du beim Weine gesagt haben: das Scepter sei aus dem
Feldherrnstab und dieser aus dem Stock entstanden: - gefaehrliche Gedanken
und ungeziemende Worte.

Du siehst, wir sind von deinen ehrgeizigen Traeumen unterrichtet.

Diesmal wollen wir warnen, ohne zu strafen: aber wir haben nicht Lust, dir
noch mehr Holz zu deinem Feldherrnstab zu liefern: und wir erinnern dich,
dass die stolzest ragenden Wipfel dem kaiserlichen Blitz am naechsten
stehn."

"Das ist schaendlich!" rief Prokop. "Nein, das ist schlimmer: es ist dumm!"
sagte Cethegus. "Das heisst die Treue selbst zum Aufruhr peitschen."

"Recht hast du," schrie Belisar, der, wieder hereinstuermend, diese Worte
noch gehoert hatte. "Oh, er verdient Aufruhr und Empoerung, der undankbare,
boshafte, schaendliche Tyrann."

"Schweig! Um aller Heiligen willen, du richtest dich zu Grunde!" beschwor
ihn Antonina, die mit ihm wieder eingetreten war und suchte, seine Hand zu
fassen.

"Nein, ich will nicht schweigen," rief der Zornige, an der offenen
Zeltthuer auf und niederrennend, vor welcher Bessas, Acacius, Demetrius und
viele andere Heerfuehrer mit Staunen lauschend standen. "Alle Welt soll's
hoeren. Er ist ein undankbarer, heimtueckischer Tyrann! Ja du verdientest,
dass ich dich stuerzte! Dass ich dir thaete nach dem Argwohn deiner falschen
Seele, Justinianus!"

Cethegus warf einen Blick auf die draussen Stehenden: sie hatten offenbar
alles vernommen: jetzt, eifrig Antoninen winkend, schritt er an den
Eingang und zog die Vorhaenge zu. Antonina dankte ihm mit einem Blicke. Sie
trat wieder zu ihrem Gatten: aber dieser hatte sich jetzt neben dem
Zeltbett auf die Erde geworfen, schlug die geballten Faeuste gegen seine
Brust und stammelte: "O Justinianus, hab' ich das um dich verdient? O zu
viel, zu viel!" Und ploetzlich brach der gewalt'ge Mann in einen Strom von
hellen Thraenen aus. Da wandte sich Cethegus veraechtlich ab: "Lebwohl,"
sagte er leise zu Prokopius, "mich ekelt es, wenn Maenner heulen."




                           Achtzehntes Kapitel.


In schweren Gedanken schritt der Praefekt aus dem Zelt und ging, das Lager
umwandelnd, nach der ziemlich entlegenen Verschanzung, wo er mit seinen
Isauriern sich eingegraben hatte vor dem Thor des Honorius. Es war auf der
Suedseite der Stadt, nahe dem Hafenwall von Classis, und der Weg fuehrte zum
Teil am Meeresstrand entlang.

So sehr den einsamen Wanderer in diesem Augenblick der grosse Gedanke, der
der Pulsschlag seines Lebens geworden war, beschaeftigte, so schwer die
Unberechenbarkeit Belisars, dieses gefuehlsueberschwenglichen
Gemuetsmenschen, und die Spannung wegen der Antwort der Franken gerade
jetzt auf ihm lastete, - doch ward seine Merksamkeit, wenn auch nur
voruebergehend, auf das aussergewoehnliche Aussehen der Landschaft, des
Himmels, der See, der ganzen Natur abgezogen.

Es war Oktober: - aber die Jahreszeit schien seit langen Wochen ihr Gesetz
geaendert zu haben. Seit zwei Monden fast hatte es nicht geregnet: ja kein
Gewoelk, kein Streif von Nebel hatte sich in dieser sonst so duenstereichen
Sumpflandschaft gezeigt. Jetzt ploetzlich - es war gegen Sonnenuntergang -
bemerkte Cethegus im Osten, ueber dem Meer, am fernsten Horizont, eine
einzelne rundgeballte, rabenschwarze Wolke, die seit kurzem aufgestiegen
sein musste.

Die untertauchende Sonnenscheibe, obwohl frei von Nebeln, zeigte keine
Strahlen. Kein Lufthauch kraeuselte die bleierne Flut des Meeres.

Keine noch so leise Welle spuelte an den Strand. In der weitgestreckten
Ebene regte sich kein Blatt an den Olivenbaeumen. Ja, nicht einmal das
Schilf in den Sumpfgraeben bebte.

Kein Laut eines Tieres, kein Vogelflug war vernehmbar: und ein
fremdartiger, erstickender Qualm, wie Schwefel, schien drueckend ueber Land
und Meer zu liegen und hemmte das Atmen. Maultiere und Pferde schlugen
unruhig gegen die Bretter der Planken, an welchen sie im Lager angebunden
waren. Einige Kamele und Dromedare, die Belisar aus Afrika mitgebracht,
wuehlten den Kopf in den Sand. -

Schwer beklommen atmete der Wanderer mehrmals auf und blickte befremdet um
sich. "Das ist schwuel: wie vor dem "Wind des Todes" in den Wuesten
Aegyptens," sagte er zu sich selber. - "Schwuel ueberall - aussen und innen. -
Auf wen wird sich der lang versparte Groll der Natur und Leidenschaft
entladen?"

Damit trat er in sein Zelt. Syphax sprach zu ihm, "Herr, waer' ich daheim,
ich glaubte heute: der Gifthauch des Wuestengottes sei im Anzug," und er
reichte ihm einen Brief.

Es war die Antwort des Frankenkoenigs! Hastig riss Cethegus das grosse,
prunkende Siegel auf.

"Wer hat ihn gebracht?"

Ein Gesandter, der, nachdem er den Praefekten nicht getroffen, sich zu
Belisar hatte fuehren lassen. Er hatte den naechsten Weg - den durchs Lager
- verlangt. Deshalb hatte ihn Cethegus verfehlt.

Er las begierig: "Theudebald, Koenig der Franken, Cethegus dem Praefekten
Roms. Kluge Worte hast du uns geschrieben. Noch kluegere nicht der Schrift
vertraut, sondern uns durch unsern Majordomus kundgethan. Wir sind nicht
uebel geneigt, danach zu thun. Wir nehmen deinen Rat und die Geschenke, die
ihn begleiten, an. Den Bund mit den Goten hat ihr Unglueck geloest. Dies,
nicht unsere Wandelung, moegen sie verklagen.

Wen der Himmel verlaesst, von dem sollen auch die Menschen lassen, wenn sie
fromm und klug. Zwar haben sie uns den Sold fuer das Hilfsheer in mehreren
Centenaren Goldes vorausbezahlt. Allein das bildet in unsern Augen kein
Hindernis.

Wir behalten diese Schaetze als Pfand, bis sie uns die Staedte in Suedgallien
abgetreten, welche in die von Gott und der Natur dem Reich der Franken
vorgezeichnete Gebietsgrenze fallen. Da wir aber den Feldzug bereits
vorbereitet und unser tapferes Heer, das schon den Kampf erwartet, nur mit
gefaehrlichem Murren die Langeweile des Friedens tragen wuerde, sind wir
gewillt, unsere siegreichen Scharen gleichwohl ueber die Alpen zu schicken.
Nur anstatt fuer: gegen die Goten.

Aber freilich, auch nicht fuer den Kaiser Justinianus, der uns fortwaehrend
den Koenigstitel vorenthaelt, sich auf seinen Muenzen Herrn von Gallien
nennt, uns keine Goldmuenzen mit eigenem Brustbild praegen lassen will und
uns noch andere hoechst unertraegliche Kraenkungen unserer Ehre angethan. Wir
gedenken vielmehr, unsere eigene Macht nach Italien auszudehnen.

Da wir nun wohl wissen, dass des Kaisers ganze Staerke in diesem Lande auf
seinem Feldherrn Belisar beruht, dieser aber eine grosse Zahl alter und
neuer Beschwerden gegen seinen undankbaren Herrn zu fuehren hat: so werden
wir diesem Helden antragen, sich zum Kaiser des Abendlandes aufzuwerfen,
wobei wir ihm ein Heer von hunderttausend Franken-Helden zu Hilfe senden
und uns dafuer nur einen kleinen Teil Italiens von den Alpen bis Genua hin
abtreten lassen werden.

Wir halten fuer unmoeglich, dass ein Sterblicher dieses Anerbieten ablehne.
Falls du zu diesem Plane mitwirken willst, verheissen wir dir eine Summe
von zwoelf Centenaren Goldes und werden, gegen eine Rueckzahlung von zwei
Centenaren, deinen Namen in die Liste unserer Tischgenossen aufnehmen. Der
Gesandte, der dir diesen Brief gebracht, Herzog Liuthari, hat unsern
Antrag Belisar mitzuteilen."

Mit steigender Erregung hatte Cethegus zu Ende gelesen.

Jetzt fuhr er auf. "Ein solcher Antrag zu dieser Stunde: - in dieser
Stimmung: - er nimmt ihn an! Kaiser des Abendlandes mit hunderttausend
Franken-Kriegern! Er darf nicht leben." -

Und er eilte an den Eingang seines Zeltes. Dort aber blieb er ploetzlich
stehen: "Thor, der ich war!" laechelte er kalt. "Heissbluetig noch immer? Er
ist ja Belisar und nicht Cethegus! Er nimmt nicht an. Das waere, wie wenn
der Mond sich gegen die Erde empoeren wollte, als ob der zahme Haushund
ploetzlich zum grimmigen Wolfe wuerde. Er nimmt nicht an! Aber nun lass
sehen, wie wir die Niedertracht und Gier dieses Merowingen nutzen. Nein,
Frankenkoenig," und er laechelte bitter auf den zusammengeknitterten Brief,
"solang Cethegus lebt, - nicht einen Fuss breit von Italiens Boden."

Und einen raschen, heftigen Gang durchs Zelt. Einen zweiten langsamern.
Und einen dritten -: nun blieb er stehen -: und ueber seine maechtige Stirn
zuckt' es hin. "Ich hab' es!" frohlockte er. "Auf, Syphax," rief er, "geh'
und rufe mir Prokop." -

Und bei einem neuen Durchschreiten des Gemachs fiel sein Blick auf den zur
Erde gefallenen Brief des Merowingen. "Nein," laechelte er triumphierend,
ihn aufhebend, "nein, Frankenkoenig, nicht soviel Raum als dieser Brief
bedeckt, sollst du haben von Italiens heiliger Erde."

Bald erschien Prokop. Die beiden Maenner pflogen ueber Nacht ernste, schwere
Beratung. Prokop erschrak vor den schwindelkuehnen Plaenen des Praefekten und
weigerte sich lange, darauf einzugehen.

Aber mit ueberlegener Geistesmacht hatte ihn der gewaltige Mann umklammert
und hielt ihn eisern fest mit zwingenden Gedanken, schlug jeden Einwand,
noch eh' er ausgesprochen, mit siegender Ueberredung nieder und liess nicht
eher ab, seine unzerreissbaren und dichten Faeden um den Widerstrebenden zu
ziehen, bis dem Eingesponnenen die Kraft des Widerstandes versagte. -

Die Sterne erblichen und das erste Tagesgrauen erhellte den Osten mit
blassem Streif, als Prokopius von dem Freunde Abschied nahm. "Cethegus,"
sagte er aufstehend, "ich bewundere dich.

Waer' ich nicht Belisars, - ich moechte dein Geschichtschreiber sein."

"Interessanter waere es," sagte der Praefekt ruhig, "aber schwerer."

"Doch graut mir vor der aetzenden Schaerfe deines Geistes. Sie ist ein
Zeichen der Zeit, in der wir leben. Sie ist wie eine blendendfarbige
Giftblume auf einem Sumpfe. Wenn ich denke wie du den Gotenkoenig durch
sein eigen Weib zu Grunde gerichtet ... -"

"Ich musste dir das jetzt sagen. Leider hab' ich in letzter Zeit wenig von
meiner schoenen Verbuendeten gehoert."

"Deine Verbuendete! Deine Mittel sind ..." - "Immer zweckmaessig."

"Aber nicht immer ..! - Gleichviel, ich gehe mit dir: - noch eine Strecke
Weges, weil ich meinen Helden aus Italien fort haben will, sobald als
moeglich. Er soll in Persien Lorbeeren sammeln, statt hier Dornen. Aber ich
gehe nicht weiter mit dir als bis ... -"

"Zu deinem Ziel, das versteht sich."

"Genug. Ich spreche sofort mit Antoninen: ich zweifle nicht am Erfolg. Sie
langweilt sich hier aufs toedlichste. Sie brennt vor Begierde, in Byzanz
nicht nur so manchen Freund wiederzufinden, auch die Feinde ihres Gatten
zu verderben."

"Eine gute schlechte Frau."

"Aber Witichis? Meinst du, er wird eine Empoerung Belisars fuer moeglich
halten?"

"Koenig Witichis ist ein guter Soldat und schlechter Psychologe. Ich kenne
einen viel schaerferen Kopf, der's doch einen Augenblick fuer moeglich hielt.
Und du zeigst ihm ja alles schriftlich. Und jetzt gerade, da er von den
Franken im Stich gelassen ist, geht ihm das Wasser an den Hals: - er
greift nach jedem Strohhalm. Daran also zweifle ich nicht: - versichre
dich nur Antoninens." -

"Das lass meine Sorge sein. Bis Mittag hoff' ich als Gesandter in Ravenna
einzuziehn."

"Wohl: - dann vergiss mir nicht, die schoene Koenigin zu sprechen."




                           Neunzehntes Kapitel.


Und Mittags ritt Prokop in Ravenna ein.

Er trug vier Briefe bei sich: den Brief Justinians an Belisar, die Briefe
des Frankenkoenigs an Cethegus und an Belisar und einen Brief Belisars an
Witichis. Diesen letztern hatte Prokop geschrieben und Cethegus hatte ihn
diktiert.

Der Gesandte hatte keine Ahnung, in welcher Seelenverfassung er den Koenig
der Goten und seine Koenigin antraf. Der gesunde, aber einfache Sinn des
Koenigs hatte schon seit geraumer Zeit begonnen, unter dem Druck
unausgesetzten Ungluecks zwar nicht zu verzagen, jedoch sich zu verduestern.
Die Ermordung seines einzigen Kindes, das herzzerfleischende Losreissen von
seinem Weibe hatten ihn schwer erschuettert: - aber er hatte es getragen
fuer den Sieg der Goten. Und nun war dieser Sieg hartnaeckig ausgeblieben.

Trotz allen Anstrengungen war die Sache seines Volkes mit jedem Monat
seiner Regierung tiefer gefallen: mit einziger Ausnahme des Gefechts bei
dem Zug nach Rom hatte ihm nie das Glueck gelaechelt.

Die mit so stolzen Hoffnungen unternommene Belagerung von Rom hatte mit
dem Verlust von drei Vierteln seines Heeres und traurigem Rueckzug geendet.
Neue Ungluecksschlaege, Nachrichten, die betaeubend wie Keulenschlaege auf den
Helm in dichter Folge sich draengten, mehrten seine Niedergeschlagenheit
und steigerten sie zu dumpfer Hoffnungslosigkeit.

Fast ganz Italien, ausserhalb Ravenna, schien Tag fuer Tag verloren zu
gehen. Schon von Rom aus hatte Belisar eine Flotte gegen Genua gesendet,
unter Mundila, dem Heruler, und Ennes, dem Isaurier: ohne Schwertstreich
gewannen deren gelandete Truppen den seebeherrschenden Hafen und von da
aus fast ganz Ligurien. Nach dem wichtigen Mediolanum lud sie Datius, der
Bischof dieser Stadt, selbst: von dort aus gewannen sie Bergomum, Comum,
Novaria. Andrerseits ergaben sich die entmutigten Goten in Clusium und dem
halbverfallnen Dertona den Belagerern und wurden gefangen aus Italien
gefuehrt. Urbinum ward nach tapferm Widerstand von den Byzantinern erobert,
ebenso Forum Cornelii und die ganze Landschaft Aemilia durch Johannes den
Blutigen: die Versuche der Goten, Ancona, Ariminum und Mediolanum wieder
zu nehmen, scheiterten.

Noch schlimmere Botschaften aber trafen bald des Koenigs weiches Gemuet.

Denn inzwischen wuetete der Hunger in den weiten Landschaften Aemilia,
Picenum, Tuscien. Dem Pfluge fehlten Maenner, Rinder und Rosse.

Die Leute fluechteten in die Berge und Waelder, buken Brot aus Eicheln und
verschlangen das Gras und Unkraut. Verheerende Krankheiten entstanden aus
der mangelnden oder ungesunden Nahrung. In Picenum allein erlagen fuenfzig
tausend Menschen, noch mehr jenseit des Ionischen Meerbusens in Dalmatien,
dem Hunger und den Seuchen. Bleich und abgemagert wankten die noch
Lebenden dem Grabe zu: wie Leder ward die Haut und schwarz, die gluehenden
Augen traten aus dem Kopf, die Eingeweide brannten. Die Aasvoegel
verschmaehten die Leichen dieser Pestopfer: aber von Menschen ward das
Menschenfleisch gierig gegessen. Muetter toeteten und verzehrten ihre
neugebornen Kinder. In einem Gehoeft bei Ariminum waren nur noch zwei
roemische Weiber uebrig. Diese ermordeten und verzehrten nacheinander
siebzehn Menschen, die vereinzelt bei ihnen Unterkunft gesucht. Erst der
achtzehnte erwachte, bevor sie ihn im Schlaf zu erwuergen vermochten,
toetete die werwoelfischen Unholdinnen und brachte das Schicksal der
frueheren Opfer ans Licht.

Endlich scheiterte auch die auf Langobarden und Franken gesetzte Hoffnung.
Die letzteren, die grosse Summen fuer das zugesagte Hilfsheer empfangen
hatten, verharrten in schweigender Ruhe. Die ungestuem zur Eile, zur
Erfuellung der versprochenen und vorausbezahlten Leistungen mahnenden Boten
des Koenigs wurden zu Mettis, Aurelianum und Paris festgehalten: keinerlei
Antwort kam von diesen Hoefen. Der Langobardenkoenig Audoin aber liess sagen:
er wolle nichts entscheiden ohne seinen kriegsgewaltigen Sohn Alboin,
dieser jedoch sei mit grossem Gefolge auf Abenteuer ausgezogen.

Vielleicht komme derselbe selbst einmal nach Italien: - er sei mit Narses
eng befreundet. Dann werde er das Land sich ansehn und seinem Vater und
Volke raten, welche Beschluesse sie ueber dies Land Italia fassen sollten.

Tapfer widerstand zwar noch Auximum monatelang allen Anstrengungen des
starken Belagerungsheeres, das Belisar selbst, begleitet von Prokop, vor
die Mauern gefuehrt hatte und waehrend der Einschliessung befehligte. Aber es
zerriss dem Koenig das Herz, als ihm durch einen Boten (der nur mit Muehe und
verwundet sich durch die Reihen beider einschliessenden Heere in das drei
Tagreisen entfernte Ravenna schlich) der heldenmuetige Graf Wisand der
Bandalarius die folgenden Worte sandte: "Als du mir Auximum anvertrautest,
sagtest du: ich sollte damit die Schluessel Ravennas, ja des Gotenreiches
hueten. Ich sollte maennlich widerstehen, dann wuerdest du bald mit all'
deinem Heer zu unsrem Entsatz heranziehen. Wir haben maennlich widerstanden
Belisar und dem Hunger. Wo bleibt dein Entsatz? Wehe, wenn du recht
gesprochen und mit unsrer Feste jene Schluessel in der Feinde Haende fallen.
Deshalb komm und hilf: - mehr um des Reichs, als unsrer willen."

Diesem Boten folgte bald ein zweiter, ein mit vielem Golde bestochner
Soldat der Belagerer, Burcentius: sein Auftrag lautete - mit Blut war der
kurze Brief geschrieben: - "Wir haben nur mehr das Unkraut zu essen, das
aus den Steinen waechst. Laenger als fuenf Tage koennen wir uns nicht mehr
halten." Der Bote fiel auf der Rueckkehr mit der Antwort des Koenigs in die
Hand der Belagerer, die ihn im Angesicht der Goten vor den Waellen von
Auximum lebendig verbrannten.

Ach und der Koenig konnte nicht helfen!

Noch immer widerstand das Haeuflein Goten in Auximum, obwohl ihnen Belisar
durch Zerstoerung der Wasserleitung das Wasser abschnitt und den letzten
Brunnen, der ihnen geblieben und nicht abzugraben war, durch Leichen von
Menschen und Tieren und Kalkloesungen vergiftete. Sturmangriffe schlug
Wisand immer noch blutig ab: nur durch Aufopferung eines Leibwaechters
entging einmal Belisar hierbei dem ganz nahen Tode.

Endlich fiel zuerst Caesena, die letzte gotische Stadt in der Aemilia, und
dann Faesulae, das Cyprianus und Justinus belagerten. "Mein Faesulae!" rief
der Koenig, als er es erfuhr: - denn er war Graf dieser Stadt gewesen und
dicht dabei lag das Haus, das er mit Rauthgundis bewohnt hatte. "Die
Hunnen hausen wohl an meinem zerstoerten Herd!"

Als aber die gefangene Besatzung von Faesulae den Belagerten in Auximum in
Ketten vor Augen gefuehrt und von diesen Gefangnen selbst jeder Entsatz von
Ravenna her als hoffnungslos bezeichnet wurde, da noetigten den Bandalarius
seine verhungerten Scharen zur Uebergabe.

Er selbst bedang sich freies Geleit nach Ravenna aus.

Seine Tausendschaften wurden gefangen aus Italien gefuehrt. Ja, so tief
gesunken war Mut und Volksgefuehl der endlich Bezwungenen, dass sie unter
Graf Sisifrid von Sarsina gegen die eigenen Volksgenossen Dienste nahmen
unter Belisars Fahnen.

Der Sieger hatte Auximum stark besetzt und alsbald die bisherigen
Belagerer dieser Feste zurueckgefuehrt in das Lager vor Ravenna, wo er
Cethegus den bisher anvertrauten Oberbefehl wieder abnahm.

Es war, als ob ein Fluch an dem Haupte des Gotenkoenigs hafte, auf dem so
schwer die Krone lastete. Da er nun den Grund seines Misslingens keiner
Schwaeche, keinem Versehen auf seiner Seite zuschreiben, da er ebensowenig
an dem guten Recht der Goten gegen die Byzantiner zweifeln und da seine
einfache Gottesfurcht in diesem Ausgang nichts andres als das Walten des
Himmels erblicken konnte, so kam er immer wieder auf den quaelenden
Gedanken, es sei um seiner unvergebenen Suendenschuld willen, dass Gott die
Goten zuechtige: eine Verstellung, welche die Anschauungen des die Zeit
beherrschenden alten Testaments ihm nicht minder nahe legten als viele
Zuege der alten germanischen Koenigssage.

Diese Gedanken verfolgten unablaessig den tuechtigen Mann und nagten Tag und
Nacht an der Kraft seiner Seele. Bald suchte er im selbstquaelerischen
Gruebeln jene seine geheime Schuld zu entdecken. Bald sann er nach, wie er
den ihn verfolgenden Fluch wenigstens von seinem Volke wenden koenne.
Laengst haette er die Krone einem andern abgetreten, wenn ein solcher
Schritt in diesem Augenblick nicht ihm und andern als Feigheit haette
erscheinen muessen. So war ihm auch dieser Ausweg - der naechste und liebste
- aus seinen quaelenden Gedanken verschlossen. Gebeugt sass jetzt oft der
sonst so stattliche Mann, blickte lange starr und schweigend vor sich hin,
nur manchmal das Haupt schuettelnd oder tief aufseufzend.

Der taegliche Anblick dieses stillen, stolzen Leidens, dieses stummen und
hilflosen Erduldens eines niederdrueckenden Geschickes blieb, wie wir
gesehen, nicht ohne Eindruck auf Mataswintha. Auch glaubte sie sich nicht
darin getaeuscht zu haben, dass seit geraumer Zeit sein Auge milder als
sonst, mit Wehmut, ja mit Wohlwollen auf ihr geruht habe. Und so draengte
sie teils uneingestandene Hoffnung, die so schwer erlischt im liebenden
Herzen, teils Reue und Mitleid maechtiger als je zu dem leidenden Koenig.

Oft wurden sie jetzt auch durch ein gemeinsames Werk der Barmherzigkeit
vereint. Die Bevoelkerung von Ravenna hatte in den letzten Wochen
angefangen, waehrend die Belagerer von Ancona aus das Meer beherrschten und
aus Calabrien und Sicilien reiche Vorraete bezogen, Mangel zu leiden. Nur
die Reichen vermochten noch die hohen Preise des Getreides zu bezahlen.
Des Koenigs mildes Herz nahm keinen Anstand, aus dem Ueberfluss seiner
Magazine, die, wie gesagt, die doppelte Zeit bis zu dem Eintreffen der
Franken auszureichen versprachen, auch an die Armen der Stadt wohlthaetige
Verteilungen zu machen, nachdem er seine gotischen Tausendschaften
versorgt hatte: auch hoffte er auf eine grosse Menge von Getreideschiffen,
welche die Goten in den oberen Padus-Gegenden auf diesem Flusse
zusammengebracht hatten und in die Stadt zu schaffen trachteten.

Um aber jeden Missbrauch und alles Uebermass bei jenen Spenden fernzuhalten,
ueberwachte der Koenig selbst diese Austeilungen: und Mataswintha, die ihn
einmal mitten unter den bettelnden und dankenden Haufen angetroffen, hatte
sich neben ihn auf die Marmorstufen der Basilika von Sankt Apollinaris
gestellt und ihm geholfen, die Koerbe mit Brot verteilen. Es war ein
schoener Anblick, wie das Paar, er zur Rechten, die Koenigin zur Linken, vor
der Kirchenpforte standen und ueber die Stufen hinab dem segenrufenden Volk
die Spende reichten.

Waehrend sie so standen, bemerkte Mataswintha unter der draengenden,
flutenden Volksmasse, - denn es war viel Landvolk ja auch von allen Seiten
vor den Schrecken des Krieges in die rettenden Mauern zusammengestroemt, -
auf der untersten Stufe der Basilika seitwaerts ein Weib in schlichtem,
braunem, halb ueber den Kopf gezogenem Mantel. Dies Weib draengte nicht mit
den andern die Stufen hinan, um auch Brot fuer sich zu fordern: sondern
lehnte, vorgebeugt, den Kopf auf die linke Hand und diesen Arm auf einen
hohen Sarkophag gestuetzt, hinter der Ecksaeule der Basilika und blickte
scharf und unverwandt auf die Koenigin.

Mataswintha glaubte, das Weib sei etwa von Furcht oder Scham oder Stolz
abgehalten, sich unter die keckern Bettler zu mischen, die auf den Stufen
sich stiessen und draengten: und sie gab Aspa einen besondern Korb mit Brot,
hinabzugehen und ihn der Frau zu reichen. Sorglich bemueht haeufte sie mit
mildem Blick und mit den beiden weissen Haenden thaetig das duftende
Gebaeck. -

Als sie aufsah, begegnete sie dem Auge des Koenigs, das, sanft und
freundlich geruehrt, wie noch nie, auf ihr geruht hatte. - Heiss schoss ihr
das Blut in die Wangen und sie zuckte leise und senkte die langen Wimpern.

Als sie wieder aufsah und nach dem Weib im braunen Mantel blickte, war
diese verschwunden. Der Platz am Sarkophag war leer.

Sie hatte, waehrend sie den Korb fuellte, nicht bemerkt, wie ein Mann mit
einem Bueffelfell und einer Sturmhaube, der hinter der Frau stand, sie beim
Arme gefasst und mit sanfter Gewalt hinweggefuehrt hatte. "Komm," hatte er
gesagt, "hier ist kein guter Ort fuer dich." Und wie im wachen Traum hatte
das Weib geantwortet: "Bei Gott, sie ist wunderschoen."

"Ich danke dir, Mataswintha!" sprach der Koenig freundlich, als die fuer
heute bestimmten Spenden verteilt waren.

Der Blick, der Ton, das Wort drangen tief in ihr Herz. Nie hatte er sie
bisher bei ihrem Namen genannt, immer nur die Koenigin in ihr gesehen und
angesprochen. Wie beglueckte sie das Wort aus seinem Munde - und wie schwer
lastete doch zugleich diese Milde auf ihrer schuldbewussten Seele! Offenbar
hatte sie sich zum Teil seine waermere Stimmung durch ihr werkthaetiges
Mitleid mit den Armen erworben. "O er ist gut," sagte sie, halb weinend
vor Erregung, "ich will auch gut sein."

Als sie mit diesem Gedanken in den Vorhof des ihr angewiesenen linken
Fluegels des Palastes trat - Witichis bewohnte den rechten - eilte ihr Aspa
geschaeftig entgegen. "Ein Gesandter aus dem Lager," fluesterte sie der
Herrin eifrig zu. "Er bringt geheime Botschaft vom Praefekten - einen
Brief, von Syphax Hand, in unsrer Sprache - er harrt auf Antwort ..." -

"Lass," rief Mataswintha, die Stirne furchend, "ich will nichts hoeren,
nichts lesen. Aber wer sind diese?"

Und sie deutete auf die Treppe, die aus der Vorhalle in ihre Gemaecher
fuehrte. Da kauerten auf den roten Steinplatten Weiber, Kinder, Kranke,
Goten und Italier durcheinander, in Lumpen gehuellt - eine Gruppe des
Elends.

"Bettler, Arme, sie liegen hier schon den ganzen Morgen. Sie sind nicht zu
verscheuchen." - "Man soll sie nicht verscheuchen!" sprach Mataswintha,
naeher tretend.

"Brot, Koenigin! Brot, Tochter der Amalungen!" riefen mehrere Stimmen ihr
entgegen. "Gieb ihnen Gold, Aspa, alles, was du bei dir traegst und hole ..
-" - "Brot! Brot! Koenigin, nicht Gold! um Gold ist kein Brot mehr zu haben
in der Stadt."

"Vor des Koenigs Speichern wird es umsonst verteilt. Ich komme gerade davon
her, warum wart ihr nicht dort?"

"Ach Koenigin, wir koennen nicht durchdringen," jammerte eine hagere Frau.
"Ich bin alt und meine Tochter hier ist krank und jener Greis dort ist
blind. Die Gesunden, die Jungen stossen uns zurueck. Drei Tage haben wir's
umsonst versucht: wir dringen nicht durch." - "Nein, wir hungern," grollte
der Alte. "O Theoderich, mein Herr und Koenig, wo bist du? Unter deinem
Scepter hatten wir vollauf. - Da kamen die Armen und Siechen nicht zu
kurz. Aber dieser Unglueckskoenig ... -"

"Schweig," sprach Mataswintha, "der Koenig, mein Gemahl" - und hier flog
ein wunderschoenes Rot ueber ihre Wangen - "thut mehr als ihr verdient.
Wartet hier, ich schaffe euch Brot. Folge mir, Aspa."

Und rasch schritt sie hinweg. "Wohin eilst du?" fragte die Sklavin
staunend.

Und Mataswintha schlug den Schleier ueber ihr Antlitz, als sie antwortete:
"Zum Koenig!"

Als sie das Vorgemach des Witichis erreicht, bat sie der Thuersteher, der
sie mit Befremden erkannte, zu verweilen. "Ein Abgesandter Belisars habe
geheime Audienz: er sei schon lange im Gemach und werde es bald
verlassen."

Da oeffnete sich die Thuere: - und Prokop stand zoegernd auf der Schwelle.
"Koenig der Goten," sprach er, sich nochmals wendend, "ist das dein letztes
Wort?" - "Mein letztes, wie's mein erstes war," sprach der Koenig voller
Wuerde. - "Ich goenne dir noch Zeit: - ich bleibe noch bis morgen in
Ravenna." - "Von jetzt an bist du mir als Gast willkommen, nicht mehr als
Gesandter." - "Ich wiederhole: faellt die Stadt mit Sturm, so werden alle
Goten, die hoeher als Belisars Schwert, getoetet - er hat's geschworen! -
Weiber und Kinder als Sklaven verkauft - Du begreifst: Belisar kann keine
Barbaren brauchen in _seinem_ Italien - Dich mag der Tod des Helden
locken: aber bedenke die Hilflosen - ihr Blut wird vor Gottes Thron -" -
"Gesandter Belisars, ihr steht in Gottes Hand wie wir; lebwohl." Und so
maechtig wurden diese Worte gesprochen, dass der Byzantiner gehen musste, so
ungern er es that. Die schlichte Wuerde dieses Mannes wirkte stark auf ihn.
Aber auch auf die Lauscherin.

Als Prokop die Thuere schloss, sah er Mataswintha vor sich stehn und trat
bewundernd einen Schritt zurueck, geblendet von soviel Schoenheit.
Ehrerbietig begruesste er sie. "Du bist die Koenigin der Goten!" sagte er,
sich fassend, "du musst es sein."

"Ich bin's!" sagte Mataswintha, "haett' ich das nie vergessen." Und stolz
rauschte sie an ihm vorueber.

"Augen haben diese Germanen, Maenner und Weiber," sagte Prokop im
Hinausgehen, "wie ich sie nie gesehen."




                           Zwanzigstes Kapitel.


Mataswintha war inzwischen ungemeldet bei ihrem Gatten eingetreten.

Witichis hatte alle Gemaecher, welche die Amalungen, Theoderich,
Athalarich, Amalaswintha bewohnt, (sie lagen im Mittelbau des weitlaeufigen
Palastes) unberuehrt gelassen und einige auch frueher schon von ihm, wenn er
die Wache am Hofe hatte, bewohnte Raeume im rechten Fluegel bezogen. Er
hatte die Gold- und Purpurabzeichen der Amaler nie angelegt und aus seinen
Zimmern allen koeniglichen Pomp entfernt. Ein Feldbett auf niedern
Eisenfuessen, auf welchem sein Helm, sein Schwert und mehrere Urkunden
lagen, ein langer Eichentisch und wenig Holzgeraet standen in dem einfachen
Gelass.

Er hatte sich nach des Gesandten Entfernung, erschoepft, mit dem Ruecken
gegen die Thuer in einen Stuhl geworfen und stuetzte das muede Haupt in
beiden Haenden auf den Tisch. So hatte er den leicht schwebenden Schritt
der Eintretenden nicht bemerkt.

Mataswintha blieb, wie gebannt, an der Schwelle stehen. Sie hatte ihn noch
niemals aufgesucht. Ihr Herz pochte maechtig. Sie konnte ihn nicht
ansprechen: sie konnte nicht naeher treten.

Endlich stand Witichis mit Seufzen auf. Da sah er die regungslose Gestalt
an der Thuere stehen. "Du hier Koenigin?" sprach er staunend und trat ihr
einen Schritt entgegen. "Was kann dich zu mir fuehren?"

"Die Pflicht - das Mitleid" - sagte Mataswintha rasch. "Sonst haette ich
nicht - - ich habe eine Bitte an dich."

"Es ist die erste," sagte Witichis. - "Sie betrifft nicht mich" - fiel sie
schnell ein - "Ich bitte dich um Brot fuer Arme, Kranke, welche" -

Da reichte ihr der Koenig schweigend die Rechte hin. -

Es war das erstemal: sie wagte nicht, sie zu fassen: und haette es doch, o
wie gerne, gethan. So fasste er selbst ihre Hand und drueckte sie leicht.

"Ich danke dir, Mataswintha, und bitte dir ein Unrecht ab. Du hast dennoch
ein Herz fuer dein Volk und seine Leiden. Ich haette das nie geglaubt: ich
habe hart von dir gedacht."

"Haettest du von jeher anders von mir gedacht: - es waere vielleicht manches
besser."

"Schwerlich! Das Unglueck heftet sich an meine Fersen. Eben jetzt - du hast
ein Recht, es zu wissen - brach meine letzte Hoffnung: Die Franken, auf
deren Hilfe ich hoffte, haben uns verraten. Entsatz ist unmoeglich: die
Uebermacht der Feinde durch den Abfall der Italier allzugross. Es bleibt nur
noch ein letztes: ein freier Tod."

"Lass mich ihn mit dir teilen," rief Mataswintha, und ihre Augen
leuchteten. - "Du? nein; die Tochter Theoderichs wird ehrenvolle Aufnahme
finden am Hofe von Byzanz. Man weiss, dass du gegen deinen Willen meine
Koenigin geworden .. - Du kannst dich laut darauf berufen."

"Nimmermehr!" sprach Mataswintha begeistert.

Witichis fuhr, ohne ihrer zu achten, in seinen Gedanken fort: "Aber die
andern! Die Tausende! die Hunderttausende von Weibern, von Kindern!
Belisar haelt, was er geschworen! Es ist nur Eine Hoffnung noch fuer sie: -
eine einzige! Denn - alle Maechte der Natur verschwoeren sich gegen mich.
Der Padus ist ploetzlich so seicht geworden, dass zweihundert
Getreideschiffe, die ich erwartete, nicht rasch genug den Fluss
herabgebracht werden konnten: die Byzantiner haben sie aufgefangen!

Ich habe nun um Hilfe an den Westgotenkoenig geschrieben: er soll seine
Flotte senden. Die unsre ist ja in Feindes Hand! Dringt sie in den Hafen,
so kann darauf entfliehen, was nicht fechten kann und nicht sterben soll.
Auch du kannst dann, wenn du es vorziehst, nach Spanien entfliehen."

"Ich will mit dir -, mit euch sterben."

"In wenig Wochen koennen die westgotischen Segel vor der Stadt erscheinen.
Bis dahin reichen meine Speicher - der letzte Trost. Doch, das mahnt mich
an deinen Wunsch: - Hier ist der Schluessel zu dem Hauptthor der Speicher.
Ich trag' ihn Tag und Nacht auf meiner Brust. Bewahre ihn wohl: - er
verwahrt meine letzte Hoffnung. Er schliesst das Leben von vielen Tausenden
ein. Es war meine einzige Muehewaltung, die nicht fruchtlos blieb. Mich
wundert," fuegte er schmerzlich hinzu, "dass nicht die Erde sich aufgethan
hat oder Feuer vom Himmel gefallen ist, diese meine Bauten zu
verschlingen."

Und er nahm den schweren Schluessel aus dem Brustlatz seines Wamses. "Huet'
ihn wohl, es ist mein letzter Schatz, Mataswintha."

"Ich danke dir, Witichis - Koenig Witichis -" sagte sie, verbessernd, und
griff nach dem Schluessel, aber ihre Hand zitterte. Er fiel.

"Was ist dir," fragte der Koenig, den Schluessel ihr in die Rechte drueckend,
- sie steckte ihn in den Guertel ihres weissseidnen Unterkleides - "du
zitterst? Bist du krank?" setzte er besorgt hinzu.

"Nein - es ist nichts. - Aber sieh mich nicht an so - so wie jetzt und wie
heute morgen ... -" "Vergieb mir, Koenigin," sagte Witichis, sich
abwendend. "Meine Blicke sollten dich nicht kraenken. Ich hatte viel, recht
viel Gram in diesen Tagen. Und wenn ich nachsann, mit welcher Schuld ich
all dies Unglueck verdient haben koennte ..." - seine Stimme wurde weich.

"Dann? o rede?" bat Mataswintha hingerissen. Denn sie zweifelte nicht mehr
an dem Sinn seines unausgesprochen Gedankens.

"Dann hab' ich, unter all' den ringenden Zweifeln, oft auch gedacht, ob es
nicht Strafe sei fuer eine harte, harte That, die ich an einem herrlichen
Geschoepf begangen. An einem Weibe, das ich meinem Volk geopfert -" Und
unwillkuerlich sah er im Eifer seiner Rede auf die Hoererin.

Mataswinthens Wangen ergluehten: sie fasste, sich aufrecht zu halten, nach
der Lehne des Stuhles neben ihr. "Endlich - endlich erweicht sein Herz und
ich - was habe ich ihm gethan!" dachte sie "und Er bereut. -"

"Ein Weib," fuhr er fort, "das unsaeglich um mich gelitten, mehr als Worte
sagen koennen." - "Halt ein!" fluesterte sie so leise, dass er es nicht
vernahm. "Und wenn ich dich in diesen Tagen um mich walten sah, weicher,
milder, weiblicher als je zuvor - Dann ruehrtest du mein Herz mit Macht:
und Thraenen drangen in meine Augen." -

"O Witichis!" hauchte Mataswintha.

"Jeder Ton deiner Stimme sogar drang tief in meine Seele. Denn du mahnst
mich dann so ganz, so herzerschuetternd an -"

"An wen?" fragte Mataswintha und wurde leichenblass.

"Ach an sie, die ich geopfert! Die alles um mich gelitten, an mein Weib
Rauthgundis, die Seele meiner Seele." Wie lange hatte er den geliebten
Namen nicht mehr laut gesprochen! Jetzt ueberwaeltigte ihn bei diesem Klang
die Macht des Schmerzes und der Sehnsucht: und in den Stuhl sinkend
bedeckte er sein Gesicht mit beiden Haenden.

Es war gut. Denn so bemerkte er nicht, wie es blitzaehnlich durch die
Gestalt der Koenigin zuckte, ihr schoenes Antlitz sich medusenhaft
verzerrte. Doch hoerte er einen dumpfen Schlag und wandte sich.

Mataswintha war zu Boden gesunken. Ihre linke Hand klammerte sich in die
durchbrochene Ruecklehne des Stuhls, an dem sie niedergeglitten war,
waehrend die Rechte sich fest auf den Mosaikboden stemmte. Ihr bleiches
Haupt war vorgebeugt, das prachtvoll rote Haar flutete, losgerissen aus
dem Scheitelband, ueber ihre Schultern: ihre scharf geschnittenen Nuestern
flogen.

"Koenigin!" rief er hinzueilend, sie aufzuheben, "was hat dich befallen?"

Aber ehe er sie beruehren konnte, schnellte sie wie eine Schlange empor und
richtete sich hoch auf: "Es war eine Schwaeche," sagte sie, "die jetzt
vorbei: - leb wohl!" Wankend erreichte sie die Thuer und fiel draussen
bewusstlos in Aspas Arme.

                              --------------

Unterdessen hatte sich das unheimliche drohende Ansehen der ganzen Natur
noch gesteigert.

Die kleine, rundgeballte Wolke, die Cethegus am Tage zuvor bemerkt, war
der Vorbote einer ungeheuren schwarzen Wolkenwand gewesen, welche die
Nacht ueber aus dem Osten aufgestiegen war, jedoch seit dem Morgen
unbeweglich, wie Verderben bruetend, ueber dem Meere stand und die Haelfte
des Horizonts bedeckte.

Aber im Sueden brannte die Sonne mit unertraeglich stechenden Strahlen aus
dem unbewoelkten Himmel. Die gotischen Wachen hatten Helm und Harnisch
abgelegt: sie setzten sich lieber den Pfeilen der Feinde als dieser
unleidlichen Hitze aus. Kein Lueftchen regte sich mehr. Der Ostwind, der
jene Wolkenschicht heraufgefuehrt, war ploetzlich gefallen. Unbeweglich,
bleigrau lag das Meer: die Zitterpappeln im Schlossgarten standen
regungslos.

Allein in die Tags zuvor ebenfalls verstummte Tierwelt war Angst und
Unruhe geraten. An dem heissen Sand der Kueste hin flatterten Schwalben,
Moewen und Sumpfvoegel unsicher, ziellos, hin und her, ganz nieder an der
Erde hinstreichend und manchmal schrille Rufe gellend. In der Stadt aber
liefen die Hunde winselnd aus den Haeusern: die Pferde rissen sich in den
Staellen los und schlugen, ungeduldig schnaubend, droehnenden Hufes um sich;
klaeglich schrieen Katzen, Esel und Maultiere und von den Dromedaren
Belisars rasten und schaeumten sich drei zu Tode in wuetenden Anstrengungen,
zu entkommen. -

Es neigte jetzt gegen Abend. Die Sonne drohte, alsbald unter den Horizont
zu sinken.

Auf dem Forum des Herkules sass ein Buerger von Ravenna auf der Marmorstufe
vor seinem Hause. Er war ein Winzer und schenkte, wie der verdorrte
Rebenzweig ueber seiner Thuer zeigte, in seinem Hause selbst von seinem
Gewaechs. Er blickte nach dem drohenden Wettergewoelk. "Ich wollte, es kaeme
Regen," seufzte er. "Koemmt nicht Regen, so koemmt Hagel und zerschlaegt
vollends, was an Wachstum draussen die Rosse der Feinde noch nicht
zerstampft haben."

"Nennst du die Truppen unsres Kaisers Feinde?" fluesterte sein Sohn, ein
roemischer Patriot. Aber leise. Denn eben bog um die Ecke eine gotische
Runde.

"Ich wollte, der Orcus verschlaenge sie alle miteinander, Griechen und
Barbaren! Die Goten haben wenigstens immer Durst. Siehst du, da koemmt der
lange Hildebadus, der ist der Durstigsten einer. Sollte mich wundern, wenn
er heute nicht trinken wollte, da die Steine bersten moechten vor
Trockenheit."

Hildebad hatte die naechste Wache abgeloest und schlenderte nun langsam
heran, den Helm im linken Arm, die lange Lanze laessig ueber der Schulter.
Er schritt an der Weinschenke vorbei, zu grossem Befremden ihres Herrn, bog
in die naechste Seitengasse und stand bald vor einem hohen und dicken
Rundturm, - er hiess der Turm des Aetius -, in dessen Schatten oben auf dem
Walle ein schoener junger Gote auf und nieder schritt. Lange, hellblonde
Locken rieselten auf seine Schultern: und das zarte Weiss und Rot seines
Gesichts, wie die milden blauen Augen gaben ihm ein fast maedchenhaftes
Ansehn.

"He, Fridugern," rief ihm Hildebad hinauf, "huiweh! Blitzjunge, haeltst
du's noch immer aus auf diesem Bratrost da oben? Und mit Schild und Panzer
- uf!"

"Ich habe die Wache, Hildebad!" sagte der Juengling sanft.

"Ach, was Wache! Glaubst du, bei dieser Schmelzofenhitze wird Belisar
stuermen? Ich sage dir, der ist froh, wenn er Luft hat und verlangt heute
kein Blut. Komm mit: ich kam dich zu holen - der dicke Ravennate auf dem
Herkulesplatz hat alten Wein und junge Toechter: - lass uns beide zu Munde
fuehren."

Der junge Gote schuettelte die langen Locken und seine Stirn faltete sich.
"Ich habe Dienst und keinen Sinn fuer Maedchen. Durst habe ich freilich: -
schicke mir einen Becher Wein herauf."

"Ach, richtig, bei Freia, Venus und Maria! du hast ja eine Braut ueber den
Bergen am Danubius! Und du glaubst, die merkt es gleich und die Treue sei
gebrochen, wenn du hier einer Roemerdirne in die Kohlenaugen guckst. O
lieber Freund, bist du noch jung! Nun, nun, nichts fuer ungut. Mir kann's
ja recht sein. Bist sonst ein guter Gesell und wirst schon noch aelter
werden. Ich schicke dir vom roten Massiker heraus: - da kannst du dann
allein Allgunthens Minne trinken."

Und er wandte sich und war rasch in der Schenke verschwunden. Bald brachte
ein Sklave dem jungen Goten einen Becher Wein; dieser fluesterte: "All
Heil, Allgunthis!" und leerte ihn auf einen Zug. Dann nahm er die Lanze
wieder auf die Schulter und ging auf der Mauer auf und nieder, langsamen
Schrittes. "Von ihr sinnen und traeumen darf ich wenigstens," sagte er,
"das wehrt kein Dienst. Wann werd' ich sie wohl wieder sehn?" Und er
schritt weiter: und blieb dann gedankenvoll im Schatten des maechtigen
Turmes stehn, der schwarz und drohend auf ihn niedersah. -

Bald nach Hildebad zog eine andre Schar Goten vorbei. Sie fuehrten in der
Mitte einen Mann mit verbundenen Augen und liessen ihn zur Porta Honorii
hinaus. Es war Prokop, der vergeblich noch die festgestellten drei Stunden
gewartet hatte. Es war umsonst: keine Botschaft vom Koenig kam: und
missmutig verliess der Gesandte die Stadt. Des Praefekten feiner Plan war, so
schien es, an der schlichten Wuerde des Gotenkoenigs gescheitert. -

Und noch eine Stunde verging. Es war dunkler, aber nicht kuehler geworden.
Da erhob sich vom Meere ploetzlich ein starker Windstoss aus Sueden: er schob
die schwarzen Wolkenballen mit rasender Eile nach Norden. Sie lagerten
jetzt dicht und schwer ueber der Stadt.

Aber auch das Meer, der Suedosten, ward dadurch nicht frei. Denn eine
zweite, gleiche Wolkenmauer war dort emporgestiegen und hatte sich
unmittelbar an die erste geschlossen. Der ganze Himmel ueber Meer und Land
war jetzt ein schwarzes Gewoelbe.

Hildebad ging, weinmuede, nach seinem Nachtposten an der porta Honorii:
"Noch immer auf Wache, Fridugern?" rief er dem jungen Goten hinauf. "Und
noch immer kein Regen! Die arme Erde! Wie sie duersten muss! sie dauert
mich! Gute Wache!"

In den Haeusern war es unleidlich schwuel: denn der Wind kam aus den heissen
Sandwuesten Afrikas.

Die Leute draengten sich, geaengstigt von dem drohenden Aussehen des
Himmels, hinaus ins Freie, zogen in dichten Haufen durch die Strassen oder
lagerten sich in Gruppen in den Vorhallen und Saeulengaengen der Basiliken.
Auf den Stufen von Sankt Apollinaris draengte sich viel Volk zusammen. Und
es ward, obwohl erst Sonnenuntergangszeit, doch voellig dunkle Nacht.

                              --------------

Auf dem Ruhebett in ihrem Schlafgemach lag Mataswintha, die Koenigin, mit
todesbleichen Wangen, in schwerer Betaeubung. Aber ohne Schlaf. Die
weitgeoeffneten Augen starrten in die Dunkelheit.

Nicht eine Silbe hatte sie auf Aspas aengstliche Fragen gesprochen und
zuletzt die Weinende mit einer Handbewegung entlassen.

Unwillkuerlich kehrten in ihrem eintoenigen Denken die Worte wieder.
Witichis - Rauthgundis - Mataswintha! Mataswintha - Rauthgundis -
Witichis!

Lange, lange lag sie so und nichts schien den unaufhoerlichen Kreislauf
dieser Worte unterbrechen zu koennen.

Da ploetzlich fuhr ein roter Strahl grell und blendend durch das Gemach und
im selben Augenblick schmetterte ein furchtbarer Donnerschlag, ein Donner,
wie sie ihn nie vernommen, grollend, knatternd, prasselnd, krachend ueber
die bebende Stadt.

Der Angstschrei ihrer Frauen schlug an ihr Ohr: sie fuhr empor. Sie setzte
sich aufrecht auf dem Ruhebett. Aspa hatte ihr das Obergewand abgenommen.
Sie trug nur noch das weissseidne Unterkleid: sie warf die wallenden Wogen
ihres Haares ueber die Schultern und lauschte.

Es war eine bange Stille. Und noch ein Blitz und noch ein Donnerschlag.

Ein Windstoss riss heulend das Fenster von Milchglas auf, das nach dem Hofe
fuehrte. Mataswintha starrte in die Finsternis hinaus, die jetzt jeden
Augenblick von grellen Blitzen unterbrochen wurde. Unaufhoerlich rollte der
Donner, selbst das furchtbare Geheul des Sturmes ueberdroehnend. Der Kampf
der Elemente that ihr wohl. Sie lauschte begierig, auf die Linke gestuetzt
und mit der Rechten langsam ueber die Stirne streichend.

Da eilte Aspa herein mit Licht. Es war eine Fackel, deren Flamme in einer
geschlossenen Glaskugel brannte.

"Koenigin, du .. - Aber, bei allen Goettern, wie siehst du aus! Wie eine
Lemure. Wie die Rachegoettin!"

"Ich wollte, ich waere es," sagte Mataswintha - es war das erste Wort seit
langen Stunden, - ohne den Blick vom Fenster zu wenden.

Und Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag. Aspa schloss das Fenster. "O
Koenigin, die Frommen unter deinen Maegden sagen: das sei das Ende der Welt,
das da komme, und der Sohn Gottes steige nieder auf feurigen Wolken, zu
richten die Lebendigen und die Toten. Huh, welch' ein Blitz! Und noch kein
Tropfen Regen. Nie hab' ich solch ein Unwetter gesehen. Die Goetter zuernen
schwer."

"Wehe, wem sie zuernen. O, ich beneide sie, die Goetter. Sie koennen hassen
und lieben, wie's ihnen gefaellt. Und zermalmen den, der sie nicht wieder
liebt."

"Ach Herrin, ich war auf der Strasse: ich komme gerade zurueck. Alles Volk
stroemt in die Kirchen mit Beten und Singen, den Himmel zu versoehnen. Ich
bete zu Kairu und Astarte - Herrin, betest du nicht auch?"

"Ich fluche! Das ist auch gebetet."

"Oh, welch ein Donnerschlag!" schrie die Sklavin und stuerzte zitternd in
die Knie'. Der dunkelblaue Mantel, den sie trug, glitt von ihren
Schultern. Der Blitz und Donner war so stark gewesen, dass Mataswintha aus
den Kissen gesprungen und ans Fenster geeilt war.

"Gnade, Gnade, ihr grossen Goetter! erbarmt euch der Menschen!" flehte die
Afrikanern.

"Nein, keine Gnade! Fluch und Verderben ueber die elende Menschheit!

Ha, das war schoen! Hoerst du, wie sie unten heulen vor Angst auf der
Strasse? Noch einer, und noch ein Strahl! Ha, ihr Goetter, wenn ein
Himmelsgott oder Himmelsgoetter sind - nur um eins beneid' ich euch -: um
die Macht eures Hasses, um euren raschen, gefluegelten, toedlichen Blitz!
Ihr schwingt ihn mit der ganzen Wut und Lust eures Herzens und eure Feinde
vergehn: und ihr lacht dazu: - der Donner ist euer Gelaechter! Ha, was war
das?"

Ein Blitz und ein Donner, der alle fruehern uebertraf, zuckte und krachte.
Aspa fuhr vom Boden auf.

"Was ist das fuer ein grosses Haus, Aspa? die dunkle Masse uns gegenueber?
Der Blitz hat wohl gezuendet: - brennt es?"

"Nein, Dank den Goettern! es brennt nicht! Der Blitz hat sie nur
beleuchtet. Es sind die Kornspeicher des Koenigs."

"Ha, habt ihr fehl geblitzt, ihr Goetter?" So schrie die Koenigin. "Auch die
Sterblichen fuehren den Blitz der Rache."

Und sie sprang vom Fenster hinweg, - und das Gemach war ploetzlich dunkel.

"Koenigin - Herrin - wo bist - wohin bist du verschwunden?" rief Aspa. Und
sie tastete an den Waenden. Aber das Gemach war leer: und Aspa rief umsonst
nach ihrer Herrin.

                              --------------

Unten auf der Strasse wogte nach der Basilika von Sankt Apollinaris hin ein
frommer Zug.

Ravennaten und Goten, Kinder und Greise, sehr viele Frauen: Knaben mit
Fackeln schritten voran, hinter ihnen Priester mit Kreuzstangen und
Fahnen. Und durch das Bruellen des Donners und durch das Pfeifen des
Sturmes scholl die alte, feierlich ergreifende Weise:

  _dulce mihi cruciari, parva vis doloris est:_
  _malo mori quam foedari: major vis amoris est._

Die Antwort aber des zweiten Halbchors lautete:

  _parce, judex, contristatis parce pecatoribus,_
  _qui descendis perflammatis ultor jam in nubibus._

Und der Bittgang verschwand in der Kirche. Auch die naechsten Aufseher der
Kornspeicher schlossen sich dem Zuge an.

Auf den Stufen der Basilika, gerade der Thuer der Speicher gegenueber, sass
das Weib im braunen Mantel: still und furchtlos im Aufruhr der Elemente,
die Haende nicht gefaltet, aber ruhig im Schos liegend. Der Mann in der
Sturmhaube stand neben ihr.

Eine gotische Frau, die in die Kirche eilte, erkannte sie im Schein eines
Blitzes. "Du wieder hier, Landsmaennin? Ohne Obdach? Ich habe dir doch oft
genug mein Haus angeboten. Du scheinst fremd hier in Ravenna?"

"Ich bin fremd. Doch hab' ich Obdach." - "Komm mit in die Kirche und bete
mit uns."

"Ich bete hier." - "Du betest? Du singst nicht und sprichst nicht?"

"Gott hoert mich doch." - "Bete doch fuer die Stadt. Sie fuerchten, es komme
das Ende der Welt."

"Ich fuerchte es nicht, wenn es kommt."

"Und bete fuer unsern guten Koenig, der uns Brot giebt alle Tage." - "Ich
bete fuer ihn."

Da toente der waffenklirrende Schritt von zwei gotischen Runden, die sich
an der Basilika kreuzten.

"Ei so donnre, bis du springst," schalt der Fuehrer der einen Schar, "aber
brumme mir nicht in meinen Befehl.

Haltet an. Wisand, du bist's? Wo ist der Koenig? Auch in der Kirche?"

"Nein, Hildebad, auf den Waellen."

"Recht so, da gehoert er hin! Vorwaerts, Heil dem Koenig." Und die Schritte
verhallten.

Da kam ein roemischer Lehrer mit einigen seiner Schueler vorbei. "Aber,
Magister," mahnte der juengste, "ich dachte, du wolltest in die Kirche?
Warum fuehrst du uns sonst aus dem Hause ins Freie bei diesem Unwetter?"

"Das sagte ich nur, um euch und mich aus dem Hause zu bringen. Was Kirche!
Ich sage dir, je weniger ich Daecher und Mauern um mich weiss, desto wohler
ist mir. Ich fuehr' euch auf die grosse, freie Wiese in der Vorstadt. Ich
wollte, wir haetten Regen. Waere der Vesuvius nahe genug, wie in meiner
Heimat, ich daechte, Ravenna werde heut' ein zweites Herculaneum. Ich kenne
solche Luft, wie sie heute weht - ich traue nicht!" Und sie gingen
vorueber.

"Willst du nicht mit mir gehn, Frau?" sprach der Mann in der Sturmhaube zu
der Gotin. "Ich muss sehen, Dromon, unsern Gastfreund, jetzt zu treffen:
sonst kommen wir diese Nacht wieder nicht unter Obdach. Ich kann dich
nicht allein lassen im Dunkeln. Du hast kein Licht bei dir."

"Siehst du nicht, wie mir die Blitze leuchten? Geh' nur, ich komme nach.
Ich muss noch was zu Ende denken -, zu Ende beten." Und die Frau blieb
allein. Sie presste beide Haende fest gegen die Brust und sah gegen den
schwarzen Himmel: leise nur bewegten sich ihre Lippen.

Da war es ihr, als saehe sie in den Hochgaengen, Galerien und Oberhallen des
gewaltigen Holzbaues der Speicher, die in dunkeln Massen ihr gegenueber
lagen, aus dem steinernen Rundbau des Cirkus ragend, ein Licht auftauchen
und hin und wieder, auf und abwaerts wandeln. Es musste wohl eine Taeuschung
durch die Blitze sein. Denn jedes frei getragene Licht haette der Wind in
den nach aussen offenen Galerien verloescht.

Aber nein: es war doch ein Licht.

Denn in regelmaessigen Zwischenraeumen wechselte sein Aufleuchten und sein
Verschwinden, wie wenn es hastigen Schrittes entlang den Gaengen mit ihren
verdeckenden Pfeilern und Halbmauern getragen wuerde. Scharf sah die Frau
nach dem wechselnden Licht und Schatten ... - -

Aber ploetzlich - o Entsetzen - fuhr sie empor.

Es war ihr: als sei die Marmorstufe, auf der sie gesessen, ein schlafend
Tier gewesen, das, jetzt erwachend, sich leise regte, lebendig wurde - und
schwankte, - stark, - von der Linken zur Rechten. -

Blitz und Donner und Sturm ruhten auf einmal. -

Da scholl aus den Speichern ein schriller Schrei. Hell aufflammte das
Licht und verschwand ploetzlich. -

Aber auch die Frau auf der Strasse stiess einen leisen Angstruf aus. Denn
jetzt konnte sie nicht mehr zweifeln: die Erde bebte unter ihr! - Ein
leises Zucken: und ploetzlich zwei, drei starke Stoesse: als hebe sich
wellenfoermig der Boden von der Linken zur Rechten.

Aus der Stadt her toente Angstgeschrei. Aus den Thueren der Basilika stuerzte
in Todesangst die laut kreischende Schar der Beter. - Noch ein Stoss! - Die
Frau hielt sich mit Muehe aufrecht.

Und fernher, von der Aussenseite der Stadt, scholl ein gewaltiges dumpfes
Krachen, wie von massenhaft stuerzenden, schweren Lasten.

Ein furchtbares Erdbeben hatte Ravenna heimgesucht.




                        Einundzwanzigstes Kapitel.


Waehrend die Frau sich in der Richtung jenes dumpfen Schlages wandte,
drehte sie einen Augenblick den Speichern den Ruecken. Aber rasch wandte
sie sich diesen wieder zu. Denn es war ihr, als sei eine schwere Thuere
zugefallen. Scharf blickte sie hin. Doch in der tiefen Finsternis konnte
ihr Auge nichts wahrnehmen. Nur ihr Ohr hoerte etwas sacht an der
Aussenmauer des Gebaeudes dahin rascheln. Und sie glaubte, ein leises
Seufzen zu vernehmen.

"Halt," rief die Frau, "wer jammert da?"

"Still, still," fluesterte eine seltsame Stimme, "die Erde hat darueber -
vor Abscheu - sich geschuettelt, gebebt. Die Erde bebt - die Toten stehen
auf. - Es kommt der juengste Tag, - der deckt alles auf. - Bald wird er's
wissen. - Oh. -" Und ein tiefgezogener Klagelaut - und ein Rauschen von
Gewaendern - und Stille.

"Wo bist du? bist du wund?" rief die Frau tastend.

Da zuckte ein heller Blitz, - der erste seit dem Erdstoss - und zeigte, vor
ihren Fuessen liegend, eine verhuellte Gestalt. Weisse und dunkelblaue
Frauenkleider. - Das Weib langte nach dem Arm der Liegenden.

Aber rasch sprang diese bei der Beruehrung auf und war mit einem Schrei im
Dunkel verschwunden. Das Ganze war so rasch und ungeheuerlich wie ein
Traumgesicht: nur eine breite goldene Armspange, mit einer gruenen Schlange
von Smaragden, die in ihrer Hand zurueckgeblieben, war ein Pfand der
Wirklichkeit dieser unheimlichen Erscheinung.

                              --------------

Und wieder toenten die ehernen Schritte der gotischen Wachen. "Hildebad,
Hildebad, zu Hilfe!" rief Wisand. "Hier bin ich: - was ist? wohin soll
ich?" fragte dieser mit seiner Schar entgegenkommend. "An das Thor des
Honorius! Dort ist die Mauer eingestuerzt und der dicke Turm des Aetius
liegt in Truemmern. - Zu Hilfe, in die Luecke!"

"Ich komme: - - armer Fridugern!"

                              --------------

In dem gleichen Augenblick stuermte draussen im Lager der Byzantiner
Cethegus der Praefekt in das Feldherrnzelt Belisars. Er war in voller
Ruestung, der purpurdunkle Rossschweif flatterte um seinen Helm. Seine
Gestalt war hoch aufgerichtet. Feuer leuchtete in seinen Augen. "Auf! was
saeumst du, Feldherr Justinians? Die Mauern deiner Feinde stuerzen von
selber ein.

Offen liegt vor dir des letzten Gotenkoenigs letzte Burg. - Und du? was
thust du in deinem Zelt? - -"

"Ich verehre die Groesse des Allmaechtigen!" sagte Belisar mit edler Ruhe.
Antonina stand neben ihm, den Arm um seinen Nacken geschlungen. - Ein
Betschemel und ein hohes Kreuz zeigte, in welchem Thun die wilde Glut des
Praefekten das Paar gestoert. "Das thu' morgen. - Nach dem Sieg. Jetzt aber:
stuerme!"

"Jetzt stuermen!" sprach Antonina, "welcher Frevel!

Die Erde bebt in ihren Grundfesten, erschuettert und erschreckt. Denn Gott
der Herr spricht in diesen Wettern!"

"Lass ihn sprechen! Wir wollen handeln. Belisar, der Turm des Aetius und
ein gutes Stueck Mauer ist eingestuerzt. Ich frage dich, willst du stuermen?"

"Er hat nicht unrecht," meinte Belisar, in dem die Kampflust erwachte. -
"Aber es ist finstre Nacht. - -"

"Im Finstern find' ich den Weg zum Sieg und in das Herz von Ravenna. Auch
leuchten die Blitze."

"Du bist ja ploetzlich sehr kampfeseifrig," zoegerte Belisar.

"Ja, denn jetzt hat's Vernunft zu kaempfen. Die Barbaren sind verbluefft.

Sie fuerchten Gott und vergessen darueber ihrer Feinde."

Im gleichen Augenblick eilten Prokop und Marcus Licinius in das Zelt.
"Belisar," meldete der erste, "der Erdstoss hat deine Zelte am Nordgraben
umgestuerzt und eine halbe Kohorte Illyrier darunter begraben!" - "Hilfe,
Hilfe! meine armen Leute!" rief Belisar und eilte aus dem Zelte.
"Cethegus," berichtete Marcus, "auch eine Kohorte deiner Isaurier liegt
unter ihren Zelten verschuettet." Aber ungeduldig, den Helm schuettelnd,
frug der Praefekt: "was ist mit dem Wasser in dem gotischen Graben vor dem
Aetiusturm? hat der Erdspalt es nicht verringert?" - "Ja, das Wasser ist
verschwunden - der Graben ist ganz trocken. Horch, das Wehegeschrei! Deine
Isaurier sind's: sie stoehnen und wimmern unter der Verschuettung und
schreien um Hilfe."

"Lass sie schreien!" sprach Cethegus. - "Der Graben ist wirklich trocken?
So lass zum Sturm blasen. Folge mir mit allen Soeldnern, die noch leben."

Und unter Blitz und Donner, die jetzt wieder unaufhoerlich rasten, eilte
der Praefekt zu seinen Schanzen, wo seine roemischen Legionare und der Rest
der Isaurier unter Waffen standen. Rasch uebersah er sie: es waren viel zu
wenige, um mit ihnen allein die Stadt zu nehmen. Aber er wusste, dass ein
guenstiger Erfolg alsbald Belisar mit fortreissen wuerde. "Lichter, Fackeln
her!" rief er und trat mit einer Pechfackel in der Linken vor die Fronte
seiner roemischen Legionare. "Vorwaerts," befahl er, "die Schwerter heraus!"

Aber kein Arm ruehrte sich.

Sprachlos vor Staunen und mit Grauen blickten alle, auch die Fuehrer, auch
die Licinier, auf den daemonischen Mann, der im Aufruhr der ganzen Natur
nur an sein Ziel dachte und die Elemente, die Schrecken Gottes, nur als
Mittel ansah zu seinem Zweck.

"Nun, habt ihr auf mich zu hoeren, oder auf den Donner?" rief er.

"Feldherr," mahnte ein Centurio vortretend, "sie beten. Denn die Erde
bebt."

"Glaubt ihr, Italia wird ihre Kinder verschlingen? Nein, ihr Roemer, seht:
der Boden selbst von Italien erhebt sich gegen die Barbaren. Er baeumt
sich, sprengt ihr Joch und ihre Mauern fallen. _Roma! Roma aeterna!_"

Das zuendete. Es war eines jener caesarischen Worte, welche die Maenner und
die Waffen fortreissen.

"_Roma! Roma aeterna!_" riefen zuerst die Licinier, dann die Tausende der
roemischen Juenglinge: und durch Nacht und durch Grauen, durch Blitz und
Donner und Sturm, folgten sie dem Praefekten, dessen daemonischer Schwung
sie mit fortriss. Die Begeisterung lieh ihnen Fluegel. Rasch waren sie ueber
den breiten Graben hinweg, dem sie sonst kaum zu nahen gewagt. - Cethegus
der erste am jenseitigen Rand. - Die Fackeln hatte der Sturm geloescht. -
Im Finstern fand er den Weg. "Hierher, Licinius," rief er, "mir nach! hier
muss die Luecke sein."

Und er sprang vorwaerts, rannte aber gegen einen harten Koerper und taumelte
zurueck. "Was ist das?" fragte Lucius Licinius hinter ihm, "eine zweite
Mauer?" - "Nein," sprach eine ruhige Stimme von drueben, "aber gotische
Schilde." - "Das ist der Koenig Witichis," sagte der Praefekt grimmig und
mass mit bitterem Hass die dunkeln Gestalten. Er hatte auf Ueberraschung
gezaehlt. Seine Hoffnung war getaeuscht. "Haett' ich ihn," sprach er grimmig
in sich hinein, "er sollte nicht mehr schaden."

Da wurden von rueckwaerts viele Fackeln sichtbar und die Trompeten
schmetterten. Belisar fuehrte sein Heer zum Sturm gegen den Mauersturz.
Prokop erreichte den Praefekten: "Nun, was stockt ihr? Halten euch neue
Waelle auf?"

"Ja, lebendige Waelle. Da stehen sie," und der Praefekt deutete mit dem
Schwert. "Unter den noch fallenden Truemmern, diese Goten!" -

"Nun wahrlich!" rief Prokop: "_si fractus illabatur orbis, impavidos
ferient __ruinae!_ Das sind mutige Maenner."

Aber jetzt war Belisar mit seinen dichten, zum Angriff bereiten Scharen
heran. Einen Augenblick, - nur die Fuehrer eilten noch, Befehle erteilend
hin und wieder, - einen Augenblick noch und ein furchtbares Morden musste
beginnen.

Da ergluehte ploetzlich der ganze Horizont ueber der Stadt. Eine Flammensaeule
schoss hoch empor, und zahllose Funken stoben nieder. Es schien Feuer vom
Himmel zu regnen. Im roten Licht glaenzte ganz Ravenna. Es war ein
furchtbar herrlicher Anblick.

Die beiden Heere, im Begriff handgemein zu werden, hielten inne.

"Feuer! Feuer! Witichis! Koenig Witichis," schrie jetzt ein Reiter, der von
der Stadt her jagte, "es brennt."

"Das sehen wir. Lass brennen, Markja! Erst fechten, dann loeschen."

"Nein, nein, Herr! alle deine Speicher brennen! Dein Getreide fliegt in
Myriaden Funken durch die Luft."

"Die Speicher brennen!" schrien Goten und Byzantiner.

Witichis versagte die Stimme, zu fragen. "Der Blitz muss schon lange im
Innern gezuendet haben. Es hat von innen heraus alles zusammengebrannt. Da
sieh, sieh hin. -"

Ein staerkerer Stoss des Sturmwinds fuhr in die Lohe und entfachte sie
riesengross. Die Flammen flogen auf die naechsten Daecher. Zugleich schien
der hoelzerne Dachfirst des hohen Gebaeudes jetzt hinabzustuerzen. Denn nach
einem schweren Schlag schossen abermals viele, viele Tausende von Funken
empor. Es war ein Flammenmeer.

Witichis wollte das Schwert erheben zum Befehl: - matt sank sein Arm
herunter.

Cethegus sah's: "Jetzt," rief er, "jetzt zum Sturm!"

"Nein, haltet ein!" rief mit Loewenstimme Belisarius. "Der ist ein Feind
des Kaisers, der ist des Todes, der das Schwert erhebt. Zurueck ins Lager -
alle: jetzt ist Ravenna mein - und morgen faellt's von selbst."

Und seine Tausende folgten ihm und zogen zurueck. Cethegus knirschte. Er
allein war zu schwach. Er musste nachgeben. Sein Plan war gescheitert. Er
hatte die Stadt mit Sturm nehmen wollen, um wie in Rom, sich in ihren
Hauptwerken festzusetzen.

Und er sah voraus, dass sie nun ganz in Belisars Hand werde geliefert
werden. Grollend fuehrte er die Seinen zurueck.

Aber es sollte anders kommen, als Belisar und als Cethegus dachten.




                       Zweiundzwanzigstes Kapitel.


Der Koenig hatte den Schutz der Mauerluecke am Turm des Aetius Hildebad
uebertragen und war sofort auf die Brandstaette geeilt.

Als er dort eintraf, fand er das Feuer im Erloeschen: - aber nur aus Mangel
an Nahrung. Der ganze Inhalt der Speicher, samt deren Brettergeruesten, und
dem Dach, alles was durch Feuer zerstoerbar, war bis auf den letzten
Splitter und das letzte Korn verbrannt. Nur die nackten, russ- und
rauchgeschwaerzten Steinmauern des urspruenglichen Marmorbaus, des Cirkus
des Theodosius, starrten noch gen Himmel.

Ein Mal des Blitzstrahls war an ihnen nicht wahrzunehmen. Das Feuer musste
sehr lange Zeit von innen heraus, wo der Blitz den Holzbau entzuendet haben
mochte, unvermerkt fortgeglimmt sein und sich ueber alle Innenraeume des
Holzbaus schleichend verbreitet haben. Als Flammen und Rauch aber zu den
Dachluecken herausschlugen, war alle Hilfe zu spaet. Krachend war bald
darauf der Rest des Holzbaues zusammengestuerzt: die Einwohner hatten
vollauf zu thun, die naechsten, teilweise schon vom Feuer ergriffenen
Haeuser zu retten. Dies gelang mit Hilfe des Regens, der kurz vor
Tagesanbruch endlich einfiel und dem Sturm, sowie dem Blitz und Donner ein
Ende machte.

Aber statt der Speicher beleuchtete die aufgehende Sonne, als sie das
Gewoelk zerstreute, nur einen trostlosen Haufen Schutt und Asche in der
Mitte des Marmorrundbaus.

Schweigend, mit tief gesenktem Haupt, lehnte der Koenig lange Zeit diesen
Ruinen gegenueber an einer Saeule der Basilika. Ohne Regung, nur manchmal
den Mantel auf der maechtig arbeitenden Brust zusammendrueckend. Im Anblick
dieser Truemmer war ein schwerer Entschluss in ihm gereift. Jetzt ward es
grabesstill in seinem Innern.

Jedoch um ihn her auf dem Platze wogte das Elend der verzweifelnden Armen
von Ravenna betend, fluchend, weinend, scheltend. "O, was wird jetzt aus
uns!" - "O, wie war das Brot so weiss, so gut, so duftend, das ich noch
gestern hier erhielt." - "O, was werden wir jetzt essen?"

"Bah, der Koenig muss aushelfen." - "Ja, der Koenig muss Rat schaffen." - "Der
Koenig?"

"Ach, der arme Mann, woher soll er's nehmen?" - "Hat er doch selbst nichts
mehr." - "Das ist seine Sache." - "Er allein hat uns in all die Not
gebracht." - "Er ist an allem Schuld." - "Was hat er die Stadt nicht lang
dem Kaiser uebergeben." - "Jawohl, ihrem rechtmaessigen Herrn!" - "Fluch den
Barbaren!" - Sie sind an allem Schuld." - "Nicht alle, nein, der Koenig
allein. Seht ihr's denn nicht? Es ist die Strafe Gottes!" - "Strafe?
wofuer? Was hat er verbrochen? Er gab dem Volke von Ravenna Brot!" - "So
wisst ihr's nicht? Wie kann der Eheschaender die Gnade Gottes haben? Der
suendige Mann hat ja zwei Weiber zugleich! Der schoenen Mataswintha hat ihn
geluestet. Und er ruhte nicht, bis sie sein eigen war. - Sein ehlich Weib
hat er verstossen."

Da schritt Witichis unwillig die Stufen herab. Ihn ekelte des Volkes. Aber
sie erkannten seinen Schritt.

"Da ist der Koenig! Wie finster er blickt," riefen sie durcheinander und
wichen zur Seite. "O, ich fuerchte ihn nicht. Ich fuerchte den Hunger mehr
als seinen Zorn. Schaff' uns Brot, Koenig Witichis. Hoerst du's, wir
hungern!" sprach ein zerlumpter Alter und fasste ihn am Mantel. "Brot,
Koenig!" - "Guter Koenig, Brot!" - "Wir verzweifeln!" - "Hilf uns!" Und wild
draengte sich die Menge um ihn.

Ruhig, aber kraeftig machte sich Witichis frei. "Geduldet euch," sprach er
ernst. "Bis die Sonne sinkt, ist euch geholfen." Und er eilte nach seinem
Gemach.

Dort warteten auf ihn mehrere Diener Mataswinthens und ein roemischer Arzt.

"Herr," sprach dieser mit besorgter Miene, "die Koenigin, deine Gemahlin
ist sehr krank. Die Schrecken dieser Nacht haben ihren Geist verwirrt. Sie
spricht wirre Fieberreden. Willst du sie nicht sehen?"

"Nicht jetzt, sorgt fuer sie." "Sie reichte mir," fuhr der Arzt fort, "mit
groesster Angst und Sorge diesen Schluessel. Er schien sie in ihren Wahnreden
am meisten zu beschaeftigen. Sie holte ihn unter ihrem Kopfkissen hervor.
Und sie liess mich schwoeren, ihn nur in deine Hand zu geben, er sei von
hoechster Wichtigkeit."

Mit einem bittern Laecheln nahm der Koenig den Schluessel und warf ihn zur
Seite. "Er ist es nicht mehr. - Geht, verlasst mich und sendet meinen
Schreiber."

                              --------------

Eine Stunde spaeter liess Prokop den Praefekten in das Zelt des Feldherrn
eintreten.

Als er eintrat, rief ihm Belisar, der mit hast'gen Schritten auf und
niederging, entgegen: "Das koemmt von deinen Plaenen, Praefekt! Von deinen
Kuensten! von deinen Luegen! Ich hab' es immer gesagt: vom Luegen koemmt
Verderben: und ich verstehe mich nicht d'rauf! O, warum bin ich dir
gefolgt! Jetzt steck' ich in Not und Schande!"

"Was bedeuten diese Tugendreden?" fragte Cethegus seinen Freund.

Dieser reichte ihm einen Brief. "Lies. Diese Barbaren sind unergruendlich
in ihrer grossartigen Einfalt. Sie schlagen den Teufel durch Kindessinn;
lies."

Und Cethegus las mit Staunen: "Du hast mir gestern drei Dinge zu wissen
gethan:

Dass die Franken mich verraten haben. Dass du im Bund mit den Franken das
Westreich deinem undankbaren Kaiser entreissen willst. Dass du uns Goten
freien Abzug ueber die Alpen ohne Waffen anbietest.

Darauf habe ich dir gestern geantwortet, die Goten geben nie ihre Waffen
ab und raeumen nicht Italien, die Eroberung und Erbschaft ihres grossen
Koenigs: eher fall' ich hier mit meinem ganzen Heer. So habe ich gestern
gesprochen. So spreche ich heute noch, obwohl sich Feuer, Wasser, Luft und
Erde gegen uns empoerten. Aber was ich immer dunkel gefuehlt, hab' ich heut'
Nacht unter den Flammen meiner Vorraete klar erkannt: es liegt ein Fluch
auf mir. Um meinetwillen erliegen die Goten. Ich bin das Unglueck meines
Volkes. Das soll nicht laenger also sein. Nur meine Krone versperrte einen
ehrenvollen Ausweg: sie soll's nicht mehr. Du erhebst dich mit Recht gegen
Justinian, den treulosen und undankbaren Mann. Er ist unser Feind wie
deiner. Wohlan: stuetze dich, statt auf ein Heer der falschen Franken: auf
das ganze Volk der Goten, deren Kraft und Treue dir bekannt. Mit jenen
sollst du Italien teilen: mit uns kannst du es ganz behalten. Lass mich den
Ersten sein, der dich begruesst wie als Kaiser des Abendlands so als Koenig
der Goten. Alle Rechte bleiben meinem Volk, du trittst einfach an meine
Stelle. Ich selber setze dir meine Krone auf das Haupt und wahrlich: kein
Justinian soll sie dir entreissen. Verwirfst du diesen Antrag: so mache
dich gefasst auf einen Kampf, wie du noch keinen gekaempft. Ich breche dann
mit fuenfzigtausend Goten in dein Lager. Wir werden fallen. Aber auch dein
ganzes Heer. Eins oder das andre. Ich hab's geschworen. Waehle. Witichis."

Einen Augenblick war der Praefekt aufs furchtbarste erschrocken. Rasch
hatte er einen forschenden Blick auf Belisar geworfen. Aber dieser Eine
Blick beruhigte ihn wieder ganz. "Er ist ja Belisar," sagte er sich
abermals. "Jedoch gefaehrlich ist es immer, mit dem Teufel spielen. Welche
Versuchung! -"

Er gab den Brief zurueck und sagte laechelnd: "Welch ein Einfall! Wozu doch
die Verzweiflung fuehrt."

"Der Einfall," meinte Prokop, "waere gar so uebel nicht, wenn .. -"

"Wenn Belisar nicht Belisar waere," laechelte Cethegus.

"Spart euer Lachen," schalt dieser. "Ich bewundre den Mann. Und es darf
mich nicht mehr beleidigen, dass er mich der Empoerung faehig haelt. Hab' ich
es ihm doch selber vorgelogen." Und er stampfte mit dem Fuss. "Ratet jetzt
und helft! Denn ihr habt mich in diese leidige Wahl gefuehrt. Ja sagen kann
ich nicht. Und sag' ich nein: - darf ich des Kaisers Heer als vernichtet
anseh'n. Und muss obenein bekennen, dass ich die Empoerung nur erlogen."

Cethegus sann schweigend nach, das Kinn mit der Linken langsam streichend.
Ploetzlich durchblitzte ihn ein Gedanke. Ein Strahl der Freude flog
verschoenend ueber sein Gesicht: "so kann ich sie beide verderben!" Er war
in diesem Augenblick sehr mit sich zufrieden. Aber erst wollte er Belisar
ganz sicher machen. "Du kannst vernuenftigerweise nur zwei Dinge thun,"
sagte er zaudernd.

"Rede: ich sehe weder eins noch das andre."

"Entweder wirklich annehmen -"

"Praefekt," rief Belisar grimmig und fuhr ans Schwert. Prokop hemmte
erschrocken seinen Arm. - "Keinen solchen Scherz mehr, Cethegus, so lieb
dir dein Leben."

"Oder," fuhr dieser ruhig fort, "zum Schein annehmen. Ohne Schwertstreich
einziehn in Ravenna. Und - - die Gotenkrone samt dem Gotenkoenig nach
Byzanz schicken."

"Das ist glaenzend!" rief Prokop. "Das ist Verrat!" rief Belisar.

"Es ist beides," sagte Cethegus ruhig.

"Ich koennte dem Gotenvolk nicht mehr in die Augen sehen."

"Das ist auch nicht noetig. Du fuehrst den gefangenen Koenig nach Byzanz. Das
entwaffnete Volk hoert auf, ein Volk zu sein."

"Nein, nein, das thu' ich nicht."

"Gut. So lass dein ganzes Heer Testamente machen. Leb wohl, Belisar. Ich
gehe nach Rom. Ich habe durchaus nicht Lust, fuenfzigtausend Goten in
Verzweiflung kaempfen zu sehen. Und wie wird Kaiser Justinianus den
Verderber seines besten Heeres loben!"

"Es ist eine furchtbare Wahl," zuernte Belisar.

Da trat Cethegus langsam auf den Feldherrn zu. "Belisar," sprach er mit
gemuetvoller, tief aus der Brust geschoepfter Stimme: "du hast mich oft fuer
deinen Feind gehalten. Und ich bin zum Teil dein Gegner. Aber wer kann
neben Belisar im Feld gestanden sein, ohne den Helden zu bewundern?"

Und seine Weise war so feierlich und salbungsvoll, wie man sie nie an dem
sarkastischen Praefekten sah. Belisar war ergriffen und selbst Prokop
erstaunte.

"Ich bin dein Freund, wo ich es sein kann. Und will dir diese Freundschaft
in diesem Augenblick durch meinen Rat bewaehren. Glaubst du mir,
Belisarius?" Und er legte die linke Hand auf des Helden Schulter, bot ihm
treuherzig die Rechte, und sah ihm tief ins Auge.

"Ja," sagte Belisar, "wer koennte solchem Blick misstrauen."

"Siehe, Belisar, nie hat ein edler Mann einen misstrauischern Herrn gehabt
als du. - Der letzte Brief des Kaisers ist die schwerste Kraenkung deiner
Treue."

"Das weiss der Himmel."

"Und nie hat ein Mann," - hier fasste er ihn an beiden Haenden -
"herrlichere Gelegenheit gehabt, das schnoedeste Misstrauen zu beschaemen,
sich aufs glorreichste zu raechen, seine Treue sonnenklar zu zeigen. Du
bist verleumdet, du trachtetest nach der Herrschaft des Abendlandes.
Wohlan, bei Gott: du hast sie jetzt in Haenden. Zieh' in Ravenna ein, lass
dir von Goten und Italiern huldigen und zwei Kronen auf dein Haupt setzen.
Ravenna dein, dein blindergebnes Heer, die Goten, die Italier - wahrlich,
du bist unantastbar. Justinian muss zittern zu Byzanz und sein stolzer
Narses ist ein Strohhalm gegen deine Macht. Du aber, der du all' dies in
Haenden hast, - du legst all' die Macht und all' die Herrlichkeit deinem
Herrn zu Fuessen und sprichst: Siehe, Justinianus, Belisar ist lieber dein
Knecht als der Herr des Abendlandes. So glorreich, Belisar, ward Treue
noch nie auf Erden erprobt."

Cethegus hatte den Kern seines Herzens getroffen. Sein Auge leuchtete.

"Recht hast du, Cethegus, komm an meine Brust, hab' Dank. Das ist gross
gedacht. O, Justinian, du sollst vor Scham vergehn!"

Cethegus entzog sich der Umarmung und schritt zur Thuere.

"Armer Witichis," fluesterte Prokop ihm zu: "er wird diesem Musterstueck von
Treue aufgeopfert. - Jetzt ist er verloren."

"Ja," sagte Cethegus, "er ist verloren, gewiss." Und draussen vor dem Zelt
warf er den Mantel ueber die linke Schulter und sprach: "Aber gewisser noch
du selber, Belisar."

                              --------------

In seinem Quartier trat ihm Lucius Licinius geruestet entgegen.

"Nun, Feldherr," fragte er, "die Stadt ist noch nicht uebergeben. Wann
geht's zum Kampf?"

"Der Kampf ist aus, mein Lucius. Leg' deine Waffen ab und guerte dich, zu
reisen. Du gehst noch heute mit geheimen Briefen von mir ab." - "An wen?"
- "An den Kaiser und die Kaiserin." - "Nach Byzanz?" - "Nein, zum Glueck
sind sie ganz nah, in den Baedern von Epidaurus. Eile dich. In fuenfzehn
Tagen musst du zurueck sein, nicht einen halben spaeter. Italiens Schicksal
harrt auf deine Wiederkunft."

                              --------------

Sowie Prokop muendlich die Antwort Belisars dem Gotenkoenig ueberbracht,
berief dieser in seinen Palast die Fuehrer des Heeres, die vornehmsten
Goten und eine Anzahl von vertrauten einfach Freien, teilte ihnen das
Geschehene mit und forderte ihre Zustimmung.

Wohl waren sie anfangs maechtig ueberrascht: und ein Schweigen des Staunens
folgte auf seine Worte. Endlich sprach Herzog Guntharis, mit Ruehrung auf
den Koenig blickend: "Die letzte deiner Koenigsthaten, Witichis, ist so
edel, ja edler als alle deine frueheren. Dich bekaempft zu haben werd' ich
ewig bereuen. Ich habe mir lange geschworen, es zu suehnen, indem ich dir
blindlings folge. Und wahrlich: in diesem Fall hast du zu entscheiden:
denn du opferst das Hoechste: eine Krone. Soll aber ein andrer als du Koenig
sein, - leichter moegen die Woelsungen einem Fremden, einem Belisar als
einem Goten nachstehn. Und so folg' ich dir und sage: ja, du hast gut und
gross gehandelt."

"Und ich sage nein! und tausendmal nein!" rief Hildebad. "Bedenkt, was ihr
thut! Ein Fremder an der Spitze der Goten!"

"Was ist das andres, als was andre Germanen vor uns gethan, Quaden und
Heruler und Markomannen, auch die Franken unter jenem Roemer Aegidius?"
sagte Witichis ruhig, "ja was andres, als was unsere glorreichsten Koenige
und selbst Theoderich gethan? Sie leisteten dem Kaiser Waffendienst und
erhielten dafuer Land. So lautet der Vertrag, nach dem Theoderich Italien
von Kaiser Zeno nahm. Ich erachte Belisar nicht geringer als Zeno und mich
wahrlich nicht besser als Theoderich."

"Ja, wenn es Justinian waere," fuegte Guntharis bei. "Nie unterwerf' ich
mich dem feigen und falschen Tyrannen. Aber Belisarius ist ein Held. -
Kannst du das leugnen, Hildebad? Hast du vergessen, wie er dich vom Gaul
gerannt?"

"Schlag mich der Donner, wenn ich's ihm vergesse. Es ist das Einzige, was
mir an ihm gefallen hat."

"Und das Glueck ist mit ihm, wie mit mir das Unglueck war. Und wir bleiben
im reichen Lande hier, bleiben frei wie bisher und schlagen nur seine
Schlachten gegen Byzanz. Er wird uns Rache schaffen an dem gemeinsamen
Feind."

Und fast alle Versammelten stimmten bei.

"Nun, ich kann euch nicht in Worten widerlegen," rief Hildebad. - "Von je
hab' ich die Zunge ungefueger, als die Axt gefuehrt. - Aber ich fuehl' es
deutlich: ihr habt unrecht. - Haetten wir nur den schwarzen Grafen hier,
der wuerde sagen koennen, was ich nur spuere. Moegt ihr's nie bereuen! Mir
aber sei's vergoennt, aus diesem ungeheuerlichen Mischreich davonzugehn.
Ich will nicht leben unter Belisar. Ich zieh' auf Abenteuer in die Welt:
mit Schild und Speer und groben Hieben koemmt man weit."

Witichis hoffte, den treuen Gesellen in vertrautem Gespraech wohl noch
umzustimmen. Er fuhr jetzt in der Sache fort, die ihm so sehr am Herzen
lag. "Vor allem hat sich Belisar Schweigen ausbedungen, bis er Ravenna
besetzt hat. Es steht zu fuerchten, dass einige seiner Heerfuehrer mit ihren
Truppen von einer Empoerung gegen Justinian nichts wissen wollen. Diese,
sowie die verdaechtigen Quartiere von Ravenna, muessen von den Goten und den
verlaessigen Anhaengern Belisars umstellt sein, ehe die Entscheidung faellt."

"Huetet euch," warnte Hildebad, "dass ihr nicht selbst in diese Grube fallt!
Wir Goten sollen uns nicht aufs Feinspinnen verlegen. 's ist, wie wenn der
Waldbaer auf das Seil steigt - er faellt doch ueber kurz oder lang. Lebt
wohl: - moeg' es besser auffallen als ich ahne.

Ich gehe, von meinem Bruder Abschied zu nehmen. Der, wie ich ihn kenne,
wird wohl mit diesem Roemer-Gotenstaate sich versoehnen. Der schwarze Teja
aber, denk' ich, zieht mit mir davon."

                              --------------

Am Abend durchlief die Stadt das Geruecht von einer Kapitulation. Die
Bedingungen waren ungewiss. Aber gewiss war, dass Belisar auf Verlangen des
Koenigs grosse Vorraete von Brot, Fleisch und Wein in die Stadt schickte,
welche an die Armen verteilt wurden. "Er hat Wort gehalten!" sagten diese
und segneten den Koenig.

Dieser erkundigte sich nun nach dem Befinden der Koenigin und erfuhr, dass
sie sich langsam wieder beruhige und erhole. "Geduld: - sprach Witichis
aufatmend - auch sie wird bald frei und meiner ledig."

Es dunkelte bereits, als eine starke Schar berittener Goten sich aus der
innern Stadt nach der Mauerluecke am Turm des Aetius wandte. - Ein langer
Reiter voran: dann eine Gruppe, die auf quergelegten Lanzen eine mit
Tuechern und Maenteln verhuellte Last in schweren Kisten trug. Dann der Rest
der stark geruesteten Maenner.

"Auf mit dem Notriegel!" rief der Fuehrer, "wir wollen hinaus."

"Du bist es, Hildebad?" rief der Wache haltende Graf Wisand, und gab
Befehl zu oeffnen. "Weisst du schon, die Stadt wird morgen uebergeben. Wo
willst du hin?"

"In die Freiheit!" rief Hildebad und gab seinem Ross die Sporen.




                       Dreiundzwanzigstes Kapitel.


Mehrere Tage waren vergangen, bis die Koenigin Mataswintha sich aus den
wirren Fieberphantasien und aus dem von wilden Traeumen gequaelten
Schlummer, der auf dieselben gefolgt war, erhoben hatte.

Teilnahmslos und stumpf stand sie der ganzen Aussenwelt und den gewaltigen
Entscheidungen gegenueber, die sich damals vorbereiteten. Sie schien keine
Empfindung mehr zu haben, als das eine Gefuehl ihrer ungeheuern
frevelhaften Thaten.

Und rasch hatte sich der wild frohlockende Triumph des Hasses, mit dem sie
die Fackel in der Hand durch die Nacht gestuermt war, in zerstoerende Reue,
in Grauen und Entsetzen verwandelt. In dem Augenblick, da sie die arge
That gethan, hatte sie der Erdstoss in die Kniee geworfen: und ihr von
allen Leidenschaften erregter Sinn, ihr im Augenblick des vollendeten
Frevels erwachendes Gewissen glaubte, die Erde wolle sich ueber ihre Unthat
empoeren: sie sah die Rache des Himmels hereinbrechen ueber ihr schuldiges
Haupt.

Und als sie nun, in ihrem Gemache wieder angelangt, alsbald die Lohe, die
ihre Hand entzuendet, riesengross emporsteigen sah, als sie das
tausendstimmige Wehegeschrei der Ravennaten und Goten vernahm, da schien
jede Flamme an ihrem Herzen zu nagen und jede der klagenden Stimmen sie zu
verfluchen. Sie verlor das Bewusstsein: sie brach zusammen unter den Folgen
ihrer That.

Als sie die Besinnung wiedergefunden und sich allmaehlich des Geschehenen
wieder erinnert hatte, war die Kraft ihres Hasses gegen den Koenig voellig
gebrochen. Ihre Seele war geknickt. Tiefste Reue ueber ihre That, zitternde
Scheu, je wieder vor sein Antlitz treten zu sollen, erfuellte sie ganz.

Um so mehr, als sie selbst wusste und von allen Seiten vernahm, wie der
Untergang der Speicher den Koenig zur Ergebung an seine Feinde zwingen
werde.

Ihn selber sah sie nicht. Auch als er einmal einen Augenblick Zeit fand,
selbst nach ihrem Zustand in ihren Gemaechern sich zu erkundigen, beschwor
sie die staunende Aspa, um keinen Preis den Koenig vor ihr Antlitz treten
zu lassen: obwohl sie wieder seit mehreren Tagen das Lager verlassen und
haeufig arme Leute aus der Stadt empfangen hatte, ja die Darbenden
auffordern liess, sich bei ihr zu melden. Sie pflegte dann eigenhaendig die
fuer sie und ihren Hof bestimmten Speisen und mit massloser Freigebigkeit
Schmuck, Gold und Kostbarkeiten an sie zu verteilen.

Solchen Besuch eines Bettlers erwartete sie, als ein Mann in braunem
Mantel und einer Sturmhaube wiederholt und dringend sie um die Gnade
gebeten hatte, sie moechte nicht ihm, sondern einer armen Frau ihres Volkes
die Gunst einer Unterredung ohne Zeugen gewaehren.

Es gelte des Koenigs Heil: es gelte zu warnen vor thaetigem, ueberfuehrbarem
Verrat, der seine Krone, vielleicht sein Leben, bedrohe. Mataswintha
gewaehrte eifrig die Bitte. -

Mochte es ein Irrtum, ein Vorwand sein: sie durfte nicht mehr abweisen,
was auch nur mit dem Verwand seiner Rettung an sie trat. Auf
Sonnenuntergang bestellte sie das Weib. -

Die Sonne war gesunken. Der Sueden kennt fast keine Daemmerung. Es war
finster beinahe, als der schon lange im Vorsaal harrenden Frau eine
Sklavin winkte. Die Koenigin, krank und schlaflos des Nachts, habe erst zur
achten Stunde Schlummer gefunden. Eben erst erwacht sei sie sehr schwach.
Gleichwohl solle die Bittende vorgelassen werden, da es dem Koenig gelte.

"Ist das aber auch gewiss wahr?" forschte die Sklavin. "Nicht unnuetz moecht'
ich meine Herrin muehen:" - es war Aspa - "wenn ihr nur Gold damit erlisten
wolltet, sagt es mir frei. Ihr sollt mehr haben als ihr begehrt: - nur
schont meine Herrin. Gilt es dem Koenig wirklich?"

"Es gilt dem Koenig!" Seufzend fuehrte Aspa die Frau in das Gemach
Mataswinthens.

Diese erhob sich, das Haupt und Haar von dichtem Tuch umwunden, ganz in
leichtes, weisses Krankengewand gekleidet, im Hintergrund des grossen
Gemaches von dem Lager, an welchem ein runder Mosaiktisch stand. Die
goldene Ampel, die ueber demselben in die Wand eingelassen war, brannte
bereits mit mattem Licht. Sie blieb auf dem Rand des Lagers muede sitzen.
"Tritt naeher," sprach sie. "Es gilt dem Koenig? warum zoegerst du? Rede."

Das Weib deutete auf Aspa. "Sie ist verschwiegen und treu." - "Sie ist ein
Weib." Auf einen Wink Mataswinthens entfernte sich ungern das Maedchen.

"Amalungentochter - ich weiss: nur des Reiches Not, nicht Liebe, hat dich
zu ihm gefuehrt. - (Wie wunderschoen sie ist, obzwar todesblass!) Doch,
Gotenkoenigin bist du: _seine_ Koenigin - ob du ihn auch nicht liebst: -
sein Reich, sein Sieg muss dir das Hoechste sein."

Mataswintha griff nach der Goldlehne des Lagers. "So denkt jede Bettlerin
im Gotenvolk!" seufzte sie.

"Zu ihm kann ich nicht sprechen. Aus eignen Gruenden.

So sprech' ich denn zu dir, der es am meisten zusteht, ihn vor Verrat zu
warnen. Hoere mich." Und sie trat naeher, scharf auf die Koenigin blickend.
"Wie seltsam," sprach sie zu sich selbst. "Welche Aehnlichkeit der
Gestalt."

"Verrat! Noch mehr Verrat?" - "So ahnst auch du Verrat?" - "Gleichviel.
Von wem? Von Byzanz? Von aussen? Von dem Praefekten?"

"Nein," sprach das Weib kopfschuettelnd. "Nicht von aussen. Von innen. Nicht
von einem Mann. Von einem Weib."

"Was redest du?" sprach Mataswintha, noch bleicher werdend. "Wie kann ein
Weib -"

"Dem Helden schaden? Durch hoellische Bosheit des Herzens! Nicht mit
Gewalt. Mit List und Verrat. Vielleicht bald mit heimtueckischem Gift oder,
wie schon geschehen - mit heimtueckischem Feuer."

"Halt ein!" Mataswintha, die sich erhoben hatte, wankte zurueck an den
Mosaiktisch, sich daran lehnend.

Aber das Weib folgte ihr, leise fluesternd: "Wisse das Unglaubliche, das
Schaendliche! Der Koenig glaubt und das Volk: der Blitz des Himmels habe
sein Korn verbrannt. Ich aber weiss es besser. Und auch Er soll es wissen.
Wissen, gewarnt durch _deinen_ Mund, zu erforschen und zu entwaffnen die
Bosheit. Ich sah in jener Nacht eine Fackel durch die Speichergaenge eilen
und ein Weib hat sie hineingeschleudert. Du schauderst? Ja, ein Weib. Du
willst hinweg? Nein, hoere nur noch ein Wort. Dann will ich dich lassen.
Den Namen? Ich weiss ihn nicht. Aber sie brach vor mir zusammen und entkam
mir: doch verlor sie als Wahrzeichen, als Erkennungszeichen - diese
Schlange von Smaragd."

Und die Frau trat hart an den Tisch, dicht unter den Schein der Ampel, den
Armreif erhebend.

Da fuhr die Gepeinigte hoch empor. Vor das Antlitz hob sie die beiden
nackten Arme. - Von der hastigen Bewegung fiel die Kopfhuelle. Ihr rotes
Haar flutete nieder und durch das Haar hindurch schimmerte an ihrem linken
Arm deutlich eine Goldspange mit smaragdner Schlange.

"Ah!" schrie das Weib laut auf. "Beim Gott der Treue! Du! Du selber
bist's!

Seine Koenigin! Sein Weib hat ihn verraten! Fluch ueber dich! Das soll er
wissen!"

Mit gellendem Aufschrei fiel Mataswintha auf ihr Antlitz in die Kissen
zurueck. Der Schrei brachte Aspa aus dem Nebengemach zur Stelle. Aber als
sie eintrat, war die Koenigin schon allein. Der Vorhang des grossen Eingangs
rauschte. Die Bettlerin war verschwunden.




                       Vierundzwanzigstes Kapitel.


Am andern Morgen schon sahen die Ravennaten mit Staunen Prokop, Johannes,
Demetrius, Bessas, Acacius, Vitalius und eine Reihe andrer belisarischer
Heerfuehrer in den Palast des Koenigs ziehen. Sie berieten dort mit ihm die
naeheren Bedingungen und die Formen der Uebergabe.

Unter den Goten verlautete einstweilen nur: der Friede sei geschlossen.
Die beiden Hauptwuensche, um deren willen das Volk den ganzen schweren
Kampf getragen, wuerden erreicht: sie wuerden frei sein und im ungeteilten
Besitz des fruchtbaren Suedlands bleiben, das ihnen so teuer geworden war.
Das war weitaus mehr als nach dem schlimmen Stand der gotischen Sache seit
dem Abzug von Rom und dem unvermeidlich gewordnen Verlust von Ravenna zu
erwarten war. Und die Haeupter der Sippen und sonst die einflussreichsten
Maenner im Heere, die jetzt von dem bevorstehenden Schritt Belisars
verstaendigt wurden, billigten vollstaendig die beschlossenen Bedingungen.

Die wenigen, welche die Zustimmung weigerten, erhielten freien Abzug aus
Ravenna und Italien. Aber auch abgesehen hiervon, wurde das in Ravenna
stehende Gotenheer nach allen Richtungen zerstreut. Witichis sah die
Unmoeglichkeit ein, in der ausgesogenen Landschaft ausser den Truppen
Belisars mit dessen Vorraeten auch noch das gotische Heer und die
Bevoelkerung zu versorgen: und so bewilligte er die Forderung Belisars, dass
die Goten, in Gruppen von Hunderten und Tausenden, zu allen Thoren der
Stadt hinausgefuehrt und in allen Richtungen nach ihren Heimstaetten
entlassen wuerden.

Belisar fuerchtete den Ausbruch gotischer Verzweiflung, wenn der arge
Verrat, den man vor hatte, ruchtbar wuerde: und er wuenschte deshalb die
Verteilung des aufgeloesten Heeres. War er einmal im sichern Besitz von
Ravenna, so hoffte er etwaige Erhebungen auf dem flachen Lande leicht zu
daempfen. Und Tarvisium, Verona und Ticinum, die letzten festen Plaetze der
Goten in ganz Italien, konnten dann nicht lange mehr seiner gesamten gegen
sie gewendeten Macht widerstehen.

Die Ausfuehrung dieser Massregeln erforderte mehrere Tage Zeit.

Erst als nur mehr wenige Mann Goten in Ravenna versammelt waren, beschloss
Belisar seinen Einzug. Und auch von diesem geringen Rest wurde die Haelfte
in das byzantinische Lager verlegt, die andre Haelfte in den Quartieren der
Stadt verteilt unter dem Vorwand, den etwaigen Widerstand von hartnaeckigen
Anhaengern Justinians zu brechen.

Was aber die Ravennaten und die in den Plan nicht eingeweihten Goten am
meisten wunderte, war, dass nach wie vor die blaue gotische Fahne auf den
Zinnen des Palastes wehte. Freilich stand ein Lanzentraeger Belisars dort
oben bei ihr Wache. Denn auch der Palast war schon voll von Byzantinern.

Gegen einen etwaigen Versuch des Praefekten, sich wie in Rom durch
Besetzung der wichtigsten Punkte zum Herrn der Stadt zu machen, hatte
Belisar vorsichtige Massregeln getroffen. Cethegus durchschaute sie und
laechelte. Er that nichts dagegen.

Am Morgen des zum Einzug bestimmten Tags trat Cethegus in glaenzender
Ruestung in das Zelt Belisars.

Er traf nur Prokop. "Seid ihr bereit?" fragte er. "Vollstaendig." -
"Welches ist der Moment?" - "Der Augenblick, in dem der Koenig im Schlosshof
zu Pferde steigt, uns entgegenzureiten. Wir haben alles bedacht."

"Wieder einmal alles?" laechelte der Praefekt. "Eins habt ihr mir doch noch
uebrig gelassen. Es wird nicht ausbleiben, dass die Barbaren, sowie unser
Plan gelungen und bekannt ist, im ganzen Land in heller Wut auflodern
werden. Mitleid und Rachedurst fuer ihren Koenig koennten sie zu sehr wilden
Thaten fuehren.

Die ganze Begeisterung fuer Witichis und die Entruestung gegen uns wuerde nun
im Keim erstickt, und die Goten saehen sich nicht von uns, sondern von
ihrem Koenig verraten, wenn dieser selbst schriftlich bezeugen wuerde, er
habe die Stadt nicht an Belisar als Gotenkoenig und Rebellen gegen
Justinian, sondern einfach an den Feldherrn Justinians uebergeben. Jene
Empoerung Belisars, die ja auch wirklich ausbleibt, erscheint dann den
Goten als eine blosse von ihrem Koenig ersonnene Luege, die Schande der
Ergebung ihnen zu verhuellen."

"Das waere vortrefflich; aber Witichis wird das nicht thun."

"Wissentlich schwerlich. Aber vielleicht unwissentlich. Ihr habt ihn den
Vertrag doch nur im Original unterschreiben lassen?"

"Er hat nur einmal unterschrieben."

"Diese Urkunde ist in seinem Besitz? Gut, ich werde ihn hier dies von mir
aufgesetzte Duplikat unterzeichnen lassen, auf dass auch Belisar," laechelte
er, "das wertvolle Schriftstueck besitze."

Prokop blickte hinein. - "Wenn er das unterzeichnet, hebt sich freilich
kein gotisch Schwert mehr fuer ihn. Aber -"

"Lass die Aber mich besiegen. Entweder unterschreibt er heute freiwillig,
im Drang des Augenblicks, ohne zu lesen" -

"Oder?"

"Oder," vollendete Cethegus finster, "er unterschreibt spaeter.
Unfreiwillig. - - Ich eile voraus. Entschuldige, wenn ich euern Triumphzug
nicht begleite. Meinen Glueckwunsch an Belisar."

Aber da trat Belisar in das Zelt. Antonina folgte ihm. Er war nicht
geruestet und blickte duester vor sich hin.

"Eile, Feldherr," mahnte Prokop, "Ravenna harrt ihres Besiegers. Der
Einzug -"

"Nichts von Einzug," sprach Belisar grimmig. "Ruf' die Soldaten ab. Mich
reut der ganze Handel."

Cethegus blieb an dem Ausgang des Zeltes stehen.

"Belisar!" rief Prokop entsetzt, "welcher Daemon hat dir das eingeblasen?"
"Ich!" sagte Antonina stolz, "was sagst du nun?" "Ich sage, dass grosse
Staatsmaenner keine Frauen haben sollten!" rief Prokop aergerlich. "Belisar
entdeckte mir erst in dieser Nacht euer Vorhaben. Und ich hab' ihn unter
Thraenen ... -"

"Versteht sich," brummte Prokop, "die kommen stets zu rechter Zeit." -
"Unter Thraenen beschworen, abzustehen. Ich kann meinen Helden nicht von so
schwarzem Verrat befleckt sehen."

"Und ich will's nicht sein. Lieber reit' ich besiegt im Orcus ein, denn
also als ein Sieger in Ravenna. Meine Briefe an den Kaiser sind noch nicht
abgegangen. - Also ist's noch Zeit."

"Nein," sagte Cethegus herrisch, von der Thuer ins Zelt schreitend. "Zum
Glueck fuer dich ist's nicht mehr Zeit. Wisse: ich habe schon vor acht Tagen
an den Kaiser geschrieben, ihm alles mitgeteilt und Glueck gewuenscht, dass
sein Feldherr ohne mindesten Verlust Ravenna gewonnen hat und der Krieg
beendet."

"Ah, Praefekt," rief Belisar. "Du bist ja sehr dienstfertig. Woher dieser
Eifer?"

"Weil ich Belisarius kenne und seinen Wankelmut. Weil man dich zu deinem
Gluecke zwingen muss. Und weil ich ein Ende dieses Krieges will, der mein
Italien zerfleischt." Und drohend trat er gegen die Frau heran, die auch
jetzt der daemonischen beherrschenden Gewalt seines Blickes nicht zu
entgehen vermochte. "Wag' es, versuch es jetzt! Tritt zurueck, enttaeusche
Witichis und opfre einer Grille deines Weibes Ravenna, Italien und dein
Heer. Siehe zu, ob dir das Justinianus je vergeben kann. Auf Antoninas
Seele diese Schuld! Horch, die Trompeten rufen: rueste dich! Es bleibt dir
keine Wahl!" Und er eilte hinaus.

Bestuerzt sah ihm Antonina nach. "Prokop," fragte sie dann, "weiss es der
Kaiser wirklich schon?"

"Und wenn er es noch nicht wuesste, - zu viele sind schon in das Geheimnis
eingeweiht. Nachtraeglich erfaehrt er jedenfalls, dass Ravenna und Italien
sein war, und - dass Belisar um die Gotenkrone, die Kaiserkrone warb. Nur
dass er sie erlangt und - abliefert, kann ihn rechtfertigen vor Justinian."

"Ja," sagte Belisar seufzend, "er hat recht. Es bleibt mir keine Wahl."

"So geh," sprach Antonina eingeschuechtert. "Mir aber sei's erlassen, bei
diesem Einzug dich zu begleiten: - es ist ein Schlingenlegen, kein
Triumph!"

                              --------------

Die Bevoelkerung von Ravenna, wenn auch im Unklaren ueber die naeheren
Bestimmungen, war doch gewiss, dass der Friede geschlossen und den langen
und schweren Leiden des verheerenden Kampfes ein Ende gemacht sei.

Und die Buerger hatten in aufatmender Freude ueber diese Erloesung die
Truemmer, die das Erdbeben auf sehr viele Strassen geworfen, hinweggeraeumt
und ihre befreite Stadt festlich geschmueckt. Laubgewinde, Fahnen und
Teppiche zierten die Strassen, das Volk draengte sich auf den grossen Fora,
in den Lagunenkanaelen und in den Baedern und Basiliken in freudiger
Bewegung, begierig, den Helden Belisar und das Heer zu sehen, die so lange
ihre Mauern bedroht und endlich die Barbaren ueberwunden hatten.

Schon zogen starke Abteilungen von Byzantinern stolz und triumphierend
ein, waehrend die in schwachen Zahlen ueberall zerstreuten gotischen Posten
mit Schweigen und mit Widerwillen die verhassten Feinde in die Residenz
Theoderichs einruecken sahen.

In dem ebenfalls reichgeschmueckten Koenigspalast versammelten sich die
vornehmsten Goten in einer Halle neben den Gemaechern des Koenigs. Dieser
bereitete sich, als die fuer den Einzug Belisars anberaumte Stunde nahte,
die koeniglichen Kleider anzulegen: - mit Befriedigung, denn es war ja das
letztenmal, dass er die Abzeichen einer Wuerde tragen sollte, die ihm nur
Schmerz und Unheil gebracht.

"Geh, Herzog Guntharis," sprach er zu dem Woelsung, "Hildebad, mein
ungetreuer Kaemmerer, hat mich verlassen. Vertritt du dies eine Mal seine
Stelle: die Diener werden dir im Koenigsschatz die goldene Truhe zeigen,
die Krone, Helm und Purpurmantel, Schwert und Schild Theoderichs
verwahren. Ich werde sie heute zum ersten- und letztenmal anlegen, sie dem
Helden abzuliefern, der sie nicht unwuerdig tragen wird. Was giebt es dort
fuer Laerm!"

"Herr, ein Weib," antwortete Graf Wisand, "eine gotische Bettlerin. Sie
hat sich schon dreimal herangedraengt. Sie will ihren Namen dir nur nennen!
Weise sie hinaus! -"

"Nein, sagt ihr, ich will sie hoeren: - heute Abend soll sie im Palast nach
mir fragen."

Als Guntharis das Gemach verlassen, trat Bessas ein mit Cethegus. Der
Praefekt hatte diesem, ohne ihn einzuweihen, die Abschrift des Vertrages
uebergeben, die der Gotenkoenig noch unterschreiben sollte. Aus dieser
unverdaechtigen Hand, glaubte er, wuerde jener die Urkunde argloser nehmen.

Witichis begruesste die Eintretenden. Bei dem Anblick des Praefekten flog
ueber sein Antlitz, das heute heller als seit langen Monden glaenzte, ein
dunkler Schatte. Doch bezwang er sich und sprach: "Du hier, Praefekt von
Rom? Anders hat dieser Kampf geendet als wir meinten! Jedoch, du kannst
auch damit zufrieden sein. Wenigstens kein Griechenkaiser, kein
Justinianus wird dein Rom beherrschen."

"Und soll es nicht, solange ich lebe."

"Ich komme, Koenig der Goten," fiel Bessas ein, "dir den Vertrag mit
Belisar zur Unterschrift vorzulegen."

"Ich hab' ihn schon unterschrieben." - "Es ist die fuer meinen Herrn
bestimmte Doppelschrift."

"So gieb," sprach Witichis und wollte das Pergament aus des Byzantiners
Hand nehmen.

Da trat Herzog Guntharis mit den Dienern eilfertig ins Gemach: "Witichis,"
rief er, "der Koenigsschmuck ist verschwunden."

"Was ist das?" fragte Witichis. "Hildebad allein fuehrte die Schluessel
davon."

"Die ganze Goldtruhe, auch noch andere Truhen sind fort. In der leeren
Nische, da sie sonst standen, lag dieser Streif Pergament. Es sind die
Schriftzuege von Hildebads Schreiber."

Der Koenig nahm und las: "Krone, Helm und Schwert, Purpur und Schild
Theoderichs sind in meinem Gewahrsam. Wenn Belisar sie will, soll er sie
von mir holen." "Die Rune H - fuer Hildebad."

"Man muss ihn verfolgen," sagte Cethegus finster, "bis er sich fuegt." Da
eilten Johannes und Demetrius herein. "Eile dich, Koenig Witichis,"
draengten sie. "Hoerst du die Tubatoene? Belisar hat schon die Porta des
Stilicho erreicht."

"So lasst uns gehn," sprach Witichis, liess sich von den Dienern den
Purpurmantel, den sie statt des verschwundenen mitgebracht, um die
Schultern werfen und drueckte einen goldenen Reif auf das Haupt. Statt des
Schwertes reichte man ihm ein Scepter. Und so wandte er sich zur Thuer.

"Du hast nicht unterschrieben, Herr," mahnte Bessas.

"So gieb," und er nahm die Schrift jetzt aus der Hand des Byzantiners.
"Die Urkunde ist sehr lang," sagte er hineinblickend und hob an zu lesen.
"Eile, Koenig," mahnte Johannes.

"Zum Lesen ist nicht mehr Zeit," sagte Cethegus gleichgueltig, und reichte
ihm die Schilffeder von dem Tisch. "Dann auch nicht mehr zum Schreiben,"
antwortete der Koenig. "Du weisst: ich war ein Koenig nach Bauernart, wie die
Leute sagten. Bauern unterschreiben keine Zeile, ehe sie genau gelesen:
gehen wir." Und laechelnd gab er die Urkunde an den Praefekten und schritt
hinaus. Die Byzantiner und alle Anwesenden folgten.

Cethegus drueckte das Pergament zusammen: "Warte nur," fluesterte er
grimmig, "du sollst doch noch unterschreiben." Langsam folgte er den
andern.

Die Halle vor dem Gemach des Koenigs war bereits leer.

Der Praefekt schritt hinaus auf den gewoelbten Bogengang, der im Viereck den
ersten Stock des Palastes umgab und dessen byzantinisch-romanische
Rundbogen den freien Blick in den weiten Hofraum gewaehrten. Derselbe war
von Bewaffneten dicht gefuellt. An allen vier Thoren standen die
Lanzentraeger Belisars. Cethegus lehnte hinter einem Bogenpfeiler und
sprach, dem Gang der Ereignisse folgend, mit sich selbst: "Nun, Byzantiner
genug, um ein kleines Heer gefangen zu nehmen! Freund Prokop ist
vorsichtig - Da! - Witichis erscheint im Portal - Seine Goten sind noch
weit hinter ihm auf der Treppe. Des Koenigs Pferd wird vorgefuehrt. - Bessas
haelt dem Koenig den Buegel. - Witichis tritt heran, er hebt den Fuss. - Jetzt
ein Trompetenstoss. - Die Treppenthuere des Palastes faellt zu und schliesst
die Goten in den Treppenbau. Auf dem Dache reisst Prokop das Gotenbanner
nieder. - Johannes fasst seinen rechten Arm, brav Johannes. - Der Koenig
ruft: "Verrat, Verrat!" Er wehrt sich maechtig. - Aber der lange Mantel
hemmt ihn. - Da, da, er strauchelt. - Er stuerzt zu Boden. - Da liegt das
Reich der Goten." - - -

                              --------------

"Da liegt das Reich der Goten!" Mit diesen Worten begann auch Prokop die
Saetze, die er an diesem Abend in sein Tagebuch eintrug: "Ein wichtig Stueck
Weltgeschichte hab' ich heut bei Tage machen helfen und zeichne ich nun
nachts hier ein.

Als ich heute das roemische Heer seinen Einzug halten sah in die Thore und
Koenigsburg von Ravenna, kam mir abermals der Gedanke: nicht Tugend oder
Zahl oder Verdienst entscheidet den Erfolg in der Geschichte.

Es giebt eine hoehere Gewalt, die unentrinnbare Notwendigkeit.

An Zahl und an Heldentum waren uns die Goten ueberlegen: und sie haben es
nicht fehlen lassen an irgend denkbarer Anstrengung. Die gotischen Frauen
in Ravenna schmaehten heute ihren Maennern laut ins Angesicht, als sie die
kleinen Gestalten, die nicht zahlreichen Scharen unserer einziehenden
Truppen sahen. Summa: in gerechtester Sache, in heldenmuetigster
Anstrengung kann ein Mann, kann ein Volk doch erliegen, wenn uebermaechtige
Gewalten entgegentreten, die durchaus nicht immer das bessere Recht fuer
sich haben.

Mir schlug das Herz im Bewusstsein des Unrechts, als ich das Gotenbanner
heute niederriss und den Golddrachen Justinians an seine Stelle setzte, die
Fahne des Unrechts erhob ueber dem Banner des Rechts.

Nicht die Gerechtigkeit, eine unserem Denken undurchdringbare
Notwendigkeit beherrscht die Geschicke der Menschen und der Voelker.

Aber den rechten Mann macht das nicht irre. Denn nicht _was_ wir ertragen,
erleben und erleiden - _wie_ wir es tragen, das macht den Mann zum Helden.
Ehrenvoller ist der Goten Untergang denn unser Sieg. Und diese Hand, die
sein Banner herabriss, wird den Ruhm dieses Volkes aufzeichnen fuer die
kommenden Geschlechter. Jedoch, wie immer dem sei: - da liegt das Reich
der Goten."




                       Fuenfundzwanzigstes Kapitel.


Und so schien es.

Auf das gluecklichste war, dank den Massregeln Prokops, der Streich
gelungen. Im Augenblick, da auf dem Turme des Palastes die Fahne der Goten
fiel und der Koenig ergriffen ward, sahen sich die ueberraschten Goten
ueberall im Schlosshof, in den Strassen und Lagunen der Stadt, im Lager von
weit ueberlegenen Kraeften umstellt: ein Rechen von Lanzen starrte ihnen
ueberall entgegen: fast ausnahmslos legten die Betaeubten die Waffen nieder:
- die wenigen, welche Widerstand versuchten, - so die naechste Umgebung des
Koenigs - wurden niedergestossen. Witichis selbst, Herzog Guntharis, Graf
Wisand, Graf Markja und die mit ihnen gefangenen Grossen des Heeres wurden
in getrennten Gewahrsam gebracht, der Koenig in den "Zwinger Theoderichs":
einen tiefen, starken Turm des Palastes selbst.

Belisars Zug von dem Thore Stilichos nach dem Forum des Honorius wurde
nicht gestoert. Im Palast angelangt, berief er den Senat, die Decurionen
der Stadt, und nahm sie in Eid und Pflicht fuer Kaiser Justinianus.
Prokopius wurde mit den goldenen Schluesseln von Neapolis, Rom und Ravenna
nach Byzanz gesendet. Er sollte ausfuehrlichen Bericht erstatten und fuer
Belisar Verlaengerung des Amtes erbitten bis zur demnaechst zu erwartenden
voelligen Beruhigung Italiens und hierauf, wie nach dem Vandalenkrieg, die
Ehre des Triumphes, unter Auffuehrung des gefangenen Koenigs der Goten im
Hippodrom.

Denn Belisar sah den Krieg fuer beendet an. Cethegus teilte beinah diesen
Glauben. Doch fuerchtete er in den Provinzen den Ausbruch gotischen Zornes
ueber den geuebten Verrat. Er sorgte daher dafuer, dass ueber die Art des
Falles der Stadt vorlaeufig keine Kunde durch die Thore drang: und er
suchte eifrig im Geiste nach einem Mittel, den gefangenen Koenig selbst als
ein Werkzeug zur Daempfung des etwa neu auflodernden Nationalgefuehls zu
verwerten. - Auch bewog er Belisar, Hildebad, der in der Richtung nach
Tarvisium entkommen war, durch Acacius mit den persischen Reitern
verfolgen zu lassen.

Vergebens versuchte er, die Koenigin zu sprechen. Sie hatte sich seit jener
Nacht der Schrecken noch immer nicht ganz erholt und liess niemand vor.
Auch die Nachricht von dem Falle der Stadt hatte sie mit dumpfem Schweigen
hingenommen. Der Praefekt bestellte ihr eine Ehrenwache - um sich ihrer zu
versichern. Denn er hatte noch grosse Plaene mit ihr vor.

Dann sandte er ihr das Schwert des gefangenen Koenigs und schrieb ihr
dabei: "Mein Wort ist geloest. Koenig Witichis ist vernichtet. Du bist
geraecht und befreit. - Nun erfuelle auch du meine Wuensche."

Einige Tage darauf beschied Belisar, seines treuen Beraters Prokop
beraubt, den Praefekten zu sich in den rechten Fluegel des Palastes, wo er
sein Quartier aufgeschlagen. "Unerhoerte Meuterei!" rief er dem
Eintretenden entgegen. - "Was ist geschehen?"

"Du weisst, ich habe Bessas mit den lazischen Soeldnern in die Schanze des
Honorius gelegt, einen der wichtigsten Punkte der Stadt. Ich vernehme, dass
der Geist dieser Truppen unbotmaessig - ich rufe sie ab und Bessas ... -" -
"Nun?" - "Weigert den Gehorsam." - "Ohne Grund? Unmoeglich!"

"Laecherlicher Grund! Gestern ist der letzte Tag meiner Amtsgewalt
abgelaufen." - "Nun?" - "Bessas erklaert, seit letzter Mitternacht haett'
ich ihm nichts mehr zu befehlen."

"Schaendlich. Aber er ist im Recht."

"Im Recht? In ein paar Tagen trifft des Kaisers Antwort ein, auf mein
Gesuch. Natuerlich ernennt er mich, nach dem Gewinn von Ravenna, aufs neue
zum Feldherrn, bis zur Beendigung des Krieges. Uebermorgen kann die
Nachricht da sein."

"Vielleicht schon frueher, Belisar. Die Leuchtturmwaechter von Classis haben
schon bei Sonnenaufgang ein Schiff angemeldet, das von Ariminum her naht.
Es soll eine kaiserliche Triere sein. Jede Stunde kann sie einlaufen. Dann
loest sich der Knoten von selbst."

"Ich will ihn aber zuvor durchhauen. Meine Leibwaechter sollen die Schanze
stuermen und Bessas den halsstarrigen Kopf ... -"

Da eilte Johannes atemlos herein. "Feldherr," meldete er, "der Kaiser!
Kaiser Justinianus selbst ankert soeben im Hafen von Classis."

Unmerklich zuckte Cethegus zusammen. Sollte ein solcher Blitzstrahl aus
heiterer Luft, eine Laune des unberechenbaren Despoten, nach solchen
Muehen, das fast vollendete Gebaeude seiner Plaene gerade vor der Bekroenung
niederwerfen?

Aber Belisar fragte mit leuchtenden Augen: "mein Kaiser? Woher weisst du?"
- "Er selbst kommt, dir fuer deine Siege zu danken. - Solche Ehre ward noch
keinem Sterblichen zu teil. Das Schiff von Ariminum traegt die kaiserliche
Praesenzflagge. Purpur und Silber. Du weisst, das bedeutet, dass der Kaiser
an Bord."

"Oder ein Glied seines Hauses!" verbesserte Cethegus in Gedanken,
aufatmend.

"Eilt in den Hafen, unsern Herrn zu empfangen," mahnte Belisar.

                              --------------

Sein Stolz und seine Freude wurden enttaeuscht, als ihnen auf dem Wege nach
Classis die ersten ausgeschifften Hoeflinge begegneten und im Palast
Quartier forderten, nicht fuer den Kaiser selbst, sondern fuer dessen
Neffen, den Prinzen Germanus.

"So sendet er doch den ersten nach ihm selbst," sprach Belisar, sich
selber troestend im Weitergehen zu Cethegus. "Germanus ist der edelste Mann
am Hof. Unbestechlich, gerecht und unverfuehrbar rein. Sie nennen ihn: "die
Lilie im Sumpf". Aber du hoerst mich nicht!"

"Vergieb, ich bemerke dort im Gedraenge, unter den eben Gelandeten, meinen
jungen Freund Licinius."

"Salve Cethege!" rief dieser, sich Weg zum Praefekten bahnend.

"Willkommen im befreiten Italien! Was bringst du von der Kaiserin?" fragte
er fluesternd.

"Das Abschiedswort: _Nike (Victoria)!_ und diesen Brief," fluesterte der
Bote ebenso leise. - "Aber," und seine Stirne furchte sich - "schicke mich
nie mehr zu diesem Weibe." - "Nein, nein, junger Hippolytos, ich denke, es
wird nie mehr noetig sein."

Damit hatten sie die Steindaemme des Hafens erreicht, dessen Stufen soeben
der kaiserliche Prinz hinanstieg. Die edle Erscheinung, von einem reich
geschmueckten Gefolg umgeben, ward von den Truppen und dem rasch
zusammenstroemenden Volk mit Jubelruf und kaiserlichen Ehren empfangen.

Cethegus fasste ihn scharf ins Auge. "Das bleiche Antlitz ist noch bleicher
geworden," sagte er zu Licinius. "Ja, man sagt: die Kaiserin hat ihn
vergiftet, weil sie ihn nicht verfuehren konnte."

Der Prinz, nach allen Seiten dankend, hatte jetzt Belisarius erreicht, der
ihn ehrfurchtsvoll begruesste. "Gegruesst auch du, Belisarius," erwiderte er
ernst. "Folge mir sogleich in den Palast. Wo ist Cethegus der Praefekt? Wo
Bessas? Ah Cethegus," sagte er, dessen Hand ergreifend, "ich freue mich,
den groessten Mann Italiens wieder zu sehen. Du wirst mich alsbald zu der
Enkelin Theoderichs begleiten. Ihr gebuehrt mein erster Gang. Ich bringe
ihr Geschenke Justinians und meine Huldigung. Sie war eine Gefangene in
ihrem eigenen Reich. Sie soll eine Koenigin sein am Hofe zu Byzanz."

"Das soll sie," dachte Cethegus. Er verneigte sich tief und sprach: "Ich
weiss: du kennst die Fuerstin seit lange: ihre Hand war dir bestimmt."

Eine rasche Glut flog ueber des Prinzen Wange. "Leider nicht ihr Herz. Ich
sah sie hier, vor Jahren, am Hof ihrer Mutter: und seitdem hat mein
inneres Auge nichts mehr als ihr Bild gesehen." "Ja, sie ist das schoenste
Weib der Erde," sagte der Praefekt, ruhig vor sich hin sehend. "Nimm diesen
Chrysopas zum Dank fuer dieses Wort," sagte Germanus und steckte einen Ring
an des Praefekten Finger.

Damit traten sie in das Portal des Palastes.

"Jetzt, Mataswintha," sprach Cethegus zu sich selbst, "jetzt hebt dein
zweites Leben an. Ich kenne kein roemisch Weib - Ein Maedchen vielleicht
ausgenommen, das ich kannte! - das solcher Versuchung widerstehen koennte.
Soll diese rohe Germanin widerstehen?" -

Sowie sich der Prinz von den Muehen der Seefahrt einigermassen erholt und
die Reisekleider mit einem Staatsgewand vertauscht hatte, erschien er an
der Seite des Praefekten in dem Thronsaal des grossen Theoderich im
Mittelbau des Palastes.

An den Waenden der stolz gewoelbten Halle hingen noch die Trophaeen gotischer
Siege. Ein Saeulengang lief an drei Seiten des Saales hin: in der Mitte der
vierten erhob sich der Thron Theoderichs.

Mit edlem Anstand stieg der Prinz die Stufen hinan. Cethegus blieb mit
Belisar, Bessas, Demetrius, Johannes und zahlreichen andern Heerfuehrern im
Mittelgrund.

"Im Namen meines kaiserlichen Herrn und Ohms nehme ich Besitz von dieser
Stadt Ravenna und von dem abendlaendischen Roemerreich. An dich, Magister
Militum, dies Schreiben unseres Herrn, des Kaisers. Erbrich und lies es
selbst der Versammlung vor. So befahl Justinianus."

Belisar trat vor, empfing knieend den kaiserlichen Brief, kuesste das
Siegel, erhob sich wieder, oeffnete und las:

"Justinianus, der Imperator der Roemer, Herr des Morgen- und des
Abendreichs, Besieger der Perser und Saracenen, der Vandalen und Alanen,
der Lazer und Sabiren, der Hunnen und Bulgaren, der Avaren und Sclavenen
und zuletzt der Goten, an Belisar den Consularen, ehemals Magister
Militum.

Wir sind durch Cethegus den Praefekten von den Vorgaengen unterrichtet, die
zum Fall von Ravenna gefuehrt. Sein Bericht wird, auf seinen Wunsch, dir
mitgeteilt werden. Wir aber koennen seine darin ausgesprochene gute Meinung
von dir und deinen Erfolgen wie von deinen Mitteln mitnichten teilen: und
wir entheben dich deiner Stelle als Befehlshaber unseres Heeres. Und wir
befehlen dir angesichts dieses Briefes sofort nach Byzanz zurueckzukehren,
um dich vor unserem Throne zu verantworten. Einen Triumph wie nach dem
Vandalenkrieg koennen wir dir um so weniger gewaehren, als weder Rom noch
Ravenna durch deine Tapferkeit gefallen: sondern Rom durch Uebergabe,
Ravenna durch Erdbeben, den Zorn Gottes ueber die Ketzer und hoechst
verdaechtige Verhandlungen, deren Unschuld du, des Hochverrats angeklagt,
vor unserem Thron erweisen wirst. Da wir, eingedenk frueherer Verdienste,
nicht ohne Gehoer dich verurteilen wollen, - denn Morgenland und Abendland
sollen uns fuer ferne Zeiten feiern als den Kaiser der Gerechtigkeit -
sehen wir von der Verhaftung ab, die deine Anklaeger beantragt. Ohne Ketten
- nur in den Fesseln deines dich selbst anklagenden Gewissens - wirst du
vor unser kaiserliches Antlitz treten."

Da wankte Belisar. Er konnte nicht weiter lesen: er bedeckte das Gesicht
mit den Haenden: das Schreiben entfiel ihm.

Bessas hob es auf, kuesste es und las weiter: "Zu deinem Nachfolger im
Heerbefehl ernennen wir den Strategen Bessas. Ravenna uebertragen wir dem
Archon Johannes. Die Steuerverwaltung bleibt, trotz der wider ihn von den
Italiern erhobenen hoechst ungerechten Klagen, dem in unsrem Dienst so
eifrigen Logotheten Alexandros. Zu unsrem Statthalter aber in Italien
ernennen wir den hochverdienten Praefekten von Rom, Cornelius Cethegus
Caesarius. Unser Neffe, Germanus, mit kaiserlicher Vollmacht ausgeruestet,
haftet mit seinem Haupt dafuer, dich unverweilt nach unsrer Flotte auf der
Hoehe von Ariminum zu bringen, auf welcher dich Areobindos nach Byzanz
fuehren wird."

Germanus erhob sich und befahl allen, bis auf Belisar und Cethegus, den
Saal zu verlassen. Darauf stieg er die Stufen des Thrones herab und
schritt auf Belisar zu, der nicht mehr wahrnahm, was um ihn her geschah.
Er stand unbeweglich, das Haupt und den linken Arm an eine Saeule gelehnt
und starrte zur Erde.

Der Prinz fasste seine Rechte. "Es schmerzt mich, Belisarius, der Traeger
solcher Botschaft zu sein. Ich uebernahm den Auftrag, weil ihn ein Freund
milder als einer der vielen Feinde, die sich dazu draengten, ausfuehren
kann. Aber ich verhehle dir nicht: dieser dein letzter Sieg hebt die Ehre
deiner fruehern auf. Nie haette ich von dem Helden Belisar solch Luegenspiel
erwartet. Cethegus hat sich ausgebeten, dass sein Bericht an den Kaiser dir
vorgelegt werde. Er ist deines Lobes voll: hier ist er. Ich glaube, es war
die Kaiserin, die Justinians Ungnade gegen dich entzuendet hat. Aber du
hoerst mich nicht. -" Und er legte die Hand auf seine Schulter.

Belisar schuettelte die Beruehrung ab. "Lass mich, Knabe - du bringst mir -
du bringst mir den echten Dank der Kronen."

Vornehm richtete sich Germanus auf. "Belisar, du vergissest wer ich bin
und wer du bist."

"Oh nein, ich bin ein Gefangner und du bist mein Waechter. Ich gehe sofort
auf dein Schiff - erspare mir nur Ketten und Bande."

                              --------------

Erst spaet konnte sich der Praefekt von dem Prinzen losmachen, der in
vollstem Vertrauen die Angelegenheiten des Staates und seine persoenlichen
Wuensche mit ihm besprach.

Er eilte, sowie er in seinen Gemaechern, die er ebenfalls im Palaste
bezogen, allein war, den ihm von Lucius Licinius mitgeteilten Brief der
Kaiserin zu lesen.

Er lautete: "Du hast gesiegt, Cethegus.

Als ich dein Schreiben empfing, gedacht' ich alter Zeiten, da deine
Brieflein in dieser Geheimschrift an Theodora nicht von Staaten und
Kriegen handelten, sondern von Kuessen und Rosen ... -"

"Daran muessen sie immer erinnern," unterbrach sich der Praefekt.

"Aber auch in diesem trocknen Briefe erkannte ich die Unwiderstehlichkeit
jenes Geistes, der einst die Frauen von Byzanz noch mehr als deine
Jugendschoenheit zwang. So gab ich denn auch diesmal den Wuenschen des alten
Freundes nach, wie einst denen des jungen. Ach, ich dachte gern unsrer
Jugend, der suessen. Und ich erkannte wohl, dass Antoninens Gemahl allzufest
in Zukunft stehn wuerde, wenn er diesmal nicht fiel. So raunte ich denn -
wie du geschrieben - dem Kaiser in die Ohren: "Allzugefaehrlich sei ein
Unterthan, der ein solches Spiel mit Kronen und mit Aufruhr treiben koenne.
Keinen Feldherrn duerfe man lange solcher Versuchung aussetzen. Was er
diesmal gegaukelt, koenne er ein andermal im Ernst versuchen." Diese Worte
wogen schwerer als alle Siege Belisars, und alle meine, d. h. deine
Forderungen, gingen durch.

Denn Misstraun ist die Seele Justinians. Er traut nur einer Treue auf Erden
- der Theodoras. Dein Bote Licinius ist _huebsch_ - aber unliebenswuerdig:
er hat nur Rom und Waffen in Gedanken. Ach, Cethegus, mein Freund, es lebt
keine Jugend mehr wie die unsre war. "Du hast gesiegt, Cethegus" - weisst
du noch den Abend, da ich dir diese Worte fluesterte? - Aber vergiss nicht,
wem du den Sieg verdankst. Und merke dir, Theodora laesst sich nur solang
sie selber will als Werkzeug brauchen. Vergiss das nie."

"Gewiss nicht," sagte Cethegus, das Schreiben sorgfaeltig zerstoerend, "du
bist eine zu gefaehrliche Verbuendete, Theodora, - nein, Daemonodora! - lass
sehn, ob du unersetzbar bist. - Geduld: - in wenig Wochen ist Mataswintha
in Byzanz. - Was bringst du?" fragte er den eintretenden Syphax, der
glaenzende Waffen trug.

"Herr, ein Abschiedgeschenk Belisars. Nachdem er deinen Bericht an den
Kaiser gelesen, sprach er zu Prokop: "Dein Freund hat meinen Dank
verdient. Da, nimm meine goldne Ruestung, den Helm mit dem weissen
Rossschweif und den runden Buckelschild und schicke sie ihm als letzten
Gruss Belisars."




                       Sechsundzwanzigstes Kapitel.


Der Rundturm, in dessen tiefen Gewoelben Witichis gefangen sass, lag an dem
rechten Eckfluegel des Palastes, desselben Querbaues, in dem er als Koenig
gewohnt und geherrscht hatte.

Der Turm bildete mit seiner Eisenthuer den Abschluss eines langen Ganges,
der von einem Hof aus zur Rechten lief und von diesem Hof wieder durch
eine schwere Eisenpforte abgeschlossen war. Gerade dieser eisernen
Hofpforte gegenueber lag im Erdgeschoss auf der linken Seite des Hofes die
kleine Wohnung Dromons, des Carcerarius oder Kerkermeisters des Palastes.
Sie bestand aus zwei kleinen Gemaechern: das erste, von dem zweiten durch
einen Vorhang getrennt, war ein blosses Vorzimmer. Das zweite Gemach
gewaehrte durch ein logenartiges Fenster den Ausblick auf den Hof und den
Rundturm. Beide waren von einfachster Einrichtung: ein Strohlager im
Innengemach und zwei Stuehle und Tische im aeussern nebst den Schluesseln an
den Waenden waren ihr ganzes Geraet.

Und auf der Holzbank an jenem Fenster sass Tag und Nacht, unverwandt den
Blick auf die Mauerluecke heftend, aus welcher allein Luft und Licht in des
Koenigs Kerker fiel, schweigend und sinnend ein Weib. -

Es war Rauthgundis.

Niemals liess ihr Auge von jenem kleinen Spalt im Turm. "Denn dort," sagte
sie sich, "dort haengt auch sein Blick, dorthin schwebt seine Sehnsucht."
Auch wenn sie mit Wachis, ihrem Begleiter, oder mit dem Kerkermeister, der
sie beherbergte, sprach, wandte sie das Auge nicht von dem Turm. Es war,
als ob der Bann ihres Blickes Unheil von dem Gefangnen abhalten koenne.

Lange, lange war sie heute wieder so gesessen. Es war dunkler Abend
geworden.

Drohend und finster ragte der gewaltige Turm und warf einen breiten
Schatten ueber den Hof und diesen linken Fluegel des Palastes.

"Dank dir, guetiger Himmelsherr," sprach sie. "Auch deine schweren Schlaege
treiben zum Heil.

Waer' ich in die Felsen der Skaranzia, auf den hohen Arn, zum Vater, wie
ich mir ausgesonnen, - nie haette ich von dem Gang des Elends hier
vernommen. Oder doch viel zu spaet. Aber mich zog die Sehnsucht nach der
Todesstaette des Kindes, in die Naehe unsres Ehehauses, - das zwar raeumte
ich -: wusste ich denn, ob nicht sie, seine Koenigin, dort einsprechen
wuerde? So hausten wir in der Waldhuette nahe bei Faesulae.

Und als das Schreckliche kam und eine Nachricht des Misslingens die andre
jagte, und als die Saracenen unser Haus verbrannten und ich die Flammen
leuchten sah bis in mein Versteck, da war's zu spaet nach Norden zum Vater
zu entrinnen; die Welschen sperrten alle Wege und lieferten, was fluechtete
mit gelbem Haar, den Massageten aus. Kein Weg blieb offen als der Weg
hierher - nach der Rabenstadt - wohin ich als sein Weib nie hatte kommen
wollen. Als fluechtige Bettlerin kam ich hier an, nur sein Ross Wallada und
sein Knecht, nun sein Freigelassener, Wachis, noch mir eigen und treu.

Aber ihm zum Heil, - von Gott hierher gezwungen, - ob ich schon nicht
wollte - ihn zu retten, zu befreien von scheusslichem Verrat des eignen
Weibes! Und aus seiner Feinde Bosheit. Dank dir treuer Gott! Ich durfte
nicht mehr mit ihm leben - aber - aber ich, - Rauthgundis! - darf ihn
retten." -

Da rasselte ihr gegenueber die eiserne Hofpforte.

Ein Mann mit Licht trat heraus, ging ueber den Hof und trat alsbald in das
Vorzimmer. Es war der alte Kerkerwart.

"Nun? sprich!" rief Rauthgundis, ihren Sitz verlassend und ihm in das
erste Gemach entgegeneilend.

"Geduld - Geduld - lass mich erst die Lampe niederstellen. So! - Nun, also:
er hat getrunken. Und es hat ihm wohl gethan."

Rauthgundis legte die Hand auf die pochende Brust. "Was thut er?" fragte
sie dann.

"Er sitzt immer schweigend in der naemlichen Stellung. Auf dem Holzschemel,
den Ruecken gegen die Thuer gewandt, das Haupt in beide Haende gestuetzt. Er
giebt mir keine Antwort, so oft ich ihn anspreche. Er pflegte sich sonst
gar nicht zu regen. Ich glaube, der Gram und Schmerz hat ihm was angethan.
Aber heute, wie ich ihm den Wein im Holzbecher hinreichte und sprach:
"Trink, lieber Herr, es kommt von treuen Freunden:" - da blickte er auf.
So traurig, so zum sterben traurig war der Blick und das ganze Antlitz.
Und that einen tiefen Zug und nickte dankend mit dem Haupt und seufzte
tief, tief, dass es mir durch die Seele schnitt."

Rauthgundis bedeckte die Augen mit beiden Haenden.

"Weiss Gott, was er Boeses mit ihm vor hat!" brummte der Alte leise vor sich
hin.

"Was sagst du?"

"Ich sage, du musst jetzt auch einmal tuechtig essen und trinken. Sonst
verlassen dich die Kraefte. Und du wirst sie brauchen, arme Frau."

"Ich werde sie haben." - "So nimm wenigstens einen Becher Wein." - "Von
diesem? Nein, der ist fuer ihn allein." Und sie trat in das innere Gemach
zurueck, wo sie ihren alten Platz einnahm.

"Der Krug reicht ja noch lang," fuhr der alte Dromon fuer sich fort. "Und
ich fuerchte: wir muessen ihn bald retten, wenn er gerettet werden soll. Da
koemmt Wachis. Wenn er nur gute Nachricht bringt, sonst .. -"

Wachis trat ein. Er hatte seit dem Besuch bei der Koenigin die Sturmhaube
und seinen Mantel mit Gewaendern Dromons vertauscht. "Gute Botschaft bring
ich," sprach er im Eintreten. "Aber wo wart ihr vor einer Stunde? Ich
pochte vergeblich."

"Wir waren beide ausgegangen, Wein zu kaufen."

"Ach ja, deshalb duftet das ganze Gemach so stark - was seh' ich? Das ist
ja alter, koestlicher Falerner! Womit hast du den bezahlt?"

"Womit?" wiederholte der Alte, "mit dem edelsten Golde der Welt!" Und
seine Stimme bebte vor Ruehrung. "Ich erzaehlte ihr, dass der Praefekt ihn
absichtlich Mangel leiden lasse, dass er elend werde. Seit vielen Tagen hat
man mir gar keine Speise fuer ihn gegeben. Ich habe ihn, gegen mein
Gewissen, nur dadurch erhalten, dass ich den andern Gefangnen an dem Ihren
abbrach. Das wollte sie nicht. Sie sann nach und fragte dann: "Nicht wahr,
Dromon, die reichen Roemerinnen bezahlen immer noch das gelbe Haar der
Germaninnen so hoch?" Und ich, in meiner Einfalt nichts ahnend, sage ja.

Und sie geht hin und schneidet schweigend ihre reichen, schoenen,
goldbraunen Flechten und Zoepfe ab und bringt sie mir. Und damit ward der
Wein bezahlt."

Da stuerzte Wachis in das naechste Gemach, warf sich vor ihr nieder und
bedeckte den Saum ihres Gewandes mit Kuessen. "O Herrin" - rief er mit
versagender Stimme - "goldne, goldtreue Frau!"

"Was treibst du, Wachis? steh auf und erzaehle."

"Ja, erzaehle," sprach Dromon hinzutretend, "was raet mein Sohn?"

"Wozu brauchen wir seinen Rat?" sprach die Frau. "Ich, ich allein will es
vollenden."

"Sehr noetig brauchen wir ihn. Der Praefekt hat aus allen jungen Ravennaten,
nach dem Muster der roemischen, neun Kohorten Legionare gebildet und meinen
Paulus auch eingereiht. Zum Glueck hat er diesen Legionaren die Bewachung
der Stadtthore anvertraut. - Die Byzantiner liegen draussen im Hafen, seine
Isaurier hier im Palast."

"Die Thore nun," fuhr Wachis fort, "werden zur Nacht sorgfaeltig gesperrt.
Aber die Mauerluecke am Turme des Aetius ist immer noch nicht ausgebaut.
Nur die Wachen stehen dort."

"Wann trifft meinen Sohn die Wache?"

"In zwei Tagen: die dritte Nachtwache."

"Allen Heiligen sei Dank. Viel laenger duerft' es nicht waehren: - ich
fuerchte ... -" Und er stockte.

"Was? sprich," mahnte Rauthgundis entschlossen. "Ich kann alles hoeren."

"Es ist am Ende besser, du weisst es. Denn du bist klueger und findiger als
wir beide. Und findest eher Rat als wir. Ich fuerchte: sie haben's schlimm
mit ihm vor.

So lange Belisar hier befahl, ging es ihm noch gut.

Aber seit der fortgebracht und der Praefekt, der schweigsam kalte Daemon,
Herr im Palast ist, hat's ein gefaehrlich Ansehn. Alle Tage besucht er ihn
selbst im Kerker.

Und spricht lang und eifrig und drohend in ihn hinein. Ich habe oft im
Gang gelauscht. Er muss aber wenig ausrichten. Denn der Herr giebt ihm,
glaub' ich, gar keine Antwort. Und wenn der Praefekt herauskommt, blickt er
so finster wie - wie der Koenig der Schatten. Und seit sechs Tagen erhalte
ich keinen Wein und keine Speisen fuer ihn als ein kleines Stueck Brot. Und
die Luft da unten ist so moderdumpf wie im Grabe."

Rauthgundis seufzte tief.

"Und gestern, als der Praefekt herauf kam, - er sah grimmiger als je darein
- da fragte er mich .. -"

"Nun? sprich es aus, was es auch sei!"

"Ob die Foltergeraete in Ordnung seien."

Rauthgundis erbleichte, aber sie schwieg. "Der Neiding!" rief Wachis, "was
hast du" - "Sorget nicht, eine Weile hat's noch gute Wege.

"Clarissime," antwortete ich, - und es ist die reine Wahrheit - "die
Schrauben und die Zangen, die Gewichte und die Stacheln und das ganze
saubere Qualzeug liegt in schoenster Ordnung alles beisammen." - "Wo?"
fragte er. "Im tiefen Meer. Ich selbst hab' es, schon auf Koenig
Theoderichs Befehl, hineingeworfen." Denn wisset, Frau Rauthgundis: euer
Herr hat einmal, da er noch einfacher Graf war, mich gerettet, da die
Geraete an mir selbst versucht werden sollten. Da wurde auf sein Bitten das
Foltern voellig abgethan: ich schulde ihm mein Leben und meine heilen
Glieder. Und darum wag' ich mit Freuden meinen Hals fuer ihn. Und will
auch, wenn's nicht anders geht, gern diese Stadt mit euch verlassen. Aber
lange duerfen wir nicht saeumen. Denn der Praefekt bedarf nicht meiner Zangen
und Schrauben, wenn er einem das Mark aus dem Leibe quaelen will. Ich
fuercht' ihn, wie den Teufel."

"Ich hass' ihn, wie die Luege," sagte Rauthgundis grimmig.

"Darum muessen wir rasch sein, eh' er seine schwarzen Gedanken vollfuehren
kann. Denn er sinnt Arges gegen den guten Koenig. Ich weiss nicht, was er
noch weiter von dem armen Gefangnen will. Also hoert und merkt euch meinen
Plan. In der dritten Nacht, da mein Paulus die Wache hat, wann ich ihm den
Nachttrunk bringe, schliesse ich ihm die Ketten los, werfe ihm meinen
Mantel ueber und fuehre ihn aus dem Kerker und dem Gang in den Hof.

Von da koemmt er ungehindert bis an das Thor des Palastes, wo ihn die
Thorwache um die Losung fraegt. Diese werd' ich ihm sagen.

Ist er auf der Strasse, dann rasch an den Turm des Aetius, wo ihn mein
Paulus die Mauerluecke passieren laesst. Draussen im Pinienwald, im Hain der
Diana, wenige Schritte vor dem Thore, wartet Wachis auf ihn, der ihn auf
Wallada hebt. Begleiten aber darf ihn niemand. Auch du nicht, Rauthgundis.
Er flieht am sichersten allein."

"Was liegt an mir! Frei soll er sein, nicht noch einmal an mich gebunden.
Du nennst meinen Namen gar nicht. Ich hab' ihm nur Unglueck gebracht. Ich
will ihn nur noch einmal sehen, von diesem Fenster aus, wann er in die
Freiheit tritt."

                              --------------

Der Praefekt sonnte sich in diesen Tagen im Vollgefuehle der Macht.

Er war Statthalter von Italien: in allen Staedten wurden auf seine
Anordnung die Befestigungen geflickt und verstaerkt, die Buerger an die
Waffen gewoehnt. Die Vertreter von Byzanz vermochten ihm in keiner Weise
Gegengewicht zu halten. Ihre Heerfuehrer hatten kein Glueck, die
Belagerungen von Tarvisium, Verona und Ticinum machten keine Fortschritte.

Und mit Vergnuegen vernahm Cethegus, dass Hildebad, dessen Schar sich durch
Zulauf unterwegs auf etwa sechshundert erhoeht, Acacius, der ihn mit
tausend Perser-Reitern eingeholt und angegriffen, blutig zurueckgeschlagen
hatte. Eine starke Abteilung von Byzantinern aber, die ihm von Mantua aus
entgegenrueckte, verlegte ihm alle Wege - er wollte nach Tarvisium zu
Totila - und noetigte ihn, sich in das noch von den Goten unter Thorismuth
besetzte Kastell von Castra Nova zu werfen. Hier hielten ihn die
Byzantiner eingeschlossen, vermochten aber nicht, den festen Bau zu nehmen
und schon sah der Praefekt die Stunde kommen, da ihn Acacius zu Hilfe rufen
wuerde, den Goten, der ihm dann nicht mehr entrinnen konnte, zu vernichten.

Es freute ihn, dass die Kriegsmacht von Byzanz seit Belisars Entfernung
sich offen vor ganz Italien als unfaehig erwies, den letzten Widerstand der
Goten zu brechen. Und die Haerte der byzantinischen Finanzverwaltung, die
Belisar ueberall, wo er einzog, mit sich fuehren musste - er konnte die auf
Befehl des Kaisers geuebte Aussaugung nicht hindern - erweckte oder
steigerte in den Staedten und auf dem flachen Lande die Abneigung gegen die
Ostroemer. Cethegus huetete sich wohl, wie Belisar gethan, den aergsten
Uebergriffen der Beamten Justinians zu wehren. Er sah es mit Freude, dass in
Neapolis, in Rom wiederholt das Volk gegen die Bedruecker in offnem Aufruhr
emporloderte.

Waren die Goten vollends vernichtet, der Byzantiner Macht veraechtlich,
ihre Tyrannei verhasst genug geworden, dann konnte Italien aufgerufen
werden, frei zu sein und der Befreier, der Beherrscher hiess Cethegus.

Dabei verliess ihn nur die Eine Besorgnis nicht - denn er war fern von
Unterschaetzung seiner Feinde, - der Gotenkrieg, dessen letzte Funken noch
nicht ausgetreten, koenne nochmal aufflammen, geschuert durch die Entruestung
des Volkes ueber den geuebten Verrat.

Schwer fiel dem Praefekten ins Gewicht, dass die tiefstgehassten Fuehrer der
Goten, dass Totila und Teja nicht mit im Netze zu Ravenna waren gefangen
worden. Um der Gefahr jener begeisterten Volkserhebung zuvorzukommen,
trachtete er so eifrig, dem gefangnen Gotenkoenig die Erklaerung zu
entreissen, er habe sich und die Stadt zuletzt ohne Hoffnung und Bedingung
unterworfen, und er fordre die Seinen auf, den aussichtslosen Widerstand
aufzugeben.

Und auch das Kastell, in welchem der Kriegsschatz Theoderichs geborgen
lag, sollte ihm sein Gefangner angeben. In jener Zeit war ein solcher,
schon um fremde Fuersten und Soeldner zu gewinnen und anzuziehen, von
hoechster Bedeutung. Verloren ihn die Goten, so verloren sie die letzte
Hoffnung, ihre geschwaechte Kraft durch fremde Waffen zu ergaenzen. Und viel
lag dem Praefekten daran, jenen als unermesslich reich von der Sage
gepriesenen Hort nicht in die Haende der Byzantiner fallen zu lassen, deren
Geldnot und daher verursachte Tyrannei ein wichtiger Bundesgenosse seiner
Plaene war: sondern ihn sich selbst zu sichern, - auch seine Mittel waren
ja nicht unerschoepflich.

Aber all sein Bemuehen schien an der Unerschuetterlichkeit seines Gefangnen
zu scheitern.




                      Siebenundzwanzigstes Kapitel.


Die Massregeln zur Befreiung des Koenigs waren getroffen.

Rauthgundis war mit Wachis hinausgegangen, sich das Walddickicht genau
einzupraegen, wo der treue Freigelassene mit dem treuen Ross Dietrichs von
Bern ihrer warten sollte.

Und mit der Ruhe, welche die Vollendung aller Vorbereitungen starkem Sinn
gewaehrt, war die Gotin nach der Wohnung des Kerkermeisters zurueckgekehrt.
Aber sie erbleichte, als dieser ihr wie verzweifelt entgegenstuerzte und
sie ueber die Schwelle in das Gemach zog. Dort warf er sich vor ihr nieder,
schlug die Brust mit den Faeusten und raufte sein graues Haar. Lange fand
er keine Worte.

"Rede," gebot Rauthgundis und presste die Hand auf das wild pochende Herz,
"ist er tot?"

"Nein, aber die Flucht ist unmoeglich! Alles dahin! Alles verloren! Vor
einer Stunde kam der Praefekt und stieg zu dem Koenig hinab. Wie gewoehnlich
schloss ich ihm selbst die beiden Thueren, die Gangthuer und die
Kerkerpforte, auf - da -" "Nun?" "Da nahm er mir die beiden Schluessel ab:
er werde sie fortan selbst verwahren." "Und du gabst sie ihm?" knirschte
Rauthgundis. "Wie konnt' ich sie weigern! Ich wagte das Aeusserste. Ich
hielt sie zurueck und fragte: "O Herr, vertraust du mir nicht mehr?" Da
warf er mir einen seiner Blicke zu, die Leib und Seele wie ein Messer
trennen koennen.

"Von jetzt an - nicht mehr!" sprach er und riss mir die Schluessel aus der
Hand."

"Und du liessest es geschehen! Doch freilich! Was ist dir Witichis?"

"O Herrin, du thust mir weh und unrecht! Was haettest du an meiner Stelle
thun koennen? Nichts andres!"

"Erwuergt haett' ich ihn mit diesen Haenden! Und nun? Was soll jetzt
geschehn?"

"Geschehn? Nichts! Nichts kann geschehen."

"Er muss frei werden. Hoerst du, er muss!"

"Aber Herrin! Ich weiss ja nicht wie."

Rauthgundis ergriff ein Beil, das an dem Herde lehnte. "Erbrechen wir die
Thueren mit Gewalt." Dromon wollte ihr die Axt entwinden.

"Unmoeglich! Dicke Eisenplatten!"

"So rufe den Unhold. Sage, Witichis verlange ihn zu sprechen. Und vor der
Gangthuer erschlag ich ihn mit diesem Beil."

"Und dann? Du rasest! Lass mich hinaus. Ich will Wachis abrufen von seiner
nutzlosen Wacht."

"Nein, ich kann's nicht denken, dass es heut' nicht werden soll. Vielleicht
koemmt dieser Teufel von selbst wieder. Vielleicht" - sprach sie
nachsinnend. "Ah," schrie sie ploetzlich, "gewiss, das ist's. Er will ihn
ermorden! Er will sich allein zu dem Wehrlosen schleichen. Aber weh' ihm,
wenn er kommt! Die Schwelle jener Gangthuer will ich hueten wie ein
Heiligtum, besser als meines Kindes Leben. Und weh ihm, wenn er sie
beschreitet." Und sie drueckte sich hart an die Halbthuer des Gemaches
Dromons und wog das schwere Beil.

Aber Rauthgundis irrte.

Nicht um seinen Gefangenen zu toeten, hatte der Praefekt die Schluessel an
sich genommen. Er war mit denselben in den linken, den Suedbau des Palastes
geschritten. Spaet am Nachmittag trat Cethegus - er kam aus dem Kerker des
Koenigs - in das Gemach Mataswinthens. Die Ruhe des Todes und die Erregung
des Fiebers wechselten in der seelisch Tieferkrankten so oft, so rasch,
dass Aspa nur mit Thraenen-erfuellten Augen noch auf ihre Herrin sah.

"Zerstreue," sprach Cethegus, "schoenste Tochter der Germanen, die Wolken,
die auf deiner weissen Stirn lagern und hoere mich ruhig an."

"Wie steht es mit dem Koenig? Du lassest mich ohne Nachricht. Du
versprachst, ihn frei zu geben nach der Entscheidung. Ihn ueber die Alpen
fuehren zu lassen. Du haeltst dein Wort nicht."

"Ich habe das versprochen: - unter zwei Bedingungen.

Du kennst sie beide, und hast die deine noch nicht erfuellt. Morgen kommt
der kaiserliche Neffe Germanus zurueck von Ariminum, - dich nach Byzanz zu
fuehren: - du giebst ihm Hoffnung, seine Braut zu werden. Die Ehe mit
Witichis war erzwungen und nichtig."

"Ich sagte dir schon: nein, niemals!"

"Das thut mir leid - um meinen Gefangenen.

Denn eher nicht sieht er das Licht der Sonne, bis du mit Germanus auf dem
Wege nach Byzanz."

"Niemals."

"Reize mich nicht, Mataswintha! Die Thorheit des Maedchens, das so teuren
Preis einst um einen Areskopf bezahlt, ist, denk' ich, ueberwunden.
Dasselbe Geschoepf hat den Ares der Goten ja seinen Feinden verraten. Aber
ehrst du noch wirklich den Maedchentraum, so rette den einst Geliebten."

Mataswintha schuettelte das Haupt.

"Ich habe dich bisher als eine Freie, als Koenigin behandelt. Erinnere mich
nicht, dass du so gut wie er in meiner Gewalt. Du wirst dieses edlen
Prinzen Gemahlin - bald seine Witwe - und Justinian, Byzanz, die Welt
liegt dir zu Fuessen. Tochter Amalaswinthens - solltest du nicht die
Herrschaft lieben?"

"Ich liebe nur ... -! Niemals!"

"So muss ich dich zwingen!"

Sie lachte: "Du? mich? zwingen?"

"Ja, ich dich zwingen. (Sie liebt ihn noch immer, den sie zu Grunde
gerichtet!) Die zweite Bedingung naemlich ist: dass der Gefangene diesen
leergelassenen Namen ausfuellt - es ist der Name des Schatzschlosses der
Goten - und diese Erklaerung unterschreibt. Er weigert sich mit einem
Trotz, der anfaengt, mich zu erbittern. Siebenmal war ich bei ihm - ich,
der Sieger - er hatte noch kein Wort fuer mich. Nur das erste Mal, da
erhielt ich einen Blick - fuer den er allein den stolzen Kopf verlieren
musste."

"Nie giebt er nach."

"Das fraegt sich doch. Auch Felsen zermuerbt beharrlicher Tropfenfall. Aber
ich kann nicht lange mehr warten.

Heute frueh kam Nachricht, dass der tolle Hildebad in wuetigem Ausfall Bessas
so schwer geschlagen, dass er kaum die Einschliessung noch aufrecht haelt.
Ueberall flackern gotische Erhebungen empor. Ich muss fort und ein Ende
machen und diese Funken ausloeschen mit dem Wasser der Enttaeuschung, besser
als mit Blut. Dazu muss ich des gefangenen Koenigs Erklaerung und
Schatzgeheimnis haben. Ich sage dir also: wenn du bis morgen Mittag nicht
des Prinzen Begleiterin nach Byzanz bist und mir nicht vorher die
Unterschrift des Gefangenen verschaffst, die Echtheit von dir selbst
bezeugt, so werd' ich den Gefangenen - - ich schwoere es dir beim Styx, -
werd' ich den Gefangenen -"

Entsetzt von seinem furchtbar drohenden Ausdruck fuhr Mataswintha von
ihrem Sitz empor und legte ihre Hand auf seinen Arm. "Du wirst ihn doch
nicht toeten?"

"Ja, das werd' ich. Ich werd' ihn erst foltern. Dann blenden. Und dann
toeten."

"Nein, nein!" schrie Mataswintha auf.

"Ja, ich hab's beschlossen. Die Henker stehen bereit. Und du wirst ihm das
sagen: dir, dieser haenderingenden Verzweiflung wird er glauben, dass es
Ernst. Du vielleicht ruehrst ihn: mein Anblick haertet seinen Trotz. Er
waehnt vielleicht noch, in Belisars, des Weichherzigen, Hand zu sein. Du
wirst ihm sagen, in wessen Gewalt er ist. Hier die beiden Pergamente. Hier
die Schluessel - du sollst deine Stunde frei waehlen - zu seinem Kerker."

Ein Strahl freudiger Hoffnung blitzte aus Mataswinthens Seele durch ihr
Auge.

Cethegus bemerkte es wohl. Aber ruhig laechelnd schritt er hinaus.




                       Achtundzwanzigstes Kapitel.


Bald, nachdem der Praefekt die Koenigin verlassen, war es dunkel geworden
ueber Ravenna. Der Himmel war dicht mit zerrissenem Gewoelk bedeckt, das
heftiger Wind an dem Neumond vorueberjagte, so dass kurzes, ungewisses Licht
mit desto tieferem Dunkel wechselte.

Dromon hatte seinen Abendrundgang in den Zellen der uebrigen Gefangenen
vollendet und kam muede und traurig in sein Vorgemach zurueck. Er fand kein
Licht brennend. Mit Muehe nur nahm er Rauthgundis wahr, die noch immer
reglos an der Halbthuer lehnte, das Beil in der Hand, den Blick auf die
Gangthuer geheftet.

"Lass mich Licht schlagen, Frau, den Kienspan im Herdeisen entzuenden: und
teile das Nachtmahl mit mir. Komm, du harrest hier umsonst." - "Nein, kein
Licht, kein Feuer in dem Gemach! Ich sehe so besser, was draussen im Hof,
im Mondlicht naht." - "Nun so komm wenigstens hierherein und ruhe auf dem
Dreifuss. Hier ist Brot und Fleisch." - "Soll ich essen, waehrend er Hunger
leidet?" - "Du wirst erliegen! Was denkst, was sinnst du den ganzen
Abend?"

"Was ich denke?" wiederholte Rauthgundis, immer hinausblickend: "Ihn! Und
wie wir so oft gesessen in dem Saeulengang vor unserem schoenen Hause, wann
der Brunnen plaetscherte in dem Garten und die Cikaden zirpten auf den
Olivenbaeumen. Und die kuehle Nachtluft strich frei um sein liebes Haupt.
Und ich schmiegte mich an seine Schulter. Und wir sprachen nicht. Und oben
gingen die Sterne. Mit Schweigen. Und wir lauschten den vollen, tiefen
Atemzuegen des Kindes, das eingeschlafen war auf meinem Schoss, die
Haendchen, wie weiche Fesseln, um den Arm des Vaters geschlungen. Jetzt
traegt sein Arm andre Fesseln. Eisenfesseln traegt er, - die schmerzen ...
- -" Und sie drueckte die Stirn an das Eisengitter, fest und fester, bis
sie selbst Schmerz empfand.

"Herrin, was quaelst du dich? Es ist doch nicht zu aendern!"

"Ich will es aber aendern! Ich muss ihn retten und - Ah, Dromon, hieher! Was
ist das?" fluesterte sie und wies in den Hof.

Der Alte sprang geraeuschlos an ihre Seite. In dem Hofe stand eine hohe,
weisse Gestalt, die lautlos an der Mauer dahinglitt. Rasch nur, aber
scharf, fiel das Mondlicht darauf.

"Es ist eine Lemure! Ein Schatte der vielen hier Ermordeten," sprach der
Alte bebend. "Gott und die Heiligen schuetzet mich!" Und er bekreuzte sich
und verhuellte das Haupt.

"Nein," sprach Rauthgundis, "die Toten kommen nicht wieder vom Jenseits.
Jetzt ist's verschwunden - Dunkel ringsum - Sieh, da bricht der Mond durch
- da ist es wieder! Es schwebt voran gegen die Gangthuer. Was schimmert da
rot im weissen Licht? Ah, das ist die Koenigin - ihr rotes Haar! Sie haelt an
der Gangthuer. Sie schliesst auf! Sie will ihn im Schlaf ermorden!"

"Weiss Gott, es ist die Koenigin! Aber ihn ermorden! Wie koennte sie!"

"_Sie_ koennte es! Aber sie soll es nicht, so wahr Rauthgundis lebt. Ihr
nach! Ein Wunder thut uns seinen Kerker auf! Doch aber leise! Leise!"

Und sie trat aus der Halbthuer in den Hof, das Beil in der Rechten,
vorsichtig den Schatten der Mauer suchend, langsam, auf den Zehen
schleichend. Dromon folgte ihr auf dem Fusse.

Inzwischen hatte Mataswintha die Gangthuer aufgeschlossen und ihren Weg
erst viele Stufen hinab, dann durch den schmalen Gang, mit den Haenden
tastend, zurueckgelegt. Nun erreichte sie die Pforte des Kerkers. Sacht
erschloss sie auch diese.

Durch einen ausgehobenen Ziegelstein hoch oben im Turm fiel ein schmaler
Streif des Mondlichts in das enge Quadrat. Es zeigte ihr den Gefangenen.
Er sass, den Ruecken gegen die Thuere gewandt, das Haupt auf die Haende
gestuetzt, reglos auf einem Steinblock.

Zitternd lehnte sich Mataswintha an die Pfosten der Pforte. Eiskalte Luft
schlug ihr entgegen. Sie fror. Sie fand keine Worte: vor Grauen.

Da spuerte Witichis an dem Windzug, dass die Pforte geoeffnet worden. Er hob
das Haupt. Aber er sah nicht um.

"Witichis - Koenig Witichis" - stammelte endlich Mataswintha - "ich bin's.
Hoerst du mich?"

Aber der Gefragte ruehrte sich nicht.

"Ich komme, dich zu retten - fliehe! Freiheit!"

Aber der Gefangene senkte wieder das Haupt.

"Oh sprich! - oh sieh nur auf mich!" - Und sie trat ein. Gern haette sie
seinen Arm beruehrt, seine Hand gefasst. Sie wagte es noch nicht. "Er will
dich toeten - quaelen. Er wird es thun, - wenn du nicht fliehst."

Und nun gab ihr Verzweiflung den Mut, naeher zu treten. "Du sollst aber
fliehn! Du sollst nicht sterben! Du sollst gerettet sein - durch mich! Ich
flehe dich an - fliehe! Du hoerst mich nicht! Die Zeit draengt! Einst sollst
du alles wissen! Nur jetzt flieh in Freiheit und Leben. Ich habe die
Schluessel der Kerkerpforte und der Gangthuer! flieh!" Und nun fasste sie
seinen Arm, wollte ihn emporreissen.

Da klirrten seine Ketten an den Armen, an den Fuessen. - Er war an den
Steinblock festgeschlossen.

"O, was ist das?" rief sie und fiel in die Kniee.

"Stein und Eisen," sagte er tonlos. "Lass mich. Ich gehoere dem Tode. Und
hielten mich auch diese Bande nicht - ich folgte dir doch nicht! Zurueck in
die Welt? Die Welt ist eine grosse Luege. Alles ist Luege."

"Du hast Recht! sterben ist besser. Lass mich sterben mit dir. Und verzeih
mir. Denn auch ich habe dir gelogen."

"Es mag wohl sein. Es wundert mich nicht."

"Aber du musst mir noch vergeben, ehe wir sterben.

Ich habe dich gehasst - ich habe gejubelt ueber deinen Niedergang - ich habe
- o, es ist so schwer zu sagen! Ich habe die Kraft nicht, es zu gestehn.
Und doch muss ich deine Verzeihung haben - und muesst' ich sie mir erstehlen.
Vergieb mir - reiche mir die Hand zum Zeichen, dass du mir verzeihst."

Aber Witichis war in sein Brueten zurueckgesunken. "O, ich flehe dich an -
verzeihe mir, was immer ich dir mag gethan haben."

"Geh - warum soll ich dir nicht verzeihn? Du bist wie alle! nicht besser,
nicht schlimmer!"

"Nein, ich bin boeser als alle. Und doch besser. Wenigstens elender. Wisse
denn: ich habe dich gehasst, ja, aber nur, weil du mich von dir gestossen!
Du liessest mich nicht dein Leben teilen, - verzeihe mir. - Gott, ich will
ja nur mit dir sterben duerfen. Reich mir einmal noch die Hand, zum
Zeichen, dass du mir verzeihst." Und sie streckte kniend, flehend, beide
Haende zu ihm empor.

Der Koenig erhob das Haupt. Der Grundzug seines Wesens, die tiefe
Herzensguete, regte sich in ihm und uebertoente den eignen dumpfen Schmerz.
"Mataswintha," sagte er, und erhob die kettenklirrende Hand, "geh', es
erbarmt mich dein. Lass mich allein sterben. Was immer du an mir gethan -
geh hin: - ich habe dir verziehn."

"O Witichis!" hauchte Mataswintha und wollte seine Hand ergreifen.




                       Neunundzwanzigstes Kapitel.


Aber heftig fuehlte sie sich hinweggerissen. "Nachtbrennerin, nie soll er
dir vergeben! Komm Witichis, _mein_ Witichis. Folge mir! du bist frei."
Der Koenig sprang auf, von dieser Stimme wie aus Betaeubung geweckt.
"Rauthgundis! Mein Weib! ja du logst nie! Du bist getreu. Ich hab' dich
wieder." Und tief aufatmend, jauchzend aus voller Brust, breitete er die
Arme aus. Sein Weib flog an seine Brust und sie weinten beide suesse Thraenen
der Liebe und der Freude.

Mataswintha aber, die sich erhoben hatte, wankte gegen die Mauer. Sie
strich sich langsam die roten, losgegangnen Haare aus der Stirn und
blickte auf das Paar, das der Mondstrahl, der durch die Turmluke fiel,
hell beleuchtete.

"Wie er sie liebt! Ihr, ja ihr wuerd' er folgen in Freiheit und Leben. Aber
er muss ja bleiben! Und sterben - mit mir." -

"Saeumt nicht laenger!" mahnte von der Kerkerthuere her die Stimme Dromons.

"Ja, rasch fort, mein Leben!" rief Rauthgundis. Sie zog einen kleinen
Schluessel aus dem Busen und tastete an den Ketten, des Schlosses kleine
Oeffnung suchend.

"Wie? soll ich wirklich nochmal hinaus?" fragte der Gefangene, halb in
seine Betaeubung zuruecksinkend.

"Ja, hinaus in Luft und Freiheit," rief Rauthgundis und warf die
losgeschlossenen Armfesseln zur Erde. "Hier Witichis, eine Waffe! Ein
Beil! Nimm!"

Begierig ergriff der gotische Mann die Axt und holte kraeftig damit aus:
"Ah! die Waffe thut dem Arm, der Seele wohl!"

"Das wusste ich, mein tapfrer Witichis!" rief Rauthgundis, kniete nieder
und schloss die Kette auf, die seinen linken Fuss an den Steinblock
gefesselt hielt. "Nun schreite aus! Denn du bist frei."

Witichis that, das Beil in der Rechten hebend, hoch sich reckend, einen
Schritt gegen die Thuere.

"Und _sie_ darf seine Ketten loesen!" fluesterte Mataswintha.

"Ja, frei!" sprach Witichis, hoch aufatmend. "Ich _will_ frei sein und mit
dir gehen."

"Mit ihr will er gehen!" rief Mataswintha und warf sich den Gatten in den
Weg. "Witichis - leb wohl - geh! - Nur sage mir nochmal - dass du mir
vergiebst."

"Dir vergeben?" rief Rauthgundis. "Nie! Niemals! Sie hat unser Reich
zerstoert. Sie hat dich verraten. Nicht der Blitz des Himmels - ihre Hand
hat deine Speicher verbrannt!"

"O so sei verflucht!" rief Witichis. "Hinweg von dieser Schlange der
Hoelle!" Und sie von der Pforte hinwegschleudernd, schritt er ueber die
Schwelle, gefolgt von Rauthgundis.

"Witichis!" rief Mataswintha sich aufraffend. "Halt! Halt an! Hoere mich
nur noch einmal! Witichis!"

"Schweig!" sprach Dromon, ihren Arm ergreifend. "Du wirst ihn verderben."

Aber Mataswintha, ihrer nicht mehr maechtig, riss sich los und folgte, die
Stufen hinauf in den Gang.

"Halt!" rief sie, "Witichis! Du darfst nicht so hinweg. Du musst mir
verzeihn." Da brach sie ohnmaechtig zu Boden.

Dromon eilte an ihr vorbei, den Fliehenden nach.

Aber schon hatte das gellende Rufen den Mann des leisesten Schlafes
geweckt.

Cethegus trat, das Schwert in der Hand, nur halb geguertet, aus seinem
Schlafgemach auf den Gang, dessen offne Logen in den viereckigen Palasthof
blickten.

"Wachen," rief er, "unter die Speere!" Auch Soldaten waren merksam
geworden. Kaum hatten Witichis, Rauthgundis und Dromon den Gang und die
Gangthuere durchschritten und, gerade dieser gegenueber, die Gemaecher
Dromons erreicht, als sechs isaurische Soeldner laut laermend in den Gang
hineinstuermten.

Rasch sprang Rauthgundis aus der Halbthuer, sprang auf die schwere eiserne
Gangthuere zu, warf sie klirrend ins Schloss, drehte den Schluessel um, und
zog ihn heraus. "Die sind geborgen und unschaedlich!" fluesterte sie.

Schnell eilten nun die beiden Gatten von dem Gemache Dromons dem grossen
Ausgang zu, der aus dem Schlosshof auf die Strasse fuehrte. Mit gefaelltem
Speer trat hier der letzte Mann der Wache, der hier zurueckgeblieben, ihnen
entgegen. "Gebt die Losung," rief er. "Rom und? -"

"Rache!" sprach Witichis und schlug ihn mit dem Beile nieder.

Laut schreiend fiel der Soeldner, und warf noch den Speer den Fluechtigen
nach: er durchbohrte den letzten der drei - Dromon.

Ueber die Marmorstufen des Palastes auf die Strasse hinabspringend, hoerten
die Gatten die eingesperrten Soldaten donnernd gegen die feste Eisenthuere
schlagen, auch einen lauten Befehlruf hoerten sie noch. "Syphax! mein
Pferd!"

Dann nahm sie Nacht und Dunkel auf.

Wenige Minuten darauf schimmerte der Palasthof von Fackeln: und Reiter
flogen nach allen Thoren der Stadt.

"Sechstausend Solidi wer ihn lebend, dreitausend wer ihn erschlagen
bringt!" rief Cethegus, - sich in den Sattel seines schwarzen Hengstes
schwingend. "Nun auf, ihr Soehne des Windes, Ellak und Mundzuch, Hunnen und
Massageten. Jetzt reitet, wenn ihr je geritten!"

"Aber wohin, Herr?" fragte Syphax, an seines Herrn Seite aus dem
Palastthor sprengend.

"Das ist schwer raten. Aber alle Thore sind geschlossen und besetzt. Sie
koennen nur etwa zu den Mauerbreschen hinaus."

"Zwei grosse Mauerbreschen sinds."

"Sieh dort den Jupiter, der eben aus der Wolke tritt im Ost. Er winkt mir.
Ist nicht dort -?"

"Der Mauersturz am Turme des Aetius."

"Gut! dort hinaus! Ich folge meinem Stern!" - - -

                              --------------

Gluecklich hatten inzwischen die Gatten, hindurchgelassen von Paulus, dem
Sohn des Dromon, die nur halb ausgefuellte Mauerluecke durcheilt und in dem
nahen Pinienhain der Diana Wachis, den Getreuen, und zwei Pferde gefunden.
Wallada nahm die Gatten auf den Ruecken. -

Der Freigelassene ritt rasch voran, dem Ufer des hier sehr breiten Flusses
zu. Witichis hielt Rauthgundis vor sich, hinter dem Hals des Rosses. "Mein
Weib! mit dir hatte ich alles verloren! Leben und Lebensmut. Aber nun will
ich's noch einmal wagen um das Reich. O wie konnte ich dich von mir
lassen, du Seele meiner Seele."

"Dein Arm ist wund vom Druck der Kette! So! leg ihn hier auf meinen
Nacken, o du mein alles."

"Vorwaerts, Wallada! Rasch! es gilt das Leben."

Da bogen sie aus dem Dickicht des Hains ins Freie. Das Ufer des Flusses
war erreicht. Wachis trieb sein baeumendes Pferd in die dunkle Flut. Das
Thier scheute und widerstrebte. Der Freigelassene sprang ab. "Er geht sehr
tief, sehr reissend. Es ist Hochwasser seit drei Tagen. Die Furt ist nicht
zu brauchen.

Die Gaeule muessen schwimmen und stark rechts abwaerts wird's uns reissen. Und
es sind Felsen im Fluss. Und das Mondlicht wechselt so oft und taeuscht." -
Ratlos pruefte er am Ufer hin und her.

"Horch, was war das?" fragte Rauthgundis. "Das war nicht der Wind in den
Steineichen."

"Pferde sind's," sagte Witichis. "Sie nahen in Eile. Ja, wir sind
verfolgt. Waffen klirren. Da - Fackeln. Jetzt hinein in den Strom auf
Leben und Sterben. Aber leise!"

Und er fuehrte sein Pferd am Zuegel in die Flut.

"Kein Bodengrund mehr. Die Gaeule muessen schwimmen.

Halte dich fest an der Maehne, Rauthgundis. Vorwaerts, Wallada!"

Schnaubend, zitternd, blickte das Thier in die schwarze Flut - die Maehne
flog wirr kopfueber - die Vorderfuesse vorgestreckt, den Hinterbug
zurueckgehemmt.

"Vorwaerts, Wallada!" Und leise rief Witichis dem treuen Ross ins Ohr:
"Dietrich von Bern!" Da setzte das edle Tier in stolzem Sprung willfaehrig
in die Flut.

Schon jagten die verfolgenden Reiter aus dem Wald, voran Cethegus, ihm zur
Seite Syphax, eine Fackel hebend. "Hier, im Ufersand, verschwindet die
Spur, o Herr."

"Sie sind im Wasser! Vorwaerts, ihr Hunnen!"

Aber die Reiter zogen die Zuegel an und ruehrten sich nicht.

"Nun, Ellak? was zoegert ihr? Sofort in die Flut!"

"Herr, das koennen wir nicht. Ehe wir zur Nachtzeit in fliessend Wasser
reiten, muessen wir Phug, den Wassergeist, um Verzeihung bitten. Wir muessen
erst zu ihm beten."

"Betet nachher, wenn ihr drueben seid, solang ihr wollt, nun aber -"

Da fuhr ein staerkerer Windstoss ueber den Fluss und verloeschte alle Fackeln.
- Hochauf rauschte die Flut.

"Du siehst, o Herr, Phug zuernt."

"Still! saht ihr nichts? Da unten, links?"

Der Mond war aus dem jagenden Gewoelk getaucht. - Er zeigte Rauthgundis
helles Untergewand: - den braunen Mantel hatte sie verloren.

"Zielt rasch, dorthin."

"Nein, Herr! Erst ausbeten." -

Da war es wieder dunkel am Himmel. - Mit einem Fluch riss dem
Hunnenhaeuptling Cethegus Bogen und Koecher von der Schulter.

"Nun rasch vorwaerts!" rief leise Wachis, der schon fast das rechte Ufer
gewonnen hatte, zurueck - "ehe der Mond aus jener schmalen Wolke tritt."

"Halt, Wallada!" rief Witichis, abspringend, die Last zu erleichtern, und
sich an der Maehne haltend. "Da ist ein Fels! Stosse dich nicht,
Rauthgundis." -

Ross, Mann und Weib stockten einen Augenblick an dem ragenden Stein, wo in
gurgelndem, tiefem Wirbel das Wasser reissend zog.

Da ward der Mond ganz frei. Hell beleuchtete er die Flaeche des Stroms und
die Gruppe am Felsen.

"Sie sind es!" rief Cethegus, der schon den gespannten Langbogen bereit
hielt, zielte und schoss. Schwirrend flog der lange, schwarzgefiederte
Pfeil von der Sehne.

"Rauthgundis!" rief Witichis entsetzt. - Denn sie zuckte zusammen und sank
nach vorwaerts auf die Maehne des Rosses: aber sie klagte nicht.

"Bist du getroffen?" - "Ich glaube. Lass mich hier. Und rette dich." -
"Niemals! Lass dich stuetzen."

"Um Gott, Herr, duckt euch! taucht! sie zielen!"

Die Hunnen hatten jetzt ausgebetet. Sie ritten bis hart an den Strom, bis
in sein Uferwasser, bogenspannend und zielend.

"Lass mich, Witichis! Flieh, ich sterbe hier." - "Nein, ich lasse dich nie
mehr!" Er wollte sie aus dem Sattel heben und sie auf dem Stein bergen. In
hellem Mondlicht stand die Gruppe.

"Gieb dich gefangen, Witichis!" rief Cethegus, sein Ross bis an den Bug in
das Wasser spornend.

"Fluch ueber dich, du Luegner und Neiding."

Da schwirrten zwoelf Pfeile auf einmal. Hoch auf sprang das Ross Theoderichs
und versank fuer immer in die Tiefe.

Aber auch Witichis war auf den Tod getroffen. "Bei dir!" - hauchte noch
Rauthgundis. Fest mit beiden Armen umfing sie Witichis. - - "Mit dir!"

Umschlungen verschwanden sie im Fluss.

Jammernd rief drueben Wachis im Schilf des Ufers noch dreimal ihren Namen.
Er erhielt keine Antwort. Da jagte er davon in die Nacht.

"Schafft die Leichen ans Land!" befahl Cethegus duester, sein Ross wendend.
Und die Hunnen ritten und schwammen bis an den Stein und suchten.

Aber sie suchten vergebens. Der rasche Strom hatte sie mit fortgerissen
und die wieder vereinten Gatten mit sich hinausgetragen ins tiefe, freie
Meer.

                              --------------

Am gleichen Tage war Prinz Germanus von Ariminum in den Hafen von Ravenna
zurueckgekehrt, bereit, demnaechst Mataswintha nach Byzanz zu fuehren.

Diese war aus ihrer Betaeubung erst durch die Hammerschlaege der Werkleute
geweckt worden, die das Mauerwerk neben der Gangthuer durchbrachen, die
eingesperrten Soeldner zu befreien. Man fand die Fuerstin auf den
Kerkerstufen zusammengebrochen. Sie ward in vollem Fieber in ihre Gemaecher
hinaufgetragen, wo sie auf den Purpurpolstern ohne Laut und Regung, aber
mit starr geoeffneten Augen lag.

Gegen Mittag liess sich Cethegus melden. Sein Blick war finster und
drohend, sein Antlitz von eisiger Kaelte. Er trat dicht an ihr Lager.
Mataswintha sah ihm ins Auge.

"Er ist tot!" sagte sie dann ruhig.

"Er wollte es nicht anders. Er - und du. Dir Vorwuerfe machen ist zwecklos.
Aber du siehst, was das Ende wird, wenn du mir entgegen handelst. Das
Geschrei von seinem Untergang wird unfehlbar die Barbaren in neue Wut
treiben. Schwere Arbeit hast du mir geschaffen. Denn nur du hast ihm
Flucht und Tod bereitet. Das mindeste, was du zur Suehne thun kannst, ist:
meinen zweiten Wunsch erfuellen. Prinz Germanus ist gelandet, dich
abzuholen. Du wirst ihm folgen."

"Wo ist die Leiche?"

"Nicht gefunden. Der Strom hat ihn davongetragen. Ihn und - das Weib."

Mataswinthens Lippe zuckte. "Noch im Tode! Sie starb mit ihm?"

"Lass diese Toten! In zwei Stunden werde ich mit dem Prinzen wiederkommen.
Wirst du bis dahin bereit sein, ihn zu begruessen?"

"Ich werde bereit sein."

"Gut. Wir wollen puenktlich sein."

"Auch ich. Aspa, rufe alle Sklavinnen herbei. Sie sollen mich schmuecken:
Diadem, Purpur, Seide."

"Sie hat den Verstand verloren," sagte Cethegus im Hinausgehen. "Aber die
Weiber sind zaeh. Sie wird ihn wiederfinden. Sie koennen fortleben mit aus
der Brust gerissenem Herzen."

Und er ging, den ungeduldigen Prinzen zu vertroesten.

Noch vor Ablauf der bedungenen Zeit kam eine Sklavin, beide Maenner zur
Koenigin zu entbieten.

Germanus eilte mit raschem Fusse ueber die Schwelle ihres Gemaches. Aber
gefesselt von Staunen blieb er stehen. So schoen, so prachtvoll hatte er
die Gotenfuerstin nie gesehen.

Sie hatte das hohe, goldne Diadem auf das leuchtende Haar gesetzt, das,
geloest, in zwei dichten Wellen auf ihre Schultern und von den Schultern
bis ueber den Ruecken floss. Das Unterkleid, von schwerster weisser Seide mit
goldnen Blumen durchwirkt, war nur unterhalb der Kniee sichtbar. Denn
Brust und Schos bedeckte der weite Purpurmantel. Ihr Antlitz war
marmorweiss, ihr Auge loderte in geisterhaftem Glanz. "Prinz Germanus,"
rief sie dem Eintretenden entgegen, "du hast mir von Liebe geredet? Aber
weisst du, was du geredet? Lieben ist sterben."

Germanus sah fragend auf Cethegus.

Dieser trat vor. Er wollte sprechen.

Aber Mataswintha hob mit heller Stimme wieder an:

"Prinz Germanus, sie ruehmen dich den Feinstgebildeten an einem weisen Hof,
wo man sich uebt in spitzer Raetsel Ratung. Auch ich will dir eine
Raetselfrage stellen: - sieh zu, ob du sie loesest. Lass dir nur helfen dabei
von dem klugen Praefekten, der sich so ganz auf Menschengemueter versteht.
Was ist das? Weib und doch Maedchen? Witwe und doch nie Weib? Vermagst es
nicht zu deuten? Hast Recht. Der Tod nur loest alle Raetsel."

Rasch zur Seite warf sie den Purpurmantel. Ein breites, starkes Schwert
blitzte. Mit beiden Haenden stiess sie sich's tief in die Brust.

Aufschreiend sprangen Germanus von vorn, Aspa von rueckwaerts hinzu.
Schweigend fing Cethegus die Sinkende auf. Sie starb, sowie er das Schwert
aus der Wunde zog. Er kannte das Schwert. Er hatte selbst ihr es einst
gesendet.

Es war das Schwert des Koenigs Witichis.






                                 FUSSNOTE


    1 Prokop Gotenkrieg I. 17. 18. setzt hier aus Verwechslung den Tiber
      statt des Anio.





                       BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT


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      Seite 161: Leerzeichen entfernt zwischen "sein." und
      Anfuehrungszeichen; Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "nicht?"
      Seite 162: "kann" geaendert in "kaum"
      Seite 163: "da" geaendert in "du"
      Seite 169: zweites Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Vielgetreuen."
      Seite 180: Punkt ergaenzt hinter "schliessen"
      Seite 189: "sebst" geaendert in "selbst"
      Seite 192: zweites Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "alles ... -"
      Seite 197: Punkt ergaenzt hinter "Odysseus"
      Seite 201: Punkt geaendert in Komma hinter "entschwindet"
      Seite 212: zweites Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Byzanz.";
      Anfuehrungszeichen entfernt hinter "hinaus." und vor "Da";
      Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "und" und hinter "Rom!"
      Seite 223: "Feldher" geaendert in "Feldherr"
      Seite 225: "Vulsinii" geaendert in "Volsinii"; Anfuehrungszeichen
      ergaenzt hinter "Ross"
      Seite 243: Komma ergaenzt hinter "umziehn"
      Seite 245: "dem" geaendert in "den"
      Seite 253: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "Und"
      Seite 263: zweites Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "geschehen."
      Seite 268: Anfuehrungszeichen entfernt vor "Siehst"
      Seite 274: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "welch'"
      Seite 279: "Sadt" geaendert in "Stadt"
      Seite 285: "schug" geaendert in "schlug"
      Seite 286: "Helene" geaendert in "Hellene"
      Seite 293: zweites Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Byzanz!"
      Seite 302: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "oder -"
      Seite 303: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "Du"
      Seite 314: Anfuehrungszeichen entfernt vor "Ha,"
      Seite 325: "Brunen" geaendert in "Brunnen"
      Seite 332: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "Sonst"
      Seite 333: "beraufen" geaendert in "berufen"
      Seite 334: Anfuehrungszeichen entfernt vor "Mich"
      Seite 342: "Serblichen" geaendert in "Sterblichen"
      Seite 348: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Hilfe."
      Seite 350: Anfuehrungszeichen entfernt hinter "ruinae!"
      Seite 358: Apostroph geaendert in Komma hinter "Witichis"
      Seite 364: Anfuehrungszeichen entfernt vor "Es"
      Seite 385: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "versuchen."
      Seite 388: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "allein."
      Seite 389: "widerholte" geaendert in "wiederholte"
      Seite 390: Punkt ergaenzt hinter "ausgebaut"

Nicht veraendert wurde die uneinheitliche Gross- oder Kleinschreibung von
einigen Zahlwoertern, Pronomina und Adjektiven sowie Schreibvarianten,
insbesondere durch Rechtschreibreformen entstandene.





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KAMPF UM ROM. ZWEITER BAND***



                                 CREDITS


July 5, 2010

            Project Gutenberg TEI edition 1
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bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
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                                  1.F.1.


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           Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
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Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
http://www.pglaf.org.


                                Section 3.


   Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
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business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
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For additional contact information:


    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org


                                Section 4.


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***FINIS***
