The Project Gutenberg EBook of Ein Kampf um Rom. Zweiter Band by Felix
Dahn



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Title: Ein Kampf um Rom. Zweiter Band

Author: Felix Dahn

Release Date: July 5, 2010 [Ebook #33090]

Language: German

Character set encoding: ISO 8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KAMPF UM ROM. ZWEITER BAND***





                            Ein Kampf um Rom.

                           Historischer Roman

                                   von

                               Felix Dahn.



                                _Motto:_
                      Wenn etwas ist, gewalt'ger als das Schicksal
                      So ist's der Mut, der's unerschttert trgt
                                          _Geibel._



Zweiter Band.

48. Auflage.

Leipzig,
Druck und Verlag von Breitkopf und Hrtel.
1906.





       Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten.





                                  INHALT


Fnftes Buch. Witichis. Erste Abteilung.
   Erstes Kapitel.
   Zweites Kapitel.
   Drittes Kapitel.
   Viertes Kapitel.
   Fnftes Kapitel.
   Sechstes Kapitel.
   Siebentes Kapitel.
   Achtes Kapitel.
   Neuntes Kapitel.
   Zehntes Kapitel.
   Elftes Kapitel.
   Zwlftes Kapitel.
   Dreizehntes Kapitel.
   Vierzehntes Kapitel.
   Fnfzehntes Kapitel.
   Sechzehntes Kapitel.
   Siebzehntes Kapitel.
   Achtzehntes Kapitel.
Fnftes Buch. Witichis. Zweite Abteilung.
   Erstes Kapitel.
   Zweites Kapitel.
   Drittes Kapitel.
   Viertes Kapitel.
   Fnftes Kapitel.
   Sechstes Kapitel.
   Siebentes Kapitel.
   Achtes Kapitel.
   Neuntes Kapitel.
   Zehntes Kapitel.
   Elftes Kapitel.
   Zwlftes Kapitel.
   Dreizehntes Kapitel.
   Vierzehntes Kapitel.
   Fnfzehntes Kapitel.
   Sechzehntes Kapitel.
   Siebzehntes Kapitel.
   Achtzehntes Kapitel.
   Neunzehntes Kapitel.
   Zwanzigstes Kapitel.
   Einundzwanzigstes Kapitel.
   Zweiundzwanzigstes Kapitel.
   Dreiundzwanzigstes Kapitel.
   Vierundzwanzigstes Kapitel.
   Fnfundzwanzigstes Kapitel.
   Sechsundzwanzigstes Kapitel.
   Siebenundzwanzigstes Kapitel.
   Achtundzwanzigstes Kapitel.
   Neunundzwanzigstes Kapitel.
Bemerkungen zur Textgestalt






                              Fnftes Buch.


                                WITICHIS.


                             Erste Abteilung.


                              Die Goten aber whlten zum Knig Witichis,
                             einen Mann, zwar nicht von edlem Geschlecht,
                                      aber von hohem Ruhm der Tapferkeit.

                                               Prokopius, Gotenkrieg I. 11




                             Erstes Kapitel.


Langsam sank die Sonne hinter die grnen Hgel von Fsul und vergoldete
die Sulen vor dem schlichten Landhaus, in welchem Rauthgundis als Herrin
schaltete.

Die gotischen Knechte und die rmischen Sklaven waren beschftigt, die
Arbeit des Tages zu beschlieen. Der Mariskalk brachte die jungen Rosse
von der Weide ein. Zwei andere Knechte leiteten den Zug stattlicher Rinder
von dem Anger auf dem Hgel nach den Stllen, indes der Ziegenbub mit
rmischen Scheltworten seine Schutzbefohlnen vorwrts trieb, die genschig
hier und da an dem salzigen Steinbrech nagten, der auf dem zerbrckelten
Mauerwerk am Wege grnte. Andre germanische Knechte rumten das Ackergert
im Hofraum auf: und ein rmischer Freigelassener, gar ein gelehrter und
vornehmer Herr, der Obergrtner selbst, verlie mit einem zufriedenen
Blick die Sttte seiner blhenden und duftenden Wissenschaft.

Da kam aus dem Rostall unser kleiner Freund Athalwin im Kranze seiner
hellgelben Locken. Vergi mir ja nicht, Kakus, einen rostigen Nagel in
den Trinkkbel zu werfen. Wachis hat's noch besonders aufgetragen! Da er
dich nicht wieder schlagen mu, wenn er heimkommt. Und er warf die Thr
zu. Ewiger Verdru mit diesen welschen Knechten! sprach der kleine
Hausherr mit wichtigem Stolz. Seit der Vater fort ist und Wachis ihm ins
Lager gefolgt, liegt alles auf mir: denn die Mutter, lieber Gott, ist wohl
gut fr die Mgde, aber die Knechte brauchen den Mann.

Und mit groem Ernst schritt das Bblein ber den Hof.

Und sie haben vor mir gar nicht den rechten Respekt, sprach er und warf
die kirschroten Lippen auf und krauste die weie Stirn. Woher soll er
auch kommen? Mit nchster Sunnwend bin ich volle neun Jahr: und sie lassen
mich noch immer herumgehn mit einem Ding wie ein Kochlffel. Und
verchtlich ri er an dem kleinen Schwert von Holz in seinem Gurt. Sie
drften mir keck ein Weidmesser geben, ein rechtes Gewaffen. So kann ich
nichts ausrichten und sehe nichts gleich.

Und doch sah er so lieblich, einem zrnenden Eros gleich, in seinem
kniekurzen, rmellosen Rckchen von feinstem weiem Leinen, das die liebe
Hand der Mutter gesponnen und genht und mit einem zierlichen roten
Streifen durchwirkt hatte.

Gern lief' ich noch auf den Anger und brchte der Mutter zum Abend die
Waldblumen, die sie so liebt, mehr als unsre stolzesten Gartenblumen. Aber
ich mu noch Rundschau halten, ehe sie mir die Thore schlieen: denn:
Athalwin, hat der Vater gesagt, wie er ging, halt mir das Erbe recht in
acht und wahre mir die Mutter! Ich verla mich auf dich! Und ich gab ihm
die Hand drauf. So mu ich Wort halten.

Damit schritt er den Hof entlang, an der Vorderseite des Wohnhauses
vorber, durchmusterte die Nebengebude zur Rechten und wollte sich eben
nach der Rckseite des Gevierts wenden, als er durch lautes Bellen der
jungen Hunde zur Linken auf ein Gerusch an dem Holzzaun, der das Ganze
umfriedete, merksam wurde.

Er schritt nach der bezeichneten Ecke hin und erstaunte: denn auf dem
Zaune sa oder ber denselben herein stieg eine seltsame Gestalt. Es war
ein groer, alter, hagrer Mann in grobem Wams von ganz rauhem Loden, wie
ihn die Berghirten trugen: als Mantel hing eine mchtige Wolfsschur
unverarbeitet von seinen Schultern nieder, und in der Rechten trug er
einen riesigen Bergstock mit scharfer Stahlspitze, mit welchem er die
Hunde abwehrte, die zornig an dem Zaun hinaufsprangen. Eilends lief der
Knabe hinzu. Halt, du landfremder Mann, was thust du auf meinem Zaun? -
willst du gleich hinaus und herab?

Der Alte stutzte und sah forschend auf den schnen Knaben. Herunter, sag'
ich! wiederholte dieser. - Begrt man so in diesem Hof den wegmden
Wandrer? - Ja, wenn der wegmde Wandrer ber den Hinterzaun steigt. Bist
du was Rechtes und willst du was Rechtes, - da vorn steht das groe
Hofthor sperrangelweit offen: da komm' herein.

Das wei ich selbst, wenn ich das wollte. Und er machte Anstalt, in den
Hof hereinzusteigen.

Halt, rief zornig der Kleine, da kommst du nicht herab! Fa, Griffo!
Fa, Wulfo! Und wenn du die zwei jungen nicht scheust, so ruf' ich die
Alte. Dann gieb acht! He Thursa, Thursa, leid's nicht!

Auf diesen Ruf scho um die Ecke des Rostalles ein riesiger, grau
borstiger Wolfshund mit wtendem Gebell herbei und schien ohne weiteres
dem Eindringling an die Gurgel springen zu wollen.

Aber kaum stand das grimmige Tier vor dem Zaun, dem Alten gegenber, so
verwandelte sich seine Wut pltzlich in Freude: sein Bellen verstummte und
wedelnd sprang er an dem Alten hinan, der nun ganz gemtlich herein stieg.
Ja, Thursa, treues Tier, wir halten noch zusammen, sagte er. - - Nun
sage mir, kleiner Mann, wie heit du? - Athalwin hei' ich, versetzte
dieser, scheu zurcktretend, du aber, - ich glaube, du hast den Hund
behext - wie heit du? - Ich heie wie du, sagte der Alte freundlicher.
Und das ist hbsch von dir, da du heiest wie ich. Sei nur ruhig, ich
bin kein Ruber! fhr' mich zu deiner Mutter, da ich ihr sage, wie tapfer
du deine Hofwehr verteidigt hast.

Und so schritten die beiden Gegner friedlich in die Halle, Thursa bellte
freudig springend voran.

Das korinthische Atrium der Rmervilla mit seinen Sulenreihen an den vier
Wnden hatte die gotische Hausfrau mit leichter nderung in die groe
Halle des germanischen Hofbaues verwandelt. In Abwesenheit des Hausherrn
war sie zu festlicher Bewirtung nicht bestimmt und Rauthgundis hatte fr
diese Zeit ihre Mgde aus der Frauenkammer hierher versetzt. In langer
Reihe saen rechts die gotischen Mgde mit sausender Spule; ihnen
gegenber einige rmische Sklavinnen mit feineren Arbeiten beschftigt. In
der Mitte der Halle schritt Rauthgundis auf und nieder und lie selbst die
flinke Spule auf dem glatten Mosaik des Estrichs tanzen, aber dabei auch
nach rechts und links stets die wachen Blicke gleiten.

Das kornblumenblaue Kleid von selbstgewirktem Stoff war ber die Knie
heraufgeschrzt und hing gebauscht ber den Gurt von sthlernen Ringen,
der ihren einzigen Schmuck, ein Bndel von Schlsseln, trug. Das
dunkelblonde Haar war rings an Stirn und Schlfen zurckgekmmt und am
Hinterkopf in einen einfachen Knoten geschrzt. Es lag viel schlichte
Wrde in der Gestalt, wie sie mit ernst prfendem Blick auf und nieder
schritt.

Sie trat zu der jngsten der gotischen Mgde, die zu unterst in der Reihe
sa und beugte sich zu ihr. Brav, Liuta, sprach sie, dein Faden ist
glatt und du hast heut' nicht so oft aufgesehen nach der Thr wie sonst.
Freilich, fgte sie lchelnd hinzu - es ist jetzt kein Verdienst, da
doch kein Wachis zur Thr hereinkommen kann. Die junge Magd errtete.
Rauthgundis legte die Hand auf ihr glattes Haar: Ich wei, sagte sie,
du hast mir im stillen gegrollt, da ich dich, die Verlobte, dieses Jahr
ber tglich morgens und abends eine Stunde lnger spinnen lie als die
andern: es war grausam, nicht? Nun, sieh: es war dein eigner Gewinn.
Alles, was du dies Jahr aus meinem besten Garn gesponnen, ist dein; ich
schenk' es dir zur Aussteuer: so brauchst du nchstes Jahr, das erste
deiner Ehe, nicht zu spinnen.

Das Mdchen fate ihre Hand und sah ihr dankbar weinend ins Auge. Und
dich nennen sie streng und hart! war alles, was sie sagen konnte. - Mild
mit den Guten, streng mit den Bsen, Liuta. Alles Gut, dessen ich hier
walte, ist meines Herrn Eigen und meines Knaben Erbe. Da heit es genau
sein.

Jetzt wurden der Alte und Athalwin in der Thr sichtbar: der Knabe wollte
rufen, aber sein Begleiter verhielt ihm den Mund und sah eine Weile
unbemerkt dem Schalten und Walten Rauthgundens zu, wie sie der Mgde
Arbeit prfte, lobte und schalt und neue Auftrge gab.

Ja, sprach der Alte endlich zu sich selbst, stattlich sieht sie aus,
und sie scheint wohl die Herrin im Hause - doch! wer wei Alles? Da war
Athalwin nicht mehr zu halten: Mutter, rief er, ein fremder Mann, der
Thursa behext und ber den Zaun gestiegen und zu dir will. Ich kann's
nicht begreifen.

Da wandte sich die stattliche Frauengestalt wrdevoll dem Eingang zu, die
Hand vor die Augen haltend, die blendende Abendsonne, die in die offne
Thre brach, abzuwehren. Was fhrst du den Gast hierher? Du weit, der
Vater ist nicht hier. Fhr' ihn in die groe Halle. Sein Platz ist nicht
bei mir.

Doch, Rauthgundis! hier, bei dir, ist mein Platz, sprach der Alte
vortretend.

Vater! - rief die Frau und lag an der Brust des Fremden. Verdutzt und
nicht ohne Mibehagen sah Athalwin auf die Gruppe. Du bist also der
Grovater, der da oben in den Nordbergen haust? Nun gr Gott, Grovater!
Aber warum sagst du denn das nicht gleich? Und warum kommst du nicht
durchs Thor wie andre ehrliche Leute?

Der Alte hielt seine Tochter bei beiden Hnden und sah ihr scharf ins
Auge. Sie sieht glcklich aus und gedeihend, brummte er vor sich hin.

Da fate sich Rauthgundis: rasch warf sie einen Blick durch die Halle.
Alle Spindeln ruhten - auer Liutas - aller Augen musterten neugierig den
Alten.

Ob ihr wohl spinnen wollt, frwitzige Elstern? rief sie streng. Du,
Marcia, hast vor lauter Gaffen den Flachs herabfallen lassen, - du kennst
den Brauch, du spinnst eine Spule mehr, - ihr andern macht Feierabend.
Komm, Vater! Liuta, rst' ein laues Bad und Fleisch und Wein. -

Nein! sprach der Vater, der alte Bauer hat am Berg auch nur Bad und
Trunk am Wasserfall. Und was das Essen anlangt, - drauen, vor'm
Hinterzaun, am Grenzpfahl, liegt mein Rucksack, den holt mir: da hab ich
mein Speltbrot und meinen Schafkse, den bringt mir. - Wieviel habt ihr
Rinder im Stall und Rosse auf der Weide? Es war seine erste Frage. -

Eine Stunde darauf - schon war es dunkel geworden und der kleine Athalwin
war kopfschttelnd ber den Grovater zu Bett gegangen, - da wandelten
Vater und Tochter beim Licht des aufgehenden Mondes ins Freie. Ich hab'
nicht Luft genug da drinnen, hatte der Alte gesagt.

Sie sprachen viel und ernst, wie sie durch den Hof und durch den Garten
schritten. Mitten drein warf der Alte immer wieder Fragen nach ihrer
Wirtschaft auf, wie sie ihm Gert oder Gebude nahe legten: und in seinem
Ton lag keine Zrtlichkeit: nur manchmal in dem Blick, der verstohlen sein
Kind musterte.

La doch endlich Roggen und Rosse, lchelte Rauthgundis, und sage mir,
wie's dir gegangen ist die langen Jahre? Und was dich endlich einmal
herabgefhrt hat von den Bergen zu deinen Kindern? - Wie's mir gegangen?
Nun: halt einsam, einsam! Und kalte Winter! Ja, bei uns ist's nicht so
hbsch warm, wie hier im Welschthale. Und er sagte das wie einen Vorwurf.
Und warum ich herunter bin? Ja sieh, letztes Jahr hat sich der Zuchtstier
zerfallen auf dem Firnjoch. Und da wollt' ich mir einen andern kaufen hier
unten.

Da hielt sich Rauthgundis nicht lnger: mit warmer Liebe warf sie sich an
des Alten Brust und rief: Und den Zuchtstier hast du nicht nher gefunden
als hier? Lge doch nicht, Steinbauer, gegen dein eigen Herz und dein
eigen Kind. Du bist gekommen, weil du gemut, weil du's doch endlich nicht
mehr ausgehalten vor Heimweh nach deinem Kinde.

Der Alte blieb stehen und streichelte ihr Haar: Woher du's nur weit! Nun
ja! ich mute doch mal selbst sehen, wie's um dich steht und wie er dich
hlt, der Herr Gotengraf.

Wie seinen Augapfel, sprach das Weib selig. - So? und warum ist er denn
nicht daheim bei Hof und Haus und Weib und Kind? - Er steht beim Heer in
des Knigs Dienst.

Ja, das ist's ja eben. Was braucht er einen Dienst und einen Knig? Doch
- sage: warum trgst du keinen goldnen Armreif? Ein Gotenweib aus dem
Welschthal kam einmal des Wegs bei uns vorbei, vor fnf Jahren, die trug
Gold handbreit: da dacht ich: so trgt's deine Tochter, und freute mich,
und nun -

Rauthgundis lchelte: Soll ich Gold tragen fr meiner Mgde Augen? Ich
schmcke mich nur, wenn Witichis es sieht. - So? mg' er's verdienen!
Aber du _hast_ doch Goldspangen und Goldreife wie andre Gotenfrauen hier
unten? - Mehr als andre, truhenvoll. Witichis brachte groe Beute vom
Gepidenkrieg. - So bist du ganz glcklich? - Ganz, Vater, aber nicht
wegen der Goldspangen. - Hast du ber nichts zu klagen? Sag's mir nur,
Kind! Was es auch sei, sag's deinem alten Vater und er schafft dir dein
Recht.

Da blieb Rauthgundis stehen. Vater, sprich nicht so! Das ist nicht recht
von dir zu sprechen, nicht von mir zu hren. Wirf ihn doch weg, den
unglckseligen Irrwahn, als mte ich elend werden, weil ich zu Thal
gezogen. Ich glaube fast, nur diese Furcht hat dich hier herabgefhrt.

Nur sie! rief der Alte hastig mit dem Stock aufstoend. Und du nennst
einen Wahn, was deines Vaters tiefstes inneres Wesen? Ein Wahn! Ah, ist's
ein Wahn, da sich's schwer atme hier unten? Ein Wahn, da unsre
hochgewachsenen, weien Goten klein und braun geworden hier unten im Thal?
Ist es ein Wahn, da alles Unheil von jeher von Sden hergekommen, von
diesem weichen, falschen Thal? Woher kommen die Bergstrze ber unsre
Htten? von Sden her. Von wo kommt der giftige Wind, der Mensch und Vieh
verdirbt? Von Sden. Warum strzt' mir Kuh und Schaf, wann sie am Sdhang
grasen? Warum starb deine Mutter, wie sie das erstemal von unserm Berge
nach Bolsanum herabkam, in der schwlen Stadt? Ein Bruder von dir stieg
auch herab, trat in des Knigs Theoderich Waffenschar zu Ravenna:
erstochen haben ihn die Welschen beim Wein. Warum taugt kein Knecht mehr
was, der je hier in den Sden herabstieg, auch nur auf einen Winter? Wo
hat unser groer Held Theoderich das verfluchte Regieren gelernt, mit
Steuern und Folter und Kerker und Schreiben? Was haben unsre Vter von
all' dem gewut?

Von woher kommt aller Trug, alle Unfreiheit, alle ppigkeit, alle Unkraft,
alle List? Von hier: aus dem Welschthal, aus dem Sden, wo die Menschen zu
Tausenden beisammen nisten, wie unsauber Gewrm und einer dem andern die
Luft vergiftet. Und da kommt mir so einer auf meinen Fels und holt mein
frisches Kind herab in dieses Land des Unsegens! Dein Eheherr hat was
Gutes und Klares, ich leugn' es nicht; und htte er sich droben bei mir
ein Gehft gebaut, ich htte ihm gern mein Kind und das Joch der besten
Ochsen dazu gegeben. Aber nein! Da herunter mute er sie fhren ins heie
Sumpfthal. Und er selbst bckt den Kopf in goldnen Slen zu Rom und in der
Rabenstadt. Wohl hab' ich mich lang gewehrt -

Aber endlich gabst du nach -

Was wollt' ich machen? War doch mein kernfrisches Mdel ganz herzenssiech
geworden nach dem Unglcksmann.

Und zehn Jahre hat der Unglcksmann dein Kind beglckt. - Wenn's nur
auch wahr ist! - Vater! - Und wahr bleibt. Es wre das erstemal, da
Glck von Sden kme. Sieh', mein Abscheu ist so gro vor der Ebne, da
ich die sieben Jahr nicht niederstieg, gar mein Enkelkind nie gesehn habe.
Wenn ich es jetzt doch gethan, hat's schweren Grund.

Also nicht die Liebe? nicht dein Herz?

Freilich! doch mein banges Herz! Ein bses Zeichen ist geschehen. Du
denkst doch noch der freudigen Buche, die am Felsbache stand, rechts vorm
Hause? Ich pflanzte sie, nach altem Brauch, an dem Tag, da du geboren
wardst. Und prchtig, wie du selbst, gedieh der Baum. In dem Jahr, da du
fortzogst freilich, fand ich, er sehe krank und traurig. Aber die andern
sahen es nicht und lachten mich aus.

Nun, sie erholte sich wieder und war frisch und grn. Doch in der letzten
Woche kam des Nachts ein Hochgewitter, so wtig, wie ich's selten gehrt
da droben in den Felsen, und als wir am Morgen vor das Thor treten, - ist
der Stamm vom Blitz zerspalten und die Krone hat der Giebach mit sich
fortgerissen - nach Sden.

Schad um den lieben Baum! Doch kann dich das ngstigen?

Es ist nicht alles. Traurig grub ich am Abend, nach dem Tagewerk, den
armen Stamm aus der Erde und warf ihn ins Herdfeuer, da er nicht
verunehrt und elend am Wege stehe, der meines Kindes ein Bild und Zeichen
war. Und ich nahm mir's sehr zu Herzen und ich sann und sann mit schweren
Sorgen ber deinen Mann, und meine Zweifel an ihm kamen dicht und dichter.
Und ich sah ins Feuer, drin der Stamm verkohlte.

So schlief ich ein und im Traum sah ich dich und Witichis. Er tafelte im
Goldsaal unter stolzen Mnnern und schnen Frauen, in Glanz und Pracht
gekleidet. Du aber standest vor der Thr, im Bettlerkleid, und weintest
bittre Thrnen und riefst ihn beim Namen. Er aber sprach: wer ist das
Weib? ich kenne sie nicht. - Und es lie mich nicht mehr droben in den
Bergen. Herab zog's mich: ich mute sehen, wie mein Kind gehalten ist im
Thal und berraschen wollt' ich ihn, - deshalb wollt' ich nicht durchs
Thor ins Haus.

Vater, sprach Rauthgundis zornig, dergleichen soll man selbst im Traume
nicht denken. Dein Mitrauen -

Mitrauen! ich traue niemand als mir selbst. Und in dem Blitzschlag und
in dem Traumgesicht hat sich's mir deutlich gemeldet: dir droht ein
Unglck! Weich' ihm aus! Nimm deinen Knaben und geh mit mir in die Berge!
Nur auf kurze Zeit. Glaub' mir, du wirst es bald wieder schn finden in
der freien Luft, wo man ber aller Herren Lnder hinwegsieht.

Ich soll meinen Mann verlassen? Niemals. - Hat er nicht dich verlassen?
Ihm ist Hof und Knigsdienst mehr als Weib und Kind. So la ihm seinen
Willen.

Vater, sprach jetzt Rauthgundis, seine Hand heftig fassend, kein Wort
mehr! Hast du denn meine Mutter nicht geliebt, da du so reden kannst von
Ehegatten? Mein Witichis ist mir alles, Luft und Licht des Lebens. Und er
liebt mich mit seiner ganzen treuen Seele. Und wir sind eins.

Und wenn er fr recht hlt, fern von mir zu schaffen - zu wirken, so _ist_
es recht. Er fhrt seines Volkes Sache. Und zwischen mich und ihn soll
kein Wort, kein Hauch, kein Schatte treten. Und auch ein Vater nicht.

Der Alte schwieg. Aber sein Mitrauen schwieg nicht. Warum, hob er nach
einer Pause wieder an, wenn er am Hof so wichtige Geschfte hat, warum
nimmt er dich nicht mit? Schmt er sich der Bauerntochter? und zornig
stie er seinen Stock auf die Erde.

Der Zorn verwirrt dich! Du grollst, da er mich vom Berg ins Thal der
Welschen gefhrt - und grollst ebenso, weil er mich nicht nach Rom mitten
unter sie fhrt!

Du sollst's auch nicht thun! Aber er soll's wollen. Er soll dich nicht
entbehren knnen. Aber des Knigs Feldherr wird sich des Bauernkindes
schmen.

Da, ehe Rauthgundis antworten konnte, sprengte ein Reiter an das jetzt
verschlossene Hofthor, vor dem sie eben standen. Auf, aufgemacht! rief
er, mit der Streitaxt an die Pfosten schlagend. - Wer ist da drauen?
fragte der Alte vorsichtig. - Aufgemacht! solang lt man einen
Knigsboten nicht warten!

Es ist Wachis, sprach Rauthgundis, den schweren Riegelbalken im Ring
zurckschiebend, was bringt dich so pltzlich zurck?

Du bist es selbst, die mir ffnet! rief der treue Mann, o Gru und
Heil, Frau Knigin der Goten! Der Herr ist zum Knig des Volks gewhlt.
Diese meine Augen sahen ihn hoch auf den Heerschild gehoben: er lt dich
gren: und entbietet dich und Athalwin nach Rom. In zehn Tagen sollst du
aufbrechen.

In allem Schrecken und in aller Freude und zwischen allen Fragen durch
konnte sich Rauthgundis nicht enthalten eines freudig stolzen Blicks auf
ihren Vater: dann warf sie sich an seine Brust und weinte. Nun, fragte
sie endlich sich losmachend, Vater, was sagst du nun?

Was ich sage? Jetzt ist das Unglck da, das mir geahnt! Ich gehe noch
heute Nacht zurck auf meinen Berg.




                             Zweites Kapitel.


Whrend die Goten bei Regeta tagten, umklammerte in weit geschwungenem
Halbkreis das mchtige Heerlager Belisars die hart bedrngte Stadt
Neapolis.

Rasch, unaufhaltsam wie ein Brand in getrocknetem Heidegras, hatte sich
das Heer der Byzantiner von der uersten Sdostspitze Italiens bis vor
die Mauern der parthenopeischen Stadt gewlzt, ohne Widerstand zu finden.
Denn, dank den Befehlen Theodahads, waren nicht hundert Gotenkrieger in
jenen Gegenden zu finden.

Das kurze Vorpostengefecht am Passe Jugum war der einzige Aufenthalt, auf
den die Griechen stieen: die rmische Bevlkerung von Bruttien mit den
Stdten Regium, Vibo und Squyllacium, Tempsa und Croton, Ruscia und
Thurii, von Calabrien mit den Stdten Gallipolis, Tarentum und Brundusium,
von Lucanien mit den Stdten Velia und Buxentum, von Apulien mit den
Stdten Acheruntia und Canusium, Salernum, Nuceria und Camps, und viele
andere Stdte nahmen Belisar mit Jubel auf, als er ihnen im Namen des
rechtglubigen Kaisers Justinian die Befreiung von dem Joche der Ketzer
und Barbaren verkndete. Bis an den Aufidus im Osten, bis an den Sarnus im
Sdwesten war Italien den Goten entrissen und erst an den Wllen von
Neapel brach sich der Ungestm dieser feindlichen Wogen.

Und wohl ein herrliches Kriegsschauspiel waren diese Heerlager Belisars zu
nennen. Im Norden, vor der Porta Nolana, dehnte sich das Lager Johannes
des Blutigen. Diesem tapfern Fhrer war die Via Nolana anvertraut und die
Aufgabe, die Strae nach Rom zu erzwingen. Hier in den breiten
Wiesenflchen, auf den Saatfeldern fleiiger Goten, tummelten die
Massageten und die gelben Hunnen ihre kleinen, hlichen Gule. Daneben
lagerten leichte persische Sldner, in Linnenpanzern, mit Pfeil und Bogen;
dann schwere armenische Schildtrger, Makedonen mit zehn Fu langen
Sarissen (Lanzen) und groe Massen thessalischer und thrakischer, aber
auch saracenischer Reiter, zu verhater Unthtigkeit in diesem
Belagerungskampf verurteilt und ihre Mue nach Krften ausfllend mit
Streifzgen ins Innere des Landes.

Das mittlere Lager, gerade im Osten der Stadt, war von dem Hauptheer
erfllt: Belisars groes Feldherrnzelt von blauer sidonischer Seide, mit
dem Purpurwimpel, ragte in seiner Mitte. Hier stolzierte die Leibwache,
die Belisar selbst bewaffnete und besoldete und zu der nur die erlesensten
Leute, die sich dreimal durch Todesverachtung im Kampf ausgezeichnet,
zugelassen wurden: - aus ihr gingen Belisars Schler und beste Heerfhrer
hervor, - in reichvergoldeten Helmen mit rothen Rohaarkmmen, den besten
Brust- und Beinharnischen, ehernen Schilden, dem breiten Schwert und der
partisanen-gleichen Lanze. Hier bildeten den Kern des Fuvolks achttausend
Illyrier, die einzige gute Truppe, die das Griechenreich noch selbst
stellte: hier aber lagerten auch unter dem Befehl ihrer Stammesfrsten die
avarischen, bulgarischen, sarmatischen und auch germanischen Scharen, wie
Heruler und Gepiden, die Byzanz um schweres Geld werben mute, den Mangel
der kriegsfhigen Mannschaft zu decken. Hier auch die ausgewanderten und
die vielen Tausend bergegangenen Italier.

Endlich das sdwestliche Lager, das sich dem Strand entlang dehnte,
befehligte Martinus, der den Belagerungswerkzeugen vorstand: hier standen
die Katapulten und Ballisten, die Mauerbrecher und Wurfmaschinen in
Vorrat: hier wogten die isaurischen Bundesgenossen und die Scharen, die
das neu von den Vandalen zurckeroberte Afrika stellte: maurische,
numidische Reiter, libysche Schleuderer durcheinander.

Aber vereinzelt waren Abenteurer und Sldner fast aus allen
Barbarenstmmen der drei Erdteile vertreten: Bajuvaren von der Donau,
Alamannen vom Rhein, Franken von der Maas, Burgunden von der Rhone, dann
wieder Anten vom Dniester, Lazier vom Phasis, pfeilkundige Abasgen,
Sabiren, Lebanthen und Lykaonen aus Asien und Afrika. So bunt
zusammengesetzt aus barbarischen Haufen war die Kriegsmacht, mit der
Justinian die gotischen Barbaren vertreiben und Italien befreien wollte.
Den Befehl ber die Vorposten hatten immer und berall die Leibwchter
Belisars: und diese Kette zog sich um die Stadt her von der Porta Capuana
fast bis an die Wogen des Meeres. Neapolis aber war schlecht befestigt und
schwach besetzt. Nicht tausend Goten waren es, welche die ausgedehnten
Werke gegen ein Heer von vierzigtausend Byzantinern und Italiern
verteidigen sollten.

Graf Uliaris, der Befehlshaber der Stadt, war ein tapfrer Mann und hatte
bei seinem Bart geschworen, die Feste nicht zu bergeben. Aber auch er
htte der berlegnen Macht und Feldherrnkunst Belisars wohl nicht lange
widerstehen knnen, wre nicht ein glcklicher Umstand ihm zu Hilfe
gekommen. Das war die unzeitige Rckkehr der griechischen Flotte nach
Byzanz. Als nmlich Belisar, nachdem er sein gelandetes Heer in Regium
eine Nacht geruht und gemustert hatte, den allgemeinen Aufbruch mit der
Land- und Seemacht gegen Neapolis befahl, sandte ihm sein Nauarchos Konon
einen bisher geheim gehaltnen Auftrag des Kaisers, wonach die Flotte
sofort nach der Landung nach Nikopolis an der griechischen Kste
zurcksegeln solle, angeblich, neue Verstrkungen herberzuholen, in
Wahrheit aber nur, den Prinzen Germanus, Justinians Neffen, mit den
kaiserlichen Lanzentrgern nach Italien zu fhren, der die Siegesschritte
Belisars beobachten, berwachen, ntigenfalls hemmen und, als
Oberfeldherr, die Interessen des kaiserlichen Mitrauens gegen den
Unterfeldherrn Belisar wahren sollte. Zhneknirschend mute Belisar seine
Flotte im Augenblick, da er ihrer am meisten bedurfte, absegeln sehen: und
nur mit vielen Bitten erlangte er, da ihm der Nauarch vier Kriegstrieren,
die noch bei Sicilien kreuzten, zu senden versprach.

So hatte denn Belisar, als er sich anschickte Neapolis zu belagern, die
Stadt zwar von Nordost, Ost und Sdost mit seiner Landmacht eng
einschlieen knnen: - den Westen, die Strae nach Rom, durch Castellum
Tiberii gedeckt, hielt Graf Uliaris mit hchster Kraft frei: - aber den
Hafen von Neapolis und seine Verbindung mit der See hatte er nicht zu
sperren vermocht.

Anfangs zwar trstete er sich damit, da ja auch die Belagerten keine
Flotte htten und also von ihrer Verbindung mit dem Meer nicht eben viel
Vorteil wrden ziehen knnen. Aber hier trat ihm zuerst die Begabung und
die Khnheit eines Gegners in den Weg, den er spter noch mehr frchten
lernen sollte. Das war Totila. Kaum hatte dieser Neapolis erreicht, der
Leiche des alten Valerius mit Julius die letzte Ehre erwiesen und die
ersten Thrnen Valerias getrocknet, als er mit rastloser Thtigkeit an der
Aufgabe arbeitete, eine Flotte aus dem Nichts zu schaffen.

Er war Befehlshaber des Geschwaders von Neapolis: aber dieses ganze
Geschwader hatte Knig Theodahad schon vor Wochen, trotz Totilas
Vorstellungen, Belisar aus dem Wege, nach Pisa beordert, wo es die
Arnusmndung bewachen sollte. So besa Totila von Anfang nichts als drei
leichte Wachtschiffe, von denen er zwei bei Sicilien verloren hatte: und
er war nach Neapolis gekommen, an jedem Widerstand zur See verzweifelnd.
Aber da er das Unglaubliche vernahm, da die byzantinische Flotte nach
Hause gegangen sei, belebte sich sofort seine Hoffnung. Und nun ruhte er
nicht, bis er aus groen Fischerbooten, Kaufmannsschiffen, Hafenkhnen und
in der Eile notdrftig seetchtig gemachten Wracks der Werften sich eine
kleine Flottille von etwa zwlf Segeln gebildet, die freilich weder einen
Sturm auf hoher See noch einem einzigen Kriegsschiff Trotz bieten konnte,
aber doch vortreffliche Dienste leistete, die sonst vllig abgeschnittene
Stadt von Baj, Cum und anderen Stdten im Nordwesten her mit
Lebensmitteln zu versehen, die Bewegungen der Feinde an den Ksten zu
beobachten und mit unaufhrlichen Angriffen zu qulen, indem Totila mit
einer kleinen Schar oft im Sden, im Rcken der griechischen Lager,
landete, sich ins Land schlich, bald hier, bald da einen Trupp der Feinde
berfiel und zersprengte und solche Unsicherheit verbreitete, da sich die
Byzantiner nur in starken Abteilungen und nie zu weit von ihren Lagern zu
entfernen wagten, whrend diese Erfolge die hart bedrngte, von steten
Wachdiensten und Kmpfen angegriffene Mannschaft des Uliaris immer wieder
ermutigten.

Bei alledem konnte sich Totila nicht verhehlen, da die Lage schon jetzt
eine hchst bedenkliche und, sowie einige griechische Schiffe vor der
Stadt erschienen, eine unhaltbare werde. Er verwandte daher einen Teil
seiner Boote dazu, tglich eine Anzahl von wehrunfhigen Einwohnern aus
Neapolis aufwrts nach Baj und Cum zu schaffen, wobei er die Anforderung
der Reichen, da diese Rettungsfahrten nur gegen Bezahlung stattfinden
sollten, streng zurckwies und ohne Unterschied Arme wie Reiche in seine
rettenden Schiffe aufnahm. Vergebens hatte Totila wiederholt und immer
dringender Valeria gebeten, unter dem Schutz von Julius auf diesen
Schiffen zu flchten: noch wollte sie sich nicht von dem Sarge ihres
Vaters, noch von dem Geliebten nicht trennen, dessen Lob als des Schirmers
der Stadt sie nur zu gern aus aller Munde einsog. Und ruhig fuhr sie fort,
in dem vterlichen Hause ihrer Trauer und ihrer Liebe zu leben.




                             Drittes Kapitel.


In diesen ersten Tagen der Belagerung empfand auch Miriam die hchsten
Freuden und die hchsten Schmerzen ihrer Liebe.

Hufiger als je konnte sie sich in des Geliebten Anblick sonnen: denn die
Porta Capuana war ein wichtiger Punkt der Befestigung, den der Seegraf oft
besuchen mute. In der Turmstube des alten Isak hielt er tglich mit Graf
Uliaris den traurigen Kriegsrat. Dann pflegte Miriam, wann sie die Mnner
begrt und das schlichte Mahl von Frchten und Wein auf den Tisch
gestellt, hinunterzuschlpfen in das enge Grtlein, das dicht hinter der
Turmmauer lag. Der Raum war ursprnglich ein kleiner Hof im Tempel der
Minerva, der Mauerbeschtzerin, gewesen, der man gern an den Hauptthoren
der Stdte einen Altar errichtete.

Seit Jahrhunderten war der Altar verschwunden: aber noch ragte hier der
alte mchtige Olivenstamm, der einst die der Gttin geweihte Statue
beschattet hatte: und ringsum dufteten die Blumen, die Miriams liebevolle
Hand hier gepflegt und oft fr die Braut des Geliebten gebrochen hatte.
Gerade gegenber dem riesigen lbaum, dessen knorrige Wurzeln ber die
Erde hervorstarrten und eine dunkle ffnung in den Erdgeschossen des alten
Tempels zeigten, war von dem Christentum ein groes, schwarzes Holzkreuz
angebracht ber einem kleinen Betschemel, der aus einer Marmorstufe des
Minervatempels gebildet war: man liebte, die Sttten des alten
Gottesdienstes dem neuen zu unterwerfen und die alten Gtter, die jetzt zu
Dmonen geworden, durch die Sinnbilder des siegreichen Glaubens zu
verscheuchen.

Unter diesem Kreuz sa das schne Judenmdchen oft stundenlang mit der
alten Arria, der halbblinden Witwe des Unterpfrtners, die, nach dem
frhen Tod von Isaks Weib, wie eine Mutter das Heranblhen der kleinen
Miriam mit ihren Blumen in dem den Gestein der alten Mauern berwacht
hatte. Da hatte diese viele Jahre lang still lauschend zugehrt, wie die
fromme Alte in fleiigem Gebet zu dem Gott der Christen flehte: und
unwillkrlich war so mancher Strahl der mildern, hellern Liebeslehre des
Nazareners in das Herz der Heranwachsenden gedrungen.

Jetzt da Alter und Erblindung die Witwe hilfsbedrftig gemacht, vergalt
Miriam mit liebevoller Treue der Pflegerin ihrer Kindheit. Mit Rhrung
nahm Arria diese Treue hin; ihr altes Herz umschlo mit Dank und Liebe und
Mitleid das herrliche Geschpf, dessen mchtige Liebe zu dem jungen Goten
sie lngst erkannt und beklagt, aber nie gegenber der scheuen Jungfrau
berhrt hatte.

Am Abend des dritten Tages der Belagerung schritt Miriam nachdenklich die
breiten Mauerstufen nieder, die von der Turmpforte in den Garten fhrten:
ihr edles, seelentiefes Auge glitt, in ernstes Sinnen verloren, ber die
duftigen Blumen der Beete hin: auf der letzten Stufe blieb sie trumend
stehen, die linke Hand auf den Mauerrand lehnend. Arria kniete auf dem
Betschemel, ihr den Rcken wendend, und betete laut. Sie wrde die Nahende
nicht bemerkt haben, wenn nicht geflgeltes Leben pltzlich den stillen
Hof beseelt htte: denn in den breiten Zweigen der Olive nisteten die
schnsten, weien Tauben, der einsamen Miriam einzige Gespielinnen. Als
diese die vertraute Gestalt auf den Stufen erscheinen sahen, erhoben sie
sich alle, in schwirrendem Flug ihr Haupt umschwrmend; eine lie sich auf
des Mdchens linke Schulter nieder, die andere auf das feine Gelenk der
Rechten, die Miriam, aus ihrem Traume geweckt, lchelnd ausstreckte.

Du bist's, Miriam! deine Tauben verknden dich! sprach Arria sich
wendend. Und das schne Mdchen stieg die letzte Stufe nieder, langsam,
die Vgel nicht zu verscheuchen: die Abendsonne fiel durch die Bltter der
Olive auf ihre pfirsichroten Wangen: es war ein lieblich Bild.

Ich bin's, Mutter! sagte Miriam, sich zu ihr setzend. Und ich hab' eine
Bitte. Wie lautet, fragte sie leiser, dein Spruch vom Leben nach dem
Tode, dein Glaubensspruch? - ich glaube an die Gemeinschaft - -

An die Gemeinschaft der Heiligen, Auferstehung des Fleisches und ein
ewiges Leben. - Wie kmmst du auf diese Gedanken.

Ei nun, sagte Miriam, mitten im Leben stehen wir im Tode, sagt der
Snger von Zion. Und jetzt wir besonders! Fliegen nicht tglich Pfeile und
Steine in die Straen? Aber - ich will noch Blumen pflcken! sprach sie
wieder aufstehend.

Arria schwieg einen Augenblick. Jedoch der Seegraf war heute schon da:
mir ist, ich htte seine helle Stimme gehrt.

Miriam errtete leicht. Sie sind nicht fr ihn, - sprach sie dann ruhig
- fr sie. - Fr sie? - Ja, fr seine Braut. Ich habe sie heute zum
erstenmal gesehen. Sie ist sehr schn. Ich will ihr Rosen schenken. - Du
hast sie gesprochen. Wie ist sie geartet?

Nur gesehen, sie bemerkte mich nicht. Ich schlich schon lange um den
Palast der Valerier, seit sie hier ist. Heute ward sie in die Snfte
gehoben, sie ward in die Basilika getragen. Ich lehnte hinter der Sule
ihres Hauses.

Nun, ist sie seiner wrdig?

Sie ist sehr schn. Und vornehm. Und klug sieht sie aus: auch gut. Aber,
seufzte Miriam, nicht glcklich. Ich will ihr Rosen schenken. - Mutter,
sagte sie, nach einiger Zeit sich wieder mit ihren duftigen Blumen zu ihr
setzend, was bedeutet das: die Gemeinschaft der Heiligen. Sollen nur die
Christen dann beisammen leben? Nein, nein! fuhr sie fort, ohne die
Antwort abzuwarten, das kann nicht sein. Entweder alle, alle Guten oder
- und sie seufzte. Mutter, in den Bchern Mosis steht nichts davon, da
die Menschen erwachen aus dem Tode. O und es wre auch so schrecklich
nicht, sprach sie, die Rosen zusammenfgend, endlich ausruhn! Ganz
ausruhn! In ser, stiller, traumloser Nacht. Ausruhn vom Leben! Denn
giebt es Leben ohne Schmerz? ohne Sehnen? ohne leisen, niegestillten
Wunsch? Ich kann's nicht denken.

Und sie hielt inne im Flechten ihres Kranzes, und sttzte das Haupt auf
das Handgelenk. Die Tauben flogen weg: denn die Herrin achtete ihrer
nicht.

Den Seinen hat der Herr, sprach Arria feierlich, die selige Sttte
bereitet: sie wird nicht mehr hungern noch drsten. Es wird auch nicht auf
sie fallen die Sonne, oder irgend eine Hitze. Denn Gott der Herr wird sie
leiten zu dem lebendigen Wasserbrunnen und abwischen alle Thrnen von
ihren Augen.

Alle Thrnen von ihren Augen, sprach Miriam nach. Rede weiter. Es
klingt so gut.

Dort werden sie leben, wunschlos, den Engeln gleich: und sie werden Gott
schauen und sein Friede wird Palmenschatten ber sie breiten: sie werden
vergessen Ha und Liebe und Schmerz und alles, was ihre Herzen bewegt auf
Erden. Und ich habe viel gebetet, Miriam, fr dich: und auch deiner wird
sich der Herr erbarmen und dich versammeln zu den Seinen.

Aber Miriam schttelte leise das Haupt. Nein, Arria, da ist fast besserer
Trost der ewige Schlaf. Denn wie kann deine Seele lassen von dem, was
deiner Seele Leben ist? Wie kannst du abthun dein tiefstes Sein und doch
dieselbe bleiben? Wie soll ich selig sein und vergessen was ich liebe?
Ach, nur das, da wir lieben, ist ja des Lebens wert. Und htt' ich zu
whlen: hier alle Seligkeit des Himmels und sollte abthun meines Herzens
einzig Gut: oder behalten meines Herzens Liebe mit all' ihrer ewigen
Sehnsucht, - ich neidete den Seligen ihren Himmel nicht. Ich whlte meine
Liebe und mein Weh.

Kind, sprich nicht so! lstre nicht. Sieh, was geht ber Mutterliebe?
nichts auf Erden! Doch wird auch sie im Himmel nicht mehr leben! Die
Liebe, die das Mdchen zieht zum Mann, sie ist ein Traum von Gold.
Mutterliebe ist ein ehern Band, das ewig schmerzend bindet. O mein
Jucundus, mein Jucundus! Mchtest du bald wieder kommen, da ich dich noch
schauen kann hienieden, eh meine Augen volle Nacht bedeckt. Denn droben im
Himmelreich wird auch die Mutterliebe untergehen in der ewigen Liebe
Gottes und der Heiligen. Und doch mcht' ich ihn noch einmal fassen und
umfangen und mit den Hnden betasten sein geliebtes Haupt. Und hre nur,
Miriam: ich hoffe und vertraue: bald, bald werd' ich ihn wiedersehen.

Du darfst mir nicht sterben, Arria. - Nein, so mein' ich's nicht! hier
auf Erden noch mu ich ihn wiedersehen. Ich mu ihn wieder kommen sehen
des Weges, den er gegangen.

Mutter, sagte Miriam sanft, wie man einem Kinde einen Wahn ausredet,
wie magst du noch immer daran glauben! Dein Jucundus ist seit dreiig
Jahren verschwunden!

Und doch kann er wiederkommen! Es ist nicht mglich, da der Herr all'
meiner Thrnen nicht geachtet, all' meiner Gebete. Was war er fr ein
braver Sohn! Mit seiner Hnde Arbeit ernhrte er mich, bis er erkrankte
und Axt und Schaufel nicht mehr fhren konnte: und wir litten Not. Da
sprach er: Mutter, ich kann's nicht mehr mit ansehen, da du darbest. Du
weit, in den Gngen des alten Tempels, dort unter dem Olivenstamm, sind
Schtze der Heidenpriester vergraben: der Vater drang einmal hinein und
brachte eine goldene Spange zurck. Ich will hineinschlpfen, so tief ich
kann, ob ich von dem verborgnen Gold nichts finde: und Gott wird mich
beschtzen. - Und ich sagte Amen. Denn die Not war schwer: und ich wute
wohl, der Herr werde den frommen Sohn der Witwe behten.

Und wir beteten miteinander eine Stunde, hier vor dem Kreuz. Und dann
erhob sich mein Jucundus und drang in die Hhlung dort unter den Wurzeln
der Olive. Ich horchte dem Schall seiner Bewegungen, bis er verhallte.

Er ist noch immer nicht zurckgekommen.

Aber tot ist er nicht! O nein! Kein Tag vergeht, da ich nicht denke:
heut' fhrt ihn Gott zurck. War nicht auch Joseph fern lange Jahre in
gyptenland? und doch haben Jakobs Augen ihn wieder gesehen. Und mir ist,
heut' oder morgen sehe ich ihn wieder. Denn heute Nacht im Traum hab' ich
ihn gesehen, wie er im weien Gewand heraufschwebte aus der Hhlung dort:
und beide Arme breitete er aus: und ich rief ihn beim Namen und wir waren
vereint auf ewig. Und so wird's werden: denn der Herr erhret das Flehen
der Betrbten und wer ihm traut, wird nicht zu Schanden werden.

Und die Alte erhob sich, drckte Miriams Hand und ging in ihr kleines
Huschen.

Allmhlich war der Mond voll aufgegangen und erhellte zauberisch das enge
Grtchen, in das des Turmes schwere Schatten fielen: und stark dufteten
die Rosen. Miriam stand auf und blickte an dem Kreuz empor. Welch
mchtiger Glaube! welch lebendiger Trost! welch milde Lehre! Ist es so?
Ist der Mann, der dort am Kreuz in Todesweh das Haupt gebeugt, ist er der
Messias? Ist er aufgefahren gen Himmel und sorget fr die Seinen, wie ein
Hirt, der seine Lmmer weidet? - - - Ich aber zhle nicht zu seiner Herde!
An jenem Trost hat Miriam keinen Teil. Mein Trost ist meine Liebe mit all'
ihrem Weh: sie ist meine Seele selbst geworden. Und ich sollte einst dort
oben ber den Sternen hinschweben, ohne diese Liebe? Dann wr' ich nicht
Miriam mehr! Oder soll ich sie mit hinauf tragen: und wieder zurckstehen?
und wieder durch alle Ewigkeit die Rmerin an seiner Seite sehen? Sollen
sie dort wohnen und wandeln in der Flle des Glanzes und ich im trben
Nebel einsam folgen und nur von ferne leuchten sehen den Saum seines
weien Gewandes? Nein, o nein, viel besser, wie meine Blumen hier,
erblhen am Sonnenblick der Liebe, duften und glhen eine kurze Weile, bis
sie die Sonne versengt, die sie geweckt und geopfert hat: und verwehen in
ewige Ruhe, nachdem der weiche, se, unselige Drang nach dem Lichte
gebt ... - -

Gute Nacht, Miriam, lebewohl! rief eine melodische Stimme.

Und fast erschrocken blickte sie auf: und sah noch des Goten weien Mantel
vor der Treppe um die Ecke verschwinden. Uliaris ging nach der
entgegengesetzten Seite. Rasch sprang sie die Stufen hinan und sah dem
weien Mantel, der silbern im Mondlicht glnzte, nach, lang, lang, bis er
verschwand in fernen Schatten.




                             Viertes Kapitel.


Alle Tage zweimal traten so Uliaris und Totila zusammen, berichteten ihre
Erfolge, ihre Verluste und prften ihre Aussichten zur Rettung der Stadt.

Aber am zehnten Tage der Belagerung etwa rasselte Uliaris vor Tagesanbruch
auf das Verdeck von Totilas Admiralschiff, eines morschen
Murnenfngers, wo der Seegraf von Neapel, von einem zerfetzten Segel
gedeckt, schlief. Was ist? rief Totila auffahrend, noch im Traum, der
Feind? wo? - Nein, mein Junge, diesmal ist's noch Uliaris, nicht
Belisar, der dich weckt. Aber lange, beim Strahl, wird's nicht mehr
dauern. - Uliaris, du blutest - dein Kopf ist verbunden! - Bah, war
nur ein Streifpfeil! Zum Glck kein giftiger. Ich holt' ihn mir heut'
Nacht. Du mut wissen: die Dinge stehen schlecht, schlechter als je seit
gestern. Der blutige Johannes, Gott hau' ihn nieder, grbt sich wie ein
Dachs an unser Kastell Tiberii: und hat er das, dann: gute Nacht,
Neapolis! Gestern Abend hat er eine Schanze auf dem Hgel ber uns
vollendet und wirft uns Brandpfeile auf die Kpfe. Ich wollt' ihn heute
Nacht aus seinem Bau werfen, ging aber nicht. Sie waren sieben gegen einen
und ich gewann nichts damit als diesen Schu vor meinen grauen Kopf.

Die Schanze mu weg, sagte Totila nachsinnend.

Den Teufel auch, aber sie will nicht!

Allein mehr. Die Brger, die Einwohner fangen an, schwierig zu werden.
Tglich schiet Belisar hundert stumpfe Pfeile mit seinem Aufruf zur
Freiheit! herein. Die wirken mehr noch als die tausend scharfen. Schon
fliegt hier und da ein Steinwurf von den Dchern auf meine armen Burschen.
Wenn das wchst - -! - Wir knnen nicht mit tausend Mann vierzigtausend
Griechen drauen abhalten und dreiigtausend Neapolitaner drinnen: drum
meine ich - und sein Auge blickte finster -

Was meinst du?

Wir brennen ein Stck der Stadt nieder! Die Vorstadt wenigstens ... -

Damit uns die Leute lieber gewinnen? Nein, Uliaris, sie sollen uns nicht
mit Recht Barbaren schelten. Ich wei ein besser Mittel - sie hungern: ich
habe gestern vier Schiffsladungen l und Korn und Wein hereingefhrt, die
will ich verteilen. - l und Korn, meinethalben! aber den Wein, nein!
Den fordre ich fr meine Goten, die trinken schon lang Cisternenwasser,
pfui Teufel! - Gut, durstiger Held, ihr sollt den Wein fr euch haben.
- Nun? Und noch keine Botschaft von Ravenna? von Rom? - Keine! Mein
fnfter Bote ist gestern fort. - Gott hau' ihn nieder, unsern Knig.

Hre Totila, ich glaube nicht, da wir lebendig aus diesen wurmstichigen
Mauern kommen!

Ich auch nicht! sagte Totila ruhig und bot seinem Gast einen Becher
Wein.

Uliaris sah ihn an: dann trank er und sagte: Goldjunge, du bist echt und
dein Ckuber auch. Und mu ich hier umkommen, wie ein alter Br unter
vierzig Hunden, - mich freut's doch, da ich dich dabei so gut kennen
gelernt: dich und deinen Ckuber. Mit dieser rauhen Freundlichkeit stieg
der graue Gote vom Verdeck.

Totila schickte den Leuten im Kastell Wein und Korn und sie labten sich
herzlich daran. Als aber Uliaris am andern Morgen aus dem Turm des
Kastells lugte, rieb er sich die Augen. Denn auf der Hgelschanze wehte
die blaue gotische Fahne. Totila war in der Nacht im Rcken der Feinde
gelandet und hatte das Werk in khnem Anlauf genommen.

Aber diese neue Keckheit reizte den ganzen Zorn Belisars. Er schwur, den
verwegnen Planken ein Ende zu machen um jeden Preis. Hchst erwnscht
trafen ihm zur Stunde die vier Kriegsschiffe von Sicilien her aus der Hhe
von Neapolis ein. Er befahl, sie sollten sofort in den Hafen von Neapolis
dringen und den Seerubern das Handwerk legen. Stolz rauschten noch am
Abend des gleichen Tages die vier mchtigen Trieren heran und legten sich
an der Einfahrt des Hafens vor Anker. Belisar selbst eilte mit seinem
Gefolge an die Kste und freute sich, die Segel von der Abendsonne
vergoldet zu sehen: Die aufgehende Sonne sieht sie in den Hafen der Stadt
fahren trotz jenem Tollkopf, sprach er zu Antonina, die ihn begleitete,
und wandte seinen Schecken zurck nach dem Lager.

Noch hatte er am andern Morgen das Feldbett nicht verlassen - Prokopius,
sein Rechtsrat, stand vor ihm und las ihm den entworfnen Bericht an
Justinian - da erschien in seinem Zelt Chanaranges, der Perser, der Fhrer
der Leibwchter, und rief: Die Schiffe, Feldherr, die Schiffe sind
genommen.

Wtend sprang Belisar aus den Decken und rief: Der soll sterben, der das
sagt.

Besser wre es, meinte Prokopius, der strbe, der es gethan. - Wer
war es? - Ach Herr, der junge Gote mit blitzenden Augen und dem
leuchtenden Haar. - Totila! sprach Belisar, schon wieder Totila.

Die Bemannung lag zum Teil am Strand, bei meinen Vorposten, zum Teil
schlaftrunken unter Deck. Pltzlich, um Mitternacht, wird's lebendig
ringsum, als wren hundert Schiffe aus der Tiefe des Meeres getaucht. -
Hundert Schiffe! Zehn Nuschalen hat er! - Im Augenblick und lang, eh'
wir vom Strand zu Hilfe kommen knnen, sind die Schiffe geentert, die
Leute gefangen, eine der Trieren, deren Ankertau nicht rasch zu kappen
war, in Brand gesteckt, die andern drei nach Neapolis gefhrt.

Sie sind noch frher in den Hafen gekommen, als du dachtest, o Belisar,
sprach Prokopius. Aber Belisar hatte sich jetzt wieder ganz in der Gewalt.
Nun hat der kecke Knabe Kriegsschiffe! nun wird er unertrglich werden.
Jetzt mu ein Ende werden. Er drckte den prchtigen Helm auf das
majesttische Haupt: Ich wollte der Stadt, der rmischen Einwohner
schonen: es geht nicht lnger. Prokopius, geh und entbiete hierher die
Feldherren Magnus, Demetrius und Constantianus, Bessas und Ennes, und
Martinus, den Geschtzmeister; ich will ihnen zu thun geben vollauf. Sie
sollen ihres Sieges nicht froh werden, die Barbaren, sie sollen Belisar
kennen lernen.

Alsbald erschien im Zelte des Oberfeldherrn ein Mann, der trotz des
Brustpanzers, den er trug, mehr einem Gelehrten als einem Krieger glich.
Martinus, der groe Mathematiker, war eine friedliche, sanfte Natur, die
lange im stillen Studium des Euklid ihre Seligkeit gefunden. Er konnte
kein Blut sehen und keine Blume knicken. Aber seine mathematischen und
mechanischen Studien hatten ihn eines Tages dahin gefhrt, eine neue
Wurfmaschine von furchtbarer Schleuderkraft, wie im Vorbeigehn, zu
erfinden; er legte den Plan Belisar vor und dieser, entzckt, lie ihn gar
nicht mehr in sein Studierzimmer zurck, sondern schleppte ihn sofort zum
Kaiser und zwang ihn Geschtzmeister des Magister-Militum per Orientem,
d. h. eben Belisars, zu werden; er erhielt einen glnzenden Sold und war
kontraktlich verpflichtet, jedes Jahr eine neue Kriegsmaschine
herzustellen. Mit Seufzen ersann nun der sanfte Mathematiker jene
grlichen Zerstrungswerkzeuge, welche die Wlle der Festen, die Thore
der Burgen niederschmetterten, unlschbares Feuer in die Stdte der Feinde
Justinians schleuderten und Menschen zu vielen Tausenden niederrafften. Er
hatte wohl jedes Jahr seine Freude an der mathematischen Aufgabe, die er
in unermdlichem Flei sich stellte: aber war nun die Aufgabe gelst, so
dachte er mit Schaudern an die Wirkungen seiner Gedanken. Mit trauriger
Miene erschien er deshalb vor Belisar.

Martine, Zirkeldreher, rief dieser ihm zu, jetzt zeige deine Kunst! Wie
viele Katapulten, Ballisten, Wurfmaschinen im ganzen haben wir? -
Dreihundertfnfzig, Herr! - Gut! Verteile sie um unsre ganze
Belagerungslinie! Oben im Norden, bei der Porta Capuana und bei dem
Kastell, die Mauerbrecher gegen die Wlle! Sie mssen nieder und wren sie
Diamant. Vom Mittellager aus richte die Geschosse von oben, im Bogenwurf,
in die Straen der Stadt. Biete alle Kraft auf, setze keinen Augenblick
aus, vierundzwanzig Stunden lang! La die Truppen sich ablsen. La alle
Werkzeuge spielen.

Alle, Herr? sprach Martinus. Auch die neuen? Die Pyrobalisten, die
Brandgeschosse? - Auch die! die zumeist! - Herr, sie sind grlich! du
kennst noch ihre Wirkung nicht. - Wohlan! Ich will sie kennen lernen und
erproben. - An dieser herrlichen Stadt? An des Kaisers Stadt? Willst du
Justinian einen Schutthaufen erobern? Die Seele Belisars war edel und
gro.

Er war unwillig ber sich, ber Martinus, ber die Goten. Kann ich denn
anders? zrnte er, diese eisenkpfigen Barbaren, dieser tolldreiste
Totila zwingen mich ja. Fnfmal hab ich ihnen Ergebung angeboten. Es ist
Wahnsinn! Nicht dreitausend Mann stecken in den Wllen. Beim Haupte
Justinians! warum stehen die dreiigtausend Neapolitaner nicht auf und
entwaffnen die Barbaren?

Sie frchten wohl deine Hunnen rger als ihre Goten, meinte Prokop.
Schlechte Patrioten sind sie! Vorwrts Martinus! In einer Stunde mu es
brennen in Neapolis.

In krzerer Zeit, seufzte der Geschtzmeister, wenn es denn doch sein
mu. Ich habe einen kundigen Mann mitgebracht, der uns viel helfen kann
und die Arbeit vereinfachen: er ist ein lebendiger Plan der Stadt. Darf
ich ihn bringen?

Belisar winkte und die Wache rief einen kleinen, jdisch aussehenden Mann
herein. Ah, Jochem, der Baumeister! sprach Belisar. Ich kenne dich
wohl, von Byzanz her. Du wolltest ja die Sophienkirche bauen. Was ward
daraus? Mit eurer Gunst, Herr: nichts. - Warum nichts?

Mein Plan belief sich nur auf eine Million Centenare Goldes: das war der
kaiserlichen Heiligkeit zu wenig. Denn je mehr eine Christenkirche
gekostet, desto heiliger und gottgeflliger ist sie. Ein Christ forderte
das Doppelte und erhielt den Auftrag.

Aber ich sah dich doch bauen in Byzanz?

Ja, Herr, mein Plan gefiel dem Kaiser doch! Ich nderte ein wenig, nahm
die Altarstelle heraus und baute ihm danach eine Reitschule.

Du kennst Neapolis genau? Von auen und innen?

Von auen und innen. Wie meinem Geldsack.

Gut, du wirst dem Strategen die Geschtze richten gegen die Wlle und in
die Stadt. Die Huser der Gotenfreunde mssen zuerst nieder. Vorwrts!
mache deine Sache gut! sonst wirst du gepfhlt. Fort! - Die arme Stadt!
seufzte Martinus. Aber du sollst sehen, Jochem, die Pyrobalisten, sie
sind hchst genau - und sie gehen so leicht - ein Kind kann sie loslassen!
Und sie wirken allerliebst.

Und nun begann entlang dem ganzen Lager eine ungeheure und
verderbenschwangere Thtigkeit. Die Gotenwachen auf den Zinnen sahen
herab, wie die schweren Kolosse, die Maschinen, mit zwanzig bis dreiig
Rossen, Kamelen, Eseln, Rindern bespannt, lngs den Mauern hingezogen und
auf der ganzen Linie verteilt wurden. Besorgt eilten Totila und Uliaris
auf die Wlle und suchten, Gegenmaregeln zu treffen. Scke mit Erde
wurden an den von den Mauerbrechern bedrohten Stellen herabgelassen:
Feuerbrnde bereit gehalten, die Maschinen, wann sie nahten, in Brand zu
stecken; siedendes Wasser, Pfeile und Steine gegen die Bespannung und die
Bedienung gerichtet: und schon lachten die Goten der feigen Feinde, als
sie bemerkten, wie die Maschinen, weit auer der gewohnten Schuweite und
den Belagerten vllig unerreichbar, Halt machten.

Aber Totila lachte nicht.

Er erschrak, wie die Byzantiner ruhig die Bespannung abschirrten und ihre
Maschinen spannten. Noch war kein Gescho entsandt.

Nun? spottete der junge Agila neben Totila, wollen sie uns von da aus
beschieen? Doch lieber gleich von Byzanz her bers Meer! Es wre noch
sicherer! Er hatte noch nicht ausgeredet, als ein vierzigpfndiger Stein
ihn und die ganze Zinne, auf der er stand, herunterschmetterte: Martinus
hatte die Tragweite der Ballisten verdreifacht. Totila sah ein, da sie
vllig widerstandslos sich von den Feinden mit Geschossen berhageln
lassen muten.

Entsetzt sprangen die Goten von den Wllen herab und suchten Schutz in den
Straen, den Husern, den Kirchen. Vergebens! Tausende und Tausende von
Pfeilen, Speeren, schweren Balken, Steinen, Steinkugeln sausten und
pfiffen im sichern Bogenschu auf ihre Kpfe: ganze Felstrmmer kamen
geflogen und schlugen krachend durch Holzwerk und Getfel der festesten
Dcher, whrend im Norden gegen das Kastell unaufhrlich der Sturmbock mit
seinen zermrbenden Sten donnerte. Indes der dichte Hagel der Geschosse
buchstblich die Luft verfinsterte, betubte das prasselnde Niederfallen
der Steine, das brechende Geblk, die zerschmetterten Zinnen und der
Weheschrei der Getroffenen das Ohr mit furchtbarem Lrm. Erschrocken
flchtete die zitternde Bevlkerung in die Keller und Gewlbe ihrer
Huser, Belisar und die Goten um die Wette verfluchend.

Aber noch hatte die bebende Stadt das rgste nicht erfahren.

Auf dem Marktplatz, dem Forum des Trajan, nahe dem Hafen, stand ein
ungedecktes Haus, eine Art Schiffsarsenal, mit altem wohl getrocknetem
Holz, Werg, Flachs, Teer und dergleichen vollgefllt. Da kam zischend und
dampfend ein seltsames Gescho gefahren, traf in das Holzwerk und im
Augenblick, da es niederfiel, schlug hellauflodernd die Flamme hervor und
verbreitete sich, von dem Schiffsmaterial genhrt, mit Windeseile. Jubelnd
begrten drauen die Belagerer den hochaufwirbelnden Qualm und richteten
eifrig die Geschosse nach der Stelle, das Lschen zu hindern.

Belisar ritt zu Martinus heran. Gut, rief er, Mann der Zirkel, gut! Wer
hat das Gescho gerichtet? - Ich, sprach Jochem, o ihr sollt zufrieden
sein mit mir. Gebt acht! Seht ihr da, rechts von der Brandsttte, das hohe
Haus mit den Statuen auf flachem Dach? Das ist das Haus der Valerier, der
grten Freunde des Volkes von Edom. Gebt acht! Es soll brennen.

Und sausend fuhr der Brandpfeil durch die Luft und bald darauf schlug eine
zweite Flamme aus der Stadt gen Himmel.

Da sprengte Prokop heran und rief: Belisarius, dein Feldherr Johannes
lt dich gren: das Kastell des Tiberius brennt, der erste Wall liegt
nieder. Und so war es und bald standen vier, sechs, zehn Huser in allen
Teilen der Stadt in vollen Flammen.

Wasser! rief Totila, durch eine brennende Strae nach dem Hafen
sprengend, heraus, ihr Brger von Neapolis! Lscht eure Huser. Ich kann
keinen Goten von dem Wall lassen. Schafft Fsser aus dem Hafen in alle
Straen! Die Weiber in die Huser! - was willst du Mdchen? la mich - Du
bist's, Miriam? Du hier? Unter Pfeilen und Flammen? Fort, was suchst du?

Dich, sprach das Mdchen. Erschrick nicht. Ihr Haus brennt. Aber sie
ist gerettet.

Valeria! um Gott, wo ist sie? - Bei mir. In unserm dichtgewlbten Turm:
dort ist sie sicher. Ich sah die Flamme aufsteigen. Ich eilte hin. Dein
Freund mit der sanften Stimme trug sie aus dem Schutt: er wollte mit ihr
in die Kirche. Ich rief ihn an und fhrte sie unter unser Dach. Sie
blutet. Ein Stein hat sie verletzt, an der Schulter. Aber es ist ohne
Gefahr. Sie will dich sehen. Ich kam, dich zu suchen!

Kind, Dank! Aber komm! komm fort von hier!

Und rasch fate er sie und schwang sie vor sich auf den Sattel. Zitternd
schlang sie beide Arme um seinen Nacken. Er aber hielt schtzend mit der
Linken den breiten Schild ber ihr Haupt und im Sturm sprengte er mit ihr
durch die dampfende Strae nach der Porta Capuana.

O jetzt - jetzt sterben - sterben an seiner Brust, wenn nicht mit ihm!
betete Miriam.

Im Turme traf er Valeria, auf Miriams Lager gestreckt, unter Julius' und
ihrer Sklavinnen Hut. Sie war bleich und geschwcht vom Blutverlust, aber
gefat und ruhig. Totila flog an ihre Seite: hochklopfenden Herzens stand
Miriam am Fenster und sah schweigend hinaus in die brennende Stadt. - -

Kaum hatte sich Totila berzeugt, da die Verwundung ganz leicht, als er
aufsprang und rief: Du mut fort! sogleich! in dieser Stunde! In der
nchsten vielleicht erstrmt Belisar die Wlle. Ich habe alle meine
Schiffe nochmals mit Flchtenden gefllt: sie bringen dich nach Cajeta,
von da weiter nach Rom. Eile dann nach Tagin, wo ihr Gter habt. Du mut
fort! Julius wird dich begleiten.

Ja, sprach dieser, denn wir haben Einen Weg.

Einen Weg? wohin willst du?

Nach Gallien, in meine Heimat. Ich kann den furchtbaren Kampf nicht
lnger mit ansehn. Du weit es selbst: ganz Italien erhebt sich gegen
euch, fr eure Feinde: Meine Mitbrger fechten unter Belisar: soll ich
gegen sie, soll ich gegen dich meinen Arm erheben? Ich gehe.

Schweigend wandte sich Totila zu Valeria.

Mein Freund, sagte diese, mir ist: der Glckstern unsrer Liebe ist
erloschen fr immer! Kaum hat mein Vater jenen Eid mit vor Gottes Thron
genommen, so fllt Neapolis, die dritte Stadt des Reichs.

So traust du unserm Schwerte nicht?

Ich traue eurem Schwert, - nicht eurem Glck! Mit den strzenden Balken
meines Vaterhauses sah ich die Pfeiler meiner Hoffnung fallen. Lebwohl, zu
einem Abschied fr lange. Ich gehorche dir. Ich gehe nach Tagin.

Totila und Julius eilten mit den Sklaven hinaus, Pltze in einer der
Trieren zu sichern.

Valeria erhob sich vom Lager, da eilte Miriam herzu, ihr die glnzenden
Sandalen unter die Fe zu binden.

La, Mdchen! du sollst mir nicht dienen, sprach Valeria. - Ich thue es
gern, sagte diese flsternd. Aber gnne mir eine Frage. Und mit Macht
traf ihr blitzendes Auge die ruhigen Zge Valerias. Du bist schn und
klug und stolz - aber sage mir, liebst du ihn? - du kannst ihn jetzt
verlassen! - Liebst du ihn mit heier, alles verzehrender, allgewaltiger
Glut, liebst du ihn mit einer Liebe wie -

Da drckte Valeria das schne, glhende Haupt des Mdchens wie verbergend
an ihre Brust: Mit einer Liebe wie du? Nein, meine se Schwester!
Erschrick nicht! Ich ahnt' es lngst nach seinen Berichten ber dich. Und
ich sah es klar bei deinem ersten Blick auf ihn. Sorge nicht; dein
Geheimnis ist wohl gewahrt bei mir; kein Mann soll darum erfahren. Weine
nicht, bebe nicht, du ses Kind. Ich liebe dich sehr um dieser Liebe
willen. Ich fasse sie ganz. Glcklich, wer, wie du, in seinem Gefhl ganz
aufgehen kann im Augenblick. Mir hat ein feindlicher Gott den
vorschauenden Sinn gegeben, der stets von der Stunde nach der Ferne
blickt. Und so seh' ich vor uns dunkeln Schmerz und einen langen, finstern
Pfad, der nicht in Licht endet. Ich kann dir aber den Stolz nicht lassen,
da deine Liebe edler sei als meine, weil sie hoffnungslos. Auch meine
Hoffnung liegt in Schutt. Vielleicht wre es sein Glck geworden, die
duftige Rose deiner schnen Liebe zu entdecken: denn Valeria, - frcht'
ich - wird die Seine nie. Doch leb wohl, Miriam! Sie kommen. Gedenke
dieser Stunde. Gedenke mein als einer Schwester und habe Dank, Dank fr
deine schne Liebe.

Wie ein entdecktes Kind hatte Miriam gezittert und vor der
Allesdurchschauenden fliehen wollen. Aber diese edle Sprache berwltigte
die Scheu ihres Herzens: reich flossen die Thrnen ber die glhendroten
Wangen: und heftig prete sie, vor Scheu und Scham und Weinen bebend, das
Haupt an der Freundin Brust.

Da hrte man Julius kommen, Valeria abzurufen.

Sie muten sich trennen: nur einen einzigen raschen Blick aus ihren
innigen Augen wagte Miriam auf der Rmerin Antlitz. Dann sank sie rasch
vor ihr nieder, umfate ihre Knie, drckte einen brennenden Ku auf
Valerias kalte Hand und war im Nebengemach verschwunden.

Valeria erhob sich wie aus einem Traum und sah um sich.

Am Fenster in einer Vase duftete eine dunkelrote Rose.

Sie kte sie, barg sie an ihrer Brust, segnete mit rascher Handbewegung
die trauliche Sttte, die ihr ein Asyl geboten, und folgte dann rasch
entschlossen Julius in einer gedeckten Snfte nach dem Hafen, wo sie noch
von Totila kurzen Abschied nahm, ehe sie mit Julius das Schiff bestieg.
Alsbald drehte sich dieses mit mchtiger Wendung und rauschte zum Hafen
hinaus.

Totila sah ihnen wie trumend nach.

Er sah Valeriens weie Hand noch Abschied winken: er sah und sah den
fliehenden Segeln nach, nicht achtend der Geschosse, die jetzt immer
dichter in den Hafen zu rasseln begannen. Er lehnte an einer Sule und
verga einen Augenblick die brennende Stadt und sich und alles.

Da weckte ihn der treue Thorismuth aus seinen Trumen.

Komm, Feldherr, rief ihm dieser zu, berall such' ich dich: Uliaris
will dich sprechen. - Komm, was starrst du hier in die See unter
klirrenden Pfeilen?

Totila raffte sich langsam auf: Siehst du, sagte er, siehst du das
Schiff? - Da fahren sie hin! -

Wer? fragte Thorismuth.

Mein Glck und meine Jugend, sprach Totila und wandte sich, Uliaris zu
suchen.

Dieser teilte ihm mit, da er, Zeit zu gewinnen, soeben einen
Waffenstillstand auf drei Stunden, den Belisar, um Unterhandlungen zu
fhren, angetragen, angenommen habe. Ich werde nie bergeben! Aber wir
mssen Ruhe haben, unsere Wlle zu flicken und zu sttzen. Kmmt denn
nirgends Entsatz? hast du noch keine Nachricht auf dem Seeweg vom Knig?

Keine.

Verflucht! ber sechshundert von meinen Goten sind vor den hllischen
Geschossen gefallen. Ich kann gar die wichtigsten Posten nicht mehr
besetzen! Wenn ich nur wenigstens noch vierhundert Mann htte!

Nun, sprach Totila nachsinnend, die kann ich dir schaffen, denk' ich.
In dem Castellum Aurelians, auf der Strae nach Rom, liegen
vierhundertfnfzig Mann Goten. Sie haben bisher erklrt, vom Knig
Theodahad den unsinnigen, aber strengen Befehl zu haben, nicht Neapolis zu
verstrken. Aber jetzt in dieser hchsten Not! - Ich selbst will hin,
whrend des Waffenstillstandes, und alles aufbieten, sie zu holen.

Geh nicht! du kommst erst nach Ablauf des Stillstandes zurck und die
Strae ist dann nicht mehr frei. Du kommst nicht durch.

Ich komme durch, mit Gewalt oder mit List: halte dich nur, bis ich zurck
bin! Auf, Thorismuth, zu Pferd.

Whrend Totila mit Thorismuth und wenigen Reitern zur Porta Capuana
hinausjagte, war der alte Isak, der unermdlich auf den Wllen ausgeharrt
hatte, die Pause des Waffenstillstands benutzend, in seine Turmklause
zurckgekehrt, die Tochter wiederzusehen und sich an Trank und Speise zu
laben. Als Miriam Wein und Brot gebracht hatte und ngstlich dem Bericht
Isaks von den Fortschritten der Feinde lauschte, erscholl ein hastiger,
unsteter Schritt auf der Treppe und Jochem stand vor dem erstaunten Paar.

Sohn Rachels, wo kommst du her zu bler Stunde, wie der Rabe vor dem
Unglck? Wie kommst du herein? zu welchem Thor? - Das la du meine Sorge
sein. Ich komme, Vater Isak, noch einmal zu fordern deiner Tochter Hand: -
zum letztenmal in diesem Leben.

Ist jetzt Zeit zu freien und Hochzeit zu machen? fragte Isak unwillig,
die Stadt brennt und die Straen liegen voll Leichen.

Warum brennt die Stadt? warum liegen voll Leichen die Straen? Weil die
Mnner von Neapolis halten zu dem Volk von Edom. Ja, jetzt _ist_ Zeit zu
freien. Gieb mir dein Kind, Vater Isak, und ich rette dich und sie. Ich
allein kann's. Und er griff nach Miriams Arm.

Du mich retten? rief diese, mit Ekel zurcktretend. Lieber sterben!

Ha, Stolze! knirschte der grimmige Freier, du lieest dich wohl lieber
retten von dem blondgelockten Christen? La sehen, ob er dich retten wird,
der Verfluchte, vor Belisar und mir. Ha, bei den langen, gelben Haaren
will ich ihn durch die Straen schleifen und spucken in sein bleich
Gesicht.

Hebe dich hinweg, Sohn Rachels, rief Isak, aufstehend und den Spie
fassend. Ich merke, du hltst zu denen, die da drauen liegen! Aber das
Horn ruft, ich mu hinab; das jedoch sag' ich dir: noch mancher unter euch
wird rcklings fallen, eh' ihr steigt ber diese morschen Mauern.

Vielleicht, grinste Jochem, fliegen wir drber wie die Vgel der Luft.
Zum letztenmal, Miriam, ich frage dich: la diesen Alten, la den
verfluchten Christen: - ich sage dir, der Schutt dieser Wlle wird sie
bald bedecken. Ich wei, du hast ihn getragen im Herzen: - ich will dir's
verzeihen: - nur werde jetzt mein Weib. Und wieder griff er nach ihrer
Hand. - Du mir meine Liebe verzeihn? Verzeihn, was so hoch ber dir wie
die leuchtende Sonne ber dem schleichenden Wurm? Wr ich's wert, da ihn
je mein Auge gesehen, wenn ich dein Weib wrde? Hinweg; hinweg von mir!

Ha, rief Jochem, zu viel, zu viel! Mein Weib - du sollst es nimmer
werden! Aber winden sollst du dich in diesen Armen und den Christen will
ich dir aus dem blutenden Herzen reien, da es zucken soll in
Verzweiflung. Auf Wiedersehen.

Und er war aus dem Hause und alsbald aus der Stadt verschwunden.

Miriam, von bangen Gefhlen bedrngt, eilte ins Freie: es trieb sie zu
beten: aber nicht in der dumpfen Synagoge: sie betete ja fr ihn: und es
drngte sie, zu seinem Gott zu beten. Sie wagte sich scheuen Fues in die
nahe Basilika Sankt Mari, aus der man an Friedenstagen oft die Jdin mit
Flchen verscheucht hatte. Aber jetzt hatten die Christen keine Zeit, zu
fluchen.

Sie kauerte sich in eine dunkle Ecke des Sulenganges und verga in heiem
Gebet bald sich selbst und die Stadt und die Welt: sie war bei ihm und bei
Gott. -

Inzwischen verlief die letzte Stunde der Waffenruhe; schon neigte sich die
Sonne dem Meeresspiegel zu. Die Goten flickten und stopften nach Krften
die zertrmmerten Mauerstellen, rumten den Schutt und die Toten aus dem
Wege und lschten die Brnde. Da lief die Sanduhr zum drittenmal ab,
whrend Belisar vor seinem Zelte seine Heerfhrer versammelt hielt, des
Zeichens der bergabe auf dem Kastell des Tiberius harrend. Ich glaub' es
nicht! flsterte Johannes zu Prokop. Wer solche Streiche thut, wie ich
von jenem Alten gesehen, giebt die Waffen nicht ab. Es ist auch besser so:
da giebt's einen tchtigen Sturm und dann eine tchtige Plnderung.

Und auf der Zinne des Kastells erschien Graf Uliaris und schleuderte
trotzig seinen Speer unter die harrenden Vorposten.

Belisar sprang auf. Sie wollen ihr Verderben, die Trotzigen; wohlan, sie
sollen's haben. Auf, meine Feldherrn, zum Sturm. Wer mir zuerst unsre
Fahne auf den Wall pflanzt, dem geb' ich ein Zehntel der Beute.

Nach allen Seiten eilten die Anfhrer auseinander: Ehrgeiz und Habsucht
spornten sie. Eben bog Johannes um die zerstrten Bogen des Aqudukts,
welchen Belisar durchbrochen, den Belagerten das Wasser zu entziehen, da
rief ihn eine leise Stimme.

Schon dmmerte es so stark, da er nur mit Mhe den Rufenden erkannte.
Was willst du, Jude? rief Johannes eilig. - Ich habe keine Zeit! Es
gilt harte Arbeit! Ich mu der erste sein in der Stadt.

Das sollt ihr, Herr, ohne Arbeit, wenn ihr mir folgt.

Dir folgen? weit du einen Weg ber die Mauer durch die Luft?

Nein! Aber unter der Mauer, durch die Erde. Und ich will ihn euch zeigen,
wenn ihr mir tausend Solidi schenkt und ein Mdchen zur Beute zusprecht,
das ich fordre.

Johannes blieb stehen: Was du willst, sei dein. Wo ist der Weg? -
Hier! sagte Jochem und schlug mit der Hand auf die Steine. - Wie? die
Wasserleitung? woher weit du? - Ich habe sie gebaut. Ein Mann kann,
gebckt, durchschleichen; es ist kein Wasser mehr drin. Eben komme ich auf
diesem Wege aus der Stadt. Die Leitung mndet in einem alten Tempelhaus an
der Porta Capuana; nimm dreiig Mann und folge mir.

Johannes sah ihn scharf an. Und wenn du mich verrtst?

Ich will zwischen euren Schwertern gehen. Lge ich, so stot mich
nieder. - Warte! rief Johannes und eilte hinweg.




                             Fnftes Kapitel.


Bald darauf erschien Johannes wieder mit seinem Bruder Perseus und
ungefhr dreiig entschlossenen armenischen Sldnern, die auer ihren
Schwertern kurze Handbeile fhrten. Wenn wir drin sind, sprach Johannes,
reiest du, Perseus, das Ausfallpfrtchen auf, rechts von der Porta
Capuana, im Augenblick, da die andern unsre Fahne auf dem Wall entfalten.
Auf dies Zeichen strzen von auen meine Hunnen auf die Ausfallpforte.
Aber wer htet den Turm an der Porta? Den mssen wir haben.

Isak, ein groer Freund der Edomiten, der mu fallen.

Er fllt, sprach Johannes und zog das Schwert: Vorwrts! Er war der
erste, der in den Hohlgang der Wasserleitung stieg. Ihr beiden, Paukaris
und Gubazes, nehmt den Juden in die Mitte: beim ersten Verdacht - nieder
mit ihm!

Und so, bald auf allen Vieren kriechend, bald gebckt tastend, bei
vlliger Dunkelheit, rutschten und schlichen die Armenier ihm nach,
sorgfltig jeden Lrm ihrer Waffen vermeidend: lautlos krochen sie
vorwrts.

Pltzlich rief Johannes mit halber Stimme: fat den Juden! Nieder mit
ihm! - Feinde! Waffen! - - Nein, lat! rief er rasch, es war nur eine
Schlange, die vorber rasselte! Vorwrts.

Jetzt zur Rechten! sprach Jochem, hier mndet die Wasserleitung in
einen Tempelgang.

Was liegt hier? - Knochen - ein Skelett!

Ich halt's nicht lnger aus! der Modergeruch erstickt mich! Hilfe!
seufzte einer der Mnner.

Lat ihn liegen! vorwrts! befahl Johannes. Ich sehe einen Stern. -
Das ist das Tageslicht in Neapolis, sagte der Jude - nun nur noch
wenige Ellen. -

Johannes' Helm stie an die Wurzeln eines hohen lbaums, die sich im
Atrium des Tempelhauses breit ber die Mndung des Tempelgangs spannten.

Wir kennen den Baum.

Den Wurzeln ausweichend, stie er den Helm hell klirrend an die
Seitenwand: erschrocken hielt er an. Aber er hrte zunchst nur den
heftigen Flgelschlag zahlreicher Tauben, die da hoch oben wild
verscheucht aus den Zweigen der Olive flogen.

Was war das? fragte ber ihm eine heisere Stimme.

Wie der Wind in dem alten Gestein whlt! Es war die Witwe Arria. Ach
Gott, sprach sie, sich wieder vor dem Kreuze niederwerfend: erlse uns
von dem bel und la die Stadt nicht untergehen, bis da mein Jucundus
wieder kommt! Wehe, wenn er ihre Spur und seine Mutter nicht mehr findet.
O la ihn wieder des Weges kommen, den er von mir gegangen: zeig ihn mir
wieder, wie ich ihn diese Nacht gesehen, aufsteigend aus den Wurzeln des
Baumes.

Und sie wandte sich nach der Hhlung. O! dunkler Gang, darin mein Glck
verschwunden, gieb mir's wieder heraus! Gott, fhr' ihn mir zurck auf
diesem Wege. Sie stand mit gefalteten Hnden gerade vor der Hhlung, die
Augen fromm gen Himmel gewendet.

Johannes stutzte. Sie betet! sagte er, soll ich sie im Gebet
erschlagen? - Er hielt inne; er hoffte, sie solle aufhren und sich
wenden. Das dauert zu lange: ich kann unserm Herrgott nicht helfen! Und
rasch hob er sich aus den Wurzeln heraus. Da schaute die Betende mit den
halberblindeten Augen nieder; sie sah aus der Erde steigen eine
schimmernde Mannesgestalt.

Ein Strahl der Verklrung spielte um ihre Zge. Selig breitete sie die
Arme aus. Jucundus! rief sie.

Es war ihr letzter Hauch. Schon traf sie des Byzantiners Schwert ins Herz.

Ohne Weheruf, ein Lcheln auf den Lippen, sank sie auf die Blumen: -
Miriams Blumen.

Johannes aber wandte sich und half rasch seinem Bruder Perseus, dann dem
Juden und den ersten dreien seiner Krieger herauf. Wo ist das Pfrtchen?
- Hier links, ich gehe zu ffnen! Perseus wies die Krieger an. - Wo ist
die Treppe zum Turm! - Hier rechts, sprach Jochem - es war die Treppe,
die zu Miriams Gemach fhrte, wie oft war Totila hier hereingeschlpft! -
still! der Alte lt sich hren.

Wirklich, Isak war es. Er hatte von oben Gerusch vernommen: er trat mit
Fackel und Speer an die Treppe: Wer ist da unten? bist du's, Miriam, wer
kommt? fragte er.

Ich, Vater Isak, antwortete Jochem, ich wollte euch nochmal fragen ...
- und er stieg katzenleise eine Stufe hher. Aber Isak hrte Waffen
klirren.

Wer ist bei dir? rief er und trat vorleuchtend um die Ecke. Da sah er
die Bewaffneten hinter Jochem kauern. Verrat, Verrat! schrie er, stirb,
Schandfleck der Hebrer! Und wtend stie er Jochem, der nicht zurck
konnte, die breite Partisane in die Brust, da dieser rcklings
hinabstrzte. Verrat! schrie er noch einmal.

Aber gleich darauf hieb ihn Johannes nieder, sprang ber die Leiche
hinweg, eilte auf die Zinne des Turmes und entfaltete die Fahne von
Byzanz. Da krachten unten Beilschlge: das Pfrtchen fiel, von innen
eingeschlagen, hinaus und mit gellendem Jauchzen jagten - schon war es
ganz dunkel geworden - die Hunnen zu Tausenden in die Stadt.

Da war alles aus.

Ein Teil strzte sich mordend in die Straen, ein Haufe brach die nchsten
Thore ein, den Brdern drauen Eingang schaffend.

Rasch eilte der alte Uliaris mit seinem Huflein aus dem Kastell herbei:
er hoffte, die Eingedrungenen noch hinauszutreiben: umsonst: ein Wurfspeer
streckte ihn nieder. Und um seine Leiche fielen fechtend die zweihundert
treuen Goten, die ihn noch umgaben.

Da, als sie die kaiserliche Fahne auf den Wllen flattern sahen, erhoben
sich - unter Fhrung alter Rmerfreunde, wie Stephanos und Antiochos des
Syrers, - ein eifriger Anhnger der Goten, Kastor, der Rechtsanwalt, ward,
da er sie hemmen wollte, erschlagen - auch die Brger von Neapolis: sie
entwaffneten die einzelnen Goten in den Straen und schickten,
glckwnschend und dankend und ihre Stadt der Gnade empfehlend, eine
Gesandtschaft an Belisar, der, von seinem glnzenden Stab umgeben, zur
Porta Capuana hereinritt.

Aber finster furchte er die majesttische Stirn und ohne seinen Rotscheck
anzuhalten, sprach er: Fnfzehn Tage hat mich Neapolis aufgehalten. Sonst
lag ich lngst vor Rom, ja vor Ravenna. Was glaubt ihr, da das dem Kaiser
an Recht und mir an Ruhm entzieht? Fnfzehn Tage lang hat sich eure
Feigheit, eure schlechte Gesinnung von einer handvoll Barbaren beherrschen
lassen. Die Strafe fr diese fnfzehn Tage seien nur fnfzehn Stunden -
Plnderung. Ohne Mord: - die Einwohner sind Kriegsgefangene des Kaisers -
ohne Brand: denn die Stadt ist jetzt eine Feste von Byzanz. Wo ist der
Fhrer der Goten? Tot?

Ja, sprach Johannes, hier ist sein Schwert, Graf Uliaris fiel.

Den meine ich nicht! sprach Belisar. Ich meine den jungen, den Totila.
Was ward aus ihm? Ich mu ihn haben.

Herr, sprach einer der Neapolitaner, der reiche Kaufherr Asklepiodot,
vortretend, wenn ihr mein Haus und Warenlager von der Plnderung
ausnehmt, will ich's euch wohl sagen.

Aber Belisar winkte: zwei maurische Lanzenreiter ergriffen den Zitternden.
Rebell, willst du mir Bedingungen machen? Sprich, oder die Folter macht
dich sprechen.

Erbarmen! Gnade! schrie der Gengstigte. Der Seegraf eilte mit wenigen
Reitern whrend der Waffenruhe hinaus, Verstrkung zu holen vom Castellum
Aurelians: er kann jeden Augenblick zurckkehren.

Johannes, rief Belisar, der Mann wiegt so schwer wie ganz Neapolis. Wir
mssen ihn fangen! Du hast, wie ich befahl, den Weg nach Rom abgesperrt?
das Thor besetzt?

Es hat niemand nach dieser Richtung die Stadt verlassen knnen. sprach
Johannes.

Auf! Blitzesschnell! wir mssen ihn hereinlocken!

Zieh rasch das gotische Banner auf dem Kastell des Tiberius wieder auf und
auf der Porta Capuana. Die gefangenen Neapolitaner stelle wieder bewaffnet
auf die Wlle: wer ihn warnt, mit einem Augenwinken, ist des Todes. Zieht
meinen Leibwchtern gotische Waffen an. Ich selbst will dabei sein!
dreihundert Mann in der Nhe des Thors. Man lasse ihn ruhig herein. Sowie
er das Fallgitter hinter sich hat, lt man's nieder. Ich will ihn lebend
fangen. Er soll nicht fehlen beim Triumphzug in Byzanz.

Gieb mir das Amt, mein Feldherr, bat Johannes. Ich schuld' ihm noch
Vergeltung fr einen Kernhieb. Und er flog zurck zur Porta Capuana, lie
die Leichen und alle Spuren des Kampfes wegschaffen und traf sonst seine
Maregeln.

Da drngte sich eine verschleierte Gestalt heran: Um der Gte Gottes
willen, flehte eine liebliche Stimme, ihr Mnner, lat mich heran! Ich
will ja nur seine Leiche, - o gebt Acht! sein weier Bart! o mein Vater.
Es war Miriam, die der Lrm plndernder Hunnen aus der Kirche nach Hause
gescheucht hatte. Und mit der Kraft der Verzweiflung schob sie die Speere
zurck und nahm das bleiche Haupt Isaks in ihre Arme.

Weg, Mdel! rief der nchste Krieger, ein sehr langer Bajuvare, ein
Sldner von Byzanz: - Garizo hie er. Halt uns nicht auf! wir mssen den
Weg subern! In den Graben mit dem Juden!

Nein, nein! rief Miriam und stie den Mann zurck.

Weib! schrie dieser zornig und hob das Beil. -

Aber die Arme schtzend ber des Vaters Leiche breitend und mit
leuchtenden Augen aufblickend blieb Miriam furchtlos stehen: - wie gelhmt
hielt der Krieger inne: Du hast Mut, Mdel! sagte er, das Beil senkend.
Und schn bist du auch, wie die Waldfrau der Liusacha. Was kann ich dir
Liebes thun? du bist ganz wundersam anzuschauen. - Wenn der Gott meiner
Vter dein Herz gerhrt, bat Miriams herzgewinnende Stimme, hilf mir die
Leiche dort im Garten bergen: - das Grab hat er sich lange selbst
geschaufelt, - neben Sarah, meiner Mutter, das Haupt gegen Osten. - Es
sei! sprach der Bajuvare und folgte ihr. Sie trug das Haupt, er fate die
Knie der Leiche: wenige Schritte fhrten sie in den kleinen Garten: da lag
ein Stein unter Trauerweiden: der Mann wlzte ihn weg und sie senkten die
Leiche hinein, das Antlitz gegen Osten. -

Ohne Worte, ohne Thrnen starrte Miriam in die Grube: sie fhlte sich so
arm jetzt, so allein; mitleidig, leise schob der Bajuvare die Steinplatte
darber. Komm! sagte er dann. - Wohin? fragte Miriam tonlos. - Ja,
wohin willst du? - Das wei ich nicht! - Hab Dank, sprach sie und nahm
ein Amulett vom Halse und reichte es ihm: es war von Gold, eine Schaumnze
vom Jordan, aus dem Tempel.

Nein! sagte der Mann und schttelte das Haupt.

Er nahm ihre Hand und legte sie ber seine Augen.

So, sagte er, das wird mir gut thun mein Leben lang. Jetzt mu ich
fort, wir mssen den Grafen fangen, den Totila. Leb wohl.

Dieser Name schlug in Miriams Herz: - noch einen Blick warf sie auf das
stille Grab und hinaus schlpfte sie aus dem Grtchen. Sie wollte zum
Thore hinaus auf die Strae: aber das Fallgitter war gesenkt, an den
Thoren standen Mnner mit gotischen Helmen und Schilden. Erstaunt sah sie
um sich.

Ist alles vollzogen, Chanaranges? - Alles, er ist so gut wie gefangen.
- Horch, vor dem Wall, - Pferdegetrappel - sie sind's! zurck, Weib.

Drauen aber sprengten einige Reiter die Strae heran gegen das Thor.

Auf! auf, das Thor, rief Totila von weitem. Da spornte Thorismuth sein
Ro heran. Ich wei nicht, ich traue nicht! rief er, die Strae war wie
ausgestorben und ebenso drben das Lager der Feinde: kaum ein paar
Wachtfeuer brennen.

Da scholl von der Zinne ein Ruf des gotischen Hornes. Der Bursch blst ja
grlich! sprach Thorismuth zrnend. Es wird ein Welscher sein, meinte
Totila. Gebt die Losung, rief's herab auf lateinisch. Neapolis,
antwortete Totila entgegen. Hrst du's? Uliaris hat die Brger bewaffnen
mssen. Auf das Thor! ich bringe frohe Kunde, fuhr er fort zu den oben
Aufgestellten, vierhundert Goten folgen mir auf dem Fu: und Italien hat
einen neuen Knig.

Wer ist's? fragte es leise drinnen. Der auf dem weien Ro, der erste.
Da sprangen die Thorflgel auf, gotische Helme fllten den Eingang,
Fackeln glnzten, Stimmen flsterten.

Auf mit dem Fallgitter, rief Totila, dicht heranreitend. Sphend blickte
Thorismuth vor, die Hand vor den Augen. Sie haben gestern getagt zu
Regeta, fuhr Totila fort, Theodahad ist abgesetzt und Graf Witichis
... -

Da hob sich langsam das Gitter und Totila wollte eben dem Ro den Sporn
geben, da warf sich vor die Hufen seines Hengstes ein Weib aus der Reihe
der Krieger. Flieh, rief sie, Feinde ber dir! die Stadt ist gefallen!
Aber sie konnte nicht vollenden: ein Lanzensto durchbohrte ihre Brust.

Miriam! schrie Totila entsetzt und ri sein Pferd zurck.

Doch Thorismuth, der lngst Argwohn geschpft, zerhieb, rasch
entschlossen, mit dem Schwert, durch das Gitter hindurch, das haltende
Seil, an dem das Thor auf und nieder ging, da es drhnend vor Totila
niederschlug.

Ein Hagel von Speeren und Pfeilen fuhr durch das Gitter. Auf das Gitter!
Hinaus auf sie! rief Johannes von innen: aber Totila wich nicht.

Miriam, Miriam, rief er im tiefsten Schmerz. Da schlug sie nochmal die
Augen auf, mit einem brechenden, von Liebe und Schmerz verklrten Blick: -
dieser Blick sagte alles: er drang tief in Totilas Herz. Fr dich!
hauchte sie und fiel zurck. - Da verga er Neapolis und die Todesgefahr.
Miriam, rief er nochmals, beide Hnde gegen sie ausbreitend. -

Da streifte ein Pfeil den Bug seines Pferdes, blitzschnell prallte das
edle Tier hochbumend zurck. Das Fallgitter fing an, sich zu heben: da
fate Thorismuth nach Totilas Zgel, ri das Pferd herum und gab ihm einen
Schlag mit der flachen Klinge, da es hinwegscho. Auf und davon, Herr,
rief er, ja, sie mssen flink sein, die uns einholen. Und brausend
sprengten die Reiter auf der Via Capuana den Weg zurck, den sie gekommen;
nicht weit verfolgte sie Johannes, im Dunkel der Nacht und des Wegs
unkundig. Bald begegnete ihnen die heranziehende Besatzung vom Kastell
Aurelians: auf einem Hgel machten sie Halt, von wo man die Stadt mit
ihren Zinnen, in dem Schein der byzantinischen Wachtfeuer auf den Wllen,
liegen sah.

Erst jetzt raffte sich Totila aus seinem Schmerz, aus seiner Betubung
auf. Uliaris! seufzte er, Miriam! Neapolis, - wir sehen uns wieder.
Und er winkte zum Aufbruch gen Rom.

Aber von Stund an war ein Schatte gefallen in des jungen Goten Seele: mit
dem heiligen Recht des Schmerzes hatte sich Miriam in sein Herz gegraben
fr immerdar.

Als Johannes mit den Reitern von seiner fruchtlosen Verfolgung heimkehrte,
rief er, vom Pferde springend, mit wtiger Stimme: Wo ist die Dirne, die
ihn gewarnt? Werft sie vor die Hunde. Und er eilte zu Belisar, das
Migeschick zu melden.

Aber niemand wute zu sagen, wohin der schne Leichnam geraten. Die Rosse
htten sie zertreten, meinte die Menge. Aber einer wute es besser:
Garizo, der Bajuvare. Der hatte sie im Tumult sachte, wie ein schlafend
Kind, auf seinen starken Armen davongetragen in das nahe Grtchen, hatte
die Steinplatte von dem kaum geschlossenen Grabe gewlzt und die Tochter
sorglich an des Vaters Seite gelegt: dann hatte er sie still betrachtet.

Aus der Ferne scholl das Getse der geplnderten Stadt, in der die
Massageten Belisars, trotz seines Verbots, brannten und mordeten und sogar
die Kirchen nicht verschonten, bis der Feldherr selbst, mit dem Schwert
unter sie fahrend, Einhalt schuf. -

Es lag ein edler Schimmer auf ihrem Antlitz, da er nicht wagte, wie er so
gern gewollt, sie zu kssen. So legte er denn ihr Gesicht gegen Osten und
brach eine Rose, die neben dem Grabe blhte, und legte sie ihr auf die
Brust. Dann wollte er fort, seinen Teil an der Plnderung zu nehmen. Aber
es lie ihn nicht fort: er wandte sich wieder um. Und er hielt die Nacht
ber, an seinen Speer gelehnt, Totenwacht am Grabe des schnen Mdchens.

Er sah auf zu den Sternen und betete einen uralten heidnischen Totensegen,
den ihn die Mutter daheim an der Liusacha gelehrt. Aber es war ihm nicht
genug: andchtig betete er noch dazu ein christlich Vaterunser. Und als
die Sonne emporstieg, schob er sorgfltig den Stein ber das Grab und
ging.

So war Miriam spurlos verschwunden.

Aber das Volk in Neapolis, das im stillen warm an Totila hing, erzhlte,
schnheitstrahlend sei sein Schutzengel herabgestiegen, ihn zu retten, und
wieder aufgefahren gen Himmel.




                            Sechstes Kapitel.


Der Fall von Neapolis war erfolgt wenige Tage nach der Versammlung zu
Regeta.

Und Totila stie schon bei Formi auf seinen Bruder Hildebad, den Knig
Witichis mit einigen Tausendschaften schleunig abgesandt hatte, die
Besatzung der Stadt zu verstrken, bis er selbst mit einem greren Heere
zum Entsatz herbeieilen knne. Wie jetzt die Dinge standen, konnten die
Brder nichts andres thun, als sich auf die Hauptmacht, nach Regeta,
zurckziehen, wo Totila seinen traurigen Bericht von den letzten Stunden
von Neapolis erstattete. Der Verlust der dritten Stadt des Reiches, des
dritten Hauptbollwerks Italiens, mute den ganzen Kriegsplan der Goten
verndern.

Witichis hatte die zu Regeta versammelten Scharen gemustert: es waren
gegen zwanzigtausend Mann. Diese, mit der kleinen Schar, die Graf Teja
eigenmchtig zurckgefhrt, waren im Augenblick die ganze verfgbare
Macht: bis die starken Heere, die Theodahad weit weg nach Sdgallien und
Noricum, nach Istrien und Dalmatien entsendet, wiewohl sofort zur
schnellen Rckkehr aufgefordert, einzutreffen vermochten, konnte ganz
Italien verloren sein.

Gleichwohl hatte der Knig beschlossen, sich mit diesen zwanzig
Tausendschaften in die Werke von Neapolis zu werfen und hier dem durch den
Zuflu der Italier auf mehr als die dreifache bermacht angeschwollenen
Heere der Feinde bis zum Eintreffen der Verstrkungen Widerstand zu
leisten. Aber jetzt, da jene feste Stadt in Belisars Hand gefallen, gab
Witichis den Plan, sich ihm entgegenzustellen, auf. Sein ruhiger Mut war
ebensoweit von Tollkhnheit wie von Zagheit entfernt.

Ja, der Knig mute seiner Seele noch einen andern schmerzlicheren
Entschlu abringen. Whrend in den Tagen nach dem Eintreffen Totilas in
dem Lager vor Rom sich der Schmerz und der Grimm der Goten in
Verwnschungen ber den Verrter Theodahad, ber Belisar, ber die Italier
Luft machte, whrend schon die kecke Jugend hier und da anhob, auf das
Zaudern des Knigs zu schelten, der sie nicht gegen diese Griechlein
fhren wolle, deren je vier auf einen Goten gingen, whrend der Ungestm
des Heeres schon ber den Stillstand grollte, gestand sich der Knig mit
schwerem Herzen die Notwendigkeit, noch weiter zurckzuweichen und selbst
Rom vorbergehend preiszugeben.

Tag fr Tag kamen Nachrichten, wie Belisars Heer anwachse: aus Neapolis
allein fhrte er zehntausend Mann - als Geiseln zugleich und
Kampfgenossen, - von allen Seiten strmten die Welschen zu seinen Fahnen:
von Neapolis bis Rom war kein Waffenplatz fest genug, Schutz gegen solche
bermacht zu gewhren und die kleineren Stdte an der Kste ffneten dem
Feind mit Jubel die Thore.

Die gotischen Familien aus diesen Gegenden flchteten in das Lager des
Knigs und berichteten, wie gleich am Tage nach dem Falle von Neapolis
Cum und Atella sich ergeben, darauf folgten Capua, Cajeta und selbst das
starke Benevent. Schon standen die Vorposten Belisars, hunnische,
saracenische und maurische Reiter, bei Formi. Das Gotenheer erwartete und
verlangte eine Schlacht vor den Thoren Roms.

Aber lngst hatte Witichis die Unmglichkeit erkannt, mit zwanzigtausend
Mann einem Belisar, der bis dahin hunderttausend zhlen konnte, im offnen
Feld entgegenzutreten. Eine Zeit lang hegte er die Hoffnung, die mchtigen
Befestigungen Roms, das stolze Werk des Cethegus, gegen die byzantinische
berflutung halten zu knnen: aber bald mute er auch diesen Gedanken
aufgeben.

Die Bevlkerung Roms zhlte, dank dem Prfekten, mehr waffenfhige und
waffengebte Mnner denn seit manchem Jahrhundert: und stndlich
berzeugte sich der Knig, von welcher Gesinnung diese beseelt waren.
Schon jetzt hielten die Rmer kaum noch ihren Ha wider die Barbaren
zurck: es blieb nicht bei feindlichen und hhnischen Blicken: schon
konnten sich Goten in den Straen nur in guter Bewaffnung und groen
Scharen blicken lassen: tglich fand man vereinzelte gotische Wachen von
hinten erdolcht.

Und Witichis konnte sich nicht verhehlen, da diese Elemente des
Volksgeistes gegliedert und geleitet waren von schlauen und mchtigen
Huptern: den Spitzen des rmischen Adels und des rmischen Klerus. Er
mute sich sagen, da, sowie Belisar vor den Mauern erscheinen werde, das
Volk von Rom sich erheben und mit dem Belagerer vereint die kleine
gotische Besatzung erdrcken wrde.

So hatte Witichis den schweren Entschlu gefat, Rom, ja ganz
Mittelitalien aufzugeben, sich nach dem festen und verlssigen Ravenna zu
werfen, hier die mangelhaften Rstungen zu vollenden, alle gotischen
Streitkrfte an sich zu ziehen und dann mit einem gleich starken Heere den
Feind aufzusuchen.

Er war ein Opfer, dieser Entschlu.

Denn auch Witichis hatte sein redlich Teil der germanischen Rauflust und
es war seinem Mut eine herbe Zumutung, anstatt frisch drauf loszuschlagen,
zurckweichend seine Verteidigung zu suchen. Aber noch mehr. Nicht
rhmlich war es fr den Knig, der um seiner Tapferkeit willen auf den
Thron des feigen Theodahad gehoben worden, wenn er sein Regiment mit
schimpflicher Flucht begann: er hatte Neapolis verloren in den ersten
Tagen seiner Herrschaft: sollte er jetzt freiwillig Rom, die Stadt der
Herrlichkeiten, sollte er mehr als die Hlfte von Italien preisgeben? Und
wenn er seinen Stolz bezwang um des Volkes willen, - wie mute das Volk
von ihm denken? Diese Goten mit ihrem Ungestm, ihrer Verachtung der
Feinde! Konnte er irgend hoffen, ihren Gehorsam zu erzwingen? Denn ein
germanischer Knig hatte mehr zu raten, vorzuschlagen, als zu befehlen und
zu gebieten. Schon mancher germanische Knig war von seinem Volksheer
wider seinen Willen zu Kampf und Niederlage gezwungen worden. Er frchtete
ein Gleiches: und schweren Herzens wandelte er einst des Nachts im Lager
zu Regeta in seinem Zelte auf und ab.

Da nahten hastige Schritte und der Vorhang des Zeltes ward aufgerissen:
Auf, Knig der Goten, rief eine leidenschaftliche Stimme, jetzt ist
nicht Zeit, zu schlafen! - Ich schlafe nicht, Teja, sprach Witichis,
seit wann bist du zurck? Was bringst du? - Eben schritt ich ins Lager,
der Tau der Nacht ist noch auf mir. Wisse zuerst: sie sind tot. - Wer?
- Der Verrter und die Mrderin! - Wie? du hast sie beide erschlagen?
- Ich schlage keine Weiber. Theodahad, dem Schandknig, folgte ich zwei
Tage und zwei Nchte. Er war auf dem Weg nach Ravenna, er hatte starken
Vorsprung. Aber mein Ha war noch rascher als seine Todesangst. Schon bei
Narnia holte ich ihn ein: zwlf Sklaven begleiteten seine Snfte: sie
hatten nicht Lust, fr den Elenden zu sterben: sie warfen die Fackeln weg
und flohn.

Ich ri ihn aus der Snfte und drckte ihm sein eigenes Schwert in die
Faust: er aber fiel nieder, bat um sein Leben und fhrte zugleich einen
heimtckischen Sto nach mir. Da schlug ich ihn, wie ein Opfertier: mit
drei Streichen. Einen fr das Reich: und zwei fr meine Eltern. Und ich
hing ihn an seinem goldenen Grtel auf, an der offenen Heerstrae, an
einem drren Eibenbaum: da mag er hangen, ein Fra fr die Vgel des
Himmels, eine Warnung fr die Knige der Erde.

Und was ward aus ihr?

Sie fand ein schrecklich Ende! sprach Teja schaudernd.

Als ich von hier nach Rom kam, wute man nur, da sie verschmht, den
Feigling zu begleiten: er floh allein. Gothelindis aber rief seine
kappadokische Leibwache zusammen und verhie den Mnnern goldne Berge,
wenn sie zu ihr halten und mit ihr nach Dalmatien und in das feste Salona
sich werfen wollten.

Die Sldner schwankten und wollten erst das verheine Gold sehen. Da
versprach Gothelindis, es zu bringen und ging. Seitdem war sie
verschwunden. Wie ich wieder durch Rom kam, war sie freilich gefunden. -
Nun? - Sie hatte sich in die Katakomben gewagt, allein, ohne Fhrer,
einen dort vergrabnen Schatz zu holen. Sie mu sich in diesem Labyrinth
verirrt haben, sie fand den Ausgang nicht mehr. Suchende Sldner trafen
sie noch lebend: ihre Fackel war nicht herabgebrannt, sondern fast vllig
erhalten: sie mute alsbald erloschen sein, nachdem sie die Hhlung
beschritten. Wahnsinn sprach aus ihrem Blick: lange Todesangst,
Verzweiflung haben dieses bse Weib zermrbt: sie starb, sowie sie ans
Tageslicht gebracht war.

Schrecklich! rief Witichis. - Gerecht! sagte Teja. Aber hre weiter.

Eh' er beginnen konnte, eilten Totila, Hildebad, Hildebrand und andre
gotische Fhrer ins Zelt: Wei er's? fragte Totila. - Noch nicht,
sagte Teja. - Emprung! rief Hildebad! Emprung! Auf, Knig Witichis,
wehre dich deiner Krone! Lege dem Knaben das Haupt vor die Fe.

Was ist geschehn fragte Witichis ruhig.

Graf Arahad von Asta, der eitle Laffe, hat sich emprt. Er ist gleich
nach deiner Wahl davongeritten gegen Florentia, wo sein lterer Bruder,
der stolze Herzog von Tuscien, Guntharis, haust und herrscht. Da haben die
Wlsungen viel Anhang gefunden, haben die Goten berall aufgerufen gegen
dich zum Schutz der Knigslilie, wie sie sie nennen: Mataswintha sei die
Erbin der Krone. Sie haben sie als Knigin ausgerufen. Sie weilte in
Florentia, fiel also gleich in ihre Gewalt. Man wei nicht, ist sie
Guntharis Gefangene oder Arahads Weib. Nur das wei man, da sie avarische
und gepidische Sldner geworben, den ganzen Anhang der Amaler und ihre
ganze Sippe und Gefolgschaft, zu all' dem groen Anhang der Wlsungen,
bewaffnet haben. Dich schelten sie den Bauernknig: sie wollen Ravenna
gewinnen!

O schicke mich nach Florentia mit nur drei Tausendschaften! rief
Hildebad zornig. Ich will dir diese Knigin der Goten samt ihrem adeligen
Buhlen in einem Vogelkfig gefangen bringen.

Aber die andern machten besorgte Gesichter. Es sieht finster her! sprach
Hildebrand. Belisar mit seinen Hunderttausenden vor uns: - im Rcken das
schlangenhafte Rom, - all' unsre Macht noch fnfzig Meilen fern - und
jetzt noch Bruderkrieg und Aufruhr im Herzen des Reiches! der Donner
schlag' in dieses Land.

Aber Witichis blieb ruhig und gefat wie immer. Er strich mit der Hand
ber die Stirn. Es ist vielleicht gut so, sagte er dann. Jetzt bleibt
uns keine Wahl. Jetzt _mssen_ wir zurck. - Zurck? fragte Hildebad
zrnend. - Ja! Wir drfen keinen Feind im Rcken lassen. Morgen brechen
wir das Lager ab und gehn ... - Gegen Neapolis vor? sagte Hildebad. -
Nein! Zurck nach Rom! Und weiter, nach Florentia, nach Ravenna! Der
Brand der Emprung mu zertreten sein, eh' er noch recht entglommen. -
Wie? du weichst vor Belisar zurck? - Ja, um desto strker vorzugehen,
Hildebad! Auch die Bogensehne spannt die Kraft zurck, den tdlichen Pfeil
zu schnellen. - Nimmermehr! sprach Hildebad, das kannst - das darfst
du nicht.

Aber ruhig trat Witichis auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die
Schulter: Ich bin dein Knig. Du hast mich selbst gewhlt. Hell klang vor
andern _dein_ Ruf: Heil Knig Witichis! Du weit es, Gott wei es: nicht
ich habe die Hand ausgestreckt nach dieser Krone! Ihr habt sie mir auf das
Haupt gedrckt: nehmt sie herunter, wenn ihr sie mir nicht mehr
anvertraut. Aber solang ich sie trage, traut mir und gehorcht: sonst seid
ihr mit mir verloren.

Du hast recht, sagte der lange Hildebad und senkte das Haupt. Vergieb
mir! Ich mach' es gut im nchsten Gefecht.

Auf, meine Feldherrn, schlo Witichis, den Helm aufsetzend, du, Totila,
eilst mir in wicht'ger Sendung zu den Frankenknigen nach Gallien: ihr
andern, fort zu euren Scharen, brecht das Lager ab: mit Sonnenaufgang
geht's nach Rom.




                            Siebentes Kapitel.


Wenige Tage darauf, am Abend des Einzugs der Goten in Rom, finden wir die
jungen Ritter: Lucius und Marcus Licinius, Piso, den Dichter, Balbus,
den Feisten, Julianus, den jungen Juristen, bei Cethegus dem Prfekten in
vertrautem Gesprch.

Das also ist die Liste der blinden Anhnger des knftigen Papstes
Silverius, meiner schlimmsten Argwhner? Ist sie vollstndig? - Sie ist
es. Es ist ein hartes Opfer, rief Lucius Licinius, das ich dir bringe,
Feldherr. Htt' ich gleich, wie das Herz mich antrieb, Belisar aufgesucht,
ich htte jetzt schon Neapolis mit belagert und bestrmt, statt da ich
hier die Katzentritte der Priester belausche und die Plebejer marschieren
und in Manipeln schwenken lehre. - Sie lernen's doch nie wieder, meinte
Marcus.

Geduldet euch, sagte Cethegus ruhig, ohne von einer Papyrusrolle
aufzublicken, die er in der Hand hielt. Ihr werdet euch bald genug und
lang genug mit diesen gotischen Bren balgen drfen. Verget nicht, da
das Raufen doch nur Mittel ist, nicht Zweck.

Wei nicht, zweifelte Lucius.

Die Freiheit ist der Zweck und Freiheit fordert Macht, sprach Cethegus;
wir mssen diese Rmer wieder an Schild und Schwert gewhnen, sonst -
der Ostiarius meldete einen gotischen Krieger. Unwillige Blicke tauschten
die jungen Rmer.

La ihn ein! sprach Cethegus, seine Schreibereien in einer Kapsel
bergend. Da eilte ein junger Mann im braunen Mantel der gotischen Krieger,
einen gotischen Helm auf dem Haupt, herein und warf sich an des Prfekten
Brust.

Julius! sprach dieser kalt zurcktretend. Wie sehn wir uns wieder! Bist
du denn ganz ein Barbar geworden. Wie kamst du nach Rom?

Mein Vater, ich geleite Valeria unter gotischem Schutz: ich komme aus dem
rauchenden Neapolis. - Ei, grollte Cethegus, hast du mit deinem
blonden Freund gegen Italien gestritten? Das steht einem Rmer gut! Nicht
wahr, Lucius? - Ich habe nicht gefochten und werde nicht fechten in
diesem Krieg, dem unseligen. Weh denen, die ihn entzndet.

Cethegus ma ihn mit kalten Blicken. Es ist unter meiner Wrde und ber
meiner Geduld, einem Rmer die Schande solcher Gesinnung vorzuhalten.
Wehe, da ein solcher Abtrnniger mein Julius. Schme dich vor diesen
deinen Altersgenossen. Seht, rmische Ritter, hier ist ein Rmer ohne
Freiheitsdurst, ohne Zorn auf die Barbaren!

Aber ruhig schttelte Julius das Haupt. Du hast sie noch nicht gesehen,
die Hunnen und Massageten Belisars, die euch die Freiheit bringen sollen.
Wo sind denn die Rmer, von denen du sprichst? Hat sich Italien erhoben
seine Fesseln abzuwerfen? Kann es sich noch erheben? Justinian kmpft mit
den Goten, nicht wir. Wehe dem Volk, das ein Tyrann befreit.

Cethegus gab ihm im geheimen recht, aber er wollte solche Worte nicht
billigen vor Fremden: Ich mu allein mit diesem Philosophen disputieren.
Berichtet mir, wenn bei den Frommen etwas geschieht.

Und die Kriegstribunen gingen, mit verchtlichen Blicken auf Julius.

Ich mchte nicht hren, was die von dir reden! sagte Cethegus, ihnen
nachsehend. - Das gilt mir gleich. Ich folge meinen eignen und nicht
fremden Gedanken. - Er ist Mann geworden, sagte Cethegus zu sich
selbst.

Und meine tiefsten und besten Gedanken, die diesen Krieg verfluchen,
fhren mich hierher. Ich komme, dich zu retten und zu entfhren aus dieser
schwlen Luft, aus dieser Welt von Falschheit und Lge. Ich bitte dich,
mein Freund, mein Vater: folge mir nach Gallien. - Nicht bel, lchelte
Cethegus. Ich soll Italien aufgeben im Augenblick, da die Befreier nahen!
Wisse: ich war es, der sie herbeigerufen, ich habe diesen Kampf entfacht,
den du verfluchst. - Ich dacht' es wohl, sprach Julius schmerzlich.
Aber wer befreit uns von den Befreiern, wer endet diesen Kampf?

Ich, sprach Cethegus ruhig und gro. Und du, mein Sohn, sollst mir
dabei helfen. Ja, Julius, dein vterlicher Freund, den du so kalt und
nchtern schiltst, hat auch eine begeisterte Schwrmerei, wenn auch nicht
fr Mdchenaugen und gotische Freundschaften. La diese Knabenspiele
jetzt, du bist ein Mann. Gieb mir die letzte Freude meines den Lebens und
sei der Genosse meiner Kmpfe und der Erbe meiner Siege! Es gilt Rom,
Freiheit, Macht! Jngling, knnen dich diese Worte nicht rhren? Denk'
dir, fuhr er, wrmer werdend, fort, diese Goten, diese Byzantiner - ich
hasse sie wie du - die einen durch die andern erschpft, aufgerieben, und
ber den Trmmern ihrer Macht erhebt sich Italien, Rom in alter
Herrlichkeit! Auf dem kapitolinischen Hgel thront wieder der Herrscher
ber Morgen- und Abendland: eine neue rmische Weltherrschaft, stolzer als
sie dein csarischer Namensvetter getrumt, verbreitet Zucht, Segen und
Furcht ber die Erde ... -

Und der Herrscher dieses Weltreichs heit - Cethegus Csarius!

Ja - und nach ihm: Julius Montanus! Auf, Julius, du bist kein Mann, wenn
dich dies Ziel nicht lockt!

Julius sprach bewundernd: Mir schwindelt! Das Ziel ist sternenhoch: aber
deine Wege, - sie sind nicht gerade. Ja, wren sie gerade, bei Gott, ich
teilte deinen Gang.

Ja, rufe die rmische Jugend zu den Waffen, herrsche beiden Barbarenheeren
zu: Rumt das heilige Latium! fhre einen offnen Krieg gegen die
Barbaren und gegen die Tyrannen: und an deiner Seite will ich stehen und
fallen! - Du weit recht gut, da dieser Weg unmglich ist. - Und
deshalb - ist's dein Ziel! - Thor, erkennst du nicht, da es gewhnlich
ist, aus gutem Stoff ein Gebilde fertigen, da es aber gttlich ist, aus
dem Nichts, nur mit eigner schpferischer Kraft, eine neue Welt schaffen.
- Gttlich? durch List und Lge? Nein. - Julius! - La mich offen
sprechen, deshalb bin ich gekommen.

O knnt ich dich zurckrufen von dem dmonischen Pfade, der dich sicher in
Nacht und Verderben fhrt. Du weit, - wie ich dein Bild verehre und
liebe. Es will mir nicht stimmen zu dieser Verehrung, was Griechen, Goten,
Rmer von dir flstern.

Was flstern sie? fragte Cethegus stolz.

Ich mag's nicht denken: aber alles, was in diesen Zeiten Furchtbares
geschehen: Athalarichs, Kamillas, Amalaswinthens Untergang, der Byzantiner
Landung, - du wirst dabei genannt, wie der Dmon, der alles Bse schafft.
Sage mir, schlicht und treu, da du frei bist von dunkeln -

Knabe! fuhr Cethegus auf, willst du mir zur Beichte sitzen und zu
Gericht? Lerne erst das Ziel begreifen, eh du die Mittel schiltst.

Meinst du, man baut die Weltgeschichte aus Rosen und Lilien? Wer das Groe
will, mu das Groe thun, nennen's die Kleinen gut oder schlecht. - Nein
und dreimal nein! ruft dir mein ganzes Herz entgegen. Fluch dem Ziel, zu
dem nur Frevel fhren. Hier scheiden sich unsre Pfade.

Julius, geh nicht! Du verschmhst, was noch nie einem Sterblichen geboten
ward. La mich einen Sohn haben, fr den ich ringe, dem ich die Erbschaft
meines Lebens hinterlassen kann. - Fluch und Lge und Blut kleben daran.
Und sollt ich sie schon jetzt antreten: - ich will sie nie! Ich gehe, da
sich dein Bild nicht noch mehr vor mir verdunkle. Aber ich flehe dich um
Eins: wann der Tag kommt (und er wird kommen), da dich ekelt all des
Blutes und des frevlen Trachtens und des Zieles selbst, das solche Thaten
fordert, - - dann rufe mir: ich will herbeieilen, wo immer ich sei, und
will dich losringen und loskaufen von den dmonischen Mchten und sei's um
den Preis meines Lebens.

Leichter Spott zuckte zuerst um des Prfekten Lippe, aber er dachte: Er
liebt mich noch immer. - Gut, ich werde ihn rufen, wenn das Werk
vollendet: la sehen, ob er ihm dann widerstehen kann, ob er den Thron des
Erdkreises ausschlgt. - Wohl, sagte er, ich werde dich rufen, wenn
ich dein bedarf. Leb wohl. Und mit kalter Handbewegung entlie er den
Heibewegten.

Aber als die Thre hinter ihm zugefallen, nahm der eisige Prfekt ein
kleines Relief von getriebenem Erz aus einer Kapsel und betrachtete es
lang. Dann wollte er es kssen. Aber pltzlich flog der hhnische Zug
wieder um seine Lippen. Schme dich vor Csar, Cethegus, sagte er, und
legte das Medaillon wieder in die Kapsel. Es war ein Frauenkopf und Julius
sehr hnlich.




                             Achtes Kapitel.


Inzwischen war es dunkler Abend geworden. Der Sklave brachte die zierliche
Bronzelampe, korinthische Arbeit: ein Adler, der im Schnabel den
Sonnenball trgt, gefllt mit persischem Duftl. Ein gotischer Krieger
steht drauen, Herr, er will dich allein sprechen. Er sieht sehr
unscheinbar aus. Soll er die Waffen ablegen? Nein, sagte Cethegus, wir
frchten die Barbaren nicht. La ihn kommen. Der Sklave ging und Cethegus
legte die Rechte an den Dolch im Busen seiner Tunika.

Ein stattlicher Gote trat ein, die Mantelkapuze ber den Kopf geschlagen:
er warf sie jetzt zurck.

Cethegus trat erstaunt einen Schritt nher. Was fhrt den Knig der Goten
zu mir?

Leise! sprach Witichis. Es braucht niemand zu wissen, was wir beide
verhandeln. Du weit: seit gestern und heute ist mein Heer von Regeta in
Rom eingezogen. Du weit noch nicht, da wir Rom morgen wieder rumen
werden.

Cethegus horchte hoch auf.

Das befremdet dich? - Die Stadt ist fest, sagte Cethegus ruhig. Ja,
aber nicht die Treue der Rmer. Benevent ist schon abgefallen zu Belisar.
Ich habe nicht Lust, mich zwischen Belisar und euch erdrcken zu lassen.

Vorsichtig schwieg Cethegus, er wute nicht, wo das hinaus sollte.
Weshalb bist du gekommen, Knig der Goten? - Nicht um dich zu fragen,
wie weit man den Rmern trauen kann. Auch nicht, um zu klagen, da wir
ihnen so wenig trauen knnen, die doch Theoderich und seine Tochter mit
Wohltaten berhuft; - sondern um grad und ehrlich ein paar Dinge mit dir
zu schlichten, zu eurem wie zu unsrem Frommen.

Cethegus staunte. In der stolzen Offenheit dieses Mannes lag etwas, das er
beneidete. Er htte es gern verachtet. Wir werden Rom verlassen, und
alsbald werden die Rmer Belisar aufnehmen. Das wird so kommen. Ich kann's
nicht hindern. Man hat mir geraten, die Hupter des Adels als Geiseln mit
hinwegzufhren.

Cethegus erschrak und hatte Mhe, das zu verbergen.

Dich vor allen, den Princeps Senatus. - Mich! lchelte Cethegus. -
Ich werde dich hier lassen. Ich wei es wohl: du bist die Seele von Rom.

Cethegus schlug die Augen nieder. Ich nehme das Orakel an, dachte er.

Aber eben deshalb la' ich dich hier. Hunderte, die sich Rmer nennen,
wollen die Byzantiner zu ihren Herren, - du, du willst das nicht.

Cethegus sah ihn fragend an.

Tusche mich nicht! Wolle mich nicht tuschen. Ich bin der Mann
verschlagner Knste nicht. Aber mein Auge sieht der Menschen Art. Du bist
zu stolz, um Justinian zu dienen. Ich wei, du hassest uns. Aber du liebst
auch diese Griechen nicht und wirst sie nicht lnger hier dulden als du
mut. Deshalb la ich dich hier: vertritt du Rom gegen die Tyrannen: ich
wei, du liebst die Stadt.

Es war etwas an diesem Mann, das Cethegus zum Staunen zwang. Knig der
Goten, sagte er, du sprichst klar und gro wie ein Knig: ich danke dir.
Man soll nicht sagen von Cethegus, da er die Sprache der Gre nicht
versteht. Es ist, wie du sagst: ich werde mein Rom nach Krften rmisch
erhalten.

Gut, sagte Witichis, sieh, man hat mich gewarnt vor deiner Tcke: ich
wei viel von deinen schlauen Plnen: ich ahne noch mehr: und ich wei,
da ich gegen Falschheit keine Waffe habe. Aber du bist kein Lgner. Ich
wute, ein mnnlich Wort ist unwiderstehlich bei dir: und Vertrauen
entwaffnet einen Feind, der ein Mann.

Du ehrst mich, Knig der Goten.

Ich will dich warnen: weit du, wer die wrmsten Freunde Belisars? - Ich
wei es: Silverius und die Priester. - Richtig. Und weit du, da
Silverius, sowie der alte Papst Agapetus gestorben, den Bischofstuhl von
Rom besteigen wird?

So hr' ich.

Man riet mir, auch ihn als Geisel fortzufhren. Ich werd' es nicht thun.
Die Italier hassen uns genug. Ich will nicht noch in das Wespennest der
Pfaffen stoen. Ich frchte die Mrtyrer.

Aber Cethegus wre den Priester gern los geworden. Er wird gefhrlich auf
dem Stuhl Petri, meinte er.

La ihn nur! Der Besitz dieses Landes wird nicht durch Priesterkunst
entschieden. - Wohlan, sprach Cethegus, die Papyrusrolle vorzeigend,
ich habe hier die Namen seiner wrmsten Freunde zufllig beisammen. Es
sind wichtige Mnner.

Er wollte ihm die Liste aufdringen und hoffte, die Goten sollten so seine
gefhrlichsten Feinde als Geiseln mitfhren.

Aber Witichis wies ihn ab. La das! Ich werde gar keine Geiseln nehmen.
Was ntzt es, ihnen die Kpfe abzuschlagen? Du, dein Wort soll mir fr Rom
brgen.

Wie meinst du das? ich kann Belisar nicht abhalten.

Du sollst es nicht: Belisar wird kommen: aber verla' dich drauf: er wird
auch wieder gehn. Wir Goten werden diesen Feind bezwingen: vielleicht erst
nach hartem Kampf: aber gewi. Dann aber gilt es den zweiten Kampf um
Rom.

Einen zweiten? fragte Cethegus ruhig, mit wem?

Aber Witichis legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihm ins Antlitz
mit einem Auge wie die Sonne: Mit dir, Prfekt von Rom!

Mit mir! Und er wollte lcheln, aber er konnte nicht.

Verleugne nicht dein Liebstes, Mann: es ist deiner nicht wrdig. Ich wei
es, fr wen du die Trme und Schanzen um diese Stadt erbaut: nicht fr uns
und nicht fr die Griechen! fr dich! Ruhig! Ich wei, was du sinnest,
oder ich ahn' es: kein Wort! Es sei! Sollen Griechen und Goten um Rom
kmpfen und kein Rmer? Aber hre: La nicht einen zweiten jahrelangen
Krieg unsre Vlker hinraffen.

Wenn wir die Byzantiner niedergekmpft, hinausgeworfen aus unserm Italien,
- dann, Cethegus, will ich dich erwarten vor den Mauern Roms; nicht zur
Schlacht unsrer Vlker, - zum Zweikampf: Mann gegen Mann, du und ich, wir
wollen's um Rom entscheiden.

Und in des Knigs Blick und Ton lag eine Gre, eine Wrde und Hoheit, die
den Prfekten verwirrte. Er wollte heimlich spotten der einfltigen
Schlichtheit des Barbaren. Aber es war ihm, als knne er sich selbst nie
mehr achten, wenn er diese Gre nicht zu achten, nicht zu ehren, nicht zu
erwidern fhig sei. So sprach er ohne Spott: Du trumst, Witichis, wie
ein gotischer Knabe.

Nein, ich denke und handle wie ein gotischer Mann. Cethegus, du bist der
einzige Rmer, den ich wrdige, so mit ihm zu reden. Ich habe dich fechten
sehen im Gepidenkrieg: du bist meines Schwertes wrdig. Du bist lter als
ich, wohlan: ich gebe dir den Schild voraus!

Seltsam seid ihr Germanen, sagte Cethegus unwillkrlich: was fr
Phantasien!

Aber jetzt furchte Witichis die offne Stirn: Phantasien? Wehe dir, wenn
du nicht fhig bist, zu fhlen, was aus mir spricht. Wehe dir, wenn Teja
recht behlt! Er lachte zu meinem Plan und sprach: das fat der Rmer
nicht! Und er riet mir, dich gefangen mitzufhren. Ich dachte grer von
dir und Rom. Aber wisse: Teja hat dein Haus umstellt: und bist du so klein
oder so feig, mich nicht zu fassen, - in Ketten fhren wir dich aus deinem
Rom. Schmach dir, da man dich zwingen mu zur Ehre und zur Gre.

Da ergrimmte Cethegus. Er fhlte sich beschmt. Jenes Ritterliche war ihm
fremd und es rgerte ihn, da er es nicht verhhnen konnte. Es rgerte
ihn, da man ihn mit Gewalt ntigte, da man seiner freien Wahl mitraut
habe. Wtender Ha gegen Tejas Miachtung wie gegen des Knigs brutale
Offenheit loderte in ihm auf. All diese Eindrcke rangen in ihm, er htte
gern den Dolch in des Germanen breite Brust gestoen. Fast htte er vorhin
aus soldatischem Ehrgefhl im vollen Ernst sein Wort gegeben. Jetzt
durchzuckte ihn ein davon sehr verschiedenes, unschnes Gefhl der
Schadenfreude. Sie hatten ihm nicht getraut, die Barbaren: sie hatten ihn
gering erachtet: nun sollten sie gewi betrogen sein! Und mit scharfem
Blick vortretend fate er des Knigs Hand. Es gilt, rief er.

Es gilt, sprach Witichis, fest seine Hand drckend.

Mich freut es, da ich recht behielt und nicht Teja. Leb wohl! hte mir
unser Rom. Von dir fordre ich es wieder in ehrlichem Kampf. Und er ging.

Nun, sprach Teja drauen mit den andern Goten rasch vortretend, soll
ich das Haus strmen?

Nein, sagte Witichis, er gab mir sein Wort.

Wenn er's nur hlt!

Da trat Witichis heftig zurck. Teja! dich macht dein finstrer Sinn
ungerecht!

Du hast kein Recht, an eines Helden Ehre zu zweifeln. Cethegus ist ein
Held.

Er ist ein Rmer. Gute Nacht! sagte Teja, das Schwert einsteckend. Und
er ging mit seinen Goten andren Weges.

Cethegus aber warf sich diese Nacht unwillig aufs Lager. Er war uneins in
sich. Er grollte mit Julius. Er grollte bitter mit Witichis, bittrer noch
mit Teja. Am bittersten mit sich selbst.

                              --------------

Am folgenden Tage versammelte Witichis noch einmal Volk, Senat und Klerus
der Stadt bei den Thermen des Titus. Von der hchsten Stufe der
Marmortreppe des stolzen Gebudes herab, die von den Groen des Heeres
besetzt war, hielt der Knig eine schlichte Ansprache an die Rmer. Er
erklrte, da er auf kurze Zeit die Stadt rumen und zurckweichen werde.
Bald aber werde er wiederkehren.

Er erinnerte sie der Milde der gotischen Herrschaft, der Wohlthaten
Theoderichs und Amalaswinthens, und forderte sie auf, Belisar, falls er
heranrcke, mutig zu widerstehen, bis die Goten zum Entsatz wieder
heranrckten: der Rmer wieder an die Waffen gewhnte Legionare und ihre
starken Mauern machten langen Widerstand mglich.

Zuletzt forderte er den Eid der Treue und lie sie nochmals feierlich
schwren, da sie ihre Stadt auf Leben und Tod gegen Belisar verteidigen
wollten. Die Rmer zgerten: denn ihre Gedanken waren jetzt schon im Lager
Belisars und sie scheuten den Meineid.

Da scholl dumpfer feierlicher Gesang von der Sacra Via her: und an dem
flavischen Amphitheater vorbei zog eine groe Prozession von Priestern mit
Psalmengesang und Weihrauchschwang heran. In der Nacht war Papst Agapet
gestorben und in aller Eile hatte man Silverius, den Archidiakon, zu
seinem Nachfolger gewhlt.

Langsam und feierlich wogte das Heer von Priestern heran: die Insignien
der Bischofswrde von Rom wurden vorausgetragen: silberstimmige Knaben
sangen in sen und doch weihevollen Weisen.

Endlich nahte die Snfte des Papstes: offen, breit, reichvergoldet, einem
Schiffe nachgebildet. Die Trger gingen langsam, Schritt fr Schritt, nach
dem Takt der Musik, von ringsum drngendem Volk umwogt, das nach dem Segen
seines neuen Bischofs verlangte.

Silverius spendete unablssig denselben, mit seinem klugen Haupte rechts
und links hin nickend.

Eine groe Zahl von Priestern und ein Zug von speertragenden Sldnern
schlo die Prozession. Sie hielt inne, als sie in die Mitte des Platzes
gelangt war.

Schweigend, mit trotzigen Augen, sahen die arianischen, gotischen Krieger,
die alle Mndungen des Platzes besetzt hielten, den stolzen,
prachtentfaltenden Aufzug der ihnen feindlichen Kirche, indes die Rmer
die Ankunft ihres Seelenhirten um so freudiger begrten, als seine Stimme
ihre Gewissenszweifel wegen des zu leistenden Eides lsen sollte.

Eben wollte Silverius seine Ansprache an das versammelte Volk beginnen,
als der Arm eines turmlangen Goten, ber die Brstung der Snfte
hereinlangend, ihn an dem goldbrokatnen Mantel zupfte.

Unwillig ob der wenig ehrerbietigen Strung wandte Silverius das strenge
Gesicht, aber uneingeschchtert sprach der Gote, den Ruck wiederholend:
Komm, Priester, du sollst hinauf zum Knig.

Silverius htte es angemessener gefunden, wenn der Knig zu ihm
heruntergekommen wre, und Hildebad schien etwas dergleichen in seinen
Mienen zu lesen. Denn er rief: 's ist nicht anders! duck' dich,
Pffflein!

Und damit drckte er einen der die Snfte tragenden Priester an der
Schulter nieder: die Trger lieen sich nun auf die Kniee herab und
seufzend stieg Silverius heraus, Hildebad auf die Treppe folgend.

Als er vor Witichis angelangt war, ergriff dieser seine Hand, trat mit ihm
vor, an den Rand der Treppe, und sprach: Ihr Mnner von Rom, diesen hier
haben eure Priester zu eurem Bischof bezeichnet. Ich genehmige die Wahl:
er sei Papst, sobald er mir Gehorsam geschworen und euch den Eid der Treue
fr mich abgenommen hat. Schwre, Priester!

Nur einen Augenblick war Silverius betroffen.

Aber sogleich wieder gefat, wandte er sich mit salbungsvollem Lcheln zu
dem Volk, dann zum Knig. Du befiehlst? sprach er.

Schwre, rief Witichis, da du in unsrer Abwesenheit alles aufbieten
wirst, diese Stadt Rom in Treue zu den Goten zu erhalten, denen sie soviel
verdankt; in allen Stcken uns zu frdern, unsre Feinde aber zu schdigen.
Schwre Treue den Goten.

Ich schwre, sagte Silverius, sich zu dem Volke wendend. Und so fordre
ich, der ich die Macht habe, die Seelen zu binden und zu lsen, euch, ihr
Rmer, umstarret rings von gotischen Waffen, auf, im gleichen Sinne zu
schwren, wie ich geschworen habe.

Die Priester und einige der Vornehmen schienen verstanden zu haben und
erhoben unbedenklich die Finger zum Schwur. Da besann sich auch die Menge
nicht lnger und der Platz erscholl von dem lauten Ruf: Wir schwren
Treue den Goten.

Es ist gut, Bischof von Rom, sprach der Knig. Wir bauen auf euren
Schwur. Lebt wohl, ihr Rmer! Bald werden wir uns wieder sehen. Und er
schritt die breiten Stufen nieder. Teja und Hildebad folgten ihm.

Jetzt bin ich nur begierig ... - sagte Teja.

Ob sie es halten? meinte Hildebad.

Nein. Gar nicht. Aber wie sie's brechen. Nun, der Priester wird's schon
finden.

Und mit fliegenden Fahnen zogen die Goten ab zur Porta Flaminia hinaus,
die Stadt ihrem Papst und dem Prfekten berlassend, whrend Belisar in
Eilmrschen auf der Via Latina nahte.




                             Neuntes Kapitel.


In der Stadt Florentia waltete eifriges kriegerisches Leben. Die Thore
waren geschlossen: auf den Zinnen und Mauerkronen schritten zahlreiche
Wachen, in den Straen klirrte es von Zgen reisiger Goten und bewaffneter
Sldner: denn die Wlsungen Guntharis und Arahad hatten sich in diese
Stadt geworfen und sie einstweilen zum Hauptwaffenplatz des Aufstandes
gegen Witichis gemacht.

In der schnen Villa, die sich Theoderich in einer Vorstadt am Ufer des
Arnus, aber noch in den Ringmauern der Stadt, gebaut, hausten die beiden
Brder.

Herzog Guntharis von Tuscien, der ltere, war ein gefrchteter Kriegsmann
und seit Jahren Graf der Stadt Florentia: rings in ihrem Weichbild lagen
die Gter des mchtigen Adelsgeschlechts, von Tausenden von Colonen und
Hintersassen bebaut: ihre Macht in dieser Stadt und Landschaft war ohne
Schranken und Herzog Guntharis war entschlossen, sie vllig zu gebrauchen.

In voller Rstung, den Helm auf dem Haupt, schritt der stattliche Mann
unwillig durch das marmorgetfelte Zimmer, indes der jngere Bruder in
schmucker Feiertracht, ohne Waffen, schweigend und sinnend an dem
Citrustisch lehnte, der von Briefen und Pergamenten bedeckt war.

Entschliee dich, mach' vorwrts, mein Junge! sprach Guntharis: es ist
mein letztes Wort. Noch heute bringst du mir das Ja des strrigen Kindes
oder ich - hrst du? - ich selbst gehe, es zu holen. Aber dann, wehe ihr.
Ich wei besser als du umzuspringen mit einem launischen Mdchenkopf.

Bruder, das wirst du nicht.

Beim Donner, das werd' ich. Meinst du, ich wage meinen Kopf, ich versume
das Glck unsres Hauses um deine schmachtende Zartheit? Jetzt oder nie ist
der Augenblick, den Wlsungen endlich die erste Stelle im Volk zu
schaffen, die ihnen gebhrt und von der Amaler und Balten sie seit
Jahrhunderten ausgeschlossen. Wird die letzte Amalungentochter dein Weib,
kann niemand dir die Krone bestreiten: und mein Schwert soll sie schon
schtzen auf deinem Haupt gegen diesen Bauernknig Witichis.

Aber nicht zu lange mehr darf's whren. Ich habe noch keine Nachricht von
Ravenna: doch ich frchte, die Stadt wird nur Mataswintha, nicht uns,
zufallen, das heit, nicht uns allein; wer sie hat, hat aber Italien,
nachdem Neapolis und Rom verloren: die mchtige Festung mssen _wir_
haben. Deshalb mu sie dein Weib sein, eh' wir vor die Rabenmauern ziehen:
sonst wird ruchbar, da sie mehr unsre Gefangene als unsre Knigin.

Wer wnscht das mehr, heier als ich? aber ich kann sie doch nicht
zwingen? - Nicht? warum nicht? Suche sie auf und gewinne sie im guten
oder bsen. Ich gehe, die Wachen auf den Wllen zu verstrken. Bis ich
zurck bin, will ich Antwort!

Herzog Guntharis ging: und seufzend machte sich sein Bruder nach dem
Garten auf, Mataswintha zu suchen.

Der Garten war von einem kunstverstndigen Freigelassenen aus Kleinasien
angelegt. Er hatte im Hintergrund einen waldhnlichen Abschlu, der, frei
von Beeten und Terrassen, das wunderbar reiche Wiesengrn noch erhalten
hatte. Diese blumigen Wiesenufer und dichte Oleanderbsche durchrieselte
ein klarer Bach, mit anmutigem Gewoge.

Dicht an dem Rande des Baches, im weichen Grase hingegossen, lag eine
jugendliche Frauengestalt. Sie hatte von dem rechten Arm das Gewand
zurckgeschlagen und schien bald mit den murmelnden Wellen, bald mit den
nickenden Blumen am Rande zu spielen. Sinnend sah sie vor sich hin und
warf wie trumend hier und da ein Veilchen oder einen Krokus in die
Wellen, mit leise geffneten Lippen der Blte nachsehend, die rasch die
klaren Wellen entfhrten.

Dicht hinter ihren Schultern kniete ein junges Mdchen in maurischer
Sklaventracht, eifrig beschftigt, einen Kranz fertig zu flechten, an
welchem nur die letzten Verbindungen fehlten: sorgsam sphte die
anmutfeine Kleine manchmal, ob die Trumende ihre heimliche Arbeit nicht
gewahre.

Aber diese schien ganz in ihre Phantasien verloren.

Endlich war der zierliche Kranz vollendet: mit lachenden Augen drckte sie
ihn auf das prachtvolle feuerfarbne Haar der Herrin und bog sich um ihre
Schulter, deren Blick zu suchen. Aber diese hatte gar nicht bemerkt, wie
die Blumen ihr Haupt berhrten. Da ward die Kleine unwillig und rief mit
schmollend aufgeworfnen Lippen: Aber Herrin, bei den Palmenwipfeln des
Auras, was denkest du wieder? Bei wem bist du?

Mataswintha schlug die leuchtenden Augen auf: Bei ihm! flsterte sie.

Weie Gttin, das trag' ich nicht mehr! rief die Kleine aufspringend,
es ist zu arg, die Eifersucht bringt mich um! Nicht mich, deine Gazelle
nur, auch die eigne Schnheit vergit du - ber dem unsichtbaren Mann:
schau' doch nur einmal in die Wellen und sieh, wie reizend dein Haar von
den dunkeln Veilchen und weien Anemonen sich hebt.

Dein Kranz ist schn! sagte Mataswintha, ihn herunterlangend und dann
leicht in die Wellen werfend, welch' se Blumen! Grt ihn von mir.

Ach, meine armen Blumen! rief die Sklavin, ihnen nachblickend; aber sie
wagte nicht, weiter zu schelten. Sag' mir nur, rief sie, sich wieder
niederlassend, wie all' dies enden soll? Da sind wir jetzt schon viele
Tage, wir wissen nicht recht, Knigin oder Gefangne? Jedenfalls in fremder
Gewalt: haben den Fu nicht aus deinem Gemach oder diesem hochummauerten
Garten gesetzt und wissen nichts von der ganzen Welt. Du aber bist immer
still und selig, als mte das alles so sein.

Es mu auch alles so sein.

So? und wie wird es enden?

Er wird kommen und wird mich befreien.

Nun, Weililie! du hast einen starken Glauben. Wren wir daheim im
Mauretanierland und she ich dich Nachts zu den Sternen blicken, so sagte
ich wohl: du habest das alles in den Sternen gelesen. Aber so! Ich
begreife das nicht - und sie schttelte die schwarzen Locken - ich werde
dich nie begreifen.

Doch, Aspa! du wirst und sollst, sprach Mataswintha sich aufraffend, und
zrtlich den weien Arm um den braunen Nacken schlingend, deine treue
Liebe verdient lngst diesen Lohn, den besten, den ich zu spenden habe.

In der Sklavin dunkles Auge trat eine Thrne. Lohn? sprach sie. Aspa
ward geraubt von wilden Mnnern mit roten, fliegenden Locken. Aspa ist
eine Sklavin. Alle haben sie gescholten, viele geschlagen. Du hast mich
gekauft wie man eine Blume kauft. Und du streichelst mir Wange und Haar.
Und bist so schn wie die Gttin der Sonne und sprichst von Lohn? Und sie
schmiegte das Kpfchen an der Herrin Busen.

Du bist meine Gazelle! sagte diese und hast ein Herz wie Gold. Du
sollst alles wissen, was niemand wei, auer mir. Hre also. Ich hatte
eine Kindheit ohne Freude, ohne Liebe: und doch verlangte meine junge
Seele nach Weichheit, nach Liebe. Meine arme Mutter hatte einen Knaben,
einen Thronerben hei gewnscht und sicher erwartet: - und mit
Widerwillen, mit Klte und Hrte behandelte sie das Mdchen. Als
Athalarich geboren war, nahm die Hrte ab, aber die Klte nahm zu: dem
Erben der Krone allein ward alle Liebe und Sorge. Ich htte es nicht
empfunden, htte ich nicht in meinem weichen Vater den Gegensatz gesehen:
ich fhlte, wie auch er litt unter der kalten Hrte seiner Gattin: und oft
drckte mich der kranke Mann mit Seufzen, mit Thrnen an die Brust.

Und als er gestorben und begraben war, da war mir alle Liebe in der Welt
erstorben. Wenig sah ich Athalarich, der von andern Lehrern und im andern
Teil des Palastes erzogen ward: weniger noch die Mutter: fast nur, wenn
sie mich zu strafen hatte. Und doch liebte ich sie so sehr: und doch sah
ich, wie meine Wrterinnen und Lehrerinnen ihre eignen Kinder liebten,
herzten und kten: und nach gleicher Wrme verlangte mit aller Macht mein
Herz.

So wuchs ich heran, wie eine bleiche Blume ohne Sonnenlicht!

Da war denn mein liebster Ort in der Welt das Grab meines Vaters Eutharich
im stillen Knigsgarten zu Ravenna. Da suchte ich bei dem Toten die Liebe,
die ich bei den Lebenden nicht fand: und sowie ich meinen Wrtern
entrinnen konnte, eilte ich dorthin, zu sehnen und zu weinen. Und dies
Sehnen wuchs, je lter ich ward: in Gegenwart der Mutter mute ich all'
meine Gefhle zusammenpressen: sie verachtete es, wenn ich sie zeigte.

Und wie ich vom Kind zum Mdchen heranwuchs, merkte ich wohl, da die
Augen der Menschen oft wie bewundernd auf mir ruhten: aber ich dachte, sie
bedauerten mich: und das that mir weh. Und fter und fter flchtete ich
zum Grabe des Vaters, bis es der Mutter gemeldet ward: und ich ward
verklagt, da ich dort weinte und ganz verstrt zurckkme.

Zornig verbat mir die Mutter, ohne sie das Grab wieder zu besuchen: und
sprach von verchtlicher Schwche.

Aber dawider emprte sich mein Herz und ich besuchte das Grab trotz dem
Verbot. Da berraschte sie mich einst daselbst: und schlug mich: und ich
war doch kein Kind mehr: und fhrte mich in den Palast zurck: und schalt
mich schwer: und drohte, mich zu verstoen fr immer: und fragte im
Scheiden zrnend den Himmel, warum er sie mit einem solchen Kinde
gestraft.

Das war zu viel.

Namenlos elend beschlo ich, dieser Mutter zu entrinnen, der ich zur
Strafe leben sollte, und davonzugehen, wo mich niemand kennte: ich wute
nicht wohin: am liebsten in das Grab zu meinem Vater.

Als es Abend geworden, stahl ich mich aus dem Palast, ich eilte nochmals
an das geliebte Grab zu langem thrnenreichem Abschied. Schon gingen die
Sterne auf: da huschte ich aus dem Garten, aus dem Palast und eilte durch
die dunkeln Straen der Stadt an das faventinische Thor. Glcklich
schlpfte ich an der Wache vorbei ins Freie und lief nun eine Strecke auf
der Strae fort, gradaus in die Nacht, ins Elend.

Aber auf der Strae kam mir entgegen ein Mann im Kriegsgewand. Als ich an
ihm vorber wollte, schritt er pltzlich heran, sah mir ins Antlitz und
legte die Hand leicht auf meine Schulter: Wohin, Jungfrau Mataswintha,
allein, in so spter Nacht?

Ich erbebte unter seiner Hand, Thrnen brachen aus meinen Augen und
schluchzend rief ich: In die Verzweiflung!

Da fate der Mann meine beiden Hnde und sah mich an, so freundlich, so
mild, so besorgt. Dann trocknete er meine Thrnen mit seinem Mantel und
sprach in weichem Ton der tiefsten Gte: Und warum? Was qult dich so?

Mir ward so weh und wohl ums Herz beim Klange dieser Stimme. Und wie ich
in sein mildes Auge sah, war ich meiner selbst nicht mehr mchtig. Weil
mich die eigne Mutter hat, weil's keine Liebe fr mich giebt auf Erden.
- Kind! Kind! Du bist krank, sagte er, und redest irr. Komm, komm mit
mir zurck! Du? warte nur! du wirst noch eine Knigin der Liebe werden.

Ich verstand ihn nicht. Aber ich liebte ihn unendlich fr diese Worte,
diese Milde. Fragend, staunend, hilflos sah ich ihm ins Auge. Ich bebte
und zitterte. Es mute ihn rhren; oder er dachte, es sei die Klte.

Er nahm seinen warmen Mantel ab, schlug ihn um meine Schultern und fhrte
mich langsam zurck durchs Thor, auf unbelebten Straen, durch die Stadt
nach dem Palast.

Willenlos, hilflos, wankend wie ein krankes Kind folgte ich ihm, das
Haupt, das er mir sorglich verhllte, an seine Brust gelehnt. Er schwieg
und trocknete mir nur manchmal die Augen. Unbemerkt, wie ich glaubte,
gelangten wir an die Thre der Palasttreppe: er ffnete sie, schob mich
sanft hinein: dann drckte er mir die Hand. Gut sein, sagte er, und
ruhig. Dein Glck wird dir schon kommen. Und Liebe genug. Und er legte
leise die Hand auf mein Haupt, schlo die Thre hinter mir und stieg die
Treppe hinab.

Ich aber lehnte an der halbgeschlossenen Thr und konnte nicht fort. Mein
Fu versagte, mein Herz pochte.

Da hrt' ich, wie eine rauhe Stimme ihn ansprach:

Wen schmuggelst du da zur Nachtzeit in das Schlo, mein Freund? Er aber
antwortete: Du bist's, Hildebrand? Du verrtst sie nicht! Es war das Kind
Mataswintha: sie hat sich verirrt in der Nacht, in der Stadt, und
frchtete den Zorn ihrer Mutter. - Mataswintha! sprach der andre, die
wird tglich schner. Und mein Beschtzer sprach - und sie stockte und
flammend Rot scho ber ihre Wangen ... -

Nun, fragte Aspa, sie gro ansehend, was sagte er?

Aber Mataswintha drckte Aspas Kpfchen nieder an ihre Brust. Er sagte,
flsterte sie - er sagte: - die wird das schnste Weib auf Erden!

Da hat er recht gesagt, sprach die Kleine, was brauchst du da rot zu
werden? Ist's doch so! Nun aber weiter! Was thatest du?

Ich schlich auf mein Lager und weinte, weinte Thrnen der Trauer, der
Wonne, der Liebe, alles durcheinander. In jener Nacht stieg eine Welt, ein
Himmel in mir auf: er war mir gut, das fhlte ich, und er nannte mich
schn. Ja, jetzt wut' ich es: ich war schn, und ich war selig darber:
ich wollte schn sein: fr ihn! O wie glcklich war ich! seine Begegnung
brachte Glanz in mein Dunkel, Segen in mein Leben. Ich wute jetzt, man
konnte mir gut sein, man konnte mich lieben! Sorglich pflegte ich des
Leibes, den er gelobt. Die se Macht in meinem Herzen breitete eine milde
Wrme ber mein ganzes Wesen: ich ward weicher und inniger: und selbst der
Mutter strenger Sinn ward jetzt liebevoller gegen mich, seit ich nur
sanfte Liebe ihrer Hrte entgegengab: und tglich wurden alle Herzen
gtiger gegen mich, wie ich weicher gegen alle.

Und all' das dankte ich ihm: er hatte mir die Flucht in Schmach und Elend
erspart und mir eine ganze Welt von Liebe gewonnen. Seitdem lebte und lebe
ich nur fr ihn. Und sie hielt inne und legte die Linke auf die wogende
Brust.

Aber, Herrin, wann hast du ihn wieder gesehen? gesprochen? Lebt deine
Liebe von so karger Kost?

Gesprochen nie mehr: gesehen nur einmal noch: am Todestage Theoderichs
befehligte er die Palastwache, da sagte mir Athalarich seinen Namen: denn
nie htte ich gewagt, nach ihm zu forschen, aus Furcht, meine Flucht, ach,
mein Geheimnis zu verraten. Er war nicht am Hof: und wann er dort
erscheinen mochte, war ich auf den Villen.

So weit du weiter gar nichts von ihm, von seinem Leben, von seiner
Vergangenheit.

Wie htt' ich forschen knnen! glhende Scham htte mich verraten! Lieb'
ist des Schweigens Tochter und der Sehnsucht. Aber von seiner, von unsrer
Zukunft wei ich.

Von eurer Zukunft? lchelte Aspa.

An den Hof kam alle Sonnenwende die alte Radrun und erhielt von Knig
Theoderich fremde Kruter und Wurzeln, die er ihr aus Asien bringen lie
und vom Nil. Das hatte sie sich ausbedungen zum einzigen Lohn dafr, da
sie ihm als Knaben sein ganzes Schicksal geweissagt hatte: und war alles
eingetroffen aufs Haar: sie braute Salben und mischte Trnke: das
Waldweib nannte man sie laut: aber leise: die Wala, das Zauberweib. Und
wir alle am Hof wuten - auer den Priestern, die htten es gewehrt - da
jede Sommersonnenwende, wann sie kam, der Knig sich das Jahr vorhersagen
lie. Und kam sie von ihm heraus, so riefen sie, das wute ich, meine
Mutter und Theodahad und Gothelindis und fragten sie aus: und nie blieb
noch aus, was sie verkndet.

Da, in der nchsten Sonnenwende, fate auch ich mir ein Herz, lauerte der
Alten auf und lockte sie, wie ich sie allein fand, in mein Gemach und bot
ihr Gold und lichte Steine, wenn sie mir weissagen wollte.

Aber sie lachte und zog ein Flschchen von Bernstein hervor und sprach:
Nicht um Gold! Aber um Blut! Um mchtig Blut von einem reinen
Knigskind.

Und sie ritzte mir eine Ader im linken Arm und fing den Strahl in ihrem
Bernstein. Dann sah sie forschend in meine beiden Hnde und sang endlich
tonlos: Den du hltst im Herzen hoch, der giebt dir grten Glanz und
grtes Glck, schafft dir allerschrfsten Schmerz, wird dein Gemahl, dein
Gatte nicht. Und damit war sie hinaus.

Das ist wenig trstlich: - soviel ich's fasse.

Du kennst der Alten Sprche nicht: sie sind alle so dmmerdunkel: sie
fgt jeder Verheiung eine Drohung bei, fr alle Flle: ich aber halte
mich an das Helle, nicht an das Dunkle. Weissagung erfllt sich, wie man
sie fat: ich wei: er wird mein und bringt mir Glanz und Glck: den
Schmerz daneben will ich tragen: Schmerz um ihn ist Wonne.

Ich bewundre dich, Herrin, und deinen Glauben. Und auf den Spruch der
Hexe hin hast du ausgeschlagen all' die Knige und Frsten, vom Vandalen-
und Westgoten-, Franken- und Burgunderland, die um dich freiten? selbst
Germanus, den edeln, den kaiserlichen Prinzen von Byzanz? und harrst auf
ihn?

Und harr' auf ihn! Aber nicht des Spruches allein wegen. In meinem Herzen
lebt ein Vgelein, das singt mir alle Tage: er wird dein, er mu dein
werden. Ich wei es sternengewi, schlo sie, das Auge zum Himmel
aufschlagend und in die frhere Trumerei versinkend.

Rasche Schritte tnten von der Villa her. Ah, rief Aspa, dein schmucker
Freier! Armer Arahad, du verlierst deine Mhe!

Ich will dem Spiel ein Ende machen heut'! sprach Mataswintha, sich
erhebend: und auf ihrer Stirn, in ihren Augen lag jetzt eine zornige
Strenge, die das Blut der Amaler in ihren Adern bekundete: es lebte eine
seltsame Mischung von lodernder Leidenschaft und hinschmelzender Weichheit
in dem Mdchen. Aspa staunte oft ber das verhaltne Feuer in ihrer Herrin.
Du bist wie die Gtterberge in meiner Heimat, sagte sie: Schnee auf dem
Gipfel: Rosen um den Grtel: aber im Innern versengendes Feuer: das oft
ber Schnee und Rosen strmt.

Indes bog Graf Arahad aus dem buschigen Wege und neigte sich vor dem
schnen Weibe mit einem Errten, das ihm wohl anstand. Ich komme, sagte
er, Knigin ... -

Aber herb unterbrach sie ihn. Hoffentlich, Graf von Asta, kommst du,
endlich diesem schnden Spiel von Gewalt und Lge ein Ende zu machen.

Nicht lnger will ich's tragen. Dein kecker Bruder berfllt mich
pltzlich, die wehrlose, in die Trauer um ihre Mutter versunkene Waise, in
meinen Gemchern, nennt mich in einem Atem seine Knigin und seine
Gefangene und hlt mich wochenlang in unwrdiger Haft. Er bringt mir den
Purpur und nimmt mir die Freiheit. Darauf kommst du und verfolgst mich mit
deiner eiteln Werbung, die dich nie zum Ziele fhrt. Ich habe dich
verschmht in der Freiheit: glaubst du, gefangen, in deiner Zwanggewalt,
wird dich, du Thor, das Kind der Amaler erhren? Du schwrst, du liebest
mich? Wohlan, so achte mich. Ehre meinen Willen, la mich frei. Oder
zittre, wenn mein Befreier naht. Und drohend trat sie auf den Bestrzten
zu, der keine Worte finden konnte.

Da eilte heftigen Schrittes Herzog Guntharis herbei, mit funkelnden Augen.

Auf, Arahad, rief er, komm zu Ende. Wir mssen fort, sogleich. Er naht,
er dringt mit Macht heran. - Wer? fragte Arahad hastig. - Er sagt, er
kommt sie zu befreien. Er hat gesiegt, der Bauernknig, und unsre
Vorposten geschlagen bei Castrum Sivium.

Wer? fragte jetzt Mataswintha eifrig.

Nun, antwortete Guntharis zornig, jetzt magst du's erfahren: es ist
doch nicht mehr zu bergen: Graf Witichis von Fsul.

Witichis! hauchte Mataswintha mit leuchtenden Augen und hochaufatmend.

Ja! ihn haben die Rebellen von Regeta, das Recht des Adels vergessend,
zum Knig der Goten erhoben.

Er! er mein Knig! sprach Mataswintha wie im Traume.

Ich htte dir's gesagt, schon da ich dich als Knigin begrte; aber in
deinem Gemach stand seine Marmorbste, bekrnzt. Das war mir verdchtig.
Spter sah ich's: es war ein Zufall: es ist ein Areskopf.

Mataswintha schwieg und suchte die glhende Rte zu verbergen, die ihr
Antlitz berflog.

Nun, rief Arahad, was ist zu thun?

Wir mssen fort. Wir mssen ihm zuvorkommen in Ravenna. Florentia, die
Feste, hlt ihn eine Weile auf: indessen gewinnen wir Ravenna und wenn du
Beilager gehalten in der Burg Theoderichs mit dessen Enkelin, ist alles
Volk der Goten unser. Auf, Knigin! Ich lasse deinen Wagen schirren: in
einer Stunde gehst du nach Ravenna in der Mitte unsrer Scharen. Und die
Brder eilten hinweg.

Blitzenden Auges sah ihnen Mataswintha nach:

Ja, fhrt mich fort, gefangen und gebunden; wie der Adler aus der Hhe
wird mein Knig auf euch niederstoen und mich retten aus eurer Gewalt.
Komm, Aspa, der Befreier naht.




                             Zehntes Kapitel.


Kaum hatten die Goten den Mauern Roms den Rcken gewendet, so berief Papst
Silverius - es war am Tage nach seinem Eide - die Spitzen der
Priesterschaft, des Adels, der Beamten und der Brgerschaft der Stadt in
die Thermen des Caracalla zu einer Beratung ber Heil und Gedeihen der
Stadt des heiligen Petrus. Auch Cethegus war geladen und erschienen.

Mit Unbefangenheit stellte Silverius darauf den Antrag, da endlich die
Stunde gekommen sei, das Joch der Ketzer abzuwerfen, eine Gesandtschaft an
Belisarius, den Feldherrn des rechtglubigen Kaisers Justinian, des einzig
rechtmigen Herrn Italiens, abzuordnen, ihm die Schlssel der ewigen
Stadt zu berreichen und ihm und seinem Heere den Schutz der Kirche und
der Glubigen gegen die Rache der Barbaren zu empfehlen.

Den Gewissenszweifel eines noch sehr jungen Priesters und eines ehrlichen
Schmiedemeisters wegen des gestern geleisteten Eides beseitigte er
lchelnden Mundes mit der Berufung auf seine apostolische Macht, wie zu
binden, so zu lsen: und auf die offenbare Gewalt gotischer Waffen, unter
deren Eindruck sie den Schwur geleistet. Darauf ging der Antrag einstimmig
durch: und der Papst selbst, Scvola, Albinus und Cethegus wurden als die
Gesandten gewhlt.

Aber Cethegus widersprach: schweigend hatte er die Verhandlung mit
angehrt und sich der Abstimmung enthalten: jetzt stand er auf und sprach:
Ich bin gegen den Beschlu. Nicht wegen des Eides. Ich brauche deshalb
apostolische Lsungsgewalt nicht in Anspruch zu nehmen. Denn ich habe
nicht geschworen. Aber um der Stadt willen. Das heit: uns ohne Not dem
gerechten Zorn der Goten aussetzen, die wohl einmal wiederkommen knnen
und dann solch offnen Abfall nicht mit apostolischer Lsung entschuldigen
werden. Lat uns gebeten oder gezwungen werden von Belisar: wer sich
wegwirft, wird mit Fen getreten.

Silverius und Scvola tauschten bedeutsame Blicke.

Solche Gesinnung, sprach der Jurist, wird dem Feldherrn des Kaisers
gewi sehr gefallen, kann aber an dem Beschlu nichts ndern. Du gehst
also nicht mit uns zu Belisar?

Cethegus stand auf: Ich gehe zu Belisar. Aber nicht mit euch, sagte er
und ging hinaus.

Als die brigen die Thermen verlassen, sprach der Papst zu Scvola: Das
giebt ihm den Rest. Er hat sich vor Zeugen gegen die bergabe erklrt! -
Und er geht selbst in die Hhle des Lwen. - Er soll sie nicht mehr
verlassen. Du hast doch die Anklageakte aufgesetzt? - Schon lngst. Ich
frchtete, er werde die Gewalt in der Stadt an sich reien: und er geht
selbst zu Belisar! Er ist verloren, der Stolze. - Amen! sagte
Silverius. Und so mag jeder untergehen, der in weltlichem Trachten dem
heiligen Petrus widerstreitet. bermorgen um die vierte Stunde machen wir
uns auf.

Aber er irrte, der heilige Vater: diesmal sollte der Stolze noch nicht
untergehen.

Cethegus war sofort nach seinem Hause geeilt, wo der gallische Reisewagen
angeschirrt seiner wartete. Gleich brechen wir auf, rief er dem Sklaven
zu, der auf dem vordersten Rosse sa, ich hole nur mein Schwert.

Im Vestibulum traf er die Licinier, die ihn ungeduldig erwarteten. Heut'
kam der Tag, rief ihm Lucius entgegen, auf den du uns solang
vertrstet! - Wo ist die Probe deines Vertrauens in unseren Mut, unser
Geschick, unsre Treue? fragte Marcus. - Geduld! sprach Cethegus mit
erhobenem Zeigefinger und schritt in sein Gemach.

Alsbald kam er wieder, sein Schwert und mehrere Pergamente unterm linken
Arm, eine versiegelte Rolle in der Rechten: sein Auge leuchtete: Ist das
uerste Eisenthor der Moles Hadriani fertig? fragte er. - Fertig,
sprach Lucius Licinius. - Ist das Getreide aus Sicilien in dem Kapitol
geborgen? - Geborgen. - Sind die Waffen verteilt und die Schanzen am
Kapitol vollendet, wie ich befahl? - Vollendet, antwortete Marcus. -
Gut. Nehmt diese Rolle. Entsiegelt sie morgen, sowie Silverius die Stadt
verlassen, und erfllt jedes ihrer Worte genau. Es gilt nicht nur mein
Leben und das eure -: es gilt Rom! Die Stadt Csars wird eure Thaten
sehen. Geht: auf Wiedersehen!

Und aus seinen Augen sprhte Feuer in die Herzen der jungen Rmer. - Du
sollst zufrieden sein! - Du und Csar! riefen sie und eilten hinweg.
Mit einem Lcheln, das selten auf seinem Antlitz mit solcher Freudigkeit
spielte, sprang Cethegus in seinen Wagen. Heiliger Vater, sagte er zu
sich selbst, ich bin noch in deiner Schuld fr die letzte Versammlung in
den Katakomben: ich will sie zahlen! - Die Via latina hinab! rief er
rasch dem Sklaven zu, und la die Rosse jagen, was sie knnen.

Der Prfekt hatte einen Vorsprung von mehr als einem Tag vor der langsamer
reisenden Gesandtschaft. Und er nutzte ihn wohl.

Er hatte in seinem unermdlichen Geist einen Plan ersonnen, trotz Belisars
Landung in Italien, doch in Rom Herr und Meister zu bleiben. Und er ging
jetzt mit all seiner Umsicht an die Ausfhrung.

Kaum konnte er erwarten, bis er auf die Vorposten der Byzantiner bei Capua
traf, deren Fhrer, Johannes, ihn durch einige Reiter und seinen eignen
jngeren Bruder, Perseus, nach dem Hauptquartier geleiten lie. Im Lager
angekommen fragte Cethegus nicht nach dem Feldherrn, sondern lie sich
sofort nach dem Zelt des Rechtsrats Prokopius von Csarea fhren.

Prokopius war sein Studiengenosse in Berytus auf der Juristenschule
gewesen: und die beiden bedeutenden Geister hatten sich mchtig angezogen.
Aber nicht die Wrme der Freundschaft fhrte den Prfekten vor allem zu
diesem Mann: dieser Mann war der beste Kenner von Belisars ganzer
politischer Vergangenheit, wohl auch der Vertraute seiner Plne fr die
Zukunft.

Mit Freuden empfing den Jugendfreund Prokopius.

Er war ein Mann von frischem, gesundem Menschenverstand, einer von den
wenigen Gelehrten jener Zeit, denen die geknstelte Bildung in den
Rhetorenschulen nicht die Fhigkeit, einfach aufzufassen und gesund zu
fhlen, unter den Schnrkeln byzantinischer Gelehrtheit erstickt hatte.
Heller Verstand lag auf der offnen Stirn und in dem noch jugendlich
leuchtenden Auge glnzte die Freude an allem Guten.

Nachdem Cethegus Staub und Mhsal der Reise in einem sorgfltigen Bad
abgesplt, machte sein Wirt, ehe er ihn zur Abendtafel in sein Zelt
fhrte, mit ihm die Runde durch das Lager, ihm die Quartiere der
wichtigsten Truppenteile, der bedeutendsten Heerfhrer weisend und mit ein
paar Worten deren Eigenart, Verdienste und oft bunt zusammengesetzte
Vergangenheit erluternd.

Da waren die Shne des rauhen Thrakiens, Constantinus und Bessas, die sich
aus rohem Sldnerhandwerk emporgerungen, tapfre Soldaten, aber ohne
Bildung, mit dem ganzen Eigendnkel selbstgemachter Mnner: - sie
betrachteten sich als Belisars unentbehrliche Sttzen und ihn
vollersetzende Nachfolger.

Daneben der vornehme Iberier Peranius, aus dem Knigsgeschlecht der
Iberier, der feindlichen Nachbarn der Perser, der aus Ha gegen die
persischen berwinder Vaterland und Hoffnung des Thrones aufgegeben und
Dienste in des Kaisers Heer genommen hatte.

Dann Valentinus, Magnus und Innocentius, verwegene Fhrer der Reiterei,
Paulus, Demetrius, Ursicinus, die Fhrer des Fuvolks, Ennes, der
isaurische Huptling und Heerfhrer der Isaurier Belisars, Aigan und
Askan, die Fhrer der Massageten, Alamundarus und Knig Abocharabus, die
Saracenen, Ambazuch und Bleda, die Hunnen, Arsakes, Amazaspes und
Artabanes, die Armenier - der Arsakide Phaza war mit dem Rest der Armenier
in Neapolis zurckgelassen werden - Azarethas und Barasmanes, die Perser,
Antallas und Cabaon, die Mauren. Sie alle kannte und nannte Prokopius,
karg sein Lob, reichlich und mit Behagen spitzen, aber geistvollen Tadel
spendend.

Eben wandten sie sich zu dem Quartier des Martinus, des friedlichen
Stdteverbrenners, zur Rechten, da fragte Cethegus, stehen bleibend: Und
wessen ist das Seidenzelt dort auf dem Hgel, mit den goldnen Sternen und
dem Purpurwimpel? und seine Wachen tragen goldne Schilde?

Dort, sprach Prokop, wohnt seine unberwindliche Kstlichkeit, des
rmischen Reiches Oberpurpurschneckenintendant, Prinz Areobindos, den Gott
erleuchte.

Des Kaisers Neffe, nicht?

Jawohl, er hat des Kaisers Nichte, Projecta, geheiratet: sein hchstes
und einziges Verdienst. Er ist hierher gesendet mit der Kaisergarde, uns
zu rgern und dafr zu sorgen, da wir nicht so leicht siegen. Er ist
Belisarius gleichgestellt, versteht vom Krieg sowenig, wie Belisar von den
Purpurschnecken, und soll Statthalter von Italien werden.

So, sprach Cethegus.

Er wollte beim Lagerschlagen sein Zelt durchaus zur Rechten Belisars
haben. Wir gaben nicht nach. Zum Glck hat Gott in seiner Allweisheit
jenen Hgel zur Lsung unsres Rangstreits schon vor Jahrtausenden hier
aufgeworfen: nun lagert der Prinz zwar links, aber hher als Belisarius.
- Und wessen sind die bunten Zelte dort, hinter Belisars Quartier? Wer
wohnt darin? - Dort, seufzte Prokop, ein sehr unglckliches Weib:
Antonina, Belisars Gemahlin. - Sie unglcklich? die Gefeierte, die
zweite Kaiserin? warum? - Davon ist nicht gut reden in offner
Lagergasse. Komm mit ins Zelt, der Wein wird genug gekhlt sein.




                             Elftes Kapitel.


Im Zelte fanden sie die zierlichen Polster des Feldbetts um einen niedern
Bronzetisch von durchbrochner Arbeit gelegt, den Cethegus lobte.

Das ist ein afrikanisches Beutestck aus dem Vandalenkrieg: ich nahm es
aus Karthago mit. Und diese weichen Kissen lagen einst auf dem Bett des
Perserknigs: ich erbeutete sie in der Schlacht von Dara.

Du bist mir ein praktischer Gelehrter! lchelte Cethegus. Wie bist du
so anders geworden seit den Tagen von Athen.

Das will ich hoffen! sprach Prokop und zerschnitt selbst - er hatte die
aufwartenden Sklaven entfernt - die dampfende Hirschkeule vor ihm. Du
mut wissen: ich wollte Philosophie zu meinem Beruf machen, Weltweiser
werden. Drei Jahre hrte ich die Platoniker, die Stoiker, die Akademiker
zu Athen, - und studirte mich krank und dumm. Auch blieb es nicht bei der
Philosophie. Nach lblicher Sitte unsres frommen Jahrhunderts mute auch
die Theologie beigezogen werden: und ein weiteres Jahr hatte ich darber
nachzudenken, ob Christus, als Gott Vater, zugleich seiner eignen
jungfrulichen Mutter Vater, also sein eigner Grovater sei. Nun, ber
all' diesen Studien drohte mir mein von Natur gar nicht zu verachtender
Verstand abhanden zu kommen.

Zum Glck ward ich sterbenskrank und die rzte verboten mir Athen und alle
Bcher. Sie schickten mich nach Kleinasien. Ich rettete nur einen
Thukydides in meinen Reiseranzen. Und dieser Thukydides rettete mich.

Ich las und las in der Langeweile der Reise seine herrliche Geschichte von
der Hellenen Thaten in Krieg und Frieden: und nun bemerkte ich mit
Staunen, da der Menschen Thun und Treiben, ihre Leidenschaften, ihre
Tugenden und Frevel eigentlich doch viel anziehender und denkwrdiger
seien als alle Formeln und Figuren heidnischer Logik - von der
christlichen Logik vollends zu schweigen!

Und wie ich nach Ephesos gelangte und durch die Straen schlenderte, kam
pltzlich ber mich eine wunderbare Erleuchtung. Denn ich wandelte ber
einen groen Platz: da stand vor mir die Kirche des heiligen Geistes: und
war erbaut auf den Trmmern des alten Dianatempels. Und zur Linken stand
ein zerfallner Altar der Isis und zur Rechten ragte das Bethaus der Juden.

Da ergriff mich pltzlich der Gedanke: Die alle glaubten und glauben nun
steif und fest, sie allein wten das Rechte von dem hchsten Wesen.

Und das ist doch unmglich: das hchste Wesen hat, wie es scheint, gar
kein Bedrfnis, von uns erkannt zu werden - ich htte es auch nicht, an
seiner Statt! - und es hat die Menschen geschaffen, da sie leben, tchtig
handeln und sich wacker umtreiben auf Erden. Und dies Leben, Handeln,
Genieen und Sichumtreiben ist eigentlich alles, worauf es ankmmt. Und
wenn einer forschen und denken will, so soll er der Menschen Leben und
Treiben erforschen.

Und wie ich so stand und sann, da schmetterten Trompeten: ein glnzender
Reiterzug trabte heran: an seiner Spitze ein herrlicher Mann auf einem
Rotscheck, schn und stark wie der Kriegsgott. Und ihre Waffen blitzten
und die Fahnen flogen und die Rlein sprangen. Und ich dachte mir: Die
wissen, warum sie leben: und brauchen keinen Philosophen darum zu fragen.

Und wie ich mit verwunderten Augen den Reitern zusah, schlug mich ein
Brger von Ephesos auf die Schulter und sprach: Ihr scheint nicht zu
wissen, wer das war, und wohin sie ziehen? Das ist der Held Belisarius,
der zieht in den Perserkrieg. - Gut, sagte ich, Freund! Und ich ziehe
mit! Und so geschah's zur selben Stunde.

Und Belisarius bestellte mich bald zu seinem Rechtsrat und
Geheimschreiber. Und seither habe ich einen doppelten Beruf: bei Tage
mach' ich Weltgeschichte oder helfe sie machen: und bei Nacht schreibe ich
Weltgeschichte. - Und welches ist deine bessere Arbeit? - Freund,
leider das Schreiben! Und das Schreiben wre noch besser, wenn die
Geschichte besser wre. Denn ich bin meistens gar nicht einverstanden mit
dem was wir thun: und thu's nur mit, weil's doch besser ist, als gar
nichts thun oder philosophieren. Bringe den Tacitus, Sklave! rief er zur
Zeltthr hinaus.

Den Tacitus?

Ja Freund, vom Livius haben wir jetzt genug getrunken. Du mut wissen:
ich nenne meine Weine je nach ihrer geschichtlichen Eigenart. - Zum
Beispiel dieses lrmende Stck Weltgeschichte, das wir hier auffhren,
dieser Gotenkrieg ist ganz gegen meinen Geschmack: Narses hat ganz recht,
erst sollten wir die Perser abwehren, eh wir die Goten angreifen.

Narses! was treibt mein kluger Freund?

Er beneidet Belisar und lt sich's selbst nicht merken. Auerdem macht
er Kriegs- und Schlachtenplne. Ich wette, er hatte Italien schon erobert
ehe wir landeten.

Du bist nicht sein Freund. Er ist doch ein hoher Geist. Warum ziehst du
Belisar vor?

Das will ich dir sagen, sprach Prokop, den Tacitus einschenkend. Mein
Unglck ist, da ich nicht Geschichtschreiber Alexanders oder Scipios
geworden. Mein ganzes Herz sehnt sich, seit ich der Philosophie - und
Theologie! - genesen, nach Menschen, nach dem vollen ganzen Menschen, mit
Fleisch und Blut. Da widern mich diese spindeldrren Kaiser und Bischfe
und Feldherrn an, die alles mit dem Verstand erklgeln; wir sind ein
verkrppeltes Geschlecht geworden: die Heroenzeit liegt hinter uns! Nur
Belisarius, der Biedre, ist noch ein Heros, wie aus der alten Zeit. Er
knnte mit Agamemnon vor Troja liegen. Er ist nicht dumm; er hat Verstand;
aber nur den Naturverstand des edeln, wilden Tieres zu seinem Beutefang,
zu seinem Handwerk. Belisars Handwerk nun ist die Heldenschaft!

Und ich habe meine Freude an seiner breiten Brust und seinen blitzenden
Augen und den mchtigen Schenkeln, mit denen er die strksten Hengste
zwingt. Und mich freut's, wenn ihm manchmal die blinde Lust,
dreinzuschlagen, durch alle seine Feldherrnplne braust. Mich freut's,
wenn ich ihn in der Schlacht mitten unter die Feinde jagen sehe und
kmpfen, wie ein schumender Eber haut.

Freilich, sagen darf ich's ihm nicht, da mir das gefllt; denn sonst
wr's nicht auszuhalten: in drei Tagen wr' er in Stcke gehauen. Im
Gegenteil; ich halte ihn zurck: ich bin sein Verstand, wie er mich nennt.
Und er lt sich meine Verstndigkeit gefallen, weil er wei, da sie
nicht Feigheit ist. Hab' ich ihn doch mehr als einmal mit meiner
Laienklugheit aus einer Verlegenheit ziehen mssen, in die ihn der Trotz
seines Heldentums gebracht! Die lustigste dieser Geschichten ist die von
Horn und Tuba.

Welche von beiden blsest du, o mein Prokopius?

Keine, nur die Posaune des Ruhms und die Pfeife des Spottes!

Aber was war's mit Horn und Trompete?

Ei, wir lagen vor einem Felsennest in Persien, das wir haben muten, weil
es die Strae beherrscht. Wir hatten uns aber schon mehrmals unsere
heroischen Kpfe bel daran zerstoen: und mein zorniger Herr schwor bei
dem Schlummer Justinians -, das ist nmlich sein hchstes Heiligtum - er
werde nie vor dieser Burg Anglon zum Rckzug blasen lassen. Nun wurden
aber unsre Vorposten sehr oft aus der Festung berfallen: wir, im
hochgelegnen Lager, konnten die Angreifer aus der Burg brechen sehen,
nicht aber konnten das unsre Vorposten am Fue des Berges. Ich riet nun,
da wir vom Lager aus unsern Leuten das Zeichen zum Rckzug geben lassen
sollten, so oft wir die Gefahr ihnen drohen sahen.

Aber da kam ich bel an!

Der Schlummer Justinians sei ein solches Heiligtum, da man an einem
darauf geleisteten Schwur nicht makeln drfe! Und so muten sich denn
unsre armen Burschen von den Persern unversehens berrumpeln lassen! Bis
ich auf den scharfsinnigen Ausweg kam, meinem Helden vorzuschlagen, er
solle, um die Unsern zum Rckzug zu mahnen, das Angriffszeichen mit dem
Horn, statt mit der Tuba, blasen lassen.

Das leuchtete ihm ein, dem biedern Belisarius.

Und wenn wir nun lustig die Hrner zum Angriff schmettern lieen, liefen
unsre Leute schleunigst wie geschreckte Hasen davon! Es war zum Todlachen,
jene mutigen Klnge so schnde wirken zu sehen! Aber es half: Justinians
Schlummer und Belisars Eid blieben ungeschwcht, unsre Vorposten wurden
nicht mehr abgeschlachtet und das Felsnest fiel endlich. Also schelt' ich
ihn immer spottend aus fr seine Heroenthaten. Aber im stillen erwrme und
erfreue ich mein tiefstes Herz dran: er ist der letzte Heros!

Nun, meinte Cethegus, bei den Goten findest du gar manchen solchen
Schlagetot.

Prokop nickte bedchtig: Kann auch nicht leugnen, da ich groes
Wohlgefallen habe an diesen Goten. Sind aber doch zu dumm.

Wie? Warum?

Dumm sind sie, da sie, anstatt hbsch langsam, Schritt fr Schritt, im
Zusammenhang mit ihren gelbhaarigen Brdern, sich gegen uns vorzuschieben
- sie wren unaufhaltsam! - in dieses Italien sich ohne allen Verstand
vereinzelt hereingedrngt haben, wie ein Stck Holz mitten in einen
glimmenden Herd. Daran werden sie untergehen: sie werden verbrennen, du
wirst es sehen. - Ich hoffe, es zu sehen. Und was dann? fragte Cethegus
ruhig.

Ja, antwortete Prokop verdrielich, was dann! Das ist das rgerliche!
Dann wird Belisar Statthalter von Italien - denn mit dem Schneckenprinzen
dauert es kein Jahr - und er verliegt hier seine schnste Kraft, whrend
es Arbeit vollauf gbe bei den Persern. Und ich werde dann als sein
Hofhistoriograph nur zu schreiben haben, wie viele Schluche Wein wir
jhrlich vertilgen.

Du willst also, wenn die Goten beseitigt sind, Belisar wieder fort haben
aus Italien?

Freilich! Im Perserland blhn seine Lorbeern und die meinen! Ich sinne
schon lange auf ein Mittel, ihn von hier dann wieder fortzubringen.

Cethegus schwieg. Er freute sich, einen so wichtigen Bundesgenossen fr
seinen Plan gefunden zu haben. Und so beherrscht also sein Verstand
Prokopius den Lwen Belisar, sagte er laut. - Nein! seufzte Prokop,
vielmehr sein Unverstand, sein Weib. - Antonina! Sage, weshalb nanntest
du sie unglcklich.

Weil sie halb ist und ein Widerspruch. Die Natur hat sie zu einem braven,
treuen Weib angelegt: und Belisar liebt sie mit der vollen Kraft seiner
Heroenseele. Da kam sie an den Hof der Kaiserin. Theodora, diese schne
Teufelin, ist von Natur ebenso zur Buhlschaft angelegt wie Antonina zur
Tugend. Die Cirkusdirne hat gewi noch nie einen Stachel des Gewissens
empfunden. Aber ich glaube, sie ertrgt es nicht, ein ehrsam Weib in ihrer
nchsten Nhe zu haben, das sie verachten mte. Sie ruhte nicht, bis es
ihr gelungen, durch ihr hllisches Beispiel Antoninas Gefallsucht zu
wecken. Gewissensqual empfindet diese ber ihr Spiel mit ihren Verehrern:
denn sie liebt ihren Mann, sie betet ihn an.

Und doch? Wie mag ihr ein Held, wie Belisar, nicht gengen? -

Eben, weil er ein Held ist! Er schmeichelt ihr nicht, bei all seiner
Liebe. Sie konnt' es nicht tragen, die Buhler der Kaiserin in Versen,
Blumen, Geschenken sich erschpfen zu sehen und selbst solcher Huldigung
zu entbehren. Eitelkeit ward ihr Fallstrick. Aber es ist ihr gar nicht
wohl bei all dem Getndel.

Und ahnt Belisar? -

Keinen Schatten! Er ist der einzige im ganzen rmischen Kaiserreich, der
es nicht wei, was ihn doch zumeist angeht. Ich glaube, es wre sein Tod.
Und auch deshalb schon darf Belisar nicht hier im Frieden Statthalter von
Italien werden. Im Lager, im Getmmel des Krieges, da fehlen dem
gefallschtigen Weib die Schmeichler und auch die Mue, sie zu hren.
Denn, gleichsam zur freiwilligen Bue fr jene sen Verbrechen der
heimlichen Gedichte und Blumen - grberer Schuld ist sie gewi nicht fhig
- berbietet Antonina alle Frauen an Pflichtstrenge; sie ist Belisars
Freund, sein Mitfeldherr; sie teilt die Beschwerden und Gefahren des
Meeres, der Wste, des Krieges mit ihm: sie arbeitet mit ihm Tag und
Nacht, wann sie nicht gerade Verse andrer auf ihre schnen Augen liest! -
Schon oft hat sie ihn gerettet aus den Schlingen seiner Feinde am Hofe zu
Byzanz. Kurz, nur im Krieg, im Lager thut sie gut, da wo auch seine Gre
allein gedeiht.

Nun, sprach Cethegus, wei ich genug, wie die Dinge hier stehen. La
mich offen mit dir reden: du willst Belisar nach seinem Sieg aus Italien
wieder fort haben; ich auch: du um Belisars, ich um Italiens willen. Du
weit, ich war von jeher Republikaner .... - - -

Da schob Prokop den Becher zur Seite und sah seinen Gast bedeutsam an:
Das sind alle jungen Leute zwischen vierzehn und einundzwanzig Jahren.
Aber da du's noch bist - find' ich - sehr - sehr - unhistorisch. Aus
diesem italischen Gesindel, unsern hchst liebwerten Bundesgenossen gegen
die Goten, willst du Brger einer Republik machen? Sie sind zu nichts mehr
gut als zur Tyrannis!

Ich will darber nicht streiten! lchelte Cethegus. Aber vor _eurer_
Tyrannis mcht ich mein Vaterland bewahren.

Kann dir's nicht verdenken! lchelte Prokop, die Segnungen unsrer
Herrschaft sind - erdrckend!

Ein eingeborner Statthalter unter dem Schutz von Byzanz gengt zunchst.

Jawohl, und dieser wrde Cethegus heien!

Wenn's sein mu, - auch das!

Hre, sprach Prokop ernsthaft, ich warne dich dabei nur vor einem. Die
Luft von Rom heckt stolze Plne aus. Man ist dort, als Herr von Rom, nicht
gern der zweite auf Erden. Und glaube dem Historikus: es ist doch nichts
mehr mit der Weltherrschaft Roms.

Cethegus ward unwillig. Er gedachte der Warnung Knig Theoderichs.
Historikus von Byzanz, meine rmischen Dinge kenne ich besser als du. La
dich jetzt einweihen in unsre rmischen Geheimnisse; dann verschaffe mir
morgen frh, eh' die Gesandtschaft von Rom anlangt, ein Gesprch mit
Belisar und - sei eines groen Erfolges gewi. Und nun begann er dem
staunenden Prokop mit raschen Strichen ein Bild der Geheimgeschichte der
jngsten Vergangenheit und seine Plne der Zukunft zu entwerfen, sein
letztes Ziel wohlweislich verhllend.

Bei den Manen des Romulus! rief Prokop, als er geendet hatte. Ihr macht
noch immer Weltgeschichte an dem Tiber. Nun, hier meine Hand. Meine Hilfe
hast du! Belisar soll siegen, doch nicht herrschen in Italien; darauf la
uns noch einen Krug herben Sallustius leeren!

Frh am andern Tage vermittelte Prokop seinem Freunde eine Unterredung mit
Belisar, von welcher jener sehr befriedigt zurckkam.

Nun, hast du ihm alles gesagt? fragte der Historiker.

Nicht eben alles! sprach Cethegus mit feinem Lcheln: man mu immer
noch etwas zu sagen brig behalten.




                            Zwlftes Kapitel.


Bald darauf ward das Lager von seltsamer Aufregung erfllt.

Das Gercht von der Ankunft des heiligen Vaters, das seiner reich
vergoldeten Snfte voranflog, ri die Tausende von Soldaten mit Krften
der Andacht, der Ehrfurcht, des Aberglaubens, der Neugier aus ihren
Zelten, von Schlaf und Schmaus und Spiel hinweg, ihm entgegen. Kaum, da
die Anfhrer die Mannschaft im Dienst und auf den Wachen zurckhalten
konnten; meilenweit waren ihm die Glubigen entgegengeeilt und geleiteten
jetzt, mit Haufen des Landvolks der Umgegend gemischt, seinen Zug ins
Lager. Lngst hatten sich Bauern und Soldaten an der Eselinnen Statt, die
seine Snfte trugen, eingespannt: - vergebens hatte sich die
Bescheidenheit des Papstes dagegen gestrubt - und unter unaufhrlichem
Jubelruf: Heil dem Bischof von Rom, Heil dem heiligen Petrus! wlzte
sich der Strom der Tausende heran, ber die Silverius unermdlich Segen
sprach. Seiner beiden Mitgesandten, Scvola und Albinus, dachte kein
Mensch.

Belisar sah von seinem Zelthgel aus mit ernsten Augen das mchtige
Schauspiel. Der Prfekt hat Recht! sprach er dann: dieser Priester ist
gefhrlicher als die Goten. Es ist ein Triumphzug! Prokop, la die
byzantinische Leibwache an meinem Zelt ablsen, sowie die Unterredung
beginnt: sie sind allzugute Christen. La die Hunnen aufziehn und die
heidnischen Gepiden.

Damit schritt er in sein Zelt zurck, wo er alsbald, von seinen
Heerfhrern umgeben, die rmische Gesandtschaft empfing. Den Prinzen
Areobindos hatte Prokop von der Notwendigkeit einer Rekognoscierung
berzeugt, die nur heute und nur von ihm vorgenommen werden konnte.

Umwogt von einem glnzenden geistlichen Gefolge nahte der Papst dem
Feldherrnzelt. Groe Massen Volkes drngten nach, aber sowie der Papst mit
Scvola und Albinus die Mndung der engen Lagergasse hinter sich hatten,
sperrten die Wachen mit gefllten Lanzen den Weg und lieen weder Priester
noch Soldaten folgen.

Lchelnd wandte sich Silverius zu dem Fhrer der Schar und hielt ihm eine
schne Rede ber den Text: lasset die Kleinen zu mir kommen und wehret
ihnen nicht. Aber der Germane schttelte den zottigen Kopf und wandte ihm
den Rcken: der Gepide verstand kein Latein, auer dem Kommando.

Da lchelte Silverius wieder, segnete nochmals seine Getreuen und schritt
dann ruhig weiter in das Zelt. Belisar sa auf einem Feldsessel: darber
war eine Lwenhaut gebreitet: ihm zur Linken thronte die schne Antonina
auf einem Pardelfell. Ihre wunde Seele hatte in dem Nachfolger des
heiligen Petrus einen Arzt und Helfer zu finden gehofft. Aber bei dem
Anblick der weltklugen Zge des Silverius zog sich ihr Herz zusammen.

Belisar erhob sich beim Eintritt des Papstes.

Dieser schritt, ohne sich zu neigen, gerade auf ihn zu und legte ihm - er
mute sich mhsam dazu aufrichten - wie segnend beide Hnde auf die
Schultern. Er wollte ihn leise niederdrcken auf die Kniee: - aber
eichenfest blieb der Feldherr aufrecht stehen: und Silverius mute dem
Stehenden den Segen erteilen.

Ihr kommt als Gesandte der Rmer? begann Belisar.

Ich komme, unterbrach Silverius, im Namen des heiligen Petrus, als
Bischof von Rom dir und dem Kaiser Justinian meine Stadt zu bergeben.
Diese guten Leute, fuhr er fort, auf Scvola und Albinus weisend, haben
sich mir angeschlossen wie die Glieder dem Haupt. Unwillig wollte Scvola
einfallen, - so hatte er seinen Bund mit der Kirche nicht verstanden! -
aber Belisar winkte ihm, zu schweigen.

Und so heie ich dich willkommen in Italien und Rom im Namen des Herrn.
Ziehe ein in die Mauern der ewigen Stadt zum Schirme der Kirche und der
Glubigen wider die Ketzer! Erhhe dort den Namen des Herrn und das Kreuz
Jesu Christi und vergi nie, da es die heilige Kirche war, die dir die
Wege gebahnt und die Pfade gebaut. Ich bin es gewesen, den Gott zum
Werkzeug gewhlt, die Goten in thrichte Sicherheit zu wiegen und blinden
Auges aus der Stadt zu fhren: ich bin es gewesen, der die schwankende
Stadt, die Brger fr dich gewonnen und die Anschlge deiner Feinde
vernichtet hat. Der heilige Petrus ist es, der dir mit meiner Hand die
Schlssel seiner Stadt berreicht, auf da du sie ihm beschirmest und
beschtzest. Vergi niemals dieser Worte. Und er reichte ihm die
Schlssel des asinarischen Thores.

Ich werde sie nie vergessen! sprach Belisar und winkte Prokop, der den
Schlssel aus der Hand des Papstes nahm. Du sprachst von Anschlgen
meiner Feinde. Hat der Kaiser Feinde in Rom?

Da sprach Silverius mit Seufzen: La ab, Feldherr, zu fragen.

Ihre Netze sind zerrissen: sie sind unschdlich und der Kirche steht nicht
an, zu verklagen, sondern zu entschuldigen und alles zum besten zu
kehren.

Es ist deine Pflicht, heiliger Vater, dem rechtglubigen Kaiser die
Verrter zu entdecken, die unter seinen rmischen Unterthanen sich bergen
und ich fordre dich auf, seinen Feind zu entlarven.

Silverius seufzte: die Kirche drstet nicht nach Blut. - Aber sie darf
den Arm der weltlichen Gerechtigkeit nicht hemmen, sprach Scvola. Und
der Jurist trat vor und berreichte Belisar eine Papyrusrolle. Ich hebe
Klage gegen Cornelius Cethegus Csarius, den Prfekten von Rom, wegen
Majesttsbeleidigung und Emprung gegen Kaiser Justinian. Diese Schrift
enthlt die Klagepunkte und die Beweise. Er hat des Kaisers Regierung eine
Tyrannei gescholten. Er hat sich der Landung kaiserlicher Heere nach
Krften widersetzt. Er hat endlich noch vor wenig Tagen, er allein, dafr
gestimmt, die Thore Roms dir nicht zu ffnen.

Und welche Strafe beantragt ihr? fragte Belisar, in die Schrift
blickend.

Nach dem Gesetz den Tod, sprach Scvola. - Und seine Gter verfallen
nach dem Gesetz, sprach Albinus, halb dem Fiskus, halb den Klgern. -
Und seine Seele der Barmherzigkeit Gottes, schlo der Bischof von Rom.

Wo ist der Angeklagte? fragte Belisar.

Er verhie, dich aufzusuchen; aber ich frchte, sein bses Gewissen wird
ihn nicht haben kommen lassen.

Du irrst, Bischof von Rom, sprach Belisar, er ist schon hier.

Bei diesem Wort fiel der Vorhang im Hintergrund des Zeltes und vor den
erstaunten Anklgern stand Cethegus der Prfekt. berrascht fuhren die
Anklger auf; schweigend, mit vernichtendem Blick, trat Cethegus einige
Schritte vor, bis er zur Rechten Belisars stand.

Cethegus hat mich frher aufgesucht als du, fuhr der Feldherr nach einer
Pause fort: und er ist dir zuvorgekommen - auch im Anklagen. Du stehst
als schwer Beschuldigter vor mir, Silverius. Verteidige dich, ehe du
verklagst.

Ich als Beschuldigter? lchelte der Papst. Wo wre ein Klger oder ein
Richter fr den Nachfolger des heiligen Petrus?

Der Richter bin ich: an deines Herrn, des Kaisers Statt.

Und der Klger? fragte Silverius.

Cethegus wandte sich halb gegen Belisar und sprach: Der Klger bin ich!
Ich habe Silverius, den Bischof von Rom, des Verbrechens der verletzten
Majestt des Kaisers und des Hochverrats am rmischen Reich geziehen. Ich
beweise sofort meine Klage. Silverius hat die Absicht, die Herrschaft der
Stadt Rom und einen groen Teil Italiens dem Kaiser Justinian zu entreien
und - lcherlich zu sagen! - ein Priesterreich zu grnden in dem
Vaterlande der Csaren. Und schon hat er den nchsten Versuch gethan zur
Ausfhrung dieses - soll ich sagen: seines Wahnsinns oder seines
Verbrechens? Hier berreiche ich einen Vertrag, - hier steht die
Unterschrift seiner Hand - den er mit Theodahad, dem letzten Frsten der
Barbaren, geschlossen. Der Knig verkauft darin fr ewige Zeiten fr die
Summe von tausend Pfund Gold an den heiligen Petrus und seine Nachfolger,
fr den Fall, da Silverius Bischof von Rom werde, die Herrschaft der
Stadt und das Weichbild von Rom und dreiig Meilen in der Runde. Es sind
aufgezhlt alle Hoheitsrechte: Gerichtsbarkeit, Gesetzgebung, Verwaltung,
Steuern, Zlle und selbst Kriegsgewalt. Dieser Vertrag ist nach seinem
Datum drei Monate alt. Also im selben Augenblick, da der fromme
Archidiakon, hinter Theodahads Rcken, die Waffen des Kaisers herbeirief,
schlo er, hinter des Kaisers Rcken, einen Vertrag, der diesem die
Frchte seiner Anstrengung rauben und den Papst fr alle Flle sichern
sollte. Ich berlasse es dem Stellvertreter des Kaisers, wie solche
Klugheit zu wrdigen sei. Fr die Erwhlten des Herrn gilt als besondre
Klugheit der Schlangen Moral: - unter uns Laien ist solches Thun ... -

Der schndlichste Verrat! fiel Belisar donnernd ein, sprang auf und nahm
die Urkunde aus des Prfekten Hand. - Hier sieh, Priester, deinen Namen:
kannst du noch leugnen?

Der Eindruck dieser Anklage, dieses Beweises auf alle Anwesenden war ein
gewaltiger. Staunen und Unwillen, gemischt mit Spannung auf des Papstes
Verteidigung, lag auf den Zgen aller Gesichter; am meisten aber war
Scvola, der kurzsichtige Republikaner, berrascht von diesen
Herrscherplnen seines gefhrlichen Verbndeten. Er hoffte, Silverius
werde die Verleumdung siegreich niederschlagen.

Die Lage des Papstes war in der That hchst gefhrlich, die Anklage schien
unwiderleglich und das zornlohende Antlitz Belisars htte manch' tapfres
Herz erschreckt. Aber Silverius zeigte in diesem Augenblick, da er kein
unebenbrtiger Gegner des Prfekten und des Helden von Byzanz war. Nicht
eine Sekunde hatte er die Fassung verloren: nur als Cethegus die Urkunde
aus dem Gewand hervorzog, hatte er einen Moment die Augen
niedergeschlagen, wie aus Schmerz. Aber dem donnernden Ruf wie den
blitzenden Augen Belisars hielt er ein unerschtterlich ruhiges Angesicht
entgegen. Er fhlte, da er in dieser Stunde den Gedanken seines Lebens
verfechten mute: dies gab ihm khne Kraft, keine Wimper zuckte ihm.

Wie lange wirst du noch schweigen? fuhr ihn Belisar an.

Bis du fhig und wrdig bist, mich zu hren. Du bist besessen von
Urchitophel, dem Dmon des Zornes.

Sprich! Verteidige dich! sagte Belisar, sich setzend.

Die Klage dieses gottlosen Mannes, hob Silverius an, bringt nur ein
Recht der heiligen Kirche noch frher ans Licht, als sie es in dieser
unruhigen Zeit geltend machen wollte. Es ist wahr, ich habe diesen Vertrag
mit dem Barbarenknig geschlossen.

Eine Bewegung der Entrstung ging durch die Reihen der Byzantiner.

Nicht aus weltlicher Herrschsucht, nicht, um neues Recht zu erwerben,
habe ich mit dem Knig der Goten, als dem damaligen Besitzer der Stadt,
verhandelt. Nein! die Heiligen sind mir Zeugen! Nur weil es meine Pflicht,
ein uraltes Recht des heiligen Petrus nicht fallen zu lassen.

Ein uraltes Recht? fragte Belisar unwillig.

Ein uraltes Recht! wiederholte Silverius, das geltend zu machen die
Kirche nur bisher unterlassen hat. Ihre Feinde ntigen sie, in diesem
Augenblick damit hervorzutreten. Wisset denn, du Vertreter des Kaisers,
hret es, ihr Kriegsobersten und Schwertgewaltigen, was sich die Kirche
von Theodahad hat einrumen lassen, ist schon seit zwei Jahrhunderten ihr
Eigentum: der Gote hat es nur besttigt.

An demselben Ort, wo des Prfekten tempelschnderische Hand diese
Besttigung entwendet, htte er auch die Urkunde finden knnen, die
ursprnglich unser Recht begrndet hat. Der fromme Kaiser Constantinus,
der sich zuerst von den Vorgngern Justinians der Lehre des Heils
zugewandt, hat auf Bitten seiner gottseligen Mutter Helena, nachdem er
alle seine Feinde mit sichtbarer Hilfe der Heiligen, besonders des
heiligen Petrus, unter seine Fe getreten, zur dankbaren Anerkenntnis
solchen Beistandes und um vor aller Welt zu bezeugen, da Krone und
Schwert sich vor dem Kreuz der Kirche zu beugen haben, die Stadt Rom mit
ihrem Weichbild und die benachbarten Stdte und Marken durch eine
feierliche Schenkungsurkunde fr ewige Zeiten dem heiligen Petrus zu eigen
bertragen, mit Gericht und Verwaltung, Steuer und Zoll und allen
Kronrechten irdischer Herrschaft, auf da die Kirche auch einen weltlichen
Boden habe zur leichteren Vollfhrung ihrer weltlichen Aufgaben. Diese
Schenkung ist durch eine rechtsgltige Urkunde in aller Form verbrieft:
der Fluch von Gehenna ist jedem gedroht, der sie anstreitet. Und ich
frage, im Namen des dreieinigen Gottes, den Kaiser Justinian, ob er diese
Rechtshandlung seines Vorgngers, des in Gott seligen Kaisers
Constantinus, anerkennen oder ob er sie, aus weltlicher Habgier, umstoen
und damit den Fluch der Gehenna und die ewige Verdammnis auf sein Haupt
laden will?

Diese Rede des Bischofs von Rom, mit aller Kraft geistlicher Wrde und
aller Kunst weltlicher Rhetorik vorgetragen, war von unwiderstehlicher
Wirkung. Belisar, Prokop und die Feldherren, die eben noch ber den
verrterischen Priester ein zorniges Gericht hatten halten wollen, fhlten
sich jetzt durch den pltzlich ihnen entgegengehaltenen Rechtstitel selbst
wie verurteilt.

Der Kern Italiens schien unwiederbringlich dem Kaiser verloren und der
Herrschaft der Kirche anheimgegeben. Ein banges Schweigen lagerte ber den
jngst noch so herrischen Byzantinern und triumphierend stand der Priester
als Sieger in ihrer Mitte. Endlich sprach Belisar, der die Aufgabe der
Bekmpfung oder die Schmach der Niederlage von sich abwlzen wollte:
Prfekt von Rom, was hast du zu erwidern?

Mit einem kaum bemerkbaren Zucken des Spottes um die feinen Lippen
verneigte sich Cethegus und begann: Der Angeklagte beruft sich auf eine
Urkunde.

Ich knnte, glaub' ich, ihn in groe Verlegenheit versetzen, wenn ich ihr
Vorhandensein bestritte, und die sofortige Vorlage der Urschrift von ihm
verlangte. Indessen will ich dem Manne, der sich das Haupt der
Christenheit nennt, nicht wie ein gehssiger Anwalt begegnen. Ich rume
ein, die Urkunde existiert.

Belisar machte eine Bewegung hilflosen Verdrusses.

Mehr noch! Ich habe dem heiligen Vater die Mhe der Vorlage derselben,
die ihm sonst sehr schwer fallen drfte, erspart und die Urkunde selbst
mitgebracht in meiner tempelschnderischen Hand. Er zog ein vergilbtes
Pergament aus dem Sinus und sah lchelnd bald in dessen Zeilen, bald auf
des Papstes, bald auf Belisars Gesicht, an deren Spannung sich weidend.

Ja, noch mehr. Ich habe die Urkunde viele Tage lang mit feindselig
forschenden Augen, mit Zuziehung noch schrferer Juristen, als ich es
leider nur bin, - so meines jungen Freundes Salvius Julianus, - bis auf
jeden Buchstaben nach ihrer formellen Gltigkeit geprft. Vergebens. -
Selbst der Scharfsinn meines verehrten und gelehrten Freundes Scvola
knnte keinen Mangel herausinterpretieren. Alle Formen des Rechts, alle
Klauseln hchster unanfechtbarer Sicherheit sind in der Schenkungsakte
haarscharf gewahrt; und in der That: ich htte den Protonotarius des
Kaisers Constantin kennen mgen, er mu ein Jurist ersten Ranges gewesen
sein. Er hielt inne: - hhnisch ruhte sein Auge auf dem Antlitz des
Silverius, der sich den Schwei von den Schlfen wischte.

Also, fragte Belisar in hchster Aufregung: die Urkunde ist formell
ganz richtig - daher beweiskrftig?

Jawohl! seufzte Cethegus, die Schenkung ist in ganz makelloser Ordnung.
Schade nur, da ... -

Nun? unterbrach Belisar.

Schade nur, da sie falsch ist.

Da flog ein Schrei von allen Lippen. Belisar, Antonina sprangen auf, alle
Anwesenden traten einen Schritt nher zu dem Prfekten. Nur Silverius
wankte einen Schritt zurck.

Falsch? fragte Belisar mit einem Ruf, der wie ein Jubel klang. Prfekt,
- Freund, - kannst du das beweisen?

Sonst htte ich mich gehtet es zu behaupten. Das Pergament, auf das die
Schenkung geschrieben ist, zeigt alle Spuren eines hohen Alters: Brche,
Wurmstiche, Flecken jeder Art, - alles, was man von Ehrwrdigkeit
verlangen kann, - so da es manchmal sogar schwierig ist, die Buchstaben
zu erkennen. Gleichwohl stellt sich die Urkunde nur so alt; mit so groem
Aufwand von Kunst, als manche Frauen sich den Schein der Jugend geben,
lgt sie die Heiligkeit des Alters. Es ist echtes Pergament aus der alten,
von Constantin begrndeten, noch heute bestehenden kaiserlichen
Pergamentfabrik zu Byzanz.

Zur Sache, rief Belisar.

Aber es ist wohl nicht jedem bekannt, - und es scheint auch leider dem
heiligen Bischof entgangen zu sein! - da bei diesen Pergamenten ganz
unten - links, am Rande - durch Stempelschlag das Jahr der Fertigung durch
Angabe der Jahreskonsuln in allerdings kaum wahrnehmbaren Buchstaben
bezeichnet wird. Nun gieb wohl acht, o Feldherr!

Die Urkunde will, wie sie im Texte sagt, gefertigt sein im sechzehnten
Jahre von Constantins Regierung, im gleichen Jahre, da er die Heidentempel
schlieen lie, wie das fromme Pergament besagt, ein Jahr nach der
Erhebung von Constantinopolis zur Hauptstadt, und nennt richtig die
richtigen Konsuln dieses Jahres, Dalmatius und Xenophilos.

Da ist es nun wirklich nur durch ein Wunder zu erklren, - aber hier hat
Gott der Herr ein Wunder _gegen_ seine Kirche gethan! - da man in jenem
Jahre, also im Jahre dreihundertfnfunddreiig nach der Geburt des Herrn,
schon ganz genau wute, wer im Jahr nach dem Tode des Kaisers Justinus und
des Knigs Theoderich Konsul sein wrde; denn seht, hier unten am Rande
der Stempel besagt: der Schreiber hatte ihn nicht beachtet - er ist auch
wirklich sehr schwer wahrzunehmen, wenn man das Pergament nicht gegen das
Licht hlt - so etwa, siehst du, Belisar? - und er hatte blindlings drei
Kreuze darauf gemalt; ich aber habe diese Kreuze mit meiner - wie hie es
doch? - tempelschnderischen, aber geschickten Hand weggewischt und
siehe, da steht eingestempelt:

VI. Indiktion: Justinianus Augustus, allein Konsul im ersten Jahre seiner
Herrschaft.

Silverius wankte und hielt sich an dem Stuhl, den man fr ihn bereit
gestellt.

Das Pergament der Urkunde, auf welches der Protonotar des Kaisers
Konstantin vor zweihundert Jahren die Schenkung niederschrieb, ist also
erst vor einem Jahre zu Byzanz einem Esel von den Rippen gezogen worden.
Gesteh, o Feldherr, da hier das Gebiet des Begreiflichen endet, und des
bernatrlichen beginnt, da hier ein Wunder der Heiligen geschah und
verehre das Walten des Himmels. Er reichte Belisar die Urkunde.

Das ist auch ein tchtig Stck Weltgeschichte, heilige und profane, was
wir da erleben! sagte Prokop zu sich selbst.

Es ist so, beim Schlummer Justinians! frohlockte Belisar. Bischof von
Rom, was hast du zu erwidern?

Mhsam hatte sich Silverius gefat; er sah den Bau seines Lebens vor
seinen Augen in die Erde versinken. Mit halb versagender Stimme antwortete
er:

Ich fand die Urkunde im Archiv der Kirche vor wenigen Monden. Ist dem so,
wie ihr sagt, so bin ich getuscht, wie ihr.

Wir sind aber nicht getuscht, lchelte Cethegus.

Ich wute nichts von jenem Stempel, ich schwre es bei den Wunden
Christi. - Das glaub ich dir ohne Schwur, heiliger Vater, fiel Cethegus
ein. - Du wirst einsehn, Priester, sprach Belisar, sich erhebend, da
ber diese Sache die strengste Untersuchung ... -

Ich verlange sie, sprach Silverius, als mein Recht.

Es soll dir werden, zweifle nicht! Aber nicht ich darf es wagen, hier zu
richten: nur die Weisheit des Kaisers selbst kann hier das Recht finden.
Vulkaris, mein getreuer Heruler, dir bergeb ich die Person des Bischofs.
Du wirst ihn sogleich auf ein Schiff bringen und nach Byzanz fhren.

Ich lege Verwahrung ein, sprach Silverius. ber mich kann niemand
richten auf Erden als ein Konzil der ganzen rechtglubigen Kirche. Ich
verlange, nach Rom zurckzukehren.

Rom siehst du niemals wieder! Und ber deine Rechtsverwahrung wird der
Kaiser Justinian, der Kaiser des Rechts, mit Tribonian entscheiden. Aber
auch deine Genossen, Scvola und Albinus, die falschen Mitanklger des
Prfekten, der sich als des Kaisers treusten, klgsten Freund erwiesen,
sind hoch verdchtig. Justinian entscheide, wie weit sie unschuldig. Auch
sie fhrt in Ketten nach Byzanz. Zu Schiff! Dort hinaus, zur Hinterthr
des Zeltes, nicht durchs Lager. Vulkaris, dieser Priester aber ist des
Kaisers gefhrlichster Feind. Du brgst fr ihn mit deinem Kopf.

Ich brge, sprach der riesige Heruler, vortretend und die gepanzerte
Hand auf des Bischofs Schulter legend. Fort mit dir, Priester! zu Schiff.
Er stirbt, eh' er mir entrissen wird.

Silverius sah ein, da weiteres Widerstreben nur seine Wrde gefhrdende
Gewalt hervorrufen werde. Er fgte sich und schritt neben dem Germanen,
der die Hand nicht von seiner Schulter lste, nach der Thr im Hintergrund
des Zeltes, die eine der Wachen aufthat.

Er mute hart an Cethegus vorbei. Er beugte das Haupt und sah ihn nicht
an: aber er hrte, wie dieser ihm zuflsterte: Silverius, diese Stunde
vergilt deinen Sieg in den Katakomben. Nun sind wir wett!




                           Dreizehntes Kapitel.


Sowie der Bischof das Zelt verlassen, erhob sich Belisar lebhaft von
seinem Sitze, eilte auf den Prfekten zu, umarmte und kte ihn: Nimm
meinen Dank, Cethegus Csarius! Ich werde dem Kaiser berichten, da du ihm
heute Rom gerettet hast. Dein Lohn wird nicht ausbleiben.

Aber Cethegus lchelte: Meine Thaten belohnen sich selbst.

Den Helden Belisarius hatte der geistige Kampf dieser Stunde, der rasche
Wechsel von Zorn, Furcht, Spannung und Triumph mehr als ein halber Tag des
Kampfes unter Helm und Schild angestrengt und erschpft. Er verlangte nach
Erholung und Labung und entlie seine Heerfhrer, von denen keiner ohne
ein Wort der Anerkennung an den Prfekten das Zelt verlie. Dieser sah
seine berlegenheit von allen, auch von Belisar, anerkannt; es that ihm
wohl, in einer Stunde den schlauen Bischof vernichtet und die stolzen
Byzantiner gedemtigt zu haben. Aber er wiegte sich nicht mig in dieser
Siegesfreude. Dieser Geist kannte die Gefhrlichkeit des Schlafes auf
Lorbeer: Lorbeer betubt.

Er beschlo, sofort den Sieg zu verfolgen, die geistige bergewalt, die er
in diesem Augenblick ber den Helden von Byzanz unverkennbar besa, jetzt,
unter ihrem ersten frischen Eindruck, mit aller Kraft zu benutzen und den
lang vorbereiteten Hauptstreich zu fhren. Whrend er mit solchen Gedanken
dem Zug der Heerfhrer nachsah, die sich aus dem Zelt entfernten, bemerkte
er nicht, da zwei Augen mit eigentmlichem Ausdruck auf ihm ruhten. Es
waren Antoninas Augen. Die Vorgnge, deren Zeugin sie gewesen, hatten
einen seltsam gemischten Eindruck auf sie gemacht. Zum erstenmal hatte sie
den Abgott ihrer Bewunderung, ihren Gatten, ohne alle eigne Kraft sich zu
helfen und zu wehren, in den Schlingen eines andern, des klugen Priesters,
liegen und nur durch die berlegne Kraft dieses dmonischen Rmers
gerettet gesehen. Anfangs hatte ihr in dem Gatten verletzter Stolz diese
Demtigung mit schmerzlichem Ha gegen den bermchtigen empfunden.

Aber dieser Ha hielt nicht vor und unwillkrlich trat, wie immer
gewaltiger sich die Macht seiner berlegenheit entfaltete, Bewunderung an
des Verdrusses Stelle und erschreckte Unterordnung; sie empfand nur noch
das Eine: ihren Belisar hatte die Kirche und Cethegus hatte ihren Belisar
und die Kirche verdunkelt. Und daran knpfte sich unzertrennlich der
ngstliche Wunsch, diesen Mann nie zum Feind, immer zum Verbndeten ihres
Gatten zu haben. Kurz, Cethegus hatte an dem Weibe Belisars eine geistige
Eroberung von grter Wichtigkeit gemacht: und er sollte es, noch dazu,
sofort merken.

Mit gesenkten Augen trat das schne, sonst so sichre Weib auf ihn zu; er
sah auf: da errtete sie ber und ber und reichte ihm eine zitternde
Hand. Prfekt von Rom, sagte sie, Antonina dankt dir. Du hast dir ein
groes Verdienst erworben um Belisarius und den Kaiser. Wir wollen gute
Freundschaft halten.

Mit Staunen sah Prokop, der im Zelt zurckgeblieben, diesen Vorgang: Mein
Odysseus berzaubert die Zauberin Circe, dachte er.

Cethegus aber erkannte im Augenblick, wie sich diese Seele vor ihm beugte
und welche Gewalt er dadurch ber Belisar gewonnen. Schne Magistra
Militum, sagte er, sich hoch aufrichtend, deine Freundschaft ist der
reichste Lorbeer meines Sieges. Ich stelle sie sogleich auf die Probe. Ich
bitte dich und Prokop, meine Zeugen, meine Verbndeten zu sein in der
Unterredung, die ich jetzt mit Belisar zu fhren habe.

Jetzt? sagte Belisar ungeduldig. Kommt, lat uns erst zu Tische und im
Ckuber den Sturz des Priesters feiern. Und er schritt zur Thre.

Aber Cethegus blieb ruhig stehen in der Mitte des Zeltes, und Antonina und
Prokop lagen so ganz unter dem Bann seines Einflusses, da sie nicht ihrem
Herrn zu folgen wagten. Ja, Belisar selbst wandte sich und fragte: Mu es
denn jetzt gerade sein?

Es mu, sagte Cethegus und er fhrte Antonina an der Hand nach ihrem
Sitz zurck.

Da schritt auch Belisar wieder zurck. Nun so sprich, sagte er, aber
kurz.

So kurz als mglich. Ich habe immer gefunden, da gegenber groen
Freunden oder groen Feinden Aufrichtigkeit das strkste Band oder die
beste Waffe. Danach werd' ich in dieser Stunde handeln. Wenn ich sagte:
mein Thun lohnt sich selbst, so wollt' ich damit ausdrcken, da ich dem
falschen Priester die Herrschaft ber Rom nicht eben um des Kaisers Willen
entrissen.

Belisar horchte hoch auf. Prokop, erschrocken ber diese allzukhne
Offenheit seines Freundes, machte ihm ein abmahnendes Zeichen.

Antoninas rasches Auge hatte das bemerkt und stutzte, mitrauisch ber das
Einverstndnis der beiden. Cethegus entging dies nicht. Nein, Prokop,
sagte er zu Belisars Erstaunen: unsre Freunde hier wrden doch allzubald
erkennen, da Cethegus nicht der Mann ist, seinen Ehrgeiz in einem Lcheln
Justinians befriedigt zu finden. Ich habe Rom nicht fr den Kaiser
gerettet.

Fr wen sonst? fragte Belisar ernst.

Zunchst fr Rom. Ich bin ein Rmer. Ich liebe mein ewiges Rom. Es sollte
nicht dem Priester dienstbar werden. Aber auch nicht die Sklavin des
Kaisers. Ich bin Republikaner, sprach er, das Haupt trotzig aufwerfend.

ber Belisars Antlitz flog ein Lcheln: der Prfekt schien ihm nicht mehr
so bedeutend. Prokop sagte achselzuckend: Unbegreiflich. Aber Antoninen
gefiel dieser Freimut.

Zwar sah ich ein, da wir nur mit dem Schwerte Belisars die Barbaren
niederschlagen knnen. Leider auch, da unsere Zeit nicht ganz reif ist,
mein Traumbild republikanischer Freiheit zu verwirklichen. Die Rmer
mssen erst wieder zu Catonen werden, dies Geschlecht mu aussterben und
ich erkenne, da Rom einstweilen nur unter dem Schilde Justinians Schutz
findet gegen die Barbaren. Drum wollen wir uns diesem Schilde beugen -
einstweilen.

Nicht bel! dachte Prokop, der Kaiser soll sie solang schtzen, bis sie
stark genug sind, ihn zum Dank davonzujagen.

Das sind Trume, mein Prfekt, sagte Belisar mitleidig, was haben sie
fr praktische Folgen?

Die, da Rom nicht mit gebundenen Hnden, ohne Bedingung, der Willkr des
Kaisers berliefert werden soll. Justinian hat nicht nur Belisar zum
Diener. Denke, wenn der herzlose Narses dein Nachfolger wrde! - Die
Stirn des Helden faltete sich. - Deshalb will ich dir die Bedingungen
nennen, unter denen die Stadt Csars dich und dein Heer in ihre Mauern
aufnehmen wird.

Aber das war Belisar zu viel. Zrnend sprang er auf, sein Antlitz glhte,
sein Auge blitzte. Prfekt von Rom, rief er mit seiner rollenden
Lwenstimme, du vergit dich und deine Stellung. Morgen brech' ich auf
mit meinem Heer von siebzigtausend Mann nach Rom. Wer wird mich hindern,
einzuziehen in die Stadt, ohne Bedingung?

Ich, sagte Cethegus ruhig. Nein, Belisar, ich rase nicht. Sieh hier,
diesen Plan der Stadt und ihrer Werke. Dein Feldherrnauge wird rascher,
besser als das meine, ihre Strke erkennen. Er zog ein Pergament hervor
und breitete es auf dem Zelttische aus.

Belisar warf einen gleichgltigen Blick darauf, aber sofort rief er: Der
Plan ist irrig! Prokop, reiche mir unsern Plan aus jener Capsula. -

Sieh her, diese Grben sind ja jetzt ausgefllt, diese Trme eingefallen,
hier die Mauer niedergerissen, diese Thore wehrlos. - Dein Plan stellt sie
alle noch in furchtbarer Strke dar. Er ist veraltet, Prfekt von Rom.

Nein, Belisar, der deine ist veraltet: diese Mauern, Grben, Thore sind
hergestellt. - Seit wann? - Seit Jahresfrist. - Von wem? - Von
mir. Betroffen sah Belisar auf den Plan.

Antoninas Blick hing ngstlich an den Zgen ihres Gatten.

Prfekt, sagte dieser endlich, wenn dem so ist, so verstehst du den
Krieg, den Festungskrieg. Aber zum Krieg gehrt ein Heer und deine leeren
Wlle werden mich nicht aufhalten.

Du wirst sie nicht leer finden. Du wirst einrumen, da mehr als
zwanzigtausend Mann Rom, - nmlich dies _mein_ Rom hier auf dem Plan, -
ber Jahr und Tag selbst gegen Belisar zu halten vermgen. Gut: so wisse
denn, da jene Werke in diesem Augenblick von fnfunddreiigtausend
Bewaffneten gedeckt sind.

Sind die Goten zurck? rief Belisar. Prokop trat erstaunt nher.

Nein, jene fnfunddreiigtausend stehen unter meinem Befehl. Ich habe
seit Jahren die lang verweichlichten Rmer zu den Waffen zurckgerufen und
unablssig in den Waffen gebt. So habe ich zur Zeit dreiig Kohorten,
jede fast zu tausend Mann, schlagfertig.

Belisar bekmpfte seinen Unmut und zuckte verchtlich die Achseln.

Ich geb' es zu, - fuhr Cethegus fort - diese Scharen wrden in offner
Feldschlacht einem Heere Belisars nicht stehen. Aber ich versichre dich:
von diesen Mauern herab werden sie ganz tchtig fechten. Auerdem hab' ich
aus meinen Privatmitteln siebentausend auserlesene isaurische und
abasgische Sldner geworben und allmhlich in kleinen Abteilungen ohne
Aufsehen nach Ostia, nach Rom und in die Umgegend gebracht. Du zweifelst?
hier sind die Listen der dreiig Kohorten, hier der Vertrag mit den
Isauriern. Du siehst deutlich, wie die Sachen stehen. Entweder du nimmst
meine Bedingung an: - dann sind jene fnfunddreiigtausend dein, dein ist
Rom, mein Rom, dieses Rom auf dem Plan, von dem du sagtest, es sei von
furchtbarer Strke, und dein ist Cethegus. Oder du verwirfst meine
Bedingung: dann ist dein ganzer Siegeslauf, dessen Gelingen auf der
Raschheit deiner Bewegung ruht, gehemmt. Du mut Rom belagern, viele Monde
lang. Die Goten haben alle Zeit, sich zu sammeln. Wir selber rufen sie
zurck: sie ziehen in dreifacher bermacht zum Entsatz der Stadt heran,
und nichts errettet dich vom Verderben als ein Wunder.

Oder dein Tod in diesem Augenblick, du Teufel, donnerte Belisar, und
ri, seiner nicht mehr mchtig, das Schwert aus der Scheide. Auf, Prokop,
in des Kaisers Namen! Ergreife den Verrter! Er stirbt in dieser Stunde!

Entsetzt, unschlssig trat Prokop zwischen die beiden, indes Antonina
ihrem Gatten in den Arm fiel und seine rechte Hand zu fassen suchte.

Seid ihr mit im Bunde? schrie der Ergrimmte. Wachen, Wachen herbei!

Aus jeder der beiden Thren traten zwei Lanzentrger in das Zelt: aber
noch zuvor hatte sich Belisar von Antonina losgerissen und mit dem linken
Arm den starken Prokop, als wr' er ein Kind, zur Seite geschleudert. Mit
dem Schwert zu furchtbarem Sto ausholend, strzte er auf den Prfekten
los.

Aber pltzlich hielt er inne und senkte die Waffe, die schon des Bedrohten
Brust streifte.

Denn unbeweglich, wie eine Statue, ohne eine Miene zu verziehen, den
kalten Blick durchbohrend auf den Wtenden gerichtet, war Cethegus stehen
geblieben, ein Lcheln unsglicher Verachtung um die Lippen.

Was soll der Blick und dieses Lachen? fragte Belisar innehaltend.

Prokop winkte leise den Wachen, abzutreten.

Mitleid mit deinem Feldherrnruhm, den ein Augenblick des Jhzorns fr
immer verderben sollte. Wenn dein Sto traf, warst du verloren.

Ich! lachte Belisar. Ich sollte meinen du.

Und du mit mir. Glaubst du, ich stecke tolldreist den Kopf in den Rachen
des Lwen? Da einem Helden deiner Art zu allererst der feine Einfall
kommen werde, dich mit einem guten Schwertstreich herauszuhauen, das
vorauszusehen war nicht schwer. Dagegen hab' ich mich geschtzt. Wisse:
seit diesem Morgen ist infolge eines versiegelten Auftrages, den ich
zurcklie, Rom in den Hnden, in der Gewalt meiner blindergebnen Freunde.
Das Grabmal Hadrians, das Kapitol und alle Thore und Trme der Umwallung
sind besetzt von meinen Isauriern und Legionaren. Meinen Kriegstribunen,
todesmutigen Jnglingen, hab' ich diesen Befehl hinterlassen fr den Fall,
da du ohne mich vor Rom eintriffst. Er reichte Prokop eine Papyrusrolle.

Dieser las: An Lucius und Marcus die Licinier Cethegus der Prfekt. Ich
bin gefallen, ein Opfer der Tyrannei der Byzantiner. Rchet mich! Ruft
sofort die Goten zurck. Ich fordre es bei eurem Eid. Besser die Barbaren
als die Schergen Justinians. Haltet euch bis auf den letzten Mann.
bergebt die Stadt eher den Flammen als dem Heer des Tyrannen.

Du siehst also, fuhr Cethegus fort, da dir mein Tod die Thore Roms
nicht ffnet, sondern fr immer sperrt. Du mut die Stadt belagern: oder
mit mir abschlieen.

Belisar warf einen Blick des Zornes, aber auch der Bewunderung auf den
khnen Mann, der ihm mitten unter seinen Tausenden Bedingungen vorschrieb.
Dann steckte er das Schwert ein, warf sich unwillig auf seinen Stuhl und
fragte: Welches sind deine Bedingungen fr die bergabe? Nur zwei.
Erstens giebst du mir Befehl ber einen kleinen Teil deines Heeres. Ich
darf deinen Byzantinern kein Fremder sein.

Zugestanden. Du erhltst als Archon zweitausend Mann illyrischen Fuvolks
und eintausend saracenische und maurische Reiter. Gengt das?

Vollkommen. Zweitens.

Meine Unabhngigkeit vom Kaiser und von dir ruht einzig auf der
Beherrschung Roms. Diese darf durch deine Anwesenheit nicht aufhren.
Deshalb bleibt das ganze rechte Tiberufer mit dem Grabmal Hadrians, auf
dem linken aber das Kapitol, die Umwallung im Sden bis zum Thore Sankt
Pauls einschlielich, bis zum Ende des Krieges in der Hand meiner Isaurier
und Rmer; von dir aber wird der ganze Rest der Stadt auf dem linken
Tiberufer besetzt, von dem flaminischen Thor im Norden bis zum appischen
Thor im Sden.

Belisar warf einen Blick auf den Plan. Nicht bel gedacht! Von jenen
Punkten aus kannst du mich jeden Augenblick aus der Stadt drngen oder den
Flu absperren. Das geht nicht an.

Dann rste dich zum Kampf mit den Goten und mit Cethegus zusammen vor den
Mauern Roms.

Belisar sprang auf. Geht! lat mich allein mit Prokop! Cethegus, erwarte
meine Entscheidung.

Bis morgen, sagte dieser. Bei Sonnenaufgang kehr' ich nach Rom zurck,
mit deinem Heer oder - allein.

                              --------------

Wenige Tage darauf zog Belisar mit seinem Heer in der ewigen Stadt ein
durch das asinarische Thor.

Endloser Jubel begrte den Befreier, Blumenregen berschttete ihn und
seine Gattin, die auf einem zierlichen weien Zelter an seiner Linken
ritt. Alle Huser hatten ihren Festschmuck von Teppichen und Krnzen
angethan.

Aber der Gefeierte schien nicht froh: verdrossen senkte er das Haupt und
warf finstre Blicke nach den Wllen und dem Kapitol, von denen, den alten
rmischen Adlern nachgebildet, die Banner der stdtischen Legionare, nicht
die Drachenfahnen von Byzanz, herniederschauten.

Am asinarischen Thor hatte der junge Lucius Licinius den Vortrapp des
kaiserlichen Heeres zurckgewiesen: und nicht eher hob sich das wuchtige
Fallgitter, bis neben Belisars Rotscheck, getragen von seinem prachtvollen
Rappen, Cethegus der Prfekt erschienen war. Lucius staunte ber die
Verwandlung, die mit seinem bewunderten Freunde vorgegangen. Die kalte,
strenge Verschlossenheit war gewichen: er erschien grer, jugendlicher:
ein leuchtender Glanz des Sieges lag auf seinem Antlitz, seiner Haltung
und seiner Erscheinung. Er trug einen hohen, reichvergoldeten Helm, von
dem der purpurne Roschweif niederwallte bis auf den Panzer: dieser aber
war ein kostbares Kunstwerk aus Athen und zeigte auf jeder seiner
Rundplatten ein fein gearbeitetes Relief von getriebenem Silber, jedes
einen Sieg der Rmer darstellend.

Der Siegesausdruck seines leuchtenden Gesichts, seine stolze Haltung und
sein schimmernder Waffenschmuck berstrahlte, wie Belisar, den
kaiserlichen Magister Militum selbst, so das glnzende Gefolge von
Heerfhrern, das sich, gefhrt von Johannes und Prokop, hinter den beiden
anschlo. Und dies berstrahlen war so augenfllig, da sich, sowie der
Zug einige Straen durchmessen hatte, der Eindruck auch der Menge
mitteilte und der Ruf Cethegus! bald so laut und lauter als der Name
Belisar ertnte.

Das feine Ohr Antoninas fing an, dies zu bemerken: mit Unruhe lauschte sie
bei jeder Stockung des Zugs auf das Rufen und Reden des Volks. Als sie die
Thermen des Titus hinter sich gelassen und bei dem flavischen Amphitheater
die sacra Via erreicht hatten, wurden sie durch das Wogen der Menge zum
Verweilen gezwungen: ein schmaler Triumphbogen war errichtet, den man nur
langsam durchschreiten konnte.

Sieg dem Kaiser Justinian und Belisarius, seinem Feldherrn, stand darauf
geschrieben. Whrend Antonina die Aufschrift las, hrte sie einen Alten,
der wenig in den Lauf der Dinge eingeweiht schien, an seinen Sohn, einen
der jungen Legionare des Cethegus, Fragen um Auskunft stellen. Also, mein
Gajus, der Finstre mit dem verdrielichen Gesicht auf dem Rotscheck ... -
Ja, das ist Belisarius, wie ich dir sage, antwortete der Sohn. So? Nun
- aber der stattliche Held, ihm zur Linken, mit dem triumphierenden Blick,
der auf dem Rappen, das ist gewi Justinianus selbst, sein Herr, der
Imperator? - Beileibe, Vater! der sitzt ruhig in seinem goldnen Gemach
zu Byzanz und schreibt Gesetze. Nein, das ist ja Cethegus, _unser_
Cethegus, mein Cethegus, der Prfekt, der mir das Schwert geschenkt. Ja,
das ist ein Mann. Licinius, mein Tribun, sagte neulich: wenn der nicht
wollte, Belisar she nie ein rmisch Thor von innen.

Antonina gab ihrem Apfelschimmel einen heftigen Schlag mit dem
Silberstbchen und sprengte rasch durch den Triumphbogen.

Cethegus geleitete den Feldherrn und dessen Gattin bis an den Palast der
Pincier, der prachtvoll zu ihrer Aufnahme in stand gesetzt war. Hier
verabschiedete er sich, den byzantinischen Heerfhrern seinen Beistand zu
leihen, die Truppen teils in den Husern der Brger und den ffentlichen
Gebuden, teils vor den Thoren in Zelten unterzubringen.

Wenn du dich von den Mhen - und Ehren! - dieses Tages erholt,
Belisarius, erwarte ich dich und Antonina und deine ersten Heerfhrer zum
Mahl in meinem Hause.

Nach einigen Stunden erschienen Marcus Licinius, Piso und Balbus, die
Geladenen abzuholen. Sie begleiteten die Snften, in denen Antonina und
Belisar getragen wurden, die Heerfhrer gingen zu Fu.

Wo wohnt der Prfekt? fragte Belisar beim Einsteigen in die Snfte.

So lang du hier bist: tags im Grabmal Hadrians, und nachts - auf dem
Kapitol.

Belisar stutzte. Der kleine Zug nherte sich dem Kapitol.

Mit Staunen sah der Feldherr alle die Werke und Wlle, die seit mehr denn
zweihundert Jahren in Schutt gelegen waren, zu gewaltiger Strke wieder
hergestellt.

Nachdem sie durch einen langen, schmalen und dunkeln Zickzackgang, den
engen Zugang zu der Feste, sich gewunden, gelangten sie an ein gewaltiges
Eisenthor, das fest geschlossen war, wie in Kriegszeit.

Marcus Licinius rief die Wachen an.

Gieb die Losung! sprach eine Stimme von innen.

Csar und Cethegus! antwortete der Kriegstribun. Da sprangen die
Thorflgel auf: ein langes Spalier der rmischen Legionare und der
isaurischen Sldner ward sichtbar, letztere in Eisen gehllt bis an die
Augen und mit Doppelxten bewaffnet. Lucius Licinius stand an der Spitze
der Rmer, mit gezcktem Schwert in der Hand: Sandil, der isaurische
Huptling, an der Spitze seiner Landsleute. Einen Augenblick blieben die
Byzantiner unentschlossen stehen, von dem Eindruck dieser Machtentfaltung
von Granit und Eisen berwltigt.

Da wurde es hell in dem matt erleuchteten Raum: man vernahm Musik aus dem
Hintergrund des Ganges: und, von Fackeltrgern und Fltenspielern
begleitet, nahte Cethegus, ohne Rstung, einen Kranz auf dem Haupt, wie
ihn der Wirt eines Festgelages zu tragen pflegte, im reichen Hausgewand
von Purpurseide. So trat er lchelnd vor und sprach: Willkommen! und
Fltenspiel und Tubaschall verknde laut: da die schnste Stunde meines
Lebens kam: Belisar, _mein Gast_ im Kapitol.

Und unter schmetterndem Klang der Trompeten fhrte er den Schweigenden in
die Burg.




                           Vierzehntes Kapitel.


Whrend dieser Vorgnge bei den Rmern und Byzantinern bereiteten sich
auch auf Seite der Goten entscheidende Ereignisse vor.

In Eilmrschen waren Herzog Guntharis und Graf Arahad von Florentia, wo
sie eine kleine Besatzung zurcklieen, mit ihrer gefangenen Knigin nach
Ravenna aufgebrochen. Wenn sie diese fr uneinnehmbar geltende Feste vor
Witichis, der heftig nachdrngte, erreichten und gewannen, so mochten sie
dem Knig jede Bedingung vorschreiben. Zwar hatten sie noch einen starken
Vorsprung und hofften, die Verfolger durch die Belagerung von Florentia
noch eine gute Weile aufzuhalten. Aber sie bten jenen Vorsprung beinahe
vllig dadurch ein, da die auf der nchsten Strae nach Ravenna gelegenen
Stdte und Kastelle sich fr Witichis erklrten und so die Emprer
ntigten, auf groem Umweg im rechten Winkel zuerst nrdlich nach Bononia
(Bologna), das zu ihnen abgefallen war, und dann erst stlich nach Ravenna
zu marschieren.

Gleichwohl war, als sie in der Sumpflandschaft der Seefestung anlangten
und nur noch einen halben Tagemarsch von ihren Thoren entfernt waren, von
dem Heer des Knigs nichts zu sehen. Guntharis gnnte seinen stark
ermdeten Truppen den Rest des ohnehin schon gegen Abend neigenden Tages
und schickte nur eine kleine Schar Reiter unter seines Bruders Befehl
voraus, den Goten in der Festung ihre Ankunft zu verknden.

Aber schon in den ersten Morgenstunden des nchsten Tages kam Graf Arahad
mit seiner stark gelichteten Reiterschar flchtend ins Lager zurck. Bei
Gottes Schwert, rief Guntharis, wo kommst du her?

Von Ravenna kommen wir. Wir hatten die uersten Werke der Stadt erreicht
und Einla begehrt, wurden aber entschieden abgewiesen, obwohl ich selbst
mich zeigte und den alten Grippa, den Grafen von Ravenna, rufen lie. Der
erklrte trotzig, morgen wrden wir seine und der Goten in Ravenna
Entscheidung erfahren: wir sowohl wie das Heer des Knigs, dessen Spitzen
sich bereits von Sdosten her der Stadt nherten.

Unmglich! rief Guntharis rgerlich.

Mir blieb nichts brig, als abzuziehen, so wenig ich dies Benehmen
unseres Freundes begriff. Die Nachricht von der Nhe des Knigs hielt auch
ich fr eine leere Drohung des Alten, bis meine im Sden der Stadt
schwrmenden Reiter, die nach einer trockenen Beiwachtstelle suchten,
pltzlich von feindlichen Reitern unter dem schwarzen Grafen Teja von
Tarentum mit dem Ruf: Heil Knig Witichis! angegriffen und nach scharfem
Gefecht zurckgeworfen wurden.

Du rasest, rief Guntharis. Haben sie Flgel? ist Florentia aus ihrem
Wege fortgeblasen?

Nein! aber ich erfuhr von picentinischen Bauern, da Witichis auf dem
Kstenweg ber Auximum und Ariminum nach Ravenna eilt. - Und Florentia
lie er im Rcken, ungezwungen? Das soll ihm schlecht bekommen. -
Florentia ist gefallen! Er schickte Hildebad gegen die Stadt, der sie im
Sturme nahm. Er rannte mit eigener Hand das Marsthor ein, - der wtige
Stier!

Mit finsterer Miene vernahm Herzog Guntharis diese Unglcksbotschaften;
aber rasch fate er seinen Entschlu. Er brach sofort mit all seinen
Truppen gegen die Stadt auf, sie durch einen raschen Streich zu nehmen.

Der berfall milang.

Aber die Emprer hatten die Befriedigung, zu sehen, da die Festung, deren
Besitz den Brgerkrieg entschied, wenigstens auch dem Feind sich nicht
geffnet hatte. Im Sdosten, vor der Hafenstadt Classis, hatte sich der
Knig gelagert. Des Herzogs Guntharis gebter Blick erkannte alsbald, da
auch die Smpfe im Nordwesten eine sichere Stellung gewhrten, und rasch
schlug er hier ein wohlverschanztes Lager auf.

So hatten sich die beiden Parteien, wie zwei ungestme Freier um eine
sprde Braut, hart an beide Seiten der gotischen Knigsstadt gedrngt, die
keinem ein gnstiges Gehr schenken zu wollen schien.

Tags darauf gingen zwei Gesandtschaften, aus Ravennaten und Goten
bestehend, aus dem nordwestlichen und aus dem sdstlichen Thor der
Festung, dem Thor des Honorius und dem des Theoderich, und brachten, jene
in das Lager der Wlsungen, diese zu den Kniglichen, den verhngnisvollen
Entscheid von Ravenna.

Dieser mute sehr seltsam lauten. Denn die beiden Heerfhrer, Guntharis
und Witichis, hielten ihn, in merkwrdiger bereinstimmung, streng geheim
und sorgten eifrig dafr, da kein Wort davon unter ihre Truppen gelangte.
Die Gesandten wurden sofort aus den Feldherrnzelten beider Lager unter
Bedeckung von Heerfhrern, die jede Unterredung mit den Heermnnern
verwehrten, nach den Thoren der Stadt zurckgebracht.

Aber auch sonst war die Wirkung der Botschaft in den beiden Heerlagern
auffallend genug. Bei den Emprern kam es zu einem heftigen Streit
zwischen den beiden Fhrern: dann zu einer sehr lebhaften Unterredung von
Herzog Guntharis mit seiner schnen Gefangenen, die, wie es hie, nur
durch Graf Arahad vor dem Zorne seines Bruders geschtzt worden war.
Darauf versank das Lager der Rebellen in die Ruhe der Ratlosigkeit.

Folgenreicher war das Erscheinen der ravennatischen Gesandten in dem Lager
gegenber. Die erste Antwort, die Knig Witichis auf die Botschaft erlie,
war der Befehl zu einem allgemeinen Sturm auf die Stadt.

berrascht vernahmen Hildebrand und Teja, vernahm das ganze Heer diesen
Auftrag. Man hatte gehofft, in Blde die Thore der starken Festung sich
freiwillig aufthun zu sehen. Gegen das gotische Herkommen und ganz gegen
seine sonst so leutselige Art gab der Knig niemand, auch seinen Freunden
nicht, Rechenschaft von der Mitteilung der Gesandten und von den Grnden
dieses zornigen Angriffs.

Schweigend, aber kopfschttelnd und mit wenig Hoffnung auf Erfolg, rstete
sich das Heer zu dem unvorbereiteten Sturm: er ward blutig
zurckgeschlagen. Vergebens trieb der Knig seine Goten immer wieder aufs
neue die steilen Felswlle hinan. Vergebens bestieg er, dreimal der erste,
die Sturmleitern: vom frhen Morgen bis zum Abendrot hatten die Angreifer
gestrmt ohne Fortschritte zu machen: die Festung bewhrte ihren alten
Ruhm der Unbezwingbarkeit.

Und als endlich der Knig, von einem Schleuderstein schwer betubt, aus
dem Getmmel getragen wurde, fhrten Teja und Hildebrand die ermdeten
Scharen ins Lager zurck.

Die Stimmung des Heeres in der darauf folgenden Nacht war sehr trbe und
gedrckt. Man hatte empfindliche Verluste zu beklagen und nichts gewonnen,
als die berzeugung, da die Stadt mit Gewalt nicht zu nehmen sei. Die
gotische Besatzung von Ravenna hatte neben den Brgern auf den Wllen
gefochten; der Knig der Goten lag belagernd vor seiner Hauptstadt, vor
der besten Festung seines Reiches, in der man Schutz und die Zeit zur
Rstung gegen Belisar zu finden gehofft!

Das Schlimmste aber war, da das Heer die Schuld des ganzen
Unglckskampfes, die Notwendigkeit des Bruderstreits auf den Knig schob.
Warum hatte man die Verhandlung mit der Stadt pltzlich abgebrochen? Warum
nicht wenigstens die Ursache dieses Abbrechens, war sie eine gerechte, dem
Heere mitgeteilt? Warum scheute der Knig das Licht?

Mimutig saen die Leute bei ihren Wachtfeuern oder lagen in den Zelten,
ihre Wunden pflegend, ihre Waffen flickend: nicht, wie sonst, scholl
Gesang der alten Heldenlieder von den Lagertischen, und wenn die Fhrer
durch die Zeltgassen schritten, hrten sie manches Wort des rgers und des
Zornes wider den Knig.

Gegen Morgen traf Hildebad mit seinen Tausendschaften von Florentia her im
Lager ein. Er vernahm mit zornigem Schmerz die Kunde von der blutigen
Schlappe und wollte sofort zum Knig; aber da dieser noch bewutlos unter
Hildebrands Pflege lag, nahm ihn Teja in sein Zelt, und beantwortete seine
unwilligen Fragen.

Nach einiger Zeit trat der alte Waffenmeister ein, mit einem Ausdruck in
den Zgen, da Hildebad erschrocken von seinem Brenfell, das ihm zum
Lager diente, aufsprang und auch Teja hastig fragte: Was ist mit dem
Knig? Seine Wunde? Stirbt er?

Der Alte schttelte schmerzlich sein Haupt: Nein: aber wenn ich richtig
rate, wie ich ihn kenne und sein wackres Herz, wr' ihm besser, er
strbe.

Was meinst du? was ahnest du?

Still, still, sprach Hildebrand traurig, sich setzend, armer Witichis!
es kommt noch, frcht' ich, frh genug zur Sprache. Und er schwieg.

Nun, sagte Teja, wie lieest du ihn? - Das Wundfieber hat ihn
verlassen, dank meinen Krutern. Er wird morgen wieder zu Ro knnen. Aber
er sprach wunderbare Dinge in seinen wirren Trumen - ich wnsche ihm, da
es nur Trume sind, sonst: weh dem treuen Manne.

Mehr war aus dem verschlossenen Alten nicht zu erforschen. Nach einigen
Stunden lie Witichis die drei Heerfhrer zu sich rufen. Sie fanden ihn zu
ihrem Staunen in voller Rstung, obwohl er sich im Stehen auf sein Schwert
sttzen mute; seitwrts auf einem Tisch lag sein kniglicher Kronhelm und
der heilige Knigsstab von weiem Eschenholz mit goldner Kugel. Die
Freunde erschraken ber den Verfall dieser sonst so ruhigen, mnnlich
schnen Zge. Er mute innerlich schwer gekmpft haben. Diese kernige,
schlichte Natur aus Einem Gu konnte ein Ringen zweifelvoller Pflichten,
widerstreitender Empfindungen nicht ertragen.

Ich hab' euch rufen lassen, sprach er mit Anstrengung, meinen Entschlu
in dieser schlimmen Lage zu vernehmen und zu untersttzen. Wie gro ist
unser Verlust in diesem Sturm?

Dreitausend Tote, sagte Teja sehr ernst. Und ber sechstausend
Verwundete, fgte Hildebrand hinzu.

Witichis drckte schmerzlich die Augen zu. Dann sprach er: Es geht nicht
anders. Teja, gieb sogleich Befehl zu einem zweiten Sturm.

Wie? Was? riefen die drei Fhrer wie aus Einem Munde.

Es geht nicht anders, wiederholte der Knig. Wie viele Tausendschaften
fhrst du uns zu, Hildebad? - Drei, aber sie sind totmde vom Marsch.
Heut' knnen sie nicht fechten.

So strmen wir wieder allein, sagte Witichis nach seinem Speer langend.

Knig, sagte Teja, wir haben gestern nicht einen Stein der Festung
gewonnen und heute hast du neuntausend weniger .. -

Und die Unverwundeten sind matt, ihre Waffen und ihr Mut zerbrochen,
mahnte der alte Waffenmeister.

Wir mssen Ravenna haben!

Wir werden es nicht mit Sturm nehmen! sagte Teja.

Das wollen wir sehen! meinte Witichis.

Ich lag vor der Stadt mit dem groen Knig, warnte Hildebrand: er hat
sie siebzigmal umsonst bestrmt: wir nahmen sie nur durch Hunger - nach
drei Jahren. -

Wir _mssen_ strmen, sagte Witichis, gebt den Befehl. Teja wollte das
Zelt verlassen. Hildebrand hielt ihn. Bleib, sagte er, wir drfen ihm
nichts verschweigen. Knig! die Goten murren: sie wrden dir heut' nicht
folgen: der Sturm ist unmglich.

Steht es so? sagte Witichis bitter. Der Sturm ist unmglich? Dann ist
nur eins noch mglich: der Weg, den ich gestern schon htte einschlagen
sollen: - dann lebten jene dreitausend Goten noch. Geh, Hildebad, nimm
dort Krone und Stab!

Geh ins Lager der Emprer, lege sie dem jungen Arahad zu Fen: er soll
sich mit Mataswintha vermhlen; ich und mein Heer, wir gren ihn als
Knig. Und er warf sich erschpft aufs Lager.

Du sprichst wieder im Wundfieber, sagte der Alte. Das ist unmglich!
schlo Teja.

Unmglich! Alles unmglich? der Kampf unmglich? und die Entsagung? Ich
sage dir, Alter: es giebt nichts andres nach der Botschaft aus Ravenna.
Er schwieg.

Die drei warfen sich bedeutende Blicke zu.

Endlich forschte der Alte: Wie lautet sie? vielleicht findet sich doch
ein Ausweg? Acht Augen sehen mehr als zwei.

Nein, sagte Witichis, hier nicht, hier ist nichts zu sehen: sonst htt'
ich's euch lngst gesagt: aber es konnte zu nichts fhren. Ich hab's
allein erwogen. Dort liegt das Pergament aus Ravenna, aber schweigt vor
dem Heer.

Der Alte nahm die Rolle und las: Die gotischen Krieger und das Volk von
Ravenna an den Grafen Witichis von Fsul! -

Die Frechen! rief Hildebad dazwischen.

Den Herzog Guntharis von Tuscien und den Grafen Arahad von Asta. Die
Goten und die Brger dieser Stadt erklren den beiden Heerlagern vor ihren
Thoren, da sie, getreu dem erlauchten Hause der Amalungen und eingedenk
der unvergelichen Wohlthaten des groen Knigs Theoderich, bei diesem
Herrscherstamm ausharren werden, solang noch ein Reis desselben grnt. Wir
erkennen deswegen nur Mataswintha als Herrin der Goten und Italier an: nur
der Knigin Mataswintha werden wir diese festen Thore ffnen und gegen
jeden andern unsre Stadt bis zum uersten verteidigen.

Diese Rasenden, sagte Teja. Unbegreiflich, versetzte Hildebad.

Aber Hildebrand faltete das Pergament zusammen und sagte: Ich begreife es
wohl. Was die Goten anlangt, so wit ihr, da Theoderichs ganze
Gefolgschaft die Besatzung der Stadt bildet; diese Gefolgen aber haben dem
Knig geschworen, seinem Stamm nie einen fremden Knig vorzuziehen: auch
ich hab' diesen Eid gethan: aber ich habe dabei immer an die Speerseite,
nicht an die Spindeln, nicht an die Weiber, gedacht: darum mut' ich
damals fr Theodahad stimmen: darum konnt' ich nach dessen Verrat Witichis
huldigen. Der alte Graf Grippa von Ravenna nun und seine Gesellen glauben
sich auch an die Weiber des Geschlechts durch jenen Eid gebunden: und
verlat euch darauf, diese grauen Recken, die ltesten im Gotenreich und
Theoderichs Waffengenossen, lassen sich in Stcke hauen, Mann fr Mann,
eh' sie von ihrem Eide lassen, wie sie ihn einmal deuten. Und, bei
Theoderich! sie haben recht. Die Ravennaten aber sind nicht nur dankbar,
sondern auch schlau: sie hoffen, Goten und Byzantiner sollen den Strau
vor ihren Wllen ausfechten. Siegt Belisar, der, wie er sagt, Amalaswintha
zu rchen kommt, so kann er die Stadt nicht strafen, die zu ihrer Tochter
gehalten: und siegen wir, so hat sie die Besatzung in der Burg gezwungen,
die Thore zu sperren.

Wie immer dem sei, fiel der Knig ein, ihr werdet jetzt mein Verfahren
verstehn. Erfuhr das Heer von jenem Bescheid, so mochten viele mutlos
werden und zu den Wlsungen bergehn, in deren Gewalt die Frstin ist. Mir
blieben nur zwei Wege: die Stadt mit Gewalt nehmen - oder nachgeben: jenes
haben wir gestern vergebens versucht und ihr sagt, man knne es nicht
wiederholen. So erbrigt nur das andre: nachgeben. Arahad mag die Jungfrau
freien und die Krone tragen; ich will der erste sein, ihm zu huldigen und
mit seinem tapfren Bruder sein Reich zu schirmen.

Nimmermehr! rief Hildebad, du bist unser Knig und sollst es bleiben.
Nie beug' ich mein Haupt vor jenem jungen Fant. La uns morgen hinber
rcken gegen die Rebellen, ich allein will sie aus ihrem Lager treiben und
das Knigskind, vor dessen Hand wie durch Zauber jene festen Thore
aufspringen sollen, in _unsre_ Zelte tragen.

Und wenn wir sie haben? sagte Teja, was dann? Sie ntzt uns nichts,
wenn wir sie nicht als Knigin begren. Willst du das? Hast du nicht
genug an Amalaswintha und Godelindis? Nochmals Weiberherrschaft?

Gott soll uns davor schtzen! lachte Hildebad.

So denke ich auch, sprach der Knig, sonst htt' ich lngst diesen Weg
ergriffen.

Ei, so la uns hier liegen und warten bis die Stadt mrbe wird.

Geht nicht, sagte Witichis, wir _knnen_ nicht warten. In wenigen Tagen
kann Belisar von jenen Hgeln steigen und nacheinander mich, Herzog
Guntharis und die Stadt bezwingen: dann ist's dahin, das Reich und Volk
der Goten. Es giebt nur zwei Wege: Sturm -

Unmglich, sprach Hildebrand.

Oder nachgeben. Geh, Teja, nimm die Krone. Ich sehe keinen Ausweg.

Die beiden jungen Mnner zauderten.

Da sprach mit einem ernsten, trauervollen Blick der Liebe auf den Knig
der alte Hildebrand: Ich sehe den Ausweg, den schmerzvollen, den
einzigen. Du mut ihn gehen, mein Witichis, und bricht dir siebenmal das
Herz. Witichis sah ihn fragend an: auch Teja und Hildebad staunten ob der
Weichheit des felsharten Alten.

Geht ihr hinaus, fuhr dieser fort, ich mu allein sprechen mit dem
Knig.




                           Fnfzehntes Kapitel.


Schweigend verlieen die beiden Goten das Zelt und schritten drauen, den
Ausgang abwartend, die Lagergasse auf und nieder. Aus dem Zelt drang hin
und wieder Hildebrands Stimme, der in langer Rede den Knig zu ermahnen
und zu drngen schien: und hin und wieder ein Ausruf des Knigs.

Was kann nur der Alte sinnen? fragte Hildebad, still haltend, weit
du's nicht? Ich ahn' es, seufzte Teja, armer Witichis! - Zum Teufel,
was meinst du? La, sagte Teja, es wird bald genug auskommen.

So verging geraume Zeit.

Heftiger und schmerzlicher klang die Stimme des Knigs, der sich der Reden
Hildebrands mchtig zu erwehren schien.

Was qult der Eisbart den wackern Helden? rief Hildebad ungeduldig. Es
ist, als wollt' er ihn ermorden. Ich will hinein und helf' ihm.

Aber Teja hielt ihn an der Schulter.

Bleib, sagte er. Es mu wohl sein.

Whrend sich Hildebad losmachen wollte, nahte Lrm von Stimmen aus dem
obern Ende der Lagergasse. Zwei Wachen bemhten sich vergebens, einen
starken Goten zurckzuhalten, der mit allen Zeichen langen und eiligen
Rittes bedeckt, sich gegen das Zelt des Knigs drngte.

La mich los, rief er, guter Freund, oder ich schlage dich nieder.

Und drohend hob er eine wuchtige Streitaxt.

Es geht nicht. Du mut warten. Die groen Heerfhrer sind bei ihm im
Zelt.

Und wren alle groen Gtter Walhalls samt dem Herrn Christus bei ihm im
Zelt, ich mu zu ihm. Erst ist der Mensch Vater und Gatte und dann Knig.
La' los, rat' ich dir.

Die Stimme kenn' ich, sagte Graf Teja, nhertretend - und den Mann.
Wachis, was suchst du hier im Lager?

O Herr, rief der treue Knecht, wohl mir, da ich euch treffe. Sagt
diesen guten Leuten, da sie mich loslassen. Dann brauch' ich sie nicht
niederzuschlagen. Ich mu gleich zu meinem armen Herrn.

Lat ihn los: sonst hlt er Wort: ich kenne ihn. Nun, was willst du bei
dem Knig?

Fhrt mich nur gleich zu ihm. Ich bring ihm schwarze, schwere Kunde von
Weib und Kind.

Von Weib und Kind? fragte Hildebad erstaunt. Ei, hat Witichis ein
Weib?

Die wenigsten wissen es, sagte Teja. Sie verlie fast nie ihr Gut, kam
nie zu Hof. Fast niemand kennt sie: aber wer sie kennt, der ehrt sie hoch.
Ich wei nicht ihresgleichen.

Da habt ihr recht, Herr, wenn ihr je recht gehabt, sprach Wachis mit
erstickter Stimme. Die arme, arme Frau und ach, der arme Vater. Aber lat
mich hinein. Frau Rauthgund folgt mir auf dem Fu. Ich mu ihn
vorbereiten.

Teja, ohne weiter zu fragen, schob den Knecht in das Zelt, und folgte ihm
mit Hildebad.

Sie trafen den alten Hildebrand ruhig, wie die Notwendigkeit, auf dem
Lager des Knigs sitzen, das Kinn mit dem mchtigen Bart in die Hand und
diese auf das Steinbeil gesttzt. So sa er unbeweglich und richtete fest
die Augen auf den Knig, der, in hchster Aufregung, mit hastigen
Schritten, auf und nieder ging und im Sturm seiner Gefhle die
Eintretenden gar nicht bemerkte: Nein! nein! niemals! rief er, das ist
grausam! frevelhaft! unmglich!

Es mu sein, sagte Hildebrand, ohne sich zu rhren.

Nein, sag' ich, rief der Knig und wandte sich.

Da stand Wachis dicht vor ihm. Er starrte ihn wirr an: da warf sich der
Knecht laut weinend vor ihm nieder.

Wachis, rief erschreckend der Knig, was bringst du? Du kmmst von ihr!
Steh' auf - was ist geschehen?

Ach Herr, jammerte dieser immer noch knieend, euch sehen, zerreit mein
Herz! Ich kann nichts dafr! Ich hab's vergolten und gercht nach
Krften.

Da ri ihn Witichis bei den Schultern auf: Rede, Mensch, was ist zu
rchen? Mein Weib -?

Sie lebt, sie kommt hierher, aber euer Kind ... -

Mein Kind, sprach er erbleichend, Athalwin, was ist mit ihm -?

Tot, Herr, - ermordet!

Da brach ein Schrei wie eines Schwerverwundeten aus des gequlten Vaters
Brust. Er bedeckte das Antlitz mit beiden Hnden, teilnehmend traten Teja
und Hildebad nher. Nur Hildebrand blieb unbeweglich und sah starr auf die
Gruppe.

Wachis ertrug die lange Pause des Schmerzes nicht. Er suchte die Hnde
seines Herrn zu fassen. Da senkte sie dieser von selbst. Zwei groe
Thrnen standen auf den braunen Wangen des Helden: er schmte sich ihrer
nicht.

Ermordet! sagte er, mein schuldlos Kind! von den Rmern! Die feigen
Teufel, rief Hildebad.

Teja ballte die Faust und seine Lippen bewegten sich lautlos.

Calpurnius! sprach Witichis mit einem Blick auf Wachis.

Ja, Calpurnius! Die Nachricht von deiner Wahl war aufs Gut gelangt und
dein Weib und Sohn in dein Lager entboten. Wie jauchzte jung Athalwin, da
er nun ein Knigssohn sein werde, wie Siegfried, der den Drachen schlug!
Nun wolle er bald ausziehen auf Abenteuer und auch Drachen schlagen und
wilde Riesen. Da kam der Nachbar von Rom zurck. Ich merkt' es wohl, da
er noch finsterer sah und neidischer als je und htete dir Haus und Stall.
Aber das Kind hten - wer htte daran gedacht, da Kinder nicht mehr
sicher!

Witichis schttelte schmerzlich das Haupt.

Der Knabe konnte nicht erwarten, da er seinen Vater sehen solle im
Kriegslager und all' die Tausende von gotischen Heermnnern und da er
Schlachten solle in der Nhe sehen. Er warf sein Holzschwert weg von Stund
an, und sagte: ein Knigssohn msse ein eisernes tragen, zumal in
Kriegszeiten. Und ich mute ihm ein Jagdmesser suchen und schleifen dazu.
Mit diesem seinem Schwert nun rannte er Frau Rauthgunden jeden Morgen frh
davon. Und fragte sie, wohin? so lachte er: auf Abenteuer, lieb'
Mutter! und sprang in den Wald. Dann kam er mittags md und zerrissenen
Gewandes heim: und ausgelassen stolz. Aber er sagte kein Wort und meinte
nur, er habe Siegfried gespielt.

Ich hatte aber meine eigenen Gedanken. Und als ich gar einst an seinem
Schwert Blutflecken bemerkte, schlich ich ihm nach zu Walde. Richtig, es
war, wie ich gedacht.

Ich hatte ihm einst warnend eine Hhle im schroffen Felsgeklft gezeigt,
das steil ber den Giebach hangt, weil dort die giftigen Vipern zu
Dutzenden nisten.

Er fragte mich damals nach allem aus: und als ich sagte, jeder Bi sei
tdlich, und gleich gestorben sei eine arme Beerensammlerin, die der
Beiwurm in den nackten Fu gestochen, da zog er flugs sein Holzschwert
und wollte mitten darunter springen. Mit Mhe und schwer erschrocken hielt
ich ihn damals ab.

Und jetzt fielen mir die Vipern ein und ich zitterte, da ich ihm eine
Eisenwaffe gegeben. Und bald fand ich ihn im Walde, mitten im
Steingeklft, unter Dornen und Gestrpp: da holte er einen mchtigen
Holzschild hervor, den er sich selbst gezimmert und dort versteckt hatte.
Und eine Krone war frisch drauf gemalt.

Und er zog sein Schwert und sprang laut jauchzend in die Hhle.

Ich sah mich um: da lag das lang mchtige Gewrm zu halben Dutzenden von
frhern Schlachten her mit zerhauenen Huptern umhergestreut: ich folgte,
und so besorgt ich war, ich konnt' ihn nicht stren, wie er so heldenmtig
focht! Er trieb eine dickgeschwollene Natter mit Steinwrfen aus ihrem
Loch, da sie sich zngelnd aufringelte: gerade wie sie zischend gegen ihn
sprang, warf er blitzschnell den Schild vor und hieb sie mit einem Streich
mitten entzwei. Da rief ich ihn an und schalt ihn herzhaft aus. Er aber
sah gar trotzig drein und rief: Sag's nur der Mutter nicht! denn ich
thu's doch! bis der letzte der Drachen tot ist! Ich sagte, ich wrde ihm
sein Schwert nehmen. Dann fecht' ich mit dem hlzernen, wenn dir das
lieber ist! rief er. Und welche Schmach fr einen Knigssohn!

Da nahm ich ihn die nchsten Tage mit mir zum Einfangen der Rosse auf die
Wildweide. Das vergngte ihn sehr: und nchstens, dacht' ich, brechen wir
ja auf.

Aber eines Morgens war er mir wieder entschlpft und ich ging allein an
die Arbeit. Den Rckweg nahm ich den Flu entlang, gewi, ihn an der
Felshhle zu finden. Aber ihn fand ich nicht. Nur das Gehng seines
Schwertes, zerrissen, an den Dornen hangen und seinen Holzschild zertreten
auf der Erde. Erschrocken sah ich umher und suchte, aber -

Rascher, weiter, rief der Knig.

Aber? fragte Hildebad.

Aber in den Felsen war nichts zu sehen. Da gewahrte ich groe Fuspuren
eines Mannes im weichen Sande. Ich folgte ihnen.

Sie fhrten bis an den steilen Rand des Felsens. Ich sah hinab. Und
unten -

Witichis wankte.

Ach, mein armer Herr! Da lag am Ufer des Flusses hingestreckt die kleine
Gestalt.

Wie ich die steilen Felsschroffen hinabkam, ich wei es nicht, im Flug war
ich unten. - Da lag er, das kleine Schwert noch fest in der Hand, von den
Felsspitzen zerrissen, das lichte Haar von Blut berstrmt -

Halt ein, sprach Teja, die Hand auf seine Schultern legend, indes
Hildebad des armen Vaters Hand fate, der sthnend auf sein Lager sank.

Mein Kind, mein ses Kind, mein Weib! rief er.

Ich fhlte das kleine Herz noch schlagen. Wasser aus dem Flu brachte ihn
nochmal zu sich. Er schlug die Augen auf und erkannte mich. Du bist
herabgefallen, mein Kind, klagte ich.

Nein, sagte er, nicht gefallen, geworfen. Ich war starr vor Entsetzen.
Calpurnius, hauchte er, trat pltzlich um die Felsecke, wie ich auf die
Vipern einhieb. Komm mit mir, sagte er und griff nach mir. Er sah bs
aus und falsch. Ich sprang zurck. Komm, sagte er, oder ich binde
dich. Mich binden! rief ich. Mein Vater ist der Goten Knig und der
deine. Wag' es und rhr' mich an! Da ward er ganz wtig und schlug nach
mir mit dem Stock und kam nher; ich aber wute, da in der Nhe unsere
Knechte Holz fllten und schrie um Hilfe und wich zurck bis an den Rand
der Felsen. Erschrocken sah er sich um. Denn die Leute muten mich gehrt
haben: ihre Axtschlge ruhten pltzlich. Doch pltzlich vorspringend,
sagte er: Stirb, kleine Natter! und stie mich ber den Fels.

Teja bi die Lippen. O der Neiding, rief Hildebad. Und Witichis ri sich
mit einem Schrei des Schmerzes los.

Mach's kurz, sagte Teja. - Er verlor wieder die Sinne. Ich trug ihn auf
meinen Armen nach Hause zur Mutter. Noch einmal schlug er die Augen auf,
in ihrem Schos. Ein Gru an dich war sein letzter Hauch.

Und mein Weib - ist sie nicht verzweifelt?

Nein, Herr, das ist sie nicht: die ist von Gold, aber auch von Stahl. Wie
der Knabe die Augen geschlossen, zeigte sie schweigend zum Fenster hinaus,
nach rechts.

Ich verstand sie: dort stand des Mrders Haus.

Und ich waffnete alle deine Knechte und fhrte sie hinber zur Rache: und
wir legten den ermordeten Knaben auf deinen Schild, und trugen ihn in
unsrer Mitte zur Mordklage. Und Rauthgundis ging mit, ein Schwert in der
Hand, hinter der Leiche. Vor dem Thor der Villa legten wir den Knaben
nieder.

Calpurnius selbst war entflohn auf dem schnellsten Ro zu Belisar. Aber
sein Bruder und sein Sohn und zwanzig Sklaven standen im Hof: sie wollten
eben zu Pferd steigen und ihm folgen. Wir erhoben dreimal den Mordruf.
Dann brachen wir ein.

Wir haben sie _alle_ erschlagen, alle: und das Haus niedergebrannt ber
den Bewohnern. Frau Rauthgundis aber sah dem allen zu, an der Leiche Wacht
haltend, auf ihr Schwert gesttzt, und sprach kein Wort. Und mich schickte
sie Tags darauf voraus, nach dir zu suchen. Sie folgte mir bald darauf,
sowie sie die kleine Leiche verbrannt. Und da ich einen Tag verloren,
durch die Emprer vom nchsten Wege abgesperrt, so kann sie stndlich da
sein.

Mein Kind, mein Kind, mein armes Weib! Das ist der erste Ertrag, den mir
diese Krone bringt. Und nun, rief er mit aller Heftigkeit des Schmerzes
den Alten an, willst du noch das Grausame fordern, das Untragbare?

Hildebrand stand langsam auf: Nichts ist untragbar, was notwendig ist.
Auch der Winter ist tragbar. Und das Alter. Und der Tod. Sie kommen ohne
zu fragen, wollt ihr's tragen? Sie kommen. Und wir tragen's. Weil wir
mssen. Aber ich hre Frauenstimmen und rauschende Gewande. Gehen wir.

Witichis wandte sich von ihm zur Thr.

Da stand, unter dem Zeltvorhang, in grauem Gewand und schwarzem Schleier
Rauthgundis sein Weib, eine kleine schwarze Marmorurne an die Brust
drckend.

Ein Ruf liebereichen Schmerzes und schmerzreicher Liebe: - - und die
Gatten hielten sich umfangen.

Schweigend verlieen die Mnner das Zelt.




                           Sechzehntes Kapitel.


Drauen hielt Teja den Alten leise am Mantel zurck: Du qulst den Knig
umsonst, sagte er. Er wird nie darein willigen. Er kann's auch nicht.
Jetzt am wenigsten.

Woher weit du ...? - unterbrach der Greis. - Still: ich ahn' es: wie
ich alles Unglck ahne. - Dann wirst du auch einsehen, da er mu. -
Er, - er wird's nie thun. - Aber - du meinst sie selbst? -
Vielleicht! - Sie wird, sagte Hildebrand.

Ja, sie ist ein Wunder von einem Weib, schlo Teja.

Whrend in den nchsten Tagen das jetzt kinderlose Paar seinem stillen
Schmerze lebte und Witichis kaum sein Zelt verlie, geschah es, da die
Vorposten der kniglichen Belagerer und die Auenwachen der gotischen
Besatzung von Ravenna, den eingetreten thatschlichen Waffenstillstand
benutzend, in mannigfachen Verkehr traten.

Sie warfen sich, scheltend und zankend, gegenseitig die Schuld an diesem
Brgerkriege vor.

Die Belagerer klagten, da die Besatzung in der hchsten Not des Reiches
dem gewhlten Knig der Goten seine Knigsburg verschlossen. Die
Ravennaten schmhten auf Witichis, der der Tochter der Amaler nicht gnne,
was ihr gebhre.

Einer solchen Unterredung hrte unbemerkt der alte Graf Grippa von Ravenna
selber zu, der die Runde auf den Wllen machte. Pltzlich trat er vor und
rief zu den Leuten des Witichis hinunter, die ihren Knig lobten und
rhmten:

So? Ist das auch edel und kniglich gehandelt, da er statt aller Antwort
auf unsern billigen Spruch Sturm lief wie ein Rasender? Und hatte doch ein
so leichtes Mittel, das Gotenblut zu sparen! Wir wollen ja nur, da
Mataswintha Knigin sei! Nun, kann er deshalb nicht Knig bleiben? Ist's
ein zu hartes Opfer, mit dem schnsten Weib der Erde, mit der Frstin
Schnhaar, von deren Reiz die Snger singen aus den Straen, Thron und
Lager zu teilen? Muten lieber so viel tausend tapferer Goten sterben?
Nun, er soll nur so fortstrmen! La sehn, was eher bricht: sein Eigensinn
oder diese Felsen.

Diese Worte des Alten machten den grten Eindruck auf die Goten vor den
Wllen.

Sie wuten nichts zu erwidern zu ihres Knigs Verteidigung. Von seiner Ehe
wuten sie so wenig wie das ganze Heer: daran hatte auch Rauthgundens
Anwesenheit im Lager wenig gendert: denn, wahrlich, nicht gleich einer
Knigin war sie eingezogen.

In groer Erregung eilten sie zurck ins Lager und erzhlten, was sie
vernommen, wie der Eigensinn des Knigs ihre Brder hingeopfert. Darum
also hat er die Botschaft aus der Stadt verheimlicht, riefen sie!

Bald bildeten sich in jeder Gasse des Lagers Gruppen, lebhaft bewegte, die
anfangs leiser, bald immer lauter die Sache besprachen und auf den Knig
schalten. Die Germanen jener Zeit behandelten ihre Knige mit einem
Freimut der Rede, der die Byzantiner entsetzte.

Hier wirkten der Verdru ber den Rckzug von Rom, die Schmach der
Niederlage vor Ravenna, der Schmerz um die geopferten Brder, der Zorn
ber sein Geheimtun zusammen, einen Sturm des Unwillens gegen den Knig zu
erregen, der deshalb nicht minder mchtig, weil er noch nicht offen
ausgebrochen.

Nicht entging diese Stimmung den Heerfhrern, wann sie durch die Gassen
des Lagers schritten und bei ihrem Nahen die Drohworte kaum mehr
verstummten. Aber sie konnten die Gefahr nur entfesseln, wenn sie strafend
sie beim Namen nannten.

Und oft, wann Graf Teja oder Hildebad beschwichtigend einschreiten
wollten, hielt sie der alte Waffenmeister zurck.

Lat es nur noch anschwellen, sagte er: wenn's genug ist, werd' ich's
dmmen. Die einzige Gefahr wre, murmelte er halblaut vor sich hin -

Da uns die drben im Rebellenlager zuvorkmen, sagte Teja.

Richtig, du alles Erratender. Aber das hat gute Wege. berlufer
erzhlen, da sich die Frstin standhaft weigert. Sie droht, sich eher zu
tten als Arahad die Hand zu reichen.

Pah, meinte Hildebad, daraufhin wrd' ich's wagen.

Weil du das leidenschaftliche Geschpf nicht kennst, das Amalungenkind.
Sie hat das Blut und die Feuerseele Theoderichs und wird auch uns am Ende
bses Spiel machen.

Witichis ist ein anderer Freier als jener Knabe von Asta, flsterte
Teja. Darauf vertrau ich auch, meinte Hildebad. Gnnt ihm noch einige
Tage Ruhe, riet der Alte. Er mu seinem Schmerz sein Recht anthun: eh'
ist er zu nichts zu bringen. Strt ihn nicht darin: lat ihn ruhig in
seinem Zelt und bei seinem Weibe. Ich werde sie bald genug stren mssen.

Aber der Greis sollte bald gentigt sein, den Knig frher und anders als
er gemeint aus seinem Schmerz aufzurufen.

Die Volksversammlung zu Regeta hatte gegen diejenigen Goten, die zu den
Byzantinern bergingen, ein Gesetz erlassen, das schimpflichen Tod drohte.
Solche Flle kamen zwar im ganzen selten, aber doch in den Gegenden, wo
wenige Germanen unter dichter Bevlkerung lebten und hufige Mischheiraten
stattgefunden hatten, hufiger vor.

Der alte Waffenmeister trug diesen Neidingen, die sich und ihr Volk
entehrten, ganz besonderen Zorn. Er hatte jenes Gesetz beantragt gegen
Heereslitz und Fahnenwechsel. Noch war eine Anwendung desselben nicht
ntig gewesen und man hatte der Bestimmung fast vergessen.

Pltzlich sollte man ernst genug daran gemahnt werden.

Belisar selbst hatte zwar Rom mit seinem Hauptheer noch nicht verlassen.
Aus mehr als Einem Grunde wollte er vorlufig noch diese Stadt zum
Sttzpunkt all' seiner Bewegungen in Italien machen.

Aber er hatte den weichenden Goten zahlreiche Streifscharen nachgesandt,
sie zu verfolgen, zu beunruhigen und insbesondre die zahlreichen Kastelle,
Burgen und Stdte zu bernehmen, in welchen die Italier die barbarischen
Besatzungen vertrieben oder erschlagen hatten, oder, von keiner Besatzung
im Zaum gehalten, einfach zum Kaiser der Romer, wie er sich auf
griechisch nannte, abgefallen waren.

Solche Vorflle ereigneten sich, besonders seit der gotische Knig in
vollem Rckzug und nach Ausbruch der Emprung die gotische Sache halb
verloren schien, fast alle Tage. Teils mit dem Druck, teils ohne den Druck
oder die Erscheinung byzantinischer Truppen vor den Thoren ergaben sich
viele Schlsser und Stdte an Belisar.

Da nun die meisten doch lieber den Schein einer Ntigung abwarteten, um,
falls die Goten gleichwohl unverhofft wieder siegen sollten, eine
Entschuldigung zu finden, war dies fr den Feldherrn ein weiterer Grund,
solche kleine Abteilungen, meist aus Italiern und Byzantinern gemischt,
unter Fhrung der berlufer, die der Gegend und der Verhltnisse kundig
waren, auszusenden. Und diese Scharen, ermutigt durch den fortgesetzten
Rckzug der Goten, wagten sich weit ins Land: jedes gewonnene Kastell
wurde ein Ausgangspunkt fr weitere Unternehmungen.

Eine solche Streifschar hatte jngst auch Castellum Marcianum gewonnen,
das bei Csena, ganz in der Nhe des kniglichen Lagers, eine Felshhe
oberhalb des groen Pinienwaldes krnte. Der alte Hildebrand, an den
Witichis seit seiner Verwundung den Oberbefehl abgegeben, sah diese
gefhrlichen Fortschritte der Feinde und den Verrat der Italier mit
Ingrimm: und da er ohnehin die Truppen nicht gegen Herzog Guntharis oder
gegen Ravenna beschftigen wollte, - er hoffte auf eine friedliche Lsung
des Knotens - beschlo er, gegen diese kecken Streifscharen einen
zchtigenden Streich zu thun.

Spher hatten gemeldet, da, am Tage nach Rauthgundens Ankunft im Lager,
die neue, byzantinische Besatzung von Castellum Marcianum sogar Csena,
diese wichtige Stadt, im Rcken des gotischen Lagers, zu bedrohen wagte.

Grimmig schwur der alte Waffenmeister diesen Frechen das Verderben. Er
selbst stellte sich an die Spitze einer Tausendschaft von Reitern, die in
der Stille der Nacht, Stroh um die Hufe der Rosse gewickelt, in der
Richtung gegen Csena aufbrachen.

Der berfall gelang vollkommen.

Unbemerkt gelangten sie bis in den Wald, an den Fu des hoch auf dem Fels
gelegenen Kastells. Hier verteilte Hildebrand die Hlfte seiner Reiter auf
alle Seiten des Waldes, die andere Hlfte lie er absitzen und fhrte sie
leise die Felswege des Kastells hinan. Die Wache am Thor ward berrascht
und die Byzantiner, von einer berlegenen Macht berfallen, flohen nach
allen Seiten den Fels hinab in den Wald, wo der groe Teil von den
Berittenen gefangen wurde. Die Flammen des brennenden Schlosses
erleuchteten die Nacht.

Eine kleine Gruppe aber zog sich fechtend ber das Flchen am Fu des
Felsens zurck, ber das nur eine schmale Brcke fhrte. Hier wurden die
verfolgenden Reiter Hildebrands von einem einzelnen aufgehalten, einem
Anfhrer, nach dem Glanz der Rstung zu schlieen.

Dieser hochgewachsene und schlanke, wie es schien noch junge Mann - sein
Visier war dicht geschlossen - focht wie ein Verzweifelter, deckte die
Flucht der Seinen und hatte schon vier Goten niedergestreckt.

Da kam der alte Waffenmeister zur Stelle und sah eine Weile den ungleichen
Kampf mit an. Gieb dich gefangen, tapferer Mann! rief er dem einsamen
Krieger zu, dein Leben sichr' ich dir.

Bei diesem Ruf zuckte der Byzantiner zusammen: einen Augenblick senkte er
das Schwert und sah auf den Alten. Aber schon im nchsten Moment sprang er
wtend vor und wieder zurck; er hatte dem vordersten Angreifer mit
gewaltigem Streich den Arm vom Leibe geschlagen. Entsetzt wichen die Goten
etwas zurck.

Hildebrand ergrimmte. Drauf! schrie er, vorspringend, jetzt keine Gnade
mehr! Zielt mit den Speeren. Er ist gefeit gegen Eisen! rief einer der
Goten, ein Vetter Tejas, dreimal hab' ich ihn getroffen - er ist nicht zu
verwunden.

Meinst du, Aligern? lachte der Alte grimmig, la sehen, ob er auch
gegen Stein gefeit ist.

Und er schleuderte seinen steinernen Wurfhammer - er war fast der einzige,
der nicht von dieser heidnisch alten Waffe gelassen - sausend gegen den
Byzantiner.

Die wuchtige Steinaxt schlug krachend grad auf den stolz geschweiften Helm
und wie blitzgetroffen fiel der Tapfere nieder. Zwei Mnner sprangen rasch
hinzu und lsten ihm den Helm.

Meister Hildebrand, rief Aligern erstaunt, das war kein Byzantiner.
Und kein Italier, sagte Gunthamund. Sieh die Goldlocken - das war ein
Gote! meinte Hunibad. Hildebrand trat hinzu - - und schrak zusammen.

Fackeln her, rief er - Licht! - - Ja, sprach er finster, seinen
Steinhammer wieder aufhebend, das war ein Gote. Und ich! - ich hab' ihn
erschlagen, fgte er mit eisiger Ruhe hinzu. Aber seine Faust zitterte am
Hammerschaft.

Nein, Herr, rief Aligern, er lebt. Er war nur betubt! Er schlgt die
Augen auf.

Er lebt? fragte der Alte mit Grauen, das woll'n die Gtter nicht! Ja,
er lebt! wiederholten die Goten, ihren Gefangenen aufrichtend. - Dann
weh ber ihn! und mich! Aber nein! ihn senden die Gtter der Goten in
meine Gewalt! Bind' ihn auf dein Ro, Gunthamund, aber fest! Und wenn er
entwischt, gilt es deinen Kopf statt des seinen. Auf, zu Pferd und nach
Hause!

Im Lager angelangt fragte die Bedeckung den Waffenmeister, was sie fr
diesen Gefangenen rsten sollten.

Einen Bund Stroh fr heute Nacht, sagte der, und fr morgen frh -
einen Galgen. Mit diesen Worten ging er in das Zelt des Knigs und
berichtete den Erfolg seines Zuges.

Wir haben unter den Gefangenen schlo er finster, einen gotischen
berlufer. Er mu hngen, ehe die Sonne morgen niedergeht. Das ist sehr
traurig, sagte Witichis seufzend. - Ja, aber notwendig. Ich berufe das
Kriegsgericht der Heerfhrer auf morgen. Willst du den Vorsitz fhren?
Nein, sagte Witichis, erla mir's: ich bestelle Hildebad an meiner
Statt. Nein, sagte der Alte, das geht nicht an. Ich bin Oberfeldherr,
solang du im Zelte liegst: ich fordere den Vorsitz als mein Recht.
Witichis sah ihn an: du siehst grimmig und so kalt! Ist's ein alter Feind
deiner Sippe? Nein, sprach Hildebrand. - Wie heit der Gefangene? -
Wie ich, Hildebrand. - Hre, du scheinst ihn zu hassen, diesen
Hildebrand! Du magst ihn richten, aber hte dich vor bertriebener
Strenge. Vergi nicht, da ich gern begnadige.

Das Wohl der Goten fordert seinen Tod, sagte Hildebrand ruhig und er
wird sterben.




                           Siebzehntes Kapitel.


Frh am andern Morgen wurde der Gefangene verhllten Hauptes hinausgefhrt
auf eine Wiese, im Norden, an der kalten Ecke des Lagers, wo sich die
Heerfhrer und ein groer Teil der Heermnner versammelt hatten.

Hre, sagte der Gefangene zu einem seiner Begleiter, ist der alte
Hildebrand auf dem Dingplatz?

Er ist das Haupt des Dings.

Barbaren sind und bleiben sie! Thu' mir den Gefallen, Freund - ich
schenke dir dafr diese purpurne Binde - und geh zu dem Alten. Sag ihm:
ich wisse, da ich sterben mu.

Aber er mge doch mir - und mehr noch meinem Geschlecht - hrst du? -
meinem Geschlecht - die Schande des Galgens ersparen. Er mge mir heimlich
eine Waffe senden. Der Gote, Gunthamund, ging, Hildebrand zu suchen, der
das Gericht bereits erffnet hatte. Das Verfahren war sehr einfach. Der
Alte lie zuerst das Gesetz von Regeta vorlesen, dann von Zeugen
feststellen, wie man sich des Gefangenen bemchtigt, darauf diesen selbst
vorfhren. Noch immer bedeckte ein Wollsack sein Haupt und seine
Schultern. Eben sollte dieser abgenommen werben, als Gunthamund sich zu
Hildebrand drngte und in sein Ohr flsterte.

Nein, sagte dieser, die Stirn runzelnd. Ich la' ihm sagen: die Schmach
fr sein Geschlecht sei seine That, nicht seine Strafe. Und laut fuhr er
fort: Zeigt das Antlitz des Verrters! Er ist Hildebrand, der Sohn des
Hildegis!

Ein Ruf des Staunens und Schreckens lief durch die Menge.

Sein eigner Enkel! Alter, du sollst nicht weiter richten! Du bist
grausam gegen dein Fleisch und Blut! rief Hildebad aufspringen. Nur
gerecht, aber gegen alle, sagte Hildebrand, den Stab auf die Erde
stoend. Armer Witichis! flsterte Graf Teja.

Aber Hildebad sprang auf und eilte hinweg nach dem Lager.

Was kannst du fr dich vorbringen, Sohn des Hildegis? fragte Hildebrand.

Der junge Mann trat hastig vor: sein Antlitz war von Zorn gertet, nicht
von Scham: keine Spur von Furcht lag auf seinen Zgen: sein langes, gelbes
Haar flog im Wind. Die Menge war von Mitgefhl ergriffen. Schon der
Bericht seines todesmutigen Widerstandes, dann die Entdeckung seines
Namens, endlich jetzt seine Jugend und Schnheit sprachen mchtig fr ihn.
Er lie sein Auge flammend die Reihen durchfliegen, und mit Stolz auf dem
Alten haften.

Ich verwerfe dies Gericht! Euer Gesetz trifft mich nicht! Ich bin Rmer,
kein Gote! Mein Vater starb vor meiner Geburt, meine Mutter war eine
Rmerin, die edle Cloelia. Diesen barbarischen Alten hab' ich nie als mir
verwandt empfunden. Seine Strenge hab' ich verachtet wie seine Liebe.
Seinen Namen hat er mir, dem Kinde, aufgezwungen, mich meiner Mutter
entrissen. Ich aber entlief ihm, sobald ich konnte: nicht Hildebrand,
Flavus Cloelius habe ich mich von je genannt. Rmisch waren meine Freunde,
rmisch von jeher meine Gedanken, rmisch mein Leben. All meine Freunde
gingen zu Belisar und Cethegus: sollt' ich zurckbleiben? Ttet mich, ihr
knnt' es und ihr werdet's. Aber gesteht, da es Mord ist, nicht
Rechtsvollzug. Ihr richtet keinen Goten, ihr ermordet einen gefangenen
Rmer. Denn rmisch ist meine Seele.

Schweigend, mit gemischten Empfindungen hrte die Menge diese
Verteidigung.

Da erhob sich ingrimmig der Alte, sein Auge sprhte Blitze, seine Hand
zitterte, vor Zorn, an dem Stabe. Elender! schrie er, du bist eines
gotischen Mannes Sohn, das rumst du ein. So bist du denn ein Gote: und
wenn du dich als Rmer fhlst, verdienst du schon dafr, zu sterben.
Sajonen, fort mit ihm, an den Galgen.

Da trat der Gefangene noch mal an die Schranken der Stufe. So sei
verflucht, schrie er, du tierisch rohes Volk! Verflucht, ihr Barbaren
allesamt, und zumeist du, Greis, mit dem Wolfsherzen! Glaubt nicht, da
all eure Wildheit euch frommt und eure Grausamkeit! Hinweggetilgt sollt
ihr werden aus diesem schnen Land und keine Spur soll von euch knden.

Auf einen Wink des Alten warfen ihm die Bannboten wieder die Hlle ums
Haupt und fhrten ihn ab nach einem Hgel, wo ein starker Eibenbaum aller
seiner Zweige und Bltter beraubt war. Da wurden die Augen der Menge von
ihm nach dem Lager abgelenkt, aus dem Lrm und Hufschlag eilender Rosse
nahte.

Es war ein Zug Reiter mit dem kniglichen Banner, Witichis und Hildebad an
der Spitze. Haltet ein, rief der Knig von weitem, schont den Enkel
Hildebrands: Gnade, Gnade!

Aber der Alte wies nach dem Hgel.

Zu spt, Herr Knig, rief er laut, es ist aus mit dem Verrter. So geh
es jedem, der seines Volks vergit. Erst kommt das Reich, Knig Witichis,
und dann kommt Weib und Kind und Kindeskind.

Gro war der Eindruck dieser That Hildebrands auf das Heer, grer noch
auf den Knig. Witichis fhlte das Gewicht, das durch dieses Opfer jede
Forderung des Alten gewonnen hatte. Und mit dem Gefhl, da jetzt jeder
Widerstand viel schwerer geworden, kehrte er in sein Zelt zurck. Und
Hildebrand benutzte seinen Vorteil, die Stimmung. Er trat am Abend mit
Teja in das Zelt des Knigs.

Schweigend, Hand in Hand saen die Gatten auf dem Feldbett; auf dem Tisch
vor ihnen stand die schwarze Urne, daneben lag eine Goldkapsel nach Art
der Amulette an blauem Bande: die kleine rmische Bronzelampe verbreitete
nur trbes Licht. Als Hildebrand dem Knig die Hand reichte, sah ihm
dieser ins Antlitz: ein Blick sagte ihm, da Hildebrand mit dem festen
Entschlu eingetreten sei, jetzt seinen Gedanken durchzusetzen um jeden
Preis.

Alle Anwesenden schienen stillschweigend von dem Eindruck des
bevorstehenden Seelenringens durchschauert.

Frau Rauthgundis, hob der Alte an, ich habe Hartes mit dem Knig zu
reden. Es wird euch krnken, es zu hren.

Die Frau erhob sich, aber nicht um zu gehen. Der Ausdruck tiefen Schmerzes
und tiefer Liebe zu ihrem Gatten gab den regelmigen festen Zgen eine
edle Weihe. Sie legte, ohne die Rechte aus der Hand des Gatten zu ziehen,
leise die Linke auf seine Schulter.

Sprich nur fort, Hildebrand, ich bin sein Weib und fordre die Hlfte
dieser Hrte.

Frau, - mahnte der Alte nochmal.

La sie bleiben, sprach der Knig, frchtest du, ihr ins Angesicht
deine Gedanken zu sagen? - Frchten? nein! und sollt ich einem Gott ins
Antlitz sagen, das Volk der Goten ist mir mehr als du - ich tht's ohne
Furcht: Wisse denn ... -

Wie? du willst? Schone, schone sie, sprach Witichis, den Arm um seine
Frau schlingend. Aber Rauthgundis sah ihn gro und fest an: Ich wei
alles, mein Witichis. Wie ich gestern Abend durchs Lager wandelte,
unerkannt, im Schutz der Dmmerung, hrte ich die Heermnner an den Feuern
auf dich schelten und diesen Alten hoch erheben. Ich lauschte und hrte
alles, was dieser fordert und was du weigerst.

Und du hast mir nichts gesagt? Hat es doch keine Gefahr. Wei ich doch,
da du dein Weib nicht verstoen wirst. Nicht um eine Krone und nicht um
jenes zauberschne Mdchen. Wer will uns scheiden? La diesen Alten drohn:
ich wei ja doch, es hngt kein Stern am Himmel fester als ich an deinem
Herzen.

Diese Sicherheit wirkte auf den Alten.

Er furchte die Stirn: Nicht mit dir hab' ich zu rechten. Witichis, ich
frage dich vor Teja: - du weit, wie es steht. Ohne Ravenna sind wir
verloren - Ravenna ffnet dir nur Mataswinthens Hand. - Willst du diese
Hand fassen oder nicht?

Da sprang Witichis auf. Ja, unsre Feinde haben Recht! Wir sind Barbaren!
Da steht vor diesem fhllosen Alten ein herrlich Weib, an Schmerzen wie an
Treue unerreicht, vor ihm steht die Asche unseres gemordeten Kindes und er
will von diesem Weib, von dieser Asche weg den Gatten zu neuer Ehe rufen.
Nie, niemals!

Vor einer Stunde waren Vertreter aller Tausendschaften des Heeres auf dem
Weg in dein Zelt, sprach der Greis. Sie wollten erzwingen, was ich
fordere. Ich hielt sie mit Mhe ab.

La sie kommen! rief Witichis, sie knnen mir nur die Krone nehmen,
nicht mein Weib.

Wer die Krone trgt, ist seines Volkes, nicht mehr sein eigen.

Hier, - da ergriff Witichis den Kronhelm und legte ihn auf den Tisch vor
Hildebrand, - noch einmal geb' ich euch und zum letztenmal die Krone
zurck. - Ich habe sie nicht verlangt, wei Gott. - Sie hat mir nichts
gebracht als diese Aschenurne. - Nehmt sie zurck: - lat Knig sein wer
will und Mataswintha frein.

Aber Hildebrand schttelte das Haupt. Du weit, das fhrt zum sichersten
Verderben. Schon jetzt sind wir in drei Parteien gespalten. Viele Tausende
wrden Arahad nie anerkennen. Du bist's allein, der noch alles
zusammenhlt. Fllst du weg, so lsen wir uns auf, ein Bndel
losgebundener Ruten, die Belisar im Spiele bricht. Willst du das?

Frau Rauthgundis, kannst du kein Opfer bringen fr dein Volk? sprach
Teja nher tretend.

Auch du, hochsinniger Teja, gegen mich? ist das deine Freundschaft?
Rauthgundis, sprach dieser ruhig, ich ehre dich vor allen Frauen hoch,
und Hohes fordre ich darum von dir. -

Hildebrand aber begann, du bist die Knigin dieses Volkes. Ich wei von
einer Gotenknigin aus unsrer Ahnen Heidenzeit. Hunger und Seuchen
lasteten auf ihrem Volk. Ihre Schwerter waren sieglos. Die Gtter zrnten
den Goten. Da fragte Swanhild die Eichen des Waldes und die Wellen des
Meeres und sie rauschten zur Antwort:

  Wenn Swanhild stirbt, leben die Goten.
  Lebt Swanhild, so stirbt ihr Volk.

Und Swanhild wandte den Fu nicht mehr nach Hause. Sie dankte den Gttern
und sprang in die Flut. Aber freilich, das war die Heidenzeit.

Rauthgundis blieb nicht unbewegt. Ich liebe mein Volk, sprach sie, und
seit von Athalwin nur diese Locke brig, sie wies auf die Kapsel, glaub'
ich, gb' ich mein Leben fr mein Volk. Sterben will ich - ja, rief sie,
aber leben und diesen Mann meines Herzens in andrer Liebe wissen - nein.

In andrer Liebe! rief Witichis, wie redest du mir so? Weit du's denn
nicht, wie ewig dies gequlte Herz nur nach dem Wohlklang deines Namens
schlgt? Hast du's denn nicht empfunden, noch nicht, an dieser Urne nicht,
wie ewig unsre Herzen eins? Was bin ich, ohne deine Liebe? Reit mir das
Herz aus der Brust, setzt mir ein andres ein: dann etwa la ich von dieser
Seele. Ja, wahrlich, rief er den beiden Mnnern zu, ihr wit nicht was
ihr thut und kennt euren Vorteil schlecht. Ihr wit nicht, da meine Liebe
zu diesem Weib und dieses Weibes Liebe das Beste ist am armen Witichis.
Sie ist mein guter Stern. Ihr wit nicht, da ihr zu danken ist, ihr
allein, wenn etwas euch an mir gefllt. An sie denk' ich im Getmmel der
Schlacht und ihr Bild strkt meinen Arm. An sie denk ich, an ihre Seele,
klar und ruhig, an ihre makellose Treu, wenn's gilt, im Rat das Edelste zu
finden. - O, dieses Weib ist meines Lebens Seele, nehmt sie hinweg und ein
Schatte ohne Glck und Kraft ist euer Knig.

Und in leidenschaftlicher Erregung schlo er Rauthgundis in die Arme. Sie
war erstaunt, selig erschrocken. Noch nie hatte der stete, ruhige Mann,
der sein Gefhl gern scheu in sich verschlo, so von ihr, von seiner Liebe
gesprochen. Nicht, da er um sie warb, wie jetzt, da er sie lassen sollte.

Aufs mchtigste erschttert sank sie an seine Brust: Dank, Dank, Gott,
fr diese Schmerzenstunde, flsterte sie, ja, jetzt wei ich, dein Herz,
deine Seele sind ewig mein.

Und bleiben dein, sagte Teja leise, wenn auch eine andre seine Knigin
heit! Sie teilt nur seine Krone, nicht sein Herz.

Das schlug tief in Rauthgundis Seele. Sie sah, ergriffen von diesem Wort,
mit groen Augen auf Teja.

Hildebrand erkannte es wohl und sann darauf, jetzt seinen Hauptschlag zu
fhren.

Wer will, wer kann an eure Herzen rhren? sprach er. Ein Schatte ohne
Glck und Kraft - das wirst du nur, wenn du mein Wort verwirfst und
brichst deinen heiligen, heiligen Eid. Denn der Meineidige ist hohler als
ein Schatte.

Seinen Eid? fragte Rauthgundis erbebend. Was hast du geschworen?

Witichis aber sank auf den Sitz und sein Haupt auf seine Hnde.

Was hat er geschworen? wiederholte sie.

Da sprach Hildebrand, langsam jedes Wort in die Seele der Gatten zielend.
Wenige Jahre sind's. Da schlo ein Mann, in mitternchtiger Stunde, mit
vier Freunden einen mchtigen Bund. Unter heiliger Eiche ward der Rasen
geritzt und er that einen Eid bei der alten Erde, dem wallenden Wasser,
dem flackernden Feuer und der leichten Luft. Und sie mischten ihr rotes
Blut zu einem Bund von Brdern auf immer und ewig und alle Tage.

Sie schworen den schweren Schwur, zu opfern alles Eigen: Sohn und Sippe,
Leib und Leben: Waffen und Weib dem Glck und Glanz des Geschlechtes der
Goten. Und wer von den Brdern sich wollte weigern, den Eid zu ehren mit
allen Opfern, des rotes Blut solle rinnen ungercht wie dies Wasser unter
den Waldwasen. Auf sein Haupt solle die Himmelshalle niederdonnern und ihn
erdrcken. Und wer vergit dieses Eides und wer sich weigert, alles zu
opfern dem Volk der Goten, wenn die Not es gebeut und ein Bruder ihn
mahnt, der soll verfallen sein auf immer den dunkeln Gewalten, die da
hausen unter der Erde. Gute Menschen sollen mit Fen schreiten ber des
Neidings Haupt und sein Andenken verschlungen sein spurlos in die Tiefe: -
oder wer seiner gedenkt, gedenke sein mit Fluchen: und verdammt soll sein
seine Seele zu ewiger Qual. Und ehrlos soll sein sein Name, so weit
Christenleute Glocken luten und Heidenleute Opfer schlachten, so weit der
Wind weht ber die weite Welt.

So ward geschworen in jener Nacht von fnf Mnnern: von Hildebrand und
Hildebad, von Totila und Teja. Wer aber war der fnfte? Witichis, Waltaris
Sohn.

Und - rasch streifte er dem Knig das Gewand ber den linken Knchel
zurck. Sieh her, Rauthgundis, noch ist die Narbe des Blutschnitts nicht
verwischt. Aber der Schwur ist verwischt in seiner Seele. So schwor er
damals, als er noch nicht Knig war.

Und als ihn die Tausende von gotischen Mnnern auf dem Feld von Regeta auf
den Schild erhoben, da that er einen zweiten Schwur: Mein Leben, mein
Glck, mein alles, euch will ich's weihn, dem Volk der Goten, das schwr
ich euch beim hchsten Himmelsgott und bei meiner Treue. Nun, Witichis,
Waltaris Sohn, Knig der Goten, ich mahne dich an jenen doppelten Eid zu
dieser Stunde. Ich frage dich, willst du opfern, wie du geschworen, dein
alles, dein Glck und dein Weib, dem Volk der Goten? Siehe, auch ich habe
drei Shne verloren fr dies Volk.

Und habe meinen Enkel, den letzten Spro meines Geschlechts, geopfert,
gerichtet fr die Goten, ohne Zucken mit den Wimpern. Sprich, willst du
das Gleiche thun? willst du halten deinen Eid? oder ihn brechen und ehrlos
unter den Lebendigen, verflucht sein unter den Toten, willst du?

Witichis wand sich im Schmerz unter den Worten des furchtbaren Alten.

Da erhob sich Rauthgundis. Die Linke auf ihres Mannes Herz gelegt, die
Rechte wie abwehrend gegen Hildebrand ausstreckend, sprach sie: Halt ein.
La ab von ihm. Es ist genug, schon lngst. Er thut, was du begehrst. Er
wird nicht ehrlos und eidbrchig an seinem Volke, um sein Weib.

Aber Witichis sprang auf und umfate sie, als wollte man ihm sein Weib
sogleich entreien.

Geht jetzt, sprach sie zu den Mnnern, lat mich allein mit ihm.

Teja wandte sich zum Ausgang, Hildebrand zgerte.

Geh nur, ich gelobe es dir: sprach sie, die Hand auf die Marmorurne
legend, bei der Asche meines Kindes: mit Sonnenaufgang ist er frei.

Nein, sprach Witichis, ich stoe mein Weib nicht von mir, nie.

Das sollst du nicht. Nicht du vertreibst mich: ich wende mich von dir.
Rauthgundis geht, ihr Volk zu retten und ihres Gatten Ehre. Du kannst dein
Herz nie von mir lsen: ich wei es, es bleibt mein, seit heute mehr denn
je. Geht, was jetzo zwischen uns beiden zu leben ist, trgt keinen
Zeugen.

Schweigend verlieen die Mnner das Zelt, schweigend gingen sie
miteinander die Lagergasse hinab, an der Ecke hielt der Alte.

Gut Nacht, Teja, sagte er, jetzt ist's gethan.

Ja, doch wer wei, ob wohlgethan. Ein edles, edles Opfer: noch viele
andre werden folgen und mir ist: dort in den Sternen steht geschrieben:
umsonst. Doch gilt's die Ehre noch, wenn nicht den Sieg. Lebwohl.

Und er schlug den dunkeln Mantel um die Schulter und verschwand wie ein
Schatten in der Nacht.




                           Achtzehntes Kapitel.


Am andern Morgen noch vor Hahnenkraht ritt ein verhlltes Weib aus dem
Gotenlager. Ein Mann im braunen Kriegermantel schritt neben ihr, das Ro
am Zgel fhrend und immer wieder in ihr verschleiert Antlitz schauend.
Einen Pfeilschu hinter ihnen ritt ein Knecht, ein Bndel hinter sich auf
dem Sattel, an dem die schwere Streitaxt hing.

Lange verfolgten sie schweigend ihren Weg.

Endlich hatten sie eine Waldhhe erreicht: hinter ihnen die breite
Niederung, in der das Gotenlager und die Stadt Ravenna ruhten, vor ihnen
die Strae, die nach der Via Aemilia im Nordwesten fhrte.

Da hielt das Weib den Zgel an.

Die Sonne steigt soeben auf: ich hab's gelobt, da sie dich frei und
ledig findet. Leb wohl, mein Witichis. Eile nicht so hinweg von mir,
sagte er, ihre Hand drckend. Wort mu man halten, Freund, und bricht das
Herz darob. Es mu sein. - Du gehst leichter, als ich bleibe. Sie
lchelte schmerzlich. Ich lasse mein Leben hinter dieser Waldhhe: Du
hast noch ein Leben vor dir. - Was fr ein Leben! - Das Leben eines
Knigs fr sein Volk, wie dein Eid es gebeut. - Unseliger Eid. - Es
war recht, ihn zu schwren: es ist Pflicht, ihn zu halten. Und du wirst
mein gedenken in den Goldslen von Rom, wie ich dein in meiner Htte tief
im Steingeklft. Du wirst sie nicht vergessen, die zehn Jahre der Lieb'
und Treu, und unsern sen Knaben.

O mein Weib, mein Weib, rief der Gequlte und umschlang sie mit beiden
Armen, das Haupt auf den Sattelknopf gedrckt. Sie beugte das Haupt ber
ihn und legte die Rechte auf sein braunes Haar.

Inzwischen war Wachis herangekommen: er sah der Gruppe eine Weile zu, dann
hielt er's nicht mehr aus. Er zog leise seinen Herrn am Mantel: Herr,
pat auf, ich wei euch guten Rat, hrt ihr nicht?

Was kannst du raten?

Kommt mit, auf und davon! werft euch auf mein Pferd und reitet frisch
davon mit Frau Rauthgundis. Ich komme nach. Lat ihnen doch, die euch so
qulen, da euch die hellen Tropfen im Auge stehen, lat ihnen doch den
ganzen Plunder von Kron' und Reich. Euch hat's kein Glck gebracht: sie
meinen's nicht gut mit euch: wer will Mann und Weib scheiden um eine tote
Krone? Auf und davon, sag ich! Und ich wei euch ein Felsennest, wo euch
nur der Adler findet oder der Steinbock.

Soll dein Herr von seinem Reich entlaufen, wie ein schlechter Sklave aus
der Mhle? Leb wohl Witichis, hier nimm die Kapsel mit dem blauen Band:
des Kindes Stirnlocken sind darin und eine, flsterte sie, ihn auf die
Stirn kssend und das Medaillon umhngend, und eine von Rauthgundis. Leb
wohl, du mein Leben!

Er richtete sich auf, ihr ins Auge zu sehen.

Da trieb sie das Pferd an: Vorwrts, Wallada, und sprengte hinweg:
Wachis folgte im Galopp, Witichis stand regungslos und sah ihr nach.

Da hielt sie, ehe die Strae sich ins Gehlz krmmte: - nochmal winkte sie
mit der Hand und war gleich darauf verschwunden.

Witichis lauschte wie im Traum auf die Hufschlge der eilenden Rosse. Erst
als diese verhallt, wandte er sich.

Aber es lie ihn nicht von der Stelle.

Er trat seitab der Strae: dort lag jenseit des Grabens ein groer
moosiger Felsblock: darauf setzte sich der Knig der Goten, und sttzte
die Arme auf die Knie, das Haupt in beide Hnde. Fest drckte er die
Finger vor die Augen, die Welt und alles drauen auszuschlieen von seinem
Schmerz.

Thrnen drangen durch die Hnde, er achtete es nicht. Reiter sprengten
vorber, er hrte es kaum. So sa er stundenlang regungslos, so da die
Vgel des Waldes bis dicht an ihn heran spielten.

Schon stand die Sonne im Mittag.

Endlich - hrte er seinen Namen nennen. Er sah auf: Teja stand vor ihm.

Ich wut es wohl, sagte dieser, du bist nicht feig entflohn. Komm mit
zurck und rette das Reich. Als man dich heut nicht in deinem Zelte fand,
kam's gleich im ganzen Lager aus: du habest, an Krone und Glck
verzweifelnd, dich davon gemacht.

Bald drang's in die Stadt und zu Guntharis: die Ravennaten drohen einen
Ausfall, sie wollen zu Belisar bergehn. Arahad buhlt bei unsrem Heer um
die Krone. Zwei, drei Gegenknige drohn. Alles fllt in Trmmer
auseinander, wenn du nicht kommst und rettest.

Ich komme, sagte er, sie sollen sich hten! Es brach das beste Herz um
diese Krone: sie ist geheiligt und sie soll'n sie nicht entweihn. Komm,
Teja, zurck ins Lager.





                              Fnftes Buch.


                                WITICHIS.


                            Zweite Abteilung.




                             Erstes Kapitel.


Im Lager angelangt fand Knig Witichis alles in hchster Verwirrung;
gewaltsam ri ihn die drngende Not des Augenblicks aus seinem Gram und
gab ihm vollauf zu thun.

Er traf das Heer in voller Auflsung und in zahlreiche Parteiungen
zerspalten. Deutlich erkannte er, da der Fall der ganzen gotischen Sache
die Folge gewesen wre, htte er die Krone niedergelegt oder das Heer
verlassen.

Manche Gruppen fand er zum Aufbruch bereit.

Die einen wollten sich dem alten Grafen Grippa in Ravenna anschlieen.
Andere zu den Emprern sich wenden, andere Italien verlassend ber die
Alpen flchten. Endlich fehlte es nicht an Stimmen, die fr eine neue
Knigswahl sprachen: und auch hierin standen sich die Parteien
waffendrohend gegenber.

Hildebrand und Hildebad hielten noch diejenigen zusammen, die an des
Knigs Flucht nicht glauben wollten. Der Alte hatte erklrt, wenn Witichis
wirklich entflohen, wolle er nicht ruhen, bis der eidbrchige Knig wie
Theodahad geendet. Hildebad schalt jeden einen Neiding, der also von
Witichis denke. Sie hatten die Wege zur Stadt und nach dem Wlsungenlager
besetzt und drohten, jeden Abzug nach diesen Seiten mit Gewalt
zurckzuweisen, whrend auch bereits Herzog Guntharis von der Verwirrung
Kunde erhalten hatte und langsam gegen das Lager der Kniglichen anrckte.

berall traf Witichis auf unruhige Haufen, abziehende Scharen, Drohungen,
Scheltworte, erhobene Waffen: - jeden Augenblick konnte auf allen Punkten
des Lagers ein Blutbad ausbrechen. Rasch entschlossen eilte er in sein
Zelt, schmckte sich mit dem Kronhelm und dem goldenen Stab, stieg auf
Boreas, das mchtige Schlachtro, und sprengte, gefolgt von Teja, der die
blaue Knigsfahne Theoderichs ber ihm hielt, durch die Gassen.

In der Mitte des Lagers stie er auf einen Trupp von Mnnern, Weibern und
Kindern, - denn ein gotisches Volksheer fhrte auch diese mit sich - der
sich drohend gegen das Westthor wlzte.

Hildebad lie die Seinen mit gefllten Speeren in die Thore treten.

Lat uns hinaus, schrie die Menge, der Knig ist geflohen, der Krieg
ist aus, alles ist verloren, wir wollen das Leben retten. Der Knig ist
kein Tropf wie du, sagte Hildebad, den Vordersten zurckstoend. Ja, er
ist ein Verrter, schrie dieser, er hat uns alle verlassen und verraten
um ein paar Weiberthrnen.

Ja, schrie ein anderer: er hat dreitausend von unseren Brdern
hingeschlachtet und ist dann entflohn.

Du lgst, sprach eine ruhige Stimme und Witichis bog um die Lagerecke.

Heil dir, Knig Witichis! schrie der riesige Hildebad, seht ihr ihn da!
- Hab' ich's nicht immer gesagt, ihr Gesindel? Aber Zeit war's, da du
kamst - sonst ward es schlimm.

Da sprengte von rechts Hildebrand mit einigen Reitern heran: Heil dir,
Knig, und der Krone auf deinem Helm. - Reitet durch das Lager, Herolde,
und kndet, was ihr saht: und alles Volk soll rufen: Heil Knig Witichis,
dem Vielgetreuen.

Aber Witichis wandte sich schmerzlich von ihm ab. -

Die Boten schossen wie Blitze hinweg; bald scholl aus allen Gassen der
donnernde Ruf: Heil Knig Witichis, und von allen Seiten stimmten die
jngst noch Hadernden einig in diesen Ruf zusammen.

Sein Blick flog mit dem Stolz tiefsten Schmerzes ber die Tausende. Und
Teja sprach hinter ihm leise: du siehst, du hast das Reich gerettet.

Auf, fhr uns zum Sieg! rief Hildebad, denn Guntharis und Arahad rcken
an: sie whnen, uns ohne Haupt in offenem Zwist zu berraschen! heraus auf
sie! sie sollen sich schrecklich irren; heraus auf sie und nieder die
Emprer. - Nieder die Emprer! donnerten die Heermnner nach, froh,
einen Ausweg ihrer tieferregten Leidenschaft zu finden.

Aber der Knig winkte mit edler Ruhe: Stille! nicht noch einmal soll
gotisch Blut flieen von gotischen Waffen. Ihr harret hier in Geduld: du,
Hildebad, thu' mir auf das Thor. Niemand folgt mir: ich allein gehe zu den
Gegnern. Du, Graf Teja, hltst das Lager in Zucht, bis ich wiederkehre. Du
aber, Hildebrand, - er rief's mit erhobener Stimme, - reit' an die Thore
von Ravenna und knde laut: sie sollen sie ffnen. Erfllt ist ihr Begehr,
und noch vor Abend ziehen wir ein: der Knig Witichis und die Knigin
Mataswintha.

So gewaltig und ernst sprach er diese Worte, da das Heer sie mit
lautloser Ehrfurcht vernahm.

Hildebad ffnete die Lagerpforte: man sah die Reihen der Emprer im
Sturmschritt heraneilen: laut scholl ihr Kriegsruf, als sich das Thor
ffnete.

Knig Witichis gab an Teja sein Schwert und ritt ihnen langsam entgegen.
Hinter ihm schlo sich das Thor.

Er sucht den Tod, flsterte Hildebrand. Nein, sprach Teja, er sucht
und bringt das Heil der Goten.

Wohl stutzten die Feinde, als sie den einzelnen Reiter erkannten: neben
den wlsungischen Brdern, die an der Spitze zogen, ritt ein Fhrer
avarischer Pfeilschtzen, die sie in Sold genommen. Dieser hielt die Hand
vor die kleinen, blinzenden Augen und rief: Beim Rosse des Rogotts, das
ist der Knig selbst! jetzt, meine Burschen, pfeilkundige Shne der
Steppe, zielt haarscharf und der Krieg ist aus. Und er ri den krummen
Hornbogen von der Schulter.

Halt, Chan Warchun, sprach Herzog Guntharis, eine eherne Hand auf seine
Schulter legend. Du hast zweimal schwer gefehlt in einem Atem. Du nennst
den Grafen Witichis Knig: das sei dir verziehn. Und du willst ihn morden,
der im Botenfrieden naht: Das mag avarisch sein: es ist nicht Gotensitte.
Hinweg mit dir und deiner Schar aus meinem Lager.

Der Chan stutzte und sah ihn staunend an: Hinweg, sogleich! wiederholte
Herzog Guntharis. Der Avare lachte und winkte seinen Reitern: Mir gleich!
Kinder: wir gehn zu Belisar. Sonderbare Leute, diese Goten! Riesenleiber -
Kinderherzen.

Indessen war Witichis herangeritten. Guntharis und Arahad musterten ihn
mit forschenden Blicken. In seinem Wesen lag neben der alten, schlichten
Wrde eine ernste Hoheit: die Majestt des hchsten Schmerzes.

Ich komme, mit euch zu reden, zum Heil der Goten. Nicht weiter sollen
Brder sich zerfleischen. Lat uns zusammen einziehen in Ravenna und
zusammen Belisar bekmpfen. Ich werde Mataswintha freien und ihr beide
sollt am nchsten stehen an meinem Thron.

Nimmermehr! rief Arahad leidenschaftlich. Du vergit, sprach Herzog
Guntharis stolz, da deine Braut in unsern Zelten ist.

Herzog Guntharis von Tuscien, ich knnte dir erwidern, da bald wir in
euren Zelten sein werden. Wir sind zahlreicher und nicht feiger als ihr,
und, o Herzog Guntharis, mit uns ist das Recht. Ich will nicht also
sprechen. Aber mahnen will ich dich des Gotenvolks. Selbst wenn du siegen
solltest, - du wirst zu schwach, um Belisar zu schlagen. Kaum einig sind
wir ihm gewachsen. Gieb nach!

Gieb du nach! sprach der Wlsung, wenn dir's ums Gotenvolk zu thun.
Lege diese Krone nieder: kannst du kein Opfer bringen deinem Volk? - Ich
kann's - ich hab's gethan. Hast du ein Weib, o Guntharis?

Ein teures Weib habe ich. - Nun wohl: auch ich hatte ein teures Weib.
Ich hab's geopfert meinem Volk: ich habe sie ziehen lassen, Mataswinthen
zu freien.

Herzog Guntharis schwieg. Arahad aber rief: dann hast du sie nicht
geliebt.

Da fuhr Witichis empor: sein Schmerz und seine Liebe wuchsen riesengro:
Glut deckte seine Wangen, und einen vernichtenden Blick warf er auf den
erschrockenen Jngling: Schwatze mir nicht von Liebe, lstre nicht, du
thrichter Knabe! Weil dir ein paar rote Lippen und weie Glieder in
deinen Trumen vor den Blicken glnzen, sprichst du von Liebe? Was weit
du von dem, was ich an diesem Weib verloren, der Mutter meines sen
Kindes! Eine Welt von Liebe und Treue. Reizt mich nicht: meine Seele ist
wund: in mir liegen Schmerz und Verzweiflung mit Mhe gebndigt: reizt sie
nicht, lat sie nicht losbrechen.

Herzog Guntharis war sehr nachdenklich geworden.

Ich kenne dich, Witichis, vom Gepidenkrieg: nie sah ich unadeligen Mann
so adelige Streiche thun. Ich wei, es ist kein Falsch an dir. Ich wei,
wie Liebe bindet an ein ehlich Weib. Und du hast das Weib deinem Volk
geopfert? Das ist viel.

Bruder! was sinnest du? rief Arahad, was hast du vor? - Ich habe vor,
das Haus der Wlsungen an Edelmut nicht beschmen zu lassen. Edle Geburt,
Arahad, heischt edle That!

Sag' mir nur eins noch: weshalb hast du nicht lieber die Krone hingegeben,
ja dein Leben, als dein Weib?

Weil es des Reiches sicheres Verderben war. Zweimal wollt' ich die Krone
Graf Arahad abtreten: zweimal schwuren die Ersten meines Heeres, ihn nie
anzuerkennen. Drei, vier Gegenknige wrden gewhlt, aber, bei meinem
Wort, Graf Arahad wrde niemals anerkannt. Da rang ich mein Weib von mir
ab, vom blutenden Herzen. Und nun, Herzog Guntharis, gedenk' auch du des
Gotenvolks. Verloren ist das Haus der Wlsungen, wenn die Goten verloren.
Die edelste Blte des Stammes fllt mit dem Stamm, wenn Belisar die Axt an
die Wurzel legt. Ich habe mein Weib dahingegeben, meines Lebens Krone:
gieb du die Hoffnung einer Krone auf.

Man soll nicht singen in der Goten Hallen: Der Gemeinfreie Witichis war
edler, als des Adels Edelste! Der Krieg ist aus: ich huldige dir, mein
Knig. Und der stolze Herzog bog das Knie vor Witichis, der ihn aufhob
und an seine Brust zog.

Bruder! Bruder! was thust du an mir! welche Schmach! rief Arahad. Ich
rechn' es mir zur Ehre! sprach Guntharis ruhig. Und zum Zeichen, da
mein Knig nicht Feigheit sieht, sondern eine Edelthat in der Huldigung,
erbitt' ich mir eine Gunst. Amaler und Balthen haben unser Geschlecht
zurckgedrngt von dem Platz, der ihm gebhrt im Volke der Goten. In
dieser Stunde, sprach Witichis, kaufst du ihn zurck: die Goten sollen
nie vergessen, da Wlsungen-Edelsinn ihnen einen Bruderkampf erspart
hat. - Und des zum Zeichen sollst du uns das Recht verleihen, da die
Wlsungen der Goten Sturmfahne dem Heer vorauftragen in jeder Schlacht.
So sei's, sagte der Knig, ihm die Rechte reichend, und keine Hand wird
sie mir wrdiger fhren. Wohlan, jetzt auf zu Mataswintha, sprach
Guntharis.

Mataswintha! rief Arahad, der bisher wie betubt der Vershnung
zugesehen, die alle seine Hoffnungen begrub. Mataswintha! wiederholte
er. Ha, zur rechten Zeit gemahnt ihr mich. Ihr knnt mir die Krone
nehmen: - sie fahre hin, - nicht meine Liebe und nicht die Pflicht, die
Geliebte zu beschtzen. Sie hat mich verschmht: ich aber liebe sie bis
zum Tode. Ich habe sie vor meinem Bruder beschirmt, der sie zwingen
wollte, mein zu werden. Nicht minder wahrlich will ich sie beschtzen,
wollt ihr sie nun beide zwingen, des verhaten Feindes zu werden. Frei
soll sie bleiben, diese Hand, die kostbarer als alle Kronen der Erde. Und
rasch schwang er sich aufs Pferd und jagte mit verhngtem Zgel seinem
Lager zu.

Witichis sah ihm besorgt nach. La ihn, sprach Herzog Guntharis, wir
beide, einig, haben nichts zu frchten. Gehen wir die Heere zu vershnen,
wie die Fhrer.

Whrend Guntharis zuerst den Knig durch seine Reihen fhrte und diese
aufforderte, gleich ihm zu huldigen, was sie mit Freuden thaten, und
darauf Witichis den Wlsungen und seine Anfhrer mit in sein Lager nahm,
wo die Besiegung des stolzen Herzogs durch Friedensworte als ein
Wunderwerk des Knigs angesehen wurde, sammelte Arahad aus den Reitern im
Vordertreffen eine kleine Schar von etwa hundert ihm treu ergebenen
Gefolgen und sprengte mit ihnen nach seinem Lager zurck.

Bald stand er im Zelt vor Mataswinthen, die sich bei seinem Eintreten
unwillig erhob. Zrne nicht, schilt nicht, Frstin! diesmal hast du kein
Recht dazu. Arahad kommt, die letzte Pflicht seiner Liebe zu erfllen.
Flieh, du mut mir folgen. Und im Ungestm seiner Aufregung griff er nach
der weien, schmalen Hand.

Mataswintha trat einen Schritt zurck und legte die Rechte an den breiten
Goldgrtel, der ihr weies Untergewand umschlo: fliehen? sagte sie,
wohin fliehen?

bers Meer! ber die Alpen! gleichviel: in die Freiheit. Denn deiner
Freiheit droht hchste Gefahr.

Von euch allein droht sie. - Nicht mehr von mir! Und ich kann dich
nicht mehr beschirmen. Solang du mein werden solltest, konnte ich es,
konnte grausam sein gegen mich selbst, deinen Willen zu ehren. Aber nun -

Aber nun? sprach Mataswintha erbleichend.

Sie haben dich einem andern bestimmt. Mein Bruder, mein Heer und meine
Feinde im Knigslager und in Ravenna, alle sind darin einig. - Bald werden
sie dich tausendstimmig als Opfer zum Brautaltar rufen. Ich kann's nicht
denken! Diese Seele, diese Schnheit entweiht als Opfer in ungeliebtem
Ehebund.

La sie kommen, sagte Mataswintha, la sehen, ob sie mich zwingen! Und
sie drckte den Dolch, den sie im Grtel trug, an sich. - Wer ist er, der
neue Zwingherr, der mir droht.

Frage nicht! rief Arahad, dein Feind, der dein nicht wert, der dich
nicht liebt; der - folge mir! - flieh', schon kommen sie! Man hrte von
drauen nahenden Hufschlag.

Ich bleibe. Wer zwingt das Enkelkind Theoderichs?

Nein! du sollst nicht, sollst nicht in ihre Hnde fallen, der Fhllosen,
die nicht dich lieben, nicht deine Herrlichkeit, nur dein Recht auf die
Krone! Folge mir ... -

Da ward der Thrvorhang des Zeltes zur Seite geschoben: Graf Teja trat
ein. Zwei Gotenknaben mit ihm, in weier Seide, festlich gekleidet.

Sie trugen ein mit einem Schleier verhlltes Purpurkissen. Er trat bis an
die Mitte des Zeltes und beugte das Knie vor Mataswinthen. Er trug, wie
die Knaben, einen grnen Rautenzweig um den Helm. Aber sein Auge und seine
Stirne war dster, - als er sprach: Ich gre dich, der Goten und Italier
Knigin!

Mit erstauntem Blick ma sie ihn. Teja erhob sich, trat zurck zu den
Knaben, nahm von dem Kissen einen goldenen Reif und den grnen Rautenkranz
und sprach: Ich reiche dir den Brautkranz und die Krone, Mataswintha, und
lade dich zur Hochzeit und zur Krnung - die Snfte steht bereit.

Arahad griff ans Schwert.

Wer sendet dich? fragte Mataswintha mit klopfendem Herzen, aber die Hand
am Dolch. Wer sonst, als Witichis, der Goten Knig. Da leuchtete ein
Strahl der Begeisterung aus Mataswinthens wunderbaren Augen: sie erhob
beide Arme gen Himmel und sprach: Dank, Himmel, deine Sterne lgen nicht:
und nicht das treue Herz. Ich wut es wohl. Und mit beiden schimmernden
Hnden ergriff sie das bekrnzte Diadem und drckte es fest auf das
dunkelrote Haar. Ich bin bereit. Geleite mich, sprach sie, zu deinem
Herrn und meinem. Und mit kniglicher Wendung reichte sie Graf Teja die
Linke, der sie ehrerbietig hinausfhrte.

Arahad aber starrte der Verschwundenen nach, sprachlos, noch immer die
Hand am Schwert. Da trat Eurich, einer seiner Gefolgen, zu ihm heran, und
legte ihm die Hand auf die Schulter: Was nun? fragte er, die Rosse
stehen und harren: wohin? Wohin? rief Arahad auffahrend - wohin? Es
giebt nur noch Einen Weg: wir wollen ihn gehen. Wo stehen die Byzantiner
und der Tod?




                             Zweites Kapitel.


Am siebenten Tage nach diesen Ereignissen bereitete sich ein glanzvolles
Fest auf den Fora und in dem Knigspalast zu Ravenna.

Die Brger der Stadt und die Goten aller drei Parteien wogten in
gemischten Scharen durch die Straen und fuhren durch die Lagunenkanle, -
denn Ravenna war damals eine Wasserstadt, fast, aber doch nicht ganz, wie
heute Venedig - die riesigen Krnze, Blumenbogen und Fahnen zu bewundern,
die von allen Zinnen und Dchern niederwehten: denn es galt, Vermhlung
des gotischen Knigspaares zu feiern.

Am frhen Morgen hatte sich das ganze jetzt vereinigte Heer der Goten vor
den Thoren der Stadt zu feierlicher Volksversammlung geschart. Der Knig
und die Knigin erschienen auf milchweien Rossen: abgestiegen waren sie
vor allem Volk unter eine breitschattende Steineiche getreten: dort hatte
Witichis seiner Braut die rechte Hand auf das Haupt gelegt: sie aber trat
mit dem entblten linken Fu in den Goldschuh des Knigs.

Damit war unter dem Zuruf der Tausende die Ehe nach Volksrecht
geschlossen. Darauf bestieg das Paar einen mit grnen Zweigen geschmckten
Wagen, der von vier weien Rindern gezogen ward; der Knig schwang die
Geiel und sie fuhren, gefolgt von dem Heere, in die Stadt. Dort schlo
sich an die halb heidnische, germanische, eine zweite, die christliche
Feier: der arianische Bischof erteilte seinen Segen ber das Paar in der
Basilika Sancti Vitalis und lie es die Ringe wechseln.

Rauthgundens wurde nicht gedacht.

Noch war die Kirche nicht mchtig genug, ihre Forderung der
Unauflslichkeit einer kirchlich geschlossenen Ehe berall durchzusetzen:
vornehme Rmer und vollends Germanen verstieen noch hufig in voller
Willkr ihre Frauen. Und wenn gar ein Knig aus Grnden des Staatswohls
und ohne Einspruch der Gattin das Gleiche beschlo, erhob sich kein
Widerstand. -

Aus der Kirche ging der Zug nach dem Palast, in dessen Hallen und Grten
ein groes Festmahl gerstet war.

Das ganze Gotenheer und die ganze Bevlkerung der Stadt fand hier, dann
auf den Fora des Herkules und des Honorius und in den nchsten Straen und
Kanlen auf Schiffen, an tausend Tischen reiche Bewirtung, whrend die
Groen des Reiches und die Vornehmen der Stadt mit dem Knigspaar in der
Gartenrotunde oder in der weiten Trinkhalle, die Theoderich hatte in dem
rmischen Palast anbringen lassen, tafelten.

So wenig die Lage des Landes und des Knigs Stimmung zu rauschenden Festen
passen mochten, - es galt, die Ravennaten mit den Goten und die
verschiedenen Parteien der Goten unter sich zu vershnen: und man hoffte,
in Strmen des Festweins die letzten feindseligen Erinnerungen
hinwegzusplen.

Am besten bersah man den Knigstisch und die festlichen Tafeln, die sich
ber den weiten Garten und Park verteilten, von dem zum Brautgemach
Mataswinthens bestimmten kleinen Gela, dessen einziges Fenster auf die
Rotunde vor dem Garten und, ber den Garten hin, bis auf das Meer
ausblicken lie.

In diesem Gemach drei Tage zuvor schon schmckend zu schalten und zu
walten, hatte sich Aspa, die Numiderin, als Lohn treuer Dienste
ausgebeten. Denn diese ernsten, finstern Rmer wissen ebensowenig wie die
rauhen Goten, dem schnsten Weib der Erde das Brautbett zu bereiten: in
Afrika, im Land der Wunder, lernt man das.

Und wohl war ihr's gelungen, wenn auch im Sinn der schwlen,
phantastischen ppigkeit ihrer Heimat. Sie hatte das enge und niedre
Gemach wie zu einem kleinen Zauberkistchen umgeschaffen! Wnde und Decke
waren von glnzend weien Marmorplatten gefgt.

Aber Aspa hatte den ganzen Raum mit drei- und vierfach aufeinandergelegten
Gehngen von dunkelroter Seide verhllt, die in schweren Falten von den
Wnden niederflo, sich ber die Getfeldecke wie ein Rundbogen wlbte und
den Marmorboden so dicht verhllte, da jeder Tritt lautlos drber hin
glitt und alles Gerusch sich im Entstehen brach. Nur an der
Fensterbrstung sah man den schimmernd weien Marmor sich prachtvoll von
der Glut der Seide heben.

Das Fenster von weiem Frauenglas war mit einem Vorhang von mattgelber
Seide verhangen und alles Licht in dem kleinen Raum strmte aus von einer
Ampel, die von der Mitte der Decke aus niederhing: eine Silbertaube mit
goldnen Flgeln schwebte aus einem Fllhorn von Blumengewinden: in den
Fen trug sie eine flache Schale aus einem einzigen groen Karneol, der,
ein Geschenk des Vandalenknigs, in den aurasischen Bergen gefunden, als
ein seltenes Wunder galt.

Und in dieser Schale glhte ein rotes Flmmchen, genhrt von stark
duftendem Cederl. Ein gebrochenes, trumerisches Dmmerlicht ergo sich
von hier aus ber das phantastische Doppelpfhl, das, halb von Blumen
verschttet, darunter stand. Aspa hatte sich das brutliche Lager als die
aufgeschlagnen Schalen einer Muschel gedacht, die an der innern Seite
zusammenhngen, zwei ovale muschelfrmige Klinen von Citrusholz erhoben
sich nur wenig von dem Teppich des Bodens. ber die weien Kissen und
Teppiche hin war eine Linnendecke von orangegoldnem Glanz gegossen.

Aber der eigenste Schmuck des Gelasses war die Flle von Blumen, welche
die Hand der Numiderin mit poesiereichem, wenn auch phantastischem
Geschmack ber das ganze Gemach verstreut und ber die Wnde, Decken,
Vorhnge, die Thre und das Lager verteilt hatte.

Ein Bogen von starkduftigen Geiblattranken berwlbte laubenartig die
einzige Thre, den schmalen Eingang. Zwei mchtige Rosenbume standen zu
Hupten des Lagers und streuten ihre roten und weien Blten auf die
Teppiche. Die Ampel hing, wie erwhnt, aus einem kunstvoll gewundnen
Fllhorn von Blumen herab. Und berall sonst, wo eine Falte, eine Biegung
der Teppiche das Auge zu verweilen lud, hatte Aspa eine seltene Blume
glcklich angeschmiegt. Der Lorbeer und der Oleander Italiens, die
sicilische Myrte, das schne Rhododendron der Alpen und die glhenden
Iriaceen Afrikas mit ihren reichen Kelchen: - alle lauschten je am
gelegensten Ort und doch, wie es schien, vom Zufall hingeworfen. -

Schon standen die Sterne am Himmel.

Es dmmerte drauen: im Gemach hatte Aspa die Flamme in der
veilchendunkeln Schale entzndet und war nur noch beschftigt, hier und da
eine Falte zu gltten, indes sie eine rmische Sklavin anwies, in den
Silberkrgen auf dem Bronzekredenztisch den Palmwein mit Schnee zu khlen,
eine andre, das Gemach mit Balsam zu durchsprengen.

Reichlicher die Narden, reichlicher die Myrrhen gesprengt! So! rief
Aspa, eine volle Libation ber das Lager spritzend.

La ab, mahnte die Rmerin, es ist zu viel! Schon der Duft der Blumen
betubt: die Rose und das Geiblatt berauschen fast die Sinne: mir wrde
schwindeln hier.

Ah, lachte Aspa, wie singt der Dichter: Nchternen nimmer nahet das
Glck: nur in seligem Rausche. La uns jetzt das Fenster schlieen. -
Nur ein wenig noch la mich lauschen, bat eine dritte junge Sklavin, die
dort lehnte. Es ist zu schn! Komm, Frithilo, sprach sie zu einer
gotischen Magd, die neben ihr stand, du kennst ja all die stolzen Mnner
und Frauen: sage, wer ist der zur Linken der Knigin mit dem goldnen
Schuppenpanzer? er trinkt dem Knig zu. - Herzog Guntharis von Tuscien,
der Wlsung. Sein Bruder, Graf Arahad von Asta ... - wo mag der sein zu
dieser Stunde?

Und der Alte neben dem Knig, mit dem grauen Bart?

Das ist der Graf Grippa, der die Goten in Ravenna befehligt. Er spricht
die Frstin an. Wie sie lacht und errtet! Nie war sie so schn. - Ja,
aber auch der Brutigam - welch herrlicher Mann! Der Kopf des Mars, der
Nacken des Neptun. Aber er sieht nicht frhlich: - vorhin starrte er lange
sprachlos in seinen Becher und furchte die Stirn: - die Knigin sah es: -
bis der alte Hildebrand, gegenber, ihm zurief. Da sah er seufzend auf.
Was hat der Mann zu seufzen? neben diesem Gtterweib.

Nun, sprach die Gotin, er hat dann doch nicht ein ganz steinern Herz.
Er denkt dann vielleicht an die, die sein rechtes Weib vor Gott und
Menschen, die er verstoen.

Was? wie? was sagst du? riefen die drei Sklavinnen zugleich. Aber
urpltzlich fuhr Aspa zwischen die Mdchen: Willst du wohl schweigen mit
dem dummen Gerede, Barbarin! Mach, da du fortkommst! Ein solches Wort: -
eine Silbe, da es die Knigin hrt und du sollst der Afrikanerin
gedenken.

Frithilo wollte erwidern. Still, rief eine der Rmerinnen. Die Knigin
bricht auf. - Sie wird hier herauf kommen. - Der Knig bleibt noch. -
Nur die Frauen folgen ihr. - Sie geben ihr das Geleit bis hierher,
sprach Aspa. Gleich kann sie hier sein: bereitet euch, sie zu empfangen.

Bald nahte der Zug, von Fackeltrgern und Fltenblsern erffnet. Darauf
eine Auswahl der gotischen Edelfrauen: neben Mataswintha, der Braut oder
jungen Frau, schritt Theudigotho, die Gattin Herzogs Guntharis, und
Hildiko, die Tochter Grippas. Die vornehmen Frauen von Ravenna schlossen
den Zug.

An der Schwelle der Brautkammer verabschiedete Mataswintha ihr Gefolge, an
die jungen Mdchen ihren Schleier, an die Frauen ihren Grtel
verschenkend.

Die meisten zogen sich wieder zu dem Fest in den Garten, andre nach Hause
zurck. Sechs Gotinnen aber, drei Frauen und drei Jungfrauen, lieen sich
als Ehrenwache vor der Thre des Brautgemaches nieder, wo Teppiche fr sie
bereitet lagen. Dort hatten sie mit einer gleichen Zahl gotischer Mnner,
die den Brutigam geleiteten, die Nacht zu verbringen: so wollt' es die
gotische Sitte.

Mataswintha berschritt die Schwelle mit einem Ausruf des Staunens.
Aspa, rief sie, das hast du schn gemacht! - zauberisch! -

Die Afrikanerin kreuzte selig die Arme ber die Brust und beugte den
Nacken. Sie an sich ziehend, flsterte die Braut:

Du kanntest mein Herz und seine Trume! Aber, fuhr sie aufatmend fort,
wie schwl! Deine glhenden Blumen berauschen.

In Glut und Rausch nahen die Gtter! sprach Aspa.

Wie schn jene Violen: und dort die Purpurlilie; mir ist, die Gttin
Flora flog durchs Zimmer und dachte einen Liebestraum und verlor darber
ihre schnsten Blumen. Es ist ein ahnungsvolles Wunder, das ich hier
erlebe. Es durchrieselt mich hei. - Es ist schwl. - Nehmt mir den
schweren Prunk ab. Und sie nahm die goldne Krone aus dem Haar.

Aspa strich ihr die vollen, dunkelroten Flechten hinter das feine Ohr und
zog die goldne Nadel heraus, die sie am Hinterkopf zusammenhielt: frei
wallte das Haar in den Nacken. Die andern Sklavinnen lsten die Spange,
die in Gestalt einer geringelten Schlange den schweren Purpurmantel mit
seinen reichen Goldstreifen auf der linken Schulter zusammenhielt. Der
Mantel fiel und zeigte die edle, hochschlanke Gestalt der Jungfrau in dem
rmellosen wallenden Unterkleid von weier persischer Seide. Ihre
schimmernden Arme umzirkten zwei breite, goldne Armreife: - Erbstcke aus
dem alten Schatz der Amalungen: grne Schlangen von Smaragden waren darin
eingelegt.

Mit Entzcken schaute Aspa auf die Gebieterin, wie diese vor den in den
Marmor eingelassenen Metallspiegel trat, das lose Haar mit goldnem Kamm zu
schlichten.

Wie schn du bist! wie zauberschn! - wie Astaroth, die Liebesgttin: -
nie warst du so schn, wie in dieser Stunde. Mataswintha warf einen
raschen Blick in den Spiegel. Sie sah, noch mehr, sie fhlte, da Aspa
recht hatte: und sie errtete.

Geht, sagte sie, lat mich allein mit meinem Glck. Die Sklavinnen
gehorchten. Mataswintha eilte ans Fenster, das sie rasch ffnete, wie um
ihren Gedanken zu entfliehen. Ihr erster Blick fiel auf Witichis, der
unten vom Schein der Hngelampen im Garten voll beleuchtet war.

Er! Wieder er. - Wohin entflieh ich vor ihm, dem sen Tod?

Sie wandte sich rasch: da an der Wand, gerade dem Fenster gegenber,
glnzte im Ampellicht eine weie Marmorbste. Sie kannte sie wohl: Aspa
hatte den Areskopf nicht vergessen, den treuen Begleiter lang harrender
Sehnsucht. Heute aber schlang sich ein Kranz von weien und roten Rosen um
sein Haar. Und wieder du! flsterte die Braut, s erschrocken und legte
die weie Hand vor die Augen. Und schlie ich die Augen und wend' ich sie
nach innen, so seh ich wieder sein Bild, sein Bild allein im tiefsten
Herzen. Ich werde noch untergehn in diesem Bilde! Ach, und ich will's!
rief sie die Hand fallen lassend und dicht vor die Bste tretend: ich
will's! Wie oft, mein Ares, wann der Abend kam, hab' ich zu dir
aufgeblickt, wie zu meinem Stern, bis Frieden und Ruhe aus deinen klaren,
groen Zgen drang in die schwanke Seele. Wie wunderbar hat dieses Ahnen,
dieses Sehnen, dieses Hoffen sich erfllt! Wie er einst dem weinenden
Kinde die Thrnen getrocknet und die Ratlose nach Hause gefhrt, so wird
er auch jetzt all mein Klagen stillen und mir die wahre Heimat bauen in
seinem Herzen. Und durch all diese den Jahre, durch all die letzten
Monate voll Gefahr und Angst trug ich in mir das sichere Gefhl: Es wird!
Dir wird geschehen wie du glaubst! Dein Retter kommt und birgt dich sicher
an der starken Brust. Und, o Gnade, unaussprechliche reiche Gnade des
Himmels: - es ward. Ich bin sein! Dank, glhenden, seligen Dank, wer immer
du bist, beglckende Macht, die ber den Sternen die Bahn der Menschen
lenkt mit weiser, mit liebender, mit wunderbar segnender Hand. O ich
will's verdienen, dieses Glck. Er soll im Himmel wandeln. Sie sagen, ich
bin schn: ich wei es, da ich's bin: ich wei es ja durch ihn: - ich
will's fr ihn sein. La mir, Himmel, diese Schne. Sie sagen: ich habe
einen mchtigen, schwungvollen Geist. O gieb ihm Flgel, Gott, da ich
seiner Heldenseele folgen kann in alle Sonnenhhen. Aber, o Gott, la mich
auch abthun meine Fehler, den sprden, stolzen, leicht gereizten Sinn, den
Trotz des zornigen Eigenwillens, den unbndigen Drang nach Freiheit ... -
O fort damit: beuge dich, beuge dich, hochmtiger Geist: ihm sich zu
beugen ist edelster Ruhm. Gieb dich gebunden, Herz, und verloren auf ewig
an ihn, deinen starken und herrlichen Herrn. O Witichis, rief sie und
sank fortgerissen vom Gefhl halb aufs Knie, sich an das Lager lehnend und
zu der Bste aufblickend mit schwimmenden Augen - ich bin dein. Thu wie
du willst mit meiner Seele! Vernichte sie! nur gesteh, da du glcklich
bist, glcklich durch mich.

Und sie beugte das schne Haupt vor, nach den gefaltenen Hnden.

Doch pltzlich fuhr sie empor. Licht, helles Licht flo ins Gemach. An der
offenen Thre stand der Knig: drauen auf dem Gang zeigten sich
zahlreiche Goten und Ravennaten mit hellen Fackeln.

Dank, meine Freunde, sprach der Knig mit ernster Stimme. Dank, fr das
Festgeleit. Geht nun und vollendet die Nacht, und er wollte die Thre
schlieen.

Halt, sprach Hildebrand, mit der Hand die Thre wieder ffnend, so da
Mataswintha sichtbar ward, hier seht ihr, alles Volk: der Mann und das
Weib, die heut wir vermhlt, sind glcklich geeint im Ehegemach. Ihr sehet
Witichis und Mataswintha: und ihren ersten ehelichen Ku.

Mataswintha erbebte. Sie wankte, und schlug erglhend die Augen nieder.

Unschlssig stand der Knig in der Thr. Du kennst der Goten Brauch,
sprach Hildebrand laut, so thu' danach.

Da wandte sich Witichis rasch, ergriff die zitternde Linke Mataswinthens,
fhrte sie schnell einen Schritt vorwrts und berhrte mit den Lippen ihre
Stirn. Mataswintha zuckte.

Heil euch! rief Hildebrand. Wir haben gesehen den brutlichen Ku. Wir
bezeugen hinfort den ehelichen Bund! Heil Knig Witichis und seinem
schnen Weib, der Knigin Mataswintha.

Der Zug wiederholte den Ruf und Hildebrand, Graf Grippa, Herzog Guntharis,
Hildebad, Aligern und der tapfere Bandalarius (Bannertrger) des Knigs,
Graf Wisand von Volsinii, lagerten sich neben den sechs Frauen und Mdchen
vor der Thre des Brautgemachs, welche Witichis nun schlo.

Sie waren allein.

Witichis warf einen langen, prfenden Blick durch das Gemach. Das erste,
was Mataswintha that, war, - sein Ku brannte auf ihrer Stirn, - da sie
unwillkrlich soweit als mglich von ihm hinwegglitt. So war sie - sie
wute nicht wie - in die fernste Ecke des Zimmers, an das Fenster,
gelangt. Witichis mochte es bemerken. Er stand hart an der Schwelle, die
Hnde auf das mchtige, breite und fast brusthohe Schwert gesttzt, das
er, aus dem Wehrgehng genommen, in der Scheide, wie einen Stab, in der
Rechten fhrte.

Mit einem Seufzer trat er einen Schritt vor, das Auge ruhig auf
Mataswintha gerichtet. Knigin, sprach er und seine Stimme drang ernst
und feierlich aus seiner Brust, sei getrost! Ich ahne, was du frchtend
fhlst in zarter Mdchenbrust. Es mute sein. Ich durfte dein nicht
schonen. Das Wohl des Volks gebot's: ich griff nach deiner Hand: sie mu
mein sein und bleiben. Doch hab' ich schon in allen diesen Tagen dir
gezeigt, da deine Scheu mir heilig. Ich habe dich gemieden: - und wir
sind jetzt zum ersten Mal allein. Auch diese geprete bange Stunde htt'
ich dir gern erspart: es ging nicht an. Du kennst, glaube ich, die alte
Sitte des Brautgeleits. Und du weit, in unserem Fall liegt alles daran,
sie nicht zu verletzen. Als ich in dies Gemach trat, und die Rte in
deinen Wangen aufflammen sah, - lieber htt' ich im desten Berggeklft
dieses mde Haupt auf harten Fels zur Ruhe gelegt. Es ging nicht:
Hildebrand und Graf Grippa und Herzog Guntharis hten diese Schwelle.
Sonst ist kein Ausgang aus diesem Gemach.

Wollt' ich dich verlassen, es gbe Lrm und Spott und Streit: und neuen
Zwist vielleicht. Du mut mich diese Nacht in deiner Nhe dulden.

Und er trat einen Schritt weiter vor und nahm die schwere Krone ab: auch
den Purpurmantel, den er, hnlich dem Mataswinthens, ber der Schulter
trug, warf er ab.

Zitternd, sprachlos lehnte Mataswintha an der Wand.

Witichis drckte dies Schweigen: so schwer er selber litt, ihn dauerte des
Mdchens. Komm, Mataswintha, sprach er. Verharre nicht in unvershntem
Zorn. Es mute sein, sag' ich dir. La uns, was sein mu, edel tragen und
nicht durch Kleinheit uns verbittern. Ich mute deine Hand nehmen, - dein
Herz bleibt frei.

Ich wei, du liebst mich nicht: du kannst, du sollst, du darfst mich nicht
lieben. Doch glaub' mir: redlich ist mein Herz und achten sollst du
immerdar den Mann, mit dem du diese Krone teilst. Auf gute Freundschaft,
Knigin der Goten!

Und er trat zu ihr und bot ihr die Rechte.

Nicht lnger hielt sich Mataswintha: rasch ergriff sie seine Hand und sank
zugleich zu seinen Fen nieder, da Witichis berrascht zurcktrat.

Nein, weiche nicht zurck, du Herrlicher! rief sie. Es ist doch kein
Entrinnen vor dir! Nimm alles hin und wisse alles. Du sprichst von Zwang
und Furcht und Unrecht, das du mir gethan. O Witichis, wohl hat man mich
gelehrt, - das Weib soll immer klug verbergen, was es fhlt, soll sich
bitten lassen und erweichen und nur gentigt geben, was es aus Liebe
giebt, auch wenn ihr ganzes Herz danach verlangt. Sie soll niemals ... -
Hinweg mit diesen niedrigen Plnen armer Klugheit! La mich thricht sein!
Nicht thricht! Offen und gro, wie deine Seele!

Nur Gre kann dich verdienen, nur das Ungewhnliche. Du sprichst von
Zwang und Furcht? Witichis, du irrst! - Es brauchte keines Zwangs! -
gern ... -

Staunend hatte sie Witichis eine Zeit lang angesehen.

Jetzt endlich glaubte er, sie zu verstehen. Das ist schn und gro,
Mataswintha, da du feurig fhlest fr dein Volk, die eigene Freiheit ohne
Zwang ihm opfernd. Glaub' mir, ich ehre das hoch, und schlage das Opfer
darum nicht niedriger an. That ich doch desgleichen! Nur um des
Gotenreiches willen griff ich nach deiner Hand und nun und nie kann ich
dich lieben.

Da erstarrte Mataswintha.

Sie ward bleich wie eine Marmorstatue: die Arme fielen ihr schlaff herab:
sie starrte ihn mit groen, offnen Augen an. Du liebst mich nicht? du
kannst mich nicht lieben? Und die Sterne logen doch? Und es ist doch kein
Gott? Sag, bin ich denn nicht Mataswintha, die du das schnste Weib der
Erde genannt?

Aber der Knig beschlo, dieser Aufregung, die er nicht verstand und nicht
erraten wollte, rasch ein Ende zu machen. Ja, du bist Mataswintha, und
teilst meine Krone, nicht mein Herz. Du bist nur die Gemahlin des Knigs,
aber nicht das Weib des armen Witichis. Denn wisse, mein Herz, mein Leben
ist auf ewig einer andern gegeben. Es lebt ein Herz, ein Weib, das sie von
mir gerissen: und dem doch ewig mein Herz zu eigen bleibt. Rauthgundis,
mein Weib, mein treues Weib im Leben und im Tod!

Ha! rief Mataswintha, wie von Fieber geschttelt und beide Arme
erhebend, und du hast es gewagt ... -

Die Stimme versagte ihr. Aber aus ihren Augen loderte Feuer auf den Knig.
Du wagst es! rief sie nochmals - Hinweg, hinweg von mir!

Still, sprach Witichis, willst du die Lauscher drauen herbeirufen?
Fasse dich, ich verstehe dich nicht.

Und rasch zog er das mchtige Schwert aus der Scheide, trat damit an das
Doppelpfhl und legte es auf den Rand der beiden Lager, wo sie eng
aneinanderstieen.

Sieh hier dies Schwert! Es sei die ewige, scharfe, eherne, kalte Grenze
zwischen uns! Zwischen deinem Wesen und dem meinen.

Beruhige dich doch nur. Es soll uns ewig scheiden.

Ruhe du hier zur Rechten seiner Schneide, - ich bleibe links. So teile,
wie ein Schwertschnitt, diese Nacht fr immer unser Leben!

Aber in Mataswinthens Busen wogten die mchtigsten Gefhle, furchtbar
ringend, drohend: Scham und Zorn, Liebe und glhender Ha. Die Stimme
versagte ihr. Nur fort, fort aus seiner Nhe, konnte sie noch denken.
Sie eilte gegen die Thr.

Aber mit fester Hand ergriff Witichis ihren Arm.

Du mut bleiben. Da zuckte sie zusammen: das Blut scho in ihr auf:
bewutlos sank sie nieder.

Ruhig sah Witichis auf sie herab. Armes Kind, sprach er, der schwle
Duft in diesem Gela hat sie ganz verwirrt! Sie wute nicht, was sie
sinnlos sprach!

Was ist deine kleine mdchenhafte Verwirrung gegen Rauthgundens
Herzzerreiung und die meine.

Und leise legte er die Besinnungslose auf das Pfhl zur Rechten des
Schwertes.

Er selbst setzte sich nun, in seinen Waffen klirrend, auf den Bodenteppich
zur Linken und lehnte den Rcken an das Lager.

Lang sa er so, das Haupt vorgebeugt und die Lippen auf ein blondes
Haargeflecht gedrckt, das er in kleiner Kapsel auf dem Herzen trug. Es
kam kein Schlaf in seine kummervollen Augen. -

Mit dem ersten Hahnenschrei verlie die Brautwache ihren Posten, von
Fltenblsern abgeholt. Gleich darauf schritt der Knig aus dem Gemach, in
voller Rstung.

Die Flten hatten auch Mataswintha geweckt.

Aspa, die sich leise heranschlich, hrte pltzlich einen dumpfen Schlag.
Sie eilte in das Gemach. Da stand die Knigin, auf des Knigs langes
Schwert gesttzt, und starrte vor sich zur Erde.

Der Areskopf lag zertrmmert zu ihren Fen.




                             Drittes Kapitel.


Im friedlichen Licht des spten Nachmittags schimmerten die Kirche und das
Kloster, die am Fu des Apenninus nordstlich von Perusia und Asisium,
sdlich von Petra und Eugubium, hoch auf dem Felsenhang oberhalb des
kleinen Fleckens Tagin, Valerius gebaut, seine Tochter vom Dienst des
Jenseits einzulsen.

Das Kloster, aus dem dunkelroten Gestein der Gegend aufgefhrt, umfriedete
mit seinen Geviertmauern einen stillen Garten von dichtem grnem Laubwerk.
An den vier Seiten desselben liefen khle Bogengnge hin mit
Apostelstatuen und Mosaik und mit Fresken auf goldnem Grund geschmckt.
All dies Bildwerk hatte den freudlosen byzantinischen Ernst: es waren
sinnbildliche Darstellungen aus der heiligen Schrift, zumal aus der
Offenbarung Johannis, dem Lieblingsbuch jener Zeit.

Feierliche Stille waltete rings. Das Leben schien weithin ausgeschlossen
von diesen hohen und starken Mauern. Cypressen und Thuien herrschten vor
in den Baumgruppen des Gartens, in dem nie eines Vogels Gesang vernommen
ward. Die strenge Klosterordnung duldete die Vglein nicht: der Nachtigall
ses Rufen sollte nicht die frommen Seelen in ihren Gebeten stren.

Cassiodor war es, der, schon als Minister Theoderichs einer streng
kirchlichen Richtung ergeben und biblischer Gelehrsamkeit voll, seinem
Freunde Valerius den ganzen Plan der ueren und inneren Einrichtung
seiner Stiftung entworfen - hnlich der Regel des Mnnerklosters, das er
selbst zu Squillacium in Unteritalien gegrndet - und dessen Ausfhrung
berwacht hatte. Und sein frommer, aber strenger, der Welt und dem Fleisch
feindlich abgewendeter Geist drckte sich denn im grten wie im kleinsten
dieser Schpfung aus. Die zwanzig Jungfrauen und Witwen, welche hier als
Religios lebten, verbrachten in Beten und Psalmensingen, in Bue und
Kasteiung ihre Tage. Doch auch in werkthtiger christlicher Liebe, indem
sie die Armen und Kranken der Umgegend in ihren Htten aufsuchten und
ihnen Seele und Leib trsteten und pflegten.

Es machte einen feierlichen, poesievollen, aber sehr ernsten Eindruck,
wenn durch die dunkeln Cypressengnge hin eine dieser frommen Beterinnen
wandelte, in dem faltenreichen, dunkelgrauen Schleppgewand, auf dem Haupt
die weie enganschlieende Kalantika, eine Tracht, die das Christentum von
den gyptischen Isispriestern berkommen. Vor den oft in Kreuzesform
geschnittenen Buchsgebschen blieben sie stehen und kreuzten die Arme auf
der Brust. Immer gingen sie allein und stumm, wie Schatten glitten sie bei
jeder Begegnung aneinander vorber. Denn das Gesprch war auf das
Unerlliche beschrnkt.

In der Mitte des Gartens flo ein Quell aus dunklem Gestein von Cypressen
berragt. Ein Paar Sitze waren in den Marmor gehauen.

Es war ein stilles, schnes Pltzchen: wilde Rosen bildeten dort eine Art
Laube und verbargen beinahe vllig ein finsteres, rohes Steinrelief, das
die Steinigung des heiligen Stephanus darstellte.

An diesem Quell sa, eifrig lesend in aufgerollten Papyrusrollen, eine
schne, jungfruliche Gestalt in schneeweiem Gewand, das eine goldne
Spange ber der linken Schulter zusammenhielt, das dunkelbraune Haar, in
weichen Wellen zurckgelegt, umflocht eine fein geschlungene Epheuranke: -
Valeria war's, die Rmerin.

Hier, in diesen entlegenen, festen Mauern hatte sie Zuflucht gefunden,
seit die Sulen ihres Vaterhauses zu Neapolis niedergestrzt. Sie war
bleicher und ernster geworden in diesen einsamen Rumen. Aber ihr Auge
leuchtete noch in seiner ganzen stolzen Schnheit.

Sie las mit groem Eifer; der Inhalt schien sie lebhaft fortzureien, die
feingeschnittenen Lippen bewegten sich unwillkrlich und zuletzt ward die
Stimme der Lesenden leise vernehmlich:

  - - Und er vermhlte die Tochter dem erzumpanzerten Hektor. -
  Die kam jetzt ihm entgegen, die Dienerin folgte zugleich ihr,
  Tragend am Busen das zarte, noch ganz unmndige Knblein,
  Hektors einzigen Sohn, holdleuchtendem Sterne vergleichbar.
  Schweigend betrachtete Hektor mit lchelndem Blicke den Knaben.
  Aber Andromache trat mit thrnenden Augen ihm nher,
  Drckt' ihm zrtlich die Hand und begann die geflgelten Worte:
  Bser, dich wird noch verderben dein Mut! Und des lallenden Knbleins
  Jammert dich nicht, noch meiner, die bald ach! Witwe von Hektor
  Sein wird. Bald ja werden die grimmigen Feinde dich tten,
  Alle mit Macht einstrmend auf dich. Dann wr' mir das beste,
  Da mich die Erde bedeckt, wenn du stirbst: bleibt doch mir in Zukunft
  Nie ein anderer Trost, wenn dich wegraffte das Schicksal:
  Nein, nur Trauer: lang ist mein Vater dahin und die Mutter:
  Du nur allein bist Vater mir jetzt und Mutter und alles ... -

Sie las nicht weiter: die groen runden Augen wurden feucht, ihre Stimme
versagte; sie neigte das blasse Haupt.

Valeria, sprach eine milde Stimme, und Cassiodor beugte sich ber ihre
Schulter. Thrnen ber dem Buch des Trostes? Aber was sehe ich: - die
Ilias! Kind! ich gab dir doch die Evangelien.

Verzeih mir, Cassiodor. Es hngt mein Herz noch andern Gttern an als
deinen. Du glaubst nicht: je gewaltiger von allen Seiten her die Schatten
ernster Entsagung auf mich eindringen, seit ich bei dir und in diesen
Mauern weile, desto krampfhafter klammert sich die widerstrebende Seele an
die letzten Fden, die mich mit einer andern Welt verbinden. Und zwischen
Grau'n und Liebe ratlos schwankt der Sinn.

Valeria, du hast keinen Frieden in diesem Haus des Friedens gefunden.
Wohlan, so zieh hinaus. Du bist ja frei und Herrin deines Willens. Kehre
zurck zu jener bunten Welt, wenn du glaubst, dort dein Glck zu finden.

Sie aber schttelte das schne Haupt. Es geht nicht mehr. Feindlich
ringen in meiner Seele zwei Gewalten. Welche auch siege, - ich verliere
immer.

Kind, sprich nicht so! du kannst die beiden Mchte, Erdenlust und
Himmelsseligkeit, nicht wie zwei gleiche Dinge in einer Wage wiegen.

Weh' denen, fuhr sie, wie mit sich selbst sprechend, fort, welchen das
Schicksal den gespaltnen Doppeltrieb in die Seele gepflanzt, der bald zu
den Sternen nach oben, bald nieder zu den Blumen zieht. Sie werden keines
der beiden froh.

In dir, mein Kind, sprach Cassiodor, sich zu ihr setzend, walten
freilich unvershnt deines weltlichen Vaters und deiner frommen Mutter
Sinn. Dein Vater, ein Rmer der alten Art, ein Kind der stolzen, rauhen
Welt, khn, sicher, selbstvertrauend, nach Gewinn und Macht strebend,
wenig, allzuwenig, frcht' ich, ergriffen von dem Geist unseres Glaubens,
der nur im Jenseits unsere Heimat sucht, - in der That Valerius, mein
Freund, war mehr ein Heide denn ein Christ. Und daneben deine Mutter,
fromm, sanft, aus einem Martyrergeschlecht, den Himmel suchend und der
Erde vergessen, auch sie hat wohl ein Teil von ihrem Wesen in dich ... -

Nein, sprach Valeria aufstehend und das edle Haupt krftig
zurckwerfend, ich fhle nur des Vaters Art in mir. Kein Tropfen Blut
neigt jener Seite zu. Die Mutter war viel krank und starb schon frh.
Unter meines Vaters Augen wuchs ich auf; Iphigenia und Antigone und
Nausikaa, Cloelia und Lucretia und Virginia waren die Freundinnen meiner
Jugend. Nicht viele Priester sah man in des Kaufherrn Haus und wenn er
abends mit mir sa und las, so waren's Livius und Tacitus und Vergilius,
nicht das heilige Buch der Christen. So wuchs ich heran bis in mein
siebzehntes Jahr, den Sinn allein auf diese Welt gerichtet. Denn auch die
Tugenden, die der Vater pries und bte, sie galten nur dem Staat, dem
Haus, den Freunden. Glcklich war ich in jener Zeit, ungespalten meine
Seele.

Du warst eine Heidin trotz des Taufwassers.

Ich war glcklich. Da kamen wir auf einer Reise zuerst in diese Mauern
mit ihrem Grabesernst und dunkle schwere Schatten fielen hier zuerst in
meine Seele. Dich fand ich hier und du entdecktest mir, was man mir bisher
sorgfltig verborgen hatte, da die Mutter in schwerer Krankheit mich
schon vor meiner Geburt durch ein Gelbde dem ehelosen Leben im Kloster
geweiht, wenn Gott sie und ihr Kind am Leben erhalte, und da mein Vater,
dem dieser Gedanke unertrglich, spter mich vom Himmel eingelst, indem
er, freilich mit Zustimmung des Bischofs von Rom, statt die Tochter
hinzugeben, Kirche und Kloster hier gebaut.

So ist es, Kind, mit dem vierten Teil seines Vermgens! Darber kannst du
dich beruhigen. Der Nachfolger des heiligen Petrus, der die Macht hat, zu
binden und zu lsen, hat den Tausch, die Umwandlung des Gelbdes
gebilligt. Du bist frei! - Aber ich fhle mich nicht frei! Nicht mehr
seit jener Stunde! Was auch du, was auch der Vater gesagt, tief, tief in
meinem Herzen spricht eine Stimme: der Himmel nimmt nicht totes Gold
statt einer lebendigen Seele. Das Schicksal lt sich nicht abkaufen, was
einmal ihm verwirkt war. Die finstre, ernste, drohende Macht jenes
heiligen Glaubens, der meiner Seele fremd gewesen und geblieben ist, die
in diesem feierlichen Raume wohnt, hat ein Recht, ein zwingend
Herrschaftsrecht ber meine Seele und lt nicht davon. Ich bin ihr
verfallen. Ihr gehr' ich an, nicht wollend, widerstrebend, aber sicher
doch. Der Welt der Entsagung, des Schmerzes, der Dornen: nicht jener
goldnen Welt meines Homers, der Blumen und des Sonnenscheins, zu der noch
immer von innen meine ganze Seele neigt. So oft ich's auch vergessen will,
immer ziehen wieder die Wolkenschatten ber meine Seele. Sie drohen im
Hintergrunde aller Freuden: wie dort das finstre Martyrbild hinter den
roten Rosen.

Valeria, du hassest, scheint's, was du verehren solltest.

Ich hasse es nicht. Ich frchte es. Wohl war eine Zeit, - und ein Strahl
der Freude flog ber ihre Zge - da glaubte ich den dunkeln Schatten fr
immer besiegt von einem hellen Gott des Lichts. Als ich zuerst des jungen
Goten lachend Auge sah und seine sonnige Seele mich umschlo, als soviel
Jugend, Schnheit, Liebe und Glck mich umfluteten, da whnte ich wohl,
fr immer sei jener Bann gelst. Aber es whrte nicht lang.

Der finstre Gott des Schmerzes pochte vernehmlich an die goldne Wand, die
ich zwischen ihn und mich gebaut und immer nher drangen seine Schlge.
Der Krieg bricht aus, mein teurer Vater fllt und nimmt einen
verhngnisvollen Eid des Geliebten mit sich ins Grab. In Schutt versinkt
das Haus meiner Ahnen und ich mu flchten aus meiner Vaterstadt. Sie
fllt dem Feinde zu. Nur das Opfer eines kstlichen Lebens rettet mir den
Geliebten. Die Woge des Krieges verschlgt ihn fern von mir.

Und wie ich erwache aus der Betubung dieses Streichs, - find' ich mich
hier, in diesem groen Grabe, dem Ort meiner Bestimmung. Ach, du wirst
sehen, der Himmel begngt sich nicht mit dem leeren Grab. Er fordert auch
die Leiche, die hinein gehrt.

Valeria! du solltest Kassandra heien.

Ja, denn Kassandra sah die Wahrheit, ihre Gesichte trafen ein!

Du weit, wir erkennen einer Seele den Preis zu, die der Erde vergit
ber dem Himmel. Aber Gott will erzwungne Opfer nicht. Und so sag' ich
dir, du qulst dich mit eitlem Vorwurf. Der Papst hat dich gelst, so bist
du frei.

Die Seele lst kein Papst. Der Papst nimmt Gold, das Schicksal nicht. Du
wirst erfllt sehen, was ich dir ahnend vorhersage - nie werd ich
glcklich, nie werd ich Totilas und diese Sttte wird ... -

Und wenn's so wre? Hngst du denn noch gar so fest an Glck und
Hoffnung? Freilich, du bist noch jung. Aber Kind, ich sage dir: je frher
du dich losmachst, desto grerem Weh entrinnst du. Ich habe die Welt und
ihre falschen Freuden und Ehren alle gekostet und sie alle eitel und
treulos erfunden. Nichts auf Erden fllt die Seele aus, die nicht von
dieser Erde ist. Wer das erkennt, der sehnt sich hinweg aus dieser Welt
der Unrast und der Snde. Erst in der Welt jenseits des Grabes ist deine
Heimat. Dahin verlangt die ganze Seele ... -

Nein, nein, Cassiodor, rief die Rmerin, meine ganze Seele verlangt
nach Glck auf dieser schnen Erde! Ihr gehr' ich an! Auf ihr fhl' ich
mich heimisch. Blauer Himmel, weier Marmor, rote Rosen, linde,
duftgefllte Abendluft: - wie seid ihr schn!

Das will ich einatmen mit entzckten Sinnen! Wer das geniet, ist
glcklich! Weh dem, der es verloren! Von deinem Jenseits hab' ich kein
Bild in meiner bangen Seele! Nebel, Schatten - graues Ungewi allein liegt
jenseit des Grabes. Wie spricht Achilleus?

  Trste mich doch nicht ber den Tod! Du kannst nicht, Odysseus.
  Lieber ja mcht' ich das Feld als Lohnarbeiter bestellen
  Fr den bedrftigen Mann, dem nicht viel Habe geworden,
  Als hier allzumal die Schatten der Toten beherrschen.

So empfind' auch ich. Weh' dem, den nicht die goldne Sonne mehr bescheint.
O wie gern, wie gern wr' ich glcklich in dieser schnen Welt, in meinem
schnen Heimatland: wie frcht ich das Unheil, das doch unaufhaltsam nher
dringt, wie hier auf dieser Wand mit der sinkenden Sonne die Schatten
unhrbar, doch unhemmbar wachsen. O, wer ihn aufhielte, den furchtbar
nahenden Schatten meines Lebens!

Da drang vom Eingang her ein heller, krftiglust'ger Schall, ein fremder
Ton in diesen stillen Mauern, die nur vom leisen Choral der Jungfraun
wiedertnten. Die Trompete blies den muntern, kriegerischen Feldruf der
gotischen Reiter: belebend drang der Ton in die Seele Valerias.

Aus dem Wohngebude aber eilte der alte Pfrtner herbei. Herr, rief er,
keckes Reitervolk lagert vor den Mauern. Sie lrmen und verlangen Fleisch
und Wein. Sie lassen sich nicht abweisen und der Fhrer: - da ist er
schon -

Totila! jauchzte Valeria und flog dem Geliebten entgegen, der in
schimmernder Rstung, vom weien Mantel umwallt, waffenklirrend,
heranschritt.

O du bringst Luft und Leben! Und neues Hoffen und die alte Liebe, rief
Totila. Und sie hielten sich umschlungen.

Wo kommst du her? Wie lang bist du mir fern geblieben! - Ich komme
geradeswegs von Paris und Aurelianum, von den Hfen der Frankenknige. O
Cassiodor, wie gut sind jene daran jenseit der Berge! Wie leicht haben
sie's! Da kmpft nicht Himmel und Boden und Erinnerung gegen ihre
Germanenart. Nahe ist der Rhenus und Danubius und ungezhlte
Germanenstmme wohnen dort in alter ungebrochner Kraft: - wir dagegen sind
wie ein vorgeschobner, verlorner Posten, ein einzelner Felsblock, den
rings feindliches Element benagt.

Doch desto grer, sprach er, sich aufrichtend, ist der Ruhm, hier,
mitten im Rmerland, Germanen ein Reich zu bauen und zu erhalten.

Und welcher Zauber liegt auf deinem Vaterland, Valeria. Es ist das unsre
auch geworden! Wie frohlockte mein Herz, als mich wieder Oliven und
Lorbeer begrten und des Himmels tiefes, tiefes Blau. Und ich fhlte
klar: wenn mein edles Volk sich siegreich erhlt in diesem edlen Land,
dann wird die Menschheit ihr edelstes Gebilde hier erstehen sehn.

Valeria drckte dem Begeisterten die Hand.

Und was hast du ausgerichtet? fragte Cassiodor.

Viel! - Alles! Ich traf am Hofe des Merowingen Childibert Gesandte von
Byzanz, die ihn schon halb gewonnen, als sein Bundesgenosse in Italien
einzufallen. Die Gtter - vergieb mir, frommer Vater - der Himmel war mit
mir und meinen Worten. Es gelang, ihn umzustimmen. Schlimmstenfalls ruhen
seine Waffen ganz. Hoffentlich sendet er uns ein Heer zu Hilfe.

Wo lieest du Julius?

Ich geleitete ihn bis in seine schne Heimatstadt Avenio. Dort lie ich
ihn unter blhenden Mandelbumen und Oleandern. Dort wandelt er, fast nie
mehr den Platon, meist den Augustinus in der Hand und trumt und trumt
vom ewigen Vlkerfrieden, vom hchsten Gut und von dem Staate Gottes! Wohl
ist es schn in jenen grnen Thlern: - doch neid' ich ihm die Mue nicht.
Das Hchste ist das Volk, das Vaterland! Und mich verlangt's, fr dieses
Volk der Goten zu kmpfen und zu ringen. berall, wo ich des Rckwegs kam,
trieb ich die Mnner zu den Waffen an. Schon drei starke Scharen traf ich
auf dem Wege nach Ravenna. Ich selber fhre eine vierte dem wackern Knig
zu. Dann geht es endlich vorwrts gegen diese Griechen, und dann: Rache
fr Neapolis! Und mit blitzenden Augen hob er den Speer - er war sehr
schn zu schauen.

Entzckt warf sich Valeria an seine Brust. O sieh, Cassiodor, das ist
_meine_ Welt! _meine_ Freude! _mein_ Himmel! Mannesmut und Waffenglanz und
Volkesliebe und die Seele in Lieb' und Ha bewegt - fllt das die
Menschenbrust nicht aus?

Jawohl: im Glck und in der Jugend! Es ist der Schmerz, der uns zum
Himmel fhrt.

Mein frommer Vater, sagte Totila, mit der Linken Valeria an sich
drckend, mit der Rechten an seine Schulter rhrend, schlecht steht mir
an, mit dir, dem ltern, Weisern, Besseren zu streiten. Aber anders ist
mein Herz geartet. Wenn ich je zweifeln knnte an eines gtigen Gottes
Walten, so ist es, wann ich Schmerz und unverschuldet Leiden sehe. Als ich
der edeln Miriam Auge brechen sah, da fragte mein verzweifelnd Herz: lebt
denn kein Gott?

Im Glck, im Sonnenschein fhl' ich den Gott und seine Gnade wird mir
offenbar. Er will gewi der Menschen Glck und Freude: - der Schmerz ist
sein heiliges Geheimnis - ich vertraue: dereinst wird uns auch dies Rtsel
klar. Einstweilen aber la uns auf der Erde freudig das Unsere thun und
keinen Schatten uns allzulang verdunkeln.

In diesem Glauben, Valeria, la uns scheiden. Denn ich mu fort zu Knig
Witichis mit meinen Reitern.

Du gehst von mir? schon wieder? Wann, wo werd' ich dich wiedersehn?

Ich seh' dich wieder, nimm mein Wort zum Pfand!

Ich wei, es kommt der Tag, da ich mit vollem Recht dich aus diesen
ernsten Mauern fhren darf ins sonnige Leben. La dich indes nicht
allzusehr verdstern. Es kommt der Tag des Sieges und des Glcks: und mich
erhebt's, da ich zugleich das Schwert fr mein Volk und meine Liebe
fhre.

Inzwischen war der Pfrtner mit einem Schreiben an Cassiodor
wiedergekommen.

Auch ich mu dich verlassen, Valeria, sprach der.

Rusticiana, des Bothius Witwe, ruft mich dringend an ihr Sterbebett: sie
will ihr Herz erleichtern von alter Schuld. Ich gehe nach Tifernum.

Dahin fhrt auch unser Weg, du ziehst mit mir, Cassiodor. Leb wohl,
Valeria!

Nach kurzem Abschied sah die Jungfrau den Geliebten gehn. Sie bestieg ein
Trmchen der Gartenmauer und sah ihm nach. Sie sah, wie er in voller
Rstung sich in den Sattel schwang, sie sah mit freudigen Augen seine
Reiter hinter ihm traben. Hell blitzten ihre Helme im Abendlicht, die
blaue Fahne flatterte lustig im Winde: alles war voll Leben, Kraft und
Jugend.

Sie sah dem Zuge nach, lang und sehnend.

Aber als er fern und ferner sich hinzog, da wich der frohe Mut, den sein
Erscheinen gebracht, wieder von ihr. Bange Ahnungen stiegen ihr auf und
unwillkrlich sprachen sich ihre Gefhle aus in den Worten ihres Homeros:

  Siehest du nicht wie schn von Gestalt, wie stattlich Achilleus?
  Dennoch harrt auch seiner der Tod und das dunkle Verhngnis,
  Wann auch ihm in des Kampfes Gewhl das Leben entschwindet,
  Ob ihn ein Pfeil von der Sehne dahinstreckt, oder ein Wurfspeer.

Und schmerzlich seufzend schritt die Jungfrau aus dem rasch sich
verdunkelnden Garten in die dumpfen Mauern zurck.




                             Viertes Kapitel.


Inzwischen hatte Knig Witichis in seinem Waffenplatz Ravenna jede Kunst
und Thtigkeit eines erfahrnen Kriegsmannes entfaltet.

Whrend jede Woche, ja jeden Tag vor und in der Stadt grere und kleinere
Scharen von den gotischen Heeren eintrafen, die der Verrat Theodahads an
die Grenzen gesendet hatte, arbeitete der Knig unablssig daran, das
ganze groe Heer, das allmhlich bis auf einhundertundfnfzig
Tausendschaften gebracht werden sollte, auszursten, zu waffnen, zu
gliedern und zu ben. Denn die Regierung Theoderichs war eine uerst
friedliche gewesen: nur die Besatzungen der Grenzprovinzen, kleine
Truppenmassen, hatten mit Gepiden, Bulgaren und Avaren zu thun gehabt, und
in den mehr als dreiig Jahren der Ruhe waren die kriegerischen Ordnungen
eingerostet.

Da hatte der tchtige Knig, von seinen Freunden und Feldherren eifrig
untersttzt, Arbeit vollauf. Die Arsenale und Werften wurden geleert, in
Ravenna ungeheure Vorratspeicher angelegt und zwischen der dreifachen
Umwallung der Stadt endlose Reihen von Werksttten fr Waffenschmiede
aller Art aufgeschlagen, die Tag und Nacht unablssig zu arbeiten hatten,
den Forderungen des kampfbegierigen Knigs, des massenhaft anschwellenden
Heeres zu gengen. Ganz Ravenna ward ein Kriegslager. Man hrte nichts als
die Hammerschlge der Schmiede, das Wiehern der Rosse, den Sturmruf und
Waffenlrm der sich benden Heerscharen.

In diesem Getse, in dieser rastlosen Thtigkeit betubte Witichis, so gut
es gehen wollte, den Schmerz seiner Seele und begierig sah er dem Tag
entgegen, da er sein schnes Heer zum Angriff gegen den Feind fhren
knne. Doch hatte er bei allem Drange, im Kampfgewhl sich selber zu
verlieren, seiner Knigspflicht nicht vergessen, und durch Herzog
Guntharis und Hildebad ein Friedensanerbieten an Belisar gesendet mit den
migsten Vorschlgen.

So von Krieg und Staat ganz in Anspruch genommen, hatte er kaum einen
Blick und Gedanken fr seine Knigin, der er auch, wie er meinte, kein
greres Gut als die ungestrteste Freiheit zuwenden konnte.

Aber Mataswintha war von jener unheilvollen Brautnacht an von einem Dmon
erfllt, von dem Dmon unersttlicher Rache. In Ha bergeschlagene Liebe
ist der giftigste Ha.

Ihre tiefe und leidenschaftliche Seele hatte von Kindheit an das Ideal
dieses Mannes hoch zu den Sternen erhht. Ihr Stolz, ihre Hoffnung, ihre
Liebe, war einzig an dieser Gestalt gehangen und sicher, wie den Aufgang
der Sonne, hatte sie die Erfllung ihrer Sehnsucht durch diesen Mann
erwartet.

Und nun mute sie sich gestehn, da er ihre Liebe hatte ans Licht gebracht
und nicht erwidert: da sie, obwohl seine Knigin, mit dieser Liebe wie
eine Verbrecherin dem verstoenen und doch ewig allein in seinem Herzen
wohnenden Weibe gegenberstehe. Und er, auf den sie als Retter und
Befreier von unwrdigem Zwang gehofft, er hatte ihr die hchste Schmach
angethan: eine Ehe ohne Liebe. Er hatte ihr die Freiheit genommen und kein
Herz dafr gegeben. Und warum? was war der letzte Grund dieses Frevels?

Das Gotenreich, die Gotenkrone!

Sie zu erhalten, hatte er sich nicht besonnen, einer Mataswintha Leben zu
verderben. Htte er meine Liebe nicht erwidert - ich wre zu stolz, ihn
darum zu hassen. Aber er zieht mich an sich, behngt mich, wie zum Hohne,
mit dem Namen seines Weibes, fhrt diese Liebe bis hart an den Gipfel der
Erfllung und stt mich dann achtlos hinunter in die Nacht
unaussprechlicher Beschmung. Und warum? warum das alles. Um einen eiteln
leeren Schall: Gotenreich! Um einen toten Reif von Gold. Weh ihm, und
wehe seinem Gtzen, dem er dies Herz geschlachtet. Er soll es ben. An
seinem Gtzenbilde soll er's ben. Hat er mir ohne Schonung mein Idol,
sein eigen Bild, meine schne Liebe mit Fen getreten, - wohlan, Gtze
gegen Gtze! Er soll leben, dieses Reich zernichtet zu sehen, diese Krone
zerstckt. Zerschlagen will ich ihm seinen Lieblingswahn, um den er die
Blte meiner Seele geknickt, zerschlagen dieses Reich wie seine Bste. Und
wenn er verzweifelnd, hnderingend vor den Trmmern steht, will ich ihm
zurufen: sieh, so sehn die zerschlagenen Gtzen aus.

So, in der widerstandlosen Sophistik der Leidenschaft, beschuldigte und
verfolgte Mataswintha den unseligen Mann, der mehr als sie gelitten, der
nicht nur sie, der sein und des geliebten Weibes Glck dem Vaterland
geopfert.

Vaterland, Gotenreich: - der Name schlug ohne Klang an das Ohr des Weibes,
das von Kindheit auf unter diesem Namen nur zu leiden, nur dagegen fr
ihre Freiheit zu ringen gehabt hatte. Sie hatte nur der Selbstsucht ihres
Einen Gefhls, der Poesie dieser Leidenschaft gelebt, und zur Rache, Rache
fr die Hinopferung ihrer Seele, dies Gotenreich zu verderben, war ihre
hchste, grimmige Lust. O htte sie, wie jene Marmorbste, mit Einem
Streich, dies Reich zerschmettern knnen!

Mit diesem Wahnsinn der Leidenschaft empfing sie aber deren ganze
dmonische Klugheit. Sie wute ihren tdlichen Ha und ihre geheimen
Rachegedanken so tief vor dem Knig zu verbergen, - so tief wie sie sich
selbst die geheime Liebe verbarg, die sie noch immer fr den grimmig
Verfolgten im tiefsten Busen trug.

Auch wute sie dem Knig ein Interesse an der gotischen Sache zu zeigen,
welches das einzige Band zwischen ihnen zu bilden schien und das, wenn
auch in feindlichem Sinne, wirklich in ihr bestand. Denn wohl begriff sie,
da sie dem gehaten Knig nur dann schaden, seine Sache nur dann
verderben konnte, wenn sie in alle Geheimnisse derselben genau eingeweiht,
mit ihren Strken wie mit ihren Blen genau vertraut war.

Ihre hohe Stellung machte ihr leicht mglich, alles, was sie wissen
wollte, zu erfahren: schon aus Rcksicht auf ihren groen Anhang konnte
man der Amalungentochter, der Knigin, Kenntnis der Lage ihres Reiches,
ihres Heeres nicht vorenthalten. Der alte Graf Grippa versah sie mit allen
Nachrichten, die er selbst erfuhr. In wichtigeren Fllen wohnte sie selbst
den Beratungen bei, die in den Gemchern des Knigs gehalten wurden.

So war Mataswintha ber die Strke, Beschaffenheit und Einteilung des
Heeres, die nchsten Angriffsplne der Feldherren und alle Hoffnungen und
Befrchtungen der Goten so gut wie der Knig selbst unterrichtet. Und
sehnlich wnschte sie eine Gelegenheit herbei, dies ihr Wissen sobald und
so verderblich wie mglich zu verwerten.

Mit Belisar selbst in Verkehr zu treten, durfte sie nicht hoffen.
Naturgem richteten sich ihre Augen auf die aus Furcht vor den Goten
neutralen, im Herzen aber ausnahmlos byzantinisch-gesinnten Italier ihrer
Umgebung, mit denen sie leichten und unverdchtigen Verkehr pflegen
konnte.

Aber so oft sie diese Namen im Geiste musterte, - da war keiner, dessen
Thatkraft und Klugheit sie das tdliche Geheimnis htte vertrauen mgen,
da die Knigin der Goten selbst am Verderben ihres Reiches arbeiten
wolle. Diese feigen und unbedeutenden Menschen - die Tchtigeren waren
lngst zu Cethegus oder Belisar gegangen - waren ihr weder des Vertrauens
wrdig, noch schienen sie Witichis und seinen Freunden gewachsen.

Wohl suchte sie auf schlauen Umwegen durch den Knig und die Goten selbst
zu erkunden, welchen unter allen Rmern sie fr ihren gefhrlichsten,
bedeutendsten Feind hielten. Aber auf solche Anfragen und Erkundigungen
hrte sie immer nur Einen Mann nennen, immer und immer wieder einen
einzigen. Und der sa ihr unerreichbar fern im Kapitol von Rom: Cethegus
der Prfekt. Es war ihr unmglich, sich in Verbindung mit ihm zu setzen.
Keinem ihrer rmischen Sklaven wagte sie einen so verhngnisvollen
Auftrag, als ein Brief nach Rom war, anzuvertrauen.

Die kluge und mutige Numiderin, die den Ha ihrer angebeteten Herrin gegen
den rohen Barbaren, der diese verschmht, vollauf teilte, ungeschwcht bei
ihr durch heimliche Liebe, hatte sich zwar eifrig erboten, ihren Weg zu
Cethegus zu finden. Aber Mataswintha wollte das Mdchen nicht den Gefahren
einer Wanderung durch Italien, mitten durch den Krieg, aussetzen. Und
schon gewhnte sie sich an den Gedanken, ihre Rache bis zu dem Zug auf Rom
zu verschieben, ohne inzwischen in ihrem Eifer in Erforschung der
gotischen Plne und Rstungen zu erkalten.

So wandelte sie eines Tages nach der Stadt zurck von dem Kriegsrat, der
drauen im Lager, im Zelt des Knigs war gehalten worden. Denn seit die
Rstungen ihrer Vollendung nah und die Goten jeden Tag des Aufbruchs
gewrtig waren, hatte Witichis, wohl auch um Mataswintha aus dem Wege zu
sein, seine Gemcher im Palatium verlassen und seine schlichte Wohnung
mitten unter seinen Kriegern aufgeschlagen.

Langsam, das Vernommene ihrem Gedchtnis einprgend und ber die
Verwertung nachsinnend, wandelte die Knigin, nur von Aspa begleitet,
durch die uersten Reihen der Zelte, einen sumpfigen Arm des Padus zur
Linken, die weien Zelte zur Rechten. Sie mied das Gedrnge und den Lrm
der innern Gassen des Lagers.

Whrend sie bedchtig und ihrer Umgebung nicht achtend dahinschritt,
musterten Aspas scharfe Augen die Gruppe von Goten und Italiern, die sich
hier um den Tisch eines Gauklers geschart hatte, der unerhrte und nie
gesehene Knste zum besten zu geben schien, nach dem Staunen und Lachen
der Zuschauer zu schlieen.

Aspa zgerte etwas in ihrem Gang, diese Wunder mit anzusehen. Es war ein
junger, schlanker Bursch: nach der blendend weien Haut des Gesichts und
der bloen Arme wie nach dem langen gelben Haar gallischen Zuschnitts ein
Kelte, wozu die kohlschwarzen Augen nicht stimmen wollten. Er verrichtete
wirklich Wunderdinge auf seiner einfachen Bhne. Bald sprang er in die
Hhe, berschlug sich in der Luft und kam doch senkrecht, bald wieder auf
die Fe, bald auf die Hnde, zu stehen. Dann schien er brennende Kohlen
mit sichtlichem Behagen zu verspeisen und dafr Mnzen auszuspeien: dann
verschluckte er einen fulangen Dolch und zog ihn spter wieder aus seinen
Haaren hervor, um ihn mit drei, vier andern scharfgeschliffenen Messern in
die Luft zu werfen und eins nach dem andern mit nie fehlender Behendigkeit
am Griff aufzufangen, wofr ihn Gelchter und Rufe der Bewunderung von
Seite seiner Zuschauer belohnten.

Aber schon zu lange hatte sich die Sklavin verweilt.

Sie sah nach der Herrin und bemerkte, da ihr Weg gesperrt war von einer
Schar italischer Lasttrger und Troknechte, welche die Gotenknigin
offenbar nicht kannten und gerade an ihr vorbei, ber den Weg hin, nach
dem Wasser zu, lrmende Kurzweil trieben. Sie schienen sich einen
Gegenstand, den Aspa nicht wahrnahm, zu zeigen und ihn mit Steinen zu
werfen.

Eben wollte sie ihrer Herrin nacheilen, als der Gaukler neben ihr auf dem
Tisch einen gellenden Schrei ausstie; Aspa wandte sich erschrocken und
sah den Gallier in ungeheurem Satz ber die Kpfe der Zuschauer weg wie
einen Pfeil durch die Luft auf die Italier losschieen. Schon stand er
mitten in dem Haufen und schien, sich bckend, einen Augenblick unter
ihnen verschwunden.

Aber pltzlich ward er sichtbar. Denn einer und gleich darauf ein zweiter
der Italier strzte von seinen Faustschlgen nieder.

Im Augenblick war Aspa an der Knigin Seite, die sich schnell aus der Nhe
der Schlgerei entfernt hatte, aber, zu der Sklavin Befremden, stehen
blieb, mit dem Finger auf die Gruppe weisend.

Und seltsam in der That war das Schauspiel.

Mit unglaublicher Kraft und noch grerer Gewandtheit wute der Gaukler
das Dutzend der Angreifer sich vom Leibe zu halten. Die Gegner
anspringend, sich wendend und duckend, weichend, dann wieder pltzlich
vorspringend und den nchsten am Fu niederreiend oder mit krftigem
Faustschlag vor Brust oder Gesicht niederstreckend, wehrte er sich.

Und das alles ohne Waffe: und nur mit der rechten Hand: denn die linke
hielt er, wie etwas bergend und schtzend, dicht an die Brust. So whrte
der ungleiche Kampf minutenlang. Der Gaukler ward nher und nher von der
wtenden lrmenden Menge dem Wasser zugedrngt. Da blitzte eine Klinge.
Einer der Troknechte, zornig ber einen schweren Schlag, zuckte ein
Messer und sprang den Gaukler von hinten an. Mit einem Schrei strzte
dieser zusammen: die Feinde ber ihn her.

Auf! reit sie auseinander! helft dem Armen, rief Mataswintha den
Kriegern zu, die jetzt von dem verlassenen Tisch der Goten herankamen,
ich befehle es! die Knigin!

Die Goten eilten nach dem Knuel der Streitenden: aber noch ehe sie
herankamen, sprang der Gaukler, der sich fr einen Moment von allen
Feinden losgemacht, hoch aus dem Gewirr und eilte mit letzter Kraft davon,
gerade auf die beiden Frauen zu - verfolgt von den Italiern, welche die
wenigen Goten nicht aufzuhalten vermochten.

Welch' ein Anblick! Seine gallische Tunika hing ihm in Fetzen vom Leibe:
ein Stck seiner gelben Haare schleifte am Rcken und siehe, unter der
gelben Percke kam schwarzes glnzendes Haar zum Vorschein und der weie
Hals verlief in eine bronzebraune Brust.

Mit letzter Kraft erreichte er die Frauen. Da erkannte er Mataswintha.
Schtze mich, rette mich, weie Gttin! schrie er und brach zusammen vor
Mataswinthas Fen. Schon waren die Italier heran, und der vorderste
schwang sein Messer. -

Aber Mataswintha breitete ihren blauen Mantel ber den Gefallenen:
Zurck! sprach sie mit Hoheit, lat ab von ihm. Er steht im Schutz der
Gotenknigin. Verblfft wichen die Troknechte zurck. So? rief nach
einer Pause der mit dem Dolch, straflos soll er ausgehn, der Hund und
Sohn eines Hundes? und fnf von uns liegen am Boden halbtot? und ich habe
fortan drei Zhne zu wenig? Und keine Strafe? Er ist gestraft genug,
sagte Mataswintha, auf die tiefe Dolchwunde am Halse deutend. Und all das
um einen Wurm, schrie ein zweiter, um eine Schlange, die aus seinem
Ranzen schlpfte und die wir mit Steinen warfen. - Da seht! er hat die
Natter geborgen, da, an seiner Brust. Nehmt sie ihm. Schlagt ihn tot,
schrien die andern.

Aber da kamen zahlreiche Gotenkrieger heran und schafften ihrer Knigin
Gehorsam, die Italier unsanft zurckstoend und einen Kreis um den
Gefallnen schlieend. Aspa blickte scharf zu und pltzlich sank sie mit
gekreuzten Armen neben dem Gaukler nieder.

Was ist dir, Aspa? steh auf! sprach Mataswintha staunend. O Herrin!
stammelte diese, der Mann ist kein Gallier! Er ist ein Sohn meines
Volkes. Er betet zu dem Schlangengott! Sieh hier seine braune Haut unter
dem Halse. Braun wie Aspa, - und hier - hier, eine Schrift; Schriftzeichen
eingeritzt ber seiner Brust: die heilige Geheimschrift meiner Heimat,
jubelte sie. Und, mit dem Finger deutend, hob sie an zu lesen.

Der Gaukler scheint verdchtig. - Warum diese Verstellung? sprach
Mataswintha. Man mu ihn in Haft nehmen.

Nein, nein, o Herrin, flsterte Aspa. Weit du, wie die Inschrift
lautet? - Kein Auge als meines kann sie dir deuten. - Nun? fragte
Mataswintha. Sie lautet, flsterte Aspa leise: Syphax schuldet ein
Leben seinem Herrn, Cethegus dem Prfekten. Ja, ja ich erkenne ihn, das
ist Syphax, Hiempsals Sohn, ein Gastfreund meines Stammes: die Gtter
senden ihn zu uns.

Aspa, sprach Mataswintha rasch, ja, ihn senden die Gtter: die Gtter
der Rache. Auf, ihr Goten, legt diesen wunden Mann auf eine Bahre, und
folgt damit meiner Sklavin in den Palast! Er steht fortan in meinem
Dienst.




                             Fnftes Kapitel.


Wenige Tage darauf begab sich Mataswintha wieder ins Lager, diesmal nicht
von Aspa begleitet. Denn diese wich Tag und Nacht nicht von dem Bette
ihres verwundeten Landsmannes, der unter ihren Hnden, ihren Krutern und
Sprchen sich rasch erholte.

Knig Witichis selbst hatte diesmal die Knigin abgeholt mit dem ganzen
Geleit seines Hofes. In seinem Zelte sollte der wichtigste Kriegsrat
gehalten werden. Das Eintreffen der letzten Verstrkungen war auf heute
angekndet: und auch Guntharis und Hildebad wurden zurckerwartet mit der
Antwort Belisars auf das Friedensanerbieten.

Ein verhngnisvoller Tag! sagte Witichis zu seiner Knigin. Bete zum
Himmel um den Frieden.

Ich bete um den Krieg, sprach Mataswintha, starr vor sich hinblickend.
Verlangt dein Frauenherz so sehr nach Rache? - Nach Rache nur noch ganz
allein - und sie wird mir werden.

Damit traten sie in das Zelt, welches schon von gotischen Heerfhrern
erfllt war. Mataswintha dankte mit stolzem Kopfbeugen dem ehrerbietigen
Gru. Sind die Gesandten zurck? fragte der Knig, sich setzend, den
alten Hildebrand, so fhrt sie ein.

Auf ein Zeichen des Alten erhoben sich die Seitenvorhnge und Herzog
Guntharis und Hildebad traten ein, sich tief verneigend.

Was bringt ihr? Frieden oder Krieg? fragte Witichis eifrig. Krieg!
Krieg, Knig Witichis! riefen beide Mnner mit Einem Munde. - Wie?
Belisar verwirft die Opfer, die ich ihm biete? Du hast ihm freundlich,
eindringlich, meine Vorschlge mitgeteilt?

Herzog Guntharis trat vor, und sprach: Ich traf den Feldherrn im Kapitol
als Gast des Prfekten und sprach zu ihm: Der Gotenknig Witichis
entbietet dir seinen Gru.

In dreiig Tagen kann er mit hundertfnfzig Tausendschaften wehrhafter
Goten vor diesen Thoren stehn. Und ein Schlachten und Ringen um diese
ehrwrdige Stadt wird anheben, wie es ihre seit tausend Jahren mit Blut
getrnkten Gefilde nie geschaut.

Der Knig der Goten liebt den Frieden mehr als selbst den Sieg: und er
gelobt, Kaiser Justinian die Insel Sicilien abzutreten und ihm in jedem
seiner Kriege mit dreiigtausend Mann Goten beizustehen, wenn ihr sofort
Rom und Italien rumt, das uns gehrt nach dem Recht der Eroberung wie
nach dem Vertrag mit Kaiser Zeno, der es Theoderich berlie, wenn er den
Odovakar strzen knne. So sprach ich, deinem Auftrag gem.

Belisar aber lachte und rief: Witichis ist sehr gndig, mir die Insel
Sicilien abzutreten, die ich schon habe und er nicht mehr hat. Ich schenke
ihm dafr die Insel Thule! Nein. Der Vertrag Theoderichs mit Zeno war
abgezwungen und das Recht der Eroberung, - nun das spricht jetzt fr uns.
Kein Friede, als unter der Bedingung: das ganze Gotenheer streckt die
Waffen, und das ganze Volk zieht ber die Alpen und sendet Knig und
Knigin als Geiseln nach Byzanz.

Ein Murren der Entrstung ging durch das Zelt.

Zornig, ohne Antwort auf solchen Vorschlag, wandten wir ihm den Rcken
und schritten hinaus. Auf Wiedersehen in Ravenna, rief er uns nach. Da
wandt' ich mich, sprach Hildebad und rief: Auf Wiedersehen vor Rom!
Auf, Knig Witichis, jetzt zu den Waffen. Du hast das uerste versucht an
Friedensliebe und Schmach geerntet. Jetzt auf! Lang genug hast du gezgert
und gerstet! Jetzt fhr' uns an, zum Kampf.

Da tnten Trompetenste aus dem Lager: man hrte den Hufschlag eilig
nahender Rosse. Alsbald hob sich der Vorhang des Zeltes und eintrat Totila
in glnzenden Waffen, vom weien Mantel umwallt. Heil meinem Knig, Heil
dir Knigin, sprach er huldigend. Mein Auftrag ist erfllt: ich bringe
dir den Freundesgru des Frankenknigs. Er hielt ein Heer bereit im Solde
von Byzanz, dich anzugreifen. Es gelang mir, ihn umzustimmen. Sein Heer
wird nicht gegen die Goten in Italien einrcken. Graf Markja von
Mediolanum, der bisher die Cottischen Alpen gegen die Franken gedeckt,
ward dadurch frei mit seinen Tausendschaften: er folgt mir in Eile. Im
Rckweg hab ich aufgerafft, was ich irgend von waffenfhigen Mnnern fand
und die Besatzungen der Burgen an mich gezogen. Ferner:

Wir hatten bisher Mangel an Reiterei. Getrost, mein Knig: ich fhre dir
sechstausend Reiter zu, auf herrlichen Rossen. Sie verlangen, sich zu
tummeln in den Ebenen von Rom. Nur Ein Wunsch lebt in uns allen: fhr uns
zum Kampf, zum Kampf nach Rom.

Hab Dank, mein Freund, fr dich und deine Reiter.

Sprich, Hildebrand, wie verteilt sich jetzt unsres Heeres Macht? Sagt an,
ihr Feldherren, wie viele fhrt ein jeder von euch? Ihr Notare, zeichnet
auf!

Ich fhre drei Tausendschaften Fuvolk, rief Hildebad. Ich vierzig
Tausendschaften zu Fu und zu Ro mit Schild und Speer, sprach Herzog
Guntharis. Ich vierzig Tausendschaften zu Fu: Bogenschtzen,
Schleuderer, Speertrger, sagte Graf Grippa von Ravenna. Ich sieben
Tausendschaften mit Messer und Keule, zhlte Hildebrand. Und dazu
Totilas sechs Tausendschaften Reiter und vierzehn erlesene Tausendschaften
Tejas mit der Streitaxt - wo ist er? ich vermisse ihn hier! - Und ich habe
meine Scharen zu Fu und zu Ro auf fnfzig Tausendschaften erhht,
schlo der Knig.

Das sind zusammen einhundertsechzig Tausendschaften, schrieb der
Protonotar, die Pergamentrolle dem Knig berreichend.

Da flog ein froher Glanz kriegerischen Stolzes ber des Knigs ernstes
Angesicht. Einhundertsechzig Tausendschaften gotische Mnner: Belisar,
sollen sie vor dir die Waffen strecken, ohne Kampf? Wie lang braucht ihr
noch Rast, um aufzubrechen?

Da eilte der schwarze Teja ins Zelt. Er hatte beim Eintreten die letzte
Frage vernommen. Sein Auge sprhte Blitze, er bebte vor Zorn. Rast? Keine
Stunde Rast mehr: auf zur Rache, Knig Witichis! Ein ungeheurer Frevel ist
geschehn, der laut um Rache gegen Himmel schreit. Fhr' uns sofort zum
Kampf!

Was ist geschehn?

Ein Feldherr Belisars, der Hunne Ambazuch, umschlo, wie du weit, seit
lange mit Hunnen und Armeniern das feste Petra. Kein Entsatz war nah und
fern. Der junge Graf Arahad nur - er suchte wohl den Tod - berfiel mit
seiner kleinen Gefolgschaft die bermacht; er fiel im tapfersten Gefecht.
Verzweifelt widerstand das Huflein gotischer Mnner in der Burg. Denn
alles wehrlose Volk der Goten: Greise, Kranke, Weiber, Kinder, vom flachen
Land in Tuscien, Valeria und Picenum war hierher geflchtet vor dem Feind,
wohl viele Tausend. Endlich zwang sie der Hunger, gegen freien Abzug die
Thore zu ffnen. Der Hunne schwor allen Goten in der Stadt, ihr Blut nicht
zu vergieen. Er zog ein und befahl den Goten sich in der groen Basilika
Sankt Zenos zu versammeln. Das thaten sie, ber fnftausend Kpfe, Greise,
Weiber, Kinder und ein paar hundert Krieger. Und als sie alle beisammen
... - Teja hielt schaudernd inne.

Nun? fragte Mataswintha, erblassend.

Da schlo der Hunne die Thren, umstellte das Haus mit seinem Heer und -
verbrannte sie alle fnftausend, samt der Kirche.

Und der Vertrag? rief Witichis.

Ja, so schrieen auch die Verzweifelten ihn an durch Qualm und Flammen.
Der Vertrag, lachte der Hunne, sei erfllt: kein Tropfe Blutes sei
vergossen. Ausbrennen msse man die Goten aus Italien wie die Feldmuse
und schlechtes Gewrm. Und so sahen die Byzantiner zu, wie fnftausend
Goten, Greise, Weiber, Kranke, Kinder - Knig Witichis, hrst du's?
Kinder! - elend erstickten und verbrannten. Solches geschieht und du - du
sendest Friedensboten! Auf, Knig Witichis, rief der Ergrimmte, das
Schwert aus der Scheide reiend, wenn du ein Mann bist, brich jetzt auf
zur Rache. Die Geister der Erwrgten ziehen vorauf: - Fhr' uns zum Kampf!
zur Rache fhr' uns an!

Fhr' uns zum Kampf! zur Rache fhr' uns an! wiederhallte das Zelt vom
Ruf der Goten.

Da stand Witichis auf in ruhiger Kraft.

So soll's sein. Das uerste geschah. Und unsere beste Rstung ist unser
Recht: jetzt auf, zum Kampf.

Und er reichte seiner Knigin die Pergamentrolle, die er in der Hand
hielt, die ber seinem Stuhl hngende Knigsfahne, das blaue Bandum, zu
ergreifen.

Ihr seht das alte Banner Theoderichs in meiner Hand, das er von Sieg zu
Sieg getragen. Wohl ruht es jetzt in schlechtrer Hand als seine war: -
doch zaget nicht. Ihr wisset: bermtige Zuversicht ist meine Sache nicht,
doch diesmal sag ich euch voraus: in dieser Fahne rauscht ein naher Sieg,
ein groer, stolzer, rachefroher Sieg. Folgt mir hinaus. Das Heer bricht
auf, sogleich. Ihr Feldherren, ordnet eure Scharen: nach Rom!

Nach Rom, wiederhallte das Zelt. Nach Rom!




                            Sechstes Kapitel.


Inzwischen schickte sich Belisar an, mit der Hauptmacht seines Heeres die
Stadt zu verlassen: Johannes hatte er deren Bewachung bertragen.

Er hatte beschlossen, die Goten in Ravenna aufzusuchen. Sein bisher von
keinem Unfall gehemmter Siegeslauf und die Erfolge seiner
vorausgeschickten Streifscharen, die durch den bergang der Italier alles
flache Land, auch alle Festen und Burgen und Stdte, bis nahe bei Ravenna,
gewonnen, hatten in ihm die Zuversicht erzeugt, da der Feldzug bald
beendigt und nur das Erdrcken der ratlosen Barbaren in ihrem letzten
Schlupfwinkel brig sei.

Denn nachdem Belisar selbst den ganzen Sden der Halbinsel: Bruttien,
Lucanien, Calabrien, Apulien, Campanien: dann Rom mit Samnium und die
Valeria durchzogen und besetzt hatte, waren seine Unterfeldherren, Bessas
und Constantinus, mit der lanzentragenden Leibwache des Feldherrn, die
unter Fhrung des Armeniers Zanter, des Persers Chanaranges und des
Massageten schman standen, vorausgesendet worden, Tuscien zu unterwerfen.

Bessas rckte vor das sturmfeste Narnia: fr die damaligen
Belagerungsmittel war die Burgstadt fast uneinnehmbar: - sie thront auf
hohem Berge, dessen Fu der tiefe Nar umsplt. Die beiden einzigen
Zugnge, vom Osten und vom Westen, sind ein enger Felsenpa und die hohe,
alte, von Kaiser Augustus gebaute, befestigte Brcke. - Aber die rmische
Bevlkerung berwltigte die halbe gotische Hundertschaft, die hier lag,
und ffnete den Thrakiern des Bessas die Thore. Dem Constantinus
erschlossen sich ebenso ohne Schwertstreich Spoletium und Perusia. Auf der
stlichen Seite des Ionischen Meerbusens hatte inzwischen ein andrer
Unterfeldherr Belisars, der Comes Sacri Stabuli Constantinus, den Tod
zweier byzantinischer Heerfhrer, des Magister Militum fr Illyrien,
Mundus, und seines Sohnes Mauricius, die gleich im Anfang des Krieges bei
Salona in Dalmatien im Gefecht gegen die Goten gefallen waren, gercht,
Salona besetzt und durch ihre groe bermacht die geringen gotischen
Scharen zum Rckzug auf Ravenna gezwungen. Ganz Dalmatien und Liburnien
war darauf den Byzantinern zugefallen. Von Tuscien aus streiften, wie wir
sahen, die Hunnen Justinians schon durch Picenum und bis in die milia.

Die Friedensvorschlge des Gotenknigs hielt Belisar daher fr Zeichen der
Schwche. Da die Barbaren zum Angriff bergehen knnten, fiel ihm nicht
ein. Dabei trieb es ihn, Rom zu verlassen, wo es ihn anwiderte, der Gast
des Prfekten zu heien; im freien Felde mute sein bergewicht bald
wieder hervortreten.

Der Prfekt lie das Kapitol in der treuen Hut des Lucius Licinius und
folgte dem Zuge Belisars. Vergebens warnte er diesen vor allzugroer
Zuversicht.

Bleibe du doch hinter den Felsen des Kapitols, wenn du die Barbaren
frchtest, hatte dieser stolz geantwortet.

Nein, erwiderte dieser. Eine Niederlage Belisars ist ein zu seltnes
Schauspiel, man darf es nicht versumen. In der That, Cethegus htte eine
Demtigung des groen Feldherrn, dessen Ruhm die Italier allzusehr anzog,
gern gesehen.

Belisar hatte sein Heer aus den nrdlichen Thoren der Stadt gefhrt und
wenige Stadien vor der Stadt in einem Lager versammelt, es hier zu mustern
und neu zu ordnen und zu gliedern. Schon der starke Zuflu von Italiern,
die zu seinen Fahnen geeilt waren, machte das ntig. Auch Ambazuch, Bessas
und Constantinus hatte er mit dem grten Teil ihrer Truppen wieder in
dies Lager herangezogen: sie lieen in den von ihnen gewonnenen Stdten
nur kleine Besatzungen zurck.

Dunkle Gerchte von einem anrckenden Gotenheer hatten sich in das Lager
verbreitet. Aber Belisar schenkte ihnen keinen Glauben. Sie wagen es
nicht, hatte er dem warnenden Prokop entgegnet. Sie liegen in Ravenna
und zittern vor Belisarius.

Spt in der Nacht lag Cethegus schlaflos auf dem Lager in seinem Zelt. Er
lie die Ampel brennen. Ich kann nicht schlafen, sagte er -: in den
Lften klirrt es wie Waffen und riecht's wie Blut. Die Goten kommen. Sie
rcken wohl durch die Sabina, die Via casperia und salara herab.

Da rauschten seine Zeltvorhnge zurck und Syphax strzte atemlos an sein
Lager.

Ich wei es schon, sagte Cethegus aufspringend, was du meldest: die
Goten kommen. - Ja, Herr, morgen sind sie da. Sie zielen auf das
salarische Thor. Ich hatte das beste Ro der Knigin, aber dieser Totila,
der den Vortrab fhrt, jagt wie der Wind durch die Wste. Und hier im
Lager ahnt niemand etwas.

Der groe Feldherr, lchelte Cethegus, hat keine Vorposten
ausgestellt. - Er verlie sich ganz auf den festen Turm an der
Aniusbrcke(1) aber ... -

Nun? der Turm ist fest. - Ja, aber die Besatzung, rmische Brger aus
Neapolis, ging zu den Goten ber, als sie der junge Totila, der Fhrer des
Vortrabs, anrief. Die Leibwchter Belisars, welche sich widersetzten,
wurden gebunden, zumal Innocentius, und Totila ausgeliefert. Der Turm und
die Brcke ist in der Goten Hand.

Es wird hbsch werden! Hast du eine Ahnung, wie stark der Feind? -
Keine Ahnung, Herr: ich wei es so genau wie Knig Witichis selbst. Hier
die Liste ihrer Truppen. Sie schickt dir Mataswintha, seine Knigin.

Cethegus sah ihn forschend an. Geschehen Wunder, die Barbaren zu
verderben?

Ja Herr, Wunder geschehen! Dies sonnenschne Weib will ihres Volkes
Untergang um des Einen willen. Und dieser Eine ist ihr Gatte.

Du irrst: sagte Cethegus, sie liebte ihn schon als Mdchen und kaufte
seine Bste.

Ja, sie liebt ihn. Aber er nicht sie. Und die Marsbste ward zerschlagen
in der Brautnacht.

Das hat sie dir doch schwerlich selbst gesagt.

Aber Aspa, die Tochter meines Landes, ihre Sklavin. Sie sagt mir alles.
Sie liebt mich. Und sie liebt ihre Herrin, fast wie ich dich. Und
Mataswintha will mit dir das Gotenreich verderben. Und sie wird durch Aspa
alles schreiben in den Zauberzeichen unseres Stammes. Und ich wrde diese
Sonnenknigin zu meinem Weibe nehmen, wenn ich Cethegus wre.

Ich auch, wenn ich Syphax wre. Aber deine Botschaft ist eine Krone wert!
Ein listig, rachedrstend Weib wiegt Legionen auf! Jetzt Trotz euch,
Belisar, Witichis und Justinian! Erbitte dir eine Gnade, jede, nur nicht
deine Freiheit: - ich brauche dich noch.

Meine Freiheit ist - dir dienen. Eine Gunst: la mich morgen neben dir
fechten.

Nein, mein hbscher Panther, deine Klauen kann ich noch nicht brauchen: -
nur deinen Leisegang. Du schweigst gegen jedermann von der Goten Nhe und
Strke. Lege mir die Rstung an und gieb den Plan der salarischen Strae
dort aus der Kapsel. Jetzt rufe mir Marcus Licinius und den Fhrer meiner
Isaurier, Sandil. Syphax verschwand. Cethegus warf einen Blick auf den
Plan. Also dort her, von Nordwesten, kommen sie, die Hgel herab. Wehe
dem, der sie dort aufhalten will. Darauf folgt der tiefe Thalgrund, in dem
wir lagern. Hier wird die Schlacht geschlagen und verloren. Hinter uns,
sdstlich, zieht sich unsre Stellung entlang dem tiefen Bach; in diesen
werden wir unfehlbar geworfen: die Brcken werden nicht zu halten sein.
Darauf eine Strecke flachen Landes - welch schnes Feld fr die gotischen
Reiter, uns zu verfolgen! - Noch weiter rckwrts endlich ein dichter Wald
und eine enge Schlucht mit dem zerfallnen Kastell Hadrians ... - Marcus,
rief er dem Eintretenden entgegen, meine Scharen brechen auf. Wir ziehn
hinab den Bach in den Wald und jeden, der dich frgt, dem sagst du: wir
ziehn zurck nach Rom.

Nach Hause? ohne Kampf? fragte Marcus erstaunt, du weit doch: es steht
der Kampf bevor?

Ebendeswegen! Damit schritt er hinaus, Belisar in seinem Zelt zu wecken.
Aber er fand ihn schon wach: Prokop stand bei ihm. Weit du's schon,
Prfekt? flchtendes Landvolk meldet, ein Huflein gotischer Reiter naht:
die Tollkhnen reiten in ihr Verderben: sie whnen die Strae frei bis
Rom. Und er fuhr fort sich zu rsten.

Aber die Bauern melden, die Reiter seien nur die Vorhut. Es folge ein
furchtbares Heer von Barbaren, warnte Prokop.

Eitle Schrecken! Sie frchten sich, diese Goten. - Witichis wagt gar
nicht, mich aufzusuchen. Endlich habe ich ja, vierzehn Stadien vor Rom,
die Aniobrcke durch einen Turm geschtzt: - Martinus hat ihn gebaut nach
meinem Gedanken: - der allein hlt der Barbaren Fuvolk mehr als eine
Woche auf - mgen auch ein paar Gule durch den Flu geschwommen sein.

Du irrst, Belisarius! ich wei es gewi: das ganze Heer der Goten naht,
sprach Cethegus. - So geh' nach Hause, wenn du es frchtest. - Ich
mache Gebrauch von dieser deiner Erlaubnis. Ich habe mir in diesen Tagen
das Fieber geholt. Auch meine Isaurier leiden daran: - ich ziehe mit
deiner Gunst nach Rom zurck.

Ich kenne dieses Fieber, sagte Belisar - das heit: - an andern. Es
vergeht, sowie man Graben und Wall zwischen sich und dem Feinde hat. Zieh
ab, wir brauchen dich so wenig wie deine Isaurier.

Cethegus verneigte sich und ging. Auf Wiedersehen, sprach er, o
Belisarius. Gieb das Zeichen zum Aufbruch meinen Isauriern, sprach er im
Lager laut zu Marcus. Und meinen Byzantinern auch, setzte er leiser bei.

Aber Belisar hat ... -

Ich bin ihr Belisar. Syphax, mein Pferd. Whrend er aufstieg, sprengte
ein Zug rmischer Reiter heran: Fackeln leuchteten dem Anfhrer vorauf.

Wer da? Ah du, Cethegus? wie, du reitest ab? Deine Leute ziehn sich nach
dem Flu? Du wirst uns doch nicht verlassen, jetzt, in dieser hchsten
Gefahr? Cethegus beugte sich vor. Sieh, du, Calpurnius! ich erkannte
dich nicht: du siehst so bleich. Was bringst du von den Vorposten?

Flchtige Bauern sagen, sprach Calpurnius ngstlich, es sei gewi mehr
als eine Streifschar. Es sei der Knig der Barbaren, Witichis selbst, im
raschen Anzug durch die Sabina: sie seien schon auf dem linken Tiberufer:
Widerstand ist dann .. - Wahnsinn - Verderben. Ich folge dir, ich schliee
mich dir an.

Nein, sagte Cethegus herb, du weit, ich bin aberglubisch: ich reite
nicht gern mit den Furien verfallnen Mnnern. Dich wird die Strafe fr
deinen feigen Knabenmord sicher bald ereilen. Ich habe nicht Lust, sie mit
dir zu teilen.

Doch flstern Stimmen in Rom, auch Cethegus verschmhe manchmal einen
bequemen Mord nicht, sprach Calpurnius grimmig.

Calpurnius ist nicht Cethegus, sprach der Prfekt, stolz davon
sprengend. Gre mir einstweilen den Hades! rief er.




                            Siebentes Kapitel.


Verfluchtes Omen! knirschte Calpurnius. Und er eilte zu Belisar:
Befiehl den Rckzug, rasch, Magister Militum. - Warum, Vortrefflicher?
- Es ist der Gotenknig selbst. Und ich bin Belisar selbst, sagte
dieser, den prachtvollen Helm mit dem weien Roschweif aufsetzend. Wie
konntest du deinen Posten im Vordertreffen verlassen? - Herr, um dir das
zu melden. - Das konnte wohl kein Bote? Hre, Rmer, ihr seid nicht
wert, da man euch befreit. Du zitterst ja, Mann des Schreckens. Zurck
mit dir ins Vordertreffen.

Du fhrst unsre Reiter zum ersten Angriff: ihr, meine Leibwchter Antallas
und Kuturgur, nehmt ihn in die Mitte. Er _mu_ tapfer sein, hrt ihr?
Weicht er, - nieder mit ihm. So lehrt man Rmer Mut.

Der Lagerrufer sagte eben die letzte Stunde der Nacht an. In einer Stunde
geht die Sonne auf. Sie mu unser ganzes Heer auf jenen Hgeln finden.

Auf! Ambazuch, Bessas, Constantinus, Demetrius, das ganze Lager bricht
auf, dem Feind entgegen.

Feldherr, es ist wie sie sagen, meldete Maxentius, der treueste der
Leibwchter, zahllose Goten rcken an.

Sie sind zwei Heere gegen uns, meldete Salomo, Belisars
Hypaspisten-Fhrer.

Ich rechne Belisar ein ganzes Heer.

Und der Schlachtplan? fragte Bessas.

Im Angesicht des Feindes entwerf' ich ihn, whrend des Calpurnius Reiter
ihn aufhalten. Vorwrts, gebt die Zeichen, fhrt Phalion vor. Und er
schritt aus dem Zelte; nach allen Seiten stoben die Heerfhrer, die
Hypaspisten, Prtorianer, Protektoren und Doryphoren auseinander, Befehle
gebend, verteilend, empfangend.

In einer Viertelstunde war alles in Bewegung gegen die Hgel. Man nahm
sich nicht Zeit, das Lager abzubrechen. Aber der pltzliche Aufbruch
brachte vielfache Verwirrung. Fuvolk und Reiter gerieten in der dunkeln,
mondlosen Nacht untereinander. Auch hatte die Kunde von der bermacht der
vordringenden Barbaren Mutlosigkeit verbreitet.

Es waren nur zwei nicht sehr breite Straen, die gegen die Hgel fhrten:
so gab es manche Stockung und Hemmung. Viel spter als Belisar gerechnet,
langte das Heer im Angesicht der Hgel an: und als die ersten
Sonnenstrahlen sie beleuchteten, sah Calpurnius, der den Vortrab fhrte,
von allen Hhen gotische Waffen blitzen.

Die Barbaren waren Belisar zuvorgekommen. Erschrocken machte Calpurnius
Halt und sandte Belisar Nachricht.

Dieser sah ein, da Calpurnius mit seinen Reitern nicht die Berge strmen
knne. Er schickte Ambazuch und Bessas mit dem Kern des armenischen
Fuvolks ab, um auf der breitern Strae zu strmen. Den linken und den
rechten Flgel fhrten Constantinus und Demetrius, er selbst brachte im
Mitteltreffen seine Leibwachen als Rckhalt heran. Calpurnius, froh des
Wechsels im Plan, stellte seine Reiter unter den steilsten Abfall der
Hgel, links seitab der Strae, von wo kein Angriff zu befrchten schien,
den Erfolg von Ambazuchs und Bessas Sturm abzuwarten und die fliehenden
Goten zu verfolgen oder die weichenden Armenier aufzunehmen.

Oben auf den Hhen aber stellten sich die Goten in langer Ausdehnung in
Schlachtordnung. Totilas Reiter waren zuerst eingetroffen: ihm hatte sich
Teja, zu Pferd, vor Kampfbegier fiebernd, angeschlossen: - sein
beiltragendes Fuvolk war noch weit zurck: - er hatte sich ausgebeten,
ohne Befehlfhrung, berall, wo es ihn reizte, ins Handgemenge zu greifen.
Darauf war Hildebrand eingetroffen und hierauf der Knig mit der
Hauptmacht gefolgt. Herzog Guntharis mit seinen und Tejas Leuten wurden
noch erwartet.

Pfeilschnell war Teja zu Witichis zurckgeflogen.

Knig, sagte er, unter jenen Hgeln steht Belisar.

Er ist verloren, beim Gott der Rache! Er hat den Wahnsinn gehabt,
vorzurcken. Dulde nicht die Schmach, da er uns zuvorkmmt im Angriff.

Vorwrts! rief Knig Witichis, gotische Mnner vor! In wenigen Minuten
hatte er den Rand der Hgel erreicht und bersah das Thalgefild vor ihm.
Hildebad - den linken Flgel! Du, Totila, brichst mit deinen Reitern hier
im Mitteltreffen, die Strae herunter, vor. Ich halte rechts seitab der
Strae, bereit, dir zu folgen oder dich zu decken.

Das wird's nicht brauchen, sagte Totila, sein Schwert ziehend. Ich
brge dir, sie halten meinen Ritt diesen Hgel herab nicht auf.

Wir werfen die Feinde in ihr Lager zurck, fuhr der Knig fort, nehmen
das Lager, werfen sie in den Bach, der dicht hinter dem Lager glnzt: was
brig ist, knnen eure Reiter, Totila und Teja, ber die Ebene jagen bis
Rom.

Ja, wenn wir erst den Pa gewonnen haben, dort in den Waldhgeln, hinter
dem Flu, sagte Teja mit dem Schwert hinberdeutend.

Er ist noch unbesetzt, scheint's: ihr mt ihn mit den Flchtigen
zugleich erreichen.

Da ritt der Bannertrger, Graf Wisand von Volsinii, der Bandalarius des
Heeres, an den Knig heran. Herr Knig, ihr habt mir eine Bitte zu
erfllen zugesagt. - Ja, weil du bei Salona den Magister Militum fr
Illyrien, Mundus, und seinen Sohn vom Ro gestochen.

Ich habe es nun einmal auf die Magistri Militum. Ich mchte denselben
Speer auch an Belisar erproben. Nimm mir, nur fr heute, das Banner ab und
la mich den Magister Belisar aufsuchen. Sein Ro, der Rotscheck Phalion
oder Balian, wird so sehr gerhmt: und mein Hengst wird steif. Und du
kennst das alte gotische Reiterrecht: wirf den Reiter und nimm sein
Ro߫.

Gut gotisch Recht! raunte der alte Hildebrand.

Ich mu die Bitte gewhren, sprach Witichis, das Banner aus der Hand
Wisands nehmend. Dieser sprengte eilig hinweg. Guntharis ist nicht zur
Stelle, so trage du es heute, Totila.

Herr Knig, entgegnete dieser, ich kann's nicht tragen, wenn ich meinen
Reitern den Weg in die Feinde zeigen soll. Witichis winkte Teja.

Vergieb, sagte dieser: heut' denk' ich beide Arme sehr zu brauchen. -
Nun, Hildebad. - Danke fr die Ehre: ich hab's nicht schlechter vor als
die andern! Wie, sagte Witichis, fast zrnend, mu ich mein eigner
Bannertrger sein, will keiner meiner Freunde mein Vertrauen ehren?

So gieb mir die Fahne Theoderichs, sprach der alte Hildebrand, den
mchtigen Schaft ergreifend. Mich lstet weitern Kampfes nicht so sehr.
Aber mich freut's, wie die Jungen nach Ruhme drsten. Gieb mir das Banner,
ich will's heute wahren wie vor vierzig Sommern. Und er ritt sofort an
des Knigs rechte Seite.

Der Feinde Fuvolk rckt den Berg hinan, sprach Witichis, sich im Sattel
hebend. Es sind Hunnen und Armenier, sagte Teja, mit seinem Falkenauge
sphend, ich erkenne die hohen Schilde! Und den Rappen vorwrts spornend
rief er: Ambazuch fhrte sie, der eidbrchige Brandmrder von Petra.

Vorwrts, Totila, sprach der Knig, und aus diesen Scharen - - keine
Gefangnen.

Rasch sprengte Totila zu seinen Reitern, die hart an der Mndung der
aufsteigenden Strae auf der Hhe aufgestellt waren. Mit scharfem Blick
musterte er die Bewaffnung der Armenier, die in tiefen Kolonnen langsam
bergauf rckten. Sie trugen schwere, mannshohe Schilde und kurze Speere zu
Sto und Wurf.

Sie drfen nicht zum Werfen kommen, rief er seinen Reitern zu. Er lie
sie die leichten Schilde auf den Rcken binden und befahl, im Augenblick
des Anpralls die langen Lanzen, statt, wie blich, in der Rechten, in der
Linken, der Zgelhand, zu fhren, den Zgel einfach um das Handgelenk
geschlungen und ber die Mhne weg die Lanze aus der rechten in die linke
Faust werfend. Dadurch trafen sie auf die rechte, vom Schild nicht
gedeckte Seite der Feinde. Sowie der Sto angeprallt - sie werden ihm
nicht stehen! - werft die Lanze im Armriem zurck, zieht das Schwert und
haut nieder, was noch steht.

Er stellte sie nun, die Kolonne der Feinde rechts und links berflgelnd,
auf beiden Seiten neben der Strae auf.

Er selbst fhrte den Keil auf der Strae. Er beschlo, den Feind die
Hlfte des Hgels herankommen zu lassen. Mit atemloser Spannung sahen
beide Heere dem Zusammensto entgegen.

Ruhig rckte Ambazuch, ein erprobter Soldat, vorwrts.

Lat sie nur dicht heran, Leute, sagte er, bis ihr das Schnauben der
Rosse im Gesicht sprt. Dann, - und nicht eher, - werft: und zielt mir
tief, auf die Brust der Pferde, und zieht das Schwert. So hab' ich noch
alle Reiter geschlagen.

Aber es kam anders.

Denn als Totila, voransprengend, das Zeichen zum Angriff gab, schien eine
donnernde Lawine vom Berg herab ber die erschrocknen Feinde einzubrechen.
Wie der Sturmwind jagte die blitzende, klirrende, schnaubende, drhnende
Masse heran: und eh' die erste Reihe der Armenier Zeit gefunden, die
Wurfspeere nur zu heben, lag sie schon, von den langen Lanzen auf der
schildlosen Seite durchbohrt, niedergestreckt. Sie waren weggefegt, als
wren sie nie gestanden.

Blitzschnell war das geschehen: und whrend noch Ambazuch seiner zweiten
Reihe, in der er selber stand, Befehl geben wollte, zu knieen und die
Speere einzustemmen, sah er schon auch seine zweite Reihe berritten, die
dritte auseinandergesprengt und die vierte unter Bessas kaum noch
Widerstand leistend gegen die furchtbaren Reiter, die jetzt erst dazu
kamen, die Schwerter zu ziehen. Er wollte das Gefecht stellen: er flog
zurck und rief seinen wankenden Scharen Mut zu.

Da erreichte ihn Totilas Schwert: ein Hieb zerschlug ihm den Helm. Er
strzte in die Knie und streckte den Griff seines Schwertes dem Goten
entgegen. Nimm Lsegeld, rief er, ich bin dein.

Und schon streckte Totila die Hand aus, ihm die Waffe abzunehmen, da rief
Tejas Stimme: Denk' an Burg Petra.

Ein Schwert blitzte und zerspaltnen Haupts sank Ambazuch. Da stob die
letzte Reihe der Armenier, Bessas mit fortreiend, entsetzt auseinander, -
das Vordertreffen Belisars war vernichtet. Mit lautem Freuderuf hatten
Knig Witichis und die Seinen den Sieg Totilas mit angesehn.

Sieh, jetzt schwenken die hunnischen Reiter, die hier gerade unter uns
stehen, gegen Totila, sagte der Knig zu dem alten Bannertrger. Totila
wendet sich gegen sie. Sie sind viel zahlreicher. Auf! Hildebad, eile die
Strae hinunter, ihm zu Hilfe.

Ah, rief der Alte, sich vorbeugend im Sattel, und ber den Felsrand
sphend, wer ist der Reitertribun da unten zwischen den zwei Leibwchtern
Belisars?

Witichis beugte sich vor. Calpurnius! rief er mit gellendem Schrei.

Und siehe, urpltzlich sprengte der Knig, keinen Pfad suchend, gerade wo
er stand, hinab die Felshhe auf den Verhaten. Die Furcht, er mchte ihm
entrinnen, lie ihn alles vergessen. Und als htte er Flgel, als htte
der Gott der Rache ihn herabgefhrt ber Gebsch und spitze Felsspalten
und Schroffen und Grben sauste der Knig hinunter.

Einen Augenblick fate den alten Waffenmeister Entsetzen: solchen Ritt
hatte er noch nie geschaut. Aber im nchsten Moment schwang er die blaue
Fahne und rief: Nach! nach eurem Knig! Und das berittene Gefolge voran,
das Fuvolk, springend und auf den Schilden rutschend, hinterher, brach
das Mitteltreffen der Goten pltzlich steil von oben auf die hunnischen
Reiter.

Calpurnius hatte aufgesehn. Ihm war, als ob sein Name, gellend gerufen, an
sein Ohr schlge. Ihm klang der Ruf wie die Posaune des Weltgerichts.

Wie blitzgetroffen wandte er sich und wollte auf und davon. Aber der
maurische Leibwchter zur Rechten fiel ihm in den Zgel: Halt, Tribun!
sagte Antallas, auf Totilas Reiter deutend - _dort_ ist der Feind! Ein
Schmerzenschrei ri ihn und Calpurnius zur Linken herum. Denn da strzte
der zweite der Leibwchter, der Hunne Kuturgur, zu seiner Linken, klirrend
vom Pferd, unter dem Schwerthieb eines Goten, der pltzlich wie vom Himmel
gefallen schien. Und hinter diesem Goten drein sprang und kletterte und
wogte es den steilen Felshang hinab, der doch pfadlos schien: und die
Reiter waren von diesem pltzlich von oben gekommenen Feind in der Flanke
umfat, whrend sie gleichzeitig in der Stirnseite mit den Geschwadern
Totilas zusammenstieen.

Calpurnius erkannte den Goten. Witichis! rief er entsetzt, und lie den
Arm sinken. Aber sein Pferd rettete ihn; verwundet und scheu geworden
durch den Fall des hunnischen Leibwchters zur Linken, setzte es in wilden
Sprngen davon.

Der maurische Leibwchter zu seiner Rechten warf sich wtend auf den Knig
der Goten, der ganz allein den Seinigen weit vorausgeeilt war. Nieder,
Tollkhner! schrie er. Aber im nchsten Augenblick hatte ihn das Schwert
des Witichis getroffen, der unaufhaltsam alles vor sich niederzuwerfen
schien, was ihn von Calpurnius jetzt noch fern hielt. Rasend setzte ihm
Witichis nach. Mitten durch die Reihen der hunnischen Reiter, die,
entsetzt vor diesem Anblick, auseinanderstoben.

Calpurnius hatte sein Pferd wieder bemeistert und suchte jetzt Schutz
hinter den strksten Geschwadern seiner Reiter. Umsonst. Witichis verlor
ihn nicht aus dem Auge und lie nicht von ihm ab. Wie dicht er sich unter
seinen Reitern barg, wie rasch er floh, - er entging nicht dem Blicke des
Knigs, der alles erschlug, was sich zwischen ihn und den Mrder seines
Sohnes drngte.

Knuel auf Knuel, Gruppe auf Gruppe lste sich vor dem furchtbaren
Schwert des rchenden Vaters: die ganze Masse der Hunnen war quer geteilt
von dem Flchtenden und seinem Verfolger. Sie vermochte nicht, sich wieder
zu schlieen. Denn ehe noch Totila ganz heran war, hatte der alte
Bannertrger mit Reitern und Fuvolk ihre rechte Flanke durchbrochen, in
zwei Teile gespalten.

Als Totila ansprengte, hatte er nur noch Flchtlinge zu verfolgen. Der
Teil zur Rechten wurde alsbald von Totila und Hildebrand in die Mitte
genommen und vernichtet.

Der grere Teil zur Linken floh zurck auf Belisar.

Calpurnius jagte indessen, wie von Furien gehetzt, ber das Schlachtfeld.
Er hatte einen groen Vorsprung, da sich Witichis siebenmal erst hatte
Bahn hauen mssen. Aber ein Dmon schien Boreas, des Goten Ro, zu
treiben: nher und nher kam er seinem Opfer. Schon vernahm der Flchtling
den Ruf, zu stehen und zu fechten. Noch hastiger spornte er sein Pferd. Da
brach es unter ihm zusammen. Noch bevor er sich aufgerafft, stand Witichis
vor ihm, der vom Sattel gesprungen war. Er stie ihm, ohne ein Wort, mit
dem Fu das Schwert hin, das ihm entfallen. Da fate sich Calpurnius mit
dem Mut der Verzweiflung.

Er hob das Schwert auf und warf sich mit einem Tigersprung auf den Goten.
Aber mitten im Sprung strzte er rcklings nieder.

Witichis hatte ihm die Stirn mitten entzwei gehauen. Der Knig setzte den
Fu auf die Brust der Leiche und sah in das verzerrte Gesicht. Dann
seufzte er tief auf: Jetzt hab' ich die Rache. O htt' ich mein Kind.

Mit Ingrimm hatte Belisar die so ungnstige Erffnung des Kampfes mit
angesehen. Aber seine Ruhe, seine Zuversicht verlie ihn nicht, als er
Ambazuchs und Bessas' Armenier weggefegt, als er des Calpurnius Reiter
durchbrochen und geworfen sah.

Er erkannte jetzt die bermacht und berlegenheit des Feindes. Allein er
beschlo, auf der ganzen Linie vorzurcken, eine Lcke lassend, um den
Rest der fliehenden Reiter aufzunehmen.

Jedoch scharf bemerkten dies die Goten und drngten, Witichis voran,
Totila und Hildebrand, welche die Umzingelten vernichtet hatten, folgend,
den Flchtlingen jetzt so ungestm nach, da sie mit ihnen zugleich die
Linie Belisars zu erreichen und zu durchdringen drohten.

Das durfte nicht sein. Belisar fllte diese Lcke selbst durch seine
Leibwache zu Fu und schrie den fliehenden Reitern entgegen, zu halten und
zu wenden.

Aber es war, als ob die Todesfurcht ihres gefallnen Fhrers sie alle
ergriffen htte. Sie scheuten das Schwert des Gotenknigs hinter sich mehr
als den drohenden Feldherrn vor sich: und ohne Halt und Fassung rasten
sie, als wollten sie ihr eignes Fuvolk niederreiten, im vollen Galopp
heran.

Einen Augenblick ein furchtbarer Sto: - ein tausendstimmiger Schrei der
Angst und Wut: - ein wirrer Knuel von Reitern und Fuvolk minutenlang: -
darunter einhauende Goten: - und pltzlich ein Auseinanderstieben nach
allen Seiten unter gellendem Siegesruf der Feinde. -

Belisars Leibwache war niedergeritten, seine Hauptschlachtlinie
durchbrochen. - Er befahl den Rckzug ins Lager.

Aber es war kein Rckzug mehr: es war eine Flucht. Hildebads, Guntharis
und Tejas Fuvolk waren jetzt auf dem Schlachtfeld eingetroffen: die
Byzantiner sahen ihre Stellung im ganzen geworfen: sie verzweifelten am
Widerstand und mit groer Unordnung eilten sie nach dem Lager zurck.
Gleichwohl htten sie dasselbe noch in guter Zeit vor den Verfolgern
erreicht, htte nicht ein unerwartetes Hindernis alle Wege gesperrt.

So siegesgewi war Belisar ausgezogen, da er das ganze Fuhrwerk, die
Wagen und das Gepck des Heeres, ja selbst die Herden, die ihm
nachgetrieben wurden nach der Sitte jener Zeit, den Truppen auf allen
Straen zu folgen befohlen hatte. Auf diesen langsamen, schwer beweglichen
und schwer zu entfernenden Krper stieen nun berall die weichenden
Truppen und grenzenlose Hemmung und Verwirrung trat ein.

Soldaten und Troknechte wurden handgemein: die Reihen lsten sich
zwischen den Karren, Kisten und Wagen. Bei vielen erwachte die Beutelust
und sie fingen an, das Gepck zu plndern, ehe es in die Hnde der
Barbaren falle. berall ein Streiten, Fluchen, Klagen, Drohen: dazwischen
das Krachen der Lastwagen, die zerbrochen wurden, und das Blken und
Brllen der erschrocknen Herden.

Gebt den Tro Preis! Feuer in die Wagen! schickt die Reiter durch die
Herden! befahl Belisar, der mit dem Rest seiner Leibwachen in guter
Ordnung mit dem Schwert sich Bahn brach. Aber vergebens. Immer
unentwirrbarer, immer dichter wurde der Knuel: - nichts schien ihn mehr
lsen zu knnen.

Da zerri ihn die Verzweiflung.

Der Schrei, die Barbaren ber uns! erscholl aus den hintersten Reihen.
Und es war kein leerer Schreck. Hildebad mit dem Fuvolk war jetzt in die
Ebene hinabgestiegen und seine ersten Reihen trafen auf den wehrlosen
Knuel.

Da gab es eine furchtbare wogende Bewegung nach vorn: ein tausendstimmiger
Schrei der Angst - der Wut - des Schmerzes der Angegriffenen, der
Leibwachen, die, alter Tapferkeit gedenk, fechten wollten und nicht
konnten: - der Zertretenen und Zerdrckten - und pltzlich strzte der
grte Teil der Wagen, mit ihrer Bespannung, und mit den Tausenden, die
darauf und dazwischen zusammengedrngt waren, mit donnerndem Krachen in
die Grben links und rechts neben der Hochstrae.

So ward der Weg frei. Und unaufhaltsam, ordnungslos ergo sich der Strom
der Flchtigen nach dem Lager. -

Mit lautem Siegesgeschrei folgte das gotische Fuvolk, ohne Mhe mit den
Fernwaffen, mit Pfeilen, Schleudern und Wurfspeeren, in dem dichten Gewhl
seine Ziele treffend, whrend Belisar mit Mhe die unaufhrlichen Angriffe
der Reiter Totilas und des Knigs abwehrte. Hilf, Belisar, rief Aigan,
der Fhrer der massagetischen Sldner, aus dem eben gesprengten Knuel
heranreitend, das Blut aus dem Gesicht wischend: meine Landsleute haben
heut' den schwarzen Teufel unter den Feinden gesehen. Sie stehn mir nicht.
Hilf: dich frchten sie sonst mehr als den Teufel!

Mit Knirschen sah Belisar hinber nach seinem rechten Flgel, der
aufgelst ber das Blachfeld jagte, von den Goten gehetzt.

O Justinianus, kaiserlicher Herr, wie erfll' ich schlecht mein Wort!

Und die weitere Deckung des Rckzugs ins Lager dem erprobten Demetrius
berlassend, - denn das hgelige Terrain, das jetzt erreicht war,
schwchte die Kraft der verfolgenden Reiter - sprengte er mit Aigan und
seiner berittenen Garde querfeldein mitten unter die Flchtenden.

Halt! donnerte er ihnen zu, halt, ihr feigen Hunde. Wer flieht, wo
Belisar streitet?

Ich bin mitten unter euch, kehrt und siegt!

Und aufschlug er das Visier des Helmes und zeigte ihnen das majesttische,
das lwengewaltige Antlitz.

Und so mchtig war die Macht dieser Heldenpersnlichkeit, so gro das
Vertrauen auf sein sieghaftes Glck, da in der That alle, welche die hohe
Gestalt des Feldherrn auf seinem Rotscheck erkannten, stutzten, hielten,
und mit einem Ruf der Ermutigung sich den nachdringenden Goten wieder
entgegenwandten. An dieser Stelle wenigstens war die Flucht zu Ende.

Da schritt ein gewaltiger Gote heran, leicht sich Bahn brechend. Heia,
das ist fein, da ihr einmal des Laufens mde seid, ihr flinken
Griechlein. Ich konnt' euch nicht mehr nach vor Schnaufen. In den Beinen
seid ihr uns berlegen. Lat sehn, ob auch in den Armen. Ha, was weicht
ihr, Bursche! Vor dem, auf dem Braunscheck? Was ist's mit dem?

Herr, das mu ein Knig sein unter den Welschen, kaum kann man sein
zornig Auge tragen.

Das wre! Ah - das mu Belisarius sein! Freut mich, schrie er ihm
hinber, da wir uns treffen, du khner Held. Nun spring vom Ro und la
uns die Kraft der Arme messen. Wisse, ich bin Hildebad, des Tota Sohn.
Sieh, auch ich bin ja zu Fu. Du willst nicht? rief er zornig. Mu man
dich vom Gaule holen? Und dabei schwang er in der Rechten wiegend den
ungeheuren Speer.

Wende, Herr, weich' aus, rief Aigan, der Riese wirft ja junge
Mastbume. Wende, Herr, wiederholten seine Hypaspisten ngstlich.

Aber Belisar ritt, das kurze Schwert gezckt, ruhig dem Goten um eine
Pferdelnge nher. Sausend flog der balkengleiche Speer heran, grad gegen
Belisars Brust.

Aber grad', ehe er traf, - ein krftiger Hieb von Belisars kurzem
Rmerschwert und drei Schritte seitwrts fiel der Speer harmlos nieder.

Heil Belisarius! Heil, schrieen die Byzantiner ermutigt und drangen auf
die Goten ein.

Ein guter Hieb, lachte Hildebad grimmig. La sehen, ob dir deine
Fechtkunst auch gegen den hilft. Und sich bckend hob er aus dem
Ackerfeld einen alten zackigen Grenzstein, schwang ihn mit zwei Armen erst
langsam hin und her, hob ihn dann ber den Kopf mit beiden Hnden und
schleuderte ihn mit aller Kraft auf den heransprengenden Helden -: ein
Schrei des Gefolges: - rcklings strzte Belisar vom Pferd. -

Da war es aus.

Belisarius tot! wehe! Alles verloren, wehe! schrieen sie, als die
hochragende Gestalt verschwunden, und jagten besinnungslos nach dem Lager
zu. Einzelne flohen unaufhaltsam bis an und in die Thore Roms.

Umsonst war's, da sich die Lanzen- und Schildtrger todesmutig den Goten
entgegenwarfen: sie konnten nur ihren Herrn, nicht die Schlacht mehr
retten.

Den ersten tdlichen Schwerthieb Hildebads, der herangestrmt war, fing
der treue Maxentius auf mit der eignen Brust. Aber hier sank auch ein
gotischer Reiter endlich vom Ro, der erst nach Hildebad Belisar erreicht
und sieben Leibwchter erschlagen hatte, um bis zum Magister Militum
durchzudringen. Mit dreizehn Wunden fanden ihn die Seinen. Aber er blieb
am Leben. Und er war einer der wenigen, welche den ganzen Krieg
durchkmpften und berlebten -, Wisand, der Bandalarius.

Belisar, von Aigan und Valentinus, seinem Hippokomos (Rowart), wieder auf
den Rotschecken gehoben und rasch von der Betubung erholt, erhob umsonst
den Feldherrnstab und Feldherrnruf: sie hrten nicht mehr und wollten
nicht hren. Umsonst hieb er nach allen Seiten unter die Flchtigen: er
wurde fortgerissen von ihren Wogen bis ans Lager.

Hier gelang es ihm noch einmal, an einem festen Thor, die nachdringenden
Goten aufzuhalten. Die Ehre ist hin, sagte er unwillig, lat uns das
Leben wahren. Mit diesen Worten lie er die Lagerthore schlieen, ohne
Rcksicht auf die groen Massen der noch Ausgeschlossenen.

Ein Versuch des ungestmen Hildebad, ohne weiteres einzudringen,
scheiterte an dem starken Eichenholz des Pfahlwerks, das dem Speerwurf und
den Schleudersteinen trotzte. Unmutig auf seinen Speer gelehnt khlte er
sich einen Augenblick von der Hitze.

Da bog Teja, der lngst, wie der Knig und Totila, abgesessen, prfend und
das Pfahlwerk messend, um die Ecke des Walls.

Die verfluchte Holzburg, rief ihm Hildebad entgegen. Da hilft nicht
Stein, nicht Eisen.

Nein, sagte Teja, aber Feuer! Er stie mit dem Fu in einen
Aschenhaufen, der neben ihm lag. Das sind die Wachtfeuer, samt dem
Reisig, von heute Nacht. Hier glimmen noch Gluten! Hierher, ihr Mnner,
steckt die Schwerter ein, entzndet das Reisig! werft Feuer in das Lager!

Prachtjunge, jubelte Hildebad, flugs, ihr Bursche, brennt sie aus, wie
den Fuchs aus dem Bau! der frische Nordwind hilft. Rasch waren die
Wachtfeuer wieder entfacht, Hunderte von Brnden flogen in das trockne
Sparrenwerk der Schanze. Und bald schlugen die Flammen lodernd gen Himmel.
Der dichte Qualm, vom Wind ins Lager getragen, schlug den Byzantinern ins
Gesicht und machte die Verteidigung der Wlle unmglich. Sie wichen in das
Innere des Lagers.

Wer jetzt sterben drfte! seufzte Belisar. - Rumt das Lager! Hinaus
zur Porta decumana. In gut geschlossener Ordnung zu den Brcken hinter
uns!

Aber der Befehl, das Lager zu rumen, zerri das letzte Band der Zucht,
der Ordnung und des Mutes. Whrend unter Tejas drhnenden Axthieben die
verkohlten Thorbalken niederkrachten und mitten durch Flammen und Qualm
der schwarze Held, wie ein Feuerdmon, der erste, durch das prtorische
Thor ins Lager sprang, rissen die Flchtenden alle Thore, auch die
seitwrts aus dem Lager nach Rom zu fhrten, die Port prinzipales rechts
und links, auf einmal auf und strmten in wirren Massen nach dem Flu. Die
ersten erreichten noch sicher und unverfolgt die beiden Brcken; sie
hatten groen Vorsprung, bis Hildebad und Teja Belisar aus dem brennenden
Lager herausgedrngt.

Aber pltzlich - neues Entsetzen! - schmetterten die gotischen
Reiterhrner ganz nahe.

Witichis und Totila hatten sich, sowie sie das Lager genommen wuten,
sogleich wieder zu Pferd geworfen und fhrten nun ihre Reiter von beiden
Seiten, links und rechts vom Lager her, den Flchtenden in die Flanken.

Eben war Belisar aus dem decumanischen Lagerthor gesprengt und eilte nach
der einen Brcke zu, als er von links und rechts die verderblichen
Reitermassen heransausen sah. Noch immer verlor der gewaltige Kriegsmann
die Fassung nicht. Vorwrts im Galopp an die Brcken! befahl er seinen
Saracenen, deckt sie! -

Es war zu spt: ein dumpfer Krach, gleich darauf ein zweiter, - die beiden
schmalen Brcken waren unter der Last der Flchtenden eingebrochen und zu
Hunderten strzten die hunnischen Reiter und die illyrischen Lanzentrger,
Justinians Stolz, in das sumpfige Gewsser.

Ohne Bedenken spornte Belisar, an dem steilen Ufer angelangt, sein Pferd
in die schumende und blutig gefrbte Flut. Schwimmend erreichte er das
andere Ufer. Salomo, Dagisthos, sagte er, sowie er drben gelandet, zu
seinen raschesten Prtorianern, auf, nehmt hundert aus meinen
Reiterwachen und jagt was ihr knnt nach dem Engpa. berreitet alle
Flchtigen. Ihr mt ihn vor den Goten erreichen, hrt ihr? _ihr mt!_ Er
ist unser letzter Strohhalm.

Beide gehorchten, und sprengten blitzschnell davon.

Belisar sammelte, was er von den zerstreuten Massen erreichen konnte. Die
Goten waren wie die Byzantiner durch den Flu eine Weile aufgehalten. Aber
pltzlich rief Aigan: Da sprengt Salomo zurck! Herr, rief dieser
heranjagend: alles ist verloren! Waffen blitzen im Engpa. Er ist schon
besetzt von den Goten.

Da, zum erstenmale an diesem Tage des Unglcks, zuckte Belisar zusammen.
Der Engpa verloren? - Dann entkommt kein Mann vom Heere meines Kaisers.
Dann fahrt wohl: Ruhm, Antonina und Leben. Komm, Aigan, zieh' das Schwert,
- la mich nicht lebend fallen in Barbarenhand.

Herr, sagte Aigan, so hrt' ich euch nie reden.

So war's auch noch nie. La uns absteigen und sterben. Und schon hob er
den rechten Fu aus dem Bgel, vom Ro zu springen, da sprengte Dagisthos
heran -: Getrost, mein Feldherr! - Nun? - Der Engpa ist unser -
rmische Waffen sind's, die wir dort sahen. Es ist Cethegus, der Prfekt!
Er hielt ihn geheim besetzt.

Cethegus? rief Belisar. Ist's mglich? Ist's gewi?

Ja, mein Feldherr. Und seht, es war hoch an der Zeit. Das war es. Denn
eine Schar gotischer Reiter, von Knig Witichis gesendet, den Flchtenden
am Engpa vorauszukommen, hatte durch eine Furt den Flu durchschritten,
den Reitern Belisars den Weg abgeschnitten und vor ihnen den
verhngnisvollen Pa erreicht. Aber eben als sie dort einmnden wollten,
brach Cethegus an der Spitze seiner Isaurier aus dem Versteck der Schlucht
hervor und warf die berraschten Goten nach kurzem Gefecht in die
Flucht. -

Der erste Glanz des Sieges an diesem schwarzen Tag! rief Belisar. Auf,
nach dem Engpa! Und mit besserer Ordnung und Ruhe fhrte der Feldherr
seine gesammelten Scharen an die Waldhgel.

Willkommen in Sicherheit, Belisarius, rief ihm Cethegus zu, seine
Schwertklinge subernd. Ich warte hier auf dich seit Tagesanbruch. Ich
wute wohl, da du mir kommen wrdest.

Prfekt von Rom, sprach Belisar, ihm vom Pferd herunter die Hand
reichend: du hast des Kaisers Heer gerettet, das ich verloren hatte: ich
danke dir.

Die frischen Truppen des Prfekten hielten, eine undurchdringliche Mauer,
den Pa besetzt, die zerstreut heranflchtenden Byzantiner durchlassend
und Angriffe der ersten ermdeten Verfolger, die ber den Flu gedrungen,
- sie hatten einen vollen Tag des Kampfes hinter sich - in der gnstigen
Stellung ohne Mhe abwehrend.

Vor Einbruch der Dunkelheit nahm Knig Witichis seine Scharen zurck, auf
dem Schlachtfeld ihres Sieges zu bernachten, whrend Belisar mit seinen
Feldherren einstweilen im Rcken des Passes, so gut es gehen wollte, die
aufgelsten Heeresmassen, wie sie zerstreut und vereinzelt eintrafen,
ordneten. Als Belisar wieder einige tausend Mann beisammen hatte, ritt er
zu Cethegus heran und sprach: Was meinst du, Prfekt von Rom? Deine
Truppen sind noch frisch. Und die Unsern mssen ihre Scharte auswetzen.
La uns hervorbrechen nocheinmal - die Sonne geht noch nicht gleich unter
- und das Los des Tages wenden.

Mit Staunen sah ihn Cethegus an und sprach die Worte Homers: Wahrlich,
ein schreckliches Wort, du Gewaltiger, hast du gesprochen. Unersttlicher!
So schwer ertrgst du's, ohne Sieg aus einer Schlacht zu gehn? Nein,
Belisarius! dort winken die Zinnen Roms: dahin fhre deine todesmatten
Vlker. Ich halte diesen Pa, bis ihr die Stadt erreicht. Und froh will
ich sein, wenn mir das gelingt.

Und so war's geschehn. Belisar vermochte unter den dermaligen Umstnden
weniger als je den Prfekten gegen dessen Willen zu bewegen. So gab er
nach und fhrte sein Heer nach Rom zurck, das er mit dem Einbruch der
Nacht erreichte.

Lange wollte man ihn nicht einlassen. Den von Staub und Blut Bedeckten
erkannte man nur schwer. Auch hatten Versprengte die Nachricht aus der
Schlacht in die Stadt getragen, der Feldherr sei gefallen und alles
verloren. Endlich erkannte ihn Antonina, die ngstlich auf den Wllen
seiner harrte. Durch das pincianische Thor lie man ihn ein; es hie
seitdem Porta belisaria.

Feuerzeichen auf den Wllen zwischen dem flaminischen und dem
pincianischen Thor verkndeten die Erreichung Roms dem Prfekten, der nun,
in guter Ordnung und von den ermdeten Siegern kaum verfolgt, im Schutze
der Nacht seinen Rckzug bewerkstelligte.

Nur Teja drngte nach mit einigen seiner Reiter bis an das Hgelland, wo
heute Villa Borghese liegt, und bis zur Aqua Acetosa.




                             Achtes Kapitel.


Am Tage darauf erschien das ganze zahlreiche Heer der Goten vor der ewigen
Stadt, die es in sieben Lagern umschlo.

Und nun begann jene denkwrdige Belagerung, die nicht minder das
Feldherrntalent und die Erfindungsgabe Belisars als den Mut der Belagerer
entfalten sollte.

Mit Schrecken hatten die Brger Roms von ihren Mauern herab mit angesehen,
wie die Scharen der Goten nicht enden wollten. Sieh hin, o Prfekt, sie
berflgeln alle deine Mauern. - Ja! in die Breite! la sehen, ob sie
sie in der Hhe berflgeln. Ohne Flgel kommen sie nicht herber.

Nur zwei Tausendschaften hatte Witichis in Ravenna zurckgelassen, acht
hatte er unter den Grafen Uligis von Urbssalvia und Ansa von Asculum nach
Dalmatien entsendet, diese Provinz und Liburnien den Byzantinern zu
entreien und zumal das wichtige Salona wieder zu gewinnen; durch Sldner,
in Savien geworben, sollten sie sich verstrken.

Auch die gotische Flotte sollte - gegen Tejas Rat! - dort, nicht gegen den
Hafen von Rom, Portus, wirken.

Den Umkreis der Stadt Rom aber, und ihre weit hinausgestreckten Wlle, die
Mauern Aurelians und des Prfekten, umgrtete nun der Knig mit
einhundertundfnfzig Tausendschaften.

Rom hatte damals fnfzehn Hauptthore und einige kleinere.

Von diesen umschlossen die Goten den schwcheren Teil der Umwallung, den
Raum, der von dem flaminischen Thor im Norden (stlich von der jetzigen
Porta del Popolo) bis zum prnestinischen Thor reicht, vollstndig mit
sechs Heerlagern; nmlich die Wlle vom flaminischen Thor gegen Osten bis
ans pincianische und salarische, dann bis an das nomentanische Thor
(sdstlich von Porta pia), ferner bis gegen das geschlossene Thor, die
Porta clausa, endlich sdlich von da das tiburtinische Thor (heute Porta
San Lorenzo) und das asinarische, metronische, latinische (an der Via
latina), das appische (an der Via appia) und das Sankt Pauls-Thor, das
zunchst dem Tiberufer lag. Alle diese sechs Lager waren auf dem linken
Ufer des Flusses.

Um aber zu verhten, da die Belagerten durch Zerstrung der milvischen
Brcke den Angreifern den bergang ber den Flu und das ganze Gebiet auf
dem rechten Tiberufer bis an die See abschnitten, schlugen die Goten ein
siebentes Lager auf dem rechten Tiberufer: auf dem Felde Neros, vom
vatikanischen Hgel bis gegen die milvische Brcke hin (unter dem Monte
Mario). So war die milvische Brcke durch ein Gotenlager gedeckt und die
Brcke Hadrians bedroht, sowie der Weg nach der Stadt durch die Porta
Sancti Petri, wie man damals schon, nach Prokops Bericht, das innere Thor
Aurelians nannte. Es war das nchste an dem Grabmal Hadrians. Aber auch
das Thor von Sankt Pankratius rechts des Tibers war von den Goten scharf
beobachtet.

Dies Lager auf dem neronischen Feld, auf dem rechten Tiberufer, zwischen
dem pankratischen und dem Petrus-Thor, berwies Witichis dem Grafen Markja
von Mediolanum, der aus den Cottischen Alpen und der Beobachtung der
Franken zurckgerufen worden war. Aber der Knig selbst weilte oft hier,
das Grabmal Hadrians mit scharfen Blicken prfend.

Er hatte kein einzelnes Lager bernommen, sich die Gesamtleitung
vorbehaltend, vielmehr die sechs brigen an Hildebrand, Totila, Hildebad,
Teja, Guntharis und Grippa verteilt. Jedes der sieben Lager lie der Knig
mit einem tiefen Graben umziehn, die dadurch ausgehobne Erde zu einem
hohen Wall zwischen Graben und Lager aufhufen und diesen mit Pfahlwerk
verstrken, - sich gegen Ausflle zu sichern.

Aber auch Belisar und Cethegus verteilten ihre Feldherren und Mannschaften
nach den Thoren und Regionen Roms. Belisar bertrug das prnestinische
Thor im Osten der Stadt (heute Porta maggiore) Bessas, das stark bedrohte
flaminische, dem ein gotisches Lager, das Totilas, in gefhrlicher Nhe
lag, Constantinus, der es durch Marmorquadern, aus rmischen Tempeln und
Palsten gebrochen, fast ganz zubauen lie.

Belisar selbst schlug sein Standlager auf im Norden der Stadt. Dieser war
unter den ihm von Cethegus eingerumten Teilen der Festung Rom der
schwchste.

Den Westen und Sden hielt eiferschtig, unentfernbar und unentbehrlich,
der Prfekt.

Aber hier im Norden war Belisar Herr: zwischen dem flaminischen und dem
pincianischen - oder nun belisarischen - Thor, dem schwchsten Teil der
Umwallung, lie er sich nieder, zugleich Ausflle gegen die Barbaren
planend. Die brigen Thore berwies er den Fhrern des Fuvolks Peranius,
Magnus, Ennes, Artabanes, Azarethas und Chilbudius.

Der Prfekt hatte bernommen alle Thore auf dem rechten Tiberufer, die
neue Porta aurelia an der lischen Brcke bei dem Grabmal Hadrians, die
Porta septimiana, das alte aurelische Thor, das nun das pankratische hie,
und die Porta portuensis: auf dem linken Ufer aber noch das Thor Sankt
Pauls. Erst das nchste Thor weiter stlich, das ardeatinische, stand
unter byzantinischer Besatzung: Chilbudius befehligte hier.

Gleich unermdlich und gleich erfinderisch erwiesen sich die Belagerer und
die Belagerten in Plnen des Angriffs und der Verteidigung. Lange Zeit
handelte es sich nur um Maregeln, welche die Bedrngung der Rmer ohne
Sturm, vor dem Sturm, bezweckten und andrerseits, sie abwehren sollten.

Die Goten, Herren und Meister der Campagna, suchten die Belagerten
auszudursten: sie schnitten alle die prachtvollen vierzehn Wasserleitungen
ab, welche die Stadt speisten. Belisar lie vor allem, als er dies
wahrnahm, die Mndungen innerhalb der Stadt verschtten und vermauern.
Denn, hatte ihm Prokop gesagt, nachdem du, o groer Held Belisarius,
durch eine solche Wasserrinne nach Neapolis hineingekrochen bist, knnte
es den Barbaren einfallen, - und kaum schimpflich scheinen, - auf dem
gleichen Heldenpfad sich nach Rom hinein zu krabbeln.

Den Genu des geliebten Bades muten die Belagerten entbehren: kaum
reichten die Brunnen in den vom Flu entlegenen Stadtteilen fr das
Trinkwasser aus.

Durch das Abschneiden des Wassers hatten aber die Barbaren den Rmern auch
das Brot abgeschnitten. - Wenigstens schien es so. Denn die smtlichen
Wassermhlen Roms versagten nun. Das aufgespeicherte Getreide, das
Cethegus aus Sicilien gekauft, das Belisar aus der Umgegend Roms
zwangsweise hatte in die Stadt schaffen lassen, trotz des Murrens der
Pchter und Colonen, dieses Getreide konnte nicht mehr gemahlen werden.

Lat die Mhlen durch Esel und Rinder drehen! rief Belisar. Die meisten
Esel waren klug genug und die Rinder, ach Belisarius, sprach Prokop,
sich nicht mit uns hier einsperren zu lassen. Wir haben nur soviel, als
wir brauchen, sie zu schlachten. Sie knnen unmglich erst Mhlen drehen
und dann noch Fleisch genug haben, das gemahlene Brot selbst zu belegen.

So rufe mir Martinus. Ich habe gestern an dem Tiber, die Gotenzelte
zhlend, zugleich einen Gedanken gehabt ... -

Den Martinus wieder aus dem Belisarischen in das Mgliche bersetzen mu.
Armer Mann! Aber ich gehe, ihn zu holen.

Als aber am Abend des gleichen Tages Belisar und Martinus durch
zusammengelegte Boote im Tiber die erste Schiffsmhle herstellten, welche
die Welt kannte, da sprach bewundernd Prokopius: Das Brot der
Schiffsmhle wird lnger die Menschen erfreu'n, als deine grten Thaten.
Dies so gemahlene Mehl schmeckt nach - Unsterblichkeit. Und wirklich
ersetzten die von Belisar erdachten, von Martinus ausgefhrten
Schiffsmhlen den Belagerten whrend der ganzen Dauer der Einschlieung
die gelhmten Wassermhlen.

Hinter der Brcke nmlich, die jetzt Ponte San Sisto heit, auf der
Senkung des Janiculus, befestigte Belisar zwei Schiffe mit Seilen und
legte Mhlen ber deren flaches Deck, so da die Mhlenrder durch den
Flu, der aus dem Brckenbogen mit verstrkter Gewalt hervorstrmte, von
selbst getrieben wurden.

Eifrig trachteten alsbald die Belagerer, diese Vorrichtungen, die ihnen
berlufer schilderten, zu zerstren. Balken, Holzfle, Bume warfen sie
oberhalb der Brcke von dem von ihnen beherrschten Teil aus in den Flu
und zertrmmerten so in Einer Nacht wirklich alle Mhlen. Aber Belisar
lie sie wieder herstellen und nun oberhalb der Brcke starke Ketten
gerade ber den Flu ziehen und so auffangen, was, die Mhlen bedrohend,
herabtrieb.

Nicht nur seine Mhlen sollten diese eisernen Stromriegel decken: sie
sollten auch verhindern, da die Goten auf Khnen und Flen den Flu
herab und, ohne die Brcke, in die Stadt drngen.

Denn Witichis traf nun alle Vorbereitungen zum Sturm.

Er lie hlzerne Trme bauen, hher als die Zinnen der Stadtmauer, die auf
vier Rdern von Rindern gezogen werden sollten. Dann lie er Sturmleitern
in groer Zahl beschaffen und vier furchtbare Widder oder Mauerbrecher,
die je eine halbe Hundertschaft schob und bediente. Mit unzhligen Bndeln
von Reisig und Schilf sollten die tiefen Grben ausgefllt werden.

Dagegen pflanzten Belisar und Cethegus, jener im Norden und Osten, dieser
im Westen und Sden die Verteidigung der Stadt berwachend, Ballisten und
Wurfbogen auf die Wlle, die auf groe Entfernung balkenhnliche
Speergeschosse schleuderten mit solcher Kraft, da sie einen gepanzerten
Mann vllig durchbohrten. Die Thore schtzten sie durch Wlfe, d. h.
Querbalken, mit eisernen Stacheln besetzt, die man auf die Angreifer
niederschmettern lie, wann sie dicht bis an das Thor gelangt waren. Und
endlich streuten sie zahlreiche Fuangeln und Stachelkugeln auf den
Vorraum zwischen den Grben der Stadt und dem Lager der Barbaren.




                             Neuntes Kapitel.


Trotz alledem, sagten die Rmer, htten lngst die Goten die Mauern
erstiegen, wre nicht des Prfekten Egeria gewesen.

Denn es war merkwrdig: so oft die Barbaren einen Sturm vorbereiteten -:
Cethegus ging zu Belisar und warnte und bezeichnete im voraus den Tag. So
oft Teja oder Hildebad in khnem Handstreich ein Thor zu berrumpeln, eine
Schanze wegzunehmen gedachten: - Cethegus sagte es vorher, und die
Angreifer stieen auf das Zweifache der gewhnlichen Besatzung der Punkte.
So oft in nchtigem berfall die Kette des Tibers gesprengt werden sollte:
- Cethegus schien es geahnt zu haben und schickte den Schiffen der Feinde
Brander und Feuerkhne entgegen.

So ging es viele Monate hin. Die Goten konnten sich nicht verhehlen, da
sie, trotz unablssiger Angriffe, seit Anfang der Belagerung keinerlei
Fortschritte gemacht.

Lange trugen sie diese Unflle, die Entdeckung und Vereitelung all ihrer
Plne, mit ungebeugtem Mut. Aber allmhlich bemchtigte sich nicht blo
der groen Masse Verdrossenheit, insbesondere da Mangel an Lebensmitteln
fhlbar zu werden begann, - auch des Knigs klarer Sinn wurde von trber
Schwermut verdstert, als er all' seine Kraft, all' seine Ausdauer, all'
seine Kriegskunst wie von einem bsen Dmon vereitelt sah. Und kam er von
einem fehlgeschlagenen Unternehmen, von einem verunglckten Sturm, matt
und gebeugt, in sein Knigszelt, so ruhten die stolzen Augen seiner
schweigsamen Knigin mit einem ihm unverstndlichen, aber grauenvoll
unheimlichen Ausdruck auf ihm, da er sich schaudernd abwandte.

Es ist nicht anders, sagte er finster zu Teja, es ist gekommen, wie ich
vorausgesagt. Mit Rauthgundis ist mein Glck von mir gewichen, wie die
Freudigkeit meiner Seele. Es ist, als lge ein Fluch auf meiner Krone. Und
diese Amalungentochter wandelt um mich her, schweigend und finster, wie
mein lebendiges Unglck.

Du knntest Recht haben, sprach Teja. Vielleicht ls' ich diesen
Zauberbann. Gieb mir Urlaub fr heut' Nacht.

Am selben Tage, fast in derselben Stunde, forderte drinnen in Rom
Johannes, der Blutige, von Belisar Urlaub fr diese Nacht. Belisar schlug
es ab. Jetzt ist nicht Zeit zu nchtlichen Vergngen, sagte er.

Wird kein gro Vergngen sein, in der Nacht zwischen alten feuchten
Mauern und gotischen Lanzen einem Fuchs nachspren, der zehnmal schlauer
ist als wir beide.

Was hast du vor? fragte Belisar, aufmerksam werdend.

Was ich vorhabe? Ein Ende zu machen der verfluchten Stellung, in der wir
alle, in der du, o Feldherr, nicht zum mindesten stehst. Es ist schon
alles ganz recht. Seit Monaten liegen die Barbaren vor diesen Mauern und
haben nichts dabei gewonnen. Wir erschieen sie wie Knaben die Dohlen vom
Hinterhalt und knnen ihrer lachen. Aber wer ist es eigentlich, der all
dies vollbringt? Nicht, wie es sein sollte, du, des Kaisers Feldherr, noch
des Kaisers Heer: sondern dieser eisige Rmer, der nur lachen kann, wenn
er hhnt. Der sitzt da oben im Kapitol und verlacht den Kaiser und die
Goten und uns und, mit Verlaub zu sagen, dich selber am meisten. Woher
wei dieser Odysseus und Ajax in Einer Person alle Gotenplne so scharf,
als se er mit im Rat des Knigs Witichis? Durch sein Dmonium, sagen die
einen. Durch seine Egeria, sagen die andern. Er hat einen Raben, der hren
und sprechen kann wie Menschen, meinen wieder andere: den schickt er alle
Nacht ins Gotenlager. Das mgen die alten Weiber glauben und die Rmer,
nicht meiner Mutter Sohn. Ich glaube, den Raben zu kennen und das
Dmonium. Gewi ist, er kann die Kunde nur aus dem Gotenlager selbst
holen; la uns doch sehen, ob wir nicht selbst an seiner Statt aus dieser
Quelle schpfen knnen.

Ich habe das lngst bedacht, aber ich sah kein Mittel.

Ich habe von meinen Hunnen alle seine Schritte belauern lassen. Es ist
verdammt schwer: denn dieser braune Maurenteufel folgt ihm wie ein
Schatte. Aber tagelang ist Syphax fern: - und dann gelingt es eher. Nun,
ich habe erspht, da Cethegus so manche Nacht die Stadt verlie, bald aus
der Porta portuensis, rechts vom Tiber, bald aus der Porta Sankt Pauls,
links vom Tiber im Sden, die er beide besetzt hlt. Weiter wagten ihm die
Spher nicht zu folgen. Ich aber denke heute Nacht - denn heute mu es
wieder treffen, - ihm so nicht von den Fersen zu weichen. Doch mu ich ihn
_vor_ dem Thore erwarten: seine Isaurier lieen mich nicht durch; ich
werde bei einer Runde vor den Mauern in einem der Grben zurckbleiben.

Gut. Es sind aber, wie du sagst, zwei Thore zu beobachten. - Deshalb
hab' ich mir Perseus, meinen Bruder, zum Genossen erkoren; er htet das
paulinische, ich das portuensische Thor; verla dich drauf - bis morgen
vor Sonnenaufgang kennt einer von uns das Dmonium des Prfekten. - Und
wirklich: einer von ihnen sollte es kennen lernen.

Gerade gegenber dem Sankt Pauls-Thor, etwa drei Pfeilschsse von den
uersten Grben der Stadt, lag ein mchtiges altertmliches Gebude, die
Basilika Sancti Pauli extra muros, die Paulskapelle vor den Mauern, deren
letzte Reste erst zur Zeit der Belagerung Roms durch den Connetable von
Bourbon vllig verschwanden. Ursprnglich ein Tempel des Jupiter Stator
war der Bau seit zwei Jahrhunderten dem Apostel geweiht worden: aber noch
stand die bronzene Kolossalstatue des brtigen Gottes aufrecht: man hatte
ihm nur den flammenden Donnerkeil aus der Rechten genommen und dafr ein
Kreuz hineingeschoben: im brigen pate die breite und brtige Gestalt gut
zu ihrem neuen Namen.

Es war um die sechste Stunde der Nacht. Der Mond stand glanzvoll ber der
ewigen Stadt und go sein silbernes Licht ber die Mauerzinnen und ber
die Ebene, zwischen den rmischen Schanzen und der Basilika, deren
schwarze Schatten nach dem Gotenlager hin fielen.

Eben hatte die Wache am Sankt Pauls-Thor gewechselt.

Aber es waren sieben Mann hinausgeschritten und nur sechs kamen herein.
Der siebente wandte der Pforte den Rcken und schritt heraus ins freie
Feld.

Vorsichtig whlte er seinen Weg: vorsichtig vermied er die zahlreichen
Fuangeln, Wolfsgruben, Selbstschsse vergifteter Pfeile, die hier berall
umhergestreut waren und manchem Goten bei den Angriffen auf die Stadt
Verderben gebracht hatten. Der Mann schien sie alle zu kennen und wich
ihnen leicht aus. Aber er vermied auch das Mondlicht sorgfltig, den
Schatten der Mauervorsprnge suchend und oft von Baum zu Baum springend.

Als er aus dem uersten Graben auftauchte, sah er sich um und blieb im
Schatten einer Cypresse stehen, deren Zweige die Ballistengeschosse
zerschmettert hatten. Er entdeckte nichts Lebendes weit und breit: und er
eilte nun mit raschen Schritten der Kirche zu.

Htte er nochmal umgeblickt, er htte es wohl nicht gethan.

Denn, sowie er den Baum verlie, tauchte aus dem Graben eine zweite
Gestalt hervor, die in drei Sprngen ihrerseits den Schatten der Cypresse
erreicht hatte. Gewonnen, Johannes! du stolzer Bruder, diesmal war das
Glck dem jngeren Bruder hold. Jetzt ist Cethegus mein und sein
Geheimnis. Und vorsichtig folgte er dem rasch Voranschreitenden.

Aber pltzlich war dieser vor seinen Augen verschwunden, als habe ihn die
Erde verschlungen. Es war hart an der uern Mauer der Kirche, die doch
dem Armenier, als er sie erreicht, keine Thr oder ffnung zeigte.

Kein Zweifel, sagte der Lauscher, das Stelldichein ist drinnen im
Tempel: ich mu nach.

Allein an dieser Stelle war die Mauer unbersteiglich.

Tastend und suchend bog der Spher um die Ecke derselben. Umsonst, die
Mauer war berall gleich hoch. - Im Suchen verstrich ihm fast eine
Viertelstunde.

Endlich fand er eine Lcke in dem Gestein: mhsam zwngte er sich
hindurch. Und er stand nun im Vorhofe des alten Tempels, in dem die dicken
dorischen Sulen breite Schatten warfen, in deren Schutz er von der
rechten Seite her bis an das Hauptgebude gelangte.

Er sphte durch einen Ri des Gemuers, den ihm die Zugluft verraten
hatte. Drinnen war alles finster. Aber pltzlich wurde sein Auge von einem
grellen Lichtstrahl geblendet. Als er es wieder aufschlug, sah er einen
hellen Streifen in der Dunkelheit: - er rhrte von einer Blendlaterne her,
deren Licht sich pltzlich gezeigt hatte.

Deutlich erkannte er, was in dem Bereich der Laterne stand, den Trger
derselben aber nicht: wohl dagegen Cethegus den Prfekten, der hart vor
der Statue des Apostels stand und sich an diese zu lehnen schien: vor ihm
stand eine zweite Gestalt: ein schlankes Weib, auf dessen dunkelrotes Haar
schimmernd das Licht der Laterne fiel.

Die schne Gotenknigin, bei Eros und Anteros! dachte der Lauscher:
kein schlechtes Stelldichein, sei's nun Liebe, sei's Politik! Horch, sie
spricht. Leider kam ich zu spt, auch den Anfang der Unterredung zu
hren.

Also: merk' es dir wohl! bermorgen auf der Strae vor dem Thor von Tibur
wird etwas gefhrliches geplant. - Gut: aber was? frug des Prfekten
Stimme. - Genaueres konnte ich nicht erkunden: und ich kann es dir auch
nicht mehr mitteilen, wenn ich es noch erfahre. Ich wage nicht mehr, dich
hier wieder zu sehen: denn ... - Sie sprach nun leiser.

Perseus drckte das Ohr hart an die Spalte: da klirrte seine
Schwertscheide an das Gestein und nun traf ihn ein Strahl des Lichts.

Horch! rief eine dritte Stimme - es war eine Frauenstimme, die der
Trgerin der Laterne, die sich jetzt in dem Strahl ihres eigenen
Blendlichts gezeigt hatte, da sie sich rasch gegen die Richtung des
Schalles gekehrt hatte. Perseus erkannte eine Sklavin in maurischer
Tracht.

Einen Augenblick schwieg alles in dem Tempel. Perseus hielt den Atem an.
Er fhlte, es galt das Leben. Denn Cethegus griff ans Schwert.

Alles still, sagte die Sklavin. Es fiel wohl nur ein Stein auf den
Erzbeschlag drauen.

Auch in das Grab vor dem portuensischen Thor geh' ich nicht mehr. Ich
frchte, man ist uns gefolgt. - Wer? - Einer, der niemals schlft, wie
es scheint: Graf Teja. Des Prfekten Lippe zuckte.

Und er ist auch bei einem rtselhaften Eidbund gegen Belisars Leben: der
bloe Scheinangriff gilt dem Sankt Pauls-Thor. Gut! sagte Cethegus
nachdenklich. Belisar wrde nicht entrinnen, wenn nicht gewarnt. Sie
liegen irgendwo, - aber ich wei nicht, wo - frcht' ich, im Hinterhalt,
mit bermacht, Graf Totila fhrt sie.

Ich will ihn schon warnen! sagte Cethegus langsam.

Wenn es gelnge ..! - Sorge nicht, Knigin! Mir liegt an Rom nicht
weniger denn dir. Und wenn der nchste Sturm fehlschlgt, - so mssen sie
die Belagerung aufgeben, so zhe sie sind. Und das, Knigin, ist dein
Verdienst. La mich in dieser Nacht - vielleicht der letzten, da wir uns
treffen, - dir mein ganzes staunendes Herz enthllen. Cethegus staunt
nicht leicht und nicht leicht gesteht er's, wenn er staunen mu. Aber dich
- bewundere ich, Knigin. Mit welch' totverachtender Khnheit, mit welch'
dmonischer List hast du alle Plne der Barbaren vereitelt! Wahrlich: viel
that Belisar, - mehr that Cethegus, - das meiste: Mataswintha.

Sprchst du wahr! sagte Mataswintha mit funkelnden Augen. Und wenn die
Krone diesem Frevler vom Haupte fllt ... - -

War es _deine_ Hand, deren sich das Schicksal Roms bedient hat. Aber,
Knigin, nicht damit kannst du enden! Wie ich dich erkannte, in diesen
Monaten - darfst du nicht als gefangene Gotenknigin nach Byzanz. Diese
Schnheit, dieser Geist, diese Kraft mu herrschen - nicht dienen, in
Byzanz. Darum bedenke, wenn er nun gestrzt ist - dein Tyrann, - willst du
nicht dann den Weg gehn, den ich dir gezeigt?

Ich habe noch nie ber seinen Fall hinaus gedacht, sagte sie dster.

Aber ich - fr dich! Wahrlich, Mataswintha, - und sein Auge ruhte mit
Bewunderung auf ihr, - du bist - wunderschn. Ich rechn' es mir zum
grten Stolz, da selbst du mich nicht in Liebe entzndet und von meinen
Plnen abgebracht hast. Aber du bist zu schn, zu kstlich, nur der Rache
und dem Ha zu leben. Wenn unser Ziel erreicht, - dann nach Byzanz!

Als mehr denn Kaiserin: - als berwinderin der Kaiserin!

Wenn mein Ziel erreicht, ist mein Leben vollendet. Glaubst du, ich
ertrge den Gedanken, aus eitel Herrschsucht mein Volk zu verderben, um
kluger Zwecke willen? Nein: ich konnt' es nur, weil ich mute. Die Rache
ist jetzt meine Liebe und mein Leben und ... - -

Da scholl von der Fronte des Gebudes her, aber noch innerhalb der Mauer,
laut und schrillend der Ruf des Kuzchens, einmal - zweimal rasch nach
einander.

Wie staunte Perseus, als er den Prfekten eilig an die Kehle der Bildsule
drcken sah, an der er lehnte, und wie sich diese geruschlos in zwei
Hlften auseinander schlug. Cethegus schlpfte in die ffnung: die Statue
klappte wieder zusammen. Mataswintha aber und Aspa sanken wie betend auf
die Stufen des Altars.

Also war's ein Zeichen! Es droht Gefahr: dachte der Spher; aber wo ist
die Gefahr? und wo der Warner? Und er wandte sich, trat vor und sah nach
links, nach der Seite der Goten.

Allein damit trat er in den Bereich des Mondlichts: und in den Blick des
Mauren Syphax, der vor der Eingangsthr des Hauptgebudes in einer leeren
Nische Schildwache stand, und bisher scharf nach der linken, der
gotischen, Seite hin, gespht hatte.

Von dort, von links her, schritt langsam ein Mann heran. Seine Streitaxt
blitzte im Mondlicht.

Aber auch Perseus sah jetzt eine Waffe aufblitzen: es war der Maure, der
leise sein Schwert aus der Scheide zog.

Ha, lachte Perseus, bis die beiden mit einander fertig sind, bin ich in
Rom, mit meinem Geheimnis.

Und in raschen Sprngen eilte er nach der Mauerlcke des Vorhofs, durch
die er eingedrungen. Zweifelnd blickte Syphax einen Augenblick nach rechts
und nach links. Zur Rechten sah er entweichen einen Lauscher, den er jetzt
erst ganz entdeckte. Zur Linken schritt ein gotischer Krieger herein in
den Tempelhof. Er konnte nicht hoffen, beide zu erreichen und zu tten.

Da pltzlich schrie er laut: Teja, Graf Teja! Hilfe! zu Hilfe! Ein Rmer!
rettet die Knigin! dort rechts an der Mauer, ein Rmer!

Im Fluge war Teja heran, bei Syphax. Dort! rief dieser: ich schtze die
Frauen in der Kirche! Und er eilte in den Tempel.

Steh, Rmer! rief Teja, und sprang dem fliehenden Perseus nach.

Aber Perseus stand nicht: er lief an die Mauer: er erreichte die Lcke,
durch welche er hereingekommen war: doch er konnte sich in der Eile nicht
wieder hindurchzwngen: so schwang er sich mit der Kraft der Verzweiflung
auf die Mauerkrone: und schon hob er den Fu, sich jenseits hinabzulassen:
da traf ihn Tejas Axt im Wurf ans Haupt und rcklings strzte er nieder,
samt seinem erlauschten Geheimnis. -

Teja beugte sich ber ihn: deutlich erkannte er die Zge des Toten. Der
Archon Perseus, sagte er, der Bruder des Johannes. Und sofort schritt
er die Stufen hinan, die zur Kirche fhrten. An der Schwelle trat ihm
Mataswintha entgegen, hinter ihr Syphax und Aspa mit der Blendlaterne.
Einen Moment maen sich beide schweigend mit mitrauischen Blicken.

Ich habe dir zu danken, Graf Teja von Tarentum, sagte endlich die
Frstin. Ich war bedroht in meiner einsamen Andacht.

Seltsam whlst _du_ Ort und Stunde fr deine Gebete. La sehen, ob dieser
Rmer der einzige Feind war.

Er nahm aus Aspas Hand die Leuchte und ging in das Innere der Kapelle.
Nach einer Weile kam er wieder, einen mit Gold eingelegten Lederschuh in
der Hand. Ich fand nichts als - diese Sandale am Altar, dicht vor dem
Apostel. Es ist ein Mannesfu.

Eine Votivgabe von mir, sagte Syphax rasch. Der Apostel heilte meinen
Fu, ich hatte mir einen Dorn eingetreten.

Ich dachte, du verehrst nur den Schlangengott? - Ich verehre, was da
hilft. - In welchem Fue stak der Dorn. Syphax schwankte einen
Augenblick. Im rechten, sagte er dann, rasch entschlossen.

Schade, sprach Teja, die Sandale ist auf den linken geschnitten. Und
er steckte sie in den Grtel. Ich warne dich, Knigin, vor solcher
nchtlichen Andacht.

Ich werde thun, was meine Pflicht, sagte Mataswintha herb.

Und ich, was meine. Mit diesen Worten schritt Teja voran, zurck zum
Lager: schweigend folgte die Knigin und ihre Sklaven.

                              --------------

Vor Sonnenaufgang stand Teja vor Witichis und berichtete ihm alles.

Was du sagst, ist kein Beweis, sagte der Knig. - Aber schwerer
Verdacht. Und du sagtest selbst, die Knigin sei dir unheimlich.

Gerade deshalb ht' ich mich, nach bloem Verdacht zu handeln. Ich
zweifle manchmal, ob wir an ihr nicht Unrecht gethan. Fast so schwer, wie
an Rauthgundis. - Wohl, aber diese nchtlichen Gnge? - Werd' ich
verhindern. Schon um ihretwillen.

Und der Maure? Ich trau' ihm nicht. Ich wei, da er tagelang abwesend:
dann taucht er wieder auf im Lager. Er ist ein Spher.

Ja, Freund, lchelte Witichis. Aber der meine. Er geht mit meinem
Wissen in Rom aus und ein. Er ist es, der mir noch alle Gelegenheiten
verraten.

Und noch keine hat gentzt! Und die falsche Sandale?

Ist wirklich ein Votivopfer. Aber fr Diebstahl; er hat mir, noch ehe du
kamst, alles gebeichtet. Er hat, bei der Begleitung der Knigin sich
langweilend, in einem Gewlbe der Kirche herumgestbert und da unten
allerlei Priestergewnder und vergrabnen Schmuck gefunden und behalten.
Aber spter, den Zorn des Apostels frchtend, wollt' er ihn
beschwichtigen, und opferte, in seinem Heidensinn, diese Goldsandale aus
seiner Beute. Er beschrieb sie mir ganz genau: mit goldnen Seitenstreifen
und einem Achatknopf, oben mit einem _C_ -. Du siehst, es trifft alles zu.
Er kannte sie also: sie kann nicht von einem Flchtenden verloren sein.
Und er versprach, als Beweis die dazu gehrige Sandale des rechten Fues
zu bringen. Aber vor allem: er hat mir einen neuen Plan verraten, der all'
unsrer Not ein Ende machen und Belisarius selbst in unsre Hnde liefern
soll.




                             Zehntes Kapitel.


Whrend der Gotenknig diesen Plan seinem Freunde mitteilte, stand
Cethegus, in frhester Stunde nach dem belisarischen Thor beschieden, vor
Belisar und Johannes.

Prfekt von Rom, herrschte ihn der Feldherr beim Eintreten an, wo warst
du heute Nacht?

Auf meinem Posten. Wohin ich gehre. Am Thor Sankt Pauls.

Weit du, da in dieser Nacht einer der besten meiner Anfhrer, Perseus
der Archon, des Johannes Bruder, die Stadt verlassen hat und seitdem
verschwunden ist?

Thut mir leid. Aber du weit: es ist verboten, ohne Erlaubnis die Mauer
zu berschreiten.

Ich habe aber Grund zu glauben, fuhr Johannes auf, da du recht gut
weit, was aus meinem Bruder geworden, da sein Blut an deinen Hnden
klebt. Und beim Schlummer Justinians! brauste Belisar auf, das sollst
du ben. Nicht lnger sollst du herrschen ber des Kaisers Heer und
Feldherrn. Die Stunde der Abrechnung ist gekommen. Die Barbaren sind so
gut wie vernichtet. Und la sehn, ob nicht mit deinem Haupt auch das
Kapitol fllt.

Steht es so? dachte Cethegus, jetzt sieh dich vor, Belisarius. Doch er
schwieg.

Rede! rief Johannes. Wo hast du meinen Bruder ermordet? Ehe Cethegus
antworten konnte, trat Artasines, ein persischer Leibwchter Belisars,
herein. Herr, sagte er, drauen stehn sechs gotische Krieger. Sie
bringen die Leiche Perseus, des Archonten. Knig Witichis lt dir sagen:
er sei heut' Nacht vor den Mauern durch Graf Tejas Beil gefallen. Er
sendet ihn zur ehrenden Bestattung.

Der Himmel selbst, sprach Cethegus stolz hinausschreitend, straft eure
Bosheit Lgen. Aber langsam und nachdenklich ging der Prfekt ber den
Quirinal und das Forum Trajans nach seinem Wohnhaus. Du drohst,
Belisarius? Dank' fr den Wink! La sehn, ob wir dich nicht entbehren
knnen.

                              --------------

In seiner Wohnung fand er Syphax, der ihn ungeduldig erwartet hatte und
ihm raschen Bericht ablegte. Vor allem, Herr, schlo er nun, la also
deinen Sandalenbinder peitschen. Du siehst, wie schlecht du bedient bist,
ist Syphax fern: - und gieb mir gtigst deinen rechten Schuh.

Ich sollte dir ihn nicht geben und dich zappeln lassen fr dein freches
Lgen, lachte der Prfekt. Dieses Stck Leder ist jetzt dein Leben wert,
mein Panther. Womit willst du's lsen?

Mit wichtiger Kunde. Ich wei nun alles ganz genau von dem Plan gegen
Belisars Leben: Ort und Zeit: und die Namen der Eidbrder. Es sind: Teja,
Totila und Hildebad.

Jeder allein genug fr den Magister Militum, murmelte Cethegus
vergnglich.

Ich denke, o Herr, du hast den Barbaren wohl wieder eine schne Falle
gestellt! Ich habe ihnen, auf deinen Befehl, entdeckt, da Belisar selbst
morgen zum tiburtinischen Thor hinausziehen will, um Vorrte
aufzutreiben.

Ja, er selbst geht mit, weil sich die oft aufgefangnen Hunnen nicht mehr
allein hinauswagen; er fhrt nur vierhundert Mann.

Es werden nun die drei Eidbrder am Grab der Fulvier einen Hinterhalt von
tausend Mann gegen Belisar legen. Das verdient wirklich den Schuh! sagte
Cethegus und warf ihm denselben zu.

Knig Witichis wird indessen nur einen Scheinangriff machen lassen auf
das Thor Sankt Pauls, die Gedanken der Unsern von Belisar abzulenken. Ich
eile nun also zu Belisar, ihm zu sagen, wie du mir aufgetragen, da er
drei Tausend mit sich nimmt und jene gegen ihn Verschwornen vernichtet.

Halt! sagte Cethegus ruhig, nicht so eilfertig! Du meldest nichts.

Wie? fragte Syphax erstaunt. Ungewarnt ist er verloren! -

Man mu dem Schutzgeist des Feldherrn nicht schon wieder, nicht immer,
ins Amt greifen. Belisar mag morgen seinen Stern erproben.

Ei, sagte Syphax mit pfiffigem Lcheln, solches gefllt dir? Dann bin
ich lieber Syphax, der Sklave, als Belisarius, der Magister Militum. Arme
Witwe Antonina!

Cethegus wollte sich auf das Lager strecken, da meldete Fidus, der
Ostiarius: Kallistratos von Korinth.

Immer willkommen.

Der junge Grieche mit dem sanften Antlitz trat ein.

Ein Hauch anmutiger Rte von Scham oder Freude frbte seine Wangen: es war
ersichtlich, da ihn ein besonderer Anla herfhrte.

Was bringst du des Schnen noch auer dir selbst? so fragte Cethegus in
griechischer Sprache.

Der Jngling schlug die leuchtenden Augen auf: Ein Herz voll Bewunderung
fr dich: und den Wunsch, dir diese zu bewhren. Ich bitte um die Gunst,
wie die beiden Licinier und Piso, fr dich und Rom fechten zu drfen.

Mein Kallistratos! was kmmern dich, unsern Friedensgast, den
liebenswrdigsten der Hellenen, unsre blutigen Hndel mit den Barbaren?
Bleibe du von diesem schweren Ernst und pflege deines heitern Erbes: der
Schnheit.

Ich wei es wohl, die Tage von Salamis sind ferne wie ein Mythos: und ihr
eisernen Rmer habt uns niemals Kraft zugetraut. Das ist hart - aber doch
leichter zu tragen, weil ihr es seid, die unsre Welt, die Kunst und edle
Sitte verteidigt gegen die dumpfen Barbaren. Ihr, das heit Rom und Rom
heit mir Cethegus. So fa ich diesen Kampf und so gefat, siehst du, so
geht er wohl auch den Hellenen an.

Erfreut lchelte der Prfekt. Nun, wenn dir Rom Cethegus ist, so nimmt
Rom gern die Hilfe des Hellenen an: du bist fortan Tribun der Milites
Romani wie Licinius.

In Thaten will ich dir danken! Aber eins noch mu ich dir gestehn - denn
ich wei: du liebst nicht berrascht zu sein. Oft hab' ich gesehen, wie
teuer dir das Grabmal Hadrians und seine Zier von Gtterstatuen ist.
Neulich hab' ich diese marmornen Wchter gezhlt und
zweihundertachtundneunzig gefunden. Da macht' ich denn das dritte Hundert
voll und habe meine beiden Letoiden, die du so hoch gelobt, den Apollon
und die Artemis, dort aufgestellt, dir und Rom zu einem Weihgeschenk.

Junger lieber Verschwender, sprach Cethegus, was hast du da gethan!

Das Gute und Schne, antwortete Kallistratos einfach.

Aber bedenke - das Grabmal ist jetzt eine Schanze: -

Wenn die Goten strmen - - Die Letoiden stehen auf der zweiten, der
innern Mauer. Und soll ich frchten, da je Barbaren wieder den
Lieblingsplatz des Cethegus erreichen? Wo sind die schnen Gtter sichrer
als in deiner Burg? Deine Schanze ist mir ihr bester, weil ihr sicherster
Tempel. Mein Weihgeschenk sei zugleich ein glcklich Omen.

Das soll es sein, rief Cethegus lebhaft, und ich glaube selber: dein
Geschenk ist gut geborgen. Aber gestatte mir dagegen -

Du hast mir schon dafr erlaubt, fr dich zu kmpfen. Chaire! lachte der
Grieche und war hinaus.

Der Knabe hat mich sehr lieb, sagte Cethegus, ihm nachsehend. Und mir
geht's wie andern Menschenthoren: - mir thut das wohl. Und nicht blo,
weil ich ihn dadurch beherrsche.

Da hallten feste Schritte auf dem Marmor des Vestibulums und ein Tribun
der Milites ward gemeldet.

Es war ein junger Krieger mit edeln, aber ber seine Jahre hinaus ernsten
Zgen. In echt rmischem Schnitt setzten die Wangenknochen, fast im
rechten Winkel, an die gerade strenge Stirn: in dem tief eingelassenen
Auge lag rmische Kraft und - in dieser Stunde - entschlossener Ernst und
rcksichtsloser Wille.

Siehe da, Severinus, des Bothius Sohn, willkommen mein junger Held und
Philosoph. Viele Monate habe ich dich nicht gesehen - woher kommst du?

Vom Grabe meiner Mutter, sagte Severinus mit festem Blick auf den
Frager.

Cethegus sprang auf. Wie? Rusticiana? meine Jugendfreundin! meines
Bothius Weib!

Sie ist tot, sagte der Sohn kurz. Der Prfekt wollte seine Hand fassen.
Severinus entzog sie.

Mein Sohn, mein armer Severinus! Und starb sie - ohne ein Wort fr mich?

Ich bringe dir ihr letztes Wort - es galt dir!

Wie starb sie? an welchem Leiden? - An Schmerz und Reue. - Schmerz -
seufzte Cethegus, das begreif' ich. Aber was sollte sie bereuen! Und mir
galt ihr letztes Wort! - sag' an, wie lautet es?

Da trat Severinus hart an den Prfekten, da er sein Knie berhrte und
blickte ihm bohrend ins Auge. Fluch, Fluch ber Cethegus, der meine Seele
vergiftet und mein Kind.

Ruhig sah ihn Cethegus an. Starb sie im Irrsinn? fragte er kalt.

Nein, Mrder: sie lebte im Irrsinn, solang sie dir vertraute. In ihrer
Todesstunde hat sie Cassiodor und mir gestanden, da ihre Hand dem jungen
Tyrannen das Gift gereicht, das du gebraut. Sie erzhlte uns den Hergang.
Der alte Corbulo und seine Tochter Daphnidion sttzten sie. Spt erst
erfuhr ich, schlo sie, da mein Kind aus dem tdlichen Becher
getrunken. Und niemand war da, Kamilla in den Arm zu fallen, als sie
trinken wollte. Denn ich war noch im Boot auf dem Meere und Cethegus noch
in dem Platanengang. Da rief der alte Corbulo erbleichend: Wie? der
Prfekt wute, da der Becher Gift enthielt? - Gewi, antwortete meine
Mutter. Als ich ihn im Garten traf, sagt' ich es ihm: es ist
geschehen. Corbulo verstummte vor Entsetzen: aber Daphnidion schrie in
wildem Schmerz: Weh! meine arme Domna! so hat er sie ermordet! Denn er
stand dabei, dicht neben mir, und sah zu, wie sie trank. - Er sah zu,
wie sie trank? fragte meine Mutter mit einem Tone, der ewig durch mein
Leben gellen wird.

Er sah zu, wie sie trank! wiederholten der Freigelassene und sein Kind.
O so sei den untern Dmonen sein verfluchtes Haupt geweiht! Rache, Gott,
in der Hlle, Rache, meine Shne, auf Erden fr Kamilla! Fluch ber
Cethegus! Und sie fiel zurck und war tot.

Der Prfekt blieb unerschttert stehen. Nur griff er leise an den Dolch
unter den Brustfalten der Tunika. Du aber - fragte er nach einer Pause -
was thatest du?

Ich aber kniete nieder an der Leiche und kte ihre kalte Hand und schwor
ihr's zu, ihr Sterbewort zu vollenden. Wehe dir, Prfekt von Rom:
Giftmischer, Mrder meiner Schwester - du sollst nicht leben.

Sohn des Bothius, willst du zum Mrder werden um die Wahnworte eines
lppischen Sklaven und seiner Dirne? Wrdig des Helden und des
Philosophen!

Nichts von Mord. Wre ich ein Germane, nach dem Brauche dieser Barbaren:
- er dnkt mir heute sehr vortrefflich! - rief' ich dich zum Zweikampf, du
verhater Feind. Ich aber bin ein Rmer und suche meine Rache auf dem Wege
des Rechts. Hte dich, Prfekt, noch giebt es Richter in Italien. Lange
Monate hielt mich der Krieg, der Feind von diesen Mauern ab. - Erst heute
habe ich Rom, von der See her, erreicht: und morgen erheb' ich die Klage
bei den Senatoren, die deine Richter sind - dort finden wir uns wieder.

Cethegus vertrat ihm pltzlich den Weg an die Thre.

Aber Severinus rief: Gemach, man sieht sich vor bei Mrdern. Drei Freunde
haben mich an dein Haus begleitet: - Sie werden mich mit den Liktoren
suchen, komm' ich nicht wieder, noch in dieser Stunde.

Ich wollte dich nur, sagte Cethegus wieder ganz ruhig, vor dem Wege der
Schande warnen. Willst du den ltesten Freund deines Hauses um der
Fieberreden einer Sterbenden willen mit unbeweisbarer Mordklage verfolgen,
- thu's: ich kann's nicht hindern. Aber noch einen Auftrag zuvor: du bist
mein Anklger geworden: aber du bleibst Soldat: und mein Tribun. Du wirst
gehorchen, wenn dein Feldherr befiehlt.

Ich werde gehorchen.

Morgen steht ein Ausfall Belisars bevor: und ein Sturm der Barbaren. Ich
mu die Stadt beschirmen. Doch ahnt mir Gefahr fr den lwenkhnen Mann: -
ich mu ihn treu gehtet wissen. Du wirst morgen, - ich befehl' es, - den
Feldherrn begleiten und sein Leben decken.

Mit meinem eignen.

Gut, Tribun, ich verlasse mich auf dein Wort.

Bau' du auf meines: auf Wiedersehn: nach der Schlacht: vor dem Senat.
Nach beiden Kmpfen lstet mich gleich sehr. Auf Wiedersehn: - - vor dem
Senat.

Auf Nimmerwiedersehn, sprach Cethegus, als sein Schritt verhallte.
Syphax, rief er laut, bringe Wein und das Hauptmahl. Wir mssen uns
strken: - auf morgen.




                             Elftes Kapitel.


Frh am andern Morgen wogte sowohl in Rom als in dem Lager der Goten
geschftige Bewegung.

Mataswintha und Syphax hatten zwar einiges entdeckt und gemeldet: - - aber
nicht alles. Sie hatten von dem Gelbde der drei Mnner gegen Belisar
erfahren und den frheren Plan eines bloen Scheinangriffs gegen das Sankt
Pauls-Thor, um von dem Gedanken an Belisars Geschick abzulenken. Aber
nicht hatten sie erfahren, da der Knig, in nderung jenes Planes eines
bloen Scheinangriffs, fr diesen Tag der Abwesenheit des groen Feldherrn
einen in tiefstes Geheimnis gehllten Beschlu gefat hatte: es sollte ein
letzter Versuch gemacht werden, ob nicht gotisches Heldentum doch dem
Genius Belisars und den Mauern des Prfekten berlegen sei. Man hatte sich
im Kriegsrat des Knigs nicht ber die Wichtigkeit des Unternehmens
getuscht: wenn es wie alle frheren, vereinzelten Angriffe -
achtundsechzig Schlachten, Ausflle, Strme und Gefechte hatte Prokop
whrend der Belagerung bis dahin aufgezhlt - scheiterte, so war von dem
ermdeten, stark gelichteten Heer keine weitere Anstrengung mehr zu
erwarten. Deshalb hatte man sich auf Tejas Rat eidlich verpflichtet, ber
den Plan gegen jedermann ohne Ausnahme zu schweigen.

Daher hatte auch Mataswintha nichts vom Knig erfahren, und selbst ihres
Mauren Sprnase konnte nur wittern, da auf jenen Tag etwas Groes
gerstet werde; - die gotischen Krieger wuten selbst nicht was.

Totila, Hildebad und Teja waren schon um Mitternacht mit ihren Reitern
geruschlos aufgebrochen und hatten sich sdlich von der valerischen
Strae bei dem Grabmal der Fulvier, an dem in einer Hgelfalte Belisar
vorbeikommen mute, in Hinterhalt gelegt: sie hofften, mit ihrer Aufgabe
bald genug fertig zu sein, um noch wesentlich an den Dingen bei Rom
teilnehmen zu knnen.

Whrend der Knig mit Hildebrand, Guntharis und Markja die Scharen
innerhalb der Lager ordnete, zog um Sonnenaufgang Belisar, von einem Teil
seiner Leibwchter umgeben, zum tiburtinischen Thor hinaus. Prokop und
Severinus ritten ihm zur Rechten und Linken: Aigan, der Massagete, trug
sein Banner, das bei allen Gelegenheiten den Magister Militum zu begleiten
hatte. Constantinus, dem er an seiner Statt die Sorge fr den
belisarischen Teil von Rom bertragen, besetzte alle Posten lngs der
Mauern doppelt, und lie die Truppen hart an den Wllen unter den Waffen
bleiben. Er bersandte den gleichen Befehl dem Prfekten fr die
Byzantiner, die dieser fhrte.

Der Bote traf ihn auf den Wllen zwischen dem paulinischen und dem
appischen Thor. Belisar meint also: hhnte Cethegus, whrend er
gehorchte, mein Rom ist nicht sicher, wenn er es nicht behtet: ich aber
meine: Er ist nicht sicher, wenn ihn mein Rom nicht beschirmt. Komm,
Lucius Licinius, flsterte er diesem zu, wir mssen an den Fall denken,
da Belisar einmal nicht wiederkehrt von seinen Heldenfahrten: dann mu
ein andrer sein Heer mit fester Hand ergreifen.

Ich kenne die Hand.

Vielleicht giebt es alsdann einen kurzen Kampf mit seinen in Rom
belassenen Leibwchtern: in den Thermen des Diokletian oder am
tiburtinischen Thore. Sie mssen dort in ihrem Lager erdrckt sein, ehe
sie sich recht besinnen. Nimm dreitausend meiner Isaurier und verteile
sie, ohne Aufsehen, rings um die Thermen her: auch besetze mir vor allem
das tiburtinische Thor. - Von wo aber soll ich sie fortziehen? - Von
dem Grabmal Hadrians, sagte Cethegus nach einigem Besinnen. Und die
Goten, Feldherr? - Bah! das Grabmal ist fest, es schtzt sich selbst.
Erst mssen vom Sden her die Strmenden ber den Flu: und dann diese
eisglatten Wnde von parischem Marmor hinan, meine und des Korinthers
Freude. Und zudem, lchelte er, sieh' nur hinauf: da oben steht ein Heer
von marmornen Gttern und Heroen: sie mgen selber ihren Tempel schirmen
gegen die Barbaren. Siehst du, - ich sagte es ja - es geht nur hier gegen
das Sankt Pauls-Thor, schlo er, auf das Lager der Goten deutend, aus
welchem eben eine starke Abteilung in dieser Richtung aufbrach.

Licinius gehorchte und fhrte alsbald dreitausend Isaurier, etwa die
Hlfte der Deckung, ab: von dem Grabmal ber den Flu und den Viminalis
hinab gegen die Thermen Diokletians. Belisars Armenier am tiburtinischen
Thor lste er dann auch durch dreihundert Isaurier und Legionare ab.

Cethegus aber wandte sich nach dem salarischen Thor, wo jetzt Constantinus
als Vertreter Belisars hielt. Ich mu ihn aus dem Wege haben, dachte er,
wenn die Nachricht eintrifft. - Sobald du die Barbaren zurckgeworfen,
sprach er ihn an, wirst du doch wohl einen Ausfall machen mssen? Welche
Gelegenheit, Lorbeern zu sammeln, whrend der Feldherr fern ist! -
Jawohl, rief Constantinus, sie sollen's erfahren, da wir sie auch ohne
Belisarius schlagen knnen.

Ihr mt aber ruhiger zielen, sagte Cethegus, einem persischen Schtzen
den Bogen abnehmend. Seht den Goten dort, den Fhrer zu Pferd! Er soll
fallen. Cethegus scho; der Gote fiel vom Ro, durch den Hals geschossen.
Und meine Wallbogen, - ihr braucht sie schlecht! Seht ihr dort die Eiche?
ein Tausendfhrer der Goten steht davor, gepanzert. Gebt acht! Und er
richtete den Wallbogen, zielte und scho: durchbohrt war der gepanzerte
Gote an den Baum genagelt.

Da sprengte ein saracenischer Reiter heran: Archon, redete er
Constantinus an, Bessas lt dich bitten, Verstrkungen an das Vivarium,
das prnestinische Thor: die Goten rcken an.

Zweifelnd sah Constantinus auf Cethegus. Possen: sagte dieser, der
einzige Angriff droht an meinem Thore von Sankt Paul: und das ist gut
gehtet: ich wei es gewi: la Bessas sagen: er frchte sich zu frh.
brigens, im Vivarium habe ich noch sechs Lwen, zehn Tiger und zwlf
Bren fr mein nchstes Cirkusfest! Lat sie einstweilen los auf die
Barbaren! Es ist auch ein Schauspiel fr die Rmer dann!

Aber schon eilte ein Leibwchter den Mons Pincius herab: Zu Hilfe, Herr,
zu Hilfe! Constantinus, dein eignes, das flaminische Thor! Unzhlige
Barbaren! Ursicinus bittet um Hilfe!

Auch dort? fragte sich Cethegus unglubig.

Hilfe an die gebrochene Mauer! zwischen dem flaminischen und dem
pincianischen Thor! rief ein zweiter Bote des Ursicinus.

Diese Strecke braucht ihr nicht zu decken! Ihr wit, sie steht unter
Sankt Peters besonderem Schutz: das reicht! sprach beruhigend
Constantinus. Cethegus lchelte: Ja, heute gewi: denn sie wird gar nicht
angegriffen.

Da jagte Marcus Licinius atemlos heran. Prfekt, rasch aufs Kapitol, von
wo ich eben komme. Alle sieben Lager der Feinde speien Barbaren zugleich
aus allen Lagerpforten: es droht ein allgemeiner Sturm gegen alle Thore
Roms.

Schwerlich! lchelte Cethegus. Aber ich will hinauf. Du aber, Marcus
Licinius, stehst mir ein fr das tiburtiner Thor. Mein mu es sein, nicht
Belisars! Fort mit dir! Fhre deine zweihundert Legionare dorthin!

Er stieg zu Pferd und ritt zunchst gegen das Kapitol zu, um den Fu des
Viminal. Hier traf er auf Lucius Licinius und seine Isaurier. Feldherr,
sprach ihn dieser an, es wird Ernst da drauen. Sehr Ernst! Was ist's mit
den Isauriern? Bleibt es bei deinem Befehl?

Habe ich ihn zurckgenommen? sagte Cethegus streng. Lucius, du folgst
mir und ihr andern Tribunen. Ihr Isaurier rckt unter eurem Huptling
Asgares zwischen die Thermen des Diokletian und das tiburtiner Thor.

Er glaubte an keine Gefahr fr Rom. Meinte er doch zu wissen, was allein
in diesem Augenblick die Goten wirklich beschftigte. Dieser Schein eines
allgemeinen Angriffs soll, dachte er, die Byzantiner nur abhalten, ihres
bedrohten Feldherrn vor den Thoren zu gedenken.

Bald hatte er einen Turm des Kapitols erreicht, von welchem er die ganze
Ebene berschauen konnte. Sie war erfllt von gotischen Waffen. Es war ein
herrliches Schauspiel. Aus allen Lagerthoren wogte die ganze Streitmacht
des gotischen Heeres heran, die ganze Ausdehnung der Stadt umgrtend. Der
Angriff sollte offenbar gegen alle Thore zugleich unternommen werden und
war nach Einem Gedanken entworfen.

Voran in dem ganzen, zu drei Vierteln geschlossenen Kreise schritten
Bogenschtzen und Schleuderer, in leichten Plnklerschwrmen, die Zinnen
und Brustwehren von Verteidigern zu subern. Darauf folgten Sturmbcke,
Widder, Mauerbrecher aus rmischen Arsenalen entnommen oder rmischen
Mustern, wiewohl oft ungeschlacht genug, nachgebildet, mit Pferden und
Rindern bespannt, bedient von Truppen, die, fast ohne Angriffswaffen, nur
mit breiten Schilden sich und die Bespannung gegen die Geschosse der
Belagerten decken sollten. Dicht hinter ihnen schritten die zum
eigentlichen Angriff bestimmten Krieger: in tiefen Gliedern, mit voller
Bewaffnung, zum Handgemeng mit Beilen und starken Messern gerstet, und
lange, schwere Sturmleitern schleppend. In groer Ordnung und Ruhe rckten
diese drei Angriffslinien berall gleichmigen Schrittes vor: die Sonne
glitzerte auf ihren Helmen: in gleichen Zwischenrumen erschollen die
langgezognen Rufe der gotischen Hrner.

Sie haben etwas von uns gelernt, rief Cethegus in kriegerischer Freude.
Der Mann, der diese Reihen geordnet hat, versteht den Krieg. Wer ist es
wohl? fragte Kallistratos, der, in reicher Rstung, neben Lucius Licinius
hielt. Ohne Zweifel, Witichis, der Knig, sagte Cethegus. - Das htte
ich dem schlichten Mann mit den bescheidnen Zgen nie zugetraut. - Diese
Barbaren haben manches Unergrndliche.

Und vom Kapitol herab ritt er nun, ber den Flu, nach der Umwallung am
pankratischen Thor, wo der nchste Angriff zu drohen schien, und bestieg
mit seinem Gefolge den dortigen Eckturm.

Wer ist der Alte dort, mit dem wehenden Bart, der mit dem Steinbeil den
Seinen voranschreitet? Er sieht aus, als htte ihn der Blitz des Zeus
vergessen in der Gigantenschlacht, forschte der Grieche.

Es ist der alte Waffenmeister Theoderichs; er rckt gegen das
pankratische Thor, antwortete der Prfekt.

Und wer ist der Reichgerstete dort, auf dem Braunen, mit dem Wolfsrachen
auf dem Helm? Er zieht gegen die Portuensis. - Das ist Herzog Guntharis,
der Wlsung, sprach Lucius Licinius. Und sieh, auch drben auf der
Ostseite der Stadt, berm Flu, so weit man schauen kann, gegen alle
Thore, rcken Sturmreihen der Barbaren, sagte Piso.

Aber wo ist der Knig selbst? fragte Kallistratos.

Siehe, dort in der Mitte ragt die gotische Hauptfahne: dort hlt er,
oberhalb des pankratischen Thors, erwiderte der Prfekt. Er allein steht
regungslos mit seiner starken Schar, weit, um dreihundert Schritt zurck,
hinter der Linie, sprach Salvius Julianus, der junge Jurist. Sollte er
nicht mit kmpfen? meinte Massurius. Wre gegen seine Weise. Aber la
uns vom Turm aus den Wall hinab: das Gefecht beginnt, schlo Cethegus.
Hildebrand hat den Graben erreicht. - Dort stehen meine Byzantiner,
unter Gregor. Die Gotenschtzen zielen gut. Die Zinnen am pankratischen
Thor werden leer. Auf, Massurius, schicke meine abasgischen Jger und von
den rmischen Legionaren die besten Pfeilschtzen dorthin: sie sollen auf
die Rinder und Rosse der Sturmbcke zielen.

Bald war der Kampf auf allen Seiten entbrannt: und mit Verdru bemerkte
Cethegus, da die Goten berall Fortschritte machten. Die Byzantiner
schienen ihren Feldherrn zu vermissen: sie schossen unsicher und wichen
von den Wllen, indes die Goten heute mit besonderer Todesverachtung
vordrangen. Schon hatten sie an mehreren Stellen den Graben berschritten
und Herzog Guntharis hatte sogar schon Leitern angelegt an den Wllen bei
dem portuensischen Thore, whrend der alte Waffenmeister einen starken
Widderkopf herangeschleppt und denselben durch ein Schirmdach gegen die
Feuergeschosse von oben gesichert hatte. Bereits donnerten die ersten
Ste laut durch das Getmmel des Kampfes gegen die Balken des
pankratischen Thors. Dieser wohlbekannte Ton erschtterte den Prfekten,
der eben hier anlangte: Offenbar, sagte er zu sich selbst, machen sie
jetzt bittern Ernst, nachdem der Scheinversuch so gut gelungen.

Und wieder ein drhnender Sto. Gregor, der Byzantiner, sah ihn fragend
an. Das darf nicht lange whren! rief Cethegus zrnend, entri dem
nchsten Schtzen Bogen und Kcher und eilte auf den Mauerkranz an dem
Thore: Hierher, ihr Schtzen und Schleuderer! Mir nach! rief er,
schafft schwere Steine bei. Wo ist der nchste Ballist? Wo die
Skorpionen? das Schirmdach mu entzwei.

Unter dem Schirmdach aber standen gotische Schtzen, die eifrig durch die
Schiescharten nach den Zacken der Mauerzinnen lugten. Es ist umsonst,
Haduswinth, schalt der junge Gunthamund, zum drittenmal leg' ich
vergeblich an! es wagt ja keiner nur die Nase ber die Brustwehr. -
Geduld, sagte der Alte, halte den Bogen nur gespannt! Es kommt schon
einer, den der Frwitz plagt. Auch mir leg' einen Bogen bereit. Nur
Geduld. - Die hat man leichter mit deinen siebzig als mit meinen zwanzig
Jahren.

Inzwischen hatte Cethegus die Wallzinne hier erreicht: er warf einen Blick
in die Ebene: da sah er den Knig, in der weiten Ferne, unbeweglich, im
Centrum stehen der gotischen Scharen, auf dem rechten Tiberufer. Das
strte und beunruhigte ihn. Was hat er vor? Sollte er gelernt haben, da
der Feldherr nicht fechten soll? Komm, Gajus, rief er dem jungen Schtzen
zu, der ihm khn gefolgt war, deine jungen Augen sehen scharf, blick' mit
mir ber die Zinne hier - was treibt der Knig dort? Und er beugte sich
ber die Brustwehr, Gajus folgte, eifrig sphend, seinem Beispiel.

Jetzt, Gunthamund! rief Haduswinth unten. Zwei Sehnen klangen und die
beiden Spher fuhren zurck.

Gajus strzte, in die Stirn geschossen, nieder: und unter des Prfekten
Helmdach zersplitterte klirrend ein Pfeil. Cethegus strich mit der Hand
ber die Stirn.

Du lebst, mein Feldherr? rief Piso, heranspringend.

Ja, Freund. Es war sehr gut gezielt. Aber die Gtter brauchen mich noch:
nur die Haut ist geritzt, sprach Cethegus und schob den Helm zurecht.




                            Zwlftes Kapitel.


Da flog Syphax die Mauertreppe hinauf. Streng hatte ihm sein Herr
verboten, sich am Kampf zu beteiligen: die Barbaren sollen dich mir nicht
tten und auch dich nicht erkennen: - du bist unersetzlich als Sklave
Mataswinthens und Kundschafter des Knigs Witichis, hatte Cethegus
gesagt.

Wehe, wehe, schrie er so berlaut, da es seinem Herrn auffiel, der des
Mauren kluge Ruhe kannte, welch' ein Unglck! - Was ist geschehen? -
Constantinus ist schwer verwundet. Er wollte einen Ausfall fhren aus dem
salarischen Thor und stie sogleich auf die gotischen Sturmreihen. Ein
Schleuderstein traf sein Gesicht. Mit Mhe rettete man ihn auf den Wall.
Dort fing ich den Sinkenden auf: - er ernannte den Prfekten zu seinem
Vertreter. Hier ist sein Feldherrnstab.

Das ist nicht mglich! schrie Bessas, der auf Syphax' Ferse folgte. Er
hatte in Person selbst neue Verstrkungen verlangen wollen und kam eben
recht, die Nachricht zu hren. Oder er war schon sinnlos als er's that.

Htte er dich bestellt, jedenfalls, sprach Cethegus, ruhig das Scepter
ergreifend und dem schlauen Sklaven mit einem raschen Wink des Auges
dankend. Mit einem wtenden Blicke sprang Bessas von der Brstung und
eilte davon. Folg' ihm, Syphax, und beacht' ihn wohl, flsterte der
Prfekt.

Da eilte ein isaurischer Sldner herbei: Verstrkung, Prfekt, ans
portuensische Thor. Herzog Guntharis hat zahllose Leitern angelegt. Da
sprengte Cabao, der Fhrer der maurischen berittnen Schtzen heran:
Constantinus ist tot. Vertritt du Constantinus.

Belisar vertret' ich, sprach Cethegus stolz: fnfhundert Armenier
ziehet ab vom appischen und schickt sie ans portuensische Thor.

Hilfe, Hilfe ans appische Thor! alle Verteidiger auf den Zinnen sind
erschossen! meldete ein persischer Reiter, die Vorschanze ist halb
verloren: vielleicht ist sie noch zu halten: aber schwer! Aber unmglich
wr's, sie wieder zu nehmen!

Cethegus winkte seinem jungen Juriskonsulten, Salvius Julianus, jetzt
seinem Kriegstribun: Auf, mein Jurist: _beati possidentes_! - Nimm
hundert Legionare und halte die Schanze um jeden Preis, bis weitere Hilfe
kommt. -

Und er sah von der Mauerkrone wieder hinab. Unter seinen Fen tobte das
Gefecht, donnerte der Mauerbrecher Hildebrands. Aber ihn kmmerte mehr die
rtselhafte Ruhe, in welcher der Knig im Hintergrund unbeweglich stand.
Was hat er nur vor?

Da drhnte von unten ein furchtbar krachender Sto und lauter Siegesjubel
der Barbaren: Cethegus brauchte nicht zu fragen: in drei Sprngen war er
unten. -

Das Thor ist eingestoen! riefen ihm entsetzt die Seinigen entgegen.
Ich wei es: jetzt sind wir selbst der Riegel Roms. Und den Schild
fester andrckend, trat er hart an den rechten Thorflgel, in dem in der
That ein breiter Ri klaffte; und schon stie der Widder an die
splitternden Platten neben der ffnung. Noch ein solcher Sto und das
Thor liegt ganz, sagte Gregor, der Byzantiner. Richtig, deshalb darf es
nicht mehr dazu kommen. Her zu mir, Gregor und Lucius: stellt euch,
Milites! die Speere gefllt! Fackeln und Brnde! zum Ausfall! Winke ich,
so ffnet das Thor und werft Widder und Schirmdach und alles in den
Graben.

Du bist sehr khn, mein Feldherr! rief Lucius Licinius, entzckt neben
ihn springend.

Ja, jetzt hat die Khnheit Vernunft, mein Freund!

Schon war die Kolonne gestellt, schon wollte der Prfekt das Schwert zum
Zeichen des Angriffs erheben -: da erscholl vom Rcken her ein Lrm,
grer selbst als der der strmenden Goten: Wehegeschrei und
Pferdegetrappel: - und Bessas drngte sich heran: er fate den Arm des
Prfekten: - seine Stimme versagte.

Was hemmst du mich in diesem Augenblick? rief dieser und stie ihn
zurck. - Belisars Truppen, stammelte entsetzt der Thraker, stehen
schwer geschlagen vor dem tiburtinischen Thor: - sie flehen um Einla: -
wtende Goten hinter ihnen - Belisar ist in einen Hinterhalt gefallen: -
er ist tot.

Belisar ist gefangen! schrie ein Trmer vom tiburtinischen Thor, atemlos
heraneilend. Die Goten! die Goten sind da! sie stehn vor dem
nomentanischen und vor dem tiburtinischen Thor! scholl's aus der Tiefe
der Strae. Belisars Fahne ist genommen! Prokop verteidigt seine Leiche!
La das tiburtinische Thor ffnen, Prfekt! drngte Bessas, deine
Isaurier stehen pltzlich dort. Wer hat sie dorthin geschickt?

Ich! sagte Cethegus, berlegend.

Sie woll'n nicht ffnen ohne deinen Befehl! rette doch seine - Belisars!
- Leiche!

Cethegus zauderte - er hielt das Schwert halb erhoben - er schwankte. Die
_Leiche_, dachte er, rett' ich gern. Da flog Syphax heran. Nein! er
lebt noch! rief er seinem Herrn ins Ohr, ich hab ihn gesehen von der
Zinne: er regt sich noch: aber er ist gleich gefangen: die gotischen
Reiter brausen heran: - Totila, Teja, gleich sind sie bei ihm!

Gieb Befehl, la das tiburtiner Thor ffnen! mahnte Bessas. Aber des
Prfekten Auge blitzte: sein Antlitz berflog jener Ausdruck stolzer,
khner Entschlossenheit, der es mit dmonischer Schnheit verklren
konnte. Er schlug mit dem Schwert an den zertrmmerten Thorflgel vor
sich: Auf, zum Ausfall. Erst Rom: dann Belisar! Rom und Triumph! Das
Thor flog auf.

Die strmenden Goten, schon des Sieges sicher, htten alles eher erwartet
als dies Wagnis der, wie sie whnten, ganz verzagten Byzantiner. Sie waren
ohne Fechtordnung um das Thor herum zerstreut, wurden vllig berrascht
und durch den Anlauf der fest geschlossenen Reihe rasch in den hinter
ihnen klaffenden Graben geworfen.

Der alte Hildebrand wollte seinen Widder nicht lassen.

Sich hoch aufrichtend, zerschmetterte er Gregor, dem Byzantiner, mit
seinem Steinhammer den hochgeschweiften Helm und das Haupt. Aber
gleichzeitig fast stie ihn selber Lucius Licinius mit dem Schildstachel
in den Graben. Cethegus zerhieb mit dem Schwert die Seile der Maschine,
die krachend auf den Alten strzte.

Jetzt Feuer in die Holzmaschinen, die noch stehen, befahl Cethegus.
Rasch loderten deren Balken auf in Flammen. Sogleich kehrten die
siegreichen Rmer zurck in die Wlle. Da rief Syphax dem Prfekten
entgegen: Gewalt, Herr, Aufruhr und Emprung! Die Byzantiner gehorchen
dir nicht mehr! Bessas rief sie auf, das tiburtinische Thor mit Gewalt zu
ffnen. Seine Leibwchter drohen, Marcus Licinius anzugreifen und deine
Legionare und Isaurier zu schlachten durch die Hunnen.

Das ben sie! rief Cethegus grimmig. Wehe Bessas! Ich will's ihm
gedenken! Auf, Lucius Licinius, nimm den halben Rest der Isaurier! Nein,
nimm sie alle! alle! du weit wo sie stehn: fasse die Leibwchter des
Thrakers von Porta Clausa her im Rcken. Und stehn sie nicht ab, - so hau'
sie nieder, ohne Schonung. Hilf deinem Bruder! Ich folge gleich!

Lucius Licinius zauderte. Und das tiburtinische Thor? - Bleibt
geschlossen. - Und Belisar?

Bleibt drauen. - Teja und Totila sind schon heran. - Desto weniger
kann man ffnen. Erst Rom: dann alles andere. Gehorche, Tribun!

Cethegus blieb noch, die Ausflickung des pankratischen Thores anzuordnen.
Das whrte sehr geraume Zeit. Wie ging es, Syphax? fragte er leise.
Lebt er wirklich? - Er lebt noch. - Tlpel, diese Goten!

Da kam ein Bote von Lucius. Dein Tribun lt melden: Bessas giebt nicht
nach: - schon ist das Blut deiner Legionare am tiburtiner Thor geflossen.
Und Asgares und deine Isaurier zgern, einzuhauen. Sie zweifeln an deinem
Ernst. Ich will ihnen meinen Ernst zeigen! rief Cethegus, warf sich
aufs Pferd, verlie diesen Teil der Stadt, und jagte wie der Sturmwind
davon.

Weit war sein Weg: ber die Tiberbrcke des Janiculum, am Kapitol vorbei,
ber das Forum Romanum, durch die Sacra Via und den Bogen des Titus, die
Thermen des Titus rechts lassend, ber den Esquilin hinaus, endlich durch
das esquilinische Thor an das tiburtinische Auenthor: - ein Weg vom
uersten Westen an den uersten Osten der weitgestreckten Stadt.

Hier, hinter dem Thore, standen die Leibwchter von Bessas und Belisar mit
gedoppelter Front. Die eine Schar schickte sich an, die Legionare und
Isaurier des Prfekten unter Marcus Licinius an der Thorwache zu
berwltigen und das Thor mit Gewalt zu ffnen, whrend die zweite Fronte
mit gefllten Speeren der Masse der andern Isaurier gegenberstand, die
Lucius vergeblich zum Angriff befehligte.

Sldner, rief Cethegus, das schnaubende Ro dicht vor deren Linie
anhaltend, wem habt ihr geschworen: mir oder Belisar? Dir, Herr,
sprach Asgares, ein Anfhrer, vortretend, aber ich dachte - Da blitzte
das Schwert des Prfekten und tdlich getroffen strzte der Mann. Zu
gehorchen habt ihr, eidbrchige Schurken, nicht zu denken!

Entsetzt standen die Sldner. Aber Cethegus befahl ruhig: Die Speere
gefllt! zum Angriff! mir nach! Und die Isaurier gehorchten ihm und nun,
- ein Augenblick noch, und es begann in Rom selbst der Kampf.

Aber da erscholl von Westen, von der Richtung des aurelischen Thores, her
ein furchtbares, alles bertubendes Geschrei: Wehe, Wehe, alles
verloren! Die Goten ber uns! Die Stadt ist genommen!

Cethegus erbleichte und blickte zurck. Da sprengte Kallistratos heran,
Blut flo ihm ber Gesicht und Hals. Cethegus, rief er, es ist aus! Die
Barbaren sind in Rom! Die Mauer ist erstiegen. Wo? fragte der Prfekt
tonlos. Am Grabmal Hadrians! - O mein Feldherr! rief Lucius Licinius,
ich habe dich gewarnt.

Das war Witichis! sagte Cethegus, die Augen zusammendrckend.

Woher weit du das! staunte Kallistratos. Genug, ich wei es. Es war
ein furchtbarer Augenblick fr den Prfekten.

Er mute sich sagen, da er, rcksichtslos seinen Plan zum Verderben
Belisars verfolgend, eine Spanne Zeit Rom bersehen hatte. Er bi die
Zhne in die Unterlippe.

Cethegus hat das Grabmal Hadrians entblt! Cethegus hat Rom ins
Verderben gestrzt! rief Bessas an der Spitze der Leibwchter.

Und Cethegus wird es retten! rief dieser, sich hoch im Sattel
ausrichtend. Mir nach, alle Isaurier und Legionare. Und Belisar?
flsterte Syphax. - Lat ihn herein. Erst Rom: dann alles andre! Folgt
mir! Und im Sturmflug sprengte er zurck, des Weges, den er gekommen. Nur
wenige Berittene konnten ihm folgen: im Lauf eilte sein Fuvolk, Isaurier
und Legionare, nach.




                           Dreizehntes Kapitel.


Drauen vor dem tiburtinischen Thore ward es zu gleicher Zeit stiller. Ein
Bote hatte die gotischen Reiter von dem berflssigen Gefechte abgerufen.
Sie sollten hier innehalten und alle verfgbare Mannschaft um die Stadt
und ber den Flu eilig an das aurelische Thor senden, durch welches man
soeben in die Stadt gedrungen sei: dort brauche man alle Krfte. Die
Reiter jagten, rechtsum schwenkend, nach jenem Thor, wo sich jetzt alles
zusammendrngte: aber ihr eigenes Fuvolk, strmend an den
zwischenliegenden fnf Thoren: der Porta clausa, nomentana, salaria,
pinciana und flaminia, versperrte ihnen den Weg so lange, da sie zu der
Entscheidung zu spt kamen, die am Grabmal des Hadrian gefallen war.

Wir erinnern uns der Lage dieses Lieblingsplatzes des Prfekten: dem
vatikanischen Hgel gegenber, einen Steinwurf etwa vor dem aurelischen
Thor gelegen, mit diesem durch Seitenmauern verbunden und berall, auer
im Sden, wo der Flu decken sollte, durch neue Wlle geschtzt, ragte die
_moles Hadriani_, ein gewaltiger runder Turm von festestem Bau. Eine Art
Hofraum umgab das eigentliche Gebude: vor der ersten, ueren
Deckungsmauer im Sden flo der Tiber. Auf den Zinnen dieser Auenmauer,
in dem Hofraum und auf den Zinnen der Innenmauer lagerten sonst die
Isaurier, die der Prfekt zu bler Stunde hinweggezogen hatte, seinen Plan
gegen Belisar durchzusetzen. Auf den Zinnen der Innenmauer aber standen
die zahlreichen Statuen von Marmor und Erz, deren drittes Hundert das
Geschenk des Kallistratos vervollstndigt hatte.

Der Knig der Goten hatte sich fr heute in der Mitte des groen
Halbkreises, den die Barbaren auch um die Westseite, auf dem rechten
Tiberufer, um die Stadt gezogen, auf dem Felde Neros zwischen dem
pankratischen (alten aurelianischen) und dem (neuen) aurelianischen Thor,
wo sonst nur Graf Markja von Mediolanum lagerte, eine zurckgenommene,
abwartende Stellung gewhlt. Er baute seinen Plan darauf, da der
allgemeine Sturm gegen alle Thore notwendig die Krfte der Belagerten
werde zersplittern mssen: und sowie an irgend einem Punkt durch
Hinwegziehung der Verteidiger eine Ble entstehen wrde, gedachte er, sie
sofort zu bentzen.

In dieser Absicht hielt er unbeweglich im zweiten Treffen weit hinter den
Sturmkolonnen. Er hatte allen Anfhrern Auftrag gegeben, ihn schleunig
herbeizurufen, wo sich eine Lcke der Verteidigung zeige.

Lange, lange hatte er so gewartet. Manches Wort der Ungeduld hatte er von
seinen Scharen zu tragen gehabt, die mig stehen sollten, whrend die
Genossen berall im frischen Vordringen waren: lange, lange harrten sie
auf einen Boten, der sie abriefe zur Teilnahme am Kampf.

Da bemerkte endlich des Knigs scharfes Auge selbst zuerst, wie von den
Zinnen der Auenmauer am Grabmal Hadrians die wohlbekannten Feldzeichen
und die dichten Speere der Isaurier verschwanden. Aufmerksam blickte er
hin: sie wurden nicht abgelst, die Lcken nicht ersetzt. Da sprang er aus
dem Sattel, gab seinem Rosse einen Schlag mit der flachen Hand auf den
stolzen Bug, sprach: Nach Hause, Boreas! und das kluge Tier lief
geradeaus in das Lager zurck. Jetzt, vorwrts meine Goten! vorwrts,
Graf Markja! rief der Knig, dort ber den Flu - die Mauerbrecher lat
hier zurck: nur die Schilde und die Sturmleitern nehmt mit. Und die
Beile. Voran! Und im Lauf erreichte er den steilen Uferhang an der
sdlichen Biegung des Flusses und eilte den Hgel hinab.

Keine Brcke, Knig, und keine Furt? fragte ein Gote hinter ihm.

Nein, Freund Iffamer, schwimmen! und der Knig sprang in die gelbe
schmutzige Flut, da sie zischend hoch ber seinem Helmbusch
zusammenschlug. In wenigen Minuten hatte er das andere Ufer erreicht, die
vordersten seiner Leute mit ihm. Bald standen sie hart vor der hohen
Auenmauer des Grabmals und die Mnner blickten fragend, besorgt hinauf.
Leitern her! rief Witichis, seht ihr nicht? Die Verteidiger fehlen ja!
Frchtet ihr euch vor hohen Steinen? Rasch waren die Leitern angelegt,
rasch die Auenwlle erstiegen, die wenigen Wachen hinabgestrzt, die
Leitern nachgezogen und an der Innenseite der Auenmauer in den Hof
hinabgelassen.

Der Knig war der erste in dem Hofraum.

Hier freilich wurde das Vordringen der Goten eine Weile gehemmt. Denn auf
den Zinnen der Innenmauer standen, vom pankratischen Thore hierher geeilt,
Quintus Piso und Kallistratos mit hundert Legionaren und nur ein Paar
Isauriern: und diese schleuderten einen dichten Hagel von Speeren und
Pfeilen auf die nur vereinzelt in den Hofraum hinabsteigenden Goten: auch
ihre Ballisten und Katapulten wirkten verheerend. Schickt um Hilfe, um
Hilfe zu Cethegus! rief oben auf der Mauer Piso. Und Kallistratos flog
davon.

Rechts und links fielen die Goten unten im Hof neben Witichis. Was thun?
fragte Markja an seiner Seite. Warten, bis sie sich verschossen haben,
sagte dieser ruhig. Es kann nicht lange mehr whren. Sie werfen und
schieen viel zu hastig in ihrem Schrecken. Seht ihr: schon fliegen mehr
Steine denn Pfeile. Und die Speere bleiben aus. - Aber die Ballisten,
die Katapulten - - Werden uns bald nicht mehr schaden. Ordnet euch zum
Sturm. Seht, der Hagel wird sehr sprlich. So, nun die Leitern bereit und
die Beile. - Jetzt, rasch mir nach. Und in schnellem Anlauf rannten die
Goten ber den Hof.

Nur wenige waren dabei gefallen. Und schon standen sie hart an der
zweiten, der inneren Mauer: und hundert Leitern waren angelegt. Jetzt aber
waren alle Ballisten und Katapulten Pisos nutzlos geworden: denn, zum
Schu in die Weite gespannt, konnten sie nicht ohne groe Mhe und lange
Zeit zu senkrechtem Schu gerichtet werden. Piso bemerkte es wohl und
erbleichte. Wurfspeere her! Speere! Speere! oder alles ist hin! - Alle
verschossen, keuchte trostlos neben ihm der dicke Balbus.

Dann ist's vorbei! seufzte Piso, den rechten Arm totmde senkend. Komm,
Massurius, la uns fliehn, mahnte Balbus. Nein, lat uns hier sterben,
rief Piso. Und schon tauchte der erste gotische Helm ber den Rand der
Mauer.

Da scholl es die Mauertreppen von der Stadtseite herauf: Cethegus!
Cethegus der Prfekt!

Und er war's; rasch sprang er auf die Zinne vor und hieb dem Goten, der
eben die Hand auf die Brustwehr sttzte, sich heraufzuschwingen, die Hand
samt dem Arme ab. - Der Mann schrie und strzte.

O Cethegus, sagte Piso, du kommst zu rechter Zeit! - Ich hoffe es,
sprach dieser und stie die Leiter um, die vor ihm angelegt stand.
Witichis war darauf gestanden, - behend sprang er hinab. Aber jetzt
Geschosse her, Speere, Lanzen. Sonst hilft alles nichts, rief Cethegus.
Kein Gescho mehr weit und breit, antwortete Balbus. Du kommst, hofften
wir, mit deinen Isauriern? Die sind noch weit, weit hinter mir! rief
Kallistratos, der eben als der erste nach Cethegus wieder erschien.

Und aufs neue wuchs die Zahl der Leitern und der aufsteigenden Helme. Und
es wuchs die dringendste Gefahr.

Wild blickte Cethegus um sich. Geschosse, rief er mit dem Fue
stampfend, es mssen Geschosse herbei! Da fiel sein Auge auf die riesige
Marmorstatue Zeus, des Erretters, die zu seiner Linken auf der Zinne
stand. Ein Gedanke durchzuckte ihn mit Blitzesschnelle, er sprang hinzu
und schlug mit einem Handbeil den rechten Arm der Statue mitsamt dem
Donnerkeil in ihrer Faust herab. Zeus, rief er, leih mir deinen Blitz!
- Was hltst du ihn so mig? Auf! zerschlagt die Statuen: und schleudert
sie den Feinden auf die Kpfe. Und rascher, als er dies gesagt, ward sein
Beispiel befolgt. Mit xten und Beilen fielen die gengstigten Verteidiger
ber die Gtter und Heroen her und im Augenblick waren all' die herrlichen
Gestalten zertrmmert.

Es war ein grausenhafter Anblick: da barst ein erhabner Hadrian, eine
Reiterstatue, Ro und Reiter mitten auseinander: da strzte eine lchelnde
Aphrodite in die Knie: da flog der schne Marmorkopf eines Antinous vom
Rumpfe und sauste, von zwei Hnden geschleudert, auf einen gotischen
Bffelschild. Und weithin spritzten, die Zinnen bedeckend, Splitter und
Trmmer von Marmor und Erz, von Bronze und Gold. Krachend und drhnend
schlugen die gewaltigen Lasten von Stein und Metall von den Zinnen herab
und zerschmetterten die Helme und Schilde, die Panzer und die Glieder der
strmenden Goten und die Leitern selber, die sie trugen.

Mit Grauen blickte Cethegus auf das furchtbare Werk der Zerstrung, das
sein Wort angerichtet. Aber es hatte gerettet. Zwlf, fnfzehn, zwanzig
Leitern standen leer von den hart aufeinander folgenden Mnnern, die sie
kurz zuvor ameisendicht besetzt hatten: ebensoviel lagen zerbrochen am Fu
der Mauer: berrascht von diesem unerwarteten Erz- und Marmorhagel, wichen
die Goten einen Augenblick. Aber gleich wieder rief sie das Horn Markjas
zum Sturm: und wieder sausten die centnerschweren Lasten hernieder.

Unseliger, was hast du gethan? jammerte Kallistratos und starrte auf die
Trmmer.

Das Notwendige! antwortete Cethegus und schleuderte den Rest von Zeus
dem Erretter ber den Wall. Siehst du, wie das traf? - zwei Barbaren auf
Einen Schlag - und zufrieden blickte er hinab.

Da hrte er den Korinther rufen: Nein, nein. Nicht diesen! Nicht den
Apoll!

Und Cethegus wandte sich und sah, wie ein riesiger Isaurier sein Beil
gegen das Haupt des Latoniden schwang. Narr, sollen die Goten herauf?
fragte der Barbar und holte wieder aus.

Nicht meinen Apollon! wiederholte der Hellene und umschlang den Gott
schtzend mit beiden Armen, weit sich vorbeugend.

Das ersah auf der nchsten Leiter Graf Markja: und glaubend, jener wolle
die Statue auf ihn niederschleudern, kam er ihm zuvor: sein Wurfspeer flog
und traf den Griechen mitten in die Brust. Ach - Cethegus! seufzte er
und starb. Der Prfekt sah ihn fallen und prete die Brauen zusammen.
Rettet die Leiche und seine beiden Gtter verschont! sprach er kurz -
und stie die Leiter um, auf der Markja gestanden: mehr konnte er nicht
sagen und nicht thun: denn schon rief ihn eine neue, die drohendste
Gefahr.

Witichis, von seiner Leiter halb herabgeschleudert, halb herabgesprungen,
war seither hart an der Mauer gestanden unter dem Hagel der Stein- und
Metalltrmmer nach neuen Mitteln sphend. Denn seit der erste Versuch der
Sturmleitern durch die unverhofften, neuen Geschosse, die Gtter und
Herren, abgewiesen war, hoffte er kaum noch, den Wall zu gewinnen. Whrend
er sann und sphte, schlug das schwere Marmorfugestell eines Mars
gradivus dicht neben ihm auf die Erde, prallte nochmal empor und traf
dabei an eine Mauerplatte. Und siehe, diese Platte, die ein Quader von
hrtestem Stein geschienen hatte, zersprang zerbrckelnd in kleine Stcke
von Mrtel und Lehm: und an ihrer Stelle wurde sichtbar eine schmale
Holzpforte, die von jener Masse nur locker verkleidet und verdeckt, den
Maurern und Werkleuten zum Ausgang und Eingang gedient hatte, wenn sie an
dem groen Gebude arbeiteten und nachbesserten.

Kaum ersah Witichis die Holzthr, als er jubelnd ausrief: Hierher,
hierher, ihr Goten! Beile zur Hand! Und schon schlug seine eigne
Streitaxt donnernd an die dnnen Bretter, die nichts weniger als stark
schienen.

Verhngnisvoll drang der neue, seltsame Ton an des Prfekten Ohr! er hielt
oben inne in der Blutarbeit und lauschte. Das ist Eisen gegen Holz! Bei
Csar! sagte er zu sich selbst und sprang die schmale Mauertreppe herab,
die an der Innenseite der zweiten Mauer in den schwach durch l-Lampen
beleuchteten Innenraum des Grabmals fhrte.

Da drhnte ein Schlag lauter als alle frheren, ein dumpfes Krachen und
helles Splittern folgte und jauchzendes Siegesgeschrei der Goten. Wie
Cethegus auf die letzte Stufe der Treppe sprang, fiel die Pforte krachend
nach innen in den Hof und Knig Witichis ward sichtbar auf der Schwelle.

Mein ist Rom! jubelte er, das Beil fallen lassend und das Schwert aus
der Scheide ziehend. Du lgst, Witichis! zum erstenmal im Leben! rief
Cethegus grimmig und sprang vor, so gewaltig den starken Schildstachel
stoend gegen des Goten Brust, da dieser berrascht einen Schritt
zurcktrat.

Diesen Schritt benutzte der Prfekt und stellte sich selbst auf die
Schwelle, die ganze enge Pforte fllend. Wo bleiben die Isaurier! rief
er.

Aber nur einen Augenblick hatte ihm Witichis Zeit gelassen, bis er ihn
erkannte. So treffen wir uns doch im Zweikampf um Rom. Und nun war das
Anspringen an ihm. Cethegus, bemht die ganze ffnung der Pforte zu
verschlieen, deckte mit dem Schild seine Linke; sein rechter Arm mit dem
kurzen Rmerschwert vermochte nicht genug, seine rechte Seite zu decken.
Der Sto des langen Schwertes des starken Goten drang, nicht stark genug
von Cethegus abgewehrt, die Schuppenringe des Panzers durchschneidend,
tief in seine rechte Brust.

Der Prfekt wankte nach links: schon neigte er sich zu fallen: aber er
fiel nicht. Rom! Rom! sagte er tonlos, und krampfhaft hielt er sich noch
aufrecht.

Witichis war einen Schritt zurckgetreten, um in neuem Ansprung dem
gefhrlichen Feind den Rest zu geben. Aber in diesem Augenblick erkannte
ihn oben auf der Zinne Piso und schleuderte einen prachtvollen schlafenden
Faun, der bereits mit abgehauenen Fen auf dem Walle lag, auf den Knig
herab; er traf die Schulter und Witichis strzte nieder. Graf Markja,
Iffamer und Aligern trugen ihn aus dem Gefecht.

Cethegus sah ihn noch fallen. Dann brach er selbst auf der Schwelle der
Pforte zusammen; schtzende Arme eines Freundes fingen ihn auf: - aber er
erkannte diesen nicht mehr: sein Bewutsein schwand.

Doch weckte ihn gleich wieder ein wohlbekannter Ton, der seine Seele
entzckte: es war die Tuba seiner Legionare, das Feldgeschrei seiner
Isaurier, die jetzt - endlich - im Sturmschritt eintrafen und, von den
Liciniern gefhrt, in dichten Scharen sich auf die durch den Fall ihres
Knigs erschtterten Goten strzten. Sie drngten sie siegreich zu einer
(einstweilen von den eingedrungenen Goten von Innen hinausgebrochenen)
Bresche der ersten Mauer unter groem Blutvergieen hinaus.

Der Prfekt sah die letzten Barbaren flchten: - da schlossen sich
abermals seine Augen. Cethegus! rief der Freund, der ihn im Arme hielt,
Belisar im Sterben: und so bist auch du verloren? Cethegus erkannte
jetzt die Stimme Prokops. Ich wei nicht, sprach er mit letzter Kraft,
aber Rom, - Rom ist gerettet! Und damit vergingen ihm die Sinne.




                           Vierzehntes Kapitel.


Nach der Anspannung aller Krfte zu dem allgemeinen Sturm und seiner
Abwehr, der mit dem Morgenrot begonnen und bei sinkender Sonne erst
beendet war, trat bei Goten und Rmern eine lange Pause der Erschlaffung
ein. Die drei Fhrer Belisar, Cethegus und Witichis lagen wochenlang an
ihren Wunden danieder.

Aber noch mehr wurde die thatschliche Waffenruhe veranlat durch die
tiefe Niedergeschlagenheit und Entmutigung, die das Heer der Germanen
befallen hatten, nachdem der mit hchster Anstrengung angestrebte Sieg in
dem Augenblick, da er bereits gewonnen schien, ihnen entrissen wurde.

Sie hatten einen ganzen Tag lang ihr Bestes gethan: ihre Helden hatten an
Tapferkeit gewetteifert: und doch waren beide Plne, der gegen Belisar und
der gegen die Stadt, im Gelingen selbst noch gescheitert. Und wenn auch
Knig Witichis in seinem steten Mute die Gedrcktheit des Heeres nicht
teilte, so erkannte er dafr desto klarer, da er seit jenem blutigen Tage
das ganze System der Belagerung ndern mute.

Der Verlust der Goten war ungeheuer; Prokop schtzt ihn auf dreiigtausend
Tote und mehr als ebensoviele Verwundete: sie hatten sich im ganzen
Umkreis der Stadt mit uerster Todesverachtung den Geschossen der
Belagerten ausgesetzt und am pankratischen Thor und bei dem Grabmal
Hadrians waren sie zu Tausenden gefallen.

Da nun auch in den achtundsechzig frheren Gefechten die Angreifenden
immer viel mehr als die hinter Mauer und Turm gedeckten Verteidiger
gelitten hatten, so war das groe Heer, das Witichis vor Monden gegen die
ewige Stadt gefhrt, furchtbar zusammengeschmolzen. Dazu kam, da schon
seit geraumer Zeit Seuchen und Hunger in ihren Zelten wteten. Bei dieser
Entmutigung und Abnahme seiner Truppen mute Witichis den Gedanken, die
Stadt mit Sturm zu nehmen, aufgeben und seine letzte Hoffnung - er
verhehlte sich ihre Schwche nicht - bestand in der Mglichkeit, der
Mangel werde den Feind zur bergabe zwingen. Die Gegend um Rom war vllig
ausgesogen: und es schien nun darauf anzukommen, welche Partei die
Entbehrung lnger wrde ertragen oder welche sich aus der Ferne wrde
Vorrte verschaffen knnen. Schwer fehlte den Goten die an der Kste von
Dalmatien beschftigte Flotte. -

Der Erste, der sich von seiner Wunde erholte, war der Prfekt.

Von der Pforte, die er mit seinem Leibe verschlossen, bewutlos
weggetragen, lag er anderthalb Tage in einem Zustand, der halb Schlaf,
halb Ohnmacht war.

Als er am Abend des zweiten Tages die Augen aufschlug, traf sein erster
Blick auf den treuen Mauren, der am Fuende des Lagers auf der Erde
kauerte und kein Auge von ihm wandte. Die Schlange war um seinen Arm
gerollt.

Die Holzpforte! war des Prfekten erstes, noch schwach gehauchtes Wort,
die Holzpforte mu fort - ersetzt durch Marmorquadern .. -

Danke, danke dir, Schlangengott! jubelte der Sklave, jetzt ist der Mann
gerettet. Und auch du selbst. Und ich, ich, Herr, habe dich gerettet. Und
er warf sich mit gekreuzten Armen nieder und kte das Lagergestell seines
Herrn. - Er wagte nicht, dessen Fe zu berhren. Du mich gerettet? -
Wodurch?

Als ich dich so totesbleich auf diese Decken gelegt, habe ich den
Schlangengott herbeigeholt, dich ihm gezeigt und gesprochen: Du siehst,
starker Gott, des Herrn Augen sind geschlossen. Hilf, da er sie wieder
aufschlgt. Bis du geholfen, erhltst du keine Krume Brot und keinen
Tropfen Milch. Und wenn er die Augen nicht wieder aufschlgt - an dem
Tage, da sie ihn verbrennen, verbrennt Syphax mit: aber du, o groer
Schlangengott, desgleichen. Du kannst helfen: also hilf: oder brenne. So
sprach ich, und er hat geholfen.

Die Stadt ist sicher - das fhl' ich, sonst htte ich nicht entschlafen
knnen. Lebt Belisar? Ja! wo ist Prokop?

In der Bibliothek mit deinen Tribunen. Sie erwarten nach des Arztes
Ausspruch noch heute dein Erwachen oder deinen ... - - Tod? Diesmal hat
dein Gott noch geholfen, Syphax. La die Tribunen ein.

Bald standen die Licinier, Piso, Salvius Julianus und einige andere vor
ihm; sie wollten bewegt an sein Lager eilen: er winkte ihnen Ruhe zu. Rom
dankt euch, durch mich. Ihr habt gefochten wie - wie Rmer. Mehr,
Stolzeres kann ich euch nicht sagen. Und er bersah wie nachsinnend die
Reihe, dann sagte er: Einer fehlt mir - ah mein Korinther! Die Leiche ist
gerettet. Denn ich empfahl sie Piso, sie und die beiden Letoiden; setzt
ihm als Denkmal eine schwarze Platte von korinthischem Marmor an die
Stelle, wo er fiel: stellt die Statue des Apollo ber die Aschenurne und
schreibt darauf: Kallistratos von Korinth ist hier fr Rom gestorben; er
hat den Gott, der Gott nicht ihn gerettet. Jetzt geht, bald sehen wir uns
wieder - auf den Wllen. Syphax, nun sende mir Prokop. Und bring einen
groen Becher Falernerwein. Freund, rief er dem eintretenden Prokopius
entgegen, mir ist, ich habe vor diesem Fieberschlaf noch flstern hren:
Prokop hat den groen Belisar gerettet. Ein unsterblich Verdienst! Die
ganze Nachwelt wird dir's danken - so brauch' ich's nicht zu thun. Setze
dich hierher und erzhle mir das Ganze ... - Aber halt: erst schiebe die
Kissen zurecht, da ich meinen Csar wieder sehen kann. Sein Anblick
strkt mehr als Arzneien. Nun sprich.

Prokopius sah den Liegenden durchdringend an.

Cethegus, sagte er dann, ernsten Tones, Belisar wei alles. Alles?
lchelte der Prfekt, das ist viel. - La den Spott und versage
Bewunderung nicht dem Edelsinn: du, der du selber edel bist. - Ich?
Nicht da ich wte. - Sowie er zum Bewutsein kam, hat ihm Bessas
natrlich sofort alles mitgeteilt: hat ihm haarklein erzhlt, wie du
befohlen, das Thor gesperrt zu halten, als Belisar in seinem Blute davor
lag, den wtigen Teja auf den Fersen: da du befohlen, seine Leibwchter
niederzuhauen, die mit Gewalt ffnen wollten: jedes Wort von dir hat er
berichtet, auch deinen Ausruf: Erst Rom, dann Belisar: und hat deinen
Kopf verlangt im Rat der Feldherren. Ich erbebte. Aber Belisarius sprach:
er hat recht gethan! hier, Prokop, bring ihm mein eigen Schwert und die
ganze Rstung, die ich an jenem Tage trug, zum Dank. Und in dem Bericht
an den Kaiser hat er mir die Worte diktiert: Cethegus hat Rom gerettet
und nur Cethegus! Schick' ihm den Patriciat von Byzanz!

Ich danke: ich habe Rom nicht fr Byzanz gerettet. - Das brauchst du
mir nicht erst zu sagen, unattischer Rmer.

Ich bin nicht in attischer Laune, Lebensretter! Was war dein Dank?

Still. Er wei nichts davon. Und soll es nie erfahren.

Syphax, Wein. - Soviel Edelsinn kann ich nicht vertragen! Es macht mich
schwach. Nun, wie war der Reiterspa?

Freund, das war kein Spa. Sondern der furchtbarste Ernst, der mir noch
begegnet. Um ein Haar fehlte es, so war Belisar verloren.

Ja, es ist jenes Eine Haar, um das es immer fehlt bei diesen Goten! Dumme
Tlpel sind sie samt und sonders.

Du sprichst, als wr' es dir sehr leid, da Belisar nicht umgekommen.

Recht wr ihm geschehn. Ich hab ihn dreimal gewarnt. Er sollte endlich
wissen, was einem alten Feldherrn ziemt und was einem jungen Raufbold.

Hre, sagte Prokop, ihn ernsthaft betrachtend, du hast dir ein Recht
erworben, so zu sprechen, vor dem Grabmal Hadrians. Frher, wenn du des
Mannes Heldentum herabzogst ... - Dachtest du, ich sprche aus Neid
gegen den tapfern Belisar! Hrt es, ihr unsterblichen Gtter.

Ja, zwar deine gepidischen Lorbeern ... -

La mich mit diesen Knabenstreichen zufrieden! Freund, wenn es gilt, mu
man den Tod verachten, sonst aber vorsichtig das Leben lieben. Denn nur
die Lebendigen herrschen und lachen, nicht die stummen Toten. Das ist
meine Weisheit, und nenn' es meine Feigheit, wenn du willst. Also - euer
berfall - mach's kurz! Wie ging's?

Scharf genug. Als wir die Gegend erkundet hatten, - alles schien frei vom
Feind und sicher zum Futter holen - da wandten wir die Rosse allmhlich
wieder gegen die Stadt, die wenigen Ziegen und die magern Schafe, dir wir
aufgetrieben, in der Mitte, Belisar voran, der junge Severinus, Johannes
und ich an seiner Seite. Pltzlich, wie wir aus dem Dorf _ad aras Bacchi_
ins Freie kommen, jagen aus den Gehlzen zu beiden Seiten der valerischen
Strae von links und rechts gotische Reiter auf uns zu. Ich sah, da sie
uns stark berlegen waren und riet die Flucht mitten durch sie hindurch
auf der Strae nach Rom zu versuchen. Aber Belisar meinte: Viele sind es,
doch nicht allzuviele, und sprengte gegen die Angreifer zur Linken, ihre
Reihen zu durchbrechen. Doch da kamen wir bel an: die Goten ritten besser
und fochten besser als unsere mauretanischen Reiter: und ihre Fhrer,
Totila und Hildebad - jenen erkannte ich an den langflatternden gelben
Haaren und diesen an der ungeschlachten Gre - hielten sichtlich scharf
auf den Feldherrn selbst. Wo ist Belisar und sein Mut? schrie der lange
Hildebad vernehmlich durch das Klirren der Waffen.

Hier! antwortete dieser unverzglich: und ehe wir ihn abhalten konnten,
hielt er schon dem Riesen gegenber. Der war nicht faul und hieb ihm mit
seinem wuchtigen Beil auf den Helm, da der goldene Kamm mit dem weien
Rohaarbschel zerschmettert zur Erde rollte und Belisars Haupt bis auf
den Kopf des Pferdes niederfuhr. Und schon holte jener zum zweiten, dem
tdlichen Streiche aus: da war der junge Severinus, des Bothius Sohn,
heran und fing den Hieb mit dem runden Schilde auf. Aber das Beil des
Barbaren drang durch den Schild und flog noch tief in den Hals des edeln
Jnglings. Er strzte - Prokop stockte in schmerzlichen Gedanken.

Tot? fragte Cethegus ruhig.

Ein alter Freigelassener seines Vaters, der ihn begleitete, trug ihn aus
dem Gefecht. Doch starb er schon, so hrt' ich, eh' er das Dorf
erreichte.

Ein schner Tod! sagte Cethegus. Syphax, einen neuen Becher Wein!

Belisar hatte sich aber inzwischen aufgerafft und stie nun in groem
Zorn mit seinem Speer dem Goten so gewaltig auf die Brustplatte seines
Harnisches, da er der Lnge nach vom Pferde flog. Laut jubelten wir auf,
aber der junge Totila -

Nun?

Sah kaum seinen Bruder fallen, als er sich grimmig durch die Lanzen der
Leibwchter Bahn brach zu Belisar. Aigan, sein Bannertrger, wollte ihn
decken, aber des Goten Schwert traf seinen linken Arm: er ri ihm die
Fahne aus der erschlafften Hand und warf sie dem nchsten Goten zu. Laut
auf schrie Belisar vor Zorn und wandte sich gegen ihn: aber der junge
Totila ist rasch wie der Blitz und zwei scharfe Hiebe trafen, eh' er
sich's versah, des Feldherrn beide Schultern: der wankte im Sattel und
sank langsam vom Pferd, das im selben Augenblick ein Wurfspeer traf und
niederwarf. Gieb dich gefangen, Belisar! rief Totila.

Der Feldherr hatte gerade noch die Kraft, das Haupt verneinend zu
schtteln, da sank er vollends zur Erde. Rasch war ich abgesprungen, hatte
ihn auf mein eigen Pferd gehoben und der Sorge des Johannes empfohlen, der
fnfzig Leibwchter um ihn scharte und ihn schnell aus dem Getmmel
flchtend nach der Stadt hin brachte. - Und du?

Ich focht zu Fu weiter. Und es gelang mir, da jetzt unsere Nachhut
eintraf, - die Vorrte in der Mitte hatten wir preisgegeben - das Gefecht
gegen Totila zu stellen. Aber nicht auf lange. Denn nun war auch die
zweite Schar der gotischen Reiter heran; wie der Sturmwind sauste der
schwarze Teja herzu, durchbrach unsern rechten Flgel, der ihm zunchst
stand, von vorn, durchbrach dann meine eigene gegen Totila gerichtete
Front von der Flanke und zersprengte unsern ganzen Schlachthaufen. Ich gab
das Gefecht verloren, ergriff ein ledig Ro und eilte dem Feldherrn nach.
Aber auch Teja hatte die Richtung von dessen Flucht erkannt und jagte uns
wtend nach. An der fulvischen Brcke holte er die Bedeckung ein; Johannes
und ich hatten mehr als die Hlfte der noch brigen Leibwchter an der
Brcke aufgestellt, den bergang zu wehren, unter Principius, dem tapfern
Pisidier, und Tarmuth, dem riesigen Isaurier. Dort fielen sie alle
dreiig, zuletzt auch die beiden treuen Fhrer, von dem Schwerte des Teja
allein, wie ich vernahm. Dort fiel die Blte von Belisars Leibwchtern:
darunter viele meiner nchsten Waffenfreunde, Alamundarus der Saracene,
Artasines der Perser, Zanter der Armenier, Longinus der Isaurier, Bucha
und Chorsamantes die Massageten, Kutila der Thrakier, Hildeger der
Vandale, Juphrut der Maure, Theodoritos und Georgios die Kappadokier. Aber
ihr Tod erkaufte unsere Rettung. Wir holten hinter der Brcke unser hier
zurckgelassenes Fuvolk ein, das dann noch die feindlichen Reiter so lang
beschftigte, bis das tiburtinische Thor sich, - spt genug! - dem wunden
Feldherrn ffnete. Dann eilt' ich, als wir ihn auf einer Snfte Antoninens
Pflege zugesandt, an das Grabmal Hadrians, wo, wie es hie, die Stadt
genommen sei und fand dich dem Tode nah.

Und was hat jetzt Belisar beschlossen?

Seine Wunden sind nicht so schwer wie die deine und doch die Heilung
langsamer. Er hat den Goten den Waffenstillstand gewhrt, den sie
verlangten, ihre vielen Toten zu bestatten.

Cethegus fuhr auf von den Kissen. Er htte ihn verweigern sollen! Keine
unntze Verzgerung der Entscheidung mehr! ich kenne diese gotischen
Stiere; nun haben sie sich die Hrner stumpf gestrmt: jetzt sind sie md
und mrbe.

Jetzt kam die Zeit fr einen letzten Schlag, den ich schon lang ersonnen.
Die Hitze drauen in der glhenden Ebene werden ihre groen Leiber
schlecht ertragen: schlechter den Hunger: am schlechtesten den Durst. -
Denn der Germane mu saufen, wenn er nicht schnarcht oder prgelt. Nun
braucht man nur ihren vorsichtigen Knig noch ein wenig einzuschchtern.
Sage Belisar meinen Gru: und mein Dank fr sein Schwert sei mein Rat: Er
solle noch heute den gefrchteten Johannes mit acht Tausend Mann durch das
Picenum gegen Ravenna schicken: die flaminische Strae ist frei und wird
wenig gedeckt sein: denn Witichis hat die Besatzungen aller Festungen
hierher gezogen: und leichter gewinnen wir jetzt Ravenna, als die Barbaren
Rom. Sowie aber der Knig Ravenna, seinen allerletzten Hort, bedroht
sieht, wird er eilen, ihn um jeden Preis zu retten. Er wird sein Heer
hinwegziehen von diesen uneinnehmbaren Mauern und wieder der Verfolgte
statt des Verfolgers sein. Cethegus, sprach Prokop aufspringend, du
bist ein groer Feldherr. - Nur nebenbei, Prokopius! geh jetzt und gre
mir den groen Sieger Belisar.




                           Fnfzehntes Kapitel.


An dem letzten Tage des Waffenstillstands konnte Cethegus bereits wieder
auf den Wllen des Grabmals Hadrians erscheinen, wo ihn seine Legionare
und Isaurier mit lautem Zuruf begrten. Sein erster Gang war zu dem
Grabmal des Kallistratos; er legte auf die schwarze Marmorplatte einen
Kranz von Lorbeern und von Rosen nieder. Whrend er von hier aus die
Verstrkung der Befestigungen anordnete, brachte ihm Syphax ein Schreiben
von Mataswintha.

Es lautete lakonisch genug: Mach' bald ein Ende. Nicht lnger kann ich
den Jammer ansehn. Die Bestattung von vierzig Tausend Mnnern meines Volks
hat mir die Brust zerrissen. Die Klagelieder schienen alle mich
anzuklagen. Whrt das noch lnger, so erlieg ich. Der Hunger wtet
furchtbar in dem Lager. Ihre letzte Hoffnung ist eine groe Zufuhr von
Getreide und Vieh, die aus Sdgallien unter Segel ist. An den nchsten
Calenden wird sie auf der Hhe von Portus erwartet. Handle danach - aber
mach' rasch ein Ende.

Triumph, sprach der Prfekt, die Belagerung ist aus. Unsre kleine
Flotte lag bisher fast mig zu Populonium. Jetzt soll sie Arbeit finden.
Diese Knigin ist die Erinnys der Barbaren. Und er ging selbst zu
Belisar, der ihn mit edler Groheit empfing. -

In derselben Nacht, der letzten der Waffenruhe, zog Johannes zum
pincianischen Thore hinaus, dann links nach der flaminischen Strae
schwenkend. Ravenna war sein Ziel. Und eilende Boten flogen zur See mit
raschen Segeln nach Populonium, wo sich ein kleines rmisches Geschwader
gesammelt hatte. Der Kampf um die Stadt ruhte, trotz Ablauf des
Waffenstillstands, fast ganz. Eine Woche darauf etwa, machte der Knig,
der sein Schmerzenslager zum erstenmal verlie, in Begleitung seiner
Freunde den ersten Gang durch die Zelte. Drei von den sieben vormals
menschenwimmelnden Lagern waren vllig verdet und aufgegeben: auch die
brigen vier waren nur noch sprlich bevlkert. Todmde, ohne Klage, aber
auch ohne Hoffnung, lagen die abgemagerten Gestalten, von Hunger und
Fieber verzehrt, vor ihren Zelten.

Kein Zuruf, kein Gru erfreute den wackern Knig auf seinem
schmerzensreichen Gang: kaum da sie die mden Augen aufschlugen bei dem
Schall der nahenden Schritte.

Aus dem Innern der Zelte drang das laute Sthnen der Kranken, der
Sterbenden, die den Wunden, dem Mangel, den Seuchen erlagen. Kaum fand man
die hinlngliche Zahl von Gesunden, die ntigsten Posten zu beziehen. Die
Wachen schleppten die Speere hinter sich her, zu matt, sie aufrecht oder
auf der Schulter zu tragen.

Die Heerfhrer kamen an die Schanzen vor dem aurelischen Thor; im
Wallgraben lag ein junger Schtz und kaute an dem bittern Gras. Hildebad
rief ihm zu: Beim Hammer! Gunthamund, was ist das? deine Sehne ist ja
gesprungen, was ziehst du keine andre auf? - Kann nicht, Herr, die Sehne
sprang gestern bei meinem letzten Schu. Und ich und die drei Bursche
neben mir, wir haben die Kraft nicht, eine neue aufzuziehen. Hildebad gab
ihm einen Trunk aus seiner Lederflasche: hast du auf einen Rmer
geschossen? O nein, Herr, sagte der Mann, eine Ratte nagte dort an der
Leiche. Ich traf sie glcklich und wir teilten sie zu viert.

Iffaswinth, wo ist dein Oheim Iffamer? fragte der Knig. Tot, Herr.

Er fiel hinter dir, als er dich hinwegtrug. Vor dem verfluchten
Marmorgrab.

Und dein Vater Iffamuth? - Auch tot. Er vertrug's nicht mehr, das
giftige Wasser aus den Pftzen. Der Durst, Knig, brennt noch heier als
der Hunger. Und es will ja nicht regnen aus diesem bleiernen Himmel. Ihr
seid alle aus dem Athesisthal? Ja, Herr Knig, vom Iffinger-Berg. O
welch kstlich Quellwasser dort daheim!

Teja sah in einiger Entfernung einen andern Krieger aus seiner Sturmhaube
trinken. Seine Zge verfinsterten sich noch mehr. He du, Arulf! rief er
ihm zu, du scheinst nicht Durst zu leiden? - Nein, ich trinke oft,
sprach der Mann. Was trinkst du? - Das Blut von den Wunden der
Frischgefallnen. Anfangs ekelt's sehr: aber man gewhnt's in der
Verzweiflung.

Schaudernd schritt Witichis weiter. Schick' all' meinen Wein ins Lager,
Hildebad. Die Wachen sollen ihn teilen. - All deinen Wein? O Knig, mein
Schenkamt ist gar leicht geworden. Du hast noch anderthalb Krge. Und
Hildebrand, dein Arzt, sprach, du sollst dich strken.

Und wer strkt diese, Hildebad? Die Not macht sie zu wilden Tieren!

Komm mit nach Hause, mahnte Totila, des Knigs Mantel ergreifend. Hier
ist nicht gut sein.

Im Zelt des Knigs angelangt, setzten sich die Freunde schweigend um den
schnen Marmortisch, der auf goldnen Gefen steinhartes verschimmeltes
Brot aufwies und wenige Stcke Fleisch. Es war das letzte Pferd aus den
kniglichen Stllen, sagte Hildebad, - bis auf Boreas. - Boreas wird
nicht geschlachtet! - mein Weib, mein Kind sind auf seinem Rcken
gesessen.

Und er sttzte das mde Haupt auf die beiden Hnde: eine neue schwere
Pause trat ein. Freunde, hob er endlich an, das geht nicht lnger also.
Unser Volk verdirbt vor diesen Mauern. Mein Entschlu ist schwer und
schmerzlich gereift -

Sprich's noch nicht aus, o Knig! rief Hildebad. In wenig Tagen trifft
Graf Odoswinth von Cremona ein mit der Flotte: und wir schwelgen in allem
Guten.

Er ist noch nicht da! sprach Teja.

Und unser Verlust an Menschen, so schwer er ist, ermutigte Totila, wird
er nicht durch frische Mannschaft ersetzt, wenn Graf Ulithis von Urbinum
eintrifft, mit den Besatzungen, die der Knig aus den Festen von Ravenna
bis Rom weggezogen hat, unsre leeren Zelte zu fllen?

Auch Ulithis ist noch nicht da, sprach Teja. Er soll noch in Picenum
stehen. Und kommt er glcklich an, so wird der Mangel im Lager noch
grer.

Doch auch die Rmerstadt mu fasten! meinte Hildebad, das harte Brot mit
der Faust auf dem Steintisch zerschlagend. La sehn, wer's lnger
aushlt!

Oft hab' ich's berdacht in schweren Tagen und schlummerlosen Nchten,
fuhr der Knig langsam fort.

Warum? warum das alles so kommen mute? Nach bestem Gewissen hab' ich
immer wieder Recht und Unrecht abgewogen, zwischen unsern Feinden und uns:
und ich kann's nicht anders finden, als da Recht und Treue auf unsrer
Seite stehen. Und wahrlich, an Kraft und Mut haben wir's nicht fehlen
lassen.

Du am wenigsten, sagte Totila.

Und an keinem schwersten Opfer! seufzte der Knig. Und wenn nun doch,
wie wir alle sagen, ein Gott im Himmel waltet, gerecht und gut und
allgewaltig, warum lt er all' dies ungeheure, unverdiente Elend zu?
Warum mssen wir erliegen vor Byzanz?

Wir drfen aber nicht erliegen, schrie Hildebad. Ich habe nie viel
gegrbelt ber unsern Herrgott. Aber wenn er das geschehen liee, mte
man Sturm laufen gegen den Himmel und ihm seinen Thron mit Keulen
zerschlagen.

Lstre nicht, mein Bruder! sprach Totila. Und du, mein edler Knig, Mut
und Vertrauen.

Ja, es waltet ein gerechter Gott dort ber den Sternen. Drum mu zuletzt
die gute Sache siegen. Mut, mein Witichis, und Hoffnung bis ans Ende.

Aber der Tiefgebeugte schttelte das Haupt. Ich gestehe es euch, ich habe
aus diesem Irrsal, aus den schrecklichen Zweifeln an Gottes Gerechtigkeit,
nur einen Ausweg gefunden. Es kann nicht sein, da wir all' dies schuldlos
leiden. Und da unsres Volkes Sache zweifellos gerecht, so mu verborgne
Schuld an mir, an eurem Knig haften. Wiederholt, erzhlen unsre Lieder
aus der Heidenzeit, hat sich ein Knig fr sein Volk selbst den Gttern
geopfert, wenn Unsieg, Seuche, Miwachs jahrelang den Stamm verfolgte. Er
hat die verborgne Schuld auf sich genommen, die auf den Volksgenossen zu
lasten schien und sie durch Tod gebt, oder indem er ohne die Krone ins
Elend ging, ein friedloser Landflchtiger. - Lat mich die Krone abthun
von diesem Haupt ohne Glck noch Stern. Whlt einen andern, dem Gott nicht
zrnt: whlt Totila, oder -

Das Wundfieber faselt noch aus dir! unterbrach ihn der alte
Waffenmeister. Du mit Schuld beladen! du, der Treueste von uns allen!
Nein, ich will's euch sagen, ihr Kinder allzujunger Tage, die ihr der
Vter alte Kraft mit der Vter altem Glauben verloren habt, und nun keinen
Trost wit fr eure Herzen. Mich erbarmt eurer Reden ohne Zuversicht. -
Und seine grauen Augen leuchteten in seltnem Glanze ber die Freunde hin.
Alles was hier auf Erden erfreut und schmerzt, ist kaum der Freude noch
des Schmerzes wert. Nur auf eines kommt es hier unten an: ein treuer Mann
gewesen sein, kein Neiding, und den Schlachttot sterben, nicht den
Strohtot. Den treuen Helden aber tragen die Walkren aus dem blutigen Feld
auf roten Wolken hinauf in Odhins Saal, wo die Einheriar mit vollen
Bechern ihn begren. Dann reitet er alltglich mit ihnen hinaus zu Jagd
und Waffenspiel beim Morgenlicht und wieder herein zu Trunk und
Skaldensang in goldner Halle beim Abendlicht. Und schne Schildjungfrauen
kosen mit den Jungen: und weise Vorzeitrunen raunen wir Alten mit den
alten Helden der Vorzeit. Und ich werde sie alle wiederfinden, die starken
Gesellen meiner Jugend, den khnen Winithar und Herrn Waltharis von
Aquitanien und Guntharis den Burgunden. Und schauen werd' ich auch ihn,
dessen Anblick ich lange begehrt: Herrn Beowulf, den Geaten, und aus
grauen Urtagen den Cherusken, der zuerst die Rmer schlug, von dem noch
die Snger der Sachsen singen und sagen. Und wieder trag' ich Schild und
Speer meinem Herrn, dem Knig mit den Adleraugen. Und so leben wir fort in
alle Ewigkeit in Licht und heller Freude, vergessen der Erde hier unten
und alles ihres Wehs.

Ein schn Gedicht, alter Heide, lchelte Totila. Wenn uns aber das
nicht mehr trstet fr wirkliches, herznagendes Leid? Sprich du doch auch,
Teja, du finstrer Gast. Was ist dein Gedanke bei diesen unsern Leiden? Nie
fehlt uns dein Schwert: was versagst du dein Wort? Was schweigt dein
trstender Harfenschlag, du liederkundiger Snger?

Mein Wort, sagte Teja aufstehend, mein Wort und Gedanke wre euch
vielleicht schwerer zu tragen als all' dies Leid. La mich noch schweigen,
mein sonnenheller Totila. Vielleicht kommt noch der Tag, da ich dir
Antwort gebe. Vielleicht auch zur Harfe spiele, wenn dann noch eine Saite
daran hlt. Und er schritt aus dem Zelte.

Denn drauen in dem Lager hatte sich ein wirrer, rtselhafter Lrm von
rufenden, fragenden Stimmen erhoben.

Die Freunde sahen ihm schweigend nach. Ich wei wohl, was er denkt,
sagte der alte Hildebrand endlich. Denn ich kenne ihn vom Knaben auf: Er
ist nicht wie andere. Auch im Nordland denken manche so, die nicht an Thor
und Odhin glauben, sondern nur an die Not und ihre eigene Kraft und
Strke. Es ist fast zu schwer fr ein Menschenherz. Und glcklich, -
glcklich macht es nicht, wie er zu denken. Mich wundert, da er singt und
Harfe schlgt dabei.

Da ri Teja, wieder eintretend, die Zeltvorhnge auf: sein Antlitz war
noch bleicher als zuvor: seine dunkeln Augen blitzten: aber seine Stimme
war ruhig wie sonst, da er sprach: Brich das Lager ab, Knig Witichis.
Unsere Schiffe sind bei Ostia in der Feinde Hand gefallen. Sie haben Graf
Odoswinths Kopf ins Lager geschickt. Und sie lassen auf den Wllen Roms,
vor den Augen unserer Wachen, von den gefangenen Goten die erbeuteten
Rinder schlachten. Groe Verstrkungen aus Byzanz unter Valerian und
Euthalius: Hunnen, Sclavenen und Anten, hat eine segelreiche Flotte aus
Byzanz in den Tiber gefhrt. Denn der blutige Johannes hat das Picenum
durchzogen ... -

Und Graf Ulithis?

Er hat Ulithis geschlagen und gettet, Ancona und Ariminum genommen. Und
-

Ist das noch nicht alles? rief der Knig.

Nein, Witichis! Eile thut not! Er bedroht Ravenna: er steht nur noch
wenige Meilen von der Stadt.




                           Sechzehntes Kapitel.


Am Tage nach dem Eintreffen dieser fr die Goten so verhngnisvollen
Nachrichten hatte Witichis die Belagerung Roms aufgegeben und sein tief
entmutigtes Heer aus den vier noch brigen Lagern herausgezogen.

Ein volles Jahr und neun Tage hatte die Einschlieung gewhrt. So viel Mut
und Kraft, so viele Anstrengungen und Opfer waren vergeblich gewesen.

Schweigend zogen die Goten an den stolzen Wllen vorber, an denen ihr
Glck und ihre Macht zerschellt waren. Schweigend trugen sie die hhnenden
Worte, die Rmer und Romer (Byzantiner) ihnen von den sichern Zinnen
herab zuriefen. Ihr Zorn und ihre Trauer waren zu gro, um durch solchen
Spott getroffen zu werden.

Aber als Belisars Reiterei, aus dem pincianischen Thore brechend, die
Abziehenden verfolgen wollte, wurde sie grimmig zurckgewiesen. Denn Graf
Teja fhrte die gotische Nachhut.

So zog das Heer von Rom auf der flaminischen Strae durch Picenum in
raschen Mrschen (obwohl den von den Feinden besetzten Pltzen Narnia,
Spoletium und Perusium ausgewichen werden mute) nach Ravenna, wo Witichis
zur rechten Zeit eintraf, die gefhrliche Stimmung der Bevlkerung, die
auf die Kunde von dem Unglck der Barbaren schon mit dem drohenden
Johannes in geheime Verhandlungen getreten war, zu unterdrcken.

Johannes zog sich bei der Annherung der Goten in seine letzte wichtige
Eroberung Ariminum zurck. In Ancona lag Konon, der Nauarch Belisars, mit
den thrakischen Speertrgern und mit Kriegsschiffen.

Der Knig fhrte aber keineswegs sein ganzes, von der Belagerung Roms
aufgebrochenes Heer nach Ravenna, sondern hatte unterwegs viele
Mannschaften in Festungen verteilt. Eine Tausendschaft lie er unter
Gibimer in Clusium in Tuscien, eine andre in Urbs Vetus unter Albila, eine
halbe in Tudertum unter Wulfgis: in Auximum vier Tausendschaften unter
Graf Wisand, dem tapfern Bandalarius: in Urbinum zwei unter Morra: in
Caesena und Monsferetrus je eine halbe. Hildebrand entsandte er nach
Verona, Totila nach Tarvisium und Teja nach Ticinum, da auch der Nordosten
der Halbinsel durch byzantinische, von Istrien aus drohende Truppen
gefhrdet wurde.

Er that dies brigens noch aus andern Grnden.

Einmal, um Belisar auf dem Wege nach Ravenna aufzuhalten. Dann, um im Fall
einer Einschlieung nicht wieder sobald durch die groe Strke des Heeres
dem Mangel ausgesetzt zu sein. Und endlich, um fr den nmlichen Fall die
Belagerer auch vom Rcken und zwar von mehreren Seiten her beunruhigen zu
knnen. Sein Plan war zunchst, die seinem Hauptsttzpunkt Ravenna
drohende Gefahr abzuwenden, und sich mit seinen zerrtteten Streitkrften
auf die Verteidigung zu beschrnken, bis fremde Hilfstruppen,
langobardische und frnkische, die er erwartete, ihn in den Stand setzen
wrden, wieder das offne Feld zu halten.

Aber die Hoffnung, Belisar auf seinem Wege nach Ravenna durch diese
gotischen Burgen hinzuhalten, erfllte sich nicht. Er begngte sich, sie
durch beobachtende Truppen einzuschlieen und zog ohne weiteres gegen die
Hauptstadt und den letzten bedeutenden Waffenplatz der Goten. Habe ich
das Herz zum Tode getroffen, sagte er, werden sich die geballten Fuste
von selbst ffnen.

                              --------------

Und so dehnten sich alsbald um die Knigsstadt Theoderichs in weit
gestrecktem Bogen die Zelte der Byzantiner, an allen drei Landseiten, von
der Hafenstadt Classis an bis zu den Kanlen und Zweigarmen des Padus, die
im Westen besonders die Verteidigung der Festungslinien bildeten.

Zwar hatte die alte, vornehme Stadt damals schon viel verloren von dem
Schimmer, in dem sie seit zwei Jahrhunderten fast strahlte als Residenz
der Imperatoren: und auch das letzte Abendrot, das die glorreiche
Regierung Theoderichs ber sie gebreitet, war seit dem Ausbruch des
Krieges verschwunden.

Aber gleichwohl. Welch andern Eindruck mu damals die immer noch
volkreiche, dem heutigen Venedig gleichende Wasserstadt gemacht haben als
heute, wo es den Wandrer aus den ausgestorbnen Straen, den leeren
Pltzen, den einsam schweigenden Basiliken nicht minder melancholisch
anhaucht als drauen, vor den Mauern der Stadt, wo sich weithin die de
Sumpflandschaft der Padusniederungen dehnt, bis sie in den Schlamm des
weit zurckgetretenen Meeres auslaufen.

Wo einst in der Hafenstadt Classis zu Wasser und zu Lande geschftiges
Leben wogte, wo die stolzen Trieren der kaiserlichen Adria-Flotte tief
schaukelnd sich wiegten, da liegen jetzt sumpfige Wiesen, in deren hohem
Schilf und Riedgras verwilderte Bffel grasen; versumpft die Straen,
versandet der Hafen, verschollen das Volk, das hier freudig geherrscht: -
nur ein riesiger runder Turm aus der Gotenzeit steht noch neben der allein
erhaltnen, einsamen Basilika San Apollinare in Classe fuori, die, von
Witichis begonnen, von Justinian vollendet, nun eine Stunde fern von aller
Menschenwohnung auf der sumpfigen Ebene trauernd ragt.

Die starke Seefestung galt fr uneinnehmbar: darum hatten sie seit dem
Sinken ihrer Macht, und der wachsenden Gefhrdung Italiens durch die
Barbaren, die Kaiser zur Residenz gewhlt. Die Sdost-Seite deckte das
damals noch bis an und in ihre und der Hafenstadt Mauern splende Meer.

Und um alle drei Landseiten hatten Natur und Kunst ein labyrinthisches
Netz von Kanlen, Grben und Smpfen des vielarmigen Padus gesponnen, in
welchem sich der Belagerer rettungslos verstricken mute. Und diese
Mauern! noch jetzt erfllen ihre gewaltigen Reste mit Staunen; ihre
ungeheure Dicke und - weniger ihre Hhe als - die Anzahl von starken
Rundtrmen, die von ihren Zinnen noch heute aufsteigen, trotzten vor der
Erfindung der Feuerwaffe jedem Sturm, jedem gewaltsamen Angriff. Nur durch
Aushungerung hatte nach fast vierjhrigem Widerstand der groe Theoderich
diese letzte Zuflucht Odovakars bezwungen.

Vergebens hatte Belisar versucht, gleich nach seiner Ankunft die Stadt mit
Sturm zu nehmen. Krftig ward sein Angriff abgewiesen und die Belagerer
muten sich begngen, die Festung enge zu umschlieen und, wie einst der
Gotenknig, durch Mangel zur bergabe zu ntigen. Dem aber konnte Witichis
getrost entgegensehn. Denn er hatte mit der Vorsicht, die ihm eigen, in
diesem seinem Haupt-Bollwerk, schon vor dem Aufbruch nach Rom, Vorrte
aller Art, namentlich aber Getreide, in auerordentlicher Menge in
besonders von ihm (mit Benutzung und in den Rumen des ungeheuren
Marmorcirkus des Theodosius) erbauten Kornspeichern von Holzgezimmer
aufgehuft. Diese ausgedehnten Holzbauten, gerade gegenber dem Palast und
der Basilika Sancti Apollinaris, waren des Knigs Stolz, Freude und Trost.
Nur weniges von diesen Nahrungsmitteln hatte man durch das von den Feinden
durchstreifte Land nach dem Lager vor Rom fhren knnen: und bei einiger
Sparsamkeit reichten diese Magazine ohne Zweifel fr die Bevlkerung und
das nicht mehr zahlreiche Heer leicht noch zwei und drei Monate aus. Bis
dahin aber war das Eintreffen eines frnkischen Hilfsheeres infolge der
aufs neue angeknpften Verhandlungen sicher zu erwarten. Und dieser
Entsatz mute notwendig die Aufhebung der Belagerung herbeifhren.

Dies wuten - oder ahnten doch - Belisar und Cethegus so gut wie Witichis:
und rastlos sphten sie nach allen Seiten, ein Mittel zu finden, den Fall
der Stadt zu beschleunigen. Der Prfekt suchte natrlich vor allem seine
geheime Verbindung mit der Gotenknigin zu diesem Zwecke zu benutzen. Aber
einmal war der Verkehr mit ihr jetzt sehr erschwert, da die Goten alle
Ausgnge der Stadt sorgfltig berwachten. Und dann schien auch
Mataswintha wesentlich verndert und keineswegs mehr so bereit und
willfhrig, sich als Werkzeug gebrauchen zu lassen, wie ehedem.

Sie hatte eine rasche Vernichtung oder Demtigung des Knigs erwartet. Das
lange Hinzgern ermdete sie: und zugleich hatten die groen Leiden ihres
Volkes in Kampf und Hunger und Krankheit angefangen, sie zu erschttern.

Dazu kam endlich, da die traurige Verwandlung in dem sonst so krftigen
und gesundfreudigen Wesen des Knigs, der stille, aber tiefe und finstre
Gram, der ber seiner Seele lag, mchtig an ihrem Herzen rttelte. Wenn
sie auch mit der ganzen Ungerechtigkeit des Schmerzes, mit dem bittern
Stolz gekrnkter Liebe ihn verklagte, da er ihr Herz verworfen und doch,
um der Krone willen, mit Gewalt ihre Hand erzwungen hatte, und wenn sie
ihn dafr auch mit der ganzen leidenschaftlichen Glut ihres Wesens zu
hassen glaubte und zum Teil auch wirklich hate, so war doch dieser Ha
nur umgeschlagene Liebe. Und als sie ihn nun von dem schweren Unglck der
gotischen Waffen, von dem Fehlschlagen all' seiner Plne - an dem ihr
heimtckischer Verrat so groen Anteil trug, - tief, bis zur
krankhaft-schwermtigen Verfinsterung des Geistes, zu marternder
Selbstpeinigung niedergebeugt sah, so wirkte dieser Anblick gewaltig auf
ihre aus Hrte und Glut seltsam gemischte Natur.

Sie htte im Augenblick des schmerzlichen Zornes mit Entzcken sein Blut
flieen sehen. Aber mondenlang ihn mit bohrendem Gram sich selbst
zerstren sehen, - das ertrug sie nicht. Zu dieser weichern Stimmung trug
aber endlich wesentlich bei, da sie seit der Ankunft in Ravenna auch eine
Vernderung in des Knigs Benehmen gegen sie selbst bemerkt zu haben
glaubte. Spuren von Reue, dachte sie, von Reue ber die Gewaltsamkeit, mit
welcher er in ihr Leben eingegriffen hatte.

Und weil sich in diesem Glauben ihr hartes, schroffes Auftreten bei den
selten und immer nur vor Dritten erfolgenden Begegnungen unwillkrlich
gemildert hatte, erblickte Witichis hierin einen erfreulichen Schritt des
Entgegenkommens, den er stillschweigend ebenfalls mit freundlicheren
Formen anerkannte und lohnte. Grund genug fr Mataswinthens beweglich
flutende Gedanken, die Antrge des Prfekten, selbst wenn diese manchmal
noch durch des klugen Mauren Vermittelung an sie gelangten, abzuweisen.

Doch hatte der Prfekt aus dieser Quelle schon whrend des Zuges gegen
Ravenna erfahren, was spter auch sonst bekannt wurde, da die Goten Hilfe
von den Franken erwarteten. Unverzglich hatte er deshalb seine alten
Verbindungen mit den Vornehmen und Groen, die an den Hfen zu Mettis
(Metz), Aurelianum (Orleans), und Suessianum (Soissons) im Namen der
merowingischen Schattenknige herrschten, wieder angeknpft, um die
Franken, deren damals sprichwrtlich gewordne Falschheit gute Aussicht auf
Gelingen solcher Versuche gewhrte, von dem gotischen Bndnis wieder
abzuziehen.

Und als die Sache durch diese Freunde gehrig vorbereitet war, hatte er an
Knig Theudebald, der zu Mettis Hof hielt, selbst geschrieben und ihn
dringend gewarnt, bei einer so verlornen Sache, wie die gotische seit dem
Scheitern der Belagerung Roms offenbar geworden, sich zu beteiligen.
Diesen Brief hatten reiche Geschenke an seinen alten Freund, den
Majordomus des schwachen Knigs, begleitet: und sehnlich erwartete der
Prfekt von Tag zu Tag die Antwort auf denselben: um so sehnlicher, als
das vernderte Benehmen Mataswinthens die Hoffnung auf raschere
berwltigung der Goten abgeschnitten hatte.

Die Antwort kam, gleichzeitig mit einem kaiserlichen Schreiben aus Byzanz,
an einem fr die Helden in und auer Ravenna gleich verhngnisvollen Tage.




                           Siebzehntes Kapitel.


Hildebad, ungeduldig ber das lange Migliegen, hatte aus der ihm zu
besonderer Obhut anvertrauten Porta Faventina mit Tagesanbruch einen
heftigen Ausfall auf das byzantinische Lager gemacht, anfangs in
ungestmem Anlauf rasche Vorteile errungen, einen Teil der
Belagerungswerkzeuge verbrannt und ringsum Schrecken verbreitet.

Er htte unfehlbar noch viel grern Schaden angerichtet, wenn nicht der
rasch herbeieilende Belisar an diesem Tage all' seine Feldherrnschaft und
all' sein Heldentum zugleich entfaltet htte. Ohne Helm und Harnisch, wie
er vom Lager aufgesprungen, hatte er sich zuerst seinen eignen fliehenden
Vorposten, dann den gotischen Verfolgern entgegengeworfen und durch
uerste persnliche Anstrengung und Aufopferung das Gefecht zum Stehen
gebracht. Darauf aber hatte er seine beiden Flanken so geschickt
verwendet, da Hildebads Rckzug ernstlich bedroht war und die Goten, um
nicht abgeschnitten zu werden, all' ihre errungenen Vorteile aufgeben und
schleunigst in die Stadt zurckeilen muten.

Cethegus, der mit seinen Isauriern vor der Porta Honoriana lag und zur
Hilfe herbeikam, fand das Treffen schon beendet und konnte nicht umhin,
nachher Belisar in seinem Zelte aufzusuchen und ihm, als Feldherrn wie als
Krieger, seine Anerkennung auszusprechen, ein Lob, das Antonina begierig
einsog. Wirklich, Belisarius, schlo der Prfekt, Kaiser Justinian kann
dir das nicht vergelten.

Da sprichst du wahr, antwortete Belisar stolz: er vergilt mir nur durch
seine Freundschaft. Fr seinen Feldherrnstab knnte ich nicht thun, was
ich fr ihn schon gethan habe und noch immer thue. Ich thu's, weil ich ihn
wirklich liebe. Denn er ist ein groer Mann mit allen seinen Schwchen.
Wenn er nur Eins noch lernte: mir vertrau'n. Aber getrost: - er wird's
noch lernen.

Da kam Prokop und brachte einen Brief von Byzanz, der soeben von einem
kaiserlichen Gesandten berbracht worden. Mit freudestrahlendem Antlitz
sprang Belisar, aller Mdigkeit vergessen, vom Polster auf, kte die
purpurnen Schnre, durchschnitt sie dann mit dem Dolch und ffnete das
Schreiben mit den Worten: Von meinem Herrn und Kaiser selbst! Ah, nun
wird er mir die Leibwchter senden und den lang geschuldeten Sold, den ich
erwarte, und das vorgeschossene Gold.

Und er begann zu lesen.

Aufmerksam beobachteten ihn Antonina, Prokop und Cethegus: seine Zge
verfinsterten sich mehr und mehr: seine breite Brust fing an, sich wie in
schwerem Krampf zu heben: die beiden Hnde, mit welchen er das Schreiben
hielt, zitterten. Besorgt trat Antonina heran: aber ehe sie fragen konnte,
stie Belisar einen dumpfen Schrei der Wut aus, schleuderte das
kaiserliche Schreiben auf die Erde und strzte auer sich aus dem Gezelt;
eilend folgte ihm seine Gattin.

Jetzt darf ihm nur Antonina vor die Augen, sagte Prokop, den Brief
aufhebend. La sehn: wohl wieder ein Stcklein kaiserlichen Dankes, -
und er las: Der Eingang ist Redensart, wie gewhnlich - aha, jetzt kommt
es besser:

Wir knnen gleichwohl nicht verhehlen, da wir, nach deinen eignen
frheren Berhmungen, eine raschere Beendigung des Krieges gegen diese
Barbaren erwartet htten und glauben auch, da eine solche bei grerer
Anstrengung nicht unmglich gewesen wre. Deshalb knnen wir deinem
wiederholt geuerten Wunsche nicht entsprechen, dir deine brigen
fnftausend Mann Leibwchter, die noch in Persien stehen, sowie die vier
Centenare Goldes nachzusenden, die in deinem Palaste in Byzanz liegen.

Allerdings sind beide, wie du in deinem Briefe ziemlich berflssigermaen
bemerkst, dein Eigentum: und dein in demselben Brief geuerter Entschlu,
du wollest diesen Gotenkrieg bei dermaliger Erschpftheit des kaiserlichen
Sckels aus eignen Mitteln zu Ende fhren, verdient, da wir ihn als
pflichtgetreu bezeichnen. Da aber, wie du in gleichem Briefe richtiger
hinzugefgt, all dein Hab' und Gut deines Kaisers Majestt zu Diensten
steht und kaiserliche Majestt die erbetene Verwendung deiner Leibwchter
und deines Goldes in Italien fr berflssig halten mu, so haben wir,
deiner Zustimmung gewi, anderweitig darber verfgt und bereits Truppen
und Schtze, zur Beendung des Perserkriegs, deinem Kollegen Narses
bergeben. - Ha, unerhrt! unterbrach sich Prokop.

Cethegus lchelte: Das ist Herrendank fr Sklavendienst.

Auch das Ende scheint hbsch, fuhr Prokopius fort. - Eine Vermehrung
deiner Macht in Italien aber scheint uns um so minder wnschbar, als man
uns wieder tglich vor deinem ungemessenen Ehrgeiz warnt.

Erst neulich sollst du beim Weine gesagt haben: das Scepter sei aus dem
Feldherrnstab und dieser aus dem Stock entstanden: - gefhrliche Gedanken
und ungeziemende Worte.

Du siehst, wir sind von deinen ehrgeizigen Trumen unterrichtet.

Diesmal wollen wir warnen, ohne zu strafen: aber wir haben nicht Lust, dir
noch mehr Holz zu deinem Feldherrnstab zu liefern: und wir erinnern dich,
da die stolzest ragenden Wipfel dem kaiserlichen Blitz am nchsten
stehn.

Das ist schndlich! rief Prokop. Nein, das ist schlimmer: es ist dumm!
sagte Cethegus. Das heit die Treue selbst zum Aufruhr peitschen.

Recht hast du, schrie Belisar, der, wieder hereinstrmend, diese Worte
noch gehrt hatte. Oh, er verdient Aufruhr und Emprung, der undankbare,
boshafte, schndliche Tyrann.

Schweig! Um aller Heiligen willen, du richtest dich zu Grunde! beschwor
ihn Antonina, die mit ihm wieder eingetreten war und suchte, seine Hand zu
fassen.

Nein, ich will nicht schweigen, rief der Zornige, an der offenen
Zeltthr auf und niederrennend, vor welcher Bessas, Acacius, Demetrius und
viele andere Heerfhrer mit Staunen lauschend standen. Alle Welt soll's
hren. Er ist ein undankbarer, heimtckischer Tyrann! Ja du verdientest,
da ich dich strzte! Da ich dir thte nach dem Argwohn deiner falschen
Seele, Justinianus!

Cethegus warf einen Blick auf die drauen Stehenden: sie hatten offenbar
alles vernommen: jetzt, eifrig Antoninen winkend, schritt er an den
Eingang und zog die Vorhnge zu. Antonina dankte ihm mit einem Blicke. Sie
trat wieder zu ihrem Gatten: aber dieser hatte sich jetzt neben dem
Zeltbett auf die Erde geworfen, schlug die geballten Fuste gegen seine
Brust und stammelte: O Justinianus, hab' ich das um dich verdient? O zu
viel, zu viel! Und pltzlich brach der gewalt'ge Mann in einen Strom von
hellen Thrnen aus. Da wandte sich Cethegus verchtlich ab: Lebwohl,
sagte er leise zu Prokopius, mich ekelt es, wenn Mnner heulen.




                           Achtzehntes Kapitel.


In schweren Gedanken schritt der Prfekt aus dem Zelt und ging, das Lager
umwandelnd, nach der ziemlich entlegenen Verschanzung, wo er mit seinen
Isauriern sich eingegraben hatte vor dem Thor des Honorius. Es war auf der
Sdseite der Stadt, nahe dem Hafenwall von Classis, und der Weg fhrte zum
Teil am Meeresstrand entlang.

So sehr den einsamen Wanderer in diesem Augenblick der groe Gedanke, der
der Pulsschlag seines Lebens geworden war, beschftigte, so schwer die
Unberechenbarkeit Belisars, dieses gefhlsberschwenglichen
Gemtsmenschen, und die Spannung wegen der Antwort der Franken gerade
jetzt auf ihm lastete, - doch ward seine Merksamkeit, wenn auch nur
vorbergehend, auf das auergewhnliche Aussehen der Landschaft, des
Himmels, der See, der ganzen Natur abgezogen.

Es war Oktober: - aber die Jahreszeit schien seit langen Wochen ihr Gesetz
gendert zu haben. Seit zwei Monden fast hatte es nicht geregnet: ja kein
Gewlk, kein Streif von Nebel hatte sich in dieser sonst so dnstereichen
Sumpflandschaft gezeigt. Jetzt pltzlich - es war gegen Sonnenuntergang -
bemerkte Cethegus im Osten, ber dem Meer, am fernsten Horizont, eine
einzelne rundgeballte, rabenschwarze Wolke, die seit kurzem aufgestiegen
sein mute.

Die untertauchende Sonnenscheibe, obwohl frei von Nebeln, zeigte keine
Strahlen. Kein Lufthauch kruselte die bleierne Flut des Meeres.

Keine noch so leise Welle splte an den Strand. In der weitgestreckten
Ebene regte sich kein Blatt an den Olivenbumen. Ja, nicht einmal das
Schilf in den Sumpfgrben bebte.

Kein Laut eines Tieres, kein Vogelflug war vernehmbar: und ein
fremdartiger, erstickender Qualm, wie Schwefel, schien drckend ber Land
und Meer zu liegen und hemmte das Atmen. Maultiere und Pferde schlugen
unruhig gegen die Bretter der Planken, an welchen sie im Lager angebunden
waren. Einige Kamele und Dromedare, die Belisar aus Afrika mitgebracht,
whlten den Kopf in den Sand. -

Schwer beklommen atmete der Wanderer mehrmals auf und blickte befremdet um
sich. Das ist schwl: wie vor dem Wind des Todes in den Wsten
gyptens, sagte er zu sich selber. - Schwl berall - auen und innen. -
Auf wen wird sich der lang versparte Groll der Natur und Leidenschaft
entladen?

Damit trat er in sein Zelt. Syphax sprach zu ihm, Herr, wr' ich daheim,
ich glaubte heute: der Gifthauch des Wstengottes sei im Anzug, und er
reichte ihm einen Brief.

Es war die Antwort des Frankenknigs! Hastig ri Cethegus das groe,
prunkende Siegel auf.

Wer hat ihn gebracht?

Ein Gesandter, der, nachdem er den Prfekten nicht getroffen, sich zu
Belisar hatte fhren lassen. Er hatte den nchsten Weg - den durchs Lager
- verlangt. Deshalb hatte ihn Cethegus verfehlt.

Er las begierig: Theudebald, Knig der Franken, Cethegus dem Prfekten
Roms. Kluge Worte hast du uns geschrieben. Noch klgere nicht der Schrift
vertraut, sondern uns durch unsern Majordomus kundgethan. Wir sind nicht
bel geneigt, danach zu thun. Wir nehmen deinen Rat und die Geschenke, die
ihn begleiten, an. Den Bund mit den Goten hat ihr Unglck gelst. Dies,
nicht unsere Wandelung, mgen sie verklagen.

Wen der Himmel verlt, von dem sollen auch die Menschen lassen, wenn sie
fromm und klug. Zwar haben sie uns den Sold fr das Hilfsheer in mehreren
Centenaren Goldes vorausbezahlt. Allein das bildet in unsern Augen kein
Hindernis.

Wir behalten diese Schtze als Pfand, bis sie uns die Stdte in Sdgallien
abgetreten, welche in die von Gott und der Natur dem Reich der Franken
vorgezeichnete Gebietsgrenze fallen. Da wir aber den Feldzug bereits
vorbereitet und unser tapferes Heer, das schon den Kampf erwartet, nur mit
gefhrlichem Murren die Langeweile des Friedens tragen wrde, sind wir
gewillt, unsere siegreichen Scharen gleichwohl ber die Alpen zu schicken.
Nur anstatt fr: gegen die Goten.

Aber freilich, auch nicht fr den Kaiser Justinianus, der uns fortwhrend
den Knigstitel vorenthlt, sich auf seinen Mnzen Herrn von Gallien
nennt, uns keine Goldmnzen mit eigenem Brustbild prgen lassen will und
uns noch andere hchst unertrgliche Krnkungen unserer Ehre angethan. Wir
gedenken vielmehr, unsere eigene Macht nach Italien auszudehnen.

Da wir nun wohl wissen, da des Kaisers ganze Strke in diesem Lande auf
seinem Feldherrn Belisar beruht, dieser aber eine groe Zahl alter und
neuer Beschwerden gegen seinen undankbaren Herrn zu fhren hat: so werden
wir diesem Helden antragen, sich zum Kaiser des Abendlandes aufzuwerfen,
wobei wir ihm ein Heer von hunderttausend Franken-Helden zu Hilfe senden
und uns dafr nur einen kleinen Teil Italiens von den Alpen bis Genua hin
abtreten lassen werden.

Wir halten fr unmglich, da ein Sterblicher dieses Anerbieten ablehne.
Falls du zu diesem Plane mitwirken willst, verheien wir dir eine Summe
von zwlf Centenaren Goldes und werden, gegen eine Rckzahlung von zwei
Centenaren, deinen Namen in die Liste unserer Tischgenossen aufnehmen. Der
Gesandte, der dir diesen Brief gebracht, Herzog Liuthari, hat unsern
Antrag Belisar mitzuteilen.

Mit steigender Erregung hatte Cethegus zu Ende gelesen.

Jetzt fuhr er auf. Ein solcher Antrag zu dieser Stunde: - in dieser
Stimmung: - er nimmt ihn an! Kaiser des Abendlandes mit hunderttausend
Franken-Kriegern! Er darf nicht leben. -

Und er eilte an den Eingang seines Zeltes. Dort aber blieb er pltzlich
stehen: Thor, der ich war! lchelte er kalt. Heibltig noch immer? Er
ist ja Belisar und nicht Cethegus! Er nimmt nicht an. Das wre, wie wenn
der Mond sich gegen die Erde empren wollte, als ob der zahme Haushund
pltzlich zum grimmigen Wolfe wrde. Er nimmt nicht an! Aber nun la
sehen, wie wir die Niedertracht und Gier dieses Merowingen nutzen. Nein,
Frankenknig, und er lchelte bitter auf den zusammengeknitterten Brief,
solang Cethegus lebt, - nicht einen Fu breit von Italiens Boden.

Und einen raschen, heftigen Gang durchs Zelt. Einen zweiten langsamern.
Und einen dritten -: nun blieb er stehen -: und ber seine mchtige Stirn
zuckt' es hin. Ich hab' es! frohlockte er. Auf, Syphax, rief er, geh'
und rufe mir Prokop. -

Und bei einem neuen Durchschreiten des Gemachs fiel sein Blick auf den zur
Erde gefallenen Brief des Merowingen. Nein, lchelte er triumphierend,
ihn aufhebend, nein, Frankenknig, nicht soviel Raum als dieser Brief
bedeckt, sollst du haben von Italiens heiliger Erde.

Bald erschien Prokop. Die beiden Mnner pflogen ber Nacht ernste, schwere
Beratung. Prokop erschrak vor den schwindelkhnen Plnen des Prfekten und
weigerte sich lange, darauf einzugehen.

Aber mit berlegener Geistesmacht hatte ihn der gewaltige Mann umklammert
und hielt ihn eisern fest mit zwingenden Gedanken, schlug jeden Einwand,
noch eh' er ausgesprochen, mit siegender berredung nieder und lie nicht
eher ab, seine unzerreibaren und dichten Fden um den Widerstrebenden zu
ziehen, bis dem Eingesponnenen die Kraft des Widerstandes versagte. -

Die Sterne erblichen und das erste Tagesgrauen erhellte den Osten mit
blassem Streif, als Prokopius von dem Freunde Abschied nahm. Cethegus,
sagte er aufstehend, ich bewundere dich.

Wr' ich nicht Belisars, - ich mchte dein Geschichtschreiber sein.

Interessanter wre es, sagte der Prfekt ruhig, aber schwerer.

Doch graut mir vor der tzenden Schrfe deines Geistes. Sie ist ein
Zeichen der Zeit, in der wir leben. Sie ist wie eine blendendfarbige
Giftblume auf einem Sumpfe. Wenn ich denke wie du den Gotenknig durch
sein eigen Weib zu Grunde gerichtet ... -

Ich mute dir das jetzt sagen. Leider hab' ich in letzter Zeit wenig von
meiner schnen Verbndeten gehrt.

Deine Verbndete! Deine Mittel sind ... - Immer zweckmig.

Aber nicht immer ..! - Gleichviel, ich gehe mit dir: - noch eine Strecke
Weges, weil ich meinen Helden aus Italien fort haben will, sobald als
mglich. Er soll in Persien Lorbeeren sammeln, statt hier Dornen. Aber ich
gehe nicht weiter mit dir als bis ... -

Zu deinem Ziel, das versteht sich.

Genug. Ich spreche sofort mit Antoninen: ich zweifle nicht am Erfolg. Sie
langweilt sich hier aufs tdlichste. Sie brennt vor Begierde, in Byzanz
nicht nur so manchen Freund wiederzufinden, auch die Feinde ihres Gatten
zu verderben.

Eine gute schlechte Frau.

Aber Witichis? Meinst du, er wird eine Emprung Belisars fr mglich
halten?

Knig Witichis ist ein guter Soldat und schlechter Psychologe. Ich kenne
einen viel schrferen Kopf, der's doch einen Augenblick fr mglich hielt.
Und du zeigst ihm ja alles schriftlich. Und jetzt gerade, da er von den
Franken im Stich gelassen ist, geht ihm das Wasser an den Hals: - er
greift nach jedem Strohhalm. Daran also zweifle ich nicht: - versichre
dich nur Antoninens. -

Das la meine Sorge sein. Bis Mittag hoff' ich als Gesandter in Ravenna
einzuziehn.

Wohl: - dann vergi mir nicht, die schne Knigin zu sprechen.




                           Neunzehntes Kapitel.


Und Mittags ritt Prokop in Ravenna ein.

Er trug vier Briefe bei sich: den Brief Justinians an Belisar, die Briefe
des Frankenknigs an Cethegus und an Belisar und einen Brief Belisars an
Witichis. Diesen letztern hatte Prokop geschrieben und Cethegus hatte ihn
diktiert.

Der Gesandte hatte keine Ahnung, in welcher Seelenverfassung er den Knig
der Goten und seine Knigin antraf. Der gesunde, aber einfache Sinn des
Knigs hatte schon seit geraumer Zeit begonnen, unter dem Druck
unausgesetzten Unglcks zwar nicht zu verzagen, jedoch sich zu verdstern.
Die Ermordung seines einzigen Kindes, das herzzerfleischende Losreien von
seinem Weibe hatten ihn schwer erschttert: - aber er hatte es getragen
fr den Sieg der Goten. Und nun war dieser Sieg hartnckig ausgeblieben.

Trotz allen Anstrengungen war die Sache seines Volkes mit jedem Monat
seiner Regierung tiefer gefallen: mit einziger Ausnahme des Gefechts bei
dem Zug nach Rom hatte ihm nie das Glck gelchelt.

Die mit so stolzen Hoffnungen unternommene Belagerung von Rom hatte mit
dem Verlust von drei Vierteln seines Heeres und traurigem Rckzug geendet.
Neue Unglcksschlge, Nachrichten, die betubend wie Keulenschlge auf den
Helm in dichter Folge sich drngten, mehrten seine Niedergeschlagenheit
und steigerten sie zu dumpfer Hoffnungslosigkeit.

Fast ganz Italien, auerhalb Ravenna, schien Tag fr Tag verloren zu
gehen. Schon von Rom aus hatte Belisar eine Flotte gegen Genua gesendet,
unter Mundila, dem Heruler, und Ennes, dem Isaurier: ohne Schwertstreich
gewannen deren gelandete Truppen den seebeherrschenden Hafen und von da
aus fast ganz Ligurien. Nach dem wichtigen Mediolanum lud sie Datius, der
Bischof dieser Stadt, selbst: von dort aus gewannen sie Bergomum, Comum,
Novaria. Andrerseits ergaben sich die entmutigten Goten in Clusium und dem
halbverfallnen Dertona den Belagerern und wurden gefangen aus Italien
gefhrt. Urbinum ward nach tapferm Widerstand von den Byzantinern erobert,
ebenso Forum Cornelii und die ganze Landschaft milia durch Johannes den
Blutigen: die Versuche der Goten, Ancona, Ariminum und Mediolanum wieder
zu nehmen, scheiterten.

Noch schlimmere Botschaften aber trafen bald des Knigs weiches Gemt.

Denn inzwischen wtete der Hunger in den weiten Landschaften milia,
Picenum, Tuscien. Dem Pfluge fehlten Mnner, Rinder und Rosse.

Die Leute flchteten in die Berge und Wlder, buken Brot aus Eicheln und
verschlangen das Gras und Unkraut. Verheerende Krankheiten entstanden aus
der mangelnden oder ungesunden Nahrung. In Picenum allein erlagen fnfzig
tausend Menschen, noch mehr jenseit des Ionischen Meerbusens in Dalmatien,
dem Hunger und den Seuchen. Bleich und abgemagert wankten die noch
Lebenden dem Grabe zu: wie Leder ward die Haut und schwarz, die glhenden
Augen traten aus dem Kopf, die Eingeweide brannten. Die Aasvgel
verschmhten die Leichen dieser Pestopfer: aber von Menschen ward das
Menschenfleisch gierig gegessen. Mtter tteten und verzehrten ihre
neugebornen Kinder. In einem Gehft bei Ariminum waren nur noch zwei
rmische Weiber brig. Diese ermordeten und verzehrten nacheinander
siebzehn Menschen, die vereinzelt bei ihnen Unterkunft gesucht. Erst der
achtzehnte erwachte, bevor sie ihn im Schlaf zu erwrgen vermochten,
ttete die werwlfischen Unholdinnen und brachte das Schicksal der
frheren Opfer ans Licht.

Endlich scheiterte auch die auf Langobarden und Franken gesetzte Hoffnung.
Die letzteren, die groe Summen fr das zugesagte Hilfsheer empfangen
hatten, verharrten in schweigender Ruhe. Die ungestm zur Eile, zur
Erfllung der versprochenen und vorausbezahlten Leistungen mahnenden Boten
des Knigs wurden zu Mettis, Aurelianum und Paris festgehalten: keinerlei
Antwort kam von diesen Hfen. Der Langobardenknig Audoin aber lie sagen:
er wolle nichts entscheiden ohne seinen kriegsgewaltigen Sohn Alboin,
dieser jedoch sei mit groem Gefolge auf Abenteuer ausgezogen.

Vielleicht komme derselbe selbst einmal nach Italien: - er sei mit Narses
eng befreundet. Dann werde er das Land sich ansehn und seinem Vater und
Volke raten, welche Beschlsse sie ber dies Land Italia fassen sollten.

Tapfer widerstand zwar noch Auximum monatelang allen Anstrengungen des
starken Belagerungsheeres, das Belisar selbst, begleitet von Prokop, vor
die Mauern gefhrt hatte und whrend der Einschlieung befehligte. Aber es
zerri dem Knig das Herz, als ihm durch einen Boten (der nur mit Mhe und
verwundet sich durch die Reihen beider einschlieenden Heere in das drei
Tagreisen entfernte Ravenna schlich) der heldenmtige Graf Wisand der
Bandalarius die folgenden Worte sandte: Als du mir Auximum anvertrautest,
sagtest du: ich sollte damit die Schlssel Ravennas, ja des Gotenreiches
hten. Ich sollte mnnlich widerstehen, dann wrdest du bald mit all'
deinem Heer zu unsrem Entsatz heranziehen. Wir haben mnnlich widerstanden
Belisar und dem Hunger. Wo bleibt dein Entsatz? Wehe, wenn du recht
gesprochen und mit unsrer Feste jene Schlssel in der Feinde Hnde fallen.
Deshalb komm und hilf: - mehr um des Reichs, als unsrer willen.

Diesem Boten folgte bald ein zweiter, ein mit vielem Golde bestochner
Soldat der Belagerer, Burcentius: sein Auftrag lautete - mit Blut war der
kurze Brief geschrieben: - Wir haben nur mehr das Unkraut zu essen, das
aus den Steinen wchst. Lnger als fnf Tage knnen wir uns nicht mehr
halten. Der Bote fiel auf der Rckkehr mit der Antwort des Knigs in die
Hand der Belagerer, die ihn im Angesicht der Goten vor den Wllen von
Auximum lebendig verbrannten.

Ach und der Knig konnte nicht helfen!

Noch immer widerstand das Huflein Goten in Auximum, obwohl ihnen Belisar
durch Zerstrung der Wasserleitung das Wasser abschnitt und den letzten
Brunnen, der ihnen geblieben und nicht abzugraben war, durch Leichen von
Menschen und Tieren und Kalklsungen vergiftete. Sturmangriffe schlug
Wisand immer noch blutig ab: nur durch Aufopferung eines Leibwchters
entging einmal Belisar hierbei dem ganz nahen Tode.

Endlich fiel zuerst Csena, die letzte gotische Stadt in der milia, und
dann Fsul, das Cyprianus und Justinus belagerten. Mein Fsul! rief
der Knig, als er es erfuhr: - denn er war Graf dieser Stadt gewesen und
dicht dabei lag das Haus, das er mit Rauthgundis bewohnt hatte. Die
Hunnen hausen wohl an meinem zerstrten Herd!

Als aber die gefangene Besatzung von Fsul den Belagerten in Auximum in
Ketten vor Augen gefhrt und von diesen Gefangnen selbst jeder Entsatz von
Ravenna her als hoffnungslos bezeichnet wurde, da ntigten den Bandalarius
seine verhungerten Scharen zur bergabe.

Er selbst bedang sich freies Geleit nach Ravenna aus.

Seine Tausendschaften wurden gefangen aus Italien gefhrt. Ja, so tief
gesunken war Mut und Volksgefhl der endlich Bezwungenen, da sie unter
Graf Sisifrid von Sarsina gegen die eigenen Volksgenossen Dienste nahmen
unter Belisars Fahnen.

Der Sieger hatte Auximum stark besetzt und alsbald die bisherigen
Belagerer dieser Feste zurckgefhrt in das Lager vor Ravenna, wo er
Cethegus den bisher anvertrauten Oberbefehl wieder abnahm.

Es war, als ob ein Fluch an dem Haupte des Gotenknigs hafte, auf dem so
schwer die Krone lastete. Da er nun den Grund seines Milingens keiner
Schwche, keinem Versehen auf seiner Seite zuschreiben, da er ebensowenig
an dem guten Recht der Goten gegen die Byzantiner zweifeln und da seine
einfache Gottesfurcht in diesem Ausgang nichts andres als das Walten des
Himmels erblicken konnte, so kam er immer wieder auf den qulenden
Gedanken, es sei um seiner unvergebenen Sndenschuld willen, da Gott die
Goten zchtige: eine Verstellung, welche die Anschauungen des die Zeit
beherrschenden alten Testaments ihm nicht minder nahe legten als viele
Zge der alten germanischen Knigssage.

Diese Gedanken verfolgten unablssig den tchtigen Mann und nagten Tag und
Nacht an der Kraft seiner Seele. Bald suchte er im selbstqulerischen
Grbeln jene seine geheime Schuld zu entdecken. Bald sann er nach, wie er
den ihn verfolgenden Fluch wenigstens von seinem Volke wenden knne.
Lngst htte er die Krone einem andern abgetreten, wenn ein solcher
Schritt in diesem Augenblick nicht ihm und andern als Feigheit htte
erscheinen mssen. So war ihm auch dieser Ausweg - der nchste und liebste
- aus seinen qulenden Gedanken verschlossen. Gebeugt sa jetzt oft der
sonst so stattliche Mann, blickte lange starr und schweigend vor sich hin,
nur manchmal das Haupt schttelnd oder tief aufseufzend.

Der tgliche Anblick dieses stillen, stolzen Leidens, dieses stummen und
hilflosen Erduldens eines niederdrckenden Geschickes blieb, wie wir
gesehen, nicht ohne Eindruck auf Mataswintha. Auch glaubte sie sich nicht
darin getuscht zu haben, da seit geraumer Zeit sein Auge milder als
sonst, mit Wehmut, ja mit Wohlwollen auf ihr geruht habe. Und so drngte
sie teils uneingestandene Hoffnung, die so schwer erlischt im liebenden
Herzen, teils Reue und Mitleid mchtiger als je zu dem leidenden Knig.

Oft wurden sie jetzt auch durch ein gemeinsames Werk der Barmherzigkeit
vereint. Die Bevlkerung von Ravenna hatte in den letzten Wochen
angefangen, whrend die Belagerer von Ancona aus das Meer beherrschten und
aus Calabrien und Sicilien reiche Vorrte bezogen, Mangel zu leiden. Nur
die Reichen vermochten noch die hohen Preise des Getreides zu bezahlen.
Des Knigs mildes Herz nahm keinen Anstand, aus dem berflu seiner
Magazine, die, wie gesagt, die doppelte Zeit bis zu dem Eintreffen der
Franken auszureichen versprachen, auch an die Armen der Stadt wohlthtige
Verteilungen zu machen, nachdem er seine gotischen Tausendschaften
versorgt hatte: auch hoffte er auf eine groe Menge von Getreideschiffen,
welche die Goten in den oberen Padus-Gegenden auf diesem Flusse
zusammengebracht hatten und in die Stadt zu schaffen trachteten.

Um aber jeden Mibrauch und alles berma bei jenen Spenden fernzuhalten,
berwachte der Knig selbst diese Austeilungen: und Mataswintha, die ihn
einmal mitten unter den bettelnden und dankenden Haufen angetroffen, hatte
sich neben ihn auf die Marmorstufen der Basilika von Sankt Apollinaris
gestellt und ihm geholfen, die Krbe mit Brot verteilen. Es war ein
schner Anblick, wie das Paar, er zur Rechten, die Knigin zur Linken, vor
der Kirchenpforte standen und ber die Stufen hinab dem segenrufenden Volk
die Spende reichten.

Whrend sie so standen, bemerkte Mataswintha unter der drngenden,
flutenden Volksmasse, - denn es war viel Landvolk ja auch von allen Seiten
vor den Schrecken des Krieges in die rettenden Mauern zusammengestrmt, -
auf der untersten Stufe der Basilika seitwrts ein Weib in schlichtem,
braunem, halb ber den Kopf gezogenem Mantel. Dies Weib drngte nicht mit
den andern die Stufen hinan, um auch Brot fr sich zu fordern: sondern
lehnte, vorgebeugt, den Kopf auf die linke Hand und diesen Arm auf einen
hohen Sarkophag gesttzt, hinter der Ecksule der Basilika und blickte
scharf und unverwandt auf die Knigin.

Mataswintha glaubte, das Weib sei etwa von Furcht oder Scham oder Stolz
abgehalten, sich unter die keckern Bettler zu mischen, die auf den Stufen
sich stieen und drngten: und sie gab Aspa einen besondern Korb mit Brot,
hinabzugehen und ihn der Frau zu reichen. Sorglich bemht hufte sie mit
mildem Blick und mit den beiden weien Hnden thtig das duftende
Gebck. -

Als sie aufsah, begegnete sie dem Auge des Knigs, das, sanft und
freundlich gerhrt, wie noch nie, auf ihr geruht hatte. - Hei scho ihr
das Blut in die Wangen und sie zuckte leise und senkte die langen Wimpern.

Als sie wieder aufsah und nach dem Weib im braunen Mantel blickte, war
diese verschwunden. Der Platz am Sarkophag war leer.

Sie hatte, whrend sie den Korb fllte, nicht bemerkt, wie ein Mann mit
einem Bffelfell und einer Sturmhaube, der hinter der Frau stand, sie beim
Arme gefat und mit sanfter Gewalt hinweggefhrt hatte. Komm, hatte er
gesagt, hier ist kein guter Ort fr dich. Und wie im wachen Traum hatte
das Weib geantwortet: Bei Gott, sie ist wunderschn.

Ich danke dir, Mataswintha! sprach der Knig freundlich, als die fr
heute bestimmten Spenden verteilt waren.

Der Blick, der Ton, das Wort drangen tief in ihr Herz. Nie hatte er sie
bisher bei ihrem Namen genannt, immer nur die Knigin in ihr gesehen und
angesprochen. Wie beglckte sie das Wort aus seinem Munde - und wie schwer
lastete doch zugleich diese Milde auf ihrer schuldbewuten Seele! Offenbar
hatte sie sich zum Teil seine wrmere Stimmung durch ihr werkthtiges
Mitleid mit den Armen erworben. O er ist gut, sagte sie, halb weinend
vor Erregung, ich will auch gut sein.

Als sie mit diesem Gedanken in den Vorhof des ihr angewiesenen linken
Flgels des Palastes trat - Witichis bewohnte den rechten - eilte ihr Aspa
geschftig entgegen. Ein Gesandter aus dem Lager, flsterte sie der
Herrin eifrig zu. Er bringt geheime Botschaft vom Prfekten - einen
Brief, von Syphax Hand, in unsrer Sprache - er harrt auf Antwort ... -

La, rief Mataswintha, die Stirne furchend, ich will nichts hren,
nichts lesen. Aber wer sind diese?

Und sie deutete auf die Treppe, die aus der Vorhalle in ihre Gemcher
fhrte. Da kauerten auf den roten Steinplatten Weiber, Kinder, Kranke,
Goten und Italier durcheinander, in Lumpen gehllt - eine Gruppe des
Elends.

Bettler, Arme, sie liegen hier schon den ganzen Morgen. Sie sind nicht zu
verscheuchen. - Man soll sie nicht verscheuchen! sprach Mataswintha,
nher tretend.

Brot, Knigin! Brot, Tochter der Amalungen! riefen mehrere Stimmen ihr
entgegen. Gieb ihnen Gold, Aspa, alles, was du bei dir trgst und hole ..
- - Brot! Brot! Knigin, nicht Gold! um Gold ist kein Brot mehr zu haben
in der Stadt.

Vor des Knigs Speichern wird es umsonst verteilt. Ich komme gerade davon
her, warum wart ihr nicht dort?

Ach Knigin, wir knnen nicht durchdringen, jammerte eine hagere Frau.
Ich bin alt und meine Tochter hier ist krank und jener Greis dort ist
blind. Die Gesunden, die Jungen stoen uns zurck. Drei Tage haben wir's
umsonst versucht: wir dringen nicht durch. - Nein, wir hungern, grollte
der Alte. O Theoderich, mein Herr und Knig, wo bist du? Unter deinem
Scepter hatten wir vollauf. - Da kamen die Armen und Siechen nicht zu
kurz. Aber dieser Unglcksknig ... -

Schweig, sprach Mataswintha, der Knig, mein Gemahl - und hier flog
ein wunderschnes Rot ber ihre Wangen - thut mehr als ihr verdient.
Wartet hier, ich schaffe euch Brot. Folge mir, Aspa.

Und rasch schritt sie hinweg. Wohin eilst du? fragte die Sklavin
staunend.

Und Mataswintha schlug den Schleier ber ihr Antlitz, als sie antwortete:
Zum Knig!

Als sie das Vorgemach des Witichis erreicht, bat sie der Thrsteher, der
sie mit Befremden erkannte, zu verweilen. Ein Abgesandter Belisars habe
geheime Audienz: er sei schon lange im Gemach und werde es bald
verlassen.

Da ffnete sich die Thre: - und Prokop stand zgernd auf der Schwelle.
Knig der Goten, sprach er, sich nochmals wendend, ist das dein letztes
Wort? - Mein letztes, wie's mein erstes war, sprach der Knig voller
Wrde. - Ich gnne dir noch Zeit: - ich bleibe noch bis morgen in
Ravenna. - Von jetzt an bist du mir als Gast willkommen, nicht mehr als
Gesandter. - Ich wiederhole: fllt die Stadt mit Sturm, so werden alle
Goten, die hher als Belisars Schwert, gettet - er hat's geschworen! -
Weiber und Kinder als Sklaven verkauft - Du begreifst: Belisar kann keine
Barbaren brauchen in _seinem_ Italien - Dich mag der Tod des Helden
locken: aber bedenke die Hilflosen - ihr Blut wird vor Gottes Thron - -
Gesandter Belisars, ihr steht in Gottes Hand wie wir; lebwohl. Und so
mchtig wurden diese Worte gesprochen, da der Byzantiner gehen mute, so
ungern er es that. Die schlichte Wrde dieses Mannes wirkte stark auf ihn.
Aber auch auf die Lauscherin.

Als Prokop die Thre schlo, sah er Mataswintha vor sich stehn und trat
bewundernd einen Schritt zurck, geblendet von soviel Schnheit.
Ehrerbietig begrte er sie. Du bist die Knigin der Goten! sagte er,
sich fassend, du mut es sein.

Ich bin's! sagte Mataswintha, htt' ich das nie vergessen. Und stolz
rauschte sie an ihm vorber.

Augen haben diese Germanen, Mnner und Weiber, sagte Prokop im
Hinausgehen, wie ich sie nie gesehen.




                           Zwanzigstes Kapitel.


Mataswintha war inzwischen ungemeldet bei ihrem Gatten eingetreten.

Witichis hatte alle Gemcher, welche die Amalungen, Theoderich,
Athalarich, Amalaswintha bewohnt, (sie lagen im Mittelbau des weitlufigen
Palastes) unberhrt gelassen und einige auch frher schon von ihm, wenn er
die Wache am Hofe hatte, bewohnte Rume im rechten Flgel bezogen. Er
hatte die Gold- und Purpurabzeichen der Amaler nie angelegt und aus seinen
Zimmern allen kniglichen Pomp entfernt. Ein Feldbett auf niedern
Eisenfen, auf welchem sein Helm, sein Schwert und mehrere Urkunden
lagen, ein langer Eichentisch und wenig Holzgert standen in dem einfachen
Gela.

Er hatte sich nach des Gesandten Entfernung, erschpft, mit dem Rcken
gegen die Thr in einen Stuhl geworfen und sttzte das mde Haupt in
beiden Hnden auf den Tisch. So hatte er den leicht schwebenden Schritt
der Eintretenden nicht bemerkt.

Mataswintha blieb, wie gebannt, an der Schwelle stehen. Sie hatte ihn noch
niemals aufgesucht. Ihr Herz pochte mchtig. Sie konnte ihn nicht
ansprechen: sie konnte nicht nher treten.

Endlich stand Witichis mit Seufzen auf. Da sah er die regungslose Gestalt
an der Thre stehen. Du hier Knigin? sprach er staunend und trat ihr
einen Schritt entgegen. Was kann dich zu mir fhren?

Die Pflicht - das Mitleid - sagte Mataswintha rasch. Sonst htte ich
nicht - - ich habe eine Bitte an dich.

Es ist die erste, sagte Witichis. - Sie betrifft nicht mich - fiel sie
schnell ein - Ich bitte dich um Brot fr Arme, Kranke, welche -

Da reichte ihr der Knig schweigend die Rechte hin. -

Es war das erstemal: sie wagte nicht, sie zu fassen: und htte es doch, o
wie gerne, gethan. So fate er selbst ihre Hand und drckte sie leicht.

Ich danke dir, Mataswintha, und bitte dir ein Unrecht ab. Du hast dennoch
ein Herz fr dein Volk und seine Leiden. Ich htte das nie geglaubt: ich
habe hart von dir gedacht.

Httest du von jeher anders von mir gedacht: - es wre vielleicht manches
besser.

Schwerlich! Das Unglck heftet sich an meine Fersen. Eben jetzt - du hast
ein Recht, es zu wissen - brach meine letzte Hoffnung: Die Franken, auf
deren Hilfe ich hoffte, haben uns verraten. Entsatz ist unmglich: die
bermacht der Feinde durch den Abfall der Italier allzugro. Es bleibt nur
noch ein letztes: ein freier Tod.

La mich ihn mit dir teilen, rief Mataswintha, und ihre Augen
leuchteten. - Du? nein; die Tochter Theoderichs wird ehrenvolle Aufnahme
finden am Hofe von Byzanz. Man wei, da du gegen deinen Willen meine
Knigin geworden .. - Du kannst dich laut darauf berufen.

Nimmermehr! sprach Mataswintha begeistert.

Witichis fuhr, ohne ihrer zu achten, in seinen Gedanken fort: Aber die
andern! Die Tausende! die Hunderttausende von Weibern, von Kindern!
Belisar hlt, was er geschworen! Es ist nur Eine Hoffnung noch fr sie: -
eine einzige! Denn - alle Mchte der Natur verschwren sich gegen mich.
Der Padus ist pltzlich so seicht geworden, da zweihundert
Getreideschiffe, die ich erwartete, nicht rasch genug den Flu
herabgebracht werden konnten: die Byzantiner haben sie aufgefangen!

Ich habe nun um Hilfe an den Westgotenknig geschrieben: er soll seine
Flotte senden. Die unsre ist ja in Feindes Hand! Dringt sie in den Hafen,
so kann darauf entfliehen, was nicht fechten kann und nicht sterben soll.
Auch du kannst dann, wenn du es vorziehst, nach Spanien entfliehen.

Ich will mit dir -, mit euch sterben.

In wenig Wochen knnen die westgotischen Segel vor der Stadt erscheinen.
Bis dahin reichen meine Speicher - der letzte Trost. Doch, das mahnt mich
an deinen Wunsch: - Hier ist der Schlssel zu dem Hauptthor der Speicher.
Ich trag' ihn Tag und Nacht auf meiner Brust. Bewahre ihn wohl: - er
verwahrt meine letzte Hoffnung. Er schliet das Leben von vielen Tausenden
ein. Es war meine einzige Mhewaltung, die nicht fruchtlos blieb. Mich
wundert, fgte er schmerzlich hinzu, da nicht die Erde sich aufgethan
hat oder Feuer vom Himmel gefallen ist, diese meine Bauten zu
verschlingen.

Und er nahm den schweren Schlssel aus dem Brustlatz seines Wamses. Ht'
ihn wohl, es ist mein letzter Schatz, Mataswintha.

Ich danke dir, Witichis - Knig Witichis - sagte sie, verbessernd, und
griff nach dem Schlssel, aber ihre Hand zitterte. Er fiel.

Was ist dir, fragte der Knig, den Schlssel ihr in die Rechte drckend,
- sie steckte ihn in den Grtel ihres weiseidnen Unterkleides - du
zitterst? Bist du krank? setzte er besorgt hinzu.

Nein - es ist nichts. - Aber sieh mich nicht an so - so wie jetzt und wie
heute morgen ... - Vergieb mir, Knigin, sagte Witichis, sich
abwendend. Meine Blicke sollten dich nicht krnken. Ich hatte viel, recht
viel Gram in diesen Tagen. Und wenn ich nachsann, mit welcher Schuld ich
all dies Unglck verdient haben knnte ... - seine Stimme wurde weich.

Dann? o rede? bat Mataswintha hingerissen. Denn sie zweifelte nicht mehr
an dem Sinn seines unausgesprochen Gedankens.

Dann hab' ich, unter all' den ringenden Zweifeln, oft auch gedacht, ob es
nicht Strafe sei fr eine harte, harte That, die ich an einem herrlichen
Geschpf begangen. An einem Weibe, das ich meinem Volk geopfert - Und
unwillkrlich sah er im Eifer seiner Rede auf die Hrerin.

Mataswinthens Wangen erglhten: sie fate, sich aufrecht zu halten, nach
der Lehne des Stuhles neben ihr. Endlich - endlich erweicht sein Herz und
ich - was habe ich ihm gethan! dachte sie und Er bereut. -

Ein Weib, fuhr er fort, das unsglich um mich gelitten, mehr als Worte
sagen knnen. - Halt ein! flsterte sie so leise, da er es nicht
vernahm. Und wenn ich dich in diesen Tagen um mich walten sah, weicher,
milder, weiblicher als je zuvor - Dann rhrtest du mein Herz mit Macht:
und Thrnen drangen in meine Augen. -

O Witichis! hauchte Mataswintha.

Jeder Ton deiner Stimme sogar drang tief in meine Seele. Denn du mahnst
mich dann so ganz, so herzerschtternd an -

An wen? fragte Mataswintha und wurde leichenbla.

Ach an sie, die ich geopfert! Die alles um mich gelitten, an mein Weib
Rauthgundis, die Seele meiner Seele. Wie lange hatte er den geliebten
Namen nicht mehr laut gesprochen! Jetzt berwltigte ihn bei diesem Klang
die Macht des Schmerzes und der Sehnsucht: und in den Stuhl sinkend
bedeckte er sein Gesicht mit beiden Hnden.

Es war gut. Denn so bemerkte er nicht, wie es blitzhnlich durch die
Gestalt der Knigin zuckte, ihr schnes Antlitz sich medusenhaft
verzerrte. Doch hrte er einen dumpfen Schlag und wandte sich.

Mataswintha war zu Boden gesunken. Ihre linke Hand klammerte sich in die
durchbrochene Rcklehne des Stuhls, an dem sie niedergeglitten war,
whrend die Rechte sich fest auf den Mosaikboden stemmte. Ihr bleiches
Haupt war vorgebeugt, das prachtvoll rote Haar flutete, losgerissen aus
dem Scheitelband, ber ihre Schultern: ihre scharf geschnittenen Nstern
flogen.

Knigin! rief er hinzueilend, sie aufzuheben, was hat dich befallen?

Aber ehe er sie berhren konnte, schnellte sie wie eine Schlange empor und
richtete sich hoch auf: Es war eine Schwche, sagte sie, die jetzt
vorbei: - leb wohl! Wankend erreichte sie die Thr und fiel drauen
bewutlos in Aspas Arme.

                              --------------

Unterdessen hatte sich das unheimliche drohende Ansehen der ganzen Natur
noch gesteigert.

Die kleine, rundgeballte Wolke, die Cethegus am Tage zuvor bemerkt, war
der Vorbote einer ungeheuren schwarzen Wolkenwand gewesen, welche die
Nacht ber aus dem Osten aufgestiegen war, jedoch seit dem Morgen
unbeweglich, wie Verderben brtend, ber dem Meere stand und die Hlfte
des Horizonts bedeckte.

Aber im Sden brannte die Sonne mit unertrglich stechenden Strahlen aus
dem unbewlkten Himmel. Die gotischen Wachen hatten Helm und Harnisch
abgelegt: sie setzten sich lieber den Pfeilen der Feinde als dieser
unleidlichen Hitze aus. Kein Lftchen regte sich mehr. Der Ostwind, der
jene Wolkenschicht heraufgefhrt, war pltzlich gefallen. Unbeweglich,
bleigrau lag das Meer: die Zitterpappeln im Schlogarten standen
regungslos.

Allein in die Tags zuvor ebenfalls verstummte Tierwelt war Angst und
Unruhe geraten. An dem heien Sand der Kste hin flatterten Schwalben,
Mwen und Sumpfvgel unsicher, ziellos, hin und her, ganz nieder an der
Erde hinstreichend und manchmal schrille Rufe gellend. In der Stadt aber
liefen die Hunde winselnd aus den Husern: die Pferde rissen sich in den
Stllen los und schlugen, ungeduldig schnaubend, drhnenden Hufes um sich;
klglich schrieen Katzen, Esel und Maultiere und von den Dromedaren
Belisars rasten und schumten sich drei zu Tode in wtenden Anstrengungen,
zu entkommen. -

Es neigte jetzt gegen Abend. Die Sonne drohte, alsbald unter den Horizont
zu sinken.

Auf dem Forum des Herkules sa ein Brger von Ravenna auf der Marmorstufe
vor seinem Hause. Er war ein Winzer und schenkte, wie der verdorrte
Rebenzweig ber seiner Thr zeigte, in seinem Hause selbst von seinem
Gewchs. Er blickte nach dem drohenden Wettergewlk. Ich wollte, es kme
Regen, seufzte er. Kmmt nicht Regen, so kmmt Hagel und zerschlgt
vollends, was an Wachstum drauen die Rosse der Feinde noch nicht
zerstampft haben.

Nennst du die Truppen unsres Kaisers Feinde? flsterte sein Sohn, ein
rmischer Patriot. Aber leise. Denn eben bog um die Ecke eine gotische
Runde.

Ich wollte, der Orcus verschlnge sie alle miteinander, Griechen und
Barbaren! Die Goten haben wenigstens immer Durst. Siehst du, da kmmt der
lange Hildebadus, der ist der Durstigsten einer. Sollte mich wundern, wenn
er heute nicht trinken wollte, da die Steine bersten mchten vor
Trockenheit.

Hildebad hatte die nchste Wache abgelst und schlenderte nun langsam
heran, den Helm im linken Arm, die lange Lanze lssig ber der Schulter.
Er schritt an der Weinschenke vorbei, zu groem Befremden ihres Herrn, bog
in die nchste Seitengasse und stand bald vor einem hohen und dicken
Rundturm, - er hie der Turm des Atius -, in dessen Schatten oben auf dem
Walle ein schner junger Gote auf und nieder schritt. Lange, hellblonde
Locken rieselten auf seine Schultern: und das zarte Wei und Rot seines
Gesichts, wie die milden blauen Augen gaben ihm ein fast mdchenhaftes
Ansehn.

He, Fridugern, rief ihm Hildebad hinauf, huiweh! Blitzjunge, hltst
du's noch immer aus auf diesem Bratrost da oben? Und mit Schild und Panzer
- uf!

Ich habe die Wache, Hildebad! sagte der Jngling sanft.

Ach, was Wache! Glaubst du, bei dieser Schmelzofenhitze wird Belisar
strmen? Ich sage dir, der ist froh, wenn er Luft hat und verlangt heute
kein Blut. Komm mit: ich kam dich zu holen - der dicke Ravennate auf dem
Herkulesplatz hat alten Wein und junge Tchter: - la uns beide zu Munde
fhren.

Der junge Gote schttelte die langen Locken und seine Stirn faltete sich.
Ich habe Dienst und keinen Sinn fr Mdchen. Durst habe ich freilich: -
schicke mir einen Becher Wein herauf.

Ach, richtig, bei Freia, Venus und Maria! du hast ja eine Braut ber den
Bergen am Danubius! Und du glaubst, die merkt es gleich und die Treue sei
gebrochen, wenn du hier einer Rmerdirne in die Kohlenaugen guckst. O
lieber Freund, bist du noch jung! Nun, nun, nichts fr ungut. Mir kann's
ja recht sein. Bist sonst ein guter Gesell und wirst schon noch lter
werden. Ich schicke dir vom roten Massiker heraus: - da kannst du dann
allein Allgunthens Minne trinken.

Und er wandte sich und war rasch in der Schenke verschwunden. Bald brachte
ein Sklave dem jungen Goten einen Becher Wein; dieser flsterte: All
Heil, Allgunthis! und leerte ihn auf einen Zug. Dann nahm er die Lanze
wieder auf die Schulter und ging auf der Mauer auf und nieder, langsamen
Schrittes. Von ihr sinnen und trumen darf ich wenigstens, sagte er,
das wehrt kein Dienst. Wann werd' ich sie wohl wieder sehn? Und er
schritt weiter: und blieb dann gedankenvoll im Schatten des mchtigen
Turmes stehn, der schwarz und drohend auf ihn niedersah. -

Bald nach Hildebad zog eine andre Schar Goten vorbei. Sie fhrten in der
Mitte einen Mann mit verbundenen Augen und lieen ihn zur Porta Honorii
hinaus. Es war Prokop, der vergeblich noch die festgestellten drei Stunden
gewartet hatte. Es war umsonst: keine Botschaft vom Knig kam: und
mimutig verlie der Gesandte die Stadt. Des Prfekten feiner Plan war, so
schien es, an der schlichten Wrde des Gotenknigs gescheitert. -

Und noch eine Stunde verging. Es war dunkler, aber nicht khler geworden.
Da erhob sich vom Meere pltzlich ein starker Windsto aus Sden: er schob
die schwarzen Wolkenballen mit rasender Eile nach Norden. Sie lagerten
jetzt dicht und schwer ber der Stadt.

Aber auch das Meer, der Sdosten, ward dadurch nicht frei. Denn eine
zweite, gleiche Wolkenmauer war dort emporgestiegen und hatte sich
unmittelbar an die erste geschlossen. Der ganze Himmel ber Meer und Land
war jetzt ein schwarzes Gewlbe.

Hildebad ging, weinmde, nach seinem Nachtposten an der porta Honorii:
Noch immer auf Wache, Fridugern? rief er dem jungen Goten hinauf. Und
noch immer kein Regen! Die arme Erde! Wie sie drsten mu! sie dauert
mich! Gute Wache!

In den Husern war es unleidlich schwl: denn der Wind kam aus den heien
Sandwsten Afrikas.

Die Leute drngten sich, gengstigt von dem drohenden Aussehen des
Himmels, hinaus ins Freie, zogen in dichten Haufen durch die Straen oder
lagerten sich in Gruppen in den Vorhallen und Sulengngen der Basiliken.
Auf den Stufen von Sankt Apollinaris drngte sich viel Volk zusammen. Und
es ward, obwohl erst Sonnenuntergangszeit, doch vllig dunkle Nacht.

                              --------------

Auf dem Ruhebett in ihrem Schlafgemach lag Mataswintha, die Knigin, mit
todesbleichen Wangen, in schwerer Betubung. Aber ohne Schlaf. Die
weitgeffneten Augen starrten in die Dunkelheit.

Nicht eine Silbe hatte sie auf Aspas ngstliche Fragen gesprochen und
zuletzt die Weinende mit einer Handbewegung entlassen.

Unwillkrlich kehrten in ihrem eintnigen Denken die Worte wieder.
Witichis - Rauthgundis - Mataswintha! Mataswintha - Rauthgundis -
Witichis!

Lange, lange lag sie so und nichts schien den unaufhrlichen Kreislauf
dieser Worte unterbrechen zu knnen.

Da pltzlich fuhr ein roter Strahl grell und blendend durch das Gemach und
im selben Augenblick schmetterte ein furchtbarer Donnerschlag, ein Donner,
wie sie ihn nie vernommen, grollend, knatternd, prasselnd, krachend ber
die bebende Stadt.

Der Angstschrei ihrer Frauen schlug an ihr Ohr: sie fuhr empor. Sie setzte
sich aufrecht auf dem Ruhebett. Aspa hatte ihr das Obergewand abgenommen.
Sie trug nur noch das weiseidne Unterkleid: sie warf die wallenden Wogen
ihres Haares ber die Schultern und lauschte.

Es war eine bange Stille. Und noch ein Blitz und noch ein Donnerschlag.

Ein Windsto ri heulend das Fenster von Milchglas auf, das nach dem Hofe
fhrte. Mataswintha starrte in die Finsternis hinaus, die jetzt jeden
Augenblick von grellen Blitzen unterbrochen wurde. Unaufhrlich rollte der
Donner, selbst das furchtbare Geheul des Sturmes berdrhnend. Der Kampf
der Elemente that ihr wohl. Sie lauschte begierig, auf die Linke gesttzt
und mit der Rechten langsam ber die Stirne streichend.

Da eilte Aspa herein mit Licht. Es war eine Fackel, deren Flamme in einer
geschlossenen Glaskugel brannte.

Knigin, du .. - Aber, bei allen Gttern, wie siehst du aus! Wie eine
Lemure. Wie die Rachegttin!

Ich wollte, ich wre es, sagte Mataswintha - es war das erste Wort seit
langen Stunden, - ohne den Blick vom Fenster zu wenden.

Und Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag. Aspa schlo das Fenster. O
Knigin, die Frommen unter deinen Mgden sagen: das sei das Ende der Welt,
das da komme, und der Sohn Gottes steige nieder auf feurigen Wolken, zu
richten die Lebendigen und die Toten. Huh, welch' ein Blitz! Und noch kein
Tropfen Regen. Nie hab' ich solch ein Unwetter gesehen. Die Gtter zrnen
schwer.

Wehe, wem sie zrnen. O, ich beneide sie, die Gtter. Sie knnen hassen
und lieben, wie's ihnen gefllt. Und zermalmen den, der sie nicht wieder
liebt.

Ach Herrin, ich war auf der Strae: ich komme gerade zurck. Alles Volk
strmt in die Kirchen mit Beten und Singen, den Himmel zu vershnen. Ich
bete zu Kairu und Astarte - Herrin, betest du nicht auch?

Ich fluche! Das ist auch gebetet.

Oh, welch ein Donnerschlag! schrie die Sklavin und strzte zitternd in
die Knie'. Der dunkelblaue Mantel, den sie trug, glitt von ihren
Schultern. Der Blitz und Donner war so stark gewesen, da Mataswintha aus
den Kissen gesprungen und ans Fenster geeilt war.

Gnade, Gnade, ihr groen Gtter! erbarmt euch der Menschen! flehte die
Afrikanern.

Nein, keine Gnade! Fluch und Verderben ber die elende Menschheit!

Ha, das war schn! Hrst du, wie sie unten heulen vor Angst auf der
Strae? Noch einer, und noch ein Strahl! Ha, ihr Gtter, wenn ein
Himmelsgott oder Himmelsgtter sind - nur um eins beneid' ich euch -: um
die Macht eures Hasses, um euren raschen, geflgelten, tdlichen Blitz!
Ihr schwingt ihn mit der ganzen Wut und Lust eures Herzens und eure Feinde
vergehn: und ihr lacht dazu: - der Donner ist euer Gelchter! Ha, was war
das?

Ein Blitz und ein Donner, der alle frhern bertraf, zuckte und krachte.
Aspa fuhr vom Boden auf.

Was ist das fr ein groes Haus, Aspa? die dunkle Masse uns gegenber?
Der Blitz hat wohl gezndet: - brennt es?

Nein, Dank den Gttern! es brennt nicht! Der Blitz hat sie nur
beleuchtet. Es sind die Kornspeicher des Knigs.

Ha, habt ihr fehl geblitzt, ihr Gtter? So schrie die Knigin. Auch die
Sterblichen fhren den Blitz der Rache.

Und sie sprang vom Fenster hinweg, - und das Gemach war pltzlich dunkel.

Knigin - Herrin - wo bist - wohin bist du verschwunden? rief Aspa. Und
sie tastete an den Wnden. Aber das Gemach war leer: und Aspa rief umsonst
nach ihrer Herrin.

                              --------------

Unten auf der Strae wogte nach der Basilika von Sankt Apollinaris hin ein
frommer Zug.

Ravennaten und Goten, Kinder und Greise, sehr viele Frauen: Knaben mit
Fackeln schritten voran, hinter ihnen Priester mit Kreuzstangen und
Fahnen. Und durch das Brllen des Donners und durch das Pfeifen des
Sturmes scholl die alte, feierlich ergreifende Weise:

  _dulce mihi cruciari, parva vis doloris est:_
  _malo mori quam foedari: major vis amoris est._

Die Antwort aber des zweiten Halbchors lautete:

  _parce, judex, contristatis parce pecatoribus,_
  _qui descendis perflammatis ultor jam in nubibus._

Und der Bittgang verschwand in der Kirche. Auch die nchsten Aufseher der
Kornspeicher schlossen sich dem Zuge an.

Auf den Stufen der Basilika, gerade der Thr der Speicher gegenber, sa
das Weib im braunen Mantel: still und furchtlos im Aufruhr der Elemente,
die Hnde nicht gefaltet, aber ruhig im Schos liegend. Der Mann in der
Sturmhaube stand neben ihr.

Eine gotische Frau, die in die Kirche eilte, erkannte sie im Schein eines
Blitzes. Du wieder hier, Landsmnnin? Ohne Obdach? Ich habe dir doch oft
genug mein Haus angeboten. Du scheinst fremd hier in Ravenna?

Ich bin fremd. Doch hab' ich Obdach. - Komm mit in die Kirche und bete
mit uns.

Ich bete hier. - Du betest? Du singst nicht und sprichst nicht?

Gott hrt mich doch. - Bete doch fr die Stadt. Sie frchten, es komme
das Ende der Welt.

Ich frchte es nicht, wenn es kommt.

Und bete fr unsern guten Knig, der uns Brot giebt alle Tage. - Ich
bete fr ihn.

Da tnte der waffenklirrende Schritt von zwei gotischen Runden, die sich
an der Basilika kreuzten.

Ei so donnre, bis du springst, schalt der Fhrer der einen Schar, aber
brumme mir nicht in meinen Befehl.

Haltet an. Wisand, du bist's? Wo ist der Knig? Auch in der Kirche?

Nein, Hildebad, auf den Wllen.

Recht so, da gehrt er hin! Vorwrts, Heil dem Knig. Und die Schritte
verhallten.

Da kam ein rmischer Lehrer mit einigen seiner Schler vorbei. Aber,
Magister, mahnte der jngste, ich dachte, du wolltest in die Kirche?
Warum fhrst du uns sonst aus dem Hause ins Freie bei diesem Unwetter?

Das sagte ich nur, um euch und mich aus dem Hause zu bringen. Was Kirche!
Ich sage dir, je weniger ich Dcher und Mauern um mich wei, desto wohler
ist mir. Ich fhr' euch auf die groe, freie Wiese in der Vorstadt. Ich
wollte, wir htten Regen. Wre der Vesuvius nahe genug, wie in meiner
Heimat, ich dchte, Ravenna werde heut' ein zweites Herculaneum. Ich kenne
solche Luft, wie sie heute weht - ich traue nicht! Und sie gingen
vorber.

Willst du nicht mit mir gehn, Frau? sprach der Mann in der Sturmhaube zu
der Gotin. Ich mu sehen, Dromon, unsern Gastfreund, jetzt zu treffen:
sonst kommen wir diese Nacht wieder nicht unter Obdach. Ich kann dich
nicht allein lassen im Dunkeln. Du hast kein Licht bei dir.

Siehst du nicht, wie mir die Blitze leuchten? Geh' nur, ich komme nach.
Ich mu noch was zu Ende denken -, zu Ende beten. Und die Frau blieb
allein. Sie prete beide Hnde fest gegen die Brust und sah gegen den
schwarzen Himmel: leise nur bewegten sich ihre Lippen.

Da war es ihr, als she sie in den Hochgngen, Galerien und Oberhallen des
gewaltigen Holzbaues der Speicher, die in dunkeln Massen ihr gegenber
lagen, aus dem steinernen Rundbau des Cirkus ragend, ein Licht auftauchen
und hin und wieder, auf und abwrts wandeln. Es mute wohl eine Tuschung
durch die Blitze sein. Denn jedes frei getragene Licht htte der Wind in
den nach auen offenen Galerien verlscht.

Aber nein: es war doch ein Licht.

Denn in regelmigen Zwischenrumen wechselte sein Aufleuchten und sein
Verschwinden, wie wenn es hastigen Schrittes entlang den Gngen mit ihren
verdeckenden Pfeilern und Halbmauern getragen wrde. Scharf sah die Frau
nach dem wechselnden Licht und Schatten ... - -

Aber pltzlich - o Entsetzen - fuhr sie empor.

Es war ihr: als sei die Marmorstufe, auf der sie gesessen, ein schlafend
Tier gewesen, das, jetzt erwachend, sich leise regte, lebendig wurde - und
schwankte, - stark, - von der Linken zur Rechten. -

Blitz und Donner und Sturm ruhten auf einmal. -

Da scholl aus den Speichern ein schriller Schrei. Hell aufflammte das
Licht und verschwand pltzlich. -

Aber auch die Frau auf der Strae stie einen leisen Angstruf aus. Denn
jetzt konnte sie nicht mehr zweifeln: die Erde bebte unter ihr! - Ein
leises Zucken: und pltzlich zwei, drei starke Ste: als hebe sich
wellenfrmig der Boden von der Linken zur Rechten.

Aus der Stadt her tnte Angstgeschrei. Aus den Thren der Basilika strzte
in Todesangst die laut kreischende Schar der Beter. - Noch ein Sto! - Die
Frau hielt sich mit Mhe aufrecht.

Und fernher, von der Auenseite der Stadt, scholl ein gewaltiges dumpfes
Krachen, wie von massenhaft strzenden, schweren Lasten.

Ein furchtbares Erdbeben hatte Ravenna heimgesucht.




                        Einundzwanzigstes Kapitel.


Whrend die Frau sich in der Richtung jenes dumpfen Schlages wandte,
drehte sie einen Augenblick den Speichern den Rcken. Aber rasch wandte
sie sich diesen wieder zu. Denn es war ihr, als sei eine schwere Thre
zugefallen. Scharf blickte sie hin. Doch in der tiefen Finsternis konnte
ihr Auge nichts wahrnehmen. Nur ihr Ohr hrte etwas sacht an der
Auenmauer des Gebudes dahin rascheln. Und sie glaubte, ein leises
Seufzen zu vernehmen.

Halt, rief die Frau, wer jammert da?

Still, still, flsterte eine seltsame Stimme, die Erde hat darber -
vor Abscheu - sich geschttelt, gebebt. Die Erde bebt - die Toten stehen
auf. - Es kommt der jngste Tag, - der deckt alles auf. - Bald wird er's
wissen. - Oh. - Und ein tiefgezogener Klagelaut - und ein Rauschen von
Gewndern - und Stille.

Wo bist du? bist du wund? rief die Frau tastend.

Da zuckte ein heller Blitz, - der erste seit dem Erdsto - und zeigte, vor
ihren Fen liegend, eine verhllte Gestalt. Weie und dunkelblaue
Frauenkleider. - Das Weib langte nach dem Arm der Liegenden.

Aber rasch sprang diese bei der Berhrung auf und war mit einem Schrei im
Dunkel verschwunden. Das Ganze war so rasch und ungeheuerlich wie ein
Traumgesicht: nur eine breite goldene Armspange, mit einer grnen Schlange
von Smaragden, die in ihrer Hand zurckgeblieben, war ein Pfand der
Wirklichkeit dieser unheimlichen Erscheinung.

                              --------------

Und wieder tnten die ehernen Schritte der gotischen Wachen. Hildebad,
Hildebad, zu Hilfe! rief Wisand. Hier bin ich: - was ist? wohin soll
ich? fragte dieser mit seiner Schar entgegenkommend. An das Thor des
Honorius! Dort ist die Mauer eingestrzt und der dicke Turm des Atius
liegt in Trmmern. - Zu Hilfe, in die Lcke!

Ich komme: - - armer Fridugern!

                              --------------

In dem gleichen Augenblick strmte drauen im Lager der Byzantiner
Cethegus der Prfekt in das Feldherrnzelt Belisars. Er war in voller
Rstung, der purpurdunkle Roschweif flatterte um seinen Helm. Seine
Gestalt war hoch aufgerichtet. Feuer leuchtete in seinen Augen. Auf! was
sumst du, Feldherr Justinians? Die Mauern deiner Feinde strzen von
selber ein.

Offen liegt vor dir des letzten Gotenknigs letzte Burg. - Und du? was
thust du in deinem Zelt? - -

Ich verehre die Gre des Allmchtigen! sagte Belisar mit edler Ruhe.
Antonina stand neben ihm, den Arm um seinen Nacken geschlungen. - Ein
Betschemel und ein hohes Kreuz zeigte, in welchem Thun die wilde Glut des
Prfekten das Paar gestrt. Das thu' morgen. - Nach dem Sieg. Jetzt aber:
strme!

Jetzt strmen! sprach Antonina, welcher Frevel!

Die Erde bebt in ihren Grundfesten, erschttert und erschreckt. Denn Gott
der Herr spricht in diesen Wettern!

La ihn sprechen! Wir wollen handeln. Belisar, der Turm des Atius und
ein gutes Stck Mauer ist eingestrzt. Ich frage dich, willst du strmen?

Er hat nicht unrecht, meinte Belisar, in dem die Kampflust erwachte. -
Aber es ist finstre Nacht. - -

Im Finstern find' ich den Weg zum Sieg und in das Herz von Ravenna. Auch
leuchten die Blitze.

Du bist ja pltzlich sehr kampfeseifrig, zgerte Belisar.

Ja, denn jetzt hat's Vernunft zu kmpfen. Die Barbaren sind verblfft.

Sie frchten Gott und vergessen darber ihrer Feinde.

Im gleichen Augenblick eilten Prokop und Marcus Licinius in das Zelt.
Belisar, meldete der erste, der Erdsto hat deine Zelte am Nordgraben
umgestrzt und eine halbe Kohorte Illyrier darunter begraben! - Hilfe,
Hilfe! meine armen Leute! rief Belisar und eilte aus dem Zelte.
Cethegus, berichtete Marcus, auch eine Kohorte deiner Isaurier liegt
unter ihren Zelten verschttet. Aber ungeduldig, den Helm schttelnd,
frug der Prfekt: was ist mit dem Wasser in dem gotischen Graben vor dem
Atiusturm? hat der Erdspalt es nicht verringert? - Ja, das Wasser ist
verschwunden - der Graben ist ganz trocken. Horch, das Wehegeschrei! Deine
Isaurier sind's: sie sthnen und wimmern unter der Verschttung und
schreien um Hilfe.

La sie schreien! sprach Cethegus. - Der Graben ist wirklich trocken?
So la zum Sturm blasen. Folge mir mit allen Sldnern, die noch leben.

Und unter Blitz und Donner, die jetzt wieder unaufhrlich rasten, eilte
der Prfekt zu seinen Schanzen, wo seine rmischen Legionare und der Rest
der Isaurier unter Waffen standen. Rasch bersah er sie: es waren viel zu
wenige, um mit ihnen allein die Stadt zu nehmen. Aber er wute, da ein
gnstiger Erfolg alsbald Belisar mit fortreien wrde. Lichter, Fackeln
her! rief er und trat mit einer Pechfackel in der Linken vor die Fronte
seiner rmischen Legionare. Vorwrts, befahl er, die Schwerter heraus!

Aber kein Arm rhrte sich.

Sprachlos vor Staunen und mit Grauen blickten alle, auch die Fhrer, auch
die Licinier, auf den dmonischen Mann, der im Aufruhr der ganzen Natur
nur an sein Ziel dachte und die Elemente, die Schrecken Gottes, nur als
Mittel ansah zu seinem Zweck.

Nun, habt ihr auf mich zu hren, oder auf den Donner? rief er.

Feldherr, mahnte ein Centurio vortretend, sie beten. Denn die Erde
bebt.

Glaubt ihr, Italia wird ihre Kinder verschlingen? Nein, ihr Rmer, seht:
der Boden selbst von Italien erhebt sich gegen die Barbaren. Er bumt
sich, sprengt ihr Joch und ihre Mauern fallen. _Roma! Roma aeterna!_

Das zndete. Es war eines jener csarischen Worte, welche die Mnner und
die Waffen fortreien.

_Roma! Roma aeterna!_ riefen zuerst die Licinier, dann die Tausende der
rmischen Jnglinge: und durch Nacht und durch Grauen, durch Blitz und
Donner und Sturm, folgten sie dem Prfekten, dessen dmonischer Schwung
sie mit fortri. Die Begeisterung lieh ihnen Flgel. Rasch waren sie ber
den breiten Graben hinweg, dem sie sonst kaum zu nahen gewagt. - Cethegus
der erste am jenseitigen Rand. - Die Fackeln hatte der Sturm gelscht. -
Im Finstern fand er den Weg. Hierher, Licinius, rief er, mir nach! hier
mu die Lcke sein.

Und er sprang vorwrts, rannte aber gegen einen harten Krper und taumelte
zurck. Was ist das? fragte Lucius Licinius hinter ihm, eine zweite
Mauer? - Nein, sprach eine ruhige Stimme von drben, aber gotische
Schilde. - Das ist der Knig Witichis, sagte der Prfekt grimmig und
ma mit bitterem Ha die dunkeln Gestalten. Er hatte auf berraschung
gezhlt. Seine Hoffnung war getuscht. Htt' ich ihn, sprach er grimmig
in sich hinein, er sollte nicht mehr schaden.

Da wurden von rckwrts viele Fackeln sichtbar und die Trompeten
schmetterten. Belisar fhrte sein Heer zum Sturm gegen den Mauersturz.
Prokop erreichte den Prfekten: Nun, was stockt ihr? Halten euch neue
Wlle auf?

Ja, lebendige Wlle. Da stehen sie, und der Prfekt deutete mit dem
Schwert. Unter den noch fallenden Trmmern, diese Goten! -

Nun wahrlich! rief Prokop: _si fractus illabatur orbis, impavidos
ferient __ruinae!_ Das sind mutige Mnner.

Aber jetzt war Belisar mit seinen dichten, zum Angriff bereiten Scharen
heran. Einen Augenblick, - nur die Fhrer eilten noch, Befehle erteilend
hin und wieder, - einen Augenblick noch und ein furchtbares Morden mute
beginnen.

Da erglhte pltzlich der ganze Horizont ber der Stadt. Eine Flammensule
scho hoch empor, und zahllose Funken stoben nieder. Es schien Feuer vom
Himmel zu regnen. Im roten Licht glnzte ganz Ravenna. Es war ein
furchtbar herrlicher Anblick.

Die beiden Heere, im Begriff handgemein zu werden, hielten inne.

Feuer! Feuer! Witichis! Knig Witichis, schrie jetzt ein Reiter, der von
der Stadt her jagte, es brennt.

Das sehen wir. La brennen, Markja! Erst fechten, dann lschen.

Nein, nein, Herr! alle deine Speicher brennen! Dein Getreide fliegt in
Myriaden Funken durch die Luft.

Die Speicher brennen! schrien Goten und Byzantiner.

Witichis versagte die Stimme, zu fragen. Der Blitz mu schon lange im
Innern gezndet haben. Es hat von innen heraus alles zusammengebrannt. Da
sieh, sieh hin. -

Ein strkerer Sto des Sturmwinds fuhr in die Lohe und entfachte sie
riesengro. Die Flammen flogen auf die nchsten Dcher. Zugleich schien
der hlzerne Dachfirst des hohen Gebudes jetzt hinabzustrzen. Denn nach
einem schweren Schlag schossen abermals viele, viele Tausende von Funken
empor. Es war ein Flammenmeer.

Witichis wollte das Schwert erheben zum Befehl: - matt sank sein Arm
herunter.

Cethegus sah's: Jetzt, rief er, jetzt zum Sturm!

Nein, haltet ein! rief mit Lwenstimme Belisarius. Der ist ein Feind
des Kaisers, der ist des Todes, der das Schwert erhebt. Zurck ins Lager -
alle: jetzt ist Ravenna mein - und morgen fllt's von selbst.

Und seine Tausende folgten ihm und zogen zurck. Cethegus knirschte. Er
allein war zu schwach. Er mute nachgeben. Sein Plan war gescheitert. Er
hatte die Stadt mit Sturm nehmen wollen, um wie in Rom, sich in ihren
Hauptwerken festzusetzen.

Und er sah voraus, da sie nun ganz in Belisars Hand werde geliefert
werden. Grollend fhrte er die Seinen zurck.

Aber es sollte anders kommen, als Belisar und als Cethegus dachten.




                       Zweiundzwanzigstes Kapitel.


Der Knig hatte den Schutz der Mauerlcke am Turm des Atius Hildebad
bertragen und war sofort auf die Brandsttte geeilt.

Als er dort eintraf, fand er das Feuer im Erlschen: - aber nur aus Mangel
an Nahrung. Der ganze Inhalt der Speicher, samt deren Brettergersten, und
dem Dach, alles was durch Feuer zerstrbar, war bis auf den letzten
Splitter und das letzte Korn verbrannt. Nur die nackten, ru- und
rauchgeschwrzten Steinmauern des ursprnglichen Marmorbaus, des Cirkus
des Theodosius, starrten noch gen Himmel.

Ein Mal des Blitzstrahls war an ihnen nicht wahrzunehmen. Das Feuer mute
sehr lange Zeit von innen heraus, wo der Blitz den Holzbau entzndet haben
mochte, unvermerkt fortgeglimmt sein und sich ber alle Innenrume des
Holzbaus schleichend verbreitet haben. Als Flammen und Rauch aber zu den
Dachlcken herausschlugen, war alle Hilfe zu spt. Krachend war bald
darauf der Rest des Holzbaues zusammengestrzt: die Einwohner hatten
vollauf zu thun, die nchsten, teilweise schon vom Feuer ergriffenen
Huser zu retten. Dies gelang mit Hilfe des Regens, der kurz vor
Tagesanbruch endlich einfiel und dem Sturm, sowie dem Blitz und Donner ein
Ende machte.

Aber statt der Speicher beleuchtete die aufgehende Sonne, als sie das
Gewlk zerstreute, nur einen trostlosen Haufen Schutt und Asche in der
Mitte des Marmorrundbaus.

Schweigend, mit tief gesenktem Haupt, lehnte der Knig lange Zeit diesen
Ruinen gegenber an einer Sule der Basilika. Ohne Regung, nur manchmal
den Mantel auf der mchtig arbeitenden Brust zusammendrckend. Im Anblick
dieser Trmmer war ein schwerer Entschlu in ihm gereift. Jetzt ward es
grabesstill in seinem Innern.

Jedoch um ihn her auf dem Platze wogte das Elend der verzweifelnden Armen
von Ravenna betend, fluchend, weinend, scheltend. O, was wird jetzt aus
uns! - O, wie war das Brot so wei, so gut, so duftend, das ich noch
gestern hier erhielt. - O, was werden wir jetzt essen?

Bah, der Knig mu aushelfen. - Ja, der Knig mu Rat schaffen. - Der
Knig?

Ach, der arme Mann, woher soll er's nehmen? - Hat er doch selbst nichts
mehr. - Das ist seine Sache. - Er allein hat uns in all die Not
gebracht. - Er ist an allem Schuld. - Was hat er die Stadt nicht lang
dem Kaiser bergeben. - Jawohl, ihrem rechtmigen Herrn! - Fluch den
Barbaren! - Sie sind an allem Schuld. - Nicht alle, nein, der Knig
allein. Seht ihr's denn nicht? Es ist die Strafe Gottes! - Strafe?
wofr? Was hat er verbrochen? Er gab dem Volke von Ravenna Brot! - So
wit ihr's nicht? Wie kann der Eheschnder die Gnade Gottes haben? Der
sndige Mann hat ja zwei Weiber zugleich! Der schnen Mataswintha hat ihn
gelstet. Und er ruhte nicht, bis sie sein eigen war. - Sein ehlich Weib
hat er verstoen.

Da schritt Witichis unwillig die Stufen herab. Ihn ekelte des Volkes. Aber
sie erkannten seinen Schritt.

Da ist der Knig! Wie finster er blickt, riefen sie durcheinander und
wichen zur Seite. O, ich frchte ihn nicht. Ich frchte den Hunger mehr
als seinen Zorn. Schaff' uns Brot, Knig Witichis. Hrst du's, wir
hungern! sprach ein zerlumpter Alter und fate ihn am Mantel. Brot,
Knig! - Guter Knig, Brot! - Wir verzweifeln! - Hilf uns! Und wild
drngte sich die Menge um ihn.

Ruhig, aber krftig machte sich Witichis frei. Geduldet euch, sprach er
ernst. Bis die Sonne sinkt, ist euch geholfen. Und er eilte nach seinem
Gemach.

Dort warteten auf ihn mehrere Diener Mataswinthens und ein rmischer Arzt.

Herr, sprach dieser mit besorgter Miene, die Knigin, deine Gemahlin
ist sehr krank. Die Schrecken dieser Nacht haben ihren Geist verwirrt. Sie
spricht wirre Fieberreden. Willst du sie nicht sehen?

Nicht jetzt, sorgt fr sie. Sie reichte mir, fuhr der Arzt fort, mit
grter Angst und Sorge diesen Schlssel. Er schien sie in ihren Wahnreden
am meisten zu beschftigen. Sie holte ihn unter ihrem Kopfkissen hervor.
Und sie lie mich schwren, ihn nur in deine Hand zu geben, er sei von
hchster Wichtigkeit.

Mit einem bittern Lcheln nahm der Knig den Schlssel und warf ihn zur
Seite. Er ist es nicht mehr. - Geht, verlat mich und sendet meinen
Schreiber.

                              --------------

Eine Stunde spter lie Prokop den Prfekten in das Zelt des Feldherrn
eintreten.

Als er eintrat, rief ihm Belisar, der mit hast'gen Schritten auf und
niederging, entgegen: Das kmmt von deinen Plnen, Prfekt! Von deinen
Knsten! von deinen Lgen! Ich hab' es immer gesagt: vom Lgen kmmt
Verderben: und ich verstehe mich nicht d'rauf! O, warum bin ich dir
gefolgt! Jetzt steck' ich in Not und Schande!

Was bedeuten diese Tugendreden? fragte Cethegus seinen Freund.

Dieser reichte ihm einen Brief. Lies. Diese Barbaren sind unergrndlich
in ihrer groartigen Einfalt. Sie schlagen den Teufel durch Kindessinn;
lies.

Und Cethegus las mit Staunen: Du hast mir gestern drei Dinge zu wissen
gethan:

Da die Franken mich verraten haben. Da du im Bund mit den Franken das
Westreich deinem undankbaren Kaiser entreien willst. Da du uns Goten
freien Abzug ber die Alpen ohne Waffen anbietest.

Darauf habe ich dir gestern geantwortet, die Goten geben nie ihre Waffen
ab und rumen nicht Italien, die Eroberung und Erbschaft ihres groen
Knigs: eher fall' ich hier mit meinem ganzen Heer. So habe ich gestern
gesprochen. So spreche ich heute noch, obwohl sich Feuer, Wasser, Luft und
Erde gegen uns emprten. Aber was ich immer dunkel gefhlt, hab' ich heut'
Nacht unter den Flammen meiner Vorrte klar erkannt: es liegt ein Fluch
auf mir. Um meinetwillen erliegen die Goten. Ich bin das Unglck meines
Volkes. Das soll nicht lnger also sein. Nur meine Krone versperrte einen
ehrenvollen Ausweg: sie soll's nicht mehr. Du erhebst dich mit Recht gegen
Justinian, den treulosen und undankbaren Mann. Er ist unser Feind wie
deiner. Wohlan: sttze dich, statt auf ein Heer der falschen Franken: auf
das ganze Volk der Goten, deren Kraft und Treue dir bekannt. Mit jenen
sollst du Italien teilen: mit uns kannst du es ganz behalten. La mich den
Ersten sein, der dich begrt wie als Kaiser des Abendlands so als Knig
der Goten. Alle Rechte bleiben meinem Volk, du trittst einfach an meine
Stelle. Ich selber setze dir meine Krone auf das Haupt und wahrlich: kein
Justinian soll sie dir entreien. Verwirfst du diesen Antrag: so mache
dich gefat auf einen Kampf, wie du noch keinen gekmpft. Ich breche dann
mit fnfzigtausend Goten in dein Lager. Wir werden fallen. Aber auch dein
ganzes Heer. Eins oder das andre. Ich hab's geschworen. Whle. Witichis.

Einen Augenblick war der Prfekt aufs furchtbarste erschrocken. Rasch
hatte er einen forschenden Blick auf Belisar geworfen. Aber dieser Eine
Blick beruhigte ihn wieder ganz. Er ist ja Belisar, sagte er sich
abermals. Jedoch gefhrlich ist es immer, mit dem Teufel spielen. Welche
Versuchung! -

Er gab den Brief zurck und sagte lchelnd: Welch ein Einfall! Wozu doch
die Verzweiflung fhrt.

Der Einfall, meinte Prokop, wre gar so bel nicht, wenn .. -

Wenn Belisar nicht Belisar wre, lchelte Cethegus.

Spart euer Lachen, schalt dieser. Ich bewundre den Mann. Und es darf
mich nicht mehr beleidigen, da er mich der Emprung fhig hlt. Hab' ich
es ihm doch selber vorgelogen. Und er stampfte mit dem Fu. Ratet jetzt
und helft! Denn ihr habt mich in diese leidige Wahl gefhrt. Ja sagen kann
ich nicht. Und sag' ich nein: - darf ich des Kaisers Heer als vernichtet
anseh'n. Und mu obenein bekennen, da ich die Emprung nur erlogen.

Cethegus sann schweigend nach, das Kinn mit der Linken langsam streichend.
Pltzlich durchblitzte ihn ein Gedanke. Ein Strahl der Freude flog
verschnend ber sein Gesicht: so kann ich sie beide verderben! Er war
in diesem Augenblick sehr mit sich zufrieden. Aber erst wollte er Belisar
ganz sicher machen. Du kannst vernnftigerweise nur zwei Dinge thun,
sagte er zaudernd.

Rede: ich sehe weder eins noch das andre.

Entweder wirklich annehmen -

Prfekt, rief Belisar grimmig und fuhr ans Schwert. Prokop hemmte
erschrocken seinen Arm. - Keinen solchen Scherz mehr, Cethegus, so lieb
dir dein Leben.

Oder, fuhr dieser ruhig fort, zum Schein annehmen. Ohne Schwertstreich
einziehn in Ravenna. Und - - die Gotenkrone samt dem Gotenknig nach
Byzanz schicken.

Das ist glnzend! rief Prokop. Das ist Verrat! rief Belisar.

Es ist beides, sagte Cethegus ruhig.

Ich knnte dem Gotenvolk nicht mehr in die Augen sehen.

Das ist auch nicht ntig. Du fhrst den gefangenen Knig nach Byzanz. Das
entwaffnete Volk hrt auf, ein Volk zu sein.

Nein, nein, das thu' ich nicht.

Gut. So la dein ganzes Heer Testamente machen. Leb wohl, Belisar. Ich
gehe nach Rom. Ich habe durchaus nicht Lust, fnfzigtausend Goten in
Verzweiflung kmpfen zu sehen. Und wie wird Kaiser Justinianus den
Verderber seines besten Heeres loben!

Es ist eine furchtbare Wahl, zrnte Belisar.

Da trat Cethegus langsam auf den Feldherrn zu. Belisar, sprach er mit
gemtvoller, tief aus der Brust geschpfter Stimme: du hast mich oft fr
deinen Feind gehalten. Und ich bin zum Teil dein Gegner. Aber wer kann
neben Belisar im Feld gestanden sein, ohne den Helden zu bewundern?

Und seine Weise war so feierlich und salbungsvoll, wie man sie nie an dem
sarkastischen Prfekten sah. Belisar war ergriffen und selbst Prokop
erstaunte.

Ich bin dein Freund, wo ich es sein kann. Und will dir diese Freundschaft
in diesem Augenblick durch meinen Rat bewhren. Glaubst du mir,
Belisarius? Und er legte die linke Hand auf des Helden Schulter, bot ihm
treuherzig die Rechte, und sah ihm tief ins Auge.

Ja, sagte Belisar, wer knnte solchem Blick mitrauen.

Siehe, Belisar, nie hat ein edler Mann einen mitrauischern Herrn gehabt
als du. - Der letzte Brief des Kaisers ist die schwerste Krnkung deiner
Treue.

Das wei der Himmel.

Und nie hat ein Mann, - hier fate er ihn an beiden Hnden -
herrlichere Gelegenheit gehabt, das schndeste Mitrauen zu beschmen,
sich aufs glorreichste zu rchen, seine Treue sonnenklar zu zeigen. Du
bist verleumdet, du trachtetest nach der Herrschaft des Abendlandes.
Wohlan, bei Gott: du hast sie jetzt in Hnden. Zieh' in Ravenna ein, la
dir von Goten und Italiern huldigen und zwei Kronen auf dein Haupt setzen.
Ravenna dein, dein blindergebnes Heer, die Goten, die Italier - wahrlich,
du bist unantastbar. Justinian mu zittern zu Byzanz und sein stolzer
Narses ist ein Strohhalm gegen deine Macht. Du aber, der du all' dies in
Hnden hast, - du legst all' die Macht und all' die Herrlichkeit deinem
Herrn zu Fen und sprichst: Siehe, Justinianus, Belisar ist lieber dein
Knecht als der Herr des Abendlandes. So glorreich, Belisar, ward Treue
noch nie auf Erden erprobt.

Cethegus hatte den Kern seines Herzens getroffen. Sein Auge leuchtete.

Recht hast du, Cethegus, komm an meine Brust, hab' Dank. Das ist gro
gedacht. O, Justinian, du sollst vor Scham vergehn!

Cethegus entzog sich der Umarmung und schritt zur Thre.

Armer Witichis, flsterte Prokop ihm zu: er wird diesem Musterstck von
Treue aufgeopfert. - Jetzt ist er verloren.

Ja, sagte Cethegus, er ist verloren, gewi. Und drauen vor dem Zelt
warf er den Mantel ber die linke Schulter und sprach: Aber gewisser noch
du selber, Belisar.

                              --------------

In seinem Quartier trat ihm Lucius Licinius gerstet entgegen.

Nun, Feldherr, fragte er, die Stadt ist noch nicht bergeben. Wann
geht's zum Kampf?

Der Kampf ist aus, mein Lucius. Leg' deine Waffen ab und grte dich, zu
reisen. Du gehst noch heute mit geheimen Briefen von mir ab. - An wen?
- An den Kaiser und die Kaiserin. - Nach Byzanz? - Nein, zum Glck
sind sie ganz nah, in den Bdern von Epidaurus. Eile dich. In fnfzehn
Tagen mut du zurck sein, nicht einen halben spter. Italiens Schicksal
harrt auf deine Wiederkunft.

                              --------------

Sowie Prokop mndlich die Antwort Belisars dem Gotenknig berbracht,
berief dieser in seinen Palast die Fhrer des Heeres, die vornehmsten
Goten und eine Anzahl von vertrauten einfach Freien, teilte ihnen das
Geschehene mit und forderte ihre Zustimmung.

Wohl waren sie anfangs mchtig berrascht: und ein Schweigen des Staunens
folgte auf seine Worte. Endlich sprach Herzog Guntharis, mit Rhrung auf
den Knig blickend: Die letzte deiner Knigsthaten, Witichis, ist so
edel, ja edler als alle deine frheren. Dich bekmpft zu haben werd' ich
ewig bereuen. Ich habe mir lange geschworen, es zu shnen, indem ich dir
blindlings folge. Und wahrlich: in diesem Fall hast du zu entscheiden:
denn du opferst das Hchste: eine Krone. Soll aber ein andrer als du Knig
sein, - leichter mgen die Wlsungen einem Fremden, einem Belisar als
einem Goten nachstehn. Und so folg' ich dir und sage: ja, du hast gut und
gro gehandelt.

Und ich sage nein! und tausendmal nein! rief Hildebad. Bedenkt, was ihr
thut! Ein Fremder an der Spitze der Goten!

Was ist das andres, als was andre Germanen vor uns gethan, Quaden und
Heruler und Markomannen, auch die Franken unter jenem Rmer gidius?
sagte Witichis ruhig, ja was andres, als was unsere glorreichsten Knige
und selbst Theoderich gethan? Sie leisteten dem Kaiser Waffendienst und
erhielten dafr Land. So lautet der Vertrag, nach dem Theoderich Italien
von Kaiser Zeno nahm. Ich erachte Belisar nicht geringer als Zeno und mich
wahrlich nicht besser als Theoderich.

Ja, wenn es Justinian wre, fgte Guntharis bei. Nie unterwerf' ich
mich dem feigen und falschen Tyrannen. Aber Belisarius ist ein Held. -
Kannst du das leugnen, Hildebad? Hast du vergessen, wie er dich vom Gaul
gerannt?

Schlag mich der Donner, wenn ich's ihm vergesse. Es ist das Einzige, was
mir an ihm gefallen hat.

Und das Glck ist mit ihm, wie mit mir das Unglck war. Und wir bleiben
im reichen Lande hier, bleiben frei wie bisher und schlagen nur seine
Schlachten gegen Byzanz. Er wird uns Rache schaffen an dem gemeinsamen
Feind.

Und fast alle Versammelten stimmten bei.

Nun, ich kann euch nicht in Worten widerlegen, rief Hildebad. - Von je
hab' ich die Zunge ungefger, als die Axt gefhrt. - Aber ich fhl' es
deutlich: ihr habt unrecht. - Htten wir nur den schwarzen Grafen hier,
der wrde sagen knnen, was ich nur spre. Mgt ihr's nie bereuen! Mir
aber sei's vergnnt, aus diesem ungeheuerlichen Mischreich davonzugehn.
Ich will nicht leben unter Belisar. Ich zieh' auf Abenteuer in die Welt:
mit Schild und Speer und groben Hieben kmmt man weit.

Witichis hoffte, den treuen Gesellen in vertrautem Gesprch wohl noch
umzustimmen. Er fuhr jetzt in der Sache fort, die ihm so sehr am Herzen
lag. Vor allem hat sich Belisar Schweigen ausbedungen, bis er Ravenna
besetzt hat. Es steht zu frchten, da einige seiner Heerfhrer mit ihren
Truppen von einer Emprung gegen Justinian nichts wissen wollen. Diese,
sowie die verdchtigen Quartiere von Ravenna, mssen von den Goten und den
verlssigen Anhngern Belisars umstellt sein, ehe die Entscheidung fllt.

Htet euch, warnte Hildebad, da ihr nicht selbst in diese Grube fallt!
Wir Goten sollen uns nicht aufs Feinspinnen verlegen. 's ist, wie wenn der
Waldbr auf das Seil steigt - er fllt doch ber kurz oder lang. Lebt
wohl: - mg' es besser auffallen als ich ahne.

Ich gehe, von meinem Bruder Abschied zu nehmen. Der, wie ich ihn kenne,
wird wohl mit diesem Rmer-Gotenstaate sich vershnen. Der schwarze Teja
aber, denk' ich, zieht mit mir davon.

                              --------------

Am Abend durchlief die Stadt das Gercht von einer Kapitulation. Die
Bedingungen waren ungewi. Aber gewi war, da Belisar auf Verlangen des
Knigs groe Vorrte von Brot, Fleisch und Wein in die Stadt schickte,
welche an die Armen verteilt wurden. Er hat Wort gehalten! sagten diese
und segneten den Knig.

Dieser erkundigte sich nun nach dem Befinden der Knigin und erfuhr, da
sie sich langsam wieder beruhige und erhole. Geduld: - sprach Witichis
aufatmend - auch sie wird bald frei und meiner ledig.

Es dunkelte bereits, als eine starke Schar berittener Goten sich aus der
innern Stadt nach der Mauerlcke am Turm des Atius wandte. - Ein langer
Reiter voran: dann eine Gruppe, die auf quergelegten Lanzen eine mit
Tchern und Mnteln verhllte Last in schweren Kisten trug. Dann der Rest
der stark gersteten Mnner.

Auf mit dem Notriegel! rief der Fhrer, wir wollen hinaus.

Du bist es, Hildebad? rief der Wache haltende Graf Wisand, und gab
Befehl zu ffnen. Weit du schon, die Stadt wird morgen bergeben. Wo
willst du hin?

In die Freiheit! rief Hildebad und gab seinem Ro die Sporen.




                       Dreiundzwanzigstes Kapitel.


Mehrere Tage waren vergangen, bis die Knigin Mataswintha sich aus den
wirren Fieberphantasien und aus dem von wilden Trumen gequlten
Schlummer, der auf dieselben gefolgt war, erhoben hatte.

Teilnahmslos und stumpf stand sie der ganzen Auenwelt und den gewaltigen
Entscheidungen gegenber, die sich damals vorbereiteten. Sie schien keine
Empfindung mehr zu haben, als das eine Gefhl ihrer ungeheuern
frevelhaften Thaten.

Und rasch hatte sich der wild frohlockende Triumph des Hasses, mit dem sie
die Fackel in der Hand durch die Nacht gestrmt war, in zerstrende Reue,
in Grauen und Entsetzen verwandelt. In dem Augenblick, da sie die arge
That gethan, hatte sie der Erdsto in die Kniee geworfen: und ihr von
allen Leidenschaften erregter Sinn, ihr im Augenblick des vollendeten
Frevels erwachendes Gewissen glaubte, die Erde wolle sich ber ihre Unthat
empren: sie sah die Rache des Himmels hereinbrechen ber ihr schuldiges
Haupt.

Und als sie nun, in ihrem Gemache wieder angelangt, alsbald die Lohe, die
ihre Hand entzndet, riesengro emporsteigen sah, als sie das
tausendstimmige Wehegeschrei der Ravennaten und Goten vernahm, da schien
jede Flamme an ihrem Herzen zu nagen und jede der klagenden Stimmen sie zu
verfluchen. Sie verlor das Bewutsein: sie brach zusammen unter den Folgen
ihrer That.

Als sie die Besinnung wiedergefunden und sich allmhlich des Geschehenen
wieder erinnert hatte, war die Kraft ihres Hasses gegen den Knig vllig
gebrochen. Ihre Seele war geknickt. Tiefste Reue ber ihre That, zitternde
Scheu, je wieder vor sein Antlitz treten zu sollen, erfllte sie ganz.

Um so mehr, als sie selbst wute und von allen Seiten vernahm, wie der
Untergang der Speicher den Knig zur Ergebung an seine Feinde zwingen
werde.

Ihn selber sah sie nicht. Auch als er einmal einen Augenblick Zeit fand,
selbst nach ihrem Zustand in ihren Gemchern sich zu erkundigen, beschwor
sie die staunende Aspa, um keinen Preis den Knig vor ihr Antlitz treten
zu lassen: obwohl sie wieder seit mehreren Tagen das Lager verlassen und
hufig arme Leute aus der Stadt empfangen hatte, ja die Darbenden
auffordern lie, sich bei ihr zu melden. Sie pflegte dann eigenhndig die
fr sie und ihren Hof bestimmten Speisen und mit maloser Freigebigkeit
Schmuck, Gold und Kostbarkeiten an sie zu verteilen.

Solchen Besuch eines Bettlers erwartete sie, als ein Mann in braunem
Mantel und einer Sturmhaube wiederholt und dringend sie um die Gnade
gebeten hatte, sie mchte nicht ihm, sondern einer armen Frau ihres Volkes
die Gunst einer Unterredung ohne Zeugen gewhren.

Es gelte des Knigs Heil: es gelte zu warnen vor thtigem, berfhrbarem
Verrat, der seine Krone, vielleicht sein Leben, bedrohe. Mataswintha
gewhrte eifrig die Bitte. -

Mochte es ein Irrtum, ein Vorwand sein: sie durfte nicht mehr abweisen,
was auch nur mit dem Verwand seiner Rettung an sie trat. Auf
Sonnenuntergang bestellte sie das Weib. -

Die Sonne war gesunken. Der Sden kennt fast keine Dmmerung. Es war
finster beinahe, als der schon lange im Vorsaal harrenden Frau eine
Sklavin winkte. Die Knigin, krank und schlaflos des Nachts, habe erst zur
achten Stunde Schlummer gefunden. Eben erst erwacht sei sie sehr schwach.
Gleichwohl solle die Bittende vorgelassen werden, da es dem Knig gelte.

Ist das aber auch gewi wahr? forschte die Sklavin. Nicht unntz mcht'
ich meine Herrin mhen: - es war Aspa - wenn ihr nur Gold damit erlisten
wolltet, sagt es mir frei. Ihr sollt mehr haben als ihr begehrt: - nur
schont meine Herrin. Gilt es dem Knig wirklich?

Es gilt dem Knig! Seufzend fhrte Aspa die Frau in das Gemach
Mataswinthens.

Diese erhob sich, das Haupt und Haar von dichtem Tuch umwunden, ganz in
leichtes, weies Krankengewand gekleidet, im Hintergrund des groen
Gemaches von dem Lager, an welchem ein runder Mosaiktisch stand. Die
goldene Ampel, die ber demselben in die Wand eingelassen war, brannte
bereits mit mattem Licht. Sie blieb auf dem Rand des Lagers mde sitzen.
Tritt nher, sprach sie. Es gilt dem Knig? warum zgerst du? Rede.

Das Weib deutete auf Aspa. Sie ist verschwiegen und treu. - Sie ist ein
Weib. Auf einen Wink Mataswinthens entfernte sich ungern das Mdchen.

Amalungentochter - ich wei: nur des Reiches Not, nicht Liebe, hat dich
zu ihm gefhrt. - (Wie wunderschn sie ist, obzwar todesbla!) Doch,
Gotenknigin bist du: _seine_ Knigin - ob du ihn auch nicht liebst: -
sein Reich, sein Sieg mu dir das Hchste sein.

Mataswintha griff nach der Goldlehne des Lagers. So denkt jede Bettlerin
im Gotenvolk! seufzte sie.

Zu ihm kann ich nicht sprechen. Aus eignen Grnden.

So sprech' ich denn zu dir, der es am meisten zusteht, ihn vor Verrat zu
warnen. Hre mich. Und sie trat nher, scharf auf die Knigin blickend.
Wie seltsam, sprach sie zu sich selbst. Welche hnlichkeit der
Gestalt.

Verrat! Noch mehr Verrat? - So ahnst auch du Verrat? - Gleichviel.
Von wem? Von Byzanz? Von auen? Von dem Prfekten?

Nein, sprach das Weib kopfschttelnd. Nicht von auen. Von innen. Nicht
von einem Mann. Von einem Weib.

Was redest du? sprach Mataswintha, noch bleicher werdend. Wie kann ein
Weib -

Dem Helden schaden? Durch hllische Bosheit des Herzens! Nicht mit
Gewalt. Mit List und Verrat. Vielleicht bald mit heimtckischem Gift oder,
wie schon geschehen - mit heimtckischem Feuer.

Halt ein! Mataswintha, die sich erhoben hatte, wankte zurck an den
Mosaiktisch, sich daran lehnend.

Aber das Weib folgte ihr, leise flsternd: Wisse das Unglaubliche, das
Schndliche! Der Knig glaubt und das Volk: der Blitz des Himmels habe
sein Korn verbrannt. Ich aber wei es besser. Und auch Er soll es wissen.
Wissen, gewarnt durch _deinen_ Mund, zu erforschen und zu entwaffnen die
Bosheit. Ich sah in jener Nacht eine Fackel durch die Speichergnge eilen
und ein Weib hat sie hineingeschleudert. Du schauderst? Ja, ein Weib. Du
willst hinweg? Nein, hre nur noch ein Wort. Dann will ich dich lassen.
Den Namen? Ich wei ihn nicht. Aber sie brach vor mir zusammen und entkam
mir: doch verlor sie als Wahrzeichen, als Erkennungszeichen - diese
Schlange von Smaragd.

Und die Frau trat hart an den Tisch, dicht unter den Schein der Ampel, den
Armreif erhebend.

Da fuhr die Gepeinigte hoch empor. Vor das Antlitz hob sie die beiden
nackten Arme. - Von der hastigen Bewegung fiel die Kopfhlle. Ihr rotes
Haar flutete nieder und durch das Haar hindurch schimmerte an ihrem linken
Arm deutlich eine Goldspange mit smaragdner Schlange.

Ah! schrie das Weib laut auf. Beim Gott der Treue! Du! Du selber
bist's!

Seine Knigin! Sein Weib hat ihn verraten! Fluch ber dich! Das soll er
wissen!

Mit gellendem Aufschrei fiel Mataswintha auf ihr Antlitz in die Kissen
zurck. Der Schrei brachte Aspa aus dem Nebengemach zur Stelle. Aber als
sie eintrat, war die Knigin schon allein. Der Vorhang des groen Eingangs
rauschte. Die Bettlerin war verschwunden.




                       Vierundzwanzigstes Kapitel.


Am andern Morgen schon sahen die Ravennaten mit Staunen Prokop, Johannes,
Demetrius, Bessas, Acacius, Vitalius und eine Reihe andrer belisarischer
Heerfhrer in den Palast des Knigs ziehen. Sie berieten dort mit ihm die
nheren Bedingungen und die Formen der bergabe.

Unter den Goten verlautete einstweilen nur: der Friede sei geschlossen.
Die beiden Hauptwnsche, um deren willen das Volk den ganzen schweren
Kampf getragen, wrden erreicht: sie wrden frei sein und im ungeteilten
Besitz des fruchtbaren Sdlands bleiben, das ihnen so teuer geworden war.
Das war weitaus mehr als nach dem schlimmen Stand der gotischen Sache seit
dem Abzug von Rom und dem unvermeidlich gewordnen Verlust von Ravenna zu
erwarten war. Und die Hupter der Sippen und sonst die einflureichsten
Mnner im Heere, die jetzt von dem bevorstehenden Schritt Belisars
verstndigt wurden, billigten vollstndig die beschlossenen Bedingungen.

Die wenigen, welche die Zustimmung weigerten, erhielten freien Abzug aus
Ravenna und Italien. Aber auch abgesehen hiervon, wurde das in Ravenna
stehende Gotenheer nach allen Richtungen zerstreut. Witichis sah die
Unmglichkeit ein, in der ausgesogenen Landschaft auer den Truppen
Belisars mit dessen Vorrten auch noch das gotische Heer und die
Bevlkerung zu versorgen: und so bewilligte er die Forderung Belisars, da
die Goten, in Gruppen von Hunderten und Tausenden, zu allen Thoren der
Stadt hinausgefhrt und in allen Richtungen nach ihren Heimsttten
entlassen wrden.

Belisar frchtete den Ausbruch gotischer Verzweiflung, wenn der arge
Verrat, den man vor hatte, ruchtbar wrde: und er wnschte deshalb die
Verteilung des aufgelsten Heeres. War er einmal im sichern Besitz von
Ravenna, so hoffte er etwaige Erhebungen auf dem flachen Lande leicht zu
dmpfen. Und Tarvisium, Verona und Ticinum, die letzten festen Pltze der
Goten in ganz Italien, konnten dann nicht lange mehr seiner gesamten gegen
sie gewendeten Macht widerstehen.

Die Ausfhrung dieser Maregeln erforderte mehrere Tage Zeit.

Erst als nur mehr wenige Mann Goten in Ravenna versammelt waren, beschlo
Belisar seinen Einzug. Und auch von diesem geringen Rest wurde die Hlfte
in das byzantinische Lager verlegt, die andre Hlfte in den Quartieren der
Stadt verteilt unter dem Vorwand, den etwaigen Widerstand von hartnckigen
Anhngern Justinians zu brechen.

Was aber die Ravennaten und die in den Plan nicht eingeweihten Goten am
meisten wunderte, war, da nach wie vor die blaue gotische Fahne auf den
Zinnen des Palastes wehte. Freilich stand ein Lanzentrger Belisars dort
oben bei ihr Wache. Denn auch der Palast war schon voll von Byzantinern.

Gegen einen etwaigen Versuch des Prfekten, sich wie in Rom durch
Besetzung der wichtigsten Punkte zum Herrn der Stadt zu machen, hatte
Belisar vorsichtige Maregeln getroffen. Cethegus durchschaute sie und
lchelte. Er that nichts dagegen.

Am Morgen des zum Einzug bestimmten Tags trat Cethegus in glnzender
Rstung in das Zelt Belisars.

Er traf nur Prokop. Seid ihr bereit? fragte er. Vollstndig. -
Welches ist der Moment? - Der Augenblick, in dem der Knig im Schlohof
zu Pferde steigt, uns entgegenzureiten. Wir haben alles bedacht.

Wieder einmal alles? lchelte der Prfekt. Eins habt ihr mir doch noch
brig gelassen. Es wird nicht ausbleiben, da die Barbaren, sowie unser
Plan gelungen und bekannt ist, im ganzen Land in heller Wut auflodern
werden. Mitleid und Rachedurst fr ihren Knig knnten sie zu sehr wilden
Thaten fhren.

Die ganze Begeisterung fr Witichis und die Entrstung gegen uns wrde nun
im Keim erstickt, und die Goten shen sich nicht von uns, sondern von
ihrem Knig verraten, wenn dieser selbst schriftlich bezeugen wrde, er
habe die Stadt nicht an Belisar als Gotenknig und Rebellen gegen
Justinian, sondern einfach an den Feldherrn Justinians bergeben. Jene
Emprung Belisars, die ja auch wirklich ausbleibt, erscheint dann den
Goten als eine bloe von ihrem Knig ersonnene Lge, die Schande der
Ergebung ihnen zu verhllen.

Das wre vortrefflich; aber Witichis wird das nicht thun.

Wissentlich schwerlich. Aber vielleicht unwissentlich. Ihr habt ihn den
Vertrag doch nur im Original unterschreiben lassen?

Er hat nur einmal unterschrieben.

Diese Urkunde ist in seinem Besitz? Gut, ich werde ihn hier dies von mir
aufgesetzte Duplikat unterzeichnen lassen, auf da auch Belisar, lchelte
er, das wertvolle Schriftstck besitze.

Prokop blickte hinein. - Wenn er das unterzeichnet, hebt sich freilich
kein gotisch Schwert mehr fr ihn. Aber -

La die Aber mich besiegen. Entweder unterschreibt er heute freiwillig,
im Drang des Augenblicks, ohne zu lesen -

Oder?

Oder, vollendete Cethegus finster, er unterschreibt spter.
Unfreiwillig. - - Ich eile voraus. Entschuldige, wenn ich euern Triumphzug
nicht begleite. Meinen Glckwunsch an Belisar.

Aber da trat Belisar in das Zelt. Antonina folgte ihm. Er war nicht
gerstet und blickte dster vor sich hin.

Eile, Feldherr, mahnte Prokop, Ravenna harrt ihres Besiegers. Der
Einzug -

Nichts von Einzug, sprach Belisar grimmig. Ruf' die Soldaten ab. Mich
reut der ganze Handel.

Cethegus blieb an dem Ausgang des Zeltes stehen.

Belisar! rief Prokop entsetzt, welcher Dmon hat dir das eingeblasen?
Ich! sagte Antonina stolz, was sagst du nun? Ich sage, da groe
Staatsmnner keine Frauen haben sollten! rief Prokop rgerlich. Belisar
entdeckte mir erst in dieser Nacht euer Vorhaben. Und ich hab' ihn unter
Thrnen ... -

Versteht sich, brummte Prokop, die kommen stets zu rechter Zeit. -
Unter Thrnen beschworen, abzustehen. Ich kann meinen Helden nicht von so
schwarzem Verrat befleckt sehen.

Und ich will's nicht sein. Lieber reit' ich besiegt im Orcus ein, denn
also als ein Sieger in Ravenna. Meine Briefe an den Kaiser sind noch nicht
abgegangen. - Also ist's noch Zeit.

Nein, sagte Cethegus herrisch, von der Thr ins Zelt schreitend. Zum
Glck fr dich ist's nicht mehr Zeit. Wisse: ich habe schon vor acht Tagen
an den Kaiser geschrieben, ihm alles mitgeteilt und Glck gewnscht, da
sein Feldherr ohne mindesten Verlust Ravenna gewonnen hat und der Krieg
beendet.

Ah, Prfekt, rief Belisar. Du bist ja sehr dienstfertig. Woher dieser
Eifer?

Weil ich Belisarius kenne und seinen Wankelmut. Weil man dich zu deinem
Glcke zwingen mu. Und weil ich ein Ende dieses Krieges will, der mein
Italien zerfleischt. Und drohend trat er gegen die Frau heran, die auch
jetzt der dmonischen beherrschenden Gewalt seines Blickes nicht zu
entgehen vermochte. Wag' es, versuch es jetzt! Tritt zurck, enttusche
Witichis und opfre einer Grille deines Weibes Ravenna, Italien und dein
Heer. Siehe zu, ob dir das Justinianus je vergeben kann. Auf Antoninas
Seele diese Schuld! Horch, die Trompeten rufen: rste dich! Es bleibt dir
keine Wahl! Und er eilte hinaus.

Bestrzt sah ihm Antonina nach. Prokop, fragte sie dann, wei es der
Kaiser wirklich schon?

Und wenn er es noch nicht wte, - zu viele sind schon in das Geheimnis
eingeweiht. Nachtrglich erfhrt er jedenfalls, da Ravenna und Italien
sein war, und - da Belisar um die Gotenkrone, die Kaiserkrone warb. Nur
da er sie erlangt und - abliefert, kann ihn rechtfertigen vor Justinian.

Ja, sagte Belisar seufzend, er hat recht. Es bleibt mir keine Wahl.

So geh, sprach Antonina eingeschchtert. Mir aber sei's erlassen, bei
diesem Einzug dich zu begleiten: - es ist ein Schlingenlegen, kein
Triumph!

                              --------------

Die Bevlkerung von Ravenna, wenn auch im Unklaren ber die nheren
Bestimmungen, war doch gewi, da der Friede geschlossen und den langen
und schweren Leiden des verheerenden Kampfes ein Ende gemacht sei.

Und die Brger hatten in aufatmender Freude ber diese Erlsung die
Trmmer, die das Erdbeben auf sehr viele Straen geworfen, hinweggerumt
und ihre befreite Stadt festlich geschmckt. Laubgewinde, Fahnen und
Teppiche zierten die Straen, das Volk drngte sich auf den groen Fora,
in den Lagunenkanlen und in den Bdern und Basiliken in freudiger
Bewegung, begierig, den Helden Belisar und das Heer zu sehen, die so lange
ihre Mauern bedroht und endlich die Barbaren berwunden hatten.

Schon zogen starke Abteilungen von Byzantinern stolz und triumphierend
ein, whrend die in schwachen Zahlen berall zerstreuten gotischen Posten
mit Schweigen und mit Widerwillen die verhaten Feinde in die Residenz
Theoderichs einrcken sahen.

In dem ebenfalls reichgeschmckten Knigspalast versammelten sich die
vornehmsten Goten in einer Halle neben den Gemchern des Knigs. Dieser
bereitete sich, als die fr den Einzug Belisars anberaumte Stunde nahte,
die kniglichen Kleider anzulegen: - mit Befriedigung, denn es war ja das
letztenmal, da er die Abzeichen einer Wrde tragen sollte, die ihm nur
Schmerz und Unheil gebracht.

Geh, Herzog Guntharis, sprach er zu dem Wlsung, Hildebad, mein
ungetreuer Kmmerer, hat mich verlassen. Vertritt du dies eine Mal seine
Stelle: die Diener werden dir im Knigsschatz die goldene Truhe zeigen,
die Krone, Helm und Purpurmantel, Schwert und Schild Theoderichs
verwahren. Ich werde sie heute zum ersten- und letztenmal anlegen, sie dem
Helden abzuliefern, der sie nicht unwrdig tragen wird. Was giebt es dort
fr Lrm!

Herr, ein Weib, antwortete Graf Wisand, eine gotische Bettlerin. Sie
hat sich schon dreimal herangedrngt. Sie will ihren Namen dir nur nennen!
Weise sie hinaus! -

Nein, sagt ihr, ich will sie hren: - heute Abend soll sie im Palast nach
mir fragen.

Als Guntharis das Gemach verlassen, trat Bessas ein mit Cethegus. Der
Prfekt hatte diesem, ohne ihn einzuweihen, die Abschrift des Vertrages
bergeben, die der Gotenknig noch unterschreiben sollte. Aus dieser
unverdchtigen Hand, glaubte er, wrde jener die Urkunde argloser nehmen.

Witichis begrte die Eintretenden. Bei dem Anblick des Prfekten flog
ber sein Antlitz, das heute heller als seit langen Monden glnzte, ein
dunkler Schatte. Doch bezwang er sich und sprach: Du hier, Prfekt von
Rom? Anders hat dieser Kampf geendet als wir meinten! Jedoch, du kannst
auch damit zufrieden sein. Wenigstens kein Griechenkaiser, kein
Justinianus wird dein Rom beherrschen.

Und soll es nicht, solange ich lebe.

Ich komme, Knig der Goten, fiel Bessas ein, dir den Vertrag mit
Belisar zur Unterschrift vorzulegen.

Ich hab' ihn schon unterschrieben. - Es ist die fr meinen Herrn
bestimmte Doppelschrift.

So gieb, sprach Witichis und wollte das Pergament aus des Byzantiners
Hand nehmen.

Da trat Herzog Guntharis mit den Dienern eilfertig ins Gemach: Witichis,
rief er, der Knigsschmuck ist verschwunden.

Was ist das? fragte Witichis. Hildebad allein fhrte die Schlssel
davon.

Die ganze Goldtruhe, auch noch andere Truhen sind fort. In der leeren
Nische, da sie sonst standen, lag dieser Streif Pergament. Es sind die
Schriftzge von Hildebads Schreiber.

Der Knig nahm und las: Krone, Helm und Schwert, Purpur und Schild
Theoderichs sind in meinem Gewahrsam. Wenn Belisar sie will, soll er sie
von mir holen. Die Rune H - fr Hildebad.

Man mu ihn verfolgen, sagte Cethegus finster, bis er sich fgt. Da
eilten Johannes und Demetrius herein. Eile dich, Knig Witichis,
drngten sie. Hrst du die Tubatne? Belisar hat schon die Porta des
Stilicho erreicht.

So lat uns gehn, sprach Witichis, lie sich von den Dienern den
Purpurmantel, den sie statt des verschwundenen mitgebracht, um die
Schultern werfen und drckte einen goldenen Reif auf das Haupt. Statt des
Schwertes reichte man ihm ein Scepter. Und so wandte er sich zur Thr.

Du hast nicht unterschrieben, Herr, mahnte Bessas.

So gieb, und er nahm die Schrift jetzt aus der Hand des Byzantiners.
Die Urkunde ist sehr lang, sagte er hineinblickend und hob an zu lesen.
Eile, Knig, mahnte Johannes.

Zum Lesen ist nicht mehr Zeit, sagte Cethegus gleichgltig, und reichte
ihm die Schilffeder von dem Tisch. Dann auch nicht mehr zum Schreiben,
antwortete der Knig. Du weit: ich war ein Knig nach Bauernart, wie die
Leute sagten. Bauern unterschreiben keine Zeile, ehe sie genau gelesen:
gehen wir. Und lchelnd gab er die Urkunde an den Prfekten und schritt
hinaus. Die Byzantiner und alle Anwesenden folgten.

Cethegus drckte das Pergament zusammen: Warte nur, flsterte er
grimmig, du sollst doch noch unterschreiben. Langsam folgte er den
andern.

Die Halle vor dem Gemach des Knigs war bereits leer.

Der Prfekt schritt hinaus auf den gewlbten Bogengang, der im Viereck den
ersten Stock des Palastes umgab und dessen byzantinisch-romanische
Rundbogen den freien Blick in den weiten Hofraum gewhrten. Derselbe war
von Bewaffneten dicht gefllt. An allen vier Thoren standen die
Lanzentrger Belisars. Cethegus lehnte hinter einem Bogenpfeiler und
sprach, dem Gang der Ereignisse folgend, mit sich selbst: Nun, Byzantiner
genug, um ein kleines Heer gefangen zu nehmen! Freund Prokop ist
vorsichtig - Da! - Witichis erscheint im Portal - Seine Goten sind noch
weit hinter ihm auf der Treppe. Des Knigs Pferd wird vorgefhrt. - Bessas
hlt dem Knig den Bgel. - Witichis tritt heran, er hebt den Fu. - Jetzt
ein Trompetensto. - Die Treppenthre des Palastes fllt zu und schliet
die Goten in den Treppenbau. Auf dem Dache reit Prokop das Gotenbanner
nieder. - Johannes fat seinen rechten Arm, brav Johannes. - Der Knig
ruft: Verrat, Verrat! Er wehrt sich mchtig. - Aber der lange Mantel
hemmt ihn. - Da, da, er strauchelt. - Er strzt zu Boden. - Da liegt das
Reich der Goten. - - -

                              --------------

Da liegt das Reich der Goten! Mit diesen Worten begann auch Prokop die
Stze, die er an diesem Abend in sein Tagebuch eintrug: Ein wichtig Stck
Weltgeschichte hab' ich heut bei Tage machen helfen und zeichne ich nun
nachts hier ein.

Als ich heute das rmische Heer seinen Einzug halten sah in die Thore und
Knigsburg von Ravenna, kam mir abermals der Gedanke: nicht Tugend oder
Zahl oder Verdienst entscheidet den Erfolg in der Geschichte.

Es giebt eine hhere Gewalt, die unentrinnbare Notwendigkeit.

An Zahl und an Heldentum waren uns die Goten berlegen: und sie haben es
nicht fehlen lassen an irgend denkbarer Anstrengung. Die gotischen Frauen
in Ravenna schmhten heute ihren Mnnern laut ins Angesicht, als sie die
kleinen Gestalten, die nicht zahlreichen Scharen unserer einziehenden
Truppen sahen. Summa: in gerechtester Sache, in heldenmtigster
Anstrengung kann ein Mann, kann ein Volk doch erliegen, wenn bermchtige
Gewalten entgegentreten, die durchaus nicht immer das bessere Recht fr
sich haben.

Mir schlug das Herz im Bewutsein des Unrechts, als ich das Gotenbanner
heute niederri und den Golddrachen Justinians an seine Stelle setzte, die
Fahne des Unrechts erhob ber dem Banner des Rechts.

Nicht die Gerechtigkeit, eine unserem Denken undurchdringbare
Notwendigkeit beherrscht die Geschicke der Menschen und der Vlker.

Aber den rechten Mann macht das nicht irre. Denn nicht _was_ wir ertragen,
erleben und erleiden - _wie_ wir es tragen, das macht den Mann zum Helden.
Ehrenvoller ist der Goten Untergang denn unser Sieg. Und diese Hand, die
sein Banner herabri, wird den Ruhm dieses Volkes aufzeichnen fr die
kommenden Geschlechter. Jedoch, wie immer dem sei: - da liegt das Reich
der Goten.




                       Fnfundzwanzigstes Kapitel.


Und so schien es.

Auf das glcklichste war, dank den Maregeln Prokops, der Streich
gelungen. Im Augenblick, da auf dem Turme des Palastes die Fahne der Goten
fiel und der Knig ergriffen ward, sahen sich die berraschten Goten
berall im Schlohof, in den Straen und Lagunen der Stadt, im Lager von
weit berlegenen Krften umstellt: ein Rechen von Lanzen starrte ihnen
berall entgegen: fast ausnahmslos legten die Betubten die Waffen nieder:
- die wenigen, welche Widerstand versuchten, - so die nchste Umgebung des
Knigs - wurden niedergestoen. Witichis selbst, Herzog Guntharis, Graf
Wisand, Graf Markja und die mit ihnen gefangenen Groen des Heeres wurden
in getrennten Gewahrsam gebracht, der Knig in den Zwinger Theoderichs:
einen tiefen, starken Turm des Palastes selbst.

Belisars Zug von dem Thore Stilichos nach dem Forum des Honorius wurde
nicht gestrt. Im Palast angelangt, berief er den Senat, die Decurionen
der Stadt, und nahm sie in Eid und Pflicht fr Kaiser Justinianus.
Prokopius wurde mit den goldenen Schlsseln von Neapolis, Rom und Ravenna
nach Byzanz gesendet. Er sollte ausfhrlichen Bericht erstatten und fr
Belisar Verlngerung des Amtes erbitten bis zur demnchst zu erwartenden
vlligen Beruhigung Italiens und hierauf, wie nach dem Vandalenkrieg, die
Ehre des Triumphes, unter Auffhrung des gefangenen Knigs der Goten im
Hippodrom.

Denn Belisar sah den Krieg fr beendet an. Cethegus teilte beinah diesen
Glauben. Doch frchtete er in den Provinzen den Ausbruch gotischen Zornes
ber den gebten Verrat. Er sorgte daher dafr, da ber die Art des
Falles der Stadt vorlufig keine Kunde durch die Thore drang: und er
suchte eifrig im Geiste nach einem Mittel, den gefangenen Knig selbst als
ein Werkzeug zur Dmpfung des etwa neu auflodernden Nationalgefhls zu
verwerten. - Auch bewog er Belisar, Hildebad, der in der Richtung nach
Tarvisium entkommen war, durch Acacius mit den persischen Reitern
verfolgen zu lassen.

Vergebens versuchte er, die Knigin zu sprechen. Sie hatte sich seit jener
Nacht der Schrecken noch immer nicht ganz erholt und lie niemand vor.
Auch die Nachricht von dem Falle der Stadt hatte sie mit dumpfem Schweigen
hingenommen. Der Prfekt bestellte ihr eine Ehrenwache - um sich ihrer zu
versichern. Denn er hatte noch groe Plne mit ihr vor.

Dann sandte er ihr das Schwert des gefangenen Knigs und schrieb ihr
dabei: Mein Wort ist gelst. Knig Witichis ist vernichtet. Du bist
gercht und befreit. - Nun erflle auch du meine Wnsche.

Einige Tage darauf beschied Belisar, seines treuen Beraters Prokop
beraubt, den Prfekten zu sich in den rechten Flgel des Palastes, wo er
sein Quartier aufgeschlagen. Unerhrte Meuterei! rief er dem
Eintretenden entgegen. - Was ist geschehen?

Du weit, ich habe Bessas mit den lazischen Sldnern in die Schanze des
Honorius gelegt, einen der wichtigsten Punkte der Stadt. Ich vernehme, da
der Geist dieser Truppen unbotmig - ich rufe sie ab und Bessas ... - -
Nun? - Weigert den Gehorsam. - Ohne Grund? Unmglich!

Lcherlicher Grund! Gestern ist der letzte Tag meiner Amtsgewalt
abgelaufen. - Nun? - Bessas erklrt, seit letzter Mitternacht htt'
ich ihm nichts mehr zu befehlen.

Schndlich. Aber er ist im Recht.

Im Recht? In ein paar Tagen trifft des Kaisers Antwort ein, auf mein
Gesuch. Natrlich ernennt er mich, nach dem Gewinn von Ravenna, aufs neue
zum Feldherrn, bis zur Beendigung des Krieges. bermorgen kann die
Nachricht da sein.

Vielleicht schon frher, Belisar. Die Leuchtturmwchter von Classis haben
schon bei Sonnenaufgang ein Schiff angemeldet, das von Ariminum her naht.
Es soll eine kaiserliche Triere sein. Jede Stunde kann sie einlaufen. Dann
lst sich der Knoten von selbst.

Ich will ihn aber zuvor durchhauen. Meine Leibwchter sollen die Schanze
strmen und Bessas den halsstarrigen Kopf ... -

Da eilte Johannes atemlos herein. Feldherr, meldete er, der Kaiser!
Kaiser Justinianus selbst ankert soeben im Hafen von Classis.

Unmerklich zuckte Cethegus zusammen. Sollte ein solcher Blitzstrahl aus
heiterer Luft, eine Laune des unberechenbaren Despoten, nach solchen
Mhen, das fast vollendete Gebude seiner Plne gerade vor der Bekrnung
niederwerfen?

Aber Belisar fragte mit leuchtenden Augen: mein Kaiser? Woher weit du?
- Er selbst kommt, dir fr deine Siege zu danken. - Solche Ehre ward noch
keinem Sterblichen zu teil. Das Schiff von Ariminum trgt die kaiserliche
Prsenzflagge. Purpur und Silber. Du weit, das bedeutet, da der Kaiser
an Bord.

Oder ein Glied seines Hauses! verbesserte Cethegus in Gedanken,
aufatmend.

Eilt in den Hafen, unsern Herrn zu empfangen, mahnte Belisar.

                              --------------

Sein Stolz und seine Freude wurden enttuscht, als ihnen auf dem Wege nach
Classis die ersten ausgeschifften Hflinge begegneten und im Palast
Quartier forderten, nicht fr den Kaiser selbst, sondern fr dessen
Neffen, den Prinzen Germanus.

So sendet er doch den ersten nach ihm selbst, sprach Belisar, sich
selber trstend im Weitergehen zu Cethegus. Germanus ist der edelste Mann
am Hof. Unbestechlich, gerecht und unverfhrbar rein. Sie nennen ihn: die
Lilie im Sumpf. Aber du hrst mich nicht!

Vergieb, ich bemerke dort im Gedrnge, unter den eben Gelandeten, meinen
jungen Freund Licinius.

Salve Cethege! rief dieser, sich Weg zum Prfekten bahnend.

Willkommen im befreiten Italien! Was bringst du von der Kaiserin? fragte
er flsternd.

Das Abschiedswort: _Nike (Victoria)!_ und diesen Brief, flsterte der
Bote ebenso leise. - Aber, und seine Stirne furchte sich - schicke mich
nie mehr zu diesem Weibe. - Nein, nein, junger Hippolytos, ich denke, es
wird nie mehr ntig sein.

Damit hatten sie die Steindmme des Hafens erreicht, dessen Stufen soeben
der kaiserliche Prinz hinanstieg. Die edle Erscheinung, von einem reich
geschmckten Gefolg umgeben, ward von den Truppen und dem rasch
zusammenstrmenden Volk mit Jubelruf und kaiserlichen Ehren empfangen.

Cethegus fate ihn scharf ins Auge. Das bleiche Antlitz ist noch bleicher
geworden, sagte er zu Licinius. Ja, man sagt: die Kaiserin hat ihn
vergiftet, weil sie ihn nicht verfhren konnte.

Der Prinz, nach allen Seiten dankend, hatte jetzt Belisarius erreicht, der
ihn ehrfurchtsvoll begrte. Gegrt auch du, Belisarius, erwiderte er
ernst. Folge mir sogleich in den Palast. Wo ist Cethegus der Prfekt? Wo
Bessas? Ah Cethegus, sagte er, dessen Hand ergreifend, ich freue mich,
den grten Mann Italiens wieder zu sehen. Du wirst mich alsbald zu der
Enkelin Theoderichs begleiten. Ihr gebhrt mein erster Gang. Ich bringe
ihr Geschenke Justinians und meine Huldigung. Sie war eine Gefangene in
ihrem eigenen Reich. Sie soll eine Knigin sein am Hofe zu Byzanz.

Das soll sie, dachte Cethegus. Er verneigte sich tief und sprach: Ich
wei: du kennst die Frstin seit lange: ihre Hand war dir bestimmt.

Eine rasche Glut flog ber des Prinzen Wange. Leider nicht ihr Herz. Ich
sah sie hier, vor Jahren, am Hof ihrer Mutter: und seitdem hat mein
inneres Auge nichts mehr als ihr Bild gesehen. Ja, sie ist das schnste
Weib der Erde, sagte der Prfekt, ruhig vor sich hin sehend. Nimm diesen
Chrysopas zum Dank fr dieses Wort, sagte Germanus und steckte einen Ring
an des Prfekten Finger.

Damit traten sie in das Portal des Palastes.

Jetzt, Mataswintha, sprach Cethegus zu sich selbst, jetzt hebt dein
zweites Leben an. Ich kenne kein rmisch Weib - Ein Mdchen vielleicht
ausgenommen, das ich kannte! - das solcher Versuchung widerstehen knnte.
Soll diese rohe Germanin widerstehen? -

Sowie sich der Prinz von den Mhen der Seefahrt einigermaen erholt und
die Reisekleider mit einem Staatsgewand vertauscht hatte, erschien er an
der Seite des Prfekten in dem Thronsaal des groen Theoderich im
Mittelbau des Palastes.

An den Wnden der stolz gewlbten Halle hingen noch die Trophen gotischer
Siege. Ein Sulengang lief an drei Seiten des Saales hin: in der Mitte der
vierten erhob sich der Thron Theoderichs.

Mit edlem Anstand stieg der Prinz die Stufen hinan. Cethegus blieb mit
Belisar, Bessas, Demetrius, Johannes und zahlreichen andern Heerfhrern im
Mittelgrund.

Im Namen meines kaiserlichen Herrn und Ohms nehme ich Besitz von dieser
Stadt Ravenna und von dem abendlndischen Rmerreich. An dich, Magister
Militum, dies Schreiben unseres Herrn, des Kaisers. Erbrich und lies es
selbst der Versammlung vor. So befahl Justinianus.

Belisar trat vor, empfing knieend den kaiserlichen Brief, kte das
Siegel, erhob sich wieder, ffnete und las:

Justinianus, der Imperator der Rmer, Herr des Morgen- und des
Abendreichs, Besieger der Perser und Saracenen, der Vandalen und Alanen,
der Lazer und Sabiren, der Hunnen und Bulgaren, der Avaren und Sclavenen
und zuletzt der Goten, an Belisar den Consularen, ehemals Magister
Militum.

Wir sind durch Cethegus den Prfekten von den Vorgngen unterrichtet, die
zum Fall von Ravenna gefhrt. Sein Bericht wird, auf seinen Wunsch, dir
mitgeteilt werden. Wir aber knnen seine darin ausgesprochene gute Meinung
von dir und deinen Erfolgen wie von deinen Mitteln mitnichten teilen: und
wir entheben dich deiner Stelle als Befehlshaber unseres Heeres. Und wir
befehlen dir angesichts dieses Briefes sofort nach Byzanz zurckzukehren,
um dich vor unserem Throne zu verantworten. Einen Triumph wie nach dem
Vandalenkrieg knnen wir dir um so weniger gewhren, als weder Rom noch
Ravenna durch deine Tapferkeit gefallen: sondern Rom durch bergabe,
Ravenna durch Erdbeben, den Zorn Gottes ber die Ketzer und hchst
verdchtige Verhandlungen, deren Unschuld du, des Hochverrats angeklagt,
vor unserem Thron erweisen wirst. Da wir, eingedenk frherer Verdienste,
nicht ohne Gehr dich verurteilen wollen, - denn Morgenland und Abendland
sollen uns fr ferne Zeiten feiern als den Kaiser der Gerechtigkeit -
sehen wir von der Verhaftung ab, die deine Anklger beantragt. Ohne Ketten
- nur in den Fesseln deines dich selbst anklagenden Gewissens - wirst du
vor unser kaiserliches Antlitz treten.

Da wankte Belisar. Er konnte nicht weiter lesen: er bedeckte das Gesicht
mit den Hnden: das Schreiben entfiel ihm.

Bessas hob es auf, kte es und las weiter: Zu deinem Nachfolger im
Heerbefehl ernennen wir den Strategen Bessas. Ravenna bertragen wir dem
Archon Johannes. Die Steuerverwaltung bleibt, trotz der wider ihn von den
Italiern erhobenen hchst ungerechten Klagen, dem in unsrem Dienst so
eifrigen Logotheten Alexandros. Zu unsrem Statthalter aber in Italien
ernennen wir den hochverdienten Prfekten von Rom, Cornelius Cethegus
Csarius. Unser Neffe, Germanus, mit kaiserlicher Vollmacht ausgerstet,
haftet mit seinem Haupt dafr, dich unverweilt nach unsrer Flotte auf der
Hhe von Ariminum zu bringen, auf welcher dich Areobindos nach Byzanz
fhren wird.

Germanus erhob sich und befahl allen, bis auf Belisar und Cethegus, den
Saal zu verlassen. Darauf stieg er die Stufen des Thrones herab und
schritt auf Belisar zu, der nicht mehr wahrnahm, was um ihn her geschah.
Er stand unbeweglich, das Haupt und den linken Arm an eine Sule gelehnt
und starrte zur Erde.

Der Prinz fate seine Rechte. Es schmerzt mich, Belisarius, der Trger
solcher Botschaft zu sein. Ich bernahm den Auftrag, weil ihn ein Freund
milder als einer der vielen Feinde, die sich dazu drngten, ausfhren
kann. Aber ich verhehle dir nicht: dieser dein letzter Sieg hebt die Ehre
deiner frhern auf. Nie htte ich von dem Helden Belisar solch Lgenspiel
erwartet. Cethegus hat sich ausgebeten, da sein Bericht an den Kaiser dir
vorgelegt werde. Er ist deines Lobes voll: hier ist er. Ich glaube, es war
die Kaiserin, die Justinians Ungnade gegen dich entzndet hat. Aber du
hrst mich nicht. - Und er legte die Hand auf seine Schulter.

Belisar schttelte die Berhrung ab. La mich, Knabe - du bringst mir -
du bringst mir den echten Dank der Kronen.

Vornehm richtete sich Germanus auf. Belisar, du vergissest wer ich bin
und wer du bist.

Oh nein, ich bin ein Gefangner und du bist mein Wchter. Ich gehe sofort
auf dein Schiff - erspare mir nur Ketten und Bande.

                              --------------

Erst spt konnte sich der Prfekt von dem Prinzen losmachen, der in
vollstem Vertrauen die Angelegenheiten des Staates und seine persnlichen
Wnsche mit ihm besprach.

Er eilte, sowie er in seinen Gemchern, die er ebenfalls im Palaste
bezogen, allein war, den ihm von Lucius Licinius mitgeteilten Brief der
Kaiserin zu lesen.

Er lautete: Du hast gesiegt, Cethegus.

Als ich dein Schreiben empfing, gedacht' ich alter Zeiten, da deine
Brieflein in dieser Geheimschrift an Theodora nicht von Staaten und
Kriegen handelten, sondern von Kssen und Rosen ... -

Daran mssen sie immer erinnern, unterbrach sich der Prfekt.

Aber auch in diesem trocknen Briefe erkannte ich die Unwiderstehlichkeit
jenes Geistes, der einst die Frauen von Byzanz noch mehr als deine
Jugendschnheit zwang. So gab ich denn auch diesmal den Wnschen des alten
Freundes nach, wie einst denen des jungen. Ach, ich dachte gern unsrer
Jugend, der sen. Und ich erkannte wohl, da Antoninens Gemahl allzufest
in Zukunft stehn wrde, wenn er diesmal nicht fiel. So raunte ich denn -
wie du geschrieben - dem Kaiser in die Ohren: Allzugefhrlich sei ein
Unterthan, der ein solches Spiel mit Kronen und mit Aufruhr treiben knne.
Keinen Feldherrn drfe man lange solcher Versuchung aussetzen. Was er
diesmal gegaukelt, knne er ein andermal im Ernst versuchen. Diese Worte
wogen schwerer als alle Siege Belisars, und alle meine, d. h. deine
Forderungen, gingen durch.

Denn Mitraun ist die Seele Justinians. Er traut nur einer Treue auf Erden
- der Theodoras. Dein Bote Licinius ist _hbsch_ - aber unliebenswrdig:
er hat nur Rom und Waffen in Gedanken. Ach, Cethegus, mein Freund, es lebt
keine Jugend mehr wie die unsre war. Du hast gesiegt, Cethegus - weit
du noch den Abend, da ich dir diese Worte flsterte? - Aber vergi nicht,
wem du den Sieg verdankst. Und merke dir, Theodora lt sich nur solang
sie selber will als Werkzeug brauchen. Vergi das nie.

Gewi nicht, sagte Cethegus, das Schreiben sorgfltig zerstrend, du
bist eine zu gefhrliche Verbndete, Theodora, - nein, Dmonodora! - la
sehn, ob du unersetzbar bist. - Geduld: - in wenig Wochen ist Mataswintha
in Byzanz. - Was bringst du? fragte er den eintretenden Syphax, der
glnzende Waffen trug.

Herr, ein Abschiedgeschenk Belisars. Nachdem er deinen Bericht an den
Kaiser gelesen, sprach er zu Prokop: Dein Freund hat meinen Dank
verdient. Da, nimm meine goldne Rstung, den Helm mit dem weien
Roschweif und den runden Buckelschild und schicke sie ihm als letzten
Gru Belisars.




                       Sechsundzwanzigstes Kapitel.


Der Rundturm, in dessen tiefen Gewlben Witichis gefangen sa, lag an dem
rechten Eckflgel des Palastes, desselben Querbaues, in dem er als Knig
gewohnt und geherrscht hatte.

Der Turm bildete mit seiner Eisenthr den Abschlu eines langen Ganges,
der von einem Hof aus zur Rechten lief und von diesem Hof wieder durch
eine schwere Eisenpforte abgeschlossen war. Gerade dieser eisernen
Hofpforte gegenber lag im Erdgescho auf der linken Seite des Hofes die
kleine Wohnung Dromons, des Carcerarius oder Kerkermeisters des Palastes.
Sie bestand aus zwei kleinen Gemchern: das erste, von dem zweiten durch
einen Vorhang getrennt, war ein bloes Vorzimmer. Das zweite Gemach
gewhrte durch ein logenartiges Fenster den Ausblick auf den Hof und den
Rundturm. Beide waren von einfachster Einrichtung: ein Strohlager im
Innengemach und zwei Sthle und Tische im uern nebst den Schlsseln an
den Wnden waren ihr ganzes Gert.

Und auf der Holzbank an jenem Fenster sa Tag und Nacht, unverwandt den
Blick auf die Mauerlcke heftend, aus welcher allein Luft und Licht in des
Knigs Kerker fiel, schweigend und sinnend ein Weib. -

Es war Rauthgundis.

Niemals lie ihr Auge von jenem kleinen Spalt im Turm. Denn dort, sagte
sie sich, dort hngt auch sein Blick, dorthin schwebt seine Sehnsucht.
Auch wenn sie mit Wachis, ihrem Begleiter, oder mit dem Kerkermeister, der
sie beherbergte, sprach, wandte sie das Auge nicht von dem Turm. Es war,
als ob der Bann ihres Blickes Unheil von dem Gefangnen abhalten knne.

Lange, lange war sie heute wieder so gesessen. Es war dunkler Abend
geworden.

Drohend und finster ragte der gewaltige Turm und warf einen breiten
Schatten ber den Hof und diesen linken Flgel des Palastes.

Dank dir, gtiger Himmelsherr, sprach sie. Auch deine schweren Schlge
treiben zum Heil.

Wr' ich in die Felsen der Skaranzia, auf den hohen Arn, zum Vater, wie
ich mir ausgesonnen, - nie htte ich von dem Gang des Elends hier
vernommen. Oder doch viel zu spt. Aber mich zog die Sehnsucht nach der
Todessttte des Kindes, in die Nhe unsres Ehehauses, - das zwar rumte
ich -: wute ich denn, ob nicht sie, seine Knigin, dort einsprechen
wrde? So hausten wir in der Waldhtte nahe bei Fsul.

Und als das Schreckliche kam und eine Nachricht des Milingens die andre
jagte, und als die Saracenen unser Haus verbrannten und ich die Flammen
leuchten sah bis in mein Versteck, da war's zu spt nach Norden zum Vater
zu entrinnen; die Welschen sperrten alle Wege und lieferten, was flchtete
mit gelbem Haar, den Massageten aus. Kein Weg blieb offen als der Weg
hierher - nach der Rabenstadt - wohin ich als sein Weib nie hatte kommen
wollen. Als flchtige Bettlerin kam ich hier an, nur sein Ro Wallada und
sein Knecht, nun sein Freigelassener, Wachis, noch mir eigen und treu.

Aber ihm zum Heil, - von Gott hierher gezwungen, - ob ich schon nicht
wollte - ihn zu retten, zu befreien von scheulichem Verrat des eignen
Weibes! Und aus seiner Feinde Bosheit. Dank dir treuer Gott! Ich durfte
nicht mehr mit ihm leben - aber - aber ich, - Rauthgundis! - darf ihn
retten. -

Da rasselte ihr gegenber die eiserne Hofpforte.

Ein Mann mit Licht trat heraus, ging ber den Hof und trat alsbald in das
Vorzimmer. Es war der alte Kerkerwart.

Nun? sprich! rief Rauthgundis, ihren Sitz verlassend und ihm in das
erste Gemach entgegeneilend.

Geduld - Geduld - la mich erst die Lampe niederstellen. So! - Nun, also:
er hat getrunken. Und es hat ihm wohl gethan.

Rauthgundis legte die Hand auf die pochende Brust. Was thut er? fragte
sie dann.

Er sitzt immer schweigend in der nmlichen Stellung. Auf dem Holzschemel,
den Rcken gegen die Thr gewandt, das Haupt in beide Hnde gesttzt. Er
giebt mir keine Antwort, so oft ich ihn anspreche. Er pflegte sich sonst
gar nicht zu regen. Ich glaube, der Gram und Schmerz hat ihm was angethan.
Aber heute, wie ich ihm den Wein im Holzbecher hinreichte und sprach:
Trink, lieber Herr, es kommt von treuen Freunden: - da blickte er auf.
So traurig, so zum sterben traurig war der Blick und das ganze Antlitz.
Und that einen tiefen Zug und nickte dankend mit dem Haupt und seufzte
tief, tief, da es mir durch die Seele schnitt.

Rauthgundis bedeckte die Augen mit beiden Hnden.

Wei Gott, was er Bses mit ihm vor hat! brummte der Alte leise vor sich
hin.

Was sagst du?

Ich sage, du mut jetzt auch einmal tchtig essen und trinken. Sonst
verlassen dich die Krfte. Und du wirst sie brauchen, arme Frau.

Ich werde sie haben. - So nimm wenigstens einen Becher Wein. - Von
diesem? Nein, der ist fr ihn allein. Und sie trat in das innere Gemach
zurck, wo sie ihren alten Platz einnahm.

Der Krug reicht ja noch lang, fuhr der alte Dromon fr sich fort. Und
ich frchte: wir mssen ihn bald retten, wenn er gerettet werden soll. Da
kmmt Wachis. Wenn er nur gute Nachricht bringt, sonst .. -

Wachis trat ein. Er hatte seit dem Besuch bei der Knigin die Sturmhaube
und seinen Mantel mit Gewndern Dromons vertauscht. Gute Botschaft bring
ich, sprach er im Eintreten. Aber wo wart ihr vor einer Stunde? Ich
pochte vergeblich.

Wir waren beide ausgegangen, Wein zu kaufen.

Ach ja, deshalb duftet das ganze Gemach so stark - was seh' ich? Das ist
ja alter, kstlicher Falerner! Womit hast du den bezahlt?

Womit? wiederholte der Alte, mit dem edelsten Golde der Welt! Und
seine Stimme bebte vor Rhrung. Ich erzhlte ihr, da der Prfekt ihn
absichtlich Mangel leiden lasse, da er elend werde. Seit vielen Tagen hat
man mir gar keine Speise fr ihn gegeben. Ich habe ihn, gegen mein
Gewissen, nur dadurch erhalten, da ich den andern Gefangnen an dem Ihren
abbrach. Das wollte sie nicht. Sie sann nach und fragte dann: Nicht wahr,
Dromon, die reichen Rmerinnen bezahlen immer noch das gelbe Haar der
Germaninnen so hoch? Und ich, in meiner Einfalt nichts ahnend, sage ja.

Und sie geht hin und schneidet schweigend ihre reichen, schnen,
goldbraunen Flechten und Zpfe ab und bringt sie mir. Und damit ward der
Wein bezahlt.

Da strzte Wachis in das nchste Gemach, warf sich vor ihr nieder und
bedeckte den Saum ihres Gewandes mit Kssen. O Herrin - rief er mit
versagender Stimme - goldne, goldtreue Frau!

Was treibst du, Wachis? steh auf und erzhle.

Ja, erzhle, sprach Dromon hinzutretend, was rt mein Sohn?

Wozu brauchen wir seinen Rat? sprach die Frau. Ich, ich allein will es
vollenden.

Sehr ntig brauchen wir ihn. Der Prfekt hat aus allen jungen Ravennaten,
nach dem Muster der rmischen, neun Kohorten Legionare gebildet und meinen
Paulus auch eingereiht. Zum Glck hat er diesen Legionaren die Bewachung
der Stadtthore anvertraut. - Die Byzantiner liegen drauen im Hafen, seine
Isaurier hier im Palast.

Die Thore nun, fuhr Wachis fort, werden zur Nacht sorgfltig gesperrt.
Aber die Mauerlcke am Turme des Atius ist immer noch nicht ausgebaut.
Nur die Wachen stehen dort.

Wann trifft meinen Sohn die Wache?

In zwei Tagen: die dritte Nachtwache.

Allen Heiligen sei Dank. Viel lnger drft' es nicht whren: - ich
frchte ... - Und er stockte.

Was? sprich, mahnte Rauthgundis entschlossen. Ich kann alles hren.

Es ist am Ende besser, du weit es. Denn du bist klger und findiger als
wir beide. Und findest eher Rat als wir. Ich frchte: sie haben's schlimm
mit ihm vor.

So lange Belisar hier befahl, ging es ihm noch gut.

Aber seit der fortgebracht und der Prfekt, der schweigsam kalte Dmon,
Herr im Palast ist, hat's ein gefhrlich Ansehn. Alle Tage besucht er ihn
selbst im Kerker.

Und spricht lang und eifrig und drohend in ihn hinein. Ich habe oft im
Gang gelauscht. Er mu aber wenig ausrichten. Denn der Herr giebt ihm,
glaub' ich, gar keine Antwort. Und wenn der Prfekt herauskommt, blickt er
so finster wie - wie der Knig der Schatten. Und seit sechs Tagen erhalte
ich keinen Wein und keine Speisen fr ihn als ein kleines Stck Brot. Und
die Luft da unten ist so moderdumpf wie im Grabe.

Rauthgundis seufzte tief.

Und gestern, als der Prfekt herauf kam, - er sah grimmiger als je darein
- da fragte er mich .. -

Nun? sprich es aus, was es auch sei!

Ob die Foltergerte in Ordnung seien.

Rauthgundis erbleichte, aber sie schwieg. Der Neiding! rief Wachis, was
hast du - Sorget nicht, eine Weile hat's noch gute Wege.

Clarissime, antwortete ich, - und es ist die reine Wahrheit - die
Schrauben und die Zangen, die Gewichte und die Stacheln und das ganze
saubere Qualzeug liegt in schnster Ordnung alles beisammen. - Wo?
fragte er. Im tiefen Meer. Ich selbst hab' es, schon auf Knig
Theoderichs Befehl, hineingeworfen. Denn wisset, Frau Rauthgundis: euer
Herr hat einmal, da er noch einfacher Graf war, mich gerettet, da die
Gerte an mir selbst versucht werden sollten. Da wurde auf sein Bitten das
Foltern vllig abgethan: ich schulde ihm mein Leben und meine heilen
Glieder. Und darum wag' ich mit Freuden meinen Hals fr ihn. Und will
auch, wenn's nicht anders geht, gern diese Stadt mit euch verlassen. Aber
lange drfen wir nicht sumen. Denn der Prfekt bedarf nicht meiner Zangen
und Schrauben, wenn er einem das Mark aus dem Leibe qulen will. Ich
frcht' ihn, wie den Teufel.

Ich ha' ihn, wie die Lge, sagte Rauthgundis grimmig.

Darum mssen wir rasch sein, eh' er seine schwarzen Gedanken vollfhren
kann. Denn er sinnt Arges gegen den guten Knig. Ich wei nicht, was er
noch weiter von dem armen Gefangnen will. Also hrt und merkt euch meinen
Plan. In der dritten Nacht, da mein Paulus die Wache hat, wann ich ihm den
Nachttrunk bringe, schliee ich ihm die Ketten los, werfe ihm meinen
Mantel ber und fhre ihn aus dem Kerker und dem Gang in den Hof.

Von da kmmt er ungehindert bis an das Thor des Palastes, wo ihn die
Thorwache um die Losung frgt. Diese werd' ich ihm sagen.

Ist er auf der Strae, dann rasch an den Turm des Atius, wo ihn mein
Paulus die Mauerlcke passieren lt. Drauen im Pinienwald, im Hain der
Diana, wenige Schritte vor dem Thore, wartet Wachis auf ihn, der ihn auf
Wallada hebt. Begleiten aber darf ihn niemand. Auch du nicht, Rauthgundis.
Er flieht am sichersten allein.

Was liegt an mir! Frei soll er sein, nicht noch einmal an mich gebunden.
Du nennst meinen Namen gar nicht. Ich hab' ihm nur Unglck gebracht. Ich
will ihn nur noch einmal sehen, von diesem Fenster aus, wann er in die
Freiheit tritt.

                              --------------

Der Prfekt sonnte sich in diesen Tagen im Vollgefhle der Macht.

Er war Statthalter von Italien: in allen Stdten wurden auf seine
Anordnung die Befestigungen geflickt und verstrkt, die Brger an die
Waffen gewhnt. Die Vertreter von Byzanz vermochten ihm in keiner Weise
Gegengewicht zu halten. Ihre Heerfhrer hatten kein Glck, die
Belagerungen von Tarvisium, Verona und Ticinum machten keine Fortschritte.

Und mit Vergngen vernahm Cethegus, da Hildebad, dessen Schar sich durch
Zulauf unterwegs auf etwa sechshundert erhht, Acacius, der ihn mit
tausend Perser-Reitern eingeholt und angegriffen, blutig zurckgeschlagen
hatte. Eine starke Abteilung von Byzantinern aber, die ihm von Mantua aus
entgegenrckte, verlegte ihm alle Wege - er wollte nach Tarvisium zu
Totila - und ntigte ihn, sich in das noch von den Goten unter Thorismuth
besetzte Kastell von Castra Nova zu werfen. Hier hielten ihn die
Byzantiner eingeschlossen, vermochten aber nicht, den festen Bau zu nehmen
und schon sah der Prfekt die Stunde kommen, da ihn Acacius zu Hilfe rufen
wrde, den Goten, der ihm dann nicht mehr entrinnen konnte, zu vernichten.

Es freute ihn, da die Kriegsmacht von Byzanz seit Belisars Entfernung
sich offen vor ganz Italien als unfhig erwies, den letzten Widerstand der
Goten zu brechen. Und die Hrte der byzantinischen Finanzverwaltung, die
Belisar berall, wo er einzog, mit sich fhren mute - er konnte die auf
Befehl des Kaisers gebte Aussaugung nicht hindern - erweckte oder
steigerte in den Stdten und auf dem flachen Lande die Abneigung gegen die
Ostrmer. Cethegus htete sich wohl, wie Belisar gethan, den rgsten
bergriffen der Beamten Justinians zu wehren. Er sah es mit Freude, da in
Neapolis, in Rom wiederholt das Volk gegen die Bedrcker in offnem Aufruhr
emporloderte.

Waren die Goten vollends vernichtet, der Byzantiner Macht verchtlich,
ihre Tyrannei verhat genug geworden, dann konnte Italien aufgerufen
werden, frei zu sein und der Befreier, der Beherrscher hie Cethegus.

Dabei verlie ihn nur die Eine Besorgnis nicht - denn er war fern von
Unterschtzung seiner Feinde, - der Gotenkrieg, dessen letzte Funken noch
nicht ausgetreten, knne nochmal aufflammen, geschrt durch die Entrstung
des Volkes ber den gebten Verrat.

Schwer fiel dem Prfekten ins Gewicht, da die tiefstgehaten Fhrer der
Goten, da Totila und Teja nicht mit im Netze zu Ravenna waren gefangen
worden. Um der Gefahr jener begeisterten Volkserhebung zuvorzukommen,
trachtete er so eifrig, dem gefangnen Gotenknig die Erklrung zu
entreien, er habe sich und die Stadt zuletzt ohne Hoffnung und Bedingung
unterworfen, und er fordre die Seinen auf, den aussichtslosen Widerstand
aufzugeben.

Und auch das Kastell, in welchem der Kriegsschatz Theoderichs geborgen
lag, sollte ihm sein Gefangner angeben. In jener Zeit war ein solcher,
schon um fremde Frsten und Sldner zu gewinnen und anzuziehen, von
hchster Bedeutung. Verloren ihn die Goten, so verloren sie die letzte
Hoffnung, ihre geschwchte Kraft durch fremde Waffen zu ergnzen. Und viel
lag dem Prfekten daran, jenen als unermelich reich von der Sage
gepriesenen Hort nicht in die Hnde der Byzantiner fallen zu lassen, deren
Geldnot und daher verursachte Tyrannei ein wichtiger Bundesgenosse seiner
Plne war: sondern ihn sich selbst zu sichern, - auch seine Mittel waren
ja nicht unerschpflich.

Aber all sein Bemhen schien an der Unerschtterlichkeit seines Gefangnen
zu scheitern.




                      Siebenundzwanzigstes Kapitel.


Die Maregeln zur Befreiung des Knigs waren getroffen.

Rauthgundis war mit Wachis hinausgegangen, sich das Walddickicht genau
einzuprgen, wo der treue Freigelassene mit dem treuen Ro Dietrichs von
Bern ihrer warten sollte.

Und mit der Ruhe, welche die Vollendung aller Vorbereitungen starkem Sinn
gewhrt, war die Gotin nach der Wohnung des Kerkermeisters zurckgekehrt.
Aber sie erbleichte, als dieser ihr wie verzweifelt entgegenstrzte und
sie ber die Schwelle in das Gemach zog. Dort warf er sich vor ihr nieder,
schlug die Brust mit den Fusten und raufte sein graues Haar. Lange fand
er keine Worte.

Rede, gebot Rauthgundis und prete die Hand auf das wild pochende Herz,
ist er tot?

Nein, aber die Flucht ist unmglich! Alles dahin! Alles verloren! Vor
einer Stunde kam der Prfekt und stieg zu dem Knig hinab. Wie gewhnlich
schlo ich ihm selbst die beiden Thren, die Gangthr und die
Kerkerpforte, auf - da - Nun? Da nahm er mir die beiden Schlssel ab:
er werde sie fortan selbst verwahren. Und du gabst sie ihm? knirschte
Rauthgundis. Wie konnt' ich sie weigern! Ich wagte das uerste. Ich
hielt sie zurck und fragte: O Herr, vertraust du mir nicht mehr? Da
warf er mir einen seiner Blicke zu, die Leib und Seele wie ein Messer
trennen knnen.

Von jetzt an - nicht mehr! sprach er und ri mir die Schlssel aus der
Hand.

Und du lieest es geschehen! Doch freilich! Was ist dir Witichis?

O Herrin, du thust mir weh und unrecht! Was httest du an meiner Stelle
thun knnen? Nichts andres!

Erwrgt htt' ich ihn mit diesen Hnden! Und nun? Was soll jetzt
geschehn?

Geschehn? Nichts! Nichts kann geschehen.

Er mu frei werden. Hrst du, er mu!

Aber Herrin! Ich wei ja nicht wie.

Rauthgundis ergriff ein Beil, das an dem Herde lehnte. Erbrechen wir die
Thren mit Gewalt. Dromon wollte ihr die Axt entwinden.

Unmglich! Dicke Eisenplatten!

So rufe den Unhold. Sage, Witichis verlange ihn zu sprechen. Und vor der
Gangthr erschlag ich ihn mit diesem Beil.

Und dann? Du rasest! La mich hinaus. Ich will Wachis abrufen von seiner
nutzlosen Wacht.

Nein, ich kann's nicht denken, da es heut' nicht werden soll. Vielleicht
kmmt dieser Teufel von selbst wieder. Vielleicht - sprach sie
nachsinnend. Ah, schrie sie pltzlich, gewi, das ist's. Er will ihn
ermorden! Er will sich allein zu dem Wehrlosen schleichen. Aber weh' ihm,
wenn er kommt! Die Schwelle jener Gangthr will ich hten wie ein
Heiligtum, besser als meines Kindes Leben. Und weh ihm, wenn er sie
beschreitet. Und sie drckte sich hart an die Halbthr des Gemaches
Dromons und wog das schwere Beil.

Aber Rauthgundis irrte.

Nicht um seinen Gefangenen zu tten, hatte der Prfekt die Schlssel an
sich genommen. Er war mit denselben in den linken, den Sdbau des Palastes
geschritten. Spt am Nachmittag trat Cethegus - er kam aus dem Kerker des
Knigs - in das Gemach Mataswinthens. Die Ruhe des Todes und die Erregung
des Fiebers wechselten in der seelisch Tieferkrankten so oft, so rasch,
da Aspa nur mit Thrnen-erfllten Augen noch auf ihre Herrin sah.

Zerstreue, sprach Cethegus, schnste Tochter der Germanen, die Wolken,
die auf deiner weien Stirn lagern und hre mich ruhig an.

Wie steht es mit dem Knig? Du lassest mich ohne Nachricht. Du
versprachst, ihn frei zu geben nach der Entscheidung. Ihn ber die Alpen
fhren zu lassen. Du hltst dein Wort nicht.

Ich habe das versprochen: - unter zwei Bedingungen.

Du kennst sie beide, und hast die deine noch nicht erfllt. Morgen kommt
der kaiserliche Neffe Germanus zurck von Ariminum, - dich nach Byzanz zu
fhren: - du giebst ihm Hoffnung, seine Braut zu werden. Die Ehe mit
Witichis war erzwungen und nichtig.

Ich sagte dir schon: nein, niemals!

Das thut mir leid - um meinen Gefangenen.

Denn eher nicht sieht er das Licht der Sonne, bis du mit Germanus auf dem
Wege nach Byzanz.

Niemals.

Reize mich nicht, Mataswintha! Die Thorheit des Mdchens, das so teuren
Preis einst um einen Areskopf bezahlt, ist, denk' ich, berwunden.
Dasselbe Geschpf hat den Ares der Goten ja seinen Feinden verraten. Aber
ehrst du noch wirklich den Mdchentraum, so rette den einst Geliebten.

Mataswintha schttelte das Haupt.

Ich habe dich bisher als eine Freie, als Knigin behandelt. Erinnere mich
nicht, da du so gut wie er in meiner Gewalt. Du wirst dieses edlen
Prinzen Gemahlin - bald seine Witwe - und Justinian, Byzanz, die Welt
liegt dir zu Fen. Tochter Amalaswinthens - solltest du nicht die
Herrschaft lieben?

Ich liebe nur ... -! Niemals!

So mu ich dich zwingen!

Sie lachte: Du? mich? zwingen?

Ja, ich dich zwingen. (Sie liebt ihn noch immer, den sie zu Grunde
gerichtet!) Die zweite Bedingung nmlich ist: da der Gefangene diesen
leergelassenen Namen ausfllt - es ist der Name des Schatzschlosses der
Goten - und diese Erklrung unterschreibt. Er weigert sich mit einem
Trotz, der anfngt, mich zu erbittern. Siebenmal war ich bei ihm - ich,
der Sieger - er hatte noch kein Wort fr mich. Nur das erste Mal, da
erhielt ich einen Blick - fr den er allein den stolzen Kopf verlieren
mute.

Nie giebt er nach.

Das frgt sich doch. Auch Felsen zermrbt beharrlicher Tropfenfall. Aber
ich kann nicht lange mehr warten.

Heute frh kam Nachricht, da der tolle Hildebad in wtigem Ausfall Bessas
so schwer geschlagen, da er kaum die Einschlieung noch aufrecht hlt.
berall flackern gotische Erhebungen empor. Ich mu fort und ein Ende
machen und diese Funken auslschen mit dem Wasser der Enttuschung, besser
als mit Blut. Dazu mu ich des gefangenen Knigs Erklrung und
Schatzgeheimnis haben. Ich sage dir also: wenn du bis morgen Mittag nicht
des Prinzen Begleiterin nach Byzanz bist und mir nicht vorher die
Unterschrift des Gefangenen verschaffst, die Echtheit von dir selbst
bezeugt, so werd' ich den Gefangenen - - ich schwre es dir beim Styx, -
werd' ich den Gefangenen -

Entsetzt von seinem furchtbar drohenden Ausdruck fuhr Mataswintha von
ihrem Sitz empor und legte ihre Hand auf seinen Arm. Du wirst ihn doch
nicht tten?

Ja, das werd' ich. Ich werd' ihn erst foltern. Dann blenden. Und dann
tten.

Nein, nein! schrie Mataswintha auf.

Ja, ich hab's beschlossen. Die Henker stehen bereit. Und du wirst ihm das
sagen: dir, dieser hnderingenden Verzweiflung wird er glauben, da es
Ernst. Du vielleicht rhrst ihn: mein Anblick hrtet seinen Trotz. Er
whnt vielleicht noch, in Belisars, des Weichherzigen, Hand zu sein. Du
wirst ihm sagen, in wessen Gewalt er ist. Hier die beiden Pergamente. Hier
die Schlssel - du sollst deine Stunde frei whlen - zu seinem Kerker.

Ein Strahl freudiger Hoffnung blitzte aus Mataswinthens Seele durch ihr
Auge.

Cethegus bemerkte es wohl. Aber ruhig lchelnd schritt er hinaus.




                       Achtundzwanzigstes Kapitel.


Bald, nachdem der Prfekt die Knigin verlassen, war es dunkel geworden
ber Ravenna. Der Himmel war dicht mit zerrissenem Gewlk bedeckt, das
heftiger Wind an dem Neumond vorberjagte, so da kurzes, ungewisses Licht
mit desto tieferem Dunkel wechselte.

Dromon hatte seinen Abendrundgang in den Zellen der brigen Gefangenen
vollendet und kam mde und traurig in sein Vorgemach zurck. Er fand kein
Licht brennend. Mit Mhe nur nahm er Rauthgundis wahr, die noch immer
reglos an der Halbthr lehnte, das Beil in der Hand, den Blick auf die
Gangthr geheftet.

La mich Licht schlagen, Frau, den Kienspan im Herdeisen entznden: und
teile das Nachtmahl mit mir. Komm, du harrest hier umsonst. - Nein, kein
Licht, kein Feuer in dem Gemach! Ich sehe so besser, was drauen im Hof,
im Mondlicht naht. - Nun so komm wenigstens hierherein und ruhe auf dem
Dreifu. Hier ist Brot und Fleisch. - Soll ich essen, whrend er Hunger
leidet? - Du wirst erliegen! Was denkst, was sinnst du den ganzen
Abend?

Was ich denke? wiederholte Rauthgundis, immer hinausblickend: Ihn! Und
wie wir so oft gesessen in dem Sulengang vor unserem schnen Hause, wann
der Brunnen pltscherte in dem Garten und die Cikaden zirpten auf den
Olivenbumen. Und die khle Nachtluft strich frei um sein liebes Haupt.
Und ich schmiegte mich an seine Schulter. Und wir sprachen nicht. Und oben
gingen die Sterne. Mit Schweigen. Und wir lauschten den vollen, tiefen
Atemzgen des Kindes, das eingeschlafen war auf meinem Scho, die
Hndchen, wie weiche Fesseln, um den Arm des Vaters geschlungen. Jetzt
trgt sein Arm andre Fesseln. Eisenfesseln trgt er, - die schmerzen ...
- - Und sie drckte die Stirn an das Eisengitter, fest und fester, bis
sie selbst Schmerz empfand.

Herrin, was qulst du dich? Es ist doch nicht zu ndern!

Ich will es aber ndern! Ich mu ihn retten und - Ah, Dromon, hieher! Was
ist das? flsterte sie und wies in den Hof.

Der Alte sprang geruschlos an ihre Seite. In dem Hofe stand eine hohe,
weie Gestalt, die lautlos an der Mauer dahinglitt. Rasch nur, aber
scharf, fiel das Mondlicht darauf.

Es ist eine Lemure! Ein Schatte der vielen hier Ermordeten, sprach der
Alte bebend. Gott und die Heiligen schtzet mich! Und er bekreuzte sich
und verhllte das Haupt.

Nein, sprach Rauthgundis, die Toten kommen nicht wieder vom Jenseits.
Jetzt ist's verschwunden - Dunkel ringsum - Sieh, da bricht der Mond durch
- da ist es wieder! Es schwebt voran gegen die Gangthr. Was schimmert da
rot im weien Licht? Ah, das ist die Knigin - ihr rotes Haar! Sie hlt an
der Gangthr. Sie schliet auf! Sie will ihn im Schlaf ermorden!

Wei Gott, es ist die Knigin! Aber ihn ermorden! Wie knnte sie!

_Sie_ knnte es! Aber sie soll es nicht, so wahr Rauthgundis lebt. Ihr
nach! Ein Wunder thut uns seinen Kerker auf! Doch aber leise! Leise!

Und sie trat aus der Halbthr in den Hof, das Beil in der Rechten,
vorsichtig den Schatten der Mauer suchend, langsam, auf den Zehen
schleichend. Dromon folgte ihr auf dem Fue.

Inzwischen hatte Mataswintha die Gangthr aufgeschlossen und ihren Weg
erst viele Stufen hinab, dann durch den schmalen Gang, mit den Hnden
tastend, zurckgelegt. Nun erreichte sie die Pforte des Kerkers. Sacht
erschlo sie auch diese.

Durch einen ausgehobenen Ziegelstein hoch oben im Turm fiel ein schmaler
Streif des Mondlichts in das enge Quadrat. Es zeigte ihr den Gefangenen.
Er sa, den Rcken gegen die Thre gewandt, das Haupt auf die Hnde
gesttzt, reglos auf einem Steinblock.

Zitternd lehnte sich Mataswintha an die Pfosten der Pforte. Eiskalte Luft
schlug ihr entgegen. Sie fror. Sie fand keine Worte: vor Grauen.

Da sprte Witichis an dem Windzug, da die Pforte geffnet worden. Er hob
das Haupt. Aber er sah nicht um.

Witichis - Knig Witichis - stammelte endlich Mataswintha - ich bin's.
Hrst du mich?

Aber der Gefragte rhrte sich nicht.

Ich komme, dich zu retten - fliehe! Freiheit!

Aber der Gefangene senkte wieder das Haupt.

Oh sprich! - oh sieh nur auf mich! - Und sie trat ein. Gern htte sie
seinen Arm berhrt, seine Hand gefat. Sie wagte es noch nicht. Er will
dich tten - qulen. Er wird es thun, - wenn du nicht fliehst.

Und nun gab ihr Verzweiflung den Mut, nher zu treten. Du sollst aber
fliehn! Du sollst nicht sterben! Du sollst gerettet sein - durch mich! Ich
flehe dich an - fliehe! Du hrst mich nicht! Die Zeit drngt! Einst sollst
du alles wissen! Nur jetzt flieh in Freiheit und Leben. Ich habe die
Schlssel der Kerkerpforte und der Gangthr! flieh! Und nun fate sie
seinen Arm, wollte ihn emporreien.

Da klirrten seine Ketten an den Armen, an den Fen. - Er war an den
Steinblock festgeschlossen.

O, was ist das? rief sie und fiel in die Kniee.

Stein und Eisen, sagte er tonlos. La mich. Ich gehre dem Tode. Und
hielten mich auch diese Bande nicht - ich folgte dir doch nicht! Zurck in
die Welt? Die Welt ist eine groe Lge. Alles ist Lge.

Du hast Recht! sterben ist besser. La mich sterben mit dir. Und verzeih
mir. Denn auch ich habe dir gelogen.

Es mag wohl sein. Es wundert mich nicht.

Aber du mut mir noch vergeben, ehe wir sterben.

Ich habe dich gehat - ich habe gejubelt ber deinen Niedergang - ich habe
- o, es ist so schwer zu sagen! Ich habe die Kraft nicht, es zu gestehn.
Und doch mu ich deine Verzeihung haben - und mt' ich sie mir erstehlen.
Vergieb mir - reiche mir die Hand zum Zeichen, da du mir verzeihst.

Aber Witichis war in sein Brten zurckgesunken. O, ich flehe dich an -
verzeihe mir, was immer ich dir mag gethan haben.

Geh - warum soll ich dir nicht verzeihn? Du bist wie alle! nicht besser,
nicht schlimmer!

Nein, ich bin bser als alle. Und doch besser. Wenigstens elender. Wisse
denn: ich habe dich gehat, ja, aber nur, weil du mich von dir gestoen!
Du lieest mich nicht dein Leben teilen, - verzeihe mir. - Gott, ich will
ja nur mit dir sterben drfen. Reich mir einmal noch die Hand, zum
Zeichen, da du mir verzeihst. Und sie streckte kniend, flehend, beide
Hnde zu ihm empor.

Der Knig erhob das Haupt. Der Grundzug seines Wesens, die tiefe
Herzensgte, regte sich in ihm und bertnte den eignen dumpfen Schmerz.
Mataswintha, sagte er, und erhob die kettenklirrende Hand, geh', es
erbarmt mich dein. La mich allein sterben. Was immer du an mir gethan -
geh hin: - ich habe dir verziehn.

O Witichis! hauchte Mataswintha und wollte seine Hand ergreifen.




                       Neunundzwanzigstes Kapitel.


Aber heftig fhlte sie sich hinweggerissen. Nachtbrennerin, nie soll er
dir vergeben! Komm Witichis, _mein_ Witichis. Folge mir! du bist frei.
Der Knig sprang auf, von dieser Stimme wie aus Betubung geweckt.
Rauthgundis! Mein Weib! ja du logst nie! Du bist getreu. Ich hab' dich
wieder. Und tief aufatmend, jauchzend aus voller Brust, breitete er die
Arme aus. Sein Weib flog an seine Brust und sie weinten beide se Thrnen
der Liebe und der Freude.

Mataswintha aber, die sich erhoben hatte, wankte gegen die Mauer. Sie
strich sich langsam die roten, losgegangnen Haare aus der Stirn und
blickte auf das Paar, das der Mondstrahl, der durch die Turmluke fiel,
hell beleuchtete.

Wie er sie liebt! Ihr, ja ihr wrd' er folgen in Freiheit und Leben. Aber
er mu ja bleiben! Und sterben - mit mir. -

Sumt nicht lnger! mahnte von der Kerkerthre her die Stimme Dromons.

Ja, rasch fort, mein Leben! rief Rauthgundis. Sie zog einen kleinen
Schlssel aus dem Busen und tastete an den Ketten, des Schlosses kleine
ffnung suchend.

Wie? soll ich wirklich nochmal hinaus? fragte der Gefangene, halb in
seine Betubung zurcksinkend.

Ja, hinaus in Luft und Freiheit, rief Rauthgundis und warf die
losgeschlossenen Armfesseln zur Erde. Hier Witichis, eine Waffe! Ein
Beil! Nimm!

Begierig ergriff der gotische Mann die Axt und holte krftig damit aus:
Ah! die Waffe thut dem Arm, der Seele wohl!

Das wute ich, mein tapfrer Witichis! rief Rauthgundis, kniete nieder
und schlo die Kette auf, die seinen linken Fu an den Steinblock
gefesselt hielt. Nun schreite aus! Denn du bist frei.

Witichis that, das Beil in der Rechten hebend, hoch sich reckend, einen
Schritt gegen die Thre.

Und _sie_ darf seine Ketten lsen! flsterte Mataswintha.

Ja, frei! sprach Witichis, hoch aufatmend. Ich _will_ frei sein und mit
dir gehen.

Mit ihr will er gehen! rief Mataswintha und warf sich den Gatten in den
Weg. Witichis - leb wohl - geh! - Nur sage mir nochmal - da du mir
vergiebst.

Dir vergeben? rief Rauthgundis. Nie! Niemals! Sie hat unser Reich
zerstrt. Sie hat dich verraten. Nicht der Blitz des Himmels - ihre Hand
hat deine Speicher verbrannt!

O so sei verflucht! rief Witichis. Hinweg von dieser Schlange der
Hlle! Und sie von der Pforte hinwegschleudernd, schritt er ber die
Schwelle, gefolgt von Rauthgundis.

Witichis! rief Mataswintha sich aufraffend. Halt! Halt an! Hre mich
nur noch einmal! Witichis!

Schweig! sprach Dromon, ihren Arm ergreifend. Du wirst ihn verderben.

Aber Mataswintha, ihrer nicht mehr mchtig, ri sich los und folgte, die
Stufen hinauf in den Gang.

Halt! rief sie, Witichis! Du darfst nicht so hinweg. Du mut mir
verzeihn. Da brach sie ohnmchtig zu Boden.

Dromon eilte an ihr vorbei, den Fliehenden nach.

Aber schon hatte das gellende Rufen den Mann des leisesten Schlafes
geweckt.

Cethegus trat, das Schwert in der Hand, nur halb gegrtet, aus seinem
Schlafgemach auf den Gang, dessen offne Logen in den viereckigen Palasthof
blickten.

Wachen, rief er, unter die Speere! Auch Soldaten waren merksam
geworden. Kaum hatten Witichis, Rauthgundis und Dromon den Gang und die
Gangthre durchschritten und, gerade dieser gegenber, die Gemcher
Dromons erreicht, als sechs isaurische Sldner laut lrmend in den Gang
hineinstrmten.

Rasch sprang Rauthgundis aus der Halbthr, sprang auf die schwere eiserne
Gangthre zu, warf sie klirrend ins Schlo, drehte den Schlssel um, und
zog ihn heraus. Die sind geborgen und unschdlich! flsterte sie.

Schnell eilten nun die beiden Gatten von dem Gemache Dromons dem groen
Ausgang zu, der aus dem Schlohof auf die Strae fhrte. Mit geflltem
Speer trat hier der letzte Mann der Wache, der hier zurckgeblieben, ihnen
entgegen. Gebt die Losung, rief er. Rom und? -

Rache! sprach Witichis und schlug ihn mit dem Beile nieder.

Laut schreiend fiel der Sldner, und warf noch den Speer den Flchtigen
nach: er durchbohrte den letzten der drei - Dromon.

ber die Marmorstufen des Palastes auf die Strae hinabspringend, hrten
die Gatten die eingesperrten Soldaten donnernd gegen die feste Eisenthre
schlagen, auch einen lauten Befehlruf hrten sie noch. Syphax! mein
Pferd!

Dann nahm sie Nacht und Dunkel auf.

Wenige Minuten darauf schimmerte der Palasthof von Fackeln: und Reiter
flogen nach allen Thoren der Stadt.

Sechstausend Solidi wer ihn lebend, dreitausend wer ihn erschlagen
bringt! rief Cethegus, - sich in den Sattel seines schwarzen Hengstes
schwingend. Nun auf, ihr Shne des Windes, Ellak und Mundzuch, Hunnen und
Massageten. Jetzt reitet, wenn ihr je geritten!

Aber wohin, Herr? fragte Syphax, an seines Herrn Seite aus dem
Palastthor sprengend.

Das ist schwer raten. Aber alle Thore sind geschlossen und besetzt. Sie
knnen nur etwa zu den Mauerbreschen hinaus.

Zwei groe Mauerbreschen sinds.

Sieh dort den Jupiter, der eben aus der Wolke tritt im Ost. Er winkt mir.
Ist nicht dort -?

Der Mauersturz am Turme des Atius.

Gut! dort hinaus! Ich folge meinem Stern! - - -

                              --------------

Glcklich hatten inzwischen die Gatten, hindurchgelassen von Paulus, dem
Sohn des Dromon, die nur halb ausgefllte Mauerlcke durcheilt und in dem
nahen Pinienhain der Diana Wachis, den Getreuen, und zwei Pferde gefunden.
Wallada nahm die Gatten auf den Rcken. -

Der Freigelassene ritt rasch voran, dem Ufer des hier sehr breiten Flusses
zu. Witichis hielt Rauthgundis vor sich, hinter dem Hals des Rosses. Mein
Weib! mit dir hatte ich alles verloren! Leben und Lebensmut. Aber nun will
ich's noch einmal wagen um das Reich. O wie konnte ich dich von mir
lassen, du Seele meiner Seele.

Dein Arm ist wund vom Druck der Kette! So! leg ihn hier auf meinen
Nacken, o du mein alles.

Vorwrts, Wallada! Rasch! es gilt das Leben.

Da bogen sie aus dem Dickicht des Hains ins Freie. Das Ufer des Flusses
war erreicht. Wachis trieb sein bumendes Pferd in die dunkle Flut. Das
Thier scheute und widerstrebte. Der Freigelassene sprang ab. Er geht sehr
tief, sehr reiend. Es ist Hochwasser seit drei Tagen. Die Furt ist nicht
zu brauchen.

Die Gule mssen schwimmen und stark rechts abwrts wird's uns reien. Und
es sind Felsen im Flu. Und das Mondlicht wechselt so oft und tuscht. -
Ratlos prfte er am Ufer hin und her.

Horch, was war das? fragte Rauthgundis. Das war nicht der Wind in den
Steineichen.

Pferde sind's, sagte Witichis. Sie nahen in Eile. Ja, wir sind
verfolgt. Waffen klirren. Da - Fackeln. Jetzt hinein in den Strom auf
Leben und Sterben. Aber leise!

Und er fhrte sein Pferd am Zgel in die Flut.

Kein Bodengrund mehr. Die Gule mssen schwimmen.

Halte dich fest an der Mhne, Rauthgundis. Vorwrts, Wallada!

Schnaubend, zitternd, blickte das Thier in die schwarze Flut - die Mhne
flog wirr kopfber - die Vorderfe vorgestreckt, den Hinterbug
zurckgehemmt.

Vorwrts, Wallada! Und leise rief Witichis dem treuen Ro ins Ohr:
Dietrich von Bern! Da setzte das edle Tier in stolzem Sprung willfhrig
in die Flut.

Schon jagten die verfolgenden Reiter aus dem Wald, voran Cethegus, ihm zur
Seite Syphax, eine Fackel hebend. Hier, im Ufersand, verschwindet die
Spur, o Herr.

Sie sind im Wasser! Vorwrts, ihr Hunnen!

Aber die Reiter zogen die Zgel an und rhrten sich nicht.

Nun, Ellak? was zgert ihr? Sofort in die Flut!

Herr, das knnen wir nicht. Ehe wir zur Nachtzeit in flieend Wasser
reiten, mssen wir Phug, den Wassergeist, um Verzeihung bitten. Wir mssen
erst zu ihm beten.

Betet nachher, wenn ihr drben seid, solang ihr wollt, nun aber -

Da fuhr ein strkerer Windsto ber den Flu und verlschte alle Fackeln.
- Hochauf rauschte die Flut.

Du siehst, o Herr, Phug zrnt.

Still! saht ihr nichts? Da unten, links?

Der Mond war aus dem jagenden Gewlk getaucht. - Er zeigte Rauthgundis
helles Untergewand: - den braunen Mantel hatte sie verloren.

Zielt rasch, dorthin.

Nein, Herr! Erst ausbeten. -

Da war es wieder dunkel am Himmel. - Mit einem Fluch ri dem
Hunnenhuptling Cethegus Bogen und Kcher von der Schulter.

Nun rasch vorwrts! rief leise Wachis, der schon fast das rechte Ufer
gewonnen hatte, zurck - ehe der Mond aus jener schmalen Wolke tritt.

Halt, Wallada! rief Witichis, abspringend, die Last zu erleichtern, und
sich an der Mhne haltend. Da ist ein Fels! Stoe dich nicht,
Rauthgundis. -

Ro, Mann und Weib stockten einen Augenblick an dem ragenden Stein, wo in
gurgelndem, tiefem Wirbel das Wasser reiend zog.

Da ward der Mond ganz frei. Hell beleuchtete er die Flche des Stroms und
die Gruppe am Felsen.

Sie sind es! rief Cethegus, der schon den gespannten Langbogen bereit
hielt, zielte und scho. Schwirrend flog der lange, schwarzgefiederte
Pfeil von der Sehne.

Rauthgundis! rief Witichis entsetzt. - Denn sie zuckte zusammen und sank
nach vorwrts auf die Mhne des Rosses: aber sie klagte nicht.

Bist du getroffen? - Ich glaube. La mich hier. Und rette dich. -
Niemals! La dich sttzen.

Um Gott, Herr, duckt euch! taucht! sie zielen!

Die Hunnen hatten jetzt ausgebetet. Sie ritten bis hart an den Strom, bis
in sein Uferwasser, bogenspannend und zielend.

La mich, Witichis! Flieh, ich sterbe hier. - Nein, ich lasse dich nie
mehr! Er wollte sie aus dem Sattel heben und sie auf dem Stein bergen. In
hellem Mondlicht stand die Gruppe.

Gieb dich gefangen, Witichis! rief Cethegus, sein Ro bis an den Bug in
das Wasser spornend.

Fluch ber dich, du Lgner und Neiding.

Da schwirrten zwlf Pfeile auf einmal. Hoch auf sprang das Ro Theoderichs
und versank fr immer in die Tiefe.

Aber auch Witichis war auf den Tod getroffen. Bei dir! - hauchte noch
Rauthgundis. Fest mit beiden Armen umfing sie Witichis. - - Mit dir!

Umschlungen verschwanden sie im Flu.

Jammernd rief drben Wachis im Schilf des Ufers noch dreimal ihren Namen.
Er erhielt keine Antwort. Da jagte er davon in die Nacht.

Schafft die Leichen ans Land! befahl Cethegus dster, sein Ro wendend.
Und die Hunnen ritten und schwammen bis an den Stein und suchten.

Aber sie suchten vergebens. Der rasche Strom hatte sie mit fortgerissen
und die wieder vereinten Gatten mit sich hinausgetragen ins tiefe, freie
Meer.

                              --------------

Am gleichen Tage war Prinz Germanus von Ariminum in den Hafen von Ravenna
zurckgekehrt, bereit, demnchst Mataswintha nach Byzanz zu fhren.

Diese war aus ihrer Betubung erst durch die Hammerschlge der Werkleute
geweckt worden, die das Mauerwerk neben der Gangthr durchbrachen, die
eingesperrten Sldner zu befreien. Man fand die Frstin auf den
Kerkerstufen zusammengebrochen. Sie ward in vollem Fieber in ihre Gemcher
hinaufgetragen, wo sie auf den Purpurpolstern ohne Laut und Regung, aber
mit starr geffneten Augen lag.

Gegen Mittag lie sich Cethegus melden. Sein Blick war finster und
drohend, sein Antlitz von eisiger Klte. Er trat dicht an ihr Lager.
Mataswintha sah ihm ins Auge.

Er ist tot! sagte sie dann ruhig.

Er wollte es nicht anders. Er - und du. Dir Vorwrfe machen ist zwecklos.
Aber du siehst, was das Ende wird, wenn du mir entgegen handelst. Das
Geschrei von seinem Untergang wird unfehlbar die Barbaren in neue Wut
treiben. Schwere Arbeit hast du mir geschaffen. Denn nur du hast ihm
Flucht und Tod bereitet. Das mindeste, was du zur Shne thun kannst, ist:
meinen zweiten Wunsch erfllen. Prinz Germanus ist gelandet, dich
abzuholen. Du wirst ihm folgen.

Wo ist die Leiche?

Nicht gefunden. Der Strom hat ihn davongetragen. Ihn und - das Weib.

Mataswinthens Lippe zuckte. Noch im Tode! Sie starb mit ihm?

La diese Toten! In zwei Stunden werde ich mit dem Prinzen wiederkommen.
Wirst du bis dahin bereit sein, ihn zu begren?

Ich werde bereit sein.

Gut. Wir wollen pnktlich sein.

Auch ich. Aspa, rufe alle Sklavinnen herbei. Sie sollen mich schmcken:
Diadem, Purpur, Seide.

Sie hat den Verstand verloren, sagte Cethegus im Hinausgehen. Aber die
Weiber sind zh. Sie wird ihn wiederfinden. Sie knnen fortleben mit aus
der Brust gerissenem Herzen.

Und er ging, den ungeduldigen Prinzen zu vertrsten.

Noch vor Ablauf der bedungenen Zeit kam eine Sklavin, beide Mnner zur
Knigin zu entbieten.

Germanus eilte mit raschem Fue ber die Schwelle ihres Gemaches. Aber
gefesselt von Staunen blieb er stehen. So schn, so prachtvoll hatte er
die Gotenfrstin nie gesehen.

Sie hatte das hohe, goldne Diadem auf das leuchtende Haar gesetzt, das,
gelst, in zwei dichten Wellen auf ihre Schultern und von den Schultern
bis ber den Rcken flo. Das Unterkleid, von schwerster weier Seide mit
goldnen Blumen durchwirkt, war nur unterhalb der Kniee sichtbar. Denn
Brust und Schos bedeckte der weite Purpurmantel. Ihr Antlitz war
marmorwei, ihr Auge loderte in geisterhaftem Glanz. Prinz Germanus,
rief sie dem Eintretenden entgegen, du hast mir von Liebe geredet? Aber
weit du, was du geredet? Lieben ist sterben.

Germanus sah fragend auf Cethegus.

Dieser trat vor. Er wollte sprechen.

Aber Mataswintha hob mit heller Stimme wieder an:

Prinz Germanus, sie rhmen dich den Feinstgebildeten an einem weisen Hof,
wo man sich bt in spitzer Rtsel Ratung. Auch ich will dir eine
Rtselfrage stellen: - sieh zu, ob du sie lsest. La dir nur helfen dabei
von dem klugen Prfekten, der sich so ganz auf Menschengemter versteht.
Was ist das? Weib und doch Mdchen? Witwe und doch nie Weib? Vermagst es
nicht zu deuten? Hast Recht. Der Tod nur lst alle Rtsel.

Rasch zur Seite warf sie den Purpurmantel. Ein breites, starkes Schwert
blitzte. Mit beiden Hnden stie sie sich's tief in die Brust.

Aufschreiend sprangen Germanus von vorn, Aspa von rckwrts hinzu.
Schweigend fing Cethegus die Sinkende auf. Sie starb, sowie er das Schwert
aus der Wunde zog. Er kannte das Schwert. Er hatte selbst ihr es einst
gesendet.

Es war das Schwert des Knigs Witichis.






                                 FUSSNOTE


    1 Prokop Gotenkrieg I. 17. 18. setzt hier aus Verwechslung den Tiber
      statt des Anio.





                       BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT


Das Inhaltsverzeichnis wurde fr die elektronische Fassung hinzugefgt.

Die Funote wurde an das Ende des Textes gesetzt.

Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
rmische Zahlen (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung
wiedergegeben) und einzelne Wrter aus fremden Sprachen, hier durch
Unterstrich (_) gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Passagen.

Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:

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      Seite 34: selsames gendert in seltsames
      Seite 40: Punkt ergnzt hinter sie
      Seite 51: Anfhrungszeichen ergnzt vor Theodahad und hinter
      Witichis ...; Mirim gendert in Miriam
      Seite 58: Mathaswintha gendert in Mataswintha
      Seite 61: Anfhrungszeichen ergnzt vor hast
      Seite 67: Anfhrungszeichen ergnzt vor ich
      Seite 73: Anfhrungszeichen ergnzt vor Wir
      Seite 76: Punkt gendert in Doppelpunkt hinter Lippen;
      Anfhrungszeichen ergnzt hinter hebt.
      Seite 80: Anfhrungszeichen entfernt vor Mir und Ich
      Seite 85: Anfhrungszeichen ergnzt hinter Areskopf.
      Seite 89: Komma ergnzt hinter Johannes
      Seite 106: Anfhrungszeichen ergnzt vor das
      Seite 117: Anfhrungszeichen entfernt hinter irrig!
      Seite 126: Anfhrungszeichen ergnzt hinter wurden. und vor
      Florentia
      Seite 130: widerholte gendert in wiederholte
      Seite 140: Anfhrungszeichen entfernt hinter mich., ergnzt hinter
      binden!
      Seite 141: Anfhrungszeichen ergnzt vor Mein; zweites
      Anfhrungszeichen ergnzt hinter Fels.
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      Anfhrungszeichen; Anfhrungszeichen ergnzt hinter nicht?
      Seite 162: kann gendert in kaum
      Seite 163: da gendert in du
      Seite 169: zweites Anfhrungszeichen ergnzt hinter Vielgetreuen.
      Seite 180: Punkt ergnzt hinter schlieen
      Seite 189: sebst gendert in selbst
      Seite 192: zweites Anfhrungszeichen ergnzt hinter alles ... -
      Seite 197: Punkt ergnzt hinter Odysseus
      Seite 201: Punkt gendert in Komma hinter entschwindet
      Seite 212: zweites Anfhrungszeichen ergnzt hinter Byzanz.;
      Anfhrungszeichen entfernt hinter hinaus. und vor Da;
      Anfhrungszeichen ergnzt vor und und hinter Rom!
      Seite 223: Feldher gendert in Feldherr
      Seite 225: Vulsinii gendert in Volsinii; Anfhrungszeichen
      ergnzt hinter Ro߫
      Seite 243: Komma ergnzt hinter umziehn
      Seite 245: dem gendert in den
      Seite 253: Anfhrungszeichen ergnzt vor Und
      Seite 263: zweites Anfhrungszeichen ergnzt hinter geschehen.
      Seite 268: Anfhrungszeichen entfernt vor Siehst
      Seite 274: Anfhrungszeichen ergnzt vor welch'
      Seite 279: Sadt gendert in Stadt
      Seite 285: schug gendert in schlug
      Seite 286: Helene gendert in Hellene
      Seite 293: zweites Anfhrungszeichen ergnzt hinter Byzanz!
      Seite 302: Anfhrungszeichen ergnzt hinter oder -
      Seite 303: Anfhrungszeichen ergnzt vor Du
      Seite 314: Anfhrungszeichen entfernt vor Ha,
      Seite 325: Brunen gendert in Brunnen
      Seite 332: Anfhrungszeichen ergnzt vor Sonst
      Seite 333: beraufen gendert in berufen
      Seite 334: Anfhrungszeichen entfernt vor Mich
      Seite 342: Serblichen gendert in Sterblichen
      Seite 348: Anfhrungszeichen ergnzt hinter Hilfe.
      Seite 350: Anfhrungszeichen entfernt hinter ruinae!
      Seite 358: Apostroph gendert in Komma hinter Witichis
      Seite 364: Anfhrungszeichen entfernt vor Es
      Seite 385: Anfhrungszeichen ergnzt hinter versuchen.
      Seite 388: Anfhrungszeichen ergnzt hinter allein.
      Seite 389: widerholte gendert in wiederholte
      Seite 390: Punkt ergnzt hinter ausgebaut

Nicht verndert wurde die uneinheitliche Gro- oder Kleinschreibung von
einigen Zahlwrtern, Pronomina und Adjektiven sowie Schreibvarianten,
insbesondere durch Rechtschreibreformen entstandene.





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KAMPF UM ROM. ZWEITER BAND***



                                 CREDITS


July 5, 2010

            Project Gutenberg TEI edition 1
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