The Project Gutenberg EBook of Unsichtbare Bande, by Selma Lagerlf

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Title: Unsichtbare Bande
       Erzhlungen

Author: Selma Lagerlf

Translator: Marie Franzos

Release Date: July 1, 2010 [EBook #33041]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNSICHTBARE BANDE ***




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  Unsichtbare Bande

  Erzhlungen
  von
  Selma Lagerlf


  Deutsch von Marie Franzos


  [Illustration: Verlags-Signet]


  Leipzig / Hesse & Becker Verlag




  Inhalt

                                           Seite

  Peter Nord und Frau Fastenzeit              7
  Die Legende vom Vogelnest                  57
  Das Hnengrab                              67
  Die Vogelfreien                            90
  Reors Geschichte                          114
  Waldemar Attertag brandschatzt Visby      120
  Mamsell Friederike                        126
  Der Roman einer Fischersfrau              136
  Mutters Bild                              147
  Ein gefallener Knig                      154
  Ein Weihnachtsgast                        179
  Onkel Ruben                               189
  Das Flaumvgelchen                        199
  Unter den Kletterrosen                    234
  Die Grabschrift                           239
  Rmerblut                                 251
  Die Rache bleibt nicht aus                269
  Die Geisterhand                           277




Peter Nord und Frau Fastenzeit

I


So traulich wie ein Heim steht das kleine Stdtchen vor mir. Es ist so
klein, da ich alle seine Winkel und Ecken kennen lernen, mit jedem Kinde
gut Freund werden und alle Hunde beim Namen rufen konnte. Wer ber die
Strae ging, wute, bei welchem Fenster er den Blick aufschlagen mute, um
ein schnes Gesicht hinter der Scheibe zu erblicken, und wer durch den
Stadtpark wanderte, kannte die Zeit, wann er da gehen mute, um die Person
zu treffen, die er treffen wollte.

Auf die schnen Rosen im Nachbargarten war man fast ebenso stolz, als wenn
sie im eignen gestanden htten. Geschah etwas, was kleinlich oder
gewhnlich war, so schmte man sich, als wre es in der eignen Familie
passiert, aber bei dem allergeringsten Ereignis, einer Feuersbrunst oder
einer Marktschlgerei, brstete man sich und sagte: Seht nur, welches
Gemeinwesen! Geschehen solche Dinge anderswo? Welche wunderbare Stadt!

Und in dieser meiner geliebten Stadt verndert sich nichts. Komme ich
wieder einmal hin, so werde ich dieselben Huser und Kauflden
wiederfinden, die ich von altersher kenne, dieselben Gruben im
Steinpflaster werden mich zu Fall bringen, dieselben steifen Lindenhecken,
dieselben rundgeschnittenen Fliederstrucher meinen bewundernden Blick
fesseln. Wieder werde ich sehen, wie der alte Ratsherr, der die ganze Stadt
regiert, mit elefantenschweren Schritten die Strae hinabgewandert kommt.
Patriarch und Vorsehung, welch ein Gefhl der Sicherheit hat man nicht,
wenn man dich so wandern sieht! Und der taube Halfvorson wird noch immer in
seinem Garten umhergehen und graben, whrend seine wasserklaren Augen
suchend starren, als wollten sie sagen: Alles, alles haben wir
durchforscht, jetzt Erde, wollen wir uns bis in dein Innerstes bohren.

Aber wer nicht mehr da sein wird, das ist der kleine runde Peter Nord. Ihr
wit doch, der kleine Wermlnder, der in Halfvorsons Kramladen stand, er,
der die Kunden mit seinen kleinen mechanischen Erfindungen und seinen
weien Musen unterhielt. Von ihm ist eine ganze Geschichte zu erzhlen.
ber alles und alle in der Stadt gibt es Geschichten. Nirgends geschehen so
wunderliche Dinge.

Er war ein Bauernjunge, der kleine Peter Nord. Er war klein und rund, er
war braunugig und hatte ein lachendes Gesicht. Sein Haar war heller als
Birkenlaub im Herbst, die Wangen waren rot und flaumig. Und ein Wermlnder
war er. Niemand, der ihn sah, konnte glauben, da er aus einem andern Lande
komme. Mit prchtigen Eigenschaften hatte ihn die treffliche Heimat
ausgerstet. Hurtig war er bei seiner Arbeit, rasch mit den Fingern, flink
mit der Zunge, klar im Kopfe. Und dazu ein Narr, gutmtig und hoch hinaus,
gefllig und streitlustig, neugierig und plapperhaft. Der Tollkopf, er war
nicht imstande, einem Brgermeister grre Ehrfurcht zu zeigen, als einem
Bettler. Aber Herz hatte er, verliebt war er jeden zweiten Tag, und die
ganze Stadt zog er ins Vertrauen.

Die Arbeit im Laden verrichtete dieses glcklich veranlagte Kind in
irgendeiner bernatrlichen Weise. Die Kunden wurden bedient, whrend er
die weien Muse ftterte. Geld wurde gewechselt und gezhlt, whrend er
seine kleinen, selbstgehenden Wagen mit Rdern versah. Und indes er den
Kunden von seiner allerletzten Verliebtheit erzhlte, lie er das Literma
nicht aus den Augen, aus dem der braune Sirup sich sachte herabringelte.
Und es machte den bewundernden Zuhrern Spa, zu sehen, wie er pltzlich
ber den Ladentisch sprang und auf die Strae strzte, wo er mit einem
vorbeigehenden Gassenjungen einen Strau ausfocht, um dann mit ruhiger
Stirn in den Laden zurckzukehren und den Knoten an einem Paket zu knpfen
oder ein Stck Stoff fertig zu messen.

War es nicht natrlich, da er der Gnstling der ganzen Stadt wurde? Wir
fhlten uns alle verpflichtet, bei Halfvorson einzukaufen, seit Peter Nord
hingekommen war. Und selbst der alte Ratsherr war stolz, wenn Peter Nord
ihn in eine dunkle Ecke zog und ihm den Kfig mit den weien Musen zeigte.
Es war sehr spannend und aufregend, die Muse zu zeigen, denn Halfvorson
hatte ihm verboten, sie im Laden zu halten.

Da aber kamen mitten in dem heller werdenden Februar ein paar trbe Tage
mit nebligem Tauwetter. Peter Nord wurde auf einmal ernst und still. Er
lie die weien Muse ihren Drahtkfig benagen, ohne sie zu fttern. Er
versah seine Obliegenheiten tadellos. Er balgte sich nicht mit den
Gassenjungen. Konnte Peter Nord es vielleicht nicht vertragen, da das
Wetter umgeschlagen hatte?

Ach nein, die Sache war die, da er einen Fnfzigkronenschein oben auf
einem der Wandbretter gefunden hatte. Er hatte geglaubt, da er mit einem
Stoffballen hinaufgeschleudert worden war, und ganz unbemerkt hatte er ihn
unter einen Pack gestreiften Kattun geschoben, der damals unmodern war und
nie von den Wandbrettern heruntergenommen wurde.

Der Knabe hegte in seinem Herzen einen unbndigen Groll gegen Halfvorson,
der ihm eine ganze Musefamilie totgeschlagen hatte, und nun wollte er sich
rchen. Noch sah er die weie Mutter mitten unter ihren hilflosen Jungen
vor sich. Sie hatte keinen einzigen Versuch gemacht zu fliehen, sondern war
in unerschtterlichem Heldenmut auf ihrem Platz liegen geblieben und hatte
den herzlosen Mrder aus roten brennenden Augen angestarrt. Verdiente
dieser nicht auch eine angstvolle Stunde? Peter Nord wollte sehen, wie er
totenbleich aus dem Kontor strzte und nach dem Fnfzigkronenschein suchte.
Er wollte dieselbe Angst in seinen wasserklaren Augen sehen, die er in den
granatroten der weien Maus erblickt hatte. Der Krmer sollte nur suchen,
er sollte den ganzen Laden umkehren, bevor Peter Nord ihn die Banknote
finden lie.

Aber der Fnfzigkronenschein blieb den ganzen Tag in seinem Versteck
liegen, ohne da jemand danach fragte. Er war ganz neu, bunt und leuchtend
und hatte die Zahl Fnfzig gro in allen Ecken. Wenn Peter Nord allein im
Laden war, lehnte er eine Leiter an die Regale und kletterte zu dem
Kattunballen hinauf. Dann zog er den Fnfzigkronenschein hervor, entfaltete
ihn und bewunderte seine Schnheit. Mitten im eifrigsten Handeln konnte er
Angst bekommen, da dem Fnfzigkronenschein etwas zugestoen sei. Dann tat
er, als suchte er etwas auf dem Wandbrett und tastete unter dem
Kattunballen herum, bis er den glatten Schein unter seinen Fingern rascheln
fhlte.

Dieser Schein hatte mit einem Male eine bernatrliche Gewalt ber ihn
erlangt. Ob wohl etwas Lebendiges darin war? Die von breiten Ringen
umgebenen Zahlen waren wie saugende Augen. Der Knabe kte sie alle und
flsterte. Solche wie du mchte ich viele haben, furchtbar viele.

Er begann sich allerlei Gedanken ber den Schein zu machen, und darber,
da Halfvorson nicht danach fragte. Vielleicht gehrte er gar nicht
Halfvorson? Vielleicht lag er schon lange im Laden? Vielleicht hatte er
berhaupt keinen Besitzer mehr?

Gedanken sind ansteckend.-- Beim Abendbrot hatte Halfvorson angefangen,
von Geld und Geldmenschen zu sprechen. Er erzhlte Peter Nord von allen den
armen Jungen, die Reichtmer gesammelt hatten. Er begann mit Whittington
und schlo mit Astor und Jay Gould. Halfvorson kannte ihre ganze
Geschichte, er wute, wie sie gestrebt und entbehrt, was sie erfunden und
gewagt hatten. Er wurde ganz beredt, als er auf alles dies kam. Er
durchlebte die Leiden der jungen Geldmenschen, er begleitete sie bei ihren
Erfolgen, er jubelte bei ihrem Sieg. Peter Nord hrte ganz gespannt zu.

Halfvorson war vollkommen taub, aber dies war kein Hindernis fr ein
Gesprch, denn er las einem alles, was man sagte, von den Lippen ab.
Hingegen konnte er seine eigne Stimme nicht hren. Die rollte darum so
wunderlich eintnig dahin, wie das Tosen eines fernen Wasserfalls. Aber
diese wunderliche Art zu sprechen bewirkte es, da alles, was er sagte,
einem im Ohr nachhallte, so da man es viele Tage nicht abschtteln konnte.
Armer Peter Nord!

Was unumgnglich notwendig ist, um reich zu werden, sagte Halfvorson,
das ist der Heckepfennig. Aber den kann man nicht verdienen. Merke dir,
den haben alle auf der Strae gefunden, oder zwischen dem Futter und dem
Oberstoff eines Rockes, den sie auf einer Auktion gekauft haben, oder sie
haben ihn im Spiel gewonnen, oder von einer schnen und barmherzigen Dame
als Almosen bekommen. Aber nachdem sie im Besitze dieser gesegneten Mnze
waren, ist ihnen alles geglckt. Der Geldstrom sprudelte daraus hervor wie
aus einer Quelle. Das erste, was nottut, Peter Nord, das ist der
Heckepfennig.

Halfvorsons Stimme klang immer dumpfer und dumpfer. Der junge Peter Nord
sa wie betubt da und sah eitel Gold vor sich. Auf dem Tuche des Etisches
stapelten sich Haufen von Dukaten auf, auf dem Fuboden wogte es wei von
Silber, und die wirren Muster der schmutzigen Tapeten verwandelten sich in
Bankscheine, gro wie Tischtcher. Aber gerade vor seinen Augen flatterte
die Zahl Fnfzig, von breiten Ringen umgeben, und lockte ihn wie die
schnsten Augen. Wer wei, lchelten die Augen, vielleicht ist der
Fnfzigkronenschein droben auf dem Wandbrett solch ein Heckepfennig?

Merke nun wohl, sagte Halfvorson, nchst dem Heckepfennig sind noch zwei
Dinge fr den notwendig, der es weit bringen will. Arbeit, eisenharte
Arbeit, Peter Nord, heit das eine Ding; und das andre heit Verzicht.
Verzicht auf Liebe und Spiel, auf Plaudern und Lachen, auf den
Morgenschlummer und den Abendspaziergang. Wahrlich, wahrlich, zwei Dinge
sind notwendig fr den, der das Glck erobern will. Arbeit heit das eine,
und das andre Verzicht.

Peter Nord sah aus, als wenn er weinen wollte. Freilich wollte er reich,
freilich wollte er glcklich werden, aber das Glck sollte nicht so
ngstlich kommen, nicht so sauer erworben sein. Ganz von selbst sollte sie
sich einstellen, Frau Fortuna. Wenn Peter Nord sich gerade mit den
Gassenjungen balgte, dann sollte die edle Dame ihre Snfte an der Ladentr
halten lassen und dem Wermlandjungen den Platz an ihrer Seite anbieten.
Aber jetzt grollte Halfvorsons Stimme noch immer in seinen Ohren. Sein
ganzes Hirn ward davon erfllt. Er glaubte nichts andres, wute nichts
andres. Arbeit und Verzicht, Arbeit und Verzicht, das war das Leben und des
Lebens Ziel. Er begehrte nichts andres, er wagte nicht zu glauben, da er
sich je etwas andres gewnscht hatte.

Am nchsten Tage getraute er sich gar nicht, den Fnfzigkronenschein zu
kssen, er wagte es nicht einmal, ihn anzusehen. Er war still und gedrckt,
ordentlich und fleiig. Alle seine Obliegenheiten versah er so tadellos,
da jeder merken konnte, da etwas mit ihm los sein mute. Der alte
Ratsherr hatte Mitleid mit dem Jungen und tat, was er konnte, um ihn zu
trsten.

Gehst du heute abend auf den Fastnachtsball? fragte der Alte. So, so,
nein? Ja, dann will ich dich einladen, Peter Nord. Und la mich sehen, da
du hinkommst, sonst erzhle ich Halfvorson, wo du deinen Musekfig hast.

Peter Nord seufzte und versprach, auf den Ball zu gehen.

Fastnachtsball, man denke, da Peter Nord auf den Fastnachtsball sollte.
Peter Nord sollte alle schnen Damen der Stadt sehen, fein, wei gekleidet,
blumengeschmckt. Aber Peter Nord durfte natrlich mit keiner einzigen von
ihnen tanzen. Nun, das war ihm auch einerlei. Er war nicht in der Laune zu
tanzen.

Auf dem Balle lehnte er in einer Tr und machte nicht einen Schritt zum
Tanze. Einige hatten ihn zu berreden versucht, aber er war standhaft
gewesen und hatte nein gesagt. Er knne diese Tnze nicht. Auch wrde keine
von diesen feinen Damen mit ihm tanzen wollen. Er war allzu gering fr sie.

Aber wie er so dastand, begann es in seinen Augen zu funkeln und zu
leuchten, und er fhlte, wie die Freude durch alle Glieder zuckte. Es kam
von der Tanzmusik, es kam vom Blumenduft, es kam von allen den schnen
Gesichtern, die er vor sich hatte. Nach einem kleinen Weilchen schon war er
so strahlend froh, da, wenn Freude Feuer wre, die Flammen lichterloh um
ihn aufgelodert wren. Und wenn die Liebe es wre, wie so viele behaupten,
dann wre es ihm auch nicht besser ergangen. Er war immer in irgendein
schnes Mdchen verliebt, aber bis jetzt immer nur in eine zugleich. Doch
als er jetzt alle diese schnen Damen auf einmal sah, da verheerte nicht
mehr eine einzige Flamme das sechzehnjhrige Herz, sondern es war ein
ganzer Waldbrand.

Von Zeit zu Zeit sah er auf seine Stiefel herab, die nichts weniger als
Ballschuhe waren. Aber wie htte er mit den breiten Abstzen den Takt
stampfen und sich auf den dicken Sohlen im Kreise drehen knnen! In seinem
Innern war etwas, was an ihm ri und zerrte, ihn wie einen geschlagnen Ball
in den Tanzsaal schleudern wollte. Er widerstand noch ein Weilchen,
obgleich die Bewegung in ihm immer strker wurde, je weiter die Nacht
fortschritt. Er wurde ganz schwindlig und lebenswarm. Heia, er war nicht
mehr der arme Peter Nord! Er war der junge Wirbelwind, der das Meer
aufpeitscht und den Wald umreit.

Ganz pltzlich wurde eine Hambopolka gespielt. Da geriet der Bauernjunge
ganz auer sich. Er fand, da diese wie seine eigne Wermlnder Polka klang.

In einem Nu stand Peter Nord mitten im Saale. Alle feinen Herrenmanieren
waren von ihm abgeglitten. Er war nicht mehr auf dem Rathausballe, sondern
daheim in der Scheune, beim Mittsommernachtstanz. Er ging mit krummen Knien
und zog den Kopf zwischen die Schultern. Ohne aufzufordern, schlang er
einer Dame den Arm um den Leib und ri sie mit sich. Und dann begann er
Polka zu tanzen. Das Mdchen folgte ihm halb widerwillig, beinahe
geschleift. Sie war nicht im Takt, sie wute gar nicht, was dies fr ein
Tanz war. Aber pltzlich ging alles wie von selbst. Das Geheimnis des
Tanzes offenbarte sich ihr. Die Polka trug sie, hob sie empor, sie hatte
Flgel an den Fen, sie wurde so leicht wie Luft. Es war ihr, als flge
sie dahin. Denn die Wermlandpolka ist der wunderbarste Tanz. Sie verwandelt
die schwerfigen Shne der Erde. Lautlos schweben sie auf zolldicken
Sohlen ber ungehobelte Scheunendielen. Sie wirbeln umher, so leicht wie
das Laub im Herbststurm. Diese Polka ist weich, hurtig, still, gleitend.
Ihre edlen, mavollen Bewegungen befreien die Krper, so da sie sich
leicht, elastisch schwebend fhlen.

Whrend Peter Nord seinen heimatlichen Tanz tanzte, wurde es still im
Ballsaal. Anfangs lachte man, aber allmhlich dmmerte es allen auf, da
dies Tanz war, dieses Dahinschweben in gleichmigen raschen Wirbeln, ja
wahrlich, wenn irgendetwas Tanz war, so war es dies.

Pltzlich bemerkte Peter Nord mitten in seinem Taumel, da rings um ihn
eine wunderliche Stille herrschte. Er blieb pltzlich stehen und fuhr sich
mit der Hand ber die Stirne. Keine schwarze Scheunendiele, keine
laubgeschmckten Wnde, keine hellblaue Sommernacht, keine muntre
Bauerndirne war in der Wirklichkeit zu erblicken, in die er jetzt schaute.
Er schmte sich und wollte sich fortschleichen.

Aber schon war er umringt und bestrmt. Die jungen Damen drngten sich um
den Ladenjungen und riefen: Ach tanzen Sie mit uns, tanzen Sie mit uns!

Sie wollten diese Polka lernen. Alle wollten sie sie lernen. Der Ball kam
ganz aus dem Geleise und war jetzt wie eine Tanzschule. Alle versicherten,
da sie bisher gar nicht gewut htten, was tanzen heie. Und Peter Nord
ward ein groer Mann an diesem Abend.

Er mute mit allen den feinen Damen tanzen, und sie waren ber die Maen
freundlich gegen ihn. Er war ja nur ein Junge und brigens solch ein
frhlicher Tollkopf. Man konnte nicht anders als ihn verziehen.

Da fhlte Peter Nord, da dies das Glck war. Der Gnstling der Damen zu
sein, es wagen, mit ihnen zu sprechen, sich mitten in dem strahlenden
Lichte zu bewegen, gefeiert und verhtschelt zu werden, ja gewi, das war
das Glck.

Und als der Ball zu Ende war, war er zu glcklich, um selbst darber
betrbt zu sein. Er hatte das Bedrfnis, heimzukommen, um in Ruhe alles das
zu berdenken, was ihm an diesem Abend widerfahren war.

Halfvorson war unverheiratet, aber er hatte eine Nichte im Hause, die im
Kontor arbeitete. Sie war arm und von Halfvorson abhngig, aber sie benahm
sich recht hochmtig gegen ihn und gegen Peter Nord. Sie hatte viele
Freunde unter den angeseheneren Leuten der Stadt und wurde in Familien
eingeladen, in die Halfvorson nie kommen konnte. Sie und Peter Nord gingen
zusammen von dem Balle nach Hause.

Wissen Sie, Nord, fragte Edith Halfvorson, da Halfvorson wegen
verbotnen Branntweinhandels angeklagt werden wird? Sie knnten mir wirklich
sagen, Nord, wie es sich mit dieser Sache verhlt.

Ach, das ist gar nicht der Mhe wert, solch ein Aufhebens davon zu
machen, sagte Peter Nord.

Edith seufzte. Natrlich wird etwas daran sein. Und dann gibt es Proze
und Geldstrafen und Schande ohne Ende. Ich mchte so gerne wissen, wie die
Sache steht.

Es ist wohl am besten, nichts zu wissen, sagte Peter Nord.

Sehen Sie, Nord, ich will in die Hhe kommen, fuhr Edith fort, und
Halfvorson mit hinaufziehen, aber er plumpst mir immer wieder hinunter.
Ganz unversehens tut er etwas, was auch mich unmglich macht. Ich sehe ihm
jetzt an, da er etwas im Schilde fhrt. Wissen Sie nicht, Peter, was es
ist? Es wre gut, es zu wissen.

Nein, sagte Peter Nord, nicht ein Wort mehr konnte er sagen. War es
menschlich, mit ihm, der von seinem ersten Balle kam, von derlei zu
sprechen?

Hinter dem Laden befand sich ein kleiner Verschlag fr den Ladenjungen. Da
sa Peter Nord von heute und ging mit Peter Nord von gestern ins Gericht.
Wie bla und feige der Kerl aussah. Jetzt sollte er hren, was er war. Ein
Dieb und ein Geizhals. Kannte er das siebente Gebot? Von Rechts wegen
sollte er eine Tracht Prgel haben. Ja, das sollte er.

Gott sei gedankt und gelobt, da er ihn auf den Ball gefhrt und seinen
Sinn gendert hatte. Pfui, wie hlich es in ihm ausgesehen hatte, aber
jetzt war alles anders. Als ob der Reichtum es wert wre, da man ihm
Gewissen und Seelenruhe opferte?! Als ob er soviel wert wre wie eine weie
Maus, wenn man dabei nicht vergngt sein durfte! Er klaschte in die Hnde
und rief jubelnd: Frei, frei, frei! Nicht die leiseste Sehnsucht, den
Fnfzigkronenschein zu besitzen, war mehr in seiner Seele. Wie gut war es
doch, glcklich zu sein.

Als er sich niedergelegt hatte, nahm er sich vor, Halfvorson zeitig am
nchsten Morgen die fnfzig Kronen zu zeigen. Dann aber bekam er Angst, da
der Krmer am nchsten Tag vor ihm in den Laden kommen, den Schein suchen
und ihn finden knnte. Dann wrde er wohl glauben, da Peter Nord ihn
versteckt hatte, um ihn zu behalten. Dieser Gedanke lie ihm keine Ruhe. Er
versuchte sich ihn aus dem Sinne zu schlagen, aber es gelang ihm nicht. Er
konnte nicht einschlafen. Da stand er auf, schlich sich leise in den Laden
und tastete nach dem Fnfzigkronenschein. Dann schlummerte er s ein mit
der Banknote unter dem Kopfkissen.

Eine Stunde spter wurde er geweckt. Ein greller Lichtschein fiel ihm
blendend in die Augen, eine Hand griff suchend unter sein Kopfkissen und
eine grollende Stimme zankte und fluchte.

Ehe noch der Knabe recht wach war, hatte Halfvorson schon die Banknote in
der Hand und zeigte sie zwei Frauen, die in der Tr zum Verschlage standen.
Seht ihr, da ich recht hatte, sagte Halfvorson, seht ihr, da es der
Mhe wert war, euch zu wecken und als Zeuginnen mitzunehmen. Seht ihr, da
er ein Dieb ist!

Nein, nein, nein, schrie der arme Peter Nord. Ich wollte nicht fehlen.
Ich habe den Schein ja _nur_ aufgehoben.

Halfvorson hrte ja nichts. Die beiden Frauen standen mit dem Rcken zum
Verschlage, wie fest entschlossen, weder zu hren noch zu sehen.

Peter Nord hatte sich im Bette aufgesetzt. Er sah mit einem Male
jmmerlich schwach und klein aus. Seine Trnen strmten. Er jammerte laut.

Onkel, sagte Edith, er heult.

La ihn heulen! sagte Halfvorson, la ihn nur heulen! Und er trat nher
und sah den Knaben an. Kann mir schon denken, da du heulst, mein Lieber,
sagte er. Aber das verfngt bei mir nicht.

Oh, oh! rief Peter Nord, ich bin kein Dieb. Ich habe den Schein nur zum
Spa versteckt-- um Sie zu rgern. Ich wollte Sie wegen der Muse strafen.
Ich bin kein Dieb. Kann niemand mich hren? Ich bin kein Dieb.

Onkel, sagte Edith, hast du ihn jetzt genug geqult, knnen wir
vielleicht gehen und uns niederlegen?

Ich kann mir schon denken, da sich das greulich anhrt, sagte
Halfvorson, aber da lt sich nichts machen. Er war ganz munter, frmlich
ausgelassen. Ich habe lange ein Auge auf dich gehabt, mein Lieber, sagte
er zu dem Knaben. Immer hattest du irgend etwas wegzustecken, wenn ich in
den Laden kam. Aber jetzt bist du ertappt. Jetzt habe ich Zeugen gegen
dich, und jetzt hole ich die Polizei.

Der Junge stie einen gellenden Schrei aus. Kann mir denn niemand helfen,
kann mir denn niemand helfen? rief er. Aber nun war Halfvorson schon
verschwunden, und die Frau, die dem Haushalt vorstand, kam auf ihn zu.

Geschwind, aufgestanden und in die Kleider, Peter Nord! Halfvorson holt
die Polizei und indessen kannst du dich davonmachen. Das Frulein geht wohl
in die Kche und packt dir ein bichen Proviant ein. Ich will unterdessen
deine Sachen zusammensuchen.

Das furchtbare Weinen hrte sogleich auf. Nach einem kleinen Weilchen war
der Junge fertig. Er kte den beiden Frauen die Hand, demtig wie ein
geschlagner Hund. Und dann eilte er fort.

Sie blieben in der Tr stehen und sahen ihm nach. Als er verschwunden war,
seufzten sie erleichtert auf.

Was wird Halfvorson jetzt sagen? sagte Edith.

Er wird ganz froh sein, antwortete die Haushlterin. Er hat das Geld dem
Knaben absichtlich hingelegt, glaube ich. Er wollte ihn nur los sein.

Warum denn? Der Junge war doch der beste, den wir seit Jahr und Tag im
Laden gehabt haben.

Er wollte ihn wohl bei der Branntweingeschichte nicht zum Zeugen haben.

Edith stand stumm da und atmete heftig. Wie gemein, wie gemein, murmelte
sie. Sie ballte die Fuste gegen das Kontor und gegen das kleine Guckloch
in der Tr, durch das Halfvorson in den Laden sehen konnte. Sie hatte
selber nicht bel Lust, von all dieser Niedrigkeit fort in die Welt zu
fliehen.

Ganz rckwrts im Laden hrte sie ein Gerusch. Sie lauschte, trat nher,
ging dem Tone nach und fand endlich hinter einer Heringstonne den Kfig mit
Peter Nords weien Musen.

Sie hob ihn auf, stellte ihn auf den Ladentisch und ffnete das Trchen.
Maus um Maus eilte heraus und verschwand hinter Kisten und Tonnen.

Mget ihr gedeihen und euch vermehren, sagte Edith, lat mich sehen, da
ihr Schaden anrichtet und euern Herrn rcht.


II

Freundlich und zufrieden lag das kleine Stdtchen unter seinem roten Berg
da. Es war so in Grn eingebettet, da der Kirchturm noch gerade daraus
hervorragte. Garten an Garten kletterte auf schmalen Terrassen die Anhhen
hinan, und wenn sie nach dieser Richtung nicht weiter konnten, strzten sie
sich mit Struchern und Bumen quer ber die Strae und breiteten sich
zwischen den zerstreuten Husern und dem schmalen Erdstreif darunter aus,
bis der breite Flu ihnen Halt gebot.

In der Stadt war es ganz still und stumm. Kein Mensch war zu sehen, nur
Bume und Strucher und hie und da ein Haus. Das einzige Gerusch, das man
hrte, war das Rollen der Kugel ber die Kegelbahn, und das klang wie
ferner Donner an einem Sommertag. Es gehrte mit zu der Stille.

Doch jetzt knirschte das holprige Steinpflaster des Marktes unter
genagelten Abstzen. Der Laut grober Stimmen schlug an die Wand des
Rathauses und der Kirche, hallte vom Berg wider und eilte unbehindert die
lange Strae hinab. Vier Wanderer strten die Vormittagsruhe.

Ach, die se Stille, der jahrelange Feierfriede! Wie erschraken sie! Man
konnte frmlich sehen, wie sie die Bergpfade hinaufflchteten.

Einer der Lrmenden, die in das Stdtchen einbrachen, war Peter Nord, der
Junge aus Wermland, der vor sechs Jahren des Diebstahls bezichtigt aus der
Stadt geflohen war. Die mit ihm gingen, waren drei Tagediebe aus der groen
Handelsstadt, die nur ein paar Meilen entfernt lag.

Wie war es dem kleinen Peter Nord ergangen? Gut war es ihm ergangen. Er
hatte den allervernnftigsten Freund und Begleiter gefunden.

Als er an jenem dunklen, regenschweren Februarmorgen aus dem Stdtchen
fortlief, da sangen und klangen die Polkamelodien ihm im Ohre. Und eine von
ihnen war hartnckiger als alle andern.

Es war die, die sie alle beim groen Rundtanz gesungen hatten:

    Nun ist es wieder Weihnachtsfest,
    Ja, ja, Weihnachtsfest.
    Und dann ist Ostern nicht mehr weit,
    Doch leider, leider ists nicht so,
    Nein, nein, ists nicht so,
    Nach Weihnacht kommt die Fastenzeit.

Das hrte der kleine Flchtling so deutlich, so deutlich. Und damit drang
die Weisheit, die in dem alten Reigen verborgen liegt, in den kleinen
genuschtigen Wermlnderjungen ein, drang in jede Fiber, vermischte sich
mit jedem Blutstropfen, nistete sich in Hirn und Mark ein. So ist es, so
ist es gemeint... Zwischen Weihnachten und Ostern, zwischen den Festen der
Geburt und des Todes kommt die Fastenzeit des Lebens. Vom Leben soll man
nichts verlangen. Es ist eine arme kalte Fastenzeit. Man darf ihm nie
glauben, wie es sich auch verstellen mag. Im nchsten Augenblick ist es
wieder grau und hlich. Kann nichts dafr, das arme Ding, versteht es
nicht besser!

Und Peter Nord war beinahe stolz, da er dem Leben sein tiefstes Geheimnis
abgelauscht hatte.

Und er glaubte, die gelbe, bleiche Frau Fastenzeit in Bettlergestalt, die
Aschenrute in der Hand, ber die Erde schleichen zu sehen. Und er hrte,
wie sie ihn anknurrte: Du wolltest das Fest der Freude und der frhlichen
Laune mitten in jener Fastenzeit feiern, die man Leben nennt. Darum soll
Schimpf und Schande dein Los sein, bis du dich besserst.

Aber er hatte sich gebessert, und Frau Fastenzeit hatte ihn beschtzt. Er
hatte nicht weiter als bis in die groe Handelsstadt fliehen mssen, denn
er wurde gar nicht verfolgt. Und dort im Arbeiterviertel hatte Frau
Fastenzeit ihre sichre Wohnstatt. Peter Nord wurde Arbeiter in einer
Fabrik. Er wurde stark und energisch. Er wurde ernst und sparsam. Er hatte
schmucke Sonntagskleider, er erwarb sich einige Kenntnisse, er lieh sich
Bcher aus und ging zu Vortrgen. Eigentlich war von dem kleinen Peter
Nord nichts mehr brig als das flachsblonde Haar und die braunen Augen.

Diese Nacht hatte etwas in ihm geknickt, und die schwere Arbeit in der
Fabrik machte den Ri immer grer, so da der nrrische Wermlnder dadurch
ganz herausschlpfen konnte. Er schwtzte kein dummes Zeug mehr, denn in
der Fabrik war das Sprechen verboten, und dadurch gewhnte er sich das
Schweigen an. Er machte keine Erfindungen mehr, denn seit er im Ernst
Federn und Rder zu bedienen hatte, machten sie ihm keinen Spa mehr. Er
verliebte sich nicht, denn die Frauen des Arbeiterviertels konnten ihn
nicht mehr fesseln, seit er die Schnheiten des Stdtchens kennen gelernt
hatte. Er hatte keine Muse, keine Eichhrnchen mehr und nichts, womit er
spielen konnte. Er hatte keine Zeit, er sah ein, da derlei nur unntz war,
und er dachte mit Entsetzen an die Zeit, wo er sich noch mit Gassenjungen
gebalgt hatte.

Peter Nord glaubte nicht, da das Leben anders sein knnte als grau, grau,
grau. Peter Nord langweilte sich immer, aber er war selbst so sehr daran
gewhnt, da er es gar nicht merkte. Peter Nord war stolz auf sich selbst,
weil er so tugendhaft geworden war. Er datierte seine Einkehr von der
Nacht, da der Frohsinn ihn verlie und Frau Fastenzeit seine Begleiterin
und Freundin ward.

Doch wie konnte der tugendhafte Peter Nord mitten an einem Arbeitstag in
das Stdtchen kommen, begleitet von drei Strolchen, die schmutzig und
versoffen aussahen?

Er war doch immer ein guter Junge gewesen, der arme Peter Nord. Und diesen
drei Strolchen hatte er immer zu helfen versucht, so gut er es konnte,
obwohl er sie verachtete. Er hatte ihnen Holz in ihre elende Baracke
gebracht, wenn der Winter sehr hart war, und er hatte ihre Kleider gestopft
und geflickt. Diese Kerle hielten wie Brder zusammen, hauptschlich weil
sie alle drei Peter hieen. Dieser Name vereinte sie fester, als wenn sie
wirklich Geschwister gewesen wren. Und nun litten sie es um dieses Namens
willen, da der Knabe ihnen Freundschaftsdienste erwies, und wenn sie am
Abend ihren Grog in Ordnung hatten und bequeme Stellungen auf den
Holzsthlen einnahmen, warteten sie ihm, der dasa und die grinsenden
Lcher ihrer Strmpfe stopfte, mit Galgenhumor und abenteuerlichen Lgen
auf. Das schien Peter Nord Vergngen zu machen, obgleich er es nicht
zugestehen wollte. Diese Kerle waren jetzt fr ihn beinahe dasselbe, was
einstmals in der Welt die Muse gewesen waren.

Nun geschah es, da diesen Strolchen allerlei Klatsch aus der kleinen Stadt
zu Ohren kam. Und nun nach sechs Jahren brachten sie Peter Nord die
Nachricht, da Halfvorson ihm die fnfzig Kronen absichtlich hingelegt
hatte, um ihn als Zeugen unmglich zu machen. Und ihre Meinung war, da
Peter in das Stdtchen ziehen und Halfvorson eine Tracht Prgel geben
sollte.

Aber Peter Nord war klug und besonnen und mit der Weisheit dieser Welt
ausgerstet. Er wollte sich durchaus nicht auf so etwas einlassen.

Die drei Peter verbreiteten die Geschichte im ganzen Arbeiterviertel. Alle
Leute sagten zu Peter Nord: Geh hin und prgle Halfvorson durch, dann
wirst du ins Loch gesteckt, und es gibt einen Proze und die Sache kommt in
die Zeitungen, und der Kerl ist vor dem ganzen Lande blamiert.

Aber Peter Nord wollte nicht. Es konnte ja recht vergnglich sein, aber
Rache ist ein teurer Spa, und Peter Nord wute, wie arm das Leben ist. Das
Leben gestattet solche Belustigungen nicht.

Da waren die drei Strolche eines Morgens in aller Frhe zu ihm gekommen und
hatten gesagt, jetzt wollten sie an seiner Statt gehen und Halfvorson
durchbluen, denn Recht msse Recht bleiben, sagten sie.

Und Peter Nord hatte versprochen, sie alle drei totzuschlagen, wenn sie
auch nur einen Schritt nach dem Stdtchen gingen.

Da hielt der eine von ihnen, der klein und untersetzt war und der lange
Peter hie, Peter Nord eine Rede.

Diese Erde, sagte er, ist ein Apfel, der an einem Faden ber einem Feuer
hngt, um gebraten zu werden. Mit dem Feuer meine ich die Hlle, Peter
Nord. Und der Apfel mu nahe am Feuer hngen, um s und weich zu werden,
aber wenn der Faden reit und der Apfel in das Feuer fllt, so ist er
verdorben. Darum ist der Faden eine sehr wichtige Sache, Peter Nord. Weit
du, was mit dem Faden gemeint ist?

Ich denke, es mu ein Drahtseil sein, sagte Peter Nord.

Mit dem Faden meine ich die Gerechtigkeit, sagte der lange Peter mit
dsterm Ernst. Wenn auf der Erde nicht Gerechtigkeit geschieht, so purzelt
alles in das Feuer. Darum darf sich der Rcher der Pflicht zu strafen nicht
entziehen, oder, wenn er nicht will, mssen andre gehen.

Es ist das letzte Mal, da ich euch einen Grog spendiert habe, sagte
Peter Nord, gnzlich unberhrt von der Rede.

Ja, da hilft nichts, sagte der lange Peter, Gerechtigkeit mu sein.

Wir tun es nicht, um Dank von dir zu ernten, sondern damit der ehrliche
Name Peter nicht in Verruf kommt, sagte der eine, der Rollpeter hie und
lang und mrrisch war.

So, so, ist der Name so hochgeachtet? sagte Peter Nord wegwerfend.

Ja, und es ist eine kitzlige Sache, da sie nun berall in den Gasthusern
sagen, du httest die fnfzig Kronen doch wohl stehlen wollen, da du nun
nicht haben willst, da der Kaufmann bestraft wird.

Dieses Wort traf tief. Peter Nord sprang auf und sagte, nun wolle er gehen
und den Kaufmann durchpeitschen.

Ja, und wir kommen mit und helfen dir, sagten die Strolche.

Und so zogen sie vier Mann hoch in das Stdtchen. Anfangs war Peter Nord
mrrisch und grmlich und zorniger ber seine Freunde, als ber seinen
Feind. Doch als er zu der Flubrcke kam und die Stadt sah, war er ganz
verwandelt. Es war, als wre er dort einem kleinen weinenden Flchtling
begegnet und in diesen hineingeschlpft. Und je heimischer er in dem alten
Peter Nord wurde, desto mehr ward es ihm bewut, welches blutige Unrecht
der Kaufmann ihm angetan hatte. Nicht genug damit, da er ihn hatte
verlocken und ins Unglck strzen wollen, nein, noch schlimmer, er hatte
ihn aus dieser Stadt vertrieben, wo Peter Nord all sein Lebtag htte Peter
Nord bleiben knnen. Ach, wie frhlich hatte er es doch damals gehabt. Wie
lustig und vergngt war er gewesen, wie hatte doch sein Herz offengestanden
und wie schn war die Welt gewesen! Herrgott, wenn er doch nur hier htte
weiterleben knnen! Und er dachte an sich selbst, so wie er jetzt war--
schweigsam und langweilig, ernst und arbeitsam--, ganz wie an einen
verlornen Menschen.

Nun packte ihn ein wahnsinniger Groll gegen Halfvorson, und statt wie
frher hinter den Kameraden einherzugehen, scho er an ihnen vorbei.

Aber die Strolche, die nicht nur gekommen waren, um Halfvorson zu strafen,
sondern um berhaupt ihrer Wut Luft zu machen, wuten kaum, was sie
beginnen sollten. Hier war fr einen gereizten Mann nichts zu tun. Es gab
keinen Hund, den man hetzen, keinen Straenkehrer, mit dem man Krakeel
anfangen, keinen feinen Herrn, dem man ein Schimpfwort nachschleudern
konnte.

Das Jahr war noch nicht weit vorgeschritten, gerade so weit, da der
Frhling eben in den Sommer berging. Es war die weie Zeit der
Kirschblten, wo Fliedertrauben hohe, rundbeschnittene Bsche schmcken und
die Apfelblten duften. Diese Mnner, die unmittelbar von der Strae und
vom Hafen in das Reich der Blumen gekommen waren, fhlten sich wunderlich
davon berhrt. Drei Paar Fuste, die bisher entschlossen geballt waren,
lsten sich, und drei Paar Abstze donnerten weniger hart gegen das
Pflaster.

Vom Markte aus sahen sie einen Fupfad, der sich die Hgel
hinanschlngelte. Ihm entlang wuchsen junge Kirschbume, die mit ihren
weien Kronen Bogen und Wlbungen bildeten. Die Wlbungen waren schwebend
leicht, und die Zweige unsagbar schwach, alles zart, fein und kindlich.

Dieser Kirschenweg zog die Blicke der Mnner auf sich. Was war dies doch
fr ein unpraktisches Nest, wo man Kirschbume dahin pflanzte, wo jedweder
die Kirschen nehmen konnte. Die drei Peter hatten die Stadt bisher als
einen Herd der Ungerechtigkeit betrachtet, voll Grausamkeit und Tyrannei.
Jetzt begannen sie sie auszulachen und ein wenig zu verachten.

Aber der vierte im Bunde lachte nicht. Seine Rachsucht loderte immer wilder
auf, denn er fhlte es, dies war die Stadt, wo er htte wohnen und wirken
sollen. Dies war sein verlornes Paradies. Und ohne nach den andern zu
fragen, ging er rasch die Strae hinauf.

Sie folgten nach, und als sie merkten, da es hier nur eine Strae gab, und
als sie dieser entlang nur Blumen und wieder Blumen sahen, steigerte sich
ihre Verachtung und ihre Heiterkeit. Es geschah vielleicht zum erstenmal in
ihrem Leben, da sie Blumen Aufmerksamkeit schenkten, aber hier konnten sie
nicht anders, denn die Fliedertrauben fegten ihnen die Mtzen vom Kopf,
und die Bltter der Kirschblten regneten auf sie herab.

Was glaubt ihr, was mgen wohl in dieser Stadt fr Leute wohnen? fragte
der lange Peter nachdenklich.

Bienen, antwortete sogleich der Holzschuhpeter, der seinen Namen daher
hatte, da er einmal mit einem Holzschuhmacher in demselben Hause gewohnt
hatte.

Natrlich bekamen sie allmhlich einige Menschen zu Gesicht. An den
Fenstern, hinter blanken Scheiben und weien Gardinen, zeigten sich ein
paar schne junge Gesichter, und sie sahen Kinder auf den Terrassen
spielen. Aber kein Lrm strte die Stille. Es kam ihnen vor, als knnte
selbst die Posaune des Jngsten Gerichts diese Stadt nicht wecken. Was
sollten sie hier anfangen!

Sie gingen in einen Laden und kauften Bier. Da stellten sie mit rauher
Stimme mehrere Fragen an den Kaufmann. Sie fragten, ob die Feuerwehr ihre
Spritze in Ordnung habe und wie es wohl mit dem Schwengel der Kirchenglocke
stnde fr den Fall, da es zum Sturmluten kommen sollte.

Dann tranken sie das Bier auf der Strae aus und warfen die Flaschen fort.
Eins, zwei, drei, alle Flaschen an denselben Eckstein, ein Krachen und
Klirren, und alle Scherben flogen ihnen um die Ohren. Es tat ihnen frmlich
wohl, wieder ein bichen Lrm zu machen.

Da hrten sie hinter sich Schritte, wirkliche Schritte, Stimmen, harte,
deutliche Stimmen, Lachen, lautes Lachen und dazu ein Klirren wie von
Metall. Sie stutzten und zogen sich in einen Torweg zurck. Das klang wie
eine ganze Kompanie.

Das war es auch. Aber eine Kompanie von jungen Mdchen. Die Dienstmgde der
Stadt zogen in gesammeltem Trupp auf die Stadtweiden, um die Khe zu
melken.

Das machte auf diese Grostdter, diese Weltbrger, den strksten
Eindruck. Dienstmdchen mit Milcheimern. Das war beinahe rhrend!

Urpltzlich traten sie aus dem Tor hervor und riefen: Buh!

Die ganze Mdchenschar zerstob augenblicklich. Die Mgde kreischten und
liefen davon. Die Rcke flatterten, die Kopftcher lsten sich, die
Milchkbel rasselten auf die Strae.

Und zugleich vernahm man die ganze Strae entlang dumpfe Laute von Toren
und Tren, die zugeworfen wurden, von Klinken und Riegeln und Schlssern.

Ein Stck weiter unten auf der Strae stand eine groe Linde. Und darunter
sa eine alte Frau an einem Tisch mit Karamels und Backwerk. Sie rhrte
sich nicht, sie sah sich nicht um, sie sa ganz muschenstill. Schlafen tat
sie auch nicht.

Die ist aus Holz, sagte der Holzschuhpeter.

Nein, aus Ton, meinte der Rollpeter.

Sie gingen alle drei in einer Reihe. Gerade vor der Alten kamen sie ins
Schwanken. Sie gingen gegen sie los. Der Tisch bekam einen Puff. Und die
Alte fing zu zanken an.

Weder Holz noch Ton, sagten sie, lauter Gift und Galle.

Die ganze Zeit hatte Peter Nord sich gar nicht um sie gekmmert, aber jetzt
waren sie endlich bei Halfvorsons Haus angelangt und da erwartete er sie.

Es lt sich wohl nicht in Abrede stellen, da das meine Angelegenheit
ist, sagte er stolz, und wies auf den Laden. Ich will allein hineingehen
und die Sache abmachen. Bringe ich es nicht zuwege, so knnt ihr euer Glck
versuchen.

Sie nickten. Geh du nur, Peter Nord! Wir warten hier drauen.

Peter Nord trat in den Laden, fand dort einen jungen Mann allein und
fragte nach Halfvorson. Er bekam sogleich den Bescheid, da dieser verreist
war. Da fing er ein Gesprch mit dem Ladendiener an und erfuhr so
mancherlei ber seinen Herrn.

Halfvorson war wegen des Branntweinhandels gar nicht angeklagt worden. Wie
er sich gegen Peter Nord benommen hatte, das wute die ganze Stadt. Aber
niemand sprach jetzt mehr von der Geschichte. Halfvorson hatte es weit
gebracht, und jetzt war er nicht mehr so bsartig. Er war nicht mehr
unbarmherzig gegen seine Schuldner und hatte aufgehrt, dem Ladenjungen
aufzulauern. In den allerletzten Jahren hatte er sich auf die Grtnerei
geworfen. Er hatte rings um das Haus in der Stadt einen Blumengarten
angelegt und einen Kchengarten drauen vor dem Stadttor. Jetzt arbeitete
er so eifrig in seinen Grten, da er kaum mehr daran dachte, Geld zu
sammeln.

Peter Nord gab es einen Stich ins Herz. Natrlich war der Mann gut. Er
hatte im Paradies bleiben drfen. Natrlich wurde man gut, wenn man hier
wohnte.

Edith Halfvorson lebte noch beim Onkel, aber sie war jetzt krank. Seit sie
im Winter die Lungenentzndung gehabt hatte, war ihre Brust schwach.

Whrend Peter Nord sich dies und noch mehr erzhlen lie, standen die drei
Mnner drauen und warteten.

In Halfvorsons schattenlosem Garten hatte man eine Birkenlaube errichtet,
damit Edith sich dort an den schnen, warmen Frhlingstagen aufhalten
konnte. Sie kam nur langsam wieder zu Krften, aber fr ihr Leben bestand
keine Gefahr mehr.

Bei einigen ist es so, da man glauben mu, sie wollen nicht leben. Bei der
ersten Krankheit, die sie befllt, legen sie sich hin, um zu sterben.
Halfvorsons Nichte war schon lngst aller Dinge mde, des Kontors, des
kleinen trben Ladens, des Gelderwerbes. Als sie siebzehn Jahre alt war,
reizte es sie, sich einen vornehmen Verkehr und einen guten Freundeskreis
zu erkmpfen. Dann setzte sie sich das Ziel, Halfvorson auf den Weg der
Tugend zu bringen, aber jetzt war alles erreicht. Sie sah keine
Mglichkeit, aus dem Einerlei des Kleinstadtlebens herauszukommen. Sie
wollte gerne sterben.

Sie war eine der elastischen, eine der Stahlfedernaturen. Nichts als Nerven
und Lebendigkeit, wenn etwas sie drckte und qulte. Wie hatte sie sich
doch mit List und Verstellung, mit weiblicher Gte und weiblichem Trotz
gemht, bis sie ihren Oheim dahin gebracht hatte, einzusehen, da weitre
Peter Nord-Geschichten nicht mehr vorkommen drften! Aber jetzt war er zahm
und gebndigt, und sie hatte nichts mehr, was sie fesselte. Ja, und nun
sollte sie doch nicht sterben! Sie lag da und dachte nach, was sie anfangen
sollte, wenn sie gesund wurde.

Pltzlich fuhr sie zusammen. Jemand hatte sehr laut gesagt, er wolle allein
zu Halfvorson gehen und seine Angelegenheit mit ihm abmachen. Und dann
antwortete ein andrer: Geh du nur, Peter Nord!

Aber Peter Nord war ja der furchtbarste, der unglckseligste Name auf der
Welt. Er bedeutete ja ein Wiedererwachen aller der alten Abscheulichkeiten.
Edith richtete sich bebend auf, und gerade da kamen drei unheimliche
Gestalten um die Ecke und stellten sich vor sie hin und starrten sie an.
Nur ein niedriges Staket und eine dnne Hecke lag zwischen ihr und der
Strae.

Edith war allein. Die Mgde waren zum Melken gegangen, und Halfvorson
arbeitete in seinem Garten vor der Stadt, obgleich er dem Ladenjungen
aufgetragen hatte, zu sagen, da er verreist sei, denn er schmte sich
seiner Grtnermarotte. Edith frchtete sich schrecklich vor den drei
Mnnern sowie vor dem, der in den Laden gegangen war. Sie war berzeugt,
da sie ihr etwas zuleide tun wollten, und darum begann sie ber die
schlpfrigen, steilen Pfade und die kleinen, morschen Holzstufen, die von
Terrasse zu Terrasse fhrten, den Berg hinaufzulaufen.

Den fremden Mnnern war es ein Hauptspa, da sie vor ihnen davonlief. Sie
konnten es sich nicht versagen, sich so zu stellen, als wenn sie sie
einholen wollten. Einer von ihnen kletterte auf das Staket, und alle drei
brllten mit furchtbarer Stimme.

Edith lief, so wie man im Traume luft, keuchend, strauchelnd, in
Todesangst, mit der entsetzlichen Empfindung, nicht von der Stelle zu
kommen. Alle erdenklichen Gefhle strmten auf sie ein und erschtterten
sie so sehr, da sie glaubte sterben zu mssen. Ja, wenn einer dieser Kerle
sie nur mit der Hand berhrte, wute sie, da sie sterben mute. Als sie
die oberste Terrasse erreicht hatte und es wagte, sich umzusehen, merkte
sie, da die Mnner unten auf der Strae standen und gar nicht mehr nach
ihr hinsahen. Da lie sie sich ganz ohnmchtig zu Boden sinken. Aber die
Anstrengung war zu gro gewesen, sie hatte sie nicht ertragen knnen. Sie
fhlte, wie etwas in ihr ri. Gleich darauf strmte Blut ber ihre Lippen.

Die Mgde fanden sie, als sie vom Melken heimkamen. Fr diesmal wurde sie
ins Leben zurckgerufen. Aber dennoch wagte niemand zu hoffen, da sie
lange am Leben bleiben wrde.

Sie konnte an diesem Tage nicht soviel sprechen, um zu erzhlen, in welcher
Weise sie erschreckt worden war. Htte sie es getan, wer wei, ob die
fremden Mnner lebendig aus der Stadt gekommen wren. Es erging ihnen
ohnehin schlimm genug. Denn nachdem Peter Nord wieder zu ihnen
herausgekommen war und erzhlt hatte, da Halfvorson nicht daheim sei,
gingen sie alle vier im besten Einvernehmen durch das Stadttor und suchten
sich einen sonnigen Abhang, wo sie die Zeit, bis der Kaufmann zurckkehrte,
verschlafen konnten.

Aber als am Nachmittag alle Mnner der Stadt, die drauen auf dem Felde
gearbeitet hatten, wieder heimkamen, erzhlten ihnen die Frauen von dem
Besuch der Landstreicher, von ihren drohenden Fragen im Laden, wo sie Bier
gekauft hatten, und ihrem ganzen herausfordernden Auftreten. Die Frauen
vergrerten und bertrieben die Sache, denn sie hatten den ganzen
Nachmittag daheim gesessen und sich gegenseitig Angst gemacht. Die Mnner
glaubten Haus und Heim bedroht. Sie beschlossen, die Friedensstrer zu
greifen, whlten einen beherzten Mann zum Anfhrer, nahmen tchtige Knttel
mit und zogen von dannen.

Nun kam Leben in die Stadt. Die Frauen traten vor die Haustren und machten
einander bange. Die Stimmung war zugleich unheimlich und erwartungsvoll.

Es dauerte nicht lange, so kamen die Jger mit ihrer Beute zurck. Sie
hatten alle vier. Sie hatten sie im Schlafe umzingelt und sie gefangen. Das
Kunststck hatte gerade keinen besondern Heldenmut erfordert.

Jetzt kehrten sie mit ihnen in die Stadt zurck, indem sie sie wie Vieh vor
sich hertrieben. Der Taumel des Rachedurstes hatte sich der Sieger
bemchtigt. Sie schlugen, um zu schlagen. Wenn einer von den Gefangenen die
Faust gegen sie ballte, bekam er einen Schlag auf den Kopf, der ihn umwarf,
und dann hagelten die Schlge auf ihn nieder, bis er sich erhob und
weiterging. Die vier Mnner waren dem Tode nahe.

Es ist so schn in den alten Liedern. Da mu zuweilen der gefangne Held in
Fesseln im Triumphzug des siegreichen Feindes schreiten. Aber er ist auch
im Unglck noch stolz und schn, und die Blicke suchen ihn ebenso wie den
Glcklichen, der ihn besiegt hat. Die Krnze und die Trnen der Schnheit
gehren dem noch im Unglck Beneidenswerten.

Aber wer wollte wohl fr den armen Peter Nord schwrmen? Sein Rock war
zerrissen und sein flachsblondes Haar klebrig von Blut. Er bekam die
meisten Schlge, denn er leistete am meisten Widerstand. Ganz schrecklich
sah er aus, wie er da einherging. Er brllte, ohne es zu wissen. Jungens
hngten sich an ihn fest, und er schleppte sie lange Strecken weit mit.
Einmal blieb er stehen und schleuderte all das Kleinzeug auf die Strae.
Gerade als er im Begriff war zu entfliehen, bekam er mit einem Knttel
einen Schlag auf den Kopf und fiel zu Boden. Er fuhr wieder in die Hhe,
halb betubt, und schwankte weiter, whrend Peitschenhiebe auf ihn
herabhagelten und die Jungen sich ihm wie Blutegel an Arme und Beine
hngten.

So begegneten sie dem alten Ratsherrn, der von seiner Whistpartie im
Wirtshausgarten kam. So, so, sagte er zum Vortrab, ihr wollt die in den
Kotter bringen?

Und er stellte sich an die Spitze des Zugs und ordnete ihn. Augenblicklich
sah alles anstndig aus. Gefangne und Gefangnenwchter marschierten in
Frieden und Ordnung weiter. Doch die Wangen der Stdter glhten, einige
stieen mit den Kntteln auf das Pflaster, andre schulterten sie wie
Gewehre. Und dann wurden die Gefangnen der Stadt der Polizei in Gewahrsam
gegeben und in das Arrestlokal auf dem Marktplatz gefhrt.

Die Retter der Stadt blieben noch lange auf dem Markte stehen und sprachen
von ihrem Mute und von der groen Heldentat. Und in der kleinen Gaststube,
wo der Rauch so dicht wie eine Wolke steht und gewichtige Mnner ihren
Mitternachtstoddy brauen, da taucht die Heldentat vergrert wieder auf. Da
wachsen die in den Schaukelsthlen, da blhen sich die in den Sofaecken, da
sind sie alle Helden. Welche Tatkraft schlummert doch in der kleinen Stadt
der groen Erinnerungen! Du furchtbares Erbteil, du altes Wikingerblut!

Doch dem alten Ratsherrn wollte die Sache nicht recht gefallen. Er konnte
sich nicht recht damit befreunden, da das Wikingerblut wieder in Wallung
geraten war. Und dieser Gedanke lie ihn nicht schlafen, er ging wieder
auf die Strae und schlenderte gemchlich dem Marktplatze zu.

Das kleine Stdtchen lag in dem sanften Licht der Frhlingsnacht da. Der
einzige Zeiger der Turmuhr wies auf elf. ber die Kegelbahn rollten keine
Kugeln mehr. Die Rollgardinen waren herabgelassen. Es war, als wenn die
Huser mit gesenkten Lidern schliefen. Die lotrecht aufsteigenden Berge
standen schwarz, wie in tiefer Trauer da. Aber mitten in all dem Schlummer
wachte jemand-- der Blumenduft schlief nicht! Der schlich sich ber die
Lindenhecken, strmte aus den Grten, jagte die Strae hinauf und hinab,
kletterte zu jedem Fenster empor, das angelehnt stand, zu jeder Dachluke,
die frische Luft einlie.

Jeder, zu dem der Blumenduft drang, sah alsogleich seine ganze kleine Stadt
vor sich, obgleich die Dunkelheit sich leise auf sie herabgesenkt hatte. Er
sah sie als die Stadt der Blumen, wo nicht Haus an Haus lag, sondern Garten
an Garten. Er sah die Kirschbume, die weie Bogen ber den steilen Waldweg
spannten, die Fliederbsche, die Knospen, die zu prchtigen Rosen
schwollen, die stolzen Ponien, und die Haufen von Bltenblttern auf dem
Boden unter den Faulbumen.

Der alte Ratsherr ging in tiefe Gedanken versunken. Er war so weise und so
alt. Das siebzigste Jahr hatte er erreicht, und fnfzig Jahre hatte er die
Geschicke der Stadt gelenkt. Aber in dieser Nacht fragte er sich, ob er
recht getan habe, wenn er immer gedmpft und beschwichtigt hatte. Ich
hatte die Stadt in meiner Hand, dachte er, aber ich habe sie nicht zu
etwas Groem gemacht. Und er gedachte ihrer groen Vergangenheit und
zweifelte immer mehr, ob er auch recht getan habe.

Er stand unten auf dem Markt, da, wo die Aussicht sich ber den Flu
erffnet. Ein Boot kam herangerudert. Ein paar Stdter kehrten von einer
Ausfahrt zurck. Lichtgekleidete Mdchen fhrten die Ruder. Sie steuerten
unter die Brckenwlbung, aber da war die Strmung so stark, da sie sie
zurcktrieb. Es gab einen heftigen Kampf. Ihre schlanken Krper bogen sich
nach rckwrts, bis sie in einer Linie mit dem Bootrande lagen. Weiche
Armmuskeln spannten sich. Die Ruder krmmten sich wie Bogen. Lachen und
Rufe erfllten die Luft. Einmal ums andre siegte die Strmung. Schmhlich
wurde das Boot zurckgetrieben. Und als die Mdchen schlielich am Marktkai
landen und es den Mnnern berlassen muten, das Boot heimzubringen, wie
waren sie rot und rgerlich und wie lachten sie! Und wie klang ihr Lachen
die Strae hinab! Wie belebten ihre breitrandigen, lichten Hte, ihre
leichten, flatternden Sommerkleider die stille Nacht.

Da tauchten vor den Gedanken des alten Ratsherrn, denn im Dunkel konnte er
sie nicht klar sehen, ihre lieblichen, jungen Gesichtchen, ihre schnen,
klaren Augen und ihre roten Lippen auf. Da richtete er sich stolz in die
Hhe. Die kleine Stadt war doch nicht ohne allen Glanz. Andre Gemeinwesen
konnten sich andrer Dinge rhmen, aber keinen Ort kannte er, der reicher an
dem augenerquickenden Reiz von Blumen und Frauen war.

Da dachte der Alte mit neuerwachtem Mut an sein Wirken. Nein, er brauchte
nicht fr die Zukunft der Stadt zu zittern. Eine solche Stadt brauchte sich
nicht durch strenge Gesetze zu schtzen.

Und so erbarmte er sich der armen Gefangnen. Er ging und weckte den
Polizeimeister und sprach mit ihm. Und dieser dachte wie er. Sie gingen
selbander zum Gefngnis und ffneten Peter Nord und seinen Kameraden die
Tr.

Und daran tat die Obrigkeit recht. Denn die kleine Stadt ist wie die Venus
von Milo. Sie hat lockenden Reiz, und ihr fehlen die festhaltenden Arme.


III

Es ist, als mte ich die Wirklichkeit verlassen und in die Welt des
Mrchens und der Unwahrscheinlichkeit fliehen, um zu erzhlen, was sich
jetzt begab. Wre der junge Peter Nord ein Peter Schweinehirt gewesen, mit
einer goldnen Krone unter dem Hut, dann wrde alles ganz einfach und
natrlich erscheinen. Aber jetzt will mir wohl niemand glauben, wenn ich
sage, da auch Peter Nord einen Knigsreif um sein flachsblondes Haar trug.
Niemand kann ja wissen, wie viel merkwrdige Dinge sich in dem kleinen
Stdtchen zutragen. Niemand kann ahnen, wieviel verzauberte Prinzessinnen
da herumgehen und auf den Hirtenknaben des Mrchens warten.

Zuerst sah es aus, als sollte es weiter zu keinen Abenteuern kommen. Denn
als Peter Nord von dem alten Ratsherrn befreit worden war und zum
zweitenmal mit Schimpf und Schande aus der Stadt fliehen mute, da kamen
ihm dieselben Gedanken, wie als er das erstemal entfloh. Da klangen ihm
pltzlich wieder Polkamelodien im Ohre, und am allerlautesten unter ihnen
erklang der alte Reigen:

    Nun ist es wieder Weihnachtsfest,
    Ja, ja, Weihnachtsfest.
    Und dann ist Ostern nicht mehr weit,
    Doch leider, leider ists nicht so,
    Nein, nein, ists nicht so,
    Nach Weihnacht kommt die Fastenzeit.

Und er sah deutlich, wie die gelbe, blasse Frau Fastenzeit mit ihrem
Rutenbndel im Arm ber die Erde schlich. Und sie rief ihm zu:
Verschwender! Verschwender! Du wolltest das Fest der Rache und der
Genugtuung in jener Fastenzeit feiern, die man Leben nennt. Kann man sich
hier solche Ausgaben gestatten, du Dummkopf?

Darauf hatte er ihr abermals Gehorsam gelobt und war ein stiller, sparsamer
Arbeiter geworden. Wieder stand er friedlich und besonnen bei der Arbeit.
Niemand htte glauben knnen, da er es war, der vor Zorn gebrllt und die
kleinen Kinder auf die Strae geschleudert hatte, so wie der verfolgte Elch
die Hunde abschttelt.

Doch einige Wochen spter kam Halfvorson zu ihm in die Fabrik. Er suchte
ihn auf den Wunsch seiner Nichte auf. Sie wollte, wenn mglich, noch an
demselben Tag mit ihm sprechen.

Peter Nord begann zu zittern und zu beben, als er Halfvorson erblickte. Es
war, als htte er eine schlpfrige Schlange gesehen. Er wute nicht, was er
lieber wollte,-- ihn schlagen oder von ihm fortlaufen; aber pltzlich
bemerkte er, da Halfvorson sehr bekmmert aussah.

Der Kaufmann hatte ein Aussehen, wie man es hat, wenn man im starken Winde
geht. Die Gesichtsmuskeln waren angespannt, der Mund zusammengekniffen, die
Augen rot und voll Trnen. Er kmpfte sichtlich mit irgendeinem Leid. Das
einzige, was unverndert war, das war die Stimme. Sie war ebenso
unmenschlich ausdruckslos.

Sie brauchen der alten Geschichte wegen nichts zu frchten, und auch der
neuen wegen nicht, sagte Halfvorson. Es ist wohl bekannt geworden, da
Sie mit jenen Kerlen waren, die dieser Tage bei uns daheim so viel Aufstand
machten. Und da wir annahmen, da sie von hier seien, konnte ich Sie
ausfindig machen. Edith wird bald sterben, fuhr er fort, und sein Gesicht
zuckte krampfhaft. Sie will mit Ihnen sprechen, ehe sie stirbt. Aber wir
fhren nichts Bses gegen Sie im Schilde.

Gewi komme ich, sagte Peter Nord.

Bald waren sie beide an Bord des Dampfers. Peter Nord sa da, fein geputzt
in seinem Sonntagsstaat. Und unter dem Hut spielten und gaukelten alle
seine Knabentrume, einen richtigen Knigsreif schlossen sie um sein
blondes Haar. Ediths Botschaft raubte ihm frmlich die Besinnung. Hatte er
nicht immer gedacht, da feine Damen ihn lieben wrden? Und nun war da
eine, die ihn sehen wollte, bevor sie starb. Das Wunderbarste alles
Wunderbaren!-- Nun sa er da und dachte an sie, wie sie einst gewesen war.
Wie stolz, wie lebensfrisch! Und jetzt sollte sie sterben. Sie tat ihm so
innig leid. Aber da sie alle die Jahre seiner gedacht hatte! Eine warme,
se Wehmut kam ber ihn.

Nun war er wieder ganz heraus, der alte, nrrische Peter Nord. Sobald er
sich dem Stdtchen nherte, verlie ihn Frau Fastenzeit mit Unmut und
Verachtung.

Halfvorson konnte keinen Augenblick stillstehen. Der heftige Sturm, den er
allein bemerkte, trieb ihn auf dem Verdeck hin und her. Wenn er an Peter
vorbeikam, brummte er ein paar Worte, so da dieser erfuhr, welche Pfade
seine betrbten Gedanken wandelten. Sie fanden sie auf dem Boden, halbtot
-- und rings um sie lauter Blut, sagte er einmal. Und ein andermal: War
sie nicht gut? War sie nicht schn? Wie konnte es ihr so schlecht ergehen?
Und ein andermal: Sie hat mich auch gut gemacht. Konnte es nicht mit
ansehen, da sie den ganzen langen Tag betrbt dasa und mit ihren Trnen
das Kassabuch ruinierte.-- Dann kam dies: Ein schlaues Ding brigens.
Schmeichelte sich bei mir ein. Machte es mir behaglich daheim, verschaffte
mir Verkehr mit den Vornehmen. Durchschaute sie freilich, aber konnte nicht
widerstehen. Er wanderte bis zum Vorderdeck. Als er zurckkam, sagte er:
Ich kann es nicht ertragen, da sie sterben soll.

Und alles das sagte er mit dieser hilflosen Stimme, die er weder dmpfen
noch modulieren konnte. Peter Nord hatte die stolze Empfindung, da ein
solcher Mann wie er, der einen Knigsreif um die Stirn trug, gar nicht das
Recht hatte, Halfvorson zu zrnen. Dieser war ja durch sein Gebrechen von
den Menschen getrennt und konnte ihre Liebe nicht erringen. Darum mute er
sie alle als Feinde behandeln. Es ging nicht an, ihn mit demselben Mastab
zu messen wie andre Menschen.

Aber dann versank Peter Nord wieder in seine Trume. Sie hatte sich also
seiner alle diese Jahre erinnert, und jetzt konnte sie nicht sterben, ohne
ihn gesehen zu haben. Ach, man denke, da ein junges Mdchen alle die Jahre
herumgegangen war und an ihn gedacht, ihn geliebt und vermit hatte.

Sobald er ans Land gekommen war und das Haus des Kaufmanns erreicht hatte,
wurde er zu Edith gefhrt, die ihn drauen in der Laube erwartete.

Der glckliche Peter Nord wurde nicht aus seinen Trumen gerissen, als er
sie erblickte. Sie war ein liebliches Traumwesen, dieses Mdchen, das um
die Wette mit den wurzellosen Birken, die sie umgaben, dahinwelkte. Ihre
groen Augen waren dunkler und klarer geworden. Ihre Hnde waren so dnn
und durchsichtig, da man frchtete, diese vergeistigte Materie zu
berhren.

Und sie liebte ihn. Natrlich mute er sie sogleich wiederlieben, hei,
innig, glhend. Als sie sah, wie er dastand und sie anstarrte, begann sie
zu lcheln, mit dem verzweifeltesten Lcheln der Welt, diesem Lcheln der
Kranken, das sagt: Sieh, so bin ich geworden. Zhle nicht auf mich. Ich
kann nicht mehr schn und reizend sein. Ich mu bald sterben.

Das rief ihn zur Wirklichkeit zurck. Er sah, da er es nicht mit einem
Traumbilde zu tun hatte, sondern mit einer Seele, die im Entfliehen war und
darum die Wnde ihres Kerkers so dnn und durchsichtig gemacht hatte. Nun
war es so deutlich in seinem Gesicht und in der Art, wie er Ediths Hand
fate, zu sehen, wie er mit einemmal ihre Leiden litt, wie er alles andre
ber dem Schmerze, da sie sterben mute, verga, da die Kranke dasselbe
Mitleid mit sich selbst fhlte und Trnen in ihre Augen traten.

O, welches Mitgefhl hatte er vom ersten Augenblick an fr sie. Er begriff
gleich, da sie ihre Bewegung nicht zeigen wollte. Natrlich war es
ergreifend fr sie, ihn, den sie so lange entbehrt hatte, wiederzusehen.
Aber nur ihre Schwche war daran schuld, da sie sich jetzt verriet. Sie
wollte natrlich nicht, da er es bemerkte. Und darum brachte er ein
unverfngliches Gesprchsthema aufs Tapet.

Wissen Sie, wie es meinen weien Musen ergangen ist? fragte er.

Sie sah bewundernd zu ihm auf. Es war, als wollte er ihr den Weg ebnen.
Ich habe sie in den Laden gelassen, sagte sie, sie haben sich gut
gehalten.

Ach nein, wirklich! Sind noch welche von ihnen da?

Halfvorson sagt, da er Peter Nords Muse niemals loswerden kann. Sie
haben Sie gercht, verstehen Sie? sagte sie bedeutungsvoll.

Es war eine ausgezeichnete Rasse, antwortete Peter Nord stolz.

Das Gesprch stockte einen Augenblick. Edith schlo die Augen, wie um zu
ruhen, und er schwieg ehrfurchtsvoll. Seine letzte Antwort verstand sie
nicht. Er hatte gar nichts auf ihre Bemerkung von der Rache erwidert. Als
er angefangen hatte, von den Musen zu sprechen, hatte sie geglaubt, er
verstnde, was sie damit sagen wolle.

Sie wute ja, da er vor ein paar Wochen hergekommen war, um sich zu
rchen. Der arme Peter Nord! Oftmals hatte sie gedacht, wie es ihm wohl
ergehen mochte. So manche Nacht war das Heulen des erschreckten Jungen in
ihren Trumen ertnt. Zum Teil um seinetwillen, um nie mehr eine solche
Nacht zu erleben, hatte sie angefangen, ihren Onkel zu bessern, hatte das
Haus zu einem Heim fr ihn gemacht, hatte den Einsamen es schtzen gelehrt,
einen teilnehmenden Freund in seiner Nhe zu haben. Jetzt war ihr Schicksal
wieder mit Peter Nord verknpft. Sein Rachezug hatte sie zu Tode
erschreckt. Als sie sich nach dem schweren Anfall ein wenig erholt hatte,
hatte sie Halfvorson gebeten, ihn auszukundschaften.

Und nun sa Peter Nord da und glaubte, da sie ihn aus Liebe gerufen habe.
Er konnte ja nicht wissen, da sie ihn fr rachschtig, roh und verkommen
hielt, fr einen Trinker und Raufbold. Er, der seinen Kameraden im
Arbeiterviertel ein leuchtendes Vorbild war, konnte nicht ahnen, da sie
ihn herbeschieden hatte, um ihm Tugend und gute Sitte zu predigen, um, wenn
nichts andres half, ihm zu sagen: Sieh mich an, Peter Nord! Dein
Unverstand, deine Rachgier ist die Ursache meines Todes. Denke daran und
beginne ein andres Leben.

Er war voll Lebenslust und Trumerei gekommen, um das Fest der Liebe zu
feiern, und sie lag da und dachte daran, ihn in die schwarzen Tiefen der
Reue zu versenken.

Aber es mute ihr wohl etwas von dem Glanz des Knigsreifens
entgegenstrahlen und sie nachdenklich stimmen, so da sie beschlo, ihn
zuerst ins Verhr zu nehmen.

Aber Peter Nord, waren Sie wirklich mit diesen drei furchtbaren Kerlen
da?

Er errtete und sah zu Boden. Dann mute er ihr die ganze Geschichte von
dem Rachezug mit all seiner Schmach erzhlen. Frs erste, wie unmnnlich
lange er gezgert hatte, sich Gerechtigkeit zu verschaffen, und wie er nur
gezwungen gegangen war, und wie er dann anstatt selbst zu schlagen,
geprgelt und gepeitscht worden war. Er wagte nicht aufzusehen, whrend er
sprach; er wagte nicht zu hoffen, selbst von diesen milden Augen mit
Nachsicht beurteilt zu werden. Wie er dasa, fhlte er, da er sich all des
Glanzes entkleidete, mit dem sie ihn in ihren Trumen umgeben haben mute.

Aber Peter Nord, wie wre es denn gegangen, wenn Sie Halfvorson
angetroffen htten? fragte Edith, als er zu Ende gesprochen hatte.

Er lie den Kopf immer tiefer hngen. Ich sah ihn ja ohnehin, sagte er.
Er war gar nicht verreist. Er arbeitete in seinem Garten vor dem Stadttor.
Der Junge im Laden hatte mir alles erzhlt.

Nun, warum haben Sie sich dann nicht gercht? fragte Edith.

Nichts sollte ihm erspart bleiben. Aber er fhlte, da ihre Blicke sich
forschend auf ihn hefteten, und er begann gehorsam: Als die Mnner sich
auf einem Abhang schlafen gelegt hatten, ging ich und suchte Halfvorson
auf, denn ich wollte ihn allein fr mich haben. Er ging da herum und
richtete Stbchen in einem Erbsenbeet auf. Es mute am Tage vorher einen
Platzregen gegeben haben, denn die Erbsen waren zu Boden gefallen, einige
Bltter waren ganz zerfetzt, andre voll Erde. Es sah aus wie ein
Krankenhaus. Und Halfvorson war der Doktor. Er richtete sie so zart in die
Hhe, streifte die Erde ab und half den armen, kleinen Dingern die Stbchen
umfassen. Ich stand da und sah zu. Er hrte mich ja nicht und er hatte
keine Zeit aufzublicken. Ich versuchte zornig zu bleiben, aber was sollte
ich tun? Ich konnte doch nicht auf ihn losstrzen, solange er mit den
Erbsen beschftigt war. Meine Zeit kommt wohl noch, dachte ich.

Aber pltzlich sprang er auf, schlug sich vor die Stirn und strzte zum
Treibbeete. Da hob er die Glasfenster ab und guckte hinein, und ich guckte
auch, denn er sah aus, als wenn er in der bittersten Verzweiflung wre. Ja
freilich, da sah es schlimm aus. Er hatte vergessen, die Pflanzen vor der
Sonne zu schtzen und es war wohl unter den Glasfenstern furchtbar hei
gewesen. Die Gurken lagen wie halbtot da und rangen nach Atem; einige
Bltter waren versengt und andre hingen schlaff herab. Ich war auch ganz
erschrocken, so da ich alle Vorsicht verga, und da erblickte Halfvorson
meinen Schatten. >Du hr' einmal, nimm die Giekanne, die beim Spargelbeet
steht, laufe zum Flu herunter und hole Wasser,< sagte er, ohne aufzusehen;
er glaubte wohl, es sei der Grtnerjunge. Und so lief ich.

Taten Sie das, Peter Nord?

Ja, sehen Sie, die Gurken brauchten doch nicht unter unsrer Feindschaft zu
leiden. Es kam mir wohl auch vor, da das charakterlos sei, aber ich konnte
nicht anders. Ich wollte doch sehen, ob sie sich erholen knnten. Als ich
zurckkam, hatte er die Fenster ausgehoben und starrte noch ebenso
verzweifelt vor sich hin. Ich gab ihm die Kanne in die Hand, und er begann
zu gieen. Ja, man konnte sehen, wie gut das den Gurken im Beete tat. Es
war mir fast, als richteten sie sich in die Hhe, und ihm schien es wohl
auch so, denn er fing zu lachen an. Da lief ich fort.

Sie liefen fort, Peter Nord, Sie liefen fort? Edith hatte sich in ihrem
Ruhesessel aufgerichtet.

Ich konnte ihn nicht schlagen, sagte Peter Nord.

Immer deutlicher merkte Edith den Strahlenkranz um den Kopf des armen Peter
Nord. So, sie brauchte ihn also nicht mit der schweren Last der Snde um
den Hals in die Tiefen der Reue zu versenken. Ein solcher Mann war er also!
Ein so weichherziger und feinfhliger Mann! Sie sank zurck, schlo die
Augen wieder und dachte nach. Sie brauchte es ihm nicht zu sagen. Es
wunderte sie selbst, welch groe Erleichterung es ihr gewhrte, ihn nicht
betrben zu mssen.

Ich bin so froh, da Sie sich die Rachegedanken aus dem Kopfe geschlagen
haben, Peter Nord, begann sie freundlich. Gerade darum wollte ich Sie
bitten. Jetzt kann ich ruhig sterben.

Sie rang nach Atem. Sie war nicht unfreundlich. Sie sah nicht aus, als
htte sie sich in ihm getuscht. Sie mute ihn doch sehr lieb haben, wenn
sie alle diese Feigheit entschuldigen konnte.-- Denn wenn sie sagte, da
sie ihn hergerufen habe, um ihn zu bitten, von seinen Racheplnen
abzustehen, geschah dies wohl nur aus Schchternheit, um ihm nicht den
wirklichen Grund des Rufes gestehen zu mssen. Darin hatte sie ganz recht.
Ihm, dem Manne, kam es zu, das erste Wort zu sagen.

Wie knnen sie Sie sterben lassen? rief er aus. Halfvorson und alle die
andern, wie knnen sie es? Wenn ich hier wre, ich wollte es Ihnen
verwehren, zu sterben. Ich wrde Ihnen alle meine Kraft geben. Ich wrde
alle Ihre Leiden auf mich nehmen.

Ich habe keine groen Schmerzen, sagte sie, ber diese khnen
Versprechungen lchelnd.

Ich stelle mir vor, da ich Sie forttragen mchte wie ein erfrorenes
Vgelchen, Sie unter die Weste stecken wie ein Eichhrnchen. O Gott, wie
schn wre es doch zu arbeiten, wenn etwas so Warmes und Weiches daheim auf
einen wartete. Aber wenn Sie gesund wren, so wrden wohl viele...

Sie sah ihn mit mdem Staunen an, bereit, ihn in seine Schranken zu weisen.
Aber sie mute wohl wieder etwas von dem Zauberkranze der Trume um das
Haupt des Knaben gesehen haben, denn sie bte Nachsicht gegen ihn. Er
meinte wohl nichts damit. Er mute wohl so sprechen wie er sprach. Er war
ja nicht wie andre.

Ach, sagte sie gleichgltig. Nicht so viele, Peter Nord. Wohl kaum
einer, der es ernst meinte.

Aber nun trat wieder eine Wendung zu seinen Gunsten ein. In ihr erwachte
pltzlich der Heihunger der Kranken nach Mitleid. Sie wollte das
Mitgefhl, die Zrtlichkeit haben, die der arme Arbeiter ihr schenken
konnte, es war ihr ein Bedrfnis, lange in der Nhe dieser tiefen,
uneigenntzigen Teilnahme zu weilen. Die Kranken knnen ja an derlei nie
genug haben. Sie wollte sie in seinen Blicken und in seinem ganzen Wesen
lesen. Worte waren ihr gleichgltig.

Es macht mir Freude, Sie hier zu sehen, sagte sie. Bleiben Sie noch ein
Weilchen sitzen und erzhlen Sie, wie es Ihnen in diesen sechs Jahren
ergangen ist.

Whrend er sprach, lag sie da und schlrfte dieses Unsagbare ein, was von
ihm zu ihr strmte. Sie hrte und hrte nicht. Aber durch irgendeine
wunderbare Sympathie fhlte sie sich gestrkt und belebt.

brigens machten ihr auch seine Erzhlungen Eindruck. Sie fhrten sie in
die Arbeiterviertel, in eine neue Welt voll grender Hoffnungen und Krfte.
Wie man dort glaubte und sich sehnte! Wie man hate und litt!

Wie glcklich sind doch die Unterdrckten, sagte sie.

In einem Anfall von Lebenslust kam es ihr in den Sinn, da dies etwas fr
sie sein knnte, die immer Druck und Zwang brauchte, um das Leben
lebenswert zu finden.

Wenn ich gesund wre, sagte sie, wre ich vielleicht mit dahin gegangen.
Es wre schn gewesen, sich zusammen mit jemandem, dem man gut ist, in die
Hhe zu arbeiten.

Peter Nord zuckte zusammen. Hier war ja das Gestndnis, auf das er die
ganze Zeit gewartet hatte. Ach, knnen Sie nicht leben! bat er, und er
strahlte vor Glck.

Sie wurde aufmerksam. Das ist ja Liebe, sagte sie zu sich selbst. Und
jetzt glaubt er, da ich auch verliebt bin. Solch ein nrrischer Kauz,
dieser Wermlandjunge!

Sie wollte ihn sogleich wieder zur Vernunft bringen, aber etwas lag ber
Peter Nord an diesem siegreichen Tage, das sie zurckhielt. Sie brachte es
nicht bers Herz, seine frohe Stimmung zu zerstren. Sie fhlte Mitleid mit
seiner Torheit und lie ihn weiter darin leben. Es macht ja nichts, da ich
ja doch bald sterben mu, sagte sie zu sich selbst.

Aber gleich darauf verabschiedete sie ihn, und als er fragte, ob er
wiederkommen drfe, verbot sie es ihm ganz. Aber, sagte sie, vergessen
Sie den Kirchhof hier oben auf dem Hgel nicht, Peter Nord. Dorthin knnen
Sie in ein paar Wochen gehen und dem Tode fr diesen Tag danken.

Als Peter Nord aus dem Garten kam, begegnete er Halfvorson. Dieser ging
verzweifelt auf und ab und fand seinen einzigen Trost in dem Gedanken, da
Edith dem Schuldigen jetzt die Last der Reue aufbrdete. Um ihn berwltigt
von Gewissensbissen zu sehen, einzig und allein darum hatte er ihn geholt.
Doch als er den jungen Arbeiter traf, sah er, da Edith ihm nicht alles
gesagt haben konnte. Wohl sah er ernst aus, aber zugleich schien er
schwindelnd glckselig.

Hat Edith Ihnen jetzt gesagt, warum sie sterben mu? fragte Halfvorson.

Nein, antwortete Peter Nord.

Halfvorson legte ihm die Hand auf die Schulter, wie um ihn nicht entkommen
zu lassen.

Ihretwegen stirbt sie, Ihrer verdammten Streiche wegen. Sie war wohl
vorher ein bichen krank, aber das hatte nichts zu bedeuten. Niemand
glaubte, da sie sterben wrde. Aber dann kamen Sie mit diesen drei
unglckseligen Schurken her, und sie erschreckten sie, whrend Sie in
meinem Laden waren. Sie verfolgten sie, und sie lief vor ihnen fort, lief
so, da sie einen Blutsturz bekam. Aber das war es ja, was Sie wollten, Sie
wollten sich an mir rchen, dadurch, da Sie sie tteten. Wollten mich
einsam und unglcklich sehen, ohne einen einzigen Menschen um mich, der mir
gut ist. Alle meine Freude wollten Sie mir nehmen, alle meine Freude.

Er wollte noch lange weitersprechen, Peter Nord mit Vorwrfen berschtten,
ihn mit Flchen morden; aber dieser ri sich los und lief davon, als ob ein
Erdbeben die ganze Stadt erschttere und alle Huser im Begriffe wren
einzustrzen.


IV

Hinter der Stadt erhebt sich die Bergwand lotrecht, aber wenn man auf
steilen Steinstufen und nadelbedeckten, glatten Pfaden hinaufgeklettert
ist, so findet man, da der Berg sich zu einem groen welligen Plateau
ausbreitet. Und dort oben findet man einen Mrchenwald.

Auf der ganzen Breite des Berges steht ein Nadelwald ohne Nadeln, ein Wald,
der im Frhling stirbt und im Herbst grnt, ein lebloser Wald, der in
Lebensfreude aufflackert, wenn andre Bume das grne Kleid des Lebens
ablegen, ein Wald, der wchst, ohne da jemand wissen kann wie, der grn im
Frost und braun im Tau dasteht.

Es ist ein frisch angepflanzter Wald. Junge Fichten sind gezwungen worden,
in den Rissen zwischen Felsblcken Wurzel zu schlagen. Ihre zhen Wurzeln
haben sich wie scharfe Keile in Spalten und Ritzen eingebohrt. Eine
Zeitlang ging es gut, die jungen Bume schossen in die Hhe, und die
Wurzeln bohrten sich frohgemut in den grauen Stein. Aber endlich konnten
sie nicht weiterkommen, und da bemchtigte sich des Waldes eine nur
schlecht verhehlte ble Laune. Er wollte hoch hinaus, aber auch in die
Tiefe. Da ihm der Weg nach unten versperrt war, schien ihn das Leben nicht
mehr zu freuen. Jeden Frhling war er bereit, mimutig die Lebensbrde
abzuwerfen. In dem Sommer, als Edith sterben sollte, stand der junge Wald
ganz braun da. Hoch ber der Stadt der Blumen sah man auf dem Bergkamm
einen dstern Rand sterbender Bume.

Aber dort oben auf dem Berge ist nicht alles Dsterkeit und Todeskampf.
Wenn man so unter den braunen Bumen einhergeht und sich so bedrckt fhlt,
da man am liebsten sterben wollte, sieht man grne Bume schimmern,
Blumenduft schlgt einem entgegen; Vogelgesang jubelt und lockt. Da denkt
man an das Schlo im schlummernden Wald, an das Paradies des Mrchens, das
von einer stechenden Dornenhecke umgeben ist. Und wenn man dann zu dem
Grn, dem Blumenduft, dem Vogelgezwitscher kommt, sieht man, da man sich
auf dem versteckten Kirchhof des kleinen Stdtchens befindet.

Das Heim der Toten liegt in einer mit Erde angefllten Vertiefung des
Bergplateaus. Und da innerhalb der grauen Steinmauern hat alles Welken und
aller Lebensberdru ein Ende. Im Tore stehen Fliederbsche, die sich unter
schweren Bltentrauben neigen. Linden und Ahornbume spannen mit
berraschender Kraft einen himmelhohen Bogen ber den ganzen Platz. Jasmin
und Rosen entblhen freundlich der geweihten Erde. Um groe alte Grabsteine
schlingen sich Ranken von Immergrn und Efeu.

Hier ist eine Ecke, wo die Nadelbume die Hhe eines Mastbaumes erreichen.
Mte sich nicht eigentlich der junge Wald drauen schmen, wenn er sie
sieht? Und da sind Hecken, die den Hnden ihrer Pfleger ganz entwachsen
sind, die ohne an Schere und Messer zu denken, blhen und sprieen.

Die Stadt hat jetzt auch einen andern, neuen Friedhof, zu dem die Toten
ohne sonderliche Mhe gelangen knnen. Es war recht beschwerlich fr sie,
im Winter hier heraufzuwandern, wo die steilen Waldpfade mit Glatteis
berzogen sind, und die Stufen schlpfrig und schneebedeckt. Der Sarg
knackte, die Trger keuchten, der alte Propst sttzte sich schwer auf den
Kster und den Totengrber. Jetzt braucht niemand dort oben begraben zu
werden, der es nicht selbst gewnscht hat.

Schn sind die Grber dort nicht. Die wenigsten verstehen es, den Toten
eine schne Wohnstatt zu bereiten. Aber das frische Grn ergiet seinen
Frieden und seine Schnheit auf sie alle. Seltsam feierlich ist es, zu
wissen, da alle, die hier ruhen, gerne da liegen. Der Lebende, der nach
einem heien Arbeitstage hinaufflchtet, geht wie unter Freunden einher.
Die hier schlummern, haben ja auch die hohen Bume und die Stille geliebt.

Kommt ein Fremder herauf, so erzhlt man ihm nicht von Tod und Trauer,
sondern auf den groen Steinplatten, auf den breiten Brgermeistergrbern
sitzt man und erzhlt ihm von Peter Nord, dem Wermlandjungen, und seiner
Liebe. Es ist, als eignete sich die Geschichte am besten dazu, hier oben
erzhlt zu werden, wo der Tod seine Schrecken verloren hat. Es ist, als
mte die geweihte Erde jubeln, da sie auch einmal der Schauplatz
erwachenden Glcks und neuerweckten Lebens sein durfte.

Denn es kam so, da Peter Nord, als er von Halfvorson fortlief, seine
Zuflucht oben auf dem Kirchhofe suchte.

Zuerst lief er auf die Flubrcke zu und schlug den Weg zur groen
Fabrikstadt ein. Doch auf der Brcke machte der arme Flchtling halt. Mit
dem Knigsreif um seine Stirn war es nun ganz vorbei. Er war verschwunden,
als wre er aus Sonnenstrahlen gesponnen gewesen. Peter Nord war von Kummer
tief gebeugt, sein ganzer Krper zitterte, das Herz tat ihm weh, das Hirn
brannte wie Feuer.

Da glaubte er zu sehen, wie Frau Fastenzeit ihm zum drittenmal entgegenkam.
Sie war viel freundlicher, viel milder als einst, aber sie erschien ihm
darum nur um so furchtbarer.

Ach, du Armer, sagte sie, jetzt mut du aber mit deinen Streichen doch
endlich aufhren! Du wolltest das Fest der Liebe in der Fastenzeit feiern,
die man Leben nennt, aber du siehst, wie es dir ergeht. Komm jetzt und
bleibe mir treu. Jetzt hast du alles versucht, jetzt kannst du dich nur
mehr an mich wenden.

Aber er streckte ihr abwehrend die Arme entgegen. Ich wei, was du von mir
willst. Du willst mich zur Arbeit und Entbehrung fhren, aber ich kann
nicht! Nicht jetzt, Frau Fastenzeit, nicht jetzt.

Die gelbe, bleiche Frau Fastenzeit lchelte immer milder. Du bist ja
unschuldig, Peter Nord! Nimm dir das doch nicht so zu Herzen, wofr du
nichts kannst. War Edith nicht gut gegen dich? Sahst du nicht, da sie dir
vergeben hat? Komm mit zur Arbeit! Lebe, wie du gelebt hast!

Der Knabe wurde immer heftiger. Meinst du, es ist besser fr mich, da ich
gerade die gettet habe, die gut gegen mich war, sie, die mich liebte? Wre
es nicht besser gewesen, wenn ich jemanden ermordet htte, den ich ermorden
wollte? Ich mu es shnen. Ich mu ihr das Leben retten. Jetzt kann ich
nicht an Arbeit denken.

O du Narr, sagte Frau Fastenzeit, das Fest der Shne, das du feiern
willst, das ist die allergrte Vermessenheit.

Da emprte sich Peter Nord vollends gegen seine langjhrige Freundin. Er
hohnlachte frmlich. Was hast du mir eingeredet, sagte er, da du eine
brave, brummige Alte seiest, den Arm voll netter, kleiner Ruten. Du bist
eine Hexe, Leben, du bist ein Ungeheuer. Du bist schn, und du bist
entsetzlich. Du weit selbst nichts von Ma und Ziel. Warum sollte ich es
denn? Wie kannst du Fasten predigen, du, die du ein solches berma von
Schmerz auf mich wlzen wolltest? Was sind die Feste, die ich gefeiert
habe, gegen die, die du dir unaufhrlich bereitest! Bleib mir vom Leibe mit
deiner gelben, bleichen Migkeit. Jetzt will ich es ebenso toll treiben,
wie du selbst.

Nicht einen Schritt konnte er nach der groen Fabrikstadt machen.
Ebensowenig konnte er umkehren und wieder ber die lange Strae in das
Stdtchen wandern, nein, er schlug den Weg in die Berge ein, kletterte zum
verhexten Tannenwald hinauf und irrte zwischen den steifen, stechenden
jungen Bumen umher, bis ein freundlicher Pfad ihn zum Kirchhof fhrte.
Dort suchte er sich ein Versteck in der Ecke, wo die Tannen die Hhe eines
Mastbaumes erreichen, und da warf er sich todmde zu Boden.

Er wute nichts von sich. Er ahnte nicht, ob die Zeit verging, oder ob
alles jetzt stille stand. Aber nach einem Weilchen ertnten Schritte, und
er erwachte zu halbem Bewutsein. Es war ihm, als wre er lange, lange fort
gewesen! Nun sah er einen Leichenzug herankommen, und sogleich tauchte ein
verwirrter Gedanke in ihm auf. Wie lange lag er schon da? War Edith schon
tot? Suchte sie ihn hier auf? War die Tote im Sarge auf der Jagd nach ihrem
Mrder? Er zitterte und bebte. Freilich lag er in dem dunkeln
Tannendickicht verborgen, aber er zitterte vor dem, was geschehen wre,
wenn die Leiche ihn gefunden htte. Er bog ein paar Zweige zurck und
blickte hinaus. Ein gehetzter Flchtling kann nicht wilder nach seinen
Verfolgern ausblicken.

Der Leichenzug war der eines armen Mannes. Armselig und sprlich war das
Geleit. Unbekrnzt wurde der Sarg in die Gruft gesenkt. Keines der
Gesichter zeigte Trnenspuren. Peter Nord hatte noch Verstand genug, um
einzusehen, da dies unmglich Edith Halfvorsons Begrbnis sein konnte.

Aber wenn sie es auch nicht selbst war, wer wei, vielleicht war es ein
Gru von ihr. Peter Nord fhlte, da er nicht das Recht hatte, zu
entfliehen. Sie hatte gesagt, er mge hinauf zum Friedhof gehen. Sie meinte
wohl, da er sie dort erwarten solle, damit sie ihm seine Strafe zuteil
werden lassen konnte. Dieser Leichenzug war ein Gru, ein Zeichen. Sie
wollte, da er sie dort erwartete.

Vor seinem kranken Hirn trmte sich jetzt die niedre Kirchhofsmauer so hoch
wie ein Festungswall auf. Er starrte ngstlich auf das schwache
Gitterpfrtchen, es war wie die festeste Eichentr. Er war hier oben
gefangen. Nie konnte er von hier fort, bis sie selbst kam und ihn seiner
Strafe zufhrte.

Was sie dann mit ihm beginnnen wrde, das wute er nicht. Nur eines war
deutlich und klar. Er mute hier warten, bis sie kam und ihn holte.
Vielleicht wird sie ihn mit sich ins Grab nehmen, vielleicht wird sie ihm
gebieten, sich vom Berge herunterzustrzen. Er konnte es nicht wissen--
vorderhand mute er warten.

Die Vernunft kmpfte einen verzweifelten Kampf: Du bist ja unschuldig,
Peter Nord. Mache dir doch kein Herzeleid ber das, was du nicht
verschuldet hast. Sie hat dir keine Botschaft geschickt. Gehe hinaus zu
deiner Arbeit! Erhebe den Fu, und du bist ber die Mauer, stoe mit einem
Finger zu, und das Tor ist offen.

Nein, er konnte nicht. Meistens war er wie in einem Nebel, einer Betubung.
Die Gedanken kamen unklar, so wie wenn man eben im Einschlafen ist. Eines
nur wute er, er mute bleiben, wo er war.

Nun kam die Nachricht zu ihr, die dalag und um die Wette mit den
wurzellosen Birken dahinwelkte. Peter Nord, mit dem du an einem Sommertag
gespielt, geht oben auf dem Kirchhof einher und wartet auf dich. Peter
Nord, den dein Oheim zu Tode erschreckt hat, kann den Kirchhof nicht
verlassen, bis dein blumengeschmckter Sarg heraufkommt, um ihn zu holen.

Das Mdchen schlug die Augen auf, gleichsam wie um noch einmal die Welt zu
sehen. Sie schickte nach Peter Nord. Sie zrnte ihm wegen seines tollen
Streiches. Warum konnte sie nicht in Ruhe sterben? Sie hatte nie gewnscht,
da er sich ihrethalben Gewissensbisse mache.

Der Bote kam ohne Peter Nord zurck. Er knne nicht kommen. Die Mauer sei
zu hoch und das Tor zu stark. Nur eine knne ihn von dort fortbringen.

In diesen Tagen dachte man in der kleinen Stadt an nichts andres. Er geht
noch immer dort herum, noch immer, erzhlte man einander jeden Tag. Ist
er verrckt? fragten die Leute hufig, und einige, die mit ihm gesprochen
hatten, antworteten, da er es ganz gewi werden wrde, wenn sie kam.
Aber sie waren sehr stolz auf diesen Mrtyrer der Liebe, der ihrer Stadt
Glanz verlieh. Arme Leute brachten ihm Essen. Die Reichen schlichen den
Berg hinauf, um ihn wenigstens aus der Ferne zu sehen.

Aber Edith, die sich nicht vom Fleck rhren konnte, die machtlos dalag und
sterben sollte, sie, die so viel Zeit zu denken hatte, womit beschftigte
sie sich wohl? Welche Gedanken wlzte sie Tag und Nacht in ihrem Hirn? Oh,
Peter Nord, Peter Nord! Mute sie nicht stets den Mann vor sich sehen, der
sie liebte, der nahe daran war, um ihretwillen den Verstand zu verlieren,
der wirklich, wirklich oben auf dem Kirchhof einherging und auf ihren Sarg
wartete.

Sieh da, das war etwas fr die Stahlfedernatur in ihr. Das war etwas fr
die Phantasie, etwas fr entschlummernde Gefhle. Sich vorzustellen, was er
anfangen wrde, wenn sie hinaufkam! Sich auszumalen, was er beginnen wrde,
wenn sie nicht als Tote hinkam.

Sie sprachen davon in der ganzen Stadt, sprachen davon und von nichts
anderm. So wie die alten Stdte ihre Sulenheiligen geliebt hatten, so
liebte das Stdtchen den armen Peter Nord. Doch niemand ging gerne auf den
Kirchhof, um mit ihm zu sprechen. Er sah immer wilder und wilder aus. Immer
dichter senkte sich die Dunkelheit des Wahnsinns auf ihn herab. Warum
beeilt sie sich nicht, gesund zu werden, sagten sie von Edith. Es wre
unrecht von ihr, zu sterben.

Edith fhlte beinahe Zorn. Sie, die so fertig mit dem Leben war, sollte nun
wieder die schwere Brde auf sich nehmen mssen? Aber auf jeden Fall begann
sie sich redlich zu mhen. In ihrem Krper wurde in diesen Wochen mit
fieberhafter Kraft ausgebessert und instandgesetzt. Und es wurde nicht an
Material gespart. In ungeheuren Massen wurde alles verbraucht, was
Lebenskraft gibt, wie es auch heien mochte: Malzextrakt oder Lebertran,
frische Luft oder Sonnenschein, Trume oder Liebe.

Und was fr herrliche Tage waren dies doch, lang, warm, regenlos!

Endlich erlaubte ihr der Arzt, sich hinauftragen zu lassen. Die ganze Stadt
war in Angst, als sie den Weg antrat. Wrde sie mit einem Wahnsinnigen
zurckkommen? Konnten diese Wochen des Elends aus seinem Hirn ausgetilgt
werden? Wrde die Anstrengung, die sie gemacht hatte, um wieder zu leben,
fruchtlos sein? Und wenn, wie wrde es dann ihr selbst ergehen?

Wie sie dahinzog, bla vor Spannung, aber doch voll Hoffnung, gab es Anla
zur Unruhe genug. Niemand verhehlte sich, da Peter Nord einen zu groen
Raum in ihrer Phantasie eingenommen hatte. Sie war die Allereifrigste in
der Anbetung dieses wunderlichen Heiligen. Alle Schranken waren fr sie
gefallen, als sie hrte, was er um ihretwillen litt. Doch was sollte aus
ihrer Schwrmerei werden, wenn sie ihn wirklich sah? An einem Wahnsinnigen
ist nichts Romantisches.

Als man sie bis an das Friedhofspfrtchen getragen hatte, verlie sie die
Trger und ging allein ber den breiten Mittelgang. Ihre Blicke wanderten
rund um den grnenden Platz, aber sie sah niemanden.

Pltzlich hrte sie ein leises Rascheln im Tannendickicht, und von dort sah
sie ein wildes, verzerrtes Gesicht starren. Nie hatte sie ein Antlitz
gesehen, das so deutlich den Stempel des Grauens trug. Sie erschrak selbst
darber, erschrak tdlich. Es fehlte nicht viel, so wre sie geflohen.

Aber dann loderte ein groes, heiliges Gefhl in ihr auf. Jetzt konnte
nicht mehr von Liebe und Schwrmerei die Rede sein, nur von Angst, da ein
Mitmensch, einer der Armen, die mit ihr das Jammertal der Erde
durchwanderten, verloren gehen sollte!

Das Mdchen blieb stehen. Sie wich nicht einen Schritt zurck, sondern lie
ihn sich langsam an ihren Anblick gewhnen. Aber alle Macht, die sie besa,
legte sie in den Blick. Sie zog den Mann dort an sich mit der ganzen Kraft
des Willens, der die Krankheit in ihr selbst besiegt hatte.

Und er kam aus seinem Winkel, bleich, verwildert, ungepflegt. Er ging auf
sie zu, ohne da das Grauen aus seinen Zgen wich. Er sah aus, als wre er
von einem wilden Tier behext, das gekommen war, um ihn zu zerreien. Als er
dicht neben ihr stand, legte sie ihm ihre beiden Hnde auf die Schultern
und sah ihm lchelnd ins Gesicht.

Sieh da, Peter Nord. Wie ist es mit Ihnen? Sie mssen von hier fort! Was
meinen Sie damit, da Sie so lange hier oben auf dem Kirchhof bleiben,
Peter Nord?

Er zitterte und sank zusammen. Aber sie fhlte, da sie ihn mit ihren
Blicken unterjochte. Ihre Worte schienen hingegen gar keine Bedeutung fr
ihn zu haben.

Sie schlug einen etwas andern Ton an. Hre, was ich sage, Peter Nord. Ich
bin nicht tot. Ich werde nicht sterben. Ich bin gesund geworden, um hier
heraufzukommen und dich zu retten.

Er stand noch immer in demselben stumpfen Entsetzen da. Wieder vernderte
sich ihre Stimme. Du hast mir nicht den Tod gebracht, sagte sie immer
inniger, du hast mir das Leben gegeben.

Dies wiederholte sie einmal ums andre. Und ihre Stimme ward zuletzt bebend
vor Bewegung, trbe von Trnen. Aber er verstand nichts von dem, was sie
sagte.

Peter Nord, ich habe dich so lieb, so lieb, rief sie aus.

Er blieb ebenso gleichgltig.

Nun wute sie nichts mehr mit ihm anzufangen. Sie mute ihn wohl mit in
die Stadt hinabnehmen und gute Pflege und die Zeit walten lassen.

Doch wer wei, mit welchen Trumen sie heraufgekommen war und was sie sich
von dieser Begegnung mit dem, der sie liebte, versprochen hatte. Nun, wo
sie alles das aufgeben und ihn nur als einen Wahnsinnigen behandeln mute,
erfllte sie ein Schmerz, als mte sie das Kostbarste von sich lassen, was
das Leben ihr geschenkt hatte. Und in der Bitterkeit dieses Verzichtes zog
sie ihn an sich und kte ihn auf die Stirn.

Dies sollte ein Abschied von Leben und Glck sein. Sie fhlte, wie ihre
Krfte versagten. Tdliche Mattigkeit kam ber sie.

Doch da glaubte sie bei ihm etwas wie ein schwaches Lebenszeichen zu
merken, er war nicht mehr ganz so schlaff und stumpf. Es zuckte in seinen
Gesichtszgen. Er zitterte immer heftiger, sie beobachtete alles mit immer
grrer Angst. Er erwachte, aber wozu? Endlich begann er zu weinen.

Sie fhrte ihn zu einem Grabstein. Sie lie sich darauf nieder, zog ihn zu
sich herab und bettete sein Haupt in ihrem Scho. So sa sie da und
streichelte ihn, whrend er weinte.

Mit ihm ging etwas hnliches vor, wie wenn man aus einem bsen Traum
erwacht. Warum weine ich, fragte er sich. Ach, ich wei, ich habe so
furchtbar getrumt. Aber es ist nicht wahr, sie lebt. Ich habe sie nicht
gemordet. Wie tricht, ber einen Traum zu weinen.

Und so allmhlich wurde ihm alles klar; doch seine Trnen flossen weiter.
Sie sa da und liebkoste ihn, aber seine Trnen strmten noch lange.

Das Weinen tut mir so wohl, sagte er.

Dann sah er auf und lchelte. Ist jetzt Ostern? fragte er.

Was meinst du damit?

Man kann es ja Ostern nennen, da die Toten auferstehen, fuhr er fort.
Dann, als wren sie langjhrige Vertraute, begann er, ihr von Frau
Fastenzeit zu erzhlen und von seiner Emprung gegen ihr Regiment.

Es ist jetzt Ostern, und ihre Regierungszeit hat ein Ende, sagte sie.

Aber als er daran dachte, da Edith dasa und ihn liebkoste, mute er
wieder weinen. Es war ihm solch ein Bedrfnis zu weinen. Alles Mitrauen
gegen das Leben, das das Unglck dem kleinen Wermlnder eingeflt hatte,
bedurfte der Trnen, um fortzuschmelzen. Das Mitrauen, da Liebe und
Freude, Schnheit und Kraft nicht auf Erden blhen knnten, das Mitrauen
gegen sich selbst, alles das mute fort. Alles das ging fort, denn es war
Ostern: Die Tote lebte, und Frau Fastenzeit konnte nie mehr Macht erlangen.




Die Legende vom Vogelnest


Hatto, der Eremit, stand in der Einde und betete zu Gott. Es strmte, und
sein langer Bart und sein zottiges Haar flatterte um ihn, so wie die
windgepeitschten Grasbschel die Zinnen einer alten Ruine umflattern. Doch
er strich sich nicht das Haar aus den Augen, noch steckte er den Bart in
den Grtel, denn er hielt die Arme zum Gebet erhoben. Seit Sonnenaufgang
streckte er seine knochigen behaarten Arme zum Himmel empor, ebenso
unermdlich wie ein Baum seine Zweige ausstreckt, und so wollte er bis zum
Abend stehen bleiben. Er hatte etwas Groes zu erbitten.

Er war ein Mann, der viel von der Arglist und Bosheit der Welt erfahren
hatte. Er hatte selbst verfolgt und geqult, und Verfolgung und Qualen
andrer waren ihm zuteil geworden, mehr als sein Herz ertragen konnte. Darum
zog er hinaus auf die groe Heide, grub sich eine Hhle am Fluufer und
wurde ein heiliger Mann, dessen Gebete an Gottes Thron Gehr fanden.

Hatto, der Eremit, stand am Flugestade vor seiner Hhle und betete das
groe Gebet seines Lebens. Er betete zu Gott, den Tag des Jngsten Gerichts
ber diese bse Welt hereinbrechen zu lassen. Er rief die posaunenblasenden
Engel an, die das Ende der Herrschaft der Snde verknden sollten. Er rief
nach den Wellen des Blutmeeres, um die Ungerechtigkeit zu ertrnken. Er
rief nach der Pest, auf da sie die Kirchhfe mit Leichenhaufen erflle.

Rings um ihn war die de Heide. Aber eine kleine Strecke weiter oben am
Fluufer stand eine alte Weide mit kurzem Stamm, der oben zu einem groen,
kopfhnlichen Knollen anschwoll, aus dem neue, frischgrne Zweige
hervorwuchsen. Jeden Herbst wurden ihr von den Bewohnern des holzarmen
Flachlandes diese frischen Jahresschlinge geraubt. Jeden Frhling trieb
der Baum neue geschmeidige Zweige, und an strmischen Tagen sah man sie um
den Baum flattern und wehen, so wie Haar und Bart um Hatto, den Eremiten,
flatterten.

Das Bachstelzchenpaar, das sein Nest oben auf dem Stamm der Weide zwischen
den emporsprieenden Zweigen zu bauen pflegte, hatte gerade an diesem Tage
mit seiner Arbeit beginnen wollen. Aber zwischen den heftig peitschenden
Zweigen fanden die Vgel keine Ruhe. Sie kamen mit Binsenhalmen und
Wurzelfserchen und vorjhrigem Riedgras geflogen, aber sie muten
unverrichteter Dinge umkehren. Da bemerkten sie den alten Hatto, der eben
Gott anflehte, den Sturm siebenmal heftiger werden zu lassen, damit das
Nest der kleinen Vglein fortgefegt und der Adlerhorst zerstrt werde.

Natrlich kann kein heute Lebender sich vorstellen, wie bemoost und
vertrocknet und knorrig und schwarz und menschenunhnlich solch ein alter
Heidebewohner sein konnte. Die Haut lag so stramm ber Stirn und Wangen,
da sein Kopf fast einem Totenschdel glich, und nur an einem kleinen
Aufleuchten tief in den Augenhhlen sah man, da er Leben besa. Und die
vertrockneten Muskeln gaben dem Krper keine Rundung, der emporgestreckte
nackte Arm bestand vielmehr nur aus ein paar schmalen Knochen, die mit
verrunzelter, harter, rindenhnlicher Haut berzogen waren. Er trug einen
alten, eng anliegenden schwarzen Mantel. Er war braungebrannt von der Sonne
und schwarz von Schmutz. Nur sein Haar und sein Bart waren licht, hatten
sie doch Regen und Sonnenschein bearbeitet, bis sie dieselbe graugrne
Farbe angenommen hatten, wie die Unterseite der Weidenbltter.

Die Vgel, die umherflatterten und einen Platz fr ihr Nest suchten,
hielten Hatto, den Eremiten, auch fr eine alte Weide, die ebenso wie die
andre durch Axt und Sge in ihrem Himmelsstreben gehemmt worden war. Sie
umkreisten ihn viele Male, flogen weg und kamen zurck, merkten sich den
Weg zu ihm, berechneten seine Lage im Hinblick auf Raubvgel und Strme,
fanden sie recht unvorteilhaft, aber entschieden sich doch fr ihn, wegen
seiner Nhe zum Flusse und dem Riedgras, ihrer Vorratskammer und ihrem
Speicher. Eines der Vgelchen scho pfeilschnell herab und legte sein
Wurzelfserchen in die ausgestreckte Hand des Eremiten.

Der Sturm hatte gerade aufgehrt, so da das Wurzelfserchen ihm nicht
sogleich aus der Hand gerissen wurde, aber in den Gebeten des Eremiten gab
es kein Aufhren. Mgest du bald kommen, o Herr, und diese Welt des
Verderbens vernichten, auf da die Menschen sich nicht mit noch mehr Snden
beladen. Mchtest du die Ungebornen vom Leben erlsen! Fr die Lebenden
gibt es keine Erlsung.

Nun setzte der Sturm wieder ein, und das Wurzelfserchen flatterte aus der
groen, knochigen Hand des Eremiten fort. Aber die Vgel kamen wieder und
versuchten die Grundpfeiler des neuen Heims zwischen seine Finger
einzukeilen. Da legte sich pltzlich ein plumper, schmutziger Daumen ber
die Halme und hielt sie fest, und vier Finger wlbten sich ber die
Handflche, so da eine friedliche Nische entstand, in der man bauen
konnte. Doch der Eremit fuhr in seinen Gebeten fort.

Herr, wo sind die Feuerwolken, die Sodom verheerten? Wann ffnest du des
Himmels Schleusen, die die Arche zum Berge Ararat erhoben? Ist das Ma
deiner Geduld nicht erschpft und die Schale deiner Gnade leer? O Herr,
wann kommst du aus deinem sich spaltenden Himmel?

Und vor Hatto, dem Eremiten, tauchten die Fiebervisionen vom Tag des
Jngsten Gerichtes auf. Der Boden erbebte, der Himmel glhte. Unter dem
roten Firmament sah er schwarze Wolken fliehender Vgel; ber den Boden
wlzte sich eine Schar flchtender Tiere. Doch whrend seine Seele von
diesen Fiebervisionen erfllt war, begannen seine Augen dem Flug der
kleinen Vgel zu folgen, die blitzschnell hin und her flogen und mit einem
vergngten kleinen Piepsen ein neues Hlmchen in das Nest fgten.

Der Alte lie es sich nicht einfallen, sich zu rhren. Er hatte das Gelbde
getan, den ganzen Tag stillstehend mit emporgestreckten Hnden zu beten, um
so unsern Herrn zu zwingen, ihn zu erhren. Je matter sein Krper wurde,
desto lebendiger wurden die Gesichte, die sein Hirn erfllten. Er hrte die
Mauern der Stdte zusammenbrechen und die Wohnungen der Menschen
einstrzen. Schreiende, entsetzte Volkshaufen eilten an ihm vorbei, und
ihnen nach jagten die Engel der Rache und der Vernichtung, hohe,
silbergepanzerte Gestalten mit strengem, schnem Antlitz, auf schwarzen
Rossen reitend und Geieln schwingend, die aus weien Blitzen geflochten
waren.

Die kleinen Bachstelzchen bauten und zimmerten fleiig den ganzen Tag, und
die Arbeit machte groe Fortschritte. Auf dieser hgeligen Heide mit ihrem
steifen Riedgras und an diesem Fluufer mit seinem Schilf und seinen
Binsen war kein Mangel an Baustoff. Sie fanden weder Zeit zur Mittagsrast
noch zur Vesperruhe. Glhend vor Eifer und Vergngen flogen sie hin und
her, und ehe der Abend anbrach, waren sie schon beim Dachfirst angelangt.

Aber ehe der Abend anbrach, hatten sich die Blicke des Eremiten mehr und
mehr auf sie geheftet. Er folgte ihnen auf ihrer Fahrt, er schalt sie aus,
wenn sie sich dumm anstellten, er rgerte sich, wenn der Wind ihnen Schaden
tat, und am allerwenigsten konnte er es vertragen, wenn sie sich ein
bichen ausruhten.

So sank die Sonne, und die Vgel suchten ihre vertrauten Ruhesttten im
Schilf auf.

Wer abends ber die Heide geht, mu sich herabbeugen, so da sein Gesicht
in gleicher Hhe mit den Erdhgelchen ist, dann wird er sehen, wie sich ein
wunderliches Bild vor dem lichten Abendhimmel abzeichnet. Eulen mit groen,
runden Flgeln huschen ber das Feld, unsichtbar fr den, der aufrecht
steht. Nattern ringeln sich heran, geschmeidig, behend, die schmalen
Kpfchen auf schwanhnlich gebognen Hlsen erhoben. Groe Krten kriechen
trge vorbei. Hasen und Wasserratten fliehen vor den Raubtieren, und der
Fuchs springt nach einer Fledermaus, die Mcken ber dem Flu jagt. Es ist,
als htte jedes Erdhgelchen Leben bekommen. Doch unterdessen schlafen die
kleinen Vgelchen auf dem schwanken Schilf, geborgen vor allem Bsen auf
diesen Ruhesttten, denen kein Feind nahen kann, ohne da das Wasser
aufpltschert oder das Schilf zittert und sie aufweckt.

Als der Morgen kam, glaubten die Bachstelzchen zuerst, die Ereignisse des
gestrigen Tages seien ein schner Traum gewesen.

Sie hatten ihre Merkzeichen gemacht und flogen geradeswegs auf ihr Nest zu,
aber das war verschwunden. Sie guckten suchend ber die Heide hin und
erhoben sich gerade in die Luft, um zu sphen. Keine Spur von einem Nest
oder einem Baum. Schlielich setzten sie sich auf ein paar Steine am
Fluufer und grbelten nach. Sie wippten mit dem langen Schwanz und drehten
das Kpfchen. Wohin war Baum und Nest gekommen?

Doch kaum hatte sich die Sonne um eine Handbreit ber den Waldgrtel auf
dem jenseitigen Fluufer erhoben, als ihr Baum gewandert kam und sich auf
denselben Platz stellte, den er am vorigen Tage eingenommen. Er war ebenso
schwarz und knorrig wie damals und trug ihr Nest auf der Spitze von etwas,
was wohl ein drrer, aufrecht ragender Ast sein mute.

Da begannen die Bachstelzchen wieder zu bauen, ohne weiter ber die vielen
Wunder der Natur nachzugrbeln.

Hatto, der Eremit, der die kleinen Kinder von seiner Hhle fortscheuchte
und ihnen sagte, es wre besser fr sie, wenn sie niemals das Licht der
Sonne gesehen htten, er, der in den Schlamm hinausstrzte, um den
frhlichen jungen Menschen, die in bewimpelten Booten den Flu
hinaufruderten, Verwnschungen nachzuschleudern; er, vor dessen bsem Blick
die Hirten der Heide ihre Herden behteten, kehrte nicht zu seinem Platz am
Flu zurck, den kleinen Vgeln zuliebe. Aber er wute, da nicht nur jeder
Buchstabe in den heiligen Bchern seine verborgne mystische Bedeutung hat,
sondern auch alles, was Gott in der Natur geschehen lt. Jetzt hatte er
herausgefunden, was es bedeuten konnte, da die Bachstelzchen ihr Nest in
seiner Hand bauten; Gott wollte, da er mit erhobnen Armen betend dastehen
sollte, bis die Vgel ihre Jungen aufgezogen hatten, und vermochte er dies,
so sollte er erhrt werden.

Doch an diesem Tage sah er immer weniger Visionen des Jngsten Gerichtes.
Anstatt dessen folgte er immer eifriger mit seinen Blicken den Vgeln. Er
sah das Nest rasch vollendet. Die kleinen Baumeister flatterten rund herum
und besichtigten es. Sie holten ein paar kleine Moosflechten von der
wirklichen Weide und klebten sie auen an, das sollte anstatt Tnche oder
Farbe sein. Sie holten das feinste Wollgras, und das Weibchen nahm Flaum
von seiner eignen Brust und bekleidete das Nest innen damit, das war die
Einrichtung und Mblierung.

Die Bauern, die die verderbliche Macht frchteten, die die Gebete des
Eremiten an Gottes Thron haben konnten, pflegten ihm Brot und Milch zu
bringen, um seinen Groll zu besnftigen. Sie kamen auch jetzt und fanden
ihn regungslos dastehen, das Vogelnest in der Hand.

Seht, wie der fromme Mann die kleinen Tiere liebt, sagten sie und
frchteten sich nicht mehr vor ihm, sondern hoben den Milcheimer an seine
Lippen und fhrten ihm das Brot zum Munde. Als er gegessen und getrunken
hatte, verjagte er die Menschen mit bsen Worten, aber sie lchelten nur
ber seine Verwnschungen.

Sein Krper war schon lange seines Willens Diener geworden. Durch Hunger
und Schlge, durch tagelanges Knien und wochenlange Nachtwachen hatte er
ihn Gehorsam gelehrt. Nun hielten stahlharte Muskeln seine Arme tage- und
wochenlang emporgestreckt, und whrend das Bachstelzenweibchen auf den
Eiern lag und das Nest nicht mehr verlie, suchte er nicht einmal nachts
seine Hhle auf. Er lernte es, sitzend mit emporgestreckten Armen zu
schlafen. Unter den Freunden der Wste gibt es so manche, die noch grre
Dinge vollbracht haben.

Er gewhnte sich an die zwei kleinen unruhigen Vogelaugen, die ber den
Rand des Nestes zu ihm hinabblickten. Er achtete auf Hagel und Regen und
schtzte das Nest so gut er konnte.

Eines Tages kann das Weibchen seinen Wachtposten verlassen. Beide
Bachstelzchen sitzen auf dem Rand des Nestes, wippen mit den Schwnzchen
und beratschlagen und sehen seelenvergngt aus, obgleich das ganze Nest von
einem ngstlichen Piepsen erfllt scheint. Nach einem kleinen Weilchen
ziehen sie auf die allerverwegenste Mckenjagd aus.

Eine Mcke nach der andern wird gefangen und heimgebracht fr das, was oben
in seiner Hand piepst. Und als das Futter kommt, da piepsen sie am
allerrgsten. Den frommen Mann strt das Piepsen in seinen Gebeten.

Und sachte, sachte sinkt sein Arm auf Gelenken herab, die beinahe die Gabe,
sich zu rhren, verloren haben, und seine kleinen Glutaugen starren in das
Nest herab.

Niemals hatte er etwas so hilflos Hliches und Armseliges gesehen: kleine,
nackte Krperchen mit ein paar sprlichen Flumchen, keine Augen, keine
Flugkraft, eigentlich nur sechs groe, aufgerissene Schnbel.

Es kam ihm selbst wunderlich vor, aber er mochte sie gerade so leiden wie
sie waren. Die Alten hatte er ja niemals von dem groen Untergang
ausgenommen, aber wenn er von nun ab Gott anflehte, die Welt durch
Vernichtung zu erlsen, da machte er eine stillschweigende Ausnahme fr
diese sechs Schutzlosen.

Wenn die Buerinnen ihm jetzt Essen brachten, dann dankte er ihnen nicht
mit Verwnschungen. Da er fr die Kleinen dort oben notwendig war, freute
er sich, da die Leute ihn nicht verhungern lieen.

Bald guckten den ganzen Tag sechs runde Kpfchen ber den Nestrand. Des
alten Hatto Arm sank immer hufiger zu seinen Augen hernieder. Er sah die
Federn aus der roten Haut sprieen, die Augen sich ffnen, die Krperformen
sich runden. Glckliche Erben der Schnheit, die die Natur den beflgelten
Bewohnern der Luft geschenkt, entwickelten sie bald ihre Anmut.

Und unterdessen kamen die Gebete um die groe Vernichtung immer zgernder
ber Hattos Lippen. Er glaubte Gottes Zusicherung zu haben, da sie
hereinbrechen wrde, wenn die kleinen Vgelchen flgge waren. Nun stand er
da und suchte gleichsam nach einer Ausflucht vor Gottvater. Denn diese
sechs Kleinen, die er beschtzt und behtet hatte, konnte er nicht opfern.

Frher war es etwas andres gewesen, als er noch nichts hatte, was sein
Eigen war. Die Liebe zu den Kleinen und Schutzlosen, die jedes kleine Kind
die groen, gefhrlichen Menschen lehren mu, kam ber ihn und machte ihn
unschlssig.

Manchmal wollte er das ganze Nest in den Flu schleudern, denn er meinte,
da die beneidenswert sind, die ohne Sorgen und Snden sterben drfen.
Mute er die Kleinen nicht vor Raubtieren und Klte, vor Hunger und den
mannigfaltigen Heimsuchungen des Lebens bewahren? Aber gerade als er noch
so dachte, kam der Sperber auf das Nest herabgesaust, um die Jungen zu
tten. Da ergriff Hatto den Khnen mit seiner linken Hand, schwang ihn im
Kreise ber seinem Kopf und schleuderte ihn mit der Kraft des Zornes in den
Flu.

Und der Tag kam, an dem die Kleinen flgge waren. Eines der Bachstelzchen
mhte sich drinnen im Nest, die Jungen auf den Rand hinauszuschieben,
whrend das andre herumflog und ihnen zeigte, wie leicht es war, wenn sie
es nur zu versuchen wagten. Und als die Jungen sich hartnckig frchteten,
da flogen die beiden Alten fort und zeigten ihnen ihre allerschnste
Fliegekunst. Mit den Flgeln schlagend, beschrieben sie verschiedene
Windungen, oder sie stiegen auch gerade in die Hhe wie Lerchen oder
hielten sich mit heftig zitternden Schwingen still in der Luft.

Aber als die Jungen noch immer eigensinnig bleiben, kann Hatto es nicht
lassen, sich in die Sache einzumischen. Er gibt ihnen einen behutsamen Puff
mit dem Finger, und damit ist alles entschieden. Heraus fliegen sie,
zitternd und unsicher, die Luft peitschend wie Fledermuse, sie sinken,
aber erheben sich wieder, begreifen, worin die Kunst besteht, und verwenden
sie dazu, so rasch als mglich das Nest wieder zu erreichen. Die Alten
kommen stolz und jubelnd zu ihnen zurck, und der alte Hatto schmunzelt.

Er hatte doch in der Sache den Ausschlag gegeben.

Er grbelte nun in vollem Ernst nach, ob es fr unsern Herrgott nicht auch
einen Ausweg geben konnte.

Vielleicht, wenn man es so recht bedachte, hielt Gottvater diese Erde wie
ein groes Vogelnest in seiner Rechten, und vielleicht hatte er Liebe zu
denen gefat, die dort wohnen und hausen, zu allen schutzlosen Kindern der
Erde. Vielleicht erbarmte er sich ihrer, die er zu vernichten gelobt hatte,
so wie sich der Eremit der kleinen Vgel erbarmte.

Freilich waren die Vgel des Eremiten um vieles besser als unsers Herrgotts
Menschen, aber er konnte doch begreifen, da Gottvater dennoch ein Herz fr
sie hatte.

Am nchsten Tage stand das Vogelnest leer, und die Bitterkeit der
Einsamkeit bemchtigte sich des Eremiten. Langsam sank sein Arm an seiner
Seite herab, und es deuchte ihn, da die ganze Natur den Atem anhielt, um
dem Drhnen der Posaune des Jngsten Gerichts zu lauschen. Doch in
demselben Augenblick kamen alle Bachstelzen zurck und setzten sich ihm auf
Haupt und Schultern, denn sie hatten gar keine Angst vor ihm. Da zuckte ein
Lichtstrahl durch das verwirrte Hirn des alten Hatto. Er hatte ja den Arm
gesenkt, ihn jeden Tag gesenkt, um die Vgel anzusehen.

Und wie er da stand, von allen sechs Jungen umflattert und umgaukelt,
nickte er jemandem, den er nicht sah, vergngt zu. Du bist frei, sagte
er, du bist frei. Ich hielt mein Wort nicht, und so brauchst du auch
deines nicht zu halten.

Und es war ihm, als hrten die Berge zu zittern auf und als legte sich der
Flu gemchlich in seinem Bett zur Ruhe.




Das Hnengrab


Es war um die Jahreszeit, wo das Heidekraut rot blht. Auf der Sandhalde
wuchs es in dichten Bscheln. Von niedrigen, baumhnlichen Stmmchen
erhoben sich dicht sitzende grne Zweige mit nadelharten, festen Blttern
und kleinen, spt welkenden Blten. Diese schienen nicht aus dem
gewhnlichen saftreichen Blumengewebe zu bestehen, sondern aus trocknen,
harten Schuppen. Sie waren sehr unansehnlich von Gre und Gestalt; auch
war ihr Geruch nicht sonderlich. Als Kinder der offnen Heide hatten sie
sich nicht in der windgeschtzten Luft entwickelt, in der die Lilien ihre
Kelchbltter entfalten, auch nicht in dem ppigen Erdreich, aus dem die
Rosen die Nahrung fr ihre schwellenden Kronen schpfen. Was sie zu Blumen
machte, war eigentlich die Farbe; denn leuchtend rot waren sie. Den Farbe
schenkenden Sonnenschein hatten sie reichlich gehabt. Sie waren keine
bleichen Kellergewchse, keine schattenfrohen Stubenhocker. Die gesegnete
Frhlichkeit und Strke der Gesundheit lag ber der ganzen blhenden Heide.

Das Heidekraut deckte das karge Feld mit seinem roten Mantel bis hinauf zum
Waldessaum. Da erhoben sich auf einem sanft ansteigenden Bergfirst ein paar
uralte, halb zusammengestrzte Grabhgel; und wie innig das Heidekraut sich
auch an sie zu schmiegen suchte: es gab doch dort oben Risse, durch die
groe flache Felsenplatten durchschimmerten, Fetzen der rauhen Haut des
Berges selbst. Unter dem grten Grabhgel ruhte ein alter Knig, Atle
genannt. Unter den andern schlummerten die seiner Mannen, die gefallen
waren, als die groe Schlacht dort auf der Halde geschlagen ward. Nun
hatten sie schon so lange dagelegen, da die Angst und die Ehrfurcht vor
dem Tode von ihren Grbern gewichen war. Der Weg ging zwischen ihren
Ruhesttten hindurch. Wer nachts hier wanderte, dem kam es nie in den
Sinn, sich umzusehen, ob wohl zu mitternchtiger Stunde nebelumhllte
Gestalten auf der Spitze der Grabhgel sen und in stummer Sehnsucht zu
den Sternen emporblickten.

Es war ein glitzernder Morgen, taufrisch und sonnenwarm. Der Schtze, der
seit dem Morgengrauen auf der Jagd gewesen war, hatte sich in das
Heidekraut hinter Knig Atles Hgel geworfen. Er lag auf dem Rcken und
schlief. Den Hut hatte er ber die Augen gezogen und die Jagdtasche aus
Fell, aus der die langen Ohren des Hasen und die gekrmmten Schwanzfedern
des Auerhahns lugten, lag unter seinem Kopf. Pfeile und Bogen hatte er
neben sich.

Aus dem Walde kam ein Mdchen, ein Bndelchen mit Essen in der Hand. Als
sie auf die flachen Platten zwischen den Grabhgeln kam, dachte sie, was
fr ein guter Tanzplatz hier sei. Und sie bekam groe Lust, ihn zu
probieren. Sie warf das Bndelchen ins Heidekraut und begann ganz
mutterseelenallein zu tanzen. Sie wute nicht darum, da hinter dem
Knigshgel ein Mann lag und schlief.

Der Schtze schlief noch immer. Brennend rot stand das Heidekraut gegen den
tiefblauen Himmel. Der Ameisenlwe hatte seinen Graben dicht neben dem
Schlummernden aufgeworfen. Darin lag ein Stck Katzengold und funkelte, als
wollte es alle alten Stoppeln der Sandhalde in Brand setzen. ber dem Kopf
des Schtzen breiteten sich die Auerhahnfedern wie ein Federbusch aus und
ihre Metallfarben schillerten vom tiefsten Purpur bis ins Stahlblau. Auf
den unbeschatteten Teil seines Gesichtes brannte glhender Sonnenschein.
Aber er schlug die Augen nicht auf, um den Morgenglanz zu schauen.

Unterdessen fuhr das Mdchen fort, zu tanzen, und es drehte sich so eifrig,
da die geschwrzte Mooserde, die sich in den Unebenheiten der Blcke
angesammelt hatte, um sie schwirrte. Eine alte, trockne Fichtenwurzel,
blank und grau vom Alter, lag ausgerissen im Heidekraut. Die nahm sie und
drehte sich mit ihr herum. Spne lsten sich aus dem modernden Baume.
Tausendfler und Ohrwrmer, die in den Ritzen genistet hatten, strzten
sich schwindlig in die lichte Luft und verbohrten sich in die Wurzeln des
Heidekrautes.

Wenn die fliegenden Rcke die Heide streiften, flatterten daraus Scharen
von kleinen grauen Schmetterlingen auf. Die Unterseite ihrer Flgel war
wei und glnzte wie Silber; sie wirbelten wie trocknes Laub im Sturm auf
und ab. Sie schienen nun ganz wei, und es war, als ob das rote Heidemeer
weien Schaum emporspritzte. Die Schmetterlinge hielten sich ein kurzes
Weilchen schwebend in der Luft. Ihre zarten Flgel zitterten so heftig, da
der Farbenstaub sich lste und als dnner, silberweier Flaum auf das
Heidekraut fiel. Da war es, als wrde die Luft von einem sonnig glitzernden
Tauregen durchrieselt.

Ringsum im Heidekraut saen Heuschrecken und rieben ihre Hinterbeine gegen
die Flgel, so da es wie Harfensaiten klang. Sie hielten guten Takt und
waren so eingespielt, da jeder, der ber die Heide ging, dieselbe
Heuschrecke auf seiner Wanderung zu hren meinte, obgleich er sie bald zur
Rechten, bald zur Linken hatte, bald vor, bald hinter sich. Aber die
Tanzende war nicht zufrieden mit ihrem Spiel, sondern begann nach einem
kleinen Weilchen selbst den Takt zu einem Tanzspiel zu trllern. Ihre
Stimme war schrill und sprde. Der Schtze erwachte von dem Gesang. Er
wendete sich seitwrts, richtete sich auf dem Ellbogen auf und sah ber das
Hnengrab hinweg zu ihr, die tanzte.

Er hatte getrumt, da der Hase, den er soeben gettet hatte, aus der
Jagdtasche gesprungen sei und seine eignen Pfeile genommen habe, um auf ihn
zu schieen. Nun sah er zu dem Mdchen hinber, schlaftrunken, wirr von
Trumen; nach dem Schlummer brannte sein Kopf in der Sonne.

Sie war gro und von grobem Gliederbau; nicht hold von Angesicht, nicht
leicht im Tanz, nicht taktfest im Gesang. Sie hatte breite Wangen, dicke
Lippen und eine platte Nase. Sie war sehr rot im Gesicht, sehr dunkel von
Haar, ppig von Gestalt, krftig in den Bewegungen. Ihre Kleider waren
drftig, aber grell. Rote Borten faten den gestreiften Rock ein, und bunte
Wollgarnlitzen folgten den Nhten des Leibchens. Andre Jungfrauen gleichen
Rosen und Lilien. Diese war wie das Heidekraut, stark, frhlich, leuchtend.

Mit Freude sah der Schtze das groe, prchtige Weib auf der roten Halde
tanzen, mitten unter zirpenden Grashpfern und flatternden Schmetterlingen.
Und wie er sie so ansah, lachte er, da der Mund sich von einem Ohr zum
anderen zog. Aber da erblickte sie ihn pltzlich und blieb unbeweglich
stehen.

Du meinst wohl, ich sei von Sinnen, war das erste, was sie hervorbrachte.
Zugleich erwog sie, wie sie ihn bewegen knne, ber das zu schweigen, was
er gesehen hatte. Sie wollte nicht unten im Dorf erzhlen hren, da sie
mit einer Fichtenwurzel getanzt habe.

Er war ein wortkarger Mann. Nicht eine Silbe brachte er ber die Lippen. Er
war so scheu, da er nichts Besseres anzufangen wute, als zu fliehen,
obwohl er gern geblieben wre. Hastig kam der Hut auf den Kopf und die
Jagdtasche auf den Rcken. Dann lief er zwischen den Heidekrauthgeln fort.

Sie packte das Ebndel und eilte ihm nach. Er war klein, steif von
Bewegungen und hatte sichtlich geringe Krfte. Sie holte ihn bald ein und
schlug ihm den Hut vom Kopfe, um ihn zu zwingen, stehen zu bleiben.
Eigentlich hatte er die grte Lust, zu bleiben, aber er war ganz wirr vor
Schchternheit und floh in noch grrer Hast. Sie lief nach und begann, an
seiner Tasche zu zerren. Da mute er stehenbleiben, um die Tasche zu
verteidigen. Das Mdchen fiel ihn mit aller Macht an. Sie rangen und sie
warf ihn zu Boden. Jetzt wird er's keinem erzhlen, dachte sie und war
froh.

In demselben Augenblick erschrak sie doch sehr; denn er, der auf der Erde
lag, schien ganz bleich und die Augen drehten sich in ihren Hhlen. Er
hatte sich aber nicht verletzt. Es war die Gemtsbewegung, die er nicht
vertragen hatte. Nie zuvor hatten sich so strittige und starke Gefhle in
diesem einsamen Waldbewohner geregt. Er war froh ber das Mdchen und
zornig und scheu und dennoch stolz, da sie so stark war. Er war ganz
betubt von alledem.

Die groe, starke Jungfrau legte den Arm um seinen Rcken und richtete ihn
auf. Sie brach Heidekraut und peitschte sein Gesicht mit den steifen
Zweigen, bis das Blut in Bewegung kam. Als seine kleinen Augen sich wieder
dem Tageslicht zuwendeten, leuchteten sie vor Freude beim Anblick des
Mdchens. Noch immer schwieg er; aber die Hand, die sie um seinen Leib
gelegt hatte, zog er an sich und streichelte sie sanft.

Er war ein Kind des Hungers und der zeitigen Mhsal. Trocken und
bleichgelb, fleischlos und blutarm war er. Es rhrte sie, da er so verzagt
war, er, der doch um die Dreiig sein mochte. Sie dachte, da er wohl ganz
mutterseelenallein tief im Walde leben msse, da er so klglich und so
schlecht gekleidet war. Keinen hatte er wohl, der nach ihm sah, nicht
Mutter noch Schwester oder Liebste.

                  *       *       *       *       *

Der groe barmherzige Wald breitete sich ber die Wildnis aus. Verbergend
und schtzend nahm er in seinen Scho alles auf, was bei ihm Hilfe suchte.
Mit hohen Stmmen hielt er Wacht um die Hhle des Bren, und in der
Dmmerung dichter Gebsche hegte er das mit Eiern gefllte Nest der kleinen
Vglein.

Zu dieser Zeit, da man noch Leibeigene hielt, flchteten viele von ihnen
in den Wald und fanden Schutz hinter seinen grnen Mauern. Er ward fr sie
ein groer Kerker, den sie nicht zu verlassen wagten. Der Wald hielt diese
seine Gefangnen in strenger Zucht. Er zwang die Stumpfen zum Nachdenken und
erzog die in der Knechtschaft Verkommenen zu Ordnung und Ehrlichkeit. Nur
dem Fleiigen schenkte er die Gnade des Lebens.

Die beiden, die sich auf der Heide getroffen hatten, waren Abkmmlinge
solcher Gefangnen des Waldes. Sie gingen manchmal hinunter in die bebauten,
bewohnten Tler, denn sie brauchten nicht mehr zu befrchten, in die
Knechtschaft zurckgefhrt zu werden, aus der ihre Vter geflohen waren;
doch am liebsten nahmen sie den Weg durch das Waldesdunkel. Der Name des
Schtzen war Tnne. Sein eigentliches Handwerk war, den Boden urbar zu
machen, aber er verstand sich auch auf andre Dinge. Er sammelte Reisig,
kochte Teer, trocknete Schwmme und ging oft auf die Jagd. Sie, die tanzte,
hie Jofrid. Ihr Vater war Khler. Sie band Besen, pflckte Wacholderbeeren
und braute Bier aus dem weiblumigen Porsch. Beide waren sehr arm.

Frher hatten sie einander in dem groen Walde nie getroffen, aber jetzt
deuchte sie, da alle Wege des Waldes sich zu einem Netz verschlngen, in
dem sie hin und wieder liefen und einander unmglich vermeiden konnten. Nie
wuten sie nun einen Pfad zu whlen, auf dem sie einander nicht begegneten.

Tnne hatte einmal einen groen Kummer gehabt. Er hatte lange mit seiner
Mutter in einer elenden Reisigkoje gehaust; aber als er heranwuchs, fate
er den Plan, ihr ein warmes Huschen zu bauen. In allen seinen Muestunden
ging er in den Holzschlag, fllte Bume und spaltete sie in angemessene
Stcke. Dann verbarg er das aufgehufte Bauholz in dunklen Klften unter
Moos und Reisig. Er hatte im Sinn, da seine Mutter nicht frher von all
der Arbeit etwas erfahren sollte, als bis er so weit war, die Htte
aufzubauen. Aber seine Mutter starb, ehe er ihr zeigen konnte, was er
gesammelt hatte, ehe er ihr auch nur zu sagen vermochte, was er tun wollte.
Er, der mit demselben Eifer gearbeitet hatte wie David, Israels Knig, als
er Schtze fr Gottes Tempel sammelte, trauerte bitterlich. Er verlor alle
Lust an dem Bau. Fr ihn war die Reisigkoje gut genug. Und doch hatte er's
nicht viel besser in seinem Heim als ein Tier in seiner Hhle.

Als nun er, der bisher immer allein umhergeschlichen war, Lust bekam,
Jofrids Gesellschaft zu suchen, bedeutete dieser Wunsch wohl sicherlich,
da er sie gern zur Liebsten und Braut haben wollte. Jofrid erwartete auch
tglich, da er mit ihrem Vater oder mit ihr selbst von der Sache sprechen
werde. Aber Tnne brachte es nicht ber sich. Man merkte ihm an, da er von
unfreier Abkunft war. Die Gedanken bewegten sich langsam in seinem Kopf,
wie die Sonne, wenn sie ber das Himmelszelt zieht. Und schwerer war es fr
ihn, diese Gedanken zu zusammenhngender Rede zu formen, als fr einen
Schmied, einen Armreif aus rollenden Sandkrnern zu schmieden.

Eines Tages fhrte Tnne Jofrid zu einer der Schluchten, wo er sein Bauholz
verborgen hatte. Er ri Zweige und Moos fort und zeigte ihr die abgehauenen
Stmme. Das htte Mutter haben sollen, sagte er. Und sah Jofrid
erwartungsvoll an. Dies htte Mutters Htte werden sollen, wiederholte
er. Merkwrdig schwer fiel es dieser Jungfrau, die Gedanken eines jungen
Gesellen zu fassen. Da er ihr Mutters Bauholz zeigte, htte sie doch
verstehen mssen; aber sie verstand nicht.

Da beschlo er, ihr seine Absicht noch deutlicher zu erklren. Ein paar
Tage spter begann er, die Stmme zu der Stelle zwischen den Grabhgeln zu
schleppen, wo er Jofrid zum ersten Male gesehen hatte. Sie kam, wie
gewhnlich, heran und sah ihn arbeiten. Sie ging jedoch weiter, ohne etwas
zu sagen. Seit sie Freunde geworden waren, war sie ihm oft an die Hand
gegangen, aber bei dieser schweren Arbeit schien sie ihm nicht helfen zu
wollen. Tnne meinte doch, sie htte verstehen mssen, da es ihre Htte
war, die er jetzt zimmern wollte.

Sie verstand es ganz wohl, aber sie sprte keine Lust, sich einem Mann von
Tnnes Art zu schenken. Sie wollte einen starken, gesunden Mann haben. Es
schien ihr ein schlechtes Auskommen zu versprechen, wenn sie sich mit einem
verheiratete, der so schwach und wenig begabt war. Und doch zog viel sie zu
diesem stillen, scheuen Mann. Man denke doch, da er sich so hart geplagt
hatte, um seine Mutter zu erfreuen, und nicht das Glck genossen hatte, zur
Zeit fertig zu werden. Sie htte ber sein Schicksal weinen knnen. Und nun
baute er die Htte gerade da, wo er sie tanzen gesehen hatte. Er hatte ein
gutes Herz. Und das lockte sie und band ihre Gedanken an ihn; aber sie
wollte durchaus nicht seine Frau werden.

Jeden Tag ging sie ber die Heide und sah die Htte aufragen, drftig und
ohne Fenster; der Sonnenschein rieselte durch die undichten Wnde.

Tnnes Arbeit ging sehr rasch vorwrts; aber er arbeitete nicht sorgfltig,
sein Bauholz war nicht in Kanten behauen, kaum abgerindet. In die Diele
legte er gespaltne junge Bume. Sie wurde sehr uneben und schwankend. Das
Heidekraut, das darunter blhte,-- denn es war nun ein Jahr seit dem Tage
vergangen, an dem Tnne hinter Knig Atles Hgel gelegen und geschlafen
hatte--, steckte ganz verwegen seine roten Trauben durch die Ritzen, und
die Ameisen wanderten unbehindert aus und ein und musterten dies
gebrechliche Menschenwerk.

Wohin Jofrid auch in diesen Tagen ihre Schritte lenken mochte: immer
schwebte ihr der Gedanke vor, da dort eine Htte fr sie erbaut wrde. Ein
eignes Heim ward ihr bereitet, dort oben auf der Heide. Und sie wute,
da, wenn sie nicht als Hausmutter einzog, der Br oder der Fuchs dort
hausen mochte. Denn so gut kannte sie Tnne, da sie begriff: wenn es sich
zeigte, da er vergeblich gearbeitet hatte, wrde er niemals in die neue
Htte einziehen. Er wrde weinen, der Arme, wenn er hrte, da sie nicht
dort hausen wolle. Es wrde ein neuer Kummer fr ihn sein, ebenso gro wie
damals, als seine Mutter starb. Aber er mute wohl sich selbst die Schuld
geben; warum hatte er sie nicht rechtzeitig gefragt.

Sie glaubte, da sie ihm schon dadurch ein Zeichen gab, da sie ihm nie bei
der Htte half. Dazu hatte sie doch groe Lust. Jedesmal, wenn sie weiches
weies Moos sah, wollte sie es ausraufen, um es in die lecken Wnde zu
stopfen. Sie war auch geneigt, Tnne beim Mauern des Herdes zu helfen. Wie
er dabei verfuhr, mute sich ja aller Rauch in der Htte sammeln. Aber es
war ja gleichgltig, wie es da wurde. Da wrde keine Speise kochen, kein
Trank sieden. Dumm war's doch, da diese Htte niemals aus ihren Gedanken
weichen wollte.

Tnne arbeitete mit glhendem Eifer; er war gewi, da Jofrid die Absicht
verstehen mute, sobald nur die Htte fertig war. Er grbelte nicht viel
ber sie nach. Er hatte vollauf mit Holzspalten und Zimmern zu tun. Die
Zeit verging ihm rasch.

Eines Nachmittags, als Jofrid ber die Heide ging, sah sie, da eine Tr an
die Htte gekommen war und eine Steinplatte als Schwelle dalag. Da begriff
sie, da alles nun fertig sei, und sie ward sehr erregt. Tnne hatte das
Dach mit Bschen und blhendem Heidekraut gedeckt; und eine starke
Sehnsucht ergriff sie, unter dieses rote Dach zu treten. Er selbst war
nicht bei dem Neubau, und sie entschlo sich, hineinzugehen. Diese Htte
war ja fr sie gezimmert. Sie war ihr Heim. Jofrid konnte der Lust nicht
widerstehen, es anzusehen.

Drinnen sah es traulicher aus, als sie erwartet hatte. Wacholder war ber
den Boden gestreut. Frischer Duft von Nadeln und Harz fllte den Raum. Die
Sonnenstrahlen, die durch Luken und Spalten hereinspielten, spannen goldne
Bnder durch die Luft. Es sah da aus, als wrde sie erwartet; in die
Mauerspalten waren grne Zweige gesteckt, und auf dem Herd stand eine
frischgefllte Tanne. Tnne hatte nicht sein altes Hausgert
hineingestellt. Da war nur ein neuer Tisch und eine Bank, ber die eine
Elenhaut geworfen war.

Kaum war Jofrid ber die Schwelle getreten, fhlte sie sich schon von dem
frhlichen Behagen eines Heims umgeben. Friedlich und ruhig ward ihr
zumute, als sie so stand: von dort zu scheiden, schien ihr ebenso schwer,
wie fortzugehen und bei Fremden zu dienen. Jofrid hatte vielen Flei darauf
gewandt, sich eine Art Aussteuer zu schaffen. Sie hatte mit kunstfertigen
Hnden Tcher gewebt, wie man sie braucht, um eine Stube zu schmcken; die
wollte sie in ihrem eignen Heim aufhngen, wenn sie eins bekam. Nun mute
sie denken, wie sich diese Tcher wohl hier ausnehmen wrden. Sie htte sie
gern in der neuen Htte probiert.

Rasch eilte sie heimwrts, holte ihren Leinwandschatz und begann, die
farbenprchtigen Stoffstcke unter der Decke aufzuhngen. Sie stie die Tr
auf, so da die helle Abendsonne auf sie und ihre Arbeit fiel. Sie regte
sich eifrig in der Stube, geschftig und munter, ein Heldenliedchen
trllernd. Von Herzen froh war sie. Es wurde gar prchtig da drinnen. Die
gewebten Rosen und Sterne leuchteten wie nie zuvor.

Whrend sie arbeitete, hielt sie gute Ausschau ber die Heide und die
Hnengrber. Vielleicht kauerte Tnne jetzt hinter einem der Grabhgel und
lachte sie aus. Der Knigshgel lag gerade vor der Tr, und dahinter sah
sie eben die Sonne versinken. Immer wieder blickte sie hin. Ihr war, als
msse dort jemand sitzen und sie betrachten.

Gerade als die Sonne so tief unten war, da nur noch ein paar blutrote
Strahlen ber die alte Steinhalde spielten, sah sie, wer es war, der sie
betrachtete. Der ganze Hgel war kein Hgel mehr, sondern ein groer, alter
Kmpe, der narbig und ergraut dasa und sie anstarrte. Rings um sein Haupt
bildeten die Sonnenstrahlen eine Krone, und sein roter Mantel war so weit,
da er sich ber die ganze Heide ausbreitete. Sein Haupt war gro und
schwer, das Antlitz grau wie Stein. Seine Kleider und Waffen waren auch
steinfarbig und ahmten so genau die Tnung und das Moosflechtenkleid der
Steine nach, da man sehr scharf hinsehen mute, um zu merken, da es ein
Kmpe und kein Steinhaufen war. Es war wie mit jenen Wrmern, die
Baumzweigen gleichen. Man kann zehnmal an ihnen vorbeigehen, ehe man merkt,
da, was man fr hartes Holz gehalten hat, ein weicher Tierkrper ist.

Aber Jofrid konnte sich nicht lnger darber tuschen, da es der alte
Knig Atle selbst war, der da sa. Sie stand in der Tr, hielt die Hand
beschattend ber die Augen und sah ihm gerade in sein Steingesicht. Er
hatte sehr kleine, schrge Augen unter seiner hochgewlbten Stirn, eine
breite Nase und einen zottigen Bart. Und er lebte, dieser steinerne Mann.
Er lchelte und blinzelte ihr zu. Angst und bang wurde ihr; und am meisten
erschreckten sie seine dicken Arme mit den steifen Muskeln und die haarigen
Hnde. Je lnger sie ihn ansah, desto breiter wurde sein Lcheln; und
endlich hob er einen seiner mchtigen Arme, um sie zu sich zu winken. Da
floh Jofrid heimwrts.

Aber als Tnne nach Haus kam und die Htte mit bunten Tchern geschmckt
fand, fate er so groen Mut, da er seinen Frbitter zu Jofrids Vater
schickte. Der fragte Jofrid um ihre Meinung, und sie willigte ein. Sie war
sehr zufrieden um der Wendung, die die Sache genommen hatte, wenn sie ihre
Hand auch halb gezwungen schenkte. Sie konnte dem Mann doch nicht nein
sagen, in dessen Htte sie schon ihre Aussteuer getragen hatte. Doch sah
sie zuerst nach, ob der alte Knig Atle wieder ein Grabhgel geworden sei.

                  *       *       *       *       *

Tnne und Jofrid lebten viele Jahre glcklich. Sie standen in gutem Ruf.
Das sind gute Menschen, sagte man. Seht, wie sie einander beistehen, wie
sie zusammen arbeiten, seht, wie eins nicht ohne das andre leben kann!

Tnne wurde mit jedem Tage strker, ausdauernder und weniger trge von
Gedanken. Jofrid schien einen ganzen Mann aus ihm gemacht zu haben. Meist
lie er sie entscheiden; aber er verstand es auch, mit zher Hartnckigkeit
seinen eignen Willen durchzusetzen.

Wo Jofrid sich auch zeigte, gab es Scherz und Frhlichkeit. Ihre Kleider
wurden immer bunter, je lter sie wurde. Das ganze Gesicht war grellrot.
Aber in Tnnes Augen war sie lieblich.

Sie waren nicht so arm wie mancher andre ihres Standes. Sie aen Butter zur
Grtze und mengten weder Kleie noch Baumrinde ins Brot. Das Porschbier
schumte in ihren Humpen. Ihre Schaf- und Ziegenherden vermehrten sich so
rasch, da sie sich Fleischnahrung gnnen konnten.

Einmal machte Tnne fr einen Bauern drunten im Tal den Boden urbar. Als
der sah, wie Tnne und seine Frau in groer Frhlichkeit zusammen
arbeiteten, dachte auch er: Das sind gute Menschen. Der Bauer hatte
jngst seine Ehefrau verloren, die ihm ein halbjhriges Kind hinterlassen
hatte. Er bat Tnne und Jofrid, seinen Sohn in Pflege zu nehmen. Das Kind
ist mir sehr teuer, sagte er, drum gebe ich es euch, denn ihr seid gute
Menschen. Sie hatten keine eignen Kinder, so da es sehr schicklich
schien, dieses zu nehmen. Sie willigten auch ohne Zgern ein. Sie meinten,
Vorteil davon zu haben, wenn sie das Kind eines Bauern aufzogen; auch
erwarteten sie sich von einem Pflegesohn Freude fr ihre alten Tage.

Aber das Kind wurde nicht alt bei ihnen. Ehe das Jahr um war, war es tot.
Dies sei die Schuld der Pflegeeltern, sagten viele, denn das Kind war ganz
frisch und gesund gewesen, bevor es zu ihnen kam. Damit wollte aber niemand
sagen, sie htten es vorstzlich gettet; man meinte nur, da sie etwas auf
sich genommen htten, was ber ihr Vermgen gegangen war. Sie hatten nicht
Verstand oder Liebe genug gehabt, um dem Kinde die Pflege angedeihen zu
lassen, deren es bedurfte. Sie hatten sich gewhnt, nur an sich selbst zu
denken und fr ihr eignes Wohl zu sorgen. Sie hatten nicht Zeit, ein Kind
zu betreuen. Sie wollten am Tage zusammen an die Arbeit gehen und nachts
einen ruhigen Schlummer schlafen. Sie fanden, da der Kleine zu viel von
der guten Milch trinke, und sie gnnten es ihm nicht so wie sich selbst.
Sie wuten aber nicht etwa, da sie den Knaben schlecht behandelten. Sie
dachten, da sie geradeso fr ihn sorgten wie rechte Eltern. Eher kam es
ihnen vor, da der Pflegesohn eine Strafe und Plage fr sie gewesen war.
Sie trauerten nicht ber seinen Tod.

Frauen pflegen ihre Lust und Herzensfreude daran zu haben, mit Kindern
umzugehen; aber Jofrid hatte einen Mann, fr den sie in vielen Stcken die
Sorge einer Mutter tragen mute, und begehrte deshalb nicht, noch andres zu
betreuen. Gern sehen Frauen sonst auch die raschen Fortschritte der
Kleinen; aber Jofrid hatte Freude genug, wenn sie sah, wie Tnne sich zu
Verstand und Mnnlichkeit entwickelte; sie freute sich daran, ihre Htte zu
fegen und zu schmcken, freute sich an der Zunahme der Herden und an dem
Anbau unten auf der Heide.

Jofrid ging auf den Hof des Bauern und sagte ihm, da das Kind gestorben
sei. Da sprach der Mann: Nun ist es mir ergangen wie dem, der so weiche
Kissen in sein Bett legt, da er bis auf den harten Grund sinkt. Gar zu gut
wollte ich meinen Sohn hten; und siehe: nun ist er tot! Und er war
betrbt.

Bei seinen Worten begann Jofrid bitterlich zu weinen. Wollte Gott, da du
uns deinen Sohn nicht gegeben httest! sagte sie. Wir waren zu arm. Er
hat es nicht gut genug bei uns gehabt.

Dies wollte ich nicht sagen, antwortete der Bauer. Eher glaube ich, da
ihr das Kind verhtschelt habt. Doch ich will keinen Menschen anklagen;
denn ber Leben und Tod gebietet Gott allein. Nun ist es mein Wille, den
Leichenschmaus meines einzigen Sohnes mit demselben Aufwand zu feiern, als
wenn ein Erwachsener gestorben wre; und zum Gastmahl lade ich Tnne und
dich. Daraus mgt ihr sehen, da ich keinen Groll gegen euch hege.

So wohnten Tnne und Jofrid dem Leichenschmaus bei. Sie wurden freundlich
bewirtet, und niemand sagte ihnen ein bses Wort. Wohl hatten die Frauen,
die die Leiche einkleideten, erzhlt, da sie jmmerlich abgefallen sei und
Spuren schwerer Vernachlssigung gezeigt habe. Das konnte aber wohl auch
von der Krankheit herkommen. Niemand wollte Schlechtes von den Pflegeeltern
glauben, denn man wute, da sie gute Menschen waren.

Jofrid weinte viel in diesen Tagen; namentlich, als sie die Frauen erzhlen
hrte, wie sie bei ihren kleinen Kindern wachen und sich fr sie plagen
mten. Sie merkte auch, da bei dem Leichenschmaus unter den Weibern
bestndig von Kindern gesprochen wurde. Einige hatten solche Freude an
ihnen, da sie gar nie aufhren konnten, von ihren Fragen und Spielen zu
erzhlen. Jofrid htte gern von Tnne gesprochen; aber die meisten Frauen
sprachen gar nicht von ihren Mnnern.

Spt abends kehrten Jofrid und Tnne von dem Leichenschmaus heim. Sie
gingen sogleich zu Bett. Aber kaum waren sie eingeschlafen, als sie von
einem leisen Wimmern geweckt wurden. Das ist das Kind, dachten sie, noch
halb schlafend, und waren unwillig ber die Strung. Aber pltzlich setzten
sie sich beide im Bett auf. Das Kind war doch tot. Woher kam dann dieses
Wimmern? Wenn sie ganz wach waren, hrten sie nichts; aber sobald sie
einzuschlummern begannen, vernahmen sie es wieder. Kleine, schwache Fchen
hrten sie ber die Steinplatte vor der Htte gehen, ein kleines Hndchen
tastete an der Tr, und da sie nicht offen war, wanderte das Kind wimmernd
und tappend die Wand entlang, bis es vor ihrer Lagersttte stehenblieb.
Wenn sie sprachen oder sich im Bett aufsetzten, vernahmen sie nichts; aber
wenn sie einschlummern wollten, hrten sie deutlich die unsichern Schritte
und das erstickte Schluchzen.

Was sie nicht glauben wollten, was ihnen aber in den letzten Tagen als
Mglichkeit vor Augen gestanden hatte: nun wurde es ihnen zur Gewiheit.
Sie sahen ein, da sie das Kind gettet hatten. Wie htte es sonst umgehen
knnen?

Von dieser Nacht an war alles Glck von ihnen gewichen. Sie lebten in
steter Furcht vor dem Gespenst. Tagsber hatten sie wohl einige Ruhe, aber
in den Nchten wurden sie von dem Weinen und dem erstickten Schluchzen des
Kindes so gestrt, da sie nicht wagten, allein zu liegen. Jofrid ging oft
weit ber Land, um einen Menschen zu holen, der ber Nacht in ihrer Htte
bleiben konnte. Kam ein Fremder, so hatten sie Ruhe; aber sobald sie allein
waren, hrten sie das Kind.

In einer Nacht, fr die sie keinen Gast gefunden hatten und die sie, des
Kindes wegen, wieder schlaflos verbrachten, stand Jofrid aus dem Bett auf.

Schlaf du nur, Tnne, sagte sie. Wenn ich mich wach erhalte, wird sich
nichts hren lassen.

Sie ging aus dem Haus, setzte sich auf die Trschwelle und berlegte, was
sie tun sollten, um Ruhe zu finden; denn so konnten sie nicht weiterleben.
Sie fragte sich, ob Beichte und Bue, Demtigung und Reue sie von dieser
schweren Heimsuchung befreien knnten.

Da begab es sich, da sie die Augen aufschlug und dieselbe Erscheinung sah
wie schon einmal zuvor von dieser Stelle. Der Grabhgel war zu einem Kmpen
geworden. Es war eine dunkle Nacht; dennoch konnte sie deutlich sehen und
vernehmen, da der alte Knig Atle dasa und sie betrachtete. Sie sah ihn
so genau, da sie die mit Moos bewachsenen Armringe an seinen Handgelenken
unterschied und wahrnehmen konnte, da seine Beine mit gekreuzten Bndern
umwickelt waren, zwischen denen die Wadenmuskeln schwollen.

Diesmal hatte sie keine Angst vor dem Alten. Er schien ihr ein Freund und
Trster im Unglck. Er sah sie gleichsam mitleidig an, als wolle er ihr Mut
einflen. Da dachte sie, da dieser gewaltige Held einst seinen Tag gehabt
hatte, an dem er die Feinde in Scharen auf die Heide niederstreckte und in
den Blutstrmen watete, die zwischen den Hgeln brausten. Was hatte er da
nach einem toten Manne mehr oder weniger gefragt? Wie tief hatte das
Seufzen der Kinder, deren Vter er erschlagen hatte, sein Steinherz
gerhrt? Federleicht htte die Brde von eines Kindes Tod auf seinem
Gewissen gelegen.

Und sie vernahm sein Flstern, dieselbe Weise, die das alte, steinkalte
Heidentum zu allen Zeiten geflstert hat. Warum bereuen? Die Gtter lenken
das Geschick. Die Nornen spinnen des Lebens Faden. Warum sollten die Kinder
der Erde trauern, da sie getan, was die Unsterblichen sie zu tun zwangen?

Da ermannte sich Jofrid und sagte zu sich selbst: Was konnte ich dafr,
da das Kind starb? Gott allein ist's, der alles lenkt. Nichts geschieht
ohne seinen Willen. Und sie dachte, da sie das Gespenst am besten
abwehren werde, wenn sie alle Reue von sich fernhielt.

Aber da ffnete sich die Haustr, und Tnne kam zu ihr heraus. Jofrid,
sagte er, es ist jetzt in der Htte. Es kam heran und klopfte an den
Bettrand und weckte mich. Was sollen wir tun, Jofrid?

Das Kind ist ja tot, sagte Jofrid. Du weit, da es tief unter der Erde
liegt. Das alles sind nur Trume und Hirngespinste. Sie sprach hart und
abweisend, denn sie frchtete, da Tnne in dieser Sache zu weichherzig
sein und sie dadurch ins Unglck strzen knne.

Wir mssen ein Ende machen, sagte Tnne.

Jofrid lachte grell auf. Was willst du tun? Gott hat es uns auferlegt.
Konnte er das Kind nicht am Leben erhalten, wenn er wollte? Er wollte es
nicht; und jetzt verfolgt er uns um seines Todes willen. Sage mir, mit
welchem Recht er uns verfolgt?

Sie hatte ihre Worte von dem alten Steinkmpen, der finster und hart auf
seinem Hgel sa. Es war, als habe er ihr alles eingegeben, was sie Tnne
erwiderte.

Wir mssen eingestehen, da wir das Kind vernachlssigt haben, und mssen
Bue tun, sagte Tnne.

Niemals will ich fr etwas leiden, das nicht meine Schuld ist, sagte
Jofrid. Wer wollte, da das Kind sterbe? Ich nicht, ich nicht. Welche Art
von Bue willst du denn tun? Willst du dich geieln oder fasten wie die
Mnche? Mich dnkt, du kannst deine Krfte zur Arbeit brauchen.

Mit dem Geieln habe ich es schon probiert, sagte Tnne. Es ntzt
nichts.

Siehst du! sagte sie und lachte wieder.

Da tut andres not, fuhr Tnne mit beharrlicher Entschlossenheit fort.
Wir mssen gestehen.

Was willst du Gott sagen, das er nicht schon wte? hhnte Jofrid.
Lenkt nicht er deine Gedanken? Was willst du ihm sagen? Sie fand jetzt,
da Tnne dumm und eigensinnig sei. So hatte sie ihn zu Beginn ihrer
Bekanntschaft gefunden; aber dann hatte sie nicht mehr daran gedacht,
sondern ihn lieb gehabt, seines guten Herzens wegen.

Wir mssen dem Vater unsre Schuld gestehen, Jofrid, und ihm Bue bieten.

Was willst du ihm bieten? fragte sie.

Die Htte und die Ziegen.

Sicherlich fordert er volle Mannesbue fr seinen einzigen Sohn. Die lt
sich mit allem, was wir besitzen, nicht bezahlen.

Wir wollen uns selber als Knechte in seine Gewalt geben, wenn er sich
nicht mit weniger zufrieden gibt.

Bei diesen Worten packte Jofrid kalte Verzweiflung, und sie hate Tnne aus
der Tiefe ihrer Seele. Alles, was sie verlieren mute, stand klar vor ihr:
die Freiheit, fr die einst die Ahnen das Leben gewagt, die Htte, den
Wohlstand, Ehre und Glck.

Merke meine Worte wohl, Tnne, sagte sie heiser, halberstickt von
Schmerz, der Tag, an dem du solches tust, ist mein Todestag.

Dann ward kein Wort mehr zwischen ihnen gewechselt; aber sie blieben auf
der Trschwelle sitzen, bis der Tag anbrach. Keines fand ein Wort, um zu
begtigen und zu vershnen. Beide frchteten und verachteten einander. Eins
ma das andre mit dem Ma seines Zornes und fand es engherzig und bse.

Seit dieser Nacht lie Jofrid Tnne oft ihre berlegenheit fhlen. Sie gab
ihm in der Gegenwart Fremder zu verstehen, da er einfltig sei, und half
ihm bei der Arbeit so, da er ihre Kraft erkennen mute. Sie wollte ihm
offenbar die Hausherrngewalt nehmen. Manchmal stellte sie sich sehr froh,
um ihn zu zerstreuen und von seinen Grbeleien abzulenken. Er hatte noch
nichts getan, um seinen Plan ins Werk zu setzen, aber sie glaubte nicht,
da er ihn aufgegeben habe.

In dieser Zeit wurde Tnne mehr und mehr, wie er vor seiner Heirat gewesen
war. Er wurde mager und bleich, wortkarg und trg von Gedanken. Jofrids
Verzweiflung ward mit jedem Tage grer, denn es war, als sollte ihr nun
alles genommen werden. Doch kam ihre Liebe zu Tnne wieder, als sie ihn
unglcklich sah. Was gilt mir alles, wenn Tnne zugrunde geht? dachte
sie. Es ist besser, mit ihm in der Knechtschaft zu leben, als ihn als
Freien sterben zu sehen.

                  *       *       *       *       *

Jofrid konnte sich jedoch nicht so pltzlich berwinden, Tnne zu
gehorchen. Sie kmpfte einen langen und schweren Kampf. Aber eines Morgens,
als sie erwachte, war ihr ungewhnlich ruhig und mild zumute. Da war ihr,
als knne sie nun tun, was er forderte. Und sie weckte ihn und sagte, da
es jetzt so werden solle, wie er wollte. Nur diesen einzigen Tag mge er
ihr gnnen, damit sie von all dem Ihren Abschied nehmen knne.

Den ganzen Vormittag ging sie seltsam sanft umher. Leicht kamen ihr Trnen
in die Augen, wie einem, der Abschied nimmt. Ihr schien, die Heide habe
sich an diesem Tage, ihr zuliebe, besonders schn geschmckt. Der Frost war
ber sie hingezogen, die Blumen waren verschwunden und das ganze Feld trug
ein braunes Kleid. Aber als die Sonne des Herbsttages ihre schrgen
Strahlen darber hingleiten lie, war es, als erglhe das Heidekraut aufs
neue rot. Und sie gedachte des Tages, an dem sie Tnne zum erstenmal
gesehen hatte.

Sie wnschte, da sie den alten Knig noch einmal schauen drfe; denn er
hatte ja mitgeholfen, ihr Glck zu schaffen. Sie hatte sich in der letzten
Zeit ernstlich vor ihm gefrchtet. Es war, als lauerte er darauf, sie zu
packen. Aber jetzt konnte er keine Macht mehr ber sie haben, meinte sie.
Sie wollte aufmerken, ob sie ihn nicht sehen konnte, abends, wenn der
Mondschein kam.

Um die Mittagszeit kamen ein paar umherwandernde Spielleute vorbeigezogen.
Da hatte Jofrid den Einfall, sie zu bitten, den ganzen Nachmittag in ihrem
Hause zu bleiben; denn nun wollte sie ein Fest feiern. Tnne mute schnell
zu ihren Eltern gehen und sie bitten, zu kommen. Dann liefen ihre kleinen
Geschwister weiter ins Dorf hinab, um Gste zu holen. Bald waren viele
Menschen versammelt.

Die Frhlichkeit war gro. Tnne hielt sich abseits in einer Ecke der
Htte, wie es seine Gewohnheit war, wenn Besuch kam; aber Jofrid war
beinahe wild in ihrer Frhlichkeit. Mit gellender Stimme fhrte sie die
Tanzspiele an und bot eifrig den Gsten das schumende Bier. Eng war es in
der Stube, aber die Spielleute waren flink und der Tanz hatte Leben und
Lust. Es wurde erstickend hei dort drinnen. Man stie die Tr auf; und nun
sah Jofrid erst, da die Nacht angebrochen und der Mond aufgegangen war. Da
trat sie in die Haustr und blickte in die weie Welt des Mondscheins
hinaus.

Es war starker Tau gefallen. Die ganze Heide war wei, weil sich das
Mondlicht in den zahllosen Tropfen spiegelte, die sich auf allen Zweiglein
gesammelt hatten. Das kurze Moos, das ringsum auf Felsplatten und Steinen
wuchs, war schon gefroren und von Reif bedeckt. Jofrid stieg hinab; wohlig
schwankend war's unter dem Fu. Sie ging ein paar Schritte ber den Pfad,
der ins Dorf hinabfhrte, gleichsam als wolle sie prfen, welches Gefhl es
sei, da zu gehen. Tnne und sie sollten am nchsten Tage Hand in Hand hier
wandern, in tiefste Schmach hinein. Denn wie auch die Begegnung mit dem
Bauern ablief, was er auch nahm und was er sie behalten lie: sicherlich
war Schmach ihr Los. Die an diesem Abend eine gute Htte und viele Freunde
hatten, wrden am nchsten Tage von allen verabscheut sein, vielleicht
auch alles dessen beraubt, was sie erworben hatten, vielleicht sogar
ehrlose Knechte. Sie sagte zu sich selbst: Dies ist der Weg des Todes.
Und nun konnte sie nicht fassen, wie sie die Kraft haben sollte, ihn zu
wandeln. Ihr war, als sei sie von Stein, eine schwere Steingestalt wie der
alte Knig Atle. Trotzdem sie lebte, hatte sie das Gefhl, ihre schweren
Steinglieder nicht regen zu knnen, um diesen Weg zu gehen.

Sie wendete ihre Blicke dem Knigshgel zu und sah deutlich den alten
Kmpen da sitzen. Aber in dieser Nacht war er wie zum Fest geschmckt. Er
trug nicht mehr das graue, mit Moos bewachsene Steingewand, sondern weies,
schimmerndes Silber. Auch schmckte ihn wieder eine Krone von Strahlen, wie
damals, als sie ihn zuerst sah; aber diese Krone war wei. Und wei
leuchtete Brustplatte und Armring, glitzernd wei war Schwertgriff und
Schild. Er sa da und betrachtete sie in stummer Gleichgltigkeit. Das
seltsam Unergrndliche, das in groen Steingesichtern liegt, hatte sich nun
auf ihn herabgesenkt. Da thronte er dunkel und mchtig; und Jofrid hatte
die unklare Vorstellung, da er ein Bild von etwas sei, was in ihr lag und
in allen Menschen, etwas, das in fernen Jahrhunderten begraben war, von
vielen Steinen bedeckt und dennoch nicht tot. Sie sah ihn, den alten Knig,
mitten im Menschenherzen sitzen. ber dessen unfruchtbare Felder breitete
er seinen weiten Knigsmantel. Da tanzte die Genusucht, da jubelte das
Prachtverlangen. Er war der groe Steinheld, der Not und Armut
vorberwandern sah, ohne da sein Steinherz gerhrt ward. Die Gtter
wollen es so, sagte er. Er war der starke steinerne Mann, der ungeshnte
Snde tragen konnte, ohne zu wanken. Stets sagte er: Warum trauern, da
das, was du tatest, dir doch von den Unsterblichen aufgezwungen ward?

Jofrids Brust hob sich in einem Seufzer, der tief wie ein Schluchzen war.
In ihr lebte eine Ahnung, die sie sich nicht klarzumachen vermochte, eine
Ahnung, da sie mit dem steinernen Mann kmpfen msse, wenn sie glcklich
werden sollte. Aber zu gleicher Zeit fhlte sie sich so hilflos schwach.
Ihre Unbufertigkeit und der Steinheld auf der Heide schienen ihr ein und
dasselbe, und konnte sie jene nicht besiegen, so wrde dieser in
irgendeiner Weise Macht ber sie erlangen.

Sah sie nun wieder zu der Htte hin, wo die Tcher unter den Dachbalken
schimmerten, wo die Spielleute Frhlichkeit verbreiteten, und wo alles war,
was sie liebte, dann fhlte sie, da sie nicht in die Knechtschaft gehen
konnte. Nicht einmal Tnne zuliebe. Sie sah sein blasses Antlitz in der
Htte und fragte sich mit zusammengekrampftem Herzen, ob er verdiene, da
sie ihm alles opfere.

Aber drinnen in der Htte hatten sich die Leute zu einem Reigentanz
aufgestellt. Sie ordneten sich in einer langen Reihe, faten einander bei
den Hnden und strzten, mit einem wilden, starken, jungen Gesellen an der
Spitze, in rasender Eile vorwrts. Der Anfhrer zog sie durch die offne Tr
hinaus auf die im Mondschein glitzernde Heide. Sie strmten an Jofrid
vorbei, keuchend und wild; strauchelten ber Steine, sanken ins Heidekraut,
zogen weite Kreise rings um die Htte. Der letzte in der Reihe rief Jofrid
an und streckte ihr die Hand entgegen. Sie fate sie und lief mit.

Das war kein Tanz, nur ein wahnsinniges Hinstrmen. Doch Frhlichkeit war
darin, Lebenslust und bermut. Immer khner wurden die Schwenkungen, immer
lauter tnten die Rufe, immer strmischer ward das Lachen. Von Hnengrab zu
Hnengrab, wie sie da ber die Heide zerstreut lagen, schlang sich die
Reihe der Tanzenden. Wer bei den heftigen Schwenkungen niederfiel, wurde
wieder emporgerissen, der Langsame vorwrts gezogen. Die Spielleute standen
in der Haustr und lockten zu immer wilderm Taumel. Da war keine Zeit, zu
ruhen, zu denken, sich vorzusehen. In immer tollerer Hast ging der Tanz
ber schwankes Moos und glatte Felsplatten.

Bei alledem empfand Jofrid immer deutlicher, da sie die Freiheit behalten
mute, da sie lieber sterben, als sie verlieren wollte. Sie merkte, da
sie Tnne nicht folgen konnte. Sie dachte daran, zu fliehen, fort in den
Wald zu eilen und niemals wiederzukommen.

Alle Hgel hatten sie jetzt umkreist, bis auf den Knig Atle. Jofrid sah,
da es jetzt zu diesem hinaufging, und sie hielt die Blicke scharf auf den
mchtigen Mann geheftet. Da sah sie, wie sich seine Riesenarme nach den
Hinstrmenden ausstreckten. Sie schrie laut auf; doch nur ein schallendes
Gelchter antwortete ihr. Sie wollte stehenbleiben; aber eine starke Faust
ri sie weiter. Sie sah ihn nach den Vorbeieilenden greifen, aber so hurtig
waren sie, da die schweren Arme keinen von ihnen erreichen konnten.
Unfalich war ihr, da niemand ihn sah. Todesangst kam ber sie. Sie wute,
da er sie erreichen werde. Auf sie hatte er gelauert, seit vielen Jahren.
Mit den andern trieb er nur sein Spiel. Ihrer wrde er sich nun endlich
bemchtigen.

Jetzt kam an sie die Reihe, an Knig Atle vorbeizueilen. Sie sah, wie er
sich erhob, sich dann zum Sprung duckte, um Ernst zu machen und sie zu
fangen. In dieser hchsten Not fhlte sie: wenn sie sich jetzt entschlo,
am nchsten Morgen die schwere Wanderung anzutreten, hatte er nicht die
Macht, sie zu packen. Aber sie konnte nicht. Sie kam zuletzt und die
Drehungen waren nun so heftig, da sie mehr geschleppt und gezogen wurde
als selbst lief und Mhe hatte, nicht zu Boden zu fallen. Doch obgleich sie
in der rasendsten Eile dahinwirbelte, war der alte Kmpe noch rascher. Die
schweren Arme senkten sich auf sie hinab, die steinernen Hnde ergriffen
sie, zogen sie an die mit silberblankem Harnisch bedeckte Brust. Immer
schwerer legte sich die Todesangst auf sie; aber sie wute noch bis
zuletzt: nur weil sie den Steinknig im eignen Herzen nicht zu besiegen
vermocht hatte, war Knig Atle Gewalt ber sie gegeben.

Nun war es zu Ende mit Tanz und Frhlichkeit. Jofrid lag im Sterben. Sie
war in dem rasenden Lauf an den Knigshgel geschleudert worden und hatte
von seinen Steinen den Todessto empfangen.




Die Vogelfreien


Ein Bauer, der einen Mnch ermordet hatte, floh in den Wald und wurde
gechtet. In der Wildnis fand er einen andern friedlosen Mann, einen
Fischer von den uersten Schren, der beschuldigt war, ein Heringsnetz
gestohlen zu haben. Diese beiden taten sich zusammen, wohnten in einer
Erdhhle, legten Fallen, schnitzten Pfeile, buken Brot auf einem Stein und
wachten gegenseitig ber ihr Leben. Der Bauer verlie den Wald niemals,
aber der Fischer, der kein so furchtbares Verbrechen begangen hatte, nahm
zuweilen die erlegten Tiere ber die Schulter und schlich sich zu den
Menschen hinunter. Da bekam er fr den schwarzen Auerhahn und das
blauglnzende Birkhuhn, fr den langohrigen Hasen und das feingliedrige Reh
Milch und Butter, Pfeile und Kleider. So war es den Friedlosen mglich, ihr
Leben zu fristen.

Die Hhle, in der sie hausten, war in einen Hgelabhang gegraben. Breite
Steinplatten und dornige Schlehenbsche deckten den Eingang. Auf dem Dach
stand eine Tanne. An ihrer Wurzel war der Schornstein der Erdhhle. Der
emporsteigende Rauch wurde durch die dichten, nadelreichen Zweige des
Baumes gesiebt und verschwand unmerklich im Raume.

Die Mnner pflegten von und zu ihrer Wohnstatt zu gehen, indem sie den
Waldbach durchwateten, der unter dem Bergabhang entsprang. Niemand suchte
die Spur der Friedlosen unter dem rieselnden Wasser.

Anfangs wurden sie gejagt wie wilde Tiere. Die Bauern versammelten sich
wie zur Treibjagd auf Br und Wolf. Der Wald wurde von Bogenschtzen
umringt, Lanzentrger gingen dort umher und lieen keine dunkle Kluft, kein
dichtes Gestrpp unerforscht. Whrend die lrmende Treibjagd durch den Wald
zog, lagen die Friedlosen in ihrer dunklen Hhle, atemlos lauschend, vor
Angst keuchend. So hielt es der Fischer einen ganzen Tag aus; er aber, der
gemordet hatte, wurde von unertrglicher Angst ins Freie getrieben, wo er
seinen Feind sehen konnte. Da wurde er entdeckt und gejagt, aber dies
schien ihm tausendmal besser, als in ohnmchtiger Unttigkeit still
dazuliegen. Er entfloh seinen Verfolgern, rutschte ber Abhnge, sprang
ber Strme, erkletterte kerzengerade Felswnde. Alle verborgne Kraft und
Geschicklichkeit in ihm wurde von dem Ansporn der Gefahr hervorgelockt.
Sein Krper ward elastisch wie eine Stahlfeder, der Fu sprang nicht fehl,
die Hand lie nicht locker, Augen und Ohren beobachteten doppelt so scharf
als einst. Er verstand das Flstern des Laubes und die Warnungen der
Steine. Wenn er eine Anhhe erklettert hatte, wendete er sich gegen seine
Verfolger und sandte ihnen Spottlieder mit beienden Reimen nach. Wenn die
sausenden Lanzen zischten, packte er sie plitzschnell und warf sie gegen
die Feinde hinab. Wenn er sich zwischen peitschenden Zweigen durchdrngte,
sang jemand in seinem Innern ein Loblied auf seine Grotaten.

Da lief der kahle Bergrcken durch den Wald, und einsam auf seiner Hhe
stand die himmelhohe Fhre. Der braunrote Stamm war kahl, aber in der
astreichen Krone wiegte sich der Raubvogelhorst. So tollkhn war jetzt der
Fliehende, da er dort hinaufkletterte, whrend die Verfolger ihn auf den
bewaldeten Abhngen suchten. Da sa er und drehte den Jungen des Sperbers
den Hals um, whrend tief unter ihm die Jagd dahinzog. Sperber und
Sperberweibchen schossen voll Rachbegier auf den Ruber hinab. Sie
flatterten um sein Gesicht, sie richteten die Schnbel auf seine Augen, sie
schlugen ihn mit den Flgeln und kratzten mit den Klauen blutige Streifen
in seine wettergebrunte Haut. Lachend kmpfte er gegen sie an. In dem
schwankenden Neste aufrechtstehend, hackte er mit seinem scharfen Messer
nach ihnen und verga ber der Lust des Spieles die Lebensgefahr und die
Verfolger. Als er Zeit fand, sich nach ihnen umzusehen, hatten sie sich
nach einer andern Richtung entfernt. Niemandem war es in den Sinn gekommen,
die Jagdbeute auf dem kahlen Bergrcken zu suchen. Keiner hatte den Blick
zu den Wolken erhoben, um ihn Knabenstreiche und Schlafwandlertaten
vollbringen zu sehen, whrend sein Leben in uerster Gefahr schwebte.

Der Mann erzitterte, als er sich gerettet sah. Mit bebender Hand griff er
nach einer Sttze; schwindelnd ma er die Hhe, die er erklettert hatte.
Und vor Angst zu fallen sthnend, bange vor den Vgeln, bange, gesehen zu
werden, bange vor allem, glitt er den Stamm hinab. Er legte sich auf den
Berg nieder, um nicht gesehen zu werden und schleppte sich ber das Gerll
weiter, bis das Unterholz ihn verdeckte. Dann barg er sich unter den
verschlungenen Zweigen der jungen Tannen, schwach und kraftlos sank er in
das Moos. Ein einziger Mann htte ihn leichtlich fangen knnen.

                  *       *       *       *       *

Tord war der Name des Fischers. Er zhlte nicht mehr als sechzehn Jahre,
aber er war stark und khn. Er hatte schon ein Jahr im Walde gelebt.

Der Bauer hie Berg, mit dem Beinamen der Riese. Er war der grte und
strkste Mann in der Gegend und dazu schn und wohlgewachsen. Er war breit
um die Schultern und schlank um die Mitte. Seine Hnde waren so
wohlgebildet, als htten sie niemals harte Arbeit gekostet. Das Haar war
braun und das Antlitz zartgefrbt. Nachdem er einige Zeit im Walde
verbracht hatte, nahm er in allen Stcken ein furchtbareres Aussehen an als
frher. Seine Blicke wurden stechend, die Augenbrauen wuchsen buschig, und
die Muskeln, die sie runzelten, lagen fingerdick an der Nasenwurzel. Es
trat auch deutlicher als frher hervor, wie der obere Teil seiner mchtigen
Stirne ber den untern vorragte. Die Lippen schlossen sich jetzt fester als
einst, das ganze Gesicht wurde magrer, die Grbchen an der Stirn wurden
sehr tief, und die gewaltigen Kinnladen traten merkbar hervor. Sein Krper
wurde weniger voll, aber seine Muskeln ballten sich eisenhart. Das Haar
ergraute rasch.

An diesem Mann konnte der junge Tord sich nicht sattsehen. Etwas so Schnes
und Gewaltiges hatte er nie zuvor geschaut. Vor seiner Phantasie stand er
hoch wie der Wald, stark wie die Meeresbrandung. Er diente ihm wie einem
Herrn und betete ihn an wie einen Gott. Es verstand sich ganz von selbst,
da Tord den Jagdspeer trug, das Wildbret heimschleppte und das Feuer
anmachte. Berg, der Riese, nahm alle seine Dienste an, gnnte ihm aber fast
nie ein freundliches Wort. Er verachtete ihn, weil er ein Dieb war.

Die Friedlosen fhrten kein Ruber- oder Wegelagrerleben, sondern ernhrten
sich durch Jagd und Fischerei. Wenn Berg, der Riese, nicht einen heiligen
Mann ermordet htte, wrden die Bauern wohl bald aufgehrt haben, ihn zu
verfolgen, und htten ihn oben im Gebirge in Frieden gelassen. Aber nun
frchteten sie groes Unheil fr die Gegend, weil der Mann, der Hand an
einen Diener Gottes gelegt hatte, noch ungestraft umherging. Wenn Tord mit
dem erlegten Wild ins Tal hinabkam, boten sie ihm groe Belohnungen und
Vergebung seines eignen Verbrechens, wenn er ihnen den Weg zu der Hhle
Bergs zeigen wollte, damit sie diesen greifen konnten, whrend er schlief.
Aber der Knabe weigerte sich immer, und wenn ihm jemand in den Wald
nachschleichen wollte, dann fhrte er ihn so schlau auf falsche Fhrte, da
er die Verfolgung aufgeben mute.

Einmal fragte ihn Berg, ob die Bauern ihn nicht zum Verrat bewegen wollten,
und als er hrte, welchen Lohn sie ihm boten, sagte er hohnvoll, da Tord
ein Einfaltspinsel wre, wenn er solch ein Anerbieten nicht annhme.

Da sah ihn Tord mit einem Blicke an, wie Berg, der Riese, desgleichen nie
zuvor gesehen hatte. Nie hatte ein schnes Weib in seiner Jugend, nie hatte
seine Frau und seine Kinder ihn je so angesehen. Du bist mein Herr, mein
freigewhlter Herrscher, sagte der Blick, wisse, da du mich schlagen und
beschimpfen kannst, soviel du willst. Ich bleibe doch treu.

Von nun an achtete Berg, der Riese, mehr auf den Jungen und merkte, da er
mutig im Handeln, aber schchtern im Reden war. Vor dem Tode hatte er keine
Furcht. Wenn die Seen eben zugefroren waren, oder wenn das Moor im Frhling
am gefhrlichsten war, wenn die Morste sich unter reichblhendem Wollgras
und Sumpfbrombeeren verbargen, dann nahm er am liebsten den Weg darber. Es
schien ihm ein Bedrfnis zu sein, sich Gefahren auszusetzen, gleichsam zum
Ersatz fr die Strme und Schrecknisse auf dem Meere, denen er nicht mehr
begegnete. Doch nachts frchtete er sich im Walde, und selbst am hellichten
Tage konnte ein dunkles Dickicht oder die weitausgestreckten Wurzeln einer
umgestrzten Fhre ihn erschrecken. Aber wenn Berg ihn darber befragte,
war er zu scheu, um auch nur zu antworten.

Tord pflegte nicht auf dem hinten in der Hhle, nahe dem Feuer
aufgeschlagnen Lager zu schlafen, das weich von Moos und warmen Fellen war,
sondern er kroch jede Nacht, nachdem Berg eingeschlafen war, zum Eingang
hin und legte sich dort auf eine Steinplatte. Berg entdeckte dies, und
obgleich er den Grund erraten konnte, fragte er, was dies zu bedeuten
habe. Tord erklrte es ihm nicht. Um allen Fragen auszuweichen, lag er zwei
Nchte lang nicht mehr in der Tre, aber dann nahm er seinen Wachtposten
wieder ein.

Eines Nachts, als der Schneesturm durch die Baumwipfel wehte und in das
windgeschtzte Dickicht wirbelte, drangen die tanzenden Schneeflckchen
auch in die Hhle der Friedlosen. Tord, der dicht an dem von Steinplatten
verschlossenen Eingang lag, war, als er am Morgen erwachte, in eine
schmelzende Schneewehe gebettet. Einige Tage spter wurde er krank. Die
Lungen pfiffen, und wenn sie sich dehnten, um Luft einzuatmen, fhlte er
stechende Schmerzen. Er hielt sich solange auf den Beinen, als die Krfte
reichten. Aber als er sich eines Abends bckte, um das Feuer anzufachen,
fiel er um und blieb liegen.

Berg, der Riese, kam zu ihm und sagte ihm, er mge sich in sein Bett legen.
Tord sthnte vor Schmerz und vermochte sich nicht zu erheben. Da schob Berg
die Arme unter ihn und trug ihn zu seinem Lager. Aber es war ihm, als htte
er eine schlpfrige Schlange berhrt, und auf der Zunge hatte er einen
Geschmack, als htte er von dem unheiligen Pferdefleisch gegessen, so
ekelte es ihn, diesen elenden Dieb anzurhren.

Er breitete sein eignes, groes Brenfell ber ihn und reichte ihm Wasser,
mehr konnte er nicht tun. Es war auch nicht gefhrlich. Tord wurde bald
gesund. Aber dadurch, da Berg seine Obliegenheiten verrichtete und sein
Diener sein mute, waren sie einander nher gekommen. Tord wagte zu ihm zu
sprechen, wenn er abends in der Hhle sa und Pfeile schnitzte.

Du bist aus gutem Stamm, Berg, sagte Tord. Die Reichsten im Tal sind
deine Verwandten. Deine Vorfahren haben Knigen gedient und in ihren Burgen
gekmpft.

Meistens haben sie in den Aufrhrerscharen gekmpft und den Knigen allen
Schaden getan, erwiderte Berg, der Riese.

Deine Vter gaben zu Weihnachten groe Gelage, und das tatest auch du, als
du auf deinem Hofe saest. Hunderte von Mnnern und Frauen konnten auf den
Bnken deiner groen Halle Platz finden, die schon erbaut war, ehe noch der
heilige Olof hier in Viken taufte. Du hattest uralte Silberbecher und groe
Trinkhrner, die, mit Met gefllt, von Mann zu Mann wanderten.

Wieder mute Berg den Knaben ansehen. Er sa mit herabhngenden Beinen auf
dem Bette, und der Kopf ruhte in den Hnden, mit denen er zugleich die
wilde Haarmasse zurckdrngte, die ihm in die Stirn fiel. Das Gesicht war
durch die Krankheit bleich und fein geworden. In den Augen leuchtete noch
das Fieber. Er lchelte die Bilder an, die er vor sich heraufbeschwor: die
geschmckte Halle, die Silberbecher, die festlich gekleideten Gste und
Berg, den Riesen, der in seiner Vter Saal auf dem Hochsitze thronte. Der
Bauer dachte, da ihn noch niemand mit solchen vor Bewunderung leuchtenden
Augen angesehen oder ihn in seinen Festkleidern so herrlich gefunden hatte,
wie der Knabe hier ihn in dem abgescheuerten Fellwams fand.

Er wurde gerhrt und zornig zugleich. Dieser elende Dieb hatte kein Recht,
ihn zu bewundern.

Wurden denn in deinem Hause keine Gelage abgehalten? fragte er.

Tord lachte. Dort drauen auf der Schre bei Vater und Mutter! Vater ist
ja ein Wrackplnderer und Mutter eine Hexe! Zu uns will niemand kommen!

Deine Mutter ist eine Hexe?

Das ist sie, antwortete Tord ohne jede Befangenheit. Bei strmischem
Wetter reitet sie auf einem Seehund zu den Schiffen, ber die die
Sturzwellen hinsplen, und wer dann in das Meer geschleudert wird, der
gehrt ihr.

Was fngt sie mit ihnen an? fragte Berg.

Ach, eine Hexe braucht immer Leichen. Sie kocht wohl Salben aus ihnen,
oder vielleicht it sie sie. In Mondscheinnchten sitzt sie drauen in der
Brandung, wo sie am weiesten ist, und der Schaum sprht ber sie hin. Es
heit, da sie da sitzt und nach den Fingern und Augen ertrunkner Kinder
sieht.

Das ist abscheulich, sagte Berg.

Der Knabe antwortete mit groer Zuversicht: Es wre abscheulich fr andre,
aber nicht fr Hexen. Die mssen es so machen.

Berg schien es, da dies eine neue Art war, Welt und Dinge zu betrachten.

Mssen Diebe auch stehlen, ebenso wie Hexen zaubern mssen? fragte er
scharf.

Ja, gewi, antwortete der Knabe, jeder mu tun, wozu er bestimmt ist.
Aber dann fgte er mit einem versteckten Lcheln hinzu: Es gibt aber auch
Diebe, die niemals gestohlen haben.

Sag doch gerade heraus, was du meinst, sagte Berg.

Der Knabe lchelte geheimnisvoll, stolz, ein unlsbares Rtsel zu sein. Es
ist, als sprche man von Vgeln, die nicht fliegen, wenn man von Dieben
spricht, die nicht stehlen.

Berg, der Riese, stellte sich dumm, um mehr zu erfahren. Man kann doch
niemanden einen Dieb nennen, der nicht gestohlen hat, sagte er.

Nein, freilich nicht, sagte der Knabe und kniff die Lippen zusammen, wie
um die Worte nicht durchzulassen. Wenn einer aber einen Vater htte, der
stiehlt, warf er nach einem Weilchen hin.

Geld und Gut erbt man, wandte Berg ein, aber den Namen Dieb trgt
keiner, der ihn nicht erworben hat.

Tord lachte leise. Und wenn einer eine Mutter hat, die einen bittet und
anfleht, des Vaters Verbrechen auf sich zu nehmen. Und wenn einer dann dem
Henker ein Schnippchen schlgt und in den Wald flieht. Und wenn man dann
fr vogelfrei erklrt wird, eines Fischnetzes wegen, das man gar nie
gesehen hat?

Berg, der Riese, schlug mit geballter Faust auf den Tisch. Er war zornig.
Da war nun dieses schne junge Blut hingegangen und hatte sein ganzes Leben
fortgeworfen. Nicht Liebe, nicht Reichtum, nicht Ansehen unter Mnnern
konnte er frderhin gewinnen. Die elende Sorge um Speise und Trank war
alles, was ihm brig blieb. Und dieser Tor hatte es geschehen lassen, da
er, Berg, umherging und einen Unschuldigen verachtete. Er schalt ihn mit
strengen Worten, aber Tord hatte nicht einmal soviel Angst wie das kranke
Kind vor der Mutter, wenn sie es schilt, weil es sich erkltet hat, als es
durch den Frhlingsbach watete.

                  *       *       *       *       *

Auf einem der breiten, bewaldeten Berge lag ein dunkler See. Er war
viereckig, mit so geraden Ufern und so scharfen Winkeln, als wre er von
Menschen gegraben. Auf drei Seiten war er von steilen Felswnden umgeben,
an die die Tannen sich mit ihren dicken Wurzeln festklammerten. Unten am
See, wo das Erdreich so allmhlich weggeschwemmt worden war, ragten diese
Wurzeln aus dem Wasser auf, nackt und gekrmmt, und wunderbar ineinander
verschlungen. Es war wie eine ungeheure Menge Schlangen, die zugleich aus
dem Sumpfsee kriechen wollten, aber sich ineinander verwickelt hatten und
so stehen geblieben waren. Oder es war eine Menge dunkler Skelette
ertrunkner Riesen, die der See ans Land hatte werfen wollen. Arme und Beine
verschlangen sich ineinander, die langen Finger krallten sich in den
harten Fels ein, die ungeheuren Rippen bildeten Rundbogen, die uralte Bume
trugen. Es war doch vorgekommen, da die eisernen Arme, die stahlharten
Riesenfinger, mit denen die Tannen sich festklammerten, nachgegeben hatten.
Und ein gewaltiger Nordwind hatte eine Tanne in einem weiten Bogen vom
Berghang bis in den Sumpfsee geschleudert. Mit dem Wipfel voran war sie
tief in den Schlammgrund eingedrungen und dort hngen geblieben. Jetzt
hatte die Fischbrut einen guten Zufluchtsort zwischen ihren Zweigen, aber
die Wurzeln ragten ber das Wasser hinaus, wie ein vielarmiges Ungeheuer,
und die schwarzen Wurzelzweige trugen mit dazu bei, den Sumpfsee hlich
und erschreckend zu machen.

Auf der vierten Seite des Sees senkte sich das Gebirge. Da entfhrte ein
kleiner, schumender Bach sein Wasser. Ehe dieser Bach den einzig mglichen
Weg finden konnte, mute er zwischen Steinen und Erdhgeln suchen und
bildete so eine kleine Welt von Inseln, einige nur eine Scholle gro, andre
etwa zwanzig Bume tragend.

Hier, wo die umgebenden Berge nicht alle Sonne ausschlossen, gediehen auch
Laubbume. Hier standen durstige graugrne Erlen und glattblttrige Weiden.
Die Birke war da, wie sie berall zur Stelle ist, wo es gilt, den Nadelwald
zu verdrngen, und der Faulbaum und die Eberesche, diese beiden, die
gewhnlich die Waldwiesen besumen, sie mit ihrem Duft erfllen und mit
ihrem Reiz umkrnzen.

Hier beim Ausflu war auch ein mannshoher Schilfwald, durch den das
Sonnenlicht grn ber das Wasser fiel, wie es im richtigen Walde ber das
Moos fllt. Im Schilfe gab es offne Stellen, kleine, runde Teiche, und da
schwammen die Seerosen. Die hohen Halme sahen mit mildem Ernst auf diese
zarten Schnheiten herab, die verdrielich ihre weien Bltter und gelben
Stempel in lederharten Hllen verwahrten, sowie die Sonne sich nicht
zeigen wollte.

An einem sonnigen Tage kamen die Friedlosen an diesen See, um zu fischen.
Sie wateten zu ein paar groen Steinen im Binsenwalde und saen da und
warfen den grngestreiften Hechten, die im Wasser schliefen, Kder hin.

Diese Mnner, die stets im Walde und im Gebirge umherstreiften, waren, ohne
da sie selbst darum wuten, ebensosehr unter die Herrschaft der
Naturmchte geraten, wie Pflanzen und Tiere. Bei Sonnenschein wurden sie
offenherzig und mutig, doch des Abends, sobald die Sonne verschwunden war,
verstummten sie, und die Nacht, die ihnen viel grer und gewaltiger
vorkam, als der Tag, machte sie ngstlich und ohnmchtig. Jetzt versetzte
sie das grne Sonnenlicht, das durch das Schilf einfiel und das Wasser
goldgestreift, braun und schwarzgrn frbte, in eine Art Wunderstimmung.
Die Aussicht war ganz versperrt. Zuweilen wogte das Schilf in einem
unmerklichen Wind, die Halme raschelten und die langen, bandhnlichen
Bltter flatterten ihnen ins Gesicht. Sie saen in grauen Fellgewndern auf
den grauen Steinen. Die Frbung des Felles ahmte die Tnung des
verwitterten, bemoosten Steines nach. Jeder sah den Gefhrten in seinem
Schweigen und seiner Regungslosigkeit in ein Steinbild verwandelt. Aber
drinnen durch das Schilf huschten Riesenfische mit regenbogenfarbenem
Rcken. Als die Mnner die Angelhaken auswarfen und sahen, wie sich die
Ringe im Schilf fortpflanzten, wurde die Bewegung immer strker und
strker, bis sie merkten, da sie nicht nur von ihrem Wurf kam. Eine Nixe,
halb Weib, halb glitzernder Fisch, lag in den Wellen und schlief. Sie lag
auf dem Rcken mit dem ganzen Leibe unter dem Wasserspiegel. Die Wellen
schlossen sich so eng an den Krper an, da sie sie vorher nicht bemerkt
hatten. Ihre Atemzge lieen die Wellen nicht ruhen. Doch es war nichts
Wunderliches darin, da sie dalag, und als sie im nchsten Augenblick
verschwunden war, wuten sie nicht recht, ob es nicht nur eine
Sinnestuschung gewesen war.

Das grne Licht drang wie ein ser Rausch durch die Augen in das Hirn. Die
Mnner saen da und starrten stumm vor sich hin, im Schilf Gesichte sehend,
die sie einander nicht anzuvertrauen wagten. Der Fang fiel schlecht aus,
der Tag gehrte Trumen und Offenbarungen.

Da ertnten Ruderschlge im Schilf, und sie schreckten wie aus dem
Schlummer auf. Im nchsten Augenblick zeigte sich ein Eichenstamm, schwer,
ohne jede Kunstfertigkeit ausgehhlt, moosbewachsen und mit Rudern, schmal
wie Stbchen. Ein junges Mdchen, das Seerosen geholt hatte, ruderte ihn.
Sie hatte dunkelbraunes Haar, das in schwere Zpfe geflochten war, und
groe dunkle Augen, und sie war seltsam bleich. Aber ihre Blsse schimmerte
rosig und nicht grau. Die Wangen waren nicht lebhafter gefrbt als das
brige Gesicht, kaum die Lippen. Sie trug ein weies Leinenleibchen und
einen Ledergrtel mit goldner Schliee. Der Rock war blau mit rotem Saum.
Sie ruderte dicht an den Friedlosen vorbei, ohne sie zu sehen. Sie
verhielten sich atemlos still, doch nicht aus Furcht, gesehen zu werden,
sondern nur um sie so recht sehen zu knnen. Sobald sie verschwunden war,
verwandelten sie sich gleichsam wieder aus Steinbildern in Menschen. Sie
sahen einander lchelnd an.

Sie ist wei wie die Seerosen, sagte der eine. Sie ist dunkelugig wie
das Wasser drben unter den Tannenwurzeln.

Sie waren so bermtig, da sie lachen wollten, richtig lachen, wie man nie
zuvor an diesem See gelacht hatte, lachen, so da die Felswnde von dem
Echo erzitterten und die Wurzeln der Tannen sich vor Schrecken lsten.

Schien sie dir schn? fragte Berg, der Riese.

Ach, ich wei nicht, ich sah sie ja so kurz. Vielleicht.

Du wagtest wohl nicht, sie anzusehen? Du dachtest wohl, sie sei die
Seejungfrau?

Und wieder schttelte sie dieselbe trichte Lachlust.

                  *       *       *       *       *

Tord hatte einmal als Kind einen Ertrunkenen gesehen. Er hatte die Leiche
am hellichten Tage am Strand gefunden und war gar nicht erschrocken, aber
nachts hatte er furchtbare Trume getrumt. Er sah ein Meer, in dem jede
Welle einen toten Mann zu seinen Fen rollte. Er sah auch alle Inseln der
Schren mit Ertrunknen bedeckt, die tot waren und dem Meere gehrten, aber
dennoch sprechen und sich bewegen konnten und ihm drohen mit ihren welken,
weien Hnden.

So ging es ihm auch jetzt. Das Mdchen, das er im Schilfe gesehen hatte,
kam in seinen Trumen wieder. Er traf sie auf dem Grunde des Sumpfsees, wo
das Sonnenlicht noch grner war als im Schilf, und er hatte Zeit, zu sehen,
da sie schn war. Er trumte, da er auf der groen Tannenwurzel mitten in
dem dunklen See kauerte, aber die Tanne schwankte und wiegte sich so, da
er zuweilen ganz unter Wasser kam. Da erschien sie auf den kleinen
Inselchen. Sie stand unter den roten Ebereschen und lachte ihn aus. Im
letzten Traumbild brachte er es so weit, da sie ihn kte. Es ward frher
Morgen, und er hrte, da Berg aufgestanden war, aber er schlo hartnckig
die Augen, um weiter zu trumen. Als er erwachte, war er ganz wirr und
betubt von dem, was ihm in der Nacht widerfahren war. Er dachte jetzt viel
mehr an das Mdchen, als am Tage vorher.

Gegen Abend fiel es ihm ein, Berg, den Riesen, zu fragen, ob er ihren
Namen wisse.

Berg sah ihn prfend an. Vielleicht ist es am besten, wenn du es gleich
erfhrst, sagte er. Es war Unn. Wir sind Verwandte.

Da wute Tord, da um dieser bleichen Maid willen Berg, der Riese, friedlos
durch Wald und Gebirge zog. Tord versuchte sich in Erinnerung zu rufen, was
er von ihr wute.

Unn war eines reichen Bauern Tochter. Ihre Mutter war tot, so da sie das
Regiment auf ihres Vaters Hof fhrte. Dies gefiel ihr, denn sie war
herrschschtig, und sie hatte keine Lust, einen Mann zu nehmen.

Unn und Berg, der Riese, waren Geschwisterkinder, und es hie schon lange,
da Berg lieber bei Unn und ihren Mgden sa und mit ihnen scherzte, als
daheim auf seinem Hof nach dem Rechten zu sehen. Als nun das groe
Weihnachtsgelage bei Berg gefeiert wurde, hatte seine Frau einen Mnch aus
Draksmark eingeladen, denn sie wollte, da dieser Berg Vorwrfe mache, weil
er sie um einer andern Frau willen vernachlssigte. Dieser Mnch war Berg
und auch vielen andern wegen seines Aussehens verhat. Er war sehr feist
und ganz wei. Das kurze Haar um seinen kahlen Scheitel, die Augenbrauen
ber seinen wsserigen Augen, die Gesichtsfarbe, die Hnde und die Kutte,
alles war wei. Viele konnten seinen Anblick kaum ertragen.

Bei der Tafel nun, so da alle Gste es hren konnten, sagte dieser Mnch
-- denn er war unerschrocken und meinte, da seine Worte besser wirken
wrden, wenn viele sie vernahmen--: Man pflegt zu sagen, da der Kuckuck
der schlechteste der Vgel ist, weil er seine Jungen nicht im eignen Neste
aufzieht, aber hier sitzt ein Mann, der nicht fr Heim und Kinder sorgt,
sondern seine Lust bei einem fremden Weibe sucht. Ihn will ich den
schlechtesten der Mnner nennen.-- Da stand Unn auf. Dies, Berg, geht
auf dich und mich, sagte sie. Nie bin ich so beschimpft worden, aber
freilich, mein Vater ist ja auch nicht mit beim Gelage. Sie wendete sich,
um zu gehen, aber Berg eilte ihr nach. Rhre mich nicht an, rief sie.
Nie mehr will ich dich sehen. Er erreichte sie in der Vorhalle und fragte
sie, was er tun solle, damit sie bliebe. Da hatte sie mit flammenden Augen
geantwortet, das msse er selbst am besten wissen. Da ging Berg hin und
erschlug den Mnch.

Jetzt waren Berg und Tord in dieselben Gedanken versunken, denn nach einem
Weilchen sagte Berg: Du httest sie, Unn, sehen sollen, als der weie
Mnch gefallen war. Meine Frau versammelte die kleinen Kinder um sich und
fluchte ihr. Sie wendeten ihre Gesichter Unn zu, damit sie sich auf ewige
Zeiten die einprgten, die ihren Vater zum Mrder gemacht hatte. Aber Unn
stand gelassen da und so schn, da die Mnner erbebten. Sie dankte mir fr
die Tat und hie mich allsogleich in den Wald ziehen. Sie ermahnte mich,
kein Ruber zu werden und nicht eher zum Messer zu greifen, als bis ich es
fr eine ebenso gerechte Sache brauchen knnte.

Deine Tat hatte sie erhht, sagte Tord.

Hier stand nun Berg vor demselben Rtsel, worber er sich schon frher bei
dem Knaben gewundert hatte. Er war wie ein Heide, schlimmer als ein Heide,
er verurteilte niemals das, was unrecht war. Er kannte keine
Verantwortlichkeit. Was geschehen mute, das geschah. Gott, Christus und
die Heiligen kannte er, aber nur dem Namen nach, so wie man die Gtter
fremder Lnder kennt. Die Gespenster der Schren waren seine Gtter. An die
Geister der Toten hatte seine zauberkundige Mutter ihn glauben gelehrt.

Da machte sich Berg, der Riese, an ein Werk, das ebenso tricht war, als
wenn er einen Strick fr seinen eignen Hals gedreht htte. Er stellte dem
Unwissenden den groen Gott vor Augen, den Herrn der Gerechtigkeit, den
Rcher der Missetaten, der die Schuldigen in ewige Pein hinabstrzt. Und er
lehrte ihn Christus und seine Mutter lieben, und die heiligen Mnner und
Frauen, die mit gefalteten Hnden vor Gottes Thron liegen, um den Zorn des
groen Rchers von den sndigen Scharen abzuwenden. Er lehrte ihn alles,
was die Menschen tun, um Gottes Zorn zu vershnen. Er zeigte ihm die
Pilgerscharen, die zu heiligen Sttten ziehen, die selbstqulerischen Ber
und die Flucht der Mnche vom Weltleben.

Und whrend er sprach, wurde der Knabe eifriger und blasser, seine Augen
ffneten sich weit wie vor furchtbaren Gesichten. Berg, der Riese, wollte
aufhren, aber der Strom der Gedanken ri ihn fort, und er sprach weiter.
Die Nacht senkte sich auf sie herab, die schwarze Waldesnacht, in der die
Kuzchen schreien. Gott kam ihnen so nahe, da sie sahen, wie sein Thron
die Sterne verdeckte, und wie die strafenden Engel sich auf die Waldwipfel
herabsenkten. Aber unter ihnen loderten die Flammen der Unterwelt zu der
platten Scheibe der Erde empor und beleckten gierig diesen schwanken
Zufluchtsort qualbedrckter Menschengeschlechter.

                  *       *       *       *       *

Der Herbst war gekommen, und ein scharfer Sturm wehte. Tord ging allein
durch den Wald, um Schlingen und Fallen zu untersuchen. Berg, der Riese,
sa daheim und besserte seine Kleider aus. Tords Weg fhrte hinauf zu einer
bewaldeten Hhe. Der Pfad war breit.

Jeder Windsto, der durch die dichten Bume dringen konnte, fegte das
trockne Laub in raschelnden Wirbeln den Pfad hinan. Tord kam es einmal ums
andre vor, als ob jemand hinter ihm ginge. Er sah sich oft um. Zuweilen
blieb er stehen, um zu lauschen, aber dann merkte er, da es die Bltter
und der Wind waren, und er ging weiter. Sobald er wieder zu gehen begann,
hrte er jemanden auf leisen Sohlen den Hgel hinauftanzen. Kleine
Kinderfe kamen getrippelt. Elfen und Waldgeister spielten hinter ihm.
Wenn er sich umwendete, war niemand da, gar niemand. Er ballte die Faust
gegen die raschelnden Bltter und ging weiter. Sie verstummten nicht, aber
sie nahmen einen andern Ton an. Sie begannen hinter ihm zu zischen und zu
schnauben. Eine groe Natter glitt heran, die gifttriefende Zunge hing ihr
aus dem Munde, und der blanke Leib hob sich leuchtend von den
verschrumpften Blttern ab. Neben der Schlange schlich ein Wolf, ein
groer, magrer Geselle, der sich bereit hielt, ihm an den Nacken zu fahren,
wenn die Natter sich zwischen seine Fe schlngelte und ihn in die Ferse
stach. Manchmal waren sie beide ganz still, wie um ihm unbemerkt zu nahen,
aber gleich darauf verriet sie das Zischen und Schnauben, und zuweilen
schlugen die Wolfsklauen klirrend an einen Stein. Tord ging unwillkrlich
immer rascher, aber die Tiere eilten ihm nach. Als er glaubte, da sie nur
zwei Schritte entfernt waren und zum Sprunge ansetzten, drehte er sich um.
Es war niemand da, und das hatte er die ganze Zeit gewut.

Er setzte sich auf einen Stein, um sich auszuruhen. Da gaukelten die
trocknen Bltter zu seinen Fen, wie um ihn zu ergtzen. Da waren sie,
alle Bltter des Waldes: lichtgelbes, zartes Birkenlaub, rotgesprenkelte
Ebereschenbltter, die trocknen schwrzlichbraunen Bltter der Ulme, die
zhen lichtroten der Espe, und die goldgrnen der Palmweide. Verwandelt und
verschrumpft, narbig und abgestoen waren sie, sehr verschieden von den
daunenweichen, lichtgrnen feingeformten Blttchen, die sich vor ein paar
Monaten aus den Knospen entrollt hatten.

Snder, sagte der Knabe, Snder, nichts ist rein vor Gott. Die Flammen
seines Zornes haben euch schon erreicht.

Als er seine Wanderung fortsetzte, sah er den Wald unter sich wogen wie ein
sturmgepeitschtes Meer, doch unten auf dem Pfade war es still und ruhig. Er
hrte nun, was er nie vernommen hatte. Der Wald war voll Stimmen.

Es klang wie Flstern, wie Klagelieder, wie barsche Drohungen, wie
drhnende Flche. Es lachte, und es klagte, es war wie das Lrmen von
vielen Menschen. Dieses, was hetzte und aufreizte, was raschelte und
zischte, was etwas zu sein schien und doch nichts war, machte seine
Gedanken wild. Er fhlte wieder Todesangst wie damals, als er auf dem Boden
seiner Hhle lag und die Menschenjagd durch den Wald zog. Wieder hrte er
das Knacken von Zweigen, die schweren Schritte der Volksmenge, das Klirren
der Waffen, die drhnenden Rufe, das wilde, blutdrstige Gemurmel, das aus
der Menge aufstieg.

Doch nicht nur dies allein lag im Waldsturm. Etwas andres, noch
Schrecklicheres, Stimmen, die er nicht deuten konnte, ein Gewirr von
Stimmen, die eine fremde Sprache zu sprechen schienen. Er hatte gewaltigere
Strme als diesen durch das Takelwerk brausen gehrt. Aber nie zuvor hatte
er den Wind auf einer so vielstimmigen Harfe spielen hren. Jeder Baum
hatte seine Stimme, die Tanne rauschte nicht wie die Espe, die Pappel nicht
wie die Eberesche. Jede Kluft hatte ihren Ton, das Echo jeder Felswand
seinen eignen Klang. Und das Rieseln der Bche und der Schrei des Fuchses
mischte sich in den wunderlichen Waldsturm. Doch alles das konnte er
deuten, es ertnten andre, wunderbarere Laute. Und diese bewirkten es, da
es anfing, in ihm um die Wette mit dem Sturme zu schreien, hohnzulachen
und zu jammern.

Er hatte sich immer gefrchtet, wenn er allein im Waldesdunkel war. Er
liebte das offne Meer und die nackten Klippen. Zwischen den Bumen
schlichen Geister und Schatten einher.

Mit einem Male hrte er, wer es war, der im Sturme sprach. Gott war es, der
groe Rcher, der Gott der Gerechtigkeit. Er verfolgte ihn des Freundes
wegen. Er verlangte, da er den Mrder des Mnches seiner Rache ausliefere.

Da begann Tord mitten im Sturme zu sprechen. Er sagte Gott, was er hatte
tun wollen, aber nicht vermocht hatte. Er hatte Berg, den Riesen, bitten
wollen, sich mit Gott zu vershnen, aber er war zu schchtern gewesen. Die
Scheu hatte ihn stumm gemacht. Als ich erfuhr, da die Erde von einem
gerechten Gott gelenkt wird, rief er, da erkannte ich, da er ein
verlorener Mann sei. Nchtelang habe ich dagelegen und ber meinen Freund
geweint. Ich wute, da Gott ihn finden mu, wo er sich auch verbergen mag.
Aber ich vermochte nicht zu sprechen. Ich fand keine Worte, weil ich ihn zu
sehr liebe. Verlange nicht, da ich mit ihm spreche, verlange nicht, da
das Meer sich so hoch wie die Berge erhebe.

Er verstummte, und im Sturme verstummte die tiefe Stimme, die fr ihn
Gottes Stimme gewesen war. Mit einem Male kam Windstille und greller
Sonnenschein und ein Pltschern wie von Rudern und ein leises Rascheln wie
von steifen Schilfblttern. Diese sanften Laute zauberten ihm Unns Bild vor
die Seele.-- Der Friedlose kann nichts gewinnen, nicht Hab und Gut, nicht
Frauen, nicht Ansehen unter den Mnnern.-- Wenn er Berg verriet, kam er
wieder unter die Hut der Gesetze.-- Aber Unn mute Berg lieben, nach dem,
was er fr sie getan hatte. Aus alledem gab es keinen Ausweg.

Als der Sturm zunahm, hrte er wieder Schritte hinter sich und ab und zu
ein atemloses Keuchen. Jetzt wagte er nicht, sich umzusehen, denn er wute,
da der weie Mnch hinter ihm war. Er kam von dem Feste in Bergs Hause,
blutbespritzt mit einer klaffenden Wunde in der Stirn. Und er flsterte:
Gib ihn an, verrate ihn, rette seine Seele. berliefre seinen Leib dem
Scheiterhaufen, auf da seine Seele verschont werde. berantworte ihn der
langen Qual der Folterbank, auf da seine Seele Zeit habe, zu bereuen.

Tord eilte weiter. All das Erschreckende, das an und fr sich nichts war,
wuchs, da es so unaufhrlich seine Seele verfolgte, zu etwas Groem,
Entsetzlichem an. Er wollte ihm entfliehen, doch wie er zu laufen begann,
ertnte wieder die tiefe, furchtbare Stimme, die die Stimme Gottes war.
Gott selbst jagte ihn mit Schreckschssen, damit er den Mrder ausliefre.
Verabscheuungswrdiger denn je stand Bergs Verbrechen vor ihm. Ein
waffenloser Mann war ermordet, ein Gottesmann mit blankem Stahl durchbohrt
worden. Das hie dem Herrn der Welten trotzen. Und der Mrder wagte, zu
leben. Er freute sich des Sonnenlichtes und der Frchte der Erde, als ob
der Arm des Allmchtigen zu kurz wre, um ihn zu erreichen.

Er blieb stehen, ballte die Fuste und schrie drohende Worte. Dann eilte er
wie ein Wahnsinniger aus dem Walde, aus dem Schreckensreiche in das Tal
hinab.

                  *       *       *       *       *

Tord brauchte sein Anliegen nur auszusprechen, so waren sogleich zehn
Mnner bereit, ihm zu folgen. Es wurde beschlossen, da Tord allein in die
Hhle gehen sollte, damit Berg nicht mitrauisch werde. Aber unterwegs
sollte er Erbsen ausstreuen, damit die Mnner den Weg finden konnten.

Als Tord in die Hhle trat, sa der Vogelfreie auf der Steinbank und
nhte. Der Feuerschein war matt, und die Arbeit schien schlecht vonstatten
zu gehen. Das Herz des Knaben schwoll von Mitleid. Der herrliche Berg
deuchte ihm arm und unglcklich. Und das einzige, was er sein Eigen nannte,
das Leben, sollte ihm nun genommen werden. Tord begann zu weinen.

Was hast du? fragte Berg. Bist du krank? Bist du erschrocken?

Zum ersten Male erzhlte da Tord von seiner Angst. Es war unheimlich im
Walde. Ich hrte Geister und sah Gespenster. Ich sah weie Mnche.

Gottes Tod, Junge!

Sie lasen mir die ganze Zeit die Messe, den ganzen Weg zum Bredfelsen
hinauf. Ich lief, so rasch ich konnte, aber sie kamen mit und sangen. Kann
ich das Unwesen nicht loswerden? Was habe ich mit ihnen zu schaffen? Ich
meine, sie knnten einem die Messe lesen, der es ntiger hat.

Bist du heute abend ganz toll, Tord?

Tord sprach und wute kaum, welcher Worte er sich bediente. Alle Scheu war
von ihm gewichen. Unbehindert strmte die Rede von seinen Lippen.

Es sind lauter weie Mnche, wei, leichenbla. Alle haben sie Blut auf
der Kutte. Sie ziehen die Kapuze tief in die Stirn, aber die Wunde leuchtet
doch hervor. Die groe, rote, klaffende Wunde nach dem Axthieb.

Die groe, rote, klaffende Wunde nach dem Axthieb?

Habe ich sie vielleicht geschlagen? Warum mu ich sie sehen?

Das mgen die Heiligen wissen, Tord, sagte Berg, der Riese, bleich und
mit dsterm Ernst, was es bedeutet, da du eine Wunde von einem Axthieb
siehst. Ich habe den Mnch mit ein paar Messerstichen gettet.

Tord stand nun zitternd vor Berg und rang die Hnde. Sie verlangen dich
von mir. Sie wollen mich zwingen, dich zu verraten.

Wer? Die Mnche?

Ja, gewi, die Mnche. Sie zeigen mir Gesichte. Sie zeigen mir sie, Unn.
Sie zeigen mir das glitzernde, sonnenblanke Meer. Sie zeigen mir die
Lagerpltze der Fischer, wo Tanz und Frhlichkeit herrscht. Ich schliee
die Augen, aber ich sehe dennoch. Lat mich in Frieden, sage ich. Mein
Freund hat gemordet, aber er ist nicht bse. Lat mich gehen, und ich will
mit ihm sprechen, damit er bereut und Bue tut. Er wird seine Snde
gestehen und zu Christi Grab pilgern. Wir beide werden zu den Sttten
wallfahrten, die so heilig sind, da alle Snde von dem genommen wird, der
ihnen naht.

Was antworteten da die Mnche? fragte Berg. Sie wollen meine Rettung
nicht. Sie wollen mich auf den Scheiterhaufen und auf die Folterbank
bringen.

Soll ich den treuesten Freund verraten, frage ich sie, fuhr Tord fort.
Er ist mein alles auf Erden. Er hat mich vom Br errettet, dessen Pranken
auf meiner Kehle lagen. Wir haben zusammen gefroren und alles Ungemach
erduldet. Er hat sein eignes Brenfell ber mich gebreitet, als ich krank
lag. Ich habe Holz und Wasser fr ihn getragen, ich habe seinen Schlummer
bewacht, ich habe seine Feinde hinters Licht gefhrt. Warum glauben sie,
da ich solch einer bin, der einen Freund verrt? Mein Freund wird bald aus
freien Stcken zum Priester gehen und beichten, dann ziehen wir zusammen in
das Land der Vershnung.

Berg lauschte ernst. Seine Augen durchforschten scharf Tords Gesicht. Du
sollst selbst zum Priester gehen und ihm die Wahrheit sagen, sagte er.
Du mut wieder hinab zu den Menschen.

Was hilft es mir, wenn ich allein gehe?! Um deiner Snde willen verfolgt
mich der Tote und alle Schatten. Siehst du nicht, wie mir vor dir graut? Du
hast deine Hand gegen Gott selbst erhoben. Kein Verbrechen ist so wie
deines. Es ist mir, als mte ich mich freuen, wenn ich dich an Rad und
Galgen she. Wohl dem, der in dieser Welt seine Strafe empfngt und dem
knftigen Zorn entgeht. Warum sprachst du zu mir von dem gerechten Gott? Du
zwingst mich, dich zu verraten. Hilf mir von dieser Snde. Gehe zum
Priester. Und er fiel vor Berg auf die Knie.

Der Mrder legte die Hand auf seinen Kopf und sah ihn an. Er mute seine
Snde an der Angst des Gefhrten messen. Und sie stand gro und grauenvoll
vor seiner Seele. Er sah sich im Kampfe gegen den Willen, der die Welt
lenkt. Die Reue hielt Einzug in sein Herz.

Weh mir, da ich tat, was ich getan, sagte er. Was meiner harrt, das ist
zu schwer, um es freiwillig auf sich zu nehmen. Liefre ich mich den
Priestern aus, so werden sie mich in stundenlangen Qualen martern. Sie
werden mich auf langsamem Feuer braten. Und ist nicht dieses Leben des
Elends, das wir in Angst und Not fhren, Bue genug? Habe ich nicht Hof und
Heim verloren? Lebe ich nicht fern von Freunden, fern von allem, was eines
Mannes Freude ist? Wessen bedarf es noch?

Als er so redete, sprang Tord in wildem Entsetzen auf. Kannst du bereuen?
rief er. Knnen meine Worte dein Herz rhren? O, dann komm gleich! Wie
konnte ich dies glauben! Komm mit und fliehe! Noch ist es Zeit!

Berg, der Riese, sprang auch auf. Du hast es also getan--

Ja, ja, ja. Ich habe dich verraten. Aber komm jetzt rasch, da du bereuen
kannst! Sie werden uns ziehen lassen! Wir mssen ihnen entkommen!

Da beugte sich der Mrder zum Boden herab, wo seine von den Vtern ererbte
Streitaxt zu seinen Fen lag. Du Sohn eines Diebes, sagte er, die Worte
hervorzischend. Dir habe ich getraut. Dir bin ich gut gewesen.

Aber als Tord sah, wie er sich nach der Axt bckte, da wute er, da es nun
sein Leben galt. Er ri seine eigne Axt aus dem Grtel und schlug nach
Berg, ehe dieser sich noch aufrichten konnte. Die Schneide fuhr zischend
durch die Luft und drang in den herabgebeugten Kopf. Berg, der Riese, fiel
mit dem Kopfe nach vorn zu Boden, der ganze Krper taumelte nach. Blut und
Hirn spritzte heraus, die Axt fiel aus der Wunde. In dem struppigen Haar
sah Tord ein groes, rotes, klaffendes Loch nach einem Axthieb.

Jetzt strzten die Bauern herein. Sie freuten sich und priesen die Tat.

Jetzt steht deine Sache gut, sagten sie zu Tord.

Tord sah auf seine Hnde herab, als she er da die Fesseln, mit denen er
herangeschleift worden war, um den zu tten, den er liebte. Sie waren wie
die des Fenriswolfes, aus nichts geschmiedet. Aus den grnen Lichtern des
Schilfes, aus dem Spiel der Waldschatten, aus dem Gesang des Sturmes, aus
dem Rascheln des Laubes, aus dem Zauber der Trume waren sie gewoben. Und
er sagte laut: Gott ist gro!

Aber wieder verfiel er in seine frhern Gedanken. Er sank neben der Leiche
auf die Knie und legte seinen Arm unter den Kopf des Freundes.

Tut ihm nichts zuleide, sagte er. Er bereut, er will zum Heiligen Grabe
pilgern. Er ist nicht tot, aber fesselt ihn nicht. Wir waren gerade bereit,
zu gehen, da fiel er. Der weie Mnch wollte wohl nicht, da er bereue,
aber Gott, der Gott der Gerechtigkeit, liebt die Reue.

Er blieb neben der Leiche liegen, sprach mit ihr, weinte und flehte den
Toten an, aufzuwachen. Die Bauern bereiteten aus einigen Speeren eine
Bahre. Sie wollten die Leiche des Bauern herab auf seinen Hof tragen. Sie
hatten Ehrfurcht vor dem Toten und sprachen leise in seiner Nhe. Als sie
ihn auf die Bahre hoben, stand Tord auf, schttelte die Haare aus dem
Gesicht und sprach mit einer Stimme, die vor Schluchzen zitterte:

So saget denn Unn, die Berg, den Riesen, zum Mrder machte, da er von
Tord, dem Fischer, dessen Vater ein Wrackplnderer und dessen Mutter eine
Hexe ist, erschlagen ward, weil er ihn lehrte, da die Grundfeste dieser
Erde Gerechtigkeit heit.




Reors Geschichte


War da ein Mann, der hie Reor. Er war aus Fuglekrr im Kirchspiel
Svarteborg und galt fr den besten Schtzen der Gegend. Er wurde getauft,
als Knig Olof die alte Lehre in Viken ausrottete, und war fortab ein
eifriger Christ. Er war von freier Geburt, aber arm, schn, aber nicht
hochgewachsen, stark, aber sanft. Er zhmte junge Fohlen mit Blick und Wort
allein, und er konnte mit einem einzigen Zuruf die kleinen Vglein an sich
locken. Er hielt sich fast immer im Walde auf, und die Natur hatte groe
Macht ber ihn. Das Wachstum der Pflanzen und das Knospen der Bume, das
Spiel der Hasen in den Waldlichtungen und der Sprung des Barsches in dem
abendstillen See, der Kampf der Jahreszeiten und der Wechsel der Witterung,
dies waren die Hauptgeschehnisse in seinem Leben. Schmerz und Freude
bereitete ihm derlei, und nicht das, was sich unter den Menschen zutrug.

Eines Tages tat der geschickte Jger einen guten Fang. Er traf im tiefen
Waldesdickicht einen alten Bren und erlegte ihn mit einem einzigen Schu.
Die scharfe Spitze des groen Pfeiles drang in das Herz des Gewaltigen, und
er sank dem Jger tot zu Fen. Es war Sommer, und der Pelz des Bren war
weder dicht noch glatt, dennoch zog der Schtze ihn ab, rollte ihn zu einem
harten Bndel zusammen und ging mit dem Brenfell auf dem Rcken weiter.

Er war noch nicht lange gewandert, als er einen beraus starken Honigduft
versprte. Der kam von den kleinen, blhenden Pflanzen, die den Boden
bedeckten. Sie wuchsen auf dnnen Stielen, hatten lichtgrne, glatte
Bltter, die sehr schn gedert waren, und auf der Spitze des Stengels ein
kleines Bschelchen, das dicht mit weien Blten besetzt war. Die kleinen
Kronen waren nach winzigem Mastabe geraten, doch aus ihnen ragte eine
kleine Brste von Stempeln auf, deren bltenstaubgefllte Knpfchen auf
weien Saiten zitterten. Reor dachte, whrend er so unter ihnen einherging,
da diese Blumen, die einsam und unbemerkt im Waldesdunkel standen,
Botschaft um Botschaft, Ruf um Ruf aussandten. Der starke honigse Duft
war ihr Ruf, der verbreitete die Kunde ihres Daseins weit unter die Bume
und hoch hinauf in die Wolken. Aber es lag etwas Bengstigendes in dem
schweren Duft. Die Blumen hatten ihre Becher gefllt und ihre Tischlein
gedeckt, der geflgelten Gste harrend, aber niemand kam. Sie sehnten sich
zu Tode in ihrer trben Einsamkeit in dem dunkeln, windstillen
Waldesdickicht. Sie schienen schreien und jammern zu wollen, weil die
schnen Schmetterlinge nicht kamen, um bei ihnen zu Gaste zu sein. Da, wo
die Blumen am dichtesten beisammen standen, deuchte es ihn, als sngen sie
zusammen ein eintniges Lied: Kommt, ihr schnen Gste, kommt heute, denn
morgen sind wir tot. Morgen liegen wir auf dem trocknen Laub.

Doch es sollte Reor vergnnt sein, das frohe Ende des Blumenmrchens zu
sehen. Er vernahm hinter sich ein Flattern wie das allerleiseste Lftchen
und sah einen weien Schmetterling im Dunkel zwischen den dicken Stmmen
umherirren. Unruhig suchend flog er hin und wieder, als wte er den Weg
nicht. Er war nicht allein, ein Schmetterling nach dem andern tauchte im
Dunkel auf, bis endlich ein ganzes Heer der weibeschwingten Honigsucher
versammelt war. Aber der erste war der Anfhrer, und er fand, vom Dufte
geleitet, die Blumen. Nach ihm kam das ganze Schmetterlingsheer
herangestrmt. Es strzte sich auf die sehnschtigen Blumen, wie der Sieger
sich auf die Beute strzt. Wie ein Schneefall von weien Flgeln senkten
sie sich auf sie herab. Und nun gab es ein Fest- und Trinkgelage um jede
Blume. Der Wald war voll von stillem Jubel.

Reor ging weiter. Doch nun war es, als folgte ihm der honigse Duft auf
dem Fue, wohin er auch ging. Und er empfand, da sich drinnen im Walde
eine Sehnsucht verbarg, strker als die der Blumen. Da da etwas war, was
ihn zu sich zog, so wie die Blumen die Schmetterlinge angelockt hatten. Er
ging mit einer stillen Freude im Herzen einher, so, als harrte er eines
groen unbekannten Glckes. Das einzige, was ihn ngstigte, war, ob er auch
den Weg zu diesem finden konnte, was sich nach ihm sehnte.

Vor ihm auf dem schmalen Pfade kroch eine weie Schlange. Er bckte sich,
um das glckbringende Tier aufzuheben, aber die Schlange glitt ihm aus den
Hnden und eilte rasch den Pfad hinauf. Da rollte sie sich zusammen und lag
still, doch als der Schtze wieder nach ihr griff, glitt sie so glatt wie
Eis zwischen seinen Fingern durch. Nun war Reor ganz und gar darauf
erpicht, das klgste der Tiere zu besitzen. Er lief der Schlange nach,
konnte sie aber nicht erreichen, und sie lockte ihn von dem Pfade fort auf
den ungebahnten Waldboden.

Dieser war mit Fhren bestanden, und in einem Fhrenwalde findet man selten
Rasen. Aber jetzt verschwand pltzlich das trockne Moos und die braunen
Nadeln, Farrenkruter und Preielbeerbsche zogen sich zurck, und Reor
fhlte seidenweiches Gras unter seinen Fen. ber der grnen Matte
zitterten federleichte Blumenrispen auf sanftgeneigten Stengeln, und
zwischen den langen schmalen Blttern zeigten sich die kleinen,
halberblhten Blumen der Steinnelke. Es war nur eine ganz kleine Stelle,
und darber breiteten die hochstmmigen Fhren ihre knorrigen, braunen ste
mit dichten Nadelbscheln. Doch zwischen diesen konnten die Sonnenstrahlen
viele Wege zur Erde finden, und es war erstickend hei.

Aber gerade vor dieser kleinen Wiese erhob sich eine Felswand lotrecht aus
dem Boden. Sie lag im hellen Sonnenschein, und man sah deutlich die
moosigen Steinflchen, die frischen Brche, da wo der Winterfrost zuletzt
gewaltige Blcke gelst hatte, die groen Stauden Steinwurz, die die
braunen Wurzeln in erdgefllte Spalten drngten, und die zollbreiten
Abstze, wo die Sulenflechte ihre rotgestreiften Pokale aufrichtete und
eine grasgrne Moosart auf nadelfeinen Stiftchen die kleinen grauen Mtzen
erhob, die ihre Befruchtungsorgane enthielten.

Diese Felswand schien in allen Stcken jeder andern Felswand zu gleichen,
aber Reor bemerkte sogleich, da er gerade vor die Giebelwand einer
Riesenbehausung gekommen war, und er entdeckte unter Moos und Flechten die
groen Angeln, auf denen das Steintor des Berges sich drehte.

Er glaubte jetzt, da die Schlange sich in das Gras verkrochen habe, um
sich da zu verbergen, bis sie unbemerkt in den Felsen schlpfen konnte,
und er gab die Hoffnung auf, sie zu fangen. Er sprte jetzt wieder den
honigsen Duft der sehnschtigen Blumen und merkte, da hier oben unter
der Bergwand eine erstickende Hitze herrschte. Es war auch seltsam still:
kein Vogel rhrte sich, keine Nadel spielte im Winde, es war, als hielte
alles den Atem an, um in unbeschreiblicher Spannung zu warten und zu
lauschen. Reor war gleichsam in ein Gemach gekommen, wo er nicht allein
war, obgleich er niemanden sah. Er hatte das Gefhl, als ob jemand ihn
beobachtete, es war ihm, als wrde er erwartet. Er empfand keine Angst, nur
ein wohliger Schauer durchrieselte ihn, so, als sollte er bald etwas
beraus Schnes zu sehen bekommen.

In diesem Augenblick gewahrte er wieder die Schlange. Sie hatte sich nicht
versteckt, sie war vielmehr auf einen der Blcke gekrochen, die der Frost
von der Felswand abgesprengt hatte. Und dicht unter der weien Schlange sah
er den lichten Leib eines Mdchens, das im weichen Grase lag und schlief.
Sie lag ohne andre Decke, als ein paar spinnwebdnne Schleier, gerade als
htte sie sich dort hingeworfen, nachdem sie die Nacht hindurch im
Elfenreigen getanzt, aber die langen Grashalme und die zitternden,
federleichten Blumenrispen erhoben sich hoch ber der Schlafenden, so da
Reor nur undeutlich die weichen Linien ihres Krpers gewahren konnte. Er
trat auch nicht nher, um besser zu sehen, aber sein gutes Messer zog er
aus der Scheide und warf es zwischen das Mdchen und die Felswand, damit
die den Stahl frchtende Tochter des Riesen nicht in den Berg fliehen
konnte, wenn sie erwachte.

Dann blieb er in tiefe Gedanken versunken stehen. Eines wute er sogleich,
das Mgdlein, das hier schlief, wollte er besitzen; aber noch war er nicht
recht einig mit sich selbst, wie er gegen sie handeln sollte.

Doch da lauschte er, der die Sprache der Natur besser kannte als die der
Menschen, dem groen ernsten Walde und dem strengen Berge. Sieh, sagten
sie, dir, der du die Wildnis liebst, geben wir unsre schne Tochter.
Besser ziemt sie dir als die Tchter der Ebene. Reor, bist du der edelsten
Gabe wrdig?

Da dankte er in seinem Herzen der groen wohlttigen Natur und beschlo,
das Mdchen zu seiner Frau zu machen und nicht nur zu seiner Magd. Und da
er dachte, da sie, wenn sie das Christentum und Menschensitte angenommen
hatte, sich bei dem Gedanken, da sie so unverhllt dagelegen habe, schmen
wrde, lste er die Brenhaut von seinem Rcken, entrollte das steife Fell
und warf den grauen zottigen Pelz des alten Bren ber sie.

Doch als er dies tat, erdrhnte hinter der Felswand ein Lachen, von dem die
Erde erzitterte. Es klang nicht wie Hohn, nur so, als htte jemand in
groer Angst gewartet, der lachen mute, als er ganz pltzlich davon
befreit wurde. Die furchtbare Stille und die drckende Hitze hatten nun
auch ein Ende. ber das Gras schwebte ein erquickender Wind, und die Nadeln
begannen ihren rauschenden Gesang. Der glckliche Jger fhlte, da der
ganze Wald den Atem angehalten hatte, in Unruhe, wie die Tochter der
Wildnis von dem Menschensohn behandelt werden wrde.

Die Schlange schlpfte jetzt in das hohe Gras; aber die Schlummernde lag in
Zauberschlaf versunken und regte sich nicht. Da rollte Reor sie in die
grobe Brenhaut, so da nur ihr Kopf aus dem zottigen Fell hervorguckte.
Obgleich sie sicherlich eine Tochter des alten Riesen im Berge war, war sie
doch zart und fein gebaut, und der starke Schtze hob sie in seine Arme und
trug sie fort durch den Wald.

Nach einem Weilchen fhlte er, wie jemand seinen breitrandigen Hut abhob.
Da sah er auf und merkte, da des Riesen Tochter erwacht war. Sie sa ganz
ruhig in seinem Arm, aber nun wollte sie sehen, wie der Mann aussah, der
sie trug. Er lie sie gewhren, er machte grre Schritte, aber sagte
nichts.

Da mute sie wohl gemerkt haben, wie hei ihm die Sonne auf den Kopf
brannte, nachdem sie ihm den Hut abgenommen hatte. Sie hielt ihn darum ber
seinen Kopf wie einen Sonnenschirm, aber sie setzte ihn ihm nicht auf,
sondern hielt ihn so, da sie immerzu in sein Gesicht sehen konnte. Da
deuchte es ihn, da er nichts zu fragen, nichts zu sagen brauchte. Stumm
trug er sie hinab zu seiner Mutter Htte. Doch sein ganzes Wesen durchbebte
Glckseligkeit, und als er auf der Schwelle seines Heims stand, da sah er,
wie die weie Schlange, die Glck ins Haus bringt, unter die Grundmauer
schlpfte.




Waldemar Attertag brandschatzt Visby


In dem Frhling, in dem Hellquists groes Bild Waldemar Attertag
brandschatzt Visby im Kunstverein ausgestellt war, kam ich an einem
stillen Vormittag hinauf, ohne zu ahnen, da dieses Kunstwerk sich da
befand. Die groe, farbenreiche Leinwand mit den vielen Gestalten machte
schon beim ersten Anblick einen auerordentlichen Eindruck. Ich konnte kein
andres Bild ansehen, sondern ging geradeswegs auf dieses zu, setzte mich
nieder und versank in stille Betrachtung. Eine halbe Stunde lang lebte ich
das Leben des Mittelalters.

Bald war ich mitten in der Szene, die sich auf dem Marktplatz von Visby
abspielte. Ich sah die Bierbottiche, die sich mit dem goldnen Trank zu
fllen begannen, den Knig Waldemar begehrt, und die Gruppen, die sich
rings um sie ansammelten. Ich sah den reichen Kaufherrn mit dem Pagen, der
unter seinen Gold- und Silberschsseln fast zusammenbricht, den jungen
Brger, der die Faust gegen den Knig ballt, den Mnch mit dem scharfen
Antlitz, das forschend die Majestt betrachtet, den zerlumpten Bettler, der
sein Scherflein opfert, die Frau, die neben der einen Kufe hingesunken ist,
den Knig auf seinem Thron, das Kriegsheer, das sich aus dem schmalen
Gchen heranwlzt, die hohen Hausgiebel und die zerstreuten Gruppen
trotziger Soldaten und halsstarriger Brger.

Aber pltzlich merkte ich, da die Hauptgestalt des Bildes nicht der Knig
ist, nicht einer der Brger, sondern der eine der eisengepanzerten
Schildtrger des Knigs, der mit dem gesenkten Visier.

In diese Gestalt hat der Knstler eine seltsame Kraft gelegt. Man sieht
nicht das geringste von ihm selbst, der ganze Mann ist Eisen und Stahl, und
doch macht er den Eindruck, der wahre Herr der Lage zu sein.

Ich bin die Gewalt, ich bin die Raublust, sagt er. Ich bin es, der Visby
brandschatzt. Ich bin kein Mensch, ich bin nur Eisen und Stahl. Ich habe
meine Lust an Qualen und Grausamkeit. Mgen sie einander nur peinigen.
Heute bin ich der Herr auf dem Marktplatz zu Visby.

Sieh, spricht er zu dem Betrachter, kannst du nicht sehen, da ich hier
Herr bin? Soweit dein Auge reicht, gibt es nichts andres als Menschen, die
einander qulen. Seufzend kommen die Besiegten und liefern ihr Gold aus.
Sie hassen und drohen, aber sie gehorchen. Und die Begierde der
Siegesherren wird immer wilder, je mehr Gold sie hervorpressen knnen. Was
sind Dnemarks Knig und seine Soldaten andres als meine Diener, wenigstens
fr diesen Tag? Morgen werden sie zur Kirche gehen oder in friedlicher
Zwiesprach in den Schenken sitzen oder vielleicht auch gute Vter sein im
eignen Heim, doch heute dienen sie mir, heute sind sie Bsewichte und
Gewalttter.

Und je lnger man ihm zuhrt, desto besser versteht man, was das Bild ist:
nichts andres als eine Illustration der alten Mr, wie Menschen einander
qulen knnen. Kein vershnender Zug ist da, nur grausame Gewalt. Und
trotziger Ha und hoffnungsloses Leiden.

Es ist doch so, da diese drei Brukufen gefllt werden mssen, auf da
Visby nicht geplndert und eingeschert werde. Warum kommen sie nicht,
diese Hanseaten, in flammender Begeisterung? Warum kommen die Frauen nicht
herangeeilt, mit ihren Geschmeiden, der Trinker mit seinem Becher, der
Priester mit dem Reliquienschrein, eifrig, glhend von Opfermut? Fr dich,
fr dich, unsre geliebte Stadt! Wozu uns Krieger schicken, wenn es sich um
dich handelt! O, Visby, unsre Mutter, unser Ruhm! Nimm zurck, was du uns
gegeben hast!

Aber so wollte der Maler es nicht sehen, und so war es auch nicht. Keine
Begeisterung, nur Zwang, nur gebndigter Trotz, nur Jammer. Das Gold ist
ihnen alles, Frauen und Mnner seufzen ber dies Gold, von dem sie sich
trennen mssen.

Sieh sie an! spricht die Gewalt, die auf den Stufen des Thrones steht.
Es geht ihnen tief zu Herzen, es zu opfern. Mag, wer da will, mit ihnen
Mitleid haben! Geizig, gewinnschtig, bermtig sind sie! Sie sind um
nichts besser als der gierige Ruber, den ich gegen sie ausgesandt habe.

Eine Frau ist vor der Tonne zusammengebrochen. Kostet es ihr so groes
Leid, ihr Gold herzugeben! Oder ist sie vielleicht die Schuldige? Ist sie
des Jammers Urheberin? Ist sie die, welche die Stadt verraten hat? Ja, sie
ist es, die Knig Waldemars Liebste gewesen. Es ist Jung-Hansens Tochter.

Sie wei wohl, da sie ihr Gold nicht auszuliefern braucht. Ihres Vaters
Haus wird dennoch nicht geplndert, aber sie hat zusammengerafft, was sie
besitzt und bringt es herbei. Auf dem Marktplatz angelangt, ist sie von
all dem Elend, das sie gesehen, berwltigt worden und in grenzenloser
Verzweiflung zu Boden gesunken.

Frisch und frhlich war er gewesen, der junge Goldschmiedegeselle, der
voriges Jahr in ihres Vaters Haus diente. Herrlich war es, an seiner Seite
ber diesen selben Marktplatz zu wandern, wenn der Mond hinter den Giebeln
hinanstieg und den Glanz von Visby beleuchtete. Stolz war sie auf ihn
gewesen, stolz auf ihren Vater, stolz auf ihre Stadt. Und nun liegt sie da,
von Jammer gebrochen. Unschuldig und doch schuldig! Er, der kalt und
grausam auf dem Throne sitzt und alle diese Verheerung ber die Stadt
gebracht hat, ist er derselbe, der ihr zrtliche Worte zugeflstert hat?
Schlich sie sich zum Stelldichein mit ihm, als sie in der vorigen Nacht
ihres Vaters Schlssel stahl und das Stadttor ffnete? Und als sie ihren
Goldschmiedegesellen als einen gewappneten Ritter traf mit einem
stahlgepanzerten Heere hinter sich, was dachte sie da? Wurde sie nicht
wahnsinnig, da sie die sthlerne Flut sich durch das Tor wlzen sah, das
sie geffnet hatte? Zu spt deine Klagen, o Jungfrau! Warum liebtest du den
Feind deiner Stadt? Gefallen ist Visby, vergehen wird sein Glanz. Warum
strztest du dich nicht mitten im Tore nieder und lieest dich von den
eisernen Hufen zu Tode treten? Wolltest du leben, um den Verbrecher von des
Himmels Blitzen getroffen zu sehen?

O Jungfrau, an seiner Seite steht die Gewalt und schtzt ihn. An heiligern
Dingen als einer leichtglubigen Jungfrau vergreift er sich. Nicht einmal
Gottes heiligen Tempel schont er. Die leuchtenden Karfunkelsteine bricht er
aus der Kirchenwand, um die letzte Kufe zu fllen.

Da ndern alle Gestalten des Bildes ihre Haltung. Blindes Entsetzen packt
alles Lebende. Der wildeste Kriegsknecht erbleicht, die Brger wenden ihren
Blick zum Himmel, alle erwarten Gottes Strafgericht, alle erbeben, auer
der Gewalt auf den Stufen des Thrones und dem Knig, der ihr Diener ist.

Ich wnschte, der Knstler lebte noch, so da er mich hinab zum Hafen von
Visby fhren und mir diese selben Brger zeigen knnte, als sie mit den
Blicken der fortsegelnden Flotte folgten. Sie rufen Verwnschungen ber die
Wogen hin. Vernichtet sie, rufen sie, vernichtet sie! O Meer, du unser
Freund, nimm unsre Schtze wieder! Tue deine erstickende Tiefe auf unter
den Gottlosen, unter den Treulosen!

Und das Meer donnert dumpf Beifall, und die Gewalt, die auf dem kniglichen
Schiffe steht, nickt zustimmend. So ist es gut, sagt sie, verfolgen und
verfolgt werden, so lautet mein Gesetz. Mge der Sturm und das Meer die
ruberische Flotte zerstren und die Schtze meines kniglichen Dieners an
sich raffen! Desto frher ist es uns beschieden, auf neue Verheerungszge
auszuziehen!

Aber die Brger auf dem Strande wenden sich um und sehen zu ihrer Stadt
empor. Feuerflammen sind dort aufgelodert, Plnderung ist ber sie
hingezogen, hinter zersprungenen Scheiben ghnen verwstete Wohnsttten.
Geschwrzte Giebel sehen sie, geschndete Kirchen, blutige Leichen liegen
in den engen Gchen, und vor Schreck wahnsinnige Frauen durcheilen die
Stadt. Sollen sie alledem ohnmchtig gegenberstehen? Gibt es niemanden,
den ihre Rache erreichen kann, niemanden, den sie ihrerseits qulen und
vernichten knnen?

Gott im Himmel, seht doch! Des Goldschmieds Haus ist nicht geplndert,
nicht verbrannt. Was ist das? War er im Bunde mit dem Feinde? Hat er nicht
den Schlssel zu einem der Tore der Stadt in seinem Gewahrsam? O du,
Jung-Hansens Tochter, antworte, was soll das bedeuten?

Dort auf dem Knigsschiffe steht die Gewalt und betrachtet ihren
kniglichen Diener, unter dem Visier lchelnd. Hre den Sturm, Herr, hre
den Sturm! Das Gold, das du geraubt, bald wird es dir unerreichbar auf dem
Meeresgrunde ruhen. Und sieh zurck auf Visby, mein hoher Herr! Das Weib,
das du betrogst, wird zwischen Priestern und Kriegsknechten zur Stadtmauer
gefhrt. Hrst du den Volkshaufen, der ihr folgt, fluchend und wehklagend?
Sieh, sieh, die Maurer kommen mit Kalk und Maurerkellen! Sieh, die Frauen
kommen mit Steinen! Alle tragen sie Steine, alle, alle!

O Knig, wenn du nicht sehen kannst, was in Visby vorgeht, mut du doch
hren und wissen, was dort geschieht. Du bist ja nicht von Stahl und Eisen
wie die Gewalt an deiner Seite. Wenn des Alters dstre Tage kommen und du
unter dem Schatten des Todes lebst, dann wird das Bild von Jung-Hansens
Tochter vor deine Erinnerung treten.

Bleich wirst du sie unter ihres Volkes Hohn und Verachtung zusammensinken
sehen. Du wirst sie dahinziehen sehen zwischen Priestern und Kriegsknechten
unter Glockengelute und Hymnengesang. Sie ist schon tot in den Augen des
Volkes. Tot fhlt sie sich in ihrem Innersten, gettet von allem, was sie
geliebt. Du wirst sie in den Turm steigen sehen, sehen, wie man die Steine
einfgt, vernehmen, wie die Maurerkellen scharren, und das Volk hren, wie
es mit seinen Steinen herbeieilt. O Maurer, nimm meinen, nimm meinen!
Bediene dich meines Steines zum Rachewerk! La meinen Stein mit dabei sein,
Jung-Hansens Tochter von Licht und Luft abzuschlieen! Gefallen ist Visby,
das herrliche Visby! Gott segne eure Hnde, Maurer! La mich mit dabei sein
und die Rache vollziehen!

Und Hymnengesang erklingt, und die Glocken luten wie ber einer Toten.

O Waldemar, Knig von Dnemark, auch dein Los wird es sein, dem Tode zu
begegnen, dann wirst du auf deinem Bette liegen und vieles hren und sehen
und dich in Qualen dabei winden. Und auch dieses Scharren mit der
Maurerkelle, diese Rufe der Rache wirst du hren. Wo sind sie dann, die
heiligen Glocken, die die Marter der Seele bertnen? Wo sind sie, die
weiten Metallrachen, deren Zungen zu Gott um Gnade fr dich flehen? Wo ist
die von Wohllaut erzitternde Luft, die die Seele hin zu Gottes Gefilden
fhrt?

O hilf, Esrom, hilf, Sor, und du, groe Glocke in Lund!

                  *       *       *       *       *

Welch dstre Geschichte erzhlt nicht dieses Bild! Es war ein wunderliches,
fremdes Gefhl, wieder in den Knigsgarten zu treten, in den strahlenden
Sonnenschein unter lebende Menschen.




Mamsell Friederike


Es war Weihnachtsnacht, eine richtige Weihnachtsnacht.

Die Kobolde hoben die Felsblcke auf hohe Goldsulen und feierten
Mittwinterfest. Die Heinzelmnnchen tanzten in neuen roten Mtzen um die
Weihnachtsgrtze. Alte Gtter zogen in grauen Unwettermnteln ber das
Himmelsgewlbe. Und auf dem sterhaninger Kirchhof stand das Hllenpferd.
Es scharrte mit den Hufen in dem gefrornen Boden, es bezeichnete den Platz
fr ein neues Grab.

Nicht weit davon auf dem alten Schlo rsta lag Mamsell Friederike und
schlief. rsta ist, wie man wei, ein altes Gespensterschlo, aber Mamsell
Friederike schlief einen guten, ruhigen Schlummer. Sie war jetzt alt
geworden, und recht mde nach vielen schweren Arbeitstagen und vielen
langen Reisen-- sie war ja beinahe rings um die Erde gefahren-- darum war
sie in ihr Kindheitsheim zurckgekehrt, um Ruhe zu finden.

Vor dem Schlo tnte eine kecke Fanfare in die Nacht hinaus. Der Tod hatte
sich auf sein Rlein Grau gesetzt und war zum Schlotor geritten. Sein
weiter Purpurmantel und der stolze Federbusch des Hutes wehten im
Nachtwind. Der strenge Ritter wollte ein schwrmerisches Herz bezwingen,
darum trat er in so seltnem Staat auf. Vergebliche Mhe, Herr Ritter,
vergebliche Mhe! Das Tor ist verschlossen, und deine Herzensdame schlft.
Eine bessere Gelegenheit mut du suchen und geeignetere Stunde. Laure ihr
auf, wenn sie zur Frhmette fhrt, strenger Herr Ritter, laure ihr auf auf
dem Kirchweg!

                  *       *       *       *       *

Die alte Mamsell Friederike schlief ruhig in ihrem geliebten Heim. Niemand
konnte die se Ruhe besser als sie verdienen. Wie ein Weihnachtsengel war
sie eben in einem Kreise von Kindern gesessen und hatte ihnen von Jesus und
den Hirten erzhlt, erzhlt, bis ihre Augen strahlten und ihr ganzes
verwelktes Gesicht wie verklrt war. Jetzt auf ihre alten Tage gab es auch
niemanden, der etwas gegen Mamsell Friederikens Aussehen einzuwenden hatte.
Wer die kleine, zarte Gestalt sah, die kleinen, feinen Hndchen und das
kluge freundliche Gesicht, wollte im Gegenteil dieses Bild seinem
Gedchtnis einprgen als die wunderschnste Erinnerung.

In Mamsell Friederikens Zimmer befand sich unter andern Reliquien und
Erinnerungen ein kleiner trockner Strauch. Das war die Jerichorose, die
Mamsell Friederike aus dem fernen Morgenland mitgebracht hatte. Jetzt in
der Weihnachtsnacht begann sie ganz von selbst zu blhen. Die trocknen
Zweige bedeckten sich mit roten Knospen, die wie Feuerfunken schimmerten
und das ganze Zimmer erleuchteten.

Bei dem Schein dieser Funken sah man, da eine kleine und zarte, aber recht
alte Dame in einem groen, gelben Fauteuil sa und Salon hielt. Es konnte
nicht Mamsell Friederike selbst sein, denn die lag und schlief in guter
Ruh, und dennoch war sie es. Sie sa da und hielt Empfang fr Erinnerungen,
das Zimmer war voll von ihnen. Menschen und Heime und Gegenstnde und
Gedanken und Diskussionen kamen geflogen. Kindheitserinnerungen und
Jugenderinnerungen, Liebe und Trnen, Ehrenbezeugungen und bittrer Hohn,
alles kam auf die bleiche Gestalt zugesaust, die dasa und alle mit einem
gtigen Lcheln ansah. Sie hatte ein scherzendes oder wehmtiges Wort fr
sie alle.

Nachts bekommen alle Dinge ihre rechte Gestalt und Form. Und so wie man
erst da des Himmels Sterne sehen kann, sieht man auch auf Erden vieles, was
man tagsber niemals sieht. So konnte man auch jetzt im Schein der roten
Knospen der Jerichorose eine Menge wunderlicher Gestalten in Mamsell
Friederikens Salon sehen. Da war die steife +ma chre mre+, die
gutmtige Beate, Menschen aus dem Morgen- und aus dem Abendland, die
schwrmerische Nina, die energische kmpfende Herta in ihrem weien Kleid.

Kann mir jemand sagen, warum dieses Geschpf immer wei gekleidet sein
mu? scherzte die kleine Gestalt im Fauteuil, als sie sie erblickte.

Aber alle Erinnerungen sprachen zu der Alten und sagten: Sieh, wie viel du
geschaut und erfahren, wie viel du gewirkt und gentzt hast! Bist du nicht
mde, willst du nicht zur Ruhe gehen?

Noch nicht, antwortete der Schatten in dem gelben Fauteuil, ich habe
noch ein Buch zu schreiben. Ich kann nicht zur Ruhe gehen, ehe es fertig
ist.

Damit verschwanden die Schatten. Die Jerichorose erlosch, und der gelbe
Fauteuil stand leer.

                  *       *       *       *       *

In der sterhaninger Kirche feierten die Toten Mitternachtsmesse. Einer
von ihnen stieg zu den Glocken hinauf und lutete das Christfest ein, ein
anderer ging umher und entzndete die Weihnachtskerzen, und ein dritter
begann mit knochigen Fingern auf der Orgel zu spielen. Durch die geffnete
Tr kamen die brigen aus Nacht und Grbern in das helle, strahlende Haus
des Herrn gewallt. Gerade so, wie sie hier im Leben gewesen waren, kamen
sie, nur ein bichen bleicher. Sie ffneten die Banktren mit rasselnden
Schlsseln und wisperten und flsterten, whrend sie den Gang hinaufgingen.

Das sind alle die Lichter, die _sie_ den Armen geschenkt hat, die leuchten
jetzt in Gottes Haus.

Wir liegen warm in unsern Grbern, solange _sie_ den Armen Kleider und
Holz gibt.

Seht, sie hat so viele krftige Worte gesprochen, die die Menschenherzen
aufgeschlossen haben, diese Worte sind unsre Bankschlssel.

Sie hat schne Gedanken ber Gottes Liebe gedacht. Diese Gedanken heben
uns aus unsern Grbern empor.

So wisperten und flsterten sie, bevor sie sich in die Bnke setzten und
ihre bleichen Stirnen zum Gebet in verwelkte Hnde neigten.

                  *       *       *       *       *

Aber in rsta kam jemand in Mamsell Friederikens Zimmer und legte
freundlich die Hand auf den Arm der Schlafenden.

Auf, meine Friederike, es ist Zeit, zur Frhmette zu fahren.

Die alte Mamsell Friederike schlug die Augen auf und sah Agathe, ihre
geliebte tote Schwester, mit einer Kerze in der Hand am Bette stehen. Sie
erkannte sie wohl, denn sie war ganz unverndert, so wie sie hier auf Erden
gewesen war. Mamsell Friederike erschrak nicht, sie freute sich nur, die
Geliebte zu sehen, an deren Seite sie gerne den langen Schlummer schlafen
wollte.

Sie stand auf und kleidete sich in aller Eile an. Es war keine Zeit zu
Gesprchen; der Wagen stand vor dem Tor. Die andern muten schon fort sein;
denn niemand auer Mamsell Friederike und ihrer toten Schwester regte sich
im Hause.

Weit du noch, Friederike, sagte die Schwester, als sie im Wagen saen
und rasch zur Kirche fuhren, weit du noch, wie du frher immer dasaest
und wartetest, da irgendein Ritter dich auf dem Weg zur Kirche entfhren
sollte?

Darauf warte ich noch immer, sagte die alte Mamsell Friederike und
lachte. Ich fahre diesen Weg nie, ohne nach meinem Ritter auszulugen.

Wie sehr sie sich auch beeilt hatten, so kamen sie doch zu spt. Der
Priester stieg von der Kanzel herab, als sie in die Kirche eintraten, und
der Schlupsalm begann. Nie hatte Mamsell Friederike einen so herrlichen
Gesang gehrt. Es war, als ob Himmel und Erde eingestimmt htten, als htte
jede Bank und jeder Stein und jede Planke mitgesungen.

Nie hatte sie die Kirche so berfllt gesehen: auf dem Altartisch und auf
den Kanzelstufen saen Menschen, sie standen in den Gngen, sie drngten
sich in den Bnken, und drauen war der Weg voll Leute, die nicht
hereinkommen konnten. Die Schwestern fanden doch Platz, vor ihnen wich die
Menge zurck.

Friederike, sagte ihre Schwester, sieh die Menschen an.

Und Mamsell Friederike sah und sah.

Da merkte sie, da sie wie die Frau im Mrchen zu der Messe der Toten
gekommen war. Sie fhlte, wie ihr ein kalter Schauer ber den Rcken lief,
aber es erging ihr jetzt wie oft zuvor, sie fhlte mehr Neugierde als
Angst.

Und nun sah sie, wer in der Kirche war. Lauter Frauen waren da: graue,
gebeugte Gestalten, mit rundgeschnittnen Kragen und verblaten Mantillen,
mit Hten von vergangnem Glanz und gewendeten oder abgestonen Rcken. Sie
sah eine ungeheure Menge verrunzelter Gesichter, eingesunkner Lippen,
trber Brillen und verschrumpfter Hnde, doch keine einzige Hand, die zwei
glatte Ringe trug.

Ja, nun verstand Mamsell Friederike. Das waren alle die entschlafnen alten
Jungfern im Lande Schweden, die in der sterhaninger Kirche
Mitternachtsmesse feierten.

Da beugte sich ihre tote Schwester zu ihr vor.

Schwester, bereust du, was du fr diese deine Schwestern getan hast?

Nein, sagte Mamsell Friederike. Woran sollte ich mich wohl freuen, wenn
nicht, da es mir beschert war, fr sie zu arbeiten: ich opferte einmal
mein Ansehen als Schriftstellerin fr sie. Ich bin froh, da ich wute, was
ich opferte, und es dennoch tat.

Dann kannst du bleiben und weiter zuhren, sagte die Schwester.

In demselben Augenblick hrte man jemand drben im Chor sprechen, eine
sanfte, aber deutliche Stimme.

Schwestern, sagte die Stimme, unser beklagenswertes Geschlecht, unser
unwissendes und verhhntes Geschlecht, bald wird es nicht mehr sein. Gott
hat gewollt, da wir von der Erde aussterben.

Ihr Lieben, wir werden bald nur mehr eine Sage sein. Das Ma der alten
Jungfern ist erfllt. Der Tod reitet auf dem Kirchweg umher, um die letzte
von uns zu treffen. Vor der nchsten Mitternachtsmesse ist sie tot, die
letzte alte Mamsell.

Schwestern, Schwestern! Wir waren die Einsamen auf Erden. Die
Zurckgesetzten beim Gastmahl, die danklos Dienenden im Heim. Hohn und
Lieblosigkeit umgab uns. Unsre Wanderung war schwer und unser Name fiel
dem Gesptt anheim.

Aber Gott hat sich erbarmt.

Einer von uns gab er Kraft und Genie. Einer von uns gab er niemals
versagende Gte. Einer gab er des Wortes herrliche Gabe. Sie wurde alles,
was wir htten sein sollen. Sie warf Licht ber unser dunkles Schicksal.
Sie ward die Dienerin des Heims, wie wir es gewesen, aber tausend Heimen
gab sie ihre Gabe. Sie war die Pflegerin der Kranken, wie wir es gewesen,
aber sie kmpfte gegen die gewaltige Seuche des Vorurteils. Sie erzhlte
ihre Mrchen tausend Kindern. Sie hatte ihre armen Freunde in allen
Lndern. Sie gab aus vollern Hnden als wir und mit wrmerm Gemt. In ihrem
Herzen war kein Raum fr unsre Bitterkeit, denn sie hat fortgeliebt. Ihr
Ruhm war wie der einer Knigin. Sie hat den Zoll der Dankbarkeit von
Millionen Herzen eingehoben. Ihre Worte sind in den groen Fragen der
Menschheit schwer ins Gewicht gefallen. Ihr Name ist durch neue und alte
Welten erklungen. Und doch ist sie nur eine alte Mamsell.

Sie hat unser dunkles Schicksal erklrt. Gesegnet sei ihr Name!

Und die Toten stimmten in tausendfachem Echo ein: Gesegnet sei ihr Name!

Schwester, flsterte Mamsell Friederike, kannst du ihnen nicht
verbieten, mich armen sndigen Menschen hochmtig zu machen?

Aber Schwestern, Schwestern, fuhr die Stimme fort, sie hat sich gegen
unser Geschlecht gewendet mit aller ihrer groen Macht. Auf ihren Ruf nach
Freiheit und Arbeit sind die alten, verhhnten Gnadenbrotempfngerinnen
ausgestorben. Sie hat die Schranken der Tyrannei um die Kinder
niedergebrochen. Sie hat die jungen Mdchen in die volle Ttigkeit des
Lebens versetzt. Sie hat der Einsamkeit, der Unwissenheit, der
Freudlosigkeit ein Ende gemacht. Keine unglcklichen, verachteten alten
Jungfern ohne Aufgabe und Lebensinhalt wird es mehr geben, keine solchen,
wie wir gewesen sind.

Wieder erklang das Echo der Schatten, jubelnd wie ein Jagdlied im Walde,
wie der Ruf einer frohen Kinderschar: Gesegnet sei ihr Angedenken!

Darauf wallten die Toten aus der Kirche, und Mamsell Friederike trocknete
sich eine Trne aus dem Augenwinkel.

Ich gehe nicht mit heim, sagte ihre tote Schwester. Willst du nicht auch
gleich hierbleiben?

Ich mchte wohl, aber ich kann nicht. Da ist ein Buch, das ich zuerst
fertig haben mu.

Nun dann, gute Nacht, und nimm dich vor dem Ritter auf dem Kirchweg in
acht, sagte ihre tote Schwester und lchelte schelmisch nach alter
Gewohnheit.

Dann fuhr Mamsell Friederike heim. Ganz rsta schlief noch, und sie ging
still in ihr Zimmer, legte sich nieder und schlummerte noch einmal ein.

                  *       *       *       *       *

Einige Stunden spter fuhr sie zur wirklichen Frhmette. Sie fuhr im
gedeckten Wagen, aber sie lie das Fenster herab, um die Sterne sehen zu
knnen. Mglich ist es wohl auch, da sie wie einst nach ihrem Ritter
aussah.

Und da war er, da sprengte er zum Wagenfenster heran. Prchtig sa er auf
seinem sich bumenden Ro. Der Purpurmantel flatterte im Winde. Sein
bleiches Antlitz war streng, aber schn.

Willst du mein werden, flsterte er.

Hingerissen ward sie in ihrem alten Herzen von der hohen Gestalt mit der
wehenden Feder. Sie verga, da sie noch ein Jahr leben mute.

Ich bin bereit, flsterte sie.

Dann komme ich in einer Woche und hole dich von deines Vaters Hof.

Er beugte sich herab und kte sie, und damit verschwand er; aber sie
begann zu frieren und zu zittern unter dem Ku des Todes.

Ein kleines Weilchen spter sa Mamsell Friederike in der Kirche, auf
demselben Platze, auf dem sie als Kind gesessen. Hier verga sie Ritter und
Gespenster und sa lchelnd in stiller Verzcktheit in dem Gedanken an die
Offenbarung von Gottes Herrlichkeit.

Aber, ob sie nun mde war, weil sie die ganze Nacht nicht geschlafen hatte,
oder ob die Wrme und der Kerzenrauch eine einschlfernde Wirkung auf sie
ausbten, wie auf so viele andre-- genug, sie schlummerte ein, nur einen
Augenblick, sie konnte es nicht hindern.

Vielleicht war es auch so, da Gott ihr die Pforte in das Land der Trume
ffnen wollte.

In dem kurzen Augenblick, in dem sie einschlummerte, sah sie nun ihren
strengen Vater, ihre schne elegante Mutter und die hliche kleine Petrea
in der Kirche sitzen. Und die Seele des Kindes wurde von einer Angst
zusammengepret, grer als ein Erwachsener sie je erfahren. Auf der Kanzel
stand der Priester und sprach von dem strengen, strafenden Gott, und das
Kind sa bleich und zitternd da, als wenn die Worte Axthiebe wren und
durch sein Herz gingen.

O welcher Gott, welcher furchtbare Gott!

In der nchsten Sekunde war sie wach, aber sie zitterte und schauerte so
wie unter dem Ku des Todes auf dem Kirchweg. Noch einmal war ihr Herz von
der wilden Verzweiflung ihrer Kindheit gefangen.

Sie hatte es mit einemmal so eilig, da sie sogleich aus der Kirche hasten
wollte. Sie mute heim und ihr Buch schreiben, ihr herrliches Buch von dem
Gott des Friedens und der Liebe.

                  *       *       *       *       *

Nichts weiter, was jetzt erwhnenswert scheinen kann, widerfuhr Mamsell
Friederike vor der Neujahrsnacht. Leben und Tod, so wie Tag und Nacht,
herrschten in der letzten Woche des Jahres in stiller Eintracht ber die
Erde. Aber als die Neujahrsnacht kam, da nahm der Tod das Zepter und
verkndete, da die alte Mamsell Friederike nun ihm angehren solle.

Htte man dies nur gewut, so htte wohl alles Volk von Schweden ein
gemeinsames Gebet an Gott gerichtet, seinen reinsten Geist, sein wrmstes
Herz behalten zu drfen. Da htte man in Angst und Sorgen in so manchem
Heim in fernen Lndern gewacht, wo sie liebende Herzen zurcklie. Dann
htten die Armen, die Kranken und Notleidenden ihre eigne Not vergessen, um
der ihrigen zu gedenken, und dann htten alle Kinder, die unter den
Segnungen ihres Wirkens herangewachsen waren, die Hnde gefaltet und um
noch ein Jahr fr ihre beste Freundin gebetet. Ein Jahr, damit sie ihrem
Lebenswerk volle Klarheit gebe und es durch den Schlustein krne.

Denn der Tod kam zu frh fr Mamsell Friederike.

Sturm war drauen in der Neujahrsnacht, Sturm in ihrem Innern. Sie fhlte
alle Qualen des Lebens und des Todes in ihrem Innern ringen.

Angst! seufzte sie, Angst!

Aber die Angst wich, und der Friede kam, und sie flsterte leise: Christi
Liebe-- beste Liebe-- Gottesfriede-- das ewige Licht!

Ja, das war es nun, was sie in ihrem Buche htte schreiben wollen, und
vielleicht vieles andre ebenso Schne und Herrliche. Wer wei? Nur eines
wissen wir, da Bcher in Vergessenheit geraten, aber ein Leben wie das
ihre vergit man nie.

Die Augen der alten Seherin schlossen sich, und sie versank in Visionen.

Ihr Krper kmpfte mit dem Tode, aber sie wute es nicht. Ihre Nchsten
saen weinend um das Totenbett, aber sie merkte es nicht. Ihr Geist hatte
seinen Flug angetreten.

Nun wurde der Traum fr sie Wirklichkeit und die Wirklichkeit Traum. Nun
stand sie, wie sie sich schon in ihrer Jugendvision gesehen hatte, wartend
am Himmelstor mit unzhligen Scharen von Toten rings um sich. Und der
Himmel tat sich auf. Er, der Einzige, der Seligkeitbringende, stand in dem
geffneten Tor. Und seine unendliche Liebe weckte in den harrenden Geistern
und in ihr die Sehnsucht, in seine Arme zu fliegen. Und ihre Sehnsucht trug
alle diese und sie, und sie schwebten wie auf Flgeln empor, empor.

Am nchsten Tage herrschte Trauer im Lande Schweden, Trauer in weiten
Teilen der Erde.

_Friederike Bremer war tot._




Der Roman einer Fischersfrau


Am uersten Ende des kleinen Fischerdorfes stand ein kleines Httchen auf
einem niedrigen Hgel aus weiem Meersand. Es war nicht so gebaut, da es
in einer Reihe mit den gleichmigen, schmucken, regelrechten Husern
stehen konnte, die den breiten grnen Platz umgaben, wo die braunen
Fischernetze trockneten, sondern es schien gleichsam aus der Reihe
geschoben und auf den Sandhgel hingestellt zu sein. Die arme Witwe, die es
gebaut hatte, war ihr eigner Baumeister gewesen, und sie hatte die Wnde
ihres Httchens niedriger gemacht als die aller andern Htten und sein
steiles Strohdach hher als irgendein andres Dach im Fischerdorf. Der
Fuboden senkte sich tief in die Erde, das Fenster war weder hoch noch
gro, aber reichte dennoch vom Dachsims bis zum Erdboden. Fr den Herd und
den Gnsestall war schlielich in dem einzigen engen Raume kein Platz
geblieben, sondern dafr hatte man kleine viereckige Vorsprnge anmauern
mssen. Diese Htte hatte nicht wie andre Huschen ihr Grtchen mit
Stachelbeerbschen, von Winden umschlungen, ihre halb von Kletten
erstickten Holunderstrucher. Von der ganzen Pflanzenwelt des Fischerdorfes
waren nur die Kletten mit auf den Sandhaufen gekommen. Im Sommer, wenn sie
frische, dunkelgrne Bltter hatten und die stacheligen Krbchen sich mit
hochroten Blumen fllten, waren sie schmuck genug. Aber gegen Herbst, wenn
die Stacheln hart geworden und die Samen gereift waren, dann
vernachlssigten sie ihr Aussehen und standen furchtbar hlich und trocken
da, die zerfetzten Bltter in ein Trauerkleid von staubigen Spinngeweben
gehllt.

Die Htte hatte nur zwei Besitzer, denn lnger als zwei Generationen
vermochte sie es nicht, mit ihren Wnden aus Rohr und Lehm das schwere Dach
zu tragen. Doch solange sie stand, war sie im Besitze von armen Witwen. Die
zweite Witwe, die da wohnte, hatte ihre Freude daran, die Kletten zu
betrachten, namentlich im Herbst, wenn sie trocken wurden und sich berall
anhngten. Sie erinnerten sie dann an sie, die die Htte erbaut hatte. Sie
war auch runzelig und trocken gewesen und hatte die Gabe gehabt, sich
anzuklammern und hngen zu bleiben, und alle ihre Kraft hatte sie fr das
Kind verwendet, das es in der Welt weit bringen sollte. Sie, die nun allein
dasa, mute bei diesem Gedanken bald lachen, bald weinen. Wenn die Alte
nicht diese Klettennatur gehabt htte, wie anders wre dann nicht alles
gekommen. Aber wer wei, ob es besser gekommen wre.

Die einsame Frau sa oft da und grbelte ber das Schicksal nach, das sie
an die flache Kste Schoonens gefhrt hatte, zu diesem schmalen Sund und
diesen stillen Menschen. Denn sie war in einer norwegischen Seestadt
geboren, die auf einem schmalen Uferstreifen zwischen steilen Felsen und
dem offnen Meere lag, und wenn sie auch, seit ihr Vater, der Kaufmann,
gestorben und sie in Armut zurckgelassen, in bescheidnen Verhltnissen
gelebt hatte, so war sie doch an Leben und Fortschritt gewhnt. Sie pflegte
sich selbst ihre Geschichte wieder und wieder vorzuerzhlen, so wie man ein
schwer verstndliches Buch oft liest, um seinen Sinn zu ergrnden.

Das Merkwrdige, was sie erlebt hatte, hatte damit begonnen, da sie eines
Abends auf dem Heimwege von der Schneiderin, bei der sie arbeitete, von
zwei Seeleuten berfallen und von einem dritten gerettet worden war. Dieser
kmpfte mit wirklicher Lebensgefahr fr sie und brachte sie dann nach
Hause. Sie fhrte ihn zu der Mutter und den Geschwistern und erzhlte ihnen
begeistert, was er getan habe. Es war, als htte das Leben neuen Wert fr
sie, weil ein andrer so viel gewagt hatte, um es zu verteidigen. Er war von
ihren Angehrigen sogleich freundlich aufgenommen und gebeten worden, so
bald und so oft er konnte, wiederzukommen.

Sein Name war Brje Nilsson, und er war Matrose auf der schoonischen Jacht
Albertina. Solange das Schiff im Hafen lag, kam er beinahe jeden Tag zu
ihnen, und sie konnten es bald nicht mehr glauben, da er nur ein simpler
Matrose sein sollte. Er glnzte immer in reinem Umlegekragen und trug einen
blauen Marineanzug aus feinem Tuch. Frisch und freimtig war er gegen sie,
als wre er es gewohnt, sich in derselben Gesellschaftsklasse wie sie zu
bewegen. Ohne da er es gerade heraussagte, erhielten sie den Eindruck, da
er aus einem angesehenen Hause war, der einzige Sohn einer reichen Witwe,
den seine unbezwingliche Lust zum Seemannsberufe dazu gebracht hatte, sich
als einfachen Matrosen zu verdingen, um seine Mutter zu berzeugen, da er
es ernst meinte. Wenn er seine Prfungen gemacht hatte, wrde sie ihm wohl
ein eignes Schiff kaufen.

Die einsame Familie, die sich von allen frhern Freunden zurckgezogen
hatte, empfing ihn ohne das leiseste Mitrauen. Und er beschrieb leichten
Herzens und mit flieender Beredsamkeit sein Heim mit dem hohen, spitzen
Dach, dem offnen Kamin im Esaal und den kleinen Fensterscheiben. Er
schilderte auch die stillen Straen seiner Vaterstadt und die langen Reihen
gleichmiger hoher Huser, in denen sein Heim mit den unregelmigen
Vorsprngen und Erkern eine angenehme Unterbrechung bildete. Und seine
Zuhrer glaubten, da er aus einem jener alten Brgerhuser komme, die mit
ihrem bildergeschmckten Giebel und dem vorragenden Obergescho einen so
mchtigen Eindruck von Reichtum und ehrwrdigem Alter machen.

Sehr bald hatte sie es heraus, da er ihr gut war. Und dies machte der
Mutter und den Geschwistern groe Freude. Der junge, reiche Schwede kam
gleichsam, um sie alle aus der Armut emporzuheben. Selbst wenn er ihr nicht
so gut gefallen htte, als er es tat, htte es gar nicht in Frage kommen
knnen, seine Werbung abzuweisen. Htte sie einen Vater oder einen
erwachsenen Bruder gehabt, so wrden diese sich wohl genauer nach Herkunft
und Lebensstellung des Fremdlings erkundigt haben, doch weder sie noch die
Mutter dachten daran, ernstliche Nachforschungen anzustellen. Spter
erkannte sie, da sie ihn frmlich zum Lgen gezwungen hatten. Anfangs
hatte er sie selbst dazu gebracht, sich so groe Vorstellungen von seinem
Reichtum zu machen, ohne alle bse Absicht, aber als er spter merkte, wie
froh sie darber waren, da hatte er es nicht mehr gewagt, die Wahrheit zu
sprechen, aus Furcht, sie zu verlieren.

Bevor er abreiste, waren sie verlobt, und als die Jacht zurckkam, hielten
sie Hochzeit. Es war eine Enttuschung fr sie, da er auch bei seiner
Rckkehr als Matrose auftrat, aber er war durch seinen Kontrakt gebunden.
Er brachte auch keine Gre von seiner Mutter mit. Diese htte erwartet,
da er eine andre Wahl treffe, aber sie wrde schon zufrieden sein, sagte
er, wenn sie nur Astrid erst she.-- Trotz aller seiner Lgen wre es doch
ein leichtes gewesen, zu sehen, da er ein armer Mann war, wenn sie nur die
Augen htten aufmachen wollen.

Der Schiffer erbot sich, ihr seine Kajte zu berlassen, wenn sie die
berfahrt auf seiner Jacht machen wollte, und sie nahm das Anerbieten mit
Freuden an. Brje wurde da fast ganz von seinem Dienst befreit und sa
meistens mit seiner Frau plaudernd auf dem Achterdeck. Und jetzt schenkte
er ihr das Glck der Einbildung, von dem er selbst sein ganzes Leben lang
gezehrt hatte. Je mehr er an das kleine Httchen dachte, das zur Hlfte im
Sandhgel begraben lag, desto hher erbaute er den Palast, den er ihr gerne
geboten htte. Er lie sie im Geiste in einen Hafen gleiten, der zu Ehren
der Braut Brje Nilssons mit Flaggen und Blumen geschmckt war. Er lie sie
die Begrungsrede des Brgermeisters hren. Er lie sie durch eine
Triumphpforte fahren, whrend die Augen der Mnner ihr folgten und die
Frauen vor Neid erblaten. Und er fhrte sie in das stattliche Haus, wo
silberlockige, sich verneigende Diener an dem breiten Treppengelnder
aufgereiht standen, und der zur festlichen Mahlzeit gedeckte Tisch sich
unter dem alten Familiensilber bog.

Als sie die Wahrheit entdeckte, glaubte sie zuerst, da der Schiffer im
Bunde mit Brje gewesen war, um sie zu betrgen, aber dann erkannte sie,
da es sich nicht so verhalten habe. Sie hatten sich dort auf der Jacht
daran gewhnt, von Brje wie von einem groen Herrn zu reden. Das war an
Bord der Hauptspa, so recht im vollsten Ernst von seinen Reichtmern und
seiner vornehmen Familie zu sprechen. Sie dachten, Brje htte ihr die
Wahrheit gesagt, und sie scherzte mit ihm wie sie alle, wenn sie von seinem
groen Hause sprach. So war es mglich, da sie, noch als die Jacht in dem
Hafen Anker warf, der neben Brjes Heimatsdorf lag, es nicht anders wute,
als da sie eines reichen Mannes Gattin war.

Brje bekam fr einen Tag Urlaub, um seine Frau in ihr knftiges Heim
einzufhren und sie mit dem neuen Leben bekannt zu machen. Als sie nun an
dem Kai landeten, wo Flaggen wehen und Menschenscharen den Neuvermhlten
entgegenjubeln sollten, herrschte da nur Leere und Alltagsruhe, und Brje
merkte, da seine Frau sich mit einer gewissen Enttuschung umsah.

Wir sind zu frh gekommen, hatte er da gesagt. Die Fahrt ist bei diesem
schnen Wetter merkwrdig rasch gegangen. Jetzt haben wir auch keinen Wagen
da, und wir haben einen weiten Weg, denn das Haus liegt auerhalb der
Stadt.

Das tut nichts, Brje, hatte sie geantwortet, das Gehen wird uns gut
tun, nachdem wir so lange an Bord still gesessen sind.

Und so traten sie ihre Wanderung an, diese schreckensvolle Wanderung, an
die sie noch in ihren alten Tagen nicht denken konnte, ohne vor Angst zu
sthnen und schmerzlich die Hnde zu ringen. Sie gingen ber weite,
menschenleere Straen, die sie sogleich nach seiner Beschreibung erkannte.
Sie glaubte in der dunklen Kirche und in den gleichmigen Holzhusern alte
Freunde zu begren, doch wo blinkten die bildergeschmckten Giebel und die
Marmortreppe mit dem breiten Gelnder?

Da hatte Brje ihr zugenickt, so, als erriete er ihre Gedanken. Es ist
noch weit hin, hatte er gesagt.

Wre er doch barmherzig gewesen. Htte er doch ihrer Hoffnung auf einmal
den Todessto gegeben. Sie hatte ihn damals so lieb. Wenn er ganz aus
freien Stcken alles gesagt htte, so wre in ihrer Seele kein Groll gegen
ihn aufgekeimt. Aber da er ihre Angst, betrogen zu werden, sah, und
dennoch fortfuhr, sie zu tuschen, das hatte ihr allzu bittern Schmerz
bereitet. Das hatte sie ihm nie ganz verzeihen knnen.

Sie konnte sich freilich sagen, da er sie so weit als mglich fhren
wollte, damit sie ihm nicht entfliehen konnte, aber sein Betrug rief eine
solche Todesklte in ihr hervor, da keine Liebe sie ganz aufzutauen
vermochte.

Sie gingen durch die Stadt und kamen auf die angrenzende Ebene. Da zeigten
sich mehrere Reihen dunkler Wallgrben und hoher, grner Erdwlle,
berreste aus jener Zeit, wo die Stadt befestigt gewesen war, und auf dem
Punkt, wo alles das sich zu einer Festung zusammenschlo, sah sie ein paar
altertmliche Bauten und groe, runde Trme. Sie warf einen scheuen Blick
hin, doch Brje bog zu den Wllen ein, die am Meeresufer entlang fhrten.

Das ist ein Abkrzungsweg, sagte er, denn sie schien sich zu wundern, da
hier nur ein schmaler Pfad war.

Er war sehr einsilbig geworden. Sie begriff dann, da er es nicht so
ergtzlich fand, als er es sich gedacht hatte, mit seiner Frau zu der
armseligen, kleinen Htte im Fischerdorf zu kommen. Es schien ihm jetzt
nicht so herrlich, eines bessern Mannes Kind heimzufhren. Er hatte groe
Angst vor dem, was sie tun wrde, wenn sie die Wahrheit erfuhr.

Brje, sagte sie endlich, als sie lange den scharfen Winkeln der
Strandwlle gefolgt waren, wohin gehen wir?

Da erhob er die Hand und deutete auf das Fischerdorf, wo seine Mutter in
dem Httchen auf dem Sandhgel wohnte. Sie aber glaubte, er wiese auf eines
der schnen Landgter, die am Rande der Ebene auftauchten, und wurde wieder
heiterer.

Sie stiegen zu den den Gemeindeweiden hinab, und da berfiel sie wieder
die alte Angst. Da, wo jedes Erdhgelchen, wenn man es nur sehen kann,
Schnheit und Abwechselung bietet, sah sie nur ein hliches, sumpfiges
Feld. Und der Wind, der drauen in steter Bewegung war, fuhr ihnen pfeifend
entgegen und flsterte von Unglck und Verrat.

Brje beschleunigte seine Schritte immer mehr und schlielich erreichten
sie das Ende der Weiden, und waren bei dem Fischerdrfchen angelangt. Sie,
die es zuletzt gar nicht mehr gewagt hatte, sich irgend welche Fragen zu
stellen, fate wieder neuen Mut. Hier war abermals eine einfrmige
Huserreihe, und diese erkannte sie noch besser als die in der Stadt.
Vielleicht, vielleicht hatte er doch nicht gelogen.

Aber so herabgestimmt waren ihre Erwartungen, da sie seelenvergngt
gewesen wre, wenn sie bei einer der schmucken Wohnsttten htte haltmachen
knnen, wo Blumen und weie Gardinen hinter blanken Fensterscheiben
blinkten. Es war ihr schmerzlich, an ihnen vorbeigehen zu mssen.

Da erblickte sie mit einem Male am uersten Ende des Fischerdorfes eine
elende Htte, und es war ihr, als htte sie sie schon lngst mit den Augen
der Seele gesehen, ehe sie sie in Wirklichkeit bemerkte.

Ist es hier? sagte sie und blieb gerade am Fue des kleinen Sandhgels
stehen.

Er nickte fast unmerklich mit dem Kopf und fuhr fort, auf die kleine Htte
zuzugehen.

Warte, rief sie ihm nach. Wir mssen zuerst miteinander sprechen, bevor
ich dein Heim betrete. Du hast mich belogen, fuhr sie drohend fort, als er
sich ihr zuwendete. Du hast mich rger betrogen, als wenn du mein grter
Feind wrest. Warum hast du das getan?

Ich wollte dich zur Frau, antwortete er mit leiser, unsichrer Stimme.

Wenn du mich doch nur mit Ma zum besten gehalten httest! Warum mutest
du alles so reich und so prchtig schildern? Was wolltest du mit Bedienten
und Triumphpforten und all der andern Herrlichkeit? Glaubtest du, ich sei
so erpicht auf Geld? Sahst du nicht, da ich ohnehin verliebt genug in dich
war, um berallhin mit dir zu gehen? Da du glaubtest, mich hinters Licht
fhren zu mssen! Da du das Herz haben konntest, bis zuletzt bei deinen
Lgen zu beharren!

Willst du nicht hereinkommen und Mutter begren, fragte er ganz hilflos.

Nein, ich gehe nicht hinein.

Willst du also nach Hause fahren?

Wie knnte ich nach Hause kommen? Wie sollte ich ihnen den Schmerz
bereiten, zurckzukehren, wenn sie mich fr glcklich und reich halten?
Aber bei dir bleibe ich auch nicht. Fr den, der arbeiten kann, findet sich
immer ein Auskommen.

Bleib, bat er, ich tat es nur, um dich zu gewinnen.

Wenn du mir die Wahrheit gesagt httest, so wre ich geblieben.

Wre ich ein reicher Mann gewesen und htte mich fr arm ausgegeben, so
bliebest du schon.

Sie zuckte die Achseln und wendete sich zum Gehen, als die Tr der Htte
aufgerissen wurde und Brjes Mutter herauskam. Sie war ein kleines
vertrocknetes altes Weiblein mit wenig Zhnen und viel Runzeln, aber nicht
so alt an Jahren und Gemt wie dem Aussehen nach.

Sie hatte wohl einiges gehrt und das brige erraten, denn sie wute,
worber sie zankten. So, sagte sie, dies ist die feine Schwiegertochter,
die du mir gebracht hast, Brje. Und du hast es wieder nicht mit der
Wahrheit gehalten, wie ich hre. Aber auf Astrid ging sie freundlich zu
und streichelte ihr die Wangen. Komm du mit mir herein, du armes Kind. Ich
kann mir denken, da du mde und erschpft bist. Siehst du, dies ist meine
Htte. Er darf nicht herein. Aber komm du nur. Jetzt bist du meine
Tochter, und ich kann dich doch nicht zu fremden Leuten gehen lassen.

Sie streichelte die Schwiegertochter und gab ihr Koseworte und schob und
zog sie ganz unmerklich zur Tr hin. Schritt fr Schritt lockte sie sie
weiter und bekam sie schlielich in die Htte, aber Brje schlo sie
wirklich aus. Und drinnen begann nun die Alte zu fragen, wer sie sei und
wie alles zugegangen wre. Und sie weinte ber sie, und brachte sie dazu,
auch ber sich selbst zu weinen. Furchtbar streng war die Alte gegen ihren
Sohn. Sie, Astrid, tte ganz recht, nein, bei einem solchen Manne knnte
sie nicht bleiben. Es wre richtig, da er zu lgen pflegte, ja, ganz gewi
wre es richtig.

Sie erzhlte ihr, wie es ihr mit dem Sohne ergangen war. Er war schon als
kleines Kind so schn von Gesicht und Gestalt gewesen, da sie sich immer
darber wundern mute, da er armer Leute Kind war. Er war wie ein kleiner
verirrter Prinz gewesen. Und spter hatte es immer so ausgesehen, als wenn
er nicht auf seinem richtigen Platze wre. Er sah alles so gro. Er konnte
nicht den richtigen Mastab finden, wenn es sich um ihn selbst handelte.
Seine Mutter hatte deswegen schon viele Trnen vergossen. Aber nie zuvor
hatte er mit seinen Lgen etwas Bses angestellt. Hier, wo er bekannt war,
lachten ihn die Leute nur aus.-- Aber jetzt war er wohl so sehr in
Versuchung gefhrt worden... Schien es ihr, Astrid, nicht selbst
wunderlich, wie sie dieser Fischerjunge hatte hinters Licht fhren knnen?
Er hatte immer soviel von feinen Dingen gewut, als wenn es ihm angeboren
wre. Er war wohl ganz verkehrt in die Welt gekommen. Das sah man ja auch
daran, da er nie daran gedacht hatte, sich eine Frau aus seinem eignen
Stande zu whlen.

Die Alte redete und redete. Astrid schwieg und dachte. Sieh, sagte die
Alte unter anderm, mir kann es nie gelingen, ihm den Hochmut und die
Prahlsucht abzugewhnen, aber eine, die klger wre als ich, knnte es
vielleicht. Und er ist tchtig und gut, mein Junge. Es lohnte wohl der
Mhe. Aber du kannst morgen gehen. Ja, du sollst gehen.

Wo schlft er heute nacht? fragte Astrid pltzlich.

Ich denke, er liegt hier drauen im Sande. Er hat wohl nicht die Ruhe, von
hier fortzugehen.

Es wre wohl am besten, wenn er hereinkme, sagte Astrid.

Liebstes Kind, du kannst ihn doch nicht sehen wollen. Er wird sich drauen
schon behelfen, wenn ich ihm eine Decke gebe.

Sie lie ihn wirklich diese Nacht drauen im Sande schlafen und schickte
ihn am nchsten Tage in aller Frhe in die Stadt, da sie es fr das beste
hielt, wenn Astrid ihn nicht sah. Und mit ihr redete und redete sie und
hielt sie fest, nicht mit Zwang, sondern mit Klugheit, nicht mit
Schmeichelei, sondern mit wirklicher Gte.

Doch als sie es endlich erreicht hatte, da die Schwiegertochter blieb und
dem Sohne erhalten war, und als sie die jungen Leute vershnt und Astrid
gelehrt hatte, da es gerade ihre Aufgabe im Leben war, Brje Nilssons Frau
zu sein und ihm soviel Gutes zu tun als sie konnte-- und dies war nicht
die Arbeit einer Abendstunde, sondern die Mhe vieler Tage gewesen-- da
hatte sich die Alte zum Sterben hingelegt.

Und in diesem Leben mit seiner treuen Frsorge lag ein Sinn, dachte Brje
Nilssons Frau.

Aber in ihrem eignen Leben sah sie keinen Zweck. Der Mann ertrank nach
einigen Jahren der Ehe, und ihr einziges Kind starb ganz jung. Sie hatte
bei ihrem Mann keine Vernderung herbeifhren knnen. Ernst und
Wahrhaftigkeit hatte sie ihn nicht zu lehren vermocht. Eher hatte sie sich
verndert, denn sie war immer mehr wie die Fischersleute geworden. Sie
wollte keinen der Ihren sehen, denn sie schmte sich, da sie jetzt in
allen Stcken einer Fischersfrau glich. Wenn nur alles dies irgend etwas
gentzt htte! Wenn sie, die ihren Lebensunterhalt durch das Ausbessern der
Fischernetze bestritt, nur wte, warum sie berhaupt lebte! Wenn sie doch
jemanden glcklich oder besser gemacht htte!

Nie kam es ihr in den Sinn, zu denken, da, wer sein Leben fr verfehlt
hlt, weil er andern nichts Gutes getan habe, vielleicht durch diesen
Gedanken der Demut seine Seele gerettet hat.




Mutters Bild


In einem der hundert Huschen des Fischerdorfes, die einander alle in Gre
und Form gleichen, die alle gleich viele Fenster und gleich hohe
Schornsteine haben, wohnte der alte Matton, der Lotse.

In allen Stuben des Fischerdorfes findet man denselben Hausrat, auf allen
Fensterbrettern stehen dieselben Blumen, in allen Eckschrnken prangen
dieselben Arten Muscheln und Korallen, an allen Wnden hngen die gleichen
Bilder. Und so wie die alte Sitte es festgestellt hat, leben alle Menschen
des Fischerdorfes dasselbe Leben. Seit Matton, der Lotse, alt geworden
war, richtete er sich ganz genau nach Brauch und Sitte: sein Haus, seine
Stuben und sein Wandel glichen denen aller andern.

An der Wand ber seinem Bette hatte der alte Matton ein Bild seiner
Mutter. Eines Nachts trumte er, da dieses Bild aus seinem Rahmen
herabstieg, sich vor ihn hinstellte und ihm mit lauter Stimme sagte: Du
mut heiraten, Matton.

Der alte Matton begann sogleich Mutters Bild auseinanderzusetzen, da dies
unmglich sei. Er war ja siebzig Jahre.-- Aber Mutters Bild wiederholte
nur mit noch grerm Nachdruck: Du mut heiraten, Matton.

Der alte Matton hatte groen Respekt vor Mutters Bild. Es war in so
manchen strittigen Fllen sein Ratgeber gewesen, und es hatte ihm immer
Glck gebracht, wenn er ihm gefolgt war. Aber dieses Mal verstand er sein
Vorgehen nicht recht. Es schien ihm, als befinde sich das Bild ganz im
Widerspruch mit frher geuerten Ansichten. Obgleich er dalag und trumte,
erinnerte er sich klar und deutlich, wie es das erstemal gewesen war, als
er heiraten wollte. Gerade als er sich zur Hochzeit ankleidete, lockerte
sich der Nagel, an dem das Bild hing und fiel zu Boden. Da sah er, da das
Bild ihn vor der Heirat warnen wollte, doch er gehorchte nicht. Es zeigte
sich aber spter, da das Bild recht gehabt hatte. Seine kurze Ehe war sehr
unglcklich geworden.

Als er sich das zweitemal zur Hochzeit ankleidete, ging es ebenso zu. Das
Bild strzte wieder zu Boden, und diesmal wagte er nicht, ihm ungehorsam zu
sein. Er lie Braut und Hochzeit im Stiche, verdingte sich als Matrose und
fuhr mehrmals um die Erde, ehe er sich wieder nach Hause wagte.-- Und
jetzt stieg das Bild von der Wand herab und befahl ihm zu heiraten. Wie gut
und gehorsam er auch war, konnte er doch nicht umhin, zu denken, da es nur
seinen Scherz mit ihm treibe.

Aber Mutters Bild, das das barscheste Gesicht wiedergab, wie es nur scharfe
Winde und salziger Meeresschaum ausmeieln konnten, blieb ernst wie zuvor.
Und mit einer Stimme, die das langjhrige Ausbieten der Fische auf dem
Markte der Stadt gebt und gestrkt hatte, wiederholte sie: Du mut
heiraten.

Da bat der alte Matton Mutters Bild, doch ein Einsehen zu haben und zu
bedenken, in welcher Gemeinde sie lebten.

Alle hundert Huser des Fischerdorfes hatten spitzige Dcher und
weigetnchte Wnde, alle Boote des Fischerdorfes hatten denselben Bau und
das gleiche Takelwerk. Niemand pflegte hier irgend etwas Ungewhnliches zu
tun. Mutter selbst wre die erste gewesen, die sich einer solchen Heirat
widersetzt htte, wenn sie noch am Leben gewesen wre. Mutter hatte streng
auf Ordnung und Sitte gehalten. Und es war doch nicht Ordnung und Sitte in
dem Fischerdorf, da siebzigjhrige Greise Hochzeit hielten.

Da streckte Mutters Bild die ringgeschmckte Hand aus und befahl ihm
geradezu zu gehorchen. Mutter hatte immer etwas unbegreiflich
Ehrfurchtgebietendes an sich gehabt, wenn sie so im schwarzen Taffetkleide
mit den vielen Volants gekommen war. Die groe glnzende Goldbrosche, die
schwere rasselnde Goldkette hatten ihn immer eingeschchtert. Wre sie in
ihren Marktkleidern gekommen, mit dem buntkarierten Kopftuch und mit der
Wachstuchschrze voll Fischschuppen und Fischaugen, dann htte er nicht
ganz so groen Respekt vor ihr gehabt. Aber jetzt war das Ende vom Liede,
da er versprach, zu heiraten. Und dann schlpfte Mutters Bild wieder in
seinen Rahmen.

Am nchsten Morgen erwachte der alte Matton in groer Angst. Es fiel ihm
gar nicht ein, gegen Mutters Bild ungehorsam zu sein, es wute natrlich,
was fr ihn am besten war. Aber es graute ihm doch vor der Zeit, die jetzt
kommen mute.

An demselben Tage hielt er um die hlichste Tochter des rmsten Fischers
an, ein kleines Ding mit dem Kopf zwischen den Schultern und mit
vorstehendem Unterkiefer. Die Eltern sagten ja, und der Tag, an dem man zur
Stadt fahren sollte, um sich aufbieten zu lassen, wurde festgesetzt.

ber windige Strandwiesen und morastige Gemeindeweiden fhrt der Weg vom
Fischerdorf in die Stadt. Eine Viertelmeile ist er lang, und man behauptet,
da die Einwohner des Fischerdorfes so reich sind, da sie ihn mit blankem
Silbergelde pflastern knnten. Das wrde dem Weg einen eigentmlichen Reiz
verleihen. Glitzernd wie ein Fischbauch wrde er sich mit seinen weien
Schuppen zwischen Riedgrashgeln und Strandpftzen dahinschlngeln.
Tausendschnchen und Mandelblumen, die diesen von den Menschen verlassenen
Boden schmcken, wrden sich in den blanken Silbermnzen spiegeln, die
Disteln wrden schtzend ihre Stacheln darber ausstrecken, und der Wind
wrde einen klingenden Resonanzboden finden, wenn er durch das Schilf der
Strandweiden spielte und in den Telephondrhten sang.

Dem alten Matton wre es vielleicht ein gewisser Trost gewesen, wenn er
seine schweren Seestiefel auf klingendes Silber htte setzen knnen, denn
eines ist gewi, jetzt kam eine Zeit, in der er diesen Weg fter machen
mute, als er wnschte.

Seine Papiere waren nicht in Ordnung gewesen. Aus dem Aufgebot hatte nichts
werden knnen. Dies kam daher, da er das vorige Mal seiner Braut
durchgegangen war. Es dauerte lange, bis der Pfarrer an das Konsistorium
ber seine Sache schrieb und ihm die Erlaubnis erwirken konnte, eine neue
Ehe zu schlieen.

Solange die Wartezeit dauerte, kam der alte Matton an jedem
Expeditionstage in die Stadt. Im Pfarrhause setzte er sich unten zur Tr
hin und wartete dort stumm, bis alle ausgesprochen hatten. Dann stand er
auf und fragte, ob der Pfarrer etwas fr ihn habe. Nein, er hatte nichts.

Der Pfarrer wunderte sich, welche Macht die alles bezwingende Liebe ber
diesen alten Mann erlangt hatte. Da sa er in seiner dicken gestrickten
Wolljacke, den hohen Seestiefeln und dem windverwehten Sdwester, mit einem
scharfen, klugen Gesicht und langen grauen Haaren, und wartete auf die
Erlaubnis, zu heiraten. Dem Pfarrer schien es eigentmlich, da dieser alte
Fischer von einer so heien Sehnsucht erfllt war.

Sie haben es recht eilig mit dieser Heirat, Matton, sagte der Pfarrer.

Ach ja, es ist am besten, wenn es bald geschieht.

Knnten Sie nicht eigentlich ebensogut von der ganzen Sache abstehen,
Matton? Sie gehren ja nicht mehr zu den Jngsten.

Der Pfarrer sollte sich nicht allzusehr wundern. Matton wute ja selbst,
da er zu alt war, aber er war gezwungen, zu heiraten. Da gab es keine
Hilfe.

Und so kam er ein halbes Jahr lang Woche fr Woche wieder, bis endlich die
Erlaubnis eintraf.

Whrend dieser ganzen Zeit war der alte Matton ein gehetzter Mann. Rings
um den grnen Trockenplatz, wo die braunen Fischnetze hingen, lngs der
zementierten Mauer um den Hafen, an den Fischerbuden auf dem Markte, wo
Dorsche und Krabben verkauft wurden, und weit drauen auf dem Sunde, wo man
den Heringszug verfolgte, brauste ein Sturm des Staunens und Spottes.

Wie, er wollte heiraten, Matton, der vor seiner eignen Hochzeit
davongelaufen war!

Und man verschonte weder Brutigam noch Braut.

Doch am schlimmsten fr ihn war, da niemand mehr ber die ganze Sache
lachen konnte als er selbst. Niemand konnte sie lcherlicher finden.
Mutters Bild war drauf und dran, ihn zur Verzweiflung zu bringen.

                  *       *       *       *       *

Es war am Nachmittag des ersten Aufgebotes. Der alte Matton, der noch
immer ein von Gerede und Spott verfolgter Mann war, ging die Mole entlang,
bis zu dem weigetnchten Leuchtturm, um dort allein zu sein. Dort drauen
traf er seine Braut. Sie sa da und weinte.

Da fragte er sie, ob sie lieber einen andern htte haben wollen. Sie sa da
und lockerte kleine Kalkstckchen von der Mauer des Leuchtturmes und warf
sie in das Wasser. Zuerst gab sie gar keine Antwort.

Gab es vielleicht jemanden, dem sie gut war?

Ach nein, gewi nicht.

Drauen am Leuchtturm ist es sehr schn. Das klare Wasser des Sunds
umrauscht ihn. Der flache Strand, die kleinen, regelrechten Huschen des
Fischerdorfes, die ferne Stadt, alles ist von der ewigen Schnheit des
Meeres beglnzt. Aus den weichen Nebeln, die zumeist den westlichen
Horizont verhllen, taucht hier und da ein Fischerboot auf. Mit khnem
Kreuzen steuert es dem Hafen zu. Es rauscht frhlich um den Kiel, wenn es
in den engen Hafen gleitet. In demselben Augenblick werden ganz still die
Segel eingezogen. Die Fischer schwenken den Hut zum frhlichen Grue, und
unten im Boot liegt glitzernd die gefangne Beute.

Es kam gerade ein Boot in den Hafen, whrend der alte Matton drauen am
Leuchtturm stand. Ein junger Bursche, der am Steuer sa, lftete den Hut
und nickte dem Mdchen zu. Da sah der Alte, wie es in ihren Augen
aufleuchtete.

Ach so, dachte er, hast du dich in den schnsten Burschen im ganzen
Dorfe verliebt? Ja, den kriegst du nie. Ebensogut kannst du da mich
heiraten, wie auf den warten.

Er merkte, da er Mutters Bild nicht entkommen konnte. Wenn das Mdchen
jemanden lieb gehabt htte, den sie die geringste Aussicht hatte zu
bekommen, dann wre dies eine schne Ausrede gewesen, um die ganze Sache
loszuwerden. Aber jetzt ntzte es nichts, sie freizugeben.

                  *       *       *       *       *

Vierzehn Tage spter wurde die Hochzeit gefeiert, und ein paar Tage drauf
kam der groe Novembersturm.

Da wurde eines der Boote des Fischerdorfes den Sund hinabgetrieben. Steuer
und Mast waren fort, so da es unmglich zu lenken war. Der alte Matton
und fnf andre waren an Bord. Und sie trieben zwei Tage lang ohne Nahrung
herum. Als sie geborgen wurden, waren sie vor Mattigkeit und Klte ganz
erschpft. Alles im Boote war mit einer Eiskruste berzogen, und ihre
feuchten Kleider waren in der Klte ganz steif geworden. Der alte Matton
erkltete sich dabei so schwer, da er nie mehr seine Gesundheit
wiedererlangte. Er lag zwei Jahre lang krank, dann kam der Tod.

Manchen schien es eigentmlich, da er unmittelbar vor dem Unglcksfalle
den Einfall gehabt hatte, zu heiraten, denn die kleine Frau war ihm eine
gute Pflegerin geworden. Wie wre es ihm wohl ergangen, wenn er einsam und
hilflos dagelegen wre? Das ganze Fischerdorf erkannte schlielich, da er
nie etwas Klgres getan htte, als da er sich verheiratete, und die kleine
Frau stand in groem Ansehen wegen der Zrtlichkeit, mit der sie den Mann
pflegte.

Der wird es nicht schwer fallen, sich wieder zu verheiraten, sagte man.

Der alte Matton erzhlte jeden Tag, solange er krank lag, seiner Frau die
Geschichte von dem Bilde.

Du sollst es haben, wenn ich tot bin, so wie du alles haben sollst, was
mein ist, sagte er.

Sprich doch nicht von so etwas.

Und du sollst auf Mutters Portrt acht geben, wenn die jungen Burschen um
dich werben. Wahrlich, ich glaube, es gibt niemanden im ganzen Fischerdorf,
der sich besser auf Heiratsgeschichten versteht, als dieses Bild.




Ein gefallener Knig

    Mein war das Reich der Phantasie,
    Nun bin ich ein gefallener Knig.
                              Snoilsky.


Es klapperte ber die Pflastersteine, die Holzpantoffeln klatschten in
unruhigem Takt. Die Gassenjungen eilten vorbei. Sie schwatzten und pfiffen.
Es ging im Laufmarsch. Die Huser zitterten, und aus den Seitengchen
strzte das Echo hervor wie ein Kettenhund aus seiner Htte.

Hinter den Fensterscheiben zeigten sich Gesichter. Hatte sich etwas
zugetragen? War etwas los? Der Lrm verzog sich nach der Vorstadt. Die
Dienstmdchen eilten hin, hinter den Gassenjungen drein. Sie schlugen die
Hnde zusammen und schrien: Gott bewahre uns, Gott bewahre uns! Gibt es
Mord, gibt es Brand? Niemand antwortete. Das Klappern ertnte aus der
Ferne.

Nach den Mdchen kamen die weisen Matronen der Stadt geeilt. Sie fragten:
Was geht vor? Was strt die Vormittagsruhe? Ist es eine Trauung? Ist es
ein Begrbnis? Ist es eine Feuersbrunst? Was tut der Turmwchter? Soll die
Stadt niederbrennen, ehe er zu luten anfngt?

Der ganze Haufen machte vor dem kleinen Huschen des Schuhmachers in der
Vorstadt halt, dem kleinen Huschen, das Weinranken um Tren und Fenster
hatte und darunter zwischen der Strae und dem Hause einen ellenbreiten
Garten. Ein Lusthuschen aus Stroh, Bosketts fr ein Muslein, Wege fr ein
Ktzchen. Alles aufs beste geordnet! Erbsen und Bohnen, Rosen und Lavendel,
eine Handvoll Gras, drei Stachelbeerbsche und einen Apfelbaum.

Die Gassenjungen standen am nchsten, sie sphten und berieten. Die blanken
schwarzen Fensterscheiben lieen die Blicke nicht weiter vordringen als
bis zu den weien Zwirngardinen. Einer der Jungen klammerte sich an die
Weinranken fest und drckte das Gesicht an die Scheibe. Was sieht er?
flsterten die andern. Was sieht er? Die Schusterwerkstatt und die
Schusterbank, Schmierbchsen und Lederflecke, Leisten und Pflcke, Ringe
und Riemen. Sieht er keinen Menschen? Er sieht den Gesellen, der den
Absatz an einem Schuh macht. Sonst niemand, sonst niemand? Groe, schwarze
Fliegen springen ber die Scheibe und trben seinen Blick. Sieht er
niemand anders als den Gesellen? Niemand anders. Des Meisters Stuhl steht
leer. Er sah einmal, zweimal, dreimal nach, des Meisters Stuhl war leer.

Die Menge stand still, riet hin und her und wunderte sich. Es war also
wahr. Der alte Schuhmacher war durchgegangen. Niemand wollte es glauben.
Man stand da und wartete auf ein Zeichen. Die Katze kam auf das steile Dach
heraus. Sie streckte die Krallen aus und glitt die Dachrinne hinab. Ja, der
Hausherr war fort, die Katze hatte freie Jagd. Die Spatzen flatterten und
kreischten ganz hilflos.

Ein weies Kchlein guckte um die Hausecke. Es war schon beinahe ein
richtiger Hahn. Der Kamm leuchtete rot wie Weinlaub. Es sphte und guckte,
krhte und rief. Die Hhner kamen, eine Reihe weier Hhner in vollem Lauf,
die Krper wiegten sich, die Flgel schlugen, die gelben Beinchen regten
sich wie Trommelschlgel. Die Hhner hpften in die Erbsen. Schlgereien
entspannen sich. Migunst brach aus. Eine Henne entfloh mit einer vollen
Erbsenschote Zwei Hhne hackten sie in den Nacken. Die Katze verlie das
Spatzennest, um zuzusehen. Bums, da fiel sie mitten in die Schar. Die
Hhner entflohen in einer langen, schwankenden Reihe. Der Volkshaufe
dachte: Freilich ist es wahr, da der Schuster sich aus dem Staube gemacht
hat. Man sieht es an der Katze und an den Hhnern, da der Hausherr fort
ist.

Die holprige, vom Herbstregen schlpfrige Vorstadtgasse hallte von allen
den Reden wider. Die Tren standen offen, die Fenster schwangen hin und
her. Ein Kopf steckte sich neben den andern in verwundertem Geflster. Er
ist durchgegangen. Menschen flsterten, Sperlinge kreischten,
Holzpantoffeln klapperten: Er ist durchgegangen. Der alte Schuhmacher ist
durchgegangen. Der Besitzer des kleinen Huschens, der Mann der jungen
Frau, der Vater des schnen Kindes ist durchgegangen. Wer kann es
verstehen? Wer kann es verstehen?

So geht ein altes Liedchen: Alter Mann im Hause, junger Knab' im Walde;
Frau entflieht; Kind weint; Heim ohne Herrin.

Das Liedchen ist alt. Alle verstehen es.

Dies war ein neues Lied. Der Alte war fort. Auf dem Tisch der Werkstatt lag
seine Erklrung, da er niemals wiederzukommen gedachte; daneben war auch
ein Brief gelegen. Den hatte die Frau gelesen, aber sonst niemand.

Die junge Frau war in der Kche. Sie tat nichts. Die Nachbarin ging hin und
her; hantierte geschftig herum, setzte die Tassen hin, legte Brennholz zu,
weinte ein bichen und trocknete sich die Trnen mit dem Wischfetzen.

Die weisen Frauen des Viertels saen steif rings an den Wnden. Sie wuten,
was sich in einem Trauerhause schickte. Sie sahen darauf, da Schweigen
herrschte, da Kummer herrschte. Sie feierten einen Freitag, um die
verlassene Frau in ihrer Trauer zu sttzen. Grobe Hnde lagen still im
Schoe, wettergebrunte Wangen legten sich in tiefe Runzeln, dnne Lippen
kniffen sich ber zahnlosen Kinnladen zusammen.

Die Frau sa unter diesen Bronzebraunen, sanft, hell, mit sem
Taubengesicht. Sie weinte nicht, aber sie zitterte. Sie war so ngstlich,
da sie fast vor Furcht starb. Sie bi die Zhne zusammen, damit niemand
hrte, wie sie aufeinander schlugen. Wenn Schritte ertnten, wenn es
klopfte, wenn das Wort an sie gerichtet wurde, fuhr sie zusammen.

Sie sa mit dem Brief des Mannes in der Tasche da. Sie erinnerte sich bald
an eine Zeile daraus, bald an eine andre. Da stand: Ich halte es nicht
lnger aus, Euch beide zu sehen. Und an einer andern Stelle: Ich habe
jetzt die Gewiheit, da Du mit Erikson durchgehen willst. Und dann
wieder: Du sollst es nicht tun, denn die bse Nachrede der Leute wrde
Dich unglcklich machen. Ich will fort, dann kannst Du Dich scheiden lassen
und wieder ordentlich heiraten. Erikson ist ein braver Arbeiter und kann
Dich gut versorgen. Dann tiefer unten: La die Leute von mir sagen, was
sie wollen, ich bin schon froh, wenn sie nichts Bses von Dir glauben; denn
Du wrdest es nicht ertragen.

Sie begriff es nicht. Sie hatte ihn nicht betrgen wollen. Wenn sie auch
gerne mit dem jungen Gesellen plauderte, was ging das den Mann an? Die
Liebe ist eine Krankheit, aber sie ist nicht tdlich. Sie hatte sie das
ganze Leben hindurch mit Geduld tragen wollen. Wie hatte der Mann ihre
heimlichsten Gedanken erraten knnen?

Welche Qual es ihr war, an ihn zu denken! Er mute sich gengstigt und
gesorgt haben. Er hatte ber seine Jahre geweint. Er hatte ber die Krfte
und den Mut des Jungen gerast. Er war bei jedem Flstern, jedem Lcheln,
jedem Hndedruck erzittert. In lichterlohem Wahnsinn, in knirschender
Eifersucht hatte er eine ganze Fluchtgeschichte aus etwas gemacht, was noch
nichts war.

Sie dachte daran, wie alt er heute nacht gewesen sein mute, als er ging.
Sein Rcken war gebeugt, seine Hnde zitterten. Langer Nchte Qual hatte
ihn so gemacht. Er war gegangen, um dieses Dasein qulender Zweifel los zu
sein.

Sie erinnerte sich an andre Zeilen aus dem Briefe: Es ist nicht meine
Absicht, Dich zu beschmen, ich bin immer zu alt fr Dich gewesen. Und
dann an eine andre: Du sollst immer geachtet und geehrt sein. Schweige nur
selbst, dann fllt alle Schande auf mich.

Die Frau fhlte immer grre Angst. War es mglich, da man Menschen so
betrgen konnte? Ging es auch an, so vor Gott zu lgen? Warum sa sie hier
in der Stube, beklagt wie eine trauernde Mutter, geehrt wie eine Braut am
Hochzeitstage? Warum war nicht sie heimatlos, freundelos, verachtet? Wie
kann so etwas geschehen? Wie kann Gott sich so betrgen lassen?

ber der groen Chiffoniere hing ein kleines Bcherbrett. Zu oberst auf dem
Brett stand ein groes Buch mit Messingspangen. Und diese Spangen bargen
die Erzhlung von einem Manne und einem Weibe, die vor Gott und den
Menschen logen. Wer hat es dir eingegeben, o Weib, da du solches tun
sollst? Sieh, junge Mnner stehen hier vor deiner Tr, um dich
fortzufhren.

Die Frau starrte das Buch an, sie lauschte den Schritten der jungen Mnner.
Sie erzitterte bei jedem Klopfen, erschauerte bei jedem Schritt. Sie war
bereit, aufzustehen und zu bekennen, bereit, niederzufallen und zu sterben.

Der Kaffee war in Ordnung. Die Frauen glitten sittsam zum Tisch hin. Sie
schenkten die Tassen voll, nahmen Zucker in den Mund und begannen den
siedendheien Kaffee einzuschlrfen, still und anstndig, die
Handwerkerfrauen zuerst, die Scheuerfrauen zuletzt. Aber die Frau des
Schusters sah nicht, was vorging. Die Angst raubte ihr ganz die Besinnung.
Sie hatte eine Erscheinung. Mitten in der Nacht sa sie auf einem frisch
gepflgten Acker. Rings um sie saen groe Vgel mit starken Flgeln und
spitzigen Schnbeln. Sie waren grau, kaum merkbar auf dem grauen Boden,
aber sie wachten ber sie. Sie hielten Gericht ber sie. Mit einemmal
flogen sie auf und senkten sich auf ihren Kopf herab. Sie sah ihre scharfen
Klauen, ihre spitzigen Schnbel; ihre peitschenden Flgel kamen immer
nher. Es war wie ein tdlicher Regen von Stahl. Sie duckte den Kopf hinab
und fhlte, da sie sterben mute. Aber als sie nher kamen, ganz dicht an
sie heran, mute sie aufsehen. Da sah sie, da die grauen Vgel alle diese
alten Frauen waren.

Eine von ihnen fing zu sprechen an. Sie wute, was anstndig war, was sich
in einem Trauerhause schickte. Man hatte jetzt lange genug geschwiegen.
Aber die Schustersfrau fuhr auf, wie von einem Peitschenhiebe getroffen.
Was wollte die Frau sagen? Du Matts Wiks Frau, Anna Wik, gestehe! Lange
genug hast du vor Gott und vor uns gelogen. Wir sind deine Richter. Wir
wollen dich richten und dich zerreien.

Nein, die Frau begann von den Mnnern zu sprechen. Und die andern stimmten
ein, so wie der Anla es erforderte. Es wurde nicht zum Lob der Mnner
gesprochen. Alles Bse, was Mnner je getan hatten, wurde ans Licht
gezogen. Das war Trost fr eine verlassene Frau.

Verleumdung ward auf Verleumdung gewlzt. Wunderliche Wesen, diese Mnner!
Sie schlagen uns, sie vertrinken unser Geld. Sie verpfnden unsre Habe.
Warum in aller Welt hatte unser Herrgott solche erschaffen?

Die Zungen wurden wie Drachenzhne, sie spien Gift, sie sprhten Feuer.
Jede fgte ihr Wort ein. Erzhlung hufte sich auf Erzhlung. Die Frau floh
vor dem berauschten Mann aus dem Hause. Frauen rackerten sich fr versoffne
Mnner. Ehefrauen wurden um andrer Frauen willen verlassen. Die Zungen
sausten wie Peitschenhiebe. Das husliche Elend wurde entblt. Lange
Litaneien wurden gesprochen. Vor des Mannes Tyrannei bewahre uns, o gtiger
Gott!

Krankheit und Armut, der Tod der Kinder, die Klte des Winters, die Plage
mit den Alten, alles kommt vom Manne. Die Sklaven zischten gegen ihre
Herren. Sie wendeten den Stachel gegen den, zu dessen Fen sie krochen.

Der Frau des durchgegangnen Mannes gellten diese Worte schrill in den
Ohren. Sie wagte, die Unverbesserlichen zu verteidigen. Mein Mann, sagte
sie, ist gut. Die Frauen fuhren auf, sie zischten und fauchten. Er ist
durchgegangen. Er ist nicht besser als irgendein andrer. Er, der schon alt
ist, htte es besser verstehen mssen, als von Frau und Kind fortzulaufen.
Kannst du glauben, da er besser ist als irgendein andrer?

Die Frau bebte, es war ihr, als wrde sie durch stechendes Dornengestrpp
geschleift. Ihr Mann zu den Sndern gezhlt! Sie erglhte in Scham, sie
wollte sprechen, aber sie schwieg. Sie hatte Angst. Sie vermochte es nicht.
Aber warum schwieg Gott? Warum lie Gott so etwas geschehen?

Wenn sie den Brief herausnhme und ihn laut lse. Dann wrde sich der
Giftstrom wenden. Der Eiter wrde sie bespritzen. Todesangst kam ber sie.
Sie wagte es nicht. Sie wnschte beinahe, da eine freche Hand in ihre
Tasche gegriffen und den Brief hervorgezogen htte. Sie vermochte nicht,
sich selbst preiszugeben. Drinnen aus der Werksttte hrte man einen
Schusterhammer. Hrte niemand, wie siegesfreudig er klopfte? Den ganzen Tag
hatte sie dieses Klopfen gehrt und sich darber erzrnt. Aber keine der
Frauen verstand es. Allwissender Gott, hattest du keinen Diener, der die
Herzen durchschaute? Sie wollte gern ihr Urteil hinnehmen, wenn sie nur
nicht gestehen mute. Sie wollte jemanden sagen hren: Wer hat es dir
eingegeben, da du vor Gott lgen solltest? Sie horchte nach dem Laut der
Schritte der jungen Mnner, um niederzufallen und zu sterben.

                  *       *       *       *       *

Mehrere Jahre nach diesem Vorfall heiratete eine geschiedene Frau einen
Schuhmacher, der Gesell bei ihrem Manne gewesen war. Sie hatte es nicht
gewollt, aber sie war dazu hingezogen worden, wie eine Forelle zum
Bootsrand gezogen wird, wenn sie einmal an der Schnur hngen geblieben ist.
Der Fischer lt sie spielen, er lt sie hin und her schnellen und lt
sie glauben, da sie frei ist. Aber wenn sie mde geworden ist, wenn sie
nicht weiter kann, dann zieht er sie mit leichtem Ruck an das Boot, dann
holt er sie herauf und wirft sie auf den Bootsgrund, ehe sie noch wei, um
was es sich handelt.

Die Frau des durchgegangnen Schuhmachers hatte ihren Gesellen verabschiedet
und hatte allein leben wollen. Sie wollte ihrem Manne zeigen, da sie
unschuldig war. Aber wo war der Mann? Kmmerte er sich nicht um ihre Treue?
Sie litt Not, ihr Kind ging in Lumpen. Wie lange glaubte denn der Mann, da
sie warten konnte? Sie ging zugrunde, wenn sie niemanden hatte, an den sie
sich lehnen konnte.

Erikson ging es gut. Er hatte einen Laden drinnen in der Stadt. Seine
Schuhe standen auf Spiegelglasscheiben hinter breiten Auslagefenstern.
Seine Werksttte dehnte sich aus. Er mietete eine Wohnung und stellte
Sammetmbel in das Sitzzimmer. Alles wartete nur auf sie. Als sie der Armut
gar zu mde war, kam sie.

Sie war anfangs sehr ngstlich. Aber es traf sie kein Unglck. Sie wurde
mit jedem Tage sichrer und immer glcklicher. Sie stand bei den Menschen in
Ansehen und wute bei sich, da sie es nicht verdiente. Dies hielt ihr
Gewissen wach, so da sie eine gute Frau wurde.

Nach einigen Jahren kam ihr erster Mann wieder in das Haus in der Vorstadt.
Er lie sich wieder dort nieder und wollte anfangen zu arbeiten. Aber er
bekam keine Arbeit, und kein ordentlicher Mensch wollte mit ihm verkehren.
Er wurde verachtet, whrend seine Frau groe Ehre geno. Und doch hatte er
recht getan und sie unrecht gehandelt.

Der Mann behielt sein Geheimnis bei sich, aber es erstickte ihn beinahe. Er
fhlte, wie er sank, weil alle ihn fr einen schlechten Menschen hielten.
Niemand verlie sich auf ihn, niemand wollte ihm Arbeit anvertrauen. Er
schlo sich der Gesellschaft an, die er finden konnte, und gewhnte es sich
an, zu trinken.

Whrend es so bergab mit ihm ging, kam die Heilsarmee in die Stadt. Sie
mietete einen groen Saal und begann ihre Ttigkeit. Schon vom ersten Abend
an lief alles Lumpengesindel zu den Vorstellungen, um dort Unfug zu
treiben. Als dies ungefhr eine Woche gedauert hatte, kam Matts Wik mit, um
an der Belustigung teilzunehmen. Es herrschte Gedrnge auf der Gasse, und
im Tore entstand eine Stockung. Da waren scharfe Ellenbogen und scharfe
Zungen; Gassenjungen und Soldaten, Mgde und Scheuerfrauen; friedliche
Polizisten und lrmender Pbel. Die Armee war neu und modern. Die Blle
verloren an Reiz, die Schenken standen leer. Elegants und Hafengesindel,
alles ging zur Heilsarmee.

Im Saale war die Decke niedrig. Ganz im Hintergrunde stand eine leere
Estrade. Ungestrichne Bnke, geliehene Sthle. Zerschlissener Boden,
Feuchtigkeitsflecke an der Decke, Lampen, die rauchten. Der eiserne Ofen
mitten im Zimmer verbreitete Wrme und Kohlendunst. Im Augenblick waren
alle Pltze besetzt. Zunchst der Estrade saen Frauen, anstndig wie in
der Kirche, feierlich wie unter dem Brauthimmel, und hinter ihnen Tagediebe
und Nhmdchen. Ganz rckwrts saen die Jungen, ein Gassenjunge dem andern
auf dem Scho. Und in der Tr gab es Schlgereien zwischen jenen, die nicht
hereinkommen konnten.

Die Estrade war leer. Die Uhr hatte noch nicht geschlagen, die Vorstellung
noch nicht begonnen. Einer pfiff, einer lachte. Bnke wurden zertreten. Der
Kampfruf flog wie ein Drache zwischen den Leuten hin und her. Das
Publikum unterhielt sich auf eigne Faust.

Die Seitentre ffnete sich. Kalte Luft strmte in das Zimmer. Das
Kaminfeuer loderte auf. Schweigen trat ein. Erwartungsvolle Aufmerksamkeit.
Endlich kamen sie, drei junge Frauen, Gitarren tragend, die Gesichter von
breitkrempigen Hten beinahe verdeckt. Sie strzten auf die Knie, sobald
sie die Stufen der Estrade erklommen hatten.

Eine von ihnen betete laut. Sie hob den Kopf empor, schlo aber die Augen.
Die Stimme war schneidend wie ein Messer. Whrend des Gebetes war es still.
Gassenjungen und Hafengesindel waren noch nicht recht in Zug gekommen. Sie
warteten auf die Gestndnisse und die anregenden Melodien.

Die Frauen machten sich ans Werk. Sie sangen und beteten, sangen und
predigten. Sie lchelten und sprachen von ihrem Glck. Vor sich hatten sie
ein Parterre von Hafengesindel. Die begannen aufzustehen, sie sprangen auf
die Bnke. Ein drohender Lrm erhob sich in den Scharen. Die Frauen auf der
Estrade sahen furchtbare Gesichter durch die rauchige Luft schimmern. Die
Mnner hatten feuchte, schmutzige Kleider, die bel rochen. Sie spien jeden
Augenblick Tabak aus und fluchten bei jedem Wort. Diese Frauen, die gegen
sie kmpfen wollten, sprachen von ihrem Glck.

Wie tapfer war diese kleine Armee! Ach, ist es nicht schn, tapfer zu sein,
ist es nicht ein Hochgefhl, Gott mit sich zu haben! Es half nichts, ber
die mit den groen Hten zu lachen. Es war hchstwahrscheinlich, da sie
die schwieligen Hnde, die grausamen Gesichter, die lsternden Lippen
besiegen wrden.

Singet mit, riefen die Heilsarmeesoldatinnen. Singet mit. Es ist gut, zu
singen. Sie stimmten eine bekannte Melodie an. Sie zupften an ihren
Gitarren und wiederholten denselben Vers einmal ums andre. Sie brachten
den einen oder andern der Zunchstsitzenden dazu, mitzusingen. Doch jetzt
erdrhnte unten von der Tre ein leichtsinniger Gassenhauer. Tne kmpften
gegen Tne; Worte gegen Worte; die Gitarre gegen die Zischpfeife. Die
starken, gebten Stimmen der Frauen stritten gegen die heisern, mutierenden
Stimmen der Knaben, gegen die Brummbsse der Mnner. Als der Gassenhauer
nahe daran war, unterzutauchen, begann man unten an der Tr zu stampfen und
zu pfeifen. Der Heilsarmeegesang sank wie ein verwundeter Krieger. Der Lrm
war entsetzlich, die Frauen strzten auf die Knie.

Sie lagen wie ohnmchtig da. Die Augen waren geschlossen. Die Krper
wiegten sich in stummem Schmerz. Der Lrm erstarb. Die Heilsarmeekapitnin
begann augenblicklich: Herr, alle diese wirst du zu den Deinen machen.
Dank, o Herr, da du sie alle in dein Kriegsheer aufnehmen willst! Dank, o
Herr, da wir sie dir zufhren drfen!

Die Volksmasse knirschte, heulte, toste. Es war, als ob alle diese Kehlen
von einem scharfen Messer gekitzelt wrden. Es war, als frchteten die
Menschen, berwunden zu werden, als htten sie vergessen, da sie
freiwillig gekommen waren.

Aber die Frau fuhr fort, und ihre scharfe schneidende Stimme trug den Sieg
davon. Sie muten hren.

Ihr tobt und schreit. Die alte Schlange in euch windet sich und rast. Aber
das ist gerade das Zeichen. Gesegnet sei das Brllen der alten Schlange! Es
zeigt, da sie sich qult, da sie sich frchtet. Lacht uns aus! Schlagt
uns die Fenster ein! Verjagt uns von der Estrade! Morgen werdet ihr uns
angehren! Wir werden die Erde besitzen. Wie wollt ihr uns widerstehen? Wie
wollt ihr Gott widerstehen?

Gleich darauf befahl die Kapitnin einer ihrer Gefhrtinnen, vorzutreten
und ihr Bekenntnis abzulegen. Sie kam lchelnd. Sie stand khn und
unerschrocken da und schleuderte die Geschichte ihrer Snde und ihrer
Bekehrung den Hhnenden entgegen. Wo htte es das Kchenmdchen gelernt,
lchelnd unter allem diesem Hohn zu stehen? Einige von ihnen, die gekommen
waren, um ihren Spott zu treiben, erblaten. Woher nahmen diese Frauen
ihren Mut und ihre Macht? Es stand jemand hinter ihnen.

Die dritte der Frauen trat vor. Sie war ein wunderschnes Kind, reicher
Eltern Tochter, mit einer sanften, klaren Singstimme. Sie erzhlte nicht
von sich selbst. Ihr Zeugnis war eines der gewhnlichen Lieder.

Das war wie der Schatten eines Sieges. Die Versammlung verga sich und
lauschte. Dieses Kind war schn zu sehen, lieblich zu hren. Aber als sie
verstummt war, brach das Getse noch furchtbarer los. Unten an der Tr
bauten sie eine Estrade aus Bnken, sprangen hinauf und legten Gestndnisse
ab.

Es wurde immer unheimlicher im Saal. Der eiserne Ofen wurde glutrot, er
schluckte Luft und strmte Wrme aus. Die ehrbaren Frauen auf den
vordersten Bnken sahen sich nach einem Ausweg zu fliehen um, aber es gab
keine Mglichkeit, den Saal zu verlassen. Die Heilssoldatinnen auf der
Estrade wankten, und auf ihren Stirnen perlte der Schwei. Sie riefen und
beteten um Strke. Pltzlich fuhr ein Hauch durch die Luft, ein Flstern
schlug an ihr Ohr. Sie wuten nicht, woher es kam, aber sie fhlten einen
Umschlag. Gott war mit ihnen. Er kmpfte fr sie.

Aufs neue in den Kampf! Die Kapitnin trat vor und erhob die Bibel ber
ihren Kopf. Haltet inne, haltet inne! Wir fhlen, da Gott unter uns
wirkt. Eine Bekehrung ist nahe. Helft uns beten! Gott will uns eine Seele
schenken.

Sie fielen in stummem Gebet auf die Knie. Einige im Saal nahmen an dem
Gebet teil. Allen teilte sich eine spannende Erwartung mit. War es wahr?
Trug sich etwas Groes in der Seele eines Mitmenschen zu, hier, mitten
unter ihnen? Wrden sie es sehen? Konnten diese Frauen etwas bewirken?

Fr einen Augenblick war die Menge gewonnen. Jetzt war sie ebenso erpicht
auf Wunder wie eben erst auf Lsterung. Niemand wagte sich zu rhren. Alle
keuchten vor Erwartung, aber nichts geschah. O Gott, du verlssest uns! Du
verlt uns, o Gott!

Die schne Heilsarmeesoldatin begann zu singen. Sie whlte die mildeste der
Melodien, das zarteste Kind der Sehnsucht: Fern er weilet von grnenden
Tlern.

Die Worte waren nur wenig verndert. Das Lied des finnischen Hirtenmdchens
war unschwer zu Jesu Sehnsucht nach der Seele geworden. O, du meine
Geliebte, kommst du nicht bald?

So mild lockend wie ein bittendes Kind glitt der Gesang in die Gemter, wie
eine Liebkosung, wie ein Segen.

Die Versammlung war stumm, wie versunken in diese Tne.-- Berge und
Wlder verschmachten, Himmel und Erde leben in Sehnsucht. Mensch, alles in
der Welt drstet danach, da du deine Seele dem Lichte erschlieest. Dann
verbreitet sich Herrlichkeit ber alle Welt, dann stehen die Tiere auf aus
ihrer Erniedrigung. Alles Seufzen der Kreatur hat ein Ende. O, du meine
Geliebte, kommst du nicht bald?

Es ist nicht wahr, da du in hohen Knigsslen weilest. In dunklen
Wldern, in elenden Htten hausest du, und du willst nicht kommen. Mein
lichter Himmel lockt dich nicht. O, du meine Geliebte kommst du nicht
bald?

Unten im Saale stimmten immer mehrere in den Kehrreim ein. Stimme um Stimme
kam mit. Sie wuten nicht recht, welcher Worte sie sich bedienten. Die
Melodie war genug. Alle Sehnsucht konnte sich in diesen Tnen freisingen.
Auch unten an der Tr wurde es gesungen. Es sprengte Herzen. Es
unterjochte Willen. Es klang nicht mehr wie eine jammervolle Klage, sondern
stark, fordernd, befehlend.

O, du meine Geliebte, kommst du nicht bald?

Unten an der Tr im dichtesten Knuel stand Matts Wik. Er sah ganz
vertrunken aus, aber an diesem Abend war er nicht berauscht. Er stand da
und dachte: Wenn ich sprechen drfte, wenn ich sprechen drfte.

Dies war der wunderbarste Raum, den er je gesehen hatte, die wunderbarste
Gelegenheit. Eine Stimme sprach zu ihm: Dies ist das Schilf, in das du
flstern kannst, die Wellen, die deine Stimme tragen werden.

Die Singenden zuckten zusammen. Es war, als htten sie einen Lwen brllen
hren. Eine starke, furchtbare Stimme sprach furchtbare Worte.

Sie hhnte Gott. Warum dienten die Menschen Gott? Er verlie alle, die ihm
dienten. Er hatte seinen Sohn verlassen. Gott half niemandem.

Die Stimme stieg gewaltig an, sie wurde mit jeder Minute brausender. Solche
Kraft hatte niemand Menschenlungen zugetraut. Solche Raserei hatte niemand
je aus einem zertretnen Herzen losbrechen hren. Sie neigten ihr Haupt wie
die Wandrer in der Wste, wenn der Sturm ber sie kommt.

Gewaltige, gewaltige Worte. Sie waren wie donnernde Hammerschlge gegen
Gottes Thron. Gegen ihn, der Hiob qulte, der die Mrtyrer leiden, der
seine Bekenner auf Scheiterhaufen verbrennen lie. Der Ohnmchtige, wann
begrndet er sein Reich? Wann lt er ab, die Arglist zum Siege zu fhren?

Anfangs hatten einige versucht, zu lachen. Einige hatten geglaubt, da dies
ein Scherz sei. Jetzt hrten sie bebend, da es Ernst war. Schon erhoben
sich einige, um die Estrade hinaufzufliehen. Sie verlangten den Schutz der
Heilsarmee gegen jenen, der Gottes Zorn auf sie herabbeschwor.

Die Stimme fragte sie in zischendem Tonfall, welchen Lohn sie fr ihre
Mhe erwarteten, Gott zu dienen. Sie sollten sich nicht den Himmel
erwarten. Gott geizte mit seinem Himmel. Ein Mann, sagte er, hatte mehr
Gutes getan, als notwendig war, um die Seligkeit zu erringen. Er hatte
grre Opfer gebracht, als Gott verlangte. Aber dann wurde er zur Snde
verlockt. Das Leben ist lang. Er bezahlte seine verdiente Gnade schon in
dieser Welt. Er mu den Weg der Verdammten gehen.

Die Rede war der furchtbare Nordwind, der die Schiffe in den Hafen treibt.
Bei den Worten des Hhnenden strzten die Frauen die Estrade hinan. Die
Hnde der Heilsarmeesoldatinnen wurden erfat und gekt. Bekehrung folgte
auf Bekehrung. Sie konnten kaum alle aufnehmen. Knaben und Greise priesen
Gott.

Er, der sprach, fuhr fort. Die Worte berauschten ihn. Er sagte zu sich
selbst: Ich spreche, ich spreche, endlich spreche ich. Ich sage ihnen mein
Geheimnis, und ich sage es doch nicht. Zum ersten Male, seit er das groe
Opfer gebracht hatte, war er frei von Kummer.

                  *       *       *       *       *

Es war ein Sonntagnachmittag im Hochsommer. Die Stadt sah wie eine
Steinwste aus, wie eine Mondlandschaft. Man sah keine Katze, keinen
Sperling, kaum eine Fliege an einer sonnigen Wand. Kein Schornstein
rauchte. In den schwlen Straen war keine Luft. Das Ganze war nur ein
steinbester Acker, aus dem Steinwnde wuchsen.

Wo waren Hunde und Menschen? Wo waren die jungen Damen in schmalen Rcken
und weiten rmeln, langen Handschuhen und roten Sonnenschirmen? Wo waren
Soldaten und Stutzer, Heilsarmeesoldaten und Gassenjungen?

Wohin zogen an dem taufrischen Morgen alle die bunten Lustfahrerscharen,
alle die Krbe und Ziehharmonikas und Flaschen, die das Dampfboot ans Land
lud. Oder wo kam er hin, der lange Guttemplerzug? Die Fahnen wehten, die
Trommeln drhnten, Gassenjungen schwrmten, stampften, schrien hurra. Oder
wo blieben sie, die blauen Schleierchen, unter denen die Kleinen schliefen,
whrend Vater und Mutter sie andchtig ber die Gasse schoben.

Alle waren sie auf dem Wege hinaus in den Wald. Sie klagten ber die langen
Straen. Es war, als wenn die Steinhuser ihnen nachjagten. Endlich,
endlich schimmerte Grn. Und gleich vor der Stadt, wo der Weg sich durch
platte, feuchte Felder schlngelte, wo der Lerchengesang am vollsten
ertnte, wo der Klee honigs duftete, da lagen die ersten
Zurckgebliebenen. Die Mtze im Nacken, die Nase im Grase. Den Krper in
Sonnenschein und Blumenduft gebadet, die Seele von Mue und Ruhe erquickt.

Aber ber den Weg zum Walde eilten Provianttrger und Radfahrer. Jungen
kamen mit Spaten und blanken Tornistern. Mdchen tanzten in Staubwolken.
Himmel und Fahnen und Kinder und Trompeten. Handwerkerfamilien und
Arbeiterscharen. Die sich bumenden Klepper der Charabans erhoben die
Vorderbeine ber die Haufen. Ein wilder berauschter Geselle sprang auf das
Rad. Er wurde von flinken Damen heruntergeschleudert und blieb zappelnd auf
dem Rcken im Staube der Landstrae liegen.

Drinnen im Walde spielte und sang, fltete und schluchzte eine Nachtigall.
Die Birken kamen nicht gut fort, sie hatten schwarze Stmme. Die Buchen
bauten hohe Tempel, Stockwerk auf Stockwerk von quergestreiftem Grn. Der
Frosch sa da und zielte mit der Zunge. Und jedesmal fing er eine Fliege.
Der Igel patschte in dem alten raschelnden Buchenlaub herum. Libellen
huschten ber das Moor mit glitzernden Flgeln. Die Menschen lieen sich
um die Ekrbe nieder. Goldkfer krochen rings um sie durch das Gras. Die
piepsenden funkelnden Grillen suchten ihren Sonntag froh zu machen.

Pltzlich verschwand der Igel, er rollte sich erschrocken in seine
Stacheln. Die Grillen tauchten in das Grn unter, ganz verstummt. Die
Nachtigall sang aus Leibeskrften. Es waren Gitarren, Gitarren. Die
Heilsarmee zog unter den Buchen ein. Die Leute erwachten aus der stumpfen
Ruhe unter den Bumen. Tanzboden und Krocketplatz wurden verdet. Schaukel
und Karussell hatten eine Stunde Rast. Alles strmte dem Lager der
Heilsarmee zu. Die Bnke fllten sich, und auf jeder Erdhhe saen Zuhrer.

Jetzt war die Armee gewachsen und stark und mchtig geworden. Um manche
liebliche Wange schlo sich der Heilsarmeehut. Mancher starke Mann trug das
rote Wams. Es herrschte Friede und Ordnung unter der Menge. Schimpfworte
wagten sich nicht ber die Lippen. Die Flche verrollten unschdlich hinter
den Zhnen. Und Matts Wik, der Schuhmacher, der gewaltige Gotteslsterer,
stand jetzt als Fahnenwchter unter der Estrade. Er war auch einer der
Glubigen. Die Enden der roten Fahne liebkosten freundlich seinen grauen
Kopf.

Die Heilsarmeesoldatinnen hatten den Alten nicht vergessen. Sie hatten ihm
ihren ersten Sieg zu danken. Sie waren in seiner Einsamkeit zu ihm
gekommen. Sie wuschen seine Stube und besserten seine Kleider aus. Sie
weigerten sich nicht, mit ihm umzugehen. Und bei ihren Zusammenknften
durfte er sprechen. Seit er sein Schweigen gebrochen hatte, war er
glcklich. Er stand nicht mehr als ein Feind Gottes da. Eine brausende
Kraft erfllte ihn. Er war glcklich, wenn er ihr Luft machen durfte. Wenn
die Sle vor seiner Lwenstimme erzitterten, war er glcklich.

Er sprach immer von sich selbst. Er erzhlte immer seine eigne Geschichte.
Das Schicksal des Verkannten schilderte er. Er sprach von Opfern bis aufs
Blut, die gebracht worden waren, ohne Lohn zu gewinnen, ohne Anerkennung zu
finden. Er kleidete das ein, was er erzhlte. Er erzhlte sein Geheimnis
und erzhlte es doch nicht.

Aus ihm wurde ein Dichter. Er bekam die Kraft, die Herzen zu gewinnen. Um
seinetwillen sammelte sich die Menge vor der Estrade der Heilsarmee. Er zog
sie hin mit den berckend phantastischen Bildern, die sein krankes Hirn
erfllten. Er fesselte sie mit den Worten ergreifender Klage, die seines
Herzens Qual ihn gelehrt hatte.

Vielleicht hatte sein Geist schon einmal in dieser Welt des Todes und des
Wechsels geweilt. Vielleicht war er damals ein mchtiger Dichter gewesen,
erfahren in der Kunst, auf den Saiten des Herzens zu spielen. Aber um
schwerer Verbrechen willen war er verurteilt worden, sein Erdenleben
abermals zu beginnen, von seiner Hnde Arbeit zu leben, unbekannt mit der
Macht des Geistes. Doch jetzt hatte sein Kummer den Kerker seines Geistes
gesprengt. Seine Seele war ein eben befreiter Gefangner. Lichtscheu und
verwirrt, aber dennoch jubelnd ber ihre Freiheit zog sie ber die
einstigen Schlachtfelder.

Der wilde, ungelehrte Snger, die schwarze Drossel, die unter Staren
aufgewachsen war, lauschte mitrauisch den Worten, die ihm auf die Lippen
kamen. Woher hatte er die Macht, die Menge zu zwingen, hingerissen seiner
Rede zu lauschen? Woher hatte er die Macht, stolze Menschen auf die Knie zu
zwingen, sie die Hnde ringen zu lassen? Er erzitterte, ehe er zu reden
begann. Dann kam ruhige Zuversicht ber ihn. Aus der niemals ermessenen
Tiefe seines Leidens stiegen unablssig Wolken von qualschweren Worten
empor.

Diese Reden wurden nie gedruckt. Sie waren Jagdrufe, schmetternde
Hornfanfaren, lockend, belebend, erschreckend, anfeuernd. Nicht zu fangen,
nicht wiederzugeben. Sie waren Blitze und rollende Donnerschlge. Die
Herzen erschtterten sie in dstrer Angst. Aber vergnglich waren sie,
niemals lieen sie sich fangen. Der Wasserfall kann bis auf den letzten
Tropfen gemessen werden, das irrende Spiel des Schaumes lt sich malen,
nicht aber der schnelle, irrende, rauschende, wachsende, gewaltige Strom
dieser Reden.

An jenem Tage im Walde fragte er die Versammelten, ob sie wten, wie sie
Gott dienen mten.-- Wie Uria seinem Knig diente.

Nun wurde der Mann auf der Rednertribne zu Uria. Nun ritt er durch die
Wste mit seines Knigs Brief. Er war allein, die Einsamkeit ngstigte ihn.
Seine Gedanken waren dster. Aber er lchelte, wenn er an sein Weib dachte.
Die Wste wurde ein Blumengefilde, wenn er ihrer gedachte. Quellen
entsprangen aus der Erde bei dem Gedanken an sie.

Sein Kamel strzte. Seine Seele ward von bsen Ahnungen erfllt. Das
Unglck, dachte er, ist ein Geier, der die Wste liebt. Er machte nicht
kehrt, sondern ging vorwrts mit des Knigs Brief. Er trat auf Dornen. Er
ging unter Nattern und Skorpionen. Ihn drstete und hungerte. Er sah
Karawanen ihre dunklen Streifen durch den Wstensand ziehen. Er suchte sie
nicht auf. Er wagte es nicht, sich Fremden zuzugesellen. Wer des Knigs
Brief trgt, mu allein gehen. Er sah des Abends die weien Zelte der
Hirten. Sie lockten ihn, wie die lchelnde Wohnstatt seines Weibes. Er
glaubte, weie Schleier winken zu sehen. Doch er wich den Zelten aus und
ging in die Einsamkeit. Wehe, wenn sie seines Knigs Brief gestohlen
htten!

Wankend geht er, als er die sphenden Ruber hinter sich herjagen sieht. Er
denkt an des Knigs Brief. Er liest ihn, um ihn dann zu vernichten. Er
liest ihn und fat neuen Mut. Steht auf, Krieger von Juda! Er zerstrt den
Brief nicht. Er ergibt sich den Rubern nicht. Er kmpft und siegt. Und
dann weiter, weiter. Er fhrt sein Todesurteil mit sich durch tausend
Gefahren.----

So ist es, Gottes Wille mu befolgt werden bis aufs Blut, bis in den
Tod.----

Whrend Wik sprach, stand seine geschiedene Frau da und hrte ihm zu. Sie
war am Morgen in den Wald gezogen, vergngt und strahlend, am Arm des
Mannes hchst matronenhaft, respektabel bis in die Fingerspitzen. Die
Tochter und der Geselle trugen den Ekorb. Die Magd folgte mit dem jngsten
Kinde nach. Alles war Friede, Glck, Ruhe gewesen.

Dann hatten sie in einem Waldesdickicht gelegen. Sie hatten gegessen und
getrunken, gespielt und gelacht. Nicht ein Gedanke an vergangne Zeiten! Das
Gewissen schwieg wie ein gesttigtes Kind. Frher, wenn der erste Mann
betrunken an ihrem Fenster vorbeigetaumelt war, hatte sie einen Stich in
der Seele gefhlt.

Dann hatte sie gehrt, da er der Abgott der Heilsarmee geworden sei. Sie
fhlte sich daher ganz ruhig. Jetzt war sie gekommen, um ihn zu hren. Und
sie verstand ihn. Er sprach nicht von Uria. Er erzhlte von sich selbst. Er
wand sich unter dem Gedanken an sein eignes Opfer. Er ri Stcke aus seinem
eignen Herzen und warf sie unter das Volk. Sie kannte diesen Wstenreiter,
diesen Besieger der Ruber. Und diese ungestillte Qual starrte sie an wie
ein offnes Grab.--

Es wurde Nacht. Der Wald wurde menschenleer. Lebt wohl nun, Grn und
Blumen! Weiter Himmel, lebe wohl auf lange! Die Schlangen begannen um die
Hgel zu kriechen. Die Krten sprangen ber den Weg. Der Wald wurde
hlich. Alle sehnten sich heim nach der Steinwste, nach der
Mondlandschaft. Dort ist es fr Menschen gut sein. Vielleicht knnen
leidende Herzen dort einer raschen Versteinerung entgegengehen.

                  *       *       *       *       *

Frau Anna Erikson lud ihre alten Freundinnen zusammen. Die
Handwerkersgattinnen der Vorstadt und die Scheuerfrauen kamen zu ihr zum
Vormittagskaffee. Es waren dieselben da, die am Tage der Flucht bei ihr
gewesen waren. Eine war neu hinzugekommen, Maria Anderson, die Kapitnin
der Heilsarmee.

Anna Erikson hatte nun viele Wandrungen zur Heilsarmee unternommen. Sie
hatte ihren Mann gehrt. Er erzhlte immer von sich selbst. Er verkleidete
seine Geschichte. Sie erkannte sie immer. Er war Abraham. Er war Hiob. Er
war Jeremias, den das Volk in den Brunnen warf. Er war Elisa, den die
Kinder auf dem Wege verhhnten.

Dieser Schmerz erschien ihr bodenlos. Dieser Kummer lieh sich alle Stimmen,
er machte sich Masken aus allem, was ihm begegnete. Sie begriff nicht, da
der Mann sich gesund sprach, da es in seinem Innern leuchtete und lachte
vor Freude ber die Dichtermacht.

Sie hatte ihre Tochter mit zur Armee geschleppt. Die Tochter hatte nicht
gehen wollen. Sie war sittsam, streng, pflichttreu. Keine Jugend spielte in
ihrem Blut. Sie war alt geboren.

Sie hatte sich ihres Vaters immer geschmt. So war sie herangewachsen. Sie
ging gerade, herbe, gleichsam als sagte sie: Seht, eines verachteten
Mannes Tochter! Seht, ob Staub auf meinem Kleide ist! Ist ein Tadel auf
meinem Wandel? Ihre Mutter war stolz auf sie. Dennoch seufzte sie
bisweilen: Ach, da meiner Tochter Hnde weniger wei wren, vielleicht
wren dann ihre Liebkosungen wrmer!

Das Mdchen sa in der Armee, spttisch lchelnd. Sie verachtete die
Theatervorstellung. Als ihr Vater hinauftrat, um zu sprechen, wollte sie
gehen. Frau Anna Eriksons Hand umklammerte die ihre fest wie eine Zange.
Das Mdchen blieb sitzen. Der Wortstrom begann ber sie hinzubrausen. Aber
was zu ihr sprach, waren nicht so sehr die Worte, als die Hand ihrer
Mutter.

Diese Hand krmmte sich, krampfhafte Zuckungen durcheilten sie. Sie lag
schlaff, gleichsam tot in der ihren, sie griff wild um sich, fieberhei.
Das Gesicht ihrer Mutter verriet nichts. Nur die Hand litt und kmpfte.

Der alte Redner beschrieb das Martyrium des Schweigens. Jesu Freund lag
krank. Seine Schwestern sandten ihm Boten. Aber seine Zeit war noch nicht
gekommen. Fr Gottes Reich mute Lazarus sterben.

Er lie nun allen Zweifel, alle Verleumdung auf Christus niedersausen. Er
beschrieb sein Leiden. Sein eignes Mitleid qulte ihn. Er machte alle
Todespein durch, er wie Lazarus. Und doch mute er schweigen.

Nur ein Wort htte es ihn gekostet, die Achtung der Freunde
wiederzugewinnen. Er schwieg. Er mute die Klage der Schwestern hren. Er
sagte ihnen die Wahrheit in Worten, die sie nicht verstanden. Die Feinde
hhnten ihn.

Und so weiter, immer ergreifender und ergreifender.

Anna Eriksons Hand lag in der der Tochter. Diese Hand beichtete und
bekannte: Der Mann dort drben trgt selbst das Martyrium des Schweigens.
Er wird zu Unrecht angeklagt. Mit einem Worte knnte er sich frei machen.

Das Mdchen ging mit ihrer Mutter heim. Sie gingen stumm. Das Gesicht des
jungen Mdchens war wie Stein. Sie grbelte, suchte alles auf, was die
Erinnerung ihr sagen konnte. Ihre Mutter sah angstvoll zu ihr auf. Was
wute sie?

An dem Tage darauf hatte Anna Erikson ihre Kaffeegesellschaft. Man sprach
gar lustig vom Markt des Tages, von dem Preise der Holzschuhe, von
diebischen Mgden. Die Frauen plauderten und lachten. Sie gossen Kaffee in
die Untertassen. Sie waren heiter und sorglos. Frau Anna Erikson konnte
nicht verstehen, woher es gekommen war, da sie sie frher gefrchtet, da
sie immer geglaubt hatte, da diese sie richten wrden.

Als sie mit ihrer zweiten Tasse versehen waren, als sie wohlbehaglich
dasaen und der Kaffee auf dem Rand der Tassen zitterte und die Teller mit
Weizenbrot beladen waren, nahm sie das Wort. Ihre Worte waren ein wenig
feierlich, aber ihre Stimme war ruhig.

In der Jugend ist man unvorsichtig. Ein Mdchen, das sich verheiratet hat,
ohne recht zu bedenken, was sie auf sich nimmt, kann in groe Not kommen.
Wer hat es schlimmer getroffen als ich?

Das wuten sie alle. Sie waren bei ihr gewesen und hatten mit ihr
getrauert.

In der Jugend ist man unvernnftig. Man verschweigt das, was man sagen
sollte, weil man sich schmt. Man wagt nicht zu sprechen, aus Furcht vor
dem, was die Leute sagen knnten. Wer nicht zur rechten Zeit gesprochen
hat, kann es ein ganzes Leben lang bereuen.

Sie glaubten alle, da dies wahr sei.

Sie hatte Wik gestern gehrt, wie so viele Male zuvor. Jetzt mute sie
ihnen allen etwas ber ihn sagen. Es kam eine brennende Unruhe ber sie,
wenn sie bedachte, was er um ihretwillen gelitten hatte. Dennoch meinte
sie, da er, der alt gewesen war, es besser htte verstehen sollen, als
sie, das junge Ding zum Eheweib zu nehmen.

Ich wagte es in meiner Jugend nicht zu sagen. Aber er ist aus
Barmherzigkeit von mir fort, weil er glaubte, da ich Erikson haben wollte.
Ich habe seinen Brief dafr.

Sie las ihnen den Brief vor. Eine Trne kam wohlanstndig ihre Wangen
hinabgeglitten.

Er hatte in seiner Eifersucht falsch gesehen. Zwischen Erikson und mir war
damals nichts. Es war vier Jahre, ehe wir heirateten. Aber ich will dies
jetzt sagen, denn Wik ist zu gut, um so verkannt herumzulaufen. Er ist
nicht aus Leichtsinn von Frau und Kindern fort, sondern in guter Absicht.
Ich mchte, da dies berall bekannt wird. Kapitnin Anderson kann
vielleicht den Brief in der Armee vorlesen. Ich will, da Wik Genugtuung
widerfhrt. Ich wei auch, da ich allzulange geschwiegen habe, aber man
gibt sich nicht gern selbst eines Trunkenboldes wegen preis. Jetzt ist es
eine andre Sache.

Die Frauen saen frmlich versteinert da. Anna Erikson bebte die Stimme ein
wenig, und sie sagte mit einem matten Lcheln:

Jetzt wollt ihr Frauen vielleicht gar nie mehr zu mir kommen?

Aber warum denn! Frau Erikson war doch noch so jung! Und Frau Erikson
konnte doch nichts dafr.-- Es war ja seine Schuld, wenn er sich solche
Dinge einbildete.

Sie lchelte. Dies waren die harten Schnbel, die sie zerreien sollten.
Die Wahrheit war nicht gefhrlich, und die Lge auch nicht. Die Fe der
jungen Mnner warteten nicht vor ihrer Tr.

Wute sie oder wute sie nicht, da ihre lteste Tochter an demselben
Morgen ihr Haus verlassen hatte und zu ihrem Vater gegangen war?

                  *       *       *       *       *

Das Opfer, das Matts Wik gebracht hatte, um die Ehre seiner Frau zu retten,
wurde bekannt. Er wurde bewundert. Er wurde verlacht. Sein Brief wurde in
der Armee vorgelesen. Einige weinten aus Rhrung. Auf der Strae kamen
Leute auf ihn zu und drckten ihm die Hand. Seine Tochter zog zu ihm.

An den nchsten Abenden nach diesem schwieg er bei den Zusammenknften. Er
fhlte keinen innern Ruf. Einmal baten sie ihn, zu sprechen. Er stieg auf
die Estrade, faltete die Hnde und begann.

Als er ein paar Worte gesagt hatte, hielt er verwirrt inne. Er erkannte die
Stimme nicht wieder. Wo war das Lwengebrll? Wo der brausende Nordwind?
Und wo der Wortstrom? Er verstand nicht, verstand nicht.

Er wankte zurck. Ich kann nicht, murmelte er. Gott gibt mir noch nicht
Kraft zu sprechen. Er setzte sich auf die Bank nieder und sttzte den Kopf
in die Hnde. Er sammelte alle seine Denkkraft, um zuerst einmal
herauszufinden, worber er sprechen sollte. Pflegte er in frhern Tagen zu
grbeln? Konnte er jetzt grbeln? Die Gedanken drehten sich mit ihm im
Kreise.

Vielleicht wrde es gehen, wenn er sich wieder erhob, sich dorthin stellte,
wo er zu stehen pflegte und mit seinem gewohnten Gebet anfing. Er
versuchte. Er wurde aschgrau im Gesicht. Blicke hefteten sich auf ihn. Der
kalte Schwei trat ihm auf die Stirn. Nicht ein Wort kam ber seine Lippen.

Er sa auf seinem Platz und weinte, schwer sthnend. Die Gabe war ihm
genommen. Er versuchte zu sprechen, versuchte es stumm fr sich selbst.
Worber sollte er sprechen? Sein Schmerz war ihm genommen. Er hatte den
Menschen jetzt nichts zu sagen, was er ihnen nicht sagen durfte. Er hatte
kein Geheimnis einzukleiden. Er brauchte die Dichtung nicht. Die Dichtung
wich von ihm.

Es war eine Todesangst. Es war ein Kampf ums Leben. Er wollte das
festhalten, was schon gegangen war. Er wollte seinen Schmerz wieder haben,
um wieder sprechen zu knnen. Sein Schmerz war dahin. Er konnte ihn nicht
wiederfinden.

Wie ein Betrunkner schwankte er zur Estrade, wieder und immer wieder. Er
stammelte einige sinnlose Worte. Er leierte wie eine auswendig gelernte
Lektion das herunter, was er andre sagen gehrt hatte. Er versuchte, sich
selbst nachzuahmen. Er sphte nach Andacht in den Blicken, nach bebendem
Schweigen, nach hastigem Atmen. Er vernahm nichts. Was seine Freude
gewesen, war von ihm genommen.

Er sank in das Dunkel zurck. Er verfluchte es, da er mit seinen Reden
Frau und Tochter bekehrt hatte. Er hatte das Kstlichste besessen und es
verloren. Seine Verzweiflung war furchtbar.-- Aber nicht von solchem
Schmerz lebt der Genius.

Er war ein Maler ohne Hnde, ein Snger, der seine Stimme verloren hat. Er
hatte nur von seinem Schmerz gesprochen. Wovon sollte er jetzt reden?

Er betete: O Gott, da die Ehre stumm ist, aber die Verkanntheit spricht!
gib mir die Verkanntheit wieder! Da das Glck stumm ist, aber der Schmerz
spricht, gib mir den Schmerz wieder!

Aber die Krone war ihm genommen. Er sa da, elender als der Elendeste, denn
er war von den Hhen des Lebens herabgestrzt. Er war ein gefallener Knig.




Ein Weihnachtsgast


Einer von denen, die das Kavaliersleben auf Ekeby mitgelebt hatten, war der
kleine Ruster, der Noten transponieren und Flte spielen konnte. Er war von
niedriger Herkunft und arm, ohne Heim und ohne Familie. Es brachen schwere
Zeiten fr ihn an, als die Schar der Kavaliere sich zerstreute.

Nun hatte er kein Pferd und keinen Wagen mehr, keinen Pelz und keine
rotgestrichene Proviantkiste. Er mute zu Fu von Gehft zu Gehft ziehen
und trug seine Habseligkeiten in ein blaukariertes Taschentuch eingebunden.
Den Rock knpfte er bis zum Kinn hinauf zu, so da niemand zu erfahren
brauchte, wie es um das Hemd und die Weste bestellt war, und in dessen
weiten Taschen verwahrte er seine kostbarsten Besitztmer: die
auseinandergeschraubte Flte, die flache Schnapsflasche und die Notenfeder.

Sein Beruf war, Noten abzuschreiben, und wenn alles gewesen wre wie in
alten Zeiten, so htte es ihm nicht an Arbeit gefehlt. Aber mit jedem
Jahre, das ging, wurde die Musik oben in Wermland weniger gepflegt. Die
Gitarre mit ihrem morschen Seidenband und ihren gelockerten Schrauben und
das bucklige Waldhorn mit den verblichnen Quasten und Schnren wurden auf
die Rumpelkammer geschafft, und der Staub legte sich fingerdick auf den
langen, eisenbeschlagnen Geigenkasten. Doch, je weniger der kleine Ruster
mit Flte und Notenfeder zu tun bekam, desto mehr hantierte er mit der
Schnapsflasche, und schlielich wurde er ganz versoffen. Es war schade um
den kleinen Ruster.

Einstweilen wurde er noch als alter Freund auf den Herrenhfen aufgenommen,
aber es herrschte Jammer, wenn er kam, und Freude, wenn er ging. Er roch
nach Branntwein und Unsauberkeit, und wie er nur ein paar Schnpse oder
einen Toddy bekommen hatte, wurde er wirr und erzhlte unerquickliche
Geschichten. Er war die Geiel der gastfreien Gutshfe.

Einmal um die Weihnachtszeit kam er nach Lfdala, wo Liljekrona, der groe
Violinspieler, daheim war. Liljekrona war auch einer der Ekebykavaliere
gewesen, aber nach dem Tode der Majorin zog er auf sein prchtiges Gut
Lfdala und verblieb dort. Nun kam Ruster in den Tagen vor dem
Weihnachtsabend zu ihm, mitten in die Festvorbereitungen, und verlangte
Arbeit. Liljekrona gab ihm einige Noten abzuschreiben, um ihn zu
beschftigen.

Du httest ihn lieber gleich fortschicken sollen, sagte seine Frau,
jetzt wird er das so in die Lnge ziehen, da wir ihn ber den heiligen
Abend hierbehalten mssen.

Irgendwo mu er doch sein, sagte Liljekrona. Und er bewirtete Ruster mit
Toddy und Branntwein, leistete ihm Gesellschaft und lebte die ganze Ekebyer
Zeit noch einmal mit ihm durch. Aber er war verstimmt und seiner
berdrssig, er, wie alle die andern, obgleich er es nicht merken lassen
wollte, denn alte Freundschaft und Gastfreiheit waren ihm heilig.

Aber in Liljekronas Haus hatten sie sich nun drei Wochen lang fr das
Weihnachtsfest gerstet. Sie hatten in Unbehagen und Hast gelebt, sich die
Augen bei Talglichtern und Kienspnen rotgewacht, im Schuppen beim
Fleischeinsalzen und im Bruhaus beim Bierbrauen gefroren. Doch die
Hausfrau sowohl wie die Dienstleute hatten sich all dem ohne Murren
unterzogen.

Wenn alle Verrichtungen beendet waren und der heilige Abend anbrach, dann
wrde ein ser Zauber sie gefangennehmen. Das Weihnachtsfest wrde
bewirken, da Scherz und Spa, Reim und Frhlichkeit ihnen ohne alle Mhe
auf die Lippen kam. Aller Fe wrden Lust bekommen, sich im Tanze zu
drehen, und aus den dunklen Winkeln der Erinnerung wrden die Worte und
Melodien der Tanzspiele auftauchen, obgleich man gar nicht glauben konnte,
da sie noch immer da waren. Und dann wrden sie alle so gut sein, so gut!

Aber als nun Ruster kam, fand der ganze Haushalt von Lfdala, da
Weihnachten verdorben war. Die Hausfrau und die ltern Kinder und treuen
Diener waren alle derselben Meinung. Ruster rief bei ihnen eine erstickende
Angst hervor. Sie frchteten berdies, da, wenn er und Liljekrona
anfingen, sich in den alten Erinnerungen zu tummeln, das Knstlerblut in
dem groen Violinspieler aufflammen wrde und sein Heim ihn verlieren
mute. Einst hatte es ihn nie lange daheim gelitten.

Es lt sich nicht beschreiben, wie sie jetzt auf dem Hofe den Hausherrn
liebten, seit sie ihn ein paar Jahre hatten bei sich behalten drfen. Und
was hatte er zu geben! Wie war er doch viel fr sein Heim, besonders zu
Weihnachten! Er hatte seinen Platz nicht auf irgendeinem Sofa oder
Schaukelstuhl, sondern auf einer hohen, schmalen, glattgescheuerten
Holzbank in der Kaminecke. Wenn er dort hinaufgekommen war, dann ritt er
auf Abenteuer aus. Er fuhr rings um die Erde, er stieg zu den Sternen und
noch hher empor. Er spielte und sprach abwechselnd, und alle Hausleute
versammelten sich um ihn und hrten zu. Das ganze Leben wurde stolz und
schn, wenn der Reichtum dieser einzigen Seele es berstrahlte.

Darum liebten sie ihn, so wie sie das Weihnachtsfest, die Freude, die
Frhlingssonne liebten. Und als nun der kleine Ruster kam, war ihr
Weihnachtsfriede zerstrt. Sie hatten vergeblich gearbeitet, wenn nun
dieser kam und den Herrn des Hauses fortlockte. Es war ungerecht, da
dieser Sufer am Weihnachtstische eines frommen Hauses sitzen und alle
Weihnachtsfreude stren sollte.

Am Vormittag des Weihnachtsabends hatte der kleine Ruster seine Noten
fertiggeschrieben, und da lie er ein paar Worte von Fortgehen fallen,
obgleich es natrlich seine Absicht war, zu bleiben.

Liljekrona war von der allgemeinen Verstimmung angesteckt und sagte darum
ganz lahm und matt, da es wohl das beste wre, wenn Ruster ber
Weihnachten da bliebe, wo er war.

Der kleine Ruster war stolz und leicht entflammt. Er drehte seinen
Schnurrbart auf und schttelte die schwarze Knstlermhne, die gleich einer
dunklen Wolke um seinen Kopf stand. Was meinte Liljekrona eigentlich? Er
sollte bleiben, weil er nirgends andershin fahren konnte? Ah, man denke
nur, wie sie in den groen Eisenwerken im Broer Kirchspiel standen und auf
ihn warteten! Die Gaststube war bereit, der Willkommensbecher gefllt. Er
hatte solche Eile. Er wute nur nicht, zu wem er zuerst fahren sollte.

Gott bewahre, sagte Liljekrona, so fahre doch.

Nach dem Mittagessen lieh sich der kleine Ruster Pferd und Schlitten, Pelz
und Decken. Der Knecht von Lfdala sollte ihn zu irgendeinem Gutshof in Bro
kutschieren und dann rasch heimfahren, denn es sah nach einem Schneesturm
aus.

Niemand glaubte, da er erwartet wurde, oder da es ein einziges Haus in
der Umgegend gab, wo er willkommen gewesen wre. Aber sie wollten ihn so
gerne los werden, da sie sich dies verhehlten und ihn ziehen lieen. Er
hat es selbst gewollt, sagten sie. Und nun, dachten sie, wollten sie
frhlich sein.

Aber als sie sich gegen fnf Uhr im Esaal versammelten, um Tee zu trinken
und um den Christbaum zu tanzen, war Liljekrona stumm und verstimmt. Er
setzte sich nicht auf die Mrchenbank, er berhrte weder Tee noch Punsch,
er erinnerte sich an keine Polka, die Violine war verstimmt. Wer spielen
und tanzen konnte, mochte es ohne ihn tun.

Da wurde die Gattin unruhig, da wurden die Kinder mivergngt, alles im
ganzen Hause ging verkehrt. Es wurde der allertrbseligste Weihnachtsabend.

Die Grtze brannte an, die Lichter flackerten, das Holz rauchte, der Wind
blies bittere Klte in die Stuben. Der Knecht, der Ruster kutschiert hatte,
kam nicht heim. Die Haushlterin weinte, die Mgde zankten.

Pltzlich erinnerte sich Liljekrona, da man den Spatzen keine Garbe
hinausgehngt hatte, und er beklagte sich laut ber alle Frauen rings um
ihn, die alte Sitte auer acht lieen und neumodisch und herzlos waren.
Aber sie begriffen wohl, da das, was ihn qulte, die Gewissensbisse waren,
da er den kleinen Ruster am heiligen Weihnachtsabend aus seinem Hause
hatte fortgehen lassen.

Und ehe man sich's versah, ging er in sein Zimmer, versperrte die Tr und
begann zu spielen, wie er nicht gespielt, seit er zu wandern aufgehrt
hatte. Es war Ha und Hohn, es war Sehnsucht und Sturm. Ihr dachtet mich
zu binden, aber ihr mt eure Fesseln umschmieden. Ihr dachtet, mich
kleinsinnig zu machen, wie ihr selbst seid. Aber ich ziehe hinaus ins
Groe, ins Freie. Alltagsmenschen, Haussklaven, fanget mich, wenn es in
eurer Macht steht!

Als die Gattin diese Tne hrte, sagte sie: Morgen ist er fort, wenn Gott
nicht in dieser Nacht ein Wunder tut. Jetzt hat unsre Ungastfreundlichkeit
gerade das hervorgerufen, was wir vermeiden zu knnen glaubten.

Indessen fuhr der kleine Ruster in dem Schneetreiben herum. Er fuhr von
einem Hause zum andern und fragte, ob es Arbeit fr ihn gbe, aber nirgends
wurde er aufgenommen. Sie forderten ihn nicht einmal auf, aus dem Schlitten
zu steigen. Einige hatten das Haus voll Besuch, andre wollten am
Weihnachtstage ber Land fahren. Versuche es beim nchsten Nachbar,
sagten sie alle.

Er mochte immerhin kommen und das Behagen von ein paar Werktagen stren,
nicht aber das des Weihnachtsabends. Das Jahr hatte nur einen
Weihnachtsabend, und auf den hatten sich die Kinder den ganzen Herbst
gefreut. Man konnte doch diesen Menschen nicht an einen Weihnachtstisch
setzen, wo es Kinder gab. Frher hatten sie ihn gern aufgenommen, aber
nicht jetzt, wo er dem Trunk ergeben war. Was sollte man auch mit dem
Menschen anfangen? Die Gesindestube war zu schlecht und das Gastzimmer zu
fein.

So mute der kleine Ruster von Hof zu Hof ziehen, in dem peitschenden
Schneesturm. Der nasse Schnurrbart hing schlaff ber den Mund, die Augen
waren blutgesprengt und verschleiert, aber der Branntwein verflchtete sich
aus seinem Hirn. Ruster begann zu grbeln und zu staunen. War es mglich,
war es mglich, da niemand ihn aufnehmen wollte?

Da sah er mit einem Male sich selbst. Er sah, wie jmmerlich und verkommen
er war, und er begriff, da er den Menschen verhat sein mute. Mit mir ist
es aus, dachte er. Es ist aus mit dem Notenschreiben, es ist aus mit der
Flte. Niemand auf Erden braucht mich, niemand hat Barmherzigkeit mit mir.

Der Schneesturm schnurrte und spielte, er ri die Schneehaufen auf und
trmte sie wieder zusammen, er nahm eine Schneesule in die Arme und tanzte
damit bers Feld, er hob eine Flocke himmelhoch und strzte eine andre in
eine Grube. So ist es, so ist es, sagte der kleine Ruster, solange man
fhrt und tanzt, ist es ein frhlich Spiel, doch wenn man hinab in die Erde
soll, dort eingebettet und verwahrt werden, dann ist es Kummer und
Herzeleid. Doch hinab muten alle, und jetzt war er an der Reihe. Man
denke, da er nun zum Ende gekommen war.

Er fragte nicht mehr danach, wohin der Knecht ihn fhrte. Es deuchte ihn,
da er in das Reich des Todes fuhr.

Der kleine Ruster verbrannte keine Gtter auf dieser Fahrt. Er verfluchte
weder das Fltenspiel noch das Kavaliersleben, er dachte nicht, da es
besser fr ihn gewesen wre, wenn er die Erde gepflgt oder Schuhe genht
htte. Aber darber klagte er, da er nun ein ausgespieltes Instrument war,
das die Freude nicht mehr gebrauchen konnte. Niemanden klagte er an, denn
er wute, wenn das Waldhorn gesprungen ist und die Gitarre die Stimmung
nicht hlt, dann mssen sie fort. Er wurde pltzlich ein sehr demtiger
Mann. Er begriff, da es mit ihm zu Ende ging, jetzt am Weihnachtsabend.
Der Hunger oder die Klte wrde ihn umbringen, denn er verstand nichts, er
taugte zu nichts und hatte keine Freunde.

Da bleibt der Schlitten stehen, und auf einmal ist es hell um ihn, und er
hrt freundliche Stimmen, und da ist jemand, der ihn in ein warmes Zimmer
fhrt, und jemand, der heien Tee in ihn giet. Der Pelz wird ihm
abgenommen, und mehrere Menschen rufen, da er willkommen ist, und warme
Hnde reiben Leben in seine erstarrten Finger.

Von alledem wurde ihm so wirr im Kopfe, da er wohl eine Viertelstunde
nicht zur Besinnung kam. Er konnte unmglich begreifen, da er wieder nach
Lfdala gekommen war. Er war sich gar nicht bewut gewesen, da der Knecht
es satt bekommen hatte, im Schneesturm herumzufahren und nach Hause
umgekehrt war.

Ebensowenig verstand er, warum er jetzt in Liljekronas Haus so freundlich
empfangen wurde. Er konnte nicht wissen, da Liljekronas Gattin begriff,
welche schwere Fahrt er an diesem Weihnachtsabend getan hatte, wo man ihn
an jeder Tr, an die er klopfte, abgewiesen hatte. Sie hatte so groes
Mitleid mit ihm bekommen, da sie ihre eigenen Sorgen verga.

Liljekrona fuhr drinnen in seinem Zimmer mit dem wilden Spielen fort. Er
wute nichts davon, da Ruster gekommen war. Dieser sa indessen im
Speisesaal mit der Frau und den Kindern. Die Dienstleute, die am
Weihnachtsabend auch da zu sein pflegten, waren vor der Langweile bei der
Herrschaft in die Kche geflchtet.

Die Hausfrau sumte nicht, Ruster ans Werk zu setzen. Sie hren ja,
Ruster, sagte sie, da Liljekrona den ganzen Abend nichts andres tut als
spielen, und ich mu nach dem Tischdecken und dem Essen sehen. Die Kinder
sind rein verlassen. Sie mssen sich der zwei Kleinsten annehmen, Ruster.

Kinder, das war ein Menschenschlag, mit dem Ruster am wenigsten in
Berhrung gekommen war. Er hatte sie weder im Kavaliersflgel noch im
Soldatenzelt getroffen, weder in Gasthfen noch auf Landstraen. Er scheute
sich beinahe vor ihnen und wute nicht, was er sagen sollte, das fein genug
fr sie war.

Er nahm die Flte hervor und lehrte sie, auf Klappen und Lchern zu
fingern. Es war ein vierjhriges und ein sechsjhriges Bbchen. Sie bekamen
eine Lektion auf der Flte, und das interessierte sie sehr. Das ist A,
sagte er, und das ist C, und dann griff er die Tne. Da wollten die
Kleinen wissen, was fr ein A und was fr ein C das war, das gespielt
werden sollte.

Da nahm Ruster Notenpapier heraus und zeichnete ein paar Noten.

Nein, sagten sie, das ist nicht richtig. Und sie eilten fort und holten
ein Abcbuch.

Da fing der kleine Ruster an, sie das Alphabet zu berhren. Sie konnten
und konnten nicht. Es sah windig aus mit ihren Kenntnissen. Ruster wurde
eifrig, hob die Knirpschen jeden auf ein Knie und begann sie zu
unterrichten. Liljekronas Frau ging aus und ein und hrte ganz erstaunt zu.
Es klang wie ein Spiel, und die Kinder lachten die ganze Zeit, aber sie
lernten dabei, ja, das taten sie.

Ruster fuhr ein Weilchen fort, aber er war nicht recht bei dem, was er tat.
Er wlzte die alten Gedanken vom Schneesturm in seinem Kopfe. Dies war gut
und behaglich, aber mit ihm war es doch auf jeden Fall aus. Er war
verbraucht. Er wrde fortgeworfen werden. Und urpltzlich schlug er die
Hnde vors Gesicht und begann zu weinen.

Da kam Liljekronas Frau hastig auf ihn zu.

Ruster, sagte sie, ich kann verstehen, da Sie glauben, fr Sie sei
alles aus. Es geht Ihnen nicht mit der Musik, und Sie richten sich durch
den Branntwein zugrunde. Aber es ist noch nicht aus, Ruster.

Doch, schluchzte der kleine Fltenspieler.

Sehen Sie, so wie heute abend mit den Kleinen dazusitzen, das wre etwas
fr Sie. Wenn Sie die Kinder lesen und schreiben lehren wollten, dann
wrden Sie wieder berall willkommen sein. Das ist kein geringres
Instrument, um darauf zu spielen, Ruster, als Flte und Violine. Sehen Sie
sie an, Ruster!

Sie stellte die zwei Kleinen vor ihn hin, und er sah auf, blinzelnd, so,
als htte er in die Sonne gesehen. Es war, als fiele es seinen kleinen
trben Augen schwer, denen der Kinder zu begegnen, die gro und klar und
unschuldig waren.

Sehen Sie sie an, Ruster! ermahnte Liljekronas Frau.

Ich getraue mich nicht, sagte Ruster, denn es war ihm wie ein Fegefeuer,
durch die schnen Kinderaugen in die Schnheit der unbefleckten Seelen zu
schauen.

Da lachte Liljekronas Frau hell und froh auf. Dann sollen Sie sich an sie
gewhnen, Ruster. Sie sollen dieses Jahr als Schulmeister in meinem Hause
bleiben.

Liljekrona hrte seine Frau lachen und kam aus seinem Zimmer.

Was gibt es? sagte er. Was gibt es?

Nichts andres, antwortete sie, als da Ruster wiedergekommen ist, und
da ich ihn zum Schulmeister fr unsre kleinen Jungen bestellt habe.

Liljekrona war ganz verblfft. Wagst du das, sagte er, wagst du es? Er
hat wohl versprochen, nie mehr...

Nein, sagte die Frau, Ruster hat nichts versprochen. Aber er wird sich
vor mancherlei in acht nehmen mssen, wenn er jeden Tag kleinen Kindern in
die Augen sehen soll. Wre es nicht Weihnachten, htte ich dies vielleicht
nicht gewagt, aber wenn unser Herrgott es wagte, ein kleines Kindlein, das
sein eigner Sohn war, unter uns Snder zu setzen, dann kann ich es wohl
auch wagen, meine kleinen Kinder versuchen zu lassen, einen Menschen zu
retten.

Liljekrona konnte gar nicht sprechen, aber es zitterte und zuckte in jeder
Falte seines Gesichts, wie immer, wenn er etwas Groes hrte.

Dann kte er seiner Frau die Hand, so fromm wie ein Kind, das um
Verzeihung bittet, und rief laut: Alle Kinder sollen kommen und Mutter die
Hand kssen.

Das taten sie, und dann hatten sie ein frhliches Weihnachtsfest in
Liljekronas Heim.




Onkel Ruben


Es war einmal vor nun bald achtzig Jahren ein kleiner Junge, der auf dem
Marktplatz mit seinem Kreisel spielte. Der kleine Junge hie Ruben. Er war
nicht mehr als drei Jahre, aber er schwenkte seine kleine Peitsche so
tapfer als nur irgendeiner und lie das Kreisel schnurren, da es eine
wahre Freude war.

An diesem Tage vor achtzig Jahren war wunderschnes Frhlingswetter. Der
Monat Mrz war gekommen, und die Stadt war in zwei Welten geteilt, eine
weie und warme, wo Sonnenschein herrschte, und eine kalte und dunkle, wo
Schatten war. Der ganze Marktplatz gehrte dem Sonnenschein, bis auf einen
schmalen Rand der einen Huserreihe entlang.

Nun geschah es, da der kleine Junge, so tapfer er auch war, mde davon
wurde, seinen Kreisel schnurren zu lassen, und sich nach einem Ruheplatz
umsah. Ein solcher war nicht schwer zu finden. Es gab zwar keine Sessel
oder Bnke, aber jedes Haus war mit einer Steintreppe versehen. Der kleine
Ruben konnte sich nichts Besseres denken.

Er war ein gewissenhaftes kleines Brschchen. Er hatte eine dunkle Ahnung,
da Mutter es nicht wollte, da er auf fremder Leute Treppenstufen sitze.
Mutter war arm, aber gerade darum durfte es nie so aussehen, als ob man
andern etwas nehmen wollte. So ging er und setzte sich auf ihre eigne
Steintreppe, denn sie wohnten auch am Marktplatz.

Diese Stufen lagen im Schatten, und da war es richtig kalt. Der Kleine
lehnte den Kopf an das Gelnder, zog die Beine hinauf und fhlte sich so
wohl wie nie zuvor. Ein kleines Weilchen sah er noch, wie der Sonnenschein
drauen ber den Markt tanzte, wie Jungen umhersprangen und Kreisel
schnurrten-- dann schlo er die Augen und schlummerte ein.

Er schlief wohl eine ganze Stunde. Als er erwachte, war ihm nicht so wohl
zumute, wie als er einschlummerte, sondern alles schien so furchtbar
unbehaglich. Er lief zu Mutter hinein und weinte, und Mutter sah, da er
krank war und legte ihn ins Bett. Und nach ein paar Tagen war der Knabe
tot.

Aber damit ist seine Geschichte nicht zu Ende. Es kam nmlich so, da seine
Mutter ihn so recht aus tiefstem Herzensgrund betrauerte, mit solch einem
Schmerz, der den Jahren und dem Tode trotzt. Mutter hatte noch mehrere
andre Kinder, viele Sorgen nahmen ihre Zeit und ihre Gedanken in Anspruch,
aber es gab immer noch einen Raum in ihrem Herzen, wo ihr Sohn Ruben ganz
ungestrt hausen konnte. Fr sie blieb er stets lebendig. Sah sie eine
Kinderschar auf dem Marktplatz spielen, so sprang er da mit herum, und wenn
sie dann im Hause arbeitete und aufrumte, so glaubte sie steif und fest,
da der Kleine noch drauen auf der gefhrlichen Steinstufe sa und
schlief. Sicherlich war keines von Mutters lebenden Kindern ihren Gedanken
so gegenwrtig wie das tote.

Einige Jahre nach seinem Tode bekam der kleine Ruben ein Schwesterchen, und
als diese so alt wurde, da sie drauen auf dem Marktplatz herumlaufen und
Kreisel spielen konnte, geschah es, da auch sie sich auf die Steinstufe
setzte, um auszuruhen. Aber in demselben Augenblick hatte Mutter das
Gefhl, als ob jemand sie am Rocke zupfte. Sie lief sogleich hinaus und
packte das kleine Schwesterchen so hart an, als sie sie aufhob, da diese
sich daran erinnerte, solange sie lebte.

Und noch weniger verga sie, wie merkwrdig Mutters Gesicht ausgesehen und
wie ihre Stimme gezittert hatte, als sie sagte: Weit du, da du einmal
einen kleinen Bruder hattest, der Ruben hie und der starb, weil er hier
auf dieser Steinstufe sa und sich erkltete? Du willst doch nicht von
Mutter wegsterben, Berta?

Bruder Ruben wurde fr seine Brder und Schwestern bald ebenso lebendig wie
fr seine Mutter. Sie hatte eine Art, da sie alle mit ihren Augen sahen,
und bald hatten sie dieselbe Gabe wie sie, ihn drauen auf der Steinstufe
sitzen zu sehen. Und natrlich fiel es keinem von ihnen ein, sich dort
hinzusetzen. Ja, sobald sie irgend jemanden auf einer Steinstufe oder einem
Steingelnder oder einem Stein am Wegesrand sitzen sahen, gab es ihnen
einen Stich ins Herz, und sie muten an Bruder Ruben denken.

Ferner geschah es Bruder Ruben, da er von allen Geschwistern am hchsten
gestellt wurde, wenn sie voneinander sprachen. Denn alle Kinder wuten ja,
da sie ein beschwerliches und lstiges Geschlecht waren, das Mutter nur
Mhe und Sorge bereitete. Sie konnten nicht glauben, da Mutter so sehr
darber trauern wrde, einen von ihnen zu verlieren. Aber da Mutter Bruder
Ruben wirklich betrauerte, so war es doch sicher, da er viel, viel artiger
gewesen sein mute, als sie waren.

Es kam auch nicht so selten vor, da eines von ihnen dachte: Ach, wer doch
Mutter soviel Freude machen knnte wie Bruder Ruben! Und dennoch wute
keines mehr von ihm, als da er Kreisel gespielt und sich auf einer
Steinstufe erkltet hatte. Aber er mute ja merkwrdig gewesen sein, da
Mutter eine solche Liebe zu ihm hatte.

Merkwrdig war es auch, er machte Mutter von allen Kindern am meisten
Freude. Sie war Witwe geworden und arbeitete in Sorge und Not. Aber die
Kinder hatten einen so festen Glauben an Mutters Trauer um den kleinen
Dreijhrigen, da sie berzeugt waren, da, wenn er nur am Leben geblieben
wre, Mutter sich ihr Unglck nicht so zu Herzen genommen htte. Und
jedesmal, wenn sie Mutter weinen sahen, glaubten sie, es sei, weil Bruder
Ruben tot war, oder auch, weil sie selbst nicht so wie Bruder Ruben waren.
Bald erwachte in ihnen allen eine immer strkre Lust, mit dem kleinen Toten
um Mutters Zuneigung zu wetteifern. Es gab nichts, was sie nicht fr Mutter
getan htten, wenn sie ihnen nur ebenso gut sein wollte wie ihm. Und um
dieser Sehnsucht willen meine ich, da Bruder Ruben das ntzlichste von
allen Kindern Mutters war.

Denkt nur, als der lteste Bruder einen Fremden ber den Flu ruderte und
damit seine ersten Groschen verdiente, da kam er und gab sie seiner Mutter,
ohne sich auch nur einen einzigen Batzen zu behalten! Da sah Mutter so
frhlich aus, da ihm das Herz vor Stolz schwoll, und er konnte nicht
umhin, zu verraten, wie ungeheuer ehrgeizig er gewesen war.

Mutter, bin ich jetzt nicht ebenso gut wie Bruder Ruben?

Mutter sah ihn prfend an. Es war, als vergliche sie sein frisches,
strahlendes Gesicht mit dem kleinen blassen drauen auf den Steinstufen.
Und Mutter htte sicherlich gerne ja geantwortet, wenn sie gekonnt htte,
aber sie konnte nicht.

Mutter hat dich sehr lieb, Ivan, aber so wie Bruder Ruben wirst du nie.

Es war unerreichbar, das sahen alle Kinder ein, und dennoch konnten sie es
nicht lassen, das Unerreichbare zu erstreben.

Sie wuchsen zu tchtigen Menschen heran, arbeiteten sich zu Vermgen und
Ansehen herauf, whrend Bruder Ruben nur still auf seiner Steinstufe sa.
Aber er hatte dennoch einen Vorsprung. Er war nicht einzuholen.

Und bei jedem Fortschritt, bei jeder Verbesserung, als es ihnen so
allmhlich gelang, Mutter ein gutes Heim und Wohlstand zu bieten, mute es
Lohn genug fr sie sein, wenn Mutter sagte: Ach, da mein kleiner Ruben
das noch gesehen htte!

Bruder Ruben begleitete Mutter durch das ganze Leben bis zu ihrem
Totenbett. Er war es, der den Todesqualen den Stachel nahm, wute sie doch,
da sie sie zu ihm fhrten. Mitten im grten Jammer konnte Mutter bei dem
Gedanken lcheln, da sie ging, um dem kleinen Ruben zu begegnen.

Und so starb sie, deren treue Liebe einen kleinen Dreijhrigen erhht und
vergttert hatte.

Aber selbst da war die Geschichte des kleinen Ruben noch nicht zu Ende. Fr
alle seine Geschwister war er ein Symbol des arbeitsamen Lebens im Heim
geworden, der Liebe zu Mutter, aller der rhrenden Erinnerungen aus den
Jahren der Mhe und des Mierfolges. Es lag immer etwas Warmes und Schnes
in ihrer Stimme, wenn sie von ihm sprachen. Es war Weihe und Feierstimmung
um den kleinen Dreijhrigen.

So glitt er auch in das Leben seiner Geschwisterkinder. Mutters Liebe hatte
ihn zu einer Gre gemacht, und die Groen, die wirken und ben Einflu
Geschlecht fr Geschlecht.

Schwester Berta hatte einen Sohn, der in recht nahe Berhrung mit Onkel
Ruben kam.

Er war vier Jahre an dem Tage, an dem er auf dem Bordsteinrande sa und in
den Rinnstein hinabguckte. Der strmte von Regenwasser. Hlzchen und Halme
schwammen mit abenteuerlichen Schwingungen das seichte Gewsser hinab. Der
Kleine sa da und sah mit der Ruhe zu, die man empfindet, wenn man das
abenteuerliche Dasein andrer verfolgt und selbst in Sicherheit ist.

Aber sein friedliches Philosophieren wurde von seiner Mutter unterbrochen,
die in demselben Augenblick, in dem sie ihn sah, an die Steinstufe daheim
und an den Bruder denken mute.

Ach, mein lieber kleiner Junge, sagte sie, sitze nicht so da! Weit du
nicht, da deine Mama einen kleinen Bruder hatte, der Ruben hie und vier
Jahre war, gerade so wie du jetzt? Er starb, weil er sich auf einen solchen
Stein gesetzt und sich erkltet hatte.

Dem Kleinen war es nicht willkommen, in seinen angenehmen Gedanken gestrt
zu werden. Er sa da und philosophierte, whrend sein blondes, lockiges
Haar ihm bis in die Augen fiel.

Schwester Berta htte es fr keinen andern getan, aber um ihres lieben
Bruders willen schttelte sie den Kleinen recht unsanft. Und so lernte er
Respekt vor Onkel Ruben.

Ein andres Mal war dieses blondlockige junge Herrchen auf dem Eise
umgefallen. Er war aus purer Bosheit von einem groen, bsen Jungen
umgeworfen worden, und da blieb er nun sitzen und weinte, um so recht zu
zeigen, welches Unrecht ihm geschehen war, besonders da seine Mama nicht
weit weg sein konnte.

Aber er hatte vergessen, da seine Mutter doch zu allererst Onkel Rubens
Schwester war. Als sie Axel auf dem Eise sitzen sah, da kam sie gar nicht
begtigend und trstend, sondern nur mit diesem ewigen:

Sitze nicht so, mein kleiner Junge! Denke an Onkel Ruben, welcher starb,
gerade als er fnf Jahre alt war, so wie du jetzt, weil er sich in einen
Schneehaufen gesetzt hatte.

Der Junge stand gleich auf, als er von Onkel Ruben sprechen hrte, aber er
fhlte die Klte bis ins Herz. Wie konnte Mama von Onkel Ruben erzhlen,
wenn ihr kleiner Junge so traurig war. Seinethalben konnte er sich schon
hinsetzen und sterben, wo es ihm beliebte, aber jetzt war es, als wenn ihm
dieser Tote seine eigne Mama nehmen wollte, und das konnte Axel nicht
zulassen. So lernte er Onkel Ruben hassen.

Hoch oben im Stiegenaufgang daheim bei Axel war eine Steinbalustrade, auf
der es schwindelnd herrlich zu sitzen war. Tief unten lag der Steinboden
des Flurs, und wer oben rittlings sa, konnte trumen, da er ber Abgrnde
dahinzog. Axel nannte die Balustrade sein gutes Ro Grane. Auf seinem
Rcken sprengte er ber brennende Wallgrben in verzauberte Schlsser. Da
sa er stolz und trotzig, whrend die groen Haarlocken von dem heftigen
Anlauf wehten, und kmpfte Sankt Georgs Kampf mit dem Drachen. Und noch war
es Onkel Ruben nicht eingefallen, dort reiten zu wollen.

Aber natrlich kam er. Gerade als der Drache sich in Todesngsten wand und
Axel in stolzer Siegesgewiheit dasa, hrte er das Kindermdchen rufen:
Axel, nicht da sitzen! Denke an Onkel Ruben, der starb, als er acht Jahre
alt war, gerade wie du jetzt, weil er auf einem Steingelnder geritten ist.
Hier darfst du nie mehr sitzen, Axel!

Solch ein neidischer alter Dummerian, dieser Onkel Ruben! Er konnte es
gewi nicht ertragen, da Axel Drachen ttete und Prinzessinnen rettete.
Wenn er sich nicht htete, wollte Axel zeigen, da auch er Ruhm gewinnen
konnte. Wenn er jetzt auf den Steinboden dort unten sprang und sich
totschlug, dann wrde er schon in den Schatten gestellt sein, dies groe
Lgenmaul!

Armer Onkel Ruben! Armer kleiner guter Junge, der drauen auf dem
sonnenbeschienenen Marktplatz mit seinem Kreisel gespielt hatte! Nun mute
er erfahren, was es heit, ein groer Mann zu sein. Eine Vogelscheuche war
er geworden, die die Zeit, die war, der kommenden aufstellte.

Es war drauen auf dem Lande bei Onkel Ivan. Eine ganze Menge Basen und
Vettern waren auf dem herrlichen Landgut versammelt. Axel ging da herum,
von seinem Ha gegen Onkel Ruben erfllt. Er wollte nur wissen, ob dieser
auch noch andre auer ihm qulte. Aber etwas schchterte ihn ein, so da er
sich nicht zu fragen getraute. Es war, als htte er damit eine Lsterung
begangen.

Endlich waren die Kinder allein. Kein Groer war dabei. Da fragte Axel, ob
sie von Onkel Ruben gehrt htten.

Er sah, wie es in den Augen aufblitzte, und wie viele kleine Fustchen sich
ballten, aber es schien, da die kleinen Mndchen Ehrfurcht vor Onkel Ruben
gelernt hatten. Still doch, sagte die ganze Schar.

Nein, sagte Axel, jetzt mchte ich wissen, ob er noch irgend jemand
anders peinigt, denn ich finde, da er der lstigste von allen Onkeln ist.

Dieses einzige mutige Wort brach den Damm, der den Harm gequlter
Kinderherzen umgab. Es gab ein groes Murren und Rufen. So mu ein Haufen
Nihilisten aussehen, wenn sie den Selbstherrscher schmhen.

Jetzt wurde das Sndenregister des armen groen Mannes aufgezhlt. Onkel
Ruben verfolgte alle seine Geschwisterkinder. Onkel Ruben starb berall, wo
es ihm gerade beliebte. Onkel Ruben war immer im gleichen Alter mit dem,
dessen Ruhe er stren wollte.

Und Respekt mute man vor ihm haben, obwohl er ganz offenkundig ein Lgner
war. Ihn in der verschwiegensten Tiefe seines Herzens hassen, das konnte
man, aber ihn nicht beachten, oder ihm Unehrerbietigkeit zeigen, Gott
behte.

Welche Miene die Alten annahmen, wenn sie von ihm sprachen! Hatte er denn
je etwas so Merkwrdiges geleistet? Sich hinzusetzen und zu sterben, war
doch nichts so Wunderbares. Und was er auch fr Grotaten vollbracht haben
mochte, gewi war es, da er jetzt seine Macht mibrauchte. Er stellte sich
den Kindern in allem entgegen, wozu sie Lust hatten, die alte
Vogelscheuche. Er weckte sie von ihrem Mittagsschlummer auf der Wiese auf.
Er hatte das beste Versteck im Park entdeckt und seine Bentzung verboten.
Jetzt erst krzlich hatte er es sich einfallen lassen, auf ungesattelten
Pferden zu reiten.

Sie waren alle ganz sicher, da der arme Tropf nie mehr als drei Jahre alt
geworden war, und jetzt berfiel er groe Vierzehnjhrige und behauptete,
da er in einem Alter mit ihnen sei. Das war das Alleraufreizendste.

Ganz unglaubliche Dinge kamen ber ihn an den Tag. Er hatte von der Brcke
Weifische gefischt, er hatte in dem kleinen Eichenstamm gerudert, er war
auf die Weide geklettert, die ber das Wasser vorhing, und in der es sich
so behaglich sitzen lie, ja, er hatte sogar auf Pulvertonnen gelegen und
geschlafen.

Aber sie waren alle ganz gewi, da es keinen Ausweg vor seiner Tyrannei
gab. Es war eine Erleichterung, sich ausgesprochen zu haben, aber kein
Heilmittel. Man konnte sich gegen Onkel Ruben nicht auflehnen.

Man sollte es nicht glauben, aber als diese Kinder gro wurden und eigne
Kinder bekamen, begannen sie sich sogleich Onkel Ruben zunutze zu machen,
so wie ihre Vter es vor ihnen getan hatten.

Und ihre Kinder wieder, nmlich die Jugend, die heute heranwchst, haben
die Lektion so gut gelernt, da es eines Sommers drauen auf dem Lande
geschah, da ein fnfjhriges Knirpschen zur alten Gromutter Berta kam,
die sich auf einen Absatz der Treppe gesetzt hatte, whrend sie auf den
Wagen wartete, und sagte:

Gromutter, du hattest doch einmal einen Bruder, der Ruben hie.

Darin hast du recht, mein kleiner Junge, sagte Gromutter und stand
sogleich auf.

Dies war fr die gesamte Jugend ein Anblick, als htten sie einen alten
Krieger Knig Karls XII. sich vor Knig Karls Portrt verneigen sehen. Sie
hatten nun eine Ahnung, da Onkel Ruben, wie sehr er auch mibraucht wurde,
immer gro bleiben mute, nur weil er einmal so sehr geliebt worden war.

In unsern Tagen, wo man alle Gre so genau prft, mu er mit mehr Ma
verwendet werden als frher. Die Grenze seines Alters ist niedriger; Bume,
Boote und Pulvertonnen sind vor ihm sicher, aber nichts aus Stein, was zum
Sitzen taugt, kann ihm entgehen.

Und die Kinder, die Kinder von heute, betragen sich anders gegen ihn als
die Eltern. Sie kritisieren ihn offen und unverhllt. Ihre Eltern verstehen
die Kunst nicht mehr, stummen, ehrfrchtigen Gehorsam einzuflen. Kleine
Pensionsmdchen handeln das Thema Onkel Ruben ab und bezweifeln, ob er
etwas andres als eine Mythe ist. Ein sechsjhriger Jngling schlgt vor,
da man auf experimentalem Wege beweisen solle, da es unmglich ist, sich
auf einer Steinstufe tdlich zu erklten.

Aber das ist nur Eintagsmut. Diese Generation ist im Allerinnersten ebenso
von Onkel Rubens Gre berzeugt, wie die vorhergehende, und gehorcht ihm
ebenso wie diese.

Und der Tag wird kommen, wo diese Sptter zu dem uralten Hause ziehen, die
alte Steinstufe aufsuchen und sie auf einen Sockel mit goldner Inschrift
erheben werden.

Sie scherzen jetzt ein paar Jahre lang mit Onkel Ruben, aber sobald sie
herangewachsen sind und eigne Kinder zu erziehen haben, werden sie von dem
Nutzen und der Notwendigkeit des groen Mannes berzeugt sein.

Ach, mein Kindchen, sitze nicht auf dieser Steinstufe, deiner Mutter
Mutter hatte einen Onkel, der Ruben hie. Er starb, als er in deinem Alter
war, weil er sich auf eine solche Steinstufe gesetzt, um sich auszuruhen.

So wird es heien, so lange die Welt steht.




Das Flaumvgelchen

I


Ich glaube, ich sehe sie vor mir, wie sie von dannen fuhren. Ganz deutlich
sehe ich seinen steifen Zylinder mit der groen geschwungnen Krempe, so wie
man sie in den vierziger Jahren trug, seine lichte Weste und seine
Halsbinde. Ich sehe auch sein schnes, glattrasiertes Gesicht mit kleinen,
kleinen Polissons, seinen hohen steifen Kragen und die anmutige Wrde in
jeder seiner Bewegungen. Er sitzt rechts in der Chaise und fat gerade die
Zgel zusammen, und neben ihm sitzt das kleine Frauenzimmerchen. Gott segne
sie! Sie sehe ich noch deutlicher. Wie auf einem Bilde habe ich das schmale
kleine Gesichtchen vor mir und den Hut, der es umschliet und unter dem
Kinn geknpft ist, das dunkelbraune glattgekmmte Haar und den groen Schal
mit den gestickten Seidenblumen. Aber die Chaise, in der sie fahren, hat
natrlich einen Stuhl mit grnen gedrechselten Stbchen, und natrlich ist
es das Pferd des Gastwirts, das sie die erste Meile ziehen soll, eins von
den kleinen, fetten Braunen.

In sie bin ich vom ersten Augenblicke an verliebt gewesen. Es ist keine
Vernunft darin, denn sie ist das unbedeutendste kleine, flatternde
Dingelchen, aber alle die Blicke zu sehen, die ihr folgen, als sie
fortfhrt, das hat mich gefangen. Frs erste sehe ich, wie Vater und Mutter
ihr nachschauen, wie sie da in der Tr des Bckerladens stehen, Vater hat
sogar Trnen in den Augen, aber Mutter hat jetzt keine Zeit zum Weinen.
Mutter mu ihre Augen bentzen, um ihrem Tchterchen nachzusehen, solange
sie ihr noch winken kann. Und dann gibt es natrlich frhliche Gre von
den Kindern des Hintergchens und schelmische Blicke von allen den
niedlichen Handwerkertchtern hinter Fenstern und Trspalten, und
trumerische Blicke von ein paar jungen Gesellen und Lehrlingen. Aber alle
nicken ihr Glckauf und Auf Wiedersehen zu. Und dann kommen unruhige Blicke
von armen alten Mtterchen, die herauskommen und knixen und die Brillen
abnehmen, um sie zu sehen, wie sie in ihrem Staat vorbeifhrt. Aber ich
kann nicht sehen, da ihr ein einziger unfreundlicher Blick folgt, nein,
nicht, so lang die Strae ist.

Als sie nicht mehr zu sehen ist, wischt sich Vater rasch mit dem rmel die
Trnen aus den Augen:

Sei nur nicht traurig, Mutter! sagt er. Du wirst sehen, da sie sich zu
helfen wei. Das Flaumvgelchen, Mutter, wei sich zu helfen, so klein es
ist.

Vater, sagt Mutter mit starker Betonung, du sprichst so seltsam. Warum
sollte Anne-Marie sich nicht zu helfen wissen? Sie ist so gut wie
irgendeine.

Das ist sie freilich, Mutter, aber dennoch, Mutter, dennoch. Nein,
wahrhaftig, ich wollte nicht an ihrer Stelle sein und dorthin fahren, wohin
sie jetzt fhrt! Nein, wahrhaftig nicht!

Ei was, wohin solltest du wohl fahren, du hlicher alter Bckermeister,
sagt Mutter, die sieht, da Vater so besorgt um sein Mdchen ist, da man
ihn mit einem kleinen Scherz aufmuntern mu. Und Vater lacht, denn das
Lachen kommt ihm ebenso leicht an wie das Weinen. Und dann gehen die Alten
wieder in den Laden.

Indessen ist das Flaumvgelchen, das kleine Flckchen, das Seidenbltchen,
recht guten Muts, wie es da ber den Weg fhrt. Ein bichen bange vor dem
Brutigam ist sie freilich noch; aber eigentlich ist dem Flaumvgelchen vor
allen Menschen ein bichen bange, und das kommt ihr zugute, denn darum sind
alle Menschen nur bestrebt, ihr zu zeigen, da sie nicht so gefhrlich
sind.

Nie hat sie solchen Respekt vor Moritz gehabt wie heute. Als sie das
Hintergchen und alle ihre Freunde hinter sich gelassen haben, findet
sie, da Moritz frmlich zu etwas Groem anschwillt. Der Hut, der Kragen
und die Polissons werden ganz steif, und die Krawatte blht sich. Die
Stimme wird ihm gleichsam dick im Halse und kommt nur schwer hervor. Sie
fhlt sich dabei ein klein wenig beklommen, aber es ist doch eine Pracht,
Moritz so groartig zu sehen.

Moritz ist so klug, er hat soviel zu ermahnen-- man wrde es kaum glauben
knnen-- aber Moritz spricht ihr den ganzen Weg nur Vernunft zu. Aber seht
ihr, so ist Moritz. Er fragt das Flaumvgelchen, ob sie auch recht
versteht, was diese Reise fr ihn bedeutet. Glaubt sie, da es sich nur um
eine Lustfahrt ber die Landstrae handelt? Eine sechs Meilen lange Reise
in der guten Chaise, mit dem Brutigam daneben, das konnte freilich wie
eine richtige Lustpartie aussehen. Und man fuhr ja auf einen prchtigen
Landsitz, sollte bei einem reichen Onkel zu Gaste sein. Sie hatte wohl
geglaubt, da das alles nur ein Spa war, wie?

Ach, wenn er wte, da sie sich gestern auf diese Fahrt unter langen
Gesprchen mit Mutter vorbereitet hatte, bevor sie sich niederlegten, und
mit einer langen Reihe ngstlicher Trume bei Nacht und mit Gebeten und
Trnen. Aber sie stellt sich ganz dumm, nur um es desto mehr zu genieen,
wie weise Moritz ist. Er liebt es, es zu zeigen, und sie gnnt es ihm gern,
ach wie gern.

Es ist eigentlich ganz schrecklich, da du so reizend bist, sagt Moritz.
Denn darum hatte er sie ja lieb gewonnen, und das war doch, bei Licht
besehen, sehr dumm von ihm. Sein Vater war durchaus nicht damit
einverstanden. Und seine Mutter, er durfte gar nicht daran denken, was fr
Lrm sie geschlagen hatte, als Moritz ihr mitteilte, da er sich mit einem
armen Mdchen aus dem Hintergchen verlobt habe, einem Mdchen, das keine
Erziehung und keine Talente hatte und das nicht einmal schn war, nur
reizend.

In Moritzens Augen war natrlich die Tochter eines Bckermeisters
ebensogut wie der Sohn des Brgermeisters, aber nicht alle hatten so freie
Anschauungen wie er. Und wenn Moritz nicht seinen reichen Onkel gehabt
htte, dann htte wohl gar nichts aus der ganzen Sache werden knnen, denn
er, der nur Student war, hatte ja nichts, woraufhin er heiraten konnte.
Aber wenn sie nun Onkel fr sich zu gewinnen vermochten, dann war alles
gut.

Ich sehe sie so deutlich, wie sie ber die Landstrae fahren. Sie macht
eine unglckliche Miene, whrend sie seiner Weisheit lauscht. Aber wie
vergngt sie ist in ihren Gedanken! Wie verstndig Moritz ist! Und wenn er
davon spricht, welche Opfer er fr sie bringt, dann ist das nur seine Art,
zu sagen, wie lieb er sie hat.

Und wenn sie erwartet hatte, da er an einem solchen Tage zu zweien
vielleicht ein bichen anders sein wrde, als wenn sie daheim bei Mutter
saen-- aber das wre nicht recht von Moritz gewesen-- sie ist nur stolz
auf ihn.

Er erzhlte ihr gerade, was Onkel fr ein Mensch ist. Ein so mchtiger Mann
ist er, da, wenn er sie nur beschtzen will, sie allsogleich im Hafen des
Glcks gelandet sind. Onkel Theodor ist so unglaublich reich. Elf Hochfen
hat er und auerdem Gter und Hfe und Grubenanteile. Und von allem dem ist
Moritz der direkte Erbe. Aber ein bichen schwer ist Onkel zu behandeln,
wenn es jemand ist, der ihm nicht gefllt. Wenn er mit Moritzens Frau nicht
einverstanden ist, kann er alles jemandem anders hinterlassen.

Das kleine Gesichtchen wird immer farbloser und schmler, Moritz aber wird
immer steifer und schwillt frmlich an. Es ist ja nicht viel Aussicht, da
Anne-Marie Onkel den Kopf verdrehen kann, so wie Moritz. Onkel ist ein ganz
andrer Mann. Sein Geschmack, ja Moritz hat keine besondre Meinung von
seinem Geschmack, aber er glaubt, so irgend etwas recht Lautes, etwas
blitzend Rotes, das mte Onkel gefallen. Auerdem ist er solch ein
eingefleischter Junggeselle-- findet, da Frauenzimmer nur lstig sind.
Aber das einzige, was ntig ist, ist ja nur, da sie Onkel nicht zu sehr
mifllt. Fr das brige will Moritz schon sorgen. Aber sie darf kein
Gnschen sein. Weint sie--! Ach, wenn sie nicht mutiger aussieht, wenn sie
ankommen, dann wird Onkel ihnen beiden schnurstracks den Laufpa geben. Sie
ist in ihrem eignen Interesse froh, da Onkel nicht so klug ist wie Moritz.
Es kann doch wohl kein Unrecht gegen Moritz sein, zu denken, da es gut
ist, da Onkel ein ganz andrer Mensch ist wie er. Denn man denke, wenn
Moritz Onkel wre, und zwei arme junge Leutchen kmen zu ihm gefahren, um
ihren Lebensunterhalt zu erbitten, dann wrde ihnen Moritz, der so
verstndig ist, sicherlich raten, jeder zu sich nach Hause zu fahren und
mit dem Heiraten so lange zu warten, bis sie etwas htten, wovon sie leben
knnten. Aber Onkel war gewi in seiner Weise schrecklich. Er trank so viel
und gab so groe Feste, bei denen es ganz wild herging. Und er verstand es
gar nicht, hauszuhalten. Er konnte glauben, da alle Menschen ihn betrogen,
und lie sich darber kein graues Haar wachsen. Und leichtsinnig--! Der
Brgermeister hatte ihm durch Moritz ein paar Aktien einer Unternehmung
geschickt, die nicht recht gehen wollten, aber Onkel kaufte sie ihm
sicherlich ab, hatte Moritz gesagt. Onkel fragte nicht danach, wofr er
sein Geld verschleuderte. Er hatte schon auf dem Markte in der Stadt
gestanden und den Gassenjungen Silbermnzen hingestreut. Und in einer Nacht
ein paar tausend Reichstaler zu verspielen und seine Pfeife mit
Zehnreichstalerbanknoten anzuznden, das gehrte zu dem Alltglichsten, was
Onkel tat.

So fuhren sie, und so plauderten sie, whrend sie fuhren.

Gegen Abend kamen sie an. Onkels Residenz, wie er zu sagen pflegte, war
keine Fabrik. Sie lag fern von allem Kohlenrauch und allen Hammerschlgen
auf dem Abhang einer gewaltigen Anhhe, mit einer weiten Aussicht ber Seen
und langgestreckte Berge. Sie war stattlich angelegt, mit Waldwiesen und
Birkenhainen ringsherum, aber so gut wie gar keinen Feldern, denn die
Besitzung war kein Landgut, sondern ein Lustschlo.

Das junge Paar fuhr eine Allee aus Birken und Ulmen hinauf. Sie fuhren
zuletzt durch ein paar niedrige dichte Tannenhecken, und dann sollten sie
in den Hof einschwenken.

Aber gerade da, wo der Weg eine Biegung machte, war eine Triumphpforte
errichtet, und da stand Onkel mit seinen Untergebenen und grte. Seht, das
htte das Flaumvgelchen niemals von Moritz glauben knnen, da er ihr
einen solchen Empfang bereiten wrde. Es wurde ihr gleich ganz leicht ums
Herz. Und sie fate seine Hand und drckte sie zum Dank. Mehr konnte sie im
Augenblick nicht tun, denn sie waren mitten unter der Triumphpforte.

Und da stand er, der allbekannte Mann, der Gutsherr Theodor Fristedt, gro
und schwarzbrtig und strahlend von Wohlwollen. Er schwenkte den Hut und
rief hurra, und die ganze Volksschar rief hurra, und Anne-Marie traten die
Trnen in die Augen, und zugleich lchelte sie. Und natrlich muten ihr
alle vom ersten Augenblick an gut sein, nur schon der Art wegen, wie sie
Moritz ansah. Denn sie dachte ja, da sie alle seinetwegen da seien, und
sie mute ihre Blicke von dem ganzen Staat abwenden, nur um ihn anzusehen,
wie er mit einer groen Geste den Hut abnahm und so schn und kniglich
grte. Ach, was fr einen Blick sie ihm da zuwarf! Onkel Theodor blieb
fast im Hurra stecken und geriet in einen Fluch, als er ihn sah.

Nein, das Flaumvgelchen wnschte gewi keinem Menschen auf Erden etwas
Bses, aber wenn es wirklich so gewesen wre, da das Ganze Moritz gehrt
htte, so wrde es wirklich gut gepat haben. Es war weihevoll, zu sehen,
wie er da auf der Schwelle stand und sich zu den Leuten wendete, um zu
danken. Onkel Theodor war ja auch stattlich, aber was hatte er fr ein
Auftreten gegen Moritz. Er half ihr nur aus dem Wagen und nahm ihren Schal
und ihren Hut wie ein Bedienter, whrend Moritz den Hut von seiner weien
Stirn lftete und sagte: Habt Dank, meine Kinder! Nein, Onkel Theodor
hatte wirklich gar kein Benehmen, denn als er jetzt von seinen Onkelrechten
Gebrauch machte und sie in die Arme nahm und kte und merkte, da sie
mitten im Kusse Moritz ansah, da fluchte er wirklich, fluchte sehr hlich.
Das Flaumvgelchen war es nicht gewohnt, jemanden abstoend zu finden, aber
es wrde sicherlich kein leichtes Stck Arbeit sein, Onkel Theodor zu
gefallen.

Morgen, sagt Onkel, gibt es hier groe Mittagsgesellschaft und Ball,
aber heute sollen sich die jungen Herrschaften von der Reise ausruhen.
Jetzt essen wir nur zu Abend, und dann gehen wir zu Bett.

Sie werden in einen Salon gefhrt, und da werden sie allein gelassen. Onkel
Theodor schiet hinaus wie ein Pfeil. Fnf Minuten spter fhrt er in
seinem groen Wagen die Allee hinab, und der Kutscher fhrt so zu, da die
Pferde wie gespannte Riemen dem Boden entlang liegen. Es vergehen noch fnf
Minuten, aber dann ist Onkel wieder da, und jetzt sitzt eine alte Frau
neben ihm im Wagen.

Und herein kommt er, am Arme eine freundliche, gesprchige Dame fhrend,
die er Frau Bergrtin nennt. Und diese schliet Anne-Marie gleich in die
Arme, aber Moritzen begrt sie etwas steifer. Und das mu sie ja. Niemand
kann sich mit Moritz Freiheiten erlauben.

Auf jeden Fall ist Anne-Marie sehr froh, da diese gesprchige alte Dame
gekommen ist. Sie und Onkel haben eine so lustige Art, miteinander zu
scherzen. Es wird ganz heimlich in dem fremden Hause.

Aber dann, als sie sich gegenseitig Gute Nacht gesagt haben, und Anne-Marie
in ihr kleines Stbchen gekommen ist, geschieht etwas so Peinliches und
rgerliches.

Onkel und Moritz gehen unten im Garten auf und ab, und das Flaumvgelchen
merkt, da Moritz seine Zukunftsplne auseinandersetzt. Onkel scheint gar
nichts zu sagen, er geht nur und kpft mit seinem Stock Grashalme. Aber
Moritz wird ihn schon bald zu berzeugen wissen, da er nichts Besseres tun
kann, als Moritz eine Verwalterstelle auf einem seiner Hammerwerke zu
geben, wenn er ihm nicht gleich ein ganzes Hammerwerk geben will. Moritz
hat so viel Sinn frs Praktische, seit er sich verliebt hat. Er pflegt oft
zu sagen: Ist es nicht am besten, wenn ich, da ich doch einmal ein groer
Gutsbesitzer werden soll, gleich damit anfange, mich in die Dinge
einzuarbeiten? Welchen Zweck hat es fr mich, das Hofgerichtsexamen zu
machen?

Sie gehen gerade unter ihrem Fenster, und nichts hindert sie, zu sehen, da
sie dort sitzt, aber da sie sich nicht darum bekmmern, kann niemand
verlangen, da sie nicht hren soll, was sie sagen. Es ist wirklich
ebensosehr ihre Angelegenheit wie die von Moritz.

Da bleibt Onkel Theodor pltzlich stehen, und er sieht bse aus. Er sieht
ganz wtend aus, findet sie, und sie ist nahe daran, Moritz zuzurufen, er
mge sich in acht nehmen. Aber es ist zu spt, denn schon hat Onkel Theodor
Moritz an der Brust gepackt, sein Jabot zerknittert und schttelt ihn so,
da er sich windet wie ein Aal. Dann schleudert er ihn mit solcher Kraft
von sich, da Moritz nach rckwrts stolpert und gefallen wre, wenn er
sich nicht an einen Baum gesttzt htte. Und da bleibt nun Moritz stehen
und sagt: Wie? Ja, was sollte er wohl sonst sagen?

Ah, nie hat sie Moritzens Selbstbeherrschung so bewundert. Er strzt sich
nicht auf Onkel Theodor, um mit ihm zu kmpfen. Er sieht nur ruhig
berlegen aus, nur unschuldig erstaunt. Sie versteht, da er sich
beherrscht, damit die ganze Reise nicht fruchtlos ist. Er denkt an sie und
beherrscht sich.

Armer Moritz, es stellt sich heraus, da Onkel um ihretwillen auf ihn bse
ist. Er fragt, ob Moritz nicht wei, da sein Onkel Junggeselle ist und
sein Haus ein Junggesellenhaus, da er seine Braut hergebracht hat, ohne
ihre Mutter mitzunehmen, ihre Mutter! Das Flaumvgelchen ist fr Moritz
beleidigt. Mutter hat es sich doch selbst verbeten und gesagt, da sie die
Bckerei nicht verlassen knne. Das antwortet auch Moritz, aber sein Onkel
lt keine Entschuldigungen gelten.-- Na, und die Brgermeisterin, die
htte ihrem Sohn wohl den Gefallen tun knnen. Ja, wenn sie zu hochmtig
war, dann htten sie lieber da bleiben knnen, wo sie waren. Was wrden sie
denn jetzt angefangen haben, wenn die Bergrtin nicht htte kommen knnen?
Und wie konnten denn berhaupt Brutigam und Braut so zu zweien durchs Land
ziehen!-- So, so, Moritz sei nicht gefhrlich. Nein, das hatte er auch nie
geglaubt, aber die Zungen der Leute sind gefhrlich.-- Na, und dann
schlielich noch die Chaise, dieser alte Rumpelkasten. Hatte Moritz nicht
das lcherlichste Vehikel in der ganzen Stadt aufgestbert? Das Kind sechs
Meilen in einer Chaise zu rtteln, und ihn, Onkel Theodor, eine
Triumphpforte fr solch einen Leiterwagen errichten zu lassen!--
Wahrhaftig, er hatte nicht bel Lust, ihn ordentlich bei den Ohren zu
nehmen! Onkel Theodor fr solch einen alten Karren hurra rufen zu lassen!
Er dort unten treibt es gar zu bunt. Sie bewundert Moritz, der allem dem so
ruhig standhlt. Sie htte eigentlich nicht bel Lust, sich hineinzumischen
und Moritz zu verteidigen, aber sie glaubt nicht, da es ihm recht wre.

Und bevor sie einschlft, liegt sie da und rechnet sich vor, was sie alles
htte sagen wollen, um Moritz zu verteidigen. Dann schlft sie ein und
fhrt wieder auf, und im Ohr klingt ihr ein altes Rtsel:

    Es steht ein Hund auf einem Stein
    Und bellt wohl in das Land hinein.
    Er hie wie du, wie er, wie sie.
    Wie hie er doch, so sag doch wie!
    Wie hie der Hund?
    Der Hund hie Wie.

Das Rtsel hatte sie als Kind oft gergert, solch dummer Hund. Aber jetzt
im Halbschlummer vermengt sie den Hund Wie mit Moritz, und es kommt ihr
vor, da der Hund seine weie Stirn hat. Dann lacht sie. Das Lachen kommt
ihr ebenso leicht an wie das Weinen. Das hat sie von Vater geerbt.


II

Wie ist das gekommen? Das, was sie nicht beim Namen zu nennen wagt.

Das ist wohl gekommen wie der Tau ins Gras, wie die Farbe in die Rose,
wie die Sigkeit in die Beere, unmerklich und hold, ohne sich vorher
anzukndigen.

Es ist ja auch gleichgltig, wie das gekommen ist und was das ist. Gut
oder bse, schn oder hlich, das ist das Verbotene, was es gar nicht
geben sollte. Das macht sie ngstlich, sndhaft, unglcklich.

An das will sie nie mehr denken. Das mu ausgerissen und
fortgeschleudert werden, und doch ist es nichts, was sich greifen und
fangen lt. Sie verschliet sich davor, und das kommt doch herein. Das
treibt das Blut aus ihren Adern und fliet selbst darin, es treibt die
Gedanken aus dem Hirn und regiert dort, es tanzt durch die Nerven und
zittert bis in die Fingerspitzen. Es ist berall in ihr, so da, wenn sie
alles fortnehmen knnte, woraus der Krper sonst besteht und nur das
brig liee, es einen vollen Abdruck von ihr geben wrde. Und dennoch war
das nichts.

Nie will sie an das denken, und stets mu sie an das denken. Wie ist
sie so schlecht geworden. Und dann forscht sie und grbelt nach, wie das
gekommen ist.

Ach, Flaumvgelchen! Wie weich ist nicht unser Sinn und wie leicht geweckt
unser Herz!

Sie war sicher, da das nicht beim Frhstck gekommen war, nein, ganz
gewi nicht beim Frhstck.

Da war sie nur ngstlich und scheu gewesen. Es hatte sie so sehr
erschttert, als sie zum Frhstck hinabkam und Moritz nicht vorfand, nur
Onkel Theodor und die Bergrtin.

Es war ja nur klug von Moritz gewesen, da er auf die Jagd gegangen war,
obgleich es unmglich schien, herauszufinden, was er jetzt zur
Mittsommerzeit jagte, wie auch die Bergrtin bemerkte. Aber er wute
natrlich, da er am besten tat, wenn er sich ein paar Stunden von Onkel
fern hielt, bis er wieder gut wurde. Er konnte sich ja gewi gar nicht
denken, da sie so schchtern war, da sie beinahe ohnmchtig wurde, als
sie ihn fort fand und sich selbst mit Onkel und der Bergrtin allein sah.
Moritz war nie schchtern gewesen. Er wute nicht, was fr eine Qual das
war.

Dieses Frhstck, dieses Frhstck! Onkel hatte gleich damit angefangen,
die Bergrtin zu fragen, ob sie die Geschichte von Sigrid der Schnen
gehrt habe. Er fragte nicht das Flaumvgelchen, und sie wre auch nicht
imstande gewesen, zu antworten. Die Bergrtin kannte die Geschichte gut,
aber er erzhlte sie dennoch. Da erinnerte sich Anne-Marie, da Moritz
Onkel ausgelacht hatte, weil er in seinem ganzen Hause nur zwei Bcher
habe, und das waren die Sagen von Afzelius und Nsselts Allgemeine
Weltgeschichte fr Frauenzimmer. Aber die kann er auch, hatte Moritz
gesagt.

Anne-Marie hatte die Geschichte schn gefunden. Es gefiel ihr, da Bengt
Magnusson Perlen auf den Friesrock nhen lie. Sie sah Moritz vor sich, wie
kniglich stolz er ausgesehen haben wrde, wenn er die Perlen befohlen
htte. Das war gerade etwas, was Moritz gut angestanden htte.

Aber als Onkel in der Geschichte dahin kam, wo erzhlt wird, wie Bengt
Magnusson in den Wald ritt, um der Begegnung mit seinem erzrnten Bruder
auszuweichen und anstatt dessen seine junge Frau dem Sturm begegnen lie,
da wurde es ganz deutlich, da Onkel verstand, da Moritz nur auf die Jagd
gegangen war, um seinem Zorn auszuweichen, und da er wute, wie sie dasa
und daran dachte, ihn zu gewinnen.---- Ja, gestern, da hatten sie
freilich Plne schmieden knnen, Moritz und sie, wie sie mit Onkel
kokettieren wrde, aber heute war kein Gedanke daran, sie auszufhren. Ah,
nie hatte sie sich so dumm betragen! Das ganze Blut scho ihr ins Gesicht,
und Messer und Gabel fiel mit gewaltigem Geklapper aus ihren Hnden auf den
Teller.

Doch Onkel Theodor hatte kein Erbarmen gezeigt, sondern die Geschichte
fortgesetzt, bis er zu dem guten Jarlworte kam: Htte mein Bruder dies
nicht getan, wahrlich, ich tt es selber. Das hatte er mit so lustigem
Tonfall gesagt, da sie aufsehen und dem Blick seiner lachenden braunen
Augen begegnen mute.

Und als er da die Angst aus ihren Augen starren sah, da hatte er zu lachen
angefangen wie ein richtiger Junge. Was glauben Sie, Frau Bergrtin,
hatte er gerufen, da Bengt Magnusson sich dachte, als er heimkam und das
hrte: >Htte mein Bruder<... ich denke, ein nchstes Mal ist er daheim
geblieben.

Dem Flaumvgelchen traten die Trnen in die Augen, und als Onkel dies sah,
begann er immer heftiger zu lachen. Ja, das ist eine schne Mittlerin, die
mein Brudersohn sich da ausgesucht hat, schien er sagen zu wollen. Du
bist ganz aus der Rolle gefallen, mein kleines Mdchen. Und jedesmal,
wenn sie ihn ansah, hatten die braunen Augen wiederholt: Htte mein Bruder
dies nicht getan, wahrlich, ich tt es selber. Eigentlich war das
Flaumvgelchen nicht ganz sicher, ob die Augen nicht Brudersohn sagten. Und
nun denke man, wie sie sich betragen hatte. Sie hatte laut zu weinen
angefangen und war aus dem Zimmer gestrzt.

Aber nicht damals war das gekommen, auch nicht auf dem
Vormittagsspaziergang.

Da handelte es sich um etwas ganz andres. Da war sie ganz hingerissen vor
Freude ber die schne Besitzung und darber, der Natur so vertraut nahe zu
sein. Es war, als htte sie etwas wiedergefunden, was sie vor langer,
langer Zeit verloren hatte.

Bckermamsell, Stadtmdchen, ja dafr hielt man sie. Aber sie war nun auf
einmal ein Landkind geworden, wie sie nur den Fu auf den Kiesweg setzte.
Sie erkannte sogleich, da sie aufs Land gehrte.

Als sie sich nur ein wenig beruhigt hatte, hatte sie sich auf eigne Faust
herausgewagt, um das Gut zu besichtigen. Sie hatte sich unten auf dem
Kiesplatz vor dem Eingang umgesehen. Und ganz von selbst war der Hut auf
den Arm gewandert, den Schal warf sie ab und begann sich hin und her zu
wiegen. Dann stemmte sie den Arm in die Hfte und zog Luft in die Lungen
ein, da sich die Nasenflgel zusammenzogen und es nur so pfiff.

Ach, wie beherzt hatte sie sich doch gefhlt!

Sie hatte ein paar Versuche gemacht, ruhig und sittig unten im Garten
herumzugehen, aber das hatte sie nicht gelockt. Mit einer raschen Wendung
hatte sie sich zu den groen angebauten Wirtschaftsgebuden begeben. Sie
war einer Stallmagd begegnet und hatte ein paar Worte mit ihr gesprochen.
Sie war erstaunt zu hren, wie frisch ihre eigne Stimme klang. Sie war wie
die eines Leutnants vor der Front. Und sie fhlte, wie flott es sich
ausnahm, wie sie, den Kopf stolz erhoben und zur Seite gewandt, mit
raschen, nachlssigen Bewegungen, eine kleine sausende Gerte in der Hand,
in den Stall trat.

Der war jedoch nicht so, wie sie ihn sich gedacht hatte. Keine langen
Reihen gehrnter Wesen gab es da, denen sie imponieren konnte, denn sie
waren alle drauen auf der Weide. Ein einsames Klbchen stand da und schien
zu erwarten, da sie etwas fr es tun sollte. Sie ging auf das Tierchen zu,
stellte sich auf die Zehenspitzen, hielt das Kleid mit der einen Hand
gerafft und berhrte mit der uersten Spitze der andern die Stirn des
Kalbes.

Da das Kalb aber nicht der Ansicht zu sein schien, da sie genug getan
habe, sondern seine lange Zunge herausstreckte, berlie sie ihm gndigst
ihren kleinen Finger zum Ablecken. Aber dabei hatte sie nicht umhin knnen,
sich umzusehen und gleichsam einen Bewunderer dieser Heldentat zu suchen.
Und da hatte sie gefunden, da Onkel Theodor in der Stalltre stand und
lachte.

Dann hatte er sie auf ihrem Spaziergange begleitet. Aber da kam das gewi
nicht. Da war nur das hchst Merkwrdige und Seltsame eingetroffen, da sie
vor Onkel Theodor keine Angst mehr hatte. Es war mit ihm wie mit Mutter, er
schien alle ihre Fehler und Schwchen zu kennen, und das war ein so ruhiges
Gefhl. Da brauchte man sich nicht besser zu zeigen, als man war.

Onkel Theodor hatte sie in den Garten fhren wollen und zu den Terrassen am
Teich, aber das war nicht nach ihrem Geschmack. Sie wollte wissen, was in
allen diesen groen Gebuden war.

Da ging er geduldig mit ihr in die Milchkammer und in den Eiskeller, in den
Weinkeller und in den Kartoffelkeller. Er nahm alles der Reihe nach durch
und zeigte ihr die Speisekammer und die Holzkammer und den Wagenschuppen
und die Rollkammer. Dann fhrte er sie durch den Stall der Arbeitspferde
und durch den der Wagenpferde, er lie sie die Sattelkammer und das
Bedientenzimmer sehen und die Knechtestube und die Werkstatt. Sie war ein
wenig verwirrt von allen diesen Rumen, die Onkel Theodor ntig gefunden
hatte, in seinem Hause einzurichten, aber ihr Herz glhte vor Entzcken bei
dem Gedanken, wie herrlich es sein mute, ber alles das zu walten und zu
schalten, so da sie gar nicht mde wurde, obgleich sie auch die
Schafstlle und die Schweinestlle durchwanderten und zu den Hhnern und
den Kaninchen hineinguckten. Sie untersuchte gewissenhaft die Webekammer
und die Molkerei, die Rucherkammer und die Schmiede, alles in wachsender
Begeisterung. Dann gingen sie ber groe Dachbden, Trockenbden fr Wsche
und Trockenbden fr Holz, Heubden und Bden fr trocknes Laub, das die
Schafe zu fressen bekommen.

Die schlummernde Hausmutter in ihr erwachte beim Anblick aller dieser
Vollkommenheit zu Leben und Bewutsein. Aber den tiefsten Eindruck machte
ihr das groe Bruhaus und die zwei niedlichen Backstuben mit dem weiten
Ofen und den groen Tischen.

Das sollte Mutter sehen, sagte sie.

Dort in der Backstube hatten sie gesessen und sich ausgeruht, und sie hatte
von daheim erzhlt. Das konnte sie Onkel gegenber so leicht. Er war schon
wie ein Freund, obgleich seine braunen Augen ber alles lachten, was sie
sagte.

Daheim war es so still, kein Leben, keine Abwechslung. Sie war als Kind
krnklich gewesen, und darum behteten die Eltern sie so, da sie sie gar
nichts tun lieen. Nur zum Spa durfte sie mit in der Backstube oder im
Laden sein... Und wie sie so erzhlte, war es ihr auch herausgerutscht,
da Vater sie sein Flaumvgelchen nannte. In diesem Zusammenhange hatte sie
auch gesagt: Zu Hause verwhnen sie mich alle, auer Moritz, darum habe
ich ihn so lieb. Er ist so klug mit mir, er nennt mich auch nie
Flaumvgelchen, nur Anne-Marie. Moritz ist so vortrefflich.

Ach, wie es in Onkels Augen tanzt und lacht. Sie htte ihn mit der Gerte
schlagen knnen. Und sie wiederholte noch einmal mit Trnen im Halse:
Moritz ist so vortrefflich.

Ja, ich wei, ich wei, hatte Onkel da geantwortet. Er soll ja mein Erbe
sein. Worauf sie ausgerufen hatte: Ach, Onkel Theodor, warum heiraten Sie
nicht? Denken Sie doch, wie glcklich das Mdchen sein mte, die Frau in
einem solchen Schlosse wird?

Wie stnde es dann mit Moritzens Erbe? hatte Onkel ganz gleichmtig
gefragt.

Da war sie fr lange Zeit ganz verstummt, denn sie konnte Onkel nicht
sagen, da sie und Moritz nicht nach dem Erbe fragten, denn das taten sie
doch gerade. Sie grbelte, ob es sehr hlich war, da sie es taten. Sie
hatte pltzlich das Gefhl, als mte sie Onkel um Verzeihung bitten fr
irgendein groes Unrecht, das sie ihm angetan habe. Aber das konnte sie
auch nicht.

Als sie wieder ins Haus kamen, lief ihnen Onkels Hund entgegen. Das war ein
kleines, kleines Dingelchen auf den allerschmalsten Beinen, mit wedelnden
Ohrlppchen und Gazellenaugen, ein Nichts mit einem kleinen gellenden
Stimmchen.

Du wunderst dich wohl, da ich einen so kleinen Hund habe, hatte Onkel
Theodor gesagt.

Ja, wirklich, hatte sie da geantwortet.

Aber siehst du, nicht ich habe mir Jenny zum Hund gewhlt, sondern Jenny
hat mich zum Herrn genommen. Willst du die Geschichte hren,
Flaumvgelchen? Von dem Wort hatte er gleich Besitz ergriffen.

Ja, das hatte sie gewollt, obgleich sie sich denken konnte, da wieder
irgendeine Neckerei dahinter steckte.

Ja, siehst du, als Jenny zum ersten Male herkam, lag sie einer feinen Frau
aus der Stadt auf dem Schoe und hatte ein Deckchen auf dem Rcken und ein
Tchlein um den Kopf. Pst, Jenny, es ist wahr, das hattest du! Und ich
dachte mir, das ist doch ein wahres Jammertierchen. Aber siehst du, als das
Hundeviehchen hier auf den Boden kam, da mssen irgendwelche
Kindheitserinnerungen in ihm erwacht sein, oder was es nun war. Es kratzte
und schlug um sich und wollte durchaus die Decke herunterzerren. Und dann
betrug sich Jenny ganz wie die groen Hunde hier, so da wir sagten, sie
msse ganz gewi auf dem Lande aufgewachsen sein.

Sie legte sich drauen auf die Schwelle und warf nicht einmal einen Blick
auf das Salonsofa, und sie jagte die Hhner und stahl die Milch der Katze
und klffte die Bettler an und fuhr den Pferden an die Beine, als Besuch
kam. Wir hatten unsre Lust und Freude daran, zu sehen, wie sie sich benahm.
Denke dir doch, solch ein kleines Ding, das nur in einem Korb gelegen hat
und auf dem Arm getragen wurde. Es war ja wunderlich.-- Und dann, weit
du, als sie fortfahren sollten, wollte Jenny nicht mit. Sie stand auf der
Treppe und winselte so jmmerlich, und sprang an mir hinauf und bettelte
frmlich, denke dir nur, bleiben zu drfen. So wuten wir uns keinen andern
Rat, als sie da zu lassen. Wir waren ganz gerhrt ber dies Hndchen, das
so klein war und doch ein richtiger Landhund sein wollte. Aber das htte
ich doch nie geglaubt, da ich mir noch einmal einen Schohund halten
wrde, vielleicht bekomme ich auch noch bald eine Frau.

O, wie schrecklich ist es doch, wenn man so schchtern, so unerzogen ist.
Sie htte wohl gerne wissen mgen, ob Onkel sehr erstaunt gewesen war, als
sie so ungestm fortstrzte. Aber es war ganz, als htte er sie gemeint,
als er von Jenny sprach. Und das hatte er vielleicht gar nicht. Aber
immerhin---- ja, ja, sie war so verlegen gewesen. Sie hatte nicht bleiben
knnen.

Aber nicht damals war das gekommen, nicht damals.

So war es wohl am Abend, bei dem Ball. Nie hatte sie sich noch so gut auf
einem Ball unterhalten! Aber wenn jemand gefragt htte, ob sie viel getanzt
habe, dann htte sie sich wohl besinnen und sagen mssen, das habe sie
nicht. Aber das war eben das beste Zeichen, wie gut sie sich unterhalten
hatte, da sie es gar nicht merkte, da sie ein wenig vernachlssigt worden
war.

Es war fr sie schon eine solche Unterhaltung gewesen, Moritz anzusehen.
Gerade weil sie beim Frhstck ein kleines, kleines bichen streng gegen
ihn gewesen war und gestern abend ber ihn gelacht hatte, war es ihr eine
solche Freude gewesen, ihn auf dem Ball zu sehen. Nie war er ihr so schn
und so berlegen vorgekommen.

Er hatte gewi das Gefhl gehabt, da sie sich zurckgesetzt fhlte, weil
er nicht nur mit ihr gesprochen und getanzt hatte. Aber es hatte ihr genug
Vergngen gemacht, zu sehen, wie beliebt Moritz bei allen war. Als ob sie
ihre Liebe zur allgemeinen Betrachtung htte ausstellen wollen! Ah, so dumm
war das Flaumvgelchen nicht!

Moritz tanzte viele Tnze mit der schnen Elisabeth Westling. Aber das
hatte sie gar nicht beunruhigt, denn Moritz war immer wieder auf sie
zugekommen und hatte geflstert: Du siehst, ich kann da nicht entwischen,
wir sind Kindheitsfreunde. Und sie sind es hier auf dem Lande so gar nicht
gewhnt, einen Kavalier zu haben, der in der groen Welt gewesen ist und
tanzen und konversieren kann. Du mut mich heute abend schon den
Gutsbesitzerstchtern leihen, Anne-Marie.

Aber Onkel ging Moritz gewissermaen aus dem Wege. Sei du heut abend
Hausherr, sagte er zu ihm, und das war Moritz. Er kam zu allem, er fhrte
den Tanz an, fhrte das Trinken an und hielt Reden auf die schne Gegend
und auf die Damen. Er war groartig. Onkel sowohl wie sie hatten die Blicke
auf Moritz geheftet, und so hatten sich ihre Blicke getroffen. Da hatte
Onkel gelchelt und ihr zugenickt. Onkel war sicherlich stolz auf Moritz.
Es hatte sie vorher ein wenig bedrckt, da Onkel seinen Neffen nicht recht
zu schtzen wute. Gegen Morgen war Onkel recht laut und lrmend geworden.
Da hatte er sich am Tanze beteiligen wollen, aber die Mdchen wichen ihm
aus, wenn er zu ihnen kam, und taten, als wren sie schon engagiert.

Tanze mit Anne-Marie, hatte Moritz zu Onkel Theodor gesagt, und das hatte
natrlich ein wenig protegierend geklungen. Sie erschrak so sehr, da sie
frmlich zusammenfuhr.

Onkel war auch verletzt, drehte sich um und ging ins Rauchzimmer.

Aber da war Moritz auf sie zugetreten und hatte mit harter, harter Stimme
gesagt:

Du verdirbst mir aber auch alles, Anne-Marie. Mut du so ein Gesicht
machen, wenn Onkel mit dir tanzen will? Wenn du nur wtest, was er mir
gestern ber dich sagte. Du mut auch etwas tun, Anne-Marie. Glaubst du,
da es recht ist, alles mir zu berlassen?

Was willst du denn, da ich tun soll, Moritz?

Ach, jetzt nichts, jetzt ist der Karren schon verfahren. Denke, was ich
heute abend alles gewonnen habe! Aber jetzt ist es verloren.

Ich bitte Onkel gern um Entschuldigung, wenn du es willst, Moritz. Und
sie meinte es auch. Es tat ihr wirklich leid, Onkel verstimmt zu haben.

Es wre natrlich das einzig Richtige, aber von jemandem, der so
lcherlich schchtern ist wie du, kann man ja nichts verlangen.

Da hatte sie nichts geantwortet, sondern war geradeswegs in das Rauchzimmer
gegangen, das jetzt beinahe leer war. Onkel hatte sich in einen Lehnstuhl
geworfen.

Warum wollen Sie nicht mit mir tanzen, Onkel? hatte sie gefragt.

Onkel Theodors Augen waren zugefallen. Er schlug sie auf und sah sie lange
an. Es war der schmerzvollste Blick, dem sie je begegnet war. Sie ahnte
nun, wie einem Gefangnen zumute sein mag, wenn er an seine Fesseln denkt.
Es sah aus, als sei Onkel sehr, sehr traurig. Als brauchte er sie viel
ntiger als Moritz, denn Moritz brauchte niemanden. Er war so prchtig, wie
er war. Da legte sie ihre Hand ganz leicht und liebkosend auf Onkel
Theodors Arm.

Mit einem Male hatte er frisches Leben in den Augen. Er begann mit seiner
groen Hand ihr Haar zu streicheln. Mtterchen, sagte er.

Da kam das ber sie, whrend er ihr Haar streichelte. Es kam geschlichen,
es kam gekrochen, es kam gehuscht und geraschelt, so wie wenn die
Heinzelmnnchen durch den dunklen Wald ziehen.


III

Eines Abends liegen feine, weiche Wlkchen am Himmel, eines Abends ist es
still und lau, eines Abends schweben kleine weie Flumchen von Espen und
Pappeln durch die Luft.

Es ist schon spt, und niemand ist mehr auf, nur Onkel Theodor, der drauen
im Garten umhergeht und berlegt, wie er den jungen Mann und das junge
Mdchen voneinander trennen knnte.

Denn nie, nie, in alle Ewigkeit soll es geschehen, da Moritz an ihrer
Seite vom Hofe wegfhrt, whrend Onkel Theodor auf der Schwelle steht und
ihnen glckliche Reise wnscht.

Ist es denn berhaupt mglich, sie ziehen zu lassen, nachdem sie drei Tage
hindurch das Haus mit zwitschernder Frhlichkeit erfllt, nachdem sie sie
in ihrer stillen Weise daran gewhnt hat, da sie fr sie alle denkt und
sorgt, nachdem er sich gewhnt hat, dies weiche geschmeidige kleine Wesen
berall umherstreifen zu sehen. Onkel Theodor sagt zu sich selbst, da das
nicht mglich ist. Er kann sie nicht mehr entbehren.

In demselben Augenblick stt er an einen abgeblhten Lwenzahn, und wie
die Entschlsse der Menschen und die Versprechungen der Menschen zerstreut
sich das weie Flaumbllchen, und die weien Federchen fliegen eilig davon
und verschwinden.

Die Nacht ist nicht kalt, wie die Nchte in dieser Gegend zu sein pflegen.
Die Wrme wird unter der grauen Wolkendecke zurckgehalten. Die Winde
zeigen ein seltnes Mal Erbarmen und verhalten sich still.

Onkel Theodor sieht sie, das Flaumvgelchen. Sie weint, weil Moritz sie
verlassen hat. Aber er zieht sie an sich und kt die Trnen fort.

Weich und fein fliegen die weien Flumchen von den groen reifen Ktzchen
der Bume. So leicht, da die Luft sie kaum fallen lassen will, so klein
und zart, da sie kaum auf dem Boden sichtbar werden.

Onkel Theodor lacht sich ins Fustchen, als er an Moritz denkt. In Gedanken
tritt er am nchsten Morgen in sein Zimmer, als dieser noch im Bette liegt.
Hre, Moritz, will er ihm sagen. Ich mchte dir keine falschen
Hoffnungen machen. Wenn du dieses Mdchen heiratest, so hast du keinen
Pfennig von mir zu erwarten. Ich will nicht mit dazu helfen, deine Zukunft
zu vernichten.

Mifllt sie Ihnen so sehr, Onkel? wird Moritz dann fragen.

Nein, du, im Gegenteil, es ist ein nettes Mdchen, aber doch nichts fr
dich. Du mut ein Prachtweib haben wie Elisabeth Westling. Sei nun
verstndig, Moritz, was wird aus dir, wenn du um dieses Kindes willen deine
Studien abbrichst und auf ein Gut gehst. Dazu taugst du nicht, mein Junge.
Dazu ist etwas andres ntig, als den Hut schn zu schwingen und zu sagen:
>Habt Dank, meine Kinder!< Du bist ja zum Beamten wie geschaffen. Du
kannst Minister werden.

Wenn Sie eine so gute Meinung von mir haben, Onkel, antwortet dann
Moritz, so helfen Sie mir doch, mein Examen zu machen, und lassen Sie uns
dann heiraten!

Nein, das nicht, du, das ganz gewi nicht. Was, glaubst du, wrde aus
deiner Karriere werden, wenn du einen solchen Ballast mitschleppen mtest,
wie es eine Frau ist. Das Pferd, das den Brotwagen ziehen mu, galoppiert
nicht. Denke dir nun die Bckermamsell als Ministerfrau! Nein, du darfst
dich nicht vor zehn Jahren verloben, nicht bevor du avanciert bist. Was
wre die Folge, wenn ich es euch ermgliche, zu heiraten. Jedes Jahr wrdet
ihr zu mir kommen und um Geld betteln. Und das wrdet ihr und ich bald satt
kriegen.

Aber Onkel, ich bin doch ein Ehrenmann. Ich habe mich doch verlobt.

Hre mich nun an, Moritz! Was ist besser? Da sie zehn Jahre herumgeht und
auf dich wartet und du sie dann nicht heiraten willst oder da du gleich
ein Ende machst? Nein, sei nun entschlossen, stehe auf, steige in deinen
Chaisekasten und fahre heim, bevor sie aufwacht. Es schickt sich ja ohnehin
nicht, da Brutigam und Braut so zu zweien ber Land ziehen. Ich werde
schon fr das Mdchen sorgen, wenn du nur von diesem Wahnwitz abstehst. Die
Bergrtin wird sie nach Hause bringen, ich werde den schnsten Wagen
anspannen lassen. Du sollst von mir einen Jahresgehalt bekommen, so da du
dir wegen der Zukunft keine Sorgen zu machen brauchst. Sieh mal, sei
verstndig, du machst deinen Eltern Freude, wenn du mir gehorchst. Reise
jetzt ab, ohne sie zu sehen! Ich werde ihr schon Vernunft zusprechen. Sie
will gewi deinem Glck nicht im Wege stehen. Versuche nur nicht, sie zu
treffen, ehe du fhrst, sonst knntest du wieder schwankend werden, denn
sie ist reizend.

Und nach diesen Worten fat Moritz einen heldenmutigen Entschlu und reist
ab.

Und wenn er fort ist, was wird dann geschehen?

Schlechter Kerl, ruft es im Garten laut und drohend, wie nach einem Dieb.
Onkel Theodor sieht sich um. Ist kein andrer da? Ist er es nur, der sich
das selber zuruft?

Was dann geschehen wird? Ah, er wird sie darauf vorbereiten, da Moritz
fort ist, ihr zeigen, da Moritz ihrer nicht wrdig war, sie dahin bringen,
ihn zu verachten. Und wenn sie sich dann an seiner Brust ausgeweint hat,
wird er sie ganz behutsam, ganz vorsichtig verstehen lassen, was er fhlt,
sie locken, sie gewinnen.

Die Flumchen fahren fort zu fallen. Onkel Theodor streckt seine groe Hand
aus und fngt ein Flckchen auf.

Wie fein, wie leicht, wie zart! Er bleibt stehen und sieht es an.

Sie fahren fort, rings um ihn zu fallen, Flocke um Flocke. Was wird dann
mit ihnen geschehen? Sie werden vom Winde gejagt, von der Erde beschmutzt,
von schweren Fen zertreten werden.

Onkel Theodor ist es, als ob diese leichten Flumchen mit der grten
Schwere auf ihn niederfielen. Wer will der Wind, wer will die Erde, wer
will die Schuhsohle sein, wenn es diesen Kleinen, diesen Wehrlosen gilt?

Und infolge seiner staunenerregenden Kenntnisse in Nsselts Weltgeschichte
steht eine Episode daraus vor ihm, die sich mit dem vergleichen lt, woran
er eben gedacht hat.

Es war anbrechender Morgen, nicht sinkende Nacht wie jetzt. Es war ein
Felsenstrand, und unten am Meere sa ein schner Jngling mit einem
Pantherfell ber der Schulter, mit Weinlaub in den Locken, den Thyrsos in
der Hand. Wer er war? Ah, Gott Bacchus selbst.

Und der Felsenstrand war Naxos. Was der Gott sah, war Griechenlands Meer.
Das Schiff mit den schwarzen Segeln, das rasch zum Horizont entfloh, ward
von Theseus gelenkt, und in der Grotte, deren Eingang sich hoch in einem
Absatz der steilen Strandberge ffnete, schlummerte Ariadne.

Und in der Nacht hatte der junge Gott gedacht: Ist wohl der sterbliche
Jngling wrdig der himmlischen Maid? Und um Theseus zu prfen, hatte er
ihn in einem Traume mit dem Verluste des Lebens bedroht, wenn er nicht
sogleich Ariadne verlie. Da hatte sich dieser ungesumt erhoben, war zum
Schiffe geeilt und ber die Wellen geflohen, ohne auch nur die Jungfrau zu
wecken, um ihr Lebewohl zu sagen.

Nun sa Gott Bacchus lchelnd da, von den sesten Hoffnungen gewiegt und
harrte Ariadnes. Die Sonne ging auf, der Morgenwind erhob sich. Er berlie
sich lchelnden Trumen. Er wrde die Verlassene schon zu trsten wissen,
er, Gott Bacchus selbst.

Da kam sie. Mit strahlendem Lcheln trat sie aus der Grotte. Ihre Augen
suchten Theseus, sie irrten immer weiter fort, zum Ankerplatz des Schiffes,
ber die Wellen---- zu den schwarzen Segeln----

Und dann mit einem schneidenden Schrei, ohne Besinnung, ohne Zaudern, hinab
ins Meer, hinab in Tod und Vergessenheit.

Und da sa nun Gott Bacchus, der Trster.

So ging es zu. So war es geschehen. Onkel Theodor erinnert sich freilich,
da Nsselt ein paar Worte hinzufgt, da mitleidige Dichter behaupten,
Ariadne htte sich von Bacchus trsten lassen. Aber die Mitleidigen hatten
sicherlich unrecht. Ariadne lie sich nicht trsten.

Lieber Gott, weil sie so gut und s ist, da er sie lieben mu, darum soll
sie unglcklich gemacht werden!

Zum Lohn fr das schne, sanfte Lcheln, das sie ihm geschenkt hat, weil
ihre kleine weiche Hand sich vertrauensvoll in die seine gelegt, weil sie
nicht gezrnt hat, wenn er sie neckte, darum soll sie ihren Brutigam
verlieren und unglcklich gemacht werden.

Fr welches von allen ihren Verbrechen soll sie verurteilt werden? Weil sie
ihn dazu gebracht hat, im Allerinnersten seiner Seele einen Raum zu
entdecken, der bis dahin ganz fein und rein und unbesetzt gewesen ist und
nur auf solch ein kleines, zartes und mtterliches Frauenwesen gewartet zu
haben scheint, oder weil sie schon jetzt ber ihn Macht hat, so da er kaum
wagt, einmal zu fluchen, wenn sie es hrt, oder warum soll sie gestraft
werden?

Ach, armer Bacchus, armer Onkel Theodor! Es ist nicht gut, es mit diesen
Feinen, Lichten, Daunenweichen zu tun zu haben.-- Sie springen ins Meer,
wenn sie die schwarzen Segel sehen.

Onkel Theodor flucht in aller Stille darber, da das Flaumvgelchen nicht
schwarzhaarig, rotwangig, grobgliedrig ist.

Da fllt wieder ein Flckchen, und es fngt an zu sprechen: Ich htte dir
all dein Lebtag folgen sollen. Ich htte dir am Spieltisch eine Warnung ins
Ohr geflstert. Ich htte das Weinglas fortgerckt. Von mir wrdest du es
geduldet haben.-- Das htte ich, flstert er, das htte ich.

Ein andres kommt und spricht ebenfalls: Ich htte dein groes Haus
regieren und es traulich und warm machen sollen. Ich htte dich durch die
den Gefilde des Alters geleitet. Ich htte dein Herdfeuer entzndet, wre
dir Auge und Stab gewesen. Wrde ich nicht dazu getaugt haben?-- Liebes,
kleines Flumchen, antwortet er, freilich httest du das.

Noch ein Flckchen kommt geflogen, und es spricht: Wie bin ich doch zu
beklagen. Morgen fhrt mein Brutigam von mir fort, ohne mir auch nur
Lebewohl zu sagen. Morgen werde ich weinen, den ganzen Tag weinen, denn
ich werde es als solch eine Schmach empfinden, da ich fr Moritz nicht gut
genug bin. Und wenn ich heimkomme, wie werde ich da ber meines Vaters
Schwelle treten knnen. Das ganze Hintergchen entlang wird man flstern
und zischeln, wenn ich mich zeige. Alle werden sich fragen, was ich wohl
Bses verbrochen habe, um so schlecht behandelt zu werden. Kann ich dafr,
da du mich liebst? Er antwortet mit Trnen in der Kehle: Sprich nicht
so, kleines Flumchen! Es ist noch zu frh, um so zu sprechen.

Die ganze Nacht geht er drauen umher, und endlich gegen Mitternacht kommt
ein wenig Dunkelheit. Da gert er in groe Angst, diese dumpfe schwle Luft
scheint stille zu stehen, aus Angst vor irgendeiner Missetat, die am Morgen
begangen werden soll. Da sucht er die Nacht zu beschwichtigen, indem er
ganz laut sagt: Ich werde es nicht tun.

Aber da begibt sich das Seltsamste. Die Nacht gert in solch eine zitternde
Angst. Jetzt sind es nicht mehr die kleinen Flumchen, die fallen, nein,
rings um ihn rauschen groe und kleine Flgel. Er hrt, da etwas
entflieht, aber er wei nicht, wohin.

Das Fliehende streicht an ihm vorbei, es berhrt seine Wange, es streift
seine Kleider und seine Hnde, und er begreift, was es ist. Es sind die
Bltter, die die Bume verlassen, die Blumen, die von ihren Stengeln
entfliehen, die Flgel, die von den Schmetterlingen fortfliegen, der
Gesang, der die Vgel verlt.

Und er wei, da, wenn die Sonne aufgeht, sein Lustgarten ganz verwstet
sein wird. Leerer, kahler, stummer Winter wird da herrschen, kein
Schmetterlingsspiel, kein Vogelgezwitscher.

Er bleibt im Freien, bis das Licht wiederkehrt, und er ist beinahe
erstaunt, als er die dunklen Laubmassen der Ahornbume sieht. Ja so, sagt
er, was war es dann, was verwstet wurde, wenn nicht der Garten? Hier
fehlt ja nicht einmal ein Grashlmchen. Der Tausend auch, ich selber bin
es, der fortab durch Klte und Winter wandern mu, nicht der Garten. Es
ist, als wre der ganze Lebensmut entflohen. Ah, du alter Narr, das geht
wohl auch vorber, wie alles andre. Das ist doch wahrlich zu viel Aufhebens
um so ein kleines Frauenzimmerchen.


IV

Wie schrecklich unbescheiden das sich an dem Morgen betrgt, wo sie
fortfahren sollen. An den zwei Tagen, die sie nach dem Balle hier gewesen
sind, ist das eher etwas Anfeuerndes, etwas Belebendes gewesen, aber
jetzt, wo das Flaumvgelchen fort soll, wo das einsieht, da es im Ernst
aus ist, da es keine Rolle in ihrem Leben spielen darf, da verwandelt es
sich in eine Todesschwere, in eine Todesklte.

Es ist, als mte sie einen versteinerten Krper ber die Treppen hinab ins
Frhstckszimmer schleppen. Sie streckt eine schwere kalte Hand aus Stein
aus, als sie grt, sie spricht mit einer trgen Steinzunge, sie lchelt
mit harten Steinlippen. Das ist eine Arbeit, eine Arbeit.

Aber wer wird sich nicht freuen, wenn er daran denkt, da alles an diesem
Morgen so abgemacht wird, wie es die gute alte Treue und Ehre erfordert.

Onkel Theodor wendet sich beim Frhstck an das Flaumvgelchen und erklrt
mit wunderlich ungefger Stimme, da er sich entschlossen hat, Moritz die
Verwalterstelle in der Laxhtte zu geben; aber da der genannte junge Mann,
fhrt Onkel mit einem angestrengten Versuch, seinen gewhnlichen
Gesprchston beizubehalten, fort, in praktischen Beschftigungen nicht
allzu bewandert ist, so kann er den Platz nicht frher antreten, ehe er
nicht eine Gattin an seiner Seite hat. Hat sie, Mamsell Flaumvgelchen,
ihre Myrte so gut gepflegt, da sie im September Kranz und Krone tragen
kann?

Sie fhlt, wie er dasitzt und ihr ins Gesicht sieht. Sie wei, da er einen
Blick zum Dank haben will, aber sie sieht nicht auf.

Moritz hingegen springt in die Hhe. Er umarmt Onkel und treibt es ganz
schrecklich. Aber, Anne-Marie, warum dankst du Onkel nicht? Du mut Onkel
Theodor streicheln, Anne-Marie. Die Laxhtte ist das Herrlichste auf der
Welt. Nun, Anne-Marie!

Jetzt schlgt sie die Augen auf. Es stehen Trnen darin, und durch diese
fllt auf Moritz ein Blick, voll Angst und Vorwurf. Da er nicht versteht,
da er durchaus mit bloem Licht in den Pulverkeller gehen mu.

Dann wendet sie sich an Onkel Theodor, aber nicht in der schchternen,
kindlichen Art wie zuvor, sondern mit einer gewissen Grandezza im Benehmen,
mit etwas von einer Mrtyrerin, einer gefangnen Knigin.

Sie tun zu viel fr uns, Onkel, sagt sie nur.

Damit ist alles nach den Forderungen der Ehre und des Anstandes abgemacht.
Es ist kein Wort mehr ber die Sache zu verlieren. Er hat ihr nicht den
Glauben an den Mann, den sie liebt, geraubt. Sie hat sich nicht verraten.
Sie ist dem Manne treu, der sie zu seiner Braut gemacht hat, obgleich sie
nur ein armes Mdchen aus einem kleinen Bckerladen im Hintergchen ist.

Und jetzt kann der Wagen vorfahren, der Mantelsack geschnrt, der Ekorb
gefllt werden.

Onkel Theodor erhebt sich vom Tische. Er stellt sich an das Fenster. Von
dem Moment an, wo sie sich mit jenem trnenvollen Blick ihm zugewendet hat,
ist er ganz von Sinnen. Er ist ganz toll, imstande, sich auf sie zu
strzen, sie an seine Brust zu ziehen und Moritz zuzurufen, er mge nur
kommen und sie von dort losreien, wenn er es kann.

Er hlt die Hnde in den Taschen. Durch die geballten Fuste gehen
krampfhafte Zuckungen.

Kann er es zulassen, da sie den Hut aufsetzt, da sie der Bergrtin
Lebewohl sagt?

Da steht er wieder auf dem Felsen von Naxos und will die Geliebte stehlen.
Nein, nicht stehlen! Warum nicht ehrlich und mnnlich vortreten und sagen:
Ich bin dein Nebenbuhler, Moritz. Deine Braut mag zwischen uns whlen. Ihr
seid noch nicht verheiratet, es ist keine Snde, wenn ich versuche, sie dir
abwendig zu machen. Hte sie wohl, ich will alle Mittel anwenden.

Dann wre er ja gewarnt, und sie wte, wonach sie sich zu richten htte.

Es knackt in den Kncheln, als er wieder die Fuste ballt. Wie wrde Moritz
ber den alten Onkel lachen, wenn er vortrte und dies erklrte! Und wozu
sollte es dienen? Sollte er sie erschrecken, damit es ihm dann nicht einmal
mehr gestattet war, ihnen in Zukunft zu helfen?

Aber wie wird es jetzt gehen, wenn sie herankommt, um ihm Lebewohl zu
sagen? Er ist nahe daran, ihr zuzuschreien, sich zu hten, sich auf drei
Schritt Entfernung von ihm zu halten.

Er bleibt am Fenster stehen und wendet ihnen den Rcken, whrend sie mit
dem Ankleiden und dem Fllen des Ekorbes beschftigt sind. Werden sie denn
nie fertig? Jetzt hat er es schon tausendmal durchlebt. Er hat ihr die Hand
gegeben, sie gekt, ihr in den Wagen geholfen. Er hat es so oft getan, da
er sie schon fort glaubt.

Er hat ihr auch Glck gewnscht. Glck... Kann sie mit Moritz glcklich
werden? Sie hat diesen Morgen nicht glcklich ausgesehen. O, doch gewi.
Sie weinte ja vor Freude.

Whrend er so dasteht, sagt Moritz pltzlich zu Anne-Marie: Was fr ein
Dummkopf ich bin. Ich habe ja ganz vergessen, mit Onkel von Papas Aktien
zu sprechen.

Ich denke, es wre am besten, du lieest es, antwortet das
Flaumvgelchen. Es ist vielleicht nicht recht.

Ach Unsinn, Anne-Marie. Die Aktien tragen gerade augenblicklich nichts.
Aber wer wei, ob sie nicht eines Tages besser werden? Und brigens, was
macht das Onkel? Solch eine Kleinigkeit...

Sie unterbricht mit ungewhnlicher Heftigkeit, beinahe mit Angst. Ich
bitte dich, Moritz, tue es nicht! La mich dieses einzige Mal recht
behalten.

Er sieht sie an, ein bichen verletzt. Dieses einzige Mal. Als wenn ich
dir gegenber ein Tyrann wre. Nein, weit du, das kann ich nicht, schon
dieses Wortes wegen finde ich, da ich nicht nachgeben darf.

Hnge dich nicht an ein Wort, Moritz. Hier handelt es sich um mehr als um
Hflichkeit und Phrasen. Ich finde es nicht schn von dir, Onkel
bervorteilen zu wollen, wo er so gut gegen uns war.

Aber still doch, Anne-Marie, still doch! Was verstehst du von Geschften?
-- Sein ganzes Wesen ist noch aufreizend ruhig und berlegen. Er sieht sie
an, wie ein Schulmeister einen guten Schler, der sich gerade am
Prfungstage dumm anstellt.

Da du gar nicht verstehst, um was es sich handelt, ruft sie aus. Und sie
ringt verzweifelt die Hnde.

Ich mu wirklich jetzt mit Onkel sprechen, sagt Moritz, wennschon aus
keinem andern Grunde, so um ihm zu zeigen, da es sich hier um keinen
Betrug handelt. So wie du dich benimmst, knnte Onkel wirklich glauben, da
wir, mein Vater und ich, ein paar Schurken sind.

Und er kommt auf Onkel Theodor zu und erklrt ihm, welche Bewandtnis es mit
diesen Aktien hat, die sein Vater ihm verkaufen will. Onkel Theodor hrt so
gut zu, als er kann. Er versteht sogleich, da sein Bruder, der
Brgermeister, eine schlechte Spekulation gemacht hat und sich vor
Verlusten schtzen will. Aber was weiter, was weiter? Solche Geflligkeiten
pflegt er ja der ganzen Familie zu erweisen. Aber eigentlich denkt er nicht
daran, sondern an das Flaumvgelchen. Er wte zu gern, was in dem emprten
Blick liegt, den sie Moritz zuwirft. Liebe war es gerade nicht.

Und nun mitten in seiner Verzweiflung ber das Opfer, das er bringen mute,
beginnt ein schwacher Hoffnungsstrahl vor ihm aufzudmmern. Er steht da und
starrt ihn an wie ein Mann, der in einem Zimmer, wo ein Geist umgeht, liegt
und sieht, wie ein heller Nebel aus dem Boden emporsteigt, sich verdichtet
und wchst und zu greifbarer Wirklichkeit wird.

Komm mit mir in mein Zimmer, Moritz, sagt er, dann kannst du das Geld
gleich haben.

Aber whrend er spricht, ruht sein Blick auf dem Flaumvgelchen, um zu
sehen, ob das Geistchen zum Sprechen bewogen werden kann. Aber noch sieht
er nur stumme Verzweiflung bei ihr.

Doch kaum sitzt er am Pult in seinem Zimmer, als die Tre sich ffnet und
Anne-Marie hereinkommt.

Onkel Theodor, sagt sie sehr fest und entschlossen, kaufen Sie doch
diese Papiere nicht.

Ach, welcher Mut, Flaumvgelchen! Wer, der dich vor drei Tagen an Moritzens
Seite im Wagen sah, wo du bei jedem Wort, das er sagte,
zusammenzuschrumpfen und immer kleiner zu werden schienst, htte dir so
etwas zugetraut?

Jetzt braucht sie auch ihren ganzen Mut, denn jetzt wird Moritz ernstlich
bse.

Schweig, zischt er sie an und brllt darauf, um von Onkel Theodor, der am
Pult sitzt und Banknoten zhlt, richtig gehrt zu werden. Was fllt dir
denn ein? Die Aktien tragen jetzt keine Zinsen, das habe ich Onkel gesagt,
aber Onkel wei ebensogut wie ich, da sie welche tragen werden. Glaubst
du, da Onkel sich so von einem, wie ich, bers Ohr hauen lt? Onkel wird
von diesen Dingen wohl mehr verstehen als irgend jemand von uns. Ist es je
meine Absicht gewesen, diese Aktien fr gut auszugeben? Habe ich je etwas
andres gesagt, als fr jemanden, der in der Lage ist, zu warten, knne dies
ein gutes Geschft werden?

Onkel Theodor sagt nichts, er reicht Moritz nur ein paar Banknoten. Er
mchte wissen, ob dies den Geist zum Sprechen bringen wird.

Onkel, sagt die kleine, unerbittliche Wahrheitsverknderin-- denn es ist
ja eine bekannte Sache, da niemand unerbittlicher sein kann, als diese
Daunenweichen, diese Zartbesaiteten, wenn sie einmal so weit sind-- diese
Aktien sind keinen Pfifferling wert und werden nie etwas wert sein. Das
wissen wir zu Hause alle.

Anne-Marie, du stempelst mich zu einem Schurken--

Sie fhrt mit den Augen ber ihn hin, so, als wren ihre Blicke die
Schneiden einer Schere, und sie schneidet ihm Lappen um Lappen alles ab,
womit sie ihn herausstaffiert hat, und als sie ihn zuletzt in der ganzen
Nacktheit seiner Eigenliebe und seines Eigennutzes sieht, fllt ihr
schreckliches kleines Znglein das Urteil ber ihn:

Was bist du denn anders?

Anne-Marie!

Ja, was sind wir alle beide anders, fhrt das unbarmherzige Znglein
fort, das, nun es in Gang ist, es am besten findet, die Dinge klarzulegen,
die ihr Gewissen zermartern, seit sie angefangen hat, daran zu denken, da
auch der reiche Mann, dem dieses groe Schlo gehrt, ein Herz hat, das
leiden und sich sehnen kann. Und nun, wo die Zunge so vortrefflich in Gang
ist und alle Scheu von ihr gewichen zu sein scheint, sagt sie:

Als wir uns daheim in die Chaise setzten, was dachten wir da? Wovon
sprachen wir auf dem Wege? Wie wir ihn dort fr uns gewinnen wollten. >Du
mut flott sein, Anne-Marie,< sagtest du. >Und du mut schlau sein,
Moritz,< sagte ich. Wir dachten nur daran, uns einzuschmeicheln. Viel
wollten wir haben, und nichts wollten wir geben, nichts andres als
Verstellung. Wir wollten nicht sagen: Hilf uns, weil wir arm sind und uns
lieb haben, sondern wir wollten schmeicheln und heucheln, bis Onkel in dich
oder in mich vernarrt war, das war unsre Absicht. Aber wir wollten nichts
zurckgeben, weder Liebe noch Achtung, nicht einmal Dankbarkeit. Und warum
bist du nicht allein gefahren, warum mute ich mit? Du wolltest mich ihm
zeigen, du wolltest, da ich, da ich...

Onkel Theodor springt auf, als er sieht, wie Moritz die Hand gegen sie
erhebt. Denn jetzt hat er fertig gerechnet und verfolgt das, was geschieht,
mit einem Herzen, das in Hoffnung schwillt. Und es ist, als flge sein Herz
nun weit auf, um sie zu empfangen, als sie jetzt aufschreit und in seine
Arme flieht, in seine Arme flieht ohne Zaudern und Bedenken, ganz als gbe
es keinen andern Platz auf Erden, zu dem sie fliehen knnte.

Onkel, er will mich schlagen!

Und sie schmiegt sich fest, fest an ihn.

Aber Moritz ist jetzt wieder ganz ruhig. Verzeih meine Heftigkeit,
Anne-Marie, sagt er. Es regte mich auf, dich in Onkels Gegenwart so
kindisch sprechen zu hren. Aber Onkel wird auch verstehen, da du eben nur
ein Kind bist. Dennoch gebe ich zu, da keine, wenn auch noch so gerechte
Emprung einem Manne das Recht gibt, eine Frau zu schlagen. Komm jetzt her
und ksse mich. Du brauchst bei niemandem Schutz gegen mich zu suchen.

Sie rhrt sich nicht, sie wendet sich nicht um, sie klammert sich nur fest.

Flaumvgelchen, soll ich ihn dich nehmen lassen? flstert Onkel Theodor.

Und sie antwortet nur mit einem Zittern, das auch seinen ganzen Krper
durcheilt.

Aber Onkel Theodor fhlt sich so frisch, so gehoben. Er ist jetzt ganz
auerstande, den vollkommenen Neffen wie frher im richtigen Licht seiner
Vollkommenheit zu sehen. Er wagt es, mit ihm zu scherzen.

Moritz, sagt er, du berraschst mich. Die Liebe macht dich schwach.
Kannst du so mir nichts dir nichts verzeihen, da sie dich einen Schurken
nennt? Du mut sogleich mit ihr brechen. Deine Ehre, Moritz, denke an deine
Ehre! Nichts in der Welt kann einer Frau gestatten, einen Mann zu
beleidigen. Setze dich in deine Chaise, mein Junge, und fahre ohne dieses
verlorne Wesen von hier fort. Das ist nur Recht und Gerechtigkeit nach
einer solchen Beschimpfung.

Und whrend er seine Rede beschliet, legt er seine groen Hnde um ihr
Kpfchen und richtet es empor, so da er ihre Stirn kssen kann.

Verlasse dieses verlorne Wesen, wiederholt er.

Aber jetzt fngt auch Moritz zu verstehen an. Er sieht, wie es in Onkel
Theodors Augen funkelt, und wie ein Lcheln nach dem andern um seine Lippen
spielt.

Komm, Anne-Marie.

Sie zuckt zusammen. Jetzt ruft er sie als der, dem sie sich angelobt hat.
Es ist, als mte sie gehen. Und sie lt Onkel Theodor so hastig los, da
er es nicht verhindern kann, aber sie kann auch nicht zu Moritz gehen,
darum gleitet sie zu Boden, und da bleibt sie sitzen und schluchzt.

Fahre allein in deinem Leiterwagen nach Hause, Moritz, sagt Onkel Theodor
scharf. Diese junge Dame ist bis auf weiteres in meinem Hause zu Gast, und
ich gedenke sie vor deinen bergriffen in Schutz zu nehmen.

Und er denkt nicht mehr an Moritz, sondern ist nur darauf bedacht, sie
emporzuziehen, ihre Trnen zu trocknen und ihr zuzuflstern, da er sie
liebt.

Und Moritz, der sie so sieht, die eine weinend, der andre trstend, ruft
aus: Ach, das ist alles abgekartet. Ich bin betrogen. Das ist eine
Komdie. Man stiehlt mir meine Braut, und man verhhnt mich obendrein. Man
lt mich nach einer rufen, die gar nicht kommen will. Ich beglckwnsche
dich zu diesem Handel, Anne-Marie.

Und whrend er hinausstrzt und die Tre zuwirft, ruft er aus:
Glckssucherin!

Onkel Theodor macht eine Bewegung, wie um ihm nachzueilen und ihn zu
zchtigen, aber das Flaumvgelchen hlt ihn zurck.

Ach, Onkel Theodor, la doch immerhin Moritz das letzte Wort behalten.
Moritz hat immer recht. Eine Glckssucherin, das bin ich ja gerade, Onkel
Theodor.

Und sie schmiegt sich wieder an ihn, ohne zu zgern, ohne zu fragen. Und
Onkel Theodor ist ganz verwirrt, eben weinte sie noch und jetzt lacht sie,
eben sollte sie den einen heiraten und jetzt kte sie einen andern. Da
hebt sie das Kpfchen und lchelt: Jetzt bin ich dein kleines Hndchen. Du
kannst mich nicht loswerden.

Flaumvgelchen, sagt der Gutsherr mit seiner barschesten Stimme. Das
hast du schon die ganze Zeit gewut.

Sie begann zu flstern: Htte mein Bruder...

Und du wolltest doch, Flaumvgelchen... Moritz kann froh sein, da er
dich los wird. Solch ein dummes, lgnerisches, heuchelndes Flaumvgelchen,
solch ein ungerechtes, kleines, wetterwendisches Flumchen, solch ein,
solch ein...

                  *       *       *       *       *

Ach Flaumvgelchen, ach Seidenblmchen! Du warst wohl nicht nur eine
Glckssucherin, du warst wohl auch eine Glcksbringerin, sonst wrde wohl
nicht so viel von deinem lieblichen Frieden den Platz umschweben, wo du
gewohnt hast. Noch heute wird das Haus von groen Ahornen beschattet, und
die Birkenstmme stehen wei und fleckenlos von der Wurzel bis zum Wipfel
da. Noch heute sonnt sich die Natter friedlich auf ihrem Hgel, und im
Parkteich schwimmt ein Khling, der so alt ist, da kein Junge es ber das
Herz bringt, ihn zu angeln. Und wenn ich hinkomme, da fhle ich, da
Feierfriede in der Luft liegt, und es ist, als sngen Vgel und Blumen noch
ihre schnen Lieder dir zum Preise.




Unter den Kletterrosen


Ich wollte, da die Blicke der Menschen, unter denen ich meinen Sommer
verlebt habe, auf diese Zeilen fielen. Jetzt, wo Klte und dunkle Nchte
gekommen sind, mchte ich ihre Gedanken zu der hellen warmen Jahreszeit
zurckfhren.

Vor allem mchte ich sie an die Kletterrosen erinnern, die die Veranda
umschlangen, an das feine, ein wenig dnne Laubwerk der +Rosa bengalensis+,
das sich beim Sonnenschein wie beim Mondlicht in dunkelgrauen Schatten auf
dem lichtgrauen Steinboden abzeichnete und einen leichten Spitzenschleier
ber alles dort drauen warf, und an ihre groen lichten Riesenblumen mit
den ausgefransten Rndern.

Andre Sommer erinnern mich an Kleewiesen oder an Birkenwlder oder an
Birnbume und Beerenstrucher, aber dieser Sommer hat seinen Charakter von
den Kletterrosen bekommen. Die lichten, zarten Knospen, die weder Wind noch
Regen vertrugen, die leicht wehenden hellgrnen Schlinge, die sanft
geneigten Stmmchen, der berschwengliche Reichtum an Blumen, die frhlich
summende Insektenschar, alles das wird mich begleiten und in seiner ganzen
Pracht vor mir auferstehen, wenn ich an den Sommer zurckdenke, den
zarten, feinen Schmelz des Sommers.

Jetzt, wo die Arbeitszeit angebrochen ist, fragt man mich oft, womit ich
meinen Sommer verbracht habe. Dann gleitet alles andre aus meiner
Erinnerung fort, und es will mir scheinen, als htte ich tagaus tagein auf
der Veranda unter den Kletterrosen gesessen und Duft und Sonnenschein
eingeschlrft. Was tat ich da? Ach, ich sah zu, wie andre arbeiteten.

Da war eine kleine Tapezierbiene, die vom Morgen bis zum Abend, vom Abend
bis zum Morgen arbeitete. Aus den weichen grnen Blttern sgte sie mit
ihren scharfen Kiefern ein zierliches kleines Oval, rollte es so zusammen,
wie man eine richtige Tapete rollt, und die kostbare Brde an sich
drckend, flatterte sie fort zum Parke und lie sich auf einem alten
Baumstumpf nieder. Da vertiefte sie sich in dunkle Gnge und geheimnisvolle
Galerien, bis sie endlich den Grund eines lotrechten Schachtes erreichte.
In dessen unbekannten Tiefen, in die sich weder Ameise noch Tausendfler
je gewagt hatten, breitete sie die grne Blattrolle aus und bedeckte den
holprigen Boden mit dem schnsten Teppich. Und als der Boden bedeckt war,
holte die Biene wieder neue Bltter, um die Wnde des Schachtes zu
bekleiden, und arbeitete so rasch und eifrig, da es bald in der ganzen
Rosenhecke kein Blatt gab, das nicht seinen ovalen Ausschnitt hatte, der
bezeugte, da es zur Ausschmckung des alten Baumstumpfes das Seinige hatte
beitragen mssen.

Eines schnen Tages nderte das Bienchen seine Beschftigung. Es bohrte
sich tief in die Bltterwirrnis der Riesenrosen und schlrfte und trank aus
ihren schnen Vorratskammern nach Herzenslust, und jedesmal, wenn es einen
Mund voll hatte, schwirrte es gleich hinber zu dem alten Baumstumpf, um
die frischtapezierte Kammer mit dem klarsten Honig zu fllen.

Aber die kleine Tapezierbiene war nicht die einzige, die drauen in der
Rosenhecke arbeitete. Da gab es auch eine Spinne, eine ganz
unvergleichliche Spinne. Sie war grer als alles, was ich bisher vom
Spinnengeschlechte gesehen habe, sie war klar gelbrot mit einem deutlich
punktierten Kreuz auf dem Rcken, und sie hatte acht lange, wei und rot
gestreifte Beine, alle gleich schn gezeichnet. Ihr httet diese Spinne
sehen sollen! Jeder Faden wurde mit der uersten Genauigkeit gezogen. Von
den ersten an, die nur zur Sttze und zum Halt dienten, bis zu den
innersten feinen Webfden. Und ihr httet sehen sollen, wie sie den
schmalen Fden entlang balancierte, um eine Fliege zu haschen oder ihren
Thron in der Mitte des Netzes einzunehmen, regungslos, geduldig,
stundenlang wartend.

Diese groe rotgelbe Spinne gewann mein Herz: sie war so geduldig und so
weise. Jeden Tag hatte sie ihr kleines Scharmtzel mit der Tapezierbiene,
und immer zog sie sich mit dem gleichen untrglichen Takt aus der Affre.
Die Biene, deren Weg dicht an ihr vorbeifhrte, blieb einmal ums andre in
ihrem Netz hngen. Sogleich begann sie zu surren und zu reien, sie zerrte
an dem feinen Netz und benahm sich ganz toll, was natrlich zur Folge
hatte, da sie sich immer rger und rger verwickelte und Flgel und
Beinchen in das klebrige Gewebe verstrickte.

Sobald die Biene ermattet und erlahmt war, kroch die Spinne zu ihr heran.
Sie hielt sich immer in gebhrlicher Entfernung, aber mit der uersten
Spitze eines ihrer eleganten rotgestreiften Beine gab sie der Biene einen
kleinen Sto, so da sie sich im Netz herumdrehte. Und wenn die Biene
wieder herumgeschnurrt und sich mde gerast hatte, bekam sie abermals einen
ganz sachten Puff, und dann noch einen und noch einen, bis sie sich wie ein
Kreisel drehte und in ihrer Raserei nicht ein noch aus wute und so
verwirrt war, da sie sich nicht zur Wehr setzen konnte. Aber bei diesem
Herumschwingen drehten sich die Fden, die sie hielten, immer mehr
zusammen, und die Spannung wurde so gro, da sie rissen und die Biene zu
Boden fiel. Ja, das war es natrlich, was die Spinne gewollt hatte.

Und dieses Kunststck konnten die beiden Tag fr Tag wiederholen, solange
die Biene in der Rosenhecke Arbeit hatte. Nie konnte der kleine Tapezierer
es lernen, sich vor dem Spinnennetz in acht zu nehmen, und nie zeigte die
Spinne Zorn oder Ungeduld. Ich mochte sie wirklich alle beide gerne leiden,
die kleine eifrige zottige Arbeiterin geradeso wie die groe schlaue alte
Jgerin.

Es begaben sich nicht oft groe Ereignisse in dem Hause mit den
Kletterrosen. Zwischen den Spalieren konnte man den kleinen See in der
Sonne liegen und blinken sehen. Und das war ein See, der zu klein und zu
umfriedet war, um sich in wirklichen Wellen erheben zu knnen, aber bei
jedem kleinen Gekrusel des grauen Spiegels flogen tausende kleine Fnkchen
auf, die auf den Wellen glitzerten und tanzten. Es sah aus, als wre die
ganze Tiefe von Feuer erfllt, das nicht heraus knnte. Und so war auch das
Sommerleben dort drauen; es war gewhnlich ganz still, aber kam nur das
allergeringste kleine Gekrusel-- ach, wie konnte es da schimmern und
glitzern.

Und es bedurfte keiner groen Dinge, um uns froh zu machen. Eine Blume oder
ein Vogel konnte uns Heiterkeit fr mehrere Stunden bringen, von der
Tapezierbiene gar nicht zu sprechen. Ich werde nie vergessen, wie
seelenvergngt ich einmal durch sie wurde.

Die Biene war wie gewhnlich im Spinnennetz gewesen und die Spinne hatte
ihr wie gewhnlich herausgeholfen, aber sie hatte tchtig festgesessen, so
da sie sich ungeheuer lange herumdrehen mute und ganz zahm und gebndigt
war, als sie davonflog. Ich beugte mich vor, um zu sehen, ob das Netz
groen Schaden genommen habe. Das hatte es glcklicherweise nicht, dagegen
sa eine kleine Raupe im Netze fest, ein kleines fadenschmales Untier, das
nur aus Kiefern und Krallen bestand, und ich war erregt, wirklich erregt,
als ich es erblickte.

Kannte ich sie nicht, diese Larven der Maikfer, die zu Tausenden die
Blumen hinaufkriechen und sich unter ihren Kronenblttern verstecken?
Kannte ich sie nicht und bewunderte ich sie nicht auch, diese beharrlichen
schlauen Parasiten, die verborgen dasitzen und warten, nur warten, und wenn
es wochenlang dauern sollte, bis eine Biene kommt, in deren schwarzgelbem
Pelz sie sich verbergen knnen? Und wute ich nicht von ihrer
hassenswrdigen Geschicklichkeit, gerade wenn die kleine Zellenbauerin
einen Raum mit Honig gefllt und auf dessen Oberflche das Ei gelegt hat,
aus dem der richtige Eigentmer der Zelle und des Honigs hervorkommen soll,
gerade da auf das Ei hinabzukriechen und unter eifrigem Balancieren darauf
sitzen zu bleiben wie auf einem Boote, denn fielen sie in den Honig hinab,
so mten sie ertrinken. Und whrend die Biene das fingerhuthnliche
Nestchen mit einem grnen Dach bedeckt und behutsam ihr Junges einschliet,
schlitzt die gelbe Raupe mit scharfen Kiefern das Ei auf und verzehrt
dessen Inhalt, whrend die Eischale noch immer als Nachen auf dem
gefhrlichen Honigsee dienen mu.

Aber so nach und nach wird das schmale gelbe Ding platt und gro und kann
selbst auf dem Honig schwimmen und davon trinken, und wenn die Zeit sich
erfllt hat, kommt ein fetter schwarzer Maikfer aus der Bienenzelle. Aber
das ist es sicherlich nicht, was das kleine Bienchen mit seiner Arbeit
erreichen wollte, und wie schlau und behend der Maikfer sich auch betragen
hat, so ist er doch nichts andres als ein fauler Schmarotzer, der keine
Barmherzigkeit verdient.

Und meine Biene, meine kleine, fleiige Herzensbiene, war mit solch einem
gelben Parasiten im Pelze herumgeflogen. Aber whrend die Spinne sie im
Kreise gedreht hatte, hatte er sich losgelst und war in das Netz
gefallen, und jetzt kam die groe Gelbrote und gab ihm einen Bi mit ihrem
Giftzahn und verwandelte ihn in einem Augenblick in ein Skelett ohne Leben
und Inhalt.

Und als die kleine Biene zurckkam, war ihr Surren wie eine Lobhymne an das
Leben.

O du schnes Leben! sagte sie. Ich danke dir, da auf mein Los die
frhliche Arbeit unter Rosen im Sonnenschein gefallen ist. Ich danke dir,
da ich dich ohne Angst und Furcht genieen kann. Wohl wei ich, da
Spinnen lauern und Maikfer stehlen, aber mein ist die frhliche Arbeit und
die mutige Sorglosigkeit. O du schnes Leben, du herrliches Dasein!




Die Grabschrift


Heute beachtet gewi keine Menschenseele das kleine Kreuzlein, das in einer
Ecke des Svartsjer Friedhofs steht. Heute gehen alle Kirchenbesucher daran
vorbei, ohne einen Blick darauf zu werfen. Und es ist ja nicht wunderlich,
da keiner es bemerkt. Es ist so niedrig, da Klee und Glockenblumen ihm
bis ber die Arme reichen und Timotheusgras darber wchst. Auch nimmt sich
keiner die Mhe, die Inschrift zu lesen, die da steht. Die weien
Buchstaben sind heute fast gnzlich vom Regen verwischt, und es scheint nie
jemand einzufallen, sie zu Worten zusammenzufgen.

Aber es ist nicht immer so gewesen. Das kleine Kreuz hat seinerzeit viel
Staunen und Verwunderung erweckt. Eine Zeitlang konnte niemand den Fu auf
den Svartsjer Friedhof setzen, ohne zu dem Kreuze hinzugehen. Und bekommt
ein Mensch aus jener Zeit es heute zu Gesicht, so sieht er sogleich eine
ganze Geschichte vor sich...

Er sieht das ganze Kirchspiel Svartsj in Winterschlummer versenkt und mit
glattem, weiem Schnee bedeckt, der anderthalb Ellen hoch liegt. Es sieht
dort so aus, da es kaum menschenmglich ist, sich zurechtzufinden. Man mu
nach dem Kompa gehen, wie auf dem Meere. Es ist keinerlei Unterschied
zwischen Strand und See, das Brachfeld liegt ebenso glatt da wie die Erde,
die hundert Ernten Hafer getragen hat. Die Khlerleute, die auf groen
Moorflchen und nackten Bergfirsten hausen, knnen sich einbilden, da sie
ber ebensoviel gepflgten und bebauten Boden gebten wie der reichste
Grobauer.

Die Wege haben ihre sichern Bahnen zwischen den grauen Zunen verlassen und
abenteuern nun ber die Wiesen und den Flu entlang. Selbst drinnen
zwischen den Gehften kann man leicht verwirrt werden. Man kann pltzlich
entdecken, da der Weg zum Brunnen quer ber die Spireahecke des kleinen
Rosenbeets gelegt ist. Aber nirgends ist es so unmglich, sich
zurechtzufinden, wie auf dem Kirchhof. Erstens ist die graue Steinmauer,
die ihn vom Pfarrhof trennt, ganz berschneit, so da er jetzt vllig mit
diesem zusammenfliet. Zweitens ist der Kirchhof jetzt nur noch ein groes,
weies Feld: nicht die kleinste Unebenheit in der Schneedecke verrt die
vielen Anhhen und Hgelchen des Totenackers.

Auf den meisten Grbern stehen Eisenkreuze, an denen dnne, kleine Herzen
hngen, die im Sommer der Wind bewegt. Jetzt sind sie alle berschneit.
Diese kleinen Eisenherzen knnen nicht mehr ihre wehmtigen Weisen von
Schmerz und Sehnen erklingen lassen.

Leute, die drinnen in den Stdten auf Arbeit waren, haben fr ihre Toten
daheim Trauerkrnze mit Blumen aus Perlen und Blttern aus Eisenblech
mitgebracht, und diese Krnze stehen so in Achtung, da sie auf den Grbern
in kleinen Glaskasten liegen. Aber nun sind auch sie unter dem Schnee
verborgen und begraben. Nun ist das Grab, das solchen Schmuck trgt, um
nichts vornehmer als irgendein andres.

Ein paar Schneebeerenbsche und Fliederhecken ragen aus der Schneedecke
empor, allein die meisten sind verborgen. Die nackten Zweige, die aus dem
Schnee hervorkommen, sind einander wunderlich gleich. Sie knnen dem nicht
zur Richtschnur dienen, der sich auf dem Kirchhofe zurechtzufinden sucht.
Alte Mtterchen, deren Brauch es ist, allsonntglich einzutreten, um einen
Blick auf die Grber ihrer Lieben zu werfen, kommen jetzt des Schnees wegen
nicht weiter als ein Stck ber den Hauptweg hinaus. Dort bleiben sie
stehen und versuchen zu erraten, wo das Grab liegen mag. Ist es bei
diesem Busch oder bei jenem? Und sie fangen an, sich nach dem Schmelzen des
Schnees zu sehnen. Es ist, als sei der Entrissene so unsagbar weit von
ihnen entfernt, seit sie die Stelle nicht mehr sehen knnen, wo er in die
Erde versenkt worden ist.

Da sind auch ein paar groe Steine, die sich ber den Schnee erheben. Aber
es sind ihrer so wenige. Und der Schnee hngt ber ihnen, so da man den
einen nicht vom andern unterscheiden kann.

Ein einziger Weg auf dem Kirchhof ist gebahnt. Er fhrt den Hauptgang
entlang zu einem kleinen Leichenhause. Soll jemand begraben werden, so wird
der Sarg in das Leichenhaus getragen, und dort hlt der Pfarrer die
Grabrede und nimmt die Zeremonie der Beerdigung vor. Es ist nicht daran zu
denken, da der Sarg in die Erde kommen knnte, solange dieser Winter
whrt. Er mu im Leichenhause stehen bleiben, bis Gott Tauwetter sendet und
der Boden wieder zugnglich wird fr Hacke und Spaten.

Gerade wie der Winter in seiner strengsten Laune und der Kirchhof ganz
unzugnglich ist, stirbt ein Kind beim Httenherrn Sander auf dem Werke
Lerum.

Das ist ein groes Werk, Lerum, und Httenherr Sander ist ein mchtiger
Mann. Er hat sich erst jngst ein Familiengrab auf dem Kirchhof herstellen
lassen. Man erinnert sich gut daran, wenn es jetzt auch unter dem Schnee
verborgen ist. Es ist von einem behauenen Steinrand und einer dicken
Eisenkette umgeben; mitten auf dem Grabe steht ein Granitblock, der den
Namen trgt. Dort steht das eine Wort Sander mit groen Lettern
eingegraben, die ber den ganzen Kirchhof leuchten.

Aber jetzt, da das Kind tot ist und das Begrbnis zur Sprache kommt, sagt
der Httenherr zu seiner Frau:

Ich will nicht, da dieses Kind in meinem Grabe liege!

Mit einem Male sieht man sie vor sich. Da ist der Speisesaal auf Lerum, und
da sitzt der Httenherr am Frhstckstisch und it allein, wie er zu tun
pflegt. Seine Gattin Ebba Sander lehnt im Schaukelstuhl am Fenster, von wo
sie die Aussicht ber den See und die birkenbestandnen Inselchen hat.

Sie hat dagesessen und geweint, aber als der Mann dieses sagt, werden ihre
Augen auf einmal trocken. Die ganze kleine Gestalt zieht sich vor Schrecken
zusammen, sie beginnt zu zittern, als fhle sie starke Klte.

Was sagst du, was sagst du? fragt sie. Und sie spricht wie einer, der vor
Klte klappert.

Es widerstrebt mir, sagt der Httenherr. Vater und Mutter liegen da, und
auf dem Steine steht Sander. Ich will nicht, da dieses Kind dort liege.

Ah so, _das_ hast du dir ausgeheckt? sagt sie und schauert dabei
fortwhrend zusammen. Ich wute wohl, da du dich einmal rchen wrdest.

Er wirft die Serviette fort, erhebt sich vom Tische und steht breit und
gro vor ihr. Es ist gar nicht seine Absicht, seinen Willen mit vielen
Worten zu ertrotzen. Aber sie kann es ihm ja ansehen, wie er so da steht,
da er seinen Sinn nicht ndern kann. Der ganze Mann ist schwere,
unerschtterliche Halsstarrigkeit.

Ich will mich nicht rchen, sagt er, ohne die Stimme zu erheben. Ich
kann es nur nicht ertragen.

Du sprichst, als handelte es sich nur darum, ihn aus einem Bett in das
andre zu legen, sagt sie. Und er ist ja tot, ihm kann es wohl gleich
sein, wo er liegt. Aber _ich_ bin dann eine Verlorne.

Ich habe auch daran gedacht, sagt er, aber ich kann nicht.

Zwei Leute, die mehrere Jahre miteinander verheiratet sind, brauchen nicht
viel Worte, um sich zu verstehen. Sie wei schon, da es ganz zwecklos
wre, wollte sie versuchen, ihn umzustimmen.

Warum mutest du mir damals verzeihen? sagt sie und ringt die Hnde.
Warum lieest du mich auf Lerum bleiben als dein Weib und versprachst mir,
du wollest mir vergeben?

Er wei bei sich, da er ihr nicht schaden will. Er kann nichts dafr, da
er jetzt an der Grenze seiner Nachsicht angelangt ist. Sag den Nachbarn,
was du willst, sagt er. Ich schweige schon. Gib vor, es sei Wasser im
Grabe, oder sage, es sei nicht Raum fr mehr Srge als die von Vater und
Mutter und meinen und deinen.

Und das sollen sie glauben?

Du mut dir helfen, so gut du kannst, sagt er.

Er ist nicht bse, sie sieht, da er es nicht ist. Es ist, wie er selbst
sagt. Er kann sich darin nicht berwinden.

Sie rckt sich hher in den Stuhl hinauf, verschrnkt die Arme hinter dem
Kopf und sitzt und starrt zum Fenster hinaus, ohne etwas zu sagen. Das
Entsetzliche ist, da es so viel im Leben gibt, was einen berwltigt. Vor
allem ist es furchtbar, da in einem selbst Mchte emporsteigen, die man
nicht lenken kann. Vor einigen Jahren, als sie schon eine besonnene,
verheiratete Frau war, kam die Liebe ber sie. So eine Liebe! Es war nicht
daran zu denken, da sie sie htte regieren knnen. Und was nun Gewalt ber
ihren Mann bekam,-- war es Rachbegier? Er ist ihr nie bse gewesen. Er hat
ihr sogleich verziehen, als sie kam und alles gestand. Du bist von Sinnen
gewesen, hat er gesagt und hat sie weiter als seine Gattin leben lassen.

Aber obgleich es ein leichtes sein kann, zu sagen, da man vergebe, es mag
doch schwer genug fallen, es zu tun. Vor allem ist es schwer fr einen
Mann, der tiefsinnig und schwerbltig ist, der niemals vergit und niemals
aufbraust. Was er auch sagen mag, in seinem Herzen sitzt etwas, das hungert
und danach schreit, sich sttigen zu drfen an eines andern Leid. Ein
wunderliches Gefhl hat sie immer gehabt, als ob es besser gewesen wre,
wenn er damals so gezrnt htte, da er sie geschlagen htte. Dann htte er
nachher wieder gut werden knnen. Nun geht er umher und ist mrrisch und
verdrossen, und sie ist schreckhaft geworden. Sie geht wie ein Pferd an der
Deichsel. Sie wei, da hinter ihr einer sitzt, der die Peitsche in der
Hand hlt,-- wenn er sie auch nicht gebraucht. Und nun hat er sie
gebraucht. Nun ist sie eine Verlorne.

                  *       *       *       *       *

Die Menschen sagen, da sie nie einen Schmerz gesehen htten, wie den
ihren. Sie sieht aus wie ein Steinbild. In diesen Tagen vor dem Begrbnis
wei man nicht, ob sie wirklich lebt. Es ist unmglich, zu wissen, ob sie
hre, was man sagt, ob sie wisse, wer zu ihr spricht. Sie scheint keinen
Hunger zu fhlen, sie scheint drauen in der bittern Klte gehen zu knnen,
ohne zu frieren. Aber die Menschen irren sich, es ist nicht Schmerz, was
sie versteinert, es ist Angst.

Sie denkt nicht daran, am Begrbnistag daheim zu bleiben. Sie _mu_ mit zum
Friedhofe, sie _mu_ mit im Trauergefolge gehen, mitgehen und wissen, da
alle, die dem Sarge folgen, glauben, da die Leiche zu dem groen
Sanderschen Grabe gefhrt werde. Sie denkt, da sie unter der Verwunderung
und dem Staunen, das sich gegen sie wenden werde, zusammenbrechen msse,
wenn er, der an der Spitze des Zuges schreite, ihn zu einem unbemerkten
Grabplatz hinfhren wrde. Es werde ein Murmeln der Verwunderung von Reihe
zu Reihe gehen, obgleich dies ein Leichenzug ist. Warum darf das Kind nicht
in dem Sanderschen Grabe liegen? Man werde sich der ungewissen,
unbestimmten Gerchte erinnern, die einmal ber sie im Schwange waren. Es
msse wohl irgend etwas hinter diesen Geschichten gewesen sein, wird man
sagen. Bevor der Leichenzug vom Kirchhofe wiederkehre, werde sie gerichtet
und verloren sein.

Das einzige, was ihr helfen kann, ist: selbst mit dabei zu sein. Sie wird
da gehen, mit ruhigem Antlitz, wird aussehen, als ob alles in Ordnung wre.
Vielleicht werden sie dann glauben, was sie sagt, um die Sache zu erklren.

Der Mann fhrt auch mit zur Kirche. Er hat alles geordnet: die
Begrbnisgste geladen, den Sarg bestellt und bestimmt, wer ihn tragen
soll. Er ist zufrieden und gut, seit er seinen Willen durchgesetzt hat.

Es ist Sonntag, der Gottesdienst ist vorber, und der Leichenzug stellt
sich vor dem Gemeindehause auf. Die Trger legen die weien Tragtcher ber
ihre Schultern, alle Standespersonen von Lerum gehen in der Prozession mit
und ein groer Teil der Kirchenbesucher.

Whrend die Prozession sich ordnet, denkt sie, da sie sich jetzt
aufstellten, um einen Verbrecher zum Richtplatz zu geleiten.

Wie sie sie ansehen werden, wenn sie zurckkehren. Sie ist gekommen, um sie
vorbereiten zu knnen, aber sie hat kein Wort ber ihre Lippen gebracht.
Sie kann nicht ruhig und besonnen sprechen. Was sie tun knnte, wre: so
heftig und laut zu jammern, da man es ber den ganzen Kirchenplatz hrte.
Sie wagt die Lippen nicht zu regen, damit dieser Schrei nicht ber sie
hereinbreche.

Die Glocken beginnen sich droben im Turme zu rhren, und die Menschen
setzen sich in Bewegung. Und jetzt kommt es, ohne alle Vorbereitung! Warum
hat sie nicht sprechen knnen? Sie tut sich Gewalt an, um ihnen nicht
zuzurufen, sie mchten nicht auf den Kirchhof gehen mit dem Toten. Ein
Toter sei ja nichts. Warum sie vernichtet werden solle fr einen Toten? Sie
knnten ja den Toten hinlegen, wohin sie wollten, nur nicht auf den
Kirchhof. Sie will sie vom Friedhof verscheuchen. Er sei gefhrlich. Er sei
voll Pestkeimen. Man habe Wolfsspuren auf ihm gesehen. Sie will sie
schrecken, wie man Kinder schreckt.

Sie wei nicht, wo dem Kinde das Grab gegraben ist. Sie erfahre es zeitig
genug, denkt sie. Wie jetzt der Zug in den Friedhof hineinschreitet, blickt
sie ber das Schneefeld, um ein frisch aufgeworfnes Grab zu entdecken...

Aber sie sieht weder Weg noch Grab. Dort drauen ist nichts als ein
ungefurchtes Schneefeld. Und der Zug geht zum Leichenhause hinauf. So viele
nur knnen, drngen sich hinein, und dort wird die Beerdigungszeremonie
vorgenommen. Es ist nicht die Rede davon, zum Sanderschen Grabe zu gehen.
Keiner kann wissen, da der Kleine, der nun zur letzten Ruhe eingesegnet
wird, niemals in das Familiengrab gebettet werden soll!

Htte sie das nicht vergessen in ihrem Entsetzen, keinen Augenblick htte
sie sich zu frchten brauchen. Im Frhling, denkt sie, wenn der Sarg
versenkt wird, ist wohl kaum einer auer dem Totengrber zugegen. Jeder
wird glauben, da das Kind im Sanderschen Grabe liege. Und sie begreift,
da sie gerettet ist.

Sie bricht in heftigem Weinen zusammen. Die Leute sehen sie mitleidig an.

Es ist furchtbar, wie sie es sich zu Herzen nimmt, sagen sie. Aber sie
selbst wei am besten, da sie Trnen weint, wie eine, die aus Not und
Lebensgefahr entronnen ist...

Ein paar Tage nach dem Begrbnis sitzt sie in der Dmmerung auf ihrem
gewohnten Platz im Speisesaal. Whrend das Dunkel einfllt, ertappt sie
sich darauf, da sie dasitzt und wartet und sich sehnt. Sie sitzt und
horcht nach dem Kinde. Jetzt ist ja die Zeit, wo es hereinzukommen pflegt,
um zu spielen. Wird es heute nicht kommen? Da fhrt sie empor und denkt:
Es ist ja tot, es ist ja tot.

Am nchsten Tage sitzt sie wieder in der Dmmerung und sehnt sich, und
Abend fr Abend kommt diese Sehnsucht wieder und wird immer mchtiger. Sie
breitet sich aus, wie das Licht im Frhling, bis sie schlielich alle
Stunden des Tages und der Nacht beherrscht.

Es ist ja beinahe selbstverstndlich, da ein Kind, wie das ihre, mehr
Liebe im Tode empfngt als im Leben. Die Mutter hat, solange es lebte, an
nichts andres gedacht, als daran, ihren Mann wiederzugewinnen. Und fr ihn
konnte das Kind ja nicht erfreulich sein. Es mute ferngehalten werden. Es
mute oft fhlen, da es ihm zur Last war. Die Gattin, die ihren Pflichten
untreu geworden war, hatte ihrem Manne zeigen wollen, da sie doch etwas
wert war. Sie hatte unablssig in Kche und Webkammer gearbeitet. Wo htte
sich Platz fr den kleinen Jungen finden sollen, mitten in dem allem! Und
jetzt nachtrglich erinnert sie sich, wie seine Augen zu bitten und zu
betteln pflegten. Abends wollte er, da sie an seinem Bette sitze. Er
sagte, er frchte sich im Dunkeln, aber nun denkt sie, da das vielleicht
nicht wahr gewesen sei. Er hat es gesagt, damit sie bei ihm bliebe. Sie
erinnert sich, wie er dalag und gegen den Schlaf kmpfte. Jetzt begreift
sie, da er sich wach gehalten hat, um lange liegen und ihre Hand in der
seinen halten zu drfen.

Er ist ein pfiffiges Kerlchen gewesen, so klein er auch war. Er hat seinen
ganzen Verstand aufgewendet, um auch ein bichen von ihrer Liebe
abzubekommen.

Es ist erstaunlich, da Kinder so lieben knnen. Sie hatte es nie
begriffen, solange er noch lebte.

Eigentlich fngt sie erst jetzt an, das Kind zu lieben. Jetzt erst fhlt
sie sich berckt von seiner Schnheit. Sie kann sitzen und von seinen
groen, geheimnisvollen Augen trumen. Es ist nie ein rosiges, rundwangiges
Kind gewesen, es war zart und bla. Aber es war wunderbar schn.

Es steht vor ihr als etwas wunderbar Herrliches, herrlicher mit jedem Tag,
der geht. Kinder mssen ja das Kstlichste sein, was die Erde trgt. Man
bedenke doch nur, da es kleine Wesen gibt, die jedermann die Hand
entgegenstrecken und von allen Menschen Gutes glauben, die nicht danach
fragen, ob ein Antlitz schn oder hlich ist, sondern das hliche ebenso
gern kssen wie das hbsche, die alt und jung lieben knnen, reich und arm.
Und zu alledem sind sie wirkliche kleine Menschen.

Sie kommt dem Kinde mit jedem Tage nher und nher. Sie wnscht wohl, da
es lebte, aber sie wei nicht, ob sie ihm dann jemals so nahe gekommen wre
wie jetzt.

Zuweilen gert sie in Verzweiflung darber, da sie den Knaben nicht
glcklicher gemacht hat, so lange er am Leben war. Darum ist er mir wohl
genommen worden, denkt sie. Aber nur selten trauert sie in dieser Weise.

Sie hat sich frher vor Trauer gefrchtet, aber sie findet jetzt, da
Trauer nicht das ist, was sie sich gedacht hat. Trauern heit ja: ein
Vergangnes wieder und wieder erleben. Trauern heit: sich in das ganze
Wesen des Knaben hineinleben, ihn nun endlich zu verstehen. Diese Trauer
macht sie sehr reich.

Am meisten frchtet sie sich jetzt davor, da die Zeit ihn ihr entfhren
knnte. Sie hat kein Bild von ihm, vielleicht knnten seine Zge in ihrer
Erinnerung auslschen. Jeden Tag sitzt sie da und prft sich: Sehe ich
ihn, sehe ich ihn recht?

Wie der Winter vergeht, Woche um Woche, ertappt sie sich auf der Sehnsucht,
ihn nicht mehr im Leichenhause, sondern in die Erde gebettet zu wissen,
damit sie zu dem Grabe kommen und mit ihm sprechen knne. Er soll gegen
Westen liegen, da ist es am schnsten. Und sie wird seinen Hgel mit Rosen
schmcken. Sie will auch eine Hecke haben und eine Bank. Sie will dort
sitzen knnen, lange, lange.

Aber die Menschen werden sich ja wundern. Die Menschen sollen es ja nicht
anders wissen, als wenn ihr Kind im Familiengrabe liege. Wie werden sie
staunen, wenn sie sie ein fremdes Grab schmcken und dort stundenlang
sitzen sehen! Was soll sie sich ausdenken, um es ihnen zu sagen?

Manchmal denkt sie, da sie es auf diese Weise machen msse: Zuerst zu dem
groen Grabe gehen und dort einen groen Strau niederlegen und eine Weile
dort sitzen. Dann wrde sie sich wohl zu dem kleinen Grabe hinschleichen
knnen. Er wrde wohl zufrieden sein mit dem einzigen kleinen Blmlein, das
sie ihm heimlich zustecken knnte.

Ja, er knnte sich wohl damit begngen, aber kann sie es? Es ist, als wrde
sie auf diese Weise in keine Gemeinschaft mit ihm kommen. Und er wrde es
dann erfahren, da sie sich seiner schmte. Er wrde begreifen, welche
brennende Schmach es fr sie gewesen war, da er geboren wurde. Sie mu ihn
schtzen, damit er das nicht erfahre. Er soll glauben, da das Glck, ihn
zu besitzen, alles berwogen htte.

                  *       *       *       *       *

Endlich weicht der Winter. Man sieht, da es Frhling wird. Die Schneedecke
schmilzt, die Erde beginnt sich zu zeigen. Noch whrt es vielleicht ein
paar Wochen, bis der Frost aus dem Boden zieht, aber man hat doch die
Hoffnung, da die Toten nun bald aus der Leichenkammer kommen. Und sie
sehnt sich, sie sehnt sich.

Kann sie ihn noch sehen? Sie prft sich jeden Tag, aber es ist im Winter
besser gegangen: im Frhling will er sich ihr nicht zeigen. Da gert sie in
Verzweiflung, sie mu auf dem Grabe sitzen knnen, um ihm nahe zu kommen,
um ihn sehen, ihn lieben zu knnen. Kommt er denn niemals in die Erde
hinunter?

Sie hat nichts andres zu lieben, sie mu ihn sehen knnen, ihn sehen
knnen, ihr ganzes Leben lang.

Mit einem Male verschwindet alles Zgern und aller Kleinmut vor ihrer
groen Sehnsucht. Sie liebt, sie liebt, sie kann nicht leben ohne den
Toten. Sie fhlt, da sie auf niemand Rcksicht nehmen kann als auf ihn.
Und als die Frhlingsfluten wirklich kommen, als auf dem Kirchhofe wieder
Anhhen und Hgel hervortreten, als die Herzen an den eisernen Kreuzen
wieder zu klingen anfangen und die Perlenblumen in ihren Glaskasten
leuchten, und als die Erde sich endlich dem kleinen Sarge ffnen kann, hat
sie schon ein schwarzes Kreuz machen lassen, um es auf den Hgel zu
pflanzen.

Quer ber das Kreuz von Arm zu Arm steht mit deutlichen weien Buchstaben
geschrieben:

                     _Hier ruht mein Kind._

Und dann, darunter auf dem Kreuzesstamm, steht ihr Name.

Sie fragt nicht danach, da die ganze Welt erfhrt, was sie getan hat.
Alles andre ist eitel; nur das eine liegt ihr am Herzen, ohne Trug beten zu
knnen an ihres Kindes Grab.




Rmerblut


Wenn ihr in Rom gewesen seid, so sind euch gewi die kleinen Landgter vor
der Stadtmauer aufgefallen. Man hat ein paar Hufen Land, auf denen man
Artischocken, Erbsen und Blumenkohl zieht, je nach der Jahreszeit. Man hat
ein paar niedrige, strohbedeckte Wohnhuser, einen niedrigen Eselstall,
einen groen gemauerten Brunnen und ein paar Hhnersteigen. Man hat
natrlich eine Menge Federvieh, und nicht nur Hhner, Truthhne und Enten,
sondern auch Pfauen und Fasane.

Und dann schafft man sich, um ein bichen besser leben zu knnen-- denn
Grnzeug und Hhner werfen keinen glnzenden Gewinn ab-- ein paar groe
Fsser rmischen Schlowein an und legt sie in eine der niedrigen Htten,
deren jede nicht mehr als ein Gela hat. Dahin stellt man auch einen
Ladentisch und ein Wandbrett mit Glsern und Literflaschen, drauen aber
auf dem Hofe, zwischen dem Brunnen und den Hhnersteigen, stellt man lange
Bnke und feste Tische auf. Hier hinter der Stadtmauer wehen die
Campagnawinde stark und ungehemmt. Darum bringt man kleine Schutzdcher
ber den Bnken an und umgibt sie mit Rohrwnden, durch die die Sonne
hereinrieselt, gelb wie Gold. Zuletzt lt man auch ein Schild malen und
hngt es ber das kleine Mauerpfrtchen, das nach der Strae und der Stadt
fhrt. Und die Osteria ist fertig.

Nino Beppone war nun zehn Jahre Kellner in solch einer kleinen Osteria
gewesen, man darf aber nicht glauben, da er des Lohnes und der Trinkgelder
wegen so lange geblieben wre, oder weil er zu nichts anders getaugt htte.
Nino war ein prchtiger, ja ein gebildeter junger Mann; wenn er sich damit
begngte, Kellner in einer Osteria vor dem Stadttor zu bleiben, geschah es,
weil er in Teresa, die lteste Tochter des Hauses, verliebt war.

Ah, wie Nino sie liebte! Sie war so schn. Sie war gerade in der Art schn,
wie Nino es haben wollte, mit groen, starken Zgen und warmen, klaren
Farben. Sie ging so stolz und so leicht wie eine Knigin. Sie sprach mit
einer hellen, klingenden Stimme, und so deutlich, da keine Silbe ihrer
Worte verloren gehen konnte. Sie lachte so rein, wie ein Silberglckchen
lutet. Ihre Hnde waren schn, wei und fest, und ihr Hndedruck strkend
wie ein Segen.

Alle, die in die Osteria kamen, wollten bei ihr bestellen und verlangten,
da sie immer hinter dem Schanktisch zur Hand sei. Wo ist Teresa? fragten
sie sicherlich, wenn sie sie nicht sahen. Und das begriff Nino sehr wohl.
Wute er nicht selbst, um wie viel besser die Suppe schmeckte, wenn sie sie
aus dem Kochtopf schpfte, als wenn ihre Schwestern es taten? Es war nicht
zu verwundern, da jedermann mit ihr zu tun haben wollte. War es nicht
schon eine Freude, in demselben Raume zu weilen wie sie?

Er war fest davon berzeugt, da die Leute nicht so sehr um Wein zu trinken
hereinkmen, als vielmehr um Teresa alle ihre Sorgen anvertrauen zu knnen.
Wenn einem der Esel gestorben war, wenn man ihn im Ballspiel besiegt hatte,
oder wenn der tolle Pietro wieder einem das Messer in den Leib gestoen
hatte, so war es eine Erleichterung, es ihr zu erzhlen. Nino wute, da
junge, frische Burschen, die gar keine Sorgen hatten, zuweilen dasaen und
sich lange, traurige Geschichten ausdachten, nur damit sie ein Weilchen bei
ihrem Tische stille stehe, ihnen zuhre und sich ihrer ein wenig annehme.
Ach nein, sie waren nicht in sie verliebt, aber sie wollten doch, da sie
den Wein in ihr Glas giee oder ihnen eine Mandarine zustecke, wenn sie
gingen, und ihnen verspreche, sich in ihren Gebeten ihrer zu erinnern.

Die andern Schwestern verheirateten sich, sobald sie ihr sechzehntes Jahr
erreicht hatten; eine zog fort, und eine blieb mit Mann und Kindern daheim.
Aber Teresa wollte nicht heiraten, und Nino wute schon, warum. Er wute
wohl, da sie weder ihn noch irgendeinen andern aus dem Landvolk wollte,
einen Signor wollte sie.

Ja, ja, Teresa war sehr stolz. Das sah man schon an der Art, wie sie ihr
Haar hoch aufsteckte, ganz wie eine Signorina, und an ihren
Sonntagskleidern. Zu Hause trug sie eine grne Schrze und ein rotes Tuch
um den Hals, wenn sie aber nach Rom ging, war sie immer schwarz gekleidet.
Und sie hatte einen groen Hut mit vielfach gebogner Krempe und einen
Federkragen um den Hals, so lang, da er bis zum Kleidsaum reichte.

Natrlich gefiel ihr der Gedanke, eine Signora zu werden. Das einzige
Unnatrliche war blo, da sie nicht einsah, da sie schon eine war.

Eigentlich war es Nino nicht unerwnscht, da Teresa keinen Campagnabo
nehmen wollte. Er, Nino, hatte keine Hoffnung, sie je zu bekommen. Er war
dick und rund wie ein Mehlsack, und er hatte auch so eine graue
Mllerfarbe. Und nur ein paar kleine Striche statt richtiger Augen. Er war
zu hlich fr sie. Aber da es nun seine guten Wege hatte, bis ihr Signor
kam, und da kein andrer den Versuch wagte, sie fortzuholen, konnte Nino
wenigstens jahraus jahrein als ihr Kamerad umhergehen. Und das war kein
geringes Glck.

Die Tage drauen auf dem Meierhof erschienen Nino voll Seligkeit. Des
Morgens, wenn Teresa ihre Vgel betreute, trug Nino ihr die Schale mit dem
Mais. Vormittags half er ihr, das Unkraut ausjten oder das Gemse in
Ordnung bringen, das auf den Markt geschickt werden sollte. Und abends,
wenn die Arbeitsleute auf ihrem Heimweg eintraten, ein Glas goldgelben
Castello romano zu trinken, da stand sie am Fasse und fllte in die Mae
ein, und er nahm sie aus ihrer Hand. Wenn es ein groer Tag war, Festtag
oder Markttag, und das Volk war zusammengestrmt, so da alle Bnke
bervoll waren und der ganze Hof von Drehorgelspielern und Verkufern von
gebratenen pfeln und Kastanien wimmelte, und er und sie muten atemlos und
hei mit ihren Flaschen und Glsern zwischen den Tischen hin und her eilen,
dann nickten sie einander zu, wenn sie zusammentrafen. Da fhlten sie sich
so kameradschaftlich wie Soldaten, die in den Kampf ziehen.

An Abenden aber, wo keine Gste kamen, sa Nino da und erzhlte Teresa aus
Bchern, die er gelesen hatte. Da lie sie ihn von dem alten Rom erzhlen,
und am liebsten hrte sie von dem Aufstande der Plebejer gegen die
Patrizier und von den mchtigen rmischen Matronen. Nino wute wohl, warum.
Es war dasselbe Blut, sie fhlte in sich das gleiche Blut. Am nchsten Tage
trug sie den Kopf noch viel stolzer, als frher. Nino wute, da er wie ein
Tollhusler handelte. Jedesmal, wenn er von Cornelia, der Mutter der
Gracchen, erzhlte, entfernte er sie weiter von sich. Warum konnte er diese
Erzhlungen nicht sein lassen? Warum liebte er sie am allermeisten, wenn
sie den Nacken so hoch hob, und wenn ihre Augen blitzten?

Als sie vierundzwanzig Jahre alt war, hrte Nino die Leute sagen, da es
bald zu spt fr sie sein wrde, noch einen Mann zu bekommen. Sie sei nicht
mehr schn. Nino konnte nicht begreifen, was sie meinten. War sie denn
nicht schn?

Eines Tages jedoch merkte er, da sie recht gehabt hatten. Sie war wirklich
im Begriffe gewesen, alt zu werden. Sie mute ganz verblat gewesen sein,
obgleich er es nicht gemerkt hatte. Nun merkte er es daran, da sie wieder
aufzublhen begann. Die frische Jugendschnheit erhellte aufs neue ihr
Gesicht. Was war das fr ein Wunder? Nino erschrak beinahe, als er es sah.

Jeden Abend erschien jetzt ein kleiner Leutnant in der Osteria. Ach, ach,
Nino konnte nicht leugnen, da er das Netteste war, was man sehen konnte.
Er hatte eine Uniform in Schwarz und Silber und ein weiches, kindliches
Gesicht. Und er hatte sich in Teresa verliebt schon am ersten Abend, da er
sie sah. Und sie? War ihre Schnheit um seinetwillen wiedergekommen? Gefiel
ihr der kleine Leutnant? War der Signor nun endlich erschienen?

Der arme Nino begann auf einmal den Krieg und die Krieger zu hassen.
Italien fhrte gerade Krieg mit Abessinien, und es war Elend genug, da
Italiens Krieger bers Meer zogen, um ein fremdes Volk anzugreifen, das
nichts Bses getan hatte. Es war Elend genug, was die Kriegsleute dort
drauen anrichteten. Hier zu Hause htten sie es doch lassen knnen, die
Leute ins Unglck zu bringen.

Nino suchte Gleichgesinnte auf und kam in Friedensvereine. Hier trat er als
Redner auf und forderte die Abschaffung des Kriegsheeres. Italien solle
nicht als Land des Streites gro sein, sondern als ein Land des Friedens.
Er wurde bald einer der Fhrenden. Er wurde einer der beliebtesten Redner.
Armer, armer Nino. Lat uns diesem afrikanischen Unfug ein Ende machen,
wir wollen unsre Soldaten wiederhaben, um sie in die landwirtschaftlichen
Schulen zu schicken! Das waren Ninos Worte.

Wenn Nino aber von solch einer Friedensversammlung nach Hause kam, bei der
er den Krieg und das Kriegsheer abgeschafft hatte, ging Teresa ihm
entgegen. Sie blieben bei dem Brunnen stehen, wo sie immer zu sitzen und zu
plaudern pflegten, und Teresa wollte vom Kriege sprechen. Um den jetzigen
Krieg kmmerte sie sich nicht, aber sie wollte wissen, was die Rmer in
frheren Tagen vollbracht hatten. Sie wollte etwas von Scipio hren. Ob es
nicht Scipio wre, der nach Afrika gezogen wre und die Schwarzen besiegt
htte? Und Nino mute von ihm berichten. Nino mute die halbe Nacht
aufsitzen und von Krieg, Krieg, Krieg sprechen.

Whrend er davon sprach, wurde Teresa strahlend schn. Die Laterne, die auf
dem Brunnenstaket hing, zeigte sie Nino wunderbar schn und mit einem
geheimnisvollen Lcheln um die Lippen. Nino begriff, da sie nur einen
Helden lieben konnte. Und was war er? Er, der es ihr nicht einmal
abschlagen konnte, von diesen verabscheuungswrdigen Gemetzeln zu erzhlen.
Er war feig. Wenn sie einen Nero geliebt htte, so wre Nino gezwungen
gewesen, die Tyrannen zu preisen. Nino war ein feiger Kerl, er war
sicherlich kein Held.

Als sie sich dann mit Leutnant Ugo verlobte, dachte Nino ernstlich daran,
sich frei zu machen und einen andern Dienst zu suchen, aber er vermochte es
nicht. Sie war gerade in der Zeit so gut gegen ihn. Er mte wohl bis nach
der Hochzeit warten.

Teresa verga Nino keinen Augenblick. Sein Geburtstag war am Tage nach der
Verlobung, und Nino war am Morgen dster und glaubte, dies wrde der
traurigste Tag seines Lebens werden. Aber er war noch nie vorher so
gefeiert worden. Teresa hatte ihm Taschentcher gestickt, mit Monogrammen,
die ber das halbe Tuch reichten. Sie hatte ihm auch eine Torte gebacken,
und sie ging in die Kirche des heiligen Antonius von Padua und betete fr
Nino bei ihrem Schutzpatron. Sie scherzte mit ihm. Nino mute sich froh
zeigen. Er mute den ganzen Tag lachen, weil sie es wollte. Jetzt sollten
alle glcklich sein.

Aber bei Nacht konnte Nino doch nicht anders: er mute weinen. Er hatte
gemerkt, da sie in diesen Tagen den Vgeln doppelte Rationen gab, der Esel
hatte frisches Stroh bekommen, und die Katze durfte auf ihrer Schulter
sitzen, solange sie wollte. Nie hatte sich Nino so sehr der Katze, dem Esel
und den Hhnern gleichgestellt gefhlt.

Wie sie sich darber freute, da ihr Brutigam Offizier war! Nchst dem
Umstande, da er ein Signor war, gefiel ihr sein militrischer Beruf am
meisten. Als man sie einmal fragte, ob sie nicht Angst htte, da er nach
Afrika geschickt werden knnte, hrte Nino, wie sie antwortete:

Wollte Gott, er drfte hinber. Dann wrdet ihr sehen, wie alles anders
wrde. Denn dies war im Winter 1896, und da sah es aus, als sollte aus
diesem Kriege mit Menelik und seinen Schoanern nichts Rechtes werden. Man
schickte nur Schiff auf Schiff mit Truppen fort. Die Truppen lagerten dort
in der Aduagegend, aber man hrte nie, da es zu etwas kam. Es war so, wie
wenn Bienen aus dem Korbe fliegen und auerhalb des Fluglochs in einem
groen Beutel hngen bleiben, und man geht jeden Tag hin und sieht sie an
und rgert sich, da sie nicht schwrmen wollen.

Sie benahm sich auch groartig, als sie gegen Ende Februar erfuhr, da er
nach Afrika gehen mute. Nino sah keine Trne in ihren Augen. Sie dachte
nur daran, da es nun endlich zu Schlachten und Siegen kommen wrde. Jetzt
sollte ihrem armen Italien geholfen werden.

Sie gab ein Abschiedsfest fr ihn und seine Kameraden. Es war ein
herrliches Fest. Der Castello-Romanowein flo in Strmen. Sie hatte ihre
fettesten Truthhner geschlachtet und die ersten Artischocken gepflckt.
Und sie hatte Torten und Zuckerwerk ohne Ende gebacken.

Am Brunnenstaket hatte sie eine Fahnenstange errichtet und die italienische
Flagge gehit, und der arme Nino mute ihr behilflich sein, Transparente zu
verfertigen, auf denen zu lesen war: Es lebe die Armee! Sieg unsern
tapfern Soldaten! Fr Italien! und andre hochgestimmte Worte. Er hatte ihr
helfen mssen, farbige Lampions unter den Strohdchern zu befestigen,
Snger zu mieten, die die neuen Kriegslieder singen konnten; aber er hatte
geschworen, da sie ihn nicht dazu bringen wrde, eine Rede zu halten.
Armer Nino, sie forderte ihn gar nicht dazu auf, sie wagte es nicht, ihm
etwas so Hochwichtiges anzuvertrauen.

Aber am Abend, als die kleinen Feuerwerkskrper zu den Fen der Gste
knallten, und als nicht nur die Strohdcher ber den Bnken, sondern auch
die Hhnersteigen, das Wohnhaus und der Brunnen von grn-rot-weien
Lampions strahlten, und als Nino drben zwischen den Artischocken
bengalische Feuer entzndete, da sah er, wenn sonst niemand es sah, was sie
eigentlich meinte. Es war, als wollte sie mit jedem Glas Wein, das sie den
Soldaten kredenzte, sagen: Gehet hin und macht Ernst aus diesem Kriege.
Roms Frauen wollen neue Triumphzge gen Campidoglio hinaufschreiten sehen!

Niemand wute besser als Nino, wie sehr Teresa diesen zierlichen kleinen
Mann liebte, der gegen die Barbaren ausziehen sollte. Und als er sah, wie
sie ihn gehen lie, ohne zu klagen, ohne einen Augenblick schwach zu
werden, mute er sie fast gegen seinen Willen bewundern. Sie htte eine der
Matronen des alten Rom sein knnen, dachte Nino. Es rollt echtes Rmerblut
in ihren Adern.

Als Leutnant Ugo mit seinem Regiment nach Neapel abreiste, wo es sich nach
Afrika einschiffen sollte, begleitete Nino Teresa zur Eisenbahnstation.

Es war Nacht. Die Soldaten kamen in raschem Takt heranmarschiert, rings um
sie schwrmten Gassenjungen, Verwandte und Kriegsenthusiasten. Unten an der
Station waren der Sindaco von Rom und mehrere Generale. Es wurden Reden
gehalten, man rief: Es lebe Italien! man kte sich und warf Blumen.
Teresa stand bleich vor Begeisterung da und klagte nicht mit einem Worte.
Es waren feine Damen da, die Blumen an die Soldaten verteilten. Das tat sie
nicht.

Sie dachte nur an einen, und dem gab sie keine Blumen, aber er mute ihr
versprechen, Meneliks Hauptstadt zu erobern. Leutnant Ugo versprach, mit
der Krone der abessinischen Kaiserin zu ihr zurckzukommen. Und so
schieden sie.

Aber Leutnant Ugo war noch keine zwei Tage fort, er war noch gar nicht nach
Afrika abgereist, als die Nachricht eintraf, da der groe Schwarm, der in
Adua gelagert war, sich zu rhren anfange; er zog gegen die Abessinier und
wurde geschlagen und zerstreut.

Das war gerade um die Zeit, als niemand an etwas andres dachte als an den
Sieg, der dort drben erkmpft werden mte, nachdem man so unerhrt viele
Menschen hingeschickt hatte. Der Knig selbst hatte sich nach Neapel
begeben, um die Abfahrt der letzten Truppen anzusehen. An einem Tage sprach
er ihnen von dem Ruhme, den sie fr das geliebte Italien erringen wrden,
am zweiten Tage kam ein Telegramm, das von verlorner Schlacht, zerstreutem
Heere, Flucht und Panik erzhlte.

Ganz wunderlich, wie die Telegramme in diesen Tagen trafen. Meneliks Kugeln
hatten nur etwa siebentausend Mann fllen knnen, aber die Depeschen nahmen
das Werk der Kugeln auf, sie kamen von der Hochebene Aduas, passierten das
Mittelmeer und erreichten ihr Ziel. Ach, kein italienisches Herz blieb
unversehrt davon!

Teresa kam ganz vernichtet zu Nino. Was ist dort geschehen, Nino? fragte
sie. Wie konnte es so schlecht gehen?

Nino erzhlte ihr, da die Italiener nicht so sehr von ihren menschlichen
Feinden geschlagen worden wren, als vielmehr von der bermchtigen Natur.
Dort mte man Berge erklimmen, von denen die niedrigsten hher wren als
das Sabiner- und Albanergebirge aufeinandergetrmt. Da gebe es keinen Weg,
sondern man ziehe ber Halden, die mit so steifen und stachligen Disteln
bewachsen wren, da nicht einmal ein Esel sie fressen knnte. Mit der
Nahrung wre es so schlimm bestellt, da die Soldaten sich ber die
Maultiere geworfen htten, die auf dem Wege zusammengebrochen wren, und
die Fleischstcke an sich gerissen htten.

Aber das wre doch nichts, um Menschen hinzuschicken! Ein Land, wo man
Maulesel essen mte!

Nein, das meinte Nino eben auch.

Nun konnte er frei von der Leber reden, endlich durfte er ihr sagen, wie
grlich der Krieg wre. Sie lasen zusammen die Zeitungen. Sie lasen, da
man frchtete, da die Truppen, die jetzt auszgen, Menelik und die
Schoaner im Hafen von Massaua treffen wrden; die jetzt abfhren, zgen dem
sichern Tod entgegen.

Sie las auch, da die Barbaren vor allem auf die Offiziere schssen. Sie
lgen da und zielten auf ihr blaues Rangzeichen und holten sie von den
Hgelabhngen herab, wenn sie mit ihren Soldaten vorrckten.

Und es gbe so viel Grausamkeiten und Entsetzlichkeiten, die diese
Schwarzen begingen; ihre Weiber plnderten die Toten und zerstckelten sie.

Da war es um sie geschehen. Sie bebte vor Entsetzen und wagte nicht,
weiterzulesen.

Nino schob seine Mtze zurck und fragte, was sie eigentlich geglaubt
htte, was die Leute im Kriege tten? Ob sie sich nicht gedacht htte, da
sie sich dort tteten? Nein, sie wte nicht, was sie geglaubt hatte. Das
htte sie nicht gedacht.

Da kam ein Brief vom Leutnant Ugo, in dem er Abschied von ihr nahm. Das
Dampfschiff, das ihn nach Afrika fhren sollte, ging am nchsten Abend ab.

Am Abend waren sie und Nino auf dem Wege nach Neapel. Was sie dort wollte?
Nino glaubte, sie wolle ihren Brutigam noch einmal sehen, bevor er
abreiste. Selbst hatte sie sich es nicht so klargemacht, warum sie fuhr,
aber sie konnte es nicht lassen. Und keinen andern als Nino hatte sie zur
Begleitung haben wollen.

Als sie am Morgen in Neapel angelangt waren, suchte sie ihren Leutnant in
der Kaserne auf.

Er kam ihr entgegen, verwirrt und hastig, aber sichtlich geschmeichelt und
gerhrt, da sie gekommen war, um ihm Lebewohl zu sagen. Aber Teresa wurde
totenbleich, als sie ihn erblickte. Er trug jetzt eine helle Uniform aus
gelblich-grauem Leinen mit einem blauen Bande ber der Brust. Das war das
blaue Band, das die Schwarzen sich zur Zielscheibe nahmen.

Er mute gleich wieder zu seinen Soldaten zurck. Ob sie denn den ganzen
Tag ber nicht mit ihm zusammentreffen knnte? Ja, sie wollten gegen ein
Uhr miteinander frhstcken. Er knnte zwei Stunden abkommen. Sie
besprachen den Ort, und er eilte weg.

Das war ein Tag! Nino und sie gingen in die Villa hinunter und setzten
sich auf eine Bank, um zu warten. Sie tat nichts andres, als da sie Nino
unaufhrlich fragte, wieviel es auf seiner Uhr wre. Und als sie nun mit
Nino allein blieb, da war ihr Gesicht starr und bleich, wie die Gesichter
der Statuen, die rings um sie standen, und ihre Augen schienen nicht mehr
zu sehen, als die steinernen. Nino fragte sie, warum sie so wunderlich vor
sich hinstarre. Sie sagte, sie se da und she _seine_ Leiche an. Die
ganze Nacht hatte sie ihn tot in einer Bergkluft liegen sehen, und auch die
alten Weiber der Schwarzen waren ihr erschienen, wie sie herbeieilten,
_ihn_ zu plndern und zu zerstckeln. Nino hatte ja gesagt, da sie dort
die Leichen zerstckelten.

Nino versuchte, ihr etwas Trstliches zu sagen. Alle wrden ja nicht
fallen, meinte er, und Leutnant Ugo, der so tapfer wre, knnte sich der
Barbaren schon erwehren.

Was helfe es, tapfer zu sein, sagte sie, wenn der Feind in Schlupfwinkeln
verborgen lge und auf das blaue Band zielte. Ob Nino das blaue Band
bemerkt htte? Warum es blau wre, das Todesband, warum es nicht rot wie
Blut wre?

Sie nahm Nino das Versprechen ab, da er sie nicht verlassen wrde, sie
den ganzen Tag nicht verlassen wrde.

Nein, nein, Teresa.

Er war auch beim Frhstck dabei. Leutnant Ugo bestellte ein Zimmer, und
die drei aen zusammen.

Im Anfang war Teresa munter, sie zeigte sich ebenso sorglos, als se sie
daheim in der Osteria. Nino dachte, sie wolle fr diese zwei Stunden allen
Kummer von sich werfen und einzig und allein glcklich sein. Sie war sogar
viel muntrer als gewhnlich, sie kokettierte mit Leutnant Ugo, bis er ganz
toll war. Und sie lie es zu, da er sie kte.

Nino sah in seinen Teller, aber er bemerkte es doch. Von Zeit zu Zeit sah
er sie an, und seine kleinen grauen uglein bettelten um die Erlaubnis,
gehen zu drfen. Aber da kam ihre Hand, die ganz eiskalt war und zitterte,
unter dem Tisch herangeschlichen und legte sich auf die seine und hielt ihn
zurck. Der Leutnant fand Nino wohl hchst berflssig, sie aber wollte ihn
offenbar da haben.

Es gab +Asti spumante+ und +Lacrimae Christi+, und Nino trank, wie er nie
zuvor getrunken hatte. Aber es gelang ihm nicht, sich taub oder blind zu
machen.

Pltzlich, als Nino sich dachte, da Leutnant Ugo ganz berauscht von ihren
Blicken und ihren Kssen sein mte, neigte sie sich zu ihm und fragte
schelmisch, ob er es nicht lassen knnte, zu reisen. Ob es sich nicht so
einrichten liee, da er daheim bleiben knnte?

Er lachte. Nein, er knnte nicht entrinnen.

Ob er nicht krank werden knnte? Sich krank stellen? Nein, nein, das knnte
er nicht.

Aber ob er denn daran gedacht htte, wie lange es dauern wrde, bis sie
ihre Hochzeit feiern knnten?

Der Leutnant glaubte kaum, da sie im Ernste sprach. Gewi hatte er daran
gedacht, aber das lie sich ja nicht ndern.

Teresa lchelte nicht mehr, sondern sie sprach mit einer Stimme, die vor
Rhrung bebte.

Sie bekannte, da sie sich furchtbar gesehnt htte, seit er abgereist war.
Sie knnte keinen Tag ohne ihn sein. Ob er sich nicht irgendeinen Vorwand
ausdenken knnte, um bleiben zu knnen?

Teresa, sagte er, ich wre ja ein Mann ohne Ehre. Bitte mich nicht!

Ehrlos? sagte sie mit schmeichelnder Stimme. Wie kannst du so etwas
sagen? Du wrdest ja nicht hier bleiben, weil du feig wrest, sondern weil
ich dich so liebe, da ich dich nicht ziehen lassen kann.

Und sie lchelte und sie bat, Leutnant Ugo aber war unerschtterlich.

Da fing sie von etwas anderm an. Wenn es nun zur Schlacht kme und die
Schwarzen zu schieen begnnen? Ob er ihr versprechen wolle, dann das blaue
Band fortzunehmen?

Nein, das wolle er nicht. Er drfe es nicht.

berhaupt glaubte der Leutnant, da sie im Grunde nur scherze.

Nino sah, da sie wie ermattet den Kopf sinken lie.

Als sie aufblickte, war jede Spur von Heiterkeit aus ihrem Gesicht
verschwunden. Sie war so, wie sie am Vormittag gewesen war.

Nun begann sie, ihm mit Heftigkeit alles zu erzhlen, was sie von dem
fremden Lande und der Kriegsfhrung der Schwarzen gehrt hatte. Sie sprach
von den Bergen und den Distelgewchsen und der Hungersnot. Als sie von den
Mauleseln erzhlte, lachte er und sagte, das sei nicht wahr.

Sie sprach von dem Leutnant Petrini, der von den Weibern der Schoaner
verbrannt worden war. Ob er das wte, ja, ob er das wte? Und was fr
eine Ehre wre es, im Kampf gegen die Barbaren zu siegen? Und sie schssen
alle Offiziere nieder, ob er das wte? Sie zielten auf die blauen Bnder
und schssen auf die Offiziere.

Ah, Teresa, sagte er, willst du mich erschrecken? Sind das Worte fr
eine Rmerin?

Ja, ja, gerade fr eine Rmerin. Roms Frauen haben nie zugelassen, da man
ihnen raube, was sie liebten. Und sie sei nur gekommen, um ihm zu sagen,
sie wte bestimmt, da er fallen wrde, wenn er jetzt reiste. Sie sehe ihn
tot vor sich. Sie sehe seinen Krper zerstckelt und blutig. Und nachdem
sie dies gesagt hatte, war es mit aller Beherrschung vorbei, und sie zeigte
ihm ihre ganze Verzweiflung. Sie warf sich vor ihm auf die Knie und
bettelte, weinte, flehte.

Er war sehr gerhrt, aber auch befangen. Einen Augenblick sah er zu Nino
hin, gleichsam unschlssig, was er beginnen solle. Nino zog seine Uhr
hervor. Ja, gewi, das war das einzige, was er tun konnte: sagen, da die
Zeit abgelaufen sei, und dann gehen.

Was willst du? sagte er. Was willst du, da ich tun soll? Ich kann mich
nicht losmachen.

Stelle dich krank. Es reisen ohnehin so viele. Es ist unrecht, zu reisen.
Die dort drben verteidigen nur ihr Haus und Heim. Sage, da du nicht gegen
sie kmpfen willst.

Dann ist es um mich geschehen.

Du wirst dort sterben. Das ist nichts, um dafr zu sterben. Die Schwarzen
haben uns nichts getan. La sie in Frieden. Sie wollen uns ja unser Land
nicht nehmen, warum sollen wir ihres rauben?

Teresa, sagte Leutnant Ugo, sage mir jetzt mutig Lebewohl, wie eine
Rmerin. Ich mu gehen.

Du mut?

Ja.

Nun, so geh!

Teresa!

Geh doch. Ich werde versuchen, nicht an dich zu denken. Du bist tot fr
mich.

Sie stand nicht auf, sondern blieb auf dem Boden liegen. Sie sah ihn nicht
einmal an. Er strich ber ihr blauschwarzes Haar. Sie rhrte sich nicht. Er
seufzte tief, er wute nicht, was er sagen oder tun solle, und ging
wirklich.

Mit einem angstvollen Griff drckte er Ninos Hand. Es war, als vertraute er
ihm Teresa an. Abends gegen zehn Uhr standen Nino und Teresa am Hafen. Ein
paar groe Dampfer lagen da, bereit, abzugehen, und eine Menge Boote
warteten darauf, die Soldaten hinzubringen. Einige tausend Menschen standen
auf dem Kai, um die Abfahrt anzusehen.

Aber war das ein andres Bild, jetzt nach der Niederlage! Frher im Winter
hatte man nicht genug jubeln knnen, als die Truppen an Bord gefhrt
wurden. Jetzt lag nichts als Dsterkeit ber den Wartenden. Man htte am
liebsten die Boote und die Dampfer versenkt, damit sie keinen Sohn Italiens
nach dem verfluchten Barbarenland fhren knnten. Die Soldaten kamen so
still, als wollten sie sich fortschleichen. Keine Musik, keine Schsse,
keine Hochrufe. Aber aus der wartenden Menge stieg ein dumpfes Murren der
Emprung auf, und man beschleunigte die Einschiffung so viel wie mglich.
Man war nicht ganz sicher, da das Volk nicht auf den Gedanken verfiele,
die Abfahrt zu verhindern.

Teresa schien etwas hnliches zu hoffen. Sie werden es nicht zulassen,
Nino, sagte sie. Alle diese Mnner werden es nicht zulassen, da man ihre
Shne fortfhrt, damit sie von den Barbaren geschlachtet werden.

Aber ein vollbesetztes Boot nach dem andern wurde weggebracht, und die
Menge lie es geschehen. Einige Menschen durchbrachen die Reihen der
Soldaten, aber nur um zu kssen und Abschied zu nehmen. Nino sah Leutnant
Ugo am Kai stehen und die Einschiffung berwachen.

Ah, wo war Teresa? Eben noch hatte sie an Ninos Arm gehangen, jetzt aber
sah er sie unten am Landungsplatz. Sie schlang die Arme um Leutnant Ugo. Er
kte sie, dann wollte er sich aus ihrer Umarmung lsen. Es war die Reihe
an ihn gekommen, einzusteigen.

Sie schien sich zurckzuziehen, aber da sah Nino etwas Blankes in ihrer
Hand leuchten. Sie schien den Leutnant noch einmal umarmen zu wollen. In
demselben Moment wankte dieser und schrie auf.

Nino eilte hinunter. Er ri Teresa an sich. Er zog sie in den Volkshaufen,
in das heieste Gedrnge.

Stehe hier still.

Sie lachte beinahe irrsinnig. Jetzt wird er nicht reisen, Nino, sagte
sie.

Nino packte sie am Handgelenk. Schweig, sagte er und drckte es so, da
es schmerzte.

Meinethalben knnen die Gendarmen...

Nino drckte mit eiserner Faust zu, und sie schwieg.

Das war ein Drngen, ein Hin- und Herstoen. Nino blieb gelassen in dem
dichtesten Getmmel. Er versuchte nicht zu fliehen.

Recht so, flsterte ein Neapolitaner Nino zu. Nur stillstehen, da die
Gendarmen keinen Verdacht schpfen. Kein Neapolitaner wird euch verraten.

Teresa begann pltzlich zu schluchzen.

La das sein, sagte er, du darfst nicht.

Und ihre Trnen versiegten. Sie stand stumm und still da, so lange Nino es
wollte. Er hatte sie ganz in seiner Gewalt.

Leutnant Ugo wurde fortgetragen, die Polizei begann nach der zu forschen,
die ihn verwundet hatte. Nino und Teresa hrten, wie man Fragen an die
Menge stellte. Wohin ist sie geflohen? Wer hat sie gesehen?

Es war eine groe Signorina-- nein, eine kleine.-- Hier hatte man sie
gesehen-- nein, hier. Sie hatte den Weg zur Station genommen-- nein, nach
Santa Lucia. Und die Polizisten zerstreuten sich nach rechts und nach
links.

Nino fhrte Teresa zur Eisenbahnstation, und sie reisten khn nach Hause.
Er verlie sich darauf, da Leutnant Ugo sie nicht angeben wrde.

In der Zeitung las er am nchsten Tag auch, da der Leutnant erklrt habe,
er kenne die Frau nicht, die ihn verwundet hatte.

Er war verwundet, aber nicht gefhrlich. In der nchsten Woche kam ein
Brief von ihm an Teresa.

Seit der Reise nach Neapel lie sie sich in allem von Nino lenken und
leiten. Nun kam sie auch mit dem Briefe zu ihm.

Lies ihn, Nino, bat sie.

Er erbrach das Kuvert, sie stand zitternd daneben.

Ist es aus, Nino? fragte sie.

Nino antwortete ja, so angstvoll, als verknde er ihr ein Todesurteil.

La mich hren, sagte sie und richtete sich auf. Nino las ihr vor, da
Leutnant Ugo sie nicht mehr liebte. All meine Liebe ist tot, schrieb er,
meine arme Liebe ist tot.

Sie zuckte verchtlich die Achseln.

Die Liebe eines Signor vertrgt es wohl nicht, Blut zu sehen, sagte sie.

Du, Teresa, schrieb Leutnant Ugo, du warst fr mich des Vaterlandes
Stolz, du warst das wiedergeborene Rom, du warst das starke Weib der
Vorzeit. Du warst die, die die Rmer einst zu Helden machen sollte, du
solltest Seelenstrke genug haben, uns hinauszuschicken, um die Welt zu
erobern. Vergib mir, da ich mich tuschte. Nun wei ich, da die alten
Rmerinnen tot sind, die Tchter des neuen Rom senden keinen Mann hinaus,
um Ehre zu erringen, sie haben nur den Mut, ihn zu hindern, seine Pflicht
zu tun.

Teresa legte ihre Hand auf die Ninos. Ich will nicht mehr hren, sagte
sie.

Nino schwieg.

Wenn ich es nicht getan htte, Nino, sagte sie, wre er jetzt tot. Ich
verstehe nicht, was er meint. Ich sah ihn tot in einer Bergschlucht liegen.
Da lge er jetzt, wenn ich nicht gewesen wre. Wie htte ich ihn da ziehen
lassen knnen?

Findest du auch, Nino, da ich feige bin? fragte sie. Bin ich entartet?
Habe ich keinen Tropfen Rmerblut in meinen Adern?

Nino sah zu ihr auf, wie sie da schn und stolz und trotzig vor ihm stand.
Er liebte sie so, wie er sie immer geliebt hatte, und er sah seine ganze
Zukunft vor sich. Sie wrde nie heiraten, er wrde sie nie verlassen
knnen, und sie wrden das Leben zusammen leben, sie als Herrscherin, er
als Knecht. Die Zeit, die nun vorbei war, in der er beinahe Herrscher
gewesen war, die kehrte nicht zurck. Sie wrde bald wieder die Zgel der
Gewalt an sich nehmen.

Sag mir, Nino, fragte sie, waren die Frauen des alten Rom wilde Tiere?
Gaben sie zu, da man ihnen das raubte, was sie liebten?

Nie hatte Nino so wie jetzt begriffen, was das neue Italien von dem alten
unterschied, aber er schlo die Augen vor allen Zeugnissen der Geschichte,
er war aufs neue Teresas Sklave und Knecht geworden und antwortete, wie sie
es wnschte, in ihren Adern fliee Rmerblut, das edelste Rmerblut.




Die Rache bleibt nicht aus


Es war ein langes und recht breites Tal. An seiner einen Seite erhob sich
eine Reihe zackiger Kstenberge, an der andern ein gleichmig hoher Kamm,
den dichter Wald deckte. Unten im Tale stand eine Kirche, und rings um sie
her war eine weite, offne Gegend, in der aller Wald ausgerodet war.

Es war an einem Sonntagabend, und der Sonnenuntergang lag brennend hinter
den Kstenbergen. Leute, die den ganzen Tag drinnen in den Htten
geschlafen hatten, traten auf ihre Schwellen und streckten sich und
spitzten die Ohren, um zu erlauschen, ob nicht von einer der vier Ecken der
Welt her Tanzmusik erschalle. Wem es glckte, einen einzigen Geigenton
aufzufangen, der machte sich davon ber die schmalen, schneeigen Dorfwege
und kam dann wie von ungefhr dahergegangen, langsam und bedchtig, aber
die Tanzhtte als sichres Ziel im Sinn.

So kam Gruppe auf Gruppe zur Tr Arilds, des Khlers am Waldessaum,
hereingeglitten. Da fragte niemand danach, wer kam; der neue Gast stand ein
Weilchen unten an der Tr und gewhnte die Augen an den Rauch, der sich
unter dem Rauchfange hervorwlzte und in das Zimmer qualmte, bis er den Weg
zu dem Loch im Dache fand; und dann mischte sich der neue Ankmmling auch
ins Spiel. Der Reigentanz ging ber den bloen Erdboden, das Stroh war
weggetreten, die Ferkel hatte man von der Grube unter das Dachloch
geschafft, wo sie sich am liebsten aufhielten; groer Schwingraum war nicht
vorhanden, aber Arild selbst spielte die Geige, und der Tanz verlief
drinnen im Winterquartier ebensogut, wie er an einem Sommerabend ber den
Waldeshang gegangen wre.

Arild hatte eine Frau, die Tora hie; die pflegte sich immer in eine
dunkle Ecke zu verkriechen, wenn er zum Tanze lud. Sie war menschenscheu
und schreckhaft, war fast immer als Hirtin im Walde umhergezogen und stand
in dem Rufe, mehr sehen zu knnen, als andre.

An diesem Abend war sie ungewhnlich vergngt, sie versteckte sich nicht,
sondern sa vorn am Kamin, die Flamme brannte dicht neben ihr. Es war wenig
Farbe in ihrem breiten, fetten Gesicht; die Augen, die hell wie Wasser
waren, blickten lebendig, und sie bewegte die groen Hnde, whrend sie
sprach. Wenn die Leute sie bemerkten, traten sie aus den Reihen der
Tanzenden und kamen heran, um sie zu begren.

Wessen Hand sie dann ergriffen hatte, den hielt sie fest, bis sie das
erzhlt hatte, was ihr heute morgen geschehen war. Es bereitete ihr
Verlegenheit, es herauszubringen, aber gleichzeitig war sie doch so stolz
darauf, da sie es nicht verschweigen konnte.

Den Leuten fiel es sonst schwer, das Lachen zu verbeien, wenn sie
erzhlte, was sie gesehen und getrumt hatte. Nun sollte man sich aber
berzeugen, da ihre prophetische Gabe etwas wert sei.

Als sie im Morgengrauen dalag, hatte ihr getrumt, da ihre drei Ziegen
droben im dichten Wald in die Irre gingen. Sie hatte sie so jmmerlich
meckern hren, da sie erwachte. Als sie nun nachsah, erblickte sie alle
Ziegen in ihrer Hrde unten an der Tr, und sie hatte ja zuerst gedacht,
dies sei nur ein gewhnlicher Traum. Aber dann war eine Unruhe ber sie
gekommen: Nein, nein, das ist ein bedeutungsvoller Traum, hatte sie zu
sich selbst gesagt.

Damit war sie aufgestanden, hatte sich in Fellkleider gehllt, hatte das
Nebelhorn ber die Schulter geworfen und war in den Wald hinaufgewandert.
Sie war vom Wege abgewichen, war nach der Anweisung des Geistes gegangen
und nahe daran gewesen, sich im Dickicht zu verirren. Sie lachte leise,
als sie das erzhlte. Ob sie wten, was das wre, im dichten Walde vom
Wege abzukommen? Grundloser Boden, der bei keiner Klte zufrre, Gestrpp,
das jeden leeren Raum zwischen den Stmmen ausflle, Schneehaufen und
Wurzeln und stechende Dornen und umgestrzte Bume, so sei es oben im Wald.

Aber dort oben fand ich drei wilde Bcke, sagte sie. Kommt und seht, was
ich dort fand. Sie fhrte ihren Gast die Reihen der Tanzenden entlang zu
dem Bette hin, das mauerfest und durch Tren geschtzt war. Sie ffnete die
Tre, leuchtete mit einem Kienspan hinein, und da sah man drinnen drei
Mnner liegen. Sie waren alle in zerrissenen Fetzen; so abgemagert waren
sie, da die Backenknochen schwarze Schatten auf ihre Wangen warfen, aber
ihre Zge waren khn und schn. Sie schliefen so fest, da weder der Tanz,
noch Toras Vorzeigen sie wecken konnte.

Das sind meine drei wilden Bcke, die ich im Dickicht gefunden habe,
sagte sie. Es sind drei arme Gesellen, die sich im tiefen Walde verirrt
haben und dort acht Tage umhergewandert sind. Wre ich nicht gekommen, so
wren sie jetzt tot. Den ganzen Tag habe ich Essen fr sie gekocht, und
jetzt schlafen sie. Seht, wie sie schlafen.

Es ist Gottes Gnade, die dich sie retten lie, Tora, sagten ihre Gste.

Gott wollte, da ich nicht allezeit zum Gesptt sein sollte, sagte das
Weib.

So verstrich der Abend. Als aber die Schlafenszeit herankam, da wurde die
Freude unterbrochen. Die Tr wurde mit Macht aufgestoen, und ein langer,
groer Mann kam herein. Er durchbrach den Kreis der Tanzenden, stellte sich
mitten in den Raum und erhob die Hand.

Das war der Pfarrer, Herr Ane, und er kam, um den Tanz in der Sonntagsnacht
zu verbieten. Er hatte an diesem Tage in der Kirche gestanden und leeren
Wnden gepredigt. Er hatte geglaubt, Krieg und Pest mten alle Menschen
dahingerafft haben, aber nein, hier waren sie, hier in der Spielhtte waren
sie zu finden. Und der Pfarrer verkndigte Bue und Kirchenstrafe ber sie
alle.

Nun, da er sie gefunden hatte, sollten sie seine Predigt hren. Und er
sprach und zertrmmerte ihre Freude und schreckte sie mit dem furchtbaren
knftigen Leben, so da sie vermeinten, niemals mehr den Fu zum Tanze
heben zu knnen.

Tanzet nun, wenn es euch gelstet, sagte der Pfarrer, tanzet nun, ihr
wit jetzt, wohin ihr tanzet.

Einige schlichen sich stumm von dannen, andre standen verlegen da und
suchten sich tapfer zu halten, sie begannen aber bald leise zu schluchzen.
Ein Dirnlein, das eben noch am wildesten getanzt hatte, fiel auf die Knie
und kte die Hand des Pfarrers.

Keiner wagte ihm zu widersprechen, auer Tora. Sie, der sonst immer bange
war, kam breit und ihrer Sache sicher heran. Pfarrer, sagte sie, hier
haben wir jeden Sonntagabend getanzt, alle diese Jahre, und doch ist dies
ein Haus Gottes. Du sollst hren, wie Gott heute seinen Segen ber mich
ergossen hat.

Du Hexe, sagte der Pfarrer, willst du schweigen! Was an Segen zu dir
kommt, das ist des Teufels Segen. Heute abend rede ich zu Menschen, die
sich bekehren und bessern knnen. Mit dir rechne ich ein andermal ab.

Damit ging der Pfarrer, und in der Htte herrschte groe Betrbnis. Arild
versuchte ein paar Striche auf der Geige, aber er legte sie gleich wieder
fort. Die meisten von denen, die getanzt hatten, gingen heim.

Tora sa wieder am Herde, sie warf neue Scheite in die Glut und schien
ebenso froh wie zuvor. Einige, die sahen, da sie den Mut nicht verloren
hatte, gingen auf sie zu und begannen, bel vom Pfarrer zu sprechen.

Luthers Lehre hat Herrn Ane wild und toll gemacht, sagte ein Bauer.
Frher, als er noch dem Papste zugehrte, durfte man sogar im Pfarrhof
tanzen.

Er ist nicht so gut, wie er sich stellt, weit du, Tora, sagte ein
andrer.

Tut er mir etwas, dann werde ich schon erzhlen, wie er zu seinem Gelde
gekommen ist, sagte Tora.

Und da nun viele sie fragten, was sie meine, erzhlte sie: Der Pfarrer,
Herr Ane, war einmal sehr arm, aber er hatte einen Bruder, der ein
Grobauer und sehr reich war.

Der Bauer starb, und Herr Ane zog in seinen Hof, der nher zur Kirche lag,
als sein eigner. Und sobald er in den Hof gekommen war, fing er an, nach
dem Gelde des Bruders zu suchen, aber er konnte es nicht finden. Er grub in
der Erde und ri die Kellermauer und die Kchenwand ein, um das Geld zu
finden, aber es wollte sich ihm nicht zeigen.

Das Geld kam nicht zu Herrn Ane, obgleich er in langen Gebeten zu Gott
darum flehte. Und Herr Ane wurde krank und verzweifelt vom Suchen und
Nichtfinden.

In der ganzen Umgegend lachte man Herrn Ane aus, weil er seinen Kummer
nicht verhehlte. >Hast du meines Bruders Geld gesehen?< konnte er den
rmsten Bettler fragen.

Da kam meine Mutter, die nichts mehr war als ein armes Bettelweib, das von
Hof zu Hof zog, eines Abends in das Pfarrhaus und bat Herrn Ane, ihr
Unterkunft fr die Nacht zu gewhren.

>Du sollst kein Obdach haben, wenn du mir nicht sagen kannst, wo mein
Bruder sein Geld verwahrt hat,< sagte Herr Ane zu ihr.

>Wenn ich das wte, Herr Ane,< sagte Mutter, >dann brauchte ich wohl nicht
auf der Landstrae umherzuziehen und mein Brot zu erbetteln.<

Und sie bat ihn um Gottes Barmherzigkeit willen, er mge ihr Obdach
gewhren, denn es war nicht gut fr sie, in ihrem hohen Alter drauen
unter freiem Himmel zu liegen.

Aber Herr Ane erwiderte, bei dem, was er gesagt htte, msse es sein
Bewenden haben, und sie knne kein Obdach bekommen, wenn sie ihm das Geld
nicht verschaffe.

>Aber wenn mir das gelingt, kann ich dann Obdach im Pfarrhof haben bis zu
meiner Todesstunde?< sagte Mutter.-- >Das sollst du,< sagte Herr Ane.

Da bat Mutter, der sehr bange wurde vor dem, was sie auf sich genommen
hatte, Herr Ane mge ihr groe Linnenlaken geben, und in die hllte sie
sich, als wre sie eine Leiche. Dann ging sie auf den Kirchhof und nahm
Graberde und streute sie ber sich, und dann lie sie sich von Herrn Ane
die Kirchentr ffnen, und er folgte ihr in die Kirche und half ihr auf
einen Dachbalken.

Und da lag nun Mutter auf dem Balken unter dem Dache. Aber sie erduldete
alles mit frhlichem Mute, in der Hoffnung, sich dadurch ein geschtztes
Alter zu erringen.

Nun, es mochte gegen Mitternacht sein. Da wurde es hell in der Kirche, und
ein paar Steine im Boden hoben sich, und einer der Toten kam herauf in die
Kirche. Es war ein groer, derber Mann, er ging mehrere Male um die Kirche
herum, da erblickte er meine Mutter. >Bist du tot?< sagte er zu ihr. Und
sie wagte nicht zu antworten. Da hatte es den Anschein, als wolle er zu ihr
hinaufklettern. Und Mutter sagte mit heiserer Stimme: >Ja, ich bin tot.<
Und da lie er sie sein.

Aber dieser Tote war des Pfarrers Bruder, und er ging nun wieder zu seinem
Grabe. Er holte daraus eine Tonne hervor, die voll Silber und Gold war, und
Mutter sagte, sie htte gesehen, wie er die Gold- und Silbermnzen nahm und
mit ihnen spielte; er warf sie ber sich, als sitze er im Bade und
bespritze sich mit Wasser.

Aber als er sich satt gespielt hatte, schttete er das Geld ins Grab
hinunter und stieg in seinen Sarg, und die Steine legten sich von selbst
wieder auf ihren Platz zurecht.

Mutter blieb bis zum Morgen auf ihrem Balken hngen, und dann kam der
Pfarrer, Herr Ane, und fragte, ob sie noch am Leben sei. Jawohl, Mutter war
frisch und gesund. >Dann komm und i einen Bissen,< sagte der Pfarrer.
>Nein, zuerst will ich mir ein Obdach verdienen fr meine alten Tage,<
sagte Mutter.

Sie bat den Pfarrer, er solle Leute schicken, und dann lie sie den Boden
ber seines Bruders Grab aufbrechen und den Sarg herausheben. Und als sie
dies taten, war nichts Wunderliches zu merken; aber als Mutter sagte: >Seht
nun nach, was noch in dem Grabe liegt,< da begann der Tote sich in seinem
Sarge hin und her zu wlzen. Aber Mutter bedeutete die Burschen nur, sich
mit der Arbeit zu sputen.

Mutter hielt ihre Hand auf dem Sargdeckel, denn sie hrte, wie der Tote
drinnen arbeitete. Und sie holten aus dem Grabe eine groe Tonne voll Gold-
und Silbergeld. Und Mutter war froh, als sie den Toten wieder unten im
Grabe hatten und der Kirchenboden ber ihm geschlossen war.

>Gib mir zu essen,< sagte meine Mutter dann zum Pfarrer, >ich habe jetzt
ein tchtiges Stck Arbeit fr dich getan.<

Und der Pfarrer gab ihr zu essen und behielt sie sieben Tage bei sich, dann
hie er sie wieder gehen.

Als Mutter so von neuem auf die Strae geworfen war, verfluchte sie ihn und
sagte: >Das Geld, das ich dir verschafft habe, soll dein Unglck werden.<

Und Mutter erzhlte, der Pfarrer htte ihr gesagt, er frchte sich vor
nichts, was ein Bettelweib ihm anhaben knne.

>Die Rache bleibt nicht aus,< sagte Mutter. Das war Mutters Sprichwort, da
die Rache nicht ausbleibe.

Aber ihre Rache an dem Pfarrer blieb aus, fuhr Tora fort, und nun heit
er ihre Tochter eine Hexe. Er htte die groe Kiste neben seinem Bett nicht
so vollgepfropft mit Geld, wenn meine Mutter nicht gewesen wre, fuhr Tora
fort und richtete sich auf. Er knnte nicht dasitzen und Geld ber sich
werfen und wlzen, wie er es zu tun pflegt, er gerade so wie der Tote, wenn
meine Mutter ihm nicht geholfen htte.

Als Tora dies sagte, hrte man ein leises Scharren. Es war nicht ganz nahe,
aber auch nicht weit weg. Niemand wute, was es sein knnte. Es war, als
versuche jemand, ein Loch in die Hauswand zu feilen.

Wer schleift Messer in meinem Hause? rief Tora pltzlich.

Nun wurde es ganz still. Als aber das Gesprch wieder in Flu gekommen war,
begann es aufs neue zu knirschen und zu scharren.

Tora nahm einen Kienspan, ging zum Bette hin und sah hinein. Da lagen die
drei Wanderer ausgestreckt und schliefen, wie sie den ganzen Abend
geschlafen hatten.

Nun war es wieder eine Weile still, dann begann das Unwesen abermals. Jeder
hrte deutlich, wie Messer gegen Stein und Leder gerieben und geschliffen
wurden. Gott helfe uns, das ist ein Omen, sagte Tora. Mge uns nichts
Bses widerfahren, weil wir bles vom Pfarrer gesprochen haben!

Aber am nchsten Morgen lag der Pfarrer, Herr Ane, ermordet in seinem Bett,
und sein groer Geldschrein war verschwunden. Und es wurde allsogleich
bekannt, da die drei wandernden Gesellen, die bei Arild dem Khler gelegen
und ihre Mdigkeit ausgeschlafen hatten, die Urheber des Mordes waren.

Sie hatten Tora vom Gelde des Pfarrers erzhlen hren, whrend sie dalagen
und taten, als schliefen sie. Und sie hatten sofort den Mord geplant und
sich daran gemacht, ihre Messer zu schleifen.

Und seit diesem Tage gehen die Worte des alten Bettelweibes wie ein
Wahrspruch durch die Umgegend. Die Rache bleibt nicht aus, sagt man.
Gott kann mit einer Sage fllen. Gott kann mit einem Traume schlagen. Die
Rache bleibt nicht aus.




Die Geisterhand


Gerade als es ein Uhr schlug, kam jemand und klingelte an der Glocke des
Doktors. Das erste Luten hatte keinen Erfolg, aber als das zweite und
dritte Luten verrieten, da es unerschtterlicher Ernst war, kam Doktors
Karin durch die Kchentr, um zu sehen, was es gebe. Und als Karin eine
Weile unterhandelt hatte, mute sie sich darein finden, den Doktor zu
wecken. Sie klopfte an die Schlafzimmertr.

Es ist jemand da von der Braut des Herrn Doktor. Der Herr Doktor mu hin.

Ist sie krank? ertnte es von drinnen.

Sie wissen nicht, was ihr fehlt. Sie glauben, da sie etwas >gesehen<
hat.

Ja, ich lasse gren und komme.

Der Doktor fragte nicht weiter. Er liebte es nicht, das Mgdegeschwtz ber
seine Braut zu hren.

Eine wunderliche Sache ist's mit diesem Aberglauben, dachte er, whrend er
sich ankleidete. Nun liegt doch das Haus mitten in der Stadt, nicht das
geringste Romantische daran. Ein ganz gewhnliches, hliches, altes Haus,
eingerichtet wie alle andern in dem Viertel. Aber der Geisterspuk nistet
sich dort fest.

Wenn es noch in einem finstern Gchen lge oder ein wenig auerhalb der
Stadt in irgendeinem verwilderten Garten, wo unheimliche alte Bume die
Fensterscheiben peitschten in solch einer strmischen Winternacht! Aber es
hat die Kirche und die Sparkasse und die Kaserne und die Zuckerfabrik ganz
in der Nhe! Sollte man nicht glauben, da die Zuckerfabrik mit allem
ihrem Rasseln und Kochen und den groen glhenden Dampfkesseln es dem
Gespenst unbehaglich machen mte? Aber nein-- durchaus nicht.

Auf seine Weise konnte das Gespenst Bewunderung verdienen. Es hatte
Energie, unglaubliche Energie und die Fhigkeit, sich im Bewutsein der
Leute zu erhalten. Man gab wohl zu, da es sich jetzt etwa zwanzig Jahre
nicht hatte sehen lassen, seit die Frulein Burmann in die Geisterzimmer
gezogen waren. Aber hatte jemand es vergessen? Das zeigte sich ja jetzt:
blo weil Ellen ganz pltzlich krank geworden war, mute es gleich heien,
sie htte etwas gesehen.

Da sie sich vor etwas erschreckt htte, ja, das war wohl nicht unmglich.
Sie war wie prdestiniert, Gespenster zu sehen, weil sie ihr ganzes Leben
mit den zwei nervsen, alten Tanten verbracht hatte. Und da es ein
Gespenst im Hause gab, hatte sie wohl immer gehrt und geglaubt. Von
Kindheit auf war ihre Phantasie durch das alles aufgereizt.

Als er das erstemal auf Krankenbesuch bei den Tanten gewesen war, hatte sie
ihm gleichsam triumphierend gesagt: Hier ist das Geisterzimmer, in einem
Ton, als zeige sie eine Familienkostbarkeit.

Sehen Sie, Herr Doktor, es geht nicht an, in diesem Zimmer Karten zu
spielen.

Ach, warum nicht?

Ja, wenn einer der Spielenden den geringsten Fehler macht, den
allerunbedeutendsten Kniff, da kommt eine Hand und legt sich neben ihm auf
den Spieltisch.

Was fr eine Hand?

Eine alte, hliche Hand mit schweren Diamantringen auf den krummen
Fingern und mit echten Spitzen ums Handgelenk.

Nun und dann?

Ja, man sieht nichts als die Hand.

Aber woher kommt das?

Das wei niemand, sie hat sich immer hier gezeigt.

Sie hatte das sehr keck erzhlt; aber wer konnte wissen, wer konnte wissen?
Sie glaubte wohl an den Spuk.

So kommt sie, sehen Sie, Herr Doktor, kommt die Tischkante
heraufgeschlichen, dicht neben dem, der spielt. Hu, und dann weist sie mit
einem groen, gekrmmten Finger auf eine der Karten! Sie hat Ngel wie
Klauen, gekrmmt und spitzig.

Nein wirklich, daran glauben konnte sie doch wohl nicht. Sie hatte ja
gerade das Gespensterzimmer zu ihrem Zimmer erwhlt...

Der Doktor jagte an der groen Zuckerfabrik vorber, wo die Arbeit die
ganze Nacht fortging, und gelangte ber die hohe Steintreppe in das Haus.

Gott erbarme sich, auch er war nahe daran, zu erschrecken. Im Stiegenhaus
stand eine lange Gestalt, ganz in einen schwarzen Schal eingerollt. Tante
Malin war selbst heruntergekommen, um ihm die Stiege hinaufzuleuchten.

Wie geht es Ellen? fragte der Doktor.

Wie gut von dir, da du so rasch gekommen bist, sagte Tante Malin. Ich
wei nicht, was sie hat. Du mut kommen und selbst sehen.

Sie sprang beinahe die Stiegen hinauf, so alt sie war. Der Doktor bekam
erst jetzt den lebendigen Eindruck, da wirklich Gefahr im Verzuge wre.

rgerlich, wenn nun jetzt etwas dazwischen kommen sollte, mit dem kleinen
Mdchen dort oben, das er sich zur Frau gewhlt hatte! Er hatte in seinem
ganzen Leben keine gesehen, die ihm besser gepat htte. Recht schn, und
keine andern Verwandten als die zwei alten Tanten, und natrlich streng
erzogen, ans Heim gewhnt, tchtig im Huslichen, friedfertig.

Als sie ins Vorzimmer kamen, wendete sich Tante Malin wieder an ihn.

Wir erwachten mitten in der Nacht davon, da sie so furchtbar schrie, und
wir haben sie seitdem nicht beruhigen knnen. Wir wuten uns keinen andern
Rat, als dich holen zu lassen.

Sie ffnete die Tr zu Ellens Zimmer, steckte den Kopf hinein und sagte,
da er gekommen sei. Gleich darauf wurde er eingelassen.

Drinnen war es so hell, da er im ersten Augenblick kaum etwas sehen
konnte. Sie hatten wohl alles hereingebracht, was es in der Wohnung an
Lampen und Leuchtern gab. In dieser Beleuchtung wurde es einem klar, da
dies einst, in den Glanzzeiten des Hauses, der Festsaal gewesen war.

Also hier hatten sie an den Spieltischen gesessen, und gerade da hatte die
Gespensterhand sich gezeigt. Das mute einen Schrecken und einen Aufstand
gegeben haben! Man brauchte nur seine Braut anzuschauen, um zu wissen, wie
sie ausgesehen haben mochten.

Sie sa mitten im Zimmer in einem groen Lehnstuhl, sie hielt sich ganz
aufrecht, sah sich mit wunderlich wandernden Blicken um, war bleich, von
einer richtigen Totenfarbe, ihre Zhne schlugen aufeinander, und sie bebte.

Der Lehnstuhl war mitten ins Zimmer gerckt. Es war einer mit freien Fen.
Kein Mbel stand in der Nhe, nichts konnte darunter verborgen liegen und
pltzlich hervorkriechen.

Sie achtete nicht auf die, die hereinkamen. Sie hielt jetzt die Augen fest,
ganz fest auf den Schatten des Schrankes geheftet, der sich gegen die Ecke
des Kachelofens streckte. Sie hatte den Schatten wohl im Verdacht, da er
ihr irgendeinen hlichen Streich spielen wolle. Sie zog die Rcke an sich,
wie um bereit zu sein, zu fliehen, wenn der Schatten sich verdichtete und
sich als etwas entpuppte, vielleicht als eine groe Hand mit Fingern und
Klauen. Der Doktor rckte also in aller Eile eine Lampe hinber, so da ihr
Licht in die Ecke fiel. Sie sank wieder in den Stuhl.

Nun kam Tante Berta und stattete denselben Rapport ab wie Tante Malin.

Wir erwachten davon, da sie schrie, als wre sie wahnsinnig geworden, und
so ist sie dann die ganze Zeit gewesen. Sie will nur Licht haben, immer
mehr Licht. Was, glaubst du, kann das sein?

Ein Schrecken, nichts als ein Schrecken, flsterte der Doktor.

So, nun waren ihre Blicke bemht, sich hinter eine Gardine einzubohren. Er
ging einmal ums Zimmer. Es konnte ja mglich sein, da er entdeckte, was
sie erschreckt hatte. Auf dem Schreibtisch lag ein tintenbekleckstes
Briefpapier. Sie hatte etwas zu schreiben begonnen, aber die Feder war ihr
aus der Hand gefallen und bers Papier gerollt. Ein Billett, das er ihr
spt abends geschickt hatte, um zu fragen, ob sie und die Tanten am
nchsten Tag einen Ausflug mit ihm machen wollten, lag dicht daneben.

Es war offenbar, da sie sich an den Schreibtisch gesetzt hatte, um ihm zu
antworten. Sie hatte eben Mein gel... geschrieben. Dann war sie
erschrocken und hatte die Feder fallen lassen.

Der Doktor fhlte, wie die Blicke der Tanten ihm folgten. Sie wunderten
sich wohl, da er kein Wort zu Ellen sagte. Das erste, was er tun mute,
war, alle aus dem Zimmer zu bringen, sowohl Tante Malin als auch Tante
Berta und das Hausmdchen, damit sie den Schrecken nicht in ihr wach
erhielten.

Ich glaube, sie wird mir schon alles erzhlen, wenn ich allein mit ihr
sprechen kann, sagte er und hatte rasch das Zimmer ausgerumt.

Er zog einen Sessel heran und setzte sich neben sie.

Wunderbar, wie viele Gesichter ein Mensch haben kann! Er htte Ellen kaum
wiedererkannt. Ruhe, friedvolle Ruhe war das Hauptmerkmal ihres Aussehens.
Er war davon bezaubert worden, da er sie immer gleich ruhig fand: eine
frmliche Meisterin in der Kunst, die Tanten zu behandeln. Sie sah kaum von
der Stickerei auf, wie sehr sie auch zankten. Und dann hatte er einmal
gleichsam eine Offenbarung gehabt. Einmal, als er heimkam, vermeinte er
eines Abends eine zarte, geneigte Gestalt im Lampenscheine am Arbeitstisch
sitzen zu sehen. Er hatte ein deutliches Bild des feinen Nackens und der
kleinen Hnde empfangen. Das ganze Zimmer war durch sie geschmckt. Darauf
hatte er um sie angehalten.

Und jetzt! Nur bleiches Entsetzen und aufgescheuchte Wildheit. Gerade, was
er nicht wollte. Eine hysterische Frau! Ah, Gott behte, Gott behte!

Sag, Ellen, was hast du?

Sie antwortete nicht.

Mir mut du es sagen, verstehst du? sagte er ein bichen streng.

Sie heftete die Augen auf ihn, es war, als blitze ein Schimmer von Hoffnung
in ihnen auf.

Du wirst ruhig werden, wenn du es sagst.

Es war schade um ihre schnen, hellen Augen. Sie hatten auf dem, mit dem
sie gesprochen hatte, immer mit einem Schimmer geruht, so still wie der der
Sonne. Sie waren vielleicht glnzender jetzt. Aber das war ein Glanz, nach
dem er eigentlich gar nicht fragte.

Sie kmpfte heftig mit sich selbst. Sie konnte den Unterkiefer nicht still
halten. Sie stopfte ein Taschentuch zwischen die Zhne, damit man nicht
hrte, wie sie aufeinanderschlugen.

Endlich hrte er sie ein paar Worte sagen. Sie sa da und schlug mit der
einen Hand auf die andre und dachte laut. Ich mu es ihm sagen. Ich mu,
ich mu. Sie kommt sonst wieder. Ja, sie kommt wieder.

Dann begann sie zu sprechen, und er wurde wunderlich herabgestimmt dabei.
Es glich am ehesten der Stimmung, die ber einen kommt, wenn man im Frack
in einem feierlichen Aufzug geht, und es kommt ein Platzregen. Man fhlt,
wie man seine ganze Gre und Wrde einbt.

Sie gestand mit einem Male, da sie ihn nicht lieb htte. Sie htte ihn
gern heiraten wollen, aber blo um von daheim wegzukommen.

Htte es sich nicht um ihn selbst gehandelt, er htte darber lachen
knnen, wie dieses Kind sich nach einem Mann gesehnt hatte. Nach dem ersten
besten. Sie war so fest entschlossen, fortzukommen. Es war der Tanten
wegen. Zwar waren die ja sehr gut gegen sie gewesen und wuten selbst
nicht, wie sie sie qulten.

Sie sah ihn mit verzweifelten Augen an und bettelte gleichsam, er mchte
sie doch verstehen und fr sie fhlen. Er wute ja, wie die Tanten waren,
er hatte sie ja viele Jahre hindurch behandelt. Sie waren so eigen, so
eigen, so voll fixer Ideen und Bengstigungen. Tante Malin erwartete immer
eine Feuersbrunst, Tante Berta glaubte immer, da sie auf der Strae
berfahren werden wrde. Er wute, wie sie waren. Und, wenn sie, Ellen,
weiter bei ihnen bliebe, wrde sie ebenso wunderlich werden.

Aber sie wollte ein ordentlicher Mensch werden. Und sie hatte die Tanten
gebeten, fortgehen und arbeiten zu drfen. Das hatten die natrlich nicht
erlauben wollen. Da knnte er doch begreifen, da ihr nichts andres brig
geblieben wre, als zu heiraten.

Der Doktor konnte es nicht lassen, sie zu fragen, ob sie bei einer
Verheiratung mit jemand, aus dem sie sich nichts machte, nicht gefrchtet
htte, ein noch rgeres Leben fhren zu mssen, als hier bei den Tanten.

Ach nein, rger knnte es wohl nie sein. Ein Mann wre wenigstens manchmal
fort. Die Tanten wren den ganzen Tag zu Hause.

Nun, da sie schon so offenherzig wre-- ob es ihr nie in den Sinn gekommen
wre, ihn lieb zu haben? Sie schttelte den Kopf; das war etwas, was ganz
auerhalb des Denkbaren lag. Und warum? Ob er zu hlich wre? Nein; sie
schlug beteuernd die Augen auf. Ob er langweilig wre? Sie machte eine
abwehrende Handbewegung. Was fr ein Fehler also an ihm wre? Er sei zu
kalt. Ja so, er war zu kalt.

Der Doktor machte ein paar Schritte durchs Zimmer. Das war doch
unglaublich, da ein solches Kind da herumgegangen war und etwas Derartiges
zusammengebraut hatte. Hatte sich von ihm kssen lassen, ohne eine Spur von
Neigung fr ihn zu empfinden. Und sie hatte ihre Rolle gar nicht schlecht
gespielt. Er war der Betrogne gewesen. Und da er so unsympathisch sein
sollte, da ein junges Mdchen gar nicht daran denken knnte, ihm gut zu
sein...!

Aber natrlich hatte sie bei den beiden Alten ein elendes Leben gefhrt. Er
konnte schon begreifen, da ihr viel daran gelegen hatte, sich zu
verheiraten. Das war ihr wohl wie eine Erlsung frs ganze Leben gewesen.
Sie legte ihr Bekenntnis ab, ohne irgendein Erbarmen zu zeigen. Es fiel ihr
gar nicht ein, da sie ihn verletzte. Sie mute wohl glauben, da er
gepanzert sei, ganz eisenhart.

Ihre Stimme erhob sich pltzlich zu einem Schrei. Du weit ja, sagte sie,
da alle, die falsch spielen, in diesem Zimmer hier die Hand sehen. Ich
habe sie gesehen. Ich sa dort, dort. Und sie wendete sich heftig zum
Schreibtisch. Dort hab' ich sie gesehen.

Glaubst du nicht, da ich sie gesehen habe? fuhr sie fort und bohrte ihre
Augen in ihn, als wolle sie die Wahrheit hervorzwingen.

La mich hren, wie es war, sagte er beruhigend.

Ja, du weit doch, da du mir am Abend geschrieben hattest, und ich wollte
die Antwort schreiben, bevor ich mich niederlegte. Aber als ich mich an den
Schreibtisch setzte, wurde ich unruhig und sa lange da und dachte, denn
ich wute nicht, wie ich die berschrift schreiben sollte. Ich mute ja
>geliebter< schreiben, aber das kam mir nicht recht vor. Es war das
erstemal, da ich an dich schrieb. Ich fand, da es schrecklich war, etwas
zu schreiben, was nicht wahr war-- aber schlielich schien es mir, da ich
nicht weniger schreiben knnte.

Ist ein so groer Unterschied zwischen dem, was man schreibt, und dem, was
man sagt?

Du hattest mich nicht gefragt, ob ich dich liebte, nur ob ich deine Frau
werden wollte--

Ah so!

Aber da, in demselben Augenblick, in demselben Augenblick, als ich
begonnen hatte, das Wort zu schreiben, war die Hand da. Sie kam ber die
Tischkante heraufgeglitten, und ich glaube, ich sa da und starrte sie ein
paar Sekunden an, bevor ich begriff, was es war. Ich schrie nicht gleich.
Ich konnte gleichsam nicht verstehen, da es etwas bernatrliches war.
Aber da legte sie sich ber das Papier und zeigte mit den gekrmmten
Fingern auf das Wort da.

Ich glaube, sie war froh, sie zitterte frmlich vor Freude. Es war, als
wolle sie die Buchstaben an sich scharren-- es war falsches Spiel. Da
wollte sie mit dabei sein.

Sie kam gekrochen, auf den gelben Fingern, wie eine groe Spinne. Gerade
als htte sie Eile. Es war so lange her, seit sie Anla gehabt hatte,
hervorzukommen. Nun mute sie sich sputen. Sie griff frmlich nach der
Feder mit den feuchten, knochigen Fingern. Es war ja falsches Spiel. Da
wollte sie mit dabei sein.

Ich schrie auf, als wre es eine Schlange, und da verschwand sie, aber ich
wei nicht, ob sie nicht noch hier ist. Ich glaube, ich fhle, da sie sich
noch im Zimmer befindet. Und wenn sie wiederkommt, sterbe ich. Ich war nahe
daran, zu sterben.

Nein, sie darf nicht wiederkommen, sagte er trstend.

Ich wei, da ich eins tun mu, sagte sie, ich mu es tun, damit sie
nicht wiederkommt. Aber es ist so furchtbar hart.

Sie nahm den Verlobungsring vom Finger, steckte ihre kalte, zitternde Hand
in die des Doktors und lie den Ring zurck. Dann weinte sie in der
Bitterkeit der Entsagung.

Der Doktor sagte nichts, er legte die Fingerspitzen aufeinander und lie
den Ring dazwischen hin und her gleiten.

Es wre nicht so schwer, mit der Geisterhand fertig zu werden wie mit dem
andern, meinte er. Die Hand hatte gleichsam seine Partei ergriffen, ihm ein
wenig Rache verschafft. Er fhlte Sympathie fr sie.

Es ist wohl mit manchen Leuten so, dachte er, da das Gewissen in der einen
oder andern Weise ber sie kommt, wie sehr sie auch versuchen, es zu
betrgen. Es hat seine eignen verschwiegnen Wege. Da hatte nun seine kleine
Braut alles aufs beste ausgeklgelt, um ein gutes Heim zu bekommen. Blo
ein bichen Heuchelei brauchte sie sich aufzuerlegen, und alles Glck der
Welt war ihr eigen. Und da kommt das Gewissen ganz still heran und grbt
seine Mine tief unten in der Seele und sprengt endlich alle Klugheit, alle
Berechnung in einem Augenblick in die Luft.

Ja ja, ja ja. Sie hatte wohl geglaubt, da sie so ein ganzes Leben wrde
weiterlgen knnen. Hatte wohl gesehen, wie es andern geglckt war. Aber da
stellt es sich heraus, da sie aus feinerm Stoff gemacht ist. Es liegt ein
Nachteil darin, einer verfeinerten Rasse von Gewissensmenschen anzugehren.
Wenn man es am wenigsten erwartet, ist die Gewissenshalluzination da.

Natrlich nimmt sie dann die Form an, die am nchsten zur Hand liegt. Es
war ja sonnenklar, da das Gewissen in diesem Zimmer zu einer Geisterhand
werden mute.

Er sa noch immer da und spielte mit dem Ring und lie ihn von einem Finger
zum andern gleiten. Er fhlte etwas andres als Zorn darber, da er sie
nicht hatte gewinnen knnen. Er war beinahe betrbt. Sie fing jetzt wohl
an, sich seiner zu erinnern, zu denken, da ihm ein Unrecht widerfahren
sei, denn sie beugte sich hinab und kte seine Hand. Verzeih mir, sagte
sie.

Es war merkwrdig, wie weich sie war. Wenn sie sich darber klar geworden
war, da sie ein Unrecht getan hatte, wute sie gar nicht, was sie alles
anfangen sollte, um es zu shnen. Es hatte wirklich keinen Zweck, sie
lnger zu qulen. Er brauchte ja nur gerade heraus zu sprechen, zu sagen,
da er nicht viel besser gewesen war als sie. Rsonnement auf beiden
Seiten. Die eine hatte ein Heim, der andre eine Haushlterin gesucht. Es
wrde sie beruhigen, das zu hren.

Er wollte ihr sagen, da es keine so bittre Enttuschung fr ihn hatte
werden knnen. Er war nicht so furchtbar verliebt gewesen, auch er nicht.

Ja gewi, er hatte ja keinen Anla, die Qual lnger hinauszuziehen. Das
beste war, ein Ende zu machen. Alle zur Ruhe kommen zu lassen und morgen
unverlobt zu erwachen.

Als er sich erhob, um zu gehen, traten ihm die Trnen in die Augen. Es tat
ihm doch weh, sie zu verlieren. Und nun war es das, was er ihr sagte.

Er begann damit, ihr unzusammenhngende Dinge zu sagen, da sie ein
Gewissensmensch sei, da sie der feineren Rasse von Nervenmenschen
angehre, die gerade jetzt angefangen htten, hier und dort aufzutauchen.
Sie sei ihm gerade darum teuer. Gerade um dessentwillen, was ihr in dieser
Nacht widerfahren sei, fiele es ihm schwer, auf sie zu verzichten.

Sie sei frei, ja, natrlich, aber wenn sie einmal knne und wolle----

Er sah sie erstaunt an. Qulte sie das nicht? Nein, jetzt erst verschwand
die Starrheit aus ihren Zgen, und die Augen wurden ruhig. Sie sa mit
halbgeffnetem Munde und lauschte--

Er sprach davon, wie er das Leben fr sie htte ordnen wollen, sprach
davon, wie er sich nach ihr gesehnt htte. Er sprach ganz anders davon, als
er vor einer halben Stunde gesprochen htte. Aber er sah es auch ganz
anders, jetzt, da er sie verlieren sollte. Er sprach viel schner, als er
es sich zugetraut htte. Das Zusammenleben mit einem weichen, liebenswerten
Wesen, ja, gerade das Zusammenleben mit ihr, nahm sich auf einmal sehr hold
fr seine Phantasie aus, und er sagte es ihr.

Als er nher trat und ihr die Hand zum Abschied reichte, kamen ihm noch
einmal die Trnen in die Augen. Sie war so schn, gerade jetzt, die Farbe
entzndete sich wieder auf ihren Wangen, sie war wie eine frischerblhte
Blume. Sie sah ebenso froh aus wie jemand, der einer Todesgefahr entronnen
ist.

Der Doktor stand mit ihrer Hand in der seinen und zog seine Schlsse so
rasch wie nie zuvor.

Sie verstand sich natrlich selbst nicht, nicht im geringsten. Ah! Er
schpfte tief Atem. Alle Niedergeschlagenheit war fort. Ein jubelndes
Siegesgefhl durchblitzte ihn. Nur mit einer einzigen Anstrengung hatte er
sich ihre Liebe ersprochen. Sie hatte ja nur gebraucht, da er zeigte, da
er sie lieb hatte.

Er nahm den Verlobungsring und steckte ihn ihr ruhig wieder auf den
Ringfinger. Keine Torheiten, sagte er, als sie die Hand wegziehen wollte.

Aber, sagte sie. Ich wei nicht, ich wage nicht--

Ich wage es, ich, sagte der Doktor, ich war nie so, da ich vor dem
Glck davongelaufen bin.

Er ging ins Vorzimmer hinaus, fand seinen berrock und kam wieder herein,
um seine Zigarre anzuznden.

Arme Kleine, sagte er, whrend er ein paar Zge machte. Bist jetzt wie
gebunden und gefesselt, mich zu lieben, sollte ich meinen. Sonst kommt noch
die Hand dort und pret dir das Leben aus.

                  *       *       *       *       *

Druck und Einband von Hesse & Becker, Leipzig. 2,525.




  Anmerkungen zur Transkription:

  Seite 9: bei Halvorson einzukaufen wurde gendert in
           bei Halfvorson einzukaufen
  Seite 18: La ihn heulen! sagte Halvorson wurde gendert in
            La ihn heulen! sagte Halfvorson
  Seite 18: Halvorson holt die Polizei wurde gendert in
            Halfvorson holt die Polizei
  Seite 19: durch das Halvorson wurde gendert in durch das Halfvorson
  Seite 21: nach so ist es gemeint.. wurde ein Punkt ergnzt
  Seite 31: Aber als am Nachmittag alle Mner wurde gendert in
            Aber als am Nachmittag alle Mnner
  Seite 32: Die vier Mner wurde gendert in Die vier Mnner
  Seite 33: in Frieden und Ordnun wurde gendert in
            in Frieden und Ordnung
  Seite 61: von dem lichten Abendhimmel wurde gendert in
            vor dem lichten Abendhimmel
  Seite 103: Gegend Abend wurde gendert in Gegen Abend
  Seite 147: glichen den aller andern wurde gendert in
             glichen denen aller andern
  Seite 214: vor ob es sehr hlich war wurde ein Komma ergnzt





End of the Project Gutenberg EBook of Unsichtbare Bande, by Selma Lagerlf

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNSICHTBARE BANDE ***

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