The Project Gutenberg eBook, Amerikanische Wald- und Strombilder. Erster
Band., by Friedrich Gerstcker


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Title: Amerikanische Wald- und Strombilder. Erster Band.


Author: Friedrich Gerstcker



Release Date: June 28, 2010  [eBook #33017]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AMERIKANISCHE WALD- UND
STROMBILDER. ERSTER BAND.***


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Transcriber's note:

   Obvious misspellings have been corrected. The spelling of
   names has been regularised and missing punctuation added.
   A few words appear in two different spellings; these have
   been retained.

   The original highlights text in two ways: by spacing letters
   (gesperrt) and by using a Roman font (Antiqua). The former
   is represented _thus_, the latter =thus=.

   Two particular words which may strike the modern reader as
   mistakes, Stpfel (Stpsel) and klaffen (klffen), were in
   fact correct at the time.

   A list of corrections is at the end of the e-book.

ANMERKUNGEN

   Offenkundige orthografische Fehler wurden stillschweigend
   korrigiert. Namen wurden vereinheitlicht und fehlende
   Zeichensetzung ergnzt.

   Manche Wrter treten in zweierlei Schreibungen auf und
   wurden so belassen. Gesperrt Gedrucktes im Original wird
   _so_ angezeigt, Antiqua =so=.

   Zwei Wrter werden dem Leser bzw. der Leserin als mgliche
   Fehler vielleicht besonders auffallen: Stpfel (Stpsel)
   und klaffen (klffen); sie lassen sich aber in der damaligen
   Zeit so nachweisen.





Amerikanische
Wald- und Strombilder.

Von

_Friedrich Gerstcker_.

Dritte Auflage.
_Erster Band_.







Leipzig,
_Arnoldische Buchhandlung_.
1862.




Inhalt des ersten Bandes.

                              Seite
  Der Leichenruber               1
  Nordamerikanische Jagd         55
  Curtis Brautfahrt             131
  Schulen in den Backwoods      185
  Die Alligator-Jagd            206




Die Leichenruber.


Seit dem Krieg mit den Seminolen (1818) hatten sich die Stmme der
nordamerikanischen Indianer ziemlich still und ruhig verhalten und
die Regierung selbst vermied natrlich Jedes, was wieder zu Reibungen
und Streitigkeiten Anla geben konnte. Nichts desto weniger und trotz
tausend verschiedenen Freundschaftsversicherungen und geschlossenen
Bndnissen, drngte sie die armen Kinder der Wildni immer weiter und
weiter von den Grbern ihrer Vter zurck, und nahm ihnen sogar, wenn
ein paar trunkene Huptlinge vielleicht ihre Zustimmung gegeben, wieder
Strecken hinweg, in deren _fortwhrendem_ Besitz sie frhere Prsidenten
besttigt hatten.

Da standen, dieser Willkhr mde, im April des Jahres 1832 die
Winnebagoes, die Fchse und Sioux's auf, und wollten unter ihrem
tapferen Huptling _Black Hawk_ -- _der schwarze Falke_ -- ihr
schnes am oberen Mississippi gelegenes Besitzthum von den frechen
Eindringlingen reinigen. Wohlbewaffnet und beritten richteten sie auch
frchterliche Verwstungen in den Grenzlndern ihrer weien Unterdrcker
an; sie umzingelten und vernichteten ganze Ansiedlungen, mordeten und
scalpirten jedes lebende Wesen und erfllten den ganzen Staat mit Furcht
und Beben.

Die Regierung sah sich endlich gezwungen ernsthafte Maaregeln zu
ergreifen und Gewalt mit Gewalt zu vertreiben; denn die Indianer,
von ihrem leichten Sieg berauscht, drohten auch die Nachbarstaaten
mit ihren wilden Schaaren zu berfluthen. Die Generle Atkinson und
Scott wurden deshalb mit der Vertheidigung der Grenzen beauftragt.
Unter des Letzteren Truppen aber, die man in Buffalo an Bord von
Dampfbooten schaffte, um sie in der dringenden Noth auch schnell dem
Kriegsschauplatz zufhren zu knnen, brach die Cholera aus -- die
bermige Hitze und das Zusammendrngen so vieler Menschen in einem
kleinen Raum war die Ursache, entsetzliches Elend aber die Folge dieser
Krankheit. Viele starben, Viele desertirten, und muten dann, von Seuche
und Hunger gleich aufgerieben, in den Wldern umkommen. General Atkinson
dagegen traf durch forcirte Mrsche an der Mndung des oberen Iowa mit
Black Hawks Kriegern -- es war am 2. August -- zusammen, schlug nach
glcklichem Kampf die Indianer und nahm sogar ihren Huptling und
dessen Sohn gefangen, die beide zuerst in Fort Monroe mehrere Monate
festgehalten, dann aber durch alle Hauptstdte der vereinigten Staaten
gefhrt wurden, um ihnen die Macht zu zeigen, gegen die sie einen Krieg
unternommen, und ihnen zugleich zu beweisen, wie thricht, wie ganz
hoffnungslos jedes weitere Auflehnen gegen solche ungeheure Streitkrfte
sein mte.

Black Hawk erschrack besonders ber die fr ihn so bedeutende Anzahl
waffenfhiger junger Mnner, und kehrte, bestrzt ber das was er
gesehen, zu den Seinigen zurck. Er widersetzte sich auch von da an
nicht lnger dem Beschlu der Regierung, die, um einem zweiten Einfall
der Wilden vorzubeugen, und sich zugleich das schne Land vollkommen zu
sichern, was jene bis jetzt noch immer bewohnten, smmtliche Stmme an
das westliche Ufer des Mississippi schaffte.

Jahre waren hiernach vergangen, die Jagdgrnde jener tapferen Nationen
whlte der Pflug auf, die Gebeine der Krieger bleichten neben denen
des von ihnen selbst erlegten Wildes in Wald und Prairie, und nur noch
einzelne und nicht oft die besseren der Stmme waren zurckgeblieben und
im weiten Land zerstreut, wo sie sich mit Krbeflechten, oder auch mit
der Jagd kmmerlich ernhrten.

In dieser Zeit also und etwa im Jahre 1845 hatte sich auch ein alter
Indianer, aus dem Stamme der Winnebagoes, dann und wann in Waterton,
einem kleinen Stdtchen am Forriver, eingefunden, und fr Prairiehhner
oder einen gelegentlich erbeuteten Hirsch, Pulver, Blei, Whiskey und was
er sonst brauchen mochte, eingetauscht. Eines Tages aber, ob er nun des
Guten ein Bischen zu viel gethan, oder sonst vielleicht schon vorher
krank gewesen, hatte er kaum das gewhnliche Geschft beendet, und einen
Theil seines Whiskeys getrunken, als er krampfhafte Zuflle bekam, zu
Boden strzte und wenige Minuten darauf den Geist aufgab.

Allerdings wurde der Doktor -- der einzige im kleinen Stdtchen und
zwar ein Ire -- augenblicklich gerufen -- jede Hlfe kam jedoch zu spt,
der arme alte Mann hatte geendet, und in einem roh gezimmerten Sarge
trug man ihn etwa eine englische Meile von der Stadt fort, wo ein
alter Indianischer Mound oder Erdhgel lag, der stets von dort
vorbeikommenden Wilden besucht ward und der Begrbniort eines groen
Huptlings der Fchse sein sollte. Dort, aus einer Art Zartgefhl, das
dem armen alten Indianer gerade da seine Grabsttte anwies, grub man
ihm sein letztes Bett, und bald verrieth nichts weiter, als die frisch
aufgeschttete Erde, den stillen Ruheort eines alten Mannes, der doch
wenigstens in dem Lande schlafen durfte, in dem sein Stamm einst
geherrscht und glcklich gewesen war.

Eine Person lebte aber in Waterton, die alles Mgliche gethan hatte, um
dieses Begrbni zu hintertreiben, und diese Person war eben der, schon
frher erwhnte kleine irische Doktor, der -- zum Nutzen der Menschheit,
wie er behauptete -- seit dem Tode des Indianers nicht ablie mit Bitten
und Versprechungen, den Leichnam ausgeliefert zu bekommen, damit er ihn
seciren und dadurch vielleicht wichtige Entdeckungen in diesem Zweige
der Wissenschaft machen knne. -- So lautete nmlich der Grund, den er
angab, eigentlich wnschte er aber nur das Skelett zu besitzen, fr das
er in New-York einen bedeutenden Preis zu bekommen wute.

Nun htten sich die guten Wolferinen[1] wohl allerdings sehr wenig
daraus gemacht, was aus dem Leichnam eines Indianers wurde, die sie,
der verbten Gruel wegen, smmtlich in die hllischen Regionen
wnschten; eben diese Greuelscenen waren aber auch noch zu frisch in
ihrem Gedchtni, und nicht mit Unrecht frchteten sie, wenn so etwas von
ihrem Ort bekannt geworden wre, die Rache der brigen Wilden, die, wenn
auch nicht offen ausgefhrt, ihrem kleinen unbeschtzten Flecken um so
verderblicher werden konnte.

  1: Spitzname fr die Bewohner von Illinois.

berdies war der alte _Salomo_ -- wie sie ihn genannt hatten, obgleich
er sich keineswegs zur christlichen Religion bekannt -- so lange Jahre
dort aus- und eingegangen, da wirklich eine Art Freundschaft zwischen
ihnen aufgesprungen schien, und zugleich mit der Scheu, die _alle_
Hinterwldler vor dem Zerschneiden und Zerlegen eines menschlichen
Leichnams haben, widersetzten sie sich einstimmig der Bitte des Doktors.
Der Indianer wurde begraben und damit glaubten sie die Sache abgemacht.

Dem war aber nicht so; Doktor Mac Botherme sah allerdings, da hier mit
weiteren Protestationen Nichts mehr auszurichten sei, eins aber blieb
ihm noch, und zwar die List. Schon in Irland hatte er manchen Leichnam
stehlen helfen, und wenn auch _die_ Zeit viele viele Jahre lang hinter
ihm lag -- Jahre, in denen er noch krftig und jung gewesen -- so
wute er auch dafr, da das Ausgraben eines Krpers mitten im Wald,
wo er Entdeckung gar nicht zu frchten brauchte, mit viel weniger
Schwierigkeiten und Gefahr verknpft sei -- ja, wre es nicht des
unbemerkten Heimschaffens der Leiche und vielleicht der halbunbewuten
Furcht vor Indianern wegen gewesen, er htte das ganze Abenteuer allein
bestehen knnen; so aber mute er sich nach einem Gehlfen umsehen,
und den fand er augenblicklich in seinem eigenen Diener, einem erst
in demselben Monat eingewanderten, noch rohen, oder wie sie in Amerika
sagen, _wilden_ Irlnder, den er leicht, durch Versprechung eines guten
Lohnes, dahin zu bewegen hoffte ihm beizustehn, wie auch spter ber die
ganze Sache reinen Mund zu halten.

Um aber nun mit dem Doktor, der so khne Absichten hatte und einer
ganzen Gemeinde und den Schrecknissen des Grabes trotzen wollte, etwas
nher bekannt zu werden, mu ich den guten Mann wohl bei dem Leser in
Lebensgre einfhren.

Doktor Mac Botherme war ein kleines korpulentes Wesen, mit rothen
Backen, etwas echauffirter Nase, kleinen grauen Augen, grauen
Augenbraunen und pechschwarzem Haar, welches letztere ihm brigens
ein keineswegs nordlndisches Aussehen verliehen haben wrde, wren
nicht die aufgestlpten Geruchswerkzeuge, wie das ganze frhliche,
breitgedrckte Antlitz des immer munteren Doktors zu sichere Brgen
der grnen Insel gewesen. Nach seiner, dem Leser eben mitgetheilten
Absicht, mchte dieser jedoch verleitet werden, den Doktor fr ein
Wunder von Muth, Entschlossenheit und Charakterfestigkeit zu halten, da
er trotz der verweigerten Einwilligung von Waterton dennoch auf seiner
Absicht bestand, und jetzt sogar eine Leiche bei Nacht Nebel stehlen
wollte -- ein Geschft, vor dem selbst der khnste Jger jener Wlder
zurckgeschreckt sein wrde. Dem war aber gar nicht so. --

Doktor Mac Botherme hatte allerdings, was auch schon sein Geschft
mit sich brachte, keine Furcht vor Leichen -- der menschliche Krper
war ihm etwa dasselbe, was einem eifrigen Botaniker die Pflanze
ist, die er zerlegt und nach ihren inneren Theilen classificirt; er
wrde also auch das Stehlen der Leiche an sich selbst als etwas sehr
unschuldiges, ja vielleicht Interessantes betrachtet haben, wre nicht
noch ein anderer Umstand dazu gekommen, der allerdings der ganzen Sache
eine Schattenseite gab, und ihn sogar mit einem Gefhl erfllte, das, er
mochte sich dagegen struben so viel er wollte -- der _Furcht_ ungemein
hnlich sah.

Die Leiche lag nmlich im Wald -- eine Meile von jeder menschlichen
Wohnung entfernt, und erst vor wenigen Tagen hatten die Jger von
Waterton gerade dort einen Panther gejagt und _nicht_ erwischt. Der
Panther mute also noch nothwendiger Weise im Walde sein, denn es war
nicht einmal auf ihn geschossen worden, so da man sich vielleicht damit
htte beruhigen knnen, er sei verwundet und spter irgendwo verendet.

Auerdem schienen auch die Einreden der Bewohner von Waterton einen
nicht unbedeutenden Eindruck auf ihn gemacht zu haben, da sich nmlich
in letzter Zeit wieder mehrere Indianer, und zwar von den Winnebagoes
eben in der Gegend gezeigt htten, die, wenn sie von dem Leichenraub
eines ihres Stammes hren sollten, nie im Leben eine solche That
vergessen, sondern sie an dem Thter und seiner ganzen Nachbarschaft
rchen wrden, indem sie, wenn sie nicht dieser selbst habhaft wrden,
doch wenigstens ihre Maisfelder und Huser in Brand steckten und ihnen
vielleicht auch noch auerdem mit heimlicher Kugel im Walde auflauerten.

Das Alles blieb zu bedenken, die Versuchung zeigte sich aber hier zu
stark, Mac Botherme konnte nicht widerstehen, und beschlo nun, der
ueren Vorsicht und der Bequemlichkeit im Allgemeinen wegen seinen eben
angenommenen Diener Patrik O'Flaherti zu Schutz und Hlfe _mit_zunehmen
und die Sache wo mglich vollkommen geheim zu halten.

O'Flaherti, ein wahres Muster eines Irlnders der niederen Klassen,
mit brennendrothem Haar und ordentlich Funken sprhender Nase
-- starkknochig und keck, mit unverwstlichem Humor und nicht zu
ermdender Dienstfertigkeit, war denn auch, besonders noch durch die
zugesicherte reichliche Belohnung gelockt, gern bereit, dem Doktor, wie
er sich ausdrckte, durch dick und dnn zu folgen, heit das, wenn sie
es nur mit wirklich todten Personen zu thun htten, und nicht etwa gar
der Geist des seligen Rothfells neben dem Grabe se und aus seinem
Tomahawk schlechten Tabak rauche.

Auch hatte Patrik -- der sonst _keinen_ Menschen frchtete, eine nicht
unbedeutende Scheu vor den Wilden selbst, da ihm schon in der Heimath
die frchterlichsten Schilderungen von diesen gemacht waren, die
dort als Cannibalen und wahre Teufel verschrieen wurden. Das was er,
in Illinois angekommen, hie und da ber die letzten Einflle und
Gruelscenen gehrt, diente ebenfalls nicht dazu, ihm einen besseren
Begriff von ihnen beizubringen, und so uerte er denn auch diese
Befrchtung ziemlich frei und offen gegen seinen neuen Herrn. Mac
Botherme, obgleich er Ihm im Innern vollkommen recht gab, htete sich
jedoch wohl, ihm davon etwas merken zu lassen; im Gegentheil suchte er
mit dem unbefangensten Lcheln von der Welt jede etwa aufsteigende
Furcht in ihm zu beschwichtigen.

Das gelang ihm denn auch vollkommen, und die Ausfhrung des Unternehmens
wurde auf den nchsten Abend festgesetzt, da an diesem, als an einem
Sonntag, nicht zu frchten war, da vielleicht irgend Jemand von
Waterton auf der Jagd drauen sei, und zufllig in die Nhe des
Indianischen Mound kommen knnte. Alle nthigen Vorbereitungen wurden
nun getroffen, und der Plan schien sich auch leicht und gefahrlos
ausfhren zu lassen.

Der Doktor bewohnte nmlich ein eigenes kleines Haus mit zwei
Abtheilungen, in deren einer er und der Diener schlief, whrend er die
andere zu seinem Wohn- und Studierzimmer erhoben hatte. In das erstere
nun sollte die Leiche geschafft und dort zubereitet werden, bis sich
spter einmal eine Gelegenheit fand, das hergerichtete Gerippe ohne
Aufsehen an den Ort seiner Bestimmung zu befrdern.

Patrik mute sich dabei Hacke und Schaufel zurecht legen, und der Doktor
nahm die alte Muskete vom Haken, schnallte seinen breiten, bis dahin zu
Schutz und Trutz ber dem Bett hngenden Hirschfnger um, steckte ein
Brecheisen und kleines Beil zu sich, um ohne weitere Mhe den Sarg
ffnen zu knnen, und whrend er noch das Letzte -- einen groen grauen
Leinwandsack ber seine Schultern hing, um darin den Leichnam desto
leichter fortschaffen zu knnen, brachen an dem bezeichneten Abend die
Beiden, als der Mond eben unterging (und das war etwa gerade um neun
Uhr) vorsichtig auf, wobei sie, um jedes Aufsehen zu vermeiden und nicht
etwa von einem noch zufllig auf der Strae Weilenden bemerkt zu werden,
das kleine Haus umgingen, die nchste Fenz, die des Gastwirths Maisfeld
einschlo, bersprangen, und dann durch dieses hin, und von den hohen
breitblttrigen Maisstcken vollkommen verdeckt, dem Walde zueilten.

Es war dies allerdings ein ziemlich bedeutender Umweg, den sie machten;
sie hatten ja aber die ganze Nacht vor sich, und setzten so, leise und
geruschlos, ihren dunkeln unheimlichen Weg fort. --

Indessen saen in der Schenke von Waterton die vier einzigen _nicht_
religisen Mnner, die, auer dem Doktor und Patrik in dem kleinen
Stdtchen zu finden waren, frhlich beisammen, und thaten dem erst
frisch von Vincennes eingetroffenem Biere alle nur mgliche Ehre an.
Diese vier waren aber erstlich James Glassy, der Wirth selbst, ein seit
der frhsten Grndung von Waterton hier eingewanderter Pennsylvanier,
und kurzweg von seinen Bekannten und Gsten _Jim_ genannt, dann _Josy_,
der Schmied, _Weppel_, der Schulmeister, und _Shark_, der Krmer.

Eines nur, wie sie so friedlich und heiter bei einander saen, wirkte
hchst strend auf ihre Unterhaltung ein, und zwar ein Umstand, der
vielleicht zugleich wieder die Dauer ihrer Eintracht verbrgte -- sie
waren alle viere Demokraten, hatten fr Polk gestimmt, und im Ganzen
eine so genau bereinstimmende Meinung in Allem was Politik betraf, da
Weppel der Schulmeister mehrere Male in aller Verzweiflung erklrte, er
werde nchstens _gegen_ seine berzeugung des Whigticket stimmen, blos
um einmal in einer so verwnscht langweiligen Gesellschaft widersprechen
zu knnen.

Die Politik war deshalb auch fast ganz aus ihrer Unterhaltung verbannt,
und Jim hatte eben einen Bericht gegeben, wie viel Bienenbume er im
letzten Monat gefunden, whrend sich Josy seines Glcks auf der Jagd
rhmte, mit dem er in voriger Woche zwei Hirsche und drei Truthhner
geschossen und Shark behauptete dabei, er wrde auch einen Hirsch und
noch dazu einen recht feisten Bock erlegt haben, wre ihm nicht gerade,
als er die Bchse heben wollte, so eine verwnschte Rothhaut in die
Quere gekommen, die ein paar Sekunden frher geknallt, und dadurch ein
ungemein delikates Stck Wildpret fr sich gewonnen htte.

Wir sollten es berhaupt gar nicht mehr dulden, fuhr jetzt Weppel auf,
da diese schleichenden Hallunken, diese Indianer, hier immer um die
Ansiedlung herum kriechen -- in Arkansas leiden sie's auch nicht -- ich
hielt im vorigen Jahr am Mulberry Schule, und da fingen sie einmal einen
ganzen Trupp von ihnen auf -- es waren ihrer vierzehn oder fnfzehn
-- nahmen ihnen die Jagdbeute ab und jagten sie aus dem County.

Ja, sagte Shark geheimnivoll -- das hat aber auch hier eine andere
Bewandtni -- wit Ihr denn nicht, was man sich in Vincennes ber
Waterton erzhlt?

In Vincennes? frug unglubig Josy -- was wissen sie denn in Vincennes
von uns, wovon wir hier an Ort und Stelle noch nicht einmal etwas gehrt
haben sollten -- Unsinn -- wre doch verdammt neugierig _das_ zu
erfahren!

Was sie in Vincennes wissen, will ich Euch sagen, fuhr Shark fort,
trank sein Blechmaas aus, das ihm von der aufmerksamen Wirthin
augenblicklich wieder gefllt wurde, rckte sich seinen Stuhl ein
bischen nher zum Tisch, putzte das Licht, stemmte beide Ellbogen auf,
sttzte gegen die zurckgestreckten Daumen das spitze Kinn, und sagte
dann nach allen diesen Vorbereitungen mit leise flsternder Stimme:

Sie glauben, es wre hier nicht ganz richtig. --

Nicht ganz richtig? frugen die drei brigen wie aus einem Munde.

Nein -- sagte der Krmer -- nicht ganz richtig -- oder eigentlich
_gar_ nicht richtig, denn die Indianer schnffelten blos deshalb hier
noch in der Nhe herum, weil sie auf der Stelle, wo Waterton jetzt
stnde, einen Schatz vergraben htten, den sie heben mten, ehe sie
smmtlich das Land verlassen drften.

Einen Schatz? rief die junge Wirthin, erstaunt nher tretend.

Ja, einen Schatz von Gold, Silber und allerlei kostbaren Steinen und
Schmucksachen -- fuhr der Krmer eben so geheimnivoll wieder fort.

Aber wo sollten sie denn das Alles hergekriegt haben, sagte der
Wirth unglubig -- das was die Indianer fr kostbar halten, ist fr
uns Weie keinen Pfifferling werth -- das sind gewhnlich immer nur
Muschelstckchen, die an den Wampum genht werden, rothe Erde, um
Pfeifen d'raus zu machen, und allerlei seltene Federn, die man in
New-York fr einen Spottpreis kaufen kann.

Wo sie's hergekriegt haben sollen? rief Shark in allem Eifer;
-- haben sie denn nicht von jeher die weien Ansiedlungen berfallen,
und da geraubt und fortgeschleppt, was ihnen unter die Hnde kam? wird
denn nicht sogar behauptet, da es in dem Alleghany-Gebirge Stellen
gebe, wo das Gold klumpenweis lge, und da es die Indianer wohl
gefunden und mitgenommen, aber nicht gewut htten, was sie damit
anfangen sollten, bis sie es spter durch die Gier der Europer
erfahren! Nein, die Schtze sind da, das ist gewi, und da sie hier in
der Nhe liegen mgen, vielleicht gerade hier unter uns, wo wir jetzt
sitzen, das ist auch mglich. Was _htten_ denn auch wirklich die rothen
Hallunken immer hier herum zu suchen? gestern bin ich wieder Dreien
begegnet, wie ich, um ein Eichhrnchen zu schieen, in den Wald ging.

_Die_ sind nach Vincennes zu, unterbrach ihn hier die Wirthin, sie
wollten auch blos eine Parthie Otterfelle verkaufen und dachten gewi
wenig genug an Schtze.

So? rief der Krmer pikirt. -- Otterfelle verkaufen, als ob sie
deshalb nach Vincennes zu gehen brauchten. Da gibt es auch in Waterton
Leute, die Geld genug haben, ihnen ein paar lumpige Otterfelle
abzukaufen. Nein, das hat einen anderen Grund, und wir werden's schon
noch erfahren. Deshalb war ich brigens auch so dagegen, da der kleine
Doktor den Indianer zerschneiden sollte -- der Teufel hole die rothen
Schurken, vielleicht htten sie das als eine Ausrede genommen, uns die
Huser ber dem Kopf angesteckt, und hier mitgenommen, was sie
mitzunehmen wnschten.

Ja, das sag' ich auch -- meinte Josy -- das wre auf keinen Fall
gegangen; ich wei noch recht gut, wie sie's ein Mal in Greentown einem
Deutschen machten, der auch das Gerippe von einem am Mississippi
begrabenen Huptling hatte stehlen wollen -- sie erwischten ihn dabei
-- zogen ihm den Scalp ab, und lieen ihn laufen -- drei Stunden drauf
war er todt. Ich habe die Geschichte Mac Botherme zur Warnung erzhlt.

Ja, und nachher haben sie noch fnf aus derselben Ansiedlung
erschossen, sagte Weppel -- ich kann mich recht gut darauf besinnen,
denn ich kam acht Tage spter durch Greentown.

Und dann war Salomo auch ein herzensguter Mensch sagte Mrs. Glassy
-- gar nicht wie die anderen Indianer -- berall gefllig und immer
freundlich -- es htte mir in der Seele weh gethan, wenn er nicht einmal
ruhig im Grabe geblieben, sondern von dem -- Irlnder da, zerschnitten
wre. Soviel wei ich -- wenn der hier in Waterton Menschen die
Eingeweide herausnimmt und an ihnen herumsticht als wie an einem anderen
Stck Vieh, dann mag er mir nur hier aus dem Hause bleiben, dann dank'
ich ihm fr seinen Besuch -- ich ekelte mich zu Tode.

Na, das wre nun das Wenigste, lachte ihr Mann -- das wscht
sich Alles wieder ab, und was Salomo betrifft, so ist Einer von den
Moccasinzertretern so schlimm wie der andere -- je freundlicher sie sich
stellen, desto mehr mu man sich vor ihnen in Acht nehmen. Aber darin
hat Shark recht -- ich mchte nachher nicht mehr vor die Thr gehen,
wenn es unter dem Stamm bekannt wrde, wir htten hier in Waterton Einen
von ihnen nicht allein nicht begraben, sondern sogar noch zerschnitten
-- am Ende glaubten sie gar, wir wren Menschenfresser.

Brrr, sagte Mrs. Glassy, und schttelte sich bei dem Gedanken.

Ja Kinder, meinte Mr. Weppel, als er jetzt aufstand und ans Fenster
trat, um hinaus auf die menschenleere Strae zu sehen -- was Besonderes
ist hier nicht weiter zu bekommen, und da will ich denn lieber zu Hause
gehen -- meine Alte mchte doch sonst brummen.

Wie viel Uhr hat's denn? frug Jim -- es mu ja noch frh sein.

Es ist gerade neun vorbei, sagte der Schullehrer, der Mond drckt
sich auch da drben in's Nest -- morgen mu ich um sieben wieder auf den
Beinen sein und Schule geben -- also gute Nacht, meine Herren.

Wartet Weppel, rief Shark, whrend er aufstand und nach seinem eignen
Hute griff -- ich gehe mit -- ich mu so ein Bischen in's Freie, habe
in der Stubenluft ordentlich Kopfweh bekommen. Aber wer klopft da
drauen -- ist denn zugeschlossen?

Die Thre war inwendig eingeklingt und Mrs. Glassy ffnete sie schnell,
htte aber fast einen lauten Angstschrei ausgestoen, als pltzlich,
halbgebckt, den rabenschwarzen runden Wollkopf entblt, ein kleiner,
etwa zwlfjhriger Negerknabe in's Zimmer glitt, der, augenscheinliche
Angst in den dunklen Zgen, die Mnner der Reihe nach ansah, und nicht
zu wissen schien, ob er mit der Sprache heraus sollte.

Jesus im Himmel! sagte Mrs. Glassy, indem sie berrascht einen Schritt
zurcktrat, habe ich doch wahrhaftig geglaubt, es wre ein Indianer,
der da den Kopf zur Thre herein streckte. Was willst du denn noch so
spt, Sip? schickt dich dein Master?

Sip war ein freier Negerknabe, der sich bei dem Baptistenprediger
vermiethet hatte, und auch dann und wann, besonders wenn sein Herr nach
irgend einem benachbarten Flecken zum Predigen gegangen war, allerhand
kleine Auftrge und Wege fr das Wirthshaus besorgte, wo er sich nur zu
gern mit einem paar Centen und einem Schluck Whiskey dafr belohnen
lie. -- Jetzt verrieth sein ganzes Wesen aber mehr Furcht und Besorgni,
und mit leiser, bebender Stimme stotterte er:

Ne -- ne -- nein, Missus -- Ma -- Massa nicht, a -- aber -- ich ha
-- habe wa -- wa -- was gehrt --

Du hast was gehrt?

Ja -- Mi -- Missus -- fuhr der Kleine ngstlich fort -- w -- w -- wie
ich durch Ma -- Ma -- Massa Glassys Me -- Melonengarten ging --

Sirrah, du Schuft, unterbrach ihn hier Mr. Glassy entrstet -- was
hast du in Ma -- Ma -- Massa Glassys Melonengarten zu suchen? Hab ich
dir kleinen schwarzen Hallunken nicht verboten, meine Melonen auch nur
ber die Fenz herber anzusehn?

Aber so lat ihn doch nur erst erzhlen, was er gesehen hat? lachte
Weppel -- der arme Bursche bringt ja sonst keine Sylbe mehr vor Angst
und Stottern heraus. Sip schien auch wirklich dadurch, da er sich hier
so urpltzlich selbst verrathen hatte, ganz consternirt zu sein und
stotterte eine solche Menge wirres Zeug hervor, da ihn Mrs. Glassy
erst wieder beruhigen mute, bis er sich nur wenigstens in so weit
verstndlich machen konnte, da sie begriffen, was er eigentlich wolle.

Der Inhalt seiner Mittheilung bezog sich brigens nher auf ihr kaum
unterbrochenes Gesprch, als sie im Anfang vermuthet, denn Sip erzhlte
ihnen jetzt, da er _durch_ eben den fraglichen Melonengarten, aber blos
_durch_gegangen sei, um schneller nach Waterton zu kommen, als er dicht
an der Fenz hin zwei Mnner gesehen habe, von denen der Eine eine
Flinte, der andere aber Hacken und Spaten getragen. Nicht weit von ihm
seien sie eine Weile stehen geblieben und er htte deutlich die Stimme
des kleinen irischen Doktors erkennen knnen, der mit seinem Diener
davon gesprochen, den todten Indianer in einen Sack zu stecken und zu
Hause zu tragen.

Sip war eben nur dehalb so erschreckt ber das Ganze, weil er seinen
eigenen Master schon vor dem Begrbni des Indianers sagen gehrt,
sie drften es unmglich wagen, die Rache der noch in der Gegend
umherstreifenden Indianer zu erwecken, denn solche Menschen, die Nichts
weiter zu verlieren htten, und dabei vielleicht noch gar eine gerechte
Vergeltung fr erlittene Unbill auszuben glaubten, seien zu Allem fhig
und wrden die Weien nachher ruhig todtschlagen, das, was sie besen,
rauben, und die Neger -- eine Hauptsache fr _Sip_, in Gefangenschaft
schleppen.

So unausfhrbar nun auch das Letztere gewesen wre, da die Indianer,
nach einem ausgefhrten Gewaltstreich, nur nach Canada hoffen durften
zu entkommen, so glaubte doch Sip, mit der Geographie des Landes wenig
bekannt, seine Existenz auf das uerste gefhrdet, und bat jetzt die
Mnner mit thrnenden Augen, sie mchten doch nur um Gotteswillen nicht
zugeben, da die bsen Menschen ihr Vorhaben ausfhrten.

Hm, sagte nach langer Pause Weppel, als Sip geendet und schchtern in
eine Ecke zurckgetreten war -- der verwnschte kleine Doktor wird uns
am Ende noch zu schaffen machen.

Ei potz Hammer und Zangen, rief Josy -- -- wir wollen ihm nach -- wer
frchtet sich denn vor seiner alten Muskete, die nie im Leben losgeht,
und mit der er oft Stundenlang zwischen den Eichhrnchen drauen
herumschnappt. Wir wollen doch einmal sehen, ob der Fremde hier nach
Waterton gekommen sein soll, um uns hier, wider Willen, in Gefahr von
Leib und Leben zu bringen.

Nein, das seh' ich auch nicht ein! sagte Weppel -- er hat bei uns
um den Leichnam angehalten -- er ist ihm abgeschlagen, und wenn er ihn
jetzt _stehlen_ will, so brauchen wir das nicht zu leiden.

Leiden? donnerte der krftige Schmied dazwischen -- der Teufel
brauchts zu leiden -- aber wir nicht -- hol' doch den ganzen Irlnder
der Bse -- mag er zu seinem eigenen Land zurckgehen, wo's keine
Frsche und Schlangen giebt, wenn er aber _hier_ leben will, so soll er
sich auch den Gesetzen des Landes fgen, oder -- ich will ihn mit ein
paar Hmmern bekannt machen, zu denen er lieber Alles in der Welt, als
zum zweiten Mal den Ambos abgeben sollte. Kommt, wir wollen ihm nach,
und wenn _ich_ ihn nicht vom Leichenstehlen curire, so heit mich einen
Holzkopf.

Der ehrliche Schmied drckte sich den Hut fest in die Stirn, und schien,
ohne alle weiteren Umstnde, seine Absicht auch ausfhren zu wollen;
Shark stellte sich ihm aber entgegen, erfate seinen Arm und sagte,
whrend er sich mit der Linken leise das glatt-rasirte Kinn strich:

Gentlemen, die Sache hat zwei Seiten -- der Indianer gehrt nicht mehr
in den Staat -- er liegt auf _Congreland_ begraben und _wir_ haben eben
so viel und so wenig Recht darauf, als der Doktor -- _gesetzlich_ knnen
wir ihm also gar Nichts anhaben. Treten wir dabei die Sache breit, und
fangen wir Streit an, so wird, mehr als nthig ist, davon gesprochen und
die Aufmerksamkeit der Indianer noch strker nach Waterton gelenkt, als
das bis jetzt schon geschehen; -- liee sich das Ganze nicht auf irgend
eine andere Art beilegen?

Ist er denn aber auch nach dem indianischen Grabe? frug Mrs. Glassy
-- das liegt doch gerade in ganz entgegengesetzter Richtung!

Nun natrlich wird er nicht bei Nacht und Nebel mit Hacken und Spaten
mitten durch die Stadt laufen, -- sagte der Schulmeister -- so
gescheidt ist er auch. Ich habe mir's aber gedacht, ich habe mir's
wahrhaftig gedacht.

Ach was _denken_, fiel der Schmied hier rgerlich ein -- hol' der
Teufel das Denken, wir gehen hin, hauen ihm die Jacke voll, da er das
Wiederkommen vergit und machen ihm dadurch begreiflich, da er sich,
wenn er einmal in Amerika leben will, auch so betragen soll, wie's die
Amerikaner verlangen.

Meine Herrn! unterbrach ihn hier Shark -- dagegen mu ich zweierlei
einwenden -- erstlich habe ich einen frchterlich hohlen Zahn, der schon
jetzt wieder anfngt wehzuthun, und den ich mir vom Doktor morgen wollte
herausreien lassen, und dann -- knnte die verwnschte Flinte _doch_
einmal losgehen -- _die_ Art Schieeisen wartet gewhnlich den Zeitpunkt
ab, wo sie eigentlich nicht feuern sollte, und dann feuert sie erst
recht. In dem einen Falle brche er mir, um sich zu rchen, vielleicht
die halbe Kinnlade aus, im anderen knnte er, was noch schlimmer wre,
einen von uns todtschieen; ich schlage also vor, da wir uns auf etwas
Besseres besinnen. -- Wie wre es zum Beispiel, wenn wir ihm den ersten
Neger versprchen, der in der Ansiedlung stirbt.

Oh Go -- Golly, Ma -- Ma -- Massa! schrie Sip entsetzt, was hat a
-- a -- arme Nigger gethan, -- N -- nein -- Sip we -- we -- wei 'was
Be -- Besseres!

Heraus denn damit, du schwarze Nothflagge du -- lachte Weppel
-- heraus mit dem Be -- Besseren!

Massa Bo -- Botherme, f -- f -- frchtet Indian -- i -- i -- ich
schreie ge -- gerad wie Indian -- und ohne eine weitere Aufforderung
abzuwarten, stie der kleine Neger pltzlich in so tuschender
Nachahmung und so scharf und gellend den trotzigen Schlachtschrei der
Winnebagoes aus, da Mrs. Glassy entsetzt zusammenfuhr, und selbst die
Mnner berrascht, emporfuhren. Shark hatte aber im Augenblick
begriffen, was der Knabe meinte, und rief jetzt jubelnd aus:

Bei Gott, Kinder, ich hab's -- Sip hat recht, das ist ein kapitaler
Einfall -- wir wollen Indianer spielen. Dunkel ist's, der Mond ist
unter, da brauchen wir nur Jeder eine weie wollene Decke umzuhngen,
und unsere Garderobe ist fertig. Drauen schleichen wir uns denn an
das Grab hinan und wenn Sip hier zu schreien anfngt, und wir anderen
einstimmen, dann denk' ich, soll der gute Doktor glauben, alle drei
ausgewanderten Stmme sen ihm auf dem Nacken.

Da mchten wir aber auch unsere Bchsen mitnehmen, meinte Josy, dem
der Einfall zu behagen schien, denn er schmunzelte ganz wohlgefllig vor
sich hin.

I Gott bewahre! sagte der etwas ngstliche Krmer, wozu? der Wald ist
dicht verwachsen, und so ein Ding knnte unterwegs einmal losgehen. Es
soll ja auch gar kein Ernst aus der Sache gemacht werden.

Wenn sich aber der Doktor zur Wehre setzt -- meinte Weppel.

Nein, dafr steh' ich, lachte der Wirth -- wenn der die Bsche
rascheln und nachher den chten Schlachtschrei hrt, dann mchte ich
meinen Hals darauf verwetten, da er Fersengeld giebt, als ob der Bse
hinter ihm wre.

Aber reinen Mund mssen wir halten, meinte Shark -- sonst holt er ihn
spter am Ende doch noch.

Wenn der _einmal_ verjagt ist, kommt er sobald nicht wieder -- sagte
Glassy -- brigens ist's einerlei, ob wir bei _dem_ einen chten
oder unchten Schlachtschrei haben -- der versteht ihn doch nicht zu
unterscheiden -- was hilft auch der Kuh Muskate -- doch gleich viel,
jetzt nur fort, da wir nicht zu spt kommen. Er ist, wie Sip sagt,
durch die Felder gegangen, da mu er einen weiten Umweg machen, bis er
an den oberen Baum kommt, der ber den Flu liegt, sonst kann er nicht
hinber. Wir knnen indessen hier gleich ber die Brcke und auf der
breiten Strae fortgehen, dadurch schneiden wir wenigstens eine halbe
Stunde Weges ab. Du Frauchen, magst uns aber indessen einen heien
Punsch brauen, wenn wir wieder kommen, werden wir ihn brauchen knnen,
und jetzt ihr Herren -- an's Werk.

Es war Nacht -- droben vom Himmel blitzten in unendlicher Pracht die
schnen herrlichen Sterne vom Firmamente nieder -- ein leiser Sdwind
strich fast geruschlos ber die weite Prairie daher, nur das
schwankende Gras bog er nieder, da die hellen, daran blitzenden
Thauperlen schwer hinab auf den feuchten Boden fielen. -- Sobald
er aber das Fluthal erreichte, wo die hohen, krftigen Bume standen,
da gewann er auch neue Macht, da schien er sich recht fest und trotzig
zusammenzunehmen, und hinein warf er sich in die Wipfel, und rauschte
und brauste hindurch, als ob er ihnen Wunder was Wichtiges zu sagen
habe. Die aber schttelten leise und altklug mit den Kpfen -- sie
wuten recht gut, da von dort her, aus dem weichlichen Sden, nichts
Derbes und Tchtiges herkommen knne. Ja, sagten sie, wenn er von da
drben herber, ber die Seen her, bliese, von den starren Eisgletschern
nieder, dann wr's noch der Mhe werth, sich dagegen zu stemmen, oder
einander die Arme zu reichen, zu Hlfe und Schutz, so aber -- lat ihn
weiter ziehen, Schwestern -- es ist ein Sdlnder -- er tritt patzig
auf, flstert einem Jeden etwas Schnes in's Ohr, und ist dann eben so
leicht verschwunden, wie er gekommen.

So allerlei altkluges Zeug schwatzten die Zweige und der Schuhu sa
mitten drinn und schaute ghnend in das noch vom letzten Herbst dort
unten liegende gelbe Laub, ob nicht etwa irgend ein leckerer Bissen
in Gestalt eines kleinen Kaninchens oder auch einer fetten Maus,
vorbeischleiche und ihm die unbequemere Suche erspare.

Die Natur feierte ihren Sabath -- heilige Ruhe lag ber der ganzen
Welt, sogar die Frsche riefen ihr monotones Lied nur ganz leise
und schchtern ab, anstatt wie sonst so recht aus voller Kehle
hineinzuquaken in die stille -- hehre Nacht. Tiefe Dunkelheit lagerte
auf dem Walde, selbst die Sterne konnten nicht mit ihrem matten Licht
durch die dicht verwachsenen Zweige dringen; nur da, wo sich der kleine
Flu seine unregelmige, zickzack laufende Bahn durch den fetten Boden
brach, hatten sich die Riesenwipfel getrennt und die freundlichen
Himmelskrper spiegelten sich in der klaren Fluth und schienen auf den
leichtgekruselten Wogen zu schwimmen und zu tanzen.

Aber auch noch ein anderer Fleck lag in der waldigen Niederung, wo
das blasse Sternenlicht seinen matten, dmmernden Eingang fand -- es
war dies eine jener tausend kleinen Waldblen, die durch die ganzen
westlichen Wlder zerstreut sind und nur Gras und Blumen erzeugen,
whrend der sie umschlieende Boden die krftigsten, stattlichsten Bume
trgt, und es schien fast, als ob nur wenige jener ungeheueren Stmme
hier herausgerissen seien, und das weite, die enge, nackte Stelle
umkreisende Waldmeer schon im Begriff wre, sich wieder ber derselben
zu schlieen.

Der freie Raum mochte kaum sechzig Fu im Durchschnitt haben; seinen
Mittelpunkt bildete aber ein niederer, vielleicht sieben Fu hoher
Hgel, der, mit dichtem Gras bewachsen, nur auf dem Gipfel eine Wunde
trug, wo der Rasen frisch aufgerissen schien und die in spitzem Kamm
festgeschlagene Erde den Ort verrieth, unter dem der starre Krper eines
Menschen ausruhe von allen irdischen Lasten und Leiden.

Heimlich und still lag der schaurige Platz inmitten des grnenden
Waldes, und nur der Wolf hatte ihn, als er seine erste Runde beging,
umschlichen, und von dem frischen Grabe aus seinen Nachtgru hinauf
geheult zu den Sternen -- die Spuren seiner scharfen Krallen
bezeichneten noch den weichen Grund.

Aber was hob sich dort, dunkel und ungewi, im matten Licht, dicht zu
Hupten des Grabes? War es ein Stein der Erinnerung, den die Bewohner
von Waterton dem fremden Krieger gesetzt? -- Hatten sie soweit sein
Andenken geehrt, um sogar den Platz zu bezeichnen, wo Einer der von
ihnen Vertriebenen sein Haupt berge unter den Bumen, deren Schatten
ihn frher erquickte? Ach nein -- nein -- nicht Liebe war's, die das
erkaltete Herz hier einscharrte in seine irdene Urne -- den Leichnam
aus dem Weg zu schaffen, hatten sie gemeint; so schnell und bequem das
geschehen konnte, so schnell geschah es -- da sie das indianische Grab
dazu gewhlt, war die einzige Freundlichkeit, die sie der Race selbst
bewiesen.

Und jener Stein? --

Httest du die dunkelglhenden Augen gesehen, wie sie unter der fest und
stolz emporsteigenden Adlersfeder vorfunkelten -- httest du den leisen
monotonen Sang gehrt, mit dem er, wie in kaum vernehmbaren Flstern,
die Todtenklage ber den Geschiedenen murmelte, du httest nicht nach
einem _Stein_ gefragt -- ein _lebendes_ Monument seines Stammes, kauerte
der Huptling, im vollen Schmuck des Kriegers, ber dem Grab -- seines
_Vaters_, und whrend die Linke fast bis zum Handgelenk in den weichen
lockeren Boden sank, hielt er die Rechte starr und regungslos zu den
Sternen gestreckt, als ob er Krper und Seele des Verblichenen herauf
und hernieder ziehen wolle zu sich, dem allein Zurckgebliebenen.

Da pltzlich hob er rasch und lauschend das dunkle Haupt -- die hohe
Feder schwankte von der fast unwillkhrlichen Bewegung, und mehrere
Secunden lang schien er mit der gespanntesten Aufmerksamkeit einem
noch fernen aber seinen scharfen Sinnen nicht entgangenen Gerusch zu
horchen.

Es kam nher -- er unterschied Stimmen -- er vernahm das Krachen und
Knicken niedergebrochener drrer Zweige, und sich jetzt vorsichtig
erhebend -- das Antlitz fortwhrend der Stelle zugewandt, von der die
strenden Laute tnten, glitt er leise zurck in den schtzenden
Schatten der Bume und verschwand im nchsten Augenblick in ihrem
Dunkel.

       *       *       *       *       *

Ich sage dir Patrik -- du bist ein Esel! rief Doktor Mac Botherme,
als er wenigstens zum fnfzigsten Mal ber die im Wege liegenden
ste gestolpert und gestrzt war, und eben wieder, die Schienbeine
reibend, aufstand -- du schwatzt ja Zeug, was einen vernnftigen
Christenmenschen in seiner eigenen Wohnung zur Verzweiflung bringen
knnte, geschweige denn hier, in diesem verfluchten Wirrwarr von
knochenzerbrechenden Bumen -- Herr Gott! unterbrach er sich hier
selbst in halbverbissenem Schmerzschrei, als er eben wieder mit dem
Gesicht in einer der scharfdornigen Schlingpflanzen hngen geblieben
war, und sich nun sorgfltig mit der flachen Hand ber Stirn und Backen
fuhr, um zu fhlen, ob er nicht blute.

Aber Doktor Mac Botherme -- fuhr der dadurch ungerhrte Patrik in
seinem breiten irischen Dialekte und in der eben erst unterbrochenen
Rede fort, indem er stehen blieb, Hacken und Spaten auf die Erde
niedersetzte und sich ngstlich dabei nach allen Seiten hin umsah
-- ist es denn nicht meiner Mutter Sohn, den sie alle Augenblicke bald
rechts, bald links festhalten, als ob sie sagen wollten: Patrik, mein
Herzchen, mein Juwel, gehe nicht weiter -- gehe keinen Schritt weiter,
in dieser gesegneten Nacht -- es kostet sonst deine Seele -- du bist ein
verlorenes Schaaf. --

Du bist ein _geborener Ochse_ -- Patrik, mein Herzchen! rief der
Doktor rgerlich, dem die Angst seines Gefhrten keineswegs gelegen kam.
Hab' ich dir nicht schon zehntausend Mal gesagt, da es die Zweige und
wilden Rebenstcke sind, in denen du hngen bleibst; -- wenn du dich
nicht jedesmal bcktest und an zu beten fingst, so knntest du's selber
sehen.

Arrah Sir -- seufzte der sich hier hchst unbehaglich befindende Ire,
mag's mir die Mutter Maria vergeben, da ich mich bei Nacht in solch
heidnischen Wald getraut habe; aber so viel wei ich -- bin ich erst
einmal wieder in der Stadt -- keine Seele kriegt mich zum zweiten Mal in
eine solche Gegend. -- Und nun auch erst noch Leichen ausgraben -- fuhr
er mit weinerlicher Stimme fort, als der Doktor indessen, sich wenig
um seine Klagen kmmernd, die Gegend recognoscirte, in der sie sich
befanden; -- Leichen ausscharren, wie's die wilden Bestien in Afrika
machen sollen -- und Leichen zu Haus tragen und kochen, wie ein anderes
ehrliches Stck Rindfleisch -- o Jses, o Jses, wenn uns heute der Bse
nicht holt, dann giebt's gar keinen!

Patrik hatte in aller Verzweiflung sein Handwerkszeug fallen lassen,
und kauerte sich, die Hnde ber die Knie gefaltet, ngstlich nieder.
Mac Botherme kannte aber den Geist, der seine Geister_furcht_ zu bannen
vermochte -- aus seiner Tasche holte er die mit Leder berzogene
Feldflasche vor, zog den Stpsel ab und hielt sie mit ausgestrecktem
Arm dem Muthlosen entgegen.

Hier Patrik! sagte er dabei -- deine Einbildungskraft wird trocken
-- gie ihr ein wenig Bergthau auf die Wurzeln -- nachher erholt sie
sich wieder, und -- bedenke, da du, wenn du mir jetzt getreulich
beistehst, nach glcklich abgelaufenem Abenteuer zwei Dollar baar Geld
und -- zwei Gallonen -- sage zwei Gallonen Whiskey erhltst, und den
zwar vom besten!

=Honey my dear!= sagte Patrik, der schon bei dem Abziehen des Stpfels
den Kopf gehoben und einen flchtigen aber sehnschtigen Blick nach der
Flasche hinbergeworfen hatte. -- Doktor Mac Botherme ist der Mann,
der einem armen gedrckten Menschen wieder Muth einsprechen kann in der
Noth. Doktor Mac Botherme ist ein ordentlicher wirklicher Christ, wie
Vater O'Rhoole sagte, wenn er Sonntags den Beichtpfennig kriegte.

Sei nur jetzt ruhig, Patrik! beschwichtigte ihn der Doktor, und warf
einen scheuen Blick umher -- wir knnen nicht mehr weit von der Stelle
sein, und je ruhiger wir das ganze Geschft abmachen, desto besser ists.
Es -- es knnte ja doch =per= Zufall so eine verwnschte Rothhaut im
Walde herumkriechen, und dann ist's immer besser, man schreit so wenig
als mglich. Komm Patrik -- in einer Stunde kann unser ganzes Geschft
abgemacht sein.

Er war im Begriff seinen Weg fortzusetzen, als Patrik, der indessen die
Flasche an sich genommen hatte, pltzlich seinen Arm ergriff, und leise
flsternd, aber mit ngstlicher Stimme sagte:

Und sind es wirklich die rothen, blutdrstigen Deiwels, die einem
rechtschaffenen Christen die Haut vom Kopfe ziehn und Geldbeutel
d'raus machen? sinds die rothen Indianer, von denen Doktor Mac Botherme
frchtete, da sie hier herumschnffeln und Lust nach Paddy O'Flahertis
Goldhaar haben knnten?

Rede nicht so albernes Zeug, Pat! sagte der Doktor, und machte seinen
Arm von dem des Dieners los -- komm lieber, und sei gescheidt -- denk
an den Whiskey und an die Dollar, denn nicht der rothe Pfennig oder der
klare Tropfen ist's, den Patrik O'Flaherti zu schmecken bekommt, wenn er
jetzt noch lange mit Zweifeln und Reden die Zeit vertrdelt!

Der wrdige Doktor hatte sich auf die Art mit Willen in eine Art Zorn
hineingergert, damit er die eigene Furcht beschwichtige, und ohne eine
weitere Einwendung abzuwarten, schritt er rasch vorwrts, und hatte so,
wenn auch unbewut, die beste Methode gefunden, seinen Begleiter folgen
zu machen, denn der wre nicht, um alle Versprechungen der Welt, allein
im Walde zurckgeblieben. Nur wenige hundert Schritte brachten sie aber
auch an das ersehnte Ziel, und Patrik schttelte sich leise, da er den
stillen heimlichen Fleck erblickte, dessen Ruhe sie mit frechen,
unheiligen Hnden entweihen wollten.

Patrik, flsterte der Doktor -- das hier ist die Stelle -- _hier_
ist das Grab -- da gerade in der Mitte. -- So, nun nimm deine Hacke und
Spaten herunter und ich will indessen die Flinte laden gieb mir einmal
das Pulverhorn -- wir werden's hoffentlich nicht brauchen, aber der
Henker traue doch dem Frieden -- besser ist besser -- nun? hrst du
nicht, Pat? das Pulverhorn will ich haben!

Und ist es das, was Ihr verlangt? frug Patrik erstaunt, steckt denn
nicht Alles in Eurer eigenen Tasche?

Unsinn, Pat! sagte der Doktor rgerlich, whrend er sich jedoch die
Taschen befhlte, ob er das Geforderte vielleicht dennoch in Gedanken
eingesteckt habe. -- Unsinn Pat, _hier_ ist's nicht -- und da nicht
-- und da vorne auch nicht -- ich hab' es dir ja auch, einen Augenblick
ehe wir fortgingen, in die Hand gegeben.

Segne Eure Seele Herr! rief Patrik schnell -- und ist es weiter
Nichts wie das lange Kuhhorn mit dem grnen Bindfaden d'ran, was Ihr
sucht?

Nein, das gerade -- hast du's? --

O Misther -- macht Euch keine Sorge dehalb, das hngt ruhig am Nagel
hinter der Thr. --

Holzkopf! rief der Doktor entrstet -- hab' ich dir nicht noch
ausdrcklich befohlen -- du solltest dich in Acht nehmen, da es nicht
na wrde.

Arrah, Ochone, Herr, und ist das nicht eben die Ursache, weshalb ich's
hinter die Thre hing? erwiederte der unverwstliche Ire -- wie htt'
ich's knnen trocken halten, wenn's heut' Abend regnete?


=O sancta simplicitas!= murmelte der Doktor -- da -- jetzt sitzen wir
in einer ganz gemthlichen Patsche -- _wenn_ nun die Indianer kmen,
Patrik, _wenn_ sie nun kmen?! -- das war der dmmste Streich, den
deines Vaters Sohn seit langer Zeit gemacht -- jetzt hab' ich doch das
Schieeisen mit geschleppt, da mir die ganze linke Schulter so blau
ist, wie ein deutscher Sonntagsrock.


Patrik, der ungefhr eben so viel vom Laden eines Gewehrs wie vom
Clavierspielen verstand, konnte gar nicht begreifen, weshalb sein
Misther so rgerlich sei -- da sie ja doch den _Whiskey_ nicht
vergessen hatten; er begngte sich deshalb blo, einfach mit dem Kopf
zu schtteln, gehorchte nun aber auch eifrig dem in etwas barschen Ton
gegebenen Befehl, abzuladen und die Arbeit zu beginnen. Er warf also
die mitgebrachten Werkzeuge in's Gras nieder, nahm dann die breite Hacke
auf, die er in der Hand wog und sich schchtern dabei umschaute, als
wenn er nicht ganz sicher wre, wie er das Werkzeug zu gebrauchen
htte, zur Arbeit oder gar zur Vertheidigung, und schritt dann langsam,
und augenscheinlich mit schwerem Herzen dem Mittelpunkt der kleinen
Lichtung, dem Grabe zu, wo er stehen blieb und nun unruhig den Blick
nach allen Seiten umherwarf.

Der kleine Doktor hatte sich indessen des groen unbehlflichen Sacks
entledigt, den er auseinander wickelte, dann das Beil und Brecheisen
hervornahm, um spter, wenn der Sarg erst einmal zu Tage gefrdert war,
nicht weiter aufgehalten zu werden, und wandte sich nun an seinen
Gefhrten, der noch immer keine Anstalt machte, zu beginnen.

Patrik -- =honey=! sagte der wrdige Mann, whrend er den Spaten
aufnahm und den Hgel rasch hinanschritt, Patrik mein Herzchen, komm
und lass' uns munter an's Werk gehen. -- Je lnger hier, je spter dort
-- hier ist das Grab und der rothe Bursche liegt starr und steif d'rin
-- denk' an den Whiskey, Paddy!

Und ist es nicht der Whiskey, der mich bis jetzt lebendig gehalten
hat -- sagte Patrik und that einen herzhaften Zug aus der jetzt fast
geleerten Flasche, die er aber sorgfltig in seine eigene Tasche
zurckschob -- war es nicht die liebe Himmelsgabe, die mich getrnkt
und gewrmt hat -- aber Misther Doktor -- segne unsere Seele -- ich
wollte es wre vorbei -- s'ist schauerliche Arbeit, den verkehrten
Todtengrber zu spielen -- hallo, was war das?

Was war _was_? rief der Doktor erschreckt, und sah sich nach allen
Seiten um. Was war _was_, Sir?

Beide horchten aufmerksam in den dunkeln Wald hinein, aber nur das leise
Rauschen der Bume, das melancholische Quaken der Frsche konnten sie
hren -- sonst lag Alles still und ruhig um sie her, wie das Grab zu
ihren Fen. Der Doktor gewann dadurch wieder Muth und rief mrrisch:

Nun hab' ich's satt -- Sirrah -- hack' ein und mach' ein Ende -- wir
wollen doch nicht die ganze _Nacht_ hier auf dem Grabe zubringen.

Mit Gott denn -- sagte Patrik, zog seinen Rock aus, warf den alten
Filz auf die Erde, streifte sich die Hemdsrmel auf, spuckte sich in die
breite sehnige Hand, ergriff die Hacke und holte eben zum ersten Schlage
aus -- da krachten und brachen -- gar nicht weit von ihnen entfernt,
die Bsche -- durch die kleine Lichtung strich, von irgend etwas im
Walde aufgescheucht -- eine groe Eule, und in kurzen Zwischenstzen
war es den beiden, jetzt starr wie Bildsulen dastehenden Iren, als ob
irgend Jemand -- ob Hirsch, ob Mensch, lie sich nicht unterscheiden
-- durch das vorjhrige gelbe Laub springe, mit dem der Boden in den
amerikanischen Wldern das ganze Jahr ber bedeckt bleibt.

Doktor -- was war das? flsterte Patrik leise, whrend er die Hacke
bedchtig wieder zu seinen Fen niedersetzte.

Wei der Teufel, brummte Mac Botherme, ob's blo ein Hirsch war,
der durch einen fallenden Ast aufgescheucht wurde -- das _mu_ es auch
gewesen sein, -- wer, zum Henker sollte denn jetzt --

Doktor -- Misther Doktor, zischelte Patrik und blickte sich scheu,
bald ber die rechte, bald ber die linke Schulter -- Patrik O'Flaherti
ist's, dem's unheimlich zu Muthe wird -- Jses -- ich wollte ich lge in
Waterton im Bett und htte im Leben keine Hacke in der Hand gehabt. --

Beide Mnner blieben eine kurze Zeitlang wie angewurzelt stehen, und
horchten mit gespannter Aufmerksamkeit auch dem leisesten Gerusch
-- aber Alles lag wieder todtenstill und ruhig -- selbst der Wind
schien erstorben -- kein Lftchen regte sich.

Patrik, sagte der Doktor, aber mit so leiser Stimme, da er selbst
kaum vernahm was er sprach -- Patrik -- wir wollen unsere Arbeit
schnell vollenden, und dann machen da wir zu Hause kommen -- es ist
unheimlich hier auf dem freien offenen Fleck mit dem dunklen Wald rings
herum.

Patrik erwiederte kein Wort, sondern warf nur noch einen Blick zurck
gegen das Dickicht und einen Blick nach vorn, hob dann die Hacke und
schlug sie, bis zu dem Stiel, tief in den weichen lockeren Boden ein.
Als ob aber der Schlag eine Zauberformel gewesen wre, die alle bsen
Geister der Unterwelt mit Blitzesschnelle heraufbeschworen htte, so
schien in demselben Moment der ganze Wald einen einzigen wilden Schrei
auszustoen, und zugleich raschelten die Bsche -- knackten und brachen
die Zweige, und heraus aus dem Dickicht -- Gespenstern gleich, mit den
fast bernatrlich gellenden Tnen, brachen sechs, in fliegende Decken
gehllte Gestalten vor, und strmten gerade den flachen Hgel hinan auf
die beiden starr und entsetzt dastehenden Leichenruber ein.

Starr und entsetzt dastehenden -- ja -- im ersten Augenblick der
berraschung -- als noch Jeder von ihnen glaubte er trume, da so etwas
Frchterliches ja gar nicht wahr sein knne -- pltzlich aber -- wie
der erste Gedanke an Indianer ihr Hirn durchzuckte, gewannen auch die
Glieder ihre ganze frhere Gelenkigkeit, wenn nicht in einem zehnfach
vermehrten Grade wieder. Patrik schrie: O Jses! lie die Hacke
fallen und war mit zwei Stzen im entgegengesetzten Theile des Waldes
verschwunden, der Doktor aber, keineswegs gesonnen, seinen krftigen
Beistand so enteilen zu sehen und allein zurck zu bleiben um dessen
Rckzug zu decken, war kaum weniger behende auf seinen Fersen, und rief
ihm zu, doch nur um Gotteswillen stehen zu bleiben und ihn mitzunehmen.

Patrik, der in dem eigenen Rascheln der Zweige wohl die Stimme hinter
sich hrte, doch keineswegs einzuhalten gedacht, um die Leute zu
unterscheiden -- glaubte natrlich nicht anders als es sei Einer seiner
rothhutigen Verfolger -- beflgelte also dehalb seinen Lauf um so
mehr, warf Alles, was ihn an schneller Flucht hindern konnte, von sich,
und erreichte nach kurz zurckgelegter Strecke den kleinen Flu, den er
brigens erst bemerkte, als er bis an den Hals im Wasser stack, aus dem
er sich nur mit grter Anstrengung zum anderen Ufer hinberarbeiten
konnte. Das nun, obgleich es steil und schlpfrig war, erklomm er in
ungeheuerer Schnelle, und trotz dem, da hier Mac Botherme mit wirklich
zrtlichem Tone seinen Namen rief -- wandte er nicht einmal den Kopf,
sondern strzte sich in wahrer Todesverachtung auf's Neue in Dornen und
Schlingpflanzen hinein.

Der Doktor wre ihm allerdings von Herzen gern gefolgt, konnte aber
nicht schwimmen, und hatte nur noch so viel Geistesgegenwart, da
er begriff, wie ihm hier, wenn er nicht gerade von den Indianern
ausdrcklich verfolgt werde, keine weitere Gefahr drohe. Da er auch, um
in die benachbarten Ansiedlungen auf Krankenbesuche zu reiten, den Wald
schon nach allen Richtungen hin durchschnitten hatte, so wute er doch
wenigstens ungefhr, wo er sich befand, und wollte jetzt am Flu hinab
gehen, um dort zuerst die Brcke, und mit dieser die Stadt in vielleicht
einer Stunde zu erreichen. Durch die bestandene Gefahr waren aber seine
Sinne geschrft und er vernahm jetzt zu seinem Entsetzen, da gerade in
der Richtung, die er einschlagen wollte, ebenfalls irgend etwas in den
Bschen raschelte.

Was es sei, sollte ihm nicht lange verborgen und eben so wenig Zeit zum
Besinnen bleiben -- im nchsten Moment theilten sich die Strucher und
eine dunkle Gestalt, mit -- wie er damals glaubte -- weibemaltem
Gesicht sprang in wilden Stzen auf ihn zu.


       *       *       *       *       *

Um aber nun erst wieder zu unseren beiden Leichenrubern zurckzukehren,
so hatten Patrik O'Flaherti und Doktor Mac Botherme auch brigens, als
sie sich in so kitzlicher Lage auf dem Grabe befanden, alle Ursache
gehabt zu erschrecken, denn so pltzlich und ohne weitere Warnung
von allen Seiten angegriffen zu werden, wo ihnen noch berdies ihr
Gewissen sagte, da sie im Begriff wren etwas Unerlaubtes und uerst
Gefhrliches zu thun, mute sie das Schlimmste frchten lassen, wenn sie
besonders in die Hnde ihrer wilden Feinde fielen, die sich Patrik gar
nicht anders denken konnte, wie Menschenfresser; die Eile, mit der
sie alles Hierhergebrachte zurcklieen, war also vollkommen zu
entschuldigen. Jubelnd und lachend rannten indessen die Amerikaner,
keineswegs gesonnen, ihnen weiter zu folgen, bis zu dem Gipfel des
Hgels vor, von dem sie die Resurrectionisten vertrieben hatten, und
Sip, der mit den wunderlichsten Sprngen und Grimassen nebenher getanzt
war, stie eben noch, als Schlu- und Kraftakkord, und gleichsam
um der Sache die letzte Politur zu geben, den markdurchschneidenden
Kriegsschrei aus, der in die Ohren der beiden Flchtlinge gellte und sie
zu immer wilderer Eile antrieb.

Gentlemen! rief da Shark und schwenkte seinen alten Filz -- der Sieg
ist gelungen -- die Festung erstrmt -- die Besatzung mit Zurcklassung
ihrer Fahnen und Geschtzstcke entflohen und ich stimme dafr, da --

Wie von einer Natter gestochen, fuhr er zurck, denn dicht vor ihm
stand, den blitzenden Tomahawk in der Hand -- die wollene Decke leicht
von den Schultern geworfen, die wehenden Federn noch schwankend von
der raschen Bewegung -- ein wirklicher, lebendiger Huptling -- ein
scalpschtiger Wilder -- ein Rcher der geschndeten Grabsttte.

Die brigen muten ihn, da sie ihre Aufmerksamkeit bis dahin nur den
Flchtigen zugewandt hatten, noch gar nicht bemerkt haben, und Shark
blieb mehrere Secunden lang marmorgleich vor der wie aus dem Grabe
herausgestiegenen Gestalt stehen, Sip aber -- vom vielen Schreien
ordentlich blauschwarz im Gesicht -- wollte eben ber den Hgel
wegspringen, um wahrscheinlich im Walde selbst die Entflohenen noch mit
einem allerletzten Male zu beglcken, als er fast gegen den Indianer
stie, der jetzt seinerseits ebenfalls staunend dastand, und nicht zu
wissen schien, ob die Mnner, die er im ersten Ansturm und im Dunkel der
Nacht gleichfalls fr Indianer gehalten, jetzt aber als Weie erkannte,
Freunde oder Feinde wren.

Sip war brigens nicht der Mann, der einem wirklichen Indianer lange
Stich gehalten htte -- denn _da_ es einer war, erkannte er auf den
ersten Blick. Mit flchtigem Rcksprung warf er seinen Nachbar, den
entsetzten Shark, zur Seite, und floh nun, so schnell ihn seine Beine
trugen, in das ihm nchste Dickicht.

Sip's Geistesgegenwart gab aber auch Shark sich selbst wieder -- kaum
sah dieser nmlich in der Flucht des Negers seine eigene Furcht
besttigt, als er, ohne seine Gefhrten weiter mit Blick oder Wort zu
warnen, dem Beispiel des Negers folgen wollte, leider aber in der ihm im
Wege liegenden und in das Grab eingehauenen Hacke hngen blieb, und mit
gellendem Angstruf zu Boden strzte, da er sich in diesem Augenblick
schon wenigstens fr scalpirt hielt.

Weppel -- auch den Kopf von Indianern voll, sah kaum die Angst der
Gefhrten, als er sich gar keine weitere Mhe gab, den Grund ihres
Schrecks zu erforschen, sondern nur seine eigenen Gliedmaen eben so
schnell in Sicherheit zu bringen suchte, und Josy -- sonst der Muthigste
von Allen und einer jener krftigen Pioniere, die oft mitten in der
Wildni ganzen Schaaren von Wilden Trotz geboten, wurde hier frmlich
berrumpelt. Ein Theil der Seinen floh -- Einer brach, mit dem
Angstschrei auf den Lippen, vor seinen Fen zusammen -- hoch auf dem
Grabe erkannte er in den dmmernden Umrissen den indianischen Krieger
-- was blieb ihm da anderes zu glauben brig -- als sie wren von irgend
einem hier verborgenen Stamme berlistet, und er selbst -- waffenlos
mitten zwischen ihnen -- konnte jetzt nur noch hoffen, durch schnelle
verzweifelte Flucht sein eignes Leben zu retten.

Mit der Gewandtheit eines aufgescheuchten Panthers sprang er zur Seite,
um einem etwa auf ihn abgeschossenen Pfeil, oder gar der tdtlichen
Kugel zu entgehen, und suchte nun, wie die brigen, das schtzende
Dunkel zu erreichen.

Shark, der sich nur das Schienbein ein wenig aufgeschlagen hatte, sprang
indessen ebenfalls wieder empor, und brach in wilder Verzweiflung in
das Dickicht, wobei er sich wenig darum kmmerte, welcher Richtung er
folgte, so er nur fr den Augenblick seinen Scalp in Sicherheit brachte.
In tollen Stzen drngte er sich oft in so dicht verwachsene Dornmassen
hinein, da er nur mit zerfetzten Kleidern und blutig gerissenen
Gliedern einen Ausweg finden konnte; bersprang dabei Grben und
umgestrzte Stmme, fiel in Sumpflcher und Bche, rannte gegen Bume
und Bsche an, und erreichte endlich das Ufer des kleinen Flusses, an
dem er, rcksichtslos wohin ihn das fhre, hinaufstrmte, diese Bahn
mehrere hundert Schritte verfolgte, und pltzlich -- groer Gott, so mu
er in blinder Flucht dem Feinde gerade in den Rachen rennen -- vor einer
dunklen Gestalt stand, die eben im Begriff schien ihn zu erfassen.

Einen Schrei ausstoen und seitab in den Flu springen, wurde zum
Werk eines Augenblicks, aber auch Doktor Mac Botherme, denn dies
war der Gefrchtete, wartete den vermutheten Angriff nicht ab -- mit
Blitzesschnelle wandte er sich und da er in dem Moment auch noch das
nahe Pltschern im Wasser hrte, was ihn natrlich gar nicht anders
glauben lie, als da die Feinde beabsichtigten, ihm die Flucht
abzuschneiden und dehalb jetzt den Strom durchschwmmen, so brach
er wieder zurck in den Wald, floh hier noch einige hundert Schritt
gerad'aus, und warf sich dann zum Tode matt und jedem weiteren
Rettungsversuch durch eigene krperliche Anstrengung entsagend, neben
einer umgestrzten, halbverfaulten Eiche nieder, an deren weichen
Stamm er sich dicht hinanschmiegte, um vielleicht dadurch noch der
Aufmerksamkeit der Verfolger zu entgehen. Er hatte etwas hnliches
einmal in einem Buche gelesen.

Nach allen Richtungen hin durchtobten die Flchtigen den Wald, und auf
dem bedrohten Grabe, vom dsteren Lichte der Sterne matt beschienen,
stand ernst und feierlich die hochaufgerichtete Gestalt des indianischen
Kriegers, und sang mit leiser, monotoner Stimme das Todtenlied des
Verblichenen. --

Am nchsten Morgen war Waterton in frchterlicher Aufregung. -- Josy
traf zuerst ein, und die Aussage des sonst so ruhigen und von Allen als
nichts weniger als ngstlich gekannten Mannes, da sie, die Waffenlosen,
gestern Abend von Indianern berfallen worden seien, versetzte Alle in
die peinlichste Bestrzung. Die Ursache wurde ebenfalls bald bekannt und
lie sie das Schlimmste frchten.

Was sollten sie jetzt thun? einen Courier nach Vincennes senden und
von dort Hlfe holen? -- Auf jeden Fall hatten die schlauen Wilden das
vorausgesehen und hielten den Weg besetzt. Der Bote also, htte sich
wirklich Einer zu solch gefhrlicher Aufgabe gefunden, wre rettungslos
verloren gewesen. Weppels und Glassys Aussagen, die fast zusammen und
bald nach Josy eintrafen, vermehrten nur noch die Bestrzung, da sie die
erstgehrte Unglckskunde nicht allein bettigten, sondern sogar noch
hinzufgten, da sie den ganzen Stamm und zwar mit den Kriegsfarben
bemalt gesehen htten, -- wonach Waterton also das uerste erwarten
durfte.

Shark betrauerte man als erstes Opfer der Rache, denn Josy hatte ihn,
wie er fest und bestimmt behauptete, fallen sehen, sich aber natrlich
nicht weiter um ihn bekmmern knnen. Auch die beiden Irlnder wurden
noch vermit und man konnte nicht anders glauben, als da sie ebenfalls
in die Hnde der im Hinterhalt lauernden Feinde gefallen wren, welche
Befrchtung sich um so mehr besttigte, da bis Sonnenuntergang am
nchsten Tage keiner der Dreie in Waterton erschien, whrend die
Bewohner des kleinen Stdtchens in wahrhaft fieberhafter Aufregung Alles
hervorsuchten, was nur irgend als Waffe dienen konnte, um dem in jeder
Secunde erwarteten Angriff und berfall zu begegnen. Besonders steigerte
sich gegen Tagesanbruch am zweiten Morgen ihre Angst auf das Hchste,
da smmtliche Stmme gewhnlich in dieser Zeit aus ihrem Hinterhalt
hervorbrechen. --

Aber siehe da, kein berfall erfolgte, die Sonne stieg still und
majesttisch ber den rauschenden Wipfeln der Bume empor, und ihr
Strahl fiel auf kein wildes Blutvergieen, ihr freundliches Licht
leuchtete keinem mrderischen Angriff -- ihr heiteres Auge sah auf keine
rauchenden Trmmer und zuckende Leichen hernieder.

Die Zurckhaltung der Indianer wurde rthselhaft -- der Mittag verging
-- die Sonne neigte sich schon wieder ihrem Untergang -- kein Laut lie
sich hren, kein fremdes Wesen nherte sich der Stadt. Da endlich -- es
fing schon an zu dmmern, -- wankte mit bleichem Antlitz und zerfetzten
Kleidern, zum Tode matt vor Hunger und Angst, Doktor Mac Botherme herbei,
und er, der noch gestern ein Gegenstand der hchsten Entrstung gewesen,
da man nur auf seine Schultern die entsetzliche Gefahr smmtlicher
Watertonisten wlzte, erschien ihnen jetzt wie ein Erlser, der sie von
Furcht und Noth befreien konnte.

Mac Botherme konnte ihnen aber auch nur wenig Auskunft und Trost geben
-- das, was er bezeugte, klang eben so schrecklich, als sie es sich in
ihren wildesten Trumen gedacht. -- Er hatte den ganzen Wald voll Wilder
gefunden -- hinter allen Bumen waren sie vorgesprungen, im Flu wie
die Fische herumgeschwommen, und nur durch ein Wunder konnte er ihnen
entgangen sein. Halbverhungert und im Walde verirrt war ihm zuletzt das
Leben selbst eine Last geworden, und er hatte, als er endlich einen
bekannten Weg fand, beschlossen, nach Waterton zurckzukehren, mochten
es nun die Indianer zerstrt haben oder nicht.

Da -- whrend noch Alle um den Doktor geschaart standen und mit
ngstlicher Spannung seinen Worten lauschten, meldeten die indessen
ausgestellten Wachen einen auf dem Fahrweg herankommenden einzelnen
Wanderer, in dem Josy bald darauf zu seinem unbegrenzten Erstaunen den
fr todt gehaltenen Shark erkannte. Aber groer Gott, wie sah der aus
-- beinahe sechsunddreiig Stunden hatte er den Wald in wilder Angst
durchstreift, und brach auch, als sich die Freunde um ihn sammelten,
erschpft und bewutlos zusammen. Unter guter Pflege erholte er sich
zwar in kurzer Zeit wieder, seine Aussage stimmte dann aber auch
haarklein mit der des Doktors berein, und es blieb nun keinem Zweifel
mehr unterworfen, da ihre Stadt und sie selbst von Indianern bedroht
gewesen, diese jedoch wahrscheinlich aus Furcht vor der Rache der Weien
einen ernstlichen berfall unterlassen htten.

Der Doktor wollte nun allerdings wissen, wie es kme, da so viele
Mnner von Waterton an jenem Abend im Wald gewesen seien, darber
beobachteten aber die dabei Betheiligten ein wirklich musterhaftes
Schweigen, und da auch Patrik O'Flaherti verschwunden blieb, so dauerte
es eine geraume Zeit, ehe man es wagte, die Huser und Familien wieder
zu verlassen, um jenen Grabhgel zu besuchen, auf dem fast ein Jeder die
berreste eines vollstndigen indianischen Lagers zu finden erwartete.
--

Allerdings staunten sie, als sie hier keine Spur mehr von Indianern
entdecken konnten, denn sie waren mit Wehr und Waffen ausgezogen, den
Feind zu bekmpfen. -- Der Platz lag noch so de und still da, wie an
jenem Abend, selbst Spaten und Hacke und die Kleidungsstcke der beiden
Leichenruber deckten, wie sie von ihren Eigenthmern hingeworfen
worden, den Boden -- nur der Hgel selbst zeigte eine Vernderung. Das
Grab des Indianers war geffnet -- der Sarg erbrochen -- die Leiche
-- fort. --

Wie die Wilden so spurlos verschwunden sein konnten und was aus
dem von ihnen selbst begrabenen Indianer geworden, blieb Allen ein
undurchdringliches Geheimni -- nur am Flu fand Josy die tief
eingetretene Spur eines Moccasins, und die an dieser Stelle weit
hinausgewachsene Wurzel einer alten Sycomore machte es mglich, da
hier ein Canoe gelegen haben konnte. Das blieb freilich Alles nur
Vermuthung, und da smmtliche an jener Scene betheiligte Personen in
ihrer Schilderung einen ganzen indianischen Stamm gesehen zu haben
bereinstimmten, so zweifelte von dem Augenblick an Niemand mehr an der
Wahrheit des Berichteten. Patrik O'Flaherti und Sip wurden fr todt
gehalten.

Patrik O'Flaherti und Sip waren aber keineswegs todt, sondern hatten
nur nach verschiedenen Richtungen hin ihre Flucht genommen, und die
Ansiedelungen, die sie zufllig erreichten, durch ihre entsetzlichen
Erzhlungen in Furcht und Schrecken versetzt. Sip kehrte erst nach
vierzehn Tagen nach Waterton zurck, Patrik aber wanderte, so schnell
ihn seine Gliedmaen trugen, nach Vincennes und von da nach den
stlichen Staaten zurck, da er erklrte sein goldenes Haar nicht nach
Illinois getragen zu haben, da so ein verdammter rothfelliger Schurke
Staat damit machen sollte. Was aber Waterton anbetraf, so erwhnte er
von der Zeit an nie den Namen der Stadt, ohne dabei zu bemerken, das
wre auch noch ein Ort, in dem er sein Glck knnte gemacht haben, wenn
ihn nicht die Indianer bei Nacht und Nebel berfallen, alles Lebende
scalpirt, und die Wohnungen niedergebrannt htten, wobei er selbst nur
noch durch ein Wunder dem Tode entgangen wre. --

Den tief beschatteten Foxriver hinab steuerte indessen ein einsamer
Krieger der Winnebagoes sein leichtes Canoe, whrend vorn, zwischen den
Rippen, die dem schwachen Fahrzeuge Festigkeit gaben, in seine wollene
Decke eingehllt, der starre Krper des alten Indianers lag. Der junge
Huptling aber sang leise, inde sein Ruder still und geruschlos die
leichte Barke ber die spiegelglatte Flche trieb, und den Takt schlug
zu dem wehmthig monotonen Lied:

  Frher warst Du ein Huptling --
   Der Wald hier gehrte Dein,
   Jetzt fhr ich Dich leise und heimlich
   Hinunter den stillen Strom --
   Und frher warst Du ein Huptling.

  Frher warst Du ein Huptling
   Die Erde gehrte Dein,
   Jetzt mut' ich Dich daraus stehlen
   Sie gnnten Dir selbst kein Grab --
   Und frher warst Du ein Huptling.

  Frher warst Du ein Huptling
   Und zhltest der Krieger viel,
   Jetzt flchtet mit Deiner Leiche
   Dein einziger Sohn -- allein --
   Und frher warst Du ein Huptling. --

Weiter und weiter glitt der Rindenkahn auf dem leise murmelnden Flu
hin -- weiter hinab, zwischen Weiden und Erlen, und den schwankenden
silberbehangenen Birken; und der Whippoorwill sang in den Struchen sein
wehmthig-klagend Lied, und der Nachtfalke stieg kreischend empor von
dem knorrigen Ast, auf dem er geruht. -- Der Tag dmmerte und das
leckere Mahl wollte er sich noch suchen vor der Morgenrthe. Auch die
Eule wurde wieder lebendig und ihr antwortete -- weit weit aus der
fernen Prairie herber -- der graue Wolf, der seinen Rundlauf beendet
und jetzt zu dem heimlichen Versteck mit unhrbarem Tritt zurckschlich.
-- Und dort -- dicht hin unter den thaubehangenen Zweigen, die sich
tief hinabbeugten zu der klaren Fluth, und von ihr erfat, unruhig
erzitterten und bebten, -- dicht hin, unter dem feierlichen Rauschen der
jungfrulichen Eichen, in denen der Morgenwind seine Riesenakkorde griff
-- glitt das Canoe des Indianers und sein Todtensang mischte sich mit
dem frhlichen Lebensgru des jungen Tages.




Nordamerikanische Jagd.

   Jagd auf Hirsche. -- Auf Truthhner. -- Ein amerikanischer Jger.
   -- Brenjagd. -- Der Panther. -- Der Wolf. -- Der Fuchs. -- Der
   Waschbr. -- Das Opossum. -- Schnepfen in Louisiana. -- Ausrstung
   des amerikanischen Jgers. --


Die vereinigten Staaten von Nordamerika, vor noch nicht gar langer Zeit
das unbegrnzte Jagdgebiet der wilden Indianerstmme, sind jetzt zwar
von diesen gerumt und der weie Jger durchzieht nur mit wenigen
Ausnahmen, allein die ungeheuren Wlder und Steppen des gewaltigen
Reiches; aber auch die zahlreichen Bffelheerden und Rudel von
Riesenhirschen (=Elks=), die sonst das Land belebten, sind von
den sicheren Bchsen der Amerikaner und eingewanderten Auslnder
erlegt, oder mit den rothen Shnen der Wildni weiter nach Westen
zurckgetrieben worden; immer aber schreitet noch manch stattlicher
Hirsch im Schatten des mchtigen Urwaldes einher und Bren und Panther,
wie verschiedene andere kleine Raubthiere, zwingen den Ansiedler der
westlichen Niederlassungen, fast auf jeder Farm, -- so nennt man die
einzeln liegenden Huser und Felder der Amerikaner, -- eine Meute Hunde
zu halten, um seine Hausthiere vor der Mordgier derselben zu schtzen.

Stets ein eifriger Jagdfreund, konnte ich, in Amerika angekommen, den
lockenden Beschreibungen jener Wlder nicht lange widerstehen, und
verlie von unbezwingbarer Lust fr das edle Waidwerk getrieben, bald
nach meiner Ankunft in New-York, die stlichen Staaten, um den fernen,
so viel gepriesenen Westen aufzusuchen, aber nicht etwa in Schiff oder
Wagen, sondern zu Fu, mit der Doppelflinte auf der Schulter und beim
geringsten Gerusch, das rechts oder links am Wege laut wurde, zum
Schusse fertig. Sehr hufig sah ich mich dabei im Anfang durch die
frei im Walde weidenden Heerden getuscht, und ich wei mich noch recht
gut des Abends zu erinnern, wo ich, wohl eine halbe Stunde lang durch
dornige Schlingpflanzen und Sumpfstellen ber umgestrzte Bume und toll
und wild umhergestreute ste hinweg, ja durch einen, ber drei Fu mit
Wasser gefllten Bach fortkroch und lief, weil ich irgend etwas, das
langsam brummend und im Laube raschelnd von mir weg ging und, wie
ich einmal auf einen Augenblick erkennen konnte, schwarz aussah,
beschleichen wollte.

Zu hitzig in der Verfolgung, nahm ich mir nicht einmal Zeit, nach einer
Fhrte zu sehen, und war nicht wenig berrascht, als ich endlich, mit
der Hlfe eines kleinen, schmalen Thales, das ich wie der wilde Jger
durchraste, um dem Bren, denn fr nichts Geringeres hielt ich mein
ausersehenes Opfer, den Weg abzuschneiden, ein gemthlich im drren
Laube whlendes, zahmes Schwein fand, das, als es mich erblickte,
stutzte, mich anschnob und unwillig grunzend in das Dickicht trollte.
Ich kam damals in starke Versuchung, dem unschuldigen Geschpf eine
Ladung Posten nachzusenden, mute aber doch selbst zuletzt ber den
komischen Irrthum lachen und war nur froh, da ich bei der ganzen
Geschichte keinen Zeugen gehabt hatte.

Wilde Sauen giebt es in den vereinigten Staaten gar nicht, auer wild
gewordene zahme, die jedoch dann nur von den dort angesiedelten Farmern
geschossen werden drfen; jede andere Jagd ist frei.

In den stlichen Staaten fand ich sehr wenig jagdbares Wild -- Rebhhner
und Kaninchen ausgenommen, denn der deutsche Hase fehlt ebenfalls, soll
aber, westlich von den Felsengebirgen, am stillen Meere, ziemlich hufig
sein. Die Rebhhner sind kleiner als die unsrigen und auch etwas anders
gezeichnet; ihre ueren Schwungfedern zum Beispiel ganz grau; auch ist
ihr Ruf anders wie der unseres Rebhuhns, denn sie pfeifen.

Die Kaninchen kommen den unseren fast ganz gleich und leben in Erdbauen
und hohlen Bumen, frben aber im hohen Norden im Winter und werden
wei.

Vielen Spa machten mir spter, als ich den Staat Illinois mit seinen
ungeheueren Prairien oder Steppen durchzog, die sogenannten Prairiehhner,
die sich hier in gewaltigen Ketten zusammengethan hatten. Ich wollte
erst meinen Augen gar nicht trauen, wie's berall um mich herum
emporschwirrte und _tausende_ von starken Hhnern aufstiegen; fand aber
bald so viel von ihnen, da ich die Suche gern aufgab und nur dann und
wann, am Wege hin, scho was ich brauchte.

Das Prairiehuhn ist etwa von der Gre unseres Haushuhns -- von
graulicher Farbe, mit befederten Stndern und kurzem, feldhuhnartigem
Schwanz; der Hals ist aber lang wie beim Truthahn und die Flgel sind
ganz denen der Fasanen hnlich. Es fliegt eben so wie das Rebhuhn; ich
habe aber stets gefunden, da es selten vor einer englischen Meile
wieder einfiel, was denn das Nachsuchen sehr beschwerlich macht. Das
Fleisch ist, die Brust ausgenommen, nicht sehr besonders und steht dem
der Truthhner bedeutend nach; seine Federdecke aber ist im Winter so
dicht, da es ziemlich starken Schrot erfordert, hindurchzudringen.
Sonst ist die Jagd auf dasselbe ungemein leicht, denn es scheut den
Menschen sehr wenig und kommt Morgens und Abends selbst zu den in den
Prairien zerstreuten Farmen, um sich auf den Fenzen (Einzunungen)
derselben niederzulassen, wo es dann natrlich sehr leicht erlegt werden
kann. Beim Eintritt kalten Wetters fallen sie gern auf die Bume und
sind in dieser Zeit, besonders wenn es etwas stark gefroren hat,
fast gar nicht wieder aus den Zweigen des einmal gewhlten Baumes
herauszutreiben. Ich selbst scho eines Morgens fnf von einer niedrigen
Eiche, in der etwa zwanzig bis dreiig standen, einzeln herunter, und
die brigen blieben ruhig oben. Wagenladungen voll werden von ihnen nach
St. Louis und die benachbarten kleineren Stdte auf den Markt gebracht,
und es leben viele Leute, die sich blos mit der Jagd derselben
beschftigen.

St. Louis gegenber kreuzte ich den Mississippi und wanderte von hier
durch den dichten Wald dem sdlicher liegenden, wegen seiner Jagd
berhmten Arkansas zu. Nahe bei St. Louis ist jedoch sehr wenig Wild;
Feldhhner und Kaninchen wieder ausgenommen; auch lebt hier noch der
sogenannte amerikanische Fasan, der sonderbarer Weise in einem weiter
sdlichen Klima nicht gedeiht. Obgleich ihn aber die Amerikaner Fasan
nennen, so ist er doch keineswegs dem unsrigen gleich, sondern
unterscheidet sich von diesem in vielen Stcken.

Es giebt zwei Arten -- den im Norden, in Canada, fand ich von graulicher
Farbe, mehr dem Prairiehuhn hnlich -- der weiter sdlich kam dagegen
dem deutschen etwas nher und sah brunlich aus. Auf dem Kopfe trgt er,
wie dieser, einen Federschmuck; doch fehlt ihm das Spiel gnzlich, statt
dessen schlgt er im Affect ein Rad mit dem Schwanz und schleift wie
der Truthahn. Die Stnder sind wie bei dem Prairiehuhn befiedert und
er lebt, dem Feldhuhn gleich, in Ketten zusammen, hat aber noch die
sonderbare Angewohnheit, in der Balzzeit sich auf umgestrzte Stmme
oder abgehauene Baumstmpfe zu stellen und an diese mit den Schwingen zu
schlagen oder, wie es die Amerikaner nennen, zu trommeln, was man eine
lange Strecke weit hren kann. Sein Fleisch ist uerst zart und wei,
und er gehrt zu dem besten Federwild der vereinigten Staaten.

In Missouri nun findet sich in groer Anzahl der amerikanische oder
sogenannte virginische Hirsch, den ich vor allen Dingen etwas nher
beschreiben will, ehe ich zur Jagd desselben bergehe.

Er ist bedeutend kleiner als der unsrige, und hnelt in vielen Stcken
dem Damwild, trgt auch den Wedel statt der Blume; aber ein von dem des
Damwildes sehr verschiedenes Gehrn.

Sein ausgelegtes Geweih zhlt selten mehr als vier, hchstens fnf und
sehr selten sechs Enden, obgleich ich einst im Walde ein abgeworfenes
fand, an welchem ich dreiunddreiig Enden zhlte.

Dabei ist es, ungleich dem des amerikanischen Riesenhirsches oder
Elks, nach vorn zu gebogen und giebt ihm ein ganz eigenthmliches,
fremdartiges Aussehen. uerst selten findet man gefleckte oder weie
Hirsche.

Das Rothwild frbt dreimal im Jahre. Im Januar nimmt der Hirsch sein
Winterkleid an und wird grau; im April erscheint er roth und wird
im August und September blau! Das Thier frbt stets etwa vier Wochen
spter als der Hirsch. Zum Gerben eignen sich die Decken am besten vom
Mai bis Ende September, wo sie besonders in diesem letzteren Monat die
meiste Festigkeit erlangen.

Die Brunftzeit der Hirsche fllt durch die vereinigten Staaten, wegen
ihrer groen Ausdehnung nach Norden und Sden, sehr verschieden; -- in
Arkansas, das etwa in der Mitte liegt, nimmt man an, da sie mit dem
ersten Frost eintritt, also etwa im October; -- weiter unten, in
Louisiana, fllt sie spter, -- im Norden frher. Die Thiere setzen im
April und Mai ein bis zwei, ja manchmal drei Klber, die bis zum Herbst
gefleckt bleiben und dann mit den brigen blau werden.

Jagdgesetze existiren wohl in den vereinigten Staaten, werden aber nicht
im mindesten beachtet und jeder schiet, wann es und was ihm beliebt;
da dies brigens dem Wildstand ungeheueren Schaden thun mu, liegt klar
am Tage, und nur die wirklich erstaunliche Menge von Wild hat bis jetzt
der Ausrottung widerstehen knnen. Die Jagdbenutzung, d. h. wie sie bei
den Jgern dort gebruchlich ist, will ich der Sonderbarkeit wegen
hierher setzen.

Januar. Die Hirsche stehen jetzt mit dem Wilde in Rudeln beisammen; die
Schmalthiere sind feist, und werden des Wildprets und Feistes wegen, die
Hirsche selbst nur der Wilddecke wegen geschossen, da der Jger von den
letzteren nur diese und die Keulen mitnimmt, das brige Wildpret aber
den Raubthieren und Aasgeiern berlt. Ende Januar fangen starke
Hirsche schon an ihr Geweih abzuwerfen und dieser Monat, wie Februar
und Mrz, heit die graue Jahreszeit!

Februar wie Januar.

Mrz. Das Rothwild hlt sich jetzt, des Frbens und der berhand
nehmenden Mosquitos und Stechfliegen wegen, in den unzugnglichsten
Dickichten auf und Decke sowohl als Wildpret ist schlecht. Der Mrz ist
daher der einzige Monat im Jahr, in welchem nur hie und da einzelne
Stcke geschossen werden; will ein Jger aber eins haben, so zndet er
gewhnlich in der Nhe eines Dickichts einen umgestrzten Baumstamm an,
-- das Wild kommt dann herbei, und stellt sich in den Rauch, um dadurch
Schutz gegen die qulenden Insekten zu finden.

April. Die Thiere fangen an zu setzen und besuchen, wie die Hirsche, die
Salzlecken. Ende dieses Monats beginnt die rothe Jahreszeit und dauert
bis Mitte September. Die Hirsche fangen an ihr Geweih aufzusetzen.

Mai. Die Jagd an den Salzlecken, bei Kienfackeln und angerichteten
Gestellen, wird jetzt ernstlich betrieben und Hirsche und Thiere werden
geschossen.

Juni. Die Thiere sind jetzt ebenfalls vollkommen roth; die Hirsche
werden feist und stehen, abgesondert von den Thieren, in Rudeln von
sieben, acht und mehr Stcken gewhnlich in einem bestimmten Waldorte
beisammen, so da man sicher darauf rechnen kann, sie hier im Umkreis
von zwei bis drei englischen Meilen zu finden. Einer der schwchsten
Hirsche ist gewhnlich der Fhrer und erlegt man diesen zufllig zuerst,
so da er im Feuer zusammenstrzt, so hat man nicht selten Gelegenheit,
die brigen, so schnell man laden kann, nachzuholen. Die Thiere werden
jetzt nur der Decke wegen geschossen.

Juli -- wie Juni. -- Klber sind alt genug, um geschossen zu werden;
Hirsche fangen an zu fegen, vernachlssigen aber die Salzlecken.

August. Bei den Hirschen beginnt die blaue Jahreszeit und sie sind
nun am feistesten, die Decken auch in diesem und dem nchsten Monat
am geeignetsten fr die Bereitung fr Moccasins -- (Indianische
Halbstiefel.)

September. Desgleichen.

October. Mitte dieses Monats beginnt gewhnlich die Brunftzeit, oft auch
erst zu Anfang November, besonders in recht spten Wintern. Nun erffnet
sich fr den amerikanischen Prschjger die beste Jagdzeit, denn der
Hirsch, den Fhrten des Schmalthieres folgend, durchzieht ziemlich
sorglos den Wald und kann leicht erlegt werden, was jetzt nur der Decken
wegen geschieht, die, nach dem Gewicht verkauft, wenn getrocknet, von
starken Hirschen sechs bis acht, ja wohl auch neun Pfund wiegen.

Die Geweihe haben ihren ganz vollkommenen Zustand wieder erreicht.

November. Desgleichen.

December. Vorzglich Jagd auf Schmalthiere, die jetzt, wenn ein gutes
Eicheljahr war, anfangen feist zu werden. Hirsche und Thiere stehen
wieder in Rudeln zusammen.

Das ist ungefhr Alles, was ber die in Amerika gebruchliche Ordnung
bei der Hirschjagd zu sagen ist. Diese selbst wird auf dreierlei Arten
betrieben. Die erste ist das _Prschen_, die zweite die _Hetze_ und die
dritte die _Nacht-_ oder _Feuerjagd_.

Das Prschen bleibt sich natrlich in allen Lndern gleich und ist auf
jeden Fall nach der Brenhetze die edelste und schnste Jagd.

Das Hetzen erfordert in dem wilden, unbebauten Lande, wo oft fast
undurchdringliche Dickichte die verfolgenden Hunde wie nachsetzenden
Jger aufhalten, eine genaue Kenntni des Bodens und Wechsels, und
eignet sich auch mehr fr ein Land, wo das Wild schon dnner wird und
der Jger froh ist, mit seiner ganzen Meute in einem halben Tag einen
Hirsch aufzujagen; aber auch in Arkansas, wo es noch Hirsche genug
zum Prschen giebt, wird, den Winter hindurch wenigstens, diese Jagd
vorgezogen; im Sommer jedoch, wo die Hitze am Tage sehr drckend und
das Tragen der schweren Bchse zu beschwerlich ist, nimmt der Jger zum
Feuer seine Zuflucht und schiet sein Wild Nachts bei der Kienflamme.

Sollte es brigens unseren deutschen Jgern auffallen, da Rothwild,
sonst das Feuer scheuend, bei diesem erlegt werden kann, so mu ich hier
bemerken, da es in Amerika unter ganz anderen Verhltnissen aufwchst.
Im Frhjahr durchzieht wohl kein Jger in jenen Gegenden den Wald, ohne
das drre Laub, was oft vier bis sechs Zoll tief den Boden bedeckt,
an eben so vielen Stellen anzuznden, als er sein Lager aufschlgt,
oder sein Mittagsmahl kocht. Es ist dies nicht allein um das Laub zu
beseitigen und den neuen jungen Graswuchs zu befrdern, sondern auch das
lstige Unterholz und die Dornen und Schlingpflanzen etwas zu tdten,
die sonst in einigen Jahren so berhand nehmen wrden, da an eine
Prschjagd gar nicht mehr zu denken wre. Solche Waldbrnde greifen aber
selten oder nie gesunde und krftige Stmme an, sondern beschrnken sich
darauf, die am Boden liegenden Bltter und trockenen Dornen zu verzehren,
kleineres Buschwerk zu tdten und die drren, halb oder ganz verfaulten
und umgestrzten Stmme in Brand zu stecken.

Die Hirsche gewhnen sich hierdurch ganz an diese Feuer und sammeln
sich, besonders im Frhjahr, gern um sie, bezeigen daher auch nicht
die mindeste Furcht, wenn sie ihre gewhnliche Salzlecke annehmen und
dort eine helle Flamme finden. Ihre groen, klaren Lichter der Gluth
zuwendend, schreiten sie still herbei und strzen meistens, von der
sicheren Kugel getroffen, ehe sie nur die Nhe eines Feindes ahnen.

Eine solche Jagd anschaulicher zu machen, will ich eine der von mir bei
Salzlecken durchwachten Nchte beschreiben.

Es war im Jahr 1842, als ich im Monat April unterhalb Little Rock, der
Hauptstadt von Arkansas ber den Arkansas-Flu ging und die Smpfe
durchstrich, die auf dem linken Ufer desselben um die sogenannte
Bayou-Meter (eine Art Flu mit fast gar keiner Strmung, der im
Arkansas entspringt und auch wieder in denselben mndet) herum lagen.

Es ist ein gar trauriges Jagen in solchen Smpfen, besonders im
Frhjahr, wenn der grte Theil derselben noch berschwemmt ist und
die Mosquitos dem sie Durchwandernden auch nicht die mindeste Ruhe
gestatten. Dabei sticht die Sonne am Tage so brennend, wie mitten im
Sommer, und fast keine Nacht vergeht, in der nicht ein Gewitter den im
Freien Campirenden, wenn er sich nicht schon darauf vorgesehen hat,
tchtig durchweicht.

Am Fue einer niedrigen Hgelreihe dem Laufe eines kleinen Baches
folgend, kam ich zu einem flachen, sumpfigen Fleck, der mitten im sonst
schnen, grnen Rasen so von Hirschen ausgetreten war, da ich, in einem
Raume von dreiig bis vierzig Schritt im Durchmesser, auch nicht die
Spur von Grnem darauf sehen konnte. Es schien eine jener salzigen
Sumpfstellen zu sein, die das Rothwild besonders im Frhlings-Anfang
aufsucht, whrend es, weiter im Sommer, mehr die trockenen, Salz
enthaltenden Lehmufer der keinen Bche annimmt. Kaum vier bis
fnfhundert Schritt von der erwhnten Stelle standen Kiefern, und ich
war schnell entschlossen, die Nacht an der Lecke, oder wie es im
Englischen genannt wird, =lick= zu wachen.

Vor allen Dingen errichtete ich, etwa zwanzig bis fnfundzwanzig Schritt
von dem am meisten besuchten Theil der Salzlecke, ein kleines Gestell,
wozu ich mit meinem Tomahawk (indianisches Beil) vier Holzgabeln abhieb
und diese, das Gerst etwa vier Fu hochlassend, in den Boden trieb.

Auf darber hingelegten Querhlzern wurden jetzt grne Zweige
ausgebreitet und diese etwa fnf Zoll dick mit Erde und Rasen bedeckt,
damit das Feuer nicht hindurch brennen konnte. Als das geschehen, ging
ich mit meiner wollenen Decke und dem Tomahawk zu den Kiefern und
Fichten zurck, und spaltete leicht aus den dort wildumhergestreuten
Stmmen genug fettes Kienholz, um die ganze Nacht eine gute Flamme zu
unterhalten, das ich nachher in der Decke zur Salzlecke trug und um das
Gerst herum aufhufte, damit ich es in der Nacht leise und geruschlos
abnehmen und auf die niedergebrannten Kohlen legen konnte. Eine andere
Vorsichtsmaregel war aber jetzt noch zu treffen. Im Westen thrmten
sich wieder dunkele, drohende Wolkenmassen auf und lieen mich nicht
ohne Grund vermuthen, da ich vor anbrechendem Tageslicht nhere
Bekanntschaft mit ihnen machen wrde. Mehre der umher liegenden Stmme
muten daher ihre Rinde abgeben, von der ich eine bedeutende Quantitt
zu meinem Verstecke hinschaffte, um im Nothfall davon Gebrauch machen zu
knnen.

Da ich noch Zeit genug behielt, baute ich mir jetzt auch eine
kleine Vorrichtung, die Bchse (ich hatte schon seit Jahren das leichte
Schrotgewehr gegen die schwere Bchse vertauscht) auflegen und sicherer
schieen zu knnen, stellte mir dann Messer, Kugeltasche und Pulverhorn
zurecht, sah nach den Zndhtchen, da die nicht wieder im Augenblick
der Noth im Unterfutter sen und dachte, nachdem ich mein Handwerkszeug
in Ordnung hatte, jetzt auch ein wenig an den leiblichen Menschen, zu
dessen Strkung ich ein paar Stcke gedrrten Hirschwildprets, die
Hlfte eines kalten Truthahns und eine Scheibe Maisbrod hervorholte.

Der vorbeiflieende kleine Bach sah gerade nicht eben einladend aus,
doch sind Hunger und Durst ein guter Koch; ein Becher voll des etwas
brunlichen Wassers splte das trockene Brod und Fleisch hinunter,
und ich wrde mich sehr wohl und behaglich befunden haben, wren die
Mosquitos in dem niederen Lande nicht wie ganz wahnsinnig gewesen. Im
Anfang, als ich mich hinsetzte, kamen nur wenige angeflogen und sogen
sich voll; diese muten aber den anderen wohl erzhlt haben, wie gut
mein Blut schmecke, denn scharenweis drngten sie jetzt auf mich ein,
und htt' ich sie ruhig gewhren lassen, so wrden sie mich, noch vor
dem nchsten Morgen, so trocken wie einen Bckling ausgepumpt haben. In
der Dmmerstunde sind sie berhaupt stets am schlimmsten, und ich konnte
mich kaum gegen sie schtzen, bis endlich die Schatten der Nacht sich
auf den Wald zu lagern begannen und der =Whip poor will= (Nachtvogel,
eine Art Ziegenmelker) sein eintniges Lied sang.

Ich schlug jetzt Feuer, steckte den Schwamm in eine Handvoll drrer
Bltter und erhielt durch Blasen bald eine helle Flamme, die ich mit
fein gehaltenen Kienspnen nhrte und nun mein Feuer oben auf dem
Gestell entzndete.

Es war indessen vllig dunkel geworden und die helle Flamme, gerade ber
mir, unter der ich vllig im Schatten sa, bewies sich als der schnste
Mosquito-Ableiter, den es nur auf der Welt geben konnte. Zu Tausenden
strmten sie in die Gluth, die sie eben so schnell vernichtete, und
mit wahrhaft teuflischer Schadenfreude sa ich darunter und sah sie
elendiglich umkommen.

Ich konnte jetzt auch mit Ruhe mein Abendbrod beendigen, das ich, der
peinigenden Insekten wegen hatte niederlegen mssen, und schaute
lauschend dabei umher, die Ankunft eines Stckes Wild erwartend.

Es ist ein herrliches Gefhl, in stillem Waldesdunkel bei der rothen
Kienflamme zu wachen, die um den Jger einen Lichtkreis von kaum mehr
als vierzig Schritt im Durchmesser zieht, in welchem die gewaltigen,
magisch beleuchteten Stmme gleich Riesengespenstern zum schwarzen
Nachthimmel emporstarren. Wenn nun in weiter Ferne ein einzelner
Wolf sein klgliches Geheul erhebt, das seine Brder von den Hgeln
beantworten, wenn die Eule mit ihrem eintnigen Ruf, die quakenden
Frsche und zirpenden Grillen einfallen und so ein eigenthmlich wildes
Concert entsteht, -- dann wird es Einem bei dem flackernden Feuer
ordentlich schauerlich behaglich zu Muthe.

Diese Tne verhallen aber nach und nach, sobald erst wirklich die Nacht
ihr Reich antritt, und von zehn Uhr ungefhr herrscht eine nur selten
vom =Whip poor will= und von einzelnen Frschen unterbrochene
Todtenstille.

Jetzt mute aber auch der Mond bald aufgehen, und mit uerster
Aufmerksamkeit horchte ich dem leisesten Gerusch, jedem Rascheln der
Bltter, jedem Suseln des Windes durch die hohen Baumwipfel. Um durch
den schimmernden Lauf nicht geblendet zu werden, hatte ich eben das
Visir ber die Kienflamme gehalten und geschwrzt, dabei auch eine
Handvoll frischer Spne auf die fast niedergebrannten Kohlen gelegt
und hllte mich wieder in meine wollene Decke ein; -- denn wenn auch
die Sonne den Tag ber recht hei brannte, waren die Nchte doch khl;
-- als nicht weit entfernt von mir ein drrer Zweig krachte. Das war
ein Stck Wild, und mit Blitzesschnelle griff ich nach der neben mir
lehnenden Bchse.

Die Salzlecke, an der ich wachte, lag in einem sie dicht umschlieenden
Gebsch, das, von den riesenhaften Bumen des sumpfigen Thallandes
berragt, keinen Strahl des jetzt eben das Firmament erhellenden Mondes
hindurchlie; der von dem Rothwild benutzte Platz selber aber war
lnglich oval und an ihm entlang flo der kleine, schon frher erwhnte
Bach, dessen gegenberliegenden Rand niedere, dichte Bsche einfaten.

An eine starke Eiche geschmiegt, hatte ich an dem einen Ende der Lecke
mein Gestell errichtet, damit ich die ganze Lnge derselben beschieen
knnte, und gerade mir gegenber schien das eben gehrte und sich
jetzt wiederholende Gerusch herzutnen. Regungslos lauschte ich mit
zurckgehaltenem Athem den lang ersehnten Lauten, als -- trap -- trap
-- trap -- in langsam abgemessenen Zwischenrumen der schwere Schritt
eines Hirsches zu mir herberschallte. Jetzt stand er und ich wute, er
ugte nach der Flamme. Schnell und geruschlos spannte ich den Hahn und
machte mich fertig; wohl zwei Minuten aber konnt' ich auch nicht das
Geringste mehr vernehmen; der Kien fing schon wieder an etwas dsterer
zu brennen und ich mute frisch nachlegen, als die Schritte aufs Neue
hrbar wurden, und gleich darauf glhten ein Paar rothfunkelnde Lichter
aus dem die Salzlecke umgebenden Gebsch zu mir herber. In demselben
Augenblick theilten sich auch die Zweige und vorsichtig und bedchtig
mit hochgehobenem Kopfe und vorgestreckten Lauschern betrat ein
stattlicher Hirsch, kaum zwanzig Schritte von mir entfernt, die kleine,
eingeschlossene Ebene. Er windete einige Secunden lang nach der Flamme
herber, denn der Kiengeruch mochte ihm nicht recht behagen, konnte aber
den Wind nicht von mir bekommen und kam jetzt gerade auf mich zu.

Ich war jedoch indessen auch nicht mig gewesen, hatte die Bchse
gehoben und den nichts Bses ahnenden ruhig auf's Korn genommen, und
gerade, als er wieder stand, mit etwas mitrauischem Blicke das Gestell
und die dicht daneben aufgehufte Rinde betrachtete und mit dem rechten
Vorderlauf ungeduldig die Erde schlug, berhrte mein Finger den Stecher
und hoch aufspringend strzte er schreiend zusammen.

Ich trat schnell hinter die Flamme, wo ich vor allen Dingen meine Bchse
wieder lud, und schaute dann nach dem Hirsche hinber; er war aber schon
verendet und lag bewegungslos dort.

Um nicht einen anderen, sich vielleicht in der Nhe befindenden, Hirsch
zu verscheuchen, verhielt ich mich brigens ganz ruhig und ging nicht
hinaus, ihn abzufangen; aber wohl eine volle Stunde hatte ich wieder
gesessen, ehe ich auf's Neue nahendes Wild hrte.

Dies Mal waren es mehr Stcke, und ohne sich im mindesten aufzuhalten,
ja ohne nur die Flamme eines Blicks zu wrdigen, betraten sie den
offenen Fleck und wollten ihn eben, ohne sich weiter um die Salzlecke zu
bekmmern, kreuzen, als ein junger Spieer, der Fhrer der Ihrigen, von
dem frischen Schwei Witterung bekam und schnaubend absprang. Wohl wute
ich, da mir jetzt nicht lange Zeit zum berlegen bleiben wrde, drum
hob ich schnell die Bchse und in demselben Augenblick krachte auch der
Schu; mit einem Satz berflog aber der Spieer den Bach und war gleich
darauf im Dickicht verschwunden. Als sich der Pulverdampf verzogen
hatte, konnt' ich keines der brigen Schmalthiere mehr sehen und nur
in der Ferne hrte ich sie schnaubend und pfeifend davon eilen.

Ich hatte eben wieder geladen, als, zwar noch fern, aber doch schon
recht deutlich und freundlich mahnend ein dumpfer Donnerschlag zu mir
herberdrhnte, der mir mit klaren Worten erzhlte, was ich zu erwarten
hatte. Vor allen Dingen nahm ich daher ein Paar brennende Kienspne, um
mir den Anschu und den Schwei zu besehen, um daraus zu beurtheilen,
wie weit der Spieer wohl noch gegangen sein knne; denn schickt in
diesen Smpfen ein richtiges Gewitter seinen selten fehlenden Begleiter,
den Regengu, herunter, so ist's nachher mit dem Ausmachen sehr
unsicher, weil die Fhrten nachher gewhnlich in einem freundlichen
Gemisch von Schlamm und Wasser zusammenlaufen, und wenn nicht die
Aasgeier, die merkwrdig rasch bei der Hand sind, das verendete Stck
anzeigen, sieht's mit dem Finden oft traurig aus.

Mit meiner schnell gemachten Fackel ging ich jetzt dem Platze zu,
berzeugte mich aber gar bald, da der Hirsch einen Lungenschu bekommen
hatte und nicht weit fort sein knnte. Schwei lag im berflu auf dem
Anschu und in der Fhrte; als ich aber eben ber den Bach hinber
wollte, um den Platz, wo der Spieer lag, aufzusuchen und zu verbrechen
oder ihn abzufangen, wenn er noch nicht verendet sein sollte (in Amerika
ist allgemein der Klberfang Sitte und kein Jger genickt ein Stck
Wild), als einige groe, schwere, fallende Tropfen das jetzt rasend
schnell herbei eilende Gewitter verkndeten; ich lie also Hirsch Hirsch
sein und sprang zu meinem Gestell zurck, nahm schnell das Feuer
herunter, das ich im Innern sicher niederlegte, um die Kohlen zu
bewahren und es nachher, wenn alles Andere na sein wrde, wieder
anznden zu knnen, und deckte nun die vorsichtig herbeigeschafften
Rindenstcke dachartig ber das Gerst, indem ich sie, um mir unter
demselben einen greren Raum zu gestatten, etwa einen Fu breit an
jeder Seite vorstehen lie.

Der Mond war von ungeheueren Wolkenmassen verdeckt und rabenschwarze
Nacht umgab mich; die fast ohne Unterbrechung zuckenden Blitze aber
gewhrten hinlngliches Licht zu meiner Arbeit, und ich war kaum damit
zu Stande, als es auch anfing, wie aus Eimern und Dachrinnen zu gieen.

Mein Regenschutz bewies sich ausgezeichnet, aber ich war doch
gewissermaen wieder unter die Traufe gekommen, denn die Mosquitos,
jetzt nicht mehr durch das Feuer abgeleitet und den trockenen Schutz
unter meinem Aufbau behaglicher findend als den nassen Regen drauen,
noch dazu da solch ein ses Stck Menschenfleisch, in eine dnne
wollene Decke gewickelt, nur ganz zu ihrer Bequemlichkeit dorthin
gesetzt schien, fingen an mich so wthend zu umschwrmen und zu
peinigen, da ich schon mein Dach verlassen und lieber den fluthenden
Regen als diese Myriaden von Vampyren ertragen wollte, als mir noch zum
Glck die Kohlen einfielen, die ich auf einem Stck Rinde liegend und
mit Rinde zugedeckt neben mir hatte; schnell blies ich sie zur Flamme
empor, und ein kleines Feuer unterhaltend, auf welches ich nasses Holz
legte, erzeugte ich einen solchen Rauch, da ich fast zusammen mit den
Mosquitos erstickt wre; das schtzte mich doch wenigstens in etwas
gegen diese, und nach einer Stunde frchterlichen Gieens hrte endlich
das Unwetter auf.

Zwar warf ich jetzt mein Rindendach wieder herunter und entzndete aufs
Neue die Flamme, die Salzlecke hatte sich aber in einen kleinen Teich
verwandelt und ich selbst sa, am Fue der gewaltigen Eiche, auf dem
einzigen, inselhnlichen und trockenen Flecke. Natrlich lie sich
weiter kein Hirsch sehen, und noch vor Sonnenaufgang verlie ich das
sumpfige Thal und schlug mich in die dicht daran stoenden Hgel, wo
ich das Balzen eines Truthahns gehrt hatte.

Die Truthahnjagd ist in diesen Wldern eigentlich die am wenigsten
beschwerliche, wird aber doch nicht viel betrieben, weil sie keinen
Nutzen bringt. Der Amerikaner schiet wohl, was er zu seinem eigenen
Bedarfe braucht, da er aber die erlegten Hhner selber essen mu und
nicht verkaufen kann, so verwendet er nie mehr Pulver und Blei auf sie,
als unumgnglich nthig ist. Mir war's auch an diesem Morgen nur um
einen Braten zu thun, denn das Wildpret der beiden erlegten Hirsche
konnte der Jahreszeit nach nicht sehr vorzglich sein. Ich schritt also
schnell der Gegend zu, von der mir dann und wann die kullernden Tne des
balzenden Hahnes herberschallten, um den Ort noch zu erreichen, ehe es
vollkommen Tag wurde.

Der Truthahn findet sich durch die ganzen vereinigten Staaten, vom
Norden bis Sden, vorzglich aber in den sdwestlichen Theilen, in
ungeheuerer Anzahl. Im Frhjahr, Mrz und April balzt der Hahn und ist
dann auch, bis Anfang Mai, ausnehmend fett; in dieser Zeit aber nimmt er
fast keine Nahrung zu sich, und ich habe, besonders im Mrz, beim Anfang
der Balzzeit, den Magen eines Hahnes aufgeschnitten und auch nicht die
Spur von Nahrung darin, sondern die inneren Wnde desselben nur mit
einer reinen, ligen Feuchtigkeit berzogen gefunden, wie sie etwa der
Br whrend des Winterschlafes bei sich trgt. Wenn daher im Mai die
Hennen brten, sind die alten Hhne drr und ungeniebar, die Jagd mu
also dann vorkommen eingestellt werden. Die Henne zieht acht bis zwlf,
ja manchmal sechszehn Junge auf, von denen sie sich nicht mehr trennt,
bis im nchsten Frhjahr die Balzzeit aufs Neue beginnt; die alten
Truthhne halten sich brigens nicht gern zu diesen Familien und
bilden sehr hufig eigene Ketten von funfzehn und zwanzig, ja oft
dreiig Stck, die dann stattlich und ehrbar mit ihren groen Brten
(ein Borstenbschel, der bis sechs und sieben Zoll lang, etwa einen
Finger stark, ihrer Brust entwchst und Bart genannt wird) den Wald
durchschreiten. Besonders halten sie sich gern im Winter zusammen und
balzen dann manchmal aus reinem Vergngen, da es meilenweit durch den
stillen Wald schallt.

Die Hennen bauen ihre Nester in dichten, unzugnglichen Bschen aus
drrem Laub und Reisern auf die Erde und verlassen ihre weien, am
dicken Ende etwas gefleckten Eier nur selten; werden sie aber mehre Male
gestrt und vom Neste vertrieben, so kehren sie nicht mehr zu diesem
zurck und lassen es, selbst wenn sie schon eine Zeit lang gebrtet
haben, im Stiche.

Im Juli werden die Jungen jagdbar und sind dann ein gar delikates Essen,
verlieren aber viel von ihrem saftigen Wohlgeschmack, weil man sie
nicht rupfen kann, sondern ordentlich abbalgen mu, indem die in dieser
Jahreszeit den Wald erfllenden kleinen Holzbcke auf keine andere Art
als mit dem Balge selbst von dem Truthahn zu entfernen sind.

In der Balzzeit ist der alte Hahn sehr scheu, und wo er nur das
Geringste, was ihm gefhrlich dnkt, ugt, so flieht er und ist auf
keine nur erdenkliche Art an jene Stelle wieder hinzulocken; hat sich
aber der Jger gut versteckt oder bewegt er sich wenigstens nicht, so
kommt er auch, durch das Nachahmen des Hennenrufs herbeigelockt, bis
dicht an das Rohr hinan.

Die einfachste und beste Truthahnlocke besteht aus dem zweiten, dnnen
Flgelknochen der Truthenne selbst, der, an beiden Seiten abgeschnitten,
des Markes entledigt wird und mit welchem, die Luft durch denselben
einziehend, der Ton der Henne auf das Tuschendste nachgeahmt werden
kann. Einen solchen Knochen fhrte ich bei mir und war jetzt auf etwa
vierhundert Schritt der Stelle nahe gekommen, in welcher der Hahn
oben auf einem Baume stehen mute; zu weit aber schien mir der Tag
vorgerckt, um von dem wachsamen Vogel ungesehen heranschleichen zu
knnen; ich suchte mir daher einen umgefallenen Baumstamm aus, hinter
dem ich mir mein Lager machte, legte mehre Zweige oben drauf, meinen
Kopf so viel als mglich zu verdecken, und fing nun an, einige Male zu
locken.

Im Anfang schwieg der Hahn, als er die bekannten Laute hrte,
wahrscheinlich nur, um sich erst genau zu berzeugen, von welcher
Richtung her sie tnten; dann aber, nachdem er darber im Klaren schien,
balzte er auf einmal aus Leibeskrften, und ich hrte, wie er gleich
darauf vom Zweige abstiebte und auf mich zu streichend etwa hundert
Schritte vor mir einfiel.

In kleinen Zwischenrumen lie ich jetzt und zwar nur leise die Locke
tnen, auf die er schleifend und dann und wann kullernd, als ob er sich
halb zu Tode freue, zukam.

Vor mir lag eine kleine, ungefhr 15 Schritte tiefe Ble, und bald
darauf sah ich den blauangelaufenen Kopf, mit den rothen herunter
hngenden Fleischlappen, durch die die Rasenstelle umgebenden Gebsche
ragen, auf welche er gleich darauf selber heraustrat. Zwar hatte ich ihn
jetzt sehr schn zum Schu, durch Erfahrung aber klug gemacht, htete
ich mich wohl, mit der Kugel nach ihm zu schieen, so lange er die
Federn gestrubt hielt, wobei man kaum errathen kann, auf welcher
Stelle sich der Krper befinde, und pfiff daher ein Mal recht laut
und kurz. --

=Kitt,= sagte der Truthahn und glttete, sich hoch aufrichtend, am
ganzen Krper, indem er vorsichtig nach allen Richtungen umhersphete;
mehr verlangte ich nicht, und beim Krach der Bchse flatterte er empor
und kam dann, in scharfem Laufe, gerade auf mich zu; -- dicht vor mir
aber hielt er, drehte sich zwei Mal im Kreise herum, breitete die Flgel
aus und strzte zuckend zusammen.

Es war ein merkwrdig feister Bursche und mute etwas ber zwanzig Pfund
wiegen.

Ich warf ihn aus; denn vernachlssigt man dies, so wird ein Truthahn in
wenig Stunden, selbst im Winter, anbrchig, band seine Stnder mit dem
Kopf zusammen und hing ihn mir, waidtaschenartig, ber die Schulter,
nahm dann meine Bchse wieder auf und wanderte langsam der Salzlecke
zu, um meine Hirsche zu zerwirken und den Heimweg, nach dem etwa fnf
englische Meilen entfernten Hause anzutreten.

Dem unter dem Feuer in der Salzlecke Gestrzten zog ich einen dnnen
Streifen Baumrinde durch das Ges und schleppte, oder schwemmte ihn
eigentlich, zum nchsten trockenen Platz; dann aber machte ich mich
daran, den zweiten wieder zu finden, was noch, trotz dem tdtlichen
Schusse, seine gehrigen Schwierigkeiten hatte. Der Boden war in einen
Teich verwandelt, in dem sich Frsche, Eidechsen und Schlangen sehr
behaglich zu fhlen schienen, der sich aber doch keineswegs dazu
eignete, einen Hirsch auszumachen.

Der Regen hatte selbst von den Bschen den Schwei rein herunter
gewaschen und dornige Schlingpflanzen zogen sich berall in dichten,
festen Massen zwischen ihnen hindurch; der Hirsch konnte aber nicht mehr
weit gegangen sein, und nach kaum viertelstndiger Suche fand ich ihn,
etwa zweihundert Schritt vom Anschu, verendet.

Wie das vorige Stck schaffte ich den Spieer vor allen Dingen auf
trockenen Grund und Boden, hatte aber dabei keine kleine Mhe, durch den
angeschwollenen Bach zu kommen, den ich nicht umgehen, also durchwaten,
eigentlich fast durchschwimmen mute, denn das Wasser ging mir bis unter
die Arme. Als das geschehen, zndete ich jetzt vor allen Dingen neben
meiner Beute ein tchtiges Feuer an, welches dem doppelten Zweck
entsprach, mich zu trocknen und zu wrmen, und einen Theil meines
Truthahns zu braten; denn mich hungerte bedeutend. Whrend ein paar der
saftigsten Stcke am Feuer schmorten, zerwirkte ich die beiden Hirsche,
nahm von dem Spieer die beiden Keulen und das =brisket= (der Theil
zwischen den Blttern vorn, wo die kurzen Federn zusammenstoen), schlug
es in eine der Wilddecken ein, verzehrte dann mein einfaches, aber
darum nicht minder gutes Frhstck, hing mir nachher die berreste des
Truthahns, meine wollene und die beiden frischen Wilddecken, nebst den
darin liegenden Keulen ber, ergriff meine Bchse und wanderte, das
brige Wildpret den Aasgeiern oder Wlfen berlassend, der nchsten
Ansiedelung zu. --

Wer brigens je eine lngere Zeit in den sdlichen Theilen Nordamerikas
jagte, hat auch gewi mit eben diesen Aasgeiern, seltener mit den Wlfen
in Streit gelebt. Diese ersteren folgen dem Jger, wenn er erst einmal
einige Stcke Wild erlegt hat, fortwhrend, und lassen ihm kaum Zeit
seine Beute aufzubrechen. Mit schlecht verhaltener Gier sitzen sie in
den benachbarten Bumen, und erwarten den Augenblick, in welchem der
Jger den Platz verlt, um dann mit ihren scharfen, langen Schnbeln
ber das Zurckgelassene herzufallen, von dem nach wenigen Stunden
selten mehr als die Knochen brig sind. Nur ein Mittel giebt's, sich
ihrer in etwas zu erwehren und das ist, das Stck Wild in der Decke
zu lassen und am Kopfe aufzuhngen; dann finden sie nirgends einen
Anhaltepunkt, als an dem Kopfe selber, an dem man ihnen gern verstattet,
herumzuhacken.

Noch andere Feinde aber, gegen die selbst das Aufhngen nicht viel
ntzt, sind die groen Raben, die nun zwar dem Wildpret selber nicht
viel Schaden thun, aber das Talg heraushacken, da es, um abzukhlen,
doch aufgebrochen werden mu. Einige wei geschlte Stckchen aber,
durch die Wammen querber gesteckt, sind ziemlich zweckmig, diese
Burschen abzuhalten, die ihren Hals nicht gern durch die weien Hlzer
hinein zu schieben wagen. Im Winter geht das brigens noch Alles an,
es sind Unannehmlichkeiten, denen man doch wenigstens theilweise
noch begegnen kann; im Frhjahr und Sommer aber erscheint eine
Jgerplage, gegen die es fast gar keinen Schutz giebt, und das sind
die Schmeifliegen, die zu Tausenden fast in demselben Augenblick
erscheinen, wo das Wild von der Kugel getroffen strzt. Will man das
Wildpret spter mit nach Hause nehmen, so ist das einzige Mittel, um es
von dieser Landplage frei zu halten, es in's Wasser zu legen. Aber nicht
berall hat man Wasser, welches dazu tief genug ist, in der Nhe, und in
den ganz sdlichen Staaten geht dies auch berhaupt nicht an, da die
Alligatoren sonst bald das ihrem Bereich anvertraute in Beschlag nehmen
wrden. Wollte man einen starken Rauch unter dem Wildpret unterhalten,
so wrde dies auch nur theilweise gegen diese Insekten schtzen; will
daher der Jger im Sommer Wildpret bewahren, so mu er es an Ort und
Stelle in schmale Streifen schneiden und ber einem langsamen Feuer
drren; dann hlt es sich Monate lang. --

Die Feuerjagd auf Hirsche wird auch noch auf eine andere Art als mit
aufgebautem Gerst betrieben, und besonders dort in Anwendung gebracht,
wo sich sehr viele, verschiedene Salzlecken in einer und derselben
Gegend finden und der Hirsch zwischen ihnen wechselt. Um nmlich unter
solchen Verhltnissen leicht von einem Platz zum anderen gehen zu
knnen, nimmt der Jger eine gewhnliche eiserne langstielige Bratpfanne
(wo diese nicht zu bekommen ist, mu eine knstlich aus Zweigen und Erde
gemachte, den Dienst verrichten), befestigt an dieselbe noch ein etwa
3-4 Fu langes, einige Zoll breites Bret, damit sie leicht auf der
Schulter liegt und sich nicht wenden kann, und thut in diese nun den
fein gespaltenen Kien, mit dem er leicht den Wald nach allen Richtungen
hin durchwandern kann. Vorn in das Bret wird eine, von Holz geschnitzte,
kleine, breite Gabel eingebohrt, um beim Schieen die Bchse hineinlegen
zu knnen, wo dann der schwere Kien in der hinten mehre Fu vom Kopf
abstehenden Pfanne das Gleichgewicht gegen das Rohr hlt und eine feste
Lage verstattet. Die hinter dem Kopfe befindliche Flamme lt nun dem
Jger die Lichter eines Stckes Wild oder Raubthieres auf mehre hundert
Schritte erkennen, und da sich das erstere (Raubthiere lieben die helle
Flamme nicht, ugen auch nicht gern hinein) keineswegs vor dem Feuer
frchtet, so kann man, wenn man nur leise und ohne Gerusch sich nhert,
auch besonders den Wind gut beobachtet, leicht an die vertrauend
ziehenden Stcke herangehen. In weiter Ferne verschmelzen die beiden
Lichter der Hirsche in _einen_ glhenden Feuerball, der sich jedoch,
bei dem immer nher und nher Kommen scheidet, und erst in richtiger
Schunhe sieht man dann die zwei Kugeln in der gehrigen Entfernung
zu einander stehen. Den Wind kann man dabei sehr leicht nach dem Rauch
beobachten, der auf keinen Fall ber den Kopf hinweg ziehen darf.
Springt nach dem Schu das Wild schnell und flchtig ab und rennt fort,
so ist es ein sicheres Zeichen, da die Kugel sitzt; hat aber der Jger
gefehlt, so verschwinden die Lichter pltzlich; der Hirsch wendet sich
und geht langsam, ohne die mindeste Furcht zu verrathen, hinweg. Kommt
man nahe genug heran, um die ganze Gestalt des Wildes zu erkennen, so
schiet man natrlich auf's Blatt; ist das aber nicht der Fall, so hat
man ein so schnes Abkommen bei der hinten lodernden Flamme, da man
getrost zwischen die beiden Lichter hinein halten kann, was berdies
immer der beste Schu ist. --

Etwas ist hierbei jedoch noch zu bemerken, auf das der amerikanische
Jger ebenfalls sehr viel Rcksicht nimmt: der Mond nmlich, nach
welchem sich das Hochwild mit seiner sung richtet. Scheint dieser die
ganze Nacht, so zieht es am strksten gleich nach Dunkelwerden, bis etwa
zwei Uhr Morgens umher, wo es sich dann niederthut und bis zur frhen
Morgendmmerung sitzt; leuchtet er hingegen die Nacht gar nicht, so t
auch das Wild nicht sehr lange mehr nach Sonnenuntergang, hchstens
ziehen dann Schmalthiere bis zehn oder eilf Uhr Abends an die Salzlecken;
dahingegen en sie am Tage Morgens ganz frh; Mittags etwa von zwlf
bis eins und Abends wieder von vier Uhr an. Doch lt sich darber
nichts ganz Genaues bestimmen. Einzelne findet man fast zu jeder
Tageszeit munter.

So selten nun, im Westen wenigstens, die Hirsche mit Hunden gehetzt
werden, so interessant ist diese Jagd auf Truthhner, wenn sie sich
im Winter zusammen gethan haben und nun in Ketten, oft von 30-50
Stck, durch den Wald ziehen. Von den Hunden eingeholt, bumen sie
augenblicklich und ugen nun, sich auf ihrer Hhe sicher glaubend, mit
groer Zufriedenheit auf die, die Bume toll und wild umspringenden
Hunde hernieder, bis der Jger heranschleicht und mit der Kugel (denn
Schrot wrde in jenen hohen Bumen von gar keiner Wirkung sein),
den Truthahn herunter holt. Es bedarf dazu brigens nur eines
Flgelschusses, denn das Wild ist so schwer, da es fast stets durch
den Fall, wenn auch sonst nicht tdtlich getroffen, verendet.

So gescheidt der Truthahn aber auch sonst ist, so albern und
unbehlflich stellt er sich an, wenn er sich gefangen glaubt, und eben
auf diese seine Dummheit sind auch die Fallen berechnet. Wo nmlich der
Ansiedler, -- denn der Jger nimmt sich selten die Mhe, das mit der
Axt zu bekommen, was er mit der Bchse erlegen kann, -- eine Kette
Truthhner zu fangen wnscht, sei es nun in einem abgernteten Maisfeld
oder im Walde, da macht er von langen, gehaltenen, schweren Stangen eine
Umzunung, die etwa zehn bis zwlf Fu im Quadrat hat und so hoch sein
mu, da der grte Truthahn, aufgerichtet, darin herumlaufen kann.
Die Decke wird nachher mit Holz oder Steinen beschwert, da sie dem
Aufflatternden nicht nachgiebt. In eine der Wnde, am besten nach der
Richtung hin, in welcher die Hhner gewhnlich ins Feld kommen, wird
eine kleine Thre gesgt. Gerade unter dieser hinweg fhrt eine Art
schmaler Laufgraben in das Innere der Umzunung; unter der Thr ist
dieser Graben am tiefsten und luft nach Innen wieder auf die Oberflche
hinaus. Dieser Graben wird bis auf zwlf und funfzehn Schritt von der
Falle weggeleitet und nach ihm hin sparsam, in ihm aber reichlich Mais
gestreut, der bis in den eingezunten Raum hinein fhren mu, wo es gut
ist, wenn ein kleiner Haufen von Maiskolben dem Truthahn gleich entgegen
lacht. Der Graben aber und die darber hingehende Thr drfen zusammen
nur so hoch sein, da ein ausgewachsener Truthahn, wenn er, mit dem
Kopf auf der Erde, der sung nahe geht, gerade hindurch schreiten kann,
also etwa zwanzig bis vierundzwanzig Zoll. Finden nun die den Wald
durchgreifenden Hhner den umher gestreuten Mais, so folgen sie den
einzelnen Krnern, gerathen in den Graben und treten nun, das Gestell
wenig beachtend, in den inneren hohen Raum, wo sie sich gar bald an dem
dort aufgeschichteten Vorrath eine Gte thun. Auf diese Weise gehen
manchmal zehn und fnfzehn zu gleicher Zeit in die Falle. Nun hinderte
sie freilich nichts auf der Welt, auf eben dieselbe Art das Gestell
zu verlassen, wie sie es betreten haben; sobald aber nur einem von
ihnen der Gedanke kommt, das Freie zu suchen, wobei er sich natrlich
aufrichtet und, den fest verwahrten Ort ber sich erblickend, das
Warnungszeichen giebt, so erheben in demselben Augenblick Alle die Kpfe
und versuchen flatternd in die Hhe zu entkommen; keiner von ihnen denkt
von dem Augenblick weder mehr daran, den Mais zu berhren, noch sich
berhaupt zu bcken, und ich wei den Fall, da sie sich auf diese Art
gegen Abend gefangen haben und bis zum nchsten Nachmittag darin
geblieben sind, wo dann der Farmer herbei kam und sie einzeln heraus
holte.

Der arme Truthahn hat brigens auch noch auer dem Menschen sehr viele
andere Feinde, denn Wlfe, Fchse, Marder, Katzen, Panther stellen ihnen
nach; ihr grimmigster Verfolger aber ist der weikpfige Adler, dem sie
auch nicht einmal entfliehen knnen, und zeigt sich ein solcher in der
Luft und umkreist die Bume, dann rhrt sich kein Truthahn in seinem
Versteck und man kann sie, wenn man sie zufllig findet, fast mit der
Hand greifen.

       *       *       *       *       *


Als ich zuerst die wirklichen Wlder Amerika's betrat, hatte aber nicht
allein das Wild fr mich Interesse, sondern auch die eingebornen Jger
selbst, die in der Wirklichkeit ganz und gar von dem Bilde abwichen,
welches ich mir in meiner Phantasie von ihnen gemacht hatte.

Besonders viel war mir von den sogenannten Hinterwldlern erzhlt
worden, die in der Bevlkerung Amerika's gewissermaen eine eigene
Gattung bilden. Es sind Landleute, insofern sie so viel Welschkorn
bauen, als sie fr sich und ihre Familie und ein Paar Pferde und
Schweine bedrfen, im brigen leben sie von der Viehzucht und Jagd und
fhren eigentlich genau genommen, trotzdem, da sie Huser bauen und
kleine Felder anlegen, doch ein Nomadenleben; denn selten bleiben sie
lnger als drei oder vier, oft nicht ein Jahr auf einem Fleck, sondern
sind stets bereit, ihr mit saurem Schwei urbar gemachtes kleines
Besitzthum um Weniges wieder zu verkaufen und weiter westlich zu ziehen.

Als ich zuerst nach Missouri kam (denn selbst Illinois liegt jetzt schon
zu stlich fr diese Menschenklasse), hrte ich, etwa sechzig Meilen
unterhalb St. Louis, von einem gewissen _Coltert_, der ein alter,
tchtiger Brenjger sein und mitten im Wald in einer kleinen Htte
leben solle. Die Beschreibung dieses Mannes, wie er lebte, was er schon
alles fr Abenteuer durchgemacht, wie viel Bren und Panther er erlegt,
wie oft er verwundet worden, ein Mal sogar lebensgefhrlich, als er
seinen Lieblingshund einem Bren entreien wollte, das Alles spannte
meine Neugierde auf das uerste und machte mich sehr begierig diesen
Mann kennen zu lernen, denn im Geiste malte ich ihn mir schon ganz nach
indianischer Art, mit allen mglichen Waffen und Jagdgerth versehen,
aus, und beschlo, wenn ich auch Meilen weit umgehen mte, ihn
aufzusuchen.

Mein Weg sollte mich indessen etwa drei Meilen vor seinem Hause vorbei
fhren, wo, wenn ich einen gewissen Flu erreicht htte, ein Pfad rechts
abging, der bis zu seiner Htte hinlief. Bis zu diesem Flusse hatte
ich etwa noch sechs englische Meilen zu marschiren und wanderte frisch
darauf los, um den alten Jger so bald wie mglich kennen zu lernen, als
ich einen Mann auf der Strae berholte, der sich ganz gemthlich dicht
am Wege seiner weien leinenen Beinkleider entledigt hatte, trotz dem
unfreundlich kalten Wetter ziemlich behaglich auf einem umgehauenen
Baumstamm sa und die etwas sehr zerrissenen flickte. -- Sonst trug
er einen blau wollenen Frack, ein weies Hemd und ein Paar grobe
rindslederne Schuh, welche drei letzteren Kleidungsstcke, als ich zu
ihm trat, seinen ganzen Anzug ausmachten; neben ihm aber stand ein
alter, recht ungesetzlich auer Faon gedrckter Filzhut, und an einem
Baume lehnte eine lange Bchse -- (ohne die selten oder nie ein Landmann
ausgeht) mit einer kleinen ledernen Kugeltasche und einem in ein buntes
Taschentuch eingebundenen Pckchen.

Der Anblick war so komisch, da ich unwillkrlich stehen blieb und ihm
freundlich guten Tag bot; er dankte, schien sich aber sonst nicht weiter
um mich zu kmmern, sondern steckte seine Nadel und Zwirn, da er seine
Arbeit gerade beendigt hatte, in die Kugeltasche, zog das ausgebesserte
Kleidungsstck wieder an, hing sich die Tasche um, setzte den alten
Filz, der ihm ein merkwrdig antikes Aussehen gab, auf, nahm das Bndel
in die linke Hand und dann den Bchsenlauf mit der rechten ergreifend,
warf er sich diese, den Kolben nach hinten, ber die rechte Schulter,
indem er zu mir sagte: Nun, Fremder, wenn Ihr mit wollt, so kommt!

Es lag etwas so ernst Drolliges in seinem Wesen, das mich unwillkrlich
anzog, und wir plauderten, neben einander herschlendernd, ber vielerlei.
Endlich erreichten wir den Flu; mein Begleiter reichte mir die Hand und
wollte sich verabschieden, ich bat ihn aber, mir zuerst den Weg nach des
alten Coltert Haus zu zeigen, weil ich diesen aufzusuchen wnschte.

Kennt Ihr den alten _Coltert_? fragte er mich und wechselte mit der
Bchse auf die andere Schulter.

Nein, ich kenne ihn nicht, wnschte ihn aber kennen zu lernen!

Nun, sagte er, wenns weiter nichts ist, das Vergngen habt Ihr die
letzten zwei Stunden gehabt!

Ich staunte nicht wenig, unter dem alten Filz und in dem hellblauen,
wollenen Frack meinen Brenjger zu finden, der noch dazu so cht
waidmnnisch die Bchse, Kolben nach hinten, trug, folgte aber
nichtsdestoweniger seiner freundlichen Einladung, die Nacht bei ihm
zuzubringen, und wurde fr den kleinen Umweg reichlich durch einige
der delikatesten Brenrippen und viele romantische Erzhlungen aus
dem thatenreichen Leben des Alten belohnt. In mancher Hinsicht sehr
befriedigt verlie ich ihn am andern Morgen. -- Hatte mir einen
amerikanischen Jger aber doch anders gedacht.

Die Erzhlungen des Alten hatten aber die Jagdlust um so mchtiger in
mir aufgeregt und ich beschlo, was ich auch spter redlich gehalten
habe, Arkansas nach allen Richtungen zu durchstreifen und die
Brenhetzen, von denen ich ihn jetzt nur reden gehrt, selber
mitzumachen.

Der Br gehrt unstreitig zur edelsten und dabei auch eintrglichsten
Jagd Amerika's, und ist der Kampf mit ihm auch manchmal gefhrlich,
nun so verleiht das der Sache ja auch wieder ein so viel frischeres,
gewaltigeres Interesse; denn das arme Wild zu erlegen, welches sich
nicht widersetzen _kann_, selbst wenn es wollte, und nur in der Flucht
sein Heil suchen mu, nun ja, es ist auch schn und der den Mnnern
angeborene Zerstrungsgeist macht es schon anziehend fr uns; mir fehlte
aber immer etwas bei jener Jagd, es kam mir stets vor, als ob es doch
nicht das Rechte sei, nach dem ich mich gesehnt htte, bis ich das erste
Mal Fu an Fu߫ mit einem der alten, schwarzen Burschen stand, und nun
auch wute, ich trge das groe Messer nicht blos zum Staate an der
Seite.

Die Bren fangen brigens schon an in den vereinigten Staaten
sehr selten zu werden, nur noch in den unermelichen Smpfen des
Mississippi- und Arkansas-Thales und den steilen, an vielen Stellen fast
unzugnglichen Ozark-Gebirgen finden sie sich und werden mit einigem
Erfolg von den Weien, und an dem letzteren Orte auch theilweise von
Indianern gejagt; jedes Jahr vermindert sich aber ihre Anzahl bedeutend
und die Zeit ist nicht mehr fern, wo eine Brenfhrte in Arkansas eine
Seltenheit sein wird.

Die Brenjagd selber wird in jenen Gegenden auf drei verschiedene Arten
betrieben:

Erstens durch _Prschen_,

Zweitens durch _Hetzen_ mit guten, darin gebten Hunden, und

Drittens durch das _Aufsuchen der Stellen_, in welchen er seinen
Winterschlaf hlt.

Das Prschen, so interessant es an und fr sich ist, kann brigens
nur im Sptsommer und Herbst geschehen, in welchen Jahreszeiten der
Br seine Nahrung in den Frchten des Waldes sucht und sorglos dabei
umhertrollt. In bergigen Gegenden, wo viele Heidelbeeren wachsen, geht
daher die Suche schon im Juli an, da er bis Ende August von diesen
lebt; dann jedoch, sobald die Eicheln der Weieiche reifen, aber noch
nicht abfallen, ersteigt er diese und bricht oft ziemlich starke ste
herunter, um von ihnen seine Lieblingsnahrung abzulesen. Sind viele
Bren in einer Gegend, so ist die Jagd in dieser Jahreszeit sehr
interessant, weil man den Bren, sobald er erst einmal anfngt, Zweige
niederzubrechen, eine lange Strecke weit hren und sehr leicht an
ihn heranschleichen kann. Wo sie aber nur selten angetroffen werden,
wre es freilich ein undankbares Geschft, nach den wenigen im Walde
herumzusuchen; dazu ist die Hetze und mit einer tchtigen Meute Hunde,
sicherer Bchse und breitem, kurzem Stahl an der Seite, auf einem guten,
zhen Poney, in gestrecktem Galopp durch den Wald und Sumpf, hinter den
klaffenden, heulenden Hunden her, das ist die Jagd, wo einem das Herz
warm wird und khner und freudiger in der Brust klopft. Stellt sich
dann der Br, -- denn nicht immer sucht er auf einem Baum den Feinden
zu entgehen, -- und tritt ihm der Jger mit dem Messer in der Faust
entgegen, so wird es doch auch eine Jagd, die Ehre bringt und die einen
_Mann_, keinen bloen Sonntagsjger erfordert; das Gefhl, mit dem man
nachher den schweibefleckten Stahl in die Scheide zurckstt, wiegt
alle anderen Jagden auf. Die letzte Brenhetze machte ich in Amerika im
Sommer mit.

Wir hatten keinen groen Nutzen von der Bestie; sie war aber zu lstern
nach ihres Nchsten Schweinen geworden, die sie den in Unmasse im
Walde wachsenden Heidelbeeren vorzog, und mute daher aus dem Walde
geschafft werden. brigens zogen wir damals nicht mit der Idee einer
Brenjagd aus, sondern wollten blos ein Paar Hirsche schieen, um
das Gehirn derselben zum Gerben einiger Wilddecken zu erhalten (die
indianische Art Hirschhute zu gerben, geschieht nur mit dem Gehirn
des Hirsches selbst und spter durch Rauch), als wir, von einem alten
Jagdgenossen, der seine und meines Begleiters Hunde mitgebracht hatte,
berholt wurden. Drei alte Sauen, erzhlte dieser, seien ihm in wenigen
Nchten weggeholt, und er drstete nach Rache, die ihm denn auch im
reichlichsten Mae wurde. Es war jedoch ziemlich trocken und drr, und
die Hunde, obgleich mit dem rhmlichsten Eifer suchend, konnten in
langer Zeit keine frische Fhrte finden; wir hatten sie aber in dem
dichten Unterholz bald aus den Augen verloren und ritten lachend und
erzhlend ber die Berge; pltzlich ri der Alte sein Pferd zurck
und horchte, sich hoch im Sattel aufrichtend, mit der gespanntesten
Aufmerksamkeit. Ein kurzes, dumpfes Geheul lie sich hren -- das
war =Muse=, rief er -- ein scharfes, kurzes Bellen folgte das ist
=Watch=. -- Gleich darauf schlugen zwei der Lieblingshunde zu gleicher
Zeit an. Jetzt aber schwenkte der Alte den Hut -- sie haben ihn,
jubelte er, und dem Pferde den einen Sporn in die Seite drckend, flog
er dem Anschlagen der Hunde zu.

Ich lie ihn nicht die Bsche fr mich theilen, sondern brach mit
=Hozart= an seiner Seite ins Dickicht; gleich darauf schlug auch die
ganze Meute -- etwa 15 Hunde, an, da der Wald widerhallte. Wir lieen
unsere Stimmen lustig drein schallen, und wie die wilde Jagd gings
durch Dorn und Schlingpflanze, ber umgestrzte Stmme und losgerissene
Steinmassen fort dem Schalle nach, der in Schlucht und Thal das Echo
erweckte.

Der Br sah brigens bald ein, da er im offenen Wald der verfolgenden
Meute nicht entgehen konnte, und eilte einem alten =Hurricane=[2] zu,
wo die Eichen und Fichten wie Kraut und Rben durch einander lagen und
die Dornen und Schlingpflanzen und spter aufgeschossener Nachwuchs
die Zwischenrume ausgefllt hatten. Die Jagd wurde toller und toller;
die Pferde, die Begeisterung der Reiter theilend, setzten in fast
unglaublicher Anstrengung ber alte Baumstmme und durch Dickichte,
die im ersten Augenblick fast undurchdringlich schienen.

  2 =Hurricane=, eine Art Orkan, der in langen Strichen das Land
    durchzieht und oft meilenbreit jeden Baum umstrzt.

Im Anfang waren wir drei Reiter beisammen geblieben; der frchterlich
verwachsene Wald aber hatte spter Jeden den besten Durchweg allein
suchen lassen, und bald konnte ich nichts mehr von den beiden Anderen
hren noch sehen, sondern vermuthete nur, da sie, um dem Bren den Weg
abzuschneiden, vielleicht eine andere Richtung eingeschlagen htten;
eine pltzliche Wendung des verfolgten Thieres drehte jedoch die Hetze
pltzlich nach meiner Seite; kleffend und jauchzend stellte ihn in einem
entsetzlichen Dickicht die Meute, und durch eine dichte Brombeerhecke
setzend, die das letzte von mir abstreifte, was nicht niet- und
nagelfest war, fand ich mich in Schunhe des Kampfes. Augenblicklich
aber warf ich mich vom Pferd und sprang der Wahlstatt zu, wo ein
ungeheuerer Br sich mit der grten Kaltbltigkeit und Tapferkeit
gegen eilf der besten Hunde, die je einer Fhrte in Arkansas folgten,
vertheidigte; mein Anblick brachte ihn jedoch auer Fassung und er
wollte Fersengeld geben, die Hunde waren ihm aber zu nahe auf dem Pelz,
und vergebens sah er seine Bemhungen, einen Rckzug zu bewerkstelligen.

Ich hatte mich indessen immer noch gefrchtet zu schieen, da zu
viele Gefahr war, einen der Hunde mit zu treffen; als ich jedoch noch
unschlssig halb im Anschlag da stand, krachte des Alten wohlbekannte
Bchse und, fr einen Augenblick wenigstens, schien der Br die ihn
umtobenden Hunde ganz vergessen zu haben, denn sthnend warf er sich zu
Boden und lag im Nu von jenen bedeckt; doch nicht lange verharrte er in
dieser Lage, sondern sprang, mit jeder seiner gewaltigen Branten einen
der Rden von sich stoend, wieder in die Hhe.

Als er strzte, war mirs klar geworden, da, im Fall ich noch die
mindeste Lust htte am Gefechte Theil zu nehmen, dies wohl der einzige
Zeitpunkt wre, in dem ich ntzlich sein knnte, und das Messer aus der
Scheide reiend, sprang ich auf den Gestrzten zu, ihm die Klinge durchs
Herz zu jagen. Ich war aber kaum noch zehn Schritte von ihm entfernt,
als er sich, wie schon gesagt, mit einer gewaltigen Kraftanstrengung
befreite, und das erste, was ihm in dieser gerade nicht liebenswrdigen
Situation in die Augen fiel, war meine werthe Person, mit bloem Messer
und allen Zeichen einer bslichen Absicht auf ihn zuspringend. Er kam
mir auf halbem Wege entgegen, und ich mag gerade kein ganz freundliches
Gesicht geschnitten haben; das wei ich nur, wie mir der Gedanke durch's
Hirn fuhr, ich htte mich schon in viel behaglicheren Situationen
befunden. Aus dem einfachen Grunde jedoch hielt ich Stand, weil ich im
ersten Augenblick wirklich gar nichts andres zu thun wute und begegnete
dem Anlauf des Bren, indem ich ihm mit aller Gewalt mein breites Messer
in die Brust stie.

Was weiter geschah, kann ich nicht mehr genau sagen; ein schwerer
Schlag, der mich zurckwarf, ein dumpfes, schmerzhaftes Gefhl,
ein bekanntes Gesicht, das ich erblickte, ehe ich strzte, und ein
erstickendes Gewicht, das auf mir lag, ist Alles, dessen ich mich noch
entsinne.

Als ich wieder zu mir kam, fhlte ich, wie mir der Alte einen Hut voll
Wasser nach dem andern und zwar mit einem Eifer ins Gesicht go, der bei
einer Feuersbrunst uerst lobenswerth gewesen wre. Ich erholte mich
jedoch bald und fand, mich aufrichtend, da ich den erlegten Bren
zum Kopfkissen hatte. Als dieser auf mich los strmte, war der Alte
glcklicher Weise dicht dabei gewesen, und die Hunde konnten zwar nicht
verhten, da mich jener zurckwarf, sich aber in grenzenloser Wuth auf
ihn strzend, berwltigten sie bald den schwer Verwundeten, meines
Alten Stahl dabei nicht zu vergessen, der die Haut mehr einem Sieb als
etwas anderem hnlich machte.

       *       *       *       *       *

Es ist brigens nicht immer der Fall, da der Br sich, auf das uerste
getrieben, den Hunden auf ebener Erde stellt; gewhnlich erklettert er,
mit ausgezeichneter Gewandtheit, im Fall ihm nicht eine Vorderbrante
zerschossen ist, wie ich das auch ein Mal gesehen habe, einen Baum,
und kann dann mit geringer Gefahr herunter geschossen werden; einen
gehrigen Schlag aber thut's, wenn solch ein alter Bursche von zwei bis
dreihundert Pfund, achtzig oder hundert Fu hoch hernieder und zu Boden
schmettert, und es ist schon oft der Fall vorgekommen, da er im Sturz
einige, der ihn unten zu eifrig erwartenden Hunde erschlagen hat. Steht
er auf ebener Erde, so wirft er sich gewhnlich, gleich nach empfangener
Kugel, zu Boden und chzt und sthnt wie ein Mensch; decken ihn aber
dann die Hunde, so versucht er nicht sie einzeln zurckzuschlagen,
sondern er stemmt wie in diesem letzten Falle erst seine Branten so
gegen sie, da er sich mit einem gewaltsamen Ruck befreien kann, und
wehe dann dem Jger, der ihm in diesem Augenblick zu nahe ist! -- ohne
des Alten Hlfe wre auch ich rettungslos verloren gewesen.


Hat der Br einen Baum erstiegen und sich oben festgestellt, so knnen
ihn die Hunde nicht wieder hinunter scheuchen; der Anblick eines
Menschen aber macht ihn unruhig und versagt das Gewehr, so kommt er
gewhnlich mitten zwischen die Meute hineingefahren und versucht aufs
Neue zu fliehen, doch ist das nicht stets der Fall.


uerst interessant ist der Prschgang auf Bren, wenn man unbeachtet
an einen derselben herankommen kann. Anscheinend sorglos trollt der
schwarze Geselle durch den Wald, und wer ihn so sieht, mit den plumpen,
ungeschlachten Knochen, den Kopf unten, fast auf dem Boden, nachlssig,
scheinbar auch nicht das Mindeste um sich her beachtend, ahnt wohl kaum,
da eben dieses anscheinend plumpe Geschpf schneller als ein Pferd
laufen und fast so behende als eine Katze klettern kann; in seinen
Branten hat der Br brigens die meiste Gewalt, und selten benutzt er
seine Gefnge, denn ein Schlag mit der Vorderbrante ist hinreichend
einen Hund zu tdten und selbst einen Stier zu betuben.


So frchterlich er aber, wenn zum uersten getrieben, ist, so harmlos
und unschdlich zeigt er sich auch, wenn nicht belstigt -- man hat noch
nie gehrt, da ein Br einen Menschen aus freien Stcken angefallen
habe, ausgenommen es war eine Brin, die ihre Jungen vertheidigte. Auch
der Schaden, den er dem Landmann thut, wre nicht so bedeutend, wenn er
nicht im Sommer, wo noch keine Beeren im Walde stehen und die Eicheln
noch nicht reif sind, sich an die zahmen Schweine hielte; hat er aber
erst einmal den Geschmack von diesen weg bekommen, dann thut er auch
ungeheueren Schaden, weil er nur gezwungen Aas frit und sich, wenn er's
irgend haben kann, jede Nacht ein frisches Schwein holt. In diesem Fall
mu er gejagt und erlegt, oder wenigstens aus der Gegend vertrieben
werden, denn nicht immer knnen die Hunde im Sommer einen mageren Bren
einholen, der ihnen oft im offenen Walde durch seine Schnelle entgeht. --


Der Br hlt aber, wie der Dachs, seinen Winterschlaf, liegt mehre Monat
fest in seinem gewhlten Lager, wo er sogar schwer zu erwecken ist; in
dieser Zeit wre dann Prschjagd wie Hetze vergebens.

Die Schlafzeit dauert in Arkansas, wo das Klima ziemlich mild ist, von
Weihnachten bis Ende Februar; whrend dieser ganzen Zeit frit er weder
noch suft er, und in dieser Zeit ist sein Magen inwendig mit einer
reinen, ligen Fettigkeit berzogen. Anfang Mrz aber fngt er zuerst
an, den nchsten Bach aufzusuchen, um seinen Durst zu lschen und kehrt
dann immer wieder in das Lager zurck. Sonderbarer Weise tritt er
hierbei stets, so oft er auch gehen mag, in seine zuerst gemachten
Fhrten, die dann zuletzt breit und deutlich ausgetreten und =stepping
path= oder Schrittpfad von den Jgern genannt werden. Finden diese in
eben der Jahreszeit eine solche Fhrte, so ist der Br selten weit
entfernt.

Sein Bett whlt er aber sehr verschieden; zeigt sich der Winter streng,
so sucht er in gebirgigem Lande eine Hhle, in sumpfigem einen hohlen
Baum aus, um dort vor der Klte geschtzt zu sein; dabei kratzt und
scheuert er mit merkwrdiger Sorgsamkeit den letzteren inwendig so glatt
und rein, wie es ihm mit seinen gewaltigen Branten, die hierzu gerade
kein schlechtes Handwerkzeug sind, nur irgend mglich ist. Hat er
endlich Alles in Stand, so steigt er langsam und besonnen, da man kaum
die Spur seiner scharfen Krallen in der rauhen Rinde bemerken kann,
hinauf und dann durch die ffnung, mit dem Hintertheil zuerst, in
sein vorher bereitetes Lager hinab, wo das faule Holz, das er an den
Seitenwnden herunter gekratzt hat, gewhnlich ein sehr weiches Bett
bildet. Anders ist es, wenn er von den Hunden verfolgt, einen Baum
ersteigt, und im Hinaufspringen, von den strksten, hrtesten Eichen
ordentliche Stcke Rinde herunterschlgt.

Ist der Winter gelind, so nimmt er sich all' diese Mhe nicht einmal,
sondern geht entweder im sumpfigem Lande in einen Schilfbruch, wo er
von dem hohen, grnen Schilf so viel abreit, als er zu einem bequemen
Lager nthig zu haben glaubt, das er sich dann auch in einer der
unzugnglichen Gegenden des Bruches zurecht macht, oder er sucht in
bergigem Lande ein unwegsames Dickicht und bettet sich hier, auf einer
Streu von zusammengetragenen zarten Zweigen, in den Wipfel irgend eines
umgestrzten Baumes.

Die Ranzzeit fllt in den August, und nicht selten gerathen sich dann
ein Paar der schwarzen Burschen auf eben keine freundliche Art in die
Haare. Einen hbschen Zug erzhlen dabei die amerikanischen Jger von
dem mnnlichen Bren, der, wenn er wirklich wahr ist, einen merkwrdigen
berlegungsgeist kund thut. Sehr hufig fand ich nmlich in den Wldern,
besonders an Sassafrasbumen und Kiefern, die tief eingerissenen Zeichen
des Gefnges und der Krallen von Bren, die stets in grtmglichster
Hhe an den Stmmen hinauf gelangt hatten; auf meine Anfragen erhielt
ich folgenden Bescheid, in dem die Jger von Norden bis Sden
bereinstimmen.

In der Ranzzeit folgt der Br der Fhrte der Brin, wird aber oft, wenn
von einem strkeren berholt, aus dem Felde geschlagen, von einem
schwcheren, wenn nicht besiegt, doch wenigstens belstigt; um diesem
nun zu begegnen, soll der Br, so er sich stark und alt genug fhlt
einen Kampf mit Seinesgleichen zu wagen, sobald er die warme Fhrte
einer Brin angenommen hat, sich an einem dicht daneben stehenden Baum
-- am liebsten Sassafras oder Kiefer -- in die Hhe richten und ohne die
Hintertratzen von der Erde zu heben, so hoch hineinbeien und so hoch
daran hinauf kratzen, als er mglicher Weise kratzen und beien kann,
worauf er ganz gemthlich seinen Weg fortsetzt.

Kommt nun nach einiger Zeit ein anderer desselben Weges, auf derselben
Fhrte, so findet er natrlich die fr ihn zurckgelassenen Zeichen und
mit nun, sich eben so am Baume emporrichtend, seinen vorangegangenen
Nebenbuhler; -- kann er dessen Merkmale berreichen, oder kommt er ihnen
wenigstens gleich, so folgt er und nimmt die Herausforderung an; kann er
das aber nicht, ist er vielleicht viel kleiner, so klemmt er das kleine
Stckchen Ruthe, was ihm Mutter Natur verstattet hat, zwischen die
Beine, oder macht wenigstens die Bewegung damit, als ob er es thun
wrde, wenn sie lang genug wre, und trollt den eben gekommenen Weg
zurck, um wo mglich eine andere Fhrte auszusuchen.

Die Brin wirft im Februar, oft schon Ende Januar, in einem hohlen Baum
oder in einer Hhle, zwei bis vier Junge, die sie bis zur Ranzzeit
bei sich behlt und die sich auch oft noch nach dieser wieder zu ihr
gesellen, doch soll sie dabei die Gesellschaft des alten Bren meiden,
dem nachgesagt wird, er fre manchmal seine eigenen Jungen, was ich
jedoch, zu seiner Ehre, nicht glauben will.

Die ungeheuere Aufopferung, mit der die Brin brigens ihre Jungen
vertheidigen soll, kann nicht als allgemein angenommen werden. Ja, es
giebt Flle, wo sie ihr Leben im Kampf ber dieselben gelassen hat;
aber mit den Bren wird's wie mit den Menschen sein -- bei denen man
oft recht liebe, gute Leute, und dann auch wieder recht schofeles Pack
findet. Ich selbst wei mehre Beispiele, wo eine Brin, sowohl in der
Hhle als auch im freien offenen Walde, ihre Jungen, ohne sich weiter
um sie zu bekmmere, schmhlich im Stich gelassen hat und nur darauf
bedacht schien, ihren eigenen Pelz, der noch dazu in damaliger Zeit kaum
einen Dollar werth war, in Sicherheit zu bringen.

Die _Hhlenjagd_ ist uerst interessant, aber dabei auch gefhrlich,
und wird etwa folgendermaen betrieben. In den unwegsamen Gebirgen des
Westens, in die sich der Br bei einbrechender Klte zurckzieht, geht
der Jger und sucht, zwischen den am tollsten und wildesten umher
gestreuten Felsblcken, an steilen Wnden hinkletternd und Schluchten
und Spalten durchkriechend, nach Hhlen, in die er dann mit angezndeter
Kienfackel oder mit einem aus wildem Wachs gekneteten Lichte eindringt.
Oft verrathen schon die in der Nhe der Hhle abgenagte Bsche den
Besuch, der fr einige Zeit in ihnen zu wohnen beabsichtigt, oder der
=stepping path=, der hinein fhrt, wenn die Jahreszeit schon weit
vorgerckt ist, oder die vor der Hhle umher liegende Losung, den
Eingewinterten; am sichersten ist es aber stets, den Ort selbst zu
untersuchen, und da diese Jagd dann nicht zu den leichtesten gehrt,
ist sehr erklrbar.

Ich wei mich Tage zu erinnern, in denen ich in funfzehn, sechszehn
Hhlen herumgekrochen bin und mich durch Pltze durchgezwngt habe, von
denen ich mir eigentlich jetzt noch selber nicht erklren kann, wie ich
wieder heraus kommen konnte -- ohne auch nur einer Kralle zu begegnen.
Findet man nun an solchen Ort einen Bren, so mu er beim Lichte der
Fackel geschossen und nachher entweder ganz, oder wenn das nicht mglich
ist, in Stcken zu Tage geschafft werden.

Ich habe brigens diese Hhlenjagd in meinen Streif- und Jagdzgen[3]
sehr ausfhrlich behandelt und will hier nur, um dem Leser einen kleinen
Begriff von diesen freundlichen Orten zu geben, das Innere derselben ein
wenig beschreiben.

  3: Streif- und Jagdzge durch Nordamerika. Leipzig, Arnoldische
     Buchhdl.

Von der Natur gebildet scheinen sie fast alle schon so lange wie die
Erde berhaupt zu bestehen, und finden sich meistens in Kalksteinfelsen,
in die sie manchmal nur zehn bis zwlf Fu, dann und wann aber auch
4-500 Schritt hinein gehen und an manchen Stellen gerumig genug sind,
da der Jger aufrecht in ihnen stehen kann, dann aber auch wieder eng
genug zusammen laufen, um nur mit grter Anstrengung ein Durchpressen
mglich zu machen. Im Innern sind sie an den Seitenwnden glatt, oft von
dem Anstreichen der Raubthiere, die seit Jahrhunderten sie bewohnten,
spiegelblank, oben aber gewhnlich mit Stcken Tropfstein behangen,
der auch unten, wenn sich nicht weicher, thoniger Boden findet, das
Fortkommen sehr erschwert. In diese Hhlen nun ziehen sich nicht allein
Bren, sondern auch andere Raubthiere, als Panther, Waschbren und
Fchse, wie Schlangen, Eidechsen und Fledermuse zurck, um ihren
Winterschlaf entweder wie der Br zu halten, oder in den warmen
Erdgngen gegen die Klte geschtzt zu sein. Die Fledermuse besonders
hngen an den Hinterbeinen von der Decke herunter und zirpen und
zischen, wenn ihnen die Kienfackel zu nahe kommt. Der Br selber liegt,
wenn er schlft, auf dem Bauche und hlt die Stirn, die Nase an die
Brust gedrckt, mit beiden Tatzen, wie betend, umfat. -- Nur wenn er
wacht, saugt er und wahrscheinlich blos aus Spielerei, an den Branten,
Kinder haben das Daumenlutschen ja auch an sich, wobei er ein leises,
winselndes Gerusch von sich giebt.

In der Hhle angegriffen, ist er sehr scheu und versucht stets sein
Bestes, durch die Flucht einer sich nhernden Gefahr zu entgehen; im
Freien dagegen ist er viel heldenmthiger. Ich selbst habe eine Brin
in einer der tiefsten Hhlen der Ozarkgebirge angeschossen, und bin,
von ihr gefolgt, zurck gewichen, bis sie einen anderen Zweig der
Hhle annahm und ich im Stande war, mir meine Bchse, die ich hatte
zurcklassen mssen, wieder zu holen und zu laden; die Brin aber, als
ich ihr nachher aufs Neue zu Pelze rckte, obgleich sie ihre Jungen in
unserer Gewalt wute, wagte nicht mich anzugreifen, sondern sa, in
wilder Wuth den thonigen Boden vor ihr mit den scharfen Krallen zerhauend,
auf ihrem Hintertheil und schnappte in ohnmchtiger Wuth mit dem Gefnge,
bis sie die zweite, tdtliche Kugel erhielt.

Hat der Br in einem Baum seine Zuflucht gekommen und wird er vom Jger
aufgefunden, was dieser aus den freilich nicht sehr deutlichen Zeichen
in der Rinde erkennen mu, so ist sein Loos allerdings kein sehr
beneidenswerthes. Entweder wird der Baum umgehauen und Petz auf diese
Art in seiner besten Ruhe gestrt und durch den Sturz betubt, wenn er
endlich schlaftrunken emportaumelt, von dem ihn Erwartenden mit einer
Kugel und von einer Meute Hunde empfangen, von denen er sich gewhnlich
gar keine Idee machen kann, wie sie alle da so geschwind hingekommen
sind; oder er wird mit Rauch von unten heraus getrieben, was ihm hchst
fatal ist, so da er gewhnlich brummend seinen bisherigen Ruheort
verlassen will, bis ihn auch hier, sobald er sich oben an der ffnung
zeigt, eine todtbringende Kugel empfngt. --

Am schnellsten und komischesten ist das Heraustreiben desselben mit
einem Feuerbrand; denn wenn die Hhlung des Baumes nicht bis an die
Wurzel geht, da also der Rauch auch nicht zu dem Schlafenden hinauf
dringen kann, so mu, im Fall die Jger keine Axt mit haben und der Baum
zu stark ist, um ihn mit den kleineren Tomahawks umzuhacken, Einer von
diesen mit einem Feuerbrand hinauf klettern, den er dann oben in die
Hhlung und dadurch gewhnlich dem Bren auf den Pelz wirft; kaum sprt
Petz aber die Glut, als er voller Entsetzen in die Hhe fhrt und oft
den Erdboden viel frher als der gewi nicht zgernde Jger erreicht.

Da er sich von dem Baum herunter strzt, ist eine Fabel; er behlt
diesen zwischen den Branten und gleitet gewissermaen daran nieder,
aber so schnell, da er kaum den Stamm zu berhren scheint, und wie
ein schwarzer Blitzstrahl zwischen die ihn unten erwartenden Hunde
hineinfhrt; thun diese dann aber nur im mindesten ihre Schuldigkeit, so
darf er nicht entkommen, denn, noch halb im Schlafe, hat er weder sein
volles Bewutsein noch seine vollen Krfte, und wird leicht von ihnen
gestellt und dem herbeieilenden Jger zur Beute.

Ist der Br in jagdbarer Zeit, um Nutzen von ihm zu ziehen und nicht des
Schadens wegen, den er thut, erlegt, so wird er gleich an Ort und Stelle
abgestreift, abfliet und dann zerlegt. Das Abflieen nennt man das
Ablsen des Fliees (der Speckseiten), die dann in das Innere des Felles
eingeschlagen und auf eins der Pferde befestigt werden; das Wildpret wird
nachher ebenfalls zusammen gebunden und, auf dem Rcken der Lastthiere
hngend, mit fortgenommen. Sind aber die Jger in einem greren Lager
und haben sie einen Kessel zum Fettauslassen mitgenommen, dann wird
diese Arbeit gleich im Walde vorgenommen und das ausgeschmolzene
Wildpret bekommen nachher die Hunde, die besseren Stcken behalten
natrlich die Jger zu ihren eigenen Mahlzeiten. Das Beste am Bren sind
die Federn,[4] und eine recht fette Wand, auf zwei Hlzern am Feuer
gerstet; das herunter trufelnde Fett nachher mit dem trockenen
Bruststck des Truthahns aufgefangen und das Ganze mit einem heien
Becher starken Kaffees hinunter gesplt -- beim Schreiben luft mir
schon, bei der bloen Erinnerung, das Wasser im Munde zusammen.

  4: Fr den Nicht-Jger Rippen.

Das sind brigens die Lichtseiten der Brenjagd -- die Schattenseiten
aber schauen viel dsterer d'rein. -- Wochenlang in Sturm und Regen den
Wald durchzogen, Jger und Hunde halb verhungert -- (denn ist man einmal
ausgegangen, um Bren zu schieen, so lt man sich nicht gern mit
geringerem Wild ein.) -- Alle zu Tode erschpft und immer noch keine
warme Fhrte -- endlich werden die Hunde lebendig, sie wittern den
Feind, sie wissen, da ihrer, mit dessen Erlegung, Ruhe und Strkung
wartet; sie strengen ihre letzten Krfte an und fort geht die Jagd, ber
Stock und Stein -- sie berholen ihn, werfen sich in blinder Wuth auf
ihn -- aber der Jger hat durch die Dickichte oder steilen Schluchten
nicht so schnell mit seinem Pferde folgen knnen; der Br, ein alter
erfahrener Bursche, -- nicht gerade mager, aber doch nur feist genug,
um tchtig laufen zu knnen, schlgt die Hunde zurck, tdtet drei
oder vier, verkrppelt andere und ist, wenn trbe Dmmerung den rasch
nahenden Abend verkndet, fern von aller Gefahr und von der fr ihn
sorgsam aufgesparten Kugel unerreicht, -- das sind Schatten-, das sind
Nachtseiten, die leider nur zu oft vorkommen. Am Lagerfeuer herrscht
dann sehr ble Laune, und den nchsten Tag ist der Jger uerst
zufrieden, wenn er nur noch so glcklich ist, einen Hirsch zu erlegen,
um mit seinen brigen Hunden, wieder eine Mahlzeit halten zu knnen. --

Der Br, obgleich zu den Raubthieren gehrig, nhrt sich doch nur,
ausgenommen im uersten Nothfall, von Frchten und Insekten, und greift
nur im Sommer, wo er seine Nahrung zu sparsam zusammen suchen mu,
Schweine und fast _nur_ Schweine an, zwischen denen er dann freilich
oft recht arge Verwstung anrichtet. Hauptschlich lebt er von Eicheln,
anderen Waldfrchten und Beeren, und wird in fruchtbaren Jahren oft
so feist, da er fnf bis sechs Zoll Feist ansetzt. Ein ordentliches
Brenmesser darf daher auch eigentlich nicht weniger als 9 Zoll in der
Klinge haben, wenn es in allen Fllen gerecht sein soll.

Zu dem jagdbaren Wilde Nordamerika's gehren auch einige Raubthiere, die
eine zu wichtige Rolle im Walde spielen, um ganz unerwhnt zu bleiben.

Der _Panther_ mu mit Recht an die Spitze kommen, denn er ist der
strkste und gefhrlichste Gegner des Menschen, und auch wohl das
einzige Raubthier in dem weiten Urwald, das der Jger zu frchten hat,
da es Nachts die Lager umschleicht und in manchen, aber doch sehr
seltenen Fllen schon dem sorglos Schlummernden gefhrlich geworden ist.
Heerden und Schweine und Klber, Fohlen, und selbst erwachsene Pferde
fallen seinem Blutdurst. Hauptschlich nhrt er sich jedoch von Hirschen
und kleinerem Wild, beschleicht Nachts die Salzlecken oder lauert, im
Laub der Bume versteckt, auf die ruhig darunter hin senden. Von den
Hunden gehetzt, bumt er am Tage sehr leicht auf, Abends und Nachts aber
verlt er sich lieber auf seine Gewandtheit und List, bringt die Hunde
durch falsche Sprnge von der Fhrte ab und entgeht ihnen meistens.

Er wird etwa so gro wie ein tchtiger Fleischerhund, ist ziemlich von
der Farbe des Rothwildes und frbt, wie dieses, im Winter; sein Fell hat
keinen groen Werth und die Jagd auf ihn wird daher auch nicht, wenn er
sich nur irgend entfernt von den Ansiedelungen hlt, besonders lebhaft
betrieben. Sonderbar ist es, wird aber allgemein behauptet, da er,
so scheu er auch am Tage den Menschen flieht, mit wilder Blutgier
schwangere Frauen anfalle und zerreie.

Der _Wolf_ steht dem europischen an Gre bedeutend nach, lebt aber
wie dieser in Rudeln zusammen und geht gemeinschaftlich auf Raub aus;
doch nur frchterlicher Hunger knnte ihn dazu zwingen, einen Menschen
anzugreifen, denn er ist feig und flieht bei dem leisesten Gerusch. Im
Mai wirft die Wlfin 3-6 Junge, unter denen, wie die Sage geht, jedesmal
ein Wolfshund sein soll, der spter der grimmigste Feind der Wlfe wird.
-- Diesen nun aufzufinden, fhrt die Wlfin die Jungen, sobald sie
laufen knnen, an ein Wasser, um sie zu trnken. Hier verrth sich der
Wolfshund, der nach Hundeart _leckt_, whrend die wirklichen, chten und
treuen Wlfe _saufen_, und augenblicklich wird der junge, bis dato noch
unschuldige Verrther, zu Tode gebissen.

Nicht so schlau als der unsere, fngt man ihn hufig in Fallen, die
gemeiniglich aus einem, aus schweren rohen Baumstmmen zusammengefgten
Kasten bestehen, in dem zuerst, ehe er ganz beendigt ist, das Gescheide
eines Hirsches oder anbrchiges Fleisch geworfen wird, das er sich
gemeiniglich bald holt, dann auch spter den aufgerichteten Deckel nicht
scheut und sich pltzlich gefangen sieht. Da er, in Fuchsfallen oder
Ottereisen erhascht, gewhnlich den fest gehaltenen Lauf abbeit, so
lt der amerikanische Jger die Falle unbefestigt stehen, hat aber eine
drei bis vier Fu lange, schwache Kette daran, an der ein vierhakiges
Eisen hngt; dieses fat berall, wenn der Wolf mit der Falle zu
entfliehen sucht, hinter Bsche und Wurzeln, wird aber stets wieder von
dem darin Sitzenden losgemacht, der sogar schon den Haken in's Gesnge
genommen und zu entziehen versucht hat; aber nie greift er zum uersten
Mittel, sich den Lauf abzubeien, so lange er noch eine Hoffnung auf
Entkommen hat und wird nachher leicht mit dem Hunde ausgemacht.

In Canada hrte ich von sehr vielen Farmern, da sein Bi, selbst bei
einer leichten Verwundung, tdtlich sein solle; das ist aber wohl nur
Fabel. Thatsache ist es brigens, da Jahre vergingen, ehe sich die
Wlfe an die dortigen Landgter hinanwagten, als zuerst auf ihnen
-- Schafe aus Europa eingefhrt wurden. -- Sie kannten die rauhen
wolligen Thiere nicht und frchteten sie ungemein -- wie sie aber erst
einmal, durch Zufall oder peinlichen Hunger getrieben, den Geschmack
derselben weg bekamen und sie als harmlose, nicht gefhrliche Geschpfe
kennen lernten, rumten sie frchterlich zwischen ihnen auf. In seiner
Naturgeschichte hnelt er sonst den europischen Wolfe in allen Stcken,
nur ist er bedeutend kleiner und schwcher als dieser. --

Der graue oder Prairiewolf ist eine Abart, sieht hellgrau aus, ist noch
kleiner und furchtsamer als der schwarze, und lebt meistentheils in den
Steppen.

Der _Fuchs_. Es wre nicht halbrecht, Reinecken auszulassen, wo von Wild
die Rede ist, obgleich er in Amerika eine ziemlich untergeordnete Rolle
spielt. Erstlich ist er bedeutend kleiner als der unsere, giebt ihm aber
wohl kaum an Schlauheit nach und wei tausend Mittel und Wege, die Hunde
von seiner Spur abzubringen. Eine Eigenthmlichkeit hat er brigens vor
dem europischen voraus -- er bumt auf, was fast unglaublich klingt;
ich selbst wollte aber auch meinen Augen nicht trauen, als ich zum
ersten Male den Hunden zueilte, deren wildes Bellen und Klaffen zeigte,
da sie ihn gestellt oder, wie ich damals glaubte, in seinen Bau gejagt
hatten; ich wute jedoch wahrlich kaum, was ich sagen sollte, als ich
den rothen Schelm ganz gemthlich in einem jungen Baum, etwa 12 Fu
von der Erde, erblickte, wo er sich in die ersten auszweigenden ste
eingeklemmt hatte und, vor den Hunden wenigstens, geschtzt war; er
schnitt aber ein Gesicht wie eine Katze, die beim Milchnaschen ertappt
wird, als er mich kommen sah, denn an Fliehen war nicht mehr zu denken,
da zwlf rstige Hunde den kleinen Baum umtobten.

In Amerika bumt brigens fast alles Wild auf, Bffel, Hirsche und Wlfe
ausgenommen; selbst die Kaninchen kriechen wenigstens inwendig in hohlen
Bumen hinauf und die Rebhhner, vom Hunde verfolgt, fallen fast stets
in die Bume ein; es ist einmal die Natur des Wildes dort, in dem
ungeheueren Wald auch die Bume zum Zufluchtsort zu whlen. Der Fuchs
lebt brigens in hohlen Bumen, kann aber nicht etwa klettern, sondern
wirft sich nur, in uerster Noth mit Springen und Anklammern, zwischen
die niederen ste eines jungen Stammes und bleibt da eingeklammert
sitzen.

Den Schlu mgen zwei chte Amerikaner machen, der Waschbr (=racoon=)
und das Opossum oder die Beutelratze.

Der Waschbr, dessen Fell unter dem Namen Schuppen eine bedeutende
Rolle auf den deutschen und russischen Mrkten spielt, findet sich,
besonders in den sumpfigen Thallndern des Mississippi und anderer
groen Strme, in ungeheuerer Menge, und wird dort an Ort und Stelle
wenig oder gar nicht geachtet. Die Krmer bezahlen sein Fell in jener
Gegend mit etwa vier guten Groschen. Der Waschbr ist brigens an und
fr sich ein sehr liebes, possirliches Geschpf, und hnelt, obgleich er
nie grer als ein starker Dachshund wird, in sehr vielen Stcken dem
Br, zu dem er auch, dem Geschlechte nach, gehrt. Er lebt von Beeren,
Waldfrchten und Insekten, und liegt, wenn ruhend, in der nmlichen
Stellung wie sein vierschrtigerer Vetter. Den Namen _Waschbr_ hat
er mehr von seiner Neigung zu nassen Nahrungsmitteln als wegen seiner
Reinlichkeit, denn das, was die Leute bei ihm _waschen_ nennen, ist doch
nichts mehr als ein Anfeuchten seines Fraes. Er kann leicht gezhmt und
zu allen mglichen Kunststcken abgerichtet werden; sein Fleisch ist
dabei delikat und hat sehr viel hnlichkeit mit dem Brenwildpret, nur
da es nicht wie dieses, wenn es anbrchig wird, leichenhnlich, sondern
wie anderes Wildpret riecht.

Das Weibchen wirft 3-5 Junge und thut im Sommer den Maisfeldern
ungeheueren Schaden, weshalb ihm auch die Landleute schon aus diesem
Grunde sehr nachstellen. Sein Fell ist grau und sein buschiger Schwanz
mit schwarz und gelben Ringen umzogen. Im Winter wird er mit Hunden
gehetzt und zu Baume gejagt.

Das _Opossum_, oder die Beutelratze, steht an Gre dem Waschbren kaum
nach, sieht aber ganz grau und ratzenartig aus und hat, wenn man es an
einem regnerischen Tage durch den Wald trollen sieht, in der That die
wirkliche Gestalt einer kolossalen Ratze, die ber irgend etwas sehr
erschrocken und bla geworden ist. Besonders geben ihm der kahle, dicke
Schwanz, wie die fingerartigen Krallen, ein auerordentlich widerliches
Ansehen.

uerst komisch aber schaut es drein, wenn man ihm im Wald pltzlich
begegnet und dicht zu ihm hinan geht. Zusammenfahrend legt es sich
dann halb auf die Seite und ngstlich, mit weit aufgerissenem scharfen
Gefnge, in die Hhe blickend, zieht es die Lefzen so weit zurck, da
es gerade so aussieht, als ob es den Strer seiner Ruhe angrinze und
sich unendlich ber seinen Besuch freue; es macht dann auch nicht den
mindesten Versuch zu entgehen, und lt sich nur mit einiger angewandten
Vorsicht, wobei man sich besonders nicht so schnell nach ihm hinunter
bcken darf, sogar hinter dem Gehr kratzen, was ich oft versucht habe,
denn es hat keinesweges einen bissigen und bsartigen Charakter; schlgt
man es aber mit einem Stocke, und sei es noch so leise, oder sieht es
mehre Hunde (_einem stellt es sich_) kommen, so fllt es auf einmal
um und ist anscheinend todt. Diese mgen es nachher beien, da ihm
die Rippen krachen -- der Jger mag es in die Hhe nehmen und wieder
hinwerfen -- es ist todt und rhrt sich nicht, und erst im wirklichen
Todeszucken oder in tiefes Wasser geworfen, wo es seine Rolle vergit
und schnell zu schwimmen anfngt, zeigt es Bewegung.

Dieses kleine Thier beweist dabei, whrend der frchterlichsten Qualen,
die es doch nothwendiger Weise unter den wthenden Bissen der Hunde
ausstehen mu, selbst noch im Tode eine solch merkwrdige Geistesstrke,
mit der es das Schlimmste ertrgt und nicht zuckt, ja selbst keinen Laut
von sich giebt -- da ich mich spter, als ich seine Eigenthmlichkeiten
recht kennen lernte, nie mehr entschlieen konnte, eins _umzubringen_,
denn unter diesen Verhltnissen erschien es mir ein wirklicher Mord.
uerst komisch sieht es aber aus, wenn man es hinter einem Baume vor
beobachtet, wie es aus seinem anscheinenden Tode wieder erwacht.

Zuerst, wenn Alles ruhig und still ist, und es sich fest berzeugt
glaubt, da sein Feind den Platz verlassen hat, ffnet es leise die
kleinen Lichter und ugt -- so wenig als mglich den Kopf dabei
bewegend, berall umher; kann es nichts weiter ersphen, so streckt es
behutsam die winzigen Lauscher vor und horcht -- Alles ruhig; jetzt hebt
es den Kopf, blinzt rings im Kreise umher, liegt noch ein Weilchen ganz
ruhig, wo es beim geringsten Gerusch wieder in seine vorige Stellung
und Leblosigkeit zurcksinkt, und richtet sich zuletzt, wenn es den
Frieden vllig wieder hergestellt glaubt, auf und trollt ab.

Wird es verfolgt und kann in der Geschwindigkeit einen Baum erreichen,
so bumt es auch auf, wobei es mit ungemeiner Gewandtheit klettert, doch
benutzt es, um an starken Bumen emporzuklimmen, gewhnlich die herunter
hngenden, wilden Weinreben. Sein Fleisch, das zart und schn aussieht,
wird von Vielen leidenschaftlich gegessen, die dann behaupten, es
schmecke wie junge Ferkel; ich konnte aber nie meinen Ekel vor seiner
hlichen Gestalt so weit berwinden, davon zu kosten. Seine nackten
Jungen trgt es, wie das Knguruh, nach der Geburt noch eine lange Zeit
in einem sich unter dem Bauche befindenden Beutel umher; in den sie sich
auch, wenn sie schon herumlaufen knnen, bei jeder nahenden Gefahr
hineinflchten.

Das ist etwa der Urwald mit seinen Bewohnern, der nun freilich noch
durch unzhlige kleinere Vgel belebt wird. Schaaren von Tauben und
kleinen Papageien durchschwrmen die Luft, und im Herbst und Frhjahr
fllen unzhlige Vlker von wilden Enten und Gnsen die flieenden
Wasser und einsamen Waldseen des gewaltigen Reiches, deren Jagd
besonders in den sdlichen Staaten, in Louisiana, wo sie, aus dem
hohen Norden kommend, berwintern, uerst interessant ist.

Louisiana kann ich aber nicht erwhnen, ohne der Schnepfenjagd dabei zu
gedenken, die ich dort von Anfang Februar bis Mitte Mrz getrieben. Fast
frchte ich jedoch hier in Deutschland, wo die Schnepfe eigentlich zu
den Seltenheiten gehrt, keinen Glauben zu finden, wenn ich die Zahl
angebe, die ich jede und jede Nacht erlegt habe; ich will aber die Sache
erzhlen, wie sie wirklich ist, und derjenige, welcher je die Ufer des
Mississippi nach mir betritt und in dem flachen Lande, das an seinen
Ufern, zwischen diesen und den weiter zurckliegenden Smpfen liegt,
jagt, wird finden, da ich nicht bertrieben habe, denn jene Massen
knnen nicht vernichtet werden.

Die ungeheueren Schilf- und Sumpfdickichte dienen der amerikanischen
Waldschnepfe und Becassine den Tag ber, zum Aufenthalt, und mit
Dunkelwerden, wie bei uns, streichen sie in die offen liegenden nassen
Wiesen und Baumwollenfelder. Nun knnte man sich zwar anstellen und sie
auf dem Strich schieen, denn _Tausende_ schwrmen aus den schtzenden
Bschen in's Freie; die Bume sind aber dazu zu hoch und eine viel
bequemere, Kraut und Blei sparende Jagd betreibt der Creole dort, zu
dessen Lieblingsgerichten die Schnepfe gehrt. Auf hnliche Art habe
auch ich _jede_ Nacht -- ber sechs Wochen hinter einander, gejagt,
wobei ich selten und nur dann, wenn das Wetter ungnstig war, nach
zweistndigem Umherwandern weniger als zwlf bis achtzehn Schnepfen
hatte.

Die Schnepfe wird aber hier, wie der Hirsch im Walde, bei Fackellicht
geschossen. Mit eben solcher Pfanne versehen, wie ich sie fr die
Feuerjagd des Rothwildes beschrieben habe, betritt der Jger Abends nach
Dunkelwerden, wenn der Wind nicht zu stark blst und der Mond nicht zu
hell scheint, die feuchten Wiesen. Ein Sack mit feingespaltenem Kienholz
hngt an seiner Seite oder wird besser von einem ihm dicht folgenden
Begleiter nachgetragen, der dann auch das Wiederauflegen des herunter
gebrannten Kiens besorgen mu, um stets eine recht helle, lebhafte
Flamme zu unterhalten, und jetzt, in der rechten Hand die leichte
Doppelflinte, in deren Rohren sich nur eine Viertelladung befindet,
um die kleine Schnepfe (sie sind bedeutend kleiner als bei uns, den
deutschen sonst aber ziemlich hnlich) nicht zu sehr zu zerschieen,
wandert der Jger leise und hchst aufmerksam, das kurze Gras der Wiesen
berschauend, an kleinen, feuchten Grben und nassen sumpfigen Stellen
entlang. Auf dreiig Schritt schon kann er, wenn er eine recht gute
Flamme fhrt, die Schnepfe erkennen, die, entweder das Feuer gar nicht
beachtend, sorglos weiter luft und den langen Schnabel in den weichen
Erdboden hineindrckt, oder mit auf den Rcken gelegtem Kopf, den
Schnabel vor sich hinausstreckend, stehen bleibt und den Herankommenden
ruhig erwartet.

Auf zehn bis zwlf Schritt habe ich gewhnlich geschossen und natrlich
nur selten gefehlt, was aber dennoch manchmal vorfllt, da das Feuer
oft auf dem hellen Lauf, den man bei einer Schrotflinte bersehen mu,
blendet, und man beim Abdrcken schon hinan zu sein glaubt, die Schnepfe
aber dennoch unterschiet. Durch den Schu oder auch durch den ihr
zu nahe auf den Leib rckenden Jger aufgescheucht, steigt sie mit
schwirrendem Laute gerade in die Hhe, fllt aber auch augenblicklich
in einem kleinen Bogen und fast stets noch im Bereich des Feuerscheins
wieder ein, und kann schnell auf's Neue gefunden werden.

So wenig scheut sie die Flamme, da viele Neger, deren Herr ihnen
nicht erlaubt, eine Flinte zu fhren, Nachts mit der Fackel und lang
abgeschnittenen Zweigen hinausgehen und sie zu Boden schlagen. In der
einen Ansiedelung, =Pointe Coupe= am Mississippi, die sich etwa zwei
englische Meilen in das Land erstreckt und zwei und zwanzig englische
Meilen am Flu hindehnt, werden doch in jedem Jahre, (d. h. in den
sechs Wochen, denn im Herbst lt sie sich nicht in den Wiesen sehen)
wenigstens 10,000 Schnepfen und Becassinen erlegt und theils nach
New-Orleans und in die kleinen Stdte auf den Markt gebracht, theils
selbst verzehrt. Bei dieser Nachtjagd, zwischen den zahlreichen
Lagunen der Niederung umher, scho ich denn auch sehr hufig dort
eingefallene Enten, ja einmal selbst eine wilde Gans, fr die ich jedoch
besonders laden mute; auch Kaninchen und Rebhhner, die man in den
Baumwollenfeldern auftreibt, halten, und ich glaube gewi, da man eben
dieselbe Jagd hier in Deutschland, wenigstens auf Enten und Hhner,
betreiben knnte; denn Schnepfen sind doch dazu zu selten; -- es kommt
natrlich nur einmal auf einen Versuch an.

Die Bewaffnung eines Brenjgers in Arkansas, der sich nicht fortwhrend
in drei und vier Meilen um sein Haus herum treibt, sondern lngere Zge
in die Waldung unternimmt und oft wochenlang keine Wohnung, auer der,
die er sich selber aus Rindenstcken aufbaut, zu sehen bekommt, ist etwa
die folgende. Eine gute einlufige Bchse und ein Brenmesser -- etwa
9 Zoll lang in der Klinge und zwei und einen halben breit, mit der
gehrigen Schwere, um nicht allein kleine Lagerstangen, sondern auch
beim Zerlegen des Wildes das Schlo ohne Mhe durchschlagen zu knnen,
dazu ein kleineres, kurzes Messer (Scalpirmesser) ausschlielich fr
das Zerwirken und Essen bestimmt und dann ein Tomahawk (indianisches
Beil) im Grtel, um im Nothfall strkere Bume umhauen, Kienholz
spalten und ein tchtiges Lager bauen zu knnen, ist Alles, was er
als Vertheidigungs- und Angriffswaffen bei sich fhrt; zu seiner
Bequemlichkeit trgt er aber noch eine wollene Decke zusammengerollt
auf dem Rcken, und einen Blechbecher an einem Henkel im Grtel, um
in diesem Abends, wenn er seine Decke aufgespannt oder ein Rindendach
erbaut hat, etwas von dem gebrannten Kaffee, den er in einem ledernen
Sckchen in die Decke gewickelt mit sich fhrt, erst mit dem Stiel
seines Tomahawks im Becher zu stoen und dann in diesem zu kochen.

Die Bekleidung besteht fast ganz aus Leder, was die Unzahl von dornigen
Schlingpflanzen, die berall den Wald durchziehen, nthig machen. Ein
ordentlicher Jger mu aber nicht allein sein eigener Schneider und
Schuster sein, sondern er gerbt auch die Hute, die er verwenden will,
selber, und nur dann kann er sich in jenen gewaltigen Wldern unabhngig
fhlen, wenn er aus sich selbst sich zu erhalten, zu nhren und zu
bekleiden vermag.

Doch ich bin weitlufiger geworden, als im Anfang meine Absicht war,
und mu schlieen, um nicht zu breit und dadurch langweilig zu werden,
glaube aber in dieser kleinen Skizze einen ungefhren Umri von der
nordamerikanischen Jagd, wie ich sie durch sechsjhrige Erfahrung und
fast vierjhrigen, ununterbrochenen, praktischen Betrieb kennen gelernt,
gegeben zu haben. Die Jagd ist jedoch in den endlosen, wilden Wldern
des noch neuen Landes kein Vergngen mehr, das man sich zur Erholung
gestattet, sondern es ist eine Arbeit, die, weil man einmal darin ist
und leben mu, vollzogen sein will, verliert daher vieles von ihrer
Annehmlichkeit.

Dabei verringert sich, durch das rcksichtslose Jagen, das Wild mit
jedem Jahre, die Mhe wird daher immer grer, der Erfolg immer weniger
belohnend; dennoch aber ist's ein eigenes herrliches Gefhl, ganz so auf
sich und seine eigene Kraft angewiesen zu sein und frei, ungehindert
wie der Vogel in der Luft, den Wald durchziehen zu knnen. Hat dann der
einsame Jger Abends sein Feuer angezndet, sein schnell errichtetes
Dach ber sich ausgespannt, so ist er auch zu Hause, denn der Wald ist
ja seine Heimath und jedes dichte Laubdach seine Schlafkammer.

Wer freilich mit der Idee nach Amerika geht, dort Geld zu verdienen, ja
der soll um Gottes willen die Flinte an den Haken hngen, denn wenn er
auch hren mag, da die Gallone Brenfett 1-1/2 Dollar gilt und ein
recht tchtiger, feister Bursche oft funfzehn, ja zwanzig Gallonen mit
sich trgt, so ist das Alles recht schn und gut -- er trgt sie eben
mit sich und der Jger kann ihn vielleicht -- wenn er rechtes Glck
hat -- nach Monate langer Jagd auffinden und erlegen, und dann ist er
gewhnlich immer in einer Gegend, wo er vor allen Dingen, wenn er das
Fett wirklich auslassen kann, dieses in erst gemachte Hirschhautschluche
fllen und dann noch, wer wei wie weit, zum Verkaufe transportiren mu;
Hirschdecken gelten im Sommer kaum acht bis zwlf gute Groschen -- das
Wildpret hat fast gar keinen Werth.

Nein, zu verdienen ist nichts auf der Jagd; wer jedoch einmal ein Paar
Jahre seines Lebens dran wenden will, nun dem bleibt in spteren Zeiten
wenigstens die Erinnerung. Es ist aber auch recht so, denn wollte man
das edle Waidwerk nur um schnden Gewinnstes willen treiben, wie im
Norden und Westen Amerika's die groen Pelzcompagnieen thun, so wrde es
zum schndlichsten Morden herabgewrdigt und verlre all das Schne und
Mnnliche, das ihm jetzt solch unendlichen Reiz verleiht. --

Doch genug hiervon; ich habe aus meinem Leben, nicht wie ich es von
Anderen erzhlen gehrt oder in Bchern gelesen, sondern wie ich es
selbst erfahren und beobachtet, das beschrieben, was in den Urwldern
Nordamerika's innerhalb der vereinigten Staaten lebt und gejagt wird,
und bin ich ein wenig weitlufiger dabei geworden, als es Manchem recht
erscheint, so mag er bedenken, da ein Jger, der von seinen erlebten
Jagden erzhlt, selten das Ende finden kann.




Curtis Brautfahrt


An dem kleinen Flchen Fourche la fave, das sich dreiig Meilen
berhalb Little Rock in den Arkansas ergiet, lebte im Jahre 1841 ein
Mann Namens Jeremias Curtis.

Er war noch, wie er selber sagte, in den besten Jahren, etwa zwischen
sechs und dreiig und vierzig, und hatte erst vor zwei Jahren seine Frau
an einem hitzigen Fieber verloren, was Wunder also, wenn es ihn mit dem
erwachenden Frhling ebenfalls trieb, die heiligen Bande der Ehe auf's
Neue zu knpfen, da noch berdies drei unerzogene Kinder von vier, sechs
und sieben Jahren ihn mahnten, da sie der Mutterpflege bedrfen.

Zur Wartung der Kleinen, wie zur Besorgung der Wirthschaft, lebte
indessen eine entfernte Verwandte, ein armes, aber braves und auch
wirklich recht hbsches Mdchen, Namens Nancy, in seinem Hause, und
schon mehrmals war ihm der Gedanke durch den Kopf gefahren, dieses zu
heirathen und dadurch jeder weiteren Sorge berhoben zu sein. Jeremias
Curtius war aber ein Mann, der nicht blos fr die Gegenwart lebte,
sondern auch hinaus in die Zukunft schaute, und da glaubte er denn
vernnftiger und zweckmiger zu handeln, wenn er sich eine Frau
whle, die ihm nicht allein sich selbst, sondern auch noch eine kleine
Aussteuer zufhre, auf da er seine irdischen Gter, wenn er auch keinen
Reichthum begehrte, doch um ein Weniges vermehren knne.

Zwar bedurfte er dessen nicht (wie er sich selbst vor seiner Hausthr
auf- und abgehend, herzhlte), er hatte, was er brauchte im berflu;
hier stand ein recht wohnliches Blockhaus, 18 bis 20 Fu, wasserdicht
gedeckt (die nordwestliche Ecke ausgenommen, wo es hineinregnen
_wollte_, er mochte auch thun was in seinen Krften stand) mit einem
guten Boden gelegt; daneben eine kleine Kche und ein Rauchhaus mit
Massen von Fleisch; dabei neun Acker urbar gemachtes und eingefenztes
Land, und dicht daneben noch ein kleines Eckchen fr Rben angefangen;
zwei ausgezeichnet gute Pferde; sieben und dreiig Stck Rindvieh, gro
und klein (und die viere eingerechnet, die ihm im vorigen Frhjahr in
die Arkansas Rohrbrche gegangen und noch nicht wieder gekommen waren);
einige vierzig Schweine (oder nur neun und dreiig, wenn das _seine_
Sau gewesen, die der Br in letzter Nacht gefressen); eine vorzgliche
Stahlmhle; vier Hemden, fnf paar Socken und drei paar Beinkleider
(zwei fr den Sonntag und noch ganz neu); einen Frack von Kenntucky
Jeannet[5], die beste Bchse im ganzen Revier, fnf Hunde, und -- die
Hauptsache, einen kleinen Negerjungen von circa neun Jahren, wie hundert
und fnfzig Dollar in baarem, harten Gelde -- _harten Gelde_!

  5: Ein grobes wollenes, meist selbstgewebtes Zeug.

Curtius wiederholte besonders die letzten Worte verschiedene Male
_hartem Gelde_ -- keines von Euerem lumpigen Arkansas-Papier-Geld
-- Arkansas-Real-Estate -- 72 pro Cent Discount -- Puh!

Aber Mr. Curtis, was haben Sie denn nur heute vor? Sie wollen wohl bei
der nchsten Wahl eine Rede halten? frug Nancy, die schon seit mehreren
Minuten in der Thr gestanden und ihm leise kichernd zugeschaut hatte,
wie er mit gewaltigen Schritten am Ufer des kleinen, vor seinem Hause
vorbeiflieenden Baches auf und abging, und lebhaft dazu mit den Hnden
gestikulirte.

Hat der Braune gefressen? frug aber Mr. Curtis dagegen, indem er
stehen blieb und sich nach seiner Haushlterin umsah, ohne die lchelnde
Bemerkung weiter einer Antwort zu wrdigen.

Vierzehn Kolben Mais habe ich ihm gegeben, erwiederte Nancy, und Bob
ist bei ihm stehn geblieben, die Hhner vom Troge zu scheuchen; ich kann
brigens noch einmal hingehn und zusehn, ob er fertig ist und mehr
verlangt.

Dabei sprang sie leicht ber die dem Hause als Stufen dienenden Kltze
hinweg, und hpfte mit frhlichen Schritten dem Futterkasten zu, wo das
Pferd, ein schnes, braunes Thier, die schon abgenagten Kolben, die
sogenannten _Kobs_, zerkaute, und ungeduldig mit dem Vorderfue den
Boden scharrte.

Nun Bill, bist du noch hungrig? frug das Mdchen, ihm dabei freundlich
den Hals klopfend, whrend Bill, dem die schmeichelnde Hand der
Pflegerin zu behagen schien, nur strker scharrte und mit dem schnen
Kopfe auf- und niederfuhr -- nun warte -- ich hole dir noch ein paar
Kolben und damit wandte sie sich dem Hause wieder zu, wobei der
Braune, ihre Absicht wahrscheinlich ahnend und als Zeichen freudiger
Beistimmung, hellauf wieherte.

Curtis hatte der schlanken, behenden Gestalt des hbschen Kindes mit
wohlgeflligem Blicke nachgeschaut, aber ein ernstes, bedeutsames
Kopfschtteln verrieth doch, da er seine ganz absonderliche Bedenken
dabei haben mute, und auf's Neue trat er seinen, kaum unterbrochenen
Spaziergang an, wiederum vor sich hinmurmelnd einen kleinen,
neunjhrigen Neger und hundert fnfzig harte Dollars -- harte, silberne
Dollars.

Gieb ihm nichts mehr zu fressen, Nancy, rief er da pltzlich, als er
zum Hause aufblickte und Nancy mit dem nachtrglichen und dem Braunen
extra versprochenen Mais aus der Thre treten sah -- ich will fortreiten
-- hol' mir einmal die Decke aus dem Rauchhaus -- und reich' mir den
Zgel heraus -- er liegt unter meinem Bett.

Nancy that wie ihr befohlen, und bald darauf hatte Jeremias Curtis
seinem keineswegs ganz damit einverstandenen Pferde den Zgel an und den
Sattel aufgelegt, schnallte sich dann einen uerst blank gescheuerten
Sporn an den linken Fu, fuhr einige Male mit dem Ellenbogen ber den
etwas abgetragenen Biber, und schien bei dieser Beschftigung wieder in
tiefes, tiefes Nachdenken zu versinken. Pltzlich aber mute ein groer
Entschlu in seiner Seele gereift sein, denn mit gewaltiger Energie
drckte er sich den Hut -- fast etwas zu tief -- in die Stirn, schwang
sich in den Sattel, trabte bis vor die Hausthr, und blieb hier halten,
wo er Nancy, die ihn verwundert betrachtete, genau fixirte.

Nancy, sagte er endlich -- ich will ausreiten.

Und in Ihren Geh-zur-Kirche-Kleidern?

Ja Nancy, und -- wenn ich vielleicht -- es knnte sein, da ich -- ich
setze den Fall ich kme -- nun Nancy, brach er kurz ab, rume das
Haus hbsch auf und kehre Alles fein sauber ab; -- wir -- wir bekommen
vielleicht -- Besuch! und dem Thiere den linken Hacken einbohrend,
setzte er ber den Bach, und trabte schnell die am Flu hinauffhrende
Strae, am Fu der mit Kiefern bedeckten Hgel, fort.

Nancy schaute ihm, bis er hinter den Bumen verschwunden war, lchelnd
und kopfschttelnd nach, dann aber drehte sie sich lachend auf dem
Absatz herum, und schmunzelte, in das Haus zurcktretend:

Nun wenn _der_ nicht Freiersgedanken im Kopfe hat, dann will ich nicht
Nancy heien. Viel Glck, Mr. Curtis, viel Glck! Neugierig bin ich aber
doch, wo er hinreitet; dort oben wohnen zwar viele Mdchen, am Flu
hinauf -- sollte er wohl nach Trumbells? die haben zwei Tchter -- ih
-- lachte sie kurz abbrechend und ihre Arbeit am Baumwollen-Spinnrad
wieder beginnend -- ich werd's schon erfahren; morgen fhrt er ja
wahrscheinlich seine Auserwhlte heim.

Jeremias Curtis ritt indessen mit leichtem, frhlichem Herzen die Strae
entlang, und stimmte endlich, in einem Ausbruch seiner nicht mehr zu
bndigenden und zurckzuhaltenden Gefhle, eine weit hinausschallende
Hymne an, so da mehrere Hirsche, die friedlich an der Strae get,
entsetzt und mit mchtigen Sprngen in's Dickicht flohen. Wenig aber
kmmerte dies den Freiersmann; er war Einer von den Menschen, die sich
Monate, Jahre lang mit einem Plan oder Entschlu herumqulen knnen,
ohne ihn zur Reife oder Ausfhrung zu bringen, die aber, nur erst einmal
mit sich selbst im Klaren, ruhig in die Zukunft hinaussehen und den
lieben Gott fr das weitere sorgen lassen.

Im besten Mannesalter, sah er -- Nancy hatte ihm das selbst mehr als
einmal versichert -- gar nicht so bel aus; besonders wenn er Sonntags
seine reinen Sachen angezogen. Nun wollte ihm zwar seine bergroe
Bescheidenheit den Einwurf machen, da ihn Nancy mit ein wenig zu
partheiischen Augen betrachte, dann aber blickte er links am Pferd
hinunter auf seine stattlichen, wohlproportionirten Gliedmassen, dann
wieder rechts, nickte dazu lchelnd mit dem Kopf, murmelte einen
kleinen Neger und hundert und fnfzig Dollars in baarem, harten harten
Geld, und begann mit lauterer, strkerer, ja recht herzfreudiger Stimme
den geistlichen Gesang auf's Neue.

Mehrere Stunden mochte er also in der reinen, klaren Frhlingsluft
fortgetrabt sein, als ihm aus der Ferne das helle Dach eines Blockhauses
entgegenschimmerte, und er sich dem Ziele seiner Wanderung nherte;
anstatt aber dem Pferde den Sporn einzudrcken, und im frhlich khnen
Galopp vor die Thr der Auserwhlten zu sprengen, ritt er langsam
seitwrts vom Wege ab in das Gebsch hinein; stieg ab und begann jetzt
mit auerordentlicher Sorgfalt seine Toilette in Ordnung zu bringen.

Ein kleiner Spiegel wurde mit seinem spitzen Messer -- das er in einer
ledernen Scheide im Grtel trug -- an einem Baum befestigt, dann
frderte er einen Kamm und eine kleine Brste ebenfalls aus der Tiefe
der fast unergrndlichen Rocktasche zu Tage und striegelte und bgelte
nun das widerspenstige Haupthaar sorg- und aufmerksam.

Mr. Trumbell, auf dessen Land und unfern von dessen Haus er sich jetzt
befand, hatte zwei allerliebste Tchter, zwar noch ein wenig jung fr
einen Mann in seinem Alter, denn die lteste zhlte erst achtzehn Jahr;
leicht berredete er sich aber, da sein noch so rstiges, jugendliches
Aussehen, und sein kleiner neunjhriger Neger, wie die hundert und
fnfzig Dollars sehr zu seinen Gunsten sprechen wrden, ja sprechen
muten, und mit wirklichem Wohlgefallen nahm er jetzt den Spiegel in die
Hand und hielt ihn bald dicht vor die Augen, bald in etwa Armeslnge
von sich entfernt, um ungefhr den Eindruck zu berechnen, den, wie er
hoffte, sein erstes Erscheinen auf die Mdchen hervorbringen sollte.

Aber gar nicht mit seinen Plnen harmonirend, stahlen sich hie und da
einzelne graue Haare sowohl aus dem Backenbart als auch aus den Schlfen
hervor, und emsig war er eben bemht, die unwillkommenen Boten eines
ehrwrdigeren Zeitalters mit sicherer Hand und spitzen Fingern zu
erfassen und herauszureien, als pltzlich das helle Gelchter zweier
silberreinen Mdchenstimmen an sein Ohr schlug, und er, entsetzt sich
wendend, in die vor ausgelassener Freude funkelnden Augen eben dieser
beiden Schnen blickte von denen er sich Eine zum ehelichen Gemahl
ausersehen.

Htte das ruhig neben ihm grasende Pferd ihn mit einem freundlichen
guten Morgen Mr. Curtis angeredet, oder der Spiegel, der jetzt seiner
zitternden Hand entfiel, ihm ein scheuliches Fratzengesicht gezeigt,
als er hineinschaute und seine eigenen, wohlgebildeten Zge darin
zu finden erwartete, oder die alte Eiche, unter der er stand, die
Riesenarme ber den Kopf zusammengeschlagen und sich die Wurzeln selber
wie einen Zahn ausgezogen, er wrde nicht so starr vor Schrecken, so
vllig wie eine ungesalzene Madame Lot dagestanden haben. Nicht einmal
die unbedeutendste Begrungsformel wollte ber die Lippen, und mit weit
aufgerissenen Augen und noch weiter geffneten Lippen blieb er in der
einmal eingenommenen Stellung, und blickte bald auf diese, bald auf jene
Schwester.

Aber Mr. Curtis, begann jetzt die lteste der Beiden, die sich zuerst
wieder genug gesammelt hatte, um reden zu knnen, lt Ihnen denn Nancy
zu Hause gar keine Ruhe, da Sie soweit in den Wald hinein mssen, um
Ihre Toilette zu machen?

Mr. Curtis will unter die Indianer gehen, fiel die Schwester, immer
noch mit vom Lachen unterbrochener Stimme ein -- er bte sich schon im
Bartausraufen, und ich bin fest berzeugt, da er in derselben Tasche,
aus der er schon so viele andere Sachen hervorgeholt hat, auch noch die
Kriegsfarben trgt.

Das ist mglich, kicherte Lucy -- dort im Baum steckt sein
Scalpirmesser.

Aber bester Mr. Curtis, sagte Betsy mit scheinbarer Besorgni,
dann mssen Sie ja auch _tanzen_, und da Sie doch jetzt erst zu den
Methodisten --

Mi Lucy -- Mi Betsy, stammelte in hchster Verlegenheit der arme
Curtis -- ich -- ich habe einen kleinen Neger und hundert fnfzig
Dollar --

Ah Sie werden ein Huptling! jubelte Betsy, ich sehe Sie schon
im Geist mit der Scalplocke und dem blutigen Tomahawk im Grtel
-- buntbemalt, wehende Adlerfedern auf dem Haupte, die ausgefranzten
Leggins von dem flatternden Haarschmuck der erlegten Feinde umweht
-- Brrrrr fuhr sie schaudernd fort, was Sie schon fr wilde Blicke
nach uns schieen; und wiederum fingen die Mdchen an zu lachen, da
der Wald tnend das helle Echo zurckgab.

Der arme Curtis aber, die Zielscheibe dieses unerbittlichen Spottes,
stand keineswegs mit wildem Blick, sondern mit hchst klglicher,
erbarmenswerther Miene da, und berlegte eben, mit welcher Wonne er
in einen zwei hundert und fnfzig Fu tiefen Brunnen oder in eine
unergrndliche Felsspalte hineinfahren knne, um nur hier, von dieser
fr ihn zum Marterpfahl gewordenen Stelle fortzukommen, denn aller Muth,
auch nur eine Sylbe ber die Absicht seines Besuches laut werden zu
lassen, war ihm jetzt entfallen. Endlich aber fate er sich ein Herz,
hob mit einer schnellen und geschickten Bewegung den ihm vorhin
entfallenen Spiegel wieder auf, lie ihn in die Tasche gleiten, und frug
jetzt, mit halb trotzigem, halb klglichem Gesicht die Schwestern, was
sie um des Himmels willen im Walde, hier an dieser einsamen Stelle
allein zu thun htten.

Wenn wir nun grausam wren, sagte Lucy, knnten wir Ihnen das zu
rathen aufgeben, so aber wollen wir Mitleiden mit Ihnen haben, und Sie
in unser Geheimni einweihen. Sehen Sie den Waschkessel da unten? sehen
Sie das freundliche Gesicht Jessina's?

Und Curtis sah das freundliche Gesicht Jessina's, denn nicht zwanzig
Schritt von da entfernt, grinste ihm, zwischen ein paar blhenden
Dogwoodbschen hindurch, das breite, schwarze Antlitz eines kleinen,
vierschrtigen Negermdchens entgegen, das seine Arbeit verlassen hatte
und kichernd zwei Reihen der reinsten, weiesten Perlzhne zeigte, die
je unter einer Negerin Lippe hervorschimmerten.

How de do, Massa? nickte ihm die Kleine freundlich zu, und der fromme
Curtis hatte schon einen hchst gotteslsterlichen Fluch auf den Lippen,
doch unterdrckte er ihn noch zur rechten Zeit, starrte einen Augenblick
vor sich nieder, und war im Begriff, sein Pferd zu besteigen und den Ort
zu fliehen, wo er unter fr ihn so milichen Umstnden empfangen worden.
Da aber siegte der Verstand des ruhigen besonnenen Mannes.

Nein -- Mr. Trumbell war sehr wohlhabend, und nicht allein hier, sondern
auch im Oiltrovebottom, am Whiteriver, hatte er nicht unbetrchtliche
Strecken Land, das am Fourche la fave jedoch, seiner gesnderen Lage
wegen, zum Aufenthaltsort gewhlt. Dabei viel Vieh -- sehr viel Vieh und
-- was das bedeutendste war, eine ganze Colonie von Negern und besonders
von sehr hbschen Negermdchen. Jeremias dachte an seinen eigenen jungen
Sprling aethiopischer Race -- romantische Gebilde von fabelhaft groen
Baumwollenplantagen mit unzhligen Negersclaven jagten an seiner inneren
Seele vorber -- jedes der beiden vor ihm stehenden Mdchen war wenigstens
zweitausend Dollar werth -- er drckte sich den Hut etwas fester auf
den Kopf. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen. Die Mdchen schienen ihr
Betragen zu bereuen -- sie flsterten leise und ernst zusammen -- sie
wuten, da sie ihm durch ihren Spott weh gethan haben muten -- Reue
kam vielleicht dem, was er ihnen sonst noch bieten konnte, zu Hlfe; auf
keinen Fall drfte die kostbare Zeit versumt werden, und Lucy sollte
erfahren, da es in ihrer Macht stehe, ihn zum Glcklichsten der
Sterblichen zu machen.

Er setzte den rechten Fu vor und hob den linken Arm auf -- der
Augenblick der Entscheidung war da.

Lucy wandte sich gegen ihn und sagte bittend:

Nicht wahr, Sie sind nicht bse, wenn --

Mein Frulein, unterbrach sie mit freudiger Stimme der neue Hoffnung
schpfende Freier, -- wie knnen Sie nur glauben, da ich -- ich
habe --

Wenn ich eine Frage an Sie richte -- fuhr Lucy, ohne die Unterbrechung
zu beachten, fort -- Betsy und ich haben miteinander gestritten
-- Betsy meint, Sie htten sich die einzelnen Haare aus Verzweiflung
ausgerissen, ich behaupte aber, Sie wollten ihrer Geliebten eine Locke
mitbringen. Nicht wahr, ich habe Recht?

Das war zu viel fr den armen Curtis! er verschluckte die schon halb
begonnene Anrede, steckte das Messer in den Grtel, fate sein Pferd
am Zgel, hielt aber noch einmal und warf einen letzten, fragenden
Blick auf die Schnen. Diese aber waren indessen in ein lautes Kichern
ausgebrochen, das in dem blhenden Dogwoodbusch ein schallendes Echo
fand, und ein paar blaue Heher, die gerade ber der kleinen Versammlung
auf dem jungen Aste eines jungen Sassafras saen, stimmten mit ihren
schmetternden, plappernden Stimmen ein in den Lrm. Curtis sa mit einem
Sprung im Sattel.

Good bye Ladies! rief er mit lauter, trotziger Stimme, und als ob er
hinter einem alten Bren her auf flchtiger Hetze den Wald durchrase,
so flog er, ber mehrere gestrzte Stmme hinweg, der mit so frohen
Hoffnungen verlassenen Countystrae wieder zu.

Vergebens riefen ihm jetzt die Mdchen nach, zum Hause zu reiten und
bei ihren Eltern zu bernachten, vergebens versprach Lucy ihn nicht zu
necken und keine Sylbe des Vorgefallenen zu erwhnen, er hrte nichts
von ihren vershnenden Worten, und nur das spttische (ihm _teuflisch_
vorgekommene) Lachen tnte und klingelte ihm noch in den Ohren, als er
schon mehrere Meilen in scharfem Trabe zurckgelegt, und nun endlich
anfing, die Sache ruhig zu berdenken.


Verdammt! rief er, und zgelte den Eifer des schumenden Thieres
ein wenig, indem er sich zugleich erschrocken umsah, ob Niemand den
gotteslsterlichen Fluch gehrt habe, kann ein einzelner Mensch
greres Unglck auf der weiten Gotteswelt haben, als ich an diesem
gesegneten Morgen genossen? Aber gut -- gut -- spottet nur, lacht nur,
meine Mi Lucy und meine Mi Betsy, verhhnt nur den aufrichtigen
Freier, der sich Euch mit treuem Herzen naht, Ihr werdet's schon noch
einmal bereuen und dann will ich triumphiren; dann ist mein kleiner
Neger gro geworden, mein baares Geld, meine hundert und fnfzig harten
Dollars haben sich vermehrt, und die Zeit mchte kommen, wo Ihr Euch
lieber Mistres Curtis als Mi Lucy oder Mi Betsy nennen hrtet.


Er hatte sich bei den letzten Worten im Sattel umgedreht, und hob
drohend den rechten Zeigefinger nach der Richtung hin auf, aus der er
eben gekommen war. Seine Selbstliebe trug aber endlich den Sieg ber
die gekrnkte Eitelkeit davon, ein mitleidiges, fast hhnisches Lcheln
umspielte fr einen Augenblick seine Mundwinkel, und sich dann fester im
Sattel setzend, preten seine Schenkel auf's Neue die Flanken des edlen
Thieres, das mit ihm in langen Stzen ber die felsige Strae dahinflog.

Das nchste Haus, das jetzt in seinen Augen einigen Werth hatte -- denn
diejenigen Farmen, auf denen keine jungen Mdchen lebten, existirten
gegenwrtig gar nicht fr ihn -- gehrte einem Leidensgefhrten, einem
Wittwer, Namens Ewis; der Magnet aber, der ihn dorthin zog, war des
alten Ewis einziges Tchterlein, ein liebes, holdes Mdchen, schlicht
und einfach, doch brav und huslich erzogen, und eine amerikanische
Jungfrau im reinsten und vollsten Sinne des Wortes. Darum war brigens
Curtis nicht gleich von allem Anfang hierhergeritten, weil -- die Neger
fehlten. Ewis konnte mit zu den wohlhabenderen Farmern gerechnet werden,
seine Heerden weideten in allen Theilen der weitverbreiteten Rohrbrche,
sein Land trug herrliche, reichliche Frucht, und es gab in einem nicht
geringen Umkreis keinen gutmthigeren und zugleich rechtlicheren alten
Mann, als eben ihn; aber die Neger fehlten, und Curtis hatte dehalb
Lucy und Bet -- aber nein, er wollte gar nicht mehr an die Mdchen
denken -- sie verdienten es nicht.

Jetzt hatte er die uersten Fenzen erreicht; im Osten wurden schon an
dem erdunkelnden Nachthimmel einzelne, blitzende Sterne sichtbar, und
nur im Westen verrieth ein schmaler bleicher Streif die geschiedene,
schlummernde Sonne; aber dort wirkte und schaffte noch reges Leben;
die Hunde bellten, die Khe blkten, eine feine Kindesstimme rief
das lockende Huph -- huph in den Wald hinaus, und dazwischendurch
schallten die eintnigen Schlge der Axt, die noch Feuerholz fr die
khle Nacht herbeischaffen mute.

Gleich darauf betrat er den inneren, von den verschiedenen Feldern und
Gebuden eingeschlossenen Raum, der gewissermaen als Hof gelten konnte,
und fand sich bald darauf, von fnf bellenden heulenden Rden umgeben,
vor einem einstckigen, aber ziemlich hochgiebligen Blockhaus, aus
dessen Innerem ihm schon ein freundlich gemthlicher Lichtglanz, Wrme
und Geselligkeit versprechend, entgegenleuchtete.

Hallo Curtis! rief der alte Ewis, als er den, wenn auch etwas
fernwohnenden Nachbar erkannte, whrend er im Holzhacken einhielt und
dem Ankommenden entgegentrat, -- das macht Ihr gescheidt, da Ihr Euch
endlich einmal sehen lasset; habt mir's lange genug versprochen. Komm
Bill -- nimm das Pferd und fhr' es in den Stall; jag' nur die anderen
hinaus, die haben jetzt gefressen, und wir brauchen sie morgen doch
nicht; tretet ein; lat nur den Sattel sein, Bill wird schon auf Alles
Acht geben.

Curtis athmete hoch auf -- in der Thr der Htte stand Anna, das holde
liebe Kind, und lchelte ihm so freundlich entgegen, da er vor lauter
seligen Gedanken des Vaters Hand gar nicht wieder loslie. Er stieg aber
vom Pferd, schttelte die dargebotene Rechte des Alten recht derb und
herzlich, und trat mit klopfendem Herzen in's Haus, wo er der Jungfrau
nach alter wackerer Sitte die Hand zum Gru bot.

Nun, Curtis, wie gehts? fragte Ewis, als sie sich zusammen zum Feuer
gesetzt hatten und der Freiersmann emsig beschftigt war, mit seinem
Genickfnger einen Span zu zerschneiden, -- wie steht Euer Mais? schon
gepflanzt? habt wohl fruchtbares Wetter abwarten wollen? ja s'ist
merkwrdig trocken dieses Jahr.

Nicht so ganz -- wenigstens nicht bei mir, erwiederte Curtis, dem es
war, als ob ihm das Herz die Brust zersprengen msse, denn Anna stand
dicht neben ihm und holte die blankgescheuerte Kaffeekanne zum am Feuer
brodelnden Abendessen vom Gesims herunter -- mein Feld liegt, wie Ihr
wit, ein wenig tief, im Thalland d'rin -- neun Acker urbar gemachtes
Land und daneben noch ein kleines Stckchen fr Rben -- eine schne
Fenz, drum --

Ja, ja, s'ist gutes Land, kann's aber doch mit meinem hier nicht
aufnehmen.

Mr. Ewis, entgegnete Curtis etwas pikirt (denn das heit einem
Ansiedler der westlichen Staaten an's Herz gegriffen, wenn man
behauptet: entweder besseres Land, ein schnelleres Pferd, eine sichere
Bchse oder tchtigere Hunde zu haben), Mr. Ewis, mein Land wurde durch
die Feldmesser ausgesucht, und fr das fruchtbarste im ganzen County
erklrt; berdies habe ich noch ein recht gutes Wohngebude, ein
Rauchhaus, eine kleine Kche --

Haben Euch denn die Eichhrnchen und Truthhner dies Frhjahr viel Saat
weggefressen? ich mute an den Fenzen herum schon wenigstens zwei Mal
nachpflanzen.

Das war bei mir nicht so bedeutend, entgegnete Curtis, auf's Neue die
Gelegenheit ergreifend, all sein bewegliches und unbewegliches Eigenthum
im besten Lichte erscheinen zu lassen; Ihr wit, ich habe einen kleinen
Neger, und der mu gehrig aufpassen; es ist sehr angenehm, einen
kleinen Neger -- er sah sich schnell um, denn er konnte fast darauf
schwren, es htte Jemand hinter ihm gekichert, Anna stand aber ganz
ernsthaft am Tisch, und war emsig beschftigt, die Messer und Gabeln zu
ordnen, und weiter sah er Niemand im Zimmer -- kleinen Neger zu haben,
fuhr er nach kurzer Pause in der unterbrochenen Rede wieder fort; dabei
die hundert und funfzig --

Wie ist's denn mit dem Brunnen geworden, den Ihr wolltet graben lassen?
oder trinkt Ihr noch immer aus dem Bach? wenn ich Nancy wre, lie ich
mir das gar nicht gefallen; im Sommer ist's ein schauderhaftes Getrnk.

Oh bewahre -- ich nahm Mowers Jim auf vierzehn Tage in Arbeit, und da
ich doch hundert und sechszig Dollars in baarem, hartem Gelde liegen
hatte, so wendete ich gleich zehn daran, diese wirklich nothwendige
Arbeit gethan zu bekommen.

Hm, sagte Mr. Ewis, und schaute den redseligen Curtis, whrend er mit
dem Daumen und Zeigefinger der linken Hand die Unterlippe beobachtend
zusammenkniff, forschend an. Zum ersten mal schien die Ahnung der
Absicht seines Besuchs in ihm aufzudmmern. Zu jetziger Zeit war Alles
eifrig in den Feldern beschftigt, und Curtis hatte mitten in der Woche
seine Sonntagskleider angezogen und sich zu ihm verfgt, blos um bei ihm
zu bernachten. --

Hm -- sagte er dann noch einmal, und sah forschend bald seine Tochter,
bald Curtis an, der, als er dies bemerkte, feuerroth wurde und mit
eisernem Fleie an seinem Spahn fortschnitzte.

Einige Minuten lang berlegte sich der Alte die Sache, und schien das
=pro= und =contra= bedeutend in Betracht zu ziehen; endlich mute aber
doch wohl das =pro= den Sieg davon getragen haben, denn er stand auf,
und verlie, unter dem Vorwand, nach den Pferden zu sehen, das Haus.
Curtis war auch wirklich gar keine so ble Parthie! er hatte was er
brauchte, ja von diesem wohl mehr als sieben Zehntel der brigen
Ansiedler, und die kleine, am Fourche la fave freilich ziemlich bekannte
Eigenheit, da er immer von seinem kleinen Neger erzhlte, durfte, wie
der Alte meinte, bei einem Mdchen auch weiter keinen Unterschied machen,
wenn der Mann nur sonst brav und gut wre.

Curtis, der nicht einmal diese Eigenschaft _gegen_ sich, wohl aber alle
die andern _fr_ sich kannte, merkte gar bald, wenn er auch sonst gerade
keine bermigen Verstandeskrfte besa, da er den Alten auf seiner
Seite habe, und beschlo nun mit der Tochter die Sache ebenfalls schnell
in's Reine zu bringen. Wie er aber allein mit ihr war, verlie ihn auf
ein Mal aller Muth; es war ihm, als ob ihm Jemand mit zwei Fingern die
Nase, und mit der ganzen Hand die Kehle zuhielte, und er nun mit jedem
Augenblick ersticken msse. Anna brach auch endlich zuerst das ihm
wenigstens peinlich werdende Schweigen und frug ganz unbefangen:

Wie befindet sich Nancy, Mr. Curtis? warum kommt sie nicht einmal
herauf zu uns; sie hat es mir doch schon so oft versprochen.

Curtis rckte eine Weile auf dem Stuhl umher, fate sich aber endlich
ein Herz und frug das junge Mdchen mit einem seiner zrtlichsten
Blicke:

Wie wr's, Mi Ewis, wenn Sie dafr einmal Nancy besuchten, vielleicht
gefiel Ihnen der Ort?

Nancy mu erst zu mir kommen, sagte Anna, sie hat es versprochen.

Eine lange Pause entstand jetzt, bis endlich der zaghafte Werber auf's
Neue das Wort nahm und die Unterredung mit einem leisen:

Es ist heute schnes Wetter wieder anzuknpfen suchte.

Ja! sagte Anna.

Curtis sah sich im ganzen Hause um, und seine Augen flogen bald ber die
an der Wand hngenden Kleider, bald ber die im Schornstein angebrachten
Speckseiten, und haftete endlich wieder auf Anna's schlanker Gestalt,
die an das Feuer getreten war, um nach dem beigestellten Maisbrod zu
sehen.

Mi Anna! sagte Curtis.

Mr. Curtis? frug Anna, sich nach ihm umdrehend.

Ich mu Ihnen nur gestehen, stotterte der Freier, da ich einzig und
allein darum hierher gekommen bin, um -- um Sie -- um mich bei Ihnen
-- bei Ihnen zu erkundigen, -- ob Sie --

Ob ich? -- fragte das Mdchen, den neugierig lchelnden Blick fest auf
ihn gerichtet.

Er war so schn im Zuge gewesen, wie er ihr aber wieder in das dunkle
Auge sah, das ihn so schelmisch, und doch auch so -- er wute selbst
nicht wie, so -- so trotzig anblickte, da verlie ihn auf's Neue sein
Selbstvertrauen, und er stammelte, nach einigen vergeblichen Versuchen,
die Fassung wieder zu gewinnen, auf das Fleisch deutend --

Haben Sie das selber geruchert?

Wohl zwei Minuten mute er aber auf die Antwort warten, denn so lange
dauerte es, ehe sich Anna erholen konnte, die bei den letzten Worten
in ein fast nicht zu beschwichtigendes Lachen ausgebrochen war.

Und dehalb also sind Sie die zwlf Meilen geritten? frug sie endlich
mit noch thrnenden Augen, blos um sich zu erkundigen, ob ich das
Fleisch geruchert htte? o bester Mr. Curtis, das htten Sie bequemer
haben knnen, Nancy war dabei, wir haben es zusammen eingesalzen.

Curtis wurde leichenbla -- er wute, sein bses Geschick arbeitete
jetzt an seinem Verderben; dieselbe Sehnsucht nach irgend einer noch
unentdeckten Felsspalte oder nach einem bodenlosen Abgrund erfate
ihn --

Ich habe einen kleinen Neger --

Und hundert und fnfzig Dollar in baarem, hartem Gelde, kicherte Anna.
Nancy hat mir das mehr als zwanzig Mal erzhlt.

Kinder, was habt Ihr denn? sagte der alte Ewis, der durch das
Gelchter angelockt, in die Thre trat. Ihr seid ja ungemein lustig
-- ich glaubte --

O Vater, denke Dir nur -- lchelte Anna -- aber ein flehender Blick
des Unglcklichen traf sie, und dem konnte sie nicht widerstehen. Sie
hatte Curtis Absicht bei seinem ersten Eintritt gemerkt, denn wenn ein
lediger Mann an einem Wochentage, noch dazu in so nthiger Arbeitszeit,
und in seinen besten Kleidern, mit dem besten Sattel auf dem Pferd, auf
einer Farm bernachtet, wo junge, heirathsfhige Mdchen sind, da wird
und kann fast stets ein Heirathsantrag vorausgesetzt werden. Curtis
war aber berdies noch in der ganzen Ansiedlung schon gewissermaen
_prophezeit_ worden, da er einige dunkle Worte hatte fallen lassen,
was wie ein Lauffeuer von Farm zu Farm geflogen. Bei Steppdecken- und
Kltzerollfesten hatten die jungen Mdchen auch schon zusammengekichert
und gelacht, welche von ihnen die Glckliche sein werde, der der kleine
Neger und die hundert fnfzig Dollar zuerst angeboten wrden. Auf diese
Art war gewissermaen ein Complott gegen den armen Mann entstanden, und
er glich jetzt einem Menschen, der wohlvermummt und verlarvt auf einem
Maskenball umherwandert, fest berzeugt ist, da ihn Niemand erkennen
kann, und hinten auf dem Rcken, durch irgend eine boshafte Hand
angeheftet, seine eigene Visitenkarte trgt.

Anna frchtete aber fast, den Scherz zu weit getrieben zu haben, lenkte
also ein, speiste den Vater mit einer ausweichenden Antwort ab, und war
dann sehr beschftigt, das Abendessen herzurichten und aufzutragen,
wich aber sorgfltig jeder Erklrung von Curtis Seite aus, ja ging sogar
ebenfalls hinaus, als sie merkte, da sie der Vater nach Tische auf's
Neue mit dem jungen Manne allein lassen wollte, und berzeugte die
beiden Herren der Schpfung gar bald, da sie auf die Plne, die sie
zu brten beliebten, nicht einzugehen gesonnen sei.

Curtis verzehrte sein Abendbrot sehr traurig -- es war ihm, als ob ihm
die Bissen im Munde stecken blieben, er verbrannte sich zweimal den Mund
und nahm einen Lffel voll Senf statt braunem Zucker in den Kaffee; die
Mahlzeit wurde auch sehr abgekrzt -- der alte Ewis fhrte allein das
Wort, erzhlte ein paar lange Geschichten von einer Kuh, die ein Panther
gefressen haben sollte und die nachher wieder pltzlich zum Vorschein
gekommen war, und endlich konnte sich Curtis zurckziehn und sein
stilles, einsames Lager suchen.

Sinnend vertrumte er einen Theil der Nacht, aber auch frischen, neuen
Lebensmuth sog er aus diesen Trumen. Weshalb sollte er sich bei dem
zweiten, eigentlich nur _ersten_ Versuche abschrecken lassen, denn bei
Trumbells war er ja nicht einmal an's Haus geritten. Nein -- noch gab
es mehr und recht hbsche Mdchen in der Ansiedlung, und solche auch
wahrscheinlich, die seinen eigenen Werth, wie den seines kleinen Negers
und seiner hundert und fnfzig Dollar zu schtzen wuten, ohne des
anderen Eigenthumes zu gedenken.

Fest entschlossen also, den Muth nicht sinken zu lassen, hllte er sich
dicht in die weiche Steppdecke ein und Gott Morpheus nahm ihn sanft in
seine Arme.

Am nchsten Morgen war er schon vor Tagesanbruch auf und besorgte sein
Pferd; dringende Geschfte riefen ihn, wie er dem alten Ewis sagte, noch
weiter am Fourche la fave hinauf, und Mi Anna nur einen guten Morgen
durch die Thre zurufend; als er, schon im Sattel, am Hause vorbeiritt,
drckte er dem alten Manne herzlich die Hand und sprengte auf der
Countystrae weiter.

Nein Curtis, sprach er aber dabei mit sich selber, wegwerfen thust
Du Dich auch nicht; bitten und betteln ist Deiner unwerth, Du bist ein
ordentlicher Kerl und hast -- er griff pltzlich dem Pferd in den
Zgel und hielt in seinem Selbstgesprch und im Reiten an. Ein Gedanke
durchzuckte ihn -- ich glaube, Mi Anna hat sich ber meinen kleinen
Neger lustig gemacht -- sie lachte auf eine hchst unanstndige Art,
als ich ihn erwhnte -- nun gut, fuhr er, dem Braunen den linken
Sporn wieder eindrckend, fort, indem dieser einen, der Anreizung
entsprechenden Seitensatz that, und dann pfeilschnell mit ihm unter den
thautrufelnden, duftigen Zweigen davonflog, nun gut -- wir werden ja
sehn. Doch Mi Anna -- die _Einzige_ sind Sie _nicht_ in der Ansiedlung
-- Sie wahrhaftig nicht.

Aber armer Curtis! -- wieder und immer wieder solltest Du Deine
Hoffnung, Dein felsenfestes Vertrauen getuscht und betrogen sehen;
wieder und immer wieder fandest Du Dich verschmht, zurckgewiesen und
ach, an vielen Orten gar verspottet.

Am rechten Ufer des Fourche la fave, kam ihm ein Ansiedler, den er noch
gar nicht kannte, sogleich mit der Frage entgegen: Ach, Sie sind der,
der den kleinen Neger und die hundert und fnfzig Dollar hat, nicht
wahr? An anderen Orten liefen die Mdchen hinaus, wenn er kam, lieen
sich von dem Ersten Besten ihr Pferd satteln, und galoppirten zur
nchsten Ansiedlung, dahin schon die Kunde von dem wandernden Freier
tragend, und Curtis hielt endlich, am dritten Tag spt Abends an
der Farm eines Freundes, der, ziemlich abgelegen von den brigen
Ansiedlungen, auch wenig, selbst mit seinen nchsten Nachbarn
zusammenkam und verkehrte.

Peterson hatte zwei hbsche Tchter, recht liebe und brave Mdchen,
neben diesen aber noch die Tochter eines Bruders, der in Texas
gestorben. Fanny, so hie die Jungfrau, stammte aus Georgien, wo ihr
Vater damals eine kleine Banmwollenplantage besa, und war ein sehr
schnes, dunkelugiges und heibltiges Kind, aber auch toll, wild und
ausgelassen, und ihr Onkel hatte sich schon frher einmal bei Curtis
darber beklagt, da sie es sich in den Kopf gesetzt htte, einen jungen
Bengel zu heirathen, der -- _Advokat_ wre. Ein Mensch, der erstlich
einmal schon Advokat sei, hatte er dabei geuert, solle nie, so lange
er lebe und athme, eines von seinen eigenen, noch seines Bruders Kindern
zur Frau bekommen, wenn _er_ es verhindern knne -- ein Advokat, der
den Leuten weimache, roth sei blau und grn schwarz! nein wahrhaftig
nicht. Hatte nicht noch berdies im vorigen Herbst derselbe Lasse
seinem Nachbar durchgeholfen, der angeschuldigt war, eine von Peterson's
Khen geschlachtet zu haben? und hatte nicht er -- Peterson selbst, die
Haut von der Kuh, auf die er das Sakrament nehmen wollte, ber dessen
Fenz hngen sehen? nein -- ein Mensch, der so etwas zu thun im Stande
sei, der sei zu _Allem_ fhig. berdies konnte er nicht einmal einen
Maiskolben von einer Waizenhre unterscheiden, und hatte ihn selbst
-- er konnte das beschwren -- gefragt, ob die Baumwolle auf solchen
Bumen wchse, wie sie hier im Bottom stnden und die Baumwollenbume
hieen.

Und so ein Mensch sollte einmal Besitzer von einer Baumwollenplantage
werden? nein -- Fanny war erst achtzehn Jahr alt, und bis zum ein und
zwanzigsten _mte_ sie bei ihrem Onkel bleiben; nachher wrde sie schon
Vernunft angenommen und eingesehen haben, da ihr alter Onkel ehrlich
und trefflich fr sie gesorgt, indem er sie vor einem solchen Schritte
bewahrte.

Dies Haus betrat jetzt Curtis und wurde herzlich von Allen empfangen;
ja so herzlich, da er schon hoffte, jenes unglckselige Gercht ber
seinen kleinen Neger sei nicht bis hierher gedrungen, und sich heimlich
zuschwor, auch keine Sylbe davon zu erwhnen; aber leider schienen die
beiden Misses Peterson recht gut zu wissen, was den armen Mann zu ihnen
gefhrt hatte, und wenn sie auch, emsig mit ihrer Arbeit beschftigt,
kein Wort, keine Sylbe uerten, so verriethen doch dem jetzt schon
mitrauisch Gewordenen einzelne verstohlene Blicke den kleinen lachenden
Teufel, der in den Herzen der Waldschnen lauerte.

Ganz anders benahm sich dagegen Fanny; sie setzte sich zu ihm
-- plauderte mit ihm, war ernst und gesetzt und sah ihn dabei ein paar
Mal, wenn sie sich unbeobachtet glaubte -- Curtis hatte es deutlich
gemerkt -- so forschend, so theilnehmend an, da ihn einmal, als er
diesem dunklen, fest auf ihn haftenden Auge begegnete, ein eiskalter,
aber unendlich wohlthuender Schauer durchrieselte, und er sich schon
in's Geheim drei oder vier keineswegs schmeichelhafte Ehrentitel
beilegte, nicht gleich von allem Anfang an hierhergeritten zu sein. Er
lie sich diese kleinen Zeichen denn auch nicht zweimal gesagt sein
lassen -- rckte nher zu ihr, und fing nun an, um gleich mit etwas
Schmeichelhaftem zu beginnen, das selbstgewebte Zeug zu loben, was sie
trage, und meinte dabei:

Ja Mi Fanny, es steht einem jungen Mdchen Nichts auf der weiten Welt
besser, als der Stoff, den es selbst gesponnen und gewebt -- das, ist
der Grundstein der Huslichkeit, und ein Mann --

Das Zeug hab' ich gewebt, Mr. Curtis, sagte Kitty, die jngste, mit
einer etwas malitisen Betonung auf dem Pronomen.

Curtis sa da wie vom Schlag getroffen, Fanny ri ihn aber schnell aus
der Verlegenheit, indem sie versicherte, sie habe sich zu Hause all ihr
Zeug selbst gewoben und hielte es auch fr passend, da eine Hausfrau
das thun solle.

Curtis lebte wieder auf, die ganze alte Scheu verlor sich, er wurde
gesprchig und hatte wirklich mehrere ausgezeichnete Einflle, ber die
Fanny ganz besonders lachte, der alte Peterson sich aber ausschtten
wollte. Diesen schien brigens die Zuneigung, die seine Nichte zu dem
einfachen Farmer gefat, herzlich zu freuen (denn da Curtis blos darum
gekommen sei, um eins der Mdchen anzuhalten, darber war Niemand in der
ganzen kleinen Gesellschaft mehr zweifelhaft). Gott sei Dank, dachte
er bei sich selber, hat sie doch endlich den verwnschten Advokaten
vergessen; ich wute es aber wohl, der _Rechte_ mute nur kommen; das
ist mit allen Mdchen so.

Das Abendessen war verzehrt -- der alte Peterson hatte sich, sehr
vernnftiger Weise, zu Bett begeben; dem Gast war, wenn er sich
niederlegen wolle, sein Bett gezeigt und Kitty und Rosy beendeten
ebenfalls mit manchen einander heimlich zugeflsterten Bemerkungen
ihre Arbeit, verschwanden dann urpltzlich hinter einer breiten, an
den oberen Querbalken des Hauses aufgehangenen Matte, und Curtis fand
sich mit klopfendem Herzen allein neben Fanny am Feuer sitzen.

Er gedachte der Zeit, wo er, ganz auf hnliche Art, seiner ersten Frau
die Leidenschaft gestanden, die er fhlte, und wieder drohte ihm ein
unbeschreiblich ngstliches Gefhl die Kehle zuzuschnren, denn wenn
er auch in den letzten Tagen fr solche Erklrungen etwas abgestumpft
geworden war, da er die Gelegenheit gehabt mehrere zu geben, so fhlte
er doch, da hier Alles -- Alles fr ihn spreche, denn Fanny wre sonst
nicht allein zurckgeblieben, und die Liebenswrdigkeit selbst gewesen.

So sehr er aber auch den Augenblick herbeigesehnt, wo er mit ihr allein
sein wrde, so schien es doch, als ob er, der noch vor so kurzer Zeit
der Redseligste gewesen, pltzlich die Sprache verloren htte, und er
nahm wieder, aus lauter Verlegenheit, sein Messer aus der Scheide und
fing an zu schnitzeln.

Fanny sa ihm gegenber, an der andern Seite des Kamins, also so weit
wie nur irgend mglich von ihm entfernt. Curtis htte zwar um's Leben
gern ihr seinen Stuhl nher gerckt, aber er wagte es nicht, er wute
keine Ausrede, die das auch nur im Mindesten entschuldigen konnte, und
doch fhlte er wie die Zeit verrann, und er sich lcherlich machen
wrde, wenn er noch lnger so still und stumm wie der Klotz, der neben
ihm zum Nachlegen lehnte, da sa.

Mit einem tiefen Seufzer sprengte er endlich die Fesseln, die seine
Zunge in Banden hielten und sagte zgernd:

Mi Fanny -- sind Sie noch nicht mde? -- er fhlte, sobald ihm die
Worte ber die Lippen waren, da er auf der weiten Gotteswelt Nichts
Dmmeres htte sagen knnen, aber es waren doch wenigstens _Worte_
gewesen, die vielleicht den Zauber gebrochen hatten.

Um Fanny's Lippen spielte bei dieser endlichen Frage ein leises, leises
Lcheln; es zuckte ihr nur so durch die Korallenlippen, und fr einen
Augenblick stiegen, wie Blschen aus einem Crystallbecher, zwei leichte,
wunderliebliche Grbchen empor auf den rosigen Wangen; sie verschwammen
aber fast eben so schnell, wie sie entstanden in der Sammethaut und nur
mit leiser Stimme sagte sie:

Freilich wrde es eigentlich Zeit sein schlafen zu gehen, und ich wei
nicht -- Mi Fanny, stotterte Curtis.

Onkel schlft schon, meinte Fanny -- wir werden ihn wieder aufwecken
durch unser lautes Reden.

Curtis lie sich das nicht zweimal sagen; blitzesschnell war er von
seinem Stuhle auf und rckte diesen neben das schne, leichterrthende
Mdchen.

Dann brauchen wir doch wenigstens nicht so laut zu sprechen, meinte
er.

Aber Mr. Curtis.

Ach Mi Fanny, seufzte Curtis, der jetzt einmal im Gang, auch alle
Furcht und Scheu berwunden hatte, Sie mssen es lange gemerkt haben,
da ich Sie liebe; wissen Sie wohl noch das letzte Kltzeroll-Fest?
Fanny nahm die kirschrothe Unterlippe zwischen die Perlzhne und blickte
still vor sich nieder. Ich bin allein, fuhr Curtis jetzt selbst mit
niedergeschlagenem Blicke fort -- ich habe Niemanden zu Hause, der
-- der Theil an mir nimmt -- oder der -- der mich lieb htte; ich -- ich
habe lange gewnscht, -- lange gewnscht ein Herz zu finden, das -- das
gern in meiner Nhe wre. Da bin ich denn hierher gekommen -- Mi -- Mi
Fanny.

Fanny spielte verlegen mit der Schnur der Kugeltasche, die an der Seite
des Kamins neben ihr herunter hing. --

Und wollte Sie fragen, Mi߫ -- fuhr Curtis mit angehaltenem Athem
fort -- ob Sie -- ob Sie Ihr Schicksal mit einem Manne theilen wollten,
der -- der es brav und ehrlich meint, und Alles thun wird, was in
seinen Krften steht, Sie glcklich zu machen.

Ein tiefgeholter Seufzer kndete jubelnd die vollendete Erklrung, das
Abrollen des Felsengewichts, das bis zu dem Augenblick seine Brust
bengstigt hatte.

Fanny sprach kein Wort, nur manchmal warf sie einen ngstlichen Blick
nach der Thr und nach dem kleinen Fenster, das, mit einer dnnen weien
Gardine verhangen, dem Kamin gegenber angebracht war.

Mi Fanny, flsterte jetzt, durch dies bedeutungsvolle Schweigen khn
gemacht, der Glckliche -- Mi Fanny, ich bin auch kein hergelaufener
Squatter, der Nichts hat, als seine Axt und Bchse, und mit jedem neuen
Frhjahr auch wieder eine neue unbewohnte Gegend aufsucht -- ich habe
ein recht wohnliches Haus mit einer kleinen Kche und dem Rauchhaus
-- neun Acker urbar gemachtes und gut eingefenztes Land, auch ein kleines
Rbenstck -- zwei ausgezeichnet gute Pferde -- sieben und dreiig Stck
Rindvieh, einige vierzig Schweine, eine vorzgliche Stahlmhle, vier Hem
-- die beste Bchse im ganzen Revier und einen kleinen Neger von --

Curtis hielt pltzlich inne; der Neger war ihm wider Willen herausgefahren,
und Fanny barg pltzlich ihr Gesicht im Taschentuch und wandte sich ab
-- Hals und Nacken frbten sich ihr hochroth; -- lachte sie ihn aus?

Eine peinliche Pause entstand -- um Gotteswillen -- sie schluchzte.

Ach Gott! -- Mi Fanny -- was fehlt Ihnen? habe ich Sie durch irgend
etwas gekrnkt oder beleidigt? o mein Himmel, so reden Sie doch -- Sie
bringen mich zur Verzweiflung.

Mr. Curtis, flsterte endlich das schne Mdchen noch immer hinter dem
Tuche vor --

Mi Fanny, bat Curtis.

Fr wie eigenntzig -- niedrig denkend mssen Sie mich halten, da Sie
mir Ihre Reichthmer aufzhlen, als ob Sie glaubten, dadurch mein Herz
bestechen zu wollen.

Mi Fanny! sagte Curtis, und war wie vom Schlag gerhrt; Scham und
Freude rangen in seiner Brust um die Oberherrschaft. Scham, da er
fhlte, wie Recht sie hatte; -- Freude aber, da dieser Ausbruch des
Gefhls ein sicheres Gestndni ihrer Zuneigung zu ihm war. Die Freude
trug aber nach kurzem Ringen den Sieg davon.

Fanny, flsterte er und faltete bittend die Hnde -- Fanny -- wollen
Sie die Meine sein?

Fanny, mit noch immer abgewandtem, verhlltem Gesicht reichte ihm ihre
Hand, die er glhend an seine Lippen prete.

Es wird spt, Mr. Curtis, flsterte endlich das holde Mdchen, indem
sie leise die Hand entzog und von ihrem Stuhl aufstand -- wie mit Purpur
bergossen war ihr liebes Angesicht -- wir mssen uns fr heute Abend
trennen -- sprechen Sie Morgen mit meinem Onkel.

Fanny, sagte Curtis noch ein Mal und wollte seinen Arm um ihre Taille
legen, Sie haben mich zum Glcklichsten --

Fanny stie einen leisen Schrei aus, denn mit frchterlichem Gepolter
kam ein groer Stein zu dem niederen Kamin herunter, da Funken und
Asche weit umherstiebten; gleich darauf schlugen die drauen gelagerten
Rden an, und umbellten wthend das Haus.

Was um Gotteswillen? rief Curtis.

=Sick' em=! sagte der alte Peterson im Schlaf die Hunde antreibend.

Gute Nacht! flsterte Fanny dem Glcklichen zu; gute Nacht, Mr.
Curtis.

Gute Nacht, theuere, theuere Fanny! rief dieser entzckt, drckte noch
einen heien Ku auf die nicht widerstrebende, zierlich kleine Rechte
und suchte dann ebenfalls das fr ihn bereitete Lager.

Aber an Einschlafen war nicht zu denken, wie mit Schmiedehmmern tobte
es ihm in den Schlfen, und wenn er sich auch unruhig bald auf diese,
bald auf jene Seite warf, kein Schlummer kam in seine Augen; die Hhne
krhten schon wieder, drauen im Walde kullerte der wilde Truthahn und
die Eule heulte ihr Morgenlied, als er endlich in einen leisen Schlaf
der Ermattung sank, aus dem ihn bald wieder das Holzschlagen des alten
Peterson weckte, der gleich darauf mit einem schweren Klotze auf der
Schulter in das Haus trat, und diesen, als Rckstck, in's Feuer warf.

Er sprang auf, kleidete sich an und folgte dem Alten vor die Thr. Hier
gestand er ihm denn seine Liebe fr dessen Nichte, behauptete ihrer
Einwilligung gewi zu sein und bat um seinen Segen und seine Zustimmung.

Peterson hatte es, nach Allem was er am vorigen Abend gesehen, erwartet,
sprach sich aber recht herzlich gegen den Farmer aus, wie er sich freue,
da seine Nichte so vernnftig gewesen, eine so kluge Wahl zu treffen,
und versprach ihm dafr zu sorgen, da es ihm fortan recht gut und wohl
gehen solle, da Fanny keineswegs unvermgend, dem Manne ihrer Wahl nicht
allein ihre liebreizende Gestalt, sondern auch ein recht ansehnliches
Grundeigenthum wie verschiedenes anderes bewegliches Besitzthum
mitbrchte.

Noch an demselben Morgen ward Alles geordnet und Curtis wnschte nun mit
seiner jungen Braut den Fourche la fave hinunter zu Mr. Houston, dem
nchsten Friedensrichter, zu reiten, um dort mit ihr fr immer vereinigt
zu werden; Fanny aber bat den Brutigam, ihr den Gefallen zu thun, und
sie den Flu hinauf zu dem etwa fnfzehn Meilen entfernten Richter
Welmot zu begleiten, der, ein Freund ihres verstorbenen Vaters, stets
den innigsten Antheil an ihr genommen und jetzt auch dem wichtigsten
Schritte ihres Lebens beiwohnen solle.


Hiergegen lie sich Nichts einwenden, Curtis war sehr gern damit
zufrieden, und seinem Wunsche nach wren sie augenblicklich aufgebrochen;
Fanny hatte aber noch so viel zu ordnen, so viel zu besorgen, da der
Nachmittag heranrckte, und erklrte nun, als der Vater vorschlug,
den nchsten Morgen abzuwarten, sie wnsche bei einer Freundin, die
etwa auf der Hlfte Weges zwischen hier und dem Richter wohnte, zu
bernachten, wo auch Mr. Curtis gern gesehen sein wrde, da sie dort
schon viel von ihm gesprochen.


Wie htte Curtis dem holden Mdchen die erste Bitte abschlagen knnen?
was Fanny wnschte, geschah; um drei Uhr etwa brachen sie, herzlichen
Abschied von Allen nehmend, auf, und der alte Peterson gab noch, da
er der dringenden Arbeiten wegen nicht selber mitreiten konnte, der
Nichte einen Zettel[6] fr den Friedensrichter, der -- freilich etwas
unorthographisch, doch hinreichend war, jenen mit seinen Wnschen
bekannt zu machen.

  6: Der Zettel lautete wrtlich: =Plees Sir -- merry the too young
     peepel; yoors M. Peterson.=

Wohl noch eine Stunde vor Dunkelwerden erreichten sie die Farm, in
welcher Fanny die Nacht zu bleiben wnschte, wurden hier auf das
Freundlichste bewillkommt, und schienen sogar erwartet zu sein, obgleich
Curtis nicht begreifen konnte, wie das mglich war; die Unterhaltung
ward brigens sehr lebhaft gefhrt und Fanny lie sich besonders viel
von einem jungen Deutschen erzhlen, der eben aus den Ozark-Gebirgen
zurckkam und hier ebenfalls eingekehrt war, weil schwerdrngende
Wetterwolken eine strmische Nacht verkndeten.

Curtis fhlte sich brigens sehr abgespannt; drei Nchte lang hatte er
fast jedes Schlafes entbehrt, und die fortwhrende Aufregung, in der er
sich befunden, mute berdies noch dazu beitragen, die Ermattung und
Erschlaffung seines ganzen Nervensystems zu entschuldigen. Der Farmer
bemerkte auch bald seine Mdigkeit, winkte ihm seitab, und fhrte ihn in
die Ecke zu seinem Lager von weichgebreiteten Hirschfellen, auf das er
sich warf, und hier bald dem Schlummergott, der ihm so lange treulos
gewesen, in die Arme sank.

In der Nacht machten die Hunde einmal einen frchterlichen Lrmen, und
Curtis trumte, es fiele wieder ein Stein im Kamin herunter; er wachte
aber nicht davon auf, und erst ein unruhiges Umherlaufen im Haus, und
ein Auf- und Zuschlagen der Thren erweckte ihn.

Es war schon heller Tag, die Sonne schien durch die Seitenspalten des
Blockhauses, als sie eben die dunkelwogenden Fichtenwipfel berstieg,
und der Deutsche schnrte vor dem Kamin die wollene Decke zusammen, um
seine Wanderung, den Flu hinunter, fortzusetzen; Fanny konnte aber auch
noch nicht auf sein, denn er sah sie nirgends.

Mit auerordentlicher Geschicklichkeit, die auch wirklich nur dem daran
gewhnten Hinterwldler eigen ist, kleidete er sich jetzt unter der
Bettdecke soweit an, da er aufstehen und seine Toilette vor den brigen
Mitgliedern der Familie vollenden konnte und trat nun ebenfalls zum
Feuer.

Fanny lie noch immer Nichts von sich sehen.

Mr. Curtis, sagte endlich der alte Farmer, als er die ungeduldigen
Blicke bemerkte, die der feurige Liebhaber nach den Gardinen warf,
hinter denen die Geliebte noch immer weilte; Mr. Curtis, wissen Sie
es schon?

Wissen Sie? frug Curtis berrascht -- wissen? was?

Sie wissen also Nichts davon? sagte jener kopfschttelnd.

Von was denn, um Gotteswillen?

Hm! sagte der Alte --

Mr. Peterson, Sie bringen mich in Verzweiflung; was ist vorgefallen?
was soll ich wissen? so reden Sie doch -- wo ist Fanny?

William, Petersons ltester Sohn, winkte dem Ungeduldigen auf
bedeutungsvolle Art und verlie das Haus. Curtis drckte sich den
Hut auf den Kopf und folgte ihm schnell -- ihm ahnte Schreckliches.

Mr. Curtis, sagte William, als er hinter der Fenz, da wo sie das Haus
nicht mehr sehen konnten, stehen blieb -- Mr. Curtis, ich habe einen
Auftrag an Sie auszurichten?

Auftrag -- von wem?

Von Mi Fanny Lowland!

Von meiner Braut?

Von Mi Fanny Lowland.

Mann Gottes, ist sie denn nicht mehr im Hause? ist sie wieder
heimgekehrt?

Nein; sie ist zum Friedensrichter, sagte William.

Zum Friedensrichter? rief Curtis pltzlich beruhigt, ja das ist was
anderes; aber so lange htte sie doch noch warten knnen, bis ich mich
angezogen hatte. Ja da mu ich gleich nach --

Bitte, sagte William und hielt den Forteilenden zurck -- ich habe
auch noch ein kleines Briefchen an Sie abzugeben.

Einen Brief? von wem?

Von Mi Fanny Lowland!

Von meiner Braut?

Von Mi Fanny Lowland.

Der Mensch macht mich noch wahnsinnig, dachte Curtis, und ri dem
Lchelnden das zusammengefaltete Papier aus der Hand. Es war versiegelt,
und enthielt, mit Bleistift geschrieben, die folgende, trstliche
Nachricht.

   =Dear Sir= --
   Kaum darf ich hoffen, da Sie mir eine List verzeihen, zu der mich
   freilich nur die Nothwehr gezwungen hat. Ich liebe einen jungen
   Mann, einen Advocaten aus Cincinnati, und mein Onkel htte mir noch
   Jahrelang seine Einwilligung versagt, da hrte ich von Ihrer
   Ankunft. Schon am Tag vorher, ehe Sie unser Haus betraten, war die
   Nachricht gekommen, da Sie bei Smeiers um die Hand der Tochter
   angehalten, und da zwischen dort und unserem Hause nur drei Farmen
   lagen, von denen nur auf zweien heirathsfhige Mdchen lebten, so
   konnten wir mit Gewiheit darauf rechnen, Sie gestern bei uns zu
   sehen. Mein Plan war augenblicklich gefat; durch Sie mute ich die
   schriftliche Erlaubni meines Onkels bekommen, mich zu verheirathen
   -- ich sandte meinem Brutigam durch einen sicheren Neger Kunde,
   und versuchte nun selbst, Ihr Herz fr mich zu gewinnen. Ich will
   aber nicht eitel sein, ich will es nicht meinen Reizen zuschreiben,
   die mir das Ihrige so schnell eroberten; doch sei dem wie ihm
   wolle, mein Plan gelang, ich erhielt das Papier; Sie selber fhrten
   mich in die Arme meines Brutigams, der Sie am vorigen Abend erst
   mit dem Stein erschreckte, und dann gegen Morgen kam, mich
   abzuholen. Ich bin, wenn Sie diese Zeilen erhalten, -- sein Weib.

Curtis starrte mehrere Secunden verblfft in das Antlitz seines
Begleiters -- dann fuhr er fort zu lesen.

   Zrnen sie mir nicht, aber ich war stets ein wildes, unfolgsames
   Kind, und verdiente weder Sie noch ihren kleinen Neger, noch die
   hundert und fnfzig Dollar -- leben Sie wohl und machen Sie eine
   Andere glcklich.

   =P. S.= Meine Cousinen wuten Nichts von meiner List, auch
   Peterson's haben es nicht erfahren, nur William, der junge Mann,
   der Ihnen diesen Brief bergiebt, ist im Geheimni -- ihm knnen
   Sie vertrauen. Er hat zwei liebenswrdige Schwestern; und da Sie
   gerade an Ort und Stelle sind -- doch einem Manne von Ihrer
   Erfahrung --

Curtis warf den Brief auf die Erde und trat ihn so lange mit den Hacken
seines Stiefels in den weichen Erdboden hinein, bis er auch nicht die
Spur mehr davon entdecken konnte; dann wandte er sich wild gegen den
jungen Mann und wollte seinem Grimm in tobenden Worten Luft machen;
dieser legte jedoch warnend und beschwichtigend den Finger auf den Mund,
trat lchelnd nher und sagte leise, des rgerlichen Arm ergreifend:

Pst, Mr. Curtis -- Blatt vor den Mund -- um Gottes Willen Blatt vor den
Mund; bis jetzt wei die Sache keiner als wir Beide, denn Mi Fanny oder
-- Mrs. Grey kommt, wenn sie zurckkehrt, wahrscheinlich nicht hier
wieder vorbei -- also _stillgeschwiegen_, das ist das Gescheidteste,
was Sie unter den Verhltnissen thun knnen. Mit einem Mdchen, das
Sie nicht liebt, wren Sie berdies nie glcklich geworden.

Ich will ihr nach knirschte Curtis.

Um ausgelacht zu werden? meinte William. Wollen Sie einen guten Rath
annehmen, Mr. Curtis?

Curtis sah fragend zu ihm auf.

Sie suchen eine Frau, und werden berall abgewiesen --

Sir!

Ich meine es gut, Mr. Curtis, bei Gott, ich meine es gut, aber -- gehen
Sie in einen anderen Staat, wenigstens in ein anderes County. Sie wissen
nicht, wie schwer es hlt, Vorurtheile zu besiegen.

Mr. Peterson, ich werde Sie um Ihren Rath ersuchen, wenn ich dessen
bedarf, rief Curtis entrstet, eilte zum Hause zurck, warf dort seinen
Sattel auf das hchst unmuthig wiehernde Pferd, dem es gar nicht behagen
wollte, einen neuen Ritt ohne vorhergenossenes Frhstck anzutreten,
drckte ihm den Zaum in's Gebi, den er sich nicht einmal die Zeit nahm
festzuschnallen, schwang sich hinauf und sprengte, ohne auch Jemanden
good bye oder ein sonstiges Abschiedswort zu sagen, wie besessen die
Strae hinauf, dem Hause des Friedensrichters zu.

Der frhe Ritt aber, der kalte Nordwind, der durch den Wald dahin
strich, und die noch von den Zweigen trufelnden Regenperlen, die der
nchtliche Sturm in dem Nadelholz zurckgelassen, khlte seine Wangen
und -- seinen Jhzorn. Er hatte zuerst im Sinn gehabt, wie ein zrnender
Gott vor das Mdchen zu treten, das ihn so schndlich hintergangen, aber
des jungen Peterson's Worte: Sie werden nur ausgelacht, schallten noch
immer in seinen Ohren.

_Ausgelacht_? er hielt sein Pferd an, und blickte nachdenkend
auf die Strae nieder; _ausgelacht_ -- und hat jenes -- Geschpf
-- verdient, da ich mich so um sie rgere? Sein Auge fiel auf die
frisch eingedrckten Spuren zweier Pferde, von denen er die einen
augenblicklich als die Spuren des Poneys erkannte, das Fanny gestern
geritten.

Curtis -- der fromme Curtis fluchte -- er schwur, er wolle verdammt
sein, wenn er nicht Rache -- nein -- er wolle _nicht_ verdammt sein
-- sagte er pltzlich, indem er den Zgel loslie, den Hut abnahm und
sich mit der Hand hinter dem Ohre kratzte.

Curtis! sprach er dann nach kleiner Weile vor sich hin, Curtis, bist
Du nicht ein rechter strafwrdiger Narr gewesen?

Das Pferd nickte ein paar Mal mit dem Kopfe auf und nieder und wieherte
-- es hatte Hunger. Hast Du Dich nicht in der Ansiedelung zweck- und
ziellos umhergehetzt? fuhr der Reiter fort, ohne des Pferdes Bewegung
weiter zu beachten, hast Du nicht nach Glaskorallen drauen im Weiten
gesucht, whrend Du einen Diamant im eigenen Hause hegst? Curtis -- Du
hast diese Strafe verdient -- lange httest Du merken mssen, da Dir
Nancy gut sei, und -- gestehe es Dir nur ein, Du _hast_ es gemerkt,
Du hast es gefhlt, da sie Dich heimlich liebe, aber von schnder
Geldgier, von dem Drang mehr und mehr Dein eigen zu nennen getrieben,
verachtest Du ein Herz, das Dir mit treuer Liebe entgegen schlug, und
das in Leid und Freud' bei Dir ausharrte, nur um Dich zu trsten und zu
pflegen.

Er schwieg und sah wohl mehrere Minuten lang sinnend vor sich nieder,
dann aber, wie von einem unwiderruflichen festbeschlossenen Gedanken
durchglht, setzte er den Hut wieder auf, ergriff den Zgel, lenkte den
Braunen herum, der mit der grten Bereitwilligkeit Folge leistete, und
sprengte dann da Kies und Funken stoben -- zurck, der eigenen
Heimath zu.

Aber nicht an Peterson's Hause wollte er vorber, deshalb verlie er
bald die breite ausgehauene Countystrae und trabte durch den Wald dem
Flusse zu, den er an einer bekannten Furth kreuzte; die Niederung dann
durchschneidend erreichte er bald den Fu der sdlich liegenden Hgel,
wo er wute, da er, ohne an einer Ansiedelung vorber zu kommen, seine
eigene Farm erreichen konnte, und sprengte dann mit verhngtem Zgel und
so schnell ihn des Braunen Fe tragen konnten, weiter.

Unterwegs aber berdachte er in zrnendem Sinnen die Krbe -- die ganze
Korbhandlung, die er erhalten, und grollte mit dem Schicksal, das ihn
dazu verdammt habe, berall seine Hoffnungen zertrmmert, seine Plne
untergraben zu sehen. War es aber das Schicksal, das Alles dieses
verbt? war es ein bses Fatum, das ber seinen Handlungen wachte und
die schnsten Keime noch in der Blthe erstickte? -- nein -- er hatte
sonst in Allem Glck, seine Erndten gehrten stets zu den besten, sein
Viehstand wuchs mit jedem Jahre strker, als er es selber zu hoffen
wagte; keinem anderen Ansiedler am Fourche la fave zerri der Panther
weniger Klber oder der Br weniger Schweine, und kein Haus war weniger
vom kalten Fieber heimgesucht gewesen, als gerade Curtis; dabei war er
ein ordentlicher, fleiiger und braver Mann, nicht streitschtig, aber
tapfer und unerschrocken, wo es galt, seinen Mann zu stehen, und bei der
Arbeit unermdlich.

Woher nun konnte es kommen, da er von allen Mdchen, um die er anhielt,
verschmht wurde, die noch berdies zu all den obigen Eigenschaften
seine Verhltnisse kannten, die in diesen anspruchslosen Gegenden
wirklich an Wohlhabenheit grenzten. Kaum glaublich ist es, aber die
Ursache lag einzig und allein in jener Angewohnheit, von seinem kleinen
Neger und seinem baaren Gelde zu sprechen; er war _verlacht_ und
_verspottet_ worden, und irgend Eines der Mdchen htte lieber einen
anerkannten _Schuft_ geheirathet, als einen Mann, der sich einmal
-- _lcherlich_ gemacht.

Curtis fhlte das jetzt selbst, und er beschlo hinfro die Aufzhlung
seines Eigenthums zu verschieben, bis er darum gefragt werde -- doch
-- fuhr er dann in seinem Selbstgesprche fort -- was bedarf ich dessen
weiter -- Nancy liebt mich auch mit meinen Schwchen, denn sie kennt
meine guten Eigenschaften ebenfalls, und ich werde jetzt das Glck
zu Hause finden, das ich, Thor der ich war, vergebens unter Fremden
suchte.

Diese Nacht lagerte er bei einem alten Jger, der, ziemlich abgeschieden
von anderen Ansiedelungen, sich dicht am Flussesufer eine kleine Htte
gebaut hatte, Viehzucht trieb und dabei jagte. Er fand dort gastliche
Aufnahme und Nahrung fr sich und sein Pferd; schlief auch, da er die
Gewiheit hatte, der Alte knne Nichts von seinem Unglck erfahren
haben, sanft und ruhig die Nacht, und war am andern Morgen, als die
Sonne eben erst den uersten Hgelsaum vergoldete, schon wieder unter
Weges.

Ihn trieb jetzt die Sehnsucht heim, wie sie ihn vor wenigen Tagen
fortgetrieben, und freudig und strmisch klopfte sein Herz, als er
endlich das eigene Dach hinter den maigrnen Maulbeerbumen, die dem
Hofe Schatten gaben, hervorschimmern sah.

Der Braune wieherte ebenfalls vor Freuden, als er den heimischen Trog
erblickte, und Curtis streichelte ihm im Mitgefhl den schngeformten
Hals. -- Ha -- da war Nancy -- sie hatte das bekannte Wiehern des
Braunen gehrt, und war in die Thr gesprungen, das heimkehrende Paar zu
begren, das heit, nicht etwa den Braunen und dessen Herrn, sondern
den Herrn und dessen -- Frau; sie blieb auch etwas berrascht in der
Thre stehen, als sie Mr. Curtis allein zurckkehren sah; dieser aber
drckte dem treuen Thier die Hacken in die Seite, sprengte bis dicht
vor die Pforte, blieb dort pltzlich mit einem Ruck halten, und sagte:

Guten Morgen, Nancy?

Ei guten Morgen, Mr. Curtis, rief das frhliche Mdchen, Sie scheinen
ja heute gewaltig guter Laune zu sein; ich dachte aber Sie brchten
Gesellschaft?

Wie gehts Nancy? frug Mr. Curtis, ohne jedoch auf die letzte Bemerkung
weiter zu achten, indem er immer noch vor dem Hause hielt, und zu ihr
aufsah -- wie ist es die Tage ber gegangen?

Danke -- gut, Mr. Curtis -- sehr gut -- aber warum steigen Sie denn
nicht ab? wo bleibt denn der Besuch? ich habe das ganze Haus gescheuert
und gekehrt.

Schadet Nichts, Nancy, sagte Mr. Curtis, und sah sinnend auf den
-- kleinen Neger nieder, der hchst bedeutungsvoll vor ihm stand und dem
Pferde nach dem Zgel griff -- ja Bob, rief er diesem dann zu, fhr
ihn fort und fttere ihn gut, ich reite nun sobald nicht wieder aus, der
Braune soll sich eine Woche pflegen, denn zu Richter Houstons nebenbei
knnen wir zu Fue gehn. Hre Nancy, wandte er sich dann an das junge
Mdchen -- ich hab Dir viel zu erzhlen, und mu Dich um etwas
fragen. --

Mich? -- ei um was denn?

Sollst es gleich erfahren, aber -- Du hast Dir ja all Deine
Sonntagskleider vorgeholt? ist ein Tanz in der Nhe?

Ach Mr. Curtis -- ich htte Ihnen auch viel zu erzhlen, sagte Nancy,
und wurde feuerroth.

Nun Nancy? heraus mit der Sprache, lchelte dieser, heraus mit der
Sprache -- was ist's?

Ach, Sie werden mich auszanken!

Ich Dich auszanken, Nancy? habe ich Dich jemals ausgezankt?

Ach Gott ja, wissen Sie wohl das eine Mal, wo ich ber den kleinen
Neger --

Oh -- Unsinn, sagte Mr. Curtis.

Es war Jemand hier whrend Ihrer Abwesenheit, fuhr Nancy fort.

So? wer denn? aber was wolltest Du mir denn erzhlen?

Mr. Pelter, Sir, -- der junge Mr. Pelter. --

So? wollte er das Joch Ochsen kaufen, wegen dem er sich schon fast die
Fe abgelaufen hat?

-- Nein -- er -- er hat, sagte Nancy zgernd und bis in die Haare
hinauf errthend -- er hat um meine Hand angehalten.

Curtis zuckte wie von einem Blitzstrahl getroffen zusammen, und blickte
dem Mdchen so wild, so stier in's Auge, da dieses erschreckt einen
Schritt zurcktrat und ausrief:

Mr. Curtis!

Es war aber auch nur ein Moment, dann geschah ihm das, was uns armen
Sterblichen nicht selten geschieht, wenn ein Unglck so schnell dem
andern folgt, da wir kaum Zeit behalten, ber das erste nachzudenken,
whrend schon das zweite und dritte nachbricht -- die ganze Sache kam
ihm komisch vor -- er schlug ein frchterliches Gelchter auf und fing
dann wie wahnsinnig an zu pfeifen.

Nancy sah ihn erschrocken an -- was konnte dem Manne wohl fehlen? sein
ganzes Benehmen war ihr schon sonderbar erschienen -- sollte er -- es
wre schrecklich -- bergeschnappt sein? --

Bob! rief Curtis seinen kleinen Neger an --

Jes Massa.

Sattle den Rappen, der Braune mag sich ausruhen, ich mu fortreiten.

Aber Mr. Curtis -- sagte Nancy.

Und wann wollt Ihr Euch verheirathen, Nancy?

Sobald Sie zurckkamen -- heute -- stotterte Nancy.

Willst Du mir einen Gefallen thun, Nancy?

Gern -- von Herzen gern -- welchen?

Willst Du noch bei den Kindern bleiben und auf das Haus acht geben, bis
ich, vielleicht in acht Tagen, zurckkehre?

Das will ich mit Freuden, aber -- wo wollen Sie denn hin? --

Nach Tenessee hinber, vielleicht nach Kentucky, sagte Curtis, und
trat vor die Thre, denn in diesem Augenblick brachte Bob den Rappen.

Good bye Nancy -- sagte Jeremias, als er sich in den Sattel schwang.

Good bye Mr. Curtis, sagte Nancy, als sie ihm kopfschttelnd
nachblickte. Jeremias aber setzte wieder, wie vor einigen Tagen, ber
den Bach weg und pfiff sich ein munteres Lied, bog aber diesmal anstatt
links, rechts in die Countystrae ein, und murmelte, als er dem feurigen
Rappen den Hacken fester in die Seite drckte:

Das mte doch mit dem Henker zugehen, wenn ich keine Frau kriegen
knnte.

       *       *       *       *       *

Jeremias Curtis zog nun ber den Arkansas, und wie es hie, sogar ber
den Mississippi hinber.

Nancy aber, die allerdings versprochen hatte, bei den Kindern,
keineswegs aber ledig zu bleiben bis er zurckkehre, schlo nicht mit
Unrecht, da dies wohl noch eine Zeit lang dauern knne, und da es, wie
sie schon mehrere Sonntage gehrt hatte, nicht gut wre, da der Mensch
allein sei, besonders in den dichten Wldern des fernen Westens, so
verband schon am zweiten Tage nach Curtis pltzlicher Abreise der
benachbarte Friedensrichter die beiden Liebenden, und der junge Mr.
Pelter zog, da die Heerden doch unmglich so lange ohne mnnliche
Aufsicht bleiben konnten, indessen als Verwalter auf Curtis Farm.

Hoffentlich bekomme ich recht bald und recht gnstige Nachrichten ber
Curtis zweiten Zug, und werde dann sicherlich nicht ermangeln, dem
freundlichen Leser mitzutheilen, ob _Curtis eine Frau bekam_.




Schulen in den Backwoods.


Schulen und Urwald sind eigentlich zwei einander sehr entgegengesetzte
Begriffe. Die wild und schauerlich rauschenden Baumwipfel und das
Erlernen von Gegenstnden, die gerade in ihrem Schatten am wenigsten
anwendbar sind, stehen sich einander fast zu unvereinbar und schroff
gegenber; es ist aber hiermit wie mit der Fabel von dem Baume, der dem
Menschen erlaubte ein kleines Stck Holz, nur so viel als er zum Stiel
einer Axt gebrauchte, zu nehmen, und sich bald darauf durch diesen ihm
so gering erschienenen Span angegriffen und gefllt sah. So ist es mit
den Schulen im Urwald: zuerst sammeln sich in roh aufgeschlagener Htte,
im Schatten und unter dem Schutz der Wildnisse, die Kinder und jungen
Leute aus den vereinzelten Ansiedlungen und Jgerwohnungen; aber
ihre Fhigkeiten wachsen -- bald stehen ihnen die sie umstarrenden
Riesenstmme zu beengend und hemmend im Weg und die herrlichen Bume
fallen, der Wald wird gelichtet, das Land urbar gemacht, Farmen und
Stdte springen auf und der Pflug durchfurcht den Platz, Lastwagen
knarren ber die Stelle wo noch vor wenigen Monden der Br sein stilles
und ungestrtes Lager aufgeschlagen, wo kein Laut das feierliche
Waldesschweigen gebrochen hatte, als der gellende Schrei des Panthers
und der schauerliche Ruf der Eule und des Whip-poor-will.

Es ist eine traurige Wahrheit, der Poesie des Lebens folgt die trockene,
ernste Prosa, der frhlichen Jugendzeit das gesetzte, sorgenvolle Alter,
den bunten, glnzenden Luftschlssern des Kindes die dsteren, kalten
Gebude des Mannes mit ihren zugigen Gngen und rauchenden Kaminen,
dem Brautstand die Ehe, dem freien, sorglosen Waldleben der Pflug und
die Egge des Landmanns und die dumpfige Schreibstube des Gelehrten
und Kaufmanns. Die Leute sagen: die Welt wird besser, der Segen der
Civilisation spricht aus den wallenden Getreidefeldern und den friedlich
rauchenden Htten des Landmanns, aus den blhenden Stdten und belebten
Landstraen, die sich zwischen grnen Hecken und blhenden Obstbumen
hinziehen; aber die Natur trauert. Aus tausend qualmenden Fabrikschlnden
wlzt sich erstickender Kohlendampf und legt sich wie giftiger Mehlthau
auf die grnen Matten, der Staub der Landstraen bedeckt Bltter und
Blthen, und gespalten und aufgerissen lechzt die schmachtende Erde,
des khlen Schattens ihrer Wlder beraubt, nach Thau und Erquickung.

Die Welt ist civilisirt und hat ihren groen Endzweck, sich zu
vervollkommnen, erreicht, so sagen die Weien; der Indianer aber
wickelt sich schweigend in seine Decke, wirft noch einen trauernden
Blick auf diese Civilisation, die ihm freilich, da sie sein Alles,
seine Heimath, sein Glck zerstrte, Verwstung erscheint, und -- stirbt.
-- Die Welt ist civilisirt.

Doch ich spreche hier Gefhle aus, welche in Europa wohl wenig Anklang
finden mchten; die Welt ist civilisirt und die Leute kennen sie hier
nicht anders -- sie sind sich nur des einen Triebes bewut, und es ist
auch vielleicht recht gut so; das wilde Leben _mu_ der Cultur, die rohe
Kraft dem hheren Geiste weichen, und die Gebeine des Indianers dngen
mit dem Wald, der einst seine Heimath war, den Acker des weien Mannes.

In den Vereinigten Staaten von Nordamerika geht diese Umgestaltung mit
rasend schnellen Schritten vor sich, und wie bei einer Feuersbrunst die
Flamme zu gleicher Zeit zngelnd nach tausend verschiedenen Stellen
hinberleckt und weit und weiter um sich greift, so bricht sich auch
Aufklrung und Cultur im Norden, Westen und Sden Bahn durch die
Wildni, und noch von den Wigwams der Ureinwohner umgeben, entsteigen
blhende Pflanzungen und Kirchen und Schulen vor den Blicken des
erstaunten Indianers dem Boden.

Die Bevlkerung der verschiedenen Staaten ist namentlich in den letzten
zehn Jahren ungeheuer gewachsen; nach einer Zhlung vom Januar 1840
belief sich die Gesammt-Einwohnerzahl auf 17,062,566 Seelen, die jetzt
auf 23 Millionen gestiegen ist. Unter diesen waren 386,245 freie Neger
und Abkmmlinge von Negern, oder sogenannte =coloured persons=, ferner
2,487,213 Sklaven und 14,189,108 freie Weie. Von den letzten 14
Millionen waren 6,439,700 zwanzig und ber zwanzig Jahre alt, und von
diesen konnten noch 549,693 weder schreiben noch lesen. Hieran waren
aber bis jetzt grtentheils die Kriege und Kmpfe mit den Eingebornen
Schuld, denn die khnen Pionniere des Westens, allein und unbeschtzt
zwischen ihnen feindlich gesinnten Stmme vorgedrungen, konnten, wenn
sie wirklich die Kenntnisse dazu besaen, keine Zeit darauf verwenden
ihre Kinder zu unterrichten, so lange es galt, Tag und Nacht ihr eigenes
Leben und Eigenthum gegen den schlauen und wilden Feind zu schtzen;
jetzt aber, wo dieser, mehr und mehr verdrngt, bald nur noch in der
Erinnerung der alten Leute und in den Sagen und Erzhlungen der Nachwelt
leben wird, ndert sich auch dieses. Der Wald ist sicher und die Kinder
drfen allein das schtzende Haus verlassen, um der meilenweit
entfernten Schule zuzueilen.

Die Anzahl von Schulen in Nordamerika ist betrchtlich; Universitten
und hhere Schulen giebt es 173, Real- und Vorbereitungsschulen 3242 und
von den geringeren im ganzen Lande zerstreuten Instituten fr die ersten
Anfangsgrnde, von sogenannten Abcschulen, 47,209. Auf die erstern
werden dabei 16,233, auf die mittlern 164,159 und auf die letztern
1,845,244 Schler gerechnet, wozu noch 468,264 auf Staatskosten oder
Freischler gezhlt werden mssen. Die Universitten und Schulen
der stlichen und selbst der sdlichen Staaten sind brigens den
europischen zu hnlich, um hier besonders viel ber sie zu sagen, die
westlichen oder Backwoodsschulen aber zeichnen sich dagegen durch so
viel Eigentmliches aus, da sie allerdings eine kurze Beleuchtung
verdienen, die manchem nicht uninteressant erscheinen wird.

Vom Staate selbst ist fr die Erziehung der Kinder immer die sechzehnte
Section (640 Acker) jedes Townships[7] bestimmt, und wird das Schulland
genannt. Dieses soll nur zum Nutzen der Schulen und des ihnen vorgehenden
Lehrers verwendet werden; in den westlichen Staaten aber, den sogenannten
Backwoods, geschieht wenig mehr mit diesem Landstrich, der, wie es sich
trifft, bald aus dem herrlichsten, bald aus dem schlechtesten Boden
besteht, als da hchstens ein kleines Blockhaus, das Schulgebude,
darauf errichtet wird und der Schullehrer, welcher eine solche Stelle
selten auf lnger als ein oder zwei Jahre, oft nur fr eine Jahreszeit,
den Winter, bernimmt, ein kleines Stckchen davon urbar macht und
Kartoffeln oder Mais hineinpflanzt, was denn vielleicht im nchsten
Jahr, wenn sich sein Nachfolger nicht darum bekmmert, so verwchst und
verwildert, da es, ordentlich wie zornig darber, seinem Naturzustande
auf kurze Zeit entrissen gewesen zu sein, mit dem tollen Gewirr von
Unterholz und Schlingpflanzen gar nicht wieder zu lichten ist. Sonst
beschtzen es aber die in der Nhe lebenden Ansiedler insofern, da sie
den Fltzern (=rafters=) nicht gestatten, sich von diesem Landstrich,
wenn er gerade bequem an einem Wasserlauf liegen sollte, Stmme zu holen
und diese den Flu hinabzuschwemmen, gegen welchen Erwerbszweig sie
sonst, wenn es blos Onkel Sams[8] Grund und Boden wie Holzung betrifft,
hchst nachsichtig sind.

  7: Das Township selbst besteht aus einem Quadrat von sechzehn
     Sectionen.

  8: Launige Bezeichnung der =U. (nited) S. (tates). Uncle Sam=.

Wo Ansiedler nun ganz allein und nachbarlos leben, die z. B. in
den Smpfen des stlichen Theiles von Arkansas und Missouri, wo sie
vielleicht 15, ja 20 und noch mehrere Meilen wandern mssen, ehe sie
die Spuren menschlichen Wirkens und Fleies erblicken knnen, da hrt
denn freilich jedes Schulgehen der Kinder auf, oder hat vielmehr noch
gar nicht angefangen; die Knaben durchstreifen den Wald und jagen und
fischen, und die Mdchen bleiben daheim bei der Mutter und spinnen die
Baumwolle, welche ihnen der Vater dann und wann von seinen Zgen in
das nchste Stdtchen mitbringt, oder die sie auch wohl selbst in einem
kleinen Feld neben dem Hause gezogen haben. Nhern sich aber diese
Ansiedlungen einander auf 5 bis 6 Meilen, dann fangen die Farmer an
sich nach einem Schullehrer umzusehen; gewhnlich treibt Einer von ihnen
irgendwo einen wandernden Yankee, manchmal auch einen Deutschen auf, und
der Grund zur Civilisation wird gelegt.

Haben sie den Schullehrer erst, dann stellt sich ihnen auch die
Nothwendigkeit heraus, ein Haus zu bauen, wobei dieser gleich mit Hand
anlegen kann, die Nachbarn werden also zusammenberufen und in wenig
Tagen steht die kleine anspruchslose Htte fertig mit Dach und Thre da.
Zwar befindet sich das Kamin noch sehr im Naturzustande, und eine Diele
fehlt gnzlich, es ist ja aber nur die Schule, und da kommt das nicht
so genau darauf an.

Sind nun in dem District, aus welchem die Kinder gemeinschaftlich die
Lectionen besuchen sollen, recht gescheute Leute, die sich berufen
glauben, dem Manne, der ihr junges Amerika bilden soll, einmal ernstlich
auf den Zahn zu fhlen, so wird ein Examen angesetzt, in welchem der
Lehrer einige sehr verfngliche Fragen ber Grammatik und amerikanische
Geschichte vorgelegt bekommt, und ihm verschiedene entsetzlich klingende,
und zu diesem Zweck besonders ausgesuchte fnf- bis sechssylbige Wrter
zum Buchstabiren aufgegeben werden; hat er diese Fragen zur Genge
beantwortet und kann er (auf schne Schrift wird weniger gesehen)
besonders recht schnell und klein schreiben, so ist sein Ruf begrndet,
die Mnner bettigen, da er =knows a heap=, oder mit andern Worten
ein sehr gescheuter und gebildeter Mann sei, und am nchsten Montag
beginnt die Schule.

Von diesem Augenblick an ist der Schullehrer heimathlos, denn er geht
nun aus einer Hand in die andere, d. h. er boardet oder wohnt in
dieser Woche bei dem, in der Woche bei einem andern Farmer und hat
nirgends einen Platz, den er sein eigen nennen knnte, das Schulhaus
selbst ausgenommen, das sich brigens stets in einem nichtsweniger als
wohnlichen Zustand befindet. Sein Gehalt betrgt von 10 bis 15, oft
sogar 20 Dollars den Monat, und tglich hat er dafr seinen Zglingen
sechs, auch sieben Stunden zu geben. Diese kommen Morgens, wenn sie ber
eine Meile entfernt wohnen, was auch fast bei allen der Fall ist, auf
ihren kleinen, indianischen Poneys angallopirt, binden diese an die das
Schulgebude umgebenden Bsche, nehmen ihre Bcher und ihr Mittagbrod,
das sie in einer Blechbchse bei sich tragen, mit hinein, und setzen
sich auf die zu ihrem Nutz und Frommen roh aufgeschlagenen Bnke von
weichem -- Holz.

Fenster hat das Zimmer oder vielmehr das Haus (denn das ganze Haus
besteht nur aus einem Zimmer) nicht, die Thr bleibt dehalb offen, um
das nthige Licht hereinzulassen; zum Schreiben aber luft ein zwischen
zwei Stmmen an der einen Seitenwand schrg befestigtes Brett hin,
welches dadurch erhellt wird, da man den Zwischenraum zwischen den
gerade ber demselben befindlichen Blcken nicht ausgefllt hat, was,
wenn man diese Spalte nur an der Sd- oder Sdostseite anbringt, dem
Zweck ziemlich entspricht, da es von der Wetterseite her hineinregnen
wrde.

Die Hauptwissenschaft in diesen Anstalten besteht im Buchstabiren und
richtigen Abtheilen der Wrter, in der englischen Sprache allerdings
nicht so ganz leicht zu erlernen, und dieses Buchstabiren wird wirklich,
selbst noch von erwachsenen Personen, mit wahrer Leidenschaft getrieben;
es kommen ordentliche Gesellschaften zusammen, nur um zu buchstabiren,
und in diesen bilden sich dann zwei Parteien, die einander recht
schwierige Wrter aufgeben. Sobald die Schler hierin einige Fortschritte
gemacht haben, beginnt das Schreiben, die Grammatik und hin und wieder
einige Stunden Geschichte, wo vor allen Dingen, wie das auch nicht mehr
wie recht und billig ist, der nordamerikanische Freiheitskrieg
durchgenommen wird.

Das ist der regelmige Cursus in den gewhnlichen Backwoodsschulen;
oft aber geschieht es auch, da, wie ich ein Beispiel aus den Bay de
View-Smpfen in Arkansas wei, irgend ein durchziehender Krmer oder
Kaufmann, dessen Geschft auf eine andere Art nicht recht gut gehen
will, Gastrollen als Schullehrer giebt. Dieser also, wenn er in eine
Gegend kommt, in der noch frher nie Schule gehalten wurde, macht auf
einmal bekannt, (d. h. er reitet von Haus zu Haus und meldet es selber),
da er das Winterhalbjahr Stunden geben wrde, und ladet nicht allein
die Kinder, sondern mehr noch die schon erwachsenen jungen Leute ein,
gegen ein gewisses Honorar an dem Unterricht Theil zu nehmen.

In dem oben erwhnten Fall hatte der pltzlich von Tenessee
hereingeschneite Lehrer, ein Handlungscommis aus Memphis, Schreibestunden
angekndigt, und wohl einige 30 Schler, meistens junge Mdchen und
junge Leute von 10 bis 20 und 22 Jahren bekommen; von diesen allen aber
konnten, drei ausgenommen, _keiner_ weder lesen noch buchstabiren, und
sie lernten nur, nach den ausgelegten Vorschriften und persnlichen
Anweisungen, die Buchstaben und zuletzt die Worte nachmalen, worin sie
es, ein Beispiel was bung thut, schon zu ziemlicher Fertigkeit gebracht
hatten.

Die Folgen waren brigens leicht vorauszusehen, der Lehrer blieb
nur etwa vier Monate, und ging, da er das kalte Fieber nicht wieder
loswerden konnte, mit seinem indessen verdienten Gelde nach Tenessee
zurck. Als ich darauf in Jahresfrist jene Gegend zum zweitenmal
durchzog, und bei einem Farmer bernachtete, dessen erwachsene Kinder
ebenfalls an dem Unterricht Theil genommen hatten, und diese bat, mir
auf ihrer Schiefertafel, auf der sie mit einander Wolf und Schafe, oder
wie sie's dort nennen Fuchs und Gnse spielten, etwas vorzuschreiben,
so waren sie auch gern dazu bereit, aber welcher Sprache diese
fremdartigen Zeichen und Hieroglyphen angehrten, sah ich mich nicht im
Stande zu bestimmen, den Begriff der Buchstaben und Worte hatten sie nie
gelernt und die Form und Gestalt derselben bald wieder vergessen.

Rechnen gehrt auch schon eigentlich zu den hheren Wissenschaften, doch
wird das immer noch eher betrieben, weil es mehr in's Leben eingreift;
mit der Geographie mssen sich die Lehrer dagegen sehr vorsehen, denn
ich wei selbst ein Beispiel, wo sich ein alter Backwoodsman einst die
Karten von Arkansas und Missouri, nach welchen der Lehrer unterrichtete,
zeigen und erklren lie, und nach einer Weile entrstet aufsprang und
seinem Sohn befahl, sein Buch zu nehmen und mitzukommen: wo solche
Lgen gelehrt wrden, wollte er sein Kind nicht hinschicken, meinte er
und zeigte dann, als der Lehrer ganz verwundert und erstarrt dastand,
zornigen Blickes das Messer aus der Scheide reiend, mit dessen Spitze
auf die vor ihm ausgebreitete Karte.

Also hier kommt White River heraus, oh? und da entspringt er -- und die
kleinern Striche hier, und die Grasbschel, das ist Sumpf -- oh?

Ja -- so steht's auf der Karte, und ist so nach den neuesten
Vermessungen angegeben.

So? also das soll ich glauben, und dann ist auch da an der Buffalofork
kein Berg, nicht wahr? und Mulberry mndet ber Ozark in den Arkansas?
und wo ist denn der Richland und der Wareagle, und wo ist der Spiritcreek
und Frog-Bayou? Also jetzt soll mein Junge die Lgen lernen, und wenn
er nachher hinein in den Wald kommt, dann steht er da, wird irre und
verluft sich -- nein so was kann ich ihn selber lehren, da brauch' ich
die Papierverderber nicht dazu.

Der alte Jger nahm seinen Sohn wirklich mit zu Hause, und es bedurfte
der ganzen berredung seiner Frau und Schwgerin, da er ihm endlich
wieder erlaubte hinzugehen; er legte es dem Jungen aber dringend an's
Herz, kein Wort von dem zu glauben, was ihm der Yankee vorschwatzen
wrde.

Der Sonnabend ist in den Vereinigten Staaten, in den westlichen
wenigstens, durchaus schulfrei. Fnf Tage wird nur gelehrt, und der
Freitag Abend gewhnlich zu Red- und Denkbungen benutzt, an denen dann
nicht nur Kinder, sondern auch die Erwachsenen, ja alte Personen aus der
Umgegend Theil nehmen. Es ist die aber in der That eine sehr gute und
zweckmige Einrichtung, und gewhnt nicht allein die jungen Leute
daran, ber ihnen vorgelegte schwierige oder verwickelte Fragen scharf
nachzudenken, sondern macht sie auch zu frhen Rednern und lehrt sie die
Scheu, ffentlich zu sprechen, abzulegen.

Diese Versammlungen heien kurzweg Debatten, und jeder hat dazu freien
Zutritt. Ich habe brigens einen solchen Abend in meinen _Streif- und
Jagdzgen_ ziemlich ausfhrlich beschrieben, und will nur hier noch die
ungefhren Gesetze und Verhltnisse derselben kurz angeben.

Zuerst werden zwei Richter gewhlt, die sich gewhnlich etwas vom Feuer
zurck gerade gegen das Kamin zu setzen; dann folgt die Wahl zweier
Capitne, um die Verhandlungen zu leiten, und diese suchen sich nun
unter den Anwesenden solche aus, von denen sie sich die besten Argumente
versprechen; erst dieser Capitn einen, und dann der andere, bis
smmtliche Mitglieder verbraucht sind. Die zwei feindlichen Parteien
nehmen jetzt die beiden Seiten des Kamins ein, und nun wird von den
Richtern ein Thema oder vielmehr eine Disputation aufgegeben, ber
welche debattirt werden soll; verstndigen sich die Capitne, welchen
Theil sie vertheidigen wollen, gut, so bedarf es weiter keiner
Anordnungen; ist das aber nicht der Fall, so entscheiden die Richter
diesen Punkt. Gewhnlich wird ein Geldstck in die Hhe geworfen, um
die beginnende Partei zu bestimmen, wo es denn vorher ausgemacht wird,
ob Kopf oder Schrift den Ausschlag giebt.

Das Thema oder die Debatte wird sehr verschieden, manchmal ernst,
am meisten aber komisch gewhlt, und es kommen oft, besonders unter
den Schulkindern, gar sonderbare Argumente dabei zum Vorschein.
Beispielshalber will ich hier die folgenden auffhren:

Ob Neger oder Indianer das meiste Unrecht von den Weien erlitten
haben (ein wunderbares Capitel fr einen amerikanischen Sklavenstaat,
und doch kam es in Arkansas vor); ob die katholische oder jdische
Religion die bessere sei. (Die Richter, ein paar strenge Methodisten,
wollten sich weder zu Gunsten der einen noch der andern entscheiden und
erklrten einstimmig, da alle beide nichts taugten).

Ob die Erfindung des Pulvers oder des Papiers Amerika den meisten
Nutzen gebracht haben, (die Entscheidung fiel fr das Pulver gnstig
aus).

Ob ein Kchelchen, von einer Ente aus einem Hhnerei gebrtet, diese
oder das alte Huhn als seine Mutter zu erkennen habe.

Ob eine bse Frau oder ein rauchendes Kamin schlimmer sei etc.

Was mir besonders lobenswerth bei allen diesen Verhandlungen erschien,
war der Ernst, mit dem smmtliche Anwesende oft dem baarsten Unsinn
lauschten, besonders wenn ein Jngerer sprach; er mochte schwatzen was
er wollte, so lachten sie nie, ausgenommen die Sache gehrte an und fr
sich zu den komischen. Sie gehen dabei von dem ganz richtigen Grundsatz
aus, man msse die jungen Leute nicht abschrecken und sie den Muth
verlieren machen.

Der Nutzen, den diese Freundlichkeit und Nachsicht gewhrt, ist
augenscheinlich, besonders in den westlichen Staaten, wo ich junge
Leute, die sonst schchtern und ngstlich schienen, bei politischen
Versammlungen habe auf irgend einen abgehauenen Baumstumpf treten, und
lange, wenn auch nicht tief durchdachte aber doch durch kein Stocken
unterbrochene Reden halten sehen; schon die Schulkinder ben sich auf
diese Art unter einander.

Das Verhltni zwischen Lehrer und Schler ist ebenfalls in Amerika
ein ganz anderes, als in den europischen Lndern. Jene Freiheit und
Gleichheit, die alle Stnde mit einander verbindet, dehnt sich auch
auf diesen aus, und so ernst und streng der Lehrer in der Schule sein
mag, so ungezwungen betrgt er sich auerhalb derselben oder in den
Zwischen- und Erholungsstunden gegen seine Schler. Selten spielen diese
ein Spiel oder halten einen Wettlauf, an dem er nicht Theil nimmt, und
oft ist er der ausgelassenste des ganzen Haufens, nie aber auch wei
ich, da Knabe oder Mdchen, in den Backwoods nmlich, einen Schlag
von dem Lehrer erhalten habe; durch Ehrgeiz treiben sie schon einander
selbst zum Lernen an, und dieses wchentliche Zusammenkommen zum
Debattiren und Buchstabiren ist gewissermaen ein eben so oft
wiederholtes Examen, bei dem Eltern und Freunde gegenwrtig sind, und
der junge Amerikaner mchte um die Welt nicht am schlechtesten bestehen,
denn er wrde ja zu Hause damit geneckt werden und in der Classe nicht
unter den ersten sein, auch wrden ihn die Mdchen auslachen (Knaben
und Mdchen theilen stets dieselben Stunden), und das wre doch zu
entsetzlich. Mit regem Eifer drngt ihn also schon sein innerer Trieb
zum Lernen, und von dem Augenblick an, wo er die Schule betritt, denkt
er fast nicht mehr an Spielen und Umherrennen, sondern sitzt ehrbar und
andchtig mit seiner Schiefertafel in der Ecke und malt seine Buchstaben
und Zahlen.

Das kindliche Leben aber, die frhlichen Spiele der Jugendzeit, das
Alles kennt der Amerikaner auch nur dem Namen nach; von dem Augenblick
an, wo er allein gehen und sich ankleiden kann, gehrt er nicht mehr
sich selbst, sondern seinen Eltern und beginnt mit Hand anzulegen an
der groen Aufgabe des Lebens. Ist es ein Knabe, so mu er mit in's
Feld und kleine Bsche zusammentragen, auf einen Haufen werfen und
spter anznden und verbrennen, Spne und trockene Rinde fr Mutter
oder Schwester zum Kochen herbeischleppen und tausend andere kleine
Handreichungen thun; wird er etwas strker, so holt er den Mais aus dem
Corncrib und fttert Pferde und Schweine, haut Brennholz und hilft mit
im Kornfeld die Maishgel anhacken. Ist es ein Mdchen, so lernt es
schon, wenn es kaum auf den Tisch sehen kann, das Geschirr auswaschen
und Brodteig anrhren, und wird es nur ein klein wenig lter, spinnen
und weben. Puppen kennt es kaum dem Namen nach, mit andern Kindern kommt
es auch, der weiten Entfernung der auseinanderliegenden Farmen wegen,
selten oder nie in Berhrung und wird schon mit dem achten oder neunten
Jahre =an old woman= (eine alte Frau), wie es sich gern nennen lt.

Oft zwingt freilich auch die Nothwendigkeit die armen Kinder zu einer
Thtigkeit, welche ihren Jahren keineswegs angemessen ist. So starb am
Richland, in den Ozarkgebirgen, die Frau eines Farmers am Nervenfieber
(der arme Mann hatte keinen Arzt und keine Medicin bekommen knnen,
und der Leidenden nur immer Calomel gegeben, bis sie todt war); sie
hinterlie sechs Kinder, von denen das lteste ein Mdchen etwa neun
Jahre alt, das jngste noch ein Sugling war, und der Vater konnte sich,
da er seinen Mais pflanzen mute, wenn er das kommende Jahr etwas fr
sich und seine Familie zum Leben haben wollte, gerade in dieser Zeit
gar nicht um die Wirthschaft zu Hause bekmmern. Da fiel dann die ganze
Arbeit, die ganze Sorge, nicht allein fr smmtliche Kinder, sondern
auch fr die Wirthschaft, auf das arme Mdchen, selbst noch ein Kind,
das vorher schon Monate lang die kranke Mutter hatte pflegen mssen, und
alle lebten in einem kaum eine Htte zu nennenden Blockhaus, mit nicht
ausgefllten Spalten zwischen den Stmmen, ohne Diele und fast ohne
Bett; der Vater mute sich wenigstens Nachts mit seinen drei Knaben
Rinde auf die Erde vor das Kamin breiten und auf darber gelegten
Hirschfellen und mit wollener Decke gegen den Wind geschtzt, der
berall das Gebude durchzog, vor dem wohlunterhaltenen Kaminfeuer
frmlich lagern, whrend die brigen vier Kinder sich auf zwei
Betten zusammenkauerten, wenn man nmlich dnne, mit ungereinigten
Truthahnfedern gestopfte Matratzen und eine leichte Steppdecke wirklich
ein Bett nennen kann. Und doch waren die Kinder zufrieden, sie wuten es
nicht anders, und ich erinnere mich, da sie uns mit Jubel empfingen,
als wir, mein alter Jagdgefhrte und ich, dort eines Abends Schutz gegen
ein heraufsteigendes Unwetter suchten und einen gewaltigen wilden
Truthahn mitbrachten, den ich geschossen.

In den stlichen Staaten und Stdten verbessert sich freilich das
Schulwesen mit jedem Tage; die Ansiedlungen liegen dort dichter;
breite, gute Straen setzen die verschiedenen Wohnungen miteinander in
Verbindung, und nicht jeder herumstreifende Krmer oder Yankee wird
angenommen, sobald er den Wunsch zu erkennen giebt, der Lehrer ihrer
Kinder zu sein. In Cincinnati besonders entstanden schon 1841 drei
Freischulen, in denen nicht allein Rechnen, Lesen und Schreiben, sondern
auch Englisch und Deutsch, wie Geographie und Geschichte gelehrt wurde,
und auch in St. Louis, wie berhaupt im Norden der Vereinigten Staaten,
hat das Erziehungswesen bedeutende Fortschritte gemacht. Besonders sind
in Louisville ausgezeichnete Schulen, und hierher werden vorzglich die
jungen Indianer aus dem Westen von Arkansas gebracht, um in den Knsten
und Wissenschaften der Weien unterrichtet zu werden.

Was das Schulwesen unter den Indianern anbetrifft, so versehen die bis
jetzt noch einzig und allein die Missionre; die civilisirten Stmme
natrlich, als Chacktaws, Cherokesen, Shawnees und einige andere, dicht
an den Grenzen der Weien lebende Nationen ausgenommen, die, wenigstens
fr die Anfangsgrnde, ihre eigenen Lehrer haben. Den amerikanischen
Missionren liegt aber keineswegs das Seelenheil ihrer Beichtkinder
allein am Herzen, die Amerikaner sind ein zu sehr speculirendes Volk, um
der Religion jedes andere Interesse nachzusetzen. So kommt es denn, da,
wie die besonders im Oregongebiet deutlich wird, einzelne fromme Mnner
sehr ehrbar und eifrig mit der Religion anfingen, bald aber, nachdem sie
die rothen Shne der Wildni bekehrt und ihren Willen gebeugt hatten,
den Yankee hervorsteckten und unter dem Vorwande, sie mit dem Segen des
Ackerbaues bekannt zu machen, fr sich selbst groe Farmen anlegten
und dann, wenn sie erst einmal eine eigene Heimath gegrndet, damit
zufrieden waren, _die_ Wilden zu belehren und zu bessern, welche sich
gerade in ihrer Nachbarschaft befanden, oder mit denen sie zufllig in
Berhrung kamen. Aus den Missionren wurden so nach und nach Farmer, und
das religis zugeschnittene Kleid wich dem bequemern Jagdhemd.




Die Alligator-Jagd.


In den ungeheueren Smpfen Louisiana's und berhaupt in dem ganzen
sdlichen Theil der vereinigten Staaten lebt in den warmen Wassern der
Lagunen und Flsse der Alligator (=crocodilus lucius. Cuv.=) in
ungeheuerer Anzahl.

Er gehrt zu dem Geschlecht der Eidechsen und hat ganz die Gestalt
und Beschaffenheit dieser Thiere, erreicht aber, besonders in den
sdlichsten Theilen von Louisiana und Florida, oft eine Lnge von zwlf
bis sechszehn Fu. Der ungeheuere Kopf, der fast den vierten Theil des
ganzen Thieres ausmacht, ffnet, wie der Haifisch, den Oberkiefer, statt
des Unterkiefers, und zeigt dann ein uerst anstndiges Gefnge, das
den gewaltigen, rosenrothen Schlund einfat. Den Krper selbst umgiebt
eine harte, panzerartige, aus lauter kleinen eckigen Stcken bestehende
Haut, die unter dem Bauche in weien, harten Schuppen ausluft. Die
Nasenlcher ragen, am Ende des Rachens, ber diesem empor und liegen
dicht zusammen, und wenn der Alligator an einem stillen, sonnigen Tag
auf dem Wasser gewissermaen ruht, so schauen nur die Lichter, mit
einem kleinen Theil des Kopfes und Nackens, und dann weiter vorn, oft
sechszehn bis zwei und zwanzig Zoll von ihnen entfernt, die Nasenlcher
ber dem Wasserspiegel hervor. Die Lichter selbst sind sehr klein und
sehen tckisch und katzenartig aus, die Lufe dabei kurz und zum Gehen
ungeschickt, desto besser schwimmt aber dafr der Alligator. Eine seiner
Lieblingsbeschftigungen ist es, im heien Sonnenschein auf den sandigen
Uferbnken der Seen oder Flsse zu liegen und mit aufgesperrtem Rachen
das Herbeifliegen von Insekten abzuwarten, die durch den bisamartigen
Geruch, welchen einige Drsen, die er unter dem Halse trgt, verbreiten,
angelockt werden, sich auf seine breite Zunge setzen und von ihm,
wenn er genug zu haben glaubt und zuschnappt, mit grtem Wohlbehagen
verspeist werden.

Die Brutzeit ist im April und Mai; das Weibchen legt seine Eier in ein
gewhnlich aus Schlamm und Schilf zusammengebautes Nest und zwar von
achtzig bis hundert und zwanzig, ja dreiig Stck welche es von der
Sonne ausbrten lt. Die jungen auskriechenden Alligatoren haben jedoch
sehr viele Feinde; Aasgeier oder Bussards, Schlangen, ja das Mnnchen
selbst, das oft fast die ganze Brut verschlingen soll, stellen ihnen
nach; es bleiben aber doch noch genug brig, die zahlreichen Seen und
Lagunen der sdlichen Lnder im berflu mit ihnen zu bevlkern.

In der Paarzeit kmpfen die alten Alligatoren manchmal mit Rachen
und Schwnzen blutige Schlachten. Der lange, panzerharte Schwanz ist
berhaupt seine gefhrlichste Waffe, doch gebraucht er ihn weniger
zur Erlegung als zur Erreichung seiner Beute, denn er fat damit das
ausersehene Opfer und wirft es nach vorn, gegen seinen Rachen zu, der
es dann mit freundlichem Zuschnappen empfngt.

Dem Alligator geht es nun wohl in einer Hinsicht wie Maria Stuart --, er
ist besser als sein Ruf -- denn die schrecklichen Geschichten, die man
sich von seiner Mordgier und seinem unverwstlichen Ha gegen das
menschliche Geschlecht erzhlt, sind doch meistens bertrieben. -- Ein
Weier hat, wenn er ihn nicht selber angreift und verwundet, (und
auch dann nur selten) sehr wenig von ihm zu frchten, den Negern
freilich stellen sie nach; der pikante, dieser Race eigene Geruch, der,
aufrichtig gesagt, besonders an heien Sommertagen gerade nicht zu den
angenehmsten gehrt -- lockt sie an -- sie lieben diesen Geruch einmal,
und wer kann sie deshalb tadeln, -- kauen doch manche Menschen =asa
foetida=, um ihren Athem zu reinigen, also sie lieben die Neger
-- wenigstens dann und wann einen Arm oder ein Bein von ihnen, und
die schwarzen Shne thiopiens hten sich wohl, tief in eine dieser
Sumpflagunen hinein zu waten. Dabei hegen sie auch noch eine zrtliche
Leidenschaft fr Ferkel und Hunde, welche erstere sie gewhnlich ganz,
letztere nur theilweise verzehren, da der Hund, von dem Alligator
erfat, kaum einen Schmerzschrei ausstt, als auch schon die anderen
dadurch angelockt von allen Seiten herbeistrmen und die Beute theilen;
den weien Mann aber scheuen sie, verlassen bei seiner Ankunft das Ufer,
an dem sie sich gesonnt, und tauchen unter.

Schaden thun sie also nur insofern, da sie die hie und da sich ihnen
nhernden Ferkel abfangen, seltner einmal einen jungen Neger unter
Wasser ziehen, oder eine Negerin, die am Ufer zu waschen gedenkt, bei
einem Beine erwischen; da aber auch der Nutzen, den sie der menschlichen
Gesellschaft bringen, sehr gering ist, und sie berdies noch ein
hliches, boshaftes, gefhrliches Aussehen, was aber noch das
Allerschlimmste ist, einen schlechten Ruf haben (denn es ist ein
altenglisches Sprichwort: Hngt einen Hund lieber, ehe ihr ihm einen
schlechten Namen macht), so wird ihnen, wo man ihrer habhaft werden
kann, mit Kugel und Harpune, oft auch gar mit groen Angelhaken
nachgestellt.

Ganz unnutzbar sind sie brigens doch nicht, denn die groen, feisten
Burschen werden in Kessel gethan und das Fett heraus geschmolzen, das
besonders gut zu den verschiedenen Maschinerien, die das Reinigen der
Baumwolle erfordert, gebraucht werden kann. Die Schwnze der kleineren
-- (bis hchstens fnf oder sechs Fu lang) schmecken dabei delikat, nur
mu das Fleisch bald von der Rckengrte abgelst werden, da es sonst
den, diesen Thieren eigenen, bisamartigen Geschmack annimmt.

Ein unfern von uns wohnender Pflanzer in Pointe Coupe hatte mich lange
schon geplagt, eine ordentliche Alligator-Jagd vorzunehmen, da er gar
so gern einige Gallonen von dem Fett dieser lieben Bestien zu haben
wnschte und ich die einzige gute Harpune dort in der Gegend besa;
als er daher eines Morgens mit seinem Sohne und zwei pechschwarzen
Negersklaven zu mir kam und erzhlte, da er schon am vorigen Abend
zwei leichte Khne in den hinter seinem Hause liegenden See, der durch
schmale Lagunen mit fnf oder sechs anderen in Verbindung stand,
geschafft htte und nun eine ordentliche Jagd beabsichtige, so schulterte
ich meine Harpune, steckte mein kleines Scalpirmesser in den Grtel,
und dem jungen Harbour die Bchse berlassend, mit der er ziemlich gut
umzugehen wute, schlenderten wir langsam dem etwa anderthalb englische
Meilen entfernten See zu.

Was trgst Du denn da, Ben? fragte ich den einen der Neger, der etwas
in grobes Baumwollenzeug einschlagen, das mir Leben zu haben schien,
unter dem Arme hielt.

Kann selber reden -- Massa! sagte der Schwarze grinsend, indem er den
frchterlichen Mund von einem Ohr bis zum andern aufri und zwei Reihen
blendend weier Zhne zeigte -- kann selber reden, und dabei prete er
mit dem linken Ellbogen das seiner Sorgfallt Empfohlene.

Quitsch! sagte ein kleines Ferkelchen, das jetzt mit allen vier Lufen
anfing zu strampeln.

Stille halten, Kleines. beruhigte es der Neger -- gutes Thierchen
-- so recht!

Er trug es mit sich, um durch das Schreien desselben die Alligatoren
herbeizulocken und dann leichter zu schieen. Endlich erreichten wir
einen schmalen Damm, der den grten See in zwei Hlften theilte und an
dessen Einlauf die Khne befestigt lagen; obgleich wir aber schon Ende
Juni hatten, war das Wasser doch noch sehr hoch, denn der Mississippi,
durch den Schnee der Felsengebirge angeschwellt, hielt die tiefer
als seine Ufer liegende Niederung gefllt, da all das innere Land
berschwemmt und einem ungeheueren See gleich da lag, den nur hier und
da schmale Streifen Landes oder Dmme durchzogen. Auch dieser Damm, an
welchem unsere Khne befestigt waren, ragte kaum zwei Zoll, na und
schwammig, ber die Wasserflche empor.

Zwei Drucker, welche die Pointe Coupe Chronicle redigirten, setzten
und druckten, hatten sich unserer Jagd noch angeschlossen, und wir
machten jetzt also im Ganzen, mit dem Ferkel, acht Personen, die sich
nun der alte Harbour anschickte gleichmig zu vertheilen. Zuerst kam in
jedes Boot ein Neger zum Rudern, dann ein Buchdrucker zum Zusehen,
-- denn viel mehr Nutzen erwarteten wir nicht von ihnen -- dann der
junge Harbour mit der Bchse in ein Boot und ich mit der Harpune in das
andere zum Jagen, und ich bekam das Ferkel, whrend der alte Harbour
zu seinem Sohn in den Kahn trat, der jetzt ganz kaltbltig bemerkte:
das Ferkelchen und er -- (der Vater) wren zum Quitschen.

Die Sonne brannte grimmig hei und kein Schatten bot sich auf der ganzen
weiten Wasserflche, als der, den manchmal einzeln stehende Cypressen,
mit dem langen, grauen Moose bewachsen, warfen; nicht ein Lftchen regte
sich, kein Vogel zirpte -- kein Frosch quakte, Alles lag in trger
-- schlaffer Ruhe, und selbst die einzelnen Alligatoren, die mit
ihren schwarzen Kpfen, wie Stcke halbverbrannten Holzes, auf der
spiegelglatten Wasserflche trieben, sahen aus, als ob sie schliefen,
htte nicht manchmal einer der groen Burschen den rosenrothen Rachen
aufgerissen, dessen Oberkiefer dann einen Augenblick emporstand und mit
schwerem Schlage wieder zuklappte.

Selbst die Alligatoren langweilen sich hier, -- sagte Kelly -- der
eine Drucker, der bei mir im Boote war.

Wird schon lebhaft werden, Massa, lachte der Neger, wenn das Kleine
hier spricht!

Das Ferkel seufzte wehmthig im Sack. --

Wir stieen jetzt vom Lande ab, hielten uns im Anfang dicht zusammen,
und versuchten leise an die Alligatoren hinanzugleiten, sie waren aber
zu scheu, und immer, wenn wir fast in Schunhe zu sein glaubten, sanken
sie unter. -- Ich hatte mich auf das Vordertheil des Kahnes gestellt und
erwartete ruhig das Erscheinen eines der Burschen auf zwlf bis funfzehn
Schritt Entfernung, doch der alte Harbour wurde ungeduldig und rief zu
uns herum:

Drckt doch das Ferkel einmal ins Teufels Namen!

Der Buchdrucker aber, der sich aufrecht hingestellt hatte, um die
Wasserflche um so besser bersehen zu knnen, und dem es wahrscheinlich
zu viel Mhe schien, sich zu bcken, trat, ohne eine Miene zu verziehen,
dem armen kleinen Ding auf den Bauch.

Quiiiiiitsch! schrie dieses in Todesangst.

Massa -- um Gottes willen, rief aber auch erschrocken der Neger und
hrte mit Rudern auf -- das mein Schwein -- Ihr tretet's todt!

Das Experiment hatte jedoch den gewnschten Erfolg gehabt; mehre der
langen Gesellen, die vorher von uns weggeschwommen waren, drehten
sich jetzt und kamen langsam auf uns zu -- der Neger mute mit Rudern
aufhren und sich ganz ruhig verhalten, und nahe heran, auf etwa dreiig
Schritt, strich ein gewaltiger alter Bursche von zwlf Fu Lnge.
-- Einen Augenblick hielt er und traute den Booten doch nicht so recht;
der Neger aber, der zu seinem Schweinchen niedergekniet war, lie dieses
einen ganz kleinen winzigen Schrei thun und dadurch angelockt, schwamm
er herbei. --

Feuer! rief jetzt der alte Harbour, die Bchse krachte und in
demselben Augenblick auch fast drehte sich das tdtlich verwundete
Ungeheuer herum und zeigte den weien, schuppigen Bauch; im Vorschieen
und Umsichschlagen war es aber glcklicher Weise meinem Kahne nahe genug
zum Wurf gekommen und im _Nu_ sa ihm auch die scharfe dreizackige
Harpune in den Weichen.

Der Schu aber, der ihm das Hirn zerschmettert hatte, erlaubte ihm nicht
mehr viel zu reien und zu zerren, und leicht zogen wir ihn dicht an den
Kahn heran; das gewaltige Thier aber in das kleine Fahrzeug zu nehmen,
wre auf keinen Fall angegangen, und wir ruderten deshalb schnell ans
Ufer zurck und schleppten es dort, wobei es jedoch noch tchtig mit dem
Schwanze umher hieb, unter einen Baum.

Der Versuch mit dem Ferkel wurde jetzt mehrere Male wiederholt und der
junge Harbour scho nach vier Alligatoren, von denen wir jedoch nur zwei
bekamen, da ich nicht schnell genug mit der Harpune hin konnte, und ich
harpunirte drei, die sich zu nahe an mich herangewagt und die Gefahr zu
spt eingesehen hatten. Zwei von den letzteren waren jung und saftig,
und ich schnitt ihnen augenblicklich fr meinen eigenen Tischgebrauch
die Schwnze ab.

Nach und nach mochten sie es aber doch wohl wegbekommen haben, da es
mit dem Schweine nichts war, denn in immer weiteren Kreisen umzogen sie
unsere Khne, und wir konnten keinen mehr auf Schuweite anlocken. Das
wurde also aufgegeben, der Neger aber, der in meinem Kahne ruderte,
machte seine Sache so ungeschickt und vollfhrte einen solch grulichen
Spectakel, da an Anschleichen mit dem Burschen gar nicht zu denken war;
ich lie ihn daher von der Ruderbank aufstehen, die ich jetzt einnahm,
und bergab die Harpune an Kelly, der mich instndig bat, auch einmal
einen harpuniren zu drfen, wobei er betheuerte, zu Hause in Kentucky
manchen groen Catfisch auf diese Art gefangen zu haben; unsere beiden
Khne blieben aber jetzt nicht mehr bei einander und ich legte ein Ruder
nieder, whrend ich das andere aus dem Ruderloche nahm und in der Hand
fhrte, da ich auf diese Art am geruschlosesten fortgleiten konnte.

Lange schon hatte ich versucht, an einen ziemlich groen Alligator
hinanzukommen, immer aber noch war er mir entgangen, obgleich ich mir
genau gemerkt hatte, wo er untertauchte und in welcher Entfernung er
dann immer wieder an die Oberflche kam. Jetzt sank er auch eben wieder,
und mit aller Kraft das Ruder fhrend, das der Kahn mit Blitzesschnelle
ber die Wasserflche dahin scho, versuchte ich ihn beim Emporkommen
zu berraschen und rief Kelly zu, aufzupassen. Ich hatte das Wort kaum
gesagt, als der schwarze Kopf der Bestie sichtbar wurde; eben so schnell
wollte er nun zwar wieder niederfahren, doch war er zu nahe, kaum sechs
Schritt, als da ihn Kelly htte fehlen knnen; das Eisen sa und mit
gewaltigem Ruck scho er vorwrts.

Nun ist eine solche Harpune auf folgende Art eingerichtet; das
dreizackige, mit Widerhaken versehene Eisen ist etwa achtzehn Zoll lang
und circa drei bis vier Pfund schwer; in diesem sitzt eine leichte, zehn
Fu lange Stange, die beim Wurf vom Eisen abgeht, um dessen Mitte ein
starkes Seil gut befestigt ist, das an der Stange hinauf luft, an
dieser, oben, wieder festsitzt und nun noch etwa zwlf bis sechszehn
Fu freien Spielraum gewhrt, so da die ganze Lnge des Wurfes etwa
dreizehn bis vierzehn Schritte betragen darf. Das Ende des Seiles ist
dabei um das Handgelenk des Werfenden befestigt, damit er es nicht durch
die Finger gleiten lasse, und Beute und Waffe zu gleicher Zeit verliere.

Wohl hatte ich, durch Erfahrung belehrt, Kelly vor dem Wurfe gewarnt,
sich festzustellen und nicht das Gleichgewicht zu verlieren; in dem
freudigen Gefhl aber, einen Alligator zu harpuniren, dachte er nicht
weiter daran, und als jetzt der Verwundete mit dem Eisen hinwegeilte,
ri ein pltzlicher Ruck desselben den Schtzen aus dem Boote. Der Neger
aber, der wohl etwas hnliches geahnet haben mochte, warf sich auf ihn,
und wenn ihm auch der Krper entging, erwischte er doch noch ein Bein,
das er festhielt, bis es unsern vereinten Krften gelang Drucker und
Alligator, die unzertrennlich waren, den ersten am Lauf, den zweiten am
Seil, in's Boot zurck zu ziehen.

Der junge Harbour hatte indessen auch noch einige kleine Alligatoren
erlegt, und mit unserer Beute zufrieden, da die Hitze in der Mittagsgluth
zu frchterlich drckend wurde, kehrten wir langsam zum Hause zurck,
whrend die Neger die Erlegten mit Handkarren zum Hause fuhren, da sich
nicht leicht ein Pferd dazu hergiebt, einen Alligator zu tragen.

Sehr hufig habe ich Alligatoren, wie die Hirsche, Nachts bei dem
Scheine der Kienfackel geschossen, und ihre Lichter glhen wie Stcke
rothheien Eisens. --




       *       *       *       *       *



Transcriber's note:

The following additional changes were made; the original appears in the
first line, the altered version in the second.


ANMERKUNGEN

Folgende zustzliche nderungen wurden vorgenommen; das Original ist
jeweils in der ersten, die genderte Fassung in der zweiten Zeile zu
lesen:

 mit der Scheu, die alle Hinderwldler (...) haben
   mit der Scheu, die alle Hinterwldler (...) haben

 steckte seine Nadel (...) in die Kugeltatsche
   steckte seine Nadel (...) in die Kugeltasche

 wenn der Wolf mit der Falle zu entfliegen sucht
   wenn der Wolf mit der Falle zu entfliehen sucht

 ihn zum Glcklichsten der Sterblichsten zu machen
   ihn zum Glcklichsten der Sterblichen zu machen

 unmglich so lage ohne (...) Aufsicht bleiben konnten
   unmglich so lange ohne (...) Aufsicht bleiben konnten

 kleine Bchse zusammentragen
   kleine Bsche zusammentragen

 traute den Boten doch nicht so recht
   traute den Booten doch nicht so recht



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AMERIKANISCHE WALD- UND STROMBILDER.
ERSTER BAND.***


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