The Project Gutenberg EBook of Aus tiefem Schacht, by Fedor von Zobeltitz

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Title: Aus tiefem Schacht

Author: Fedor von Zobeltitz

Release Date: May 15, 2010 [EBook #32391]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                          Aus tiefem Schacht

                               Roman von
                          Fedor von Zobeltitz


                            Stuttgart 1915
                    Verlag von J. Engelhorns Nachf.



Alle Rechte, namentlich das bersetzungsrecht, vorbehalten

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart




Erstes Kapitel


Hedda stand mitten unter dem Hhnervolk und sah mit andchtiger Miene
zu, wie die Magd das Futter auswarf. Der Hhnerhof war ihre besondere
Vorliebe, und fr ihn verschwendete sie reuelos, was von den
Ertrgnissen der kleinen Wirtschaft brig blieb. Es gab da allerhand
sonderbares Getier, das mit unserm braven deutschen Haushuhn nur eine
sehr entfernte hnlichkeit hatte und das Hedda aus weither bezogenen
Eiern hatte ausbrten lassen: ganz kleine, zierliche Geschpfe mit
bronzefarbenem Gefieder und wieder riesengroe, mit breiten Federlappen
an den Fen und buschigem Kamme, Perlhhner und solche aus Cochinchina,
Liliputaner aus Java und hnliche Arten, die sich nicht leicht zchten
lieen und zrtlich behandelt sein wollten.

Drthe streute die Krner mit der rechten Hand unter das gackernde Volk,
whrend sie mit der Linken die Futterschwinge hielt. Die Verehrung fr
das Hhnervolk hatte sie von ihrer Herrin geerbt; das frische,
sonnenbraune, bildhbsche Gesicht der Dirne strahlte vor Vergngen.

Der groe Gottlieb frit uns noch tot, sagte sie, lachend ihre blanken
Zahnreihen zeigend. Nee gn'ges Frulein -- was _der_ fressen kann!!
Und den Zwerghhnern nimmt er immer ihr bichen Futter weg; man merkt,
da er auslnd'sch ist.

Hedda nickte. Er ist nur gegen die eigne Art galant, erwiderte sie;
die Menschen machen's nicht anders.

Dann fragte sie nach dem Vater Drthes. Der war Stellmacher unten im
Dorfe und hatte sich krzlich eine leichte Lungenentzndung geholt. Aber
es ging ihm schon besser; der Doktor war dreimal dagewesen -- nun
brauchte er nicht mehr zu kommen. Morgen oder bermorgen konnte der
alte Klempt wieder an die Arbeit gehen.

Hat er denn viel zu tun? fragte Hedda.

O ja, gn'ges Frulein, entgegnete Drthe lebhaft und klappte die
Futterschwinge aus, damit auch nicht das letzte Krnlein verloren gehe.
Seit Kommerzienrats drben wohnen, knnte er sechs Arme haben. Da
gibt's immerwhrend was!

Sie trieb die Hhner davon, die sie noch immer umringten und an ihr
emporzuflattern versuchten.

Hedda schritt quer ber den Wirtschaftshof und trat in den kleinen
Vorderpark, in dem das Rosenrundell in voller Blte stand. Es war in der
fnften Nachmittagsstunde und noch ziemlich hei. Aber das junge Mdchen
sprte von der Hitze nicht viel. Hedda behauptete, ihr khles Herz
temperiere sie so vllig, da sie gegen jede sommerliche Bosheit
geschtzt sei. Sie gehrte zu jenen blonden Schnheiten, die in der Tat
eine bestndige Frische auszustrmen scheinen. Obwohl sie erst Anfangs
der Zwanzig war, machte sie doch einen reiferen Eindruck. Mit ihrer
groen, stattlichen Gestalt und der vollen Bste htte man sie fr eine
junge Frau halten knnen.

Auf der glasberdachten Veranda des Herrenhauses blieb sie stehen und
schaute hinab auf das Dorf. Der Baronshof lag auf einer Anhhe. Man
erzhlte sich, der Grovater des jetzigen Besitzers, des Freiherrn von
Hellstern, habe ihn auf derselben Stelle erbaut, auf der ehemals das
alte Schlo gestanden habe. Das kannte man freilich nur noch der Sage
nach. Den Hellsterns war es ergangen wie manch anderm alten Geschlechte.
Die Ahnen hatten nichts brig gelassen fr die Nachkmmlinge. Freilich
-- der Letzte im Mannesstamme hatte sich lange und bitter genug gewehrt
gegen den Untergang, mit Kraft und mit Zhigkeit, mit hartem Schdel und
beiden Fusten. Aber schlielich hatte er doch den aussichtslosen Kampf
aufgeben und die Waffen strecken mssen. Das war mit vollen Ehren
geschehen, und die Leute sagten, er knne noch froh sein, da
Kommerzienrat Schellheim ihm seinen Landbesitz abgekauft habe, und da
der Baron nun in Frieden seine alten Tage auf der Scholle seiner Vter
verleben knne. Denn Herrenhaus und Hof hatte er behalten; der
Kommerzienrat legte keinen Wert auf die halbverfallenen Baulichkeiten --
er wohnte drben in seinem neuen Schlo, das mit glnzenden
Fensterreihen vom Auberge hinab zum Tale grte.

Hedda hatte die Hnde auf dem Rcken verschrnkt. Im Sonnendunst des
Tages verschwamm der kaum eine Wegstunde entfernte Auberg mit seiner
modernen Ritterburg in blulich-grauen Nebelschleiern. Die ganze
Umgebung war reich an Wald und Hhen. Die Landschaft erinnerte mehr an
Thringen als an die vielgeschmhte Streusandbchse des heiligen
rmischen Reichs. Dunkle Linien begrenzten in unregelmigen Kurven den
Horizont: weit ausgedehnte Kiefernforsten, die mit wunderschn
gepflegten, unter fiskalischer Verwaltung stehenden Buchen- und
Eichenwaldungen wechselten. Durch die breite Talmulde, in deren Mitte
das Dorf Oberlemmingen lag, rann ein Nebenflu der Oder, die kleine
Barbe, die aber zur Zeit der Schneeschmelze gar stattlich anwachsen
konnte. Sie trennte das Tal in zwei ziemlich gleiche Hlften, und hben
und drben wuchsen aus flacher Sohle zwei Anhhen empor, der Auberg und
der Lemminger Zacken, auf dem der Baronshof lag.

Hedda trat in das Haus. Es war ein alter, viereckiger Kasten mit hohem,
schrgem Ziegeldach, so wie man zu friderizianischer Zeit auf dem Lande
zu bauen pflegte. Und es war schon richtig: man sprte berall, da das
Gebude arg vernachlssigt worden war. Stlle und Scheunen hatte der
Freiherr stets in sauberster Ordnung gehalten, aber fr das Herrenhaus
tat er nicht viel. Er war nicht verwhnt, war mehr eine soldatische
Natur. Es war ihm herzlich gleichgltig, da die alten Ledertapeten im
Speisezimmer immer schwrzer wurden, und da in den Korridoren der Putz
von der Decke fiel -- auch jetzt noch, wo er durch den Verkauf seines
Landbesitzes wenigstens ein sorgenloses Auskommen hatte. Es gab immer
einen kleinen Kampf zwischen ihm und Hedda, wenn die letztere Handwerker
ins Haus bestellte, um die notwendigsten Ausbesserungen vornehmen zu
lassen.

Das Zimmer, das Hedda bewohnte, war das freundlichste auf dem ganzen
Baronshofe. Es lag im ersten Stockwerk, nach hinten hinaus, mit dem
Ausblick auf den schnsten Teil des Parks, war gro, luftig und sonnig
und mit dem bunten Komfort eines Backfischchens eingerichtet, das sich
sein Heiligtum nach Mglichkeit hbsch zu machen sucht.

Die ganze Seite einer Wand nahm ein breites, tannenes Bchergestell ein.
Auf diese ihre Bcher war Hedda stolz. Es waren die Reste einer
stattlichen Sammlung, die einst ihr Urgrovater, einer der Generale des
groen Friedrich, zusammengebracht hatte, meist franzsische Geschichts-
und Memoirenwerke, in die sich Hedda in ihren freien Abendstunden zu
vertiefen pflegte, ohne Kritik und mit kindlicher Naivitt ber die
tollsten und albernsten Klatschgeschichten fortlesend. Zuweilen schaffte
sie sich auch von ihren Ersparnissen einiges Neue an, aber sie hatte
wenig Sinn fr das Moderne; die Ritterromane Florians interessierten sie
mehr als die Belletristik der Zeitgenossen.

Hedda war mde. Den halben Tag ber hatte sie im Hofe gewirtschaftet.
Der Haushalt war nur klein, aber auch die wenigen Khe, der Hhnerhof
und der Gemsegarten verlangten Pflege, und sie hatte nur zwei Mgde und
einen alten Diener, der zugleich Knecht und Grtner war, zur Hand. Sie
hatte viel zu tun, um alles in Ordnung zu halten. Heute frh war sie
schon vor fnf Uhr auf dem Posten gewesen; die schwarze Marie, ihre
Lieblingskuh, hatte ein Klbchen zur Welt gebracht, frher, als man
erwartet, und darum hatte die Drthe ihre Herrin so zeitig geweckt.

Ja, sie war mde. Sie wollte ein wenig ausruhen. Das groe Fenster auf
der Sdseite reichte mit seinen Glasscheiben nach italienischer Art bis
auf den Fuboden und war drauen halb mannshoch mit Eisen umgittert. Es
stand weit offen; schrg davor der Schreibtisch, sehr ordentlich
gehalten, mit den Photographieen der verstorbenen Mutter und einiger
Pensionsfreundinnen und einer Glasvase, die einen groen Buschen gelber
Rosen enthielt. Hedda tauchte ihr Gesicht in die Rosen, atmete tief
deren Duft ein und lie sich dann in den mit licht geblmtem Cretonne
berzogenen Lehnstuhl fallen.

Herrgott, war sie mde! Das kam nicht oft vor. Mit blinzelnden, halb
geschlossenen Augen schaute sie auf den Park hinaus. Die Glut der
Nachmittagssonne brtete ber den Wipfeln der Bume. Kein Windhauch
ging. Auf dem fahlgrnen Rasenfleck dicht unter dem Fenster stand ein
geborstener Sandsteinpfeiler mit einer Marmorplatte, auf der eine
Sonnenuhr eingraviert war. Jetzt gluckte ein dickes, weies Huhn darauf
und schlief. Weiter hinten schimmerten helle Silbereschen durch das
dunkle Grn der Buchen; dort senkte sich mhlich das Blttermeer. Der
Park fiel zum Tale ab; ein Zaun aus Eichenholz umgab ihn hier. Vom
Fenster aus konnte man ber Wiesen und Felder sehen. Alles war in bester
Kultur; der Kommerzienrat besa eine ttige Hand. Die Ernte stand vor
der Tr; das gelbe Getreide zitterte in der Sonne.

Ein breiter, staubgrauer Landweg durchschnitt das Gelnde. Dort rollte
ein offener Wagen daher, der Hedda aufmerksam werden lie. Sie stand
auf, trat dicht an das Fenstergitter und sphte scharf in die Ferne.

Wahrhaftig, sie tuschte sich nicht: es war der Wagen Schellheims, --
der Kommerzienrat, der erst vor wenigen Tagen aus Karlsbad zurckgekehrt
war, wollte auf dem Baronshof seinen Besuch machen.

Das war zu erwarten gewesen. Trotzdem frchtete sich Hedda ein wenig
davor. Ihr Vater konnte den Mann nicht leiden; man durfte kaum dessen
Namen in seiner Gegenwart nennen. Es war lcherlich -- Hedda nahm in
dieser Beziehung dem alten Herrn gegenber kein Blatt vor den Mund--,
aber mit der Tatsache mute gerechnet werden. Es galt, den Vater
vorzubereiten.

Sie warf einen Blick in den Spiegel, ordnete hastig ihr Haar und eilte
dann flinken Fues in das Erdgescho hinab.

Der Baron sa bei der Arbeit -- in einem groen, kahlen, gewlbten
Gemach, vor einem riesenhaften Tische aus weiem Tannenholz, in dessen
Platte ein Halbkreis eingeschnitten war, in den der Lehnsessel
Hellsterns weit hineingeschoben wurde, wenn der Alte Platz nehmen
wollte. Hellstern litt seit einigen Jahren an periodisch wiederkehrender
Ischias, die ihm die Bewegung erschwerte. Er hatte sich deshalb den
merkwrdigen Tisch bauen lassen, in dessen Ausschnitt er sa, ringsum
von Bergen uralter Akten, Folianten und Pergamentrollen umgeben, vor
sich ein Buch Papier, dessen einzelne Bltter er mit groen, groben
Schriftzgen bedeckte.

Baron Hellstern war ein Sechziger mit rotbraunem, gesundem Gesicht, kurz
geschorenem weiem Haar und langem, grauem Vollbart. Augenblicklich trug
er eine Brille; dunkelblaue, sehr klare Augen blickten durch ihre
Glser. Trotz migen Lebens und vieler, erst in letzter Zeit durch sein
Leiden beeintrchtigter Bewegung hatte er schon frhzeitig das leibliche
Erbe der mnnlichen Hellsterns bernehmen mssen: eine lstige
Korpulenz. Der Baron war, wenn er aufrecht stand, eine kolossale
Erscheinung -- sehr gro, mit der Schulterbreite eines Enaksohns und
falstaffischem Leibesumfang. In frherer Zeit hatte man Wunderdinge von
seiner Krperkraft erzhlt; jetzt nagte der Wurm an der nordischen
Eiche.

Er arbeitete. Seit er die Landwirtschaft aufgegeben, hatte er sich mit
Leidenschaft auf ein andres Steckenpferd geworfen. Er schrieb im
Auftrage eines Lehnsvetters, seines letzten mnnlichen Verwandten von
der schwedischen Linie der Familie, an einer Chronik seines Geschlechts.

Schon als junger Offizier, als sein Vater noch lebte und den Baronshof
bewirtschaftete, hatte er sich lebhaft fr die Familiengeschichte
interessiert und an Quellen dafr zusammengebracht, was er nur fand.
Nach dem Verkauf seiner Lndereien begann ihn die Langweile zu packen;
anfnglich nur, um seine Muestunden auszufllen, ging er an das Sichten
und Ordnen des im Laufe der Zeit gewaltig angewachsenen Materials. Die
lateinischen Codices bersetzte ihm der Pastor, bei den franzsischen
und schwedischen Schriftstcken half ihm Hedda. Die Hellsterns oder
Hellstjerns, wie sie sich ehemals schrieben, waren allerdings
schwedischer Abstammung, aber seit dem Groen Kurfrsten sehaft in der
Mark. Mit den Wrangels und Sparres und Crusenstolpes waren sie dazumal
nach dem Brandenburgischen gekommen. Und in der Dauer dreier
Jahrhunderte hatten sie ihre Muttersprache vergessen. Nun lernten die
beiden letzten Abkmmlinge jenes ersten Hellstjern, der unter dem
brandenburgischen Roten Adler gedient hatte, aus Liebe zu ihrem
Geschlecht noch nachtrglich die einschmeichelnd klingende, melodise
Sprache der Ahnen. Sie lernten tapfer -- Hedda sowohl wie der alte
Brummbr, ihr Vater, dessen Ausdauer und Zhigkeit gleich
bewunderungswrdig waren wie sein ausgezeichnetes Gedchtnis. Die Akten
vergangener Jahrhunderte, Ritter- und Lehnsbriefe mit ihrem antiquierten
Schwedisch, machten ihnen unendlich viel Mhe; aber sie rangen sich
durch und freuten sich wie die Kinder, wenn sie wieder einmal einen Berg
staubiger Faszikel bewltigt hatten.

Eines Tages war der Baron auf einen guten Gedanken gekommen. Das
vorhandene Material gengte ihm noch nicht. Da fiel ihm ein, da im
Freiherrnkalender neben seinem Namen noch ein andrer stand, der
folgendermaen lautete: Axel Freiherr von Hellstjern, geboren 18. Juni
1865 (Sohn des Geheimen Konferenzrats Frederik Jasper v.H., Gesandten
zu Kopenhagen, dann in Paris, und der Leontine, Grfin von Hetfried),
Knigl. schwed. Kammerjunker, Erbherr auf Jarlsberg, Val und
Brennwolde.... Dieser junge Mann war der letzte Hellstjern von der
schwedischen Linie, wie der Besitzer des Baronshofs der letzte der
mrkischen Linie war. Jarlsberg -- das wute der Baron -- hie das
uralte Stammschlo des Geschlechts; es lag hoch oben an der Felskste
Schwedens, von weiem Meeresgischt umsplt, ein Denkmal aus grauer Zeit,
da man mit der Baronskrone auf dem blonden Haupt noch ungestraft
seerubern konnte. In den Archiven der Burg schlummerte vielleicht auch
noch mancher litterarische Schatz, der fr die Geschichte des
aussterbenden Hauses von Wichtigkeit war.... Der Freiherr schrieb an den
jungen Vetter. Lange blieb die Antwort aus. Dann trafen groe Kisten
ein, mit Bchern, Papieren und Dokumenten bis obenhin vollgestopft, und
dazu ein liebenswrdiger Brief des Herrn Axel: er habe alles
zusammengesucht, was er im Interesse der Chronik habe auftreiben knnen,
und stelle es dem werten Herrn Vetter mit Freuden zur Verfgung. Ja,
noch mehr: er nehme selbst einen so groen Anteil an der
Familiengeschichte, da er den Herrn Vetter bitte, irgend eine geeignete
Kraft ausfindig zu machen, die jene Chronik zu Ehren des Hauses
Hellstjern verfassen knne. Gern willige er in ein Honorar von
zehntausend deutschen Reichsmark.

Das konnte der Axel von Jarlsberg, denn er war ungeheuer reich. Und nun
gedachte der Baron, sich jene Summe selbst zu verdienen. Er htte sich
unter andern Verhltnissen sicher gegen die Soldschreiberei gestrubt,
aber der Gedanke an Hedda und ihre Zukunft unterdrckte seinen
trichten Stolz. Zudem war er mit ganzer Seele an der Sache. Er sa von
frh bis zum spten Abend an seinem wunderlichen Schreibtisch, bestndig
rauchend und halblaut vor sich hinsprechend, bltternd, studierend,
prfend und ordnend. Das Fenster vor ihm stand immer offen, und wenn ihn
drauen ein piepsendes Sperlingspaar oder ein gackerndes Huhn strte, so
warf er zuweilen mit dem Wrterbuche danach; dann scholl seine Klingel
durch das Haus, und August, der Diener, mute den Sprachschatz wieder
ins Zimmer holen.

       *       *       *       *       *

Puh, sagte Hedda, als sie bei dem Alten eintrat, Vater, dein Tabak
ist furchtbar! Die Pfeife qualmt ordentlich und -- ich wei nicht,
riecht denn jeder Tabak so stark?

Der vom Kommerzienrat drben wohl nicht, antwortete der Baron, ruhig
weiterschreibend; aber der hat's auch dazu, sich Havannazigarren
leisten zu knnen.... Hederle, es ist gut, da du kommst. Ich werde aus
der Verwandtschaft nicht klug. Die Leute heien alle Axel, und bei den
meisten folgt nicht mal ein zweiter Vorname hinterher. Hilf mir ein
bichen!

Nachher gern -- jetzt geht's nicht! Zupf dich ein wenig zurecht,
Vterchen -- Schellheims sind auf der Visitentour. Ich habe ihren Wagen
vom Fenster aus erkannt...

Der Baron spritzte den Gnsekiel aus, dessen er sich bediente, warf ihn
hin und lehnte sich im Sessel zurck.

Sind nicht zu Hause, mein Kind, sagte er ruhig, nachdem er einen
neuen, tiefen Zug aus seiner Pfeife genommen hatte; August soll's den
Herrschaften melden -- damit sela.

Nein -- nicht sela, widersprach Hedda, setzte sich auf den
Schreibtischrand und strich ihrem Vater ber die Stirn. Du wirst
vernnftig sein, lieber Alter. Es liegt gar kein Grund vor, die
kommerzienrtliche Gesellschaft vor den Kopf zu stoen.

Ich kann sie nicht leiden, grunzte der Freiherr und zog die Nase
kraus.

Warum nicht? Weil Schellheim dir dein Gut abgekauft hat?

Er hat geschachert wie ein Mhlendammer!

Das gehrt zu seinem Beruf. Er ist nun mal Kaufmann.

Hemdenfritze!

Ob einer Hemden verkauft oder Rohtabake oder goldene Manschettenknpfe,
ist gleichgltig; jeder ehrliche Erwerb verdient Achtung.

Ach, fang mir nur nicht wieder mit Moralpredigten an, Hederle! rief
der Alte halb rgerlich, halb lachend. Was du immer fr grne Weisheit
im Schnabel fhrst!... Er rckte an seinem Stuhl. Also meinetwegen!
Um deinetwillen! Kommt er mit Gattin?

Wei nicht. Aber jedenfalls! Die Drthe erzhlte, es sei Besuch auf dem
Auberg. Vielleicht sind die Shne da.

Ein neues Grunzen des alten Herrn.

Wappnen wir uns mit Geduld! Schick mir den August! Mu ich mich erst
umkleiden?

Ich wrde es schicklich finden, wenn der Baron Hellstern seine Gste
in--

Im Bratenrock empfangen wollte! fiel der Baron ein. Ich lass' schon
alles ber mich ergehen. Gott, diese Umstnde!

Er sthnte, chzte und grunzte noch lange. Aber es half ihm nicht viel.
Hedda verstand, mit dem Alten umzugehen, und August auch. Der letztere
war dreiig Jahre im Hause und dem Baron unentbehrlich geworden. Er
sthnte, chzte und grunzte genau soviel wie sein Herr und konnte auch
ebenso grob werden. Aber er war dabei die beste, treueste und ehrlichste
Seele, eines der aussterbenden Exemplare des dienenden Geschlechts.

Auf seinen beiden Krckstcken humpelte der Baron, von Hedda gesttzt,
in sein Schlafzimmer. Das war ein merkwrdiger Raum, ein wahrer
Tanzsaal, aber fast ohne Mbel. In der Mitte stand ein schmales,
eisernes Bettgestell mit einigen Decken. An den Fenstern hingen keine
Gardinen; in der Nacht schlo man die Lden von drauen, die herzfrmige
ffnungen hatten und die Spuren von Schrotladungen zeigten.

August zog seinem Herrn die Flauschjoppe aus.

Nicht so reien, du Esel! brummte Hellstern.

Das Ding ist zu eng, gab August unwirsch zurck. Ich kann nicht
davor, da der Herr Baron immer dicker werden! Das Marienbader hat auch
nichts gentzt.

Wei ich allein. Halt keine Reden!

Wenn der Herr Baron fragen, mu ich antworten.

Ich frage gar nichts! Her mit dem Rock! Es ist wahr -- ich werd' immer
dicker. Hedda mu die Knpfe noch ein Stck weiter vorsetzen. Ich kriege
das Ding nicht mal mehr zu.

Lassen ihn der Herr Baron doch man offen stehen, meinte August. Es
sieht ja besser aus. Aber die gestrickte Weste wrd' ich nicht
anbehalten--

Ich tu', was ich will. Die Weste bleibt drunter. Ich bin kein Popanz
und kein Modegigerl. Drck mal von hinten ein bichen nach, dann geht
der Rock schon zu ... Hupla -- na, siehst du wohl!

Der Alte trat vor den kleinen Spiegel, der ber dem Waschtisch hing. Er
gefiel sich ganz gut. Aber in Wahrheit sah er weniger hbsch als grotesk
aus. Der lange, schwarzblaue Rock hatte eine eigentmliche
Biedermaierfasson, umspannte den Oberkrper und den mchtigen Leib in
ngstlicher Faltenlosigkeit und strebte von den Hften an wie das Kleid
einer Buerin nach auswrts. Dazu trug der Baron dunkle, gestreifte
Beinkleider von auerordentlicher Weite und bequeme Filzstiefel.

Hellstern lchelte, als er sein Ebenbild im Spiegel erschaute.

Wie ein Elefant, meinte er schmunzelnd; man kann auch Dickhuter
sagen. Aber dennoch ganz stattlich. Das Halstuch, August!

Erst setzen! antwortete dieser und schob dem Baron einen massiven
eisernen Stuhl zu, auf dem sich Hellstern wuchtig niederlie. Dann
schlang August seinem Herrn das sauber gefaltete schwarze Tuch um den
Hals und steckte vorn eine goldene Busennadel hinein; Hedda hatte sie
aus einem Ohrring der seligen Mutter anfertigen lassen.

Indessen rollte unten die Viktoria des Kommerzienrats vor die Veranda.
August beeilte sich, den Schlag ffnen zu helfen. Er trug einen
verschossenen blauen Rock mit versilberten Knpfen. Der reich
galonnierte Diener des Kommerzienrats, der neben dem Kutscher gesessen
hatte, war ihm bereits zuvorgekommen und schaute ihn ein klein wenig von
der Seite an. Das rgerte August. Er gab dem Livreekollegen einen
krftigen Schubbs und stellte sich neben den Schlag.

Auf der Veranda erschien Hedda. Zwei junge Herren sprangen zuerst aus
dem Wagen, Hagen und Gunther, die Shne des Kommerzienrats, beide in
Gehrcken und blanken Zylinderhten. Dann kam die Mutter, eine
zierliche, kleine Dame von sympathischem uern -- dann der Rat selbst,
untersetzt, mit geflligem Embonpoint, das kluge Gesicht nach englischer
Sitte bis auf einen kurzen, auf der halben Backe wie ber einem Lineal
abgeschnittenen grauen Bart glatt rasiert.

Die Begrung seitens Schellheims war lebhaft und herzlich, seitens
seiner Frau liebenswrdig reserviert. Die Shne hielten sich zurck, die
Zylinder im Arm, den Oberkrper leicht nach vorn geneigt. Hedda gab
jedem die Hand und fhrte den Besuch sodann in das Wohnzimmer.

Hellstern war noch nicht anwesend, aber man hrte im Korridor bereits
das gleichfrmige Gerusch, das das Aufstoen seiner Stcke auf dem
Fuboden hervorrief.

Als er eintrat, ging ihm der Kommerzienrat mit strahlendem Gesicht und
rascher, pendelnder Armbewegung entgegen.

Mein sehr verehrter Herr Baron -- ich freue mich herzlich -- ich freu'
mich von ganzem Herzen...

Lieber Herr Kommerzienrat! Hellstern drckte Schellheim so krftig die
Rechte, da dieser am liebsten mit einem energischen Donnerwetter
geantwortet htte, kte sodann der tief herniederrauschenden Rtin die
Hand und sagte den jungen Herren Guten Tag.

Man setzte sich, und rasch war die Unterhaltung im Flu. Schellheim war
ein weltgewandter Mann, bei dem nur zuweilen, in seltenen
Ausnahmefllen, die Protzigkeit des Parvenus, der sich aus kleinen
Anfngen emporgearbeitet, hervorbrach. Aber die groe Lebhaftigkeit, mit
der er, von ausdrucksvollem Gebrdenspiel untersttzt, sprach und
agierte, lie dies nicht sonderlich auffallen.

Seine Frau war ziemlich still. Nur auf direkte Anrede hin pflegte sie
etwas zu sagen, mit einer Stimme, die wunderbar einschmeichelnd, weich
und melodis klang. Auf Hedda machte die Rtin einen sehr angenehmen
Eindruck. Sie war nicht hbsch, aber chic und vornehm. Sie mute auch
bedeutend jnger als ihr Gatte sein. Er hatte sie geheiratet, als er
bereits ein gemachter Mann war und seine Verhltnisse es ihm
gestatteten, in eine gute Familie zu kommen. Er war immer
liebenswrdig zu ihr, aber nie gtig. Ihre Bescheidenheit mifiel ihm
zuweilen; er htte sich eine glnzendere Reprsentantin fr sein
Hauswesen gewnscht. Ihrer feinen musikalischen Bildung und ihrer
Verehrung fr Wagner zuliebe war er auf den schnurrigen Einfall
gekommen, seinen Shnen die Namen Hagen und Gunther geben zu lassen.

Aber der grimme Hagen macht durchaus keinen blutdrstigen Eindruck,
bemerkte Herr von Hellstern lchelnd, als das Gesprch sich dem
Wagnerianismus zuwandte; im Gegenteil...

Gunther, der jngere der Brder, errtete leicht, obschon nicht von ihm
die Rede war. Er war schlank und schmchtig und hnelte der Mutter. Ein
Paar sehr schne und kluge, sammetbraune Augen belebten das etwas blasse
Gesicht.

Der grimme Hagen schlug mehr dem Vater nach. Er war ebenso lebhaft wie
dieser in Sprache und Bewegungen und zog den Mund ein wenig schief, wenn
er lchelte. Er war auch der ganze Stolz seines Erzeugers, der Leiter
der Fabrik und Trger der Firma, ein tchtiger Kaufmann trotz seiner
Lebemannsallren. Gunther war aus der Rasse gefallen. Er hatte keinerlei
merkantile Neigungen und galt fr einen Gelehrten. Er war
Literarhistoriker.

Das interessierte Hedda. Sie fragte, wo er studiere, und befand sich
bald in angeregter Unterhaltung mit ihm. Gunther erzhlte, da er es
bereits bis zum Dozenten an der Berliner Universitt gebracht habe, und
da seine Spezialitt die hfische Dichtung des Mittelalters sei.
Insofern mache er auch seinem ihm wider Willen gegebenen Vornamen
Ehre, als er sich mit besonderem Eifer auf die Erforschung des
Nibelungenliedes geworfen habe. Er fhrte noch einige Lyriker und
Didaktiker aus der Bltezeit des Minnesangs an, Namen, die Hedda
ziemlich fremd an das Ohr klangen; nur von Walter von der Vogelweide,
von Tannhuser und Ulrich von Lichtenstein hatte sie schon gehrt.

Aber es gefiel ihr alles, was der junge Gelehrte sagte. Er hatte so eine
nette Art, sich auszudrcken, und das weiche, sympathische Organ seiner
Mutter. Er sprach bescheiden und ruhig und schien sichtlich erfreut zu
sein ber das Interesse, das Hedda ihm und seinem Studium
entgegenbrachte. Unwillkrlich hatten die beiden whrend ihrer
Unterhaltung sich ein wenig von den brigen zurckgezogen. Sie standen
in einer Fensternische, whrend die andern sich um den Sofatisch
gruppierten.

Der Kommerzienrat fhrte im Augenblick das Wort.

Ja, denken Sie sich, mein verehrter Herr Baron, sagte er, den
ausgestreckten Zeigefinger seiner Rechten hoch in der Luft, die Quelle
soll in der Tat Mineralgehalt haben. Hren Sie mal, das knnte 'ne groe
Sache werden! Was meinen Sie, wenn wir aus Oberlemmingen ein Bad
machten?!

Bleiben Sie mir vom Leibe! rief der Baron zurck. Ein Bad -- na, das
fehlte noch! Bin froh, da wir hier so in der Stille und Ruhe sitzen!
brigens glaub' ich das noch nicht recht -- das mit der Quelle. Wo soll
sie sein -- an der Grauen Lehne?

Schellheim nickte eifrig.

Ja -- an der Grauen Lehne, im Mllerschen Gehlz, antwortete er. Man
hat sie gar nicht beachtet -- was versteht der Bauer vom Gurkensalat!
Aber da hat sich ein Lehrer aus Frankfurt whrend der groen Ferien bei
Mller im Gasthof eingemietet, und dem ist die Gaseentwicklung
aufgefallen, mit der die Quelle aus dem Boden sprudelt, -- wissen Sie,
ich habe mir das Dings angesehen, es moussiert frmlich -- wie eine
Pommery ... Und da hat er denn einen befreundeten Chemiker darauf
aufmerksam gemacht, der hat das Wasser genauer untersucht. Was soll ich
Ihnen sagen, mein bester Herr Baron, -- der Mann hat Kohlensure und
Eisen konstatiert und Mller angeraten, die Quelle schleunigst fassen zu
lassen.

Der Baron schttelte den Kopf und strich sich dann ber den Leib.

Das Marienbader hat mich nicht schlanker gemacht, meinte er;
vielleicht ist unser heimisches Wsserchen wirkungsvoller.

Schellheim lachte.

Nun denken Sie mal an! Wenn wir nicht mehr in die Ferne zu schweifen
brauchten, sondern gleich immer an Ort und Stelle unser alljhrliches
Gesundungsbad nehmen knnten! Alle Wetter, das wre doch wirklich famos!
Ich htte groe Lust, dem alten Mller das Quellenterrain abzukaufen.
Allzu unverschmt wird er ja hoffentlich nicht sein.

Eh -- na -- warten Sie's ab, Herr Kommerzienrat! Wie ich unsre Bauern
kenne, lassen sie sich nicht so leicht die Butter vom Brote nehmen. Und
namentlich der alte Mller, -- der hat's faustdick hinter den Ohren ...
Offen gestanden, ich wnschte, die ganze Geschichte beruhte auf einem
Irrtum. Mit unserm stillen Frieden ist's aus, wenn wir erst Badegste
hierher bekommen. Ich gucke unsre paar Sommerfrischler schon immer
unwirsch von der Seite an.

Das ist egoistisch, lieber Baron--

Ah was, jeder ist sich selbst der Nchste! Ich bin glcklich in meiner
Einsamkeit. Hab' neulich einmal irgend einen modernen Dichter gelesen,
der nennt die Einsamkeit ein 'vornehm' Land'. Und, wei Gott, der Poet
hat recht! Ich mchte mir nicht gern mein letztes Eckchen 'vornehm'
Land' rauben lassen.

Der Kommerzienrat verzog den Mund.

Alle Achtung vor Ihrem Dichtersmann, Herr Baron -- aber die Einsamkeit
widerspricht dem Zeitgeist. Wer fr die Menschheit lebt, mu mitten im
Menschentreiben stehn.

Oho -- haha -- Kommerzienrat, fragen Sie mal den Jngsten Ihrer
Nibelungen, ob er im Trubel und Gewhl schaffen und arbeiten kann! Und
lebt doch am Ende auch fr die Menschen seiner Zeit.

Die Rtin nickte, und der grimme Hagen warf ein, mit schiefen
Mundwinkeln gleich seinem Herrn Vater, sich an der Krawatte zupfend:
Ach nein, Herr Baron -- den Gunther mu man als Sonderling beurteilen.
Der ist am glcklichsten, wenn sich kein Mensch um ihn bekmmert, und
selbst seine Forschungen hlt er ngstlich geheim.

's ist so, fiel Schellheim ein, whrend die beiden in der
Fensternische sich nicht in ihrer Unterhaltung stren lieen, sondern
nur zuweilen mit leichtem Lcheln zu den andern herberschauten; ich
bin kein Banause, lieber Baron, und schtze Wissenschaft und Kunst --
ah, nun ja -- ganz gewi! Aber ich frage dennoch: was gewinnt die
Menschheit, wenn irgend ein Gelehrter nach unendlichen Mhen
herausgekriegt hat, da Heinrich von Ofterdingen mglicherweise ein paar
Strophen des Nibelungenliedes gedichtet habe? -- Ich bitte Sie, die
ganzen gelehrten Wissenschaften, die nicht praktischen Zwecken dienen,
sind doch eigentlich nur Fllsel im Dasein, pikante Zutaten zu der
Pastete, aber keine Kost, die den Hunger der Lebenden stillt! Den Hunger
der Lebenden, wiederholte er nochmals, als gefalle ihm der Ausdruck
besonders, und dann fuhr er raschen Wortes fort, da er sah, da seine
Frau unruhig wurde und verschiedenfach nach dem Fenster blickte: Ich
htte ja am liebsten gehabt, Gunther htte gleichfalls die kaufmnnische
Karriere ergriffen. Er wollte nicht -- schn -- ich bin kein Rabenvater.
Aber nun ausgesucht Literarhistoriker! Warum nicht Jurist? Warum nicht
Mediziner? Meinethalben blo Theoretiker -- Anthropologe, Bazillenmensch
-- die haben doch feste Ziele im Auge, ich bitte Sie, und ihre
Untersuchungen ntzen der Gesamtheit.... Nein -- er wollte partout ein
Bcherwurm werden--

Und fhlt sich recht wohl dabei, warf Gunther ein. Er war aus der
Nische getreten. Sein blasses Gesicht hatte sich leicht gertet. Er
lchelte, aber es zuckte doch auch ein wenig bitter um seine Mundwinkel.
Papa ist nun mal ein Fanatiker der sogenannten praktischen Berufe, Herr
von Hellstern, wandte er sich wie entschuldigend an den Baron; ich
begreife es auch. Wer, wie er, sich nur in rastloser produktiver
Ttigkeit wohl fhlt, der kann einer stillen Gelehrtenarbeit schwerlich
Geschmack abgewinnen. Ich hre brigens, da Sie mit einer Geschichte
Ihres Geschlechts beschftigt sind, Herr Baron, und sich in
umfangreiches Quellenmaterial zu vertiefen haben. Wenn ich Ihnen
irgendwie dienlich sein kann--

Merci, Herr Doktor -- sehr liebenswrdig, entgegnete Hellstern; das
Lateinische macht mir ja manchmal Kopfzerbrechen; und wenn mir etwas
besonders Verzwicktes unter die Finger kommen sollte, will ich mich gern
an Sie wenden. Bleiben Sie noch einige Tage hier?

Leider nein, erwiderte die Rtin seufzend, und ihr Gatte fiel ein:
Sie fahren alle beide schon morgen abend wieder zurck, die Jungen...
Er klopfte Gunther auf die Schulter. Ich hab's nicht bse gemeint --
#de gustibus# und so weiter. _Mir_ wrde das Herumwhlen in alten
Scharteken den Appetit verderben. Da lob' ich mir noch die Musik.
Gndigste Baronesse sind gewi auch Wagnerschwrmerin?

Das war sie wirklich, und nun erfolgte eine kurze Zwiesprache zwischen
ihr und der Rtin ber den vergtterten Meister und seine Musik. Da
wurde Frau Schellheim warm. Sie konnte sich gar nicht beruhigen, da
Hedda ihren Liebling nur aus den Klavierpartituren kannte und noch keins
seiner Bhnenwerke gesehen hatte. Ihr drittes Wort war Bayreuth und Frau
Cosima. In der Villa Wahnfried kannte sie jeden Raum.

Der Baron beobachtete scharf, whrend er ungezwungen plauderte. Sein
Urteil ber die Familie Schellheim stand fest. Der Rat ein intelligenter
Emporkmmling, wie man seinen Typus in allen Grostdten hundertfach
findet; die Frau unterdrckt, nicht uneben; aber von sklavischer
Ergebenheit; der grimme Hagen ein modernes Kaufmannsgigerl, das nach
Abschlu der Geschftszeit den Lebemann und Kulissenjger spielt -- und
Gunther der aus der Art geschlagene Idealist. Gunther gefiel dem Baron
noch am besten, obschon auch er fr grblerische Gelehrtentftelei wenig
brig hatte.

Man sprach von guter Nachbarschaft und dergleichen. Bei dieser
Gelegenheit erfuhr Hellstern, da der Kommerzienrat beabsichtigte, sich
gnzlich auf der Auburg -- so hatte er sein Schlo getauft --
festzusetzen. Hagen sollte die Fabrik allein weiterfhren.

Ich mchte mich gern einmal etwas intimer mit der Landwirtschaft
befassen, sagte Schellheim, schon zum Aufbruch gerstet. Es macht mir
Spa -- mchte mal versuchen, ob dem Boden nicht doch ganz gute
Ertrgnisse abzuringen sind.... Also wegen der Quelle, -- stehen Sie mit
dem Mller auf gutem Fu, Herr Baron, wenn ich fragen darf?

Auf gar keinem, erwiderte Hellstern ziemlich kurz. Aber, falls Sie
mit ihm in Verbindung treten sollten -- #attention!# Es ist ein brutaler
Schlaukopf.

Schellheim lachte.

Mich fhrt niemand so leicht hinters Licht, bester Herr Baron, sagte
er. Dann empfahl man sich. Auf der Veranda blieb der Kommerzienrat noch
einen Augenblick stehen und pries die Lage des Baronshofes. Auch das
alte Herrenhaus gefalle ihm sehr. Er habe fr diese alten Landhuser
viel mehr brig als fr die modernen Luxusbauten. Er sei berhaupt nicht
fr den Luxus, wenn er sich nicht mit solider Gediegenheit vereine ...

August stand wieder am Wagenschlag. Er sah sehr schbig aus neben den
frisch livrierten Dienern Schellheims und dem lackierten Glanz der
Viktoria. Aber er machte ein hochmtiges Gesicht; die Leute vom Auberg
imponierten ihm durchaus nicht.

Der Wagen rollte davon. Der Kommerzienrat winkte noch wiederholt mit
seinem abgezogenen Handschuh aus dem Fenster.

Hellstern sah dem unter seinem silbergeschmckten Geschirr sich sehr
stattlich ausnehmenden Fuchsgespann lange nach.

Solche Karrossiers hab' ich mir mein Lebtag nicht gegnnt, sagte er zu
Hedda. Hbsche Gule und gut eingefahren ... Es ist merkwrdig, wie es
im Leben auf und nieder geht. Jetzt sind die Krmer die Sieger und wir
vom Adel die Besiegten. Das war ehemals anders.

Freilich, entgegnete Hedda mit leichtem Seufzer, 's ist leider immer
so in der Weltgeschichte. Hammer und Ambo wechseln. Aber allzu schlimm
sind die Schellheims noch nicht.

Na, es geht, erwiderte der Baron etwas mrrisch.




Zweites Kapitel


Am Westausgange des Dorfes wohnte der Vater Drthes, der Stellmacher
Klempt. Man mute einen kleinen Garten durchschreiten, ehe man zu dem
mit Schindeln gedeckten Huschen des Alten kam. Das heit, es war
eigentlich kein richtiger Garten, denn es blhten nur wenige Blumen
darin -- ein paar Georginen und Pechnelken, die dicht am Staketzaun
standen--, alles brige war Wiese und Kartoffelland. Dicht am Hause
hatte Klempt sich eine kleine Baumschule angelegt. Das war seine
besondere Freude. Er zog allerdings keine Seltenheiten, sondern nur
einige Reihen echter Kastanien, Edelakazien und Pfirsiche und ein paar
hochstmmige Rosen, seine Sorgenkinder, die er im Winter durch
Moosumhllung und eine Panzerung von stachligem Wacholderbuschwerk vor
den Angriffen hungriger Hasen schtzte.

Klempt war ein stiller und ruhiger Mensch, der sich durch mancherlei
Ungemach des Lebens zu einer gewissen philosophischen Resignation
durchgerungen hatte. In der Tat, er war ein Bauernphilosoph von
eigentmlicher Prgung; dadurch, da er sich von den andern zurckhielt
und auch den abendlichen Zusammenknften in der Krugwirtschaft
fernblieb, da er ein ziemlich einsames Leben fhrte und fast bestndig
auf sich selbst angewiesen war, hatte er sich in eine sonderliche
Gedankenwelt eingesponnen, die er mit Emsigkeit pflegte, und in der er
mit ganzem Sein aufging. Er hatte seine Frau und vier blhende Kinder
hinsterben sehen. Die Drthe war seine Letzte, aber er hatte es nicht
gelitten, da sie ihm die Wirtschaft fhrte. Sie sollte die Welt kennen
lernen, wie er sich ausdrckte, und das fing damit an, da sie auf dem
Baronshofe in Dienst trat. Da Klempt indessen in seinem Haushalt der
weiblichen Hand nicht vllig entbehren konnte, so nahm er seine einzige,
unverheiratete Schwester Pauline zu sich. Das war ein langes, hageres
Weibsbild, fast an die Sechzig, aber noch schwarzhaarig und mit
glnzenden Augen in dem die Spuren einstiger groer Schnheit tragenden
Gesicht. Die Pauline pate zu ihrem Bruder; sie fhrte ein hnliches
Traumleben wie er, denn sie war vllig taub und pflegte sich nur durch
ein eigenartiges Gebrdenspiel mit ihm zu verstndigen. Sie war eine
brave Person, etwas mystisch veranlagt, ewig in Punktierbchern und
Traumdeutungen kramend, mnnerscheu und von nervser Empfindlichkeit,
aber auch fleiig und sorgsam im Haushalt.

Das war die Rechte fr den Stellmacher. Auch er liebte es nicht, viel
Worte zu machen. Dafr las er gern, besonders an den Winterabenden, und
zwar am liebsten Geschichtswerke oder Geographiebcher, doch nie Romane,
fr die er nichts brig hatte. Baron Hellstern, der Pastor und der
Kantor liehen ihm, was sie auf ihren Repositorien hatten; bei der
Arbeit verdaute der alte Klempt sodann seine Lektre. Das war ein Genu
fr ihn. Sa er drauen im Hofe auf seiner Hobelbank oder schlug die
Speichen eines Rades ein, da es weithin drhnte durch das stille Dorf,
so arbeitete nicht nur seine fleiige Hand, sondern auch seine
Phantasie. Da war er mit Stanley in Afrika, unter den schwarzen Heiden
und Menschenfressern, oder mit irgend einem Missionar an den Ufern des
Ganges, oder oben am Nordpol, oder er schttelte den grauen Kopf ber
die Greuel des Dreiigjhrigen Krieges und berauschte sich an dem
Freiheitsdurst der Griechen. In seinem groben Bauernhirn blieben
naturgem nur die auerordentlichen Ereignisse haften, aber die Lust am
Reflektieren, auf die ihn sein einsames Leben hinwies, hatte doch
allgemach seine Anschauungsweise gelutert; er verglich gern,
kritisierte auch und zog naive Schlsse aus der Vergangenheit auf die
Gegenwart.

Jetzt sa er auf der hlzernen Bank rechts von der Tr seines Huschens,
hatte die Hnde gefaltet im Scho und schaute stumm auf das Spatzenheer,
das sich vor ihm im heien Sande des Hofes zankte. Man sah ihm die kaum
berstandene Krankheit an. Er war recht hager geworden, und noch strker
und zottiger als vorher erschien der weie Zimmermannsbart, der seine
Wangen umrahmte. Aus dem braunen Gesicht blickten zwei hellblaue,
treuherzige Augen; die von zahlreichen kleinen Falten durchzogenen
Lippen waren fest aufeinandergepret; der linke Mundwinkel, in dem
gewhnlich die Pfeife hing, senkte sich ein wenig. Das Rauchen hatte ihm
der Arzt strengstens verboten, und unter diesem Verbot litt der Alte am
meisten. Er konnte ohne Pfeife nicht sein.

Den Himmel berstrahlte bereits das Abendrot. Die weien Lmmerwlkchen
am Firmament waren rosig durchleuchtet, selbst der breite Schatten des
alten Birnbaumes, der mitten im Hofe stand, hatte eine violette
Umsumung. Vom Anger herber klang ein leises, melodisches Luten; der
Schfer des Krugwirts trieb seine kleine Herde heim.

Pauline trat in die Haustr, blieb einen Augenblick stehen und schaute
nach dem Himmel, um zu sehen, ob whrend der Nacht ein Gewitter zu
gewrtigen sei, und sagte sodann mit der etwas monoton klingenden
Stimme, die allen Tauben eigen ist:

Komm 'rein, August; es fngt an, khle zu werden.

Klempt nickte und erhob sich gehorsam. Aber er ging doch nicht, sondern
wies hinber nach der Gartenpforte, wo eine frische Mdchenstimme das
Lied von den wandernden Schwalben sang. Die Drthe kam. Sie hatte Urlaub
erhalten, den Vater und den Brutigam zu besuchen, trug ihr
Feiertagskleid aus geblmtem Kattun und ein buntes Tchlein um den Hals.

Holla, Vater, rief sie schon von weitem, bist du noch drauen? Und
hat nicht der Doktor gesagt, du sollst vor Sonnenuntergang wieder in der
Stube sein?

's ist ja so schne, antwortete Klempt lchelnd, und als er den
Sonntagsstaat Drthes sah, fgte er fragend hinzu: Ist denn heute
Kirmes, da du dich so fein gemacht hast?

Drthe gab dem Vater und der Tante die Hand.

Ich will mal zu Fritzen gehn, entgegnete sie. Heut ist 'was los im
Kruge. Das Springelchen an der Grauen Lehne soll ein Heilquell sein, hat
ein Professor aus Frankfurt an den Kantor geschrieben. Da kommen sie
alle zusammen.

Hab's auch schon gehrt, meinte Klempt; ein Wunderwasser, das Kranke
gesund machen soll. 's km' mir zunutze. Er schttelte den Kopf. 's
wird blo wieder so ein Gerede sein, fuhr er fort; die Leute reden
viel...

Pauline tupfte ihrem Bruder auf die Schulter und zeigte nach der Tr.

Ja, ich komme, sagte er nickend. Hast du's so eilig, Drthe? Wirst
schon noch frhe genug im Kruge sein; bleib noch ein Huschchen!

Aber nicht lange, antwortete Drthe. Doch sie trat mit den beiden in
das Stbchen, das vom Glanze des Sonnenrots vllig durchstrahlt zu sein
schien.

Pauline bereitete das Abendbrot, whrend sich Drthe, die Hnde auf die
Hften gestemmt, vor ihren Vater stellte.

Wie fhlst du dich denn? fragte sie.

Er winkte mit der Hand.

So gesund wie frher, Drthe, verla dich drauf! 's ist 'ne Narretei
vom Doktor, da er mir noch immer das Rauchen verbieten tut. Das ist das
einzigste, was mir noch fehlt.

Solange du noch hustest, darfst du's nicht, erklrte Drthe. Vater,
ich riech's, ich rieche gleich, wenn du geraucht hast. Du mut doch
parieren. Der Doktor kostet Geld, und wenn du nicht tust, was er
befiehlt, ist das schne Geld reinweg zum Fenster hinausgeworfen.

Sie sagte das sehr ernst. Klempt nickte grmlich.

Na, ja doch, sagte er. Es dauert alles so lange. Und dabei hab' ich
mehr zu tun, als mir lieb ist!

So nimm dir doch noch 'nen Gesellen, Vater! Ich hab' dir's schon ein
paarmal gesagt!

Ach was, da er blo 'rumlungert! Was tut denn so 'n Junge! Bis jetzt
bin ich alleine fertig geworden und werd's auch noch lnger werden!
Kotzschock, ich bin doch erst sechzig! ... Es war wohl Besuch auf dem
Baronshof?

Ja, die von drben. Die Shne auch... Drthe schnitt eine Grimasse
und lachte schelmisch. Pa einmal auf, unser Frulein heiratet den
ltesten! Da soll's hinaus!

Da km' wieder mal Geld ins Haus! Die drben messen's nach Scheffeln.
Aber ob der Baron will?

Warum denn nicht?

Na, er ist doch so stolz!

Ist er nicht, erklrte Drthe kopfschttelnd. Und dann macht das
Frulein doch, was sie will. Aber ich will nichts gesagt haben. Die
Hanne meint auch, das wrde was werden.

Was sagt denn August?

Den hab' ich gefragt. Da ist er mir aber grob gekommen. Der ist grob
wie Bohnenstroh, Vater. Zum Baron geradeso wie zu uns, und dem scheint's
noch zu gefallen.

Hast du ihm meine Rechnung gegeben?

Nee, Vater, das eilt ja nicht so. Sie ist ziemlich hoch, da wart' ich
lieber bis zum Ersten und geb' sie dem Frulein. Am Ersten kriegt der
Alte seine Pension und Zinsen und so was. Da wart' ich lieber.

Wart ruhig, stimmte der Stellmacher zu. Die gehn mir nicht durch.
Sind sie denn immer noch gut zu dir?

Ja, sehr! Das Frulein besonders -- na, die ist ja immer gut! Den Alten
kriegt man kaum zu Gesicht. Er hat's wieder so schlimm in den Fen,
sagt August. Aber nu geh' ich, Vater! Ich mu doch hren, was es im
Kruge gibt.

Verzhl's mir morgen! Adj, Drthe! ... Du, Drthe, und bedenk's dir
mit Mllers Fritze...

Sie gab ihm einen herzhaften Ku auf den Mund, so da er den Satz nicht
beenden konnte, und sprang aus dem Zimmer, der Tante beinahe in die
Arme, die ihr im Hausflur mit einer Schssel voll weien Kses und der
Leinlflasche entgegenkam.

Herrjeses, sagte Pauline, so sieh dich doch vor! Hast du letzte Nacht
was getrumt?

Drthe nickte.

Die Tante wurde wibegierig.

Von was denn?

Drthe tippte auf die Flasche.

Von Leinl? fragte die Tante verwundert.

Drthe nickte wieder und tippte auf die Kseschssel.

Die Augen Paulinens wurden immer grer.

I -- auch von Quark?

Drthe machte mit der Hand eine wirbelnde Bewegung in der Luft.

Ach so, sagte die Tante, zusammengerhrt -- Leinl und Quark...

Nun wies Drthe auf die Lampe, die auf der Futterkiste in der Ecke
stand.

Bei Licht? fragte die Tante.

Drthe tippte an das Bassin.

Was? rief Pauline. Mit Petroleum? Leinl und Quark und Petroleum? Wo
soll ich denn das im Traumbuche finden! I -- du willst mich wohl blo
zum Narren haben?! Drthe, hr mal, Drthe, du machst dich immer lustig
ber mich, aber ich will dir was sagen: ich habe vor ein paar Tagen von
einem Gewitter getrumt, und es htte eingeschlagen. Das gibt Unfrieden
im Hause. Sieh dich vor mit dem Fritze. Ich rede sonst nicht davon...

Das hatte die Drthe nun so oft gehrt, da sie rgerlich wurde.

La mich in Frieden, Tante! rief sie zurck, gar nicht daran denkend,
da Pauline sie nicht verstehen knne, und eilte hinaus, den Gartenweg
hinauf, auf den Dorfplatz.

Erst hier migte sie ihren Schritt. Sie war ganz rot im Gesicht, und
auf ihrer Stirn, von der das braune Haar glatt gescheitelt
zurckgestrichen war, lag eine schwere Falte.

Sie rgerte sich. Zu dumm, diese ewigen Mahnungen und Warnungen! Sie war
doch klug genug, auf sich selbst Obacht zu geben! Aber der Vater hatte
von jeher im Streit mit den Mllers gelegen, und von der Tante erzhlte
man sich, da sie einstmals der Schatz des alten Mller gewesen sei. Der
aber hatte sie sitzen lassen. Daher ihr grimmiger Ha gegen alles, was
im Kruge wohnte ...

Der Abend sank ber das Dorf herab. Auf dem Anger spielte noch eine
Schar Kinder. Sie hatten sich an den Hnden gefat, drehten sich im
Kreise und sangen dazu mit ihren dnnen Stimmen:

    Ich steh' auf einem hohen Sller,
    Ich steh' in einem tiefen Keller,
            Heisa dusematee!
            Fngst du mich,
            Lieb' ich dich,
    Aber nee, du kriegst mich nich --
            Heisa dusematee!

Von der Chaussee aus rollten ein paar Ackerwagen in das Dorf, und ein
Viehjunge trieb seine Herde zum Stall. Vereinzelte Bauern hatten schon
mit der Ernte begonnen, aber sie machten heut frhzeitig Feierabend,
denn es hatte sich herumgesprochen, da der Kantor am Abend im Kruge
sein wolle, um nhere Mitteilungen ber den Heilquell an der Grauen
Lehne zu machen. Und da waren sie neugierig geworden.

Als Drthe am Gehft des Lehnschulzen vorberschritt, hrte sie ihren
Namen rufen. Albert Mller trat mit dem Schulzen aus dem Hause.

Willst du auch in den Krug, Kleine? fragte er.

Versteht sich, entgegnete sie, so gut wie du. Bist du mal wieder in
Oberlemmingen?

Heut frh angekommen, von wegen der Quelle. Da mu ich doch dabei
sein... Er gab Drthe die Rechte und fate sie dann schkernd unter
das Kinn. Sie gab ihm einen Klaps auf die Hand und lief davon.

Den Albert konnte sie nicht leiden. Es rgerte sie schon, da er sie
immer Kleine nannte. Er bildete sich viel darauf ein, da er ganz
stdtisch geworden war, und schaute die Bauern ber die Achseln an. Seit
drei Jahren lebte er gnzlich in Frankfurt und kam nur dann und wann zu
Besuch nach der Heimat. Er war Maurerpolier, nannte sich aber
Bauunternehmer, und man erzhlte von ihm, da er schon einmal unter der
Anklage der Begnstigung betrgerischen Bankerotts in Untersuchungshaft
genommen und nur aus Mangel an Beweis freigesprochen worden sei. Er war
brigens ein sehr hbscher Mann: gro, schlank und blondbrtig, und wenn
er einen mit seinen hellen blauen Augen anschaute, htte man darauf
schwren knnen, da er der beste und treuherzigste Bursche unter der
Sonne sei.

Drthe ging nicht durch den Haupteingang in den Krug, sondern hinten
herum, durch die Kche. Hier brannte schon Licht, und die alte Mllern
hantierte geschftig am Herd, denn der Frster Damke aus dem nahen
Vorwerk hatte sich seiner Gewohnheit gem Grog bestellt. Die Mllern
war eine groe und starke Frau mit vollem grauen Haar und trotz ihrer
Siebzig noch ungemein rstig. Das Herdfeuer berstrahlte mit roter Glut
ihre harten, ausgearbeiteten Zge.

'n Abend, Mutter Mllern, sagte die Drthe beim Eintritt in die Kche.
Ist der Fritz nicht hier?

Die Alte zog eine Schulter hoch.

Im Keller, antwortete sie, er zappt ab; 's is ja heute wie eine
Volksversammlung da drinne'!

Sie war immer mrrisch und unfreundlich, insonderheit Drthe gegenber,
der sie es nicht vergeben konnte, da sich ihr Fritz in sie verliebt
hatte. Denn die alten Mllers waren stolz, und obwohl Fritz die
Krugwirtschaft bereits bernommen hatte, meinten sie, es sei nicht
ntig, da er sich nach einer Frau umschaue, solange sie selbst noch mit
Hand anlegen knnten. Die Drthe pate ihnen vollends nicht; ein Mdel
ohne Geld war nicht nach ihrem Geschmack. Fritz konnte Besseres haben.

Drthe schwankte, ob sie in das Gastzimmer gehen sollte, als sie den
dicken, blonden Wirrkopf Fritzens aus der Kellerluke auftauchen sah.
Eine Falltr fhrte von der Kche aus direkt in den Keller, und wenn sie
offen stand, wie jetzt, roch es immer nach Hefe und schalem Bier.

Fritz trug unter jedem Arm einen mchtigen Henkelkorb mit Bierflaschen.
Er war ein riesiger Kerl und hatte auch riesige Krfte. Die Bauern
frchteten seine Fuste. Den kleinen Lemmert hatte er einfach einmal aus
dem Fenster geworfen; wer in der Betrunkenheit Krakeel bei ihm anfangen
wollte, mit dem fackelte er nicht lange. Aber auch auf seinem dicken und
gesunden Gesicht lag der den Mllers eigne Zug von Treuherzigkeit und
gutmtiger Gesinnung.

Ach, Drthe, du bist's, sagte er, stellte einen Korb hin, wischte mit
der Handflche seiner Rechten rasch ber seine blaue Schrze und
begrte sodann seine Braut. Mchtst wohl auch wissen, wie's wird?

I nu ja, erwiderte das Mdchen lchelnd. Es wird ja so viel davon
gesprochen. Der Albert ist auch schon hier.

Weil er der einzige is, der was davon versteht, bemerkte die Alte. Er
hat auch schon 'ne Bank hinter sich, sagt er...

Drthe dachte darber nach, warum der Albert 'ne Bank hinter sich
habe, aber Fritz lie ihr zum Grbeln nicht lange Zeit.

Trag immer 'rein, sagte er und schob ihr einen der Krbe unter den
Arm; heut knnte man zwanzig Hnde haben!

Und er folgte ihr mit dem zweiten Korbe.

So voll war das Krugzimmer allerdings selten. Aus der Mitte der
weigekalkten Decke hing eine alte Petroleumlampe herab, die den groen
Raum nur notdrftig erleuchtete, so da in allen Ecken und Winkeln
schwarze und dmmergraue Schatten lagen. Nur auf dem Schenktische stand
noch eine zweite Lampe. Hier machte sich der alte Mller zu schaffen,
ein Siebziger, der aussah, als knne er das Hundertste noch erleben.
Rastlos liefen die scharfblickenden Augen unter den buschigen weien
Brauen umher, und immer war er zur Hand, wenn er verlangt wurde. Er
fhlte gewissermaen, wo ein Glas leer war, und er hatte genau im Kopfe,
wieviel ein jeder getrunken hatte. Er brauchte nichts anzuschreiben,
seine Rechnung stimmte doch.

Alle Tische waren besetzt. Die paar Grobauern, die reichsten im Dorfe,
hielten zusammen. Da war zuerst der dicke Braumller, dessen Gehft der
Krugwirtschaft gegenber an der Chaussee lag, dann der einugige
Langheinrich, der einzige in Oberlemmingen, der weder schreiben noch
lesen konnte; ferner der kleine Raupach, ein ungemein bewegliches,
leicht aufbrausendes Mnnchen, und der Bauer Tengler, der seiner ksigen
Gesichtsfarbe wegen gewhnlich Schlippermilch genannt wurde. Noch
einer sa am Tische der Grobauern: der dritte Sohn des alten Mller,
der Bertold. Der war Kaufmann geworden und betrieb ein Kurzwarengeschft
in der benachbarten Kreisstadt Zielenberg. Er war nicht von der
Mllerschen Art, kein Riese wie die brigen, sondern ein wenig
verwachsen und trug auch eine Brille, hinter der ein Paar dunkle Augen
listig und lebhaft funkelten.

An den sonstigen Tischen hatten die kleineren Leute Platz genommen: der
Krmer Thielemann, die Kossten Bachert, Maracke und Klauert und eine
Anzahl Taglhner, Husler und Knechte. Nebenan im Extrazimmerchen sa
der Frster Damke allein in seiner Sofaecke, trank Grog und las dazu die
Inserate im Zielenberger Kreisblatt.

Es ging, trotzdem viel getrunken wurde, nicht allzu lebhaft zu. Die
meisten unterhielten sich mit nur halblauter Stimme. Erst als die Tr
aufging und Wittke, der Lehnschulze, mit Albert Mller ins Zimmer trat,
wurde es lauter. Bertold rief seinen Bruder sofort an den Tisch heran,
wo Albert jedem der Bauern die Hand reichte.

Warst du beim Kantor? fragte Bertold, an seiner Brille rckend, eine
ihm eigentmliche Bewegung.

Ja, entgegnete der andre nickend. Der Professor hat geantwortet. Es
hat seine Richtigkeit. Die Quelle ist groartig, sage ich dir,
Bertold...

Er brach mit einem Seitenblick auf die Bauern mitten im Satze ab. Es
schien, als wolle er seine Zukunftshoffnungen nicht so vor allen Leuten
preisgeben.

Wie ist's denn eigentlich ans Licht gekommen mit der Quelle? fragte
Langheinrich.

Ganz einfach, und Albert erzhlte zum zwanzigstenmal die Geschichte
der Entdeckung. Der Lehrer aus Frankfurt, der sich vorjhrig mit Frau
und Kindern whrend der groen Ferien im Kruge eingemietet hatte, um
hier eine billige Sommerfrische zu genieen, war hufig in dem
Buchenwldchen auf der Grauen Lehne spazieren gegangen. Und da hatte er
denn eines Tages mitten im Gerll und ganz verborgen unter
Brombeerranken und Wacholdergestrpp ein Wsserchen entdeckt, das mit
auffallend starkem Gerusch zutage trat und zugleich Tausende von
kleinen zierlichen Perlen und Blschen bildete, -- so wie beim
Selterswasser, Langheinrich, verstehst du? erluterte Albert das
Phnomen. Jedenfalls erschien dem Lehrer die kleine Quelle interessant
genug, um den ihm befreundeten Professor Statius darauf aufmerksam zu
machen. Der Professor analysierte das Wasser denn auch und sandte seinen
Bericht dem Lehrer ein, der ihn wiederum an Herrn Feilner, den Kantor
von Oberlemmingen, schickte.

Da is er schunst! rief Tengler, der gewhnlich platt sprach, und
deutete nach der Tr. Feilner trat ein, ein langer Mensch mit einem um
die Wangen gebundenen Taschentuch. Man kannte ihn gar nicht ohne
Zahnschmerzen.

Die vier Mllers gingen ihm entgegen und begrten ihn hflicher, als es
sonst ihre Art war; der Alte brachte sogar ein Glas Bier herbei und
fragte, ob der Herr Kantor vielleicht etwas zu essen wnsche. Aber
Feilner dankte; er habe nicht viel Zeit und wolle sich nur rasch seines
Auftrags entledigen.

Dann nahm er am Mitteltische unter der Hngelampe Platz und zog den
Brief des Professors hervor. Im Zimmer hatte sich alles erhoben und
bildete einen Kreis um den Kantor. Eine aufmerksame Spannung lag auf den
Gesichtern. Der alte Maracke hatte die Augen weit aufgerissen und hielt
das linke Ohr umgeklappt, um besser hren zu knnen. Auch Drthe hatte
sich herangeschlichen und reckte sich auf den Zehen empor.

Also pat auf, sagte Herr Feilner. Nmlich zuerst kommt, was die
Quelle alles enthlt. Hauptbestandteile: kieselsaurer Kalk,
schwefelsaurer Kalk, Chlornatrium, Chlorkalium, Ferrokarbonat,
schwefelsaure Magnesia.

Er schaute auf und begegnete auf allen Seiten mordsdummen Gesichtern.
Der alte Maracke schttelte vor sprachlosem Erstaunen den Kopf und
Braumller fragte:

Wat denn? Das ist alles drin?

Es kommt noch mehr, sagte Feilner, und Albert Mller rief Ruhe,
obschon niemand sprach, und drngte den dicken Braumller unsanft vom
Tische zurck.

Der Kantor nahm wieder den Brief zur Hand und las weiter:

Temperatur 8,07 Grad #R.R.# heit nmlich Raumur, womit das Wasser
gemessen worden ist, und weil's auch noch andre Thermometer gibt, zum
Beispiel Celsius, der mit hher, und Fahrenheit, den braucht man aber
nur manchmal. Nun geht's weiter. Geschmack leicht bitter, kristallhell,
dem Rakoczy hnlich, aber an Bestandteilen quantitativ geringer. Habt
ihr verstanden?

Den Mienen der Anwesenden sah man dies nicht an. Maracke schttelte noch
immer den Kopf und kratzte sich dabei hinter den Ohren. Braumller
wollte etwas fragen, aber der wibegierige kleine Raupach kam ihm zuvor
und schrie aufgeregt:

Kinder, nu denkt mal, und das haben wir alles gar nicht gewut? Dem
Ra--, dem Ra--, wie war's denn gleich? Wem soll das Wasser hnlich
sein?

Dem Rakoczy, erwiderte Bertold Mller, das ist 'ne Quelle in
Kissingen -- auch eine Heilquelle...

Und was ist denn nun so gesund da dran? fiel Langheinrich ein.

Wartet mal, sagte der Kantor, davon hat Professor Statius auch etwas
geschrieben. Und er suchte in seinem Briefe. Aha -- da -- hier
steht's: 'Beschleunigung des Stoffwechsels, Ausscheidung anormaler
Stoffe, gesteigerte Oxydation.'

Er schwieg wieder und steckte den Brief in die Tasche zurck.

Was hat er gesagt? fragte Maracke, der noch immer sein Ohr umgeklappt
hielt. Sein Nachbar zuckte mit den Achseln, doch der kleine Raupach
schrie lebhaft:

Stoffwechsel hat er gesagt! Das ist doch ganz einfach! -- und Maracke
nickte dankend und war so klug wie zuvor.

Der Kantor nippte an seinem Bier und erhob sich; er wollte wieder gehen.
Aber zuvor fate er den alten Mller noch einmal an einem Rockknopf.

Hren Sie mal, Herr Mller, sagte er, was da der Herr Professor noch
geschrieben hat: er lt Ihnen raten, Sie mchten doch die Quelle fassen
lassen.

Schn, schn, Herr Kantor, erwiderte Albert anstatt des Alten rasch,
wird alles gemacht werden, -- und leise flsterte er seinem Vater zu:
Ich wei schon Bescheid -- nachher!...

Als der Kantor gegangen war, kehrte alles auf die verlassenen Pltze
zurck. Man bestellte sich neues Bier und neuen Schnaps. Der Heilquell
an der Grauen Lehne bildete das einzige Thema der Unterhaltung.
Allerhand Meinungen wurden ausgetauscht. Man war sich noch nicht recht
klar ber das neue Wunder. Raupach geriet mit Braumller in Streit, weil
ersterer behauptete, die heilende Wirkung des Wassers liege im Trinken,
und letzterer, nein, im Baden. Schlielich schlichtete Schlippermilch
den Zank durch die salomonische Erklrung, es sei beides richtig; erst
baden, dann trinken, worauf Maracke meinte, das sei eine Schweinerei.

Der alte Mller hatte seine Frau gerufen, damit sie die Gste bediene.
Drthe sollte ihr dabei helfen, denn die vier Mllers zogen sich zu
einer Familienrcksprache, wie Albert sagte, in das Extrazimmer
zurck. Der Frster Damke war nach Hause gegangen, aber das ganze
Stbchen roch noch nach dem schlechten Grog, den er getrunken hatte.
Albert ffnete einen Fensterflgel. Drauen rauschte mit leisem,
einfrmigem Murmeln die Barbe vorber. Der Himmel war ausgesternt: es
gab gutes Erntewetter.

Die drei Brder hatten sich an den mit Wachstuch berzogenen Tisch
gesetzt, der mit klebrigen Flecken berst war, und auf dem ein flacher
Teller mit gezuckertem Spiritus und Fliegengiftpapier stand.

Wollt ihr Bier, Jungens? fragte der Alte.

Danke, erwiderte Bertold, und Albert schttelte nasermpfend den Kopf.
Er war verwhnt. Das Lemminger Bier war nicht zu trinken. Aber es wrde
ja alles anders kommen.

Nun hrt einmal zu, sagte er. Setz dich, Vater, ich kann das
zwecklose Herumstehen nicht leiden. Die Tatsache, da wir in dem Wasser
an der Grauen Lehne einen Heilquell besitzen, ist erwiesen. Ich will
euch gestehen, da ich extra deswegen zu einem berhmten Arzte in Berlin
gefahren bin. Ich wollte mir Gewiheit schaffen. Der hat das Wasser
ebenfalls genau analysiert und stimmt in allem mit Professor Statius
berein. Er sagte mir, das sei etwas sehr Wichtiges, da wir in der Mark
so 'ne Art Kissinger htten; das fehlte uns, und Oberlemmingen wrde
eine groe Zukunft haben.

Also wahr und wahrhaftig? fragte der Alte, seine Pfeife aus dem Munde
nehmend. Er brachte der Sache noch immer ein gewisses Mitrauen
entgegen. Bertold stie ihn leicht von der Seite an; Albert sollte erst
aussprechen. Nachher konnte man fragen.

Aber Albert sprach nicht gleich weiter. Er zndete sich zunchst eine
Zigarre an, whrend die andern ihn aufmerksam betrachteten. Er war der
Klgste in der Familie und hatte als Grostdter seine Verbindungen.
Endlich hub er etwas zgernd und mit schwerer Stimme wieder an:

Erst wollen wir uns mal ber das Eigentumsrecht einigen, Kinder, sagte
er, und sofort fiel Bertold ein:

So ist's! Man mu doch wissen, woran man ist. Eher rhr' ich auch nicht
'nen Finger in der Sache!

Fritz whlte mit beiden Hnden in seinem Flachshaar. Er hatte genau
gewut, da das so kommen wrde. Aber er mute sich fgen; ohne Albert
war nichts anzufangen.

Vater hat ja doch schon geteilt, entgegnete er. Und alles gerichtlich
und schwarz auf wei. Ihr habt bar Geld gekriegt und ich die
Krugwirtschaft. Das ist doch lngst in Ordnung.

Es handelt sich um die Quelle, bemerkte Albert ernst, das ist ein
neues Objekt...

Aber die Quelle liegt auf meinem Grund und Boden, dagegen ist nichts zu
sagen, antwortete Fritz. Er wollte wenigstens versuchen, die Position
zu verteidigen.

Schn, erwiderte Albert und erhob sich. Bist du der Meinung, so geh'
ich. Dann kmmre ich mich nicht weiter darum. Nehmt euch 'ne andre
Beihilfe.

Der Alte hielt ihn am Rockscho fest.

Hier bleiben! befahl er. Er sprach in grollendem Tone. Wenn er gereizt
war, schob er die Oberlippe ein wenig empor und zeigte die breiten,
gelben Zhne. Dann wurde sein von kurzen, grauen Stoppeln umrahmtes
Gesicht bse, und das Auge begann zu funkeln.

Er nahm, whrend Albert achselzuckend am Tische stehen blieb, noch ein
paar Zge aus seiner Pfeife und fuhr sodann in kurzen, knurrend
hervorgestoenen Stzen fort:

Es ist klar, da die Quelle uns allen gehrt. Nicht blo einem.
Freilich, die Graue Lehne gehrt zur Krugwirtschaft. Aber der Quell hat
sich jetzt erst gefunden. Und ich habe bei der Verteilung besonders
ausmachen lassen, da bei neuen Funden im Boden der Wirtschaft, sei's
Mergel, seien's Kohlen oder sei's Alaun, gedrittelt werden soll. So
ist's auch gerecht!

Albert und Bertold nickten, und Fritz verzog den Mund. Richtig war's;
man hatte diese Bestimmung getroffen, vor allem in Rcksicht auf den
Alaun, den man in letzter Zeit vielfach in der Gegend entdeckt,
allerdings ziemlich unrein, so da sich eine Frderung bisher nicht
gelohnt hatte.

Ich will nicht streiten, entgegnete Fritz schlielich; er wie die
andern hatten einen gewaltigen Respekt vor dem Vater, der die
erwachsenen Mnner zuweilen noch wie Schulbuben behandelte. Setzt's auf
und dann wollen wir's vor dem Notar schriftlich machen: alles, was die
Quelle bringt, geht in drei Teile.

In vier, sagte der Alte bestimmt.

Die drei Shne schauten erstaunt auf. Was hie denn das nun wieder?
Wollte der Alte, der seit fnf Jahren bequem und ruhig in seinem
Ausgedinge lebte, auch noch an den Einnahmen partizipieren?

Warum denn in vier? fragte Albert endlich zaghaft.

Weil ich auch meinen Teil haben will, erwiderte der Alte fest. Ich
bin sechsundsiebzig, aber will's Gott, so leb' ich noch zwanzig Jahr'.
Und bringt uns die Quelle Glck, so bau' ich mir ein Extrahuschen und
zieh' mit Muttern hinein. Denn wenn der Fritze wirklich heiraten
tut...

Es ist noch nicht so weit, fiel Albert ein, und Bertold setzte, an
seiner Brille rckend, hinzu: Das mit der Drthe wird er sich auch noch
berlegen.

Fritz erwiderte nichts; doch der Alte sagte, die Pfeife zwischen den
Zhnen behaltend, in trotzigem Tone: Ganz gleich. Es bleibt dabei. In
vier Teile.

Darauf war nichts zu erwidern. Die Brder kannten den Alten. Machten sie
Schwierigkeiten, so konnten sie auf endlose Prozesse gefat sein. Und
verlor der Alte auch wirklich, der Ruf des Unternehmens stand in Gefahr.

Albert setzte sich wieder.

Also abgemacht: in vier Teile, wiederholte er. Ich werde morgen mit
Rechtsanwalt Felitz sprechen. Und nun zur Sache selbst. Es mu Reklame
gemacht werden. Professor Statius will in der 'Medizinischen
Wochenschrift' ber seine Analyse berichten. Den Artikel lass' ich an
alle groen Zeitungen schicken. Klappern gehrt zum Handwerk. Dann das
ntige Geld, um alles instand zu setzen...

Ja, das Geld, warf Bertold nickend ein.

Wir brauchen etwa 300000 Mark...

Ihr seid wohl verrckt! fuhr der Alte auf.

Das ist noch nicht einmal hoch gerechnet, entgegnete Albert lchelnd.
La man, Vater, darin hab' ich meine Erfahrung! Das Geld wird beschafft
werden. Ich habe die Frankfurter Produktenbank hinter mir, will auch mal
zu Schellheim gehen. Es mu ein Konsortium gebildet werden -- mit guten
Namen--, ein paar Finanzleute, einige rzte und ein Adliger an der
Spitze. Ich will morgen auf den Baronshof. Hellstern wird leicht zu
kriegen sein. Und dann mu ein Sanatorium begrndet werden...

Ein--? fragte der Alte.

Albert winkte mit der Hand. Du wirst schon verstehen lernen, Vater.
Warte man ab. Ich entwickle nur so meine Ideen. Der 'Krug' mu ausgebaut
werden -- zu einem Hotel. Dann brauchen wir Logierhuser, neue Wege,
Pflasterung, eine Brauerei, vielleicht auch Gas. Aus der Buchhalde mu
der Kurpark werden. Ein groes und vornehmes Kurhaus bauen wir
spterhin. Rings um die Quelle wird eine Art Tempelbau errichtet, mit
Sulen, das mu elegant aussehen. Bertold kann hier einen Basar
errichten; dann mssen wir einen Fleischer heranziehen, Bcker, Konditor
und andre Professionisten. Das wird sich alles entwickeln...

Er steckte die Zigarre wieder in den Mund und schaute einen Augenblick
sinnend den im Halbdunkel des Zimmers zerrinnenden Rauchwlkchen nach.
Er war ein geborener Spekulant. Seine khne Phantasie und seine
wagmutige Frechheit ergnzten, was ihm an Bildung fehlte. Er war ein
schlechter Arbeiter gewesen, als er nach Frankfurt gekommen, aber er
besa ein gewisses Organisationstalent, und er hatte auch Glck. Seine
Huser vermieteten sich schnell. Er baute unsolid, stattete jedoch die
Wohnungen mit oberflchlicher Eleganz aus, mit Stuck an den Decken,
Kassettierungen, hbschen fen und Tapeten. Es war ihm sogar gelungen,
sich am Bau der neuen Kaserne fr die Albrecht-Dragoner beteiligen zu
drfen, und er hatte ein gutes Stck Geld dabei verdient. Aber all das
waren nur vorbereitende Kleinigkeiten fr ihn. Er wollte viel hher
hinaus. Er plante unausgesetzt, er baute in Gedanken -- im Traume selbst
-- Riesenpalste und halbe Stdte. Oberlemmingen stand in der Zukunft
schon fix und fertig in seiner Phantasie. Kein Dorf mehr, sondern ein
moderner Kurort. Die kleinen Huschen und Lehmbaracken mit ihren
gelbgrauen Strohpercken waren verschwunden -- eine ganze Reihe von
Villen erhob sich an ihrer Stelle: niedliche Chalets im Schweizerstil,
dazwischen ein paar hollndische Bauernhuser, ein norwegisches
Blockhaus, eines nach russischem Muster, mit gemalten Balken. Albert sah
das alles schon vor sich. Er sah auch den Quellentempel inmitten
blhender Anlagen, im Grn des Kurparks, und das Mllersche Hotel an der
Chaussee, die in einer halben Fahrtstunde nach Zielenberg fhrte, wo
sich drei Bahnstrnge kreuzten. Die Lage war gnstig. In fnf Jahren,
taxierte Albert, muten die Mllers sich Oberlemmingen erobert haben.

Bertold hatte schweigend zugehrt. Er war, wie Albert, lngst der
Bauernsphre entwachsen, und auch er war ein heller Kopf. Geldverdienen
war seine Losung. Seit er sich mit der ltesten Tochter des
Getreidehndlers Ring in Zielenberg verheiratet, die ihn zweimal
hintereinander mit Zwillingen beschenkt hatte, war sein Erwerbsfieber
noch gewachsen. Man mute doch fr die Seinigen sorgen! Er lieh auch
Geld auf Pfnder und machte dann und wann kleine Wuchergeschfte mit den
Inspektoren der Umgegend. Er begriff schon, was Albert wollte, und
glaubte an dessen Stern. Aber eine heimliche Angst peinigte ihn dennoch:
die, da Albert ihn betrgen knne.

Auch Fritz und der Alte sagten nichts. Doch man sah es ihnen an, da der
Zukunftsgalopp Alberts nicht nach ihrem Sinne war. Sie steckten bei
aller natrlichen Gerissenheit doch noch zu tief im Burischen, um sich
mit den Spekulationsideen Alberts befreunden zu knnen. Vor
Schuldenmachen hatten sie eine grimmige Angst; man gab das Geld fort und
hatte auch noch die Zinsen zu bezahlen. Und sie frchteten, da die
ungeheuern Summen, die Albert aufnehmen wollte, sie alle ersticken und
erdrcken wrden.

Ein Lrm in der Schenkstube, die schimpfende Stimme der alten Mllern
und das laute Weinen Drthes strten die Konferenz. Fritz erhob sich, um
nachzusehen, was es gebe. Drthe hatte eine Flasche mit Himbeerlikr vom
Schenktisch gestoen; die Flasche war zerbrochen, und der rote Saft flo
trge ber die schwarzen, mit Sand bestreuten Dielen. Und da hatte die
Mllern der Drthe in ihrer zgellosen Heftigkeit eine derbe Ohrfeige
gegeben und schimpfte in unfltiger Weise auf sie los.

Drthe stand an der Wand und hielt den Zipfel ihres Kleides vor das
Gesicht. Sie schluchzte so, da ihre ganze Gestalt zitterte -- nicht
aus Schmerz, sondern aus Scham, vor allen Leuten gezchtigt worden zu
sein. Jeder schaute zu ihr hinber. Braumller, Raupach und Tengler, die
Schafskopf spielten, hielten im Spiel inne, und der alte Maracke
schritt gutmtig auf sie zu und sagte:

Nanu, flenn man nich, Drthe -- es is doch nich so schlimm! Bis du
heiratst, is die Backe wedder gutt!...

Aber auch Fritz schimpfte. So was Ungeschicktes wie die Drthe sei noch
nicht dagewesen. Als ob der Himbeerlikr kein Geld koste. Und das wolle
einmal eine tchtige Hausfrau werden! Nee -- da werde er es sich doch
noch lieber bedenken ...

Drthe schlich, ohne zu antworten, hinaus. Sie weinte noch immer,
whrend sie langsam die paar Steinstufen hinabstieg, die zu der Haustr
fhrten, und dann durch die Dorfstrae schritt. Sie weinte ganz leise
vor sich hin. Da die Mllern grob und roh war, wute sie ja -- das war
ihr nichts Neues. Die wollte berhaupt nichts von der Heirat wissen.
Aber das Benehmen Fritzens tat ihr weh; ihr Herz sprang und zuckte. Sie
liebte den groen Burschen mit seinem wirren Blondkopf und den blauen
Augen doch so sehr.

Der Abend war wundervoll. Die Sterne flimmerten hell am Himmel; die
Milchstrae leuchtete wie Opal. Und durch das ganze Dorf wehte der
frische Duft der Wiesen, die sich dreiig Morgen weit lngs der Barbe
hinzogen.

Pltzlich, gegenber dem Pastorhause, durch dessen Fenster helles Licht
schimmerte, blieb Drthe stehen. Ihr fiel auf einmal ein, was Tante
Pauline von ihrem letzten Traum erzhlt hatte. Ein Gewitter war
heraufgezogen, und dann hatte es eingeschlagen. Das bedeutete Unfrieden
und rger. Und so war's auch gekommen.

Beim Lehnschulzen schlug der Hofhund an. Ein zweiter antwortete, der
groe Kter Marackes mit seinem heiseren Ba. Aus der Ferne, vom
Dorfende her, klffte die helle Stimme des Nachtwchterhundes
dazwischen. Ein vierter und fnfter fiel ein. Alle Hunde im Dorfe
begannen zu bellen.




Drittes Kapitel


Auf dem Auberg hatte frher ein Pchterhaus gestanden, ein merkwrdiger
Bau. Das untere Stockwerk stark massiv, mit mchtigen Mauern, eine Halle
mit hohen und schnen Wlbungen, von Strebepfeilern gesttzt. Das war
der Kuhstall gewesen. Und auf ihm hatte sich ein schwchliches Fachwerk
erhoben, ziemlich dnnwandig und einfach wei abgeworfen: die Wohnung
des Pchters. Er war ein nrrischer Kauz gewesen; man erzhlte sich im
Dorfe noch allerhand wunderliche Geschichten von ihm. Seine Leidenschaft
war die Rindviehzucht, und deshalb hatte er dem geliebten Viehzeug die
schnsten Rume im Hause angewiesen, und deshalb wollte er seine Tiere
auch immer in unmittelbarer Nhe haben. Er war lange in England gewesen
und hatte dort alle mglichen Kreuzungen kennen gelernt, auch eine neue
Art der Ftterung, von der er viel hielt. Aber er hatte kein Glck; sein
Kreuzungssystem schlug nicht an, und bei seiner neuen Ftterungsmethode
verhungerten die Rinder. Eines Nachts hing er sich im Kuhstall auf.

Als Kommerzienrat Schellheim die Auherrschaft gekauft hatte, brachte er
einen Baumeister aus Berlin mit, der ihm auf dem Auberge ein Schlo
bauen sollte. Der Mann war ganz begeistert von der Anlage des Kuhstalls
und schlug Schellheim vor, die kolossalen Fundamente beizubehalten und
aus dem Stalle eine Halle, eine englische Halle, zu machen. Die Mauern
wren so riesig, da sich leicht noch zwei Stockwerke auf ihnen
auffhren lieen. Schellheim war einverstanden, und der Baumeister
baute los. Ein stattliches Herrenhaus entstand, aber der Kommerzienrat
wollte ein Schlo haben, und zu einem Schlosse gehrte unbedingt ein
Turm. So wurde denn rechtsseitig ein runder Turm angeklebt, mit einem
grnen Kupferhute als Dach. Das gefiel Schellheim immer noch nicht
recht: die Erker fehlten noch, von denen aus man zu Tal schauen konnte,
und auf der Sdseite eine weite Glasveranda, die zur kalten Zeit als
Wintergarten benutzt werden konnte. Auch das wurde geschaffen und noch
mehr, und schlielich machte das neue Schlo einen schauderhaft
stillosen Eindruck. Es sieht wie zerkaut aus, meinte der alte
Hellstern. Der hbscheste Raum blieb nach wie vor der ehemalige
Kuhstall, die jetzige Halle.

Von seiner frheren Bestimmung merkte man dem weiten Saal natrlich
nichts mehr an. An den Pfeilern hing allerhand Waffenschmuck,
Hellebarden, Schilde, Morgensterne, ngelgespickte Streitkolben und
dergleichen mehr, und an den Wnden eine Reihe tiefdunkel gewordener
alter lportrts von stark dekolletierten Damen in Reifrcken und
gepanzerten Herren mit strichhnlichen dunkeln Schnurrbrten auf der
Oberlippe. Schellheim hatte die ganze Galerie einmal im Ramsch bei einem
Trdler in Venedig gekauft und nannte sie deshalb seine italienischen
Ahnen. Er spottete nicht ungern ber sich selbst; er war vernnftig
genug, stolz auf sein Emporkmmlingstum zu sein.

Sein Vater hatte das Geschft begrndet, aber erst unter ihm war es zur
Blte gekommen. Jetzt gab er zwlfhundert Arbeitern und Arbeiterinnen
Verdienst und Brot, und seine Fabriken in Berlin, Breslau und Manchester
htten, zusammengestellt, allein einen kleinen Stadtteil bilden knnen.
In allen diesen Fabriken wurde nichts hergestellt als Hemden -- Hemden
in vieltausendfacher Auswahl, Abstufung und Variation, fr die elegante
Welt, fr die einfachen Leute und fr das Proletariat, und zwar nur
Mnnerhemden. Diese Hemden gingen ber die ganze Welt. Man fertigte sie
in den Schellheimschen Fabriken unter jeder gewnschten Marke und jedem
beliebigen Firmenstempel an und versandte sie dann an die Kunden in
allen Teilen der zivilisierten Erde. So trug sie der Herzog von Sagan in
Paris, der sie aus den Ateliers von Dudevant Frres entnommen, gerade so
gut wie Ohm Krger in Johannesburg, der Nabob in Bombay und der
Dockarbeiter in Wilhelmshaven -- selbst bis Siam und China und bis in
die Eisfelder Kanadas wanderte das Schellheimsche Hemd.

Und diese Hemden lieen Gold zurck. Schellheim war Millionr. Freilich
hatten drei Generationen an den Millionen gearbeitet. Der Grovater war
noch mit dem Bndel auf dem Rcken durch das Land gezogen, und der Vater
hatte manche schwere Krisis zu berwinden gehabt. Aber nun stand der Bau
felsenfest; keine Krisis konnte ihn mehr erschttern. Es war Schellheim
nicht leicht geworden, sich vom Geschft zurckzuziehen; die Arbeit war
das Lebenselixir, das ihn jung erhielt. Aber er mute an seine Kinder
denken. Der unpraktische Jngste war fr die Fabrik nicht zu gebrauchen;
ihm waren die Bcher alles. Doch Hagen, der lteste, trat mit sicheren
Schritten in die Fustapfen des Vaters. Er hatte zwei Jahre in
Manchester gelernt, dann einige Zeit die Breslauer Filiale geleitet, und
nun konnte er getrost an die Spitze des Ganzen treten.

Schellheim sorgte sich nicht um das Weiterblhen des Geschfts. Es lag
bei Hagen in guten Hnden. Allerdings hatte der Junge auch seine
Nebenpassionen: fr Theaterpremieren und dergleichen mehr, aber das lag
nun einmal in der Mode der Zeit -- so meinte der Rat--, und deshalb
blieb er doch ein tchtiger Kaufmann. An Schellheim trat jedoch nun die
Frage einer anderweitigen Beschftigung heran. Unttig konnte und
wollte er nicht sein. Und da kam ihm der Gedanke, sich anzukaufen. Zwar
die Landwirtschaft lag darnieder, aber er gab sich auch schon mit einer
dreiprozentigen Verzinsung seines Anlagekapitals zufrieden. Dann dachte
er auch an seinen Jngsten. Der sollte das Gut einmal bernehmen, wenn
er des Studierens mde geworden. Denn es schien dem Kommerzienrat
undenkbar, da ein Mensch, der es nicht ntig hatte, zeit seines Lebens
tagein, tagaus und von frh bis spt immer nur zwischen Bchern sitzen,
grbeln, vergleichen, schreiben knne. Zudem mute der Wert des
Landbesitzes wieder steigen; der tote Punkt mute erreicht sein. Es
handelte sich ja nicht um eine verfehlte Spekulation.

Man nahm das zweite Frhstck gewhnlich in der groen Halle. Die
Glastren standen weit offen. Auf der Terrasse wrmten sich die Palmen
in der Sonnenglut. Durch das Grn der Orangenbume, deren blank
lackierte groe Kbel die Sonnenstrahlen reflektierten, schimmerte das
helle Wei zweier Statuen, die den Treppenabstieg zur zweiten Terrasse
flankierten. Es waren zwei Gttinnen, Pomona und Flora; Hagen, der die
Spottsucht seines Vaters geerbt hatte, bevorzugte sie wegen ihrer
Hemdenlosigkeit. Die ganze Westseite des Aubergs fiel in Terrassen zum
Tal ab, die teils durch Balustraden, teils durch Spaliere mit Wein und
selteneren Obstsorten begrenzt wurden. Im Sden erstreckte sich der Park
zirka zwlf Morgen weit in das sich hier mhlich senkende Land hinein.
Er war ursprnglich Buchenforst gewesen und stie bis dicht an die Graue
Lehne, die der Kommerzienrat gleichfalls hatte ankaufen wollen. Aber die
Mllers sagten nein. Das rgerte Schellheim nunmehr, nach Entdeckung des
Heilquells, doppelt.

Man war beim Dessert. Ein junger Diener in ziemlich einfacher Livree
wartete auf. Die Rtin hatte eine Melone zerlegt und reichte sie ihrem
Gatten.

Ich will dir was sagen, Gunther, fuhr Schellheim in der Unterhaltung
fort, eine der goldgelben Scheiben auf seinen Teller legend, du hast
ja recht: die Hellsterns sind liebenswrdige Leute. Aber die Art bleibt
dieselbe. Der alte Hochmut ist unausrottbar. Er bricht aus jeder
uerung, aus jedem Worte hervor. Die Tradition sitzt zu fest in ihnen.
Sie erfassen den Zeitgeist nicht. Zum Beispiel: das mit der Quelle.
Hellstern ist gegen ihre Ausntzung, weil der Fortschritt in der Kultur
ihm unbequem ist. Das strt ihn in seinem Behagen. Nun frag' ich den
Menschen: ist das nicht verrckt?

Natrlich, entgegnete Hagen; du wirst mit den Hellsterns nicht warm
werden.

Gunther widersprach. Man msse die Leute nehmen, wie sie seien. Ansicht
gegen Ansicht.

Ich glaube auch, da dem Widerstreben des Barons noch andre
Befrchtungen zugrunde liegen. Er ist zu klug und zu weltreif, um der
Kultur Dmme zu wnschen. Nein, das ist es nicht! Seine persnlichen
Empfindungen mgen ja auch mitsprechen. Er liebt es nun einmal nicht,
von einem Schwarm fremder Sommergste umgeben zu sein. Was aber die
Hauptsache ist: sein alter Besitz liegt ihm noch immer sehr am Herzen,
und er frchtet, da die Bauern sich den Segnungen der Kultur, in diesem
Falle der Heilquelle, noch nicht reif genug erweisen werden.

Der Rat schttelte, einen ironischen Zug um den Mund, den Kopf, und der
grimme Hagen lachte frhlich auf.

Nimm mir's nicht bel, Gunther, rief er, das ist eine absonderliche
Idee! Was heit denn das: noch nicht reif? Soll die Kultur vor der Tre
warten, bis auch der letzte Schafskopf ihr gtigst den Eintritt erlaubt?
Als die Eisenbahnen aufkamen, wetterte und wtete der damalige
Verkehrsminister gegen die neue Erfindung, weil er frchtete, sie wrde
die Postinstitution ruinieren. Was schadet es denn schlielich, wenn
wirklich ein paar Bauern zugrunde gehen, wo auf der andern Seite der
ganzen Menschheit gedient wird?

Gewi, fgte der Rat hinzu und faltete seine Serviette zusammen.
Jeder Fortschritt ist im Grunde genommen brutal. Er reit nieder, um
neu aufzubauen.

Gunther errtete leicht. Er sah ein, da er sich in der Verteidigung der
Insassen des Baronshofs vergaloppiert hatte, da seine Argumente nicht
stichhaltig waren. Aber er wollte es nicht zugestehen.

Ich bin nicht ganz eurer Ansicht, erwiderte er. Nur der stetige
Fortschritt bringt Segen. Selbst Guttaten wie die Emanzipation der
Bauern und die Aufhebung der Leibeigenschaft haben unsgliches Unglck
im Gefolge gehabt, weil sie zu unvorbereitet kamen.

Das ist das, was ich sagte, bemerkte Schellheim. Die Kultur reit
Lcher, schliet sie aber auch wieder.

Deshalb kann man immerhin die Opfer der Kultur bedauern, entgegnete
Gunther etwas kleinlaut. Es tut mir leid, da der Besitz der Quelle
nicht in verstndigen Hnden ruht. Vor allen Dingen kann ich aus
persnlichem Empfinden Herrn von Hellstern nur zustimmen; ich wrde es
auch lieber sehen, wenn ich bei meinen Besuchen in Oberlemmingen nicht
auf Schritt und Tritt auf Kranke und Sommerfrischler stiee.

Mahlzeit, sagte der Rat und erhob sich. Der Diener zog den Stuhl
seines Herrn zurck. Man trank den Kaffee stets gleich nach dem zweiten
Frhstck auf der ersten Terrasse. Dort war bereits der Tisch unter
einer blauwei gestreiften Markise gedeckt. Ein Licht und zwei
Zigarrenkisten standen zwischen Tassen und Tellern. Das Licht brannte,
aber man sah die Flamme kaum in der blendenden Helle des Tages.

Whrend Schellheim sich eine Zigarre anzndete, nahm er das Thema von
vorhin wieder auf. Er wandte sich direkt an Gunther, dem Hagen soeben
eine Papyrus aus seinem Tulaetui anbot.

Ich will dir was sagen, mein Junge, begann er -- das war eine
stehende Redewendung von ihm--, wenn sich die Quellengeschichte
wirklich gnstig entwickelt und sich nicht noch nachtrglich als Mumpitz
herausstellt -- ich frchte es beinah', ich trau' der Sache nicht so
recht--, na, das wre auch fr uns nicht so bel. Durchaus nicht. Denk
mal, wie Grund und Boden steigen wird, wenn hier erst die Leute
zusammenstrmen und Obdach und Nahrung haben wollen! Auch die
Produktenpreise werden in die Hhe gehen -- ich meine, liebe Jenny --
er wandte sich an seine Frau--, wir knnten ganz gut noch die sechs
Morgen Wiesenland an der Barbe zum Gemsegarten schlagen.

Und ohne die Antwort der Rtin abzuwarten, die nur den Kopf neigte und
dann weiter die Tassen fllte, fuhr er lebhaft fort:

Was mich grimmt, ist lediglich die Dickkpfigkeit der Mllers.
Zwlftausend Mark ist ein Stck Geld fr die paar Buchenkuscheln. Ich
glaube, die Mllers witterten damals schon die Heilkraft der Quelle --
kann mir's sonst nicht erklren, warum sie so sttisch blieben! Na, ich
bin neugierig, was sie machen werden! Ich habe mir's berlegt: ich
misch' mich nicht 'rein. Sie knnen _mir_ kommen, wenn sie wollen ...
Wie ist's, Kinder, wollt ihr wirklich mit dem Abendzuge zurck?

Die Brder bejahten. Sie htten beide zu tun. Hagen erzhlte von groen
Auftrgen aus Amerika, deren Effektuierung Beschleunigung verlange. So
kam das Geschft auf die Tagesordnung; der Rat wollte Einzelheiten
wissen, und Hagen zog sein Notizbuch aus der Tasche.

Inzwischen erhob sich Gunther und trat an die Sandsteinbalustrade heran.
Der Ausblick von der Hhe bot seltene Reize, und sie wechselten je nach
der Beleuchtung. Jetzt, im prallen Glanze der Mittagssonne, war die
ganze Landschaft in ein weiliches Gelb getaucht. Ein blonder Schimmer
lag ber den hrenfeldern, in die Kolonnen von Schnittern weite,
zackige Lichtungen schnitten, denn heute frh hatte man auch auf dem
Augute mit der Ernte begonnen. Auf den Wiesen tnte sich das weigelbe
Licht zu einem ganz hellen und zarten Grn ab, und an der waldbesetzten
Bergreihe am Horizont mischte sich noch ein leichter blauer Ton hinein.

Gunther schaute nach der Seite hinber, wo der Baronshof lag. Man sah
aus dem Dunkel der alten Bume nur einen kleinen Dachteil des
Herrenhauses hervorlugen, ein paar hundert braunrote und geschwrzte
Ziegel. Aber vor dem Auge Gunthers ffnete sich der Vorhang aus grnem
Laub, und es schien ihm, als sehe er das ganze alte Haus vor sich liegen
und oben auf der Veranda eine groe Mdchengestalt in hellem Gewande,
die ihm mit freundlichem Lcheln zunickte. Hedda hatte ihm sehr
gefallen. Er war noch nicht auf die Idee gekommen, sich ein weibliches
Idealbild zu konstruieren, aber er meinte, so wie Hedda, so ungefhr
msse sein Ideal wohl ausschauen. Und er warf pltzlich mit rgerlicher
Gebrde den Rest seiner Zigarette ber die Balustrade. Wirklich, er
rgerte sich ber seine dummen Gedanken!

Hinter ihm ertnte eine fremde Stimme. Der Diener hatte Herrn
Bauunternehmer Mller angemeldet.

Der Kommerzienrat horchte auf, als er den Namen vernahm. Einer von den
Mllers -- aha, man kam ihm schon! Ein breites Lcheln trat auf sein
Gesicht.

Fhren Sie den Herrn hierher, befahl er.

Entschuldigen der Herr Kommerzienrat, erwiderte der Diener, es sind
drei Leute--

Drei? Und Schellheim lachte frhlich auf. Also gleich drei -- man
wollte ihm durch eine Phalanx imponieren. So lassen Sie alle drei
herkommen, Friedrich, entschied er.

Die Rtin fragte bescheiden, ob es nicht besser sei, wenn sie sich mit
den Kindern entferne. Aber ihr Mann verneinte; man wisse ja noch nicht
einmal, was die Herren berhaupt wollten.

Das Trio trat an. Voran Albert, dann Bertold und zuletzt Fritz Mller,
hintereinander und mit dem Ausdruck des Respekts im Gesicht, von dem ihr
Herz in dieser Atmosphre des Reichtums erfllt war. Der dicke Fritz
hatte sich gleich den andern beiden sonntglich angekleidet, doch der
schwarze Rock pate nicht recht und schlug an ungehrigen Stellen
Falten, und ber dem topffrmigen Zylinderhut lag ein rosiger Bronzeton.
Der Zylinder gehrte ihm auch nicht, sondern dem Alten, der ihn nur zu
Hochzeiten und Kindtaufen trug. Dann bgelte Mutter Mller ihn auf, das
heit sie plttete ihn mit einem heien Bolzen. Davon hatte er seine
anmutige Frbung erhalten.

Albert und Bertold blieben stehen und verbeugten sich. Aber Fritz hatte
nicht aufgepat und ging weiter, rannte erst gegen Bertold an und machte
dann auch sein Kompliment. Bertold war wtend, rckte an seiner Brille
und flsterte, whrend Albert bereits zu sprechen begann, dem jngeren
Bruder zu:

Nimm doch den Hut ab, Tolpatsch!

Nun entblte auch Fritz den Flachskopf. Er war rot geworden vor
Verlegenheit.

Nehmen Sie es nicht bel, Herr Kommerzienrat, sagte Albert inzwischen,
da wir Sie inkommodieren. Wir mchten Sie um eine Rcksprache bitten.
Es handelt sich nmlich um die Quelle...

Schellheim hatte sich erhoben und reichte jedem der drei die Hand. Es
war sein Bestreben, sich kordial zu zeigen. Die Leute da unten sollten
ihn lieben lernen.

Ich dacht' es mir beinah', meine Herren, erwiderte er. Drfen die
Meinen dabei sein, oder ist es Ihnen angenehmer, unter vier Augen--

Albert wehrte ab. Ihre Sache sei durchaus kein Geheimnis.

Der Rat bot ihnen Sthle und Zigarren an. Fritz betrachtete die seine
mit Ehrfurcht. Sie hatte ein Bndchen um den schlanken Leib und sah nach
viel Geld aus.

Dann entwickelte Albert seine Ideen und Absichten. Er sprach recht
gewandt, erzhlte zunchst von der Analyse des Professors Statius und
von der Auskunft, die er persnlich ber die Heilkraft des Wassers
erhalten hatte, und ging hierauf auf die Finanzierungsfrage ber. Man
wollte ein Konsortium bilden, das die vorbereitenden Arbeiten ausfhren
solle, und dann das ganze Unternehmen in eine Aktiengesellschaft
verwandeln.

Schellheim erkannte sofort, da dieser lange Maurerpolier eine nicht
gewhnliche kommerzielle Begabung besa. In der Darlegung der
Einzelheiten verriet sich sogar eine so schlaue, zuweilen berraschend
raffinierte Berechnung, wie der Kommerzienrat sie dem einfachen Manne
kaum zugetraut htte.

Die Rtin hatte sich mit ihren Shnen absichtlich zurckgezogen. Die
drei promenierten im Laubengang der zweiten Terrasse auf und ab, whrend
oben Albert Mller mit lauter Stimme weitersprach. Die beiden andern
Brder saen stumm neben ihm und nickten nur zuweilen mit dem Kopfe, um
ihre Zustimmung zu allem zu bekunden, was der Wortfhrer sagte.

Pltzlich hrten die Promenierenden, da Schellheim den Sprecher
unterbrach. Der Rat wute nun, wohinaus die Mllers wollten, aber es war
unntig, noch weiter ber die Sache zu reden, ehe er sie selbst nicht
klar berschauen konnte.

Sie wnschen, da ich mich Ihres Unternehmens annehme, sagte er, da
ich mich theoretisch und praktisch daran beteilige -- nicht wahr, das
wollen Sie doch? Ich soll Ihnen sozusagen helfen, die Geschichte in Gang
zu bringen, die Kapitalien zu schaffen, die geeigneten Reprsentations-
und Arbeitskrfte zusammenzutrommeln.... Nun schn, ich bin dazu
bereit--, die Sache interessiert mich, denn eure Quelle fliet mir
sozusagen an der Nase vorbei. Aber erst mu ich mich selber orientieren.
Eure Analysen gengen noch nicht. Man mu offizielle Persnlichkeiten
heranziehen, Berhmtheiten ersten Ranges.... Und dann: eine kurze Frage.
Sie wissen, lieber Herr Bau-- er zgerte einen Moment, weil ihm der
Titel Bauunternehmer zu lang erschien, und fuhr dann rascher fort: Sie
wissen, lieber Baumeister, da ich Ihrem Vater schon vor Jahresfrist
anbieten lie, die Graue Lehne mit der Buchwaldparzelle zu kaufen. Ich
bin noch immer dazu geneigt. Nun haben sich durch die Auffindung der
Quelle die Preisverhltnisse natrlich wesentlich gendert. Allein
vielleicht wrden wir doch noch einig werden. berlegen Sie einmal
daheim, ob wir nicht von neuem ber das Terrain in Verhandlung treten
knnen... Er schaute aufmerksam auf seine Fingerngel.... Ich will
Ihnen was sagen, meine Herren: die Heilquelle ist ja ganz schn, aber
erstens ist es doch noch sehr die Frage, ob aus ihr wirklich etwas zu
machen ist. Solche Suerlinge gibt es zu Tausenden im Lande -- die
meisten sind nicht viel wert. Und zweitens wird Ihnen die Geschichte
unendlich viel Scherereien und Schwierigkeiten machen, -- ach du lieber
Gott, Sie haben ja gar keine Ahnung, was es heit, solch ein
weitausschauendes Unternehmen ins Leben zu rufen! Ob es sich berhaupt
lohnen wird? Der Kommerzienrat zog die Schultern hoch. Ich glaub's
eigentlich nicht. Nein, ich glaub's nicht! Wir haben kleine Badeorte,
die nicht leben und sterben knnen. Geschfte werden da kaum zu machen
sein -- an eine Dividende ist vorlufig gar nicht zu denken.... Na --
man mu abwarten! Jedenfalls berlegen Sie sich den Verkaufsgedanken
noch einmal. Wenn ich die Graue Lehne im Besitz htte -- ich glaube --
ich glaube, ich wrde die Quelle ruhig weiter flieen lassen. Das
Risiko ist zu gro -- zu groߠ...

Die drei Brder hatten Schellheim mit keinem Wort unterbrochen. Aber von
einem zum andern flog ein rascher Blick des Einverstndnisses herber,
der zu sagen schien: nicht angst machen lassen, immer ruhig bleiben! Und
nun antwortete Albert in respektvollem Tone:

Verzeihen Sie, Herr Kommerzienrat, aber wir verkaufen die Graue Lehne
bestimmt nicht. Und wenn Sie uns hunderttausend Mark auf den Tisch legen
wollten, wir tun es nicht. Der Vater denkt gerade so. Und wenn Ihnen
eine Beteiligung an der Ausbeutung der Quelle zu unsicher dnkt, dann
mssen wir eben weiter gehen, so leid uns das tun wrde. Die Frankfurter
Produktenbank hat sich schon bereit erklrt--

Schellheim fuhr auf. Solcher Unsinn! Man solle sich nur ja die
Bankinstitute fern halten. Es gebe genug kapitalkrftige Leute.

Ich werde mir die Sache durch den Kopf gehen lassen, meine Herren,
schlo er. Senden Sie mir die Analyse und das sonstige Material ber
die Quelle zu. Wenn Sie noch zu Herrn von Hellstern gehen wollen -- es
soll mir recht sein. Solche Leute braucht man.... Also auf Wiedersehen!

Das war das Zeichen zum Aufbruch. Der Kommerzienrat reichte wieder jedem
der drei die Hand und fhrte sie selbst nach dem Parkausgang. Dabei
plauderte er ununterbrochen, berhrte aber die Quellenfrage mit keinem
Wort mehr. Er sprach ber die Ernte, das Wetter, die Getreidepreise,
ber alles mgliche. Und whrend die drei Brder die breite Fahrstrae
einschlugen, die vom Auberge nach der Chaussee fhrte, blieb er noch
eine geraume Weile am eisernen Parkportal stehen und schaute den Mllers
nach. Der rtliche Bronzeton von Fritzens altvterischem Zylinderhut
leuchtete frhlich im Sonnenschein.

Geriebene Gesellschaft, murmelte der Kommerzienrat halblaut vor sich
hin. Dann kehrte er auf die Terrasse zurck.

Nun, Papa? rief ihm Hagen entgegen. Abgemacht?

I bewahre, entgegnete Schellheim, und der Sohn sprte am Tone, da
etwas wie eine leichte Gereiztheit herausklang. Hellstern hat recht:
mit den Leuten ist schwer verhandeln. Ich mache auch nicht mit -- ich
werde mich hten. Es ist nichts mit der Quelle -- nichts!... Er griff
nach einer neuen Zigarre. Wann geht euer Zug, Hagen? Um neun, nicht
wahr?

Ja, um neun, Papa.

Schn, da knnt ihr mich noch gegen sechs auf die Felder begleiten. Ich
will eine Umfahrt halten. Das ist so Sitte am ersten Erntetage -- ich
habe mich erkundigt. Und bei dieser Gelegenheit wollen wir einmal an der
Grauen Lehne aussteigen. Man kann sich das -- das Dings wenigstens mal
ansehen.

Der kluge Hagen lchelte. Er wute ganz genau, da sich der Vater die
Beteiligung an dem Quellenunternehmen nicht entgehen lassen wrde.

       *       *       *       *       *

Die drei Mllers wendeten sich kurz vor der Chaussee rechts ab; sie
schlugen den schmalen Fuweg nach dem Baronshof ein. Anfnglich sprachen
sie wenig; stumm schritten sie nebeneinander her. Fritz rauchte noch
immer die Zigarre, die ihm der Kommerzienrat angeboten hatte, obwohl ihm
der kurze, glhende Stummel fast die Finger verbrannte. Bertold rckte
nervs an seiner Brille und nahm als erster das Wort.

Das ist ein Schlauer, der Kommerzienrat, meinte er.

Nun wurde Albert pltzlich sehr lebhaft. Er begann ohne Ursache auf
Schellheim zu schimpfen. Das seien alles Betrger, die reichen Berliner
Herren. Man mte gewaltig auf der Hut sein, sonst zgen sie einem das
Fell ber die Ohren. Alles schwarz auf wei und notariell, was man mit
denen abmache -- nicht anders. Schellheim rgere sich nur, da man ihm
die Graue Lehne nicht verkauft habe; Millionen wrde der aus der Quelle
herausschlagen. Aber man wolle die Millionen allein verdienen. Wenn man
das Pack nur nicht brauchte! schlo er.

Wir brauchen es aber, erwiderte Bertold. Da hilft alles Schimpfen
nicht. Wir haben doch lange genug darber gesprochen. Was uns ungeheure
Mhen machen wrde, erreicht so einer im Umsehen. Aber ber die Ohren
hauen lassen wir uns deshalb schon lange nicht.

Wir sind auch helle, sagte Albert.

Fritz warf seinen Stummel fort. Die Zigarre war gut, bemerkte er.

Auf dem Baronshofe muten die drei erst August suchen, um sich anmelden
zu lassen. In der Mittagshitze lag das Gehft wie ausgestorben da.
Selbst das Hhnervolk hatte den Schatten aufgesucht und sich unter den
Akazien im warmen Sande eingekuschelt. Lord, der Hofhund, klffte die
drei Mnner ununterbrochen an und raste an seiner klirrenden Kette bald
in die Htte hinein, bald wieder heraus.

Endlich fand man August, der in einem Winkel der Hckselkammer Siesta zu
halten pflegte. Mit verschlafenen Augen begrte er die drei als gute
Bekannte und machte zunchst seine Witzchen mit ihnen. Er glaube
brigens nicht, da der Herr Baron schon zu sprechen sei; um diese Zeit
halte er noch seinen Mittagsschlummer. Aber er wolle jedenfalls
nachsehen.

Indessen gingen die Mllers in der Prallsonne auf und ab. Unter dem
schweren Zylinder Fritzens rannen groe Tropfen und perlten dem Burschen
ber die dicken Backen. Das verteufelte Ding schien immer schwerer
werden zu wollen. Fritz nahm den Hut auf ein paar Minuten ab, aber da
brannte ihm die Sonne stechend auf den Flachskopf, und mit einem Fluch
setzte er das Ungetm wieder auf.

Albert war mit berlegender Miene vor der Veranda stehen geblieben. Er
hatte die Unterlippe zwischen die Zhne gezogen und die Augen halb
geschlossen, wie immer, wenn er in Gedanken war.

Was grbelst du denn, Albert? fragte Bertold.

Ach, entgegnete dieser lchelnd, ich dachte so 'n bichen nach. Das
alte Herrenhaus ist gut gebaut. Mauern wie Festungswlle und Balken von
Eisen. Das wre leicht auszubauen. Die Lage ist wie geschaffen fr das
Sanatorium.

Der Baron wird dir was pusten, meinte Fritz, und Albert erwiderte
trocken: Bar Geld lacht!

August kehrte zurck. Der Herr Baron se schon wieder am Schreibtisch,
aber er htte nicht viel Zeit; es wre ihm lieb, wenn es rasch ginge.
Und dann fhrte er das Dreiblatt in das groe, kahle, gewlbte Gemach,
in dem der Baron zu arbeiten pflegte.

Er sa in dem ausgeschnittenen Halbkreis seines Tisches, mitten unter
Haufen von alten Folianten und Papieren, die ihn wie eine Palisadierung
umgaben. Und rechts von ihm sa Hedda, aber auf keinem gewhnlichen
Stuhl, sondern auf einem halben Dutzend bereinandergestapelter
Foliobnde von Merians Topographie, und vor sich auf dem Schoe hatte
sie ein aufgeschlagenes lateinisches Lexikon und suchte fr den Alten
Vokabeln auf. Es war wundervoll khl im Zimmer, und ein angenehmes
Dmmerlicht herrschte, da die Lden vor den Fenstern geschlossen waren.
Hellstern rauchte wieder seine Pfeife, doch es war nicht so schlimm wie
sonst, und in die Tabaksatmosphre mischte sich ein zarter Rosenduft,
der dem groen Buschen entstrmte, den Hedda auf eine Ecke des
Schreibtisches gestellt hatte: ein hbsches Symbol blhender Gegenwart
mitten unter dem Moderhauch der Vergangenheit, der aus den alten
Chroniken, Pergamenten und Briefschaften aufzusteigen schien.

Hedda nickte den Mnnern freundlich zu, und Hellstern rief ihnen gleich
entgegen:

Tag, Mllers! Ich wei schon! Wegen der Quelle -- nicht wahr? Kinder,
lat _mich_ mit der Geschichte in Ruhe! Ich will nichts davon wissen!

Albert war sehr betroffen; Bertold rckte an seiner Brille, und Fritz
machte ein dummes Gesicht und glttete mit dem rmel seinen Zylinderhut.

Herr Baron, begann Albert endlich, Sie werden uns doch wohl
wenigstens anhren wollen--

Anhren -- meinetwegen, grunzte der Freiherr. Aber bitte, kurz,
Kinder -- ich habe den Kopf voll. Ihr httet's auch, wenn ihr euch mit
dem schindludermigen alten Latein 'rumrgern mtet--

Papa, fiel Hedda mit leisem Vorwurf ein.

Ach so -- entschuld'ge -- du bist ja auch da! -- Nanu vorwrts, ihr
Herren!

Er paffte aus Mund und Nase. Und Albert begann abermals seinen Vortrag
-- dasselbe, was er Schellheim erzhlt hatte, und Bertold und Fritz
nickten wieder an denselben Stellen, genau so wie oben auf der Terrasse
des Auschlchens.

Hellstern hrte geduldig zu und grunzte nur zuweilen leise auf, wenn ihm
irgend etwas nicht gefiel. Schlielich fragte er, seine Pfeife aus dem
Munde nehmend:

Was erzhlt ihr _mir_ das denn eigentlich alles?! Soll ich vielleicht
auch ein paar Aktien nehmen, wenn ihr erst so weit seid? Und wovon, wenn
ich fragen darf? Ihr seid reiche Leute gegen mich, meine lieben Herren;
ich habe kein Geld -- gar keins -- und fr eure Quellenspekulation erst
recht keins!

Wir wollen ja auch kein Geld von Ihnen, Herr Baron, antwortete Albert.
Wir wollen blo Ihren Namen -- nichts weiter.

Namen?! Wozu -- was heit das -- Namen?!

Ich versteh' schon, fiel Hedda ein, und nun wandte sich Albert mit
Lebhaftigkeit an die Baronesse.

Das ist doch ganz einfach, gndiges Frulein, sagte er, sich zu ihr
hinabneigend. Es ist eine groe Sache, die der ganzen Menschheit ntzen
soll -- nichts Schlechtes dabei, nichts Unreelles, nichts
Schwindelhaftes. Aber der Welt mu man das _klar_ machen, sonst glaubt
sie's nicht. Und wenn der Name des Herrn Barons an der Spitze des ersten
Konsortiums prangt--

Er kam aber nicht weiter. Hellstern stie ihn mit der Spitze des
Pfeifenkopfs in die Seite.

Sie, lieber Mller, fiel er ein, bemhen Sie sich nicht weiter! Ich
mache so 'ne Geschichte nicht. Mein Name ist kein Aushngeschild --
_meiner_ nicht! Aber wenn's schon ein Adeliger sein soll -- 's gibt ja
leider genug adeliges Proletariat im Lande--, vielleicht finden Sie
sogar 'nen Grafen--

Aber, Herr Baron, schnitt ihm Albert das Wort ab und hob die Hnde,
was der dicke Fritz ihm nachmachte, um sich wenigstens pantomimisch an
der Debatte zu beteiligen, es handelt sich ja doch um _Ihren_ Namen,
nicht um einen beliebigen -- und auch um Ihre _Person_! Ihr Geschlecht
sitzt hier ja hundert Jahre oder lnger, was wei ich -- und Sie sind
berall beliebt, bei Bauern und Gutsbesitzern, sind mit dem Herrn
Landrat befreundet und mit beiden Abgeordneten, haben noch immer Sitz
und Stimme im Herrenhause, im Provinziallandtag, bei den Synoden, den
Kreisverhandlungen -- du lieber Gott, das ist alles sehr wichtig fr
uns! Und wir wollen das ja auch nicht umsonst haben -- Sie sollen _mit_
bei der Sache verdienen--, wir kaufen Ihnen Ihr Haus ab und machen ein
Sanatorium daraus...

Der Freiherr schlug mit der Hand auf den Tisch, da es drhnte.

Sie sind wohl des Teufels, Mller?! schrie er. Ich bin froh, da ich
meine vier Wnde behalten konnte, -- hier will ich auch sterben! Bauen
Sie sich Ihr Sanatorium, wo Sie wollen, aber auf den Baronshof kommt mir
kein fremdes Volk! Ich lasse eine Tafel am Parkeingang anbringen mit der
Inschrift: 'Kurgsten ist der Eintritt verboten.' Oberlemmingen war
immer ein gesunder Ort, -- aber mit eurer verdammten Quelle zieht ihr
die Krankheiten mit Gewalt her. Es ist kein Vergngen, lauter leidende
Menschen um sich zu sehen. Die ganze Luft wird verpestet werden, und die
Bazillen werden nur so umherschwirren. Hbsche Aussichten -- ich danke
ergebenst! Und zu dem allem soll ich euch auch noch helfen, meinen Namen
hergeben als Kder, als Lockvogel -- prost Mahlzeit, da seid ihr an den
Falschen gekommen!

Die drei Mllers schauten verdutzt vor sich nieder. Eine so
rcksichtslose Abweisung hatte keiner von ihnen erwartet. Ihre
unglcklichen Gesichter erweckten ein gewisses Mitleid in Hedda. Sie
klappte ihr Lexikon zu und sagte:

Ich denke mir, die Sache eilt noch nicht so. Es mu doch berlegt
werden. Vielleicht kommen die Herren noch einmal wieder--

Nein! schrie der Alte erbost. Ich will nichts mehr hren! Ging' es
nach mir, so wrde die Quelle wieder zugestopft. Ich glaub' nicht an
ihren Segen!

Das ist jedermanns Sache, Herr Baron, erwiderte Albert, zu glauben,
was er selbst will. Wir _hoffen_ etwas von der Quelle--

Ein gutes Geschft hofft ihr -- das lockt euch!

Das auch, freilich! Jeder Mensch will verdienen. Aber wir gewinnen
nicht allein. Ganz Oberlemmingen wird aufblhen--

Oder zugrunde gehen! rief der Baron dazwischen. Sein braunes Gesicht
war noch dunkler geworden. Ich kenn' euch doch, Kinder, -- mir macht
ihr nichts weis! Ihr kmmert euch den Geier um die andern, wenn _ihr_
nur eure Taschen fllen knnt! Und ich sehe kommen, wie's werden wird --
ganz genau! Will's Glck euch wohl und die Quelle wirft wirklich Geld ab
-- 's fliet doch nur zu euch! Ihr werdet einen Ring bilden, den keiner
durchbrechen kann, und die kleinen Leute bleiben drauen stehen und
lassen die Zunge aus dem Halse hngen und hungern weiter!

Hedda machte eine unmutige Bewegung mit dem Kopfe. Sie fand, da der
Vater unntig hart sei, und dies Wort sprach Albert auch aus.

Das klingt sehr hart, Herr Baron, sagte er, und ich glaube auch, da
dazu kein Grund vorliegt. Wir haben _Sie_ ja doch aufgefordert und den
Herrn Kommerzienrat drben auch--

Und soundsoviel andre dito -- nmlich die, die ihr zuvrderst braucht,
ohne die ihr die Sache nicht in Szene setzen knnt. Denn ihr allein seid
hilflos. Aber wozu noch das lange Parlamentieren! Ihr seid mit einer
Anfrage zu mir gekommen, und ich lehne dankend ab. #Dixi#. Im brigen --
ich habe keinen von euch krnken wollen -- aber ihr kennt ja meine Art.
Und nun adje, Kinder!

Er streckte den Mllers die Rechte entgegen. Hedda nickte ihnen zu und
rief Fritz noch nach:

Wann soll denn Hochzeit sein, Krugwirt? Noch nichts bestimmt?

Fritz hatte seinen Zylinder schon wieder aufgesetzt, ri ihn aber
schleunigst vom Kopf. Er wurde rot und lchelte breit. Nein, gnd'ges
Frulein, antwortete er, noch nichts. Es hat ja noch Zeit.

Und dann wendete sich auch Albert noch einmal herum und fgte hinzu:
Wir woll'n mal erst abwarten, gnd'ges Frulein.

Sie gingen.

Grobian, sagte Bertold drauen.

Der Kommerzienrat ist anders, bemerkte Fritz. Mir schmeckt noch seine
Zigarre.

Albert war wieder vor der Veranda stehen geblieben. Er packte die
Brder mit beiden Hnden an den Rockklappen.

Das merk' ich mir, sagte er halblaut, in verbissener Wut. Und wenn's
mir ein Vermgen kosten sollte, -- das Herrenhaus bring' ich an mich.
Hier soll der Alte nicht sterben -- oder der Teufel mt' ihn gerade
schon in den nchsten drei Jahren holen! --

Hedda hatte wieder ihr Lexikon zur Hand genommen.

Immer gleich bullern, Vater, meinte sie. Man kann doch auch in Ruhe
mit den Leuten sprechen.

Hellstern schleuderte ein zusammengerolltes Pergament quer ber den
Tisch.

Kann man nicht! schrie er zurck; sonst tt' ich's!

Gut. Aber berlegen kann man.

Wieso? Was berlegen?

Ob die Ausbeutung der Quelle nicht doch Gemeinntziges schaffen kann.

Der Alte gab darauf keine Antwort. Er beugte sich nieder ber den
Folianten rechter Hand. Steck die Nase ins Buch, befahl er grob. Was
heit #myrobalanum#?

Hedda schlug nach, antwortete aber nicht.

Der Alte schrieb eine Zeile weiter und schaute auf. Nun -- hast du's?

Ja, erwiderte Hedda, aber ich sag' es nicht.

So behalt's fr dich!

Und wieder schrieb er weiter und wieder stockte seine Feder. Hedda, ich
will wissen, was #myrobalanum# heit! Das mu ein bldsinniges Wort sein
-- ich finde keine Bedeutung heraus.

So la es doch, Vater, erwiderte Hedda gleichmtig.

Gib mir das Lexikon 'rber, zum Schwerenot!

Nein, Vater, -- erst mut du mich ganz sanft um einen Ku bitten.

Da flog ein seliges Leuchten ber das gerbbraune Gesicht des Brummbrs;
er warf die Feder hin und breitete beide Arme aus.




Viertes Kapitel


Die Ernte war eingebracht worden, und zugleich mit dem Sedantage wurde
das Erntefest gefeiert. Es sollte diesmal ganz besonders groartig
zugehen, da es das erste unter dem Regiment des Kommerzienrats war, von
dessen freigebiger Hand man sich viel versprach. Auf dem Baronshof hatte
man nie viel Wesens von derartigen Feiern gemacht. War die Ernte gut
ausgefallen, so gab es ein paar Achtel Bier und Schnaps, waren die
Zeiten schlecht, so gab es gar nichts. Und seit Jahren hatte es in der
Tat gar nichts gegeben.

Die halbe Nacht ber hatten Frauen und Mdchen an ihrem Putz und am
Erntekranz gearbeitet. Das war eigentlich kein Kranz, sondern eine
Krone: hren, Blumen und bunte Bnder ber ein Holzgestell geflochten,
das der alte Klempt mit vieler Kunst zurechtgebaut hatte.

Daneben hatten die Musikanten viel mit den Proben zu tun. Sie probten
unter der Leitung des Kantors in der Schulstube, da man es durch das
ganze Dorf hren konnte. Es waren freilich nur fnf Mann: Fritz Mller,
der das Bombardon blies, dann Anton Tengler, der Sohn von
Schlippermilch, der junge Raupach und zwei Knechte vom Augut. Noten
kannte keiner; sie spielten alle zusammen nach dem Gehr, und zwar so
lange, bis es einigermaen klang. Und da der Kantor das feinste Ohr im
Dorfe besa, so mute er immer die Entscheidung fllen. Die beiden
Knechte waren unter seiner Fuchtel aufgewachsen und lieen sich
demzufolge auch leicht belehren. Sie waren zudem die musikalischsten der
Banda. Sie bliesen des Sonntags die Posaunen in der Kirche, die der
hochselige Baron, der Vater Hellsterns, bei seiner Verheiratung der
Gemeinde geschenkt hatte. Das hrte sich ganz hbsch an, mitten unter
dem Orgelspiel, und wenn sie einmal falsch bliesen, so strte es auch
nicht, weil es keiner merkte.

Diese beiden Posaunenengel waren, wie gesagt, am leichtesten zu
regieren, aber die drei andern wollten sich durchaus nichts sagen
lassen. Der Kantor schwur jedesmal Stein und Bein, da er sich um diese
Mordsmusik nie wieder kmmern werde, doch bei der nchsten Gelegenheit
war er gutmtig genug, abermals die Direktion zu bernehmen. Am
strrigsten war der dicke Fritz. Er stampfte den Takt gewhnlich mit dem
rechten Fue mit und zhlte dabei in Gedanken so lange, bis die Reihe an
ihn kam. Und rechnete er einmal falsch und blies den andern in die Musik
hinein, so behauptete er, Tengler habe nicht aufgepat, oder Raupach sei
zu spt eingefallen, oder ihm sei eine Motte in das Bombardon geflogen.
Ausreden hatte er immer. Man hatte brigens nur drei Stcke auf dem
Repertoire: Heil dir im Siegerkranz, Nun danket alle Gott und einen
Marsch. Das gengte auch. Zum Tanze am Abend kam doch der alte Vietz aus
Wallwitz mit noch einem Geiger.

Fritz hatte sich diesmal bitten lassen, ehe er zugesagt hatte. Die
freien Bauern beteiligten sich an der Cour vor dem Herrn nicht, sondern
wohnten nur dem Tanze bei, whrenddessen auch sie zuweilen einen Taler
fr ein neues Achtel springen lieen. Aber als Blser hatte Fritz schon
seit Jahren mitgewirkt. Man meinte, ohne ihn ginge es gar nicht, und es
war auch wahr: es hatte niemand die Kraft, das ungeheure alte Bombardon
so zu meistern wie der starke Fritz. Das Bombardon war gleich den
Posaunen Gemeindeeigentum; man wute nicht recht, wo es herkam.
Jedenfalls mute es bereits hoch an Jahren sein und war wahrscheinlich
franzsischen Ursprungs, denn es hatte nur zwei Ventile. Ein Mensch mit
gewhnlichen Lungen entlockte dem gelben Ungetm keinen Ton, hchstens
einen leisen, kreischenden Wimmerlaut. Aber wenn Fritz mit geblhten
Backen hineinblies, dann klang es gewaltig und mauernerschtternd. Und
deshalb sollte er auch dieses Mal wieder dabei sein. Doch er sperrte
sich; er war pltzlich stolz geworden und meinte, das schicke sich nicht
mehr fr ihn. Aber der Alte redete ihm zu: man mute gewisse Rcksichten
auf den Kommerzienrat nehmen.

Gewi, die Mllers hatten allen Grund dazu. Schellheim hatte Albert
eines Tages die ihm bergebenen Schriftstcke in bezug auf die Quelle
zurckgeschickt und ihm kurzerhand geschrieben, die Sache interessiere
ihn doch nicht so, wie er anfnglich gemeint htte, auch erfordere sie
zu groe Opfer, und was der ablehnenden Redewendungen mehr waren. Das
war schlimm. Albert war ganz verzweifelt. Er nahm zwar immer noch den
Mund voll und wiederholte jedem, der es hren wollte, da er eine Bank
hinter sich habe. In Wahrheit aber hatte die Frankfurter Produktenbank,
ein kleines Institut unter ngstlicher Oberleitung, ihn bereits
abgewiesen, nachdem sie sich nach seinem Ruf und seinem Vorleben
erkundigt hatte. Und in Berlin war es Albert hnlich ergangen; es war
ersichtlich, man traute dem einfachen Manne nicht. Das grimmte Albert
furchtbar; er war wtend. Er sah ein, da er die Sache unmglich allein
durchfhren konnte, da er eines kreditschaffenden Namens bedurfte. Und
so wandte er sich von neuem an den Kommerzienrat, hatte aber bisher noch
keine Entscheidung erhalten.

Dieser zweite September war ein wundervoller Tag. Es lag schon etwas wie
ein leiser Herbsthauch in der Luft; in dmmernder Frhe sah man ber dem
Grn des Dorfangers und an den Brombeerbschen schneeweien
Altweibersommer hngen, und der Tau war ber Nacht so stark gefallen,
da die Leute meinten, es habe geregnet. Doch der frischherbstliche Odem
hatte etwas Erquickliches. Die Atmosphre war wonnig rein; man sah die
Oderberge in vollster Klarheit am Horizonte liegen und sogar das
Johanniterkreuz auf dem Kirchturm von Alt-Reuthen.

Um acht Uhr sollte sich der Zug auf dem Anger sammeln. Die Musikanten
waren die ersten, nur Fritz Mller fehlte noch. Dann kamen die Knechte
und Mgde und Kleinbauern, die zugleich Handwerker waren und in Lohn und
Arbeit bei Schellheim standen. Auch einige Bauerntchter beteiligten
sich, die nicht auf dem Augute bedienstet waren; allerseits waltete das
Bestreben vor, dem diesjhrigen Erntefest einen groartigen Anstrich zu
geben.

Die Mdel hatten sich schn gemacht; es flatterte und leuchtete von
bunten Bndern. Und dies Bandwerk, das beliebteste Putzmittel, das man
fr wenige Groschen beim Krmer kaufte, verlieh selbst den ltesten und
verwaschensten Kleidern das Aussehen heiterer Neuheit. Hinter der Musik
schritt der lteste von Langheinrich mit der Erntekrone, die er auf
langer Stange trug, und ihn umgaben die Erntejungfern. Braumllers Liese
sollte den Vers sprechen; sie war ein dickes Mdchen mit hbschem,
dummem Gesicht und hatte schreckliche Angst, da sie beim Aufsagen der
Reime stecken bleiben wrde. Hundertmal hatte die Mutter sie berhren
mssen, aber ber die Stelle: Wnschen wir einen heiligen Lohn
stolperte sie immer. Deshalb hatte sie ihre Freundin Drthe Klempt
gebeten, ihr zu soufflieren, und Drthe hatte auch von Hedda Erlaubnis
erhalten, sich am Zuge beteiligen zu drfen.

Nun waren alle da, nur Fritz Mller fehlte noch mit seinem Bombardon. Im
Glanze der Morgensonne rangierte sich der Zug. Auch die Burschen trugen
Bnder an Hten und Mtzen und ein jeder einen Strau hren im
Knopfloch. berall ruhte heute die Arbeit. Am Zaune des Kantorgartens
stand Feilner mit umwundenem Kopfe, die lange Pfeife im Munde, neben ihm
seine Frau, an jeder Hand ein kleines Mdchen. Selbst der Pastor war
neugierig geworden. Sein schneeweier Kopf mit den dunkeln,
eigentmlich leuchtenden Augen wurde am Fenster sichtbar. Mitten auf dem
Platze hatte eine Gruppe Frauen Aufstellung genommen; man sah die
Thielemann, das Weib des Krmers, die alte Maracken, deren zahnloser
Mund noch bse klatschen konnte, die ungeheuer dicke Braumllern, die
Bacherten und die Frau von Langheinrich, eine reiche Witwe aus
Kerbitschau, die sehr dnkelhaft war und gern klagte, wie unglcklich
sie sich fhle, weil sie einen so ungebildeten Mann geheiratet habe.
Auch die Schwester von Klempt, Tante Pauline, stand dabei, mit ihrem
geisterhaften Gesicht und den schwarzen Traumaugen.

Pltzlich schrie Luise Braumller ber den Platz:

Sieh doch mal nach, Mutter, wo Mllers Fritze bleibt! Es wird doch nu
Zeit!

Auf der Stelle erhob sich in der Weibergruppe ein eifriges Klatschen.

Dem sitzt die Quelle im Kopf, meinte die Thielemann, und die Maracken
nickte und fgte hinzu: Pat emoal uff, die schnappen oalsamt noch
ber, die ganzen Mllersch... Und dann lie man kein gutes Haar an den
Mllers. Aber die Braumllern hatte sich schon auf den Weg gemacht; ihre
Tochter pantoffelte sie -- jedes Wort von der Liese war Befehl fr sie.
Sie lief, was sie konnte, und ihre fettstrotzende Krperlichkeit
schwankte frmlich.

Doch die Liese hatte sich schon wieder anders besonnen. Sie schlug vor,
man sollte ruhig anrcken und vor dem Kruge auf Fritz warten. Damit war
alles einverstanden; Drthe konnte Fritzen holen.

So setzte sich der Zug denn in Bewegung. Die Musik schwieg, weil das
Bombardon noch fehlte, aber die Burschen jubelten und schwenkten ihre
Hte und machten derbe Witze mit den Mdeln.

Es ging die Dorfstrae hinab, vorber an Kirche und Friedhof, an den
Gehften von Langheinrich, Tengler und Raupach, die alle vor der Tr
standen, vom Lehnschulzen und von Thielemann. Und dazu luteten die
Kirchenglocken weithin; ihr Klang fllte die Luft mit schwingenden
Akkorden.

Am Kruge, dicht vor der hlzernen Barbebrcke, stockte der Zug. Drthe
hob ihre Kleider auf und sprang die Steintreppe hinauf. Die Braumllern
war ihr schon zuvorgekommen. Sie schimpfte auf Fritz, der eben erst
dabei war, sich ein reines Hemd anzuziehen. Er stand mitten in der
Schankstube, und die Mutter half ihm beim Ankleiden. Jedesmal kam er zu
spt.

Als die Mllern Drthe erblickte, begann sie zu rsonnieren. Was stehst
du denn da und hltst Maulaffen feil? eiferte sie. Immer fa zu! Hole
das Halstuch -- 's liegt obenauf in der Kommode -- im zweiten
Schubfach!

Auch Fritz rsonnierte, whrend er eiligst in die Weste fuhr, zuerst
natrlich verkehrt, was ihn noch wtender machte.

Vater, mein Bombardon! schrie er. Drauen in der Kche -- ich hab' es
geputzt! Und bring meinen Hut mit! -- Heiliges Donnerwetter, ich habe ja
nicht gedacht, da es schon so spt ist! -- Nun hab' ich die Weste
schief zugeknpft! Gib das Halstuch her, Drthe!

Whrend er das Tuch vor dem Spiegel knpfte, trat Albert ein. Er lebte
jetzt halb in Oberlemmingen, halb in Frankfurt. Seinem blassen,
brummigen Gesicht sah man die Fehlschlge seiner Hoffnungen an.

Du, Fritz, sagte er, wenn der Kommerzienrat von der Quelle anfangen
sollte -- sei vernnftig! Red keinen Unsinn! berlege jedes Wort!

Werd' schon, erwiderte Fritz, sein Haar brstend. Liese Braumller und
Anton Tengler kamen auch, um zu sehen, wo Fritz bleibe. Ein paar der
alten Weiber folgten. Die halbe Stube war gefllt. Die Maracken schaute
neugierig durch den Trspalt.

Fritz brllte, das Weibsvolk mge sich hinausscheren. Dann schimpfte er
wieder, weil ihm der Scheitel nicht gelingen wollte. Schlielich strmte
er, unter bestndigem Fluchen, in die Kche, tauchte den Kopf in eine
Schssel voll Wasser, rieb ihn mit dem ersten besten Tuche ab, das ihm
in die Hnde fiel, und scheitelte sich nun das Haar. Das ging.

Drthe stand schon hinter ihm, mit beiden Armen das riesenhafte
Bombardon haltend, ber das sie den Zylinderhut mit dem Bronzeton
gestlpt hatte.

Fritz war glcklich, da er endlich fertig war. Er nahm das Bombardon
und blies mchtig hinein, um den drauen Wartenden zu verstehen zu
geben, nun sei es so weit. Ein paar Hunde in der Nhe begannen
anzuschlagen; die groe Katze, die neben dem Kochherd lag, sprang ob des
entsetzlichen Tons mit einigen gewaltigen Stzen davon, und der ganze
Zug schrie Hurra!

Ein langweiliger Peter! sagte Albert unter der Haustr zu seiner neben
ihm stehenden Mutter. Aus dem wird nie was!

Glaub's auch nicht, antwortete die Alte.

Die Musikanten bliesen nunmehr ihren Reitermarsch, und das groe
Bombardon klang wie eine Stimme des jngsten Gerichts dazwischen.
Langsam bewegte sich der Zug den Auberg hinan, und alle Kinder aus
Oberlemmingen folgten ihm, schreiend, johlend und singend.

Im Schlosse war man auf das Kommende vorbereitet. Schellheim und die
Rtin hatten bereits auf der letzten Terrasse Aufstellung genommen, mit
ihnen der Oberinspektor Bandemer und zwei Eleven. ber die Balustrade
der ersten Terrasse lugten die neugierigen Gesichter der Dienerschaft.

ber das stille Antlitz der Rtin glitt etwas wie ein leichtes
Schmerzempfinden, als die Musik nher und nher kam; ihrem
feingebildeten Ohr dnkte der kriegerische Marsch wie ein ungeheurer
Korybantenlrm. Dann aber zog ein Lcheln ber ihr Gesicht. Der Zug
nahte. Die Blser transpirierten auergewhnlich; man sah, wie ber die
den Luftstrom aufnehmenden und wieder fortstoenden dicken Backen das
Wasser strmte. Namentlich Fritz gewhrte einen unfreiwillig-komischen
Eindruck. Der schne Zylinder, ber dessen sanften Bronzeton die Sonne
glitt, sa ihm tief im Nacken. Das ganze Gesicht glhte purpurn vor
Hitze und Anstrengung und erschien wie gebadet. Er war so im Eifer, da
er das Schluzeichen bersah, das Tengler gab, und so stie er noch ein
paar schmetternde Tne aus, whrend die andern schon schwiegen, und
setzte das Instrument erst ab, als der junge Raupach ihn rgerlich in
den Rcken puffte. Und dann machte er ein ganz erstauntes Gesicht; er
hatte nicht gedacht, da es schon zu Ende wre.

Liese Braumller deklamierte ihren Spruch, die Augen zu Boden gesenkt,
voll brennender Verlegenheit, monoton sprechend, wie sie es beim
Aufsagen in der Schule gelernt hatte, und mit gefalteten Hnden.
Zweimal stockte sie, aber Drthe half ihr immer wieder aus. An der
Stelle: Wir wnschen der Herrschaft einen heiligen Lohn versprach sie
sich mehrfach, sagte erst leiligen Hohn und raspelte dann noch lngere
Zeit an den Worten herum, ehe sie das rechte fand. Dabei schossen ihr
die Trnen in die Augen.

Als sie geendet hatte, trat der Gutsvogt vor, der mit im Zuge war, ein
stmmiger Mann, der Markuse hie und deshalb immer Jd genannt wurde,
obschon er aus altsssiger Bauernfamilie stammte. Der brachte ein Hoch
auf die gndige Herrschaft aus, worauf die Musikanten einen Tusch
bliesen und dann merkwrdigerweise Heil dir im Siegerkranz anstimmten.

Das brachte den Kommerzienrat, der etwas verlegen war, wie er nach
Landesbrauch die Ovation beantworten sollte, auf einen guten Gedanken.
Er gab den Nchststehenden die Hand, dankte allerseits und lie sodann,
an den Sedantag und seine glorreichen Erinnerungen anknpfend, in einer
geschickten Schluwendung Seine Majestt den Kaiser leben. Wieder fielen
die Musikanten ein und bliesen hierauf, ihrem Repertoire getreu, Nun
danket alle Gott.

Der Kommerzienrat sah ein wenig verwundert aus. Eine Predigt konnte er
doch nicht halten. Er nahm sein Portefeuille aus der Tasche und reichte
dem Gutsvogt einen Fnfzigmarkschein: die Leute mchten sich einen
vergngten Abend machen. Und dann zog er diesen und jenen ins Gesprch,
whrend die Rtin mit liebenswrdiger Miene ein paar freundliche Worte
an Liese Braumller richtete.

Fritz Mller stand in vorderster Reihe. Als Schellheim ihn sah, stutzte
er und fragte:

Herr Mller -- nicht wahr?

Jawohl, Herr Kommerzienrat, antwortete dieser.

Schellheim zupfte an seiner Weste.

Hren Sie mal, mein lieber Herr, fuhr er fort, Ihr Bruder -- der
ltere ist es, glaub' ich -- hat mir da mehrfach wieder geschrieben --
wegen der Quellengeschichte. Er drangsaliert mich ein bichen. Na -- um
ihm einen Gefallen zu erweisen, will ich mich der Sache annehmen, aber
-- aber ich mu freie Hand haben. Verstehen Sie, freie Hand!?

Jawohl, Herr Kommerzienrat, erwiderte Fritz, vollstndig berzeugt,
freie Hand--

Sonst kann ich nmlich nichts machen, so gut wie gar nichts. Sagen Sie
Ihrem Bruder, er mchte mal zu mir kommen. Wenn er gerade Zeit hat -- es
eilt ja nicht.

O, der hat schon Zeit, sagte Fritz unklug, mit strahlendem Gesicht,
berglcklich darber, da die Angelegenheit nun ins Rollen kommen
werde. Der lauert nur drauf, Herr Kommerzienrat!

So! entgegnete dieser kurz und ging weiter.

Fritz war in so groer Aufregung, da er den Heimweg kaum erwarten
konnte. Er galt als der dumme Junge in der Familie, wurde von allen
von oben herab behandelt und trotz seiner physischen Krfte bei jeder
Gelegenheit unterdrckt. Und nun war _er_ es, der die frohe Botschaft
ins Haus bringen konnte, da der Kommerzienrat eingewilligt habe, sich
der Quellenangelegenheit anzunehmen. Er beschlo, den Angehrigen
vorzulgen, da _er_ den Kommerzienrat berredet und breitgeschlagen
habe. Oho, so dumm, wie die andern glaubten, war er denn doch nicht; er
wollte sich schon Respekt verschaffen.

Der Rckmarsch in das Dorf whrte ewig lange fr den Ungeduldigen. Er
blies in sein Bombardon, da man es noch in Kerbitschau hren konnte,
eine Viertelmeile von Oberlemmingen. Seinen ganzen Jubel blies er in die
alte Tuba, die sich geschmeichelt zu fhlen schien und das jauchzende
Herz ihres Trgers in eine donnernde Tonflle bersetzte. Die drei
Repertoirestcke kamen hintereinander an die Reihe. Auf dem Dorfanger
schwenkte der Zug in Frontstellung ein, und dann ging man auseinander.

Drthe suchte ihren Vater auf.

Das gnd'ge Frulein hat mir deine Rechnung bezahlt, Vater, sagte sie.
Mach die Hand auf! Einundzwanzig Mark achtzig -- aber die Deichsel am
gelben Wagen mut du noch mal nachsehen, die klappert noch immer.

Ein altes Stck Holz kann ich nicht mehr neu machen, entgegnete Klempt
und steckte das Geld ein. Gehst du am Abend zu Tanze?

Ja -- ich darf, aber ich soll um Mitternacht wieder zu Hause sein.

Recht so. Du brauchst dir nicht die ganze Nacht um die Ohren zu
schlagen. Sei vernnftig, Drthe -- da du mir keine Dummheiten machst!
Ich wei, wie's beim Erntefest zugeht.

Drthe lachte. Habe doch keine Bange, Vater! Nee -- ach du lieber Gott!
So bin ich nicht wie die Liese! ... Vater, du siehst immer noch bla
aus. Du htt'st nicht bei der Hitze mitlaufen soll'n!

Ich wei, was richtig ist. Der Kommerzienrat ist mein Brotherr. Nun
geh -- vielleicht springst du noch mal zu uns 'ran, eh' du in den Krug
machst!

Werd' sehen! rief Drthe und eilte davon, da ihre Rcke flogen. Es
war Mittagszeit, und sie mute auf dem Baronshof in der Kche helfen. --

Sein Bombardon im Arm, war Fritz mit groen Schritten nach dem Kruge
zurckgekehrt. Hier stand der alte Mller auf einer Leiter und nagelte
zur Feier des Tages eine Girlande an, die mit Bndchen aus rotem und
blauem Seidenpapier durchflochten war.

Nu sind wir so weit, Vater! rief Fritz dem Alten entgegen.

Was hast du gesagt? fragte dieser von der Leiter herunter, drei groe
Ngel zwischen den Zhnen haltend.

Nu sind wir so weit, wiederholte Fritz. Mit der Quelle. Der
Kommerzienrat ist dabei. Ich habe ihn breitgeschlagen. Albert soll zu
ihm kommen.

Der Alte wre vor freudigem Schreck beinahe von der Leiter gefallen. Er
nahm die Ngel aus dem Munde und sagte dreimal hintereinander:
Donnerwetter! Dann kletterte er rasch herab und strzte Fritz in das
Haus nach.

Albert wollte die Siegesnachricht noch gar nicht glauben. Es schien ihm
unfalich, da der dumme Junge, der Fritz, Schellheim breitgeschlagen
habe. Er wollte Genaueres wissen. Und nun log Fritz los. Er erzhlte
unsinniges Zeug, aber das Endresultat blieb dasselbe: Albert sollte auf
das Auschlo kommen -- bei Gelegenheit -- es eile nicht....

Albert berlegte. _Ihm_ eilte es. Er wollte sogleich hinauf. Nein, nicht
sogleich, riet der Alte, das sehe zu pressiert aus. So gegen Abend
vielleicht -- und Albert sollte so tun, als ob ihm an der Beteiligung
Schellheims eigentlich gar nichts mehr liege.

Der Erstgeborene nickte lchelnd. Solche gute Ratschlge brauchte er
nicht. Er nahm sich vor, am Sptnachmittag auf das Auschlo zu gehen.
Fritz brstete sich. Ich habe ihn breitgeschlagen, war sein drittes
Wort.

Gegen Abend fand sich auch Bertold mit seiner Frau ein, einer kleinen,
mageren, schwarzen Person von scheuem und geducktem Wesen. Bertold war
in nicht minder groer Aufregung als Albert. Er war zu sehr
Geschftsmann, um es nicht schmerzlich zu empfinden, da das geplante
Unternehmen sich nicht entwickeln wollte. Er versprach sich viel von der
Sache und trumte Tag und Nacht davon. Besonders das eine Traumbild: ein
groer Basar in dem neuen Badeort, in dem alles zu bekommen sein wrde,
und der schon durch seine ganze Anlage jede Konkurrenz ausschlieen
sollte -- ein Basar mit blitzenden Spiegelscheiben und grostdtischen
Auslagen und der weithin leuchtenden Firma: #Maison Moeller#. Jawohl --
#Maison Moeller# wollte Bertold knftighin firmieren; das gab der Sache
einen internationalen Schliff und lockte auch die Auslnder an, die das
Bad besuchen wrden.

Um sechs Uhr begann das Fest im Kruge. Die Schankstube war frisch mit
Sand bestreut worden. Rings um die Wnde zog sich eine groe Girlande
aus Eichengrn, gleichfalls mit Rosabndchen aus Seidenpapier verziert.
Ebenso hatten die Bilder des Knigspaares Krnze erhalten. Freilich
stellten diese Bilder -- ein paar gelb gewordene, mit Rostflecken
berste Lithographieen -- noch Friedrich WilhelmIV. und die Knigin
Elisabeth dar; aber der alte Mller meinte, das schade nichts. Knig
bleibt Knig. Wenn Fritz einmal heiratet, kann er sich ein Kaiserbild
kaufen; vorlufig gengt Friedrich WilhelmIV. Wenn das Gesprch darauf
kam, verga Mller nie zu erzhlen, da er Friedrich WilhelmIV. einmal
persnlich gesprochen hatte. Damals war gerade die Chaussee nach Posen
erffnet worden, und der Knig fuhr mit dem Minister von Selchow einige
Drfer ab, die der neue Verkehrsweg berhrte. Und so kam er auch nach
Oberlemmingen. Mller, derzeit ein stattlicher junger Mann, war Schulze
und empfing ihn an der Barbebrcke, den berhmten Zylinderhut, den nun
der Fritz geerbt hatte, auf dem Kopfe und in der Rechten den langen, mit
schwarz-weiem Band umflochtenen Schulzenstab. Der Knig lie halten und
sprach einige Worte mit Mller, und schlielich fragte er auch, ob Acker
und Feld ihre Schuldigkeit tten, und ob man zufrieden sei. Mller
erwiderte furchtlos: O ja, Majestt, das schon, aber wenn man blo die
Steuern nicht wren! Und da hatte der Knig gelacht und war
weitergefahren.

Wenn der Alte davon erzhlte, wurde er stolz. Das hab' ich dem Knig
gesagt, erklrte er, und wenn er auch gelacht hat, gemerkt hat er
sich's doch. So 'n Knig wei ja gar nicht, was wir fr Steuern zahlen
mssen, wenn man's ihm nicht mal sagt... Die Steuern waren das
Klagelied Jeremi der Bauern. Sie hatten noch von 1806 her Beitrge fr
die Kriegskosten von damals zu zahlen. Und dann die Gemeindelasten:
Kirche und Schule und vor allem der Wegebau. Wenn es nach ihnen gegangen
wre, htten die Wege grundlos werden und Kirche und Schule verfallen
knnen. Die Steuern fraen einen langsam auf ...

Zuerst kamen die Burschen, Knechte, Taglhner und Bauernjungen, die sich
an dem arbeitslosen Tage langweilten und nicht wuten, wie sie die Zeit
totschlagen sollten. Die Tische waren in der Schankstube beiseite
gerckt worden, dicht an die Sthle und Bnke lngs der Wnde heran, so
da der Mittelraum fr den Tanz frei blieb. Man forderte Bier. Drthe
war auch schon da; Fritz hatte sie gebeten, etwas frher zu kommen,
damit sie mithelfen knne. Und das tat sie gern. Sie fhlte sich dann
schon halb und halb als Hausfrau auf dem Platze, den sie einmal
einnehmen wrde. Heute sollte es brigens zur Entscheidung kommen. Die
Verlobung war noch nicht verffentlicht worden, das kirchliche Aufgebot
noch nicht erfolgt. Die alten Mllers sprachen noch immer dagegen und,
wie es Drthe schien, auch Albert und Bertold. Nun wollte sie aber aus
dem Ungewissen heraus. Alle Mdel im Dorfe neckten und foppten sie
bereits, Liese Braumller vorweg, die es auch auf Fritz abgesehen hatte
und sich nun Hoffnungen auf Albert machte. Das ging nicht so weiter. Und
deshalb war Drthe, ehe sie nach dem Kruge gegangen, noch einmal zu
ihrem Vater herangesprungen und hatte ihn gebeten, noch an diesem Abend
die Entscheidung herbeizufhren. Klempt wollte anfnglich nicht; er war
nicht gern im Kruge; bei seiner Menschenscheu ngstigte er sich auch,
der Gesamtfamilie Mller entgegenzutreten. Und sicher waren sie heute
alle zusammen. Aber Tante Pauline untersttzte Drthe. Es msse zum
Klappen kommen, erklrte sie; es liege sowieso genug Unheil in der Luft.
Drei Nchte hintereinander hatte sie von einer schwarzen Henne getrumt,
die wild mit den Flgeln schlug; das bedeute sicher nichts Gutes. Und so
sagte der alte Klempt denn zu; er wollte gegen sieben im Kruge sein.

Drthes Herz hmmerte stark, whrend sie in geschftiger Eile dem alten
Mller die Glser abnahm, in die dieser das Bier zapfte. Fritz hatte den
Schnapsschank, und Mutter Mller machte sich in der Kche zu schaffen,
whrend Bertold mit dem Frster und einem Eleven Schellheims im
Extrazimmer politisierte. Drthe merkte, da der Alte guter Laune war.
Er hatte sie einmal um die Taille gefat und ihr gesagt, das Kleid mit
den roten Punkten kleide sie gut, -- er werde ihr, wenn er das nchste
Mal nach Zielenberg komme, ein dazu passendes Halstuch mitbringen. Das
machte das Mdchen ganz glcklich. Ihre Liebe zu dem dicken Fritz war
der Inhalt ihrer Tage. Um seinetwillen hielt sie sich von den andern
fern und vermied es, sich zur Erntezeit, an den lauen Sommerabenden,
wenn die Arbeit vorber, zwischen den Heuhaufen auf den geschorenen
Wiesen und den Buchen an der Grauen Lehne herumzutreiben, wo man bei
Mondschein gewhnlich das Kichern der Dirnen und das helle Lachen der
Liese Braumller hren konnte, die berall dabei sein mute. Ihr, der
Drthe, konnte kein Mensch etwas nachsagen, und bei aller sonstigen
Naivitt ihrer sittlichen Anschauung war sie doch stolz darauf.

Das Zimmer war schon voll, aber der alte Vietz mit seinem Geiger hatte
sich versptet. Man schimpfte auf ihn; sicher lag er wieder irgendwo
betrunken im Graben. Es war dumm, da die heimische Banda nur ihre drei
Stcke konnte und nicht einmal einen Tanz darunter; sonst htte man es
mit Blechmusik versucht. Man rief Fritz zu, er solle sein Bombardon
holen; ein paar junge Leute stellten sich in eine Ecke und begannen eine
Polka zu pfeifen. Liese Braumller und Anton Tengler tanzten danach;
einige andre folgten, schreiend und lachend; aber es ging nicht recht --
man kam immer wieder aus dem Takt. Da erhob sich drauen Kindergebrll.
Vietz kam endlich. Der alte Kerl mit seinem blassen Gesicht, in dem nur
die groe Kartoffelnase rtlich schimmerte, war in der Tat so betrunken,
da er sich kaum aufrecht halten konnte. Sein Partner, der Geiger, hatte
ihn unter dem Arm gepackt und schleppte ihn vorwrts. Das war keine
Kleinigkeit, denn der Geiger, ein schmchtiges Kerlchen, schleppte auch
noch den Ba seines Patrons. Alle Kinder waren hinter den beiden her und
johlten und jubelten. Vietz schien das zu amsieren; sein ganzes Gesicht
lachte. Aber pltzlich wurde er ernst, blieb stehen und hielt eine
drohende Anrede an den schreienden Schwarm, fuchtelte mit beiden Fusten
und griff schlielich in den Sand, um den Kindern eine Handvoll Erde auf
die Kpfe zu werfen. Und alles stob unter erneutem Geheul auseinander.

Fritz erschien unter der Haustr. Er machte kurzen Proze, denn er
wute, wie Vietz zu behandeln war. Er packte ihn einfach an Kragen und
Rockscho, trug ihn in das Schankzimmer und setzte ihn hier in eine
Ecke. Dann wurde ihm der Ba zwischen die Beine geschoben, und der
Geiger nahm neben ihm Platz.

Nu feste gespielt, Vietz, sagte Fritz ernst; immer nach drei Tnzen
kriegt Ihr ein Glas Bier. Aber wenn Ihr's schlecht macht, gibt's gar
nichts!

Vietz nickte; er kannte das. Und dann ging es los. Der Geiger fiedelte,
und Vietz kratzte auf seinem Ba herum: es war eine hllische Musik. Der
Alte hatte offenbar das Bestreben, stets mglichst schnell zu Ende zu
kommen, whrend sein Partner eine behagliche Natur war und sich Zeit
lie. So kamen die beiden niemals zusammen. Doch auf das Vergngtsein
der Tanzenden hatte das verschiedene Tempo keinen Einflu. Die Paare
wirbelten im Zimmer umher; man stie sich, man stolperte, man drngte
sich und chassierte aneinander vorber, lachte, lrmte und tollte und
unterhielt sich kniglich dabei. Der Staub schwirrte auf, die Luft wurde
schwl, ein trber Dunst stieg zu der niedrigen Decke auf. Die Mllern
ffnete ein Fenster.

Drauen im Garten spielten Braumller, der Schulze, Raupach,
Langheinrich und noch ein paar eine Partie Kegel. Man hrte durch das
offene Fenster trotz des Lrmens der Tanzenden das dumpfe Rollen der
Kugeln und das polternde Gerusch der strzenden Kegel.

Die Mllern schaute zum Himmel auf, schnffelte in der Luft herum und
zog die Nase kraus.

Braumller, rief sie zum Fenster hinaus, das gibt wohl noch was --
he?!

Alle neune! schrie in diesem Augenblick der Angerufene. Dundersaxen,
Langheinrich, du bist ein verflixter Kerl! ... Und dann schaute er
gleichfalls zum Himmel und nickte der Mllern zu. Ja, das gibt noch
was, Mutter Mllern! Das wird 'n bichen brummlich da hinten! ...

Albert war schon vor zwei Stunden nach dem Auschlo gegangen. Es war
merkwrdig, da er noch nicht zurck war. Drthe berlegte, ob es nicht
zweckmig sei, da der Vater seine Abwesenheit benutzte, um mit dem
alten Mller und Fritze zu reden. Sie hatte so viel zu tun, da sie nur
dann und wann einmal zum Tanze kam. Und mitten im Herumschwenken hrte
sie zuweilen den Ruf der Mllern aus der Kche oder das kurze,
befehlende Drth'! des Alten, der, in jeder Hand ein paar
frischgefllte Bierglser, hinter dem Schanktische stand. Mit heiem
Gesicht und wogender Brust strzte sie dann von ihrem Tnzer fort, um
wieder die Gste bedienen zu helfen.

Jetzt war eine Pause eingetreten. Man ffnete noch ein zweites Fenster,
denn die Luft war zum Ersticken schwl geworden, und in den dicken Dunst
warfen die drei in der Stube aufgehngten Laternen nur ein
verschleiertes Licht. Eine Gruppe von Mdeln und Burschen hatte sich um
Vietz geschart, der ihnen mit heiserer Stimme das Lied vorsang:

    Hans mit de Krusekragen
    Stieg up de Kachelawen --
    Bautz, fiel hinunger,
    War des kee' Wunger --
    Wr' he nich hinuppestegen,
    Htt' he nich hinunnelegen!

Zwischen jedem Verse strich er den Ba, verdrehte dabei die Augen und
lie zuweilen die Stimme berschnappen -- und das Volk um ihn wollte
sich ausschtten vor Lachen.

Vater, nu mach doch man! flsterte Drthe Klempt zu, der ruhig in
einem Winkel sa und seine Pfeife schmauchte. Jetzt pat's gerade!

Klempt schaute nach Mller aus. Der hatte sich ermdet hinter dem
Schanktische niedergelassen. Neben ihm hatten Fritz und die Alte auf
zwei Schemeln Platz genommen; man sprach davon, da Albert noch immer
nicht da sei.

Klempt erhob sich, ffnete die Klappe seines Pfeifenkopfes und drckte
mit dem Daumen den Tabak fester. Dann schritt er langsam nach dem
Schanktisch.

Es wird noch 'n Wetter geben, Mller, begann er die Unterhaltung.

's soll mir recht sein, entgegnete der Angeredete; ich hab' alles
'reingebracht.

Klempt spuckte auf die Erde und zndete aus Verlegenheit ein Streichholz
an, obwohl seine Pfeife noch brannte. Viel Arbeit heute, meinte er;
's ist gut, da sich die Drthe freimachen konnte... Und einen
pltzlichen Entschlu fassend fgte er hinzu: Habt ihr denn schon
berlegt, wann das Aufgebot sein soll?

Die Alte schaute Klempt mit ihren dunkeln Augen bse an, und Mller tat
sehr erstaunt.

Was denn fr ein Aufgebot?

Na, zur Hochzeit, erwiderte Klempt, schon wieder etwas kleinlaut.

Nun lachte Mller. Ach so, sagte er; na, ich dchte, bis jetzt wren
die beiden noch gar nicht mal so recht versprochen!

Dcht's auch, fgte die Mutter hinzu. Das ist so 'ne Liebelei, wie
sie schon vorkommen kann--

Doch nun fiel Fritz den Eltern in das Wort. Er hatte zuweilen das Herz
auf der Zunge.

Nein, Mutter, sagte er; du weit recht gut, da es mir Ernst ist. Ich
habe die Drthe immer haben woll'n. Wir knnten wenigstens regelrechte
Verlobung feiern, damit sich das Mdel nicht unntig necken zu lassen
braucht.

So ist's, setzte Klempt hinzu. Von heute zu morgen kann niemand die
Hochzeit verlangen, aber eine ordentliche Verlobung mu sein.

Wir woll'n mal mit Albert darber sprechen, sagte Mller; ich wei
nicht, wo der Junge bleibt!

Klempt hatte sich gleichfalls einen Stuhl an den Schanktisch
herangezogen. Er hatte sich nie so recht gut mit den Mllers gestanden,
und nach seinem Herzen war eine Heirat zwischen Drthe und Fritz auch
nicht. Aber ihr Lebensglck hing doch nun einmal davon ab, und das
machte den sonst so schweigsamen Alten beredt.

Ihr mt nicht immer so tun, als pate die Drthe nicht in eure
Familie, hub er von neuem an. Die Klempts sind gerade so ein guter
Bauernschlag. Jawohl, Mller, und du brauchst auch nicht zu glauben, da
ich die Drthe arm wie 'ne Kirchenmaus in die Ehe gehen lasse. Sie hat
ihre gute Ausstattung, und ein paar Taler habe ich mir ja auch sparen
knnen, die sie nach meinem Tode kriegen soll. Die Ersparnisse von Tante
Pauline kommen dazu, und schlielich das Gehft -- ist denn das nichts
wert? So 'n ordentliches Haus find'st du lange nicht, und wie fest das
noch alles steht! Und der Garten und die fnfzehn Morgen Acker und dann
vor allem der schne Wiesengrund, der bis an die Graue Lehne
heranreicht, der beste im ganzen Dorfe?! Wir sind doch keine
Bettelpackasche, Mller! Ich drnge mich euch nicht auf, aber das Mdel
ist doch nun mal so verrckt nach dem Fritz, und--

Der Tanz hatte wieder begonnen. Fritz erhob sich und legte seine Hand
auf die Schulter Klempts.

Lat's gut sein, Vater Klempt, meinte er, die Alten sind schon
vernnftig. Wenn Albert zurckkommt, woll'n wir noch mal in der Familie
darber sprechen...

Mutter Mller war lngst in ihre Kche zurckgekehrt und warf dort mit
den Eisenringen des Herds umher, da man es im Schankzimmer hren
konnte. Das pate ihr alles nicht; die Drthe war keine Partie. Aber sie
schwieg und wurmte sich heimlich. Die Eisenringe des Herds sprachen fr
sie.

Drthe hatte aus der Entfernung die kleine Szene beobachtet. Nun stand
Fritz vor ihr. Rasch einmal 'rum, sagte er und fate sie um die
Taille. Die Verlobungspolka, Drthe! Morgen soll's das ganze Dorf
wissen!

Er tanzte mit ihr. Sie war selig und hing mit glckstrahlendem Gesicht
in seinen Armen.

Geige und Ba kreischten wieder. Das ganze Haus schien unter den
Schwingungen der tanzenden Paare zu drhnen. Da klirrten auf einmal die
Fenster. Ein furchtbarer Donnerschlag erscholl, dann prasselte ein
Regenschauer, mit Schloen gemischt, zur Erde. Schreiend stoben die
Tanzenden auseinander. Die drauen kegelnden Bauern, die von der
Pltzlichkeit des Gewitters berrascht worden waren, strmten in das
Zimmer, triefend vor Nsse, mit dampfenden Kleidern.

Alles drngte sich an den Fenstern zusammen. Von Zeit zu Zeit
erleuchtete ein greller Blitz die Nacht, und dann sah man den dicht
fallenden Regen. Hatte es irgendwo eingeschlagen, so mute das vom
Himmel strmende Wasser den Brand auf der Stelle lschen. Man war sehr
vergngt bei dem Unwetter. Die meisten hatten ihre Ernte geborgen, nur
ein kleiner, verhungert aussehender Kosst, Priestegall mit Namen,
chzte und jammerte: er htte seinen Hafer noch nicht einfahren knnen.

Die Bauern von der Kegelbahn wollten tanzen, um sich warm zu machen.
Aber Vietz war eingeschlafen. Man wollte ihn wecken, doch es war nicht
mglich, den Trunkenbold zur Besinnung zu bringen. Da nahm Langheinrich
den Ba zwischen seine mageren Beine und begann ihn zu bearbeiten,
whrend auch der Geiger sein Spiel aufnahm. Das gab neuen Spa, und bald
wirbelten wieder die Paare durch das Gemach, unbekmmert um die
diabolische Musik.

Auf einmal hie es, der Kommerzienrat sei vorgefahren. In der Tat, eine
geschlossene Equipage vom Augut hielt vor der Tr. Aber nicht der Rat
stieg aus, sondern Albert Mller. Allgemeines Erstaunen; Schellheim
hatte Albert in eignem Wagen nach Hause fahren lassen, -- das hatte ganz
gewi etwas zu bedeuten!

Der alte Mller, Bertold und Fritz eilten Albert bis auf den Hausflur
entgegen. Er zog sie in die Kche. Es ist alles abgemacht, sagte er
hastig, mit vergngtem Schmunzeln um den Mund; der Kommerzienrat
schiet uns das Ntige aus eigner Tasche vor. Morgen fahre ich mit ihm
nach Berlin zu seinem Anwalt...

Fritz sprang wie ein Besessener in der Kche umher. Seht ihr wohl --
hurra! schrie er; ich hab' ihn breitgetreten!

Die alten Mllers und Bertold wollten Nheres wissen. Sie rckten Albert
dicht auf den Leib und bestrmten ihn mit Fragen. Aber er war erschpft
und wollte zuerst etwas zu essen und zu trinken haben, erklrte auch,
vom Geschftlichen verstnden sie ja doch nichts. Die Hauptsache sei,
da der Stein nun ins Rollen kme.

Natrlich ist das die Hauptsache, bemerkte Fritz, alles brige wird
sich schon finden. Und wie ist's nun mit der Verlobung? Grade jetzt, wo
wir alle so vergngt sind, knnten wir auch gleich meine Verlobung
feiern!

Sei doch man still, fuhr die Alte auf, und Albert fragte: Deine
Verlobung? -- Ach, mit der Drthe?!

Na, mit wem denn sonst! Vielleicht mit der alten Maracken?!

Albert zog die Brauen zusammen, doch schon im nchsten Augenblick nickte
er lebhaft mit dem Kopfe. Schn, meinte er, ich hab' nichts
dagegen... Und dann nahm er Fritz an der Rockklappe und fhrte ihn
etwas abseits. Sag mal, du, fuhr er im Flstertone fort, Klempts
Wiesenbucht grenzt doch an die Graue Lehne?

Dichte 'ran, Albert -- dichte 'ran!

Na, und wenn der Alte mal stirbt, dann erbt doch die Drthe das Ganze
als einziges Kind?

Alles -- i nu selbstverstndlich, -- Vater Klempt hat's uns vorhin
erst wieder auseinandergesetzt, da die Drthe noch gar nicht die
schlechteste Partie ist.

Albert nickte wieder. Ich glaube, der Klempt wird's nicht mehr allzu
lange machen, Fritz. Er sieht schwindschtig aus. Das heit, meinetwegen
kann er hundert Jahre alt werden! Aber mit der Wiesenbucht -- na, verlob
dich nur erst! Meinen Segen hast du!

Und wirklich wurde noch an diesem Abend die Verlobung Fritz Mllers mit
Drthe Klempt ffentlich verkndet. Fritz kletterte whrend der nchsten
Tanzpause auf einen Stuhl und schrie seine Verlobung mit Stentorstimme
in das Zimmer, und wer sich jetzt noch einmal unterstehe, so fgte er
hinzu, seine Braut zu necken und zu rgern, der werde ein paar hinter
die Ohren kriegen, es sei ihm gleich, ob Bursche oder Mdel. Und nachdem
er dies versprochen hatte, brachte er ein Hoch auf das Brautpaar, das
heit auf sich selbst und Drthe, aus, und die Musik mute einfallen,
und alles brllte mit, umringte ihn und die Drthe, gratulierte, lachte
und witzelte. Es war ein geruschvolles, unaufhrliches Schnattern,
whrend drauen noch immer mit leisem Pltschern der Regen fiel und das
abziehende Wetter den Horizont erhellte.

Drthe war so froh, da ihr hbsches Gesicht wie von Sonnenschein
berflutet war. Selbst die Mllern schien sich fgen zu wollen. Drthe
mute ihr helfen, zu backen und zu schmoren, denn es sollte in Familie
gegessen werden. Der alte Mller stieg selbst in den Keller, ein paar
Flaschen Rheinwein heraufholend, von denen er behauptete, die knne
jeder Vater mit seinem Sohne trinken. Klempt wurde gentigt, im
Extrazimmer auf dem grnen Sofa Platz zu nehmen. Er wute gar nicht, wie
ihm geschah; er hatte sich auf einen harten Kampf mit den Mllers gefat
gemacht, und nun wickelte sich die Sache so glatt und rasch ab.

In der Schankstube wurden inzwischen die fnfzig Mark vertrunken, die
der Kommerzienrat gespendet hatte. In eine der Fensternischen hatte sich
Liese Braumller mit ihrer Freundin Guste Thielemann zurckgezogen.
Beide wisperten eifrig miteinander.

Das hat lange gedauert, eh die Drthe Fritzen 'rumgekriegt hat,
flsterte Liese. Aber 's wird wohl auch Zeit gewesen sein. Ich knnt'
was erzhlen, wenn ich wollte. Und weit du, Guste, in der Kirche seh'
ich die beiden noch nicht. Ich mchte wetten, da da noch was darmang
kommt--

Drthe! erscholl in diesem Augenblick die Stimme der Mllern aus der
Kche.

Das Verlobungsessen war fertig: ein kolossaler Schweinebraten in braun
glnzender, knusperiger Schale, die quadratisch durchkerbt war. Und auch
die Beilagen konnten aufgetragen werden: rote Rben, Preiselbeeren und
Milchreis mit Zimmet.




Fnftes Kapitel


Es war am Neujahrstage, als Hedda, in der Pelzjacke, die Pelzkappe auf
dem Kopfe und den Muff in der Hand, zu ihrem Vater ins Arbeitszimmer
trat. Ich will zum Pastor, Papa, sagte sie, ihm meinen Glckwunsch
bringen. Hast du etwas zu bestellen?

Schne Gre, nichts weiter, antwortete der Baron. Und warum er sich
denn gar nicht mehr sehen liee. Seine Beine sind noch flotter als
meine.

Werd's ausrichten. Hat die Post nichts Neues gebracht?

Jetzt schlug sich der alte Herr mit der Hand vor den Kopf. Sapperment,
schalt er, ich fang' wirklich an, tranig zu werden! Die Hauptsache
vergess' ich!

Er nahm einen Brief vom Tisch. Weit du, wer geschrieben hat?

Dein Verleger?

Gott bewahre! Rat mal!

Sie riet, aber das Richtige traf sie nicht.

Dummerle, rief der Alte endlich, Axel hat geschrieben!

Das kam Hedda allerdings so berraschend, da sie sich setzen mute.

Axel? wiederholte sie. Der Jarlsberger?

Ja, ja -- unser vielgetreuer Herr Vetter, der Nordlandsrecke, der
Wikinger! Er ist nach Berlin zur Botschaft kommandiert worden und will
uns im Frhjahr auf dem Baronshof besuchen!

Hedda sah noch immer malos erstaunt aus.

Ich ahnte ja gar nicht, da Axel in diplomatischen Diensten steht,
sagte sie. Ich glaubte, er tte gar nichts -- lebte von seinen
Reichtmern -- reiste in der Welt umher -- als Globetrotter--

Glaubte ich auch alles, aber du hrst doch, da dem nicht so ist. ber
den angekndigten Besuch kann ich nicht gerade Rad schlagen vor Freude.
Das gibt allerhand Unbequemlichkeiten -- und der junge Herr wird
verwhnt sein.

Jetzt erwachten auch die Sorgen in Hedda.

In der Fremdenstube regnet's durch, klagte sie. Auch mu da neu
tapeziert werden, und, ach, du lieber Gott, das Waschservice sieht erst
recht nicht nach dem Fortschritt der Zeit aus! Wer besucht uns denn
einmal?! Ich habe mich um die Fremdenstube seit Ewigkeiten nicht
bekmmert.

Der Axel ist noch nicht einmal in Berlin, versetzte der Freiherr
begtigend; wir haben also noch Zeit genug, unsern Schlachtplan zu
entwerfen. Auerdem wei er, da wir nicht auf Rosen gebettet sind --
und berdies soll mir's sehr gleichgltig sein, ob es ihm in Jarlsberg
besser gefllt als auf dem Baronshof.

Puh! machte Hedda, hier ist's aber frchterlich hei, Papa. Hltst du
das denn aus?

Ich schmore am liebsten -- da spre ich meine Ischias am wenigsten.

Im nchsten Sommer gehst du mir unbedingt nach Gastein, Papa--

Wohin denn noch?! Nach Paris und dann ein bichen an die Riviera, nicht
wahr? Wir haben ja das Geld dazu!

Fr die Badereise werd' ich's schon schaffen. Vielleicht versuchst du
es auch einmal mit _unsrer_ Quelle--

Nicht um die Welt, Hedda! Das hab' ich mir vorgenommen: diese ekelhafte
Quelle existiert fr mich nicht! Am liebsten hrte ich gar nichts von
ihr.

Hedda stand achselzuckend auf.

Ich streite nicht mehr, Vater. Ich richte ja doch nichts aus. Tu mir
die Liebe und la dich um die Mittagszeit anziehen. Ich habe August
schon Auftrag gegeben. Die Herrschaften vom Auschlo kommen sicher zur
Gratulation.

Der Alte streckte beide Hnde zur Decke empor.

Ob sie mich nicht ruhig arbeiten lassen knnen! sthnte er.

Nein, erwiderte Hedda, denn sie wissen, was sich schickt.

Papperlapapp -- die Unsitte der Neujahrsgratulation ist lngst aus der
Mode gekommen!

In Oberlemmingen noch nicht.

Opponiere nicht ewig!

Ich bin _dein_ Fleisch und Blut.

Dann gib mir 'nen Ku!

Hedda tat es lachend und eilte hierauf hinaus ins Freie.

Das war ein herrlicher Neujahrstag. Stahlschimmernd wlbte sich der
Himmel ber der Landschaft. Der Schnee lag dicht, aber nicht allzu hoch,
und die Sonne gleite ber die weie Pracht. Es flimmerte und glitzerte,
wohin sich das Auge wandte.

Hedda schritt durch den Garten und ber den Dorfplatz, wo ein Dutzend
Kinder sich mit Schlittern belustigte. Jedes einzelne trug ein
Pelzkppchen und einen roten Schal um den Hals. Als Hedda dies sah,
lchelte sie. Es waren ihre Weihnachtsgeschenke, die sie sich von den
Ertrgnissen des Hhnerhofs abgespart hatte. Die Jungen zogen ihre
Kappen ab und grten hflich, als Hedda vorberschritt, und der
kleinste und frechste rief ihr Prost Neujahr! nach, und dann jubelten
allesamt wild durcheinander ihr Prost Neujahr!

Der Verkehr zwischen Baronshof und Pastorat war von jeher ein herzlicher
und intimer gewesen. Namentlich den derzeitigen Pfarrer hatte der
Freiherr in sein Herz geschlossen. Es war dies eine eigentmliche
Erscheinung, der Seelenhirt von Oberlemmingen, der Doktor von Eycken. Er
stammte aus einem alten und angesehenen westflischen Adelsgeschlecht.
Sein Vater war General der Kavallerie und eine Zeitlang Gouverneur von
Berlin gewesen, und auch der Sohn sollte, nachdem er sein
Abiturientenexamen bestanden, die militrische Laufbahn einschlagen. So
trat der junge Eycken denn in ein am Rhein garnisonierendes
Husarenregiment ein, in dem fast das ganze Offizierkorps gleich ihm
selbst katholisch war. Bald nachdem er Offizier geworden, erkrankte er
am Typhus und wurde zu seiner Genesung fr lngere Zeit nach dem Sden
beurlaubt. Whrend dieses Urlaubs verlebte er einige Monate in dem
damals noch ppstlichen Rom, und gerade hier, in der Siebenhgelstadt,
dem Sitze klerikaler Macht, vollzog sich ein merkwrdiger Umschwung
seines seelischen Empfindens. Eycken sprach sich niemals ber die Grnde
aus, die ihn zu einer Zeit, da er noch ein halber Jngling war, zur
Konversion veranlat hatten. Sein Vater erfuhr nur, da er in Rom in
vertrautem Verkehr mit einem preuischen Edelmann gestanden hatte, der
Monsignore und Kmmerer des Papstes war, und ber dessen Lebensfhrung
man sich in der Klatschgesellschaft der Ewigen Stadt allerhand erzhlte.
Tatsache war jedenfalls, da Eycken nach seiner Rckkehr gegen den
Willen seiner Familie, mit der er in der Folge auch vollstndig zerfiel,
zum Protestantismus bertrat, seinen Abschied erbat und noch
nachtrglich Theologie studierte.

Seit etwa fnfzehn Jahren war er Pfarrer von Oberlemmingen. Er liebte
die Stille des Landlebens und hatte sich deshalb nie um eine stdtische
Stellung bemht. Es schien auch, als besitze er keinen Ehrgeiz, denn
sonst htte es ihm leicht werden mssen, bei der Vornehmheit seines
Namens, bei seinem tiefen Wissen und seiner hervorragenden rednerischen
Begabung Karriere innerhalb seines Berufs zu machen. Nun stand er am
Ausgange seines Lebens. Er war ein hoher Sechziger, freilich noch immer
eine beraus stattliche Erscheinung: gro und von breiten Schultern, mit
frischfarbigem Antlitz und leuchtenden Augen. In dichten weien Locken
umwallte das Haar sein Haupt; Schnurrbart und Vollbart waren ebenfalls
schneewei und lang; so sah er wie einer jener alten Patriarchen aus,
von deren das gewhnliche Menschenalter berragendem Leben voll Wohltun
und Kstlichkeit die Bibel erzhlt.

Eycken war nie verheiratet gewesen. Eine alte Haushlterin fhrte ihm
die Wirtschaft. Man erzhlte sich, da er sehr reich sei. Seinem
bescheidenen und anspruchslosen Wesen und der Einfachheit seiner
Lebensfhrung merkte man das nicht an. Dagegen half er immer und mit
vollen Hnden aus, wenn die Bedrftigkeit sich hilfesuchend an ihn
wandte. Zuwider war ihm nur der Formalismus des Beamtenwesens; die
Fhrung der Kirchenlisten, die Instandhaltung seiner Bcher und
Rechnungen, und was dergleichen noch mehr war, besorgte ihm der Kantor
gegen eine Entschdigung; mit dem Konsistorium hatte er am liebsten gar
nichts zu tun. Er war denn auch oben nicht sonderlich gut
angeschrieben.

Die Wirtschafterin ffnete Hedda und gratulierte mit tiefem Knicks zum
neuen Jahre.

Danke, Frau Stege, antwortete das junge Mdchen; so Gott will, gehen
Ihre guten Wnsche in Erfllung. Ist der Herr Pastor da?

Jawohl, gndiges Frulein, aber es ist Besuch bei ihm, -- einer von den
jungen Herren aus dem Auschlosse.

Also die Nibelungenrecken waren auch wieder da. Hedda bat, sie trotzdem
anzumelden.

Eycken hatte ihre Stimme schon gehrt und erkannt. Er ffnete die Tr
rechtsseitig des Flurgangs und rief: Immer herein, Frulein Hedda! Sie
stren nicht! Doktor Schellheim ist bei mir und stbert meine Bcher
durch.

Hedda trat ein und brachte ihre Glckwnsche vor. Dann begrte sie
Gunther mit freundlichem Handschlag. Seit wann wieder hier, Herr
Doktor? fragte sie.

Erst seit vorgestern, Baronesse, erwiderte Gunther unter leichtem
Errten; aber ich will den Winter ber aushalten, vielleicht sogar bis
in den Mai hinein--

Ah -- Sie bleiben lngere Zeit?

Ja, gndiges Frulein. Ich habe eine Arbeit zu vollenden, die mich sehr
in Anspruch nimmt, und zu der ich Ruhe und Stille brauche.

Nibelungenforschung? fragte Hedda lchelnd.

Nein, diesmal nicht. Ich habe durch Zufall eine ganz interessante
Entdeckung gemacht, die ich ausbeuten mchte...

Der Pastor ntigte zum Platznehmen. Hedda knpfte ihr Pelzjackett auf.
Es war warm im Zimmer. Das Gemach war gerumig, und alle vier Wnde
waren bis zur Decke hinauf mit Bchern gefllt, auf einfache tannene
Regale gereiht. Vor einem dieser Repositorien stand eine Leiter, und
unten am Boden, am Fue der Regale, lagen in unregelmigen Abstnden
weitere Bcher verschiedenen Formats aufgeschichtet. Die durfte die
Wirtschafterin beim Reinigen des Zimmers nicht anrhren; der Pastor
pflegte vor Beginn einer Arbeit die dazu ntigen Nachschlagewerke
auszuwhlen und lie sie am Boden liegen, bis er sie brauchte. brigens
beherbergte das Gemach noch nicht die Gesamtbibliothek Eyckens; das
eigentliche Studierzimmer lag nebenan und war gleichfalls mit Bchern
gefllt. Der Pastor besa an zehntausend Bnde.

Hedda schlug erstaunt in die Hnde.

Was studieren und schreiben Sie nur alles zusammen, Herr Pastor! sagte
sie naiv. Ihre Predigten knnen Sie doch unmglich so stark in Anspruch
nehmen!

Nein, mein Kind, erwiderte Eycken, das tun sie in der Tat nicht. Ich
studiere zu meinem Vergngen, wie andre Leute ins Theater gehen,
Konzerte, Blle und Soireen besuchen. Es ist eine Angewohnheit.

Eine verstndliche, fgte Gunther hinzu, und sein Auge flog ber die
Bcherreihen.

Hedda interessierte das. Weshalb lassen Sie aber Ihre Studien nicht
verffentlichen, Herr Pastor? forschte sie weiter.

Eycken zuckte mit den Schultern.

Ich bin ein merkwrdiger Mensch, liebe Hedda, entgegnete er. Fr mich
hat eine Arbeit, wenn sie fertig und abgeschlossen vor mir liegt, den
Reiz des Interesses verloren. Oben auf dem Boden stehen ganze Kisten
voll Manuskripte, die ich seit Jahren nicht mehr angeschaut habe. Sterbe
ich einmal, so werden sie wahrscheinlich als Makulatur verkauft,
eingestampft und zu neuem Papier verarbeitet werden, auf dem vielleicht
ein Besserer unsterbliche Werke schreibt. Und das ist auch ein Trost.

Hedda schttelte den Kopf. Das verstehe ich nicht, sagte sie. Wenn
ich etwas schaffe, von dem ich annehme, da es nicht nur mich selbst,
sondern auch einen Teil der Mitwelt interessiert, dann ist es doch in
gewisser Weise egoistisch -- Pardon, Herr Pastor--, es den andern
vorzuenthalten.

Richtig, Hedda, erwiderte Eycken. Es wre egoistisch, wenn ich mir
von meinen Studien fr Mit- und Nachwelt etwas versprche. Aber das tue
ich nicht. Ich arbeite nur fr mich; ich will auch in die Polemiken, mit
denen die znftigen Gelehrten sich gegenseitig berschtten, nicht
hineingezogen werden.... Ich habe da vor langen -- ach, vor langen
Jahren -- und ein wehmtiger Zug flog ber sein schnes Greisenantlitz
-- in Neapel einmal einen Komponisten kennen gelernt. Der Mann war
reich, und wenn er eine Oper oder ein Orchesterstck vollendet hatte, so
mietete er sich ein Theater oder einen Konzertsaal und lie sich sein
Werk allein auffhren. Nur er selbst, kein Zuhrer sonst durfte dabei
sein. Und niemals befriedigte ihn eins seiner Werke vllig. Und dann
packte er seine Partituren zusammen, beschwerte sie mit Steinen, lie
sich in schner Mondnacht in den Golf hinausrudern und versenkte sie in
das Meer.... Sehen Sie, das begreife ich. Ich bin auch nie zufrieden mit
dem, was ich geschaffen habe, und wenn ich dann an einen Punkt komme,
von dem aus ich nicht weiter kann, wo die Forschung aufhrt und die
Hypothese beginnt -- da breche ich ab und lege das Manuskript zu den
brigen...

Man sprach noch hin und her ber das Thema. Auch Gunther verfocht die
Ansicht Heddas, da die ernsthafte Forschung gewissermaen die Pflicht
habe, vor die ffentlichkeit zu treten. Und dann sprach er von seiner
interessanten Entdeckung, die ihn gegenwrtig ganz in Anspruch nahm. Er
hatte auf der Kniglichen Bibliothek in Berlin in einem
handschriftlichen Faszikel von Abhandlungen Melanchthons aus dem Jahre
1560 eine Sammlung alter Anekdoten gefunden, die auch fnfzehn zum Teil
noch unbekannte Faustgeschichten enthielten. Der Schreiber des
Manuskripts war ein frherer Mnch gewesen, nannte seinen Namen und gab
auch einzelne Daten aus seinem Leben, fhrte vor allen Dingen als Datum
der Niederschrift seines Handbuchs das Jahr 1565 an. Damit war ein
neuer Beweis dafr erbracht, da man schon lange vor der Drucklegung des
ersten Faustbuchs von 1587 Faustanekdoten zu sammeln pflegte. Aber auch
auf die Entstehungsgeschichte der Faustsagen und auf das Historische der
Persnlichkeit Fausts warfen diese Aufzeichnungen ein neues Licht, die
geeignet schienen, eine kleine Revolution in der gelehrten Welt
hervorzurufen.

Gunther war bei seiner Erzhlung in Eifer gekommen. Die Freude an dem
Funde teilte sich seiner ganzen ueren Wesenheit mit. Hedda sagte sich,
da er eigentlich ein hbscher Mensch sei. Er besa ungemein lebhafte,
braune Augen unter einer hohen und klugen Stirn und einen schn
geformten Mund. Haar und Schnurrbart waren dunkelblond; auch die Figur
war hbsch, schlank und elegant. Typisch Gelehrtenhaftes hatte er nichts
an sich. Als er merkte, da er fast allein mit Eycken sprach und Hedda
nur Zuhrerin war, errtete er wieder -- das passierte ihm hufig -- und
wandte sich mit einem Entschuldigungswort an das Frulein zurck.

Ich langweile Sie, Baronesse, sagte er. Mehr oder weniger sind wir
Leute von der Feder allesamt Egoisten. Und da ich wei, da der Herr
Pastor ein guter Melanchthonkenner und es erwiesen ist, da Melanchthon
den historischen Faust--

Er unterbrach sich und lachte.

Sehen Sie, nun komme ich wieder in das Vortragende hinein, und ich
wollte doch von etwas anderm reden! Was sagen Sie dazu, da Papa sich an
der Quellengeschichte beteiligt hat? Im Mai soll die feierliche Weihe
stattfinden.

Eycken war Feuer und Flamme fr die Sache. Er war ein begeisterter
Anhnger der Ferienkolonieen, fr die er groe Summen spendete, und trug
sich mit der Absicht, aus eignen Mitteln ein Krankenhaus fr bedrftige
Kinder in Oberlemmingen zu errichten. Es war merkwrdig, da gerade
dieser Mann, der unverheiratet durch das Leben gegangen, der Kinderwelt
eine so heie Liebe und eine so groe Barmherzigkeit entgegentrug. Es
war, als erschpfe sich den Kleinen gegenber die Gte seines einsamen
Herzens.

Er kannte die Bedenken des Freiherrn gegen eine praktische Ausbeutung
der Quelle und versuchte Hedda zu beweisen, da ihr Vater im Unrecht
sei. Zumal dadurch, da der Kommerzienrat das Geschftliche der
Angelegenheit in der Hand halte, sei Gewhr fr eine solide Entwicklung
des Unternehmens gegeben. Fr die Mllers hatte er auch nicht viel
brig.

Hedda und Gunther verabschiedeten sich gemeinsam. Als sie sich vor der
Gartentr die Hand reichten, fragte der junge Mann:

Laufen Sie Schlittschuh, gndiges Frulein?

Leidenschaftlich gern, antwortete Hedda, und der Dbbernitzer See
bietet auch eine prachtvolle Bahn. Aber allein ist es langweilig.

Gunther verneigte sich. Es wird mir ein besonderes Vergngen sein, Sie
begleiten zu drfen, sagte er. Darf ich Sie gegen drei Uhr abholen? Es
ist heute so wunderbares Wetter.

Sie zgerte einen Augenblick und bejahte dann dankend. Zu Fu ging er
nach dem Auschlosse zurck, whrend Hedda noch nebenan den Kantor
aufsuchte, dessen Frau seit einigen Tagen bettlgerig war.

Beim Mittagessen sprach sie dem Vater gegenber beilufig von ihrer
Verabredung mit Gunther. Der Alte schwieg anfnglich und begann dann zu
rsonieren. Das sei unschicklich; man gebe sich nicht Rendezvous mit
jungen Herren. Er verstehe Hedda nicht -- sie wisse doch sonst, was Takt
sei.

Sie verteidigte sich lebhaft.

Ich wei nicht, was du hast, Papa, antwortete sie. Ich bin kein
Backfisch mehr und fhle mich durch die Anwesenheit des Doktor
Schellheim eher geschtzt als gefhrdet. Allein Schlittschuh zu laufen,
verbietest du mir auch. Ich kann doch nicht das Leben einer Nonne
fhren!

Der Freiherr brummte etwas halb Unverstndliches vor sich hin. Es klang
so, als sage er, er knne nun einmal die Schellheims nicht leiden. Hedda
schwieg, aber sie war verstimmt und verrgert. Sie hatte zum ersten Male
das Gefhl, als laste die Einsamkeit des Baronshofs wie ein Alp auf ihr.

Gunther war pnktlich. Er kam im Schlitten, mit einem Schimmelgespann,
das der Kommerzienrat erst vor kurzem gekauft hatte und dessen
silberbeschlagenes Geschirr hell blitzte. Hellstern lie sich nicht
sehen, aber er hatte von seinem Arbeitszimmer aus die Auffahrt
beobachten knnen. Und er hieb wtend mit der geballten Faust auf den
Tisch.

Hedda war beim Nahen des Schlittens auf die Veranda getreten. Gunther
half ihr beim Einsteigen und hllte sie mit diskreter Sorglichkeit in
das weie Brenfell, das als Decke diente.

Mit neidischer Miene schaute August dem eleganten Gefhrt nach. Dann
glitt ein zustimmendes Schmunzeln ber sein Gesicht. Er hatte gehrt,
da die Klingel im Zimmer des Freiherrn stark lutete, aber er beeilte
sich nicht. Vorsichtig klopfte er den Schnee von seinen Stiefeln ab, ehe
er in das Haus zurcktrat.

Hast du keine Ohren?! schrie der Freiherr ihn an.

Ich kann doch nicht hexen, Herr Baron! Erst mute ich dem gndigen
Frulein helfen!

Feuer in den Ofen! kommandierte der Alte. Soll ich vielleicht hier
erfrieren?

August schaute auf das Thermometer, das am Pfeiler zwischen den Fenstern
hing.

Sechzehn Grad, sagte er. Der Herr Baron werden sich noch so
verpimpeln, bis Sie nachher kein Lftchen mehr vertragen knnen.

Halt 's Maul und feure! schrie Hellstern grob.

August wurde immer freundlicher; die Schnauzerei des Alten tat ihm
sichtlich wohl. Er kniete vor dem Ofen nieder und begann langsam die
eiserne Tr aufzudrehen. Sie quietschte und kreischte, da Hellstern
aufsthnte.

Schmier doch die verdammte Tr einmal ein! rief er.

August nickte nur, steckte erst ein paar Kiensplitter in Brand und schob
dann einige Scheite Holz hinterher. Schlielich blies er mit dicken
Backen in das Ofenloch, um die Flamme wach zu halten.

Herr Baron, sagte er pltzlich in fragendem Tone.

Was ist los?!

Haben Herr Baron den Schlitten gesehen?

Ja -- was sonst noch?!

Ach -- ich meinte man blo -- die gndige Baronesse sahen so stattlich
drin aus -- und der Herr Doktor auch -- ein hbsches Paar--

Jetzt fuhr Hellstern im Ausschnitt seines Tisches herum, zornrot und
prustend vor Grimm. Seine Hand suchte nach irgend einem Gegenstande, um
ihn August an den Kopf werfen zu knnen. Aber er fand keinen.

Raus! schrie er. Mach, da du rauskommst! Wie kannst du dich
unterstehen, vom gndigen Frulein und dem -- und dem da per 'hbsches
Paar' zu sprechen?! Ich verbitte mir deine Vertraulichkeiten! Ich habe
sie lange satt! Du kannst dich zum Teufel scheren! Am liebsten gleich!
Pack deine Sachen zusammen -- pascholl!

August blies noch ein paarmal in das Ofenloch und erhob sich dann
chzend. Sein Gesicht sah beraus freundlich aus.

Ich fang' nu auch an, alt zu werden, Herr Baron, erzhlte er, ohne die
letzten uerungen seines Herrn irgendwie zu beachten. Nmlich -- wenn
ich mir bcke, dann knackt's mir in allen Knochen. Und das Rheuma kommt
auch wieder. Na -- nu kriegen wir ja die Quelle--

Hellstern hob die geballten Hnde hoch empor und schnaufte frmlich.

Hat jemand je ein solches Untier gesehen! rief er. Die Quelle! Jetzt
fngt der auch noch davon an! Ersuf dich in ihr! Mir soll's recht sein!
Mach, was du willst! Aber geh nur 'raus! Ich kann dich nicht mehr sehen!
Du bist mir greulich--

Ich geh' schon, sagte August und nickte freundlich. Wenn der Herr ihm
nicht monatlich wenigstens dreimal kndigte, fehlte ihm etwas. Es mute
alles seine Ordnung haben. Und dann ging er wirklich, zufrieden und
glcklich, und Hellstern machte sich wieder, noch immer schimpfend,
schnaufend und sthnend, an seine Arbeit.

Der Schlitten sauste ber die Schneebahn. Mancher im Dorfe, der zufllig
am Fenster stand, schaute ihm mit hnlichem Lcheln wie August nach. Die
Bauern waren leicht geneigt, Paare zusammenzubringen; man munkelte schon
lange davon, da das Frulein vom Baronshof einen der beiden jungen
Herren vom Auschlosse heiraten wrde.

Eine Viertelstunde hinter der Chaussee begann der Wald. Das war etwas
Kstliches. Ein Mrchenwald -- ein verzauberter Hain, der aus
leuchtendem Silber geschaffen zu sein schien. Auf jedem Ast und jedem
Zweige und jeder Tannennadel lag der Kristallreif des Winters. Es
flimmerte und glitzerte berall. Dicht am Wege standen, die Einfassung
bildend, in langer Reihe hochstmmige Birken. Ihre Kronen waren wie mit
Eis inkrustiert; ein glnzender Panzer hllte sie ein. Dahinter dehnte
sich Tannenforst aus, und auf dem dicken Gezweige mit seinem schweren,
schwarzgrnen Nadelwerk lag noch der Schnee. Und wenn ein leiser Wind
kam, dann perlte der Schnee gleich tausendfachem Edelgestein zur Erde.
Hie und da hingen noch Eistropfen am Gest, feine, dnne und zierliche,
die sich langsam auflsten zu fallenden Tropfen, und schwere, armdicke,
die wie aus Glas geformt erschienen. Selbst ber die Moosschicht unter
den Tannen spann sich ein gleiendes Spitzenwerk von Reif und Eis. Dazu
heller Sonnenschein und blauender Himmel und eine kstliche
Friedensstimmung: ein tiefes, heiliges Schweigen ringsum.

Das Wiehern der Pferde und das Gelute der kleinen silbernen Glckchen
am Geschirr schienen einzig und allein diese Stille zu stren. Aber auch
in dem lustig tnenden Klingklang lag etwas Harmonisches; es war die
Musik zu dem Waldmrchen. Die Schneedecken auf den Rcken der Pferde
blhten beim eiligen Laufe sich auf wie Segel im Winde. Eine helle
Dunstwolke umgab die Gule, und der heie Brodem, der ihren Nstern
entstrmte, jagte vor ihnen her.

Die beiden im Schlitten sprachen wenig. Das gleiche Gefhl der
Naturbewunderung hie sie schweigen, bei beiden kam auch noch das
instinktive Empfinden dazu, durch den Kutscher gestrt zu sein. Der
brave Mann ahnte das freilich nicht. Er sa in der ganzen gemchlichen
Flle seiner Persnlichkeit hinten auf der Pritsche, bis obenhin in
seinen langen, hellgrauen Paletot geknpft, einen mchtigen Pelzkragen
um den Hals. Das Gesicht war vllig regungslos; er war gut gezogen.

Und seltsam genug -- whrend dieser Fahrt durch den Wald stieg in Hedda
mehrfach die Frage auf: war es vielleicht doch nicht in der Ordnung
gewesen, da sie der Aufforderung ihres geflligen Nachbars nachgekommen
war? An bertriebener Prderie litt sie ebensowenig wie an zopfigem
Konventionalismus. Sie htte nichts dabei gefunden, mit Gunther allein
meilenweit spazieren zu gehen. Und nun sa, eine merkwrdige #dame
d'honneur#, zur Schutzwehr auch noch der Kutscher hinter ihnen. Und
gerade das genierte sie so, da sie gar nicht recht wute, was sie
sprechen und welchen Ton sie anschlagen sollte. Sie fand selbst, da das
lcherlich war, und fgte in Gedanken hinzu: aber es ist dennoch so.

Der See, sagte Gunther und wies nach rechts hinber. Durch eine
Lichtung, durch die in breitem Strome der Sonnenschein wie eine Goldflut
flo, sah man eine Ecke des Sees, ein groes Stck blendendes Wei.

O weh, gab Hedda zurck, wir haben an den Schnee nicht gedacht!
Werden wir da berhaupt laufen knnen?

Er nickte und lchelte dabei. Die Bucht an der Frsterei ist gefegt
worden, entgegnete er. Ich habe ber Mittag zwlf Mann hingeschickt.
Es war nicht leicht, heute am Neujahrstage die Leute aufzutreiben.

Hedda rmpfte unwillkrlich ein klein wenig die Nase. Das gefiel ihr nun
wieder nicht. Es klang so, als htte er sagen wollen: mit Geld kann man
alles machen. Und dann rgerte sie sich wieder ber sich selbst; es war
klar, da sich Doktor Schellheim bei dieser Bemerkung gar nichts gedacht
hatte.

Nun senkte sich der Weg und beschrieb einen kurzen Bogen nach links. In
der Schlucht lag der Schnee noch zu dichten Haufen. Der Sturm hatte mit
mchtigem Odem hineingeblasen, ihn hier fuhoch geschichtet und dort
wieder die braune Erde reingefegt.

Dann lichtete sich der Forst. Drben lag, inmitten berschwemmter
Wiesen, die Frsterei, und in lang geschwungener Kurve dehnte der See
sich aus. In der Ferne sah man die niedrigen Huserreihen von
Dbbernitz, und auf der Hhe dahinter das Schlo, ein burgartiges altes
Gebude, das noch aus der Zeit der Templer stammte und in dem jetzt der
Baron Zernin mutterseelenallein hauste, immer auf der Hut vor seinen
Glubigern und den Gerichtsvollziehern, die ihm bs zusetzten.

Der Schlitten hielt. Gunther gab dem Kutscher den Befehl, langsam im
Walde umherzufahren und sich nach einer Stunde wieder einzufinden. Dann
wandte er sich an Hedda. Darf ich Ihnen helfen? fragte er und deutete
auf die Schlittschuhe, die sie am Arm trug.

Sie dankte und begann sich selbst die Schlittschuhe anzuschnallen.
Gunther hatte die Pelzdecke aus dem Wagen genommen und sie ber einen
Baumstumpf am Seeufer gebreitet. Hedda setzte sich, aber sie war
ungeschickt.

Ich werde doch helfen mssen! rief Gunther lachend. Und schon kniete
er vor ihr; die Arbeit war schnell gemacht.

Ein eigentmliches Empfinden berschlich Hedda. Sie sah zum ersten Male
einen Mann zu ihren Fen. Es war ein gewisser pikanter Reiz, der sie
durchstrmte, aber dabei schalt sie sich tricht, wie vorhin, als die
Gegenwart des Kutschers sie genierte.

Beide flogen ber das Eis. Sie waren gewandte Lufer. Unter dem Stahl
ihrer Sohlen klang die glitzernde Flche leise metallisch; es war wie
ein fernes Singen. Das Eis war in weitem Umkreise blitzblank gefegt; es
lief sich prchtig.

Gunther hatte Hedda den Arm geboten, doch sie schlug vor, sich zunchst
einmal allein auszutoben. Es war ein entzckendes Bild, wie sie ber
den hellen Spiegel sauste, in dem die Sonnenstrahlen sich leuchtend
brachen. Gunther, der sie in weit ausholenden Kurven umkreiste, wurde
nicht mde, sie anzuschauen. Sie hatte die Arme ber der Brust
verschrnkt und den Kopf ein wenig zurckgeworfen. Auf dem dunkelblonden
Haar sa die Pelzkappe; das Antlitz war lebhaft gertet von der kalten
Luft, und die Augen blitzten im Wonnegefhl der eignen Kraft.

Ringsum lagen die Waldhnge unter weier Schneedecke. Ein Schwarm Krhen
strich durch die Luft. Vom sthlernen Blau des Himmels hob sich ihr
Gefieder haarscharf ab. Der See buchtete sich nach Dbbernitz zu in
schlankem Bogen ein. Man konnte nicht sehen, wo er endete; er verlor
sich zwischen den Bergen, die im Westen hher wurden. Eine weie
Wolkenschicht hatte sich hier gebildet, dicht ber dem Horizont, und so
sah es aus, als steige der kleine mrkische Hhenrcken in weiter Ferne
zu ragenden Gletschern empor.

Aufgepat! rief Hedda pltzlich. Aber es war zu spt. Die Bogen der
beiden Lufer kreuzten sich; Hedda und Gunther sausten sich in die Arme.
Beide strzten. Gunther war auer sich; er bat tausendmal um
Entschuldigung und wollte Hedda aufhelfen. Dabei fiel er zum zweiten
Male hin. Nun lachte Hedda frhlich auf. Sie stand schon wieder auf
ihren Fen und reichte Gunther die Hnde.

Halten Sie fest! rief sie, -- so! -- und nun stand auch er.

Wie war das gekommen? fragte er verlegen, und sie lachte abermals.

Mein Gott, wie soll es gekommen sein? gab sie harmlos zurck. Ich
taxiere, wir waren beide schuld. Aber was schadet es? -- Haben Sie sich
verletzt?

Er fhlte einen leichten Schmerz am Knchel; eine Sehne mochte sich
gezerrt haben.

Nur unbedeutend, antwortete er; es wird sich geben, wenn ich erst
wieder in Bewegung bin.

Nun bat sie ihn, ihren Arm zu nehmen. So flogen sie von neuem ber das
Eis.

Geht es besser? fragte Hedda.

Ja -- danke; ich fhle mich sogar auerordentlich wohl.

Das Rot ihrer Wangen verdunkelte sich.

Treiben Sie viel Sport? fuhr sie fragend fort, mit Absicht das Thema
wechselnd. Man findet das sonst nicht hufig bei Gelehrten -- die
Herren pflegen nur ungern ihren Arbeitstisch zu verlassen.

Das ist bei mir allerdings auch der Fall, entgegnete er; aber ich
begann vor zwei Jahren, wie ich glaube, infolge von berarbeitung, zu
krnkeln, und da raffte ich mich denn mit einem energischen Entschlusse
zu einer zweckmigeren Tageseinteilung auf. Das wurde mir anfnglich
schwer; sportliche Neigungen sind im Grunde genommen eine
aristokratische Domne; sie liegen im Blut. Aber heute mchte ich sie
nicht mehr entbehren; ich behaupte, da sie auch den Geist reger und
frischer erhalten.

Reiten Sie auch?

Ja -- aber speziell zum Reiten komme ich weniger. Sie sind natrlich
eine begeisterte Amazone, Baronesse?

Ich kann es nicht leugnen. Es ist mir schwer geworden, mein Reitpferd
aufgeben zu mssen. Aber ich habe mich ber so viel getrstet, da mir
auch das keinen Kummer mehr macht.

Sie kreisten in schwingenden Kurven nach dem Ufer zurck.

Ich denke mir, begann Gunther von neuem, da es Ihnen zuweilen recht
einsam auf dem Baronshof werden mu. Die Umgegend bietet meines Wissens
nicht allzuviel Verkehr.

Nein, sehr wenig. Papa ist das recht, -- er ist ein Fanatiker der
Einsamkeit. Und ich mu sagen, da ich das Wohlempfinden des Alleinseins
verstehe. Ich habe auch genug im Hause zu tun und kann ber Langeweile
nicht klagen. Aber zuweilen sehne ich mich doch stark in die Welt
hinaus, vor allem nach neuen Anregungen; mir ist dann und wann, als
verengere sich mein Gesichtskreis mehr und mehr. Mglicherweise reise
ich im Februar oder Mrz auf ein paar Wochen nach Berlin; ich freu' mich
darauf.

Haben Sie Verwandte in Berlin?

Eine Tante, die mich alljhrlich einladet, und der ich bisher
alljhrlich abgeschrieben habe. Ich habe immer Sorge, den Papa allein zu
lassen. Aber nun kommt auch noch ein Vetter von mir nach der
Hauptstadt.

Das interessierte Gunther besonders. Er horchte auf, als Hedda von
Herrn Axel auf Jarlsberg zu erzhlen begann; sie sei neugierig, ihn
kennen zu lernen -- er habe schon frher einmal dem Papa sein Bild
geschickt: ein schmales, vornehmes Gesicht mit einer kleinen Hiebnarbe
auf der rechten Wange.

Gunther bi die Zhne zusammen. Da sie von dem Vetter sprach, tat ihm
das Herz weh. Warum, warum? fragte er sich -- sie kennt den Herrn Axel
ja noch gar nicht! Wie lieb mute er das Mdchen gewonnen haben, da ihn
schon die Erwhnung eines gleichgltigen andern mit Eifersucht erfllte!

Aber nein, sagte er sich, dieser Vetter ist kein gleichgltiger
andrer. Ganz gewi nicht! Er ist reich und gehrt mit zur Sippe -- das
fllt beides in die Wagschale.... Es war wie ein Angstgefhl, das dem
jungen Manne pltzlich die Kehle zuschnrte. Man hatte auch ihn schon
mit Heiratsplnen bestrmt. Wie es hie und da in Kaufmannskreisen Sitte
zu sein pflegt, war er auf dies und jenes Mdchen aufmerksam gemacht
worden, gute Partieen und meist hbsche und wohlerzogene Frulein,
bereit, ohne nachzudenken dem die Hand zu reichen, den die Eltern
erwhlt hatten. Aber er dankte fr eine gute Partie in kaufmnnischem
Sinne; er hatte das nicht ntig. Es war sein Traum, einmal in eine
wirklich vornehme Familie hineinzuheiraten. Das war seltsam genug bei
einer so ruhigen, verhltnismig abgeklrten Verstandesnatur wie
Gunther, bei einem Manne, der sich gut brgerlich fhlte und im Adel
durchaus keine Menschenklasse sah, die hher stand als jene, der er
zugehrte. Und doch kam er nicht ber diesen Gedanken hinaus; es war
eine Idee, an der er mit gleicher Zhigkeit festhielt wie seinerzeit an
dem Plane, studieren zu wollen. Denn auch der hatte schwere Kmpfe
gekostet; der Vater wollte, da er die Fabrik in Manchester bernehme,
deren Betrieb dringend einer Vergrerung bedurfte, und war unglcklich
darber gewesen, da Gunther sich einen so vllig aus der Sphre
fallenden Beruf erwhlte. Und vielleicht war es gerade das Bedrfnis,
aus dieser Sphre herauszukommen, das ihn an dem Gedanken einer
vornehmen Partie festhalten lie. Er war viel zu klug und zu
rechtschaffen vor sich selbst, um nicht die Tchtigkeit und alle die
andern guten Eigenschaften der Kreise seiner Eltern billig anzuerkennen.
Aber es war immer dasselbe; die Interessengemeinschaft verdichtete sich
gewissermaen zu bleierner Langeweile; sie wurde zu Fesseln, unter denen
man sich nicht zu regen vermochte.

So wenigstens erschienen Gunther die Verhltnisse. Er hielt sich deshalb
auch gesellschaftlich ziemlich zurck -- schon um den immer
wiederkehrenden Fragen, wann er sich zu verheiraten gedenke, zu
entgehen. Und dann lernte er Hedda kennen. Er strubte sich zunchst
gegen das Gefhl seines Herzens, obwohl er sich beim ersten Begegnen
zugestanden hatte: das wre eine Frau, wie du sie dir wnschest. Aber
die Liebe erwachte strker und wurde grer in der Zeit, da er Hedda
nicht sah. Er berlegte, ob er eine Werbung wagen drfe. Und weshalb
nicht? sagte er sich. ber kleinlichen Adelsstolz ist man in unsern
Tagen hinaus; ich habe eine gute Karriere vor mir, bin wohlhabend und
jedenfalls kein Monstrum von Hlichkeit.... Doch da er Hedda abermals
gegenbertrat, verlor er den Mut. Vielleicht lag es nur an ihrer ueren
Erscheinung, da sie einen so unnahbar stolzen Eindruck machte ...

Whrend er weiter an ihrer Seite ber die Eisflche glitt und zerstreut
mit ihr ber hunderterlei plauderte, berlegte er nochmals und
ernsthaft. Der nahende Vetter hatte ihn erschreckt. Es war das beste,
ihm zuvorzukommen. Aber -- nun kam die Verlegenheit. Was war richtiger:
ein Fufall, ein rasches Gestndnis, so eine Art berrumpelung -- oder
eine ruhige Aussprache der Vter. Das letztere war in Kaufmannskreisen
blich; da hatten gemeinhin die Vter das entscheidende Wort zu
sprechen. Und auch hier, in seinem Falle, erschien es Gunther als das
wrdigste. Er konnte unmglich in Schnee und Eis vor ihr niederknieen
und ihr in der Klte des Tages von der Glut seines Herzens sprechen. Das
dnkte ihm lcherlich. Die Situation eignete sich nicht zu intimen
Gestndnissen -- nein, ganz gewi nicht. Ja, wenn es Sommer gewesen wre
und er allein mit ihr im Walde, bei Sonnenuntergang und Vogelsang -- da
htte sich leichter der rechte Augenblick gefunden. Aber nicht jetzt;
auch abseits von sentimentaler Romantik gibt es Momente, in denen die
Poesie ihr unbedingtes Recht fordert ...

An all dies dachte Gunther mit der Peinlichkeit eines gewissenhaften
Gelehrten. Er war sogar stolz darauf, da er sein Herz zu zgeln und
abzuwarten verstand. Er zwang sich, korrekt zu sein. Noch eins hielt ihn
davon ab, sich auf der Stelle auszusprechen. Er begann pltzlich heftig
zu niesen. Er mute sich erkltet haben; er nieste ein dutzendmal
hintereinander, und nach einem kleinen Weilchen begann er von neuem; ein
Riesenschnupfen war da. Wre es nicht schrecklich gewesen, wenn dieser
dmonische Niesreiz ihn mitten in seinem Gestndnis berfallen htte? --
Gunther legte sich diese Frage allen Ernstes vor; der Gedanke, komisch
zu wirken, war entsetzlich fr ihn.

Prosit! sagte Hedda nach dem letzten Dutzend Nieser; ich habe noch
immer die buerliche Angewohnheit, Gesundheit zu wnschen, und Papa
freut sich jedesmal darber. Er niest oft und gern; er behauptet, das
befreie ihm den Kopf. Prosit, Herr Doktor! Sie haben sich einen hbschen
Schnupfen geholt.

Gunther antwortete zunchst durch eine kleine Salve von Niesern. Dann
atmete er tief auf.

Es ist grlich, antwortete er. Und wirklich, es war ihm grlich,
dieses plebejische und prosaische Niesen, wo es in seinem Herzen
frhlingswarm war.

Hedda riet, nach Hause zu fahren. Doch noch war der Schlitten nicht
wieder zurck. Der Himmel verdunkelte sich langsam. Die sthlerne Blue
ging allgemach in ein sanftes Schwarz ber. Nur im Westen war es noch
hell. Da hatte die Sonne einen Purpurmantel ber den Horizont gehngt,
der mit goldenen Flocken verbrmt war. Er reichte bis an die weigraue
Wolkenschicht, deren unterer Teil vllig durchleuchtet war und den
Flammenkragen dieses kniglichen Mantels zu bilden schien.

Es war ein herrlicher Anblick. Gunther machte Hedda darauf aufmerksam,
und beide blieben, noch immer Arm in Arm, auf dem Eise stehen und
schauten in den Sonnenuntergang hinein. Ganz allgemach vernderte sich
das Bild. Der Wolkenrand zerflo, als lse die glhende Lohe ihn auf.
Nun scho das Goldlicht in langen Feuergarben in das Wolkengrau hinein
und spaltete es. Es strmte in hundert verschiedenen Farbentnen ber
den ganzen westlichen Himmel und verlor sich nach dem Zenit zu in einem
zarten, langsam erlschenden Violett ...

Gunther wurde es weich um das Herz. Der Dualismus in seiner Seele
drngte sich wieder vor: ber den nchternen Forscher gewann zuweilen
der leicht schwrmende Poet die berhand. Jetzt htte er sprechen
knnen.

Wie schn, sagte er halblaut. Ist es nicht wahr, da die Natur
zuweilen ganz neue, uns selbst unbekannte Harmonieen in uns erklingen
lt? Da sie uns neues Empfinden lehrt und ein eigentmliches
rhythmisches Denken?

Hedda nickte. Sie wollte bejahend antworten, denn es dnkte sie richtig,
was Gunther sagte: auch ihr schien es bisweilen in der Versunkenheit
eines schnen Naturspiels, als formten sich ihre Gedanken unbewut zu
gebundenem Ausdruck, und als spre sie etwas Ungeahntes in den Tiefen
der Seele. Aber da wollte die Bosheit des Schicksals, da der arme,
verschnupfte Gunther abermals niesen mute, und zwar gewaltig, den
ganzen Menschen erschtternd, vier-, fnfmal und trnenden Auges. Und
diese Explosion verlegte die Gedankenreihen Heddas; sie entgegnete an
Stelle des Gewollten mit energischer Stimme:

Lieber Doktor Schellheim, -- ich denke augenblicklich gar nichts
weiter, als da Sie schleunigst nach Hause fahren und einen heien Tee
trinken mssen. Da kommt der Schlitten! Machen wir kehrt!

Entgeistert und mit betrbtem Gesicht gehorchte Gunther. Heimlich
verfluchte er seinen Schnupfen; er war ein Unglcksmensch.

Unter frhlichem Luten ging es durch den Wald zurck. Der schaute jetzt
anders aus als bei der Herfahrt im Sonnenschein. Die tiefer fallende
Dmmerung lie den Schnee einfrmig und grau erscheinen. In der
Wiesentrift rechter Hand brodelten die Nebel auf und zogen wie
zerrissene Schleier zwischen den Stmmen hindurch. Und obwohl am Himmel
sich nur ein kleiner Schwarm heller Wlkchen gesammelt hatte, perlte
doch ein zarter Schnee durch die Luft und nte die Gesichter der
beiden.

Gunther lie erst auf den Baronshof fahren und setzte Hedda ab. Sie rief
ihm ein freundliches: Schn' Dank und gute Besserung! zu und stieg die
Treppe zur Veranda hinauf. Dann klingelte das Gespann weiter. Gunther
nieste und rgerte sich; er war aus der Stimmung gekommen.




Sechstes Kapitel


Der zweite Tag im neuen Jahre war ein Sonntag. Seit der Frhe hatte es
stark geschneit. Auf dem Anger lag das weie, flockige Na futief.
Trotz des Feiertags war die halbe Gemeinde am Platze, Schnee zu
schippen, damit wenigstens der Weg zur Kirche frei war. Es ging lebhaft
und heiter zu bei der Arbeit. Die Schnapsflasche des alten Maracke
kreiste in der Runde, und dann mute Anton Tengler nach dem Kruge
springen, sie neu fllen zu lassen.

Mitten in der Arbeit hielt man pltzlich inne und blickte auf. Albert
Mller schritt ber den Dorfplatz, in hohen Wasserstiefeln und Pelz, und
neben ihm ein Fremder, ein groer Herr mit einem Zwicker auf der Nase
und in langem Kaisermantel. Schlippermilch wollte wissen, da das ein
Baumeister aus Frankfurt sei, der Kompagnon Alberts. Man zerbrach sich
den Kopf, was der Fremde wolle. Seine scharfen grauen Augen sphten
unter den goldumrnderten Glsern rastlos umher. Von Zeit zu Zeit
blieben die beiden stehen und sprachen halblaut miteinander, lebendig
gestikulierend, hierhin und dahin weisend. Und dann schritten sie an den
arbeitenden Bdnern vorber; der Baumeister grte tief und hflich,
Albert nickte nur.

Sicher handle es sich wieder um die Quelle, meinte der junge Raupach,
und alle stimmten zu. Noch im Herbst war die Quelle gefat worden,
ohne sonderliche Feierlichkeit; Albert hatte dies mit einigen Leuten
allein besorgt. Aber man sprach davon, da zu der Einweihung im Mai auch
der Regierungsprsident kommen wolle, fr die meisten Bauern eine
mystische Persnlichkeit, vor der sie groen Respekt hatten. Und dann
hatte das Dorf den ganzen Winter hindurch eine Unzahl fremder Leute
gesehen. Eines Tages waren drei rzte erschienen, die ihre Nase berall
hinstecken muten, und spter wieder ein jdisch aussehender Herr, der
mit dem Kommerzienrat durch Oberlemmingen fuhr, und schlielich eine
ganze Kommission, die unter Anfhrung von Albert im Buchenhain auf der
Grauen Lehne allerhand Abmessungen vornahm, Pfhle einschlagen und
Wegstreifen durch Pflcke bezeichnen lie.

An den Sonntagabenden, wenn das Schankzimmer im Kruge sich zu fllen
begann, wurde fast nur von der Quelle gesprochen. Eine brennende Neugier
erfllte alle, zu wissen, was denn nun eigentlich werden wrde. Aber die
Mllers waren zurckhaltend; sie sprachen nur in Andeutungen, und
hchstens sagte Fritz dann und wann, man solle nur abwarten,
Oberlemmingen wrde reich werden, oder, das mit der Quelle sei eine
groe Sache, und was der schmunzelnd hingeworfenen Bemerkungen mehr
waren. Mit dem Reichwerden waren die Bauern sehr einverstanden;
geldgierig waren sie alle. Doch _wie_ ihnen die Quelle zu diesem
Reichtum verhelfen sollte, darber zerbrachen sie sich die Kpfe.

Eines Tages versammelten sie sich vergeblich vor dem Kruge; sie wurden
nicht eingelassen. Fritz trat lachend vor die Tr und erklrte ihnen,
die Wirtschaft sei fr ein paar Tage geschlossen, er wolle das Haus
renovieren lassen. Das erregte einen frmlichen Aufstand im Dorfe. Aus
den paar Tagen wurden ein paar Wochen. Die Bauern hatten keine Kneipe
mehr. Da die Mllers sie aber nicht gnzlich als Kunden verlieren
wollten, so wurde ein leerstehender alter Stall als Schankstube
eingerichtet. Und wenn die Bauern fragten: Sind die Handwerker denn
immer noch im Hause? so nickte Fritz und erwiderte, es sei gar zu viel
zu tun. Tatschlich war aber bald nach Weihnachten schon wieder alles in
Ordnung; Fritz wollte nur nicht, da die Bauern ihm die neutapezierte,
gedielte und gebohnerte Schankstube wieder verschmutzten -- der Stall
war fr sie ebenso gut. Da konnten sie spucken, wohin sie wollten, und
wenn einer einmal ein Glas Bier umwarf, so kam es auch nicht darauf an.
--

Auf dem Auschlosse kam es an diesem Sonntag schon beim Morgenfrhstck
zu einer erregten Szene.

Gunther erschien etwas bla und bernchtig in der Halle, setzte sich
mit kurzem Grue zu den Eltern an den Tisch und schickte den Diener
hinaus.

Entschuldigt, sagte er, aber ich mchte ein paar Worte allein mit
euch sprechen!

Der Kommerzienrat zog die nach dem Gebck ausgestreckte Hand wieder
zurck, und auch die Rtin schaute erstaunt auf.

Ja, meinte Schellheim, was gibt's denn? Hoffentlich nichts Fatales!

Nein, Papa, erwiderte Gunther, ich will nur euern Rat hren. Es
handelt sich um eine Lebensfrage fr mich, um meine Zukunft...

Das Mutterauge sieht immer scharf. Die Rtin reckte den schmchtigen
Oberkrper, und mit forschendem und sorgendem Ausdruck ruhte ihr Blick
auf dem Sprechenden.

Eine Ehrensache? fragte Schellheim ngstlich.

Ich glaube eher -- eine Herzenssache, fgte seine Frau hinzu.

Gunther nickte. Ja, Mutter, so ist's. Ich -- ich habe noch nie an das
Heiraten gedacht, ihr wit's ja selbst, und gelacht, wenn mir der und
jener mit Plnen und Anerbietungen kam. Ich hasse den Eheschacher. Ich
mchte frei whlen knnen--

Mach's kurz, fiel der Vater ein; wer ist's?

Frulein von Hellstern, Papa.

Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen am Tische, dann sprang der
Rat erregt empor und warf seine Serviette auf den Stuhl.

Da du einmal irgend eine Verrcktheit begehen wrdest, wute ich ja,
sagte er hart. Praktischen Erwgungen bist du niemals zugnglich
gewesen. Aber sich nun gerade--

Er brach ab. Bist du mit der Dame schon einig? fragte er, vor Gunther
stehen bleibend.

Nein, das nicht, Papa, aber ich habe die Hoffnung, da Frulein Hedda
meine Werbung annehmen wird -- sonst wrde ich es nicht wagen. Indessen
-- ich wollte zunchst einmal mit euch sprechen.

Da hast du sehr recht getan. Und wenn du meinen Rat hren willst,
Gunther, so schlag dir die Sache aus dem Kopf. Das ist nichts fr dich
-- und erst recht nichts fr uns. Das--

Er whlte mit den Hnden in seinem Haar und lief erregt in der Halle auf
und ab.

Nun nahm auch die Rtin das Wort.

Ich habe nur wenig zu sagen, bemerkte sie mit ihrer weichen, zart
klingenden Stimme. Wenn Gunther das Mdchen liebt, soll er's versuchen.
Ich mte lgen, wollte ich nicht offen gestehen, da mir Frulein von
Hellstern sehr sympathisch ist.

Sympathisch! schrie der Rat. Was das nun wieder heien soll?! Bei
einer solchen Frage ist doch wahrhaftig _mehr_ zu berlegen! Ich bitte
dich, liebe Frau, sieh ein, da es sich in gewissem Sinne auch um _uns_
handelt. Jawohl, um _uns_! Wrde es dir lieb sein, wenn dich deine Frau
Schwiegertochter ber die Achsel ansieht? Wenn sie eine meilenweite
Kluft zwischen Mutter und Sohn legt? Und Schellheim breitete beide Arme
aus, als wolle er das Unermeliche dieser Kluft andeuten.

Gunther widersprach ernsthaft. Davon knne gar keine Rede sein. Wenn
Hedda Mitglied der Familie geworden wre, so wrden ihr gtiges Herz und
ihr feiner Takt schon den rechten Ton des Verkehrs mit den Eltern
finden.

Ich bitte dich, Papa, la solche Bemerkungen, schlo er und erhob sich
gleichfalls. Eine schwere Falte zeigte sich auf seiner Stirn.

Ah was, entgegnete der Rat unwirsch, du wirst mir schon erlauben
mssen, das auszusprechen, was ich denke! Sei vernnftig, Gunther! Ich
glaube gleich dir, da die Hellsterns deine Werbung nicht zurckweisen
wrden. Sie sind arm, und der Baronesse fehlt jede Gelegenheit zu einer
passenden Partie. Ich habe ja auch wirklich nichts gegen die Leute! Es
ist nichts weiter gegen sie zu sagen, als da sie adelsstolz und
unbemittelt sind. Beides sind keine Vorwrfe. Ihr Name ist gut,
glnzend, geachtet; sie haben ein Recht, darauf stolz zu sein. Fr ihre
Armut aber knnen sie nichts. Und dennoch mu dies beides bei der
geplanten Verbindung mit in Betracht gezogen werden. Bitte -- ich rede
noch -- ich will aussprechen! In Betracht gezogen werden, sagte ich.
Zunchst die Geldfrage. Du wirst einmal reich -- dem Anschein nach ist
diese Frage also minderwertiger Natur. Aber doch nur dem Anschein nach.
Denke an die Zukunft! Ihr knnt eine ganze Herde Kinder kriegen, und wie
zersplittert sich da das Vermgen! Frulein Hedda bringt ja nichts mit!
Den Baronshof -- na, was ist denn der wert?!

Papa, ich bitte dich-- und Gunther hielt es fr gut, den
Zukunftsperspektiven des Rats gegenber ein heiteres Gesicht zu machen.
Aber Schellheim war noch nicht zu Ende; er winkte abwehrend mit der
Hand.

Weiter, sagte er, die zweite Frage. Zugestanden, da Frulein Hedda
das Herz auf dem rechten Fleck hat. Da ist aber noch der Alte. Vor dem
graul' ich mich geradezu. Er wird _auch_ nicht nein sagen, wenn ich fr
dich anhalte -- i, wo wird er denn--, aber ich frchte, wir werden
nicht gut zueinander passen. Ich habe das jetzt schon gemerkt. Er hat
etwas gegen uns Kaufleute -- weniger gegen das Brgertum im allgemeinen,
wie gerade gegen uns Kaufleute. Ah bah -- ich sage dir, Gunther, es
_ist_ so! Der alte Groll der Landwirtschaft gegen die Industrie! Er kann
auch nicht verwinden, da ich ihm seine Klitsche abgekauft habe. Und --
und -- kurzum, ich will dich nicht beeinflussen, aber ich rate dir: sei
vernnftig und berlege!

Die Rtin hatte sich nicht wieder in die Unterhaltung gemischt. Sie sa
schweigend am Teetisch und rhrte mit dem Lffel in ihrer Tasse. Aber
pltzlich legte sie den Lffel hin und wandte sich auf dem Stuhle um.

Da ich die Mutter bin, so ist mir vielleicht auch noch ein Wort
gestattet, sagte sie. Ich kann deine Gegengrnde nicht anerkennen,
Alfred; ich will dich nicht beleidigen, ich mu dir aber sagen, da ich
sie lcherlich finde. Wenn es sich um das Glck eines unsrer Kinder
handelt, kommen _wir_ immer erst in zweiter Reihe. Nimm wirklich an,
Frulein Hedda und ihr Vater seien hochmtig und adelsstolz: wenn ich
wei, da Gunther glcklich ist, lass' ich mich schon ber die Achsel
anschauen, und ich werde die Hand auf das Herz pressen, wenn es dabei
gar zu sehr zuckt. Im brigen stimme ich aber der Ansicht Gunthers zu:
das Frulein hat viel zu viel Takt, um zwischen uns und den Ihren
gesellschaftliche Unterschiede zur Betonung zu bringen. Und schlielich
das Geld. Gunthers Kinder werden auch einmal erwerben lernen! Willst du
bis in das dritte und vierte Glied hinein sorgen?

Als sie ausgesprochen hatte, erschrak sie fast ber ihre Khnheit. Sie
war an das Sich-beugen und -ducken gewohnt. Ein flammendes Rot huschte
ber ihre Wangen; sie wandte sich wieder dem Tische zu und griff
abermals nach dem Teelffel.

Gunther war hinter sie getreten und drckte einen Ku auf ihren
Scheitel. Ich danke dir, Mutter, sagte er; du hast recht.

Der Rat zuckte mit den Schultern.

Es fllt mir nicht ein, den Tyrannen spielen zu wollen, bemerkte er,
mit Absicht ein wenig leichthin. Auch mir steht das Glck meiner Kinder
ber der eignen Person -- jawohl, teure Gattin, und ich bitte, da du
davon Notiz nimmst! ... Bleibst du nach reiflicher berlegung bei deinem
Vorhaben, Gunther, so teile es mir am Nachmittag mit. Langes Fackeln
liebe ich nicht. Hellsterns sind heute abend hier -- da wird sich
Gelegenheit finden, mit dem Alten ein Wrtlein unter vier Augen zu
sprechen.

Er ging, aber man merkte an dem heftigen Zuschlagen der Tr, da sein
leichter Ton Komdie war.

Die Rtin war still sitzen geblieben. Sie rhrte noch immer mit dem
Lffel in ihrem erkalteten Tee herum, als wolle sie durch diese Bewegung
das leise Zittern ihrer Hnde verdecken. Doch Gunther sah, wie es um
ihre Mundwinkel zuckte, und sah auch die schwere Trne, die ber ihre
Wange rann.

Mutterchen, fragte er leise, warum weinst du denn?

Sie blickte zu ihm auf, und es lag ein so schmerzlich weher Ausdruck in
ihrem Auge, da Gunther ein eisiges Schauern in seinem Rcken zu spren
meinte. Es war ihm, als habe er zum erstenmal in die Seele dieser armen
Frau geschaut, die das Herzensglck, das sie fr ihre Kinder erwnschte,
nie selbst kennen gelernt hatte.

Er lie sich vor ihr nieder, kte ihre Hnde und gab ihr alte, liebe,
fast vergessene Schmeichelnamen aus seiner Kinderzeit. Fest drckte sie
ihren Liebling an sich, aber die Tapferkeit, die sie auf dem langen,
den und traurigen, staubgrauen Wege ihrer Ehe aufrecht erhalten hatte,
brach: sie konnte den Trnen nicht mehr wehren, die unaufhaltsam
flossen.

       *       *       *       *       *

Die Kirchglocken luteten noch immer. Der Schneefall hatte nachgelassen,
und in der reinen, sonnendurchstrmten Winterluft tnte der Klang der
Glocken fast durch das ganze Tal.

Auch der Freiherr hatte sich entschlossen, einmal wieder das Gotteshaus
zu besuchen. Er war, obwohl ihm eine gewisse naive, von Skrupeln und
Grbeln freie Frmmigkeit eigen, niemals ein eifriger Kirchgnger
gewesen, und in letzter Zeit hatte er sich seiner Ischias wegen so wie
so kaum vom Platze rhren knnen.

Heute aber fhlte er sich wohler. Der alte Klempt hatte ihm vor einigen
Tagen eine Einreibung gebracht, die Tante Pauline nach einem Rezept
ihrer Gromutter zurechtgebraut, das sie zufllig zwischen allerhand
alten Sachen beim Aufrumen ihrer Truhe gefunden hatte. Es waren
Ingredienzien dabei, die man heute kaum noch dem Namen nach kennt, wie
zum Beispiel Bleygtte, ein halb Pfund fein gepulvert, und ein
Viertelpfund geschlte Alantwurzel, aber Tante Pauline wute schon
Bescheid, und sie entsann sich auch, da ihr Grovater, der schon vllig
gelhmt gewesen war, kraft dieses Mittels wieder hatte gehen lernen. Und
da hatte sie gemeint, es knne nicht schaden, wenn der Herr Baron es
auch einmal probiere, und hatte sich an die Arbeit gemacht. Schwer war
nur eins zu beschaffen gewesen, nmlich das Weie eines Eis von einer
schwarzen Henne. Die Langheinrichen besa allerdings ein schwarzes Huhn,
aber das legte derzeitig nicht. Glcklicherweise hie es in dem Rezept:
oder wenn du dies nicht hast, nimm statt dessen Bofist und menge ihn
mit ein klein wenig halb verbrannter Brotrinde in einem viertel Quart
starkem Branntwein; doch mu der Branntwein vierundzwanzig Stunden
vorher an einem warmen Ort gestanden haben, in einer Flasche, die du mit
einer Blase zubinden mut, in welche du eine Stecknadel steckst. Das
hatte Tante Pauline denn auch getan.

Der Freiherr hatte Klempt sehr schn gedankt, und als August des Abends
mit der Einreibung kam, hatte er den braven Diener hinauswerfen wollen.
Er verbte sich, ihm mit dem Geschmurgel an den Leib zu kommen.
Indessen ein paar Tage spter, als die Schmerzen gerade sehr heftig
waren, hatte Hellstern von selbst von der Klemptschen Einreibung
angefangen. Hol mal den Jux her, sagte er zu August; hilft's nichts,
ist's noch so! Und freudestrahlend lief August davon, um die kostbare
Mixtur zu holen. Er rieb den Alten so krftig ein, da Hellstern
gewaltig schimpfte, fluchte und wetterte, was fr August aber eine wahre
Wohltat zu sein schien, denn sein Gesicht wurde whrenddessen immer
freundlicher. Und dann packte er den Baron in das Bett, wickelte ihn
gehrig ein und legte zwei Wrmflaschen in die Kissen, denn Klempt hatte
betont, da der gndige Herr nach der Einreibung gehrig schwitzen
msse.

Und merkwrdig genug -- als Hellstern am andern Morgen aufstand, fhlte
er sich erheblich wohler. Vielleicht hatte nur die krftige Massage
Augusts gewirkt, vielleicht auch die Schwitzkur -- Tatsache war, da der
Baron sich freier und ohne starke Schmerzen bewegen konnte. Das machte
ihn ganz glcklich. Drthe mute zu ihm kommen; die Einreibung von
Vatern sei zwar nicht viel wert, aber fr den guten Willen wolle er der
Drthe einen Taler schenken, und zwar einen mit der Inschrift: Segen
des Mansfelder Bergbaus. Drthe war so gerhrt, da sie erst dem Alten
die Hand kte und dann zu Hedda lief, ihr die Geschichte zu erzhlen
und ihr gleichfalls die Hand zu kssen. Schlielich erfuhr auch August
von der Sache, und sie betrbte ihn; wenn der Alte einen Taler
verschenke, meinte er, so werde er sicher nicht mehr lange leben. --

Hellstern schritt am Arme Heddas zur Kirche. Es hatte bereits zum
dritten Mal gelutet, und von allen Seiten strmten die Leute herbei,
grten den Baron mit einer gewissen freundlichen Unterwrfigkeit,
blieben wohl auch, Front machend, vor ihm stehen und verbeugten sich
ungeschickt. Vor der Kirchhofstr hielt der Schlitten des
Kommerzienrats. Die Herrschaften waren bereits ausgestiegen und sprachen
mit einem hochgewachsenen Herrn in schwarzbraunem Ulster und
Zylinderhut.

Hellsterns Fu stockte pltzlich. Was Teufel, sagte er halblaut, ist
das nicht Klaus?!

Er schaute zu Hedda auf, schien aber nicht zu bemerken, da sie erblat
war.

Ja, erwiderte sie nickend, es ist Klaus.

Der Alte unterdrckte einen Fluch.

Skandals, da der sich berhaupt noch sehen lt! murrte er. Wir
gren, Hedda, doch ohne ihn anzusprechen!

Und sie gingen vorber. Aber der Vorsatz des Alten war unausfhrbar.
Kaum hatte Schellheim ihn gesehen, so scho er auf ihn zu.

Mein Kompliment, lieber Baron! Freu' mich von Herzen, Sie so rstig zu
sehen.... Denken Sie, ich wute ja gar nicht, da Sie mit Herrn von
Zernin verwandt sind--

Doch -- ja, mein verehrter Herr Rat--

ber einen Scheffel Erbsen, pflegt man bei uns zu sagen, wenn man eine
weitlufige Verwandtschaft bezeichnen will, warf der Herr im
Zylinderhut lachend ein. Dann bot er Hellstern die Hand. Tag, Onkel!
Was macht die Chronika derer von Hellstern? Und schon stand er vor
Hedda. Tag, gndigste Cousine -- seit Ewigkeiten nicht gesehen!
Freilich, ich sitze wie ein Maulwurf in meinem Bau und schleiche mich
hchstens einmal nachtsber auf den Anstand, wenn du lngst in seligem
Schlummer liegst. Wie geht's?

Ich danke dir, gut, antwortete sie und wandte sich an Gunther, der mit
abgezogenem Hute an sie herangetreten war.

Aus der Kirche ertnte bereits Orgelklang. Man schritt ber den
Friedhof, und bis zur Kirchentr sprach der Kommerzienrat in seiner
lebhaften Art in Hellstern hinein. Hedda war ngstlich geworden. Sie
hrte nur vereinzelte Brocken, vernahm aber wiederholt das Wort
Quelle, und sie sah, da das Gesicht ihres schweigsam zuhrenden
Vaters immer rter wurde. 'Diese Quelle wird uns allen noch Unglck
bringen,' dachte sie.

Die Hellsterns besaen in der Kirche ein Chor, hatten es aber der
Familie des Kommerzienrats berlassen und dafr die Sitze unten neben
der Sakristei genommen, die fr die Besitzer des Auguts reserviert
waren. Der Baron vermied es seines Leidens wegen gern, Treppen zu
steigen.

Die Kirche war gro, doch kahl und drftig im Innern. In dieser mehr
als einfachen Ausstattung fiel der neue rote Behang ber Altar, Kanzel
und Taufbecken, den Schellheim gestiftet hatte, um so mehr auf. Er
leuchtete weithin, wie das Wort der Verheiung, das von dieser heiligen
Stelle ausging.

Von den Sitzen der Hellsterns aus konnte man das Augutchor bersehen.
Die Rtin sa zwischen ihrem Gatten und Gunther, dann blieben drei
Sthle frei, und in der Ecke hatte sich Herr von Zernin niedergelassen.

Sein Erscheinen in der Kirche erregte Aufsehen. Aller Blicke richteten
sich auf ihn. Besonders die jungen Mdel schienen sehr interessiert zu
sein; Liese Braumller schielte ber ihr Gesangbuch fort alle Augenblick
nach dem Chor hinauf.

Hedda sang mit ihrem schnen Alt das Einleitungslied mit. Ihr Blick
wagte sich nicht von dem Buche fort. Eine leichte Rte lag auf ihren
Wangen; sie fhlte, da Zernin sie beobachtete. Innerlich grimmte sie
das; seine unverfrorene Keckheit schien die alte geblieben zu sein --
trotz allem. Dieses trotz allem fand Widerhall in ihrer Seele. Whrend
ihre Lippen das Lied sangen, war es ihr, als wiederhole sie immer und
immer wieder das trotz allem. Sie war nervs, und um sich abzulenken,
schaute sie auf den Altar, vor den soeben der Pastor trat.

Eycken neigte das graue Patriarchenhaupt und betete, das Gesicht dem
Kruzifix zugeneigt, dessen weier Marmor sich lichthell von dem roten
Untergrunde abhob, mit dem Rcken gegen die Gemeinde. Dann wandte er
sich um und blieb aufrecht stehen, wartend, bis das Eingangslied zu Ende
sein werde. Und jetzt schweifte seiner Gewohnheit gem sein Auge mit
raschem Prfen durch das Kirchenschiff. Die Gemeinde schien vollzhlig
versammelt zu sein -- Eycken nickte befriedigt. Pltzlich glitt ber
sein Gesicht ein Ausdruck von Erstaunen; Hedda senkte wieder den Blick
auf das Gesangbuch, denn nun wute sie, da das Auge des greisen
Pfarrers im nchsten Moment sie selbst treffen wrde. Und so war es in
der Tat, doch Eycken schaute nur flchtig, einen leichten Wolkenschatten
auf der Stirn, zu Hedda hinber und ffnete dann sein Buch zum Beginn
der Liturgie ...

Es war kalt in der Kirche. Die Sonne wrmte nicht, sie leuchtete nur.
Sie fllte den kahlen Raum mit einem weigelben Schimmer, der in den
Winkeln der Sakristei zu verwischtem Graugrn wurde. Auf einer der hell
getnchten Wnde lagen die Schatten der Bleiumfassung in den Fenstern,
ein leise zitterndes Gitterwerk von unbestimmten Konturen.

Whrend der Liturgie versuchte Hedda, sich andchtig zu sammeln. Aber es
war vergebene Mhe. Das unerwartete Wiedersehen mit dem, der kaum eine
Wegstunde vom Baronshof entfernt wohnte und fr sie dennoch so gut wie
verschollen war, hatte sie stark erregt. Gegen ihren Willen rechnete sie
nach: wann hatte sie Klaus Zernin zum letztenmal gesehen? Es war lange
her -- ber ein Jahr. Und als reie pltzlich ein Vorhang vor ihren
Augen, so deutlich trat die Abschiedsstunde in ihr Gedchtnis zurck.
Mit allen Einzelheiten, auch den rein uerlichen der Szenerie: der
Eichenschonung am Forsthause, die im ersten Grn des jungen Lenzes
prangte, dem Blttermoder am Boden, in dem der Fu bis an die Knchel
versank, und dem Nebelmeer, das ber die Wiesen brodelte. Und sie
glaubte auch seine Stimme zu hren.... Sie hatten vernnftig
miteinander gesprochen und ruhig und leidenschaftslos. So schien es. Sie
waren sich klar darber geworden, da sie sich nicht angehren konnten
-- aus hundert stichhaltigen Grnden. Und deshalb wollten sie sich nicht
mehr sehen. Das war um so weniger schwer durchzufhren, als Hellstern
dem leichtsinnigen Neffen lngst seine Schwelle verboten hatte; er
wollte mit dem, der seinen Namen schndete, keine Gemeinschaft haben
und ahnte dabei nicht einmal, wie tief sich das Bild des wilden Junkers
in das Herz seiner Tochter gegraben hatte.... Mit einem Hndedruck waren
sie voneinander geschieden, und Klaus wie Hedda hatten vermeint, das
wrde der letzte gewesen sein. Denn damals schon trug sich Zernin mit
dem Gedanken, auszuwandern. Er konnte sich auf dem verwsteten Erbe
nicht lnger halten; um ihn und ber ihm brach alles, alles zusammen ...

Hedda hatte seit jener Abschiedsstunde in der Tat nichts mehr von ihm
gehrt. Selbst der Klatsch fand in die Einsamkeit des Baronshofs keinen
Eingang. Aber da Klaus sich so unerwartet wieder unter den Menschen
zeigte, schien zu beweisen, da es ihm besser gehen mute. Auch sein
ueres sprach dafr: das Selbstbewutsein, mit dem er auftrat, der alte
Ausdruck bermtiger Keckheit auf seinem Gesicht. Wie alt war er jetzt?
Und wieder rechnete Hedda nach, whrend die dnnen Stimmen der Kinder
auf dem Orgelchor das Kyrie eleison sangen. Sechsunddreiig; sein
Geburtstag fiel in den gleichen Monat wie der ihre, in den Mai. Aber er
sah jnger aus mit seiner eleganten, geschmeidigen und elastischen Figur
und dem bildhbschen Gesicht, auf dem weder das tolle Leben noch die
Sorgen um die Existenz Spuren des Verfalls zurckgelassen hatten. Es war
glatt, rosig und heiter wie immer, dieses vornehme Junkergesicht mit der
intelligenten Stirn und der wunderschn gezeichneten Nase, dem sorgsam
gepflegten blonden Schnurrbart und dem etwas zurcktretenden Kinn. Und
auch die hellen blauen Augen sprhten noch immer in unverminderter
Lebenslust -- trotz allem. Das war sein Lieblingsausdruck, dieses trotz
allem ...

Hedda schreckte aus ihren Erinnerungen empor. Sie hrte die Stimme des
Pastors, der die Kanzel bestiegen hatte und mit seinem schnen, sonoren
Organ die Epistel verlas. Der alte Mann dort oben hatte ihr in jenen
Zeiten schwerer Herzensbedrngnis mit lindem Wort und warmem Gemt die
verzweifelnde Seele gerettet. Ihm allein hatte sie sich anvertraut, da
sie des Vaters rauhe Art frchtete, die schon damals Klaus von Zernin
vom Baronshof verjagt hatte. Und Eycken konnte um so besser die
Vermittlungs- und Verstndigungsrolle bernehmen, da er der intimste
Freund des alten Baron Zernin, des verstorbenen Vaters von Klaus,
gewesen war, durch dessen Beihilfe der Pastor auch seinerzeit die Stelle
in Oberlemmingen erhalten hatte. Mit milder Freundlichkeit, aber
entschiedener Energie hatte Eycken seinen ganzen Einflu auf Hedda
aufgeboten, um sie von ihrer unseligen Liebe fr den verbummelten Junker
zu bekehren. Denn besser als sie glaubte _er_ Klaus von Zernin zu
kennen. Oft genug war er zu nchtlicher Stunde und zu Fu, um nicht
gesehen zu werden, durch den Wald nach Dbbernitz geeilt, um mit Klaus
Rcksprache zu nehmen, wenn wieder einmal einer seiner unsinnigen
Streiche zu seinen Ohren gekommen war -- irgend eine tolle
Weibergeschichte, die die ganze Umgegend in Aufruhr brachte, ein wildes
Gelage in Zielenberg oder in Klpin, wo die Knigindragoner standen,
oder eine gesetzwidrige Vergewaltigung der Glubiger.... Und bei solchen
Rcksprachen schwand die christliche Milde bei Eycken, da wurde er zum
zornigen Eiferer, und die Stimme schwoll an, und seine Augen blitzten.
Aber was half das alles?! Es kam eine Zeit, da auch er sich sagen mute,
Klaus sei nicht mehr zu helfen, eine Zeit, da der ehrliche Zorn des
alten Mannes zu flammendem Ingrimm wurde. Hedda erfuhr niemals
Einzelheiten aus dem Leben von Klaus; sie wute nur, da er ein
leichtsinniger Wirtschafter war -- alle Welt wute das. Aber an jenem
Tage, da Eycken sich mit ihr einschlo, um sie beim Andenken an ihre
Mutter zu beschwren, dem wilden Burschen fr immer zu entsagen, da kam
doch etwas wie ein Ahnen ber sie, da Klaus nicht nur leichtsinnig,
sondern auch schlecht sein mute ...

Die Predigt hatte begonnen. Nur das wohllautende Organ Eyckens war
hrbar und hin und wieder ein leise raschelndes Gerusch, wenn der Wind
die schneebepackten Zweige des alten Maulbeerbaumes, der drauen vor
einem der Fenster stand, gegen die Scheiben warf. Hedda schaute mit
andachtsvollem Blick zur Kanzel empor, und der Alte neben ihr schnaufte
leise. Es sa sich unbequem in dem engen Kirchenstuhl. Oben auf dem Chor
hatte der Kommerzienrat die Hnde ber dem Bauche gefaltet und kmpfte
sichtlich mit einer ihn berkommenden Mdigkeit; die Rtin sa, vor
Frost zeitweilig erschauernd, mit gro offenen Augen neben ihm. Herr von
Zernin lie den Blick im Kirchenschiff umherschweifen; er hatte Liese
Braumller entdeckt, und ein rasches Lcheln flog um seinen Mund.

Nun Hedda die gesuchte Andacht gefunden hatte, blieb sie auch in
Sammlung bis zum Schlusse des Gottesdienstes. Beim Endchoral bliesen die
beiden Posaunen mit. Die Rtin hatte das noch nie gehrt und schaute
verwundert nach dem Orgelchor hinber, von dem die gewaltigen Tne
drangen. Es war eine vollendete Disharmonie, doch sie strte keinen --
hchstens den kleinen Raupach, der um diese Zeit aus seinem
Kirchenschlummer erweckt zu werden pflegte.

Dann luteten wieder die Glocken, und die Gemeinde strmte hinaus, durch
die beiden Tren, vor denen hlzerne Schemel mit Tellern fr die
Missionskollekte standen. Aber die wenigsten gaben; ein paar Pfennige
lagen auf den Tellern, dazwischen ein Fnfzigpfennigstck von Hedda und
ein blanker Taler als Spende des Kommerzienrats.

Hellstern wollte am Arme seiner Tochter rasch an der kleinen Gruppe
vorberhumpeln, die sich vor dem Schlitten Schellheims gebildet hatte,
doch der Kommerzienrat rief ihm nach:

Auf Wiedersehen heute abend, lieber Baron!

Auf Wiedersehen! gab Hellstern etwas brummig zurck und tappste
weiter. Aber vor der Parktr entlud sich sein Zorn.

Schellheim scheint den Klaus an sich ziehen zu wollen, grollte er.
Ein Baron mehr -- das angelt nach uns! Er mu doch gehrt haben, wes
Geistes Kind unser sauberer Herr Vetter ist! Er mu doch wissen, da wir
das Tischtuch zwischen ihm und uns zerschnitten haben! Himmeldonnerwetter,
Hedda, wenn der Kommerzienrat vielleicht auf die wahnsinnige Idee
verfallen ist, den Klaus gleichfalls zu heute abend zu laden -- ich mache
auf der Stelle kehrt! Ich mache kehrt, sage ich dir!

Das wrde nur unhflich sein, Papa, erwiderte Hedda ruhig. Vorderhand
glaube ich noch nicht, da Klaus im Auschlosse sein wird. Und wenn
dennoch -- dann mu es _auch_ ertragen werden. Wir leben nun einmal in
der Welt.

Der Alte stampfte wtend mit seinen Krckstcken auf den gefrorenen
Schnee.

Das Blut steigt mir zu Kopf, wenn ich den Burschen nur sehe! rief er.
Mit welcher Frechheit er uns begrte! Lchelnd und gleichmtig, als ob
gar nichts geschehen sei.... Vielleicht will ihm Schellheim wieder auf
die Beine helfen -- haha! Da ist Hopfen und Malz verloren -- nicht
einmal die Winterung hat er mehr bestellen knnen -- die Tagelhner sind
ihm davongelaufen -- im November war wieder einmal Subhastationstermin
angekndigt! Ich verstehe nicht, da Klaus nicht lngst zum Teufel ist!
Htte er Ehrgefhl im Leibe, so htte er sich schon vor drei Jahren nach
Amerika scheren mssen! Pah -- Ehrgefhl -- _der_?!...

Hedda schwieg. Ihre Wangen brannten, aber der Vater konnte nicht ahnen,
wie tief ins Herz sie jedes seiner Worte traf. Dennoch machte es ihn
stutzig, da sie keine Antwort gab. Sie opponierte sonst gern. Er blieb
stehen und schaute sie an. Was sagst du?! fragte er.

Nichts, Papa.

Warum nicht?! Ich glaube, du nimmst immer noch die Partei dieses
ehrlosen Patrons?!

Eine Flamme schlug ber das Gesicht Heddas.

Ich bitte dich, Papa -- bitte dich herzlich: wg deine Worte ab! Noch
immer zhlt Klaus zu unsrer Verwandtschaft--

Lngst nicht mehr!

Und wenn du ihn hundertmal von deiner Schwelle jagst -- er _bleibt_
unser Vetter! Vergi das nicht! Und vergi auch nicht, da Leichtsinn
noch keine Ehrlosigkeit ist--

Halt mal, Hedda-- und Hellstern erhob seine Krcken. Ich war auch
jung und ein Brausewind wie der da. Aber ich hielt mein Wappenschild
rein. Er hat das seine besudelt. Du weit nicht, _was_ er alles gemacht
hat, um -- aber nein, dein Ohr, mein Kind, ist zu keusch, um diese Dinge
zu hren. Nur eins la dir sagen: ich htte ihm nicht wie einem Banditen
mein Haus verschlossen, wenn er _nur_ leichtsinnig gewesen wre. Und
auch nicht der Pastor, der mit dem alten Zernin so treu befreundet war
wie ich. Wir hatten unsre guten Grnde, ihn abzuschtteln.... Nun gib
mir einen Ku!

Er neigte den Kopf, und die Lippen Heddas berhrten seine borstige
Wange. Doch es war kein Ku wie sonst. Ein heimliches Angstgefhl begann
Hedda zu qulen. Fragen und Zweifel stiegen in ihr auf und noch ein
andres qulendes Etwas -- das Gefhl, den doch nicht vergessen zu haben,
den sie hatte vergessen _wollen_.




Siebentes Kapitel


Es war die erste grere Gesellschaft, die man auf dem Auschlosse gab.
Der Kommerzienrat hatte Herbst und Winterbeginn dazu benutzt, auf den
meisten Gtern im Kreise Besuch zu machen, und man hatte den reichen
Mann fast berall mit offenen Armen empfangen. Der Grundbesitz in
unmittelbarer Umgebung von Oberlemmingen befand sich fast gnzlich in
brgerlichen Hnden. Nur Dbbernitz und Kleeberg, letzteres das Gut des
Landrats von Wessels, waren Adelssitze. Aber auch aus weiterer
Entfernung war eine Anzahl von Gsten eingetroffen: die Familie von
Klitzingk auf Wernochow, der Kammerherr von Ponteck auf Klein-Gster,
die Nehringens auf Schnwaide und schlielich auch -- der Stolz
Schellheims -- Exzellenz von Usen-Karst auf Karstedt.

Es war zum Diner -- zu sechs Uhr -- eingeladen worden, eine fr
lndliche Verhltnisse ziemlich ungewhnliche Zeit. In langer Reihe
fuhren Wagen und Schlitten den Auberg hinauf. Das halbe Dorf war auf den
Beinen, um die Auffahrt anschauen zu knnen. Man stand dicht gedrngt
lngs des Weges und machte zu jedem Gefhrt seine Bemerkungen. Die aus
der Umgegend kannte man an den Pferden, den Wagen, dem Kutscher. Da kam
zuerst der riesige Verdeckschlitten des Oberfrsters, dessen Kasten, die
Arche Noah genannt, eine zahlreiche Familie beherbergte: Vater Tornow,
die Mutter und drei Tchter, niedliche Dinger, die Auguste, Berta und
Constance hieen, von dem die Krze liebenden Oberfrster aber nur A, B
und C genannt wurden. Dann die Viktoriachaise des Hauptmanns Biese von
Grochau, eines riesigen Menschen mit Bulldogggesicht, der eine ganz
kleine, unendlich verschchterte Frau besa, -- der Schlitten der Frau
Necker, einer reichen Rittergutsbesitzerswitwe, unfrmlich dick und
stets wie ein Puthahn geblht, -- und der Klapperkasten des Doktor
Stramin, des Kreisphysikus aus Zielenberg, den man eigentlich nie anders
als auf der Landstrae sah: wenn die Praxis ihn nicht unterwegs hielt,
reiste er als fanatischer Politiker im Auftrage des konservativen
Wahlkomitees umher und hielt seine donnernden Reden, wo es nur angngig
war.

Pltzlich ging eine Bewegung durch die Reihen der Zuschauer. Ein
merkwrdiges Gefhrt raste den Weg hinauf -- ein Schlitten in
Schwanenform, in dem eine einzelne Dame sa. Sie mute noch jung sein;
ein dunkles Augenpaar leuchtete durch den weien Schleier, der ber die
pelzbesetzte Konfderatka gebunden war. Ein kostbarer Pelz hllte auch
die ganze Gestalt ein; die Adjustierung der Pferde zeugte von Reichtum
-- was aber am meisten auffiel, war die scharlachrote Livree des
Kutschers. Einer aus der Menge, Anton Tengler, wute Bescheid: die Dame
war Frau Rittmeister Woydczinska aus Seelen. Nun rasselte ein groer
Landauer heran: die Klitzingks aus Wernochow -- das breite, rote Gesicht
des alten Freiherrn mit dem weien, auseinandergewirbelten
Katerschnurrbart glnzte durch die Fensterscheiben. Hinter ihm zgelte
Herr von Wessels, der Landrat, ein noch junger Herr, eigenhndig sein
feuriges Rappengespann; dann kam der Schnwaider Schlitten -- den Major
von Nehringen konnte man schon von weitem an seiner groen Hakennase
erkennen, die in glnzender Rte aus dem hochgeschlagenen Pelzkragen
hervorlugte. Und abermals rasselte es auf dem hartgefrorenen Fahrdamm,
-- Donnerwetter, wer war denn das?! Nichts Vornehmes, ganz gewi nicht,
denn der Schlitten bestand nur aus einem einfachen Korbgeflecht, das auf
ein Kufenpaar gesetzt worden war, und der Kutscher trug nicht einmal
Livree, sondern einen alten Schafpelz. Und der Kutscher sa auch nicht
auf der Pritsche, weil keine vorhanden war, sondern neben seinem Herrn,
der dicht in einen ehemaligen Militrmantel gewickelt war und die
verschossene Jagdmtze so tief in die Stirn gerckt hatte, da man von
dem ganzen Gesicht fast nur den buschigen, graugrnen Schnauzbart sehen
konnte. Sicher nichts Vornehmes -- nein, diesmal war's Tuschung: etwas
auerordentlich Vornehmes sogar, nmlich Exzellenz von Usen-Karst,
ehemals bevollmchtigter Minister und auerordentlicher Gesandter des
Reichs bei der Hohen Pforte, Besitzer der Herrschaft Karstedt und, wie
man wissen wollte, ein vielfacher Millionr....

Vom Auberge aus grte das Schlchen mit achtzig leuchtenden Augen zu
Tal. Es war wie eine Illumination. Die Leute blieben auch nach beendeter
Auffahrt noch lange am Wege stehen und schauten hinauf. Trotz der
Winterklte waren die hohen Flgeltren, die durch eine kleine Entree in
die Halle fhrten, weit geffnet, und von hier aus strmte eine ganze
Flut gelben Lichts ins Freie und mischte sich in die rote Glut, die die
beiden mit brennendem Pech gefllten, auf schlankem eisernen Unterbau
ruhenden Pfannen zu seiten des Portals ausstrmten.

Der Kommerzienrat hatte alles aufgeboten, seine Gste wrdig zu
empfangen. Auch die Zahl der Dienerschaft war vermehrt worden. Drei
Galonnierte halfen den Herrschaften aus Schlitten und Wagen, und in der
Entree warteten zwei Kammerzofen, um die Damen in die Garderobe zu
geleiten. Es lie sich nicht leugnen: alles hatte Chic. Der
Kommerzienrat war zu weltklug, bei dieser Gelegenheit der leichten
Neigung zur Protzigkeit, die dem intelligenten Parven zuweilen noch
anhaftete, nachzugeben.

Flankiert von Gattin und Sohn -- Hagen hielten die Geschfte in Berlin
zurck--, empfing er die Gste in der Halle, die eine angenehme Wrme
durchstrmte, und in deren groem Kamin ein helles Feuer flackerte. Man
schttelte sich die Hnde, und immer wieder kehrten dieselben
Begrungsphrasen zurck.

Herr Oberfrster -- freue mich sehr, sehr.... Gndigste Frau! ... Meine
verehrten jungen Damen! ... Ah -- Herr von Nehringen -- freue mich sehr,
sehr -- meine gndige Frau! ... Exzellenz -- freue mich sehr, sehr...

Und diesmal verbeugte sich Schellheim ganz besonders tief. Der alte
Usen, der mit seinem weien Schnauzbart in dem weinroten Gesicht und
den schweren Trnenscken unter den kleinen, listig funkelnden Augen und
mit dem burgunderfarbenen Fes, den er auf dem haarlosen Scheitel trug,
wie ein Pascha aussah, grunzte etwas Unverstndliches vor sich hin und
schielte dabei lstern zu der schnen Frau Woydczinska hinber, die Herr
von Wessels, ihr Gutsnachbar, soeben in die Salons fhrte. Diese drei
Salons hatte der Kommerzienrat durchweg neu einrichten lassen, und da
gerade der Empirestil in der Mode war, so prangten in allen drei
Gemchern die geradlinigen steifen Sofas und Sessel der napoleonischen
Zeit; auch eine Bronzebste Bonapartes und ein lbild des Knigs von Rom
fehlten nicht. In den Kronleuchtern brannten Wachskerzen und die Tapeten
zeigten ein modernisiertes Grecquemuster. Es war alles stilgerecht.

Die Gste fluteten in den Empirezimmern hin und her. Noch immer begrte
man sich oder lie sich vorstellen. Ein Summen und Rauschen ging durch
die Gemcher. Baron Hellstern hatte ein paar gute alte Bekannte
wiedergefunden und plauderte mit ihnen in einer Fensternische, fest auf
seine Krckstcke gesttzt, denn er fhlte sich unsicher auf dem blanken
Parkett und getraute sich nicht, sich auf einem der zierlichen Sthle
mit ihren vergoldeten Fen niederzulassen. Hedda stand mitten unter den
jungen Mdchen, die einen Kreis um sie bildeten; frhliches Lachen klang
aus dieser Gruppe, besonders das A, B, C des Oberfrsters kicherte
bestndig und gewhnlich unisono, in drei Tonlagen. Exzellenz Usen hielt
die tief dekolletierte Frau Woydczinska fest und schmunzelte dabei ber
das ganze Paschagesicht. Sie war die Witwe eines Polen und selbst Polin,
eine schne, kokette Frau, der man allerhand nachredete, die sich aber
um keinen Klatsch der Welt kmmerte und ihre emanzipierten Allren frei
zur Schau trug. Auch Pastor von Eycken war gekommen; er war den meisten
fremd -- Gunther besorgte die Vorstellung.

Ziemlich zuletzt erschien Klaus von Zernin, mit heiterem Gesicht und
einem etwas spttischen Zug um den Mund. Er war boshaft genug, sich ber
die berraschung zu freuen, die sein Auftauchen hervorrufen wrde; er
verkehrte seit Jahren nicht mehr in den Familien der Umgegend. Die
Mtter schilderten ihn als verworfenen Wstling, und smtliche
Backfische zitterten in sem Schaudern vor ihm. Als er eintrat, stockte
pltzlich die Unterhaltung; es wurde ngstlich still. Die Oberfrsterin
glitt in instinktiver Aufwallung ihres mtterlichen Herzens wie
schtzend an ihr rosenwangiges A, B, C heran. Hellstern, der neben dem
Landrat stand, wollte aufbrausen, begegnete aber dem warnenden Blicke
Heddas und schluckte seinen Groll mit verbissenem Gesicht in sich
hinein. Im brigen wich die allgemeine Bestrzung rasch wieder einer um
so lebhafteren Unterhaltung, mit der man glttend ber das auffallende
Geschehnis hinweggehen wollte. Herr von Zernin war allen bekannt; mit
der Eleganz eines vollendeten Weltmannes verneigte er sich nach allen
Seiten, immer mit gleich liebenswrdigem Lcheln, ohne die eisigen
Gesichter der Herren, die frostigen Mienen der Damen und die Purpurglut
auf den Wangen der Backfische zu beachten. Zu allgemeinem Entsetzen
streckte ihm Frau Rittmeister Woydczinska unbefangen die Hand entgegen.

Gr Gott, lieber Baron, sagte sie freundlich; wir haben uns ja seit
Ewigkeiten nicht gesehen!

Und dann geschah noch etwas berraschendes. Auch Exzellenz Usen reichte
Zernin die Hand, vielleicht nur aus Geflligkeit fr seine schne
Nachbarin, vielleicht auch, um deren Unbegreiflichkeit ein wenig zu
verdecken, -- aber jedenfalls stand die Tatsache fest: er begrte den
Verfemten in sehr herzlicher und entgegenkommender Weise. Und das wirkte
wie ein Zauberschlag auf die ganze Gesellschaft. Unwillkrlich wurden
die Mienen freundlicher, und der Landrat flsterte Hellstern erstaunt
und fragend ins Ohr: Der Zernin rappelt sich wohl allmhlich wieder in
die Hhe?

Hellstern antwortete nicht, sondern begngte sich mit einem
Achselzucken. Die Diener hatten die Tren zum Ezimmer geffnet; der
Alte war neugierig, wen man dem Klaus als Tischnachbarin gegeben haben
wrde. Er vermutete, die Woydczinska, denn die beiden paten in
mancherlei Beziehungen zu einander -- aber sein Gesicht frbte sich
dunkel, als er sah, da whrend des allgemeinen Aufbruchs Zernin auf
Hedda zuschritt und ihr den Arm reichte.

Der Kommerzienrat hatte sich dies beim Entwurf zur Tafelordnung wohl
berlegt. Er hatte gehrt, da Herr von Zernin seines Leichtsinns und
seiner brouillierten Verhltnisse wegen in schlechtem Rufe stand, -- da
er indessen seine Plne mit ihm hatte, so lag ihm daran, ihn langsam
wieder in die Gesellschaft einzufhren. Es war schwer, fr ihn eine
passende Tischdame auszuwhlen, aber da fiel Schellheim zum guten Glck
ein, da die Baronesse Hellstern ja eine entfernte Cousine Zernins war.
'Die beiden Verwandten werden sich schon vertragen,' sagte er sich und
schrieb die Namen nebeneinander.

Das Diner war vortrefflich. Exzellenz Usen konnte nicht umhin, seiner
Nachbarin zur Rechten, der langen und mageren Frau von Ponteck,
zuzuraunen, da alles einen recht vornehmen Eindruck mache. Und so war
es in der Tat. Der Kommerzienrat hatte Geschmack. Das Men war nicht
bertrieben, das Service tadellos. Lautlos huschten die Diener hinter
den Sthlen der Gste entlang; es ging alles wie am Schnrchen. Dabei
war der Anblick der Tafel ein glnzender. In den kostbaren Aufstzen aus
Silber und Vieux Saxe blhte ein ganzer Frhlingsflor. Die Mitte des
Tisches nahm eine Art Pyramidenbau aus Silberfiligran ein, der zahllose
schrg gestellte Kristallbecher trug, aus denen eine Flle kstlicher
Rosen in allen Farbennuancen hervorquoll. Und der Duft dieser Rosen
flutete in den Geruch der Speisen hinein, der groen Fleischstcke, die
von den Dienern auf Riesenschsseln prsentiert wurden, geschmackvoll
angerichtet, die Fasane in rotem Federschmuck, gleichsam lebendig, und
die breiten Rehrcken so ausgezeichnet tranchiert, da man kaum die
Schnittlinien sah. Das gefiel Exzellenz Usen-Karst besonders; er tat
sich auf seine Tranchierkunst etwas zu gute und hatte schon lange die
Absicht, ein Handbuch darber zu schreiben, obwohl er genau wute, da
er es nie tun wrde.

Solch ein Diner war auf den mrkischen Landsitzen nicht blich; da gab
man's einfacher, wenn man Gste bei sich sah. Aber es schmeckte allen
ganz ausgezeichnet. Der dicke Hauptmann Biese aus Grochau lie keinen
Gang vorber und nahm jedesmal zweimal; er hatte sich die Serviette um
den Hals gebunden, sprach wenig, a den Fisch mit dem Messer und tupfte
die Soe mit kleinen Brotstckchen auf. Die jungen Mdchen wurden bei
den Gemsen interessierter; Artischocken und Trffeln in der Serviette
hatten bisher die wenigsten gegessen. Auch Frulein Gerlinde noch nicht,
die Tochter des Kammerherrn von Ponteck, die demnchst bei Hofe
vorgestellt werden sollte, aber sie tat wenigstens so, und da sie gegen
diese Gensse vollendet gleichgltig erscheinen wollte, zerstach sie
sich den Finger an einer Artischockenspitze. Exzellenz Usen hielt sich
hauptschlich an die Prsentierweine; sein martialisches Gesicht glhte
frmlich, und der buschige Schnauzer leuchtete schneewei.

Gunther hatte das kleine C des Oberfrsters zu Tische gefhrt, eine
niedliche Brnette, die aus dem Entzcken nicht herauskam und sich
jedesmal auf dem Stuhle geraderckte, wenn ein Blick der Mutter sie
traf, denn das Geradesitzen war ihr besonders vorgeschrieben worden.
Gunther gab sich alle Mhe, seine kleine Nachbarin gut zu unterhalten,
doch er fhlte selbst, da es ihm nicht so recht gelingen wollte. Er war
zerstreut. Sein Auge flog zuweilen mit ngstlichem Aufblick zwischen
das flimmernde Glsermeer auf dem Tische hindurch und suchte Hedda. Auch
sie war zerstreut -- vielleicht langweilte sie sich auch. Sie sprach
wenig, und Gunther schien es, als sei sie heute blasser als sonst.

Das war sie. Der Schrecken, von Klaus zur Tafel gefhrt zu werden, hatte
jeden Blutstropfen aus ihren Wangen vertrieben. Aber sie verstand es,
sich zu beherrschen. Man lebt doch einmal in der Welt, hatte sie ihrem
Vater gesagt. Und dieser Philosophie schien sich selbst der Alte gefgt
zu haben. Er sah noch immer sehr brummig aus, aber er machte wenigstens
keine Dummheiten.

Auch Zernin schickte sich mit Anstand in die Situation. Das war zu
erwarten gewesen. Er tat, als sei niemals etwas zwischen ihm und der
Cousine geschehen; es gab keine himmelhohe Mauer und keine abgrundtiefe
Kluft -- heiter und freundschaftlich begann er mit ihr zu plaudern.

Wir haben uns lange nicht gesehen, gndigste Cousine--

Lange nicht -- wie ist es dir inzwischen ergangen?

Nicht besser als einem, der auf einem Pulverfasse sitzt und jeden
Augenblick auf die Explosion wartet. Aber das ist eine Situation, die
auch ihre Reize hat -- bis einem schlielich das Nervenprickeln zu viel
wird und man allmhlich abstumpft. Du hast deine Tage auf dem Baronshofe
vermutlich friedlicher verbracht.

So friedlich, da ich mich nicht beklagen kann.

Er dmpfte seine Stimme ein wenig; im lauten Gerusch der auf und nieder
wogenden Unterhaltung vermochten sich brigens nur die nebeneinander
Sitzenden zu verstehen.

Du mut mir verzeihen, sagte er, da ich mein Versprechen nicht
halten konnte. Anderthalb Jahre hindurch habe ich die Grenzlinie
zwischen Oberlemmingen und Dbbernitz respektiert. Ob es mir leicht
wurde, tut nichts zur Sache -- jedenfalls hab' ich mein Wort eingelst.
Aber nun ging es nicht anders; ich stehe wieder einmal an der Wende.
Dbbernitz wird im Frhjahr endgltig subhastiert werden.

Das war neu fr Hedda und schmerzlich. Also mute es doch dahin
kommen, sagte sie leise.

Er nickte. Ich habe seit drei Jahren darauf gewartet. Ein Dutzend
Termine wurden angesetzt, und immer schaffte ich noch im letzten
Augenblick Hilfe. Jetzt sind alle Quellen versiegt -- bis auf eine, die
erst zu sprudeln beginnt, die auf der Grauen Lehne--

Was hat die mit _dir_ zu tun?

Viel. Schellheim spekuliert auf Dbbernitz. Ein unternehmender Geist,
sozusagen der Typus der neuen Zeit, die im Zeichen der Industrie steht,
und vor der wir Landjunker die Segel streichen mssen. Das ist nun mal
nicht anders. #Enfin# -- unser liebenswerter Gastgeber hat mir
vorgeschlagen, Kurdirektor von Oberlemmingen zu werden. Was sagst du zu
dieser Idee?

Hedda antwortete nicht sofort. Das, was Klaus erzhlte, kam so
berraschend fr sie, da sie sich Mhe geben mute, ihr Erstaunen zu
verbergen. Sie schttelte den Kopf. War das nicht einfach verrckt?
Wollte der Kommerzienrat denn die ganze Umgegend gegen sich erbittern?
Nein, dazu war er zu klug; er mute seine besonderen Absichten mit Klaus
haben. Aber es war doch verrckt. Klaus pate im Leben nicht in eine
solche Stellung, die groes administratives Geschick erforderte. Und
schlielich mute es fr ihn selbst demtigend sein, sich einen neuen
Wirkungskreis in unmittelbarster Nhe des durch eigne Schuld verlorenen
zu schaffen. Und endlich -- dieser letzte Gedanke trieb Hedda das Blut
in die Wangen--, war es denn nicht qualvoll, sich nach alledem, was
geschehen war, tglich sehen, begren und sprechen zu mssen?

Zernin neigte sich etwas tiefer ber den Teller.

Du scheinst nicht der Ansicht zu sein, da das #changement de la
position# sonderlich beglckend fr mich ist, fuhr er fort. Nein,
Hedda, das ist es wahrhaftig nicht. Aber was soll der Mensch machen?
Mein letzter Ausweg war die Fremde -- Amerika, der Sammelplatz der
verkrachten Existenzen. Hans Zesingen ist auch schon drben -- ich
glaube, er ist Barkeeper in New York und mischt fr andre Porter und
Sekt, seinen alten Lieblingstrunk. Da bleib' ich schon lieber daheim.
Man mu sich in die Verhltnisse zu schicken suchen. Der Junkerschdel
hlt nicht mehr stand. Die Handelsvertrge und das rmische Recht sind
unser Unglck--

Er sprach weiter und weiter, immer halbleise, vom Ruin der
Landwirtschaft und Niedergang des alten Adels. Aber Hedda hrte nur den
Schall der Worte -- sie achtete kaum auf den Sinn. Seltsam, wie sehr
sich Klaus verndert hatte. Er war doch nicht der alte geblieben, er
hatte sich in die Verhltnisse geschickt. Es war wohl das beste fr
ihn, und trotzdem war sich Hedda klar darber: der wilde, trotzige
Bursche von ehemals, der auf die Welt pfiff und mit grimmigem Lachen
aller Zucht und Sitte spottete, hatte mehr Charakter gezeigt als der
sich glatt fgende Diplomat von heute.

Das Diner nherte sich seinem Ende. Da rasch serviert worden war, so
hatte es kaum ber eine Stunde gedauert. Die Diener reichten Dessert und
Frchte herum, und die Backfische des Oberfrsters machten glckliche
Gesichter: sie knabberten gar zu gern Sigkeiten. Der dicke Hauptmann
Biese hatte seine Serviette abgebunden und sah sehr zufrieden aus; so
ausgezeichnet hatte es ihm lange nicht geschmeckt. In der Tat, das Diner
war sehr gelungen, und der Kommerzienrat nickte in einer Aufwallung
ehelicher Liebenswrdigkeit seiner Gattin ber den Tisch herber
freundlich lchelnd zu.

Pltzlich klinkte Exzellenz Usen-Karst an sein Glas. Man hatte schon
lngst darauf gewartet. Tiefe Stille trat ein, die nur einmal durch das
Aufkichern des oberfrsterlichen B unterbrochen wurde. Die dicke
Exzellenz wuchtete vom Stuhle empor, stemmte die Hnde mit den Kncheln
fest auf den Tisch, atmete tief auf, dabei einen pfeifenden Luftstrom
durch die Nase stoend, und begann dann zu sprechen. Der alte Diplomat,
dem die bse Welt nacherzhlte, da er seine Millionen in Konstantinopel
mit Hilfe eines griechischen Bankiers durch ganz raffinierte
Spekulationen verdient htte, und da er auch auf seiner Herrschaft
Karstedt ein tolles Serailleben fhre, war ein geistreicher Mann und ein
vorzglicher Sprecher. Man wute, da er die Extravaganzen liebte, und
erwartete auch bei dieser Gelegenheit etwas hnliches, zumal die Rede
mit einer humoristischen Lobhymne auf die Industrie anfing. Sie beginne
langsam auch hier, in diesem verlorenen mrkischen Winkel, an Boden zu
gewinnen, wo bisher der Menschengeist sich hchstens bis in die Regionen
von Kartoffelspiritus und Schlempe verstiegen habe. Und dann ging es
weiter, in buntem und lustigem Durcheinander -- ein ganzes Feuerwerk
guter Einflle sprhte auf.

Usen sprach von allem mglichen: von der Notwendigkeit einer Ausshnung
zwischen Industrie und Landwirtschaft, vom Wetter, von seinen Weinbergen
und von schnen Frauen, von Lukullus und von seiner Freude darber, da
ein so tchtiger Vertreter des kaufmnnischen Standes, wie der
Kommerzienrat Schellheim, sich im Kreise angekauft habe. Und dann
berhrte er auch die neue Quelle, von der bereits die ganze Gegend
spreche, und deren Ausbeutung in die Hnde des scharmanten Gastgebers
gelegt worden sei. Ein Heilquell sei es, und dem Heil der Menschheit
solle sein Wasser dienen, ein Getrnk, das er im allgemeinen
verabscheue, dem er als Mittel zum Zweck aber seine Anerkennung nicht
versagen knne. Daran schlo sich ein Passus, der auf aller Mienen die
mannigfachsten Variationen von Erstaunen hervorrief. Usen sagte nmlich:

... Da Oberlemmingen einer neuen, zukunftsfrohen ra entgegengeht --
ja, ja, mein alter, verehrter Freund Hellstern--, daran zweifle ich
nicht. Ich hre, da _mit_ unserm liebenswrdigen Wirt noch ein andrer
Eingesessener des Kreises an die Spitze des Unternehmens treten will, --
und ich hoffe, da das frisch sprudelnde Wasser in der Buchenhalde auch
fr _ihn_ ein _Heil_quell werden wird. Nach Heilung drsten wir
schlielich alle, und wenn es uns noch so gut ergeht. Denn jede Heilung
ist ein Besserwerden, und wen gibt's, der selbstlos genug wre, es sich
nicht besser zu wnschen, als er es hat! Ach nein, gestehen wir es uns:
wir sind Egoisten, und auch ein Stck Pharisertum schlummert in unsrer
Brust. Neben der Hoffnung auf das Besserwerden wohnt Tr an Tr das
Besserdnken. Und so kommt es leicht, da der Phariser in uns sich
gewaltig reckt, wenn einmal der Mitmensch gefehlt und geirrt hat. Ich
hatte einen Freund unten im Orient, der war weise und gut, aber er trank
Wein und nicht wenig, und das durfte er nicht, denn er war Mohammedaner.
Und wenn man ihm sagte, da er sndige, so antwortete er: 'Geh hin nach
Chanimbari und sieh, ob _du_ nicht sndig bist.' Dort liegt nmlich ein
Brunnen, von dem die Sage erzhlt, da im Wasserspiegel sich Flecken
zeigen, wenn ein sndhafter Mensch hineinschaut. Und so mein' ich auch
-- ehe wir verdammen und verurteilen, gehen wir nach Chanimbari...

Der Schlu war kurz; er galt den Gastgebern. Man nahm frhlich das Hoch
auf, dann aber zog, whrend auch die dicke Exzellenz wieder Platz
genommen hatte, ein ganz leiser Hauch von Verstimmung oder wenigstens
von Befremdung durch die Gesellschaft. Man hatte verstanden. Herr von
Usens Blick hatte bei seinen Worten deutlich den Dbbernitzer Zernin
gestreift. Der war gemeint. Der sollte im Verein mit dem Kommerzienrat
die Quellengeschichte entrieren -- gerade der, der dem Bettelstab nahe
war--, gerade der. Und unzweifelhaft war die Rede Usens ein
Rehabilitationsversuch fr Klaus von Zernin gewesen. Wie kam Usen dazu?
Er hatte schon vorher dem verlotterten Dbbernitzer so merkwrdig
herzlich die Hand geschttelt -- was sollte das alles heien?! Herr von
Wessels, der Landrat, lchelte sein feinstes diplomatisches Lcheln, und
der Kammerherr von Ponteck flsterte seiner Nachbarin zu: Prost, meine
Gndigste -- also gehen wir nach Kaminbirrira, oder wie das Ding
heit...

Zernins Gesicht hatte sich gar nicht verndert. Er spielte zuerst mit
der Nelke, die neben seinem Teller lag, und hierauf mit einem kleinen
goldenen Crayon, den er aus der Westentasche genommen hatte. Und auf
einmal zog er seine Tischkarte nher und kritzelte ein paar Worte auf
deren Rckseite. Dann schob er die Karte unbemerkt seiner rechten
Nachbarin zu.

Hedda, die durch die Rede Usens eigentmlich berhrt wurde, und auf
deren Wangen Rte und Blsse wechselten, warf einen raschen Blick auf
die Schrift und prete die Zhne zusammen. Sie las: Kann ich dich
morgen nachmittag fnf Uhr auf wenige Minuten allein sprechen? -- Am
alten Platz.

Wie in mechanischer Spielerei nahm sie die Karte und zerri sie.

Nein! sagte sie kurz.

Nur einer am Tische schien die kleine Episode bemerkt zu haben: der
Pastor. Er sah sehr ernst aus; etwas wie eine folternde Sorge lag auf
seinem schnen, alten Gesicht.

Der Kommerzienrat winkte seiner Gattin; man erhob sich. Die ganze
Gesellschaft flutete in die Salons zurck, und wieder schwirrte, whrend
man sich Gesegnete Mahlzeit! wnschte, die Unterhaltung lebhaft auf.
Jetzt drckte nicht mehr von allen Gsten Usen allein Herrn von Zernin
die Hand; drei, vier, fnf andre folgten. Auch die Oberfrsterin
lchelte, als Klaus sich stumm vor ihr verneigte. Die Woydczinska strich
dicht an ihm vorber.

Kommen Sie bermorgen abend, flsterte sie ihm zu; eine Cousine aus
dem Polnischen ist bei mir zu Besuch. Wir wollen eine neue Sektmarke
proben...

Als Herr von Usen dem Kommerzienrat die Hand drckte, fragte er
halblaut:

So war es gut, dcht' ich--

Ganz ausgezeichnet, Exzellenz -- tausend Dank, tausend Dank--

Aber nun eine Zigarre als Belohnung--

Schellheim nahm Usen unter den Arm und fhrte ihn in das Rauchzimmer.
Die meisten Herren hatten sich bereits hierher zurckgezogen; Hauptmann
Biese rauchte schon eine kolossale Upmann, die das Werk des Abends
krnen sollte. Die Diener brachten Kaffee und Likre; man fhlte sich
sehr behaglich.

Es war selbstverstndlich, da das Thema von der Quelle nicht abri.
Aber der Kommerzienrat wich geschickt aus; es machte den Eindruck, als
wolle er nicht vor der Zeit von der Sache sprechen. An seiner Stelle gab
der Landrat einige Einzelheiten. Gewi, die Graue Lehne war
Bauernterrain -- die Quelle gehrte den Mllers, aber der Kommerzienrat
war der Geldmann. Er war sozusagen der treibende Faktor. Die
Formalitten waren bereits abgeschlossen: Kommanditgesellschaft -- eine
Bank beteiligte sich nicht. Und im Mai sollte die Einweihung sein, das
stand fest.

Hauptmann Biese, der mit seiner Upmann im Munde in einem Fauteuil neben
dem Kamin lag, sah sich im Kreise um. Nur der Landrat, der Kammerherr
von Ponteck, der Wernochower Klitzingk, Oberfrster Tornow und der
Schnwaider waren im Augenblick im Zimmer -- da konnte man schon ein
bichen klatschen.

Aber hren Sie mal, meine Herren, sagte Biese mit seiner fetten
Stimme, das mit dem Dbbernitzer -- unter uns -- ist doch ein Wagnis.
Das ist doch eine verfluchte Geschichte -- nicht?

Der Landrat zuckte die Achseln.

Warum denn, lieber Herr Nachbar? Es wr' ja recht gut, wenn der arme
Kerl wieder ein bissel in die Hhe kme!

Aber der alte Baron Klitzingk strich seinen weien Katerbart und
schttelte den Kopf.

Nein, Herr von Wessels, erwiderte er, ich kann Ihnen in diesem Falle
nicht recht geben. Exzellenz Usen meint zwar, wir sollten nach --
Dingsda gehen und sehen, ob wir nicht auch sndig wren -- na, ich habe
aus meinem Herzen nie eine Mrderhhle gemacht, aber ich bin doch der
Ansicht, da Zernin besser getan htte, sich nach Amerika zu drcken. Er
hat's _zu_ toll getrieben--

Ach was -- der alte Bismarck hat's auch toll getrieben, als er noch auf
Kniephof sa, und ist doch ein ganzer Mann geworden!

Wird sich der Zernin denn auf Dbbernitz halten knnen? warf der
Oberfrster ein.

Die Meinungen waren geteilt. Herr von Nehringen wollte wissen, da
Schellheim Dbbernitz im Interesse Zernins administrieren lassen werde.
Herr von Ponteck vermutete, er wolle es kaufen -- daher seine
Bemhungen, Zernin eine neue Position zu schaffen.

Biese meinte, der Kommerzienrat sei eine ganz schlaue Unke. Er sprach
von seinem Gastgeber nicht im freundlichsten Tone. Das rgerte
schlielich den Landrat.

Erlauben Sie, Herr Nachbar, sagte er, wir befinden uns noch immer
unter dem Dache des Kommerzienrats...

In der Halle hatte man Whisttische aufgestellt. Die Damen saen im
ersten Empiresalon und sprachen von huslichen Dingen. Im Augenblick
wurde die Frage erwogen, ob sich Eingemachtes besser in verlteten
Blechbchsen oder in hermetisch verschlossenen Glsern halte. Frau
Necker aus Klotschow fhrte das Wort. Nebenan kicherten die Backfische.
Sie unterhielten sich ber Toilettefragen; im Februar sollte in
Zielenberg der Landschaftsball stattfinden, und das war immer ein
Ereignis.

Zernin hatte rasch ein paar Zge Zigarette geraucht und war dann in die
Salons zurckgekehrt. Sein Herz klopfte ungestm. Er fand selbst, da er
nicht mehr der alte war. Er war in grimmigster Laune und durfte sie
nicht austoben lassen. Er wute ganz genau, da die Rede Usens eine
abgekartete Sache war -- so eine Art Restitutionsedikt fr ihn. Aber
nichtsdestoweniger war sie brutal und taktlos gewesen. Er kam sich
unglaublich lcherlich vor in der Rolle des reuigen Snders. Im Grunde
seines Herzens war ihm die ganze Gesellschaft der Umgegend heute genau
so gleichgltig wie frher; heimlich pfiff er noch immer auf die Welt.
Aber es half alles nichts; er mute katzbuckeln und ein frommes Gesicht
machen, wenn die Wellen nicht ber ihm zusammenschlagen sollten.

Er suchte Hedda. Er mute noch ein Wort mit ihr sprechen. Sie hatte sich
mit der Woydczinska unterhalten und fragte nun nach ihrem Vater.

Der sitzt schon beim Whist, antwortete Klaus.

Gut so. Da ist er untergebracht. Mit wem spielt er?

Mit dem Pastor und dem Kreisphysikus, -- ungefhrliche Leute, die sich
widerspruchslos anschnauzen lassen...

Die beiden standen am Ofen, halb verdeckt von einem groen, kunstvoll
gestickten Schirm mit goldenen Bienen, der aus St. Cloud stammen sollte.
Kein Mensch war in ihrer Nhe. Von nebenan hrte man die scharfe Stimme
der Frau Necker-Klotschow, die von ungezuckerten Pfirsichen sprach.

Zernins Blick bohrte sich in die Augen Heddas. Er fand, da sie noch
schner geworden war, reifer; sie stand im Sommer ihrer
Jungfrauenschaft.

Also nicht, Hedda? fragte er.

Sie verstand sofort. Nein, antwortete sie, ich will nicht.

Ich begreife dich nicht. Hast du Angst vor mir?

Die hatte ich nie; hchstens sorgte ich mich um dich.

Aber heute nicht mehr?

Was sollen diese Fragen, Klaus? Ich habe zu meiner groen Freude
gehrt, da es mit dir wieder bergauf geht. Da mich der Gedanke
anfnglich erschreckt hat, dich knftighin hufig sehen zu mssen, war
nur natrlich. Aber ich bin schon beruhigt. Mein Schreck war Torheit.
Wir haben uns nichts vorzuwerfen. Wir sind uns ja auch klar darber
geworden, da wir uns nichts mehr zu sagen haben, was nicht die ganze
Welt hren knnte. Seit anderthalb Jahren sind wir uns darber klar. Und
es ist heute nicht anders als damals.

Er klemmte die Unterlippe zwischen die Zhne. Die Ruhe, mit der sie
sprach, brachte sein Blut in Wallung.

Ich danke dir. Du findest immer den rechten Ton. Ist es dir denn _so_
leicht geworden, dich von mir zu trennen? Soll ich dir erzhlen, was
_ich_ gelitten habe? Soll es _ganz_ aus sein zwischen uns? Hedda, hast
du gar nichts mehr fr mich brig?!

Sie fhlte, da sie eine krankhafte Empfindung von Schwche beschlich.

La mich, Klaus, bat sie; qule mich nicht...

Er richtete sich straff auf.

Also gut, sagte er. Legen wir wieder die Maske vor. Es geht weiter
bergauf. Es geht im Galopp bergauf, Hedda. Du hast gesehen, wie man mir
mit gtigen Hnden die Bahn ebnet. Der dicke Usen und Schellheim sind
mir als rettende Englein zur Seite gestellt worden -- das Weltkind in
der Mitte. Ich werde noch ein reicher Mann werden und ein sehr solider
Philister. Der Kommerzienrat hat auch schon eine Frau fr mich #in
petto# -- irgend ein Judenmdel mit mrchenhafter Mitgift. Es geht in
der Karriere bergauf, Hedda...

Sie starrte ihn an, als begreife sie nicht, was er sprach. Ein Ausdruck
zynischen Hohns lag auf seinem Gesicht. Es war wie eine Erlsung fr
sie, da in diesem Augenblick Gerlinde Ponteck in das Zimmer trat, um
sie in einer wichtigen Angelegenheit zu Rate zu ziehen: Auguste, Berta
und Constance Tornow wollten auf den Landschaftsball in Wei, Blau und
Rosa gehen, doch war Gerlinde der Meinung, da die drei Schwestern
gleichmig Wei tragen sollten -- ob Hedda das nicht auch hbscher
finde?

Natrlich, sagte Zernin, alle drei wei, wie die Tauben, oder nein,
wie ein Schwanentrio. Denn Wei ist die Farbe der Unschuld und schon aus
diesem Grunde jungen Mdchen bestens zu empfehlen. Aber Halsbnder aus
schwarzem Samt dazu, wenn ich mir einen Vorschlag erlauben darf. Das
gibt eine angenehme Abwechslung und erzielt einen pikanten Kontrast,
dieweil die weie Unschuld doch manchmal langweilig wirkt...

Frulein von Ponteck lchelte krampfhaft, weil sie nicht wute, wie sie
sich diesem schrecklichen Menschen gegenber benehmen sollte, und war
froh, da Hedda sie in das Nebenzimmer zog, um dort das A, B, C ber die
strittige Frage zu belehren.

Gunther hatte im Verlaufe des Abends wenig Gelegenheit gefunden, sich
Hedda zu nhern. Er litt an bestndigem Herzklopfen. Er hatte seinen
Vater gebeten, den alten Freiherrn mit grter Delikatesse auszuhorchen,
aber es schien, als sei es unmglich, Hellsterns auf ein paar Minuten
allein habhaft zu werden. In seiner fieberhaften Nervositt irrte
Gunther von Zimmer zu Zimmer, langweilte sich bei den lteren Damen,
scherzte mit den Backfischen, plauderte mit Zernin und setzte sich dann
ein Viertelstndchen neben Frau Rittmeister Woydczinska, deren dunkle
Schnheit auch auf ihn eine gewisse Anziehungskraft ausbte.

Mitten in der Unterhaltung aber versagte ihm das Wort. Er sah seinen
Vater an der Seite Hellsterns durch die Zimmer schreiten. Der
Kommerzienrat schien dem Alten die Rume zeigen zu wollen; er
gestikulierte lebhaft, wies hierhin und dorthin, blieb zuweilen vor
einem Bilde oder einer Statuette stehen und verschwand schlielich mit
Hellstern im Speisesaal.

Jetzt wute Gunther Bescheid. Jenseits des Speisezimmers lag das
Arbeitskabinett seines Vaters. Dort waren die beiden ungestrt -- und
strker hmmerte das verliebte Herz.

Es war so. Der Baron hatte keine Lust mehr, weiterzuspielen. Der
Kreisphysikus hatte gewhnlich die Cinq Honneurs und er lauter Ladons in
der Hand; der Pastor aber spielte wie im Traume -- so etwas
Schlafmtziges war noch gar nicht dagewesen. Da dankte man lieber.

Und diesen Moment hatte der Kommerzienrat abgepat. Hellstern sagte ihm
ein liebenswrdiges Wort ber die geschmackvolle Einrichtung des
Schlosses, worauf Schellheim sich erbot, den Baron ein wenig
herumzufhren. Im Arbeitszimmer hatte er ihn sicher.

Es war dies ein Turmgemach, ein runder Raum mit einem einzigen hohen
Glasfenster in einer auf einen kleinen Balkon fhrenden Tr. Ein Hauch
von Behaglichkeit wehte durch das Zimmer. Hellsterns Blick fiel zunchst
auf einen groen eisernen Geldschrank und dann auf zwei Stahlstiche an
der Wand: der berfall reisender Kaufleute durch die Quitzows und die
Verbrennung der Schuldscheine Kaiser KarlsV. durch Fugger.

Schellheim sah, da der Freiherr die beiden Bilder mit einem gewissen
Interesse betrachtete, und er lchelte.

Es sind zwei Mahnungen, Herr Baron, sagte er. Ein Appell an die
Vorsicht und einer an die Generositt -- #cave# und #noblesse
oblige#. Knpfe die Taschen zu, sagt mir das eine Bild, und knpfe sie
auf, das andre. Jedes zu seiner Zeit. Ich liebe derartige kleine
Denkzettel.

Allerdings, entgegnete der Freiherr, sind sie zweckmiger als ein
Knoten im Taschentuch. Aber bedrfen Sie denn eines solchen Mementos?
Ein Charakter wie Sie?

O, lieber Baron, Sie schmeicheln mir! Wre ich in der Tat ein ganzer
Charakter, dann wre ich auch ein besserer Kaufmann. Man hlt mich
allerdings fr einen hervorragenden Industriellen, aber in Wahrheit bin
ich es nicht. Wenigstens nicht ganz. Auf der einen Seite steckt noch zu
viel vom Krmer in mir, auf der andern zu viel kaufmnnischer
Aristokratismus. Und das vertrgt sich schlecht. Irgend ein bekannter
Volkswirtschafter -- war es nicht Friedrich List? -- hat einmal gesagt,
die Kraft, Reichtmer zu erwerben, sei mehr wert, als der Reichtum
selbst. Das ist ein groes Wort, denn wirklich: klingendes Kapital kann
zerrinnen, aber die Gabe des Erwerbens stiehlt uns niemand. Ich will
nicht sagen, da ich sie nicht auch besitze, denn sonst htte ich es --
immerhin -- nicht so weit gebracht. Doch hundertmal stelle ich mein
Licht unter den Scheffel -- ach ja, es ist so. Wozu erwerbe ich
Landgter und lege meinen Besitz fest und zersplittere damit mein
brgerliches Erbe: die Kraft des Schaffens, die Mglichkeit des
Gewinnens? Aus aristokratischer Neigung, die sich mit dem Geiste des
kaufmnnischen Brgertums im Grunde genommen herzlich wenig vertrgt.
Und diese Neigung treibt mich noch weiter. Dbbernitz soll verkauft
werden; ich htte nicht bel Lust, es an mich zu bringen und meinem
Zweiten fideikommissarisch zu sichern...

Er schob den schweren Arbeitssessel, der vor dem Schreibtische stand,
neben Hellstern.

Nehmen Sie einen Augenblick Platz, bester Baron, sagte er, Sie werden
ermdet sein.

Hellstern lie sich nieder und lehnte seine Krcken gegen den Stuhl.

Ja, entgegnete er kopfnickend, ich bin ein bichen mde. Die
verdammte Ischias drrt einem das Mark aus den Knochen. Also Sie
spekulieren auf Dbbernitz? Ich dacht' mir's beinahe, als ich Zernin bei
Ihnen sah. Es mute einen Zweck haben--

Ah ja -- und Schellheim lachte kurz auf--, so viel Kaufmann bin ich
denn doch! Aber andrerseits reizt es mich auch, Herrn von Zernin wieder
auf die Beine zu helfen. Es steckt ja doch eine ganze Portion
Tchtigkeit in ihm. Und es berhrt immer tragisch, einen groen und
berhmten Namen verschmutzen und versumpfen zu sehen--

Seine eigne Schuld, bemerkte Hellstern knurrig.

Seine eigne Schuld -- freilich, freilich! Aber darum nicht minder
tragisch. Sein Vater hat am Ruhme Preuens und Deutschlands erheblich
mitarbeiten helfen, und der Sohn steht vor dem Untergange. Durch eigne
Schuld, ganz gewi -- Sie haben schon recht, Herr Baron. Aber ich
erinnere Sie an die Worte Exzellenz Usens: seien wir nicht allzu
pharisisch! Aus Herrn von Zernin kann noch einmal etwas ganz
Brauchbares werden, wenn er mit den alten Schulden aufgerumt hat und
man ihm ein klein wenig Beistand leistet.

Wird er Ihnen nicht zu viel fr Dbbernitz fordern -- fordern _mssen_,
um seine Glubiger befriedigen zu knnen?

Ah nein -- ich kaufe nicht direkt, ich warte die Subhastation ab. Sie
steht vor der Tr. Mit den ausfallenden Glubigern werde ich Herrn von
Zernin zu arrangieren versuchen. Es wird sich schon machen lassen.

Wenn der gute Wille da ist und eine geschickte Hand -- warum nicht.
brigens, leicht wird es Ihnen nicht werden, auf Dbbernitz Ordnung zu
schaffen. Der Junge hat alles verlottert. Seit Jahresfrist ist nichts
mehr bestellt worden, wie mir Tornow erzhlt. Auf den Wiesen wchst
Schilf, und die Felder sehen wie eine Prrie aus.

Aber der Boden ist gut, und das Ausruhen wird ihm nicht viel geschadet
haben.

Ist richtig. Und schlielich -- mit Geld ist alles zu machen.

Jetzt zog der Kommerzienrat die Brauen sehr hoch.

In gewissem Sinne, ja, antwortete er. Aber das Kapital, das ich in
Dbbernitz hineinstecken mu, arbeitet nicht -- wenigstens vorlufig
nicht--, und wenn es zu arbeiten beginnt, wird es auch nur eine geringe
Verzinsung abwerfen. Ich sagte Ihnen ja: ein vollendeter Kaufmann bin
ich noch lange nicht. Trotz alledem -- ich mchte dem Gunther ein
behagliches Nest schaffen--

Sehr verstndlich, warf der Freiherr ein; er wird ja auch einmal an
das Heiraten denken.

Schellheim fing diese Bemerkung auf. Gott sei Dank, nun war die
Anknpfung gefunden! Er hatte schon Sorge gehabt, den rechten Faden
nicht erwischen zu knnen. Ein wenig in Unruhe war er doch. Er zog sich
gleichfalls einen Stuhl heran und setzte sich Hellstern gegenber. Seine
Hnde zitterten leicht.

Ja natrlich, entgegnete er, an das Heiraten -- ntig wr's ja noch
nicht -- er knnte immer noch ein paar Jahre warten. Aber -- na, er hat
mich neulich ins Vertrauen gezogen, und da wir gerade unter uns sind,
lieber Baron, mcht' ich mir auch ein paar vertrauliche Worte gestatten.
Der -- der Junge ist nmlich in -- ist nmlich bis ber beide Ohren
verliebt, lieber Baron -- und in wen? Wissen Sie, in wen?

Ahnungslos, sagte Hellstern, und dann scho ihm ein Gedanke durch den
Kopf. Sapperlot -- etwa in die Woydczinska? Das ist ein deubelsmiges
Frauenzimmer mit ihren Kohlenaugen!

I Gott bewahre! Das sollte mir fehlen! Nein -- in -- in -- in -- na, es
mu einmal heraus -- in Baronesse Hedda!

Hellstern war wie erstarrt.

In Hedda? fragte er, malos erstaunt. In _meine_ Hedda?

Der Kommerzienrat nickte.

Ich verhehle Ihnen nicht, lieber Baron, da ich eine ernsthafte
Aussprache mit ihm gehabt habe. Eine sehr ernsthafte. Ich habe ihm die
Sache ausreden wollen. Trotz neunzehntem Jahrhundert und allen
gegenteiligen Versicherungen sind wir noch nicht ber die Klippen und
Untiefen gewisser gesellschaftlicher Vorurteile hinweggekommen. Der
uralte Gegensatz zwischen Adel und Brgertum scheidet auch uns zwei. Sie
haben den Ruhm des historischen Namens, ich nichts als das stolze
Bewutsein, ein Emporkmmling zu sein. Nun ja, auch darauf bin ich
stolz, denn was ich erreicht habe, erreichte ich durch mich selbst.
Plebejerstolz meinethalben, doch auch ihn soll man respektieren. Und das
war's, was mir Sorge machte, war der Grund, der mich dazu trieb, Gunther
die Sache aus dem Kopfe zu reden: ich frchtete, in meinem Stolze
verletzt zu werden...

Der Freiherr hatte den Kopf in die Hand gesttzt. Er war sehr ernst
geworden. Er hatte in diesem Augenblick nur das eine Empfinden: sich so
zu beherrschen, da er den Kommerzienrat nicht krnkte, nicht
beleidigte. Denn in der Tat -- das wollte er nicht; es war doch etwas
Respekteinflendes in dem Wesen dieses Mannes, so meilenfern dessen
Anschauungswelt auch der seinen lag.

Er lie die Hand sinken.

Zunchst die Hauptsache, fragte er; haben die beiden sich schon
verstndigt?

Schellheim schpfte tief Atem. Es flog sonnig ber sein Gesicht. Eine
strikte Absage hatte er nicht erwartet, aber ein langes Poltern. Und nun
war Hellstern so ruhig, wie man ihn selten sah.

Nein, antwortete der Kommerzienrat, sie haben sich noch nicht
ausgesprochen. Aber -- Sie wissen, wie die Liebe forscht. Aus hundert
kleinen Zgen hat Gunther die Berechtigung zur Werbung herleiten zu
drfen geglaubt.

Hellstern schttelte den Kopf.

Hedda hat mir keinerlei Andeutungen gemacht, nicht die kleinste. Sie
hat Gunther -- hat Ihren Herrn Sohn--

Sagen Sie ruhig Gunther, lieber Baron--

Hat Ihren Herrn Sohn ja doch auch erst zwei- oder dreimal gesehen!
Freilich, das will nichts bedeuten. Ich lernte meine gute Selige des
Abends kennen, und am nchsten Abend waren wir Brautleute. Aber es
frappiert mich doch, da Hedda -- nun, und _Sie_, Kommerzienrat?
Abgesehen von Ihren prinzipiellen Bedenken: wrde Ihnen die Heirat
passen?

Jetzt glaubte Schellheim seiner Sache sicher zu sein. Aber als kluger
Mann triumphierte er nicht.

Gott, Herr Baron, erwiderte er, ich bin kein Komdienvater. Ich habe
das Fr und Wider reiflich erwogen und mit meinem persnlichen Empfinden
nicht hinter dem Berge gehalten. Und ich wrde die Sache noch erheblich
ernster aufgefat haben, wre Baronesse Hedda eine andre. Aber _so_! Ich
mu Ihnen sagen, lieber Baron, da ich vor Baronesse Hedda die
allergrte Hochachtung habe--

Der Teufel soll dich holen, wenn du es nicht httest, dachte
Hellstern.

--und da ich sie wahrhaft schtzen gelernt habe. Gerade die
Anspruchslosigkeit ihres Wesens -- das ist's, was mir so gut an ihr
gefllt. Und ich meine, die hat sie von Ihnen gelernt, Baron, Sie sind
auch so.

Wir sind alle so, erwiderte Hellstern. Der mrkische Adel hat sich
immer nach der Decke strecken mssen. Er hat immer um Leben und Existenz
gekmpft, und brach einmal einer zusammen, so geschah's in Ehren, wie
drauen auf dem Schlachtfelde. Mit Ausnahmen natrlich -- die gibt's
berall. Und wenn die liberalen Zeitungen der Welt erzhlen, da unser
Adel sein Geld verjuxt habe, so schwindeln sie einfach--

Er hielt einen Augenblick inne. Sein Grovater fiel ihm ein, ein wilder
Mann, von dessen unsinniger Verschwendungssucht ihm die Mutter oft genug
erzhlt hatte. Ein Schatten flog ber seine Stirn, und er winkte mit der
Hand.

Und Ihre Gattin, Herr Kommerzienrat? fragte er. Wie denkt _sie_ ber
die Heirat?

Schellheim lchelte. Sie war von vornherein der Meinung, da man dem
Glcke unsres Sohnes keine Schwierigkeiten bereiten drfe. Er seufzte.
Das ist es ja -- im Grunde genommen ist ihr Standpunkt der einzig
richtige. Ich mchte Gunther auch glcklich sehen. Er ist eine stille,
bescheidene Natur, ein Ideologe, ein echter Gelehrter. Nun gut -- ich
habe nichts dawider, da er sich seinen Beruf doch einmal selbst gewhlt
hat und seine irdische Seligkeit von allerhand alten Scharteken
abzuhngen scheint. Aber ich will ihm wenigstens den Weg ebnen helfen.
Er kann seine Dozentenstellung aufgeben; als Privatgelehrter kann er
sich seinen Studien noch besser widmen. Ich mchte wissen, wem es so
bequem gemacht wird. Dann mag er ein paar Wintermonate in Berlin oder
sonstwo verleben, meinetwegen auch auf Reisen, und im Sommer hat er
Dbbernitz. Das ist auch fr Sie von Wert, lieber Baron. Sie haben Ihre
Tochter immer in der Nhe, knnen tglich ein Stndchen mit ihr zusammen
sein, wenn Sie Lust haben--

Und wenn aus der Heirat etwas wird, fiel Hellstern ein. Er erhob sich
schwerfllig. Nun hren Sie auch einmal _meine_ Ansicht, lieber
Kommerzienrat. Ich will ehrlich sein: ich bin _nicht_ fr die Heirat.
Auch ich habe meine prinzipiellen Bedenken -- genau so wie Sie. Kein
Mensch kann aus seiner Haut. Htt' ich einen Jungen und Sie htten ein
Mdel -- ich wrde mit Freuden ja und Amen sagen, wenn die beiden sich
liebten und haben wollten, denn dann wrde Ihre Tochter und die
Nachkommenschaft unsrer Kinder meinen Namen tragen. Nichts fr ungut,
Herr Schellheim. Auch _Ihr_ Name ist gut, nicht schn, aber ehrlich und
fleckenlos. Achtung vor ihm! Doch ich stecke wirklich noch etwas in
Vorurteilen; ich wrde es lieber sehen, wenn Hedda einen Edelmann
heiratet. Keinen vom Schlage Zernins natrlich -- Sie verstehen mich
schon! Nennen Sie mich tricht, verbohrt, bettelstolz -- ich lass' mir's
gefallen. Ich kann nicht anders -- ich mu Ihnen die Wahrheit sagen...

Schellheim war etwas bla geworden, und Hellstern sah das. Er legte
seine Hand auf die Schulter des Kommerzienrats.

Denken Sie mal nach, lieber Freund, fuhr er fort; wir haben uns nie
verstanden -- ich meine nicht wir zwei, sondern Adel und Brgertum im
allgemeinen. Die Feindschaft hat nie geruht, zur Zeit des Stdtewesens
so wenig wie heute. Sie lesen doch auch die Zeitungen. Die ganze
liberale Presse paukt auf dem Junker herum--

Doch nicht auf dem Adel, Herr Baron. Sie unterscheidet zwischen dem
Junkertum, das nur Prrogative und keine Pflichten kennt, und dem wahren
Adel, der mit der Vornehmheit des Namens auch die der Gesinnung
verbindet.

Ich will mit Ihnen nicht ber die Verlogenheit unsrer Presse streiten,
Herr Kommerzienrat. Die Adelshetze wird systematisch betrieben -- das
ist Tatsache. Offizierkorps, Diplomatie, Landrte, die adeligen Beamten
-- alles Schufte, Schufte in den Augen des Liberalismus! Nur die paar,
die zur gleichen politischen Fahne schwren, der Stauffenberg und
Saucken-Tarputschen und Forckenbeck und wie sie sonst noch heien mgen,
-- das sind leuchtende Ehrenmnner! Nee, lieber Freund, an dem Faktum,
da die Kluft zwischen Brger und Edelmann immer mehr vertieft wird, ist
nicht zu rtteln. Und auch ein paar Heiraten herber und hinber
berbrcken sie nicht. Na -- und nun wieder zur Sache! Meinen Standpunkt
kennen Sie. Aber auch in andrer Beziehung geht's mir wie Ihnen. Ich will
gleichfalls das Glck meiner Tochter. Ich werde mit ihr sprechen, werde
sie einfach fragen, ohne zu- oder abzureden, werde ihr sagen: 'Hr mal,
der Gunther Schellheim ist in dich verschossen, hast du auch etwas fr
ihn brig, und wie denkst du ber eine Ehe mit ihm?' Und nach ihrem Ja
oder Nein werde ich handeln. Ich meine, das ist das Vernnftigste.
Einverstanden, Schellheim?

Er hielt ihm die Rechte hin, und der Kommerzienrat schlug ein. Wie
sollte ich nicht! antwortete er. Und sie schttelten sich die Hnde.

Nun aber zurck zur Gesellschaft, sagte Hellstern. Man glaubt sonst,
ich wollte Aktionr Ihrer Quelle werden... Er schob seinen Arm unter
den des Rats. Also ich denke, ich werde Ihnen schon morgen Antwort
erteilen knnen.




Achtes Kapitel


Als die Herren in die Salons zurckkehrten, rsteten die Pontecks, Biese
mit seiner Frau und die oberfrsterliche Familie bereits zum Aufbruch.
Gunther suchte nach seinem Vater, der sich von Hellstern getrennt hatte
und den allgemeinen Aufbruch verhindern wollte.

Wo steckst du denn, Papa? fragte Gunther.

Schellheim klopfte ihm auf die blasse Wange.

Ich habe fr _dich_ gewirkt, mein Junge, entgegnete er schmunzelnd.
Der Alte ist entgegenkommender als ich dachte, aber der Tick sitzt ihm
doch im Kopfe. Es hngt alles von Hedda ab. Sagt sie ja, so knnt ihr
schon morgen verlobt sein. Und ich fhl' es: sie _wird_ ja sagen ...
Spter mehr davon. Warum bricht denn schon alles auf? Es ist ja kaum
zehn. Haben die Diener Bier prsentiert? Die Mama bekmmert sich nie um
dergleichen -- wenn _ich_ nicht berall hinterher bin--

Es ist alles besorgt, Papa. Aber ich glaube, es ist im Rauchzimmer zu
einer kleinen Streitigkeit gekommen--

Streitigkeit? Zwischen wem?

Zwischen Hauptmann Biese und Herrn von Zernin. Ich wei nicht, um was
es sich handelt. Ich hrte nur, da der alte Usen zum Kammerherrn von
Ponteck sagte: 'Diesmal hat Zernin recht gehabt' -- und der Kammerherr
antwortete: 'Es schadet gar nichts, wenn er dem dicken Schwadroneur
einen kleinen Denkzettel gibt.'

Schellheim war auer sich.

Also gar ein Duell! Donnerwetter, und das in meinem Hause --
Donnerwetter ----

Er strmte fort. Sein Protektor, Exzellenz Usen, sollte ihm Rede stehen.
Er erwischte ihn, als der alte Herr sich gerade einen Kognak von einem
Diener reichen lie.

Was soll denn los sein, Bester! antwortete er, den Kopf in den
gedrungenen Nacken werfend den Kognak hinuntergieend, gar nichts ist
los! Biese und Zernin haben sich ein bichen gekabbelt, und Zernin hat
sich dabei ganz anstndig benommen. Vielleicht schieen sie morgen ein
paar Kugeln in die Luft -- vielleicht auch nicht. Das hat nichts auf
sich. Tun Sie nur so, als htten Sie gar keine Ahnung von dem
Zwischenfall!

Das war magebend fr Schellheim. Exzellenz Usen war wie das Evangelium
fr ihn.

Er mischte sich wieder unter die Gste. Der Aufbruch der einen Partie
versetzte die ganze Gesellschaft in Unruhe. Man rief nach den Dienern.
Der Schnwaider soll anspannen! -- Der Klein-Gstener auch! -- Der
Wagen von Wernochow! Schellheim versuchte vergeblich, diesen und jenen
noch ein halbes Stndchen zurckzuhalten. Alles empfahl sich mit grter
Herzlichkeit. Es sei reizend gewesen, ganz reizend -- auf baldiges
Wiedersehen! -- Auch Hauptmann Biese merkte man nichts von dem Streit im
Rauchzimmer an, hinter dessen Geheimnis Schellheim noch immer nicht
gekommen war. Er drckte dem Kommerzienrat warm die Hand und nannte ihn
lieber Nachbar. Im allgemeinen Aufbruch empfahl sich auch Klaus,
hflich, liebenswrdig, etwas zurckhaltend. Vor Hedda verbeugte er sich
nur. Dicht hinter ihm sauste der phantastische Schwanenschlitten der
Woydczinska den Abhang hinab.

Vor dem Portale hielt die lange Reihe der Wagen und Schlitten. Ihre
Lichter glnzten durch die Schneenacht. In der kleinen Entree drngten
sich die Gste, bereits in Plaids gehllt, in Pelze, Decken und Mntel.
Die Hakennase des Majors von Nehringen lugte wie ein Fanal aus dem
hochgeschlagenen Kragen. Das kleine C des Oberfrsters mute sich noch
den dicken Shawl des Papas um Hals und Mund wickeln lassen. Aber,
Mama, chzte der Backfisch, ich kriege ja gar keine Luft! -- Kriege
keine, erwiderte die energische Mutter; wenn du morgen hustest, mut
du im Bett bleiben und schwitzen.... Exzellenz Usen sah in seinem
verschossenen Militrmantel und der flauschigen Jagdmtze wie ein
Riesenpilz aus vorsndflutlichen Zeiten aus. Doktor Stramin hatte rasch
noch den Landrat in eine Ecke gezogen und erzhlte ihm von zwei
Sozialdemokraten, die sich in Zielenberg eingenistet htten. Ein
Schuster und ein Klempner, Herr von Wessels, und das whlt von unten
auf, das frit sich in die Hhe, das vergiftet alles, wenn man nicht
rechtzeitig einen Riegel vorschiebt... Er schwatzte immer noch weiter,
whrend drauen sein Wagen wartete.

In der Halle verabschiedete sich Eycken von den Gastgebern.

Nein, ich habe keinen Wagen, sagte der Pastor auf eine Frage
Schellheims und reckte seine hohe Patriarchengestalt, ich geh' die paar
Schritte gern zu Fu. Ich liebe die Winterlftung. Wegen der
Kinderheilanstalt sprechen wir noch, Herr Kommerzienrat. Wir sprechen
noch ber manches. Es ist vielerlei hin und her zu berlegen. Auch das
mit dem Zernin.

Seien wir doch froh, wenn er noch einmal ein tchtiger Mensch wird,
lieber Herr Pastor! entgegnete Schellheim.

Froh?! Du lieber Gott, _wie_ wrde ich dem Himmel danken! Aber -- --
#nous verrons#, lieber Herr Rat, ich tu' vielleicht unrecht, daran zu
zweifeln. Meine Empfehlungen, gndige Frau!

Er kte ihr die Hand. Dann schritt er grend durch die Reihen der
Gste und trat ins Freie. Der Schnee knirschte nicht; es war lauer
geworden. Zarte Flocken stubten durch die Luft. Am Himmel glnzte die
Sternenwelt; nur im Osten baute sich eine weie Wolkenmauer auf, aus der
phantastische Arabesken emporragten, wie geflgelte Untiere und
greifende Riesenhnde. Der Pastor schritt, in seinen leichten Havelock
gewickelt, den Parkweg hinab. Auf seinem groen Rundhut bildeten die
Schneeatome einen feinen, glnzenden Kranz. Wie der Greis so aufrecht
einherging, krftig ausschreitend und den schnen Kopf stolz erhoben,
konnte man ihn fr einen Mann in den besten Jahren halten, fr einen
Vierziger. Nur der lange Bart von der Farbe des Schnees, den der Wind
auseinanderwehte, vereitelte die Tuschung.

An Eycken vorber rollten die Wagen und klingelten die Schlitten. Er war
schon auerhalb des Parks, als er hastig zur Seite springen mute. Der
Schwan der Woydczinska fuhr dicht neben einem zweiten Schlitten, und
beide Gespanne fllten die Breite des Fahrwegs aus.

Der Pastor hrte ganz deutlich die Stimme der Woydczinska:

Also bestimmt bermorgen, nicht wahr? Nicht zu spt -- so zwischen
sechs und sieben...

Und eine Mnnerstimme aus dem zweiten Schlitten antwortete:

Wenn ich es einrichten kann -- aber ich hoffe...

Das war das klingende Organ Zernins. Der Pastor strich glttend ber
seinen zerflatternden Bart. Ein neues Mitrauen regte sich in seiner
Brust, doch rgerte er sich darber. Wahrlich, es war nicht christlich
und nicht menschlich, immer das Schlechteste zu denken! --

Oben vor dem Schloportal schrie Exzellenz Usen nach seinem Kutscher.
Der Mann hatte zu viel getrunken; eine Wolke von Schnapsdunst umwogte
ihn. Usen schimpfte frchterlich.

Kpfen mte man dich lassen, Hundesohn, vierteilen, rdern! ... Und
dann schob er dem schweigenden Kutscher seine eigne brennende Zigarre in
den Mund, kletterte neben ihn und nahm selbst die Zgel in die Hand.

Halt dich fest, Saufsack! schrie er. Wenn du in den Graben fllst,
la ich dich liegen!

Seine Peitsche knallte; die Gule bumten sich auf und rasten davon.

Gott sei dem Kutscher gndig, meinte Hellstern, vor die Tr tretend.
Wenn der Pascha selber fhrt, geht's wie der Deibel. Adj, lieber Herr
Schellheim!

Auch Hedda reichte Gunther, der vor dem Portal die letzten Honneurs
machte, die Hand. Wenn Sie noch einige Tage bleiben, sagte sie
freundlich, so holen Sie mich doch wieder einmal zum Schlittschuhlaufen
ab. Apropos, was macht der Schnupfen?

Danke, gndiges Frulein, erwiderte Gunther heiter und drckte
beseligt die ihm dargereichte Hand, ich niese mich vorlufig noch
weiter durch die Welt.

Und er blieb drauen stehen, bis die schwerfllige alte Kalesche
davongerasselt war.

Im Schlosse erloschen die Lichter. Die Diener huschten aufrumend hin
und her. Aus dem Speisesaal tnten das Klappern der Teller, die wieder
in das Bffet gepackt wurden, und das helle Klirren des Silbers.

Es war sehr gelungen, sagte der Kommerzienrat, der nach jeder
Festlichkeit in seinem Hause Kritik zu ben pflegte. Im allgemeinen
wenigstens. Die Sauce zu den Artischocken htte etwas smiger sein
knnen. Wenn man schon Sauce zu den Artischocken gibt, mu sie auch
tadellos sein. Aber die meisten merkten es gar nicht; man ist hier doch
noch etwas zurck. Und dann kam das Bier zu spt. Was zwischen Herrn von
Zernin und dem dicken Biese vorgefallen ist, wei ich nicht. Ich will es
auch nicht wissen, und ihr -- er meinte damit seine Frau und Gunther --
wit es ebenfalls nicht, wenn ihr's auch wirklich wtet. Denn ber so
etwas sieht man hinweg. Gunther, ich hoffe, der morgige Tag wird ein
Freudentag fr uns werden. Hellstern ist ein Ehrenmann; unter den
Schlacken der Vorurteile sitzt doch ein wahrhaft adliges Herz. Und Hedda
erst! Gunther, ich gestehe dir offen, ich bin besiegt.

Er umarmte seinen Sohn und kte auch die Rtin, der ber so viel
ungewohnte Liebe die Augen zu trnen begannen, auf die Stirn. Die Diener
schlichen auf den Zehenspitzen an der Gruppe vorber und wunderten sich.

       *       *       *       *       *

Derweilen entschied sich das Schicksal des armen Gunther.

Hellstern hatte die Absicht gehabt, erst am nchsten Morgen beim
Frhstck mit Hedda Rcksprache zu nehmen. Das war nmlich jene Stunde
des Tages, in der alle beide am zugnglichsten waren. Sie saen sich
dann gegenber am Teetisch, der vor den einzigen Kamin des Hauses -- im
sogenannten Saal -- geschoben war, und es war auch die einzige Zeit am
Tage, da in diesem Kamin ein lustiges Feuer loderte. Er brauchte viel
Holz und man mute sparen. Am selben Platze hatte man auch schon zur
Zeit, da die Baronin noch am Leben war, das Frhstck eingenommen, und
es war immer, als sei der Geist der Verstorbenen um diese Stunde den
beiden besonders nahe.

Aber der Entschlu Hellsterns nderte sich, als er neben Hedda im Wagen
sa und den Auberg hinabfuhr. 'Es ist besser, du machst die Geschichte
kurzerhand ab,' sagte er sich. In Wahrheit brannte es ihm auf der Seele,
zu erfahren, wie Hedda ber die Werbung dachte. Er bildete sich ein,
sein Tchterchen auf das genaueste zu kennen; wenn man verliebt ist,
benimmt man sich nicht so wie alle Tage. Er rusperte sich in seiner
lauten und derben Weise.

Ja, Vater! fragte Hedda und zuckte in ihrem Winkel wie erschreckt
zusammen. Sagtest du etwas?

Herrjeses, Hedda, ich glaube wirklich, du fngst mir an, nervs zu
werden! Wenn ich mal 'hm' mache, erschrickst du, als ob es eingeschlagen
htte. Nein, ich sagte nichts, aber ich _wollte_ etwas sagen. Nmlich --
denke dir, da hat der Kommerzienrat mit mir gesprochen--

Wegen der Quelle?

Nein -- deinethalben.

Jetzt richtete Hedda sich verwundert auf. Sie schob die weie gestrickte
Kapuze, die sie bei winterlichen Fahrten ber Land zu tragen pflegte,
etwas weiter aus der Stirn und schaute den Alten mit ernsten Augen an.

Meinetwegen? fragte sie. Was heit das, Papa?

Hellstern haschte nach der rechten Hand Heddas.

Kuschle dich mal ein bichen enger an mich heran, Kind, entgegnete er.
So -- und nun lege den Dickkopf an meine Schulter -- so -- und gib mir
auch noch das andre Pftchen.... Sage mal, warum klopft denn dein Herz
so stark?

O, es klopft nicht strker wie sonst!

Doch -- ich spre es. August soll dir meine Baldriantropfen bringen.

Schn. Also, was wollte der Kommerzienrat?

Hellstern drckte die Hnde Heddas fest.

Er wollte dich fr seinen Jungen, den Gunther, haben.

Es fuhr wie ein elektrischer Strom durch die Glieder Heddas.

Das ist eine Unverschmtheit! rief sie emprt. Aber sofort tat ihr
dieser Ausruf leid. Das ist naiv, fuhr sie, sich selbst beschnigend,
fort. Wie kommt der Rat auf eine so absonderliche Idee?

Gunther hat ihm sein Herz ausgeschttet. Er meint, er liebe dich. Und
es mu doch wohl die Hoffnung in ihm leben, du wrdest seine Liebe nicht
so ohne weiteres fortweisen.

Berechtigung zu dieser Hoffnung habe ich ihm nicht gegeben, Vater.

Wenn du es sagst, glaube ich dir's aufs Wort. Aber man tuscht sich oft
in so subtilen Empfindungen. Gunther mag in seiner Schwrmerei eine
Liebenswrdigkeit deinerseits fr Entgegenkommen gehalten haben. Ganz
sicher war er seiner Sache zweifellos nicht; immerhin war es taktvoll
von ihm, da er durch seinen Vater sozusagen erst die Fhler ausstrecken
lie.

Hedda schttelte den Kopf.

Mir ist es unklar, Papa...

War es mir auch, Herzenskind. Ich kenne dich doch. Ich htte schon
gemerkt, wenn dein Herz lebendiger geworden wre. Und ich gesteh' dir
offen, ich wurde ein klein bichen eiferschtig, als der Kommerzienrat
mit mir sprach. Es kam auch ein Gefhl von Krnkung und Zurcksetzung
dazu. Ich fragte mich: 'Bist du denn nicht der Erste, dem sich dein Kind
anzuvertrauen hat, wenn es sich um so wichtige Dinge, um Herzens- und
Lebensfragen handelt?'

Hedda antwortete nicht. Sie dachte an jene Zeit, da die Liebe zum
erstenmal wie Frhlingsbrausen und Wettersturm durch ihr Herz gezogen
war. Gleich einer Trumenden war sie damals umhergewandelt, war blasser
geworden und abgemagert -- und der Vater hatte nichts gemerkt. Und nach
einer endlos langen und bangen Nacht war sie in ihrer Seelenqual
schlielich zu dem alten Pastor hinbergelaufen, statt sich an der Brust
des Vaters auszuweinen.

Hellstern rusperte sich wieder.

Ich mu noch einiges sagen, Hedda, begann er von neuem. Auch der
Kommerzienrat hat die heikle Sache mit taktvollen Hnden angefat -- wie
ein Mann von Welt, ich kann es nicht leugnen. Aber er setzte doch gleich
mit Zukunftsmusik ein; es herrscht eine ausgesprochene Wagnersche
Atmosphre in dem Hause. Er will Dbbernitz kaufen und ein Fideikommi
fr Gunther daraus machen; da solltet ihr denn im Sommer leben--

Auch das noch! murmelte Hedda.

Und im Winter ein paar Monate in Berlin oder auf Reisen -- ganz, wie es
euch passen wrde. Er sagte das alles eigentlich ohne Protzigkeit; er
hat mir heute abend viel besser gefallen als sonst.... Sieh einmal,
Hedda, wir sind arm, und ein andres, viel glnzenderes Leben wrde ja
zweifellos fr dich beginnen, wenn du den Gunther heiratetest. Es ist
auch kein unbler Mensch. Ich wrde schlielich selbst nichts gegen das
Brgerliche sagen; um der Kinder willen liee sich der Adel schon
beschaffen, obwohl derlei frische Backware auch nicht nach meinem
Geschmack ist. Aber die Hemdenindustrie gefllt mir nicht. Ich bin
kleinlich in solchen Dingen -- ich wei es--

Hedda entzog ihre Hnde dem Vater und setzte sich wieder aufrecht in
ihre Ecke.

Das ist in der Tat kleinlich, Papa, erwiderte sie. Wir haben schon
einmal ber den Punkt gesprochen. Ob Hemden oder Geschtze, was ist da
der Unterschied? Die Welt braucht beides, und Hemden vielleicht noch
ntiger als Kanonen. Wenn irgend ein junger Krupp um mich anhielte,
wrdest du keine Bedenken haben. Aber wir wollen nicht von neuem
streiten. Es handelt sich weder um Kanonen noch um Hemden, sondern um
mein Herz.

Richtig, Hedda! Das ist der Punkt, um den sich alles dreht.

Was hast du Herrn Schellheim geantwortet?

Da ich mit dir sprechen und ihm morgen Antwort geben wrde.

So schreibe ihm, aber, bitte, in hflichster Form, da sein Sohn sich
in eine Tuschung hineingelebt habe, und da ich es noch nicht -- fr an
der Zeit hielte, ber mein Herz zu entscheiden.

Hellstern nickte.

Gut; das werd' ich ihm schreiben. In hflichster Form -- ich will den
Leuten ja nicht wehe tun.

Er blieb noch einen Augenblick still sitzen. In einer raschen, hei
aufsteigenden Aufwallung nahm er dann Heddas Kopf zwischen die Hnde. Er
kte sie strmisch.

Mein Liebling, stammelte er; es klang wie verhaltenes Schluchzen. Er
tastete ber ihre Wangen und streichelte sie. Er war so selig, da er
sein Kind noch behalten durfte.

Der Wagen hielt. August, mit einer Stalllaterne in der Hand, ffnete den
Schlag. Auch Drthe war noch auf. Sie fragte, ob die gndigen
Herrschaften vielleicht noch Teewasser wnschten.

Nein, Drthe, erwiderte Hedda; wir gehen gleich zu Bett. Wir sind
mde. Gute Nacht, Papa -- schlaf wohl!

Er kte sie nochmals, und da er fhlte, da ihre Hnde kalt wie Eis
waren, wandte er sich an Drthe.

Hast du dem gndigen Frulein eine Wrmflasche in das Bett gelegt?

Jawohl, Herr Baron.

Er war zufrieden. Hedda stieg die Treppe hinauf in ihr Zimmer, stellte
das Licht auf den Nachttisch und begann sich langsam zu entkleiden. Es
war merkwrdig -- sie fhlte sich wirklich grenzenlos mde und dabei so
zerschlagen in allen Gliedern, als ob sie einen weiten Marsch hinter
sich habe. In Korsett und Unterrock setzte sie sich auf den Bettrand und
faltete die Hnde. Ein holdes Lcheln flog ber ihr Gesicht. Der
Gedanke, geliebt zu sein, ist immer s fr das Herz des Weibes. Aber
das Lcheln erstarb rasch. Sie dachte an den zurck, den sie nicht
vergessen konnte, und seufzte.

An der Tr klopfte es leise.

Was gibt's noch? rief Hedda.

Die Tr ffnete sich ein wenig; eine Hand, die ein Flschchen hielt, und
ein Arm wurden sichtbar. Der Baldrian, gndiges Frulein, sprach
Augusts Stimme, und drei Stckchen Zucker. Zwanzig Tropfen, lassen der
Herr Baron sagen, und wenn gnd'ges Frulein in der Nacht aufwachen
sollten, dann nochmal zwanzig.

Hedda nahm dankend die kleine Flasche und ging zu Bett. Sie lschte das
Licht, betete und zog das Federkissen hoch. Aber was ntzte der
Baldrian! Unertrglich war die Hitze, die die Wrmflasche ausstrmte,
und Hedda schob die Bettdecke wieder weit zurck. Drthe hatte auch das
Zimmer geheizt -- gegen ihren ausdrcklichen Befehl. Es war nicht
auszuhalten. Eine krause Gedankenflut durchwirbelte des Mdchens Kopf.
Sie wollte sich beruhigen und zndete abermals das Licht an. Dabei fiel
ihr Blick auf das Pastellbild ber ihrem Bette; es stellte die
verstorbene Mutter dar.

Ihre Augen wurden na. 'O du liebes Mtterchen, wenn du doch noch
lebtest!' dachte sie. 'Dir wollte ich sagen, wie mir's ums Herz ist! Und
du wrdest auch Rat und Trost finden und wrdest mir helfen und mich
aufrichten in all meinem Gram. Ich wei ja, wie unrecht ich tue, da ich
mich dem Papa gegenber verschliee. Er liebt mich doch auch, aber er
ist zu rauh, und er hat -- ihn. Und jedes Schmhwort gegen ihn ist mir
wie ein Messerstich. Ich kann doch nicht anders...'

Sie hatte sich im Bette aufgerichtet und sprach so geraume Zeit in sich
hinein. Dann fhlte sie einen leisen Frostschauer ber ihre Schultern
rinnen und kroch wieder unter die Decke. Mitten in der Nacht wachte sie
auf. An den Fensterlden rttelte und schttelte es. Ein Sturm schien
die schlafende Winternatur in Aufruhr bringen zu wollen. Der Wind pfiff;
hin und wieder hrte Hedda auch das Gerusch eines losgerissenen und
ber das schrge Dach polternden Ziegelstckes. Aber sie hrte in ihrer
erregten Phantasie noch mehr. Sie hrte sich rufen -- klagend,
schmerzend und schreiend. Und bald war es Gunthers Stimme, die nach ihr
rief, bald die Stimme von Klaus. Mit zitternden Hnden entzndete sie
zum drittenmal das Licht. Der Baldrian stand noch immer auf dem
Nachttisch. Aber was ntzte der.

       *       *       *       *       *

Der Sturm hatte gewaltig gehaust. Die Strohdcher der Kosstenhuser
unten im Dorfe sahen verstrobelt aus, als htten Riesenfuste sie
zerzaust. Eine Anzahl Bume war geknickt und entwurzelt worden. Den
Schnee aber hatte die Windsbraut zu groen Haufen zusammengeweht,
pyramidenfrmig, hie und da auch in Schlangenlinien auseinandergequirlt
und an den Stmmen und Wnden in die Hhe gebrstet, wo er dann in der
Klte der Morgenfrhe angefroren war und wunderliche Gebilde und Muster
zeigte: schwere Spitzensume und Lilien mit groen offenen Kelchen und
tausendfach verschiedene Arabesken.

Auf dem Auschlosse war die Fahnenstange, die man vergessen hatte ber
Nacht zu kappen, gebrochen und auf die erste Terrasse geschleudert
worden. Und dort hatte sie der Pomona den Kopf abgeschlagen, zum
hchsten rger des Kommerzienrats, der in der hemdenlosen Gttin ein
Symbol fr die Notwendigkeit seines Geschftsbetriebs sah.

Es war dies berhaupt ein Tag des rgers und der Niedergeschlagenheit.
Um zwlf Uhr kam August vom Baronshofe und brachte einen Brief. Die
Familie sa gerade beim zweiten Frhstck. August erhielt eine Mark, und
der aufwartende Diener wurde hinausgeschickt. Dann erst erbrach der
Kommerzienrat mit einer gewissen Feierlichkeit das Schreiben; voll
ngstlicher Spannung hingen die Blicke von Frau und Sohn an seinen
Zgen. Sie sahen, wie ber die Stirn Schellheims whrend der raschen
Lektre eine Wolke flog. Dann zuckte er mit den Achseln und reichte
Gunther den Brief.

Kopf hoch behalten, mein Junge, sagte er dabei. Noch ist nicht aller
Tage Abend. Ich habe eine andre Antwort erhofft -- nein, erwartet --
trotzdem: es ist nichts gegen sie einzuwenden...

Gunther las:


        Baronshof, 3. Januar.
  Mein verehrter Herr Kommerzienrat!

Ich habe mit meiner Tochter gesprochen. Es tut mir leid und wird mir
schwer, Ihnen sagen zu mssen, da sie der Ansicht ist, Ihr Herr Sohn
sei von einer Tuschung befangen. Sie hlt es noch nicht fr an der
Zeit, ber ihr Herz zu entscheiden... Das war genau so, wie Hedda es
vorgeschrieben hatte. Nun kam eine philosophische Wendung:
Mdchenherzen sind unberechenbar, lieber Herr Kommerzienrat... Dann
ein Trostwort: Die Zeit wird schon alles ausheilen... Und schlielich
die formelle Hflichkeit: Ich hoffe, der kleine Zwischenfall wird
Auberg und Baronshof nicht auseinanderbringen. Mit besten Empfehlungen
allerseits

  Ihr ganz ergebener
    Freiherr von Hellstern.


Gunther gab den Brief an die Mutter weiter. Er war wei wie Kalk
geworden. Rasch trank er sein Glas Sherry aus, doch seine Hand zitterte
heftig dabei. Die Mutter griff, die Augen feucht, nach der Rechten ihres
Jungen und ttschelte sie wortlos.

Eine bange Stille war eingetreten.

Pltzlich sprang der Kommerzienrat wtend auf und stie seinen Stuhl
gegen den Boden.

Mach nicht solche Leidensmiene, Gunther! rief er zornig. Du hast dir
einen Korb geholt -- Schwerenot, was ist weiter dabei! Du kriegst noch
andre als das hochnsige Mdel von drben!

Nun erhob sich auch Gunther.

Bitte, Papa, entgegnete er abwehrend und mit fester Stimme, kein Wort
weiter darber! Vor allem keine Schmhung! Wer verdient eine solche? Die
Sache ist tot und begraben. Wenn ihr mir eine Liebe erweisen wollt,
erwhnt sie nicht mehr. Irrungen soll man abtun...

Seine Stimme brach. Er sah sich wie hilflos um, als suche er irgend
etwas.

Ich -- ich will fort, fuhr er fort. Es wre auch nicht in der
Ordnung, wenn ich unter den obwaltenden Verhltnissen hier bleiben
wollte -- gerade jetzt. Spter -- wird sich ja alles legen.... Wenn ihr
nichts dagegen habt, reise ich auf ein paar Wochen nach Oberitalien oder
dem Genfersee. Da kann ich in Ruhe meine Arbeit vollenden. Und dann
kommt der Sommer und dann meine Offiziersbung in Lissa -- das gibt
Abwechslung genug. Das wird mir auch gut tun. Aber -- ich mchte dann
schon mit dem Abendzug fahren...

Die Eltern redeten in ruhigen und verstndigen Worten von unntiger
berhastung ab. Das Herz tat beiden weh. Sie fhlten, da Gunther sehr
litt. Aber sie konnten ihm wahrlich nicht helfen. Er blieb auch fest. Er
wollte durchaus fort. Einen Augenblick schwankte er, ob er dem Pastor
lebewohl sagen sollte. Doch er konnte sich nicht dazu entschlieen,
noch einmal in das Dorf zu gehen. Er frchtete sich davor, Hedda zu
begegnen.

Der Kommerzienrat, sonst ziemlich bequem, lie es sich nicht nehmen,
Gunther nach der Station zu begleiten. Er war auch vernnftig genug,
whrend der Schlittenfahrt durch den Wald mit keinem Wort auf die
Herzensgeschichte zurckzukommen. Gunther dankte ihm im stillen dafr.
Er sprach fast gar nicht. Wieder strte ihn der Kutscher hinten auf der
Pritsche -- wie damals. Ach, damals! Da glitzerte der Sonnenschein durch
das Eisgezweige, und seine Brust war voller Hoffen. Und jetzt nchtete
es.

Die Herren trafen in letzter Minute auf dem Bahnhof ein. Es war gerade
noch Zeit ein Billett zu lsen.

Gre die Mama! rief Gunther aus dem offenen Coupfenster.

Danke, mein Junge! Und sei recht vernnftig! Und la dir nichts
abgehen! Wenn du noch Geld brauchst, so telegraphiere -- hrst du,
telegraphiere!

Der Zug brauste davon. Als Schellheim an seinen Schlitten zurckkehrte,
klingelte von der Chaussee aus ein zweiter Schlitten heran und hielt vor
dem Stationsgebude. Der Kommerzienrat sah Herrn von Wessels aussteigen
und begrte ihn.

Im Dienst, Herr Landrat? fragte er, auf die schwarze Ledermappe
deutend, die der Angeredete unter dem Arm trug.

Ja -- sozusagen, -- das ist eine verteufelte Geschichte, mein bester
Herr Kommerzienrat. Der tolle Zernin und der dicke Biese haben sich heut
frh duelliert, und Biese ist ber den Haufen geschossen worden. Er kann
froh sein, wenn er mit dem Leben davonkommt. Zernin ist unglcklich, er
hat es nicht so gewollt -- aber sechs Monate kostet ihm die Kugel doch.
Und vor allen Dingen: ich frchte, Sie werden ihn an Ihrem
Quellenunternehmen nun auch nicht mehr beteiligen knnen. Merkwrdiges
Pech! Es ist eigentlich schade um den Menschen...

Schellheim starrte den Landrat an.

I Gott bewahre -- ein Duell -- also wirklich ein Duell! stammelte er.
Ja, aber um Himmels willen, weshalb denn?! Was haben die beiden sich
getan?

Herr von Wessels lchelte verlegen.

Das lt sich schwer sagen, erwiderte er. Sie sind gestern abend bei
Ihnen zusammengeraten, aber Zernin hat sich in diesem Falle richtig und
taktvoll benommen -- jawohl. Biese -- na, also kurzum, erfahren werden
Sie es ja doch einmal: Biese hat die Dreistigkeit gehabt, sich ber Sie
als Gastgeber eine respektlose Bemerkung zu erlauben, und da ist Zernin
scharf geworden. Das war der Anfang ... Aber ich mu weiter! #Addio#,
mein verehrter Herr Kommerzienrat!

Sie schttelten sich die Hnde, und ehe der Landrat in das
Bahnhofsgebude trat, wandte er sich noch einmal um und rief
kopfnickend: Es war gestern abend brigens ganz reizend bei Ihnen!

Schellheim kletterte in seinen Schlitten zurck. An seinen Sohn, an den
Baronshof und an den Korb Heddas dachte er nicht mehr. Es ging ihm im
Kopfe herum, da man seinetwegen einen Zweikampf ausgefochten hatte. Der
dicke Biese, ein Brgerlicher wie er, freilich Landwehrhauptmann -- und
das sprach mit--, hatte eine beleidigende uerung ber ihn fallen
lassen. Irgend eine mokante Bemerkung wahrscheinlich, wie der Grochauer
sie liebte -- und da hatte Herr von Zernin Partei fr ihn, den
Kommerzienrat, genommen, und schlielich war es auf Tod und Leben
gegangen -- um seinetwillen. Merkwrdige Welt! Eigentlich ging die Sache
doch nur _ihn_ an als den Beleidigten; was schossen sich denn die beiden
um _seine_ Ehre?! -- Und in halbem Selbstgesprch fgte er hinzu: Es
ist im Grunde genommen lcherlich und unverzeihlich. _Mich_ kann ein
Mann wie dieser dicke Biese gar nicht beleidigen!




Neuntes Kapitel


Als der Frhling in das Land zog, fand er Oberlemmingen in groer
Erregung. Die feierliche Einweihung der Quelle stand nahe bevor. Aus
Frankfurt war ein Kunstgrtner mit einem ganzen Schwarm von Gehilfen
herbergekommen und hatte die Suberung des Buchenwldchens auf der
Grauen Lehne in Angriff genommen. Das war nun in der Tat eine grndliche
Suberung. Aus dem Buchenhain wurde ein regelrechter Park mit Gngen,
Pltzen, Alleen und schattigen Wandelgngen. Ganze Baumpartieen wurden
vollstndig niedergelegt, und an ihre Stelle sollten Blumenparterres
treten; vorlufig wurde allerdings nur Humus in Rundellform
aufgeschttet, und das sah aus, als lagerten zwischen dem ersten zarten
Buchengrn groe Schokoladentorten.

Aber das war noch lange nicht alles. Der Frhling trug auf seinen
regenfeuchten Schwingen noch viel strker das Wehen der neuen Zeit in
Oberlemmingen hinein. Die ersten Logierhuser wurden gebaut. Albert
Mller hatte den beiden Kossten Maracke und Klauert ihre Anwesen
abgekauft. Diese lagen dem Kurpark ungefhr gegenber, und die beiden
kleinen, strohbedeckten Huschen mit den anschlieenden Schweinestllen
und den ewigen Mistpftzen vor der Tr waren geeignet, den guten
Eindruck des neuen Kurparks erheblich abzuschwchen. brigens pate
Albert, was Maracke und Klauert forderten; es war noch immer ein
Spottgeld, aber die beiden armen Teufel hatten noch nie ein paar hundert
Taler auf einem Haufen gesehen. Nachtrglich rgerten sie sich
natrlich, da sie nicht mehr verlangt hatten. Die alte Maracken heulte
jmmerlich, als sie ihr verfallenes Huschen verlassen mute, und ihre
fnf Kinder heulten mit. Die ganze Familie zog nach Klein-Gster,
Klauert aber nach Zielenberg, wo er einen verheirateten Sohn besa.

Das geschah an einem der ersten Mrztage. Es wehte warm und lenzlich.
Der Schnee war berall geschmolzen; nur in den Grben hielt sich noch
lngere Zeit eine grauweie, schmutzige, halb flssige Masse. Auf der
Dorfau und auf Weg und Steg schillerten Wassertmpel; es tropfte von den
Dchern, und wie ein Pltschern und Gluckern ging es durch die Luft. Die
Erde schien zu dampfen; ber die noch brunlich getnten Wiesen
sickerten Wasserlinien, und Baum und Strauch hingen voll Feuchtigkeit.
Die Spiren setzten bereits Knospen an, aber noch fehlte der grne
Frhlingsschimmer, der vierzehn Tage spter die Natur mit seinem zarten
Schleier umhllen sollte.

Die Familien Maracke und Klauert zogen zur gleichen Zeit. Jede hatte
sich einen Einspnner geliehen, auf welchen ihre Habseligkeiten
hinaufgepackt worden waren, bunt durcheinander, gestreifte Betten,
zerbrochene Sthle, ein Tisch, dessen Beine zum Himmel ragten, und
andres Germpel mehr, alles mit dicken, vielfach durchknoteten Stricken
verschnrt. Die alte Maracken lief, als der Wagen schon vor der Tr
stand, jammernd und weinend nochmals durch Haus und Stall, ob auch
nichts vergessen worden sei. Richtig -- in einem Winkel der Kammer neben
der Stube lag noch ein Hufchen Stroh, auf dem die weie Henne ihr
letztes Ei gelegt hatte, bevor sie geschlachtet worden war. Die Maracken
raffte mit beiden Hnden den armseligen Strohrest zusammen, trug ihn
hinaus und stopfte ihn auf den Wagen. Dann ging sie in den Stall, und
als Maracke ihr ein ungeduldiges Mutter, nu' mach aber! zurief,
schleppte sie einen kleinen Schweinekoben ins Freie; der sollte auch
noch mit. Sie htte am liebsten Haus, Stall und Komposthaufen, wie alles
stand und lag, auf den Einspnner gepackt.

In diesem Augenblick zog Klauert vorber. Er war ganz vergngt, hatte
sein Geld in der Tasche und freute sich auf das Ausgedinge, das sein
Sohn in Zielenberg ihm angeboten hatte. Auch sein Wagen war schwer
bepackt, und ganz oben, auf dem Berge von rot und wei berzogenen
Betten, war ein weidengeflochtener Korb angeschnrt, in dem vergnglich
ein paar Hennen gackerten. Das erregte den Neid und die Eifersucht der
Maracken in hohem Grade. Sie berschttete ihren Mann mit Schimpfreden
und Vorwrfen; warum hatte man die dicke Weie geschlachtet, die so
fleiig Eier legte, und den prchtigen Hahn an Langheinrich verkauft?
Htte man das Viehzeug nicht ganz gut mit nach Klein-Gster nehmen
knnen? -- Die beiden jngsten Kinder weinten und jammerten mit, whrend
er, Maracke, sich in seiner philosophischen Ruhe nicht stren lie und,
die Pfeife im Munde, schweigend zuhrte. Als der Wagen schon anzog, lief
die Frau noch einmal in die Hofecke hinter dem kleinen Dngerhaufen. Sie
hatte da noch einen eisernen Reifen entdeckt, der schon ganz verrostet
war, und da er nicht mehr auf dem Wagen unterzubringen war, so hing sie
ihn sich ber die Schultern. Dann ging es los, der Einspnner voran, den
Maracke, daneben herschreitend, fhrte, und hinterher, gleichfalls zu
Fu, Mutter Maracken mit ihren fnf Kindern. Ein paar Bauernweiber
standen am Wege und nickten und riefen den Abziehenden einige Gruworte
zu; mitten in dem verlassenen Hofe, wo von dem Komposthaufen eine kleine
Dunstwolke aufstieg, aber hatte sich Albert Mller breitbeinig
aufgepflanzt, eine Zigarre rauchend und behaglich lchelnd. Mit dem
Abbruch der alten Baracken sollte sofort begonnen werden; dann kam der
Neubau an die Reihe. Das ging rasch.

An diesem Tage hatte Hellstern seine erste Frhlingsausfahrt
unternommen. Der bergang vom Winter zum Lenz war immer die schlimmste
Zeit fr ihn. Er hatte sich wochenlang nicht aus dem Zimmer rhren
knnen; selbst die Einreibung der Tante Pauline versagte ihre Wirkung.
Nun aber ging es besser. Hedda sa neben ihm im Wagen und sah durch das
Fenster den Abzug der beiden Kossten. Sie machte den Vater darauf
aufmerksam, der die Gelegenheit wahrnahm, wieder einmal nach Herzenslust
auf die Quelle zu rsonieren.

Siehst du, Hedda, sagte er, das sind die ersten -- die ersten Opfer
der neuen Kultur. Und andre werden folgen. Du bist jung -- vielleicht
erlebst du noch den Tag, da dieses Dorf, zu dessen Insassen wir seit
zweihundert Jahren gehren, vllig vom Erdboden verschwunden sein wird.
Dann wird es auch keine Bauern mehr hier geben, die bei allen Sorgen und
Mhen um das tgliche Brot doch frei auf ihrer kleinen Hufe leben und
wirtschaften konnten, sondern nur ein Volk von Krmern und Spekulanten,
immer auf der Lauer liegend, wie den Besuchern dieses neuen Badeorts das
Geld am besten und schlauesten aus der Tasche zu ziehen sei.... Er
zeigte, whrend er weitersprach, aus dem Fenster hinaus ber das Dorf.
Sicher -- es wird prachtvoll werden. Exzellenz Usen hat es damals bei
Schellheims prophezeit. Der Erzengel der Industrie hlt seinen Einzug in
unser Tal -- oder wie sagte er gleich? ... Die alten Htten mit ihren
Strohkappen werden niedergerissen, neue, schne Huser entstehen, mit
Balkon und Stuckklecksereien und allem Komfort der Neuzeit und dem dazu
gehrigen Schwindel. Ein Sanatorium wird errichtet, in dem man nach
physikalisch-ditetischen Grundstzen die Menschen zu Tode kuriert, und
auf allen Straen und Wegen sieht man Blutarme und Magenleidende und
Neurastheniker, Zucker-, Darm- und Hautkranke, da man seine Freude
daran hat. Der Pastor baut uns seine Kleinkinderbewahranstalt dicht auf
die Nase, damit wir das Gequarre der Ghren den ganzen Tag ber hren
knnen; wahrscheinlich wird auch noch elektrisches Licht eingefhrt,
denn der Spektakel der Motoren ist nicht gering anzuschlagen --
berhaupt werden mancherlei Fabrikanlagen ntig sein als Wahrzeichen des
Fortschritts, und ihr Rauch und Qualm wird uns die Luft verstnkern. Es
wird ganz groartig werden...

Hedda lchelte und antwortete nicht, und der Freiherr fuhr fort:

Im Ernst, liebes Kind, der Abzug der beiden Kossten dnkt mich
symptomatisch und ist, mchte ich sagen, so eine Art Symbol. Das Alte
mu dem Neuen weichen. Ich scherzte vorhin, wenn auch bitter. Die
kleinen Unbequemlichkeiten, die der Triumphzug der Kultur den Einzelnen
auferlegt, mssen ertragen werden. Aber wie die Kultur hier das Dorf
ruinieren und die Gemeinde auflsen wird, das kann einem doch nahe
gehen. Ich wei, da du mir antworten wirst: das ist nicht anders, die
Kultur fordert immer Opfer zum Besten der Allgemeinheit -- aber sind
nicht auch diese Opfer bedauernswert? Es ist ein ganz guter
Menschenschlag in unsrer Gegend, doch pa auf, wie man ihn verpfuschen
wird! Die Mllers, die nur noch halbe Bauern sind, haben den Ansto
gegeben; _sie_ werden auch gewinnen, aber die andern nicht, denen es auf
der einen Seite an Kapital und an Intelligenz mangelt, whrend sie auf
der andern von der gleichen Erwerbsgier erfat werden, wenn erst das
Spekulationsfieber in ihnen erweckt ist. Lehr mich doch die Bauern
kennen! Und dann: jeder an seinem Platz! Der Bauer ist nun einmal kein
Kaufmann, und wenn ihn der Kommerzienrat und die Mllers dazu machen
wollen, so nehmen sie ihm das Beste seines Charakters, die Soliditt.
Jawohl, liebe Hedda, denn da die vernunftgemen Grenzen kaufmnnischer
Spekulation bhmische Drfer fr ihn sind, so wird er sich, neidisch
zusehend, wie die andern ihre Taschen fllen, einem gewagten Glcksspiel
ergeben und schlielich untergehen. #Ceterum censeo# -- ich sehe
durchaus kein Heil fr unser Dorf in der ganzen Quellengeschichte.

Der alte Freiherr stand mit seinem #Ceterum censeo# allein. Auch Hedda
teilte seine Ansichten nicht. Sie war in den letzten Monaten hufig mit
dem Pastor zusammengekommen, fr dessen humanitre Plne sie sich
lebhaft zu interessieren begann. Eycken schwelgte in seiner Idee. In
seiner warmherzigen Kinderliebe sah er eine neue ra fr die arme und
leidende kleine Welt anbrechen, der er Hilfe bringen wollte -- mit weit
offenen Armen, wie sein groes Vorbild Christus, als er sprach: Lasset
die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht.... Die Bcher
blieben liegen; Luther, Melanchthon, Hutten und Eobanus Hessus hatten
Ruhe. Eycken hatte Wichtigeres zu tun; nicht der tote Buchstabe lockte
ihn diesmal, sondern die lebendige Liebe. Wie oben auf der Auburg so
fanden auch im Pfarrhause im Januar und Februar verschiedene Konferenzen
statt, rzte und Architekten trafen ein; es wurde beratschlagt, erwogen
und gerechnet. Eycken wollte das Unternehmen allein ins Leben rufen; er
hatte zwar auch mit dem Kommerzienrat ber die neue Kinderheilsttte
gesprochen, aber Schellheim hatte seinem Empfinden nach den
Geschftsstandpunkt zu stark in den Vordergrund gerckt. Und verdienen
wollte Eycken nichts -- Gott bewahre; er war schon zufrieden, wenn sich
die Anstalt im Laufe der Zeit durch sich selbst erhielt, denn da sie
anfnglich starke Zuschsse beanspruchen wrde, war klar. Doch das
ngstigte Eycken nicht; er war so reich, da er tatschlich nicht wute,
was er mit seinem Gelde beginnen sollte. Er brauchte wenig; seit einem
Menschenalter hatte sich sein Vermgen Zins auf Zins gehuft. brigens
war ihm auch der Fiskus entgegengekommen und hatte ihm fr den Bau der
Anstalt die zum Kirchenland gehrige Wiesenparzelle zur freien Verfgung
gestellt. Schlielich hatte sich Eycken auch noch an den
Johanniterorden gewandt, der die Protektion bernahm, sich
verpflichtete, ein paar Pflegerinnen zu stellen, und Herrn von Wessels,
den Landrat, zum leitenden Ritter ernannte.

Anfangs April standen bereits die Fundamente der beiden Logierhuser
Albert Mllers. Das Parterregescho des einen Hauses war fr einen
groen Kaufladen bestimmt, den Bertold mieten wollte. Vorlufig nur,
denn sein heimliches Sehnen stand nach dem Gehft Braumllers, das dicht
an der groen Landstrae und in unmittelbarster Nhe des Kurparks lag.
Braumllers Wohnhaus war sehr solide gebaut, stark unterkellert und
hatte gewlbte Zimmer. Mit wenigen tausend Mark konnte man es
wunderschn ausbauen, und wie prchtig eigneten sich die gewlbten
Stuben, deren Wnde man einfach ausbrach, zu einem eleganten Basar!
Natrlich sollte man da alles haben knnen -- ein riesiges Warenhaus
schwebte Bertold vor, der jede Nacht davon trumte, wie er die
Schaufenster schmcken wrde, ein jedes anders, aber immer gleich
schenial, wie sein Lieblingsausdruck lautete.

Klempt hatte sich lange gewehrt, ehe er sich dazu entschlieen konnte,
seine, die Buchenhalde begrenzende Wiesentrift zu verkaufen; der Erls
des Heus brachte ihm eine jhrliche Rente, mit der er rechnen mute --
auerdem hing er auch an diesem Stckchen grner Wiese, auf der er sich
schon als Kind getummelt hatte, und an deren Rain entlang er noch heute
seine Sonntagsspaziergnge zu machen pflegte. Vergeblich hielten ihm die
Mllers vor, da ihm die Zinsen des Kapitals, das sie ihm fr die paar
Morgen zahlen wollten, mehr bringen wrden als der Heuertrag;
schlielich legte sich auch noch der Kommerzienrat ins Mittel, denn die
Wiese war ihrer Lage wegen wichtig -- aber was auch er nicht vermochte,
das setzte Drthe durch. Fritz hatte sich hinter sie gesteckt. Es war ja
lcherlich. Starb der Vater, so gehrte die Wiese ja doch der Drthe,
und was der Drthe war, war auch sein, da sie sich heiraten wollten. Und
nun drang Drthe auf baldige Hochzeit. Gewi, antwortete Fritz, sobald
einigermaen Ordnung geschafft und die Sache in Gang gebracht worden
sei; denn jetzt habe man den Kopf zu voll, um an Heiraten denken zu
knnen, das msse sie doch einsehen. Das sah sie auch ein, aber sie
wollte wenigstens einen bestimmten Termin wissen. Um Weihnachten, meinte
Fritz, da wrde man wohl so weit sein. Und dann gab es noch Liebesworte
in Hlle und Flle, und am nchsten Tag erklrte sich der alte Klempt
einverstanden, die Wiese abzugeben. Das Geld wurde auf die Sparkasse
gebracht und fr Drthe festgelegt.

Der wenig gnstige Gesundheitszustand ihres Vaters hatte Hedda
abgehalten, ihren Plan, einen Wintermonat in der Residenz zu verleben,
zur Ausfhrung zu bringen; zum soundsovielsten Male hatte die Berliner
Tante einen Absagebrief erhalten und zum soundsovielsten Male mit immer
denselben Worten darauf geantwortet: Es tut mir schrecklich leid,
liebste Hedda, daߠ-- und so weiter. Der Freiherr hatte allerdings
gewnscht, Hedda solle auf ihn keine Rcksicht nehmen und sich auch
einmal eine Ausspannung gnnen; im Grunde genommen aber war er
herzensfroh, da sie dennoch blieb -- sie war ihm unentbehrlich
geworden, und auch die Arbeit ging ihm viel flotter von der Hand, wenn
sie neben ihm sa.

Eines Tages erschien ein Telegraphenbote auf dem Baronshofe. Das war an
sich schon ein Ereignis. Hedda entsann sich nicht, da sie jemals ein
Telegramm in Empfang genommen habe, der Freiherr aber hatte vor achtzehn
Jahren das letzte erhalten, das ihm den Konkurs eines Berliner
Finanzgeschfts ankndigte, mit dem er in Verbindung gestanden, und das
ihm deshalb in recht unangenehmer Erinnerung war. Am meisten regte
jedoch August die Depesche auf, der die Botenfrau im Vordergarten
abfing, wo er mit Drthe die Wege harkte.

Eine Depesche fr den Herrn Baron, sagte die Botenfrau.

Allmcht'ger Gott, rief August, eine Depesche! -- Drthe, eine
Depesche!

Drthe trat nher und betrachtete mit Furcht und Erstaunen das
zusammengelegte Papier mit der blauen Marke auf der Rckseite.

Eine Depesche! stammelte sie und faltete unwillkrlich die Hnde.

Drthe, das bedeutet ein Unglck, fuhr August mit berzeugung fort.
Wie kommt denn eine Depesche hierher, frag' ich dich blo! Und er
schaute Drthe dabei fast drohend an, als ob sie ihm verheimlichen
wolle, wie die Depesche hierher kme. Dann ging er unter bestndigem
Kopfschtteln in das Herrenhaus.

Eine Depesche, gndiges Frulein, sagte er zu Hedda, die in der
Speisekammer zu tun hatte.

Hedda fuhr erschreckt zu ihm herum: Eine Depesche?! rief sie. Nanu?!

August nickte. Das habe ich auch gesagt, gndiges Frulein. Wenn das
man blo kein Unglck gibt!

Nun berieten sie, ob man das Telegramm ffnen solle, um dem Freiherrn
die Aufregung zu ersparen. August war dafr. Man kann nicht wissen, was
drin steht, gndiges Frulein, meinte er. Einer Depesche ist nicht zu
trauen. Das kann alles mgliche sein. Aber Hedda schttelte schlielich
energisch den Kopf. Das Telegramm war an den Vater gerichtet, und da
ging es nicht an, da man es erbrach.

Vater, sagte sie, von August gefolgt in das Arbeitszimmer des Alten
tretend, erschrick nicht: es ist eine Depesche angekommen.

Nanu?! erwiderte der Baron, genau so wie vorhin Hedda, und August
nickte dazu: dieses Nanu entsprach ganz seiner Auffassung.

Hellstern erbrach das Papier und las erst die Unterschrift.

Von Axel, Hedda. Und fnf Zeilen lang. Das soll was heien... Er las
vor: Bitte um die Erlaubnis, Euch auf ein Retourbillet besuchen zu
drfen. Wenn keine Antwort erfolgt, bin ich Sonnabend mittag in
Zielenberg. Wagen unntig, nehme dort Extrapost. Freue mich herzlich
darauf, Euch kennen zu lernen, und gre Dich und die Cousine.

  Euer Vetter
    Axel Hellstjern.


Er lie das Papier sinken. Was sagst du dazu? -- Sonnabend -- das ist
morgen.

Hedda hatte einen roten Kopf bekommen.

Aber, Papa, das ist ja ganz unmglich, antwortete sie. Morgen schon
-- und es ist nichts in Ordnung! Telegraphiere zurck, er mchte erst in
acht Tagen kommen.

Ja, aber wohin denn?! Axel hat vergessen, seine Adresse anzugeben.

An die schwedische Gesandtschaft in Berlin.

Ach nein, Hedda, das geht nicht. Ich meine, das wre unliebenswrdig.
Ich bin Axel in gewisser Weise Dank schuldig. Lassen wir es nur bei
morgen. Er mu sich sagen, da er bei uns keinen weltstdtischen Komfort
findet. Das Dach ist ja repariert -- es regnet im Fremdenzimmer nicht
mehr durch. Bringe die Stube in Ordnung und sorge fr etwas opulentere
Mahlzeiten in den nchsten Tagen. Wein ist noch genug da. Komm her, mein
Kind, und gib mir einen Ku! So -- und nun sei verstndig!

Das war leicht gesagt: verstndig sein. Herrgott, was war nicht noch
alles zu tun bis morgen mittag! Aber Hedda behielt den Kopf oben; sie
entwarf einen Feldzugsplan. Zunchst mute Drthe die Tante Pauline zum
Helfen holen. Dann wurde im Fremdenzimmer gro rein gemacht -- das
heit in dem einzigen der sogenannten Fremdenzimmer, das leidlich
mbliert war. Es lag im ersten Stock, nach Sden hinaus, und war ein
groer, freundlicher Raum. Strme von Wasser flossen ber die Dielen;
Drthe und Tante Pauline schrubberten und scheuerten, da ihnen der
Schwei von der Stirn flo. Whrenddessen beschftigte sich Hedda damit,
frische Gardinen anzustecken. Sie opferte auch ihr eignes Waschservice,
das sehr hbsch war: wei mit rosa Streublmchen und rotem Rande.
Gottlob, da das Bett gut war -- ein altes, ungeheuer groes Bett, noch
aus dem Anfang des Jahrhunderts stammend, mit geschweiften Beinen und
naiver Schnitzerei. Zuletzt ging es an das Wohnlichmachen des Zimmers.
Die Tische erhielten saubere Decken, das Sofa wurde mit einer
Schlummerrolle geschmckt. Nur mit der Bilderzier war es eine schlimme
Sache. Die eine Wand war noch ganz leer. Da entsann sich Hedda, da in
der frheren Rucherkammer, in der man allerhand altes Germpel
aufzubewahren pflegte, noch ein lbild stand. Es schien dorthin zu
gehren, denn es sah wirklich ganz verruchert aus und stellte, soweit
es erkennbar war, einen Herrn in ritterlicher Tracht dar. Der Papa
glaubte, es sei irgend ein Vorfahre; das hatte gewi Interesse fr Axel.
Das Bild wurde hervorgesucht, abgestaubt, gewaschen und geseift und an
die leere Wand gehngt. Trotz aller Reinigungsknste sah es so dunkel
wie vordem aus, aber es machte sich dennoch ganz hbsch. Nur Tante
Pauline meinte, es sei ein greuliches Gesicht; sie wrde in diesem
Zimmer nicht schlafen knnen. Hedda war jedenfalls zufrieden; morgen
frh kamen noch Veilchen, ein paar blhende Pirus- und Pfirsichzweige
und etwas Grn in die Vasen und Glser -- dann war das Zimmer behaglich
und traulich.

Nachdem dies getan war, kam die Rcksprache mit der Kchin an die Reihe.
Das war schon verwickelter. August mute am Nachmittag noch nach
Zielenberg zum Schlchter fahren; auerdem muten zwei Hennen und eine
Ente ihr Leben lassen -- die letztere wurde in Aspik gelegt. Die
Konserven und das Eingemachte wurden revidiert und auch der Weinkeller
einer Prfung unterzogen. Er war noch am besten assortiert. In einer
Ecke lagen aus frheren Tagen her sogar noch ein paar Dutzend Flaschen
vortrefflichen Johannisbergers, auch eine Flasche Champagner war noch
da, aber der fehlte das Etikett. Der Baron konnte Hedda keinen Aufschlu
darber geben, welche Marke sie enthalte, doch neigte er der Ansicht zu,
es werde wohl Grneberger Landkarte sein, und es sei auch fraglich, ob
der Wein noch moussiere, denn seiner Erinnerung nach rhre die
vergessene Flasche noch von Heddas Taufe her.

So war denn alles in Ordnung, und man konnte der Ankunft des Vetters aus
Schweden mit einer gewissen Ruhe entgegensehen. Axel brachte schnes
Wetter mit. Es war ein wonniger Frhlingstag, sonnig und linde, mit
einem zarten, weien Wolkenschleier am Himmel, der die Sonne wie ein
Spitzenschal umgab. Im Parke war schon alles grn; der Rasen glnzte
smaragden, und die Junirosen hatten ihre groen Bltter bereits voll
entfaltet.

Hedda sah unaufhrlich nach der Uhr. Sie war etwas in Unruhe und
zweifelhaft geworden, ob es dem fremden Vetter auch auf dem Baronshofe
gefallen werde. Seit einer halben Stunde ging sie vor der Veranda auf
und ab, den Wagen erwartend, denn da der Zug wenige Minuten nach zwlf
in Zielenberg eintraf, so konnte die Post jeden Augenblick durch den
geffneten Torweg einfahren.

August teilte die Unruhe seiner Herrin. Hedda hatte auf seinen blauen
Livreerock einen neuen roten Kragen gesetzt und ihm anbefohlen, beim
Servieren weie Handschuhe anzuziehen. Und davor ngstigte sich August.
An das Servieren mit Handschuhen war er nicht gewhnt. Er hatte es ein
paarmal probiert, aber auf der glatten Wolle rutschten die Teller immer
aus. Das Herz zitterte ihm, wenn er an das Diner dachte.

In der Ferne lie sich -- ein seltener Klang -- das frhliche Schmettern
eines Posthorns vernehmen. Das war er! Hedda strmte in das Haus zurck,
den Alten zu rufen.

Schnell, schnell, Vater -- er kommt!

Der Baron, in seinem langschigen Rock und in der schwarzen Halsbinde
wie ein Veteran von 1806 aussehend, hinkte an seinen Krckstcken auf
die Veranda -- in dem Augenblick, da der Postwagen vorfuhr.

Es war eine sogenannte Beichaise, ein geschlossenes Coup, und hinter
dem hochgezogenen Fenster des Wagens sah Hedda ein schmales, blasses,
freundliches Gesicht und eine ihr zuwinkende Hand in braunem Wildleder.

August ri den Schlag auf, und Baron Axel stieg vorsichtig aus, mit dem
Fue nach dem Trittbrett angelnd.

Tag, Cousine! rief er ihr dabei entgegen, mit leicht fremdartiger
Betonung des Deutschen, Tag, Onkel Frederic! Kinder, wie ist das hbsch
bei euch! Kinder, wie freu' ich mich!

Seine Begrung war sehr warmherzig. Hedda hatte sie steifer und
formeller erwartet, sich berhaupt, trotzdem sie eine Photographie des
Vetters kannte, ein ganz andres Bild von Axel entworfen. Er war sehr
gro, grer als der Vater, aber schmalschulterig und ging leicht
vornber geneigt. Das bleiche Gesicht zeigte vornehme Zge, sah jedoch
ein wenig abgespannt und mde aus. Auf der rechten Wange zeichnete sich
eine feine Hiebnarbe blutrot ab. Ein langer, weiblonder Schnurrbart
sprote auf der Oberlippe; auch das Haar war weiblond und dnn, aber
geschickt gescheitelt und ber den Kopf verteilt. Aus den hellen blauen
Augen blickte viel Gutmtigkeit. Axel trug ein Monocle ohne Band, ein
groes, rundes Glas, stndig in die linke Augenhhle geklemmt. Seine
Kleidung war ausgewhlt elegant, besonders fiel Hedda der Sitz der
Stiefel auf den sehr kleinen Fen auf.

August fhrte den Gast zunchst auf sein Zimmer, und dann ging man
sofort zu Tische. Axel fand alles reezend (er sprach das ei gern als e
aus), besonders das verrucherte Ahnenbild interessierte ihn sehr.

Aber irgend eine hnlichkeit mit den Portrts in Jarlsberg kann ich
beim besten Willen nicht herausfinden, sagte er. Freelich, da sind
eenige fnfzig -- in eener unendlich langen Galerie, in der man getrost
eene Steeplechase veranstalten knnte -- ach, Cousine, es ist schade,
da du Jarlsberg nicht kennen lernst -- das wrde dir gefallen... Und
er beschrieb das alte Schlo, das hoch oben in Schweden auf einem
Felsenvorsprung, der Lofotengruppe gegenber, lag, umschumt und
umrauscht von den Wellen, eine kolossale Burg, deren Grundmauern noch
aus dem vierzehnten Jahrhundert stammten, und an der acht Generationen
gebaut hatten. Ich mit, fgte Axel hinzu, und es hat mich Mhe genug
gekostet, in die riesigen Zimmerfluchten eine gewisse Wohnlichkeet zu
bringen, denn Vater und Grovater lebten lieber in Stockholm und mehr
noch in Paris als auf dem einsamen Stammschlosse. Aber seht ihr, fr
mich hat es einen besonderen Reez, da oben zu hausen, mutterseelenalleen,
und es tut mir von Herzen leed, da mir der Arzt das rauhe Klima
verboten hat. Ich mu nmlich een bichen -- een bichen vorsichtig
seen, schlo er, und gleichsam als Bekrftigung dieser uerung befiel
ihn zum Schrecken Heddas ein langer und trockener Husten, den er
vergeblich niederzukmpfen sich mhte.

Er hatte sich abgewendet und hielt sein Taschentuch vor den Mund. Der
Husten erschtterte seinen ganzen Krper, so da er nach Luft ringen
mute, als der Anfall glcklich vorber war.

Schauderhaft, sagte er endlich. Ich habe mich vor zwee Jahren auf
der Brenjagd erkltet und kann mich seetdem nicht wieder so recht
erholen. Ich will deshalb auch den Abschied nehmen und een paar Jahre im
Sden verleben. Vielleecht wird's da unten besser ... Und nun, Onkel
Frederic -- wie steht's mit der Chronik? Hast du dich durch die alten
Urkunden durchfinden knnen? --

Hedda war sich noch nicht ganz klar ber den Vetter; sie schwankte noch
in ihrem Urteil. Jedenfalls war er ein vollendeter Gentleman und
jedenfalls ein sehr kranker Mensch, mit dem man Mitleid haben mute. Er
hatte ein liebes, sympathisches Gesicht, und die ganze Art seines
Sichgebens war frei, herzlich und natrlich. Es zeigte sich auch, da
Axel ber eine feine und umfassende Bildung verfgte; er war viel in der
Welt herumgekommen, beherrschte ein halbes Dutzend Sprachen und war
erstaunlich belesen, so da Hedda im Gesprche mit ihm zu fterem ein
gewisses Schamgefhl ber ihren eignen Mangel an Wissen berschlich.

Den ganzen Nachmittag ber blieb Axel mit dem Freiherrn in dessen
Arbeitszimmer, um den vollendeten Teil der Chronik durchzugehen. Erst
beim Abendessen traf Hedda wieder mit ihm zusammen. Sie rgerte sich im
stillen ber die Appetitlosigkeit ihres Gastes; was hatte man fr
Umstnde gemacht, und nun a er fast gar nichts! Mit dem Trinken war es
ebenso; er bevorzugte Zitronenwasser ohne jeden Beisatz von Zucker --
brrrr, dachte sich Hedda, und das will ein verwhnter Weltmann sein!
Aber seine scharmante Liebenswrdigkeit blieb immer die gleiche. Er
sprach viel und ungemein anregend, oft sprunghaft das Thema wechselnd,
doch stets interessant; dabei nahm auch sein Gesicht eine lebhaftere
Frbung an, und um so strker fiel die Abspannung seiner Zge auf, wenn
er einmal eine Pause in der Unterhaltung eintreten lie. Gelegentlich
fragte ihn Hellstern nach der Ursache der Narbe auf seiner rechten
Wange; er vermutete, sie rhre von einem Schmi aus der Studentenzeit
Axels her. Doch Axel erzhlte freimtig, er habe die Wunde in einem
Duell empfangen -- vor sieben oder acht Jahren, in Brssel, wo er fr
die Gattin eines Grafen Soundso mehr Interesse gezeigt habe, als dem
Ehemann lieb gewesen sei. Jetzt sei er ber derlei Dummheiten hinaus.

Axel zog sich brigens frhzeitig zurck. August mute mit auf sein
Zimmer gehen, ihm beim Auskleiden zu helfen, und er schilderte spterhin
in der Kche mit beredten Worten, welche Geheimnisse die Garderobe des
Herrn Vetters barg. Da waren eine Unmasse Flaschen und Kapseln mit
silbernen Kpfen, alle gefllt -- wei der Deubel, mit was--, die
muten vor dem Spiegel aufgestellt werden. Und die Hosen wurden in einen
Bgel gezwngt, der sie auseinanderspannte, damit sie auch die richtige
Form behielten, und in die Stiefel kamen aus dem gleichen Grunde
hlzerne Blcke mit silbernen Ringen hinein, und die Nachthemden waren
aus purer Seide. So was hab' ich mein Lebtag nicht gesehen, schlo
August, und als Drthe fragte, ob die Nachthemden auch wirklich aus
Seide gewesen wren, sagte er: Auf Ehre, aus purer Seide; ich hab' sie
befhlt.

Hedda blieb, nachdem Axel gute Nacht gewnscht hatte, noch ein halbes
Stndchen bei ihrem Vater sitzen. Es drngte sie, ihre Eindrcke ber
den Gast mit ihm auszutauschen.

Wie findest du den Axel? fragte sie. Er ist schwer leidend, nicht
wahr?

Der alte Herr nickte.

Ich glaube auch; er verbirgt's zwar gern, aber ich halte den armen Kerl
fr schwindschtig. Und da ist mir etwas eingefallen, Hedda, woran ich
vorher noch gar nicht gedacht hatte. Wer bekommt denn das ganze Geld und
die Gter in Schweden und die alte Burg den Lofoten gegenber, wenn der
Axel einmal unverheiratet sterben sollte? Ich gnne ihm, wei Gott,
noch ein langes Leben, aber schlielich, des Herrn Wille ist
unerforschlich -- und Axel sieht nicht so aus, als ob er das
Hellsternsche Alter erreichen wrde. Na, da habe ich denn am Nachmittage
vorsichtig einen Fhler ausgestreckt, ob er noch irgend welche Verwandte
hat, von denen der Freiherrnkalender nichts wei. Und es ist wirklich
so. Stirbt er ohne Nachkommen, dann fllt sein ganzer Besitz einem
Vetter zu, der in der englischen Marine dient, und den er wie die Pest
hat. Er hat einmal irgend einen argen Zank mit ihm gehabt; nach seinen
Schilderungen mu es ein grlicher Kerl sein. Nun frage ich dich, ist
das nicht schandbar?

Weshalb? entgegnete Hedda harmlos.

Schlaukopf -- weshalb? Wren _wir_ nicht ebenso geeignete Erben wie
dieser unausstehliche Vetter in der englischen Marine?

Hedda lachte.

Ich zweifle nicht daran, entgegnete sie, da _wir_ uns als Erben in
der Tat ebensogut und vielleicht besser ausnehmen wrden. Aber deinen
rger versteh' ich trotzdem nicht recht, Vater. Du sagst ja selbst, da
du nie an die Mglichkeit gedacht httest, je einmal von Schweden aus
bercksichtigt zu werden--

Vorher nicht, fiel der Alte ein; aber jetzt liegt die Sache doch
anders.

Ich wte nicht inwiefern, gestrenger Herr Vater.

Der Freiherr berhrte die letzte uerung. Er hatte den Kopf in die
Hand gesttzt und schaute sinnend und melancholisch, mit leisem Seufzer,
zu Hedda hinber.

Schade, da der Axel so 'n armer, kranker Teufel ist, sagte er.

Ich bemitleide ihn auch, und von ganzem Herzen--

Denk mal, was das fr eine Partie fr dich gewesen wre!

Hedda fuhr betroffen auf; dann lachte sie wieder: Willst du mich denn
so absolut los sein, Papa?

Unsinn! Du weit recht gut, da ich dich am liebsten immer bei mir und
um mich behalten mchte -- weit's recht gut! Aber 'mal mu ich mich
doch mit dem Gedanken vertraut machen, dich abzugeben -- lieber Gott,
das ist doch nun einmal das Schicksal der Tchter! Glaube nicht, da ich
gar so selbstschtig bin; ich habe mir ber deine Zukunft schon manchmal
meine Gedanken gemacht. Jahr um Jahr vergeht, und du sitzest hier auf
dem Baronshofe und lernst keinen vernnftigen Menschen kennen--

Erlaube, Papa--

Na ja, ich meine, keinen, der sich fr dich eignen wrde. Mit dem
Gunther von da drben war es doch nichts! Es ist eine niedertrchtige
Geschichte. Ich rgere mich, da ich dich nicht doch noch zu Tante Jutta
nach Berlin geschickt habe. Es sollen sehr nette Leute bei ihr
verkehren.

Trotzdem ist es fraglich, ob mir einer von ihnen gefallen htte.

Lieber Himmel, du kannst doch nicht alte Jungfer werden?!

Hedda erhob sich und gab dem Alten einen Ku.

ngstige dich nicht meinetwegen, Vater, sagte sie heiter. Das
Heiraten gehrt freilich sozusagen zum weiblichen Beruf, aber es gehren
auch immer zwei dazu. Finden sich die nicht zusammen, dann mu man sich
zu trsten suchen. Und das werde ich tun -- wenn es nicht anders ist.
Nun schlaf wohl und vertrume die ernsten Gedanken!

Sie strich ihm ber die Stirn und klingelte nach August. --

Als Hedda am folgenden Morgen aufgestanden war, fand sie Axel bereits im
Parke vor. Er kam ihr mit frhlichem Lachen entgegen.

Du wunderst dich ber mein Frhaufstehen, sagte er, ihr die Hand
reichend. Das ist aber nichts weeter als eine Folge des
Frhschlafengehens, Hedda. Ich bin etwas nervs und an kurzen Schlummer
gewhnt. Vier Stunden gengen mir, oft auch nur dree. Sieh, wie herrlich
der Morgen ist!

Das war er. Es strmte ein wrziger Frhlingshauch durch den Park, der
Odem der Verjngung und Auferstehung. Tau schillerte auf Grsern und
Halmen, und auf den sprieenden Wiesen keimte schon der erste wilde
Blumenflor empor. Die Erlen und Weiden am Weiher setzten Ktzchen an;
die Essigbume umkleideten sich mit goldbraunem Flaum. Auch an dem
Christusdorn brachen bereits zartgrne Knspchen auf, und die
Fliederbosketts standen in frischem Bltterschmuck.

Hedda fragte, wie Axel geschlafen habe. Seine gewohnheitsgemen drei
Stunden gut, antwortete er; nicht einmal der Geist des verrucherten
Ahnherrn habe ihn gestrt. Und von Beginn des Frhdmmerns an, wo seine
Schlummerzeit um sei, habe er dem Erwachen der Natur gelauscht. Die
Sperlinge htten angefangen und dann die jungen Schwalben in ihrem Nest
dicht unter dem Fenstersims. Hierauf htten sich die Krhen in den
Birken zu rhren begonnen, eine auerordentlich lebhafte Gesellschaft,
die dem Aufgang der Sonne mit groem Geschrei entgegensehe; auch ein
Storch msse sich in der Nhe angesiedelt haben, dessen Klappern Axel
deutlich gehrt haben wollte. Schlielich kam das Geflgel auf dem
Wirtschaftshof an die Reihe, zuerst undeutlich, denn das Viehzeug war
noch in seinen Stllen eingesperrt. Aber man htte doch schon die
verschiedenartigen Organe unterscheiden knnen: das dumpfe Krhen der
Hhne, das Glucken der Hennen, das Schnattern der Gnse und Enten.
Dazwischen zuweilen den sanft mahnenden Brllton einer Kuh, ein
Pferdewiehern und im Verein mit melodischem Kettenklirren das Anschlagen
des Hofhundes. Endlich erwachte auch der Mensch. Man hrte die Pumpe
arbeiten -- sie msse einmal gelt werden, sagte Axel -- und dann das
ffnen verschiedener Tren, und nun htten sich die smtlichen Stimmen
zu einem gemeinsamen Konzerte vereinigt. Doch immer habe das helle
Schmettern der Hhne das Leitmotiv angegeben ...

Hedda amsierte sich sehr ber diese Schilderung. Sie fand, da der
Vetter heut ungleich frischer, wohler und jnger aussah als gestern. Sie
fand auch, da er ein eigentmlich feines und zartes Gesicht habe, mit
hellen, strahlend blauen Augen und einem Spinnennetz winziger Fltchen
darunter, das aber merkwrdigerweise durchaus nicht entstellend war. Was
ihr indessen am meisten auffiel, war die intensive Blutfarbe seiner
Lippen. Er war bereits fertig angezogen, nur trug er statt des Rocks ein
Morgenjackett aus brunlichem, gestepptem Eskimo. Er sah sehr elegant
aus, trotz seiner langen, etwas schwippen Figur und seiner schlechten
Haltung.

Sie kehrten zusammen in das Haus zurck, wo der Freiherr bereits am
Teetisch sa und ungeduldig auf die beiden wartete. Trotz des
Frhlingstages brannte Feuer im Kamin, und das konnte man in dem groen
Saale schon vertragen. Die Scheite knisterten und knackten, und die
Flammen zuckten hin und her.

Whrend des Frhstcks fragte Axel seinen Gastgeber aus. Er sei
neugierig und wolle alles wissen, sagte er, was fr den Baronshof von
Interesse sei. Hedda und der Alte begannen zu erzhlen, namentlich der
Alte nahm die Gelegenheit wahr, einmal sein Herz auszuschtten. Er
schilderte den jahrelangen verzweifelten Kampf, den er um seine Scholle
gefhrt hatte, aber schlielich sei sie nicht mehr zu halten gewesen.
brigens sprach Hellstern vernnftig und ruhig. Er schimpfte nicht auf
die Handelsvertrge und das rmische Recht und vermied die
landlufigen Phrasen. Er war der Meinung, da man heutzutage bei der
Landwirtschaft nur dann etwas erbrigen knne, wenn man fr alle Flle
Kapitalien hinter sich habe. Man msse den Schwankungen der Preise
Trotz bieten, msse auch Courage und die ntigen Mittel haben, um einmal
eine Neuerung wagen zu knnen. Zum Beispiel der alte Usen auf Karstdt
-- was habe der aus seiner Herrschaft gemacht! Ein geiziger Mann, der
die niedrigsten Lhne zahle und seine Leute wahrhaft aussauge, aber fr
das Land sei ihm nichts zu teuer. Sein Maschinenapparat sei ein wahres
Wunder. Und all das lohne sich; die geopferten Gelder seien nicht
fortgeworfen. Aber man msse sie eben haben -- und er, Hellstern, hatte
sie nicht. Damals, wie die Hellsterns aus Schweden herbergekommen,
waren sie reiche Leute gewesen, aber wo war der Mammon geblieben?
Verpulvert, verschleudert, vergeudet -- adj! ... Da die
Landwirtschaft gute Ertrgnisse abwerfe, wenn man reichlichen Hinterhalt
habe, um nachfeuern zu knnen, sehe jetzt selbst die Finanz ein. Alle
reichen Juden kauften sich Gter ...

Axel hatte schweigend zugehrt, und als Hellstern zu Ende war, bat er
sich von Hedda noch ein Stck Streuselkuchen aus, der ihm zu Ehren
gebacken worden war, und den er als delikat bezeichnete, und sagte
sodann:

Es ist jedenfalls jammerschade, da du dein Besitztum verkauft hast,
Onkel Frederic. Ich verstehe dich nicht, da du dich damals nicht an
mich gewandt hast -- ich htte dir doch so gern geholfen.

Der Freiherr schttelte den Kopf.

Du standst mir zu fern, Axel, erwiderte er. Und dann lagen auch schon
berreichlich Hypotheken auf dem Gut. Es wre Unsinn gewesen, noch
weitere Versuche zu wagen. Ich bin froh, da ich den Baronshof behalten
konnte und dabei noch mein leidliches Auskommen habe. Kommerzienrat
Schellheim hat freilich gewaltig geschachert, aber ein andrer htte
vielleicht noch weniger gezahlt. Schlielich bin ich ganz zufrieden.

Man erhob sich. Axel schlug einen Spaziergang vor, und Hedda war
einverstanden.

Sie gingen durch das Dorf. Fr alles zeigte der Vetter Interesse. Hedda
mute ihm von der Quelle erzhlen. Der neuschaffende Einflu des
Heilwassers machte sich bereits berall bemerkbar. Die Dorfstrae wurde
gepflastert; Scharen von Arbeitern klopften und hmmerten; es klang und
gellte durch die frische Morgenluft. Am Kruge wurde ein neuer Flgel
angebaut. Die alte Inschrift: Gastwirtschaft von C. Mller war lngst
bertncht worden; Riesenbuchstaben, schwarz mit Goldrand: Hotel
Mller, sollten sie ersetzen. Die Logierhuser Alberts stiegen in die
Hhe; berall regten sich fleiige Hnde.

Axel wollte auch den Kurpark sehen. Man rodete und pflanzte noch. Die
Natur kam hier den Grtnern wesentlich zu Hilfe. Der junge Buchenwald
war wunderschn, und die humusreiche Erde ermglichte leicht die
Anbringung hbscher Bosketts. Der Kommerzienrat hatte es aber noch
vornehmer haben wollen. Auch exotische Pflanzen sollten dabei sein,
Palmen, Agaven und dergleichen mehr, und so wurde denn nach der Wiese zu
ein Treibhaus errichtet, zur Aufbewahrung der Seltenheiten whrend der
klteren Jahreszeit.

Zahlreiche Menschen waren auch im Kurparke ttig. Pltzlich neigte Hedda
grend den Kopf; sie hatte den Kommerzienrat entdeckt. Seit der
verfehlten Werbung Gunthers war eine Entfremdung zwischen den Insassen
des Baronshofs und des Auschlosses eingetreten. Man besuchte sich nicht
mehr. Nun aber schritt Schellheim Hedda mit verbindlichem Lcheln
entgegen, lftete seinen Hut und reichte ihr die Hand. Sie stellte Axel
vor.

Freue mich sehr, sagte der Kommerzienrat. Sie lernen die
Entstehungsgeschichte eines neuen Bades bei uns kennen, Herr Baron. Herr
Baron sprechen doch Deutsch?

Gewi, erwiderte Axel; nur mit dem Akzent geht es zeetweelig noch
nicht so recht. Das interessiert mich alles sehr, Herr Kommerzienrat.
Das ist sozusagen ein Stckchen Kulturgeschichte. Wird das da drben ein
Pavillon, wenn ich fragen darf?

Nein, entgegnete Schellheim, das wird der Quellenbau. Wenn die
Herrschaften gestatten, fhre ich Sie ein wenig umher. Wie geht es dem
Herrn Papa, gndigstes Frulein?

Hedda dankte; sie fragte nach dem Befinden der Rtin, auch unbefangen
nach Gunther. Das schien Schellheim zu freuen; er wurde ausfhrlich.
Gunther war noch immer in Montreux; seine groe Arbeit ging dem Abschlu
entgegen.

Ein neues Kapitel zur Faustforschung, gndiges Frulein--

Ja -- ich wei, Herr Kommerzienrat--

So -- Sie kennen das Thema? Der Pastor ist ganz begeistert; Gunther hat
ihm die ersten Bogen geschickt. Es mu etwas Eigenes sein, dies Grbeln
und Forschen und Suchen -- ein Glcksgefhl, das unsereiner gar nicht
kennt, nicht einmal begreift ... Also dies wird der Quellentempel--

Und Schellheim begann zu erklren. Den Anfngen nach zu urteilen, mute
man mit groen Mitteln wirtschaften. Der Quellenbau bestand aus Marmor
und Schmiedeeisen; ein bekannter Berliner Architekt hatte den Entwurf
geliefert. Auch die Wandelhalle war eine elegante und luftige
Eisenkonstruktion. Hier und da wurden zwischen den Bosketts Statuen und
an den Endpunkten der Laubengnge Ruhesitze errichtet. Knstliche
Felspartien wurden geschaffen und ein ganzes Parterre hochstmmiger
Rosen. Vom Brunnen aus zog sich eine Art Boulevard quer durch den Park.
Hier waren zwei Reihen Buchen stehen geblieben, eine prchtige Allee
bildend. Die ehemalige Klemptsche Wiese sollte die Spielpltze hergeben,
fr Lawn Tennis, Croquet und Golf, auch an eine Radfahrbahn dachte man.
Die Chaussee war belebt. Wagen auf Wagen rollte heran, mit Bauholz,
Eisen und Steinquadern bepackt, dazwischen ganze Fuhren von gelbem
Kies. Fr die Arbeiter waren in den sogenannten Sandkuhlen der Grauen
Lehne Baracken errichtet worden; Fritz und die alten Mllers hatten die
Verpflegung der Leute bernommen. Neben dem Kommerzienrat sah man
berall die schlanke Gestalt Alberts. Er war der erste auf dem Platze
und verlie ihn als letzter. Seine Ttigkeit war erstaunlich; es zeigte
sich, da er ein ganzer Geschftsmann war und trotz seiner Halbbildung
ein Organisationstalent erster Ordnung. Gegen Schellheim war er von
kriechender Unterwrfigkeit, und wenn er mit den Seinen allein war,
schimpfte er auf ihn. Anfnglich hatte er viel schlaflose Nchte gehabt;
der Gedanke, da der Kommerzienrat ihn bervorteilen knne, beunruhigte
ihn malos. Und dann hatte er wieder darber gegrbelt, wie man sich
Schellheims am bequemsten entledigen knne, wenn alles fertig sei.
Schlielich aber hatte er sich gefgt. Es ging nicht anders. Schellheim
war nicht mehr los zu werden, war auch nicht zu entbehren. Die
Gesellschaft war gegrndet; an ein gegenseitiges Betrgen war nicht zu
denken. Dennoch betrachteten sich beide mit einem gewissen Mitrauen.

Hedda erschien das rastlose Leben und Treiben in und um Oberlemmingen
wie ein Traumbild. Sie dachte an die Prophezeiungen ihres Vaters. Es sah
wirklich so aus, als werde das Dorf vom Erdboden verschwinden. Die
Einrichtungen, die man traf, bercksichtigten Tausende von Badegsten.
Wo sollten diese Menschen wohnen? -- Die Wohnungsfrage war in der Tat
erst in der Lsung. Man wollte sich damit nicht bereilen. Auf dem
Mllerschen Terrain lie sich eine ganze Reihe von Logierhusern
errichten. Spekulanten aus Frankfurt hatten bereits Baupltze gekauft,
auch der Getreidehndler Ring aus Zielenberg, der Schwiegervater
Bertolds, begann zu bauen. Und dann unterhandelte man noch mit Raupach
und Thielemann, deren Gehfte in der Nhe der groen Landstrae lagen.
Am wichtigsten war freilich Braumller, doch der hatte bisher jedweder
Lockung widerstanden. Er war ein schlauer Patron; die Preise muten noch
ganz anders in die Hhe gehen. An seinem Zaun stand ein alter
Akazienbaum, der den Kommerzienrat rgerte, weil er die Aussicht auf den
Boulevard strte. Schellheim beauftragte Albert, den Baum zu kaufen und
fllen zu lassen. Braumller forderte fnfzig Taler. Albert erklrte das
fr eine Gemeinheit; das Holz sei nicht fnf Taler wert. Dann solle der
Baum stehen bleiben, gab Braumller zurck. Die beiden handelten auf Tod
und Leben, vier Wochen hindurch. Jeden Abend erstattete Albert dem
Kommerzienrat Bericht. Braumller blieb lachend bei seiner Forderung,
und schlielich sagte Schellheim wtend zu Albert: Zahlen Sie dem Kerl
die fnfzig Taler -- der Teufel soll ihn holen, den Gauner! Braumller
strich die fnfzig Taler ein, ohne da ihn der Teufel holte, und betrank
sich am Abend, so da ihn zwei Knechte nach Hause tragen muten.

Das zuknftige Hotel Mller war nicht mehr fr die Bauern da. Fritz
hatte den Stall, in dem die Schankstube provisorisch untergebracht
worden war, ausbauen lassen; das war jetzt der Krug. Die Bilder von
Friedrich WilhelmIV. und der Knigin Elisabeth waren mit
herbergekommen. Es war wie eine Revolution. Die alte Mllern weinte
zuweilen; sie sah nichts Gutes darin, da alles so fein und so vornehm
wurde. --

Hedda war mit Axel den Dbbernitzer Weg hinabgegangen. Auf Schritt und
Tritt machte sich der Anbruch der neuen ra bemerkbar. Auch drben auf
dem Kirchenland, jenseits der Barbe, arbeiteten die Leute. Man sah die
ragende Gestalt des Pastors unter ihnen und seinen wehenden weien Bart.
Mitten in der Tannenschonung wurde ein groer Platz freigelegt; dorthin
sollte das Kinderasyl Eyckens kommen. Ein hoher Mastbaum berragte das
Schwarzgrn der Tannenwipfel, mit einer flatternden Fahne, die ein
achtspitziges Kreuz trug, hinweisend auf die Protektion des Ordens von
Sankt Johannes vom Spital zu Jerusalem, unter dessen Hut die neue
Kinderheilsttte stehen wrde.

Hedda fragte Axel, ob ihn der weite Spaziergang nicht anstrenge. Sie
hatte ihn wieder zu fterem husten hren. Aber er verneinte; er fhle
sich sehr wohl und auch sehr glcklich.

Ja -- sehr glcklich, Cousine, wiederholte er. Ist es der Reez des
Neuen oder die frische Landluft oder die Freude, einmal mit lieben
Verwandten zusammen sein zu knnen -- ich kann dir nur sagen: ich fhle
frmlich, wie mir das Herz auftaut -- ich spre selbst so etwas wie
Frhling in meiner Brust! Das ist mir lange nicht passiert -- und ich
danke dir und dem Onkel wirklich aufrichtig dafr, da ihr mir gestattet
habt, euch besuchen zu drfen.

Aber ich bitte dich, Vetter, wehrte Hedda den Dank unter hellem
Errten ab, wir haben uns ja so gefreut, dich kennen zu lernen, und
hoffen, es wird nicht das letzte Mal sein, da du auf dem Baronshofe
bist. Du glaubst nicht, wie froh ich bin, da es dir bei uns gefllt --
denke dir, ich habe eine Todesangst gehabt, du wrdest ein furchtbar
verwhnter Prinz sein und nichts gut genug fr dich finden! Mein Gott,
es geht doch schrecklich einfach bei uns zu!

O Hedda, du miverkennst mich vllig, entgegnete Axel. Ich bin
verwhnt -- allerdings -- das heet, ich richte mir das Leben, soweit es
mglich ist, nach eegner Bequemlichkeit ein. Aber das will noch nicht
sagen, da ich mich lediglich in der Bequemlichkeit wohl fhle. Ich habe
einmal eine Expedition in das Innere von Spitzbergen mitgemacht, wo wir
uns im Schneegestber verirrten und dree Tage lang auf trockenen
Schiffszwieback angewiesen waren -- es hat mir nicht wehe getan. Ich
liebe den Luxus, doch ich entbehre ihn nicht. Ich entbehre ihn um so
weniger, wenn ich mich sonst wohl fhle, Hedda. Und ich kann dir nur
wiederholen: es weht mir hier bei euch so eine Art Glcksempfinden durch
die Seele -- ich wei nicht, woher es kommt -- so etwas wie
Heematluft.... Ich bin stets ein eensamer Mensch gewesen, und merkwrdig
genug: im tollsten Trubel hab' ich mich immer am eensamsten gefhlt. Nun
hat man mir auch Jarlsberg verboten -- wegen der rauhen Luft und des
verdamm -- o Pardon, meines Hustens wegen. Man hat mir die Heemat
genommen. Das tut mir weher als der harte Schiffszwieback in Spitzbergen
-- und es ist mir, als htte ich hier Ersatz gefunden...

Hedda rhrte das Gestndnis des langen Vetters, des armen Heimatlosen,
der, mit Glcksgtern berhuft, sich doch nicht glcklich zu fhlen
schien. Er war sicher kein Alltagsmensch, sondern eine feine und zarte
Natur, mit kompliziertem Seelenorganismus -- einer, der immer einer
linden, weichen und schonenden Hand bedurfte. Sie begriff schon, da er
sich leicht einsam fhlte bei seinem Hange, abseits zu gehen, und der
Notwendigkeit, in der groen Welt zu leben. Das war ein Zwiespalt, den
er hart empfinden mute.

Weit du, Vetter, begann sie wieder, da ich deinen Entschlu, den
Dienst zu quittieren, fr sehr vernnftig halte?

Wirklich? fragte er.

Ja, wirklich. Ich glaube, du bist gar kein Beamtenmensch. Alles
Gegliederte, Schematische und Bureaukratische ist dir zuwider.

Das ist es. Dabei bin ich aber merkwrdigerweise eine peinlich
ordentliche Natur, Hedda.

Sie lachte.

Du bist sozusagen in keine Kategorie einzureihen--

Ach nein -- in keine des #genus homo#!

Es ist noch ein Glck, da du nicht aufs Carrieremachen angewiesen
bist, fuhr Hedda, wieder ernster werdend, fort. Und bei deinem
lebhaften Geiste frchte ich auch nicht, da du unttig bleiben und dich
langweilen wirst.

O du lieber Gott, Hedda -- ich kenne das Wort Langeweile berhaupt
nicht! Ich habe so hunderterlei Interessen -- und wenn ich mich dazu
entschlo, zur Diplomatie zu gehen, so geschah es nur -- gewissermaen
aus traditionellen Rcksichten; irgend einen Beruf mute ich doch
ergreifen, und der diplomatische gilt bei uns als der vornehmste. Alle
Hellstjerns sind Diplomaten gewesen, aber ich glaube, es war nie ein
besonders hervorragender darunter. Doch einer, Christiern Hellstjern --
der trank um 1500 Sten Sture unter den Tisch und soll dadurch den groen
Adelsaufstand beigelegt haben -- doch ist es immerhin fraglich, ob man
diese Leistung als diplomatische Heldentat betrachten darf...

Sie waren nun bereits mitten im Walde und schlugen den Weg nach dem See
ein. Er lag in voller Blue vor ihnen, mit anmutig geschwungenen Ufern,
die auf allen Seiten zu Bergrcken aufstiegen. Unten erstreckte sich
Laubwald und weiter oben dunklerer Tannenforst. Die Form des Sees
erinnerte Axel an den Lago di Como und die eigentmliche Gestaltung
einzelner hoher Kiefern an die Pinien Italiens. Aus der Ferne schimmerte
wieder, in leichten Dunst gehllt, der eckige Turm des Dbbernitzer
Schlosses in verschwimmenden Umrissen herber.

Axel fragte nach dem Besitzer des Schlosses. Aber Hedda beschrnkte sich
auf kurze Mitteilungen. Baron Zernin sei ein entfernter Verwandter; er
habe abgewirtschaftet, ein Duell gehabt und sei noch auf der Festung;
dieser Tage solle das Gut subhastiert werden -- man erzhle sich,
Schellheim werde es kaufen.

Der Vetter wurde aufmerksam.

Ist der Zernin ein Sohn des ehemaligen Ministerprsidenten? fragte er.

Ja, Vetter, der einzige.

Und ist das Gut im Stande?

Nein, arg vernachlssigt. Aber der Boden soll nicht schlecht sein, und
Schlo und Park sind herrlich.

Axel nahm seinen Hut ab und strich sich mit dem Foulard ber die Stirn.
Dann suchte er sich einen Stein am Ufer aus, legte sein Taschentuch
darber und lie sich nieder.

Bist du nicht auch mde, Hedda?

Nicht die Spur; ich bin eine sehr forsche Fugngerin.

Er schaute sie ernst und lange an.

Ach, sagte er, wie beneide ich dich um deine quellige Frische! Du
bist ein echtes Germanenweib, Hedda-- und pltzlich brach er ab und
winkte ihr. Komm, setz dich zu mir, wenn du auch nicht mde bist -- es
plaudert sich besser.

Er rckte ein wenig zur Seite. Der Stein bot Platz fr zwei. Hedda
setzte sich zu ihm. Sie htte gern die Rte zurckgedrngt, die sie
pltzlich auf ihren Wangen fhlte. Eine leichte Unruhe berschlich sie.
Ihr war genau so zu Mute, als msse im nchsten Augenblick ein Antrag
kommen.

Doch sie irrte sich. Axel starrte ber den See, die schilfumbuschten
Rnder und das Sonnenflirren im Wasser und sagte dann pltzlich:

Vielleicht ist das etwas fr _mich_ -- dies Dbbernitz da drben.

Wie meinst du das?

Nun -- irgendwo mu ich mir doch wieder so eine Art Heimat schaffen,
Hedda -- und hier in eurer Nhe gefllt mir's schon am besten. Immer
unter fremden Menschen zu sein, ist auch schrecklich. Ich werd' mich
nach den Verhltnissen in Dbbernitz erkundigen...

Hedda nickte nur zustimmend; sie antwortete nicht. Die Idee des
Vetters, sich um das Nachbargut zu bewerben, kam ihr so pltzlich, da
sie nicht recht wute, ob sie sich darber freuen sollte. Axel schien
ihr Schweigen unrichtig zu deuten; er schaute sie von der Seite an und
sagte:

Das heit, Cousine, wenn es dir recht ist--

Jetzt lachte Hedda.

Aber, Vetter, antwortete sie heiter, warum soll es mir nicht recht
sein? Es ist doch naturgem, da ich Dbbernitz lieber in den Hnden
eines Verwandten als in denen eines Fremden wei, zumal es frher einmal
Hellsternscher Besitz gewesen ist--

Wirklich? fiel Axel ein.

Jawohl, der Groe Kurfrst schenkte es dem Hellstern -- ich glaube, er
hie auch Axel--, der mit Sparre zusammen aus schwedischen Diensten in
brandenburgische bertrat; dann kauften es die Rothenburgs und spter
die Zernins.

Es ist gut, da ich dies wei, erwiderte Axel ernsthaft;
Familienerinnerungen mu man wert halten...

Und nun wurde er schweigsam, whrend man langsam den Heimweg antrat.
Offenbar ging ihm seine Idee durch den Kopf. Er sprach brigens tagsber
nicht mehr davon. Hedda wunderte sich, da er nicht wenigstens ihren
Vater zu Rate zog, aber es schien, als vermeide er mit Absicht, das
Thema von neuem anzuregen.

Am nchsten Morgen trompetete abermals eine Extrapost auf dem Baronshof,
die sich Axel in Zielenberg bestellt hatte. Hellstern war bse darber.
Sein Wagen tt' es auch noch, meinte er, und seine dicken Fchse liefen
ganz gut. Aber Axel wollte keinerlei Umstnde verursachen. Er versprach,
in Blde wiederzukommen, und nahm herzlichen Abschied. Sein Dank klang
so warm, da man fhlen konnte, wie ehrlich er es meinte. Er kte den
Alten auf beide Wangen und drckte Heddas Hnde fest. Ein merkwrdiger
Mensch, dachte sie, als sie sah, da seine Augen feucht geworden waren.

August war voll hohen Lobes ber den Herrn Vetter aus Schweden.

Er hat jedem von uns ein Goldstck als Trinkgeld gegeben, gndiges
Frulein, erzhlte er Hedda. Mir zwanzig Mark und Drthen und Gusten
je zehne. Wenn man denkt, da der junge Herr Baron kaum drei Tage bei
uns war, so ist das eigentlich ein bichen viel. Aber unsereiner kann
das doch nicht zurckweisen -- wie wrde das denn aussehen!

Auch bei Tische kam man nochmals auf Axel zurck.

Ich werde nicht klug aus ihm, sagte Hellstern. Er ist mir zu weich,
zu lasch, nicht mnnlich genug. Aber vielleicht liegt das an seiner
Krankheit, vielleicht auch tatschlich an dem Empfinden von
Heimatlosigkeit, das ihn beherrscht.... brigens, was ich dir erzhlen
wollte, Hedda: der Klaus ist begnadigt worden -- man hat ihm den Rest
seiner Festungshaft geschenkt. Ich denke mir, er wird abermals Mittel
und Wege finden, der drohenden Subhastation zu entgehen.

Und damit wrde Axels Idee, Dbbernitz zu kaufen, ins Wasser fallen,
entgegnete Hedda.

Es wre im Grunde genommen ganz gut, erwiderte der Alte; so mal fr
ein paar Tage ist er sicher sehr nett, aber fr den stndigen Verkehr --
ich kann nur wiederholen, da ist er mir zu lasch ... Meinst du nicht
auch?

Hedda zuckte zerstreut mit den Achseln. Sie dachte in diesem Augenblick
an Klaus und nicht an den schwedischen Vetter.




Zehntes Kapitel


Nun war endlich der langersehnte Tag gekommen, an dem die neue Quelle
ihre feierliche Weihe empfangen sollte. Es war spter geworden, als man
anfnglich erhofft hatte. Der Sommer war bereits mit heiem Prangen in
das Land gezogen, und auf den Feldern begann sich die Saat schon gelb zu
frben. Aber man hatte diesmal nicht das Interesse an der Ernte wie
sonst: die Quelle zog die Aufmerksamkeit aller auf sich. Ehe sie noch
offiziell erschlossen worden war, hatten sich bereits die ersten
Badegste eingefunden: ein paar Familien aus Frankfurt an der Oder und
auch einige Berliner, die sich fr den ganzen Sommer in Oberlemmingen
festsetzen wollten. Aber auch andre hatten sich angemeldet, aus weiterer
Ferne, selbst aus Sddeutschland. Die Broschre, die Professor Statius
ber die Heilwirkungen des Wassers geschrieben hatte, war zu
Hunderttausenden in alle Welt gegangen. Ein federgewandter
Schriftsteller, den Schellheim ausfindig gemacht, hatte eine
Beschreibung des neuen Badeortes angefgt und mit schnen Worten seine
romantische Lage gerhmt, den Kranz grner Wlder, der das freundliche
Dorf umgab, die Reize des Kurparks, der Wiesen und Felder, und eine
ganze Anzahl eingestreuter Illustrationen sorgte fr noch bessere
Veranschaulichung dieser Lobeshymnen. Und was die Hauptsache war: der
Ton lag auf der Billigkeit von Oberlemmingen. Hier herrschten sozusagen
noch patriarchalische Sitten; hier war es nicht wie in Karlsbad und
Kissingen und den sonstigen groen Bdern; die Kurtaxe war gering, die
Lebensmittel bekam man fast umsonst, fr Logis und Bedienung waren die
denkbar niedrigsten Stze aufgestellt worden. Bei der Lektre der
Broschre konnte man den Eindruck gewinnen, als mache man Ersparnisse
bei einem lngeren Aufenthalt in diesem stillfriedlichen mrkischen
Paradies. Als der alte Mller sich eines Tages nach mancherlei Mhe
durch die Broschre durchgeackert hatte, bezeigte er sich nicht sehr
zufrieden. Die ewige Betonung der billigen Preise behagte ihm nicht.
Wie sollen wir denn dabei auf die Kosten kommen? fragte er Albert.
Doch der lchelte verschmitzt, steckte die Hnde in die Hosentaschen und
klimperte mit dem lockeren Gelde, das er immer in den Beinkleidern trug.
Das ist einfach der Kder, Vater, antwortete er; erst mssen die
Leute _kommen_ -- nachher wird sich's schon finden, wie wir sie
drankriegen.

Braumller hatte wirklich verkauft. Das war ein harter Kampf gewesen.
Wochenlang schacherte er mit Bertold. Er wollte nicht recht, hatte aber
Frau und Tochter gegen sich, die der Gedanke an das viele Geld und an
die Wahrscheinlichkeit, nach der Stadt berzusiedeln, verlockte.
Namentlich Lise drngte es nach der Stadt. Seit sie wute, da Albert
sie doch nicht nehmen wrde, trumte sie von einer Partie mit einem fest
angestellten Beamten. Sie wollte hoch hinaus; sie hatte Geld und dankte
fr die Bauernwirtschaft, fr das Frhaufstehen, das Melken im
schmutzigen Stall und das Abrackern auf dem Felde in glhender
Sonnenhitze. Aber der Vater verbat sich das Gerede. Nun ja, er hatte
verkauft und ein gutes Geschft gemacht. Doch er wollte in Oberlemmingen
bleiben, vorlufig wenigstens. Er war auch neugierig, was denn nun
eigentlich aus Oberlemmingen werden wrde. Und so hatte er sich beim
Verkauf freies Wohnrecht in drei Zimmern seines alten Hauses fr die
nchsten beiden Jahre ausbedungen. Da er aber keine Arbeit mehr hatte,
so lag er von frh bis spt in der Wirtsstube und kam Abend fr Abend
betrunken nach Hause.

Am Weihetage der Quelle ruhte selbstverstndlich die Arbeit in ganz
Oberlemmingen. Das kam selten genug vor, denn seit Monaten hatte im
Drfchen eine geradezu fieberhafte Ttigkeit geherrscht. Aber so
vornehme Gste wie heute hatte Oberlemmingen auch noch nicht gesehen.
Aus allen Ortschaften der Umgegend, wo ein Gutssitz war, rollten die
Equipagen heran. Man kannte sie alle: die groe Glaskutsche des
Dbbernitzer Oberfrsters, in der auch das ABC in rosa Mullkleidchen
dicht aneinandergedrngt Platz gefunden hatte, den Landauer des Landrats
von Wessels, den Klapperkasten des Kreisphysikus Doktor Stramin, das
elegante Gefhrt der Woydczinska, die Wagen der Klitzingks, Nehringens
und Schmiedows und der reichen Frau Necker und schlielich auch den
gelben Korb Exzellenz Usens, dessen Kutscher inmitten der brigen
Galonnierten wie ein Fuhrknecht aussah. Nur die alte Viktoriachaise aus
Grochau fehlte; Hauptmann Biese weilte noch in der Schweiz; die Kugel
Zernins hatte ihn fr lange auf das Krankenlager geworfen, und die
Genesung war noch nicht vollstndig.

Nach Zielenberg hatte Kommerzienrat Schellheim seine eigne Equipage
geschickt, um die Vertreter der Regierung abzuholen, die aus Frankfurt
gekommen waren. Er erwartete sie an der Spitze der Deputation, zu der
auer einigen Huptern des Kreises auch Albert Mller, Pfarrer von
Eycken und der Lehnschulze gehrten. Baron Hellstern war vergeblich
gebeten worden, sich anzuschlieen. Er hatte mit Bestimmtheit abgelehnt
und knurrte und brummte auf dem Baronshofe umher; auch Hedda und selbst
August brummten, denn der Alte hatte ihnen zu verstehen gegeben, er
wnsche nicht, da sich irgend einer vom Baronshofe an dem Firlefanz da
unten beteilige.

Es war hei um diese Mittagstunde, und die ganze Empfangsdeputation
schwitzte. Der Kommerzienrat trug etwas winziges Rotes im Knopfloch
seines Fracks; er war Besitzer des Ordens von der Bste Bolivias, den
man auch um den Hals tragen konnte, aber das Bndchen sah hbscher aus
als die groteske Bste. Der Landrat war in der Reserveuniform des
Krassierregiments erschienen, bei dem er gedient; man wute nicht
recht, warum er sich so kriegerisch in Szene gesetzt hatte. Eycken trug
Talar; obschon man auch den Superintendenten erwartete, sollte _er_ die
Weiherede halten.

Endlich wirbelten Staubwolken auf der Chaussee empor. Gott sei Dank --
das war die Regierung! Sie kam zu Hauf! Voran der Prsident im Frack
mit klingendem Ordensschmuck und dann eine ganze Masse seiner Beamten,
die meisten in Uniform, weil sich selten einmal eine Gelegenheit bot, wo
sie ihr schimmerndes Kostm anlegen konnten. Nach kurzer Vorstellung und
Begrung ging es sofort in den Kurpark, den Gendarmen abgesperrt
hielten, da auch aus den Drfern ringsum sich die Neugierigen zu vielen
Hunderten eingefunden hatten. Es war ein ganz grostdtisches Leben und
Treiben wie bei Gelegenheit einer Parade oder eines Kaiserbesuchs, ein
buntes Gewhl und Gewimmel festlich gekleideter Menschen, die die
Einweihung der Quelle als interessantes Schauspiel und willkommene
Abwechslung betrachteten.

Im Kurpark vollzog sich inzwischen der feierliche Akt genau nach den
vorher getroffenen Bestimmungen. Es war hier im Gegensatz zu der
brennenden Mittagsglut auf der Chaussee wundervoll khl und schattig.
Ein grnlicher Dmmer spann seine Schleier zwischen den Stmmen der
Buchen aus, und Sonnenflecken kreisten und zitterten berall auf dem
gelben Kies der Wege. Der Superintendent erffnete die Feier mit einem
Gebet, dann hielt Eycken die Weiherede. Er stand vor dem Altar, den man
vor dem Quellentempel errichtet hatte, und sein weier Bart fiel lang
und glnzend auf den schwarzen Talar herab. Fr ihn war diese Quelle
kein Objekt sckelfllender Spekulation; sie sprang aus Sand und
Felsgestein hervor an das Licht des Tages, um der Menschheit zu dienen,
um die Trnen des Elends hinwegzuwaschen, um die Gebrechen der Welt zu
heilen. Die heie Liebe, die Eycken fr die Kleinen und Armen erfllte,
schwoll in seinen Worten allumfassend an. Die Quelle sollte den Erdkreis
berstrmen, um mit ihrem wunderttigen Wasser alles Leid
hinwegzusplen. Sie war eine Gabe des Hchsten und deshalb auch sollte
ihr Wohltun der ganzen Welt zugute kommen.

Nun fiel die Hlle von dem Tempelbau; Arbeiter zerbrachen die
Verzimmerung, die den Quell bisher festgehalten hatte, und in vollem
Strahl, springbrunnenhnlich, sprudelte das Wasser silberklar in die
Hhe. Eycken tauchte seine Hnde in das perlenwerfende Na und schlug
dann mit der Rechten, an der noch die Tropfen schimmerten, ein Kreuz
ber die Quellenffnung.

So weihe ich dich denn, im Namen Gottes, zum Besten der Menschen, zum
Heile der Kranken und Siechen! Und in dankbarer Erinnerung an den, der
unser deutsches Vaterland aus Not und Elend zu Kraft, Strke und
Gesundung zurckgefhrt hat, taufe ich dich Bismarckquelle!

So war es verabredet worden. Der Kommerzienrat hatte die Anregung zu
diesem Namen gegeben; man bedauerte nur, da die Weihe nicht am ersten
April, am Geburtstage Bismarcks, erfolgen konnte -- das wre noch
hbscher gewesen. Doch trotzdem -- der Moment war sehr feierlich. Es
ging ein Rauschen und Flstern durch die Wipfel der Buchen, wie ein
Akkord der Zustimmung, den die Natur diesem Segenswerke zollen wollte.
Aber die meisten achteten nicht auf dies geheimnisvolle Wehen. Albert
Mller, der sich ziemlich bescheiden im Hintergrunde hielt, sah andre
Zeichen. ber die Gestalt des Pfarrers, sein weies Haar und seinen
schwarzen Talar und auch ber das springende Wasser und die
Marmoreinfassung rieselte ein ganzer Regen von Sonnenfunken. Es sah
wirklich so aus, als strme das blanke Gold in Flle vom Himmel herab --
und das war ein Anblick, der Albert wohltat. Er hrte nicht mehr auf
den Segen, den Eycken sprach, und auch nicht auf die kurze Rede des
Regierungsprsidenten, der mit einem Hoch auf den Kaiser schlo; der
Goldregen lenkte seine Gedanken ab, zerstreute, verwirrte und blendete
ihn. Erst als der Kommerzienrat das Wort ergriff, um den zu feiern, der
der Quelle den Namen gegeben hatte, schreckte er aus seinen Trumereien
empor, und ein haerfllter Blick streifte den Sprechenden. O, wie
grimmte es ihn, da er mit dem da teilen mute!

Nach beendeter Feierlichkeit wurde der Kurpark dem Publikum freigegeben,
und nun flutete die Menge durch die Gnge und Anlagen, whrend
Schellheim im Auschlosse die Herren von der Regierung bewirtete. Auch
die Mitglieder des Aufsichtsrats und Kurvorstands waren dazu geladen
worden. In der groen Halle hatte man ein riesiges Bfett errichtet,
aber auch auf der ersten Terrasse waren kleine Tische gedeckt worden. Es
war ein heiteres und buntfarbiges Bild. Die neugebildete Kurkapelle
konzertierte bei dieser Gelegenheit zum ersten Male, denn es war
selbstverstndlich, da die Dorfmusik mit dem ererbten Bombardon, das
Fritz Mller so trefflich zu meistern verstand, nunmehr fr immer in der
Versenkung verschwinden mute. Albert rgerte sich, da man nicht auch
seinen Vater geladen hatte. Er war blagrn im Gesicht. Wre es nicht
passender gewesen, diese ganz offizielle Abftterung unten im Hotel
Mller zu veranstalten? -- Als der Regierungsprsident, das
Champagnerglas in der Hand, mit seiner zarten, wispernden Stimme der
groen Verdienste des Kommerzienrats gedachte und ein Hoch auf den
intelligenten Zauberer ausbrachte, dessen Wunderstab auch das
Unmgliche mglich mache, da glaubte Albert, an dem Bissen
Gnseleberpastete, den er gerade genieen wollte, ersticken zu mssen.
Das klang ja wirklich, als htte Schellheim die Quelle entdeckt, als
htte ihm das Terrain gehrt, als wre er derjenige gewesen, der den
ersten Ansto zu der industriellen Ausbeutung des Heilwassers gegeben
htte! Wahrhaftig, es war zum Lachen; den Kommerzienrat feierte man, und
ihn, den Albert Mller, den eigentlichen Urheber, den Grnder, beachtete
man gar nicht!

Man hatte an Bismarck ein Huldigungstelegramm abgesandt, und der
hfliche Alte von Friedrichsruh beeilte sich, umgehend telegraphisch zu
danken und Oberlemmingen eine gedeihliche Zukunft zu wnschen. Das
brachte neues Leben in die Gesellschaft. Exzellenz Usen, der in einer
Ecke der Halle eingeschlafen war, wachte wieder auf, und Schellheims
Gesicht glnzte vor Glck. Er brauchte es, denn er hatte am Tage vorher
eine ihn stark erregende und tief erbitternde Mitteilung erhalten. Sein
Sohn Hagen, der lteste der Nibelungen, schrieb ihm, da er sich zu
verheiraten gedenke, und zwar mit einem kleinen Fabrikmdchen, einer
gewissen Anna Zell, einem zwar armen, aber sehr braven und lieben
Geschpf, wie er versicherte. Er hoffe, die Eltern wrden nichts dagegen
einzuwenden haben. Schellheim war auer sich. Er entsann sich dieser
niedlichen Kleinen; sie arbeitete bei den Stepperinnen, und der
Kommerzienrat hatte einmal durch Zufall gehrt, da zwischen Hagen und
ihr schon lange eine Liebelei bestand. Dagegen hatte er nichts, aber
heiraten -- nein, das war eine Unmglichkeit! Hagen war der Leiter des
Weltgeschfts, der Trger der Firma; er hatte die Verpflichtung, sich
eine Gattin zu suchen, die zu reprsentieren verstand. Und auf der
Stelle setzte sich Schellheim hin, um Hagen zu antworten. Er sagte ihm
grndlich seine Meinung, drohte mit Fluch und Enterbung und verbat sich
energisch, den Namen dieser Anna Zell in seiner Gegenwart auch nur zu
nennen. Auch die Rtin war bekmmert, aber sie sprach es nicht aus. Sie
lie ihren Gatten wettern und schimpfen, ging auf ihr Zimmer und schlo
sich ein, um ungestrt weinen zu knnen.

Gegen drei Uhr kehrte Albert Mller in das Hotel zurck. Er hatte seinen
Bruder Bertold, der bereits nach Oberlemmingen bergesiedelt war, um den
Umbau des Braumllerschen Hauses zu berwachen, abgeholt. Es war wieder
einmal eine Familienkonferenz ntig. Fritz, der -- eine groe weie
Schrze um den Leib -- soeben dabei war, Weinflaschen zu etikettieren,
fragte verwundert, was es denn gebe.

Wirst es schon hren, antwortete der Bruder, diesmal geht's dich an!

In einem der Hinterzimmer fanden sie sich zusammen: Mutter Mller
mrrisch wie immer, das Gesicht vom Kchenfeuer gertet, der Alte,
Fritz, Albert und Bertold.

Albert ging ohne Umschweife auf die Angelegenheit los. Ich mchte mit
euch einmal wegen der Drthe reden, sagte er. Der Sache mu ein Ende
gemacht werden.

Wieso? fragte der dicke Fritz aufgeregt, whrend die Mutter zustimmend
nickte.

Wieso? wiederholte Albert mit strenger Stimme. Kannst dir's wohl
denken. Ohne Frau weiterzuwirtschaften, geht nicht.

Ich habe der Drthe versprochen, da zu Weihnachten Hochzeit sein
soll, entgegnete Fritz; da wird's ja anders werden!

Und ich bin doch auch noch da, fgte die Mutter hinzu.

Albert schttelte den Kopf.

Du bist nicht mehr die Jngste, Mutter, sagte er. So einem groen
Hotelwesen mu eine rstige Kraft vorstehen.

Gottlob, das ist die Drthe, warf Fritz ein.

Und wenn sie's auch zehnmal wre, fuhr Albert heftig auf; wenn du dir
hier in Oberlemmingen eine Stellung schaffen willst, kannst und darfst
du kein Bauernmdel heiraten! ... Er lenkte ein, als er das bestrzte
und unglckliche Gesicht seines Bruders sah. Du mut Vernunft annehmen,
Fritz, fuhr er fort. Ich konnte auch nicht vorher wissen, wie sich
alles gestalten wrde. Es scheint, als habe der Kommerzienrat Lust, die
ganze Macht an sich zu reien und uns auf dem Trockenen sitzen zu
lassen. Dem mssen wir vorbeugen. Das knnen wir aber nur, wenn wir
Brder uns solidarisch erklren, das heit also, wenn wir einer fr alle
stehen und uns gegenseitig aushelfen. Ich sage dir, auch ich werde
heiraten, aber ich mu noch warten; die Rechte ist noch nicht da, und
ich brauche viel Geld. Geld ist die Hauptsache.

Die Hauptsache, besttigte auch der Alte, und Bertold nickte dazu:
Man mu rechnen.

Also schlag dir die Drthe aus dem Kopf, Fritz, begann Albert von
neuem. Das gibt ein paar Trnen, und in einem Vierteljahr ist die Sache
vergessen. Ich habe vorhin mit dem Landrat gesprochen. Er fragte, ob wir
den Wittke wieder zum Schulzen whlen wrden. Der scheint ihm nicht
recht zu passen, und er hat auch recht. Wittke ist einer von den Alten,
burisch durch und durch, immer in Schmierstiefeln und mit der Pfeife im
Maule. So einen knnen wir nicht brauchen. Oberlemmingen wird wachsen
und einen stdtischen Anstrich bekommen. Der Schulze wird nicht mehr
Schulze, sondern Brgermeister sein. Er mu auch was vorstellen knnen
-- wir wollen ja doch die vornehme Welt heranziehen! Und das sah auch
der Landrat ein. Er hat mich gefragt, ob du dich nicht zum Schulzen
eignen wrdest!

Fritz schlug die Augen zu Boden. Er wute nicht, was er sagen sollte.
Man wollte ihm die Drthe nehmen; das stand fest. Und so gewaltig war
das Ansehen Alberts in der Familie gewachsen, da er gar nicht mehr zu
widerstreben wagte. Im stillen hatte er lngst gefrchtet, da die
Verlobung wieder auseinandergehen wrde.

Vater Mller hatte sich neben Albert gesetzt und die Ellbogen auf den
Tisch gesttzt. Sein schlaues Bauerngesicht sah hart aus, als sei es aus
Stein gehauen.

Hast du nun gehrt, Fritz? sagte er. Der Landrat hat gefragt, ob du
dich nicht zum Schulzen eignen wrdest?

Na, gewi, entgegnete Fritz etwas zaghaft, warum denn nicht? Dazu
gehrt doch nicht so viel!

Mein' ich auch, fgte Albert ein, und da du gewhlt wirst, dafr la
mich nur sorgen. Das ist eine groe Sttze fr uns alle, wenn du der
Ortsvorstand bist. Ich fr meinen Teil werde mich darum bemhen,
Amtsvorsteher zu werden; Hauptmann Biese will niederlegen -- es geht
auch nicht, da der Vertreter eines so wichtigen Postens in Grochau
wohnt. Und nun zum Schlu: ich habe eine andre Partie fr dich, Fritz.

Fritz fuhr erschreckt in die Hhe.

Aber, Albert -- ich bin ja noch nicht einmal auseinander mit der
Drthe, wagte er einzuwerfen.

Jetzt nahm auch die Mutter das Wort. Sie begann sofort zu keifen und zu
schimpfen. Wenn es nach ihr gegangen, wre die Drthe berhaupt nicht
ins Haus gekommen. Es htte ihr von vornherein nicht gepat. Und
schlielich erging sie sich in allerhand Anspielungen, das Mdchen zu
verdchtigen. Sie treibe sich herum; neulich habe man sie noch nach
Mitternacht an der Seite von Anton Tengler durch das Dorf schleichen
sehen ...

Der Alte schnitt ihr endlich mit drohender Handbewegung das Wort ab.
Was fr 'ne Partie? fragte er Albert; rede!

Albert legte seinen Plan dar. Ring, der Schwiegervater Bertolds, wolle
die Sache machen. Es handle sich um die einzige Tochter Franz Grdeckes,
Schlchtermeisters in Frankfurt. Der alte Mller nickte. Er kannte den
Grdecke in der Richtstrae; ein schlauer Halunke, aber er hatte Geld
gemacht. Also dessen Tochter?! -- Und Albert erzhlte weiter. Das
Mdchen sei nicht mehr ganz jung, etwa dreiigjhrig, aber gro und ganz
hbsch und nehme sich recht stattlich aus. Grdecke habe sich bereits
einverstanden erklrt, wolle zwanzigtausend Taler Mitgift geben, stelle
aber die Bedingung, da ihm kontraktlich die gesamten Fleischlieferungen
fr Oberlemmingen verbrgt wrden. Statt dessen wolle man ihm
vorschlagen, in Verbindung mit dem Hotel eine Engrosschlchterei hier an
Ort und Stelle zu errichten. In ausfhrlicher Weise legte Albert die
Vorteile dieser Verbindung klar. Fritz wre ein Narr, wenn er nicht mit
beiden Hnden zugriffe.

Da gibt's nichts weiter zu reden, sagte der Alte ruhig; Fritz
heiratet das Mdel.

Noch einmal versuchte der arme Junge zu widersprechen. Er stand auf,
reckte seine riesige Gestalt, zog die Schultern, gleichsam
entschuldigend, hoch in die Hhe und stotterte: Vater -- Vater, sei mir
nicht bse; ich kann's nicht!

Mit einem Sprung stand der Alte dicht vor ihm. Purpurrot frbte der jhe
Zorn sein hartes Greisengesicht. Die Augen unter der vorspringenden,
viereckigen Stirn loderten, die Fuste hoben sich.

So, stie er hervor, du gehorchst nicht -- gehorchst nicht?!

Fritz duckte sich wie ein Schuljunge, der das Lineal frchtet. Aber er
erwiderte kein Wort. Er zitterte am ganzen Leibe.

Albert und Bertold fielen dem wutkeuchenden Alten in den Arm. Die Mutter
stand am Fenster und schaute wortlos zu.

So war es am besten; es mute einmal zur Entscheidung kommen.

La, Vater, sagte Albert in beruhigendem Tone, Fritz wird gehorchen.
Er ist der Jngste. Aber er soll seine Zeit haben. Es braucht nicht
alles kopfunter, kopfber zu gehen. Er kann die Drthe langsam fallen
lassen. Unterdes kommt die Frida Grdecke mal her sich vorzustellen --
es wird sich schon alles finden. Ich fahr' morgen sowieso nach
Frankfurt, da sprech' ich mit Grdecke.

Fritz ging hinaus. Aber in der Tr wendete er sich nochmals um. Er sah
kreidewei aus.

Und der alte Klempt? fragte er; soll der auch betrogen werden?

Albert schttelte den Kopf. Betrogen? gab er zurck. Und weshalb?

Na -- mit seiner Wiese.

Ah -- was hat das mit deiner Heirat zu tun? Wir haben ihm die Wiese
bezahlt.

Aber er htte sie nicht verkauft, wenn Drthe nicht so zugeredet htte,
und wenn--

Still jetzt! brllte der Alte und wies auf die Tr. Krachend warf
Fritz sie ins Schlo.

Er ging wieder an seine Arbeit. Aber whrend er die Etiketten mit der
wechselnden Aufschrift Trabener, Graacher und Moselblmchen auf
die schon gefllten -- brigens aus ein und demselben Fasse gefllten --
Flaschen klebte, wanderten seine Gedanken ruhelos umher. Er sah
immerwhrend die Drthe neben sich stehen und zermarterte sich das Hirn,
wie er ihr wohl am besten beibringen knne, da alles aus sei. Denn da
es nun kein Zurck mehr gab, war klar. Der Vater wrde ihn zu Boden
schlagen, wenn er noch einmal nein sagen wollte. Und vor dem Vater
zitterte er. Der Riesenmensch, der es gelegentlich fertig bekommen
hatte, mit jeder Hand einen Bauern hinten am Hosengurt zu packen und
hoch emporzuheben, schlug vor dem Drohblick des Alten die Augen wie ein
gestrafter Schuljunge zu Boden.

Er atmete, immer weiterarbeitend, mit schwer sich hebender und senkender
Brust. Und pltzlich hielt er inne. Er mute irgend etwas zerstren,
zerbrechen, vernichten. Er holte aus, um die Flasche, die er in der Hand
hielt, gegen die Wand zu schleudern. Aber er besann sich. Nein, das war
Unsinn! Der Trabener stand mit einer Mark fnfzig Pfennig auf der
neuen Weinkarte.

       *       *       *       *       *

Fr den folgenden Tag war in Zielenberg Termin zur Subhastation von
Dbbernitz festgesetzt worden. Der Kommerzienrat hatte sich genau
informiert. Zernin hatte seine Sache aufgegeben; er wollte dem Termin
gar nicht beiwohnen. Auch sonst erwartete man wenig Reflektanten. Man
glaubte berall, Herr von Zernin werde, wie schon dreimal, auch diesmal
wieder im letzten Augenblick eine Hilfsquelle gefunden haben. brigens
gab es in der Umgegend auch keine ernsthaften Kufer. Jeder hatte mit
dem eignen Besitz zu tun. Es war keine gnstige Zeit fr die
Landwirtschaft.

Trotzdem war das verrucherte Terminzimmer mit seinen kahlen, wei
getnchten Wnden und den grn schillernden Fensterscheiben ziemlich
voll. Eine ganze Anzahl Neugieriger hatte sich eingefunden, unter ihnen
auch der alte Usen, in dem der Kommerzienrat einen Nebenbuhler witterte.
Man wute nie so recht, was der Sonderling vorhatte; er platzte hufig
einmal mit etwas ganz Unerwartetem heraus. Ferner sah man die meisten
Fouragehndler aus der Gegend, einige Berliner Agenten und
Hypothekenglubiger und ein paar Fremde, die von den Kreiseingesessenen
mit einem gewissen Mitrauen gemustert wurden.

Die einleitenden Formalitten waren rasch erledigt. Man kannte das
alles: den Grundsteuerreinertrag, die Hypothekenlast, die Rentenbeitrge
und Servitute -- das war eine langweilige Sache.... Der Kommerzienrat
stand am Fenster und sah einer Spinne zu, die sich von der Decke aus an
einem langen Faden niedergelassen hatte und gerade ber dem kahlen Kopfe
des amtierenden Richters schwebte.

Schellheim begann damit, dreihunderttausend Mark zu bieten. Es erfolgte
sofort ein Aufschlag von vierzigtausend Mark von seiten eines Berliner
Agenten, der damit die Hypothek seines Auftraggebers retten wollte. Der
Kommerzienrat setzte zehntausend Mark zu; er hatte die Absicht, bis auf
vierhunderttausend Mark zu gehen. Schlug man ihm dann den Besitz zu, so
hatte er ein gutes Geschft gemacht, denn das war allein der Waldbestand
trotz allen Raubbaues noch wert. Der anwesende Vertreter der
Ritterschaftsbank sa im Hintergrunde und feilte an seinen Ngeln. Er
war gedeckt; die Geschichte interessierte ihn nicht mehr.

Ein Fremder, ein alter Herr, der sich als Graf Isingen vorgestellt hatte
und ein Verwandter Zernins war, ging bis auf dreihundertachtzigtausend
Mark. Auch in diesem Falle galt es, eine Hypothek zu sichern. Schellheim
bot jetzt von fnf- zu fnftausend Mark mehr. Pltzlich rief eine Stimme
aus der Mitte der Anwesenden:

Vierhunderttausend Mark!

Alles schaute sich um. Schellheim reckte den Hals und wurde unruhig.
Exzellenz Usen erhob sich und trat an die Wand.

Den Namen bitte, sagte der amtierende Richter.

Rechtsanwalt Stroschein in Vollmacht des Herrn Baron von Hellstjern.

Der Richter wiederholte dem Protokollfhrer den Namen. Ein Gemurmel
wurde hrbar. Schockschwerenot -- Hellstjern?! rief Usen halblaut.
Auch der Kommerzienrat war bestrzt. Er dachte gleichfalls an den
knurrigen Alten auf dem Baronshof. Aber das war doch nicht denkbar. Und
auf einmal tauchte das Bild Axels vor ihm auf. Ja -- der mute es sein!
Er wurde wtend. Die beiden Hellstjerns, der reiche und der arme,
steckten zweifellos unter einer Decke. Man wollte ihm Dbbernitz nicht
gnnen. Er hatte sich alles schon auf das genaueste zurechtgelegt.
Zweihunderttausend Mark waren ntig, die Landwirtschaft auf Dbbernitz
wieder in Gang zu bringen. Aber das gengte auch; und dann ... Die
laute Stimme des Richters unterbrach seinen Gedankengang.
Vierhundertzehntausend! rief der Kommerzienrat.

Zwanzig, ertnte die Stimme des Rechtsanwalts Stroschein.

Fnfundzwanzig!

Dreiig!

Jetzt drngte sich Schellheim zu dem Konkurrenten hindurch.

Kommerzienrat Schellheim, sagte er, sich vorstellend; Sie bieten fr
den Baron Axel Hellstjern, den Schweden, wenn ich fragen darf?

Ganz richtig, Herr Kommerzienrat.

Und wollen Sie noch hher gehen?

So hoch es ntig sein wird.

Vierhundertdreiigtausend Mark -- zum ersten! rief der Vorsitzende.

Vierhundertvierzigtausend! erscholl die Stimme des alten Usen.

Da verlor Schellheim vllig die Fassung. Er sah Usen hilflos an, der mit
grinsendem Gesicht, die Augen mit den schweren, immer gerteten
Trnenscken ein wenig zusammengekniffen, an der Wand lehnte. Die Sonne
beleuchtete ihn hell. Die Aufschlge seines schbigen grauen Jagdrocks
strotzten vor Fettflecken; an der Weste fehlte ein Knopf.

Es war ganz verrckt. Das war wieder einmal einer jener tollen Streiche
des alten Paschas, mit denen er urpltzlich zutage zu treten pflegte,
und immer dann, wenn man es am wenigsten erwartete. Was wollte er denn
mit Dbbernitz?!

Fnfundvierzig! schrie Schellheim und bi die Zhne zusammen.

Fnfzigtausend! rief Rechtsanwalt Stroschein.

In seiner Aufregung packte der Kommerzienrat den Rechtsanwalt an der
Schulter.

Geh'n Sie noch weiter? stie er hervor.

O ja, versetzte dieser gemchlich.

Wie hoch?

Sechzig -- siebzig -- ich werde abwarten.

Vierhundertfnfzigtausend Mark -- zum ersten! erscholl wieder des
Vorsitzenden Stimme.

Schellheim trat achselzuckend neben Usen.

Ich hre auf, flsterte er diesem zu. Das ist eine Verrcktheit.

Schad't ja nichts, gab Usen zurck, ein bichen Verrcktheit verst
das Leben -- fnfundfnfzig!

Sechzigtausend!

Hol' euch alle der Teufel, brummte Schellheim, nahm seinen Hut und
verlie das Zimmer. Er war sehr rgerlich. Sein Wagen wartete vor dem
Gerichtsgebude, aber er stieg noch nicht ein. Er wollte wenigstens
wissen, wie die Sache endgltig verlaufen wrde.

Sie verlief einfach genug. In dem Augenblick, da der Kommerzienrat nicht
mehr mitbot, hrte auch Usen auf. Er lehnte noch immer an der Wand, mit
grinsendem Gesicht und zusammengekniffenen uglein, und der weie Kalk
des Mauerputzes blieb an seinem verschossenen grnen Jagdrock hngen.

Dbbernitz fiel Axel Hellstjern fr vierhundertsechzigtausend Mark zu.
Es verblieben somit fr Zernin immer noch einige tausend Mark
Reingewinn. Das hatte niemand erwartet.

Zernin selbst am allerwenigsten. Er war kurze Zeit vorher von Magdeburg
eingetroffen, wo er eine langweilige Festungszeit verlebt hatte. Was aus
ihm werden sollte, wute er noch nicht. Vor Amerika graute ihm. Pfui
Teufel, zum Kellner oder Hausknecht hatte er keine Anlagen!

Die Nacht vor dem Subhastationstermin schlief er schlecht. Er wachte
zwanzigmal auf und wlzte sich von einer Seite zur andern. Alte
Erinnerungen strmten mchtig auf ihn ein -- an Vergangenes, an seine
Kindheit, an die Eltern. Es dmmerte grau durch die Ritzen der
Fensterlden, als er wtend aufsprang. Es hielt ihn nicht mehr im Bette.

Er zndete ein Licht an und suchte nach einer Flasche Wein. Aber er
fand keine. Lotterwirtschaft, brummte er vor sich hin und stieg im
Schlafrock und Morgenschuhen in das Souterrain hinab, um den Weinkeller
zu durchstbern.

Im Schlosse war es totenstill. Das ganze riesige Gebude lag in tiefem
Schlafe. Die Zimmer standen ghnend leer. Klaus hatte in seiner ewigen
Geldnot verkauft, was loszuschlagen war; den Rest hatten die
Gerichtsvollzieher geholt, whrend er in Magdeburg sa. Durch die den
Fenster glomm der trbe Morgen. Graue Schatten berall und noch
nchtiges Dunkel in den Winkeln und Ecken. In dem groen Saale des
Mittelbaues, in dem zur Johanniterzeit die Konvente abgehalten worden
waren, stand kein Tisch und kein Stuhl mehr. Riesenhaft reckte sich an
der einen Querwand der deckenhohe Sandsteinmantel des Kamins mit seinen
schwarz gewordenen Wappenschildern. Selbst die alten Butzenscheiben
waren ausgehoben und durch moderne Fensterflgel ersetzt worden ...

Klaus schlo den Weinkeller auf, einen riesigen, hochgewlbten Keller
mit zahllosen Flaschenregalen an den Wnden, denn der alte
Ministerprsident hatte einen guten Tropfen geliebt. Aber auch hier sah
es leer aus; Staub und Schmutz lagen zu Haufen umher, und Spinneweben
bedeckten die Regale, in denen der Holzwurm tickte. Nur in einer Ecke
waren dicht am Boden noch einige Reihen Flaschen aufgeschichtet, und aus
diesen suchte Klaus sich eine aus. Er traf die richtige, einen
vierundachtziger Pommery, von jenem wunderbaren Jahrgange, der sich
bereits erschpft hatte und selten zu werden begann. Und dann stieg er,
die Flasche unter dem Arm, wieder die Treppen hinauf.

Sein in den Pantoffeln schlurrend wiederhallender Schritt war der
einzige Laut, der sich hren lie. An den Wnden des Treppenhauses
zeigten sich groe helle Flecken, von den alten lbildern herrhrend,
die hier einst gehangen hatten und von unbarmherzigen Glubigern
abgeholt worden waren. Nichts war geblieben. Die ganze Meute hatte die
Festungszeit Zernins benutzt und sich in toller Hetzjagd auf Dbbernitz
gestrzt. Selbst die letzten Andenken an den verstorbenen
Ministerprsidenten hatte man nicht verschont: Geschenke des alten
Knigs, des Kaisers Alexander von Ruland und andrer Potentaten. Die
Bibliothek war entleert worden; man hatte Auktionen veranstaltet, und
kostbare Widmungsexemplare, wie Lamartines Geschichte der Girondisten,
die der Verfasser Friedrich von Zernin persnlich geschenkt, als dieser
Gesandter in Paris gewesen, waren fr wenige Groschen verschleudert
worden. Das alte Schlo war wie ausgeraubt.

Klaus kehrte in sein Schlafzimmer zurck, entkorkte die Flasche, warf
sich wieder auf das Bett und trank den Champagner aus dem Wasserglase,
das auf seinem Nachttische stand. Auch eine Zigarre steckte er sich an,
aber sie schmeckte ihm nicht. Er warf sie mitten in die teppichlose
Stube.

Morgen kam Dbbernitz unter den Hammer. bermorgen schon konnte ihn der
neue Besitzer von Haus und Hof jagen. Wohin dann?! --

Ein ernster Zug glitt ber das Gesicht Zernins. Er war wirklich am Ende;
diesmal gab es keine Hilfe mehr -- es war aus. Und zum ersten Male legte
er sich die Frage vor: htte es nicht anders kommen knnen?

Gewi -- aber dann htte er arbeiten mssen. Sein Vater hatte ihm kein
Barvermgen hinterlassen. Seine Dotation hatte der alte Minister in
Dbbernitz gesteckt, seine hohen Gehlter verbraucht. Freilich,
Dbbernitz konnte immerhin seinen Mann nhren, nur mute man zu
wirtschaften verstehen. Und davon war keine Rede bei Klaus. Er war noch
aktiver Offizier, als sein Vater starb, und nun nahm er schleunigst den
Abschied und setzte sich auf Dbbernitz fest. Schon der Minister war
kein Landwirt gewesen und hatte mit einem ungeheuern Apparat
gearbeitet, statt langsam und mit Beharrlichkeit den Boden zu gewinnen.
Klaus ging noch strmischer vor. Es hatte in der Tat den Anschein, als
habe er keine Ahnung vom Werte des Geldes. Er kaufte eine Lokomobile,
die er gar nicht brauchen konnte, und ungeheure Viehherden, fr die
nicht gengend Futter zu beschaffen war. Ein System verdrngte das
andre; immer neue Inspektoren wurden herangezogen, und jeder kam auch
mit neuen Ideen. Endlich gab ihm seine Neigung zum Sport den Rest. Er
fllte seine Stlle mit edeln Pferden, die groe Summen verschlangen; er
versuchte es mit Zchtung, doch seine Mittel reichten nicht aus. Denn
auch fr seine Person verschwendete er mit vollen Hnden, und in der
angeborenen Gutherzigkeit, die sich gewhnlich mit Leichtsinn zu paaren
pflegt, lie er sich auf allen Seiten bestehlen und betrgen. Und dabei
konnte man ihm nicht gram sein. Seine persnliche Liebenswrdigkeit
entzckte alle Welt, bis man es bei dem zunehmenden Verfall von
Dbbernitz fr ntig hielt, sich langsam zurckzuziehen.

Denn allmhlich artete der Leichtsinn Zernins aus. Hliche Geschichten
kamen in Umlauf; es ging in rasendem Galopp bergab. Hin und wieder
verlangsamte die Erinnerung an den groen Vater das Tempo des
Niedergangs ein wenig. Ein Prinz des Knigshauses half einmal aus, als
der Subhastationstermin fr Dbbernitz schon angesetzt war; reiche
Verwandte, hohe Freunde des Verstorbenen, selbst der Knig wurden
angebettelt. Und fast alle gaben, mehr oder weniger, aber es verrann
rasch im groen Strome; nichts konnte den rollenden Stein aufhalten.

Und nun stand endlich der Untergang vor der Tr. Noch vor einigen
Monaten hatte sich Klaus eine helfende Hand geboten -- damals, als
Kommerzienrat Schellheim ihn fr seine Unternehmungen gewinnen wollte.
Das trichte Duell mit dem dicken Biese war dazwischen gekommen. Jetzt
konnte man Schellheim hchstens daraufhin anpumpen, da man sich fr
seine Ehre ins Zeug gelegt und auf die Festung hatte schicken lassen.
Aber eine Hilfe fr die Dauer war's nicht. Und auch die Heiratsplne --
das reiche Judenmdel, das irgendwo fr ihn aufgetrieben werden sollte
-- der Schwiegervater, der sich in aller Eile mittaufen lassen wollte --
all das war vorber. Klaus wute, weshalb; eine riesige schwarze
Fledermaus strich von nun ab durch sein Leben, mit weiten, weiten
Schwingen, die immer gigantischer wuchsen und immer mchtigeren Schatten
warfen, bis sie ihn ganz mit Nacht umhllten. Das war die Schande.

Klaus schauerte zusammen. Wie eine kalte Totenhand strich es ber seine
Stirn. Eisiger Schwei perlte aus seinen Poren. Er strzte das letzte
Glas Sekt in die Kehle und sprang aus dem Bette, eilte zum Fenster und
stie die Lden auf. Nun war es Tag geworden. Der Himmel glhte, und die
Lohe des Frhrots schlug bis ber die Zinnen des Schlosses empor.

Die Fenster des Schlafzimmers fhrten nach dem Wirtschaftshof hinaus, wo
sonst um diese Zeit bereits reges Leben herrschte, das Leben
morgenfrhlicher Arbeit. Aber hier war es stumm und de wie im Schlosse
selbst. Ein barfiges Mdel mit schwarzem Krauskopf stand am Brunnen
und pumpte einen Eimer voll Wasser -- seine einzige Bedienung. Alles war
geflchtet und, mit gierigen Hnden das Letzte zusammenraffend, was da
und dort noch zu stehlen war, auf und davon gelaufen. Nur die Jule war
geblieben. Ihre jugendliche Frische hatte ihn gereizt, und sie war ihm
fr seine flchtige Gunst dankbar geblieben. Sie besorgte auch den
letzten Gaul, der im Stalle stand, den alten Christian, einen Rappen,
der mit den Jahren eine vllig graue Mhne bekommen hatte, so grau wie
das Haar eines Greises. Es war merkwrdig genug, da sich die Wut der
Glubiger nicht auch an diesem alten Tier vergriffen, da sie sonst alles
genommen hatten, was stand und lag.

Als Jule das Fenster klirren hrte, fuhr sie erschreckt in die Hhe.

Herrje, Herr Baron! rief sie hinauf. So frh schon?! -- Ich komme
gleich 'rauf, den Kaffee machen!

La nur! gab er zur Antwort. Ich will nichts! Aber lege den Sattel
auf -- vielleicht reit' ich aus!

Sie war sehr erstaunt. Wenn nur der Christian die Last noch tragen
konnte! Seit sechs Monaten stand er unbenutzt im Stall und wurde immer
drrer, obwohl sie berall fr ihn Futter stahl.

Klaus kleidete sich in Eile an und strmte hinaus in den Park. Er
fhlte, da er nervs war -- es war ihm immer, als sei jemand hinter
ihm. Er wollte auch Luft haben, und er lief mit geffnetem Munde, wie
ein Asthmatischer, in raschen Schritten durch die Gnge des Parks.
Jahrelange Verwilderung hatte diesem herrlichen Fleckchen Erde nicht
seine zauberischen Reize rauben knnen. Nur war es kein Garten mehr mit
Alleen und Rundells und Rosenbeeten und zierlichen Bosketts, sondern ein
Wald, ein Meer von Laub, das sich ber wuchernden Grasflchen
ausbreitete, ber zerfallene Statuen seinen grnen Mantel hing und seine
Schleppen bis tief hinein in das rostig schimmernde Wasser des Weihers
tauchte. Die Wege waren kaum noch erkennbar, verwachsen und vom
Buschwerk eingeengt, und das groe Rosenparterre glich einer blhenden
Wildnis, durch deren farbenglhendes Dickicht man nicht mehr
durchzukommen vermochte. Auf den Graspltzen unterschied man noch die
Blumenrabatten, mchtig treibende Hyacinthen, Violen und Pelargonien,
bunte Flecken im Grn, doch auch von dichtem Unkraut durchwuchert, das
seine Kreise immer weiter zog.

Zernin strmte an den Treibhusern vorber, deren Fenster zertrmmert
waren, und in deren Innerem die Vgel nisteten. Was wollte er
eigentlich? Ja so -- ausreiten! Das war ein guter Gedanke! Noch einmal
seine verwstete Besitzung durchqueren -- lebewohl sagen -- und dann
zurck! Oben lagen seine Pistolen.

Wieder durchschauerte es ihn kalt -- und es war so hei dabei, so hei.
Er ri seine Weste auf und schob sich den Flauschhut weit aus der Stirn.
Im Hofe stand schon die Jule und hielt den Christian mit hocherhobenen
Hnden an der Kinnkette fest.

Klaus schwang sich in den Sattel, und als er in die schwarzen Augen der
Jule sah, griff er in die Tasche, warf ihr einen Taler zu und rief:

Mach dir mal heute einen vergngten Tag, Jule -- ich bin auch lustig!

Und dann sprengte er kopfnickend davon. Nicht durch das Dorf, denn er
scheute den Anblick der Leute, sondern hinten herum, an der Schleuse
vorber, wo er den alten Fischer traf, der ehrerbietig die Mtze zog.
Dem Christian kam die ungewohnt lebhafte Bewegung anfnglich sauer an;
die mden Knochen wollten nicht mehr recht vorwrts, aber Klaus nahm
keine Rcksichten. Im Trabe und im Galopp ging es dem Walde zu, da der
Rappe bald schaumbergossen war. Erst als Tannen und Birken ihn umfingen
und Schatten ber den Weg fielen, zgelte Zernin den Gaul.

Es war ein Wunder, da der Wald noch stand. Das Majoratsgesetz hatte ihn
geschtzt und die Ritterschaftsbank ihn unter besondere Verwaltung
genommen, sonst wre sicher auch er gefallen. Geplndert war er gengend
worden; berall sah man durch klaffende Lichtungen und auf weite Halden,
wo zwischen grnen Farnkrutern, Ginster und Blaubeerbschen die
Baumstmpfe hervorlugten.

Dann ging es am Saume der Wiesenniederung entlang. Die hatte Klaus, als
sein Viehbestand immer mehr zusammenschmolz, an kleine Leute
verpachtet, und man war derzeit eifrig mit der Heuernte beschftigt.
Zernin legte wieder die Schenkel an und lie den Christian in Galopp
fallen; die Leute auf den Wiesen blieben stehen und schauten dem
vorberrasenden Reiter nach.

Weiter und weiter! Quer ber die Felder, auf denen die Bestellung lngst
aufgehrt hatte, Unkraut scho berall empor, die Quecken hatten
ausgeschlagen und berzogen die braune Erde mit ihrem grnen Gespinst.
Eine mchtige Flche von vielleicht zweihundert Morgen sah wie eine
Prrie aus; hier wimmelte es von Hasen, und Trappen flogen in ganzen
Schwrmen zum Himmel auf. Der Rest einer Pflugschar hatte sich im Sande
eingewhlt, und auf dem verrosteten Eisen sa ein dicker Spatz.

Ein Ekelempfinden berkam Klaus angesichts dieser Wsteneien. Seit fast
zwei Jahren war er nicht auf den Feldern gewesen. Wozu auch? Lhne
bezahlte er nicht mehr; Tagelhner und Arbeiter liefen ihm davon; an
eine geregelte Bestellung war nicht zu denken. Da lie man schon alles
liegen, wie es war. Nun aber, beim Anblick des grenzenlosen Elends, dem
er sein Stck Erde ausgesetzt hatte, schlich sich doch das Grauen in
sein Herz. Er dachte an die Zeiten zurck, da er Dbbernitz bernommen
hatte, an den blhenden Stand seiner Felder, die blonde Flut der Saaten,
die ersten Ernten -- zweifellos, er htte seinen Besitz schon festhalten
und auch gegen die Migunst schlechter Jahre verteidigen knnen,
wenn ...

Ja -- wenn! Wozu sich noch Vorwrfe machen, wozu grbeln -- es war ja
doch alles vorbei! Und mit gesenktem Haupte ritt er weiter und merkte es
kaum, da abermals der Wald ber ihm zu rauschen begann.

Er war im kniglichen Forst, nahe dem Seeufer und jener Stelle an der
Frsterei, wo er damals Abschied von Hedda genommen, wo sie beide
vernnftig miteinander gesprochen hatten. Sicher -- an der Seite
eines so tapferen Kameraden htte aus ihm immer noch etwas werden
knnen; sie wrde ihn gesttzt und gehalten haben, denn sie war ein
starkes Weib, und ihre maikhle Verstndigkeit htte wohl seinen
Leichtsinn und seinen tollen bermut zu wahren vermocht. Ach, auch das
war vorbei! Die riesige schwarze Fledermaus, die durch sein Leben
strich, fing mit ihren stetig wachsenden Flgeln die Sonne auf. Sie
leuchtete ihm nicht mehr.

Klaus lie die Zgel hngen. Der Rappe schritt langsam ber den
Moosgrund, durch Farne und Erdbeerkraut und schnupperte umher und ri
hie und da ein Zweiglein von einem tief herabhngenden Buchenast, mit
seinen alten Zhnen die frischen grnen Bltter zermalmend. Da lag der
See in siegendem Sonnenglanze, golddurchstrahlt, mit schneeweier
Schaumeinfassung, inmitten bewaldeter Hnge, ber die, wie ein
Wahrzeichen berwundener Feudalitt, der quadratische Turm des
Dbbernitzer Schlosses hinausragte. Drben das rote Ziegeldach des
Forsthauses und die Eichenschonung, die Wiesentrift, auf der ein ganzer
Flor wilder Blumen blhte, und der groe Felsstein, auf dem sie damals
gesessen hatte!

Klaus zuckte zusammen. Sa sie nicht wieder da? War sie das nicht, die
Dame im lila geblmten hellen Kleide und mit dem groen Strohhut, die
ihm den Rcken wandte, mit gesenktem Kopfe, als suche ihr Blick irgend
etwas zwischen dem Ufergerll zu ihren Fen?

Der Rappe wieherte pltzlich auf. Die Dame schaute sich um und erhob
sich. Klaus sah, wie sie mit beiden Hnden zum Herzen griff. Er sprang
ab, schlang die Zgel um den nchsten Baum und nherte sich ihr mit
abgezogenem Hute.

Gr Gott, Cousine, sagte er ruhig. Das ist ein unerwartetes
Zusammentreffen, aber ich freue mich von Herzen darber. So kann ich
dir wenigstens noch Lebewohl sagen.

Sie war bla geworden, fate sich aber sofort und erwiderte seinen
Hndedruck. Ich hrte, da heut ber Dbbernitz entschieden werden
soll, entgegnete sie. Hast du noch keine Nachricht?

Er verneinte. Das sei unmglich; vor zwei, drei Uhr knne der Termin
nicht beendet sein.

Und warum bist du nicht selber da?

Sie hatte sich wieder gesetzt, und er warf sich neben sie auf die Erde.

Was sollte ich da, Hedda?! Eingreifen konnte ich nicht mehr, und --
nun, ich schmte mich auch!

Die Bitterkeit stieg in ihr auf.

Warum ist dies Gefhl der Scham nicht frher ber dich gekommen,
Klaus? sagte sie in mehr klagendem als anklagendem Tone. Herrgott, was
httest du dir und uns ersparen knnen! Ich habe mich oft genug gefragt:
wie ist all das mglich gewesen? Ich habe mir nicht zu antworten
vermocht. Nein -- denn du bernahmst Dbbernitz doch in geordnetem
Zustande, und du gingst mit guten Vorstzen in den neuen Beruf! Du magst
leichtsinnig gewesen sein -- aber wie konnte nur so rasch alles ber dir
zusammenprasseln, im Laufe weniger Jahre? Ich begreife das nicht, habe
es nie begriffen!

Er nagte an einem abgerissenen Grashalm und zuckte dabei mit den
Schultern.

Ich auch nicht, erwiderte er. Ganz gewi, Hedda, es geht mir wie dir
-- ich habe von diesen letzten Jahren nur noch so eine Art
Traumempfinden. Es rollte wie eine Lawine ber mich herab und begrub
mich. Natrlich bin ich selber schuld -- ich verteidige mich auch nicht
-- ich klage nicht einmal. Aber gehabt habe ich von meinem Leichtsinn
nicht so viel!

Er schnippte mit den Fingern.

Nein -- nicht so viel! Es war im Grunde genommen ein klgliches
Amsement. Wenn ich mein Geld in Monte Carlo verloren oder in Paris
verjubelt htte -- es wre hundertmal vernnftiger gewesen. Aber ich
habe nur bldsinnige Geschichten getrieben -- die Pferdezucht, die
Viehankufe, die Trinkgelage und Spielabende -- die Rennen und die
ewigen Reisen nach Berlin -- mir steigt ein schales Gefhl auf, wenn ich
an all den Unsinn zurckdenke. Aber ich mu die Suppe ausessen, die ich
mir eingebrockt habe. -- Und wieder zuckte er mit den Schultern.

Hedda hatte die Ellbogen auf die Kniee und das Kinn in die Hnde
gesttzt. So schaute sie zu ihm hinab, zu dem halt- und charakterlosen
Menschen, den sie so toll geliebt hatte, da sie nahe daran gewesen war,
um seinetwillen eine groe, groe Dummheit zu begehen. Die Vernunft
hatte gesiegt und siegte noch, denn sie fhlte wohl, da es fr diese
erste flammende Liebe, fr dieses Frhlingsgewitter, unter dessen
Schauern sie zum Weibe gereift war, kein Vergessen gab. Aber sie hielt
sich in Schach. Er sollte nicht spren, wie rasch ihr Herz in seiner
Nhe klopfte.

Und was wird nun? fragte sie.

Was soll werden? lachte Klaus hlich auf. Weit du, was man mit
einem Gaule macht, der auf der Rennbahn zusammengebrochen ist und nicht
mehr weiter kann? -- Man schiet das arme Biest tot.

Sie starrte ihn an. Sprach er von Selbstmord? -- Nein -- daran glaubte
sie nicht. Er htte lngst seine Kugel finden mssen.

Hedda, was soll ich denn noch auf der Welt? fuhr er fort. Wozu
trichte Illusionen? Ich kann nichts anfangen. Hier gar nichts -- und
mich drben in Amerika mhselig durchs Dasein schleppen, Steine tragen
und Bierglser fllen -- lieber quittier' ich schon mit dem Leben!

Nun sprang sie erregt empor.

Du sprachst von Scham, Klaus, rief sie, aber bei Gott, du kennst sie
nicht! Du wrdest sonst anders sprechen! Begreifst du nicht, wie niedrig
dein Standpunkt ist? Wie unsittlich dein ganzes Gehaben? Du siehst
selber ein, da du dich durch eigne Schuld ruiniert hast, und du bist zu
feige, dir ein neues Leben zu schaffen!

Zu feige -- ganz recht, sagte er und erhob sich gleichfalls. Aber ich
glaube, ich habe nie Mut besessen. Ich frchte mich vor der Arbeit --
wenigstens vor der, die mir drben winkt -- vor der schmutzigen Arbeit
im Kot der Gassen, den Handlangerdiensten. Wre ich weniger Herrenmensch
und mehr Bedientennatur -- vielleicht wrd' ich mich fgen. So kann ich
es nicht -- ich kann es nicht!

Ihr Herz flog frmlich. Alles in ihr war in Aufruhr. Ihre Wangen
flammten und auch ber ihre Stirn, bis zu den Haarwurzeln, ergo sich
die Rte des Zorns und der Scham. Ja auch der Scham, denn fr ihn
schmte sie sich. Er rhmte sich seiner Herrennatur, und doch war alles
Edelmnnische lngst in ihm erstorben. Er suchte den Tod, weil das Leben
ihm nichts mehr zu bieten hatte als -- Arbeit.

Es war wahnsinnig, so mutlos zu flchten. Zittern und Angst ergriff sie,
und die zrtliche Sorge um ihn wich der Scham und Entrstung. Sie sah
schon die Wunde an seiner Schlfe, das runde Kugelloch, aus dem langsam
das Blut sickerte, und hrte die Welt verachtungsvoll ihr letztes Urteil
ber den Verkommenen fllen: das hatte man gewut und erwartet --
Selbstmord -- das Ende jedes Elenden!

Sie trat vor ihn hin und nahm seine Hnde.

Klaus, begann sie mit bebender Stimme, denkst du nicht an dich
selbst, so denke zurck -- an deinen groen Vater und deine liebe,
gtige Mutter. An alle deine Vorfahren, deren Andenken du beschimpfst,
an die Ehre deines Namens, die du durch feigen Selbstmord
unauslschlich befleckst. Man kann irren und fehlen, soll aber wieder
gut zu machen versuchen -- das ist die Tapferkeit, die das Leben von uns
allen fordert. Du bist leichtsinnig gewesen, hast doch aber kein
Verbrechen begangen, das dich zum Tode verurteilt! Und du bist auch noch
jung, bist kraftvoll und rstig, voller reicher Gaben -- du wirst dich
wieder aufraffen knnen -- -- ich bitte dich, Klaus -- lieber Klaus!

Ihre Stimme erstickte. Es quoll glhend hei in ihr empor; ihre Hnde
zuckten zwischen seinen Fingern.

Klaus war fahl geworden, als sie von der Ehre seines Namens sprach.
'Wenn du wtest!' schrie es in ihm auf. Und dann sah er hinter dem
Trnenflor ihrer Augen die alte Liebe leuchten, die er durch die Schmach
seines Wandels beschimpft und niedergetreten hatte, und die nicht
ersterben wollte -- die erste heie Liebe ihres jungen Herzens, die ihr
ganzes Innenleben durchtobt und aufgewhlt hatte und auch im Entsagen
noch haften blieb. Das lie ihn alles andre vergessen und durchstrmte
ihn mit einem Rausch wilden Entzckens. Mit starker Hand ri er sie an
seine Brust und bedeckte ihr Antlitz mit strmischen Kssen.

Du liebst mich noch -- du liebst mich noch! schluchzte und jubelte er.
Und sie lie ihn gewhren. Eine rein physische Schwche hatte sich ihrer
bemchtigt, das Gefhl einer Ohnmachtsanwandlung. Sie hing hilflos in
seinen Armen. Das Rauschen des Waldes klang wie Harfenschlag an ihr Ohr
und wie feierlicher, volltniger Gesang. Seine Ksse aber brannten auf
ihren Lippen und Wangen und loderten in ihre Seele hinein.

Mit schwerem Aufatmen ri sie sich los.

La mich!

Sie strich sich ber Stirn und Haare und befestigte den Hut von neuem,
der ihr vom Scheitel geglitten war. Noch schimmerte helle Rte auf
ihren Wangen, aber sie war doch wieder Herrin ber sich selbst geworden,
wenn auch groe Trnen in ihren Augen standen.

Ich liebe dich noch, sagte sie mit fester Stimme, nun ja -- was will
das bedeuten? Angehren knnen wir uns nie, und wenn du mir sagen
wolltest: komm mit mir nach Amerika -- ich wrde mit Nein antworten.
Nicht weil mir's an Mut gebricht, ein ungewisses Los mit dir zu teilen,
sondern weil ich meine Liebe zu dir bekmpfen will!

Da sank er, empfindend wie klein er war und wie schwach dieser kernigen
Mdchennatur gegenber, zu ihren Fen nieder und prete ihre Kleider an
sein Gesicht. Er weinte, und in diesem Augenblick waren es ehrliche
Trnen, die er ber sein verpfuschtes und verlorenes Leben vergo.

O Hedda! rief er, warum konnten wir uns nicht schon vor fnf Jahren
finden? Du httest mich retten knnen, und alles wre anders geworden!

Ja -- vor fnf Jahren! Er konnte recht haben. Wenn sie ber ihn gewacht
htte, vielleicht wren dann alle die guten Keime, die in ihm
schlummerten, zu Blumen erblht und das Unkraut verdorrt. Vielleicht! --

Sie hob ihn auf.

Es hat nicht sollen sein, sagte sie. Was hilft uns die Reue? Wir
htten stark sein mssen -- heut ist es zu spt. Und doch, ich segne
auch diese Stunde. Da wir uns immer noch lieb haben, weist uns die
Wege. Nicht sterben wollen wir, sondern am Leben bleiben und uns
einander wert halten. Gib mir deine Hand, Klaus, und versprich mir, da
du die Pistole liegen lassen willst. Versprich mir, da du ein neues
Dasein beginnen willst! Du kannst es, wenn du aus Liebe zu mir dein
Herrenbewutsein unterdrckst, wenn du dich 'erniedrigst'. Tu es;
greife zur Arbeit, wo du sie findest; es schndet dich nicht, wenn deine
Hnde blutrnstig werden in harter Fron. Wandre aus und schaff dir
anderwrts Stellung! Ich will unablssig an dich denken und beten fr
dich. Werde ein Mann!

Gerade dies: Werde ein Mann! klang tief in das Herz des Schwchlings
-- nicht wie eine harte Mahnung, sondern wie ein willkommener,
erlsender Ostergru. Er nickte zuversichtlich und mit fast frohem
Lcheln.

Ich danke dir, Hedda, erwiderte er. Du verjngst mich. Ja -- ich
fhle es: es spriet Neues und Gutes in mir! Mein Wort darauf: der
trichte Selbstmordgedanke ist vergessen. Ich wandre aus, um Arbeit zu
lernen. Ich hab' es eilig, denn du sollst bald von mir hren. Ich rufe
dich oder hole dich selbst!

Ich warte auf dich, sagte sie mit leuchtenden Augen.

So lebe wohl!

Er prete noch einmal ihre Hnde an seine Lippen.

Lebe wohl und behte dich Gott!

Er sa schon zu Pferde und sprengte davon, ohne sich umzuschauen. Sie
aber blieb aufrecht stehen, bis sie im Grndunkel des Waldes seine
Gestalt verschwinden sah. Und dann sank sie in die Kniee und sprach laut
mit ihrem Gott, denn nur er konnte sie hier hren und seine Schpfung --
der schluchzende See und die Bume am Ufer.

       *       *       *       *       *

Es war in der dritten Nachmittagstunde, als ein kleines Gefhrt, ein
offener Korbwagen, in den Schlohof von Dbbernitz rasselte. Bertold
Mller hatte selbst das Pferd gelenkt, sprang jetzt zur Erde und rief
der erstaunt aus der Hckselkammer tretenden Jule zu: Ist der Herr
Baron zu sprechen?

Ja, er ist oben, entgegnete Jule und wies hinauf nach den Fenstern.

Bertold kannte hier Weg und Steg. Er gehrte seit Jahren zu den
Geldvermittlern Zernins, aber er wie sein Schwiegervater, der
Getreidehndler Ring, hatte sein Schfchen lngst ins Trockene gebracht.

Er fand Klaus vor einem groen Koffer knieend.

Teufel -- wo kommen Sie denn her, Mller? rief Zernin und stand auf.

Von der Subhastation, erzhlte Bertold, direkt vom Termin. Wissen
Sie, wer Dbbernitz gekauft hat, Herr Baron? Und wissen Sie fr wieviel?
Und wissen Sie, da so etwas noch gar nicht dagewesen ist! Und wissen
Sie--

Donnerwetter, so reden Sie doch vernnftig! fiel Klaus grob ein.

Bertold erstattete Bericht. Herr Legationssekretr von Hellstjern war
Besitzer von Dbbernitz geworden, Neffe des Alten vom Baronshof, ein
schwer reicher Herr, ein Millionr. Bertold wute das ganz genau. Und
460000 Mark kostete ihn das Vergngen. 422000 Mark betrug der
Hypothekenstand von Dbbernitz; verblieb fr Herrn von Zernin noch ein
Reingewinn von 38000 Mark. Auch darber wute der brave Bertold genau
Bescheid.

Ich wollte der erste sein, der Ihnen dies meldete, Herr Baron, fuhr er
fort. Aus reiner Freundschaft. Ich wollte Sie vorbereiten. Ich wei ja,
es sind noch immer eine Masse Glubiger da, die blo darauf lauern, da
Sie wieder einmal zu Gelde kommen--

Er schwieg, denn ihn erschreckte der Ausdruck im Gesicht des vor ihm
Stehenden.

Klaus war bla geworden und sein Auge starr. Es schwirrte durch sein
Hirn, es bohrte sich nadelspitz in seine Schlfen ein, es klopfte und
hmmerte in seinen Ohren. Er antwortete nicht, sondern trat an das
Fenster und starrte hinaus. 38000 Mark! Die Summe flimmerte, mit groen
Ziffern geschrieben, vor ihm in der sonnenhellen Luft.... Wenn er
sie erhob und mit ihr nach Monte Carlo reiste, dort sein Glck zu
versuchen ...

Mit rascher Bewegung fuhr er herum.

Haben Sie Geld im Hause, Mller? fragte er.

Bertold begriff ohne weiteres, um was es sich handelte. Er war ja nur
hergekommen, um noch letzter Stunde ein paar hundert Taler an Zernin zu
verdienen.

Im Hause nicht -- aber in Frankfurt -- auf der Bank, erwiderte er.

Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Mller, fuhr Klaus fort, dessen
Augen voll Erwartung und Hoffnung einen fiebrigen Glanz anzunehmen
begannen. Wir fahren zusammen nach Frankfurt. Dort zediere ich Ihnen
notariell meine Forderung an Herrn von Hellstjern -- der Mann ist Ihnen
doch sicher?

Bombensicher, sagte Bertold.

Sie zahlen mir 36000 Mark bar aus und behalten den Rest.

Einverstanden, Herr Baron, aber-- Bertold holte sein dickleibiges
Notizbuch hervor, feuchtete seine Fingerspitzen an und begann zu
blttern. Ich habe da nmlich noch einen kleinen Wechsel in die Hnde
bekommen -- Silbermann in Klpin hatte ihn einmal meinem Schwiegervater
in Zahlung gegeben -- es handelt sich nur um acht- oder neunhundert
Mark--

So ziehen Sie die auch ab, zum Donnerwetter! rief Klaus ungeduldig.
Herrgott, was hatte der Mensch ihn schon betrogen!

Bertold steckte ruhig sein unfrmiges Taschenbuch wieder ein.

Da steh' ich also zur Verfgung, Herr Baron, sagte er. Um fnf Uhr
geht der Zug -- ein Bummelzug freilich, aber wir haben ja nichts zu
versumen; Rechtsanwalt Sarnow empfngt uns auch auerhalb seiner
Sprechstunden. Dann knnen Sie noch um elf Uhr nach Berlin weiter -- das
heit, wenn Sie berhaupt nach Berlin wollen. Pat Ihnen mein Wagen? Der
Koffer da geht bequem hinauf -- wir binden ihn hinten fest -- er hat
Platz. Das Pferd stell' ich auf die paar Stunden bei Petersen ein -- Sie
wissen ja, dem Restaurateur in--

Ja, ja! rief Klaus. Das Geschwtz Bertolds machte ihn nervs. Er
pfropfte noch rasch einen Anzug in den Koffer hinein, wechselte in
fliegender Hast seine Toilette und rief aus dem Fenster nach Jule.

Allons, sagte er, den Koffer auf den Wagen des Herrn Mller! Ich
verreise fr einige Zeit. Du wirst ja hren, wann ich zurckkomme--

Die Kleine starrte ihn mit groen Augen erschreckt an. Aber sie
entgegnete kein Wort. Sie war an willenloses Gehorchen gewhnt.

Der Wagen ratterte ber das Hofpflaster und fuhr staubaufwirbelnd den
Berghang hinab.

Jule war in der Prallsonne stehen geblieben. Aus dem Stalle wurde ein
leises Wiehern vernehmbar. Der Rappe wollte sein Futter haben. Er und
die Jule, die Zurckbleibenden, waren die letzten lebendigen Wesen im
Dbbernitzer Schlosse.

Hinten im Parke, ganz umbuscht vom Grn stark wuchernder Schneeballen,
stand ein einfacher Tempelbau, eine Art Mausoleum. Unter den
Sandsteinplatten im Innern ruhten die Srge der Eltern Zernins. Auch
hier tiefer und schweigender Friede, kein Laut des Lebens.

Nur ein gelber Schmetterling flatterte, hin und her huschend, ber das
krnige Grau des Sandsteins.




Elftes Kapitel


Der Sommer ging zur Rste. Die Nchte wurden kalt, es herbstelte stark.

Oberlemmingen konnte mit seiner ersten Saison zufrieden sein. Die
Reklame hatte gewirkt. Allerdings waren in rztlichen Kreisen auch
einige Stimmen laut geworden, die dem Gutachten des Professors Statius
und seiner Leute widersprachen, die die Analyse fr inkorrekt und die
unter Posaunenschall der Welt verkndete Heilkraft der Bismarckquelle
fr ziemlich unbedeutend erklrten. Man habe in unglaublichster Weise
bertrieben, so uerten sich jene Stimmen; man habe aus einer Mcke
einen Elefanten gemacht. Das Wsserchen habe seine Vorzge -- gewi,
aber es sei mit den Kissinger Quellen gar nicht zu vergleichen; und in
einer medizinischen Monatsschrift fiel sogar der unparlamentarische
Ausdruck Mumpitz.

Darauf schien Kommerzienrat Schellheim nur gewartet zu haben. Sofort
wurde der Schlachtplan fr den Reklamefeldzug whrend des Winters
entworfen. Wieder flatterten viele Tausende von Broschren ber die
Lande. Flugbltter verkndeten auch der Laienwelt die Entgegnung des
Professors Statius. Die groen Zeitungen wurden mit Inseraten
berschttet und lobten dafr im redaktionellen Teil das mrkische Bad;
Postkarten mit Ansichten von Oberlemmingen kamen in den Handel;
Schellheim lie eine Bismarckquellen-Polka komponieren und auf den
Musikmarkt bringen, und eine Novelle: Die Grobuerin von
Oberlemmingen, wurde smtlichen Kreisblttern zum freien Abdruck zur
Verfgung gestellt. Das war eine rhrsame Dorfgeschichte, die den
Verfasser der ersten Broschre zum Autor hatte, und in der natrlich
auch die Quelle eine Rolle spielte. So sollte den ganzen Winter
hindurch das Tamtam gerhrt werden.

Der Kommerzienrat entfaltete eine angestrengte Ttigkeit. Anfnglich
hatte er die Sache mit dem neuen Bade gewissermaen nur als
Unterhaltung, als Abwechslung in die Hand genommen. Aber sein Interesse
wuchs, je mehr Kapitalien er dem Unternehmen opferte. Albert Mller und
er betrachteten sich immer noch mit heimlichem Mitrauen. Jeder von
ihnen hatte das Empfinden, als warte der andre nur auf den geeigneten
Augenblick, ihn bers Ohr zu hauen. Sie gingen Hand in Hand und waren
doch Todfeinde. Und dabei wuten beide, da sie ohne einander gar nicht
auskommen konnten. Sie waren wie Sklaven zusammengekettet oder wie die
znkischen Weiber, die man im Mittelalter mit Hals und Hnden in die
Geige spannte.

brigens sehnte sich Schellheim gerade in dieser Zeit mehr als je nach
zerstreuender Arbeit. Hagen machte ihm schwere Sorgen. Dieser tolle
Junge hatte rund heraus erklrt, er sei bereit, von der Leitung der
Firma zurckzutreten und sich auf sein Pflichtteil setzen zu lassen,
aber von seiner Liebe zu der kleinen, blonden Stepperin knne man ihn
nicht abbringen. Er werde sie unbedingt heiraten. Der Rat fuhr nach
Berlin, Hagen selbst ins Gebet zu nehmen. Doch der blieb fest; alle
Grnde, die sein Vater gegen diese unsinnige Heirat ins Gefecht fhrte,
fruchteten nichts. Zhneknirschend entschlo sich Schellheim zu
brutaleren Mitteln. Er suchte die Eltern der Anna Zell auf. Der Alte war
Straenbahnschaffner, seine Frau bernahm Aufwartungen, Anna war das
fnfte von sieben Kindern. Der Rat seufzte auf, als er die zahlreiche
Familie sah, die er mit in den Kauf nehmen sollte. War es denn denkbar!?
Dieser Hagen, sein ganzer Stolz, nicht nur ein tchtiger Kaufmann,
sondern auch durchaus Gentleman mit seiner Vorliebe fr
Theaterpremieren, elegante Krawatten und kleine Soupers -- gerade der
wollte ihm die Schande bereiten, tief unter seinem Stande zu heiraten!
Schellheim fand brigens, da die alten Zells ganz vernnftige Leute
seien. Sie wuten auf der Stelle, wohinaus er wollte, aber sie hatten
ihrer Anna nichts mehr zu befehlen, denn diese war mndig und
selbstndig. Hagen hatte sie bereits aus dem Elternhause wie aus der
Fabrik genommen und in einer Pension in der Potsdamerstrae
untergebracht. Auch an sie wandte sich der Rat. Das schchterne kleine
Persnchen war gut instruiert worden. Sie strzte Schellheim sofort zu
Fen, kte seine Hnde, weinte, bat und flehte und fiel schlielich in
Ohnmacht. Voller Erregung reiste Schellheim wieder ab.

Gunther war als Gast auf dem Auberge. Er hatte soeben seine Manverbung
beendet und kehrte sonnengebrunt, frisch und gesund aussehend, zu den
Eltern zurck. Seine groe Arbeit war bereits im Druck; im Oktober
sollte sie erscheinen.

Da er seit drei Vierteljahren nicht in Oberlemmingen gewesen war, so
interessierten ihn die Vernderungen im Ort naturgem sehr. Sehr
entrstet war der Kommerzienrat ber die anscheinende Gleichgltigkeit,
mit der Gunther die Heiratsplne seines Bruders aufnahm.

Ich mu dir gestehen, Vater, sagte er zu Schellheim, als die Rede auf
Hagen und seine blonde Liebe kam, da ich das Hagen eigentlich gar
nicht zugetraut htte. Im Grunde genommen freut es mich, da er sein
Herz sprechen lt -- ah, rege dich nicht auf, Papa, ich sage ja nur im
Grunde genommen. Du kennst mich. Ich wrde auch nur aus Neigung
heiraten; allerdings mu ich hinzufgen, da sich _meine_
Heiratsneigungen sicher nach andern gesellschaftlichen Richtungen hin
bewegen als diejenigen Hagens. Doch das ist lediglich eine Folge
angeborenen Geschmacks, um mich gelehrt auszudrcken, das Produkt einer
gewissen soziologischen sthetik. Ich wrde wohl nie dazu kommen, mich
in eine Anna Zell zu verlieben, und daher auch nie auf den Gedanken
verfallen, besagte Anna heiraten zu wollen, die ich hier natrlich nicht
als Person, sondern nur als Typus aufstelle.

Schn, meinte der Rat, das bist _du_ -- aber was mache ich nun mit
dem Hagen? Mu er denn zum Donnerwetter vom Fleck weg heiraten? Kann es
nicht bei der Liebelei bleiben, bis sie so sachte versandet und
verblutet ist? Man braucht nicht gleich an chinesischen Kastengeist und
an die Mandarinenknpfe zu denken und kann doch der Ansicht sein, da
man im Leben ber bestimmte gesellschaftliche Unterschiede nicht recht
fortkommt!

Gunther nickte. Richtig, Papa, antwortete er, so hat leider auch der
Baron von Hellstern gedacht--

Aber der Rat fiel ihm rgerlich ins Wort:

Ach was -- das waren ganz andere Verhltnisse! Ich bitte dich, wie
kannst du das nur vergleichen?

Die hnlichkeit liegt auf der Hand. Aber streiten wir nicht darber.
Wenn Hagen fest bleibt, wirst du dich fgen mssen. Denn ich nehme nicht
an, da du wegen der Mesalliance -- man hrt dies Wort brigens gar
nicht mehr, was ich als Beweis dafr auffassen mchte, da wir doch
langsam einer freieren und edleren Beurteilung des Wesens der Liebe
entgegenschreiten--, also, ich nehme nicht an, da du Hagen wegen
seiner Herzensaffre verstoen und enterben wirst. Abgesehen davon, da
er dies wahrhaftig nicht verdienen wrde -- wer soll das Geschft
weiterfhren?

Das ist es ja eben, Gunther! Hagen ist mir unentbehrlich. Er ist eine
kaufmnnische Kraft ersten Ranges, eine wahre Rechenmaschine -- und dann
seine glckliche Hand! Aber trotzdem -- Straenbahnschaffner -- es ist
grlich!

Ein leichtes, etwas bitteres Lcheln flog um Gunthers Lippen: Denke
mal: wenn Hellstern sich damals hnlich ausgedrckt htte! --
'Hemdenfritze -- es ist grlich!' Pardon, Papa, -- wer viel ber
Bchern sitzt, der kommt zuweilen auf merkwrdige Gedanken. Aber bleiben
wir beim Thema! Geschftlich knnte Hagens Heirat euch doch nicht
schdigen?

Gott bewahre -- das Geschft hat gar nichts damit zu tun.

Nun, dann wrde ich dir raten: la dir die Geschichte nicht allzu
sorgenvoll durch den Kopf gehen! Warte ab; vielleicht besinnt sich Hagen
doch noch eines andern. Jedenfalls opponiere nicht allzu heftig; du
strkst nur den Widerstand.

Schellheim stand auf. Ich verstehe nur nicht, da dich die ganze Sache
so gleichgltig lt, sagte er. Es handelt sich doch um deinen
Bruder!

Auch Gunther erhob sich. Gleichgltig ist zu viel gesagt, Papa. Meinem
innersten Empfinden nach htte ich mir _auch_ eine andre Partie fr
Hagen gewnscht. Aber ich wrde niemals versuchen, seinem Glck in den
Weg zu treten -- selbst wenn ich frchten mte, es handle sich nur um
ein eingebildetes Glck.... Jetzt will ich den Pastor besuchen...

Er traf Eycken nicht zu Hause, doch sagte man ihm, da der Pastor auf
dem Bauplatze sei. Das war die Lichtung in der Tannenschonung, wo das
Kinderasyl im Entstehen war.

Der Herbsttag war nicht allzu freundlich. Ein krftiger Wind wehte von
den Bergen herab, so da die Bume sich neigten und ihr buntes Laub
abschttelten. Der Wind griff es auf und drehte es zu Wirbeln zusammen,
quirlte es in langen Schraubenwindungen hoch in die Luft und lie es
hier zerflattern, so da es abermals wie ein farbiger Regen herabfiel,
um dann wiederum zum Spiel des Sturmes zu werden. Aber dieser lustige
Wind hatte auch sein Gutes; er hatte die Regenpftzen vom Tag vorher
aufgesogen und die Nsse des Bodens getrocknet. Es marschierte sich gut
trotz des rauhen Atmens der Natur.

Gunther schritt rasch durch das Dorf, mit lebhaften Augen umhersphend.
Die letzten Sommergste waren noch nicht abgezogen. Ein paar Damen
begegneten ihm, ein lterer Herr im Rollstuhl, den ein Diener vor sich
her schob, ein junges Mdchen, zwei Kinder an der Hand, und auch der
Badekommissar. Er war von Schellheim provisorisch angestellt worden,
ein Major a.D. mit schnem, graublondem Schnurrbart und verbindlichem
Wesen. Der Kommissar grte Gunther, obwohl er ihn nicht kannte, er
hielt sich fr verpflichtet, jeden Fremden zu gren, den er traf. Im
Hause Braumllers hatte Bertold Mller schon Einzug gehalten; aber vor
den glnzenden Spiegelscheiben der Schaufenster lagen noch die Rouleaux.
Vom Kurpark herber trieb der Wind das Laub in ungeheuren Massen und
hufte es in den Chausseegrben auf. Ein paar Arbeiter waren dabei, den
Lawn-Tennis-Platz zu subern, andre errichteten auf der Sdseite des
Platzes hinter den Ahornbumen ein langgestrecktes, niederes Gebude,
das zu Verkaufsbuden verpachtet werden sollte.

Die flatternde Fahne mit dem Johanniterkreuz wies Gunther den Weg. Das
Kinderhospital war bis zum zweiten Stockwerk gediehen; man hoffte, mit
Dachung und Ausbau noch vor Beginn der Frosttage fertig zu werden.
Eycken besuchte tglich den Bauplatz. Er ging auf in diesem Liebeswerk,
und Herz und Seele schienen in ihm wieder jung werden zu wollen.
Selbstverstndlich berschritten die Kosten schon jetzt den Anschlag,
aber Eycken machte das wenig Kummer. Er wollte nicht sparen -- fr wen
auch? So stieg dieser Palast der armen Kleinen schn und stattlich in
die Hhe, mit breiten Fensterfluchten und luftigen Slen und Zimmern,
gewissermaen ein Stein gewordener Protest gegen die spekulativen
Zukunftsideen, die weiter unten im Tale den neuen Kurort Oberlemmingen
ins Leben gerufen hatten.

Gunther sah neben Eycken Hedda stehen. Einen Augenblick stockte sein
Fu; er war im Begriff, umzukehren. Aber schon im nchsten Moment schalt
er sich einen Toren. Weshalb flchten? Mute er nicht im Gegenteil dem
Zufall dankbar sein, der ihn hier mit ihr zusammenfhrte?

Der Pastor hatte ihn schon gesehen.

I, ist das nicht-- und dann zog er seinen breitkrempigen
Demokratenhut und winkte mit beiden Hnden grend zu Gunther hinber.

Auch Hedda nickte ihm zu, ohne Verlegenheit und Verschchterung, mit
freundlichem Lcheln, und bot ihm die Hand, als er nher trat; er selbst
aber errtete und kam sich sehr linkisch vor. Selbst die Verbeugung, die
er machte, erschien ihm lcherlich.

Die Unterhaltung wechselte rasch. Von den neu entdeckten
Faustgeschichten Gunthers ging man zu dem Kinderasyl ber, fr das Hedda
ein ebenso warmes Interesse bekundete wie der Pastor. Sie war wieder
tglicher Gast im Pfarrhause und begleitete ihn auf den Bauplatz, sobald
sie sich einmal von ihrem Vater frei machen konnte, der immer grmlicher
und mrrischer wurde. Er schimpfte nun auch auf Eycken; der Pastor
wollte fr seine Grndung elektrisches Licht haben, und die
Badedirektion schlo sich an. Die Sache war nicht so gefhrlich, da man
in unmittelbarer Nhe bei den Grunower Mhlen starke Wasserkrfte zur
Verfgung hatte. Aber Hellstern brachte gerade diesem hellen und grellen
Lichte einen frmlichen Ha entgegen. Er klagte darber, da er sein
liebes Dorf nie wieder im sanften Lullen der sinkenden Dmmerung sehen
wrde; selbst bis in seinen Park hinein wrden die weien Lichtstrahlen
fallen. Man vergraulte und verekelte ihm geflissentlich den
Baronshof. Er schwor Hedda zu, da er sein Zimmer berhaupt nicht mehr
verlassen wrde, murrte und rsonierte stundenlang, um das arme Mdchen
dann pltzlich wieder an seine Brust zu reien und durch einen
strmischen Ku zu vershnen.

Eycken fhrte Gunther durch seinen neuen Bau. Es war wirklich nicht
gespart worden. Die ganze Anlage zeugte von Zweckmigkeit und
Gediegenheit; Luft und Licht war die Parole gewesen. Dem Hauptbau
sollten sich die notwendigen Nebengebude anschlieen, dann die
Ausgestaltung des Gartens mitten in der wrzigen und krftigenden Luft
des Tannenwaldes in Angriff genommen werden. Der Pfarrer erluterte
Gunther alles das mit seiner lebhaften, von der Begeisterung fr das
Gute getragenen Beredsamkeit. Die klaren Augen in dem schnen
Greisenantlitz leuchteten dabei wie in heiligem apostolischem Feuer, und
Eycken war auch ein Apostel -- der Nchstenliebe und der Barmherzigkeit.

Als man gemeinsam nach dem Dorfe zurckkehrte, lenkte Gunther das
Gesprch auf Dbbernitz. Mit Absicht; die erstaunliche Tatsache, da der
schwedische Hellstjern den Zerninschen Besitz gekauft, hatte ihn mit
neuer Unruhe erfllt. Denn noch hatte er nicht alle seine Hoffnungen
begraben. Seine Liebe zu Hedda und die bewundernde Anbetung, die er ihr
entgegenbrachte, war die alte geblieben; er fand sie schner als je und
sah auf ihrem stolzen Mdchengesicht einen Ausdruck von Vergeistigung
und trumerischem Sinnen, der ihm frher nicht aufgefallen war und sie
zu verklren schien.

Hedda erzhlte in ruhigem Ton das Neueste ber Dbbernitz. Klaus von
Zernin war verschwunden; irgend jemand wollte ihn in Monte Carlo gesehen
haben. Auf Dbbernitz aber regten sich seit Wochen viele hundert
fleiige Hnde. Baron Hellstjern hatte sich selbst merkwrdigerweise
noch gar nicht gezeigt; an seiner Statt schaltete mit unbeschrnkter
Vollmacht ein Administrator, den Heddas Vater Axel empfohlen hatte. Es
war der ehemalige Oberinspektor des alten Zernin, ein Mann, der die
Verhltnisse auf Dbbernitz auf das genaueste kannte, voll
Zuverlssigkeit und rstigem Flei, eine erstklassige Kraft. Und eine
solche brauchte man. Es war keine Kleinigkeit, dies verwstete Land
wieder ertragsfhig zu gestalten. Man mute sozusagen von vorn anfangen,
denn auch vom Inventar war nichts zurckgeblieben; lebendes und totes,
bis auf die letzte Kuh und den letzten, schon verrosteten Pflug war
verkauft oder gepfndet und verauktioniert worden.

Und whrend das Land von neuem beackert wurde und aus den tiefen
Furchen, die den Boden zerrissen, ein frischer Odem von Lebensfhigkeit
aufstieg, wie ein Ahnen kommenden Keimens, trafen im Schlohofe groe
Mbelwagen ein, um zunchst dem Mittelbau wieder eine behagliche
Wohnlichkeit zu geben. Auch diese Einrichtung berlie Hellstjern
fremden Hnden; er hatte an den Ohm auf dem Baronshof geschrieben, er
habe zurzeit zu viel zu tun, um sich um all diese Dinge kmmern zu
knnen. Die Wahrheit war, da er sich zu einer ernstlichen Kur
entschlossen hatte; der abscheuliche Husten, der seine ganze
Konstitution zu erschttern drohte, mute einmal fortgeschafft werden.

Gunther hrte mit reger Aufmerksamkeit der Erzhlenden zu. Er meinte, er
sei recht froh, da Baron Hellstjern seinem Vater zuvorgekommen sei.
Seit der Vater die Leitung der Fabriken abgegeben habe, sei er von
fieberhafter Unruhe gepackt, berall wolle er sich beteiligen. Und dann
sprach Gunther ganz harmlos von den Heiratsplnen Hagens, die dem Vater
so viel rger bereiteten. Er tat dies mit Absicht, trotz der
anscheinenden Harmlosigkeit; er wollte Hedda auf diesen neuen
plebejischen Einbruch in seine Familie vorbereiten, war auch begierig,
was sie dazu sagen wrde.

Aber sie enthielt sich des Urteils und bemerkte nur, da sie die
Aufregung und die Abwehr des Kommerzienrats begreifen knne, denn
zweifellos sei die beabsichtigte Heirat Hagens ein Tiefersteigen.
Eycken war nicht dieser Ansicht, suchte wenigstens den gesellschaftlichen
Abfall des grimmen Hagen zu beschnigen und zu entschuldigen; in der
Liebe zum andern Geschlecht gbe es keine Dummheiten, oder aber diese
ganze Liebe sei Dummheit. Im brigen steige Hagen seiner Meinung nach
keineswegs hinab, sondern zge hchstens sein Mdchen herauf.

Vor dem Parktore des Baronshofes trennte man sich. Hedda bat um den
Besuch Gunthers und dieser sagte mit tiefer Verneigung zu.

Der Baron sa wie gewhnlich bei seiner Familiengeschichte. Er steckte
mitten im achtzehnten Jahrhundert; das Lateinische und Schwedische war
dem Franzsischen gewichen. Aber auch bei diesem verschnrkelten alten
Franzsisch fehlten ihm hufig Vokabeln und sinnverwandte Ausdrcke, und
dann mute er die Lexika durchstbern. War Hedda zugegen, so ging das
alles viel schneller.

Hellstern war im letzten Jahre noch dicker geworden. Die Ischias hatte
etwas nachgelassen, aber ein Asthma kndigte sich an. Der Baron
verzichtete jetzt auf jede Bewegung; nur mit Mhe schleppten Hedda und
August ihn dann und wann auf ein Viertelstndchen in den Park. Er hatte
sich vollstndig in seinen rger ber die modernen Vernderungen in
Oberlemmingen verbissen. Eine Art fixer Idee spielte dabei mit. Er war
berzeugt davon, da man ihn von Haus und Hof vertreiben wolle. Die
Mllers bauten rechts seitwrts vom Parkausgange eine Brauerei und
hatten eine Parzelle des Dorfangers vom Fiskus erstanden. Das wurmte
Hellstern furchtbar. Nun hatte er wirklich Qualm, Dampf und Rauch,
Gerusch und Gestank direkt vor der Nase.

Gunther Schellheim ist wieder hier, Papa, sagte Hedda beim Eintreten;
er lt dich gren.

Ist mir 'ne hohe Ehre, erwiderte der Alte giftig. Hat er vielleicht
seinen Antrag wiederholt?

Nein, sagte Hedda und band ihren Hut ab; warum bist du so schlechter
Laune?

Das wrdest du auch sein, wenn du dich so rgern mtest wie ich. In
diesen Akten kommen Ausdrcke vor, fr die es in keinem Lexikon der Welt
Erklrungen gibt.

Ich werde dir helfen, entgegnete Hedda geduldig und nahm auf dem aus
den vierzehn Folianten der Merianschen Topographie gebildeten Sitze
Platz.

Aber der Alte wollte noch plaudern. Wie sieht der Herr Gunther aus?
fragte er.

Gut -- mnnlicher als sonst. Er kommt eben aus dem Manver. Es ist
merkwrdig, was wir fr einseitige Menschen sind! Ich bin berzeugt, in
seiner hbschen Husarenuniform wrde er mir sehr gefallen. Schwarz und
silberne Verschnrung, mit dem groen Totenkopf auf der Brenmtze.

Ich wei, erwiderte Hellstern nickend; ein gutes Regiment. Nun,
dieser Gunther ist ja doch auch immerhin ein anstndiger Mann ... Da ist
ein Brief von Axel gekommen, der dich interessieren wird.

Er reichte Hedda das Schriftstck, und sie begann zu lesen:


  Liebster Onkel -- liebste Cousine!

Zunchst Verzeihung, da ich franzsisch schreibe -- es geht mir immer
noch rascher von der Hand wie Eure Muttersprache, und ich habe Euch eine
ganze Menge zu erzhlen. Wie Ihr aus dem Poststempel erseht, bin ich
nicht in Berlin, sondern in Gehringen. Das liegt in der Schweiz, ein
Stndchen von Basel, und ist eine Heilanstalt, die mir ein befreundeter
Arzt empfohlen hat. Ich wollte nmlich einmal meinem Husten zu Leibe
gehen. Nun kuriert man hier unten freilich nicht auf gewhnliche Weise,
mittels allerhand Mixturen aus Flaschen und Schachteln und Tpfen,
sondern durch Sonnenbder, Elektrizitt, Massage, kaltes und heies
Wasser, Fichtennadeln und Gott wei was noch -- aber die Tatsache steht
fest: es geht mir bedeutend besser, so da ich mich mit der Hoffnung
trage, Euch in ppiger Gesundheit wieder begren zu knnen.

Und das soll bald geschehen. Mein Abschied ist mir in Gnaden bewilligt
-- sogar mit einem Orden, der sehr schn aussieht und an einem Bande mit
drei Farben hngt. Da will ich mich denn nun im Sptherbst in Eurer
Nhe, nmlich in Dbbernitz, festsetzen. Rieske, der Verwalter, den Du,
lieber Ohm, mir empfohlen hast, scheint sich ausgezeichnet zu machen. Er
schickt mir wchentlich zwei ausfhrliche Berichte, die mich ber alles
informieren und trotzdem knapp gehalten sind. Das gefllt mir. Ich finde
auch, da er sparsam wirtschaftet. Die Anschaffung des Inventars und die
Instandsetzung der ganzen Geschichte verlangen natrlich Opfer, aber ich
bringe sie gern. Schon weil ich nun wieder ein Heimatpltzchen bekomme.
Ich kann Euch nur sagen, da ich mir immer wieder von neuem Glck zu
meiner Idee wnsche. Es war der vernnftigste Streich meines Lebens, der
Ankauf von Dbbernitz.

Sehr, sehr gern wrde ich es sehen, wenn Hedda sich einmal die
Schloeinrichtung ansehen wollte. Eine Masse hbscher Mbel habe ich
unterwegs kaufen knnen, auch hier in der Umgegend, auf alten
Bauerngehften und in den Kleinstdten noch mancherlei Nettes und
Interessantes gefunden. Aber die weibliche Beihilfe fehlt mir doch. Und
dann wei ich nicht, wie die Berliner Dekorateure die Sache arrangiert
haben. Ich werde wohl alles wieder 'umkrempeln' -- sagt Ihr nicht immer
'umkrempeln'?--, wenn ich erst in Dbbernitz bin. Hedda, dabei mut Du
mir aber zur Hand gehen! Das kann ich als Vetter verlangen. Ein paar
Zimmer werden so wie so fr Euch beide eingerichtet, denn ich hoffe, Ihr
werdet fters, nein recht oft, sehr oft, bei mir zu Gast sein. Die
moosgrn bezogenen Mbel sind speziell fr Dein Zimmer bestimmt, Hedda.
Ich fand die Formen so hbsch, edel und schn in den Proportionen, nicht
so spielerisch und gesucht originell, wie der moderne englische
Geschmack sie liebt. Der Renaissanceschrank und das groe Himmelbett
stammen aus dem Palazzo Formosa in Bologna.

Siehst du, Hedda, und da freue ich mich jetzt schon darauf, mit Dir
zusammen im Schlosse von Dbbernitz Ordnung und Behaglichkeit schaffen
zu knnen. Wir gehn zimmerweise vor, und fr jedes Zimmer lasse ich dich
extra vom Baronshofe holen, damit das Vergngen lnger dauert. Und dann
freue ich mich auch auf unsre Spaziergnge im Walde, unten am See, wo
die Eichen stehen und der groe Felsblock liegt. Ich sagte es Dir ja:
bei Euch werde ich wieder ganz gesund und auch noch einmal jung werden,
denn es weht Heimatluft bei Euch, und die war's, die mir fehlte. Ich bin
ganz krank vor Sehnsucht. Das ist mir noch nie passiert.

Ende Oktober denke ich zurck zu sein. Frhlichen und herzlichen Gru
Dir, Onkel, und Dir, liebe Base, von

  Euerm getreuen
    Neffen und Vetter Axel.


Bedchtig steckte Hedda den Brief wieder in das Couvert.

Er klingt wirklich sehnschtig, der Brief, sagte Hellstern mit
Betonung. Weit du, Hedda, ich mache mir so meine Gedanken.

Sie hatte sich tief ber das Lexikon gebeugt, das auf ihren Knieen lag,
und in dem sie mechanisch bltterte. Als sie den Kopf hob, sah der Alte,
da sie auffllig bla war.

       *       *       *       *       *

An diesem Tage gedachte Fritz Mller, sich mit der Drthe endgltig
auszusprechen. Es mute einmal geschehen. Die Eltern drngten, Albert
und Bertold nicht minder. Grdecke aus Frankfurt hatte eines Tages
seinen Freund Albert Mller in Oberlemmingen besucht. Er brachte seine
Tochter Frida mit, ein groes, starkes, sehr brnettes Mdchen mit
energischen Zgen. Fritz sollte sich mit ihr anvettern, und das
geschah denn auch. Er fand sie nicht so bel, obwohl ihr stechender
Blick und ihr rasch zugreifendes Wesen, auch ihre Erscheinung ihm einen
ausgewachsenen Pantoffel prophezeiten. Noch wurde nicht vom Heiraten
gesprochen, doch Frida wute bereits Bescheid. Sie lie sich das ganze
Haus zeigen, vom Dach bis hinab zum Weinkeller; sie nahm es schon in
Besitz. Auch die Angelegenheit mit der Engrosschlchterei, die den
Badeort, das Kinderhospiz und die Gter in der Umgegend versorgen
sollte, war zur Reife gediehen. Wieder hatte einer der Bauern sein
Gehft verkauft -- Thielemann, dessen Besitz den Mllers am bequemsten
lag. Dorthin sollte das Schlachthaus kommen.

Gegen Abend hatte der Wind sich gelegt. Fritz hatte Drthe gebeten, sich
mit ihm an der Quelle zu treffen; er habe Wichtiges mit ihr zu
besprechen. Sie hatte sich auf dem Baronshof auch freimachen knnen und
war pnktlich zur Stelle, in ihrem Arbeitskleide, aber ein neues
dreieckiges Tuch um die Schultern geschlagen, mit bloem Kopfe.

Fritz war noch nicht da. Drthe wanderte in den schweigenden Anlagen auf
und ab. Das falbe Laub rauschte unter ihren Fen. Ein letztes
Sonnenflackern glitt durch die Baumkronen, fahlgelb, ein erlschendes
Licht.

Das Mdchen war nicht in Sorgen. Im Gegenteil -- ein Zug heiterer
Zufriedenheit lag auf dem hbschen, braunen Gesichtchen. Sicher handelte
es sich um eine Besprechung wegen der Hochzeit. Vielleicht sollte sie
schon vor Weihnachten sein. Wie schlug der Drthe das Herz!

Sie hatte sich auf eine der Sandsteinstufen an der Quelle gesetzt. Das
Wasser sprudelte nicht, aber man hrte sein Rauschen unterhalb der
Einfassung, ein leises Gemurmel wie von fernen Stimmen. Die Rosen in den
Bosketts waren abgeblht, der wilde Wein, der sich um die Eisentrger
der Wandelhalle schlang, schimmerte feuerrot. berallhin hatte der
Herbst seine Farbenflecke gestreut.

Als Drthe ihren Brutigam kommen sah, sprang sie auf, lief ihm entgegen
und fiel ihm in die Arme. Er umschlang sie, ohne sie zu kssen, und
schritt mit ihr den Weg hinab. Komm unter die Buchen, sagte er, die
Liese sprt mir wieder mal nach.

Jetzt durchzitterte sie eine Ahnung aufkeimenden Leids. Gott, Fritz,
was gibt's denn? fragte sie.

Er wartete mit der Antwort, bis sie tiefer im Buchenhain waren, den die
Badedirektion mit dem Kurpark verbunden hatte. Aber auch hier blieb er
nicht stehen, sondern schritt weiter mit ihr, whrend er rasch, als
wolle er es von der Seele haben, und mit kurzen Unterbrechungen sprach.

Also, Drthe, es geht nicht mit unsrer Heirat. Die ganze Familie ist
dagegen -- ich habe mich mit allen herumgezankt, weil ich es durchsetzen
wollte; aber berwerfen kann ich mich mit den Eltern nicht und auch
nicht mit den Brdern. Es steht zu viel auf dem Spiel -- gerade jetzt ...
Du mut mir nicht bse sein, Drthe -- ich habe es immer gut gemeint und
dich lieb gehabt -- und wir htten ja auch so gut zusammengepat -- aber
-- du httest blo einmal Vatern sehen sollen, als ich ihm sagte: nein,
ich wollte fest bleiben, denn ich htte dir die Hochzeit versprochen.
Mit beiden Fusten ist er da auf mich losgefahren und mit Augen wie
Teller so gro -- Drthe, an mir liegt es ja nicht -- es liegt nicht an
mir...

Seine Stimme wurde leiser; es ging ihm doch zu Herzen, dieses
Abschiednehmen. Aber er war noch nicht zu Ende; er hatte das Bestreben,
sich gnzlich zu entlasten, und fing immer wieder von vorn an, von der
Gegnerschaft der Eltern und den wtenden Augen des Vaters und dem ewigen
Schimpfen; er wisse sich nicht mehr zu helfen; er sei abhngig von dem
Alten sowohl wie auch von Albert, der jetzt das groe Wort in der
Familie fhre, und alles Bitten und Jammern habe ihm nichts gentzt. Und
dann kamen wieder die wtenden Augen des Vaters an die Reihe -- wie
Teller so gro߫.

Drthe hatte kein Wort entgegnet. Sie war wie vom Schlage getroffen. Aus
ihrem Gesicht war alle Farbe geschwunden; schwer schleppte Fritz sie an
seiner Seite weiter. Sie hatte keine Ahnung von den gegen sie und ihr
Glck gerichteten heimlichen Treibereien, und in der Engigkeit ihres
dummen, kleinen Bauernhirns hatte sie auch gar nicht einmal gemerkt, wie
man sie mit kluger Politik in letzter Zeit vom Gasthause fernzuhalten
suchte. Anfnglich fand sie nicht einmal Trnen unter der Wucht des auf
sie herabsausenden Unglcks. Sie war so starr, da ihre Augen trocken
blieben und ihre Lippen schwiegen. Aber als Fritz, um das Herzweh und
die Verlegenheit des Augenblicks zu berwinden, weiter und weiter
sprach, immer mit den gleichen Phrasen, sich zwanzigmal wiederholend, da
schumte ganz pltzlich die Wut ber den ihr zugefgten Betrug und ber
die Treulosigkeit und Schwche des Geliebten in ihr auf; sie ri sich
von ihm los und schrie:

Nu sei doch man still! Ich hr' ja schon! Ich wei ja schon alles!
Pfui, bist du gemein! Du hast's gar nicht ernst gemeint! Du hast blo
drauf gewartet, daߠ--

Und dann brachen die Trnen hervor, in Strmen und unaufhaltsam. Sie
warf sich auf die Erde, in das taufeuchte Laub, und schluchzte und
wimmerte ununterbrochen. Als er sich zu ihr hinabbeugte, um sie mit
einigen schlecht angebrachten Trostworten aufzuheben, schlug sie nach
ihm und schrie von neuem los: er solle sie nicht mehr anrhren, er sei
ein elender Lump, er mge heiraten, wen er wolle, oder wen seine Eltern
fr ihn aussuchten -- er liee sich ja doch nur am Gngelbande fhren
wie ein kleines Kind.... Sie gebrdete sich wie unsinnig und blieb auf
der feuchten Erde liegen, whrend ihr Krper konvulsivisch zuckte.

Fritz wute nicht, was er machen sollte. Am liebsten wre er
davongelaufen -- nach Hause, zu Vater und Mutter und Albert; die htten
vielleicht Rat schaffen knnen. Er hatte seine Mtze auf das rechte Ohr
geschoben, kraute sich den blonden Wirrkopf und blickte hilflos umher.
Es war allgemach dunkel geworden. Am Himmel flammten schon die Sterne
auf. Ein Kuzchen schrie in der Nhe.

Drthe, sagte Fritz endlich in beklommenem Tone, Drthchen -- hr
doch man zu -- ich bin ja nicht so ... ich wrde ja gern, wenn's blo
auf mich ankme--

Jetzt sprang sie mit einem Satze empor. Ihr ganzes Gesicht hatte sich
verndert. Der Schmerz verzerrte es und grub seine Linien in das
niedliche Oval; die Augen blitzten.

Ist's wahr, Fritz -- bist du mir immer noch gut?

O Gott! erwiderte er und versuchte, sie zu umfassen.

Aber sie entglitt ihm.

So wirst du noch einmal mit den Alten und mit Albert sprechen, fuhr
sie energisch fort, und doch klapperten dabei ihre Zhne in frstelnder
Angst. Verstehst du? Sagst ihnen, da du nicht mehr zurckknntest, da
du kein Lump sein wolltest, da du darauf bestndest, dein Wort zu
halten, und wenn's auch zu wer wei was kme! Wirst du das tun? Fritz,
bist du denn nicht ein Mann?!

Die Verzweiflung beflgelte ihre Worte. Sie stie mit ihren beiden
Hnden nach seinen Schultern, als wollte sie auf seine Kraft und Strke
pochen, drngte sich dicht an ihn heran und krallte dann wie eine
Wahnsinnige ihre Finger in seine Arme ein.

Bist du nicht ein Mann?! schrie sie abermals. Und frchtest dich vor
Vatern und vor seinen groen Augen! Und vor Albert, den du mit einer
Hand aufheben kannst! -- Was ist denn, wenn du ihnen nicht gehorchst?
Bist du nicht ausgewachsen und mndig? Aber du zitterst ja schon, wenn
Vater nur spricht -- du Feigling, du Bangebchse!

Sie begann wieder zu schimpfen und dann von neuem zu weinen. Ihre
Energie war verraucht. Aber die Verchtlichkeit, mit der sie ihn
behandelte, entzndete doch seinen Stolz. O -- eine Bangebchse war er
nicht! Um des lieben Friedens willen hatte er nachgegeben, aber noch war
nicht aller Tage Abend. Schn also -- er wrde nochmals mit dem Alten
sprechen, ganz verflucht wrde er mit dem Alten sprechen. Was konnten
sie ihm denn tun? War er nicht ausgewachsen und mndig?

Und als er sah und sprte, wie Drthe an allen Gliedern zitterte, nahm
er sie mit raschem Entschlusse auf seine Arme und trug sie so durch den
Wald zurck, damit sie sich an seiner Brust erwrme, wie ein kleines
Vgelchen, das aus dem Nest gefallen ist, und das ein barmherziger Junge
unter die Weste geknpft hat, um es mit nach Hause zu nehmen. Und
wirklich -- ihr wurde auch warm. Ihr Ohr lag an seinem Leinenkittel, und
sie hrte sein Herz hmmern. Ein Wonneschauer durchrieselte sie, und
frisches Hoffen lie sie selig lcheln. Das war die letzte Stunde Glcks
der Drthe, da er sie heimtrug durch den Wald, ber den die Finsternis
immer tiefer hinabsank.

Am nchsten Vormittag gab es eine entsetzliche Szene bei den Mllers.
Vater und Sohn waren handgemein geworden. Und da hatte die alte Mllern
die Flinte aus der Ecke gerissen und sie, den Kolben gegen den Leib
gedrckt, auf Fritz angelegt. Albert war dazwischengesprungen.

Das Ende war, da Fritz sich kraftlos ergab. Er sa mit blassem Gesicht,
das Haar in die Stirn hngend, am Tisch und schrieb den Brief, den
Albert ihm diktierte:


  Liebe Drthe!

Es geht nicht mit uns. Das erklre ich Dir hiermit zum letztenmal, und
damit Du auch weit, warum nicht, will ich es Dir sagen: nmlich wegen
der Quelle. Die Quelle stellt hhere Anforderungen an mich, liebe
Drthe, denen ich nachkommen mu. Willst Du noch mehr darber wissen, so
wende Dich an Albert, der Dir in Ruhe und Freundschaft alles
auseinandersetzen wird, liebe Drthe. Jetzt wollen wir uns beide
geduldig unserm Schicksal fgen und uns mglichst wenig zu sehen
kriegen. Das ist das beste, und mit der Zeit wirst Du mir auch nicht
mehr bse sein, liebe Drthe, denn Du wirst sicher einen andern guten
und lieben Mann bekommen, den Dir von Herzen wnscht

  Dein Fritz.


Die verschiedenfachen liebe Drthe hatte der Schreiber aus eigner
Machtvollkommenheit eingefgt. Gern htte er am Schlusse gesagt: Dein
Dich immer noch lieb habender Fritz--; aber Albert schaute ihm auf die
Finger, auf denen die ungewohnte Federarbeit schwarze Tintenstreifen
hinterlie.

Ein Junge brachte den Brief zu Klempt. Man wute, da Drthe
allabendlich ihren Vater besuchte, und wollte auf dem Baronshof keinen
Skandal erregen.

Das Mdchen war noch nicht da, als der Brief abgegeben wurde. Tante
Pauline nahm ihn in Empfang und betrachtete ihn mitrauisch. Dann holte
sie ihr Punktierbuch aus der Truhe und setzte sich damit an das Fenster,
durch das der letzte Schein des Abendrots fiel. Sie war doch neugierig,
was das zu bedeuten hatte: ein Brief gerade am Neumond.

Klempt legte soeben in der Werkstatt sein Arbeitszeug beiseite, reinigte
den Hobel, mit dem er hantiert hatte, und fegte dann die Spne zusammen.
Er war im Begriff, seine Schrze abzubinden, als es an die
Fensterscheiben klopfte und die frhliche Stimme Drthes ihm zurief:

Feierabend machen, Vater!

Im nchsten Augenblick hrte er den Widerhall ihrer Pantoffeln auf den
Steinen des Hausflurs und dann eine Tr schlagen. Drthe ging in die
Wohnstube.

Doch was war das? Der Alte lauschte. Schrie da nicht jemand?

Er strzte hinber. Nur der schmale Flurgang trennte die Werkstatt von
der Wohnstube, in der Tante Pauline bereits die Lampe angezndet hatte.

Drthe sa am Tisch und hielt den Kopf mit den Armen umschlungen.
Schweigend deutete Tante Pauline auf den erbrochenen Brief; ein bitteres
Lcheln zuckte um ihre scharfen Lippen.

Lies mal, sagte sie; vor fnfundvierzig Jahren -- da hat mich der
alte Mller grad' so sitzen lassen.

Das ganze Herz voll schluchzenden Grams, gebrochen und zerschmettert,
trat Klempt unter die Haustr. Er konnte den Schmerz der Tochter nicht
sehen, tausend Wunden bluteten in ihm.

Lind und fast sommerlich verrann dieser Herbsttag. Golddurchflimmerte
Dmmergewebe umspannen das Dorf, und noch leuchtete der Himmel im Westen
in duftigem Rosa. Von den Wiesen stiegen ganz feine Nebel auf,
streifenweise und leise zitternd, und schlangen sich um die Huserfirste
und das Gest der Bume. Nur der Kurpark lag schon vllig im Nebel, in
einem wogenden, milchigen Meer.

Wegen der Quelle!

Und in seinem furchtbaren Herzenskummer, der den stillen und ruhigen
Mann wtend machte, ballte Klempt die Hnde und erhob sie drohend und
schttelte sie nach der Richtung des weien Nebelsees, in dem der
Kurpark versank: Verfluchte Quelle!




Zwlftes Kapitel


Ende Oktober ereignete sich ein tragisches Vorkommnis, das viel
besprochen wurde und Aufsehen erregte. Braumller, der sich das Trinken
angewhnt, seit er nichts mehr zu tun hatte, war eines Nachts wieder
einmal in vollem Rausche nach Hause getorkelt, hatte den Weg verfehlt
und war in eine Kalkgrube gestrzt, die zu Bauzwecken benutzt wurde, und
die man am Abend vorher unglcklicherweise vergessen hatte mit Brettern
zu bedecken, wie es sonst geschah. Erstickt und verbrannt wurde der
Unglckliche am nchsten Morgen aus der Grube gezogen; vielleicht hatte
ihn auch schon beim Sturze ein Schlagflu getroffen.

Fr Hellstern war der arme Braumller ein neues Opfer der Kulturmission
von Oberlemmingen. Braumllers Untergang war seiner Ansicht nach die
logische Folge der industriellen Hetzjagd, die von Schellheim und den
Mllers in Szene gesetzt wurde, um aus der Quelle so viel als mglich
herauszuschlagen. Er war ein tchtiger und arbeitsamer Bauer gewesen;
aber dann erfate ihn die Gier nach schnellem Reichtum, und er verkaufte
sein Anwesen, um nun allmhlich in lssiger Faulheit der Trunksucht
anheimzufallen.

Zweifellos urteilte Hellstern in seiner Vereinsamung und Verbissenheit
einseitig und ungerecht. Aber ebenso zweifellos machte sich im Dorfe die
bei hnlichen Gelegenheiten oft beobachtete Tatsache geltend, da das
unerwartet rasche Emporschnellen der Erwerbsverhltnisse von ungnstiger
Rckwirkung auf die Bauern war. Man ernhrte sich recht und schlecht auf
seinem kleinen Besitz; man legte in guten Jahren ein paar Taler zurck
und verbrauchte sie wieder in knapperen; man schlug sich bei harter
Arbeit durch, schimpfte auf die Steuern und war dabei frhlichen Muts.
Und nun sah man pltzlich, da es ein viel bequemeres Verdienen gab als
das, was man erlernt, was der Sohn vom Vater und der Vater vom Grovater
bernommen hatte. Die Mllers machten es den andern vor. Die hatten den
Bauernkittel abgelegt und waren Geschftsleute geworden, und sie wurden
reich dabei. Warum sollte man ihnen nicht folgen? War es nicht ein
kmmerliches Leben, das man bis dahin gefhrt hatte? -- Thielemann, der
Krmer, hatte fr sein Gehft ein hbsches Stck Geld eingesackt; nun war
er nach Zllichau gezogen und erffnete dort eine Materialwarenhandlung.
Das war _auch_ ein leichterer Verdienst, und vor allem: hatte man nicht
dabei ein viel besseres Leben als hier auf dem Lande, wo man mit
Sonnenaufgang aus den Federn mute und des Abends todmde ins Bett sank?

Es waren besonders die Frauen und die erwachsenen Tchter, die sich der
revolutionren Bewegung in Oberlemmingen mit Begeisterung anschlossen.
Sie steckten sich hinter die Mnner und redeten in sie hinein: warum
verkaufte man nicht? Die Mllers zahlten gute Preise -- mit dem
gewonnenen Gelde lie sich schon etwas anfangen! ... In der Tat kauften
die Mllers auf, was sich ihnen anbot. Sie hatten es um so eiliger, als
einige der reicheren Bauern, wie Langheinrich und der Lehnschulze
Wittke, sich gleichfalls mit Spekulationsideen zu befassen begannen.
Auch sie wollten Logierhuser bauen: sie legten den Pflug beiseite und
wurden Unternehmer. Das fllte besser die Kassen. Aber die Mllers
rgerten sich darber. In kluger Berechnung wollte Albert nach und nach
das ganze Dorf an sich bringen, um das Gegengewicht des Kommerzienrats
zu schwchen. Wenn den Mllers das Terrain rings um die Quelle gehrte,
wenn sie das goldspendende Heilwasser gewissermaen zernierten, von
allen Seiten umschlossen und mit einem Villenkranze umgaben, dann muten
sie trotz der Millionen Schellheims doch schlielich die Sieger bleiben.
Und das war die heimliche Sehnsucht Alberts: den Kommerzienrat zu
bertrumpfen und bei geeigneter Gelegenheit die gesamten Anteilscheine
des Unternehmens in die Hnde der Familie zu bringen. Das war ein
schwieriger Kampf, aber Albert schreckte nicht vor ihm zurck. Sein
Kredit war gestiegen; das Bad verhie eine blhende Zukunft; selbst die
greren Banken verhielten sich Albert gegenber nicht mehr so abwehrend
wie frher. Und er nahm Gelder auf, wo sie sich ihm boten; er kaufte,
was zu kaufen mglich war, und baute unverdrossen darauf los. In seiner
geschftigen Phantasie war bereits anstatt des kleinen Dorfs eine
prchtige Villenstadt erstanden, in der es keine Bauern mehr gab,
sondern nur noch Gste, die das Tal berstrmten und Gold in Massen
zurcklieen. Er trug sich auch immer noch mit der Absicht, den
Baronshof zu erobern, denn dorthin sollte das Sanatorium kommen, und er
spekulierte auch nach dieser Richtung hin nicht unrichtig: der Baronshof
sollte umzingelt werden. Die Brauerei vor der Parkeinfahrt war der
Anfang; man wollte Hellstern das Leben schwer machen, man kannte seine
Schwchen; der Rauch der Fabrikschlote und der Spektakel der Maschinen
sollten ihn forttreiben.

Um all diese Ideen und Machenschaften der Mllers kmmerte sich der
Kommerzienrat wenig. Das war ihm zu kleinlich; er konnte keine
Logierhuser bauen und sie an die Badegste vermieten. Aber die Brauerei
htte er gern in die Hand genommen; er rgerte sich, da Albert ihm
zuvorgekommen war. Er hatte viel Verdru in dieser letzten Zeit. Eines
Tages traf Hagen auf dem Auberge ein -- unerbeten und unerwartet -- und
brachte seine Anna mit. Er wollte sie der Mutter vorstellen.

Die kleine, blonde Stepperin hatte einen gewissen natrlichen Takt, und
das erleichterte ein wenig die Schwierigkeiten der Annherung. Sie war
auch lernbegierig und anpassungsfhig; man hatte ihr im Pensionat schon
beigebracht, sich zu benehmen und die Sitten der sogenannten guten
Gesellschaft zu respektieren. Nur merkte man ihr noch allzusehr an, da
sie sich mit einer bestndigen inneren Angst abmhte, korrekt zu sein
und sich nichts zu vergeben. Bei Tische schielte sie zuweilen unruhig zu
den knftigen Schwiegereltern hinber, hantierte nach bester Etikette
mit Messer und Gabel und lie die Serviette zusammengefaltet neben sich
liegen. Sie mischte sich nie unaufgefordert in die Unterhaltung, und
wenn sie angeredet wurde, zuckte sie empor und rckte auf ihrem Stuhle
hin und her, als ob sie aufspringen wolle. Auch hatte sie vor
Verlegenheit bestndig ein rotes Kpfchen und wute nie, wo sie ihre
Hnde lassen sollte. Aber das waren Kleinigkeiten. Im allgemeinen war
der Eindruck, den sie hinterlie, kein bler. Auch die Rtin schien
weniger erwartet zu haben. Sie hatte in jenen Tagen mehrfache
Unterredungen mit ihrem Gatten, der whrend der Konferenzen stets
aufgeregt im Zimmer umhermarschierte.

Es ist nichts zu machen, sagte die Rtin sanft; Hagen bleibt fest.
Und vielleicht ist es wirklich sein Glck; sollen wir es ihm zerstren?

Trotzdem ist es schrecklich, antwortete Schellheim grollend.
Wenn nur der Vater nicht Straenbahnschaffner wre! Ausgesucht
Straenbahnschaffner! ...

Das ging wirklich nicht. Er verga, da sein eigner Groahn noch mit dem
Packen auf dem Rcken die Schenken und Jahrmrkte besucht hatte. Der
Sohn eines Kniglichen Kommerzienrats konnte unmglich einen
Straenbahnschaffner als Schwiegervater haben. Der Mann mute aus Berlin
fortgeschafft werden; es war angebracht, wenn man mglichst wenig mit
ihm in Berhrung kam. Er sollte mit seiner Familie nach Manchester
bersiedeln. Das war ein guter Gedanke. Dort konnte man ihm in der
Fabrik eine auskmmliche Stellung geben; er hatte da auch einen
bequemeren Dienst als bei der Berliner Straenbahn ...

Gunther weilte noch immer im Auschlosse. Er hatte seine Dozentenstelle
aufgegeben, um sich in grerer Ruhe seinen Forschungen widmen zu
knnen. Sein Faustbuch war erschienen und hatte ihm einen glnzenden
Sieg errungen. In der wissenschaftlichen Welt war sein Name nunmehr
bekannt, sein Ruf gefestigt. Das gab ihm auch ein greres
Selbstvertrauen. Er war nicht mehr nur der Sohn eines reichen Mannes;
der Ruhm zog vor ihm her. Wute das Hedda? War auch auf den Baronshof
die Kunde von seiner Entdeckung gedrungen?

Der Verkehr zwischen Auschlo und Baronshof war wieder aufgenommen
worden, aber er blieb in hflichen Grenzen. Hellstern und Schellheim
verstanden sich nicht, konnten sich auch nicht verstehen. Sie sprachen
wie in fremden Zungen miteinander. Aber Gunther hatte es einzurichten
gewut, da er fters mit Hedda zusammentraf. Einmal erzhlte er ihr
auch von seinem Siege. Sie freute sich darber und beglckwnschte ihn.
Das klang herzlich, aber doch nicht so warm, wie sich Gunther gewnscht
htte. Er schaute immer noch bewundernd zu ihr auf, und seine Sehnsucht,
dies stolze Mdchen zu erringen, war die alte geblieben. Und immer noch
ngstigte er sich vor dem schwedischen Vetter, gegen dessen alten Namen
er nur seinen jungen Ruhm in die Wagschale legen konnte.

An einem der letzten Oktobertage war Axel auf Dbbernitz eingetroffen.
Irgend eine Botenfrau hatte es auf dem Baronshofe erzhlt. Es dauerte
auch nicht lange, so fand sich Axel persnlich ein. Ein eleganter
Parkwagen, prchtig bespannt, hielt eines Vormittags vor der Veranda.
Elastisch und sichtlich erfrischt durch seine Kur in dem Schweizer
Wunderbad, sprang Axel die Stufen hinauf und rief nach dem Onkel und
Hedda. Hedda kam auch, aber den Alten bannte wieder die Ischias an den
Stuhl; er war wie festgenagelt. Doch auch er freute sich ber das
Wohlbefinden des Neffen. Noch war ja nicht alles in Ordnung, denn bei
der leisesten Erkltung stellten sich die Bronchialbeschwerden wieder
ein -- aber ein Fortschritt war da. Axel fragte, ob er Hedda mit nach
Dbbernitz nehmen knne. Sie war zwar schon einmal auf dem Schlosse
gewesen, doch in Tagen, an denen noch eine chaotische Unordnung in allen
Zimmern geherrscht hatte. Nun aber sollte sie bewundern und staunen;
Axel selbst wollte sie am Nachmittag wieder zurckbringen und in bester
Emballage abliefern, wie ein kostbares Pppchen aus #vieux Saxe#.

Hellstern sagte ohne weiteres zu. Es wre lcherlich gewesen, wenn er
sich um Hedda htte sorgen wollen; die Obhut Axels gengte ihm. Ja --
wenn Klaus Zernin noch Herr auf Dbbernitz gewesen wre! Nicht um alle
Schtze der Welt wrde der Alte seine Hedda dem auch nur fr eine Stunde
anvertraut haben!

So fuhr man denn wieder einmal durch den Wald. Ach, dieser Wald, wie
kannte er Heddas Seele und alle Regungen ihres Herzens! Ihm hatte sie
sich anvertraut in Freude und Leid und Bangigkeit, und ihr Weh wie ihren
Jubel hatte sein ewiges Rauschen aufgefangen und zum Himmel getragen.
Wie vertraut war er ihr auch, wie kannte sie seine Stimme: sein kosendes
Flstern und lindes Suseln, sein chzen und Sthnen, wenn der Sturm
anhub, und den vollen Orgelschall seiner Kronen, wenn der Wind durch die
Wipfel tanzte. Und wie lieb war er ihr! In der knospenden
Frhlingspracht, bei dem mailichen Rsten der Natur, dem lichtgrnen
Brautschmuck, den jeder Baum, jeder Strauch anlegte, und selbst der
Moosgrund mit seinem wilden Gewirr von Erdbeerkraut, Farn und Krokus; im
glhenden Prangen des Sommers, wenn das dichte Laubwerk den
Sonnenstrahlen wehrte und unter den Buchen und Eichen ein kstliches
Dmmerlicht herrschte -- im Winter, beim Flimmern der Eiskristalle und
der Weihnachtsstimmung in der weiten, schweigenden Runde, und endlich
zur Herbstzeit, wie jetzt, bald lachend in seinem bunten Kleide und bald
melancholisch, wenn die Nebel ihn umschlichen und die Regenschauer ihn
durchpeitschten. Immer hatte sie ihn gleich lieb, den Wald, der ihre
Seele kannte und alle Regungen ihres Herzens ...

Nun tat er sich auf. Die Bume traten zurck -- da sah man Dbbernitz
liegen! Vom Schloturm herab flatterte eine Doppelfahne, die preuische
und die schwedische -- dir zu Ehren, Hedda, sagte Axel und nahm den
Hut ab.

Er sprach das sehr feierlich, doch Hedda achtete kaum darauf. Es
beschwerte etwas ihr Herz -- sie wute selbst nicht so recht, was es
war. Vielleicht der Gedanke an Klaus. Es war nur natrlich, da sie an
ihn dachte, da sie Dbbernitz vor sich auftauchen sah. Die Leute sagten,
er se noch immer in Monte Carlo. Er war ja so wie so verloren fr
sie ...

Der Wagen rasselte in den gepflasterten Schlohof. Diener sprangen
herzu; unter dem Portal erschien ein lterer Mann in einfachem
Livreerock: der Schloverwalter. Man merkte sofort, da hier wieder
Ordnung und Reichtum herrschten.

Axel bot Hedda zunchst Frhstck an, doch sie dankte. Nun begann der
Rundgang durch das Schlo. Der westliche Flgel stand noch leer; aber
Mittelbau und Ostflgel enthielten allein schon ber dreiig Zimmer und
Sle. Und Hedda erstaunte und bewunderte in der Tat. Mit reichlichen
Mitteln lie sich ja vieles machen, aber hier hatte vor allem ein
gediegener, feiner und durchgebildeter Geschmack die Fhrung bernommen.
Er sprach aus jedem Arrangement, jeder Einzelheit. Es war Hedda
unfalich, da Axel dies alles ohne persnliches Eingreifen, lediglich
auf dem Wege des Briefwechsels hatte nach seiner Wahl schaffen und
entstehen lassen knnen. Er lachte ber ihre Verwunderung. Ganz leicht
war es freilich nicht gewesen. Aber er hatte seinen Sekretr, einen
kundigen und tchtigen Menschen, bei sich in Gehringen gehabt. Mit ihm
hatte er stoweise die eingesandten Kartons, Zeichnungen und
Musterbcher, Photographieen und Proben durchgesehen und nach diesen
seine Bestellungen gemacht. Auch durfte Hedda nicht vergessen, da die
gesamte Einrichtung seiner Berliner Wohnung gleichfalls nach Dbbernitz
geschafft war, auerdem gar vieles, das in den letzten Jahren hie und da
zusammengekauft und inzwischen auf Speichern untergebracht worden
war.... Ich habe sonst keinerlei Passionen, sagte Axel, wirklich gar
keine, aber meine Vorliebe fr knstlerischen Schmuck, schne Mbel,
Antiken, Bibelots und so weiter wrde ich ungern aufgeben. Meine Freunde
behaupten immer, ich htte den 'kunstgewerblichen Pips' -- das sei eine
ausgesprochene Modekrankheit. Ich glaube eher, da diese Vorliebe auf
mein einsames Leben in den letzten Jahren zurckzufhren ist, das mir
eine ernsthaftere Beschftigung nahelegte, und da warf ich mich denn so
ein bichen auf die Kunst. brigens siehst du, da noch berall Lcken
sind. Und das pat mir gerade, denn das Ausfllen, Gltten und
Harmonisieren macht mir am meisten Spa; es erfordert nmlich dann und
wann sogar eine gewisse berlegung ... Sage mal, Hedda -- und Axel
blieb stehen--, fllt dir denn gar nichts an mir auf? Ich meine, an
meiner Sprache?

Sie schttelte zuerst den Kopf, und dann nickte sie lebhaft, unter
herzlichem Lachen.

Ach ja -- das ei! Du sprichst das ei jetzt ganz menschlich aus! Wer hat
dich das gelehrt?!

Auch mein Sekretr -- das ist ein kundiger Thebaner. Er hat mir jeden
Morgen eine halbe Stunde Unterricht gegeben. Es war mir doch sehr
unangenehm, da du in mir immer den Auslnder merktest! ... Siehst du,
das ist der groe Saal! Da fehlt ja nun noch mancherlei, aber der
Eindruck ist immerhin schon ein ganz hbscher -- nicht wahr?

Und wieder begann Axel zu erklren. Die hochlehnigen Chorsthle waren
florentinische Arbeit; er hatte sie schon vor Jahren einem Hotelier in
Venedig abgekauft, weil er sie so schn fand, und zweifellos paten sie
mit ihren massiven und doch auch schlank und edel wirkenden Formen
ausgezeichnet in den groen Raum dieses alten Rittersaals. Die Fenster
hatten wieder buntes Glas erhalten; die Gardinen bestanden aus
geschorenem rotem Burgundersamt mit Bordren aus gelbem Seidendamast. An
einer Wand sah Hedda einen riesigen, zweitrigen Aufsatzschrank, auf dem
ein paar kstlich gearbeitete Zunfthumpen aus Zinn standen. berall auf
Sthlen und Tischen lagen noch Stoffe, die zur Dekoration verwandt
werden sollten, Brokate und Samtdecken, alte Kaseln, Stcke von
Megewndern mit geometrisch geordneten Goldstickereien; vor dem Kamin
war ein Dutzend orientalischer Gebetteppiche mit herrlichen Musterungen
bereinandergeschichtet worden, daneben hufte sich ein Wirrwarr alter
Seidenfransen, Silberspitzen und schwerer Quasten auf. So sah es in den
meisten Zimmern aus; die ganzen Sammlungen Axels waren hierher geschafft
worden und sollten Verwendung finden.

Axel sprach rasch und begeisterungsfreudig. Es machte ihm sichtlich
Spa, Hedda seine Schtze zu zeigen; er wute auch gut Bescheid,
erinnerte sich genau, wo er dies und jenes Stck erworben hatte,
erzhlte viel, schob Anekdotisches ein und war sehr aufgerumt.

Schlielich ermdete Hedda ein wenig vom Sehen und Umherwandern.

Du sollst dich ausruhen, sagte Axel, aber in deinen Zimmern. Ich
schrieb es dir ja; ich habe fr dich und den Onkel ein paar Rume
einrichten lassen. Lieber Gott, Platz ist genug im Schlosse, und ich bin
froh, da ich meinen alten Plunder unterbringen konnte.

Er fhrte sie in den nach dem Parke hinausfhrenden Flgel. Dort lagen
die vier Gemcher seiner Ehrengste, wie er sich ausdrckte: ein
Empiresalon mit anstoendem Schlafkabinett fr Hedda, und ein Wohn- und
Schlafzimmer fr den Onkel.

Hedda war berrascht, als sie den Salon betrat. Die wunderschne alte
Empiregarnitur, die hier aufgestellt worden war -- die Sessel aus
Palisander mit reichen Intarsien und ihrem grnlichen Damastbezug, der
Schreibschrank mit den Wedgewoodvasen und seinem zwischen
Alabastersulen hineingebauten Gewirr zahlloser kleiner Schubladen, die
Vitrinen und schn gestickten Paravents -- all dies entzckte sie nicht
so sehr wie der wundervolle Duft, der ihr entgegenschlug, und der
Blumenflor, der sich vor ihr auftat. berall standen in Vasen und
Glsern frische Rosen. Man begriff kaum, wie Axel zur Herbstzeit diese
Bltenflle herbeigeschafft hatte. Aus einem hohen Kelchglas mit
gedrehtem Schaft quollen voll aufgeblhte Gloires de Dijon: in einer
groen Kristallschale badeten sich blarosa Rschen; aus einer Vase von
Meiener Porzellan blhte es flammend rot empor, aus einer andern
burgunderfarbig und wie Atlas schimmernd, und wieder aus einer ganz
wei, gleich frisch gefallenem Schnee. Es war zauberhaft.

Hedda war mitten im Zimmer stehen geblieben und hatte die Hnde ber der
Brust gefaltet. Ihr Auge strahlte.

O wie schn -- wie schn! sagte sie flsternd.

Er lchelte glcklich.

Es macht mich stolz, da ich dir eine Freude bereiten konnte,
antwortete er. Das Zimmer kam mir noch so kahl vor -- so unbewohnt--,
und ich wei, du liebst die Rosen...

Rhrung berkam sie. Diese zarte und sinnige Aufmerksamkeit stimmte sie
weich. Sie streckte ihm beide Hnde entgegen.

Lieber Axel -- und nochmals wiederholte sie: Lieber Axel!

Vielleicht war es der zrtliche Ton ihrer Stimme, vielleicht der weiche
Ausdruck ihres Auges, der ihm Mut gab. Er lag pltzlich zu ihren Fen
und bedeckte ihre Hnde mit Kssen.

Hedda, stammelte er, sei meine Herrin! In der Hoffnung auf dich
erwarb ich diesen Besitz. Schau dich um -- alles sei dein! Es sind nur
irdische Gter, aber du wirst ihnen Geist und Seele geben. Es sollte
meine Heimat werden, doch ich fhle es, ich habe keine ohne dich. Woran
lag es, da ich so einsam war? Nun wei ich es: weil mein Herz liebeleer
war! Ich habe mein halbes Leben hinter mir und -- o Gott, wie war es de
und frostig! Ja, Hedda -- jetzt bin ich erst meines Lebens froh geworden
und erst meine Liebe zu dir hat die Einsamkeit verjagt, und erst deine
Liebe wird mir die Heimat schaffen!

Sie war sehr bla geworden und zitterte. Er sah es, sprang auf,
umschlang sie und fhrte sie an den nchsten Sessel.

Ich war strmisch, fuhr er fort, vergib mir! Ich wollte noch warten
und langsam um dich werben, mir Schritt fr Schritt deine Liebe zu
gewinnen suchen, aber -- es kam so pltzlich ber mich, als du mich
'lieber Axel' nanntest! Und es ist auch ganz gut -- ich hatte Furcht vor
dieser Stunde--, ja, ich gestehe es -- nun hab' ich es hinter mir. ...
Er setzte sich zu ihren Fen.... Du sollst Zeit haben, Hedda, sollst
prfen und berlegen--, ich will keine Antwort von heute zu morgen....
Ich kann ja auch nicht verlangen, da du mich so liebst wie ich dich --
aber vielleicht lernst du mich lieben. Ich bin schon zufrieden, wenn du
mir nur Hoffnung gibst.... Und passen wir denn nicht auch zu einander,
Hedda? Aus gleichem Stamme, mit gleichen Neigungen? Lockt dich nicht
auch das Ziel, diesen alten Hellsternschen Besitz wieder zu Frucht und
Blte zu bringen?

Er sprach noch weiter. Es mute alles von seinem Herzen, was er an
Hoffnungen und frohen Erwartungen aufgespeichert hatte. Hedda sah,
wie dieser Glcksrausch, den die Zukunftsbilder in ihm entfachten,
seine guten und treuen Augen erstrahlen lie, wie es gleich
Frhlingssonnenschein ber sein hbsches und vornehmes, schmales Gesicht
flutete. Der Duft der Rosen betubte sie. Sie atmete schwer.

Ich danke dir, Axel, da du mir Bedenkzeit gibst, antwortete sie. Ich
bedarf ihrer; es kam mir alles zu unerwartet.... Und -- und -- die Rosen
duften so stark...

Sie erhob sich schwankend. Er sttzte sie und ri dann ein Fenster auf.
Unten dehnte der weite Park sich aus, im Schmucke des Sptherbstes --
eine tausendfach gefleckte Palette: bunte Baumwipfel, noch grne
Rasenflchen, schillernde Teppichbeete, rotes Weinlaub. Darber hinweg
sah man auf breite Streifen Acker und Feld; die Herbstbestellung war in
vollem Gange. Vom Wirtschaftshofe herber erscholl der Lrm der Arbeit.

O ja -- das alles lockte!

       *       *       *       *       *

Hedda fuhr allein nach Oberlemmingen zurck. Sie hatte Axel gebeten, sie
nicht zu begleiten; es wre nicht ntig. In Wahrheit frchtete sie sich
vor dieser Fahrt durch den Wald -- zu zweien. Sie mute Ruhe haben, um
zu sich selbst zu kommen, um berlegen und nachdenken zu knnen.

Sie fragte sich, ob sie die Werbung Axels nicht erwartet htte. Schon
bei seinem ersten Besuche im Frhjahr hatte sie den Eindruck empfangen,
als htte sie ihn nicht gleichgltig gelassen. Er war der dritte! Erst
Klaus, dann Gunther, nun er. Aber wenn sie ihr Herz durchforschte --
ach, einer nur hatte es zu entflammen gewut, ein Verlorener! Konnte sie
Axel ihr Jawort geben, da doch das Bild des andern noch immer lebendig
in ihr war? Und war sie nicht auch immer noch an Klaus gebunden? Er
hatte sie rufen und holen wollen, wenn er sich in der Fremde eine
Stellung geschaffen haben wrde; mit diesem Versprechen war er von ihr
geschieden. Darber waren Monde vergangen. Die Leute sagten, er
verspiele seinen Erls aus dem Verkaufe von Dbbernitz am grnen Tische
Monacos. Aber wer wute, ob das wahr sei? Konnten die Leute nicht irren?
Hatte nicht vielleicht wirklich schon drben in Amerika der Fron fr
ihn begonnen, der ihn lutern und entsndigen sollte?

Axel war eine Partie nach dem Herzen ihres Vaters. Hedda hrte schon den
Jubel des alten Herrn.... Und warum sollte sie nicht glcklich werden an
der Seite dieses Mannes? Er war eine durch und durch noble Natur, von
seltener Herzensgte und feinem Empfinden, ein Edelmann im besten Sinne
des Worts. Und ganz zweifellos -- auch sein Reichtum sprach mit ...

Hedda drckte sich tief in die Wagenecke. Wrde sie in Dbbernitz nicht
tglich und stndlich an Klaus erinnert werden? Wrde es nicht eine
ewige Qual sein!? Warum lie sich diese unselige Liebe nicht ausreien
-- warum mute sie fortleben und immer neue Schmerzen erzeugen!?

Als Hedda auf dem Baronshofe eintraf, gab August ihr mit geheimnisvoller
Miene einen Brief. Ein Kind htte ihn gebracht, und da auf dem Umschlage
stand: An Baronesse Hedda Hellstern. Persnlich zu erbrechen, so
glaubte August sehr klug gehandelt zu haben, da er ihn nicht erst in
die Hnde des Herrn Barons gelangen lie.

Hedda drohte das Herz still zu stehen, als sie die Aufschrift sah. Sie
erkannte Zernins Hand, seine elegante und zierliche, charakterlose
Schrift. Hastig strmte sie auf ihr Zimmer und ri das Kuvert
auseinander.

Ich mu dich sprechen, schrieb Klaus, es handelt sich um meine
Zukunft, vielleicht um mein Leben. Sei, bitte, um fnf Uhr an der alten
Stelle am See. K.

Um fnf Uhr -- da war keine Zeit zu verlieren. Sie schwankte keinen
Augenblick. Sie berlegte auch nicht, warum Klaus wieder zurckgekehrt
sei; sein Leben stand auf dem Spiel -- was gab es da noch zu berlegen!

In aller Eile begrte sie ihren Vater. Es sei wunderschn geworden auf
Dbbernitz, erzhlte sie in Hast; beim Abendtisch wolle sie ausfhrlich
sein, aber jetzt habe sie unleidliche Migrne und wolle daher noch auf
ein halbes Stndchen in den Wald. Und ehe der Alte noch so recht zu Wort
kommen konnte, war sie schon fort.

Als sie den Waldrand erreicht hatte, nahm sie ihre Uhr in die Hand. Es
fehlten nur noch zehn Minuten zu fnf. Sie strmte vorwrts --
gedankenlos, in fieberischer Aufregung. Wieder war der Wind erwacht und
rauschte im Gezweige. Groe Massen falber Bltter rieselten auf sie
herab. Vier Rehe jagten in langen Sprngen quer ber den Weg.

Gottlob -- da war der See! Blaugrau, mit Gischt bergossen und stark
bewegt, tauchte er zwischen den Stmmen auf. Und da war auch Klaus!

Er schritt im Ufergrase auf und ab. Schon aus der Entfernung fiel es
Hedda auf, da sich sein Reiseanzug in arg vernachlssigtem Zustande
befand. Sein Gesicht war schmal geworden, bleich, verwstet; tiefe
Schattenringe umgaben die Augen.

Er strzte ihr entgegen.

O Hedda -- Gott sei gelobt!

Er haschte nach ihren Hnden und wollte sie kssen, doch sie entzog sie
ihm. Es strmte gewaltig in ihr, aber sie wollte wenigstens Ruhe
heucheln.

Guten Tag, Klaus! Wo kommst du her?

Aus dem Sden, Hedda, von der Riviera. Es war eine Verrcktheit. Ich
htte unten bleiben oder gleich weiter reisen sollen. Aber ich wollte
dich noch einmal sehen--, noch einmal -- das letzte Mal -- ich verging
fast vor Sehnsucht!

Klaus -- warum lgst du?

Sie sagte das in so herbem Tone, da er zusammenzuckte. Alle Nerven in
ihm schienen bis zum berma angespannt zu sein. Die Muskeln blitzten in
seinem Gesicht, seine Hnde flogen.

Lgen -- nein, ich lge nicht, stie er hervor. Ich -- ich mu auch
wahr sein! Also ich kehrte zurck--, die Torheit ist einmal geschehen.
Ich htte es nicht getan, wenn ich gewut htte, da -- da ich verfolgt
werde -- da man mich sucht--

Hedda starrte ihn mit groen Augen an.

Verfolgt -- aber von wem?

Von den Behrden... Nun hatte er doch ihre Hnde ergriffen und hielt
sie mit seinen heien Fingern fest, whrend seine Augen sich mit
unheimlichem Ausdruck in die ihren bohrten ... Hedda, ich habe mich zu
einer schmachvollen Tat verleiten lassen. Verurteile mich, beschimpfe
mich -- aber rette mich -- hilf mir! ... Und sthnend brachte er die
furchtbare Selbstanklage heraus: Ich habe die hinterlassenen Papiere
meines Vaters nach dem Auslande verkauft.

Anfnglich begriff sie ihn nicht. Aber dann brach blitzschnell das
Verstndnis fr die Schndlichkeit in ihr durch ... Beim Tode des alten
Ministerprsidenten hatten die Zeitungen die Nachricht gebracht, da
sich in der Hinterlassenschaft des Freiherrn von Zernin so gut wie
nichts von politischer Bedeutung vorgefunden htte. Klaus hatte die
wichtigsten Papiere beiseite geschafft und sie bei Gelegenheit an eine
auslndische Regierung verkauft ... Und pltzlich glaubte Hedda auch den
Grund des wtenden Hasses ihres Vaters und Eyckens gegen Klaus gefunden
zu haben. Die beiden wuten um die verschwundenen Papiere und mochten
ahnen, wohin sie gebracht worden waren ...

O Schmach -- Schmach!

Hedda stand bewegungslos, wie eine Bildsule, vor dem verkommenen Mann.
Es war ihr, als htte der Tod in ihr Herz gegriffen, mit seiner
Knochenfaust jede Erinnerung an diese erste Liebe zu zerdrcken und zu
vernichten. Eisig durchstrmte es sie. Ihre Finger krampften sich
zusammen, und in den uersten Spitzen hatte sie das nervse Gefhl
heftiger Stiche, wie von Nadeln. Es siedete und drhnte in ihrem Kopf,
und dabei hatte sie doch das Bewutsein, da sie gefat und kaltbltig
bleiben msse. Um ihre Hnde zu beschftigen und sich bei mechanischer
Spielerei allmhlich zu beruhigen, ri sie ein paar Grser aus und
zerpflckte sie.

Und dann brachte sie mhselig hervor: Ich will nicht rechten mit dir.
Wie kann ich dir helfen?

Klaus hatte mit Angst in ihrem Gesicht gelesen. Nun hob ein tiefer
Atemzug seine Brust.

Ich mu morgen ber die Grenze sein, sagte er schnell und halblaut,
als frchte er, auch hier belauscht zu werden. Aber ich habe kein Geld.
Ich habe verdammtes Pech gehabt -- da unten. Geh zu Schellheim und la
dir ein paar tausend Mark fr mich geben -- fnf, sechs gengen--, er
wird es dir nicht abschlagen.... Und dann schicke mir das Geld nach dem
alten Jagdhause in der Dbbernitzer Schlucht; dort bin ich bis
Mitternacht.

Sie nickte nur. Ihr Blick hatte etwas Erloschenes, wie auch in ihrem
Herzen alles erloschen war: der ganze Sonnenschein ihrer Jugend.

Gut, sagte sie tonlos, du erhltst das Geld. Und ohne Lebewohl
wandte sie sich um und ging.

Er sprang ihr nach. Hedda, keuchte er, kein Abschiedswort, kein--

Unter ihrem Flammenblick brach er ab. Ja -- jetzt kam wieder Leben in
das tote Auge; es sprhte und loderte vor Verachtung und Emprung. Hoch
und gro stand sie vor ihm.

Nein, antwortete sie hart. Kein Abschiedswort! Da du den groen
Namen deines Vaters entehrtest, da du dein Wappen beflecktest, da du
deine Liebe niedertratst -- alles htte ich dir verzeihen knnen. Denn
meine Liebe ist strker als deine. Aber fr den Schuft, der um feiles
Geld sein Vaterland verrt--

Sie sah, wie er sich duckte, wie ein Hund den die Peitsche trifft. Und
da sprach sie nicht weiter. Sie ging.

Hoch und gro ging sie, solange sie frchtete, da sein Blick ihr noch
folgte. Aber dann, als Eichen und Buchen sie dichter umscharten und der
See lngst hinten liegen mute, brach sie zusammen. Geknickt, keuchend
und nur mit Mhe schleppte sie sich vorwrts. Und der Herbststurm
brauste strker durch den Wald und rttelte und schttelte die Wipfel.

       *       *       *       *       *

Pastor von Eycken freute sich, als er Hedda bei sich eintreten sah.
Aber ihm entging nicht ihr erregtes Wesen, ihr umdsterter Blick und der
bittere Zug in ihrem Gesicht.

Ich habe eine groe Bitte an Sie, Herr Pastor, begann Hedda, dankend
den Stuhl ablehnend, den er ihr zugeschoben hatte.

Sie ist schon gewhrt, liebes Kind -- wenn nmlich ihre Erfllung in
meiner Macht steht.

Ich hoffe es. Ich wei, Sie haben grere Kapitalien liegen, Sie
bedrfen ihrer fr Ihren Bau. Wollen Sie mir sechstausend Mark leihen?
Aber es mu auf der Stelle sein; wenn ich die Summe bei Ihnen nicht
erhalte, wrde ich auf das Auschlo gehen.

Eycken war erstaunt zurckgefahren. Das war das einzige, was er nicht
erwartet hatte.

Allerdings, erwiderte er, ich habe das Geld liegen. Und ich gebe es
Ihnen auch, aber ich mu Ihnen gestehen--

Mit flehend erhobenen Hnden strzte sie ihm entgegen und erfate seine
Arme. Sie lag fast an seiner Brust.

Kein Aber, lieber, lieber Herr Pastor! rief sie, whrend ihr ganzer
Krper bebte und ihr Auge voll Angst und Verzweiflung an seinem Antlitz
hing. Fragen Sie auch nicht, wozu ich die Summe brauche! Ich gebe Ihnen
mein Wort -- ich schwre Ihnen, da ich sie Ihnen in drei, vier Monaten
zurckerstatte -- vielleicht schon frher--

Er schlo sie in seine Arme und kte sie mit vterlicher Zrtlichkeit
auf die Stirn.

Mein liebes Herz -- was gilt mir das Geld, und was sind mir diese paar
tausend Mark! sagte er und strich mit der Rechten liebkosend ber ihren
Scheitel. Was mich beunruhigt, ist lediglich die Tatsache, da Sie es
erbitten -- und sicher doch nicht fr sich selbst--

Er stockte. Eine Ahnung berkam ihn. Sein Gesicht wurde sehr ernst; er
schaute Hedda forschend in die Augen.

Hedda -- ist Klaus wieder zurck?

Und da sie den Kopf neigte, lie er sie los und trat zurck.

Dann keinen Pfennig, sagte er rauh. Ihm nichts mehr -- nichts! Und
pltzlich strmte wieder seine Liebe zu dem Mdchen, dessen Seele er in
allen ihren Schwingungen zu kennen glaubte, in warmen Wellen durch sein
Herz. Hedda, rief er, wie konnten Sie vergessen, was Sie mir
versprochen hatten -- schon vor zwei Jahren--, dieser Ihrer unwrdigen
Liebe ein Ende zu machen!? Ja, unwrdig, denn Klaus ist schlimmer
gewesen als leichtsinnig! Fragen Sie ihn einmal, wo die Papiere seines
verstorbenen Vaters geblieben sind! Ich war der beste Freund des Alten
und habe gewut, welch reiches Material an Briefschaften und Tagebchern
und geheimen Mappen er hinterlassen hat. Aber als nach seinem Tode die
Regierung kam, um diese Papiere einzufordern, da fand sich nur
Unwichtiges und Gleichgltiges vor. Ihr Vater, Hedda, war gerade so
erstaunt darber als ich, -- und als dann Klaus auf einmal, mitten im
Zusammenkrachen, auf Wochen verschwand, um mit den Taschen voller Geld
wieder heimzukehren, da dmmerte ein furchtbarer Verdacht in uns beiden
auf ... Hedda, wenn Sie noch einmal mit Klaus Auge in Auge stehen
sollten, dann fragen Sie ihn einmal, ob er nicht mit den Papieren seines
Vaters einen ehrlosen Schacher getrieben habe!

Sie wagte den Sprechenden nicht anzuschauen; sie nickte mit abgewandtem
Kopfe.

Er hat es, erwiderte sie dumpf. Er hat es mir selbst anvertraut --
und ich soll ihm ber die Grenze helfen.

Sie nestelte das Billet Zernins aus ihrer Tasche und reichte es Eycken.

Der Pastor berflog es. Er frchtet, da man seine Schande entdeckt
habe?

Er sagt, man verfolge ihn bereits.

Eycken pfiff durch die Zhne. Und wer soll ihm das Geld bringen und
wohin?

Er wartet bis Mitternacht in dem verfallenen Jgerhaus -- unten, in der
Dbbernitzer Schlucht. Ich wollte Kopfschmerzen vorschtzen und dem
Vater frher gute Nacht sagen als sonst, und dann wollte ich mich selbst
hinausschleichen zum Jgerhaus -- wen sollte ich denn schicken, ohne da
es aufgefallen wre?!

Eycken hatte seinen Entschlu gefat. Gehen Sie nach Hause, Hedda,
sagte er. Sie sollen ihn nicht mehr zu sehen bekommen -- nie wieder!
Kmpfen Sie tapfer nieder, was noch fr ihn in Ihnen lebt--, er ist
frderhin tot fr Sie!

Hedda sank an des Greises Brust. Fr ewig, schluchzte sie, ich wei
es--, aber beweinen kann man doch seine Toten!

Ja, Hedda -- weinen Sie sich aus. Daheim, in stillen Stunden -- Sie
werden schon solche finden. Und zagt Ihr Herz, dann sprechen Sie mit
Ihrem Gott. Er wird Sie strken, unser Gott der Liebe, und Ihnen
berwinden helfen!

Er drngte sie sanft zur Tr.

Ich will mich beeilen. Ich geh' selbst zum Jgerhause und werde Klaus
das Geld bringen. Es ist nicht das erste. Und dann soll er ein letztes
Wort von mir hren -- er hob druend die Rechte und reckte sich -- als
Prediger des Wortes Gottes, als sein Seelsorger, und als Edelmann will
ich ihm sagen, wie ich ber ihn denke!

Das war eine schlummerlose Nacht fr Hedda. Drauen umbrauste der Sturm
das Haus, wie damals im Winter, als der Vater ihr am Abend vorher von
der Werbung Gunthers erzhlt hatte, und als sie im Auschlosse nach
lnger als Jahresfrist wieder einmal mit Klaus zusammengetroffen war.
Und wie damals wlzte sie sich auch heute wieder ruhelos im Bette, und
eine wilde Flut von Gedanken strmte auf sie ein. Jetzt mute Klaus
bereits auf der Flucht sein, und sein verbrecherischer Leichtsinn
verschlo ihm fr immer die Rckkehr in die Heimat. Eycken hatte recht,
wenn er sagte: Klaus ist tot. Und unwillkrlich drngte sich Hedda die
Frage auf: Wr' es nicht besser gewesen, sie htte ihn bei seinem
Entschlusse belassen, als er im Sommer schon im Begriffe stand, zu den
Pistolen zu greifen, um seinem elenden Dasein ein Ende zu bereiten?
Freilich -- vielleicht war auch das nur Pose und Rederei gewesen, nur
eine Lge. Durch sein ganzes Leben ging der Fluch der Lge -- selbst
seine Liebe zu ihr trug den Stempel der Lge. Denn sonst htte er sich
aufraffen und zu besserem Leben durchringen mssen, htte nicht so
erbrmlich tief sinken knnen. Wo sprte man an ihm etwas von der
reinigenden Kraft einer groen Neigung? Hatte er je den Vorsatz gehabt,
sich um ihretwillen aus dem Sumpfe herauszuarbeiten, dessen morastige
Wellen ihn hher und hher umschlugen?

Hedda schauerte zusammen. Sie konnte sich von dem Empfinden nicht frei
machen, als seien auch an ihr Spuren dieses Schmutzes haften geblieben,
als msse sie nach einem Luterungsbade suchen, nach Shne und
Entsndigung. Bot Axel ihr die Befreiung von dem Gefhl der
Erniedrigung, das in ihr aufquoll? -- Die stille Vornehmheit seines
Wesens stand in schroffem Gegensatze zu der Zgellosigkeit Zernins.
Vielleicht war es wirklich ein Reinwaschen und ein Shnen der
Vergangenheit, wenn sie mit ganzer Kraft versuchte, diesen Mann
glcklich zu machen.

Drauen strmte und wetterte es weiter. Mit Ungestm brauste der Wind
durch den Park und fauchte und heulte -- fauchte und heulte auch um das
verfallene, kleine Jagdhaus in der Dbbernitzer Schlucht, in dem sich
zu dieser Stunde zwei Mnner mit blitzenden Augen und zorngerteten
Gesichtern gegenberstanden.




Dreizehntes Kapitel


Am andern Morgen hatte der Sturm zwar etwas nachgelassen, aber dafr
hatte sich der Himmel mit schwarzgrauen Wolken bedeckt, und jeden
Augenblick drohte der Regen zu flieen. Eine mrrische Stimmung lag ber
der Natur.

Im Kamin neben dem Frhstckstische brannte schon das Feuer. Der Baron
sa in seinem groen, dicht an den Tisch herangeschobenen Lehnstuhl und
rhrte in seiner Teetasse. Das blasse Gesicht seiner Tochter gefiel ihm
nicht.

Hast schlecht geschlafen, Hedda -- he? fragte er.

Ja, Papa -- der Sturm war arg--

War arg, hast recht -- ich konnte auch keine Ruhe finden. Und heute
frh um sechs Uhr ging schon wieder das Hmmern und Pumpen und Schnauben
in der Brauerei los. Auf das Wetter scheint der Halunke, der Mller,
keine Rcksichten zu nehmen.

Der Bau soll noch vor Frostbeginn unter Dach sein. Die Arbeiter haben
einen schweren Stand. Die eine Wand hat sich gesenkt; ich glaube, das
Fundament ist auf dieser Seite vom Wasser untersplt worden.

Der Baron lachte hhnisch auf.

Gute Vorbedeutung -- haha! Aber ich habe mir vorgenommen, ich will mich
nicht mehr rgern. Mgen sie bauen, was sie wollen! -- Erzhle von
gestern, Hedda!

Hedda schaute starr vor sich hin. Und dann wandte sie sich, wie unter
der Eingebung eines raschen Entschlusses, an ihren Vater.

Ich habe gestern absichtlich nicht mit dir sprechen wollen, Papa,
sagte sie, mit ihren Fingern in nervsem Spiel ein Stck Brot
zerkrmelnd, weil ich mir noch einige Stunden ruhiger berlegung gnnen
wollte. Aber es mu doch einmal gesagt sein. Axel hat mir bei
Gelegenheit meines Besuches in Dbbernitz einen Antrag gemacht.

Dem Alten fiel der Teelffel aus der Hand. Aber er rgerte sich ber
sein Erstaunen und tat kaltbltig.

Also doch, antwortete er. Ich sah es eigentlich kommen. Dann schaute
er Hedda abwartend an, und als sie schwieg, hmmerte er ungeduldig mit
der Faust auf den Tisch, da Tassen und Teller klirrten. Na und?! Herr
des Himmels, so sprich doch! Spann mich nicht auf die Folter! Hast du --
hast du ja gesagt?

Ich habe um Bedenkzeit gebeten, aber ich bin ber Nacht zu dem
Entschlu gekommen, ihm keinen Korb zu geben.

Ein unterdrckter Jubellaut antwortete ihr. Hellstern hatte sich erheben
wollen, doch fiel er wieder schwer in seinen Sessel zurck.

Komm her, rief er, ich alter Elefant kann mich kaum noch rhren! Aber
ich mu dich umarmen! Meine Hedda -- mein Liebling!

Sie kniete ihm zur Seite und er kte sie auf Stirn und Haar und
streichelte ihre Wangen. Die Trnen rannen ihm in den struppigen Bart.
Auch sie war bewegt, doch sie weinte nicht; sie nahm seine Hand und
fhrte sie an ihre Lippen.

O, wenn das die selige Mutter doch noch erlebt htte! stammelte er.
Und dann wurde er ruhiger. Seine Neugier siegte. Er wollte wissen, wie
sich die Liebeserklrung abgespielt habe. Er fragte Hedda nach allen
Einzelheiten. Sie erzhlte in gelassener Weise, ziemlich trocken, als ob
sie einen Bericht erstatte. Aber das fiel ihm nicht auf, er war an ihre
ruhige Vernunft gewhnt. Er war glckselig. ber sein altes Gesicht
blitzte und leuchtete es vor Freude. Gott sei gelobt, nun kam noch
einmal Sonnenschein in den Abend seiner Tage! Konnte er sich fr seine
Einzige ein besseres Los wnschen? Axel war reich, unabhngig, ein
Ehrenmann und ein Prachtmensch -- im brigen schien er ja auch wieder
gesund geworden zu sein. Und dazu Dbbernitz, der alte Hellsternsche
Sitz, die unmittelbare Nhe! Er schob seine Tasse mitten auf den Tisch.

Wir mssen Axel Nachricht geben, sagte er. Ich selbst werde ihm
schreiben -- das scheint mir das richtigste zu sein. Ich schreibe in
deinem Namen und gebe als Vater meine Zustimmung. Ich lade ihn zum
Mittagessen ein; was steht auf der Speisekarte?

Karbonade und Rotkraut, antwortete Hedda. Unwillkrlich mute sie
lcheln. Das wird Axel ziemlich gleichgltig sein.

Glaub' ich auch, wie ich ihn kenne. Trotzdem -- zur Feier des Tages
mssen wir das Men ndern. Sieh zu, da du etwas Besseres auf den Tisch
bringst. August soll anspannen und meinen Brief nach Dbbernitz
bringen. Er rhrte gewaltig die Klingel.

August trat ein. Er kam soeben vom Reinigen der Lampen und wischte sich
die ligen Finger an der Schrze ab.

Der Baron schmunzelte.

August, sagte er, ich wnsche, da du heute nicht dein gewhnliches
dummes Gesicht machst. Und weit du, warum ich dies wnsche?

Nein, Herr Baron, antwortete August und schttelte heftig den Kopf.

Dann hr zu, ich will es dir sagen. Weil heute ein Fest- und Ehrentag
fr den Baronshof ist. Wisch dir das Maul ab und ksse dem gndigen
Frulein die Hand, denn das gndige Frulein hat sich mit dem Herrn
Baron Axel von Hellstjern auf Dbbernitz verlobt.

Mit unserm Vetter aus Schweden!? jubelte August auf. Und dann
rubbelte er sich wirklich mit dem Handrcken den Mund ab und nherte
sich Hedda mit feierlichen Schritten, rusperte sich und wollte ihr in
wohlgefgten Worten gratulieren, denn es schien ihm passend, sich bei
dieser Gelegenheit als Mann von Bildung zu zeigen. Doch Hedda kam ihm
zuvor, erhob sich und schttelte ihm die Hand.

Schon gut, mein alter August, sagte sie, ich wei, wie du es meinst,
und danke dir von Herzen. Und nun hilf dem Herrn Baron und fhre ihn in
das Arbeitszimmer, und dann halte dich fertig, einen Brief nach
Dbbernitz zu bringen.

Aber August war das Herz viel zu voll, um sich schweigend verhalten zu
knnen. Whrend er Hellstern unter dem Arm packte und nach der
Arbeitsstube geleitete, begann er zu plaudern.

Das hab' ich gewut, Herr Baron, sagte er, so gewi vier mal vier
sechzehn ist -- das hab' ich gewut. Ich habe doch meinen Blick! Gleich
damals, wie der Herr Vetter das erste Mal hier war, da hat er das
gnd'ge Frulein immer so angesehen, und da hab' ich schon mit Gusten
drber gesprochen. Sie knnen Gusten fragen, Herr Baron.

Auch noch, brummte Hellstern; ich werd' in die Kche gehen.... Knuff
mich nicht so in den Arm! Da du dir nachher ein reines Vorhemdchen
umbindest, wenn du nach Dbbernitz fhrst!

Fhrst? Soll ich denn fahren?

Ja natrlich. Und du nimmst das gute Geschirr. Und in Dbbernitz
wartest du auf Antwort. Es braucht aber noch nicht berall herumerzhlt
zu werden, das mit der Verlobung.

Gott bewahre! Ich wei schon -- erst wenn das Offiziellum da ist.

Aber noch vor dem Offiziellum wute man im Souterrain bereits von der
Verlobung. Zuerst gratulierte die Guste und dann Drthe, die dabei in
einen Trnenstrom ausbrach. Das blasse Gesicht Drthes und ihr
verndertes Wesen waren Hedda bereits aufgefallen.

Aber Kind, rief sie, was hast du denn eigentlich?! Ich kenne dich gar
nicht wieder. Wo sind deine roten Backen geblieben und deine lustigen
Augen?!

Drthe hielt die Schrze vor das Gesicht und weinte noch immer; sie war
in eine Ecke der Kche getreten und machte sich am Wasserzuber zu
schaffen. An ihrer Stelle antwortete Guste halbleise:

Ach Gott, gnd'ges Frulein, das arme Ding! Ihr Fritze hat sie sitzen
lassen. Die Verlobung ist zurckgegangen. Da sind aber blo die alten
Mllers dran schuld -- und der Albert, das ist ein Kerl!

ber Heddas Gesicht glitt ein Ausdruck aufrichtiger Anteilnahme. Das
arme Mdchen tat ihr von Herzen leid. Sie rief Drthe heran und sagte
ihr ein paar trstende Worte, aber die Kleine war nicht zu beruhigen.

Ich berleb's nicht, gndiges Frulein, jammerte sie; er will eine
andre heiraten -- eine Reiche aus Frankfurt--, und das berleb' ich
nicht.

Migestimmt und mit schwerem Herzen wartete Hedda auf ihren Verlobten.

Am Vormittage fand sich der Pastor ein. Er war auf seinem Bau gewesen
und hatte August vorberfahren sehen. Und trotz des Verbots hatte August
den Mund nicht halten knnen. Dem Pastor konnte man es doch immerhin
sagen -- so einem alten Freunde des Hauses.

Eycken glaubte die Pltzlichkeit des Entschlusses Heddas zu verstehen.
Seelische Grnde sprachen dabei mit. Sie wollte gewaltsam mit jeder
Erinnerung an die Vergangenheit brechen.

Es war Eycken lieb, da er Hedda zunchst allein traf. In ruhigem und
liebevollem Tone sagte er ihr seine Glckwnsche, und als er nach ihrem
Dankwort ihren unruhig fragenden Blick bemerkte, zog er sie neben sich
auf das Sofa.

Ich habe Ihre Mission von gestern abend erfllt, Hedda, begann er von
neuem, und da mir daran liegt, Ihnen Beruhigung zu geben, will ich noch
einmal den Namen dessen nennen, der auch fr mich tot sein sollte. Es
kam zu einer schlimmen Aussprache zwischen Klaus und mir; ich habe nicht
mit starken Worten gespart, und -- nun, er gab sie mir zurck. Aber er
nahm das Geld; heut ist er in Sicherheit. Die Woydczinska in Seelen hat
ihm Pferde gestellt und ihm ber die russische Grenze geholfen. Er will
nach Amerika.

Hedda atmete auf.

Gottlob, er ist in Sicherheit, sagte sie leise und lehnte ihr Haupt an
die Brust des alten Freundes.

Wieder glitt des Pfarrers Hand lind und zrtlich ber ihr Haar.

Nun aber mutvoll in das neue Leben, Hedda, antwortete er. Sie haben
sich frei gemacht und alles abgeschttelt, was Sie noch an die alte
Liebe band. Aber -- Sie haben eine neue Verantwortung bernommen. Werden
Sie ihr gerecht!

Herr Pastor, entgegnete Hedda fest, was ich tat, geschah nach
reiflicher berlegung. Ich habe lange genug mit mir gekmpft. Ich wollte
nicht an der Erinnerung zu Grunde gehen -- und ich wollte auch etwas
Gutes tun. Ich lechzte nach einer Guttat, denn ich fhlte mich
erniedrigt und von Scham erdrckt. Fragen Sie mich nicht, wie das
mglich gewesen -- es war so! Ich empfand jenes Schande wie eine eigne.
Und so kam ich zu meiner Entschlieung. Sie macht zwei Menschen
glcklich: meinen Vater und Axel. Sie kennen Axel noch nicht. Er ist
vornehm und edel. Sie selbst mgen ihm in jngeren Tagen geglichen
haben. Alles, was an Gutem in mir ist, will ich ihm geben.

Segnend legte Eycken seine Rechte auf Heddas Haupt.

Gott sei mit Ihnen, liebes Kind, sagte er.

       *       *       *       *       *

Axel kam mit seinem neuen Viererzug von Dbbernitz, Kutscher und Diener
in groer Livree, er selbst in Frack und weier Halsbinde, als gehe es
auf einen Ball. Es entsprach ganz seinem Wesen, der Feierlichkeit des
Tages auch nach auen hin Ausdruck zu geben. Aber als Hedda ihm an der
Seite ihres Vaters entgegentrat, verlor er sofort seine schne
Korrektheit, und er wurde bewegt und gerhrt. Das Wasser scho ihm in
die Augen, als er seine blasse Braut umarmte; er vermochte kaum zu
sprechen, drckte sie an sein Herz und fhlte wohl, wie sie zitterte.
Und dann fiel der Alte Axel um den Hals, auch sehr gerhrt, mit der
ganzen Wucht seiner kolossalen Persnlichkeit, so da es dem
schmchtigen Axel Mhe kostete, unter diesen brenhaften Liebkosungen
nicht zusammenzubrechen.

Die leichte Verlegenheit der ersten Begrung war bald berwunden. Man
ging zu Tisch, und ein frhliches Plaudern begann. Die Hochzeit wurde
auf den vierten Januar festgesetzt; das war zugleich der Geburtstag
Axels. Hedda meinte, da msse sie sich mit der Herstellung der
Ausstattung beeilen; es war dies noch ein schwieriger Punkt, da
Hellstern erklrte, er sei nicht imstande, Hedda nach Berlin zu
begleiten. Schlielich wurde verabredet, Tante Jutta zu benachrichtigen.
Dort sollte sich Hedda fr ein paar Tage einquartieren und die
Ausstattung mit ihr und Axel gemeinsam besorgen. Wenigstens das
Ntigste; das brige sollte whrend der Hochzeitsreise in Paris besorgt
werden, denn Axel behauptete, es gbe gewisse Dinge in der weiblichen
Ausstattung, die man nur in Paris kaufen knne. Er war sehr aufgerumt
und trank sogar gegen seine Gewohnheit einige Glser von dem
vortrefflichen Johannisberger Hellsterns. Er wurde nicht mde, Plne zu
schmieden. Die Hochzeitsreise sollte ausgedehnt werden, um dem deutschen
Winter zu entgehen; man wollte ber Paris nach der Riviera und
Sditalien, vielleicht bis Sizilien. Hedda kannte das alles noch nicht,
und Axel behauptete, er freue sich jetzt schon darauf, ihr die tausend
Schnheiten Italiens zeigen zu knnen. Und dann, im nchsten Sommer,
mache man vielleicht einmal einen Ausflug nach dem Norden -- nach
Jarlsberg, dem alten Stammschlo der Familie, das auch seine Reize habe
-- die Schrenwelt, das gischtsprhende Meer, die ganze wildromantische
Umgebung. Aber vor allen Dingen: wie behaglich wollte man es sich auf
Dbbernitz einzurichten suchen und mit welcher Lust an die Arbeit gehen,
diesen hbschen Besitz wieder in die Hhe zu bringen! Bei diesem
Gedanken wurde auch Hedda lebhaft. Ach ja -- nach Arbeit, die ihres
Zieles wert sei, sehnte sie sich! Und gerade eine groe Wirtschaft
lockte sie doppelt ...

Whrend des Kaffees hrte man einen Wagen vor die Rampe rollen. Landrat
von Wessels lie sich anmelden; er bat darum, den Baron Hellstern auf
ein paar Minuten sprechen zu drfen.

Hellstern war sehr erstaunt. Teufel, was wollte denn der Landrat bei
ihm, der lngst alle Beziehungen zu der Umgebung abgebrochen hatte?
Wessels wurde in den sogenannten Salon gefhrt, indes Hedda und Axel
noch im Ezimmer verblieben.

Axel benutzte das Alleinsein mit seiner Braut, seinen Stuhl dicht neben
den ihren zu rcken, liebkosend ihre Hand zu nehmen und an seine Lippen
zu fhren.

Meine Hedda, sagte er weich, wie glcklich machst du mich. Ich habe
einen bsen Tag und eine bse Nacht verlebt. Ich hatte Sorge, zu rasch
und zu strmisch gewesen zu sein. Ich habe auch keine so schnelle
Antwort erwartet. Und als nun heute vormittag euer August mit dem Briefe
des Onkels kam -- Hedda, da ist fr fnf Minuten meine ganze
Wohlerzogenheit in die Brche gegangen, denn da bin ich meinem
Kammerdiener -- auch so ein Faktotum wie euer August, ein alter Mensch,
der mich von Kindesbeinen an kennt--, denke dir, dem bin ich vor
unbndiger Freude um den Hals gefallen. Das war ihm noch nicht
vorgekommen und deshalb wute er auch gleich Bescheid. Wer sich so
nrrisch gebrdet, der mu unglaublich verliebt sein. Na -- und -- das
bin ich allerdings -- und pa auf, Hedda, du wirst mich auch noch
liebgewinnen! O, das wei ich gewi! Und abermals kte er ihre Hand.

Seine Worte waren ein Trost fr sie. Da er keine strmische
Leidenschaft von ihr forderte, sondern in heiterem Ton und trotz aller
Verliebtheit mit dem Ausdruck eines gewissen Geklrtseins der
Empfindungen von einem allmhlichen Liebenlernen zu ihr sprach,
beruhigte sie sichtlich.

Sie behielt mit warmem Druck seine Rechte in ihrer Hand.

Lieber Axel, entgegnete sie, wte ich nicht, da ich dir von Herzen
gut bin, dann wrde sich jede Fiber in mir dagegen gestrubt haben, die
Deine zu werden. Die meisten von uns Mdchen treten ahnungslos in die
Ehe, sie kennen den, dem sie fr Lebenszeit angehren sollen, gewhnlich
nur aus der kurzen Zeit ihrer Brautschaft. Alles in ihnen beruht auf
Vertrauen und seliger Hoffnung, und wie oft werden sie getuscht! Sie
glauben zu lieben, und es fehlt ihrer Liebe am festesten Fundament: an
treuer und inniger Freundschaft. Und sieh -- gerade weil ich so viel
Freundschaft fr dich empfinde, deshalb werde ich dir auch eine gute
Frau sein, alles mit dir teilend, deine Freuden und Sorgen -- ein Stck
deiner selbst.

Mit glnzenden Augen hatte er ihr zugehrt.

Was will ich mehr! sagte er in leisem Jubel. Ich danke dir, Hedda,
ich danke dir! Was bot mir das Leben bisher, und fr wen lebte ich? Nur
fr mich selbst, und wahrlich, ich bin kein Egoist. Das ist kein Lob fr
mich, weil ich im Egoismus nichts als die schalste Langweiligkeit
gefunden habe. Ist es nicht erttend, immer nur an sich selbst denken
und fr sich selbst sorgen zu mssen? Geht man nicht tausendmal
freudiger an sein Tagewerk, wenn man wei, fr wen man schafft und ttig
ist, wenn man Zwecke und Ziele vor Augen hat?! Tagewerk -- das klingt
mir wie bertrieben. Mein Dienst war Spiel, war kaum eine Arbeit. Man
hat mich immer auf recht bequeme Posten gestellt, -- ein bichen
Reprsentieren war alles. Das ist vorbei; jetzt kommt wirklich die
Arbeit. Denn frderhin ist es nicht mehr gleichgltig, ob ich jhrlich
ein paar tausend Taler mehr oder weniger ausgebe, ich habe ja auch fr
dich zu sorgen und deine Zukunft. Und das alles erfllt mich mit
unaussprechlichem Glck, Hedda, es gibt mir recht eigentlich erst
Lebenskraft -- ich mchte sagen, es macht mich erst zum Manne.

Der Eintritt Hellsterns unterbrach sein frhliches Sprechen. Der Alte
sah erregt aus und hatte einen roten Kopf.

rger gehabt, Papa? fragte Hedda.

Ja -- allerdings, und der Baron nickte und winkte zugleich August, an
dessen Arm er eingetreten war, das Zimmer zu verlassen. Schwer lie er
sich in seinen groen Stuhl fallen. Es wird euch auch interessieren --
es ist sozusagen eine Familienangelegenheit. Ich hoffte, Klaus Zernin
wrde nicht mehr zurckkehren. Aber es ist doch geschehen. Und nun das
Schlimmste dazu: die Staatsanwaltschaft fahndet auf ihn. Wessels hat
Ordre bekommen, ihn in aller Stille verhaften und nach Berlin schaffen
zu lassen.

Aber mein Gott -- weshalb? warf Axel ein.

Der Alte schnaufte gewaltig. Das Wort wollte ihm nicht von der Zunge.

Eines -- eines infamen Bubenstreichs wegen, sagte er endlich. O --
auch in unsern Reihen gibt es rudige Schafe, gibt es--

Sein Blick fiel auf Hedda. Sie war ganz bla geworden, und ihr
brennendes Auge hing an den Lippen des Vaters.

Du hast ihn immer noch verteidigen wollen, Hedda! schrie Hellstern,
die Verfrbung des Mdchens falsch deutend. Immer noch leiteten dich
verwandtschaftliche Gefhle -- aber man zerreit die Bande des Bluts,
wenn man es mit einem Lumpen zu tun hat. Gebe der Himmel, da er uns nun
fr immer fern bleiben mge.

Eine kurze Pause entstand, und dann fragte Hedda tonlos: Also er ist --
wieder -- fort?

Ja -- mit einem letzten Schandstreich entlaufen. Er trieb sich schon
immer in Seelen herum, und man munkelte lngst allerlei. Nun ist er mit
der Woydczinska durchgebrannt. Wessels erzhlte es mir. Vergangene Nacht
haben sich die beiden auf die Socken gemacht. Die Woydczinska hat nichts
mitgenommen als ihre Juwelen; aber zu guter Letzt noch eine hbsche
Hypothek auf Seelen--

Er brach pltzlich ab. Hedda war mit einem leisen Wehlaut vom Stuhl
geglitten. Erschreckt sprang Axel hinzu und fing sie auf. Sie hatte sich
bereits wieder gefat, mit aller Kraft gegen ihre Schwche ankmpfend.
Aber noch immer zitterte sie heftig, und krampfhaft bi sie die Zhne
aufeinander, um nicht aufschreien zu mssen.

An den Lehnen seines Stuhls hatte sich mit schwerer Anstrengung auch
Hellstern aufgerichtet. Entsetzt und drohend heftete sich sein Blick auf
Hedda, und seine Rechte erhob sich bebend.

Hedda, rief er, du hast diesen Menschen -- diesen Menschen
geliebt?! Er achtete nicht auf die Anwesenheit Axels; ein wilder Grimm
durchtobte seine Brust und schttelte ihn. Eine Flut von Anklagen traf
Hedda. Ich sehe jetzt klar -- ganz klar, fuhr er mit heiserem
Auflachen fort; ich wei jetzt auch, warum du Klaus immer so warm
verteidigtest, -- war ich denn blind, da ich nicht in der Seele meines
eignen Kindes lesen konnte?! Axel -- tritt neben mich -- la sie los! Es
geht nicht an, da du dich noch weiter ihr Verlobter nennst, ehe sie uns
Erklrungen gegeben hat.

Hedda selbst machte sich frei aus den Armen Axels. Sie hatte ihre Ruhe
und die Klarheit des Denkens wiedergefunden. In der heien Not dieser
Stunde wuchs ihre Kraft. So ernst der Ausdruck ihres Gesichts auch war
-- es lag zugleich etwas wie das frohe Glck endlicher Erlsung auf
ihren Zgen.

Ich leugne nicht, Vater, sagte sie. Ja, ich habe Klaus geliebt, und
aus Furcht vor deiner Heftigkeit habe ich es dir verborgen und nur den
Pastor zu meinem Vertrauten gemacht. Wie ich gelitten habe unter dieser
Liebe, und wie ich zu kmpfen hatte, eh ich mich zur Entsagung
durchzuringen vermochte -- das erla mir, zu schildern -- du wrdest
mich doch nicht verstehen. Da ich mich nie an einen Ehrlosen hngen
wrde, wutest auch du. Aber ich erfuhr von seiner Schmach erst, als ich
ihm nur noch zur Flucht verhelfen konnte. Du sowohl wie der Pastor, ihr
ahntet schon lngst, was ihn belastete, doch ihr habt euch immer nur in
dunkeln Andeutungen ergangen, statt mir die Wahrheit zu sagen. Und
vielleicht htte ich euch auch dann noch nicht geglaubt; erst sein
eigner Mund mute mir beichten.

Sie wandte sich, stetig ruhiger werdend und gleichmiger sprechend, an
Axel.

Das ist gestern geschehen, fuhr sie fort. Als ich von Dbbernitz
heimkehrte, fand ich seinen Hilferuf vor. Ich hatte gehofft, Klaus sei
schon in weiter Welt, und ich ging mit schwerem Herzen zu dieser
letzten Besprechung, die ein Abschied fr ewig war. Ich wei auch jetzt
noch nicht, ob es unrecht war, da ich dir nicht vor unsrer Verlobung
von dieser ersten gescheiterten Liebe gesprochen habe, Axel. Aber das
wei ich, da es mich mit unwiderstehlicher Kraft dazu trieb, dir mein
Jawort zu geben. Es drngte mich, mir in deinem Glcke ein eignes zu
schaffen und vergessen zu lernen. Ich sehnte mich nach einem treuen und
guten Herzen und nach einer Seele voll ritterlicher Empfindungen und
voll Lauterkeit, denn ich war wie niedergebrochen und fhle mich wie --
beschmutzt. Habe ich wirklich unrecht getan, Axel, so vergib mir -- und
la mich frei.

Kopfschttelnd und mit mildem Lcheln trat er wieder an ihre Seite und
nahm ihre Hnde.

Nein, Hedda, sagte er, du bist mein, und ich gebe dich nicht mehr
frei. Weniger jetzt denn je, da ich dein armes Herz zu heilen habe und
du eines Freundes bedarfst. Denn ich bin ja nicht nur dein Brutigam,
Hedda -- ich gebe dir auch deine Freundschaft vieltausendfach zurck.
Glaube an mich und vertraue mir, und du wirst genesen!

Er nahm sie in seine Arme und schlo sie an sich. Da ertnte ein dumpfer
Fall, und entsetzt schrie Hedda auf.

Ein pltzlicher Schlaganfall hatte ihren Vater zu Boden geschmettert. Er
strzte um wie ein Baum, den der letzte Axthieb getroffen hat, und blieb
regungslos liegen.




Vierzehntes Kapitel


In dem kleinen Huschen Klempts war es sehr still geworden, seitdem in
den Abendstunden nicht mehr der Singsang und das lustige Lachen der
Drthe zu hren war. Sie kam nur noch selten zum Vater, denn sie wollte
nicht ausgefragt sein, und sie hatte auch fr den mystischen Trost und
die Ratschlge der Tante Pauline weder Sinn noch Verstndnis. Es war
gut, da es auf dem Baronshofe so viel Arbeit gab. Das lie sie
wenigstens tagsber nicht allzuviel zum Grbeln und Nachdenken kommen.
Aber wenn sie zu Bett gegangen war, dann kamen Erinnerung und Schmerz
mit arger Gewalt ber sie, und in ihrer Kraftlosigkeit und ihrem Mangel
an Beherrschung weinte sie sich allabendlich in den Schlaf. Sie hrmte
sich so, da sie mager wurde; mit ihren eingefallenen Wangen und den
tiefliegenden Augen war die frische Dirne von frher gar nicht
wiederzuerkennen.

Auch Hedda hatte es aufgegeben, ihr Trost zu spenden. Es fhrte zu
nichts; Drthe brach dann immer von neuem in Trnen aus und wiederholte
unter krampfhaftem Schluchzen, sie werde sich doch noch das Leben
nehmen. In dieser Zeit hatte Hedda auch mit ihren eignen Angelegenheiten
berreichlich zu tun. Der Schlaganfall, der den Vater getroffen hatte,
bewies, da er krnker war, als man bisher geglaubt hatte.
Glcklicherweise hatte der Schlag nur die linke Krperseite gelhmt, Arm
und Bein; Gehirn und Sprache hatten nicht gelitten. Aber der Kolo war
nunmehr vllig bewegungslos geworden. Ein Krankenwrter wurde beschafft,
der August untersttzen sollte; aus dem Bette wurde der Alte in den
Fahrstuhl gepackt; er war nur noch eine Maschine, die von fremder Hand
geleitet werden mute. Seine Laune war schrecklich geworden; Hedda hatte
viel unter seinen Wutausbrchen zu leiden. Das Knurren, Wettern und
Schimpfen ging den ganzen Tag hindurch; August war der einzige, der ihm
mit seinem unversiegbaren Phlegma und seinem derben Humor standzuhalten
vermochte. Seit man mit der Anlage der elektrischen Leitungen in
Oberlemmingen begonnen hatte, trug sich Hellstern mit dem festen
Entschlusse, den Baronshof zu verkaufen. Das war eine neue fixe Idee.
Die Mllers wollten ihn langsam morden -- das lie er sich nicht
gefallen. Aber die Mllers sollten auch den Baronshof nicht in ihre
Hnde bekommen; eher mochte das Haus einstrzen, und Eulen und
Fledermuse mochten in den Zimmern ihre Nester bauen. Die Mllers nie --
und Hellstern schwur, wenn sie ihm auch eine Million auf den Tisch legen
wollten, er wrde sie mitsamt der Million aus der Tr werfen.

Hedda hatte mit Axel darber gesprochen, was mit dem Vater zu machen
sei. Der Arzt war der Ansicht, der Baron knne noch eine ganze Reihe von
Jahren leben, wenn man durch geeignete Mittel der Wiederholung des
Anfalls vorbeuge. Neben strenger Befolgung der rztlichen Anordnungen
gehre dazu vor allen Dingen absolute Ruhe, Fernhaltung jedweder
Aufregung, jedes rgers, jeder Gemtsbewegung. Das war nicht leicht bei
dem alten Brummbr. Axel schlug vor, ihn mit dem Wrter und August und
dem gesamten Material zu der geliebten Familiengeschichte nach
Dbbernitz zu nehmen. Da hatte er die ntige Ruhe, hatte nicht bestndig
Oberlemmingen vor Augen, das mehr und mehr seine alte Dorfhlle fallen
lie und sich aus einer Raupe in einen schillernden Schmetterling
verwandelte. Whrend der Hochzeitsreise sollte als weitere Pflegerin
dann auch noch Tante Jutta aus Berlin nach Dbbernitz kommen, und wie
sich im brigen der geplante Verkauf des Baronshofs abwickeln werde, das
werde man ja sehen, das knne man abwarten.

Wider Erwarten war der Alte mit allen diesen Vorschlgen sehr
einverstanden. Besonders auf die Tante Jutta freute er sich und war
neugierig, ob sie sich immer noch wie frher die Ohrlckchen braun und
das brige Haar schwarz frbe und die kleine, rote Stupsnase wei
pudere. So siedelte er denn nach Dbbernitz ber. Axel hatte einen
groen geschlossenen Wagen geschickt, und bei der Fahrt durch das Dorf
zog Hellstern auch noch die Fenstergardinen zu, damit er gar nichts von
Oberlemmingen zu sehen bekomme. Damit hatte er abgeschlossen. Dieses
Dorf, das sein Geburtsort war, und in dem Vater, Grovater und Urahn
sich glcklich gefhlt hatten, existierte nicht mehr fr ihn. Es war ja
das alte Dorf auch nicht mehr. Es war ein ganz moderner Badeort.

Hedda blieb vorlufig auf dem Baronshof, aber tglich holte ein
Dbbernitzer Wagen sie ab. Das gemeinsame Mittagsmahl nahm man
gewhnlich bei Axel ein, und das waren glckliche Stunden fr Hedda. Sie
gewann ihren Brutigam tglich lieber, und auch auf den grimmigen Alten
bte die stille, vornehme und liebenswrdige Art Axels einen sichtlich
beruhigenden Einflu aus.

Schellheims hatten sofort nach Bekanntwerden der Verlobung Heddas ihren
Besuch auf dem Baronshofe gemacht. Er galt sowohl der Braut wie auch dem
erkrankten Vater. Bei dieser Gelegenheit verabschiedete sich Gunther. Er
hatte pltzlich einen neuen Plan gefat. Er wollte den Winter in Spanien
verbringen, um dort Studien ber die ltesten deutschen Drucker auf der
iberischen Halbinsel zu machen; schon lange beschftigte er sich mit
Forschungen zur Druckergeschichte, fr die er sich lebhaft
interessierte.

Als der Kommerzienrat mit seiner Gattin bereits wieder in den Wagen
gestiegen war, stand Gunther mit Hedda noch auf der Veranda. Sie hatte
ihm die Hand gereicht.

Hoffentlich lassen Sie einmal von sich hren, verehrtester Herr
Doktor, sagte Hedda mit freundlichem Lcheln; es braucht ja nicht
gerade eine Ansichtspostkarte zu sein. Und wie wrde ich mich freuen,
wenn eines Tages die frohe Nachricht bei uns eintreffen wollte, da
Doktor Gunther Schellheim -- ich brauche nicht auszusprechen -- in
Spanien sollen die Frauen leicht die Mnnerherzen entznden. Lieber
Doktor, wirklich, von Herzen wrd' ich mich freuen!

Er prete warm und fest ihre Hand.

Ach, gndiges Frulein-- antwortete er, aber er kam nicht weiter. Er
wrgte an den Worten; sie blieben ihm in der Kehle stecken. Und dann
sprang er hastig die Verandatreppe hinab an den Wagen.

Noch mit dem Abendzuge wollte Gunther abreisen, zunchst nach Berlin. Es
herrschte eine ziemlich trbe Stimmung bei der letzten Mittagstafel. Die
Rtin hatte trnengertete Augen, Gunther war still und in sich gekehrt,
und auch der Kommerzienrat vermochte eine leichte sentimentale Regung
nicht zu unterdrcken.

Hol's der Geier, sagte er pltzlich, als der servierende Diener das
Zimmer verlassen hatte, und warf Messer und Gabel neben den Teller, ich
habe mir das alles ganz anders gedacht! Ich wollte Frieden und Ruhe fr
das letzte Dutzend Jahre meines Lebens haben, -- deshalb zog ich mich
vom Geschft zurck. Wollte ganz philosophisch meinen Kohl bauen und
mich an der Natur erfreuen, keinen rger mehr haben und nur das Ntigste
vom Geschfte hren -- ja wahrhaftig, das war eigentlich meine Absicht!
Und nun? Prostmahlzeit -- nun macht mir die Quellengeschichte den Kopf
wrmer, als es die bsesten Manchesterjahre zuwege bringen konnten!

Verzeihung, Papa, aber schlielich bist du doch selbst daran schuld,
warf Gunther mit leichtem Lcheln ein. Warum hast du nicht schlankweg
jede Beteiligung an dem Badeunternehmen abgelehnt?

Das habe ich ja anfnglich getan, aber -- siehst du, mein Junge, das
verstehst du nicht! Das verstehst du nicht, weil du kein Kaufmann bist.
Als ich sah, da die ganze Geschichte in den Hnden der Mllers htte
verhunzt werden knnen, da kribbelte es mir in den Fingerspitzen, da
schumten die kaufmnnischen Blutpartikelchen in meinen Adern -- da
konnt' ich mich nicht mehr halten. Es war ja ein glnzendes Geschft --
das ist es noch heute--, trotzdem reut's mich, da ich mich auf die
Sache eingelassen habe! Nun ja -- kurz heraus: es reut mich.

Und weshalb, wenn ich fragen darf?

Weil -- ja, das ist ganz eigentmlich! Anfnglich hielt ich die Mllers
fr dickkpfige, beschrnkte Bauersleute. Dann merkte ich, da der
Albert Mller es faustdick hinter den Ohren hat, da er ein gerissener
Patron ist. Und heute _wei_ ich, da die ganze Sippe nichts taugt, von
A bis Z nichts taugt, da sie allesamt Gauner sind! Sehr interessant,
wie sich so ein schlichter Bauersmann im Laufe der Zeiten verndern
kann, wenn ihn der Satan der Geldgier packt. Denn Geldgier ist alles bei
den Leuten; vom Nutzen der Industrie haben sie keine Ahnung, von
irgendwelchen idealeren Motiven ist keine Spur bei ihnen -- keine Spur!

Der Kommerzienrat betonte diese letzten Worte und schttelte dabei den
Kopf. Er schien sehr migestimmt zu sein. Albert Mller hatte mit
offenen Feindseligkeiten begonnen. Alle Tage kam es zu kleinen
Reibereien. Er sperrte Wege ab, die ber sein Land fhrten, und erlaubte
sich im Hinblick auf verschiedene Lcken in seinem Vertrag mit
Schellheim alle mglichen Eigenmchtigkeiten. Das erbitterte den Rat um
so mehr, als er empfand, da er sich in Albert getuscht hatte. Dieser
brave Bauerssohn war ein ganzer Filou. Schellheim hatte geglaubt,
leichtes und bequemes Spiel mit ihm zu haben, und war in seinen
Vertrgen daher minder vorsichtig gewesen, als es sonst seine Art zu
sein pflegte; das rchte sich nun. Er rgerte sich auch ber die
erstaunliche Tatkraft Alberts. berall mute der Mann mit dabei sein. Wo
nahm er nur alle die ntigen Gelder her?!

Mir ist die Sache allerdings langweilig geworden, schlo Schellheim,
seine Serviette zusammenfaltend. Ich sehe, da sich das Unternehmen
nicht auf der von mir gewnschten soliden und gediegenen Basis weiter
entwickeln kann, wenn diese Pbelgesellschaft immer dazwischenzureden
hat. Pat mir's nicht mehr, so verkaufe ich meine Anteile und gucke mir
von hier oben aus den Rummel in aller Beschaulichkeit an. Mag's gehen,
wie es will! Unerhrt -- ich -- _ich_ soll mich mit Bauernpack
herumschlagen! Soll mich von solchem Gesindel betrgen lassen!

Es war wirklich tragikomisch: der Herr Kommerzienrat, der
Groindustrielle, stand im Begriffe, die Waffen vor einem raffinierten
Bauernjungen zu strecken. Er hatte seinen Meister gefunden, wo er es am
allerwenigsten geahnt htte.

Gunther versuchte es mit einigen einlenkenden und beschnigenden Worten,
aber er regte den Vater nur noch mehr auf.

Lassen wir die Sache ruhn, sagte Schellheim. Der Teufel soll nicht
schlechter Laune sein, bei all dem Migeschick, das einem widerfhrt!
Was hab' ich denn nun von euch Kindern?! Hagen heiratet ein Fabrikmdel,
-- riesengro wird die Kluft zwischen ihm und uns, und wenn man sich
auch hundertmal Mhe gibt, Brcken und bergnge zu schaffen, die
Entfremdung ist doch nicht wieder gut zu machen! Du gehst nach Spanien,
Gunther, reiest uns von neuem aus -- und auf Dbbernitz, das ich
bereits in meinem Besitze sah, wo ich dir ein hbsches und trauliches
Nest schaffen wollte, hat sich ein Fremder festgesetzt. Wenn's
wenigstens ein _Wild_fremder gewesen wre -- aber nein, ausgesucht
gerade _der_ Mann, der dir die Braut vor der Nase fortgeschnappt hat!

Gunther zog die Stirn in Falten. Er war froh, da die Rtin die Tafel
aufhob. Es war kein allzu herzliches Abschiednehmen. Die Mutter weinte
still in sich hinein, der Vater sah mrrisch aus. Wirklich -- was hatte
man von seinen Kindern!

Mit schwerem Herzen ging Gunther auf die Reise. Er hatte seine letzten
Hoffnungen ber Bord werfen mssen; ihm war recht traurig zumute. Und er
nahm sich vor, sich mit verdoppeltem Eifer auf seine Studien zu werfen.
Die Arbeit war das einzige Heilmittel.

       *       *       *       *       *

Ende November fand die Hochzeit Fritz Mllers mit Frida Grdecke statt.
Vorher hatte auf Bitten Heddas der Pastor einen nochmaligen Einspruch zu
erheben versucht. Er beschied den alten Mller zu sich; er wute ganz
genau, da der Alte allein das Machtwort sprechen konnte; er kannte
seine Leute.

Mller kam auf der Stelle. Er hatte Respekt vor dem Pastor, war auch ein
eifriger Kirchengnger.

Eycken sprach ihm zu Herzen. Es sei doch emprend, da der Fritz ein so
braves und liebes Mdchen wie die Drthe Klempt unglcklich machen
wolle. Es knne ja vorkommen, da man in Ausnahmefllen einmal ein
Verlbnis rckgngig mache; wenn man beiderseitig fhle, da man sich
getuscht habe, so sei ein Auseinandergehen schon besser als eine
Heirat, der die hchste Weihe, die Liebe, fehle. Aber in unserm Falle
liegt die Sache doch wesentlich anders, lieber Herr Mller. Ich habe mit
Drthe gesprochen; sie sagt, nicht an Fritz, sondern an _Ihnen_ liege
die Schuld. Ich habe neulich auch einmal mit Ihrem Fritz gesprochen, als
ich ihn zufllig traf, und er antwortete mir einfach: 'Ich kann nichts
dafr -- der Alte will's so.' Also die Tatsache steht fest: die beiden
Menschen wollen sich angehren, und _Sie_ treiben sie auseinander! Ist
das nicht unrecht, Mller?

Und ruhig erwiderte der alte Mann:

Entschuldigen Sie, Herr Pastor, aber nein -- es ist _nicht_ unrecht.
Ich gehre noch zu der alten Schule, und da haben die Kinder den Eltern
zu gehorchen, wenn sie auch schon zehnmal erwachsen sind, denn sie
bleiben die Kinder. Ich selbst habe meinen Eltern auch parieren mssen,
als es zur Hochzeit ging, und htte doch lieber eine andre geheiratet.
Fragen Sie mal die Pauline Klempt, die kann Ihnen davon erzhlen. Aber
ich wrde trotzdem nichts wider die Drthe gehabt haben, wenn's nicht
von wegen der Quelle gewesen wre. Es ist jetzt nicht mehr so wie
frher. Aus dem Kruge ist ein Hotel geworden; schon letzten Sommer hat
ein Postdirektor und ein Geheimer Rechnungsrat bei uns gewohnt. Es wird
noch anders kommen. Da mu die Wirtin von besserem Herkommen sein als
die Drthe, mu was von der Wirtschaft verstehen und auftreten knnen.
Und sie mu auch ihr Eingebrachtes haben. Denn Sie mgen mir sagen, was
Sie wollen, Herr Pastor: was nutzt die ganze Liebe, wenn kein Geld
dahinter steckt! Was heit denn das mit der Liebe? Es find't sich
alles.

Der Pastor hielt nicht damit hinter dem Berge, wie er ber die
eigenartige Auseinandersetzung Mllers dachte, aber es half ihm nichts.
Die Entgegnungen des Alten bewegten sich immer in demselben
Gedankenkreise. Ja, wenn die Quelle nicht wre, da htte man vielleicht
ein Auge zugedrckt und nicht so aufs Portemonnaie und aufs uere
gesehen. Aber nun _mute_ man es. Man brauchte viel Geld; es ging nicht
anders.

Da wurde Eycken zornig und fragte Mller, ob er es auf seine Seele
nehmen wolle, wenn Drthe sich ein Leids antun wrde -- ob er es
verantworten knne, wenn das Mdchen tiefer und tiefer ins Unglck kme.

Der Alte zuckte darauf mit den Achseln; sein Gesicht blieb hart wie
Stein, brutal und grausam von Ausdruck, wie immer.

Es gibt noch mehr Mnner auf der Welt wie unsern Fritze, Herr Pastor,
antwortete er. Und will sie keinen andern, so lt sie's bleiben. Ihre
Tante Pauline ist auch nicht gleich ins Wasser gegangen. Wenn sich alle
Mdel hier bei uns htten ersufen wollen, die den nicht gleich gekriegt
haben, den sie gerne htten haben wollen -- Herr Pastor, dann htten wir
berhaupt keine Weiber mehr im Dorfe!

Eycken entlie Mller. Er wollte nichts mehr hren von ihm; er sah auch
ein, da jede Bemhung, den Hartkopf umzustimmen, vergeblich gewesen
wre. Aber er geriet von neuem in Zorn, als ein paar Tage nach jener
Unterredung die Verlobung Fritzens mit der Schlchterstochter aus
Frankfurt bekannt wurde und bald darauf auch der standesamtliche
Namensaushang der beiden erfolgte. Der Sitte nach pflegte jeder Hochzeit
ein dreimaliges sogenanntes Aufgebot von der Kanzel aus vorherzugehen,
und Eycken freute sich jedesmal, wenn er um diese feierliche Ankndigung
gebeten wurde; er liebte es, wenn man den hbschen alten Sitten, die
noch aus der Zeit vor Einfhrung der Zivilehe stammten, Achtung
entgegenbrachte. Fritz hatte aber diesmal absichtlich kein Aufgebot
bestellt, und sein Vater war damit einverstanden gewesen. Albert riet
sogar von einer kirchlichen Trauung ab, bei der man sich immerhin auf
einige herbe Worte des Pastors gefat machen konnte. Doch davon wollte
der Alte nichts wissen. Er steckte viel zu tief im berlieferten, um
nicht vor dem Gedanken zu erschrecken, da sein Sohn ohne kirchlichen
Segen in die Ehe treten sollte.

Es war ein unangenehmer Auftrag fr Eycken, diese Hochzeitspredigt. Da
er die Gelegenheit nicht vorbergehen lassen durfte, ohne seinem
Empfinden ber die Frivolitt des pltzlichen Brautwechsels Ausdruck zu
geben, war klar. Es htte seinem ganzen Wesen widersprochen, wenn er mit
linden Worten darber hinweggegangen wre. Auf der andern Seite scheute
er sich aber vor Zank und rger. Es konnte neue Konflikte mit dem
Konsistorium geben; die htte er gern vermieden. Er dachte sowieso
zuweilen daran, die Pfarre aufzugeben, um sich gnzlich seinem
Kinderhospiz widmen zu knnen, dessen Einweihung im Frhjahr erfolgen
sollte. Als letztes Aushilfsmittel wre ihm schlielich immer noch das
Vorschtzen einer Erkrankung geblieben; dann htte der Geistliche der
Nachbarparochie die Trauung vollziehen mssen, aber solch eine Komdie
dnkte Eycken unwrdig.

Die Hochzeit fand an einem kalten Novembertage statt. Es war frh Winter
geworden, unerwartet schnell, ohne langsamen bergang. Als man eines
Morgens erwachte, war Schnee gefallen, und an den Bumen, an denen zum
Teil noch das bunte Herbstlaub hing, zeigten sich die ersten
Eiskristalle. Aber der Himmel strahlte in lichtem und glnzendem Blau,
und das ganze Kirchenschiff war mit heller Sonne erfllt.

Fast die gesamte Gemeinde wohnte der Feier bei. Auch Drthe hatte sich
heimlich in die Kirche schleichen wollen, aber Hedda hatte es zu
verhindern gewut. Sie hatte das schreiende und weinende Mdchen mit
raschem Entschlusse in ihre Kammer eingeschlossen.

Als Eycken, vor dem Altare stehend, den Blick ber die Gemeinde
schweifen lie, fiel es ihm auf, wie stark sie sich im letzten Jahr
gelichtet hatte. Eine ganze Menge fehlte: die Familien Braumller,
Thielemann, Maracke, Klauert und auch Tengler, der gleichfalls nicht
hatte der Versuchung widerstehen knnen und der goldenen Lockung Alberts
zum Opfer gefallen war. Hellstern weilte bereits in Dbbernitz; wie
Eycken gehrt hatte, unterhandelte ein Berliner Arzt mit ihm wegen
Ankaufs des Baronshofs. Sicher hatte auch hier Albert Mller die Hnde
im Spiel, freilich in aller Heimlichkeit, denn Hellstern wollte nichts
mit ihm zu tun haben. Er wurde unbeschreiblich wtend, wenn man in
seiner Gegenwart nur die Namen der Mllers aussprach.

Der Pastor hatte sich in letzter Zeit weniger um die Vorgnge in seiner
Gemeinde bekmmert; sein Lieblingswerk, das ihm den Abend seines Lebens
verschnen helfen sollte, der groe Tempel, den er drauen auf der Heide
der Barmherzigkeit errichtete, nahm ihn vllig in Anspruch. Jetzt aber,
als er die Insassen des Dorfs um sich sah, empfand er zum ersten Male
die klaffenden Lcken, die das Fieber der Spekulation und die Sucht nach
raschem Erwerb in ihre Reihen gerissen hatte. Langsam frbte sein
schnes Patriarchenantlitz sich dunkler. Sein Blick flog nach rechts, wo
die Mllers saen: das war die Bank der Snder, das waren die
Zertrmmerer seiner Gemeinde. In ihrer Hand war die goldene Axt der
Industrie zu einem Mordwerkzeug geworden, zum Henkerbeil. Er entsann
sich hnlicher Vorgnge. An der Grenze der Lausitz hatte jngst die
Aufdeckung groer Kohlenlager eine ganze Gemeinde gewissermaen
verschlungen; man hatte die Felder verkauft und die Huser
niedergerissen, um der Erde ihre Schtze zu rauben, und da kam pltzlich
der Rckschlag, und der Absatz begann zu stocken; Groindustrielle
erwarben das ganze Gebiet, und die Gemeinde wanderte aus. Er entsann
sich auch eines andern Falles schnellen Reichtums, der viel besprochen
worden war, eines groen und kstlichen Waldes, den eine Gemeinde in der
Mark geerbt hatte, und den sie schleunigst niederschlagen lie, um sich
die Sckel fllen zu knnen. Aber dieser gemordete Wald rchte sich;
Trunksucht und Liederlichkeit rissen im Dorfe ein, die Familien
verfielen, eine Zeit raschen Niedergangs begann. berall, wo man den
Bauern mit Gewalt seiner ursprnglichen Ttigkeit entfremdete, wo auf
den Drfern eine pltzliche nderung der Erwerbsverhltnisse eintrat,
zeigte sich das gleiche Resultat ...

Fritz Mller hatte sich zur Hochzeitsfeier einen Frack machen lassen, in
dem er wie eine groe und dicke Fledermaus aussah. Auch einen neuen
Zylinderhut besa er, und dennoch schien er sich sehr unbehaglich zu
fhlen. Er blickte nicht vom Boden auf, whrend seine Braut, ganz in
Wei, was die schwarze Person nicht bel kleidete, die Augen frank und
frei im Kirchenraume umherschweifen lie, als suche sie den, der etwas
wider sie und ihren Fritz zu sagen wage. Hinter dem Brautpaar hatte die
Familie Platz genommen: die beiden Alten, Bertold mit seiner Frau und
Albert. Albert mit zerstreutem Gesicht, wie gewhnlich, und in der Tat
wanderten seine Gedanken weit ber die heilige Sttte hinaus und bauten
Haus an Haus, das Sanatorium auf der Anhhe des Baronshofs und
ringsherum einen Kranz schner Villen. Er hatte groe Summen
aufgenommen, aber auch an Sicherheit gewonnen. Er sorgte sich nicht
mehr; er wute nun, da die Zukunft von Oberlemmingen den Mllers
gehrte.

Eycken hatte auch diesmal das Bibelwort aus der Genesis gewhlt, das er
fters seinen Traureden zugrunde zu legen pflegte: Es ist nicht gut,
da der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn
sei... Er sprach lnger als sonst, und er bemhte sich, milde zu sein.
Aber Fritz verstand seine Anspielungen. Er wurde bald rot, bald bleich
und rckte unruhig auf seinem Stuhle hin und her, whrend Frida
kerzengerade dasa und den Pastor mit ihren Kohlenaugen unverwandt
anstarrte. Auch die Gelegenheit, den Zersetzungsproze in der Gemeinde
zu erwhnen, lie Eycken sich nicht entgehen. Er hielt dem Brautpaare
vor, da ihnen beiden wie ihrer Familie durch die Entdeckung der
Heilquelle ein groes ueres Glck beschieden worden sei, doch sollten
sie sich nicht von diesem Glcksfalle berauschen lassen und ihn auch
andern teilhaftig machen. Und dann fuhr er fort: Gleichwie aus der Erde
tiefem Schacht neben der heilspendenden Quelle auch giftige Schwaden
aufsteigen knnen, die das Land verseuchen; wie das Wasser selbst, wenn
man seine Kraft nicht zgelt, mit brausender Gewalt den Boden zu
unterhhlen vermag, bis er eines Tages einstrzt und alles in die
brodelnde Tiefe reit, was oben trgerisch grnte -- so sprudelt auch
oft aus dem tiefen Schacht der Menschenseele ein ungebrdiges Wnschen
auf, das strker und strker anschwillt, zerstrt, schadet und
niederreit, wenn man sich nicht bemht, es einzudmmen und seiner Herr
zu werden. Anfangs lenkt vielleicht nur der Erwerbssinn und der Trieb
der Selbsterhaltung diese Wnsche, aber allmhlich tritt Migunst und
Habgier dazu, und der schaffende Verstand artet in listige Ausbeutung
aus, die geschickte Hand rafft allenthalben zusammen, was sie zu eignem
Vorteil erreichen kann, und schont auch andrer Eigentum nicht. Im Herzen
eines jeden von uns entspringt der Quell des Wnschens rein und
kristallklar; doch ach, wie leicht wird er trbe, wenn sich Bses und
bles in ihn mischt, und wie braust er auf und bertnt das Gewissen,
wenn man ihn ungehindert flieen lt und zgellos nhrt, bis er, gleich
einem wilden Strome, alles Gute in uns berschwemmt! Gebt acht, da ihr
euer Wnschen zu bndigen versteht! Haltet ihn rein, den Quell eurer
Hoffnungen -- wie jenen, den Gottes Hand drauen im Felsgestein zum
Heile der leidenden Menschheit hervorsprudeln lie!

Aber Albert Mller drehte an seinem Schnurrbart und zog den Mund schief.
Stumm und gleichgltig blickten die andern drein. Die Braut stierte noch
immer mit ihren schwarzen Kohlenaugen unbeweglich in das Gesicht des
Pfarrers. Fritz hatte den Kopf gesenkt.

Den Mllers gegenber, auf der linken Seite des Altars, sa die Familie
Grdecke, Vater und Mutter und zwei Schwger, alles ungeheure Gestalten
mit roten Gesichtern, dick und protzig. Vater Grdecke hatte seine
rechte, unbehandschuhte Tatze auf die Chorbank gelegt, so da man den
dicken goldenen Siegelring auf seinem Zeigefinger bewundern konnte.
Dieser Ring glnzte hell im freundlichen Sonnenschein, wie einst das
goldene Kalb geleuchtet haben mochte, das sich Israel als Gtzen
errichtete. Und whrend Eycken sprach, liebugelte Herr Grdecke
bestndig mit seinem Siegelring, der ihm bei den aggressiven Worten des
Pastors eine gewisse Beruhigung zu gewhren schien. Denn er wie die
Mllers verstanden schon den Geistlichen; sie wuten, was er meinte.
Aber es war kein einziger unter ihnen, der sich seine Ansprache zu
Herzen genommen htte. Auch Fritz nicht; in dessen Seele lebte nur der
eine Gedanke: 'Wenn es doch erst aus wre!'

Es dauerte auch nicht mehr lange. Beim Ringewechsel und der
Fragestellung entstand ganz hinten in der Kirche, unter dem Orgelchor,
ein Gerusch, das Eycken aufblicken lie. Doch die Sonne blendete. Es
schien ihm, als sehe er, halb verdeckt von einer der groen Sulen, die
den Chor trugen, den alten Klempt, den seine Schwester Pauline
zurckzudrngen versuchte. Dann fiel drhnend die Orgel ein, und die
Posaunen bliesen ...

Das Hochzeitsmahl fand selbstverstndlich im Hotel Mller statt. Man
hatte sich gentigt gesehen, auch Eycken einzuladen, der indessen
abgesagt hatte. Das war allen lieb. So blieb man denn unter sich; von
den Bauern war keiner gebeten worden.

Noch vor Beginn des Mahls tauschte man seine Ansichten ber die
Traupredigt aus. Die Mnner standen alle zusammen in einer Ecke des
groen Saals, in dem die Tafel gedeckt war: die von der Familie Grdecke
mit vorgeschobenen Leibern, von weien Westen umspannt, auf denen
goldene Uhrketten flimmerten; daneben der alte Mller, schon wieder die
Pfeife im Munde, mit seinem harten und eisernen Gesicht -- der kleine
Bertold, krumm, mit verschmitztem Blinzeln hinter der Brille, und
Albert, schlank, sehnig und elastisch, ein brutales Kraftgefhl zur
Schau tragend. Sie schimpften weidlich auf Eycken und in allen
Tonarten; Albert allein meinte skeptisch:

Was schert's _uns_?! Lat ihn doch reden!

Das Mahl whrte lange. Es wurde gewaltig gegessen und getrunken. Man
hatte nicht gespart. In den Ecken des Saals huften sich die leeren
Weinflaschen an. Das Gesicht der Mutter Grdecke glhte wie von Flammen
bestrahlt: ihr Mann hatte seinen Stuhl neben den Platz Alberts geschoben
und sprach mit letzterem ber die neue Fleischhalle, whrend ringsumher
der Lrm der Tafelnden immer lauter anschwoll.

Um so stiller war es drauen. Die Nacht hatte sich ber das Dorf
gesenkt, aber es war hell, denn der Himmel war ausgesternt und der Mond
aufgegangen. Der Mond hatte einstmals, vor Jahrhunderten, dies kleine
Oberlemmingen entstehen sehen. Ein versprengter Wendenstamm hatte hier,
auf den beiden Hhen, whrend das Tal selbst noch See war, seine
Pfahlbauten errichtet. Und dann war das Wasser gefallen, und sssige
Leute hatten sich angesiedelt und zum Pfluge gegriffen. Auf dem
Baronshofe erhob sich das erste Schlo, mit festen Mauern und
Wallgrben. Fremde Kriegsschwrme berfluteten das Land und brannten die
Huser nieder. Aber die Liebe zur Heimat war gro; aus Schutt und
Trmmern erhob sich ein neues Dorf und ein neues Haus an Stelle des
alten Schlosses. Die Zeit verrann. Auch auf dem Auberg wurde es wieder
lebendig. Dort fate zuerst die siegende Industrie festen Fu, ehe sie
zu Tal stieg. Vor ihrem Triumphschritt fielen die Katen der Taglhner
und die Bauernhtten; abermals brach eine neue Epoche an. Eine so rapide
Vernderung, wie sie im Laufe der letzten beiden Jahre ber
Oberlemmingen gekommen, hatte der Mond noch nicht gesehen. Und doch war
es erst der Anfang. Wenn bei Auf- und Niedergang abermals eine Reihe von
Jahren verflossen ist, wird der Mond noch Erstaunlicheres schauen. Dann
sind auch die letzten Bauernhuser verschwunden, die heute noch stehen,
und eine Villenstadt breitet sich unten im Tal aus, umringt von sauberen
Parkgehegen, von geschorenen Wiesen, glatt und weich wie Samt, und von
blhenden Bosketts, die in den Sommernchten duften. Das Dunkel des
Abends kennt man nicht mehr in Oberlemmingen, denn die elektrischen
Kugeln spotten der Nacht, und vor ihrem hellen, weien Lichte erlischt
der Mondenglanz. Vom Auberge aus bis zum Lemminger Zacken zieht sich
durch das Grn der Anlagen eine ganze Reihe stattlicher Baulichkeiten,
hbsche Chalets und Wohnhuser, rztliche Anstalten und Institute, die
neuen Bder, die Basarreihen, Hotels und Restaurants. Hie und da ragen
hohe Trme in die Luft; die Fabrikschlote dampfen. An den Ufern der
kleinen Barbe, die mit so silbernem Lachen das Tal durchstrmt, sind
elegante Kaie entstanden, mit breiten Promenadenwegen, Pavillons und
Kiosken. Und eine bunte Menschenmenge, aus allen Weltgegenden
herbeigestrmt, belebt dieses Bild; im Kurpark stauen sich die Massen
und berfluten ihn; es wimmelt auf den Wiesen, im Walde und zwischen den
Feldern. Wagen rollen hin und her. berall Fremde ...

Das wird der Mond sehen, wenn bei Auf- und Niedergang abermals eine
Reihe von Jahren verflossen ist. Doch nach den Bauern von Oberlemmingen
wird er vergebens Umschau halten. Denn das Triumphgespann der Kultur
gleicht dem Gtzenwagen von Djaggernaut, dessen demantene Rder so
strahlen und leuchten, da man die Opfer kaum merkt, die sie auf ihrem
Wege zermalmen.

       *       *       *       *       *

Am Abend des Hochzeitstages ihres ehemaligen Brutigams wurde Drthe im
vterlichen Hause vergeblich erwartet. Es war ihr ein schrecklicher
Gedanke, immer wieder in das gramdurchfurchte Gesicht des alten Vaters
blicken und die Weissagungen der Tante Pauline anhren zu mssen, die
der Familie Mller aus Eiwei und Kaffeestzen und Traum- und
Punktierbchern heraus den frchterlichsten Untergang prophezeite.

Whrend der Kirchenzeit hatte Drthe in ihrer Kammer ununterbrochen
geweint. Dann war Hedda zu ihr gekommen, hatte sich neben sie gesetzt
und trstend mit ihr zu sprechen versucht. Und wirklich war Drthe
ruhiger geworden, hatte Heddas Hand gekt, ihr fr ihren gtigen
Zuspruch gedankt und war schlielich wieder still und emsig an ihre
Arbeit gegangen.

Nun schritt sie, ein dickes Tuch um den Kopf gebunden, die Dorfstrae
hinab. Sie trug sich schon seit einigen Wochen mit der Absicht, sich das
Leben zu nehmen. Als der Gedanke an Selbstmord zuerst in ihrem wirren
Kopfe aufgetaucht war, hatte sie sich davor erschreckt. Aber mit der
Zeit hatte sie sich fester und fester in diesen Gedanken hineingelebt,
ohne zu grbeln, immer nur das Ziel vor Augen, Fritz durch ihren Tod zu
beweisen, wie lieb sie ihn gehabt htte, und wie gro sein Unrecht gegen
sie gewesen sei. Ihr Begriffsvermgen war zu beschrnkt und die
Empfindungswelt, in der sie lebte, zu einfach, als da sie sich ber den
starren Trotz htte klar werden knnen, der das leitende Motiv zu ihrem
Entschlusse war. Sie wute ganz genau, da die gesamten Mllers der
Ansicht waren, sie werde sich allmhlich schon trsten; nun wollte sie
ihnen zeigen, da es anders sei. Sie bedauerte nur, da sie den
Schrecken der Mllers und das Gesicht Fritzens nicht mehr sehen knne,
wenn man sie aus dem Wasser ziehen wrde.

Sie war jetzt ganz ruhig und fast heiter. Sie hatte am Sptnachmittag
noch eine Stunde im Gesangbuch gelesen. Ein altes Kirchenlied, das sie
als Kind einmal auswendig lernen mute, war ihr wieder in die Augen
gefallen, und sie sprach es auch jetzt leise vor sich hin:

    O Vater der Barmherzigkeit,
    Ich falle dir zu Fue,
    Versto mich nicht, der zu dir schreit
    Und tut noch endlich Bue.
    Was ich begangen wider dich,
    Verzeih nur alles gndiglich
    Durch deine groe Gte...

Jenseits der Chaussee bellte ein Hund. Sonst war es totenstill im Dorfe.
Aber je nher Drthe dem Mllerschen Gasthaus kam, um so deutlicher
hrte sie ein lustiges Stimmengewirr. Hinter den Parterrefenstern des
Hotels glnzte helles Licht. Man feierte noch immer da drinnen.

Drthe trat in den Schatten des Hauses und drckte sich dicht an die
Wand, neben der breiten Treppe, die in das Haus fhrte. Hier lauschte
sie angestrengt. Sie htte gern noch einmal die Stimme ihres Fritz
gehrt. Aber es war unmglich, denn jetzt hub im Saale auch eine lustige
Musik an: Vietz mit zwei Geigern war da.

Unwillkrlich mute Drthe an jenes Erntefest zurckdenken, auf dem man
ihre Verlobung gefeiert hatte. Eine ganze Reihe bunter Bilder schien an
ihr vorberzuflattern. Sie sah den Alten, wie er sie um die Taille fate
-- sah sich mit Fritz tanzen, sah die Liese Braumller und die ganzen
jungen Burschen vor sich, hrte das Krachen des pltzlich losbrechenden
Gewitters und die heisere Stimme des trunkenen Vietz das Lied Hans mit
de Krusekragen singen.... Und dann die Abschiedsstunde im Buchenhain.
Es strmte brennend hei durch Drthes Herz. Da hatte er sie auf seinen
Armen getragen, und sie hatte so sicher geglaubt, da noch alles gut
werden wrde ...

Sie ging weiter. Trnen tropften ber ihre Wangen. Pltzlich fiel ihr
noch etwas ein. Sie hatte einen Brief in der Tasche, an Fritz
adressiert, nur die Nachricht enthaltend, da sie am Lindengrund in den
See springen wrde, weil sie nicht lnger leben wolle -- den sollten die
Hochzeitsgste vor der Hoteltr finden. Und sie machte nochmals kehrt,
schlich sich wieder am Hause entlang, huschte rasch die Treppe hinauf
und legte den Brief auf die innere Schwelle der offenstehenden Haustr.

Dann flog sie davon. Sie rannte die Chaussee hinab und schritt erst
wieder langsamer aus, als sie in den Dbbernitzer Weg einbog.

Im Walde frchtete sie sich. Die Mondstrahlen tanzten vor ihr im Sande,
und von allen Seiten erklangen fremdartige Tne: Rauschen, Knacken und
chzen. Irgend ein dunkles Getier flchtete in der Ferne scheu ber den
Weg.

Drthe begann wieder zu laufen. Einmal schrie sie laut auf; ihr eigner
Schatten hatte sie erschreckt. Sie strzte von neuem weiter,
rechtsseitig hinein in den Wald -- da mute der See liegen! Ihr Herz
klopfte zum Springen; sie war in Schwei gebadet. Ganz pltzlich
umflutete sie heller Mondschein -- sie stand auf einer schneeberwehten
Lichtung, und unten schimmerte tiefschwarz der See.

Drthe hatte atemschpfend halt gemacht. Sie hatte ihr Kopftuch
verloren; ihr Haar war aufgegangen und flatterte um ihre Schultern. Sie
stierte mit groen, glhenden Augen auf das schwarze Wasser hinab. Es
tobte und brodelte in ihrem armen Kopf, und durch ihr Hirn zuckten
schmerzhafte Stiche. Ein unsgliches Grausen schttelte sie -- eine
furchtbare Angst vor dem Tode und vor dem kalten Wasser. Sie wollte
wieder zurck ...

Hinter ihr im Walde wurde es laut; er rauschte und knackte von neuem --
ein Schwarzwild brach durch das Unterholz und jagte die Dohlen auf.
berall in und unter den Bumen schien es lebendig zu werden ... Mit
gellem Schrei strzte Drthe den Abhang hinab, und in vollem Lauf begann
sie stammelnd ihr Lied zu beten: O Vater der Barmherzigkeit... Dann
ein letzter Schrei -- ein schweres Aufschlagen im Wasser, ein Gluckern
und Wogenrollen ...

Im See bildeten sich lngliche Kurven, die den glatten Spiegel trbten,
sich weiter und weiter wlbten und schlielich allmhlich verrannen. Aus
dem metallenen Schwarz des Wassers leuchtete wieder das Abbild des
Himmels hervor, der sternendurchglnzten Ewigkeit.




Fnfzehntes Kapitel


Wieder war es Frhling geworden -- der erste warme Tag im Jahre, ein
Tag, der die Freuden des Sommers vorahnen lie.

Im Parke von Dbbernitz knospete es an Baum und Strauch. Es war nicht
mehr die wuchernde Wildnis, die sich hier unter dem verschollenen
letzten Zernin ungebndigt und unaufgehalten ausbreiten konnte, aber ein
Hauch jener Urwaldpoesie war trotz der schmckenden und regelnden Hand
des Grtners doch noch zurckgeblieben. Die weiten Rasenflchen legten
bereits ihr grnes Lenzkleid an, und nur hie und da lugte noch ein
Fleckchen Winterbraun hervor. Die Lrchen blhten schon, und an den
Kastanien zeigten sich dicke, harzene Knospen; die frischen Bltter der
Mahonien schimmerten wie lackiert, die Narzissen erschlossen ihre
Kelche. Das Grn der Bosketts schillerte in mancherlei Abstufungen; die
Spiren, immer die ersten im Frhlingsschmuck, trugen ihr Blattwerk
schon in krftigerer Frbung zur Schau, aber Flieder, Jasmin und
Schneebeeren begngten sich noch mit zarterer Tnung und die jungen
Triebe der Edelweide hatten sich mit einem blulichen Schleier
umsponnen. Vor allem aber zeigte das Leben in der Vogelwelt, da der
Sommer nahte. Es zwitscherte, pfiff, trillerte und sang berall in den
Zweigen, und hoch durch die blaue Luft strichen die Schwalben.

Die Grtner arbeiteten im Park. Die Treibhaustren waren weit geffnet;
ein paar Koniferen wurden ins Freie geschafft. An den Spalieren
beschnitt man das Obst und den Wein; die Wege wurden vom trockenen Laube
gesubert und hie und da neu mit Kies bestreut; die hochstmmigen Rosen,
deren Wipfel den Winter hindurch niedergelegt und mit Erde bedeckt
worden waren, wurden aufgerichtet und wieder an ihre grnen Pfhle
gebunden. Zahlreiche Hnde regten sich, den Sommer zu empfangen.

Uff, meinte der alte Hellstern, als er in den Schlogarten trat;
August, ich habe dich verkannt. Ich nehme es zurck, da ich sagte, du
seiest ein noch grerer Esel, als ich geglaubt htte. Du bist ein
minder groer. Es ist wahr, der Sonnenschein tut mir wohl, und eine so
warme Luft htte ich nicht erwartet. Was meinst du: ob ich meine
Mittagspfeife im Freien rauchen kann?

Das konnt' ich mir denken, erwiderte August, die schwachen Gehversuche
des Alten mit krftigem Arm untersttzend; kaum fhlen sich der Herr
Baron mal wieder so 'n bichen, und gleich mssen Sie leichtsinnig sein.
Aber ich glaube, ich werd's diesmal verantworten knnen. 's ist wirklich
wie im Sommer, und die Mcken spielen auch schon. Der Herr Baron knnen
sich ein Stndchen unter die Bste setzen, aber nur, wenn Sie sich die
Beine ordentlich einwickeln. Ich werde Franzen sagen, da er die
Pelzdecke runterbringen soll.

Hellstern nickte. Tu das, mein Sohn, und sage dem Franz auch gleich, er
soll die Zeitungen und die Briefe mitbringen, die auf dem Tische vor dem
Sofa liegen, und die Brille vom Schreibtisch. Und dann mummle mich ein,
wie du es fr gut hltst. Du siehst, ich pariere dir aufs Wort--

Na na, Herr Baron!

Widersprich nicht immer! Ich sage dir, ich pariere dir aufs Wort, du
jammervoller Mensch, denn ich bin schon froh, da ich den Wrter
losgeworden bin, der immer nach Lazarett und Kamillentee roch. Und was
willst du denn eigentlich? Ich kann die Beine schon wieder ganz hbsch
bewegen -- soll ich mal im Parademarsch an dir vorberdefilieren -- he?

Vorlufig setzen sich der Herr Baron man geflligst ruhig hin. Ich habe
der Frau Baronin Tochter geschrieben, da es gottlob besser ginge, und
wenn der Herr Baron Dummheiten machen und wieder ein Rckfall kommt,
dann bin ich mit blamiert. Sehn Sie, das ist hier so 'n schnes
Pltzchen, mitten in der Sonne, und da haben der Herr Baron den seligen
Kaiser im Rcken und vorne den grnen Rasen und knnen mal links in die
Birken gucken und mal rechts in die Blutbuchen, und was da sonst noch
steht. Und nun will ich den Franz rufen.

Aber der Alte hielt August noch am rmel fest.

Du, sagte er, weil du vorhin von der Frau Baronin sprachst: ich habe
heute nacht von ihr getrumt. Aber so deutlich, als ob es Wirklichkeit
gewesen wre. Und vom Herrn Baron auch; der sah so bla und elend aus,
da ich vor Schreck aufgewacht bin. Das macht mich ein bichen unruhig.

Na ja -- das fehlte noch! Nu kommen der Herr Baron schon auf die
Sprnge von Klempts Paulinen. Der Doktor hat jede Gemtsbewegung
strengstens verboten. Am besten wr's, der Herr Baron trumten berhaupt
nicht.

Mach, da du fortkommst! Ich soll wohl noch eine Medizin gegen das
Trumen einnehmen? ... Vergi mir die Briefe nicht!

Und dann faltete er die Hnde im Schoe, lehnte den Kopf zurck und lie
sich bei halbgeschlossenen Augen von der Sonne bescheinen.

Es war in der Tat ein freundliches Pltzchen dicht neben der kleinen
Schlotr, die zu den Fremdenzimmern fhrte. In einem Halbkreise von
Taxushecken stand ein Pilaster mit der Bste des alten Kaisers Wilhelm,
ein Geschenk der Landschaft an den verstorbenen Minister, das die
Glubiger Klaus Zernins respektiert oder vergessen haben mochten. ber
die Wiesenlichtung fort konnte man von hier aus tief hinein in den Park
schauen, bis zu den groen Trauereschen am Bach und nach rechts herber
zu den wunderschnen alten Blutbuchen, in deren Gest noch die
abgestimmten olsglocken hingen, deren eigentmlich zartes Tnen und
Klingen Frau von Zernin ganz besonders geliebt hatte.

Franz brachte die Decken und die gewnschten Zeitungen, auch noch ein
paar Kissen und zur Vorsorge den Tabakskasten und Feuerzeug, und August
begann seinen Herrn einzupacken.

So, sagte er schlielich, nun bleiben der Herr Baron hbsch stille
sitzen. Brennt die Pfeife noch? Ja, sie brennt noch. Hier ist auch die
Brille. Aber ich wrde nicht so viel lesen, Herr Baron; es steht ja doch
nichts drin in den Zeitungen und regt Ihnen blo die Gedanken auf.

Rede nicht so viel, sondern hebe dich weg, Augustus miserabilis. Wenn
ich dich brauche, schicke ich einen der Grtnerburschen nach dir. Adj!

August nickte zufrieden und ging in das Schlo zurck. Geraume Zeit
hindurch war er recht in Sorgen um seinen Herrn gewesen -- damals, als
die jungen Herrschaften nach der Hochzeit ihre groe Reise angetreten
hatten. Der Alte brummte und schimpfte nicht mehr; es verstrichen
Wochen, ohne da August gekndigt wurde, ohne da ihm ein
zusammengeknlltes Zeitungsblatt oder das Brillenfutteral an den Kopf
geflogen wre. Das waren beunruhigende Symptome. Wenn der Herr Baron
nicht mehr wtend wurden, ging es langsam zu Ende mit ihm -- davon war
August berzeugt. Das Herz tat ihm weh, und eines Morgens sprach er
sich unumwunden mit seinem Gestrengen ber seinen Kummer aus.

Herr Baron, sagte er, ich ertrage das nicht lnger. Sie mssen wieder
an die Familienchronik gehen. Ich wei zwar, da Ihnen der Doktor
gemtliche Erregungen verboten hat, aber ich halte es fr noch
schlimmer, wenn Sie so tagaus tagein immer blo vor sich hindrusseln. Da
kommen Ihnen erst die dummen Gedanken. Nehmen Sie ruhig Ihre Arbeit
wieder vor. So 'n kleiner rger von wegen der Vokabeln schadet Ihnen
nichts; das frischt Sie auf. Und ich mchte auch mal wieder besser
behandelt werden, Herr Baron. Es ist lange her, da Sie zum letzten Male
Esel und Jammerfrosch zu mir gesagt haben. Das krnkt mich.

Da lachte der Alte nach Monaten wieder einmal herzlich und lustig auf,
lie August nhertreten, gab ihm die Hand und sprach einige Worte mit
ihm, die ein andrer fr Injurien gehalten haben wrde. Aber August
nicht; sein Gesicht glnzte und seine Augen wurden feucht; nun wute er
doch, da sein Herr ihn immer noch lieb hatte.

Hellstern setzte sich wirklich wieder hinter die Arbeit. Er hatte
Sehnsucht nach seiner Tochter gehabt -- das hatte ihn still werden
lassen. Nun vergrub er sich wieder in seine Papiere und Dokumente. Wenn
Axel zurckkehrte, sollte er die Chronik vollendet vorfinden. Aber er
konnte nicht, wie auf dem Baronshofe, hintereinander fortarbeiten; auch
der Arzt wollte das nicht. Vor allem war ihm Bewegung verordnet worden,
und August sorgte dafr, da der Baron die rztlichen Vorschriften
einhielt. Auer den Marschbungen durch eine lange, geheizte
Zimmerflucht gab es noch eine Reihe mechanischer Bewegungen an
verschiedenen Apparaten; auch kam tglich der Arzt aus Oberlemmingen zur
Massage und zu einer gelinden elektrischen Kur. Besonders die letztere
schien anzuschlagen; im Laufe des Winters machte der Baron erstaunliche
Fortschritte. Das freute ihn selbst, denn er konnte darber seiner Hedda
berichten, und Jubelbriefe trafen als Antwort ein. Auch eine gewisse
Anteilnahme an der Wirtschaft machte ihm Spa und unterhielt ihn. Der
Administrator erschien tglich bei ihm mit dem Rapport, und bei Beginn
der Frhjahrsbestellung hatte sich Hellstern sogar fters zu Wagen auf
die Felder gewagt. Die alte Liebe zum Lande erwachte in ihm; mit
lebhaftem Interesse verfolgte er die Manahmen des sehr tchtigen
Verwalters, den er gelegentlich auch abends zu sich einlud, um mit ihm
zu plaudern.

Auf Hellsterns Schoe lagen die neuen Zeitungen und die letzten Briefe
Heddas. Sie waren etwas sorgenvoll gehalten. Man hatte schon im Februar
die Reisedispositionen ndern mssen. Axel war wieder krnklicher
geworden; auf seine zarte Natur hatte auch die unbedeutendste Erkltung
starken Einflu. Die rzte wnschten, da er nicht vor Juni nach Hause
zurckkehre -- und damit wuchs die Sehnsucht Hellsterns.

An dem hohen, schmiedeeisernen Tore, das vom Parke in den inneren
Schlohof fhrte, wurden Stimmen laut.

Hellstern erhob den Kopf.

Ist es denn mglich! rief er. Eycken -- Pastor -- sind Sie es
wirklich?! Lassen Sie sich auch einmal sehen? Ist der alte Freund noch
nicht gnzlich vergessen?!

Immer los mit den Vorwrfen, lieber Hellstern -- ich habe sie redlich
verdient! Ich habe aber auch meine Entschuldigungen -- und nun mal
zuvrderst die Hand -- beide Hnde, damit ich sie recht krftig drcken
kann! Gott sei Dank, Alterchen, ich sehe, August hat nicht bertrieben:
Sie werden wahrhaftig noch einmal jung!

Eycken hatte sich neben Hellstern in einen der Korbsessel gesetzt. Er
war unverndert, noch immer der schne, weibrtige Patriarch mit den
klaren Augen voll Gte und Barmherzigkeit.

Die beiden alten Herren hatten sich seit lngerer Zeit nicht gesehen und
einander viel zu erzhlen.

Ich habe in den letzten Monaten so viel zu tun gehabt, da ich kaum
noch Mensch bin, sagte Eycken. Meine Anstalt ist fertig und vorgestern
eingeweiht worden. Sechzehn arme liebe kleine Geschpfe sind meine
ersten Pfleglinge. Hellstern, ich bin berglcklich! Ich habe meine
Pfarre aufgegeben, um ganz dem Hospiz leben zu knnen. Das ist mir
lieber und fllt mein Leben besser und wohltuender aus -- was mir vom
Leben brig bleibt! Ich habe letzthin in Oberlemmingen ble Erfahrungen
gemacht; es ist nicht alles so wie es sein sollte, und wie ich es
erhofft habe.

Kann ich mir denken, warf Hellstern ein.

Nein -- es ist vieles anders geworden, wie ich erhofft habe, fuhr
Eycken fort, und der Selbstmord der kleinen Klempt -- eurer Drthe --
der hat sozusagen das Ma zum berlaufen gebracht. Ich hielt's nicht
mehr aus in der Gemeinde. Was sag' ich, Gemeinde -- die alte Gemeinde
existiert berhaupt nicht mehr! Alles ist zersprengt worden; meine
Besten sind fort; die Mllers regieren da unten.... Sie wissen, da ich
mich zu Ihren Ansichten nie habe bekehren knnen, lieber Freund -- auch
heute noch nicht. Ich bin kein Gegner des Fortschritts, kein Feind regen
industriellen Aufschwungs. Aber es wurmt und grimmt mich, da die
Quelle, die der liebe Gott den Menschen zu ihrem Heile geschenkt hat,
ein Objekt wilder und niedriger Spekulation geworden ist. Es grimmt
mich, da gewissenlose Leute diese Gabe des Hchsten in schmhlicher
Weise auswuchern, statt sich mit ehrlichem Verdienst zu begngen. Und
deshalb zog ich mich zurck.

Der Baron nickte. Ich verstehe es, entgegnete er; ich sah das alles
vom ersten Moment ab, da von der Quelle gesprochen wurde, genau so
kommen, wie es sich nun tatschlich entwickelt hat. Ich hab's seinerzeit
auch den Mllers gesagt, als sie mich gerne als Kder und Aushngeschild
einfangen wollten. Ich kannte die Leute und wute, da sie einen Ring
bilden und die Ertrgnisse der Quelle allein in ihre Taschen leiten
wrden, soweit es nur irgendwie anging. Ein Feind der Industrie bin ich
ja auch nicht, Pastor -- wahrhaftig nicht, da verkennen Sie mich--,
aber ein Feind selbstschtiger Spekulation, die andern das Geld aus dem
Sckel lockt! Ich hoffte noch immer, es wrde Schellheim gelingen, das
Ganze in geordnete Wege zu leiten -- aber als er im Winter einmal hier
war, machte auch er mir Andeutungen, als wolle er sich nach und nach
zurckziehen.

So ist es, besttigte Eycken, er ist der ewigen Znkereien mit den
Mllers mde geworden. Es herrscht eine trbe Stimmung im Auschlosse.
Der lteste Sohn hat geheiratet, und der Kommerzienrat will mit der
Schwiegertochter nicht warm werden. Es geht ihm zu Herzen, da der Hagen
nicht hher hinaus gewollt hat. Ich habe meine ganze Dialektik
angewandt, ihn davon zu berzeugen, da sich das Menschenglck nicht um
Rang und Stand und gesellschaftliche Gegenstze kmmert, aber er bleibt
frostig und khl. brigens hat er mir neulich erzhlt, da sein Gunther
mit Ihren Kindern in Gibraltar zusammengetroffen ist; wie kommen Hedda
und Axel denn dahin?

Hellstern sprach von den letzten Briefen seiner Tochter und von Axels
Rckfall. Die beiden hatten beschlossen, dem Rate des Arztes zu folgen,
den Februar und Mrz auf Madeira zu verleben und dann in langsamen
Etappen heimzukehren. Auch an den Vater hatte Hedda von der Begegnung
mit Gunther geschrieben; der Doktor sei immer noch der liebenswrdige,
etwas schchterne junge Mensch von frher ...

Eycken blieb bei dem alten Freunde, bis August erschien und mahnend
darauf aufmerksam machte, da es beginne, khler zu werden. Dann nahmen
die Herren herzlichen Abschied voneinander.

Kommen Sie bald wieder, Pastor, sagte Hellstern. Ich hre gern etwas
Neues, und Sie wissen, ich hause hier wie ein Murmeltier. Schleppt mich
der August wirklich einmal heraus -- nach Oberlemmingen zu setze ich
keinen Fu! Ich mchte das Dorf nicht wiedersehen -- nie wieder, -- ich
glaube, es zerrisse mir das Herz, wenn ich an Stelle meiner braven
Bauern hundert fremde Gesichter she! Das Herrenhaus auf dem Baronshof
wird wohl auch bald abgetragen werden -- nein, Eycken, ich hnge doch
noch zu sehr am Alten, und in meinen Jahren krempelt man sich nicht mehr
um wie ein Handschuh! Gott befohlen, Pastor!

Er nickte dem Abgehenden nochmals nach und lie sich von August die
Decken abnehmen.

Pack an, mein Alter -- unter den rechten Arm -- so -- hupp! ... Hr
mal, August, mein Sohn: wenn ich mal sterben sollte--

Reden der Herr Baron doch nicht _so_ etwas!

Wir knnen doch nicht ewig leben, Nachtmtze! Also wenn ich mal sterben
sollte, da mcht' ich doch in Oberlemmingen beerdigt werden. Man hat es
mir zwar gehrig verekelt, aber der Tod, denk' ich, gleicht aus und
vershnt. Buddelt mich auf dem Kirchhofe ein, neben den andern
Hellsternschen Grbern; der groe Fleck unter der Linde gehrt mir, den
hab' ich gekauft. Da knnen auch die Mllers nicht 'ran. Also verstehst
du: unter der Linde will ich begraben sein!

Ich versteh' schon, entgegnete August; aber der Herr Baron werden's
am Ende nicht belnehmen, wenn wir damit noch 'n bichen warten tun. Es
eilt ja nicht so. Sehr viel sind wir nicht auseinander an Jahren, der
Herr Baron und ich; und wenn sich der Herr Baron erst hingelegt haben,
dann dauert's mit mir auch nicht mehr lange. Das wei ich gewi. So 'n
altes Tier wie ich mu seine regelrechte Ftterung haben und seine
gleiche Behandlung. Ins Neue leb' ich mich auch nicht mehr 'rein -- da
geht's mir gerade wie dem Herrn Baron. Also warten wir schon noch; der
liebe Gott wird ja wissen, wenn's Zeit ist.

Das wird er, erwiderte Hellstern ernsthaft. Vielleicht lt er uns am
gleichen Tage von hinnen gehen. Das wre eine hbsche Sache, August,
denn ohne deine Dummheit wrde ich, frcht' ich, nur noch ein schweres
Auskommen haben. Kein Mensch wei mich so zu rgern wie du, und auf
keinen kann ich mit so freudig bewegtem Herzen schimpfen wie auf dich.
Ich glaube, du wrdest mir sehr fehlen, weil du so ein guter, treuer,
alter Esel bist.

Beide standen jetzt vor dem Zimmer, das Hellstern bewohnte. August
klinkte die Tr auf.

Gott sei Dank! sagte er, ich hr's am Ton: es wird schon noch ein
ganzes Weilchen Jahre gehn.

       *       *       *       *       *

An diesem gleichen schnen Frhlingstage hatte der alte Klempt eine
heftige Auseinandersetzung mit seiner Schwester Pauline.

Der Tod Drthens hatte die beiden zu Boden geschmettert, als habe eine
Riesenfaust sie getroffen. In dem wirren Hirn der Tante Pauline lebten
nur noch ihre Trume; man sah sie stndig mit ihren Deutbchern in der
Hand; es war ein seltsames, ruheloses und geheimnisvolles Dasein, das
sie fhrte.

Auch Klempt war noch stiller geworden. Der Sarg fr sein Kind war seine
letzte Arbeit gewesen; er rhrte die Hand nicht mehr. Man brauchte ihn
auch nicht; im Gegenteil, die Mllers wren froh gewesen, wenn sie den
alten, blassen Mann htten aus dem Dorfe treiben knnen. Auch sein
kleines Haus stand ihnen beim unaufhrlichen Wachsen der Villenstadt im
Wege. Gerade dorthin sollte ein groes und elegantes Restaurant im
Pavillonstil kommen ...

Klempt hatte mit den Mllers wegen der Wiese prozessiert. Er behauptete,
er sei betrogen worden; man habe sie ihm unter der Vorspiegelung, da
Fritz die Drthe heiraten solle, fr einen Spottpreis abgenommen. Er
verlor den Proze und mute auch noch die Kosten tragen. Und nun geschah
etwas, was man niemals fr mglich gehalten htte: der nchterne und
fleiige Klempt lernte auf seine alten Tage noch das Trinken. Er ging
freilich nicht selbst in den Krug, aber er lie sich durch die
Schulkinder den Schnaps holen. Und dann schlo er sich ein und trank und
trank, bis er sinnlos war.... Er macht's nicht mehr lange, sagte
Albert Mller eines Tages zu seinem Vater; gestern frh hat ihn der
Nachtwchter sternhagelvoll auf dem Kirchhofe gefunden. Ach ja, so war
es. Aber nicht allein der Schnaps war die Sehnsucht des Alten; im
brechenden Herzen schwoll hher und hher die Sehnsucht nach seinem
gemordeten Kinde an.

Den Mllers ging es immer noch nicht rasch genug. Der Proze um die
Wiesen hatte die Ersparnisse Klempts verschlungen. Bertold kaufte die
Hypothek, die auf dem Gehft lag, und kndigte sie dann. Der
geschftsunkundige Alte wute nicht, was er tun sollte, und bat seine
Schwester, ihm ihr kleines Vermgen zu berlassen, damit er das Haus
halten knne. Aber Tante Pauline verwehrte es ihm; sie hatte pltzlich
den Entschlu gefat, nach Amerika auszuwandern; ein Engel htte es ihr
im Traume geraten.

Schon lange sorgte Pauline nicht mehr fr ihren Bruder. Er kochte sich
selbst das Notwendigste, fast nur Kartoffeln. Der Schnaps stillte auch
seinen Hunger. Er lebte wie ein Tier; seine Kleider zerfielen in Lumpen.

Als seine Schwester ihn abgewiesen hatte, schlo er sich in der
ehemaligen Werkstatt ein und griff nach der Flasche. Es war tiefe
Nacht, als er nach langem Rausche erwachte. Der Kopf schmerzte ihm. Er
richtete sich vom Erdboden auf, wo er auf feuchten und dumpfigen Spnen
gelegen hatte, und schaute sich um. Aber in der Dunkelheit war nichts
erkennbar. Nun tastete er sich vorsichtig nach den Fenstern und stie
die Lden auf, die er gewhnlich auch tagsber zu schlieen pflegte. Die
khle Frhlingsluft drang vollflutend in das de Gemach. Ein leiser Wind
ging und spielte mit seinem eisgrauen Haar. Drauen war es nicht dunkel;
der Himmel leuchtete in heller Sternenpracht; es hing wei ber den
Wiesen.

In der Stille der Lenznacht schlich es sich weich in das Herz des Alten.
Die Erinnerung rhrte an ihm. Welch Leben lag hinter ihm! Sein Weib und
vier blhende Kinder hatte er hinsterben sehen; als Letzte war ihm die
Drthe geblieben -- und die hatte man ihm ermordet. Alles shnt sonst
die Gerechtigkeit der Welt -- aber seines Kindes Mrder stiegen an
Ansehen und lebten in Freuden. Wo war da die Vergeltung?! ... Klempt
entsann sich noch gut jenes Abends, als der Absagebrief Fritzens
eingetroffen war. Da war er ins Freie getreten, um nicht das
schmerzverzogene Gesicht seiner Drthe sehen zu brauchen. Im Herbst war
es gewesen, doch ganz hnlich drauen wie jetzt. Von den Wiesen stiegen
feine Nebel auf, streifenweise und leise zitternd, und schlangen sich um
die Huserfirste und das Gest der Bume. Nur der Kurpark lag vllig im
Nebel, in einem wogenden, milchigen Meer. Und in dem furchtbaren
Herzenskummer, der den stillen und ruhigen Mann wtend machte, hatte
Klempt die Hnde geballt und sie drohend erhoben nach der Richtung des
weien Nebelsees, in den der Kurpark versank.... Verfluchte
Quelle!...

Ja, diese Quelle, die die Not der Welt lindern helfen und der Menschheit
Trost und Heilung bringen sollte -- _ihn_ hatte sie zum unglcklichen
Manne gemacht. Sie hatte ihm das Letzte geraubt, an dem sein Herz hing
-- sie wollte ihn auch an den Bettelstab bringen ...

Klempt sthnte auf. In fiebernder Hast suchte er nach seiner Flasche und
setzte sie an die Lippen. Sie enthielt noch einen Rest Branntwein, der
ihn seltsam belebte und erregte. Er zndete einige Schwefelhlzer an und
whlte bei ihrem flchtigen Schein einige Stcke seines alten
Handwerkzeugs aus: Stemmeisen und Bohrer und den schwersten Hammer. Die
nahm er an sich und dann ging er. Auf dem Flure lauschte er einen
Augenblick. Schlief Tante Pauline? -- Mit raschem Entschlusse trat er in
ihr Zimmer. Aber auch hier war es so dunkel, da er abermals ein
Schwefelholz entznden mute. Nun sah er die Schwester im Bette liegen,
den Mund offen, das eingefallene Antlitz totenbla. Er legte seine Hand
auf ihre Stirn und erschrak ber das Gefhl von Klte, das ihn pltzlich
durchrieselte. Aber schon wanderten seine Gedanken weiter; er huschte
mit schnellen Schritten hinaus -- das Gesicht wei, doch mit unheimlich
flimmerndem Blick.

Er stapfte ber den Anger. Kein Menschenauge sah ihn, nur die glnzenden
Augen des Himmels schauten auf ihn herab. Das Dorf lag im Schlaf. Die
Nebel hatten sich etwas erhoben; ein leichter Dmmerschein glitt schon
durch die Nacht. Am Friedhofzaune zgerte Klempt und blieb stehen,
nickte nach dem Grabe Drthens hinber und schritt dann weiter.

Im Kurpark rieselte es feucht von den Bumen. Der Wind strich durch das
Gest; groe Tropfen schlugen dem Alten ins Gesicht. Die Nebel hingen
wie Fetzen weier Totentcher zwischen den Zweigen.

Nun stand Klempt vor dem offenen Tempelbau, der die Quelle umgab. Auf
dem Grunde des weien Marmorbassins kochte und zischte, durch Rhren und
Hhne gebndigt, das aus der Erde strmende warme Wasser, fllte die
Schale und flo durch ein zweites Rhrensystem wieder ab.

Klempt war einen Augenblick hochaufatmend stehen geblieben. Er schaute
sich um. Kein Mensch in der Nhe, aber heller und heller begann sich der
Himmel zu frben, und die Vgel wurden schon laut ...

Klempt hob seinen Hammer mit beiden Hnden und lie ihn wuchtig auf den
Marmor des Bassins niederfallen. In dem kostbaren Gestein zeigte sich
auf der Stelle ein starker Sprung. Nun setzte der Alte das Stemmeisen an
und hmmerte nach. Es brckelte und splitterte; einzelne Stcke rollten
pltschernd in das Wasser, das sich ber die Bruchstellen auf die
Sandquadern des Bodens ergo.... Klempt arbeitete mit furchtbarer
Anstrengung weiter; der Schwei troff von seiner Stirn, sein Herz raste
und zuckte.... Der Hammer wtete gegen den Marmor, dessen Splitter
bereits den Rumpf des Beckens fllten. Das Wasser war abgeflossen. Die
Quelle sickerte nur noch; Steingebrsel hatte die Rhrenleitung
verstopft. Klempt sah es, und ein wildes Lachen flog ber sein Gesicht.
Er hufte kleine Marmortrmmer in der Mitte der Schale auf und hmmerte
von neuem auf sie los. Jetzt war auch das Sickern nicht mehr zu
vernehmen. Die Quelle war still geworden.

Der Alte strich sich das feuchte Haar aus der Stirn. Sein hagerer Krper
flog vor Erregung, und wunderlich, wie drinnen in seiner Brust das Herz
hpfte und sprang. Und als Klempt abermals den Hammer erheben wollte, um
ihn von sich zu schleudern, da tat das Herz einen letzten Sprung: der
Greis strzte lautlos hintenber und blieb liegen ...

Vor dem strker erwachenden Morgenwinde zerflatterten die Nebel. Ein
purpurner Dmmer fllte die Luft. Die Vgel begannen ihr Jubilieren; der
groe Pan reckte und streckte sich -- die Natur erwachte.

Unter den Trmmern in dem zerstrten Marmorbecken wurde es ganz leise
wieder lebendig. Es wisperte und flsterte und sang und feilte und
sgte. Ein sickerndes Gerusch wurde hrbar; zwischen den Steinsplittern
zeigten sich vereinzelte Tropfen; es begann abermals zu zischen, wie
vorhin, zu kochen und zu brodeln. Die Quelle, die der arme Narr hatte
tten wollen, um an ihr seine Rache zu khlen -- sie wurde wieder
lebendig! Leise und heimlich und fort und fort hatte sie auch unter den
Trmmern weitergerieselt, sich eine neue Bahn zu schaffen und von neuem
der leidenden Welt zu helfen, unbekmmert darum, ob gierige Hnde sie
wiederum fangen und ihren Segen entehren wrden.

Allgemach begann sich der Boden des Bassins mit schaumigem Wasser zu
fllen, das rieselnd ber den zerbrochenen Marmor zur Erde troff, auf
dem hellen Sandstein dunkle, sich immer mehr vergrernde Flecken
bildend.... ber dem jungen Grn der Baumwipfel entzndete das Morgenrot
seine Lichter; lauter und jauchzender sangen die Vgel dem neuen Tage
entgegen ...

Pltzlich erscholl ein Knall. An der Hahnffnung war infolge des starken
Wasserdrucks die Quellenrhre geplatzt, und nun zischte und rauschte,
Staub und Steinchen mit sich in die Hhe fhrend, ein gewaltiger Strahl
empor und fiel in schimmernden Perlen zur Erde zurck. Die Quelle war
wieder lebendig geworden, und ihre Sprhatome nten, wie in
freundlichem Kosen, das blasse Gesicht ihres Opfers.


_Ende._



Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde erstellt
auf Grundlage der 1915 erschienenen Buchausgabe. Diese bildete Band 9
und 10 des einunddreiigsten Jahrgangs der Reihe Engelhorns Allgemeine
Roman-Bibliothek. Die nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller
gegenber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaen ersetzt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext#


Transcriber's Notes: This ebook has been prepared from the printed
edition published in 1915. It formed volume 9 and 10 of the 31st year of
publication of Engelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek. The table below
lists all corrections applied to the original text.

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Antiqua:    #text in Antiqua font#


S. 15: [extra quotes] frage gar nichts! Her mit dem Rock!
S. 17: ein gemachter Mann war uud -> und
S. 46: tiefdunkel gewordener alter Oelportrts -> lportrts
S. 52: [added period] hatte Herrn Bauunternehmer Mller angemeldet.
S. 54: verrriet sich sogar -> verriet
S. 79: Vietz mit se nem Geiger -> seinem
S. 79: stob unter erneutem Geheul auseiander -> auseinander
S. 89: Das war ein herrlicher Neujahrtstag -> Neujahrstag
S. 109: hat es stark geschneit -> hatte
S. 128ff: [normalized] Woydczynska -> Woydczinska
S. 137: Notwendigkeit einer Ausshnnng -> Ausshnung
S. 148: noch ein par Jahre warten -> paar
S. 177: Auguste nickte -> August
S. 259: den Sonnenstahlen wehrte -> Sonnenstrahlen
S. 274: [added comma] eines raschen Entschlusses, an ihren Vater
S. 304: [normalized] und dann die Abschiedstunde -> Abschiedsstunde
S. 309: Uber die Wiesenlichtung -> ber
S. 246ff: [normalized] Grdicke -> Grdecke





End of Project Gutenberg's Aus tiefem Schacht, by Fedor von Zobeltitz

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TIEFEM SCHACHT ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
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business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


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