The Project Gutenberg EBook of Timur, by Kasimir Edschmid

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Title: Timur
       Novellen

Author: Kasimir Edschmid

Release Date: May 13, 2010 [EBook #32358]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Produced by Jens Sadowski




Transcriber's Note:
Text that was s p a c e d - o u t has been changed to _italics_.
Double quotation marks have been encoded as  and .




Timur


Novellen
von
Kasimir Edschmid



Kurt Wolff Verlag
Leipzig





Geschrieben im Dezember neunzehnhundertfnfzehn
und im folgenden April






_Viertes bis achtes Tausend_
Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1916





   Unsere harten Herzen halten wie Berge Bestand
                               Nasreddin von Tus




Inhalt

Der Gott . . . . . . . .   1
Die Herzogin . . . . . .  73
Der Bezwinger  . . . . . 143










Der Gott


Seine Mutter verlie ihn, nachdem sie ihn ein halbes Jahr vorher geboren
hatte. Er schlug die festen Arme in die Luft und rief zweimal: Ma. --
Dann losch sie, die ein groes Segelboot von Honoruru entfernte, aus seinem
Gedchtnis. Seine franzsische Gouvernante nannte ihn Jean Franois und
lieh ihm wenig Zeit und Mhe. Seine drei ersten Jahre vollzogen sich am
Strand. Gespielen waren ihm Natives, Chinesen und Malaien. Er kroch auf dem
Bauch und schrie aus gebrunter Kehle langgedehnte Vokale und wurde ein
gesundes Kind.

Nach drei Jahren kehrte die Mutter zurck. Sie suchte ihn im ganzen Haus,
den Gebuden der einzigen Faktorei auf der Insel, lief durch den Garten und
fand ihn im Sand am Meer zwischen Muscheln und Farbigen. Sie gab der
franzsischen Gouvernante eine Ohrfeige und nahm ihr Kind auf den Arm.

Sie fragte ihn in englischer Rede schluchzend, wie er sich befinde. Der
Junge aber schwieg, denn er verstand sie nicht. Er sprach nur polynesisch
und minderes Franzsisch. Die Mutter war eine feurige Frau. Sie weinte und
glaubte, das Kind sei vertauscht. Das Kind sah sie stumm mit groen Augen
an. Sie wies es zurck und schenkte ihm einen Monat lang keinen Blick. Kurz
darauf verfiel es einer Krankheit, und als sie nun besorgt und glcklich es
pflegte, sagte es an einem Morgen: Ma.

Nach geringer Zeit vermochten sie sich in der Rede zu verstndigen. Da
zwang ein ausbrechendes Leiden die Mutter, die begonnen hatte, in Ruhe ihre
schweifende Seele an das Kind anzulehnen, ins Weite. Sie schifften sich auf
dem Segler Bounty ein, als die Sonne einen riesigen Kranz um die Insel
legte und in dunklem Blau verging. Ein Krater rauchte noch dnn in die
Dmmerung. Dann scholl das unendliche Meer in ihr Ohr.

Sie erlebten am dritten Tage einen Sturm, der das Schiff ber die Wellen
schleuderte, da die Kajtenwnde sprangen. Jean Franois hielt verzckt
den Sten stand. Der Kapitn lie Stagsegel aufziehen. Sie rissen sofort.
An den Marquesasinseln warfen sie Anker. Der Meerboden war Muschelgrund und
Kalkgrie, der Anker hielt nicht.

Da stie, whrend sie lavierten, ein Kanoe mit rotem Holz und Perlmutter in
der Schnitzung aus einer Bucht. Zwei Wilde hielten kupferfarbene Binsen
hoch und winkten. Folgend bugsierten sie die Bounty in eine Bay.

Der eine Malaie stieg herauf, seine Glieder hatten wunderbaren Anstand. Sie
bedeuteten ihm, sie brauchten Wasser, da schrie er sofort, indem er die
Hand wie eine Schale unter den Mund legte, ins Meer hinaus. Der Strand
bevlkerte sich mit Booten, die in breiten Gefen Wasser und Geflgel
brachten, denn viele der Matrosen litten am Scharbock. Jean Franois, auf
dem Arm seiner Mutter an den Mast gelehnt, rief ihnen einige Stze zu. Da
erstaunten sie und verbeugten sich vor ihm. Ihr Oberhaupt aber legte ein
Messer vor ihn hin und sagte: Rono . . . Rono -- --.

Bald hrten sie es donnern. Vogelschwrme rauschten ber sie. In leichter
Brise liefen sie gegen eine Kste an. Es war Peru. Sie ankerten im Hafen
von Callao. Zwanzig Matrosen desertierten in der Nacht. Sie stellten
Spanier ein. Langsam trieben sie die Kste hinunter, bis sie Antufugasta
erreichten.

Dort stiegen sie aus. Sie blieben wenige Tage, aber das Klima
verschlechterte die Gesundheit der Frau. Sie zog in die Berge hinauf zu
einer Schwefelquelle, in der sie badete. Jean Franois jedoch vertrug die
Luft der Hhe nicht und wurde bleich. Deshalb gab ihn die Mutter mit
einiger Dienerschaft hinunter nach Valparaiso.

Als die Mutter zurckkam, war Jean Franois sechs Jahre alt, hatte blonde
Haare und braune Haut und sprach nun spanisch und polynesisch (den Dialekt
von Taheiti und der hawaiischen Eilands), aber kein Wort englisch. Da
beschlo die Frau, den Sohn, der ihr bis zur Hfte reichte, und mit dem sie
kein Wort zu wechseln wute auer dem Gefhl, das von Auge zu Auge strmend
redete, nie wieder zu verlassen in seiner Jugend, schiffte sich mit ihm
ein, und an einem Morgen kam ihnen wieder unter dem Himmel die groe Kste
Oahus entgegen.

Sie fanden dort bei ihrem Eintritt in das Haus die Nachricht, da Jean
Franois' Vater gestorben sei, der die Jahre in Rom und in einer Mission
des Papstes in Skandinavien verweilt hatte. Die Mutter ward still und
nachdenklich, obwohl ihre Seele getrennt von dem Schicksal dieses Mannes
lag. Jean Franois begriff dagegen keineswegs, um was es ging, und lehnte
ab, als sie es ihm deutlich machen wollte.

Sein Gefhl verbreiterte sich. Er lebte sein Dasein bis zum sechzehnten
Jahre rund herum aus im Kreis der Begriffe und Dinge, die ihn umgaben. Die
Gedanken waren schlicht. Die Dinge gestalteten sich einfach, nur im Verkehr
mit primitivem Dasein. Selten nur brachten anlegende Schiffe Europa in sein
Blickfeld. Aber seine Seele saugte sich fest an Kste, Meer und Land.

Dann sandte ihn die Mutter, die noch vier Jahre die Welt durchschweifen
wollte, von sich, damit er in den europischen Dunstkreis eintrete. Sie
stellte ihm groe Wechsel aus, und sie verplauderten den letzten halben
Abend.

Darauf ging er hinaus in den Garten. An der groen Hecke der weien
Himbeeren stand Kalekua, die dem Geschlecht der Knige verwandt war, sang
vor sich hin und schaute ber ihren Garten hinauf zu ihrem hellen schnen
Haus. Jean Franois, die Brust von Weite erfllt, rief ihren Namen, mit der
er die anfnglichen Spiele erster Jugend geteilt hatte. Sie wandte sich um.

In diesem Augenblick hob sich das Gefhl abenteuerlicher Ferne, in die er
verlangte, zu einer groen Welle, und er, dessen Hnde noch keine Frau
berhrt hatten, berstrmte den Krper des Mdchens mit Liebkosungen. Ihre
dnnen Gewnder schwanden unter seiner Hand, und er fhlte ihre weichen und
wunderbar gerundeten Glieder ihm entgegenfliegen. Da fate er sie auf die
Arme und trug sie noch tiefer in den Garten in die Mulde einer Platane.

Ganz umhngt von ihrem Duft hob er sich in den Morgen, schiffte sich ein
und fuhr nach England.

Nach zwei Jahren schon zog seine Mutter ihm nach; Sie nahmen ein Haus in
der Nhe des Hydeparks. Sommers zogen sie auf ein Landgut in Schottland.
Sie empfingen viele Menschen, gaben groe Gesellschaft und hatten
ausgewhlte Freunde. Aus ihren Besitzungen flossen gewaltige Mittel immer
erhht ihnen zu, spter verkauften sie Anwartschaft und Faktoreien und
breiteten das Kapital in englischen Anlagen aus.

Vor der Wirklichkeit dieses fest gegrndeten Daseins sank die Jugend der
Sdsee, fast vergessen, in Traum zurck. Jean Franois studierte in
Cambridge, zchtete Hunde und hatte Anspruch auf die diplomatische
Laufbahn. Mit neunzehn Jahren hatte sich die Luftschicht weltmnnischer
Beherrschung dicht um ihn gelegt.

An dem Tage, wo er den groen Preis im Ballspiel fr das westliche England
errang, starb seine Mutter. Er erfuhr es, als er, den Kopf zurckgelegt,
sich von der Richtertribne wendend, nach der Seite ging und den Diener
sah, der ihm den Brief berreichte.

Er war einundzwanzig Jahre, hatte einen glnzenden Krper und gute Zukunft,
wie viele sagten.

Er kehrte nach London zurck, verschlo die Fenster und nahm am brennenden
Kamin das Bild seiner Mutter vor und beschaute es. Sein Herz ffnete sich
nicht, sie heftig zu beweinen. Kaum ward ihm die eingetretene Leere bewut.
Eine Unbegreiflichkeit waltete ber seinen Gefhlen, da sie ihn, dem
Schwung erhhter Seelenlagen fernhaltend, alle Empfindungen nur von der
Oberflche diktiert und durch etwas von seinem inneren Dasein getrennt
erleben lieen. Er zog in der Folge roten Dre an und jagte Fchse und
legte die Sachen der Mutter beiseite. Beim Jagen und raschen Leben kam ihm
geringer das Gefhl, in leichter Betubung sich zu befinden.

Bei einem ausgesuchten Diner sa ihm eine Sngerin gegenber, deren zarte
Haut und groe Augen seinen Blick anzogen. Um sie besser zu sehen, nahm er
eine breite Blumenattrappe und setzte sie auf den Boden hinter seinen
Stuhl. Ihr Blick begann, entgegenkommend, gleichfalls auf ihm zu ruhen. Ihr
Reden war schnell und hei. Unmerklich hob sie ein spitzes Glas, als sie
mit einem Nachbar anstie, herber zu ihm. Als nach Tisch alles in den
Musiksaal strmte, stellte er sich hinter ihren Fauteuil und redete zu ihr.
Sie, ohne sich umzudrehen, sagte: Ich kenne Sie nicht.

Sie sollen es lernen, sagte er. Verbeugte sich kurz und berhrte knapp
ihr Knie im Gehn mit dem seinen.

Sie trug an diesem Abend eine gelbe Robe, und ihre schnen Brste standen
voll und fest in dem schmalen Ausschnitt. Leichter Puder machte die Locken
grau, die tief in ihren Kopf hineinhingen.

Sie lie ihn zweimal durch ihren Diener abweisen, bis er eindrang und sie
ihm Geliebte wurde.

In einer Nacht fragte sie ihn, als sie ihn bermig ihrer sicher glaubte,
wie alle Frauen fragen: nach denen, die vorausgingen.

Es seien einige, doch nicht allzuviel, denn dies sei billig, sagte er. Sie
fragte, wie lange es her sei, da er die letzte gehabt habe, und er zuckte
die Achseln.

Was waren sie, Lieber?

Was soll die Frage, die nicht schn ist? sagte er langsam.

Mein Herz strmt, da ich es wei. Um Sie mehr zu lieben.

Da drckte er die Ampel aus und sagte: Eine Blumenverkuferin von den
Docks, eine Dame, ein Mdchen, eine Tnzerin, eine liebe Frau . . .

Sie schlo die Augen und ffnete sie verwirrend vor den seinen: Keine
hielt Sie in dieser Reihe?

Sie sah an seinem starken Krper hinunter, und im Gefhl, da in solchen
Erlebnissen sich das Weibliche in seiner ganzen Art erschpft habe, legte
sie sanft ihre Brste an seine Wange und fragte das Gleiche ein weiteres
Mal.

Da warf er sich hoch, und indem es schien, da er sie ganz in sich
schlinge, sagte er ihr, da er auch sie verlasse, wenn der Nebel vor den
Fenstern heller werde. Er blieb noch einige Stunden bei ihr, indem er sie
streichelte und ihr Wesen ein letztes Mal einsog, denn sie war schn und
edel und weinte, die Hnde vor die Augen geschlagen. Dann verlie er sie.

Er ging den Morgen in die Themse und badete.

Dann ging er nach Hause, lie packen und fuhr nach den schottischen Gtern.
Aber am ersten Tage der dritten Woche glitt er, jagend an einem Bergrcken,
aus und brach das linke Bein. Sein Hochlnder trug ihn ins Tal.

Sie tauchten immer tiefer hinunter, wo die Dunkelheit ihnen entgegenkam,
und je mehr sie in die verdichtete Landschaft hineinschritten, berfiel ihn
Beklemmung, deren Sinn er nicht begriff. Sie erreichten ein Licht, ein
geltes Haus. Sie schrieen nach dem Besitzer und befahlen ihm, mit dem
Pferd in die Finsternis hineinzureiten, damit er Hilfe bringe. Erst am
Morgen kam er mit einem weibrtigen Mann, der das Bein einrenkte. Als die
Knochen wieder aneinanderstieen, schrie Jean Franois vor Schmerz, so sehr
lhmte der Alp seine Brust.

Der Hochlnder schaute abgewandt durchs Fenster, und Jean Franois, der
fhlte, wie jener sich fr ihn schme, schrie ihn an, und wurde ungerecht.
Am nchsten Tage aber schenkte er ihm das Elengeweih seiner Sammlung, damit
dieser beides verge, die Scham und den Schrei.

Da er lange lag, haderte er mit dem Geschick. Denn er fhlte, da der Druck
ber ihm blieb. Er wollte ihn vertreiben. Er fuhr mit dem Auge die Berge
hinauf und lie den Blick herabfallen in die Wiesen, ber denen Kuhgebrll
erdwarm donnerte. Er trieb Studien, er las. Er frbte Stoffe. Er focht zwei
Stunden des Morgens angeschnallt ans Bett mit einem groen Fechter des
Clans, damit seine Muskeln hart blieben. Aber es half nichts.

Nach sechs Wochen zog er wieder in London ein.

Sein seitheriges Leben kam ihm in gleicher Form entgegen.

Er griff es, nahm es und lebte weiter.

Eines Abends reizte ein Mdchen sein Gefhl, das mit einer herrischen
Kopfbewegung aus dem Nebel ihm entgegenkommend in den Laternenschein
hineintrat. Sie war untersetzt mit geschmeidigen Lenden und trug einen
auslndischen Pelzhut. Er drehte um und folgte ihr. Sie gingen durch
Straen und Gassen, es war eine ganze Stunde, da er sie verfolgte, da
kamen sie in die Gegend des Hafens. Die Gassen verwirrten sich immer
verzogener ineinander. Da bog sie zur Seite und verschwand. Das Haus, in
das sie getreten war, hatte einen wsten Eingang voll Winkel. Ein grnes
Licht flammte davor. Die Fenster waren aus lpapier und erleuchtet.

Jean Franois trat ein. Im Flur schon hrte er, wie Musik begann. Er trat
in einen Saal. Links saen die Musikanten. Sie spielten Flten und irische
Dudelscke. Ein einzelner Hagerer hieb wild auf eine Pauke.

Im Hintergrund hob sich der Saal im Rauch und Qualm zu Terrassen von
Sthlen und Bnken in die Hhe und vergrerte sich ungewi. Vorne
schwankten Paare durch die dichte Luft. Schreien und Gestampf durchbrach
die Musik.

Auf einem der Tische stand eine der Vorstadtkniginnen, wunderbar wild im
Bau, hatte eine rote Mtze ber den Haaren, die Bluse voll herabgestreift
und schwang die Arme singend, den Kopf im Rausch gertet, durch den Raum.
Der Rauch umwallte sie manchmal ganz, dann ri er sie wieder in die Blicke.
Ihre Augen glnzten wie feuchte Steine, der Mund stand offen, derb und
glhend.

Ein Matrose schwankte mit groen Sprngen ber die Diele und suchte im
Vorbeisprung Jean Franois zu umarmen. Doch der schob ihn weit zur Seite
und arbeitete sich durch die Tanzenden quer hindurch zu den Stuhlkolonnen
und setzte sich an einen leeren Tisch. Das Gesicht eines Graubrtigen
bewegte sich neben ihm auftauchend und brachte ihm Punsch, der scharf nach
Essig roch.

Pltzlich ging die Saaltr weit auf und schlo sich rasch, frische Luft
strmte herein und warf den Rauch auseinander, die lfenster knallten unter
der Luft, die wie helle Nester eines ber dem anderen hockend die ganze
Straenfront gliederten . . . da sah er in der Lcke, da am anderen Ende
des Tisches ein Mann sa, dessen Blick ihn khl abma. Er hatte grne
Augen, Brauen, die sich romanisch ber die Stirn spannten und ein bleiches
Gesicht. Er trug die Kleidung eines vornehmen Mannes, eine flandrische
Krause als Einsatz, aber hohe Stiefel.

Der Mann erhob sich und setzte sich ihm nher gegenber.

Die Musik brach jh ab. Vom Nebentisch sprang die Tanzende herunter und
warf ihre Arme von hinten her dem Fremden ber die Schulter und drngte
ihre schweren Brste um seinen Nacken. Sie hatte den Kopf an sein Ohr
geschmiegt und lachte, ber ihn weg kokettierend, zu Jean Franois hinber.
Im gleichen Augenblick aber steckte ein Matrose seine Hand in des
Gegenbers Tasche und zog mit zwei spitzen Fingern ein funkelndes seltsames
Stck Brse wie einen Wurm heraus.

Jean Franois erheiterte dieser Fall sehr, allein er nagelte trotzdem den
Kerl sofort mit gezogener Handpistole auf den Platz fest. Der Bursche ward
bleich, von einigen Tischen scholl Geschrei.

Der Fremde lchelte, nahm die Brse zurck, um sie dem Matrosen mit einem
Kompliment wieder zu berreichen. Dann dankte er, indem er den
ausbrechenden Tumult des Lokals mit einer Handbewegung dmpfte, durch eine
leichte Verbeugung Jean Franois fr seine Gte.

Das Mdchen hatte sich auf seine Knie gesetzt.

Seine Hand spielte nebenschlich mit ihr, indem er Jean Franois bat, als
einen Ausgleich und um -- zumal als Auslnder -- hflicher Handlung mit
edelmnnischer Genugtuung zu begegnen, eine Bitte an ihn zu richten.

Allein Jean Franois lchelte nur, denn ihm schien nichts wnschenswert,
was er nicht selbst htte erreichen knnen.

Doch auch der Fremde lchelte.

Und wiederholte eindringlich, da er bte, ihn nicht zu verkennen, sondern
ins uferlos Blinde ber ihn zu verfgen, denn es sei morgen bereits schon
zu spt, und das wrde ihn schmerzen, wo ihn eine Flotte nach Indien fahre.
Dann lchelte er wieder, Jean Franois' Erstaunen erwartend.

Der aber durchdrang mit dem Blick den Rauch des Zimmers, schweifte einige
Sekunden in Entferntem, das ihn betubte mit der Unendlichkeit der Bilder,
und sagte, dem Traum der Jugend nahe gebracht, dunkel aufgewhlt und
Unbekanntem willig folgend (obwohl er erstaunte ber Sinn und Klang der
eigenen Stimme), er bte um ein Patent, wenn dies in der Macht liege
. . . Wrden Sie. . .

Der Fremde jedoch zog ein Papier, bemalte es mit wenigen Zeichen und
berreichte es ihm. Es war ein Diplom als erster Leutnant und zweiter
Supracargo auf einem Schiff, das Santa Cruz hie.

Jean Franois sah ihn scharf an. Dann verbeugte er sich.

Der Fremde hielt ihm die damenhaft schmale Hand hin, in die das Mdchen auf
seinem Knie einige Tropfen Wein schnickte. Aber eh Jean Franois einschlug,
sagte er, da er wohl wisse, wie eng dies ihn binde, da er aber innerlich
keine Verpflichtungen auf sich nehme, denn er sei gewohnt, die Stunden zu
treiben, wie er wolle, zu weilen, wie ihm passe und der zu sein, der er
beliebe. Doch der mit den grnen Augen ihm gegenber sa, gab hierauf keine
Antwort, empfing den Handschlag und wies hinaus, wo Pferde stampften.

Sie erhoben sich und verlieen den Raum. Das Mdchen zerrte an ihren
Rockschen. Sie achteten nicht darauf.

Ein Wagen mit weien Pferden hielt in der Gasse. Sie werden alles finden,
sagte der Fremde, aber Sie drfen nicht zgern. Er verabschiedete sich,
da er noch einiges zu verhandeln habe und sagte, sie wrden sich bald
wiedersehen. Der Wagen fuhr bis zum Hafen. Eine Ruderbarkasse brachte ihn
ans Schiff.

Sie zogen die Nacht noch den Flu hinunter. Am Morgen flo England hinter
ihnen zusammen wie grauer Schaum.

Als die Weite des Meeres vor ihnen lag, fllte sich Jean Franois' Herz mit
tosenden Takten. Er nahm seine Equipierung auf dem Schiff. Als er sich
umzog, trat ein Offizier in seine Kabine, -- er wechselte gerade die Hosen,
-- und bat um die Aushndigung des Patents. Jean Franois reichte es ihm:

Sie werden erstaunt sein, mich aus einer schwrmerischen Nacht in diese
Fahrt und Stellung strzen zu sehen, im Abendanzug, Leutnant Vaudricourt.
Allein es trieb mich so.

Der Leutnant grte hflich und erwiderte, dies wolle nichts sagen, denn er
habe die Fregatte lediglich mit einer Nachtkleidung und einem
Damenstrumpfband aus weier Seide erreicht. Er legte die Papiere zusammen
und sagte: Ich sehe, wer Sie sind.

Er war hflich. Er war Franzose, wie viele auf diesem Schiff
bergetretener, und von guter Erziehung.

Am Abend, als er die Offiziere zu einem groen Diner einlud, erfuhr Jean
Franois, da sie sich mit fnf anderen Schiffen vereinigen wrden,
bestimmt, Brotbume in der Sdsee aufzunehmen und sie zur Verpflanzung nach
Westindien zu schaffen. Die Verdecke waren schrg aus Blei aufgelegt mit
Rinnen zur Bewsserung. Zwischen den oberen Verdecks waren hohe Rume, und
in einem falschen Boden standen hunderte Kbel.

Nach vier Tagen trafen sie auf eine Flotte. Signale riefen die Offiziere
auf das Admiralschiff. Sie stellten sich im Halbkreis auf dem Hinterdeck
auf.

Dann erschien, begleitet von groem Stab, ein Mann, edel und vornehm. Er
hatte grne Augen, Brauen, die sich romanisch ber die Stirn spannten und
ein bleiches Gesicht. Die Augen funkelten. Die Offiziere verbeugten sich
tief.

Er senkte langsam den Kopf. ber seiner Brust schwebte noch das
Ludwigskreuz. Sein Degen war von wundervoller Arbeit. Es war der Admiral.

Er ging auf Jean Franois zu, nachdem er die Befehle ausgegeben hatte,
nannte leise seinen Namen: D'Ach, und bat ihn, mit ihm zu kommen. Sie
stiegen ber einige Treppen tief hinunter. Dann traten sie in einen breiten
Raum.

Der Vicomte hob einen Leuchter und deutete auf einen Kfig, in dem ein Mann
geduckt sa: Der Kfig hing an Seilen hoch von der Decke herunter. Er lie
mit einem Griff ihn sich senken. Jean Franois sah, da es der Matrose war,
dem er vor sechs Abenden seinen Pistolenmund auf die Magengrube gerichtet
hatte, und der Graf sagte lchelnd:

Junger Mann, ich schtze Ihre Liebe fr andere Atmosphren, in denen das
Leben derber und inbrnstiger geht, als in den uns angemessenen. Ich liebe
dies auch. Sie werden darber schweigen, hren Sie. Ich habe Sie
verpflichtet, weil ich aus dieser Anlage Groes und Wildes von Ihnen
erwarte.

Doch das mit der Pistole war tricht. Sie miverstehen den Stil. Man htte
uns in Fetzen geschlagen. Man mu das anders machen. Den hier habe ich mir
spter selbst und allein noch geholt. Fragen Sie ihn.

Der Matrose wimmerte, aber schwieg . . .

Jean Franois fuhr mit seinen Offizieren zu seinem Schiff.

Whrend der Fahrt betrat er das Admiralschiff nicht mehr.

Sie waren drei Leutnants auf der Fregatte, er, Vaudricourt und Jules Lab.
In den Nchten seufzte Vaudricourt nach dem Mond und erlebte die Verse
groer Dichter, wenn das Meer in ziellosen Spiegelungen erglhte. Lab
hatte eine Kreolin mit, die in einer Matte unter dem groen Segel lag und
rauchte.

Oft spielte Vaudricourt auf einer langen silbernen Flte ihr vor und sang
mit warmem Tenor. Sie schlo die Augen wieder, ffnete sie zu Jean Franois
und bat ihn, ihren Windhund zu holen, damit sie mit diesem spiele. Sie
hetzte ihn ber das Verdeck, und seine wilden Laute schoben sich zwischen
die Schwingungen der Flte. Vaudricourt bi sich die Lippen und sagte:

Madame, wenn Sie das Spiel nicht lieben, will ich die Flte ins Meer
werfen, obwohl sie Richelieu meinem Vatersbruder gab.

Die Kreolin bog sich in ihrer Matte und sagte: Aber ich liebe das Spiel.

Der Hund sprang ber die Matte hin und zurck, und sie sah Vaudricourt so
lange an, bis er verzweifelt ans Heck ging und ins Weite stierte.

Abends legten sie eine Pharaobank aus und spielten.

Als sie um Kap Horn fuhren, griff ein Wind sie von der Seite und warf sie
gegen eine Bank. Da das Steuer aus Zufall quer stand, glitten sie scharf
vorbei.

Wieder flogen sie in den blauen Spiegel der Winde.

An einem Morgen lag Land vor ihnen. Sie hoben die Kpfe. Sie begriffen erst
langsam, da es Land sei. Sie fuhren Wochen schon.

Steil erhob sich eine dunkle Kste, die ohne jede Einschnrung war. Sie
suchten zwei Tage lang eine Einfahrt an der westlichen Kste, sie trafen
nichts als einen Wall schwarzen Gesteins, aus dem Flsse ins Meer spien. Da
gab das Admiralschiff das Zeichen, und sie fuhren nach der stlichen Seite.

Da hob sich der Nebel und schwebte in einer gleichen Lage wie ein
mystisches Tuch in die Hhe. Berge in tausend Gipfeln, die wei waren wie
Schnee, stellten sich gegen den Himmel, der in unsglichem Blau an ihren
Linien herabrann. Vor ihnen ffneten sich geschwungene Buchten, saftig und
grn heranschwellend ans Meer.

Sie warfen Anker.

Dann schifften sie aus. Da brach aus Gebsch weiter hinten eine Masse
fetter eingeborener Weiber mit Geschrei. Doch liefen sie nicht nach vorn,
sondern bewegten sich in gleichbleibender Erregung am Platz.

In der Mitte zwischen der Kste und den Tobenden stand eine Zeder mit
Olivenblttern. Neben ihr, allein, war ein Eingeborener, braungelb, und hob
die Hand. Er nherte sich nicht und lie sie herankommen. Die Offiziere
grten ihn hflich, so viel Wrde war an ihm. Jean Franois sprach ihn an.
Da wuchsen, als er die eigene Sprache vernahm, seine Augen ins Ungemessene,
er berhrte seine Nase und verneigte sich tief. Sie verabredeten zum
folgenden Tag eine Expedition. Durch Boden aus Bims und schwarzem Glas
brachen sie vor, bis sie in ein Tal kamen, das viele Brotbume hatte. Jean
Franois befahl, sie auszupflanzen und auf das Schiff zu bringen.

Der Anfhrer verneigte sich, sprach kein Wort und lie den Blick nicht von
ihm.

Rckwrts durchquerten sie einen Sumpf, in dem viel Pappeln standen. Am
letzten Rande des Moors, wo das Gelnde sich nach dem Meer abbaute, sa
eine Frau, die eine Farrenwurzel kaute, die Fasern lste und einem Sugling
in den Mund schob. Es war hoher Mittag und die Sonne fiel steil auf die
Frau.

Sie hob den Blick, lie ihn an Jean Franois hngen und hob das Kind hoch
in die Luft, drehte sich dreimal im Kreis und lief rufend, die Arme
kreisend, davon.

Das Land war Neu-Seeland.

In der Nacht ging Jean Franois auf Deck. Schlaf kam ihm nicht. Er sah die
weiche Kste sich gegenberliegen. Er sann nach. Er war nie an dieser Insel
gewesen. Er schaute den Himmel ab. Der Mond rollte hoch ber den Bergen des
Westens. Er fhlte sich sehr leicht und umgeben von einer unerhrten
Wallung. Er horchte lange, schnickte Wassertropfen von seinem rmel und
ging hinunter.

In der Nacht fiel Frost.

In den drei folgenden Tagen fllten sie die Hlfte der Schiffe mit Bumen.
Am vierten fuhren sie.

Sie fuhren nrdlich.

Die Schiffe glitten voll Musik zwischen wunderbaren Eilanden durch, an
Buchten vorber, die voll Pinguinen saen und von Bchen durchstrmt waren.
Sie lagen den ganzen Tag auf dem Vorderdeck und rauchten. Das Meer war
leicht und kaum bewegt, und die Inseln formten sich mit glnzenden Farben
und Vogelruf aus ihm heraus wie Wasserblumen.

Als sie zwischen einem Gemisch ser Buchten lavierten, suchte die Kreolin
Jean Franois zu verfhren, indem sie abends nach dem Ankern ihr Bein aus
der Matte gleiten lie und ihren Fu langsam ber seine Hand fhrte.

Doch er stellte das Windlicht schrger, da die Matte ganz in Vaudricourts
Blickfeld blieb.

Sie ankerten noch einmal in Guam, um Wasser zu nehmen und den Rest der
Ladung. Sie blieben zwei Wochen in dem Hafen, der vor vier Winden schtzte.
Die Bucht war morgens rot von Seegras, Meerwlfen und Seenesseln. Groe
Schildkrten schwammen langsam vorber.

Den Mittag gingen sie in die Stadt, die auf Pfhlen stand. Der spanische
Gouverneur Dom Simon de Auda lie die Wache antreten und ging ihnen jeden
Tag in groer Uniform entgegen. Auf seiner Veranda nahmen sie Schokolade
und lange Zigaretten, die er ohne Pause selber drehte. Dann ritten sie ins
Innere, das voll Savannen lag, die tief in den Urwald hineinreichten, auf
denen weie Ochsen mit dunklen Ohren gingen. Am letzten Abend gab er ihnen
ein Fest.

Die Eingeborenen, deren Reste die Spanier auf diese Insel gepfercht hatten,
da sie revoltierten und aus Verzweiflung ihre Frauen zwangen, die Kinder
nicht mehr auszutragen, bewegten sich mit Lichtern und Stieren auf einer
weichen Rasenebene, um die der Wald aufwuchs. Im Gezuck der Bodenfeuer und
dem Kreischen der Mnner kmpften zwei Hhne. Der Spanier sa unbeweglich
und stolz davor. Sie nahmen groen Abschied. Aber im letzten Augenblick,
noch am Strand, kam eine Schar aus dem Inneren, die Weiber mit roten
Hummerscheeren in den Ohren und legten, die Offiziere umringend, Gaben hin
und in die Nhe von Jean Franois. Jean Franois verzog nicht den Mund.

Letztmals legten sie bei den Philippinen an. Der Gouverneur sandte eine
Einladung durch seinen Minister, einen Native in Hosen aus roter Seide und
weiem, chinesischem Hemd. Er bat, ungezhlt lang zu bleiben. Seine
Langeweile wiege seine Orden nicht auf. Er versprach gestirnte Hirsche und
Eingeborene mit Schwnzen.

Jules Lab sagte lchelnd, ein Wunder sei eines Wunders wert und sah auf
Vaudricourt. Die Kreolin trug eine ironische Falte und bat, ihr den weien
Stoff zu besorgen, den der Minister trage. Jules Lab zog ihn in eine Ecke
und kaufte das Hemd um eine Pistole. Nur seine Hosen glhten, als er
halbnackt vom Ufer zurckwinkte. Die ganze Nacht schwammen die Inseln unter
weichen Mandolinentnen.

Morgens flaggte das Signal zur Abfahrt.

Mittags hob sich ein Strudel aus dem Meer, wuchs an den Himmel und sprengte
wie ein Gescho die Schiffe auseinander.

Sie fuhren auf seiner Fregatte Wochen irr und im Sturm.

Als sie glaubten, da sie sterben wollten und alles gleich schien, senkte
sich ein linder Abend herab. Die Wellen schoben sich ineinander, der Wind
lief gering und zart. Wie ein Schaumnest quoll der Horizont auseinander. Im
letzten Licht streckte sich eine schmale Bai vor ihnen aus. Sie wuten
nicht, wo sie waren. Der Sturm hatte die Kompasse zerhauen. Sie fanden nur
aus dem Sonnenstand, da sie westlich fahren mten und beluden, die
Gesichter aufgehellt, das Schiff mit Leinwand, da es gut davonstrich. Sie
warfen keine Anker in der Dmmerung, da die Lotung gnstig war.

Sie lieen die Fregatte gleiten. Dmmerung schob sich raubend zwischen das
Schiff und das Land. Sie glitten in leichter Brise seltsam geschwellt in
das warme Meer.

Da lie Jean Franois, whrend die anderen aen, die Hnde vom Reeling.
Sein Herz hob sich. Er taumelte fast. Von einem Gestiegensein getragen,
ging er ans Heck. Sein Herz sprang. Er berstrich das Schiff mit dem Auge.
Er wute nicht, was er tat. Aber er lie, stolz und strahlend, das kleinste
Boot herunter, sprang hinein und stie ab von der Fregatte in die
Dunkelheit, die ihn anzog, da seine Pulse brannten.

Er ging ohne Abschied, die Hnde leer, das Ohr ungeheuer gefllt vom
schwachen Gerusch ferner Brandung.

Allein die Ebbe war ihm entgegen. Er ruderte mit allen Muskeln. Doch er kam
nicht vorwrts und das erzrnte ihn, da er das Ruder drohend in die Nacht
hinein hob.

Er arbeitete weiter. Er ruderte mit allen Muskeln, allein die Ebbe war
entgegen und warf ihn zurck. Es war eine lange Nacht. Sturzseen berfielen
ihn. Riffe trmten sich auf. Sein Kiel streifte oft an Madreporen. Allein
er barst nicht.

Sein Gesicht strahlte, da die Dunkelheit um ihn wich. Seine Augen hefteten
sich an das Land und zogen sich hin an dieser Kette. Gegen Morgen umfuhr er
eine Bucht Korallen und schob sich in helles Wasser. -- Als sein Boot Sand
unter sich erknirschen machte, wich die Dmmerung. Die Kste lag frei. Er
sprang mit einem riesigen Satz hinber.

Es wurde Morgen, und Helligkeit strzte ber ihn.

Vor ihm standen Eingeborene, die Muscheln suchten. Als er aber unter ihnen
erschien, erstarrten sie. Einer allein sprang in die Luft, drehte sich im
Wirbel und schrie wie in hitzigem Gelchter.

Die anderen aber fielen zur Erde. Sie lagen wie gefllt. Die Frauen sahen
hoch und zogen die Haare ber den Mund. Dann riefen sie: Rono . . . .
Rono -- und weiter kein Wort.

Er befahl ihnen aufzustehen. Sie wichen zurck.

Welche Insel? rief er mit der Sprache von O-Taheiti.

Allein sie antworteten mit dem rechten Dialekt:

Oahu, sagten sie und starben schier.

Er aber hatte diese Sprache lange nicht gehrt. Oahu, sagte er und sah
sich um. Seine Augen schlossen sich. Das Blut zog hinauf in den Kopf. Dann
fiel es zurck. Die Blicke faten alles.

Zugleich verga er alles Vorherige. Es hatte keinen Wert mehr, es fiel wie
eine Kulisse. England strmte aus seinem Bewutsein. Vaudricourt, die
Kreolin flogen schemenhaft von ihm. Alles Seitherige erschien ihm nur
geheimnisvoll (auch im Unbegreiflichen) nach dieser Kste gerichteter
Wille.

So begriff er alles im Fallenlassen und Heben der Lider. Nahm den Fall des
Strandes in sich auf, das Erbrausen der Brandung, die Demut der Natives und
einen zarten Maiabaum, der ganz allein auf der Kste stand.

Wie alles hinter ihm zurcksank, kein Gedanke das Schiff mehr suchte, das
zwischen fernen Wellen segelte und nichts mehr aus ihm her daran rhrte,
stieg eine Zrtlichkeit in ihm, der folgend er niederkniete. Legte das
Gesicht in den weien Sand, erhob sich, den Kopf drehend, und schrie wie
ein Tier in das Land.

Da stoben die Eingeborenen in den Wald.

Nachdem er die alte Welt aus seiner Seele getilgt hatte und gierig den
Einzug der neuen sprend, folgte er ihnen.

Es war still. Die Bume schlossen sich dicht ber ihm. Er ging. Eine
Fledermaus spannte sich vor ihm auf und flog. Wurzeln krallten sich ber
den Weg. Der Tag stieg. Ein Trogu kletterte in den Palmen. Er segnete ihn.
Zwischen Schachtelhalmen rauschte ein Wiedehopf. Es wurde stiller. Sein
Herz klopfte bis in die Kokoskronen und breitete sich ber sie. Sein Herz
schwoll ber den Wald und verschlang sich mit ihm, da jedes Gerusch der
Bltter in seinen Kammern mitschwoll. Er empfand Zrtlichkeit fr alles. Am
Mittag sah er einen langen, spitzen Kopf mit steilem, hohem Ohr. Es war ein
wildes Schwein. Es sah ihn an. Er streichelte es.

Er ging.

Dann kam er in ein kleines Tal. Bergwnde warfen sich herunter, es war eng
und dicht. Pltzlich verlie er das Dickicht und brach ins Freie. Die Enge
war paradiesisch. Palmen schwankten in der Sonne ber einer Htte.

Vor der Htte stand ein Mdchen.

Als er kam, kniete sie nieder und flsterte: Rono.

Er trat an sie heran und sagte: Liebe mich.

Sie war wei wie eine Franzsin mit einem metallischen Schimmer der Haut.
Ihre Glieder waren schlank und weich. Sie stand auf.

Sie hob die Arme. In den Achselhhlen sa kupferner Flaum. Ihre Haare waren
tiefrot und glatt.

Sie hob die Arme und legte sie um seinen Hals. Er trug sie in die Htte
voll Erleben des zrtlichen Druckes, mit dem sie sich an ihn lehnte, so,
als strbe sie an ihm.

Er fragte sie, wie sie heie.

Sie wagte ihren Namen vor ihm nicht zu sagen. Da nannte er sie Kalekua,
weil sie dieser hnlich war.

Aber nach wenigen Tagen bedrckte es ihn, da er deren Erlebnis noch
ungelst und schwingend hinter sich trage. Er brach auf und ging zwei
Wochen durch den Wald mit ihr bis Honoruru zur sdlichen Kste. Dort hrte
er, Kalekua sei gestorben, und dies erfllte ihn mit Freude, denn nun
schien ihm alles auf diese Frau bergegangen zu sein.

Er baute zwei Tage von der kleinen Stadt der Natives ein Haus auf einem
schwarzen Lavafelsen, der die Bai berragte.

Morgens sahen sie gleich aufs Meer, in dem Kanoes lichte Schaumstreifen
hinter sich zogen und silberne Rollen an den Madreporen rannten. Einmal lag
ein Schiff lang drauen unbeweglich, das amerikanischen Kaufleuten gehrte,
die Sandelholz nach China brachten, wo es als Weihrauch durch die Pagoden
stie. Sonst kamen keine Schiffe.

Oft regnete es. Aber der Himmel blieb strahlend blau, und die Tropfen
hingen wie tanzende Seile in die See.

An einem Morgen nahm Kalekua ihn bei der Hand und fhrte ihn stundenweit.
Sie bahnten sich durch Farrengestrpp und Unterholz einen Weg. Spt kamen
sie in eine Schlucht. Kalekua lie seine Hand nicht frei. Pltzlich,
nachdem sie unter berhngenden Felsen lang gegangen waren, traten sie
hinaus.

ber ihnen war ein Brausen. Sie hoben die Kpfe. Er sah auf der einen Seite
der Schlucht einen Strom herabfallen, aber in der Mitte der Luft fing ihn
ein Windstrom, der strudelnd gerade vor ihnen hochstrzte, und trug ihn auf
die andere Seite hinber. Der Wind stand wie eine blaue Spirale in dem Tal.

Kalekua sah fragend zu ihm auf.

Da herrschte er sie an, stellte sie und fragte: Was willst du?

Sie sagte: Rono! und sonst nichts. Aber ihre Augen fragten. Sie kehrten
zurck.

Manchmal kamen Natives an den Rand des Waldes und sahen nach der Htte und
gingen scheu zurck.

Die Luft war klar und hell. Gerusche spannten sich unendlich aus. Klang
entfernter Fischerboote hallte lang herauf. Selten wurden die Nchte khl.
Drei Kokosbume standen um ihre Htte. Kam Sturm, bogen sie sich wie Glas
tief hinunter nach dem Meer. Es wurde hei, aber eine leichte Brise schob
die Luft klar zusammen und machte das Klima wie aus Seide glatt und khl.

Kalekuas Wesen war durchsichtig und glnzend, und ihre Haut glich geblatem
Bernstein. Manchmal erzitterte sie, wenn sie Jean Franois sah und schien
unter seinem Blick aufzugehen und sich zu entfalten, und in immer
steigender, unirdischer Hingabe ihn mitzufhren und nach seiner Seele
wiederum hinaufzuwachsen, da er in den Umarmungen ihrer Nchte sich wie
schwebend empfand.

Einmal traf er sie, als er durch den Wald streifte. Sie sa neben einem
Ohiobaum, spielte mit den roten Frchten und hielt eine zwischen den Knien.
Ihr rotes Haar fiel straff zurck. Sie sang:

   Inoa o Mauae a Para,
   He aha matou auanei?
   O Mauae, te wahine horua nui,
   Wahine maheai pono.
   Tuu ra te Ravaia
   I ta wahine maheai,
   I pono wale ai te aina o orua.
   I ravaia te tane.
   I mahe ai te wahine.
   Mahe te ai na te ohua,
   I ai na te puari.


Sie hatte eine Verklrung in ihr Gesicht gesammelt, da er nicht wagte, sie
anzureden. Er schlo die Augen. Dann zog er wie ein Fuchs den Kopf ins
Dickicht zurck.

Ein paar Tage regnete es hintereinander. Dann kam die Luft gestrhnt frisch
herauf. Jean Franois lag auf seinem Bett und kaute gelangweilt an den
Limonenblttern. Kalekua trat ein. Sie war noch feucht vom Bad. In ihren
Haaren staken vier weie Federn.

Du hast die weien Federn . . .

Es ist das Knigszeichen. Sie strich ber sie.

Ihre Brust bebte. Sie nickte. Dann ging sie allein hinunter den langen Weg
nach Honoruru zu den Zeremonien der Knigin, der sie verwandt war in der
dritten Reihe. Jean Franois lief den Tag durch den Wald.

Die Fledermuse stoben auf. Sie reizten ihn nicht. Kein Trogu entzckte
seine Augen. Er warf mit Frchten nach den wilden Schweinen und brllte aus
breiter Brust, da sie verstoben. Er kam heim, als die Sterne sich ber den
Wald wlbten und lag eine Nacht, das Gesicht verzerrt gegen den Himmel,
schlaflos.

Am Morgen wusch er sich, nahm ein Kanoe, stie ins Meer, sang hei, kam des
Nachts in die Stadt und durchschweifte die Gassen. Gegen Morgen kam er an
die groe Bai. Drauen lagen im fahlen Silbergrau sieben Schiffe. Er
begriff nicht. Er visierte. Es waren sieben Schiffe. Es waren nicht die
seinen.

Drei waren Sandelholzfahrer, Amerikaner. Die anderen hatten die plumpe
Bauchlinie und das Grau der Walfischfahrer der sdlichen Meere. Er verstand
diese groe Flotte nicht, wo sonst nur einzelne in Monaten Pause ankerten.

Er ging zurck und trat in eine erleuchtete Htte. Matrosen johlten darin.
Sie hatten Rumfsser aus den Schiffen herbergewlzt. Er ging auf den
Besitzer zu und nahm ihn zur Seite. Es war ein alter Chinese, er kannte
ihn. Der sah ihn an von unten und sagte, seit vier Wochen sammelten sich
Schiffe und Matrosen am Strand. Jean Franois erstaunte, allein seine
Sehnsucht ging nach Kalekua. Er verga alles darber.

Als er aber im groen Garten von Ananas bei ihrem Oheim Kuakini sa,
begannen die Amerikaner das Haus der Knigin zu beschieen. Sie speisten
gerade. Jean Franois sprang hinaus. Zwischen den verankerten Schiffen und
der Kste wimmelten Boote.

Ein Weier kam ihm entgegen. Er trug den drftigen Taillenrock um die
eherne Brust, ein starres Gesicht, um das sich Locken kruselten. Er war
ein Missionar von den Schiffen.

Warum tun sie das?

Der Missionar sprach von Christi Wunden und hob sein Bibelbuch. Da schlug
ihm Jean Franois die Hand voll ins Gesicht.

Die Natives flohen aus allen Husern. Die Matrosen stellten Espingoles am
Strand auf und schossen einpfndige Kugeln. Huser brachen knallend
zusammen. Das Haus der Knigin brannte. Jean Franois ging in den Garten
zurck, nahm Kalekua und floh mit ihr. berall in breiter Kette strmten
Menschen in den Wald, wo die Matrosen nicht mehr folgen konnten. Einige
blieben stehen, hoben die Arme und machten demtige Gebrden, Rono
rufend.

Allein er umarmte Kalekua und fragte nach nichts.

Sie zogen zwei Tage durch den Wald. Am Abend noch, da sie ihre Htte
erreichten, fuhr er hinaus aufs Meer. Er sah sein dunkles Lavariff in den
Himmel aufwrts stoen und sein Haus wie auf einem Wellenrcken hoch
tragen. Er sah die geschmeidige Flanke der Bucht ausgedehnt nach den beiden
Seiten. Sah darber gewlbt die Unendlichkeit des Waldes, den hellen Sand,
die Muscheln, die Sonne . . . er sang, er sprte in einer heien
Gehobenheit, wie dies alles zu ihm gehre und er sich wieder darein
zurckergiee wie an die weien Glieder Kalekuas.

Kalekua aber irrte verwirrt umher. Glanz zog aus ihrem Auge. Sie sprach
nicht, sie sah ihn lange an. Es war einsam um die Htte. Selten tauchten
Eingeborene auf. Das Klima wurde kstlicher und von Blten durchzogen.

Einmal wagte Kalekua zu reden und bat, er solle das Unglck bedenken. Er
verstand sie nicht. Sie meinte die Stadt und sagte es. Jean Franois hatte
es vergessen, als er den Abend in die See stie, denn es war an der Gre
seines Gefhls hinabgeglitten und beiseite geblieben. Wenn er die Hhe der
Seele empfand, was war es ihm, da Matrosen Kokos plnderten! Und er lachte
und sagte es ihr.

Doch sie setzte einen Fu vor den anderen wie spielend und sagte: Sie sind
noch da, streifen und suchen die Knigin.

Was willst du --.

Da wies Kalekua auf ihre weien Federn und bat zu ihr gehen zu drfen, die
versteckt sei, und zitterte vor ihm.

Schmerz whlte sich kurz in seine Brust, wie er dachte, da sie gehe, aber
er sah in ihre Augen und lie sie gehen.

Am vierten Tage ihrer Abwesenheit tauchte eine Flotte aus dem Horizont.
Jean Franois lag auf dem Bauch ber den Rand der Klippe gebeugt und
erwartete sie. Sie schaukelte weich getragen heran. Pltzlich ri er den
Kopf zurck und schttelte ihn. Dann sprang er auf und lief ins Haus.

Es war kein Zweifel. Es waren seine eigenen Schiffe.

Er schrieb sofort einen Brief. Er schrieb, fette Walkhne htten die Kste
beschmutzt, an der er lebe. Man solle sie zerschieen, obwohl es
verchtliches Handwerk sei. Er habe sich vom Schiff entfernt wie er
gekommen sei. Er habe darauf vorbereitet, auch ohne zu wissen, warum. Darum
unterlasse er es, Entschuldigung zu ersuchen, denn allein das Verstndnis
erklre sein Tun: da so sein Drang und seine Art sei.

Als die Schiffe Anker warfen in der Dmmerung, schwamm er hinber und warf
ihn ins Admiralschiff.

Die Nacht lag er schlaflos. Er bedachte Vergangenes, wo die alte Welt ihn
wieder bersplte. Sein Hirn fand keine Brcke zu ihr. Sein Herz staunte
ber sie. Sein Leben schien nur nebenschliche Vorbereitung fr den
Zustand, in dem er nur die hchste Gleichgewichtslage seines Daseins
empfand. Er hob eine Muschel und schlrfte sie voll Andacht. Er streichelte
den Boden des Hauses und empfand Erschtterung. Er lchelte, hob die Hand,
und unter dieser Bewegung schwang das Vergangene ins Uferlose zurck.

Morgens wechselte das Admiralschiff Signale nach dem Strand. Graf d'Ach
stand auf der Brcke in groer Uniform, das Band des Ludwigskreuzes ber
der Brust. Er kommandierte:

Mein Herr, Sie sind desertiert. Ich wrde Sie in Eisen schlagen, trfe ich
Sie. Ich werde den Strand absuchen lassen mit fnfzig Mann. Man wird Sie
wie eine Dohle fangen. Ihr Wunsch um Hilfe sei aus Sachlichkeit gewhrt.
Ich werde morgen fahren. Nehmen Sie von einem Gentleman am Schlu die
Versicherung bewundernder Freundschaft.

Kurz danach kam Kalekua.

Am Mittag suchten fnfzig Mann mit Bajonetten die Kste ab. Jean Franois
floh nicht. Er wute, da sie die Wege zu ihm nicht fanden, und sie fanden
sie auch nicht. Anderen Morgens lsten sie eine metallene Kanone, begaben
sich kreuzend unter Wind und trieben aus der Bucht nach Honoruru zu.

Kalekua hatte eine neue Weise zu gehen, sie berhrte den Boden weniger wie
frher, ihre Hnde hatten einen eigenen Takt und ihre Augen sahen durch die
Dinge hindurch, die sie umgaben. Die Feierlichkeit reizte Jean Franois,
und er bat sie, ihn zur Knigin zu fhren, wenn sie wieder zu ihr ginge.
Und sah sie fest an.

Sie erschrak und wurde braun im Gesicht und sagte stockend vor Freude und
Angst: Ich will.

Sie speisten auf dem Tisch vor dem Haus. Sie brachte eine Karabasse mit
Teig, gebratenes Schwein und se Kartoffeln. Als sie die Holzschale mit
Wasser reichte, sah er wieder, wie schn sie war.

Sie setzte sich ihm gegenber, eine Yameswurzel leicht zerkauend, die
Palmen bogen sich in der Luft, das Meer scholl herauf.

Da wies er hinunter und sagte ihr, da er fremde Schiffe gesandt habe gegen
die Chinafahrer und verzog keine Miene. Sie aber, unglubig, bermig
erbebend, sprang auf, wandte sich wie zum Fliehen, kehrte um und kte ihn
zwischen die Warzen seiner Brust, wagte den Blick nicht aufzuheben zu ihm
und flsterte: Rono. Jean Franois erzrnte ber das Wort, das wieder auf
ihn traf, ohne da er es fate, drohte ihr und fragte, was sie damit sage.

Sie hob wieder den Blick. Aber sie brachte das Auge nur bis dahin, wo sie
ihn gekt hatte, und fast vergehend sagte sie:

Du wolltest zur Knigin. Sie will dich sehen.

Ihre Haltung war schwach. Die Schultern hingen. Sie kehrte um in das Haus,
kam zurck und trug die weien Federn. Sie nahm seine Hand und sagte:
Komm.

Dann gingen sie in den Wald hinein und lieen das Haus hinter sich.

Die Tr stand offen.

Das Meer brauste blau hinein.

Kalekua sah sich noch einmal um.

Nachts schliefen sie in einer Platane. Morgens wanderten sie weiter. Als
die Sonne steil stand, kamen sie an einen Pa, der in Windungen sich
aufwrts drehte. Sie gingen lange. Mit einem Male endete der Weg. Hinter
einem Busch trat ein Mann hervor, der mit dem Firnis der Gumminu im
Gesicht gezeichnet war. Er neigte sich. Kalekua winkte mit der Hand. Da
ging er vor ihnen her.

Sie schritten durch den Busch und gingen ber eine Gegend, die verbrannt
war, drrer als Wste. Erdhaufen bogen sich wie Wellen. Risse durchfuhren
den Boden. Trockene Bsche klebten am Rand der Steigung. Kalekua packte
seine Hand. Sie kletterten ber eine Lavadne, bogen und stiegen eine
kleine Terrasse hinunter.

Der Boden senkte sich tief und lief in mchtigen Kurven sich verschlingend
um einen Streifen Wasser, der sich tief ausdehnte, den wieder Zungen und
Wellen Landes durchstieen und sich so zum Horizont verloren.

Aus dem Wasser brachen Kegel wie spitze Maulwurfshgel. Aus ihren Rhren
stieg lautlos weier Dampf. Es waren Hunderte von Kegeln. Einer spritzte
Gelbes aus seinem glasdnnen Schlund.

Kalekuas Hand fhrte ihn weiter. Vor ihnen ging der Gezeichnete. Sein
Rcken zitterte.

Jean Franois schritt federnd und leicht. Sein Herz strmte in eine groe
Erwartung. Seine Augen streiften ein groes Erlebnis ber den Tag und
hungerten danach.

Sie stiegen wieder. Es wurde glhend vor Sonne. Die Erde tat den Sohlen
weh. Nirgendwoher kam ein Wind.

Dann tauchte eine Mauer auf, die den Bergrcken herunterlief in einem
langen und leeren Bogen. Auf ihr war ein Holzstamm rund gehauen aufgestellt
mit vielen schmalen Rinnen, die nach unten liefen. Darauf hockte, halb
stehend, eine Figur. Sie war in die Knie gebeugt mit einer Knickung, da
die Schenkel wollstig und breit anschwollen. Die Arme waren dnn und
verkrzt leblos nach der Erde gehngt. Die Brste waren klein und saen
dicht unter dem Hals. Der Kopf bestand aus einem einzigen wsten Rachen und
trug einen Helm, dessen Schweifung sich in einer Raupenfahne bis zum Becken
hinabzog.

Sie machten einen Bogen und traten dicht an der Bergwand in einen Gang.
Zuerst war es dunkel. Dann sonderten die Wnde ein Licht aus, das mit einem
matten gelben Schein die Hhlung durchdrang. Die Luft war weich. Kalekuas
Daumen strich ber den Ballen seiner Hand. Das gelbe Licht aus den Mauern
verdichtete sich zu phosphorischem Glanz.

Eine Stimme scholl ihnen entgegen, die seinen Schritt hemmte. Aber Kalekua
trat vor ihn. Er fragte: Kalekua? Am Ziel? Sie drehte sich halb und
sagte: Der Priester, der das Kommende wei, und zog an seiner Hand. Sie
waren in einem runden Saal voll von dem Licht. In der Mitte stand ein
Gehuse, oval und derb geschnitzt, mit Gitterung in der Hlfte der Hhe.

Kalekua deutete auf ihre Federn, wies mit beiden Hnden darauf und sagte:
Zur Knigin.

Als ein dumpfer Laut zurckkam, wollte sie vorgehen. Allein Jean Franois
trat, sich von ihr lsend, an das Gehuse und erfragte streng den Sinn des
Wortes, das ihn berall traf und das sein Bewutsein qulte. Er fragte:
Was ist Rono?

Ein Kopf schob sich aus dem Gitter, pergamenten die Wangen, mit
geflochtenem, weiem Bart, starrte ihn an und erschrak. Dann zog sich der
Kopf zurck, und eine demtige, zitternde Stimme fragte aus dem Inneren des
Gehuses, warum er scherze. Doch Jean Franois befahl laut die Antwort.

Da begann die Stimme wieder. Sagte -- wenn er Bekanntes wiederholen msse
--, da Rono ein Gott gewesen sei, der die Insel bewohnte, dann Menschen
die Erlaubnis gab, sie zu besiedeln, die ihn aber schlecht ehrten. Da brach
er los, ttete viele und verlie die Insel . . . Und da er wiederkomme
bermchtig in einem Schiff, der Gott, der Gott -- -- -- sagte er, und
heulte erbrmlich.

Kalekuas Gesicht war starr. Der Priester wimmerte und bewegte sein Gehuse,
da es um die Achse schnellte und ein hallendes Gerusch gab.

Nun wute Jean Franois Kalekuas tiefste Gedanken.

Sie drangen weiter vor. Das schwebende Licht hrte auf, die Beleuchtung
ward mehr die des Tages, blau und durchsichtig.

Pltzlich wich die Wand auf der einen Seite tief in die Dunkelheit hinein,
die anbrach. Am Ende des finsteren Raumes jedoch sahen sie hellen Himmel
hereinkommen. Als sie die Augen senkten, ffnete sich das Meer vor ihnen,
und vertiefter noch dann die Stadt und die Bai.

Jean Franois gewhnte sein Auge an das strahlende Licht. Da sah er die
Bucht voll von Booten, die vom Strand zurckeilten. Um die Klippe aber
schwammen fremde Schiffe, von denen weie Wolken sich hoben.

Kalekua drckte ihn gegen die Wand.

Ein feiner Lrm kam von unten heran. Zehn junge Mnner gingen vor einem
Zuge. Sie bliesen Hrner aus weien Knochen, die spitz gleich
Schferpfeifen klangen. Ihnen folgten andere, die Besen hatten, die
brannten und einen Moschusduft ausspannten. Dann kamen, stampfend, die
Beine wirbelnd, Mdchen in gelben Mnteln. Sie hatten in der linken Hand
kleine und dicke Stcke, in der anderen groe geschlte hohle und schlugen
quirlende Takte darauf. Zwei hatten Trommeln aus Haifischhaut. Sie
rasselten knatternd und dumpf.

Sie rannten vorber nach dem Felsausblick, und ihr Geschrei erhob sich
heftig und monotoner, whrend sie die Schlacht beschauten. Kalekua fate
ihn. Sie gingen weiter. Es wurde wieder dunkel. Dann aber kam von neuem
Luft zart und mild herauf. Sie blieben stehen.

Ein Teich lag vor ihnen. Ein schmales Stck Land schlo ihn am Ende rund
ein. Darber stand die groe ffnung des Berges gegen den Himmel hin.

Aus dem Wasser stiegen langsam Frauen. Eine kam zuerst. Sie trugen alle,
ohne diese, Helme mit roten Papageienfedern. Eine nur trug einen Wedel aus
Palmenfchern.

Die erste aber schwang in leichtem Spiel die Arme zum Trocknen durch die
Luft. Das Blau zog dick hinter ihr zusammen. Sie war schlank mit
wunderbaren hohen Beinen und nackt.

Ihre Knchel trugen Ringe von Gardenien.

Ihre Haut war gefrbt; gelblich braun wie eine reife Olive.

So trat sie vor ihn, das Haupt zurckgelehnt, und sah ihn starr an.

Ihr Blick aber streifte die Welt um ihn hinweg. Er sah ihren Kopf, ihre
Nacktheit, die weich und einfach auf ihn strahlte. Ihr Blick weilte auf ihm
mit stolzer und demtiger Klarheit, und dies erhob sein Gefhl, da sie ihm
wie ein Ausgleich schien zwischen seiner Kraft und ihrer Hhe, sein Blut
strmte gesteigert bis an Grenzen, die er selbst nicht mehr erreichte, sein
Hirn, unirdisch geworden, schrie: Knigin.

Er begehrte sie.

Er lste Kalekuas Hand von sich ohne Empfindung. Dann warf er mit einem
Schrei den Stolz der Knigin nieder.

Ihr Blick fiel. Sie wurde bleich.

Von den Strmen seines Ich durchschwellt erhob er die Hnde nach ihr:
Liebe mich.

Seine Stimme schuf ein Schweigen, in dem die anderen erstarrten und Kalekua
niederfiel. Er sah ihr Gesicht, als er die Knigin auf seine Arme legte,
versteint und still zu ihm aufsehn von der schmutzigen Erde. Aber so sehr
kreiste dieses Erleben in ihm, da es seinem Bewutsein vorbeischwamm wie
ein rascher Mond.

Er nahm die Knigin hoch, kte sie und trat mit ihr in das Wasser, das bis
zu seinen Hften stieg. Dann wurde es seichter. Er bog in den Seitengang
und kam in ein Nebengewlbe, das voll stand von kleinen Gerten, Waffen und
Figuren aus Jade. Sie aen grnes Harz zusammen, das ihre Adern tosend
erhitzte und er kte sie, die verging.

Als am Morgen sein erwachter Blick gegen das Blau des Horizonts prallte,
strzte das Bild Kalekuas von allen Wnden gegen sein Gesicht und verstrte
sein Gefhl.

Er richtete sich auf, bis er kniete. Er sah auf die Knigin. Sie war schn.
Ihre Lippen lagen fest zusammen und zitterten. Er verglich ihre Glieder. Er
berhrte ihr braunes Haar und den schmalen Ansatz des Augenschlitzes, er
fuhr ber ihre jungen Brste. Er hielt die beiden Weiber gegeneinander.
Aber Kalekua stieg.

Er stand auf, trat bis zur ffnung, wo der Berg hinuntersauste, schwang die
Arme, sah noch einmal auf die Knigin und ging. Das Wasser nahm ihn khl
auf. Am anderen Ufer schttelte er sich wie ein Hund, die Tropfen spritzten
gegen die Mauern. Er wute, da er eine groe Hhe erlebt habe, aber da er
sie wegtun msse aus der bleibenden Erinnerung. Es war nicht viel, eine
Nacht aus dem Leben zu streichen. Er schob sie zurck.

Im Gang standen in Nischen groe Figuren aus Holz und Stein. Sie hatten
aufgeblasene Buche und grne Augen.

Am Ausgang lag Kalekua, zusammengekrmmt. Sie schlief. Tau hatte ihr rotes
Haar verwirrt und feucht geballt.

Er bezhmte sich. Er strzte nicht auf sie. Er wagte nicht sie anzureden.
Er sah sie lange an und ging vorber.

Nach fnf Schritten holte ihre Stimme ihn ein; sie schttelte sich, stand
auf und kam. Er senkte den Kopf ein wenig. Sie aber nahm seine Hand wie
immer. Sie gingen zusammen, wie sie kamen, den Pa hinunter. Sie stieen
durch die Dmpfe der aufgespitzten Vulkane. Sie schliefen die Nacht in der
Platane. Mittags erreichten sie das Meer.

In der ersten Nacht glaubte er, da Kalekua ihn tten werde. Doch sie
zeigte Andacht und Liebe. Er grbelte, warum sie sich mit Freundlichkeit
verstelle. Dann stellte er sie zur Rede. Er sagte ihr, da sie unehrlich
sei und Masken ber ihr Empfinden ziehe. Sie weinte darauf und erbleichte
in Schmerz. Da stie er roh in den Mittelpunkt des Gefhls:

Hast du nicht Schmach ber mich? Ich lie dich beiseite und nahm andere
Glieder an die Brust.

Da lchelte sie ihn an, verstndnislos, und sah unsicher nach der See, ber
der die Brandung aufschwang. Am Abend begann sie langsam zu weinen, und als
er ihr die Haare grade legte, fragte sie, ob sie bleiben drfe. Da lie
Jean Franois sein Mitrauen vor solcher Liebe, deren Quellen er nicht
begriff, und berstrmte sie mit Zrtlichkeit.

Als sie spter aufbrach zur Knigin, blieb er allein auf seinem Felsen
sitzen. Die ganzen langen Stunden sann er ihr Bild in die Luft, da er am
Abend des dritten Tages, halb verstrt von Liebe und heier Luft, in die
Htte taumelte, um die Kalekua in unzhligen Formen und Haltungen
schwankte. Jede Linie schob sich zusammen mit anderen und wurde ihr Bein,
ihr Arm, ihre Brust, ihr Winken. Seine Augen wurden rot. Im Fieber schlief
er ein. So wartete er auf sie.

Sie kam des Nachts und trat nicht ein. Als er unruhig erwachte und Khlung
begehrend hinaustrat, sah er sie leblos vor der Tr. Das Sternlicht
berschwankte sie, und sie fror. Er trug sie auf Armen hinein. Das Herz
ging. Aber es schlug nicht nach dem seinen hin, es lief durch den Takt des
seinen ohne Sinn und Ziel.

Er blies ihr seinen Atem in den Mund. Sie sthnte. Er stieg auf das Bett
und legte sich auf sie, da sie erwrme. Ihr Blick traf ihn. Er war
ausdruckslos. Ihre Federn hatte sie aus den Haaren genommen.

Kalekua.

Die Pupille bog sich nach oben.

Sie bekam einen kleinen Ausdruck auf der Oberflche. Es war Angst.

Die Knigin . . .

Was -- Seine Stimme fuhr scharf auf.

Doch sie antwortete nur mit einer leeren Geste, auf die keine Frage gesetzt
werden konnte. Kalekua war allein zurckgekommen, sie hatte die Knigin
nicht gefunden. Grauen hatte sich in ihr Hirn gestrzt. Die Knigin war
fort.

Nicht mehr strich Kalekua an sein Lager und durchduftete das Zimmer mit
Liebkosung. Die Welle ihrer erregten Brste schlug nicht mehr an seine
Brust. Ihr Auge mied den Meerkreis. Kein Blick segelte auf den Horizont.
Echos schlug ihre Stimme nie mehr aus dem Riff.

Jean Franois trstete sie mit Streicheln und mit Worten. Doch ihre Haut
zuckte nicht. Worte fielen von ihr ab. Da befahl er ihr, sich zu freuen,
aber sie sagte: Die Knigin . . . und vertiefte das Auge zu Boden.

Sie ging ziellos durch die Gegend, frchtete etwas Entferntes und hielt die
Haare in Verwirrung. Einen ganzen Morgen lief sie an der Kste auf und ab
ohne Laut. Sie wich den Wellen aus, die kamen, und bog in die
zurckflutenden ein in einem erschreckenden Zickzacklauf. Manchmal hielt
sie erstarrt einen Augenblick die Arme senkrecht. Jean Franois sah es
stundenlang an, bis es ihn tief bestrzte und er hinunterlief und sie
holte. An diesem Morgen begriff er, da sie ein fremdes Gefhl in sich
trug, das von seiner Seele wild hinwegwuchs. Denn sie glaubte, da sie ihn
der Knigin entzogen habe, und da diese ihr furchtbar zrne, und ihre
Liebe ging scheu geworden von der seinen zurck, die bermchtig ber sie
hing. Er aber glaubte, da sie Schmach trge, weil er, ausbiegend vom
graden Sinn seiner Liebe, die Lust der Knigin empfand.

Er suchte dies aus ihrer Seele zu werfen und sie mit Funkelndem zu
erfllen. Er fuhr mit dem Kanoe sie tief hinein ins Meer, bis der
aufglhende Abend, als sie selbst schon vom Dunkel verzehrt waren, die
Bucht brandrot entflammte. Er fing kleine Schweine im Wald, damit das
Tiergequietsch bis zu ihrem Gelchter vordringe. Drei Wochen fertigte er an
einem Haken, mit dem er einen Haifisch fing, den Bauch vom Boot aus aufri
mit dem Messer, und aus dessen Zhnen er eine Kette machte, damit der Stolz
darber ihre zu Traurigkeit zusammengeschlossene Seele lockere. Er log zu
ihr eines Abends, als ein fernes Lcheln hinter ihren Augen sa, von einem
Bruder, den er nicht besa, der mit Schiffen, wie mit Bauchflossen von
Fischen gestalteten, fahre.

Als er an einem Morgen spt hinaufkam von der Bucht, lungerte um sie, die
schweigend und nichtachtend sa, ein Chinese. Er erschlug das gelbe Tier,
das ihr Bein mit Berhrung befleckte, schabte nach der Sitte der Stmme das
Fleisch von den Knochen und schenkte ihr diese, auseinandergelegt und
gebleicht von der Sonne, in einem gebeizten Kasten mit gelbem Tuch.

Allein sie frbte sich die Lippen schwarz mit Beerensaft aus Trauer und
fehlte zwei Nchte, den Wald stumm durchsuchend, in seinem Haus.

Die Welt war jedoch so mchtig und gro in ihm, da er, sich heftiger an
sie verstrickend, nach dem Fabaren das Unmgliche versprach: Giraffen,
Tiger und den Mond.

Doch ihr Auge blieb dunkel. Ihre Seele verehrte ihn scheu und entfernt.
Doch je tiefer sie in ihre Angst tauchte, um so wilder umfate sein Begehr
ihr Entweichen.

Als sie wieder einmal fortblieb, dachte er ihr Bild nicht mehr in den Raum.
Es gengte nicht mehr. Seine Hnde zeichneten ihren Ri an die Wand. Seine
Fuste schlugen den Kopf in Ton, in zwei Tagen, bis sie toten Blicks
zurckkam aus dem Wald.

Damit er sich verkleinere, ihre Leidenschaft aber aufwrts hebe, tat er das
bermige von sich, fhrte sie in das Haus und sagte:

Ich bin nicht Rono. Fhl den Muskel, der dich manche Nacht hielt. Greif in
den Rcken. Ich bin nichts als Mann. Jeder knnte mich erschlagen. Deine
Liebe ist mehr wertend als meine. So gering bin ich, da, niemand mich
begehrt, es sei denn eine wilde Sau zum Fra.

Doch sie wies auf die Stelle, wo die fremden Schiffe die Walfischfnger der
Sdmeere geschlagen hatten, erinnerte ihn daran und lchelte und glaubte
ihm nicht.

Da griff er die Dumpfheit ihrer Seele von der anderen Seite an, die sich
zwischen ihre Liebe schob, packte das Bild der Knigin, demtigte den
Triumph und das Genossene in sich und sagte:

Was ist sie? Es ist geringes nur. Ich hatte sie in der Hand wie ein Ei.
Sie gab wenig zurck. Ihr Krper ist gut, wenn deine Haut auch heller ist.
Aber ihr Sinn ist der einer Schnecke.

Allein ihre Seele, die an das Nahe und Einfache angelehnt stand und nicht
vordrang in das Entfernte und Aufbauende seiner Stze, hielt fest an der
Knigin. Sein Hebel zerbrach an dem einen Wort.

Denn der Gedanke an sie und das Mchtige, was sie umgab, lag zher und
fester in ihrem Blut und vererbter den Rinnen ihres Gehirns, als das
Erdonnernde seines Namens fr ihr irdisches Gefhl und selbst als die in
seinem Krper verankerte Liebe des Mannes, die nur durch Umarmung und
Umarmung, in Pausen gespalten, sich erlebt.

Sie stellte sich hoch und sah ihn scharf an. In dem Blick war wenig von
Liebe, aber dumpfe Erwartung, die ihm die Gurgel zerschnrte, denn er wute
kein Mittel mehr, wie er die Angst vor der Knigin Rache von ihr nhme.

Er versuchte noch eines: suchte tagelang die Knigin, schrie ihren Namen in
die Tler. Aber fand sie nicht.

Kalekua sah ihn hart an, als er eintrat und wich die Nacht aus dem Haus. Er
aber sa in der Platane und erwartete den Morgen, in dem seine Liebe sich
noch tdlicher vertiefte.

Oft sah er sich um und erstaunte sekundenlang. Denn was ihn sonst trieb,
die Kste, die Wellen, die Flut der Palmen, was seinem Leben und Dasein
Ausgleich gegeben hatte und seine Seele tiefer ernhrt und bewegt hatte,
wie jedes vorherige Dasein -- es schrumpfte zusammen vor dem Gefhl zu
Kalekua, das alles bertraf und nichtig machte neben sich.

Seine Liebe schwoll an, da er sie nicht mehr in dem Gef seines Wesens
halten konnte, und da sie ausstrmend Kalekua adelte, ihren Gang erhob und
ihr Dasein ins Unbegreifliche steigerte. Seine Umschlingungen wurden
heftiger. Sie begngten sich nicht mehr mit dem Erraffen des letzten
Menschlichen in ihr, das sie ihm in wunderbarem Rhythmus entgegengeschlagen
hatte, und mit der an ihrem Leib abschwingenden Glckseligkeit
gleichgefhlten Daseins, seine Umarmungen vielmehr erstiegen eine Hhe, wo
er ihr irdisches Dasein nicht mehr erkannte, sondern sie, dies alles
zurcklassend, nur noch erkannte und empfand verbunden und anheimgegeben
ber das Erkennbare hinausgehenden Ruschen und Gefhlen.

Ihr Blick erschauerte unter seiner Umschlingung, die furchtbar sich ber
ihrer Seele erhob, die nur in Sorge und Abwehr gespannt war. Er jedoch
kte ihre Fe, lauschte ihren Atemzgen und erschrak, wenn ihr Puls
sprang.

Voll fessellosen Erlebens umgab er ihr geringes Dasein mit Inhalt. Er
folgte ihr in der Entfernung, verlie sie das Haus. Er setzte sich neben
sie, wenn sie die Augen furchtsam gegen die Hhe des Berges erhob. Nachts
beugte er sich ber ihr Bett und sah entferntes Licht des Mondes
darbergehen.

Er suchte eine groe Muschel und hielt sie lange vor ihr Gesicht, weil die
wechselnden Spiele in der Farbe des Perlmutter ihre Zge zum Lcheln zu
vermischen schienen.

Kalekua ging jeden Tag durch die Tler, die Ksten und die Bume. Sie sah
sie nicht. Ihr Auge sa nach innen gedreht und lauschte auf Ungeheures, das
sie unsichtbar umscholl.

Er aber war so voll von Liebe, da er die Insel nun (die ihn frher
beseelte) damit umfing, so da der Geruch des Meeres, das Kstliche des
Horizonts, Sturm und Erschwanken der Palmen wie aus seinem Leben
herauszustrmen schien.

So gewaltig wuchs seine Liebe ber das Land, dessen Sehnsucht lange vorher
ber ihm stand, da, wenn er es gewollt htte, die Insel begonnen htte,
whrend die Winde schwiegen, sich in Kreisen um sich selbst zu drehen.

Kalekuas Gefhl aber wandte er damit nicht.

Ihr wuchs alles, Luft und Erde, zusammen zum Bild der Knigin, die mit
gierigen Lippen Rache heischte. Und auch den Geliebten zog es in diesen
Schlund. Sie bekam, von dem unabwendbaren Schicksal bedroht, eine
Ergebenheit, die ihr Gesicht bleichte und im Erwarten des Schreckens
leuchtend machte wie eine Qualle.

In einer Nacht erscholl der Berg hinter ihrem Haus, ein Ri zog sich durch
die Mauer. Die Klippe barst zur Hlfte ab und raste ins Meer. Die andere
trug schaukelnd ihre Htte. Ein Donner warf sich aufstrzend gegen den
Himmel.

Kalekua erwachte, und aufschreiend erhob sie sich, glaubend, da durch die
vertausendfachte Stimme die Knigin sie rufe. Sie strzte zur Tr.

Aber Jean Franois ergriff sie bei der Taille und hielt sie. Sie sah sich
um und blickte ihn an als wie ein schlechtes Tier. Ihr Mund wurde zornig.
Sie schrie:

La mich! -- und als er den zuckenden Leib fester fate: Die Knigin
. . . die Knigin . . . Dann hob sie die Hand und stie ihn unter das
Kinn.

Aber sie machte seine Liebe nur grer, und er band sie auf das Bett vor
Sehnsucht. Der Boden beruhigte sich, und gegen Morgen beruhigte sich
Kalekua, als er sich ber die Zitternde neigte und seinen Namen sagte.
Rono, sagte er.

Als sie schlief, band er die Schnre ab und ging hinaus. Der kalkweie
Kegel des Bergs hatte eine tiefe Wunde. Der Krater dampfte leicht. Er lag
in der gleichen Hhe wie sein Haus, und ber das Riff verband sie eine
Felswand miteinander. Das Meer war grn, wo die sausende Lava sich
hineingebohrt hatte. Weie Fischbuche blitzten unzhlig herauf. Er setzte
sich vor die Htte.

Gegen Mittag aber ward der Schreck bermchtig in ihm und warf ihn nieder.
Er stieg ber den schmalen Grat zu dem Vulkan.

Da am Rande schleuderte es ihn auf die Knie. Sein Gefhl, ausquellend
unendlich, stieg uferlos und stie an Gott. Das Meer verfrbte sich weit
hinaus fast gelb und silbrig zu einer unbewegten glanzlosen Flche, auf der
zwei Kanoes wie gefroren schliefen. Er hob die ganze Inbrunst zu Gott
hinauf und herrschte ihn an, da drben ber der kleinen Bucht Kalekua aus
der Htte heraustrete und gelst von ihrer Angst und zurckgeformt zur
Liebe ein Lcheln unter den Augen trge.

Aber Gott war taub.

Der Tag ging. Kalekua schlief bis in die Dmmerung. Dann erwachte sie und
blieb still sitzen.

In der Nacht begann der Boden zu schwanken. Mond schien. Da stand sie auf.

Ihr Gesicht glich dem ihres ersten Tages, als ihm der Trogu noch die Seele
entzckte, die jetzt ganz nur Liebe war. Sie strich ihr Haar, das glhend
den Rcken hinunterbrannte. Dann nahm sie die vier weien Federn und tat
sie in ihr Haar. Aber eh sie ging, zog sie aus dem hohlen Balken am Eingang
die Kette der Haifischzhne und kte sie.

Es war fast hell. Er sah ihren reichen Leib, der straff und zart nach den
Brsten hinaufwuchs, sich mit den spitzen Zhnen grten. Sah den Schwung
ihres Beines, die Achsel, die Biegung ihres Nackens, die er mehr liebte als
wie Gott. Er sah alles. Er weinte nicht. Aber er hatte nicht die Kraft, sie
zu halten.

Er nahm das Schicksal in sich. Er konnte nicht hher als Gott.

Pltzlich ertoste der Berg. Da sprang sie hinaus. Sie lief. Einmal noch
hrte er ihre Stimme. Sie ruft, rief sie.

Da hielt es ihn nicht mehr. Er lief ihr nach. Aber sie war zu weit.

Da warf er sich mit dem Rcken gegen die erdrhnende Htte. Er sah sie ber
den Halbkreis des Grates ber der Kste her hinlaufen, schmler und blsser
werdend im entfernteren Monde und beschwingt voll Licht weitereilend wie
von Unirdischem getragen gleich einer silbernen Tnzerin in den Krater
verschweben.

Er aber hatte, tdlich verwirrt, noch nicht die Kraft, ihr zu folgen. Noch
jagte ein Strudel von Gefhlen sein vergangenes Leben ber ihn hin. Aus der
Kette der Gesichte warf sich eines vor ihn, an das er nie mehr gedacht
hatte, und ber ein Bild, das sich unter seinem Bewutsein formte,
schluchzte er, sich wie an ein Letztes daran klammernd, da es ihn
entwirren solle:

Ma . . . Ma --

Aber auch dies war taub.

Da raste und schrie er gegen Gott. Und dann beschwor er die Erde um ihn,
da sie ihn hielte. Aber so tief war er als in das Hchste an Kalekua
verstrickt, da, whrend er schrie, die Dinge, die er anflehte, sacht aus
ihm entwichen. Ruhiger werdend sah er nicht mehr Stern, kein Haus, kein
Meer. Seine Augen lauschten nach innen. Unendliche Stille umflutete sein
Gefhl.

Er warf sich mit dem Bauch auf den Boden und blieb wie ein Holz. Erst als
die Stimme des Abgrunds heischender heraufscholl, erhob er sich und folgte
ihr.




Die Herzogin


Als der Dichter Villon in Armut und tiefstem Leben der Stadt Paris stand,
sah er die Herzogin von Ventadron. Sie kam ihren Garten
heruntergeschritten, und ihre Gestalt ergriff ihn so, da er die Dirne, die
ihn begleitete, von sich wies. Er schritt die Reihen des vergoldeten
Stakets weiter, und sie kamen aufeinander zu. Sie aber bog ab, ehe er sie
erreichte, doch ihm gelang es, beim Wenden ihr Gesicht zu sehen. Der Schein
ihres Gesichts fiel ber sein Leben, um es nie zu verlassen.

Sein Herz verneigte sich tief vor ihr.

Sanftheit umgab seine kommenden Tage und umwlkte die Ausschweifungen und
Tavernennchte. Eines Abends sammelte er Mondlicht und Sehnsucht mit seiner
Seele und formte es zu einem Gedicht, das er der Herzogin sandte. Er legte
einen Brief hierbei und bat, da sie den Kopf wende, wenn sie bei der
Auffahrt zum Schlo die vierte Baumreihe erreichte, denn dies zeige, da
der Vers ihr gefiele.

Sie neigte drei Tage darauf das Gesicht aus einem groen Fcher nach der
vierten Baumreihe. Da sah er es noch einmal.

Sein Herz versank in Demut, alles fr sie zu erleiden und Hchstes ber sie
zu sammeln.

Nach Tagen erst, weil er elend war, besann sich sein Hirn auf ein Geschenk
fr sie. Es schien ihm schn fr sie. Er mute es stehlen. Aber kein Stern
dnkte ihn zu hoch.

Da er Geld zu den Vorbereitungen nicht besa, verkaufte er zwei dem Chor
entnommene goldreiche Kerzen wieder am Portal von Notre Dame einer
inbrnstigen Frau und trug den Erls in seine Taverne. Aufgescheucht von
seinem Gelchter, tranken sie seinen Wein, hrten sie seinen Plan, gierig
die Profile, die Augen funkelnd, ihn auszufhren.

Sie brachen mit Fackeln auf. Villon schritt ihnen voran. Barral stie vor
Wonne sein Messer in eine Tr. Die Gassen schwelten von Dunkel. In der Rue
des Saints Pres stand vor einem ffentlichen Haus ein Mnch, der mit den
Fusten das Tor verbeulte. Sie gingen, ein Lied beginnend, das ihn
verhhnte, im gleichen Paschritt auf der anderen Seite vorbei, und ihr
Gesang drhnte erzen durch die lange Gasse.

Der Mnch aber kam ber die Pflastersteine herber, stemmte die Fuste in
die Hften und begann mit normannischen Worten zu keifen. Er war gro und
breit und die Augen brannten rot. Sie gaben wenig Acht auf ihn und zogen
singend weiter. Einer der letzten stie ihn auf die Brust mit der Fackel,
da er, von Funken umsprht, in eine Pftze fiel. Aufjagend warf er sich
auf den Angreifer, schrie, aber die anderen lsten ihn los und warfen ihn
prallend ins Dunkel zurck.

Die Dirnen winkten aus den Fenstern und hielten Windlichter auf die Gasse,
aber Villon erhob aufs neue den Gesang und schritt weiter. Wie die brigen
begannen, ihre Stimmen der seinen zu verketten, brach der Mnch noch ein
letztes Mal aus der Torflucht und hie, ihn erkennend, Villon einen Sufer
und schlechten Dichter.

Villon zog den Fu an, ihn beiseite zu treten, lie es dann mit einer
Grimasse und sang weiter. Der Mnch aber stie einen Pfeil in seine Scham
und rief: Sohn einer Hure. Da erbleichte er, schwankte und warf ihm sein
Messer in den Leib.

Whrend der Gesang wieder aufschwoll und dumpf die Gassen,
hinuntergleitend, erfllte, lag der Priester auf der Erde, schrie und stie
Arme und Beine in die Luft und go langsam sein Blut in die Gosse. Die
Weiber im ersten Stock des Hauses hngten sich weit aus den Fenstern und
sandten ihm Einladungen hinunter.

Der Gesang war bis zur Seine gekommen. Villon betrat mit seinen Leuten ein
Boot und fuhr dunkelrot beleuchtet den Flu hinunter.

Villon sagte: Ich habe kein Blut an mir, und wusch sich zufrieden die
Hnde, denn es schien ihm geringer als der Tod einer Krhe, einen fetten
Mnch zu erschlagen. Pltzlich lschten alle die Fackeln, indem sie sie zu
beiden Seiten der Kahnwnde ins Wasser stieen, es zischte, weie Blasen
strzten in die Hhe, und langsam legte sich das Boot ans Ufer der
kniglichen Grten. Sie berstiegen einen Zaun und verteilten sich nach
allen Seiten. Hinter Statuen und Bosketten lagen bald alle auf der Lauer.

Villon schlich allein vorwrts. Der Wein sauste durch sein Blut, aber er
fand die Richtung. Barral folgte ihm. Ein Truthahn neben ihnen begann zu
schreien. rgerlich drckte ihm Villon den Daumennagel in den Hals, denn er
hatte es nicht auf das Tier abgesehen, das sich grundlos in den Tod hinein
exaltierte. Es geht Sterben ohne Sinn von mir aus -- dachte Villon, indem
er die Tr zu den Tierstllen aufbrach.

Aus weiem Stroh sahen ihn im Dunkeln unermelich und still glnzende Augen
an. Unter rasch entzndetem Licht breitete sich das sanfte Fell einer
Antilope vor ihnen aus. Villon lste mit der Linken die Schellen aus ihrem
Geweih, whrend die andere ber den Rcken streichelte. Dann nahm er
behutsam das Tier in den Arm und trug es ins Boot.

Sie fuhren zurck und stiegen am anderen Seineufer aufs Land. Hinter dem
Louvre hrten sie das Aufklappern der Lanzen von der Wache. Sofort brachen
sie in Gesang aus, Villon mit dem Tier in der Mitte. Auf dies furchtbare
Signal hin verschwand der Tritt der Wachen in der Ferne. Noch eine Weile
gingen die Leute Villons taktmig im Paschritt.

Dann verstummten sie, Villon ging allein vor bis an ein Schlo, ffnete das
Tor und trat in einen Garten. Auf dem Rasen lie er sich nieder, schlich
bis an die Mauer, umkreiste den Flgel und band sein Geschenk, die
Antilope, mit langer Kette an einen Rosenbaum auf der Rckseite, damit am
Morgen nach dem Erwachen der Blick der Herzogin sich eine Sekunde sanfter
frbe und kleines Glck sich ber den Park ergiee.

Dann kehrte er um, sie zogen zurck und stiegen in eine Kellertaverne, wo
sie wrfelten.

Am Morgen zog eine Kompagnie auf, umstellte das Loch und fing einen nach
dem anderen der Herauskommenden ab.

Villon ward feig und fiel auf die Knie, als er sich gefangen sah. Sie
schlugen ihm mit den Schften ber den Kopf und brachten ihn verquollenen
Gesichts in einen der drei Trme. Er fiel die Stufen hinunter, die Wnde
waren feucht und berschimmelt, es gab kein Licht.

In den Tagen, die sich zu Wochen zerdehnten, die er hier lag, bekam sein
Auge Macht ber die Dunkelheit. Er erkannte den Wechsel des Tages und der
Nacht und die Bewegung des kleinsten Ungeziefers an der Wand. Er sah Kreise
und Strudel von blauem Licht, die Stille bekam Gewicht und sauste ber sein
Gehr und er versank in Zustnde, die zwischen Schlaf und Wachsein lagen.
Ihm wuchs ein Bart, indem sein Fleisch zerfiel. Ein pilziger Ausschlag
sammelte sich auf seinen Knien. Er dachte an nichts. Das Dasein ohne Welt,
das ihn weich dahintrieb, erfllte ihn ganz.

Da sprang die Tr auf, zwei Mnner mit Lichtern kamen. Hinter ihnen stand
ein Herr in grauem Kleid. Er beugte sich neugierig ber Villon. Hierauf
lie er die Laterne neben ihn stellen und nickte schrg nach oben mit dem
Kopf, worauf die Mnner lautlos ins Dunkle der Tr zurcktauchten.

Man interessiert sich fr Sie.

Sie?

Nein . . .: man.

Da erhob Villon den Blick genauer und erkannte den Herzog von Ventadron und
verbeugte sich tief und wurde feig und zitternd.

Sie werden wohl verurteilt, sagte der Herzog leutselig; obwohl es mich
ergtzt, die Sache mit dem Klerk, geschieht hiermit Gesetz. Aus andrem
Grunde aber mchte ich mich fr Sie einsetzen. Kennen Sie den Abt vom St.
Romacle? Ja?

Villon, der den Ruf des Abtes kannte, nickte und zog ein schwaches Lcheln
ber sein bebendes Gesicht.

Ich mchte ihn sehr krnken, verstehen Sie. Er hat ein Haus mit einem
Olivengarten, daneben grenzt mein Gebiet. Da steht gerade ihm gegenber ein
alter Bau mit vielen Zimmern. Sie kennen die Frauenviertel von Paris?

Villon nickte.

Sie werden wohl verurteilt. Ich aber mchte in diesem Bau ein
Frauenkloster aufschlagen, wo jedem Mann freier Eintritt ist mit Gesang und
Wein. Wollen Sie?

Da Villon der Plan sehr gefiel und seine Augen funkelten und er
zusammenzhlte, wen er dazu gebrauche und welche Tavernen er leere,
erschrak er im Bewutsein, da der Fordernde der Gatte der Herzogin sei. Er
fragte sich, ob dies eine Falle sei, doch da er den Herzog kannte als edel,
tapfer und einen groen Verfhrer der Frauen, stie er mit dem Fu auf vor
Freude und sagte:

Ich kann und will.

Aber im gleichen Augenblick verfinsterte sich sein Gesicht und zerfiel im
trben Schein gelben Lichts der Laterne, denn diese schlechte Sache, die er
gern tte, lag zu nah dem Gefhl fr die Herzogin und in Scham zergehend,
lehnte er wieder ab.

Der Herzog stutzte.

Dann schwang er einen Schlssel spielerisch im Kreise und sagte: Kerl,
dann wirst du gehngt.

Villon warf sich nieder und flehte hndisch ums Leben.

Er versprach dem Herzog Dinge sonst, von denen er nichts ahnte, obwohl er
Paris kannte wie wenige, aber Villon wute mehr.

. . . oder -- -- -- aufgeknpft, achselzuckte der Herzog.

An dieser Khle begriff Villon, was es heie, nicht mehr zu atmen, bis in
die Nerven seiner Zehen. Von dem Ungeheuerlichen des Todes gestrzt, fiel
er auf die Fe des Herzogs, wand sich und kte sie.

Er kmpfte mit sich, da er den Plan ausfhre, der seine Sinne reizte, doch
er stritt vergeblich gegen das Gefhl, das es ihm verbot, und selbst die
Grausamkeit des Sterbens war gering gegen dies Gefhl.

Es gelang ihm nicht.

Er frchtete sich entsetzlich und wurde grn. Aber er sagte nicht wieder:
Ja.

Der Herzog entfernte ihn mit dem Fue von sich und ging.

Villon fiel auf die Knie und betete inbrnstig zu einem Bild, das, aus
seiner Seele heraussteigend, sich durch die blauen Flammenkreise in das
Dunkel hinabneigte, Trnen strzten ihm im Jubel aus den Lidern. Dennoch
schien es ihm zugleich, als ob er sich zerfleischen solle ber den
Wahnsinn, die schne Einrichtung des Dirnenklosters ausgeschlagen zu haben.

Nicht mehr rauschte die dunkle Luft um sein Gehr. Zwischen Inbrunst und
Schmhung schwankten die Tage. Dennoch kam an einem Morgen die Nachricht,
da er begnadigt, aber verbannt sei. Eine halbe Stunde darauf verlie er
den Turm.

Zwei Wchter gingen neben ihm her. Ohne Pause schritten sie bis zum Tor.
Sie gaben ihm ein Papier. Er war auf fnfzig Lieues des Umkreises der Stadt
verwiesen. Dann fluchten sie, lachten und lieen ihn laufen.

Und er lief wie ein Hase in einem entsetzten Bogen in die Landschaft
hinaus, bis ihm der Pulsschlag des Herzens in die Gurgel sprang. Dort hielt
er sich an einem Baum. Es war ein junger Birnbaum und schwankte unter
seiner Last.

Er aber sah zitternd an dem schlanken Schaft hinauf, erblickte die
grndunkle Krone, sah den berwltigenden Himmel, streichelte den Baum und
fiel auf die Erde vor berma.

Am Mittag ging er weiter. Die Sonne lag eine lange Strae hinunter
berhell. Auf den Feldern stand Korn und rauschte. Vor der unerlebten
Herrlichkeit der Landschaft ergriff ihn um so tiefer die Wut, da die Stadt
ihm versperrt sei. So rasch lief sein Herz im Kreis. Er sah sich an, wie er
so zerrissen dastand, ein Bach wies ihm stechende Augen in kalkenem Gesicht
und wildes Bartwerk. Er wankte auf der Strae. Ein Strolch lachte ber ihn,
da es schallte. Aus einem Bauernhof sprang ein Hund, der wtend in die
leblose Gegend hinausbellte.

Er hob einen Stein. Aber er hatte nicht viel Kraft mehr.

Am Abend sank er vor Erschpfung in einen Graben und schlief. Zwei Tage
lief er sinnlos weiter. Als er am Mittag des dritten an einen Weinberg kam,
in dem ein alter Mann mit stillem Gesicht Wasser go und Spaten fhrte,
blieb er neidisch stehen, Arbeit erbittend. Er erhielt sie. In wenigen
Wochen war sein Gesicht braun und bartlos, das Auge erfrischt. Enges Kleid
umschlo den gespannten Krper.

Eines Nachts schlich er an die Grenzen von Paris zurck. Doch schon ehe er
verbotenes Gebiet betrat, erhob ein Kleriker Geschrei, der ihn erkannte. Er
kehrte um. In einer Absteigschenke der Landstrae lie er sich nieder und
schrieb nach allen Seiten. Er schrieb an Barral, an die anderen, an Weiber
und Wirte. Er flehte und drohte, ihm zu helfen, da er in die Stadt
zurckkehre. Dann wartete er.

Aber als Antwort kamen nur zwei Dirnen, die er geliebt hatte. Barral sei
entsprungen, die anderen sen. Er zitterte vor Zorn und schlug sie.

Allein sie erstickten ihn mit Kssen. Schwer gepeinigt und ihrer Treue doch
wieder s entgegengebracht, schrieb er zwischen ihren Umarmungen und
Scherzen einen Brief an die Herzogin, schrieb: wie sehr sein Sinn sich in
das Hohe treibe und wie rasch er falle, denn sein Blut ziehe wie ein Blitz.
Doch immer sei sein Herz voll Inbrunst.

Als die Dirnen den anderen Tag zurckwanderten, sah er ihnen nach, die den
Brief trugen. Sie hatten schne Beine, er sah es wieder.

Dann aber weinte er auf dem Rasen sitzend, denn die Welt war weit zwischen
ihnen und der Heiligen, und die Brcke des Briefes zwischen ihnen schmal.

In der Nacht verschwand er, ohne die Zeche zu zahlen.

Am Waldrand hob er, aus dem Schatten noch einmal tretend, die Hand steil
gegen die Stadt.

Dann brach er in das neue Land vor ihm hinein, gestrkt im Inneren und
festgefgt in der Entschlossenheit, da sein Leben in groes Ma
hineinwachse und gleichschwingenden Strmen sich fge.

Ihm, der nie die Stadt verlassen hatte, war Wandern unbekannt. Nie kam
Gesang in seinen Mund. Sein Gang bewegte sich erfllt vom Rhythmus seiner
Gefhle. Kaum da er, aufgescheucht, die Landschaft knapp musterte und in
sich sog.

Einmal dachte er zurck und sah sich wie ein entferntes Spiegelbild, bunt
gekleidet, auf einer Strae den Kopf sanft gesenkt, weither durch ein
unbezirkbares Gitter von Bumen herkommen.

So erfllte sich diese Zeit an ihm mit Stille.

Abends betrat er Sonntags eine kleine Stadt. Auf dem Platz glnzten viele
Lichter. Zwischen zwei Bumen zog sich ein Seil mit Tanzenden. Er mischte
sich am Ende des Spiels unter die Gaukler. Sie kamen ins Wrfelspiel.
Trinkend und sich frei gebrdend traf ihn die lssige Haltung dieser
Menschen beglckend. Das selbstgefllige Wiegen der Frauenhften, die
breite Sicherheit der Mnner und beider geduckte Klugheit gaben ihm
Wohlgefhl. Er schlo sich ihnen an.

Sie waren aus Limoges, und die Weiber hatten heftigere Sitten, die seiner
Nordischkeit erregend waren. Sein Knnen berstieg das ihre im Geschft. Er
gab schnere Positionen, elegantere Stze, ihr Beifall wuchs. In Angers
engagierte ihn die Brgerschaft mit seiner Truppe.

Als sie die reiche Stadt nach Abenden des Triumphs verlieen, folgte ihnen
ein Ratsherr auf einem Pferd und bat Villon auf das Stadthaus zurck. Der
Brgermeister wies ihm einen grauen Mnch und bat, da er ihn, der Pra
hie, untersttze in der Einrichtung einer groen Passion. Villon musterte
kurz den Saal.

Dann verlie er seine schweifende Gefhrtenschaft.

Auf einem Faschingsfest der Stadt sprach er den Prolog, die Halbmaske vorm
Gesicht, glhend, da das Publikum ertobte.

Kommenden Morgens begann er still das Werk.

Dem steifen Redeflu des Priesters fgte er Flle des Talents. In einer
Woche wies er dem Kleriker Irrtmer der Mythologie nach, zog das Ereignis
in Verse, Kinder sangen sie fr geringes Entgelt auf den Gassen. Der Mnch
verlie die Stadt.

Nun umfate er allein das Geschft. Morgens frh begann er die Dressur der
Massen. Er lernte sie die Arme aufstlpen gegen den Himmel, die Gesichter
verzerren und auf gekrmmtem Bauch zu schreien vor Entsetzen. Ein Rudel
Zimmerleute fgte das Amphitheater zusammen in mchtig geschweiftem Bogen,
nah der Kirche auf dem Grberfeld. Etage der Bhne, Mansion an Mansion,
staffelte sich nebeneinander. Er lehrte die schne Entzckung, den Schrei
der Brunst und Stille der Ergebung.

Er knetete den Teig der Menge, da die Glieder des Stcks sich abrollend
wie durch Fadenziehung seiner Finger bewegten. Den Kostmen gab er Prunk,
der Schminke Wahrhaftigkeit. Den Text bearbeitete er mit Gltte und gab ihm
feurige Funken. Ein Hohngedicht auf graue Mnche fgte er ein.

Der Tag wuchs ihm vom Ausgang der Sonne bis ins Herz der Nacht. Wohlgefhl
der Ttigkeit, die er umspannte, durchflo ihn. Die kleine Weltkugel der
Passion, die in seinen Hnden allein ruhte, erhob ihn zu Begeisterung fr
sich selbst.

Dann durchfuhr, als das Werk endete, Geschrei die Stadt. Der Knig zog ein.
Teppiche fielen aus den Fenstern. Binsen bedeckten den Gehsteig. Blumen
lagen im Fahrweg. Quer ber die Strae hingen Rucherpfannen.

Morgens begann das Spiel des ersten Tages. Aus dem Zelttuch, das das
hlzerne Theater deckte, fielen zerstubt gutriechende Wasser. Dann zog
weigegrtet Villon auf einem Esel ber die Bhne. Hrner erhoben sich.

Der Knig betrat die Loge. Unter Schweigen vollendete sich bis zum Abend
das Spiel. In der Dmmerung erst gab es Tumult. Ein Taschendieb schnitt
einem Adligen den rmel ab und versteckte ihn. Villon lie ihn auf einen
Pfahl schnallen und verhhnen, denn er gedachte streng zu sein in seinem
Bereich.

Aber in der Nacht band er verkleidet den Strfling ab.

Der zweite Tag begann mit Hitze, am Mittag schon wurden die Gesichter
schlaff. Die Kinder auf den Brstungen schrien. Das Volk hetzte Hunde in
die Arena.

Gegen Abend fiel der Tod des Judas, den Villon spielte. Whrend sieben
Teufel mit Hammelschdeln und Kuhglocken ber dem Kopf tosten, erhob sich
eine dunkele Sonne. Satan stand auf, goldbraun im Gesicht, mit einer Krone
aus rotem Satin und orientalischen Perlen. Judas fiel weinend vom Gerst.
Und weil sein Mund zu niedrig war und verrterisch, die Seele zu entlassen,
platzte der Bauch, dem sie entstieg.

Der Knig erhob sich Beifall winkend.

Zurcktretend hinter die Kulissen fhlte Villon einen Zettel, der sich in
seine Hand schob. Er sah sich um. Als sei nichts vorgegangen, stand hinter
ihm eine der Sibyllen, deren Tanz sich den Morgen in sein Bewutsein
geprgt hatte. Es war eine elende Dirne, aber ihr Mund glhte von Worten,
wenn sie sprach.

Beim Austritt in die Stadt verhafteten die Leute eines Bischofs Villon
wegen des hhnenden Verses auf die Mnche, allein ein Reitender des Knigs
machte ihn wieder frei.

Er betrachtete nun das Papier. Es war ein Bild: die heilige Susanne, ein
Bein ins Bad setzend, mit den Augen lchelnd. Es gefiel Villon, da er
lachte.

Am letzten Mittag kam Villon, Christus spielend, auf das Podium.

Er war nackt, sie hingen ihn ans Kreuz, und der Schmerz erprete ihm
Geschrei von den Lippen. Ihm zu seiten hingen die Verbrecher, sthnend,
Fratzen um die Nabel gemalt. Rechts ghnte eine Hlle. Links aber standen
Knaben mit roten Binden um die Stirn und hinter ihnen eine Kette Engel mit
den Instrumenten, alle herbergebeugt.

So gro waren Villons Trotz und bermut, da er das Haupt nach der Hlle
wandte und das Unerhrte begann, mit aufschwellender wilder Stimme nach der
Hlle zu reden.

In dem blassen Schweigen des Raumes lste sich da der Vorhang einer Loge
neben der kniglichen, Villons Blick traf den Scheitel einer Frau.

Der Vorhang fiel zurck.

Unsgliches fllte seine Lippen, als er das Gesicht erhob. Es war ihr Kopf.

So sah er ihn noch einmal.

Er begriff die Wonne nicht. Er verstummte.

Aber sein Kopf fiel herum demtig und sein Blick umklammerte die Kulisse
des Paradieses. Maiwuchs und Orangenbaum sanken ihm in die Augen. Zwischen
Rosen und Majoran erhob sich in Granaten eine Fontne.

Sein Herz neigte sich.

Der Vorhang schaukelte, aber er zog nicht mehr auf.

Seine Stimme aber erscholl, hochgetragen und lind, unwahrscheinlich sich an
das Brllen schlieend; der Kopf bog sich in die Hhe und spannte den
Krper von den Fen bis an das Genick wie einen Sprenkel. Worte entfuhren
seinem verzckten Munde voller Ergebung und wuchsen wie aus breiten
Trompeten zu einem ehernen Donner.

Dann neigte er auch den Kopf.

Vorhnge teilten die Welt von ihm ab. Es war dmmrig geworden.

Als er wieder aus der Garderobe heraustrat und dem Gerst zuging, befahl
ihn ein Ratsherr zum Knig.

An der Wand des Zaunes streifte jemand seine Hfte. Er blickte flchtig und
sah die Sibylle.

O, sagte sie und machte den Mund auf und bi auf die obere Lippe.

Villon dachte an das Bild und sah sie an. Dann legte er den Arm ber ihre
Schultern, denn die Achseln schimmerten wei und erwartungsvoll durch das
Tuch.

Sie ging zur Seite, wo die Friedhofkreuze gleich begannen, es ward ganz
dunkel um sie. Ihre Hfte streifte ihn. Er kte sie und bi ihr in den
Mund.

Sie lagerten hinter einem breiten Grabstein.

Ich frchte mich.

Villon lachte.

Dicht neben ihnen liefen die letzten scharfen Grenzen des Lichts. Die Menge
tanzte lrmend auf dem Platze. Auf den Bnken des Amphitheaters begann
Gelage. Funken sprhten gegen die dunkle Wand des Horizonts. Ein roter
Dunst hngte sich um den Kirchturm.

Willst du Geld? Nachher habe ich zwanzig Dukaten.

Nein.

Sie schob die Zunge zwischen Zhne und Lippe. Nimm mich mit. Heirate mich.
Gib mir ein Kind.

Lege die Hosen eines Franziskaners in dein Bett, da wirst du von selbst
eines haben.

Villon lachte.

Sie gefiel ihm. Ihre Lippen schwellten sich vor Blut.

Fnf Dukaten schenke ich dir.

Ich frchte mich.

Du kaufst dir Armbnder und seidene rmel.

Ich frchte mich.

Spei auf die Toten. Er prete ihre Brust.

Wie warst du schn, als du auf dem Esel, den du Rutebeuf nanntest, wie du
mit dem weien Grtel auf dem Esel einrittest . . . . .

Er kte sie mit geschlossenen Augen.

Da aber stieg durch den Spalt der Dunkelheit ein Gesicht. Er prete die
Lippen noch fester zusammen, um das Gesicht zu zerdrcken. Doch der selige
Kopf wurde immer grer, die Herzogin neigte sich freundlich ber ihn. Das
Gesicht bedeckte seine Seele, indem er in immer wilderem Ku sich ihm zu
entziehen suchte. Ihr gtiges Lcheln zog sich ber den Garten, die Kreuze
und den Himmel.

Da stie er entsetzt und bezwungen die Dirne mit den Fen, sah von ihrer
offenen Brust verzerrt in die Hhe, um das Bild zu erreichen.

Sein Herz neigte sich, und aufstehend, laut jammernd, lief er in die Nacht.

Er lie die Dukaten und den Knig.

Sein Lauf whrte Tage, die er nicht zhlte.

Verwilderten Bartes kroch er nachts in eine Scheune. Als er einschlief,
fiel durch das Gitter des Heus der Schein einer enthllten Laterne ber
seine Augen. Er fuhr herum und umarmte Barral, den er so fand.

Wo warst du? sagte Barral und lachte.

Ich lief -- sagte Villon.

Er schob sich Stroh ber den Krper. Dann weckte er Barral noch einmal:

Barral, sagte er, und sein Gesicht leuchtete von bsem grinsenden Hohn,
ich mchte ber die Welt hinkotzen in einem Strom. Mein Alter, wir wollen
Frauen verfhren, Stlle anznden und es mit Tobsucht tun.

Ja, mein Freund, sagte Barral und zog sich Stroh aus dem Bart.

Ihre Nahrung ward Feldfrucht und geraubtes Geflgel. Bauern erschreckten
sie, indem sie das Land berquerten, des Abends auf ihren Feldern, da sie
brllend wegliefen. Mnche prgelten sie mit dornigen Stecken und trieben
lange ihr Wesen mit Frauen, denen sie die Rcke zuschnrten, da sie als
Statuen auf allen Straen standen.

Einmal fiel Villon in eine Falle. Von allen Seiten pltzlich
hervorbrechend, schlugen Burschen mit Gegenstnden auf ihn. Knapp entwich
er aus der verdunkelten Dorfgasse, einen blutenden Ri ber die Stirn.

Die Nacht zndeten sie das ganze Dorf an.

Villon und Barral standen auf einem Hgel, whrend die dunklen Scheine ber
den Wald flatterten.

Es ist ein schner Anblick, sagte Villon und legte den Arm ber Barrals
Schulter.

Es ist ein Schauspiel, sagte Barral.

Zur Zeit der groen Prozession erreichten sie nach Wochen solchen Daseins
Toulouse. Sie fanden die Stadt gefllt mit Fremden und reichen Klerikern,
die heimatlichen Erwerb in leichtem Leben verstrmten. Barral stahl in der
vornehmsten Kirche Pelze und Steine. Sein Blick sah manche groe Gabe in
den Opferstock eingehen. Es prgte sich ihm ein. Er verga es nicht. Sie
faten abends rasch einen Plan.

Barral hieb wie ein Br, nachdem sie die Tr erschlichen hatten, den
Opferkegel in der Mitte durch. Neben Kupfer und einigem Silber berrollte
vieles Gold den Boden. Sie teilten gemchlich. Als sie durch die blinde Tr
des Chorgesthls hinaustraten, prallte ihnen ein leichter Ruf entgegen.

Villon sah Barrals Hand erhoben und, selbst von zehn Fusten angepackt,
vernahm und sah er beim Wenden des Kopfes eine Hellebarde, die breit
Barrals Bauch durchstie.

Dann brachte ein kurzer Gang ihn zu der Dunkelheit des Turms.

Whrend die dauernde Nacht ihn umschlo, blieb sein Bewutsein nicht ohne
Trbung. Nicht unterschied er Tag und Abend. Kein Schweben der Seele zog
ihn aus Welt und Gegenwart. Reue fra ihn an, und er bog den Kopf gegen die
faulende Wand und sagte verzweifelt, whrend sein Blick ihm die Seligkeit
freier Landschaften, der blhenden Bume und des zinnobernden Herbstes
vorspielte: Warum bin ich Bandit, wo ich Dichter sein knnte . . . Die
schmerzende Qual dieser Wochen gab ihm aber Verse von Frauen, Wiesen und
Mond.

Und unter der Beglckung dieser Ttigkeit weitete sich sein Herz. Er geno
in grter Entfaltung der Seele, die das Umgebende durchdrang, Horizont,
Sonne und Meer.

In den Pausen aber schrie sein elendes Herz vor Sehnsucht und Qual. Er
empfand Mitleid mit seinem Geschick. Er sah den Tod als Strafe sicher vor
sich. Darum betete er zu Gott, da dieser ihm helfend ein Mittel sende. Und
sei es, da einer den Vorschlag wiederhole, den er im ersten Kerker
ausschlug. Er schwor, da er ihn diesesmal packe und tue und mit noch
tieferen Demtigungen dabei. Denn die gestand er Gott als Erschwerung zu.

Dann aber weinte er lange aus Scham ber diese Schwche und hatte nichts
als Verachtung fr sich.

Doch der Wille zum brnstigen Leben strahlte so stark in seinem Wesen, da
er um weniges spter das Gebet um Hilfe noch erniedrigender von den Lippen
stie.

In dieser Nacht aber erfllte sich sein Raum mit weiem Licht, und in
seinem Traum wuchsen helle Figuren mit Kerzen in den Hnden, und eine
Stimme erfllte das Zimmer, da er erzitterte vor Bewegtheit: dennoch,
mein Armer, sollst du dem Lichte dich zufhren lassen . . . und erwachend,
die Augen weit geffnet, empfand er, wie eine Hand, die, ber seine Stirn
gefhrt war, sich davon lste. Er empfand das rasche Hinweggleiten nach der
Tr.

Da sprang er auf und bebend vor Glck erhob er den Kopf.

Die Tr ffnete sich zum Verlassen, er sprte den Luftzug.

Er warf sich auf die Knie nieder und schrie: La mich!

Die Gestalt aber wandte nicht ihr Gesicht (er bedurfte es nicht, um sie zu
wissen), doch sie machte eine groe Bewegung mit ihrer Hand und
durchschritt die Tr.

Aufschwingend strzte er nach: Warum, schrie er, warum verfolgst du mich
mit Gte, -- -- -- warum berldst du mein Leben mit Licht? Ich bin hilflos
dagegen. Aber ich will es nicht.

Die Tr war zu.

Er hmmerte die Fuste dagegen und Schaum deckte sich ber seine Lippen:
La mich, verdammt, ich fluche dir, in meiner Niedrigkeit. Das Heilige an
deinem Tun verzweifelt mich . . .

Und er bumte auf und stemmte sich dagegen.

Allein der Raum war leer, und nichts vollzog sich.

Bse und zornig setzte er sich in die Ecke.

Eine Furcht erfllte seine ganze Nacht, die er verstockt und fluchend
wachte: sie wrden ihn befreien, ohne Gegenleistung, die er von Gott erbat.

Am anderen Morgen geschah es. Er wurde frei.

Ich weigere mich, sagte er und verlie den Klotz nicht, auf dem er sa.
Die Wchter stieen sich mit den Ellenbogen in die fetten Seiten und
bestaunten sich.

Es ging um deinen groen Kopf, sagte einer und stemmte die Hnde auf die
Hinterschenkel.

Villon lief wie ein Marder auf und ab: Wer fllt dem Recht in den Arm?
Warum setzt Unrecht sich gegen Gesetz? Ich stahl. Mge man mich rdern.
Aber es ist feig, mich laufen zu lassen ohne Bue.

Sie aber lachten und warfen ihn wie ein Tier auf die Strae.

Dort legte er sich auf die Erde aus Trotz. In der Nacht leckte ein Hund
sein Gesicht. Er kte ihn auf die Schnauze, umschlang den drren Hals mit
beiden Armen und schluchzte in das Fell.

Darauf gingen sie beide weiter aus der Stadt hinaus in das Feld. Sterne
berklommen den Himmel nicht, den Nebel zudeckte, in dessen Schein ihre
Schatten riesenhaft vor ihnen hingen. Da er das Tier liebte, nannte er es
Joi-Novel.

Sie lebten lange im Wald ein einfaches Leben. Wandernd kamen sie an eine
Jagdhtte, die eine schlichte Frau bewohnte. Sie bot ihnen Obdach, und sie
gewhnten sich daran und blieben. Einfache Liebe beglckte ihn.

Eines Tages, als er jagte, teilten sich die Bsche, und in den
auseinandergeschlagenen Zweigen ritt eine Frau auf ihn zu. Sie hatte ein
kastilisches Pferd mit weien Fen.

Sie hielt kurz an, und er verbeugte sich.

Ihr Name? fragte die Dame.

Villon.

Villon . . ., sagte sie und zog die grauen Augen zu einem Strich
zusammen, warf den Blick von seinem Gesicht bis zu den Fen, streichelte
ber den Pferdehals und ritt davon.

Sie hie Loba. Sie bewohnte das Schlo in der Knickung des Waldes zwei
Stunden von Marseille. Die Frau in der Htte sagte es ihm, als er Joi-Novel
eine Amsel zu speisen gab.

Am Morgen klopfte ein Diener und befahl ihn nach dem Schlo. Er aber sagte,
da niemand von ihm zu fordern habe, schlug den Diener und jagte ihn.

Spter traf er die Grfin wieder im Walde.

Warum kommen Sie nicht? fragte sie. Ihr Zaumzeug aus limusinischem Leder
und Silber blitzte. Ihr Gesicht war khl und zugekniffen.

Was soll ich dort? sagte er ruhig. Lassen Sie mich hier, wie es pat fr
mich, niedrig und in elender Zufriedenheit!

Sie warf den Arm mit einer Gerte in einer ungestmen Bewegung nach
aufwrts, folgte der Kurve mit einem groen Blick und ritt grulos.

Nach einer Woche lie sie ihn bitten, unter ein Bild ihr zwei Verse zu
setzen. Er widerstand nicht. Aber es schmerzte ihn, da es ihn hochzog.
Doch da der Zug bermchtig war, folgte er.

Sein Anzug vollendete sich wieder hfisch. Seine Bewegung entschlte sich
dem Schweifenden und erhielt Ma. Sein Mund bequemte sich dem runden Fall
schner Vokale. Aus den Fenstern des Schlosses sah er das Meer als dnnen
blauen Rauch.

Ich liebe das Tier nicht, sagte Loba und deutete auf Joi-Novel. Dies
bedeutete des Hundes Verstoung. Als die Sehnsucht ihn zurcktrieb, seinen
Tod. Villon ttete ihn eifrig und unter Trnen.

Lobas Gatte kam einige Zeit erst, nachdem Villon sich seiner Gefolgschaft
gereiht hatte, zurck zum Schlo. Seine breite Gestalt verteilte
zufriedenes Gleichgewicht. Als er Villon sah -- -- und da er ihn nicht
liebte und nicht hate -- -- ghnte er, um seine leidenschaftslose
Billigung darzutun. Auf Festen sang Villon Lobas Geist und Gestalt. In
verschwiegenen Nchten hin und wieder schlich er sich zu Kchen und
Dienerkammern, Wrfeln und Wein und Geschwtz.

Scheu wie ein Hund wandte er den Blick weg von der vergangenen Zeit. Er zog
den Hals schrg und blinzelte in die Sonne, wenn ihm der Gedanke kam. Durch
den verhngten Raum seines Willens drang kein Laut in das untere
Bewutsein.

Traf er Loba morgens im Saal, kreuzten sich ihre Wege. Sie ging an ihm
vorbei, ihn kaum sehend und doch mit einem Lcheln, das seine Knie
erschtterte. Fernbleibend bewegte sie durch Duldung allein den Kern seines
Wesens. Ihn zog es so hingerissen zu Loba, da die Frau in der Htte seinem
Gedchtnis entschwand, da er sich unter Loba breiten wollte, damit sie
herrschend seinen Dienst nehme, in jeder Form.

Er nannte sich Wolf, damit sein Name dem ihren gleiche. Er zog ihr
Wachtelgeier und Lerchenfalken. Ihre venezianischen Glser zierte er mit
gebogenen Sprchen. Nie fehlte er, das Federkissen auf ihren Sattel zu
schieben.

An einem Jagdmorgen nahm er die Haut einer Wlfin und schlang sie um sich.
Aufbellend nahm die Meute seine Spur. Er lief, als gelte es sein Dasein und
hrte Lobas Schnalzruf an die Hunde. Quer lief er durch den Wald. An einer
Lichtung kreiste ihn die Meute ein.

Ein schwarzgefleckter Jagdhund bi sich in sein Genick.

Hochspringend, als andere Hundeleiber sich ber ihn wlzten, scheuchte er
das Vieh zurck und stand blutend vor Loba.

Sie ritt den kastilischen Hengst wie zum ersten Male und zog die Augen zu
einem schmalen Spalt. Er verneigte sich und verbi die Schreie. Sie
lchelte ein wenig und sagte:

Eilen Sie zurck!

Heulend vor Schmerz, schweiend, erreichte er das Schlo. In den
Fiebertagen nherte die Grfin sich oft seinem Lager, entfernte die Binden
und go zyprisches l in die Wunden. Er, der nach Dienerinnen hieb, die
laut die Diele berschritten, hielt den hllischen Schmerz aus mit ruhigem
Gesicht und strich einmal ber ihren Arm, die Seele geduckt in Erwartung,
da sie ihn ins Gesicht schlge. Doch sie sah ihn nur an.

Wie es ihm besser erging, fate ihn ein trichtes Glcksgefhl, fr das es
keine Rechenschaft, keine Begrndung gab. Jedem Menschen erwies er Freude.
Er sprach mit den Khen. Er tanzte allein im Walde und rief: Barral,
httest du Fleisch noch auf den Knochen, wie lachtest du ber Villon -- --
--

Dann wagte er in mondloser Nacht zur Grfin hinaufzuschleichen. Auf der
Treppe verlie ihn die Kraft, er wurde feig und kehrte um.

Das andermal wusch er sich grndlich und badete lang, damit ihn nicht
pltzlich Furcht berfalle, es mge Erde irgendwo an ihm sein, denn die
Angst seiner Herkunft sa in seinem Blut. Sodann stieg er hinauf. Sein Herz
drngte selig nach ihr. Er hatte Mut.

Beim Betreten des Gangs blieb er stehen. Etwas huschte an ihm vorbei und
hielt lauschend an. Es war eine der afrikanischen Mgde, deren Haut
goldbraun glnzte. Er sah es, wie sie sich durch den Lichtschein einer Tr
bewegte. Er sah ihre weiche Hfte und pfiff leicht. Sie wandte den Kopf,
und ganz gefllt mit ihrem Bild folgte er ihr.

Lange trat er nicht vor Lobas Augen, von Reue angenagt. Sie sandte ihm aber
einen arrasischen Teppich, da er einen Spruch dafr zeichne. Er machte
eine groe Tirade und schpfte aus ihr neuen Mut. Sein Spiegel wies ihm ein
scharfes Gesicht schner Mnnlichkeit. Er legte eine Schminke darauf aus
Quecksilber, Bohnen und Pferdemilch, damit die Schlfen einen weicheren Ton
erhielten.

Darauf wagte er es.

Ihr Zimmer war unverschlossen. Nhertretend sah er sie liegen, es kam viel
Licht vom Himmel, darum sah er sie genau. Er beugte sich nieder und kte
sie auf den Mund.

Schlaftrunken nahm sie die Hand von der Brust und hob sie zu ihm, und
denkend, es sei ihr Mann, erhob sie sich und stand auf. Da sah sie Villon
vor sich. Sie tat nichts zuerst. Sie sah ihn an.

Diesen Blick trug er wie ein Mal tief im Ha seiner Seele weiter. Er
knallte ihn zu Boden.

Dann seinen schiefen Blick sehend, begann sie zu schreien. Tren schlugen.
An Mgden vorbei, die mit Kerzen kamen, verlie Villon eilend das erregte
und helle Schlo.

Er fhlte berall Schmutz an seinem gebadeten Leib.

Zweimal murmelte er: Bande . . . Bande . . . -- -- warum, Villon, gabst du
dich, Sohn einer Dirne, den Feinen hin -- -- -- --?

Die Nacht war schn. Wind bltterte sanft durch den Baumstand.

Durch den Wald irrend hob er die Hnde zwischen den Stmmen und rief:

O Joi-Novel, wo bist du nun?

Bebend vor Zorn und in heiem Schmerz ber des Hundes Tod, der seine Seele
nun schwer bedrckte, eilte er nach Marseille. Im Hafen lebte er versteckt
zwei Tage, bis eine Ruderbark nach Genua abfuhr. An den Mast gelehnt, das
wundersame Meer umfassend und voll Angst, seekrank zu werden, verlie er
aufgerichtet das heimatliche Ufer.

Den fremden Strand besprang er mit Gleichmut. Seine Erregung hatte die
Bewegtheit der Wellen eingesogen. Er durchstreifte die Stadt und verlie
sie. Auf und ab wandernd die Kste des Meeres, durchma er Italien und gab
wenig Acht auf Monat und Jahr.

Er schlief auf schlechter Streu und in Betten, er ward verfolgt, und Ehre
umgab ihn wie Beleidigung. Lungernd trieb er sich im Gewhl der Hfen hin
und gab sich tagelang dem Meere preis an heller Kste mit entkleidetem
Krper, Sonne aufnehmend und in die geweitete Seele das Meer einspannend.

In einem Winter schlo er ein Quartett zusammen, das die Schelle, den
Tamburin, eine kleine Orgel und die Querpfeife fhrte. Die Feuer mancher
Hfe und Mrkte, das Geschrei vieler Nchte umfuhr die vier seltsamen
Gesichter. Dann lste er sich hiervon wieder, schwankte trunken und
verkommen, geldlos die Taschen, in die Stdte, bettelte alte Fische und zog
Ringe von Damenfingern. Mancher Morgen aber umschlug ihn, auf einem Pferde
sitzend, lssig die Haltung, ein Birett ber dem Kopf und eine Harfe am
Sattel, deren Kopf eine Wlfin war.

Als er Genua, von Syrakus kommend, durchwanderte einmal, sah eine volle
Frau aus einem Fenster, und er blieb stehen. Dein hoher Busen reizt mich,
sagte er. Sie betrachtete ihn und schimpfte ihn: Provenzale! Doch er
lachte und wies auf ihre Brust.

Er schlug einige schiefe Triller an und intonierte: Dein hoher Busen
. . . Die Frau wurde rot vor Zorn und schrie: Ich verstehe dich weniger
als einen Berber, Deutschen oder Sarden. Jedoch nahm sie seine Hand und
fhrte ihn in ihr Haus. Im Gange dann schlug er den Arm hoch um ihre Hfte,
und da sie dies verstand, entfremdeten sie sich nicht mehr.

Gut gepflegt nach Abenteuern des Weges blieb er gern bei ihr. In den
Jahren, die daraus erwuchsen, erhielt sie Gewalt ber ihn. Wohl schlug er
sie manchmal, wenn er trunken war oder eine andere zufllig genossene Frau
ihn zu neuem Mut gespeist hatte, aber spter ihr Blick duckte ihn wieder
feig. Einmal prgelte sie ihn und warf ihn vor die Tr. Es war eine bittere
Nacht, und der Hahn schrie vor Klte. Morgens kroch Villon wieder in das
Haus.

Er fhlte, da sein Leben nicht mehr weit ausschlug, sondern im Kleinen
hinschwankte, und trotz manchen Schmerzes befriedigte es ihn mit Wollust.

Sie besaen einen Raum, in dem sie Wein ausschenkten. Menschen aller
Gattungen schoben sich vermischt durcheinander zwischen diesen Tischen, die
nie leer wurden. Hier traf er Babolin und Jaufre Rudel, die mit ihm waren,
als er die Antilope holte im kniglichen Garten. Doch er redete wenig davon
und lie sie ziehn. Fremde Herren, die mit den schlanken Weibern der
unteren Viertel schwelgten, trafen sich in diesen Rumen. In den hinteren
Zimmern, die sie spter aufsuchten, entkam ihnen manches Kleid, viel Geld
und Schmuck, der Villons Reichtum erhhte.

Sein niederes fettes Leben gab ihm keine Verse mehr.

Da sprach eines Abends ein reisender Lombarde von der Frstin von Tripolis,
die niemand noch sah auf der Welt, und deren Gte und Schnheit an kein Ma
reichte.

In dieser Nacht schlief Villon schlecht neben seiner hochbusigen Frau, und
in den folgenden kmpfte er verbissen gegen sich selbst.

Am Mittag des vierten Tages ging er an das Meer, ber dem die Sonne lag,
und da berfiel es ihn. Als werde er leicht und verliere sein Gewicht,
erschien es ihm; der Himmel wurde heller und weier, und es vollzog sich
eine Klarheit des Gesichts in ihm, da er bestrzt zu Boden fiel. Wo er
gedacht hatte, sein Leben beschliee sich in ruhiger Niedrigkeit, entstieg
es ihm steil und seinem Willen und wuchs in das Lichte des Himmels hinauf.

Taumelnd durchlief er die Straen bis zum Abend, nahm dann viel von dem
gesammelten Geld und verlie die Stadt.

Ein Schiff fuhr ihn. Das Meer glnzte. Die ferne fremde Kste schwebte ihm
entgegen. Als er ausstieg, war sein Herz nach oben hin beschwingt . . .
nach Herrlichem lstern, Gutes zu tun bereit, seine Seele voll Verachtung
auf das Seither.

Der Strand war ungewohnt herrlich. Indigofarbner und blauer Zindel stand in
den Grten. Pferdestimmen riefen. Hrner und Klarinetten ertobten aus den
Zelten.

Er mischte sich unter die Menschen. Doch hier war nicht das Hoflager der
Frstin. Tagelange Reisen brachten ihn zu ihrer Stadt.

Er fragte ihren Palast. Er klopfte an.

Allein die eiserne Tr bewegte sich nicht. Er sang und rief und trotzte.
Doch sie blieb ihm verschlossen. In wochenlangen Listen erschpfte sich
sein Hirn, aber keine Klugheit brachte ihn nher. Er lernte die Sprache des
Landes und die Dialekte der Stdte. Er wurde schwach und wich vom Pfade der
Sehnsucht und besa geringe Frauen, aber sein groes Gefhl erzitterte nur
sacht unter ihnen und warf sich in weiter Flut von neuem nach der Frstin.

Als er heikpfig von Wein eine Nacht mit Edelleuten aus der Bretagne
wrfelte, spotteten sie auf seine Sehnsucht. Im Zweikampf ringend auf
bretonische Art warf er den einen, der andere aber besiegte ihn. Da spie er
ihm in das Gesicht vor Wut, da dieser seine Hoffnung zertrete und auch im
Gottesurteil ber ihm sei.

Er versuchte es zu zwingen, da er die Frstin she.

Er ritt mit einem groen Hengst klirrend auf die Brstung vor dem Schlo,
warf den Arm auf und schrie hinauf nach den Fenstern: Du Hure. Doch
niemand nahm Acht davon. Da schumte er und schwur bei seinem Gedrm und
den Wunderzeichen von Compigne, da er die Frstin besitzen werde. Doch
der sonst menschenvolle Platz war ausgestorben, und kein Fenster ffnete
sich, keine Strafe kam.

Nun bestach er die Wachen mit Geld von verkauften Reliquien (deren Handel
er grozgig an Europer betrieb) und verfhrte liebend und mit Gesang
Dienerinnen des Palastes, es war umsonst. Hingenommen von seiner Aufgabe,
berlie er seine Tapferkeit den Heerfhrern der Frstin, streifte durch
unerhrtes Gebiet, sah Tier, Waffen und Mensch, die er nie erahnte.

Als Belohnung erbat er, die Frstin zu sehen, deren Ruf er, singend, in die
Levante hinein erhob. Er bat, befahl und drohte. Es war umsonst.

Da lie er, geruhiger, vom Trotz und lebte still verehrend in der Nhe des
Palastes. Bald bekam er von ungefhr, ohne da er die Hand nun danach
streckte, eine Stelle in den Anlagen. Monate diente er, indem er Sklaven
beaufsichtigte. Eines Morgens, als die Aussichtslosigkeit seiner Sehnsucht
ihn bedrckte, in Verzweiflung und Ungeduld, schlug er eine junge Sklavin,
da sie schrie.

Whrend er schlug, erstarrte sein Arm. Ruhe berkam ihn mit strmender
Gewalt. Er drehte sich.

ber eine Terrasse schritt eine Frau herunter, ganz in hellen und roten
Farben. Ihr Gang betubte ihn. Langsam verlief das Bild nach der Seite des
Wegs. Er breitete die Arme hoch.

In diesem Augenblick wandte sie sich um. Ihr Gesicht strahlte kurz herber.
Der Garten bego sich mit Licht.

Villon fiel nieder, demtig die Hnde gefaltet. Sein Herz neigte sich. Er
weinte in die Hnde ber seine Schlechtigkeit. Als er aufsah, machte die
Frstin eine leichte Bewegung dahin, wo wolkenloser Himmel stand, und ihr
Bild erlosch hinter Gebsch.

Drei Jahre sog Villon Kraft zu stiller Ttigkeit und Leben, das nach der
Hhe des Herzens zielte, bis eine Pest die ganze Landschaft berzog und die
Frstin mitnahm.

Bei ihrer Beisetzung stand er vor dem Sarg. Lange blickend und das ganze
Bewutsein auf sie zwingend, kam ihm ihr Gesicht durch den Stein des
Sarkophags, unter dem sie lag, deutlich entgegen, wuchs durch den Deckel
und erleuchtete ihn. Aber langsam lste sich das Bild und nahm eine andere
Form, die er bebend gewahrte, ngstend und die Hnde dagegen gekehrt. Denn
seine Erinnerung sagte ihm, da sie in dem Teil um das Kinn deutlich aussah
wie Loba. Doch der Glanz um die Schlfen war von der Herzogin von
Ventadron.

Da ri er sich weg von den Trauernden, lief hinaus und begriff es nicht.
Vor dem Haus aber schrie er pltzlich:

O, warum, mein Gott, gleichen sich die Frauen?

Tief bestrzt sann er nach, aber _im Grunde blieb nur das Bild der
Herzogin_. Der Gedanke an sie, gegen die er sich strubte, lie ihn nicht.
Er kam in Trotz und irrte durch die Landschaft. An die Frstin dachte er
nicht mehr. Das Gesicht der Herzogin aber stand vor ihm, wenn seine Hnde
in den Haaren geringer Dirnen whlten. Er floh davor. Und auch es sank
zurck, wo er sich ganz dagegen wehrte.

Noch war nicht seine Zeit.

So trieb es ihn in das niedere Gedrnge zurck, das er in stillem Leben
verlassen hatte. Das Blut nur gab den Ausschlag seines Daseins. Bald lobte
er Gott und abends spie er ihn aus.

Irrend kam er nach Genua.

Er schlich an sein Haus. Als er es von anderen Menschen bewohnt sah,
empfand er Erleichterung. Nach dem Weib, mit dem er Jahre hier lebte, frug
er nicht. Es kmmerte ihn nicht, mochte sie aus diesem Leben getreten sein
wie aus seiner Errinnerung. Einiges begann er, aber es milang, weil er
wenig Trieb dazu fhlte. Eines Nachts band er eine Barke ab, die eines
Wstlings, den er kannte, Namen trug, und fuhr nach Marseille.

Gereifter im Antlitz, einiges Grau an der Schlfe, betrat er heimatliches
Land. Nachdem er die Barke gut verkauft hatte, mietete er ein kleines Haus.
Er beschlo zu bleiben und sah sich um. Bald legte er die groe Kleidung
ab, die er trug. Er griff zu blauen Hosen, dem Wollkleid und roten
Rindlederschuhen und nahm Grtel und Mtze. Den Orient kannte er zu gut, um
ihm nicht ber zu sein im Handel. Durch seine kaufmnnischen Hnde ging
alle zweideutige Fracht: Speckseiten, Frauen und Gewebe, es gab keinen
Unterschied. Er begann zu schielen und die Hnde zu reiben. Oft machte er
Bcklinge vor jedermann. Araber scheuten sich vor ihm. Spanische Juden
nannten ihn den drohenden Finger.

Eines Tages brachte er Spitzen und Steine nach dem Schlo. Er sah Loba,
doch sie erkannte ihn nicht.

Sie stand mitten in der Halle, breit geworden, kinderlos. Graupelz umsumte
khl ihr Gewand. In dem dunklen aufgewellten Haar hoben sich stolz die
Bschel der wunderbaren Pfeile des Stachelschweins. Sie herrschte ihn an,
er solle sich beeilen.

Herantretend bckte er sich tief vor ihr. Whrend sie whlte, beschaute er
sie von unten, schielend, diensteifrig. Sie rhrte ihn nicht. Er dachte
vergngt an ein schmales baskisches Mdchen, das jung war und in
vorgeschriebenen Zeiten ihn besuchte. Er zwang Loba einen unerhrten Preis
ab und ging grinsend vor Wonne und Rache.

Im Park murmelte er einmal: Joi-Novel.

An den Bettagen, wo Handel untersagt war, kamen Spaniolen, die eilend
lschen wollten, und schlugen ihm gnstige Bedingungen vor zum Kauf. Er
folgte frh morgens auf das Schiff. Whrend er Hute musterte auf dem
Verdeck, begann Geheul im Nachbarboot und griff um sich. Eine Frau rang
hingekniet neben den Anker die Hnde. Matrosen neben ihr sahen neugierig in
das Wasser. Seinem Blick, der ihren folgte, begegnete der Kopf eines
kleinen Kindes, der wieder auftauchte aus dem Wasser, -- und sich
schttelnd sprang er nach und holte es heraus.

Als er das Kind hochhob mit beiden Armen, schien die Sonne ber das weie
Gesicht, und pltzlich vergrerte sich der Kopf und wurde, steigend,
milder werdend und sich verklrend, das Gesicht der Herzogin.

Die Mutter wand sich vor ihm, doch er sah es nicht.

Sofort begab er sich auf die Flucht. Streifend lebte er im Bezirk
Carcassonne, wanderte durch albigensisches Gebiet. Einen Winter war er auf
Schlo Gaillac, und ftterte den Sommer Rehe und Eichhrner auf Schlo
Fanjau.

Als Bote eines provenzalischen Dichters zog er mit goldenen Ringen, mit
weien und schwarzen Bndern nach Norden. Es hielt ihn kein Ort. Die Unrast
stieg. Manchmal bei kleinen Menschen mit tierischen Gebrden zog ihn die
Sehnsucht unter Schreien weg nach Hherem. Aus den Slen der Schlsser
zwang ihn dumpfer Drang in die Niederkeit.

Unter geflschtem Namen kam er zu dem Herzog von Burgund. Er trug den Titel
eines tripolitanischen Adels. Er sprach die Mundart des Genuesischen,
Neapels und des Orients. Sein Gesang umfate alle franzsischen Zungen.
Geruch maloser Unternehmung umgab ihn. So auffallend, erreichte er bald
die Nhe des Herzogs. Er zog eine eiserne Linie von Feinden hinter sich
her, indem er so rasch die Ringe um den Herzog sprengte. Doch dieser
berhufte ihn mit Nachsicht und Gnade.

Er wurde unentbehrlich fr Feste und Beratung. Aus Alexandria lie er
Kunststicker kommen, die den burgundischen Hof im Schmuck an die erste
Stelle brachten. Er verschaffte ihm Affen fr die Boudoirs seiner Damen.
Fr die Portalkfige des Schlosses besorgte er tanzende Bren. Die Zwinger
fllte er mit Lwen, denen der Herzog bei guter Laune unter den rostroten
Abenden der flamischen Landschaft Stiere zum Zerreien vorwerfen lie.

Er beschenkte Villon mit dem Goldenen Vlies.

Wenn er trunken war, berschttete er Villon mit Wein und schlug ihn,
Villon, der dann zitterte, der sonst glnzend an der Spitze seiner
Kavalkaden ritt.

Je mehr aber sein Leben im ueren aufstieg, um so grere Sehnsucht trieb
ihn weiter. Gefhl nach Ruhe war langsam in ihn gekommen, wo sein Haar
mhlich ber dem herrlichen Kopf erblich. Doch die Unrast, die ihn trieb,
war, wie wenn er einem blinden Stern gehorche, der ihn magisch zu sich
fhrte aus einer unbekannten Dunkelheit her.

Geringer wurden seine Nchte. Der Schlaf schrumpfte. Es zog und zwang.

Da gab er nach und ritt auch aus dieser Stadt. Er wute nicht wohin.

So kam er nach Paris.

Er ritt hinein. Sein Kopf erdrhnte. Das war die Stadt Villons, die Grten
der Jugend, Gassen und Tavernen. Er fate nichts und ritt.

Sein Pferd hielt an. Wie einen Schlafwandelnden ri es ihn aus der
Betubung. Er sah durch Nebel und Erinnerung.

Sein Tier hielt vor dem Schlo der Herzogin. Doch sie kam nicht das Gitter
heruntergeschritten mit den vergoldeten Staketen. Keine Handbewegung
erfllte den mittglichen Garten. Er wartete und kehrte um.

Fliegenden Mundes durchstrmte er die Keller, die Kneipen der Stadt. Er gab
ein Schauspiel fr viele in den Tagen dieser Suche und Fahrt. Er trug den
Orden des Goldenen Vlieses durch die Spelunken verkommener Akteure und
Mrder. Gier, Altes, Bekanntes zu sehen und zu befragen, trieb ihn rastlos.
Doch er traf keine Seele, keinen Kopf, von dem er wute. Vertraut und
dennoch durch die fehlenden Menschen unsglich entrckt, kamen ihm Bnke,
Schilder, Rume ins Gesicht. Die Kirche Notre Dame jagte er vor Angst
vergehend hinaus.

Der Herzog von Ventadron war lange tot. Niemand wute um seine Frau.

Ihr Lcheln aber stand wie ein Mond, milder und heller werdend, ber ihm.
In einer Nacht hielt er sich nicht mehr, erhob sich, schlich den Weg durch
den Garten zur Rckseite des Schlosses, erbrach es und durchwanderte es die
ganze Nacht. Gegen Morgen quoll ein Zorn in ihm auf, da er den Degen nahm
und, vor Wut schreiend, das Zimmer zerhieb, in dem sie geschlafen haben
mute.

Dann sank er um, und als er erwachte, war nur eine groe Mdigkeit in ihm
und Sehnsucht nach Stille. Viele Tage blieb er im Bett seines Gasthofs,
dachte, schlief und besah die Bume im Garten, hinter denen blauer Himmel
und Sternentfaltung sich vollzog. Er stand dann auf und lie Bettler kommen
und Insassen der Kneipen und schenkte ihnen seine Kleider. Sein Gold nhte
er in den Mantel. Nur das Metall behielt er des Goldenen Vlieses unter
grauer Wandrerkleidung auf der Brust. Er verga seine Schuld zu zahlen,
mden Auges, fast ruhig im Innern, zog er wieder in die Welt.

Nach wenigen Tagen kam er an ein Kloster, das in fruchtbarer Ebene lag.
Soweit, da die Sonne die Kuppeln morgens mit Glanz enthllte, schwebte der
weie Bau eines anderen Klosters gegenber vor dem Horizont. Die Luft war
klar und mild, es roch nach Blumen und Stille.

Da hielt Villon den wandernden Fu an und beschlo sein Leben hier dem Ende
zuzufhren. Dicht am Kloster war ein Konvent fr Menschen der Welt, die,
der Einsamkeit anheimgegeben, Gott suchten, die Gebruche der Mnche
teilend, ohne Klerks zu sein. Ihnen, die aus groer Welt kamen, schlo sich
Villon an, denn der Geruch der Mnche und Tonsuren stach ihn fuchsend in
die Nase und das Die-Ruhe-Wollende seiner Seele berstieg noch nicht seinen
Instinkt.

Er half dem Pfrtner, den die Gicht angeschwellt hatte und der, mit
vernichteten Gelenken, nur die Augen bewegte und vier Finger der linken
Hand.

Seine Liebe war jedoch der Garten. Wenn er morgens erwachte, sah er ber
die Beete und die Ebene hinber zum anderen Kloster, das sich aus dem Nebel
schlte. Dann erhob er sich und bego im Schatten, eh die Sonne Brand
herunterwarf. Mit Messer und Schere zhmte er den schmalen Weinberg, umgrub
die Wurzeln und schleppte schweiiger Stirne schwere Wasserkannen den Hgel
hinan. Ihm unterstand die Hhnerzucht, und er mstete die Tiere, Krner vor
sie streuend, und sandte manches fette Huhn als Geschenk ins andere
Kloster. Oft half er den Kse bereiten. Manchmal fing er Fischottern und
briet sie, und eines Morgens stand ein zarter Amarellenbaum im Garten, von
dem niemand wute, woher er kam.

In den freien Stunden des Mittags ging er ruhig durch den Hof und mit
langen gemessenen Schritten hin zwischen den Beeten. Er sah Eidechsen die
braunen Kpfe auf den weiglhenden Steinen sonnen, und hin und wieder sa
eine Krte unter dem Holunder.

Letzte Stille schien ber sein Leben gekommen.

Da schlugen Zigeuner ein Lager auf, nahe dem Konvent. In der Nacht sahen
die Kleriker Villon berauscht in zuckenden Sprngen im Feuerschein. Spter
durchtobte er das Haus, zerschlug die Scheiben und fllte die Kirche mit
satanischen Rufen. Altardecken beschmutzte er, als er die Weinflle wieder
ausspie.

Sie waren erstaunt so sehr, da sie Mitleid mit ihm empfanden.

Der Abt sprach ihn ohne Bue frei.

Villon grbelte tagelang, dann ging er in die Zelle des Abts: Ich stahl
den Amarellenbaum nachts im Nachbarkonvent, sagte er und wies hinber nach
den weien Mauern.

Der Abt befahl ruhig, den Baum hinberzutragen.

Da brllte Villon: Strafe mich! und trommelte die Fuste auf die Brust.
Der Abt verneinte lchelnd.

Warum?

Du hast den guten Willen, sagte der alte Mann khl.

Villon aber stand noch eine Weile, ehe er die Zelle verlie, die
Augenbrauen gegen die Schlfen hinaufgezogen, und starrte vor sich hin.

Als er am Mittag, den zagen Baum in der rechten Hand vor sich haltend, zum
Frauenkloster ging, sah er durch die geffnete Tr die Priorin den Hof
durchqueren.

Da brach sein Herz, da er aufschrie und Seligkeit ihn so erhob, da er
begann, das Haar aus seinen Schlfen zu reien und schrie.

Aber sie wandte ihm nur das Gesicht zu. Es war jung und strahlte gro. Ihre
Haare waren wei. Es war die Herzogin.

Sie staunte nicht. Sie lchelte nur und winkte einer Dienerin, die den Baum
von ihm nahm.

Doch da schrie er schon nicht mehr, sondern kniete verzckt und wagte nicht
aufzusehen. Lang blieb er so vor lngst verschlossenem Tor.

Mit der Dmmerung erhob er sich und singend: Regina celi laetare alleluja
-- schritt er, die Arme ausgebreitet, nach seinem Haus. Dort schlo er sich
ein und sang Tag und Nacht. Erleuchtung schien ber ihm zu sein. Aber nach
einiger Zeit kam er heraus, lter in der Haltung, aber froher, durchlebter
von Geist, und wandte sich seiner Ttigkeit zu wie seither.

Er floh nicht.

Nichts nderte er an sich. Wochenlang sah er kaum nach dem anderen Kloster.
Er sprach weniger zu seinen Genossen. Mittags einmal, als sie speisten,
erschien ein groer Edelmann des burgundischen Hofs und lie Hrner blasen.
Der Abt erschien. Er aber wollte nur zu Villon, dem er die Bitte brachte,
zurckzukehren. Weiber und Lwen brllen nach dir, schrie er hinauf nach
Villons Fenster, der ihn in dieser Haltung empfing. Doch Villon sagte: Gib
ihnen Fressen und machte eine Bewegung, eh er zurcktrat, lchelnd mit der
Hand.

Nachts nach Wochen brach er einmal auf, er widerstand nicht mehr. Wie ein
Dachs umschlich er das andere Kloster. Seine geschrften Augen nahmen die
Steigung jeder Treppe, die Bewegung jedes Lichts auf. Er wute bald um das
Zimmer der Priorin.

Dann zog er sich wieder lange in sein Zimmer zurck. Seine einzige
Genossenschaft waren zwei Tauben, gefleckt wie Falken mit langen Schweifen.
Sie trennten sich nie mehr von ihm. Ging er in hellen Nchten ber Land,
saen sie auf seinen Schultern, und sie umtanzten ihn im Garten, wenn er
grub.

Eines Tages aber beendete er diese Art mit ihnen zu sein. Er zwang ihnen
seinen Willen auf, da sie aufstoben, sich in die strahlende Hhe warfen
und verschwanden. Sie wuten ihr Ziel.

Jeden Monat einmal schob er Papier in ihre Federn, auf dem Verse standen.
Doch schmte er sich dann ein jedesmal. Einmal aber hielt seine erstarrende
Hand, die die Heimkehrenden aufnahm, beim Einfangen eine Blume fest.

Da nahm er das Hchste, was ihm blieb vom Leben, er trennte sich davon. Er
lste von seiner Brust die Schnalle des Goldenen Vlieses und band es der
Taube um. Heimkehrend die gleiche Nacht trug das Tier, flatternd vor
eisiger Klte, einen Ring aus Haaren geflochten, ber die Flgelenden
gestreift.

Aber die weie Farbe der Haare schlug ihn nieder, da er nie mehr wagte,
Dinge hinberzusenden. Und was gab es noch, das die Unendlichkeit dieses
Gefhls bertrfe.

Nach einem Jahr gab ihm der Abt Auftrag, hinberzugehn und mit der Priorin
zu verhandeln um eine Orgel. Es ist dein Fach, sagte er und wandte sich
zu den Papieren um. Villon weigerte sich. Er schttelte den Kopf.

Ich will nicht.

Da drehte sich der Abt zurck und sagte klar: Du sollst.

Als der Klang dieser Worte sich erhob, scholl eine Strke darin, die
drhnte, da Villon nachgebend sich beugte und ging.

Am Gitter traf er die Priorin. Gesenkten Blickes richtete er den Befehl aus
und sagte ihn her ohne Stocken. Sie antwortete nicht. Sie hielt mit einer
Hand sich in der Hhe der Achsel am Gitter und sah ihn an. Er lehnte auf
der anderen Seite gegen das Eisen. Dann hob er den Blick und traf ihr Auge.

Als dies eintrat, verwirrte sich sein Mund. Dunkel bog sich um seine Stirn
und klammerte sie zu. Er wollte danken, da sie Gte ber sein Leben getan,
aber ihm schienen unbegreiflich seine Lippen zu beben vor Flchen. Doch aus
der Seligkeit, die ihn erschtterte und hinstie, da das Eisen knirschte
unter seiner Schulter, hob sich durch die Verwirrung der Gefhle ein
Augenblick der Jugend. Und er sagte:

Als Kind, wie ich Psalter sang . . .

Sie wartete noch eine Weile, freundlich lchelnd. Sein Mund jedoch trug den
Flu der Gefhle, der riefenhaft anschwoll, nicht mehr. Er stammelte in die
Luft.

Fern sah er sie noch einmal durch den Hof gehn. Sie wandte am Tor das
Gesicht und wies leicht, ohne den Arm zu rhren, mit dem Finger nach oben.

Er wute, da er sie nie mehr sehen werde. Es war das Letzte.

Die Tauben allein flogen noch, bis ihr, als sie betete, ein schwerer Stein
aus dem Geblk im spten Sommer den Nacken zerschlug. Zehn Nonnen, steif in
weien Leinen, trugen ihren Sarg in die groe Kirche des Mnnerklosters.
Als die Prozession vorbeiging, losch der Himmel aus. Dunkelheit scho an
den Rndern des Horizonts herunter, band sich zh an die Erde und trieb
Nacht und Wolke vor sich, die brllend heranwlzten.

Dann schlo die Kirchentr. Villon erhob an seinem Fenster den Kopf und sah
die Sonne in einem Strahlenkranz, dessen Zacken alles berhrten. Es wurde
Abend!

Er ging hinein ins Land. Je tiefer er aber vorausschritt, um so leichter
trugen ihn die Fe, und die Stoppelfelder legten sich wie Seidenwalzen vor
ihn. Wlder wogten unten ber dem Flu in das Dunkel der blauen Dmmerung.
Er dachte an Joi-Novel, denn ungezhlte Muse berkrochen die Erde.

Aus einer Htte, um die Bohnen hoch schossen, trat ein Mdchen mit einer
Hacke. Sein Blick fiel auf ihre Hfte, die sich leicht wlbte. Der
Bckenden bogen die Brste sich aus dem Tuch und die Beine standen rund und
straff vom Rock gehalten. Er sah in die Dmmerung weg, die den Wald schon
einsog und rotbraun wurde, dann fiel sein Blick zurck. Wieder wandte er
den Kopf. Aber in der Sanftheit eines ungewohnten Jahres war sein Blut
angeschwollen und warf sich bumend auf.

Doch er zwang sich und bebend sprach er sich vor: Der Tod der Herzogin
. . . der Tod der Herzogin . . . Allein die Worte waren ohne Klang. Sein
Schmerz war vor ihm selbst zugezogen und sprang durch Reizung selbst nicht
auf. Er prete noch einmal sein ganzes Bewutsein wie einen Stempel auf,
daran zu denken, da sie in der Kirche liege, die Prozession, der
Weihrauch, der schreiende Tod.

Aber es war nicht stark genug.

Seine Hnde ergriffen das Mdchen, und sein Blut sprang an das ihre wie an
das keiner Frau.

In der Nacht kehrte er zurck, die Sterne anflehend, ihn zu erschlagen. Er
ging in den Zwinger und lste die Hunde, die auf Wlfe geschult waren. Sie
rissen die blutigen Lefzen auf. Aber keiner sprang zu, so sehr er die
Gurgel wies.

Da schien es ihm, sein Herz selbst msse springen und aufplatzen vor
Traurigkeit und Verzweiflung. Er nahm ein hrenes Hemd, band einen Strick
um das Genick und legte sich auf den mit Asche bestreuten Boden und wartete
so auf den Tod.

Um die dritte Nachtstunde, da er noch lebte, erhob er sich, mehr
verzweifelt, und schlich an die Kirche. Dort horchte er. Dann lie er die
Befangenheit und stie, sich aufrichtend, die dumpfe Tr mit dem Fu auf
und trat ein. Der offene Sarg stand zwischen wchsernen Kerzen. Ein fremder
Mnch hielt die Vigilie. Er sah auf und wies ihn mit der Hand streng
hinaus.

Villon hielt ihm das Messer vor den Bauch.

Da zerflo das hagere Gesicht des Mnchs in Mitleid: Du mut elend sein,
sagte er.

Aber Villon, auer sich, achtete nicht auf ihn, sondern warf sich
aufheulend wie ein Hund quer ber das Fuende des Sarges und blieb so.

Jede Viertelstunde sang der Mnch einen Psalm und scheuchte ihn nicht.
Pltzlich sah Villon auf und, vom Anblick der Toten geschttelt, schrie er:
Schreier, mach das Maul zu! Schweig. Gib mir eine Antwort: kann es sein,
diese Frau zu lieben und am Abend ihres Todes eine Dirne zu umarmen? Kann
es sein? Er drohte mit der Stimme und stie mit den Fuspitzen haltlos auf
den Boden.

Du hast die Inbrunst, sagte der Mnch.

Sie hilft nicht durch, schrie Villon im letzten Zorn sich
entgegenstemmend: Ich habe die tripolitanische Heilige verehrt und nannte
sie mit gleichem stinkendem Atem Hure. Die Gte der Herzogin schien mich
an, aber ich stahl und ttete.

Ereifere dich nicht. Ich kenne dein Leben, sagte der Mnch.

Er war die Pfeiler hinabgeschritten, Lichter lschend, und wie er sich
unten umwandte, schien seine Gestalt mit dem Plafond verschwommen, seine
Kutte schwebte in einer dunkelen Glocke um ihn und verwuchs den steinernen
Rippen der Kirche, und vor den Augenhhlen seines riesigen Kopfes wogten
die Schatten des Weihrauchs. Wie er jedoch, im Chor stehend, nun die Stimme
erhob, war seine Gestalt wieder klein und gewhnlich, doch die Rede, die er
begann, wurde vor seinem Munde so furchtbar, da in der ertosenden Kirche
sich die Echos blendend zerschlugen.

Es hie aber, was er sagte: Fast hast du Gott erreicht.

Aber Villon antwortete darauf ganz ruhig: Du hast recht, aber ich will
nicht mehr. Ich erreiche sie nicht, die kleine Spanne, die fehlt. Gott
erkmpfen, gelingt mir nicht. Du weit es, wenn du mich kennst. Gott soll
zu mir kommen, denn er kann ber mein Blut, aber ich kann es nicht. Gott
soll sich entwickeln in mir, bis er reif ist. Ich will ihn nicht stren und
verhindern, nicht in der Andacht, nicht im Gemeinen. Die Dinge sollen
laufen. Ich schalte mich aus meinem Blut.

Gott soll mich suchen. Ich suche ihn nicht mehr. Ich warte.

Und auch der groe Ruf des Engels im Traum, der ihn, dem Lichten zu, sich
gleiten zu lassen befahl, schien ihm, ber das Blut und seine Gesetze
hinaus, in diesem Sinne beschlossen zu sein.

Aufstehend legte er die Arme der Herzogin im Kreuz ber die Brust. Dann
nahm er l und Chrisma und salbte seinen Scheitel wie einem Neugeborenen.

Langsam ging er aus der Kirche, nach Ruhe gierig, und sonst nichts.

Diesen Ort verlie er. Hier lebte es sich nicht lnger.

Er ging durch den frhen Morgen, der noch dunkelte, hinab zum Flu.

Einmal noch wandte er sich, und wie er den Arm steil gehoben gegen Paris,
so hob er ihn rckwrts gegen sein ganzes Leben, weniger in Drohung und
Trotz, aber voll Ablehnung. Es hatte ihn zu keinem groen Abschlu gefhrt,
darum galt es ihm nicht, so voll und reich es auch war.

Allein schon wurde ihm dies unwesentlich, da er nach Kampf nicht lstern
mehr war.

Er schob den Blick nach vorn.

Sich auf das harte Holz der Kahnbank pressend, stie er die Ruder in das
Wasser und fuhr -- -- -- damit das Leben sich weiterhin ber ihn strze,
solange der Rest Tage ihm noch blieb . . .; da ein Bauer ihn, buhlend,
hinter einem Zaun mit der Gabel ersteche, oder Gott ihn im feurigen Wagen
wie Elias in den brennenden Himmel reie. Denn dies alles, was sich noch
vor den endlichen Abschlu schob, war ihm gleich und ihm lag nichts am
Ziel. Es war kein Wollen in ihm. Nur Sehnsucht nach Klarheit und kleine
Neugier auf das Ende.




Der Bezwinger


Im Jahre des Tigers geschah Timurs Geburt, im Monat Schual, geronnenes Blut
fest in der Faust. Vierzehnjhrig lieen sie ihn aus der Jurte auf seine
erste Jagd. Er ttete dreiig Hirsche in hfthohem Schnee. Sein Oheim
Hadschi berlas salbte ihm den Daumen und schenkte ihm ein Weib. Im Garten
am Flu spielte er mit ihm den Abend. In der Nacht ttete er sie und fra
sie an, schwamm durch den Flu, machte einen Stamm Pferde los und ritt
einen Wirbel durch die Landschaft Kesch.

Hadschi berlas wies ihm ein Frauenhaus zu. Allein von diesem Tage ab
verlie er sein Zelt nicht mehr. Breit wie eine Krte hockte er
zusammengezogen und sah schrg nach den Falten des Tuchs. Nie besah er das
Haus, aus dessen Innern sie ihm Harfen entgegenschlugen. Sein Auge wuchs
sich zu mit einem Nebel, da die Pupille verschwand. Hadschi berlas setzte
Spione um sein Zelt, die ihn lockten. Sie sprachen von der Gte dieses
Oheims. Sie lobten seine Strke, seine Schenkel und grinsten ber die Kraft
seiner Lenden. Stets beobachteten sie seine Miene. In Monaten vermochten
sie keine nderung des Gesichts zu melden, das grer nur und
undurchsichtiger sich zusammenschlo.

Beim Fest des Tages Gleiche mit der Nacht ffte der Narr im Hause Hadschi
berlas einen Emir, der Rcksicht verga und, die Hand im Grtel, aufsprang.
Der fliehende Narr warf, ber den Tisch springend, die Lichter um. Der
Dolch des Emirs ritzte einem Wchter die Hand. Ein Rustemdare schrie,
Hadschi berlas blute, in tobender Verwirrung knallten die Tren zu, die
Posten deckten auen die Tren, den Mrder abzufassen. Als der Narr, blind
die Augen vor Angst, durch einen Teppichschlitz hinaussprang, hieb ihm der
Wchter den Dolch in die Seite, und er verschied. In der Dunkelheit schrie
ein Emir, erkennend, da Hadschi berlas nicht der zuerst Blutende sei, und
ihn nicht findend, er sei der Tote.

Das Geschrei lief bis an Timurs Zelt, doch gab es seinem Gesicht keine
Vernderung.

Spter sagten ihm die erbleichten Spione, nicht Hadschi berlas trage den
Dolch in der Seite, denn sie fanden ihn, Schwei auf der Stirn, in eine
seidene Tapete gewickelt, in der Ecke des Saals.

Als dies Timur hrte, gab es eine Welle Blut in seine Schlfe.

Wenige Nchte darauf tastete er mit zwei Katzensprngen ber die Lauernden
vor seinem Zelt, lief zum Palast seines Oheims und trat mit einer ruhigen
Bewegung zu dem Trhter. Er sprach mit ihm lange plaudernd und ging
schlendernd wieder. Kaum aber war er aus der Fllung des Tors getreten,
trug ein schnellender Satz ihn zurck, an der Wohnung des Pfrtners vorbei,
die Stufen nach oben. Durch stiere Gnge, die er nicht kannte, irrte er,
bis er eine Lampe sah.

Hadschi berlas lag nackt auf seinem Lager, schlafend, die Hand auf dem
Nacken der Frau, die er fr diese Nacht gewhlt. In der Ecke stand eine
Lanze. Timur hielt die Spitze in die Lampe, bis sie knisterte, dann stie
er sie der Frau durch die Brust. Seine rechte Hand schlug einen Sbel in
den Hals des Oheims, die linke ri den Kopf weg, und, den der Frau
dazunehmend, erstieg er einen Turm, lie die eisernen Rasseln sich
knirschend drehen und stellte sich auf die Galerie.

Die weie Nacht ging gegen das Ende. Er schwang die Kpfe im Kreis und rief
sich zum Chan aus. Seine Stimme klang zum erstenmal rollend ber die
Dcher. Aus den Hlsen fiel klatschend Blut auf die Straen.

Der Astronom Guines trat auf das Minarett der Moschee und rief ber die
Stadt ihm zu: Bewahre die groe fernhin schmetternde Trompete.

Am Mittag zogen die Emire in die Ebene. Sie warfen die Mtzen in die Luft,
schwangen die Grtel ber den Rcken. Sie warfen sich auf den Bauch, die
Sonne anzubeten, und huldigten durch neunmalige Kniebeugung dem neuen Chan.
Ein Prinz reichte ihm kniend den Becher mit Stutenmilch, er gab ihm, den
Kopf wenig lftend, als Gegengabe das Todesurteil.

Dann lie er, damit sich Hadschi berlas nur mit einer Frau, den Thron mit
der Gruft wechselnd, nicht allzu langweile, sechzehn seiner
Beischlferinnen schlachten und befahl den Zug nach Samarkand. Den Emir
dieser Landschaft zerhieben sie, und da sie ihm gefiel, baute er sich ein
Haus hinein neben die Stadt, umgab es mit zungenlosen Wrtern und pflanzte
die Fahne der Macht vor die Tr.

Er stie sie selbst, neungipflig mit weien und schwarzen Schweifen, in den
Boden, wandte sich langsam um und ging in das Haus.

Zehn Jahre lang sah ihn kein Tatare wieder.

Von diesem Orte ging nun Gewalt aus, die sie alle traf. Jeden Tag erhoben
sich aus der Ferne Reiter, rannten bis an den Grtel der Wachen, saen ab,
erhielten Befehle und kreuzten, abreitend, Kommende, die Nachrichten
brachten. Ein Graben, tief einen halben Fu, umlief das Haus, sonst nichts.

In Jahren beugte er alle, niemand wagte ihn zu berschreiten.

Einmal, whrend die Massen im Kriegszug lagen, schlichen, unabgewehrt, zwei
Horden in das Haus. Sie fanden es ohne Gert, ohne Lager, wie seit Jahren
unbewohnt. Echos schallten ihnen entgegen, ihre flsternden Stimmen brachen
sich dreifach an den tauben Wnden. Ihre schrgen Blicke flimmerten. Da
brach die Furcht irr in ihre Augpfel. Sie sprangen auf die Rcken der
Pferde, verwirrt in ihrem Hirn, und hingen ihre Leiber in einem nahen Wald
an die ste.

Einmal brach ein tatarisches Heer aus den Steppen. Reiter im Halbmond den
Kopf geschoren, mit groen Schenkeln, die Achseln spitz gereckt, ritten um
Samarkand, fielen in die Ebene und wlzten sich durch die Stdte. Sie
schwammen durch die Strme und standen nach zwei Jahren auf den Graten des
Gebirges. Abgleitend verloren sie viele Pferde, doch im Anblick persischer
Ebenen schlo eine Felsmauer das Tal ihnen zu. In Vorhuten, tagelang,
schwrmten sie aus, sie fanden keinen Ausgang. Die Bergseite dampfte von
den Lagerfeuern. Da stob den Wartenden ein Bote an, setzte den Feldherrn ab
und gab die Zgel des Befehls einem kleinen Gruppenfhrer, den keiner
achtete. _Er hinkte und bewegte die linke Hand nicht._ Er lie mit siebzig
aufgestellten Blaseblgen den Felsen wochenlang erhitzen. Dann warf er
einen abgeleiteten Flu dagegen, da der Basalt zerknallte. Das Heer trabte
in die Ebene. Sie schlugen die Perser in zwei Treffen und, abtretend, gab
der Feldherr sein Amt ab, zurckberufen, an Yakou, dem die Augen bis an die
Mitte der Schlfen saen, und der Schiraz in einer Nacht in den Himmel
feuerte.

Ein anderes tatarisches Heer, stummem Winke folgend, stieg aus den Steppen,
zog um Samarkand, berritt die Wste und das stachlige Tiefland. Die Reiter
trabten wochenlang, Weiber auf den Stteln, Kamele hinter sich mit Kindern
und Proviant. Eine Wolke von Schwei brach vor ihnen her, und die Geten
zndeten ihre Drfer an und verlieen sie und schrien nachts aus den
Wsten. Die runden Sbel glhten in der Sonne. In einem Halbkreis rannte
das Heer ber die Steppe. Sie banden die feindlichen Mnner mit den Kpfen
in die Kniehhle und warfen sie in die Sonne.

Sie hatten ihre Weiber auf den Stteln und verlieen die Pferde nicht. Sie
machten groe Feuer und trabten darber in den Horizont. Reitende Boten
tglich zogen eine Schnur zwischen ihnen und dem Haus in Samarkand.

Aus den Schneesteppen brachen tatarische Heere. Die Pferde stampften in die
Jurten vor Kurdistan. Sie brieten einen Emir berm Lagerfeuer und lieen
seine Shne daran speisen. Zwei Tage nach einer Schlappe des Fhrers
wechselte der Oberbefehl. Zurckkehrend nach Samarkand verschwand dieser.
Axalla fhrte die Geschwader. Sie warfen sich ber die Landschaft und
trieben Pferde zusammen und das Vieh. Ein mongolischer Frst wehrte Axalla
mit Gebeten. Stolz trat er redend vor ihn und erfragte den Sinn der
berflle. Axalla sagte: Gibt es anderes fr mich als zu folgen? Dein
Aussehen ist besser als deine Frage, und lie ihn hinausfhren.

Als Axalla nach Georgien aufbrach, betrat ein Unterfhrer sein Zelt.

Axalla speiste auf dem Boden kniend und sah unwillig schief nach der Tr.

Der Unterbefehlshaber hob rasch das gesenkte Gesicht und warf den Mund
brausend auf: Teile das Heer.

Axalla stand auf, lehnte sich gegen den Pfosten, Spott um den Mund:

Wer bist du?

Genug, dich zurechtzuweisen.

Da stand Axalla, gegen diesen Stolz gerichtet, zurckgeworfen den Kopf, vor
dem Unterfhrer, _aber da war dieser aus den Schultern heraussteigend mehr
als zwei Kpfe grer als er._

Er ffnete wieder den Mund: Teile das Heer zwischen Georgien und Kars.

Da schlug Axalla schumend auf die Trommel, Wachen fhrten den Mann,
gebunden die Armgelenke, hinaus. Axalla kniete nieder und a weiter.

Am Abend ffnete sich das Zelttuch unter einer drngenden Schulter. Der
Unterfhrer stand in der Mitte des Zeltes bewaffnet und frei.

Axalla fuhr an den Dolch.

Aber der Eingetretene sagte: Bekmmere dich nicht. Ich knnte dich
zwingen, denn deine Macht geht nicht ber mich, und er wies, die Zhne
fauchend, die gelsten Arme. Aber ich will deine Klugheit sehen. Darum
rate ich nur. Teile die Geschwader.

Wer bist du?, rief Axalla wieder, aber unter dem Ruf schlug das Zelttuch
schon zusammen.

Am Morgen schied Axalla das Heer.

Die Geschwader gegen Kars trafen den Mittag einer Gruppe in den Rcken, die
die Truppen Axallas in einen Schraubengang locken sollten. Sie hielten sie
zusammen.

Axalla sah den Unterfhrer nie wieder. Die zwei Sulen der Geschwader
lockerten sich. Georgien wurde berrannt. In einem Halbkreis stieen die
Tataren schweigend aus den Steppen. Ihre runden Schwerter blitzten in der
Sonne. In Kars rissen sie die Rosenstcke aus und setzten die Mnner auf
die Stbe. ber Georgien wlzten sie eine Flamme, die die Stdte erstickte
und die Reisfelder fra. Die Erde zitterte unter dem Schlag immer trabender
Hufe.

Sie ritten, eine lange glnzende Masse, durch die Engpsse am Rand des
Gebirgs. Dann stoben sie in die Steppen und schwirrten auseinander. Sie
sgten einen Sherif in der Mitte durch. Ein Mann brach das Tor einer Burg
nachts auf mit den Zhnen. Sie schlachteten eine Nacht. Sie hatten die
Weiber auf den Stteln und verlieen die Pferde nicht.

Ein einziger Wink holte sie alle zurck.

Im zehnten Jahre rollten alle tatarischen Heere im Halbkreis aus den vier
Winden gegen Samarkand zurck. Die Stadt schaukelte, wie sie nacheinander
antrabten. Ein Schneesturm berfiel das Heer Axallas zwei Tage vor der
Stadt, sie kamen in einem langen Brausen, der Schnee vor ihnen schmolz auf
Stunden.

Sie lagerten in einem Bogen in der Ebene.

In der Mitte bauten sie einen Thron auf. Dann warteten sie, die Augen
tausendfach gegen das Haus schleudernd.

Aus einem kleinen Vortrupp der Aufgestellten lste sich da ein einfacher
Tatar, ritt an den Thron und stieg fest hinauf.

_Er hinkte und konnte die linke Hand nicht gebrauchen, zwei Kpfe hher als
alle._

Da erkannten ihn alle pltzlich. Sie schrien: Timur Chan und warfen sich
auf den Bauch brllend vor Wonne. Er stand auf und stie den Finger nach
diesem und jenem: Dich kenne ich . . . dich kenne ich.

Axalla verkroch sich unter den Bauch eines gefallenen Pferdes vor Scham,
aber er lie ihn herausziehen und ihm zwei Ringe schenken.

So ward er sichtbar, unbewegten Gesichts.

Er trug den Kopf barhaupt, lange Haare.

Nach der Jagd, in dem Haus gelagert, sagte Yakou einmal an den Fingern die
Gebiete her, die sie in den Jahren unterwarfen, es machte ihm Mhe, die
Hnde reichten nicht aus.

Timur sagte: Was ist es . . . und zog mit Stutenmilch einen kleinen Kreis
auf den Tisch.

Dann nahm er Yakou mit in das Nebengemach. Sie blieben den Abend bis zur
Nacht. Spter rief Yakou heraus, da sie Guines hereinfhrten; er erschien,
aus dem Schlaf gerissen, mit verklebten Augen und halb angekleidet und warf
sich auf die Knie, aber Timur winkte nur nach oben und grte ihn. Guines
schrieb die ganze Nacht. Yakou bewunderte es kauernd daneben und fra die
Ngel seiner Hand.

Timur nderte das Heer, vertauschte, warf weg und ernannte. In der Nacht
noch schlugen sie Pflcke ein. Tausend Unterfhrer wurden in die Sonne
hinein gepflockt. Der Frst von Tanais erhielt eigene Korps, einfache
Tataren rckten an den ersten Platz. Die Reiter erhielten Kumis und waren
berauscht am Abend vom Anfang der Stadtgrten bis wo das Auge das Ende der
Ebene fate.

Feuer umbrannten den ganzen Nachthimmel.

Timur hielt Abrechnung ber zehn Jahre. Schuldige wie von Blitzen gefat
entleibten sich selbst. Ihm war nichts unbekannt, der ihre Lager geteilt
hatte. Kam er nahe an unbesichtigte Geschwader, wlzten sich einzelne
heraus, auf dem Bauch Verzeihung erbittend, den Mund voll Anklagen. Er
hatte nur _einen_ Wink.

Monate hindurch ordneten die Fhrer. Timur schickte einen Vortrupp gegen
die Grenzen. Er blieb einen Monat lnger als ein halbes Jahr, das er ihm
gesetzt. Der Fhrer sagte: Wir konnten nicht rascher als der Wind. Timur
griff in den Bauch ihrer Pferde, fhlte Fett zwischen zwei Fingern und lie
sie enthaupten.

Dann zog er gegen Moscow.

Tatarenheere tauchten wieder in die Steppen, der Chan unter ihnen, sie
wuten es und sagten es den Pferden in die Ohren. Das Heer der Moscower war
dreimal grer wie das der Tataren, sie schrien schon aus der Entfernung.
Der Frst von Tanais zog einen Bogen nach rckwrts ab, als es noch
dunkelte. Am Morgen stand die Sonne an einem geschweiften Hgel, an den die
Feinde sich lehnten.

Brllend rckten sie vor. Yakou warf ihnen zwei Flgel entgegen und trennte
ein Teil. Dazwischen brauste Timur, eine silberhelle Wolke lag zwischen den
Massen, sie erkannten ihre Flgel nicht mehr. Ungarische Reiter der
Moscower durchbrachen die Mitte und gingen in eine Falle Axallas.

Da brach ein weier Glanz auf dem Hgel auf. Der Frst von Tanais bohrte in
die Seite sich mit zwanzigtausend Rossen. Die Moscower bliesen sthlerne
Drommeten. Die Flitschpfeile der Tataren sausten in die Leiber ihrer Pferde
wie in Faschinenkrbe. Klatschend spickten sie die hellen Buche.

Die weie Flut vom Hgel scho tiefer in die Masse. Durch die Wolke brach
Timur zurck, die nackten Sbel zerhieben die Flanke der Brllenden. Die
Ebene dampfte in dickem Rot. Tataren nahmen die Sbel in die linke Hand und
schlugen. Ein junger Sohn Yakous rief vorbeifliegend, tagelang mten sie
Scharten aus den Sbeln schleifen. Timur sah zu.

Axalla wlzte einen Haufen Gefangener heran.

Er zog einen Bogen mit der Hand: Sklaven.

Timur schttelte den Kopf:

Du hast zuviel jdisches Blut, Axalla.

Axalla warf sich nieder, eine Falte des Zorns in der Stirn. Timur gab das
Zeichen, sie zu schlachten, zwanzigtausend. Er nahm Axallas Bogen und scho
nach einem Moscowerfrsten. Der Pfeil flog in seine Hfte, sein Pferd
machte einen Satz, er sprang fallend vor und zusammenbrechend, eine Hand
auf dem Boden, die andere drohend mit dem Kopf gehoben, krisch er:

Blutiger Hund . . .

Timur bewegte sich nicht, zielte in seinen Hals und warf ihn mit dem Schu
um sich selbst.

Dann zog er die linke Braue ein wenig hoch wie im Lcheln.

Sie schlachteten stundenlang des Abends.

In der Frhe ging Yakous Sohn leuchtend aus Timurs Zelt, sprang auf sein
Ro und jagte los. Hinter ihm, da sie die Spitze seiner Mtze ber den
Staub noch sahen, ritten zweihundert Tataren. Sie ritten ber den flachen
Hgel, der sich aus dem Kampfplatz in den Horizont stie, und ber ihn
hinaus in Tag und Nacht. Fnf Monate trabend kamen sie an die Vorhuten
Chinas. Beobachtet stndlich erreichten sie wenige Wochen darauf
Juen-min-Juen.

Sie nchteten drei Tage, bis ein geschminkter schwarzer Eunuch sie in den
Palast fhrte, ein Zelt mit unendlichen Gemchern, grer als Samarkand.

Yakous Sohn, Zeinabdeddin, trat, geleitet von zwanzig Fhrern, in einen
Saal. Durch ein Spalier fettschenkliger Eunuchen glitten sie in den Garten.
Der Hof stand um einen Pavillon aus Gold. Gedmpfte Musik, feierlich, und
entfernte Glocken schwollen an. Diener sprangen erregt umher. Der Knig
stand hinter einem Schirm.

Pltzlich stoben alle Musikanten in die hchste Harmonie ihrer Instrumente,
der Hof lag gefllt auf dem Bauch, ber erstarrte Leiber stieg Yakous Sohn,
stieg, beugte ein Knie am Thron und empfing das Friedenszeichen, ein
Ju-schi in weilichem Serpentinstein mit geritzten Emblemen.

Da schlug sich Yakous Sohn auf die Schenkel und drehte sich um sich selbst
vor Lachen. Die Tassen mit Milch und Eiswasser klirrten in den Hnden der
Chinesen. Ihre Augen klotzten dick und rund.

Timur Chan fordert von dir die Provinzen Pazanfu und Paquinfu. Aber
auerdem Psse am Flu Tachij. Zeinabdeddin grinste und wiegte, auf einem
Fu hpfend, das Ju-schi auf der Hand.

Der Knig verlor keinen Strahl Wrde aus seinem Gesicht. Er lie die vor
Schreck eingehakte Musik ausklingen und lie dem Sohn Yakous, indem ein
Diener ihm Tee einschenkte, sagen, nur Gte sei es gewesen, da er seither
das kleine Reisgericht des tatarischen Reiches nicht zu seiner Tafel
gezogen.

Zeinabdeddin begann zu schreien und ungeberdig wie ein Ochs die eroberten
Gebiete auszurufen, aber der Schirm schob sich zwischen ihn und den Knig.

Sie trabten zurck, verlieen verbundenen Auges die Grenze. Ein Jahr und
drei Monate nach dem Ausritt erreichten sie Timur. Die Rippen blhten sich
aus den Pferdeweichen.

Sind es die gleichen Pferde? fragte Timur.

Die gleichen, sagte Zeinabdeddin.

Timur lie sich eine Fontne bauen von gefangenen persischen Knstlern. Die
Abende wanderte er in groen Kreisen um den Auf- und Niederfall des
Wassers. Er ging darauf zu, streckte die Hand aus und zog den Kopf rasch
zurck zwischen die Schultern.

Im Frhjahr schwanden dann alle Zelte. Der Horizont besternte sich mit
fliegenden Punkten. Sie schwollen zu Lawinen, strzten zusammen, sie
trabten, die Ebene hallte unter ihnen. Sie stiegen hoch und sammelten sich
aus Westen in der Wste Ergimul. Im Osten wirbelte das zweite Geschwader,
breite Schenkel bogen sich um klopfende Buche. Pferdehlse strotzten von
jagendem Blut. Sie hatten den Wind im Rcken und schwiegen. Sie stauten
sich in den Hordas von Baschir.

Zwei ungeheure Halbkreise brausten, Pferde mit kleinen Tataren, bartlos,
Bogen ber den Rcken, ber das asiatische Tiefland nach China. Ihre runden
Schwerter blitzten in der Sonne. Sie wlzten die Steppen blank. Die Weiber
auf den Stteln, schienen sie, zweikpfig in der Dmmerung reitend,
gegliedert bis ins Unsichtbare. Ihre Gule wuchsen mit wiehernden Hlsen in
den Himmel hinein.

ber gelben glhenden Sand trabten sie und warfen sich gegen die
chinesische Mauer, die nackt und wei vor dem Horizont hinstrich.
Vierzigtausend schlugen einen Haken, nahmen verborgene Psse und strmten
in chinesische Rcken. Vor den Angreifern glhte die Mauer vor Sonne, die
Hufe der kleinbeinigen Pferde schmolzen. Die Mauer fiel gespickt von
Pfeilen. Ein Mandarin, auf die Mauerreste tretend, flog, zerfetzt von
Flitschpfeilen, so zerrissen in die Luft, da kein Rest des Krpers
brigblieb. ber die Mauer rennend, durchschwammen sie einen Strom und
rieben die anziehenden Heere auf in einem heien Tag.

Die Nacht ritt Timur von seinem Zelt los. Ein Reiter Axallas fragte, ob er
den gefangenen Knig haben wolle, es hat Zeit, sagte Timur und ritt. Es
war eine Nacht voll Hitze, und die Krper faulten schon auf der Sandsteppe.
Der Mond fehlte.

ber den weithin getrmten Leichen in farbenen Seiden wogte eine Helligkeit
wie Gas, ein grnliches Weben, das sich zh an den Boden klammerte, als ob
es nicht sich heben knne. Ihre unreinen Seelen stinken in den Himmel,
sagte Zeinabdeddin, aber Timur entgegnete nicht.

Sein Auge trat gro und opalig, stumpf wie eines Schauspielers, aus der
Wlbung, und es schien, als tanze ihm gehorchend die Landschaft auf diesem
halben Bogen und der mit Gestirn dnn bergossene Horizont.

Die Klammer der linken Hand, mit der er die Bogensehnen spannte, hing
verdorrt um einen Zgel gehakt.

Sie ritten ber einen Bach, da bildeten sich Umrisse aus dem Dunkel heraus,
ein Flimmern traf ihr Auge von eingelegten Muscheln und Metallen. Wagen
stie an Wagen, die ganze Nacht stand voll zusammengefahrener Wagen.
Tatarische Wachen, die die Karrenburg umkreisten, brachen jeden Augenblick
vorber. Sie ritten nher an den Platz und trabten hinein.

Drinnen hingen Papierlaternen an vielen Schnren, in bronzenen Krgen
standen Flammen, die steil brannten und Duft ausstreuten.

In grellen Farben mit Skorpionen gezeichneter Seide standen, in fnf Kreise
geteilt, auf dem Rasen die fnf Frauenlager des Knigs, in der Mitte jedes
Trupps eine Knigin. An einen Ast gelehnt stand Axalla trumerisch mit halb
geschlossenen Augen und wachte, da kein Mann Timurs beste Beute packte.

Timur lie sich die Lieblingsfrau zeigen.

Er schleifte ein Bein nach, die Hften wiegend in torklem Reitergang,
schritt er dicht vor sie, du heit? fauchte er.

Miser Ulek, sagte sie und fiel nicht nieder.

Er lie seinen Kopf bis auf die Berhrung der Haut vor den ihrigen
schweben. Sein Geruch strmte ber sie. Ihre Augenlider bebten ein wenig,
aber die grauen Augen hielten sich steif und furchtlos in den seinen.

Du hast den Knig getrieben zu dem Zug gegen mich.

Sie fletschte die Zhne.

Laut stie ihr Timur ins Gesicht warum . . ., aber, nicht zitternd vor
dem Rollen, gab sie zurck: Er sollte herrschen ber dich.

Sie hielt mit taumelndem Hirn in seinem Gestank. Auf ihren roten Lippen
tanzten kleine weie Blasen, sie legte den Kopf schrg.

Er sah auf sie. Ihre Augen stachen hell vor Ha.

Er lie ihren Blick steigen. Eine Weile wartete er. Dann sagte er: Dein
Lager kann in mein Frauenhaus gefhrt werden. Ich nehme dich als fnfte
groe Frau. Du sollst spter die Residenz dieser neuen Provinz haben.

Er winkte nach der Seite, wo eine Kolonne sich schon formte. Sie stand
ruhig, whrend ihr Blick in dunklem Schatten einfror. Dann warf sie die
Hnde hoch, stie die Arme in den Himmel und sank mit einem Schrei, das
Haupt zurck, auf seine Fe und bi sie vor Lust.

Weggehend ritt sie mit schmalen weichen Hften davon, sie war eine
Kurdistane von kleinem Fu.

Timurs Auge wlbte sich in die Braue zurck. Sie ritten ber das
Schlachtfeld, Tataren huschten durch die gasige Luft, nahmen das Gold und
rissen die Ringe aus den Ohren.

Gegen Morgen kamen sie an das Zelt.

Timur schlief jedoch nicht.

Nach einer Stunde ffneten Hnde auen den inneren Vorhang, der chinesische
Knig trat langsam zwei Schritte in den Raum. Timur stand, aufgestanden,
ihm gegenber. Sie schwiegen eine Zeit. Dann senkte der Gefangene das
Gesicht, schaute zu Boden und erhob es wieder.

Timurs Gesicht ballte sich nach innen zusammen, als der andere begann:

Im Umschwung der sieben Planeten habe ich siebenmal den Zyklus von zwlf
Jahren durchlaufen . . .

Timur deutete auf den Pfhl.

Der Knig schttelte den Kopf:

. . . ich war der glcklichste Knig. Ich hatte jeden Erfolg. Ich hatte
Ruhe. Du scheinst glcklicher als ich.

Einen Augenblick zuckte Timurs graues Gesicht. Zwischen dem Zuschlag der
Lider verschwand der schmale Schlitz des betroffenen Auges. Dann quollen
die pfel breit aus den Hhlen und stierten in Nichtbegrenztes:

Ich habe keine Ruhe. Du irrst. Es hngen so viele Dinge an mir, die ich
zusammenraffte, da sie schon in meinem Schlaf sich lsen. Sie fallen
auseinander, wenn ich nur erkranke. Nur ich bin das Gegengewicht. Es ist
mehr Qual als du ahnst, kleiner Knig.

Timur beugte sich ein wenig nieder und sah auf den Mann, der ihm
gegenberstand. Er hatte eine Habichtsnase und einen dunklen Blick,
verwhnt von Frauen und trotzig auf seine Jahre.

Der Knig trat mit dem Fu zurck, hob den Kopf und sagte wie in die Stille
redend:

Ich lie in zweihundert Stdten Priester um die Feuer der Sonne gehen und
kupferne Pauken schlagen, da ich siege. Ich tat es nicht.

Er trat nun, das Gesicht umndernd, wieder vor und sah lchelnd zu Timur:
Was beweist es?

Und: Was beweist es . . .? warf dieser ihm in den Mund zurck.

Nichts fr dich, sagte der Knig, auf jedem Wort ruhend, aber zwei
Dinge: Da dein Sieg ein Irrtum ist und falsch -- oder da die Bestimmung
des Gottes in mir ist, da ich mich neige zur Prfung.

Da hub Timur den Arm zum erstenmal und brllte: Nein. Schwchling. Seine
Stimme rollte durch das Zelt, da die Vorhnge flogen.

Der Knig aber hob stumm fragend sein ruhiges Gesicht.

Dann sagte er: Du leidest unter deinem Tun. Warum?

Timur antwortete kalt, die grte Dienstbarkeit, die so hohe Hupter wie er
mit Gott htten, sei, da kein Ende ihrer Ehre sei. Was er tue und handle,
borge er von Gott. Gott sei in seinem Anfang und Ende, denn es sei seine
Bestimmung, in so groen Kriegen zu sein.

Woher weit du das?

Da aber lachte Timur rauh wie ein Wolf, und das Blut strzte in sein
Gesicht, da es strahlte durch die Dmmerung des Zeltes:

Wo ist der, der den Gegenbeweis aushielte.

Nun senkte der Knig den Kopf. Er stand zitternd. Bleich.

Dann fragte er: Wer bist du, der du so hoch dich trmst?

Mehr als du, der du so vieles fr mich angehuft hast.

Auch sein Krper leuchtete nun. Er trug den einfachen Reiteranzug seiner
Krieger, aber ein Glnzen brach von den Rndern aus, breit und scharf.

Ein Beben berlief den Knig kurz.

Dann neigte er das Knie. Und indem ein langsames Besinnen in Pausen auf die
Oberflche seiner Augen zurckkam, bat er, da er in seinem Muschelwagen
die weite Reise fahren drfe, denn die Last der durchlebten Jahre drcke
auf seine Brust.

Timur nickte kurz.

Es war der mchtigste Knig an Gewalt hier vor ihm, fleischigen Krpers
noch in diesem Alter, der die Jugendstrke des berhmten Bogenspanners
zeigte, er lchelte und hob ihn auf.

Da trat der Knig an ihn heran, stieg auf die Spitzen der Schuhe und kte
ihn auf den Mund.

Umwendend stand sein Rcken der Tr zugewendet. Seine linke Hand fate die
Portiere, sie zu ffnen.

Vergi nicht, was es heit, da ich mehr zu dir sprach als je einem
Menschen, sagte Timur verhalten.

ber die Schulter lchelnd antwortete der Knig: Frchte nicht, da der
Gott, der in mir so lange lebte, seine Bestimmung im Stich lt.

Da hob sich der Vorhang, und die im Morgen aufgekommene Sichel des halben
Mondes hing vor ihnen.

Whrend er unter ihr dem Wagen zuschritt, kam ein Zug Frauen aus Osten an.
Timur sah nicht nach ihnen, wandte den Kopf nach der Seite, und wie seine
Blicke zwei Tataren trafen, sprangen sie hinter den schreitenden Knig und
zerhieben ihn.

Der Zug der Frauen aber stie an die Ecke des Zeltes, ein Kamel kniete
nieder. Reiter sprengten danach durch die Flle der Frauen hindurch. Aus
den zweihundert aber lief eine heraus. Sie stellte die Arme zur Seite, bog
die Hnde aufrecht, trat weiter heraus, die Augen geschlossen, und hatte
die trbe Sonne ber dem Gesicht. So schritt sie fhrerlos ber den
Leichnam, ohne zu fallen. Ihr Fu netzte kein Blut. Sie ging bis zu Timur,
hielt eine Weile, ffnete den Mund mit einem leisen Ton und rief dann:

Ich hindere dich weiterzugehen. Es ist genug. So blieb sie stehen, zunen
Gesichts. Sie war eine Chinesin. Timur befahl, sie nicht niederzuschlagen.

Von dem Kamel glitt Miser Ulek. Sie deutete auf den Zerhackten: Die Krone
des Glcks fiel von seinem Haupt. Sie legte die Hnde rund aneinander und
prete ihre linke Brust. Den Kopf frei zurckwerfend sah sie auf die
Chinesin, deren gebrochener Blick sie nicht empfand.

Timur sah den Blick, der zerstrte, auf was er traf.

Er ma die beiden einige Zeit.

Dann schob ein Wink sie weiter, der Zug rollte davon.

Am Abend lie er seine Lieblingstochter, mit der er schlief, zu dem Haus
seiner weiblichen Kinder zurckkehren und berlie ihren Pfhl Miser Ulek.

Eine grne Wolke hllte das Heer ein zehn Tage, bis sie geteilt hatten.
Rudel wilder Tiere durchmaen die Ebenen von dem Gebirge her und fraen in
Orgien. Pferde starben an der Pest hin, und Tataren fielen in Haufen vor
Hitze und Geruch der Fulnis. Timur gab ihnen aus der Beute Gule zum
Schlachten, und sie fraen rohes Pferdefleisch schmatzend vor Seligkeit,
bis ihnen die Mgen platzten und sie wrgend ber die Toten fielen. Axalla
und Yakou erhielten chinesische Prinzessinnen. Die Frauenhuser wogten
berschwemmt von Stoff, Seiden, Rubin und Zelten mit goldenen Stangen.

Den Tag, ehe sie ritten, hielten sie ein Gelage. Timur gab den Befehl eines
Emirschulbaus in Petsche-li, da in ihr Hirn anderes als Gaulgeruch steige.
Guines stellte die Konstellation der Sterne. Einmal erhob sich der Frst
von Tanais, deutete auf den Tonknstler Ssasijeddin Abdulmumenin und sagte:
Nimm die Leitung, Ssasijeddin. Da erhob sich Timur und verwies es ihm,
auch wenn er den Namen des groen Kalifen trage, zu dem auerordentlichen
Mann nur mit dem Vornamen zu reden. Und schenkte dem Knstler einen Ring.

An der Quelle Baldschuma betrat Timur das Zelt der Chinesin. Ihr klarer
Blick fiel auf ihn. Er wies auf eine frnkische Dogge und gab ihr sie zum
Geschenk. Er fragte nach ihrem Stamm. Jedoch sie vermochte nicht zu
antworten.

Sie sah ihn mit feuchten porzellanenen Augen an. Da verlie er sie. Sie
ritten weiter.

In einer Gewitternacht lie Miser Ulek der Chinesin Tee reichen, aber
dieser entfiel die Tasse. Sie sah lchelnd zu Miser Ulek: Gift. Da weinte
Miser Ulek, umarmte sie und stach ihr ein Messer in die Seite. Doch es
blieb in der Haut. Timur befahl, die Chinesin aus dem Haus Miser Uleks zu
nehmen und in das seiner Tchter zu fhren.

Sie ritten durch Monate. Sengende Sonne wirbelte ihnen Staub in die
Gesichter, sie stachen durch Schnee, bis sie das achte Paradies erreichten:
Samarkand leuchtete aus den Grten. In der Ebene von Kjanegl erbaute Timur
einen Palast in der Mitte des Fundorts der Rosen. Knstler aus Bagdad
bermalten die Wnde. Der Hof stieg in Marmor und Talkstein, Schwibbogen
leuchteten Sprche des Korans, die Tren brllten vor Erz. Glockentrme
wuchsen aus den Ecken. Er baute einen Windfang und einen unterirdischen
Saal.

Er gab ihn der fnften seiner groen Frauen Miser Ulek und den zweihundert
Beischlferinnen hinter ihr.

In der Nacht schreckte ein Traum ihm die Chinesin ab, und er schenkte sie
an das Frauenhaus Zeinabdeddins.

Er selbst wohnte in dem dunklen festen Haus mit dem futiefen Graben.
Abends wie ein Panther zog er in groen Kreisen um den Auf- und Niederfall
seiner Fontne. Er ging darauf zu, streckte die Hand aus und zog den Kopf
zurck zwischen die Schultern . . .

Gekitzelt vom Lachkrampf schlug eines Tags ein zirkassischer Frst zwei
Leuten Timurs, die raubten, die Kpfe ab. Timur lie ein Heer aufstehen.

Vor dem Aufbruch gab er eine Jagd.

Jagdleoparden in Satin und Coliers glitten in die Ebene bis hinter den See.
Dort witterten sie, stieen die Nasen zum Boden und stoben in den Wald. In
der Einbruchecke sah er ein Weib vorbeistreichen. Timur hetzte den
Leoparden, doch der legte sich nieder, da Timur wtend ihm einen Pfeil ins
Kreuz scho, er wendete und schnitt sie ab. Er stellte sie mit dem Pferd,
das bumte. Sie hob sich gleitend, warf die Arme auf und erstarrte. Die
Pupillen erloschen. Geschlossenen Auges, grau im Gesicht, sagte sie:
Betritt den Boden der Ruhe. Es ist genug.

Timur spannte den Bogen auf sie.

Sie sah ihn an: Ich warne zweimal. Er schttelte sich in kaltem
Gelchter.

Es war die Chinesin. Sie schwang sich auf einen Zweig; wie ein Silberaffe
sitzend, sagte sie in halbem Ton: Du fllst noch heut in Unglck an einer
weien Stute. Timur hielt einen Herzschlag lang ein im Besinnen. Dann
sagte er:

Geh zurck in das Haus meiner Tchter.

Auf der Spur ritt er durch einen Tmpel, von einem Ast zischte ein brauner
Klumpen, ein gelber Rachen bi sich in die Kehle des Gauls, der schrie.

Timur konnte den Bogen in der Nhe nicht spannen. Da erschien Yakous Sohn.
Timur sah ihn lange an, whrend er deutlich zielend die Sehne anzog, der
Pfeil ri dem Tiger das Auge heraus, glitt ab und fuhr streifend durch
Timurs Schlfe. Brllend sprang der Chan ab, da der Wald erzitterte, griff
in den fetten Pelz der Katze ber den Hinterbeinen, wirbelte und schlug sie
auf die Erde mit einem Aufschwung, da ihr zuckend der Kopf sprang. Dann
sah er sich nach Zeinabdeddin um. Er ritt ein weies Pferd, sprang ab. Es
ist nicht deine Schuld, sagte er zu dem auf dem Boden sich Windenden: Du
bist bewhrt.

Aber er gab ihm am Abend dennoch in seinem Zelt eine Mission nach China,
die ihn Jahre entfernte.

Dann holte er die Chinesin. Er lie ihr Stutenmilch reichen und hockte sich
zu ihr, ein Brettspiel auf den Knien. Als sie gut anzog, sagte er von dem
geviereckten Holz kurz aufblickend: Komme wieder. Sie kam mit jungen
Hunden, die die Dogge geworfen. Sie klammten auf dem Krper des liegenden
Chans und leckten ihm den Bart. Er lachte und, mit ihnen spielend,
zerdrckte er eines aus Ungeschick, da hob sich die alte Dogge gegen ihn.
Er achtete sie nicht, sondern wandte den Kopf gegen die Chinesin:

Wie lange hast du das zweite Gesicht?

Immer.

Du sagtest dem chinesischen Knig das nun Eingetretene?

Sie nickte.

Miser Ulek sprach dagegen?

Sprach dagegen.

Timur sah leuchtend auf sie. Sie wirbelte wie ein Staub in seinem Blick.
Dann rteten sich ihm die Augpfel und wlbten sich. Er stand auf, seine
Stimme drhnte, da die Hunde winselten, doch sprach er nicht laut: Warum
warnst du mich?

Ich mu.

Er schttelte den Kopf, aber er schlug sie nicht damit nieder.

Sie erhob sich. Fest, leise sagte sie strker wie sein Drhnen: Ich mu.
Es ist genug. Nimm Ruhe. Ziehe nicht, und langsam weinten ihre Augen ber
die Wangen.

Nein, sagte Timur und sandte sie hinaus. Sofort lie er Guines holen. Der
nahm die Konstellation des Gestirns, zitterte und warnte vor neuem Zug.

Timur sa drei Wochen in seinem Zelt, kalkigen Auges, ohne Ton. Sein Kopf
glhte strker als eine Fackel aus den Spalten in der Dunkelheit. Sein Hirn
wtete wie ein Stier. Dann machte er einen Ruck und brach auf.

Am Tage, wo er den Befehl gab, strzte Miser Ulek erglhend auf seinen
Pfhl, und er nahm sie mit.

Die Vorhut wurde in einem Tal, durch falsche Fhrer im Kreis geleitet,
zusammengehauen. Timur, getrennt, erschossen sie zwei Pferde; mit der Frau
auf dem Sattel erstrmte er einen Pa. Den Lederwams gespickt mit
Eisenspitzen, entkam er wie eine wilde Sau stiebend.

Er sagte, als Miser Ulek vom Pferd sprang: Du siegtest wieder nicht. Sie
sah ihn kurz an, bekam Spott um den Mund und hngte sich mittags mit einer
Schnur an das Fenster. Doch er schnitt sie ab. Unbewegt, fast lachend, so
ruhig. Es ist noch nicht das Ende, sagte er.

Hinaustretend lie er Fhrer kpfen, einen Schwarm Unterfhrer zerreien,
er schaute zu. Zurcktretend aus dem Dampf des Blutes, Kraft und Trotz aus
der Grausamkeit in die zusammengezogene Brust gesogen, sah er auf die
Frauenlager, demtigte kalt den Blick der Chinesin und unternahm zum
zweitenmal den Zug.

Er gelang. Mit klarer Stirn, die Augen unmig herausgeschwollen, leitete
Timur den Kampftag. In seiner Nhe hielt keiner. Es ging ein unsichtbarer
Sturm um ihn. Die Achseln zusammengedrckt, den Krper vergrimmt, stie er
Willen aus sich, als kmpfe er mit einem unsichtbaren Feind.

Er lie dem Emir den Kopf abschlagen. Er sandte ihn Miser Ulek. Sie lie
ihn am Eingang des Paradieses auf eine Sule hngen.

Timur lie, zurckgekehrt, die Chinesin in sein Zelt tragen: Was sagtest
du Schlechtes? Es gelang.

Sie lchelte: Das Blut steht dir berm Mund. Du darfst nicht weiter.

Aber sein Kopf barst vor Plnen:

Gelbe Mcke, was hlt mich auf? Und er schlug mit der Hand in die Luft.

Aber unerschttert im Lcheln sagte sie: Ich.

Er nahm ein Schwert, sie zu zerhauen, aber er lie es und schickte sie weg.
Er ging zur Fontne, umkreiste sie und lie die Chinesin wieder holen:

Ich war strker als deine Voraussage, er hob die Stimme, doch sie blieb
dumpf.

Ja, sagte sie, du hast mein Gesicht berschritten, aber ein Pfeil steht
auf deine Stirn gezckt. Hier ist das Ende.

Wann? schrie Timur und lachte wie ein Pferd.

Ihr Gesicht verfiel. Dann in einem Sto sich aufwerfend wie aus Kratern,
zischte sie: _. . . am siebenten Tag im Monat Ramadhan._ -- Dann sank sie
auf den Boden, ausgelscht von Ohnmacht.

Dies war ber ein Jahr.

Beim Tisch der Feldherren legte Timur pltzlich die Regierung auf das Haupt
Yakous, ihn zu vertreten. Sie schwiegen und fragten nicht.

Die Nacht sprach er mit Guines.

Sein Hirn war voll dumpfem Triumph, schon eh er aufbrach. Er lachte die
ganze Nacht. Guines zitterte. In der letzten Stunde sagte Timur: Glaubst
du an mich? Er schlug auf den Tisch, ganz sachte, aber er schlug Guines in
die Knie. Ja, sthnte er. Timur lchelte.

Am Morgen verlie ein riesiger Tatar Timurs Zelt. Er ritt, als sen
Geister in seinen Schenkeln. Das Pferd warf die Kruppe in die Luft,
ausschlagend. Der Kopf hing zwischen den Vorderbeinen. Manchmal drehten sie
sich im Kreise. Die Hufe gingen durch Tage und Nchte in gleichem Aufschlag
ber der Steppe, der Reiter zhlte den Aufschlag, so ritten sie.

An einem See machten sie Halt. Der Reiter zog Hose und Rock aus, die steif
waren vor Schwei, warf sie in die Sonne und strzte in das Wasser. Der
Gaul soff keuchend mit den roten Nstern. Hier blieb der Reiter Wochen, sah
in den Himmel, lachte, brllte, schwieg, bte sich im Scheibenwerfen und
Jagen und zwang einen Vorberreitenden, mit ihm Ball zu spielen bis in die
Dunkelheit.

Dann besprang er das Pferd und ritt weiter. Weier Schaum flockte aus den
mahlenden Kiefern des Tieres.

Langsam teilte sich die Gegend vor ihm auf. Er kam in Wlder von Aprikosen
und Pistazien. Ein Hase kreuzte seinen Pfad, er scho ihn. Speisend traf er
Menschen, die keine Waffen trugen. Ihre Jurte war von Feigen gegen die
Sonne beschattet. Sie arbeiteten mit Gerten in Grten und Hainen. Ihre
Frauen waren spitzbrstig und weich. Es gab keinen Speer, keinen Bogen.

Er lebte unter ihnen, den Frieden aufnehmend, der alle trug. In einer Nacht
kroch die Frau eines Fhrers in seine Matte und warf sich auf ihn. Die
Nacht noch lste sich der Vorhang. Die blonden Augen eines Mannes stierten
glnzend in die Dunkelheit. Seine Hand, vorschnellend, griff in des Tataren
Gurgel. Der ri einen Ziegel vom Herd und schlug ihn ihm in den Rcken, da
er die Hnde in die Luft krallte und verzuckte.

Der Tatar lie die Gegend, besprang sein Pferd und trabte weiter, auf
seinem Sattel lebte acht Sonnenaufgnge und Mondsicheln lang die
spitzbrstige Frau, bis er sie einer anderen Jurte lie.

In der Nhe der Stadt Tahauzeguh stieg er ab, zog aus der Tasche des
zerrissenen Kleides Pelzwerk und goldene Mnzen und ritt geschmckt in die
Stadt. Auf den Straen erhob sich Aufsehen ber ihn, die Chinesen lachten,
lachten ber die Hosen, aus denen Schwei rann und die Kette an seinen
Ohren aus Smaragden.

Waffenlos zog er in eine Karawanserei, zog sich aus und legte sich
schlafen. In der Nacht entri ihm einer den Schmuck. Er stand auf unter
drohenden Gesichtern, griff den Knopf einer Tr, lief dem Dieb, im Hemd
gekleidet, nach, erschlug ihn auf der Strae, kehrte zurck und legte sich
nieder. Das Murren einer Menagerie empfing ihn. Er schlief ein. Aufwachend,
fehlte ihm nichts, aber er war allein.

Der Tatar berkletterte ein Gebirge, trabte durch eine Steppe und kam an
den Rand der Wste Ergimul. Auf einem Felsen wohnten zitternde Mongolen,
die am Tag Bilsenkraut pflckten, in Angst vor Lwen und Panthern
ersterbend, deren Gebrll nachts in tobenden Wellen ber die Gegend jagte.

Sie hatten kupferne Kessel und brannten das Kraut darin, bis es sott. Den
Schaum zogen sie ab und handelten ihn weiter, es war ein Opiat, das zwei
Tage berauschte.

Der Tatar soff kreischend einen ganzen Abend davon, besprang das Pferd,
trabte in die Wste und legte sich in die Blumen einer Oase. Tagelang
schlafend berstrzten ihn Trume von Schlachten und Weibern. Fiebernd
schrie er, da sein Gebrll das der Tiere berschumte. Strme schlugen aus
seinem berauschten Leib, der die Tiere verjagte. Lwen prallten zurck und
Panther winselten vor Wut.

Erwacht, durcheilte er die groe Ebene bis zu einem rtlichen Gebirg. In
der Mitte hob sich ein Pyramidenberg mit einer Seite voll aufsteigender
Treppen, wie eine Leiter steil und glnzend von Rot. Die Menschen der
Drfer wiesen ihm Pfade, die um das Gebirge fhrten und sagten ihm, da bei
den Stufen ein Wind herunterfalle, der ihn, aufnehmend, in einen Flu werfe
und zerschlage.

Er stieg die Treppen und fiel nicht.

Oben, wo der Wirbel weilich tanzte, trat er bis um einen Nagel breit an
den Abgrund und hob den Kopf steil. Der Wirbel teilte sich vor ihm. Immer
stand er in der Mitte des Trichters, der die Luft in Strudeln um ihn
herumri, da die Ebene vor seinen Augen hinglitt wie unter flieendem
Wasser.

Zurcktretend stieg er ab und ritt nach Persien zu. Im Durchreiten einer
kleinen Stadt sah er eine Chinesin auf einem Kamel den Platz queren. Die
Blicke begegneten sich, ein Wort warf ihr Tier in das Knie, sie lief zu ihm
und ri die Arme um den Hals seines trabenden Pferdes, da es hielte, und
schleifte ein Stck.

Was willst du?

Dich.

Woher kommst du?

Ich suche dich.

Sie blieben hier.

Aus den Fenstern der gartenreichen Stadt hingen Seiden. ber die Ebene
wellte sich blonder Weizen. Trauben berspannten die Pavillons.

Es ist gut, so zu leben, sagte nach Tagen die Chinesin.

Durch den blauen Abend flogen Rufe der Minarette, die sich in den Himmel,
weie Flammen, spannten.

Der Tatar lachte: Auf kurze Ruhe.

Ihr Garten schwebte voll Geruch. Vgel tanzten durch die Pftzen im Kies
nach blitzendem Regen.

Als er das Pferd musterte einmal im Stall, sagte sie, zwischen den
Pistazien des Gartens stehend: Du darfst nicht weiter, und schlo zum
erstenmal wieder die Augen.

Da griff er aus dem Gebsch eine grne Schlange, hielt sie an die Zunge,
die ihr Zahn sofort durchstie. Wo ist das Strkere? Ich suche es die
ganze Zeit.

Die Zunge schwoll, geblht von rotem Schleim. Sie wurde dicker und fllte
am Ende den Mund an, da kein Ton aus der Gurgel mehr gelang. Wie sein Kopf
begann, blulich unter dem Gift anzulaufen, zuckte er die Achseln und
stemmte sie zurck.

Seine Augen stiegen aus den Hhlen, es schien einen Augenblick, als sauge
er die sichtbare Landschaft ein. Dann warf sich ein Schu Blut in seinen
Kopf, und abgettet lief die Schwellung ab.

In der Nacht weinte die Chinesin und sprach lange auf ihn ein, whrend der
Duft der Grten sich ber die blaue Dunkelheit erhob. Doch er hrte nicht
auf sie und ging in den Pavillon, legte sich auf das rechte Ohr und verfiel
dem Schlaf.

Auf der Veranda dann zog sich ein Gerusch durch die Klettertrauben. Der
Kopf einer Frau leuchtete in das Gemach. Auf Vieren lief sie wie ein Wiesel
durch den Raum, richtete sich auf dem Bett hoch, ballte sich in einer Kugel
zusammen und schlug weinend ein Messer in die Brust des Tataren.

Der aber, an dessen Rippe das Eisen sich bog, ergriff sie, streifte das
helle Kleid ber ihre festen gelben Brste, auf denen die lakierten
schwarzen Warzen saen, und zog sie in seine Umarmung.

Ich liebe dich, stammelte die Chinesin ersterbend: Ich liebe dich zu
sehr.

Die Hufschlge des Davonreitenden rissen sie morgens wirren Auges aus dem
Schlaf, sie streckte die Arme aus. Dann bestieg sie das Kamel und folgte,
den Kopf wie ein Luchs zur Erde geneigt, seinen Spuren.

Der Tatar ritt durch die unendlichen Grten der Birnen und Granatpfel,
durch die Drfer und die Stdte. Eine Dunstwolke umhllte ihn, sein Pferd
rannte, Fett der Ruhe zwischen den Rippen. Sein Anzug lag in Fetzen. Wildes
Haar verfilzt hing ihm um das wste Gesicht.

Am Abhang eines Bergstocks hing auf bergeneigtem Gestein eine Stadt. Zwei
Wachen traten ihm entgegen. Als sie sein Aussehen sahen, lieen sie ihn
ein. Es war eine Burg noch der Sassaniden, er erkannte es aus der Lagerung
der Mauern. Die ganze Stadt stak voll Straenrubern. Der Tatar trank mit
ihnen und schlug den ersten Tag, streitend, zwei nieder. Er bekam Macht.

Ausrckend bald trafen sie eine tatarische Karawane, die nach Mekka zog.
Sie plnderten sie aus. Der Tatar lie den Fhrern die Augen ausstechen und
sandte sie zurck zu Timur, sie sollten ihm den Weg zeigen zurck, wo sie
geblendet worden seien.

Sie kamen wieder, Yakou wtend bei ihnen mit einem Heer. Die Ruber warfen
sich in die Stadt, gegen die die Tataren anliefen. Der groe Tatar unter
ihnen nahm die Verteidigung in die Hand.

In manchem Ausfall machten sie Gefangene. Sie schlachteten sie auf den
Mauern, bauten groe Bogen, pfhlten die Kpfe und pfeilten sie den Tataren
hinunter in ihr Lager.

Yakou stellte Schleudern auf. Aber der Tatar errichtete die gleichen und
scho im selben Abzug wie Yakou, da die Granitblcke sich knirschend in
der Luft trafen und zermalmten.

Yakou lie sumige Soldaten hinrichten und trieb Maschinen in die Felswand,
die Stadt zu unterhhlen. Bei einer Besichtigung, die Yakou machte, warfen
die Verteidiger in der Stadt ein Hebelwerk auf. Ein Strom scho rauschend
aus dem Felsen und splte Yakou und seine Leute in ein Bassin, aus dem sie
mitten in der Stadt gefischt wurden mit Netzen.

Ein Geschwaderfhrer wurde vor Yakou hinaufgebracht in einen Raum, in dem
aus einem zugehngten Kabinett eine Stimme ihn anrief. Der Offizier warf
sich nieder und erflehte sein Leben. Ein Wink kam aus dem Teppich, er wurde
hinausgeschafft an den Beinen wie ein Schwein.

Yakou trat vor. Er schnitt eine Fratze und sah sich um.

Die Stimme hinter dem Vorhang rief:

Hat je ein Hund sich erfrecht, ohne Gru . . .

Bin ich ein Hund, bin ich nicht deiner.

Ein Gefangener.

Sei nicht stolz auf den Sieg. Timur hat dreihunderttausend solcher. Ich
bin nur einer.

Prahle nicht.

Du bist ein Tatar. Verrterei machte dich gro. Ich war treu.

Ich hau dich entzwei.

Mach es kurz, sagte Yakou stolz und ri die Brust auf.

Der Vorhang schwankte unter einer drren Hand, die hakend zog sekundenlang.
Dann fiel er.

Wie ein Wolf fletschte Timur lachend Yakou in das Gesicht.

Yakou fiel in die Knie: Du hast Axalla gedemtigt. Nun demtigst du mich.

Timur fhrte ihn hinaus. Sie ffneten die Tore, damit die Tataren
eindrngen und das persische Gesindel erschlgen, denn was lag ihm nun
daran. Timur sa zu Pferd. Als die ersten Scharen eintrabten, sagte er,
umschwenkend, zu Yakou: Httet ihr die Stadt genommen, glaubst du, ihr
httet mich erreicht?

Aber noch ehe Yakous Antwort erscholl, warf er, das Pferd steil aufschieen
lassend, es ber die Mauer in den Flu, durchschwamm ihn und kam an das
Ufer. Yakou eilte ihm nach ber die obere Brcke und schrie nach den Seiten
das Geschrei, das sei der Chan.

Timur eilte durch Sumpf und Bume, trabte, ereilte Geschwader, die
erstarrten, ritt durch sie, stinkend von Fett und Schwei und zerrissen die
Kleider.

Vor den Zelten stand Miser Ulek aufgerichtet. Die Tataren warfen die runden
Sbel blitzend in die Luft. Mit einem Kamel trabte vom Flu herauf eine
Frau, sie kam nher, es war die Chinesin, whrend Timur durch die Wellen
jubelnden Geheuls wogte.

Timur hielt sein Pferd.

Da sah er auf der Mauer der Stadt jemand einen Bogen spannen und richtete
sich gro auf.

Er stand hoch. Wie gegossen. Kein Haar bewegte sich.

Lang sah er im Schweigen auf den Zielenden, dessen Hand die Sehne immer
gewaltiger anzog.

_Es war der siebente Tag des Monats Ramadhan._

Die Zeit war um.

Der Pfeil kam, ri einen zischenden Ton durch die Luft und flog in Timurs
Stirn und fiel von ihr nieder.

Timur sa starr. Dann wlbten sich seine Augen zurck in die Hhlen.

Miser Ulek strzte vor und warf sich gegen ihn, schreiend und seine
Schenkel umklammernd. Timur stand ruhig, schob mit einer trumerischen
Bewegung die Haare aus der Stirn, es war kein Mal darin, sein Gesicht wuchs
wie ein Fels.

Als das Kamel der Chinesin langsam an ihn herantrat, sagte er, auf den
Pfeil deutend, leis:

Gebt ihn ihr.

Sie hielt ihn wenige Sekunden in erstarrten Hnden, warf pltzlich die
Hnde, ihn anstierend, abschattend vor die Augen, ffnete den Mund und fiel
bleich um, ohne Ton.

. . . Timur trabte auf Samarkand.

Den feigen Offizier fhrte er in einer Kiste mit sich, zu gering, ihn zu
tten, lie er ihm den Bart scheren, ihn mit Bleiwei und Mennig
berstreichen und barfu, eine Weiberhaube am Kopf, durch die Stadt gehen.
Am gleichen Tage, wo er die Chinesin zu seiner sechsten groen Frau mit der
bepfauten Tiara erhob, gab er Yakou eine Tochter und endete Zeinabdeddins
verbannende Mission.

Kein Ma hielt mehr, keine Prfung, den schleudernden Herausbruch seiner
Plne.

Filzzelte rauchten ber den Ebenen. Tataren kmmten vom halbmondig
geschorenen Kopf die Haare lang nach dem Nacken und lten die Brust Der
Himmel glhte in riesigen Bogen vor ihnen her. Der Donner der geschlagenen
Steppe rollte vor den Hufen der Geschwader. Dann jagten sie an.

Sie schossen Flitschpfeile, und die Drfer qualmten auf. Sie rollten durch
die Reisfelder. Auf Nachbarbergen standen Lrchenbume. In dunkle Ballen
geduckt, zogen sie in schwindelnden Hhen durch den blauen Himmel ber eine
Brcke nach Almaligh. In der Stadt flieender Brunnen, um die Trken und
Chinesen wohnten, hielten sie Feste, fraen rohes Pferdefleisch mit
blnkernden Zhnen, tranken mit Gekrisch Kumis die runden Nchte. Sie
raubten die trkischen Harems aus und befrderten einen Abkmmling des
Propheten durch Keulenschlge zum Martyrium.

Die Steppe flimmerte unter dem Reiten. Sie bekam metallene Rnder, die sich
erhitzten. Der Boden glhte glsern. Ihnen schmerzten die Augen, doch sie
ritten.

Von einem Baum fiel nachmittags ein Affe und bi Timur in die Achsel. Er
gab nicht Acht auf das Geschwr, das eiternd anwuchs. Die Chinesin gab ihm
Salben darauf, aber es ri neues Fleisch in sich hinein. Timur lie zwei
Menschen tglich schlachten, deren Hirn die Wunde fra und, satt, nach
Monaten sich schlo.

Stumm, ohne Rede, sah ihn die Chinesin an, die sein Pfhl fter bewohnte
als die anderen Frauen. Seine Stirn war blank.

Eine Gesandtschaft des Sultans Bajazeth brachte zwei weie Papageien. Miser
Ulek teilte sein Zelt, als sie eintraten. Sie richtete sich auf, gro,
geschmckt und gemalt um die Augen, nahm den Kniefall der Gesandten und bat
Timur um die Tiere. Er sagte ihr, da er sich freue, ihr zu Willen zu sein.
Sie wandte sich an die Turbantrger und sagte ihnen: da, wenn sie sich
auch tagelang an den Tieren ergtze, sie diese dennoch nur lehren werde zu
sagen, da das Staubkorn solchen Geschenks Timur keinen Augenaufschlag
durch aufhalten werde, ihren Sultan niederzuschlagen.

Du bist stolz, sagte einer der Turkmanen.

Timur sagte: Es ist nicht ntig, stolz zu sein, um so kleine Dinge zu
sagen.

Die Gesandten gingen, geschttelt vor Zorn und Feigheit.

Die Tataren warfen Katapulte in ein Schlo, das das Meer umsplte, erritten
die Mauer, von den Stteln aus hochspringend, und wurden heruntergestrzt.
Schielend vor Wut setzten sie sich in Klumpen um die Stadt. Ein
Unterhndler ritt aus den Mauern, aber beim Verhandeln mit vorgegangenen
Feldherren machten die Belagerten einen Ausfall und hieben ein Geschwader
Tataren zusammen. Die Tataren brausten in Bogen um die Stadt, fingen den
Einwohnern selbst die letzten Muse und Ratten, bis diese begannen, ihre
Toten zu speisen,

Ihr Feldherr kam morgens, abgezehrt, allein heraus, sich zu unterwerfen,
deutlich den Degen und das Schweituch in der Hand. Er stand vor Timur:

Du hast gesiegt. Ich mu fliehen. Wohin? Zu dir.

Ich wei es zu belohnen, sagte Timur und berantwortete ihn dem Wind des
Untergangs. Gierig die Hnde, zu rchen, lauerten die Tataren seines Winks,
dann schossen sie in die Stadt. Timurs Sohn Keser ergriff Hauptleute und
brach ihnen die Rcken wie Pfeile durch. Zeinabdeddin erhielt eine Lanze in
den Mund. Einen Pfeil noch in der Hfte kam er zu Timur, deutete mit der
Hand, da er nicht reden knne, legte den Kopf auf seine Fe und eilte
lchelnd aus seiner Jugend hinaus in die Gruft.

Die Tataren rissen die Tren aus, zwischen den Fenstern blitzten ihre
gesalbten Brste. Spielend flogen die blanken Messer. Timur befahl
siebzigtausend Kpfe. Ihre Arme erlahmten, die Zungen fuhren erregt durch
den Mund. Sie kauften gierig, hundemde, Kpfe voneinander.

Timur lie sie vorbeitraben, sie hielten Kpfe in der Hand. Die Chinesin
stand neben ihm unter goldenem Zeltdach. Sie stie die Hnde in die Brust.

Keser fhrte des toten Zeinabdeddins Geschwader. Seine Brust war gewlbt
und sein Bauch eingezogen, da, lag er, Hunde mit gerecktem Schweif durch
die Hhlung laufen konnten. Zwei geraubte Frauen lagen auf seinem Sattel.

Reitend kamen sie zum Pa Conghez, den drei Reiter verteidigten, einen Wall
Tataren vor sich niederlegend. Als Timur selbst vorsprengte, kam der grte
der drei auf ihn zu und schlug ihm zweimal feurig ber den Helm, da er
erstaunt stand wie eine Sule. ber die Felsen herunterkletternd schlug ihm
Keser den abgehauenen Kopf des Riesen vor die Fe.

Unter ihnen dehnte sich eine Landschaft, glatt und ohne Welle, mit
Fruchtbumen, Quellen und vielen Lusthusern geschmckt.

In diesen Gegenden rastend und den Genu der strahlenden Sonne nehmend,
noch den Frost wirbelnden Schneesturms der Gebirge in den Knochen, kam
eines Mittags, wo Timur ein Lustzelt aufbauen lie zwischen Tulpen in einer
Wiese, aus einem Hain eine Ziege, grer wie ein Pferd, ein Horn auf der
Stirn und voll langer grner Haare, die die Erde berstreiften. Die
Chinesin, die neben ihm stand, duckte sich schreiend nieder.

Das Tier kam einen langsamen Gang auf sie zu, die Augen und das Horn gegen
Timurs Brust gewendet, aber gerade vor ihm verlor es die Richtung seines
Ganges. Es bewegte die Nase gegen die Hhe und zog einen Bogen weiter. Je
mehr es sich entfernte, um so strker glnzte sein Fell, bis es, eine weie
Wolke, in den Hain zurckschlug.

Die Chinesin hieb mit allen Gliedern um sich und klopfte die Stirn auf den
Boden vor Verzweiflung, die sich endlich sprengte. Sie schrie: . . .
genug, genug . . . und fate sich nicht. Er fragte sie, warum sie es wolle
und sie sagte, weil sie ihn liebe, er aber lchelte mit einer Falte ber
sie hin. Hinter ihnen standen Negerinnen und Miser Ulek. Steif das Gesicht
wie ein Segel flsterte sie: Preis fr feige Offiziere, heulende Maus.
Aber Timur schttelte die filzigen Haare um den Kopf, da sie schwieg.

Er lie Guines holen in das Zelt und eine Windrose asiatischer Erde malen.
Zu zwei Dritteln fllte er sie mit roter Farbe. Auf den Rest deutete er,
seine Augen beherrschten opalig breit das Zelt, er sagte:

Dies ist in meine Hand gegeben, soll ich das andere lassen?

Ihre Lippen formten zu viel, aber ihr Atem gab dem kein Leben, denn seine
ungeheure Stirn erblickend, strzte vor ihren Augen auch das letzte
Zeichen, und, erblassend, fiel sie vor ihn und versprach, ihre Liebe
zurckzuwerfen ber ihre Angst und die Stimme zu tten, die aus ihr sprach.

Sie schwieg.

Schwieg Monate. Ihre feuchten porzellanenen Blicke leuchteten blau wie der
Mond.

In einer Nacht wieherten Pferde hell und wild. Es war eine weie Nacht.

Ein Bote wurde in das Zelt gefhrt.

Der Feldherr des Sultans Bajazeth beugte sich ein wenig vor Timur und
kndete ihm die Schlacht. Seine Stimme war hart und edel. Timur schenkte
ihm ein Pferd.

Er bat, es am nchsten Tage gegen ihn reiten zu drfen. Timur nickte.

Ich werde das Geschenk in Ehren halten, sagte der Feldherr.

Timur hielt eine Pause den Atem. Dann sagte er barsch:

Ich lsche es morgen wieder aus.

Am anderen Abend bestieg Timur sein Lager ber den gebckten Rcken des
Sultan. Aus den erschlagenen Kpfen baute er Trme. Sie stiegen gieriger
als die Minarette Samarkands in den Himmel. Tataren wlzten sich fliegend
ber Konstantinopel. Sie lieen die Glocken spielen und lagerten ber den
Grten am Meer.

Die Tataren waren behngt wie Weiber mit Turbanen voll Steinen. Ihre
Ausdnstungen berroch Ambra. Aus Moscheedecken schnitten sie Satteldecken.
Goldne Ketten flochten sie um ihr Haar und die Gebisse der Gule.

Timur befahl den Zug nach gypten. Dem Heer voranreitend traf er auf dem
Marsch nachts in Tauriz ein, das ein Sohn von ihm residierte. Sie trabten
vor das Haus, das er bewohnte. Die Grten waren erleuchtet, Gesindel und
Musikanten trieben sich in den Scheinen der Laternen durch die Gebsche.

Sie lieen die Pferde fressen im Hof und stiegen hinauf. In dem groen Saal
lag er auf einem Haufen Teppiche. Die Fenster standen geffnet gegen die
hinteren Grten, die veilchenblau in der hellen Dmmerung sich hoben.

Zerbrochen waren die Weinkrge, der Wein ausgegossen, die Schne in seinem
Arm zerwhlt, die Halsschleife zerknllt. Aus der Ecke tnte schwach die
Halbtrommel. Aus dem Mund der Flte einen Augenblick aufghnend, die Haare
verwirrt wie die Frauen, die das Gesicht nachts schmollend gegen die Wand
kehren, sah er auf nach der Seite, ohne Timur zu sehen. Auf den Teppichen
lagen Schlafende berall, auf einem Ast, sichtbar, vor dem Fenster, sang
eine Nachtigall ein Gasel, trotzdem erwachten sie nicht.

Timur lie seinem Sohn, hinaustretend, Zeit bis zur Nchternheit. In den
sternberflogenen Garten schlug er ein Zelt. Er hatte keine Zeit zum
Verweilen, am Morgen, eh er ritt, lie er ihn vor sich kommen.

Ich habe eine halbe Stunde fr dich, sagte er. Was hast du getan in der
Zeit, die ich dir die Provinz gab, welche Sherife hast du geschlagen,
welche Provinzen erobert? Hast du Vesten unter dich gelegt, Stdte
gesprengt . . . Hast du Knstler gefangen und Bauten gemacht . . . Welche
Heere hast du geordnet, Aufstnde gedmpft? Eile dich im Reden, meine Zeit
fr dich ist knapp, sie soll gerecht sein.

Der Sohn schlug die Augen nieder.

Nichts, sagte Timur. Du hast geschwelgt, getrunken. Du bist weich
gelegen. Hast keine Feldherren. Die Provinz ist nicht bewacht, keine Grenze
erweitert. Du hast keine Jagden abgehalten. Krnze auf deinen Kopf gesetzt
wie ein Grieche.

Der Jngling hob den weichen Kopf und sagte trotzig:

Hast du nicht Feste gefeiert wie keiner der Chane? Lag die Steppe nicht
tagelang voll wlzender Soldaten? Ist dein Frauenhaus nicht das grte?

Du wirfst mir vor. Gut. Rechnen wir ab. Timur trat herabgebckt vor zu
dem in den Hften Schaukelnden: Gut. Aber . . . er zog den Mund zusammen,
da es eine Falte gab und durch den gedmpften Ton ein gepretes Keuchen
aus dem Innern stieg:

. . . ich habe sie verdient. Erworben. Glaubst du, sie haben mich nichts
gekostet wie dich? Glaubst du an die Abenteuer des Geistes, Kampf der
Seele? Weit du um Prfung? Und berwindungen . . . Weit du, ber welche
Zacken der Qual erst eine Tat entsteht? Ich kann kein Blut sehen, aber ich
mu es vergieen, um daran zu steigen wie keiner.

Erschrocken vor dieser heiseren und verchtlich geballten Stimme warf sich
der Jngling hin und flehte, aufgelst, da er nicht verbannt werde in die
Wste Cipribet, wo Timur die gefallenen Emire sammelte. Sein ngstliches
Kinderauge lauerte.

Timur kniff die Augen zusammen und sah Augenblicke lang auf den Sohn.

Dann ffnete er das Zelttuch und sagte:

Das wre die Strafe, weil du unntz lebtest. Aber weit du, da du nicht
mehr leben darfst, nachdem du mich gereizt hast, da ich dir dies sagte
. . . Der Jngling fiel bleich hinaus. Tataren brachten ihn in einen
Garten mit Galbudsamurblumen, die den Wind vergifteten, der ihn mit
zerpflckten Locken auf einem Rosenbeet berwand.

Die Mondkpfe Timurs grner Paniere rollten ber Flsse und die toten Arme
des Meeres. Palstina fllte sich mit Reitern, kleinnasig, mit
aufgeworfenen Lippen und olivenfarbenen Wangen. Ihre spitzen Augen schoben
schrg nach der Stirn. Sie ritten gegen das brandende Meer, das sich wei
vor ihnen aufsteilte. Sie konnten nicht weiter.

Sie legten die Gesichter in Fratzen, drehten scheu, bespritzt, und stoben,
sich schttelnd, zurck in die heien wogenden Wsten. Sie berritten die
Stdte der Kste, zerschlugen Jerusalem, rollten Pfeilschwrme ber
Damaskus. Schlugen Mameluken, hingen Mnner auf an den Fen, Weiber an den
Brsten.

Als Timur Alcair mit Katapulten in Brand scho, betrat der gyptische Frst
weinend den Boden der Flucht. Die Mondkpfe strmten die Stadt. Sie glhte
auf dreiig Parasangen, da die Nacht hell wurde.

Ein dunkler Punkt in den roten Dmpfen stand gegen den Himmel der junge
Frst und schaute auf seine Stadt, bis die Trme und Kuppeln krachend
zerstoben. Dann erst warf er sich von den Dmmen in den Nil.

In dieser Nacht reizte Miser Ulek einen kurdistanischen Stamm, dessen
letzter Abkmmling sie war, da er die eigene Nachhut berfiel, abfiel von
Timur und, die Chinesin raubend, floh. Miser Ulek sah die Chinesin nicht
an, sie sa auf einem Eildromedar in einem schilfgeflochtenen Drahtkorb,
vergittert, unter dem Gepck.

Yakou meldete es Timur noch die Nacht, schon zum Zeichen der Trauer in
blauer Filzkleidung das Zelt betretend.

Die Chinesin, keuchte Timur. Dann brllte er auf. Aber sofort sich
packend, gab er dem alternden Yakou die Hand und ging ber seine Rede
hinweg. Sich schttelnd verfolgte er den gyptischen Frsten drei Tage, bis
er ihn, einfing wie einen Hasen. In einer Schlinge zappelnd wurde er
vorbeigefhrt.

Doch Timur sah ihn nicht, schon wendete er. Mit dreitausend ausgewhlten
Hauptleuten entflammte er die Erde mit schlagenden Hufen. Doggen strzten
vor ihnen her auf der Spur.

In einem Steinbruch fingen sie den Stamm. Timur ri dem Schach selbst die
Augen heraus. Die anderen sotten sie in siebzig Kesseln. Es waren zwei
Prinzen aus Timurs Haus dabei. Sie sotten. Sein Kopf war unbeweglich. Bla
mit roten Rndern um die Lider stand die Chinesin hinter ihm.

Den Abend brach mit der Hand am Dolch ein Neffe bei ihm ein. Timur ri ihm
mit dem Sbel den Unterarm ab. O da ich sterbe . . . o da ich sterbe
. . . sthnte der Junge, der seine Brder rchen wollte. Timur gab ihn zum
Sterben.

Auch du hast deinen Oheim gettet, sagte die Chinesin.

Gott wollte das, sagte Timur stolz. Was will der Fant?

Hochfahrend kam Miser Ulek vor das Gericht, das Timur ihr aus Frsten
stellte. Sie hatte sich mit Schmuck belegt und bemalt wie eine groe
Frstin. Aus Versehen fhrten sie die Wachen zuerst in das Zelt des
wachthabenden Emirs. Timur lie dem Emir Stockschlge auf die Sohlen geben,
denn sie war seines Geblts und er ehrte sie im Zorn noch, da sie nicht im
Haus eines Untergebenen weile.

Das Gericht sprach kein Wort vom Raub der Chinesin. Dies wurde nicht
erwhnt. Miser Ulek sprach keine Silbe. Das Gericht verhandelte wie nach
Vereinbarung ber einen Seid, den Miser Ulek in ihrer chinesischen
Residenz, die sie, Timurs Zgen folgend, nie besuchte, auf der Strae
erstechen lie, weil er verga, ihr zu ihrem Geburtstag eine Aufwartung zu
machen. Sie wurde zu tausend Balischen Gold verurteilt.

Kurz lag ihr Blick auf der Chinesin, stechend und kalt.

Sie erwiderte kein Wort, Timurs Gesicht blieb starr, als sie, die die
Flamme seiner Plne war, hochaufgerichtet, klirrend von Steinen, die er ihr
geschenkt, den Raum verlie.

Sie fastete zehn Tage, aber das Leben der zhen Katze, das in ihr schlief,
verlief nur schwer. Als am elften Tage die Stimme der Gottheit an sie
erscholl, rief sie, schn noch mit bleichen Lippen: Ich bin bereit.

Kein anderes Weib als die Chinesin kam frder auf Timurs Pfhl.

In einem Tale stiller Grser und Tiere lebte er mit ihr ein halbes Jahr und
jagte Schwne auf den Teichen.

Eine Mondfinsternis ri ihn auf, er kehrte nach Samarkand zurck und
rstete den indischen Zug, leblos die Chinesin mit sich fhrend. Die
Feldherrn kamen in das dunkle kleine Haus, der Garten war berdacht mit
Leinen, die Fontne knallte. Guines nahm den flimmernden Lauf der Sterne
auf, die aus entfernten Gebirgen aufstiegen. Timur fllte bis auf ein
Kleines das letzte Drittel seiner Windrose. Aus allen Provinzen Asiens
fielen Heere in die Ebene, erstiegen die Gebirge und strmten in die
Tieflnder.

In einem sdlichen Gebirg gingen Menschen an ihnen vorbei, stolz wie
Gtter, die, weier Haut, von der Sonne angeglht, auf dem hohen Schnee
nackt liefen. Waffenlos traten sie heran, stellten die Arme auf die Hften
und lieen lchelnd die Tataren vorberreiten. Sie hieen Siapusch. Timur
lie ihren Anfhrer von einem Gletscher hinabstrzen, er flog, die Arme
gebreitet, ab.

Als erster warf Timur sein Pferd in den Indus, dann brachen die Heere
tagelang nach und zerwhlten den Strom. An der steinernen Kuh, aus deren
Euter der Ganges fllt in sieben Strahlen, warf er ein Heer der Inder um.

Er lie die lebenden Gefangenen zusammenschichten zu Trmen, legte feuchten
Lehm und Geblk dazwischen, mrtelte sie ein. Die Trme schwankten wie
Schlangen bis in die Nacht. Dann erstarrten sie.

Geknult in sein Zelt, die Augen weit geffnet, sagte er, wenn indische
Trophen kamen, der Boten berdrssig: Was kommen sie, bin ich mde?, und
sandte ihnen den Todesbefehl entgegen.

Auch hier teilte die Chinesin sein Zelt.

Am unteren Ganges fing die Vorhut einen Prinzen, schn wie ein Schlfer,
da die Papageien der Chinesin zu singen anhuben wie die Lerchen, geblendet
von ihm. Er lie ihn, um den viele als Sklaven inbrnstig baten, um seine
Schnheit in einem Ausgleich zu ehren, in seidenen Tapeten zu Tode rollen.

An den Seiten der Flsse folgten seinem Fu zuckende Trme, die sich in das
Rot schwerer Abende hineinkrmmten. Die Tataren gossen sich aus dem Gebirg
herunter, Pfeile schtteten die Wlder zu, Pferdegewieher rauschte in die
Strme.

Timur warf die Geschwader um Dehli.

Zur Entsetzung der dreistaffligen Knigsstadt kamen um den Bogen des Stroms
Hunderte von Schiffen rotgesegelt eines Morgens den Flu herauf. Das
stahlblaue Band der Strmung zitterte. Mit Katapulten zerschmetterten die
Tataren knallend die Hlzer. Bogenschtzen, die Ufer sumend, mit
Harnischen, schossen den Flu rot, da er ber die Ufer trat.

Um Dehli lag ein fester Ring. Andere Geschwader lsten sich. Wie Bremsen
glitzernd warfen sie das Land unter ihre Pferdebuche bis ans Meer. Als die
Wellen vor ihnen sich wtend in die Hhe bogen, ritten sie knirschend
zurck.

Aus Dehli fiel ein Heer aus. Das Tal stand berflutet von braunen Indern.
Elefanten wogten an mit giftigen Dolchen. Glocken, Pauken und Trommeln
knatterten. Aus den Tatarenreihen flogen Flitschpfeile. Ochsen sausten los,
brennendes Reisig zwischen den Hrnern, die Augen dunkelgeblht.

Tatarenhaufen stieen in die braunen Massen, rissen mit geschrften Ringen
die Rssel der Elefanten aus den Krpern. Das Tal spie Blut in den
Gangesarm. Die Braunen schwanden. Tataren brachen bis an die Tore. Auf dem
Feld tanzten die Nacht in gekrmmten Sprngen die ausgerissenen Rssel.

Mit krummen Schenkeln, obeinig, ersprangen, die Tataren die Vorstdte, drei
Tage schwangen sie die Messer, die Gheberer warfen ihre Kinder und Frauen
ins Feuer, die Muslemin aus Angst vor den Tataren erdrosselten sie, und,
selbst die Leiber zerhackt, entfielen sie den Sbeln der Tataren.

Nach diesen drei Tagen schmi Keser seinen Sbel auf einen Prellstein, spie
aus und ritt zu Guines. Den zwang er zu seinem Vater zu laufen mit den
Worten, die er ihn lehrte:

Ich habe gekmpft wie wenige deiner Feldherrn. Du hast mich belohnt. Ich
danke dir. Doch ich bin diesen Auftrag mde. Bin ich ein Metzger oder ein
Hund? Ich fechte nicht weiter in der Stadt. Ich werfe mich in den Staub vor
deiner Kraft. Aber bedenke, httest du die Verwstungen Nebukadnezars, die
Macht der Amalekiter: das Grab eines Palastes ist das Ende. Ein Hemd und
ein Rock, reines Wasser und Brot ist alles, was ein durchgngiger
Wandersmann verlangen mu und schon zuviel fr einen. Mein Kopf steht dir
frei. Aber ich hre auf, la es genug sein.

Ein Wolkenbruch splte Wellen Wassers in die Zelte und der Wind war voll
Schwaden Blutdampfs. Guines erwartete seinen Tod, dem er bei Keser
entronnen war, nun bei Timur. Doch der sandte ihn Keser zu holen.

Timur hob die Braue, gro gefllt, und sagte: Knabe . . . Weiter kam ihm
kein Wort, denn der Mann, der zehn Sherife gestrzt, fiel in die Knie.

Die Chinesin sah auf ihn, die Augen schimmernd und hob die Hand ins Haar.

Als der Regen drohender anlief, legten sie Filz in die Straen, der das
Wasser einsog und hieben weiter. An den Gebetschnren hingen die Radschas
aus den Fenstern der hochgegliederten Palste. Naphthafeuerwerker setzten
den Flu in Brand.

Als die Stadt leer war, fllte Timur den letzten Fleck von Weie auf seiner
Windrose, die Welt lag in seinen Hnden, schaukelnd nach dem Tempo seines
Atems, es gab kein Tier, das nicht unter seinen Pfeilen stand.

So wuchs er ber alles.

Von den Gliedern der Chinesin fiel eine Starre, in einer glhenden Umarmung
whlte sie sich die Nacht an seine Brust.

Allein es war noch nicht die Zeit.

Yakou kam als letzter aus der Stadt, den Kopf zitternd tragend, ordnete die
ungeheuren Massen der Gefangenen, kte Timurs Sohle und, nicht mehr
sprechend, vom Joch der Monate berspannt, zog er sich in den Winkel seines
Zeltes zurck und wandte frder das Gesicht der Nische der Gottesverehrung
zu.

Seine Tat war getan. Seine Hnde glitten ber kostbare Stoffe, die er
ordnend durch die Finger fhrte und im Hingleiten der Tage erhielten seine
Augen sicheren ruhigen Glanz.

Am Morgen kam als Bote des griechischen Kaisers der Prinz von Schiruan,
breitete vor dem Zelt neun Ladungen aus edler Geschirre, neun Kamele voll
Teppiche und acht gelehrte Sklaven, die Harfen, Zirkel und Papierrollen
trugen. Sie fragten ihn, wo der neunte sei, wie die Sitte es wolle. Er hob
die Hand, bog sie um und stellte den Finger gegen die eigene Brust.

Die Heere Axallas, die die Ksten durchstupt hatten, kehrten donnernd
zurck. Axalla fehlte. Sein Schreiber brachte seinen Brief: Vierzig Jahre
fhre ich Krieg mit dir. Der Tod schlgt mich am Meer entzwei, ich sterbe
in Verdru, da ich nicht Dehli mit dir nehmen kann. Doch bin ich nicht
gro genug, um bis ans Ende mitzugehen.

Es war ein heier Morgen, ganz gelb voll spiegelndem Licht. Timurs Mund war
geschlossen, als er mit der Chinesin die Schtze musternd vorberging, das
Letzte der Welt. Die Strahlen flogen in Fluten darber. Einsam, sagte
Timur, aber am Ziel.

Leben wir, sagte die Chinesin: Es ist berstanden.

Den Abend lie er die Gefangenen zusammenpferchen. Sie fllten den ganzen
auslaufenden Kessel des Gebirgs. Es waren hunderttausend Leiber, um die die
gelbkalkigen Abhnge hingen. Ihnen gegenber stellte Timur die Halbbogen
zweier Heere an das andere Ende der Ebene. In der Nacht ging der Flu
zurck und lie silbrige Quallen. Heie Fontnen spritzten um das Lager in
die Hhe, und zwei Kometen bohrten sich durch den hngenden Himmel.

Am Morgen ging Timur vor das Zelt.

Dann schritt er einen Hgel hinauf, der mit einem Kegel mitten in der Ebene
aufstieg.

Links wogte im Kessel die braune Flut, ungedmmt, sich an den Wnden
brechend, der Gefangenen. Rechts hielten die Tataren, bereit zum Sturm.
Zwischen ihnen am Fue des Hgels war eine Tribne, und ein Tatar hielt,
das Gesicht heraufgerichtet, einen halbgerafften Teppich in der Hand.

Die Tataren hielten unbeweglich, gegossen, die Zgel zwischen die Zhne
eingespannt. Die Pferde stemmten die Beine nach vorn, an den Mulern
zurckgerissen. Die runden Sbel blitzten in der Sonne. Sie hingen
blutgierig wie zwei geschwollene Wolken am Ende des Gebirgs.

Da begriff die Chinesin.

Die Freude losch aus ihren Blicken. Und das Schweigen brechend wandte sie
ihre erschtterte Seele gegen ihn und beschwor ihn. Whrend die stille
Sicherheit, die sie aus den vergangenen Tagen gesogen, einstrzte vor neuer
Qual, rief sie die Schlichtheit seiner Grten vor ihn hin, die Kanle, die
Flsse, die Palste, Samarkand. Leben wir. La das Unntige. Sie zog den
Mund in einem Bogen, da die gedmmte Inbrunst der Sprache ber ihr Gesicht
rann und sie verstummte.

Eine Flamme scho aus den Augen der Chinesin, Timur schttelte den Kopf:
Ich gehe bis an das Ende.

Gott hemmt dich in mir.

Du warst der Stachel nur Gottes, da ich nicht rastete.

Sie ri mit einem Schrei das Kleid von ihrer Brust und jammerte: O da ich
dich ttete . . . o da ich dich ttete.

Mit einem Sprung kehrte sie sich um, legte die Hnde vor den Mund, und, vor
ihn tretend, rief sie hinunter zur Tribne:

Vorhanghalter, la den Vorhang fallen. Es ist keine Vorstellung mehr.

Doch auf ihre kleine Stimme, die nicht hinunterreichte, geschah nichts. Sie
kehrte, die Hnde senkend, sich um.

Sie sah auf Timurs Stirn mit einemmal die Stelle, die der Pfeil getroffen,
erhellt wie ein rotes Gestirn, von dem Riefen nach den Seiten liefen und
heller wurden. Hinter seinem Kopf stieg die Sonne aus dem Gebirg, und sein
Gesicht, aufgeklrt und wie mit einer Keule verdichtet, wuchs zu Granit
hinein in die roten Kreise, die sich darum nieteten und ihre Strahlen
aussandten, die schon den letzten Horizont entzndeten.

Da nahm sie die Hand an die Stirn und fiel, zurckgedonnert von diesem
Gesicht.

Aber er, vor die Frau tretend, die hinfiel abgeblendet, nahm, indem er sie
aufhob, die Sehne aus der Gabelung seines Bogens und zog und umschnrte
ihren Hals. Dann bi er ihn auf, nahm einen Mund voll ihres Blutes und gab
den Wink, da der Vorhang sich hebe, hinunterschreitend zu den Zelten,
durchbraust von Gott, der ihn berief, auch in diesem Letzten, sein
unsterbliches Gesicht glnzend wie Gold.







End of the Project Gutenberg EBook of Timur, by Kasimir Edschmid

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TIMUR ***

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