The Project Gutenberg EBook of Der Widerspenstigen Zhmung, by Karl Ettlinger

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Title: Der Widerspenstigen Zhmung

Author: Karl Ettlinger

Release Date: March 22, 2010 [EBook #31733]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WIDERSPENSTIGEN ZHMUNG ***




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  | Antiquaschrift: _Antiquatext_                                |
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                       Der Widerspenstigen Zhmung

                           von Karl Ettlinger

                              (Karlchen)

                                 1919

                       Georg Mller Verlag Mnchen




Ich will es lieber gleich sagen, da es sich ja doch im Laufe der
Geschichte herausstellt: Frau Borges war ein Drache. Keiner von den
Drachen, die einen Goldschatz oder eine Jungfrau bewachen und die
dadurch immerhin noch etwas Sympathisches haben, -- nein, sie war ein
Drache ohne jede hhere Mission, ein Drache, dessen einziger Lebenszweck
darin bestand, ihrem Gatten das Dasein zu versauern.

Ihr habt gewi schon den Drachen Fafner auf der Bhne gesehen? O was ist
das fr ein gemtlicher Drache! Er bewegt sich ein bissel auf der
Drehscheibe, schlgt ein bichen mit dem Schwanz um sich und speit ein
bichen Feuer. Er kann an Frau Borges nicht tippen. Die fhrt herum wie
auf hundert Drehscheiben, schlgt um sich wie mit hundert Schwnzen, und
mit ihrer Zunge versengt sie mehr gute Rufe als der Dilettant Fafner
Grser und Kruter.

Obendrein wird der Fafner, gottlob, von Siegfried #erschlagen#. Er
stirbt bekanntlich an den Stabreimen, mit denen Siegfried ihn
mihandelt, und von denen der berhmteste lautet: Eine zierliche Fresse
zeigst Du mir da!

Das htte einmal Herr Borges zu #seinem# Drachen sagen sollen! So viel
Drachenschwnze gibt es gar nicht! Und Herr Borges war berdies alles
andere eher als ein Siegfried. Nie wre er auf den Gedanken gekommen, im
Walde wilde Bren zu fangen (was ihm im Offenbacher Stadtwald auch
schwerlich gelungen wre), er schlug keine Ambosse entzwei, schmiedete
kein Notung, und das Frchten brauchte ihm nicht erst von einer
Brnhilde gelehrt zu werden. Das Einzige, was Adolf aus dem Geschlechte
Borges mit Siegfried aus dem Geschlechte Wlsungen gemein hatte, waren
die treuherzigen blauen Augen.

Er sah mit diesen Augen so kindlich unschuldig in die Welt, da sich
jede Mcke sagte: Der kann Dir nichts zu leid tun!, und sich auf seine
Nase setzte.

Er war einer von den Gerechten, die viel zu leiden haben, denn ein gutes
Herz ist wie ein rosiger Apfel, der in stiller Pracht am Baume hngt, --
und nach dem deshalb alle bsen Buben mit Steinen werfen.

Die Statistik, die der Erzengel Gabriel im Auftrag des lieben Gottes
fhrt, hat nachgewiesen, da es auf Erden bedeutend mehr #bse# Buben
gibt als gute. Und ich kann deshalb meinen Mitmenschen nur den
wohlgemeinten Rat geben: Wenn Du ein gutes Herz hast, so halte es
geheim wie einen Leberfleck, denn sonst prasselt es von allen Seiten
Steine auf Dich!

Auf das Heiligsein steht noch immer die Todesstrafe, und die Gutherzigen
werden noch immer mit Pfeilen beschossen wie Sebastian, gesteinigt wie
Stephanus oder gerstet wie Laurentius.

Das hatte auch Adolf Borges in den fnfzig Jahren seines Lebens
reichlich erfahren mssen. Fast dreiig Jahre war er Ausgeher in dem
groen Konfektionsgeschft von Feldmann und Schrder in der
Schlostrae. Er hatte das Wachsen des Hauses miterlebt, -- die Firma
war emporgeblht, und er selbst war dabei verwelkt.

Nur seine treuherzigen blauen Augen blhten noch immer aus seinem welken
Gesichtchen hervor wie zwei groe Glockenblumen, beschattet von dem
Gestruch der Kommis und den mchtigen beiden Stmmen der
Geschftsinhaber.

Adolf erinnerte sich noch genau, wie das alte Haus umgebaut worden war,
um Raum zu schaffen fr die zwei groen Schaufenster. Damals waren die
alten Holzpuppen, die bisher als Modellstnder gedient hatten, durch
pausbckige Wachsfiguren ersetzt worden. Die Holzpuppen hatte er auf den
Speicher tragen mssen, und er fhlte dabei eine wehmtige
Verwandtschaft mit diesen leblosen Dingern.

Was bistde #mehr# wie so e Holzbubb? sagte er zu sich. Genau so, wie
ich jedz Euch enufftrag uff de Speicher, so wern se aach #mich# eines
Dags enaustrage uff de groe Menschespeicher, unn es werd kaa Hahn nach
merr krhe unn kaa Hund nach merr belle! Unn an mei Schdell werd aach so
ebbes Neues, Pausbckiges komme, unn die Welt dreht sich weider unn werd
regiert von der ahle Drehkrankheit, unn wann emal erjend e ahler
Geschftsfreund frgt: >Herr Feldmann, hawwe Se net emal so en klaane
Auslufer gehabbt, de Adolf?<, werd der Herr Feldmann antworte: >De
Adolf Borges? Der is schonn lngst dod! No, es is net besonnersch viel
an em verlore!<

Und er erinnerte sich daran, wie die Petroleumlampen waren durch
Gaslster ersetzt worden, und spter die Gaslster durch groe
Bogenlampen.

Immer heller war es um ihn geworden, immer herrlicher und grer, und er
selber kam sich immer kleiner vor.

Er erinnerte sich auch der vielen Angestellten, die im Laufe der Jahre
in das Geschft eingetreten und wieder ausgetreten waren, teils
freiwillig, teils unfreiwillig.

Da war der Herr Bernheim gewesen, der ihm immer nachmittags eines von
seinen Butterbrtern zur Vesper geschenkt hatte: Adolf, hastde Hunger?
Komm her unn fre! Und er hatte ihm eines Tags zur groen Heiterkeit
des ganzen Personals erwidert: Herr Bernheim, ich dank Ihne aach schee!
Basse Se uff: wann Se emal in de Himmel komme, dann steht der Petrus
drowwe unn hat de Mond als Pannekuche in der rechte Hand unn sggt:
>Bernheim, du warst e guder Mensch, -- komm her unn fre!

Und er hatte nicht verstanden, was es da zu lachen gab.

Da war ferner der Herr Meier gewesen, dem er jeden Abend beim
Geschftsschlu den Rock hatte ausbrsten und die Stiefel blankreiben
mssen; denn der Herr Meier hielt sich fr sehr schn und lchelte auf
der Strae den Mdchen zu, und wenn ihn ein Kollege fragte: Herr Meier,
wo waren Sie gestern abend?, dann grinste er, da die abstehenden Ohren
wackelten, und flsterte: Geschftsgeheimnis! Aber schn war's!

Des Herrn Meier Spezialitt war das Bedienen der jungen Mtter gewesen,
die ihren Buben Schulanzge kauften; auf die strzte er zu und
schwnzelte um sie herum und gebrauchte fnfzehnmal in einem Satz die
Anrede Gndige Frau und schwatzte ihnen die ltesten Anzge auf. Und
wenn sie wieder aus dem Geschft drauen waren, sagte er stolz: Adolf,
haben Sie den Blick gesehen? Den Blick? Adolf, ich sag' Ihnen, wenn ich
#wollt#', -- aber ich will net!

Und der alte Adolf Borges dachte sich, indem er den verkauften
Ladenhter einwickelte: Merr sollt em aach als emal de #Schnawwel# mit
erer Berscht abreiwe! Awwer mit erer #Drahtberscht#!

Man sieht aus diesen Randglossen, da Adolf Borges keineswegs ein
Dummkopf war. O nein, er war ein kluges Mnnlein, aber seine Klugheit
war schchtern wie ein Tanzstundenjngling; sie getraute sich nicht, die
schne Dame Lebensfreude zu engagieren, aus lauter Angst, ihr auf den
Fu zu treten, und so kam es, da die schne Dame Lebensfreude auch ihn
nie engagierte, wenn die guten Feen gerade Damenwahl hatten.

Adolf Borges brachte es zu nichts auf der Welt und blieb Auslufer bei
Feldmann & Schrder in der Schlostrae zu Offenbach am Main. Er
schnrte Pakete und besorgte Gnge, er staubte die Pulte ab und reinigte
die Tintenfsser. Und jedesmal, wenn er dem ekligen Kassierer das
Tintenfa auffllte, machte er drei Kreuze darber und bei jedem Kreuz
murmelte er: Hunnert Rechefehler solle drin sei, in dere schwarz
Brieh!

Denn ein ganz kleines bichen boshaft konnte er auch sein, -- trotz
seiner Glockenblumenaugen.

Eigentlich war es wunderlich, da er, der Gatte Katharinas, nicht #mehr#
Bosheit besa. Ein besseres Vorbild konnte es doch unmglich geben. Oh,
wie ungerecht ist das Schicksal! Katharina, -- das wre so die richtige
Gattin fr einen Franz Moor gewesen! Auch Richard der Dritte htte sie
getrost freien knnen, stammte sie doch aus dem uralten Adelsgeschlecht
der Xantippen. Und nun mute gerade der arme, kleine Adolf an sie
geraten!

Wahrlich, das Schicksal ist der gemeingefhrlichste Geisteskranke, der
unentmndigt herumluft, und schon lngst gehrte es unter Kuratel
gestellt. Wre das Schicksal nicht rettungslos blind, niemals htte es
die Glockenblumen in Adolfs Augen und die Disteln in Katharinas Augen
kreuzen knnen.

Katharina, -- ich habe sie bereits mit Fafner verglichen. Aber wirft
Fafner mit Suppentellern? Steht er mit dem Kehrbesen oder dem Schrhaken
hinter der Tre, wenn Alberich abends nach Hause kommt? Schreit Fafner
den Siegfried an: Du hast iwwerhaapt nix zu sage!! ffnete Fafner
Briefe, die ihn nichts angingen? Sang er ewig die Litanei: O Gott, o
Gott, wie konnt ich nor so dumm sei', Dich zu heierate!! Prinze unn
Korferschte htt' ich hawwe knne!! Unn so en Schlappschwanz mu ich
nemme! O Gott, ich unglicklich Fraa!

Man sehe in der Partitur nach, Siegfried, 2. Akt, ob Fafner so etwas
singt. Nein, er tut es nicht. In der Urzeit waren die Drachen offenbar
noch harmloseren Gemts, und wenn der Drache, den der heilige Georg
erlegte, nicht #mehr# hnlichkeit mit Katharina hatte als Fafner, dann
sollte man wirklich nicht so viel Aufhebens von der ganzen Affre
machen.

Der alte Plato wei in seinem Gastmahl zu berichten, da Mann und Weib
ursprnglich ein einziges zusammengewachsenes Wesen gewesen seien, das
durch irgendeine Macht halbiert wurde, und da sich die beiden Hlften
nun ewig in Sehnsucht wieder zu vereinigen suchen. Beruht diese Fabel
auf Wahrheit, dann wollen wir Gott danken, da die andere Hlfte
Katharinas offenbar verloren gegangen ist!

Nun, da sie mit Adolf Borges zusammengewachsen war, glich diese Ehe
einem jener lustigen Tierbilder, auf denen bermtige Zeichner einen
Elefanten mit Entenfen ausstatten oder einem Storch einen Nashornkopf
aufsetzen.

Es gibt Ehen, die gleichen einem geruhigen Biedermeierpostwagen; hbsch
langsam gleiten sie dahin, lassen sich Zeit, alle Schnheiten ringsum zu
bewundern, auf dem Bock sitzt der Ehemann neben der Gattin und blst
Trara, und die ganze Postkutsche ist voll Kinderchen.

Er blst nicht immer ganz harmonisch, der Herr Ehemann, manchmal giekst
das Posthorn schauerlich, -- macht nichts, die verzckte Gattin
behauptet dennoch: Mnne, so wie Du blst keiner!

Andere, modernere Ehen gleichen einem _D_-Zug; der Ehemann steht als
abgehetzter, unermdlicher Fhrer auf der Lokomotive, hat keine Muse,
sich die Schnheit ringsum zu betrachten, denn die Rder rattern
unaufhrlich den einfrmigen Rhythmus Pflicht -- Pflicht -- Pflicht!
In einem Abteil erster Klasse sitzt derweil die Gattin, raucht eine
Zigarette nach der andern, betrachtet sich zwischendurch in einem
Handspiegelchen und seufzt: Gott, ist die Fahrt langweilig! Und der
abgehetzte Lokomotivfhrer kann mitunter von Glck sagen, wenn er den
ehelichen _D_-Zug glcklich an die irdische Endstation gebracht hat,
ohne da unterwegs irgendein eleganter Herr in das Abteil erster Klasse
eingestiegen ist, um die Fahrt unterhaltsamer zu machen.

Andere Ehen wiederum lieen sich mit einer elektrischen Straenbahn
vergleichen, in der man vor lauter Klingeln und Hasten sein eigenes Wort
nicht versteht, und wo Wagenfhrer und Schaffnerin nach schwerer
Tagesarbeit nur den einen Wunsch haben: sich einigermaen gut satt zu
essen und gesund auszuschlafen.

So lassen sich die verschieden gearteten Ehen mit den verschieden
gearteten Fahrzeugen vergleichen, und wer Lust hat, mag die Bilderreihe
zu Tode hetzen.

Adolfs Ehe glich einem Schubkarren. Im Schweie seines Angesichtes
drckte er ihn seine steinige, staubige Lebensstrae, und oben auf dem
Schubkarren sa Frau Katharina, eine derbe Peitsche in der Hand, und
wenn der arme Adolf einmal eine Schnaufpause machen wollte, pfiff ihm
die Geiel um die Ohren, und er hrte eine kreischende Stimme: Prinze
unn Korferschte htt' ich heierate knne! O Gott, ich unglicklich
Fraa!!

Das war eine der zahlreichen bertreibungen, derer sich Katharina in den
durchaus einseitigen Aussprachen mit ihrem Ehemann zu bedienen pflegte.
Selbst dem entthrontesten Prinzen wre es niemals eingefallen, um die
Hand der Drechslermeisterstochter Katharina Bindegerst anzuhalten.

Aber wir wollen gerecht sein und ihr diese bertreibung nicht zu dick
ankreiden. bertreiben ist seit der Urzeit ein Reservatrecht der Frauen,
der holden wie der unholden. Als Eva gerade eine Minute lang erschaffen
war, und Adam aus seinem verhngnisvollen Schlafe erwachte, war Evas
erstes irdisches Wort: Nun warte ich schon eine #Ewigkeit#!

Und als sich Adam nun erhob, um das Naturwunder nher zu begucken, und
als er es vorsichtig betastete, da fuhr Eva auf: Habe ich Dir nicht
#schon hundertmal# gesagt, Du sollst mich nicht anrhren?!

Damals bekam Adam einen Heidenschreck.

Und dieser Schreck hat sich vererbt von Generation zu Generation. Jeder
junge Ehemann kriegt ihn von Neuem, an jenem Tage, an dem seine Gattin
zum ersten Male mit ihm zankt, ohne da er wei, warum.

Und jeder Ehemann benimmt sich alsdann genau so paradiesisch tricht und
nachgiebig wie unser Urahn Adam und heftet somit selbst den letzten
Stich an dem Riesenpantoffel, von dem in der Schpfungsgeschichte nichts
steht, und der sich gleichfalls von Generation zu Generation vererbt, --
und zwar in der #weiblichen# Linie.

Adolf Borges machte es um kein Haar besser. Er war ja schon von Natur
stets gar schchtern gegen das weibliche Geschlecht gewesen.

E Fraa is sicher was Scheenes, sagte er sich als junger Mann, awwer
ich will's gar net so schee hawwe! Die Fraue sin wie Heckerscher,
wunnerliebliche Blmercher, die sich um de Mann ranke unn en schmicke
unn verscheenern, -- awwer ich habb kaa Talent zum Blummestnner! Wann
sich so e Heckersche um mich rankt, dann komme doch blo die Wespe unn
die Biene unn die Hummele unn steche mich, -- naa, ich bleib liewer
leddig!

Man hat das weibliche Geschlecht nicht mit Unrecht die Sonne dieses
Daseins genannt. Aber Adolf Borges hatte von jung auf eine
unberwindliche Angst vor dem Sonnenstich. Wenn er nur von ferne so eine
liebliche Sonne aufgehen sah, spannte er sogleich abwehrend seinen aus
Sophismen gewobenen Sonnenschirm auf.

Gehstde mit danze, Adolf? frugen ihn Sonntags seine Bekannten und
Kollegen.

Ich hipp net, ich bin kaa Laubfrosch! erwiderte Adolf, denn jeder
Tanzboden dnkte ihn mehr oder weniger ein Blocksberg.

Seine Freunde fuhren grberes Geschtz auf.

Adolf, die dick' Anna, die Kchin von Schmidts in der Krummga, hat
sich nach Derr erkunnigt! Ob De net nchste Sonndag nach der Goedheeruh
kmst? Se htt Derr was zu sage! -- No??

En scheene Gru an die dick Anna, unn ich wr net neugierig! Unn se
soll merr mit ihrer Goedheeruh mei Borgesruh lasse! sagte er und blieb
des Sonntags zu Hause.

Oder er bummelte allein im Stadtwald und am Mainufer umher, sah die
schweren Mainkhne und Fle ziehen, sah die leichten Amseln schwirren
und die drolligen Eidechsen huschen. Und empfing dabei mancherlei
Schnes, was der liebe Gott nur an einsame Spaziergnger zu verschenken
pflegt.

Einmal fand er ein Vogelnest mit vier Eierchen.

Nachdenklich stand er davor, wiegte den Kopf und sann: Vier Kinner uff
aamol, -- naa, ich bleib leddig!

Ein andermal setzte er sich im Walde ermdet nieder, legte den Kopf auf
einen kleinen Hgel, der sich alsbald als Ameisenhaufen entpuppte.

So is des ganze Lewe! sprach er und erhob sich betrbt. E
Ameisehaufe! Unn da soll merr seine Eltern noch dankbar sei', da se ein
in so was eneisetze!

Und er griff sich melancholisch in den Kragen, um die hurtigen Tierchen,
die seinen Hals als Tanzplatz benutzten, zu entfernen.

Selten leistete er sich den Genu, des Abends in einer Kneipe zu einem
Glas Bier oder einem Schoppen pfelwein einzukehren. Friedlich
schichtete er daheim in der Waschtischschublade die kleinen Ersparnisse
aus seinem bescheidenen Lohn und aus den Trinkgeldern, die er hie und da
bei Besorgungen erhielt, zu einem Berg. Es war kein Himalaja, es war
gleichfalls nur ein Ameisenhufchen, aber er hoffte, ihn mit der Zeit zu
einem kleinen Hgel anschwellen zu sehen, von dem aus er in den Zeiten
des Alters und der Gebrechlichkeit die Welt mit gengsamem Lcheln zu
betrachten gedachte.

Und das wre ihm vielleicht auch gelungen, htte das Schicksal nicht mit
ihm einen grausamen Scherz vorgehabt und ihn als Untermieter in die
Wohnung des Drechslermeisters Bindegerst gefhrt.

Er war damals zweiundvierzig Jahre alt, und sein Herz zhlte somit
bereits zu jenen Zielscheiben, denen gegenber es sich der kleine Gott
Cupido erst dreimal berlegt, ehe er noch einen Pfeil daran wagt.
Entschliet er sich aber dann doch dazu, so nimmt er keinen von den
kleinen goldenen Pfeilen, die so s schmerzen, sondern er schnitzt sich
einen groen, plumpen Kloben zurecht, mit scharfen Widerhaken, und
versieht dieses vermaledeite Gescho, damit es auch recht zielsicher
schwirre, noch eigens mit einem Propeller aus riesigen Eselsohren.

An jenem ersten Mrz, als Adolf Borges mit seinem Handkfferchen die
Stiege emporschlenderte, um bei dem Drechslermeister das vermietbare
Dachzimmerchen zu besichtigen, spielte gerade ein Orgelmann im Hof den
populren Rheinlnder:

    Katharinchen mit dem Selleriekopp,
    _Allez_ hopphopphopp! _Allez_ hopphopphopp!

Diesen Drehorgler hatte der hohe Schutzgeist der Junggesellen eigens in
den Hof gestellt, um Adolf eine letzte Warnung zukommen zu lassen.

Da aber Adolf niemals einen Tanzboden besucht hatte und daher diesen
Rheinlnder nicht kannte, und da er andrerseits nicht wissen konnte, da
der Drechslermeister eine Tochter Katharina besa, fruchtete die Warnung
leider nichts.

Gu'n Nachmiddag! empfing ihn der alte Bindegerst freundlich. Neun
Mark dht des Zimmerche koste! Mit Kaffee zeh' fuffzig! Es is e ruhig
Zimmerche! Nor dhun als bei Nacht die Katze so kreische! No, da misse Se
halt mit'm Bandoffel danach schmeie! Des knne se net verdrage! -- Was
hawwe Se dann for en Beruf?

Auslufer bei Feldmann & Schrder in der Schlostra!

E foi Haus! bekrftigte Vater Bindegerst. E erstklassig Firma! Ich
bin aach schonn emal bei're ereigefalle mit eme Aaazug! Wie lang sin Se
dann schonn bei dene Leut?

Zweiunzwanzig Jahr! seufzte Adolf.

Des is e Embfehlung! schmunzelte Bindegerst. Des is e Embfehlung,
wann's e Aagestellter so lang mit'm Brinzibal aushlt! -- Sin Sie
eigentlich e Offebcher odder e Frankforder?

E Frankforder wr' ich!

Ich aach! Unn da sin Se nach Offebach ausgewannert?

Ja, ich bin ausgewannert. Amerika war merr zu weit, da bin ich nach
Offebach.

Ich aach. No, steihe merr emal enuff in des Zimmerche! Se misse Ihne am
Stiegegelnner festhalte, die Trepp is e bissi wackelig!

Adolf sah sich das Zimmer an und behielt es. Er war ja so bescheiden in
seinen Ansprchen, die Gabe des Widerspruchs war ihm versagt, und wenn
der letzte Teil der Treppe sogar #vllig# gefehlt htte, und Herr
Bindegerst htte gesagt: Se misse, um in Ihr Zimmerche zu komme,
jedesmal en Rieseaufschwung mache!, er htte auch in diesem Falle nicht
die Energie gefunden, nein zu sagen.

Und berhaupt war es Adolf ziemlich gleichgltig, wie er wohnte. Was
kimmt's dadruff aa? sagte er sich. Ich habb schonn Su geguckt, die
hawwe in Stll gewohnt mit Borzellankachele, -- no, am Schlu sin se
#doch# geschlacht' worn! Unn wann der Herr Feldmann unn der dick Herr
Schrder ihr Haus noch e dutzendmal umbaue lasse unn dhun so viel
Bogelampe enei wie in de Frankforder Haaptbahnhof, deshalb bleiwe se
#doch# zwaa Rindviecher!

Und er fhlte sich zunchst ganz wohl im neuen Heim. Wenn auch das
Zimmerchen nichts enthielt als ein einigermaen ertrgliches Bett, einen
morschen Spiegelschrank, in dem ein falscher Schlssel steckte, eine arg
baufllige Waschkommode -- (Se kriehe evenduell emal e annerne, hatte
Herr Bindegerst gegen seine eigene berzeugung behauptet) -- einen
durchgesessenen Stuhl und einen Tisch, der, sobald man sich auf ihn
sttzte, von selbst Rheinlnder zu tanzen anfing, es war doch so
lauschig still des Abends da droben, und wenn man den Kopf zum
Dachfenster hinausstreckte, sah man unten die Menschen wie kleine Kfer
umherkrabbeln.

Und das erschien Adolf sehr possierlich.

Wie klaa misse se erscht dem liewe Gott vom Himmel aus vorkomme!
meinte er. Da kann er freilich kaan Brinzibal vom Auslufer
unnerscheide, unn kaan Rothschild von eme Schnorrer! Ich glaab werklich,
es is gar net so schwer, die Mensche gerecht zu beorteile, -- merr mu
nor weit genuch eweck sei!

Und des Nachts schien der Mond in das Zimmerchen, der so viel
demokratischer ist als die Sonne. Denn, wenn dich die Sonne ansieht, so
mut du ehrfurchtsvoll, geblendet die Augen schlieen; den Mond aber
kannst du ohne Zwinkern frhlich und freundlich begren wie
deinesgleichen.

Man hat nur noch kein gengend groes Fernrohr gebaut, sonst knnte man
deutlich sehen, wie der Mann im Mond jeden Gru erwidert; jedesmal
unterbricht er die Arbeit des Holzhackens und zieht seine Mtze, denn er
hackt ja das Holz nicht fr eigene Rechnung, und deshalb eilt es ihm
nicht so.

Freilich, wie die Sonne ihren Sonnenstich austeilt, so gibt es auch den
Mondstich. Aber den kriegen nur die lyrischen Dichter. Und dann hlt
sich der Mann im Mond mit beiden Hnden die Ohren zu.

In solchen mondhellen Nchten erhuben auch die von Vater Bindegerst
bereits angekndigten Katzen ihre Stimmen. Ganze Sinfonie-Konzerte
fhrten sie auf. Adolf htte ein ganzes Schuhwarenlager nach ihnen
werfen knnen, es htte sie nicht gestrt. Im Gegenteil: kam ein
Pantoffel geflogen, so faten sie das als Beifallsbezeugung, als eine
Art ledernen Lorbeerkranz auf und gaben noch ein mindestens fnfteiliges
Tongemlde zu.

Herr Bindegerst, des soll der Deiwel aushalte, des Katzekonzert!
beklagte sich Adolf einmal, als er die ganze Nacht kein Auge hatte
schlieen knnen. Was hawwe die Viecher dann blo?

Die Lieb'! erklrte der Drechslermeister als weltweiser Mann. Glaawe
Se, die Mensche gewwe #scheenere# Tn' von sich, wann se verlibbt sin?
Die Lieb is halt so musikalisch!

Adolf, der ja die Liebe nicht aus eigener Erfahrung kennen gelernt
hatte, gab sich mit dieser Erklrung zufrieden.

Aber schon wurden die Saiten gestimmt, um auch ihn musikalisch zu
machen. Und das Instrument, nach dem er tanzen lernen sollte, hie
Katharina.

Allmorgendlich um halb sieben Uhr brachte sie ihm den Kaffee hinauf. Sie
stand zu diesem Zweck schon um sechs Uhr auf, wusch sich, indem sie mit
dem feuchten Waschlappen ein paarmal das spitze Vorgebirge ihrer Nase
umsegelte, kmmte ihr Haar, wobei man nicht an die Loreley zu denken
braucht, und legte es sich in Strhnen um den Hinterkopf.

Dann schlpften ihre drren Glieder in einen oft geflickten Unterrock,
ihre behenden knochigen Arme fuhren heftig in eine Flanellbluse wie der
Teufel in die Sauherde, der Oberrock wurde ber das Haupt gestlpt, und
dann begann der Bauchtanz, den die Frauen auffhren mssen, bis endlich
smtliche Rckenknpfe geschlossen sind. Zuletzt schlupfte sie in die
Strmpfe und in die Schlappen.

Begehrenswert war Katharina nicht; das fanden alle, die sie kannten, mit
einer einzigen Ausnahme. Und die hie Katharina Bindegerst. Lichtenberg
hat unrecht, wenn er behauptet: wenn ein Affe in den Spiegel sieht, kann
kein Apostel herausschauen. Man frage nur den Affen!

Gu'n Morsche, Herr Borges! lchelte Katharina so zauberhaft, als es
ihr mglich war.

Gu'n Gugurruru-Morsche, Frulein Binde-schtscht-ssgstgerst! entgegnete
Adolf, der gerade beim Gurgeln und Zhneputzen war.

Ach Gott, Ihne fehlt ja hinne 'n Knopp! schrie Katharina auf.

Das hatte Adolf noch nicht bemerkt. Und er hatte es nicht bemerken
#knnen#, da in Wirklichkeit an seiner Hose nicht der geringste Knopf
fehlte. Aber darauf kam es der Offenbcher Circe auch gar nicht an;
schon hatte sie Nadel und Faden gezckt und markierte auf Adolfs
Kehrseite das Annhen eines Knopfes.

Und obwohl er in dieser Situation unmglich ihr Gesicht sehen konnte,
lchelte sie dabei unausgesetzt verfhrerisch.

Ob sie ihn liebte? -- Nein. Sie war berhaupt keiner Liebe fhig.

Da ein altes Holz Blten treibt, das kommt nur im Tannhuser vor, und
auch da ganz am Schlu des letzten Aktes, so da man nicht nachprfen
kann, wie lange die Blte vorhlt.

Wohl hatte auch Katharina, wie alle Mdchen, eine Zeit gehabt, in der
sie von jener naturwidrigen Art Ehe trumte, die zu neunzig Prozent aus
Liebkosungen besteht, und in der man von Kssen und Anschmachten satt
wird. Aber lngst hatte die Flut der Jahre dieses glckhafte Schifflein
verschlungen.

Nun war sie praktisch geworden, praktisch wie ein Sklavenhndler, und
sah im Manne nur eine Versorgungsanstalt. Eine Rentenversicherung, der
keine Kontrolle erlaubt ist und die obendrein bei der Auszahlung jedes
Betrages einen Kniefall zu machen hat.

Ein pensionsberechtigter Zwerg Nase wre ihr als Gatte sympathischer
gewesen als der Apoll von Belvedere, von dem es ungewi ist, ob er eine
Frau ernhren konnte.

Ach, die so nchternen, trockenen Eheparagraphen des Brgerlichen
Gesetzbuches erscheinen wie ein Hohelied auf die Liebe, verglichen mit
den Eheanschauungen eines Mdchens, das erst einmal angefangen hat,
praktisch zu denken!

Danke schee! sagte Adolf Borges, als Katharina mit dem Festnhen des
ohnehin bereits festgenhten Knopfes fertig war.

Haww ich Ihne aach net gestoche? fltete Katharina und warf ihm einen
Blick zu, bei dessen Empfang der frher erwhnte Herr Meier stolz
gefragt htte: Adolf, haben Sie den Blick gesehen? Den Blick? Ich sag
Ihnen, Adolf, wenn ich #wollt#' -- aber ich will net!

Adolf war kein Meier. Er bemerkte den Blick berhaupt nicht.

Noch stimmten die Saiten, nach deren Klang er das Tanzen lernen sollte,
nicht genau, aber nur noch um kleine Schwankungen waren die Quinten
unrein, und schon probierte Katharina leise, pizzikato, ob sie das Spiel
wohl beginnen knne.

Sie hatte das Tablett mit dem Kaffee auf den Tisch gestellt, doch nun
fand sie, da es nicht gut stnde. Whrend ihr Dachzimmerherr den
Schlips umband und die Jacke anzog, rckte sie an dem Tablett herum und
stellte die inzwischen kalt gewordene Tasse Kaffee und das
Butterbrtchen recht handlich hin.

Dabei schwnzelte sie geziert um den Tisch und lie durch ein paar
kokette Drehungen ihren gewitterfarbenen Rock ein wenig blhen, so da
der Regenbogen ihres oftgeflickten Unterrocks sichtbar ward.

Aber auch an dieser Naturerscheinung ging Adolf achtlos vorber.

Da lie sie ihn denn allein, stieg die Treppe hinunter und seufzte:
Merr hat's net leicht!

Adolf schlrfte den kalten Kaffee, griff, noch mit beiden Backen kauend,
nach seiner Mtze, machte sich auf den Weg zu Herrn Feldmann, um die
Geschftsschlssel zu holen, begab sich in die Schlostrae, ffnete,
zog die Rollden hoch und begann die eintnige Arbeit des Aufwischens
und Abstaubens.

Und seufzte: Der liewe Gott htt' aach gescheider die Welt in #aam# Dag
erschaffe unn dann #sechs# Dg geruht, schdatt umgekehrt! Dann htte
merr sechs Sonndg in der Woch!

Er war noch mitten in den Aufrumungsarbeiten, da kamen schon die
ersten, pnktlichsten Angestellten, und der Brieftrger kam und gab die
Post ab, und die Kommis suchten schnell die Privatbriefe und jene Briefe
heraus, die wegen falscher Adresse zurckgekommen waren, und zuletzt kam
der Herr Feldmann, und kaum war er da, da fing er auch schon an zu
schimpfen und einem Kommis zu versichern: Zum Schlafe haww ich Se net
angaschiert! Schlafe kann ich selwer for mei Geld!

Und das ganze Personal dachte: Dht er's nor!

Und ganz zuletzt kamen die Herren Lehrlinge und behaupteten, ihre Uhren
gingen nach.

Und Adolf Borges spielte das einfrmige Rondo seiner Tagesarbeit, ein
gar langweiliges Rondo, in dem die beiden Themen Pakete schnren und
Gnge besorgen ewig wiederkehrten; nur die Begleitstimmen zu diesen
beiden Melodien boten ein wenig Abwechslung, denn wenn er beim
Paketschnren war, schrie der nervse Herr Feldmann: E halb Jahrhunnert
sin Se jetz bei merr unn hawwe's immer noch net gelernt!, und wenn er
von einem Besorgungsgang zurckkam, spttelte der gemtlicher
veranlagte, dicke Herr Schrder: Es is nor liewenswerdig von Ihne, da
Se iwwerhaapts noch zurickkomme! An Ihrer Stell wr' ich iwwer Nacht
gebliwwe!

Und Adolf dachte sich: Grad wie nachts die Katze kreische se! Schad,
da merr kaan Bandoffel nach 'ne werfe derf!

-- Ich mu noch einmal auf den Drachen Fafner zu sprechen kommen. Der
Leser wird bereits bemerkt haben, da ich eine Schwche fr dieses Vieh
besitze. In der Tat, ich habe ihn in mein Herz geschlossen und ich
bedaure nur, da man ihn nicht herausklatschen darf wie eine
italienische Opernprimadonna, auf da er _da capo_ singe. Er ist der
bestdisziplinierte Drache, den ich kenne. Geduldig liegt er in seiner
Hhle und wartet auf sein Opfer. Wer ihn nicht aufsucht, den frit er
nicht.

Ganz anders Katharina. Sie hatte sich ihr Opfer ausgesucht, aus der
reichhaltigen mnnlichen Speisekarte hatte sie gerade das Gericht Adolf
Borges gewhlt, sie hatte ihn sich bei dem Oberkellner Zukunft bestellt,
und sie bestand mit aller Hartnckigkeit darauf, ihn vorgesetzt zu
bekommen.

Eines Abends klopfte es pltzlich an die Tre des Dachzimmerchens.

Erei'! rief Adolf verwundert.

Und herein trat Katharina und sprach mit einem Lcheln, das sie fr sehr
liebreich hielt: Der Vadder lt Ihne sage, ob Se net uff e Glsi Bier
bei en erunnerkomme dhte?

Sie hatte eine frischgewaschene weie Bluse angezogen, die sie mit
Parfm von dem Friseur gegenber besprengt hatte. Es war das erste mal
in ihrem Leben, da sie Parfm gekauft hatte, und der Figaro von
nebenan, der blondgelockte Herr Hippenstiel, der wie alle seine
Fachgenossen ein Schlaukopf war, hatte gleich etwas geahnt und diskret
gefragt: Derf merr graduliere?

Worauf Katharina feuerrot wurde und hauchte: Sie knne aan werklich in
Verlegeheit bringe, Herr Hippestiel!

Zwei Tropfen solle sie nehmen, das genge vollauf, hatte Herr
Hippenstiel sie belehrt. Aber Katharina machte es wie die Patientinnen,
denen der Arzt fnf Tropfen einer Medizin verordnet hat, und die sich
sagen: Wenn schon fnf Tropfen gut tun, wie mssen da erst zehn Tropfen
helfen!

Sie hatte sich gleich das halbe Flschchen der ligen Flssigkeit auf
die Bluse geschttet und sie fand, da sie nun sehr gut roch.

Auch Adolf fand das, denn er sagte: Frulein Bindegerst, Se rieche wie
e Gewchshaus!

Eigentlich hatte er wenig Lust, der Biereinladung Folge zu leisten.
Allein seine Schchternheit sagte ihm, es sei doch zu unhflich,
abzulehnen, und so meinte er: Ich mach merr zwar Awends nix aus Bier,
aber no, ich wer' net gleich draa sterwe!

Und Katharina flsterte holdselig: Sie sin iwwerhaapts so solid, Herr
Borges! So'n solide Mann haww ich noch kaan kenne gelernt! Ach, Herr
Borges!

Und dabei seufzte sie so tief, da das ganze Gewchshaus sich zu heben
und senken anfing.

-- Des is recht, Herr Borges, da Se uff'n Schluck Lagerbier komme!
begrte Vater Bindegerst ihn und lud ihn zum Sitzen ein. Ich habb
merrsch schonn oft gedenkt: was dhut der Mensch eigentlich so allaans da
drowwe in sei'm Leuchttorm? Es is net gut, da der Mensch allaans sei,
haat's in der Biwel. Ich habb lang net mehr drin gelese, ich les liewer
Detektivgeschichte, awwer es is e wahr Wort. Wisse Se, wenn ich kaa
Gesellschaft habb, dann komm ich ins Denke, unn wannn ich erscht emal
ins Denke komm, dann kimmt nix Gescheides dabei eraus! No, Prost, Herr
Borges!

Adolf hob seinen Krug und stie mit dem Drechslermeister an. Katharina
hatte ihm das Bier eingeschenkt, in den schnsten Krug des kleinen
Haushalts. Es war ein recht schmucker Krug, die selige Frau Bindegerst
hatte ihn vor vielen Jahren ihrem Eheherrn geschenkt, erstens weil er
Geburtstag gehabt hatte, und zweitens weil gerade in dem
Porzellangeschft Ausverkauf gewesen war. Eine alte Ritterburg war auf
den Krug gemalt, an deren Portal ein Ritter Trompete blies. Man htte
ihn unbedingt fr den Trompeter von Sckingen halten mssen, htte nicht
in goldenen Buchstaben darunter gestanden: Stolzenfels am Rhein.

Auch Katharina stie mit an, und sie hauchte dabei: Prost!

Es klang wie das Piepsen eines Kanarienvogels, denn sie war, wie alle
Frauen, eine Verwandlungsknstlerin. Noch hatte sie auf das Grammophon
ihres Antlitzes die schmachtende Platte O knnt ich noch einmal so
lieben aufgelegt, -- aber die Radauplatte Tararabumdieh! lag schon
bereit.

Vater Bindegerst sa auf dem Sofa, ihm gegenber sa Adolf auf einem
Stuhl, und auf dem Nachbarstuhl blhte das Gewchshaus Katharina.
Zunchst war noch ein halber Meter Distanz zwischen ihnen, aber der
Zwischenraum verringerte sich im Laufe des Abends, obwohl Adolf kein
Millimeterchen von seinem Platz rckte.

Zunchst schickte sie ihre linke Fuspitze als Patrouille aus. Die
Fuspitze sondierte das Gelnde, fand es vom Feinde frei, und rckte
vorsichtig weiter vor, bis sie ihr Ziel, die Borgessche Fuspitze,
erreicht hatte.

Entschuldige Se, Fraulein Katherina! sagte Adolf und zog seinen Fu
zurck.

Katharina errtete, aber innerlich hatte sie sich vorgenommen: Wenn ich
ihm erst die kleine Zehe reiche, mu er das ganze Bein nehmen!

Des ganze menschliche Lewe is e Gemeinheit! philosophierte Vater
Bindegerst, der ins Denken zu kommen schien, denn er redete viel Unsinn.
Und er fing an zu politisieren und auseinanderzusetzen, wie ungerecht es
auf der Welt im allgemeinen, und in Offenbach im besonderen zuginge. Es
war eine lange Rede, die er hielt, es ging ihm weder der Atem noch das
Lagerbier aus, und er schlo mit der berzeugenden Wendung: Unnn woher
kimmt des alls? -- Weil des ganze Lewe e Gemeinheit is!

Entschuldige Se, Frulein Katherina! sagte Adolf und zog sein Knie
zurck, denn Katharina war mit ihrem Knie an das seine gekommen. Nachdem
die Patrouille Fuspitze zum Truppenteil zurckgekehrt war, hatte
Katharina nmlich beschlossen, eine strkere Patrouille auszuschicken.
Auch diese Patrouille wurde zurckgezogen, und die ganze Kompagnie
begann nun zu manvrieren, indem sie mit ihrem Stuhl zu rutschen anfing.

Vater Bindegerst trug die Hauptkosten der Unterhaltung. Diese Kosten
trgt man ja gerne, denn sie sind billig. Es fiel ihm durchaus nicht
auf, da sein Gast nur hie und da eine kurze verlegene Zwischenbemerkung
machte, denn der Drechslermeister gab sich die meisten Antworten selbst
und fand daher diese Antworten sehr treffend.

Sein Zimmerherr ward ihm von Viertelstunde zu Viertelstunde
sympathischer, er beschlo, ihn fters einzuladen. Gibt es doch fr
geschwtzige Menschen nichts Angenehmeres als ein Zwiegesprch, bei dem
nur einer redet.

Er erzhlte nun von seinem Geschft und lobte dabei, wie landesblich,
die gute, alte Zeit.

Ja, frieher, sagte er, frieher, da war des Geschftslewe noch reell!
Hier die Waar, hier's Geld! Awwer heut! Heut sollstde Kredit gewwe, bis
De schwarz werst, heut nemme Derr die Leut de halwe Lade mit unn sage:
Schicke Se merr die Rechnung! Unn wannsde se mahnst, sin se net dahaam!
Merkwerdig: wannsde ihne die Waar' schickst, da sin se all dahaam, awwer
wannsde Dei Geld hawwe willst, dann mache se grad en Besuch odder se sin
in die Sommerfrisch odder se hawwe'n Trauerfall unn die ganz Familie
erbt ebbes, -- blo Du kriehst nix!

Entschuldige Se, Frulein Katherina! sagte Adolf, denn sie lehnte
ihren Arm an den seinen.

Sie sa jetzt ganz dicht neben ihm, und ihm war, als se er mitten in
einem Gewchshaus. Es war recht schwl in dem Gewchshaus, die Luft fing
an, ihn leise zu benebeln.

Er zog seinen Arm nicht zurck; es tat ihm wohl, sich von den Zweigen
dieses Gewchshauses fast unmerklich streicheln zu lassen.

Das war so sanft und weich, da er gar nicht merkte, da hier Disteln
statt Rosen wuchsen.

Er hob jetzt seine Augen und besah sich die Botanik nher, und das
Pflanzenreich gefiel ihm nicht so bel. Machte doch die falsche
Katharina ihre schnsten Vergimeinnichtaugen und zog ihr sestes
Lilienmulchen, so da man wirklich nicht mehr sehen konnte, #was# fr
eine Pflanze sie in Wirklichkeit war. Er fhlte sich im Palmengarten und
merkte nicht, da er im Zoologischen war.

Kttche, hol de Quetschekuche von heut Middag! befahl der Vater. Der
Herr Borges werd Abbeditt hawwe!

Ach nein, der Herr Borges hatte jetzt gar keinen Appetit. Der Magen
erschien ihm jetzt als der prosaischste Krperteil, den Gott geschaffen
hat. Er hatte ein ganz unbestimmbares Gefhl, so ein Mittelding zwischen
Lachen und Weinen, Wonne und Schmerz, und wenn ihn jetzt ein Kassenarzt
gefragt htte: Herr Borges, wo tut's Ihnen weh? -- er htte es beim
besten Willen nicht sagen knnen.

Er empfand nur, als Katharina hinausgegangen war, um den
Zwetschenkuchenrest zu holen, pltzlich eine tiefe Leere neben sich, und
es kam ihm so vor, als sei die Temperatur im Zimmer pltzlich um zehn
Grad gesunken.

So ungefhr war ihm zu Mute wie damals, als er den Kopf in den
Ameisenhaufen gelegt hatte. Die Ameisen kribbelten und bissen, aber als
Katharina wieder ins Zimmer trat, da verwandelten sich die Ameisen in
lauter kleine, goldige Leuchtkferchen und huschten im Zimmer umher und
schwirrten ihm um die Nase, und es ward so hell, da er fast ausgerufen
htte: Gott, was e Pracht! Die Sonn is uffgange!

E guter Quetschekuche is des, Herr Borges! versicherte der Gastgeber.
Da knne Se weit laafe, bis Se so aan finne! Des Rezept schdammt noch
von maaner selig Fraa! Unn von der hat's Kttche die Kochkunst geerbt.
Koche kann des Mdche wie e junger Gott! Die macht Ihne aus Dreck de
scheenste Pudding! No, fresse Se, -- unn Se wern merr Recht gewwe!

Ein gewhnlicher Sterblicher htte bei diesen Worten beide Ohren
gespitzt. Denn die Liebe des Mannes geht durch den Magen, und ich bin
berzeugt, Zeus wre der solideste Ehemann gewesen, htte ihm Hera nicht
immer Nektar und Ambrosia vorgesetzt.

Aber Adolf Borges war kein gewhnlicher Sterblicher. Dieser kleine
Konfektionsgeschftsauslaufer war ein Gefhlsmensch, und diese
Menschengattung ist unter den Sterblichen in der verschwindenden
Minderheit. Wenn sie einen hohlen Zahn haben, ja, dann sind sie alle
Gefhlsmenschen, aber viel weiter reicht ihr Gefhl nicht.

Der Kauf des Parfms lohnte sich fr Katharina. Der Schwerenter
Hippenstiel hatte sie nicht betrogen. Adolf atmete den sen Duft mit
unbewutem Wohlbehagen und htte es unter keinen Umstnden geglaubt, da
er selbst fr zwei Mark fnfzig htte ganz genau so gut riechen knnen.

Ach, die Liebe verleiht dem Menschen Schwingen, die ihn emportragen ber
alles Alltagsungemach, die Erde entschwindet dem Blick, der Knig
vergit seinen Palast, der Bettler seine Htte, der Feinschmecker seinen
Quetschekuche; im reinen ther schwimmt er und atmet die wonnigen Dfte,
die es bei keinem Hippenstiel zu kaufen gibt.

Schon fhlte Adolf die Flgel auf seinem Rcken knospen. Er sprte das
Bedrfnis, sich den Buckel zu kratzen, aber des schickt sich doch net!

Fresse Se, Herr Borges! ermunterte Meister Bindegerst.

Und auch Katharina lud ein: Fresse Se, Herr Borges, -- odder derf ich
#Herr Adolf# zu Ihne sage?

Und um jede Antwort abzuschneiden, schob sie ihm ein groes Stck Kuchen
in den Mund. Und htten statt der sen blauen Zwetschen dicke
Rhizinuspillen auf dem Hefenteig gelegen, Adolf htte dennoch die Gabe
mit allen Zeichen des Entzckens geschluckt.

In dieser Nacht schlief der arme Adolf sehr unruhig.

Er trumte von einem Gewchshaus, darin dufteten die herrlichsten Blten
und zwitscherten die wunderlichsten Vgel. Adler sangen wie
Nachtigallen, und auf einem Rosenzweig schaukelte sich eine Gans und
fltete kwiwitt, kwiwitt. Und mitten in dem Gewchshaus wuchs ein groer
Baum, das war der Quetschekuchebaum, und wie im Aschenbrdel lie dieser
Baum mit sich reden, und Herr Bindegerst stand davor und sang:

    Bumche, rttel Dich unn schttel Dich,
    Werf Quetschekuche iwwer mich!

Und es erschien ihm der Trompeter aus Stolzenfels am Rhein, mit einer
Pfauenfeder am Hut und frischgeputzten Stulpenstiefeln, und blies auf
seinem Horn ein herzerweichendes Solo, bis sich das Burgfenster ffnete
und Katharina heraussah und mit einem Putzlumpen winkte und fragte:
Herr Trompeter, derf ich zu Ihne #Herr Adolf# sage?

Da blies der Trompeter ein so begeistertes Fortissimo, da Adolf
erschrocken aus dem Bett hochfuhr. Er hrte noch im Wachwerden das
schmelzende Lied, -- nur war es kein Trompetensolo, sondern es waren die
verfluchten Katzeviecher, die gerade wieder einmal Sinfoniekonzert
hatten.

Der Mann im Mond aber schttelte den Kopf und meinte: Schon wieder
einer! Immer das Gleiche! Hoffentlich kommt mir keine Mondfinsternis
dazwischen, damit ich sehn kann, wie die Geschichte ausgeht!

Und nun begann fr Adolf jener Lebensabschnitt, den Schiller als der
ersten Liebe goldene Zeit bezeichnet, wobei er freilich schwerlich an
einen Zweiundvierzigjhrigen Offenbacher Auslufer gedacht haben wird.
Adolfs welkes Herz erblhte, und er geriet somit in jenen seltsamen
Zustand, dem gegenber selbst die erfahrensten rzte ratlos sind, und
den nur die groen #Menschheitsrzte# beschreiben knnen: nmlich die
Dichter.

Die Liebe ist jener mrchenhafte Fortunatussckel, aus dem man unendlich
schpfen kann, ohne ihn je zu leeren. In einer Mrchenwelt taumelt der
Verliebte, und in dieser Mrchenwelt war Adolf Borges der verwunschene
Prinz, den eine bse Hexe dazu verdammt hatte, unter Miachtung seiner
hohen Abkunft bei Feldmann & Schrder Pulte abzustauben und Pakete zu
schnren.

Woher sollten es die Herren Feldmann und Schrder wissen, da sie einen
leibhaftigen Prinzen beschftigten?

Adolf, Se sin e Kamel! sagte Herr Feldmann. Und Adolf dachte sich:
Wann des Kamel nor #glicklich# is!

Adolf, Se sin e Rindviech! versicherte der dicke Herr Schrder. Und
Adolf lchelte: O selig, o selig, ein Rindviech zu sein!

Wie alle Verliebten fing auch er an, kindisch zu werden und selige
Nrrischkeiten zu treiben, und so erwischten ihn die Putzfrauen der
Firma eines Morgens dabei, wie er vor einer Modellfigur auf den Knieen
lag und indem er sie mit dem Federbesen abstaubte, verzckt flsterte:
Bistde kitzlich, mei Zuckerschnutche? Ach, Kttche, was bistde for e
sie Oos!

Und weil die Putzfrauen ebensowenig wie die Chefs wuten, da sie es mit
einem verzauberten Prinzen zu tun hatten, hielten sie sich die Buche
vor Lachen, und -- klatsch -- hatte Adolf einen nassen Putzlumpen auf
dem Buckel.

Abends, nach acht Uhr, aber, wenn er von der Post zurckgekommen war und
die Rollden herabgelassen hatte, wich der schlimme Zauber von ihm, er
war nicht mehr das scheppe Adolfche, wie ihn der eklige Kassierer
nannte, sondern Prinz Adolf der Liebeglhende von Trumershausen, und
Seine Durchlaucht geruhten nach dero Mrchenschlo zu wandeln,
welchselbiges dicht unter dem Dach lag.

Der alte wackelige Stuhl war der Thronsessel, der Schrank mit dem
kaputenen Schlssel, die Schatzkammer, in der als funkelndes Geschmeide
seine Sonntagshose hing. Und vom Dachfenster aus hatte der Prinz die
herrlichste Aussicht auf sein Reich; da wimmelten seine Untertanen, und
jeden, den er mit einem Liebchen am Arme spazieren sah, ernannte er zu
seinem Pagen.

Hrte er aber jemanden das schne Lied Du bist verrckt, mein Kind
singen, so sagte er mit gutmtiger Selbstironie: Des is mei
Nationalhymne!

Oh, S. Durchlaucht Prinz Adolf hatten einen groen Hofstaat! Der
Kassierer, der ihm allmonatlich seinen Gehalt auszahlte, war sein
Finanzminister, der Herr Schrder war sein Zeremonienmeister, der
Schutzmann unten an der Ecke seine Leibgarde, der Lehrling sein Hofnarr
und die Aufwaschweiber seine Hofdamen.

Ein Stockwerk unter ihm aber, da war das Allerkstlichste: da residierte
Prinzessin Katharina, die Mrchenfee, die er zu erlsen hatte. Es ist im
Mrchenreich blich, da ein Prinz, ehe er die Hand der Holdseligsten
erringt, erst einige Drachen ins bessere Jenseits befrdert, -- in
#diesem# Mrchen begab es sich leider, da der kurzsichtige Held nicht
die Prinzessin, sondern den Drachen selbst freite.

Oft des Abends sahen nun die Mainnixen den kleinen Adolf mit Katharina
am Ufer auf und ab wandeln, sie kicherten zwischen den groen Khnen
hervor und zhlten die Ksse nach. Es gingen dort viele verliebte
Prchen spazieren, aber auf unser Duo hatten es die Nixenfrechdchse
ganz besonders abgesehen. Denn in der Maingegend haben auch die
Elementargeister Sinn fr Humor. Und wie oft wisperten sich im
Offenbacher Stadtwald die Strucher und Bsche verschmitzte
Randbemerkungen zu, bis eine uralte Tanne sie zurechtwies: Still, klaa
Gezppel! Is ja doch blo der griene Neid von Euch! Denn in der
Offenbacher Gegend sprechen auch die Vegetabilien Dialekt.

Katharina war bei diesen Abendwanderungen viel zu folgsam, schweigsam
und nachgiebig, als da diese Tugenden htten echt sein knnen. Wenn der
kleine Adolf zu schwrmen anfing: Kttche, lieb Kttche, guck nor de
Mond! Is es net, als ob er extra als Latern hiegehenkt war, damit ich
Dei sie Schnutt besser find? dann entgegnete sie zrtlich: Ach ja,
Adolfche, der Mond!! Und dachte sich heimlich: Also mondschtig is er
#aach#! No wart nor, ich wer' Derr die Posse schonn ausdreiwe!

Und wenn er im dunklen Stadtwald fantasierte: Kttche, wann jedz e
Ruwer kam, verteidige dht ich Dich bis zum letzte Blutsdroppe!, dann
schmiegte sie sich dicht an ihn und hauchte: Ich waa es, Adolf!

Und dachte bei sich: Ich mcht net gucke, wiesde laafe dhtst!

Von diesen Gedanken Katharinas ahnte der harmlose Verliebte nichts. Wohl
war er in seiner Liebe ein Prinz, ja sogar ein Knig, -- aber nur ein
Knig auf dem Schachbrett, und Katharina war die Knigin, die ihn matt
setzen sollte. Die Ksse, mit denen sie die seinen erwiderte, waren
zher Leim, und an diesem Leim blieb das harmlose Vgelchen Borges
hngen.

Vater Bindegerst sah die Entwicklung der Dinge mit stillem Vergngen.
Adolf war ihm lieb und wert, aber noch lieber war ihm der Gedanke, seine
znkische, bsartige Tochter auf gute Art los zu werden. Er, der seit
dem Tode seiner Frau unter #Katharinas# derbem Pantoffel stand, trumte
in Gedanken von einer neuen Junggesellenzeit, in der er viel Versumtes
nachzuholen gedachte.

Er redete Adolf nicht zu, aber er warnte ihn auch nicht, zumal ihm die
Erfahrung hinreichend bewiesen hatte, da man leichter einem Nilpferd
das Ballettanzen beibringt, als einem Verliebten die Wahrheit ber seine
Angebetete.

Es bestand zwischen Vater und Tochter ein stillschweigendes
bereinkommen, dieser Angelegenheit ungehemmten Lauf zu lassen. Drohte,
wie so oft, ein lrmender Streit zwischen Vater und Tochter
auszubrechen, und fing Katharina nach ihrer Gewohnheit in den hchsten
Fisteltnen zu keifen und zu schreien an, dann hob Papa Bindegerst nur
mahnend seinen Finger und deutete nach oben und flsterte: Pst! #Er#
knnt's hrn! und sofort ging Katharina zum zartesten Pianissimo ber.

Wobei ihr Talent anerkannt werden mu, auch im leisesten Tonfall die
haarstrubendsten Bosheiten und Beschimpfungen von sich zu geben.

Und so kam denn der groe Tag, an dem Adolf in aller Form um seiner
Erwhlten Hand anhielt.

Er warf sich zu diesem Zweck in den schwarzen Sonntagsanzug, ergriff den
Zylinder, und es ging ihm einen Augenblick durch den Kopf: Es is doch
merkwerdig, da der Mensch zor Brautschau genau deselwe Aazug aazieht,
wie wann er zor'rer Beerdigung geht!

Und setzte tiefsinnig hinzu: Besonnersch, wann er nor aan Aazug hat!

Auch Vater Bindegerst hatte sich in sein Feiertagsgewand gehllt, und
Katharina prangte wieder in ihrer weien Bluse.

Die Bluse war nicht mehr ganz so bltenwei wie damals, als sie den
ersten Angriff unternommen hatte: in der Taillengegend zeigte sie
deutliche Fingerabdrcke von Adolfs Hnden.

Und nun saen sich die beiden Mnner gegenber, whrend Katharina im
Nebenzimmer auf des Vaters Ruf wartete, wie die Kinder bei der
Weihnachtsbescherung auf das Klingelzeichen, und Adolf drehte verlegen
seinen Zylinder in der Hand und wute nicht, wie beginnen.

Und dachte: Genau so sitzt der liewe Gott uff seim Thronsessel unn dhut
die Erd' zwische seine Hnd drehe, unn iwwerall, wo er se mit seine
Fingerspitze beriehrt, werd's Friehling unn die Blumme sprosse! Unn
manchmal werft er die Erd' wie e Gummiball in die Luft unn fngt se
widder uff, unn wann er se emal falle lt, dann krieht die ganz
Erdeherrlichkeit die Krnk, unn all die Huser borzele zusamme, unn dene
Herrn Feldmann unn Schrder ihr Geschftshaus aach, unn der dick Herr
Schrder werd in de Trimmer erumfuhrwerke unn werd kreische: Adolf, was
schdehn Se da unn halte Maulaffe feil? Nemme Se die Schipp unn de Besem
unn kehrn Se de Dreck eweck!

Und endlich hatte Adolf den Zylinder genug in der Hand gedreht, er
raffte sich auf und stotterte: Herr Bindegerst, ich waa net, ob Se
vielleicht bemerkt hawwe....

Und Vater Bindegerst unterbrach wrdevoll: Jawohl, Herr Borges, ich
#habb# bemerkt!

Da wurde es ihm schon bedeutend leichter ums Herz, und er fuhr fort: Se
hawwe neemlich e Dochter, Herr Bindegerst....

Jawohl, ich #habb# e Dochter! besttigte Herr Bindegerst.

Unn Ihne Ihr Dochter ... se is nmlich so e gut Mdche, unn so e
Engelche....

Jawohl, se #is# e Engelche! bekrftigte Herr Bindegerst. Und dachte:
Wen die Gtter verderwe wolle, den strafe se mit Blindheit.

Unn Ihne Ihr Frulein Dochter unn ich ... indem ich'r nmlich in der
ledzte Zeit nahgetrete bin...

Oho! sagte Vater Bindegerst. Was mu ich heern? #Wie# nah sin Se err
getrete?

Da kam die Weihe des Augenblicks ber den kleinen Schwrmer Adolf und er
rief: So nah, da ich ihr Herz deutlich habb schlage heern, unn des
goldig Herzche hat als gebumbert: Adolfche! Mei Adolfche! hat's
gebumbert, unn #mei# Herz hat #mit#gebumbert: Kttche, mei
Silwerkttche, unn wege dere Bumberei bin ich heut da, unn sag Ihne:
Lasse Se dere Bumberei de kerchliche Sege gewwe! Ich bin kaa Milljonr,
ich kann Ihne Ihrer Dochter kaa Audomobil kaafe, awwer Trambahn fahrn
lasse kann ich se, unn satt zu esse werd se hawwe, unn gucke Se sich
emal mei Hnd aa: uff dene Hnd wer' ich se drage. Es sin solide,
krftige Hnd, unn Ihne Ihr Dochter werd gut druff sitze! Herr
Bindegerst, Se knne zwaa Mensche glicklich mache, -- sage Se Ja!

Vater Bindegerst war ganz paff ber die Beredsamkeit seines
Schwiegersohnes und er dachte sich: Des werstde Derr aach noch
abgewhne! laut aber sagte er: Se wisse net, was Se verlange! Awwer,
wann's Kttche nix dagege hat, mein Sege hawwe Se! Nor aans sag ich
Ihne: Se misse aus'm Haus ziehe! Ich kann kaa jung Liewesprche um mich
braache!

Und er rief: Kttche, komm emal erei! Der Herr Borges is da unn mu so
needig emal heierate!

Und wenige Sekunden spter lag Katharina in seinen Armen und Adolf
glaubte, die ganze Welt erobert zu haben.

Drunten im Hof aber spielte wieder der Orgelmann:

    Katharinchen mit dem Selleriekopp,
    _Allez_ hopphopphopp! _Allez_ hopphopphopp!

In dieser Nacht gab es in dem Hause in drei verschiedenen Zimmern drei
glckliche Menschen:

In seiner Dachkammer sa Adolf und jauchzte: Ich habb se! Ich habb se!
Unn wann der Herr Feldmann hunnertmal Recht htt unn ich wr e Kamel, so
gescheit war ich doch, da ich merr des scheenste Kamelweibche geholt
habb, was es iwwerhaapts uff dere Welt gibbt!

Und in ihrem Bett lag Katharina und schmunzelte mit funkelnden Augen:
Ich habb'n! Fest haww ich'n! No, wart nor!

Und vor dem Krug mit dem Trompeter von Stolzenfels am Rhein sa der alte
Bindegerst und rieb sich die Hnde und lachte in sich hinein: Se hawwe
sich! Ich bin se los!

Und nach einer Weile: Ich htt's net glaabt, da se noch aan krieht!

Und wieder nach einer Weile: Arm Adolfche! Du werst Aage mache! ....

Acht Tage spter trat Adolf vor Herrn Schrder, an den sich die
Angestellten mit ihren Bitten lieber wandten als an Herrn Feldmann, und
sagte: Herr Schrder, ich dht um acht Dg Urlaub bitte, ich mcht uff
die Hochzeitsreis'!

Und der dicke Herr Schrder sah ihn erschrocken an: Sin Se meschugge?

Aber als er Adolfs glckstrahlende Augen sah, dmpfte er die Stimme und
meinte vterlich: Es is zwar net schee von Ihne, da Se grad #mitte in
der Saison# ans Heierate denke, awwer, no, wern Se glicklich! Se knne
aach #zeh#' Dag bleiwe! Unn was des Hochzeitsgeschenk betrifft, -- ich
wer' mit meim Kompanjon redde!

Und im ganzen Geschft steckten sie die Kpfe zusammen, und die
mnnlichen Angestellten sagten: Merr wolle zusammelege unn em 'n Wecker
kaafe, sonst schlaft er in der Hochzeitsnacht ei'!

Und die Damen sagten: Wie mu die ausgucke, die #den# genomme hat!

Denn der Mensch ist ein edles Wesen und freut sich darber, wenn sein
Nchster glcklich ist.

Und dann kam die Trauung und eines Montags Morgen geleitete Vater
Bindegerst das frischgebackene Ehepaar zum Bahnhof, um es zwecks
Hochzeitsreise der Eisenbahn anzuvertrauen.

Der schne Odenwald war das Reiseziel, und der glckliche Adolf stand in
Gedanken bereits auf dem Gipfel des Melibokus und zeigte seiner zarten
Gattin die Welt und sagte: Guck, Kttche, des alles geheert uns! Wann's
aach net unser Eigedum is, merr hawwe doch e Hypothek druff, e
Herzenshypothek! Unn die Wlder misse uns ihrn Duft unn ihr Anemone als
Hypothekezinse gewwe, unn die Quelle ihr Rausche unn ihrn silwerige
Glanz, unn die Vgelcher ihrn Gesang. Guck, lieb Kttche, des Alles, was
de guckst, haww ich Derr mit in die Eh' gebracht! Die Nadur, die is e
gro' Sparkass', viel greeer wie die Offebcher Stdtisch' Sparkass',
unn noch dausendmal sicherer. Und wann merr emal in Not komme dhte, in
#Seelennot# maan ich, dann gehn merr eifach enaus in die Nadur unn hewe
in dere Sparkass' en Poste Erquickung unn Trost ab, -- unn wann merr
aach noch so viel abhewe, #des# Guthawe nemmt kaa End!

Solche Trumereien pflegten dem kleinen Adolf schon von Kindsbeinen an
nicht gut zu bekommen, und auch diesmal fhrten sie einen unerwnschten
Zwischenfall herbei. Er stolperte nmlich beim Besteigen des Kupees, und
das Kfferchen polterte auf den Bahnsteig zurck.

Kannstde net achtbasse, dappischer Olwel?! fuhr ihn Katharina heftig
an. Net emal e Handtasch' kann der dumm Mensch drage!

Tieferschrocken sah Adolf sie an. Und blickte in zwei Katzenaugen, die
hhnisch und unheilkndend funkelten.

Da senkte er den Kopf.

Der alte Bindegerst aber dachte: Es geht schonn los! Se fngt schonn
aa! -- No, viel Vergniege!!

Whrend Adolf das Kfferchen, das aufgegangen und seinen Inhalt auf den
Bahnsteig verstreut hatte, zusammenraffte, machte sich Katharina im
Innern des Abteils zu schaffen. Sie nahm den Herrenhut, mit dem der eine
Ecksitz belegt war, und warf ihn mit energischer Geste ins Gepcknetz.
Dann setzte sie sich selbst auf den Platz.

Und als kurz vor der Abfahrt des Zuges ein lterer Herr einstieg und
verwundert bemerkte: Diesen Platz hatte ich mit meinem Hut belegt!,
erhielt er mit bsartiger Betonung die Antwort: Dann htte Se Ihrn
Deckel uff den Blatz, unn net da owwe hie lege solle!

Adolf hielt es fr seine Pflicht, seiner Frau beizuspringen, und
betonte, der Platz sei allerdings unbelegt gewesen. Es war ihm nicht
wohl bei dieser Lge.

Aber Katharina hatte keinen Sinn fr solche ritterliche Beihilfe. Halt
Dei Maul! herrschte sie ihn gereizt an. Ich wer' mit dem Herrche da
schonn allaans fertich! Da bin ich schonn mit ganz annern Leut fertich
worn!

Der Herr lchelte und schwieg.

Und auch Adolf schwieg. Aber er lchelte nicht dabei. In seinen
Kinderaugen standen zwei groe Trnen.

Und dann pfiff die Lokomotive, und der Zug fuhr ab.

Vater Bindegerst winkte noch einmal kurz mit der Hand, dann drehte er
sich um und ging heim. Das Gewissen schlug ihm, er verfiel in
Selbstvorwrfe und indem er die Bahnsteigkarte abgab, murmelte er, zum
Erstaunen des Schaffners: Ich htt's #doch# net dhun solle!

Katharina schmiegte sich trotzig in den Eckplatz, starrte die Decke an
und schmollte. Denn dies ist die Universalwaffe aller Frauen, die im
Unrecht sind.

Mit diesem Zug fuhr Adolf Borges direkt in die Hlle.




Vater Bindegerst sa einsam in seiner Werkstatt und drechselte an einem
Spazierstock. Es sollte ein kleines Kunstwerk werden: den Griff bildete
ein Affenkopf mit fletschenden Zhnen, und gerade war Meister Bindegerst
dabei, in diesen Kopf die braungelben Glasaugen einzusetzen.

Unser Meister fhlte sich mehr als Knstler denn als Zoologe, und so ist
es begreiflich, da man den Affenkopf auch recht gut fr einen
Kaninchenschdel oder eine Bulldogge halten konnte; ja, der
geschmackvolle Kufer dieses Spazierstockes uerte sogar, als er ihn
erstand: Schad, da der Rehbock kaa Geweih hat!

Vier Tage schon war Bindegerst nun Junggeselle. Das junge Paar hatte
noch nichts von sich hren lassen, und er war darber keineswegs
erstaunt. Kannte er doch sein holdes Tchterlein viel zu gut, als da er
htte befrchten knnen, sie werde die Verschwendung einer
Ansichtspostkarte an ihn dulden.

Katharina war geizig. Noch viel geiziger, als es die Natur bei der
Verteilung weiblicher Reize gegen sie gewesen war.

Der liebe Gott und der Teufel sind scharfe Konkurrenten, und hat der
liebe Gott den Adam nach seinem Ebenbilde geschaffen, so lie es sich
der Teufel nicht nehmen, manche Eva nach dem seinigen zu bilden. In der
Person Katharinas war ihm ein Prachtexemplar gelungen, und alle in der
Hlle schmorenden Kunstkritiker (und das waren nicht wenige) stimmten
darin berein, er habe zu Katharina seine eigene Gromutter als Modell
genommen.

Bindegerst nutzte die Abwesenheit seiner Tochter nach Krften aus. Er
lie an dem Glaslster seiner Werkstatt smtliche Flammen brennen, denn
nun war ja niemand da, der sie ihm bis auf eine vor der Nase
ausschraubte und dabei keifte: Du findst wohl Dei Geld uff der Gass'?
Odder bistde vielleicht an dere Gasgesellschaft #bedeiligt#?! Ei, ich
dht merr an Deiner Stell noch e Petroliumlamp uff de #Hinnern# binde,
da die Illumination fertich is!

Gott sei Dank, jetzt war niemand da, der so etwas sagte.

Und er konnte jetzt auch, wie Hans Sachs in den Meistersingern, zu
seiner Arbeit sein Lieblingslied singen, ohne da sich pltzlich ein
bissiger Kopf in der Tre zeigte und ihn anschrie: Hr uff mit dem
Gegrhl! Sonst laaft die Milch zusamme!

Und Meister Bindegerst sang doch so schn! Nur konnte man bei seinem
Lied, wie bei dem Affenkopf des Spazierstocks, nicht recht
unterscheiden, was es eigentlich vorstellen sollte! Dafr aber sang er
stets fortissimo. Denn was ein richtiger Musiker ist, der ist nicht
zimperlich.

Vor allem aber konnte sich der unbeaufsichtigte Herr Papa jetzt einmal
grndlich seiner heimlichen Geliebten widmen.

Ja, Vater Bindegerst hatte eine stille Liebe. Nicht etwa, wie schlechte
Menschen vermuten werden, ein weibliches Wesen, -- o nein, seine
Geliebte war keines der Geschpfe, die unsere Liebe so oft mit Undank
lohnen, die einen Herkules an den Spinnrocken demtigen, einem Simson
die Haare schneiden und als Honorar fr ein bichen Schleiertanz einen
Heiligenkopf fordern, nein, seine Geliebte war jenes Wesen, das noch
keinen Anbeter unerhrt gelassen hat und dem dennoch jeder Liebhaber
dauernd treu bleibt: seine Geliebte war der Alkohol.

Was fr eine musterhafte Geliebte ist doch der Schnaps! Sie beansprucht
keine neuen Rckchen, Blusen und Spitzenhemdchen, sie ist jahrein,
jahraus mit dem schlichten Gewande einer alten Glasflasche zufrieden.
Sie beansprucht nicht, ins Theater, Kino und Kabarett gefhrt zu werden,
sie begngt sich mit dem dunklen Pltzchen unter einer Drechslerbank.
Sie sucht sich keine modernen Hte aus und lt dir die
schreckenerregende Rechnung schicken, nein, sie trgt im Frhling,
Sommer, Herbst und Winter denselben abgebrochenen Korkstopfen.

Und berkommt dich die Stunde der Zrtlichkeit und du kneifst sie zur
Einleitung in die Wangen, so murrt sie niemals: La mich! Ich bin jetzt
nicht aufgelegt!, sondern sie lchelt dich, verfhrerisch wie immer,
an: Trinke merr noch e Trppche!

Herr Drechslermeister Bindegerst war nicht der Joseph, einer solchen
Verfhrungskunst zu widerstehen. Alle Viertelstunde hrte er es unter
der Drechslerbank hervorkichern, und galant und ritterlich fate er
alsdann die Geliebte um die glatte Taille, hob sie ans Tageslicht oder
ans Gaslicht, drckte auf ihren Hals seine trockenen Lippen, wischte
sich nach einem langen, langen Ku mit dem Handrcken den Schnabel und
stellte fest: Es schmeckt scheulich, awwer 's is nahrhaft! Der Mensch
is e Maschin unn mu von Zeit zu Zeit gelt wern! No, le merr noch e
Trppche! ...

Seine Hoffnung, das neue Ehepaar dauernd ausquartieren zu knnen und
Alleinherrscher im Hause zu werden, hatte sich freilich nicht erfllt.
Wohl hatte Adolf, der Nachgiebige, dem Vorschlag beigestimmt, aber
Katharina hatte hhnisch erklrt: Nix do! Die Wohnung nemme #mir#! Unn
du ziehst enuff ins Dachstibbche!

Und mit gewohnter Tatkraft hatte sie sogleich mit dem Umrumen begonnen.
Sie brauchte dazu keinen Dienstmann, ihre robusten Arme bewltigten die
schwersten Kisten und Ksten mhelos.

Adolfs Habseligkeiten wanderten treppabwrts in die kleine
Dreizimmerwohnung, und des Vaters kleine Schtze stiegen hinauf in den
Giebel.

Bei dieser gnstigen Gelegenheit unterzog sie das Eigentum ihres Papas
einer grndlichen Musterung, und sie machte dabei allerhand
berraschende Entdeckungen. Nicht nur stie sie zu ihrer Wut in einer
Westentasche auf zwei Kinobillets, die fr den gleichen Tag gltig waren
und auf zwei nebeneinander gelegene Pltze lauteten, sondern sie fand
auch die kleine Bibliothek, die sich der verschwenderische alte Esel
zugelegt hatte.

Um ihn nicht in falschen Verdacht zu bringen, sei festgestellt, da
diese Bcherei nur aus drei Werken bestand, nmlich: Der bayrische
Hiasl, Das Geschlechtsleben des Menschen und Was mu der Jngling
vor der Ehe wissen?

Und noch etwas anderes fand sie: einen Mahnbrief der Firma, die ihm das
Holz fr seine Drechslerarbeiten lieferte. Wann sie endlich ihr Geld
bekommen werde, frug sie an und drohte in unerquicklichen Wendungen mit
einer Klage.

Im ersten Augenblick dachte Katharina, die niemals sprachlose, daran,
ihrem Vater eine Szene zu machen, eine jener Szenen, die sich bei ihr zu
einem fnfaktigen Monolog auszuwachsen pflegten und beim geringsten
Widerspruch sogar zu einer Trilogie anschwollen.

Aber sie befrchtete eine Trbung ihres Brautstandes, denn die weibliche
Zungenfertigkeit ist etwas, was der Jngling #nicht# vor der Ehe zu
wissen braucht.

Sie begngte sich daher damit, in groen Bleistiftzgen unter den Brief
zu schreiben: Gelesen. Katharina.

Dann legte sie ihn wieder in die Schublade, in der sie ihn gefunden
hatte. Das gengte. Nun wrde der Vater schon merken, da sie eine neue
Waffe gegen ihn besa, und sein Verhalten danach einrichten.

Hierin tuschte sie sich allerdings. Der alte Snder empfand keineswegs
das Bedrfnis, den Mahnbrief wiederholt zu lesen, und lie ihn ruhig in
der Schublade schlummern, bis ihn die Muse fraen.

So war es gekommen, da Vater Bindegerst sein eigener Zimmerherr wurde.
Er hatte damals, als er Adolf die Dachhhle anpries, viel Gutes von der
Behausung da droben zu erzhlen gewut und sie e schee Zimmerche
genannt, -- nun, da er selbst darin wohnen mute, fand er, da sie ein
Saustall ersten Ranges sei.

Ihm mangelte die edle Selbstbescheidung seines Schwiegersohnes, er
versprte nicht die geringste Lust, seinen Kopf zum Dachfenster
hinauszustrecken und an den Anblick der kleinen Menschlein da unten
philosophierende, lchelnde Betrachtungen zu knpfen. Er benutzte das
Fenster lediglich dazu, manchmal hchst unbekmmert hinauszuspucken. Fr
den Mondschein hatte er gar nichts brig, und den musikalischen Katzen
konnte ein so hervorragender Snger wie er, schon aus knstlerischem
Grundsatz nicht wohlgesinnt sein.

Wann nor der Blitz die ganz Bud' zusammehaage wollt'! dachte er, wenn
er in dem wackeligen Bett lag. Nchstens quardiert mich mei
liewenswerdig Dochter noch in eme #Luftballon# ei'! Odder se zieht merr
e Schnor dorch die Nos unn lt mich als Drache steie! Die Krnk soll se
kriehe! Awwer gleich!!

Nun, Gott sei Dank, jetzt hatte er vorerst seine Ruhe vor dem
vermaledeiten Familienglck!

Gerade hatte Bindegerst in seiner festlich beleuchteten Werkstatt wieder
traute Zwiesprache mit seiner heimlichen Geliebten gehalten und wischte
sich den Schnabel ab, um seiner schnapsologischen Ernhrungstheorie
Ausdruck zu geben, als es leise an die Tre klopfte.

Erei, wer draue is! rief er.

Und herein schlich die klgliche Gestalt seines Schwiegersohns.

Quer ber der Stirne prangte eine breite Kratzwunde und sein rechtes
Auge war merkwrdig verschwollen.

Mit gesenktem Kopf blieb er in der Tre stehen.

Erstaunt sah Bindegerst von seiner Arbeit auf und gab heimlich mit dem
Fu seiner stillen Liebe einen Tritt, damit sie tiefer unter die
Drechslerbank schlupfe.

Ich bin widder da! seufzte Adolf tonlos.

Ich guck's! besttigte der Alte, und ein boshaftes Lcheln spielte um
seine Mundwinkel. Er bedurfte keiner Erluterung, er erriet alles. Nicht
ohne Spott frug er: Unn wo is dann 's Kttche?

Hilflos zuckte Adolf die Achseln.

Ein Engel ging durchs Zimmer, -- eine in dieser Behausung hchst
ungewohnte Erscheinung. Bindegerst wartete, ob sein Schwiegersohn nicht
anfangen wrde, die Geschichte seiner unterbrochenen Hochzeitsreise zu
erzhlen.

Aber Adolf schien vllig geistesabwesend. Er empfand nicht einmal das
Beschmende seiner tragikomischen Lage; nur traurig war ihm zu Mute,
traurig wie einem Kind, dem ein bser Hund die Lieblingspuppe entrissen
hat und in Fetzen beit.

Beinahe leid tat er seinem Schwiegervater.

No, komm nor her! sagte Bindegerst schlielich. Vor #mir# braachstde
kaa Angst zu hawwe: ich kratz net! Unn scheniern braachstde Dich #aach#
net: die Handschrift is aach schonn uff #mei'm# Kopp zu lese gewese!
Wann aach net mit so groe Aafangsbuchstawe! -- Wie is'n des komme?

Adolf machte eine mde, abwehrende Handbewegung.

Er wollte nicht darber sprechen. Er htte auch gar nicht so genau sagen
knnen, wie sich die Unglcksszene entwickelt hatte. Mit einem ganz
unbedeutenden Wortwechsel war es angegangen, er hatte die
Unvorsichtigkeit besessen, in einer nebenschlichen Angelegenheit
anderer Ansicht zu sein als das ihm angetraute Turteltubchen, und
pltzlich sah er sich einer tobenden Furie gegenber und hrte zum
ersten Mal den Aufschrei: Prinze unn Korferschte htt' ich heierate
knne, unn Dich Schlappschwanz mu ich nemme!! Und ehe er noch dazu
kam, einzulenken, die grundlos Erregte zu beruhigen, und alles, was er
gar nicht gesagt hatte, zurckzunehmen und um Verzeihung zu bitten,
sprte er schon zehn Fingerngel im Gesicht.

Als er die Augen, seine erschrockenen blauen Kinderaugen, wieder
ffnete, war Katharina verschwunden.

Da war er traurig zum Bahnhof gewankt und hatte sich eine Fahrkarte nach
Offenbach gelst.

Mit dem Wirt hatte er nicht erst abzurechnen brauchen, denn die Kasse
fhrte Katharina.

Whrend der ganzen Eisenbahnfahrt hatte er zum Fenster hinausgestarrt,
aber er hatte nichts gesehen von den Drfern, Stdten, Wiesen, Wldern
und Bergen, die vorbeihuschten.

Wie ein Fiebernder das Buch, das aufgeschlagen auf seiner Bettdecke
liegt, liest, ohne da die gedruckten Buchstaben sich seinem wirren
Geiste zu Worten und Stzen verbinden, so starrte er in das
weitaufgeschlagene Bilderbuch der Natur und ward sich keines Schauens
bewut.

Ein Riesenspielzeug war die weite Landschaft, aufgestellt von der
tppischen Hand eines Gigantenjungen, und ein hmischer Kobold blies nun
das schne Spielzeug mit dicken Backen um, so da es in tollem Wirbel an
dem Eisenbahnzug vorbeisauste.

Ein Traumwandler, ging Adolf durch die Straen Offenbachs, instinktiv
den Weg nach Hause findend, und nur einmal, in der Nhe der
Schlostrae, war er zu dem erschreckten Gedanken erwacht: Wann Dich
nor niemand aus'm Geschft guckt! Was dhte die sonst denke!

Und schnell war er in eine Seitengasse eingebogen.

Und nun stand er in seiner Wohnung, die ihm mit einem Mal so fremd
vorkam, und wurde von einer unbeschreiblichen Sehnsucht zerrissen, sich
an eine mitfhlende Brust zu werfen, um sich den Schmerz von der Seele
zu weinen.

Aber der alte Bindegerst mit seiner heimlichen Geliebten war dazu nicht
die geeignete Persnlichkeit. Das empfand der arme Adolf nur allzu
deutlich. Und so harrte er in der Tre, mit den Trnen kmpfend, und ihm
war, eine eherne Faust wrge ihm die Gurgel.

Mach wenigstens die Dhr zu! forderte ihn Bindegerst auf und wandte
sich wieder seiner Arbeit zu. Zugluft is net gut for so'n
Schwerverwundete!

Mechanisch gehorchte Adolf Borges und trat neben ihn an die
Drechslerbank, stumpf seinem Beginnen zuschauend.

Vater Bindegerst war mit dem Einsetzen der Glasaugen fertig, er gab
jetzt seinem Meisterwerk den letzten Glanz, indem er den Affenkopf mit
Sandpapier abrieb. Er lie sich Zeit dazu, und als er die Arbeit fr
vollendet hielt, hob er stolz den Spazierstock seinem Schwiegersohn
unter die Nase und frug selbstbewut: No, for was for e Viech hltstde
des?

Dabei fiel sein Blick in Adolfs Augen und entrstet fuhr er fort:
Bistde iwwergeschnappt? Ich glaab gar, Du willst flenne? Bistde e
Mannsbild odder bistde e Schulbub, dem der Vadder 's Loch versohlt hat?
Waastde, was #ich# an deiner Stell dht?

Adolf wute es nicht.

Und deshalb belehrte ihn der alte Bindegerst, der sich dank der
Abwesenheit seiner Tochter und durch den eingehenden Umgang mit seiner
stillen Geliebten in sehr heldenhafter Stimmung befand, weiter: Soll
ich Derrsch sage? -- Ba emal uff!

Und er lie den Spazierstock mit dem
Affen-Kaninchen-Bulldoggen-Rehbockkopf sausend durch die Luft pfeifen.

Verschdehstde 's? Bedappelstde 's? #So# mutde 's mache! Mobilisier
Dich, Adolf! Des is die aanzig vernimftig Nadurheilmethod! Haag se, da
die Lappe fliehe! Mein Sege hastde derrzu! Gebb'r die Prichel zurck,
net mit fimf Prozent, net mit zeh Prozent, sonnern verdreifach'r des
Kapital! Verklopp se, bis ihr Buckel schillert wie e Regeboge! Sonst
kriehstde Dei Lebtag in Deiner Eh' kaan Sonneschei!

Und er begann eine Schimpfrede auf seine Tochter, eine Racherede, wie
sie selbst der selige Cato senior in seinen besten Stunden nicht gegen
Karthago zusammengebracht hat, er lie kein gutes Haar an Katharina,
nicht einmal ihren Quetschekuche lie er mehr gelten, und er schlo
seine Predigt mit der, durch einen Faustschlag auf die Drechslerbank
unterstrichenen Pointe: Httstde liewer dem Deiwel sei Gromudder
geheierat' statt dem Satansweib! Ihr ganz Mudder is se! Die war grad so
aane! Gott, was ich mit der Fraa ausgestanne habb! No, der Deiwel habb
se selig!

Adolf Borges verstand von diesem ganzen Vortrag kein Wort.

Seine feuchten Kinderaugen starrten unverwandt auf den Fuboden, als
erwarte er, da jeden Augenblick aus einer Ritze des Fubodens ein Zwerg
hervorschlpfen msse, ein weibrtiger, greiser Mrchenzwerg mit einem
goldenen Krnlein auf dem Kopf, um zu sprechen: Adolf, das alles ist
gar nicht Wirklichkeit! Hokuspokus tickeltackel, geh hinauf ins
Schlafzimmer, dort wirst Du Dein liebes Weibchen im Bett finden, die
schon lange auf Dich wartet, um Dich abzukssen!

Aber kein Zwerglein kam hervorgekrochen, und als Adolf endlich in das
Schlafzimmer ging, da war es leer, und ach, so still.

Ein einziges Mal regte sich etwas, aber das war nicht im Schlafzimmer,
sondern ein Stockwerk tiefer: Vater Bindegerst hatte im Schwips seine
Schnapsflasche fallen lassen und war gegen die Drechslerbank getaumelt.

Am nchsten Vormittag traf Katharina ein.

Sie tat, als sei gar nichts vorgefallen, stellte das Handkfferchen auf
den Vorplatzschrank, legte Hut und Mantel ab, schlpfte in einen alten
Rock und begann in der Kche zu wirtschaften.

Adolf war schon frhzeitig aufgestanden, er sa zerknirscht im
Wohnzimmer, nachdenkend darber, mit welchem Kitt er seine in die Brche
gegangene Ehe wieder zusammenheften knne.

Ach Gott, sagte er sich bekmmert, was hilft des jedz alls? Unn wann
ich se mit der zhste Zrtlichkeit zusammebabb, so hat #doch# en Sprung
unn bleibt invalid! Ich habb merr die Eh' vorgestellt wie en
wunnerscheene Borzellandeller, von dem ich mit meim Kttche nix wie
lauder Sieigkeite fresse wollt', -- unnn jedz is der Deller kapores,
unn e Eck is abgestumbt, unn merr derf'n vor fremde Leut gar net mehr
gucke lasse! Unn die Sieigkeite, -- ach, ich glaab als, 's werd nix wie
Handks, unn Handks e ich gar net gern...

Pltzlich war es ihm, als hre er in der Kche Jemanden hantieren. Ein
freudiger Schreck elektrisierte ihn, er sprang auf und eilte hinaus.

Da stand Katharina am Herd und rhrte einen brodelnden Kochtopf.

Kttche! frohlockte er, glckselig, sie wieder zu sehen, mei lieb
Kttche, wannstde wit, was ich for Angst um Dich gehabbt habb! Bistde
dann gut gefahrn? Willstde Dich net e bissi umlege? Du werst mied sei'!

Aber Katharina wrdigte ihren Gatten keiner Antwort. Mit einem
verchtlichen Seitenblick auf ihn rhrte sie weiter den Kochtopf.

Willstde merr net wenigstens Gu'n Morsche sage? bat Adolf.

Gu'n Morsche, Hansworscht! sagte Katharina. Aber nicht scherzhaft,
sondern bissig und gehssig, in einem Tonfall, der keine Fortsetzung des
Gesprchs zulie.

Da schlich Adolf geknickt wieder ins Wohnzimmer.

Was habb ich'r nor gedhaa? jammerte er vor sich hin. Ich habb'r doch
kaa aanzig bees Wrtche gewwe! -- No ja, ich bin kaa Kavalier, ich kann
kaa so scheene Sprch mache wie die nowle Leut, ich kann kaa Affednz
uffiehrn unn erumhippe wie die Judde ums goldene Kalb, -- awwer des hat
se doch #vorher# gewit!

Unn da ich se lieb habb, des #mu# se doch spiern! Ich habb's doch
#aach# gespiert, wie se merr uff de Kopp gehaage hat!

Unn die Lieb is doch, waa Gott, e dausendmal strker Instrument als wie
e Faust! Unn ich maan als, so e werklich Lieb als wie die meinigt, die
#mu# se doch merke!

Wann merr in so e Menscheherz ereiruft: Ich lieb Dich!, dann kann doch
des Echo net zurickrufe: Steih merr de Buckel enuff! Des wr doch gege
die ganz Nadurgeschicht!

Awwer vielleicht habb ich se #doch# beleidigt, unn waa es gar net?
Vielleicht is merr doch erjend so e Wrtche erausgerutscht, was ich
besser erunnergeschluckt htt, unn was err weh gedhaa hat? Der Mensch
babbelt ja soviel dumm Zeug, unn aach der Keenig Salomo hat gewi in
seim Lewe 'n ganze Haufe Stu geredt, -- es steht blo net in der Biwel
drin. Awwer was kann ich'r blo Verkehrtes gesacht hawwe?

Er sann und sann und kam zu keinem Ergebnis. Er trat vor den Spiegel und
betrachtete wehmtig seine Kratzwunde an der Stirn und das verschwollene
Auge und flsterte: Schee guck ich aus! Wunnerschee! Wann des so
weitergeht, la ich mich bei meiner silwerne Hochzeit in Spiritus
setze!

Und da Katharina nicht zu ihm hereinkam, tappte er die Treppe hinunter
in die Werkstatt seines Schwiegervaters und meldete: Gu'n Morsche,
Vadder! Unn se wr' widder da!

E Erdbewe wr merr liewer! sagte Bindegerst.

Aber Adolf wunderte sich schon nicht mehr ber diese liebenswrdige
vterliche uerung. Er hockte sich auf einen Schemel, sttzte den Kopf
in die Hnde und frug erschpft: Is se immer so?

Immer! besttigte der Alte. Immer! Nor manchmal net! Manchmal is se
noch schlimmer. Bis jedz hastde se nor Schottisch danze sehe, awwer ba
emal uff, wann se erscht Galopp danzt! Da kannstde Dei blau Wunner
erlewe! Des Rezept zu dem Danz hat se von ihrer selig Mudder geerbt,
grad wie des Rezept zum Quetschekuche! Ich sag Derrsch, Adolf, des Lewe
is e Gemeinheit! E gro Gemeinheit! Zeit wrsch, da e neue Sintflut
komme dht, awwer #ohne# Arche Noah! Vier Woche sollt's nix als wie
Schnaps regne, da merr all drin versaufe, -- des wr wenigstens e
scheener Dod!

Es entstand eine Pause, die Bindegerst dazu benutzte, seiner stillen
Geliebten zuzusprechen. Er genierte sich jetzt gar nicht mehr vor seinem
Schwiegersohn.

Warum hastde merr dann des net frieher gesacht? sthnte Adolf.

Bindegerst lachte drhnend. Warum ich Derr des net frieher gesacht
habb? -- Guck Derr emal den ahle Schrank in der Eck aa! Des Schlo is
kabutt, unn in der Rickwand is e Mordsri, ich habb'n blo e bissi
zugebabbt. Wann jedz e Kundschaft km unn wollt den Bawel kaafe,
maanstde, ich wer' sage: Lasse Se die Finger dervoo! Der Schrank is de
Transbort net wert! Maanstde, ich bin so meschugge? Naa, mei Liewer!
Aapreise wer' ich'm de Schrank unn hunnert Jahr Garandie geww ich'm, dem
Olwel! Unn so mach ich's mit #alle# Mwel, -- aach mit de lewennige!
Braach ich mit #fremde# Aage zu gucke? Ich guck mit meine eigne nix!

Da fhlte Adolf Borges, da er auch von seinem Schwiegervater verlassen
war.

Das Herz krampfte sich ihm zusammen und er hatte ein bitteres Wort auf
der Zunge.

Aber noch ehe er es aussprechen konnte, kreischte eine Stimme von oben:
Macht, da'r enuffkimmt! Der Kaffee is fertich!

Es war Katharina, deren Ahnungsvermgen ihr gesagt hatte, da sie es
nicht zu einem Bndnis der beiden Mnner kommen lassen drfe, und da es
unklug sei, sie zu lange allein beisammen zu lassen.

Ein schweigsames Frhstck war es. Keines wollte ein Wort sprechen. Nur
der alte Bindegerst bemerkte einmal zwischen zwei Schlucken Kaffee: Im
Odewald soll's frieher Hexe gewwe hawwe!

Da warf ihm Katharina einen bitterbsen Blick zu. Erst kaute sie den
Bissen fertig, den sie im Mund hatte, dann erwiderte sie: Unn in
Offebach, da gibbts sogar heut noch Rindviecher!

Jede dieser Bosheiten Katharinas, auch wenn sie nicht gegen ihn selbst
gerichtet war, verwundete Adolf wie ein Schlangenbi. Er konnte es
begreifen, da ein Mensch in pltzlicher Erregung sich verga, schrie
und tobte, wie das zuweilen der dicke Herr Schrder tat, wenn er seinen
nervsen Tag hatte, aber unfabar war ihm diese sich ewig
gleichbleibende, kaltbltige Bosheit.

Wie konnte ein Mensch so bis zum Rande vollgeladen sein mit Tcke und
Streitsucht? Und gar ein weibliches Wesen?

Die wenigen Frauen, die er, der Frauenfremde, bisher hatte beobachten
knnen, waren alle ganz anders gewesen.

Da waren die Geschftsfruleins, kleine Kcken, die sorglos-heiter
herumpiepsten und in dem groen Hof des Lebens nach Liebschaften
pickten; da waren die Gattinnen seiner Chefs, solide gutgenudelte
Hennen, die wrdevoll gackerten und herablassend mit dem Kopf zu nicken
verstanden; da waren die Damen der Kundschaft, Federvieh von allen
Sorten, jeden Alters und jeder Rasse, -- aber so ein giftgeschwollener
Truthahn wie Katharina war ihm noch nie unter die Augen gekommen.

Als das Frhstck abgerumt war und er wieder allein im Zimmer sa,
grbelte er von neuem ber sein Schicksal nach. Und mit der kindlichen
Gutmtigkeit, die ihn fr jede menschliche Schlechtigkeit eine
Entschuldigung suchen lie, redete er sich ein: Vielleicht kann se gar
nix dafor, da se so is? Ihr Mudder soll ja e bees Reibeise' gewese
sei', unn iwwer ihrn Vadder geht merr aach allmhlich e Petroliumlamp
uff! Wie htt des arm Mdche da annerschter wern knne? In eme
Eisschrank kann kaa Veilche gedeihe. Wer waa, wie se mei Kttche mit
Schmi unn Schenne uffgezoge hawwe! Unn jetz hlt se die ganz Welt for e
Generalversammlung von Verbrecher und Bsewichter. Ich mu recht lieb zu
err sei unn recht gut, dann werd se sich gewi nnern. Geduld mu ich
hawwe, da se Vertraue zu merr krieht! Unn wann se erscht merkt, ich
maan's werklich gut mit err, ich will se net ausnitze, dann werd
zuerscht e Wandlung mit ihrm #Herzche# vor sich gehe, unn dann, so Gott
will, aach e Wandlung mit ihr'm #Schnawwel#!

Und er begann sogleich, einen Versuch auf diesem Wege zu machen; leise
schlich er in die Kche hinaus, trippelte auf den Zehenspitzen von
hinten an Katharina heran und drckte blitzschnell einen Ku auf ihren
Nacken.

Ein heftiger Ellbogensto in die Magengegend war die Antwort. Du bist
wohl net bei Trost? Was soll dann des haae? Scher dich zum Deiwel,
Faulenzer!

Dieses Wort verletzte Adolf Borges tief. Faulenzer hatte ihn noch
niemand genannt. Da ihn Herr Feldmann und der eklige Kassierer mit
allerhand Kosenamen aus Brehms Tierleben belegten, war er gewohnt, aber
Faulheit, -- nein, dieses Laster hatte ihm noch niemand vorgeworfen.

Hatte er nicht sein Leben lang geschafft wie ein Packesel? Und jetzt
sagte seine eigene Frau ...

Ja, glotz mich nor aa! schrie Katharina. Du hast mich wohl noch net
richtich beguckt? Soll ich Derr e Fodografie schenke? -- Jawohl, e
Fauldier bistde! Was gehstde net in Dei Geschft?

Awwer Kttche, verteidigte sich Adolf, awwer Kttche, ich habb doch
noch fimf Dg Urlaub! Was solle se dann von merr denke, wann ich mitte
in meiner Hochzeitsreis zurickkomm!

Die wern schonn sowieso wisse, was se von Derr zu denke hawwe! Bildste
Derr vielleicht ei', ich will Dich die fimf Dg hier erumlungern hawwe?
Zum Nixdhun haww ich Dich net geheierat!

Und pltzlich im Ton umschlagend fing sie an zu jammern: O Gott, ich
unglicklich Fraa! Prinze unn Korferschte htt ich hawwe knne, unn so en
Schlappschwanz, so'n draurige, mu ich nemme!

Adolf wartete nicht, bis der Ton zum zweiten Mal umschlug und wieder die
keifende Roheit zum Vorschein kam. Er ging hinaus, setzte seine Mtze
auf und lief ins Geschft.

Und als er vor dem Geschftshaus stand und in die groen Schaufenster
blickte, in denen die Modellpuppen standen, die er so oft abgestaubt
hatte, da war ihm, als sei dieses Haus seine eigentliche Heimat, als sei
#hier# seine Familie, und sein Heim bei Katharina sei nur eine
Schlafsttte, in der er aus Mitleid geduldet wurde.

Er ward beinahe gutgelaunt, als er vor den erstaunten Herrn Schrder
hintrat, um sich zurck zu melden. Er freute sich auf die erlsende
Arbeit.

Und es ging ihm durch den Kopf: Die Arweit is doch des wahre Baradies!
Unn die ganz Geschicht mit dem Ebbelbaam, die glaaw ich iwwerhaapts net!
Die Sach werd ganz annerschter gewese sei'. Der Adam-selig hat sich
aafach #gelangweilt# in dem baradiesische Palmegarte unn hat zum liewe
Gott gesacht: Mensch, hat'r zum liewe Gott gesacht, Mensch, ich komm
um vor Langweil! Schmei mich enaus aus dem Garte, odder ich vertrampel
Derr 's Gras! Unn weil der liewe Gott e gescheider Mann is, hat er
erwiddert: Adamche, ich will Derr e Uniwersalmedizin erfinne gege die
Langweil unn gege jeddes Unbehage unn jedde Unzufriddenheit! Unn er hat
die #Arweit# erfunne. Unn da war die Schpfung erscht richtich fertich!

No?? sagte Herr Schrder. No, schonn widder zurick? Was is dann?

Ach, wisse Se, meinte Adolf verlegen, es war so schleecht Wetter, da
bin ich liewer widder haam!

Hm! machte Herr Schrder bedenklich. Hm ... ich habb immer gemaant,
bei Regewetter liebt sich's am scheenste!

Aber weil der dicke Herr Schrder mit Recht fand, Adolfs
Privatangelegenheiten gingen ihn eigentlich nichts an, forschte er nicht
weiter.

Weniger zartfhlend waren die Angestellten der Firma. Sie kicherten, als
sie das scheppe Adolfche wieder auftauchen sahen, sie machten Witze,
da die Damen rot wurden, und der erste Reisende stichelte, mit einer
Anspielung auf Adolfs Stirnwunde: Merr sollt dem Odewald widder emal
die Fingerngel schneide! Maane Se net aach?

Der eklige Kassierer aber grinste: E schee Aussicht misse Se gehabbt
hawwe vom Melibokus! Ihr Aag is #jedz# noch ganz geschwolle!

An diesen schmerzhaften Stichelreden beteiligte sich nur ein einziges
Mitglied der Firma nicht, der zweite Buchhalter Heinrich Baldrian. Das
war berhaupt ein eigentmliches Mnnlein, eines von den
Menschenkindern, denen das Leben so ziemlich alles schuldig geblieben
ist, und die dennoch mit einer Miene herumlaufen, als seien sie selbst
jedermann etwas schuldig. Dieses alte Buchhalterchen war ein
unglckseliges Geschpf, ein Kunstenthusiast, dessen Talent zu seinem
groen Schmerz nicht ausreichte, selbstschpferisch zu sein. Er hatte in
seinen jungen Jahren dicke Hefte voll Gedichte geschrieben, ja sogar
Dramen verfat, und hatte wohl auch eine Zeitlang, ermuntert durch den
Beifall kritikloser Freunde, an sich geglaubt wie der Schneider von Ulm
an seine Flgel.

Bis ihm mit zunehmendem Alter die Erkenntnis dmmerte, da er in den
Grten der Poesie auf geliehenen Stelzen herumstolperte. Da hatte er
seine smtlichen Werke verbrannt. Aber seine groe Sehnsucht hatte er
nicht mitverbrennen knnen.

Heinrich Baldrian war ein einsamer Mensch geworden; stolz und
unglcklich zugleich in seiner Einsamkeit. Das Wissen, das er sich durch
fieberhaftes Lesen angeeignet hatte, die stille Wrde, die die
Beschftigung mit ewiger Kunst dem Jnger verleiht, lieen ihn die
Beteiligung an den billigen Spen der brigen Angestellten verschmhen;
Adolf Borges war einer der wenigen Menschen, in denen er verwandte
Anlagen zu ahnen glaubte. Von dem aber trennte ihn die tiefe Kluft des
Bildungsunterschiedes. Er mute sich damit begngen, dem scheppe
Adolfche stets ein freundliches Benehmen zu zeigen und im
unvermeidlichen geschftlichen Umgang ihm jene kleinen Hflichkeiten des
Herzens zu beweisen, die so wohl tun.

Adolf kmmerte sich nicht um die Sptteleien, die ihn empfingen. Mit
einer wahren Wollust strzte er sich in seine Arbeit. Noch nie war ihm
das Paketschnren so kstlich erschienen.

Ihm war zumute wie einem verlaufenen Hund, der wieder heimgefunden hat.

Und als er bei der Arbeit in einem der hohen Wandspiegel zufllig seine
Kratzwunde erblickte, lchelte er vor sich hin: Guck emal: e Kron haww
ich aach! Mit zwaa Zinke! Der aa Zinke is schonn fast verheilt! Wie
weit's der Mensch doch bringe kann!

Und als ihn Herr Feldmann zum ersten Male wieder ein Kamel nannte, da
war ihm wie einem aus der Fremde Heimgekehrten, der zum ersten Mal die
Muttersprache wieder hrt.

Alles uff der Welt is Gewohnheit! sagte er sich. Unn ich wer' mich
schonn aach am Kttche sei Grobheite geweehne! Ich habb mich ja aach an
des Gekrisch von dene Katze geweehnt! Unn wer waa: vielleicht is es
beim Kttche gradso wie bei de Katze, unn se kreischt blo #aus Lieb#
so? -- Gewohnheit is alles, unn ich bin iwwerzeigt: wann der Mensch mit
Zahnweh uff die Welt km', dht 'r se gar net spiern, sonnern er km'
sich krank vor, wann er emal #kaa# Zahnweh htt'!

Einige Tage spter erlebte Adolf Borges eine neue eheliche berraschung.

Als er abends aus dem Geschft heimkam, empfing ihn Katharina mit der
kurzen, aber vielsagenden Frage: No??

Was is, lieb Kttche? fragte Adolf.

Wannsde noch emal Lieb Kttche sagst, haag ich Derr 'n Kochlffel uff
die Schnut! gab Katharina diese Zrtlichkeit zurck. Des dumm Gebabbel
mecht mich ganz nervs! Nchsdens kimmstde noch mit Glacehandschuh unn
Frack in die Kich! Des misse ja schee iwwerspannte Weiwer gewese sei',
mit dene Du Dich frieher erumgedriwwe hast!

Awwer Kttche, ich schwr Derrsch: Du bist des erscht weiblich Wese,
des wo --

Halt's Maul! Heut is doch Gehaltsdag gewese? Wo is 's Geld?

Awwer Kttche, --

Gebb's Geld eraus! Maanstde vielleicht, ich kann von der #Luft#
wertschafte? Mach kaa lange Umschdnd, des kann ich net verdrage!

Adolf sah ein, da sie nicht von der Luft wirtschaften knne.
Widerspruchslos zog er seine Geldbrse hervor und zhlte den Inhalt auf
den Tisch.

Is des alles?

Ja! Mehr haww ich net!

For so en schwige Gehalt dht ich dene was peife! S' is zum
Haar-Ausroppe! Prinze unn Korferschte htt' ich heierate knne! -- Da
sin fimf Mark, des mu lange! Merk Derrsch!

So hnlich mu es den Kaufleuten im 16. Jahrhundert zu Mute gewesen
sein, wenn Herr Gtz von Berlichingen oder ein anderer Raubritter sie
auf der Landstrae ausplnderte.

Aber lange hielt die Bitterkeit bei Adolf Borges nicht an. Er war ja
eine der harmlosen Seelen, die sogar zu einem Raubritter gesagt htten:
Von Ihr'm Standpunkt hawwe Se recht! Entschuldige Se nor, da ich net
mehr bei merr habb! Knnte Se merr vielleicht sage, Herr Raubridder, wie
ich am schnellste widder haamkomm?

Des Kttche hat vielleicht ganz recht, dachte er. Sparsamkeit is e
Dugend. Vielleicht is des Geld bei ihr besser uffgehowwe wie bei mir. Es
is ja aach als Mann mei Plicht unn Schuldigkeit, da ich se ernhr.
Dadafor soll ich aach ihr Herr sei'!

Aber unbehaglich war es doch, nicht mehr frei ber seine Einnahmen
verfgen zu knnen und ber jeden Pfennig Rechenschaft ablegen zu
mssen. Fnf Mark, -- das reichte ja kaum, das Flschchen Bier zum
Frhstck und zur Vesper zu bezahlen. Fnf Mark, damit konnte er doch
unmglich seine kleinen Ausgaben bestreiten. Wie wrde das werden, wenn
er einmal eine neue Mtze brauchte oder einen neuen Hosentrger? Sollte
er dann Katharina um Geld bitten? Um das Geld, das er selbst verdient
hatte?

Er nahm sich vor, nur einen Teil der Trinkgelder, die er hie und da
bekam, an Katharina abzuliefern und den Rest fr sich zu behalten. Die
ganzen Betrge seinem kleinen Geheimfond einzuverleiben, htte ihm sein
Gewissen nie erlaubt. Wie eine Unterschlagung wre ihm das erschienen.

Und dann hatte er ja auf der Sparkasse noch etwas ber viertausend Mark
stehen. Katharina wute wohl darum, aber es wurde nie davon gesprochen,
so wenig, wie je von einer Mitgift die Rede gewesen war.

Und doch kam im dritten Jahre seiner Schmerzensehe die Rede auf diese
Ersparnisse: der alte Bindegerst war es, der sich pltzlich lebhaft fr
das Sparkassenguthaben Adolfs interessierte.

Ihm bekam die Ehe seines Schwiegersohnes ausgezeichnet. Einen besseren
Blitzableiter fr die huslichen Gewitter hatte er sich gar nicht
wnschen knnen. Mit einer gewissen inneren Befriedigung sah er mit an,
wie sich alle die Donnerwetter und Hagelschlge, denen bisher er selbst
preisgegeben gewesen war, auf Adolfs Haupt entluden, whrend er im
Trockenen sa. Er machte sich sogar das Vergngen, heimlich ein bichen
zu hetzen, indem er einerseits Katharinas Ansprche aufstachelte,
andrerseits seinem Schwiegersohn soufflierte: La Derr nix gefalle!
Mach en Stormaagriff! Soll ich merr e Trombet' kaafe unn zor Attack
blose? Mensch, du blamierst unser ganz Geschlecht!

Da Katharina nicht viel Zeit und Lust fand, sich um den Alten zu
kmmern, wurde er geradezu bermtig. Eines Tages heftete er an die
Treppentre seiner Werkstatt ein Plakat: Weibern ist der Eintritt
strengstens verboten!

Und amsierte sich kniglich, als Katharina diesen, auf sie gemnzten
Zettel wtend in tausend Fetzen ri.

Aber wenn er der Knechtschaft seiner Tochter entronnen war, so war er
dafr um so schimpflicher unter eine andere Tyrannei geraten: unter die
Knute seiner stillen Geliebten. Er trank nicht mehr, er soff.

Er feierte an seiner Drechslerbank und oben im Dachstbchen stille
Gelage, trank dem Mann im Monde und den Katzen zu und hielt mit sich
selbst Volksversammlungen ab, in denen er das Thema: Das Leben ist eine
Gemeinheit! von allen Seiten beleuchtete.

berkam ihn der Weltschmerz, so sang er mit den Katzen Duette, die erst
ein Ende nahmen, wenn zwei Fuste an die Tre donnerten und die
bissigste Katze des Hauses schrie: Willstde Dei Maul halte, ahl
Volleul! Schmstde Dich net vor der Nachbarschaft?

Dann versicherte Bindegerst, die Nachbarschaft knne ihn sonst etwas.
Aber er stellte seinen Meistersang ein.

Ich glaab, Du riechst nach Schnaps? sagte einmal Adolf seinem
Schwiegervater.

Hastde gedenkt, ich wer' nach Veilcher rieche? erwiderte Bindegerst.
Wann Derr mei Duft net bat, httstde halt in e Bodanisierbchs
heierate solle, statt in unser Familje! Steck Dei Nos net in mein
Privatgeruch, des bitt ich merr aus!

Und Adolf hatte, wie immer, geschwiegen.

Bindegersts Hnde waren jetzt fters #unter# als #ber# der
Drechslerbank. Und die Affenkpfe seiner Spazierstcke nahmen immer
seltsamere Formen an. Die Glasaugen saen jetzt mitunter an Stellen, an
denen ein Naturforscher weit eher die Ohren vermutet htte, und sein
letztes Meisterwerk besa sogar wie weiland Polyphem nur ein einziges
Auge mitten auf der Stirn.

Fr solche Migeburten von Spazierstcken fanden sich begreiflicherweise
wenig Kufer, und dies war der Grund, weshalb sich Bindegerst pltzlich
fr Adolfs Sparkassenbuch zu interessieren begann.

Schon beim Abendessen hatte Bindegerst mit Adolf zu fueln angefangen.
Nicht zrtlich und kosend, sondern mit Offenbcher Derbheit. Er trat ihm
wider das Schienbein, da sein Schwiegersohn smtliche Engel im Himmel
und smtliche Teufel in der Hlle gleichzeitig _fortissimo_ singen hrte.

Und als Katharina einen Augenblick hinausgegangen war, um eine neue
Schssel Kartoffeln zu holen, flsterte er geschwind: Adolf, komm
nachher emal enuff in die Dachstubb, ich habb mit Derr zu redde!

Whren Katharina das Geschirr absplte, schlich Adolf hinauf.

Was is dann, Vadder?

Hock dich emal uffs Bett! Da sitzstde weich unn fllst net so leicht
um!

Es wurde Adolf unbehaglich. Was konnte sein Schwiegervater von ihm
wollen? Bindegerst machte ein so feierliches Gesicht. Sicherlich hatte
er keine erfreuliche Mitteilung in Bereitschaft.

Wannstde Dich vielleicht erst emal strke willst? frug der Alte und
hielt ihm die Schnapsflasche hin.

Ich sauf kaan Schnaps, Vadder!

Weilsde net waat, was gut is! Schnaps is gut for die Cholera, secht e
ahl Sprichwort. Ich will net draa schuld sei', wann e neu Epidemie
ausbricht!

Er hob die Flasche und labte sich. Wischte sich den Mund und zog aus der
rechten Hosentasche ein zerknittertes Papier.

Hockstde gut? -- Dann les emal!

Adolf entfaltete den Wisch, strich ihn glatt und las.

Es war eine gerichtliche Vorladung. Gast & Co. gegen Konrad Bindegerst
wegen Forderung.

E Gemeinheit! erwiderte Bindegerst Adolfs fragenden Blick. Des ganz
menschlich Lewe is e Gemeinheit! Wege lumbige dreidausendfimfhunnert
Mark verklagt aan die Lumbegesellschaft! Da gibbts Barone, die hawwe e
Milljon Schulde unn kaa Mensch verklagt se! Awwer der Middelstand, der
mu ja immer draa glaawe! Uff uns solide Berjersleut, da reit' ja der
Staat erum wie e dressierter Aff uff'me Kamel!

Und er hielt eine lange Entrstungsrede ber die unerhrten Zustnde,
die nach seiner Ansicht in Mitteleuropa, und zwar #nur# in Mitteleuropa
herrschten.

Ja, Vadder, bistde dann des viele Geld #schuldig#?

#Nadierlich# bin ich's schuldig! Maanstde, die verklage mich aus Jux?
Merr hawwe doch kaa Fastnacht! Freilich bin ich's ihne schuldig, dere
Saubagasch! For Holzlieferunge!

Dann mutde's aach zahle! entschied Adolf.

Bindegerst beguckte ihn spttisch. Merr knnt glaawe, Du httst
studiert! Du reddst wie e Amtsrichter! Awwer zahl emal, wannsde kaa Geld
hast! Kann ich hexe? Hokuspokus, da is e Milljard? Kann ich merr
Goldsticker aus der Nos ziehe, odder Dausendmarkschei aus 'me ahle
Zylinner? -- Ich habb 'n Dalles, den knnt merr for Geld gucke lasse!
Pleite bin ich! Unn da verklagt mich die Saubande uff so en Haufe Geld!
Kaum zwaa Jahr bin ich'r des bissi Geld schuldig, kaum siwwe Mal hawwe
se mich gemahnt, unn gleich wern se so ricksichtslos!

Adolf dachte nach. Das war ja eine schne berraschung. Er hatte seinen
Schwiegervater nie reich geschtzt, er hatte nie auf eine Erbschaft
spekuliert, aber er hatte es als Selbstverstndlichkeit betrachtet, da
die Drechslerei gut ging und ihren Mann ernhrte. Nie hatte er
wahrgenommen, da seinen Schwiegervater Schulden bedrckten, -- und nun
pltzlich diese Erffnung.

Ja, wie is dann des nor meeglich? stotterte er.

Bei Gott is kaa Ding unmeeglich! gab Bindegerst mit Wrde zurck.
Schuldemache is e ganz aafach Sach: du braachst blo nix zu bezhle!
Des annner kimmt dann ganz von selwer!

Es entstand eine Pause.

Der Alte beobachtete seinen Schwiegersohn mit verschmitzten, lauernden
Augen. Wart nor, dachte er, wart nor, ich krieh Dich schonn draa!

Waa es des Kttche? frug Adolf nach einer Weile.

Kaan Dunst! Dht se sonst so ruhig des Gescherr sple? En Schlagaafall
dht se kriehe, -- des haat: #sie# krieht de Aafall, unn #mir# kriehe
die Schlg! Nix waa se, unn se #derf# aach nix wisse!

Naa, se derf nix wisse! echote Adolf. Er hatte es sich zur Pflicht
gemacht, alle Unannehmlichkeiten, alle Aufregungen von Kthchen
fernzuhalten.

Bindegerst schmunzelte. Das Gesprch nahm ganz die Wendung, die er ihm
zu geben beabsichtigt hatte.

Oh, er war ein Schlaufuchs, und Adolf ein gutmtiger Narr!

Er nahm ein bekmmertes Gesicht an und klagte: Awwer se werd's halt
#doch# erfahrn! Wann erscht der Gerichtsvollzieher kimmt unn fngt aa,
unser Mwel als Briefmarke-Album zu benitze, dann merkt se's!

Er seufzte und beobachtete listig die Wirkung seiner Worte.

Wann se nor net krank werd von dem Schrecke! fgte er hinzu.

Se #derf# nix erfahrn! sagte Adolf geknickt. Unner kaane Umstnd derf
se ebbes erfahrn!

Ja, des sag ich ja aach! Awwer wie soll ich's verhinnern, Herr
Rechtsgelehrter? -- Guck, Adolf, ich steh ja gar net so schlecht, -- mei
Geschft is unner Brieder immer noch en Batze wert, -- no, unn mei Husi
hat aach noch sein Wert, wann merr die Hipotheke abzieht, -- ich brucht
halt nor en Mensch, der merr uff die Sicherheit hie so momendan
vierdausend Mark bumbe dht!

Er machte wieder eine Effektpause.

Ganz dicht stand er nun vor seinem Schwiegersohn und sah ihm scharf in
die Augen, whrend er sagte: Dhtst #Du# merr kaan wisse, der wo merr
so vierdausend Emmcher leihe knnt?

Adolf erhob sich vom Bett und begann im Zimmer auf und ab zu wandeln.

Viertausend Mark, dachte er. So viel hatte er gerade auf der
Sparkasse... Und schlielich war es doch sein Schwiegervater... Den
konnte er doch nicht in der Patsche sitzen lassen... Und das Entsetzen,
das er Katharina ersparte... Wenn der Gerichtsvollzieher ins Haus
kme!... Und eine Sicherheit bot ja das Geschft schlielich auch...

Er dachte in diesem Augenblick nicht daran, wie mhsam er seine
Ersparnisse gemacht hatte, wieviel Jahre seines armen Lebens er dafr
gefrohnt hatte, wie er sich jedes Vergngen versagt hatte, um nur
pnktlich den programmigen kleinen Betrag am Sparkassenschalter
abliefern zu knnen.

Er dachte nicht daran, da er auch jetzt noch sich nicht die kleinste
Extraausgabe leistete, whrend Bindegerst in schnapsfrhlichem
Faulenzertum dahindste.

Er sah nur, da er hier helfen konnte, und je mehr er darber
nachdachte, desto klarer erschien es ihm eine ganz einfache Pflicht, dem
Alten seine Ersparnisse anzubieten.

Bindegerst lie ihm Zeit. Er sagte sich, da er jetzt die Gedankengnge
Adolfs nicht stren durfte.

Da laaft er hie unn her, kicherte er in sich hinein, unn bildt sich
ei', er dht sich de Fall iwwerlege! Dabei laaft er nor in dem Kfig
erum, den ich 'm mit meim Gebabbel gebaut habb! Unn was'r sich in seim
dumme Kopp zusammereimt, des is all grad so, als ob #ich#'s em in die
Fedder diktiert htt! Adolf, was bistde e Olwel!

Ach ja, Adolf #war# ein Olwel. Denn alle guten Menschen sind Olwel. Ein
gutes Herz ist eine klare, reine Quelle, -- aber aus einer Quelle
trinken nicht nur die frhlichen Wanderer, nicht nur die lieben
Singvglein, sondern auch die raublsternen Marder sttigen sich darin,
und jedes vorbeitrampelnde Schwein steckt seinen Rssel hinein. Es ist
nicht wahr, da man durch Schaden klug wird. Durch Schaden wird man
hchstens #schlecht#. Und es gibt so gutmtige Olwels, da sie durch
Schaden immer dummer statt klger werden, weil sie nie auf Dank
gerechnet haben, sondern in dem Bewutsein, etwas Gutes zu tun, eine
Belohnung empfinden, die kein Schaden mindern kann.

Und so ein Olwel war auch Adolf Borges.

Ich waa aan', der wo Derr des Geld bumbe kann! sagte er und freute
sich seines Entschlusses. Adolf Borges haat er, unn morje gehn merr
zusamme uff die Sparka!

Awwer naa! sagte Bindegerst. Des kann ich doch net verlange! Des kann
ich gar net aanemme!

Warum dann net? sagte Adolf und war beinahe beleidigt. Es bleibt doch
in der Familje! Erbt halt emal der Vadder vom Sohn, statt umgekehrt!

Awwer des mutde merr wenigstens zugewwe: ich habb Dich net drum
#gebete#, sagte Bindegerst.

#Nadierlich# hastde mich net drum gebete! lchelte Adolf herzlich.
Ich dhu's aus merr selwer! Unn ich dhu's gern!

Und der alte Bindegerst dachte: Der is noch viel dmmer, wie ich
geglaabt habb! Schad, da er net #achtdausend# hat!

Er streckte ihm die Hand hin: Adolf, des verge ich Derr net! Adolf,
wannsde emal en Mensch braachst, der for Dich dorchs Feuer geht, dann
braachstde merr nor zu telefoniere!

Und Adolf war ganz gerhrt.

Jedz mu ich awwer widder erunner bei's Kttche!

Unn gell, Dei Fraa braacht nix davoo zu wisse!

Naa, se erfeehrt nix! -- Wann se mich awwer freegt, was merr so lang da
owwe gebabbelt hawwe?

Dann sagstde eifach ... dann sagstde halt ... ach was, es werd Derr
schonn e Ausredd eifalle! Du bist ja verheierat'!

Adolf bedurfte keiner Ausrede. Als er herunterkam, lag Katharina schon
schlafend im Bett. Sie sah in ihrer knochigen Drre, mit dem
unfrisierten Haar, mit dem schnarchend halbgeffneten Mund und den
gelbbraunen Zhnen abstoend hlich aus. Aber Adolf betrachtete sie mit
gerhrter Zrtlichkeit.

Wie e Engelche leiht se da! murmelte er. So friedlich! Vielleicht
fliegt se jedz grad im Draum im Himmel erum odder se bckt for die
Heilige Quetschekuche! Se is doch e gudes Weib. Heut hat se mich nor
zwaamal en Saukerl genennt. Se bessert sich schonn. Langsam, awwer
sicher.

Und er zog sich behutsam aus, um sie nicht zu wecken, und schlief in dem
Bewutsein einer guten Tat zufrieden ein.

Das Engelchen Katharina aber entwickelte sich immer offenkundiger zum
Fafner. Sie htte auf jedem Drachenwettbewerb den ersten Preis
ergattert.

Ich mag es meiner Schreibmaschine gar nicht zumuten, all die Schikanen,
die Katharina ersann, aufzuzeichnen. Es gengt zu sagen: gegen sie war
Edison als Erfinder ein Waisenknabe.

An einem Samstag Mittag wandte sich Heinrich Baldrian, der Buchhalter,
an Adolf mit der Frage: Adolf, wollen Se morgen ins Theater?

Wieso, Herr Baldrian?

Weil ich zwei Billette hab. Aber es is mir was dazwischen gekommen.
Vielleicht gehn Sie mit Ihrer Frau hin?

Ei, mit Vergniege! Ich dank Ihne aach schee, Herr Baldrian!

Bitte, bitte!

-- Auf dem Nachhauseweg malte sich Adolf aus, wie Kthchen sich freuen
werde.

Vielleicht geht se mit'm Vadder 'rei? dachte er. Ich dht's zwar gern
selwer gucke, awwer dem ahle Bindegerst mecht's sicher noch viel mehr
Spa wie mir! -- Dheader, -- Gott, wie lang bin ich in kaam Dheader mehr
gewese! Ich kann doch'm Kttche werklich gar nix biete! Annern Madamme,
die hocke jed' Woch e baar Mal im Dheader unn kenne die Snger unn
Schauspieler schonn von weitem an der Nos. Ja, 's is doch was Scheenes
um die Bildung! -- Ich freu mich uff'm Kttche sei Gesicht!

Aber diese Freude war verfrht.

Ich geh in kaa Dheader! fauchte Katharina. Ich habb dahaam Dheader
genuch! Mich indressiert der Stu net!

So benutzten denn Adolf und Bindegerst die Karten.

Bindegerst machte sich hochfein. Er schien sich den Knig David zum
Vorbild genommen zu haben, von dem zweimal geschrieben steht und sie
salbten ihm das Haupt, er lie sich von Herrn Hippenstiel eine geradezu
feudale Frisur zurechtkleben, zog den schwarzen Gehrock an und tanzte
reichlich eine halbe Stunde vor dem Spiegel, ehe er mit sich zufrieden
war.

Der Widerspenstigen Zhmung wurde gegeben.

Des mu in Amerika spiele, sagte Bindegerst beim Lesen des
Theaterzettels. Nor in Amerika hawwe die Leut so verrickte Name'!
Vincentio, Lucentio, Petruchio, -- so haat in ganz Offebach kaa
Mensch!

Pltzlich fing er an zu lachen. Da, les emal: Katharina, die
Widerspenstige, Baptistas Tochter. Gut, da merr's Kttche dahaam
gelasse hawwe! Die htt sich am End' noch bedroffe gefiehlt! -- Du, ich
bin neugierig, ob die mit #unserm# Kttche konkurriern kann?

Auch Adolf mute lcheln.

Adolf, des is sicher e lehrreich Stick! Adolf, da haat's die Ohrn
spitze! Des hat sicher e #Verheierater# geschriwwe!

Sie hatten zwei gute Pltze im ersten Rang, inmitten vornehmer Leute.
Bindegerst fhlte sich infolgedessen als Aristokrat, dem kleinen Adolf
aber war in dieser noblen Umgebung nicht sonderlich wohl. Er htte
lieber auf der Galerie gesessen, unter seinesgleichen.

Ich komm merr vor, wie e Kchin, die ihrer Gndige ihr Schleppekleid
aagezoge hat. Da schwebt se drin erum unn dnzelt wie e Wackelpudding,
awwer wann se de Schnawwel uffmecht, schmeckt's wie Kardoffelschale.

Doch bald lie ihn das Stck das Publikum vergessen.

Das Kthchen auf der Bhne war ein schlimmes Frauenzimmer, das sah er
gleich. Aber ihr Vater war wenigstens so ehrlich, es den Freiern im
voraus zu sagen. Der pries seine bse Tochter nicht als
Quetschenkuchenvirtuosin an, wie Bindegerst. Er warnte Heiratslustige.
Und dennoch hielt Petruchio um ihre Hand an.

Herrgott, gibt's mutige Menschen!

Eines freute Adolf: es wuchsen also auch in den vornehmen, reichen
Kreisen weibliche Teufel! Nicht nur unter den Proletariern. Das
Schicksal ist doch nicht so ungerecht, wie man ihm nachsagt. Die hhere
Tchterbildung tut's also doch nicht!

Er schmunzelte.

Bindegerst stie ihn wiederholt mit dem Ellbogen an. Jedes Mal, wenn die
Bhnen-Katharina eine bsartige Antwort gab, oder von ihrer Strrigkeit
die Rede war, versetzte er dem Schwiegersohn einen Rippensto und
flsterte: Wie dahaam!

Am lieblichsten zeigte sich Katharina im zweiten Akt. Gleich in der
ersten Szene prgelte sie, ohne Ursache, ihre sanfte Schwester Bianka.

Wie dahaam! zischelte Bindegerst und schlug sich vor Freude aufs Knie.

Drei Minuten spter haute sie dem Musiklehrer die Laute am Kopf entzwei.

Die is groartig! jauchzte Bindegerst. Ganz wie
dahaam! So e Kanallje!

Psssst! machten die Umsitzenden.

Adolf kmmerte sich wenig um Katharinas Bswilligkeiten, ihn
interessierte weit mehr Petruchios Stellungnahme. Mit beiflligem
Kopfnicken vernahm er dessen Rezept:

    Schmlt sie, so sag' ich ihr ins Angesicht,
    Sie singe lieblich, gleich der Nachtigall.
    Blickt sie mit Wut, sag' ich, sie schaut so klar
    Wie Morgenrosen, frisch vom Tau gewaschen.

Ja, das war auch seine Ansicht: nur mit Gte ist etwas zu erreichen. So
wollte auch er es halten.

Aber -- o weh! -- schon beim nchsten Zusammentreffen erntete Petruchio
eine Backpfeife, die aus dem Vorrat des #Offenbacher# Kthchens htte
stammen knnen.

Ganz wie dahaam! jubelte der Drechslermeister. In des Stick mu 's
Kttche erei! Unn wann's hunnert Dhaler kost'!

Trotz der Ohrfeige erklrte Petruchio die Widerspenstige fr seine
Verlobte.

Im dritten Akt aber begann er die Pferdekur.

Bindegerst geriet auer sich vor Entzcken, als Petruchio absichtlich zu
spt und zerlumpt zur Trauung erschien, in der Kirche wie ein Roknecht
fluchte, dem Priester auf die Frage, ob er Katharina heiraten wollte,
mit einem gebrllten Zum Donnerwetter, ja! antwortete, dem Kster den
Weinbecher ins Gesicht warf, seine Braut in der Kirche laut abschmatzte,
kurz die Widerspenstige auf jede erdenkliche Weise demtigte.

So mutde's mache! rief der Drechslermeister. Des is mei Mann! Der
krieht se klaa! Ba uff, er krieht se klaa, des Oos!

Die Logenbesucher begannen, sich ber den Begeisterten zu belustigen.
Aber Bindegerst lie sich nicht stren.

Des mit' merr bei jedder Hochzeit gewwe, des Stick! schwrmte er in
der Pause. Des is mehr wert wie die scheenst Preddigt! Des is aus'm
Lewe gegriffe! Wannn's aach in Amerika spielt!

Er zog im Foyer die Schnapsflasche aus dem Gehrock und labte sich.

Nemm Derr e Beispiel, hetzte er. Adolf, mach's wie der Amerikaner!
Ich garandier Derr for de Erfolg! Ich habb Derrsch schonn emal gesacht:
haag se, da die Lappe fliehe!

Und als im vierten Akte Petruchio sein Kthchen durch Hunger und
Grobheit vollends zhmte, als sie in ihm ihren Meister erkannte, sich
aufs Bitten verlegte und zuletzt so muschenklein ward, da sie auf
Petruchios Befehl die Sonne fr den Mond, einen Mann fr ein Weib
erklrte, da kannte Bindegersts Wonne keine Grenzen mehr.

Adolf, wannsde kaa Hansworscht bist, mechstde's gradso! Adolf, ich guck
Dich net mehr aa, wannsde's net gradso mechst!

Adolf war durch das Theaterstck nachdenklich gestimmt worden.

Hatte Petruchio Recht? Mute der Dichter mit dem seltsamen Namen die
Frauen nicht besser kennen als er?

Sollte er dem Rat Bindegersts, der unablssig auf dem Heimweg in ihn
hineinredete, folgen?

Ja, er wollte es versuchen.

Auch wenn es bitter weh tat.

Er beschlo, Petruchios Vorbild nachzuahmen.

An einer Straenecke verabschiedete sich sein Schwiegervater.

Ich geh noch e Schppche drinke! Unn morje frieh geht die Dressur los!
Adolf, sei e Mann!

Er verschwand in einer Seitengasse, die sich nicht des besten Rufes
erfreute.

... Adolf Borges schlo in dieser Nacht kein Auge.

Grob sein sollte er, wie ein Wterich auftreten, -- wie schwer das sein
mute!

Schreien sollte er, -- er, der Sanftmtige.

Und gar schlagen.

Ach Gott! Ach Gott!

Am liebsten wre er mitten in der Nacht zu dem Schauspieler gelaufen und
htte sich Unterricht geben lassen.

Wie wrde Kthchen erschrecken! Von dieser Seite kannte sie ihn doch gar
nicht!

Weinen wrde sie, gerade wie die Widerspenstige in dem Theaterstck, --
und er konnte doch Niemanden weinen sehen!

Oh, welch furchtbare Aufgabe!

Aber es mute sein. Er konnte sich doch nicht vor Bindegerst lcherlich
machen und seinen Vorsatz wieder aufgeben? Und vielleicht half die
bittere Medizin tatschlich?

Am nchsten Morgen erschien Bindegerst ungewohnt pnktlich zum Kaffee.
Whrend Katharina das braune Getrnk aus der Kche holte, zwinkerte er
dem Schwiegersohn vielsagend zu.

Sei stark! bedeutete dieser Blick. Adolf, jetzt gilt's!

Und Adolf bemhte sich, stark zu sein.

Kaum hatte er einen Schluck getrunken, so setzte er die Tasse energisch
ab und behauptete: Des soll Kaffee sei'? E Gesff is des!

Bindegerst sekundierte: E Drecksbrieh' is es, awwer kaa Kaffee!

Katharina war erstaunt.

Sieh mal an! dachte sie.

Und laut sagte sie: Ei, lat' s doch stehn, wann's Euch net schmeckt!
Mir is des schnubbe!

Awwer #mir# is es net schnubbe! begehrte Adolf auf und wunderte sich
ber sich selbst. Ich verlang 'n #ordentliche# Kaffee!

Unn ich verlang aach en ornliche Kaffee! echote Bindegerst. Zum
Donnerwedder noch emal!

Kthchens Erstaunen wuchs.

Ihr seid wohl verrickt, Ihr Zwaa? Ihr seid scheint's im Dheater
iwwergeschnappt?

Mir sin noch lang net so meschugge wie Du! trumpfte Adolf, der
allmhlich in Schwung kam.

Noch lang net! besttigte Bindegerst.

Unn so e Gesff kimmt merr net mehr uff'n Disch! erklrte Adolf.

Und wie er es bei Petruchio gesehen hatte, packte er die Tasse und
feuerte sie in die Zimmerecke, da die Scherben flogen.

Er hatte erwartet, da Kthchen nun in Trnen ausbrechen, da sie um das
schbe Geschirr jammern werde.

Aber es kam ganz, ganz anders.

Da is noch #mehr# Platz! sagte Katharina seelenruhig und schmi
Kaffeekanne, Milchkanne, Zuckerdose und ihre eigene Tasse gegen die
Wand.

Dann ging sie hinaus, kam mit einem Arm voll Tellern wieder. So, des
knne merr zum Iwwrige lege! Und knax, holterdipolter, prasselten die
Teller auf den Boden.

Dann kamen die Glser an die Reihe.

Und zuletzt hauchte der Ritter von Stolzenfels am Rhein sein Dasein aus.

Seid'r jedz zufride? frug Katharina.

Adolf und Bindegerst sahen sich an.

Ich wer' an mei Arweit gehe! sagte Bindegerst kleinlaut.

Unn ich mu ins Geschft! fgte Adolf hinzu.

Unn mir knnt'r de Buckel erunnerrutsche! schlo Katharina das
Frhstck.

Mittags wartete Adolf vergebens aufs Essen.

Halb zwei Uhr war es schon geworden, um zwei mute er im Geschft sein,
und noch immer hatte Kthchen nicht angerichtet.

Er schlich in die Kche. Kriehe merr dann heut nix zu esse?

Wodruff? Hastde Deller mitgebracht? Ich habb kaa, die sin all' kabutt.

Adolf kratzte sich hinter'm Ohr.

Da haww ich ganz draa vergesse, stotterte er. Heut Awend bring ich
welche mit!

Awwer vorher fegstde die Scherwe uff! befahl Katharina.

Sie band ihm die Kchenschrze um, drckte ihm Besen und Schaufel in die
Hand.

Marsch, erei, unn uffgekehrt!

Und der kleine Adolf kehrte demtig die Scherben zusammen.

Bindegerst sah ihm zu und sprach: Adolf, Du hast Dei Sach' gut gemacht,
awwer gege #hchere Mchte# kann der Mensch nix mache!

Sei widder gut, Kttche! bat Adolf abends. Ich waa selwer net, was
ich heut morje gehabbt habb. Gebb merr en Ku!

Aber Kthchen drehte ihm den Rcken. Merr sin noch lang net fertich
miteinanner, mei Liewer! Ich guck, da Samftmut bei Dir nix nitzt, --
gut, ich kann aach annerschter sei'!

Und sie war fortan so annerschter, da Adolf auf die Frage des Herrn
Baldrian, wie ihm das Stck gefallen habe, antwortete: Gespielt hawwe
se's ganz schee, -- awwer des Stick daugt nix! Ganz unwahrscheinlich,
Herr Baldrian! E echt amerikanischer Schwindel!




Gar viele Liebesprchen, solche mit und solche ohne standesamtliche
Ambitionen, hatte der Mann im Mond beobachtet, seit er den scheppen
Adolf hatte in die Falle gehen sehen, in der ein so magerer Kder hing.
Nun hatte er ihn lngst aus den Augen verloren. An einem Winterabend
aber, als die Luft klar war wie geschliffenes Glas, fielen die Blicke
des himmlischen Holzarbeiters wieder einmal in das Dachfensterchen und
blieben erstaunt an dem Bilde haften, das sich bot:

Vater Bindegerst hatte das Ohr an die Tre gelegt und lauschte grinsend
dem Lrm, der aus dem unteren Stockwerk scholl.

Se kloppt em de Aazug, ohne da er'n ausgezoge hat! schmunzelte er.
Jeder Schlag en Treffer! Ich kann de Adolf net verstehe! So e Eh' htt
ich schonn hunnertmal gekinnigt. Awwer so is des Lewe: e Gemeinheit von
hinne bis vorne! Von owwe bis unne. -- Ui, schonn widder! Adolf, Adolf,
ich lie merr de Buckel vernickele an Deiner Stell!...

Er zog den Kopf schnell zurck, denn er hatte unten die Tre gehen
hren, setzte sich an den Tisch und zndete behaglich eine Pfeife an.

Schlrfende Schritte kamen die Treppe herauf. Adolf trat ein.

Hat se widder ihrn elektrische Dag? erkundigte sich Bindegerst und
schnitt ein teilnehmendes Gesicht.

Adolf lie sich aufs Bett fallen.

Ich halt's net mehr aus, Vadder! sthnte er. Kaa friddlich Minut haww
ich mehr!

Der Sultan hlt's mit vierhunnert Weiwer aus, sprach sein
Schwiegervater groartig, unn Du willst net emal die aa aushalte?? --
Mach Derr nix draus, Adolf, du waat doch, wie se is!

Aber diesmal war Adolfs Seele zu tief verwundet, als da sich der
Schmerz htte durch solch schwache Narkotika besnftigen lassen.

Ich wollt', ich wr dod! sagte er. Vier Schuh unner der Erd', -- ich
glaab, da is's Lewe am scheenste! Da is so still, die Werm unn die
Maulwerf sin kaa bissi nervs, unn was vier Schuh #iwwer# merr bassiert,
davoo heer unn seh ich nix mehr... Blo die Sterncher, die leuchte dorch
die Erd' dorch, unn dorch de Sargdeckel, unn ich guck se trotz meine
geschlossene Aage, unn ihr Schei' mecht merr warm wie die best
Zentralheizung. An en Dodedanz, nachts von zwelf bis um aans, waatde
Vadder, dadraa glaaw ich net. Die Hopserei dht mich aach nix nitze. Ich
kann ja gar net danze. Awwer da alsemal so e Zwerg, so e Gnom kimmt,
glaaw ich, unn hebt de Sargdeckel uff unn guckt neugierig erei, -- awwer
ich stell mich, als ob ich nix merke dht, dann ich habb kaa Lust zu
babbele. Ich habb im Lewe genuch dumm Zeug geheert. -- Gell, Vadder, Du
dhust merrsch verspreche, da De merr Watt in die Ohrn stobbst, wann ich
dod bin?

Bindegerst sah ihn erstaunt an.

Was sein Schwiegersohn fr komische Gedankenspaziergnge unternahm! Er
selbst hatte ja auch manchmal Halluzinationen, nmlich wenn er seiner
Geliebten zu eifrig zugesprochen hatte, aber so verrcktes Zeug kam ihm
nicht in den Sinn. Ihm erschien hchstens ein Riese und trommelte ihm
mit einer Keule auf den Schdel, und wenn er sich dann aufrichtete, sah
er, da er im Suff mit dem Kopf wider die Drechslerbank geschlagen war,
und so lsten seine Visionen sich stets natrlich und logisch.

Aber was sein Schwiegersohn in der letzten Zeit mitunter phantasierte,
das grenzte ja an helle Verrcktheit.

Es schlgt sich bei em uffs Gehirn! dachte er und beschlo, dem
Gesprch wieder eine reale Wendung zu geben. Was war dann los? Was hat
se dann gehabbt?

Was se jedz #immer# hat! Se hat doch jedz die fix Idee: ich mit mehr
verdiene! Da leiht se merr derrmit in de Ohrn, des is ihr
Leibtrompetestick, wo se merr von frieh bis in die Nacht enei vorblst!
Des geht wie e Uhrwerk --

Unn wannsde widdersprichst, dann fngt die Uhr aa zu #schlage#!
ergnzte Bindegerst.

Adolf wischte sich mit der Hand ber die Augen. Wann ich nor wisse
dht, ob se mich iwwerhaapts noch lieb hat? Guckstde, Vadder, des frit
an merr unn lt merr kaa Ruh! Ich dht merr ja gern alles gefalle
lasse, -- was zwische meine vier Wnd vorgeht, des guckt ja Niemand --.
Maantswege kratzt se merr die Aage aus, awwer #aus Lieb# mu se kratze!
Ach Vadder, manchmal, da is merrsch grad, als ob se mich #hasse# dht,
als ob se mich net ausstehn knnt, als ob ich'r zuwidder wr wie
Rizinusl, unn des mecht mich noch ganz krank!

Er schwieg verzweifelt. Der Alte legte die Pfeife weg, nahm die Flasche
unter dem Tisch hervor und strkte sich durch einen langen Schluck zu
der Beruhigungsrede, die er jetzt angemessen hielt.

Du nemmst's zu schwer! trstete er. Iwwer die Weiwer soll merr
iwwerhaapts net so viel nachdenke! Wie se sin, so sin se, -- ich habb se
net geschaffe, ich wasch mei Pote in Unschuld. Unn's Kttche, no, wo se
doch jedz in dem Zustand is ...

Was for e Zustand? frug Adolf Borges mitrauisch.

Bindegerst feixte verschmitzt. Awwer verstell Dich doch net, Adolf! Des
mutde doch lngst gemerkt hawwe!

Ich habb nix gemerkt.

#Des# hastde net gemerkt? Ei, in #annerne# Zustnd is se doch ...

Adolf war erregt aufgesprungen und ergriff seines Schwiegervaters Hand.
Was hastde da gesacht?!

No, bring mich nor net um!! Ich kann doch nix dafor! An mir braachstde
doch Dein rjer net auszulasse!

rjer?? rjer, Du Rindvieh? jubelte Adolf und lachte vor Glck. Is es
sicher? Hastde Dich aach net verguckt? Vadder, wann's nor wahr is!!

No, heer emal, ich bin doch net farweblind! Se geht doch schonn uff wie
Hefeteig! -- Unn des merkt der Schlemihl gar net!

In annerne Zustnd! jauchzte Adolf und fing an, in der Stube
herumzutanzen.

Er war, nach seinem eigenen Gestndnis, in der Kunst Terpsichores ein
vollkommener Nichtsknner und doch: selbst die Schwestern Wiesenthal und
die Clotilde Derp haben niemals die Freude so berwltigend getanzt wie
in diesem Augenblick das scheppe Adolfchen.

In annerne Zustnd!! Was e Glick, was e Glick! In annerne Zustnd!
Vadder, ich wer' meschugge! Ich mu Derr en Ku gewwe! Odder naa, -- ich
mu doch erscht emal nachgucke, ob's aach werklich so is! In annerne
Zustnd!!

Und er tanzte zur Tre hinaus.

Kopfschttelnd sah Bindegerst ihm nach. Jetz wer' ich bald e Gummizell
reserwiern lasse misse! dachte er. Hastde schonn so ebbes erlebt! Ich
glaab, der schreit noch Hurrah, wann's #Drilling# wern!

Adolf Borges sprang die Treppe hinunter, mit jedem Sprung drei Stufen,
mit den Hnden gestikulierend und immer wieder jauchzend: In annerne
Zustnd! In annerne Zustnd!

Als er aber vor der Schlafzimmertre stand und gerade die Klinke
herunterdrcken wollte, da fiel ihm ein, da sein Kthchen jetzt nicht
in der Laune war, Begeisterungsausbrche in Empfang zu nehmen, er wandte
sich zum Kleiderstnder, nahm Hut und Mantel und lief davon.

Der Mann im Mond konnte ihn nun nicht mehr beobachten, denn die Erde
hatte den dichten Schleier eines Schneegestbers vor ihr Antlitz
gezogen. Die dicken Flocken flatterten Adolf ins Gesicht, schmolzen auf
Nase und Wangen, besten seinen Mantel mit Sternchen, als wollte der
Himmel den kleinen Mann mit unzhligen weien Orden auszeichnen fr das
Verdienst der Vaterschaft.

Wie alle Leute, die nicht wissen, wohin sie eigentlich wollen, hatte
Adolf es sehr eilig. Er strmte durch die Straen, als gelte es, eine
Wette zu gewinnen, bis er sich auf der Landstrae nach Frankfurt fand.
Da migte er das Tempo und ergab sich, langsameren Schrittes, seinen
stillen Betrachtungen.

Wie schee is doch die Nadur eigericht': merr denkt an nix beeses, unn
uff aamal is e Kind da! Grad als ob's von selwer komme dht, so wie die
Blumme unn die Bum! Es gibbt Leut, die lasse sich die deuerste Beete in
ihr Grte eneiplanze unn lasse de Grtner dadraa erumkorkse, Gott waa
wie lang! Awwer se knne sich uff de Kopp stelle: so e schee
Zusammestellung, wie se draue uff de Wiese ganz von selwer werd, bringe
se net eraus. Unn wie mit de Blumme, werd's aach mit de Kinner sei'. Die
so unverhofft komme, ohne da merr sich vorher die B drum ausreit,
des wern die beste! -- Naa, ich mach merr gar kaa Gedanke drum, ob's
blond odder schwarz werd, ob's helle oder dunkle Aage hat, ob's e Bub is
odder e Mdche. Der Storch is doch kaa Gemiesfraa, da merr mit'm
#hannelt#! Awwer blond wr merr schonn am liebste, unn wisse dht ich
halt gern, ob's helle Aage hat, -- ach so, ich wollt merr ja kaa Gedanke
driwwer mache!

Er lchelte in sich hinein und blieb unwillkrlich stehen. Er hrte das
feine, silberige Gerusch der fallenden Flocken und dachte: Der liewe
Gott streichelt die Erd'. Unn er hat waae Glacehandschuh derrzu
aagezoge. Unn er fhrt mit der Hand iwwer die Schneedeck, wie e Mudder
iwwer des Wiegedeckche von ihrem Kindche, unn summt Schlaf, Erdche,
schlaf! ...

Wieder lchelte er.

Ich mcht nor wisse, was ich heut habb, da ich heut immer an #Kinner#
denk! -- Ach so, ich soll ja selwer aans kriehe! Ich krieh ja Kinner!

Und er rief gegen den Sachsenhuser Berg: Heerstde's, ahler Berg, ich
krieh Kinner! Ei, Du Spinat unn gehle Riewe unn Quetschebum unn was
sonst da drowwe wachse dhut: Kinner kriehe merr! So dhut doch lache, Ihr
verrickte Planze, schlagt doch Borzelbum: Kinner gibbt's!

Und er fing laut an zu lachen und schnappte im bermut mit dem Mund nach
den Schneeflocken wie ein Fisch nach einem Brotbrocken.

Und die Telegraphendrhte summten: Annerne Zustnd, Annerne Zustnd,
als wrde dieses Ereignis in der ganzen Welt herumdepeschiert.

Eine Kirchturmuhr im nahen Oberrad schlug die zehnte Stunde. Der dumpfe
Klang weckte Adolf Borges aus seinen frhlichen Trumereien.

Wann ich so weider laaf, bin ich morje frieh in Afrika! sagte er sich
und machte kehrt.

Mit dem Erwachen aus seiner Seligkeit kam ihm auch die nchtliche Klte
zum Bewutsein. Er fhlte, da er nasse Fe hatte, und er rieb sich die
roten Ohren. Eine Weile trabte er nun still und gesittet auf der
Landstrae dahin, gewissermaen schon umstrahlt von Vaterwrde.

Dann kam die Freude wieder zum Ausbruch. Er bckte sich, knetete
Schneeballen und erffnete ein Bombardement auf Telegraphenpfosten und
Bume.

Wann ich treff, sagte er sich beim ersten Schneeballwurf, dann werd's
e Bub! Geht's danewe, werd's e Mdche!

Und beim zweiten Wurf probte er aus, ob die Haare blond oder schwarz,
beim dritten, ob die uglein hell oder dunkel werden wrden.

Einen blonden Buben mit blauen Augen verhie ihm dieses Orakel, und er
war damit sehr zufrieden.

Schneebedeckt und durchnt kam er nach Hause. Er schttelte Mantel und
Hut vor der Haustre aus und trampelte sich den Schnee von den Stiefeln,
um nicht Kthchens Zorn zu erregen.

Recht zrtlich wollte er seine Frau begren und sie gleich befragen, ob
Vater Bindegersts Behauptung denn auch wirklich wahr sei?

Aber dazu kam er gar nicht, denn sobald er das Schlafzimmer betreten
hatte, schrie ihn Katharina erbost an, wo er jetzt herkme, und was das
fr eine neue Mode sei, mitten in der Nacht heimlich aus dem Haus zu
laufen?

Einen ganz frchterlichen Krach machte sie, wahrend dessen sich Adolf
bekmmert auszog und niedergeschmettert ins Bett kroch. Katharina drehte
ihm den Rcken zu, blies das Licht aus und schlief ein, ohne seinen
zaghaften Gute-Nacht-Wunsch zu erwidern.

Ein gehriger Schnupfen war das erste vterliche Opfer Adolfs.

Am nchsten Morgen beim Kaffee hielt er's nicht mehr aus, er mute
Gewiheit haben. Er hatte seine Frau genau beim Ankleiden beobachtet,
aber er, der Unerfahrene, hatte sich kein Urteil bilden knnen. So
blickte er denn, als sie am Frhstckstisch saen, sein Weibchen recht
innig an, beugte sich zu ihr hinber und wisperte lchelnd: Is es so
weit, lieb Kttche?

Mit was? schrillte es grob zurck. Kannstde Dich net so ausdricke,
da Dich e vernimftiger Mensch versteht?!

Ich maan, lieb Kttche, ... es kimmt merr so vor, als ob ... als wie
wann ebbes Klaanes unnerwegs wr!

Unn was weider?

Also is es so? strahlte Adolf. Is es so?

Da stand Katharina rgerlich auf. Ich habb Derrsch doch schonn gesacht!
Frag net so dumm! Was is'n weider dabei!

Und sie ging in die Kche und schien sehr zornig zu sein.

Im ersten Augenblick war Adolf verblfft. Dann sagte er sich: Es kimmt
von ihr'm Zustand. Ich wr wahrscheinlich aach net annerschter, wann ich
so weit wr!

Und dies mute er sich fortan oft sagen. Denn Katharina ward immer
unleidlicher und reizbarer. Kein Tag verging ohne Lrmszene. Aber Adolf
beklagte sich nicht mehr bei seinem Schwiegervater, er ertrug die
geistigen und krperlichen Mihandlungen mit noch geduldigerer Sanftmut
als je. Jede Launenhaftigkeit Katharinas war ihm nur ein neuer Beweis
des Glckes, das er zu erwarten hatte. Denn jetzt wute er den Zustand
seiner Frau und dessen Begleiterscheinungen sachverstndiger zu
beurteilen: hatte ihm doch Bindegerst aus seiner dreibndigen Bcherei
Das Geschlechtsleben des Menschen zu lesen gegeben.

Daraus erfuhr Adolf mancherlei, was ihm bisher unbekannt gewesen. Die
wichtigsten Stellen fielen ihm leicht ins Auge, denn die hatte
Bindegerst mit Bleistift angestrichen. Und auch einige Randbemerkungen
von Bindegersts Hand fanden sich in dem Buch, die bewiesen, da der Alte
in Bezug auf das Geschlechtsleben des Menschen hchst menschlich dachte.

Bindegerst lie fr einige Zeit das Schnitzen von Affenkpfen sein, er
zimmerte ein Kinderbettchen. Den Ausmaen nach schien es fr ein
Riesenkind bestimmt zu sein.

Es wurde Adolfs Lieblingsbeschftigung, dem Schwiegervater beim Bau
dieser kleinen Arche Noah zuzuschauen, und schon sah er im Geiste seinen
Stammhalter in dem Bretterkasten zappeln. Er gewhnte sich an, schon
jetzt den alten Bindegerst mit Grovadder anzureden, und dieser zeigte
sich seinerseits durch die Anrede Herr Babba erkenntlich.

Grovadder, maanstde net, merr knnt bei dem Bettche noch so vier
Engelskppcher an die Ecke mache?

Unn vielleicht aach noch e Oferohr in die Mitt, Herr Babba? spttelte
der Meister. Ihn belustigten Adolfs ewige Anregungen zu Verschnerungen
des Bettes, und er gefiel sich deshalb darin, ihm die unmglichsten
Verzierungen vorzuschlagen.

Ich maan als, Herr Babba, merr sollt an dem Bettche en Kleiderhake mit
eme Zylinnerhut aabringe! Da der Bub aach griee kann, wann der Dokter
zum Impfe kimmt!

Maanstde net, Herr Babba, merr sollt en Aschebecher draamache? Odder
werd's e Nichtraacher?

Katharina rmpfte verchtlich die Nase, wenn sie Brocken solcher
Gesprche aufschnappte. Sie schien sich nicht im mindesten auf das Kind
zu freuen, sie nahm ihre Schwangerschaft wie eine etwas lstige
Selbstverstndlichkeit hin, ber die Worte zu verlieren nicht lohnt.

Manchmal mute sie sich, wenn sie das Essen auftrug, pltzlich mit
leisem Sthnen setzen. Neigte sich dann Adolf besorgt ber sie, so
knurrte sie bse: La mich! Ich kann des dumm Gedhu net verdrage!

Kttche, merr wolle in der Kich' esse, dann braachstde des Esse net
ereizudrage!

Unsinn! Ich bin net krank!

Kttche, willstde dich net e bissi umlege?

Mei Ruh will ich hawwe! Ich bin net so zimberlich unn faul wie gewisse
annern Leut!

Fhlte sie Adolfs zrtliche Blicke auf sich ruhen, so drehte sie ihm in
spttischer Verachtung den Rcken. Und einmal sagte sie wtend: Jedz
haww ich genuch von dem alwerne Erum-Gescherwenzel! Des is des erste unn
letzte Kind, was ich krieh! Dadafor wer' ich schonn sorje!

Adolf hatte eine Heidenangst vor der Entbindung. Immer wieder las er
Das Geschlechtsleben des Menschen, er erkundigte sich eingehend bei
Bindegerst, wie es denn seinerzeit zugegangen sei, als Katharina auf die
Welt kam.

Aber der konnte ihm nur die Auskunft geben: Ich waa es net, ich bin
solang spaziere gange!

Am fnften Mai wurde Adolf vormittags gegen zehn Uhr in das Privatkontor
seiner Chefs gerufen.

Adolf, sagte der dicke Herr Schrder, es hat nach Ihne delefoniert,
Se solle aageblicklich haamkomme!

Da wute Adolf gleich, was los war.

Herr Schrder, stammelte er erregt, Herr Schrder, merr kriehe
Kinner!

#Merr#?? meinte Herr Schrder. Merr? -- Net, da ich wit'!

Adolf Borges strmte davon. Er rannte unterwegs eine alte Dame um, aber
er hatte keine Zeit, sie um Entschuldigung zu bitten, sondern er fauchte
nur im Weitersausen: Ahl Schachtel, kannstde net Blatz mache!

Als er zu Hause ankam, war schon alles vorbei. Katharina lag erschpft
und bleich im Bett, mit zusammengekniffenen Lippen. Er strzte auf sie
zu, sie zu umarmen und zu kssen, aber sie runzelte die Stirn und zog
den Kopf zurck.

Grovater Bindegerst sa am Bett und sagte: Ich gradulier! Gut is
gange! Awwer 's nchste Mal geh' ich widder spaziere!

Adolf suchte das Kind. In dem kunstvoll gezimmerten Bettchen lag ein
kleines Etwas, das einem gelblichen Affen nicht unhnlich sah. Er wollte
es an sich reien, da sagte eine fremde, dicke Frau: Nix da! Se hawwe
jedz hier gar nix zu suche! Se knne sich den Bub spter noch genuch
betrachte!

Den Bub? jubelte Adolf. E Bub is es! Kttche, was e Glick!

Er wollte wieder zu Katharinas Bett eilen, niederknien, sie kssen; er
stie dabei eine kleine Badewanne um, die am Boden stand, und
verursachte eine berschwemmung.

Rindviech! hauchte Katharina.

Die fremde Frau, die sich offenbar hier als Herrscherin fhlte, packte
ihn am rmel und befahl: Jedz mache Se awwer, da Se 'nauskomme! Merr
braache jedz Ruh!

Da stieg er hinauf in das Dachzimmerchen, ber die Stufen stolpernd, vor
deren Unzuverlssigkeit ihn Bindegerst schon beim Mieten des Zimmers
gewarnt harte. Er hatte sich die Nase gehrig aufgeschlagen, aber er
sprte keinen Schmerz.

Er streckte den Kopf zum Dachfensterchen hinaus und brllte: Ich habb
'n Sohn! 'n Sohn haww ich!

Aber die Stadt Offenbach nahm keine Notiz von diesem groen Ereignis.

Und pltzlich kniete er vor dem Schrank mit dem kaputenen Schlssel
nieder, betete ein Gebet, ber dessen Verwirrtheit alle Engel im Himmel
hellauf lachten, schttete die ganze Frmmigkeit, die in seinem
harmlosen Herzen schlummerte, aus.

Ich dank Derr schee, liewer Gott, da es so gut
voriwwergange is! Ich wer' mich schonn revanschiern! Ich will so e guder
Mensch sei', wie's iwwerhaapt noch kaan gewwe hat! Du werst's schonn
gucke! Unn la merr nor des Kttche unn de Bub gesund bleiwe, la liewer
#mich# die Cholera kriehe! Was e scheener Bub, liewer Gott! Unn #ich#
bin der Vadder! Gell, da guckstde? La en nor was Gescheides wern,
liewer Gott, es braacht ja net gleich Brofesser zu sei', awwer so recht
e aastnniger Mensch! Unn Geld soll er aach verdiene, denn ohne Moses
unn die Prophete, da schweige alle Fleete! Unn sei net bees, liewer
Gott, da ich so 'n Stu zusammebet', awwer ich bin ja ganz meschugge
vor Freud! Amen.

Im Geschft wurde die Nachricht vom Familienzuwachs des scheppen
Adolfchens mit groer Heiterkeit aufgenommen. Und wieder machten die
mnnlichen Angestellten solche Witze, da die Damen rot wurden. Aber das
wurden sie gern.

Und der eklige Kassierer sagte: Blo #aans#? No, gewwe Se de Mut net
uff, des nchste Mal wern's schonn Zwilling wern! Ibung mecht de
Meister.

Und der gute Herr Heinrich Baldrian drckte ihm die Hand und sprach in
seiner besonnenen Art: Ich gratuliere Ihnen. Aber es ist eine groe
Verantwortung, so ein Menschenkind in diese miserable Welt zu setzen.
Ich sag's Ihnen offen: #ich# htte nicht das Gewissen dazu.

Und der Herr Schrder sagte: E Bub? Mei' Hochachtung! Dichtige Leut
hawwe merr im Geschft! No, Se wern jetz allerlei Ausgawe hawwe, -- vom
nchste Erschte ab kriehe Se fuffzeh Mark mehr!

Und bald ging Alles wieder seinen gewohnten Gang.

Katharina war schon nach wenigen Tagen wieder aufgestanden. Ihr Wesen
blieb znkisch und bsartig, ihre Streitsucht nahm eher zu als ab. Sie
bewies dem Kinde keine Zrtlichkeit, sie betrachtete seine Anwesenheit
einfach als eine Vermehrung ihres Arbeitspensums, das sie mit mrrischer
Selbstverstndlichkeit erledigte. Sie vernachlssigte das kleine
Gustavchen ebensowenig wie sie je ihren Haushalt vernachlssigt hatte,
sie erfllte ihre Pflicht, -- aber wer auf dieser Welt nur seine
#Pflicht# tut, tut zu wenig.

Pflicht ist ein hliches Wort, ein Wort des Zwanges, und erst wenn
dieser Begriff aus dem Denkvermgen der Menschen geschwunden sein wird
und #dennoch# jedermann seine Pflicht tut, werden wir uns rhmen
drfen, Kultur zu besitzen.

Adolf empfand tiefschmerzlich die Lieblosigkeit der Mutter. Fr alle
seine glcklich-neckenden Fragen, ob der Kleine ihm oder ihr hnlicher
she, ob er diesen und jenen Zug von den Borges oder von den Bindegersts
geerbt habe, hatte sie nur ein frostiges Achselzucken. Er aber war
hemmungslos vernarrt in den Sugling, der nur das Mulchen zu einem
Lachen zu verziehen brauchte, um seinen Vater in einen Taumel des
Entzckens zu versetzen.

Tglich entdeckte er neue Eigenschaften an ihm, ausnahmslos Tugenden und
Anzeichen ungewhnlicher Gescheitheit, ber die er zu seinem Kummer nur
mit dem #Grovater# plaudern konnte, denn Katharina hatte sich ein fr
allemal dieses dumme Geschwtz verbeten.

Den Grovater aber konnte der kleine Gustav nicht leiden. Nherte er
sich nur dem Bettchen, so fing er an zu schreien, als stnde die
schlimmste Mihandlung bevor. Weder Adolf noch Bindegerst konnten sich
dieses seltsame Verhalten erklren, und doch war die Lsung des Rtsels
so naheliegend: das Bblein konnte einfach den Schnapsgeruch des Alten
nicht ertragen.

Schrie der Kleine des Nachts, so geriet Adolf in die hchste Aufregung.
Er verstand nicht, da Katharina das Plrren Gustavchens kaum beachtete,
und er zweifelte in solchen Augenblicken ernstlich daran, da Katharina
berhaupt Gefhl bese.

Heerstde's net? bat er eines Nachts. Mach doch 's Licht aa unn gebb
'm die Brust!

Gebb Du se'm! brummte Kthchen.

Die Strenge der Mutter trug brigens gute Frchte, der kleine Schreihals
gewhnte sich bald das nchtliche Konzertieren ab.

Auch im Geschft erzhlte Adolf von seinem Wunderkind. Er sah nicht die
ironischen Blicke, die die Angestellten bei seinen begeisterten
Schilderungen austauschten, er hrte aus den scheinbar teilnehmenden
Fragen nach Einzelheiten nicht den losen Spott heraus. Er hielt es fr
aufrichtiges Interesse, wenn sie ihn ausforschten, wieviel das
Gustavchen an Gewicht zugenommen habe, wieviel es getrunken habe, und
wie es mit seinem Stuhlgang stnde.

Mitten in seiner Arbeit berfielen ihn Zrtlichkeitsanflle, heftigere
noch als damals in seiner Brutigamszeit. Hatten ihn damals die
Putzfrauen dabei erwischt, wie er vor einer Modellfigur niederkniete, so
erwischte ihn jetzt der eklige Kassierer dabei, wie er ein
frischgeschnrtes Paket gleich einem Wickelkinde in den Armen wiegte und
so tat, als kitzle er's unter dem Kinn: Du-du-du, -- wie lacht das
tleine Dustavchen?

Das war dem Gestrengen doch zu bunt, er ging zu Herrn Schrder, sich zu
beschweren. Herr Schrder, des geht net mehr so weider mit'm Adolf! Der
werd ja ganz verrickt!

Aber der dicke Herr Schrder gab Denunziationen grundstzlich kein
Gehr. Werd er for #Ihr# Geld meschugge, odder for #meins#? -- No
also! fertigte er den Angeber ab.

Da Adolf sich in seinen Gedanken unausgesetzt mit seinem Kinde
beschftigte und im Geiste mit ihm die lieblichsten Gesprche fhrte,
passierte es ihm, da er, als ihn Herr Feldmann rief, antwortete:
Tleich tomm ich, Herr Feldmann! Tleich!

Da wollte der Chef ernstlich bse werden, aber sein dicker Teilhaber
besnftigte ihn: Lass'n, Hermann! Merr mu Geduld mit'm hawwe: er hat
noch e bissi 's Wochebettfiewer!

Adolf erhoffte von dem Kinde eine glcklichere Gestaltung seines
Ehelebens, er glaubte fest, dieses Kinderherz msse der paradiesische
Boden sein, auf dem sich die Eltern nach so langem Miverstehen finden
mten.

Ach, und gerade durch das Kind erhielt ihr Zusammenleben den tiefsten,
unheilbaren Ri.

Ungefhr ein halbes Jahr war Gustavchen alt, als Katharina Sonntags,
nach dem Mittagessen, anordnete: Vadder, geh enuff, Dei
Middagsschlfche mache, ich habb mit'm Adolf zu redde!

Es wurde Adolf unbehaglich bei dieser Ankndigung. Was konnte ihm seine
Frau in Abwesenheit des Grovaters zu sagen haben?

Heer' emal, sagte Katharina, als sie allein waren, 's werd Zeit, da
merr uns emal iwwer's Gustavche klar wern!

Gott sei Dank: um das Gustavchen handelte es sich also! Nun, er wrde
sich gewi gegen nichts struben, was dem Kinde von Nutzen sein konnte.

Katharina trat dicht vor ihn und frug betont: Du hast doch vierdausend
Mark uff der Sparkass?

Ja, Kttche! antwortete Adolf unsicher und verlegen. Was is damit?

Ich habb mich bisher nie drum gekimmert, awwer des Geld mu uff'm
Gustav sein Name geschriwwe wern! Merr sin all nor Mensche unn merr kann
net wisse, was bassiert. -- Bistde eiverstanne?

Adolf wute nicht mehr, was er antworten sollte. Das Geld, ach, das
hatte er ja gar nicht mehr. Damit hatte ja Bindegerst seinen
Holzlieferanten bezahlt.

Aber nun mute das Geld unter allen Umstnden wieder herbeigeschafft
werden. Es #mute#. Noch heute wrde er mit Bindegerst reden ...

Ich habb gefragt, obsde eiverstanne bist?

Nadierlich bin ich's, Kttche.

Sein Blick irrte ratlos im Zimmer umher, er konnte Katharina nicht in
die Augen sehen. Ein schrecklicher Gedanke durchrieselte ihn: wenn
Bindegerst das Geld nicht mehr beschaffen konnte? Der Grovater hatte
zwar versprochen gehabt, ihm Haus und Geschft zu verschreiben, aber
Adolf war viel zu anstndig gewesen, ihn jemals an diese Verschreibung
zu mahnen.

Also dann gebb merr des Buch!

Adolf Borges wurde kreidebleich. Nun half nichts mehr, jetzt galt es
Rede stehen.

Kttche, des is ... des is so e Sach! stammelte er und zitterte am
ganzen Krper. Des Buch ... des haww ich nmlich ... des haww ich
nmlich net mehr.

Wa--as?!

Des Buch, des haww ich nmlich ... 'm Grovadder gewwe ... weil er doch
Schulde gehabbt hat ... unn da ...

Die Worte blieben ihm im Hals stecken. Er starrte mit groen,
ngstlichen Augen sein Weib an.

Katharina stand einen Augenblick mit offenem Mund da. Dann brach sie
los:

Du Lump! Du Schuft! Dadafor haww ich mich abgerackert wie e Dier!
Dadafor haww ich jeden Fennich zusammegekratzt unn merr nix, nix, nix
gegnnt! Du Schwein, Du! Kinner in die Welt setze unn net sorje dafor!
Des bat Derr! Aas!

Awwer Kttche ... 's is doch Dei Vadder ... ich konnt doch den ahle
Mann unmeeglich sitze lasse ...

Den Sufer? Des Schwein, des verdammte? Des sich bei uns dorchfrit unn
kaan Fennich dafor bezhlt? Sie lachte schrill auf. Zu #mir# htt' er
komme solle! Ich htt'm was annerscht gebumbt! Unn Du Rindviech gibbst
unser schee Geld her! Unn frgst mich net! Saukerl! ...

Sie schlug die Hnde vors Gesicht und heulte. In langgezogenen,
kreischenden Tnen.

Schuldbewut stand Adolf neben ihr.

Ja, sie hatte recht, er hatte seinen Sohn um das Geld gebracht. Aber
damals, als er sich von Bindegerst beschwatzen lie, #hatte# er ja noch
gar keinen Sohn! Freilich, er htte dennoch an die Mglichkeit denken
sollen ...

Katharinas hysterisches Weinen lie ihm das Herzblut gerinnen. Wie
gerne, ach wie gerne htte er sie durch Liebkosungen beruhigt, htte er
ihr Haar gestreichelt! Aber er traute sich nicht, sie zu berhren. Er
wollte ja seinen Leichtsinn wieder gut machen, er wollte den Verlust
nach und nach wieder ersetzen: keinen Tropfen Bier wrde er sich mehr
gnnen, keinen Pfennig Trinkgeld mehr fr sich behalten. Und nichts,
nichts mehr tun, ohne seine Frau zu befragen.

Flenn doch net, Kttche! Des dhut merr ja so weh! ... Guck, lieb
Kttche, der Grovadder hat merr ja des Haus dafor verschriwwe, unn's
Geschft ...

Da schttelte sie die Wut von neuem. Des Haus? Des Geschft? Wo kaan
rote Batze wert sin? Wo kaa Backstei' mehr davoo ihm geheert? Du
dreckiger Hund, Du Vieh ...!

Sie wute nicht mehr, was sie schrie. Sie ri das Kind aus dem Bettchen,
hob es hoch, rttelte es wild in der Luft: Da, guck Derr Dein Vadder
aa! Guck Derr'n aa! Dei Geld hat'r zum Fenster nausgeschmisse, der Lump!
Htt er Dich doch gleich hinnerher geschmisse! Des wr des Gescheitste!

Das Kind brllte unter den krallenden Griffen Katharinas jmmerlich. Mit
einer instinktiven Angstgebrde entri Adolf es ihr, wollte es zurck
legen ins Bettchen, aber Katharina strzte auf ihn zu, schlug sinnlos
auf ihn ein, -- und er lie den Hagel von Faustschlgen stumpf ber sich
ergehen, das kreischende Kind dicht an sich pressend, um es vor den
wahllos niederprasselnden Hieben zu schtzen.

Schlielich hrte er die Tre knallend zuschlagen, er hob verstrt den
Kopf, -- er war allein.

Da kte er das Gustavchen, legte es ins Bettchen, blieb bei ihm sitzen.

Sei still, Gustavche, flsterte er, danz brav sei', Dustavche! Danz
brav is'm Babba sei Liebling!

Und mitten in diesen zrtlichen Einlullungsversuchen legte er pltzlich
sein Haupt auf den Rand des Kinderbettes und weinte lange.

Als das Kind endlich schlief, stieg Adolf hinauf in das Dachzimmer, das
seine Zufluchtssttte in allen Leiden geworden zu sein schien, und
sprach zu seinem Schwiegervater: Nemm Dei Sach, Grovadder, unn zieh
erunner! Von heut ab wohn #ich# widder hier owwe!

Und da Bindegerst ihn fragend ansah, fgte er hinzu: Ich will nix
weider driwwer redde, awwer 's is besser so!

Und Bindegerst fgte sich. Aber er dachte in seinem Innern: Des is der
Aafang vom End'!

Von dem Sparkassenbuch wurde nicht mehr gesprochen. Katharina fand sich
mit dem Verlust als einer gegebenen Tatsache kurz und energisch ab.

Aber sie wute sich zu rchen. Sie legte sich eine neue, krnkende
Redensart bei, sie gewhnte sich neben der Behauptung, sie habe Prinze
unn Korferschte heierate knnen, den hhnischen Ausruf an: Merr
knne's uns ja leiste! Merr hawwe ja's Geld zum Nauswerfe!

Hatte sie frher jede Mnze dreimal in der Hand gedreht, ehe sie sich
zum Ausgeben entschlo, so schien sie jetzt das Sparen fr die grte
Torheit zu halten. Sie kaufte sich allerhand nichtigen Tand, holte sich
bei dem blondgelockten Herrn Hippenstiel Parfms und Haarpfeiler, fuhr
bei ihren Wirtschaftsbesorgungen die kleinsten Strecken mit der
Elektrischen und rieb alle diese kleinen Verschwendereien Adolf mit dem
Hinweis unter die Nase: Merr hawwe's ja! Leut wie mir!

Jeden Sonntag, nach dem Mittagessen, begann sie zu sticheln: Fahr doch
e bissi in die Umgegend, Adolf! Ich bin froh, wann ich Dich net guck.
Unn die Koste spiele doch kaa Roll bei uns! Merr hawwe's doch! Leut,
die's Geld gleich dausendmarkweis verschenke!

Adolf ertrug alle diese Niedertrchtigkeiten widerspruchslos. Nur
manchmal seufzte er tief, strich sich mit der Hand durch die Haare und
starrte vor sich hin, aber keine Klage kam ber seine Lippen.

Noch immer gab er den Versuch nicht auf, seine Frau durch
unerschtterliche Geduld zu zhmen. Nicht aus Trotz war er in das
Dachzimmerchen gezogen, sondern weil er zu der schmerzlichen Einsicht
gelangt war, da sein Anblick auf Katharina aufreizend wirkte.

Wann se mich weniger guckt, sagte er sich, wern sich ihr Nerve
beruhige! Es leiht ja blo an de Nerve, -- 's Herz is net schlecht.
#Sie# kann ja doch schlielich nix dafor, da ich zu arm bin, um se in e
Nervebad zu schicke, wie's die reiche Leut mit ihre beese Weiwer mache.
Unn lder werd se ja aach mit der Zeit, unn des Alter, des is die best
Massag' for nerwse Leut. Mit'm erschte Schnorrbarthrche werd der
Jingling meschugge, unn mit'm erschte #graue# Hrche wern die Weiwer
vernimftig. Wann merr lder werd, da kimmt aam so vieles ganz wurscht
vor, wo merr sich frieher driwwer uffgeregt hat, merr werd viel stiller
unn verdrglicher, es is, als ob uff'm Weg zum Dod unnerwegs uff beide
Seite Ruhebnkcher uffgestellt wr'n: Da, ruh Dich e bissi ab unn
geweehn' Dich langsam an de ewige Dauerschlaf!

Tckischer als die neue Redensart war das zweite Mittel Katharinas, ihre
Rache zu khlen: sie hielt geflissentlich das Kind von seinem Vater
fern. Sie tat so, als habe er berhaupt keinen Anspruch auf das Kind,
sie erstattete ihm nie Bericht, was das Kind whrend seiner Abwesenheit
getan hatte, sie lobte es nicht und tadelte es nicht.

Selbst die Ankunft des ersten Zhnchens, die doch in allen Familien als
festliches Ereignis betrachtet wird, berging sie mit Stillschweigen.

Hatte Adolf den Jungen auf dem Scho, sich an ihm zu erfreuen, so fand
sie nach wenigen Minuten einen Vorwand, ihm das Kind wegzunehmen.

Aber ihre Taktik, das Kind systematisch dem Vater zu entfremden, blieb
erfolglos. Kinder sind Menschenkenner. Das kleine Gustavchen zeigte eine
unverkennbare, unbeirrbare Vorliebe fr seinen Papa. Sobald er das
Zimmer betrat, fing es an zu lachen, streckte die rmchen nach ihm aus,
wollte gettschelt sein. Ja, der kleine Wurm wute ganz genau die Zeit,
wann Adolf mittags und abends aus dem Geschft kam, und fing schon eine
Weile zuvor an, unruhig zu werden und mit Gesten nach seinem Vater zu
verlangen.

Dann warf Katharina dem Kind einen bitterbsen Blick zu.

Adolf kam nur noch zu den Mahlzeiten herunter ins gemeinsame Wohnzimmer.
Den grten Teil seiner freien Zeit verbrachte er in dem Dachstbchen,
und es war, als sei er wieder wie ehemals der mblierte Herr und nicht
der Gatte, der Ernhrer der Familie.

Nun sa er wieder manche Stunde am Dachfensterchen und erneuerte die
Beziehungen zum Mann im Mond. Er sah wieder von seiner hohen Warte herab
die Menschlein wie kleine Kfer in den Straen krabbeln, aber er
ernannte sie nicht mehr zu Pagen seines Mrchenhofstaates. Manchmal
berwltigte ihn schmerzende Bitterkeit, und er dachte: Ich wollt, ich
htt e gro Insektepulverspritz, so gro wie e Kanon, damit ich euch
Kwwer da drunne beweise knnt, was ich for e Menschefreund bin!

Das Schneeball-Orakel hatte richtig prophezeit: Gustav wuchs heran zu
einem blonden Bblein, seine blauen Augen wurden denen des Vaters immer
hnlicher. Er lernte laufen und drollig plappern. Einer der ersten Stze
seines Sprachschatzes war die selbstgebildete Beschwerde: Mama bees!

Nur allzu deutlich zeigte es sich, da das Kind seine Mutter frchtete;
es beobachtete beim Spielen jede Bewegung Katharinas, als erwarte es
jeden Augenblick Schelte oder Schlge.

Fr Adolf Borges wurde das Kind eine Art Fetisch. Er trieb eine
abgttische Verehrung mit ihm, einen Gottesdienst, dessen Zeremoniell in
der Hauptsache darin bestand, auf allen Vieren vor ihm herumzurutschen
und dabei zu krhen, zu bellen, zu miauen.

Mach nor Dei Hose kabutt! geiferte Katharina. Mach se nor hie! Merr
knne's uns ja leiste! Merr hawwe's ja!

Bei seinen Geschftsgngen machte Adolf, wenn es irgend mglich war,
einen kleinen Umweg, um schnell einen Augenblick in die Wohnung
hinaufspringen und sein Kind sehen zu knnen. Das trug ihm dann zwei
Rffel ein, einen von Katharina und einen von Herrn Feldmann, -- aber
was lag daran?

Er gewhnte sich allerlei Fertigkeiten an, dem Kleinen damit eine Freude
zu bereiten: er lernte aus Zeitungspapier Schiffe und Helme bauen, aus
Lappen, die er sich im Geschft von den Flickmamsells schenken lie, mit
der Schere Tiere und Menschen schnitzeln, aus Holzstckchen Bausteine
zimmern.

Mit gespannten Augen und glhenden Bckchen sah Gustav ihm zu,
neugierig, was es werde, und lispelte, mit der Zunge leise anstoend:
Was mach'n Du da?

Und dieses Was mach'n Du da?? beseligte Adolf stets von neuem. Dieses
freudige, dankbare, wibegierige Was mach'n Du da?? lag ihm Tag und
Nacht wie eine se Melodie in den Ohren, ward ihm zum geflgelten Wort.

Was mach'n Du da?? lispelte er Bindegerst zu, wenn dieser seine
Schnapsflasche an den Mund setzte. Und dann lachten sie Beide Trnen.

Was mach'n Du da?? sagte er, wenn der Gasmann kam und den Gasometer
ablas.

Und wenn des Nachts die Katzen ihre Gesangsproben abhielten, steckte er
den Kopf zum Fenster hinaus und schmunzelte: Was mach'n Du da, ahl
Katzeviech? Willstde still sei'! Wo dht'n des hiefhrn, wann #mir
Mensche# bei der Lieb so e Geschrei mache wollte?!

In den ersten Monaten der Ehe hatten Katharina und er an den
Sonntagnachmittagen zuweilen kleine Spaziergnge in den Stadtwald oder
in eine der benachbarten Ortschaften unternommen. Bald aber hatte sie
keinen Gefallen mehr an diesen Ausflgen gefunden. In der Regel sa sie
Sonntag mittags zu Hause und bastelte an irgendeiner Handarbeit, whrend
Adolf allein in der Stadt und der Umgegend herumbummelte.

Das Heranwachsen des kleinen Zappelphilipps, der nicht den ganzen Tag
stillsitzen mochte, machte eine nderung des Sonntagprogramms notwendig.
Bindegerst nahm die Angelegenheit in die Hand, indem er einfach bei
einer gnstigen Gelegenheit erklrte: Adolf, mach's Gustavche fertich!
Die Sonn' scheint, merr wolle e bissi Luft schnappe!

Katharina stutzte. Dann sagte sie: Schert Euch zum Deiwel!

Sie hatte offenbar ihren Plan, das Kind dem Vater zu entfremden, als
aussichtslos aufgegeben und begngte sich damit, Vater und Kind mit
erprobter Technik #einzeln# zu qulen.

Fortan trippelte Gustavchen Sonntag mittags, rechts und links von
schwieligen Mnnerhnden gefhrt, durch die Stadt und ins Freie. Sein
Vater erklrte ihm alle die tausend Wunder und Neuigkeiten, die sich den
Kinderaugen bieten, die Denkmler, Kirchtrme, Bume, Blumen, Wiesen,
Quellen, den Main mit seinen Schiffen, den Himmel mit der Sonne, den
Wolken, dem Mond und den Sternen, die elektrische Straenbahn, die
Eisenbahnen, die Hunde, Katzen, Vgelchen.

Oh, wie viel gab es zu sehen in der Welt! Welche Schtze offenbarte
allein das Schaufenster des Herrn Hippenstiel! Die zahlreichen
Flschchen, Kmme, Brsten, die Bartbindenplakate mit den unmenschlich
schneidigen Mnnerbildnissen, die Zahnwasserplakate mit den sen
Grisettenkpfchen, und -- o Wunder! -- da hingen auch Zpfe, an denen
gar kein Mensch wuchs!

Adolf, der zu Hause so schweigsam war, redete auf diesen Spaziergngen
zu Bindegersts Erstaunen wie ein Buch. Und gab es nichts mehr zu
erklren, dann erzhlte er dem Gustavchen Geschichten, gelesene und
improvisierte, was ihm gerade in den Kopf kam. Was in diesen Geschichten
alles zusammengehext und zusammengezaubert wurde, das war selbst fr
eine Mrchenwelt zu bunt.

Wurde Gustav mde, so trug sein Vater ihn auf den Armen, oder die kleine
Karawane setzte sich zum Ausruhen auf eine Bank.

Whrend einer solchen Ruhepause sagte Bindegerst einmal pltzlich, indem
er Adolfs Hand ergriff: Adolf, -- mich drickt ebbes! Des war damals
net schee von merr mit dene vierdausend Mark ... Ich htt's net dhun
gesollt .... awwer 's Wasser is merr an der Gorjel gestanne ...

Ergriffen, gerhrt von dieser Selbstanklage schttelte der berraschte
Adolf wehmtig den Kopf und lchelte vershnlich: La gut sei',
Grovadder! 's is net mehr zu nnern!

Awwer leid dhut merrsch! No, vielleicht kimmt doch emal e Gelegeheit,
wo ich mich erkenntlich zeige kann! Vielleicht!

Redde merr net driwwer, Grovadder! Ich war Derr nie bees deswege!
Werklich net! schnitt Adolf das Gesprch ab.

Aber es war ihm so vorgekommen, als verschwiege ihm sein Schwiegervater
irgend etwas, als sei die Selbstanklage eigentlich die Einleitung zu
einer Selbstentschuldigung wegen irgend eines ganz anderen, ihm noch
unbekannten Unrechts gewesen.

Und er war auf dem Heimweg sehr nachdenklich und kpfte zerstreut Blumen
und Pilze, so da ihn Gustav wiederholt fragen mute: Babba, -- was
mach'n Du da??

       *       *       *       *       *

Die nchsten Jahre in Adolfs Leben leierten sich ab wie ein
Drehorgellied.

Die Jahreszeiten fhrten die ewigen Kmpfe miteinander auf, alljhrlich
feierte der Frhling seine Auferstehung, um von neuem gekreuzigt zu
werden.

Die alte Tante Klio, die ja auch mit der Zeit moderner geworden ist,
tippte gleichmtig auf ihrer Schreibmaschine Weltgeschichte. Und wie
alle Schreibmaschinendamen tippte auch sie gelegentlich daneben, und
daraus entstand mancherlei Unangenehmes fr die Menschheit. So hatte sie
bei der Eintragung von Adolfs Eheschlieung den Namen Katharina mit
lauter groen Buchstaben, den Namen Adolf aber mit kleinem
Anfangsbuchstaben getippt, und daher stammte das ganze Unglck der
Borgesschen Ehe.

Gustav war sechs Jahre alt, in einigen Wochen sollte er in die
Volksschule kommen.

Gott sei Dank, da es endlich e Ruh gibbt im Haus! sagte Katharina.
Es is schonn net mehr auszuhalte mit dem miserawele Bub!

Da erschien an einem Dienstag vormittag Herr Bindegerst aufgeregt im
Hause Feldmann & Schrder und verlangte nach seinem Schwiegersohn.
Adolf, komm gleich, der Bub is krank!

Adolf Borges lie das Paket, an dem er herumschnrte, fallen und rannte
zu Herrn Schrder.

Ich mu haam, Herr Schrder ... mei Bub, der Gustav ... er is krank,
Herr Schrder.

Und dabei liefen ihm schon die Trnen ber die Wangen.

No, 's werd net gleich so schlimm sei', Adolf! trstete der dicke
Chef. Gehe Se nor! -- Ja, Kinner mache Sorje, ich kann aach e Lied
dervoo singe, ich habb aach so e Kollektion von Stickerer sechse. Mit
Schmerze wern se geborn, mit Schmerze wern se grogezoge, unn mit
Schmerze nemmt merr spter de Dank dafor in Empfang! Gehe Se haam! Unn
ich empfehl Ihne de Dokter Grienebaum, des is e dichtiger Arzt unn net
so deuer!

Unterwegs erstattete Bindegerst bruchstckweise Bericht. Das Kind hatte
schon in der Nacht gefiebert, und morgens hatte es keinen Kaffee trinken
wollen. Ich habb Derrsch net gesacht, da De Dich net uffregst! Und
dann hatte es gehustet, ber Halsweh geklagt, und nun lag es im Fieber
und chzte und erkannte Niemanden. Und wimmerte bestndig in seiner
Bewutlosigkeit: Babba, was mach'n Du da??

Laaf doch net so, Adolf! Ich komm ja net mit! pustete der alte
Bindegerst.

Ein fremder junger Herr, mit einem koketten Schnurrbrtchen und einem
goldgerahmten Zwicker, stand an Gustavs Bett und fhlte den Puls. Er
ffnete mit sanfter Gewalt den Mund des fiebernden Kindes, sah in den
Hals, zog ihm das Hemd herab, beklopfte Brust und Rcken.

Katharina sa am Fuende des Bettes und harrte des Ergebnisses der
Untersuchung. Ihr war keine Erregung anzusehen, sachlich wie eine
bezahlte Krankenpflegerin verfolgte sie die Manahmen des Arztes.

Adolf hingegen konnte seine Aufregung nicht zgeln, er trat von einem
Bein aufs andere, seine Augen hingen mit unendlich rhrendem,
verzweifeltem Hilfeflehen am Munde des Arztes, die Untersuchung schien
eine Ewigkeit zu dauern.

Der Doktor deckte den Kranken wieder zu.

Es ist ernst, sagte er. Zumal das Kind unterernhrt ist. Wie alt ist
der Junge?

Adolf konnte nicht antworten. Er mute sich an einen Stuhl klammern, um
Haltung zu bewahren.

Sechs Jahr', Herr Dokter! sagte Katharina mit sicherer Hrte.

War er schon fters krank?

Nein, Herr Dokter.

Das Herz ist schwach.

Der Blick des Arztes fiel zufllig in den Spiegel ber dem Sofa, er
drehte selbstgefllig die Spitzen seines Schnurrbrtchens, rckte den
Kneifer zurecht. Ein lautes Schluchzen veranlate ihn, den Kopf zu
wenden. Na, Herr Borges, man braucht die Hoffnung noch nicht
aufzugeben. Kinder sind manchmal berraschend widerstandsfhig.
Allerdings --

Er trat wieder zum Bett, warf noch einen kurzen Blick auf das Kind.

Sie scheinen sehr an dem Jungen zu hngen, Herr Borges?

Adolf nickte.

Es ist wohl Ihr Einziger?

Adolf sank an dem Bett auf die Knie, ergriff das herabhngende,
fiebernde Hndchen und bedeckte es mit Kssen.

Tja, sagte der Arzt, tja ...!

Er wartete einen Augenblick, sah ungeduldig auf die Taschenuhr. Ich
wrde Ihnen empfehlen, den Kleinen ins Spital bringen zu lassen. Er hat
dort doch eine bessere Pflege. Es ist auch nicht sonderlich gut geheizt
bei Ihnen. -- Ich werde nachher an die Sanittskolonne telephonieren.
Einstweilen knnen Sie ihm ja diese Tropfen geben.

Er schrieb ein Rezept und gab es Adolf, der es hastig zusammenknitterte,
aufsprang und in die Apotheke lief.

Dreiviertel Stunden mute er warten, bis das Rezept ausgefhrt war.

Er sa auf einer Bank an der Wand und sah die Kufer kommen und gehen;
Leute, die harmlose Dinge kauften wie Hustenbonbons, Watte, Lysoform;
vergrmte Mtterchen, die gleich ihm auf Arzneien warten muten; kokette
Dienstmdchen, die mit dem Provisor poussierten; und alle Menschen kamen
ihm so beneidenswert, so glcklich vor.

Als er wieder zu Hause eintraf, war das Gustavchen schon abgeholt.

Er wollte wieder davonlaufen, nach dem Krankenhaus, aber Katharina hielt
ihn gebieterisch zurck.

Merr derf'n jedz net besuche! Morje Middag von drei bis vier, -- ich
habb mich erkunnigt.

Und der alte Bindegerst sagte: Des war e netter Mensch, der Dokter. So
mitfiehlend.

Die ganze Nacht hindurch studierte Adolf in dem Buch aus Bindegersts
Bibliothek. Es war freilich ausgeschlossen, da in dem Geschlechtsleben
des Menschen irgend ein Aufschlu ber Gustavs Krankheit zu finden war,
aber Adolf dachte in seiner Verzweiflung, vielleicht stnde doch irgend
ein Hinweis in dem Buch, der ihn belehre, der ihm Hoffnung geben knne.
Vielleicht konnte er den rzten doch irgend etwas sagen, an das sie
gerade nicht dachten.

Drei Tage spter war Gustavchen tot. Der Scharlach hatte ihn
dahingerafft.

Wie ein Kriegsverwundeter in den meisten Fllen anfangs nur das Gefhl
eines dumpfen Schlages hat, ohne wirklichen Schmerz zu verspren, bis
dann beim Verbinden, beim Heilungsproze die unertrglichen Qualen
einsetzen, so empfand Adolf zunchst nur eine dumpfe Betubung. Das
Unglck war zu gro, um in seiner ganzen Schwere erfat werden zu
knnen. Er hrte die Worte der Krankenschwester: Ihr Sohn ist leider
gestern Abend sanft entschlummert, aber er konnte sich nichts dabei
denken.

Bis pltzlich der Gedanke: Du wirst Dein Kind nie, nie wieder sehen!
die Wunde mit glhendem Eisen ausbrannte.

Er fand nicht die Kraft, alle jene Gnge und Meldungen zu erledigen, die
in unserem geordneten Staatswesen der Tod eines Familienmitgliedes den
Hinterbliebenen auferlegt. Die, ach so praktische Katharina besorgte
alle diese Dinge mit der Selbstverstndlichkeit und nchternen Klarheit,
die sie in jeder Lebenslage bewies. Sie besorgte den Totenschein,
bestellte den Pfarrer, kaufte den Sarg, die Blumen, nhte an Adolfs
Kleiderrmel den Trauerflor, telephonierte ins Geschft, ihr Mann knne
die nchsten drei Tage nicht kommen, garnierte einen schwarzen Schleier
auf ihren Hut, schneiderte sich ein Kleid fr die Beerdigung.

Nichts verga sie; man htte meinen knnen, sie htte seit Jahren
Bestattungen arrangiert.

Dann kam der Tag der Beisetzung.

Die Firma Feldmann & Schrder hatte einen Kranz geschickt, von den
Angestellten waren nur Herr Heinrich Baldrian und eine der Putzfrauen
erschienen, denn der Herbstausverkauf war in vollem Gang. Einige
Nachbarn hatten sich eingefunden, darunter der blondlockige Herr
Hippenstiel in einem frischgebgelten, seidengeftterten berzieher,
tadellos gebrstetem Zylinder und erstklassigen schwarzen
Glachandschuhen.

Adolf sah nichts, er weinte ununterbrochen, soda ihm Katharina whrend
der Ansprache des Pfarrers einen Sto mit dem Ellbogen gab: Was solle
dann die Leut denke!

Zuletzt schritten die Menschen an ihm vorbei, drckten ihm die Hand,
murmelten irgend etwas, was er nicht verstand und nicht verstehen
wollte, und dann war er pltzlich wieder zu Hause, im Dachzimmerchen,
und nach einer Weile hrte er Katharina schreien: Komm erunner, der
Kaffee is aagericht!

Sie hatte fr ihn kein Wort des Trostes. Sie hatte ihm bei Lebzeiten des
Kindes nie erzhlt, was der Junge getrieben hatte, sie sprach auch nach
Gustavs Tode nie mit dem Vater von ihm. Und als Adolf anregte, eine
Photographie Gustavchens vergrern und einrahmen zu lassen, sagte sie
nur: Des kann merr ja!

Sie sprach kein Wort, als Adolf das Kinderbettchen aus dem Schlafzimmer
hinauftrug in seine Dachbehausung und es neben seinem Bett aufstellte.
Sie lie ihn ruhig den Matrosenanzug, den Gustav Sonntags getragen
hatte, hinaufnehmen und in dem Schrank mit dem kaputenen Schlssel
verwahren.

Und als dann das vergrerte Bild vom Photographen kam, hatte sie nichts
dagegen einzuwenden, da Adolf es oben in seinem Zimmerchen aufhngte.
Aber die Rechnung fand sie zu teuer.

Bindegerst, dem der Verlust Gustavchens sehr nahe ging, ersufte seinen
Kummer in Schnaps. Er war mitunter sinnlos betrunken und grhlte dann
allerhand unanstndige Lieder, von denen man nicht recht wute, wo er
sie eigentlich her hatte. In seinen nchternen Stunden arbeitete er an
einem Grabkreuz fr sein Enkelkind.

Und wie ehemals der Entstehung des Kinderbettes sah Adolf nun dem Werden
des Totenzeichens zu. Aber sie scherzten nicht mehr bei der Arbeit, er
machte keine Verschnerungsvorschlge, er redete auch den alten
Bindegerst nicht mehr mit Grovadder an, sondern degradierte ihn zum
Vadder.

Und acht Tage nach der Einschaufelung Gustavchens gingen die beiden
hinaus auf den Kirchhof und richteten das Holzkreuz auf.

Adolf war seltsam ruhig whrend dieser traurigen Verrichtung, diesmal
war es der alte Bindegerst, der seine Trnen nicht meistern konnte. Er
jammerte ein ber das andere Mal: Wie merr der Bub fehlt... wie merr
der Bub fehlt!

Adolf konnnte das Jammern nicht mehr ertragen, er schlich whrend der
letzten Spatenstiche davon, ging hinaus in den Stadtwald, in dem der
frstelnde Herbsttag sein Totenamt hielt.

Man hat auf Gemlden oft die Pest als einen Dmon dargestellt, vor
dessen Hauch alles Leben dahinsinkt. Solch ein Pestdmon ist auch der
Herbst. In seinen gelben Mantel gehllt, schreitet er ber die Erde, und
unter seinem Geschwr-zerfressenen Fu sterben die Blumen und Grser. Er
haucht die Bume an, und die Zweige verdorren, die Bltter werden
vergiftet und fallen ab. Verwesung folgt seiner Spur.

Adolf warf sich auf den kalten Boden und stierte in den Himmel.

Vor langer Zeit, als ihn noch frhliche Trume umgaukelten, hatte er
inmitten blhenden Sommers hier einmal versehentlich seinen Kopf auf
einen Ameisenhaufen gebettet und hatte, erschrocken auffahrend, an
dieses Migeschick mit resigniertem Humor lchelnde Betrachtungen
geknpft. Diese Episode fiel ihm jetzt, durch eine eigenartige
Gedankenverbindung, ein. Ach, wie htte es jetzt seinen Gram gekhlt,
den Kopf in einen Ameisenhaufen stecken zu knnen und den Seelenschmerz
durch krperlichen Schmerz zu betuben!

Wie riesige Galgen kamen ihm die entlaubten Bume vor, die ihre leeren
ste gleich Querbalken streckten, und er dachte: Merr sollt sich
uffhenke! Da drowwe sollt merr sich uffhenke, unn der Wind dht ein
schaukele, ganz samft unn schmerzlos, unn lang sollt's dauern, bis se
ein finne! Unn e Eichhrnche km' gehippt unn dht mich aaglotze unn
dht denke: >So'n groe Tannezappe haww ich meiner Lebdag noch kaan
geguckt!< Unn e Vgelche km', unn dht sich uff mei Schulter hocke, unn
lie' sich mitschaukele! Unn wann se mich dann haamgebracht htte, dann
htt' der ahl Bindegerst widder e neu Kreuz zu schnitzele, unn des
praktisch Kttche dht sage: >Jedz kann ich mei Trauerkleider gleich
noch emal benitze unn braach merr kaa neue aazuschaffe<!

Seine Gedanken verwirrten sich, und pltzlich tauchte aus der Wirrnis
eine andere Episode seines Lebens auf, und er sah sich im Odenwald
stehen, auf dem Gipfel des Melibokus, wie er dem Kthchen die Welt
zeigte: Guck, lieb Kttche, die Nadur, die is e gro Sparkass, viel
grer als wie die Offebcher Stdtisch Sparkass, unn wann merr emal in
Seelennot komme, dann hewe merr aafach in dere Sparkass en Poste
Erquickung unn Trost ab, -- unn wann merr aach noch so viel abhewe,
#des# Guthawe nemmt kaa End'!

Und nun war die Seelennot da, aber die Natur spendete keinen Trost, das
Guthaben war erschpft, und er fhlte, nie wieder wrde ihm diese
Sparkasse Erquickung auszahlen.

Ja, Bindegerst hatte recht: das Leben ist eine Gemeinheit. Eine so
unbarmherzige Gemeinheit, da die guten Kerle, wie Adolf Borges, niemals
mit ihm zurecht kommen knnen.




Wann des so weider geht, sagte Herr Feldmann, dann misse merr'n halt
entlasse. Der packt uns ja die ganz Waar dorchenanner, babbt die
verkehrte Adresse uff die verkehrte Paketcher, -- es geht net mehr!

Der dicke Herr Schrder lie seinen Teilhaber ausschimpfen, dann
bemerkte er: Entlasse? 'N Mann, wo so lang im Geschft is?

Wann'r awwer doch Alles verkehrt mecht?

Wo so lang im Geschft is?

Wann awwer doch alles Ermahne unn Zuredde nix hilft?

Wo so lang im Geschft is?

Solle merr'n vielleicht for's Nixdhun unn Verkehrtmache fttern?
schrie nun Herr Feldmann wtend.

Ja, des solle merr! sprach der dicke Schrder mit berzeugung. Weil e
Mensch kaa gespalte Fedder is, die merr wegwerft, wann merr se kabutt
geschriwwe hat. Ich gebb's zu, der Adolf is net mehr, was er war. Seit
sei Bub dod is, scheint 'm Alles worscht zu sei', unn ich habb mich
schonn grie unn blau gerjert iwwer die ewig Leichebittermien'. Dann ich
will #vergniegte# Mensche um mich gucke, mei Lewe is merr selwer mies
genuch! -- Awwer entlasse? Naa, Hermann, des mache merr net. Wer emal
bald dreiig Jahr im Geschft is, der is bei merr pensionsberechtigt.
Net bei 'ner Pensionsanstalt mit hunnert Paragraphe unn sechshunnert
Klausle, sonnern bei der Pensionsanstalt da drin!

Und damit schlug er sich auf den dicken Bauch, ungefhr in die Gegend,
wo sein Herz sa, das zwar ein Fettherz war, aber ein sehr gutes
Fettherz.

Mach, was De willst! brummte Herr Feldmann.

Des is e ahl Gewohnheit von merr, da ich mach, was ich will. Unn se is
merr bis jedz gut bekomme. Also merr wern de Adolf #net# entlasse. Awwer
en zweite Auslaafer wern merr dazu angaschiern, en junge, der em so nach
unn nach die Arweit aus de Finger nemmt. Des werd's Geschft aach noch
trage knne, ohne da es pleite werd!

So tauchte ein zweiter Auslufer in der Firma Feldmann & Schrder auf,
und Adolf, der sich zu Hause so berflssig vorkam, kam sich bald auch
im Geschft berflssig vor.

Se sollte mich dodschlage unn ausstoppe unn als Modellfigur ins
Schaufenster stelle, dachte er. Dann dht ich all die neue Kleider
trage, viel scheenere Kleider, als wie ich in meim ganze Lewe getrage
habb. Unn ich dht e recht liewenswerdig Gesicht mache unn dht als e
bissi mit de Aage zwinkere, da recht viel Kundschaft ereikm unn kaafe
dht, dann der Herr Schrder is immer aastnnig zu merr gewese. Nor wann
der eklig Kassierer vorbeikm, dht ich die Zung erausstrecke. Unn
vielleicht km aach als des Kttche voriwwer unn dht dem Prinz odder
Korferscht, wo se dann geheierat htt, des Schaufenster zeige: Guck,
des is mei erschter Mann! Unn vielleicht dht se'm aach sage: Ich
unglicklich Fraa! Auslaafer htt ich hawwe knne, unn en Korferscht mu
ich kriehe!

Er lchelte vor sich hin. Ein Lcheln, in dem viel Mitleid mit sich
selbst lag.

Sein Eheleben war ein unheilbar Kranker, das sah er nun selbst ein.
Weder mit Gewalt, wie es Petruchio in dem Theaterstck fertig gebracht
hatte, noch mit Gte war eine Widerspenstige wie Katharina zu zhmen.

Merr secht, da aus der ehelich Lieb mit de Jahrn die still
Freundschaft erausschluppt wie e Hinkelche aus'm Ei, -- awwer mei Eh' is
e Windei. Da schluppt kaa Freundschaft eraus unn kaa Kameradschaft, unn
wann ich noch hunnert Jahr druff erumbrt'! Des Ei, des hat der Deiwel
gelegt.

uerlich freilich war seine Ehe seit einiger Zeit geruhiger geworden.
Katharina machte ihm kaum mehr Szenen, sie schien es nicht mehr der Mhe
wert zu halten. Sie behandelte ihn jetzt mit einem verchtlichen
Lcheln, sie benahm sich ihm gegenber etwa wie ein Lehrer, der einen
Schler endgltig aufgegeben hat. Wozu sich noch ber solch einen
Menschen rgern? Da ist ja doch Hopfen und Malz verloren.

Adolf bekam pnktlich sein Essen, sein Zimmer wurde aufgerumt, seine
Wsche wurde gewaschen und geflickt, -- mehr hatte er nicht zu
beanspruchen.

Um so eifriger beschftigte sich Katharina nun mit sich selbst. In ihr
war offenbar endlich die weibliche Putzsucht erwacht; sie, die bisher
stets im Aufzug einer Aufwaschfrau im Hause herumgetobt hatte, begann
pltzlich Wert auf proppere Kleidung und eine ordentliche Frisur zu
legen. Sie abonnierte eine billige Modenzeitung, schneiderte sich nette
Blusen, ja sie fing sogar an, ihre Fingerngel zu pflegen. Sie wurde
eine gute Kundin des blondgelockten Herrn Hippenstiel.

Das Glanzstck ihrer Ausstattung war ein greller, knalligbunter
Sonnenschirm, der jedem Negerhuptling zur Zier gereicht htte. In der
Wste htte der Sonnenschirm sicherlich sehr dekorativ gewirkt, -- in
Offenbach blieben die Leute stehen, wenn Kthchen das Monstrum
spazierentrug, und dachten: Da mu e Farwe-Fabrik explodiert sei'!

Katharina aber hatte sich von je wenig um die Meinung anderer
Sterblicher gekmmert; sie fand den Schirm wundervoll, und sie machte es
den Kritikern gegenber wie der Esel in der Fabel, der behauptete, die
Nachtigall beneide ihn um seine schne Stimme.

Adolf hatte anfangs die nderung in Katharinas Kleidung mit freudiger
Hoffnung gesehen. Se will mich an sich locke! sagte er sich. Se will
merr widder gefalle.

Und er beschlo, ihr auf halbem Wege entgegen zu kommen, und dachte
schon daran, sein Dachstubenexil aufzugeben.

Aber der erste Annherungsversuch wurde mit so unverkennbarem Hohn
aufgenommen, da er keinen zweiten wagte. Obwohl ihn Bindegerst dazu
ermunterte.

Du kannst sage, was De willst, Adolf, des war net gut, da De da enuff
gezoge bist! E Mann geheert bei sei Fraa! Sonst kimmt se uff dumme
Gedanke! Odder hastde am End' noch die Absicht unn baust Derr e Nest uff
de Schornstei' unn haust da drowwe als Klapperstorch?

Ich wollt, ich #wr# e Klapperstorch! seufzte Adolf. Dann knnt ich
jeden Herbst nach Afrika ziehe, unn dht merr die ahle Piramide aagucke
unn dht mit de Kamele e bissi polidisiern. Nor Kinner bringe dht ich
kaa. Dann ich glaab, ich knnt mich net trenne von dem Storchedeich. All
die klaane Buwe unn Mdercher, wie se da erumpltschern in dem Deich unn
uff de Bldder von dene Wasserrose Dambfschiffches fahrn, -- Vadder, mu
des schee sei'!

Bindegerst lie ihn stehen. Auch er hatte Adolf lngst aufgegeben. Wenn
er ihn sah, summte er vor sich hin:

    O Gummizell, o Gummizell,
    Wie grien sin Deine Bltter!

Im brigen wich er Adolf aus, wo er irgend konnte. Es war, als habe der
Alte ihm gegenber ein schlechtes Gewissen, als frchte er, das Gesprch
knne auf ein Thema kommen, ber das er nicht reden wollte oder durfte.
Der ehedem so geschwtzige Drechslermeister wurde immer stiller, die
Schnapsflasche war seine einzige Ansprache. Sie war von der heimlichen
Geliebten zur offiziellen Kaiserin gestiegen, und Bindegerst hielt es
fr seine Pflicht, alle zehn Minuten eine Audienz bei ihr zu erbitten.

Vadder, da steht Dei Schnapsflasch uff'm Disch! mahnte Adolf einmal
erschrocken, als er zum Nachtessen herunterkam.

Aber Bindegerst erwiderte: Des is net die mei'! Die geheert'm Kttche!
Das hatte ihm einen tiefen Stich ins Herz gegeben. Also auch Kthchen
fing an ...

Aber er hatte nichts gesagt. Er wute ja, sein Wort galt nichts.
Vielleicht hatte Kthchen ganz recht, und es war tatschlich das beste,
das Leben, dieses zweifelhafte Geschenk, von dem man nicht wute, ob es
vom lieben Gott oder vom Teufel stammt, im Halbschlaf, in der Narkose
des Alkohols zu verbringen? Vielleicht haben die Eltern Unrecht, die
ihre Kinder zu eiserner Pflichterfllung erziehen, und jene
Leichtlebigen sind die besseren Eltern, die die Genusucht ihrer
Sprlinge frhlich und ungehemmt emporschieen lassen? Vielleicht ist
der Flei nur eine trichte Angewohnheit, und die Ehrlichkeit nur eine
Feigheit?

Ich wer's #aach# emal mit'm Schnaps browiern! nahm sich Adolf vor.

Aber er brachte es nicht bers Herz. Ihn ekelte davor. In meim Alter
lernt merr nix mehr dazu, sagte er sich resigniert. Net emal mehr e
Laster! Dreiig Jahr frieher htt ich 's Saufe aafange solle, dann wr
vielleicht e glicklicher Mensch aus merr worn!

Und er sann: Weshalb dhut's Kttche drinke? Hat se'n Schmerz zu
beduwe? Is se unglicklich? Unn #wann# se unglicklich is, wer
annerschter kann draa schuld sei' wie #ich#? -- Awwer ich dhu err doch
nix zu leid? Ich redd err doch in nix erei, ich gebb err doch Alles, was
ich verdien, unn habb noch nie e Abrechnung verlangt? Awwer vielleicht
is des grad der #Fehler#? Vielleicht fat se des als Gleichgiltigkeit
uff?

Er spann diesen Gedankenfaden weiter, und die Frage berfiel ihn: Lieb
ich se eigentlich noch?

Ach, das war eine schmerzliche Frage, -- viel, viel peinigender als die
Frage, die er sich ehemals vorgelegt hatte: Hat se #mich# eigentlich
noch e bissi lieb?

Liebte er Katharina noch? Wenn er sie nicht mehr liebte, dann lastete ja
alle Schuld des Unglcks auf #ihm#, dann war #er# es ja, der die Ehe
entweiht hatte, dann hatte er sie durch ein Gelbde an sich gelockt, das
zu halten er nicht imstande war.

Und der arme Adolf Borges, dessen ganzes Wesen lichte Gte war,
zermrbte sich in Selbstqulerei: kannst Du berhaupt lieben? So lieben,
da es nicht nur Dich, sondern auch den Gegenstand Deiner Liebe
beseligt?

Oder war seine Liebe nur ein ser Eigennutz? Zuckerzeug der Seele, das
man behaglich lutscht, sich einen Genu zu verschaffen?

Htt' ich's iwwer 's Herz gebracht, in die Dachstubb zu ziehe, wann ich
se werklich noch lieb htt'? Htt' ich des in de erschte Jahrn von
unserer Eh' geknnt? Da haww ich doch net eischlafe knne, wenn ich se
net newe merr gefiehlt habb!

Aber ihm kamen selbst Zweifel, ob dies ein Prfstein der Zuneigung sei.

Merr werd doch lder, unn immer fordissimo singe, des kann kaa Mensch.
Auer'm ahle Bindegerst. Is die Lieb werklich wie e geheizt Zimmer, wo
merr von Zeit zu Zeit nachschrn mu, da merr net erfriert? Kann merr
die Lieb iwwerhaapts mit'm Thermometer nachmesse?

Nein, so konnte er sich nicht ber den Zustand seines Herzens klar
werden. Er begann sich auszumalen, wie sein Leben wohl #ohne# Katharina
aussehen wrde?

Und da mute er sich gestehen: nein, ohne Katharina konnte er sich sein
Dasein nicht mehr vorstellen. Der Gedanke, da sie vor ihm sterben
knne, da er sie berleben knne, war unmglich. Katharinas Tod wrde
auch der seine sein.

Und er jubelte auf: Ich lieb se noch! Gott sei Dank, ich lieb se! Net
mit erer Lieb, die sich alle fimf Minute abknutsche mu, awwer mit 'rer
Lieb, die wo aach des schlimmst huslich Gewidder net entworzele kann!
Ich lieb se noch! Unn wer net uffheern, se zu liewe! Grad wie de klaa
Gustav!

Er hatte sich von Herrn Schrder eine der ausrangierten Modellpuppen,
die oben auf dem Speicher moderten, schenken lassen, eine jener
Holzpuppen, die ehemals zum Ausstellen von Schulanzgen fr Knaben
gedient hatten, bis vornehmere Wachsfiguren ihnen dieses Amt abnahmen.

Diese Holzpuppe hatte er mit heimgenommen, hatte ihr Gustavchens
Matrosenanzug angezogen.

Nun stand sie neben seinem Bett, und manchen Abend sa er davor, zupfte
die Joppe zurecht, band ihr den Schlips und fhrte mit ihr die
seltsamsten Gesprche.

Oder er rckte seinen Stuhl ganz dicht heran, schnitzelte aus
Zeitungspapier Schiffchen und Helme, und ihm war, als hre er wieder das
se Stimmchen lispeln: Was mach'n Du da??

Und der Mann im Mond schttelte den Kopf und murmelte: Tht' er lieber
Schnaps saufen! Das war' immer noch besser!

Im Geschft machten sie jetzt kaum mehr Witze ber ihn, -- denn Witze
macht man nur ber Menschen und Dinge, die man innerlich ernst nimmt.
Den kleinen Adolf aber betrachteten die brigen Angestellten lediglich
noch als Gnadenbrotempfnger. Der neue Auslufer, ein fixer,
mundgewandter Kerl, hatte fast alle Packarbeit an sich gerissen, und an
Adolf Borges erinnerte man sich eigentlich nur noch am Tage der
Gehaltszahlung.

Und auch da schien man ihn einmal zu vergessen. Denn der eklige
Kassierer, der jedem Angestellten am Monatsschlu das Gehalt in
verschlossenem Briefumschlag aushndigte, berging ihn. Verdutzt wartete
Adolf, bis es Zeit fr ihn war, die Pakete zur Post zu bringen, dann
klopfte er an die angelehnte Tre des Privatkontors.

No, Adolf, was is dann? frug vterlich der dicke Herr Schrder.

Ich habb kaan Lohn krieht, Herr Schrder. Ich bin vergesse worn.

Herr Schrder sah ihn erstaunt an. Awwer Adolf, sagte er vorwurfsvoll,
Se hawwe'n doch schonn lngst! Ihne Ihr Fraa hat'n doch vor acht Dag
perseenlich abgeholt. Unn hat sich aach noch Vorschu gewwe lasse uff's
nchste Mal! Wisse Se dann des net?

Doch! stotterte Adolf. Nadierlich!... Entschuldige Se blo... mei
Kobb... mei Gedchtnis lt mich als im Stich...

Er lief schnell hinaus. Er frchtete, man knne ihm seine Bestrzung,
sein Entsetzen ansehen. Die Kunst der Verstellung hatte er nie
beherrscht.

Als Adolf an diesem Abend das Postgebude verlie, trat Herr Heinrich
Baldrian, der offenbar auf ihn gewartet hatte, auf ihn zu.

Gu'n Abend, Adolf, redete er ihn an. Wollen wir nicht 'n Stckchen
zusammengehen?

Wann Se sich net scheniern, mit so'me schwige arme Deiwel zu laafe,
erwiderte Adolf bitter.

Reden Se kein' Unsinn! sprach Herr Baldrian. Wir knnen aber auch 'n
Glas Bier zusammen trinken, wenn Ihnen das lieber ist?

Naa, Herr Baldrian, des geht net! Ich habb kaa Zeit, ich mu haam bei's
Gustavche!

Heinrich Baldrian sah ihn von der Seite an. Was sagte Adolf da?

Einige Minuten schritten sie schweigend nebeneinander.

Dann hub Herr Baldrian an: Adolf, ich hab' heut Abend die kleine Szene
zwischen Herrn Schrder und Ihnen beobachtet, -- hm, wenn Sie vielleicht
etwas Geld brauchen?

Unwillkrlich blieb Adolf stehen. Er war leichenbla geworden.

Nun ja, sagte Herr Baldrian, ich geb's Ihnen gern. Wirklich. Und kein
Mensch wird's erfahrn. Mein Ehrenwort.

Er hatte noch mehr sagen wollen, aber erschrocken hielt er inne.

Denn Adolf lehnte an einem Laternenpfahl, das Gesicht in den Hnden
bergend, und haltloses Weinen schttelte seinen Krper.

Aber Herr Borges, was ist Ihnen denn? Wenn ich das gewut htte... Ich
wollt' Ihnen ja nicht weh tun...

Da raffte sich Adolf wieder auf, richtete seine nassen, blauen
Kinderaugen stumm auf den Begleiter. Und es war Herrn Baldrian, als
htte er noch nie in so dankbare, treue Augen geblickt.

Ganz beschmt fhlte er sich, und wie abwehrend meinte er, in
grenzenloser Verlegenheit: Aber Adolf, Sie berschtzen das... Das ist
gar kein so groes Opfer fr mich!

Adolf drckte seine Hand und flsterte: Ich waa, Herr Baldrian, ich
waa!... Sage Se nix mehr, sage Se nix mehr... Ich waa schonn!...

Und nach einer Weile: Sin Se froh, Herr Baldrian, da merr uff der
Gass' sin, unn da die Laderne so hell brenne, -- sonst dht ich jedz
vor Ihne nidderkniee... Herr Baldrian, Se wisse ja net, wie dankbar so e
eisamer Mensch sei' kann!

Oh doch, das wute Heinrich Baldrian nur zu gut. Und deshalb sprach er
im Weitergehen: Adolf, ich bin vielleicht noch viel einsamer gewesen
als Sie! Aber man mu das Leben nicht so wichtig nehmen. Schattenbilder,
sonst nichts. Zur Freude am Leben gelangt man erst, wenn einem das Leben
gleichgltig geworden ist. Der liebe Gott hat den Menschen aus Erde
gemacht, heit es -- aber an dem Tag mu es bestndig geregnet haben,
und so ist der Mensch aus lauter Schmutz entstanden. Schmutz, wohin man
sieht -- vergoldeter Schmutz, versilberter Schmutz oder unbeschnigter,
purer Schmutz. Aber das macht nichts. Das ist sogar ganz lustig, wenn
man erst einmal dahinter gekommen ist. Solang man sein Glck von den
Menschen erhofft, ist man zur Einsamkeit verdammt. Man mu sich jenseits
des Lebens umsehen und seine arme Seele mit den berirdischen Stationen
telephonisch verbinden lassen, mit der Religion, oder der Dichtkunst,
oder der Musik, oder der Philosophie. Und das schnste ist: wenn man so
mitten im besten Telephongesprch ist, dann merkt man auf einmal, da
das Frulein in der himmlischen Telephonzentrale wieder einmal
geschlafen hat, und da man #mit sich selbst# verbunden ist.

So redete Herr Heinrich Baldrian wohl eine halbe Stunde lang.

Aber Adolf Borges schttelte verneinend den Kopf. Se maane's gut, ich
spier's, unn es dhut merr wohl, so wohl -- awwer des is All zu hoch for
mich! Ich geheer' scheints zu dem #unbeschnigte# Schmutz. Ich versteh
nix von der Philosophie unn all dem Zeug, unn #wann# ich ebbes dervoo
verstehn dht, dht merrsch aach nix nitze! Des verseehnt merr mei
Kttche net, unnn gebbt merr aach mei Gustavche net widder. -- Gu'n
Nacht, Herr Baldrian! Schlafe Se wohl! Griee Se merr des himmlisch
Delefon, -- awwer ich bin e armer Schlucker unn kann merr kaan
Delefonanschlu leiste!

Dies war der letzte Abend in Adolfs Leben, an dem die Nchstenliebe
seinen Weg kreuzte. Und bald dmmerte der Abend, der sein letztes
bichen Glckshoffnung in Scherben schlug.

Er sa Katharina gegenber am Abendtisch und wrgte schweigend das
bescheidene Essen herunter. Das war nicht das beseligende Schweigen, das
zwischen zwei Freunden webt, die des groben Werkzeugs der Sprache zur
Sicherung gegenseitiger Hingabe nicht bedrfen, ein verbittertes
Schweigen war es, hinter dem das Mitrauen lauerte, ein Schweigen, das
die Angst vor bsen Worten diktierte.

Katharina hatte sich nach ihrer neuen Gewohnheit so durchdringend
parfmiert, da der sliche Geruch sogar den scharfen Duft der
marinierten Heringe bertubte. Wo nor der Vadder bleibt? sagte Adolf
schlielich. Die Quellkartoffle wern ganz kalt.

Dann soll er se #kalt# fresse! knurrte Katharina. Ich habb'm schonn
zwaamal gerufe, die Gorjel kann ich merr net aus'm Hals kreische!

Adolf a weiter. Aber als nach einer Viertelstunde Bindegerst noch immer
nicht erschien, stand er auf. Ich wer' en hole!

Er tastete die Treppe hinunter, auf der aus Sparsamkeit kein Licht
brannte.

Das Gerusch des Holzsgens drang an sein Ohr.

Er schmunzelte. Was mochte der Alte zu so spter Stunde noch fr ein
Kunstwerk zusammenzimmern? Welche Arbeit nahm ihn so gefangen, da er
sogar das wiederholte Zeichen zum Essen berhrt htte?

Aber pltzlich lief es Adolf eiskalt ber den Rcken. Das war kein
Holzsgen ... das war ein langgezogenes Rcheln...

Er sprang atemlos die Stiege hinab, ri die Tre zur Werkstatt auf.

Da lag der alte Bindegerst mit geschlossenen Augen neben der
Drechslerbank am Boden. Die Hnde griffen mit gekrmmten Fingern nach
dem Hinterkopf, aus dem das Blut sickerte, und mit dem Schnaps der
zerbrochenen Flasche eine schmierige Lache bildete.

Vadder, was is Derr?

Adolf kniete neben ihm nieder, versuchte den chzenden aufzurichten.

Vadder, wimmerte er. Vadder, so redd doch 'n Ton!

Aber der Alte gab keine Antwort. Nur sein Rcheln klang noch schrfer,
und sein Gesicht verzerrte sich in doppeltem Schmerz.

Adolf stand auf. Instinktiv erkannnte er, was geschehen war. Der Alte
hatte, wie so oft, im Schnapsrausch das Gleichgewicht verloren, war
gegen die Drechslerbank getaumelt und mit dem Hinterkopf in eines der
geschrften, spitzigen Werkzeuge gefallen.

Wieder kniete er nieder.

Vadder, kennstde mich dann net? Ich bin doch der Adolf!

Er rttelte den Bewutlosen.

Da schlug Bindegerst die Augen auf. Seine Hnde tasteten an Adolfs
rmel. Er richtete den Kopf ein wenig empor, sank aber gleich wieder
zurck.

Willstde Wasser, Vadder? So sag doch ebbes ... ich fercht mich ja so!

Die Lippen des Sterbenden bewegten sich, aber er brachte kein Wort
hervor.

Willstde merr was sage, Vadder?

Ein kaum sichtbares Kopfnicken.

Adolf ri ihm die Joppe auf, nestelte mit zitternden Hnden den Kragen
ab. Das schien dem Verblutenden wohl zu tun.

Adolf ... Adolf ... ich habb Derrsch versproche ... weilsde merr mit
dem Sparkassebuch ...

Awwer Vadder, des is doch jedz ganz egal, des dhut doch nix ...

Adolf ...!

Ja, Vadder?

Er beugte sein Ohr dicht zu Bindegersts Mund. Aber die Worte ertranken
in rasselndem Sthnen.

Adolf umarmte den zuckenden Leib, kte die Stirn verzweifelt.

Noch einmal kehrte das Bewutsein auf kurze Augenblicke zurck.

Adolf ... Du bist ... zu gut for se ...

Nein, Vadder! Nein! jammerte Adolf. Sag des net!

... Adolf ... des Kttche unn der Hippestiel ... der Friseer ... schon
iwwer zwaa Jahr ... Adolf!!

Er versuchte sich aufzurichten, seine angstvoll geweiteten Augen
starrten in unbekannte Ferne. ...ich wollt Derrsch schon immer ... die
zwaa ... des Kttche unn der Hippestiel... die zwaa...

Er ballte die Faust, sein Leib wlzte sich in der Lache, seine Linke
griff in die Scherben der Flasche, zerkrallte sie. Aber er fhlte nichts
mehr.

Adolf rannte die Treppe hinauf. Kttche, der Vadder sterbt!

Ein gellender Schrei antwortete ihm.

Dann war er allein.

Er schlo die Tre zur Treppe. Eisige Ruhe berkam ihn. Noch nie in
seinem Leben hatte er die Dinge so klar gesehen.

Was geschah hier? Sein Schwiegervater starb. Gut, alle Menschen mssen
sterben. Auch sein Gustavchen hatte sterben mssen. Und war doch so jung
gewesen.

Aber weshalb hatte Katharina so geschrieen? Das war der Schrei tiefsten
Schmerzes gewesen. Also liebte sie doch einen Menschen, ihren Vater. --
Ihren Sohn, ihren Gatten hatte sie nie geliebt. Merkwrdig.

Aber mit dem Vater hatte sie ja unter einer Decke gesteckt. Die Beiden
hatten ja gemeinsames Spiel gespielt, sie hatte ihn betrogen, und der
Alte wute es -- seit zwei Jahren -- --

Pltzlich griff er mit den Hnden an den Hinterkopf, so wie es vorhin
Bindegerst getan hatte.

Ich will nix wisse! sthnte er. Ich will nix wisse!

Er ging wieder hinunter in die Werkstatt.

Da lag der alte Bindegerst ganz still. Und Kthchen sa auf dem Schemel,
auf dem er einst dem Alten beim Schnitzen der Wiege und dann beim
Zimmern des Grabkreuzes zugeschaut hatte, und weinte, wie er sie noch
nie hatte weinen sehen.

Es trieb ihn unwillkrlich, sie zu trsten, er hob die Hand, sie zu
streicheln, aber er zog die Hand wieder zurck, als habe er sie
glhendem Eisen genhert. Und ging hinaus.

Und wieder kam der Zug zum Friedhof, der Pfarrer redete, die Nachbarn
drckten ihm beileidsbezeigend die Hand, und Herr Hippenstiel trug
wieder seinen tadellos gebgelten Zylinder und die erstklassigen
schwarzen Glachandschuhe.

Adolf beobachtete ihn genau. Er lauerte, ob der Friseur und Kthchen
einen Blick wechseln wrden.

Aber Katharina hielt whrend der ganzen Dauer des Begrbnisses das
Taschentuch vors Gesicht und schluchzte ununterbrochen.

Und Adolf dachte: Vielleicht haww ich'n in der Uffregung falsch
verstanne. Vielleicht hat er aach in der Besoffeheit net gewit, was er
redt. Odder vielleicht hat'r ganz was annerscht sage wolle, unn die
Wrter sin em im Sterwe dorchenanner komme? Knnte ich'n nur aus der
Erd' kratze unn en noch emal frage!

Er nahm sich vor, Hippenstiels Laden zu besuchen. Er wollte sich
rasieren lassen und dabei genau auf das Benehmen Hippenstiels und des
Gehilfen achten: irgendwie wrden sie sich schon verraten, durch ein
Lcheln, ein Zucken der Mundwinkel, eine unwillkrliche Geste. Oh, ihm
wrde nichts entgehen.

Aber er fhrte den Plan nicht aus. Ihm fehlte die Tatkraft. Er besa
nicht den Mut, dem Unglck entschlossen entgegenzutreten. Er wute
nicht, da das Unglck eines jener Raubtiere ist, die keinen Angriff
wagen, wenn man ihnen furchtlos ins Auge sieht.

Statt sich durch rasches Zugreifen Gewiheit zu verschaffen, fing er an
zu grbeln, zu kombinieren, wie es seine Art war.

Er rief sich jene Szene drauen auf der Waldbank ins Gedchtnis zurck,
als Bindegerst ihn so unvermutet wegen des Sparkassenbuchs um Verzeihung
gebeten hatte: Vielleicht kimmt doch emal e Gelegenheit, wo ich mich
erkenntlich zeige kann! Vielleicht!

Was hatte der Vater damit gemeint? Hatte er Adolf damals schon die Augen
ffnen wollen? War das eine Andeutung gewesen, die er nicht verstanden
hatte?

Er hatte ja auch im Sterben vom Sparkassenbuch zu lallen begonnen.
Sollte die Enthllung der versprochene Dank sein?

Und wie ihm Bindegerst in der letzten Zeit ausgewichen war! Und sein
Vorwurf des war net gut, da De da enuffgezoge bist! Hatte der Alte
deutlicher sein knnen? Und das Alles hatte er berhrt.

Ich bin blind, sagte sich Adolf. Wie die Kinner, wann se Blindekuh
spiele, laaf ich mit verbunnene Aage erum, unn dapp nach rechts, unn
dapp nach links, unn erwisch nix, sonnern rei merr nor an de Bum unn
Hecke die Hnd blutig! Ich bin dmmer wie die Bolizei erlaabt, unn grad
uff #dem# Gebiet erlaabt doch die Bolizei mehr wie uff jeddem annern.
Ich bin e Kamel, so gro, da es in der ganze Wst' kaan Blatz htt'.
Wie der Verstand ausgedeilt worn is, mu ich geschlafe hawwe. Awwer ich
glaab als, der Verstand is iwwerhaapts net #ausgedeilt# worn, sonnern
der liewe Gott hat'n unner die Mensche geschmisse, wie die reiche Leut
als Klaageld unner die Buwe schmeie, unn die Frechste hawwe am meiste
erwischt.

Konnte sich der alte Mann nicht berhaupt getuscht haben? Wenn seine
Anklage sich nur auf leeren Verdacht grndete? Einen Beweis hatte er ja
nicht gegeben.

Aber war Katharinas verndertes Wesen nicht Beweis genug? Fr wen zierte
und schmckte sie sich? Und parfmierte sich, da es kaum auszuhalten
war? Und behandelte ihn mit offenkundiger Verachtung? Mit der
Verachtung, die dem Manne, der sich betrgen lt, nur allzu reichlich
gebhrt?

Adolf wute nicht, was er glauben sollte. Denn er #wollte# nicht
glauben. Ihm war zumute wie einem schuldigen Verbrecher vor der
Urteilsverkndung. Er bebte: gibt es kein Mittel, gar kein Mittel, die
Entscheidung hinauszuzgern?

Nun wich er Katharina aus, wie ehemals Bindegerst ihm. Er konnte ihr
nicht in die Augen sehen, nicht mit ihr sprechen. Gleichgltiges brachte
er nicht ber die Lippen, und den Verdacht, der ihm die Seele
beschwerte, wollte er nicht preisgeben.

Er kannte aus Romanen und Zeitungsgeschichten die heroische Geste, mit
der sich betrogene Gatten zu rchen pflegen. Aber zu dieser Geste htte
er sich nie aufraffen knnen. Denn er versprte keinen Rachedurst. Nicht
einmal richtig bse sein konnte er dem Herrn Hippenstiel, -- nur
traurig war er, trostlos traurig.

Alle Sterne seines Himmels waren erloschen, tiefschwarze Nacht
umbrodelte ihn.

Was haww ich eigentlich von mei'm ganze Lewe gehabbt? E Fuball bin
ich, den wo die Herrn Feldmann unn Schrder vom Geschft uff die Post,
von der Post haam, unn von dahaam ins Geschft gekickt hawwe! Unn wie e
Fuball bin ich von alle Mensche nor mit Futritte beehrt worn. -- Naa,
da ich gerecht bleib, e paar aastnnige Mensche haww ich #doch# kenne
gelernt: de Herr Bernheim, der merr immer sei Butterbrod zor Vesper
gewwe hat, Da, Adolf, fre! unn de Schrder, des gutmiedig
Zwaazentnerferkel, unn de Herr Baldrian, der mich zum himmlische
Delefonfrulein ausbilde wollt'. Des warn gute Mensche, unn wann die
gro Schnaps-Sintflut komme dht, wo der ahl Bindegerst davoo geschwermt
hat, dann dht ich de liewe Gott bitte: Nemm die drei mit in die Arch',
se verdiene's! Die iwwerig Menschheit kannstde ruhig versaufe lasse!
Mich zu allererscht! Ich kann sowieso net schwimme! Wann ich aach e
Fuball bin.

Unn ich habb doch emal Wunner geglaabt, was ich for e Mordskerl bin.
Damals, wie merr verlobt warn, wie ich mit'm Kttche awends am M
spaziern gange bin. Ach, wr' ich doch damals gestolwert unn
ereigeborzelt! Da htte wenigstens die Fisch was zu lache gehabbt! ...

Adolf, sagte Katharina am dritten Tag nach Bindegersts Begrbnis, des
Haus geheert jedz uns!

Ja, sagte Adolf, jedz geheert's uns. Merr knne's verkaafe, wannstde
maanst.

Schafskobb! fuhr ihn Katharina an. Des guckt Derr widder ganz
hnlich! Nix werd verkaaft! Awwer unne die Werkstatt unn de Lade wer'
ich vermiete. Verstanne?

Und sie fhrte diese Absicht sogleich aus. Als Adolf einige Tage spter
ins Geschft ging, arbeiteten schon drunten die Handwerker an der
Auffrischung der Rume.

Und am nchsten Mittag turnte vor dem Schaufenster ein Mann auf einem
Gestell herum und pinselte in groen Buchstaben den Namen einer Firma
auf die Glasscheibe.

Gottlieb stand da. Der Nachnamen war noch nicht geboren.

Drben an der Ladentre stand Herr Hippenstiel und schaute dem
Malknstler zu.

Gu'n Dach, Herr Borges! rief er hinber.

Aber Adolf gab keine Antwort.

Wann ich mich nur e bissi verstelle knnt! murmelte er. Wann ich nor
so e bissi Katzefreundlichkeit heuchele knnt! Awwer ich bring's net
fertich. So was dummes wie ich werd net zum zweite Mal geborn!

Er ging geradewegs ins Geschft, denn auch das Abholen der
Geschftsschlssel in Herrn Feldmanns Wohnung besorgte lngst der neue,
junge Auslufer.

Ich glaab, se dhte's iwwerhaapts net merke, wann ich dahaam bleiwe
dht! An mich denkt kaa Mensch!

Mit dieser Behauptung tat Adolf Borges der Menschheit wieder einmal
Unrecht. Denn gerade an diesem Nachmittag sagte der dicke Herr Schrder
zu seinem Teilhaber:

Hermann, nchste Woch' werd's dreiig Jahr, da der Adolf bei uns is.
Maanstde net, merr sollt da erjend ebbes mache?

Schreib emal an die Kasern, vielleicht halte se e Parad for en ab!

Da werd'r kaan Wert druff lege. Awwer e Geschenk knnt mer'm doch
gewwe. Es braacht ja net gleich e Milljon koste. Unn aach'm Personal
sollt merrsch sage, da se so e klaa Feier veraastalte. Der Herr
Baldrian knnt die Festredd halte, ich glaab, dem leiht so was! -- Unn
's war doch aach e Reklam' fors Geschft, wann's in die Zeidung km.

Mach, was De willst! Mir is worscht, ich bin kaa' Danzlehrer!

Als Adolf Abends nach Hause kam, war der Mann mit dem Malgestell
verschwunden.

Und Adolf las auf der Glasscheibe:

    Gottlieb Hippenstiel
    Coiffeur und Friseur

Ausfhrung aller Haararbeiten zu billigsten Preisen.

       *       *       *       *       *

Eine unbndige Wut berkam ihn.

Also an #ihn# hatte Katharina den Laden vermietet. So weit trieb sie den
Zynismus.

Er strmte hinauf, bereit, Katharina zu prgeln, zu mihandeln.

Aber schon auf der Treppe wurde er in seinem Entschlu schwankend. Was
ntzte es, eine Szene zu machen? Gar keinen Wert hatte es. Es war ja
doch Alles aus.

Und als er vor der Wohnungstre stand, hrte er drinnen zwei lachende
Stimmen.

Da stieg er langsam zur Dachstube. Er schlo das Fenster, denn drauen
regnete es.

Er nahm das Bild Gustavchens von der Wand, betrachtete es lange, lange.

Dann drehte er es um, schnitt es aus dem Rahmen, zerri es in kleine
Fetzen, stopfte sie in den Ofen und verbrannte sie.

Ganz ruhig und bedchtig tat er das.

Wie ein sorglicher Familienvater, der seine Angelegenheiten ordnet.

Dann zog er der Holzfigur den Matrosenanzug aus. Er rollte ihn zusammen,
schnrte ihn mit dem Schlips fest.

Nahm das Bndel unter den Arm und stieg langsam, auf den Zehenspitzen,
die Treppe hinab.

An der Wohnungstre blieb er einen Augenblick stehen.

Und nun schlich er durch die natrben Straen, dem Main zu.

Das Bndelchen mit Gustavs Matrosenanzug hielt er dicht an sich gepret.

Babba, was mach'n Du da?? frug pltzlich ein Stimmchen.

Ich geh ins Wasser, Gustavche! Versaufe dhu ich mich!

Warum dann, Babba?

Da bistde noch zu jung dazu, des verstehstde noch net, mei Liebling.

Awwer 's Wasser is doch so kalt, Babba?

Des spier' ich net mehr, mei Kind. Ich habb kaa Gefiehl mehr. La' mich
nor mache!

Das Zwiegesprch verstummte.

Bis nach einer Weile das Stimmchen wieder begann: Die Mama is bees!

Des mutde net sage, lieb Gustavche! Die Mama kann nix dafor. Du mut
Dei Mama lieb hawwe!

Der Regen geielte sein Gesicht. Er eilte, ans Ziel zu kommen.

       *       *       *       *       *

Auf einem der groen Mainkhne saen schwatzend drei Schiffer, in
dichten Sturmmnteln und Kapuzen. Der Jngste von ihnen spielte
Ziehharmonika.

Hastde nix plumpse heern? frug der eine.

Mir war's aach so! 's werd e Bierflasch ins Wasser gefalle sei'!

Hoffentlich kaa volle! lachte der Frager.

Sie wandten sich wieder ihrem unterbrochenen Schwatz zu.

Und die Ziehharmonika spielte gedehnt:

    Katharinchen mit dem Selleriekopp,
    _Allez_ hopphopphopp, _Allez_ hopphopphopp... 




=Mnchner Buchgewerbehaus M. Mller & Sohn=





End of Project Gutenberg's Der Widerspenstigen Zhmung, by Karl Ettlinger

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WIDERSPENSTIGEN ZHMUNG ***

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