The Project Gutenberg EBook of Die Ermordung einer Butterblume und andere
Erzhlungen, by Alfred Dblin

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Title: Die Ermordung einer Butterblume und andere Erzhlungen

Author: Alfred Dblin

Release Date: March 16, 2010 [EBook #31660]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ERMORDUNG EINTER BUTTERBLUME ***




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Transcriber's Note:
The table of contents has been moved to the front of the book.





Alfred Dblin

Die Ermordung einer Butterblume
und andere Erzhlungen




Zweite Auflage

Mnchen und Leipzig 1913 bei Georg Mller



Hof- Buch- und -Steindruckerei Dietsch & Brckner, Weimar




Inhaltsverzeichnis

Die Segelfahrt . . . . . . . . . . . . .   1
Die Tnzerin und der Leib  . . . . . . .  21
Astralia . . . . . . . . . . . . . . . .  31
Mari Empfngnis . . . . . . . . . . . .  43
Die Verwandlung  . . . . . . . . . . . .  51
Die Helferin . . . . . . . . . . . . . .  71
Die falsche Tr  . . . . . . . . . . . .  87
Die Ermordung einer Butterblume  . . . . 105
Der Ritter Blaubart  . . . . . . . . . . 131
Der Dritte . . . . . . . . . . . . . . . 155
Die Memoiren des Blasierten  . . . . . . 179
Das Stiftsfrulein und der Tod . . . . . 201







Die Segelfahrt


Die Digue von Ostende lag in dem blitzenden Mittagslicht. Die geschmckten
Menschen auf der breiten Meerespromenade lachten und gingen an einander
vorber. Unter dem Widerschein des unermelichen Wassers funkelten die
Fenster der Strandhuser zrtlich auf. Das unablssige Brausen des Meeres
rollte von den Steindmmen zurck, schwoll wieder an, schwoll immer wieder
ab.

Der schwere Brasilianer ging mit offenem Munde unter den geschmckten
Menschen. Er ging dicht am Meeresgitter der Promenade. Er hielt den Kopf
gesenkt wie berrieselt vom Badewasser; seine vollen Lippen waren feucht.
Die schwarzen weidurchzogenen Haarstrhnen fielen ber seine Ohren. Er bog
den Kopf mit dem Kalabreser nach rechts und links, um dem Anprall des
scharfen Windes zu begegnen. Er streifte ab und zu mit einem freudigen
Blick das graugrne Wasser. Sein gelbbraunes schwammiges Gesicht zuckte,
die Augen, die in grauen Hhlen lagen, schimmerten; er sprte den feinen
Luftwirbeln nach, die um seinen bloen Hals fuhren, das graue Schlfenhaar
anhoben und gegen seine Wange mit feinen Stiletten anschwirrten. Er fror
leise; blickte an seinem weien Vorhemd entlang, ber das weier
Sonnenschein flo, und einen Augenblick beunruhigte ihn der Gedanke, da
sein Blick vielleicht Schatten werfe. Er seufzte, drngte sich tiefer
zwischen die Menschen.

Das Schttern des Eisenbahnzuges schwang noch in ihm nach, der ihn gestern
von Paris an die See getragen hatte.

Fluchtartig hatte er Paris verlassen, fluchtartig war er auf seiner Jacht
aus der Heimat ber den Ozean gefahren, aus einem hoffnungslosen Glck;
pltzlich seiner achtundvierzig Jahr gedenk. In Paris hatte er vier Monate
lang die Schwelgereien der Kunst, der glatten Sle, die bestialischen Tnze
ertragen: dann warf ihn eine schwere Lungenentzndung hin; er lag
aufgegeben wochenlang im Hospital. Als er am Sonntag das Haus verlie mit
schwachen Knieen, schlug er den Kragen seines Loden-Capes hoch, bestieg
eine Droschke, fuhr auf die Bahn. Einen Tag schlich er gebeugt durch das
tote Brgge. Dann raffte er sich auf, jagte in der Julihitze nach Ostende.

Er hob den Blick von dem dnnen Sande, der unter seinen Fen wegzog.

Sie glitt zum zweiten Male an ihm vorber; rostfarbenes Haar unter
breitrandigem weien Hut. Ein grauer Blick aus einem klugen nicht jungen
Gesicht wich vor ihm zurck. Sie war vielleicht Mitte dreiig. Er hrte
noch hinter sich eine hohe gesangvolle Stimme.

Bei dem Klang dieser Stimme wandte sich Copetta um. In dem Augenblick hrte
der Wind auf mit Messern zu werfen. Sie sprach mit einer alten Dame, die
sie sttzte. Der Brasilianer schob den Hut in den Nacken; eben als er ber
ihre schmalen Schultern blickte, schwarzer berwurf auf dunkelblauer Seide,
verlor er sie. Der weie Hut wippte ber der Menschenmenge, verschwand um
eine Ecke.

Copetta schlenderte in ein Caf, lffelte eine Schokolade. Das Meer rollte
unablssig gegen die Steindmme; leises Scharren der Sandkrnchen; der Wind
warf mit dnnen Stiletten.

Nachmittags um die Zeit des Kurkonzertes ging der schwarze Brasilianer in
einem langen grauen Gehrock ber die Digue. Leicht und frech wehte die
Musik. Als er mit seinem dicken gelben Stock vor dem Kurhaus Schritt um
Schritt den Boden stampfte, wich ein grauer Blick wieder vor ihm zurck.
Die alte Dame sprach auf sie ein. Ihr Gesicht war schmal, die Backenknochen
traten scharf hervor; die kleinen Augen unter den dnnen roten Brauen
blickten bestimmt und nchtern, ber der Nasenwurzel hatte sie
Sommersprossen, von den Augenwinkeln zogen sich Fltchen. Ihr Gang
schwebte.

Der Brasilianer strich sich ber die Augen, blieb unwillig stehen,
schlenderte weiter.

Gegen Abend sa er auf der Veranda seines Hotels. Als er die Weinkarte in
die Hand nahm, fiel ihm ein, da er heute dreimal eine Frau gesehen hatte,
rostfarbenes Haar unter einem wippenden Hut; dreimal eine Frau, schwarzer
berwurf auf dunkelblauer Seide; ein grauer Blick. Still schob er seinen
Stuhl zurck, mit Seufzen, Lcheln und Vorsichhinstarren zog er seine
Brieftasche heraus, trug seine breite Visitenkarte in die Villa, in der er
sie hatte verschwinden sehen, gab sie einem Mdchen ab. Als er wieder die
Meerluft an seinem Hals fhlte, fragte er sich, wozu das eigentlich gewesen
war. Drhnend schlug er seine Zimmertr hinter sich zu, warf sich im
finstern Zimmer auf einen Schreibsessel, zerri die Bilder seiner beiden
Kinder, nahm eine Nagelschere, zog seinen edelsteinbesetzten Trauring ab,
hing ihn ber die Schere, hielt den Ring ber die brennende Kerze. Die
Steine verkohlten; die Schere wurde hei; er lie sie fallen. Whlte mit
beiden Armen in zwei groen Eimern mit Meersand, die er sich auf sein
Zimmer hatte bringen lassen, stand chzend auf, bestreute den Boden und
Teppich blind mit Sand, fluchte leise auf die Hunde, die Hausdiener, die zu
wenig Sand gebracht hatten. Schlief auf seinem Sessel ein.

Wie er am Mittag eben auf der Veranda, in einem Stuhle liegend, tief die
scharfe Luft einatmete und schwindlig die Augen schlo, stand vor ihm das
Bild der gehenden Frau, sehr schmales verwelktes Gesicht, ein klarer
bestimmter Blick, der sich fest auf ihn richtete. Sie hatte ihn bitten
lassen, nicht Mittags sie zu besuchen. Er warf die dnne Decke von seinen
Fen, stlpte den Hut ber das zerwhlte Haar, schritt schwerfllig, die
Arme auf der Brust verschrnkt, die Stufen herunter, ber die leere sonnige
Promenade, auf ihre Villa zu, ein einstckiges Haus mit schmalen,
geschlossenen Fenstern. Er schob sich durch einen dunklen Korridor, klopfte
leise an die Tr, an der ihr Name auf einer Visitenkarte stand. Nichts
verlautete. Er ri die Tre auf.

Sie lag halb im Bett; hatte, um herauszuspringen, die blaue Decke nach der
Wand zu geworfen. Zwei volle frauenhafte Beine berhrten mit feinen Zehen
eben den Boden, ein sehr schmchtiger strenger Krper richtete sich auf in
einfachem, bandlosen Hemd, ein ernstes schmales Gesicht unter dem
aufgelsten Haar.

Erschttert blieb der schwarze Brasilianer an der Tre stehen. Sie
lchelte, deckte sich zu, bat ihn, in einer Viertelstunde wiederzukommen.
Totenbla, ohne ein Wort zu sprechen, hob er seinen Stock vom Boden auf.
Das alte Mdchen gab ihm die Hand; er sah in kleine nchterne Augen.

Am Abend kam ein Bote aus seinem Hotel zu ihr; er lud sie zu einer
Segelfahrt fr den nchsten Morgen ein; nicht einmal seinen Namen hatte er
auf der Karte unterschrieben. Sie drehte den mchtigen Briefbogen in der
Hand hin und her; halb unwillkrlich nahm sie einen Bleistift, schrieb auf
dasselbe Blatt, er mchte kommen, er mchte recht frh kommen; sie machte
unter ihren Namensbuchstaben L noch einen wunderlichen Schnrkel, den sie
fast eine Minute malte.

Bei grauendem Morgen lief sie ihm vor der Tr in dnner Bastseide entgegen;
sie sprangen eilig die schmale Steintreppe zu dem murmelnden Strand
herunter; sie warf mit Muscheln nach ihm zurck und fand, als sie sich nach
ihm umwandte, da es in seinen Mienen leidenschaftlich zuckte. Ganz weies
Leinen trug er; er ging mit bloem Kopf; die linke Hand trug er im Gelenk
verbunden; er sagte, er htte sich gestern Abend beim Fall ber Glas an der
Ader geschnitten. Mit einem Ruck stie er ein kleines Ruderboot in das
Wasser, hob die Aufschreiende auf den Sitz, sprang nach, ruderte gemchlich
auf ein Segelboot zu, das vor der Holzbrcke am Herrenbad schaukelte. Sie
sprangen in den Segler; Copetta zog schon den Anker; ihre bloen Arme
hielten sich an der Steuerbank fest, leise klangen die hlzernen Mastringe
an, nach einem Zug blhte sich das Grosegel; das Boot ging in See.

Sie fuhren durch die Strandgischt in das graugrne Meer hinein. ber die
scharfe Horizontlinie kam ein weier Schein, der sich von Augenblick zu
Augenblick verstrkte und hher rckte. An dem starken Morgenwinde flogen
sie gleichmig hin. Nun hockte der Brasilianer neben dem Grobaum auf den
Planken, legte die Takelung fest. Wild lachend richtete er sich auf,
schwang breitbeinig ein dnnes Tau wie ein Lasso um seinen Kopf und warf es
gegen sie; sie schttelte sich umschnrt, lste sich mit einem Ruck,
schleuderte das Seil geballt mit einem mdchenhaften Kichern gegen seine
Brust. Rasch hatte sie das Ruder angebunden an sich, sich ber Bord
gebckt, berschttete ihr kaltes Gesicht mit Meerwasser, warf, einen Fu
auf der Ruderbank, bis ber die rmel triefend, zwei volle Hnde gegen ihn.
Er fing das Salzwasser schlrfend mit offenem Munde auf, schluckte. In dem
big aufblasenden Wind lieen sie das Boot laufen, das anfing wie ein
unruhiges Tier zu zittern. Sie jagten sich ber die Planken. Johlend sprang
die Schmchtige auf die Ruderbank und schlug mit den Fusten gegen die
Takelung. Sie ri sich ihre dnne Jacke ab, pfiff und drehte sich um sich
selbst. Ihr Mund mit den dnnen Lippen ffnete sich oft zu einem kurzen,
kindlichen Lachen.

Der breitschultrige Brasilianer sa zusammengesunken auf dem Bordrand;
erschttert hrte er ihr Lachen, mit bebenden Lippen, hochgezogener Stirn
hielt er ihren Kopf, als sie sich ber seine Kniee legte und ihn neugierig
betrachtete. Seine steinharten Hnde stemmten ihre aufstrebenden Schultern
ab; er wiegte den Kopf verneinend hin und her. Die Wellen krochen ber
Bord, sie schlpften wie kleine Hunde sacht an ihnen herunter auf die
Planken. Der Wind nahm an Strke zu. Das Boot legte sich stark ber, das
Kleid des Grosegels fing an zu flattern, sie schossen in den Wind. Die
schwarzen fast glasigen Augen des Brasilianers sahen ber ihr triefendes
Haar weg, das alte Mdchen suchte mit rckgebogenem Kopf nach seinem Munde,
seinem Hals, sie tastete sich an seiner Brust hin. Sein schwammiges
zerfaltetes Gesicht war gelst, als ginge immer ein feierliches
glckerflltes Wort um ihn herum. Das Boot schwankte steuerlos, Welle auf
Welle rollten an. Copetta sa auf dem Bootsrand. Als eine hohe Wand gegen
das Boot ging, hob er weit die Arme auf, legte sich wie auf ein Kissen mit
dem Rcken gegen die Welle. Das Polster glitt zurck. Sie hrte, wie er
etwas murmelte; sie sah noch den berauschten, verschlossenen Blick, mit dem
er verschwand.

Ein Sto des Bootes warf sie gegen den Mast. Sie fhlte keinen Schmerz in
ihrem blutigen Arm. Sie schrie nach der Stelle hin gellend Hilfe, lange
Rufe stie sie aus. Man fand sie bald in dem treibenden Boot liegen. An
Land erwartete man sie. Man wute alles; Copetta hatte ein Telegramm an die
Behrde geschickt.

Sie blieb noch eine Woche bei der alten Dame in der einstckigen Villa.
Dann sagte man ihr, da sie mehrmals mittags im Speisezimmer sich auf die
Dielen geworfen habe vor den andern und mit den Hnden in die Luft taste.
Da das Hausmdchen von auen beobachtet htte, wie sie am hellen Morgen
mitten in ihrem Zimmer stillstand und sich um sich drehte. Am Nachmittag
des Tages, an dem man ihr dies sagte, packte sie mit dem Hausdiener ihre
Koffer, legte ein schwarzes Kleid an, verlie ihre Mutter, fuhr nach Paris.

Sie nahm ein kleines Zimmer und ging auf die Strae. Sie trug ihr rotes
Haar aufgetrmt; Wangen und Lippen geschminkt. Sie kam tagelang nicht nach
Hause. Sie versagte sich niemandem. Es war ihr eine Lust, sich jedem
Rolljungen, Viehtreiber in die Arme zu werfen. Sie machte sich mit
gleichgltigem Lachen und Kopfschtteln zur Beute jeglicher Krankheit, die
auf sie sprang, und trug sie mit Kssen, mit Ghnen und Inbrunst weiter.
Sie schlich nach einigen Monaten in schwarzen Seidenkleidern in die
strahlenden Ballsle. Ihr Gesicht war voller geworden; die kleinen Augen
glnzten unter dem Atropin. Die jungen Mnner nannten sie: die Hyne. Sie
trug in die Ballsle eine sonderbare Bewegungsweise. Der Tanz war
ersichtlich aus einer eigentmlichen Ungeschicklichkeit der Tnzerin
entstanden, die sich schon bei ihren ersten Schritten auf dem Parkett
zeigte. Sie stie jede berhrende Hand zurck, wiegte sich in den Hften
vor ihrem Partner nach rechts und links, nur langsam wie ein Schiffer von
einem Bein taumelnd auf das andere. Dann umging sie mit plumpen Fen ihren
Partner und jetzt wiegten sie sich gemeinsam, Hfte an Hfte gefat, aber
er sprang vor ihren aufgehobenen Armen zurck, sie suchte ihn, sank ber
ihn hin und schlielich walzte sie nicht, sondern lie sich von ihrem
Partner halb tragen, wobei ihre Fe kaum ber den Boden schleiften und sie
die Augen schlo.

Sie lie ein Jahr ber sich ergehen. Als eines Abends der Postbote zu einem
riesigen Blumenstrau einen Brief brachte, drehte sie lange den mchtigen
Bogen in ihren gepflegten Hnden hin und her. Sie warf die Blumen in den
Papierkorb, schlug den zitronengelben Kimono ber die Brust zusammen,
setzte sich an den Schreibtisch und spielte mit dem stark parfmierten
Bogen. Der Bote stand noch an der Tr, seine Uniformmtze setzte er schon
auf, als sie sich erhob und ihn bat, eine Depesche zu besorgen. Sie schien
wie erleuchtet; sie nahm ein befehlerisches Wesen an. Sie telegraphierte
nach Ostende: Herrn Copetta, Ostende Hotel Estrada, erwarten Sie mich
morgen Mittag. Bitte Drahtantwort. Eine Stunde stand sie zitternd auf der
Treppe, ob die Antwort bald kme. Sie packte den Handkoffer. Nach drei
Stunden schickte sie um einen Wagen; zog einen dnnen Anzug aus gelber
Bastseide an, fuhr auf die Bahn. Der Zug rannte lange Stunden der Nacht,
rannte ber Brssel, Gent, Brgge; schlielich Ostende frhmorgens. Sie
rasselte durch die engen bekannten Straen der Stadt. Mit einmal leuchtete
zwischen den Husern das Meer auf, das graugrne Meer. Sie stand
aufgerichtet in der rasselnden Droschke, als der bige Wind sie mit einem
Hagel von Stiletten berschttete. Sie schrie aufgerichtet im Wagen vor
Heimweh und Seligkeit, hob ihren Sonnenschirm auf und winkte dem graugrnen
Meere zu. Sie betrat ihr altes Zimmer wieder, hrte halb, da ihre Mutter
schon seit langen Monaten in diesem Hause gestorben sei. Ihr Gesicht war
still; aber als die Pensions-Dame sie entsetzt fragte, warum sie hier sitze
und so lache, antwortete sie: doch vor Glck, liebe Frau, wovor denn als
vor Glck. Was erzhlen Sie?

Und dann nahm sie, die sich sanft wie eine schne junge Frau bewegte, ihren
weien Sonnenschirm und ging an das Meer. Die Digue lag in dem blitzenden
Mittagslicht. Unter dem Widerschein des unermelichen Wassers funkelten die
Fenster der Strandhuser zrtlich auf. Unablssig brllte das Meer, warf
sich gegen die Steindmme und legte sich platt hin. Sie drngte sich
gewandt durch die geschmckte Menge, schlpfte in das Vestibl des Hotels.
Der Portier gab ihr das Telegramm; er erzhlte, der Herr sei vor einem Jahr
etwa verunglckt auf einer Segelpartie. Sie fate sich an die Brust: Auf
diesem Meer? Und dann drckte sie ihm ein Geldstck in die Hand, warf ein
paar Zeilen auf ein Blatt Papier mit ihrer Adresse, flsterte ihm ins Ohr,
er mchte doch dies Blatt an sich nehmen; wenn der verunglckte Herr heut
Abend kme, mchte er es ihm sofort geben. Sie ging an dem Verblfften
lchelnd vorbei auf die Promenade, nahm einen jungen Herrn, der ihr folgte,
an, hrte, mit ihm nachmittags an der Kapelle eine Schokolade trinkend, mit
strahlendem Gesicht die freche leichte Musik des Kurkonzerts.

Der Abend kam herauf. Der Vollmond hing schlohwei ber dem ungeheuren
Wasser.

Sie stand an ihrem Fenster und wartete. Es wurde Nacht; sie hatte schon
ungeduldig auf das rostrote Haar den wippenden weien Hut gesetzt. Sie lief
auf den Zehen durch den dunklen Korridor, sah die lange Strandpromenade
herunter, die im blendendweien Mondlicht lag. Dann lief sie die lange
Promenade hin und her, hielt ihren Hut fest, den der Sturm abhob, spielte
mit ihrem Schatten, der schwarz vor ihr herfiel, tanzte ihm pfeifend auf
offenem Weg etwas vor, machte ihm lange Nasen. Sie lugte nach dem Hotel, ob
sein Fenster noch nicht hell wurde. Um zwlf Uhr schlief sie auf ihrem Bett
sitzend ein; gegen vier fuhr sie entsetzt zusammen; es war schon ganz hell.
Er ist voraus. Sie huschte die Tr hinaus, warf drauen johlend die Arme
in die Luft, rief ihren Namen, tutete dazu. Im Nu war sie die schmale
Steintreppe herunter. Sie suchte die Abfahrtstelle, lief zu den
Badehusern. Da lagen kleine und groe Ruderboote. Keine frischen
Mnnerschritte im Sand! Sie zog die Schuhe und Strmpfe aus, warf ihren Hut
an den Strand, schrzte ihren Rock, zog keuchend an dem Bootsseil. Jetzt
sprang sie ein, zog die Ruder. Nur wenig wurde sie von der Brandung
zurckgeworfen, dann fuhr sie sicher aus.

Scharf blies der Wind ber das offene Wasser; dicke Regentropfen fielen;
weit und breit kein Segel, kein Boot. ber die hohen gebogenen Wellenwnde
kroch ihr Boot, strzte metertief, kroch unverdrossen weiter. Sie suchte
nach allen Seiten; die Angst berkam sie. Sie schrie auf den Knieen
kriechend, von jeder Wellenhhe seinen Namen kreischend ber das brodelnde
Wasser, aber jetzt schlpften nicht zahme Hndchen ber den Bord; wie der
Steinschlag fielen die Wellen auf die Brust der Atemlosen, die sich die
Augen wischte. Eben legte sie, schon erlahmend, die Ruder hin, brach in ein
wtendes Schluchzen aus, schlug sich verzweifelt mit den Fusten gegen die
Brust, als eine dunkle Gestalt sich neben dem Boot aus dem Wasser
aufrichtete. Auf dem Kamm einer Welle schwang sich die dunkle Gestalt ins
Boot. Der Brasilianer sa stumm auf dem Bootsrand und lie die Beine auf
die Ruderbank hngen. Er war unfrmig geschwollen; seinen weien Anzug trug
er prall auf dem Krper. Die weigrauen Haare waren dick inkrustiert mit
Salz; schwarzgrner Tang hing in Bscheln ber sein triefendes gelbbraunes
Gesicht, dessen Mund bebte. Dnner weier Sand und Muscheln rieselten von
seinen breiten Schultern, flo aus seinen rmeln. Er blies laut die Luft
von sich, dann atmete er stiller. Langsam hob er den rechten Arm und wehrte
die Frau ab, die sich jubilierend von dem Boden erhob. Seine tiefen
schwarzen Augen sahen sie fragend an, ihr volles frauenhaftes Gesicht, ihre
Lippen, die reif waren, ihre kleinen lebendigen Augen unter den roten
Brauen, die jetzt beseelt und schtig strahlten. Dann blickte er an ihr
vorbei. Sie strzten unter peitschendem Regen zwischen Wellenbergen
hinunter; sie hrte ihr eigenes entsetztes Rufen nicht unter dem Singen und
Flten des Sturmes. Er senkte seinen Arm, legte sich wie auf ein Kissen mit
dem Rcken gegen die Welle. Das Polster glitt zurck. Sie sah wie er
langsam den Kopf ihr zuwandte, sah den berauschten, aufgeschlossenen Blick
auf sich gerichtet, sprang ihm nach, und nun umschlangen sie die wulstig
dicken Arme; jetzt lachte sie gurgelnd und drckte ihren Kopf an seinen
gedunsenen. Und wie sie zusammen die nassen Wellen berhrten, wurde sein
Gesicht jung; ihr Gesicht wurde jung und jugendlich. Ihre Mnder lieen
nicht von einander; ihre Augen sahen sich unter verhngten Lidern an. Eine
Wassermasse, stark wie Eisen, schickte das unermeliche graugrne Meer
heran. Die trug sie, mit der Handbewegung eines Riesen an die jagenden
Wolken herauf. Die purpurne Finsternis schlug ber sie. Sie wirbelten
hinunter in das tobende Meer.




Die Tnzerin und der Leib


Sie wurde mit elf Jahren zur Tnzerin bestimmt. Bei ihrer Neigung zu
Gliederverrenkungen, Grimassen und bei ihrem sonderbaren Temperament schien
sie fr diesen Beruf geeignet. Lppisch bis dahin in jedem Schritt, lernte
sie jetzt ihre federnden Bnder, ihre zu glatten Gelenke zwingen, sie
schlich sich behutsam und geduldig in die Zehen, die Knchel, die Kniee ein
und immer wieder ein, berfiel habgierig die schmalen Schultern und die
Biegung der schlanken Arme, wachte lauernd ber dem Spiel des straffen
Leibes. Es gelang ihr, ber den ppigsten Tanz Klte zu sprhen.

Mit achtzehn Jahren hatte sie eine kleine seidenleichte Figur, bergroe
schwarze Augen. Ihr Gesicht fast knabenhaft lang und scharfgeschnitten. Die
Stimme hell, ohne Buhlerei und Musik, abgehackt; ein rascher, ungeduldiger
Gang. Sie war lieblos, sah klar auf die unbefhigten Kolleginnen und
langweilte sich bei ihren Klagen.

Mit neunzehn Jahren befiel sie ein bleiches Siechtum, so da ihr Gesicht
abenteuerlich fahl vor dem blauschwarzen Haarknoten schimmerte. Ihre
Glieder wurden schwer, aber sie spielte weiter. Wenn sie allein war,
stampfte sie mit dem Fue, drohte ihrem Leib und mhte sich mit ihm ab.
Keinem sprach sie von ihrer Schwche. Sie knirschte mit den Zhnen ber das
Dumme, Kindische, das sie eben zu besiegen gelernt hatte.

Als Ella sich in Schmerzen auf die Lippen bi, warf sich die Mutter ber
das Sofa hin und weinte stundenlang. Nach einer Woche fate die alte Frau
einen Entschlu und sagte, whrend sie auf den Boden sah, zu ihrer Tochter,
sie sollte ein Ende machen und ins Krankenhaus gehen. Worauf Ella kein Wort
antwortete, nur einen gehssigen Blick auf das runzlige, hoffnungslose
Gesicht warf.

Sie fuhr schon am nchsten Tage ins Krankenhaus. Im Wagen weinte sie unter
ihrer Decke vor Wut. Ihren leidenden Krper htte sie anspeien mgen,
bitter hhnte sie ihn; es ekelte sie vor dem schlechten Fleisch, an dessen
Gesellschaft sie gebunden war. In leiser Angst ffnete sie die Augen, als
sie die Glieder betrachtete, die sich ihr entzogen. Wie machtlos sie war, o
wie machtlos sie war. Sie rasselten ber das Pflaster des Hofes. Die Tore
des Krankenhauses schlossen sich hinter ihr. Die Tnzerin sah mit Abscheu
rzte und Kranke. Die Schwestern hoben sie weich ins Bett.

Nun verlernte die Tnzerin zu sprechen. Das Befehlerische ihrer Stimme
hrte sie nicht mehr. Es geschah alles ohne ihren Willen. Man achtete aber
auf jede uerung ihres Leibes, behandelte ihn mit einem malosen Ernst.
Tglich, fast stndlich fragten sie die Tnzerin nach seinen Dingen,
schrieben es sorgfltig in Akten auf, so da sie erst darber unwillig
wurde, dann sich immer tiefer verwunderte. Sie trieb bald in eine dunkle
Angst und Haltlosigkeit hinein; ein Grauen berkam sie vor diesem Leib. Sie
wagte gar nicht, ihn zu berhren, an ihm zu wischen, starrte auf ihre Arme,
ihre Brste, erschauerte, als sie sich lange im Spiegel besah. Ihr Mund
schluckte Medizin, die sie ihm zu trinken gab; sie begleitete die bitteren
Tropfen, wie sie hinunterrannen und sann darber nach, was er daraus
machte, er der Leib, der kindische, o der herrische, der finstere. Klein
wie eine Fliege wurde sie; und nachts stand die Todesangst hinter ihrem
Bett. Ihre Augen, die in Unheimliches sahen, wurden steif. Die Spttische
mit dem Knabengesicht war nun fromm und betete vor Anbruch der Nacht mit
den Schwestern. Die Mutter erschrak, als sie die Tochter besuchte. So
kleinmtig, hilfsbedrftig war ihr Kind nie gewesen. Wir stehen alle in
Gottes Hand, trstete die Mutter die Verfallene, die sich an ihr
festhielt. Ja, flsterte die Tnzerin, wir stehen alle in Gottes Hand.

Das gleichmige Treiben um sie beruhigte sie wieder, schnell schwand das
Entsetzen, wie es hereingebrochen war. Der Widerwillen gegen die Kranken im
Saal flackerte auf. Und die Emprung lungerte in den scharfen Zgen, da
man ihm Ehrfurcht zolle, dem Verderbten, Verderbenden, und ber sie
fortshe, als wre sie tot. Das beleidigte die Herrische. Sie sperrte den
Leib ein, legte ihn in Ketten. Es war nun ihr Leib, ihr Eigentum, ber das
sie zu verfgen hatte. Sie wohnte in diesem Haus; man sollte ihr Haus
zufrieden lassen. Jeden Tag schlugen sie mit Hmmern gegen ihre Brust und
belauschten das Gesprch ihres Herzens. Sie malten ihr Herz auf die Brust,
so da es alle sehen konnten; rissen an das Licht, das sich drin versteckt
hatte. O man beraubte sie. Mit jeder Frage trugen sie ein Stck von ihr
weg. Man drang mit Giften auf sie ein, die feiner waren als Nadeln und
Sonde; kamen ihr auf alle Schliche, trieben sie ganz in ihren Fuchsbau
zurck. Alles nahmen ihr die Diebe, und so wunderte sie sich nicht, da sie
tglich schwcher wurde und totbla dalag. Jetzt wurde sie erbittert und
wehrte sich. Sie belog die rzte, beantwortete ihre Fragen nicht, ihren
Schmerz verheimlichte sie. Und als man sie wieder befragen wollte, machte
sie sich im Bette steif, stie die Schwestern zurck, ja lachte in
pltzlich aufloderndem Hasse den rzten, die den Kopf schttelten, ins
Gesicht und schnitt ihnen eine hhnische Fratze.

Aber so krampfhaft tapfer konnte sie sich nicht lange halten. Tglich
gingen ohne Unterla die weien Mntel durch die Sle, klopften an den
Kranken, schrieben alles auf. Tglich und stndlich kamen die Schwestern,
brachten ihr Nahrung und Heiltrnke: daran erlahmte die Tnzerin. Sie warf
das Spielzeug wieder hin; dumpf verachtend lie sie mit sich geschehen. Es
ging sie nichts an, was geschah. Ein kindisches Wesen lag da, das sie elend
machte; was sollte sie um ihn kmpfen, was sollte sie ihn um seine Ehre
beneiden? Schlaff ruhte sie in ihrem Bett. Der Leib lag wieder, ein Stck
Aas, unter ihr; um seine Schmerzen kmmerte sie sich nicht. Wenn es sie
nachts stach und qulte, sagte sie zu ihm: Sei ruhig bis morgen zur
Visite; sag es den rzten, deinen rzten, la mich zufrieden. Sie fhrten
getrennte Wirtschaft; der Leib konnte sehen, wie er sich mit den Doktoren
abfand. Es wird schon protokolliert werden. Damit schnitt sie der
Belstigung das Wort ab.

Oft empfand sie ein lchelndes Mitleid mit diesem dummen kranken Kindchen,
das in ihrem Bette lag. Sie teilte ruhig und gewissenhaft mit, was ihn
drckte. Gleichgltig und leicht ironisch beobachtete sie die rzte und
konstatierte ironisch die Erfolglosigkeit ihrer Anstrengungen. Eine
Spannung und Lustigkeit kam wieder ber sie und eine wild sich schttelnde
Schadenfreude ber das Migeschick der rzte und den Verderb des Leibes.
Wie sie unter Gelchter ihren Mund in das Kissen drckte, hatte sie ihren
alten Hohn und ihre Klte wieder.

Als am Mittag Soldaten mit klingender Marschmusik an dem Krankenhause
vorbeizogen, sa die Tnzerin jach in ihrem Bette auf, mit glhenden Augen,
gepreten Lippen, ganz ber sich gebckt. Nach einer Weile rief eine
scharfe, wenn auch leise Stimme die Schwester an das Bett. Die Tnzerin
wollte sticken und begehrte Seide und Leinewand. Mit einem Bleistift warf
sie rasch auf das weie Tuch ein sonderbares Bild. Drei Figuren standen da:
ein runder unfrmiger Leib auf zwei Beinen, ohne Arm und Kopf, nichts als
eine zweibeinige, dicke Kugel. Neben ihm ragte ein sanftmtiger groer Mann
mit einer Riesenbrille, der den Leib mit einem Thermometer streichelte.
Aber whrend er sich ernst mit dem Leib beschftigte, machte ihm auf der
andern Seite ein kleines Mdchen, das auf nackten Fen hpfte, eine lange
Nase mit der linken Hand und stie mit der rechten eine spitze Schere von
unten in den Leib, so da der Leib wie eine Tonne auslief in dickem Strahl.

Mit roten Fden stickte die Tnzerin das Bild roh aus und lachte lustig
zwischendurch fr sich.

Sie wollte wieder tanzen, tanzen.

Wie einstmals, als sie Klte ber jede ppigkeit des Tanzens sprhte, als
ihr straffer Leib wie eine Flamme geweht hatte, wollte sie ihren Willen
wieder fhlen. Sie wollte einen Walzer, einen wundersen, mit ihm tanzen,
der ihr Herr geworden war, mit dem Leib. Mit einer Bewegung ihres Willens
konnte sie ihn noch einmal bei den Hnden fassen, den Leib, das trge Tier,
ihn hinwerfen, herumwerfen, und er war nicht mehr der Herr ber sie. Ein
triumphierender Ha whlte sie von innen auf, nicht er ging zur Rechten und
sie zur Linken, sondern sie, -- sie sprangen mitsamt. Sie wollte ihn auf
den Boden kollern, die Tonne das hinkende Mnnlein, Hals ber Kopf es
hintrudeln, ihm Sand ins Maul stecken.

Sie rief mit einer Stimme, die urpltzlich heiser geworden war, nach dem
Doktor. ber sich gebeugt, sah sie ihm von unten ins Gesicht, wie er
erstaunt die Stickerei betrachtete, sagte dann mit ruhiger Stimme zu ihm
auf: Du, -- Du Affe, -- Du Affe, Du Schlappschwanz. Und stie sich, die
Decke abwerfend, die Nhschere in die linke Brust. Ein geller Schrei stand
irgendwo in der Ecke des Saales. Noch im Tode hatte die Tnzerin den kalten
verchtlichen Zug um den Mund.




Astralia


Herr Gtting, Adolf Gtting, Privatgelehrter, wohnhaft Albrechtstrae 15,
drei Treppen rechts bei Frau Schlke. Er sitzt in seinem Zimmer auf einem
Sofa und lt sich von der Lampe wrmen. Ein gedrcktes Mnnlein mit
verschrumpeltem Gesicht, gelblich, entzndeten Augen und rascher weicher
Stimme. Seine Finger spielen mit den Fransen der braunen Wolldecke, welche
ber seinen dnnen Beinen liegt.

Mit kurzen Handbewegungen belehrt das Mnnlein seine Frau, ein blasses
angenehmes Wesen, welches ihm gegenber auf einem Stuhl mit gefalteten
Hnden sitzt, da bung die Grundlage der Kultur sei und da es wisse, was
es sage. Auch wirke der Most erfreulich auf Magen und jegliche Schleimheit
und werde wahrscheinlich im Darm zu Wein umgewandelt. Die Kraft des Lebens
zur Verwandlung sei unermelich. Es wisse, was es sage.

Sanft haucht die verblhte Frau etwas ber feuchte Herbstwitterung, ber
Aufregungen einer Sitzung, ber vieles Trinken.

Indessen hebt das katarrhalische Mnnlein langsam mit gespreizten Fingern
die Wolldecke von seinen Beinen auf, legt sie neben sich auf das Sofa.
Schlurrend, mit geknickten Beinen geht es an das Fenster, ffnet es mit
Knarren und sieht in den Nachthimmel.

Seine Stimme klingt geduldig und fromm.

Ich sollte dich nicht anhren, Elfriede. Du weit nicht, was du sprichst.

Heut ist Neumond. Du verstehst mich.

Er sagt das: Heut ist Neumond ganz einfach, ohne Pathos.

Das Gemt, das Gemt. Wenn wir das Gemt bereit halten, haben wir alles
getan. Heute ist Neumond. Von innen heraus werde ich alles berwinden. Wie
ich schon manche Bedrngnis berwunden habe. Und der Most -- mit einmal
schlgt ein Entzcken in seiner Stimme auf und Feierlichkeit --, siehst du
es nicht? Das Gemt wird gelt durch ihn; es wird behende gemacht, und dann
kann es frei springen, in die Luft, wo es frei ist. Da kann es hin
springen. Oder auf die Felder oder in die Kartoffeln -- das ist ganz egal.
Und noch anderes, ja Elfriede: es kann zwitschern, das Gemt, fr alle
Ohren zirpen, zwitschern, glaubwrdig singen.

Das Licht flackert, die Lampe blakt.

Aber als die bekmmerte blasse Frau ins Licht sieht, seufzt das Mnnlein.

Das sanfte Wesen weht auf das Mnnlein zu, bindet ihm einen braunen,
schwarzgestopften Strumpf um den Hals.

Zieh dich warm an, lieber Adolf. Nimm dir auch eine Leibbinde um; sie
liegt auf deinem Bett. Ach, das lange Ausbleiben nachts. Nein.

Das aufgeschwemmte liebevolle Nichts lt sich von dem Mnnlein die Hnde
drcken und verschwindet aus dem Zimmer.

Herr Gtting, Adolf Gtting, Privatgelehrter, wohnhaft Albrechtstrae 15,
drei Treppen hoch, bei Frau Schlke. Verfasser einer Geschichte der
hauptschlichen Fehler im menschlichen Handeln seit dem Sndenfall bis zur
Gegenwart, Verlag Schultze & Velhagen, Berlin, neunzehnhundertunddrei,
dreihundertundsiebenzig Quartseiten, gebunden vier Mark, Mitglied mehrerer
frommer Vereine. Grndete die freie Brderschaft: Astralia, arbeitet
augenblicklich ber Das innere Leben und seine krperliche Darstellung.
Er geht jetzt im dicksten Dunkel, schweren Nebel auf dem Wall der Stadt. Er
geht spazieren, weil er Denker ist. Er wei, da er Denker ist: seine Frau
wei es nicht.

Der gedrckte kleine Herr geht unter den schwarzen Ulmen und pret sein
Taschentuch gegen Mund und Nase. Er ist kein Spadenker, mehr als ein
Denker, ein Verknder, ein Seher, der seine Zeit abwartet. Er schlendert
behaglich und froh, mit einer gewissen Sehnsucht; er nimmt mit seinen
kleinen Augen Gedanken von den Bumen herunter wie pfel. Die Jahre sind ja
vorbei, wo etwas Bitteres, Schwarzes neben den Ulmen hier kroch, abends,
und die Hnde ausstreckte. Man war still, wenn er redete, aber bald
kicherte man und stie sich an. Und das Gucken und Quietschen und
unterdrckte Gelchter, wenn das Alrunchen eintnig seine Lehre hersang,
seine Busalbadereien, mit den langen Armen fuchtelte, pltzlich abbrach
und starr in den Lrm hineinhrte. Zu Hause versteckte es sich dann und
sann ber das Gebahren der Leute nach. Das verdsterte Alrunchen konnte
die Menschen dann hassen, drohte ihnen, aber erschrak bald ber seinen
Rachedurst und weinte verzweifelt, weil ihm doch die Kraft nicht gegeben
war.

Eines Tages aber wird ein Wunder geschehen, darum schleicht es jetzt
sehnschtig unter den Ulmen in der Sturmwindnacht; da werden sie glauben
und nicht sptteln. An einem angststarren Abend ist ihm das zur Gewiheit
geworden. Von innen heraus wird es ihn ergreifen, berhren, wenn das Gemt
sich hoch genug gestaut hat; es wird ihn verwandeln, er wei selbst nicht
wie. Seine Arme werden nicht mehr dnn, lang wie Affenarme sein; seine
Stimme nicht mehr krchzen. Ein Heiligenschein wird ber seinem Kopfe
stehen.

Halloh, der Segen Gottes mit dir und alle guten Geister. Die kleine
Brderschaft, ehrbare dicke und dnne Mnner, erhebt sich vor ihrem
Vorsitzenden in der niedrigen Schenke am Wall.

Sie trinken Most aus Holzbechern, preisen die unsterbliche Seele. Eins
spricht nach dem andern. Alle Gter mssen geteilt werden, und das Tten
von Tieren ist Mord, und wenn man nicht bald in sich geht, steht der
Weltuntergang bevor.

Sie trinken Most. In den plumpen schmutzigen Hnden halten sie
blaugeheftete Gebete, singen ich wei, da mein Erlser lebt, und er ist
nahe, mit einer Fusohle steht er schon auf der Erde.

Sie rauchen aus langen schwarzen Pfeifen mit Totenkpfen, qualmen heftig.

Ein gedrcktes Mnnlein mit verschrumpeltem gelben Gesicht, entzndeten
Augen und rascher, weicher Stimme steht an einer Ecke des Tisches auf, mit
gerteten Wangen.

Es ruft in das erregte Glserklirren hinein; da der Prophet nahe sei, da
der erwartete die Unglubigen niederstrzen werde, Vlker und Knige und
Brder. Er msse kommen bald. Der se Trank beselige es. Im Stillen habe
das Zuknftige sich vorbereitet, gleichsam wie das Kind in einer
Schwangeren; wer wisse, in welchem Leid. Es versichere die Brder, es sei
so. Der groe Krieg werde ausbrechen, in dem die Menschen sich gegenseitig
vernichten; schon sei die Spannung auf Erden nicht mehr zu steigern, schon
starre die Welt in Rstung, und nur die Friedfertigen blieben brig. In den
Wolken stnde schon der Heiland, bereit, sein Werk zu vollenden, in den
Wolken, welches seine eigenen Worte sind.

Sie trinken Most. Sie ffnen der Neumondnacht die kleine Tr der Schenke.

Auf einmal verstummen alle.

Einer steht mit wirren Worten auf.

Sie erschrecken.

Es geschehen heimliche Dinge. --

Am nchsten Morgen schurrt etwas Verhutzeltes mit dnnen Beinen aus der Tr
der Schenke.

Erst taumelt es, und die Hnde suchen, greifen nach jedem Festen, Pfahl,
Baum, Gartenzaun. Dann geht es gerade und fest. Den Kopf auf die linke
Schulter gefallen; geblhte Nstern; wssrige, starre, halboffne Augen. Es
geht halbnackt; in bloen Hemdrmeln ohne Stiefel und Hut. Es wirft die
Beine bei jedem Schritt weit nach vorn, pret die Arme vor die Brust
aneinander. Als die Menschen oben auf der Ulmenallee stehen bleiben, ein
kleines Milchmdchen mit ihrer Blechkanne und zwei Straenkehrer,
verschlafene weie Gesichter, fhrt der Verhutzelte zusammen.

Man sieht es an. Es mu gerade gehen, jawohl, gerade gehen.

Es singt vor sich hin . . . .

Es geht langsam seines Weges frba, so selig, leidvoll, getragen von einer
schweren, dunklen Wolke. In den Wolken steht es, in den Wolken, welches
seine eigenen Worte sind.

Ein heier Schauer fhrt pltzlich ber das Mnnlein. Wenn es geschehen
wre, das Unglaubliche, die Verwandlung, heut ber Nacht!

Die beiden Straenkehrer hatten es angestarrt. Es reckt sich und hebt den
Kopf, lt ihn wieder fallen. Es war die heilige Neumondnacht. Und von ihm
ginge etwas aus, eine Scheu, ein Schein, von seiner Stirne, von seinen
Haaren. Besteche, bezwinge die Menschen. Es konnte ja nicht mglich sein.

Summend, mit stillem Singen und Trumen geht es weiter.

In den engen Straen unten stoen sich die Barbiere, die Rolljungen, die
Bcker an; sie treten zusammen und zischeln. Ein offenes gemeines Lachen
hrt Herr Gtting pltzlich, wie er es nie gehrt. Und nun entsetzt er sich
tief und in glcklichem Graus: es ist geschehen, das Wunder hat sich
vollzogen, der Herr hat es vollzogen. La, la sie fluchen und speien! Und
fester Boden liegt unter seinen Fen, er trumt nicht, atmet die khle
Morgenluft. Mit beiden Sohlen steht er auf der Erde.

Whrend er in die Hauptstrae einbiegt, in der eben die Geschfte geffnet
werden, laufen ihm die Schuljungen in Rotten nach, stoen sich an, grhlen
laut, springen ngstlich beiseite.

Das Leid aller Jahre ist vergessen; oh, Dankbarkeit dem, der alles lenkt.
Hosianah Dir, Herr!

Das Mnnlein steigt die Treppen zu seiner Wohnung hinauf, Albrechtstrae
15. Im Hausflur verstummen die Menschen wie mit einem Schlage, als sein
Blick sie trifft. Dann hebt ein langes Geraune hinter seinem Rcken an und
tnt noch, als die Glocke gezogen wird. Mit Lcheln geht das Mnnlein ber
die Schwelle. Das seltsame sieht dem schwermtigen dicken Geschpf in die
Augen, das in das Zimmer huscht, wo das Verhutzelte steht, den Kopf auf die
linke Schulter gefallen, die Arme gegen die Brust gepret, und Liebe um den
Mund und die wssrigen, verkniffenen Augen. Seine beiden Hnde strecken
sich nach ihr aus. berstrmt von Se und Ernst sagt es mit weicher
Stimme:

Siehst du -- siehst du; oh, ich wute es, Elfriede. Nun bin ich wieder
gekommen.

Sie hlt sich am Fensterbrett fest, sieht auf das Mnnlein, schreit auf:
Adolf!

Ja, Elfriede. Ich habe mich in allen Nten fr ihn bereit gehalten, ich
habe so lange geharrt. So bitteres drum erduldet. Aber freut euch, die mit
mir gewartet haben!

Bist du so gegangen, Adolf? Den ganzen Weg, sag, Adolf, bist du so
gegangen? Du hast ja gar keine Jacke an und gar keine Stiefel und gar
keinen Hut.

Die Augen ihr gegenber halten still; ein Gesicht erkaltet, eine Stimme
antwortet ihr, die sich jh zu Erz erhrtet hat:

Du, ich sagte es schon, bist auch du von der Rotte Korah? Heb dich von
mir, auf da ich nicht unrein an dir werde.

Das gelle unfltige Gelchter aus dem Hausflur und von der Treppe schallt
ins Zimmer.

Adolf, was ist geschehen? Wo hast du deine Sachen gelassen?

Das Mnnlein sieht starr auf seine Fe, die Hnde flackern auf der Brust,
der Kopf fllt langsam nach vorn ber.

Die Stiefel. Die Rotte Korah. Ja, was meint das Weib damit? Was will das
Weib in diesem Zimmer damit gesagt haben?

Und dann brllt es mit eherner Stimme, hervorquellenden Augen gegen die
Tr:

Nicht lachen, nicht lachen! Hier gibt es nichts zu lachen!

Und glht mit einmal auf, luft an das Bett, versteckt den Kopf unter die
Decke, stammelt: Oh, nicht lachen . . . Bitte, bitte, nicht lachen. Oh,
ich bitte euch, ich flehe, ich fle--he--

Da hat sie nur das zitternde halbnackte Mnnlein zu halten.




Mari Empfngnis


Maria ging bleich und stillugig durch die feuchten niedrigen Grser.

Hing das Laub hoch und dicht, so schaute Maria nach einem breitstigen
Baume aus, der allein hinter einem maschigverwachsenen Gebsch stand, in
einem Walde stand, den die Mnner mieden. Das Grn der Bltter verschmolz
mit den seidenen Dmmerfarben der Luft; dann blhten bronzedunkle,
rosenzarte, gelbgetnte oder auch schneeige Mdchenleiber unter ihm, die
sich liebten. Das Laub hing dicht und fiel tief hernieder.

Wenn wilder Regen strmte, sa Maria unter den Gespielinnen am Fenster
ihrer Halle, mit ihrem weien, ins Bluliche schattenden Gewande, einen
Mandelzweig im Haar; sangen aller Lippen zum Regengotte ein
Beschwrungslied. Aber sie schrie auf vor Glck, wenn sie ein Kindchen sah.
Mit langsamen Schritten ging sie auf das Kindchen zu, hob es auf und hielt
es, sich setzend, leicht mit den Knieen wiegend, im Scho. Manchmal hielt
sie im Wiegen inne, blickte lange auf die weien Sonnenstubchen und den
schwerblauen Himmel, schauerte pltzlich zusammen mit den frstelnden
Schultern und wiegte weiter.

Ein treuer Freund warb um sie; aber die jungfruliche konnte den leise
Flehenden nicht erhren.

Als die Mdchen einmal in sanftem Glck unter jenem breitstigen Baum ihre
Jugend mit Kssen und Umarmen genossen, sahen sie durch eine Bltterlcke
am Himmel eine schwarze, unermelich breit und riesig greifende Wolkenhand,
unentrinnbar Willens gleichsam wie eine Gotteshand. Sie sangen unruhig auf,
snftigten sich, flohen schlielich durch das Laub geduckt auseinander, die
weien und buntgewandigen, als ein graublaues Licht ganz hinten am Hgel
ugte und immer heller und heller und hufiger von der Himmelsschwrze
herblickte. Zwischen schwarzen und steifen Baumreihen, die sich zu krmmen
und winden begannen, flatterten die Gewande vor dem Wind. Dem Freunde, der
Maria entgegengelaufen war, nachdem er lange wartend um ihr einsames Haus
gestreift hatte, klammerte sich die ngstliche, Zerzauste an und lie
seinen Arm nicht. Immer klagten und zitterten ihre blassen, verwirrten
Blicke zu den weitgespannten Wolkenfingern und dem grellen Licht hin. Sie
fiel ihm, als die Erde zu beben begann und eine Donnerstimme mit lohendem
Purpur und Schwefelgelb aufbrllte, totbleichen Gesichts in die Arme. In
dem dichten Dunkel fuhren Hnde ihr ber Gesicht und Haare, sie hrte nach
dem herrisch befehlenden Donnerschlage heie Flsterworte. Er nahm sie hin,
die wie ein leichter Ast an seiner Schulter hing, mit ganz entspannten
Gliedern und Zittern.

Die Gespielinnen fanden sie am Morgen nach dem Gewitter starr mit offenen
Lippen auf dem Lager. Ihre schimmernden Augen suchten, als die Fe der
Mdchen auf der Diele klangen, irr etwas in ihrem Zimmer und auf den
Gesichtern der Freundinnen; sie wollte sprechen, aber mit einem rauhen Laut
stopfte sie sich ihr Tuch in den Mund und bi hart darauf. Oder sie schrie
auf und sthnte langgezogen, regelmig und warf sich hin und her. Niemand
wute, was in der Nacht geschehen war, aber man riet bald, da der
Schrecken des Gewitters ihre Seele verstrt hatte.

Und sie pflegten sie, bis sie still wurde, und auch den Freund, der immer
wieder eindringen wollte, lieen sie nicht zu der Kranken. Als sich die
Zerwhlte langsam gesammelt hatte und ruhig lag, sagte sie endlich
heimlich, indem sie den Kopf noch tiefer in das Kissen drckte, wie um sich
zu besinnen, mit einem unsicher fragenden Ton in der Stimme: es sei etwas
ber ihrem Haus bei Nacht gewesen. Und sann dann wieder angestrengt in den
Kissen nach, sah auffahrend auf die Gefhrtinnen und die stummen
Gegenstnde im Zimmer.

Nach einiger Zeit ging sie nun wie eh mit den Freundinnen durch die
feuchten niedrigen Grser. Aber wenn schon sonst ein weicher Ernst ber ihr
lag, so verlangsamten sich jetzt ihre Bewegungen immer mehr, fast
feierlich. Ihr Gesicht klrte sich morgenlich, tuschungslos auf. Als sie
dem Freier zuerst begegnete und die Freundinnen auf ihren erstaunten Blick
ihr sagten, wer er sei, sah sie ihm noch lange in das flehende Gesicht und
wandte sich dann ruhig von ihm ab, anscheinend im Grn der hngenden
Bltter und am glatten Himmel etwas suchend.

fter blieb Maria jetzt vor ihrer Halle sitzen in der blauen Luft. Ihre
Augen wurden gtiger, versonnener, und wenn der treue Freund neben ihr
stand, so streichelte sie seine Hand, die neben ihrem Kopf herabhing, und
ihre Lippen nannten ihn wie frher leise: Freund.

Sie gedieh und wandelte sich allmhlich in eine reife Blte. Als sie mit
dem schwachen Kindchen auf den wiegenden Knieen wieder vor der Halle sa,
sah Josef sprachlos auf sie, deren Augen von innen erleuchtet schienen.

Maria hob ihr zartes Gesicht lchelnd zum tiefblauen Himmel auf, von dem
die dstere Gotteshand nach der jungfrulichen herabgegriffen hatte,
ffnete leicht die Lippen gegen das Licht zum Ku, blieb lange so.

Und so senkte sie dann den friedensstillen Kopf und die Brust halb ber das
unschuldige Kindchen, das von ihren duftenden Hnden gehalten auf ihrem
Schoe lag, auf ihrem weiten, weien Gewande, dessen Falten mattblau
schatteten:

Ich liebe dich, ich liebe dich, du Gottespfand.




Die Verwandlung


Erna Rei gewidmet

Die ersten Jahre der Ehe dieser beiden, der Knigin und des Prinzgemahls,
waren friedlos verlaufen. Als aber das Kind, der Thronerbe, in dem alten
Schlosse schrie, ffneten sich die eisernen Torflgel des Seitenportals;
auf den Steinen des Schlohofes stand die schlanke, blasse Knigin, sie
schwang sich in den Sattel, jagte, von einer kleinen Kavalkade gefolgt, auf
dem Schimmel durch die winkligen Straen, zwischen den gebckten Husern,
ber den Marktplatz, auf die gelben Wlder. Nun sprengte die wilde Knigin
wieder durch die verschlungenen Waldungen; auf den Nachbardrfern fanden
Picknicks statt, Maskerade und Mummenscherz in Dorfslen, bei denen stets
ein reserviertes Nebenzimmer voll war von den glhenden Wangen ihrer
kniglichen Majestt, von dem Zittern ihres frechen Leibes wie der
prustenden Laune ihres Mundes, von der verhllten Se ihrer abgehackten
Stimme, prunkvolle Feste, bei denen ein leiser kranker Kavalier ihr Flieder
reichte, das Gesicht in ihre Brust vergrub und an ihrem Hals weinte, vor
Glck, Angst und Selbstverachtung. Auch der Prinzgemahl zog wieder einsam
seines Wegs wie ein Mnch. Mit traurig gekruselten Lippen sah man die
dicke Gestalt durch die Sle schlendern, ihn, bald zutunlich wie ein
Ktzchen, bald trge und faul, flieend von Ironien und Selbstsptteleien.
Er war wortkarg; man hrte aufbrausende Worte aus seinem Munde. Abends
schlich er ohne Diener in den Damenflgel, legte seinen wunden Kopf in den
Scho eines schmchtigen, schwarzen Hoffruleins mit strahlenden Augen.
Jetzt sah man nicht mehr die Rcke der Knigin schief sitzen; keine
Haarnadeln, die sie verloren hatte, lagen auf den Korridoren; die Treppen
fhlten nicht mehr ihre mden verzagten Fe; lachend gingen diese beiden,
Knigin und Prinzgemahl, durch die dunklen Sle nebeneinander. Sie trug
eine blaue Schleife aus Seide ber dem rechten Ohr; aus dem Haar hing sie
herab; ihr Geliebter hatte sie gebunden. Im Knopfloche des Prinzen steckte
die Purpurnelke, daran flatterten offen zwei schwarze Frauenhaare.

Es war eines Mittags, da nach frhlichem Plaudern erst die Knigin, dann
der Prinz verstummte, da die Knigin langsam aufstand, durch die Reihe der
Lakaien wortlos hindurch aus dem Speisesaal ging, da der Prinz mit einem
versunkenen Blick auf seine linke Hand sitzen blieb, die neben ihrer
rechten gelegen hatte, sein Besteck zusammenschob, wortlos auf sein Zimmer
ging. Die Adjutanten und Damen des Gefolges speisten rasch ab. Die Gemcher
der Knigin waren geschlossen; die Knigin, hie es, stnde seit ihrer
Rckkehr am Fenster, sei garnicht erregt; sie wrde ihr Zimmer bald ffnen.
Der rote Hofrat, ein massiver riesenstarker Jurist, mit strohblondem
Vollbart, gtigen Augen, brummte, es werde doch einmal zu einem offenen
Eklat kommen. Das gelbe Knochengesicht neben ihm mit pechschwarzen Augen
und Haaren, vorgeschobener Unterlippe, ein Mnnlein mit einer Hakennase,
der Hofarzt, zerknautschte sich zu einem hoffnungsvollen Lcheln.

An der Abendtafel saen sie ernst beieinander. Es war ihnen nichts
abzumerken; nicht bei den Gesellschaften des nchsten Tages. Sie berhrten
sich nicht, sie rckten mit den Sthlen voneinander ab, sie sprachen
freundlich mit abgewandtem Gesicht zu ihrer Umgebung; kaum ein Wort
wechselten sie miteinander. Beider Stimmen klangen hher, und es schien,
als ob einer zu dem andern hinberlauschte.

Es war ein furchtbarer Moment, als sie sich am dritten Tage auf dem Gang zu
den Gemchern der Knigin trafen, stehenblieben und sich die Hnde gaben,
eines Morgens, eines grauen Morgens. Der Prinz hielt sie an der Schulter;
minutenlang sahen sie sich und sahen immer wieder zur Seite. Jedes
zitterte; das taten sie sonst nur bei geschlossenen Augen. Geh, geh,
bettelte sie, huschte den schmalen Korridor zurck.

Er sa auf seinem Zimmer. Der dicke Prinz nahm einen Schemel und setzte
sich vor seinen Kostmschrank. Als er seufzte und sich reckte, stie er
einen Blumenstnder mit einer ungeheuren Vase um. Das Wasser spritzte an
seine Stiefel; er rckte weg, schttelte gedankenlos den Kopf, setzte sich
dicht an den geffneten Schrank, whlte in den Sachen.

Geh, geh; das klang wie komm, komm. Eine blonde Percke hielt er in den
Hnden und drehte sie. Sie ist gut, dachte er, recht gut; eine gute
Percke. Sie strte ihn gar nicht, das wunderte ihn, machte ihn
eigentmlich ruhig. Er setzte sie sich auf. Er lie sein Gefhl ganz
strmen in die Kopfhaut, an die Percke, um sie wohlig auszukosten. Was
noch? Mokka trinken. Kein Mokka, nichts trinken, nichts. Er lief auf den
Zehenspitzen zur Tr, schlo auf, versperrte den ganzen Korridor, stellte
die Klingel ab, hielt den Pendel der hohen Wanduhr an. Sah sich dann wieder
in seinem Zimmer um, summte durch die Zhne. Er sa tiefsinnig auf dem
Taburett. Stck um Stck der Gewnder zog er zu sich heran, tastete sie ab.
Ein Wams gefiel ihm, das legte er sich ber das Gesicht; es roch nach
Flieder. Er legte es sich an, band sich einen dnnen Kavalierdegen um,
strich vor dem Spiegel an seinen Kleidern herunter. Komm, komm. Er
schauerte zusammen, schlo leise die Tr auf und schlich, immer durch die
Zhne summend, den Korridor entlang. In der Mitte blieb er pltzlich
stehen, lief auf sein Zimmer zurck, suchte am Boden einen Bschel roter
Purpurnelken aus den Scherben auf, legte ihn behutsam ber den linken Arm.
Er ging ber die Schwelle; als sich eine Klinke am Ende des Ganges rhrte.
Die Tr schlo leise auf; ein helles Tageslicht fiel schrg aus dem Gemach
der Knigin auf den engen Gang; leichte rauschende Schritte nherten sich,
das schmale, herrische Gesicht der Knigin. Sie trug eine schwarze
Perrcke, deren strrische Locken ihr ber die totblassen Wangen fielen;
eng lag ihr ein hfisches schwarzes Seidenkleid an. Sie gingen Arm in Arm,
sie gingen spazieren durch die leeren Gemcher, sie gingen stumm die
spiegelglatten Empfangssle, die Speisesle; sie gingen durch die dunklen
Bildersle. Wie frei er sie fhrte, wie gut ihre Schritte Takt hielten. Sie
hatte das Gesicht von ihm abgewandt, die wilde Knigin. Nur als sich ihre
Arme an der Tre der Knigin lsten, wurden ihre Wangen glhend, ihr Atem
flog. Er legte behutsam auf ihre Schwelle den Nelkenbusch nieder; die wilde
Knigin nahm seine warme Hand, fhrte ihn ber die roten Blumen hinweg in
ihr Zimmer; vor einem Haufen von Briefen, Blttern und Bndern standen sie
mit gesenkten Kpfen, hielten sie sich an den Schultern, berhrten sich
ihre Stirnen.

Die Tr schlo sich hinter ihm; er sa auf dem Taburett vor seinem Spiegel,
strich an seinen Kleidern herunter. Er wollte sie ablegen; es widerstrebte
ihm irgend etwas; die rmel schienen festzukleben. Er erschrak vor seinem
kurzgeschorenen blonden Haar; als er seine eigene Uniform angelegt hatte,
fuhr er liebkosend ber die fremden Gewande, die er auf dem Teppich
ausgebreitet hatte. Heimlich stie er von hinten mit dem Hacken in den
Spiegel, schlug Ngel in das bloe Holz, hing das fremde Kostm offen auf.

Sie saen bei der Mittagstafel beisammen; jetzt lenkten sie ihre Blicke
zusammen. Er fuhr manchmal mit der Hand ber sein Gesicht, seinen Kopf, ri
an seinem hohen Uniformkragen, suchte die Arme unter den Tisch zu
verstecken; kam sich maskiert vor. Die herrische Knigin spttelte mit ihm;
mit einmal legte sie ihr Besteck hin; die Trnen strzten ihr aus den
Augen; sie knirschte mit den Zhnen. Man lief ihr nach, als sie sich jede
Frage verbat. Sie lag nach einer Stunde ruhig lesend im Bett und bemerkte
nur, da sie das Geschrei ihres Kindes stre; man solle das Kind in einem
andern Teil des Schlosses unterbringen. Sie wrde morgen den Hofarzt
fragen, ob nicht vielleicht der Meeresaufenthalt fr das schwchliche Kind
besser sei als die Schloluft. Die alte Hofdame, die auf einem Stuhle
bekmmert neben ihr sa, wollte erschreckt etwas erwidern, aber die Knigin
wiederholte, sehr bestimmt sie anblickend, ihre Frage, ob sie nicht auch
die Meeresluft fr das Kind besser halte als das Gebirge. Worauf die alte
Dame auf ihrem Stuhle rckte, an ihrer langen Goldkette nestelte und mit
beherrschter Stimme beipflichtete.

Entsetzt aber stand sie am Abend auf, -- es mochte bald zehn Uhr sein, --
als die junge Knigin, die sich an den Flgel gesetzt hatte, sich nach
einigen klimpernden Tnen von ihrem Sessel erhob und sagte, man mchte den
Grafen Hagen, den Dichter, auf der Stelle zu ihr befehlen. Sofort und ohne
Verzug wolle sie ihn auf ihrem Zimmer empfangen, und zwar allein, ohne
Zeugen. Die junge Majestt schrie, indem sie krachend den Flgeldeckel
herunterwarf, sie werde die alte Hofdame ohrfeigen, wenn sie berhaupt noch
einmal den ledernen Mund aufzumachen wage, und sie auf den Gnsehof jagen,
auf den sie gehre. Sie werde allein den Kavalier empfangen, auf ihrem
dunklen Zimmer, nachdem sie sich zu Bett gelegt habe, und sie knne den
Ministerrat und alle Gichtiker des Landes davon benachrichtigen, sofort,
telephonisch, heute, morgen, bermorgen, wann sie wolle. Sie blieben
schweigend in dem hellerleuchteten Musikzimmer sitzen; die Knigin hob den
schwarzen Flgeldeckel auf, spielte eine hastige Mazurka, die alte Hofdame
hielt sich das Spitzentuch vor die Augen. Um halb zwlf Uhr meldete man den
Grafen Hagen. Die Knigin hatte ihn schon einmal in diesem Zimmer
empfangen, zwei Tage vor ihrer Hochzeit war es, in einer spten Nacht. Der
bleiche Kavalier war gebeugt in das finstere Zimmer getreten, in dem nur
eine matte Flgelkerze brannte; die Knigin lag versunken in ihrem weichen
Lehnstuhl. Auf dem Teppich standen viele Hochzeitsgeschenke herum, Vasen,
Bilder, Truhen. Er sah nichts als die Knigin; kein Wort schenkte er ihr,
die seinen heien Kopf im Scho hielt, als: Mich ekelt's vor dir, mich
ekelt's vor dir. Dabei schauerte er immer und konnte den Blick nicht von
ihren tiefliegenden Augen reien. Auch sie schaute auf nichts als auf den
Dichter; und was sie ihm sagte, unter Kssen auf Hnde, Finger, Mund,
Wange, Haar, unter Liebkosen und Wiegen, war eines: Lebewohl. Jetzt
schlug der Graf die Portiere zurck; die erschrockene alte Dame wollte, als
er sich tief verneigte, mit einem verzweifelten Hnderingen ins Nebenzimmer
gehen; die Knigin aber fixierte sie starr, sagte nach einer Weile: dies
sei nicht ntig. Sie lie den blonden Kavalier unter dem blitzenden
Kronleuchter stehen, fragte ihn nach den Ergebnissen der letzten Jagd, die
sie zusammen gemacht hatten, ob er sich schon wegen seines Avancements im
Regiment umgesehen htte. Dann erhob sie sich, dankte fr seinen Besuch,
wnschte ihm gute Nacht. Fragte die alte Dame lachend, die Hnde in die
Hften gestemmt, wie lange sie hier noch sitzen wolle, wann sie denn die
Depeschen abzuschicken gedenke. Die schttelte den Kopf.

In dem alten Schlo blieb es stille, bis zu dem Morgen, an dem der Graf
trotz des Verbots der Knigin in ihr Zimmer drang; er weinte vor ihr am
Boden liegend, sie schlug ihn mit der Gerte ins Gesicht. Mit Aufglhen und
Erbleichen, knirschenden Zhnen und Zittern hrte sie ihn an in ihrem
Lehnstuhle, als er sie bei aller verflossenen Se und Zrtlichkeit
beschwor; er taumelte mit einer blutigen Strieme im Gesicht aus dem Zimmer;
reiste am Mittag ab. Schon ber eine Woche sah man den Graf nicht; da
meldete der Hofmarschall der Knigin sein Verschwinden; sie lachte
hhnisch; die Dienstboten mte man noch fter wechseln. Ob er noch lebe;
als der Marschall bejahte, brach sie in ein ganz wildes Gelchter aus: Sie
sehen, Marschall, wie richtig Schiller singt: Oh Knigin, das Leben ist
doch schn.

Das schmchtige schwarze Hoffrulein verlie ihr Zimmer nicht mehr. Der
gelbe Hofarzt behandelte sie wegen einer pltzlichen Geistesverwirrtheit
und lie sie bewachen. Sie hatte einen Brand auf ihrem Zimmer verursacht,
als sie in einer Nacht ihre gesamten schwarzen Kleider mitten auf dem Boden
aufhufte und mit Briefen anzndete. Der Qualm war bis in die Gemcher der
Knigin gedrungen. Nach einigen Wochen wurde sie klarer, war zum Skelett
abgemagert, trug der Knigin einen Wunsch auf Heimatsurlaub vor. Zwei Tage
spter fand man sie ertrnkt in dem Teiche ihres vterlichen Gutes.

Aber die wilde Knigin und der dicke Prinz gingen stundenlang in dem weiten
Park hinter dem Schlo spazieren; der Diener, der ihnen folgte, berichtete
nur, da sie selten miteinander Worte wechselten. Sie nahm jeden Ruf und
jede Hoffnung von seinen mden Augen, seinen Mienen ab, sie prgte sich
selbst ihm ein mit unverwandten Blicken, senkte ihn vor sich hin zu
demtiger Zrtlichkeit. Kein Gebsch war so still, da die Wandelnden das
Rauschen nicht strte, wenn sie zueinander hinberlauschten. Als sie eines
Abends vom Garten hinauf in das Musikzimmer gingen, schleppte ein langes
Geraune ber die Korridore vor ihnen her. Wie in Decken gehllt glitten sie
ber die Gnge. Vor einem kleinen Kreis drin ffneten sich die Flgeltren,
und herein traten ber das spiegelnde Parkett Knigin und Prinzgemahl, ohne
Masken, wie Gespenster, hnelnd den entschwundenen beiden, Grafen und
Komte. Aus den Augen der strengen Knigin leuchtete die schwarze Wildheit
der Toten, ber der schwermtigen Ruhe des Prinzen lag ein gebeugtes
Leiden. Der glattrasierte Hofprediger seufzte: die beiden trgen offenbar
schwer an ihrer Vergangenheit; spitz formte der mongolische Mischling, der
Hofarzt, den Mund, legte das Kinn auf das weie Vorhemd, indem er die
beiden fixierte; ihn chokiere weniger die merkwrdige Art, wie das
Vergangene an ihnen arbeite, als wie sie die Gegenwart, die augenblickliche
Gegenwart vergen. Dies chokiere ihn ernstlich des Lebens dieser beiden
willen.

Die beiden hatten unablssig nebeneinander zu sitzen, unablssig
miteinander zu flstern. Die Knigin zog sich von den notwendigen
Regierungsgeschften zurck; sie bertrug wichtige Funktionen den alten
Mnnern ihres Staatsrates; sie sagte die ffentlichen Empfnge ab, sie
erschien nicht bei den Hoftafeln. Eines Morgens strzte sie in schneeigem
Kleid den engen Gang zu seinem Zimmer hin; die schwarze Glut in ihren Augen
war verblichen, sie ri mit fahrigen Hnden die Tren seines
Kostmschrankes auf, whlte, whlte am Boden liegend, whrend er sie
trstete, in den Sachen. Mrderische Griffe ihrer Finger zerfetzten die
blonde Percke, zerknulten, zerlumpten das fliederduftige Wams. Auf ihrem
linken Oberarm hatte sie eine alte tiefe Biwunde. Sie stand auf, nahm
einen blanken Perserdolch von seinem Tisch, schnitt die Narbe aus ihrem
Fleisch heraus, stie das Leinen zurck, mit dem er das spritzende Blut
stillen wollte. Sie warf sich in Krmpfen auf den Boden hin, schlug mit den
Fusten gegen ihren Mund, gegen ihre Brust, bettelte: Du mut hingehen; du
mut das Kind umbringen. Es ist nicht meines, es ist eine lebendige Lge.
Wenn du es gut mit mir meinst, mut du das Kind umbringen. Ich kann es
nicht. Dann fuhren sie verzweifelt auf, suchten in den Mienen, tasteten
die Gesichter ab. Sein Kopf hing ber ihre Schulter, sie weinte ein
trostloses: Du, du.

In langen Tagen flossen ihre Trnen ab. Als sie wieder den weiten Park
hinter dem Schlo gingen, war unvermerkt der bunte Herbst gekommen. ber
die Gesichter dieser beiden, der wilden Knigin und des schwermtigen
Prinzen, hatte sich ein dichter Schleier gelegt. Eine tiefe unnahbare Ruhe
schritt wie ein gepanzerter Wchter um sie herum. Sie zogen auf die Jagd,
sie schossen die klagenden Rebhhner auf den struppigen Feldern; in Lachen
und Glut ritten sie nebeneinander zurck. Aber wer sie im Dunkeln
heimreiten sah, erkannte, da die gleiche Verschlossenheit ber ihren
Gesichtern hing, wie das glitzernde, spinnwebdnne Gewand, das ber die
Meerfrauen fliet und mit Anbruch der Nacht phosphoresziert. Zum Erstaunen
des Hofes trennten sich die beiden eines Tages. Der Prinzgemahl verschwand,
ohne da jemand wute wohin. Als er nach drei Tagen zurckkehrte, erklrte
er gelassen, da er eine geheime Sendung der Knigin ausgefhrt hatte; in
den internen Kreisen war man ber die Maen bestrzt und beunruhigt. Ein
Gerede erhob sich im Lande.

Bis eines Tages beide vllig des Landes verschwunden waren. Indessen in der
Hauptstadt das Militr in den Kasernen blieb, die Polizei fieberhaft
arbeitete, der Ministerrat zusammentrat, stie von der Kste ein Dampfer
ab, der seit einer Woche dort geankert hatte. Nur eine kleine Mannschaft
grte ehrfurchtsvoll die fremde Knigin und den Prinzen, die in weie
Mntel gehllt, sich auf dem Deck ergingen. Das Schiff fuhr ber den Ozean
fnf Tage; dann ankerte es vor einer kleinen Insel; ein Boot setzte die
fremde Knigin und den Prinzen an Land.

Es war eine Insel, an dessen Strand nur arme Fischer wohnten; meilenweit
entfernt an der anderen Kste lag ein kleines Dorf. Was sich damals
zwischen der jungen Knigin und dem schwermtigen Prinzen begab, bei den
Fischersleuten auf der kleinen Insel im blauen Ozean, ist schwer mit Worten
zu erzhlen; da sie am Fu der weien Kalkfelsen saen, oder weiter zurck
unter den hohen Palmbumen, da sie sich kaum minutenlang aus den Augen
verloren; da die Knigin, blasser und blasser, nur selten schluchzend den
Kopf auf ihre Brust fallen lie, und der Prinz die Hand vor seine Stirn
hielt. Die Blicke der Frau wanderten hin und her zwischen dem Meer und
seinem Angesicht; wenn er das blaue Wasser nicht sah, wute er nicht, ob er
in ihre Augen oder in sich schaute. So fest sie sich umschlangen, so tief
sie sich kten, die Schwermut der beiden, ihre Angst zueinander, kannte
kein Ende.

Die Abendrte lohte ber dem glatten Meer. Sie saen tagelang in ihren
weien Mnteln unter den Felsen. Nur die Hnde streichelten sie sich
manchmal. Ihre Blicke hingen an dem glitzernden grenzenlosen Wasser. Ihre
stillen Gesichter hellten sich auf. Eine unermeliche Ruhe atmete das Meer,
die dehnte sich ber die Ufer, nahm den Strand, die Kiesel, Muscheln,
Felsen in sich hinein, rhrte an die Stirne der beiden.

Bis morgens die gelbe Sonne ber den kleinen Strand schien. Da raschelten
die Kiesel, klangen die feinen Steinchen. ber den Sand schleppte der
Purpurmantel der wilden Knigin. Die ging einsam, in voller Pracht, langsam
nach dem blauen Meere zu. Auf dem blonden Haar trug sie die goldene Krone.
Von den strengen Schultern fiel der Purpurmantel mit breitem Brokat. Ihr
schmales Gesicht war glatt und s. So ging die junge Knigin allein ber
den dnnen Sand in der flimmernden Luft nach dem blauen Meere zu. Zwei
graue Seemven watschelten im Sand hinter ihr; sie folgten der Knigin auf
Schritt und Tritt.

Von einer weien Klippe stieg der schwermutige Prinz herab, mit bloem
Haupt, in einem blauen Samtmantel; seine schwarzen Kniehosen waren aus
blankem Atlas, silberwei waren die Schnallen seiner Schuhe. Er trug einen
runden hohen Stab in der rechten Hand.

Kaum eine Welle warf der blitzende Ozean, als von der Insel heranschritten
die blasse junge Knigin und der stille Prinz. Die Wellen schaukelten; mit
flachem Handteller strich der Wind ber das glckliche Meer. Dicht schossen
die Mven ber die khl hauchende Flche.

Oben auf dem flinkernden Wasser schwammen nebeneinander ein runder Stab und
eine goldene Knigskrone.




Die Helferin


In New York erregte um die Mitte des vorigen Jahrhunderts der Proze des
Fabrikanten Grasso ungeheures Aufsehen. Man sprach monatelang von der
rtselhaften Angelegenheit und ihren furchtbaren Begleitumstnden. Der
Krieg mit den Sdstaaten brach aus, ehe man sich beruhigt hatte. Als nach
einundeinhalb Jahren der Friede geschlossen wurde, war die Erinnerung an
den Vorgang ausgelscht; und jetzt lassen sich die Einzelheiten nur noch
stckweise zusammenfinden. Sie sind berwuchert von mythischen Bildungen;
sie lassen staunen, wie Unglaubliches dem Menschen begegnen kann, mit wie
lchelnder Lippe er daran vorbergeht und alles weiterzieht wie frher.

Gegen Ende der fnfziger Jahre florierte an der Peripherie der Stadt --
jetzt gehrt die Gegend vllig zur City -- ein Beerdigungsinstitut. Der
Besitzer Grasso war mit seiner Frau vor fnf Jahren aus Italien
eingewandert. Er hatte sich vergeblich als Hotelier versucht, war dann
Schreiner geworden und hatte dabei soviel erworben, da er ein lteres
Sargmagazin bernehmen konnte. Es gab damals kaum 200 000 Menschen in der
Stadt. In nicht langer Zeit hatte der Italiener es fertig gebracht, da das
Beerdigungswesen vllig in seine Hnde berging, da nur noch einzelne,
mehr behrdliche Auftrge an andere Firmen gelangten, von Krankenhusern,
Militrlazaretten. Die Konkurrenzgeschfte gingen rapid zurck. Nicht die
kapitalkrftigsten, die sich verzweifelt wehrten, konnten sich neben Grasso
behaupten, dem, ohne da er Lrm machte, alles mhelos zufiel.

Erst spter, bei der Untersuchung des Falles, stellte sich heraus, da
Grasso ganz unbeteiligt an diesem Aufschwung seines Geschftes war. Die
Bltezeit des Hauses fiel nmlich ziemlich genau zusammen mit dem Eintritt
eines jungen Angestellten namens Mike Bondi. Dessen Herkunft war vllig
unbekannt; nur bemerkte man, da er sich italienisch mit seinem Herrn
unterhielt. Man sagte, er sei schon bei seiner Anstellung etwa zwanzig
Jahre alt gewesen. Aber jeder berzeugte sich, da er in den fnfzehn
Jahren seiner Ttigkeit um keine Spur lter geworden war. Und
Photographien, die man spter bei ihm fand, die ihn Arm in Arm mit Herrn
Grasso zeigten, bewiesen berraschend, da dieser Mensch anscheinend
unbeweglich in der Zeit stand. Keine Linie seines knabenhaft zarten
Gesichtes hatte sich vertieft, seine tiefschwarzen Haarstrhnen fielen noch
immer in eine niedrige, weie Stirn. Ja, auch seinen Kleidern -- es ist
etwas lcherlich, dies zu berichten -- schien die Zeit nichts anzuhaben;
denn niemand hatte gesehen, da er sich neue kaufte; er trug immer einen
schwarzen Anzug, eine lockere, blusenhnliche Jacke mit blanken Knpfen,
von einem altertmlichen Schnitt, wie man sie vor Jahrzehnten vielleicht
getragen hatte. Es wute bei den Prozevernehmungen auch niemand, wo der
Mensch sich nachts aufhielt; manchmal soll er in dem Geschft bernachtet
haben, meist aber fuhr er abends auf einem Wgelchen, das ihm gehrte, nach
St. Floridan zu, auf der alten Landstrae, und verschwand dann fr viele
Stunden vllig. Aber all dies ist unsicher und gehrt in das Gebiet jener
Sagenbildung, von der ich vorhin sprach. Mike war von kleiner Gestalt; er
ging stets in einem weichen Filzhut, mit einem dnnen Stckchen. Sein Gang
war weich und schleichend. ber seine Augen lt sich nichts sagen; denn
die hatte niemand gesehen. Immer hielt er die Lider gesenkt; und wenn einer
mit ihm sprach, so drehten sich die Augpfel hinter der zarten Lidhaut.
Nicht selten zogen sich seine sehr schmalen Lippen zu einem schnen,
demtigen Lcheln zusammen. Die Sanftheit und Musik seiner Stimme war
unsglich; sie erklrt vielleicht zum Teil den auerordentlichen Einflu
Mikes. Denn, was er sagte, war einfach und ganz sachlich; er redete sehr
wenig und neben seinen geschftlichen Dingen nur von Bumen, Wurzeln,
Feldern und Tieren, fr die sich die Stdter sonst sehr wenig
interessieren. Ihn begleitete das Glck. Es bildete sich heraus, da
tglich Mike Bondi durch die Straen New Yorks wanderte, gefolgt von einem
hohen russischen Windspiel, einem weien, ungeheuren Tier, das auf seinen
Beinen so lautlos wie er schritt, und das mit leeren Augen um sich blickte.
Mike Bondi ging in die Wohnungen der Kranken hinauf und sprach mit ihnen.
Niemand wehrte ihm; die Kranken lieen ihn zu sich rufen, eher noch als
einen Priester oder Arzt, und waren ihm dankbar fr die Minuten, die er mit
kargen Worten ausgefllt hatte. Sie wurden ruhiger und schmerzfreier, die
er verlie, aber sie starben alle, wie sich bei den Erhebungen des
Prozesses ergab, starben nach nicht einer Woche in groem Frieden, ohne da
ihnen einer helfen konnte. Die ihn einmal gesehen hatten, faten ein kaum
erklrliches Zutrauen zu ihm, und lieen ihn, wenn sie schwer erkrankten,
wie in einer unentrinnbaren Sucht zu sich kommen. Er trat nicht an sie
heran, er gab ihnen nichts, er berhrte sie nicht. Dies stellte sich alles
bei den Erhebungen des Prozesses heraus.

Mike Bondi war nicht befreundet mit der Frau seines Herrn. Frau Grasso
liebte feurige Mnner; aber eiferschtig, wie untreue Weiber sind, freute
sie sich, da ihr Mann, Mdchen abhold, sich an Bondi anschlo. Wenn sie
spt abends nach Hause kam, noch hochatmend von einer zarten Begegnung,
warf sie sich ihrem Mann an den Hals, der Arm in Arm mit dem stillen
Sonderling auf dunkeln Straen spazierte.

Am Ausgang des Frhlings starb pltzlich die junge Frau eines
Rechtskonsulenten Martin in ihrer Wohnung neben Grassos Magazin. Der
Witwer, dem sie zwei kleine Kinder hinterlie, konnte sich nicht trennen
von dem toten Weibe; und in der angstvollen Nacht nach ihrem Abscheiden kam
ihm die Idee, die Leiche von dem Sterbelager zu entfernen, sie so schn, so
kostbar auf einem Sarkophage aufzubahren, wie seine Hnde es vermochten. Er
wurde unter dieser Vorstellung lebendig, stieg noch gegen 11 Uhr von seinem
Lager, kleidete sich an und ging zu Grasso herunter, mit dem er alte
Freundschaft hielt. Die Tren des Magazins waren geschlossen; durch die
Ritzen der Jalousien zitterte ein trbrotes Licht, lag in feinen Linien auf
dem Straenpflaster. Herr Martin ffnete den breiten Torweg, stolperte ber
den stockfinsteren Hof, kam durch eine angelehnte Seitentr auf den langen
Korridor, der unmittelbar in das Magazin fhrte. Der Vorhang zum Magazin
rauschte leise. Mit Mhe fanden sich seine Augen zurecht. An den Wnden, in
den Gngen, unter niedrigen Wlbungen lagerten die Srge. Sie standen
geffnet. Sie standen da, nicht erwartungsvoll, nicht mit Gier, -- mit
geheimnisvoller Leere, versunken in sich, und nur einige seufzend und
schmachtend. Und in dem trbroten Flackern einer Lampe sah Herr Martin eine
Bewegung in der Nische hinten, hrte flstern. Herr Grasso kniete dort vor
einem Sarge; aus dem hoben sich zwei weie Arme; Spitzenrmel fielen von
ihnen zurck. Herr Grasso beugte seinen Kopf tiefer, drckte sein Gesicht
in die niedrigen Brste eines Weibes. Er murmelte: Bessie und vieles, was
sehr leise war; sie antwortete: Ernesto, lachte und weinte durcheinander;
sie hatte eine sehr se Stimme.

Herrn Martin schlug das Herz bis in den Hals hinauf; er ging aufs tiefste
erschrocken rckwrts hinaus, verga seine Bestellung. Er lag, ehe er es
wute, in seinem Bett, kleidete sich mit dem Morgengrauen an und lief zu
Frau Grasso, die in ihrer Kche stand mit losen Rcken und sich, verblfft
ber den frhen Besuch, ein Tuch umlegte.

Sie war erst unglubig und beobachtete ihren Nachbarn, da sie glaubte, er
sei verwirrt ber den Tod seiner jungen Frau. Aber dann hielt sie inne mit
dem Scheuern, stie die Kaffeemhle auf den steinernen Boden herab, bi
sich tief in den linken Vorderarm und whlte in einer Schublade nach einem
spitzen Kchenmesser, das sie einmal um das andere in die Holzwand der
Kche stie. Sie schrie, wem denn das gemeine Frauensbild hnlich she, ob
er denn so wenig teilnahmsvoll wre, da er nicht einmal eine Vermutung
darber aussprechen knnte. Nach lautem, hemmungslosen Weinen erhob sie
sich resolut, erklrte, sie werde heute nacht alles selbst feststellen. Und
mit einer Sicherheit, die Herrn Martin in Staunen versetzte, ri sie die
Wohnungstr auf, rief ihren Mann herein und sagte ihm, indem sie zum
Fenster hinaussah und das dichte schwarze Haar flocht, Herr Martin habe ihr
mitgeteilt, da ihre Mutter in Starton, einem Vororte, erkrankt sei; sie
msse gleich auf zwei bis drei Tage hin. Dann setzten sich die drei
schweigend im Wohnzimmer am Kaffeetisch nieder, wo Frau Grasso fter stark
zitterte und einmal die Tasse auf den Boden fallen lie. Herr Grasso
meinte, dies bedeute Glck fr ihre Mutter.

Abends gegen zehn Uhr schlpfte sie, nachdem sie tagsber in der Wohnung
des Herrn Martin dessen kleine Kinder gehegt hatte, ber die dunkle Strae
in den Hof. Sie sah durch das offene Fenster Herrn Grasso allein im
erleuchteten Wohnzimmer auf dem Sofa sitzen; mit traurigem Gesicht,
zusammengesunken, blickte er vor sich hin. Der schwerfllige Mann bewegte
seine Lippen; sein faltiges Gesicht war sehr schlaff; als er nach dem
Fenster blickte, schwammen seine entzndeten Augen in Trnen.

In einem schmalen Sarge, dicht an der Tr, lag sie. Ihre Zhne klapperten;
ihre Hnde flogen, da sie kaum das Kchenmesser festhalten konnten. Kurz
vor 11 Uhr kam ein Schritt ber den Korridor, weich und schleichend; leicht
rauschte der Vorhang. Ein kleines Licht flackerte und sie erkannte mit
einem Blick Mike Bondi. Sie hatte ihn tausendmal gesehen, sie kannte seine
leicht gebeugte Haltung, die glatten Haare in der weien, niedrigen Stirn,
die gesenkten Lider. Aber jetzt erfllte sie sein lautloser Gang mit
Entsetzen. Es war ihr, als wrde sie matt. Dies war nicht der Gang eines
Menschen. Sie mute sich strecken, den vollen Arm auf den Mund pressen, um
nicht zu kreischen.

Er drckte das Licht mit einem Finger aus, als er an ihr vorberging. Sie
schlo die Augen, und wie sie die Lider hob, sah sie Mike Bondi nicht mehr.
Aber dort, wohin er gegangen war, stand in der Finsternis ein weier
Schein, ging lautlos ein gebcktes Skelett langsam weiter, schlrfte der
leibhaftige Tod. Sie sah noch den Schein ber einem Sarg, in den er sich
geschwungen hatte. Da hallte der schwere Schritt des Herrn Grasso durch das
Gewlbe; er ging an der Frau vorber, die mit einer Ohnmacht rang, zndete
die llampe an. Frau Grasso richtete sich, das Messer zwischen den Zhnen,
auf; sie stieg hinter dem riesenhaften Mann her, hielt sich bei jedem
Schritt an Pfeiler und Mauer fest.

Vor dem Sarge, in den sich das Gespenst geschwungen hatte, warf sich der
breite Mann nieder; zwei weie Arme hoben sich gegen ihn her; sie sah
zurckprallend die offene Jacke und die niedrigen, mdchenhafte Brste, in
die sich ein faltiges, nasses Gesicht vergrub. Sie sah das stille
Mdchengesicht Mike Bondis sich aufrichten, sah, an die Tr zurckweichend,
wie Mike den Gebrochenen an sich zog unter zarten Abschiedsworten, wie sie
sich umschlangen. Sie hatte noch die Kraft, sich in die Kche zu schleppen.
Zwei Stunden lag sie besinnungslos. Den Rest der Nacht verblieb sie auf der
Polizeiwache, wo man die Frau fr krank hielt. Erst am nchsten Morgen, als
Herr Rechtskonsulent Martin geholt wurde, gingen zwei Beamte mit ihr in die
Wohnung und verhafteten den Besitzer und Bondi, die sich nicht
widersetzten.

Herr Grasso schwieg sich bei den jetzt folgenden Verhandlungen vllig aus.
Bondis krperliche Untersuchung ergab, da man es mit einem zwanzigjhrigen
Mdchen zu tun habe. Man vermochte nicht festzustellen, wer sie eigentlich
sei. Erst bei dem Lokaltermin, der nach drei Wochen in dem Gewlbe Grassos
stattfand, redete sie. Sie uerte von vornherein, man wrde ihr kein Wort
glauben, erzhlte, da sie Bessie Bennet hiee und aus Senn Fair bei New
York gebrtig sei. Sie habe vor achtzig Jahren dort gelebt; in ihrem
zwanzigsten Jahre sei sie von der Schwindsucht befallen gewesen und habe im
Hospital gelegen. Sie wre unsglich ungern vom Leben geschieden. Sie habe
mit dem Tode gerungen, wie wenige Menschen, habe es nicht glauben wollen,
da sie sterben msse, weil eine Lunge krank sei und sie selbst sei noch
zum Springen gefllt mit Lebensbegier. Die unbekannte Macht, deren Namen
sie nicht nennen knne, stand da von ihrem Sessel auf und machte sie zu
einer Dienerin des Todes. Sie durfte wiederkehren, nicht aber zum Tanz. Sie
durfte im Namen der gtigen Macht tten, was gehen wollte; die trichte
Angst vor dem Sterben nehmen, snftigen und rasch beenden. Sie sei als
Helferin unter die Menschen geschickt und bringe den liebreichen Tod. Sie
htte Herrn Grasso liebgewonnen, und es wre gut, da sie jetzt schieden,
denn sie mte sonst bald fr immer seinetwegen sterben.

Es besttigte sich, da eine Bessie Bennet vor etwa hundert Jahren in Senn
Fair lebte, da sie im dortigen Hospital in ihrem zwanzigsten Jahre starb;
ihre Leiche verschwand aber in aufflliger Weise auf dem Wege zur Autopsie;
zwei Krankenschwestern wurden wegen Dienstversumnis trotz ihrer
Beteuerungen entlassen; alle Nachforschungen blieben erfolglos.

Als die Richter bei dem zweiten Lokaltermin die Feststellungen erwogen,
erhoben sie gegen Bessie Bennet, genannt Mike Bondi, die Anklage wegen
Giftmordes in zahllosen Fllen. Sie forderten sie auf, unverzglich das
Pulver zu zeigen, dessen sie sich bedient habe, widrigenfalls man sie auf
das Spannbrett legen wolle, das man angesichts der Scheulichkeit ihrer
Verbrechen werde hervorsuchen lassen. Auch befahl man ihr, endlich das
betuliche Wesen abzulegen und den Richtern frei ins Gesicht zu sehen.
Bessie, in dem schwarzen Anzug, den sie sonst trug, lchelte, aber ihre
niedrige Stirn wurde rot; sie bat, man mchte ihr die Handfesseln abnehmen
und sie gehen lassen. Die Richter, in Wut ber den Hohn, schickten nach den
beiden Schergen, um sie zu peitschen. Auch der vielen Zuhrer bei der
Vernehmung hatte sich in Krze eine unbezhmbare Erbitterung gegen die
teuflische Giftmischerin bemchtigt; sie schickten sich an, von ihren
Pltzen aufzustehen, gegen die Schamlose vorzudrngen; die Richter verloren
die Zgel ber die Menge. Bessie trat noch einmal vor die Richter, sagte
leise, ihre gebundenen Hnde zeigend, sie habe keine Zeit; man mchte ihr
doch die Stricke abnehmen und sie herauslassen.

Ein wster Bursche schlug ihr von hinten auf die Schulter; der Pbel tobte
ber die Beute weg. In diesem Augenblick legte sich ber alle Brste eine
pltzliche Beklemmung. Einer schlug keuchend das Fenster ein, die frische
Luft half ihm nicht. Ein Richter strzte mit blauen Lippen nach der Tr auf
die Strae und fiel hin. Die zehn Richter saen wie schlafend auf ihren
Sthlen. Die alte Stille herrschte fr einen Augenblick in dem Gewlbe,
unterbrochen von dem widerhallenden Aufschlagen von Krpern. Die Hrer
strzten nach vorn ber die Bnke weg. Die Schwarzhaarige lie die groen
geffneten Augen schweifen. Sie pfiff zornig und scharf durch die Zhne.
Ein Mann taumelte von drauen in den Raum, packte ihren Arm. Sie berhrte
sein Haar, blies gegen seine Fe; das Feuer loderte an ihm auf; unter
heiserem Geschrei stolperte er zurck, krachte zu Boden.

Die Schwarzhaarige hatte sich selbst zusammengebogen. Sie brannte, sich
aufrichtend, ihre Schlfen berhrend, mitten im weiten Gewlbe stehend,
gegen die Decke in schwarzer Flamme auf, stieg in einer qualmenden
Feuersule ber das Haus.

Der schwere Dampf erstickte die Menschen in allen Straen der Nhe. Gerade
zwei Stunden whrte die unerhrt entsetzliche Brunst; etwa sechshundert
Menschen, Kinder und Frauen, verbrannten.

Dann lag der ganze Stadtteil in Schutt. Tagelang nherte sich niemand den
giftigen Dmpfen. Richter und Beschuldigte waren zugleich verschwunden. Den
liebreichen Tod sah man von Stund an nicht mehr durch die Straen gehen,
gefolgt von seinem weien, riesigen Windhund, der lautlos wie er schritt,
mit leeren Augen um sich blickte. Sondern Kranke sollen in ihren Delirien
angegeben haben, da das fessellos weie Tier sich auf ihre Brust schwang,
mit seinen leeren Augen sie ngstigte, mit seinen langen Fngen ihre Kehle
eindrckte.

Die Fabel von dem liebreichen Tod, von der Vertreibung seiner Gehilfin
blieb in dem Lande lebendig.




Die falsche Tr


Um vier Uhr morgens stellte der Wachtposten sein Gewehr gegen die hohe
Mauer des Kasernenhofes, zog die Lschkette der letzten Gaslaterne herab,
murmelte, den Fez ins Gesicht gedrckt, die Stirne nach Mekka gewandt, das
kurze Morgengebet. Durch die grauen Alleen trabten die Gemsewagen, die
Eselsgespanne mit Milch nach der schlafenden Stadt. Die niedrigen Fenster
des Offizierkasinos warfen noch immer einen breiten Lichtschein ber die
Strae weg bis an die Baumreihe der anderen Seite. In den langgestreckten
Speisesaal und die Spielzimmer drang kein Zug des eben anhebenden scharfen
Morgenwindes, im dicken Qualm bewegten sich die erhitzten Herren; sie lagen
in lockeren Uniformjacken in Klubsesseln. Sie drngten sich zu dreien und
vieren um einen grnen runden Tisch, schleuderten mit wilden Blicken ihre
Karten schrg ber den Tisch, um nach einigen Minuten atemloser Stille in
ein lautes Geschrei auszubrechen, sich bei den Schultern zu fassen, im
Zimmer herumzutanzen. Am Kopfende des vllig verwsteten Speisetisches
saen hinter ihren Ehrenpokalen noch immer die beiden Brder Kyrias, denen
der Abend gegolten hatte, saen in einem trinkfesten Kreise und schwelgten
in Erinnerungen aus einer Mittelmeerfahrt. Der jngere Kyrias, Nick
geheien, schwarzugig wie sein Bruder, aber feurig, vollwangig, mit
kurzgeschorenem starren Haar, einem kleinen Schnurbrtchen ber den
wulstigen roten Lippen, sprudelte ber und schwatzte unaufhrlich Dinge,
denen keiner zuhrte, mit seiner hohen weichen Stimme. Ab und zu lie sich
der ltere Kyrias, ein vollbrtiger Hypochonder, von ihm fortreien,
erzhlte in feierlich stockender Art weiter, erschrak aber, sobald er an
eine Pointe kam, nahm unsicher ein Streichholz zwischen zwei Finger, stand
auf, lchelte und Nick mute beenden. Nick erzhlte von den riesigen
Summen, die sie beide in Monte Carlo gesetzt hatten, von den Kniffen, die
man beim Spiel anwenden mute. Er hatte seinen Talisman stndig in der Hand
gehalten, hatte sich ein andermal die Stiefel heimlich unter dem Tisch
ausgezogen und in bloen Strmpfen gespielt, hatte, als dies und vieles
andere nichts nutzte, zum Trotz eine alte hliche Frau das Spielgeld an
einem Freitag Morgen von der Bank abholen lassen. Das Spitzglas fiel ihm
aus der fleischigen Hand und der Wein perlte ber sein faltiges Vorhemd. Er
begann eben zu erzhlen, wie er klug geworden war, als der Oberleutnant
Irfen aus der Spielzimmertr auf sie zukam und sich schweigend Nick
gegenber auf einen Rohrstuhl aufpflanzte. Nick hatte dadurch gelernt, da
er zunchst bei kleinen Einstzen etwa drei Stunden lang den Verlauf des
Spieles beobachtete, da er dann von einer augenblicklichen beliebigen
Kombination ausging und nun eine kleine Wahrscheinlichkeitsrechnung machte.
Die Chancen seines Spiels stiegen jetzt um etwa achtzig Prozent. Er nahm
von dem Schreibpulte am Fenster eine weie Lschunterlage und malte mit
einem Kohlestift eine Tabelle auf.

Rittlings auf seinem Rohrstuhle sitzend, sah der lange Oberleutnant ihn
starr an. Das ungemein scharf geschnittene Gesicht war glatt rasiert, die
Oberlippe hing stark ber und zuckte viel. Der Schdel kahl. Das Haar an
Schlfe und Hinterhaupt pfeffergrau und abstehend; in scharfem Winkel zogen
die Augenbrauen an der Nasenwurzel zusammen. Nur die Trunkenheit verlieh
seinen sonst schweifenden Augen den starren Blick und lie durch das fahle
Grau der Wangen eine fleckige Rtung leuchten. Irfen war selten gesehen in
diesem Kasino. Er trieb sich -- das wuten seine Vorgesetzten so gut wie
der jngste Rekrut -- in den niedrigsten Spelunken der Stadt herum, mute
oft morgens in den schlimmsten Schenken von seinen Burschen gesucht werden.
Aber ein ungewhnlicher Scharfsinn, ein eiserner Flei machte ihn unnahbar
fr strenge Disziplinierung. Er war durch ein sonderbares Vorkommnis vor
rund drei Jahren aus der Hauptstadt in diese Provinzgarnison versetzt
worden. Als bei den damaligen Frhjahrsmanvern ein groes Avancement
stattfinden sollte, war Irfen fr eine bevorzugte Stelle in dem Stabe
seines Korps vorgeschlagen. In der wundervollen Mrznacht, tags vor dem
Ausrcken seiner Abteilung, jagte er ber die Drfer, trank sich in einer
Bauernschenke fest, beendete die Nacht bei einer verrufenen Dorfhexe, deren
Fenster er vorher einschlug. Morgens setzte er kurz vor der Inspektion auf
dem bungsplatze mit einem Schimmel an, von dem er spter selbst nicht
wute, wem er abgetrieben war. Der Kommandeur ritt an dem Offizier vorber,
der kerzengrade auf dem Gaul sa, aber Stroh im Haar hatte und dessen
linker rmel weit bis in die Achsel aufgeschlitzt war, ri noch einmal sein
Pferd um und sah nun erst verblfft, dann ironisch lchelnd den Offizier
an. In der Nacht darauf hatte Irfen sein eigenes edles Pferd erschossen,
war in den Stall des Kommandeurs gedrungen, hatte auch dessen zwei kostbare
Pferde erschossen, nachdem er vorher den Stallburschen in widerlicher Weise
gemihandelt hatte.

ber den Tisch langend, nahm er dem jungen Nick den Kohlestift und den
Lschbogen aus den Hnden, sagte:

Pa auf, Kamerad, wie deine Rechnung ganz richtig wird, schlo die Augen
und fuhr mit dem breitgelegten Kohlestift nach allen Richtungen ber die
Tafel, wobei er den Rand der roten Unterlage beschmierte. Auf die
erstaunte, etwas verwirrte Frage des jungen Nick, der sofort aufgesprungen
war, brach er in ein hartes meckerndes Lachen aus. Nick fuhr ihn,
aufrechtstehend, lrmend an, aber er setzte allen Aufforderungen, sich
nher zu erklren, nur ein hhnisches Kismet; es gibt nur das Fatum
entgegen, so da die Unterhaltung einen peinlichen Ernst annahm und man in
den Nebenzimmern aufmerkte. Der graue Oberleutnant aber wandte pltzlich
sehr bedachtsam seinen Stuhl um, machte mit beiden Armen den Tisch vor sich
frei, setzte sich hin und legte sich breit, den Kopf auf den Armen, ber
den Tisch hin. Das linke Auge kniff er zu, den linken Mundwinkel zog er
herunter, sein Gesicht bekam einen gespannten Ausdruck; er schlug mit dem
linken Arm wiegend auf die Tischplatte: Sag, was du willst, Nick, tu was
du willst. Ich versichere: hast du das Glck, so kannst du deine Abteilung
rckwrts marschieren lassen ber ein Stoppelfeld, und keiner strzt dir
hin. Andernfalls: tue was du willst, qule dich auf einer Pritsche ab,
zerarbeite dich, es nutzt nichts. Es kommt nicht zu dir, das Glck. Es hat
nicht den Schlssel zu deiner Tr. Daran liegt's. La deine Hnde weg
davon; es tritt nicht ber deine Schwelle, niemals, wenn du auch mit einem
Strick an seinem Hals ziehst. Der andere hhnte auf eine krampfhafte Art.
Er redete ruhig weiter. Ich werde dir etwas sagen. Hole mir noch eine
Kanne griechischen Wein. Wenn ich mich heute schlafen lege, so werde ich es
einmal versuchen. Wieder einmal. Aber im Schlafe. Zum Hohn. Denn mit dem
Wachen, wei ich, ist nichts. Ich werde im Schlafe fragen, verstehst du
mich, was ich wissen will oder nicht wissen will; ich wei nicht was und
werde mit der Antwort aufwachen. Sieh her -- er hatte sich, den Kopf auf
den linken Arm, mit dem Oberkrper ganz gespannt ber die Tischplatte
gelegt, griff mit der offenen Hand in die Luft -- so wie ich hier bin,
werde ich schlafen, werde Kismet sagen und die Zukunft befragen, die wird
mir meine Frage beantworten. Sein Faustschlag drhnte auf dem Tisch; er
sprach mit absoluter Bestimmtheit. Es war kaum eine halbe Stunde spter,
als er, ber den Tisch gesunken, einschlief.

Mittags gegen zwei wachte er auf. Als er schweigend durch den Saal ging,
neckte ihn der junge Nick. Irfen besann sich, er hatte nichts im Schlaf
gefragt und ihm war nichts eingefallen. Er ging in die Stadt, kam um acht
Uhr wieder, um sich mit finsterer Miene wieder zum Trinken hinzusetzen.

Ein Pokulieren im kleinen Kreise begann; in dem beginnenden Lrm sa er
versunken da. Bis er mit einmal gegen zehn Uhr aufstand, krachend sein Glas
auf den Tisch schmetterte und schweigend, den Blick zum Fenster hinaus in
die Flamme der Gaslaterne gerichtet, steif stehen blieb.

Halt, halt, schrie er.

Dabei lieen seine Augen nicht von der Gaslaterne los. Die flackerte gar
nicht.

Nummer sechs, Nummer sechs.

Deibel, was hat er?

Ich sage, Nummer sechs.

Das Fatum, flsterte Nick seinem erschrockenen Bruder zu.

Welche Strae, Irfen? schrie einer vom Ende des Tisches.

Nummer sechs ist es.

Halloh, Perastrae, brllte derselbe, da wohnt sie!

Irfen blieb schweigend stehen. Er flsterte etwas.

Perastrae, wiederholte er automatisch sehr leise, er setzte sich
pltzlich hin, sehr ruhig, trank sein Glas in einem Zuge aus und blickte
sich um. Einen Augenblick hielt die Verblffung im Kasino an, dann lachte
einer, schlielich alle brllend auf. Nick sprang auf: Das Fatum hat
gesprochen, Kameraden. Ruchert unsere Pythia aus. Sie drangen auf den
Oberleutnant ein, schlugen wie er auf den Tisch: Bravo, Prophete!

Sie qulten ihn, zu sagen, was er gefragt hatte. Er fuhr sich ber den
kahlen Schdel, brummte; er konnte sich nicht besinnen. Das Gelchter nahm
kein Ende.

Er sagte gleichmtig, indem er sich aus einem Kruge vom schwersten
Griechenwein einschnkte, in einer Stunde wolle er hingehen, das Fatum habe
gesprochen; er knne es nur entgegennehmen; sie sollten lieber einen Zeugen
auswhlen; lachte zufrieden, als Nick sich selbst vorschlug und gewhlt
wurde, und als die jungen Leute wilde Allotria zu treiben anfingen. Sie
vermummten sich in Frauenkleidung, erschienen vor ihm als Damen des Hauses
Nummer sechs, schnitten, als sie den schamhaften Schleier hoben, die
entsetzlichsten Grimassen, brllten lockend und pathetisch: Kismet,
Kismet! Die Kasinoburschen legten ihm und Nick kurz vor elf die Mntel um,
schnallten ihnen Degen und Revolver um, gaben ihnen den Fez in die Hand.
Durch das Spalier der Zurckbleibenden, die beschlossen hatten, bis zur
Rckkehr der beiden zu warten, gingen sie aus der Tr hinaus; Irfen voran,
vllig kalten Blicks, als verliee er wie sonst das Kasino; hinter ihm
prahlerisch, etwas betrunken und hoch vergngt Nick.

Sie taten die ersten Schritte in die frische Nachtluft hinein. Nick
schwatzte stolpernd ber das Pflaster; Irfen gab keine Antwort. Dann sprach
auch Nick kein Wort mehr. Als er an der ersten Straenecke Irfen mit einer
Handbewegung ber die Richtung orientieren wollte, bemerkte er, da Irfen
den Kopf auf die Brust hatte sinken lassen, so da sein Fez fast
herunterfiel und der Bschel vornberhing. An einer Straenlaterne kam es
ihm vor, als ob der Oberleutnant mit festgeschlossenen Augen ging, und als
ob eine tiefe Spannung seine Mundwinkel herunterzog und wieder die
unbeirrbare Sicherheit auf seinem Gesicht erschien.

Den schon bestrzten jungen Mann befiel eine Angst, die seine Glieder
lhmte. Als er noch einmal scharf den steinernen Ernst und die
Verbissenheit fixierte, die neben ihm schritt, fuhren seine Hnde entsetzt
zusammen: er versndigt sich scho ihm durch den Kopf; es berkam ihn die
Lust, stehen zu bleiben, wegzulaufen, jemandem mitzuteilen, was hier
vorging. Aber er konnte nicht anhalten. Es war ja auch lcherlich. Irfen
ging mit ziehendem Schritt vor ihm und lie ihn nicht los. Er ging in
unglaublichem Gleichma dicht an den Husern, mit kleinen, schleifenden
Schritten. Sie bogen aus der weiten Hauptstrae in die lange schmale
Perastrae. Da brannte nicht eine Laterne. Vor einem alten einstckigen
Huschen blieb der Oberleutnant stehen, ohne den Kopf zu heben. Er hatte
nicht aufgesehen, um das Haus zu finden. Sie standen fast eine halbe Minute
lautlos vor der kleinen Tr. Es war Nummer sechs; es war in der Tat Nummer
sechs. Dann legte Irfen die rechte Hand vor die Stirn und sagte, ohne sich
zu wenden: Nick, ich will Dich bitten. La uns einen Augenblick an Allah
denken; dann mssen wir Allah eine Zeitlang vergessen. Schon hatte er den
metallenen Trklopfer gehoben und ihn gegen das Holz fallen lassen. Er
stand wieder gesenkten Hauptes da; wartete.

Nick trat neben ihn. Drinnen polterte jemand eine Treppe herunter bis dicht
an die Haustr, schlo, ri an der Klinke; mit einem Krach und lautem
Knarren ffnete sich die Tr. Es war mit bloem Kopf, in Hemdsrmeln, ein
Bedienter, ein graubrtiger Kroate, der mit einer riesigen Handlaterne die
Uniformen ableuchtete und hflich fragte, was die Herren wnschten.

Nichts, antwortete Irfen, la uns die Treppe hinauf, und suchte den
Kroaten beiseite zu schieben. Der Verblffte stellte sich breitbeinig eine
Stufe hher, setzte seine Laterne neben sich nieder, sah noch einmal Nick
an und wiederholte seine Frage. Von oben tnte inzwischen eine dnne
scheltende Mnnerstimme; im Schlafrock hinkte ein gebcktes kahlkpfiges
greisenhaftes Herrchen ber die Stufen, zog beim Anblick der beiden
Offiziere die Quasten zusammen und fragte sehr ernst, aber noch unwirsch,
wen sie zu sprechen wnschten oder wer sie jetzt schicke. Ich bin von
niemandem geschickt, fuhr ihn Irfen an, ich mu hier im Haus etwas
sehen. Das kleine Herrchen richtete sich steif auf, sah forschend in das
unbewegliche Gesicht des hageren Offiziers, sagte ganz unsicher, betreten:
Meine Herren, Sie irren vielleicht in der Strae, in der Hausnummer. Ich
wei nicht. Oben schlafen nur noch meine Damen; es wohnt hier niemand
sonst; ich kann jetzt niemanden einlassen. Der Schlaf Ihrer Damen ist
gewi sehr wichtig; aber ich habe eine unaufschiebbare Mission. Der Kroat
und sein Herr wechselten rasche Blicke. Sie meinen wirklich Nummer sechs,
Perastrae Nummer sechs, meine Herren? Es mu doch aber ein Irrtum, eine
Verwechslung vorliegen. Lassen Sie mich die Treppen hinauf, mein Herr,
drngte Irfen, kmmern Sie sich nicht um meine Sachen. Ist oben nichts,
dann hab ich Unrecht. Reden Sie nicht; lassen Sie mich hinauf! Ich kann
Sie nicht ins Schlafzimmer meiner Damen lassen. Ich bitte Sie endlich von
meiner Tr zu gehen. Ich rhre Ihnen keine mit einer Fingerspitze an.

Ich bitte Sie hier fortzugehen. Ich rufe Leute, mein Herr. Und wenn Sie
die ganze Garnison alarmieren, komme ich hinauf. Nick, steh her; Du wirst
mir jetzt helfen. Er tastete an dem Herrn vorbei nach dem Treppengelnder;
der fuhr heraus: Nehmen Sie gtigst die Hand vom Gelnder und rhren Sie
mich nicht an. Der Kroat setzte die Laterne hher hinter sich, stellte
sich dicht vor Irfen hin, legte eisern seine Hand auf dessen Arm. Nick, tu
mir den Gefallen gegen diese Menschen. Wenn ich Unrecht habe, habe ich
Unrecht. Aber du sollst selbst sehen. -- Man hrte eilige Schritte oben,
ein Rauschen von Kleidern; eine angstvolle Frauenstimme rief: La ihn doch
herauf; um Gottes Willen, Kari. Aber der wutzitternde Kroat hatte mit
einem pltzlichen Schlag vor die Brust Irfen zurckgeschleudert und die Tr
zugeworfen. Erst schlug Irfen, sich gegen die Tr stemmend, mit beiden
Armen gegen die schwache Tr, dann trat er die Fllung mit zwei Fusten
ein, da die Trmmer und Splitter auf die schreienden Leute drin schlugen.
In diesem Augenblick hob Herr Kastelli den Arm ber den Kopf und bckte
sich; der scharfe Degen des Oberleutnants zischte ber ihn durch die
ffnung; aber gleichzeitig krachte die Treppe hinunter aus dem Revolver des
Kroaten ein Schu, und rasch hintereinander zwei weitere Schsse. Der lange
Irfen drauen richtete sich hoch auf und warf die Arme in die Luft, strzte
rcklings auf das Trottoir, kroch wieder auf, lief, whrend der Fez liegen
blieb, schrg vorwrts auf die andere Seite der dunklen Strae, drckte
sich noch einen Augenblick an die Mauer an und fiel nach vorne dumpf
schallend aufs Gesicht. Nick, am Arm getroffen, kniete schon neben ihm,
suchte ihn umzudrehen. Als er Irfens Kopf wandte, sah er einen kleinen
Stirnschu und sah das unvernderte Gesicht eines grauen Menschen, der das
linke Auge zugekniffen, den linken Mundwinkel herabgezogen hatte, als legte
er sich eben ber einen verwsteten Tisch und sagte, den Arm wiegend mit
unbeirrbarer Sicherheit: Kismet.

Der Herr Kastelli und seine Damen folgten bei der Beerdigung. Es waren drei
ltere Damen, Verwandte des Hausherrn, und ein Herr, die fr wenige Tage
bei ihm auf der Durchreise wohnten. Im Kasino sagte man bei gelegentlichen
Besprechungen des Falles, da der Verlauf der Sache im Grunde vorauszusehen
war.




Die Ermordung einer Butterblume


Der schwarzgekleidete Herr hatte erst seine Schritte gezhlt, eins, zwei,
drei, bis hundert und rckwrts, als er den breiten Fichtenweg nach St.
Ottilien hinanstieg, und sich bei jeder Bewegung mit den Hften stark nach
rechts und links gewiegt, so da er manchmal taumelte; dann verga er es.

Die hellbraunen Augen, die freundlich hervorquollen, starrten auf den
Erdboden, der unter den Fen fortzog, und die Arme schlenkerten an den
Schultern, da die weien Manschetten halb ber die Hnde fielen. Wenn ein
gelbrotes Abendlicht zwischen den Stmmen die Augen zum Zwinkern brachte,
zuckte der Kopf, machten die Hnde entrstete hastige Abwehrbewegungen. Das
dnne Spazierstckchen wippte in der Rechten ber Grser und Blumen am
Wegrand und vergngte sich mit den Blten.

Es blieb, als der Herr immer ruhig und achtlos seines Weges zog, an dem
sprlichen Unkraut hngen. Da hielt der ernste Herr nicht inne, sondern
ruckte, weiter schlendernd, nur leicht am Griff, schaute sich dann am Arm
festgehalten verletzt um, ri erst vergebens, dann erfolgreich mit beiden
Fusten das Stckchen los und trat atemlos mit zwei raschen Blicken auf den
Stock und den Rasen zurck, so da die Goldkette auf der schwarzen Weste
hochsprang.

Auer sich stand der Dicke einen Augenblick da. Der steife Hut sa ihm im
Nacken. Er fixierte die verwachsenen Blumen, um dann mit erhobenem Stock
auf sie zu strzen und blutroten Gesichts auf das stumme Gewchs
loszuschlagen. Die Hiebe sausten rechts und links. ber den Weg flogen
Stiele und Bltter.

Die Luft laut von sich blasend, mit blitzenden Augen ging der Herr weiter.
Die Bume schritten rasch an ihm vorbei; der Herr achtete auf nichts. Er
hatte eine aufgestellte Nase und ein plattes bartloses Gesicht, ein
ltliches Kindergesicht mit sem Mndchen.

Bei einer scharfen Biegung des Weges nach oben galt es aufzuachten. Als er
ruhiger marschierte und sich mit der Hand gereizt den Schwei von der Nase
wischte, tastete er, da sein Gesicht sich ganz verzerrt hatte, da seine
Brust heftig keuchte. Er erschrak bei dem Gedanken, da ihn jemand sehen
knnte, etwa von seinen Geschftsfreunden oder eine Dame. Er strich sein
Gesicht und berzeugte sich mit einer verstohlenen Handbewegung, da es
glatt war.

Er ging ruhig. Warum keuchte er? Er lchelte verschmt. Vor die Blumen war
er gesprungen und hatte mit dem Spazierstckchen gemetzelt, ja mit jenen
heftigen aber wohlgezielten Handbewegungen geschlagen, mit denen er seine
Lehrlinge zu ohrfeigen gewohnt war, wenn sie nicht gewandt genug die
Fliegen im Kontor fingen und nach der Gre sortiert ihm vorzeigten.

Hufig schttelte der ernste Mann den Kopf ber das sonderbare Vorkommnis.
Man wird nervs in der Stadt. Die Stadt macht mich nervs, wiegte sich
nachdenklich in den Hften, nahm den steifen englischen Hut und fchelte
die Tannenluft auf seinen Schopf.

Nach kurzer Zeit war er wieder dabei, seine Schritte zu zhlen, eins, zwei,
drei. Fu trat vor Fu, die Arme schlenkerten an den Schultern. Pltzlich
sah Herr Michael Fischer, whrend sein Blick leer ber den Wegrand strich,
wie eine untersetzte Gestalt, er selbst, von dem Rasen zurcktrat, auf die
Blumen strzte und einer Butterblume den Kopf glatt abschlug. Greifbar
geschah vor ihm, was sich vorhin begeben hatte an dem dunklen Weg. Diese
Blume dort glich den anderen auf ein Haar. Diese eine lockte seinen Blick,
seine Hand, seinen Stock. Sein Arm hob sich, das Stckchen sauste, wupp,
flog der Kopf ab. Der Kopf berstrzte sich in der Luft, verschwand im
Gras. Wild schlug das Herz des Kaufmanns. Plump sank jetzt der gelste
Pflanzenkopf und whlte sich in das Gras. Tiefer, immer tiefer, durch die
Grasdecke hindurch, in den Boden hinein. Jetzt fing er an zu sausen, in das
Erdinnere, da keine Hnde ihn mehr halten konnten. Und von oben, aus dem
Krperstumpf, tropfte es, quoll aus dem Halse weies Blut, nach in das
Loch, erst wenig, wie einem Gelhmten, dem der Speichel aus dem Mundwinkel
luft, dann in dickem Strom, rann schleimig, mit gelbem Schaum auf Herrn
Michael zu, der vergeblich zu entfliehen suchte, nach rechts hpfte, nach
links hpfte, der drber wegspringen wollte, gegen dessen Fe es schon
anbrandete.

Mechanisch setzte Herr Michael den Hut auf den schweibedeckten Kopf,
prete die Hnde mit dem Stckchen gegen die Brust. Was ist geschehen?
fragte er nach einer Weile. Ich bin nicht berauscht. Der Kopf darf nicht
fallen, er mu liegen bleiben, er mu im Gras liegen bleiben. Ich bin
berzeugt, da er jetzt ruhig im Gras liegt. Und das Blut -- --. Ich
erinnere mich dieser Blume nicht, ich bin mir absolut nichts bewut.

Er staunte, verstrt, mitrauisch gegen sich selbst. In ihm starrte alles
auf die wilde Erregung, sann entsetzt ber die Blume, den gesunkenen Kopf,
den blutenden Stiel. Er sprang noch immer ber den schleimigen Flu. Wenn
ihn jemand she, von seinen Geschftsfreunden oder eine Dame.

In die Brust warf sich Herr Michael Fischer, umklammerte den Stock mit der
Rechten. Er blickte auf seinen Rock und strkte sich an seiner Haltung. Die
eigenwilligen Gedanken wollte er schon unterkriegen: Selbstbeherrschung.
Diesem Mangel an Gehorsam wrde er, der Chef, energisch steuern. Man mu
diesem Volk bestimmt entgegentreten: Was steht zu Diensten? In meiner
Firma ist solch Benehmen nicht blich. Hausdiener, raus mit dem Kerl.
Dabei fuchtelte er stehen bleibend mit dem Stckchen in der Luft herum.
Eine khle, ablehnende Miene hatte Herr Fischer aufgesetzt; nun wollte er
einmal sehen. Seine berlegenheit ging sogar soweit, da er oben auf der
breiten Fahrstrae seine Furchtsamkeit bespttelte. Wie wrde es sich
komisch machen, wenn an allen Anschlagsulen Freiburgs am nchsten Morgen
ein rotes Plakat hinge: Mord begangen an einer erwachsenen Butterblume,
auf dem Wege vom Immenthal nach St. Ottilien, zwischen 7 und 9 Uhr abends.
Des Mordes verdchtig et cetera. So spttelte der schlaffe Herr in Schwarz
und freute sich ber die khle Abendluft. Da unten werden die
Kindermdchen, die Prchen finden, was von seiner Hand geschehen war.
Geschrei wird es geben und entsetztes Nachhauselaufen. An ihn wrden die
Kriminalbeamten denken, an den Mrder, der schlau ins Fustchen lachte.
Herr Michael erschauerte wst ber seine eigne Tollkhnheit, er htte sich
nie fr so verworfen gehalten. Da unten lag aber sichtbar fr die ganze
Stadt ein Beweis seiner raschen Energie.

Der Rumpf ragt starr in die Luft, weies Blut sickert aus dem Hals.

Herr Michael streckte leicht abwehrend die Hnde vor.

Es gerinnt oben ganz dick und klebrig, so da die Ameisen hngen bleiben.

Herr Michael strich sich die Schlfen und blies laut die Luft von sich.

Und daneben im Rasen fault der Kopf. Er wird zerquetscht, aufgelst vom
Regen, verwest. Ein gelber, stinkender Matsch wird aus ihm, grnlich,
gelblich schillernd, schleimartig wie Erbrochenes. Das hebt sich lebendig,
rinnt auf ihn zu, gerade auf Herrn Michael zu, will ihn ersufen, strmt
klatschend gegen seinen Leib an, spritzt an seine Nase. Er springt, hpft
nur noch auf den Zehen.

Der feinfhlige Herr fuhr zusammen. Einen scheulichen Geschmack fhlte er
im Munde. Er konnte nicht schlucken vor Ekel, spie unaufhrlich. Hufig
stolperte er, hpfte unruhig, mit blaubleichen Lippen weiter.

Ich weigere mich, ich weigere mich auf das entschiedenste, mit Ihrer Firma
irgendwelche Beziehung anzuknpfen.

Das Taschentuch drckte er an die Nase. Der Kopf mute fort, der Stiel
zugedeckt werden, eingestampft, verscharrt. Der Wald roch nach der
Pflanzenleiche. Der Geruch ging neben Herrn Michael einher, wurde immer
intensiver. Eine andere Blume mute an jene Stelle gepflanzt werden, eine
wohlriechende, ein Nelkengarten. Der Kadaver mitten im Walde mute fort.
Fort.

Im Augenblick, als Herr Fischer stehen bleiben wollte, fuhr es ihm durch
den Kopf, da es ja lcherlich war, umzukehren, mehr als lcherlich. Was
ging ihn die Butterblume an? Bittere Wut lohte in ihm bei dem Gedanken, da
er fast berrumpelt war. Er hatte sich nicht zusammengenommen, bi sich in
den Zeigefinger: Pa auf, du, ich sag dir's, pa auf, Lump verfluchter.
Zugleich warf sich hinterrcks Angst riesengro ber ihn.

Der finstere Dicke sah scheu um sich, griff in seine Hosentasche, zog ein
kleines Taschenmesser heraus und klappte es auf.

Inzwischen gingen seine Fe weiter. Die Fe begannen ihn zu grimmen. Auch
sie wollten sich zum Herrn aufwerfen; ihn emprte ihr eigenwilliges
Vorwrtsdringen. Diese Pferdchen wollte er bald kirren. Sie sollten es
spren. Ein scharfer Stich in die Flanken wrde sie schon zhmen. Sie
trugen ihn immer weiter fort. Es sah fast aus, als ob er von der Mordstelle
fortliefe. Das sollte niemand glauben. Ein Rauschen von Vgeln, ein fernes
Wimmern lag in der Luft und kam von unten herauf. Halt, halt! schrie er
den Fen zu. Da stie er das Messer in einen Baum.

Mit beiden Armen umschlang er den Stamm und rieb die Wangen an der Borke.
Seine Hnde fingerten in der Luft, als ob sie etwas kneteten: Nach Kanossa
gehen wir nicht. Mit angestrengt gerunzelter Stirn studierte der totblae
Herr die Risse des Baumes, duckte den Rcken, als ob von hinten etwas ber
ihn wegspringen sollte. Die Telegraphenverbindung zwischen sich und der
Stelle hrte er immer wieder klirren, trotzdem er mit Fusten die Drhte
verwirren und zudrcken wollte. Er suchte es sich zu verbergen, da seine
Wut schon gelhmt war, da in ihm eine sachte Lsternheit aufzuckte, eine
Lsternheit nachzugeben. Ganz hinten lsterte ihn nach der Blume und der
Mordstelle.

Herr Michael wippte versuchend mit den Knieen, schnupperte in die Luft,
horchte nach allen Seiten, flsterte ngstlich: Nur einscharren will ich
den Kopf, weiter nichts. Dann ist alles gut. Rasch, bitte, bitte. Er
schlo unglcklich die Augen, drehte sich wie versehentlich auf den Hacken
um. Dann schlenderte er, als wre nichts geschehen, geradeaus abwrts, im
gleichgltigen Spaziergngerschritt, mit leisem Pfeifen, in das er einen
sorglosen Ton legte und streichelte, whrend er befreit aufatmete, die
Baumstmme am Wege. Dabei lchelte er, und sein Mulchen wurde rund wie ein
Loch. Laut sang er ein Lied, das ihm pltzlich einfiel: Hschen in der
Grube sa und schlief. Das frhere Tnzeln, Wiegen der Hfte,
Armschlenkern machte er nach. Das Stckchen hatte er schuldbewut hoch in
den rmel hinaufgeschoben. Manchmal schlich er bei der Biegung des Weges
rasch zurck, ob ihn jemand beobachtete.

Vielleicht lebte sie berhaupt noch; ja, woher wute er denn, da sie schon
tot war? Ihm huschte durch den Kopf, da er die Verletzte wieder heilen
knnte, wenn er sie mit Hlzchen sttzte und etwa rings herum um Kopf und
Stiel einen Klebeverband anlegte. Er fing an schneller zu gehen, seine
Haltung zu vergessen, zu rennen. Mit einmal zitterte er vor Erwartung. Und
strzte lang an einer Biegung hin gegen einen abgeholzten Stamm, schlug
sich Brust und Kinn, so da er laut chzte. Als er sich aufraffte, verga
er den Hut im Gras; das zerbrochene Stckchen zerri ihm den rmel von
innen; er merkte nichts. Hoho, man wollte ihn aufhalten, ihn sollte nichts
aufhalten; er wrde sie schon finden. Er kletterte wieder zurck. Wo war
die Stelle? Er mute die Stelle finden. Wenn er die Blume nur rufen knnte.
Aber wie hie sie denn? Er wute nicht einmal, wie sie hie. Ellen? Sie
hie vielleicht Ellen, gewi Ellen. Er flsterte ins Gras, bckte sich, um
die Blumen mit der Hand anzustoen.

Ist Ellen hier? wo liegt Ellen? Ihr, nun? Sie ist verwundet, am Kopf,
etwas unterhalb des Kopfes. Ihr wit es vielleicht noch nicht. Ich will ihr
helfen; ich bin Arzt, Samariter. Nun, wo liegt sie? Ihr knnt es mir ruhig
anvertrauen, sag ich euch.

Aber wie sollte er, die er zerbrochen hatte, erkennen? Vielleicht fate er
sie gerade mit der Hand, vielleicht seufzte sie dicht neben ihm den letzten
Atemzug aus.

Das durfte nicht sein.

Er brllte: Gebt sie heraus. Macht mich nicht unglcklich, Ihr Hunde. Ich
bin Samariter. Versteht Ihr kein Deutsch?

Ganz legte er sich auf die Erde, suchte, whlte schlielich blind im Gras,
zerknulte und zerkratzte die Blumen, whrend sein Mund offen stand und
seine Augen gradaus flackerten. Er dumpfte lange vor sich hin.

Herausgeben. Es mssen Bedingungen gestellt werden. Prliminarien. Der
Arzt hat ein Recht auf den Kranken. Gesetze mssen eingebracht werden.

Die Bume standen tiefschwarz in der grauen Luft am Wege und berall herum.
Es war auch zu spt; der Kopf gewi schon vertrocknet. Ihn entsetzte der
endgltige Todesgedanke und schttelte ihm die Schultern.

Die schwarze runde Gestalt stand aus dem Grase auf und torkelte am Wegrand
entlang abwrts.

Sie war tot. Von seiner Hand.

Er seufzte und rieb sich sinnend die Stirn.

Man wrde ber ihn herfallen, von allen Seiten. Man sollte nur, ihn
kmmerte nichts mehr. Ihm war alles gleichgltig. Sie wrden ihm den Kopf
abschlagen, die Ohren abreien, die Hnde in glhende Kohlen legen. Er
konnte nichts mehr tun. Er wute, es wrde ihnen allen einen Spa machen,
doch er wrde keinen Laut von sich geben, um die gemeinen Henkersknechte zu
ergtzen. Sie hatten kein Recht, ihn zu strafen; waren selbst verworfen.
Ja, er hatte die Blume gettet, und das ging sie garnichts an, und das war
sein gutes Recht, woran er festhielte gegen sie alle. Es war sein Recht,
Blumen zu tten, und er fhlte sich nicht verpflichtet, das nher zu
begrnden. Soviel Blumen wie er wollte, knnte er umbringen, im Umkreise
von tausend Meilen, nach Norden, Sden, Westen, Osten, wenn sie auch
darber grinsten. Und wenn sie weiter so lachten, wrde er ihnen an die
Kehle springen.

Stehen blieb er; seine Blicke gifteten in das schwere Dunkel der Fichten.
Seine Lippen waren prall mit Blut gefllt. Dann hastete er weiter.

Er mute wohl hier im Wald kondolieren, den Schwestern der Toten. Er wies
darauf hin, da das Unglck geschehen sei, fast ohne sein Zutun, erinnerte
an die traurige Erschpfung, in der er aufgestiegen war. Und an die Hitze.
Im Grunde seien ihm allerdings alle Butterblumen gleichgltig.

Verzweifelt zuckte er wieder mit den Schultern: Was werden sie noch mit
mir machen? Er strich sich mit den schmutzigen Fingern die Wangen; er fand
sich nicht mehr zurecht.

Was sollte das alles; um Gotteswillen, was suchte er hier!

Auf dem krzesten Wege wollte er davonschleichen, querabwrts durch die
Bume, sich einmal ganz klar und ruhig besinnen. Ganz langsam, Punkt fr
Punkt.

Um nicht auf dem glatten Boden auszugleiten, tastet er sich von Baum zu
Baum. Die Blume, denkt er hinterlistig, kann ja auf dem Wege stehen
bleiben, wo sie steht. Es gibt genug solch toten Unkrauts in der Welt.

Entsetzen packt ihn aber, als er sieht, wie aus einem Stamme, den er
berhrt, ein runder blaheller Harztropfen tritt; der Baum weint. Im
Dunkeln auf einen Pfad flchtend, merkt er bald, da sich der Weg sonderbar
verengt, als ob der Wald ihn in eine Falle locken wolle. Die Bume treten
zum Gericht zusammen.

Er mu hinaus.

Wieder rennt er hart gegen eine niedrige Tanne; die schlgt mit
aufgehobenen Hnden auf ihn nieder. Da bricht er sich mit Gewalt Bahn,
whrend ihm das Blut stromweise ber das Gesicht fliet. Er speit, schlgt
um sich, stt laut schreiend mit den Fen gegen die Bume, rutscht
sitzend und kollernd abwrts, luft schlielich Hals ber Kopf den letzten
Abhang am Rand des Waldes herunter, den Dorflichtern zu, den zerfetzten
Gehrock ber den Kopf geschlagen, whrend hinter ihm der Berg drohsam
rauscht, die Fuste schttelt und berall ein Bersten und Brechen von
Bumen sich hren lt, die ihm nachlaufen und schimpfen.

Regungslos stand der dicke Herr an der Gaslaterne vor der kleinen
Dorfkirche. Er trug keinen Hut auf dem Kopf, in seinem zerzausten
Haarschopf war schwarze Erde und Tannennadeln, die er nicht abschttelte.
Er seufzte schwer. Als ihm warmes Blut den Nasenrcken entlang auf die
Stiefel tropfte, nahm er langsam mit beiden Hnden einen Rockscho hoch und
drckte ihn gegen das Gesicht. Dann hob er die Hnde an das Licht und
wunderte sich ber die dicken blauen Adern auf dem Handrcken. Er strich an
den dicken Knollen und konnte sie nicht wegstreichen. Beim Ansingen und
Aufheulen der Elektrischen trollte er weiter, auf engen Gchen, nach
Hause.

Nun sa er ganz blde in seinem Schlafzimmer, sagte laut vor sich hin: Da
sitz ich, da sitz ich, und sah sich verzweifelt im Zimmer um. Auf und ab
ging er, zog seine Sachen aus und versteckte sie in einer Ecke des
Kleiderspindes. Er zog einen anderen schwarzen Anzug an und las auf seiner
Chaiselongue das Tagblatt. Er zerknulte es im Lesen; es war etwas
geschehen, es war etwas geschehen. Und ganz sprte er es am nchsten Tage,
als er an seinem Pulte sa. Er war versteinert, konnte nicht fluchen, und
mit ihm ging eine sonderbare Stille herum.

Mit krampfhaftem Eifer sprach er sich vor, da alles wohl getrumt sein
msse; aber die Risse an seiner Stirn waren echt. Dann mu es Dinge geben,
die unglaublich sind. Die Bume hatten nach ihm geschlagen, ein Geheul war
um die Tote gewesen. Er sa versunken da und kmmerte sich zum Erstaunen
des Personals nicht einmal um die brummenden Fliegen. Dann schikanierte er
die Lehrlinge mit finsterer Miene, vernachligte seine Arbeit und ging auf
und ab. Man sah ihn oft, wie er mit der Faust auf den Tisch schlug, die
Backen aufblies, schrie, er wrde einmal aufrumen im Geschft und berall.
Man wrde es sehen. Er lasse sich nicht auf der Nase herumtanzen, von
niemandem.

Als er rechnete, bestand aber am nchsten Vormittag unerwartet etwas
darauf, da er der Butterblume zehn Mark gutschrieb. Er erschrak, verfiel
in bitteres Sinnen ber seine Ohnmacht und bat den Prokuristen, die
Rechnung weiter zu fhren. Am Nachmittag legte er selbst das Geld in einen
besonderen Kasten mit stummer Klte; er wurde sogar veranlat, ein eigenes
Konto fr sie anzulegen; er war mde geworden, wollte seine Ruhe haben.
Bald drngte es ihn, ihr von Speise und Trank zu opfern. Ein kleines
Npfchen wurde jeden Tag fr sie neben Herrn Michaels Platz gestellt. Die
Wirtschafterin hatte die Hnde zusammengeschlagen, als er ihr dies Gedeck
befahl; aber der Herr hatte sich mit einem unerhrten Zornesausbruch jede
Kritik verbeten.

Er bte, bte fr seine geheimnisvolle Schuld. Er trieb Gottesdienst mit
der Butterblume, und der ruhige Kaufmann behauptete jetzt, jeder Mensch
habe seine eigene Religion; man msse eine persnliche Stellung zu einem
unaussprechlichen Gott einnehmen. Es gbe Dinge, die nicht jeder begreift.
In den Ernst seines ffchengesichts war ein leidender Zug gekommen; auch
seine Krperflle hatte abgenommen, seine Augen lagen tief. Wie ein
Gewissen sah die Blume in seine Handlungen, streng von den grten bis zu
den kleinsten alltglichen.

Die Sonne schien in diesen Tagen oft auf die Stadt, das Mnster und den
Schloberg, schien mit aller Lebensflle. Da weinte der Verhrtete eines
Morgens am Fenster auf, zum ersten Male seit seiner Kindheit. Urpltzlich,
weinte, da ihm fast das Herz brach. All diese Schnheit raubte ihm Ellen,
die verhate Blume, mit jeder Schnheit der Welt klagte sie ihn jetzt an.
Der Sonnenschein leuchtet, sie sieht ihn nicht; sie darf den Duft des
weien Jasmins nicht atmen. Niemand wird die Stelle ihres schmhlichen
Todes betrachten, keine Gebete wird man dort sprechen: das durfte sie ihm
alles zwischen die Zhne werfen, wie lachhaft es auch war und er die Hnde
rang. Ihr ist alles versagt: das Mondlicht, das Brautglck des Sommers, das
ruhige Zusammenleben mit dem Kuckuck, den Spaziergngern, den Kinderwagen.
Er prete das Mndchen zusammen; er wollte die Menschen zurckhalten, als
sie den Berg hinaufzogen. Wenn doch die Welt mit einem Seufzer
untergegangen wre, damit der Blume das Maul gestopft sei. Ja, an
Selbstmord dachte er, um diese Not endlich zu stillen.

Zwischendurch behandelte er sie erbittert, wegwerfend, drngte sie mit
einem raschen Anlauf an die Wand. Er betrog sie in kleinen Dingen, stie
hastig, wie unabsichtlich, ihren Napf um, verrechnete sich zu ihrem
Nachteil, behandelte sie manchmal listig, wie einen Geschftskonkurrenten.
An dem Jahrestag ihres Todes stellte er sich, als ob er sich an nichts
erinnerte. Erst als sie dringender auf eine stille Feier zu bestehen
schien, widmete er ihrem Andenken einen halben Tag.

In einer Gesellschaft ging einmal die Frage nach dem Leibgericht herum. Als
man Herrn Michael fragte, was er am liebsten esse, fuhr er mit kalter
berlegung heraus: Butterblume, Butterblumen sind mein Leibgericht.
Worauf alles in Gelchter ausbrach, Herr Michael aber sich zusammenduckte
auf seinem Stuhl, mit verbissenen Zhnen das Lachen hrte und die Wut der
Butterblume geno. Er fhlte sich als scheusliger Drache, der geruhsam
Lebendiges herunterschluckt, dachte an wirr Japanisches und Harakiri.
Wenngleich er heimlich eine schwere Strafe von ihr erwartete.

Einen solchen Guerillakrieg fhrte er ununterbrochen mit ihr;
ununterbrochen schwebte er zwischen Todespein und Entzcken; er labte sich
ngstlich an ihrem wtenden Schreien, das er manchmal zu hren glaubte.
Tglich sann er auf neue Tcken; oft zog er sich, hoch aufgeregt, aus dem
Kontor in sein Zimmer zurck, um ungestrt Plne zu schmieden. Und so
heimlich verlief dieser Krieg, und niemand wute darum.

Die Blume gehrte zu ihm, zum Komfort seines Lebens. Er dachte mit
Verwunderung an die Zeit, in der er ohne die Blume gelebt hatte. Nun ging
er oft mit trotziger Miene in den Wald nach St. Ottilien spazieren. Und
whrend er sich eines sonnigen Abends auf einem gefallenen Baumstamm
ausruhte, blitzte ihm der Gedanke: hier an der Stelle, wo er jetzt sa,
hatte seine Butterblume, Ellen, gestanden. Hier mute es gewesen sein.
Wehmut und ngstliche Andacht ergriff den dicken Herrn. Wie hatte sich
alles gewendet! Seit jenem Abend bis heute. Er lie versunken die
freundlichen, leicht verfinsterten Augen ber das Unkraut gehen, den
Schwestern, vielleicht Tchtern Ellens. Nach langem Sinnen zuckte es
spitzbbisch ber sein glattes Gesicht. O sollte seine liebe Blume jetzt
eins bekommen. Wenn er eine Butterblume ausgrbe, eine Tochter der Toten,
sie zu Hause einpflanzte, hegte und pflegte, so hatte die alte eine junge
Nebenbuhlerin. Ja, wenn er es recht berlegte, konnte er den Tod der alten
berhaupt shnen. Denn er rettete dieser Blume das Leben und kompensierte
den Tod der Mutter; diese Tochter verdarb doch sehr wahrscheinlich hier. O,
wrde er die alte rgern, sie ganz kalt stellen. Der gesetzeskundige
Kaufmann erinnerte sich eines Paragraphen ber Kompensation der Schuld. Er
grub ein nahes Pflnzchen mit dem Taschenmesser aus, trug es behutsam mit
der bloen Hand heim und pflanzte es in einen goldprunkenden Porzellantopf,
den er auf einem Mosaiktischchen seines Schlafzimmers postierte. Auf den
Boden des Topfes schrieb er mit Kohle:  2043 Absatz 5.

Tglich bego der Glckliche die Pflanze mit boshafter Andacht und opferte
der Toten, Ellen. Sie war gesetzlich, eventuell unter polizeilichen
Maregeln zur Resignation gezwungen, bekam keinen Napf mehr, keine Speise,
kein Geld. Oft glaubte er, auf dem Sofa liegend, ihr Winseln, ihr
langgezogenes Sthnen zu hren. Das Selbstbewutsein des Herrn Michael
stieg in ungeahnter Weise. Er hatte manchmal fast Anwandlungen von
Grenwahn. Niemals verflo sein Leben so heiter.

Als er eines Abends vergngt aus seinem Kontor in seine Wohnung
geschlendert war, erklrte ihm seine Wirtschafterin gleich an der Tr
gelassen, da das Tischchen beim Reinemachen umgestrzt, der Topf
zerbrochen sei. Sie htte die Pflanze, das gemeine Mistzeug, mit allen
Scherben in den Mlleimer werfen lassen. Der nchterne, leicht verchtliche
Ton, in dem die Person von dem Unfall berichtete, lie erkennen, da sie
mit dem Ereignis lebhaft sympathisiere.

Der runde Herr Michael warf die Tr ins Schlo, schlug die kurzen Hnde
zusammen, quiekte laut vor Glck und hob die berraschte Weibsperson an den
Hften in die Hhe, so weit es seine Krfte und die Deckenlnge der Person
erlaubten. Dann schwnzelte er aus dem Korridor in sein Schlafzimmer, mit
flackernden Augen, aufs hchste erregt; laut schnaufte er und stampften
seine Beine; seine Lippen zitterten.

Es konnte ihm niemand etwas nachsagen; er hatte nicht mit dem geheimsten
Gedanken den Tod dieser Blume gewnscht, nicht die Fingerspitze eines
Gedankens dazu geboten. Die alte, die Schwiegermutter, konnte jetzt fluchen
und sagen, was sie wollte. Er hatte mit ihr nichts zu schaffen. Sie waren
geschiedene Leute. Nun war er die ganze Butterblumensippschaft los. Das
Recht und das Glck standen auf seiner Seite. Es war keine Frage.

Er hatte den Wald bertlpelt.

Gleich wollte er nach St. Ottilien, in diesen brummigen, dummigen Wald
hinauf. In Gedanken schwang er schon sein schwarzes Stckchen. Blumen,
Kaulquappen, auch Krten, sollten daran glauben. Er konnte morden, so viel
er wollte. Er pfiff auf smtliche Butterblumen.

Vor Schadenfreude und Lachen wlzte sich der dicke, korrekt gekleidete
Kaufmann Herr Michael Fischer auf seiner Chaiselongue.

Dann sprang er auf, stlpte seinen Hut auf den Schdel und strmte an der
verblfften Haushlterin vorbei aus dem Hause auf die Strae.

Laut lachte und prustete er. Und so verschwand er in dem Dunkel des
Bergwaldes.




Der Ritter Blaubart


Hinter der dnnen Birkenreihe, welche die Stadt von Norden her umsumte,
zog eine wellige Ebene nach dem Meere zu, wenig mit niedrigen Kiefern und
Strauchwerk besetzt. Kein einziger Weg fhrte aus dem Durchbruch der
Stadtmauer nach dem Strand, der kaum zwei Stunden entfernt ist; eine
Kleinbahn fuhr in weitem Bogen um die Einde herum an das Wasser. In vielen
Senkungen der Ebene stand der Sumpf, schwarz und steif wie Leim; Ratten und
Krten hausten hier; fter stie ein Hher durch die dicke Luft und schlug
ein Weichtier an.

Wo sich die Hgelreihe am strksten erhob, ragten quadratische und
unfrmige Steinblcke scharf auf, Reste verwitterter Klippen. Das Meer
hatte sich frher ber das Land gestreckt; jetzt lag die Ebene verstrt und
frostig da; Meer und Erde wandten sich von ihr ab.

Diese Flche war vor langen Jahren auf eine sonderbare Weise in den Besitz
eines Barons Paolo di Selvi gekommen. Er war von einer Weltreise durch den
Sund in diese See gesteuert, um in der Stadt den Vater seines ersten
Bootsmannes zu besuchen, der unter dem quator dem Schwarzwasserfieber
erlegen war. Er stieg ans Land, sprhend von Laune, trumerisch,
eroberungssicher. Breitschulterig ging er mit den leicht gebogenen Beinen
des Reiters ber die Anlegebretter. Der Wind pfiff scharf an dem Morgen,
und warf ihm die schiefsitzende Kapitnsmtze mit einem glatten Schlag ins
Wasser, so da er barhuptig und lachend unter seinen Leuten stand, die das
bse Omen entsetzte. Seine Augen waren etwas schrg gestellt, dicht an der
Nase, die klein und stumpf war und mit ihrer Wurzel tief einsetzte. Die
klaren hellgrauen Augen stimmten schlecht zu dem Munde von mdchenhafter
Weiche, zu der Sanftheit seiner Stimme. Er ritt auf einem schwarzen Hengst
hinter einem Maultiergespann den weiten Umweg nach der Stadt; zwei Truhen
schleppte man zu dem alten Manne, den er suchte, eine mit Andenken und
allem Nachla des Bootsmannes, die andere mit japanischer Seide, indischen
Perlen und Juwelen, mit sibirischem Pelzwerk. Kaum zwei Stunden blieb er in
der Stadt, dann trabte er pfeifend und lachend allein zurck, unbekannt der
Gegend, den kurzen Weg durch die Ebene. Es ist nichts bekannt ber die
Geschehnisse in der Ebene an dem Mittag. Der Baron mu schon am Eingang des
Gebietes vom Pferd abgesessen sein und sich allein durch den Sand und
Morast gemacht haben. Beim nchsten Morgengrauen fand man den Vermiten
besinnungslos auf der Klippe liegen, lang auf den Rcken ausgestreckt, ber
und ber mit Tang und Lehm bedeckt, das Gesicht eigentmlich geschwollen,
glhend, mit Blschen, wie verbrannt, auch an der rechten Hand und dem
Vorderarm lste sich die Haut in Fetzen ab. Man lagerte den ohnmchtigen
Mann auf eine Bahre, trug ihn schrg ber das Brachland auf die nchste
Chaussee, wo man einen Heuwagen requirierte und in die Stadt fuhr. Die
Wundflchen heilten in einer Woche. Der Baron wute nicht, was ihm
geschehen war. Nur die Krankenschwestern berichteten, da seine Augen gegen
Abend einen leidenden entsetzten Ausdruck annhmen, da er den rechten Arm
zur Abwehr in die Hhe hebe und trostlos wimmere. Als er vllig genesen
war, schenkte er die Yacht seinem ersten Steuermann, entlie seine Leute
und zog in die Stadt.

Zuerst bewohnte er ein Haus im Sden der Stadt, ganz im Freien liegend;
viele Singvgel umgaben ihn; er pflog mit keinem Menschen Verkehr. Nach
einigen Monaten zog er an die Stadtmauer in eine ganz alte Wohnung, die
einen weiten Blick auf die dunstige Heide gewhrte. Auf der Stadtmauer
spazierte und sa der vllig vernderte unzugngliche Mann oder ritt die
Chaussee langsam nach dem Meere zu. Bis er nach fast Jahresfrist
frhmorgens durch die Straen der Stadt ging, auf dem Marktplatz nach einem
Baumeister fragte und diesen mit kurzen Worten beauftragte, ihm in der
Heide auf der hchsten Anhhe um die Klippe herum ein Wohnhaus zu bauen.
Der Baumeister brauche sich nicht zu beeilen, sagte er, indem er die Arme
verschrnkte; es solle ein Schlo werden, heimlich und weitlufig, mit
vielem festlichen Schmuck; denn er wolle in sechs Monaten seine Gemahlin
heimfhren.

So zogen die Wegebauer in die Heide, stampften von der Chaussee einen
sicheren Nebenweg nach der Klippe. Die Maurer fuhren lrmend an; sie
planten den Hgel ab, gruben die Pfeiler ein und umbauten den Felsen, der
sich bis zum ersten Stock des Hauses erhob und frei in die Zimmer ragte, --
ein weites gedehntes Gebude aus grauem Kalkstein, mit bunten
Kirchenfenstern, zierlichen Trmen. Mitten in der Einde erhob sich das
Schlo, ein Gelchter der Bauleute, ein Kopfschtteln der Stdter.

Knapp einen Monat, nachdem die Wnde, Zimmer mit Kostbarkeiten erfllt
waren, fhrte der Baron eine fremde, junge Frau in sein Schlo. Sie
erschien einmal im Theater der Stadt, die Portugiesin, ein braunes
kindliches Wesen, das nicht vom Arme des Mannes wich; der lachte wieder wie
frher und bezauberte alle. Sie tanzten an dem Abend im Brgersaal. Der
Baron spitzte seinen Mund und pfiff im Tanz; er strich den braunen Vollbart
und zeigte spottend die Brandnarben auf seiner rechten Hand. Das zweite
Mal, da man von der Portugiesin hrte, war eine Woche spter, als ein
reitender Bote nachts vom Schlo herjagte, dem Arzt die Tre einschlug, ihn
nach der Heide schleppte an die Leiche der jungen Frau. Sie lag mit
blaurotem Gesicht im Nachtkleide auf dem dunklen Korridor vor ihrem Zimmer.
Neben ihr brannte noch die Kerze, mit der sie wohl aus der Tr gestrzt
war. Der Baron folgte dem Arzt mit starren Augen; keine Frage beantwortete
er, keine Miene verzog er. Aus den Worten einer schluchzenden Zofe hrte
der Arzt von dem alten Herzleiden der fremden Frau; er knpfte seinen Pelz
zu; sie war einer Lungenembolie erlegen.

Nach drei Wochen erschien der Baron wieder in der Stadt; man lud ihn zu den
Gesellschaften ein. Oft und fter ritt er in die Stadt, er fuhr zur Jagd,
beteiligte sich an Kampfspielen und Rennen, sa abends beim Wein und
erzhlte von seinen Fahrten und Abenteuern. Lange Zeit sah man ihn lustig,
schwrmend und trumerisch, mit den Soldaten und Seeleuten der Stadt, er
fuhr eines Mrztages mit zweien von ihnen wieder in See. Es kam nach einem
halben Jahr etwa ein Brief von ihm an bei dem Verwalter seines Schlosses,
da die Wohngemcher grn auszuschlagen und grne Lufer zu legen seien,
und da im Damenzimmer Orchideen gesetzt werden sollten.

Rund acht Monate nach seiner Abfahrt kehrte er zurck. Wieder fhrte er
eine junge fremde Frau auf sein Schlo. Diese hat kein Stdter gesehen.
Eines Morgens lag sie in schwarzem Reitkleid, den Schleier vor dem stolzen
weien Gesicht, eine Gerte in der Hand, tot auf dem Hof des Schlosses.

Im Volk, bei den Schiffern und Vorstadtarbeitern munkelte man, wenn der
finstere Baron in seinem schwarzen Ledermantel vorberritt; die Kinder
schrieen vor ihm auf, warfen kleine Steinchen nach ihm, schossen mit dem
Katapult auf seinen Hengst.

Die Tochter eines Ratsherrn, ein schmchtiges hellblondes Mdchen, sah ihm
vom Fenster aus nach. Ihr traten Trnen in die taubengrauen Augen, wenn die
Mnner ingrimmig von dem Geschick des schwarzen Ritters sprachen; sie
weinte in ihrem Zimmer um ihn und war eines Tages auf seinem Schlosse und
wurde seine Frau. Alle angstvollen Beschwrungen der Verwandten konnten
dies nicht verhindern. Scharen von tobenden Menschen wlzten sich ber den
dunklen Weg nach dem Schlo, noch ehe ein Monat verstrichen war, als man
die Leiche des sen Geschpfes eines Abends an dem Mauerdurchbruch fand.
Die Polizei umringte das Schlo zum Schutz, der Baron wurde in Haft
genommen. Das Gericht verfgte die Exhumierung der beiden ersten Frauen,
die genaue chemische Analyse der drei Leichen auf Giftstoffe. Die
Untersuchung blieb ergebnislos. Der Baron wurde auf freien Fu gesetzt, das
Volk streckte ohnmchtig die Hnde nach ihm aus und wollte ihn zerreien,
als er seinen Revolver in der rechten Hand, langsam, hhnisch lachend, nach
der Heide hinausritt.

Von nun an mied er die Stadt vllig. Er hauste allein in der Heide; nur
sein Reichtum hielt die Dienerschaft im Schlo zurck.

Da landete eines Tages eine kleine Yacht vor der Stadt. Ein silbernes Horn
blies ber die Heide; Mi Ilsebill kutschierte ein Schimmelgespann durch
die glatte Chaussee nach der Stadt. In dem Gasthof am Markt logierte sie
sich ein. Sie fragte den Wirt nach dem Baron Paolo und seinem verrufenen
Schlo; sie fragte zum zweiten, ob jetzt noch eine Frau bei ihm wre; sie
fragte zum dritten, wo sie ihn sehen knne. Bei den Rennen, die morgen in
Stirming, dem Vororte, stattfnden.

Frhmorgens rstete man das Gespann; der Groom stieg auf den Bock; auf dem
Polster schaukelte Mi Ilsebill.

Die schnurgraden Alleen herunter sausten die Wagen, die Automobile; sie
lenkten in weitem Bogen vor das Portal der Rennbahn. Der Himmel war
stahlblau, es wehte eine sommerliche Luft. Die Menschen drngten auf die
Rennbahn, sie fllten die Tribne vor dem weiten, grnen Rasen; der Lrm
der Stimmen und Gefhrte brauste, ein Riesenvogel, ber die leere Flche.

Die Mi fuhr zuletzt, kurz vor dem Start, am Sattelplatz vor. Zwei sanfte
Schimmel zogen den offenen, blauausgeschlagenen Wagen durch den
knirschenden Sand. Sie stieg aus, im blauen wallenden Samtkleide, eine
weie Feder wehte in den bloen Nacken; sie glitt durch die hlzerne Sperre
auf ihren Platz. Sie hatte eine gelbweie Haut, ebenmige Zge. Ihre
tiefschwarzen Augen schlpften zgernd ber die Menschen und Gegenstnde,
wie ein schleimiger Schneckenleib, lie eine Spur. Sie sa lachend da und
kaute Schokolade.

Baron Paolo lehnte an der Stange; er sah mit Vergngen die weien Pferde
antraben, hielt seinen weichen Filzhut zum Schutz ber die sphenden Augen.
Als die weie Strauenfeder steil in dem Winde sich aufstellte, ging er die
vier Stufen der Treppe hinunter, schob sich seitlich durch die Menge und
trat vor Mi Ilsebill. Er hob die hohlen Hnde wie ein Araber auf; beugte
seinen Nacken vor ihr. Sie erschrak und lachte dann. Kalvello hie der
Favorit. Das braune schlankbeinige Tier jagte lssig hinter dem Rudel her;
schon waren zwei Runden um, die Entscheidungsstrecke kam. Mi Ilsebill lie
das Silberpapier fallen, sttzte das feste Kinn auf die Hand, jauchzte ber
die gebundene Ruhe des Pferdes. Sie waren dicht am Ziel; da legte sich der
blauweie Jockey dicht an das Ohr der Pferdes, flsterte Kalvello, ho,
Kalvello. Das Tier senkte den Kopf, flog in vier Sprngen hin, siegte. Sie
strahlte. Der Lrm der Menge rauschte ber sie. Kaum das Hrdenspringen
vorber war, stand sie auf und lud den schweigenden Mann zu einer
Spazierfahrt mit ihr ein. Whrend sie durch die Wlder im Sden der Stadt
fuhren, sagte er, da er der Baron Paolo di Selvi sei, da er durch sein
Geschick hierher verschlagen sei und drben in der Heide wohne. Sie
erzhlte, sie wre Mi Ilsebill; er htte auf seinem Heideschlo drei
Frauen verloren, und sie trauere ber sein Geschick. Worauf er einen trben
Blick auf sie warf, den grauen Kopf senkte; der Groom aber ri die Schimmel
herum; sie fuhren die Chaussee zurck, auf den geraden Weg zur Heide. An
der Wendung zur Schloallee verengerte sich der Weg. Paolo nahm dem
Kutscher die Leine ab. Die Pferde strubten sich. Er stieg aus und ri sie
vor. Unter Peitschenhieben zogen sie an, sie schnaubten und wollten
durchgehen, aber er hielt die Leine straff.

Prunkend stand in der Wstenei das graue Schlo; ber dem Dach des
Damenflgels ragte die Spitze einer weien Klippe. Paolo sa aufrecht im
weichen Hut, eingefallen waren seine braunen Wangen und seine Schlfen,
seine schrg gestellten grauen Augen blickten leer, nur sein Mund war rund
und weich und sehnschtig wie immer. In der Dmmerung kamen sie vor sein
Haus. Am Portal gab er ihr zum Abschied die Hand. Mi Ilsebill stieg aber
aus und bat sich bei ihm zu Gaste auf ein paar Tage; sie wollte ihn pflegen
und mit schner Musik erheitern. Sie bezog die Zimmer des Damenflgels.

Sie ritten morgens und mittags aus; Ilsebill sang und spielte vor ihm in
den Gemchern. Sie trug bunte und nixengrne Gewnder; in ihren Augen war
ein weies Schimmern, wenn sie auf den Teppichen tanzte; ihr schwarzes Haar
hatte sie in Zpfen gebunden, die sie mit den blitzenden Zhnen festhielt.
Paolo lag stumpf auf den Polstern, rauchte und hllte sich in Dampf, spter
warf er sich auf den Teppich, sah ihr neugierig aus seinen hellen Augen zu,
hrte sie summen zu der Guitarre, in die ihre Dienerin griff. Seine Stimme
wurde heller, sein Gang rascher. Und als sie einmal auf dem Balkon standen,
brach sie in ein ungefges Weinen aus; sie wollte wissen, was es mit ihm
sei, sie wollte ihm helfen. Er aber nahm ihre beiden gelbweien, heien
Hnde, legte sie auf seine Stirn, indem er die Worte eines fremden Gebets
flsterte; sie hing an seinem Hals, whrend er entsetzt bebte und lauter
sprach und schrie, was sie nicht verstand. Schon war er wieder still und
sanft, geleitete Mi Ilsebill in ihr Zimmer. Und am Abend schlich sie sich,
indessen der Baron im Herrenflgel schlief, allein trotzig und finster an
die Tr des verschlossenen Zimmers, in das die Klippe hineinragte. Sie
rttelte an dem Holz, sie stemmte sich seufzend mit der Schulter an; das
Schlo hielt fest. Da nahm sie das goldene Kreuz vom Halse ab, flehte die
Mutter Gottes um Hilfe an, fand am Fue der Tr einen Riegel bloliegen,
schob ihn, den Finger einschlagend, in die Hhe, mit schwerer Mhe, so da
ihr Arm schmerzte.

Lautlos sprang die Tr auf; Mi Ilsebill, die zarte, in ein schwarzes Tuch
geschlagen, hob die Kerze: es war ein schmales, freundliches Gemach, mit
zrtlichem Frauentand die Tischchen und Wnde bedeckt; der rohe zackige
Felsen bildete die breite Hinterwand; er schattete sonderbar in dem
unsichern Lichte; in seiner Nische, ber dem Boden, stand das grnbezogene
Nachtlager, zu dem zwei Stufen fhrten. Mi Ilsebill tnzelte freudig ber
den dicken Teppich, warf ihr Tuch ab, sog den schwachen Blumengeruch ein,
zndete zwei Ampeln an und war in dem heimlichsten Zimmer. Die grne
japanische Seide hing von der Decke herab, Bilder und Tapeten lchelten
ruhevoll und sanft, auch die sonderbare Klippe schimmerte wie ein
spielerischer, phantastischer Einfall. Sie legte leise die Tr an, sprang
auf das Lager, lag trumend stundenlang, schlpfte frhmorgens wieder durch
die Korridore auf ihr Zimmer, nachdem sie das Licht gelscht, sorgfltig
die schweren Riegel herabgeschoben hatte. War nichts geschehen, ist mir
nichts geschehen, sagte sie glcklich vor sich hin; glitt nun Nacht fr
Nacht hinber in das Felsenzimmer, dort zu schlafen. Des Tages aber fand
Mi Ilsebill kein Ende des Plauderns, Singens und Lockens vor dem
versunkenen Manne. Aus ihren tiefschwarzen schlpfenden Augen schlug fter
ein greller Blick zu ihm, und als sie einmal unter den fnf raschelnden
Schleiern vor ihm getanzt hatte und er lachend ber ihre tollen Sprnge
ihre Handgelenke hielt, warf sie ihre Schnheit vor ihm hin und bettelte an
seinem Hals: Ich bin Ihr Eigen, Paolo. Sind Sie das, Mi Ilsebill? Sind
Sie das? Und sein Blick war nicht grell und hei, sondern derart
schwermutsvoll, fragend und ohne Trost, da sie von ihm abwich, die
Schleier um sich warf und aus dem Zimmer schlich. Er umgab sie aber mit so
viel stiller Ehrfurcht, da er die blawangige Ilsebill ganz in staunendes
Glck versenkte.

Auf ihren Streifzgen durch die Wlder trug der schwarze Ritter sie oft auf
den Armen und betete, manchmal in die starken Kniee sinkend, in fremder
harter Sprache. Sie hob nie die Lippen zu seinem Munde, nur selten nahm er
ihre gelbweien Hnde und prete sie an seine Stirn. Welche Kleider trug
Ilsebill mit den feinen Kncheln? Wieviel Zpfe hingen aus ihrem
blauschwarzen Haar? Grne Kleider, wie die Seide in dem Felsenzimmer trug
Mi Ilsebill; grne Bltter lagen auf ihrem Haare und waren eingeflochten
in drei dichten Zpfen. Mi Ilsebill und Paolo spielten und jagten
zusammen, sie saen oft am Meere, sie trumten zu zweit. Paolos Augen
sprhten.

Eines Mittags sagte sie ihm, da sie ihn um etwas bitten mchte. Und als
Paolo freundlich fragte, bi sie sich auf die Unterlippe und meinte, da
sie ihm etwas sagen msse. Ob es nicht zweckmig wre, wenn sie einen Arzt
kommen lieen aus der Stadt; sie glaube, sie sei etwas krank. Paolos Lippen
wurden schneewei, er atmete schwer mit geschlossenen Augen: was ihr denn
fehle. Sie hre immer, fast immer ein leises Scharren. Es sei ein Gerusch,
ganz weit entfernt, ein gleichmiges Streifen, Rieseln und Scharren,
gleich als liefe ein Tier ber Sand und bliebe immer wieder schnaufend
stehen. Es sei so fein, da es ihr oft wie ein Pfeifen klinge. Er stand am
Fenster und blies gegen die Scheibe, fuhr mit rauher Stimme heraus, es sei
kein Arzt not bei solcher Krankheit; sie msse sich zerstreuen; sie msse
jagen, reisen; am besten, sie ginge fort von hier. Da lachte Mi Ilsebill
aus vollem Halse und sagte, ihre beiden Pferde seien nur schwer den Weg
hierher gelaufen und jetzt, wo fnde sie Pferde, die sie zurcktragen
wrden ohne ihn. Der untersetzte Mann hatte sich umgedreht, seine Stirn lag
in Falten, sein mageres Gesicht glhte, er klagte heiser: sie solle gehen,
sie solle gehen, sie solle gehen, er wolle sie doch nicht; er wolle kein
Weib und keinen Menschen und nichts; er hasse sie alle, die hhnischen,
sinnlosen Wesen; sie solle gehen, o sie solle gehen. Ein Messer wolle er
ihr gleich geben, damit solle sie sich ihre Krankheit aus dem Herzen
schlen. Wie Mi Ilsebill mit schaukelnden Hften auf ihn zuging, kam er
auf sie gewankt, taumelnd wie ein Kind, sah sie an derart schwermutsvoll
und ohne Trost, da sie sein Haar streichelte und in fesselloses Schluchzen
ausbrach, als er an ihrer Brust zitterte. Sie stellte keine Frage an ihn;
sie nahm heimlich einen Dolch von der Wand, versteckte ihn unter ihrem
Kleid.

Mi Ilsebill ging nun in ihrem dnnen Kleid oft allein aus, sie streifte
bis an die Stadtmauer, brachte Paolo seltene Muscheln, blaue Steine mit,
auch streng duftende Narzissen, die er liebte. Und auf einem Wege sprach
sie in der Vorstadt einen alten Bauern an, der erzhlte, der Baron habe
sich mit Leib und Seele einem bsen Untier verkauft. Das lge aus Urzeiten
auf dem alten Meeresgrunde, dort auf der Heide; in der Klippe hause es und
brauche alle paar Jahre einen Menschen. Es klnge wie ein Mrchen und sei
doch wahr. Wre nicht bei den Frauen jetzt die Unzucht und Gottlosigkeit so
gro, so wre der arme Ritter lngst befreit von dem Tier. Sie hrte es mit
Glck, denn sie wute es schon lange.

Sie spielte auf ihrem Zimmer mit Eidechsen, die sie fing. Als Paolo sie
einmal unter Lcheln klagen hrte, sie suche im Grunde nur nach dem Tier,
das so laut scharre und murre und raschelte, meinte er, nach einem langen,
schttelnden Gelchter, er wolle einen Dichter einladen, den er kenne in
der Stadt, der solle sie mit Mrchen und seltsamen Geschichten unterhalten.
Es sei ein seelenkundiger Mann.

Am nchsten Mittag spazierte ber den breiten Hauptweg der Dichter auf das
Schlo; sie saen zu dritt bei Tisch. Dann lud Paolo ihn ein, den Arzt zu
spielen bei Mi Ilsebill und ihre Schwermut zu beheben; denn es scheine ihm
eine Art Schwermut zu sein, was in ihr scharre und raschele und sie zu
verschlingen drohe. Der Dichter sprach mit ihr auf ihrem Balkonzimmer; es
war ein schlanker, junger Mann mit langen Armen und mit freien Bewegungen.
Er fuhr ber sie mit herrscherischen Blicken, sie lachten zusammen, ber
ihre Bilder gebckt. Er bat sie, sie mchte tanzen, als schon die Lust dazu
in der Wilden erwacht war; sie tanzten zusammen unter Ilsebills letztem
Schleier, und die Entfesselte sprang mit ihm auf den Balkon und lachte mit
einmal ber das Schlo und den Sumpf und die scharrenden Tiere. Sie krmmte
sich ber das Eisengitter, schrie ihr Gelchter ber die dmmerige Heide
hin. Wahnsinnig, ja wahnsinnig wre sie, eine Leiche bei lebendigem Leibe.
Mgen alle vorsintflutlichen Drachen ausbrechen und Paolos Glck morden:
sie kenne nur ein Tier, das ausbrechen wolle, und das sei sie selber. Sie
streckte ihre runden Arme ber sich, rief das Meer an, sie wolle wieder
fort, sie wolle reisen und wandern und wolle immer lieben und immer kssen.
Und eh die Dunkelheit einbrach, ging der Dichter fort; trllernd ri sie
ein grnes Blatt aus ihrem Haar und steckte es zwischen seine Lippen.

Kaum war es finster im Schlo geworden, da warf sich Mi Ilsebill ihr
schwarzes Tuch um, nahm noch mit glhenden Wangen eine Kerze in die Hand
und belud ihren linken Arm mit zwei Scheiten Holz: sie wollte zum Schlu
die Felsenkammer in Brand stecken und dann in Nacht und Nebel verschwinden.
Auf dem Meer wartete schon die Yacht, die der Dichter zur Flucht besorgt
hatte. Den dunklen Gang keuchte sie hin; aus dem Dunklen, ihr entgegen,
kamen Schritte. Die Scheite lie sie ber die Kniee leise zu Boden gleiten,
es war Paolo, der sie nicht fragte, ihre Kerze sachte an den Boden stellte
und sie zrtlich, ohne zu sprechen, streichelte ber Haar und Hnde. Die
schwarzen Augen Mi Ilsebills schlpften nicht fort von seinen, die voll
Teilnahme blickten und einen erschreckenden Trost spendeten, schlpften
nicht ab von der ruhigen Aufgeschlossenheit seines heiteren Gesichts. Seine
schrggestellten Augen strahlten ber sie gar eine Dankbarkeit, sein Mund
nherte sich zum ersten Male ihren Lippen und kte sie. Er sagte, er ginge
noch heute in die Stadt. Sie kauerte auf dem Gang, die Kerze war erloschen,
eine unbezwingliche Angst schttelte ihre Schultern. Sie hielt das Kreuz in
beiden Hnden hoch, sie richtete sich auf, die Scheite lie sie liegen, sie
mute ber den Gang, sie mute nach der Tr, sie mute in die Kammer. Hart
war ihr Gesicht, dann verzerrte es sich hilflos. Hinter dem Kreuz schleppte
sich Mi Ilsebill, weinend und sich kasteiend. Den Riegel schob sie hoch.
In der Kammer ging sie hnderingend auf und ab, schlug sich die Brust,
schlummerte auf dem weichen Teppich ein.

Im Traume hrte sie ein Scharren und Krachen, ein lautes Rufen von
Mnnerstimmen: Ilsebill, rette dich; rette dich, Ilsebill, Ilsebill!
Richtete sich auf. Kam aus dem Felsen eine blasende Flamme, ein brennender
Mund her. Der Felsen sprang mitten auseinander, aus der Hhle strmte das
Wasser, wlzte sich ein grauenhaftes Meeresungeheuer, eine Meduse mit
zahllosen ringelnden Fngen; aus dem Leib schlug die zitternde, blaurote
Flamme wie der Atem. Mi Ilsebill strzte nach der Tr; die fand sie nicht;
da schrie sie gell und wahnsinnig: Paolo, Paolo. Das Untier zischte nach
ihr; eine lhmende Se durchflo sie; sie schlug in Todesangst gegen die
Wand. Ein blanker Spie hing da, sie ri ihn herunter, schleuderte ihn
blind in die Flamme hinein. Halbumfallend fand sie die Tr, lief,
schreiend, mit den versengten Hnden um sich schlagend, ber die stummen
Gnge; blieb vor ihrer Zimmertr liegen.

Bis an den grauen Morgen lag die stolze Mi Ilsebill. Als sie sich
aufrichtete, lste sie mit starrer Ruhe ihre Schuhe und Strmpfe ab, band
ihre Zpfe auf, ging barhuptig, in bloem, dnnem Rckchen aus dem Hause,
durch den Torweg nach der Stadt zu ber die Heide, bis da, wo die Birken
stehen. Sie wandte sich nicht einmal um. Hinter ihr tobte es; vom Meere her
kam ein Donnern und Bersten. Eine Springflut, eine meilenweite graue Wand
durchbrach die Dmme und Deiche, setzte rollend und schumend ber die
verwunschene Ebene, bedeckte wieder, was ihr schon einmal gehrt hatte,
dazu ein graues Schlo und viele schlafende, armselige Menschen. Das
furchtbare Wasser warf seine Wellen bis dicht an den Berg heran vor der
Stadt, auf dem die Birken stehen. Ilsebill wanderte auf den Berg. Und wie
sie zwischen den Bumen ging, trat der Nebel in den Wald. Aus einem Baume,
an dem sie betete und ihr Kreuz aufhing, trat ein feiner, feiner Rauch, der
ser als Flieder duftete. Er legte sich um die wandernde Ilsebill, so da
sie eingehllt war in die Falten eines weiten, duftenden Mantels. Sie sah
keinen Schritt vor sich und keinen Schritt hinter sich; und als sie merkte,
da der Mantel der Mutter Gottes sie einhllte, fing sie an zu weinen wie
ein zages Mdchen. Rascher und rascher lief sie, aber sie strzte bei jedem
Schritt: Ich mchte doch leben. Ach, liebe Mutter Gottes, la mich doch
die Blumen noch sehen, la mich doch die Vglein sehen. Ach, liebe Mutter
Gottes, sei gut zu mir. Ich sehe, -- du bist gut zu mir, wie ich zu dir
bin. Ihre Lippen blaten. Sie wurde dnner und dnner. Seufzend lste sie
sich auf und verschwand in dem feinen Nebel, der ber die Birken zog.

Schon hob sich die Sonne ber dem Wasser, da trabte langsam ein schwarzer
Hengst mit einem Reiter durch den Mauerdurchbruch von der Stadt her. Der
Reiter ritt ber den Berg, und wie er auf der Hhe stand, schumte
meilenweit vor ihm das graue, tobende Wasser und kein Weg und kein Schlo.
Er stieg ab, band das Pferd an einen Stamm, ging zwischen den Birken. Ein
winziges goldenes Kreuz hing an einem Baum; um den ging ein ser Geruch
herum. Er zog den weichen Hut, kniete nieder und legte die Stirn an die
Rinde: Groe Angst hast du uns beschert, holde Mutter Gottes; groe Liebe
hast du uns beschert, du holde Mutter Gottes.

Die Stdter sahen noch einmal den schwarzen Reiter an diesem Tage des
Dammbruches durch die Stadt jagen. Dann hrte man nach vielen Jahren wieder
von ihm, als die Kmpfe in Mittelamerika tobten. Als Fhrer einer Freischar
gegen die heidnischen Indianer fiel er damals mit seiner ganzen Mannschaft
bei einem heimtckischen Angriff.




Der Dritte


Der berhmte Frauenarzt Dr. William Converdon in Boston erlie am 14. 4.
eine Annonce in den Tglichen Nachrichten, in der er eine Sekretrin
suchte. Er war durch seine Wahl zum Vorsitzenden der Gesellschaft fr
Gynkologie mit Schreibarbeit bermig belastet worden; seine bucklige
Haushlterin, der er sein Bedrngnis mitteilte, entschied sich dafr, eine
Dame zu suchen; diese sei billig, vor allem leichter zu entlassen.

Am 18. 4. stellte sie ihm zum Schlu seiner Sprechstunde zwei Damen vor.
Converdon drehte sich teilnahmslos auf seinem Stuhl um, nahm mit Kopfnicken
die leichte Verbeugung eines scharfzgigen, schwarzen, intelligenten
Fruleins entgegen, richtete lnger seine grauen kalten Augen auf das
blonde Mdchen neben ihr, die ihm mit Errten ihre Zeugnisse reichte. Wie
er dann mit der Hand ber sein breites Kinn fuhr, entschied er sich, ohne
die Papiere zu ffnen, fr die blonde, schchterne, vollwangige, weil sie
schne Flechten trug und es ihn beunruhigen wrde, ihre Reize auf die
Strae zu schicken, und weil er hoffen konnte, ihrer rasch berdrssig zu
werden.

Bei Beginn der Diktate am nchsten Morgen empfand der hagere Mann eine
Strung seines Gedankenganges durch die Anwesenheit des Mdchens. Er
zgerte daher, ber den Lufer des Sprechzimmers hin- und hergehend, nicht
lange, hinter dem Sessel halt zu machen, auf dem sie sa, in blauem Kleid,
den Kopf mit sauber gewundenen Flechten ber das Pult gebeugt. Bei
Betrachtung ihres Rckens blieb er an ihrem bloen Nacken hngen; so hob er
denn langsam ihren weien Stehkragen auf und kte sie in den Spalt hinein
zwischen Kleid und Kragen. Sie fuhr zurck, ihre Augen leuchteten auf; als
er ihre hellen Nackenhaare durch seine Zhne zog, legte sie kichernd ihre
heie Wange nach rckwrts an seinen Kopf und dehnte sich auf dem Stuhl.
Dann, als er mit seinen schmalen Lippen ihre Wangen abtastete, warf sie
sich pltzlich vorn ber die Schreibplatte, vergrub den Kopf in den Armen,
schluchzte sehr leise eine kleine Weile, whrend er nachdenklich hinter ihr
stand, das scharfe Gesicht gesenkt, die linke Hand am Kinn. Sie schttelte
sich noch einmal, wischte sich die Augen mit einem sehr dnnen Taschentuch,
stand auf, wandte sich um und sah ihn aus gerteten Augen von unten an. Das
blondhaarige Frulein, sie hie Mery Walter, legte dann ihren Kopf an seine
weie Weste und bot ihm zu seiner groen berraschung den Mund. Er wollte
erst mit der freien linken Hand in die Rocktasche fahren nach seinem
Kneifer, um die Erscheinung aus der Nhe zu betrachten, kte sie aber
entschlossen und nannte sie vorsichtig liebes Frulein Walter. Frulein
Walter setzte sich wieder auf ihren Sessel, er spazierte befriedigt ber
den Lufer, diktierte weiter. Er machte ihr am Ende der Arbeit, weil es ihm
so einfiel, einige Liebeserklrungen, die sie erst gedankenlos
mitstenographierte, dann aber beim Nennen ihres Namens verstand; sie
spazierte Arm in Arm mit dem erschrockenen Mann ber den Lufer; der
beschftigte Arzt freute sich aber herzlich ber den raschen Ablauf des
Vorgangs.

Er ging mit ihr ins Theater, speiste abends mit ihr zusammen, trieb dies
ein paar Tage. Bis ihm nach genau einer Woche, als er bei Beendigung des
Diktats auf seiner Chaiselongue sa und Frulein Walter betrachtete, ein
weiterer Gedanke kam. Sie band sich eben ber ihren blauen Rock eine
spitzenbesetzte weie Schrze und sah dabei auf ihre weien Tennisschuhe,
als er um die Erlaubnis bat, die Schrze hinten zuzuknpfen, und ihr bei
dieser Ttigkeit dann mit stockender Stimme von hinten ins Ohr flsterte,
sie mchte heute das Nachtlager in seiner unmittelbaren Nhe aufschlagen.
Sie betrachtete eine Weile ihre Fingerspitzen, lste sich mit einem Ruck
von seinen Hnden, stampfte dann mit dem Fu auf, sagte zunchst leise: Es
geht nicht. Er ebenso leise; Warum und duzte sie sofort in Vorbedacht
der kommenden Situationen. Nun einfach darum nicht, weil sie doch zu Hause
wohne. Es wurde nun noch die Depesche an die Mutter abgesandt, in der
berichtet wurde, da Frulein Mery den Herrn Chef fr einen Tag auf einer
Reise begleiten msse, die bucklige Haushlterin orientiert, welche ein
hierfr seit langen Jahren benutztes Zimmer freundlich abstaubte, so da
Dr. Converdon seinem Plan entsprechend die frhliche Nacht mit seiner
Sekretrin verlebte.

Nur strte ihn im Verfolg seiner notwendigen Bemhungen an dem Frulein
mehreres, nmlich die groe Energie ihres anfnglichen Widerstands, ihre
auffallende Erregtheit whrend der ganzen Nacht, besonders aber der Befund
einer unzweifelhaften Jungfrulichkeit. ber diesen Befund war Herr Dr.
Converdon heimlich auerordentlich entrstet. Er erhob sich sehr frh,
machte dem Frulein am Morgen vor der Waschschssel laute Vorwrfe wegen
ihres Lebenswandels; man solle es nicht fr mglich halten, wenn man sie
betrachte mit ihren blonden Flechten: was wollte sie eigentlich von ihm; es
zeuge von einer unglaublichen Unreife, von einem vlligen Miverstehen
seiner Person; er wisse gar nicht, wie er ber diesen Punkt ihrer
Vergangenheit wegkommen solle. Sie weinte, im bloen Hemd am Fenster
sitzend, furchtbar; bettelte um Verzeihung, sie wisse ja selbst nicht, wie
es gekommen sei. Er diktierte ihr wtend stundenlang am Vormittag;
diktierte, bis sie halb schlafend ber den Tisch sank; war auer sich ber
die Roheit dieser anscheinend harmlosen Person.

Sofort wollte er sie vor die Tr setzen. Aber er berlegte sich, da sie
dann zu leichten Kaufs davonkme. Es wre ihr ein Vergngen, jetzt zu
entwischen nach diesem Verbrechen an seiner Seele. Er erklrte ihr abends,
als sie zum Nachtessen erschien, da er sie nunmehr fest engagiere,
zunchst auf drei Monate; sie klatschte in die Hnde; er verlangte
dringend, da sie einen frmlichen Vertrag, den er entworfen habe,
unterschriebe. Sie unterschrieb ungelesen, hngte sich an seinen Hals. Er
lchelte finster. Niemand erkannte den ernsten Mann tagelang in seiner
explosiven Wut. Er mietete ihr schon nach einigen Tagen eine Wohnung in dem
Nebenhause, entsetzte sie ihrer Stellung als Sekretrin, engagierte einen
alten Bureaubeamten. Sie sollte als Gesellschaftsdame fungieren in seinem
Hause. Sie htte nichts weiter zu tun, als zugegen zu sein, wenn er es
verlangte.

Sie stellte nun seine Mbel um, hing kleine Liebesbilder und Fhnchen auf,
setzte sich allabendlich zu ihm an den Tisch. Er sprach tagelang mit ihr
kein Wort, er duldete sie, gab ihr mit jeder Miene seine Verachtung zu
erkennen. Eines Tages schwoll sein Gesicht, whrend sie ruhig a, blaurot
an, die Stirnader trat wie ein Bleistift hervor, seine Augen quollen
heraus; er schlug mit der Faust neben sie auf die Platte: Du hast hier
nicht Abend fr Abend an meinem Tisch zu sitzen. Dieser Stuhl hat frei zu
sein an meinem Tische. Ich verbitte mir, da irgend jemand auf diesem
Stuhle sitzt. Aber Lorry, wo soll ich denn sitzen? Wo du willst, sollst
du sitzen. Vor der Tre. Ich wnsche, da dieser Platz freibleibt. Sie
stand weinend auf: So wnschst du, da ich gehe? Da du gehst? das
charakterisiert dich recht. Was willst du gehen? Warum? Wohin willst du
gehen? Oh ich kenne dich schon, du. Du willst gehen; das wolltest du schon
lange. Aber du hast ohne meine Erlaubnis nicht das Zimmer zu verlassen. Du
hast hier zu bleiben; ich sperre dich ein, bis du zahm und kirre bist, --
du Schamlose. Der alten buckligen Haushlterin aber trug er auf, Frulein
Mery zu behandeln als wre sie die Tochter des Hauses, oder als wre sie
seine Frau, mit der allererdenklichsten Rcksicht und Zartheit; so verlange
er es.

Als der hagere Mann sich besnftigt hatte, ging er wieder mit dem blonden
Frulein spazieren auf den breiten Geschftsstraen Bostons; mit einer
ernsten bittenden Galanterie bewegte er sich um sie; fter klagte eine
verzweifelte gequlte Demut aus seiner Stimme. Sie saen einmal
nebeneinander bei Sonnenuntergang am Fenster seines Sprechzimmers; da legte
er berwltigt die kahle Stirn auf die runde Mdchenschulter. Sieh, Mery,
wie viele Straen es gibt; drben jenseits des Platzes fnf, ber den
Fluweg hunderte im Arbeiterviertel. Hundert Huser stehen in jeder Strae,
und in jedem Haus wohnen so viele Mnner, jngere als ich, bessere als ich,
schnere als ich. In jedem Stock, hinter jedem dieser Fenster. Sie haben an
nichts zu denken, sie haben den ganzen lieben Tag ihre Gedanken frei, stell
dir dies einmal vor. Und wie gerne wrden sie dich lieben, mit deinen
treuen Augen, deinen runden Armen. Dein Fleisch ist so fest, deine Brste
sind so straff, mit rosigen Spitzen; ach Gott, was hast du fr ein weiches,
glattes Fell, Mery, -- und dies alles mir, den es nicht beglckt, den es
belastet und die Atemluft benimmt. Bitte frage mich jetzt nicht wieder, ob
du gehen sollst. Was hilft das mir? Ich wrde dir nachlaufen mssen und
weinen. Ich wre unsglich froh, wenn du nicht wrest. Ich wrde mich gerne
bcken hier am Fenster, dich auf die Arme nehmen und wie einen Blumenregen
auf das Pflaster streuen, darber in die Fenster hinein und ber mich in
das Zimmer. Der Gedanke macht mich schmelzen. Aber jetzt fa mich nicht an,
trste mich gar nicht, la meinen Kopf auf deiner Schulter liegen, Mery,
Mery.

Das Mdchen umging ihn mit groer Vorsicht, sie bereitete ihm die
Mahlzeiten, half ihm bei den Arbeiten mit Geduld und unendlichem Sanftsinn.
Wenn er sie anbrllte, sich mit den Hnden gegen die Brust schlug, weil
solch Verhngnis an ihn gekettet wre, so schlich sie davon die Treppen
hinunter, weinte zu Hause, kam nach ein paar Stunden wieder zurck und
fragte ngstlich die Haushlterin, ob der Herr schon besser wre. Und er
zog sie schon auf dem Korridor an den Hnden zu sich hinein, polterte mit
mrrischem Gesicht ber eine kindliche Neigung zu dramatischen Spannungen,
ber ihre unreale idealistische Auffassung des Menschen.

Nun sa sie auf seinen Visiten im Wagen neben ihm, in einem mchtigen
Florentinerhut mit breiter blutigroter Schleife, deren Enden sie nach vorn
um den Hals band. Wie seine Tochter sa sie auf dem Polster in feinem
weien Batistkleide neben dem hageren, glattrasierten Arzt, dessen hohe
schmale Stirn, gerade Nase, tiefe Mundlinien in Marmor gehauen waren. Sein
Schdel war kahl bis an den Wirbel; seine grauen durchdringenden Augen
sahen gradeaus.

Ihre Lippen waren fein und keusch. Das reizte ihn tief, und er legte ihr
die harte Hand auf den Mund in dem eiskalten Wunsch, mit einem schlanken
Messer ihre Lippen zu umschneiden, -- dann wre die ganze Keuschheit weg,
-- mit Porzellanglocken die demtige Sanftmut ihrer Augen zu verdecken;
ihre welligen Haarflechten zu fassen, mit einem Ruck, mit einem langen
skalpierenden Ruck vom Leibe abzuziehen, das weiche schmeichelnde Fell, die
weie glatte Haut ganz und gar, da sie dalge, Mery, vor ihm, zuckend rot,
mit spielenden, bloen Muskeln, ein Prparat, ein krampfendes schnappendes
Tier, Mery.

Er lie sie ganz in seine Wohnung ziehen. Trotzdem sie im Gedrnge der
Straen kaum einer beachtete, mute sie dichte weie Schleier tragen, und
die kleine bucklige Frau begleitete sie. Der hagere Mann ging indessen
heimlich des Nachts in die niedrigsten Quartiere der Vorstadt, lernte den
verlorenen Geschpfen ihre Obsznitten und Verderbtheiten ab. Das streng
bewachte, stille, blauverhngte Zimmer Merys zitterte unter den Rasereien
der beiden Menschen. Sie sa neben ihm, umschlang ihn, bedauerte ihn wegen
seiner Wildheit, aber er sann verzweifelt, wie er sie ganz verwsten
knnte, da nichts von ihr brig blieb, rang die Hnde, da sie noch immer
neben ihm sa, als wre nichts geschehen, mit treuen blauen Augen, mit den
schlicht gewundenen Flechten, mit der kindlichen Stimme -- wie er nur eine
Spur in ihr hinterlassen knne, eine einzige kleine Spur. Bis sie einmal
leise weinte an seiner Brust, und ihn fragte, ob er schlecht von ihr denke,
weil sie jetzt so bestialisch zueinander seien; da trstete er sie
ingrimmig, sie solle nicht so outriert fragen.

Er erklrte ihr am Tage darauf, da er sie zur Schauspielerin ausbilden
lassen wolle. Sie gehrte allen Menschen; jeder konnte sie nehmen, sollte
sie nehmen. Sie sei so schn; sie singe so rein; es sei eine Versumnis,
dies zwischen seinen vier Wnden verdorren zu lassen. Sie trat als Tnzerin
in einem Variet auf. Der Vorhang rauschte hoch, der hell beleuchtete
Schdel des Arztes senkte sich, -- nun war er glcklich. Nun lag die
Schnheit Merys auf allen Gesichtern im Saale; der breite Fleischermund
neben ihm sog lstern an ihrem sen Lcheln, in die braunen Kalbsaugen der
Dame neben ihm kam eine Starrheit, als die blonde Mery im Tanze die runden
Linien ihrer Schenkel bog und streckte; ein junger krftiger Fant in der
ersten Reihe bi sich mit dem Opernglas in ihre Brste ein. Nun fiel sie
wie ein Blumenregen ber den Raum. Er raste in seiner Equipage hochatmend
und lachend weg, lie sie allein den Zuschauern. Er versteckte sich in
seinem Zimmer, schlo die Tren hinter sich ab; seine Haushlterin bediente
ihn wie sonst in der guten Zeit allein, whrend die Sthle leer
herumstanden, kein Gedeck neben seinem lag, und er am Ende der Mahlzeit
Tisch und Sthle umwarf und seine Beine vergngt auf dem Sofa ausstreckte.

Kaum aber war nach der unruhigen Nacht der Morgen gekommen, so stand der
Herr vor dem Fenster seines Sprechzimmers, sah die leere Strae herunter
und streckte die Arme aus nach Mery, der Dirne, dem niedrigen seellosen
Geschpf, nach der Mrderin, dem Vampir. Keine Spinne konnte bser umgehen
mit einer Fliege, als dieses Wesen mit ihm. Alle Dinge hier im Zimmer
sprachen von der Pein, die sie ihm tausendmal bereitet hatte, -- von der
Mhe, die er mit ihr hatte, aber sie wlzte sich im warmen Dreck. Keine
Peitsche, sie zu schlagen! Wo steckte sie, wo steckte sie, sein Besitz!
Seine Hndin!

Gegen fnf Uhr nachmittags klingelte sie, lchelnd, freudig erregt, im
weien Mdchenkleid, unter einem mchtigen Florentinerhut, fiel ihm um den
Hals und plapperte, wie glcklich sie sei, wie gut sie gefallen habe, wie
sie sich freue auf heute Abend. Er fragte nicht, wo sie heute Nacht gewesen
sei. Er nahm sie wie eine Puppe in den Arm und fiel aufweinend ber sie auf
den Teppich nieder. Er kte sie auf den Mund und redete verwirrt. Er
bettelte mit heiserer Stimme, sie solle nicht mehr spielen, sie solle bei
ihm zuhause bleiben. Sie knne ja gehen, wann sie wolle, aber sie mchte
bei ihm bleiben. Das Mdchen brach in ein furchtbares Schluchzen aus,
fragte, was ihm geschehen sei. Sie zitterte, hob ihn auf, blickte den Mann
an mit dem glhenden Gesicht, den triefenden Augen, den bebenden Lippen.

Am nchsten Vormittag fuhr er mit ihr auf das Standesamt, nach ein paar
Tagen zum zweiten Male; da waren sie getraut.

Sie hatten wenige glckliche Wochen in einem Seebade verlebt. Da hrte sie
eines Morgens, als sie sich zum Tennisspiel ankleidete, einen furchtbaren
Schrei aus dem Nebenzimmer. Converdon stand in bloen Hemdsrmeln aufrecht
mitten im Zimmer, in der rechten Hand einen zerknitterten Brief. Er
streckte die Arme nach der Decke, schrie gell Merys Namen, strzte auf den
Teppich nieder. Sie hob seinen heien Kopf, er stammelte: Es ist aus mit
mir. Dann, als er sich beruhigt hatte, sagte er, sie mchte ihn allein
lassen, er htte einen Nervenanfall gehabt. In dem zerknitterten Brief
stand:

Sehr geehrter Herr Doktor, Ihre Frau ist sehr schn. Ich werde mich um sie
bemhen. Es ist Ihnen, sehr geehrter Herr Doktor, ebenso sicher wie mir
selbst, da ich Ihre Frau gewinnen werde. Es wird mir schwierig, ja
unmglich sein, meine Bemhungen um Ihre Frau durchzufhren, ohne da Sie
es merkten. Ich bitte Sie daher, erstens Kenntnis von meinem Plan zu
nehmen; zweitens, angesichts des zweifellosen Resultats, keine
Schwierigkeiten zu machen. Ihnen selbst, sehr geehrter Herr Doktor,
empfehle ich, gedrngt von einem groen Wohlwollen fr Sie, sich am
fnfundzwanzigsten dieses Monats im Charlespark mit genauer Angabe der
Motive umzubringen. P. S. Ich besitze ein Automobil und stelle Ihnen den
Wagen zur Benutzung bei der Regelung Ihrer Angelegenheiten zur Verfgung.

                         Paul Wheatstren,


                       Parterregymnastiker.


Dr. Converdon antwortete nach einer knappen Stunde Herrn Paul Wheatstren,
Parterregymnastiker. Er besttigte den Empfang des freundlichen Briefes vom
Heutigen, dankte fr die gtige Festsetzung des Todes, bat um umgehende
Zusendung des Automobils, das er sachgem instandhalten werde.

Die erste Fahrt, die Dr. Converdon mit dem Wagen machte, war hinaus auf die
Landvilla des Akrobaten, um mit ihm zu verabreden, da von den kommenden
Geschehnissen nichts zu Ohren Merys gelange. Wheatstren empfing ihn, ein
untersetzter, breitschultriger Mann mit viereckigem, gerteten Gesicht,
Ende dreiig, gewhnliche Zge, aber klare, ruhige Augen. Er schttelte dem
Doktor lachend die Hand, erklrte ihm, wie er sich freue, seine schne Frau
kennen gelernt zu haben und ihren ehrenwerten Gatten.

Er hoffe mit Frau Mery glckliche Stunden zu verleben. Sie setzten sich bei
einem Glas Wein hin. Wheatstren versumte nicht, nach dem ersten Glase
schonend zu bemerken, da an dem baldigen Ableben seines Gastes die Dame
nicht schuld sei, und er auch nicht; vielmehr ergbe sich das Ableben von
selbst bei der Sachlage, und so wre es auch vernnftig, den Selbstmord am
fnfundzwanzigsten in voller ffentlichkeit, wie jede andere schickliche
Handlung zu vollziehen. Dr. Converdon trat bei dem zweiten Glase mit
gezogenem Revolver auf seinen erstaunten Wirt zu und besprach mit ihm die
Mglichkeit, ihm selbst eine Kugel in das rechte Auge zu schieen und zwar
jetzt gleich; dies sei vorteilhaft darum, weil jener keine Waffe trge und
er auf seinen Browning gut eingeschossen sei. Der andere besttigte ohne
berlegung die Mglichkeit eines solchen Verlaufs, fgte aber mit
berlegenem Lcheln hinzu, ohne sich auf seinem Sessel zu rhren, da an
der Sachlage dadurch nichts gendert wrde. Es wrde dann im nchsten Monat
ein anderer Mann Frau Mery schn finden und Herrn Dr. Converdon davon
benachrichtigen. Mit einem vorwurfsvollen Blick ging Herr Wheatstren auf
den Arzt zu, der beschmt den Revolver sinken lie. Er htte Herrn
Converdon geschrieben, weil er ihn fr einen vernnftigen Mann hielte; es
sei doch wirklich nicht ihre Sache, den Eintritt notwendiger Ereignisse zu
verzgern. Er nahm gutmtig lachend dem Arzt den Revolver ab, klopfte ihm
auf die Schulter; sie tranken nachdenklich weiter.

Zu Hause warf sich Herr Dr. Converdon in Frack, setzte einen Zylinder auf
und fuhr in die Kirche. Er hrte aufmerksam die Predigten an, lie sich am
Schlu des Gottesdienstes beim Pfarrer anmelden. Diesem erklrte er den
Sachverhalt, indem er sich auf einen Stuhl an der Tre setzte, stellte ihm
die Frage: ob er als Seelenkenner glaube, da sich das Motiv des am
fnfundzwanzigsten stattzuhabenden Selbstmordes beheben lasse. Er sei
Frauenarzt und daher mit Psychologie nicht vertraut. Der Pfarrer, ein
junger, tiefernster Mann mit einem Jesuitengesicht, durchsprach mit ihm
aufmerksam die Angelegenheit. Er explizierte am Schlu: Es sei, wie man
wenigstens seitens der Psychologie sagen knne, ein gewisses Dunkel und
eine Borniertheit in dem Arzt vorhanden; diese, eine angeborene
Eigenschaft, durch Erziehung und Lebensweise gepflegt, sei kaum mehr zu
beheben. Die Situation sei erfreulich fr die Frau Mery; ihn knne man nur
trsten mit dem Hinweis auf die Belanglosigkeit seiner Existenz.

Damit war der beliebte Frauenarzt ganz ins Klare gekommen. Er hatte noch
zwei Wochen zu leben. In diesen folgenden Tagen kam nun, als er sich die
Situation klar berlegte, eine vllig unbekannte Ruhe ber ihn. Er ging mit
einem Gefhl der Freude einher, da jedem der Glanz seiner Augen auffiel.
Mit einer tiefen Dankbarkeit behandelte er insbesondere seine junge Frau,
fuhr in dem Automobil mit ihr spazieren ins Grne, war ihr wirklich innig
zugetan in dieser Zeit. Sie hatte ihm diese schnen hoffnungsvollen Tage
beschert; ber ein paar Tage war er wieder allein. Wie einfach sich alle
seelischen Lcherlichkeiten lsen lassen durch eine mechanische Bewegung,
gem dem guten Rat dieses Parterregymnastikers Paul Wheatstren. Tglich
besuchte er mit Frau Mery die Varietvorstellungen, in denen der treffliche
Mann auftrat, wurde nicht mde, seine Gelenkigkeit zu loben, kaufte sich
sein Bild und stellte es in seinem Schlafzimmer an sein Bett. Zwei Tage vor
seinem Ableben besuchte er noch alle Bekannten der nchsten Umgebung und
teilte ihnen seinen Plan mit, er ging in den Kaufmannsladen, in den
Gemsekeller, in die Budike. Er fgte hinzu, da er angesichts des
Vergngens, sie zu verlassen, ihnen Legate in Form von je tausend Dollars
aussetze; er werde ihnen auch eine Stunde vor seinem Verscheiden Telegramme
mit den herzlichsten Flchen schicken. Er beobachtete, da diese Erklrung
allseitig beiflliges Erstaunen hervorrief und da man ihm dankbar die
Hnde kte.

Am vierundzwanzigsten dekretierte er schriftlich, da man ihn sorgfltig
sezieren mchte. Am fnfundzwanzigsten morgens trennte er sich von seiner
schnen Frau in unbndiger Freude; der ernste kahlkpfige Arzt tanzte im
Frack um sie herum, kte sie und fand kein Ende mit ihr zu lachen. Gegen
zehn Uhr setzte er sich in das Automobil, gab die Telegramme auf, fuhr nach
dem Charlespark, lie den Wagen am Eingang des Parkes warten, nachdem er
einen Zettel hinterlassen hatte mit der Nachricht seines um halb elf
stattfindenden Todes. Mitten im Gebsch stehend, bemerkte er, da er in
seiner Freude den Revolver zuhause gelassen hatte und hngte sich daher
nicht ohne Schwierigkeit an seinem Schlips auf.

Die Autopsie des Verstorbenen war vllig ergebnislos.

Am Abend der am sechsundzwanzigsten vorgenommenen Leichenschau besuchte
Herr Wheatstren die Witwe, teilte ihr mit, da er, wie sie wisse, ein
Freund des Verblichenen sei. Er wolle keine groen Reden fhren, sondern
ihr nur mitteilen, da er einige glckliche Stunden mit ihr zu verleben
gedenke. Er bitte sie, das Gedchtnis des Verblichenen zu ehren, denn nur
in Rcksicht auf ihr gemeinsames Glck habe er sich am fnfundzwanzigsten
an seinem Schlips aufgehngt. Die gebrochene blonde Frau vergo reichlich
Trnen, sagte, sie erkenne Dr. Converdon daran; er sei immer so gtig gegen
sie gewesen. Es kme ihr zwar alles so rasch, aber das Leben sei wohl so.
Sie fuhr mit ihm in dem Automobil in seine Landvilla und verlebte
ihrerseits mit ihm glckliche Stunden. Er seinerseits fhlte sich bald
abgestoen durch die Routine der sanften blauugigen Dame in den
Vergngungen des Genusses; er hatte gehofft, ihr selbst diese beizubringen.
So bernahm er dann nach einer Woche die Verwaltung ihres Vermgens,
fluchte auf die Heimtcke des Dr. Converdon und fragte sie nach ihrer
Herkunft. Als der Parterregymnastiker erfuhr, da sie zuerst als Sekretrin
bei Dr. Converdon beschftigt war, bemerkte er, da er keine Sekretrin
brauche, er wisse als Akrobat wenigstens nicht, wozu. Er werde ihr Vermgen
weiter gewissenhaft verwalten, ihr einen ausreichenden Zinsgenu gewhren,
aber sie scheine ihrer ganzen Anlage nach nicht fr einen einzelnen Mann,
wie ihn, geschaffen, auch wiesen die bezeigten Talente darauf hin. Und so
empfahl er ihr dringend, ihre Begabung zu verwerten; auch das grte
Kapital wrde schlielich aufgezehrt. Sie verschlo sich seinen Darlegungen
nicht. Und Herr Wheatstren fhrte die junge blonde Dame, die er auch
heiratete, bald aus auf die Rennpltze, in die Theater; behandelte sie roh
und mit Berechnung. Sie aber pries ihn auf Schritt und Tritt, weil er ihr
das Hchste bot, was es auf Erden gbe, nmlich erhebliche Abwechslung.




Die Memoiren des Blasierten


Aufzeichnungen ber das eigene Leben zu machen, hielt ich nie fr ntig.
Zwar ist ein Ding ebenso unwichtig wie das andere, und es macht nicht viel
aus, ob man Lnder erobert oder betet oder Frauen umarmt oder Memoiren
schreibt. Zwar wute ich auch schon frh, da manche Dinge erst schmackhaft
werden, wenn man sich ihrer erinnert, und ich habe ja manches Trostlose und
Peinliche nur darum geduldig auf mich genommen. Aber doch wollte ich
Aufzeichnungen ber mich nie machen; ich wollte es nicht, und darber lt
sich nicht weiter reden.

Jetzt will ich aber etwas tun fr die Aufklrung der Menschen, die dies
lesen: auch eine Klagschrift will ich hiermit liefern.

Es mu geschehen, damit eine laute Stimme gegen den Feind ruft, der im
Dunkeln mordet, jahrhundertelang. Er wtet im Dunkeln und verstrickt uns.
Darum schreibe ich dies.

                                  *

Ich war noch ziemlich jung, als ich zuerst von der Liebe hrte. Ich las von
ihr in Romanen, Gedichten, spter bei manchen Philosophen. Die Quellen fr
meine Kenntnis der Liebe waren recht verschieden: teils belehrten mich die
genannten weitschweifigen oder gehobenen Betrachtungen, teils die
Zeitungen, die mit ihrer tglichen Selbstmordchronik mir manchen
wnschenswerten Wink gaben.

Aber was man da behauptete, schien mir so sonderbar, da ich es nicht
glaubte. Ich las von der Liebe wie von einer Nordpolexpedition oder dem
berfall eines Eisenbahnzuges durch Indianer. Man sagte mir, da ich auch
einmal lieben wrde; aber bei dem Gedanken erfllte mich Furcht und
Betrbnis wie vor einer Krankheit. Und ich konnte mich lange nicht bewegen,
mich ernsthaft mit der Liebe zu beschftigen. Und so blieb ich frhlich und
ruhigen Herzens.

                                  *

Ein lebhafter Drang in mir ist der Bildungstrieb. Ihm danke ich viel Gutes
und Bses. Es schien mir nach einiger Zeit meinem Alter unangemessen, keine
Kenntnis von einer so weitverbreiteten menschlichen Ttigkeit wie der Liebe
zu besitzen und hinter meinen Altersgenossen zurckzustehen. So machte ich
mich auf die Suche nach der Liebe. Bei den Mnnern, an die ich mich wandte,
-- anerkannt vernnftigen Mnnern in leitenden Stellungen, zum Teil in
Ministerien, zum Teil in Fabriken und Banken, -- erregte ich ein Lcheln,
wenn ich sie nach der Liebe fragte. Einige sagten mir geradezu, es sei nur
eine mige Rederei darum. Andere hielten die Liebe fr eine Sache von
Leuten, die nichts zu tun haben, und berlieen sie ihren halberwachsenen
Tchtern, die sich damit zu beschftigen hatten, -- mit den Klassikern, dem
Klavierspielen und der Liebe.

Dies war, was ich von den Weltkundigen erfuhr. Als mir von ihnen nichts
weiter zuteil wurde, ging ich, niedergeschlagen ber die widerspruchsvollen
Berichte, mit mir zu Rate und machte mich selber auf den Weg. Und dieser
Entschlu blieb von hchster Bedeutung fr mein ganzes folgendes Leben. Ich
versetzte mich nach und nach auf die Liebe, ich wollte mich ein fr allemal
mit ihr abfinden: es war mir ernst darum.

Es wurde mir gesagt, es handle sich bei der Liebe nicht um die eingeborene
Not des Mannes zum Weib, die mir nicht unbekannt war, sondern um viel
Hheres, Zartes, Feines, von dem man in den Worten der Prosa nicht sprechen
kann. Dieses schwer Beschreibbare zu finden machte ich mich auf den Weg.

Auf meinen Spaziergngen durch die Straen, in verschiedenen Stdten und
Lndern, betrachtete ich mit Flei die Menschen, die jungen und alten
Menschen, kleine Mdchen, Soldaten, Offiziere, Kommis.

Systematisch und mit groer Umsicht ging ich vor, um zu einem Verstndnis
des fraglichen feinen Vorgangs zu gelangen. Ich suchte die Stdte auf, in
denen die Liebe besonders hausen sollte, und lie meinen Blick nicht von
den Menschen. Die Liebe mute doch in irgend etwas Besonderem zum Ausdruck
kommen; und ich bemhte mich vergebens, dies aus der Menge herauszufinden.
Die Kleidung der Vorbergehenden, die Farbe ihrer Rcke, Blusen, Jacken,
habe ich im Besonderen durchmustert; aber ich fand nichts Aufflliges, und
mir wurde auch nicht klar, worin dies Besondere bestehen knnte, ob in
einer eigentmlichen Stiefelform oder einer spitzen Nase oder einer
Krawatte. Meine Freunde, denen ich meine Beobachtungen mitteilte, lachten
wie verrckt ber mich, warfen stolz dunkle Bemerkungen hin wie seelische
Sache, die man nicht sehen kann; fhlen, fhlen, dreimal fhlen. Aber sie
waren oberflchlich, begngten sich an diesen Worten und wuten nicht, da
hier gerade mein Problem lag. Sollten sie mir ihre Gefhle bezeichnen, so
umschrieben sie immer teils ihre sehr einfache Not zum Weibe, teils
gebrauchten sie jene berzarten poetischen Wendungen, ber die ich den Kopf
schttelte.

Erfolglos war meine Suche gewesen und unbeirrt war ich meines Weges
gegangen. Aber durch die ewigen Anspannungen war ich aufgeregt geworden.
Ich fhlte mich unsicher und gengstigt. Schwchlich, wie ich war, fhlte
ich mich zurckgesetzt, -- so tricht war mein Herz, -- wie ein Krppel
schlich ich herum und sah auf der Strae den Leuten bettelnd ins Gesicht.
Und so gro war das Unglck in mir, da auch meiner Schwester, bei der ich
wohnte, meine schlaffe Haltung auffiel. brigens a und trank ich, wie
sonst. Wie mich berhaupt alle Schwermut nicht um meinen Appetit brachte,
und ich immer meine Pflicht tat.

                                  *

Ich habe eine natrliche Neigung zu den Frauen, zu allen Frauen, noch mehr
zu allem, was Frau ist. Es fiel mir schon ganz frh auf, da ich einen
hflichen, ehrerbietigen Ton anzuschlagen pflegte, wenn ich zu kleinen
Mdchen, zu ganz kleinen Babys im Steckkissen sprach. Oft erregte ich bei
den Kindermdchen und den Ammen ein Gelchter, wenn ich mit meiner groen,
breiten Figur, elefantenhaft wie ich bin, an die Kinder herantrat, den
Zylinder vor den spielenden Mdchen abzog und so pappelnde Geschpfe mit
Sie anredete. Wenn ich mich ber sie bckte, berkam mich etwas wie
Scheu, Herzklopfen, und das Wasser lief mir im Munde zusammen, stromweis,
wie immer, wenn ich erregt bin. Ich bemhte mich, in vorteilhaftem Lichte
bei ihnen zu erscheinen; und um dies zu knnen, beschftigte ich mich auch
viel mit Kinderpsychologie. Manchmal, wenn ich solchem sugenden Wurm in
die unbeweglichen blinden Kinderaugen sah, stieg ein dunkles Grauen in mir
auf, welche Gewalt hier schlummerte; und in meinen Fingern zuckte es, eine
entsetzensschwangere Zukunft im Keime zu ersticken.

Des Lachens ber mich wird aber kein Ende sein, wenn ich gestehe, da ich
auch den toten Dingen, welche die Sprache weiblich nennt, die Verehrung
entgegenbrachte. Allerdings nur in manchen Augenblicken. Ich betrachtete
oftmals in meinem Zimmer meine grne Tischlampe mit Respekt, zog mich vor
ihr zurck, htete mich, sie zu berhren; und abends legte ich gar ein
weies Linnentuch ber sie, weil ich mich beim Ausziehen vor ihr schmte.
Und so schlich ich auch manchmal unsicher um mein Spind herum und ehrte es
nach langem Zgern durch eine tiefe Verbeugung und mit verbindlichem
Lcheln; es hie besser, so entschied ich mich: die Spind. Fr mich hie es
so.

Dunkler frbte sich spter meine Neigung zu den Frauen. Es gibt nichts, das
so bemitleidenswert wre, als eine Frau. Einmal sah ich, wie eine Hndin,
die langsam vor mir herlief, ihr Blut verlor, das bald tropfenweise, bald
dickflieend auf dem Straenpflaster liegen blieb, wo die Hndin gelaufen
war. Die lange, unabsehbare Blutspur rhrte, erschtterte mein Herz. Mir
traten die Trnen in die Augen, wenn ich Frauen ins Gesicht sah. Kaum da
die jungen unbewuten Geschpfe anfangen zu erstarken, berfllt sie ihr
Ungemach, unablssig wiederholt, und sie triefen vor Blut. Und ihr Blut
strmt, bis sie verwelken. Die Kindsnte treten an sie heran, zerbrechen
ihren Leib und machen sie lahm vor der Zeit.

Gibt es nun ein Geschpf, das elender wre als eine Mutter? Ich kann mir
keinen Menschen denken, der so tief verwundbar wre, wie eine Mutter in
ihrem Kinde. So preisgegeben und arm ist kein Wesen als eine Mutter.

Sollen nicht meine Worte weich im Munde werden, wenn ich zu Frauen spreche?
Aber ich hab solche Worte nie gesprochen; ein Dichter und Menschenkenner
wrde vielleicht fragen warum. Vielleicht bin ich zu trge von Natur.

Oft begegneten mir doch Frauen, die mir auffielen, als ich auf der Suche
nach der Liebe war, denen ich glaubte, etwas sagen zu mssen; aber ich
rhrte keinen Finger um sie. Ich sah ihnen verstohlen zu, beobachtete ihre
Bewegungen, ihre Art zu sprechen, zu lachen und zu blicken, und etwas wie
Bngnis drckte mir die Brust zusammen, drehte meine Augen von ihnen ab zur
Seite. Mit keinem Laut verriet ich mich ihnen, ja den leisen vertrumten
Gedanken an sie verbot ich mir. Mir mssen, glaub ich, die Dinge zufallen,
die ich begehre, und auch dann wrde ich mich scheuen sie aufzuheben.
Schamlos ist nicht nur das Entblen des Leibes; jedes Wort, jede Bewegung
verrt uns. Und so drckt uns die Scham in den Erdboden hinein; keine
Rettung gibt es vor der Scham als den Tod. Und dennoch entbldete sich
meine Trgheit nicht, zu leben und weiterzuatmen wie ein Tier.

Oft lief ich unruhig vor jenen Frauen fort, weit in das Gebirge hinauf. Da
war Nebel, der mich auf Schritt und Tritt wie eine Kammer einschlo. Bei
jedem Windsto sprang die Tr auf, und ich erquickte mich an den
Schluchten, dem Steigen und Fallen der weien Luft. Oft schritt eine
geballte Sule aufrecht mitten durch das Tal und legte sich dann am Abhang
hin wie ein langhaariger Windhund mir zu Fen.

Ich weinte auf meine Weise, ohne Trnen, darber, da ich die Liebe nicht
finden konnte.

                                  *

Nachdem ich also mit leeren Hnden von meinen Wegen zurckgekehrt war,
packte mich der berdru wilder, und ich zog auf die Frauen los,
entschlossen zu lieben.

Ich war umsonst die Menschen um Rat angegangen, hatte vergeblich nach den
Merkmalen der Liebe geforscht und mir die Augen krank gesehen; ich drang
jetzt zu den Quellen vor; ich bot mich selbst zum Versuch an.

An welches Mdchen ich mich aber wenden sollte, wute ich zuerst nicht und
fragte meine Freunde. Sie sagten, da dies nach alter Erfahrung im Grunde
gleichgltig sei und erzhlten mir von einem Mdchen, das viel liebte, viel
geliebt wurde und sehr heroisch sein sollte.

Ich machte mich auf den Weg zu ihr; gewann Zutritt zu ihrer Wohnung, und
fragte sie zunchst entschieden, im Verfolg meiner frheren Untersuchungen,
nach dem objektiven Tatbestand der Liebe, mit dem Ernst, der sich fr einen
Mann ziemt, woran die andern erkannten, da sie viel liebte. Sie lchelte
heroisch.

Aber auf den Rat meiner Freunde sagte und tat ich an ihr einiges, was ich
oft zu beobachten Gelegenheit hatte; es gelang mir auch bald, in ihr
dadurch den Eindruck hervorzurufen, als ob ich sie liebe. Sie machte von
nun an in meiner Gegenwart die eigentmlichen Krperbewegungen, Gebrden
und Grimassen, die mit Liebe identisch sein mssen; respektive offenbar
deren Eigentmliches ausmachen. Leichtes Gleiten der Handflchen ber meine
Wangen, oft wiederholt, nach Art des Staubwischens, Saugbewegung der Lippen
mit Speichelbenetzung meines Mundes, Knurren und Winseln der Stimme, enges
Pressen der eigenen Glieder im allgemeinen an die des Gegners. Dazu
stereotypes Wiederholen einiger gedankenloser Redensarten, spter
Unsauberkeit und Sichgehenlassen, was ein hoher Beweis der Liebe sein soll.
Ich beobachtete diesen Zustand mit groem Interesse einige Zeitlang. Als
mich aber das Mdchen einmal, whrend sie sich in hnlichen Bewegungen
erging, versicherte, da ich sie liebe, -- wovon sie doch gar nichts wissen
konnte, -- fragte ich sie bestrzt, wie sie darauf kme und worauf sich
diese Behauptung sttzte. Denn ich hatte nur den selbstverstndlichen
Naturtrieb zu ihr bisweilen versprt, auch fter Erstaunen, Abneigung und
freundliche berlegenheit. Schlielich bestritt ich es energisch. Worauf
denn andererseits die charakteristischen Bewegungen in meiner Gegenwart
aufhrten. Ich selbst habe diese Bewegungen nie unwillkrlich gebt,
sondern stets mit Absicht und Plan; das Mdchen aber nicht so. Bei anderen
Frauen, denen ich gegenberstand, bemerkte ich den Liebesvorgang ganz
hnlich. Mir war es widrig, mit diesem Weibsvolk umzugehen, aber das
Pflichtgefhl trieb mich. Der Vervollkommnungsdrang ist gro in mir. Immer
tat ich in der folgenden Zeit zu den Frauen alles, was ich je gelesen und
gehrt hatte; sehr freundlich war ich zu ihnen. Ich kte ihnen Mund und
Brste und wartete mit viel Geduld, ob bei mir die Liebe kommen wrde; ich
lie auch einige unsittliche Redensarten fallen, wie es sich im Gesprch
mit jungen Damen ziemt. Aber trotzdem ich mich bei dieser Ttigkeit sehr
anstrengte, wartete ich vergeblich auf das einzigartige viel gerhmte
Empfinden. Unsglich rieb ich mich auf. -- Ich berichte dies alles nur,
damit man sieht, da ich ein Recht habe, hier diese Klagschrift zu
verfassen. Nichts habe ich unterlassen; so viele Wege bin ich gegangen; was
ich suchte, htte mir begegnen mssen.

An jenen Frauen, die mich mit Bngnis erfllten, ging ich auch in diesen
Tagen oft vorber; und eine bemhte sich damals um mich und schickte mir
einen freundlichen Brief wegen meiner groen Traurigkeit. Ich wollte mich
ihr erst offenbaren und ihr schreiben, da ich traurig sei, weil ich die
Liebe nicht finden kann. Dann dachte ich in meinem Arbeitseifer sogar, mit
ihr die Versuche anzustellen, aber mir schlug bei dem Gedanken das Herz bis
in die Kehle hinauf, die Brust war mir zusammengeschnrt, und ich hielt den
Atem an.

Es war doch aussichtlos. Ich hatte mich so lange vergebens bemht.

                                  *

Es wurde mir klar, da die Frauen mir die Zeit stahlen. Jene anfngliche
Auskunft, da die Liebe eine mige Rederei sei, hatte mich nicht betrogen.
Ich schreibe eine Klag- und Warnschrift. Kann einer aufstehen und mir das
Recht dazu absprechen? Ich bin gesund und habe keinen Grund anzunehmen, da
mir etwas versagt sein knnte. Ich war immer ein geschickter Mensch, der
sich wohl anstellte, selten etwas vergriff und berall eine flinke Hand
zeigte.

Und ich verstehe jetzt auch das Spiel der Frauen. Die Mnner sind strker
als die Frauen: sie knnten sie totschlagen und lassen sich von ihnen elend
machen. Durch die perfide Einrichtung der Liebe geschieht das. Die schtzt
die Frauen. Dieses Lgenwort ist gewaltiger als eiserne Muskeln. Ich bin zu
vernnftig, um mich fangen zu lassen. Diese auerordentlich verderblichen
und hassenswerten Wesen machen die Mnner zu Narren und zu Schauspielern.
Denn auch von den Mnnern, -- dies sag ich hell heraus, -- wei niemand,
was die Liebe ist, von der ihr betrogener Geist redet. Keiner kennt die
Liebe, aber jeder spielt sie, aus Angst vor den Frauen. So mutlos hat die
berlieferung die Mnner gemacht, so gewaltig ist die Kraft des Betruges.

Es mte von Staatswegen gegen die Liebe eingeschritten werden, wie gegen
den Alkohol und die Tuberkulose. Es mte das natrliche Verhltnis
zwischen den Gegnern wieder hergestellt werden. Man bringe die Frauen zum
Schweigen. Ich bin fr einen gutgeschulten Stamm von Dirnen; es ist fr den
Augenblick ebenso ntig, Dirnenakademien zu errichten wie neue
Eisenbahnlinien anzulegen. Schweigen und Delikatesse sollte in den
Akademien gelehrt werden, dazu rasches Verstndnis fr einige Dinge,
lieblicher Gang, Stimmmodulation, Singen, aber auch Sthnen und Lispeln.
Was jetzt einzelnen isoliert gehrt von den Knsten des Leibes, knnten
viele lernen. Unendliche Massen von Energie bei den Mnnern wrden damit
frei fr andere, kulturfrdernde Ttigkeit; die Kunst der Gensse, von
einer Gemeinschaft und auserlesenen mit Sorgfalt gepflegt, wrde in kurzer
Zeit eine unerhrte Blte zeigen. Allmhlich mte die Liebe aus der Welt
gedrngt werden. Es ist wichtiger als die Bewegung der Frauen um das Brot
-- die Bewegung der Mnner gegen die Liebe, gegen dieses schwere unwrdige
Joch. Das natrliche Verhltnis, wie ich mich oben ausdrckte, zwischen
Mann und Weib, mu wiederhergestellt werden.

Mit lauter Stimme rufe ich gegen den Feind, der im Dunkeln mordet. Schon
Jahrhundertelang.

                                  *

Ich habe auf meiner Suche etwas gefunden: Das Aufwaschmdchen in dem Hotel,
wo ich wohne. Sie ist bucklig, ein dickes quadratisches Gesicht mit
hndischen Augen und aufgeworfenen Lippen. Ich habe etwas hnliches von
liederlichem Gang und verwahrloster Kleidung nie gesehen.

Wenn sie mich auf dem Korridor sieht, whrend sie in der Kche mit hoch
aufgekrmpelten rmeln vor der Wanne steht, wulsten sich ihre Lippen, sie
reibt sich mit dem linken Handrcken die aufgestellte Nase und grinst.

Die Frauen sind alle gleich.

Es setzte mich erst in Erstaunen, dieses Grinsen, da mich etwas wie
Bitterkeit berkam, Bitterkeit, -- nein, es ist nicht das rechte Wort: Wut
und Schmerz. Ich drohte ihr mit den Fusten, als sie lachte, und strzte
auf sie zu. Was dachte sie von mir? Ich bin ein freier Mann. Die Frauen
sind alle gleich. Entweder sie lcheln mich an, so da ich Lust habe, ihnen
ins Gesicht zu schlagen, oder sie werfen um sich jenes zeitraubende,
wortreiche Wesen, als ob es sich um die Erteilung des heiligen Sakramentes
handle: sie spielen die Liebe, die schlauen Sklavinnen, die verlogenen
Herrinnen durchschaue ich. Ich durchrieche sie, durch alle Parfms
durchrieche ich sie. Jeder, der eine Nacht bei einem Frauenzimmer
zugebracht hat, -- ich will ganz deutlich sprechen, -- wei, was ich meine;
er kennt den eigentmlich scharfen abscheulichen Geruch, der um ein Weib
liegt; die Sklavinnen sind gebrandmarkt von Natur. Diesen Dunst nun roch
ich gleich, als ich neben ihr stand, neben dem Waschmdchen. Sie war echt.
Mir flo das Wasser im Munde zusammen: die Frauen bereiten mir belkeiten.
Ich habe sie in der Kche hinter mir her auf mein Zimmer gezogen, weil ich
nicht wute, was anderes nach diesem Lcheln mit ihr geschehen sollte. In
meinem Zimmer aber warf ich sie hin. Sie wand sich: sie verriet das Weib an
mich. An der Quintessenz der Frau, an dem niedrigsten Weibe schmauste ich
mit hhnenden Worten, und schndete sie. Wie lache ich ber die Liebe! Die
Frauen zogen in meinen Gedanken an mir vorber, die ich kannte, die ich
verehrt wute, auch die mich in Bngnis versetzten: -- die schlanke, mit
dem blonden hochgekmmten Haar, -- die zarte, leicht schwindschtige, oh
sie trug eine schwarze niedrige Pelzmtze, -- die stolzen Tiere zogen an
mir vorber. Ich sa in meinem Winkel mit dem Waschmdchen und schndete
all die schlafenden. Sie konnten mich nicht sehen, konnten mir das stumpfe,
ahnungslose Geschpf nicht entreien und sich vor der Schande retten.

Oh wie bin ich fromm; ich bin sehr fromm.

Als das Mdchen zu mir zutraulich wurde, geriet ich in eine malose, ganz
furchtbare Wut, warf sie zur Tr hinaus und stie mit der Hacke in ihr
breites Ges. So wtend war ich. Ich habe sie auch spter angeschrien, ihr
gedroht, sie verzweifelt geohrfeigt und an ihren Haaren gerissen, ohne eine
Freude und Erleichterung dabei zu fhlen. Aber meist weinte ich nachts
stundenlang in meiner Weise, ohne Trnen, an ihrer Brust.

                                  *

Die Bilder an der Wand. Ich gehe khl an ihnen vorber. In welchen Krmpfen
hat sich dieser Mann gewlzt, als er das Bild malte. Und die Musik. Ich
halte mir die Ohren zu. Wie teilnahmslos ich geworden bin; wie tief sich,
was ich gelernt habe, in meine Brust eingegraben hat. Ich schme mich fr
diese Mnner. Sind alle besiegt; sind betrogen, und aus ihrer Tugend haben
sie eine Not gemacht, die Not zum Weibe. Sollten die Weiber im Kampfe
hinschmettern und tnzeln zahm. Vergiftetes Blut fliet in ihren Adern.

Mein Blut ist rein, ist rein.

                                  *

Ich laufe ber die Berge.

Sie stehen glnzend da im Morgenlichte.

Der Schnee berbrdet sie. Der Schneeberg steht da wie eine Braut, will
gelobt sein.

Ich laufe ber ihn hin. Von allen Seiten, von allen sten brechen die
glitzernden Zapfen auf mich herunter, reien mir den Hut vom Kopf, fahren
mir in den Nacken. Der Schnee liegt hoch; ich sinke schon bis zu den Knieen
ein.

Wie's mich freut, da alle Reichtmer und Schnheiten vor mir ausgebreitet
liegen, und ich mit meinen blinden Hacken kann auf sie trampeln.

Ich habe mich sonderbar verndert, seitdem ich auf die Menschen ausgezogen
bin. Ich hab mich wohl verrannt darin.

Oh mich ekelt's vor den Menschen.

Ich hasse die Weiber; ich hasse, hasse, hasse sie, da ich weinen knnte,
vor Wut ber sie, ber die Hndinnen, die verfluchten. Die Irren beneide
ich; sie glauben doch noch an ihre Halluzinationen. Mich treibt nichts mehr
zu arbeiten, nichts mehr zu lachen, nichts mehr zu atmen.

Mich deucht, als htten sie mich verdorben. So haben sie mich doch noch
vergiftet.

Mir ist so angst. Ich mag nur laufen. Mein Gott, so hilf mir.

Ich laufe durch den Schnee.

Nun wei ich, da ich mich verlaufen habe.

Gelt, ich setz mich in den weichen Schnee. Komm ich herunter, komm ich
nicht herunter? Ich will's an meinen Knpfen abzhlen. Der se Schnee.

Mein Gott, hilf meiner kranken Seele bald.




Das Stiftsfrulein und der Tod


Das magere grauhaarige Frulein hatte die Hyazinthenglser beiseite
geschoben, den linken Ellenbogen auf das Fensterbrett gesttzt und sa
gebckt in dem Schneelicht da. Drauen schmolz in dem Vorgarten ein grelles
Wei, von Fuspuren durchbrochen, langsam ab unter der Mittagssonne; dnne
schwrzliche Wasser rieselten um die Bume. Und wie das gebckte Frulein
die schwrzlichen Wasser verfolgte, da wute sie auf einmal, da sie bald
sterben werde.

Sie nahm den linken Ellenbogen vom Fensterbrett, legte die feinen Hndchen
zusammen, prete den Rcken an die Stuhllehne. Steif sa das Frulein
hinter den Hyazinthenglsern. Als die Glocke anschlug, ging sie zu Tische,
nahm einen Bissen und legte die Gabel hin. Sie ging aus dem Speisesaal
hinaus. Sie sa auf ihrem Zimmer. Den Tag ber sa sie auf ihrem Zimmer, in
einer Ecke, das verfallene Gesicht nach der Wand zu. Das Schneelicht, das
ins Zimmer fiel, wurde matt; auf der Tapete verrauchten die Farben. Zwei
zuckende Hnde hoben im Dunkeln den Zylinder von der Lampe; die Lampe wurde
heftig wieder gelscht. Kleider fielen auf den Boden. Sie atmete im Bett,
stockend, jetzt schnell, jetzt tief. Sie lag die Nacht ber mit offenen
Augen da. Ihr Gesicht bewegte sich nicht im Dunkeln. Der Mond trat gegen
Mitternacht vor ihr kleines Fenster. Wei blieb er die halbe Nacht da
stehen, und erst, als es halb vier schlug, wandte er sich ab.

Am Vormittag ging sie gebckt, in ihrem schwarzen Kleide mit den engen
rmeln, gleichmigen Schrittes durch den Park hinter dem Stift. Unter
kahlen Bumen ging das Frulein neben ihrer aufgeschossenen Freundin. Ab
und zu sprach sie, hob die faltigen Lider von den Augen, die schon mit
einem Hauch beschlagen waren. Gleichgltige Stze wiederholten sich.

Als der Mond in der Nacht vor ihr verhngtes Fenster trat, schwankte das
Bett des Stiftsfruleins. Ihre Finger ballten sich an beiden Kanten fest;
sie zitterte, drckte sich an das Lager an, gegen Morgen sthnte sie oft.
Oh, der Klumpen wimmerte, unter die Decke verkrochen, und schlief erst, als
es schon hell war.

Eine Unrast lag tags darauf in ihrem Tun. Sie schlang die Mahlzeit
herunter, sprang oft auf, schwatzte, wie sie es nie getan, brach in ihren
Reden ab und nestelte an sich herum. Lange blieb sie im Speisesaal sitzen,
mit schlaffen Schultern, ber sich gebckt. Sie ging an dem Tage nicht auf
ihr Zimmer. Abends bat sie vergebens ihre Freundin, bei ihr zu schlafen. Es
war darauf, als ob einer das Stiftsfrulein ber die Schwelle schbe. Sie
riegelte rasch hinter sich ab, schlo das Fenster, besprengte die Wnde mit
Klnischem Wasser, stellte auf Tisch und Ofen, zu Fen des kleinen
Muttergottesbildes in der Ecke, Blumen, blhende Blumen, soviel sie finden
konnte; auch weie und blaue Decken, die sie in ihrem Schrank hatte, und
legte sie ber ihre Sthle. Dann sa sie pltzlich zu langem, blden
strrischen Weinen nieder.

In der Nacht tickten die Uhren im Zimmer. Zwei hingen da; die eine
schluckte behbig die Zeit und blkte halbstndlich, dann war sie satt,
aber kaute weiter; daneben gluckste die Schwarzwlderuhr, sie schlackerte,
keinen Atem lie sie sich und berschlug sich fast, wenn sie ihr armseliges
Geschrei ausstie. Das Frulein sprang aus dem Bett und hielt die Pendel
fest. Whrend sie wieder unbewegt lag, zuckte es in der kleinen Uhr, verzog
sich das Gesicht der groen zu einem Grinsen. Da warf sie die Kleider um,
lief aus der Tr hinaus, in den Park. Ihre Augen hingen an den schwarzen,
wirren Struchern: Ich mu sterben, ich mu sterben. Stehend am Wasser,
das im Morgendmmer dampfte, sah sie stier mit flimmernden Blicken vor
sich. Sie watete mit lautem Keuchen und Schreien, mit krampfhaft
geschlossenen Augen hinein, patschte mit den Hndchen, den drren, auf das
Wasser, drehte sich pltzlich um, floh zwischen den schwarzen Bumen in das
Haus zurck. Das alte Frulein blieb vor ihrem Fenster stehen. Als es
heller wurde, zuckte es noch einmal fter um ihren Mund, zitterte sie
wieder an allen Gliedern, schlossen sich die Lippen aufeinander, fiel sie
auf das Bett hinter sich. Aber wie ein Klotz drngte sie sich in der Mitte
des Bettes zusammen. Ihre Kiefer waren zusammengebissen. Sie sthnte. Die
Augen blitzten bald gegen das Fenster, bald gegen die Tre. Stumm zog sie
die Decke ber sich.

In den nchsten Tagen ging sie still einher, besprengte noch abends ihr
Zimmerchen mit wohlriechenden Gewssern, nahm aber allmhlich ihr altes Tun
wieder auf. Beten, Sticken, Kartenspielen. Auch sa sie wieder lange allein
hinter ihren Hyazinthenglsern. Dort lchelte sie jetzt auch ab und zu
schauernd in sich hinein. Sie sprach noch weniger, als sie sonst getan, mit
den anderen Damen, so da unter denen ein Gerede ber ihr hochmtiges Wesen
entstand. Der Blick, mit dem sie bei Tisch die Damen streifte, hatte in der
Tat bald etwas Verwundertes, bald etwas stechend berlegenes.

Nun wurden die Tage wrmer. Jetzt spazierte sie stundenlang
dichtverwachsene Parkwege; wo sie ging und stand, ging ein Trumen herum.
Weinte hin und wieder, in einer weichen, strmenden Weise, die wie ein
junges Lied klang. Dann betrachtete das alte Mdchen die Runzeln ihrer
Hnde, wischte vor dem Spiegel an der trockenen schlaffen Gesichtshaut,
betastete die mageren Brste und whlte an ihnen herum. Regungslos stand
sie beim Ausziehen fast eine halbe Stunde so da. Lag sie dann, so frstelte
sie wohl wie frher, wollten sich ihre Finger an den Bettkanten
festkrampfen, bald aber rckte sie jetzt an die Wand, lie einen kleinen
Platz neben sich, den sie zgernd mit dem Arm bedeckte, dann nahm sie ihn
wieder weg, legte ihn wieder herber, es war ein Spiel. Die Arme gegen die
Brust gepret, das heie magere Gesicht nach der leeren Stelle des Kissens
gewandt, den Hals vorgestreckt. Wie in den ersten Nchten schttelte sich
ihr drrer Leib, bald tasteten ihre Finger ber das Kissen, spitzten sich
ihre Lippen.

Als nun die grnen Blttchen auf allen Wegen lagen, putzte sie sich fr
ihre Spaziergnge, legte eine hellblaue Bluse an; in den Hnden mit weien
Handschuhen Blumen, Reseden, die sie sich abschnitt, langstielige Rosen.
Sie ging elastischer und gerader im Grn. War sie im dichten Gebsch
unbelauscht, so knixte sie artig, kicherte in ihre Blumen hinein, tnzelte
mit sem Mndchen. Ja, leichte Briefe schrieb sie auf Rosepapier, die
fingen an: an meinen lieben strengen Herrn, den Tod, Briefe voll
verschmter Anspielungen, kokett und scherzhaft; sie zeigte sie gegen ihr
offenes Fenster, legte sie nachts unter ihre Schwelle, vergrub sie im
Gebsch. Die Stiftsdamen sahen ihr oft vom Hause aus nach; den Menschen,
fr den sich das grauhaarige Frulein putzte, fand keine. Allein sah man
sie immer irgendwo schlendern und stehen; mit einer protzenhaften Miene
ging sie an den neugierig schielenden Damen vorber; die Damen sagten von
Tag zu Tag berzeugter zueinander, da das Frulein sndige Gelste trage,
berieten hin und wieder, sie aus ihrer Gesellschaft auszuschlieen.

Indessen rckte das Frhjahr vor, wrmer und wrmer wurde es. Und eines
Abends kam das alte Stiftsfrulein von ihrem Spaziergange auf ihr Zimmer,
mit rotem Klee, den sie sich gepflckt, vielen Weidenruten und Maiktzchen.
Ihr Gesicht strahlte. Sie sang mit leiser Stimme vor sich hin; Tre und
Fenster lie sie auf. Die Blumen legte sie unter das Bild der Jungfrau
Maria. Als sie die Blumen aufgebaut hatte, erschrak sie vor dem Bilde der
Gebenedeiten, fiel nieder und betete. Mit einem schalkhaften Lcheln aber
hing sie die Zweige und das Grn zu Hupten des Bildes auf, so da das
Gesicht der Himmelsknigin ganz versteckt war.

Sie trllerte noch mit blhendem Gesicht in die warme Frhlingsnacht
hinaus, legte sich hin.

Sie schlief ein. Wachte im Finstern auf. Wuchtige Schritte im Zimmer. Das
Bett krachte. Mit einem Satz schwang sich der Tod neben sie ins Bett. Da
war ein Platz frei. Er griff nach ihren Knieen. Sie stie um sich. Wie ein
Bauernlmmel schlug er mit flacher Hand auf ihre Schultern. Da fiel die
geballte Faust auf ihre Brust, den Leib, den Leib, und wieder auf den Leib.
Ihre Lippen flehten. Ein Wrgen kam. Die Zunge fiel in den Rachen zurck.
Sie streckte sich.

Da stand der Tod auf und zog das Stiftsfrulein an ihren kalten Hndchen
hinter sich her zum Fenster hinaus.







End of the Project Gutenberg EBook of Die Ermordung einer Butterblume und
andere Erzhlungen, by Alfred Dblin

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ERMORDUNG EINTER BUTTERBLUME ***

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     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
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     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

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your written explanation.  The person or entity that provided you with
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providing it to you may choose to give you a second opportunity to
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is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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