The Project Gutenberg EBook of Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, by 
Rosa Luxemburg

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Title: Massenstreik, Partei und Gewerkschaften

Author: Rosa Luxemburg

Release Date: March 12, 2010 [EBook #31614]

Language: German

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  Massenstreik, Partei
  und Gewerkschaften

  Von

  Rosa Luxemburg

  Im Auftrage des Vorstandes der sozialdemokratischen
  Landesorganisation Hamburgs und
  der Vorstnde der sozialdemokratischen Vereine
  von Altona, Ottensen und Wandsbek

  Verlag von Erdmann Dubber in Hamburg
  1906




I.


Fast alle bisherigen Schriften und uerungen des internationalen
Sozialismus ber die Frage des Massenstreiks datieren aus der Zeit _vor_
der russischen Revolution, dem ersten geschichtlichen Experiment mit
diesem Kampfmittel auf grter Skala. Daher erklrt sich auch, da sie
meistenteils antiquiert sind. In ihrer Auffassung stehen sie wesentlich
auf demselben Standpunkt wie Friedrich Engels, der 1873 in seiner Kritik
der Bakunistischen Revolutionsmacherei in Spanien schrieb:

Der allgemeine Streik ist im Bakunistischen Programm der Hebel, der zur
Einleitung der sozialen Revolution angesetzt wird. Eines schnen Morgens
legen alle Arbeiter aller Gewerke eines Landes oder gar der ganzen Welt
die Arbeit nieder und zwingen dadurch in lngstens vier Wochen die
besitzenden Klassen, entweder zu Kreuze zu kriechen oder auf die
Arbeiter loszuschlagen, so da diese dann das Recht haben, sich zu
verteidigen und bei dieser Gelegenheit die ganze alte Gesellschaft ber
den Haufen zu werfen. Der Vorschlag ist weit entfernt davon, neu zu
sein; franzsische und nach ihnen belgische Sozialisten haben seit 1848
dies Paradepferd stark geritten, das aber ursprnglich englischer Rasse
ist. Whrend der auf die Krise von 1837 folgenden raschen und heftigen
Entwicklung des Chartismus unter den englischen Arbeitern war schon 1839
der heilige Monat gepredigt worden, die Arbeitseinstellung auf
nationalem Mastab (siehe Engels: Lage der arbeitenden Klasse, zweite
Auflage, Seite 234), und hatte solchen Anklang gefunden, dass die
Fabrikarbeiter von Nordengland im Juli 1842 die Sache auszufhren
versuchten. -- Auch auf dem Genfer Allianzistenkongre vom 1. September
1873 spielte der allgemeine Streik eine groe Rolle, nur wurde allseitig
zugegeben, dass dazu eine vollstndige Organisation der Arbeiterklasse
und eine gefllte Kasse ntig sei. Und darin liegt eben der Haken.
Einerseits werden die Regierungen, besonders wenn man sie durch
politische Enthaltung ermutigt, weder die Organisation noch die Kasse
der Arbeiter je soweit kommen lassen, und anderseits werden die
politischen Ereignisse und die bergriffe der herrschenden Klassen die
Befreiung der Arbeiter zu Wege bringen, lange bevor das Proletariat dazu
kommt, sich diese ideale Organisation und diesen kolossalen Reservefonds
anzuschaffen. Htte es sie aber, so brauchte es nicht den Umweg des
allgemeinen Streiks, um zum Ziele zu gelangen.[1]

[Funote 1: Fr. Engels, Die Bakunisten an der Arbeit. Internationales
aus dem Volksstaat, S. 20.]

Hier haben wir die Argumentation, die fr die Stellungnahme der
internationalen Sozialdemokratie zum Massenstreik in den folgenden
Jahrzehnten magebend war. Sie ist ganz auf die anarchistische Theorie
des Generalstreiks zugeschnitten, d.h. auf die Theorie vom
Generalstreik als Mittel, die soziale Revolution einzuleiten, im
Gegensatz zum tglichen politischen Kampf der Arbeiterklasse, und
erschpft sich in dem folgenden einfachen Dilemma: entweder ist das
gesamte Proletariat noch nicht im Besitz mchtiger Organisationen und
Kassen, dann kann es den Generalstreik nicht durchfhren, oder es ist
bereits mchtig genug organisiert, dann braucht es den Generalstreik
nicht. Diese Argumentation ist allerdings so einfach und auf den ersten
Blick so unanfechtbar, da sie ein Vierteljahrhundert lang der modernen
Arbeiterbewegung ausgezeichnete Dienste leistete, als logische Waffe
wider die anarchistischen Hirngespinnste und als Hlfsmittel, um die
Idee des politischen Kampfes in die weitesten Kreise der Arbeiterschaft
zu tragen. Die groartigen Fortschritte der Arbeiterbewegung in allen
modernen Lndern whrend der letzten 25 Jahre sind der glnzendste
Beweis fr die von Marx und Engels im Gegensatz zum Bakunismus
verfochtene Taktik des politischen Kampfes, und die deutsche
Sozialdemokratie in ihrer heutigen Macht, in ihrer Stellung als Vorhut
der gesamten internationalen Arbeiterbewegung, ist nicht zum geringsten
das direkte Produkt der konsequenten und nachdrcklichen Anwendung
dieser Taktik.

Die russische Revolution hat nun die obige Argumentation einer
grndlichen Revision unterzogen. Sie hat zum ersten Male in der
Geschichte der Klassenkmpfe eine grandiose Verwirklichung der Idee des
Massenstreiks und -- wie wir unten nher ausfhren werden -- selbst des
Generalstreiks gezeitigt und damit eine neue Epoche in der Entwicklung
der Arbeiterbewegung erffnet. Freilich folgt daraus nicht etwa, da die
von Marx und Engels empfohlene Taktik des politischen Kampfes oder ihre
an dem Anarchismus gebte Kritik falsch war. Umgekehrt, es sind
dieselben Gedankengnge, dieselbe Methode, die der Marx-Engelschen
Taktik, die auch der bisherigen Praxis der deutschen Sozialdemokratie zu
grunde lagen, welche jetzt in der russischen Revolution ganz neue
Momente und neue Bedingungen des Klassenkampfes erzeugten. Die russische
Revolution, dieselbe Revolution, die die erste geschichtliche Probe auf
das Exempel des Massenstreiks bildet, bedeutet nicht blo keine
Ehrenrettung fr den Anarchismus, sondern sie bedeutet geradezu eine
_geschichtliche Liquidation des Anarchismus_. Das triste Dasein, wozu
diese Geistesrichtung von der mchtigen Entwicklung der Sozialdemokratie
in Deutschland in den letzten Jahrzehnten verurteilt war, mochte
gewissermaen durch die ausschlieliche Herrschaft und lange Dauer der
parlamentarischen Periode erklrt werden. Eine ganz auf das
Losschlagen und die direkte Aktion zugeschnittene, im nacktesten
Heugabelsinne revolutionre Richtung mochte immerhin in der Windstille
des parlamentarischen Alltags nur zeitweilig verkmmern, um erst bei
einer Wiederkehr der direkten offenen Kampfperiode, bei einer
Straenrevolution aufzuleben und ihre innere Kraft zu entfalten. Zumal
schien Ruland besonders dazu angetan, das Experimentierfeld fr die
Heldentaten des Anarchismus zu werden. Ein Land, wo das Proletariat gar
keine politischen Rechte und eine uerst schwache Organisation hatte,
ein buntes Durcheinander verschiedener Volksschichten mit sehr
verschiedenen, wirr durcheinanderlaufenden Interessen, geringe Bildung
der Volksmasse, dafr uerste Bestialitt in der Gewaltanwendung
seitens des herrschenden Regimes -- alles das schien wie geschaffen, um
den Anarchismus zu einer pltzlichen, wenn auch vielleicht kurzlebigen
Macht zu erheben. Und schlielich war Ruland die geschichtliche
Geburtssttte des Anarchismus. Allein, das Vaterland Bakunins sollte fr
seine Lehre zur Grabessttte werden. Nicht blo standen und stehen in
Ruland nicht die Anarchisten an der Spitze der Massenstreikbewegung;
nicht blo liegt die ganze politische Fhrung der revolutionren Aktion
und auch des Massenstreiks in den Hnden der sozialdemokratischen
Organisationen, die von den russischen Anarchisten als brgerliche
Partei bitter bekmpft werden, oder zum Teil in den Hnden solcher mehr
oder weniger von der Sozialdemokratie beeinfluten und sich ihr
annhernden sozialistischen Organisationen, wie die terroristische
Partei der Sozialisten-Revolutionre, -- die Anarchisten existieren
als ernste politische Richtung berhaupt in der russischen Revolution
gar nicht. Nur in einer litauischen Kleinstadt mit besonders schwierigen
Verhltnissen -- bunte nationale Zusammenwrfelung der Arbeiter,
berwiegende Zersplitterung des Kleinbetriebs, sehr tiefstehendes
Proletariat --, in _Bialystok_, gibt es unter den sieben oder acht
verschiedenen revolutionren Gruppen auch ein Huflein halbwchsiger
Anarchisten, das die Konfusion und Verwirrung der Arbeiterschaft nach
Krften frdert, und letzthin macht sich in _Moskau_ und vielleicht noch
in zwei bis drei Stdten je ein Huflein dieser Gattung bemerkbar.
Allein, was ist jetzt, abgesehen von diesen paar revolutionren
Gruppen, die eigentliche Rolle des Anarchismus in der russischen
Revolution? Er ist zum Aushngeschild fr gemeine Diebe und Plnderer
geworden; unter der Firma des Anarcho-Kommunismus wird ein groer Teil
jener unzhligen Diebsthle und Plndereien bei Privatleuten ausgebt,
die in jeder Periode der Depression, der momentanen Defensive der
Revolution wie eine trbe Welle emporkommen. Der Anarchismus ist in der
russischen Revolution nicht die Theorie des kmpfenden Proletariats,
sondern das ideologische Aushngeschild des kontrerevolutionren
Lumpenproletariats geworden, das wie ein Rudel Haifische hinter dem
Schlachtschiff der Revolution wimmelt. Und damit ist die geschichtliche
Laufbahn des Anarchismus wohl beendet.

Auf der anderen Seite ist der Massenstreik in Ruland verwirklicht
worden nicht als ein Mittel, unter Umgehung des politischen Kampfes der
Arbeiterklasse und speziell des Parlamentarismus durch einen Theatercoup
pltzlich in die soziale Revolution hineinzuspringen, sondern als ein
Mittel, erst die Bedingungen des tglichen politischen Kampfes und
insbesondere des Parlamentarismus fr das Proletariat zu schaffen. Der
revolutionre Kampf in Ruland, in dem die Massenstreiks als die
wichtigste Waffe zur Anwendung kommen, wird von dem arbeitenden Volke
und in erster Reihe vom Proletariat gerade um dieselben politischen
Rechte und Bedingungen gefhrt, deren Notwendigkeit und Bedeutung im
Emanzipationskampfe der Arbeiterklasse Marx und Engels zuerst
nachgewiesen und im Gegensatz zum Anarchismus in der Internationale mit
aller Macht verfochten haben. So hat die geschichtliche Dialektik, der
Fels, auf dem die ganze Lehre des Marxschen Sozialismus beruht, es mit
sich gebracht, da heute der Anarchismus, mit dem die Idee des
Massenstreiks unzertrennlich verknpft war, zu der Praxis des
Massenstreiks selbst in einen Gegensatz gerathen ist, whrend umgekehrt
der Massenstreik, der als der Gegensatz zur politischen Bettigung des
Proletariats bekmpft wurde, heute als die mchtigste Waffe des
politischen Kampfes um politische Rechte erscheint. Wenn also die
russische Revolution eine grndliche Revision des alten Standpunkts des
Marxismus zum Massenstreik erforderlich macht, so ist es wieder nur der
Marxismus, dessen allgemeine Methoden und Gesichtspunkte dabei in neuer
Gestalt den Sieg davontragen. Moors Geliebte kann nur durch Moor
sterben.




II.


Die erste Revision, die sich aus den Ereignissen in Ruland fr die
Frage vom Massenstreik ergibt, bezieht sich auf die allgemeine
_Auffassung_ des Problems. Bis jetzt stehen sowohl die eifrigen
Befrworter eines Versuchs mit dem Massenstreik in Deutschland von der
Art Bernsteins, Eisners usw., wie auch die strikten Gegner eines solchen
Versuchs, wie sie im gewerkschaftlichen Lager z.b. durch Bmelburg
vertreten sind, im grunde genommen auf dem Boden derselben, und zwar der
anarchistischen Auffassung. Die scheinbaren Gegenpole schlieen sich
nicht blo gegenseitig aus, sondern, wie stets, bedingen auch und
ergnzen zugleich einander. Fr die anarchistische Denkweise ist nmlich
die Spekulation direkt auf den groen Kladderadatsch, auf die soziale
Revolution nur ein ueres und unwesentliches Merkmal. Wesentlich ist
dabei die ganze abstrakte, unhistorische Betrachtung des Massenstreiks,
wie berhaupt aller Bedingungen des proletarischen Kampfes. Fr den
Anarchisten existieren als stoffliche Voraussetzungen seiner
revolutionren Spekulationen lediglich zwei Dinge: zunchst die blaue
Luft und dann der gute Wille und der Mut, die Menschheit aus dem
heutigen kapitalistischen Jammertal zu erretten. In der blauen Luft
ergab sich aus dem Raisonnement schon vor 60 Jahren, dass der
Massenstreik das krzeste, sicherste und leichteste Mittel ist, um den
Sprung ins bessere soziale Jenseits auszufhren. In derselben blauen
Luft ergibt sich neuerdings aus der Spekulation, dass der
gewerkschaftliche Kampf die einzige wirkliche direkte Aktion der
Massen und also der einzige revolutionre Kampf ist -- dies bekanntlich
die neueste Schrulle der franzsischen und italienischen
Syndikalisten. Das Fatale fr den Anarchismus war dabei stets, da
die in der blauen Luft improvisierten Kampfmethoden nicht blo eine
Rechnung ohne den Wirt, das heit reine Utopien waren, sondern da sie,
weil sie eben mit der verachteten, schlechten Wirklichkeit gar nicht
rechneten, in dieser schlechten Wirklichkeit meistens aus revolutionren
Spekulationen unversehens zu praktischen Helferdiensten fr die Reaktion
wurden.

Auf demselben Boden der abstrakten, unhistorischen Betrachtungsweise
stehen aber heute diejenigen, die den Massenstreik nchstens in
Deutschland auf dem Wege eines Vorstandsbeschlusses auf einen bestimmten
Kalendertag ansetzen mchten, wie auch diejenigen, die, wie die
Teilnehmer des Klner Gewerkschaftskongresses, durch ein Verbot des
Propagierens das Problem des Massenstreiks aus der Welt schaffen
wollen. Beide Richtungen gehen von der gemeinsamen, rein anarchistischen
Vorstellung aus, da der Massenstreik ein bloes technisches Kampfmittel
ist, das nach Belieben und nach bestem Wissen und Gewissen beschlossen
oder auch verboten werden knne, eine Art Taschenmesser, das man in
der Tasche fr alle Flle zusammengeklappt bereit halten oder auch
nach Beschlu aufklappen und gebrauchen kann. Zwar nehmen gerade die
Gegner des Massenstreiks fr sich das Verdienst in Anspruch, den
geschichtlichen Boden und die materiellen Bedingungen der heutigen
Situation in Deutschland in Betracht zu ziehen, im Gegensatz zu den
Revolutionsromantikern, die in der Luft schweben und partout nicht mit
der harten Wirklichkeit und ihren Mglichkeiten und Unmglichkeiten
rechnen wollen. Tatsachen und Zahlen, Zahlen und Tatsachen! rufen sie
wie Mr. Gradgrind in Dickens' Harte Zeiten. Was die gewerkschaftlichen
Gegner des Massenstreiks unter geschichtlichem Boden und materiellen
Bedingungen verstehen, sind zweierlei Momente: einerseits die Schwche
des Proletariats, anderseits die Kraft des preuisch-deutschen
Militarismus. Die ungengenden Arbeiterorganisationen und Kassenbestnde
und die imponierenden preuischen Bajonette, das sind die Tatsachen und
Zahlen, auf denen diese gewerkschaftlichen Fhrer ihre praktische
Politik im gegebenen Falle basieren. Nun sind freilich gewerkschaftliche
Kassen sowie preuische Bajonette zweifellos sehr materielle und auch
sehr historische Erscheinungen, allein die darauf basierte Auffassung
ist kein historischer Materialismus im Sinne von Marx, sondern ein
polizeilicher Materialismus im Sinne Puttkamers. Auch die Vertreter des
kapitalistischen Polizeistaats rechnen sehr, und zwar ausschlielich mit
der jeweiligen tatschlichen Macht des organisierten Proletariats, sowie
mit der materiellen Macht der Bajonette, und aus dem vergleichenden
Exempel dieser beiden Zahlenreihen wird noch immer der beruhigende
Schlu gezogen: die revolutionre Arbeiterbewegung wird von einzelnen
Whlern und Hetzern erzeugt, #ergo# haben wir in den Gefngnissen und
den Bajonetten ein ausreichendes Mittel, um der unliebsamen
vorbergehenden Erscheinung Herr zu werden.

Die klassenbewute deutsche Arbeiterschaft hat lngst das Humoristische
der polizeilichen Theorie begriffen, als sei die ganze moderne
Arbeiterbewegung ein knstliches, willkrliches Produkt einer handvoll
gewissenloser Whler und Hetzer.

Es ist aber genau dieselbe Auffassung, die darin zum Ausdruck kommt,
wenn sich ein paar brave Genossen zu einer freiwilligen
Nachtwchterkolonne zusammentun, um die deutsche Arbeiterschaft vor dem
gefhrlichen Treiben einiger Revolutionsromantiker und ihrer
Propaganda des Massenstreiks zu warnen; oder wenn auf der anderen
Seite eine larmoyante Entrstungskampagne von denjenigen inszeniert
wird, die sich durch irgendwelche vertraulichen Abmachungen des
Parteivorstandes mit der Generalkommission der Gewerkschaften um den
Ausbruch des Massenstreiks in Deutschland betrogen glauben. Kme es auf
die zndende Propaganda der Revolutionsromantiker oder auf
vertrauliche oder ffentliche Beschlsse der Parteileitungen an, dann
htten wir bis jetzt in Ruland keinen einzigen ernsten Massenstreik. In
keinem Lande dachte man -- wie ich bereits im Mrz 1905 in der Schs.
Arbeiterzeitung hervorgehoben habe -- so wenig daran, den Massenstreik
zu propagieren oder selbst zu diskutieren wie in Ruland. Und die
vereinzelten Beispiele von Beschlssen und Abmachungen des russischen
Parteivorstandes, die wirklich den Massenstreik aus freien Stcken
proklamieren sollten, wie z.B. der letzte Versuch im August dieses
Jahres nach der Duma-Auflsung, sind fast gnzlich gescheitert. Wenn uns
also die russische Revolution etwas lehrt, so ist es vor allem, da der
Massenstreik nicht knstlich gemacht, nicht ins Blaue hinein
beschlossen, nicht propagiert wird, sondern da er eine historische
Erscheinung ist, die sich in gewissem Moment aus den sozialen
Verhltnissen mit geschichtlicher Notwendigkeit ergibt.

Nicht durch abstrakte Spekulationen also ber die Mglichkeit oder
Unmglichkeit, den Nutzen oder die Schdlichkeit des Massenstreiks,
sondern durch die Erforschung derjenigen Momente und derjenigen sozialen
Verhltnisse, aus denen der Massenstreik in der gegenwrtigen Phase des
Klassenkampfes erwchst, mit anderen Worten: nicht durch _subjektive
Beurteilung_ des Massenstreiks vom Standpunkte des Wnschbaren, sondern
durch _objektive Untersuchung_ der Quellen des Massenstreiks vom
Standpunkte des geschichtlich Notwendigen kann das Problem allein erfat
und auch diskutiert werden.

In der freien Luft der abstrakten logischen Analyse lt sich die
absolute Unmglichkeit und die sichere Niederlage, sowie die vollkommene
Mglichkeit und der zweifellose Sieg des Massenstreiks mit genau
derselben Kraft beweisen. Und deshalb ist der Wert der Beweisfhrung in
beiden Fllen derselbe, nmlich gar keiner. Daher ist auch insbesondere
die Furcht vor dem Propagieren des Massenstreiks, die sogar zu
frmlichen Bannflchen gegen die vermeintlichen Schuldigen dieses
Verbrechens gefhrt hat, lediglich das Produkt eines drolligen
Quiproquo. Es ist genau so unmglich, den Massenstreik als abstraktes
Kampfmittel zu propagieren, wie es unmglich ist, die Revolution zu
propagieren. Revolution wie Massenstreik sind Begriffe, die selbst
blo eine uere Form des Klassenkampfes bedeuten, die nur im
Zusammenhang mit ganz bestimmten politischen Situationen Sinn und Inhalt
haben.

Wollte es jemand unternehmen, den Massenstreik berhaupt als eine Form
der proletarischen Aktion zum Gegenstand einer regelrechten Agitation zu
machen, mit dieser Idee hausieren zu gehen, um fr sie die
Arbeiterschaft nach und nach zu gewinnen, so wre das eine ebenso mige
aber auch ebenso de und abgeschmackte Beschftigung, wie wenn jemand
die Idee der Revolution oder des Barrikadenkampfes zum Gegenstand einer
besonderen Agitation machen wollte. Der Massenstreik ist jetzt zum
Mittelpunkt des lebhaften Interesses der deutschen und der
internationalen Arbeiterschaft geworden, weil er eine neue Kampfform und
als solche das sichere Symptom eines tiefgehenden inneren Umschwunges in
den Klassenverhltnissen und den Bedingungen des Klassenkampfes
bedeutet. Es zeugt von dem gesunden revolutionren Instinkt und der
lebhaften Intelligenz der deutschen Proletariermasse, da sie sich --
ungeachtet des hartnckigen Widerstandes ihrer Gewerkschaftsfhrer --
mit so warmem Interesse dem neuen Problem zuwendet. Allein diesem
Interesse, dem edlen intellektuellen Durst und revolutionren Tatendrang
der Arbeiter kann man nicht dadurch entsprechen, da man sie mit
abstrakter Hirngymnastik ber die Mglichkeit oder Unmglichkeit des
Massenstreiks traktiert, sondern dadurch, da man ihnen die Entwicklung
der russischen Revolution, die internationale Bedeutung dieser
Revolution, die Verschrfung der Klassengegenstze in Westeuropa, die
weiteren politischen Perspektiven des Klassenkampfes in Deutschland, die
Rolle und die Aufgaben der Masse in den kommenden Kmpfen klar macht.
Nur in dieser Form wird die Diskussion ber den Massenstreik dazu
fhren, den geistigen Horizont des Proletariats zu erweitern, sein
Klassenbewutsein zu schrfen, seine Denkweise zu vertiefen und seine
Tatkraft zu sthlen.

Steht man aber auf diesem Standpunkte, dann erscheint in seiner ganzen
Lcherlichkeit auch der Strafproze, der von den Gegnern der
Revolutionsromantik gemacht wird, weil man sich bei der Behandlung des
Problems nicht genau an den Wortlaut der Jenaer Resolution halte. Mit
dieser Resolution geben sich die praktischen Politiker allenfalls noch
zufrieden, weil sie den Massenstreik hauptschlich mit den Schicksalen
des allgemeinen Wahlrechts verkoppelt, woraus sie zweierlei folgern zu
knnen glauben: erstens, da dem Massenstreik ein rein defensiver
Charakter bewahrt, zweitens, da der Massenstreik selbst dem
Parlamentarismus untergeordnet, in ein bloes Anhngsel des
Parlamentarismus verwandelt wird. Der wahre Kern der Jenaer Resolution
liegt aber in dieser Beziehung darin, da bei der gegenwrtigen Lage in
Deutschland ein Attentat der herrschenden Reaktion auf das
Reichstagswahlrecht hchst wahrscheinlich das Einleitungsmoment und das
Signal zu jener Periode strmischer politischer Kmpfe abgeben drfte,
in denen der Massenstreik als Kampfmittel in Deutschland wohl zuerst
in Anwendung kommen wird. Allein die soziale Tragweite und den
geschichtlichen Spielraum des Massenstreiks als Erscheinung und
als Problem des Klassenkampfes durch den Wortlaut einer
Parteitagsresolution einengen und knstlich abstecken zu wollen, ist
ein Unternehmen, das an Kurzsichtigkeit jenem Diskussionsverbot des
Klner Gewerkschaftskongresses gleichkommt. In der Resolution des Jenaer
Parteitages hat die deutsche Sozialdemokratie von dem durch die
russische Revolution in den internationalen Bedingungen des
proletarischen Klassenkampfes vollzogenen tiefen Umschwung offiziell Akt
genommen und ihre revolutionre Entwicklungsfhigkeit, ihre
Anpassungsfhigkeit an die neuen Anforderungen der kommenden Phase der
Klassenkmpfe bekundet. Darin liegt die Bedeutung der Jenaer Resolution.
Was die praktische Anwendung des Massenstreiks in Deutschland betrifft,
darber wird die Geschichte entscheiden, wie sie darber in Ruland
entschieden hat, die Geschichte, in der die Sozialdemokratie mit ihren
Entschlssen allerdings ein wichtiger Faktor, aber blo _ein_ Faktor
unter vielen ist.




III.


Der Massenstreik, wie er meistens in der gegenwrtigen Diskussion in
Deutschland vorschwebt, ist eine sehr klar und einfach gedachte, scharf
umrissene Einzelerscheinung. Es wird ausschlielich vom politischen
Massenstreik gesprochen. Es wird dabei an einen einmaligen grandiosen
Ausstand des Industrieproletariats gedacht, der aus einem politischen
Anla von hchster Tragweite unternommen, und zwar auf Grund einer
rechtzeitigen gegenseitigen Verstndigung der Partei- und der
gewerkschaftlichen Instanzen unternommen, dann im Geiste der Disziplin
in grter Ordnung durchgefhrt und in noch schnster Ordnung auf
rechtzeitig gegebene Losung der leitenden Instanzen abgebrochen wird,
wobei die Regelung der Untersttzungen, der Kosten, der Opfer, mit einem
Wort die ganze materielle Bilanz des Massenstreiks im voraus genau
bestimmt wird.

Wenn wir nun dieses theoretische Schema mit dem wirklichen Massenstreik
vergleichen, wie er in Ruland seit fnf Jahren auftritt, so mssen wir
sagen, da der Vorstellung, die in der deutschen Diskussion im
Mittelpunkt steht, fast kein einziger von den vielen Massenstreiks
entspricht, die stattgefunden haben, und da anderseits die
Massenstreiks in Ruland eine solche Mannigfaltigkeit der
verschiedensten Spielarten aufweisen, da es ganz unmglich ist, von
dem Massenstreik, von einem abstrakten schematischen Massenstreik zu
sprechen. Alle Momente des Massenstreiks sowie sein Charakter sind nicht
blo verschieden in verschiedenen Stdten und Gegenden des Reiches,
sondern vor allem hat sich ihr allgemeiner Charakter mehrmals im Laufe
der Revolution gendert. Die Massenstreiks haben in Ruland eine
bestimmte Geschichte durchgemacht, und sie machen sie noch weiter durch.
Wer also vom Massenstreik in Ruland redet, mu vor allem seine
Geschichte ins Auge fassen.

Die jetzige sozusagen offizielle Periode der russischen Revolution wird
mit vollem Recht von der Erhebung des Petersburger Proletariats am 22.
Januar 1905, von jenem Zuge der 200000 Arbeiter vor das Zarenschlo
datiert, der mit einem furchtbaren Blutbade endete. Das blutige Massacre
in Petersburg war bekanntlich das Signal zum Ausbruch der ersten
Riesenserie von Massenstreiks, die sich binnen weniger Tage ber das
gesamte Ruland gewlzt und den Sturmruf der Revolution aus Petersburg
in alle Winkel des Reiches und in die breitesten Schichten des
Proletariats getragen haben. Die Petersburger Erhebung vom 22. Januar
war aber auch nur der uerste Moment eines Massenstreiks, der vorher
das Proletariat der Zarenhauptstadt im Januar 1905 ergriffen hatte.
Dieser Januar-Massenstreik in Petersburg spielte sich nun zweifellos
unter dem unmittelbaren Eindruck jenes riesenhaften Generalstreiks ab,
der kurz vorher, im Dezember 1904, im Kaukasus, in Baku, ausgebrochen
war und eine Weile lang ganz Ruland im Atem hielt. Die
Dezemberereignisse in Baku waren aber ihrerseits nichts anderes, als an
letzter und krftiger Auslufer jener gewaltigen Massenstreiks, die wie
ein periodisches Erdbeben in den Jahren 1903 und 1904 ganz Sdruland
erschtterten und deren Prolog der Massenstreik in Batum (im Kaukasus)
im Mrz 1902 war. Diese erste Massenstreikbewegung in der fortlaufenden
Kette der jetzigen revolutionren Eruptionen ist endlich nur um fnf bis
sechs Jahre von dem groen Generalstreik der Petersburger Textilarbeiter
in den Jahren 1896 und 1897 entfernt, und wenn diese Bewegung uerlich
von der heutigen Revolution durch einige Jahre scheinbaren Stillstands
und starrer Reaktion getrennt scheint, so wird doch jeder, der die
innere politische Entwicklung des russischen Proletariats bis zu der
heutigen Stufe seines Klassenbewutseins und seiner revolutionren
Energie kennt, die Geschichte der jetzigen Periode der Massenkmpfe mit
jenen Petersburger Generalstreiks beginnen. Sie sind fr das Problem des
Massenstreiks schon deshalb wichtig, weil sie bereits alle Hauptmomente
der spteren Massenstreiks im Keime enthalten.

Zunchst erscheint der Petersburger Generalstreik des Jahres 1896 als
ein rein konomischer partieller Lohnkampf. Seine Ursachen waren die
unertrglichen Arbeitsbedingungen der Spinner und Weber Petersburgs:
eine 13-, 14- und 15stndige Arbeitszeit, erbrmliche Akkordlhne und
eine ganze Musterkarte nichtswrdiger Unternehmerschikanen. Allein diese
Lage ertrugen die Textilarbeiter lange geduldig, bis ein scheinbar
winziger Umstand das Ma zum berlaufen gebracht hat. Im Jahre 1896 im
Mai wurde nmlich die zwei Jahre lang aus Angst vor den Revolutionren
hinausgeschobene Krnung des heutigen Zaren Nikolaus II. abgehalten,
und aus diesem Anla bezeugten die Petersburger Unternehmer ihren
patriotischen Eifer dadurch, dass sie ihren Arbeitern drei Tage
Zwangsferien auferlegten, wobei sie jedoch merkwrdigerweise fr diese
Tage die Lhne nicht auszahlen wollten. Die dadurch aufgebrachten
Textilarbeiter kamen in Bewegung. Nach einer Beratung von za. 800 der
aufgeklrtesten Arbeiter im Jekaterinenhofer Garten wurde der Streik
beschlossen und die Forderungen formuliert: 1. Auszahlung der Lhne fr
die Krnungstage; 2. zehneinhalbstndige Arbeitszeit; 3. Erhhung der
Akkordlhne. Dies geschah am 24. Mai. Nach einer Woche standen
_smtliche_ Webereien und Spinnereien still, und 40000 Arbeiter waren
im Generalstreik. Heute mag dieses Ereignis, an den gewaltigen
Massenstreiks der Revolution gemessen, als eine Kleinigkeit erscheinen.
In der politischen Eisstarre des _damaligen_ Rulands war ein
Generalstreik etwas Unerhrtes, er war selbst eine ganze Revolution im
kleinen. Es begannen selbstverstndlich die brutalsten Verfolgungen, za.
1000 Arbeitet wurden verhaftet und nach der Heimat abgeschoben, und der
Generalstreik wurde unterdrckt.

Bereits hier sehen wir alle Grundzge der spteren Massenstreiks. Der
nchste Anla der Bewegung war ein ganz zuflliger, ja untergeordneter,
ihr Ausbruch ein elementarer; aber in dem Zustandekommen der Bewegung
zeigten sich die Frchte der mehrjhrigen Agitation der
Sozialdemokratie, und im Laufe des Generalstreiks standen die
sozialdemokratischen Agitatoren an der Spitze der Bewegung, leiteten und
benutzten sie zur regen revolutionren Agitation. Ferner: Der Streik war
uerlich ein bloer konomischer Lohnkampf, allein die Stellung der
Regierung sowie die Agitation der Sozialdemokratie haben ihn zu einer
politischen Erscheinung ersten Ranges gemacht. Und endlich: Der Streik
wurde unterdrckt, die Arbeiter erlitten eine Niederlage. Aber bereits
im Januar des folgenden Jahres, 1897, wiederholten die Petersburger
Textilarbeiter nochmals den Generalstreik und errangen diesmal
einen hervorragenden Erfolg: die gesetzliche Einfhrung des
elfeinhalbstndigen Arbeitstages in ganz Ruland. Was jedoch ein viel
wichtigeres Ergebnis war: seit jenem ersten Generalstreik des Jahres
1896, der ohne eine Spur von Organisation und von Streikkassen
unternommen war, beginnt im eigentlichen Ruland ein intensiver
gewerkschaftlicher Kampf, der sich bald aus Petersburg auf das brige
Land verbreitet und der sozialdemokratischen Agitation und Organisation
ganz neue Aussichten erffnet, damit aber in der scheinbaren
Kirchhofsruhe der folgenden Periode durch unsichtbare Maulwurfsarbeit
die proletarische Revolution vorbereitet.

Der Ausbruch des kaukasischen Streiks im Mrz des Jahres 1902 war
anscheinend ebenso zufllig und von rein konomischen, partiellen, wenn
auch ganz anderen Momenten erzeugt, wie jener vom Jahre 1896. Er hngt
mit der schweren Industrie- und Handelskrise zusammen, die in Ruland
die Vorgngerin des japanischen Krieges und mit ihm zusammen der
mchtigste Faktor der beginnenden revolutionren Ghrung war. Die Krise
erzeugte eine enorme Arbeitslosigkeit, die in der proletarischen Masse
die Agitation nhrte, deshalb unternahm es die Regierung, zur Beruhigung
der Arbeiterklasse die berflssigen Hnde nach ihren entsprechenden
Heimatsorten per Schub zu transportieren. Eine solche Manahme eben, die
za. 400 Petroleumarbeiter betreffen sollte, rief in Batum einen
Massenprotest hervor, der zu Demonstrationen, Verhaftungen, einem
Massacre und schlielich zu einem politischen Proze fhrte, in dem
pltzlich die rein konomische, partielle Angelegenheit zum politischen
und revolutionren Ereignis wurde. Der Widerhall des ganz resultatlos
verlaufenen und niedergeschlagenen Streiks in Batum war eine Reihe
revolutionrer Massendemonstrationen der Arbeiter in Nischni-Nowgorod,
in Saratow, in anderen Stdten, also ein krftiger Vorsto fr die
allgemeine Welle der revolutionren Bewegung.

Bereits im November 1902 folgt der erste echt revolutionre Nachhall in
Gestalt eines Generalstreiks in _Rostow_ am Don. Den Ansto zu dieser
Bewegung gaben Lohndifferenzen in den Werksttten der Wladikaukasischen
Eisenbahn. Die Verwaltung wollte die Lhne herabsetzen, darauf gab das
Donsche Komitee der Sozialdemokratie einen Aufruf heraus, mit der
Aufforderung zum Streik um folgende Forderungen: Neunstundentag,
Lohnaufbesserung, Abschaffung der Strafen, Entlassung unbeliebter
Ingenieure &c. Smtliche Eisenbahnwerksttten traten in den Ausstand.
Ihnen schlossen sich alsbald alle anderen Berufe an, und pltzlich
herrschte in Rostow ein nie dagewesener Zustand: jede gewerbliche Arbeit
ruht, dafr werden Tag fr Tag Monstre-Meetings von 15000 bis 20000
Arbeitern im Freien abgehalten, manchmal umzingelt von einem Kordon
Kosaken, wobei zum ersten Male sozialdemokratische Volksredner offen
auftreten, zndende Reden ber Sozialismus und politische Freiheit
gehalten und mit ungeheurer Begeisterung aufgenommen, revolutionre
Aufrufe in Zehntausenden von Exemplaren verbreitet werden. Mitten in dem
starren absolutistischen Ruland erobert das Proletariat Rostows zum
ersten Male sein Versammlungsrecht, seine Redefreiheit im Sturm.
Freilich geht es auch hier nicht ohne ein Massacre ab. Die
Lohndifferenzen der Wladikaukasischen Eisenbahnwerksttten haben sich in
wenigen Tagen zu einem politischen Generalstreik und zu einer
revolutionren Straenschlacht ausgewachsen. Als Nachklang erfolgte
sofort noch ein Generalstreik auf der Station _Tichoretzkaja_ derselben
Eisenbahnlinie. Auch hier kam es zu einem Massacre, ferner zu einem
Proze, und auch Tichoretzkaja hat sich als Episode gleichfalls in die
unzertrennliche Kette der Revolutionsmomente eingeflochten.

Der Frhling 1903 gibt die Antwort auf die niedergeschlagenen Streiks in
Rostow und Tichoretzkaja: der ganze Sden Rulands steht im Mai, Juni
und Juli in Flammen. _Baku_, _Tiflis_, _Batum_, _Jelissawetgrad_,
_Odessa_, _Kijew_, _Nikolajew_, _Jekaterinoslaw_ stehen im Generalstreik
im buchstblichen Sinne. Aber auch hier entsteht die Bewegung nicht nach
irgend einem vorgefaten Plan aus einem Zentrum, sie fliet zusammen aus
einzelnen Punkten, in jedem aus anderen Anlssen, in anderen Formen. Den
Anfang macht _Baku_, wo mehrere partielle Lohnkmpfe einzelner Fabriken
und Branchen endlich in einen Generalstreik ausmnden. In _Tiflis_
beginnen den Streik 2000 Handelsangestellte, die eine Arbeitszeit von 6
Uhr Morgens bis 11 Uhr Abends hatten; sie verlassen alle am 4. Juli um 8
Uhr Abends die Lden und machen einen Umzug durch die Stadt, um die
Ladeninhaber zur Schlieung der Geschfte aufzufordern. Der Sieg ist ein
vollstndiger: die Handelsangestellten erringen eine Arbeitszeit von 8
bis 8 und ihnen schlieen sich sofort alle Fabriken, Werksttten,
Bureaux an. Die Zeitungen erscheinen nicht, der Trambahnverkehr kann nur
unter dem Schutze des Militrs stattfinden. -- In _Jelissawetgrad_
beginnt am 10. Juli in allen Fabriken der Streik mit rein konomischen
Forderungen. Sie werden meistens bewilligt, und am 14. Juli hrt der
Streik auf. Allein zwei Wochen spter bricht er wieder aus; diesmal
geben die Bcker die Parole, ihnen folgen die Steinarbeiter, Tischler,
Frber, Mhlenarbeiter und schlielich wieder alle Fabrikarbeiter. -- In
_Odessa_ beginnt die Bewegung mit einem Lohnkampfe, in den der von
Regierungsagenten nach dem Programm des berhmten Gendarmen _Subatow_
gegrndete legale Arbeiterverein verwickelt wurde. Die geschichtliche
Dialektik hat wieder Gelegenheit genommen, einen ihrer hbschen
boshaften Streiche auszufhren: Die konomischen Kmpfe der frheren
Periode -- darunter der groe Petersburger Generalstreik von 1896 --
hatten die russische Sozialdemokratie zur bertreibung des sogen.
konomismus verleitet, wodurch sie in der Arbeiterschaft fr das
demagogische Treiben des Subatow den Boden bereitet hatte. Nach einer
Weile drehte aber der groe revolutionre Strom das Schifflein mit der
falschen Flagge um und zwang es, gerade an der Spitze der revolutionren
proletarischen Flottille zu schwimmen. Die Subatowschen Vereine gaben im
Frhling 1904 die Parole zu dem groen Generalstreik in Odessa, wie im
Januar 1905 zu dem Generalstreik in Petersburg. Die Arbeiter in Odessa,
die in den Wahn von der aufrichtigen Arbeiterfreundlichkeit der
Regierung und ihrer Sympathie fr rein konomischen Kampf gewiegt
wurden, wollten pltzlich eine Probe aufs Exempel machen und zwangen den
Subatowschen Arbeiterverein, in einer Fabrik den Streik um
bescheidenste Forderungen zu erklren. Sie wurden darauf vom Unternehmer
einfach aufs Pflaster gesetzt, und als sie von dem Leiter ihres Vereins
den versprochenen obrigkeitlichen Schutz forderten, verduftete der Herr
und lie die Arbeiter in wilder Grung zurck. Alsbald stellten sich die
Sozialdemokraten an die Spitze und die Streikbewegung sprang auf andere
Fabriken ber. Am 1. Juli streiken 2500 Eisenbahnarbeiter, am 4. Juli
treten die Hafenarbeiter in den Streik um eine Erhhung der Lhne von 80
Kopeken auf 2 Rubel und Verkrzung der Arbeitszeit um eine halbe Stunde.
Am 6. Juli schlieen sich die Seeleute der Bewegung an. Am 13. Juli
beginnt der Ausstand des Trambahnpersonals. Nun findet eine Versammlung
smtlicher Streikenden, 7-8000 Mann, statt; es bildet sich ein Zug, der
von Fabrik zu Fabrik geht und, lawinenartig anwachsend, schon als eine
40-50000kpfige Menge sich zum Hafen begibt, um hier jede Arbeit zum
Stillstand zu bringen. Bald herrscht in der ganzen Stadt der
Generalstreik. -- _In Kijew_ beginnt am 21. Juli der Ausstand in den
Eisenbahnwerksttten. Auch hier ist der nchste Anla miserable
Arbeitsbedingungen, und es werden Lohnforderungen aufgestellt. Am
anderen Tage folgen dem Beispiel die Gieereien. Am 23. Juli passiert
darauf ein Zwischenfall, der das Signal zum Generalstreik gibt. In der
Nacht wurden zwei Delegierte der Eisenbahnarbeiter verhaftet; die
Streikenden fordern sofort ihre Freilassung, und als dies nicht erfllt
wird, beschlieen sie, die Eisenbahnzge nicht aus der Stadt
herauszulassen. Am Bahnhof setzen sich auf den Schienenstrang smtliche
Streikende mit Weib und Kind -- ein Meer von Menschenkpfen. Man droht
mit Gewehrsalven. Die Arbeiter entblen darauf ihre Brust und rufen:
Schiet! Eine Salve wird auf die wehrlose, sitzende Menge abgefeuert
und 30-40 Leichen, darunter Frauen und Kinder, bleiben auf dem Platze
liegen. Auf diese Kunde erhebt sich am gleichen Tage ganz Kijew zum
Streik. Die Leichen der Ermordeten werden von der Menge emporgehoben und
in einem Massenzug herumgetragen. Versammlungen, Reden, Verhaftungen,
einzelne Straenkmpfe -- Kijew steht mitten in der Revolution. Die
Bewegung geht bald zu Ende; dabei haben aber die Buchdrucker eine
Verkrzung der Arbeitszeit um eine Stunde und eine Lohnerhhung um einen
Rubel gewonnen; in einer Hefefabrik ist der Achtstundentag eingefhrt
worden; die Eisenbahnwerksttten wurden auf Beschlu des Ministeriums
geschlossen; andere Branchen fhrten partielle Streiks um ihre
Forderungen weiter. -- _In Nikolajew_ bricht der Generalstreik unter dem
unmittelbaren Eindruck der Nachrichten aus Odessa, Baku, Batum und
Tiflis aus, trotz des Widerstandes des sozialdemokratischen Komitees,
das den Ausbruch der Bewegung auf den Zeitpunkt hinausschieben wollte,
wo das Militr zum Manver aus der Stadt ziehen sollte. Die Masse lie
sich nicht zurckhalten; eine Fabrik machte den Anfang, die Streikenden
gingen von einer Werkstatt zur anderen, der Widerstand des Militrs go
nur l ins Feuer. Bald bildeten sich Massenumzge mit revolutionrem
Gesang, die alle Arbeiter, Angestellten, Trambahnbedienstete, Mnner und
Frauen, mitrissen. Die Arbeitsruhe war eine vollkommene. -- In
_Jekaterinoslaw_ beginnen am 5. August die Bcker, am 7. die Arbeiter
der Eisenbahnwerksttte, darauf alle anderen Fabriken den Streik; am 8.
August hrt der Trambahnverkehr auf, die Zeitungen erscheinen nicht. --
So kam der grandiose Generalstreik Sdrulands im Sommer 1903 zu stande.
Aus vielen kleinen Kanlen partieller konomischer Kmpfe und kleiner
zuflliger Vorgnge flo er rasch zu einem gewaltigen Meer zusammen
und verwandelte den ganzen Sden des Zarenreichs fr einige Wochen in
eine bizarre, revolutionre Arbeiterrepublik. Brderliche Umarmungen,
Rufe des Entzckens und der Begeisterung, Freiheitslieder, frohes
Gelchter, Humor und Freude hrte man in der vieltausendkpfigen Menge,
die von Morgen bis Abend in der Stadt wogte. Die Stimmung war eine
gehobene; man konnte beinahe glauben, da ein neues, besseres Leben auf
Erden beginnt. Ein tiefernstes und zugleich idyllisches, rhrendes
Bild... So schrieb damals der Korrespondent im liberalen Oswoboshdenje
des Herrn Peter v. Struve.

Das Jahr 1904 brachte gleich im Anfang den Krieg und fr eine Weile eine
Ruhepause in der Massenstreikbewegung mit sich. Zuerst ergo sich eine
trbe Welle polizeilich veranstalteter patriotischer Demonstrationen
ber das Land. Die liberale brgerliche Gesellschaft wurde vorerst von
dem zarisch-offiziellen Chauvinismus ganz zu Boden geschmettert. Doch
nimmt die Sozialdemokratie bald den Kampfplatz wieder in Besitz; den
polizeilichen Demonstrationen des patriotischen Lumpenproletariats
werden revolutionre Arbeiterdemonstrationen entgegengestellt. Endlich
wecken die schmhlichen Niederlagen der zarischen Armee auch die
liberale Gesellschaft aus der Betubung; es beginnt die ra liberaler
und demokratischer Kongresse, Bankette, Reden, Adressen und Manifeste.
Der durch die Schmach des Krieges zeitweilig erdrckte Absolutismus lt
in seiner Zerfahrenheit die Herren gewhren, und sie sehen bereits den
Himmel voller liberaler Geigen. Fr ein halbes Jahr nimmt der
brgerliche Liberalismus die politische Vorderbhne in Besitz, das
Proletariat tritt in den Schatten. Allein nach lngerer Depression rafft
sich der Absolutismus seinerseits wieder auf, die Kamarilla sammelt ihre
Krfte und durch ein einziges krftiges Aufstampfen des Kosakenstiefels
wird die ganze liberale Aktion im Dezember ins Mauseloch gejagt. Die
Bankette, Reden, Kongresse werden kurzerhand als eine freche Anmaung
verboten und der Liberalismus sieht sich pltzlich am Ende seines
Lateins. Aber genau dort, wo dem Liberalismus der Faden ausgegangen ist,
beginnt die Aktion des Proletariats. Im Dezember 1904 bricht auf dem
Boden der Arbeitslosigkeit der grandiose Generalstreik in _Baku_ aus:
Die Arbeiterklasse ist wieder auf dem Kampfplatz. Als das Reden verboten
wurde und verstummte, begann wieder das Handeln. In Baku herrschte
whrend einiger Wochen mitten im Generalstreik die Sozialdemokratie als
unumschrnkte Herrin der Lage, und die eigenartigen Ereignisse des
Dezembers im Kaukasus htten ein ungeheures Aufsehen erregt, wenn sie
nicht so rapid von der steigenden Woge der Revolution bertroffen worden
wren, die sie selbst aufgepeitscht hatten. Noch waren die
phantastischen, unklaren Nachrichten von dem Generalstreik in Baku nicht
in alle Enden des Zarenreichs gelangt, als im Januar 1905 der
Massenstreik in _Petersburg_ ausbrach.

Auch hier war der Anla bekanntlich ein winziger. Zwei Arbeiter der
Putilow-Werke wurden wegen ihrer Zugehrigkeit zum legalen Subatowschen
Verein entlassen. Diese Maregelung rief am 16. Januar einen
Solidarittsstreik smtlicher 12000 Arbeiter dieser Werke hervor. Die
Sozialdemokraten begannen aus Anla des Streiks eine rege Agitation um
die Erweiterung der Forderungen und setzten die Forderung des
Achtstundentages, des Koalitionsrechts, der Rede- und Prefreiheit usw.
durch. Die Grung der Putilowschen Arbeiter teilte sich rasch dem
brigen Proletariat mit, und in wenigen Tagen standen 140000 Arbeiter
im Streik. Gemeinsame Beratungen und strmische Diskussionen fhrten zur
Ausarbeitung jener proletarischen Charte der brgerlichen Freiheiten mit
dem Achtstundentag an der Spitze, womit am 22. Januar 200000 Arbeiter,
von dem Priester Gapon gefhrt, vor das Zarenschlo zogen. Der Konflikt
der zwei gemaregelten Putilow-Arbeiter hat sich binnen einer Woche in
den Prolog der gewaltigsten Revolution der Neuzeit verwandelt.

Die zunchst darauffolgenden Ereignisse sind bekannt: Das Petersburger
Blutbad hat im Januar und Februar in smtlichen Industriezentren und
Stdten Rulands, Polens, Litauens, der baltischen Provinzen, des
Kaukasus, Sibiriens, vom Norden bis zum Sden, vom Westen bis zum Osten
riesenhafte Massenstreiks und Generalstreiks hervorgerufen. Allein bei
nherem Zusehen treten jetzt die Massenstreiks in anderen Formen auf,
als in der bisherigen Periode. Diesmal gingen berall die
sozialdemokratischen Organisationen mit Aufrufen voran; berall war die
revolutionre Solidaritt mit dem Petersburger Proletariat ausdrcklich
als Grund und Zweck des Generalstreiks bezeichnet; berall gab es
zugleich Demonstrationen, Reden, Kmpfe mit dem Militr. Doch auch hier
war von einem vorgefaten Plan, einer organisierten Aktion keine Rede,
denn die Aufrufe der Parteien vermochten kaum, mit den spontanen
Erhebungen der Masse Schritt zu halten; die Leiter hatten kaum Zeit, die
Losungen der vorausstrmenden Proletariermenge zu formulieren. Ferner:
Die frheren Massen- und Generalstreiks entstanden aus einzelnen
zusammenflieenden Lohnkmpfen, die in der allgemeinen Stimmung der
revolutionren Situation und unter dem Eindruck der sozialdemokratischen
Agitation rapid zu politischen Kundgebungen wurden; das konomische
Moment und die gewerkschaftliche Zersplitterung waren der Ausgangspunkt,
die zusammenfassende Klassenaktion und die politische Leitung das
Schluergebnis. Jetzt ist die Bewegung eine umgekehrte. Die Januar- und
Februargeneralstreiks brachen im voraus als einheitliche revolutionre
Aktion unter der Leitung der Sozialdemokratie aus; allein diese Aktion
zerfiel bald in eine unendliche Reihe lokaler, partieller, konomischer
Streiks in einzelnen Gegenden, Stdten, Branchen, Fabriken. Den ganzen
Frhling des Jahres 1905 hindurch bis in den Hochsommer hinein ghrte im
gesamten Riesenreich ein unermdlicher konomischer Kampf fast des
gesamten Proletariats gegen das Kapital, ein Kampf, der nach oben hin
alle kleinbrgerlichen und liberalen Berufe: Handelsangestellte,
Bankbeamte, Techniker, Schauspieler, Kunstberufe, ergreift, nach unten
hin bis ins Hausgesinde, in das Subalternbeamtentum der Polizei, ja bis
in die Schicht des Lumpenproletariats hineindringt und gleichzeitig aus
der Stadt aufs flache Land hinausstrmt und sogar an die eisernen Tore
der Militrkasernen pocht.

Es ist dies ein riesenhaftes buntes Bild einer allgemeinen
Auseinandersetzung der Arbeit mit dem Kapital, das die ganze
Mannigfaltigkeit der sozialen Gliederung und des politischen Bewutseins
jeder Schicht und jedes Winkels abspiegelt und die ganze lange
Stufenleiter vom regelrechten gewerkschaftlichen Kampf einer erprobten
groindustriellen Elitetruppe des Proletariats bis zum formlosen
Protestausbruch eines Haufens Landproletarier und zur ersten dunklen
Regung einer aufgeregten Soldatengarnison durchluft, von der
wohlerzogenen eleganten Revolte in Manschetten und Stehkragen im Kontor
eines Bankhauses bis zum scheu-dreisten Murren einer klobigen
Versammlung unzufriedener Polizisten in einer verrucherten, dunklen und
schmutzigen Polizeiwachtstube.

Nach der Theorie der Liebhaber ordentlicher und wohldisziplinierter
Kmpfe nach Plan und Schema, jener besonders, die es von weitem stets
besser wissen wollen, wie es htte gemacht werden sollen, war der
Zerfall der groen politischen Generalstreikaktion des Januar 1905 in
eine Unzahl konomischer Kmpfe wahrscheinlich ein groer Fehler, der
jene Aktion lahmgelegt und in ein Strohfeuer verwandelt hatte. Auch
die Sozialdemokratie in Ruland, die die Revolution zwar mitmacht, aber
nicht macht, und ihre Gesetze erst aus ihrem Verlauf selbst lernen
mu, war im ersten Augenblick durch das scheinbar resultatlose
Zurckfluten der ersten Sturmflut des Generalstreiks fr eine Weile
etwas aus dem Konzept gebracht. Allein, die Geschichte, die jenen
groen Fehler gemacht hat, verrichtete damit, unbekmmert um das
Rsonieren ihrer unberufenen Schulmeister, eine ebenso unvermeidliche
wie in ihren Folgen unberechenbare Riesenarbeit der Revolution.

Die pltzliche Generalerhebung des Proletariats im Januar unter dem
gewaltigen Ansto der Petersburger Ereignisse war nach auen hin ein
politischer Akt der revolutionren Kriegserklrung an den Absolutismus.
Aber diese erste allgemeine direkte Klassenaktion wirkte gerade als
solche nach innen um so mchtiger zurck, indem sie zum ersten Mal das
Klassengefhl und Klassenbewutsein in den Millionen und Abermillionen
wie durch einen elektrischen Schlag weckte. Und dieses Erwachen des
Klassengefhls uerte sich sofort darin, da der nach Millionen
zhlenden proletarischen Masse ganz pltzlich scharf und schneidend die
Unertrglichkeit jenes sozialen und konomischen Daseins zum Bewutsein
kam, das sie Jahrzehnte in den Ketten des Kapitalismus geduldig ertrug.
Es beginnt daher ein spontanes allgemeines Rtteln und Zerren an diesen
Ketten. Alle tausendfltigen Leiden des modernen Proletariats erinnern
es an alte blutende Wunden. Hier wird um den Achtstundentag gekmpft,
dort gegen die Akkordarbeit, hier werden brutale Meister auf einem
Handkarren im Sack hinausgefahren, anderswo gegen infame Strafsysteme,
berall um bessere Lhne, hier und da um Abschaffung der Heimarbeit
gekmpft. Rckstndige, degradierte Berufe in groen Stdten, kleine
Provinzstdte, die bis dahin in einem idyllischen Schlaf dahin
dmmerten, das Dorf mit seinem Vermchtnis aus dem Leibeigentum -- alles
das besinnt sich pltzlich, vom Januarblitz geweckt, auf seine Rechte
und sucht nun fieberhaft, das Versumte nachzuholen. Der konomische
Kampf war hier also in Wirklichkeit nicht ein Zerfall, eine
Zersplitterung der Aktion, sondern blo eine Frontnderung, ein
pltzlicher und natrlicher Umschlag der ersten Generalschlacht mit dem
Absolutismus in eine Generalabrechnung mit dem Kapital, die, ihrem
Charakter entsprechend, _die Form_ einzelner zersplitterter Lohnkmpfe
annahm. Nicht die politische Klassenaktion wurde im Januar durch den
Zerfall des Generalstreiks in konomische Streiks gebrochen, sondern
umgekehrt; nachdem der in der gegebenen Situation und auf der gegebenen
Stufe der Revolution mgliche Inhalt der politischen Aktion erschpft
war, zerfiel sie oder schlug vielmehr in eine konomische Aktion um.

In der Tat: was konnte der Generalstreik im Januar weiter erreichen? Nur
vllige Gedankenlosigkeit durfte eine Vernichtung des Absolutismus auf
einen Schlag durch einen einzigen ausdauernden Generalstreik nach dem
anarchistischen Schema erwarten. Der Absolutismus mu in Ruland durch
das Proletariat gestrzt werden. Aber das Proletariat bedarf dazu eines
hohen Grades der politischen Schulung, des Klassenbewutseins und der
Organisation. Alle diese Bedingungen vermag es sich nicht aus
Broschren und Flugblttern, sondern blo aus der lebendigen
politischen Schule, aus dem Kampf und in dem Kampf, in dem
fortschreitenden Verlauf der Revolution aneignen. Ferner kann der
Absolutismus nicht in jedem beliebigen Moment, wozu blo eine gengende
Anstrengung und Ausdauer erforderlich, gestrzt werden. Der
Untergang des Absolutismus ist blo ein uerer Ausdruck der inneren
sozialen und Klassenentwicklung der russischen Gesellschaft. Bevor und
damit der Absolutismus gestrzt werden kann, mu das knftige
brgerliche Ruland in seinem Innern, in seiner modernen
Klassenscheidung hergestellt, geformt werden. Dazu gehrt die
Auseinandergrenzung der verschiedenen sozialen Schichten und Interessen,
die Bildung auer der proletarischen, revolutionren, auch nicht minder
der liberalen, radikalen, kleinbrgerlichen, konservativen und
reaktionren Parteien, dazu gehrt die Selbstbesinnung, Selbsterkenntnis
und das Klassenbewutsein nicht blo der Volksschichten, sondern auch
der brgerlichen Schichten. Aber auch diese vermgen sich nicht anders
als im Kampf, im Proze der Revolution selbst, durch die lebendige
Schule der Ereignisse, im Zusammenprall mit dem Proletariat, sowie
gegeneinander, in unaufhrlicher gegenseitiger Reibung bilden und zur
Reife gedeihen. Diese Klassenspaltung und Klassenreife der brgerlichen
Gesellschaft sowie ihre Aktion im Kampfe gegen den Absolutismus wird
durch die eigenartige fhrende Rolle des Proletariats und seine
Klassenaktion einerseits unterbunden und erschwert, anderseits
angepeitscht und beschleunigt. Die verschiedenen Unterstrme des
sozialen Prozesses der Revolution durchkreuzen einander, hemmen
einander, steigern die inneren Widersprche der Revolution, im Resultat
beschleunigen und potenzieren aber damit nur ihre gewaltigen Ausbrche.

So erfordert das anscheinend so einfache und nackte rein mechanische
Problem: der Sturz des Absolutismus einen ganzen langen sozialen Proze,
eine gnzliche Unterwhlung des gesellschaftlichen Bodens, das Unterste
mu nach oben, das Oberste nach unten gekehrt, die scheinbare Ordnung
in einen Chaos und aus dem scheinbaren anarchistischen Chaos eine neue
Ordnung umgeschaffen werden. Und nun in diesem Proze der sozialen
Umschachtelung des alten Ruland spielte nicht nur der Januar-Blitz des
ersten Generalstreiks, sondern noch mehr das darauffolgende groe
Frhlings- und Sommergewitter der konomischen Streiks eine
unersetzliche Rolle. Die erbitterte allgemeine Auseinandersetzung der
Lohnarbeit mit dem Kapital hat im gleichen Mae zur Auseinandergrenzung
der verschiedenen Volksschichten wie der brgerlichen Schichten, zum
Klassenbewutsein des revolutionren Proletariats wie auch der liberalen
und konservativen Bourgeoisie beigetragen. Und wie die stdtischen
Lohnkmpfe zur Bildung der starken monarchischen Moskauer
Industriellen-Partei beigetragen haben, so hat der rote Hahn der
gewaltigen Landerhebung in Livland zur raschen Liquidation des berhmten
adelig-agrarischen Semstwo-Liberalismus gefhrt.

Zugleich aber hat die Periode der konomischen Kmpfe im Frhling und
Sommer des Jahres 1905 dem stdtischen Proletariat in der Gestalt der
regen sozialdemokratischen Agitation und Leitung die Mglichkeit
gegeben, die ganze Summe der Lehren des Januar-Prologs sich nachtrglich
anzueignen, sich die weiteren Aufgaben der Revolution klar zu machen. Im
Zusammenhang damit steht aber noch ein anderes Ergebnis dauernden
sozialen Charakters: _eine allgemeine Hebung des Lebensniveaus des
Proletariats_, des wirtschaftlichen, sozialen und intellektuellen. Die
Frhlingsstreiks des Jahres 1905 sind fast durchweg siegreich verlaufen.
Als eine Probe aus dem enormen und noch meistens unbersehbaren
Tatsachenmaterial seien hier nur einige Daten ber ein paar der allein
in Warschau von der Sozialdemokratie Polens und Litauens geleiteten
wichtigsten Streiks angefhrt. In den grten Fabriken der
_Metallbranche_ Warschaus: Aktiengesellschaft Lilpop, Rau & Lwenstein,
Rudzki & Co., Bormann, Schwede & Co., Handtke, Gerlach & Pulst, Gebrder
Geisler, Eberhard, Wolski & Co., Aktiengesellschaft Konrad &
Jarmuszkiewicz, Weber & Daehn, Gwizdzinski & Co., Drahtfabrik
Wolanowski, Aktiengesellschaft Gostynski & Co., R. Brun & Sohn, Fraget,
Norblin, Werner, Buch, Gebrder Renneberg, Labor, Lampenfabrik Dittmar,
Serkowski, Weszyski, zusammen 22 Fabriken errangen die Arbeiter smtlich
nach einem vier- bis fnfwchigen Streik (seit dem 25. und 26. Januar)
den neunstndigen Arbeitstag, eine Lohnerhhung von 15 bis 25 pZt. und
verschiedene geringere Forderungen. In den grten Werksttten der
_Holzbranche_ Warschaus, nmlich bei Karmanski, Damiecki, Gromel,
Szerbinski, Tremerowski, Horn, Bevensee, Tworkowski, Daab & Martens,
zusammen 10 Werksttten, errangen die Streikenden bereits am 23. Februar
den Neunstundentag; sie gaben sich jedoch nicht zufrieden und bestanden
auf dem Achtstundentag, den sie auch nach einer weiteren Woche
durchsetzten, zugleich mit einer Lohnerhhung. Die gesamte
_Maurerbranche_ begann den Streik am 27. Februar, forderte gem der
Parole der Sozialdemokratie den Achtstundentag und errang am 11. Mrz
den Neunstundentag, eine Lohnerhhung fr alle Kategorien, regelmige
wchentliche Lohnauszahlung usw. usw. Die _Anstreicher_, _Stellmacher_,
_Sattler_ und _Schmiede_ errangen gemeinsam den Achtstundentag ohne
Lohnverkrzung. Die _Telephon_-Werksttten streikten zehn Tage und
errangen den Achtstundentag und eine Lohnerhhung um 10 bis 15 pZt. Die
groe _Leinenweberei_ Hielle & Dietrich (10000 Arbeiter) errang nach
neun Wochen Streik eine Verkrzung der Arbeitszeit um eine Stunde und
Lohnaufbesserung um 5 bis 10 pZt. Und dasselbe Ergebnis in unendlichen
Variationen sehen wir in allen brigen Branchen Warschaus, in Lodz, in
Sosnowitz.

Im eigentlichen Ruland wurde der _Achtstundentag_ erobert: im September
1904 von einigen Kategorien der Naphthaarbeiter in Baku, im Mai 1905 von
den Zuckerarbeitern des Kijewer Rayons, im Januar 1905 in smtlichen
Buchdruckereien der Stadt Samara (wo zugleich eine Erhhung der
Akkordlhne und Abschaffung der Strafen durchgesetzt wurde), im Februar
in der Fabrik kriegsmedizinischer Instrumente, in einer Mbeltischlerei
und in der Patronenfabrik in Petersburg, ferner wurde eine achtstndige
Schicht in den Gruben von Wladiwostok eingefhrt, im Mrz in der
staatlichen mechanischen Werkstatt der Staatspapiere, im April bei den
Schmieden der Stadt Bobrujsk, im Mai bei den Angestellten der
elektrischen Stadtbahn in Tiflis, gleichfalls im Mai der
achteinhalbstndige Arbeitstag in der Riesenbaumwollweberei von Morosow
(bei gleichzeitiger Abschaffung der Nachtarbeit und Erhhung der Lhne
um 8 pZt.), im Juni der Achtstundentag in einigen lmhlen in Petersburg
und Moskau, im Juli achteinhalb Stunden bei den Schmieden des
Petersburger Hafens, im November in smtlichen Privatdruckereien der
Stadt Orel (bei gleichzeitiger Erhhung des Zeitlohnes um 20 pZt. und
der Akkordlhne um 100 pZt., sowie der Einfhrung eines parittischen
Einigungsamtes).

Der _Neunstundentag_ in smtlichen Eisenbahnwerksttten (im Februar), in
vielen staatlichen Militr- und Marinewerksttten, in den meisten
Fabriken der Stadt Berdjansk, in smtlichen Druckereien der Stadt
Poltawa sowie der Stadt Minsk; neuneinhalb Stunden auf der Schiffswerft,
Mechanischen Werkstatt und Gieerei der Stadt Nikolajew, im Juni nach
einem allgemeinen Kellnerstreik in Warschau in vielen Restaurants und
Cafs (bei gleichzeitiger Lohnerhhung um 20 bis 40 pZt. und einem
zweiwchentlichen Urlaub jhrlich).

Der _Zehnstundentag_ in fast smtlichen Fabriken der Stdte Lodz,
Gosnowitz, Riga, Kowno, Reval, Dorpat, Minsk, Charkow, bei den Bckern
in Odessa, in den Handwerksttten in Kischinew, in einigen Hutfabriken
in Petersburg, in den Zndholzfabriken in Kowno (bei gleichzeitiger
Lohnerhhung um 10 pZt.), in smtlichen staatlichen Marinewerksttten
und bei smtlichen Hafenarbeitern.

Die Lohnerhhungen sind im allgemeinen geringer als die Verkrzung der
Arbeitszeit, immerhin aber bedeutende; so wurde in Warschau Mitte Mrz
1905 von dem stdtischen Fabrikamt eine allgemeine Lohnerhhung um 15
pZt. festgestellt; in dem Zentrum der Textilindustrie Iwanowo-Wosnesensk
erreichten die Lohnerhhungen 7 bis 15 pZt.; in Kowno wurden von der
Lohnerhhung 78 pZt. der gesamten Arbeiterzahl betroffen. Ein fester
_Minimallohn_ wurde eingefhrt: in einem Teile der Bckereien in Odessa,
in der Newaschen Schiffswerft in Petersburg usw.

Freilich werden die Konzessionen vielfach bald hier bald dort wieder
zurckgenommen. Dies gibt aber nur den Anla zu erneuten, noch
erbitterteren Revanchekmpfen, und so ist die Streikperiode des
Frhlings 1905 von selbst zum Prolog einer unendlichen Reihe sich immer
weiter ausbreitender und ineinanderschlingender konomischer Kmpfe
geworden, die bis auf den heutigen Tag dauern. In den Perioden des
uerlichen Stillstandes der Revolution, wo die Telegramme keine
Sensationsnachrichten vom russischen Kampfplatz in die Welt tragen und
wo der westeuropische Leser mit Enttuschung seine Morgenzeitung aus
der Hand legt, mit der Bemerkung, da in Ruland nichts passiert sei,
wird in Wirklichkeit in der Tiefe des ganzen Reiches die groe
Maulwurfsarbeit der Revolution ohne Rast Tag fr Tag und Stunde fr
Stunde fortgesetzt. Der unaufhrliche intensive konomische Kampf setzt
in rapiden abgekrzten Methoden die Hinberleitung des Kapitalismus aus
dem Stadium der primitiven Akkumulation, des patriarchalischen Raubbaus
in ein hochmodernes, zivilisiertes Stadium durch. Heute lt die
tatschliche Arbeitszeit in der russischen Industrie nicht nur die
russische Fabrikgesetzgebung, d.h. den gesetzlichen elfeinhalbstndigen
Arbeitstag, sondern selbst die deutschen tatschlichen Verhltnisse
hinter sich. In den meisten Branchen der russischen Groindustrie
herrscht heute der Zehnstundentag, der in Deutschland von der
Sozialgesetzgebung als unerreichbares Ziel hingestellt wird. Ja, noch
mehr; jener ersehnte industrielle Konstitutionalismus, fr den man in
Deutschland schwrmt und um deswillen die Anhnger der opportunistischen
Taktik jedes schrfere Lftchen von den stehenden Gewssern des
allein-seligmachenden Parlamentarismus fernhalten mchten, wird in
Ruland gerade mitten im Revolutionssturm, _aus_ der Revolution,
zusammen mit dem politischen Konstitutionalismus geboren! Tatschlich
ist nicht blo eine allgemeine Hebung des Lebensniveaus oder vielmehr
des Kulturniveaus der Arbeiterschaft eingetreten. Das materielle
Lebensniveau als eine dauernde Stufe des Wohlseins findet in der
Revolution keinen Platz. Voller Widersprche und Kontraste, bringt sie
zugleich berraschende konomische Siege und brutalste Racheakte des
Kapitals: heute den Achtstundentag, morgen Massenaussperrungen und
nackten Hunger fr Hunderttausende. Das Kostbarste, weil bleibende, bei
diesem scharfen revolutionren Auf und Ab der Welle ist ihr _geistiger
Niederschlag_: das sprungweise intellektuelle, kulturelle Wachstum des
Proletariats, das eine unverbrchliche Gewhr fr sein weiteres
unaufhaltsames Fortschreiten im wirtschaftlichen wie im politischen
Kampfe bietet. Allein, nicht blo das. Das Verhltnis selbst
des Arbeiters zum Unternehmer wird umgestlpt; seit den
Januar-Generalstreiks und den darauffolgenden Streiks des Jahres 1905
ist das Prinzip des kapitalistischen Hausherrentums #de facto#
abgeschafft. In den grten Fabriken aller wichtigsten Industriezentren
hat sich wie von selbst die Einrichtung der Arbeiterausschsse gebildet,
mit denen allein der Unternehmer verhandelt, die ber alle Konflikte
entscheiden. Und schlielich noch mehr: Die anscheinend chaotischen
Streiks und die desorganisierte revolutionre Aktion nach dem
Januar-Generalstreik wird zum Ausgangspunkt einer fieberhaften
_Organisationsarbeit_. Madame Geschichte dreht den bureaukratischen
Schablonenmenschen, die an den Toren des deutschen Gewerkschaftsglcks
grimmige Wacht halten, von weitem lachend eine Nase. Die festen
Organisationen, die als unbedingte Voraussetzung fr einen eventuellen
Versuch zu einem eventuellen deutschen Massenstreik im voraus wie eine
uneinnehmbare Festung umschanzt werden sollen, diese Organisationen
werden in Ruland gerade umgekehrt aus dem Massenstreik geboren! Und
whrend die Hter der deutschen Gewerkschaften am meisten befrchten,
da die Organisationen in einem revolutionren Wirbel wie kostbares
Porzellan krachend in Stcke gehen, zeigt uns die russische Revolution
das direkt umgekehrte Bild: aus dem Wirbel und Sturm, aus Feuer und Glut
der Massenstreiks, der Straenkmpfe steigen empor wie die Venus aus dem
Meerschaum: frische, junge, krftige und lebensfrohe .....
Gewerkschaften.

Hier nur wieder ein kleines Beispiel, das aber fr das gesamte Reich
typisch ist. Auf der zweiten Konferenz der Gewerkschaften Rulands, die
Ende Februar 1906 in Petersburg stattgefunden hat, sagte der Vertreter
der Petersburger Gewerkschaften in seinem Bericht ber die Entwicklung
der Gewerkschaftsorganisationen der Zarenhauptstadt:

Der 22. Januar 1905, der den Gaponschen Verein weggesplt hat, bildete
einen Wendepunkt. Die Arbeiter aus der Masse haben an der Hand der
Ereignisse gelernt, die Bedeutung der Organisation zu schtzen und
begriffen, da nur sie selbst diese Organisationen schaffen knnen. --
In direkter Verbindung mit der Januarbewegung entsteht in Petersburg die
erste Gewerkschaft: die der Buchdrucker. Die zur Ausarbeitung des Tarifs
gewhlte Kommission arbeitete die Statuten aus, und am 19. Juni begann
die Gewerkschaft ihre Existenz. Ungefhr um dieselbe Zeit wurde die
Gewerkschaft der Kontoristen und der Buchhalter ins Leben gerufen. Neben
diesen Organisationen, die fast offen (legal) existieren, entstanden vom
Januar bis Oktober 1905 halbgesetzliche und ungesetzliche
Gewerkschaften. Zu den ersteren gehrt z.B. die der Apothekergehlfen
und der Handelsangestellten. Unter den ungesetzlichen Gewerkschaften mu
der Verein der Uhrmacher hervorgehoben werden, dessen erste geheime
Sitzung am 24. April stattfand. Alle Versuche, eine allgemeine offene
Versammlung einzuberufen, scheiterten an dem hartnckigen Widerstand der
Polizei und der Unternehmer in der Person der Handwerkskammer. Dieser
Mierfolg hat die Existenz der Gewerkschaft nicht verhindert. Sie hielt
geheime Mitgliederversammlungen am 9. Juni und 14. August ab, abgesehen
von den Sitzungen der Vorstnde der Gewerkschaft. Die Schneider-und
Schneiderinnengewerkschaft wurde im Frhling des Jahres 1905 in einer
Versammlung im Walde gegrndet, wo 70 Schneider anwesend waren. Nachdem
die Frage der Grndung besprochen wurde, whlte man eine Kommission, die
mit der Ausarbeitung des Statuts beauftragt wurde. Alle Versuche der
Kommission, fr die Gewerkschaft eine gesetzliche Existenz
durchzusetzen, blieben erfolglos. Ihre Ttigkeit beschrnkt sich auf die
Agitation und Mitgliederwerbung in den einzelnen Werksttten. Ein
hnliches Schicksal war der Schuhmachergewerkschaft beschieden. Im Juli
wurde Nachts in einem Walde auerhalb der Stadt eine geheime Versammlung
einberufen. Mehr als 100 Schuhmacher kamen zusammen; es wurde ein
Referat ber die Bedeutung der Gewerkschaften, ber ihre Geschichte in
Westeuropa und ihre Aufgaben in Ruland gehalten. Darauf ward
beschlossen, eine Gewerkschaft zu grnden; 12 Mann wurden in eine
Kommission gewhlt, die das Statut ausarbeiten und eine allgemeine
Schuhmacherversammlung einberufen sollte. Das Statut wurde
ausgearbeitet, aber es gelang vorlufig weder es zu drucken, noch eine
allgemeine Versammlung einzuberufen.

Das waren die ersten schweren Anfnge. Dann kamen die Oktobertage, der
zweite allgemeine Generalstreik, das Zarenmanifest des 30. Oktober und
die kurze Verfassungsperiode. Mit Feuereifer strzen sich die Arbeiter
in die Wogen der politischen Freiheit, um sie sofort zum
Organisationswerk zu benutzen. Neben tagtglichen politischen
Versammlungen, Debatten, Vereinsgrndungen wird sofort der Ausbau der
Gewerkschaften in Angriff genommen. Im Oktober und November entstehen in
Petersburg _vierzig_ neue Gewerkschaften. Alsbald wird ein
Zentralbureau, d.h. ein Gewerkschaftskartell gegrndet, es erscheinen
verschiedene Gewerkschaftsbltter und seit dem November auch ein
Zentralorgan: Die Gewerkschaft. Das, was im obigen ber Petersburg
berichtet wurde, trifft im groen und ganzen auf Moskau und Odessa,
Kijew und Nikolajew, Saratow und Woronesch, Samara und Nischni-Nowgorod,
auf alle greren Stdte Rulands und in noch hherem Grade auf Polen
zu. Die Gewerkschaften einzelner Stdte suchen Fhlung miteinander, es
werden Konferenzen abgehalten. Das Ende der Verfassungsperiode und die
Umkehr zur Reaktion im Dezember 1905 macht zeitweilig auch ein Ende der
offenen, breiten Ttigkeit der Gewerkschaften, blst ihnen aber das
Lebenslicht nicht aus. Sie wirken weiter im geheimen als Organisation
und fhren gleichzeitig ganz offen Lohnkmpfe. Es bildet sich ein
eigenartiges Gemisch eines gesetzlichen und ungesetzlichen Zustandes des
Gewerkschaftslebens aus, entsprechend der widerspruchsvollen
revolutionren Situation. Aber mitten im Kampf wird das
Organisationswerk mit aller Grndlichkeit, ja mit Pedanterie weiter
ausgebaut. Die Gewerkschaften der Sozialdemokratie Polens und Litauens
z.B., die auf dem letzten Parteitag (im Juli 1906) durch fnf
Delegierte von 10000 zahlenden Mitgliedern vertreten waren, sind mit
ordentlichen Statuten, gedruckten Mitgliedsbchlein, Klebemarken usw.
versehen. Und dieselben Warschauer und Lodzer Bcker und Schuhmacher,
Metallarbeiter und Buchdrucker, die im Juni 1905 auf den Barrikaden
standen und im Dezember nur auf eine Parole aus Petersburg
zum Straenkampf warteten, finden zwischen einem Massenstreik
und dem anderen, zwischen Gefngnis und Aussperrung, unter
dem Belagerungszustand Mue und heiligen Ernst, um ihre
Gewerkschaftsstatuten eingehend und aufmerksam zu diskutieren. Ja, diese
gestrigen und morgigen Barrikadenkmpfer haben mehr als einmal in
Versammlungen ihren Leitern unbarmherzig den Kopf gewaschen und mit dem
Austritt aus der Partei gedroht, weil die unglcklichen
gewerkschaftlichen Mitgliedsbchlein nicht rasch genug -- in geheimen
Druckereien unter unaufhrlicher polizeilicher Hetzjagd -- gedruckt
werden konnten. Dieser Eifer und dieser Ernst dauern bis zur Stunde
fort. In den ersten zwei Wochen des Juli 1906 sind z.B. in
Jekaterinoslaw 15 neue Gewerkschaften entstanden: in Kostroma 6
Gewerkschaften, mehrere in Kijew, Poltawa, Smolensk, Tscherkassy,
Proskurow -- bis in die kleinsten Provinznester. In der Sitzung des
Moskauer Gewerkschaftskartells vom 4. Juni d.J. wurde nach
Entgegennahme der Berichte einzelner Gewerkschaftsdelegierten
beschlossen: Da die Gewerkschaften ihre Mitglieder disziplinieren und
von Straenkrawallen zurckhalten sollen, weil der Moment fr den
Massenstreik als ungeeignet betrachtet wird. Angesichts mglicher
Provokationen der Regierung sollen sie achtgeben, da die Masse nicht
auf die Strae hinausstrmt. Endlich beschlo das Kartell, da in der
Zeit, wo eine Gewerkschaft einen Streik fhrt, die anderen sich von
Lohnbewegungen zurckzuhalten haben. Die meisten konomischen Kmpfe
werden jetzt von den Gewerkschaften geleitet.[2]

[Funote 2: In den zwei ersten Wochen des Juni 1906 allein wurden
folgende Lohnkmpfe gefhrt: bei den Buchdruckern in _Petersburg_,
_Moskau_, _Odessa_, _Minsk_, _Wilna_, _Saratow_, _Mogilew_, _Tambow_ um
den Achtstundentag und die Sonntagsruhe; ein Generalstreik der Seeleute
in _Odessa_, _Nikolajew_, _Kertsch_, _Krim_, _Kaukasus_, auf der
_Wolga_-Flotte, in _Kronstadt_, in _Warschau_ und _Plock_ um die
Anerkennung der Gewerkschaft und Freilassung der verhafteten
Arbeiterdelegierten; bei den Hafenarbeitern in _Saratow_, _Nikolajew_,
_Zarizin_, _Archangel_, _Nischni-Nowgorod_, _Rybinsk_. Die Bcker
streikten in _Kijew_, _Archangel_, _Bialystock_, _Wilna_, _Odessa_,
_Charkow_, _Brest-Litowsk_, _Radom_, _Tiflis_; die Landarbeiter in den
Distrikten Werchne-Dneprowsk, Borisowsk, Simferopol, in den
Gouvernements Podolsk, Tula, Kursk, in den Distrikten Koslow, Lipowetz,
in Finnland, im Gouvernement Kijew, im Jelissawetgrader Distrikt. In
mehreren Stdten streikten in dieser Periode _gleichzeitig fast
smtliche Gewerbezweige_, so in Saratow, Archangel, Kertsch,
Krementschug. In _Bachmut_ gab es einen Generalstreik der Kohlenarbeiter
des ganzen Reviers. In anderen Stdten ergriff die Lohnbewegung binnen
der erwhnten zwei Wochen _nacheinander alle_ Gewerbezweige, so in
Kijew, Petersburg, Warschau, Moskau, im ganzen Rayon Ivanowo-Wosnesensk.
Zweck der Streiks berall: Verkrzung der Arbeitszeit, Sonntagsruhe,
Lohnforderungen. _Die meisten Streiks verliefen siegreich._ Es wird in
den lokalen Berichten hervorgehoben, dass sie zum Teil Arbeiterschichten
ergriffen, die sich zum ersten Male an einer Lohnbewegung beteiligten.]

So hat der vom Januar-Generalstreik ausgehende groe konomische Kampf,
der von da an bis auf den heutigen Tag nicht aufhrt, einen breiten
Hintergrund der Revolution gebildet, aus dem sich in unaufhrlicher
Wechselwirkung mit der politischen Agitation und den ueren Ereignissen
der Revolution immer wieder bald hier und da einzelne Explosionen, bald
allgemeine, groe Hauptaktionen des Proletariats erheben. So flammen auf
diesem Hintergrund nacheinander auf: am 1. Mai 1905 zur Maifeier ein
beispielloser absoluter Generalstreik in _Warschau_ mit einer vllig
friedlichen Massendemonstration, die in einem blutigen Renkontre der
wehrlosen Menge mit den Soldaten endet. Im Juni fhrt in _Lodz_ ein
Massenausflug, der von Soldaten zerstreut wird, zu einer Demonstration
von 100000 Arbeitern auf dem Begrbnis einiger Opfer der Soldateska, zu
erneutem Renkontre mit dem Militr und schlielich zum Generalstreik,
der am 23., 24. und 25. in den ersten Barrikadenkampf im Zarenreiche
bergeht. Im Juni gleichfalls explodiert im Odessaer Hafen aus einem
kleinen Zwischenfall an Bord des Panzerschiffes Potemkin die erste
groe Matrosenrevolte der Schwarzmeerflotte, die sofort als Rckwirkung
in _Odessa_ und _Nikolajew_ einen gewaltigen Massenstreik hervorruft.
Als weiteres Echo folgen: der Massenstreik und Matrosenrevolten in
_Kronstadt_, _Libau_, _Wladiwostok_.

In den Monat Oktober fllt das grandiose Experiment Petersburgs mit der
Einfhrung des Achtstundentags. Der Rat der Arbeiterdelegierten
beschliet, in Petersburg auf revolutionrem Wege den Achtstundentag
durchzusetzen. Das heit: an einem bestimmten Tage erklren smtliche
Arbeiter Petersburgs ihren Unternehmern, da sie nicht gewillt sind,
lnger als acht Stunden tglich zu arbeiten und verlassen zur
entsprechenden Stunde die Arbeitsrume. Die Idee gibt Anla zu einer
lebhaften Agitation, wird vom Proletariat mit Begeisterung aufgenommen
und ausgefhrt, wobei die grten Opfer nicht gescheut werden. So
bedeutete zum Beispiel der Achtstundentag fr die Textilarbeiter, die
bis dahin elf Stunden und zwar bei Akkordlhnen arbeiteten, einen
enormen Lohnausfall, den sie jedoch bereitwillig akzeptierten. _Binnen
einer Woche herrscht in smtlichen Fabriken und Werksttten Petersburgs
der Achtstundentag_, und der Jubel der Arbeiterschaft kennt keine
Grenzen. Bald rstet jedoch das anfangs verblffte Unternehmertum zur
Abwehr: es wird berall mit der Schlieung der Fabriken gedroht. Ein
Teil der Arbeiter lt sich auf Verhandlungen ein und erringt hier den
Zehn-, dort den Neunstundentag. Die Elite des Petersburger Proletariats
jedoch, die Arbeiter der groen staatlichen Metallwerke bleiben
unerschttert und es erfolgt eine Aussperrung, die 45 bis 50000 Mann
fr einen Monat aufs Pflaster setzt. Durch diesen Abschlu spielt die
Achtstundenbewegung in den allgemeinen Massenstreik des Dezember hinein,
den die groe Aussperrung in hohem Mae unterbunden hat.

Inzwischen folgt aber im Oktober als Antwort auf das Bulyginsche
Duma-Projekt der zweite gewaltigste allgemeine Massenstreik im gesamten
Zarenreich, zu dem die Eisenbahner die Parole ausgeben. Diese zweite
revolutionre Hauptaktion des Proletariats trgt schon einen wesentlich
anderen Charakter, als die erste im Januar. Das Element des politischen
Bewutseins spielt schon eine viel grere Rolle. Freilich war auch hier
der erste Anla zum Ausbruch des Massenstreiks ein untergeordneter und
scheinbar zuflliger: der Konflikt der Eisenbahner mit der Verwaltung
wegen der Pensionskasse. Allein die darauf erfolgte allgemeine Erhebung
des Industrieproletariats wird vom klaren politischen Gedanken getragen.
Der Prolog des Januarstreiks war ein Bittgang zum Zaren um politische
Freiheit, die Losung des Oktoberstreiks lautete: Fort mit der
konstitutionellen Komdie des Zarismus! Und Dank dem sofortigen Erfolg
des Generalstreiks: dem Zarenmanifest vom 30. Oktober, fliet die
Bewegung nicht nach innen zurck, wie im Januar, um erst die Anfnge des
konomischen Klassenkampfes nachzuholen, sondern giet sich nach auen
in eine eifrige Bettigung der frisch eroberten politischen Freiheit
ber. Demonstrationen, Versammlungen, eine junge Presse, ffentliche
Diskussionen und blutige Massacres als das Ende vom Liede, darauf neue
Massenstreiks und Demonstration -- das ist das strmische Bild der
November- und Dezembertage. Im November wird auf den Appell der
Sozialdemokratie hin in Petersburg der erste demonstrative Massenstreik
veranstaltet als Protestkundgebung gegen die Bluttaten und die
Verhngung des Belagerungszustandes in Livland und Polen. Die Grung
nach dem kurzen Verfassungstraum und dem grausamen Erwachen fhrt
endlich im Dezember zum Ausbruch des dritten allgemeinen Massenstreiks
im ganzen Zarenreich. Diesmal ist der Verlauf und der Ausgang wieder ein
ganz anderer, wie in den beiden frheren Fllen. Die politische Aktion
schlgt nicht mehr in eine konomische um, wie im Januar, sie erringt
aber auch nicht mehr einen raschen Sieg, wie im Oktober. Die Versuche
der zarischen Kamarilla mit der wirklichen politischen Freiheit werden
nicht mehr gemacht und die revolutionre Aktion stt somit zum ersten
Male in ihrer ganzen Breite auf die starre Mauer der physischen Gewalt
des Absolutismus. Durch die logische innere Entwicklung der
fortschreitenden Ereignisse schlgt der Massenstreik diesmal um in einen
offenen Aufstand, einen bewaffneten Barrikaden- und Straenkampf in
Moskau. Die Moskauer Dezembertage schlieen als der Hhepunkt der
aufsteigenden Linie der politischen Aktion und der Massenstreikbewegung
das erste arbeitsreiche Jahr der Revolution ab.

Die Moskauer Ereignisse zeigen zugleich im kleinen Probebild die
logische Entwicklung und die Zukunft der revolutionren Bewegung im
ganzen: ihren unvermeidlichen Abschlu in einem allgemeinen offenen
Aufstand, der aber seinerseits wieder nicht anders zu stande kommen
kann, als durch die Schule einer Reihe vorbereitender partieller
Aufstnde, die eben deshalb vorlufig mit partiellen ueren
Niederlagen abschlieen und, jeder einzeln betrachtet, als verfrht
erscheinen mgen.

Das Jahr 1906 bringt die Duma-Wahlen und die Duma-Episode. Das
Proletariat boykottiert aus krftigem revolutionren Instinkt und klarer
Erkenntnis der Lage die ganze zarisch-konstitutionelle Fare, und den
Vordergrund der politischen Bhne nimmt fr einige Monate wieder der
Liberalismus ein. Die Situation des Jahres 1904 kehrt anscheinend
wieder: eine Periode des Redens tritt an Stelle des Handelns, und das
Proletariat tritt fr eine Zeitlang in den Schatten, um sich desto
fleiiger dem gewerkschaftlichen Kampf und dem Organisationswerk zu
widmen. Die Massenstreiks verstummen, whrend knatternde Raketen der
liberalen Rethorik Tag fr Tag abgefeuert werden. Schlielich rasselt
der eiserne Vorhang pltzlich herunter, die Schauspieler werden
auseinander gejagt, von den liberalen Raketen bleibt nur Rauch und Dunst
brig. Ein Versuch des Zentralkomitees der russischen Sozialdemokratie,
als Demonstration fr die Duma und fr die Wiedererffnung der Periode
des liberalen Redens einen vierten Massenstreik in ganz Ruland
hervorzurufen, fllt platt zu Boden. Die Rolle der politischen
Massenstreiks allein ist erschpft, der bergang des Massenstreiks in
einen allgemeinen Volksaufstand und Straenkampf aber noch nicht
herangereift. Die liberale Episode ist vorbei, die proletarische hat
noch nicht wieder begonnen. Die Bhne bleibt vorlufig leer.




IV.


Wir haben im vorigen in wenigen knappen Zgen die Geschichte der
Massenstreiks in Ruland zu skizzieren gesucht. Schon ein flchtiger
Blick auf diese Geschichte zeigt uns ein Bild, das in keinem Strich
demjenigen hnelt, welches man sich bei der Diskussion in Deutschland
gewhnlich vom Massenstreik macht. Statt des starren und hohlen Schemas
einer auf Beschlu der hchsten Instanzen mit Plan und Umsicht
ausgefhrten trocknen politischen Aktion, sehen wir ein Stck
lebendiges Leben aus Fleisch und Blut, das sich gar nicht aus dem groen
Rahmen der Revolution herausschneiden lt, das durch tausend Adern mit
dem ganzen Drum und Dran der Revolution verbunden ist.

Der Massenstreik, wie ihn uns die russische Revolution zeigt, ist eine
so wandelbare Erscheinung, da er alle Phasen des politischen und
konomischen Kampfes, alle Stadien und Momente der Revolution in sich
spiegelt. Seine Anwendbarkeit, seine Wirkungskraft, seine
Entstehungsmomente ndern sich fortwhrend. Er erffnet pltzlich neue,
weite Perspektiven der Revolution, wo sie bereits in einen Engpa
geraten schien, und er versagt, wo man auf ihn mit voller Sicherheit
glaubt rechnen zu knnen. Er flutet bald wie eine breite Meereswoge ber
das ganze Reich, bald zerteilt er sich in ein Riesennetz dnner Strme;
bald sprudelt er aus dem Untergrunde wie ein frischer Quell, bald
versickert er ganz im Boden. Politische und konomische Streiks,
Massenstreiks und partielle Streiks, Demonstrationsstreiks und
Kampfstreiks, Generalstreiks einzelner Branchen und Generalstreiks
einzelner Stdte, ruhige Lohnkmpfe und Straenschlachten,
Barrikadenkmpfe -- alles das luft durcheinander, nebeneinander,
durchkreuzt sich, flutet ineinander ber; es ist ein ewig bewegliches,
wechselndes Meer von Erscheinungen. Und das Bewegungsgesetz dieser
Erscheinungen wird klar: Es liegt nicht in dem Massenstreik selbst,
nicht in seinen technischen Besonderheiten, sondern in dem politischen
und sozialen Krfteverhltnis der Revolution. Der Massenstreik ist blo
die Form des revolutionren Kampfes und jede Verschiebung im Verhltnis
der streitenden Krfte, in der Parteientwicklung und der
Klassenscheidung, in der Position der Kontrerevolution, alles das
beeinflut sofort auf tausend unsichtbaren, kaum kontrollierbaren Wegen
die Streikaktion. Dabei hrt aber die Streikaktion selbst fast keinen
Augenblick auf. Sie ndert blo ihre Formen, ihre Ausdehnung, ihre
Wirkung. Sie ist der lebendige Pulsschlag der Revolution und zugleich
ihr mchtigstes Triebrad. Mit einem Wort: der Massenstreik, wie ihn uns
die russische Revolution zeigt, ist nicht ein pfiffiges Mittel,
ausgeklgelt zum Zwecke einer krftigeren Wirkung des proletarischen
Kampfes, sondern er ist _die Bewegungsweise der proletarischen Masse,
die Erscheinungsform des proletarischen Kampfes in der Revolution_.

Daraus lassen sich fr die Beurteilung des Massenstreikproblems einige
allgemeine Gesichtspunkte ableiten.

1. Es ist gnzlich verkehrt, sich den Massenstreik als einen Akt, eine
Einzelhandlung zu denken. Der Massenstreik ist vielmehr die Bezeichnung,
der Sammelbegriff einer ganzen jahrelangen, vielleicht jahrzehntelangen
Periode des Klassenkampfes. Von den unzhligen verschiedensten
Massenstreiks, die sich in Ruland seit vier Jahren abgespielt haben,
pat das Schema des Massenstreiks als eines rein politischen, nach Plan
und Absicht hervorgerufenen und abgeschlossenen, kurzen Einzelaktes
lediglich auf eine und zwar untergeordnete Spielart: auf den reinen
Demonstrationsstreik. Im ganzen Verlauf der fnfjhrigen Periode sehen
wir in Ruland blo einige wenige Demonstrationsstreiks, die sich
notabene gewhnlich nur auf einzelne Stdte beschrnken. So der
jhrliche Maifeier-Generalstreik in Warschau und in Lodz -- im
eigentlichen Ruland ist der 1. Mai bis jetzt noch nicht in
nennenswertem Umfange durch Arbeitsruhe gefeiert worden; der
Massenstreik in Warschau am 11. September 1905 als Trauerfeier zu Ehren
des hingerichteten Martin Kasprzak, im November 1905 in Petersburg als
Protestkundgebung gegen die Erklrung des Belagerungszustandes in Polen
und Livland, am 22. Januar 1906 in Warschau, Lodz, Czenstochau und dem
Dombrowaer Kohlenbecken, sowie zum Teil in einigen russischen Stdten
als Jahresfeier des Gedenktages des Petersburger Blutbades; ferner im
Juli 1906 ein Generalstreik in Tiflis als Sympathiekundgebung fr die
vom Kriegsgericht wegen der Militrrevolte abgeurteilten Soldaten,
endlich aus gleichem Anla im September d.J. whrend der Verhandlung
des Kriegsgerichts in Reval. Alle brigen groen und partiellen
Massenstreiks und Generalstreiks waren nicht Demonstrations- sondern
Kampfstreiks, und als solche entstanden sie meistens spontan, jedesmal
aus spezifischen lokalen zuflligen Anlssen, ohne Plan und Absicht und
wuchsen sich mit elementarer Macht zu groen Bewegungen aus, wobei sie
nicht einen geordneten Rckzug antraten, sondern sich bald in
konomischen Kampf verwandelten, bald in Straenkampf, bald fielen sie
von selbst zusammen.

In diesem allgemeinen Bilde spielen die reinen politischen
Demonstrationsstreiks eine ganz untergeordnete Rolle -- die einzelner
kleiner Punkte mitten unter gewaltigen Flchen. Dabei lt
sich, zeitlich betrachtet, folgender Zug wahrnehmen: Die
Demonstrationsstreiks, die im Unterschied von den Kampfstreiks das
grte Ma von Parteidisziplin, bewuter Leitung und politischem
Gedanken aufweisen, also nach dem Schema als die hchste und reifste
Form der Massenstreiks erscheinen mten, spielen in Wahrheit die grte
Rolle in den _Anfngen_ der Bewegung. So war z.B. die absolute
Arbeitsruhe am 1. Mai 1905 in Warschau, als der erste Fall eines so
staunenswert durchgefhrten Beschlusses der Sozialdemokratie, fr die
proletarische Bewegung in Polen ein Ereignis von groer Tragweite.
Ebenso hat der Sympathiestreik im November des gleichen Jahres in
Petersburg als die erste Probe einer bewuten planmigen Massenaktion
in Ruland groen Eindruck gemacht. Genau so wird auch der
Probemassenstreik der Hamburger Genossen vom 17. Januar 1906 eine
hervorragende Rolle in der Geschichte der knftigen deutschen
Massenstreiks spielen, als der erste frische Versuch mit der soviel
umstrittenen Waffe und zwar als ein so wohlgelungener, von der
Kampfstimmung und Kampffreude der Hamburger Arbeiterschaft so
berzeugend sprechender Versuch. Und ebenso sicher wird die Periode der
Massenstreiks in Deutschland, wenn sie einmal im Ernst begonnen hat, von
selbst zu einer wirklichen allgemeinen Arbeitsruhe am 1. Mai fhren. Die
Maifeier drfte naturgem als die erste groe Demonstration im Zeichen
der Massenkmpfe zu Ehren kommen. In diesem Sinne hat der lahme Gaul,
wie die Maifeier auf dem Klner Gewerkschaftskongre genannt wurde, noch
eine groe Zukunft und eine wichtige Rolle im proletarischen
Klassenkampfe in Deutschland vor sich. Allein mit der Entwicklung der
ernsten revolutionren Kmpfe nimmt die Bedeutung solcher
Demonstrationen rasch ab. Gerade dieselben Momente, die das
Zustandekommen der Demonstrationsstreiks nach vorgefatem Plan und auf
die Parole der Parteien hin objektiv ermglichen: das Wachstum des
politischen Bewutseins und der Schulung des Proletariats, machen
diese Art von Massenstreiks unmglich: heute will das Proletariat
in Ruland, und zwar gerade die tchtigste Vorhut der Masse, von
Demonstrationsstreiks nichts wissen; die Arbeiter verstehen keinen Spa
mehr und wollen nunmehr blo an ernsten Kampf mit allen seinen
Konsequenzen denken. Und wenn in dem ersten groen Massenstreik im
Januar 1905 das demonstrative Element, zwar nicht in absichtlicher,
sondern mehr in instinktiver, spontaner Form, noch eine groe Rolle
spielte, so scheiterte umgekehrt der Versuch des Zentralkomitees der
russischen Sozialdemokratie, im August einen Massenstreik als Kundgebung
fr die aufgelste Duma hervorzurufen, unter anderem an der
entschiedenen Abneigung des geschulten Proletariats gegen schwchliche
Halbaktionen und bloe Demonstrationen.

2. Wenn wir aber anstatt der untergeordneten Spielart des demonstrativen
Streiks den Kampfstreik ins Auge fassen, wie er im heutigen Ruland den
eigentlichen Trger der proletarischen Aktion darstellt, so fllt weiter
ins Auge, da darin das konomische und das politische Moment unmglich
voneinander zu trennen sind. Auch hier weicht die Wirklichkeit von dem
theoretischen Schema weit ab, und die pedantische Vorstellung, in der
der reine politische Massenstreik logisch von dem gewerkschaftlichen
Generalstreik als die reifste und hchste Stufe abgeleitet, aber
zugleich klar auseinandergehalten wird, ist von der Erfahrung der
russischen Revolution grndlich widerlegt. Dies uert sich nicht blo
geschichtlich darin, da die Massenstreiks, von jenem ersten groen
Lohnkampf der Petersburger Textilarbeiter im Jahre 1896-1897 bis zu dem
letzten groen Massenstreik im Dezember 1905, ganz unmerklich aus
konomischen in politische bergehen, so da es fast unmglich ist, die
Grenze zwischen beiden zu ziehen. Auch jeder einzelne von den groen
Massenstreiks wiederholt sozusagen im kleinen die allgemeine Geschichte
der russischen Massenstreiks und beginnt mit einem rein konomischen
oder jedenfalls partiellen gewerkschaftlichen Konflikt, um die
Stufenleiter bis zur politischen Kundgebung zu durchlaufen. Das groe
Massenstreikgewitter im Sden Rulands 1902 und 1903 entstand, wie wir
gesehen, in Baku aus einem Konflikt infolge der Maregelung
Arbeitsloser, in Rostow aus Lohndifferenzen in den Eisenbahnwerksttten,
in Tiflis aus einem Kampf der Handelsangestellten um die Verkrzung der
Arbeitszeit, in Odessa aus einem Lohnkampf in einer einzelnen kleinen
Fabrik. Der Januar-Massenstreik 1905 entwickelt sich aus dem internen
Konflikt in den Putilow-Werken, der Oktoberstreik aus dem Kampf der
Eisenbahner um die Pensionskasse, der Dezemberstreik endlich aus dem
Kampf der Post- und Telegraphenangestellten um das Koalitionsrecht. Der
Fortschritt der Bewegung im ganzen uert sich nicht darin, da das
konomische Anfangsstadium ausfllt, sondern vielmehr in der Rapiditt,
womit die Stufenleiter zur politischen Kundgebung durchlaufen wird und
in der Extremitt des Punktes, bis zu dem sich der Massenstreik
voranbewegt.

Allein die Bewegung im ganzen geht nicht blo nach der Richtung vom
konomischen zum politischen Kampf, sondern auch umgekehrt. Jede von den
groen politischen Massenaktionen schlgt, nachdem sie ihren politischen
Hhepunkt erreicht hat, in einen ganzen Wust konomischer Streiks um.
Und dies bezieht sich wieder nicht blo auf jeden einzelnen von den
groen Massenstreiks, sondern auch auf die Revolution im ganzen. Mit der
Verbreitung, Klrung und Potenzierung des politischen Kampfes tritt nicht
blo der konomische Kampf nicht zurck, sondern er verbreitet sich,
organisiert sich und potenziert sich seinerseits in gleichem Schritt. Es
besteht zwischen beiden eine vllige Wechselwirkung.

Jeder neue Anlauf und neue Sieg des politischen Kampfes verwandelt sich
in einen mchtigen Ansto fr den wirtschaftlichen Kampf, indem er
zugleich seine ueren Mglichkeiten erweitert und den inneren Antrieb
der Arbeiter, ihre Lage zu bessern, ihre Kampflust erhht. Nach jeder
schumenden Welle der politischen Aktion bleibt ein befruchtender
Niederschlag zurck, aus dem sofort tausendfltige Halme des
konomischen Kampfes emporschieen. Und umgekehrt. Der unaufhrliche
konomische Kriegszustand der Arbeiter mit dem Kapital hlt die
Kampfenergie in allen politischen Pausen wach, er bildet sozusagen das
stndige frische Reservoir der proletarischen Klassenkraft, aus dem der
politische Kampf immer von neuem seine Macht hervorholt, und zugleich
fhrt das unermdliche konomische Bohren des Proletariats alle
Augenblicke bald hier, bald dort zu einzelnen scharfen Konflikten, aus
denen unversehens politische Konflikte auf groem Mastab explodieren.

Mit einem Wort: Der konomische Kampf ist das Fortleitende von einem
politischen Knotenpunkt zum andern, der politische Kampf ist die
periodische Befruchtung des Bodens fr den konomischen Kampf. Ursache
und Wirkung wechseln hier alle Augenblicke ihre Stellen, und so bilden
das konomische und das politische Moment in der Massenstreikperiode,
weit entfernt, sich reinlich zu scheiden oder gar auszuschlieen, wie es
das pedantische Schema will, vielmehr nur zwei ineinandergeschlungene
Seiten des proletarischen Klassenkampfes in Ruland. Und _ihre Einheit_
ist eben der Massenstreik. Wenn die spintisierende Theorie, um zu dem
reinen politischen Massenstreik zu gelangen, eine knstliche logische
Sektion an dem Massenstreik vornimmt, so wird bei diesem Sezieren, wie
bei jedem anderen, die Erscheinung nicht in ihrem lebendigen Wesen
erkannt, sondern blo abgettet.

3. Endlich zeigen uns die Vorgnge in Ruland, da der Massenstreik von
der Revolution unzertrennlich ist. Die Geschichte der russischen
Massenstreiks das ist die Geschichte der russischen Revolution. Wenn
freilich die Vertreter unseres deutschen Opportunismus von Revolution
hren, so denken sie sofort an Blutvergieen, Straenschlachten, an
Pulver und Blei, und der logische Schlu daraus ist: der Massenstreik
fhrt unvermeidlich zur Revolution, _ergo_ drfen wir ihn nicht machen.
In der Tat sehen wir in Ruland, da beinahe jeder Massenstreik im
letzten Schlu auf ein Renkontre mit den bewaffneten Htern der
zarischen Ordnung hinausluft; darin sind die sogenannten politischen
Streiks den greren konomischen Kmpfen ganz gleich. Allein die
Revolution ist etwas anderes und etwas mehr als Blutvergieen. Im
Unterschied von der polizeilichen Auffassung, die die Revolution
ausschlielich vom Standpunkte der Straenunruhen und Krawalle, d.h.
vom Standpunkte der Unordnung ins Auge fat, erblickt die Auffassung
des wissenschaftlichen Sozialismus in der Revolution vor allem eine
tiefgehende innere Umwlzung in den sozialen Klassenverhltnissen. Und
von diesem Standpunkt besteht zwischen Revolution und Massenstreik in
Ruland auch noch ein ganz anderer Zusammenhang als der von der
trivialen Wahrnehmung konstatierte, da der Massenstreik gewhnlich im
Blutvergieen endet.

Wir haben oben den inneren Mechanismus der russischen Massenstreiks
gesehen, der auf der unaufhrlichen Wechselwirkung des politischen und
des konomischen Kampfes beruht. Aber gerade diese Wechselwirkung ist
bedingt durch die Revolutionsperiode. Nur in der Gewitterluft der
revolutionren Periode vermag sich nmlich jeder partielle kleine
Konflikt zwischen Arbeit und Kapital zu einer allgemeinen Explosion
auszuwachsen. In Deutschland passieren jhrlich und tglich die
heftigsten, brutalsten Zusammenste zwischen Arbeitern und
Unternehmern, ohne da der Kampf die Schranken der betreffenden
einzelnen Branche oder der einzelnen Stadt, ja Fabrik berspringt.
Maregelungen organisierter Arbeiter wie in Petersburg, Arbeitslosigkeit
wie in Baku, Lohnkonflikte wie in Odessa, Kmpfe um das Koalitionsrecht
wie in Moskau sind in Deutschland auf der Tagesordnung. Kein einziger
dieser Flle schlgt jedoch in eine gemeinsame Klassenaktion um. Und
wenn sie sich selbst zu einzelnen Massenstreiks auswachsen, die
zweifellos einen politischen Anstrich haben, so entznden sie auch dann
noch kein allgemeines Gewitter. Der Generalstreik der hollndischen
Eisenbahner, der trotz wrmster Sympathien mitten in vlliger
Unbeweglichkeit des Proletariats im Lande verblutete, liefert einen
frappanten Beweis dafr.

Und umgekehrt, nur in der Revolutionsperiode, wo die sozialen Fundamente
und die Mauern der Klassengesellschaft aufgelockert und in stndiger
Verschiebung begriffen sind, vermag jede politische Klassenaktion des
Proletariats in wenigen Stunden ganze, bis dahin unberhrte Schichten
der Arbeiterschaft aus der Unbeweglichkeit zu reien, was sich sofort
naturgem in einem strmischen konomischen Kampf uert. Der pltzlich
durch den elektrischen Schlag einer politischen Aktion wachgerttelte
Arbeiter greift im nchsten Augenblick vor allem zu dem nchstliegenden:
zur Abwehr gegen sein konomisches Sklavenverhltnis; die strmische
Geste des politischen Kampfes lt ihn pltzlich mit ungeahnter
Intensitt die Schwere und den Druck seiner konomischen Ketten fhlen.
Und whrend z.B. der heftigste politische Kampf in Deutschland: der
Wahlkampf oder der parlamentarische Kampf um den Zolltarif kaum einen
vernehmbaren direkten Einflu auf den Verlauf und die Intensitt der
gleichzeitig in Deutschland gefhrten Lohnkmpfe ausbt, uert sich
jede politische Aktion des Proletariats in Ruland sofort in der
Erweiterung und Vertiefung der Flche des wirtschaftlichen Kampfes.

So schafft also die Revolution erst die sozialen Bedingungen, in denen
jenes unmittelbare Umschlagen des konomischen Kampfes in politischen
und des politischen Kampfes in konomischen ermglicht wird, das im
Massenstreik seinen Ausdruck findet. Und wenn das vulgre Schema den
Zusammenhang zwischen Massenstreik und Revolution nur in den blutigen
Straen-Renkontres erblickt, mit denen die Massenstreiks abschlieen, so
zeigt uns ein etwas tieferer Blick in die russischen Vorgnge einen ganz
_umgekehrten_ Zusammenhang: in Wirklichkeit produziert nicht der
Massenstreik die Revolution, sondern die Revolution produziert den
Massenstreik.

4. Es gengt, das Bisherige zusammenzufassen, um auch ber die Frage der
bewuten Leitung und der Initiative bei dem Massenstreik Aufschlu zu
bekommen. Wenn der Massenstreik nicht einen einzelnen Akt, sondern eine
ganze Periode des Klassenkampfes bedeutet, und wenn diese Periode mit
einer Revolutionsperiode identisch ist, so ist es klar, da der
Massenstreik nicht aus freien Stcken hervorgerufen werden kann, auch
wenn der Entschlu dazu von der hchsten Instanz der strksten
sozialdemokratischen Partei ausgehen mag. Solange die Sozialdemokratie
es nicht in ihrer Hand hat, nach eigenem Ermessen Revolutionen zu
inszenieren und abzusagen, gengt auch nicht die grte Begeisterung und
Ungeduld der sozialdemokratischen Truppen dazu, eine wirkliche Periode
der Massenstreiks als eine lebendige mchtige Volksbewegung ins Leben zu
rufen. Auf Grund der Entschlossenheit einer Parteileitung und der
Parteidisziplin der sozialdemokratischen Arbeiterschaft kann man wohl
eine einmalige kurze Demonstration veranstalten, wie der schwedische
Massenstreik oder die jngsten sterreichischen oder auch der Hamburger
Massenstreik vom 17. Januar. Diese Demonstrationen unterscheiden sich
aber von einer wirklichen Periode revolutionrer Massenstreiks genau so,
wie sich die bekannten Flottendemonstrationen in fremden Hfen bei
gespannten diplomatischen Beziehungen von einem Seekrieg unterscheiden.
Ein aus lauter Disziplin und Begeisterung geborener Massenstreik wird im
besten Falle als eine Episode, als ein Symptom der Kampfstimmung der
Arbeiterschaft eine Rolle spielen, worauf die Verhltnisse aber in den
ruhigen Alltag zurckfallen. Freilich fallen auch whrend der Revolution
die Massenstreiks nicht ganz vom Himmel. Sie mssen so oder anders von
den Arbeitern gemacht werden. Der Entschlu und Beschlu der
Arbeiterschaft spielt auch dabei eine Rolle, und zwar kommt die
Initiative sowie die weitere Leitung natrlich dem organisierten und
aufgeklrtesten sozialdemokratischen Kern des Proletariats zu. Allein
diese Initiative und diese Leitung haben einen Spielraum meistens nur in
Anwendung auf die einzelnen Akte, einzelnen Streiks, wenn die
revolutionre Periode bereits vorhanden ist, und zwar meistens in den
Grenzen einer einzelnen Stadt. So hat z.B., wie wir gesehen, die
Sozialdemokratie mehrmals direkt die Losung zum Massenstreik in Baku, in
Warschau, in Lodz, in Petersburg mit Erfolg gegeben. Dasselbe gelingt
schon viel weniger in Anwendung auf allgemeine Bewegungen des gesamten
Proletariats. Ferner sind dabei der Initiative und der bewuten Leitung
ganz bestimmte Schranken gesteckt. Gerade whrend der Revolution ist es
fr irgend ein leitendes Organ der proletarischen Bewegung uerst
schwer, vorauszusehen und zu berechnen, welcher Anla und welche Momente
zu Explosionen fhren knnen und welche nicht. Auch hier besteht die
Initiative und Leitung nicht in dem Kommandieren aus freien Stcken,
sondern in der mglichst geschickten Anpassung an die Situation und
mglichst engen Fhlung mit den Stimmungen der Masse. Das Element des
Spontanen spielt, wie wir gesehen, in allen russischen Massenstreiks
ohne Ausnahme eine groe Rolle, sei es als treibendes oder als hemmendes
Element. Dies rhrt aber nicht daher, weil in Ruland die
Sozialdemokratie noch jung oder schwach ist, sondern daher, weil bei
jedem einzelnen Akt des Kampfes so viele unbersehbare konomische,
politische und soziale, allgemeine und lokale, materielle und psychische
Momente mitwirken, da kein einziger Akt sich wie ein Rechenexempel
bestimmen und abwickeln lt. Die Revolution ist, auch wenn in ihr das
Proletariat mit der Sozialdemokratie an der Spitze die fhrende Rolle
spielt, nicht ein Manver des Proletariats im freien Felde, sondern es
ist ein Kampf mitten im unaufhrlichen Krachen, Zerbrckeln, Verschieben
aller sozialen Fundamente. Kurz, in den Massenstreiks in Ruland spielt
das Element des Spontanen eine so vorherrschende Rolle, nicht weil das
russische Proletariat ungeschult ist, sondern weil sich Revolutionen
nicht schulmeistern lassen.

Anderseits aber sehen wir in Ruland, da dieselbe Revolution, die der
Sozialdemokratie das Kommando ber den Massenstreik so sehr erschwert
und ihr alle Augenblicke launig das Dirigentenstckchen aus der Hand
schlgt oder in die Hand drckt, da sie dafr selbst gerade alle jene
Schwierigkeiten der Massenstreiks lst, die im theoretischen Schema der
deutschen Diskussion als die Hauptsorgen der Leitung behandelt werden:
die Frage der Verproviantierung, der Kostendeckung und der Opfer.
Freilich, sie lst sie durchaus nicht in dem Sinne, wie man es bei einer
ruhigen, vertraulichen Konferenz zwischen den leitenden Oberinstanzen
der Arbeiterbewegung mit dem Bleistift in der Hand regelt. Die
Regelung all dieser Fragen besteht darin, da die Revolution eben so
enorme Volksmassen auf die Bhne bringt, da jede Berechnung und
Regelung der Kosten ihrer Bewegung, wie man die Kosten eines
Zivilprozesses im voraus aufzeichnet, als ein ganz hoffnungsloses
Unternehmen erscheint. Gewi suchen auch die leitenden Organisationen in
Ruland die direkten Opfer des Kampfes nach Krften zu untersttzen. So
wurden z.B. die tapferen Opfer der Riesenaussperrung in Petersburg
infolge der Achtstundenkampagne wochenlang untersttzt. Allein alle
diese Manahmen sind in der enormen Bilanz der Revolution ein Tropfen im
Meere. Mit dem Augenblick, wo eine wirkliche ernste Massenstreikperiode
beginnt, verwandeln sich alle Kostenberechnungen in das Vorhaben, den
Ozean mit einem Wasserglas auszuschpfen. Es ist nmlich ein Ozean
furchtbarer Entbehrungen und Leiden, durch den jede Revolution fr die
Proletariermasse erkauft wird. Und die Lsung, die eine revolutionre
Periode dieser scheinbar unberwindlichen Schwierigkeit gibt, besteht
darin, da sie zugleich eine so gewaltige Summe von Massenidealismus
auslst, bei der die Masse gegen die schrfsten Leiden unempfindlich
wird. Mit der Psychologie eines Gewerkschaftlers, der sich auf keine
Arbeitsruhe bei der Maifeier einlt, bevor ihm eine genau bestimmte
Untersttzung fr den Fall seiner Maregelung im voraus zugesichert
wird, lt sich weder Revolution noch Massenstreik machen. Aber im Sturm
der revolutionren Periode verwandelt sich eben der Proletarier aus
einem Untersttzung heischenden vorsorglichen Familienvater in einen
Revolutionsromantiker, fr den sogar das hchste Gut, nmlich das
Leben, geschweige das materielle Wohlsein, im Vergleich mit den
Kampfidealen geringen Wert besitzt.

Wenn aber die Leitung der Massenstreiks im Sinne des Kommandos ber ihre
Entstehung und im Sinne der Berechnung und Deckung ihrer Kosten Sache
der revolutionren Periode selbst ist, so kommt dafr die Leitung bei
Massenstreiks in einem ganz anderen Sinne der Sozialdemokratie und ihren
fhrenden Organen zu. Statt sich mit der technischen Seite, mit dem
Mechanismus der Massenstreiks fremden Kopf zu zerbrechen, ist die
Sozialdemokratie berufen, die _politische_ Leitung auch mitten in der
Revolutionsperiode zu bernehmen. Die Parole, die Richtung dem Kampfe zu
geben, die _Taktik_ des politischen Kampfes so einzurichten, da in
jeder Phase und in jedem Moment des Kampfes die ganze Summe der
vorhandenen und bereits ausgelsten, bettigten Macht des Proletariats
realisiert wird und in der Kampfstellung der Partei zum Ausdruck kommt,
da die Taktik der Sozialdemokratie nach ihrer Entschlossenheit und
Schrfe nie _unter_ dem Niveau des tatschlichen Krfteverhltnisses
steht, sondern vielmehr diesem Verhltnis vorauseilt, das ist die
wichtigste Aufgabe der Leitung in der Periode der Massenstreiks. Und
diese Leitung schlgt von selbst gewissermaen in technische Leitung um.
Eine konsequente, entschlossene, vorwrtsstrebende Taktik der
Sozialdemokratie ruft in der Masse das Gefhl der Sicherheit, des
Selbstvertrauens und der Kampflust hervor; eine schwankende,
schwchliche, auf der Unterschtzung des Proletariats basierte Taktik
wirkt auf die Masse lhmend und verwirrend. Im ersteren Falle brechen
Massenstreiks von selbst und immer rechtzeitig aus, im zweiten
bleiben mitunter direkte Aufforderungen der Leitung zum Massenstreik
erfolglos. Und fr beides liefert die russische Revolution sprechende
Beispiele.




V.


Es fragt sich nun, wie weit alte Lehren, die man aus den russischen
Massenstreiks ziehen kann, auf Deutschland passen. Die sozialen und
politischen Verhltnisse, die Geschichte und der Stand der
Arbeiterbewegung sind in Deutschland und in Ruland vllig verschieden.
Auf den ersten Blick mgen auch die oben aufgezeichneten inneren Gesetze
der russischen Massenstreiks lediglich als das Produkt spezifisch
russischer Verhltnisse erscheinen, die fr das deutsche Proletariat gar
nicht in Betracht kommen. Zwischen dem politischen und konomischen
Kampf in der russischen Revolution besteht der engste innere
Zusammenhang; ihre Einheit kommt in der Periode der Massenstreiks zum
Ausdruck. Aber ist das nicht eine einfache Folge des russischen
Absolutismus? In einem Staate, wo jede Form und jede uerung der
Arbeiterbewegung verboten, wo der einfachste Streik ein politisches
Verbrechen ist, mu auch logischerweise jeder konomische Kampf zum
politischen werden.

Ferner, wenn umgekehrt gleich der erste Ausbruch der politischen
Revolution eine allgemeine Abrechnung der russischen Arbeiterschaft mit
dem Unternehmertum nach sich gezogen hat, so ist das wiederum die
einfache Folge des Umstandes, da der russische Arbeiter bis dahin auf
dem tiefsten Niveau der Lebenshaltung stand und berhaupt noch niemals
einen regelmigen konomischen Kampf um die Besserung seiner Lage
gefhrt hatte. Das Proletariat in Ruland mute sich gewissermaen aus
dem allergrbsten erst herausarbeiten, was Wunder, da es dazu mit
jugendlichem Wagemut griff, sobald die Revolution den ersten frischen
Hauch in die Stickluft des Absolutismus hineingebracht hatte. Und
endlich erklrt sich der strmische revolutionre Verlauf der russischen
Massenstreiks, sowie ihr vorwiegend spontaner, elementarer Charakter
einerseits aus der politischen Zurckgebliebenheit Rulands, aus der
Notwendigkeit, erst den orientalischen Despotismus zu strzen,
anderseits aus dem Mangel an Organisation und Schulung des russischen
Proletariats. In einem Lande, wo die Arbeiterklasse 80 Jahre Erfahrung
im politischen Leben, eine drei Millionen starke sozialdemokratische
Partei und eineinviertel Million gewerkschaftlich organisierte
Kerntruppen hat, kann der politische Kampf, knnen die Massenstreiks
unmglich denselben strmischen und elementaren Charakter annehmen wie
in einem halbbarbarischen Staate, der erst den Sprung aus dem
Mittelalter in die neuzeitliche brgerliche Ordnung macht. Dies die
landlufige Vorstellung bei denjenigen, die den Reifegrad der
gesellschaftlichen Verhltnisse eines Landes aus dem Wortlaut seiner
geschriebenen Gesetze ablesen wollen.

Untersuchen wir die Fragen nach der Reihe. Zunchst ist es verkehrt, den
Beginn des konomischen Kampfes in Ruland erst von dem Ausbruch der
Revolution zu datieren. Tatschlich waren die Streiks, die Lohnkmpfe im
eigentlichen Ruland seit Anfang der neunziger Jahre, in Russisch-Polen
sogar seit Ende der achtziger Jahre, immer mehr auf der Tagesordnung und
hatten sich zuletzt das faktische Brgerrecht erworben. Freilich zogen
sie hufig brutale polizeiliche Maregelungen nach sich, gehrten aber
trotzdem zu den alltglichen Erscheinungen. Bestand doch z.B. in
Warschau und Lodz bereits im Jahre 1891 je eine bedeutende allgemeine
Streikkasse, und die Schwrmerei fr die Gewerkschaften hat in diesen
Jahren in Polen fr kurze Zeit sogar jene konomischen Illusionen
geschaffen, die in Petersburg und im brigen Ruland einige Jahre spter
grassierten.[3]

[Funote 3: Es beruht deshalb auf einem tatschlichen Irrtum, wenn die
Genossin Roland-Holst in der Vorrede zur russischen Ausgabe Ihres Buches
ber den Massenstreik meint: Das Proletariat (in Ruland) war, fast
seit dem Aufkommen der Groindustrie, mit dem Massenstreik vertraut
geworden, aus dem einfachen Grunde, weil partielle Streiks sich unter
dem politischen Drucke des Absolutismus unmglich erwiesen. (S. Neue
Zeit Nr. 33, 1906.) Das Umgekehrte war vielmehr der Fall. So sagte auch
der Berichterstatter des Petersburger Gewerkschaftskartells auf der
zweiten Konferenz der russischen Gewerkschaften im Februar 1906 eingangs
seines Referats: Bei der Zusammensetzung der Konferenz, die ich hier
vor mir sehe, habe ich nicht ntig, erst hervorzuheben, da unsere
Gewerkschaftsbewegung nicht etwa von der liberalen Periode des Frsten
Swiatopolk-Mirski (im Jahre 1904. R. L.) oder vom 22. Januar herrhrt,
wie manche zu behaupten versuchen. Die gewerkschaftliche Bewegung hat
viel tiefere Wurzeln, sie ist unzertrennlich verknpft mit der ganzen
Vergangenheit unserer Arbeiterbewegung. Unsere Gewerkschaften sind blo
neue Organisationsformen zur Leitung jenes konomischen Kampfes, den das
russische Proletariat bereits Jahrzehnte lang fhrt. Ohne uns weit in
die Geschichte zu vertiefen, darf man wohl sagen, da der konomische
Kampf der Petersburger Arbeiter mehr oder weniger organisierte Formen
annimmt seit den denkwrdigen Streiks der Jahre 1896 und 1897. Die
Leitung dieses Kampfes wird, glcklich kombiniert mit der Leitung des
politischen Kampfes, Sache jener sozialdemokratischen Organisation, die
der Petersburger Verein des Kampfes um die Befreiung der
Arbeiterklasse hie, und die sich nach der Konferenz im Mrz 1898 in
das Petersburger Komitee der russischen sozialdemokratischen
Arbeiterpartei verwandelte. Es wird ein kompliziertes System der
Fabrik-, Bezirks- und Vorstadt-Organisationen geschaffen, welches die
Zentrale durch unzhlige Fden mit den Arbeitermassen verknpft und es
ihr ermglicht, auf alle Bedrfnisse der Arbeiterschaft durch
Flugschriften zu reagieren. Es wird die Mglichkeit geschaffen, die
Streiks zu untersttzen und zu leiten.]

Desgleichen liegt viel bertreibung in der Vorstellung, als habe der
Proletarier im Zarenreich vor der Revolution durchweg auf dem
Lebensniveau eines Paupers gestanden. Gerade die jetzt im konomischen
wie im politischen Kampfe ttigste und eifrigste Schicht der
groindustriellen grostdtischen Arbeiter stand in bezug auf ihr
materielles Lebensniveau kaum viel tiefer als die entsprechende Schicht
des deutschen Proletariats, und in manchen Berufen kann man in Ruland
gleiche, ja hier und da selbst hhere Lhne finden als in Deutschland.
Auch in Bezug auf die Arbeitszeit wird der Unterschied zwischen den
groindustriellen Betrieben hier und dort kaum ein bedeutender sein.
Somit sind die Vorstellungen, die mit einem vermeintlichen materiellen
und kulturellen Helotentum der russischen Arbeiterschaft rechnen,
ziemlich aus der Luft gegriffen. Dieser Vorstellung mte bei einigem
Nachdenken schon die Tatsache der Revolution selbst und der
hervorragenden Rolle des Proletariats in ihr widersprechen. Mit Paupers
werden keine Revolutionen von dieser politischen Reife und
Gedankenklarheit gemacht, und der im Vordertreffen des Kampfes stehende
Petersburger und Warschauer, Moskauer und Odessaer Industriearbeiter ist
kulturell und geistig dem westeuropischen Typus viel nher, als sich
diejenigen denken, die als die einzige und unentbehrliche Kulturschule
des Proletariats den brgerlichen Parlamentarismus und die regelrechte
Gewerkschaftspraxis betrachten. Die moderne grokapitalistische
Entwicklung Rulands und die anderthalbjahrzehnte lange geistige
Einwirkung der Sozialdemokratie, die den konomischen Kampf ermutigte
und leitete, haben auch ohne die ueren Garantien der brgerlichen
Rechtsordnung ein tchtiges Stck Kulturarbeit geleistet.

Der Kontrast wird aber noch geringer, wenn wir auf der anderen Seite
etwas tiefer in das tatschliche Lebensniveau der _deutschen_
Arbeiterschaft hineinblicken. Die groen politischen Massenstreiks haben
in Ruland vom ersten Augenblick die breitesten Schichten des
Proletariats aufgerttelt und in fieberhaften konomischen Kampf
gestrzt. Allein, gibt es in Deutschland nicht ganze dunkle Winkel im
Dasein der Arbeiterschaft, wo das wrmende Licht der Gewerkschaften bis
jetzt sehr sprlich eindringt, ganze groe Schichten, die bis jetzt gar
nicht oder vergeblich auf dem Wege alltglicher Lohnkmpfe sich aus dem
sozialen Helotentum emporzuheben versuchen? Nehmen wir das
_Bergarbeiterelend_. Schon in dem ruhigen Werkeltag, in der kalten
Atmosphre des parlamentarischen Einerlei Deutschlands -- wie in den
anderen Lndern auch, selbst im Dorado der Gewerkschaften, in England --
uert sich der Lohnkampf der Bergarbeiter fast nicht anders als von
Zeit zu Zeit in gewaltigen Eruptionen, in Massenstreiks von typischem,
elementarem Charakter. Dies zeigt eben, da der Gegensatz zwischen
Kapital und Arbeit hier ein zu scharfer und gewaltiger ist, als da er
sich in die Form ruhiger, planmiger, partieller Gewerkschaftskmpfe
zerbrckeln liee. Dieses Bergarbeiterelend aber mit seinem eruptiven
Boden, das schon in normalen Zeiten einen Wetterwinkel von grter
Heftigkeit bildet, mte sich in Deutschland bei jeder greren
politischen Massenaktion der Arbeiterklasse, bei jedem strkeren Ruck,
der das momentane Gleichgewicht des sozialen Alltags verschiebt,
unvermeidlich sofort in einen gewaltigen konomisch-sozialen Kampf
entladen. Nehmen wir ferner das _Textilarbeiterelend_. Auch hier geben
die erbitterten und meistens resultatlosen Ausbrche des Lohnkampfes,
der das Vogtland alle paar Jahre durchtobt, einen schwachen Begriff von
der Vehemenz, mit der die groe, zusammengeknuelte Masse der Heloten
des kartellierten Textilkapitals bei einer politischen Erschtterung,
bei einer krftigen und khnen Massenaktion des deutschen Proletariats
explodieren mte. Nehmen wir ferner das _Heimarbeiterelend_, das
_Konfektionsarbeiterelend_, das _Elektrizittsarbeiterelend_, lauter
Wetterwinkel, in denen um so sicherer bei jeder politischen
Lufterschtterung in Deutschland gewaltige wirtschaftliche Kmpfe
ausbrechen werden, je seltener das Proletariat hier sonst, in ruhigen
Zeiten, den Kampf aufnimmt und je erfolgloser es jedesmal kmpft, je
brutaler es vom Kapital gezwungen wird, zhneknirschend ins Sklavenjoch
zurckzukehren.

Nun aber kommen in Betracht ganze groe Kategorien des Proletariats, die
berhaupt bei dem normalen Lauf der Dinge in Deutschland von jeder
Mglichkeit eines ruhigen wirtschaftlichen Kampfes um die Hebung ihrer
Lage und von jedem Gebrauch des Koalitionsrechts ausgeschlossen sind.
Vor allem nennen wir zum Beispiel das glnzende Elend der _Eisenbahn-_
und der _Postangestellten_. Bestehen doch fr diese Staatsarbeiter
mitten im parlamentarischen Rechtsstaat Deutschland russische Zustnde,
wohlgemerkt russische, wie sie nur _vor_ der Revolution, whrend der
ungetrbten Herrlichkeit des Absolutismus, bestanden. Bereits in dem
groen Oktoberstreik 1905 stand der russische Eisenbahner in dem noch
formell absolutistischen Ruland in bezug auf seine wirtschaftliche und
soziale Bewegungsfreiheit turmhoch ber dem deutschen. Die russischen
Eisenbahner und Postangestellten haben sich das Koalitionsrecht faktisch
im Sturm erobert, und wenn es auch momentan Proze auf Proze und
Maregelung auf Maregelung regnet, den inneren Zusammenhalt vermag
ihnen nichts mehr zu nehmen. Es wre aber eine vllig falsche
psychologische Rechnung, wollte man mit der deutschen Reaktion annehmen,
da der Kadavergehorsam der deutschen Eisenbahner und Postangestellten
ewig dauern wird, da er ein Fels ist, den nichts zermrben kann. Wenn
sich auch die deutschen Gewerkschaftsfhrer an die bestehenden Zustnde
dermaen gewhnt haben, da sie ungetrbt durch diese in ganz Europa
fast beispiellose Schmach mit einiger Genugtuung die Erfolge des
Gewerkschaftskampfes in Deutschland berblicken knnen, so wird sich der
tiefverborgene, lange aufgespeicherte Groll der uniformierten
Staatssklaven bei einer allgemeinen Erhebung der Industriearbeiter
unvermeidlich Luft zu verschaffen suchen. Und wenn die industrielle
Vorhut des Proletariats in Massenstreiks nach weiteren politischen
Rechten greifen oder die alten wird verteidigen wollen, mu der groe
Trupp der Eisenbahner und Postangestellten sich naturnotwendig auf seine
besondere Schmach besinnen und endlich einmal zur Befreiung von der
Extraportion russischen Absolutismus erheben, die fr ihn speziell in
Deutschland errichtet ist. Die pedantische Auffassung, die groe
Volksbewegungen nach Schema und Rezept abwickeln will, glaubt in der
Eroberung des Koalitionsrechts fr die Eisenbahner die notwendige
_Voraussetzung_ zu erblicken, bei der man erst an einen Massenstreik in
Deutschland wird denken drfen. Der wirkliche und natrliche Gang der
Ereignisse kann nur ein umgekehrter sein: nur aus einer krftigen
spontanen Massenstreikaktion kann tatschlich das Koalitionsrecht der
deutschen Eisenbahner wie der Postangestellten geboren werden. Und die
bei den bestehenden Verhltnissen in Deutschland unlsbare Aufgabe wird
unter dem Eindruck und dem Druck einer allgemeinen politischen
Massenaktion des Proletariats ganz pltzlich ihre Mglichkeiten und ihre
Lsung finden.

Und endlich das grte und wichtigste: das _Landarbeiterelend_. Wenn die
englischen Gewerkschaften ausschlielich auf die Industriearbeiter
zugeschnitten sind, so ist das der dem spezifischen Charakter der
englischen Nationalwirtschaft, bei der geringen Rolle der Landwirtschaft
im ganzen des konomischen Lebens eher eine begreifliche Erscheinung. In
Deutschland wird eine gewerkschaftliche Organisation, und sei sie noch
so glnzend ausgebaut, wenn sie lediglich die Industriearbeiter umfat
und fr das ganze groe Heer der Landarbeiter unzugnglich ist, immer
nur ein schwaches Teilbild der Lage des Proletariats im ganzen geben. Es
wre aber wiederum eine verhngnisvolle Illusion, zu glauben, da die
Zustnde auf dem flachen Lande unvernderliche und unbewegliche seien,
da sowohl die unermdliche Aufklrungsarbeit der Sozialdemokratie, wie
noch mehr die ganze innere Klassenpolitik Deutschlands nicht bestndig
die uere Passivitt des Landarbeiters unterwhlen, und da bei
irgend einer greren allgemeinen Klassenaktion des deutschen
Industrieproletariats, zu welchem Zweck sie auch unternommen sei, nicht
auch das lndliche Proletariat in Aufruhr kommt. Dies kann sich aber
ganz naturgem nicht anders als zunchst in einem allgemeinen
strmischen konomischen Kampf, in gewaltigen Massenstreiks der
Landarbeiter uern.

So verschiebt sich das Bild der angeblichen wirtschaftlichen
berlegenheit des deutschen Proletariats ber das russische ganz
bedeutend, wenn wir den Blick von der Tabelle der gewerkschaftlich
organisierten Industrie- und Handwerksbranchen auf jene groen Gruppen
des Proletariats richten, die ganz auerhalb des gewerkschaftlichen
Kampfes stehen oder deren besondere wirtschaftliche Lage sich nicht in
den engen Rahmen des alltglichen gewerkschaftlichen Kleinkriegs
hineinzwngen lt. Wir sehen dann ein gewaltiges Gebiet nach dem
anderen, wo die Zuspitzung der Gegenstze die uerste Grenze erreicht
hat, wo Zndstoff in Hlle und Flle aufgehuft ist, wo sehr viel
russischer Absolutismus in nacktester Form steckt und wo
wirtschaftlich die allerelementarsten Abrechnungen mit dem Kapital erst
nachzuholen sind.

Alle diese alten Rechnungen wrden dann bei einer allgemeinen
politischen Massenaktion des Proletariats unvermeidlich dem herrschenden
System prsentiert werden. Eine knstlich arrangierte einmalige
Demonstration des stdtischen Proletariats, eine bloe aus Disziplin und
nach dem Taktstock eines Parteivorstandes ausgefhrte Massenstreikaktion
knnte freilich die breiteren Volksschichten khl und gleichgltig
lassen. Allein eine wirkliche, aus revolutionrer Situation geborene,
krftige und rcksichtslose Kampfaktion des Industrieproletariats
mte sicher auf tiefer liegende Schichten zurckwirken und gerade
alle diejenigen, die in normalen ruhigen Zeiten abseits des
gewerkschaftlichen Tageskampfes stehen, in einen strmischen allgemeinen
konomischen Kampf mitreien.

Kommen wir aber auch auf die organisierten Vordertruppen des deutschen
Industrieproletariats zurck und halten uns anderseits die heute von der
russischen Arbeiterschaft verfochtenen Ziele des konomischen Kampfes
vor die Augen, so finden wir durchaus nicht, da es Bestrebungen sind,
auf die die deutschen ltesten Gewerkschaften Grund htten, wie auf
ausgetretene Kinderschuhe ber die Achsel zu schauen. So ist die
wichtigste allgemeine Forderung der russischen Streiks seit dem 22.
Januar 1905, der Achtstundentag, gewi kein berwundener Standpunkt fr
das deutsche Proletariat, vielmehr in den allermeisten Fllen ein
schnes fernes Ideal. Dasselbe trifft auf den Kampf mit dem
Hausherrnstandpunkt zu, auf den Kampf um die Einfhrung der
Arbeiterausschsse in allen Fabriken, um die Abschaffung der
Akkordarbeit, um die Abschaffung der Heimarbeit im Handwerk, um vllige
Durchfhrung der Sonntagsruhe, um Anerkennung des Koalitionsrechts. Ja,
bei nherem Zusehen sind smtliche konomischen Kampfobjekte des
russischen Proletariats in der jetzigen Revolution auch fr das deutsche
Proletariat hchst aktuell und berhren lauter wunde Stellen des
Arbeiterdaseins.

Daraus ergibt sich vor allem, da der reine politische Massenstreik, mit
dem man vorzugsweise operiert, auch fr Deutschland ein bloes lebloses
theoretisches Schema ist. Werden die Massenstreiks aus einer starken
revolutionren Grung sich auf natrlichem Wege als ein entschlossener
politischer Kampf der stdtischen Arbeiterschaft ergeben, so werden sie
ebenso natrlich, genau wie in Ruland, in eine ganze Periode
elementarer konomischer Kmpfe umschlagen. Die Befrchtungen also der
Gewerkschaftsfhrer, als knnte der Kampf um die konomischen Interessen
in einer Periode strmischer politischer Kmpfe, in einer Periode der
Massenstreiks, einfach auf die Seite geschoben und erdrckt werden,
beruhen auf einer ganz in der Luft schwebenden schulmigen Vorstellung
von dem Gang der Dinge. Eine revolutionre Periode wrde vielmehr auch
in Deutschland den Charakter des gewerkschaftlichen Kampfes ndern und
ihn dermaen potenzieren, da der heutige Guerillakrieg der
Gewerkschaften dagegen ein Kinderspiel sein wird. Und anderseits wrde
aus diesem elementaren konomischen Massenstreikgewitter auch der
politische Kampf immer wieder neue Anste und frische Krfte schpfen.
Die Wechselwirkung zwischen konomischem und politischem Kampf, die die
innere Triebfeder der heutigen Massenstreiks in Ruland und zugleich
sozusagen den regulierenden Mechanismus der revolutionren Aktion des
Proletariats bildet, wrde sich ebenso naturgem auch in Deutschland
aus den Verhltnissen selbst ergeben.




VI.


Im Zusammenhang damit bekommt auch die Frage von der Organisation in
ihrem Verhltnis zum Problem des Massenstreiks in Deutschland ein
wesentlich anderes Gesicht.

Die Stellung mancher Gewerkschaftsfhrer zu der Frage erschpft sich
gewhnlich in der Behauptung: Wir sind noch nicht stark genug, um eine
so gewagte Kraftprobe wie einen Massenstreik zu riskieren. Nun ist
dieser Standpunkt insofern ein unhaltbarer, weil es eine unlsbare
Aufgabe ist, auf dem Wege einer ruhigen, zahlenmigen Berechnung
festzustellen, wann das Proletariat zu irgend einem Kampfe stark genug
sei. Vor 30 Jahren zhlten die deutschen Gewerkschaften 50000
Mitglieder. Das war offenbar eine Zahl, bei der, nach dem obigen
Mastab, an einen Massenstreik nicht zu denken war. Nach weiteren 15
Jahren waren die Gewerkschaften viermal so stark und zhlten 237000
Mitglieder. Wenn man jedoch damals die heutigen Gewerkschaftsfhrer
gefragt htte, ob nun die Organisation des Proletariats zu einem
Massenstreik reif wre, so htten sie sicher geantwortet, da dies bei
weitem nicht der Fall sei und da die gewerkschaftlich Organisierten
erst nach Millionen zhlen mten. Heute gehen die organisierten
Gewerkschaftsmitglieder bereits in die zweite Million, aber die Ansicht
ihrer Fhrer ist genau dieselbe, was offenbar so ins Unendliche gehen
kann. Stillschweigend wird dabei vorausgesetzt, da berhaupt die
gesamte Arbeiterklasse Deutschlands bis auf den letzten Mann und die
letzte Frau in die Organisation aufgenommen werden msse, bevor man
stark genug sei, eine Massenaktion zu wagen, die alsdann, nach der
alten Formel, sich auch noch wahrscheinlich als berflssig
herausstellen wrde. Diese Theorie ist jedoch aus dem einfachen Grunde
vllig utopisch, weil sie an einem inneren Widerspruch leidet, sich im
schlimmen Zirkel dreht. Die Arbeiter sollen, bevor sie irgend einen
direkten Klassenkampf vornehmen knnen, smtlich organisiert sein. Die
Verhltnisse, die Bedingungen der kapitalistischen Entwicklung und des
brgerlichen Staates bringen es aber mit sich, da bei dem normalen
Verlauf der Dinge, ohne strmische Klassenkmpfe, bestimmte Schichten
-- und zwar gerade das Gros, die wichtigsten, die tiefststehenden, die
vom Kapital und vom Staate am meisten gedrckten Schichten des
Proletariats -- eben gar nicht organisiert werden knnen. Sehen wir doch
selbst in England, da ein ganzes Jahrhundert unermdlicher
Gewerkschaftsarbeit ohne alle Strungen -- ausgenommen im Anfange die
Periode der Chartistenbewegung -- ohne alle revolutionsromantischen
Verirrungen und Lockungen, es nicht weiter gebracht haben, als dahin,
eine _Minderheit_ der bessersituierten Schichten des Proletariats zu
organisieren.

Anderseits aber knnen die Gewerkschaften, wie alle Kampforganisationen
des Proletariats, sich selbst nicht auf die Dauer anders erhalten, als
gerade im Kampf, und zwar nicht im Sinne allein des Froschmusekrieges
in den stehenden Gewssern der brgerlich-parlamentarischen Periode,
sondern im Sinne heftiger, revolutionrer Perioden des Massenkampfes.
Die steife, mechanisch-bureaukratische Auffassung will den Kampf nur als
Produkt der Organisation auf einer gewissen Hhe ihrer Strke gelten
lassen. Die lebendige dialektische Entwicklung lt umgekehrt die
Organisation als ein Produkt des Kampfes entstehen. Wir haben bereits
ein grandioses Beispiel dieser Erscheinung in Ruland gesehen, wo ein so
gut wie gar nicht organisiertes Proletariat sich in anderthalb Jahren
strmischen Revolutionskampfes ein umfassendes Netz von
Organisationsanstzen geschaffen hat. Ein anderes Beispiel dieser Art
zeigt die eigene Geschichte der deutschen Gewerkschaften. Im Jahre 1878
betrug die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder 50000. Nach der Theorie der
heutigen Gewerkschaftsfhrer war diese Organisation, wie gesagt, bei
weitem nicht stark genug, um einen heftigen politischen Kampf
aufzunehmen. Die deutschen Gewerkschaften _haben_ aber, so schwach sie
damals waren, den Kampf aufgenommen -- nmlich den Kampf mit dem
Sozialistengesetz -- und sie erwiesen sich nicht nur stark genug, aus
dem Kampfe als Sieger hervorzugehen, sondern sie haben in diesem Kampfe
ihre Kraft verfnffacht; sie umfaten nach dem Fall des
Sozialistengesetzes im Jahre 1891 277659 Mitglieder. Allerdings
entspricht die Methode, nach der die Gewerkschaften im Kampfe mit dem
Sozialistengesetz gesiegt haben, nicht dem Ideal eines friedlichen,
bienenartigen ununterbrochenen Ausbaus; sie gingen erst im Kampfe
smtlich in Trmmer, um sich dann aus der nchsten Welle
emporzuschwingen und neu geboren zu werden. Dies ist aber eben die den
proletarischen Klassenorganisationen entsprechende spezifische Methode
des Wachstums: im Kampfe sich zu erproben und aus dem Kampfe wieder
reproduziert hervorzugehen.

Nach nherer Prfung der deutschen Verhltnisse und der Lage der
verschiedenen Schichten der Arbeiter ist es klar, da auch die kommende
Periode strmischer politischer Massenkmpfe fr die deutschen
Gewerkschaften nicht den befrchteten drohenden Untergang, sondern
umgekehrt neue ungeahnte Perspektiven einer rapiden sprungweisen
Erweiterung ihrer Machtsphre mit sich bringen wrde. Allein die Frage
hat noch eine andere Seite. Der Plan, Massenstreiks als ernste
politische Klassenaktion blo mit Organisierten zu unternehmen, ist
berhaupt ein gnzlich hoffnungsloser. Soll der Massenstreik, oder
vielmehr sollen die Massenstreiks, soll der Massenkampf einen Erfolg
haben, so mu er zu einer wirklichen _Volksbewegung_ werden, d.h. die
breitesten Schichten des Proletariats mit in den Kampf ziehen. -- Schon
bei der parlamentarischen Form beruht die Macht des proletarischen
Klassenkampfes nicht auf dem kleinen organisierten Kern, sondern auf der
breiten umliegenden Peripherie des revolutionr gesinnten Proletariats.
Wollte die Sozialdemokratie blo mit ihren paar Hunderttausend
Organisierten Wahlschlachten schlagen, dann wrde sie sich selbst zur
Nullitt verurteilen. Und ist es auch eine Tendenz der Sozialdemokratie,
womglich fast den gesamten groen Heerbann ihrer Whler in die
Parteiorganisationen aufzunehmen, so wird doch nach 30jhriger Erfahrung
der Sozialdemokratie nicht ihre Whlermasse durch das Wachstum der
Parteiorganisation erweitert, sondern umgekehrt die durch den Wahlkampf
jeweilig eroberten frischen Schichten der Arbeiterschaft bilden das
Ackerfeld fr die darauffolgende Organisationsaussaat. Auch hier liefert
nicht nur die Organisation die Kampftruppen, sondern der Kampf liefert
in noch grerem Mae die Rekrutiertruppen fr die Organisation. In viel
hherem Grade als auf den parlamentarischen Kampf bezieht sich dasselbe
offenbar auf die direkte politische Massenaktion. Ist auch die
Sozialdemokratie, als organisierter Kern der Arbeiterklasse, die
fhrende Vordertruppe des gesamten arbeitenden Volkes und fliet auch
die politische Klarheit, die Kraft, die Einheit der Arbeiterbewegung
gerade aus dieser Organisation, so darf doch die Klassenbewegung des
Proletariats niemals als Bewegung der organisierten Minderheit aufgefat
werden. Jeder wirkliche groe Klassenkampf mu auf der Untersttzung und
Mitwirkung der breitesten Massen beruhen, und eine Strategie des
Klassenkampfes, die nicht mit dieser Mitwirkung rechnete, die blo auf
die hbsch ausgefhrten Mrsche des kasernierten kleinen Teils des
Proletariats zugeschnitten wre, ist im voraus zum klglichen Fiasko
verurteilt.

Die Massenstreiks, die politischen Massenkmpfe knnen also unmglich in
Deutschland von den Organisierten allein getragen und auf eine
regelrechte Leitung aus einer Parteizentrale berechnet werden. In
diesem Falle kommt es aber wieder -- ganz wie in Ruland -- nicht sowohl
auf Disziplin, Schulung und auf mglichst sorgfltige
Vorausbestimmung der Untersttzungs- und der Kostenfrage an, als
vielmehr auf eine wirkliche revolutionre, entschlossene Klassenaktion,
die im stande wre, die breitesten Kreise der nichtorganisierten, aber
ihrer Stimmung und ihrer Lage nach revolutionren Proletariermassen zu
gewinnen und mitzureien.

Die berschtzung und die falsche Einschtzung der Rolle der
Organisation im Klassenkampf des Proletariats wird gewhnlich ergnzt
durch die Geringschtzung der unorganisierten Proletariermasse und ihrer
politischen Reife. In einer revolutionren Periode, im Sturme groer,
aufrttelnder Klassenkmpfe zeigt sich erst die ganze erzieherische
Wirkung der raschen kapitalistischen Entwicklung und der
sozialdemokratischen Einflsse auf die breitesten Volksschichten, wovon
in ruhigen Zeiten die Tabellen der Organisationen und selbst die
Wahlstatistiken nur einen ganz schwachen Begriff geben.

Wir haben gesehen, da in Ruland seit zirka zwei Jahren aus dem
geringsten partiellen Konflikt der Arbeiter mit dem Unternehmertum, aus
der geringsten lokalen Brutalitt der Regierungsorgane sofort eine
groe, allgemeine Aktion des Proletariats entstehen kann. Jedermann
sieht und findet es natrlich, weil in Ruland eben die Revolution da
ist. Was bedeutet aber dies? Es bedeutet, da das Klassengefhl, der
Klasseninstinkt bei dem russischen Proletariat in hchstem Mae lebendig
ist, so da es jede partielle Sache irgend einer kleinen Arbeitergruppe
unmittelbar als allgemeine Sache, als Klassenangelegenheit empfindet und
blitzartig darauf als Ganzes reagiert. Whrend in Deutschland, in
Frankreich, in Italien, in Holland die heftigsten gewerkschaftlichen
Konflikte gar keine allgemeine Aktion der Arbeiterklasse -- und sei es
auch nur des organisierten Teils -- hervorrufen, entfacht in Ruland der
geringste Anla einen ganzen Sturm. Das will aber nichts anderes
besagen, als da gegenwrtig der Klasseninstinkt -- so paradox es
klingen mag -- bei dem jungen, ungeschulten, schwach aufgeklrten und
noch schwcher organisierten russischen Proletariat ein unendlich
strkerer ist, als bei der organisierten, geschulten und aufgeklrten
Arbeiterschaft Deutschlands oder eines anderen westeuropischen Landes.
Und das ist nicht etwa eine besondere Tugend des jungen, unverbrauchten
Ostens im Vergleich mit dem faulen Westen, sondern es ist ein
einfaches Resultat der unmittelbaren revolutionren Massenaktion. Bei
dem deutschen aufgeklrten Arbeiter ist das von der Sozialdemokratie
gepflanzte Klassenbewutsein ein _theoretisches_, _latentes_: in der
Periode der Herrschaft des brgerlichen Parlamentarismus kann es sich
als direkte Massenaktion in der Regel nicht bettigen; es ist hier die
ideelle Summe der vierhundert Parallelaktionen der Wahlkreise whrend
des Wahlkampfes, der vielen konomischen partiellen Kmpfe und
dergleichen. In der Revolution, wo die Masse selbst auf dem politischen
Schauplatz erscheint, wird das Klassenbewutsein ein _praktisches_,
_aktives_. Dem russischen Proletariat hat deshalb ein Jahr der
Revolution jene Schulung gegeben, welche dem deutschen Proletariat 30
Jahre parlamentarischen und gewerkschaftlichen Kampfes nicht knstlich
geben knnen. Freilich wird dieses lebendige, aktive Klassengefhl des
Proletariats auch in Ruland nach dem Abschlu der Revolutionsperiode
und nach der Herstellung eines brgerlich-parlamentarischen
Rechtsstaates bedeutend schwinden oder vielmehr in ein verborgenes,
latentes umschlagen. Ebenso sicher wird aber umgekehrt in Deutschland in
einer Periode krftiger politischer Aktionen das lebendige,
aktionsfhige revolutionre Klassengefhl die breitesten und tiefsten
Schichten des Proletariats ergreifen und zwar umso rascher und umso
mchtiger, je gewaltiger das bis dahin geleistete Erziehungswerk der
Sozialdemokratie ist. Dieses Erziehungswerk sowie die aufreizende und
revolutionierende Wirkung der gesamten gegenwrtigen deutschen Politik
wird sich darin uern, da der Fahne der Sozialdemokratie in einer
ernsten revolutionren Periode alle jene Scharen pltzlich Folge leisten
werden, die jetzt in scheinbarer politischer Stupiditt gegen alle
Organisierungsversuche der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften
unempfindlich sind. Sechs Monate einer revolutionren Periode werden an
der Schulung dieser jetzt unorganisierten Massen das Werk vollenden, das
zehn Jahre Volksversammlungen und Flugblattverteilungen nicht fertig zu
bringen vermgen. Und wenn die Verhltnisse in Deutschland fr eine
solche Periode den Reifegrad erreicht haben, werden im Kampfe die heute
unorganisierten zurckgebliebensten Schichten naturgem das radikalste,
das ungestmste, nicht das mitgeschleppte Element bilden. Wird es in
Deutschland zu Massenstreiks kommen, so werden fast sicher nicht die
bestorganisierten -- gewi nicht die Buchdrucker -- sondern die
schlechter oder gar nicht organisierten, die Bergarbeiter, die
Textilarbeiter, vielleicht gar die Landarbeiter die grte
Aktionsfhigkeit entwickeln.

Auf diese Weise gelangen wir aber auch in Deutschland zu denselben
Schlssen in bezug auf die eigentlichen Aufgaben der _Leitung_, auf die
Rolle der Sozialdemokratie gegenber den Massenstreiks, wie bei der
Analyse der russischen Vorgnge. Verlassen wir nmlich das pedantische
Schema eines knstlich von Partei und Gewerkschafts wegen kommandierten
demonstrativen Massenstreiks der organisierten Minderheit, und wenden
wir uns dem lebendigen Bilde einer aus uerster Zuspitzung der
Klassengegenstze und der politischen Situation mit elementarer Kraft
entstehenden wirklichen Volksbewegung zu, die sich sowohl in
politischen wie in konomischen strmischen Massenkmpfen,
Massenstreiks entladet, so mu offenbar die Aufgabe der Sozialdemokratie
nicht in der technischen Vorbereitung und Leitung des Massenstreiks,
sondern vor allem in der _politischen Fhrung_ der ganzen Bewegung
bestehen.

Die Sozialdemokratie ist die aufgeklrteste, klassenbewuteste Vorhut
des Proletariats. Sie kann und darf nicht mit verschrnkten Armen
fatalistisch auf den Eintritt der revolutionren Situation warten,
darauf warten, da jene spontane Volksbewegung vom Himmel fllt. Im
Gegenteil, sie mu, wie immer, der Entwicklung der Dinge _vorauseilen_,
sie zu _beschleunigen_ suchen. Dies vermag sie aber nicht dadurch, da
sie zur rechten und unrechten Zeit ins Blaue hinein pltzlich die
Losung zu einem Massenstreik ausgibt, sondern vor allem dadurch, da
sie den breitesten proletarischen Schichten den unvermeidlichen
_Eintritt_ dieser revolutionren Periode, die dazu fhrenden inneren
_sozialen Momente_ und die _politischen Konsequenzen_ klar macht. Sollen
breiteste proletarische Schichten fr eine politische Massenaktion der
Sozialdemokratie gewonnen werden und soll umgekehrt die Sozialdemokratie
bei einer Massenbewegung die wirkliche Leitung ergreifen und behalten,
der ganzen Bewegung _im politischen Sinne_ Herr werden, dann mu sie mit
voller Klarheit, Konsequenz und Entschlossenheit die _Taktik_, die
_Ziele_ dem deutschen Proletariat in der Periode der kommenden Kmpfe zu
stecken wissen.




VII.


Wir haben gesehen, da der Massenstreik in Ruland nicht ein knstliches
Produkt einer absichtlichen Taktik der Sozialdemokratie, sondern eine
natrliche geschichtliche Erscheinung auf dem Boden der jetzigen
Revolution darstellt. Welche sind nun die Momente, die in Ruland diese
neue Erscheinungsform der Revolution hervorgebracht haben?

Die russische Revolution hat zur nchsten Aufgabe die Beseitigung
des Absolutismus und die Herstellung eines modernen
brgerlich-parlamentarischen Rechtsstaates. Formell ist es genau
dieselbe Aufgabe, die in Deutschland der Mrzrevolution, in Frankreich
der groen Revolution am Ausgang des 18. Jahrhunderts bevorstand. Allein
die Verhltnisse, das geschichtliche Milieu, in dem diese formell
analogen Revolutionen stattfanden, sind grundverschieden von den
heutigen Rulands. Das Entscheidende ist der Umstand, da zwischen jenen
brgerlichen Revolutionen des Westens und der heutigen brgerlichen
Revolution im Osten der ganze Cyklus der kapitalistischen Entwicklung
abgelaufen ist. Und zwar hatte diese Entwicklung nicht blo die
westeuropischen Lnder, sondern auch das absolutistische Ruland
ergriffen. Die Groindustrie mit allen ihren Konsequenzen, der modernen
Klassenscheidung, den schroffen sozialen Kontrasten, dem modernen
Grostadtleben und dem modernen Proletariat, ist in Ruland die
herrschende, d.h. in der sozialen Entwicklung ausschlaggebende
Produktionsform geworden. Daraus hat sich aber die merkwrdige,
widerspruchsvolle, geschichtliche Situation ergeben, da die nach ihren
formellen Aufgaben brgerliche Revolution in erster Reihe von einem
modernen klassenbewuten Proletariat ausgefhrt wird, und in einem
internationalen Milieu, das im Zeichen des Verfalls der brgerlichen
Demokratie steht. Nicht die Bourgeoisie ist jetzt das fhrende
revolutionre Element, wie in den frheren Revolutionen des Westens,
whrend die proletarische Masse, aufgelst im Kleinbrgertum, der
Bourgeoisie Heerbanndienste leistet, sondern umgekehrt, das
klassenbewute Proletariat ist das fhrende und treibende Element,
whrend die grobrgerlichen Schichten teils direkt kontrerevolutionr,
teils schwchlich-liberal, und nur das lndliche Kleinbrgertum nebst
der stdtischen kleinbrgerlichen Intelligenz entschieden oppositionell,
ja revolutionr gesinnt sind. Das russische Proletariat aber, das
dermaen zur fhrenden Rolle in der brgerlichen Revolution bestimmt
ist, tritt selbst frei von allen Illusionen der brgerlichen Demokratie,
dafr mit einem stark entwickelten Bewutsein der eigenen spezifischen
Klasseninteressen, bei einem scharf zugespitzten Gegensatz zwischen
Kapital und Arbeit, in den Kampf. Dieses widerspruchsvolle Verhltnis
findet seinen Ausdruck in der Tatsache, da in dieser formell
brgerlichen Revolution der Gegensatz der brgerlichen Gesellschaft zum
Absolutismus von dem Gegensatz des Proletariats zur brgerlichen
Gesellschaft beherrscht wird, da der Kampf des Proletariats sich mit
gleicher Kraft gleichzeitig gegen den Absolutismus und gegen die
kapitalistische Ausbeutung richtet, da das Programm der revolutionren
Kmpfe mit gleichem Nachdruck auf die politische Freiheit und auf die
Eroberung des Achtstundentages sowie einer menschenwrdigen materiellen
Existenz fr das Proletariat gerichtet ist. Dieser zwiespltige
Charakter der russischen Revolution uert sich in jener innigen
Verbindung und Wechselwirkung des konomischen mit dem politischen
Kampf, die wir an der Hand der Vorgnge in Ruland kennen gelernt haben,
und die ihren entsprechenden Ausdruck eben im Massenstreik findet.

In den frheren brgerlichen Revolutionen, wo einerseits die politische
Schulung und Anfhrung der revolutionren Masse von den brgerlichen
Parteien besorgt wurde und wo es sich anderseits um den nackten Sturz
der alten Regierung handelte, war die kurze Barrikadenschlacht die
passende Form des revolutionren Kampfes. Heute, wo die Arbeiterklasse
sich selbst im Laufe des revolutionren Kampfes aufklren, selbst
sammeln und selbst anfhren mu, und wo die Revolution ihrerseits ebenso
gegen die alte Staatsgewalt wie gegen die kapitalistische Ausbeutung
gerichtet ist, erscheint der Massenstreik als das natrliche Mittel, die
breitesten proletarischen Schichten in der Aktion selbst zu rekrutieren,
zu revolutionieren und zu organisieren, ebenso wie es gleichzeitig ein
Mittel ist, die alte Staatsgewalt zu unterminieren und zu strzen und
die kapitalistische Ausbeutung einzudmmen. Das stdtische
Industrieproletariat ist jetzt die Seele der Revolution in Ruland. Um
aber irgend eine direkte politische Aktion als Masse auszufhren, mu
sich das Proletariat erst zur Masse wieder sammeln und zu diesem Behufe
mu es vor allem aus Fabriken und Werksttten, aus Schchten und Htten
heraustreten, mu es die Pulverisierung und Zerbrckelung in den
Einzelwerksttten berwinden, zu der es im tglichen Joch des Kapitals
verurteilt ist. Der Massenstreik ist somit die erste natrliche,
impulsive Form jeder groen revolutionren Aktion des Proletariats, und
je mehr die Industrie die vorherrschende Form der sozialen Wirtschaft,
je hervorragender die Rolle des Proletariats in der Revolution und je
entwickelter der Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital, um so mchtiger
und ausschlaggebender mssen die Massenstreiks werden. Die frhere
Hauptform der brgerlichen Revolutionen, die Barrikadenschlacht, die
offene Begegnung mit der bewaffneten Macht des Staates, ist in der
heutigen Revolution nur ein uerster Punkt, nur ein Moment in dem
ganzen Proze des proletarischen Massenkampfes.

Und damit ist in der neuen Form der Revolution auch jene Zivilisierung
und Milderung der Klassenkmpfe erreicht, die von den Opportunisten der
deutschen Sozialdemokratie, von den Bernstein, David u.a. prophetisch
vorausgesagt wurde. Die Genannten erblickten freilich die ersehnte
Milderung und Zivilisierung des Klassenkampfes, im Geiste
kleinbrgerlich-demokratischer Illusionen, darin, da der Klassenkampf
ausschlielich zu einem parlamentarischen Kampf beschrnkt und die
Straenrevolution einfach abgeschafft wird. Die Geschichte hat die
Lsung in einer etwas tieferen und feineren Weise gefunden: in dem
Aufkommen des revolutionren Massenstreiks, der freilich den nackten
brutalen Straenkampf durchaus nicht ersetzt und nicht berflssig
macht, ihn aber blo zu einem Moment der langen politischen Kampfperiode
reduziert und gleichzeitig mit der Revolutionsperiode ein enormes
Kulturwerk im genauesten Sinne dieses Wortes verbindet: die materielle
und geistige Hebung der gesamten Arbeiterklasse durch die
Zivilisierung der barbarischen Formen der kapitalistischen Ausbeutung.

So erweist sich der Massenstreik also nicht als ein spezifisch
russisches, aus dem Absolutismus entsprungenes Produkt, sondern als eine
allgemeine Form des proletarischen Klassenkampfes, die sich aus dem
gegenwrtigen Stadium der kapitalistischen Entwicklung und der
Klassenverhltnisse ergibt. Die drei brgerlichen Revolutionen: die
groe franzsische, die deutsche Mrzrevolution und die jetzige
russische bilden von diesem Standpunkt eine Kette der fortlaufenden
Entwicklung, in der sich das Glck und Ende des kapitalistischen
Jahrhunderts spiegelt. In der groen franzsischen Revolution geben die
noch ganz unentwickelten inneren Widersprche der brgerlichen
Gesellschaft fr eine lange Periode gewaltiger Kmpfe Raum, wo sich alle
die erst in der Hitze der Revolution rasch aufkeimenden und reifenden
Gegenstze ungehindert und ungezwungen mit rcksichtslosem Radikalismus
austoben. Ein halbes Jahrhundert spter wird die auf halbem Wege der
kapitalistischen Entwicklung ausgebrochene Revolution des deutschen
Brgertums schon durch den Gegensatz der Interessen und das
Gleichgewicht der Krfte zwischen Kapital und Arbeit in der Mitte
unterbunden und durch einen brgerlich-feudalen Kompromi erstickt, zu
einer kurzen, klglichen, mitten im Worte verstummten Episode abgekrzt.
Noch ein halbes Jahrhundert, und die heutige russische Revolution steht
auf einem Punkt des geschichtlichen Weges, der bereits ber den Berg,
ber den Hhepunkt der kapitalistischen Gesellschaft hinweggeschritten
ist, wo die brgerliche Revolution nicht mehr durch den Gegensatz
zwischen Bourgeoisie und Proletariat erstickt werden kann, sondern
umgekehrt zu einer neuen, langen Periode gewaltigster sozialer Kmpfe
entfaltet wird, in denen die Begleichung der alten Rechnung mit dem
Absolutismus als eine Kleinigkeit erscheint gegen die vielen neuen
Rechnungen, die die Revolution selbst aufmacht. Die heutige Revolution
realisiert somit in der besonderen Angelegenheit des absolutistischen
Ruland zugleich die allgemeinen Resultate der internationalen
kapitalistischen Entwicklung und erscheint weniger ein letzter
Nachlufer der alten brgerlichen, wie ein Vorlufer der neuen Serie der
proletarischen Revolutionen des Westens. Das zurckgebliebenste Land
weist, gerade weil es sich mit seiner brgerlichen Revolution so
unverzeihlich versptet hat, Wege und Methoden des weiteren
Klassenkampfes dem Proletariat Deutschlands und der vorgeschrittensten
kapitalistischen Lnder.

Demnach erscheint es, auch von dieser Seite genommen, gnzlich verfehlt,
die russische Revolution als ein schnes Schauspiel, als etwas
spezifisch Russisches von weitem zu betrachten und hchstens das
Heldentum der Kmpfer, d.h. die ueren Akzessorien des Kampfes zu
bewundern. Viel wichtiger ist es, da die deutschen Arbeiter die
russische Revolution _als ihre eigene Angelegenheit_ zu betrachten
lernen, nicht blo im Sinne der internationalen Klassensolidaritt mit
dem russischen Proletariat, sondern vor allem als _ein Kapitel der
eigenen sozialen und politischen Geschichte_. Diejenigen
Gewerkschaftsfhrer und Parlamentarier, die das deutsche Proletariat als
zu schwach und die deutschen Verhltnisse als zu unreif fr
revolutionre Massenkmpfe betrachten, haben offenbar keine Ahnung
davon, da der Gradmesser der Reife der Klassenverhltnisse in
Deutschland und der Macht des Proletariats nicht in den Statistiken der
deutschen Gewerkschaften oder in den Wahlstatistiken liegt, sondern --
in den Vorgngen der russischen Revolution. Genau so, wie sich die Reife
der franzsischen Klassengegenstze unter der Julimonarchie und die
Pariser Junischlacht in der deutschen Mrzrevolution, in ihrem Verlauf
und ihrem Fiasko spiegelte, ebenso spiegelt sich heute die Reife der
deutschen Klassengegenstze in den Vorgngen, in der Macht der
russischen Revolution. Und whrend die Bureaukraten der deutschen
Arbeiterbewegung den Nachweis ihrer Kraft und ihrer Reife in den
Schubfchern ihrer Kontore auskramen, sehen sie nicht, da das Gesuchte
gerade vor ihren Augen in einer groen historischen Offenbarung liegt,
denn geschichtlich genommen ist die russische Revolution ein Reflex der
Macht und der Reife der internationalen, also in erster Linie der
deutschen Arbeiterbewegung.

Es wre deshalb ein gar zu klgliches, grotesk winziges Resultat der
russischen Revolution, wollte das deutsche Proletariat aus ihr blo die
Lehre ziehen, da es -- wie die Gen. Frohme, Elm und andere wollen --
von der russischen Revolution die uere Form des Kampfes, den
Massenstreik entlehnt und zu einer Vorratskanone fr den Fall der
Kassierung des Reichstagswahlrechts, also zu einem passiven Mittel der
parlamentarischen Defensive kastriert. Wenn man uns das
Reichstagswahlrecht nimmt, dann wehren wir uns. Das ist ein ganz
selbstverstndlicher Entschlu. Aber zu diesem Entschlu braucht man
sich nicht in die heldenhafte Pose eines Danton zu werfen, wie es z.B.
Genosse Elm in Jena getan; denn die Verteidigung des bereits besessenen
bescheidenen Maes der parlamentarischen Rechte ist weniger eine
himmelstrmende Neuerung, zu der erst die furchtbaren Hekatomben der
russischen Revolution als Ermunterung notwendig waren, als vielmehr die
einfachste und erste Pflicht jeder Oppositionspartei. Allein die bloe
Defensive darf niemals die Politik des Proletariats in einer
Revolutionsperiode erschpfen. Und wenn es einerseits schwerlich mit
Sicherheit vorausgesagt werden kann, ob die Vernichtung des allgemeinen
Wahlrechts in Deutschland in einer Situation eintritt, die unbedingt
eine sofortige Massenstreikaktion hervorrufen wird, so ist es anderseits
ganz sicher, da, sobald wir in Deutschland in die Periode strmischer
Massenaktionen eingetreten sind, die Sozialdemokratie unmglich auf die
bloe parlamentarische Defensive ihre Taktik festlegen darf. Den Anla
und den Moment vorauszubestimmen, an dem die Massenstreiks in
Deutschland ausbrechen sollen, liegt auerhalb der Macht der
Sozialdemokratie, weil es auerhalb ihrer Macht liegt, geschichtliche
Situationen durch Parteitagsbeschlsse herbeizufhren. Was sie aber kann
und mu, ist, die politischen Richtlinien dieser Kmpfe, wenn sie einmal
eintreten, klarlegen und in einer entschlossenen, konsequenten Taktik
formulieren. Man hlt nicht die geschichtlichen Ereignisse im Zaum,
indem man ihnen Vorschriften macht, sondern indem man sich im voraus
ihre wahrscheinlichen berechenbaren Konsequenzen zum Bewutsein bringt
und die eigene Handlungsweise danach einrichtet.

Die zunchst drohende politische Gefahr, auf die sich die deutsche
Arbeiterbewegung seit einer Reihe von Jahren gefat macht, ist ein
Staatsstreich der Reaktion, der den breitesten Schichten der arbeitenden
Volksmasse das wichtigste politische Recht, das Reichstagswahlrecht,
wird entreien wollen. Trotz der ungeheuren Tragweite dieses eventuellen
Ereignisses ist es, wie gesagt, unmglich, mit Bestimmtheit zu
behaupten, da auf den Staatsstreich alsdann sofort eine offene
Volksbewegung in der Form von Massenstreiks ausbricht, weil uns heute
alle jene unzhligen Umstnde und Momente unbekannt sind, die bei einer
Massenbewegung die Situation mitbestimmen. Allein, wenn man die
gegenwrtige uerste Zuspitzung der Verhltnisse in Deutschland und
anderseits die mannigfachen internationalen Rckwirkungen der russischen
Revolution und weiter des knftigen renovierten Rulands in Betracht
zieht, so ist es klar, da der Umsturz in der deutschen Politik, der aus
einer Kassierung des Reichstagswahlrechts entstehen wrde, nicht bei dem
Kampf um dieses Wahlrecht allein Halt machen knnte. Dieser
Staatsstreich wrde vielmehr in krzerer oder lngerer Frist mit
elementarer Macht eine groe allgemeine politische Abrechnung der einmal
emprten und aufgerttelten Volksmassen mit der Reaktion nach sich
ziehen -- eine Abrechnung fr den Brotwucher, fr die knstliche
Fleischteuerung, fr die Auspowerung durch den uferlosen Militarismus
und Marinismus, fr die Korruption der Kolonialpolitik, fr die
nationale Schmach des Knigsberger Prozesses, fr den Stillstand der
Sozialreform, fr die Entrechtung der Eisenbahner, der Postbeamten und
der Landarbeiter, fr die Bemogelung und Verhhnung der Bergarbeiter,
fr das Lbtauer Urteil und die ganze Klassenjustiz, fr das brutale
Aussperrungssystem -- kurz, fr den gesamten zwanzigjhrigen Druck der
koalierten Herrschaft des ostelbischen Junkertums und des kartellierten
Grokapitals.

Ist aber einmal der Stein ins Rollen gekommen, so kann er, ob es die
Sozialdemokratie will oder nicht, nicht mehr zum Stillstand gebracht
werden. Die Gegner des Massenstreiks pflegen die Lehren und Beispiele
der russischen Revolution, als fr Deutschland gar nicht magebend, vor
allem deshalb abzuweisen, weil ja in Ruland erst der gewaltige Sprung
aus einer orientalischen Despotie in eine moderne brgerliche
Rechtsordnung gemacht werden mute. Der formelle Abstand zwischen der
alten und der neuen politischen Ordnung soll fr die Vehemenz und die
Gewalt der Revolution in Ruland als ausreichender Erklrungsgrund
dienen. In Deutschland haben wir lngst die notwendigsten Formen und
Garantien des Rechtsstaats, weshalb hier ein so elementares Toben der
sozialen Gegenstze unmglich ist. Die also spekulieren, vergessen, da
dafr in Deutschland, wenn es einmal zum Ausbruch offener politischer
Kmpfe kommt, eben das geschichtlich bedingte Ziel ein ganz anderes sein
wird, als heute in Ruland. Gerade weil die brgerliche Rechtsordnung in
Deutschland lngst besteht, weil sie also Zeit hatte, sich gnzlich zu
erschpfen und auf die Neige zu gehen, weil die brgerliche Demokratie
und der Liberalismus Zeit hatten, auszusterben, kann von einer
_brgerlichen_ Revolution in Deutschland nicht mehr die Rede sein. Und
deshalb kann es sich bei einer Periode offener politischer Volkskmpfe
in Deutschland als letztes geschichtlich notwendiges Ziel nur noch um
die _Diktatur des Proletariats_ handeln. Der Abstand aber dieser Aufgabe
von den heutigen Zustnden in Deutschland ist ein noch viel
gewaltigerer, als der Abstand der brgerlichen Rechtsordnung von der
orientalischen Despotie, und deshalb kann diese Aufgabe auch nicht mit
einem Schlag, sondern gleichfalls in einer langen Periode gigantischer
sozialer Kmpfe vollzogen werden.

Liegt aber nicht ein krasser Widerspruch in den von uns aufgezeichneten
Perspektiven? Einerseits heit es, bei einer eventuellen knftigen
Periode der politischen Massenaktion werden vor allem die
zurckgebliebensten Schichten des deutschen Proletariats, die
Landarbeiter, die Eisenbahner, die Postsklaven, erst ihr Koalitionsrecht
erobern, die rgsten Auswchse der Ausbeutung erst beseitigt werden
mssen, anderseits soll die politische Aufgabe dieser Periode schon die
politische Machteroberung durch das Proletariat sein! Einerseits
konomische, gewerkschaftliche Kmpfe um die nchsten Interessen, um die
materielle Hebung der Arbeiterklasse, anderseits schon das uerste
Endziel der Sozialdemokratie! Gewi, das sind krasse Widersprche, aber
nicht Widersprche unseres Raisonnements, sondern Widersprche der
kapitialistischen Entwicklung. Sie verluft nicht in einer hbschen,
geraden Linie, sondern im schroffen blitzhnlichen Zickzack. Ebenso wie
die verschiedenen kapitalistischen Lnder die verschiedensten Stadien
der Entwicklung darstellen, ebenso innerhalb jedes Landes die
verschiedenen Schichten derselben Arbeiterklasse. Die Geschichte wartet
aber nicht geduldig, bis erst die zurckgebliebenen Lnder und Schichten
die fortgeschrittensten eingeholt haben, damit sich das Ganze wie eine
stramme Kolonne symmetrisch weiter bewegen kann. Sie bringt es bereits
in den vordersten exponiertesten Punkten zu Explosionen, sobald die
Verhltnisse hier dafr reif sind, und im Sturme der revolutionren
Periode wird dann in wenigen Tagen und Monaten das Versumte nachgeholt,
das Ungleiche ausgeglichen, der gesamte soziale Fortschritt mit einem
Ruck in Sturmschritt versetzt.

Wie in der russischen Revolution sich die ganze Stufenleiter der
Entwicklung und der Interessen der verschiedenen Arbeiterschichten in
dem sozialdemokratischen Programm der Revolution und die unzhligen
partiellen Kmpfe in der gemeinsamen groen Klassenaktion des
Proletariats vereinigen, so wird es, wenn die Verhltnisse dafr reif
sind, auch in Deutschland der Fall sein. Und Aufgabe der
Sozialdemokratie wird es alsdann sein, ihre Taktik nicht nach den
zurckgebliebensten Phasen der Entwicklung, sondern nach den
fortgeschrittensten zu richten.




VIII.


Das wichtigste Erfordernis in der frher oder spter kommenden
Periode der groen Kmpfe, die der deutschen Arbeiterklasse harren,
ist, neben der vollen Entschlossenheit und Konsequenz der Taktik, die
mglichste Aktionsfhigkeit, also mgliche Einheit des fhrenden
sozialdemokratischen Teils der proletarischen Masse. Indes bereits die
ersten schwachen Versuche zur Vorbereitung einer greren Massenaktion
haben sofort einen wichtigen belstand in dieser Hinsicht aufgedeckt:
die vllige Trennung und Verselbstndigung der beiden Organisationen der
Arbeiterbewegung, der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften.

Es ist klar aus der nheren Betrachtung der Massenstreiks in Ruland
sowie aus den Verhltnissen in Deutschland selbst, da irgend eine
grere Massenaktion, wenn sie sich nicht blo auf eine einmalige
Demonstration beschrnken, sondern zu einer wirklichen Kampfaktion
werden soll, unmglich als ein sogenannter politischer Massenstreik
gedacht werden kann. Die Gewerkschaften wrden an einer solchen Aktion
in Deutschland genau so beteiligt sein wie die Sozialdemokratie. Nicht
aus dem Grunde, weil, wie die Gewerkschaftsfhrer sich einbilden, die
Sozialdemokratie angesichts ihrer viel geringeren Organisation auf die
Mitwirkung der 1 Million Gewerkschaftler angewiesen wre und ohne sie
nichts zu stande bringen knnte, sondern aus einem viel tiefer liegenden
Grunde: weil jede direkte Massenaktion oder Periode offener
Klassenkmpfe zugleich eine politische und konomische sein wrde. Wird
es in Deutschland aus irgend einem Anla und in irgend einem Zeitpunkt
zu groen politischen Kmpfen, zu Massenstreiks kommen, so wird das
zugleich eine ra gewaltiger gewerkschaftlicher Kmpfe in Deutschland
erffnen, wobei die Ereignisse nicht im mindesten danach fragen werden,
ob die Gewerkschaftsfhrer zu der Bewegung ihre Zustimmung gegeben haben
oder nicht. Stehen sie auf der Seite oder suchen sich gar der Bewegung
zu widersetzen, so wird der Erfolg dieses Verhaltens nur der sein, da
die Gewerkschaftsfhrer, genau wie die Parteifhrer im analogen Falle,
von der Welle der Ereignisse einfach auf die Seite geschoben und die
konomischen wie die politischen Kmpfe der Masse ohne sie ausgekmpft
werden.

In der Tat. Die Trennung zwischen dem politischen und dem konomischen
Kampf und die Verselbstndigung beider ist nichts als ein knstliches,
wenn auch geschichtlich bedingtes Produkt der parlamentarischen Periode.
Einerseits wird hier, bei dem ruhigen, normalen Gang der brgerlichen
Gesellschaft, der konomische Kampf zersplittert, in eine Vielheit
einzelner Kmpfe in jeder Unternehmung, in jedem Produktionszweige
aufgelst. Anderseits wird der politische Kampf nicht durch die Masse
selbst in einer direkten Aktion gefhrt, sondern, den Formen des
brgerlichen Staates entsprechend, auf reprsentativem Wege, durch den
Druck auf die gesetzgebenden Vertretungen. Sobald eine Periode
revolutionrer Kmpfe eintritt, d.h. sobald die Masse auf dem
Kampfplatz erscheint, fallen sowohl die Zersplitterung des konomischen
Kampfes wie die indirekte parlamentarische Form des politischen Kampfes
weg; in einer revolutionren Massenaktion sind politischer und
konomischer Kampf eins und die knstliche Schranke zwischen
Gewerkschaft und Sozialdemokratie als zwei getrennten, ganz
selbstndigen Formen der Arbeiterbewegung wird einfach weggeschwemmt.
Was aber in der revolutionren Massenbewegung augenfllig zum Ausdruck
kommt, trifft auch fr die parlamentarische Periode als wirkliche
Sachlage zu. Es gibt nicht zwei verschiedene Klassenkmpfe der
Arbeiterklasse, einen konomischen und einen politischen, sondern es
gibt nur _einen_ Klassenkampf, der gleichzeitig auf die Einschrnkung
der kapitalistischen Ausbeutung innerhalb der brgerlichen Gesellschaft
und auf die Abschaffung der Ausbeutung mitsamt der brgerlichen
Gesellschaft gerichtet ist.

Wenn sich diese zwei Seiten des Klassenkampfes auch aus technischen
Grnden in der parlamentarischen Periode voneinander trennen, so stellen
sie doch nicht etwa zwei parallel verlaufende Aktionen, sondern blo
zwei Phasen, zwei Stufen des Emanzipationskampfes der Arbeiterklasse
dar. Der gewerkschaftliche Kampf umfat die Gegenwartsinteressen, der
sozialdemokratische Kampf die Zukunftsinteressen der Arbeiterbewegung.
Die Kommunisten, sagt das kommunistische Manifest, vertreten gegenber
verschiedenen Gruppeninteressen (nationalen, lokalen Interessen) der
Proletarier die gemeinsamen Interessen des gesamten Proletariats und in
den verschiedenen Entwicklungsstufen des Klassenkampfes das Interesse
der Gesamtbewegung d.h. die Endziele der Befreiung des Proletariats.
Die Gewerkschaften vertreten nun die Gruppeninteressen und eine
Entwicklungsstufe der Arbeiterbewegung. Die Sozialdemokratie vertritt
die Arbeiterklasse und ihre Befreiungsinteressen im ganzen. Das
Verhltnis der Gewerkschaften zur Sozialdemokratie ist demnach das eines
Teiles zum Ganzen, und wenn unter den Gewerkschaftsfhrern die Theorie
von der Gleichberechtigung der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie
soviel Anklang findet, so beruht das auf einer grndlichen Verkennung
des Wesens selbst der Gewerkschaften und ihrer Rolle im allgemeinen
Befreiungskampfe der Arbeiterklasse.

Diese Theorie von der parallelen Aktion der Sozialdemokratie und der
Gewerkschaften und von ihrer Gleichberechtigung ist jedoch nicht
vllig aus der Luft gegriffen, sondern hat ihre geschichtlichen Wurzeln.
Sie beruht nmlich auf einer Illusion der ruhigen, normalen Periode
der brgerlichen Gesellschaft, in der der politische Kampf der
Sozialdemokratie in dem _parlamentarischen_ Kampf aufzugehen scheint.
Der parlamentarische Kampf aber, das ergnzende Gegenstck zum
Gewerkschaftskampf, ist ebenso wie dieser ein Kampf ausschlielich auf
dem Boden der brgerlichen Gesellschaftsordnung. Er ist seiner Natur
nach politische Reformarbeit, wie die Gewerkschaften konomische
Reformarbeit sind. Er stellt politische Gegenwartsarbeit dar, wie die
Gewerkschaften konomische Gegenwartsarbeit darstellen. Er ist, wie sie,
auch blo eine Phase, eine Entwicklungsstufe im Ganzen des
proletarischen Klassenkampfes, dessen Endziele ber den
parlamentarischen Kampf wie ber den gewerkschaftlichen Kampf in
gleichem Mae hinausgehen. Der parlamentarische Kampf verhlt sich zur
sozialdemokratischen Politik denn auch wie ein Teil zum Ganzen, genau so
wie die gewerkschaftliche Arbeit. Die Sozialdemokratie ist eben heute
die Zusammenfassung sowohl des parlamentarischen wie des
gewerkschaftlichen Kampfes in einem auf die Abschaffung der brgerlichen
Gesellschaftsordnung gerichteten Klassenkampf.

Die Theorie von der Gleichberechtigung der Gewerkschaften mit der
Sozialdemokratie ist also kein bloes theoretisches Miverstndnis,
keine bloe Verwechslung, sondern sie ist ein Ausdruck der bekannten
Tendenz jenes opportunistischen Flgels der Sozialdemokratie, der den
politischen Kampf der Arbeiterklasse auch tatschlich auf den
parlamentarischen Kampf reduzieren und die Sozialdemokratie aus einer
revolutionren proletarischen in eine kleinbrgerliche Reformpartei
umwandeln will.[4] Wollte die Sozialdemokratie die Theorie von der
Gleichberechtigung der Gewerkschaften akzeptieren, so wrde sie damit
in indirekter Weise und stillschweigend jene Verwandlung akzeptieren,
die von den Vertretern der opportunistischen Richtung lngst angestrebt
wird.

[Funote 4: Da das Vorhandensein einer solchen Tendenz innerhalb der
deutschen Sozialdemokratie gewhnlich geleugnet wird, so mu man die
Offenherzigkeit begren, mit der die opportunistische Richtung neulich
ihre eigentlichen Ziele und Wnsche formuliert hat. In einer
Parteiversammlung in Mainz am 10. September d.J. wurde folgende von Dr.
_David_ vorgelegte Resolution angenommen:

In der Erwgung, da die sozialdemokratische Partei den Begriff
Revolution nicht im Sinne des gewaltsamen Umsturzes, sondern im
friedlichen Sinne der Entwicklung, d.h. der allmhlichen Durchsetzung
eines neuen Wirtschaftsprinzips, auffat, lehnt die Mainzer ffentliche
Parteiversammlung jede Revolutionsromantik ab.

Die Versammlung sieht in der Eroberung der politischen Macht nichts
anderes als die Eroberung der Mehrheit des Volkes fr die Ideen und
Forderungen der Sozialdemokratie; eine Eroberung, die nicht geschehen
kann mit gewaltsamen Mitteln, sondern nur durch die Revolutionierung der
Kpfe auf dem Wege der geistigen Propaganda und der praktischen
Reformarbeit auf allen Gebieten des politischen, wirtschaftlichen und
sozialen Lebens.

In der berzeugung, da die Sozialdemokratie weit besser gedeiht bei den
gesetzlichen Mitteln als bei den ungesetzlichen und dem Umsturz, lehnt
die Versammlung die _direkte Massenaktion_ als taktisches Prinzip ab
und hlt an dem Prinzip der _parlamentarischen Reformation_ fest, d.h.,
sie wnscht, da die Partei nach wie vor ernstlich bemht ist, _auf dem
Wege der Gesetzgebung und der organischen Entwicklung allmhlich unsere
Ziele zu erreichen_.

Die fundamentale Voraussetzung dieser reformatorischen Kampfesmethode
ist freilich, da die _Mglichkeit der Anteilnahme der besitzlosen
Volksmasse an der Gesetzgebung_ im Reiche und in den Einzelstaaten nicht
verkrzt, sondern bis zur _vollen Gleichberechtigung_ erneuert wird. Aus
diesem Grunde hlt es die Versammlung fr ein unbestreitbares Recht der
Arbeiterschaft, zur Abwehr von Attentaten auf ihre gesetzlichen Rechte
sowie zur Erringung weiterer Rechte, wenn alle anderen Mittel versagen,
auch die Arbeit fr krzere oder lngere Dauer zu verweigern.

Da der politische Massenstreik aber nur dann siegreich fr die
Arbeiterschaft durchgefhrt werden kann, wenn er sich _in streng
gesetzlichen Bahnen_ hlt und seitens der Streikenden kein berechtigter
Anla zum Eingreifen der bewaffneten Macht geboten wird, so erblickt die
Versammlung die einzig notwendige und wirksame Vorbereitung auf den
Gebrauch dieses Kampfmittels in dem weiteren Ausbau der politischen,
gewerkschaftlichen und genossenschaftlichen Organisation. Denn nur
dadurch knnen die Voraussetzungen in der breiten Volksmasse geschaffen
werden, die den erfolgreichen Verlauf eines Massenstreiks garantieren:
zielbewute Disziplin und einen geeigneten wirtschaftlichen Rckhalt.]

Indes ist in Deutschland eine solche Verschiebung des Verhltnisses
innerhalb der Arbeiterbewegung unmglicher als in irgend einem anderen
Lande. Das theoretische Verhltnis, wonach Gewerkschaften blo ein Teil
der Sozialdemokratie sind, findet gerade in Deutschland seine klassische
Illustration in den Tatsachen, in der lebendigen Praxis, und zwar uert
sich dies nach drei Richtungen hin. Erstens sind die deutschen
Gewerkschaften direkt ein Produkt der Sozialdemokratie; sie ist es, die
die Anfnge der jetzigen Gewerkschaftsbewegung in Deutschland geschaffen
hat, sie ist es, die sie grogezogen, sie liefert bis auf heute
ihre Leiter und die ttigsten Trger ihrer Organisation. Zweitens
sind die deutschen Gewerkschaften ein Produkt der Sozialdemokratie
auch in dem Sinne, da die sozialdemokratische Lehre die Seele der
gewerkschaftlichen Praxis bildet, die Gewerkschaften verdanken ihre
berlegenheit ber alle brgerlichen und konfessionellen Gewerkschaften
dem Gedanken des Klassenkampfes; ihre praktischen Erfolge, ihre Macht
sind ein Resultat des Umstandes, da ihre Praxis von der Theorie des
wissenschaftlichen Sozialismus erleuchtet und ber die Niederungen eines
engherzigen Empirismus gehoben ist. Die Strke der praktischen Politik
der deutschen Gewerkschaften liegt in ihrer Einsicht in die tieferen
sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhnge der kapitalistischen
Ordnung; diese Einsicht verdanken sie aber niemand anderem, als der
Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus, auf der sie in ihrer Praxis
fuen. In diesem Sinne ist jenes Suchen nach der Emanzipierung der
Gewerkschaften von der sozialdemokratischen Theorie nach einer anderen
gewerkschaftlichen Theorie im Gegensatz zur Sozialdemokratie vom
Standpunkte der Gewerkschaften selbst und ihrer Zukunft nichts anderes,
als ein Selbstmordversuch. Die Loslsung der gewerkschaftlichen Praxis
von der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus wrde fr die
deutschen Gewerkschaften einen sofortigen Verlust der ganzen
berlegenheit gegenber allen brgerlichen Gewerkschaftssorten, einen
Sturz von ihrer bisherigen Hhe auf das Niveau eines haltlosen Tastens
und reinen platten Empirismus bedeuten.

Endlich aber drittens sind die Gewerkschaften, wovon ihre Fhrer
allmhlich das Bewutsein verloren haben, auch direkt in ihrer
_zahlenmigen_ Strke, ein Produkt der sozialdemokratischen Bewegung
und der sozialdemokratischen Agitation. Gewi ging und geht die
gewerkschaftliche Agitation in manchen Gegenden der sozialdemokratischen
voran und berall ebnet die gewerkschaftliche Arbeit auch der
Parteiarbeit die Wege. Vom Standpunkte ihrer _Wirkung_ arbeiten Partei
und Gewerkschaften einander vllig in die Hand. Allein, wenn man das
Bild des Klassenkampfes in Deutschland im ganzen und in seinen tiefer
liegenden Zusammenhngen berblickt, so verschiebt sich das Verhltnis
erheblich. Manche Gewerkschaftsleiter pflegen gern mit einigem Triumph
von der stolzen Hhe ihrer 1 Millionen Mitglieder auf die armselige,
noch nicht volle halbe Million der organisierten Mitglieder der
Sozialdemokratie herabzublicken und sie an jene Zeiten vor 10 bis 12
Jahren zu erinnern, wo man in den Reihen der Sozialdemokratie ber die
Perspektiven der gewerkschaftlichen Entwicklung noch pessimistisch
dachte. Sie bemerken gar nicht, dass zwischen diesen zwei Tatsachen: der
hohen Ziffer der Gewerkschaftsmitglieder und der niedrigen Ziffer der
sozialdemokratisch Organisierten in gewissem Mae _ein direkter kausaler
Zusammenhang besteht_. Tausende und Abertausende von Arbeitern treten
den Parteiorganisationen nicht bei, eben _weil_ sie in die
Gewerkschaften eintreten. Der Theorie nach mten alle Arbeiter zweifach
organisiert sein: zweierlei Versammlungen besuchen, zweifache Beitrge
zahlen, zweierlei Arbeiterbltter lesen usw. Um dies jedoch zu tun, dazu
gehrt schon ein hoher Grad der Intelligenz und jener Idealismus, der
aus reinem Pflichtgefhl gegenber der Arbeiterbewegung tgliche Opfer
an Zeit und Geld nicht scheut, endlich auch jenes leidenschaftliche
Interesse fr das eigentliche Parteileben, das nur durch die
Zugehrigkeit zur Parteiorganisation befriedigt werden kann. All das
trifft bei der aufgeklrtesten und intelligentesten Minderheit der
sozialdemokratischen Arbeiterschaft in den Grostdten zu, wo das
Parteileben ein inhaltreiches und anziehendes, wo die Lebenshaltung der
Arbeiter eine hhere ist. Bei den breiteren Schichten der
grostdtischen Arbeitermasse aber, sowie in der Provinz, in den
kleineren und kleinsten Nestern, wo das lokale politische Leben ein
unselbstndiges, ein bloer Reflex der hauptstdtischen Vorgnge, wo das
Parteileben folglich auch ein armes und monotones ist, wo endlich die
wirtschaftliche Lebenshaltung des Arbeiters meistens eine sehr
kmmerliche, da ist das doppelte Organisationsverhltnis sehr schwer
durchzufhren.

Fr den sozialdemokratisch gesinnten Arbeiter aus der Masse wird dann
die Frage von selbst in der Weise gelst, da er eben seiner
Gewerkschaft beitritt. Den unmittelbaren Interessen seines
wirtschaftlichen Kampfes kann er nmlich, was durch die Natur dieses
Kampfes selbst bedingt ist, nicht anders gengen, als durch den Beitritt
zu einer Berufsorganisation. Der Beitrag, den er hier vielfach unter
bedeutenden Opfern seiner Lebenshaltung zahlt, bringt ihm unmittelbaren,
sichtlichen Nutzen. Seine sozialdemokratische Gesinnung aber vermag er
auch ohne Zugehrigkeit zu einer speziellen Parteiorganisation zu
bettigen: durch Stimmabgabe bei den Parlamentswahlen, durch den Besuch
sozialdemokratischer Volksversammlungen, durch das Verfolgen der
Berichte ber sozialdemokratische Reden in den Vertretungskrpern, durch
das Lesen der Parteipresse -- man vergleiche zum Beispiel die Zahl der
sozialdemokratischen Whler sowie die Abonnentenzahl des Vorwrts mit
der Zahl der organisierten Parteimitglieder in Berlin. Und, was das
Ausschlaggebende ist: der sozialdemokratisch gesinnte durchschnittliche
Arbeiter aus der Masse, der als einfacher Mann kein Verstndnis fr die
komplizierte und feine sogenannte Zweiseelentheorie haben kann, fhlt
sich eben auch in der Gewerkschaft _sozialdemokratisch_ organisiert.
Tragen die Zentralverbnde auch kein offizielles Parteischild, so sieht
doch der Arbeitsmann aus der Masse in jeder Stadt und jedem Stdtchen an
der Spitze seiner Gewerkschaft als die ttigsten Leiter diejenigen
Kollegen, die er auch als Genossen, als Sozialdemokraten aus dem
ffentlichen Leben kennt: bald als sozialdemokratische Reichstags-,
Landtags- oder Gemeindeabgeordnete, bald als sozialdemokratische
Vertrauensmnner, Wahlvereinsvorstnde, Parteiredakteure,
Parteisekretre, oder einfach als Redner und Agitatoren. Er hrt ferner
in der Agitation in seiner Gewerkschaft meistens dieselben ihm lieb und
verstndlich gewordenen Gedanken ber die kapitalistische Ausbeutung,
ber Klassenverhltnisse, die er auch aus der sozialdemokratischen
Agitation kennt; ja die meisten und beliebtesten Redner in den
Gewerkschaftsversammlungen sind eben bekannte Sozialdemokraten.

So wirkt alles dahin, dem klassenbewuten Durchschnittsarbeiter das
Gefhl zu geben, da er, indem er sich gewerkschaftlich organisiert,
dadurch auch seiner Arbeiterpartei angehrt, sozialdemokratisch
organisiert ist. _Und darin liegt eben die eigentliche Werbekraft der
deutschen Gewerkschaften_. Nicht dank dem Schein der Neutralitt,
sondern dank der sozialdemokratischen Wirklichkeit ihres Wesens,
haben es die Zentralverbnde vermocht, ihre heutige Strke zu
erreichen. Dies ist einfach durch dieselbe Mitexistenz verschiedener
brgerlich-parteilicher: katholischer, Hirsch-Dunckerscher &c.
Gewerkschaften begrndet, durch die man eben die Notwendigkeit jener
politischen Neutralitt zu begrnden sucht. Wenn der deutsche
Arbeiter, der die volle freie Wahl hat, sich einer christlichen,
katholischen, evangelischen oder freisinnigen Gewerkschaft
anzuschlieen, keine von diesen, sondern die freie Gewerkschaft
whlt, oder gar aus jenen in diese bertritt, so tut er dies nur,
weil er die Zentralverbnde als ausgesprochene Organisationen des
modernen Klassenkampfes, oder, was in Deutschland dasselbe, als
sozialdemokratische Gewerkschaften auffat. Kurz: der Schein der
Neutralitt, der fr manche Gewerkschaftsfhrer existiert, besteht fr
die Masse der gewerkschaftlich Organisierten nicht. Und dies ist das
ganze Glck der Gewerkschaftsbewegung. Sollte jener Schein der
Neutralitt, jene Entfremdung und Loslsung der Gewerkschaften von der
Sozialdemokratie zur Wahrheit und namentlich in den Augen der
proletarischen Masse zur Wirklichkeit werden, dann wrden die
Gewerkschaften sofort ihren ganzen Vorzug gegenber den brgerlichen
Konkurrenzverbnden und damit auch ihre Werbekraft, ihr belebendes
Feuer, verlieren. Das Gesagte wird durch allgemein bekannte Tatsachen
schlagend bewiesen. Der Schein der partei-politischen Neutralitt der
Gewerkschaften konnte nmlich als Anziehungsmittel hervorragende Dienste
leisten in einem Lande, wo die Sozialdemokratie selbst keinen Kredit bei
den Massen besitzt, wo ihr Odium einer Arbeiterorganisation in den Augen
der Masse noch eher schadet als ntzt, wo mit einem Wort die
Gewerkschaften ihre Truppen erst aus einer ganz unaufgeklrten,
brgerlich gesinnten Masse selbst rekrutieren mssen.

Das Muster eines solchen Landes war das ganze vorige Jahrhundert
hindurch und ist auch heute noch in gewissem Mae -- _England_. In
Deutschland jedoch liegen die Parteiverhltnisse ganz anders. In einem
Lande, wo die Sozialdemokratie die mchtigste politische Partei ist, wo
ihre Werbekraft durch ein Heer von ber drei Millionen Proletariern
dargestellt wird, da ist es lcherlich, von dem abschreckenden Odium der
Sozialdemokratie zu sprechen und von bei Notwendigkeit einer
Kampforganisation der Arbeiter, die politische Neutralitt zu wahren.
Die bloe Zusammenstellung der Ziffer der sozialdemokratischen Whler
mit den Ziffern der gewerkschaftlichen Organisationen in Deutschland
gengt, um fr jedes Kind klar zu machen, da die deutschen
Gewerkschaften ihre Truppen nicht, wie in England, aus der
unaufgeklrten brgerlich gesinnten Masse, sondern aus der Masse der
bereits durch die Sozialdemokratie aufgerttelten und fr den Gedanken
des Klassenkampfes gewonnenen Proletarier, aus der sozialdemokratischen
Whlermasse werben. Manche Gewerkschaftsfhrer weisen mit Entrstung --
dies ein Requisit der Neutralittstheorie -- den Gedanken von sich,
die Gewerkschaften als Rekrutenschule fr die Sozialdemokratie zu
betrachten. Tatschlich ist diese ihnen so beleidigend erscheinende, in
Wirklichkeit hchst schmeichelhafte Zumutung in Deutschland durch den
einfachen Umstand zur Phantasie gemacht, weil die Verhltnisse meistens
umgekehrt liegen; es ist die Sozialdemokratie, die in Deutschland die
Rekrutenschule fr die Gewerkschaften bildet. Wenn auch das
Organisationswerk der Gewerkschaften meistens noch ein sehr schweres und
mhseliges ist, so ist, abgesehen von manchen Gegenden und Fllen, im
groen und ganzen nicht blo der Boden bereits durch den
sozialdemokratischen Pflug urbar gemacht worden, sondern die
gewerkschaftliche Saat selbst und endlich der Semann mssen auch noch
rot, sozialdemokratisch sein, damit die Ernte gedeiht. Wenn wir aber
auf diese Weise die gewerkschaftlichen Strkezahlen nicht mit den
sozialdemokratischen Organisationen, sondern, was das einzig richtige
ist, mit der sozialdemokratischen Whlermasse vergleichen, so kommen wir
zu einem Schlu, der von der landlufigen Vorstellung in dieser Hinsicht
bedeutend abweicht. Es stellt sich nmlich heraus, da die freien
Gewerkschaften heute tatschlich noch die Minderheit der
klassenbewuten Arbeiterschaft Deutschlands darstellen, haben sie doch
mit ihrer 1 Million Organisierter noch nicht die Hlfte der von der
Sozialdemokratie aufgerttelten Masse ausschpfen knnen.

Der wichtigste Schlu aus den angefhrten Tatsachen ist der, da die fr
die kommenden Massenkmpfe in Deutschland unbedingt notwendige vllige
_Einheit_ der gewerkschaftlichen und der sozialdemokratischen
Arbeiterbewegung _tatschlich vorhanden ist_, und zwar ist sie
verkrpert in der breiten Masse, die gleichzeitig die Basis der
Sozialdemokratie wie der Gewerkschaften bildet und in deren Bewutsein
beide Seiten der Bewegung zu einer geistigen Einheit verschmolzen sind.
Der angebliche Gegensatz zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaften
schrumpft bei dieser Sachlage zu einem Gegensatz zwischen der
Sozialdemokratie und einem gewissen Teil der Gewerkschaftsbeamten
zusammen, der aber zugleich ein Gegensatz innerhalb der Gewerkschaften
zwischen diesem Teil der Gewerkschaftsfhrer und der gewerkschaftlich
organisierten proletarischen Masse ist.

Das starke Wachstum der Gewerkschaftsbewegung in Deutschland im Laufe
der letzten 15 Jahre, besonders in der Periode der wirtschaftlichen
Hochkonjunktur 1895-1900, hat von selbst eine groe Verselbstndigung
der Gewerkschaften, eine Spezialisierung ihrer Kampfmethoden und ihrer
Leitung und endlich das Aufkommen eines regelrechten gewerkschaftlichen
Beamtenstandes mit sich gebracht. All diese Erscheinungen sind ein
vollkommen erklrliches und natrliches geschichtliches Produkt des
fnfzehnjhrigen Wachstums der Gewerkschaften, ein Produkt der
wirtschaftlichen Prosperitt und der politischen Windstille in
Deutschland. Sie sind, wenn auch von gewissen belstnden
unzertrennlich, doch zweifellos ein historisch notwendiges bel. Allein
die Dialektik der Entwicklung bringt es eben mit sich, da diese
notwendigen Frderungsmittel des gewerkschaftlichen Wachstums auf einer
gewissen Hhe der Organisation und bei einem gewissen Reifegrad der
Verhltnisse in ihr Gegenteil, in Hemmnisse des weiteren Wachstums
umschlagen.

Die Spezialisierung ihrer Berufsttigkeit als gewerkschaftlicher Leiter
sowie der naturgem enge Gesichtskreis, der mit den zersplitterten
konomischen Kmpfen in einer ruhigen Periode verbunden ist, fhren bei
den Gewerkschaftsbeamten nur zu leicht zum Bureaukratismus und zu einer
gewissen Enge der Auffassung. Beides uert sich aber in einer ganzen
Reihe von Tendenzen, die fr die Zukunft der gewerkschaftlichen Bewegung
selbst hchst verhngnisvoll werden knnten. Dahin gehrt vor allem die
berschtzung der Organisation, die aus einem Mittel zum Zweck
allmhlich in einen Selbstzweck, in ein hchstes Gut verwandelt wird,
dem die Interessen des Kampfes untergeordnet werden sollen. Daraus
erklrt sich auch jenes offen zugestandene Ruhebedrfnis, das vor einem
greren Risiko und vor vermeintlichen Gefahren fr den Bestand der
Gewerkschaften, vor der Ungewiheit grerer Massenaktionen
zurckschreckt, ferner die berschtzung der gewerkschaftlichen
Kampfesweise selbst, ihrer Aussichten und ihrer Erfolge. Die bestndig
von dem konomischen Kleinkrieg absorbierten Gewerkschaftsleiter, die
es zur Aufgabe haben, den Arbeitermassen den hohen Wert jeder noch
so geringen konomischen Errungenschaft, jeder Lohnerhhung oder
Verkrzung der Arbeitszeit plausibel zu machen, kommen allmhlich
dahin, da sie selbst die greren Zusammenhnge und den berblick
ber die Gesamtlage verlieren. Nur dadurch kann erklrt werden, da
manche Gewerkschaftsfhrer z.B. mit so groer Genugtuung auf die
Errungenschaften der letzten 15 Jahre, auf die Millionen Mark
Lohnerhhungen hinweisen, anstatt umgekehrt den Nachdruck auf die andere
Seite der Medaille zu legen: auf die gleichzeitig stattgefundene
ungeheure Herabdrckung der proletarischen Lebenshaltung durch den
Brotwucher, durch die gesamte Steuer- und Zollpolitik, durch den
Bodenwucher, der die Wohnungsmieten in so exorbitanter Weise in die Hhe
getrieben hat, mit einem Wort, auf all die objektiven Tendenzen der
brgerlichen Politik, die jene Errungenschaften der 15jhrigen
gewerkschaftlichen Kmpfe zu einem groen Teil wieder wett machen. Aus
der _ganzen_ sozialdemokratischen Wahrheit, die neben der Betonung der
Gegenwartsarbeit und ihrer absoluten Notwendigkeit das Hauptgewicht auf
die _Kritik_ und die Schranken dieser Arbeit legt, wird so die _halbe_
gewerkschaftliche Wahrheit zurechtgestutzt, die nur das Positive des
Tageskampfes hervorhebt. Und schlielich wird aus dem Verschweigen der
dem gewerkschaftlichen Kampfe gezogenen objektiven Schranken der
brgerlichen Gesellschaftsordnung eine direkte Feindseligkeit gegen jede
theoretische Kritik, die auf diese Schranken im Zusammenhang mit den
Endzielen der Arbeiterbewegung hinweist. Die unbedingte Lobhudelei, der
grenzenlose Optimismus werden zur Pflicht jedes Freundes der
Gewerkschaftsbewegung gemacht. Da aber der sozialdemokratische
Standpunkt gerade in der Bekmpfung des kritiklosen gewerkschaftlichen
Optimismus, ganz wie in der Bekmpfung des kritiklosen parlamentarischen
Optimismus besteht, so wird schlielich gegen die sozialdemokratische
Theorie selbst Front gemacht: man sucht tastend nach einer neuen
gewerkschaftlichen Theorie, d.h. nach einer Theorie, die den
gewerkschaftlichen Kmpfen im Gegensatz zur sozialdemokratischen Lehre
auf dem Boden der kapitalistischen Ordnung ganz unbeschrnkte
Perspektiven des wirtschaftlichen Aufstiegs erffnen wurde. Eine solche
Theorie existiert freilich schon seit geraumer Zeit: es ist dies die
Theorie von Prof. _Sombart_, die ausdrcklich mit der Absicht
aufgestellt wurde, einen Keil zwischen die Gewerkschaften und die
Sozialdemokratie in Deutschland zu treiben und die Gewerkschaften auf
brgerlichen Boden hinberzulocken.

Im engen Zusammenhang mit diesen theoretischen Tendenzen steht ein
Umschwung im Verhltnis der Fhrer zur Masse. An Stelle der kollegialen
Leitung durch lokale Kommissionen mit ihren zweifellosen
Unzulnglichkeiten tritt die geschftsmige Leitung des
Gewerkschaftsbeamten. Die Initiative und die Urteilsfhigkeit werden
damit sozusagen zu seiner Berufsspezialitt, whrend der Masse
hauptschlich die mehr passive Tugend der Disziplin obliegt. Diese
Schattenseiten des Beamtentums bergen sicherlich auch fr die Partei
bedeutende Gefahren in sich, die sich aus der jngsten Steuerung, aus
der Anstellung der lokalen Parteisekretre, seht leicht ergeben knnen,
wenn die sozialdemokratische Masse nicht darauf bedacht sein wird, da
die genannten Sekretre reine Vollziehungsorgane bleiben und nicht etwa
als die berufenen Trger der Initiative und der Leitung des lokalen
Parteilebens betrachtet werden. Allein dem Bureaukratismus sind in der
Sozialdemokratie durch die Natur der Sache, durch den Charakter des
politischen Kampfes selbst engere Grenzen gezogen, als im
Gewerkschaftsleben. Hier bringt gerade die technische Spezialisierung
der Lohnkmpfe, z.B. der Abschlu von komplizierten Tarifvertrgen und
dergleichen, mit sich, da der Masse der Organisierten hufig der
berblick ber das gesamte Gewerbsleben abgesprochen und damit ihre
Urteilsunfhigkeit begrndet wird. Eine Blte dieser Auffassung ist
namentlich auch die Argumentation, mit der jede theoretische Kritik an
den Aussichten und Mglichkeiten der Gewerkschaftspraxis verpnt wird,
weil sie angeblich eine Gefahr fr die gewerkschaftsfromme Gesinnung der
Masse darstelle. Es wird dabei von der Ansicht ausgegangen, da die
Arbeitermasse nur bei blindem, kindlichen Glauben an das Heil des
Gewerkschaftskampfes fr die Organisation gewonnen und erhalten werden
knne. Im Gegensatz zur Sozialdemokratie, die gerade auf der Einsicht
der Masse in die Widersprche der bestehenden Ordnung und in die ganze
komplizierte Natur ihrer Entwicklung, auf dem kritischen Verhalten der
Masse zu allen Momenten und Stadien des eigenen Klassenkampfes ihren
Einflu basiert, wird der Einflu und die Macht der Gewerkschaften nach
dieser verkehrten Theorie auf der Kritik- und Urteilslosigkeit der Masse
gegrndet. Dem Volke mu der Glaube erhalten werden -- dies der
Grundsatz, aus dem heraus manche Gewerkschaftsbeamten alle Kritik an den
objektiven Unzulnglichkeiten der Gewerkschaftsbewegung zu einem
Attentat auf diese Bewegung selbst stempeln. Und endlich ein Resultat
dieser Spezialisierung und dieses Bureaukratismus unter den
Gewerkschaftsbeamten ist auch die starke Verselbstndigung und die
Neutralitt der Gewerkschaften gegenber der Sozialdemokratie. Die
uere Selbstndigkeit der gewerkschaftlichen Organisation hat sich mit
ihrem Wachstum als eine natrliche Bedingung ergeben, als ein
Verhltnis, das aus der technischen Arbeitsteilung zwischen der
politischen und der gewerkschaftlichen Kampfform erwchst. Die
Neutralitt der deutschen Gewerkschaften kam ihrerseits als ein
Produkt der reaktionren Vereinsgesetzgebung, des preuisch-deutschen
Polizeistaates auf. Mit der Zeit haben beide Verhltnisse ihre Natur
gendert. Aus dem polizeilich erzwungenen Zustand der politischen
Neutralitt der Gewerkschaften ist nachtrglich eine Theorie ihrer
freiwilligen Neutralitt als einer angeblich in der Natur des
Gewerkschaftskampfes selbst begrndeten Notwendigkeit zurechtgemacht
worden. Und die technische Selbstndigkeit der Gewerkschaften, die
auf praktischer Arbeitsteilung innerhalb des einheitlichen
sozialdemokratischen Klassenkampfes beruhen sollte, ist in die
Lostrennung der Gewerkschaften von der Sozialdemokratie, von ihren
Ansichten und von ihrer Fhrung, in die sogenannte Gleichberechtigung
mit der Sozialdemokratie umgewandelt.

Dieser Schein der Lostrennung und der Gleichstellung der Gewerkschaften
mit der Sozialdemokratie wird aber hauptschlich in den
Gewerkschaftsbeamten verkrpert, durch den Verwaltungsapparat der
Gewerkschaften genhrt. uerlich ist durch die Nebenexistenz eines
ganzen Stabes von Gewerkschaftsbeamten, einer gnzlich unabhngigen
Zentrale, einer zahlreichen Berufspresse und endlich der
gewerkschaftlichen Kongresse der Schein einer vlligen Parallelitt mit
dem Verwaltungsapparat der Sozialdemokratie, dem Parteivorstand, der
Parteipresse und den Parteitagen geschaffen. Diese Illusion der
Gleichstellung zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaften hat auch
u.a. zu der monstrsen Erscheinung gefhrt, da auf den
sozialdemokratischen Parteitagen und den gewerkschaftlichen Kongressen
zum Teil ganz analoge Tagesordnungen behandelt und zu derselben Frage
verschiedene, ja, direkt entgegengesetzte Beschlsse gefat werden. Aus
der natrlichen Arbeitsteilung zwischen dem Parteitag, der die
allgemeinen Interessen und Aufgaben der Arbeiterbewegung vertritt, und
den Gewerkschaftskonferenzen, die das viel engere Gebiet der speziellen
Fragen und Interessen des beruflichen Tageskampfes behandeln, ist der
knstliche Zwiespalt zwischen einer angeblichen gewerkschaftlichen und
einer sozialdemokratischen Weltanschauung in bezug auf _dieselben_
allgemeinen Fragen und Interessen der Arbeiterbewegung konstruiert
worden.

So hat sich der eigenartige Zustand herausgebildet, da dieselbe
Gewerkschaftsbewegung, die mit der Sozialdemokratie unten, in der
breiten proletarischen Masse, vollstndig eins ist, oben, in dem
Verwaltungsberbau, von der Sozialdemokratie schroff abspringt und sich
ihr gegenber als eine unabhngige zweite Gromacht aufrichtet. Die
deutsche Arbeiterbewegung bekommt dadurch die eigentmliche Form einer
Doppelpyramide, deren Basis und Krper aus einem Massiv besteht, deren
beide Spitzen aber weit auseinanderstehen.

Es ist aus dem Dargelegten klar, auf welchem Wege allein in natrlicher
und erfolgreicher Weise jene kompakte Einheit der deutschen
Arbeiterbewegung geschaffen werden kann, die im Hinblick auf die
kommenden politischen Klassenkmpfe, sowie im eigenen Interesse der
weiteren Entwicklung der Gewerkschaften, unbedingt notwendig ist. Nichts
wre verkehrter und hoffnungsloser, als die erstrebte Einheit auf dem
Wege sporadischer oder periodischer Verhandlungen ber Einzelfragen der
Arbeiterbewegung zwischen der sozialdemokratischen Parteileitung und der
gewerkschaftlichen Zentrale herstellen zu wollen. Gerade die obersten
Organisationsspitzen der beiden Formen der Arbeiterbewegung verkrpern,
wie wir gesehen, ihre Trennung und Verselbstndigung in sich, sind also
selbst Trger der Illusion von der Gleichberechtigung und der
Parallelexistenz der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften. Die
Einheit der beiden durch die Verbindung des Parteivorstandes und der
Generalkommission herstellen wollen, hiee eine Brcke gerade dort
bauen, wo der Abstand am weitesten und der bergang am schwersten ist.
Nicht oben, in den Spitzen der Organisationsleitungen und ihrem
fderativen Bndnis, sondern unten in der organisierten proletarischen
Masse liegt die Gewhr fr die wirkliche Einheit der Arbeiterbewegung.
Im Bewutsein der Million Gewerkschaftsmitglieder sind Partei und
Gewerkschaften tatschlich _Eins_, sie sind nmlich der
_sozialdemokratische_ Emanzipationskampf des Proletariats in
verschiedenen Formen. Und daraus ergibt sich auch von selbst die
Notwendigkeit, zur Beseitigung jener Reibungen, die sich zwischen der
Sozialdemokratie und einem Teil der Gewerkschaften ergeben haben, ihr
gegenseitiges Verhltnis dem Bewutsein der proletarischen Masse
anzupassen, d.h. _die Gewerkschaften der Sozialdemokratie wieder
anzugliedern_. Es wird damit nur die Synthese der tatschlichen
Entwicklung zum Ausdruck gebracht, die es von der ursprnglichen
Inkorporation der Gewerkschaften zu ihrer Ablsung von der
Sozialdemokratie gefhrt hatte, um nachher durch die Periode des starken
Wachstums sowohl der Gewerkschaften wie der Sozialdemokratie die
kommende Periode groer proletarischer Massenkmpfe vorzubereiten, damit
aber die Wiedervereinigung der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften
im Interesse beider zur Notwendigkeit zu machen.

Es handelt sich dabei selbstverstndlich nicht etwa um die Auflsung des
jetzigen gewerkschaftlichen Aufbaues in der Partei, sondern es handelt
sich um die Herstellung jenes natrlichen Verhltnisses zwischen der
Leitung der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften, zwischen
Parteitagen und Gewerkschaftskongressen, die dem tatschlichen
Verhltnis zwischen der Arbeiterbewegung im ganzen und ihrer
gewerkschaftlichen Teilerscheinung entspricht. Ein solcher Umschwung
wird, wie es nicht anders gehen kann, eine heftige Opposition eines
Teils der Gewerkschaftsfhrer hervorrufen. Allein es ist hohe Zeit, da
die sozialdemokratische Arbeitermasse lernt, ihre Urteilsfhigkeit und
Aktionsfhigkeit zum Ausdruck zu bringen, und damit ihre Reife fr jene
Zeiten groer Kmpfe und groer Aufgaben darzutun, in denen sie, die
Masse, der handelnde Chorus, die Leitungen nur die sprechenden
Personen, d.h., die Dolmetscher des Massenwillens sein sollen.

Die Gewerkschaftsbewegung ist nicht das, was sich in den vollkommen
erklrlichen, aber irrtmlichen Illusionen einer Minderheit der
Gewerkschaftsfhrer spiegelt, sondern das, was im Bewutsein der groen
Masse der fr den Klassenkampf gewonnenen Proletarier lebt. In diesem
Bewutsein ist die Gewerkschaftsbewegung ein Stck der Sozialdemokratie.
Und was sie ist, das wage sie zu scheinen.

Druck: Hamburger Buchdruckerei und Verlagsanstalt Auer & Co. in Hamburg.





End of the Project Gutenberg EBook of Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, by 
Rosa Luxemburg

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*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
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outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
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works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


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editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
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