The Project Gutenberg EBook of Die sechs Mndungen, by Kasimir Edschmid

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Title: Die sechs Mndungen
       Novellen

Author: Kasimir Edschmid

Release Date: February 23, 2010 [EBook #31376]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Transcriber's Note:
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Die sechs Mndungen



Novellen

von

Kasimir Edschmid




Kurt Wolff Verlag

Leipzig




Zehntes bis zwanzigstes Tausend

Copyright 1915 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig




Hof- Buch- und -Steindruckerei Dietsch & Brckner, Weimar



Diese Novellen, die die sechs Mndungen
heien, weil sie von verschiedenen Seiten
einstrmen in den unendlichen Dreiklang
unsrer endlichsten Sensationen: -- des Verzichts
-- der tiefen Trauer -- und des grenzenlosen
Todes -- sind geschrieben zur einen
Hlfte im Herbst Neunzehnhundertdreizehn
und im folgenden Mrz zum anderen Teil.

Sie sind gewidmet dem

Doktor Heinrich Simon



  Inhalt

  Der Lazo  . . . . . . . . . .   1
  Der ausstzige Wald . . . . .  33
  Maintonis Hochzeit  . . . . .  69
  Fifis herbstliche Passion . .  99
  Yousouf . . . . . . . . . . . 129
  Yup Scottens  . . . . . . . . 201




Der Lazo

Raoul Perten verlie das Haus.

Seine Fe stiegen die Treppe herunter, er fhlte es und die Bewutheit des
mechanischen Vorgangs erfllte ihn ganz, beruhigte ihn fast, obwohl keine
Erregung in diesen Tagen vorangegangen war, und dies erstaunte ihn ein
wenig.

Es hatte ausgeregnet, die Erde strmte nach den Umwlzungen des Gewitters
aus aufgerissenen Ventilen dankbaren Geruch in die Hhe. Zwischen den
gelben Kieswegen lagen kleine schrgsteigende Dampfwolken, und die
wassergefllten ungeheuren Dolden der weien Fliederbsche betteten sich
schwer, geneigt und getrunken in das Feuchte der Bltter, und als einziges
Gerusch klang das Rieseln seiner ablaufenden Tropfen in der Luft.

Das ist alles so einerlei wie ungerecht, sagte Raoul. Wenn ich dies so
durch die Nase ziehe, berjagt mich etwas wie etwa die Ahnung eines
malosen Flugs. In fnf Minuten aber ist das vorber und ich wei nur noch,
da wir den Abend zu sechs Gngen soupieren, da Onkel den Louis Schtz
mitbringen wird, da Blumenthal morgen (was macht es mir?) seinen zweiten
Rekord feiern wird, bermorgen vielleicht Hans stirbt oder Mella mit dem
Russen verschwindet. Und was geht das Wissen da all mich im Grunde an
. . .? Onkel hat einen neuen Chablis entdeckt und denkt, da man ihn den
Abend drum feiert. Der Prsident wird gegen zwlf wie gewohnt seinen Witz
erzhlen. Rosenheim lacht durch die Nase. Mella wird im Orpheum meinen
leeren Platz sehen, sich rgern oder freuen oder auch nur erschrocken sein.

Fiele ich dort an der Straenecke in einen gewaltigen und (oh!)
varietgrnen See oder sauste ich in einen grandiosen Backofen -- -- -- es
wre objektiv ganz gleich, ich wrde mich in dem einen Falle nicht mehr
erstaunen als in dem zweiten oder andere Bewegungen machen, man wrde die
Tatsache als eine kleine zwischenakthafte Sensation anstndig, vielleicht
grazis aufarbeiten -- -- -- ohne viel Verwunderung . . . nur Onkels
bedauernswerte schwarze Glacs wrden einige Tage lang steigen und sinken,
monoton und heftig wie Pumpenschwengel . . . -- Doch dieses
Mglichkeitsausdenken ist sehr langweilig. Monologe sind literarisch. Die
Geste ist verwundert -- alt und blasiert. Bin ich blasiert? Bestimmt?
Ehrlich? Nein! Wenn ich am Sonntag reite, den Dre spre, das leichte
Keuchen hre aus der Gurgel des Gauls und von seinem Mundschwei beschneit
dahnge zwischen Zgeln, Rcken, Gegnern und Welt -- -- -- wei ich, da
dies eine Sekunde Seligkeit sein wird, ist. Auch wenn wir im Auto den Rhein
hinunterrasen und dann quer ber Holland und die mitteldeutsche Hypothenuse
zurck . . . dann sitze ich nicht, Beine ausgeklemmt, weit voraus, das Rad
zwischen zwei Hnden hebelnd und von Zeit zu Zeit das kratzende Gerusch
des bewegten Vergasers ber das Gehmmer des Motors setzend . . . sitze ich
nicht, braun, die Nase wie ein Akzent ber dem eingummierten Gesicht mit
dicken hellbraunen Lederhandschuhen auf dem Apparat -- -- -- vielmehr
irgendwo bin ich darber, in der Hhe, fliegend (doch keineswegs so wie im
Aero: gttlich und doch gebunden!), sondern aus einer groen Ruhe heraus
gewaltig herunterlugend und das Gefhl ruckweise wie Bissen genieend: Das
weie Netz der Landstraen, hell, wei, flimmernd vor Staub, sei eine
Befriedigung, eine stolze Sache . . . die hellen Schluche fhrten alle in
eine Seligkeit, in einen ungeheuer kreisenden Horizont, dessen unermeliche
Offenheit anzuschauen so etwas sei wie ein Ziel.

Allein wenn ich nach auen fasse, nach rechts auen, und den Hebel
zurckschmeie und -- der Wagen steht, so wei ich: Alle Chausseen seien
doch nur ineinanderflieend und auf das erste zurcklaufend nicht mehr als
ein stumpf machender Kreislauf und eine Schlange, die sich in den Schwanz
beit. Mein Rcken sofort dann krmmt sich ein wenig wie im gutsitzenden
Cutaway, mein Bizeps erlahmt in dem rmel, der wieder korrekt darberfllt,
sich erst an der Manschette von neuem erweiternd. --

Innere Monologe dieser Art dauern in der Regel straenweit und haben den
Vorzug, in abenteuerliche Stimmung zu versetzen und den Weg aufs
angenehmste zu verkrzen, da man sich hierbei des Gehens als physischer
Erscheinung nicht bewut wird. Daher war Raoul Perten schon tief in die
Stadt hineingekommen. Er bewegte sich an einem Tramwayhalteplatz vorber.
Der Wagen leerte sich beinahe vllig. Das Gesicht eines der ausgestiegenen
Herren schwebte pltzlich ber Raouls Gesicht und sammelte seine ganze
Aufmerksamkeit langsam auf sich. Raoul sah eine Hakennase, von der viele
parallele kleine Adern nach den Augenscken liefen und sich dort in einem
Chaos von disharmonierenden Linien austobten. Die Ohren waren oval, steif,
fast gespitzt und ganz hell.

Mein Junge, sagte dieser Mann. Es war sein Onkel. Sie reichten sich die
Hand.

In diesem Augenblick, whrend dieses Vorgangs, der sich tglich in
unzhligen Variationen, der sich seit Raouls sechstem Jahr (also fnfzehn
Jahre hindurch) vollzog wie irgendeine Funktion (denn teils durch Zufall,
einigerseits auch aus einer hyperbolischen Marotte des Alten waren sie in
dieser Zeit kaum einen Tag getrennt gewesen), in der schamlosen
Selbstverstndlichkeit und Verbrauchtheit dieser Gebrde vollzog sich, die
gewaltigste Umwlzung in Raouls Leben.

Er stand da, den Stock auf der Spitze seines Schuhs, ihn oben leicht
drehend, die andere Hand im Paletot und sagte, obwohl er keine Sekunde
daran gedacht hatte, sagte wie in einem Trance: Ich werde ein paar Tage
verreisen, Onkel und diese Worte erstaunten ihn selbst nicht . . . und wie
er ruhig die Scheine einsteckte, nein, wie er sie ergriff mit drei
gespitzten Fingern, als der Onkel sie ihm reichte und ihn bat, doch
jedenfalls den Abend da zu sein und da er sich berlegen wolle, ob er auch
mitkomme ohne die Frage, wohin berhaupt . . . da sprte Raoul in einer
groen Erregung schon, wie sich neue Dinge in ihm von diesem seitherigen
Leben schon wieder lsten und andere nachbrachen und in der angegrabenen
Rinne der neuen Erkenntnis weiterrannen -- denn er begriff pltzlich, da
diese gespitzte Bewegung seines Armes keine sei, die nur irgendwie seinem
Bizeps korrespondiere, und Miverhltnis zwischen seiner Situation und
seiner Anlage und Natur klafften ihm klar auseinander.

Er packte die Scheine und rollte sie wie Stanniol zusammen (Ja! wie
Stanniol lachte er) und steckte sie in die Tasche. Er wartete, bis des
Onkels Gang, der selbstbewut und sehr nach auen war, nicht mehr sichtbar
blieb.

Dann rannte er auf einem abkrzenden Wege nach Hause. Wie er die Treppen
hinaufsauste, empfand er nicht mehr die Tatsache des Bewegens. Wie sollte
er die Existenz seiner Beine im Bewutsein haben, wo er lief! Er kam bis
unter das Gegiebel des Dachs. Ergriff die Kugel mit den Scheinen und legte
sie ganz sachte in ein groes Spinnennetz, das seit Jahren dahing, und
setzte mit einem Schwung, der gewohnt aus der Hand kam, trotzdem er seit
der Kommunion nie so hoch im Haus gestiegen war, die rotpunktierte Spinne
darauf. Worauf er lachte, ein Stck die Treppe hinabstieg, pltzlich
niederkniete auf beide Knie und vor Entzcken einige Male in die Hnde
klatschte. Dann durchsuchte er seine Zimmer nach Geld, die im ersten Stock
lagen, packte, was er fand, und rannte wie ein Tremolo die Stufen herunter.

Im Garten blieb er stehen. Er pflckte einen Zweig von der alten Vogelbeere
und behielt ihn, leicht damit spielend, in der Hand. Dann ging er. Ging
ohne Erregung, Posse, Sentimentalitt. Ging wie ein Passant, der eine
stille Gewiheit hat oder jemand, der eine Freude in sich sprt, die noch
nicht klar und reif geworden ist. Ging wie von einer Stelle, die einem so
vertraut und dadurch so entfernt geworden ist, da es selbst eine
fabelhafte seelische Vergeudung bedeutet, sich auch nur die Komdie einer
Traurigkeit einzureden. Es war ihm, er sehe seines Onkels Schatten ber
eine Gardine gleiten, doch mochte dies ein Irrtum sein. Er kam auf die
Strae. Da stand eine Laterne, die einmal ein betrunkener Fahrer umgeworfen
hatte. Er schritt an ihr vorbei. Ging immer weiter. Aus einer Abendschule
strmten Kinder, und wie er sah, da sie begehrlich vor einem kleinen
Bckerladen standen, kaufte er einen Arm voll klebrige Sachen und warf es
ber sie.

Es ward ihm hei beim raschen Gehen. Denn er eilte bermig, weil ihm
keineswegs klar war, wohin er gehe; nur da er sich entferne, wute er, und
das gengte ihm. Er zog seinen Covercoat aus und nahm ihn ber den Arm. Es
war dunkel. Laternen flammten auf, und er sah mit einem Male einen ganz
hellen Filzhut, der oben in eine Linie zusammengepret war, eine saloppe
und originelle Haltung und ein Gesicht mit einer Zigarette, und er nahm
seinen hellen Mantel, nannte den Menschen seinen Freund und schenkte ihn
dem, der berrascht sich oft verbeugte und vielemals Sehr geneigt sagte.
(Er hie Keybbell und war das an Willkrlichkeiten der Stunde nicht
ungewohnte abonnierte Modell eines sehr jungen Bildhauers.) Darauf rannte
er weiter und kam an eine Litfasule, die grell erleuchtet war.

An ihr entschied sich sein Schicksal.

Er sah eine Reeling. Ein paar Buchstaben sogen seinen Blick auf. Seine
Haltung ward mit einem Ruck ganz gestrafft. Er schob die Beine auseinander
und warf mit einer eigentmlichen Bewegung die rechte Schulter zurck und
ging von dunklen und heien Gefhlen berflutet in den spritzenden Regen
einer schmalen Wolke hinein, die den silbernen Himmel rasch und scheu noch
berschwamm.

Er dachte, da er in einem glnzenden Paradox das Negative des
Mantelverlusts gewissermaen zu einem quivalent mit dem Positiven einer
neu bergestreiften Psyche gemacht habe. Aber er sagte es nicht, weil ihm
schien, die Zeit der zynischen und geistvollen Glossierungen sei vorbei. Er
dachte kurz an eine Zigarette. Aber er zndete keine an.

Zndete keine an, sondern ging mit aufgeblasener Brust auf seinen groen
Horizont zu. -- -- --

Die berfahrt machte er ruhig im Zwischendeck. Zehn russische Polen lagen
im selben Raum mit ihm. Es rgerte ihn, da er sich abends ein feuchtes
Tuch vor die Nase band, weil dieser Geruch zu entschieden war. Denn es war
ihm klar: da es wertlos sei, sich mit seinen Allren und Gewohnheiten in
irgendwelche Strudel hineinzuwerfen. Da es vielmehr ntig sei, statt von
einer Mittellage aus unsicher nach zwei Richtungen hin und her zu
schwanken, von ganz unten her und ohne jede Voraussetzung die Welt zu
durchstoen nach oben hin. Und da er hierzu alles Angelernte abtun und an
sich tten msse. Das nasse Tuch aber lehrte ihn, da viel schwieriger wie
die berwindung grter Leidenschaften der Verzicht sei auf gewohnte
Zivilisierung. Aber er verzagte nicht. Drei Tage darauf nahm er an einem
schmierigen Fest der Polen als Solosnger teil. Sein Bariton ward so zu
etwas nutz, und seine Methode erwies sich zukunftsreich. Nach fnf Tagen
spielte er tglich Karten mit Hamburger Strflingen, die noch den
transparenten Teint ihres letzten Aufenthaltsortes hatten. Er fhlte schon,
da er steige. Sinken konnte er nicht, da er keine Erwartungen hatte.

Allein seine Haltung viel auf und seine Hnde noch mehr. Er beobachtete den
Gang der Matrosen und prgte ihn seinen Gliedern ein. Ihm fiel dann die
Unsitte eines Freundes ein, der den rechten Fu grundlos in einer kleinen
Kurve bei jedem Schritt nachschleifte. Er verband diese Note mit dem
Seemannsmarsch und fiel nun nicht mehr auf. Seine Hnde aber schienen
sofort demokratisch, als er sie einen Mittag lang zum Putzen einer
verschmergelten Maschine gromtig auslieh. Lngere Zeit umschlich ihn ein
brtiger Kerl aus Sachsen und erzhlte ihm lange Elendgeschichten in der
Art wie sie jedermann wei. Er gab ihm zwei Mark und hrte kaum auf ihn.
Aber er sah gleich ein, da diese Handlung tricht war, denn sogleich kamen
andere und dann wieder der Brtige. Da lernte er auch dies: nahm den Hund
und warf ihn die fettglnzende Treppe herunter. Und hatte nun Respekt.

Auch machte er, um den Umkreis dieser Lebenserkenntnisse zu vollenden, in
diesen Tagen die erste Bekanntschaft mit einer ihm unbekannten Sorte Tiere.

Nach zwei Tagen Quarantne stand er in New York. Es enttuschte ihn nicht,
aber es drckte auch nicht auf ihn. Vielmehr blieb er dieser Stadt
gegenber vllig indifferent. Denn warum sollte ihm das eine grere
Begeisterung oder eine Erweiterung seiner Seele verschaffen, da hier die
Dimensionen mehr nach Hoch verschoben waren wie sonst.

Er stieg in eine Bahn und fuhr so lange, bis er bescheidene Straen sah.
Dort mietete er und dorthin schaffte er am Abend selbst sein Gepck. Es gab
zuerst fr ihn noch die Schwierigkeit der Sprache, denn von der Schule aus
wute er wohl, wie Bescheidenheit heie und da Reichtum nicht glcklich
mache, aber ein Zuschlagbillett zu nehmen erlaubten ihm seine Kenntnisse
noch nicht. Jedoch fand er bald, da Sicherheit im Auftreten und Bewutsein
mehr wiege wie planloses Wissen. Er schien Chance zu haben. Da sah er eines
Abends im Hafen ein Kind, das weinte. Er wagte es nicht zu fragen, warum.
Er schenkte ihm nur sein Abendbrot, das er in der Hand hielt, und fuhr am
folgenden Morgen nach Milwaukee, denn diese Stadt war ihm zuwider geworden.

Er versuchte dort in den bekannten Formen unterzukommen: als Lehrer,
Kindergrtner, Feuerversicherungsagent . . . doch ohne Erfolg. Er begriff,
da diese Positionen zu gesucht seien, eben weil sie zu bekannt seien,
schlug sich an den Kopf, kaufte einen blauen Leinenanzug und von einem
Nigger eine lige Mtze und bot seinen Dienst an als perfekter Schlosser,
Chauffeur und Monteur. Ein Fabrikant fragte einmal: Kannst du
Milchseparators machen? Er antwortete, es sei seine Spezialitt. Am
nchsten Tag erfuhr er, da es Blechkonstruktionen seien mit einer
einfachen Mechanik, so da auf der einen Seite die Buttermilch, auf der
anderen die Butter herausspritze. Er machte am ersten Tag so viel, als die
Mindestzahl der Einlieferung betragen mute, und bekam fr das Stck fnf
Cents. Soviel stellte er die ersten vier Wochen weiter fertig. Jeden Tag
hatte er einen Dollar. Nach vier Wochen beschwerte er sich, die Arbeit sei
zu hart. Er schaffe solidere Arbeit als die anderen und deshalb weniger.
Man kontrollierte ihn und gab ihm sieben Cents frs Stck. Von diesem
Augenblick an machte er tglich so viel, da er drei Dollars hatte.

Nach vier Monaten weckte man ihn nachts. Er stand auf und fragte. Auf!
rasch . . . sagten sie ihm.

Mit vier Mbelwagen rasten sie durch die Stadt.

Endlich roch er, was war. Kurz darauf sah er es auch. Ein riesiges
Huserquadrat stand in Flammen. Schnell band man ihnen Tcher mit roten
Sternen um den Arm, und sie holten berall die Gegenstnde des Wertes:
Kassenschrnke und Klaviere heraus. Nigger halfen unter der Inspiration von
Rippensten. Man gab ihm fnfzig Dollars dafr.

Er betrachtete sie schweigend. Die Spinne sa auf einer Papierkugel, die
zehnmal so viel wert war. Allerdings: fr irgend jemand nur. Nicht fr die
Spinne. Auch nicht fr ihn in dem Sinn und Umstand seines Lebens von
damals. Er steckte die Summe vorsichtig und andchtig in die Tasche.

Am folgenden Morgen fuhr er nach dem Westen, fnf Tage spannte sich Land an
ihm vorbei, heulte das Dunkel an die breiten Fenster.

Er ging nach seinem Gepck in dieser Zeit, er rasierte sich, sprach mit den
Menschen und las. In den Couloirs ging er spazieren wie Unter den Linden
oder auf der Zeil. Sein ganzes Tun atmete eine sichere Ruhe aus; doch er
fhlte, da er, obwohl entschieden und klar, in einem fiebernden Sausen
sich befinde, das berall um ihn war. Die Bekanntschaften dieser Tage
erschienen ihm interessant wie kaum andere (obwohl er viele kannte, die
faszinierender und berhmt oder bedeutend vor allem waren wie Blumenthal
etwa, der Verse schrieb, Bucheinbnde machte und eine Nacht mit einer
ganzen Barbesatzung ber Westdeutschland flog). Er empfand eine erstmalige
Anteilnahme an den Menschen und Schicksalen, die an ihm vorbersausten, es
zuckte ihm in den Fingern, von dem zu wissen, was sie ausspie, wohin sie
rannten, was Farbiges und Erhelltes um sie sei. Aber er griff nicht zu. Es
war nicht seine Zeit. Er schnitt alles durch. Stieg aus.

Ein Pfahl markierte die Station. Ein morscher Haufe Htten (wie im
geduckten Bewutsein, nur ihm die Existenz zu danken) klebte um ihn herum.
Einige Indianer verkauften geflochtene Grtel mit Muscheln besetzt.

ber ihnen stieg ein gewaltiger Himmel auf. Gegen den fuhr er los, drei
Tage lang, im Bffelwagen.

Gegen Abend kamen sie an eine mchtige Niederlassung, und da sie ihm
gefiel, nahm er Stellung als Cow-Boy. Der Besitzer schlug ihm auf die
Schulter und schttelte seine Hand. Seine Frau nickte ihm kurz, freundlich
zu. Die Tochter sah ihn nicht. Sie ging an ihm vorbei zur Tr so dicht, da
ihr rmel den Staub von seiner Schulter fegte. Raoul fand, da dies seiner
Lage entsprechend sei. Aber nachdem er innerlich einverstanden gelchelt
hatte, bi er die Zhne zusammen und sah, da sie zwei schwere Zpfe hatte
und ihren Nacken mit einem elastischen Trotz hochtrug.

Es gibt drei Ideale, die der Cow-Boy kennt: Revolver, Lazo, seidenes
Halstuch. Im brigen erscheinen sie als Schweine. Vom Hanf- ber das Leder-
zum Seidenlazo zu kommen, ist die Gentkarriere des Cow-Boy. Allein es gibt
noch etwas in seiner schieren Unerreichbarkeit unermelich Kstlicheres.
Das ist der Lazo aus geflochtenen Pferdehaaren. Der Gaucho kommt selten in
seinen Besitz, obwohl er die Sehnsucht seines Daseins ist, weil er zuviel
suft und schiet. Denn ein oder zwei Jahre auf die Sehnsucht des Tages zu
verzichten, um die Inbrunst eines Lebens einzutauschen dafr, ist eine
Sache, die komplizierter ist als die letzte Wissenschaft oder mit Gre in
den Tod gehn. Die Tochter des Besitzers aber hatte ihn, und Helen war stolz
auf ihn, und siehe: breite Silberringe unterbrachen seinen Lauf.

Die anderen Cow-Boy ritten spter an, pflockten und nickten ihm zu. Einige
gaben ihm die Hand und einer nahm seinen Hut ab und sagte mit einem knappen
Einknicken der Hften: Heinz Freiherr von Kladern. Werde hier allerdings
selten mit vollem Titel angeredet. Die brigen schauten dumm, weil er es
deutsch sagte. Doch Raoul liebte ihn darum noch nicht, denn obwohl ihm das
Originelle der Situation gefiel, sagte ihm die ins Humoristische
stilisierte Form des uerlich Verkrachtseins nicht zu. Dagegen schlo er
sich zusammen mit Jim, einem frischen Kerl. Er sagte sich, da er im
Augenblick ungefhr im Steigen auf der Hhe angekommen sei, die dieser
Bursche hatte. Nmlich Kraft, Saftigkeit und eine Helligkeit des Auges, die
den Dingen und besonders dem glnzenden Himmel etwas abzuzwingen immer
bereit und sicher war.

Am nchsten Morgen hate Raoul den Freiherrn.

Raoul hatte nicht Gewohnheit, ungesattelt zu reiten. Da nahm der Freiherr
die Kugel aus einer Patrone, steckte einen Seifenbolzen hinein und scho
ihn dem Gaul auf den Bauch. Wie ein angedrehter Springbrunnen flog das Tier
in die Hhe und Raoul sa mit hartem Schlag auf der Erde. Wut stieg ihm in
die Fuste, aber er entkrallte die Hnde wieder, faltete sein Gesicht in
Ruhe. Er wute, er wrde in einigen Tagen besser reiten als der Freiherr
und empfand auch dies als Drang zum Handeln, berwinden und Durchsetzen.
Aber da die anderen gelacht hatten und das bs war, bat er den Freiherrn,
eine Flasche mit der Hand wagerecht zu halten auf zwanzig Schritt von ihm.
Der weigerte sich. Jim zog seine Reithandschuhe an und hielt sie, und Raoul
bluffte sich damit in alle Achtung und Bewunderung zurck, da er
seelenruhig zum Hals hinein und den Boden heraus scho. Und keiner lachte
mehr.

Nach einem halben Jahre fand er zwei Werst von der Farm ein Buch. Er hob es
auf. Longfellow: Hiawatha . . . Helen stand vor dem Hause und knotete ihre
Zpfe auf. Und er verga sich und redete das erstemal zu ihr, und gegen
seinen Willen, ohne da er es sprte, gingen viele abgestorbene Formen
wieder in ihm auf, und er sprach, da er das Buch gefunden htte und da er
wisse aus seiner frhen Jugend, wie rauschvoll es sei, und da er es ihr
bringe; denn er glaube, da es nur ihr gehren knne und frchte, sie htte
diesen Verlust als einen besonderen Schmerz empfunden. Und hier sei es nun.

Da entdeckte er an ihrem vernderten Wesen und ihrem schwer beherrschten
Erstaunen, da er in seinen alten Leib zurckgefallen sei oder vielmehr
sich selbst in seiner neuen Entwicklung bersprungen habe. Er merkte, da
es in ihm wte, sah, wie sie den Blick hob. Sprte ihn steigen an seinem
Krper, grausam und langsam wie Quecksilber sich hebt, bis er die Richtung
seiner Augen traf. Da sagte sie: Danke.

Er kam wochenlang nicht auf das Gehft aus Zorn gegen sich. Er schlief
nachts schlimmer als die anderen, frei im Gras, auf Steinen, fluchte und
betrank sich hin und wieder.

Aber sie kam zu ihm. Sie kam als Herrin, das tat ihm wohl. Sie kam
freundlich, und er wute nicht, wie er sich hierzu stellen sollte. Aber sie
nahm ihn einfach mit in ihrer Art, ri ihn vorwrts, whrend er von Europa
sprach und sie Washington dagegen hielt, in dem sie zwei Jahre in einem
Pensionat interniert war, und sie sprach franzsisch und er entgegnete
ebenso, doch sie fragte ihn nie, wer er sei, und gab ihm zwischendurch
leichte Auftrge, halb Wnsche mehr mit ausgeprgtem Akzent. Einmal sah er
den Freiherrn sich wo beschftigt machen. Er wies sie auf ihn. Sie hob kaum
die Schultern. Wie konnte der sie etwas angehn. Und Raoul liebte das
Grenzlose dieser Verachtung und hate sie darum gleich. Denn sie war ber
ihm und der Geist seiner Kaste sa in ihm.

Zwischendurch qulte er sich ber das Ungewisse des Verhltnisses, das
zwischen geschenktem Vertrauen, das er durch nichts erworben hatte (und der
Teufel lasse sich von oben her unverdiente Sentiments schenken!), und der
Gefahr des Beiseitegeschmissenwerdens hin und her vibrierte. Da gab es
einen Tag, wo sie die Sache klrte, indem sie ihm mit ihrem Stolz wie mit
einer Gerte ber das Gesicht schlug.

Sie hatte in seiner Herde eine helle Stute entdeckt mit ausgesprochen
weichen und feinen Formen und wnschte sie, fehlte aber mit ihrer Schnur.
Raoul fing sie mit seiner hanfenen. Zuerst war sie erfreut, klopfte dem
zitternden Tier den samtenen Hals und schien dankbar, bis sich im
Weiterreiten eine Falte in ihre Stirn bohrte und sie mit einer hochmtigen
Bewegung ihren Lazo ihm hinberschnickte und mit geschrfter Stimme sagte
(und verzogenen Lippen): Sie knnen ihn haben. Da! Er taugt mir doch nicht
mehr.

Seit seiner Knabenzeit sprte er, wie zum erstenmal wieder rote Wallungen
sein Gesicht zudeckten, er rhrte keine Hand nach der Schnur, wandte, ritt
davon, grulos. Zornig. Wute nun, da es ein Ziel sei, sie zu besitzen,
sie zu gewinnen. Gott, wie die Wunde ihn freute, die sie ihm gerissen, wie
er sich freute, da er heruntergeschmissen war von ihrem achtungsvollen
Interesse, in dem alle Handlung ihm gebunden war. Nun lag alles an der
Gewalt seiner Hnde.

In dieser Zeit kam ein Verwandter des Besitzers aus England auf die Farm.
Er hatte in New York Geschfte gehabt und wollte den Westen sehen. Er hatte
vor, zwei, drei Wochen zu bleiben, ward aber nach ein paar Tagen schwer
krank. Die gewohnten Praktiken versagten. Raoul und Jim rissen eine Stange
aus dem Zaun und ritten vierundzwanzig Stunden hindurch. Dann waren sie
wieder da. Auf einem dritten Pferd hatten sie den Arzt, an der Stange
zwischen sich die Apotheke. Die Krankheit war jedoch nicht schlimm.

Helen traf Raoul im Gang zu ihrem Stall. Vielleicht hatte sie auf ihn
gewartet. Sie war ganz wei und schien an ihm vorbei zu wollen. Dann blieb
sie doch stehen und sagte mit einer Stimme, die so beherrscht war, da die
Verzweiflung aus jedem Vokal weinte und in jedem Konsonanten pfiff und mit
einer Klte, die kaum die Wut markierte, da ihrer Unnahbarkeit dies
zugestoen sei: der Freiherr habe sie die Nacht angegriffen . . . Sie
stockte, denn sie empfand, da sie nicht wisse, was sie eigentlich wolle.
Und stotterte, da ihr Vater zwar den Freiherrn peitschen lassen wrde
. . . aber . . . nein . . . das . . . sie knne es ihm nicht sagen. Raoul
begriff, da es Zorn von ihr sei gegen sich, so klein zu ihren Vater zu
kommen, denn sie hielt ihren Stolz allein durch die Mglichkeit einer
solchen Sache beschmt, aber er wunderte sich nicht und fragte nicht: warum
sie das ihm sagen knne. Provozierte nur einen Wortwechsel, warf dem
Freiherrn die Schlinge ber und schleifte ihn ein Stck.

Dann erwartete er alles. Am selben Abend hrte er einen Schu und die
Kugel. Zwei Tage darauf ritt er auf ein Gebsch zu. Es fiel ein Schu. Die
Kugel drang in den Sattel. Sie war von vorne gekommen und hatte ihm den
Schenkel gestreift. Trotz aller Schmerzen suchte er das Gebsch ab, fand
aber nichts.

Aber er sprte, da ein Ende not sei. Die Nacht, ehe er nach den
Weidepltzen des Freiherrn ritt, nahm er Blei und Papier und schrieb seinem
Onkel, er solle ihm nicht belnehmen, da er heute erst dazu komme, ihm zu
schreiben, er sei jedoch sehr beschftigt gewesen und habe die
unmagebliche Absicht, seine Reise noch einige Zeit fortzufhren. Er sei
brigens in Amerika, momentan wenigstens, fr den Fall, da der
Prriestempel unleserlich sei. Doch sei der augenblickliche Aufenthaltsort
ebenfalls unmageblich. Er knne auch dem Wunsche des Onkels, etwas fr ihn
zu tun, womit er ihn das ganze Leben stets im berma bedrngt habe, gar
nicht entgegenkommen, da er leider ganz ohne Bedrfnisse sei. Vielleicht
nehme er aber ihm zuliebe die kleine Mhe auf sich, bis unter das Dach zu
kriechen, wenn er wisse, wo das sich in seinem Haus befinde, dort am
dritten Dachfenster aus dem groen Spinnnetz, aber ohne die Spinne zu
tten, eine Papierkugel zu nehmen und ihren anbei przisierten Wert an
seinen Freund Jim zu schicken. Jim sei nmlich ein entzckender Mensch,
Gourmand, und wnsche ein Hotel in der Prrie aufzutun. Woraufhin sich der
Onkel vielleicht entschlsse, die Gegend einmal zu besehen. Leider werde er
voraussichtlich (aber wer wei das bestimmt!) nicht mehr dort antreffen
seinen Neffen Raoul.

Darauf schritt er am Morgen nach den Pferden. Wieder traf er Helen. Er
hatte wegen seinem Schu am Abend die Apotheke benutzt. Mglich, da es ihr
aufgefallen war. Sie war entschieden verlegen und hatte Ringe im braunen
Gesicht. Wohin . . .?

Raoul machte eine undefinierbare Bewegung. Ganz ziellos und gro ins Weite.

Vielleicht -- das wollte ich sagen -- reiten Sie fr diesmal mein Pferd.
Ich kann heute nicht reiten und es soll nicht aus der Gewohnheit kommen
. . . und dann (ihre Hand erschien hinter dem Rcken) . . . dann . . .
nehmen Sie etwa auch meinen Lazo mit -- ?

Raoul zgerte.

Sie: Ich -- bitte.

Raoul ritt von der Farm. Helens Stute war das beste Pferd im Umkreis. Wie
leicht ihr Lazo war!

Der Freiherr erwartete ihn unruhig. Lang umkreisten sie, einander jagend,
einen groen Pferdetro. Die Tiere schoben sich schnaubend in dicken Keilen
zwischen sie. Sie konnten nicht schieen. Die Lazos peitschten die Luft.
Pltzlich ri zwischen den Gulen eine Gasse. Der Freiherr brach durch.
Raoul sprte, wie ihm das Blut gleich Nadeln in die Beine strmte unter dem
Druck der entsetzlich pressenden Berhrung des Lazos, der seine Brust
einschnrte. Wie ein Paket sauste er auf die Erde. Die Arme waren
angeschnrt, er konnte sie von den Ellenbogen ab erst bewegen.

Es gengte. Eh' der Gegner anzog, ihn zu schleifen, zielte er, stemmte das
Knie hoch, schrie etwas, scho Heinz Freiherrn von Kladern eine Kugel
mitten durch den Kopf.

Dann setzte er sich auf das Gras und schlug die Beine zusammen. Das da war
ein Duell im Sinne des Landes. Dieses war klar. Er wute, was das sagen
wolle, da Helen ihm Pferd und Lazo geliehen hatte. Er wrde wieder sehr
reich werden. Pah! Aber Helen wrde auf ihn warten, wenn er nach Sden
ritte. Und sie war schn, war stolz. Und dies: er glaubte, da er sie
liebe. Aber es schien ihm, da er dann wieder da angelangt sei, wo er
ausgegangen. Kein Himmel werde seine nchtliche Lockung ber ihn wlben.
Der Himmel wrde eine Mauer sein, fest um ihn herum gebaut. Das Leben wrde
nichts mehr zum Steigern fr ihn haben. Er begriff in einer qualvollen
Sekunde, da er fr dieses Leben und seine Ansprche verdorben sei, weil er
mit einem satten Punkt eingesetzt und mit einem Ende begonnen habe, und da
nur ein Reiz ewig und wertvoll in ihm sei: sich selbst hher zu werfen und
weiter zu steigern, und er begriff, da dies in diesen Zeitluften nur so
weiter ungebunden und von unten weiterstoend mglich sei.

Ein Schmerz stach sich in ihn hinein in dem Erfassen, da er ber Helen
hinausmsse und ihre Liebe und seine Sehnsucht berwinden msse. Ihre
Haare, der Nacken und das Bleiche, o vor allem, das ihren Trotz und ihre
Erschtterung frbte . . . Er schlo schmerzlich die Augen und hielt die
Lider lange darber. Dann erhob er sich.

Er gab der Stute einen Schlag auf die Kruppe, da sie schnaubend allein
nach Hause lief.

Er hatte einen Augenblick lang das Bewutsein, da er nun, wo diese
Schmerzlichkeit weiter ber sein Leben hinaushnge, das Alte und
Schwermachende nicht mehr zu frchten habe. Doch sogleich kamen Zweifel, ob
alles dies, was so qualvoll an Zeit und Geschick zu durchrennen ist, nicht
doch allein aus einer Kette von aufgerollten Schlingen bestehe, die sich
ineinanderflieend wiederholten im Hochhinaufgerissenwerden und in der
Mdigkeit. Aber er schttelte sie ab.

Stemmte sich auf, fing mit Helens Lazo ein wildes Pferd, bndigte es und
sprang darauf. Der Lazo war aus weien Pferdehaaren und aus dunkelen
geflochten und mit Silberringen breit geschmckt. Raoul Perten ritt nach
Norden zu. Und ritt und warf pltzlich die Arme hoch, da sie hingereckt
aufwrts standen, als fasse er, sich eingliedernd, in den Schwung eines
malosen Trapezes und lie den Lazo in mchtig sich vollendenden Ellipsen
um seine Hnde fahren -- -- . . . und ritt auf ein Stck Himmel zu, das
sich wie ein blaues Dreieck zwischen zwei Hgel hineinbohrte und ber dem
ein Horizont aufbrach, ungeheuer, voll Ewigkeit und in flimmernden Rotunden
kreisend wie ein von Rtseln durchstochener Schild.

Der ausstzige Wald

   Benoit de St. More:
   Ceste historie n'est pas use


Jehan Bodel, Sire d'Arras ritt durch den Wald.

Er ritt ein gelbes Maultier und trug aus Verachtung keine Waffen auer dem
kleinen damaskenischen Messer im Grtel. Seine Arme hingen la auf beiden
Seiten des Sattels herunter.

Nach zwei Stunden pfiff es scharf.

Aus einem Gebsch sauste ein Knuel Menschen den Abhang herunter in die
grelle Sonne. Einige hielten Keulen aus Holz in den Fusten. Der vorderste
tanzte geduckt, auf demselben Platz sich stetig hochschnellend. In seiner
linken Hand drehte sich ein quirlendes Instrument aus Eisen, die andere,
deren Finger aus dem Fleisch herausgekrochen waren und die am Knchel zu
einem dicken roten Schorf ward, krallte sich um ein altes rostiges Schwert.
Alle waren von furchtbaren Fetzen schmutzigen Tuchs umhngt. Geschwlste
und Narben fraen sich durch die Gesichter der meisten. Langsam rollte
etwas die Bschung auf allen Vieren ihnen nach herunter, hob sich mit
langen weien Haaren, stand ehrfrchtig zgernd, die Hnde in Bewunderung
und Tasten hebend und streckte zwei rote leere Augenhhlen mitten in das
stechende Licht.

Jehan Bodel griff nach seinem Messer. Es war zu klein. Sein Blick fuhr
herum. Nichts war im Bereich seiner Hnde. Er trat einen Schritt zurck und
spie aus vor Wut.

Die Mnner krochen wie Spinnen auf ihn zu. Ihr Anfhrer umtanzte ihn
lautlos mit gierigen Sprngen.

Da warf Jehan sein Maultier auf die Erde, hieb drei Kerbschnitte in den
Oberschenkel, drehte das Bein aus dem Gelenk und erschlug ein paar der
Angreifer, ging zurck, streichelte rasch das schreiende Tier ber Maul und
Hals, ttete es und schritt lssig, hochmtig den freien beschienenen
Waldweg weiter.

Es bewegte ihn ein Gefhl: Zorn, da er keine Zeit hatte, das Maultier zu
tten, eh' er es verwundete. Er dachte nicht daran, da er auf ihm htte
fliehen knnen. Jehan floh nicht.

Kam am Mittag nach Erigny, wo groer Markt war. Viele Auslagen frbten den
Platz bunt, und ein erschtternder Tumult bewegte sich ber die Straen.
Jehan stellte sich auf eine Tribne mitten im Platz, und als Ruhe war und
Kopf an Kopf gest sich gegen ihn schoben, verhie er, vor Ekel
geschttelt, jedem, der im Wald einen Ausstzigen erschlge, zwanzig
Denare.

Darauf kaufte er zwei Bracken, silbernes Sattelzeug, einen schneeweien
Hhnerhund und eine Stute, deren Schweif den Boden peitschte.

Er lie alles an seinen Gasthof bringen, bestellte Spielleute und a. Als
er seinen Lieblingsfisch auseinanderlegte, schob sich ein Mnch durch die
Tr und suchte zu Jehan zu kommen. Doch der Wirt spreizte die Arme und
drckte ihn zurck. Jehan Bodel liebte allein zu speisen. Allein der Mnch
bestand darauf und schwur lang und laut bei St. Vinzenz, bis Jehan
aufmerksam ihn herbeiwinkte. Bis auf zwei Meter, denn er wnschte nicht,
von seinem Atem belstigt zu werden. Der Mnch schlug ein Geschft vor.
Jehan aber machte eine so abweisende Geste, da er zu winseln begann und
schwur bei den runden Blutstropfen von St. Morant, Jehan werde nchtelang
aus Reue seine Brust schlagen. Und wie er von dem gesttigten und
zufriedeneren Mund des Gegenbers die herbe Strenge abfallen sah, stie er
hastig einen Schritt vor und sagte leis etwas.

Jehans Gesicht blieb kaum bewegt, des Mnchs Fratze bedeckte sich aber mit
einer fetten Vertraulichkeit und sagte und schwor bei dem Leibe der
heiligen Afflise, die Ware sei gut.

Jehan lachte unglubig und edelmnnisch und folgte ein wenig
zurckgestoen, mehr aber neugierig. Sie berquerten den Hof, schoben einen
Strohhaufen zur Seite, gingen durch einen Stall . . . dann ri der Mnch
eine verborgene Tr auf.

Ein kahles Zimmer tat sich auf, das nur ein schrg in die Mauer gerammtes
Bett enthielt, auf dem ein Mdchen kauerte in sdlicher Haltung, von
vielleicht siebzehn Jahren, die sich nun zu einer adligen und beschmten
Haltung erhob und eine rhrend groe Schnheit entfaltete. Der Mnch wollte
ihr die Tunika abziehen, allein Jehan wies ihn zurck, verbeugte sich und
fragte, wie sie heie.

Sie sagte: Beautrix und sagte es in limusinischem Dialekt, dessen dunkle
Schwingung Jehans Ohr entzckte. Sie hatte eine so schmelzend weie Haut,
da sie unmglich aus der Provence sein konnte. Der Mnch sagte: Aus
Byzanz.

Da kaufte Jehan sie ohne Prfung um zweitausend Denare.

Er setzte sie auf ein Maultier und sie ritten zusammen aus der Stadt. Jehan
sprach nichts zu einer Sklavin. Sie ritten schweigend, sie ein wenig hinter
ihm. Pltzlich kam ihnen Gebrll entgegen, schumende Rufe spritzten durch
die leere und helle Luft, in der vorher nur das Knirschen lag vom Huf der
Tiere durch den mahlenden Sand.

An dem Kreuzweg raste eine nackte Prozession an ihnen vorber, Mnner, die
Fahnen trugen, schmutzig bestaubt, Frauen und Kinder, einige mit Suglingen
an den strotzenden Brsten, Greise, die ihre mden Glieder vorwrts
schnellten, und alle die Munde voll Geheul. Manche hatten den Arm um die
Weiber geschlungen und sich in sie verkrampft, Mdchen liefen mit gelsten
Haaren und lieen sie vom Wind hinter sich aufbumen, in die Mnner wieder
ihre Gesichter tauchten . . . und alle sausten singend und schreiend mit
stampfenden Sprngen vorbei.

Beautrix errtete und wandte den Kopf, als der Zug vorbeischo.

Da wute Jehan, da er einen guten Kauf getan. Er schnallte seine Bgel
hoher und hob sie herber vor sich auf die Knie, jagte ihr Maultier mit
Gelchter, lachte, kte sie und rannte mit ihr durch den Wald. Die Hunde
jagten vor ihm.

Er dachte nicht an die Ausstzigen. Denn er fhlte, wie die Glieder von
Beautrix hei wurden. Noch einmal kte er sie. Da war es schon dmmerig
geworden. Der Hhnerhund sprang vor ihnen hin wie ein weier Strich.

Der Wald lag dann hinter ihnen in einem dunklen Bogen gleich einer
Augenbraue. Dumpf rauschend wie zwei Fledermausflgel zogen sich die Tore
von Arras im Abend hinter ihnen zusammen.

Jehan Bodel empfand das eben in dieser Weise und sagte es so zu Beautrix.
Denn Jehan Bodel war (ohne da er die kleine und falsche Schbigkeit
beging, es in seinem Leben auszudrcken und ohne da es aus seinem Tun
bewut nur in einem Funken erhellte) der grte Dichter der Pikardie.

Er stieg an seinem Hause ab, legte ihre Kniekehlen auf seinen linken Arm,
und indem er sie mit dem andern an der Schulter sttzte, trug er sie in ein
groes getfeltes Zimmer, in dem ein ungeheures Bett stand, und sagte ihr,
da dies ihr Eigentum sei.

Dann wechselte er seine Kleider und ging zu einer Dame im Westen der Stadt,
der er dort ein Haus unterhielt. Die Dienerin sagte ihm, die Dame sei in
der Kirche, und er kam gerade recht, als sie die Abendmesse verlie. Er
nahm sie und ein paar Weiber, die mit ihr waren, mit in eine trbe Schenke
in der Ecke des Platzes.

Ein dumpfes Licht schwelte in dem Zimmer, das sie allein hatten.
Holzpritschen mit Teppichen belegt umliefen die Wand und schlossen einen
Kreis um den Tisch, der rund in der Mitte stand. Der Boden war mit
leuchtend gelben und weien Platten belegt. Es roch nach Wein und Rosen.
Jehan lie gemischten Wein kommen und nahm seine Dame neben sich. Eine
Stunde spter kamen noch einige Mnner. Die Weiber lagen auf den Bnken und
sangen.

Zwei wiederholten larmoyant ihre Beichten. Eine Rote erzhlte, die Zhne
fletschend, was ihr ein Minoritenprior gestern vorgeschlagen: sie mge die
Haare krzer schneiden und als Mnch bei ihrem Orden eintreten. Und ob sie
sich dann auch die Haare blond frben und den Namen Innozenz annehmen
wrde, fragte ein junger Mann . . . worauf sie beleidigt tat und ihm ihr
Glas zwischen die Busenkrause go. Ihm aber dann sich auf die Knie warf und
ihn reuig in den Ohrlappen bi.

Jehan lie Gewrze in den Wein kochen. Sie tranken stark und lachten. Die
Weiber schaukelten auf den Pritschen und lallten Gesnge und Lieder
durcheinander.

Allein Jehan langweilte sich. Die Zerstreuungen, die ihm Stellung und
Temperament zur sonstig mittelmigen Erfreuung -- mehr geduldet in der
vagen Notwendigkeit, als erfreut genommen -- machten, lieen ihn grenzenlos
d.

War es ihm nicht, als ob durch all den Qualm des Zimmers ein fremder Duft
wie von Frauenhaaren, die er kaum kannte, an seinen Hnden schwebe?

Er begriff die Wandlung, fate das Unbehagen nicht ganz in seinem bewuten
Grund, aber ergriff es in brutalem Wohlgefhl wie die Lsung dieser
Spannung, als er im Lauf des Abends von einer der anderen erfuhr, wie seine
Dame ihn betrog. Und da (siehe) es wiederum ein Mnch war, dessen Schatten
hier seinen Weg kreuzte (nur da er nahm dieses Mal und nicht darreichte),
lachte alles in ihm ber den Ausgleich. Er stellte die Kanne, die seine
Hand gerade umfing, nicht einmal weg, griff seiner Dame mit der Linken ins
Haar und warf die vor Erstaunen kaum Schreiende durch die Tr. Erhob sich
lchelnd und frisch und schenkte das Haus im Westen der Stadt jener, die
zuerst fnf Glas Mischwein trank und ging aufatmend, den Kopf schrg nach
dem Himmel hinaufgelegt, die Arme hochgereckt hinaus in die Nacht.

In einer Nebenstrae fiel es ihm ein: er klopfte noch an ein Tor und befahl
einem Hndler, dessen Kopf am Fenster erschien, da er am nchsten Mittag
mit seinen besten Sachen zu ihm komme.

Die Dmmerung schlug sich durch die Straen, und mit einem Anheben fingen
alle Glocken an zu schwingen, als Jehan sein Haus betrat. Er wusch sich die
Hnde und das Gesicht, stieg in den anderen Stock und ffnete in einem
schmalen Ritz eine Tr. In dem gewaltigen Bett sah er Beautrix und wie ihre
lichten Glieder im Morgen blitzten.

Dann schlief er bis zum Mittag und ging frei hinber, Beautrix zum Essen zu
holen. Es tat ihm leid, wie sie in dem weien und groben und unreinen
Kleid, das sie am vorigen Tage getragen, erschien. Allein ihre Bewegungen
waren so, als ob sie nichts trge oder so; als ob sie persische Stoffe ber
den Gliedern htte und wie es Jehan in einer raschen Erkenntnis schien so
in einem; als ob dies gar nichts bedeute fr den Adel ihres Wesens.

Whrend sie aen, geschah etwas Seltsames; Jehan, der sprte, wie etwas, je
nher er kam, etwas wie unbewute und ungekannte Achtung sich zwischen ihn
und die Sklavin schob, sah sie pltzlich in Trnen ausbrechen. Er fragte.
Da wies sie halb lchelnd wieder auf ihren Teller und sagte, da sie dieses
Gemse nicht essen knne. Es war Kohl. Jehan lachte sehr. Dann berlie er
sie dem Hndler mit den Stoffen.

Am nchsten Morgen brachte er ihr ans Bett rote Blumen und Steine aus
Alamanda. Den Abend sang sie ihm eine provencalische Dansa:

   Amic, s'eu vos tenia
   Dinz ma chambra garnia,
   De ioi vos baisaria,
   Qar n'audi
   Ben dir l'autre di.
   Qant lo gilos er fora,
   Bels ami,
   Vene-vos a mi.


Sie schrzte sich ein wenig und tanzte. Die Flammen zuckten auf dem
Leuchter.

Den Morgen darauf brachte er ihr ein Falkenpaar, das in Brunst war, und
nannte sie: Silberne Drossel -- und blieb und kte sie. Sie nahm keine
Scham vor ihm und zog sich an, whrend die ersten Lichtstreifen den Boden
kruselten. Sie bat ihn zur Messe gehn zu drfen, und er begleitete sie.
Vor drei Altren betete sie. Die aneinandergelegten Hnde hob sie vor jedem
hoch auf im Dank, und dies war wie der Anfang einer Unsgliches
ausstreuenden Gebrde. Als sie das Mnster verlieen, war der Ausgang
versperrt. Eine Frau lag da in Kreuzform die Arme geweitet auf Bauch und
Gesicht und betete fieberhaft. Vier Kreuze standen um sie und neben jedem
Kreuz eine armlange Kerze mit zuckendem rtlichen Licht. Einige Leute
standen um die Bende, die nicht aufsah. Beautrix zgerte.

Aber Jehan lie sich nicht verwirren. Er kannte die Frau. Er nahm Beautrix
auf die Arme wie am ersten Tag, schritt ber die Liegende und durch den
dunkel aufgewlbten Mund der Kirche hinaus ins Licht. Und setzte sie nicht
nieder; trug sie so ber den Markt. Als er in die Strae einbog, setzte ihm
schrilles Geschrei nach. Ein wenig wandte er den Kopf: Schwarz, schumend
stand mit wehenden Armen die Dame vor dem Portal und nannte Beautrix eine
Dirne.

Jehan jedoch trug die Errtete in sein Haus.

Am nchsten Tag kam Jehan nicht. Er brachte keine Geschenke.

Aber wie die Dmmerung die Schatten vom aufgewhlten Gesicht der Beautrix
abpflckte, nannte Jehan sie seinen Falken. Denn er war die ganze Nacht mit
ihr.

Von diesem Morgen her hie Jehan Beautrix in jeder Frhe seinen Falken.
Manchmal auch: silberne Drossel. Doch dies geschah selten und nur bei
Gewittern, die mit roten, glhenden Netzen das Fenster derten und in eine
berhitzte Glut anschwollen. Sie blieben einen kurzen Atem lang zitternd
und wie ein Segel und zum Sprung gespannt in der ffnung hngen mit
gelbgrnen Drhten. Da warf sich Beautrix in seinen Arm und bebte ein
wenig. Denn das bedrckte ihr Herz und war hnlich wie das im hchsten
Entsetzen zerbogene maurische Gitter in Jehans Arbeitszimmer. Das hate
Beautrix.

Zwei Wochen spter ging Jehan zu einem Puy nach Rouen. Als er zurckkam,
erwartete sie ihn lange blaue Stunden lang am Tor. Sie sah ihn die weite
Plaine heraufkommen. Er winkte ihr zu, hetzte sein Pferd heran und schenkte
ihr aus Freude seinen Preis, einen Mokoko. Der Affe schnurrte den ganzen
Tag in seinem Bauer aus Holzstben. Aber Beautrix zog die Lippe hoch. Da
warf Jehan ihn aus dem Hause und lie ihr eine weie Blumennische bauen.
Kaufte ihr einen ungeheuer bunten Papagei, mit dem sie spielte und lie ihr
einen Hengst in den Stall stellen, der wei war wie seine Stute. Denn ihm
kam es vor, alles msse hell sein um sie, und er peitschte einen Griechen,
der ihm einen Falken brachte, der nicht so wei war, wie er ihn verlangt
hatte. Beautrix' Haut war das strahlende Licht und die ewige Lampe von
Arras.

Eines Morgens tanzte Pferdegeklapper auf ihrem Schlaf und holte sie aus ihm
hervor, und Jehan legte ihr selbst die gelben Strmpfe ber die Fe und
zog sie zwischen Daumen und gerundeter Hand bis bers Knie. Beautrix warf
ein kurzes Kleid drber und flocht ins Haar ein Band mit drei Sternen. Dann
nahm sie zwei Falken und Jehan nahm zwei Falken und ritten Hasen jagen. Und
als einer der Vgel mit einem malos trunkenen Aufstieg abbog und in den
khneren Kampf aufstie und in rasenden Kreisen einen Reiher berstieg und
Beautrix den Kopf auf das Genick gelegt mit einem Gesicht, das dies
spiegelnd und das bermige des Tages und dieses sich in das Heroische des
Horizonts Verlierende wiedergab, aufsah, . . . da ri Jehan ihr den weien,
weiten Handschuh ber Ellenbogen und Hand und bi ihr hart in den Unterarm
aus unertrglich geschwellter Liebe. Sie ritten lang durch eine Ebene mit
Weidengestrpp. Der ganze Busch war voll Reiter und Reiterinnen.

Als Jehan Beautrix, die er verloren hatte, in einiger Entfernung spter an
den Pailletten erkannte, die ihr Kleid trug, ritt er gerade in dem
Augenblick hinein, in dem ein junger Ritter Beautrix den verlorenen
Handschuh berreichte, indem er ihn lang kte, whrend seine Augen nach
ihr langten.

Sie ritten durch den hellen Tag, bis sie voll waren von Jagd und satt und
behngt mit Glanz und Abenteuer. Sie einigten sich zu einer Masse, die
glnzend und schwer zurckritt, manchmal durchbrochen vom Gelchter einer
der Frauen. Jehan ritt mit dem Ritter, der Girard hie.

Den Platz der Stadt fanden sie zerrissen von Schreien. Aufbumende, in
wste lange Schnrkel sich ausgieende Laute rhrten aus der Ecke. Ein Mann
in dicke Tcher vermummt, vor dem Gesicht die Larve, war an einen Pfahl
gebunden, die Arme verkreuzt. Sein Leib wand sich zwischen den Stricken hin
und her in den fanatischen Konvulsionen eines Berauschten. Sein Kopf stand,
am Hals in einer Klammer gefat unbeweglich darber wie eine Plastik aus
Stein, in der nur die Lippen sich verzerrten und die Augen, gro, rund und
aufgesperrt sich verdrehten. ber ihm hing eine Rhre, die ein Mann
bediente. Aus ihr fiel von Zeit zu Zeit ein Tropfen dampfendes l auf den
Schdel des Gemarterten.

Sie riefen und man antwortete aus einem Haus: es sei Thibaut de Nesle, den
ein Aussatz berfallen habe und den man so strafe dafr, da er es
verheimlichte und nicht beim ersten Zeichen die Stadt verlie. Da schwoll
Jehans Gesicht vor Zorn. Er erinnerte sich des Todes seines gelben
Saumtieres, das ein Preis war von Toulouse, und er verdoppelte den Einsatz
fr den, der einen Ausstzigen im Wald erschlge und setzte ihn auf vierzig
Denare. Dann warf er den Kopf zurck. Er ritt genau vor den Ritter Girard
und befahl ihm, dem Henker zu sagen, da er dem an den Piroli Gebundenen
fnfzig Tropfen heies l mehr geben solle auf seinen Befehl. Er sagte es
laut vor den anderen Reitern. Er sagte es laut vor allen Kpfen, die in den
Fenstern liegend, in Kreisen den Platz umschnrten.

Girard hob das Kinn. Auge stand in Auge. Jehans Blicke stachen lange in die
des Ritters, bis dieser langsam zusammensank und die Schande auf sich nahm
und zu dem Henker sprach. Als er zurckkam, war er bleich und Trnen liefen
aus seinen Augen.

Der Ausstzige warf einen Schrei aus der Kehle der aufschwirrte und
hinberzischte wie ein Pfeil.

Auch in Beautrix' Gesicht schwebte ein Weinen und ging nieder, als sie zu
Hause waren. Sie fragte, warum er den Hohn ber den jungen Mann getan htte
und zitterte, denn sie empfand, da er grausam sei.

Doch Jehan wies ruhig auf ihren Handschuh aus weichem weien Leder und
malte mit dem Finger die Stelle, die Girard gekt hatte und sagte: Ich
hatte ihn sonst tten mssen.

Da empfand Beautrix in einer malosen Erhebung, wie sehr er sie liebte, und
sie wusch sich viele Male den Leib mit Moro-l und byzantinischen Wassern
am Abend, um ihn beflgelt und festlich zu empfangen und verzehnfachte sich
in den sieben Wochen, die diesem Tage folgten, deren Tage straff und klar
waren und deren Nchte berstrahlt ber sie gingen, heller und furchtbarer
als tausend Gewitter.

Eines Tages erschien ein provencalischer Snger und bernachtete in Jehans
Haus.

In dieser Nacht trumte Jehan Bodel, Sire d'Arras, er gehe durch einen
Wald, dessen Bume gebogen seien und tnten und sngen. Es war ein Lied,
das ihn schmerzte. Er sah eine glserne Tonne und floh in sie; sie bewegte
sich, strzte ab und ber ein Riff ins Wasser und bohrte sich auf den Grund
eines Meers. Einige Zeit hrte er nur die klingende Musik des Wassers, das
an dem Glas rieb. Dann kamen Fische. Sie verschwanden. Dann war gar nichts
als Meer, und die Endlosigkeit berfiel ihn und eine weite Leere umringte
seine Gedanken, und wie er erwachte, war etwas in ihm, das wie eine
Blumenspritze seine Sinne zerstubte und ihn machte, als schwebe er.

Mittags ging der Provencale.

Er kam von der Abtei Mont St. Michel in der Normandie und wallfahrte nach
San Jago de Compostella.

Sein Gesicht war dunkelbraun, seine Haare schwarz.

Er reichte Jehan dankend die Hand.

Als Jehan am Abend sein Kleid wechselte, erstaunte er. Er nahm den Spiegel
. . . und in die Leere, die den Tag in ihm war und die sein Wesen zu einer
Tiefe gehhlt hatte, ergo sich abstrzend, ihm neu und ihn zum erstenmal
mit Malosem belastend, eine brandende Erkenntnis.

Jehan legte die Hnde auf den Rcken. Ging durch das Zimmer. Stunde um
Stunde. Beautrix klopfte. Er hrte nicht. Sie rief, es sei Nacht. Die ganze
Nacht lag Beautrix allein in dem groen Bett. Der Mond spielte um sie. Das
war ihr neu. Sie griff nach ihm. Sie schlo ihn in die Arme und weinte.

Jehan Bodel sa einen Tag reglos in einem Erker und sah durch das Fenster
in die Stadt. Er sa auf einer schmalen Ottomane. Reglos standen zwei
Sulen auf beiden Seiten neben ihm. Dann stand er auf, und Schaum lief von
seinem Mund. Er zerri die schwarzzurckgeschlagene Portiere, schlug mit
einem Damaskener Fetzen aus seinen besten Schwertern und zerbrckelte sie
dann in Stcke, da seine Hnde von Rte brannten. Darauf sa er wieder und
starrte auf die Stadt. Eine alte Dienerin besorgte ihn. Er schlief auf der
Erde und rieb sich den Krper mit ascalonischen Zwiebeln. Dann sa er und
schrieb fiebernd.

Beautrix wartete und klopfte.

Er gab ihr kein Wort.

Sie schrieb ihm einen Brief; wenig, berstrmend. Jehan bi die Lippen
zusammen vor Schmerz und damit er nicht weine und sandte ihr lachend einen
Kohlkopf, damit er ihre Liebe ttete.

Aber er ttete ihre Liebe damit nicht.

Nach einer Woche schwirrte das Gercht durch die Stadt und die Umgebung,
Jehan lese am Tage darauf sein neues Chanson.

Er trat an diesem Morgen selbst bei Beautrix ein. Sie lag, bleich, da sie
nicht mehr a, auf einem flachen Kissen auf den Stufen zu ihrem Bett.

Er sagte ihr kurz, sie solle ihr bestes Kleid anziehn und mit ihm kommen.
Sein Mund war streng. Sie wollte sich auf ihn strzen, doch er wies sie
zurck. Da faltete sich ein Zug Trotz quer ber ihr Gesicht, sie spielte
mit dem Knauf des Bettes und regte sich nicht, wie er ging.

Dann aber lief sie hinber und schaute durch das maurische Gitter. Er sa
auf der Ottomane wartend und sie sah, wie der Zorn aus seinen Augen
geschmolzen war und wie sie glanzlos starrten . . . Da zgerte sie nicht
mehr.

Sie schlang den blauen und gelben Turban um die Haare und steckte sieben
Dolche hinein und band an den ersten einen weien Schleier, fhrte ihn
unter das Kinn, das er schwebte, und hakte ihn wieder an dem siebenten ein.
Dann schlo sie um ihre kleinen Brste ein weies Mieder, das dnne
gertete Zwicken hatte an den Achseln, welche in die Arme liefen mit engen
rmeln aus reinem Goldbrokat und zwischen denen die weie Seide des Rockes
hinunterstrmte zu den gekreuzten Schnren aus Hermelin und dem Passepoil
mit roten und lila Augen.

Sie gingen zusammen zum Markt. Eine groe Masse bedeckte ihn und schob sich
in Reihen durcheinander. Neue Strme rauschten durch die Tore von auen.
Vereine mit Talaren und ein Priester, der in rotbekleideten Hnden eine
Fahne hielt. Einige Partien sangen. Eine Schar Mdchen sang dann
Sommerlieder, und der Rhythmus der Kommenden hakte in sie hinein wie das
abgerissen Zanken von Papageien.

Jehan ging auf das Gerst. Hinter ihm stand der figurenvolle, schlndige
Eingang des Mnsters, aus dem schwache Kerzen flimmerten. Jehan grte
lachend das Volk. Ein seidiger blauer Himmel hing ber dem Platz. Lachend
gaben sie ihm den Gru zurck. Dann wandelte sich sein Gesicht in eine
undurchsichtige Strenge, und er las Li congie de Jehan Bodel d'Arras, das
heit, er sagte den Brgern Lebewohl. Er las weiter. Die Gesichter unter
ihm strafften sich. Sie spannten sich in eine atemlose Erregung. Einer hob
die Hand. Alle hoben die Hand. Ein Sturm von Hnden hob an und warf seinen
Willen gegen die Brstung, da er bleibe. Und die Gesichter entstarrten
sich und flammten auf in Ekstase und sie schrieen es. Sie tobten und
strmten vor.

Da hob Jehan beide Hnde zum Hals, hakte sie ein und ri nach zwei Seiten
das Kleid auseinander und stemmte ihrem Schreien seine nackte Brust
entgegen. Er breitete die Arme aus. Auf seiner Haut tanzten blaue Flecken,
und ein rotes Geschwulst durchbrach die Brust.

Ein Zittern lang stand das Brausen gegen das Ungeheure.

Die Arme sanken zurck Das Schreien ward Geheul. Mnner rissen Weiber
zurck von dem Aussatz. Sie wichen. Wie unter Peitschenhieben verknirschte
der Aufruhr und duckte sich. Eins gab es nur: Flucht! --.

Einer wagte es noch, stie die Faust in die Luft und brllte Pilori.

Doch er blieb allein.

Als ginge ein Kreis von Jehan aus, der weiter wie im Wasser werde, kam
etwas von ihm her und prete die Menge vom Platz und warf sie in die Huser
und Straen. Zwei trugen Beautrix ohnmchtig.

Dann ward es still.

Kein Ton. --

Jehan lchelte: Wie in der Tonne.

Der Markt hatte zwei Ausgnge. Jehan schritt nach dem einen. Es war ein Tor
in einem Turm, der oben geteilt ist wie in zwei Henkel, zwischen denen eine
groe Glocke hngt. In seiner Mitte quoll ein Auswuchs heraus, formlos
gewlbt, wie ein Nabel. Das war die Sonnenuhr. Jehan sah die Strae
hinunter. Er sah niemand. Darauf schritt er zurck ber den Platz nach der
anderen Seite. Kein Auge stand an den Fenstern, die ihn anklafften. Er trug
den Aussatz auf seiner Brust gerade wie ein Schild. -- Hier lief eine
dunkle Passage durch kleine wste Gassen.

Jehan trug einen Turban aus Pelz. Seine rmel waren eng und trugen an den
Gelenken Krausen aus Pelz. Eng schmiegte sich, nur vorn die Brust offen
lassend, ein dunkelrotes Kostm um seinen Oberkrper und rann dann unter
dem Grtel (aus Krokodilshaut) in einer breiten Glocke auseinander zu den
Fen, wo eine breite Pelzsumung es aufhielt und ein Streifen aus Gold.
Grn waren seine Schuhe.

So schritt er in die dumpfschrgen Gassen und hoffte, da ihn einer
erschlge.

Doch es erschlug ihn keiner.

Sein Haus hatte eine breite Front. In den oberen Teilen lagen groe Fenster
mit Sulen. Unten mitten war eine hohe Tr. Sie stand auf den Tag und die
Nacht. Niemand kam. Jehan wartete.

Niemand kam.

Gegen Morgen gingen viele Tren auf, und Reihen von Menschen zogen mit
Kerzen durch die Stadt und zur Kirche.

Den ganzen Tag sa Jehan wieder auf seiner Ottomane. Das Zimmer war
verschlossen. Beautrix klopfte den Morgen nach jedem Glockenschlag. Sie
rief weinend Jehans Namen. Sie warf ihren Krper gegen die Tr. Sie fluchte
auf den Provencalen, der die Pest auf ihn geworfen hatte. Er hrte sie
nicht. Die Tr knirschte kaum.

Den folgenden Tag und die folgende Nacht stand das Tor offen an Jehan
Bodels Haus. Niemand kam. Kaum ging jemand vorber. Gegen Abend schaute
Jehan durch das Gitter. Beautrix lag vor die Tr gestreckt wie ein feines
helles Tier. Spter zog ein Zug fremder bretonischer Snger durch die
Stadt. Ihre Roten und Violen klangen unten.

Nach Mitternacht sagte eine baritonale Stimme aus dem Dunkel hervorklingend
unter Jehans Zimmer die Geschichte von Amis und Amile:

Sie waren Blutsbrder, schn, ganz hnlich und liebten sich. Da verfhrte
Amis die Tochter des Kaisers und sollte ein Gottesgericht auskmpfen, aber
Amile trat fr ihn ein. Amile siegte und man erkannte ihn nicht und gab ihm
die Prinzessin als Frau. Allein weil Amis Brunst heller war auf sie, lie
er sie ihm zum Ehebett und ward ausstzig zur Strafe. Aber Amis ttete
seine beiden Shne. Mit ihrem Blut gebadet ward Amile gesund. -- -- --

Dann verlief sich die Stimme, die Nacht sog sie auf, und am Morgen bot ein
Mnch zwei Knaben an zum Verkauf.

Jehan lehnte ab.

An diesem Morgen bearbeitete Beautrix die Tr mit einem Messer und schlte
Span auf Span heraus. Doch die Tr hatte eine Mittellage aus Eisen. Die
Klinge brach ab.

Da legte sie sich stumpf ber die Schwelle.

Gegen Abend hieb sie ihre Fuste so lange gegen die Tr, bis sie das Gefhl
ihrer Hnde verloren hatte. Sie sah durch das Gitter Jehan dasitzen. Es
schien, er schaue auf seine Hnde. Da bi sie in das Metall der Klinke und
sank blutend auf den Boden.

Auch die dritte Nacht kam. Weit stand die Tr auf in Jehans Haus. Sie
spreizte sich auf, so offen stand sie. Niemand kam. Der Henker? Nein.
Nacht. Die Nacht war so still, da das Dunkel brauste.

Wie . . . ?

Stille, kein Ton kam durch die Strae.

Einmal stand er auf. Beautrix lag quer vor der Tr, eine Rinne Blut ber
dem Kinn. Er sah es. Allein . . . Er sa auch diese Nacht auf der Ottomane
zwischen den Sulen.

Als die Dmmerung kommen mute, erhob er sich. Er ging gerade auf die Tr
und ffnete sie, Beautrix war verschwunden. Es war die Zeit der ersten
Messe. Jehan rieb sich Gesicht und Hnde mit ascalonischen Zwiebeln, die
die erste Ansteckung verhinderten. Langsam ging er darauf in das Zimmer von
Beautrix. Er roch an den weien Blumen in der Nische . . . der Kamin
. . . das Modell des groen Schiffes hatte er mitgebracht aus Dijon. Er
empfand wie der Papagei sich regte, sah das geschnitzte Holz des Bfetts
mit derselben Drehung und die Tfelung und die Teppiche aus Palstina
darber. Er zndete Lichter an an der Wand, und sie blitzten auf. Sie
spiegelten flackernd in runden Metallplaketten und bestubten das Zimmer
mit einer dnnen Schicht Licht, in der er es mit einem Blick noch einmal
aufnahm.

Aber alles war nicht mehr scharf genug, um in die neue entsagensschwere
Tiefe seiner Seele einzuschneiden, und er fhlte es nur als ein Wehtun auf
der Oberflche und lie den Raum wie in Bedauern zurck. Dann ffnete er
das Zimmer, in dem er drei Monate neben dem blendenden Leib von Beautrix
gelegen hatte. Er ffnete es in einem Ritz, sah das unbeschlafene Bett, sah
die schmerzende Dmmerung an dem Fenster whlen. Er sog den Geruch ein und
sagte vor sich hin: Silberne Drossel . . . Scharf hoben in diesem
Augenblick zwei Mdchen im Nachbarhause eine Reverie an.

Es wurde heller.

Silberne Drossel . . .

Er stieg hinunter in den Stall. Er strich seiner Stute ber den Hals. Sie
sah ihn an. Da erst berfiel ihn in einem kleinen Teil seines Hirns noch
einmal Bewutsein von dem, was nun alles von ihm abfalle. Er trat zurck.
Ein Weinen ri sich in ihm los. Er legte seine Hand in das Maul der Stute.
Die breiten Schultern zuckten. Lachen lste sich fr immer von seinen
Lippen. Dann wandte er sich.

An der Tr drehte er sich um, schlug die Achseln zurck und als sei die
Last zu schwer und damit er auch dieses tilge, ging er zurck auf das Tier
und ttete es.

Dann ging er durch das Fahlgrau des Morgens ber die Straen. Er ging
vorber, verchtlich an dem Pilori. Seine fleckige Brust stand offen. Alle
Glocken fingen an zu luten. Es war die Zeit der Prim. Es war hell, wie er
ber den Markt schritt. Ein Priester kam auf einer Stute zu dem Platz, sang
laut und betete. Menschen kamen zur Kirche. Jehan ging durch sie hin und
sie traten zurck und neigten sich vor ihm. So gro war an diesem Tage noch
seine Macht.

Er kam an das Tor, berschritt die Brcke. Er ging weiter, drehte sich
einmal um. Die Tore waren zugefallen. Rechts lag der See. Schwer knieten
die acht Trme auf dem Nacken des Bollwerks um das Tor. Er sah es sinnend.
Dann schritt er aufs Feld. Der Wald der Ausstzigen lag vor ihm. Wie eine
Braue . . . schien es ihm.

Pltzlich traf ihn ein Schrei. Er sah einen Arm. Etwas Weies trennte sich
von dem Busch. Beautrix warf sich ihm entgegen:

Wo willst du hin?

Nach dem Wald.

Du nimmst mich mit!!

Er ffnete die Brust. Sie stampfte mit dem Fu: Es ist mir gleich.

Jehan sagte ruhig: Nein. Sie hielt ihn am Arm: Ich will auch ausstzig
sein. Was geht es dich an? Jehan wandte sich von ihr. Sie trat schumend
in den Weg:

Du, der du mich ktest . . . dort . . . das erstemal . . . schliefst du
in meinem Bett Nacht auf Nacht . . . Weit du, da du mich hieest: Falke
. . .

Jehan wute es noch. Er sagte: Ja und nickte. Silberne Drossel . . .
sagte er.

Aber sie -- (die nicht begriff) wie alles in ihm gettet sei und da alles
Weibliche in allen Beziehungen zu tief fr ihn liege und kaum die uersten
Rnder seines Horizonts noch streife, da sein Geist schon ganz eingerichtet
war auf den neuen Sinn seines Lebens, der ihr entrckt auf einem fremden
Schwerpunkt lag) -- warf sich auf seine Fe und weinte, da er sie
mitnehme. Doch er befahl ihr zurckzugehen. Sie wlzte sich und tat es
nicht. Da schrie er sie an: Sklavin! und als sie erstarrt sich aufreckte:

Sklavin um zweitausend Denare.

Sie klammerte sich an ihn.

Da stie er sie zurck und schlug sie.

Er zog weiter. Beautrix lag hinter ihm, ein groes Stck helles Fleisch,
durchrast und geschwellt von malosem Schmerz, auf der staubigen besonnten
Strae. Wie waren die Blumen farbig auf den Wiesen! Wie legte der Morgen
sich licht um die Welt!

Jehan schritt die Ebene hinunter. Er begegnete Wallfahrern, die in Jericho
Zweige gepflckt hatten. Die Palmiers sangen: Oltree, Dieus, aie! Er ging
auf die Seite, verbeugte sich.

Einmal noch mute er wenden. Der weie Hhnerhund lief ihm nach. Er trug
ihn in den Graben und ttete ihn.

Und setzte den Weg fort. Jehan Bodel, Sire d'Arras, trug das dunkelrote
Gewand mit der Bordre aus Pelz. Er trug den Turban aus Pelz. Seine Fe
gingen in grnen Schuhen.

So schritt er hinunter. Dann bewegten sich seine Lippen. Er sann. Sang ein
Lied, das er wo gehrt hatte. Es kam ihm wie durch einen Spalt: Von einem
Freund . . . An einem Kamin in der Bretagne . . . Gasse Brull? -- -- --

Er wute es nicht mehr. Seine Gedanken waren davon abgeschwommen. Er
verstand den Sinn der Worte nicht, die sein Mund hinauswarf, laut. Es war
ein Liebeslied. Er sah auf seine Hnde, die in Blut trieften:

   H blanche, clere et vermeille,
   De vos sont tuit mi desir;
   Car faites en tel merveille
   Droiture et raison faillir.
   Quant je vos vueill a amie,
   Droiz nel poroit otriier;
   Se vostre grant cortoise,
   De gentil dousor garnie,
   Ne me deigne conseillier;
   Mar vos oi tant prisier.


Seine Haltung war stark und kniglich.

Mit einer ungeheuer schlichten Gebrde ging er auf den Wald zu, der ihm
entgegenkam.

Maintonis Hochzeit

Pltzlich flackerte eine kleine Staubwolke auf. Ganz steil stand sie tief
am Horizont auf der weien glhenden Strae.

Es sind noch fnf Minuten, murmelte Antoine.

Ich konnte eine leichte Unruhe nicht verbergen; da nahm Antoine meinen Arm
und zog mich unter die Platanen. Wir schritten langsam ber Rasen. Das Gras
war am Rand der Chaussee leicht gelb. Im Schatten stand es satt und
buschig. Wasser lief zwischen zwei Grenzsteinen. Es war sehr hei. Nun
sagte Antoine: Fahren sie mit nach Paris! Nach einer Pause wiederholte er
mit eigentmlich gedehnter Betonung: Paris. Dann wandte er sich um und
sprach ganz laut und anders:

Sie mssen nicht daran denken!

Ich machte eine Bewegung mit der Achsel. Antoine kniff die Augen fest
zusammen: Er hat doch sein Ehrenwort gegeben . . .

Kurz! Ich sah ihn, erwiderte ich ungeduldig. Es klang vielleicht schroff.
Antoine beugte sich ein wenig vor, als warte er. Wir schauten hinunter. Die
Staubwolke hatte sich hinter einem kleinen Hgelzug verloren. Durch die
ganze stille Luft hrte man ein fernes und feines Gerusch. Ich nahm
Antoine beim Arm:

Bemhen Sie sich ein wenig zu glauben, da ich mich nicht tusche. Ich
wei Ihnen gewi Dank fr Ihre Beruhigungsversuche, aber Sie mssen doch
einsehen, da Ihre Argumente wertlos sind. Wenn ich ihn daraufhin, da er
sein Ehrenwort brach und doch wieder in einem Spielbad auftauchte, auf
Grund der damaligen Verhltnisse verhaften lassen wollte, htte ich
durchaus keine Mglichkeit dazu, weil wir auf spanischem Territorium sind.
In einer Stunde erst erreichen Sie die Grenze. Aber sehen Sie ganz davon
ab! Ich will Ruhe und Ausspannung. Es strt mich einfach, auf unangenehme
Ideengnge zu kommen. Umsonst vergrabe ich mich doch nicht in die
Pyrenen.

Antoine zog tief die khlere Luft des beschatteten Baumganges ein und
fachte sich mit dem Hut Luft ins Gesicht. Er nahm seinen Stock und hakte
ihn in die Schulter: Der arme Perdican . . ., flsterte er.

Als aber der Wagen nahe wieder sichtbar ward, legte er die Hand auf meine
Schulter. Er sah mich kurze Zeit lang erstaunt und wie fragend an. Darauf
flog eine rasche Spannung ber seine Stirn. Er stellte heftig sein Bein auf
einen Stein. Dann ri er Papier heraus und schrieb auf dem Knie hastig ein
paar Worte. Ich nahm, etwas verblfft, den Zettel. Nun diktierte er mir
eine Adresse. Whrenddem torkelte auf der unebenen Strae die Post herbei.
Antoine rief mir rasch zu: Sie werden dort Ruhe haben, Sie kommen mit
meinen Empfehlungen. Lassen Sie die alten Miseren!

Die Maultiere legten die Kpfe zur Seite und zogen die Ohren trotzig an.
Antoine winkte. Sein Bart und sein schrges Profil traten bedeutend aus der
Gesichtermenge der anderen Reisenden hervor. Die Diligence rollte um eine
Ecke, und die Sonne brandete mit erstickenden Flutungen gegen die Huser.

Um vier Uhr morgens fuhr ich schon. Unterwegs las ich die Zeilen Antoines.
Es mute ein Dialekt sein. Denn ich verstand sie nicht. Spter mute ich
wieder an den Grafen Perdican denken. Er war ein lieber Freund. Sein Tod
hatte ungemeine Sensation gemacht. Drei Tage nach seiner Beisetzung sah
man, da sein Partner, dessen Wechsel er nicht einlsen konnte, Karten aus
einer doppelten Manschette schttelte. Man verband damals noch andere
seltsame Themen mit seinem Namen. Es war eigentlich lcherlich, da wir uns
damit begngten, ihm das Wort abzuverlangen. Es war geradezu widersinnig.
Damals hatte niemand hieran gedacht.

Ich frug mittags in Tarragona nach meiner Adresse. Es seien hchstens drei
Stunden zu gehen . . . Nach viereinhalb Stunden Marsch ward es dunkel. Ich
sah Lichter. Ich klopfte. Es dauerte ein paar Minuten. Dann kam ein
schmutziger Hausknecht. Er trug nur ein Paar halblange Hosen. In der Hand
hielt er einen Kien, den er vorsichtig neben mein Gesicht neigte. Da er
nichts sagte und keine Bewegung machte, mich einzulassen, hielt ich ihm
Antoines Adresse vor die Augen. Er grinste verschlafen. Nun las ich sie
laut vor.

Er trat langsam einen schleichenden Schritt zurck und streckte den Span
mit gespanntem Arm noch nher nach mir. Sein Blick umfuhr mich einen
Augenblick scharf. Darauf verschwand er: ich hrte verhandeln. Ein Mann mit
einem starken Bauch erschien. Sein Gesicht, das Zutrauen erweckte, prfte
mich, whrend das brennende Holz mich wieder beleuchtete. Er fragte, ob ich
fremd sei. Ich sagte: nein . . . Zugleich kam mir meine Antwort dumm vor.
Ich zeigte Antoines Zeilen. Er rief sofort ein paar Worte in das Haus. Dann
forderte er mich ganz verndert auf einzutreten. Whrenddem sagte er, es
seien bis zu meinem Ziel noch gut zwei Stunden. Dann lachte er, als ich
meine Auskunft ber den Weg von Tarragona erzhlte. Drinnen saen noch drei
Mnner. Sie tranken Wein und wrfelten. Da sie stark geraucht hatten, stand
eine harte Luft in dem Raum. Eine Lampe hing an Eisendrhten ber einem
Tisch.

Es wurde still, als wir eintraten. Mein Fhrer nahm mich bei der Hand,
verbeugte sich und sagte: Der Sennor will zu Joaquin Pelayo . . .

Hierauf erhoben sich die andern und sagten etwas, das ich wieder nicht
verstand, worauf jeder mir die Hand gab. Ich lehnte ihre Zigarren ab, trank
aber ein paar Glser Wein mit ihnen. Dann ward ich md. Auf einem Strohsack
in einer Nische schlief ich die Nacht. Am Morgen sah ich niemand mehr. Ich
durchsuchte das ganze Haus. Niemand. Ich lie ein Silberstck liegen und
ging weiter. Es konnte keine Meile Entfernung sein, als das hlzerne
Geklapper eines Maultiers mich umwenden lie. Der Knecht brachte mir das
Geldstck und viele Empfehlungen fr Joaquin Pelayo.

Ihn selbst glaubte ich sofort zu kennen. Er stand vor seinem Haus und wusch
sich den Oberkrper mit Regenwasser aus einer Tonne. Er begngte sich
zuerst, durchaus keine Notiz von mir zu nehmen. Ich begrte ihn. Dann
wiederholte ich meinen Gru. Ich nannte seinen Namen. Darauf stellte ich
mich aufgerichtet vor ihn hin und trat mit dem Fue mehrmals gegen das Fa.
Er lie ruhig ohne Rhrung den Strahl ber seinen Arm laufen. Die Muskeln
brachen wie Wlste hervor, wenn er den Ellenbogen ein wenig krmmte.

Ich zweifelte nun, ob er es doch sei. Mein Instinkt konnte mich betrogen
haben. Nun nahm ich meinen Stock bei der Spitze und klopfte ihm mit der
Zwinge auf den Rcken. Wie ein Schlagbaum wuchs etwas vor mir in die Hhe.
Ich hielt verwirrt meinen Stock in einer lcherlich tppischen Lage wie
eine Kinderfahne.

Ich erstaunte ber die Wrde des Mannes und seine unnatrliche Gre.

Als er meinen Zettel gelesen hatte, gab er mir die Hand. Er fragte nach
seinem Freunde Antoine. Antoine war doch ltester franzsischer Adel. Ich
lie nicht merken, da ich verblfft war. Ich redete rasch und abgerissen.
Er schlo sein Hemd und zog eine kurze Jacke darber, die ihn noch grer
machte. Dann rief er zweimal : Maintoni . . .

Maintoni kam, nahm mit einem leichten Fallenlassen der Lider meine rechte
Hand und zog mich ins Haus. Wir gingen ber einen langen Gang und traten in
ein hohes Zimmer. Maintoni drehte sich um und rief hinaus: Rodriguez!
Eine alte Frau sa an einem Fenster und murmelte vor sich hin. Maintoni
kte ihr die Hand und ging hinaus.

Rodriguez go eine Flut Freundschaftsversicherungen aus. Sein Krper war
schlank und von wunderbarem Zusammenspiel der Gelenke. Das Gesicht wirkte
in der Nhe kantig gegen die Harmonie des Wuchses. Die Nase war ein wenig
zu lang.

Die Alte fing an lauter zu reden. Ihre Stimme hatte eine knarrende
Biegungslosigkeit. Einige Bilder und Miniaturen standen auf einem Tisch vor
ihr. Rodriguez wartete, bis ich sie begrt hatte. Sie dankte, sprach aber
weiter. Dann sagte er mir, es sei die Mutter Pelayos. Sie lebte nur noch in
ihren ersten dreiig Jahren. Die Umgebung kannte sie nicht mehr. Eine
dichte Luftschicht, von Erinnerungen gesttigt, umgab sie wie krperlich
und schlo hermetisch alle Berhrungen mit der Welt ab.

Doch kte Joaquin Pelayo ihr ebenfalls ehrfurchtsvoll die Hand, als er
eintrat. Maintoni brachte mir zu trinken. Whrend dem Essen legte der
Hausherr pltzlich die Hand auf den Arm seiner Tochter. Er trug einen Ring
mit einem riesigen Solitaire. Ohne da Sonne ihn traf, blendete er. Ich sah
sofort, da er echt war. Pelayo sagte zu Rodriguez, als Maintoni
hinausgegangen war:

Sennor, Sie werden unserem Freunde Ihr Zimmer abtreten! Sie werden unten
schlafen bis zur Hochzeit. Ich wollte Einwendungen machen. Aber man schlug
mich mit Freundlichkeit nieder. Pelayo zog sich zuerst zurck. Rodriguez
erzhlte mir gleich, da er in vierzehn Tagen heiraten werde. Maintoni sei
dann gerade siebzehn Jahre alt.

Er hob den Arm und bog ihn ber dem Kopf zusammen, da das Gelenk knackte,
und der bronzene Hauch seiner Haut pulsierte dunkler. Er dehnte sich weit
zurck, schlug rasch auf seine Schenkel, da es wie Gewehrfeuer klang und
an der Wand sich brach, und sprang, sich duckend, auf. Dann erst konnte er
wieder reden, so nahm ihn die Freude mit.

Maintoni fhrte mich zu meinem Zimmer. Als wir die Treppe hinaufstiegen,
ffnete sich neben dem Gelnder eine Tr. Ihr Vater trat heraus. Eine
eigentmlich se und berauschende Luft quoll heraus. Pelayo schlo rasch
wieder. Ich fhlte, da mein Kopf benommen ward. Ich wankte ein wenig und
wollte Maintoni fragen. Aber sie ging so ruhig vor mir, da ich es lie.

Die Nachmittagsstunden legten eine flimmernde Hitze auf die Landschaft. Die
Nerven lsten sich und der Blick ward matt. Von meinem Zimmer aus hatte ich
weite Schau und staunte ber die Seltsamkeit der Gegend, die mit einer
Welle von Grn und bertriebener Fruchtbarkeit noch gegen das Haus prallte
und sich hinunter nach Valencia zu in eine trostlose Sandebene verlor, aus
der, zh und kantig, der Engpa zum Schlo von Hospitalitet hinaufwuchs.

Am nchsten Tag verabschiedete sich Joaquin Pelayo von mir. Er lie
Maintoni allein mit uns beiden. Wir richteten uns ein, wie es ging. Morgens
liefen wir zwei Stunden sdlich, wo der Postdampfer anlegte, und fragten,
ob etwas fr mich nachgekommen sei. Der Vorgang schien ihnen fremd und
eigenartig zu sein. Rodriguez tat, als sei es ein Ding von Wichtigkeit, das
seine Entschlossenheit bis zum letzten Zug in Anspruch nehme. Allmhlich
hatte er sich so in die Rolle hineingelebt, da er meinte, seine
Anwesenheit sei ntige Bedingung dafr, da der Matrose, der die Post
ausschiffte, mir den Brief aus dem Kahn herberwarf und mit affenhaften
Verrenkungen eine Kupfermnze dafr fing. Manchmal forderte er mich mit
einer kleinen Gebrde von Ungeduld auf, mitzukommen. Als ich ihn einmal
allein gehen lie, reichte er mir schweigend die Hand, als htte ich ihm
das Wertvollste anvertraut. Maintoni hatte eine stumme Verwunderung dafr.
Sie strich mit ihrer ganz hellen Hand ber den Brief hin, beschaute ihn von
allen Seiten und blieb mit einem mrchenhaften Ausdruck des Verlangens an
den vielen bunten Marken hngen.

Htten Sie sie gerne? fragte ich lchelnd. Ich lste sie und reichte sie
ihr hin. Da ging ein namenloses Staunen in ihren Augen auf. Sie ffnete
halb den Mund. Zwischen den sanften Bogen ihrer Lippen traten die Zhne,
die wei und auerordentlich schn gesetzt waren. Dann senkte sie rasch den
Blick, bewegte den Arm einige Male wie streichelnd ber den Grtel, wandte
sich langsam um und lief sehr schnell davon. Ich sah zu Rodriguez hin. Er
umarmte mich:

Hombre, si: Sennor! Sie sind ein guter Mensch, rief er enthusiastisch.
Abends fuhren wir aufs Meer hinaus. Die leichte Brise lste die heie
Stille des Tages zu einer bewegten Khle, die einen Schauer von Ruhe und
dmmerndem Glcksgefhl entfachte. Ich lehnte mich zurck in dem Boot,
dessen geschweifte Flanken in eine Spitze aufstiegen, die ber meinem Kopfe
stand. Maintonis Blick lag wie eine stille Sonne auf Rodriguez, dessen
braune Rckenmuskeln im Takt des Ruderns fcherhaft zusammenschnellten und
wieder unter der Haut verliefen.

Wenn die Sonne verschwunden war und die Berge um das Castel de Balaguer wie
mit violetter Tinte auf den silbrigen Himmel gemalt schienen, sang Maintoni
eine Romanze, deren Rhythmus immer steil aufwrts und tief herab ging.
Einmal erzhlte Rodriguez von seinem Vater, der vor fnf Jahren in Asturien
auf einer Brenjagd verunglckt war. Das Tier hatte ihm den Kopf
abgerissen. Das Messer des Freundes schon im Herz, hatte es ihn mit einer
der letzten Konvulsionen in eine Schlucht hinuntergeworfen. Man mute den
Leichnam ohne Kopf begraben. Rodriguez schien bang:

Glauben Sie, Sennor, da mein Vater trotzdem . . .

Ich nickte ihm besttigend zu. Er war rhrend. Er hatte die Hand fest gegen
sein Knie gepret und sah vor sich hin. Dann sagte er vorsichtig:

Trotzdem das Amulett an seinem Hals geblieben war und mit dem Kopf
verschwunden ist . . .?

Ich sagte ihm, da es genge, wenn das Kreuz die Brust berhrt habe . . .

Oft trug der Wind den Duft der Linden herber und verteilte ihn dnn und
zrtlich ber das Wasser. Ein paar hundert Meter vom Strand lag eine breite
Klippe. Dort war, wenn die Flut nicht ging, die khlste Stelle der ganzen
Gegend.

Nachts schlug das Meer gegen den Strand.

Joaquin Pelayo kam noch stolzer als frher. Es war am heiesten Mittag.
Maintoni brachte eisgekhltes Pomeranzenwasser mit Zuckerbrot und spter
Schokolade. Mein Gepck war nachgekommen, und ich zeigte ihm ein paar
Aufnahmen Antoines aus den letzten Monaten. Ich erzhlte ihm auch von dem
Eindruck des Zettels auf den Besitzer der Venta, wo ich die Nacht verbracht
hatte auf der Suche nach ihm. Er lchelte leicht:

Lassen Sie aber keine Geldstcke bei mir liegen!

Ich lachte: Da mte der Diamant an Ihrem Finger nicht unter Brdern
zwanzigtausend Francs wert sein . . .

Es war, als htte ich mit der Hand auf den Tisch gehauen. Alle wurden
still. Rodriguez strich sich bers Haar, und Maintoni sah scheu zu ihrem
Vater.

Ich sprach nicht weiter. Die Stimmung dieser Lhmung lief an uns ab, wir
rauchten, und als es khler wurde, sahen wir eine Frau von Balaguer
heraufkommen. Vor den zwei Meilensteinen kniete sie nieder. Wir saen auf
der Galerie des ersten Stocks. Beim Nherkommen ging sie langsamer. Sie
blieb lange unten bei der alten Frau, die immer mit sich sprach. Dann trat
sie bescheiden heraus. Die Demut ihrer Haltung stand in sonderbarem
Widerspruch mit dem heroischen Risse des Gesichts. Nur die Augen linderten
die Strke der Linien und die Bronzeglut der Haut. Sie waren weit
aufgebogen und leuchteten in hellem Glauben. Sie trug die Tracht der Nonnen
von Hospitalitet.

Sor Gracia, meine Schwester, sagte Pelayo.

Ein krftiger Wind lie das Meer opalisieren. Die Linie der Kste zischte
wie in versteckter Wut. Drauen an der Klippe sprang manchmal eine
gepeitschte Welle springbrunnenhaft und heftig in die Hhe. Der Himmel nahm
eine tiefrote Glut mit blauen Rndern an.

Sor Gracia sprach in kindlichem Tonfall vom Kloster; und wie sie sich
freue, am jngsten Tage eine kleine Harfe zu spielen. Sor Blanca und Sor
Uraca wrden auf Violen geigen. In den halbdunklen schlaflosen Nchten der
gemeinsamen Zelle sprchen sie oft davon.

Am nchsten Tage kam der betubende Duft wieder heftig aus dem Zimmer im
Erdgescho. Zu mancher Zeit schien es mir, als ginge ein Ton durch das Haus
von splitterndem Glas.

Den Tag darauf legte sich der Wind ganz. In den Zimmern ward alle Stunden
gesprengt. Die Hitze war zehrend geworden. Als ich hinunterschaute zum
Strand ber die kleine Bucht, wo die bewimpelten Pirogen Joaquin Pelayos
lagen, hinweg, sah ich auf der Klippe ein kleines gelbes Tuch, das schlaff
an einer Stange herabfiel. Wir schliefen den vollen Mittag. --

Die Fahne wehte am Abend. Sie wehte am folgenden Morgen. Sie wehte wieder
am Abend. Ein schwacher Wind spielte lstern mit ihr. Er legte sich in die
Falten, drehte sich darin und lie das Tuch herabfallen. Dann blies er es
von neuem hoch.

Mit der Dunkelheit zndeten wir Laternen an. Wir gingen am Strand entlang.
Dann bogen wir nach einer halben Stunde links ab: Maintonis Haare glnzten
kupfern. Wir trugen kurzgestielte Netze mit feinen Maschen. In kleinen
Abstnden blieben wir stehen und hielten mit kurzem Ruck die Laternen dicht
ber das Wasser. So schritten wir den kleinen Flu entlang ins Land hinein.
Allmhlich gewhnten sich meine Augen daran, das zuckende Heranschleichen
der Aale zu beobachten. Maintoni half mir, zeigte mir, wie ich das Netz
halten, wie ich zustoen msse. Doch ich fing keine.

Rodriguez hatte drei. Aber Maintoni sieben.

Es wurde hell, als wir nach Hause kamen. Maintoni hatte die gleiche Ruhe
wie stets. Sie hatte kein Brennen im Blick, keine Rte auf der Haut. Ich
schlief den ganzen Tag. Als ich aufwachte, hrte ich, noch schlaftrunken,
Stimmen. Eine kurze, spitzige, die herberscho, eine breite, starke, die
ihr entgegenkam. Dann ein rgerlicher Ausruf -- -- ein Wagen, der anzog --
-- noch ein paar Stimmen. Ich lief zur Galerie. Ich bog mich weit ber die
Holzstbe . . . . . .

Ich taumelte, ich ri mich hoch. Das Holz knirschte. Ich fhlte, da mein
Atem pfiff. Ich sah es . . . es war dasselbe Gesicht des, der lchelnd
Perdicans Wechsel in die Westentasche steckte . . . es waren dieselben
Zge, es war derselbe, den ich zwei Tage vor dem Tod der Frau von
Montbellaire mit entstelltem Gesicht, die Augen grn untergraben, mit
schlappen Linien, die nach dem Mund herunterfielen, aus ihrer Loge strzen
sah.

In dem Wagen saen noch Frauen, auch einige Mnner.

Ohne Gefhl nahm ich, als ich hinausschaute, in mich auf: Die Fahne wehte
nicht mehr.

Ich lief zu Joaquin Pelayo. Ich fand ihn nicht. Da drang ich in das Zimmer
im Erdgescho. Ich hatte nicht geklopft. Ich stie die Tre auf. Ganz weit.
Aber der Duft schlug mir slich ins Gesicht und nahm mir den Atem. Ich sah
kurz ein Blitzen von dem Tisch her. Pelayo hatte mich hinausgezogen. Er war
hflich, schien aber verletzt. Er begriff meine Erregung nicht. -- -- Was
sie gewollt htten?

Das Haus mieten oder so etwas . . .

Es schien ihn gar nicht zu interessieren.

In diesem Augenblick rief drauen einer der Knechte. Pelayo sprang hinaus.
Ich folgte. Der Knecht deutete erregt nach der See. Auf der Treppe raste
etwas herunter . . . an uns vorbei. Wir strzten nach. Maintonis Kahn
schaukelte leer drauen. Die Flut kam, die die Klippe berschwemmte. Wellen
mit breitem dunklen Rcken wlzten sich wie Tiere auf sie. Dann knatterte
es und weie Schaumstreifen bedeckten sie fast ganz. An einem Vorsprung
hielt sich Maintoni mit gekreuzten Armen.

Rodriguez hielt vor den Booten. Seine Brust drngte sich heraus. Er bog die
Hnde vor die Lippen. Die Wangen spannten sich nach innen, und aus dem
qualvoll aufgerissenen Kreis des Mundes flog seine Stimme wie ein Schu:

Ay! rief er.

Ay! Maintoni -- --

Rodriguez ruderte. Wahnsinnig ruderte Rodriguez. Ich hielt das Steuer, sah
sein Gesicht. Wie lcherlich die rotweie Lackierung der Ruderstangen
wirkte. Zweimal sahen wir Wellen ber die Klippe gehn. Maintoni hatte den
Vorsprung umklammert und sich auf den Bauch geworfen. Der Atem stand uns
zweimal in der Kehle. Wir atmeten nicht. Wir wagten es nicht, zu atmen.
Nein. Wir konnten nicht. Dann hob Pelayo sie in die Piroge.

Sie hatte das Boot nicht fest genug gemacht. Die Flut trieb es weg, whrend
sie die Fahne einstrich.

Wir redeten nicht mehr viel diesen Abend. Am Morgen sehr frh weckte mich
Pelayo und fragte, ob ich ihn begleiten wolle.

Es wird zwei Tage dauern, sagte er. Ich war dabei. Wir gingen Stunden.
Wir schliefen den Mittag unter ein paar Pinonenfichten. Es wurde dmmerig.
Wir kamen in ein Tal, das sich zwischen rauhe Bergwnde einnistete. Ein
abschssiger Pfad fhrte zum Meer.

Ich hatte Joaquin Pelayo gefragt, was die Fahne auf der Klippe bedeute. Ich
hatte ihn gefragt, woher er Antoine kenne. Dann hatte ich gefragt, was das
Geheimnis des Zimmers sei, aus dem der Duft strme, und auf dessen Tisch
ich das Blitzen sah.

Joaquin Pelayo sagte mir, da er Baske sei. Antoines Mutter sei aus dem
alten Knigsgeschlecht und in einem Zweige mit ihm verwandt.

Ich erinnerte mich an Antoines Mutter nicht mehr. Sie mute schon lange tot
sein. Bei Antoines Geburt, sagte Pelayo. Dieser Familienstamm ist lter
als der ganze europische Adel. Antoine und ich entdeckten unsere
Verwandtschaft, als er kam, einen Diamanten bei mir schleifen zu lassen.
Das sei auch das Geheimnis des Zimmers: Sein Laboratorium. --

Die Fahne ist eine alte Sitte der Kontrebandisten. Es ist gefhrlich,
Sennor, wenn man wei, da Diamanten bei mir ausgeladen werden. Ich habe
den Schmuck der Herzogin von Guise und das Diadem der Frstin Rubinowitsch
geschliffen. Sie sehen, welche Werte ich manchmal im Hause habe. Die Fahne
bedeutet je nach der Farbe, da ich am soundsovielten Tage hierher komme.
Das Schiff fhrt an der Kste vorbei, und man ld hier aus. Pelayo schaute
angestrengt durch das Dunkel zum Meer hinunter. Dann meinte er lchelnd:
Sie werden erstaunt sein, Sennor, . . . ein unbekannter Mann . . . hier in
der Einde . . . schleift den berhmtesten Schmuck. -- -- Ich habe in
Sevilla von einem Mauren, der mich liebte, ein System erhalten. -- -- --
Maintoni soll glcklich werden, fgte er ohne Zusammenhang hinzu.

Er zeigte mir eine Holzhtte mit Stroh. Der dnne Ton einer Pfeife -- -- --
Pelayo verschwand. Ich aber konnte nicht schlafen. Ich ging das Tal hinauf.
Mohn wuchs im Gras. Wilde Lilien standen berall. Durch einen kleinen Wald
mit Eichen schritt ich hindurch. Eine Trappe rauschte an mir vorbei. Leicht
feucht war die Luft. Tau hing im Gras. Ich aber konnte nicht schlafen.

Ich warf mich auf den Rcken und sah, wie die Sterne ber das Meer
hinauswuchsen und mich traurig machten.

Pelayo schlief in der Htte. Wir schenkten einem bettelnden Gendarmen Brot
unterwegs. Maintoni weinte, als wir heimkamen. Sie hatte uns nicht
erwartet.

Maintoni weinte oft, wenn sie glaubte, da es niemand sah. Maintoni hatte
goldene, glnzende Zpfe, die wie Seide herabfielen und deren bebnderte
Enden sie im Grtel trug. Ihre Brauen waren halb blau und halb schwarz und
waren lang und so fein wie der Schatten einer Feder.

Es war so hei, da die Fenster im ganzen Haus ausgehngt wurden, die Tren
wurden geffnet. Die Diener wehten mit Palmblttern Wind, wenn wir
speisten.

Es war Mittag. Rodriguez kam zu mir. Er setzte sich auf die Binsenmatte.
Dann stand er wieder auf. Dann sttzte er sich gegen das silberne
Kohlenbecken. Er sagte: Sennor, Maintoni ist traurig. Ich trstete ihn.
Ich sagte ihm: Es wird die Hochzeit sein, Rodriguez. Doch er schttelte
den Kopf.

Ich fragte Maintoni. Maintoni sagte: Ich bin nicht traurig. Ich freue
mich, Sennor. Aber Maintoni hatte rote Augen.

Da sagte ich: Maintoni! Rodriguez leidet sehr. --

Maintoni bekam groe blendende Augen! Sennor, Rodriguez liebt mich. Ich
liebe ihn auch. Rodriguez hat mir das Leben gerettet. Sennor, was habe ich,
um es ihm wiederzugeben? Nichts, Sennor. . . .

Am Tage vor der Hochzeit kam Sor Gracia. Sie setzte sich lang zu der Alten,
die immer sprach. Der Saal war wei gestrichen. Oben lief eine Borte von
gemalten Heiligen. Aus der Achsel eines jeden wuchs ein Arm aus Messing. In
der Hand hielt jeder eine Kerze. Sor Gracia zndete alle Kerzen an. Es
mochten hundert sein.

Sie sprach noch, da sie am Jngsten Tage eine kleine Harfe spielen werde.
Sor Blanca und Sor Uraca wrden auf Violen geigen. In den halbdunklen
schlaflosen Nchten der gemeinsamen Zelle sprchen sie oft davon.

Viele Leute kamen. Frauen in grnen und gelben Miedern. Frauen in Schuhen
ohne Abstze, in Schuhen aus Seide, in Schuhen aus Seide mit Gold, mit
Silber, mit Muscheln, mit vielen weien Perlen bestickt. Sie tanzten
Fandango. Sie tanzten den Bolero. Maintoni tanzte. Rodriguez tanzte. Alle
anderen sahen zu. Kastagnetten trommelten. Tamburine und Flten klangen.
Die Mnner schnalzten mit den Fingern. Andere schlugen in die Hnde. Eine
Sackpfeife spielte mit hohem, eintnigem, melancholischem Klang. Maintoni
trat allein vor. Sie neigte sich vor Rodriguez. Er folgte. Die Glieder
spannten sich in einen heieren Rhythmus. Sie wuchsen, umkreisten sich. Sie
wlbten die Brust. Der Rcken bog sich, die Hnde wurden hei. Dann hielten
sie in einer plastischen Pose, lsten sich und gingen allein in das Dunkel.
Sie kehrten bald zurck.

Die Gste gingen.

Ich stieg hinauf, um zu schlafen.

Es war spt in der Nacht.

Ich wachte auf. Ein wahnsinniger Schrei gellte, pfiff, peitschte sich durch
das Haus. Ich strzte die Treppe hinab. Unten glitt ich aus. Etwas Dunkeles
fiel auf meine Augen und drckte. Als ich erwachte, lag ich schrg auf der
Treppe. Langsam stand ich auf und ging hinaus.

Links lag ein Mann. Ein kastilisches Messer stak in seinem Hals. Nur Leute,
denen der Tod in die Gurgel fhrt, knnen so schreien. Blut sah ich keines.
Es war Rodriguez.

Es war halbdunkel. Vor meinen Augen kreisten rote Rder. Flimmernde Punkte
sprangen hin und her.

Maintoni und Joaquin Pelayo standen dicht nebeneinander. Ich ging hin. Da
lag noch ein Mann. Alles drehte sich vor mir. Aber ich wunderte mich nicht
mehr. -- -- -- Es war dasselbe Gesicht des, der lchelte, als er Graf
Perdicans Wechsel in die Tasche schob . . . dasselbe, das grnunterlaufen
war, wie ich es vor Frau von Montbellaires Loge sah.

Die Lippen waren dunkel. Ein schmaler Streif Schaum hing aus dem Mund. Im
Gesicht waren blaue Flecken. Der Hals war angeschwollen und am Gurgelknopf
rot wie rohes Fleisch.

Er war eingebrochen. Die Diamanten hatten gereizt. Rodriguez war
dazugekommen. Das Messer . . . der Schrei . . . Pelayos Faust hatte ihm den
Kehlkopf zerdrckt. -- -- -- Ich sah alles.

Maintoni weinte nicht.

Das Meer lag wie eine groe Perle da.

Der Kopf des Fremden stand schrg ber die Schulter in die Hhe. Der Hals
wlbte sich heraus. Es konnte nicht mehr lange dauern.

Die Augen sahen nun aus, als htten sie den Star. Die Pupillen wurden grau.
Sie wurden breiter und brannten mit einem verschleierten Feuer. Die Ngel
hatte er in die Handflchen eingeschlagen. Die Arme lagen still neben ihm.
Alles Leben stand nur noch im Krampf der Pupillen.

Dann brach der Blick. Ein Zucken lief vom Hals ber die Brust und spielte
mit schwachen Erschtterungen ber den Bauch.

Da tat Maintoni dies, das grer war und furchtbarer, wie alles, was
Rodriguez gab, als er sie von der Klippe rettete . . . Maintoni tat es: sie
trat dem Sterbenden mit dem Fu breit ins Gesicht; sein Kopf rollte
schwerfllig zurck.

Und Maintoni lief hinunter zum Strand. Sie warf sich vor dem Meer auf die
Knie, und indem sie in den ungeheuren Glanz der kommenden Sonne viele Male
hineinrief: O Santa Maria . . . Santa Maria de la Mar . . ., schlug sie
die Hnde vor das Gesicht, weinte laut und schrie.

Fifis herbstliche Passion

   Brigitte: Und begreifst du nun das Leben?
   Ulrich: Jetzt begreife ich den Tod.


                              Carl Sternheim


   Und niemals wieder war die Liebe so sanft, demtig und rein,
   So voller Musik wie da . . .


                               Ernst Stadler


Die Straen mit den tagmden, grauen Trottoirs wurden gesprengt, und die
schweifhaften, breiten Gsse, die den senden und starken Gesten der Mnner
entflogen, legten sich klatschend und eigenwillig auf den Boden. Es wurde
Abend. Die Weiden und Eschen der Grten schwebten scheu und flimmernd vor
der ungeheuren Ruhe des opalenen und tiefgelben Himmels. Und wie das Wasser
das Irisierende aus der Luft sog, schritten die Menschen ber die Straen
wie ber Bilder von Signac oder Cro: Eine Viertelstunde brannte die Stadt
in einer stillen Glut von gelbem Getupf.

Brandfeuer rannen in dnnen Strhnen dann in die Stadt und mischten sich
Glockengelut und dem grausamen Drang einer fressenden Dmmerung. Wie
Schlnde tagelang entfeuerter Kanonen brachen die Schlofenster ber die
auslschenden Huserquadrate, feierlich, hart und alt, eine Zeit noch
hinaus.

Dann sprangen die Laternenreihen die Straen hinunter und erreichten,
leichtes Geknatter der Zndung zurcklassend, den Platz, der mit rasender
Wucht an tausend Ecken, Schnren und Windungen von Licht geborsten und
aufgerammt war und ber den ein tiefdunkler, sterndurchlochter Herbsthimmel
schrg und khl heraufwuchs.

Fifi erschien auf dem Podium.

Von den Schiebuden klang schon das Hmmern der Treffer, die Spielorgel
setzte ein. Aber aus dem rechten Ausgang der Baracke trat ein herkulischer
Mann, winkte ungeduldig mit der Achsel, die Orgel schwieg: Fifi setzte die
Spitze des rechten Fues nach hinten auf, stellte die Arme wie Henkel auf
die Hften und wartete. Der Groe fing an zu schreien. Seine Arme ruderten
durch die Luft, sie umschrieben die gewagtesten Figuren, hemmten sich
gegenseitig und warfen sich in gelungenem berschwall auf das Publikum,
weit geffnet, hinaus. Ein verknickter Hut sa ihm auf dem Kopf. An den
Griffstellen glnzte er. Der Rock war zerdrckt und hing um den Krper,
dessen Fleisch schwammig und unangenehm schien. Es ist zu betonen, da die
Figur herkulisch war, um die Augen zu verstehen, die, wenn die Brust und
die Gebrde sich herausspreizten und mit pompsen Auftakten in die Hhe
stiegen, klein und feig dies alles wieder leugneten und ngstlich wie
Wassertropfen von einer ligen Flche an dem angesammelten Publikum
abliefen. Sein Mund rief heisere Worte hinunter. Er schrie. Er warf
geifernde Reden den Leuten ins Gesicht. Seht, rief er, auf Fifis Tanz.
Kommt herein, alle, und er winkte, nur Erwachsene drfen kommen:
Plastische Darstellungen . . . pikante Szenen . . . (es war, als zerdrcke
er etwas Klebriges im Munde.) Der Knig von Griechenland haben uns beehrt
in Wien. Hchste Herrschaften drckten ihre Bewunderung . . . und so sehr
lief eine Welle von Ekel von seinen Stzen und dem wissenden Winken seiner
plumpen Hnde aus, da zwei forsche Unteroffiziere selbst sich brsk
wandten und gingen. ber der Baracke stand rot auf blau: Pariser Relief!

Der Alte hob die Hand, die Orgel schlug an, und vor dem in einem Teil aus
dem Strudel wieder zusammengeschlossenen Publikum trat Fifi in ihren Tanz
ein.

Zwei junge Leute waren inzwischen gegenber eingetreten in die Schnheiten
des Orients. Vor der Bude standen zwei Palmen und ein dickes Weib, alt,
voll Vergangenheit, mit bsen weien Augen. Sie war die Frau des Athleten;
Orient und Paris lagen gleich zwei Rachen auf den beiden Seiten der
Mestrae und bissen sich Opfer heraus. Doch ging der Orient besser, und
Paris sank von Stadt zu Stadt. Fifi hatte feine Fesseln, aber Lizzy,
genannt Luise, hatte Hften wie ein Dynamo. Und an ihren Zoten gingen die
beiden Mnner vorbei, schauten durch runde Glser eine Photographie von
Dschiseh und traten, indem sie einen Teppich zurckstieen, bei Lydia ein,
der Dame ohne Unterleib, die, in grnem Samt, in einem Sesselstuhl sa und
rote entzndete Augen hatte.

Der eine der Herren zog seine Handschuhe an, und nach dieser symbolischen
Handlung traten sie rasch den Rckzug an. In Jena htten sie Ringkmpfe
aufgefhrt mit den Studenten, rief ihnen Lizzy nach, genannt Luise.

Gleich einer unangenehmen Luftschicht fiel dies hinter sie zurck, und sie
traten hinaus in das Erregte des Platzes, in dem die breiten,
musikbeladenen Karusselle schwammen und sich berrasten und Geglitzer von
Spiegeln, Lichtschnren und bunten Mdchen vorberdrehten und auf dem ein
Meer von Menschen schiebend, erregt und drckend sich schaukelte, ber
denen Schsse knallten, Schreie hin und her zuckten und laute Glocken
dunkel aufzitterten.

Da wandte sich Franz pltzlich herum und zog den anderen mit. Sie brachen
durch den Strom, und indem sein Gesicht sich erhellte, zeigte Franz auf
Fifi und sagte: Die leichten Bogen dieser Beine sind entzckend schn
. . . Sein Gesicht hatte eine vollendete Gte, die das Khne und
Auffallende dieses Profils in einen seltsamen Adel steigerte.

Und wie er dies sprach, die Lippen nur wenig bewegend, fielen Fifis Blicke
pltzlich auf seine Augen, und die Blicke hingen sich ineinander, bis die
Orgel mit einem aufflammenden Sto pltzlich schwieg. Der Herkulische
trommelte rasselnd auf einem Schild, Fifi war zurckgetreten, er winkte zum
Eintritt, aber nur ein Einziger folgte, die Menge schob weiter.

Und Franz und sein Freund wurden weiter gedrckt, als sie sich der Strmung
bergaben, vorbei an dem grnbemalten Gerst, in dem Menschenfresser
hausten. Drei Cowboys, mit roten Blusen, kokett, ber die eine ganze Prrie
unbndig eine halbe Woche lang eitel brllendes Gelchter wre, schossen
zeitweise Revolver prahlerisch in die Luft. Ein echter Mexikaner hielt eine
Harpune hoch mit rotblnkerndem Fleisch. berall lief der Witz, da die
Menschenfresser -- Krokodile seien, und weil das Volk voraus wute, da es
geleimt wrde, zog man in Scharen hinein.

Dann kam die groe Bude mit den Fliegenden Menschen, zwei Mdchen in
blauen Trikots mit Silberschnren: die eine blond und mit dem Anfang der
sich wlbenden Formen, die eine sonderbare Sinnlichkeit aussprhten, und
die andere mit ziselierten, knabenhaften Gliedern, schwarz, das Gesicht
Toulouse Lautrecs Durchschnittsmodell (breit, gemein, verworfen) mit einem
unheimlichen Gerank von Feinheit, Seele und Keuschsein darber. An der
Galerie entlang stand die Familie, sechs Menschen, und bliesen
Blechinstrumente, und die Mdchen oben wiegten in das Derbe, Kommune der
Straenwalzer das Gezitter ihres Tanzes. Ihre Bude war ganz voll. Immer!

Und als Franz dem Strom entkam und wieder zurckeilte, sah er, wie Fifi,
mit einem Sto herausgedrckt, aus der leeren Baracke taumelte, rasch sich
fate und anfing zu tanzen, mhselig, md und fein und beschwingter, als
sie Franz erblickte. Nur kleine Truppen blieben stehen, die Masse strmte
zu den Fliegenden Menschen.

. . . Augenstern . . . rollte es von unten herauf.

Es war spt geworden. Die Orgel schlo. Fifi verbeugte sich. Der Athlet
rief den Beginn der Vorstellung aus. Soeben Beginn . . . rief er und
schnalzte. Aber niemand stieg auf. Er schrie. Niemand. Da ging er, von der
Leere beschmt, verlegen einmal ber das Podium, verschwand ins Innere,
lauerte bis die Gruppe sich ganz verlaufen hatte und trat wieder vor. Fifi
schlich wieder heraus. Wie eine groe Spinne hing der Herkulische auf
seinem Podium. Franz stand beiseite, beobachtend, den Kopf schief
aufgelegt. Und wie eine Truppe nahte, fing der oben an, Schlpfriges zu
reden, ein Wink, die Orgel: Fifi . . .

Die Leute hielten, schoben ab, es wurde spter, das Gesicht des Alten
rtete sich, er suchte die Uhr. Immer wieder verschwand Fifi, immer begann
der Spektakel, rascher, hastiger wandelte Szene auf Szene: das Greifen und
Locken nach sprlichen Passanten, das Weitergehen, das Versinken Fifis und
die bleierne Schwere ihres Tanzes, angezndet manchmal und heftiger im
Erblicken von Franz. Dann ward es zehn Uhr. Polizei drngte mit Seilen vor,
die Pfeife des Dampfwerkes heulte, die Menge lief ab.

ber den leeren Platz, durch einen schmalen Gang, den Schutzleute
freihielten, und um den Gruppen Neugieriger standen, kamen nun die
Artisten, zum Teil mit Mnteln, die sie ber das Bunte und den Flitter
gehngt hatten und die so zwischen den Angestellten, den lichtlosen Buden
und mit ihren andersgewordenen Gebrden pltzlich desillusionierend und
doch noch von dem erregenden Arom ihrer Gewerblichkeit umwittert, in die
Strae hineinstrmten. Zuerst kamen grospurig und in der starken Lge der
hohen bespornten Lederschuhe sich wiegend, die Cowboys aus Dresden und
Garmisch.

Ihre Sombreros hingen im Genick. Die Hand stak in der Revolvertasche, so
da Dienstmdchen erschauerten und in Knaben dramatische Perspektiven sich
loslsten.

Hinter der bewuten Brutalitt der Ringkmpfertruppe mit dem haarlosen Br
schritt die Besatzung der Schiebude links ganz hinten. Sie hatten alle
halblange Rcke an und Kleider, welche schne und zierliche kleine
Blumenmuster trugen, im pfingstlichen Stil mancher Bauernkattune, und wie
sie, zu zweien links und rechts der ebenso gekleideten und schn aufrechten
Mutter eingehngt, die Kpfe gebeugt, zierlich zu ihrem Wagen trippelten,
erschienen sie wie eine Porzellangruppe aus einer kleinen,
brgerlich-grazisen, deutschen Manufaktur.

Dann: Leere . . . und Fifi . . . Schmal, doch kstlich in einen gelben
Gummimantel gehllt, frstelnd, den Platz mit Adel ausfllend, kam sie auf
den Ausgang zu. Mit der dnnen linken Hand krampfte sie den Kragen ber die
Brust vor dem Hals zu wie mit einer weien Agraffe. Die Lippen waren rot
und merkwrdig wie mit feinem Lack auf das bleiche Gesicht aufgetragen. Sie
stie kurz vor der Strae mit den anderen zusammen. Die Alte trug einen
Milcheimer. Der Herkulische schlappte unangenehm her, schrie ihr etwas zu,
Lydia -- ein dickes aufgeschwollenes Tier -- ging idiotisch, faul nebenher,
ohne Umhang in grnen Samthosen. Lizzy lachte mit allen Herren. Mit
gierigen Augen schlo sich der Mexikaner von den Krokodilen Fifi auf der
anderen Seite an, da sie zwischen ihm und dem Athleten um so reiner
erschien.

Schrg auf der Holztreppe, die in den groen gelben Wagen hineinlief, in
dem sie wohnten, wandte Fifi den Kopf und sah somnambul verklrt nach der
Stelle, an der Franz stand (den sie nicht -- dies war auffallend und
seltsam zugleich -- gesehen haben konnte) mit dem Bruchteil eines Lchelns,
whrend der Mexikaner in lsternem Scherz sie, mit auf ihre Hften
aufgesetzten Hnden, ins Innere drngte.

Worauf sie mit schmerzlichem Aufziehen der Achseln reagierte.

Spter glitt der Mexikaner aus dem Wagen. Eine Zigarette drehend, mit der
Eleganz des Romanen alle Glieder bewegend, schlenderte er zur
Artistenschenke. Franz, der noch lange den Wagen umkreiste, sah Licht aus
den schmalen Luken dringen und hrte keifende Stimmen das Innere des Raumes
hin und her zerreien. Dann nahten mit schwerem, gleichabgetntem Schritt
die Patrouillen.

Es ward spt.

Er ging.

Alle Tage tanzte Fifi. Es war khler geworden. Ungeheuer gewlbt spannte
sich der Himmel. Sinnlose Monde stiegen ber die Nchte hin. Franz sah sich
aus allen Beziehungen zu Welt, Gesellschaft und Dingen herausgerissen und
in die Aura dieses Tanzes mit allen auffassenden Fiebern hineingerissen.
Bei den Fliegenden Menschen stieg tglich der Kassensturm und die
Sensation. Der Orient verdiente gut an reiferen Herren. Paris brachte
es von 8--10 abends manchmal nur auf eine Vorstellung. In den Pausen tanzte
Fifi. Der Alte winkte, schrie, ward gieriger, je spter die Zeit hinlief.
Verkndigte Anfang der Vorstellung, er ffnete die Vorhnge, Fifi tnzelte
ins Innere. Niemand kam. Manchmal vielleicht zwei Herren. Und dann packte
der Alte Fifi mit seiner Tatze an der Schulter und schleuderte sie hinaus.
Die Orgel hob an, Fifi erhob die Fe, hinten der blaue Horizont der
Draperien gab ihren Bewegungen Haltung und Relief, und die mden
Schwingungen ihrer Arme und Beine waren wie das kurze Geflatter einer
Libelle, die, in der Luft anhaltend, ber einem schnen Gewsser erblitzt.
Langsam im Fortschreiten des Abends wurden ihre Gesten mder, von einer
schmerzlichen, bleihaften Schwere berhaucht. Franz hrte das Pfeifen ihres
Atems. Und wenn sie, leicht gertet die Wangen, schlo, fiel die Khle des
Herbstes auf ihren Schwei.

Einige Tage blieb Franz an der Peripherie des Zuschauens von Mitleid und
schmerzlicher Bewunderung angefllt. Manchmal schien es, als msse der
nchste Pas sie strzen, in sich zusammensinken lassen. Doch sie blieb. Ihm
aber widerstrebte es, auf diese leichte Weise an sie heranzukommen, die
unter den Augen des klebrigen Athleten oder mit dem Beigeschmack der
gewohnten leichterotischen Anknpfung sich vollziehen mute. Er fhlte, da
er Inhalte in sich trge, die in ihrem Wesen auf dieses Kind abgestimmt
seien, und die Schwere dieses Bewutseins nahm ihm den Mut zur
Leichtigkeit. Ihre Blicke trafen sich hin und wieder -- nicht oft -- aber
in einem berckenden, auerweltlichen Zusammenhang.

Sie waren schon tief ineinander eingewhnt, als sie ihre Stimmen noch nicht
kannten.

Dann kam jener Abend. Donnerstags.

Es war ein schner Abend, mit bunter Khle, sternhart, der Park voll
grendem Gerusch. Er zog sich wie ein Strom durch die Stadt, englisch,
berdunkelt und alt im Sommer, winters bereift, immer schn. Die Lichtgurte
ganzer Grenzstraen warfen sich in ihn hinein, schimmerten im kleinen
Teich, aber er gab kein Dunkel wieder zurck. Nahm alles auf mit groer,
tiefer Selbstverstndlichkeit. Stand geborgen, bergend, unberhrbar,
geschlossener Komplex von Vornehmheit, asylhaft wie ein Zentrum, um das die
Stadt mit Geleucht rotierte. Donnerstag abends . . .

Es war schn.

Zwischen sieben und acht, genauer: Eine Uhr im Schlo hakte ein: Fnf
Minuten bis halb acht Uhr! Franz ging langsam zur Messe, die acht Uhr
begann, die vorher um sieben aufgehrt hatte: Zeit, in der die Artisten
aen. Seine Gedanken gingen langsam, gemchlich, nichts erwartend, ohne
Tatkraft um das innerlich abgespiegelte Bild von Fifis Tanz sich bewegend,
Erklrungen ersinnend, von einer leisen Sehnsucht aufgelockert und
beschwingt gemacht. Da knirschte es, und noch ehe ihm durch sein Getrum
das Bewutsein heftiger Schritte und haschender Bewegungen ins Gedchtnis
stie, hieb mit einem unendlich scharfen Akzent ein Schrei in ihn hinein,
warf ihn herum. Er lief ber ein Grasrondell, stolperte, stie an ein
Gitter, sprang darber. Sein Hut war verloren, der rmel geschlitzt, seine
Brust zitterte. Er strmte um ein eingezuntes Denkmal, mute umkehren,
lief in einen dunklen Weg, packte einen Mann am Genick und schmi ihn
zurck, da sein Krper krachend an die Stakete knallte und an ihnen wie
eine dumpfe Masse niedersank. Hinten im Weg leuchtete der rote Kopf einer
Zigarette auf, bewegte sich her. Neben ihm selbst stand Fifi, die Arme noch
schrg aufgehoben, die Augen ganz gro in der Form und schalenhaft, in die
nun pltzlich ein beinahe blulich erglnzendes Licht flo. Zwei
schimmernde Kreise, standen die Augen in ihrem Gesicht.

Und so die Hnde haltend, ungeschickt, doch ganz sich in der Geste
erfllend, tat sie einen unnennbar mden und langsamen Schritt auf ihn zu,
das Gesicht transparent, mit zwei schimmernden Hostien. In diesem
Augenblick lief das Geknatter rasch folgender Schsse neben ihnen hin, und
wie sie umschauten, war es nur noch Fifi, die sah: sah, wie Franz dem
Hingesunkenen den Revolver aus den Fingern ri, ihm den Kolben gegen die
Schlfe hmmerte und ganz gro auf sie, die zitternd harrte, zuging.

Doch ehe er sie erreichte, war die Zigarette heraufgekommen, zwischen sie
gesprungen und lste die Luftstrme los, die zwischen ihnen liefen.

Es war der Mexikaner. Er fragte rasch, schrie es: Verletzt? Franz zeigte
den Revolver; er deutete auf den Klumpen am Gitter. Der Mexikaner ri sein
Gesicht in Falten, fauchte, trat dem Klumpen in den Bauch, schnippte das
Bein hoch, da der Krper herumfiel, senkte seinen Kopf dicht neben den
Liegenden und sog heftig an der Zigarette, da ein roter Kreis auf die Erde
fiel, in dem mitten ein asketisches, von vielen Narben und Stichwunden
durchbohrtes Gesicht auftauchte.

Der Fakir, . . . schumte der Mexikaner. Man sollte ihn peitschen,
. . . und fing an, ihn mit den Fen zu bearbeiten. Wie Franz ihn hinderte,
fiel sein Blick auf Fifi.

Sie war ganz verndert. Ihr Gesicht war wie ein weier Fels, ber den in
zuckhaft raschen Sten rote Wallungen strmten. Blitzhaft wechselten Hell
und Rot und drohten, den Hals zu sprengen.

Und whrend sie wieder auf Franz zuging, als trge sie alles gegen ihn,
zitterte ein Klang, rauh, gegenstrmend, in ihrer Kehle auf, und wie alle
Glieder zu ihm drngten, hielt sie ein Schluchzen zurck; sie warf den Kopf
zur Seite, gewaltige Erschtterungen lsten sich aus, und gleich einer
Verurteilten lie sie sich gegen den Mexikaner fallen, der sie verwirrt
aufnahm, der nach Franz schaute, wieder auf sie, malos erregt und erstaunt
schien. Dann pltzlich, aber mit unverstehender Achselbewegung seinen Mund
auf ihren warf und in langem Kusse sie wegzog.

Franz stand noch eine Weile.

Dann drehte er um.

Hinter ihm stand der Fakir. Er bat um seinen Revolver. Er sagte es
englisch.

Nichts schien Franz selbstverstndlicher, wie diese Folge fremder Laute. Er
gab ihm den Revolver.

Der Fakir verbeugte sich, ging. -- --

Fifi erhielt Faustschlge, weil sie zu spt kam. Der Herkulische beulte auf
sie los und sie erschien unter seinen Hnden wie ein feines Tuch Spitzen in
der wringenden Faust einer grobknochigen Wscherin. Sie gab keinen Ton. Sie
tanzte den Abend, da es vier Vorstellungen gab. Sie tanzte, da ihre Beine
glhten wie die wundgespielten Saiten einer schnen Violine, whrend die
Khle auf ihre Brust drckte, aus der in langen, keuchenden Sten ihr Atem
rang.

Franz kam nicht.

Sie tanzte die Abende des Freitag und Samstag rasend und aufglhend
herunter wie Spulen, die ihre Fe abtraten. Es wurde klter;
erbarmungsloser drang der Herbst ein. Fifis Mantel trug nun Luise,
eigentlich Lizzy, unter dem ihren. Als Fifi danach fragte, schrie der Alte
sie nieder. Das dicke Weib mit den weien bsen Augen keifte, sie solle
mehr verdienen und wies mit einer vergleichenden und stolzen Gebrde auf
den eintrglichen Busen der Dame ohne Unterleib.

Sonntag tanzte sie den ganzen Tag.

Das Landvolk strmte in die Stadt, schob sich, in Keile zusammengepret,
ber den Platz, der staubte, den eine am Tag mitleidlose Sonne
zusammenbrannte, auf die die Khle so unmittelbar folgte, wie das Dunkel
pltzlich und hastig vorsprang.

Um sieben lief Fifi torkelnd nach dem Park, streichelte das Gitter, an dem
sie damals gelehnt, kniete nieder dicht neben der Pftze, wo Franz
gestanden und berhrte mit den Lippen den Boden. Dann lief sie weiter, kam
durch ein Tor, eilte durch eine Strae und stand wieder auf einem Platz mit
stillen Bumen.

Mitten darin stand ein rundes Kuppelhaus, zu dessen Tr viele Stufen
fhrten, ber der Fahnen hingen und in gewaltigen Lettern das Wort
erglhte: Deo, das sie wohl nicht begriff, das sie aber snftete und
hineinzog, wo sie Weihwasser nahm und in einer Nische unter einem in vielen
Farben erstrahlenden Fenster sich auf das Dunkele der Steinfliese warf und
so weinend ein Vaterunser schluchzte, da von zwei vorbergehenden Damen
eine erregt und voll Neid ber diese inbrnstige Strke, hhnisch
auflachte, wie von der schrillen Einfachheit irritiert oder eine (schon im
Klang der Stimme voraus desavouierte) berlegenheit heuchelnd und
darstellend.

Fifi aber rief aus einem immer wilderen Weinen heraus, bhmisch, das die
Leute nicht verstanden, aber an dessen Lauten sie dennoch wie angeseilt
hingen, rief mit lauter und klarer Stimme, die aus allen Seiten der Kirche
wieder auf sie zurckstrmte, ein Gebet.

Der Schweizer war herbeigelaufen. Er wollte der Strung nachgehen, die
Weinende, deren heftige Andacht sich ber jene der anderen Glubigen
bermig und sie gering machend auftrmte, beruhigen, sie hinausweisen
. . . aber er blieb wie gezwungen an einen Pfeiler gelehnt stehen, Staunen
und nicht begreifendes Wunderbare ber sein wenig gescheites Gesicht
gestreut, wie hingewiesen und in diese Position gebannt von dem seltsamen
Gelute dieser Stimme.

Aus dem klaren und in langen tnenden Linien verschwebenden Glanz ihrer
Stze aber lief in verstrmenden Untertnen ihre Qual. Und ihr Gebet begann
mit dem dunklen Schmerz ihres Zimmers im gelben Wagen, das ganz ausgefllt
ward von dem breiten Bett, in dem sie zu dritt schlafen muten: Sie und
Lydia und Lizzy, genannt Luise. Und wo ihr Krper hinausgestoen liege auf
die uerste Kante, wo wenig Decke sei. Aber das alles sei wenig und tief
im Herzen sehr gering gegen die Reden von Lizzy und jenen Abend, an dem der
Alte den Teller, voll von heier Suppe, ihr auf die Brust warf, als sie
beten wollte nach einer durchqulten Nacht. Und so in dem Gedanken daran
sprangen alle Ventile der Angst und Unterdrckung weit auf, und in einem
kstlichen und befreienden Ergu strahlte sich ihr verjochtes Leben heraus,
wie eine lang im Tiefen der Rohre. gehaltene Fontne sich in einen spten
Sommerabend mit starker und doch resignierter Kurve erhebt. Und in ihren
Worten glommen die Namen der beiden auf, zwischen denen ihr Leben in den
letzten Tagen ein hin und her gerissenes Spiel war: Franz und der
Mexikaner, den sie Partufa nannte. Und der Klang ihrer Stimme sank etwas
zurck in der schmerzlichen Erinnerung der Abende, an denen jener bei ihnen
eindrang, begrt vom entsetzlichen Gelchter Luises, den tierisch und
rter aufblinkenden Augen Lydias und ausgezeichnet durch das indolente
Nichtbeachten des Alten, in dessen schmierigen Beutel die Hlfte von dem
flo, was die Krokodile einbrachten. Indem sie den Kopf im hchsten Schmerz
tiefer senkte, dachte sie an das Gefletsch und den Schaum um den Mund des
Partufa, wenn er sich von Lydia und Luise wegwandte zu ihr, die, den Kopf
gegen die Wand gedreht, dieses nicht sehen wollte und wie sie kalt blieb
und im Gebet sich beruhigend, wenn die anderen Mdchen (o ber Lizzys
Gelchter und schmutzige Reden!) sie bewegen wollten, auch diese Dinge nur
anzusehen . . . und wie Lydia aus Wut sie eine ganze Nacht hindurch mit
Nadeln stach. -- Doch ihre Silben migten sich wieder zu einem verklrten
Rhythmus, als ihr Gebet an den anderen stie, den mit dem gtigen Gesicht
und den Sonnenaugen, und sie dankte Gott tief und herrlich errtend fr die
Nchte, die er im Traum diese Augen ber ihren Schlaf wie htende Gestirne
verteilte und so die Nchte zu einem Berg erhob, den kein Schmerz und keine
Demtigung des Tages berennen konnte. Und wieder und immer wieder dankte
Fifi dafr, da der Herr ihn, Franz, den Gtigen in ihre Not sandte,
damals, wie der Fakir im Park sie berfiel, um dann wie vor einer Mauer und
endlos erregt vor dem Wunder stehen zu bleiben (whrend ihre Stimme fast
erlschte), wie sie damals pltzlich und wie von einer Macht, die aus ihr
selbst heraus allen ihren Wnschen entgegenstrmte, sich in den Arm des
Mexikaners warf und die kalte belkeit seiner Lippen auf den ihren fhlte
und den anderen stehen lie, gleich einer begnadeten Heimat, die man
verlt fr immer, und deren letzte Feuer, hoffnungslos fr den Ziehenden,
langsam am Ufer verbrennen. Und sie sann mit flackernden Worten ber den
Sinn dieses Ereignisses und die Ursache dessen, was einen Menschen zwingen
kann, die hchste, nie erhoffte Sehnsucht, wenn sie erscheint, liegen zu
lassen . . . nein . . . nicht nur dieses: sie zu verschmhen -- o vieles
mehr -- sie zu hhnen und zu begeifern schier, sie zu schmerzen mit einem
strengsten Schmerz. Und wie sie sich forschend, weinend, in Verzweiflungen
wlzend um diese Fragen wand, erschien es ihr, als ob es eine Angst
vielleicht oder ganz gewi gewesen sei, die sie vor dem pltzlichen Glck
berwltigt und ein Unbesonnenes hatte tun lassen, und sie schrie auf, wie
sie dieses Entsetzliche -- sich selbst in den Armen des Partufa --
erblickte. Aber dann kam es ihr, da es nicht die Angst gewesen sei. Sie
erkannte etwas, das einer Schuld hnelte, in ihrer Brust und glaubte nun
betend und es so versichernd, da es Trotz gewesen sei, nicht Angst; da es
Aufbumen gewesen sei aus der allzu groen Tiefe dieses vergangenen Lebens
vor der pltzlich viel zu strahlend aufgereckten Perspektive jener hchsten
Erfllungen. Aus diesen hin und zurck schwankenden Gefhlen brach dann der
Ha gegen den Mexikaner hervor, und nachdem sie in schrillen und
ekstatischen Rufen ihn hervorgestoen hatte, fiel sie wieder in ein
beruhigtes Beten zurck, fhlte, wie diese glubige Erschpfung sie
umfate, welche all diesen Entladungen zu folgen pflegt und lag dann eine
Zeitlang ausgestreckt auf den Steinen, bis Menschen ihr zu Hilfe eilten, im
Glauben, da sie ohnmchtig sei. Da sprang sie auf und eilte durch Straen
und Park zur Messe. Sie kam zu spt. Der Alte trat ihr mit dem Fu in den
Bauch.

Aber sie sprte es nicht.

Tanzte, wie sie nie getanzt hatte, gro, vorwurfsvoll, in Tragik und
Schmerz vertieft und einem brennenden Feuer zugebracht. So erblickte sie
Franz, der heute wieder unter dem Publikum stand.

Sie tanzte schner, fhlte, wie eine Se den Leib ihr hinanstieg, alles
lste und ihren Augen Glanz gab und Glauben. Sie tanzte nun, um den starren
Blick des da unten frei und klar wieder zu machen, und all ihr Sinnen stand
danach, die Gte dieses Auges neu zu erwecken. Ein berauschender Glaube
berfiel sie, da der noch so sehr Enttuschte und Erstaunte nun alles
begreifen msse: da es zuviel gewesen sei fr sie damals, da sie
ngstlich, trotzig vor dem Schicksal gewesen sei. All dieses tanzte sie
nun. Und sah in seine Pupillen und lauschte auf Wirkung, wie einer an
Abenden hinter der Ebene den Mond ber dem Strich der Wlder sucht. Sie
glaubte nicht mehr, da alles verloren sei, wieder berbrandete sie die
absolute Zuversicht, jener da unten begreife allmhlich, was, als alles zu
ihm allein zog, sie auf die andere Seite warf. Sie fhlte, wie jene Schauer
des Glcks, das Widerstreben in ihr gezeitigt hatte, weil es sie wie eine
Keule berfiel, nun in langsamen Zgen wiederum in sie einzogen.

Sie tanzte sich in einen leuchtenden frommen Glauben hinein, der sie
erschimmern machte, aber noch blieb das Gesicht von Franz (doch sie sah
dies nicht, sah nur die Wandlung, an die sie glaubte) kalt und hart.

Eine erdrckende Luft schob ber den Platz, gleich Wellen stieen die
Anstrme der Menschen gegen die Wnde der Buden. Alle Baracken hatten heut
eigene Orchester, die sich ineinanderwirrten. Kinderballons stiegen in die
Hhe. Das spitze Geknatter von den Schiebuden, das Gedudel der Karusselle
und das Geschrei bertnte das Geblitz der Revolver und das Stampfen und
Pfeifen der Maschinen

Fifis Augen strahlten, bettelten, wurden gro und erzhlten alles, was sie
wute noch von der dumpfen Dmmerung einer Wiese, die irgendwo in ihrem
Hirn aus der Kinderzeit brtete bis zu der Liebe zu ihm, dem Gtigen. Sie
riefen um Verzeihung, wurden stolz in seinem Verstehen, das sie deutlich
erstrahlen zu sehen glaubte, und dankten ihm.

Aber er verstand sie nicht.

Ihre Beine bewegten sich immer rascher in gewlbten Bogen, ihre Hnde
schienen etwas zu gltten, sie tanzte weiter. Ihre Augen wurden immer
linder, ihr Gesicht ward durchsichtiger und kleiner, die Beine hatten ein
Tempo der grten Ekstase erreicht, ohne da sie etwas zu merken schien.
Dann fielen sie langsam in einen dumpferen Rhythmus, die Blicke strahlten
berirdischer, ein leises Lcheln zog dankend fr seine Gte nach seinem
immer noch unbewegten Gesicht, in das sie viele Wunder hineinschaute
. . . und so tanzend, geklrt und eine merkwrdige Leisheit erregend, die
kurz eine Sekunde sich ber den Platz verteilte, losch sie, whrend die
Rohre der Dampfmaschine pltzlich lautlos Sulen weien Dampfes gegen den
Himmel stieen und ein groes Haus hinter dem Platz wie grundlos von einer
hellen Strahlung mchtig aus dem Dunkel herausgerissen aufflammte . . .
losch sie, sich in sich selbst verstrmend, tanzend, zusammensinkend, hin
wie ein seltsames und gutes Licht.

Yousouf

   . . . ich glaube indessen, da, hier wie
   berall, Liebe eine Kunst ist wie das
   Reiten und Flteblasen.


                      Der Marquis de Langle


Die Herren standen in dem Vorsaal und klirrten leis mit den Degen. Ihre
Gesprche liefen verhalten und erwartungsvoll.

Dann flogen die Flgeltren auf und Las Casas trat aus dem Kabinett. Sie
sahen sofort sein Gesicht, das beherrscht in der Rampe stand und dann an
ihnen vorbeischritt. Sie sahen Stolz darin und verbeugten sich. Einer ging
auf ihn zu und sagte ein paar Worte. Man sah nur seinen gekrmmten Rcken.
Der andere dankte mit der Hflichkeit einer wahnsinnigen Verachtung und
ging weiter.

Im folgenden Saal standen grere Gruppen. Er mute wie durch eine Gasse
gehen. Alle grten ihn tief. Las Casas dankte herablassend, denn es war
niederer Adel.

Darauf glitt er durch eine Flucht von Rumen, die in Rte brannten von
Decken und Mbeln und in denen auf beiden Seiten verwischte Bilder von ihm
ber die Spiegel fuhren und Hellebardiere standen, die den Knig zum Bad
begleiteten . . . und wo sonst nichts war als das einsame Hallen seines
Schrittes.

Und dann lste sich aus einer Nische ein junger Mann und ging auf ihn zu
mit einer sicheren und allgemeinen Haltung.

Sie haben . . .? fragte er.

Ich habe . . . Luis Quijada . . ., sagte Las Casas und ri die
Papierrolle auf, die seine linke Hand trug. Der junge Mann zuckte leis und
verbeugte sich kalt und so unwillkrlich, wie wenn er auf einem Schiff
stnde. Er hatte blonde auffallende Haare.

Ich werde, sagte er fest und beilufig, dann eigene Segler ausrsten --
-- -- auf jede Gefahr.

Er zeigte durch das Fenster nach dem Meer. Der Abend hatte das Glas
dunkel-silbern gemacht, und sein Kopf schwamm schwer wie auf Pergament
gemalt in der Fllung.

Las Casas lchelte leis, und seine Stimme bebte ein wenig in
Geringschtzung, indem er erhabenen Erfolg wnschte und die Treppen
hinunterstieg, aus denen die Dmmerung ihm entgegenschwoll.

Er eilte nach einem Palast, der in zwei Grten lag, und lie sich nieder
und wartete, bis man ihn gemeldet hatte. Darauf erhob er sich. Es war
khler geworden.

Ein Stern blinkte ber der Mauer.

Die Zofe ging vor ihm ber den blulichen Kies. Sie kamen ber ein Boskett,
und dann blieb sie stehen und ffnete eine Tr.

Las Casas trat aus dem Garten in einen Pavillon und schritt durch ein
Boudoir in ein helles Zimmer, in dessen Mitte das Bett stand. Ein weier
Arm streckte sich ihm entgegen, von dem ein weiter rmel zurckfiel. Er
strzte darauf und kte ihn. Er fiel auf die Knie und legte seinen Kopf
neben den der Frau und seine Wangen brannten nach ihren hinber und machten
sie rot, obwohl sie sich nicht berhrten.

Sie haben die Erlaubnis . . .?

Ich habe sie . . . und seine Hnde fuhren nach ihren Hften und zuckten
rasch zurck. Ich fahre heute nacht . . .

Sie schnellte auf: Nein -- -- -- morgen!

Dann schlo sie den allzu heftigen Verrat der Augen mit den Lidern und
meinte, als ob sie nun erst in Besinnung und klug sprche, lchelnd und
ruhig: Wie knnten Sie das mglich machen, Marques? Sie waren gestern noch
beklagt, weil Sie des Knigs Gaben verschleuderten und portugiesische
Kaufleute abstechen lieen. Sie erhalten heute den Auftrag, den Ruber zu
jagen, nach dem jedes Herz lechzt. Und da wollen Sie dazu auch schon
gerstet sein?

Ich habe drei Schiffe.

Sie verriet sich wieder und gab ihre Augen preis, indem sie nach ihm
blickte. Seine Hnde zitterten, und die Lippen verzerrten sich vor Stolz:

Ich habe dem Knig bedeutet, da ich die Drfer nur verkauft habe, um Geld
zu bekommen fr diese Expedition. Doch sein Gesicht blieb kalt. Ich sagte
ihm, da ich es getan htte, obwohl ich wute, da seine Ungnade darauf
folge, weil er es nicht liebe, da seine Geschenke sich zersplitterten und
so fortfliegen und so . . . da ich es aber getan htte, weil mein Wunsch,
ihm durch die Expedition zu ntzen, heftiger gewesen als die Scheu vor
seinem Zorn.

Darauf nahm der Knig sein Lieblingswiesel und setzte es am Fenster in die
Sonne und spielte und sprach mit ihm.

Es war mir einen Augenblick, als ob ich nicht in dem Raume sei -- -- so
sehr nahm diese Bewegung den Glauben an die eigene Wirklichkeit.

Dann aber ward ich zornig, Juana, und da mir Trnen in das Gesicht
schwammen, drehte ich mich um und schrie das entsetzliche Bild seines
Grovaters, das mich reizte und nicht hilflos machte wie seine Ruhe, mit
heftigen Worten an, als ob er es sei.

Sire, rief ich, es ist schade um die Seelen der beiden Kaufleute aus
Lissabon, um die ich beklagt bin. Denn ich lie sie nur tten, um angeklagt
zu werden und so unter Eure Augen zu kommen, was ich anders nicht konnte,
da Ihr zornig auf mich wart der Drfer wegen. Denn meine Petitionen werden
nicht gelesen. Es ist schade, denn mein Wort scheint leer wie ein
geschriebenes zu sein.

Der Knig sagte: Und wenn ich es nicht erlaube . . . -- Ich sagte: Dann tue
ich es auf die Mglichkeit hin, da Sie mich als Briganten erklren. Ich
fange Yousouf . . . auch dann und -- gegen Sie, Sire.

Er sah mich an, zum erstenmal, und lchelte: Auch dazu htten Sie mein Geld
zum Equipieren ntig. Ihre unbedachte Ehrlichkeit nimmt Ihnen selbst das.

Ich sagte ihm, da ich das Geld fr die Drfer htte, aber da er wute, wie
gering es war, lchelte er wieder.

Da zwang mich das Weh meiner Lippen -- und es schrie in meiner Brust wie
ein Degen im Gefecht -- da ich ihm meinen Hals hinwies und ihm zurief, da
ich wisse, da er nach seinem Gesetz verfallen sei, aber da ich es ihm
doch sage: Da ich drei Schiffe htte, ausgerstet im spanischen Viertel
von Brgge, gebaut in Barcelona, Santa Maria, Corua . . . da ich die
letzten Kredite auf meinen Namen genommen, die Kerker der Dominikaner nach
Sklaven geplndert, da ich den Albaycin in Granada nchtelang durchsucht
und aus den Schenken und verschrienen Gassen alles herausgerissen, was in
meine Fuste fiel und krftig war . . . Zuhlter, arabische Matrosen, drei
hnenhafte Priester . . . und da ich fahren wrde die Nacht -- so oder so.

Da lchelte er wieder und sagte: Ich werde Sie verhaften.

Ich knnte Sie tten, Sire, rief ich; Juana, mein Kopf brannte, aber ich
zerbrach den Degen nur und warf ihn gegen die Wand.

Ah, sagte der Knig und lie das Tier und zweifelte: Haben Sie Mut . . .

Da nahm ich das Wiesel und zerdrckte es in der Hand, langsam . . . whrend
das Furchtbare des kniglichen Zornes mir entgegenquoll.

Ich lie das Tier fallen. Aber des Knigs Arme kamen ber seine Wut auf
mich zu und drckten die meinen, und er zerri das Diplom, das auf den
Grafen von Oropesa, Luis Quijada, gezeichnet war, und lie die Fetzen durch
das Fenster fliegen und klebte sein Siegel auf meines -- -- --

Sie machen mich stolz auf Sie, Marques! Juana warf sich zurck und gab
ihre feuchten Blicke frei, die auf seinem trotzigen Krper weideten und in
dem Erglhen seines Gesichts wie zwischen jungen und heftig aufgebrochenen
Rosen spielten.

Dann fragte sie rasch: Wei es Luis Quijada?

Er fragte mich.

Was sagten Sie ihm, Marques?

Ich sagte ihm wenig. Sie werden ihm morgen sagen, da ich nicht, wie ich
knnte nach meinem Diplom, ihn als Briganten erklren werde, (denn mir
allein gehrt nun der Stolz dieser Jagd) wenn er die Expedition, von der er
sagte, rstet. Das Meer ist ihm frei.

Juanas Krper streckte sich. Sie ri sich an den Hnden nach ihm hin: Sie
werden den Auftrag da zurcknehmen! Er verneinte.

Sie flehte: Marques, erklren Sie ihn als zum Tten erlaubt, als Brigant!
Da schwoll Las Casas' Gesicht, der Krper wand sich, und aufzischend
stampfte er den Fu auf den Boden und bat sie hochmtig und verchtlich,
nicht zu scherzen und in diesem Sinne die Demtigung von ihm zu verlangen,
da er Luis Quijada fr wert hielte, seine Rivalitt zu frchten. Und er
bewegte die flache Hand nach der Seite, als ob er nach einer Fliege
schlage.

Juana sagte khl mit gesenktem Kopf: Ich werde den Auftrag nicht
ausrichten. Aber nur um des nicht, weil ich den Grafen Oropesa von heute
nie mehr bei mir sehe.

Las Casas aber warf sich nieder und wlzte sich neben ihrem Bett und zwang
sie so lange, bis sie zugestand, da sie mit dem Grafen verkehre wie
frher. Denn sein Stolz wre dadurch schon erregt gewesen, wenn sie Quijada
die Beachtung des Hasses geschenkt htte.

Sie richtete sich hoch, und er berhrte dabei ihre Brust. Seine Hand fing
an heftig zu schwanken vor Verhaltenem.

Er stand auf.

Ich gehe.

Juana schnellte auf. Das Fertige des Entschlusses verwirrte sie und
bltterte sie auseinander in Begehr und Hilflosigkeit: Nein . . . morgen
--!

Ihre Glieder rauschten unter der dnnen Decke. Wie sie auffuhr, sah er nur
das Innige ihrer Form, den Druck des Krpers in den Kissen -- und dann roch
er sie. Es beugte ihn nieder, aber er zwang sich zurck und roch sie nur,
sah nichts, hatte kein Gehr und atmete mit geschwellten Nstern.

Ich habe noch nie den Duft ihres Krpers gesprt, war es ihm.

Es spannte ihm das Hirn dunkel und s zusammen.

Morgen --? knirschte er, denn selbst die Stimmbnder waren mit Blut
berschwemmt. Und er legte seinen heien Kopf neben den ihren und ri ihn
weg, taumelnd, und legte ihn wieder hin und Hrte und Knabenhaftes
verstieen sich gegenseitig von seinen Mienen.

Dann ri er sich hoch. Juana fate seinen Nacken und zog ihn von neuem
herunter: Warum -- du . . . heute? Sie stie es brennend heraus und in
Scham. Sie stand halb und war halb gekauert in der Ecke des Bettes. Sie
fate seinen Kopf, da ihre Ellenbogen schrg nach oben standen und ihre
Fingerspitzen sich unter seinem Kinn berhrten, whrend die Handflchen
khl nach den Schlfen hinauf lagen. Nun war nur noch das Kreisen der
Gesichter voreinander und das Liegen von Auge auf Auge.

Endlich stammelte sie es, was ihre Glieder lange schon schrien: Sie sollen
bleiben, Marques . . . hier -- -- und zitterte.

Er entrann gewaltig ihren Hnden und wie von einer Welle aufgejagt und
gesteilt warf er sich auf die Knie, whlte den Kopf in ihren Leib und
drckte die trockenen Lippen in einer Schnur von Kssen den Krper hinauf
nach dem Hals auf den dnnen Batist.

Corazon! . . . stammelte sie. Und wieder: Corazon! . . . mit
hingebenden Lippen. Seine Hnde hatte Las Casas auf dem Rcken bereinander
geschlagen und mit entsetzlicher Anstrengung ineinander verkrampft.

Sein Mund spannte sich in allen Qualen und mit von Kssen halbzerfressenen
Worten sagte er: Nein! und viele Male: Nein. Und als er ruhiger war,
kam es ihm in das Bewutsein, da er sie liebe und da sie ihn liebe und
da er es immer schon wisse, aber heute erst sehe. Aber er hate die
Erkenntnis, und sein Blick stie gegen die Wand und kam nicht weiter, und
sein Kopf fllte sich schwer mit Blut und er sagte ihr, da dies ihm nicht
genug sei. Ich habe Durst nach dir, aber das Fliegende und Schreiende in
meinem Blut geht weit darber. Und er weinte und zerbi den dnnen Stoff
ihres Hemdes. Er stammelte gehetzt von seinem Brande nach dieser Tat, die
endlich soweit vorbereitet war, und indem er davon sprach, sprhte das
Aufleuchtende der Meere und Flotten vor seinen Augen auf und raste in
grellroten Kreisen ber ihn: Ich will den Bassa nicht nur jagen,
aufhngen, schinden, weil er meinen Bruder fing, unsere Schiffe fra und
Isabella, die eine Verwandte ist, schndete und seinen Leuten lie zwei
Wochen lang. Seit ich sehen kann, sehe ich ihn. Seit mein Gehirn Gedanken
packt, denke ich an ihn. Ich wei jede Phase des Kampfes, mag er sein vor
Venedig, bei Cadix, in Marokko . . . ich wei wie eingebrannt im voraus die
kleinste Schwankung des Gefechts. Es gibt keine Stelle, auf der ich ihn
nicht im Traum schon niederstie. Meine Gedanken haben ihn so umkreist, da
ich jede Narbe an ihm kenne, da ich mehr von ihm wei wie von mir. Der
Name Bassa Yousouf macht mich blind. -- -- Ich fahre heute nacht.

Er stand kalt auf. Ihre Hand spielte auf seinem Haar. Sie lie ihn, denn
sie begriff das Heie in ihm und auch, da sie ihn noch nicht ganz
umschlo, aber sie wute, da er sie liebe, und ihr war stolz, als er sich
aufri und sie nicht nahm und sie brennend verlie.

Im Boudoir schlief die Zofe. Er beschenkte sie mit Gold, als kme er von
einer Liebesnacht.

Die Nacht war noch dicht ber den Grten, ein wenig gepret schon von
Jasmin, aber der Mond, der fast rund war, machte den Hafen heller, und eine
flaue Dmmerung hing zwischen den Masten.

Auf seinen Zuruf kam eine Barchette aus dem Schatten einer Mauer, nahm ihn
und landete im Dunkel, das um eine riesige Galeere lag. Er stieg am
Hinterdeck hinauf, eine Fahne rauschte hoch, jemand scho eine Pistole in
das Schweigen. Sofort rasten Mnner ber den Steg und schlugen mit langen
Stben die Sklaven wach, Ketten rasselten, am Vorderdeck sammelten sich
dunkle Haufen, hinten um den rotbeschlagenen Sessel auf der Poppa blitzten
die Offiziere.

Auf jeder Seite hockten auf vierzig Bnken zu sechst an jedem Ruder
zweihundertvierzig Sklaven. Las Casas trat ein paar Schritte vor bis zur
sechsten Reihe, und alle Kpfe waren gegen ihn gerichtet. Die letzten und
die Massen Soldaten auf der Proda erkannte er nur im Mond wie weie Bogen
und Flecken. Wie ein brennender Bienenschwarm funkelten die
blutunterlaufenen Hunderte Augen um ihn. Er schrie sie an:

Wir werden den Bassa jagen, ihr Schweine! Dazu habe ich euch gekauft. Das
wit ihr. Ihr werdet gutes Fressen haben und Wein Sonntags. Dafr spritzt
ihr das letzte Blut aus den Ngeln. So ist dies ausgemacht. -- -- Ihr sollt
noch mehr haben: Am Abend, an dem der Bassa gefangen ist, sei jeder frei.
Jeder kriegt tausend Maravedis. Grinst nicht! Es kommt noch mehr. Ihr
bekommt Kleider aus Wolle von Murcia, die innen rot ist. Ich gebe euch die
Offiziere zum Schinden frei, wenn ich falle und sie hindern euch. -- -- --

Er hob den Blick zum Himmel. Denn das Schweigen schwelte dumpf unter ihm.
Die Augen der Sklaven waren so rot geworden, als seien hundert Lichter auf
den Bnken.

Ich will jedem noch zwei Weiber geben aus Yousouf Bassas Harem. Eine
braune und eine helle. Am selben Abend noch . . . --

Las Casas trat zurck. Die Ketten rasten auf. Grunzende Tne johlten
herauf. Schreie rissen sich los. Einer bumte sich und bellte wie ein Hund.
Ganz am Ende hoben sich ganze Reihen und fielen zurck, glnzend wie Fische
im Wasser. Viele knieten hin und brllten mit den geketteten Armen zu ihm
winkend oder den Kopf auf den Steg legend, da er darauf trete.

Drei Pfiffe. Noch einige Standarten sausten hoch. Eine groe Fanale senkte
sich ber die Poppa. Am Vorderdeck lsten sich schwer Kartaunen.
Fnfhundert Rcken warfen sich mit vorgestreckten Armen zurck, zogen sie
an, Ruder schumten durchs Wasser. Wie eine schmale schwarze Zunge
schnellte die Galeere aus dem Maul des Hafens in das leichte blaugelbe
Band, das ber dem Wasser lag und Horizont war. Links und rechts zwei
Zungen stieen nach.

Von drei Vorderdecks blies man: Benedito sea Dioz.

Die Sonne ging auf.

                                * * *

Die Schiffe fuhren zuerst nach Genua. Sie kamen eines Abends an. Eine
Goelette legte an bei ihnen. Ein Mann brachte Nachrichten, und sie fuhren
in die Nacht zurck. Am nchsten Tage fingen sie ein paar hollndische
Segler, die in der Windstille lagen. Sie hatten Perlen, Seide und
Pomeranzen. Sie verkauften die Schiffe in San Sebastian.

Wir werden Yousoufs Turban auf den Mast setzen und ihn nachts im
kniglichen Garten aufpflanzen, sagte Las Casas zu seinen Offizieren, und
sein Gesicht zuckte, whrend seine Hnde mit den besten Perlen spielten,
die er zu einer Kette gebunden hatte und indem seine Gedanken um den Nacken
Juanas flossen.

Am Abend bliesen sie Hrner und Zinken auf der Proda. Aus dem Korb rief
einer und meldete etwas. Es war eine Walfischherde, die spielte.

Am folgenden Mittag stieen sie auf eine Flottille mit gekappten Masten.
Die Besatzung fehlte; nur einige Verstmmelte hockten auf den Rahen und
schnitten Grimassen. Sie waren vor Schreck wahnsinnig geworden. Ihre Ladung
war Florentiner Brokat und lombardische Mtzen. Vor drei Tagen waren sie
berfallen worden. Hui, rief einer, auf einem nackten Widder-Gallion
reitend, immer: -- -- die Weiberchen und schlte mit einem Nagel an dem
Horn. Man lie sie weiter treiben. Man war auf der Spur. Mittags brannte es
neben der Munition.

Sie fuhren die Kste von Tunis entlang. Der Abend war ruhig, und es ging
kein Lffel Wind. Die Ruder liefen langsam und fast ohne Gerusch. Las
Casas sa in seinem Sessel und fhlte die gewaltige Stille und das malos
blaue Meer, auf dem die Sonne schwamm. Er wollte seine Gedanken davon
lsen, aber es legte sich ber ihn. Er befahl zu musizieren, die Offiziere
warnten. Doch er lie die Stcke abfeuern und mit achtzig Rudern das Meer
aufwirbeln. Aber die ganze entfesselte Wut war wie das Hpfen einer kleinen
Welle gegen das Ungeheuere um ihn, dessen Stummheit ihn mit tausend
Stimmen: Juana! anschrie.

Da lie er den Gedanken fahren, ihr die Kette zu senden und lste sie von
seinem Grtel und warf sie ins Meer, da sie seine Gedanken nicht zwnge.

Eine halbe Stunde darauf kamen sie zu den Zaffarin-Inseln. Sofort meldete
es von oben: Zwei Gallionen. Las Casas kletterte selbst hoch, beschirmte
die Augen. Es waren Mudjaren und Araber, die furchtbar ruderten. Er sauste
herunter. Seine Blicke schossen in die Sklaven. Er schrie schumend, und
die Ruder berschlugen sich. Immer rascher raste seine Stimme, die selbst
den Takt sang. Sie kamen nher. Schon lsten sich vorn Geschtze. Doch
trafen sie nicht. Die Galeeren waren schon so dicht herangekommen, da die
Soldaten anfingen, in die kleinen Schiffe zu feuern, andere die Haken
bereit hielten. Da schwenkten die Gallionen, ein Vorsprung verschluckte
sie. Die hinterste hite eine Fahne. -- -- -- -- -- -- --: Schwarz, ein
goldener Arm mit einem Sbel und ein Totenkopf -- -- -- die Flagge der
Hauptschiffe Yousoufs.

Las Casas blieb bleich und beherrscht. Er whlte einen groen Araber und
lie ihn hinrichten (er wollte sie zwingen, strker zu fahren), da sein
Blut in einer dnnen Rinne den anderen Sklaven zwischen die Fe lief.

Er betrachtete sie genau whrend des Vorgangs. Doch es erschien kein
Ausdruck auf ihren von Stumpfheit abgefeilten Gesichtern.

In der Nacht umruderten sie die Inselgruppe. Fortwhrend gingen Signale hin
und her. Am Strand liefen zwei Fackeln in spiralenhaften Biegungen
durcheinander. Von der Mitte einer Insel scho in Abstnden ein weiliches
Feuer hoch. Ein dumpfer Gong bellte eine Zeitlang ber das Wasser.

Las Casas stand wei und die Zhne zusammengeschlagen auf der Poppa. In der
Dunkelheit konnte er nicht landen. Er war fnfhundert Meter von dem Bassa
und konnte ihn nicht fassen. Die Sklaven ruderten die ganze Nacht in
Schweiwolken gehllt. Es roch noch nach Blut.

Am Morgen brachen zwei Gallionen, als es noch dunkel war, nach
verschiedenen Seiten durch. Sie hrten auf den Galeeren nur ein fernes
Brausen, als streiche ein groer Vogel mit der Brust ber das Wasser.

Las Casas folgte mit zwei Schiffen nach Tres Forcas zu. Die andere Galeere
schwamm eine Stunde nach Westen. Der Offizier lie dann die Lichter
lschen, Anker werfen und ruhen. Denn ihm schien das Tempo Las Casas'
wahnsinnig.

Bei Tag sahen sie am Horizont die Gallione. Sie hetzten den ganzen Tag,
verloren sich, fanden sich. Inseln und Buchten der Kste versteckten sie.
Am Abend trieben sie sie auf hohe See, doch fra das Dunkel sie weg. Die
Nacht kreuzten sie vor dem Land und fanden sie gegen Mittag im Kreise
treibend auf dem Meere. Die Besatzung war geflohen. Sie sprangen hinber.
Am Mast stand ein groer athletischer Trke. Die Sonne brannte mit weier
Glut. Die Planken waren gesprungen. Der Trke war mit nassen Stricken an
den Baum gebunden, die Seile hatten sich gestrafft in der Hitze und ihm das
Fleisch eingeschnrt, bis es geplatzt war.

Er warf ihnen Worte entgegen, die sie stutzen machten. Da sprang einer vor
und deutete in sein Gesicht. Die anderen schrien mit auf. Sie erkannten ihn
an dem einen grnen Auge. Sie schnitten ihn los, aber seine Haltung, die
ihre Wut durch Geringschtzung niederdrckte und ihre Freude ihnen selbst
verchtlich erscheinen lie, bewahrte ihn davor, da sie an ihn rhrten.

Sie suchten noch zwei Wochen nach Las Casas. Als sie ihn nicht fanden,
brachten sie den Bassa nach Cartagena. Auf alle Verhre schwieg er. Das
Volk schrie nach Las Casas, als man ihn zur Exekution fhrte.

Juana weinte vor Zorn, da Las Casas' grter Ehrgeiz, dem er sie opferte,
von einem Subalternen blind und dumpf ausgefhrt worden sei. Sie empfand
es, als htte man ihren Krper beschmutzt, und schien sich gering geworden.

Auf dem Gang zur Exekution drehte sich der Gefangene um und sagte kalt:
Ist es zum Tod?

Ja! . . . brllten ihm zehn ins Gesicht.

Da spie er ruhig den Henker an.

Vierzehn Tage hing sein Kopf auf dem Plaza-Mayor.

Von Las Casas keine Spur. --

Eines Mittags peitschte sich mit steigender Eile eine Fregatte in den
Hafen. Ein Kapitn stand vorgebeugt ganz vorn und rief es hinber ans Land,
eh er nachsprang: da Yousouf Bassa eine Flotte, die Silber aus Mexiko und
Gold aus Peru brachte, ausgeraubt habe, und da er Las Casas, der ihn
verfolgte, geschlagen habe. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Der
Hingerichtete war nicht der Bassa gewesen . . .

                                * * *

Am Abend sa Juana im Parterre des Spielhauses, ber dessen Bhne ein Stck
von Moreto ging. Luis Quijada stand neben ihr und sprach von Zeit zu Zeit
auf sie ein. Sie folgte angestrengt den schwerbeladenen Szenen und bat in
der Zwischenpause, als ein burleskes Entremes wie eine klebrige Kette von
Kssen sich vorne erhob und sie zu sehr belstigte, den Grafen, sich neben
sie zu setzen.

Er betrachtete sie einige Minuten und fragte sie dann, an was sie denke.
Sie antwortete nicht, sondern beschftigte sich ganz mit ihrem Fcher.

Ich bedaure es, da Ihre Hoffnungen Sie so enttuschen, sagte er dann und
legte die Hand auf ihren Fcher.

Sie sprach sehr nachlssig: Bei Gott, was habe ich gehofft? . . . und
wagte nicht aufzusehen.

Das scherzen Sie, weil Ihre Wnsche in eine niederschlagende -- -- Komik
ausgelaufen sind . . . wie auf der Bhne: der Schwur des Knigs in die
Knutscherei des Zwischenaktes.

Sie sah ihn berlegen lchelnd an, allein das Spttische seiner Mundwinkel
besiegte sie. Sie brauste auf: Was wollen Sie mit Las Casas?

Er hob die Achseln: Casas . . . toll . . . Aufschwung . . . ziellos
ehrgeizig . . . jung, jung! -- -- Quijadas Stimme klang khl, klang
gerecht. Er fuhr fort, in dieser Weise zu reden. Sie fhlte wie
Verwundungen, da er grausam sprach. Sie unterbrach ihn einmal hhnisch:
Neid. Er schttelte nur den Kopf. Wirklich nicht. Sie empfand den
Widersinn seiner Worte in der Auslsung in ihr selbst, denn es waren
Schmerzen, die ihr nicht wehe taten. Und sie erstaunte, was das sei. Und
hate ihn nicht darum. Seine Form war unendlich hlich in der Wirkung,
aber scharf und zergliedernd und langsam berlegt. Wie er Schlechtes ber
Las Casas sagte, war es ihr, als ob sich kalte Stellen auf das
unertrgliche Hei ihrer Haut legten und irgendwas Luft ihr einblase, die
wohltuend in sie strme, wo sie am Ersticken war.

Sie fuhr noch einmal auf und herrschte ihn an, da er schweige, weil sie
pltzlich begriff, da seine Stimme Macht ber sie bekam. Doch er fhlte in
der Schrfe die Verzweiflung und sprach weiter. Der klare und starre
Intellekt seiner Worte berschwemmte sie. Sie fhlte in einer wohligen
Apathie, wie er das Heie, das Begeisterte und das ungenau, aber gro
Aufstrebende in ihr wie zwischen zwei Fingern langsam zerquetschte und Las
Casas' Wollen so lange auseinanderlegte, zeigte und verschieden
beleuchtete, bis seine Silhouette klein vor seinen Worten stand und er
phantastisch und dumm erschien. Und weil sie sich niedrig vorkam und
beschmt in der Schwankung der Ereignisse und sich das Bewutsein dahinein
verstrickte, da sie die hchste Sensation ihrer Liebe dem Effekt einer
Komik ausgeliefert hatte in den Ergebnissen und Wandlungen dieser Dinge,
zrnte sie Quijada nicht. Zorn und Scham bereiteten ihr eine Wollust der
Schmerzen, die sich auf ihr Gesicht ausbreitete. Sie hrte ihm gern zu.

Als sie ihn pltzlich von der Seite ansah, merkte sie, wie sehr blond er
war, und sie zwang sich, da es ihr gefiel. -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- --

Am Morgen, der folgte, stand sie an ihrem Fenster. Meer lag unter ihr. Zwei
gelbe Segel kamen aus der Tiefe des Horizontes heraus aufeinander zu und
schnitten sich wie zwei Sbel. Dann kam eine Barchette mit singenden
Sklaven vorber. Ein Vogel scho hell vor dem Blau herunter auf das Wasser
. . .

Da wandte sich Juana zurck, und eine Scham ergriff sie leicht ber die
Worte und Gedanken des Tags vorher wie ber eine geheime und spter sich
mit Trauer mischende Lust, und sie legte die Hnde vor das Gesicht . . .
und tat sie rasch hinweg, da ihre Blicke gro gegen den ungeheueren
Horizont schlugen . . . und da empfand sie deutlich wieder, in dieser
Minute, da dieser, da er trotz allem O Las Casas! dessen Ehrgeiz an
fremden Ksten wie eine heie Linie hinsause, tiefer in ihr Blut brenne als
alles, was an sie herankam. Sie dachte an Quijada, und es schien ihr jetzt,
als sei er nur wie ein Spiegel, der den Glanz eines allzu heftigen
Gedankens an Las Casas aufnehme und bewahre.

Spter kam Quijada. Er sprach wieder ber Las Casas. Er sprach nie ber
sich oder ber sie. Aber da die Verwechslung aller Gefhlsstationen in der
Beziehung auf das eigene Ich ganz und allein Wesen und Eigenes der Frau ist
und weil sie immer dies vertauschen: Da, was heute, wie das Verschmhen
ihres Besitzes um einer Tat willen, sie bis zu den uersten Grenzen der
Idee entflammt, ihnen beim ersten Hemmnis oder bitteren Wort eine
Nichtachtung des Bluts erscheint -- und wie sie nur aus gekrnktem Eros
heraus denken knnen und tun . . . so empfinden sie, unbewut vielleicht,
vielleicht oft, immer -- es ist mglich und einerlei -- den Ha des Mannes
auf den Mann als Liebe zur Frau. O wie die Frauen ber alles umronnen stehn
von ihrem Blut!

Juana liebte Las Casas. Aber Luis Quijadas Grausamkeit gegen diesen lockte
ihr Blut. Seine Worte imponierten ihr. Das Zynische, der Trotz, der (es
schien ihr) aus Unverstandenem kam, zog sie an.

Einige Tage darauf gingen sie in den kniglichen Grten.

Von unten herauf kam ein Offizier in Gala, grte und ging nach dem Palast.

Las Casas . . .?

Beruhigen Sie sich!

Sie sah ihn an.

Bleich.

Da sagte er heiser: Las Casas!

                                * * *

Las Casas ging durch den Vorsaal. Zwei Hellebardiere vor ihm . . . ffneten
den Vorhang. Er stand vor dem Knig.

Sie? sagte der.

Las Casas verbeugte sich.

Warum kommen Sie?

Der Prinz lie mich rufen.

Duell . . .?

Der Marques Siete-Iglesias (Sire, Sie kennen den Prinzen) nannte ihn
irgendwas. Ich schlage mich fr den Prinzen.

Der Knig winkte ab.

Langsam drehte er sich um und schaute durch das Fenster.

Sie hatten schlechten Erfolg, Marques.

Las Casas verbeugte sich. Da wandte der Knig ihm das Gesicht zu, nahm
einen verzierten Dolch, schenkte ihn Las Casas, gab ihm die Hand und sagte
gtig und klar:

Das Wiesel soll nicht umsonst gettet sein.

Las Casas lchelte verzerrt und ging.

Er schritt durch Sle und Verbeugungen, bis er in den Eckraum kam, den ihm
der Prinz berlassen hatte. Er lie zuerst den Offizier kommen, der die
Galeere kommandiert hatte, die den falschen Bassa fing.

Als er eintrat, ein wenig dick und mit plumpem Lcheln, verlegen und
geschmeichelt auf ihn zukam, griff Las Casas zwei schwere Beutel, die auf
einem Tisch neben ihm lagen, und warf sie mit erhobenen Armen ihm zu vor
ihn. Er rief ihm gleichzeitig, da er sie aufhebe und als Belohnung nehme
fr seinen Dienst. Und als der Offizier, rot geworden, nicht wute, was das
war, befahl er ihm, den einen Beutel zu ffnen. Die Hand des Offiziers fuhr
hinein und auf seinem Gesicht erschien ein Reflex von fassungsloser
Enttuschung.

Hollndische Mnzen . . . ge . . . fl . . . schte . . . Molinillos --?

Wollen Sie, da ich Sie fr diese Tat mit anderem als mit einer --
Imitation belohne?

Der Offizier begriff, da dies ihm ins Gesicht geschlagen war. Er stemmte
sich auf, als wolle er den Beutel wegwerfen.

Da begann Las Casas' Gesicht zu zittern: He, tief er, Herr! -- und es
klang wie der Ton eines der krummen Hrner an einer kniglichen Barchette:
im Befehl unabwendbar . . . und es knickte den Zornigen. Er ging mit
hngenden Armen.

Las Casas promenierte noch ber eine Stunde in der Khle des Korridors, bis
die Herren kamen, ihn zu holen und der Prinz, der ihn liebte, ihn umarmte.
Das Rendezvous war in einem gesperrten Teil des Gartens zwischen einer
Fontne und einem Kfig mit zwei Lwen. Las Casas stie nach wenigen
Minuten seinen Gegner durch den Nabel mitten durch, da der Herzog von
Medina-Sidonia mit liebenswrdigem Lcheln die Bemerkung nicht unterlassen
konnte, da an der Stelle, da ihm das Leben geworden sei, es wieder
verstrme.

Ein Strahl Blut war hochgezuckt und traf die Lwen. Ihre Augen wurden grn
vor Gier. Es pfiff durch ihre Nstern, die sich nach auen bogen. Dann
brach die ungeheuere Wut des Verschlossenseins in ein erschtterndes
Gebrll aus -- durch die Stbe, und sie warfen die Breite der Krper rasend
dagegen, als der Herzog sie mit seinem Degen kitzelte.

Mit Blut bespritzt, auf dem Rckweg zum Palast, traf Las Casas auf Juana
und Luis Quijada, der sich um sie bemhte. Sie war auf eine Bank
zurckgelehnt. Wie sie Las Casas sah, stand sie auf.

Reckte sich. Hoch. Stand schlank, gleich Stahl.

Ihre Blicke trafen sich. Ihre Herzen hmmerten einen gleichen in hetzenden
Takten selig geschwellten Rhythmus. Sie sprten, wie ihre Krper
aufeinanderdrangen und sich umschlossen, obwohl sie sich nicht bewegten
. . . und wie wenn ihr Blut aus den Adern presse, heraustrete und
ineinanderstrme.

Sie machte einen Schritt zu ihm hin, da sagte von irgendwo her, von der
Seite her? -- -- -- neben ihnen wohllautend und dunkel eine Stimme, die
Stimme Quijadas:

Ich, Marques, beglckwnsche Sie sehr zu Ihrem Erfolg heute -- -- wie ich
ihr Unglck bedaure -- sonst.

Las Casas' Blick fuhr an ihm vorber wie an einer Wand. Drehte die
Schultern, entblte seine Rechte von dem blutigen Handschuh, ging dicht an
Juana her und kte ihr ernst und ehrerbietig die Hand. Sie sahen sich in
das Weie. Dann ging er.

Nach drei Schritten wieder bog er um: Graf Oropesa, . . . Sie sagten
. . . vielleicht, da Sie mehr Glck gehabt, htten Sie nicht versumt,
Ihre Segler zu rsten.

Der Graf sprte, da er eine schlechte Rolle spielte, sagte scharf, den
Schnurrbart kauend: Sie haben mir nicht den Gefallen getan, mich fr
diesen Fall Ihrem Diplom nach zum Briganten zu erklren. Auch im
Grozgigen wie in der Verachtung weiche ich Ihnen nicht.

Sie sollen es haben, Luis Quijada, die Erklrung haben, jetzt . . . gleich
. . . sofort -- Auf Wiedersehen.

Er machte eine schwache Geste nach dem Meere und ging.

Nach dem Refrescos, das er bei dem Prinzen nahm, brachte ein Diener ihm
einen Brief von ihr. Er trug ihn in sein Zimmer, las ihn. Las ihn wieder.
Nur dieses: Komm --!

Es durchzuckte ihn, blind, aufstammelnd: Komm! Es fielen ihm ein die
Abende im Schweigen des Meeres, als er tiefer ward vor Sehnsucht wie der
Horizont und darber erschrak, zrnte und zitterte. Und das betubte ihn
so, da er lange den Kopf gegen die Scheibe lehnte, bis er sich selbst
empfindend, langsam zurckkehrte in die Umgebung und sich gewaltig
zufammenraffte und toll gegen sein Blut, das stieg, schrieb:

Wie kann ich nun, beschmt, zu Dir kommen, wo ich Dich aufschob bis nach
dem Erfolg. Ich mte Scham haben ber mich wie ber einen Fuchs. Du aber
wrst feig, wenn Du nachher mich nicht verachtetest.

Aber in der Dmmerung fand er sie in dem Garten. Sie spannte die Arme nach
ihm. Da fiel er vor sie hin und warf die Schmach, das Unbefriedigte und die
verbotene, selbstversperrte Sehnsucht in einem knabenhaften Weinen in ihren
Scho. Sein Kopf bohrte sich zwischen ihre Schenkel, und sie sagten kein
Wort. Doch er warf ihre Robe zur Seite und kte sie, eh er sie verlie,
lechzend auf beide Knie, so, als sei jedes Knie ein Mund.

Als er am nchsten Morgen sich einschiffen wollte, erhielt er ein Billet.
Er erbrach es am Ufer noch, einen Fu in der Barchette.

Juana hatte die Nacht nicht geschlafen, weil das Dunkel ihr Blut qulte,
und raste nun nach ihm, da er komme. Er schrieb: Nein! und: Lebewohl! auf
den Rcken des Papiers. Dann schiffte er ein.

Eh die Galeeren den Hafen verlieen, strmte ein ganz kleiner Hucker mit
unmig geschwellten Segeln, schrg liegend, nach. Nur ein Mann stand
darin. Warf einen Brief herauf.

Sie schrieb: Ich liebe . . . Deinen Stolz . . . die Hrte . . . warte --
trotz alledem. --

Er stand auf der Poppa, den Kopf rot, die Augen rot -- eine berreife
Frucht. Die Lippen hatte er nach innen in den Mund gesogen. Wie eine weie
Falte lag der Mund in dem Gesicht.

Seine Galeerensklaven durften sich in zwei Teilen an den beiden Abenden,
die folgten, ins sinnloseste betrinken. Er schenkte es ihnen.

Zehn Tage spter liefen die drei Segler des Luis Quijada aus.

Juana sah beide nacheinander im Meer verschwinden.

Juana hielt die flachen Hnde an die Brust und fing den Herzschlag auf
darin und warf ihn den Galeeren nach.

Doch als Luis Quijada lange weg war, bedrckte sie auch sein Fehlen doch,
da sie ganz allein war. Luis Quijada hatte ein Auge, wenn er von Frauen
sprach, das sie nicht liebte. Doch sie vermite sehr das Khlende seines
Hasses. So glaubte sie. Manchmal erschrak sie.

Es schien ihr, als ob ganz ferne ein groer Donner sich sammle, wie wenn
ein Bergwerk einstrze in allen Stollen und eine helle Lawine aus dem
glatten Himmel sause irgendwo. Und sie bedauerte, da sie nicht tiefer
hren knne, und streckte sich im Kampf mit dem Unbewuten, auf, hher
. . . und ward straff gegen jeden Anprall und scharf wie eine Lanze.

                                * * *

Bandieren und Standarten spannten sich auf Las Casas' Galeeren. Morgens und
abends bliesen sie Hrner auf dem Vorderdeck. Das Meer wechselte blau und
grn. Gegen Mallorka zu ward es wie Bernstein, als lgen glhende Monde auf
dem Grund. Die Sklaven lieen die Ruder und beugten sich ber die Gelnder
und starrten in die Tiefe. Doch Las Casas befahl sie zu prgeln, und sie
krochen wie die Hunde zurck.

ber die Poppa hing eine Fanale aus weier Seide mit Las Casas' Wappen in
Granaten bestickt. Menorkas Leuchtturm glhte in der Nacht vorber.

Bei der Insel Galita war eine Falle fr den Bassa gelegt. Zwei kleine
Segler mit Lamawolle und Wein aus Malacca. Doch sie verschwanden nachts,
lautlos.

Las Casas kreuzte ganz Tunis ab.

In einem Felsversteck schlo er ein paar trkische Caramuzzals ein, die
vllig braun waren und fabelhaft in den schmalen Buchten lavierten. Sie
schossen verzweifelt mit Hagel und Ketten aus kleinen Kanonen. Beim Entern
sprang ein Mann zu ihnen herber, Psalmen singend und Gott lobend. Las
Casas lie ihn trotz dem Geplrr in Ketten legen. Die anderen schlug sein
Henker mit der Keule tot und vierteilte sie. Die strksten wurden auf die
Ruderbnke geschmiedet. Die Trken hatten eine Anzahl weggeschossen. Andere
stach die Sonne zusammen.

Da der Renegat den ganzen Tag Hymnen sang (sein Blick hatte den
gewhnlichen Wahnsinn der berlufer), weigerten die Aufseher sich, ihn
langsam totzuschlagen. Las Casas besah das Wunder. Das fiel vor ihm hin und
nannte sich einen Franziskaner aus Jerusalem, der gezwungen bergetreten
war. Er kte die Fe Las Casas', und als der ihn nach dem Versteck des
Bassa fragte, heulte er auf, drohte und fluchte dem Trken und schrie, da
er den Platz wisse. In den Kadenzen eines Pilgermarsches gab er singend die
Weisungen fr das Schiff.

Las Casas lie ihn an das Steuer schmieden und versprach ihm straflose
Freiheit, wenn sie den Bassa fingen. Legte aber eine Pistole in die Nhe
seines Blicks und sagte ihm, da sie allein fr ihn sei -- -- -- fr den
anderen Fall. Der Renegat allein lobte nur Gott.

Wie sie an die Stelle kamen, an der sie den Bassa berraschen sollten,
sahen sie eine gelbe Caramuzzal in einem schnen Bogen eine Mauer von
Klippen nach dem Lande zu durchschneiden. Von beiden Seiten wurden sie mit
Brandpfeilen und glhenden Eisen berschttet.

Da befahl der Marques zu landen, schiffte zweihundert Soldaten aus, fing
und erschlug eine Anzahl Araber, die sich verzogen, und nahm die gelbe
Caramuzzal, die uerst kostbar war. Zwei verschnittene Nubier saen vor
des Bassas Kajte. Er lie sie foltern und sie gestanden, da er wenige
Tage entfernt im Innern seinen Hauptpalast, ein stehendes Lager und den
Harem htte.

Las Casas beschlo die Expedition zum nchsten Morgen. Sein Herz ging hoch,
als ob er ganz dicht am Ziel sei. Er behielt nur fnfzig Soldaten. Die
Galeeren sollten so lange kreuzen.

Die Nacht war still. Feuer brannten am Ufer.

Von einem der Schiffe brllte der Franziskaner seine Hymnen, bis ihm ein
Offizier mit einem Koran als Knebel das Maul verstopfte.

Am ersten Negerdorf, auf das sie trafen, erfuhren sie, da am Abend der
Bassa in aller Flucht vorbei gekommen war. Sie nahmen ein Dutzend Mnner
und Weiber als Geiseln mit und um den Weg zu weisen, obwohl sie schrien und
sich wehrten aus Furcht.

Sie brachen in die Wste ein. Ein glhender fiebervoller Ring wlzte der
Himmel sich um den Horizont. Feiner metallischer Glanz schwebte in der Luft
wie Sand. Sie muten die Augen senken, und das Blut zog sich ihnen wie
gefroren im Kopf zusammen. Manche fhlten, wie ihre Fe empfindungslos
wurden, schrien pltzlich etwas, rannten ein Stck in die leichten Dnen
und verbeugten sich . . . Sie hrten nirgends ein Gerusch, keinen Laut.
Nur das war: wie wenn der grnliche Schlauch am Himmel sich langsam um sie
zusammenziehe.

Den Abend nahmen sie die Neger in die Mitte, zndeten Feuer an und stellten
Wachen aus. Die Neger pfiffen auf Muscheln und tanzten, auf der einen Seite
die Mnner, auf der anderen Seite die Frauen, und wenn die Schlutne
scharf in die Hhe zischten, warfen sie sich wie zwei Brandungen in die
Arme. Dann spielte die Muschel allein. Auch sie schwieg.

Las Casas sprte eine groe Ruhe und er glaubte, da es Zuversicht sei. Er
wute (ganz unstreitbar), da er am folgenden Tage den Bassa griffe. Wie
war zu zweifeln? . . . Juana? Er wrde sie dann in fiebernden Hnden
besitzen.

Auch das ohne Zweifel, wenn auch der Krper zitterte unter dem Gedanken.

Er hob den Kopf. -- Ja . . . Bisamrosen hatten um die Bank gestanden und
geduftet. Und Nelken.

Sehr scharfe Nelken. -- -- --

Als er eingeschlafen war, wuchs ein Wald von Beduinen um das Lager und
senkte seine Lanzen in die Krper, die herumlagen. Las Casas banden sie und
einige andere, trennten ihn von ihnen und ritten mit ihm die Nacht durch
und den ersten Morgen. Dann rasteten sie. Las Casas ritt ein Kamel. Sie
gaben ihm Stutenmilch dieser Tiere. Er trank es nicht. Mittags ritten sie
weiter. Rtlicher Nebel scho vor die Sonne und glhte die Kehlen aus.

Die Wste war flach, ein wenig gewellt. Dann ritten sie eine hohe Dne
herunter. Ein Park von Zelten in grellem Karmesin, Gold und Grn stand um
ein paar Bume und einen Brunnen. Las Casas trank Wasser. Abends fragte er,
ob sie ihn zu Yousouf brchten. Sie grinsten: Nein --! Da wuchs alle Kraft
in ihm und durchbebte ihn wieder.

Er liebkoste mit den Schenkeln sein Reittier: Gute Stute . . . Denn seine
Hnde waren gebunden. Nachts ritten sie in eine Stadt ein, er schritt durch
Gewlbe und Gnge und stand in einem Zimmer, pltzlich, mit hellgelben
Steinen, zwischen denen dunkle Ziegel in Figuren saen. Eine Laterne stand
auf dem Tisch, Wein, Brot, Frchte.

Kurz darauf erhielt er den Besuch eines schnen brtigen Trken. Sie
verhandelten ber sein Lsegeld. Whrend sie sprachen, senkten des Trken
Augen sich auf den Tisch. Blitzhaft zuckte Las Casas' Hand hoch, ein wenig.
Sein Dolch lag auf dem Tisch, den man ihm gelassen hatte. Gib dir keine
Mhe! lchelte der Trke. Der Marques hatte die Waffe schon gepackt. Er
sauste mit einem heftigen Sprung durch die Tr. Er sauste gegen einen
dreifachen Ring Eunuchen, ohrfeigte einen aus Zorn und kehrte ruhig zurck.
Ich sagte es dir, achselzuckte der Trke, ein bichen beleidigt.

Allein er lie ihm den Dolch.

Sag mir das eine! fragte der Marques scharf. Bin ich bei Yousouf Bassa?

Der andere lchelte: Nein.

Sie einigten sich ber das Lsegeld und Las Casas blieb allein. Es ging
schon gegen Morgen. Er untersuchte sein Zimmer und schlief dann.

Drei Tage darauf entfloh er nachts. Die Tr war nicht verschlossen und er
sah keine Wache. Er stie sich mit vorgestreckten Armen in das Dunkel eines
Ganges hinein, der sich in Windungen hinzog. Es roch modrig. Von Zeit zu
Zeit merkte er, da Querstollen den Hauptgang kreuzten, aber er mied sie.
Pltzlich fhlte er Schwindel, und die Furcht, da er sich im Kreise
bewege, zog ihm das Blut aus dem Gesicht. Er fhlte im Dunkel, wie er
bleich ward und schlug hastig den Gang in einen Kreuzstollen ein, der das
Gewlbe durchbrach. Als er ein paar Minuten sich die Wnde entlang getastet
hatte, bog der Stollen rechtwinklig ab, eine Dmmerung schwoll auf, leichte
Helle lockte, und er folgte der Anziehung eines blauen Lichtes, das grer
wurde und ihm entgegenstrmte im Nahen und Mond ward . . . und ihn
hinauszog auf einen Hof, der ganz durchflutet war von dem Licht.

Zwei groe Steinlwen lagen einander zugekehrt in der Mitte, als schwmmen
sie auf dem Glanz. Aus Mulern und Nstern stiegen ihnen blitzende Strahlen
Quecksilber.

Las Casas schlich ber den taghellen Hof, an die Mauer geduckt und von dem
schmalen Gurt ihres Schattens bedeckt. Vor einem Fenster standen zwei
Palmen. Er zwngte sich hindurch und sah hinein.

Ein weibrtiger Trke sa auf dem Boden und schaute md und regungslos dem
Spiel eines jungen Hasen mit einer Schildkrte zu. Sie blieben eine Zeit
so. Innen der Trke in das Betrachten versunken, der Marques fand nicht den
Augenblick, sich von dem Posten geruschlos zu lsen.

Da scho etwas ins Zimmer. Der Alte hob die Augen. Die Augen muten ber
das Fenster . . . er hob die Hand, warf sie mit dem Arm in die Luft, Glas
splitterte, ein Dolch schlug neben Las Casas' Kopf vorbei durch die Scheibe
und verlor sich zischend und blinkend nach den Brunnen.

Las Casas flog herum, kreiste um den Hof, seine Blicke faten pltzlich
eine dunkle ffnung in dem hellen Viereck. Er sprang hinein und fand keinen
Ausgang. Er tastete und die Wnde waren feucht und glatt. Whrend er
suchte, fing ein runder Lichtfleck an, ber die Mauer zu hpfen. Wo er
auftrat und hielt, funkelte es auf. Andere Lichtblle tauchten auf und
spielten mit dem ersten. Sie glitten bereinander und vermehrten sich, bis
die eine Seite eine strahlende Scheibe schien. Da erkannte Las Casas, die
Wnde seien Spiegel. Er suchte noch einmal nach einer ffnung, aber er fand
keine mehr. Die Lichter stachen ihm nun in die Augen. Da hieb er mit einem
Aufschrei bebend vor Wut die Faust in eine der Scheiben, ein helles
Gelchter lief ber die Wnde, irgendwo gab es einen Ruck, eine ffnung,
durch die er schritt fnf Schritte bis in sein Zimmer.

Am Morgen flog die Tre auf, Mekkije wehte herein. Sie betrachtete ihn lang
und eingehend. Dann setzte sie sich vor seine Fe und fuhr fort, ihn
anzusehen.

Darauf schttelte sie wenig den Kopf und sagte: Ich kann mit dir machen,
was ich will.

Las Casas zuckte die Achseln.

Wenn du mich liebtest, meinte sie nach einiger Zeit ernst und berlegen,
kostete es dich den Kopf. Zwei, drei Schnitte . . . . . . sie fuhr
sachlich mit dem Zeigefinger ber den Handrcken. Sie sah ihn an, als ob
sie immer mehr ber ihn erstaune.

Mit einem wegwerfenden Hochmut zog der Marques die Linien ihres Krpers
nach und wandte sich langsam nach der Wand.

Doch seine Blicke hatten sie aufgenommen und brannten ihr Bild in die
Mauer. Sie war sehr schn.

Mein Vater hat sieben Monde, fuhr ihre Stimme fort, ich habe den Alten
schlagen lassen, dann habe ich mir zwei Ringe schenken lassen und dich.

Las Casas drehte sich wieder langsam nach ihr. Da fuhr ein Lachen mit
tausend sen Spitzen in ihr Gesicht: Alle Querstollen fhren in den Hof,
lachte sie. Sie krallte die Hnde auf und hielt sie ihm vor das Gesicht.
Dann lenkte sie ab: Deine Haut ist schn. Sie ist nicht wei und nicht
sehr braun . . . Sie strich mit der Handflche neugierig und schauernd
ber seinen Hals.

Der Marques packte ihre Hand und warf sie mit spitzen Fingern zurck. Sie
zog sie erstaunt an, legte sie in die Achselhhle des anderen Arms und
senkte den Kopf schrg. Sie war enttuscht und drohte ihrem hellbraunen
Spielzeug berrascht:

Wenn ich will, kann ich dich an das Bein einer Kamelstute binden lassen,
die nach Tripolis geht. Du bekommst Schlge unterwegs und faules Wasser zum
Trinken. Oder du mut Sand scharren im Hof, und wenn es mir pat, auf dem
Kopf stehen und durch die Nase lachen.

Ihr Mund verzog sich in ein glitzerndes Lachen. Rasch flog ihr Fu aus dem
Pantoffel, das Bein scho schlank aus dem weien Hemd, hob sich und zupfte
ihn mit den Zehen am Schnurrbart. Las Casas schlug mit der Hand hart auf
den Fu, der sich zurckzog.

Er sthnte auf vor Schmach und schien sich gering gemacht und wie ein
Schwein oder gleich einem Hunde, mit dem man spielt. Sie sprang auf ihn zu
und drckte sich an ihn und strich ihm ber den Arm und den Hals. Sie
begriff ihn nicht. Aber sie wollte ihn besnftigen. Doch er warf sie,
whrend seine Finger die ganze Schnheit ihres Krpers begriffen und im
Gefhl bewahrten, ins Zimmer zurck. Sie taumelte gegen die Wand, stie
einen kleinen spitzen Ruf aus, zog ihr Tuch bis unter die Augen und ging.

Einmal noch floh Las Casas.

Allein er kam in einen Garten, wo Mekkije mit vielen Begleiterinnen
dunkelblaue Bohnen und Winden bego.

Er wute nun, da er ganz -- wie ein Tuch und ein Stein -- in ihren Hnden
sei. Aber die Erniedrigung war nicht tief genug, da er sich ttete. Er
spielte oft mit dem Dolch, und sie sah ihm aufmerksam zu. Einmal setzte sie
sich auf seine Knie und flsterte etwas in sein Ohr, das er nicht begriff
und das sie nie wiederholte. Er sank, sank mehr. Um so strker aber stieg
das Bewutsein der Berufung in ihm.

Mekkije streichelte ihn oft und lchelte, wenn er sie abschttelte, obwohl
sie sah, wie seine Lippen brannten.

Doch langsam sahen Las Casas' Augen sie nicht mehr. Sie sahen trb aus wie
Zisternenwasser. Es schien, als glotzten sie nach innen. Sie versuchte es
drei Tage nacheinander und hielt ihm ihren Finger vor die Pupille und stie
danach. Sie brachte keinen Reflex heraus. Dumpf schwamm der Stern auf dem
Wei.

Da brachte sie ein Goldblech, auf dem viel Linien eingeritzt standen, und
flsterte an sein Ohr: Palast-Plan . . . Palast-Plan, bis er begriff und
ihn vor ihre Fe warf. Denn er hielt das fr eine List.

Allein sie verschlo sein bitteres Lachen mit den Lippen. Sie kte ihn auf
den Mund und sah ihn traurig an: Was willst du? Der ganze Krper bat.

Da floh er.

Er kmpfte sich durch Gewlbe und Tunnels, glitt ber Terrassen und
Galerien und tauchte in einen Schlund, der schmal und lang vor ihm zog.
Seine Hnde fhrten ihn tastend die Wand entlang. Er schritt minutenlang.
In Abstnden waren in der Mauer Einlasse, die kleine Sulchen hatten.
Einige waren aus einem porsen Stein, andere vllig glatt. Er streichelte
seine Hnde kurz und stolz: Kluge Hnde. Ein berma von Freude stand ihm
bis zum Kopf, bereit, durch Mund und Augen bermig aufzuspringen.
Pltzlich packte er einen Auswuchs und empfand im gleichen Moment, da
seine Hand in einer Zahnreihe lag. Er half mit der anderen und erschrak,
wie die Finger der beiden in zwei hohlen Augenhhlen verschwanden, die
feucht waren und sich anklebten. Da fate er fest zu, brachte die Augen
nahe und merkte, da es ein Ornament aus Gips sei. Wie er aufatmend
vorwrts trat und sein Blut, das gehalten hatte, aufsauste, griff er etwas
Warmes. Mit dem Rcken stie er dabei gegen die Tr, die hinausfhren
mute.

Seine Hnde aber erkannten die Schnheit wieder, die sie einmal gefhlt
hatten, und packten sie. Es war hei. Ein Mund saugte an seinem. Da gab er
nach. -- -- --

Die Sonne drauen hatte schwarze Ringe, die um sie kreisten. Er senkte die
Augen. Zwei Beduinen empfingen ihn an der Tr, hoben ihn auf ein Tier und
ritten neben ihm. Er hatte den einen Tag ein Kamel. Am zweiten gaben sie
ihm einen Wechabitenhengst, Datteln und Wasserschluche. Als sie ihn
verlieen, sagten sie ihm, da es knapp ein Tageslauf sei.

Er hielt sie an.

Er hielt sie an und fragte: Wer war es, der mich loslie?

Die Tochter Yousouf Bassas . . . sagten sie. -- -- -- -- -- -- -- -- Er
wartete, bis sie verschwunden waren. Dann hielt er die Hand so, da sie den
ganzen Horizont, aus dem er kam, bedeckte.

Hiermit und so war er fertig mit ihm.

Durch die Hand sah er sein Blut. Juana . . . ja . . . mein Blut -- --
unser Blut -- schrie er und stachelte den Hengst mit dem Dolch.

Moos spann sich grau ber die Wste. Kranichzge rauschten ber ihm. Endlos
blendeten die weien Kaktusfelder in der Ferne.

Ein Tuareg begegnete ihm.

Sie ritten scharf aneinander vorbei. Ihre Augen hielten sich so fest, da
ihre Hnde sich nicht rhrten.

Endlich: Bume . . . Bume! Eine Allee. Orangenallee . . . Er fiel vom
Pferde, umarmte es, tanzte und kte die dampfenden Flanken des Tiers. Am
nchsten Tag fand er die Galeeren. Am gleichen Mittag rannte eine
Patrouille von ihm zu Yousouf und bat ihn um eine offene Schlacht. Der
Bassa schlug ein und bezeichnete den Platz.

Sie stachen sofort los. Las Casas kam in Streit mit den Offizieren. Er
trieb die grte Eile an, weil er vor dem Bassa an der Kampfstelle sein
wollte. Denn er mute auf jeden Fall die Stellung an der Kste haben, damit
er den Feind gegen das offene Meer hatte und so Flucht eine Unmglichkeit
sei und auf diese oder jene Form dieser Kampf ein Ende sei. Die Offiziere
wollten erst Wasser aufnehmen in einem Hafen, der nahe lag. Doch Las Casas
sagte, da sie nach der Schlacht Wasser genug haben wrden hier oder da,
und er wies auf das Meer und in die Richtung des Hafens; da schwiegen sie,
denn er lchelte dabei.

Die Sklaven hatten ausgehhlte Gesichter und knirschten, als die raschen
Takte des Vorsngers ihre Muskeln zu angespannten Zgen zwangen.

Las Casas lie sie schlagen und stand auf dem Vorderdeck, unbeweglich, den
Blick auf das Meer ausgestreckt. Die Ruder hieben in kurzen Intervallen in
das ruhige Wasser.

Er spreizte die Arme aus, und sie schienen ihm wie zwei Segel, die ihn nach
der endlichen Tat hin aufbauschten und trieben. An Juana dachte er wenig
und kaum. Nur dies eine erfllte ihn. Ein Lcheln, fast spttisch,
kruselte seinen Mund. Er schttelte den Gedanken an sie unwillig ab. Stolz
durchfuhr ihn strmisch und sengte seine Augen.

Er drehte sich und es war ihm, da einige Bnke die Ruder weniger tief
streckten und so den Lauf hemmten, und er lie auf einer erhhten Bhne
mitten auf dem Steg zwischen den Bnken mit Sklaven zwei Neger hinrichten.
Die nchsten schauten bleich zu. In den zerrissenen Gesichtern stand Wut.

Wasser . . . ! brllte ein langer Portugiese und drohte. Las Casas
lchelte ruhig und sehr gefat und lie ihm das Halsblut der Neger reichen.

Er fhlte einen starken Sturm in sich, der ihn hob, schwellte und malos
mit sich selbst erfllte, da sein Wollen ins Ungeheuerste gesteigert und
seine endlos beschwingten Gefhle ber alle Schicksale hinausstiegen und
der Tod ihm nur ein geringschtziges Spiel (wie mit Masken) erschien.

Am Abend stellten sie sich auf fr den folgenden Tag.

Frh ri die Sonne den Himmel tiefrot auf und frbte das Wasser so. Und als
bedrcke das Ungeheuere der Front vor ihm etwas in seiner Seele, horchte er
in sich hinein und fand wie ein Pizzicato in der Ruhe seines hchsten
Geschwelltseins den Gedanken an Juana und ri ihn heraus und ma ihn mit
den letzten Erlebnissen und der Idee seiner Tat. Die Kartaunen des
Vorderdecks lsten sich schon. Die trkischen Caramuzzals umsprhten die
Galeeren mit glhenden Kugeln. Eine zischte zwischen die Ruderer und
verbrannte sie. Es roch nach versengtem Fleisch. Die nchsten heulten auf
und lieen die Ruder.

Da lie Las Casas die Hrner blasen.

Auf den anderen Schiffen antworteten sie. Eine Schlinge fiel vom Hauptmast.
Sie legte sich um den Kopf des Portugiesen und zog ihn hoch und schwang
ihn, der sich verrenkte und mit den Armen, die Hnde zu Fusten gekrallt
und die Zeigefinger nur erhoben, die Luft schlug, in weitem Bogen ber das
Schiff.

Pfiffe rasten ber die Decke. Alle Ruder hoben sich und schumten auf die
Caramuzzals ein.

Las Casas zwang nun den Gedanken an Juana ganz aus sich. Nur die Tat sollte
sein. Er stand auf der Poppa und suchte die grte Caramuzzal. Eine Flagge
deckte sie: Rot mit sieben schwarzen Monden.

Endlich: Yousouf! --

Das Wasser spritzte karminenen Schaum, so war es von der Sonne durchtrnkt.

Las Casas suchte hier in der ungeheuersten Erhebung, in der durchbebtesten
Ekstase seines Lebens den Gedanken an Juana zu tten. Eine wahnsinnige
Freude durchschwang ihn. Er hatte den Dolch durch den Mund gezogen. Seine
Hnde hielten kalt und verkrampft das Steuer. Alle Kanonen entluden sich
und schrien gegeneinander.

Ein junger Offizier vor ihm drehte sich um und brllte etwas mit
leuchtenden Augen zurck, was das Getse verschluckte. Las Casas sah ihn
an. Und als htten die nicht gehrten Worte etwas gelockert, als htten sie
ihn das gefragt, um was er rang, brllte er dem Jungen zu (der ihn nicht
verstehen konnte) die Arme um das Rad, mit Lippen, die sich zerrissen an
dem Dolch im Mund:

O alles . . . htte ich auf den Bauch geschmissen Dreck gefressen, drei
Monate oder vier . . . wren meine Gedrme zerfetzt daran . . . htte ich
den Bart subern mssen des Bassa jeden Tag von Eiern und Speisen und
schlechten Kssen, wre ich stinkend geworden und nach belem riechend und
htte ich keine Zhne mehr im Mund und wre ich gewesen wochenlang beschmt
bei alten Weibern, die hngende Brste hatten und Riemen von Adern aus den
Gliedern quellend . . . o, alles nichts, klein, sehr klein, -- -- -- kein
Lachen . . . keinen Wink wert ist es, ist die Schmach gegen diesen Moment,
gegen dieses Steigen -- -- -- und was Juana ist -- -- -- was ihr Andenken
ist . . . es wiegt nicht so viel, da ich es nur so sage, nicht einmal mein
Brllen ist es wert . . . -- -- --

Nun hatte Las Casas Ruhe fr seine Tat.

Seine Lippen zuckten zerrissen.

Ehrgeiz fllte seine Augen, da sie grn blitzten.

Die Offiziere standen um ihn.

Blut rann ber sein Gesicht.

Mit einem scharfen Ruck warf er das Steuer nach rechts. Geknarr und
Erschtterung knirschte auf. Die Galeere lag nun neben der Caramuzzal
Yousoufs, deren Gelnder sie weggerissen hatte. Dunkle Massen strmten
hinber.

Mit einem Lcheln (dies war sein Tag), ganz ruhig stand Las Casas auf der
Poppa. Sein Gesicht war hell und stet wie eine Fahne.

Aber dann: -- -- als er hinbersprang und sah, wie Bassa Yousouf mit vielen
Kugeln durch den Bauch geschossen erledigt war und sie ihn aufhoben und
vorbeitrugen dicht an ihm . . . kniete er, wo er stand, nieder, warf sich
auf den ersten Toten, der aus der Brust blutete, kte die Brust -- -- --
und stammelte: Juana. Stammelte: Juana. Nichts weiter. Nur dies.

Sie legten den Toten auf die Poppa. Las Casas betrachtete ihn genau. Er sah
seiner Tochter hnlich . . . die Wolke ber der Stirn . . . die Braue und
der Nasenflgel . . . Las Casas erstaunte ber die Leiche. Er wute nichts
damit anzufangen. Er roch die Nelken im Garten von Cartagena. Jonquillen,
fiel ihm ein, waren auch dabei. Er fuhr mit den Fingern in die Wunden des
Bassa und untersuchte sie.

Dann zuckte er die Achseln und trat zurck.

Der junge Offizier kam und kte ihm die Hand.

Die Kommandeure der beiden anderen Galeeren traten auf ihn zu: Sie seien
stolz . . . unter ihm . . . dieser Sieg -- -- --

Nun begriff er wieder: So, ja, Yousouf Bassa . . . Er strich die Stirn: Ja.
Er lag da. Auf der Poppa . . . tot? . . . Tot!

Stolz hob seine Schultern. Freude berflammte ihn. Es war die erste Tat im
Reich. Gewi. Er hob die Hand. Sie bliesen: Benedito sea Dios.

Die Sonne ward schon gelb und stieg.

Dann sprang er zurck auf dem Hinterdeck und gab das Signal zur Abfahrt.

Ein Schrei der Wut peitschte ber das Verdeck.

Offiziere hoben die Hnde, bestrmten ihn: Teilung der Beute . . . Ruhe
. . . Soldaten . . . die Sklaven seien ausgelaugt.

Las Casas stemmte sich hoch: Wir fahren!

Sie fuhren in einem dumpfen Schweigen.

Niemand sprach.

Sieben trkische Caramuzzals waren erobert worden, auf die Soldaten
verteilt wurden. Die Gefangenen muten rudern. Ein Schiff trug den Harem.

Als sie den ganzen Morgen gerudert hatten, sprangen den Leuten Arme und
Lippen auf. Die Sonne brannte einige tot. Doch sie wimmerten kaum.

Weiglhende Wut schwelte in den Augen der Soldaten.

Las Casas sa auf dem Vorderdeck, wo der Wind ihn zuerst khlte. Die Leiche
Yousouf Bassas lag neben ihm. Seine Augen weilten manchmal auf ihr, dann
sogen sie sich wieder glhend, brennend in den Horizont fest. Er freute
sich ber die Tat. Aber er begriff nicht mehr, da er ber Juana
weggesprungen sei wegen ihr. Er fhlte sie so um sich, als knne er ihre
Umrisse mit den Hnden fassen. Es war unmglich -- wie konnte es sein,
lachhaft und kindisch? -- da er sie dreimal verschmht hatte. Er blickte
auf den Toten. Es war doch so. Doch er verstand die Wichtigkeit dieser
Ttung nicht mehr.

Offiziere baten ihn, das Tempo des Ruderns zu migen. Die Leute verrecken
vor Durst. Die Zungen kriechen ihnen wie bse Tiere aus den Mulern, sagte
heftig der junge Offizier.

Las Casas lie ihnen die letzten Rationen austeilen. Das Tempo blieb das
gleiche. Es ward Nachmittag.

Las Casas brannte in einer Flamme: Juana. --

Seine Blicke hoben aus dem Ende der Wasserflche einen Garten voll Lauben
und Gerchen und eine Nacht darber, mit Sternen dicht verschnrt, in der
er sie besitzen wollte. Es nahm ihm den Atem. Es prete alles beiseite. Er
mute ohne einen Ruderschlag Pause nach Cartagena. Er schob den Toten mit
dem Fu zur Seite, da er ihn pltzlich hate, weil er in ihn die Ursache
verlegte (die in seiner eigenen Brust sa), da er Juana verschmht hatte.

Da brllte es hinter ihm pltzlich wie aus einem Ventil: Wasser! Es war
ein gellender, trockener Ruf. Er fuhr herum. Murmeln erstickte in seiner
Nhe. Aber dort brach es aus: Wasser! . . . und schlug hinber und
zndete und an hundert Seiten zuckte es hoch und heulte aus den Mndern.
Die Augen waren ihnen stier geworden, und die weischweiigen Gesichter
brannten.

Las Casas' Hirn schob blitzschnell den Gedanken vor: Gefahr! Sein
Bewutsein packte zu und begriff dumpf, da ihm ein Hindernis
entgegentrete. Rote Wut schttelte ihn. Er sprang vor:

Schmei, schrie er, Geschmei, und wieder: Vieh . . . Ihr wollt
weniger tun, Hunde, wo ich mehr Eile habe. -- Sklavenfhrer, aufs
Vorderdeck! . . . Die Riemen in die Peitschen gezogen . . . Zehn Takte
rascher gefahren im Viertel der Stunde. -- Den Bankersten die Bastonade!
. . . Seine Stimme war wieder beherrscht geworden. Die Riemen klatschten
ber die Rcken.

Die ganze Nacht lie er sie mit Wasser begieen, das sie khlte und ihren
Schwei wegschwemmte. Allein das Meerwasser bi scharf in ihre Wunden, da
sie schrien ber das Geschenk.

Am Morgen stand einer auf als Deputat: Wir knnen nicht mehr. Niemand
hrte auf ihn.

Gib uns einen halben Tag. Wir legen uns auf den Bauch diese Zeit. Dann
streifen wir das Schiff wie einen flachen Stein bers Wasser.

Einen halben Tag . . . johlten die anderen.

Der Deputat drohte: Wir brechen die Ruder . . . Da gab Las Casas Befehl,
ihm, dem die Ohren von Toledo her fehlten, die Zunge aus dem Munde zu
nehmen und ging hinunter, die Zhne in den Lippen und bleich. Denn es
schmerzte ihn, solches zu befehlen, aber seine Lippen hatten nur ein
Wollen, das wie ein ungeheueres Zittern daran hing und auf alles
niederfiel, was es sperrte: Juana!

Er lie den Sklaven Wein geben. Das Geringe berauschte sie. Die Galeeren
zogen rascher.

Sie zogen rascher. Die Sklaven lechzten, Muler aufgesperrt, aber noch
entfeuert.

Sie bekamen neue Mengen und ruderten rasender, bis einer schrie:

Weiber -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Langgedehnt zog der Laut ber das Schiff. Eine Stille schob sich nach, die
alles prete.

Dann rasten alle in die Hhe und hmmerten ihre Ketten gegen die Bnke:

Dein Ver--spr--e--e--e--chen . . . am selben Abend . . . zwei . . .

Schuft! -- -- -- Du . . .

Las Casas stand ihnen mit blassem Lcheln entgegen. Die Aufseher peitschten
sie mhsam wieder an die Ruder zurck. Eine Bank hatte sich ineinander
verbissen. Sie bissen sich Stcke aus dem Fleisch.

Ihr werdet sie haben, eh' der Tag 'runter ist. Wenn ihr euch eilt, Bande!
Dann sind wir in Cartagena. Las Casas' Stimme klang knapp, unendlich
beherrscht.

Es ist gelogen, ist erlogen . . . Hund!

Las Casas lie sie.

Als aber ihre Bewegungen langsamer wurden, erschrak er. Es blitzte ihm
durch den Kopf -- er msse den Abend in Cartagena sein -- -- um alles.

Er ging auf dem Deck herum und zerbog die Hnde ineinander, bis er den
letzten Entschlu sich abgepret hatte.

Er befahl ein halbes Dutzend Weiber aus dem Harem herberzuschaffen. Er
wute (in brennendster Qual), da die Sklaven die Frauen des Harems beim
Umladen nach der Schlacht gesehen hatten: Sie waren nackt. Ihre Brste
waren kobaltblau. Der Bauch glnzte nach ihrer Sitte rund mit Gold gemalt.
Sie sollten vor ihnen tanzen, da sie rascher fhren.

Alle muten hinuntersteigen.

Nur die Sklaven blieben, einige Offiziere und Las Casas.

Die ungeheuerste Erwartung machte den Sklaven die Gesichter wei wie die
Planken, die Augen rissen sich auf in erschreckender Weite. Auf Las Casas'
Gesicht sa ein Lcheln wie eine Dolchspitze.

Dann fingen die Boote an hinberzufahren zur Caramuzzal, die den Harem
trug. Die Wchter hieben auf die Sklaven ein. Las Casas sah knirschend vor
Scham und Schmerz, wie irgendwo einem Geifer aus dem Maul rann, whrend er
bld auflachte. Anderen brach der Schwei in Strmen aus dem Gesicht. Sie
sahen aus wie Pilze, auf die pltzlich Tau fllt.

Keiner schrie. Eine furchtbare Lautlosigkeit fiel auf die Schiffe. Die
Gesichter waren ins Unkenntlichste verzerrt. Wo manches Nase oder Mund
sonst war, sa nun eine Falte der grausamsten Qual.

Las Casas hatte sich umgewandt, denn was er tat, emprte seine Seele. Er
schlug die Arme bereinander, da sie ihm die Brust einbogen, bi die
Lippen zusammen und starrte ins Meer und weinte vor Zorn ber sich. Er
flsterte: Juana und empfand Rechtfertigung fr alles. Denn er mute den
Abend in Cartagena sein (er kam den Abend nach Cartagena) oder wahnsinnig
werden oder zerplatzen vielleicht, und jedes Ding war bla gegen diesen
Willen.

Er hrte keinen Laut wie das Keuchen der Mnner. Dabei empfand er, wie die
Galeere mit erstaunlicher Geschwindigkeit flog.

In der drckenden Stille hinter seinem Rcken bohrten die achthundert Augen
sich auf die Caramuzzal, an der die Boote gerade anlegten. Ein silbernes
Horn (wie rein es scholl zwischen den Masten und gelben Segeln!) hob sich
mit zartem Laut auf dem Verdeck drben. Eine Stimme rief einmal (wie klang
sie jung und nach Andalusien!): Seht! Sie tragen Sonnen auf den Leibern.

Las Casas wandte sich nicht um.

Aber pltzlich trat er zur Seite, wie zerrissen von einem Gedanken und hob
den Arm mit einem raschen Mal streng und senkrecht . . . niemand wute,
wollte er Einhalt rufen oder winken.

Doch die Geste wirkte unschlich.

Es brach ein einziger, das Entsetzlichste aus allen Brsten lsender Schrei
ber die Galeere hin. Es war zu viel.

Einer der Sklaven hatte Las Casas' Bein gepackt. Las Casas verschwand unter
der gebeugten Wut von sechs Leibern, tauchte auf, formlos, und flog wie ein
Ball auf die andere Seite. Sie warfen ihn sich zu. Vierzig Bnke links.
Vierzig auf der anderen Seite. Einer senkte seinen Mund auf seinen Hals.
Ein anderer schlug seinen Trinknapf aus Blei auf seinem Kopf fest. Dann
blieb er irgendwo liegen. Soldaten kamen herauf, Gefangene, erschlugen die
Offiziere, befreiten sich und vergaen ihn ber ihrem Gelage.

Nach einer Stunde brannten drei rote Punkte im Horizont auf.

Sie schwollen und wuchsen, flogen unterm Wind herauf. Drei Schiffe mit
roten aufgebauschten Segeln fuhren an die Galeeren heran. Die Sklaven
wurden berwltigt. Luis Quijada kam herber von seinem Segler. Denn er war
es.

Luis Quijada lie sie im Kranz zu Vierhundert um die Reeling hngen. Die
Leiche Las Casas' lie er hinberbringen und bedeckte sie mit seiner
Fanale.

Dann lie er die anderen Schiffe herankommen und bestieg die Caramuzzal,
die des Bassas Harem trug. Er teilte die Beute ein, sonderte die fnfzig
Besten aus und schiffte sie in seinen Segler ein. Die anderen schenkte er
seinen Soldaten. Darauf stieg er in die Kabine, in der die Favoritinnen
Yousoufs lagen. Es war eine kleine Kajte mit lackiertem Mahagoni und
Zitronenholz. Sie hatten sich mit Alhenna gefrbt und rauchten. Er sa mit
ihnen und sie tranken gemchlich mit ihm, der lchelnd und zrtlich
scherzend mit ihnen sprach, zutraulich Kakao und Orangenwasser.

Er hatte einen Segler vorgeschickt. Es ward Abend, als sie in Cartagena
einliefen. Groe Mengen standen am Kai. Man sah eine Flotte kommen. Das
Banner Las Casas', Quijadas, das von Kastilien und die rote Fahne mit
sieben Monden wehten von einem einzigen Mast. Juana stand am Steg.

Eine Bahre ward aus dem Schiff herbergebracht und ans Land gestellt.
Quijada folgte. Las Casas' Kopf erschien, wie einer das Tuch hob, unter der
weien Fanale, auf der sein Wappen stand. Um seine Stirn sa festgebissen
mit einem dunklen Strich das Bleigef des Sklaven wie ein schlechter
Heiligenschein.

Juana taumelte.

Dann aber fing sie sich mit einer malosen Bewegung wieder in sich selber
ein. Und da sie nicht allein das Stolze liebte und die Strke, sondern das
Endgltige vor allem und den Sieg, ging sie um den Liegenden herum und
raffte ihr Gesicht auf, da es glnzend ward wie das Metall einer ber
einem Heer geblasenen Trompete, schritt kurz auf Luis Quijada zu und legte
ihren Kopf an seine Brust.

Luis Quijada frstelte erstaunend ber das Entsetzliche ihrer
Entschlossenheit, aber er tat doch den Arm um sie, denn er hielt sie nicht
fr schlechter als die drei Besten aus seinem Harem.

Yup Scottens

Yup Scottens wette niemals. Sie wten es alle.

Das Blut steige ihm noch rter unter das breit und tot herabfallende Haar.
Er schlage auf den Tisch. Jedesmal wrde er auf den Tisch schlagen, wenn
wieder einer vom Wetten spreche.

Also schweige man davon.

Ob Yup verheiratet sei?

Nein.

Und es wrde besser sein, auch danach nicht zu fragen.

Leise hchstens, ganz leise knne man davon erzhlen.

Tim Porker mte dann die Beine vom Tische nehmen. Denn ihr Ledergeruch
wrde stren. Und dann htte er heute morgen den einzigen Kartoffelacker
hinter der Farm gedngt. Kinder, man sei ja nicht so, aber Tim msse diese
Lederranzen von den Fen nehmen und sie vor die Tr stellen. Noch weiter,
zwanzig Meter vom Haus weg . . . so . . . und auch dann stnken sie noch.
Aber weniger, Gott sei Dank, und auch weil Ralf den algerischen Tabak
rauche, wegen dem man allein fnf Jahre in der Fremdenlegion sein knnte.
Selbst wenn man kommandiert wrde . . . Oder doch nicht, nein . . . nicht
. . . Aber komisch, wo er den Tabak herbekomme, Ralf brauche nicht
wegzusehen, warum denn auch. Yup Scottens wte manches davon, und wenn er
wieder da sei, in drei Tagen wohl ungefhr -- denn schlielich sei er doch
der beste Reiter --, er wrde mglicherweise davon erzhlen. Ralf sollte
doch schweigen. Es sei ein Irrtum. Yup htte an manchen Abenden beim
einsamen Feuer am Rande der Kordilleren mehr erzhlt, als sie wten und
dchten. Alle miteinander.

Tim Porker msse auch die Strmpfe ausziehen. Es ginge nicht anders.
Frischgedngte cker brchten auf so verfluchte Gedanken, rchen einem an
mit Erinnerungen. Boys! wer hrte die gern! Nach den Sternen speien nachts
durch die blanke Khle, hundertmal denselben Bffel anschieen, eh man ihm
die Kugel ins Ohr brennt, Mestizen an den Beinen aufhngen, da die Kpfe
wie Frchte platzten, Kinder, ja, alles, gern -- aber nicht an
frischgedngte cker denken!

Tizzy solle nach den Koppelungen sehen. Ob die Pferde fren. Bffelmist
solle hereingekehrt werden und sparsam auf das schwelende Feuer gelegt
werden. Morgen werde es schneien, es werde tagelang schneien.

Ralf solle seinen Schnurrbart kauen und ihm die Pfeife geben. Wie? Yup
werde lnger brauchen? Yup wisse, da nur fr vier Tage zu essen da sei. In
vier Tagen werde Yup den Transport herbringen. Heiho! Yup.

Ganz andere Fahrten htte Yup gemacht.

Tim Porker solle das Maul halten, bei Gott. Und wenn sie morgen frh einen
Tunnel nach seinen Stiefeln machen mten durch den Schnee, die Stiefel
blieben draus.

Ein glhender Tag sei es gewesen, hinten am Gebirg, der pltzlich wie ein
Signal an der Eisenbahnstrecke, die Yup drei Tage von hier kreuzen msse --
also der wie ein Signal umgeklappt sei in eine stechend khle Nacht. Sie
hatten auf dem heien Felsen gelegen. Die Knochen htten gebrannt, das Hirn
geglht, aber sie htten gefroren. Der Schein des Feuers wre die Felswand
hinaufgeklettert, aus der sternberhngten Nacht htte ein Fuchs gebellt,
spitz und lang auslaufend. Manchmal. Da habe Yup sich aufgesetzt und ihm
erzhlt, warum er nichts hren knne vom Wetten. Manches habe er schon
frher geahnt, denn Yup habe dies schon angedeutet und jenes. Yup habe ihm
aber auch erzhlt, warum er nicht verheiratet sei trotz dem Ring an seinem
Finger. Yup habe ihm alles erzhlt. So:

Er war fnfundzwanzig Jahre, Yup Scottens, und hatte ein schnes Geschft.
Es war seine Erfindung, auf Emailleschilder eine grne Schrift anzubringen,
die abends leuchtete. Die Fabrik lief famos. Yup bastelte an neuen
Erfindungen, ritt, spielte und hatte einen Klub. In dem Klub waren Leute,
hnlich wie er. Seht ihr, sie hatten lackierte Schuhe an den Fen -- ich
sehe dich nicht an, Tim Porker --, aber sonst waren sie wie wir, hatten
knackende Muskeln, legten im Box einen Professionell suberlich in eine
Ecke hin, fuhren sechs Tage, immer verfolgt im Auto, mit einer fremden Frau
durch die ganzen Staaten. Sie trafen sich allabendlich, und keiner wute
anders, als da sie zusammengehrten, einer zum nchsten, jeder zum andern,
sich herausbeien wrden und ginge der letzte Zahn zum Teufel, immerfort,
da sie beisammen bleiben mten. Stets.

Nun lernte Yup eine Mi kennen, die Laura hie. Ein komischer Name -- aber
er verliebte sich in sie. Niemand hatte daran gedacht, denn sonst ging er
Frauenzimmern aus dem Wege, selbst bei Abenteuern; trotzdem er den Weibern
gefiel -- er sagte es nicht --, aber er besa frher eine volle Brust, ich
sah es, und schne Beine. Jetzt allerdings, ja, jetzt sind sie nach innen
gebogen und haben die Linien der Pferdeweichen. Verflucht, Kinder, Yup
hatte gerade Beine, jetzt aber sind sie krumm, weil Yup ein Cowboy ist.

Yup sagte mir nicht, wie er sie kennen lernte, ist auch egal. Hat ein wenig
gestottert und mit einem glimmenden Holz herumgestochert. Ich habe
weggeschaut, denn er hat sich, glaub ich, geschmt. Ihr begreift das nicht,
kann euch auch einerlei sein. Ich habe einen Stein nach einem Fuchs
geschmissen, der Bogen um uns lief, und dann ein paarmal geknallt.

Yup Scottens verlobte sich nun mit Mi Laura und ging alle freie Zeit zu
ihr. Die anderen begriffen das nicht. Sie hatten das Gefhl, als sei etwas
aus ihnen herausgebrochen. Das war Yup Scottens. Sie versuchten ihn wieder
zu bekommen. Aber er erschien nur noch selten. Dann erzhlte er von den
Haaren der Mi Laura. Das war ihnen langweilig, begreiflicherweise.

Da sprach eines Abends, wie Yup da war, einer von dem neuen Postzug, der
ber tausend Meilen laufe von Morgen bis Sonnenuntergang. Man hatte die
eigenartigsten Sicherungen angebracht, um Anschlge und berflle zu
vermeiden. Patentschlsser wie Signalschellen nach den verschiedenen
Waggons und gleichzeitig zu den Stationen rckwrts und voraus schnitten
Diebsthle ab. Das Personal kontrollierte sich selbst mit Stechuhren
. . . Jeder kannte andere Schwierigkeiten. Einige widersprachen und sagten,
Eingriffe seien doch mglich. Nun stand einer auf und erklrte, da es
unmglich sei, berhaupt an den Zug heranzukommen, da er die ganze Strecke
laufe ohne Anhalt. Von frh morgens bis abends ohne Station. Blinde
Passagiere seien bei dieser Kontrolle ausgeschlossen. Nun standen sofort
zwei Parteien gegenber. Yup schrie natrlich mit denen, die behaupteten,
man knne blind fahren. Man drngte zum Austrag, einige schlugen Wetten
vor. Pltzlich ward es stiller. Nur Yup schrie noch. Innerlich dachte er
nicht daran, es zu tun, was er in der Mglichkeit der Ausfhrung
verteidigte. Einige versuchten, ihn auf seine Behauptungen festzunageln.
Yup lacht noch scherzend. Da fiel wo das Wort verlobt. Und mit einem Male
stand wie eine Fahnenstange aufgerichtet die Tatsache da, da Yup fahren
wrde. Da er die tausend Meilen fahren werde als blinder Passagier gegen
den simplen Einsatz von hundert Dollars. Mehr als dreihundert war die
Strafe, wenn man ihn erwischte, und einige Tage Gefngnis dazu.

Yup Scottens ging den Abend zu Mi Laura, kte sie auf das Haar und dann
auf die Augen und sagte ihr, da er am Morgen mit dem Zug verreisen msse
fr ein paar Tage. Dann schlief er auf seinem Sofa ein wenig, bis die
anderen kamen. Sie machten aus, da einer in dem Expre, der dem Postzug in
kurzem Abstand folgte, nachfahren solle. Hatte Yup die Endstation erreicht,
ohne gesehen zu sein, und den Zug ebenso verlassen, hatte er gewonnen.

In der Dmmerung gingen sie an sechzig Meter von der Station am Gleise
entlang und legten sich hin. Yup kauerte sich etwas weiter an den Damm und
legte das Ohr auf die Erde. Ganz langsam wickelte der Zug, der sehr gro
war und den drei Lokomotiven zogen, sich aus der Halle und setzte gerade
bei Yup die erste Geschwindigkeit ein. Yup hatte seinen Rock ausgezogen, um
freie Arme zu haben. Yup trug damals noch einen Rock, aus dem ein Stck
blitzendes Hemd herausschaute mit Knpfen drin, wie ihr es bei den Herren
seht, wenn wir im September zur Kommission hinunterreiten. Er warf ihn dem
Partner zu, der ihn im Expre verfolgte, und griff fest nach dem Ende eines
Wagentrittbretts. Dann machte er eine Drehung und sa darauf. Der Zug raste
bald, Yup hing am Brett, dann legte er sich lngs auf den Bauch, aber
trotzdem blies ihn der Wind fast herunter. Er sah, da er so nicht bleiben
knnte. Spter wrde der Zug noch rascher fahren, in einer halben Stunde
wrde es hell sein und von jeder Station wrde er signalisiert werden.
Sthnend und ohne Atem vor Wind schob er sich vor. Er prete sich fest auf
das Holz. Keine Muskel durfte nachlassen. Das Gesicht strich, whrend er
vorwrts kroch, den Schmutz von dem Trittbrett, ein Splitter stach ihn in
die Wange. Pltzlich wurde der Zug in eine Kurve hineingerissen, und Yup
flog nach vorn, die Beine fielen seitlings herunter, blieben aber auf einem
Reifrahmen stehen. Den Augenblick benutzte er, einen der Bgel am Ende des
Waggons zu fassen und sich anzuklammern. Die Beine lie er los und schwebte
sekundenlang an den Armen zwischen zwei Wagen, den Krper mhsam angezogen.
Er schnellte einige Male mit den Fen nach den Puffern, bis er sie
erreichte, griff mit den Hnden nach und stand nun auf der Kuppelung
zwischen zwei der langgestreckten Waggons. Der Wind belstigte ihn nicht
mehr.

Rechts und links waren an den Wagenseiten ovale Haken, die dazu dienten,
die Zge heranzuziehen. Er steckte die Arme hindurch, da die Ringe, ihn
haltend, in den Achseln saen, mit den Fen stand er auf den Puffern. Der
Zug lief hundertzwanzig Kilometer die Stunde. Yup dachte, es die zwlf
Stunden schon auszuhalten.

Yup hatte sehr viel Kautabak mitgenommen und kaute stundenlang. Mhlich
fhlte er aber, wie das Blut ihm in den Armen stockte und ein Schmerz ihn
in den Rcken stach. Doch er kaute weiter. In der Nhe der Stationen zog er
den einen Arm aus dem Ring und bckte sich ein wenig, als schaue er nach
der Federung des Wagens. Dann sah er jedesmal, wie lngs dem Wagen hinter
ihm eine groe Gabel vorscho und die Postscke, die wie an Galgen hingen,
packte und einzog. Nie hielt der Zug.

Gegen Mittag merkte Yup, wie ihm die Augen zuklappten. Er trat von einem
Fu auf den anderen, er stampfte auf, bog sich in den Kniekehlen -- langsam
fielen die Augen zu. Nun stieg Wut in ihm auf. Aber der Schlaf war strker
als er, Yup fhlte es genau. Wenn er einschlief, fiel er herunter, das
wute er. Ganz zuletzt, schon halb bewutlos, fiel ihm ein Ausweg ein. Er
lste seinen Grtel und knotete damit mhselig eine Fessel um die Hnde,
nachdem er die Arme durch die Ringe gesteckt hatte, Jetzt konnte er
unmglich mehr abstrzen und schlief ein.

Manchmal wurde er wach, dann schlief er wieder. Es wurde khler. Ein Druck,
als htte er blutige Rnder um die Schultern, zwang ihn endgltig
aufzusehen. Auch im Genick fhlte er nun Schmerzen. Sofort fing er an, mit
den Beinen aufzutreten. Er atmete auf, als es ging, wenn auch schwer. Doch
die Bewegungsmglichkeit der Arme schien ganz gehemmt. Eine Stunde, noch
lnger, wippte er mit den Achseln auf und ab, hob sich auf die Zehenspitzen
aus der Spannung der Ringe heraus und wieder zurck. Endlich merkte er, da
Blut wieder sickernd und schwach den Oberarm hinunterflo. Es war hchste
Zeit. Mhselig lste er den Riemen von den Handgelenken, als er die Finger
einigermaen wieder bewegen konnte.

Es war wirklich hchste Zeit, Boys! Denn es war Abend. Denkt an den
Indianer, der den Bffel, auf dessen Rcken geschnrt er hinausgetrieben
war, qualvoll geblendet und, die Finger in seine Nstern vergraben,
tagelang erdrosselt hatte -- und den wir schier verhungert an den Hgeln
fanden . . . so hnlich ging es Yup. Der Zug raste. Die Lokomotiven wurden
im Fahren gewechselt.

Endlich, endlich pfiff die vorderste Lokomotive. Die beiden anderen
folgten. Der Zug lief langsam. Er stand. Endlich stand er.

Yup lie sich herunterfallen. Voll l und Schmutz, schwarz, blutend im
Gesicht, schien er ein Heizer. Er sah schon lange nichts mehr, die Augen
brannten scharf, er fhlte nur ein heftiges Zucken im Kopf. Trotzdem ging
er mechanisch in das Restaurant, setzte sich auf eine Bank und spie seinen
Kautabak aus. Dann erst fiel er um.

Drei Tage schlief er im Lazarett. Am vierten lie er nach dem Partner aus
dem Expre fragen. Er hatte ihn noch nicht besucht. rgerlich, da er nicht
zu finden war, telegraphierte Yup nach Geld und fuhr am fnften zurck --
mit einem Elektrisierapparat, den er jede halbe Stunde an seine Schultern
setzte.

Er schellte am Hause seiner Braut, der er telegraphiert hatte. Die
Verwandten prallten zurck. Das Mdchen lief fort und schrie. Man war
verlegen. Pltzlich brach die Mutter der Braut in wildes Weinen aus. Nun
sprach sie leis, aber es schlug grausam auf Yup herunter.

Der Expre war entgleist. Eine Weiche war herumgeworfen worden, aber sie
hatte zu spt funktioniert. Der Postzug, dem natrlich der Anschlag galt,
war schon vorbei, der folgende Expre sauste die Bschung hinunter. Unter
den halbverbrannten Leichen ward eine als die von Yup Scottens nach einer
aufgefundenen Brieftasche legitimiert. Es war Yups Partner, der Yups Rock
trug. Der Telegraph brauste, die Namen der Toten standen an allen Mauern.
Whrenddem schlief Yup, mit gefesselten Hnden zwischen den Wagen, hngend
wie ein Sack. Mi Laura war nicht ohnmchtig geworden, als sie hrte, Yup
sei tot. Aber sie sprach nichts mehr. Sie erkannte niemand mehr. Auch Yup
nicht, als er zu ihr sprach.

Yup streichelte sie und sagte zu ihr, da er Yup sei. Vielemal erzhlte er
ihr alles. Er erklrte ihr den Irrtum. Dann ging er tagelang weg, als sie
sich nicht rhrte, und brtete und wollte sich tten. Denn Yup sprte, da
er schuld sei. Htte er ihr erzhlt, wie es wahr war, von der Wette (Laura
htte ihn lchelnd gewhren lassen, so bitter sie nach seiner Abfahrt
geweint htte, aber er wollte ihr keinen Kummer machen), htte Laura
gewut, da die Nachricht von seinem Tod irgendwie ein Irrtum sein msse.
So hatte durch seine Unaufrichtigkeit sie das berganglose Begreifen des
Verlustes wie eine Faust mitten in ihr Gesicht getroffen. Yup dachte aber
auch, da er nicht htte zu wetten brauchen, da er es wegen Laura
vielleicht nicht htte tun drfen (darber war er sich allerdings nicht
ganz klar, denn Laura hatte ihn immer angehalten, den Instinkten seiner
Kraft nachzugehen, wohl weil sie fhlte, da ein Versagen ihn dumpf auf die
Dauer und ungleichmig ihr gegenber machen wrde), und er fhlte, indem
er berlegte, da er nur gewettet hatte, weil einer wegen seiner Verlobung
seinen Mut bezweifelt hatte. Verlobt, hatte einer gerufen, und Yup sann
so lange ber den Klang der Stimme, bis er wute, da es Gerd Robinson war,
der so gerufen hatte, aber als er mit dem Revolver zu ihm ging, erfuhr er,
da Gerd verschollen sei seit dem Unglck. Spter fand man ihn.

Yup ging nun wieder zu seiner Braut, legte ihre Hnde zusammen und sagte
ihr wieder alles. Boys! ich hoffe, da keiner lacht, denn es wird dunkler
und ich kann eure Gesichter nur undeutlich noch sehen, Boys, -- Yup
Scottens setzte sich in die Knie und beugte sich nach dem Ohr seiner Braut
und flsterte weinend, sie solle ihm verzeihen. Laura! stammelte er, ich
bin Yup, ich lebe.

Aber sie sah starr gerade aus.

Tagelang sa Yup bei ihr. Manchmal sprach er lange kein Wort. Dann rief er
ihren Namen. Stundenlang rief er: Laura! Wie ein grner Papagei schreit,
rief ers. Da nahm man sie weg von ihm; eines Nachts, ohne da, er es
merkte. Nach ein paar Tagen verschwand auch Yup. Er schlug sich in unsere
Gegenden.

Einmal vor zwei Jahren war er einige Wochen verschwunden. Mitten in der
Biberzeit geschah es, und Yup verlor die Hlfte seiner Jahreslhnung.
Damals war Yup noch einmal bei ihr. Niemand wute es. Es war damals, als er
nachts oft lachte und den Mestizen durch das Fenster erscho. -- -- --

Man solle nicht zu viel an dem Feuer schren. Es brenne von selbst. Ralf
solle mehr algerischen Tabak geben. Die Pfeife sei aus. Er brauche das
Bowie-Knife da drben. Danke.

Es sei ganz dunkel geworden und doch noch so frh. Morgen werde man wund
und schweiig vor Arbeit in der Klte. Gut, da die Pferde nicht so eng
gepflockt seien. Tim Porker solle, verdammt und zum letztenmal, das Maul
halten. So wahr er ihn kenne, er setze ihn zu seinen Stiefeln hinaus, bei
Gott, in den Schnee.

Ob einer wette, da Yup nicht in vier Tagen da sei -- -- --

Keiner?

Man solle die Tr aufmachen!

Weiter!

Man solle die Tr ganz weit aufmachen!

Malos flockte der Himmel auf das bleierne Land.

Ende







End of the Project Gutenberg EBook of Die sechs Mndungen, by Kasimir Edschmid

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SECHS MNDUNGEN ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
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with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
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