The Project Gutenberg EBook of Benno Stehkragen, by Karl Ettlinger

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Title: Benno Stehkragen

Author: Karl Ettlinger

Release Date: January 17, 2010 [EBook #31001]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BENNO STEHKRAGEN ***




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                           Benno Stehkragen

                                  von

                            Karl Ettlinger



                    Ullstein & Co / Berlin und Wien



      Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten.
        Amerikanisches Copyright 1917 by Ullstein & Co, Berlin.




Zum Geleit


Als ich am 25. Juli 1916 morgens gegen halb acht Uhr erwachte, schlo
ich sogleich geblendet die Augen.

Woher kam diese Helle? So viel Licht gab es doch in unserem Unterstand
nicht?

Ich ffnete die Augen abermals, -- ja, zum Kuckuck, wo war ich denn
eigentlich?

Ich lag in einem frischgemachten, bltenweien Bett, in einem groen,
hellen Saal, ringsum Betten, ebenso blitzsauber wie das meine.

Du bist im Lazarett, sagte ich mir, aber mein Kopf brummte noch zu sehr
von der Narkose, um diesen Gedanken voll zu erfassen.

Ja, ich war im Feldlazarett, und ich hatte eine Granatsplitterverletzung
im Rcken und ein zerschossenes rechtes Ellbogengelenk.

Einige Tage spter brachte mir unser vortrefflicher Leutnant
Lindenberger etliche Gegenstnde ins Feldlazarett, die in unserem
zusammengeschossenen Unterstand gefunden und als mein Eigentum erkannt
worden waren. Darunter auch ein Manuskript, durch das mitten hindurch
ein Granatsplitter geflogen war.

Trotz meiner Schmerzen mute ich lcheln.

Armer Benno Stehkragen, dachte ich amsiert, dir ist es im Leben
kmmerlich genug gegangen, -- und jetzt wird auch noch die Aufzeichnung
deiner Lebensgeschichte von einem Granatsplitter durchbohrt!

Einige Monate vergingen, bis ich mich wieder mit dem Manuskript
beschftigen konnte, das ich im Schtzengraben begonnen und an dessen
Vollendung mich meine Verwundung gehindert hatte.

Man darf sich da freilich kein suberliches, einseitig auf schnes
weies Papier geschriebenes Manuskript vorstellen, wie es die Wonne der
Redaktionen und Setzereien zu bilden pflegt. O nein, dieses Manuskript
bestand aus Papieren allen mglichen Formates und aller mglichen
Farben: Briefbogen, umgedrehte Umschlge von Briefen, die an mich
gekommen waren, Rckseiten von Prospekten, Meldezettel, kurz ein
Manuskript so kraus, wie es der leibliche Benno Stehkragen selbst ist.

Unter erschwerten Umstnden fhrte ich die Novelle zu Ende: der Gebrauch
der rechten Hand ist mir ja versagt, und ans Diktieren kann ich mich
leider nicht gewhnen. Aber ich hatte meinen tragikomischen Helden Benno
viel zu lieb gewonnen, um das Werk in der groen Schublade fr
unvollendete Entwrfe verschmachten zu lassen.

So ziehe denn hinaus, mein lieber, kleiner, buckliger Benno!

Deine Lebensreise war voll Beschwernisse, und wer wei, ob dir deine
Reise auf den Bchermarkt besser bekommen wird! Vielleicht wirst du dir
mehr Feinde als Freunde erwerben. Aber habe keine Angst: ich, dein
Vater, behalte dich dennoch lieb.

Du hast mir manche trbe Stunde im Schtzengraben erhellen helfen, du
bist mein lieber Kriegsjunge, und wenn du deinem Papa eine besondere
Freude machen willst, so erhelle nun auch etlichen Kameraden drauen und
im Lazarett ein bichen die Stunden der Trbheit!

                                              Karl Ettlinger




Ich will ein weniges aus dem Leben Benno Stehkragens erzhlen, des
kleinen Buchhalters, der ber zwanzig Jahre tagsber den Drehstuhl
hinter dem zweiten Pult im Couponbureau der Industriebank zu Frankfurt
am Main, Bahnhofsplatz drei, drckte. Es war ein ziemlich hoch
geschraubter Drehstuhl, denn der ganze Benno Stehkragen ma kaum einen
Meter zwlf, und wenn er auf seinem Platze thronte, so baumelten
zwischen dem Pult zwei krumme Beinchen und bildeten eine Null. ber dem
Pult schaute ein schwarzhaariges Wuschelkpfchen hervor, das dicht
zwischen den Schultern sa, das aber ebenso flink drehbar war wie der
Stuhl. Eine groe Brille vorsintflutlichen Formats sa auf Bennos etwas
aufgestlpter Nase, und die Brillenschienen endigten hinter groen,
abstehenden Ohren, die die Fhigkeit besaen zu wackeln, ohne da die
Stirne Falten zog. Durch die Brillenglser aber zwinkerten zwei braune,
kluge uglein, stillvergngt und voll gutmtiger Selbstironie.

Ich habe gesagt, der ganze Benno Stehkragen ma nur kaum einen Meter
zwlf. Er wre gewi mindestens dreiig Zentimeter lnger gewesen, htte
es ein Mittel gegeben, den Buckel, der seinen Rcken verunstaltete,
auszubgeln.

Aber dieser Buckel sa ebenso pflichtgetreu auf Bennos Rcken wie Benno
selbst auf seinem Drehstuhl. Und der einzige Unterschied war, da Benno
des Abends mit dem Glockenschlag Sechs sich von seinem Drehstuhl
trennte, um seinem Junggesellenzimmerchen jenseits des Maines
zuzuwandeln, whrend der Buckel auf Bennos Kehrseite ununterbrochen
Geschftsstunde hielt und selbst die hchsten Feiertage ignorierte. Nur
war er an diesen Feiertagen von einem suberlich gebrsteten schwarzen
Gehrock umhllt, indes er Werktags hinter einem nicht immer ganz
sauberen braunen, karierten Rock kauerte. Das Alter dieses Rockes zu
bestimmen, sei Geschichtsforschern berlassen. Wir wollen uns mehr mit
dem Innern als dem wenig verlockenden uern Benno Stehkragens befassen.

Wir wissen, da auch Napoleon der Erste ein klein gewachsenes Menschlein
war, das berdies an Epilepsie litt, und da es dennoch auf seiner
kurzen Lebensreise von Korsika bis Sankt Helena ganz Europa umstlpte.
Es wre also durchaus glaubhaft, wrde ich auch von _unserem_ kleinen
Mann die verblffendsten Heldentaten erzhlen. Allein die Wahrheitsliebe
hindert mich daran. Keinen Roman mit glhenden Liebesabenteuern, voll
von wundersamen Begebenheiten, sollt Ihr vernehmen. Nur kleine Episoden
kann ich Euch vermelden. Episoden von einem Menschen, dessen ganzes
Leben nur eine Episode war. Dessen Erscheinen in dieser Welt keine Lcke
ausfllte, und dessen Scheiden keine Lcke hinterlie.

Die Naturgeschichte wollt' einen Witz machen, und da erschuf sie
_mich_, sagte Benno von sich selbst. Und wehmtig fgte er hinzu: Ich
htt' der Naturgeschichte bessere Witze zugetraut!

Wann und wo htte auch Benno Heldentaten vollbringen sollen?

Auf seinem Drehstuhl.

Mein Gott, drehte er ihn nach rechts, so sah er die beiden
Schalterfenster, die zum Gang hinausfhrten, und hinter jedem
Schalterfenster sa ein Beamter, rechnend, schreibend gleich ihm oder im
Flstertone die Kundschaft abfertigend. Drehte er den Stuhl nach links,
so sah er eine Reihe Fensterscheiben, hinter denen melancholisch ein
dunkler Hof brtete.

Die Fensterwand entlang standen Pulte, und hinter jedem Pult hockte ein
Beamter oder eine Beamtin, mechanisch arbeitend. Am Ende der Wand, ein
wenig erhht, residierte Herr Wittmann, der Bureauchef, ein noch
jugendlicher Herr, der Typ eines zielbewuten Strebers, schneidig und
grob.

Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand dazu, hatte Benno
einmal mit Bezug auf Herrn Wittmann zitiert. Manchmal gibt er ihm auch
nur das Mundwerk dazu. Aber er hat eine Zukunft, der Herr Wittmann. In
zehn Jahren ist er Prokurist. Die unleserliche Handschrift hat er jetzt
schon. Nun ja: ein schwarzer Zylinder, ein schwarzer Frack und ein
schwarzes Herz, damit kann man's weit bringen auf der Welt!

Es kam fters zu Zusammensten zwischen Benno und dem Bureauchef.

Herr Stehkragen! schnarrte dann pltzlich eine scharfe Stimme, Herr
Stehkragen, kommen Sie mal her!

Und alle Kpfe blickten von den Schreibarbeiten auf und drehten sich
nach Benno und wuten: Jetzt gibt's wieder ein Donnerwetter.

Nur Benno selbst schien nichts Schlimmes zu argwhnen, kletterte
gemchlich von seinem Drehstuhl, dachte sich: Du sollst dem Ochsen, der
da drischt, nicht das Maul verbinden, und watschelte zu dem
Allgewaltigen.

Herr Wittmann? frug er freundlich und mit einer Harmlosigkeit, die
selbst einen General bei einer Besichtigung entwaffnet htte, Herr
Wittmann, ich glaub', Sie haben gerufen?

Und _ich_ glaub', Sie haben schon wieder mal an alles mgliche gedacht,
nur nicht an Ihre Arbeit! fuhr ihn Wittmann an. Und indem er ihm eine
Faktura unter die Nase hielt, schrie er: Haben _Sie_ das geschrieben?

Wenn Se das Blatt so hoch halten, kann ich nix gucken! entgegnete
Benno seelenruhig, nahm die Faktura, rckte die vorsintflutliche Brille
zurecht und prfte langsam das Schriftstck.

Ich frage Sie, ob Sie das geschrieben haben? herrschte ihn der
Bureauchef ungeduldig an.

Meine Handschrift is es! erklrte Benno, und es zuckte um seine
Mundwinkel wie amsiertes Lcheln.

So! Also Ihre Handschrift ist es! Und Ihre Nachlssigkeit und
Schlamperei ist es _auch_! Aber das geht nicht so weiter mit Ihnen! Ich
hab's satt! Satt hab' ich's!

Gut, dachte sich Benno. Er hat's satt. Mahlzeit!

Genug hab' ich von Ihnen! Noch heute spreche ich mit der Direktion.
Beim nchsten Fehler werden Sie entlassen! Das gebe ich Ihnen
schriftlich!

Ich glaub's auch mndlich, dachte sich Benno.

Und weiter dachte er sich: Weshalb schimpft er eigentlich so? Nun ja,
er is die Primadonna von dem Couponbureau. Er mu seine Stimm' ben. Und
immer schreit er dasselbe. Er hat'n Grammophon verschluckt. Hinauswerfen?
Mich? Schn! Fall' ich auf die F', so tut mir's nicht weh; und fall'
ich auf den Buckel, so feder' ich wie e Sprungfedermatratz'. Mein Gott,
die Welt is gro, und berall in der Welt gibt's Drehsthl'. Und auf
jedem Drehstuhl braucht merr eine menschliche Maschin', die ihr Leben um
hundertachtzig Mark den Monat verkauft. Schn! Weshalb schmeit er
nicht?

Das alles _dachte_ Benno nur. Das Reden war seine schwache Seite, und so
flink er denken konnte, so schwerfllig sprach er.

Gerade weil er so behende dachte, so intensiv schlagfertig war,
stolperte er beim Sprechen ber seine eigenen Gedanken. Er war
mitrauisch gegen alle Menschen, die perfekt reden konnten, und wenn er
beispielsweise einen Parlamentsbericht las, sagte er sich: Ein
hochinteressanter mnnlicher Kaffeeklatsch. Gute Reden, schlechte
Gesetze. Wie man nur so spaltenlange berzeugungen haben kann! Ein
Glck, da der liebe Gott kein Abgeordneter is: er wr _heut'_ noch
nicht mit den zehn Geboten fertig! Und der arme Moses htt' fr die
Gesetzestafeln ein ganzes Armeekorps Steintrger gebraucht!

Whrend Benno Stehkragen dachte, schimpfte Herr Wittmann weiter.

Benno wartete geduldig, bis ihm der Atem ausging, nickte zustimmend mit
dem Kopf, watschelte an sein Pult zurck, tunkte seine Feder ein und
schrieb weiter, als sei nichts geschehen.

Frulein Antonie Hochberg, hier. 50 Coupons 3% Preuische
Staatsanleihe per 1. Oktober  M. 15.-- macht M. 750.--, 20 Coupons per
15. November ...

Und zwischendurch dachte er: Das Frulein Hochberg hat Geld. Alles im
Schweie ihres Angesichts geerbt. Dafr wohnt se auf der Bockenheimer
Landstra' und hat zwei Diener und eine Zofe, die ihr das falsche Haar
frisiert, und spritzt sich mit Parfm ein, da merr's Geld nicht so
riecht. Und se is dick wie ein Eichbaum und setzt auch jedes Jahr 'n
neuen Ring an, und hat 'n Logenplatz im Opernhaus, und der arme Richard
Strau mu ihr jede neue Oper von sich vorspielen lassen und kann sich
nicht wehren. Und se hat ein Perlenhalsband, das ausguckt, als wr's von
Taubeneiern, und es tut ihr leid, da es kein Hundehalsband is, weil
dann die Steuermarke dran baumelte. Und Ohren hat se und ein Gehirn hat
se auch, -- aber die Ohren sind mehr wert, weil da Boutons drin sind.
Und se zhlt zu den Spitzen der Gesellschaft, die so spitzig sind, da
ich lieber nicht damit in Berhrung komm'. -- Ob se mich wohl
hinausschmeien werden?

Aber sie warfen ihn nicht hinaus. Denn die Direktion wute, da sie an
Benno Stehkragen einen pflichtgetreuen Beamten besa, der pnktlich und
gewissenhaft funktionierte und zum Hause gehrte wie die Ventilation
oder die Wasserleitung.

Sie wute, da er in den langen, langen Jahren seiner Anstellung niemals
selbstttig Gehaltsaufbesserung verlangt hatte, da er zu den Beamten
zhlte, die, wenn ihnen der Arzt vierzehn Tage Schonung verordnet hat,
bereits am siebenten Tage wieder im Bureau erscheinen -- aus purer
Angst, es knnte etwa in ihrer Abwesenheit das Tintenfa an einen
anderen Platz gestellt werden oder zu den Mitteilungen an Frulein
Antonie Hochberg ein groer Briefbogen statt des kleinen Memorandums
verwandt werden oder die Welt durch ein hnliches Unglck aus dem
Gleichgewicht kommen.

Wer Benno deshalb fr kleinlich gehalten htte, htte ihm unrecht getan.

Benno war einfach einer jener Pflichtmenschen der alten Schule, die
ihrem Chef jedes Endchen Bindfaden sammeln und einen verlegten Bleistift
lieber aus der eigenen Tasche ersetzen, ehe sie einen neuen fordern.
Pflichtmenschen, die das ganze Jahr ber auf die Firma schimpfen, und
fr die die Firma doch eine Art Heiligtum ist, ohne das sie nicht leben
knnen, und fr das sie Jugend und Arbeitskraft dahingeben.

Eigentlich gab es ja berhaupt zwei Benno Stehkragen.

Der uerliche, krperliche Benno trug einen schbigen, braunen,
karierten Rock -- der innere Benno, die Seele Bennos, trug das
herrlichste Gewand, das es gibt: sie ging splitternackt.

Der krperliche Benno war ein buckliges, bertragenes Brillenmnnchen --
die Seele Bennos war ein Kind, ein harmloses Kind, das sich ber Dinge
wundern konnte, die jedem Erwachsenen selbstverstndlich erschienen, und
andererseits Dinge begriff, fr die die Erwachsenen lngst das
Begriffsvermgen im Lebensgedrnge verloren haben; ein Kind, das lieben
konnte, grenzenlos, unenttuscht, wie es nur Kindern gegeben ist.

Nein, Heldentaten vollbrachte Benno Stehkragen nicht.

Sein Dasein spielte sich in gar engen Grenzen ab, und wenn er an den
billigen Volkstagen den Zoologischen Garten besuchte, dachte er sich
jedesmal: Is nicht das ganze Leben ein Zoologischer Garten? Die Lwen
sind eingesperrt, und die Flh' hpfen frei 'erum.

Und sah er bei der Ftterung der Tiere zu, so lchelte er: Eben kriegen
se ihren Gehalt!

Und er sann weiter: Das Couponbureau ist mein Kfig. Und der Wittmann is
mein Wrter. Wenn ich nur emal das Schildchen an dem Kfig gucken
knnt', wie ich auf lateinisch hei', und ob ich eigentlich 'n Lwe bin
oder 'n Aff'?

Klein, klein war Bennos Kfig.

Aber Benno besa den Schlssel zu einem Luftschlo, schner als alle
Palste dieser Welt, zu einem Schlo, in dessen unermelichen Grten die
Blumen das ganze Jahr blhen, und dieser Schlssel war das goldene
Wrtchen: _Wenn_.

_Wenn_ ich der Kaiser von China wr', dachte Benno Stehkragen und malte
sich aus, was er alsdann tun wrde. Es gibt weder in der Geschichte
Chinas noch in der Geschichte eines anderen Volkes so bermenschliche
Heldentaten, wie sie Benno der Erste, Kaiser von China, vollbrachte.
Sein Volk verhimmelte ihn, und als er starb, gab es in ganz China kein
trockenes Taschentuch. Zehntausend Jungfrauen, gekleidet in weie Seide,
den Meter zu zehn Mark fnfzig, folgten seinem Leichenzug, und sein
Leibelefant legte sich auf sein Grab und nahm keine Nahrung mehr, bis er
verendete. Und der Oberpriester des Konfutse hielt eine Leichenrede,
eine Leichenrede -- geplatzt wr' der Wittmann, wenn er sie gehrt
htt'!

Oder er dachte: _Wenn_ ich jetzt einen Onkel in Amerika htt' -- und er
wr' neunzig Jahre alt -- und er htt' sich zehn Milliarden Dollars
Erspartes von seinem Gehalt zurckgelegt -- und es tt' ihn der Schlag
treffen -- und ich wr' sein Universalerbe -- dann ...

Und Benno baute von den ersparten zehn Milliarden Dollars ein
Luftschlo, gerumiger als smtliche Wolkenkratzer Neuyorks und
Chikagos.

Und in allen Rumlichkeiten wohnten glckliche, zufriedene Menschen, und
der Liftboy htte mit keinem Vanderbilt getauscht.

Denn dies war das bereinstimmende an fast allen Phantasien Bennos: sie
liefen darauf hinaus, die Menschen glcklich zu machen. Sie begannen
schier alle mit dem kleinen Bchlein Benno und mndeten in das groe
Meer Menschheit.

Er schwelgte in einer Utopie von Menschheitsbeglckung.

Aber das goldene Schlsselchen Wenn ffnete ihm nicht nur die Portale
der Zukunft, es erschlo ihm auch die Pforten der Vergangenheit.

Und er trumte: _Wenn_ ich jetzt der Brgermeister von Gomorrha wr' --
und es fing' an, Schwefel zu regnen -- und Pech zu schneien -- und
Phosphor zu hageln -- und ich htt' keinen Regenschirm bei mir -- und
die Feuerwehrspritz' wr' gerad' kaputt -- dann ...

Oder: _Wenn_ ich jetzt der Columbus wr' -- und ich wr auf'm Meer mit
mei'm Dampfschiff fehlgegangen -- und ich km' pltzlich an ein Festland
-- und da tt' ein Wegweiser stehen mit der Aufschrift Amerika -- und
es tt' der Huptling aus'm Kaktusstrauch hervorbrechen -- und tt'
sagen, auf indianerisch: Schlecht sehen Se aus, Herr Columbus --
dann ...

Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft umfaten Bennos Trume.

Im ganzen schnen Frankfurter Palmengarten wachsen keine so herrliche
Blumen, wie sie unter Bennos Wuschelhaar gediehen, und im Musikpavillon
bringt selbst der treffliche Kapellmeister Kmpfert keine so kstlichen
Harmonien hervor, wie sie in Bennos Gedankengngen sproten.

Denn in diesen Trumen sangen die Engel, bliesen die pausbckigen
Posaunenchre des Himmels, und in der Mitte stand Benno Stehkragen als
Musikdirektor, mit einem groen Tintenbleistift als Dirigentenstab, und
nur von Zeit zu Zeit klopfte er ab: 'n Augenblick! Bitte, 'n
Augenblick! Ich mu nur mein' Taktstock neu spitzen!




Ich habe geschildert, was Benno Stehkragen erblickte, wenn er von seinem
Drehstuhl nach rechts, nach links schaute. Aber der Mensch schaut nicht
nur seitwrts, er sieht auch geradeaus, und besonders Benno liebte es,
geradeaus zu blicken. Im Leben allgemein, und von seinem Drehstuhl im
besonderen. Denn ihm gegenber, auf der anderen Seite des Pultes sa
etwas recht Sehenswertes: das blondkpfige Frulein Bhle.

Vor zwei Jahren etwa war Frulein Bhle in die Industriebank
eingetreten, direkt von der Handelsschule. Sie hatte sich in der
Direktion mit einem schmeichelhaften Empfehlungsschreiben, ausgestellt
von einem auswrtigen Geschftsfreunde des Hauses, eingefunden. Aber ein
besseres Empfehlungsschreiben war ihr frisches Wesen, ihre lebhafte
Schlankheit, ihre vergngte Sicherheit in Worten und Auftreten.

Das hbsche Mdchen redete mit dem gestrengen Direktor Hermann in einer
drolligen Natrlichkeit und Ungezwungenheit, als sprche sie mit einem
Gleichgestellten, und nicht mit dem Mann, bei dessen Erscheinen in den
Bureaus auf allen Gesichtern eine Art Leichenstarre eintrat.

Und gerade diese Tapferkeit hatte dem Direktor gefallen.

Sie haben zwar noch nicht praktisch in einem Geschft gearbeitet,
sondern nur die Handelsschule besucht, auf die ich nicht viel Wert lege,
aber wir knnten's ja mal probieren. Meinen Sie nicht, Kollege Birron?

Und der zitterige Direktor Birron, der stets meinte, was Hermann meinte,
nickte mit dem Glatzkopf und sagte: Schon recht.

Er wute gar nicht, um was es sich handelte.

Wieviel Salr beanspruchen Sie? frug Direktor Hermann das Frulein,
das inzwischen die Zimmereinrichtung neugierig betrachtet hatte.

Frulein Bhle war auf diese Frage nicht gefat gewesen, sie hatte
berhaupt nicht geglaubt, so schnell angestellt zu werden.

Aber sie hatte fix berlegt: Achtzig Mark, Herr Direktor!

Hermann lchelte. Sie schtzen sich sehr hoch ein, Frulein! Ich meine,
sechzig Mark gengten fr den Anfang. Denken Sie nicht auch, Kollege
Birron?

Direktor Birron, der gerade angefangen hatte, Briefe zu unterschreiben,
hob zerstreut den Kopf und murmelte: Was stren Se mich fortwhrend? Es
wird schon recht sein!

Nun, Frulein? frug Hermann.

Martha Bhle zuckte schnippisch die Achseln. Fr siebzig Mark bleibe
ich.

Direktor Hermann lachte amsiert. Wenn ich Sie Ihrem Mundwerk nach
bezahlen mte, wren Sie unbezahlbar. Also meinetwegen siebzig. Und
wann knnen Sie eintreten?

Sofort, antwortete Martha schnell.

Also nchsten Montag! verbesserte der Direktor sie. Und pltzlich
wieder streng geschftlich werdend, sagte er khl: Sie werden den
Kontrakt schriftlich erhalten. Geben Sie Ihre Adresse unten in der
Korrespondenz an! Zimmer neunzehn! Da Damen nicht in die
Pensionsanstalt der Bank aufgenommen werden, drfte Ihnen bekannt sein.
Melden Sie sich Montag frh acht Uhr im Wechselbureau!

Damit war sie entlassen.

Adj, Herr Direktor, sagte sie. Und zu Direktor Birron gewendet,
nochmals: Adj!

Birron murmelte, ohne von seiner Beschftigung aufzublicken: Es wird
schon recht sein, Herr Kollege! Meinetwegen!

Als Martha die Treppe hinunterging, begegnete ihr Wittmann. Er wollte
gerade ins Effektenbureau hinber. Man hatte ihm von dort einen
verkehrten Coupon geschickt, da gab es etwas zu schimpfen, und das
besorgte er gern selbst.

Bitte sehr, sagte er galant, nachdem er beim Anblick Marthas die Weste
selbstgefllig zurechtgezupft hatte, und schmiegte sich schmal an die
Wand, um sie bequemer vorbeigehen zu lassen.

Sie nickte ihm flchtig Dank und ging weiter.

Donnerkiel! schmunzelte Wittmann, ihr nachblickend. Die Figur is
nicht von schlechten Eltern! Wer mag denn das gewesen sein?

Er eilte nach dem Effektenbureau, blieb aber unterwegs stehen, machte
kehrt und lief nach der Portierloge.

Sie, Binder, frug er den Portier, was war denn das fr eine, die da
eben 'raus ging? Die Blonde, Schlanke?

Der Portier legte die Zeitung weg und erwiderte uninteressiert: Ich
waa net! Beim Alte war se! Drowwe in der Direxio'!

Wittmann grinste. Direktor Hermann hat kein schlechtes Geschmckchen!

Er blickte den Portier, weitere Auskunft erwartend, an. Allein der alte
Binder hatte keine Lust zu zweideutigen Gesprchen.

berdies konnte er Wittmann nicht leiden, ber dessen herrisches
Auftreten er manches Unliebsame gehrt hatte. Von seinem Sohn, der im
Kontokorrent beschftigt war. Er begngte sich daher, mibilligend zu
bemerken: Herr Wittmann, Se knne aach net alles verantworte, was Se de
Dag iwwer zesammeschwtze!

Und da gerade das Haustelephon klingelte, wandte er sich der
Umschalttafel mit den Dutzenden von Stechkontakten zu, um die
gewnschte Verbindung herzustellen.

Am Montag frh stellte sich Martha pnktlich in der Industriebank ein.

Sie trug ein einfaches Kleid, schwarzen Rock, helle, schmucklose Bluse.
Ihr reiches blondes Haar lag, in Zpfe gebndigt, wie ein groes
goldenes Schneckenhaus auf dem Hinterkopf, bildete vorne einen koketten
Scheitel, aus dem eine vorwitzige Locke ber die Stirne schaute, als
suche sie ehrbare Annherung an die lustigen Augen.

Guten Morgen, begrte sie den Portier.

Gu'n Morsche! sagte Binder. Sein Sie des neue Frulein?

Tjawoll! Martha Bhle!

War'n Se schon in annerne Geschfter, odder is des Ihr erste Schdell?
lie sich Binder in ein Gesprch ein. Und das war eine groe
Gunstbezeigung.

Das ist mein Debt, antwortete Martha amsiert.

No, da sin Se ja gleich in de richtige Affe'stall komme! Se wer'n Aage
mache! Also gehn Se enuff in de erste Stock, Zimmer dreiunzwanzig! Un
viel Glck!

Binder hatte schon eine groe Arbeit hinter sich: das Sortieren der
eingetroffenen Post. Natrlich durfte er die Briefe nicht ffnen, aber
er hatte die Privatbriefe an das Personal herauszusuchen, die er dann
den Empfngern beim Passieren der Portierloge berreichte.

Es gab da Privatbriefe jeden Formats, auch parfmierte kleine Briefchen,
deren Inhalt leicht erratbar war, Ansichtskarten mit verliebten Bildern
und -- wie sich Binder beim Lesen berzeugte -- ebenso verliebten
Mitteilungen, Kuverts mit Firmenaufdruck, die auf unbezahlte Rechnungen
schlieen lieen -- o, Binder war eine Art Vertrauensperson fr alle
Angestellten. Mancher kleine Roman hatte sich vor seinen Augen
abgespielt, manche Katastrophe hatte er ahnend miterlebt.

Da war zum Beispiel der schne Adolf vom zweiten Kassenschalter
gewesen, der eine Zeitlang jeden Morgen ein blaues und ein rotes
Brieflein -- mit ere Kron' druff -- bekommen hatte. Bis eines Tags die
roten Brieflein ausblieben und sich statt dessen in lngeren
Zwischenpausen Kuverts mit dem Aufdruck Kgl. Amtsgericht einstellten.
Damals hatte der schne Adolf den alten Binder instruiert: Wenn mich
eine Dame am Telephon verlangt, sagen Sie, ich bin in Urlaub. Und dann
war eine dicke, keineswegs hbsche Madam' in der Industriebank
erschienen und hatte in der Schalterhalle einen derartigen Lrm
geschlagen, da das ganze Haus alarmiert wurde. Und der schne Adolf
wurde in die Direktion gerufen und ging nun _wirklich_ in Urlaub, aber
gleich fr immer.

Der alte Binder, der seine Portierloge durch das Haustelephon mit dem
Privatzimmer der Direktoren verbunden hatte, hatte deutlich den Direktor
Hermann sagen hren: Nur aus Rcksicht auf Ihre arme Frau und Ihre
bedauernswerten Kinder sehen wir von einer Anzeige bei der
Staatsanwaltschaft ab!

Eine Viertelstunde spter war der schne Adolf an der Portierloge
vorbeigekommen, sorglos sein Spazierstckchen schwingend, und hatte
gerufen: Adi, Binder! Ich hab' gekndigt!

Und der alte, erfahrene Torhter hatte gedacht: So e Lump! So e ganz
gemei' Dreckviech! Pfui Deiwel!

Aber als ihn am nchsten Tag die neugierigen Beamten frugen, was denn
eigentlich mit dem schnen Adolf sei, und was das fr eine
geruschvolle Dame gewesen sei, antwortete er nur: Waa ich's?
Gekindigt hat er halt!

Martha ging in das Wechselbureau und stellte sich dem Bureauchef
Rittershaus vor. Das war ein verrunzelter, kncherner Zahlenmensch, der
sich langsam auf diesen Posten emporgearbeitet hatte, und dem im Laufe
der Dienstjahre das bichen Verstand und Daseinsinteresse eingetrocknet
waren.

Die eigentliche Herrschaft im Wechselbureau fhrte denn auch nicht er,
sondern der dicke Rehle, der Inhaber des Schalterplatzes. Ein
gemtlicher Epikureer, beliebt im ganzen Hause ob seiner ewig guten
Laune.

Drei Leidenschaften besa Rehle: gut essen, gut trinken und gut
schnupfen. Und wegen dieser dritten Leidenschaft fhrte er seit nun bald
dreiig Jahren mit seiner lieben Alten, die die verschnupften
Taschentcher waschen mute, einen humorreichen huslichen Krieg.

Gndig und kalauergesegnet fhrte Rehle sein Zepter, ein kleiner
Schlaraffenknig. Mit den Damen des Hauses stand er auf einem
gemtlichen Papafu und durfte sich manchen Scherz erlauben, den sie
sich von anderer Seite ernstlich verbeten htten. Nur wenn er,
unbekmmert um die anwesende Weiblichkeit, gar zu derbfrankfurterische
Stammtischwitze zum besten gab, entstand ein kleiner Aufruhr, so da
sich der Bureauchef Rittershaus auf seine Amtswrde besann und in den
Raum krhte:

Ruhe!! Whrend der Arbeit darf nicht geschwtzt werden!

Worauf Rehle regelmig mit lauter Stimme zu rezitieren anhub: Und es
entstand eine groe Stille im ganzen Lande, und jegliches Volk lauschte
den Worten des erhabenen Knigs!

Dann warf ihm Rittershaus einen bsartigen Blick zu. Aber er sagte
nichts, denn Rehle hatte ebensoviele Dienstjahre auf dem Rcken wie er
selbst und war oben gut angeschrieben.

Natrlich wute der dicke Rehle ebensogut wie der alte Binder, da ein
neues Frulein engagiert war, und er wute auch bereits, da sie eine
appetitliche Blondine sei.

Aber so hbsch hatte er sie sich nicht vorgestellt.

Er bemerkte daher bei Marthas Eintritt beifllig: Da hawwe se endlich
emal in der Direxio' en gescheite Gedanke gehabbt, da se so ebbes
Hibsches angaschiert hawwe!

Oho! protestierten die anderen Beamtinnen, sind wir vielleicht
_nicht_ hbsch?

Ruhe im Schdaate Dennemark, begtigte Rehle die Wortfhrerin. Du
waat doch, ich habb' derr ewige Treu geschworn, von morjens Acht bis
abends Sechse mit zwei Schdund Mittagspaus'!

Er duzte grundstzlich jedermann.

Martha wunderte sich keineswegs ber den Ton, der im Wechselbureau
herrschte. Sie fand sich mit ihrem unbefangenen Sanguinismus in alle
Lebensverhltnisse, griff berall gleich den rechten Ton.

Wo hatte das junge Mdel nur diese Gewandtheit, diese instinktive
Menschenkenntnis her?

Nachdem sie ihren nheren Arbeitsgenossen vorgestellt worden war, begann
unter der Fhrung Rittershausens ein Rundgang durch smtliche Bureaus,
bis dicht unter das Dach, wo die Buchhalter der Revisionsabteilung
saen, deren Arbeitszimmer mehr einer Frhstcksstube glich als einem
Bureau. Denn dort oben hinauf verirrte sich selten ein Aufsichtsorgan.

Hunderte von Namen glitten an Marthas Ohr vorber, hundert Male nickte
sie freundlich mit dem Kopf oder gab ein paar gleichgltige Antworten
auf gleichgltige Fragen.

Und immerfort krhte Rittershausens monotone Stimme:

Frulein Bhle, unsere neue Kollegin -- Herr Soundso! Frulein Bhle,
unsere neue Kollegin -- Frulein Soundso!...

In etlichen Bureaus wurden von den Herren renommierend die
Sonntagserlebnisse erzhlt, in anderen gab es schon am frhen Morgen
Streit um nichtige Angelegenheiten. In jenen Rumen, die unmittelbar mit
dem Posteinlauf zu tun hatten, herrschte schon rege Betriebsamkeit.

Frulein Bhle, unsere neue Kollegin -- Herr Soundso! Herrgott, nahm
das denn gar kein Ende! Von Tr zu Tr ging es, treppauf, treppab. Auf
den Stufen gingen zuweilen Beamtinnen an ihnen vorber, die Briefe oder
Notizzettel in andere Bureaus trugen. Es war eine stillschweigende
bereinkunft zwischen dem mnnlichen Personal, da alle untergeordneten
Arbeiten, die in anderen Betrieben von den Lehrlingen verrichtet zu
werden pflegen, den Damen aufgehalst wurden.

Da Martha hbsch und offenen Blickes war, schwirrten bald galante, bald
neidisch-hmische Glossen hinter ihr her.

Alle Hochachtung, 'n niedliches Tierchen!

Scheint auch mehr Prinzessin als Arbeitskraft zu sein!

Fesch, tipp-topper Kerl!

Fr 'ne Neue drfte sie sich schon ein bichen weniger selbstbewut
auffhren!

Frulein Bhle, unsere neue Kollegin -- Herr Wittmann!

Wittmann machte eine leichte Verbeugung. Wir haben uns schon vorige
Woche auf der Galatreppe gesehen, wenn ich nicht irre? Ich hielt Sie
allerdings damals fr 'ne Grfin oder so was! Weil Sie so wrdevoll an
mir vorbeirauschten! Na, auf gute Kollegenschaft!

Es sollte kameradschaftlich klingen, aber Martha hrte die unleugbare
Arroganz heraus und ergriff nur zgernd die dargebotene Hand.

Schade, da Sie nicht in _meinem_ Bureau sind! flsterte Wittmann
dabei.

Und weiter ging's, von Pult zu Pult.

Frulein Bhle, unsere neue Kollegin -- Herr Benno Stehkragen!

Martha lchelte, und Benno fhlte, da dieses Lcheln seinem kuriosen
Namen galt.

Ich _heie_ Stehkragen, sagte Benno, und ich _bin_ e Stehkragen. Ein
Stehkragen, der in dieser schmutzigen Welt manchen Dreckfleck bekommen
hat. Aber wenn ich emal tot bin -- und ich komm in den Himmel -- zu den
Engeln und dem anderen Geflgel -- dann wird der Stehkragen gewaschen,
in purem Wolkenwasser -- und geplttet und gestrkt -- und vielleicht
setzt der liebe Gott mich als Sternbild an den Himmel -- und die
Astronomen melden: Ein neues Sternbild entdeckt -- in Form eines
Stehkragens! Aber irgendwo is _doch_ e winziges Schmutzfleckchen
stehengeblieben -- vielleicht taugt die himmlische Soda gradsowenig wie
die irdische -- und e junger Gelehrter guckt das Fleckchen durch sein
Fernrohr -- und hlt's fr en Kanal oder 'n erloschenen Krater -- und
schreibt en Buch drber -- und wird dafr Professor der Astronomie! Und
so is der bucklige Benno Stehkragen _doch_ zu ebbes gut gewesen auf der
Welt!

Er schwieg.

So eine lange Rede hatte der schweigsame Benno Stehkragen noch nie
gehalten.

Die Kollegen schauten verwundert auf, Wittmann grinste geringschtzig,
und Martha blickte den sonderbaren Sprecher gro an.

Ich habe keineswegs ber Ihren Namen gelchelt, sprach sie und log
gutmtig, wirklich nicht!

Aber Benno hatte sich schon wieder ber seine Arbeit gebeugt und hrte
gar nicht mehr hin. Er bereute auch schon, so viel gesprochen zu haben.
Unerklrliches hatte ihn dazu gezwungen. Er wollte in den Augen dieses
Mdchens nicht lcherlich erscheinen und hatte nun das bittere Gefhl,
sich doppelt lcherlich gemacht zu haben.

Sicherlich hat se kein Wort von dem verstanden, was ich ausdrcken
wollt', dachte er.

Aber eine heimliche Stimme sagte ihm: Se hat's _doch_ verstanden. Sie is
so schn und se _mu_ ein gutes Gemt haben!

Nachdem sie in das Wechselbureau zurckgekehrt waren, teilte Rittershaus
Martha ihre Arbeit zu. Sie hatte die einlaufenden Wechsel in ein groes
Buch einzutragen und mit dem Gummistempel Industriebank zu versehen,
in dessen Mitte die laufende Nummer des Wechselbuchs zu schreiben war.

Dabei mute sie prfen, ob die Wechsel richtig ausgestellt waren, ob sie
die vorgeschriebene Stempelmarke trugen, und ob die Girierungen
stimmten.

Ferner hatte sie das Kopierbuch zu registrieren, die Kopien der am
vorigen Tage abgegangenen Fakturen nachzurechnen.

Zur bung! hatte Rittershaus gesagt.

Damit de die Schlafkrankheit kriehst! hatte der dicke Rehle sie
belehrt.

Zwischendurch gab es kleine Gnge in die anderen Bureaus, Anfragen,
Antworten, Schriftstcke zu holen und zu bringen.

Um elf Uhr verlie Rittershaus das Bureau, um an die Brse zu gehen, und
das war das Zeichen, die Arbeit einzustellen und eine allgemeine
Plauderstunde zu erffnen, bei der der dicke Rehle das groe Wort
fhrte.

No, was gibbt's dann Neues, Scheckel? wandte er sich an die
zunchstsitzende Beamtin. Wo hat er dich denn gestern awend
hiegefiehrt? Is er brav gewese, odder hat er widder zu viel nach de
annern Mdercher geguckt?

Rehle hatte fr jede Beamtin einen Spitznamen erfunden, dessen nur er
sich bedienen durfte.

Da war die Scheckel (so haat nemlich unser ahl' Katz!), da war das
Frulein Hipperich, das nach seiner Erluterung Quecksilwer im Leib
hat, awwer 's Wetter net aazeigt, und die Madamm' Ungndig, eine
kleine schwarze Hexe, die einmal dem guten Papa Rehle einen scherzhaft
gemeinten, aber unvermutet krftig ausgefallenen Backenstreich versetzt
hatte, so da sie selbst ganz erschrocken war.

Und bald hatte auch Martha ihren Spitznamen: die Prinzessin von
Kopierbuchshausen.

Merkwrdig: Wittmann hatte sie Grfin tituliert, Rehle erhob sie gar zur
Prinzessin.

Und doch war es nur ihre lachende Jugend, die sie mit einem Glanz von
Hoheit umgab und jeden fr sie einnahm, der mit ihr sprach, vom
gestrengen Direktor Hermann bis hinab zum alten unbestechlichen Binder
und dem stets bersehenen Benno Stehkragen.

Nachmittags erwartete Martha die gleiche eintnige Arbeit. Erst als
Rittershaus bemerkt hatte, da sie eine flotte, gutleserliche
Handschrift hatte, lie er sie gelegentlich auch Fakturen schreiben.
Aber das war nicht viel interessanter.

Martha war beliebt bei den Kollegen. Das hinderte jedoch keineswegs, da
sich alsbald der Bankklatsch mit ihrer Person und ihren
Privatangelegenheiten beschftigte.

Denn der Klatsch ist eine Giftpflanze, die in jedem Klima und auf jedem
Boden gedeiht.

Man hatte herausgebracht, da sie die Tochter solider Kleinkaufleute aus
Hannover war.

Weshalb bettigte sie sich nicht im Geschft ihrer Eltern? Weshalb ging
sie unter fremde Leute, in eine fremde Stadt? Da mute etwas
dahinterstecken.

Und bald lste sich der Klatsch auf seine Art das Rtsel. Natrlich war
es ein _weibliches_ Gehirn, dem die Fabel entstammte, die allgemeinen
Glauben fand: Martha hatte ein uneheliches Kind und sich deshalb mit
ihrer Familie berworfen.

Bis diese Neuigkeit aus den Parterrerumlichkeiten hinauf in das
Dachgescho gestiegen war, hatte sich die Fabel bereits zu einem Roman
ausgewachsen: Das Kind, ein Junge, stammte von einem Grafen, und das
dumme Ding hatte sich eingebildet, der Graf wrde sie heiraten.

Andere wuten es wieder besser: Das Kind, ein Mdchen, stammte von einem
Metzgermeister, aber der konnte sie nicht heiraten, denn er war bereits
verheiratet und hatte vierzehn Kinder.

Schlielich behauptete sich siegreich die Wendung: Es waren berhaupt
Zwillinge, und der eine war kurz nach der Geburt gestorben.

Die Vaterschaft wechselte, das Kind blieb.

Auch zu Benno Stehkragen war diese Verleumdung gedrungen. Wisse Se 's
schonn: die Bhle hat e ledig Kind?

Von mir aus, hatte Benno achselzuckend erwidert.

Und hatte sich heimlich gedacht: E Glck, da ich kein Weib bin! Mir
tten se e ganzes Suglingsheim andichten!

Damit war die Angelegenheit uerlich fr ihn erledigt.

Innerlich freilich beschftigte sie ihn noch lange. Wre es mglich, da
ein so lachendes Geschpf, dem der Frohsinn jauchzend von den Lippen
sprang, so Schweres erlebt htte?

Denn eine Entbindung, das mute etwas ganz Schreckliches sein. Benno war
wirklich froh, da er kein Weib war.

Und von dem Geliebten verlassen werden -- -- nein, sagte sich Benno, wem
so was passiert, der kann sein ganzes Leben nicht mehr lachen.

Und gar aus der Familie ausgestoen zu sein -- das war fr seinen in
jdischen Traditionen erzogenen Sinn der schrecklichste der Schrecken,
ein Unglck, dem kein zweites glich.

Nein, nein, das alles war gemeiner Klatsch, Neid, Bosheit! Pfui ber die
schlechten Menschen!

Und doch: Es kamen im Leben so seltsame Sachen vor, Dinge, die man sich
gar nicht erklren konnte, und die dennoch Wirklichkeit waren ... Ach,
wenn man ihm die dumme Geschichte doch gar nicht erzhlt htte!

Als Benno Stehkragen sich dermaen den Wuschelkopf zerbrach, war Martha
bereits nicht mehr im Wechselbureau beschftigt.

Es war zwischen ihr und Rittershaus zu einem Krach gekommen. Rittershaus
hatte sie, die er ihrer Lebhaftigkeit wegen nicht leiden konnte,
angeschrien, Martha hatte ihm eine zwar zutreffende, aber reichlich
kecke Antwort gegeben, und das Ende vom Lied war, da Rittershaus, vor
Wut an allen Gliedern zitternd, in die Direktion lief, um die Entlassung
dieser Person zu verlangen.

Des hast de gut gemacht! ermunterte Rehle, indessen Martha die Trnen
in den Augen standen. Endlich hat er's doch emol zu heern krieht, was
er for e Dreckspatz is!

Und zu den brigen Beamtinnen gewandt: Nemmt euch e Beispiel draa! Aach
du, Madamm Ungndig! Des is gescheiter, als ehrwerdige Familjevtter uff
de Backe zu haage!

Fnf Minuten spter sa Rittershaus triumphierend wieder auf seinem
Platz, und Martha wurde in die Direktion befohlen.

Direktor Hermann empfing sie sehr ungndig.

Wie knnen Sie sich unterstehen, einem alten verdienten Beamten eine
solche Antwort zu geben! Sie sind wohl nicht recht bei Troste?

Martha blickte ihm gerade ins Gesicht. Ihre Trnen waren versiegt. Sie
war vllig mit sich im reinen und sagte mit ruhiger Stimme, mehr um den
Fall aufzuklren als zu ihrer Verteidigung: Er hat mich in einem Ton
angeschrien, den ich nicht gewhnt bin! So schreit man keine Dame an!

Wir _haben_ hier keine Damen, sondern nur Beamtinnen! erklrte Hermann
schroff. Merken Sie sich das geflligst! Sie werden Herrn Rittershaus
um Entschuldigung bitten.

Nein! rief Martha lebhaft, das werde ich _nicht_ tun!

Der Direktor zerbi seinen Schnurrbart. Es war schwer zu entscheiden,
geschah es, um seinen rger oder um eine aufkeimende Vergngtheit zu
verbergen? Er erhob sich jh und kreuzte in langsamen Schritten das
Zimmer.

Wir pflegen Disziplinlosigkeit unbarmherzig mit Entlassung zu
beantworten, sprach er heftig. Unbarmherzig! Verstehen Sie, Frulein
Bhle? Unter keinen Umstnden lassen wir so was einreien! Unter keinen
Umstnden!

Er wandte sich nach Martha und schien eine Einwendung zu erwarten.

Martha stand mit trotzig aufgeworfenen Lippen da. Ihre Augen funkelten,
aber sie antwortete nichts.

Hermann setzte seine Wanderung durch das Zimmer fort, blieb am Fenster
stehen, schob die Gardine zurck, sah auf die Strae hinunter und sagte
nach einer Weile, mehr zur Fensterscheibe als zu Martha: Aber diesmal
wollen wir in Anbetracht Ihrer Unerfahrenheit eine Ausnahme machen. Aber
nur dieses eine Mal!

Und pltzlich drehte er sich um, ging auf Martha zu und sprach mit
beinahe vterlichem Wohlwollen: Sie mssen sich nicht gleich so
aufregen, Kindchen! Meinungsverschiedenheiten gibt es berall auf der
Welt! Auch hier in der Bank! Ausgenommen natrlich in der Direktion!

Dabei streifte sein Blick mit leisem Lcheln die Glatze des Direktors
Birron, der in das Kursblatt vertieft dasa und berhaupt keine Notiz
davon genommen hatte, da jemand in das Zimmer getreten war.

Als Martha immer noch nichts entgegnete, nahm er unvermittelt wieder
seinen schneidenden Geschftston an: Sie werden von heute mittag ab im
_Couponbureau_ arbeiten! Melden Sie sich bei Herrn Wittmann! Und jetzt
gehen Sie sofort nach Hause!

Er setzte sich grulos wieder an seinen Schreibtisch.

Doch als die Tr ins Schlo gefallen war, blickte er nochmals auf und
schmunzelte: Ein famoser Racker! Meinen Sie nicht auch, Kollege
Birron?

Es wird schon recht sein! brummelte es hinber. Ganz wie Sie wollen,
Herr Kollege!

Martha holte ihr Jackett und ging nach Hause.

No? frug der alte Binder. No, Frulein Bhle? So frieh schon haam?
Hat's was gewwe?

Und nachdem er ohne Erregung Auskunft erhalten hatte, meinte er: Des
htt' ich Ihne im voraus sage knne! E Mdche wie Ihne lt merr net so
mir nix, dir nix fort! Also zum Wittmann komme Se? Schad'! Des dhut merr
laad! Nemme Se Ihne in acht vor dem! Des is e Heimticker! Unner uns
Parrersdchter gesacht!




Na, sehen Se, begrte Wittmann am Mittag Frulein Bhle. Na, sehen
Se: Schne Seelen finden sich zu Wasser und zu Lande! Die Gtter haben
mein Flehen erhrt.

Ganz wie damals, als Rittershaus vorgestellt hatte: Frulein Bhle,
unsere neue Kollegin -- Herr Wittmann, machte er eine leichte
Verbeugung und streckte ihr die Hand hin:

Auf gute Kollegenschaft, Frulein!

Und diesmal ergriff Martha herzhaft die dargebotene Hand und lchelte:

Auf gute Kollegenschaft!

Sie hatte in der Zwischenzeit manches gelernt und fhlte aus dem Ton
salopper Vertraulichkeit, den sich die meisten Beamten im Verkehr mit
den weiblichen Angestellten erlaubten, kaum mehr die Ungezogenheit
heraus.

Wittmann sah sich im Bureau um. Wohin plazieren wir Sie denn? Dahinten,
gegenber von Herrn Stehkragen, is noch 'n Sitz frei. Also nehmen Se
Platz, und schmcken Se unser Heim!

Und so kam es, da Benno Stehkragen, wenn er von seinem Drehstuhl nicht
nach rechts, nicht nach links, sondern geradeaus schaute, das hchst
sehenswerte Frulein Bhle erblickte.

Und er guckte jetzt fter von seiner Arbeit auf, als es sonst seine
Gewohnheit gewesen war, und seine beweglichen dunklen Augen nahmen dabei
einen ruhigen, beschaulichen Blick an.

Etwa so, als betrachte ein Kunstfreund aufmerksam ein seltenes
Meisterwerk, das immer neue Wunder offenbarte.

Das erstemal am Tag schaute Benno Stehkragen des Morgens, wenige Minuten
nach acht Uhr, empor, wenn Martha sich niedersetzte.

Guten Morgen, Herr Stehkragen! sagte sie dann, indem sie die
Schreibrmel berstlpte.

Guten Morgen, Frulein Tulpe! erwiderte Benno und erntete ein
freundliches Lcheln.

Er begrte sie jeden Vormittag mit einem anderen Blumennamen, und ihm
schien an jedem Tag, da just der heute gewhlte Name am besten fr sie
passe.

Das zweitemal hoben sich seine altmodischen Brillenglser gegen zehn
Uhr, und dann sahen Bennos Augen zwei stattliche Schinkenbrote hinter
Marthas kerngesunden Zhnen verschwinden.

Sein Blick frug ermunternd: Schmeckt's?, und ein Gegenblick antwortete
vergngt: Danke, ausgezeichnet!

Und einmal phantasierte Benno vor sich hin: _Wenn_ ich jetzt das Schwein
wr', von dem der Schinken abstammt -- und ich wr' gemstet -- und ich
tt' drei Zentner wiegen, Gott beht' -- und es km' der Metzger -- und
tt' sagen: Benno Schwein, tt' er sagen -- du mut jetzt sterben! --
Denn da ist ein reizender Gaumen -- ein Gaumen von einer Knigin -- und
die Knigin mu notwendig zwei Schinkenbrote essen -- sonst kann se kein
Kopierbuch registrieren -- dann ...

Er brach die Phantasie jh ab, denn der Gedanke, ein Schwein, ein
verbotenes, unreines Tier zu sein, war seinem strengglubigen Gemt
doch zu schreckhaft.

Das drittemal guckte Benno Stehkragen geradeaus um dreiviertel zwlf
Uhr.

Da fingen im Bureau die Vorbereitungen zur Mittagspause an. Die
Federhalter wurden beiseite gelegt, Formulare in die Fcher eingeordnet,
Schubladen, Schrnke verschlossen, Hnde gewaschen und gemchlich die
Arbeitsjoppen mit den Straenrcken vertauscht.

Es is noch nicht Zwlf, meine Herrschaften! rief Wittmann tglich
gereizt.

Und erhielt tglich prompt die Antwort: Ihne Ihr Uhr geht nach! Uff
_maaner_ is es schon drei Minute driwwer!

Benno beobachtete, wie Martha die Schreibrmel herunterzog, sie glatt
strich und in der Pultschublade verwahrte.

Von Samt und Seide sollten se sein, dachte er, und nicht von schundigem
Leinen! -- Und lauter rote Herzchen sollten drauf gestickt sein! -- Und
ganz oben das oberste Herzchen, wo die Sicherheitsnadel durchgeht, wenn
se sich die Schreibrmel feststeckt -- das wr' dem Benno Stehkragen
sein Herz -- und tt' jeden Morgen und jeden Nachmittag sagen: Autsch,
Se tun merr weh, Frulein Reseda! -- Und es tt' ein kleiner
Blutstropfen herausquellen und den Schreibrmel hinunterlaufen -- wo
jetzt die schwarzen Tintenklexe hinunterlaufen -- bis zuletzt der ganze
Schreibrmel rot wr'! -- Und dann tt' se ihn wegwerfen und dem
buckligen Benno Stehkragen sein Herz dazu ...

Mahlzeit, Herr Stehkragen! sagte Martha und wandte sich zum Gehen.

Mahlzeit! sagte Benno und machte sich langsam fertig.

Am Portal der Bank aber holte er sie wieder ein und lief neben ihr her,
die Kaiserstrae hinunter, vom Bahnhofsplatz bis zum Uhrtrmchen, ohne
ein Wort zu sprechen.

Wie ein Hndchen lief er neben ihr her. Und seine Gedanken liefen dabei
die konfusesten Pfade, die alle von dem Wegweiser _Wenn_ abzweigten.

Diese Begleitung war Martha etwas lstig.

Aber sie wollte den spahaften Bureaugenossen nicht krnken, und so
lie sie ihn gewhren. Bis zum Uhrtrmchen. Dort nickte sie ihm zu,
sagte Adj! und stieg in die Elektrische.

Benno bog in die Promenade ein, ging durch die Groe Gallusgasse, ber
den Romarkt, nach dem koscheren Restaurant, in dem er seit Jahren zu
Mittag speiste.

Und Marthas Adj begleitete ihn auf seinem Weg und leuchtete ihm
voraus wie der Stern den heiligen drei Knigen.

Dieses Adj schwamm als Markklchen in der Suppe, kicherte ihn an aus
den Preielbeeren und lachte ihm als Rosine aus dem Schalet entgegen.

Und die kleinen Blschen, die im Selterswasser aufstiegen, das waren
lauter kleine, goldhelle Adjs, und die Serviette, mit der er sich zum
Schlu den Mund abwischte, das war einer von ihren Schreibrmeln, und
der Mundwischer war ein scheuer, andchtiger Ku.

Benno Stehkragen erwachte erst erschrocken aus seinen Trumen, wenn der
Oberkellner, der stoppelbrtige Josef, der ebenso zum Inventar des
koscheren Restaurants gehrte wie Benno zum Inventar der Industriebank,
unaufgefordert an seinen Tisch trat und diskret frug: Hawwe Se net
gerufe, Herr Stehkrage'? Unn ich wollt' Ihne aach sage, Ihne Ihr
Abonnementskaart is abgelaafe! Ich habb' Ihne gleich e neu'
ausgestellt!

Er berreichte auch sofort die neue Abonnementskarte, indem er dabei mit
der Serviette wedelte wie eine fliegengeplagte Kuh mit dem Schwanz und
wute: Jetzt gab es eine Mark Trinkgeld.

Das war die seit vielen Jahren zwischen ihm und diesem Stammgast bliche
Taxe, die als Trinkgeld ausreichte fr die zwlf Mahlzeiten, ber die
die Karte lautete.

Htte ihm Benno einmal versehentlich nur neunzig Pfennig gegeben, so
wrde der stoppelbrtige Josef mit ruhigem Gewissen gesagt haben: Se
hawwe Ihne geerrt, Herr Stehkrage'!

Und htte ihm Benno _mehr_ gegeben, so wrde er den Betrag zwar
eingesteckt, aber dabei sich gedacht haben: Er is meschugge wor'n! No
ja, _halb_ war er's schonn immer!

Zum vierten Male sah Benno nach Martha mittags um ein Viertel ber Zwei.

Dann erst traf sie im Bureau ein, wie es denn berhaupt die Angestellten
nachmittags mit der Pnktlichkeit nicht allzu genau nahmen.

Denn um zwei Uhr waren die meisten Bureauchefs und Prokuristen, die die
Brse besuchten, noch beim Mittagessen. Die Junggesellen unter ihnen
leisteten sich sogar noch ein Verdauungsviertelstndchen im Kaffeehaus.

Die Nachmittagsunpnktlichkeit und die darauffolgende halbe Stunde sen
Nichtstuns, das sich freilich unter dem Schein eifrigster Arbeit
verbarg, war brigens den Beamten wohl zu gnnen. Denn gegen dreiviertel
drei Uhr trafen die Ausgeher mit den Auftragsbchern, Notizheften,
Telegrammen von der Brse ein und brachten eine Unmenge Arbeitsstoff,
der unter allen Umstnden bis sechs Uhr abends bewltigt sein mute.

Von Bureau zu Bureau wanderten diese Auftragsbcher und Notizhefte --
jedes wollte sie zuerst haben -- jedes fand, da man sie in den anderen
Bureaus ber Gebhr lang zurckhielt. Streit und Schimpfen begannen als
wrdige Einleitung zu der Arbeitshetze, die nun alltglich einsetzte.

Da gab es Ste von Fakturen auszuschreiben, zu berechnen,
nachzurechnen, Wertpapiere aus den Schrnken und Gewlben zu entnehmen,
vielseitige Nummerverzeichnisse anzufertigen, Couponbogen und Coupons
auf ihre Richtigkeit zu prfen, Wechsel zu girieren, endlose Eintrge in
dicke Bcher vorzunehmen, Briefe, Briefe, Briefe zu schreiben.

Da gab es Dutzende von Unklarheiten, Miverstndnissen, Fehlern, ewig
wiederkehrenden Dummheiten.

Telephone und Haustelephone luteten ununterbrochen, gellende
Klingelzeichen riefen Angestellte in die Direktion und zu den
Prokuristen, Tren wurden heftig zugeschlagen.

Jedermann befand sich in gereizter, berhitzter, aggressiver Stimmung,
die sich bei der geringsten Kleinigkeit in Grobheiten und Wutausbrchen
entlud.

Zum Donnerwetter, was legen Sie da fr einen Wisch auf meinen Platz?

Das ist nicht _meine_ Arbeit! Das geht mich gar nichts an!

Fragen Sie nicht so albern! Woher soll _ich_ das wissen?

Es gibt doch nichts Dmmeres auf der Welt als ein Weib! Wenn wir nur
keine Weiber mehr im Geschft htten!

Sie sehen doch, da ich jetzt keine Zeit hab'! Scheren Sie sich zum
Kuckuck!

Ach was, beschweren Sie sich bei der Direktion, wenn's Ihnen nicht
pat!

Mitunter wurden sogar Ohrfeigen angeboten, und manchmal kam es um ein
Haar zu Ttlichkeiten.

Nur _ein_ Beamter lie sich nicht aus der Ruhe bringen, das war der
dicke Rehle. Rauchend und schnupfend behauptete er seinen Schalterplatz
im Wechselbureau, mit unerschtterlichem Humor gefeit gegen alle
Anstrme.

Frulein Scheckel, komm emal 'ebei! Schleich dich emal zu merr, mei
Herzche! Was hast de dann da widder for'n Stiwwel zesammegerechent?

Und nachdem das Frulein Scheckel zerknirscht seinen Fehler eingesehen
hatte:

Da hast de mei Radiermesser! Geh hin unn besser' dich! Sonst kriehst de
dei Lebdag kaan Mann unn sterbst als ahl Jungfer, mit eme Mops unn
zwaaundreiig falsche Zhn'!

Es wre freilich praktischer gewesen, das Frulein htte _gleich_ ein
Loch in die falsche Nota radiert. Denn die Rasur entging nicht dem
geschrften Auge Rittershausens, dem alle Schriftstcke, ehe sie das
Bureau verlieen, vorgelegt werden muten.

Und alsbald krhte seine langweilige Stimme: Radierte Notas dulde ich
nicht! Frulein Br, schreiben Sie die Nota ab!

Vorsichtshalber zerri er sie gleich in zwei Hlften.

Schreib' die Nota ab, echote der dicke Rehle. Merr hawwe ja Zeit! Es
is noch lang bis Mitternacht! -- --

Guten Tag, Herr Stehkragen! begrte Martha ihren Pultgenossen
nachmittags.

Guten Tag, Frulein Nelke! erwiderte Benno.

Sie quittierte die naive Huldigung wieder mit einem freundlichen Lcheln
und reichte ihm gewohnheitsmig ihren Bleistift und Tintenstift zum
Spitzen hin.

Benno war durch jahrelange bung ein Knstler auf diesem Gebiete
geworden.

So ein Bleistift is wie eine Zwiebel, dachte er. Da kommt auch immer
eine Schal' nach der anderen, bis merr auf den Kern stt. Oder man kann
auch sagen: er is wie ein Verband, oder wie e Wickelgamasch'!

Fr alle Dinge und kleinen Ereignisse seines Lebens fand er Vergleiche
und Bilder. Und wenn auch diese Metaphern oft recht kindlich und tricht
waren, sie bereiteten doch seinem talmudistisch geschulten Geist eine
harmlose Freude und eine gewisse Genugtuung, die nicht ganz frei war von
unschuldiger Eitelkeit.

Danke schn! empfing Martha ihre messerscharf gespitzten Stifte
zurck, die ihr der kleine, bucklige Benno mit der Grandezza eines
Mundschenks berreicht hatte.

Und dieses Danke schn klang noch tausendmal schner als vormittags
das Adj.

Das Adj, das war das silberhelle Klingen einer Tischglocke, dieses
Danke schn aber, das war das bedeutungsvolle Drhnen der Sturmglocke
oben im Dom, die nur bei Grofeuer gelutet wurde.

Und es war ja ein Grofeuer entstanden: Schon brannte der kleine Benno
Stehkragen lichterloh.

Gegen vier Uhr gab es in der Industriebank eine kleine Vesperpause.

Die meisten Beamten, bis ber den Kopf in dringlichen Arbeiten steckend,
begngten sich damit, ihre Brote und Brtchen auszupacken, um unter der
Arbeit hie und da einen Happen abzubeien.

Die natrliche Folge war, da es alle Tage einige Fettflecke auf Briefen
und Fakturen gab, die nun neu geschrieben werden muten, was ebenso
natrlich die Ursache zu neuem rger, neuen Vorwrfen, Schimpfen und
Geznk abgab.

Im Couponbureau, dessen Ttigkeit weniger von der Brse abhing, so da
sich hier die Arbeit gleichmiger auf den ganzen Tag verteilte, gnnte
man sich eine geruhigere Vesperpause.

Aber whrend dieser Vesperpause blickte Benno _nicht_ zu Martha hinber.

Denn in dieser Vesperpause trat Herr Wittmann an das Pult, um kauend
sich ein bichen mit Martha zu unterhalten.

Benno steckte seine Nase tiefer in die Couponpckchen, er wollte nicht
hren, was die da drben plauderten. Er wollte nicht.

Aber er konnte doch nicht hindern, da Marthas helles Lachen zu ihm
herberdrang, und da einzelne Stze an sein Ohr schlugen wie
Peitschenhiebe.

Meistens sprachen die beiden vom Theater.

Martha ging oft in die Oper, und auch Herr Wittmann schien ber die
Vorgnge vor und hinter den Kulissen gut unterrichtet zu sein.

Es fiel Benno auf, da Wittmann seltener die Kunstwerke als die
darstellenden Knstler kritisierte, die er offenbar fr den wichtigeren
Teil hielt, und da er nach Altfrankfurter Tradition mit Vorliebe, auf
Kosten der gegenwrtigen Bhnenkrfte, ehemalige, zum Teil lngst
verstorbene Theatergren Frankfurts himmelhoch pries.

Gar bittere Empfindungen flammten in Benno whrend dieser Vesperpause
empor.

Der reine Himmel seines Kindergemts berzog sich mit dicken, schwarzen
Wolken, die Sonne war erloschen, und ihm war, sie wrde nie, nie mehr
scheinen.

Am liebsten htte er sich die Ohren mit beiden Fusten zugehalten.

Am liebsten htte er den Kopf in ein groes Tintenfa gesteckt, wie der
Nikolaus im Struwwelpeter die bsen Buben. Um nichts zu sehen und zu
hren.

_Wenn_ ich jetzt nicht der Benno Stehkragen wr', dachte er, sondern der
Benno _Strau_, -- dann tt' ich mein' Kopf in den Sand stecken -- und
tt' nix hren -- und nix gucken, -- sondern ich tt' nur ganz hinten
mit der Schwanzfeder abwinken: Hrt auf! Aufhren sollt ihr!! -- und
ich tt' ...

Am liebsten htte er jetzt den Bleistift und den Tintenstift Marthas
genommen, die Stifte, die er mit so viel Hingabe gespitzt hatte, und
htte wie ein unartiger Schuljunge absichtlich die Spitzen abgebrochen:
Da! Da! So! Das ist dafr, da du mich so mihandelst!

Und Benno Stehkragen, der nie nach der Wrde eines Bureauchefs gegeizt
hatte, wnschte sich nun inbrnstig nur zwei Minuten Bureauchef zu sein,
um gellend durch das Zimmer kreischen zu knnen: Ruhe!! Whrend der
Arbeitszeit wird nicht geschwtzt!

Seine Wenn-Phantasien liefen in solchen Augenblicken keineswegs auf
Menschheitsbeglckung hinaus; sie waren keine seligen Gefilde mehr,
nein, es waren schluchtenverzerrte Abruzzengegenden, und mitten drin
hauste er als wilder Ruber, Signor Benno Stehkragenino, der Schrecken
der Berge, Fra Diavolo, Karl Moor, Schufterle, Spiegelberg, Kneil und
Rinaldo in einer Person.

Endlich begab sich Wittmann wieder an seinen Platz.

Kaum zehn Minuten hatte er mit Martha geplauscht -- Benno schtzte die
Zeit eine Ewigkeit.

Auch die brigen Arbeitskrfte beobachteten mit Interesse die Vorliebe
Wittmanns fr das hbsche Frulein Bhle. Aber sie regten sich deshalb
nicht auf, hchstens klatschten sie ein bichen darber und sorgten
dafr, da auch in den brigen Bureaus dieser Flirt bekannt wurde.

Im ersten Stock hie es noch: Herr Wittmann sucht Familienanschlu, im
zweiten Stock hie es bereits, Frulein Bhle und ihr Bureauchef seien
Arm in Arm im Foyer des Zirkus Schumann gesehen worden, und im
Dachgescho galt es als feststehende Tatsache, da der Vater des
nchsten Dutzends Bhlescher lediger Kinder -- Wittmann heien wrde.

So blind ist der Klatsch, da er gierig die ganz nichtigen Beziehungen
Marthas zu Wittmann ergiebig ausbeutete, aber die verliebte
Aufdringlichkeit Benno Stehkragens berhaupt nicht bemerkte.

Und welch dankbares Spottobjekt htte der bucklige Benno als Liebhaber
abgegeben!

Die Vesperpause war vorber, und die Arbeitshetze in der Industriebank
steigerte sich zur Tollwut. Und mit dieser Steigerung huften sich
natrlich auch die Fehler, Versehen, Miverstndnisse, und mit den
Irrtmern der Verdru und Skandal.

Man fand jetzt in smtlichen Bureaus, da viel zu wenig Arbeitskrfte
vorhanden seien, und da es eine Gemeinheit sei, an Personal zu sparen,
nur damit die dickkpfigen Herren Aufsichtsrte und Direktoren fettere
Tantiemen schlucken knnten.

Man sei doch kein Stck Vieh, da man so schuften msse. Und es sei
berhaupt die hchste Zeit, da sich einmal die Presse mit den
unerhrten Zustnden in der Industriebank beschftige.

Am lautesten schimpften natrlich diejenigen Herren, die am tiefsten vor
den Direktoren zu knixen pflegten.

Je nher der Uhrzeiger auf Sechs vorrckte, desto geruschvoller wurde
es in den Bureaus. Keiner nahm mehr Rcksicht auf den anderen, jeder
hatte genug mit sich selbst zu tun und arbeitete verzweifelt an dem
Material, das vor und neben ihm hoch aufgeschichtet lag und nicht
weniger werden wollte.

ber die Gnge hasteten Beamtinnen, die Ste von Briefen und Wechseln
zur Unterschrift in die Zimmer der Direktoren und Prokuristen
schleppten, und die von einem Prokuristen abwehrend zum anderen
geschickt wurden, denn keiner hatte jetzt Zeit. Es dauerte eine
Ewigkeit, bis jeder Brief und jedes Dokument endlich die
vorschriftsmigen zwei Unterschriften trugen.

Wer die erste Unterschrift gab, hatte die Pflicht, die Richtigkeit des
Schriftstckes zu prfen, und dabei gab es wieder Dutzende von
Beanstandungen, Vorwrfen, Rffeln.

Herr Mayer soll 'rberkommen! schrie ein Prokurist durchs
Haustelephon, und der unglckselige Mayer, der mitten aus seiner Arbeit
geschreckt wurde, warf wtend die Feder hin: Was pat ihm denn schon
wieder nicht, dem alten Schikaneur?!

Haben _Sie_ das geschrieben? Es ist wirklich nicht zu glauben: Jetzt
sind Sie schon fnf Jahr im Geschft und knnen nicht einmal einen so
einfachen Brief schreiben! Jeden Schmarren mu man selbst diktieren! Es
ist zum Haarausraufen!

Der Prokurist diktierte, der wutschnaubende Mayer stenographierte und
fand natrlich, da er selbst den Brief zehnmal klarer und deutlicher
geschrieben hatte, und da dieser Schafskopf von einem Prokuristen ein
Deutsch von sich gab, dessen sich jeder Hottentotte geschmt htte.

Und dann sauste Mayer wieder in die Korrespondenz und schrieb den
verfluchten Brief zum zweitenmal und verhaspelte sich natrlich in
seiner Aufregung -- gerade im letzten Absatz des dreiseitigen Briefes --
und mute ihn _noch einmal_ abschreiben! -- Und endlich war das
schwierige Werk gelungen, die zwei Unterschriften prangten darunter, und
dann verwischte ihn beim Kopieren so eine Gans von einer Bankbeamtin,
die auch gescheiter Waschfrau geworden wre, und der Brief mute zum
_viertenmal_ geschrieben werden.

Und Mayer bewunderte seinen eigenen Edelmut, da er nicht den
Nchstbesten umbrachte.

Wie hatte doch der alte Binder bei Marthas Eintritt in das Unternehmen
gesagt?

No, da sin Se ja gleich in de richtige Affe'stall komme!

Etwas ruhiger ging es whrend dieses allgemeinen Tohuwabohus nur im
Couponbureau zu.

Das war nicht zum wenigsten das Verdienst Wittmanns. Man konnte diesem
Mann manches Bse nachsagen -- er war ein rcksichtsloser Streber, ein
roher Gewaltmensch und Grobian -- aber niemand konnte ihm absprechen,
da er ein vorzglicher Organisator, begabt mit einem Riesengedchtnis
war, der unermdlich arbeitete.

Was er in die Hand nahm, klappte. Mit Geschrei, Krnkungen,
Ungerechtigkeiten -- aber es klappte.

Es kam brigens seit Marthas Versetzung in das Couponbureau nur noch
selten zu Zusammensten zwischen Benno Stehkragen und Wittmann.

Wittmann wollte sich vor Martha keine Ble geben.

Und Benno fhlte instinktiv, wer an dieser Vernderung die Schuld trug,
und war Martha dankbar dafr. Denn wenn ihn auch die ordinren
Anrempeleien Wittmanns nie sonderlich erregt hatten, sie waren ihm doch
peinlich gewesen, wie alles Geruschvolle.

Sind Sie so weit, Herr Stehkragen? frug Martha gegen fnf Uhr.

Benno, dessen Seele noch von Weh und Zorn verdstert war, nickte
grollend Bejahung.

Nun kam Martha zu ihm hinber, und es begann das Kollationieren.

Benno nahm die an die Kundschaft abgehenden Fakturen, las sie der Reihe
nach vor, und Martha verglich mit dem Couponbuch, in das alle Posten
eingetragen waren.

Aus Rcksicht auf die arbeitenden Kollegen fand dieses Ablesen im
Flsterton statt.

Und dieses Geflster kam Benno wie etwas ungemein Geheimnisvolles vor,
beinahe wie ein #tte--tte#.

Nach jedem Posten machte er beim Verlesen eine kleine Pause, um Marthas
besttigendes Stimmt! zu hren.

Und mit jedem Stimmt! schrumpfte sein Groll mehr zusammen, hellte sich
sein Gemt auf.

Bei den neunzehn Coupons 3% Portugiesen des Herrn Isidor Seligmann war
der Himmel seiner Seele noch mit tiefschwarzen Gewitterwolken bedeckt
-- bei den sieben Lwenbru-Dividendenscheinen der Firma Gassner und
Sohn hatten sich diese schwarzen Ungetme bereits in schmutzig-graue
Regenwlkchen verwandelt -- bei den dreiig Coupons 4% Rumnische
amortisierbare Rente des Herrn Friedrich Rottler, Offenbach, guckte
schon ein Sonnenstrhlchen frwitzig hinter einem Wlkchenrand hervor,
als wollte es mit dem Kinde Benno Kuckuck--Tata! spielen.

Und bei den vierundzwanzig Zinsscheinen 3% Deutsche Reichsanleihe der
Henriette Bergmller sel. Witwe, Hattersheim -- o Jubel, da lachte die
liebe Sonne wieder riesengro vom blauesten Himmel und machte dem
kleinen Benno Stehkragen so warm, da er den Schwei von der Stirne
tupfen mute.

'n Augenblick, Frulein Heckenrschen, ich mu blo emal Atem
schnappen!

Und endlich war es sechs Uhr abends, und die Beamten strmten aus dem
Bankgebude.

Nur die Korrespondenten saen noch hinter ihren Tischen und kritzelten
eifrig und rgerten sich, da sie nicht zeitig fertig geworden waren.

In den Tresors lagen die Wertpapiere, Coupons, Wechsel, Dokumente,
auslndischen Geldsorten, Scheckbcher, das Bargeld der Kasse und die
wichtigsten Geschftsbcher wohlgeordnet verwahrt.

Die am nchsten Vormittag zu erledigenden Botengnge waren bis ins
kleinste geregelt und das dazugehrige Material zurechtgelegt.

Das gesamte Personal der Bank htte ber Nacht sterben knnen, ohne da
die geringste Unordnung eingetreten wre; das neue Personal htte
einfach dort weitergearbeitet, wo das alte aufgehrt hatte.

Beinahe zwei Stunden lnger wurde in der Expedition geschafft, die am
Gangende des zweiten Stockwerkes lag und lediglich die Kuvertierung und
Absendung der Briefe zu besorgen hatte. Alle weiteren Postangelegenheiten
waren bereits von den einzelnen Bureaus erledigt worden.

Es war in der Industriebank der Modus eingefhrt, da jeder
Korrespondent zu dem von ihm geschriebenen Briefe auch den Umschlag zu
schreiben hatte. Der Briefumschlag wanderte sogleich in die Expedition
und wurde dort in alphabetisch eingestellte Regale eingeordnet, whrend
die Briefe, die beizulegenden Notas und Dokumente erst spter in der
Expedition eintreffen konnten.

Sechs Angestellte waren von fnf Uhr ab in der Expedition damit
beschftigt, die aus dem ganzen Hause dort zusammenstrmenden
Schriftstcke in die dazugehrigen Kuverts zu stecken und zuzukleben.

Abwechselnd hatten smtliche Angestellte diese Ttigkeit auszuben.

Natrlich gab es auch in der Expedition rger in Hlle und Flle.

Da fehlten zuweilen die in den Briefen erwhnten Einlagen, die nach
langem Suchen endlich in irgendeinem Bureau gefunden wurden; da war ein
Brief, zu dem kein Umschlag geschrieben war, und dort war ein Umschlag,
zu dem kein Brief heraufkam.

Dann wieder stimmte eine Umschlagadresse nicht mit der Briefadresse
berein, auf dem Umschlag stand Gebrder Lautenschlger in Pforzheim,
und im Brief stand Gebrder Lautenschlger in Bckeburg; es mute
konstatiert werden, _wo_ eigentlich die Gebrder Lautenschlger
residierten, und das verursachte wieder einen hchst unerwnschten
Aufenthalt.

Ferner kam es vor, da der Expedient eine Einlage in ein falsches Kuvert
gesteckt hatte, so da sie jetzt an der richtigen Stelle fehlte und
nicht gefunden werden konnte und unter Umstnden die smtlichen Briefe
wieder aufgerissen werden muten.

Und zwischen den Expedienten liefen die Kassenboten herum und drngten
zur Eile:

Wir kommen zu spt zur Post! Die Briefe werden uns nicht mehr am
Schalter abgenommen, wenn wir nach dreiviertel Acht kommen! Wir knnen
uns nicht die Lunge aus dem Hals laufen!

Waren die Briefumschlge geschlossen, so wanderten sie in die Hnde des
aufsichtfhrenden, greisen Herrn Bittenberger, der sie frankierte.

Dieser Posten galt halb und halb als Gnadenbrot.

Bittenberger, der an Schreibkrampf litt, und dessen Hnde bestndig
zitterten, war seit Jahren pensionsberechtigt. Aber die Pension betrug
nur drei Vierteile des Gehalts, und Bittenberger, der eine zahlreiche
Familie und einen miratenen ltesten Sohn hatte, konnte und wollte
nicht auf das vierte Viertel seines Gehalts verzichten.

Was sollte die Direktion tun? Einem so greisen Beamten kndigen? Nein,
das ging nicht. So hatte man ihn denn auf diesen stumpfsinnigen Posten
gesetzt. Mochte er dort weiterwursteln, solange es sein klglicher
Gesundheitszustand zulie!

Schlielich erlosch auch das Licht in der Expedition.

Es hatte wieder Verschiedenes nicht gestimmt, und Bittenberger wankte,
auf seinen Spazierstock gesttzt, bekmmert und hoffnungslos die Treppe
hinunter, in der Gewiheit, da ihn zu Hause noch weit hrterer Kummer
erwartete.

Fr die letzten Briefe war es richtig wieder zu spt zur Postablieferung
geworden. Und da sich ein wichtiges Schreiben nach Norddeutschland
darunter befand, so mute halt ein Kassenbote nachts nach zehn Uhr
diesen Brief persnlich in den Berliner Schnellzug werfen.

Der betreffende Kassenbote hatte darob den schuldlosen Bittenberger mit
einer Flut von Vorwrfen und massivsten Grobheiten bergossen, die der
greise, kranke Mann zitternd und wehrlos ber sich ergehen lie.

Gu'n Nacht, Vadder Bittenberger, grte der alte Binder, als
Bittenberger an der Portierloge vorbeikam.

Auch der alte Binder hatte schon lange ungeduldig darauf gewartet, da
die oben in der Expedition endlich fertig wrden, aber er lie den
kranken Kollegen nichts von seiner Ungeduld merken. Gu'n Nacht, Vadder
Bittenberger! Alleweil fleiig! Alleweil morjens der ehrschte, awends
der letzte!

Bittenberger lchelte mde. Ja, der alte Binder war eine gute, ehrliche
Haut, der sagte ihm gerne was Liebes -- aber was ntzte das?

Wie geht's dann alleweil, Vadder Bittenberger? Was macht des verflixte
Asthma?

Schlecht geht's, Binder! Schlecht! Ich werd' wohl nicht mehr lang
mitmachen.

Gell, mache Se kaan Stu! protestierte Binder, scheinbar tief
entrstet. In Wahrheit teilte er vollkommen Bittenbergers pessimistische
Ansicht.

Und indem er die Sache ins Scherzhafte hinberzuleiten suchte, fuhr er
fort: Leut' wie mir zwaa! In de beste Jahr'n! Basse Se nor uff: mir
schdecke noch manche Neujahrsgradifikatio' ei', eh merr ans Abkratze
denke!

Bittenberger winkte traurig mit der zittrigen Hand ab. Er dachte daran,
was aus seinem ltesten Sohn werden wrde, wenn er selbst nicht mehr da
wre ...

Also Gute Nacht, Binder! seufzte er und humpelte durch das Portal.

Kopfschttelnd sah ihm Binder nach. Auch er seufzte jetzt.

Ja, des is e Lewe! philosophierte er. Da soll merr noch an e
Gerechtigkeit glaawe! E Saustall is die ganz' Welt! E Saustall, unn nix
weider!

Er nahm die groen Schlssel von der Wand und verschlo das schwere
Eisentor vor dem Portal.

Dann machte er den allabendlichen Rundgang durch smtliche Rume des
Hauses, sah nach, ob berall die Rollden geschlossen und die Lampen
ausgedreht seien, zog die Kontrolluhren fr die nchtliche Ronde auf,
berzeugte sich noch einmal, ob die Panzertr, die zu den Kellergewlben
fhrte, verschlossen war, und schaltete die elektrische Klingelleitung
zum Schutze gegen Einbrecher ein.

So, jetzt war sein Tagewerk vollbracht.

Mit ruhigem Gewissen konnte er das Schlsselbund dem Nachtportier
bergeben und sich in seine kleine Wohnung, bestehend aus drei neben der
Portierloge gelegenen Zimmerchen, zurckziehen, wo seine Frau und sein
Sohn bereits bei Hering und Pellkartoffeln auf ihn warteten.

Martha hatte sich mit einem kurzen Guten Abend vom Couponbureau
verabschiedet.

Flchtig und zerstreut klang dieser Gru. Denn ihre Gedanken weilten
schon halb im Theater oder Kino, wo es den vortrefflichen Spieltenor
Schramm als David, die se Henny Porten als erstaunlich
schicksalsreiches Findelkind zu bewundern gab.

Benno begriff Marthas Vorliebe frs Theater nicht recht.

War es nicht viel genureicher, die Werke unserer Klassiker daheim im
stillen Stbchen mit Andacht zu lesen, als sie sich zwischen bemalten
Pappdeckeln und Leinwand vorgestikulieren zu lassen?

Und von Musik, so sehr er sie liebte, verstand er nicht viel.

Ein Lied konnte ihn tief rhren, aber die stundenlange lrmende
Opernmusik sagte ihm nichts.

Er war mit den meisten Opernhelden durchaus nicht einverstanden.

Da war zum Beispiel der Siegfried, ein Held, fr den man sich wohl
begeistern konnte, solange er sich in Mimes Schmiede befand und Ambosse
entzweischlug. Auch da er den Fafner ttete, war aller Achtung wert --
schon weil der Drache so dummes Zeug redete. Es gibt in der menschlichen
Grostadt schon genug quasselnde Drachen -- braucht's auch noch im
_Wald_ solche Viecher zu geben?

Also bis dahin war gegen den Siegfried nichts einzuwenden.

Aber weshalb kmmerte sich dieser unverdorbene, jugendstrotzende
Naturbursche um den Nibelungenschatz und den Ring?

Fr so etwas durfte ein Held, in Bennos Augen, keinen Sinn haben. Das
war geradeso, als htte man ihm seinen angebeteten Schiller beim
Couponschneiden abgemalt!

Und was das Waldvglein erzhlte, das mute dem Siegfried erst recht
ganz schnuppe sein! Ein Held _durfte_ sich nicht von einem Piepmatz
verfhren lassen.

Wahrhaftig, der Siegfried htte ihm _mehr_ imponiert, wenn er sich
inmitten der redenden Tiere hoch aufgerichtet und mit Rittershausens
Stimme dazwischengekrht htte:

Ruhe! Whrend der Arbeitszeit wird nicht geschwtzt!

Aber das Unverzeihlichste war die Erweckung Brnhildes.

Wenn er, Benno Stehkragen, ein gepanzertes Weib in einem Feuer, das
nicht versengte, im besten Schlaf gefunden htte, er htte sie nie und
nimmer geweckt.

Ja, ein kleines Kind, das htte er auf den Arm genommen und ihm das
Kpfchen gestreichelt und ihm zugeredet: Du brauchst dich nicht vor dem
Feuer zu frchten! und htte es mit nach Hause genommen und bei sich
behalten, bis sich die Mutter meldete.

Aber ein Weib mit Schwert, Helm und Brnne, gepanzert bis ber die
Nasenspitze?

Nein, das war keine Partie fr Siegfried. Er htte dem Siegfried ein
wunderzartes, treues, hingebendes Mgdelein zum Weibe gewnscht, aber
nicht eine rabiate Athletin, die im Freien bernachtete und eine ganze
Waffenkammer mit sich herumtrug.

Und wenn sie von selbst erwacht wre, so htte er, Benno Stehkragen, an
Siegfrieds Stelle gesagt: Entschuldigen Se, falsch verbunden! und
htte die Brnhilde Brnhilde sein lassen.

Nein, dieser Siegfried war kein reiner Held fr seine Begriffe.

Und so erging es ihm mit den meisten Helden der Oper und des
Musikdramas: sie sangen wohl recht schn, wenn auch ein bichen viel und
lang, aber _lieben_ konnte man sie nicht, noch sich fr ihre Taten
begeistern.

Schade, da Martha eine solche Vorliebe fr das Theater besa.

Es war Benno ein Rtsel.

Und dennoch war dieses Rtsel so einfach zu lsen:

Er, Benno Stehkragen, besa eine ungestme, krause Phantasie, die freien
Flug brauchte. Die sinnfllige Darstellung von Kunstwerken auf der Bhne
legte seiner Phantasie Ketten an. Im Theater befand sich nicht nur seine
kleine, buckelige Krperlichkeit in einem geschlossenen Raum, auch sein
Empfinden, sein Denkvermgen waren in eine groe Schachtel eingesperrt,
wie ein Maikfer in eine Botanisierbchse, und stieen auf allen Seiten
schmerzhaft an, sobald sie sich zum Fliegen anschickten.

So war es ihm schon als Kind gegangen.

Als kleiner Bub hatte er einmal zum Geburtstag einen groen Baukasten
erhalten. Damit baute er die wunderschnsten Huser, Brcken und
Palste.

Aber es lag diesem Baukasten auch ein Heftchen mit Vorbildern und
Anleitungen bei -- und nach diesen Vorbildern brachte er beim besten
Willen nichts zustande.

Der Vater, zornig ber den dummen, ungeschickten Jungen, zankte, und
Benno zog sich verschchtert mit seinem Baukasten in die dunkle
Speisenkammer zurck, kauerte auf den kalten Boden nieder und errichtete
dort in der Finsternis die herrlichsten Schlsser.

Hatte er eines beendet, so ffnete er die Tre, lie das Licht
hereinfallen, bewunderte sein Werk und belohnte sich freigebig mit den
Rosinen, die so nahe standen.

Bis seine Mutter fand, da diese eigenmchtigen Belohnungen zu tief in
ihr Haushaltungsbudget eingriffen, und der Baukasten in einem
wohlverschlossenen Schrank verschwand.

In Gedanken aber baute Benno noch lange die prchtigsten Gebude.

Im Gegensatz zu Benno besa Martha, dieses kluge, lustige Mdel, nur
wenig Phantasie.

Wollte _sie_ sich ber das Ackerland des Alltags erheben, so bedurfte
sie dazu der groben Vermittlung all des Plunders von Schminke, Puder und
Flitter.

Eine Flugmaschine, ja, das war etwas, was sie begriff -- sie selbst
hatte keine Flgel. Ein Drama zu _lesen_ wre fr sie etwas malos
Langweiliges gewesen.

Sie lebte in angeborener, unverwstlicher Daseinsfreudigkeit dahin, ein
praktisches, vergngtes, gesundes Menschenkind.

Fr Martha gab es keine Mrchen, nur eine hchst lebenswerte
Wirklichkeit. Fr Benno war alle Wirklichkeit ein Mrchen.

Ein nrrisches Mrchen, in dem er selbst mitagierte, nur wute er nicht:
Hatte er aus dem Zauberquell getrunken, der ewiges Glck verleiht, oder
hatte er von den Feigen des Zwergs Nase gegessen, von deren Genu man
lange Schlappohren und eine ungeheure Nase bekam?

Und in dieses Mrchen war mit dem Erscheinen Marthas die Feenknigin
eingetreten, und unter jedem ihrer Schritte blhten Vergimeinnicht,
Veilchen und Nelken und all die Blumen, mit deren Namen er sie
alltglich begrte.

Auch einen bsen, mchtigen Hexenmeister gab es in dem Mrchen, der der
Feenknigin nachstellte, und das war der Herr Wittmann.

Die alten Griechen, dachte Benno, haben fr alle Gewerbe ihre
Spezialgtter gehabt; der Ackerbau hatte seine Gttin, die Viehzucht
hatte ihre Gttin -- vielleicht ist Frulein Bhle die Gttin des
Bankgeschfts, und die dummen Menschen merken's nur nicht.

Benno Stehkragen war verliebt, rettungslos verliebt.

Freilich, htte ihm jemand auf den Kopf zugesagt: Herr Stehkragen, Sie
haben sich in Frulein Bhle vergafft, er htte es nicht geglaubt.

Verliebt? Er? -- Wieso?

Wenn man ein Weib liebt, so _begehrt_ man es doch. Man will sie kssen,
sie in seine Arme schlieen, sie ganz fr sich allein besitzen, mit ihr,
fr sie und durch sie glcklich sein.

An so etwas aber dachte Benno Stehkragen mit keinem Gedanken.

Nicht ihr ppiges blondes Haar, nicht ihre weichen Arme, nicht ihre
Schlankheit oder ihr hbsches Gesicht wollte er sich zu eigen machen --
es war der Duft von Jugend, von lachender Frische, der ihn unterjochte.

Er spiegelte sich in diesem Quell, der sein Bild tausendfach verklrt
zurckwarf -- aber sollte er mit plumpen Fen hineintappen und den
Quell schlammaufwhlend trben?

Martha war fr ihn ein Heiligtum, das man nicht berhren durfte.

Er konnte sich kaum vorstellen, da er den Saum ihres Kleides kssen
wrde, und gar ihre roten Lippen? -- Niemals.

Ich und Martha vereint, dachte er bitter, das wr', als wollt' man ein
Reh mit einem Pavian kreuzen!

Seine Liebe war ein wortloses Anhimmeln, und wenn Benno Stehkragen nicht
ein so ausgereiftes Mnnlein gewesen wre, htte man es pennlerhaft
nennen drfen.

Vor dem Bilde Marthas verschwand ihm das Bild eines anderen Mdchens,
das ihn bisher manches Mal beschftigt hatte: das Bild des Fruleins
Rita von Veldern.

Wer war das?

Begleiten wir den kleinen, buckeligen Benno ein wenig auf dem
Nachhausewege, sehen wir uns ein bichen sein Junggesellenheim droben
auf dem Sachsenhuser Berg an; so wird auch in diese bis jetzt noch
dunkle Angelegenheit Licht kommen.




Benno ging die Kaiserstrae hinunter.

Er hatte am Vormittag in Marthas Begleitung keine Zeit gehabt, sich die
Schaufenster zu betrachten, und er holte das jetzt mit Behagen nach.

Besonders die Auslagen eines Porzellan-Geschfts fesselten seine
Aufmerksamkeit.

Da war seit etlichen Wochen eine zierliche Rokokopuppe ausgestellt: zwei
Edelleute und zwei Hofdmchen, die gemeinsam Karten spielten. Benno
hatte den Gesichtsausdruck der vier spielenden Figrchen genau studiert,
und er war sich darber klar geworden: die eine Dame mogelte.

Jawohl, die eine Dame, die gerade das Herz-As ausspielte, und zu deren
Fen ein Windhund kauerte, mogelte ungeniert.

Jeden Tag betrachtete er sich die Gruppe von neuem und dachte sich:
Merken die's denn immer noch nicht, da das Luder mogelt?

Wenn die Kaiserstrae nicht eine so belebte Strae gewesen wre,
wahrhaftig, er htte leise an die Fensterscheibe geklopft: #Attention,
mesdames et messieurs, c'est votre amie, qui# mogelt!

Auch Benno hatte in jngeren Jahren gelegentlich im Kaffeehaus Karten
gespielt. Skat. Er hatte das Spiel schnell begriffen, aber er verlor
immer.

Denn seine Gedanken waren ganz woanders.

_Wenn_ ich der Eichelknig wr', dachte er -- da tten in meinem Reich
lauter Eicheln wachsen -- und meine Untertanen tten nur von
Eichelkaffee leben -- und ich tt' sagen: Ich guck' schon: Eichelknig,
das is nix fr mich! Ich will lieber der _Grnknig_ sein! -- Und
pltzlich bin ich der Grnknig -- und berall wchst nur Spinat -- und
ich sag': Was nutzt mich der Spinat ohne Spiegelei? -- Is das e Men
fr en Knig? -- Ich wollt', ich wr' der _Herzknig_! -- Gesagt,
getan, Hokuspokus, bin ich der Herzknig! -- Und mein ganzes Land is
voll Liebesprchen -- und jeden Tag mu ich von fnf Uhr morgens bis elf
Uhr nachts Scheidungsklagen entscheiden -- und es wchst merr zum Hals
'eraus, -- und ...

Und: Mit Ihne kann merr iwwerhaapts net spiele, Herr Stehkragen!
schrie sein Partner wtend. Sie dhun ja net emal Farb' bekenne'!

Das hatte Benno auch eingesehen und hatte das Kartenspielen leichten
Herzens aufgegeben.

Die nchste Station auf seinem Nachhausewege war das Schaufenster einer
Schreibwarenhandlung.

Die Spezialitt dieses Geschftes waren zrtliche Ansichtspostkarten,
mit denen das ganze Schaufenster berst war. Und diese Dokumente
menschlicher und unmenschlicher Geschmacklosigkeit bereiteten Benno
tglich von neuem ein ungeheures Vergngen.

Wie man nur solches Zeug zeichnen, drucken, kaufen und gar verschicken
konnte?

Also diese weiblichen Puppengesichter waren der Idealtyp der
Frauenschnheit! Diese fettschtigen Busen und Elefantenwaden sollten
einen Mann entznden! Und diese faden geschniegelten Mannspersonen mit
dem schneidigen Schnurrbart und Pomadescheitel waren das Hchste, was
Allmutter Natur an mnnlicher Schnheit hervorbringen konnte!

Die Menschen sin meschugge, dachte Benno. Da is mitten in der Stadt ein
Lachkabinett, wie's auf keinem Jahrmarkt kstlicher zu finden is -- unn
die Leut' stehn mit todernsten Gesichtern davor!

Er selbst htte sich vor Lachen schtteln knnen.

Das Herrlichste waren entschieden die blondzpfigen Mdchen, die an
einem Tisch saen und mit verklrten Kalbsaugen irgendwohin nach der
Decke sahen, als ob sie sich in den Gaslster verliebt htten. In der
Ecke stand etwa:

    Weilst du auch ferne in der Ferne,
    Ich schwebe bei dir berall,
    Ich hab' dich ja so lieb und gerne
    Und lausch' dem Lied der Nachtigall.

Also die Nachtigall war an den Kalbsaugen schuld -- nicht der Gaslster.

In vergngtester Stimmung kam Benno am Uhrtrmchen an, wo er wieder
durch die Promenade nach der Groen Gallusgasse abbog.

Das war eigentlich ein kleiner Umweg, aber er machte ihn tglich, um das
Stckchen Promenade, inmitten des Husermeeres, zu genieen.

Und dann stand in diesem Abschnitt der Frankfurter Anlagen, die den
beneidenswertesten Schmuck der Stadt bilden, der Trompetenbaum.

Vor vielen, vielen Jahren, als Benno noch in die Schule ging, hatte der
Naturgeschichtslehrer die Klasse auf diesen Baum aufmerksam gemacht und
empfohlen, sich die eigenartig geformten Bltter zu betrachten.

Der Lehrer war nun schon lange tot, aber noch immer stand alltglich
Benno vor dem Trompetenbaum still und beschaute ihn ein Weilchen. Und
dachte dabei hie und da des ehemaligen Naturgeschichtslehrers, des
Professors Noll, der der Abgott aller seiner Schler gewesen war.

Noch aus einem anderen Grunde bog Benno Stehkragen am Uhrtrmchen links
in die Promenade ab: rechts vom Uhrtrmchen stand in den Anlagen das
Riesendenkmal Bismarcks, das er nicht leiden konnte.

Nicht als ob Benno ein schlechter Patriot gewesen wre, oder ein
Gegner Bismarcks. Benno liebte sein Vaterland inbrnstig, und vor
Bismarck besa er einen tiefen, beinahe ngstlichen Respekt.

Aber an dieser Stelle hatte ehemals ein anderes Denkmal gestanden: das
Denkmal eines Stadtgrtners, der sich um die Anlagen besonders verdient
gemacht hatte. Das schlichte Monument des Stadtgrtners hatte dem
Reichsgrtner Platz machen mssen und war an eine weniger verkehrsreiche
Stelle der Anlagen versetzt worden.

Und das verzieh Benno der Stadt nicht.

Damals hatte er in Gedanken eine groe Rede zugunsten des alten
Stadtgrtners gehalten, der in Erz gegossen so freundlich dasa, als
wollte er jedem Vorbergehenden einen guten Tag wnschen, eine groe
Rede ber das bittere Thema: Immer mssen die Kleinen den Groen den
Platz warm halten, bis sie beiseite geschoben werden.

Es war eine fulminante Rede gewesen, viel zu pathetisch fr den
geringfgigen Anla, und man konnte Benno nur dazu gratulieren, da er
diese Rede, wie alle seine Volksreden, lediglich in Gedanken gehalten
hatte.

Der Trompetenbaum war besichtigt -- Trompetenblte, das wre
eigentlich eine ganz schne Morgentitulation fr Frulein Bhle gewesen;
die Blumennamen gingen ihm sowieso aus -- und Benno kam auf dem Romarkt
an.

Diesen Platz liebte er.

Sah man doch von ihm aus zwei Denkmler von Mnnern, denen er die
heiligsten Stunden seines Daseins verdankte: Gutenberg und Goethe.

Und er dachte: _Wenn_ ich da droben der Gutenberg wr' -- und ich tt'
die vielen Menschen mir zu Fen 'erumwimmeln sehen -- die vielen,
miesen Menschen -- und knnt' nicht davonlaufen -- weil mich der Fust am
Rockzipfel festhalten tt' -- und knnt' merr nicht die Haar' ausraufen
-- weil mir der Bildhauer so e mittelalterliche Kapp' aufgesetzt hat --
ich tt' sagen: Ihr Menschen, tt' ich sagen -- is es e Wunder -- da
euer Gemt bestndig friert -- und euer Herz den Schttelfrost hat --
und eure Seele den Schnupfen? -- An dem heiligen Feuer der Kunst geht
ihr vorber -- und wollt euch wrmen an dem Streichhlzchen des
Amsements! -- Was grndet ihr ewig Kinos -- und Tingeltangels -- und
Kabaretts -- und neue Weinkneipen mit alter Damenbedienung? -- Fr das
Veilchenstruchen, das ihr einer Chansonette zuwerft -- die ihr'n Rock
hochgehoben hat -- weil se mit Recht findet, da sie im Schmutz watet --
knntet ihr euch fnf Reclam-Bndchen kaufen -- und knntet fr zwanzig
Pfennig mit der Jungfrau von Orleans -- oder der Iphigenie -- oder dem
Klrchen -- das Wasser des Lebens trinken, -- statt mit einer
bauflligen Schickse fr zehn Mark gepanschten Sekt! -- Seid ihr
berhaupt wert, da die Buchdruckerkunst erfunden worden is? -- Und
whrend ich, der Johannes Gutenberg, so red', seh' ich pltzlich aus der
Junghofstra' e Licht nherkommen -- und das is ein Blondkopf -- und es
is der Frulein Bhle ihr Kopf, der da kommt -- und ihr Leib kommt
natrlich _auch_ -- und ich spring' herunter von dem Sockel -- und der
Fust kann mich nicht mehr festhalten, sondern er behlt meinen
Rockzipfel in der Hand -- wie die selige Potiphar dem Joseph seinen
Paletot -- und er tt' verdutzt ausrufen -- ganz wie damals die
Potiphar: No, was is? -- und ich tt' schreien: Frulein Bhle, fr
_dich_ hab' ich die Buchdruckerkunst erfunden -- ich, Benno Stehkragen
-- und alles, was die Dichter an Frauenlob gesungen haben, gilt _dir_
-- und dann ...

Und dann war er in seinem Traum wieder bei Martha angelangt, er, der
entschieden bestritten htte, verliebt zu sein.

Whrend des langen Wachtraumes waren seine krummen Beinchen in das
Salzhaus getrippelt und wandelten jetzt durch die Altstadt, in die die
Bauttigkeit der Neuzeit klaffende Breschen gelegt hatte -- mehr zur
Freude der Kriminalpolizei als zur Freude der Geschichtsfreunde -- und
schritten ber die alte Mainbrcke, deren Schicksal gleichfalls bereits
besiegelt war.

Er blickte in den Main hinab, wo in flinken Ruderbooten zur nchsten
Regatta gebt wurde, sah die schweren Lastkhne und hrte den Schlepper
prusten.

Und malte sich im Weiterschlrfen aus, wie es wre, _wenn_ ...

_Wenn_ er jetzt auch den Main hinunterschwmme, der auf
altfrankforterisch M geschrieben wird und auf neufrankforterisch
Moi gesprochen wird -- und ein Haifisch wr' -- und htt' den Jonas im
Bauch -- und es km' der Wildschtz, der aus der Sage und einem schnen
Stoltzeschen Gedicht bekannt is -- und tt' ihm einen Neuner in den
Bauch schieen -- wie seinerzeit in die Wetterfahne des Eschersheimer
Turms -- und wie dann ...

Und er kletterte bereits den Sachsenhuser Berg hinauf und schwitzte,
denn es war ein warmer Vorfrhlingstag.

Dort oben wohnte Benno Stehkragen im letzten Hause, als solider
Zimmerherr der Tapeziererswitwe Josephine Petterich.

War Benno menschenscheu, da er sich in das letzte Haus der Stadt
zurckzog?

Flchtete er vor der Grostadt in die Natur?

Nein. Denn sonst htte er gewi das rckwrtige Balkonzimmerchen
bewohnt, das ihm Frau Petterich zuerst angeboten hatte, dieses
Zimmerchen, das den Vorzug eines separaten Eingangs von der Treppe aus
besa, und das eine liebliche Aussicht in die Gemsegrten und
Obstpflanzungen des gesegneten Sachsenhuser Berges bot, bis hinter an
den Rand des Waldes.

Auch von den Vorderzimmern, die auf einen kleinen Hof hinaussahen, hatte
er keines genommen, obwohl ihn dort sicherlich kein Straenlrm gestrt
htte.

Ein Zimmer an der Nordfront hatte er gewhlt, durch dessen Fenster er
nichts erblickte als die Rckwnde der Nachbarhuser, Fenster mit
verblichenen Vorhngen, Kchenbalkone, die oft genug als
Reserve-Rumpelkammern dienten.

Und an dieser unbegreiflichen Wahl war eben Frulein Rita von Veldern
schuld -- jenes Frulein Rita, dessen Bild Martha in Bennos Gedchtnis
beinahe ausgelscht hatte.

Die Sache war so:

Lange Jahre hatte Benno im Zentrum der Stadt gewohnt, nicht unweit der
Industriebank, die sich damals noch im Oederweg befand.

Er wohnte bei der streng rituell jdischen Familie Seligmann, die ihn
wie einen Sohn des Hauses behandelte und alle seine Eigenarten willig in
Kauf nahm. Dort hatte er mit dem Oberhaupt der Familie nach Herzenslust
der Neigung zu talmudistisch-spitzfindigen Errterungen frnen knnen,
und wenn die soziale Frage, das Rtsel des Fortlebens nach dem Tode und
das Problem der Abstammung des Menschen immer noch nicht endgltig
gelst sind, so kommt das einfach daher, da niemand die Abendgesprche
dieser beiden kreuzbraven, aber recht skeptischen Juden
mitstenographierte.

Diese Diskussionsabende ohne Ende und mit Allerweltstagesordnung
begannen in der Regel erst nach dem Abendessen, wenn die Kinder, an
denen Benno innig hing, zu Bette gebracht waren und die Frau des Hauses
sich mit einer Handarbeit in eine Zimmerecke zurckgezogen hatte.

Dort sa sie schweigend, stolz auf das Wissen ihres Mannes, und freute
sich, wenn kluge Mnner reden, da sie verstehen konnt', wie sie es
meinen.

Die Stunden zwischen Geschftsschlu und Abendessen verbrachte Benno in
der Regel in seinem Zimmer.

Und da hatte er zum ersten Male durch das offene Fenster eine
Frauenstimme singen hren:

    Es war, als htt' der Himmel
    Die Erde still gekt ...

Der belesene Benno glaubte sich zu erinnern, da dieses Gedicht von
Eichendorff ist; von wem die Komposition stammte, wute er nicht. Und
noch weniger wute er, wer die Sngerin war.

Aber so viel Musikempfinden besa er, da er merkte: Diese nicht sehr
groe Stimme hatte einen ungewhnlich lieben, weichen Klang, und das
begleitende Klavier war ein unmglicher Kasten.

Er legte das Buch aufgeschlagen auf den Tisch und hielt am Fenster
Umschau nach der Sngerin.

Da war das Lied pltzlich abgebrochen, und so aufmerksam er lauschte,
der Gesang lie sich an diesem Abend nicht mehr hren.

Wohnt hier in der Nh' eine Sngerin? frug Benno Stehkragen beim
Abendessen die Frau des Hauses.

Es is merr nix bekannt, erwiderte Frau Emilie. Soll ich emal das
Dienstmdche' frage?

Nein, nein! dankte Benno. Ich hab' nur gemeint!

Aber Frau Emilie frug _doch_ das Dienstmdchen, als dieses das Bier
brachte, und das Mdchen antwortete achselzuckend: E Sngerin? Ich waa
net! Es kreischt als so aane!

Mehr wute sie nicht.

Und die Sngerin krisch noch fters.

Am nchsten Abend ertnten freilich nur Vokalisen und leichte
Gesangsetden. Das war wenig genureich fr Benno, aber er war
vernnftig genug, einzusehen, da dieses bel notwendig war.

Dafr wurde er zwei Abende spter reichlich entschdigt: er bekam nicht
nur das schne Schumannsche Lied mehrfach zu hren, sondern auch den
dankbaren Lenz von Hildach und das flott-triviale Noch sind die Tage
der Rosen.

Lauter Frhlingslieder! sagte er sich. Es mu ein junges, frisches
Geschpf sein, das aus Lust am Singen ihre Lieder in den Abend jauchzt.

Er konnte ja nicht wissen, da die unbekannte Sngerin diese drei Lieder
fr das Stiftungsfest des Schornsteinfegervereins Die lustigen
Rauchfnger einstudierte.

Der Abendgesang wurde ihm bald etwas Vertrautes, etwas, worauf er
wartete und sich freute.

Und an den Abenden, da der Gesang ausblieb, empfand er eine Enttuschung
und gab bei den Diskussionen mit seinem Hausherrn ber die Seele des
Menschen auffallend pessimistische Ansichten zum besten.

Bald hatte er auch herausgebracht, aus welchem Fenster der Gesang
ertnte: aus dem vierten Stock einer benachbarten Mietskaserne.

Viertes Stockwerk -- also gehrte die Sngerin der weniger bemittelten
Volksschichte an, und das war ihm, aus einem unklaren Gefhl heraus,
angenehm.

Auch das entsetzliche Klavier, das Benno Stehkragen ein gelindes Grauen
einflte, lie darauf schlieen, da die Besitzerin keineswegs an
Geldberflu litt.

So is die Welt, meditierte Benno Stehkragen. Knnte die Antonie Hochberg
von der Bockenheimer Landstra' nicht einmal eine halbe Handvoll Coupons
dazu verwenden, einem armen talentierten Mdchen ein anstndiges Klavier
zu bescheren? Nur zwei, drei Perlen aus ihrem Halsband htte sie zu
opfern brauchen, um ein erstklassiges Instrument zu erstehen!

Mit diesen Gedanken tat Benno Stehkragen brigens der dicken Antonie
Hochberg unrecht. Er konnte ja gar nicht wissen, ob diese Frau nicht in
der Tat sehr wohlttig war.

Bennos Interesse an der Sngerin wuchs von Tag zu Tag.

Sie begann bereits, in seinen Phantasien eine Rolle zu spielen:

_Wenn_ ich das alte Klavier wr' -- und ich wr' seit drei Jahren nicht
gestimmt -- und nicht gereinigt -- sondern meine Tasten tten aussehen
wie schlecht geputzte Zhn' -- und es kmen zehn rosige Mdchenfinger --
und tten auf merr 'erumtippen -- bimbimbim in die hohen Tn' -- und
bumbumbum in die tiefen Tn' -- und so schnell, als wr' ich e
Schreibmaschin' -- ich tt' alle Kraft zusammennehmen, die Lust und auch
den Schmerz -- und tt' klingen wie e Konzertflgel fr monatlich
hundertfnfzig Mark Abzahlung -- oder dreitausend Mark bei Barzahlung!
-- Und alle Leut' mten sagen, die auf dem Klavier spielen tten:
Gott, was hat der Benno Stehkragen for en schnen Ton! -- und wenn die
schne Sngerin auf die Pedale treten tt' -- dann tt' ich nicht etwa
sthnen: Au, meine Hhneraugen! -- sondern ich tt' nur denken: Was
se fr reizende, kleine Fchen hat! -- Ihr ganzer rechter Fu is kaum
so breit wie bei mir die linke groe Zeh' -- und ich wr' das
glcklichste Klavier auf der Welt -- und ich ...

Benno versuchte, sich ein Bild der unbekannten Sngerin zu machen.

Das war freilich nicht so einfach, denn die einzige Dame, mit der Benno
nhere Beziehungen angeknpft hatte, war die Gttin Phantasie, ein
heidnisches Frulein, das mit dem lieben Gott die gemeinsamen
Eigenschaften hat, unsichtbar und gestaltlos zu sein.

Benno begann, die weiblichen Kpfe in den Schauksten der Photographen
zu studieren, aber keiner entsprach dem Bild, das seine dunkle Ahnung
von der Sngerin entworfen hatte.

Die einen waren ihm zu selbstbewut, die anderen zu schmchtig, jene zu
walkrenhaft, diese zu unbedeutend.

Blond, jung, mit groen, trumerischen Augen stellte er sich das Mdchen
vor, dessen Stimme ihn behext hatte.

Eines Abends, als er sie wieder singen hrte, trat er vor den Spiegel
und beschwor ihn:

    Spieglein, Spieglein an der Wand,
    Wer ist die Schnste im ganzen Land?

Aber der Spiegel warf nur sein eigenes Bild zurck, von dem sich
schwerlich behaupten lie, es sei das schnste Bild im ganzen Land.

Die Neugier nach dem Aussehen der groen Unbekannten lie ihm keine
Ruhe, und schlielich fate er den fr seine Begriffe ungeheuerlichen
Entschlu, ihre Bekanntschaft zu suchen.

Wre er ein Stuart Webbs gewesen, von dessen Spitzfindigkeit die Kinos
smtlicher Weltteile Wunder berichten, oder ein Nick Carter, dessen
Detektivtaten in unzhligen Zehnpfennigheften mit furchtbar farbigem
Umschlag gefeiert werden, so htte er wohl gewut, wie er sich htte
anstellen mssen.

Stuart Webbs wre in einem solchen Fall einfach in das Hinterhaus
gestiegen, in das vierte Stockwerk, htte die Fuspuren auf dem Boden
nachgemessen und die Fe smtlicher Frankfurterinnen so lange mit
diesen Spuren verglichen, bis er die Sngerin herausgefunden htte.

Leider aber pflegte Benno kein Kino zu besuchen, und er kam deshalb
nicht auf einen so genialen Einfall.

Er ging vielmehr geradewegs auf das Haus zu, aus dessen viertem
Stockwerk der Gesang zu tnen pflegte, schlich sich wie ein Einbrecher
die vier Treppen empor, um an der Tre den Namen der Bewohner zu
erforschen.

Ach, es war das erstemal, da Benno Stehkragen auf Liebespfaden
wandelte, und er stellte sich dabei keineswegs khn wie ein Kinoheld
an. Jeder Quartaner htte mitleidig ber den Anfnger gelchelt.

Sein Herzchen klopfte bis in den Buckel hinauf, und wre ihm jemand auf
der Treppe begegnet, er htte in seiner Verzweiflung die Hnde
emporgestreckt und gerufen: Ich ergeb' mich!

Atemlos stand er vor der Tre im vierten Stock.

Dort war ein verrostetes Blechschild angebracht mit der Aufschrift:
Adam Ksberger, Schornsteinfeger.

Und darunter war eine schmutzige Visitenkarte angenagelt, der die rechte
obere Ecke fehlte: Rita von Veldern, Mitglied des Frankfurter
Opernhauses.

Benno nahm ehrfurchtsvoll seinen Hut ab und machte eine tiefe
Verbeugung.

Also Rita hie sie. Natrlich kam es ihm so vor, als htte er noch nie
einen schneren Namen gehrt.

Er htte sich gar nicht gewundert, wenn sich in diesem Augenblick die
Tr geffnet htte und eine Prinzessin hervorgetreten wre, um ihn mit
einer unsagbar lieblichen Geste einzuladen: Treten Sie nher in unser
Knigreich.

Und er htte dann mit verklrtem Antlitz gestammelt: Sehr angenehm!
Knigliche Hoheit gestatten, da ich mich vorstelle: Benno Stehkragen,
Beamter der Industriebank. Noch zu haben!

Aber die Tr ffnete sich nicht. Wohl aber entfiel den zitternden Hnden
Bennos der Hut und rollte die vier Treppen hinab, und hinter ihm her
rollte alsbald Benno Stehkragen, erhaschte im Hausflur seinen Hut, der
nun allerdings nicht mehr aussah, als ob er aus einem Knigreich kme,
und machte sich auf den Heimweg.

Und obwohl der Text zu Lohengrins Schwanenlied unabnderlich feststeht,
sang er doch whrend des ganzen Weges auf diese Melodie den neuen Text:
Rita, Rita, Rita.

Wer erst einmal auf verbotenen Wegen gewandelt ist, kann es bekanntlich
nicht mehr lassen. Denn gerade auf den verbotenen Wegen blhen die
schnsten Blumen, leuchten die hellsten Sterne und wachsen die dicksten
Kartoffeln.

Benno, der schchterne, tugendsame Benno, beschlo, auf dem verbotenen
Weg weiter zu wandeln, und sollte er auch schnurstracks in die Hlle
fhren.

Wiederum zeigte es sich, da Stuart Webbs und Nick Carter an Bennos
Stammbaum gnzlich unbeteiligt waren.

Zwischen seiner Wohnung und dem schornsteinfegerlichen Knigreich lag
eine Delikatessenhandlung, die das Stelldichein smtlicher Dienstmdchen
der Umgegend zu bilden pflegte. Dort wollte Benno Nheres ber Rita
erfahren. Er gedachte, dort irgendeinen Einkauf zu machen und bei dieser
Gelegenheit die Besitzerin des Geschftes auszufragen.

Kaum hatte er diesen Entschlu gefat, als er auch schon vor der
Khnheit seines Unternehmens zurckschreckte.

Drei Tage zauderte er.

Als aber am Abend des dritten Tages wieder der Sirenengesang durch das
offene Fenster in sein Zimmer getnt war, und zwar diesmal das fr alle
unverliebten Ohren schreckenerregende Lied Lieb' mich, und die Welt
ist mein, da raffte sich Benno auf mit dem festen Entschlu, die Welt
zu diesem billigen Preise zu erwerben.

Lange stand er am nchsten Mittag vor der Tr des
Delikatessengeschftes. Er hatte seinen besten Anzug angezogen. Wohl
zehnmal hatte er die Hand auf die Trklinke gelegt, bis er es unter
Aufgebot seines ganzen Mutes ber sich gewann, die Klinke
niederzudrcken.

Mit einem jhen Ruck ffnete sich die Tr, Benno erschrak heftig ber
das Klingelzeichen und wre gern wieder davongelaufen. Aber schon hatte
sich der blondgescheitelte Verkufer, der whrend der Mittagsstunden die
Ladeninhaberin vertrat, und der aussah, als sei er aus dem Schaufenster
eines Friseurs durchgebrannt, des unglcklichen Benno bemchtigt, und
alsbald rasselte eine solche Flle von Warenanpreisungen auf Bennos
verstrtes Haupt hernieder, da sich der rmste nicht mehr zu helfen
wute.

O, es war ein tchtiger Kommis, und er wute genau, da Mllers
Stiefelwichse die beste ist und Bergers Hhneraugenpflaster, nur echt
mit dem Namenszug des Erfinders, Wunder wirken, und er machte aus
diesen Kenntnissen Benno gegenber kein Geheimnis.

Als Benno zehn Minuten spter wieder vor dem Laden stand, hatte er fnf
Bchsen Brechbohnen, drei Pfund gedrrtes Obst, zwei Pakete Margarine,
eine Kokosnu und fr dreiig Pfennig Bartwichse gekauft -- dem
Knigreich aber war er keinen Schritt nher gekommen.

So also ging es nicht.

berhaupt, sagte sich Benno mimutig, als er zu Hause die Pakete
auspackte, was geht dich die Sngerin an? Schreib' deine Fakturen und
kmmer' dich nicht um fremde Damen! Geh' nicht auf die Mdchenjagd, du
bringst's doch nur bis zum Sonntagsjger! Du weit's doch aus der
Odyssee: Wenn die Sirenen singen, soll merr sich die Ohren mit Watte
verstopfen!

Und Benno verschlo an den nchsten beiden Abenden, sobald der Gesang
Ritas ertnte, heroisch die Fenster und hielt sich das rechte Ohr zu.

Und hrte nur ganz heimlich mit dem linken Ohr hin.

Aber der Kopf denkt, das Herz lenkt.

Benno ertappte sich dabei, da er tglich den Theaterzettel des
Opernhauses studierte, um den Namen Rita von Veldern zu entdecken.

Aber er fand ihn nicht. Und das bedeutete keinen Mangel an Scharfsinn,
denn selbst ein Stuart Webbs und Nick Carter wrden den Namen dort nicht
entdeckt haben. Aus dem einfachen Grunde, weil er nicht dort stand.

Sollte die Visitenkarte an der Tr des vierten Stockwerkes gelogen
haben?

Benno berlegte.

Er wollte der Visitenkarte nicht unrecht tun; sie hatte so
vertrauenerweckend schmutzig ausgesehen.

Er sagte sich: Wahrscheinlich tritt sie nicht unter ihrem Familiennamen
von Veldern auf, sondern sie hat sich einen Bhnennamen zugelegt.

Er fand dies sogar ganz in der Ordnung.

Und gestand sich: _Wenn_ ich ein groer Schauspieler wr', ein so groer
Schauspieler, wie ich ein kleiner Schlemihl bin, ich tt' _auch_ nicht
unter meinem Namen Benno Stehkragen, oder Benno _von_ Stehkragen,
auftreten.

In solchen Gedanken ging Benno eines Abends den Oederweg hinunter. Die
Straenlaternen brannten trbe, und trbe flackerte das Lmpchen in
Bennos Herzchen. Ihm fehlte das l der Leidenschaft.

_Wenn_ ich jetzt der Don Juan wr', philosophierte er, der groe
Liebespraktikus aus Spanien -- dann tt' ich merr eine Mandolin' kaufen
-- und tt' in der nchsten Vollmondnacht nach dem Oederweg 69
schleichen -- und tt' mich in den Hof stellen wie en Orgelmann -- und
mein Diener Leporello mt' achtgeben, da kein Schutzmann kommt -- und
ich tt' auf meiner Mandolin' 'erumpauken -- und tt' mit mei'm
Mozartschen Bariton meinen Liebeskummer in die Nacht 'erausheulen -- und
dabei mit groen Schritten auf und ab gehen und e bichen mit dem Sbel
scheppern -- und wr' unwiderstehlich! -- Und es tt' sich im vierten
Stock ein Fenster ffnen -- und ein weiblicher Mdchenkopf 'erausgucken
-- und se tt' merr ebbes herunterwerfen -- nicht zwei Pfennig in Papier
gewickelt, sondern ihr Herz -- ihr gerhrtes, rotes Herz -- und ich
tt's mit mei'm spanische Kppche' auffangen -- und ich ...

Benno blieb pltzlich mitten auf der Strae und mitten in seiner
Trumerei stehen.

Ihm entgegen kam ein Frulein, das einige Notenhefte unter dem Arm trug.

Benno wute sofort: das ist sie.

Er blinzelte nach dem obersten Notenheft -- es war der Lenz von
Hildach.

Rita von Veldern trug einen karierten Rock, eine verwaschene hellblaue
Bluse mit einem breiten, maschinengearbeiteten Spitzenkragen. Ihre
Kleidung schien etwas vernachlssigt und geizte offenbar danach, fr
kostspieliger zu gelten, als es der Wahrheit entsprach.

Ich wei nicht, welche Altersberechnung im Feenreich blich ist -- nach
_irdischer_ Berechnung stand Rita in der Mitte der dreiiger Jahre.

Ein unscheinbares, verblhtes Persnchen, das auf recht ausgiebig
geratenen Fen durchs Dasein trippelte. Das sprliche dunkle Haar war
unter einem groen, abenteuerlichen Hut verborgen, der aussah wie von
Herrschaften abgelegt.

Das Gesicht war nicht hbsch, nicht hlich, ein gutbrgerliches
Durchschnittsgesicht, das ehemals, als noch die Jugend es belebte, wohl
kssenswert gewesen sein mochte. Den entschwundenen Glanz ersetzte die
Kosmetik nur hchst unvollkommen.

Benno mute zugeben, da man sich eine Mrchenprinzessin gewhnlich
etwas anders vorstellt.

Machte nichts. Hatte er, der bucklige Benno Stehkragen, ein Recht, ber
die krperlichen Vorzge und Fehler seiner Mitmenschen zu Gericht zu
sitzen?

Und wre Rita hlich wie die Nacht gewesen, ihre Stimme war zart und
lieblich und besa die Gabe, Licht in die Seele eines unansehnlichen,
harmlosen Hagestolzes zu gieen und Frhling in ein schmuckloses
Junggesellenzimmerchen zu zaubern.

Unwillkrlich hatte Benno sie gegrt.

Rita von Veldern schaute ihm erstaunt in die Augen, und er fhlte, da
sie sich umkehrte und ihm nachsah.

Da sie ihm in die Augen sah, konnte Benno, der blutrot geworden war,
nicht erschrecken, aber da sie ihm nachblickte, war peinlich. Denn nun
mute sie den Buckel sehen.

Und wenn ihr vielleicht seine Augen gefallen hatten, der Buckel mute
jede Sympathie ersticken.

Eigentlich, hatte Benno einmal in seiner selbstironischen Art gesagt,
eigentlich hat der liebe Gott aus mir ein Kamel machen wollen. Aber wie
er den Buckel geschaffen gehabt hat, da war er ihm doch fr ein Kamel
nicht schn genug! Und da hat er halt den Benno Stehkragen draus
gemacht.

brigens bertrieb Benno die Wirkung des Buckels bedeutend. Es ging ihm
wie jenem Prfungskandidaten, dem ein Knopf an der ungeeignetsten
Stelle offen stand, der nun meinte, jeder Professor fixiere gerade diese
Stelle, und der darber durchs Examen fiel, obwohl sein kleines
Toilettemigeschick von niemandem bemerkt worden war.

So brachte sich Benno um jede Freundschaft mit Frauen und um das hchste
Erdenglck, um Liebe, durch seinen eigensinnigen Argwohn, sein Buckel
msse jeden Menschen abstoen.

Seit Benno Stehkragen Rita mit Augen gesehen hatte, ward ihm ihr Gesang
noch wertvoller.

Freilich, die Illusion des goldblonden Engels war unrettbar dahin. Aber
der Verlust dieser Illusion hinterlie keine brennende Wunde.

Es trat einfach an die Stelle seines schnen Traumes ein anderer schner
Traum, der in weniger berirdischen Gefilden spielte, dafr aber an
Leben und Wahrscheinlichkeit gewann.

Benno kannte nun die Sngerin von Angesicht, und damit erhielten ihre
Lieder fr ihn etwas Persnliches, Intimeres.

Er konnte sie sich jetzt recht gut whrend des Singens vorstellen, und
ihm war, als snge sie fr ihn allein.

Er sah Rita fters auf der Strae, und jedesmal grte er sie.

Sie wunderte sich nicht mehr ber diesen Gru, sie dachte sich:
Wahrscheinlich ist es irgendein Bekannter vom Schornsteinfegerball. Und
sie erwiderte lchelnd seine Begrung.

Weiter als bis zu diesem Gruverhltnis entwickelte sich die
gegenseitige Bekanntschaft vorerst nicht. Und Benno war damit vollauf
zufrieden.

Ja, mehr als das, er war glcklich.

Bis die Stimme der Sngerin mehrere Abende hintereinander stumm blieb.

Die Fenster von Bennos Zimmer standen weit offen, ausgebreiteten Armen
vergleichbar, die des Liebsten harren. Oder, um ein echteres Bennosches
Bild zu whlen: einer Mausefalle vergleichbar, in der als Speckbrocken
Bennos Herz hing.

Kein Gesang wogte herein. Nur die feuchte Herbstluft zog ein, machte es
sich auf Bennos Sofa, in Bennos Bett bequem, kletterte die Wnde auf
und ab, bis sie sich zuletzt in Bennos aufgestlpte Nase verkroch und in
Gestalt eines Stockschnupfens dort bis in den Januar wohnen blieb.

Keines der gebruchlichen Schnupfenmittel erkannte sie als
Kndigungsgrund an.

War Rita krank?

Er sah sie jetzt auch nicht mehr auf der Strae.

Seine Unruhe wuchs von Abend zu Abend.

Alle die Besorgnisse, die sonst nur in liebevollen Mutterngsten ihr
Unwesen treiben, erwachten in ihm. Am Ende war sie von der Elektrischen
berfahren worden?

Oder auf der Strae ohnmchtig geworden und lag jetzt irgendwo in einem
Krankenhaus und konnte in ihrem Fieberzustand keine Auskunft ber ihre
Personalien geben?

Oder ... oder ... Jede Frankfurter Mama kennt einen ganzen dicken
Konversations-Lexikons-Band voll solcher Oders -- eines immer
katastrophaler als das andere.

Benno dachte daran, auf die Polizei zu gehen. Schlielich zog er es vor,
wieder das Orakel des Delikatessengeschftes zu befragen.

Und diesmal war die Pythia selbst anwesend und nicht der
stellvertretende Hohepriester mit dem Pomadenscheitel und den
Billige-Jakobs-Manieren.

Diese Pythia drckte sich weit eindeutiger aus als ihre berhmte
delphische Kollegin.

Wo die Ksbergers sin? Wo wer'n se sein? 'nausgeschmisse sein dhun se!
Des wr' merr des Rechte: de liewe lange Dag de Leut' die Ohr'n
vollorjele unn kaa Miet' berappe! Nix wie enaus mit so're Gesellschaft!

Es war, als htt' der Himmel die Erde still gekt -- das nannte die
Frau die Ohr'n vollorgeln!

Jetzt erfuhr Benno auch, da Rita von Veldern nur ein Bhnenname sei,
und da die Rita (No, ich will nix sage, awwer wann ich _redde_
wollt' ...!) die Tochter Katharine des Schornsteinfegers Ksberger war.

Das alles war sehr niederschmetternd.

Und Benno kaufte in seiner Zerknirschung mehrere Pfund Stcksoda, zehn
Bchsen Leipziger Allerlei und drei Bndel Knoblauch.

Mhsam raffte er sich zu der Frage auf, ob die gute Frau nicht wisse, wo
die Ksbergers jetzt wohnten?

O ja, das wute die gute Frau sehr genau. Sie hatte ein groes Interesse
an der Adresse, denn die Bagasch war ihr noch Geld fr Waren schuldig.
Und nicht nur ihr, sondern fast smtlichen Geschften in der
Nachbarschaft.

Uff'n Sachsehuser Berg sin se gezoge. Vielleicht dhun ihne de
Sachsehuser noch ebbes bumbe, die Frankforter dhun's net mehr!

Die volle Wahrheit ber Rita von Veldern, geborene Katharine Ksberger,
erfuhr Benno auch hier nicht.

Nur so viel hrte er aus der lieblosen Schilderung heraus, da die Rita
ein armes Geschpf war.

Und das war sie in der Tat.

Ursprnglich war Katharine keineswegs zur Knstlerin bestimmt gewesen.
So schwarze Plne hegte der Schornsteinfeger nicht mit seiner Tochter.
Er hatte sie vielmehr als Lehrmdchen in ein groes Warenhaus gesteckt,
wo sie alsbald in die Geheimnisse des Wareneinpackens und Verschnrens
eingeweiht wurde.

Nebenbei nahm sie Schreibstunden, denn ihre Schriftstcke hatten bisher
stets ausgesehen, als habe ihr Vater beim Nachhausekommen vom Beruf sich
die Hnde daran abgewischt.

Der Schreibunterricht hatte befriedigenden Erfolg, und es lt sich
nicht leugnen, da die heimlichen Zettelchen, die sie nach etwa
einjhriger Lehrzeit einem Kommis der Seiden-Abteilung zukommen lie,
eine bedeutend bessere Handschrift aufwiesen als der Briefwechsel, den
sie ein halbes Jahr zuvor mit einem Buchhandlungsgehilfen postlagernd
gefhrt hatte.

Den Gesang bte sie damals nur als Dilettantin aus; sie sang wie der
Vogel singt, der in den Zweigen wohnet, nur nicht so schn.

Und sie dachte nicht daran, diese Gabe Gottes als Erwerbsquelle
auszubeuten -- bis zu jenem verhngnisvollen Abend, an dem sie im Verein
Die lustigen Rauchfnger das ergreifende Lied vortrug von dem
schlechten Kerl, der mich nie geliebt hat. Und als Zugabe das Balied
von der Krone im tiefen Rhein, fr Sopran bearbeitet.

An jenem Abend befand sich unter den Zuhrern als Gast auch der
ehemalige Chorist Lebrecht Breivogel, der sich seit Verlust seiner
Stimme den Titel Gesangspdagoge zugelegt hatte.

Er schlngelte sich an Papa Ksberger heran und machte ihn darauf
aufmerksam, da seine Tochter, die, nebenbei bemerkt, eine herrliche
Bhnenfigur bese, ein Vermgen in der Kehle habe. Ein Vermgen, das
keineswegs so schwer zu heben sei, wie die Krone im tiefen Rhein.

Und es ginge zwar gegen seine Prinzipien, und er habe auch alle Hnde
voll zu tun, aber er wolle ausnahmsweise, ganz ausnahmsweise die Stimme
des gndigen Fruleins vllig kostenlos -- prfen.

Papa Ksberger war berauscht von den Zukunftsbildern, die der
Gesangspdagoge ihm malte.

Mama Ksberger weinte auf Vorschu Trnen der Freude und des Stolzes.

Und Katharinchen sah sich bereits in den illustrierten Blttern
abgebildet. In einem tiefdekolletierten Seidenkleid, und mit einem
Faksimile ihrer verbesserten Handschrift.

Lebrecht Breivogel prfte die Stimme, und da er dringend Schlerinnen
brauchte, entdeckte er ein auergewhnliches Material. In sptestens
zwei Jahren werde das Frulein ein erstklassiges Engagement haben, dafr
garantiere er.

Wenn ein Lebrecht Breivogel fr etwas garantiert, so kann es kein
Besinnen mehr geben.

Das Warenhaus wurde um eine Einwicklerin rmer und der groe Einwickler
Breivogel um eine Schlerin reicher.

Auf dem Auktionswege wurde ein Klavier erstanden, uerlich so gut wie
neu und innerlich ebenso miserabel, und Katharine Ksberger wanderte
zweimal wchentlich zu ihrem Gesangsprofessor Lebrecht.

Und denselben Weg wanderten ihre kleinen Ersparnisse und Papa Ksbergers
sauer erworbene Notpfennige.

Vielleicht wre aus Katharines Stimme etwas zu machen gewesen, htte ein
solider Lehrer sie fleiig gebildet.

Zur Solistin an einem kleinen Stadttheater htte es das von Hause aus
musikalische Mdchen wohl bringen knnen.

Den Mihandlungen des Breivogelschen Unterrichts aber war die kleine
Stimme nicht gewachsen. Es spricht immerhin zugunsten Katharines, da
ihr Organ den natrlichen Wohlklang nicht vollends einbte, und da sie
in verhltnismig kurzer Zeit leidlich Klavier spielen lernte.

Ihre Stimme blieb unentwickelt, die Hhe wurde scharf, fr die Hebung
ihres Geschmacks geschah gar nichts, aber die Stimme nahm in der
Mittellage einen rhrenden Ausdruck an, wie die Augen eines mihandelten
Kindes.

Und dieser Ausdruck war es, der Benno so sehr bezaubert hatte.

Es war, als klage diese Stimme ihr Leid ber die erlittenen Zchtigungen
in die Welt hinaus und finde Trost in ihrem eigenen Klang.

Zwei Jahre nach Beginn der Gesangslektionen hatte Katharine zwar kein
Engagement, wohl aber ein Kind von ihrem Lehrer.

Mama Ksberger trug das freudige Ereignis mit dem Fatalismus, der so
vielen unbemittelten Leuten zur Gewohnheit wird.

Es war eben ein Unglck, da war nichts zu machen.

Papa Ksberger hingegen hatte im ersten Kummer geschworen, er werde dem
Breivogel alle Knochen einzeln entzweischlagen. Aber die Wogen seiner
Erregung gltteten sich wieder, als Lebrecht versprach, Katharine, die
jetzt bereits Rita hie, zu seiner ehelich angetrauten Gattin zu machen.
Er wisse, was seine Pflicht als Ehrenmann sei! Was man eigentlich von
ihm glaube? Ritas wundervolle Stimme, ihre Zukunft als gefeierte
Sngerin seien ihm Mitgift genug.

Zum zweitenmal fiel die Familie Ksberger auf die Versprechungen
Breivogels hinein.

Denn als der lockere Breivogel merkte, da man Miene machte, ihn beim
Wort zu nehmen, entfaltete er seine Flgel und verschwand spurlos aus
Frankfurt.

Er berlie seiner Schlerin in uneigenntzigster Weise den alleinigen
Genu ihrer glnzenden Zukunft.

Der kleine Lebrecht war ein hbsches Bbchen mit kohlschwarzen Augen.
Mama Rita und Gromama Ksberger verliebten sich in ihn, verhtschelten
ihn und merkten infolgedessen nicht, da der kleine Lebrecht eine
Eigenschaft besa, die in bessersituierten Kreisen kein Hindernis in der
Karriere ist, fr arme Teufel aber verhngnisvoll zu sein pflegt: er war
strohdumm.

Mit der Pointe Klein-Lebrecht schlo das Couplet von Ritas Jugend.

Was nun kam, war schlichteste Prosa: eine Prfung der Stimme durch
Sachverstndige, die schmerzliche Erffnung der Wahrheit, ein
resigniertes Engagement als Choristin.

Selbst auf diesen gewi bescheidenen Erfolg war Papa Ksberger noch
stolz. Seine Tochter war doch beim Theater, ein Schimmer jener
rtselhaften Welt von Glanz und Herrlichkeit drang in seine karge
Huslichkeit, er geno den Kitzel all des Kulissenklatsches, den seine
Tochter von den Proben mit heimbrachte, und der beim Erzhlen am
Stammtisch und im Verein ihn mit dem Glorienschein des Wissenden und
gewaltigen Kunstsachverstndigen umgab.

Und besa nicht Rita auch ein sichtbares, lebensgroes Zeichen ihres
Knstlertums?

Ich meine damit nicht den kleinen Lebrecht, sondern den riesenhaften
Lorbeerkranz, der in der guten Stube ber dem Sofa hing, und dessen
Schleife in goldenen Buchstaben die Inschrift trug: Der vortrefflichen
Knstlerin -- Die dankbaren Schornsteinfeger.

Auf die Bildung des musikalischen Geschmacks wirkte die Ttigkeit als
Choristin unverkennbar gnstig ein. Der Chormeister des Opernhauses war
ein gtiger Mann, dem zu einer glnzenderen Karriere nur eines gefehlt
hatte: das Glck.

Ein Mann voll Musikverstndnis, voll echter Liebe zur Kunst, die ihm
auch sein jetziger, wenig erfreulicher Beruf nicht hatte verkmmern
knnen. Ihm fiel bald der natrliche Wohlklang der Stimme Ritas auf, er
lie es nicht an guten Ratschlgen fehlen, nahm wohl auch nach den
Chorproben das eine oder andere Lied mit ihr durch, und ihm war es zu
verdanken, da Rita auch Schumannsche und Schubertsche Lieder kennen und
singen lernte. Das Bewutsein, der heiligen Ccilie als treuer Jnger
gedient zu haben, war dem wackeren Manne Lohnes genug fr die geopferte
Zeit und Mhe. --

Schwere Gedanken belasteten das Hirn Benno Stehkragens auf dem kurzen
Heimweg von der Delikatessen-Pythia. Nicht Liebe war es, die ihn fr
Rita beseelte, nicht einmal Freundschaft. Aber er hatte nun einmal
Interesse fr dieses Mdchen gefat, und er pflegte seine Interessen mit
Zhigkeit zu verfolgen.

Und war er ihr nicht auch zu Dank verpflichtet? Zu Dank fr die vielen
genureichen Viertelstunden, die ihr Gesang ihm geschenkt hatte?

Gab es hier nicht vielleicht etwas zu helfen, ein bitteres Los zu
lindern? Und Hilfe leisten, das war ja eine Lieblingsbeschftigung
Bennos, der in seinen Trumen die ganze Menschheit zu beglcken
pflegte.

Oft, wenn er in den Zeitungen die Sammellisten fr wohlttige Zwecke
las, und dabei auf den Vermerk stie, N. N. M 1000.--, wnschte er
sich: Dieser N. N. mchte ich sein! Kann es etwas Schneres geben, als
unerkannt, ohne anderen Dank als den Dank eines guten Gewissens
Wohltaten ausstreuen?

War das nicht noch tausendmal herrlicher als die Kaiserkrone Chinas, der
Brgermeisterhut Gomorrhas?

Um jene Zeit siedelte die Industriebank aus dem einfachen Geschftshaus
im Oederweg in den Dividendenpalast am Bahnhofsplatz ber.

Benno beschlo nach schwerem Zgern, diesen Umzug als Grund zur
Kndigung seiner Wohnung zu benutzen.

Zwischen zwei groen Bissen polnischen Karpfens brachte er es wrgend
bers Herz, seinen Hausleuten diesen Entschlu mitzuteilen, und wunderte
sich selbst, da ihm dabei keine Grte im Hals steckenblieb.

Er msse nher an das neue Geschftslokal heranziehen, er verliere sonst
zu viel Zeit in der Mittagspause, es tte ihm ja selbst unsagbar leid --
der polnische Karpfen wurde schier kalt ber seiner Verlegenheitsrede,
und dem armen Benno stand der Angstschwei auf der Stirn.

Am Ende war er _doch_ ein Haifisch? Und diese Rede hielt nicht er
selbst, sondern der Jonas in seinem Bauch?

Die Hausleute lieen ihn ungern ziehen. Die Kinder weinten, und auch dem
Vater Seligmann war das Schluchzen nahe, als er beim Abschied wehmtig
lchelte:

Beinahe htten merr die soziale Frage gelst gehabbt -- und grad da
mssen Se ausziehen!

Benno zog nher der Industriebank, nmlich -- nach dem Sachsenhuser
Berg.

Drei Huser von Ritas Wohnung.

Dort fand er bei der Tapeziererswitwe Petterich ein Heim, und sogar an
der Nordfront des Hauses ein Zimmer, von dem aus er Rita singen hren
konnte.

E Zimmerche wolle Se hawwe? hatte Frau Petterich an der Flurtre auf
seine Frage geantwortet. E Zimmerche? Hm, was sin Se dann?

Die Auskunft Bankbeamter hatte sie befriedigt, sie lie Benno
Stehkragen eintreten.

Er sah sich einer kleinen, rundlichen Frau im molligsten Mittelalter
gegenber, deren Auftreten echtestes, resolutestes Sachsenhuserinnentum
verriet: derb, kernbrav, hausmtterlich, handfest.

Der Eindruck des Hausmtterlichen wurde noch verstrkt durch das
achtjhrige, sauber gekleidete Mariechen, ihr Tchterlein, das
neugierig, aber ohne ngstlichkeit, den Fremdling beguckte.

Du, Mama, der hat'n Buckel! sagte es.

Des guck' ich selwer! wies Frau Petterich ihre Tochter zurecht.

Und zu Benno gewendet: So sin die Kinner! Waa Gott, merr hat sei Last
mit dem Gezeppel! Ach, wann mei guder Mann noch lewe dht, mei
Schorsch-selig, der mit'r alsemal 's Fell versohle -- awwer wisse Se,
ich selbst breng's net iwwer's Herz! Also hier wr' des Zimmerche! Vom
Balkoo aus knne Se bis hinner in de Wald gucke, wann's net grad regne
dhut! Der vorigt' Mieter -- wisse Se, der Brofessor Langeberjer vom
Senkeberjische Inschdidut, e hochaastnniger Mann, vielleicht kenne
Se'n? -- der hat oft schdunnelang dagesesse unn hat  Sigarr nach der
annern geraacht -- es wunnert mich nor, da'r net aach noch die
_Schachtel_ mitgeraacht hat! Ich habb's em hunnertmal gesacht: 'Se
verraache Ihne noch des ganze bissi Verstand!' awwer gradsogut htt'
ich's der Kommod' do preddige knne -- unn er hat vergniegt zugeheert
unn hat gesacht: 'Frau Petterich,' hat er gesacht, 'net for e Milljoo
geww ich des Zimmerche her!' 'Ich gebb's for de zehnte Teil,' haww ich
erwiddert. Ich verzhl's Ihne aach nor, Herr Umlegkrage', damit Se
wisse, wie schee der Balkoo is! Mei Schorsch-selig -- ach, des war e
Mann! So aan gibbt's net widder! Da knne Se ganz Sachsehause in e Sieb
schitte unn dorchschittele, so aaner fllt net eraus -- der hat als uff
dem Balkoo gesesse unn hat gesacht: 'Josephinche,' hat'r gesacht, 'des
hier is mei Keenigreich. Ich bin der Keenig, blo haww ich nix zu sage!'
Des war sei Lieblingspltzche, bis'r emal erunner geschderzt is iwwer's
Gelnner, weil er ze viel gesoffe gehadt hat. Ach Gott, er hat so'n
gude Abbedit gehabt, mei Schorsch! Besonnersch Weckkl mit gekochte
Quetsche, da hat'r finf Stick fresse kenne! Unn hat _doch_ nor
hunnertdreiig Pund gewoge! Es war e Rtsel, wo des Fresse bei dem Mann
hie' komme is! Ja, vier Jahr hat der Brofessor Langeberjer bei merr
gewohnt, bis er bletzlich de Rappel krieht hat, unn hat geheierat'. Mit
finfunfuffzig Jahrn, e Mdche von einunzwanzig. E ganz arm Mdche. Unn
hibsch war se aach net. Awwer ich sag's ja alleweil: Je schdudierter e
Mensch is, desto meschuggener is er! Also, wie gefllt Ihne des
Zimmerche?

Benno Stehkragen hatte den Eindruck, als sei Frau Petterich etwas
gesprchig.

Er vermutete, da der selige Schorsch wohl nicht sehr oft zu Worte
gekommen sein mochte. Aber die Frau gefiel ihm trotz ihrer Redseligkeit.

Und noch mehr gefiel dem Kindernarr Benno das Mariechen, mit dem er in
der Folgezeit gar gut Freund wurde.

Nach zweistndiger Unterredung, in der er sowohl Frau Petterichs als
auch Professor Langenbergers vollstndige Lebensgeschichte erfuhr,
hatte er das Zimmerchen an der Nordfront gemietet.

Ich dhu noch e besser' Dischdeck' her unn annern Vorhng an die
Fenster! Unn gell, gewwe Se merr ja uff de Deppich acht, es is e
Familje-Erbschdick, da hat schonn mei Gromudder de Grovadder
geschimbft, wann er mit dreckige Schdiwwel in die Schdub gedappt is.

Benno zog ein und geno wieder bei geffnetem Fenster den Gesang der
Ksbergerin.

Er hrte ihn herzlich gerne, aber die ehemalige Verzckung stellte sich
nicht mehr ein.

War die neue Umgebung daran schuld?

Oder hatte die lieblose Enthllung der Ksbergerschen Privatverhltnisse
durch die Delikatessen-Pythia doch einen Stachel in Bennos Gemt
hinterlassen?

Rita von Veldern war von der Nachtigall zur Amsel degradiert.

Gewi, auch die Amsel ist ein recht respektabler Singvogel, aber ihr
schwarzes Kpfchen trgt nicht das Diadem der Poesie, mit dem die
Dichter einstimmig die Nachtigall gekrnt haben.

Als Katharine an einem theaterfreien Abend mit dem kleinen Lebrecht
einen Spaziergang von ihrer Wohnung nach dem Waldrand machte, begegnete
ihr Benno.

Sie stutzte, dann brach sie in Lachen aus. Wer war dieser merkwrdige
Mensch? Schon auf dem Oederweg hatte er sie immer so feierlich gegrt,
und jetzt tauchte er pltzlich auch in dieser Gegend auf.

War diese Begegnung Zufall, oder handelte es sich um einen schchternen
Liebhaber?

Mit einer raschen Entschlossenheit, deren Benno nie fhig gewesen wre,
trat sie auf ihn, der vor Staunen den Hut ratlos in der Hand behielt, zu
und frug geradewegs:

Wer sind Sie eigentlich? Ich habe Sie schon fters gesehen.

Ehe Benno eine Antwort stammeln konnte, erhob der kleine Lebrecht, der
sich vor jedem Fremden frchtete, ein erschreckliches Geheul und
klammerte sich an seine Mutter.

Ein sehr liebes Kind! stotterte Benno und legte seine Hand auf
Lebrechtchens Kopf -- ein Beruhigungsversuch, den dieser angenehme
Knabe mit verdreifachtem Gebrll beantwortete.

Hatte er dieses krftige Organ von seinem Vater oder von seiner Mutter
geerbt?

Rita und Benno starrten sich verdutzt an.

Er ist etwas nervs, bemerkte Rita entschuldigend.

Aber er scheint ein guter Junge zu sein, sagte Benno verbindlich und
zog eiligst seine Hand zurck, denn der gute Junge hatte nach ihr
gebissen.

Ist das Ihr Brderchen? Er sieht Ihnen so hnlich.

Es ist mein Sohn, antwortete Rita ruhig und gelassen.

Es gab Benno einen Stich.

Sie sind verheiratet? frug er enttuscht.

Ich wre es beinahe einmal gewesen, belehrte sie ihn freundlich. Das
Lebrechtchen hier ist die Verlobungskarte. Aber die Verlobung ging
zurck. Lebrecht, gib dem Herrn die Hand!

Lebrecht streckte Benno die Zunge heraus.

Er kennt Sie noch nicht, erklrte Rita das eigentmliche Verhalten
ihres Sprlings. Und fgte lchelnd hinzu: Auch ich kenne Sie noch
nicht. Wer sind Sie eigentlich?

Wer ich bin? sagte Benno, als Lebrechts Mund endlich mit einem
mtterlichen Konfektstck gestopft war, im Weitergehen. Wer ich bin? In
der Hauptsach' bin ich e Buckel. Ich bin -- hm, wie soll ich das
ausdrcken? -- ein Etwas, das so lange Zahlen geschrieben hat, bis es
selbst ein Null geworden is. Sie finden meine Verdienste in keiner
Literaturgeschichte, in keinem Geschichtsbuch und in keinem
Konversations-Lexikon. Und zu allem Unglck hei' ich auch noch Benno
Stehkragen. Aber ich glaub', ich hab' kein schlechtes Herz -- nur, wie
mitunter die delikateste Leberwurst in schofles Zeitungspapier
eingewickelt is, so is mein Herz eingewickelt in meine schofle Gestalt.
Und ich frag' mich manchmal selbst, wenn ich morgens beim Aufstehen im
Nachthemd vor dem Spiegel steh': bin ich wirklich ein menschliches
Hauptwort in dem groen Buch der Schpfung oder blo en Druckfehler? Ich
bin emal auf dem Rhein gefahren, und wie die Lorelei mich geguckt hat,
hat sich vor Schreck ihr goldenes Haar entfrbt, und se hat ihren
Frisierkamm ins Wasser fallen lassen, und ihr Lied is ihr im Hlschen
steckengeblieben -- und da steckt's heut' noch drin! Seit der Zeit singt
se nicht mehr. So, jetzt wissen Se, wer ich bin!

Solch krauses Zeug redete Benno der erstaunten Katharine vor, die nicht
wute, sollte sie lachen oder ernst bleiben.

Und weshalb gren Sie mich immer? frug sie. Ich kenne Sie doch gar
nicht.

Kennt mich der Mond? gab Benno zurck. Und doch grt er mich jeden
Abend! Auer es is grad Neumond.

Und nun erzhlte er ihr, wie viele schne Augenblicke er ihr schon
verdankte, und da es ihm ein Bedrfnis gewesen sei, sie zu gren, ohne
da er sie deshalb mit dem Mond oder sonst etwas Astronomischem
vergleichen wolle.

Und jedesmal, wenn in ihrem Gesang der Himmel still die Erde gekt
htte, htte er, Benno, in Gedanken ihr kleines Hndchen gekt. Und er
bitte nachtrglich tausendmal um Entschuldigung.

Katharine fhlte sich durch diese Huldigung geschmeichelt und erfreut.
Und auch in Benno keimte eine frohe Gehobenheit.

War er nicht ein Mordskerl? Schritt er nicht elastisch als Kavalier
neben einer leibhaftigen Sngerin?

Wenn ihn einer seiner Bankkollegen so she, wrde er nicht anerkennend
schmunzeln: Sieh mal an, was Bennochen Stehkragen fr Sachen macht! Wer
htte das von ihm gedacht?

Ja, es schlummern mnnliche Talente in einem, die man selbst nicht ahnt!

Ein Gesprch ber Gesang kam in Flu. Benno lauschte Katharines
Weisheiten nur mit halbem Ohr. Er warf von Zeit zu Zeit einen scheuen
Blick auf die neben ihm schreitende Choristin, sein Gang ward unbewut
zu einem leicht verwegenen Tnzeln, so da er ein wenig einem Dromedar,
das sich verschluckt hat, glich.

Je fters er zu ihr hinberblickte, desto gnstiger wurde sein Urteil
ber ihre uere Erscheinung.

Im Grunde genommen besa doch die Menschheit keinerlei authentische
Mitteilungen ber das Aussehen der Feenknigin. Wo steht geschrieben,
da sie _keine_ spitze Nase hat und _keine_ verwaschene blaue
Seidenbluse trgt?

Und er dachte: _Wenn_ ich jetzt so frech wr' wie der Casanova oder der
Herr Wittmann -- und ich tt' pltzlich meinen Arm um ihre Taille legen
-- und tt' mich auf die Zehenspitzen stellen -- und ihr einen Ku
aufpappen -- oder zwei -- und se tt' merr eine Ohrfeige geben -- oder
zwei -- und es tt' ihr im selben Augenblick leid -- und se tt'
flstern: Ich hab' Ihnen doch nicht weh getan, Herr Stehkragen? -- und
ich tt' antworten: Unberufen, _und wie_! -- und ihr kmen die Trnen
in die Augen -- und se -- --

Rita richtete eine direkte Frage an Benno, er mute seinen schnen Traum
abbrechen und antwortete: Wie haben Se soeben bemerkt, gndiges
Frulein?

Nun entwickelte auch Benno seine musikalischen Ansichten und sprach lang
und gut.

Rita gewann den Eindruck, da er ein ungeheuer gescheiter Mensch sein
msse, von dem sie etwas profitieren knne, und so lud sie ihn ein, sie
doch gelegentlich zu besuchen und ihr beim ben mit Ratschlgen
behilflich zu sein.

Das war mehr als Benno erwarten konnte.

Er war auf dem besten Wege, ernstlich Feuer zu fangen -- die Obstbume
dufteten so s, die Spatzen zwitscherten so lustig, und hinter einer
Weidornhecke legte der kleine Amor mit einem spttischen Lcheln
bereits einen Pfeil auf den Bogen -- da brach im kritischen Moment der
kleine Lebrecht wieder in ein markerschtterndes Geheul aus.

Der schreckliche Lebrecht hatte versumt, ein kleines Bedrfnis
anzumelden, und bejammerte nun herzzerbrechend seine Hosen.

Gott Amor flog hellauf lachend hinter der Hecke hervor und wlzte sich,
vor Vergngen quietschend, in den Brennesseln.

Statt zrtlich-geheimnisvoll Liebesworte auszutauschen, gerieten die
beiden nun in ein hchst prosaisches Familiengesprch. Statt Arm in Arm
zu wandeln, fhrten sie auf dem Heimweg den heulenden Lebrecht rechts
und links an der Hand.

O, wie schnde endete, was so schn begonnen hatte!

Der Bengel war nicht zu beruhigen, so da eine vorbeigehende
Sachsenhuserin dem schuldlosen Benno erbost zurief:

Verhaage Se doch den Lausbub emal or'nlich! Sie sin merr e scheener
Waschlappe von eme Vadder!

Bald darauf fand der erste Besuch Bennos bei den Ksbergers statt, und
das riesige Blumenbukett, mit dem er sich bewaffnet hatte, erweckte das
helle Entzcken Katharines und der Gromama Ksberger.

Herr Lebrecht Breivogel hatte sich nie in solche Unkosten gestrzt. Im
Gegenteil, er war noch die Kosten fr die Hebamme schuldig.

Merr guckt doch gleich uff de ehrschte Blick, was e vornehmer Mensch
is! belehrte Gromama Ksberger ihre Tochter, als Benno sich
verabschiedet hatte.

Sie fand, da sein Buckel eigentlich gar nicht so gro sei, als er von
auen aussehe. Und er habe so viel Seele in den Augen.

Was schadete ein Buckel? Pah, so viele Buckels konnte ein Mann gar nicht
haben, da sie ihn deshalb als Schwiegersohn verschmht htte.

Die gute Gromama Ksberger schwamm bereits in standesamtlichen Trumen.
Wenn die Tchter einmal in die dreiiger Jahre gekommen sind, sitzt bei
den Mttern der Segen sehr lose.

Jeder ledige junge Mann gilt ihnen als Schmetterling, sie haben
bestndig das Schmetterlingsnetz bei sich, sie verstehen das Fangen
virtuos, und ehe der arme Junggeselle Bses geahnt hat, haben sie ihn
auf dem Spannbrett der Ehe aufgespiet.

Der harmlose Benno ahnte nicht, welche Gefahr ihn bedrohte.

Um so schrfere Augen hatte die erfahrene Frau Petterich, die die
Besuche ihres Mieters bei dere Komdiantegesellschaft da driwwe mit
Mifallen sah.

Genau so hat's beim Brofessor Langeberjer aagefange! warnte sie ihren
Schtzling. Uff de Kopp genau so! Zuehrscht harmlose Besuchercher, dann
so e merkwerdige Zerstreutheit, unn uff aamol hat'r vor'm Traualtar
geschdanne, de Zylinner verkehrt in der Hand, unn hat 'Ja' gesacht --
unn des Unglick war ferdig! Herr Stehkrage', ich warn' Ihne!

Benno stutzte und wurde vorsichtig.

Er wiederholte in angemessenen Abstnden seine Besuche, lie sich von
Katharine etwas vorsingen, half dem kleinen Lebrecht gelegentlich bei
den Schulaufgaben, mit dem Erfolg, da er nach einem Vierteljahr bereits
nur noch der zweitschlechteste in der Klasse war.

In hohe Gunst geriet er bei Papa Ksberger. Dieser erwies ihm die
hchste Ehre, die er zu vergeben hatte: er nahm ihn mit in den
Schornsteinfegerverein.

Benno fhlte sich sehr geschmeichelt. Da sich aber das Gesprch im
Verein fast ausschlielich um die Qualitt des pfelweins und des
Magistrats drehte, wobei der pfelwein besser wegkam als der Magistrat,
so ging Benno vorsichtig einer Wiederholung seines Gastspiels bei den
Lustigen Rauchfngern aus dem Wege.

Etwas gespannter wurden mit der Zeit seine Beziehungen zu der gndigen
Frau Gromama.

Sie konnte noch so oft betonen, da das Junggesellenleben doch unmglich
einen Mann auf die Dauer befriedigen knne, und da ein kluger Mann
niemals eine junge Schneegans, sondern nur ein gereiftes, erfahrenes
Mdchen -- Rita, wie alt bist du eigentlich? -- heiraten wrde. Benno
gab ihr vollstndig recht, aber er zog nicht die gewnschten
Konsequenzen.

Gromama Ksberger fand infolgedessen, da der Buckel Bennos in der
letzten Zeit bedeutend gewachsen sei. Eigentlich sei der Buckel noch
viel grer, als er von auen aussehe.

Und sie gewhnte sich an, gar lieblos von Benno zu reden, und nannte ihn
ihrer Tochter gegenber mit Vorliebe: Dein buckliger Judd.

Katharine nahm alsdann Benno krftig in Schutz. Sie hatte lngst
herausgefhlt, da Benno ein guter Kerl war, und seine wohlwollende
Bewunderung tat ihr wohl. Kam doch durch ihn wieder ein bichen Wrme in
ihr liebeleeres, verblhtes Dasein.

Und hnlich ging es Benno selbst.

Er hegte fr sie eine vterliche Freundschaft, er machte ihr kleine
Geschenke, ja, er nahm sie sogar einmal mit in das koschere Restaurant.

Derf merr gratuliere? hatte am nchsten Tag der stoppelbrtige Joseph
gefragt. Wieviel krieht se dann mit?

Sie gehren ja auf den Affe'stein[1]! hatte Benno ihn barsch
zurechtgewiesen. Ich heirat' berhaupt nicht. Mit mir stirbt mei
Geschlecht aus. Blo meine Seitenlinie, der Apollo von Belvedere,
pflanzt sich noch fort.

  [1] Frankfurter Irrenanstalt.

Benno und Katharine, zwei vom Schicksal vernachlssigte, an
Enttuschungen gewhnte Menschenkinder, freuten sich ihrer wunschlosen
Sympathie.

So standen die Dinge, als pltzlich Martha in Bennos Gesichtskreis trat.

Neben dem Sonnenglanze dieses neuen Erlebnisses mute der freundliche
Schimmer jener harmlosen, allmhlich zu einer angenehmen Gewohnheit
herabsinkenden Freundschaft verblassen.

Als erste bemerkte die gute Frau Petterich die Vernderung, die mit
ihrem Mieter vorging. Aber da ihr Marthas Existenz unbekannt war,
fhrte sie sein seltsames Verhalten auf die Beziehungen zu Katharine
Ksberger zurck, die sie schon lange auf die ziemlich umfangreiche
Liste jener Mitmenschen gesetzt hatte, die sie net rieche konnte.

Haww ich's net gesacht?! jammerte sie. Jetz is es bald werklich so
weid! Awwer des sag' ich Ihne: _Ich_ geh' net zu Ihrer Trauung, ich net!
Wann' s dem Esel zu wohl is, geht er uff's Standesamt! En Ring sollt'
merr Ihne dorch de Nas' ziehe unn Sie im Zoologische Garte ausschdelle!
Ich sag's ja: Seit mei Schorsch-selig dod is, gibbt's kaa vernmfdige
Mannsbilder mehr. Mei Schorsch-selig -- ach, so aan find ich meiner
Lebdag net mehr! Der war noch von der gude ahle Rass'! Danze hat er
knne, Schottisch, Galobb, Walzer rechts erum, Walzer links erum, uff
eigne Zehespitze unn uff fremde Zehespitze -- der geborene
Balletserich! Dorch's Danze hawwe merr uns ja aach seinerzeit kenne unn
liewe gelernt. An eme Sonntag war's, in Nidderrad, beim Bamberger. Finf
Glas Bier haww ich'm bezhlt, unn nach'm sechste hat er merr ewige Treu'
geschworn. Unn er hat se aach gehalte, wenigstens haww ich nix bemerkt!
Des war e Mann, mei Schorsch-selig, e Herz wie Gold hat er gehabbt, unn
so schee war er: wie e Feldwewel in Zifil hat er ausgesehe. Se misse
awwer net glaawe, da ich net vielleicht aach noch annerne Partiee htt'
mache knne. Minnestens Sticker zehe Verehrer haww ich gehabbt, ich war
aach emal jung unn schee -- so schee werd' Ihne Ihr hochgeborenes
Frulein Ksberger ihrer Lebdag net, unn wann se hunnert Jahrn alt werd!
Da is zum Beischbiel der zwette Gehilf vom Metzger Westheimer gewese,
der wr beinah wege mir in de M gehippt, glicklicherweis' war er
damals grad zugefrorn! Unn der Auslufer Philipp vom Schepeler, der hat
sogar Gedichtcher uff mich gemacht, so unzurechnungsfhig war er. Godd,
wann ich draa denk, wie ich emal mit'm Philipp beim Bamberger gedanzt
habb unn der Schorsch is dazukomme, unn eh' ich die Herrn habb
mitenanner bekannt mache knne, hat der Philipp schonn verbunde wer'n
misse. Dann mei Schorsch-selig, der hat Kraft gehabt wie e Eisbr,
Muskele, sag' ich Ihne, so dick wie Ihr Buckel! Unn hat doch schderwe
misse. Es is e Kreuz! -- --

Wir haben Benno auf seinem abendlichen Heimweg ganz allein den
Sachsenhuser Berg hinaufkraxeln lassen, ihn diskret seinen Trumen
nachhngen lassen, nun aber wollen wir uns ihm wieder anschlieen und
ihm in sein Zimmerchen folgen, um einmal nachzuschauen, wie es dort
aussieht.

Guten Abend, Herr Stehkragen! begrte ihn Mariechens frohlockende
Stimme im Hof.

Das Mariechen hatte in dem Schuppen, der dem seligen Herrn Petterich als
Sommerwerksttte gedient hatte, gespielt und war, sobald sie Benno
erblickt hatte, ihm freudig entgegengesprungen.

Guten Abend, Mariechen, erwiderte Benno den Gru und zupfte ihr das
Haarband, das sich beim Spielen verschoben hatte, zurecht. Die
Schulaufgaben schon gemacht?

Natrlich, Herr Stehkragen! beteuerte das Kind. Soll ich sie Ihnen
zeigen?

Spter, spter! sagte Benno freundlich. Sein Kopf war noch mit
Gedanken an Martha gefllt, und er berhrte beim Betreten des
Hausflurs ganz den Gru der Frau Petterich.

Kopfschttelnd sah ihm seine Wirtin nach.

Jetzt glaaw ich's bald selwer, seufzte die brave Frau, da es Zeit
werd, da er unner'n Bandoffel kimmt! Dem Riese Goliath sei' Bandoffel,
des wr' so die richtige Gr' for en. Er werd schonn ganz daub vor
Zerstreutheit, die Lieb' hat sich bei em uffs Ohr gelegt, nchstens
schnappt er iwwer!

Beim Betreten seines Zimmers fand Benno auf dem Tisch einen Strau
frischer Wiesenblumen.

Den hatte ihm Mariechen gepflckt, die mit kindlich-berschwenglicher
Verehrung an ihrem Hauslehrer Benno hing.

Wie gut konnte er ihr alles erklren! Viel besser als die Lehrerin in
der Schule. Und nie schimpfte er. Immer war er gleichmig freundlich,
verlor nie die Geduld, so viel man ihn auch fragte. Und merkwrdig: Bei
der Lehrerin in der Schule versprte man immer, sobald sie sich
umdrehte, den unwiderstehlichen Drang, ihr die Zunge herauszustrecken,
eine Nase zu schneiden oder wenigstens ein Gesicht zu ziehen -- bei
Benno kam ihr nie dieser Gedanke.

Benno war ihr guter Freund, ihr Vertrauter. Nur wo die Kinder herkommen,
sagte er ihr nicht. Wahrscheinlich wute er's selber nicht.

Und noch eines war dem Mariechen aufgefallen: da er ihren Namen nicht
behalten konnte. Er redete sie oft mit Martha an.

Sie hatte es einmal lachend ihrer Mutter erzhlt, und diese hatte die
rtselhafte Antwort gegeben: Wann er dich widder mit Martha aaredt,
dann reddst _du_ en mit 'Herr Ksberger' an!

Benno nahm den Blumenstrau in die Hand, seine aufgestlpte, bebrillte
Nase verschwand in den Blten.

Er zog eine Marguerite aus dem Strau und zupfte die Bltter ab und
flsterte dabei: Sie liebt den Wittmann -- se liebt ihn nicht -- se
liebt ihn -- se liebt ihn nicht -- se liebt ... der Schlag soll ihn
treffen!

Er seufzte tief auf, hngte Hut und Mantel an den Trhaken und legte
sich auf das Sofa.

Wolle Se gleich die Fie vom Sofa erunner dhun! erklang auch schon
Frau Petterichs vorwurfsvolle Stimme.

Frau Petterich war ins Zimmer getreten, um seinen Mantel zum Ausbrsten
zu holen.

Oder, ehrlicher gesprochen, sie kam unter diesem Vorwand, um sich zu
berzeugen, ob ihr Mieter wieder seufzend auf dem Sofa lag und seine
Zustnd' hatte.

Den Hauptschmuck des Zimmerchens bildete der groe Bcherschrank. Da
standen unsere Klassiker in Reih und Glied, arg zerlesen, fleckig und
vergilbt, so da man sie beim ersten flchtigen Anblick fr wertvolle
alte Ausgaben htte halten knnen. Aber dem war nicht so. Stuart Webbs
htte mit Leichtigkeit festgestellt, da diese Flecken Bennosche
Fingerabdrcke und Butterbrotspuren waren.

ber dem Sofa hing ein Brautbild von Bennos verstorbener Mutter.

Zweifelsohne hatte diese Photographie einst in dem Brautbild des Vaters
ein Gegenstck besessen. Aber dieses Bild fehlte.

Hatte der kurzsichtige Benno es einmal fallen lassen, oder war es beim
Umzug verlorengegangen?

Nein, die Geschichte verhielt sich ganz anders, und sie war wieder
einmal eine echt Bennosche Geschichte.

Der alte Stehkragen und sein Sohn hatten sich zeitlebens schlecht
verstanden. Der Vater, ein Kleinkaufmann, hatte den kleinen Benno unter
schweren Opfern das Gymnasium besuchen lassen und hoffte, in ihm
dereinst eine Leuchte der medizinischen Wissenschaft zu sehen.

Benno strubte sich hartnckig gegen diesen Plan. Gewi, es mute
Befriedigung verleihen, krperliche Leiden zu heilen, Wunden zu
schlieen -- aber sein ganzes Leben mit dem Anblick von Krankheiten, von
hlichen Zerstrungen zubringen, all das Elend unserer Hinflligkeit
tagein, tagaus von neuem zu studieren, dazu fhlte sich Benno nicht
stark genug. Ein prophetisches Gefhl ngstigte ihn, er werde als Arzt
keine frohe Stunde mehr genieen knnen, er werde die Welt durch eine
blutige Brille ansehen.

Der Literatur- und Kunstgeschichte wollte er sich einstens widmen --
ein Studium, zu dem der Vater schon aus materiellen Grnden nie seine
Zustimmung geben konnte.

So oft die Berufsfrage besprochen wurde, kam es zu hitzigen
Auseinandersetzungen, bei denen die Mutter bittere Trnen vergo.

Wein' nicht, Mutter, trstete Benno die alte Frau, wenn der Vater den
Hut aufgesetzt hatte, die Tr wtend zugeworfen und das Haus verlassen
hatte, um durch erregtes Spazierenlaufen in den Promenaden seinen Kummer
zu ersticken. Flenn' nicht, Mama! Wenn ich erst emal e berhmter Mann
bin, wird sich der Vater schon beruhigen! Ich _kann_ nun emal kein
Bauchaufschneider werden, es interessiert mich nicht, wie die Leut'
inwendig aussehen! Mir is e gutes Gedicht lieber wie der schnste
Blinddarm -- hab' Vertrauen in mich und putz' derr die Trnen ab!

Und die alte Frau trocknete ihre Trnen, sie hatte ja so gern Vertrauen
zu ihrem einzigen Kind.

Man konnte es unter diesen Umstnden beinahe ein Glck nennen, da
Stehkragen #senior# starb, ehe die Berufsfrage zur Entscheidung
drngte.

Benno ging damals in die Untersekunda und machte statt der Schulaufgaben
Gedichte an den Mond, an die Lotosblume und andere aus Heinrich Heine
entlehnte Requisiten der Verliebtheit.

Die Mutter, die schon frher dem Vater bei der Arbeit geholfen hatte,
fhrte opfermutig das kleine Geschft weiter, aber trotz verzweifelter
Anstrengungen lie sich kaum so viel herauswirtschaften, da Benno das
Gymnasium weiter besuchen konnte.

Nur wenige Jahre berlebte seine Mutter den Vater.

Benno fand sich kurz vor dem Abiturientenexamen allein auf der Welt, als
Erbe eines Geschftes, von dem er nichts verstand und zu dem er keine
Neigung hatte.

Wo sollte das Geld zum Studieren herkommen? Alle seine Hoffnungen
brachen zusammen. Es blieb keine Wahl: Ein Brotberuf mute ergriffen
werden.

Freunde der Familie nahmen sich des jungen Menschen an, der eine
fatalistische Gleichgltigkeit zur Schau trug, liquidierten das
heruntergekommene Geschft, retteten dem Erben eine unbedeutende Summe
und verschafften ihm mit Mhe durch die Protektion von Leuten, die Benno
kaum dem Namen nach kannte, eine Stelle als Lehrling in der
Industriebank.

So sehr dieser Beruf Benno bald zuwider ward, er fand zeit seines Lebens
nicht mehr die Energie, sich loszureien und einen anderen Lebensweg
einzuschlagen.

Mit ein paar Mbelstcken aus dem Nachla der Mutter, mit ein paar
Bildern richtete sich Benno ein bescheidenes Heim ein. Dem Bild der
Mutter gab er den Ehrenplatz ber dem Sofa, das Bild des Vaters aber,
das er nicht ohne Groll betrachten konnte, verkaufte er mit allerlei
Germpel. Seine Schulbcher warf er an einer unbeobachteten Stelle in
den Main.

Den voreiligen Verkauf des vterlichen Bildes bereute er freilich
spter.

Denn als er lter und reifer geworden war, erschien ihm sein Vater
mitunter doch in einem ganz anderen Lichte, als ihn seine jungenhafte
Unduldsamkeit gesehen hatte.

Der alte, abgearbeitete Mann hatte es in seiner Einfalt sicherlich sehr
gut mit ihm gemeint, vielleicht am besten von allen Menschen.

Jetzt htte Benno gern ein Bild seines Vaters besessen. Aber nun war es
zu spt. Aus der Verwandtschaft lebte nur noch eine sagenhaft alte
Tante, der Benno niemals geschrieben hatte, und von der er lediglich die
Erinnerung besa, da seine Mutter gelegentlich von ihr als von der
geizigen Amalie gesprochen hatte.

Nach langem Zgern frug er brieflich bei ihr an, ob sie ein Bild seines
Vaters htte. Der Brief kam zurck mit dem Vermerk:

Adressatin seit Jahren verstorben.

Wenn nun Benno auch keine Photographie seines Vaters besa, so war das
Brautbild ber dem Sofa doch nicht ohne Gegenstck. Dieses Pendant
freilich war abermals ein echt Bennosches Kuriosum.

Da hing nmlich in breitem Goldrahmen, suberlich unter Glas, eine
Landkarte von Deutschland.

Ursprnglich hatte ein Plan der Stadt Frankfurt diesen Platz
eingenommen. Aber als der einmal von der Wand gefallen war, hatte Benno
diesen Zufall fr einen Wink von oben erklrt, sagte: Dein Vaterland
mu grer sein und ersetzte den Stadtplan durch die Karte von
Deutschland.

Statt des vterlichen Bildes prangte also ein Bild des Vater_landes_
ber dem Sofa, neben dem Bilde seiner leiblichen Mutter das Bild der
geistigen Mutter.

Oft stand Benno vor dieser Landkarte, fuhr mit dem Zeigefinger die
Grenzlinien entlang, gleichsam die Karte liebkosend, und flsterte:
Dies ist das Herz der Welt!

Ja, dieser kleine bucklige Mensch war ein glhender Patriot, und seine
berzeugung lautete: Es ist eine Streitfrage, ob es ein Glck ist,
berhaupt geboren zu sein. _Wenn_ man aber schon einmal geboren wird,
dann ist es das grte Glck, in Deutschland geboren zu werden.

Deutschland, das war ihm nicht ein Land, in dem man zufllig zur Welt
kommt, Deutschland war ihm das Land der Lnder, der Tempel der
Menschheit.

In deutscher Sprache hatte er reden, denken und fhlen gelernt, in
deutschen Schulen war er erzogen; alles, was er an Bildung und Kultur
geno, war fr ihn unmittelbar und unlsbar mit dem Deutschtum
verknpft.

Er ging so weit, zu behaupten, Shakespeare sei in deutscher Sprache
tausendmal schner als in englischer.

Und alle seine liebende Freude an Naturschnheit wurzelte in der
Anschauung deutscher Natur. Oder war es nicht ein deutscher Wald
gewesen, der ihn zuerst seine Geheimnisse hatte ahnen lassen, war es
nicht ein deutscher Strom, dessen Rauschen ihm zum erstenmal
Unendlichkeit gesungen hatte? Waren es nicht deutsche Wiesen, in denen
er sich als Kind getummelt, in denen er als Jngling den Wolken
nachgeschaut und den Gesang der Vgel entrtselt hatte?

Mochte Italien immerhin das Land sein, wo die Zitronen blhen, in
Deutschland wuchs der Blten edelste: die blaue Blume der Romantik.

Mochten immerhin kalte Wissenschaftler die Internationalitt der
Gestirne nachweisen, seinem liebenden berschwang waren es deutsche
Sterne, die ihm des Nachts zu Hupten leuchteten.

Ja, er zweifelte in seinem tiefsten Innern nicht daran: Der alte Jehova
hatte sicherlich lngst das Hebrische als himmlische Hofsprache
abgeschafft, und wenn er jemals wieder den Menschen Gesetzestafeln
aufschreiben wrde, so wrde er's im reinsten Hochdeutsch tun, in der
neuesten Orthographie.

Wohl eine Stunde mochte Benno in Gedanken auf dem Sofa gelegen haben,
als es pltzlich klopfte.

Er hatte whrend dieser Stunde nur ein einziges Mal seine Siesta fr
einen Augenblick unterbrochen gehabt, als es durch das offene Fenster
herbergetnt hatte:

    Du meine Seele, du mein Herz,
    Du meine Wonne, du mein Schmerz ...

Da hatte er schnell das Fenster geschlossen.

Nein, er konnte jetzt die Ksbergerin nicht singen hren.

Und hatte sich wieder auf das Sofa gelegt und weitergetrumt.

Frau Petterich brachte den ausgebrsteten Mantel.

Lieche Se schonn im Bett? fragte sie an der Tre. Warum mache Se dann
kaa Licht an? Sie sin wohl lang net mehr vom Sofa erunnergeplumpst?
Odder wolle Se sich gern de Kopp am Bicherschrank ei'renne? Herr
Stehkrage, Se gefalle merr net mehr! Was hocke Se jetz schonn widder e
Ewigkeit im Dunkle unn fange Grille? Ich kann Ihne nor sage: Sein Se
froh, da Se net mei Mann sin, mit Ihne dht' ich emal deutsch redde!
Awwer mit Musikbegleidung von mei'm Deppichklopfer!

Sie brauchen kein Licht anzuznden, rief ihr Benno zu, indem er sich
melancholisch vom Sofa erhob. Halten Sie mir bitte den Mantel! Ich geh'
noch aus.

Wie kann ich Ihne de Mantel halte, wann ich nix guck?! beklagte sich
Frau Petterich. Komme Se wenigstens eraus uff de Gang, da brennt e
Petroleumfunsel!

Und whrend sie ihm den Mantel hielt, lie sie ihre Blicke mtterlich
bekmmert ber Benno gleiten, und ein tiefer Seufzer entstieg ihrem
molligen Busen.

Sein Sie nicht bse, liebe Frau! entschuldigte sich Benno. Sein Sie
nicht bse, wenn ich manchmal etwas sonderlich bin. Ich kann nichts
dafr.

Kann etwa _ich_ ebbes dafor? emprte sich seine Hauswirtin. Awwer ich
waa schonn, was Ihne fehlt! Ich bin e ahl Fraa, mir mache Se nix vor!
Sollt merrsch for meglich halte: So e ahler Esel mu sich noch e Eselin
suche! No ja, mir kann's recht sei'! Maantswege fahrn Se in die Terkei
unn heierate Se gleich e ganz Ahljungfernstift! Vielleicht dhun Se dann
widder zor Vernumft komme!

Und sie zog dem kleinen Benno in ihrer Erregung den Mantel so energisch
ber die Schultern, da er beinahe vornber gestolpert wre.

Benno ging im Dunkeln dem Walde zu. Er bi sich auf die Lippen, das
Weinen war ihm nahe.

Sie hatte ja so recht, die gute Frau Petterich, wenn sie auch auf einer
falschen Fhrte war.

Ja, ich bin ein alter Esel, sagte er sich, aber hat nicht auch Titania
einen Esel in den Armen gehalten? Ich bin ein alter Esel, und ich
verdiene Prgel. Mit einem weit hrteren Instrument als mit einem
Teppichklopfer.

Aber whrend er sich so bittere Vorwrfe machte, schwoll sein Herz von
Sigkeit. Und alle Versuche, Martha aus seinem Gedchtnis zu reien,
gruben ihr Bild nur noch tiefer darein.

Er wandte sich um und blickte auf das nchtliche Frankfurt hinab.

Da lag die Stadt, ein glitzerndes Lichtmeer, beherrscht von der edlen
Silhouette des Domes. Dort drben, das war die Kuppel der Hauptpost,
dort spielte der zackige Giebel des Rmers, und jene Lichtquelle, von
der sich Lichtschlangen weithin ins Land zogen, das war der
Hauptbahnhof, von dem aus man nach der Trkei fahren konnte, um einen
Harem zu grnden.

Benno kannte alle Kuppeln und Trme seiner Vaterstadt, und sie schienen
ihm inmitten der Huser aufgestellt wie die Figuren eines Schachbretts.

Etwas wie Ahnenstolz regte sich in ihm, als er es so vor sich sah, das
unermdliche Frankfurt, die Hochburg des Brgerfleies, in seiner
siegreichen Selbstsicherheit.

Er liebte diese Stadt und grollte ihr zugleich.

Er liebte sie um ihrer kaufmnnischen Grozgigkeit, ihres imponierenden
Zielbewutseins willen -- er grollte ihr ob ihres Materialismus, der
auch die Kunst fr ein Rechenexempel hlt.

Und ihm war, die edle Francofurtia, die freie Patriziertochter, trge
jetzt einen Federhalter hinter dem Ohr und habe Bureaustunden und
verzeichne die Taten ihrer Schutzbefohlenen nicht mehr auf goldener
Tafel, sondern in einem wohlliniierten Hauptbuch, und wenn man sie
frge, wer ihr bedeutendster Sohn sei, so antworte sie: Rothschild.

Er malte sich, whrend er in den Abend schritt, das Bild einer solchen
Francofurtia aus, er sah sie vor sich, hochgewachsen, mit goldenem Haar
-- und erkannte pltzlich, da es Marthas Bild war, das ihm vor Augen
schwebte.

Er blickte empor und war berrascht von dem reichen Sternenhimmel. Und
da er sich erinnerte, da der Aberglaube die Geschicke der Menschen von
den Gestirnen regieren lt, so begann er spielerisch nach dem Stern zu
suchen, unter dem wohl er, Benno Stehkragen, geboren sein mochte.

War es der flackernde Sirius, der so kokett am Himmel tanzte und
glitzerte wie ein Brillantring?

War es der stolze Jupiter? Der Mars? Die Venus?

Ach nein, sagte sich Benno wehmtig. Wie km' ich zu solch vornehmen
Geburtshelfern? Mein Gestirn ist der Mond, und er war, wie ich geboren
wurde, sicher im abnehmenden Viertel. Der Mond, der kein eigenes Licht
hat, das ist fr mich der einzig mgliche Planet. Und einen Buckel hat
er auch! Die Gelehrten behaupten zwar, das sei das Mondgebirge -- aber
was verstehen die Gelehrten von der Wissenschaft?

Durch die Stille brach das Rattern eines nahen Eisenbahnzuges und lenkte
Bennos Gedanken wieder vom Himmel auf die Erde.

Er hatte nun den Wald betreten, und Dunkel umfing ihn. Die Baumkronen
standen so dicht, als schmiegten sie sich furchtsam aneinander, die
Bsche und Strucher verschwammen zu einer Nebelmauer.

Benno ging, wohin ihn der Weg fhrte; er hatte kein bestimmtes Ziel. Die
Stille, die Finsternis taten ihm so wohl, es lie sich dabei so
schmerzlich-s trumen.

Tnte da nicht Musik? Nein, das Rauschen eines Bchleins war es, und er
wute sogleich: Das war das Knigsbrnnchen.

Er sah es in Gedanken vor sich, wie er es so oft bei Tage gesehen hatte,
er sah die Quelle ber die vom Eisengehalt des Wassers gerteten
Felsbrocken sprudeln, und er bedachte:

_Wenn_ ich jetzt an dem Knigsbrnnchen s' -- mit einer groen Angel
-- und einem Regenwrmchen vorn dran -- weil die Fische auf einen leeren
Angelhaken nicht anbeien -- (so dumm sind nur die Menschen) -- und ich
tt' nix fangen -- weil's in dem Knigsbrnnchen berhaupt keine Fische
gibt -- sondern es ging' mir wie dem Fischer von Goethe -- und die Flut
tt' sich pltzlich teilen, und es km' eine von den Wassernixen hervor
-- die's in dem Knigsbrnnchen _auch_ nicht gibt -- und die Wassernix'
tt' sagen: Schner Jngling, tt' se sagen -- legen Se ab und kommen
Se herein -- und dabei tt' se schmeichelnd ihren weichen Nixenarm um
meinen Hals legen -- und kt' mich -- und ich wehr' mich nicht, denn
warum auch? -- und pltzlich fllt der Mondstrahl gerad auf ihr Gesicht
-- und es ist die Martha Bhle -- und ...

Und pltzlich schlug Benno Stehkragen die Hnde vors Gesicht und weinte
bitterlich.

Es war spt in der Nacht, als er heimkehrte, und ein starker Entschlu
war in ihm gereift: Er wollte sich Martha offenbaren, er wollte ihr
sagen, da er ihr Sklave sei fr alle Zeit, und da sie ihn erhhen oder
vernichten msse.

Er hatte den Hausschlssel vergessen und mute deshalb seine Wirtin aus
dem Schlaf schellen.

In einem flanellenen Unterrock kam Frau Petterich, einen
Fnfminutenbrenner in der Hand, gewichtigen Schrittes die Treppe
herunter.

Schonn dahaam? frug sie bsgelaunt ber die Strung. Sie war'n wohl
beim Ebbelwei?

Ja, ich war beim pfelwein, log Benno.

So? Des nchstemal iwwernachte Se nor aach gleich im Wertshaus! Odder
maane Se, ich habb Lust unn bild' mich wege Ihne zum Nachtwchter aus?

Schuldbewut stieg Benno hinter ihr die Treppe empor.

Auf der fnfzehnten Stufe versagte der Fnfminutenbrenner, und Frau
Petterich schrie, indem sie einen neuen in Brand setzte: Jetz verbrenn'
ich merr aach noch wege Ihne die Pfote!

Unheilvoll schweigend legte sie den Rest der Treppe zurck, unheilvoll
schweigend zndete sie ihm seine Petroleumlampe an. Sie hatte noch
einige krftige Worte auf der Zunge -- ach, es war ja so lange her, da
sie keine Gardinenpredigt mehr hatte halten knnen -- aber als sie
Bennos klgliche Miene sah, berkam sie wieder das Mitleid.

Sie wer'n immer reifer zum Heierate: sogar unbnktlich haamkomme dhun
Se schonn! No, die Ksbergerin werd Ihne schonn ziehe! sagte sie und
verabschiedete sich mit einem energischen Gu'n Nacht, Herr
Nachtschwrmer!

Benno hrte sie in ihrem Zimmer noch eine kurze Weile rumoren, vernahm
noch ihre Worte: Schlaf nor, Marieche, es war nor der Herr Ksberger
-- dann ward es stille.

Wenige Minuten spter lag er selbst im Bett. Aber er konnte nicht
einschlafen.

Er wlzte sich auf die rechte Seite, starrte in das Licht der
Petroleumlampe und sthnte: Ich lieb' se, ich lieb' se, ich bin
verrckt, es hat noch nie einen so meschuggenen Menschen gegeben wie
mich -- aber ich lieb' se!

Und ich mu es ihr sagen.

Aber wie? Ich kann ihr doch nicht im Bureau eine Liebeserklrung machen?
Ich kann doch nicht mitten auf der Kaiserstra' vor sie hinknien und
einen Volksauflauf verursachen?

Soll ich vielleicht einmal mit ihr ins Kino gehen? Und wenn's dunkel
wird, und auf der Leinwand kt sich gerade ein Liebespaar -- es wird
nirgends auf der Welt so viel gekt wie auf einer Kinoleinwand --, dann
nehm' ich sacht ihr Hndchen und streichel's und flstre -- ja, wenn ich
nur wt', was man bei solchen Gelegenheiten flstert!

Er wlzte sich auf die linke Seite.

Ist die Menschheit nicht nrrisch? Weshalb nimmt man nicht einfach das
Mdchen, das man liebt, beim Arm und packt se in eine Droschke und fhrt
se nach dem Standesamt und zieht dort seinen Fllfederhalter heraus,
unterschreibt, fhrt heim und is verheiratet? Weshalb mu man vorher
erst eine Liebeserklrung loslassen und Sonne, Mond und Sterne
beschwren und sich die Zunge aus dem Hals und die Vernunft aus dem Kopf
stammeln? Weshalb gengt es nicht, da man _fhlt_? Weshalb mu man die
Gefhle auch noch in berschwengliches Deutsch bringen?

Benno wlzte sich auf die rechte Seite.

berhaupt, will ich sie denn _heiraten_? So weit sind wir doch noch gar
nicht. Wei ich denn, ob sie mich wiederliebt? Vielleicht sagt se: 'Herr
Stehkragen, Sie sind noch zu jung zum Heiraten! Und Sie essen gern
Apfelschalet, den ich nicht ausstehen kann, und ich ess' gern
Grnekernsupp', vor der's Ihnen graust -- Herr Stehkragen, das wird
keine glckliche Ehe!'

Nein, vom Heiraten will ich ihr noch nicht sprechen. Nur meine Liebe
will ich ihr mitteilen. Aber wie, aber wie?

Benno wlzte sich auf die linke Seite.

Wenn mir's nur einer vormachen wollte! Natrlich nicht bei der Martha.
Es gibt doch Tanzstunden und Sprachstunden und Unterricht in der
doppelten Buchfhrung, warum gibt es keinen Unterricht in einfacher
Liebeserklrung?

Und pltzlich kam ihm eine Erleuchtung.

Er sprang im Nachthemd aus dem Bett, eilte an seinen Bcherschrank und
nahm einen Band Shakespeare heraus.

Er wollte in Romeo und Julia nachsehen, wie's der Romeo gemacht hatte.

Den Band im Arm kroch er ins Bett zurck und bltterte krampfhaft.

Da, am Schlu des ersten Aktes, war eine passende Stelle:

    Entweihet meine Hand verwegen dich,
    O Heil'genbild, so will ich's lieblich ben,
    Zwei Pilger, neigen meine Lippen sich,
    Den herben Druck im Kusse zu versen.

Hm, ob Martha das verstehen wrde? Es war ein bichen hoch fr ihre
Verhltnisse. Den herben Druck im Kusse zu versen. Und gleich mit
Kssen anfangen, nein, es ging nicht, es ging unmglich. In Verona war
man in solchen Dingen offenbar liberaler als in Frankfurt am Main.

Benno legte sich auf den Rcken und bltterte emsig weiter.

    Ich bin kein Steuermann, doch wrst du fern
    Wie Ufer, die das fernste Meer besplt,
    Ich wagte mich nach solchem Kleinod hin.

Benno lie aufsthnend das Buch auf die Bettdecke sinken.

Alles sehr schn, wunderschn sogar, aber fr seine Zwecke ganz
unbrauchbar.

Vielleicht gab's im Schiller ein besseres Rezept?

Er wollte abermals aus dem Bett springen, da machte die Lampe knacks.

Der Zylinder war geplatzt, nachdem die Lampe schon die ganze Zeit
geblakt hatte.

Benno fuhr entsetzt auf, hob den Kopf nach dem Nachttisch und blies das
Licht aus.

Frau Petterich wird toben, wenn sie die kaputtene Lampe sieht, chzte
er. Womglich war der Zylinder _auch_ ein Erbstck von ihrem Grovater?
Und die ganze Bettdecke voll Ru!

Seine Gedanken nahmen eine andere Richtung, er wlzte sich noch eine
Weile fiebernd im Finstern, bis ihn die Mdigkeit berwltigte.

Morgens beim Erwachen fiel ihm ein, da er heute abend ins Theater
mute. Er hatte es Katharine versprochen, die zum erstenmal eine kleine
Solorolle singen durfte, die erste Brautjungfer im Freischtz.

Seit vierzehn Tagen bte sie nichts anderes mehr als Wir winden dir den
Jungfernkranz.

Benno stand noch in Unterhosen, da brachte Frau Petterich den Kaffee. Er
hatte wieder einmal das Klopfen berhrt.

Schweigend stellte sie das Frhstck auf den Tisch, wrdigte weder Benno
noch die demolierte Petroleumlampe eines Blicks, schweigend entfernte
sie sich.

Und als Benno fortging, lie sie sich nicht sehen, sondern blieb, eine
gekrnkte Juno, in der Kche.

Mit gesenktem Kopf schlrfte Benno seinen Weg zur Industriebank. Und
vergrmt sagte er sich: Du verlierst noch wegen deiner aussichtslosen
Liebe die wenigen Freunde, die dich gern haben ...




Was gucken Sie mich denn so an? frug Martha gereizt, als sie eines
Vormittags an dem gemeinsamen Arbeitspult im Couponbureau Platz nahm.

Ich guck' Sie nicht an, ich guck' _in_ Sie! gab Benno in ungewhnlich
scharfem Ton zurck.

Martha Bhle zupfte verrgert an der Perlenhalskette, die sie neuerdings
trug, warf ihrem Gegenber einen bsen Blick zu, den dieser mit
miachtendem Achselzucken aufnahm.

Die Kollegen im Couponbureau stieen sich heimlich an, die Beamtinnen
kicherten.

Benno grollte. Er hatte noch keine Gelegenheit gefunden, ihr seine
Verliebtheit zu offenbaren, und selbst wenn sich eine Gelegenheit
geboten htte, wrde er sie jetzt ungenutzt vorbergehen lassen. Seine
Liebe hatte das goldfarbene Gewand der Sehnsucht abgeworfen und sich in
den strohgelben Mantel des Hasses gehllt.

Ja, er hate Martha in diesem Augenblick.

Der Theaterabend hatte ihm ein bitteres Erlebnis gebracht, einen Argwohn
geweckt, der nicht mehr zur Ruhe kommen wollte.

Bis zur groen Pause war der Abend so schn verlaufen.

Schon nach der Ouvertre hatte sich Benno, befeuert von der herrlichen
Musik, gesagt: Du solltest doch fter ins Theater gehen! Vielleicht ist
es doch nicht recht von dir, da du dich von der Welt abschlieest,
vielleicht birgt die Welt reichere Schnheiten, als du, ein
trotzkpfiger Eigenbrdler, zugeben willst. Du verstaubst, Benno! Du
bist ein altmodisch gewordener berzieher, der in einem Schrankwinkel
verkommt und sich beleidigt fhlt, da freudigere Farben modern geworden
sind. Und der in schmollender Eingebildetheit deklamiert: Auch _meine_
Zeit wird wiederkommen, auch _ich_ werd' wieder modern! Und seine Farbe
_wird_ auch wieder modern -- aber bis dahin haben ihn lngst die Motten
gefressen!

Eine stille Seligkeit zog bei den Arien Max' und Agathes in sein Herz
ein.

Waren diese melodischen Liebesergsse nicht noch werbender,
umstrickender, lodernder als die khnsten Beschwrungen eines Romeo?

Einen Tenor sollt' ich haben, dachte er, und damit singen knnen sollt'
ich -- dann wt' ich's, wie ich der Martha meine Liebe erklren mte!
Ich wollt' mich in ihre Seele hineintrillern und wollt' se bekantilenen,
da se gar nicht mehr anders knnt', als mir um den Hals fallen und
seufzen: Mein Benno, mein ser Benno!

Und ich tt' vor ihr hinsinken und tt' meinen Wuschelkopf in ihrem
Scho bergen, und hauchen tt' ich: Ich bin dein! Alles ist dein: mein
Herz, und mein Buckel, und mein hohes #C# -- alles, alles dein!

Beifallsklatschen strte seine Trumerei.

Er sah sich erstaunt von seinem Galerieplatz um: Das Dmmerlicht des
Zuschauerraums war von voller Beleuchtung abgelst worden, ringsum saen
applaudierende Leute, und tief unten hob sich der Vorhang, und winzig
aussehende Menschen in bunten Kostmen verbeugten sich an der Rampe.

Benno nahm das geliehene Opernglas zur Hand und lie seine Blicke
umherwandern.

Dort, auf einem Seitenplatz des zweiten Ranges, sa der dicke Rehle vom
Wechselbureau und schmauste ein krftig belegtes Butterbrot, das ihm
seine frsorgliche Alte mitgegeben hatte. Kauend unterhielt er sich mit
einem bezwickerten Mdchen, das neben ihm sa und von Zeit zu Zeit
vergngt zu seinen Reden auflachte.

Benno lenkte das Opernglas nach der anderen Seite des Hauses und
entdeckte in einer Loge das ppige Frulein Antonie Hochberg, im
Schmucke bergroer Brillanten.

Ob die auch etwas empfand bei der Musik?

Sie sa steif auf dem Logenvorderplatz, mit einer Miene, als gehre ihr
das ganze Opernhaus, und als dulde sie nur aus Gnade die Anwesenheit
minderbemittelter Staatsbrger und Staatsbrgerinnen.

Vor ihr auf der Brstung lagen ihre Glachandschuhe, und Benno
phantasierte:

_Wenn_ ihr jetzt ein Handschuh hinunterfiele -- wie im Schiller --
mitten zwischen die Salonlwen und die Parkettigerinnen -- und sie tt'
zu mir heraufrufen: Herr Delorges Stehkragen -- ei, so hebt mir den
Handschuh auf! -- ich tt' herunterrufen: Edles Frulein Kunigunde
Hochberg, tt' ich rufen, wie kommen Se merr vor? -- Heut abend bin
ich nicht der Stehkragen vom zweiten Pult im Couponbureau der
Industriebank, der vor jeder Kundin seinen Knicks machen mu -- heut
abend bin ich der Kunstgenieer und Kunstmzen Ritter Benno -- und ich
sitz' so stolz auf meinem numerierten Galerieplatz wie der Knig auf
seinem unnumerierten Thron -- und von mir aus kann auch noch Ihr
_zweiter_ Handschuh hinunterfallen -- und Ihre Brillantenausstellung --
und Sie selbst dazu -- ich seh' gar nicht einmal hin nach Ihnen -- denn
ich schwrm' fr ein junges Mdchen -- das mir gegenberwohnt am
Kontorpult -- und goldene Haare hat -- und ...

Das Haus verfinsterte sich wieder, und die Wolfsschluchtszene begann.
Wie ein Kind freute sich Benno ber die Regiewunder dieses
Gespensteraktes. Er war ja so lange nicht mehr im Theater gewesen und
hatte keine Ahnung davon, welche Illusionen ein geschickter Regisseur
vermittelst Leinwand, Pappdeckel und bengalischer Beleuchtung
hervorzaubern kann.

Er amsierte sich herzlich ber die tanzenden Skelette, ber die
Totenschdel, die mit den leeren Augen so schaurig glitzern konnten, und
wahrhaftig, ihn gruselte dabei ein wenig.

Und als gar der Hllenfrst Samiel erschien, da schmunzelte er in dem
stolzen Bewutsein seiner eigenen Bravheit vor sich hin: Wie viel besser
es doch sei, als ordentlicher Mensch tagsber Coupons nachzuzhlen und
Fakturen zu schreiben und des Nachts in einem soliden Federbett zu
schlafen, an den lieben Gott zu glauben und am Samstag in die Synagoge
zu gehen, als sich mit dem wilden Jger in Duzbrderschaft einzulassen,
seine einzige Seele gegen irdischen Profit zu verramschen und um
Mitternacht in einer Gegend, in der sogar eine Wildsau ohne Leine
herumluft, zwischen allerhand unangenehmen Knochenfragmenten Freikugeln
zu gieen.

Benno fhlte sich erleichtert, als der hllische Spuk vorber war und
die Leute aus dem Zuschauerraum strmten, um sich whrend der groen
Pause zu ergehen.

Als er die Treppe nach dem Foyer hinunterstieg, klopfte ihm jemand von
hinten auf die Schulter. Er wandte sich um und sah in Papa Ksbergers
strahlendes Gesicht.

Herr Ksberger hatte sich alle Spuren seines Berufes aus dem Gesicht
gewaschen, er steckte in einem schwarzen Gehrock, den er sonst nur bei
Stiftungsfesten trug, seine riesigen Hnde qulten sich in schwarzen
Stoffhandschuhen von unwahrscheinlicher Gre.

Des is nett von Ihne, Herr Stehkrage, da Se zu dem Erfolg von meiner
Tochter gekomme sin! sprach er so laut, als ob er sich an seinem
Stammtisch befnde. Ich habb Se schonn die ganz' Zeit mit de Aage
gesucht, awwer ich habb' Ihne net gefunne! Dann wisse Se, ich habb' kaan
Operngucker, als Schornstaafeger braacht mer so was net, unn ich wer'
doch an der Garderob' kaa fuffzig Fennich for so e Ding zahle!

Benno war diese Begegnung nicht eben angenehm, aber es gelang ihm nicht,
den alten Ksberger abzuschtteln.

So drngten sie sich nebeneinander durch das Foyer.

Papa Ksberger ging ans Bfett, nahm eines der belegten Brtchen in die
Hand und fragte: Was kost' des?

Als er hrte, es koste dreiig Pfennig, legte er das Brtchen wieder
zurck und begann seinem Unmut ber diese Ruwerei so erregt Luft zu
machen, da es Benno angst und bange wurde.

Benno Stehkragen wandte den Kopf weg, als gehre er nicht zu diesem
polternden Menschen -- da fiel sein Blick auf einen blonden, lchelnden
Frauenkopf.

Das war Martha.

Und dicht vor ihr stand im Frack Direktor Hermann und hielt ihr mit
verbindlicher Geste eine Schale Eis, aus der sie geziert a.

Benno war zumut, als hielte ihn der schwarze Jger beim Kragen. Er stand
mit offenem Mund da, er wollte aufschreien -- da wandte auch Martha den
Kopf, und ihre Blicke begegneten sich.

Er fhlte sofort, da sie ihn erkannt hatte, ihn aber nicht kennen
wollte.

Sie sah ihn ruhig an, whrend Direktor Hermann lachend in sie
hineinplauderte.

Benno berlegte einen Augenblick, ob er sie trotzig ansprechen sollte,
aber die Gegenwart des allmchtigen Direktors erstickte diesen Gedanken
im Keim. Martha hatte den Kopf ein wenig gehoben und blickte nun
abweisend ber ihn hinweg.

Tief verstimmt und gekrnkt suchte er wieder seinen Galerieplatz. Der
Zuschauerraum verdunkelte sich, die Musik setzte ein, aber er hrte nur
noch mit halbem Ohr hin. Das Stck interessierte ihn nicht mehr.

Er sa mit geballten Hnden, und wre jetzt der schwarze Jger neben ihm
aufgetaucht, so wre er gar nicht abgeneigt gewesen, mit ihm einen
Vertrag abzuschlieen.

Was war das mit Direktor Hermann? Seit wann war er, der Unnahbare, so
liebenswrdig? War dies die erste Begegnung gewesen, oder hatten sich
die beiden schon fter im Theater getroffen? Und mit welcher
Selbstverstndlichkeit hatte Martha seine Galanterie angenommen!
Lachend, wie sie sich von Wittmann den Hof machen lie, hatte sie sich
die Huldigungen Hermanns gefallen lassen!

Zu allen Menschen war sie freundlich, alle Menschen wurden frhlicher
in ihrer Nhe, nur ihn, Benno Stehkragen, trat sie mit Fen.

Im Orchester setzte das Lied vom Jungfernkranz ein, und Benno kam wieder
zu sich. Auf der Bhne knickste Katharine und sang ihr Liedchen, aber
Benno hielt es nicht einmal der Mhe wert, das Opernglas auf sie zu
richten.

Ihre Stimme kam ihm in dem groen Haus erschreckend dnn und metallos
vor.

Nein, es war nichts mit ihrer Knstlerschaft. Er empfand es in diesem
Augenblick mit einer gewissen Schadenfreude.

Dennoch regte sich, als Katharine geendet hatte, unerwarteter Applaus.
Die Mitglieder des Schornsteinfegervereins Die lustigen Rauchfnger
waren vollzhlig im Hause vertreten, und sie lieen es sich nicht
nehmen, der Tochter ihres zweiten Vorstandes den Weg in die
Unsterblichkeit mit den Rosen des Beifalls zu bestreuen.

Auf der Stehgalerie stand enggeklemmt Papa Ksberger und lachte ber das
ganze Gesicht. Wildfremde Menschen hatten geklatscht, er hatte es
deutlich gesehen -- vielleicht hatte der Lebrecht Breivogel, der Lump,
doch recht gehabt, und in seiner Rita steckte eine Grofrstin im Reiche
der Kunst.

Als der wohlwollende Beifall schon lngst verstummt war, klatschte Papa
Ksberger noch immer, bis ein rgerliches Pssst!! seine Riesenhnde zur
Ruhe zwang. Aber das dmpfte sein jubelndes Triumphgefhl nicht.

Er vertiefte sich in den Theaterzettel und las ihn zum hundertstenmal,
den kstlichen Zettel, auf dem ganz unten stand: Erste Brautjungfer ...
Frulein Rita Veldern.

Das Adelsprdikat von hatte der Zettel rcksichtsvoll unterdrckt.

Der Zwischenaktvorhang fiel, Benno erhob sich und ging nach Hause.

Seine Freude am Theater war zerstoben, die rohe Faust der Wirklichkeit
hatte den Traumschleier zerrissen.

Er mied die hellen Hauptstraen und schlich sich durch Seitengassen
heimwrts.

Er bersann das Erlebte, er versuchte, sich die Szene im Foyer nochmals
Zug fr Zug zu vergegenwrtigen, und gab sich die grte Mhe, objektiv
zu sein.

Ich will gerecht sein, ich will nicht nach dem Schein urteilen, mich
nicht von einer Gefhlswallung bestechen lassen. Was hat sie eigentlich
so Schlimmes verbrochen? Sie hat ihrem Chef zugelchelt, sich seine
Hflichkeit gefallen lassen. Htte das nicht auch jede andere Beamtin
getan? _Konnte_ sie berhaupt anders handeln? Durfte sie eine
Geflligkeit, auf die jede Dame Anspruch hat, mit einer Ungezogenheit
erwidern?

Sein Verstand verteidigte Martha gegen die Anklagen seines Herzens. Aber
seinen Verteidigungsreden wohnte keine Beweiskraft inne.

Er hatte das Faunlcheln Hermanns gesehen, dieses Lcheln lsterner
Eroberersicherheit, das ihm an Wittmann so zuwider war.

Sein Mitrauen blieb wach, mochte er es noch so eifrig mit dem
Schlafpulver der Objektivitt einzuschlfern versuchen.

Zwar begleitete er noch immer Martha des Mittags von der Bank bis zum
Uhrtrmchen, lief neben ihr her wie ein Hndchen, jedoch er war kein
folgsames, willenloses Schohndchen mehr, er war ein kleiner lauernder
Pinscher, der tckisch nach rechts und links schielte, jeden Augenblick
bereit zu geifern und zu beien.

Die Verstellung tat Benno weh. Das war etwas Unaufrichtiges, Unreines,
was ihm bisher fremd gewesen.

Ich fhle, da ich schlecht werde! sagte er sich. Ich fange an zu
hassen. Der Ha des Ohnmchtigen bumt sich in mir und macht mich
rachschtig, wie er einst die Seele des alten Shylock vergiftet hat.
Aber man will mir mein Liebstes beschmutzen, wie man es einst ihm
befleckt hat. Wer wei, vielleicht htte der alte Shylock seinen Feinden
und Unterdrckern allen Hohn, jeden Speicheltropfen, jeden Futritt
verziehen, vielleicht htte er vor dem Gericht des Dogen erklrt: Ich
habe euch nur ngstigen wollen, ich wollte nur einmal euch Stolze,
bermtige in der Rolle der Bittenden sehen, ich verzichte auf das Pfund
Fleisch aus dem Busen meines Feindes -- htten sie ihm nicht seine
Tochter, seine Jessika, geraubt. Mochten sie ihn knechten, ihm seine
Geschfte stren, ihn und sein Volk durch Ausnahmegesetze peinigen --
der alte Ghettojude durfte sie innerlich verlachen: Sein Volk war ja
dennoch das Lieblingsvolk Gottes, der ihm den Messias verheien hatte
und der sein Wort halten wrde, so gewi er einst die Vorfahren aus der
gyptischen Knechtschaft gefhrt hatte.

Aber sie haben ihm seine Tochter geraubt -- da gab es kein Erbarmen.
Der Fluch ist erst jetzt gefallen auf mein Volk, ich hab' ihn niemals
gefhlt bis jetzt, sagt er zu seinem Glaubensgenossen Tubal. Seiner
Tochter gilt seine erste Frage, als Tubal ihm Neuigkeiten von auswrts
bringt, seiner Tochter gelten seine Gedanken, whrend er im Gerichtssaal
das Messer zur Rache wetzt. Und indes er sich anschickt, in unstillbarem
Ha den Busen seines Feindes zu zerfleischen, vergibt er gleichzeitig
halb und halb dieser undankbarsten aller Tchter und flstert:

        Ich hab' ne Tochter,
    Wr' irgendwer vom Stamm des Barrabas
    Ihr Mann geworden, lieber als ein Christ!

Benno stachelte sich selbst zum Ha auf, redete in sich hinein: Htte
ich einen solchen Schuldschein gegen Wittmann oder Hermann, auch ich
wrd' keine Gnade kennen!

Aber er glaubte seinen eigenen Racheschwren nicht. Der groartige Ha
des venezianischen Ghettojuden hatte keinen Platz in seinem gutmtigen
Phantastenherzen, und whrend er sich in die Rolle des steinharten
Glubigers hineinzuschauspielern versuchte, liebte er Martha mehr als
je.

ber ein folterndes Mitrauen wuchs seine Enttuschung nicht hinaus.

Unwillkrlich schweiften jetzt seine Gedanken hufiger zu Katharine
Ksberger hinber. Er verglich sie mit Martha, und der Vergleich fiel
nicht mehr so kra zu ihren Ungunsten aus.

Obwohl Katharine ein uneheliches Kind hatte, obwohl sie in der
Scheinwelt der Bhne heimisch war, erschien sie ihm jetzt reiner und
unschuldiger als Martha. Dieses verblhte, unbedeutende Mdchen htte es
sicherlich niemals bers Herz gebracht, so tyrannisch mit seinen
heiligsten Empfindungen zu spielen, wie Martha es tat. Und in einer
pltzlichen Eingebung kaufte er einen groen Strau weier Rosen und
brachte ihn Katharine.

Ich will mich in sie verlieben, sprach er sich auf dem Wege zu ihr
vor, wie ein Schulkind, das einen Satz auswendig zu lernen hat. Ich
will mich in sie verlieben, damit ich die Martha vergess' und wieder
zurechnungsfhig werd'.

Katharine war entzckt von den Blumen. Und ihr Entzcken wuchs noch, als
er ihr die plumpesten Komplimente ber ihr Auftreten als Brautjungfer
machte.

Papa Ksberger wies mit Stolz auf den Freischtz-Theaterzettel, der
eingerahmt ber dem Klavier hing. Die Worte Erste Brautjungfer ... Rita
Veldern waren mit roter Tinte unterstrichen.

Ja, es war e Bombe'erfolg, mei liewer Stehkrage, lachte der
glckselige Schornsteinfegermeister. Ich habb' vor lauter Uffregung gar
net haamgehe knne. Ich habb' merr ehrscht noch mei sechs Schppcher
Ebbelwei kaafe misse. Ja, merr kann sage, was merr will: Kunst is
Kunst.

Und Benno berbot diese Lobpreisung noch und erzhlte begeisterte
uerungen aus dem Publikum, die er angeblich gehrt hatte.

Und dabei peitschte ihn sein Gewissen: Benno, wie tief bist du gesunken,
wie lgst du, und wie beschmend leicht fllt dir das Lgen!

Katharine nahm die Huldigungen mit der verlegenen Verschmtheit einer
alten Jungfer entgegen. Sie bemhte sich, mglichst bescheiden
auszusehen, whrend doch das Glck ihr Herz schwellte, und sie machte
ein Gesicht, das jeder unbefangene Zuschauer als strohdumm htte
bezeichnen mssen.

Mama Ksberger hatte das Sofa mit Beschlag belegt und konnte beim besten
Willen nicht stillsitzen. Sie rutschte aufgeregt hin und her,
entschuldigte sich ein dutzendmal, da sie so eine alte Nachtjacke
anhabe, aber sie htte doch nicht auf so angenehmen Besuch gefat sein
knnen, nachdem sich Herr Stehkragen leider in den letzten Tagen so
selten gemacht habe, man hoffe aber, jetzt wieder fter das Vergngen zu
haben.

Und ihr trnendes Mutterauge fand, da Bennos Buckel, wenn man genau
hinsehe und das eine Auge zukneife, tatschlich im Abnehmen begriffen
sei.

Whrend dieser Familienszene bewahrte nur Lebrecht, der angenehme Knabe,
seine Gemtsruhe. Er sa auf einem Schemel in der Zimmerecke,
zerpflckte Bennos Rosenstrau und stopfte die weien Rosenbltter in
das Tintenfa. Seine Absicht war, dieses Tintenfa, sobald es bis zum
Rand voll wre, auf den Teppich umzugieen und dann ins Bett zu gehen.

Benno machte tiefen Eindruck auf alle Ksbergers.

Dennoch gestand er sich auf dem Heimweg: Es is unmglich, ich kann mich
nicht in se verlieben, ich lieb' die Martha, ich komm' nicht von ihr
los!

Und so war es.

Da traf ihn ein zweiter harter Schlag.

Martha erhielt, auerhalb der Reihe und ohne jede uere Veranlassung,
eine betrchtliche Gehaltsaufbesserung.

In der Industriebank grte Emprung. Der Neid zischelte: Nun ja, kein
Wunder! Wenn man mit seinem Bureauchef ins Kino geht ...

Die Beamtinnen konstatierten giftig: Und eine Perlenkette trgt die
Person auch noch! Aber so ist die Welt! Unsereins, der anstndig ist,
bringt's natrlich zu nichts.

Selbst der alte Binder mute sich kopfschttelnd sagen: Merkwrdige
Zustnd' herrsche uff unserer Bank! No ja, es is halt e Affestall!

Benno hrte die gehssigen Reden, die sich Martha zur Zielscheibe
nahmen, aber er verteidigte sie nicht mehr in seinen Gedanken.

Diese pltzliche Gehaltsaufbesserung war ihm ein neues Glied in der
Beweiskette ihrer Leichtfertigkeit, ihrer frivolen Genusucht.

Und deshalb sah er sie beim Morgengru so sonderbar an und erwiderte
ihre erstaunte Frage mit so ungewohnter Schrfe. Den ganzen Vormittag
ber vergrub er sich tapfer in seine Arbeit und vermied es ngstlich
Marthas Blick zu begegnen.

Heut' mu ich ernstlich mit ihr reden, nahm er sich vor. Heut' auf dem
Nachhausweg sag' ich ihr alles, da ich se lieb', und da der Wittmann
kein Verkehr fr sie is, und da der Direktor Hermann ein alter
Mdchenjger sei, der schon viele Jungfrauen ins Unglck gestrzt habe.

Das letztere wute er nicht so genau, aber er wollte es jedenfalls
einmal behaupten. Jetzt kam's auf eine Lge mehr nicht mehr an.

Ich mu hart sein, beredete er sich, indes er die dreiig Coupons
vierprozentige Bayerische Vereinsbank-Pfandbriefe der Antonie Hochburg
nachzhlte. Da sagt man immer -- dreizehn, vierzehn -- die Liebe veredle
den Menschen -- siebzehn, achtzehn -- aber es ist nicht wahr --
einundzwanzig, zweiundzwanzig -- rachschtig und unaufrichtig macht die
Liebe -- sechsundzwanzig, siebenundzwanzig -- und selbstschtig und
boshaft -- neunundzwanzig, zweiunddreiig.

Und dann mute er die Coupons von neuem durch die Hand gleiten lassen,
denn er hatte sich verzhlt.

Benno legte sich die Rede zurecht, die er ber Martha ergieen wollte.
Aber er kam wieder einmal nicht dazu, seine Rede zu halten.

Denn als er mittags, wie gewhnlich, am Portal der Bank wartete, ging
Martha rasch an ihm vorbei, ohne ihn anzusehen.

Er hpfte ein paar groe Schritte, um sie einzuholen. Da drehte sie sich
schroff um und sagte: Ich verbitte mir Ihre Begleitung! Nehmen Sie erst
einen Anstandskursus, damit Sie sich Damen gegenber einen anstndigen
Ton angewhnen!

Zum erstenmal seit langer Zeit mute Benno mittags allein bis zum
Uhrtrmchen traben. Und der Prophet Elias kam sich in der Wste nicht
halb so verlassen vor wie der arme Benno in der belebten Kaiserstrae.

Trbselig guckte er an den Husern empor und ihm war, sie erwiderten
seinen Blick und starrten ihn mit ihren kalten Fensteraugen feindselig
an.

Nicht einmal die mogelnde Kartenspielerin in dem Porzellangeschft
vermochte ihn aufzuheitern.

Und vor dem Trompetenbaum gedachte er nicht seines geliebten
Naturgeschichtslehrers, sondern er malte sich aus:

_Wenn_ ich doch an dem Baum hngen tt' -- einen soliden Strick um den
Hals -- und es tt' mir nichts mehr weh, kein Hhnerauge, kein
Backenzahn und kein Herz -- sondern ich wr' tot -- und die Martha Bhle
km' vorbei -- mit dem Herrn Wittmann neben sich -- und se tten mich
gucken, und der Wittmann tt' fragen: Was is denn das an dem Baum?
Hngt dort nicht ein Stehkragen? -- und die Martha tt' einen Schrei
ausstoen, und das Pralinee blieb ihr im Hals stecken, wo se grad' dran
lutscht -- und se tt' ohnmchtig hinfallen, mitten in die
Stiefmtterchen -- wo angeschrieben steht Betreten verboten -- weil se
mich _doch_ heimlich geliebt hat und es mir blo nicht sagen wollt' --
und auf einmal wr' ich _doch_ noch nicht ganz tot, sondern ich tt'
noch e bichen mit den Augen zwinkern und tt' sagen: Siehst du, das
kommt davon, ich verzeih' dir alles, und jetzt hast de den Salat! --
und ich ...

Benno zog das Taschentuch hervor und wischte sich die Augen.

Das Essen im koscheren Restaurant schmeckte ihm heute gar nicht. Die
Klchen in der Suppe waren lauter Totenschdel aus der Wolfsschlucht,
und der stoppelbrtige Joseph schlich umher wie der schwarze Samiel, und
sein Frack verriet deutlich, da in der Hlle mit Gnsefett geschmort
wird.

Herr Stehkrage, wandte sich Joseph beim Kompott an ihn, Sie sin doch
e gescheiter Mann, Se gehen auf die Brs' und haben auch sonst eine
Bildung, sagen Se merr im Vertrauen: Was geht in der Politik vor? Se
wissen, ich hr' nie zu, was die Gst' miteinander reden, aber sie
sprechen jetzt fortwhrend vom Krieg. Ich sag' Ihnen, ich bin jetzt so
nervs, gestern abend hab' ich'n Teller fallen lassen mit Rindsgulasch,
fr eine Mark zwanzig Rindsgulasch, auf dem Herrn Jakob Rosenthal seine
gestreifte Hos' -- ich hab' geglaubt, die Welt geht unter, so hat der
Herr Rosenthal angestellt! Unn Ihne Ihr Abonnementskaart is aach
abgelaafe!

Benno gab ihm keine Antwort, zahlte die neue Karte und ging.

Er gab aus Versehen eine Mark fnfzig Trinkgeld, und damit war der
Moment eingetreten, den der stoppelbrtige Joseph schon lange prophezeit
hatte: Benno war in Josephs Augen meschugge geworden.

Zu Hause empfing ihn Frau Petterich mit lautem Weinen. Sie stand vor dem
Schuppen des Hofes, vergo Trnenstrme und jammerte: Heut is mei'm
Schorsch-selig sei' Gebortsdag ... Siwweunverzig Jahr wr' er heut
geworn, wann er's noch erlebt htt'! Ach, so e scheener Mann unn hat so
frieh schderwe misse. An sei'm letzte Gebortsdag hawwe merr noch en
Mordskrach mitenanner gehabbt, da hat'r den Leimtopp nach merr
geschmisse unn de Pinsel hinnerdrei'! Ja, des war'n selige Zeite! Unn
nachts im Bett hat'r mich so sie um Verzeihung gebete, unn seit dere
Zeit mu ich immer heule, wann ich den Schuppe seh'. Ach, wenn er nor
noch lewe dht, er derft merr ja jedden Tag sei' ganz Handwerkszeug an
de Kopp werfe, ich dht' gewi nix sage, ich bin ja so e schweigsam'
Fraa!

Benno lie sie stehen und ging auf sein Zimmer.

Das kleine Mariechen kam herein und rief triumphierend: Null Fehler
hab' ich im Diktat. Und das Frulein hat gefragt, ob mir jemand bei den
Rechenaufgaben geholfen htt'? Aber ich hab' nix verraten, sondern ich
hab' gesagt: Frulein, wo denken Se hin!

Sie erwartete ein Lcheln Bennos.

Aber Benno lchelte nicht.

Es war heute ein schlimmer Tag fr ihn, und whrend er nun mit dem
Mariechen Schulaufgaben machte, geschah ihm neues, unerwartetes Leid.

Die Kleine hatte das Chamissosche Gedicht Die Sonne bringt es an den
Tag auswendig zu lernen, und als sie an die Stelle kamen: Da kam mir
just ein Jud in die Quer, frug er sie in Gedanken: Was ist denn das,
ein Jud?

E Judd? antwortete das Mariechen. Das is ein bser Mensch.

Benno wurde kreidebleich und bi sich auf die Lippen.

Wer hatte dem Kind diese Gehssigkeit beigebracht? Oder redete es nur
eine gewissenlose Dummheit nach, die es von Erwachsenen gehrt hatte?

Er htte dem Kind eine lange Rede halten knnen, er htte ihm sagen
knnen, da Gott nicht nach Konfessionen richtet, sondern da es vor ihm
nur gute und schlechte Menschen gibt, er htte ihr erhabene Beispiele
aus der Leidensgeschichte seines Volkes erzhlen knnen, ihm schwebte
die Frage vor: Mariechen, du kennst mich doch? Auch ich bin ein Jud.
Bin ich ein schlechter Mensch? Doch eine unsichtbare Macht hielt ihm
die Lippen zu.

Nur kam ihm ein echt Benno Stehkragenscher Gedanke: er nahm sich vor, am
nchsten Abend Mariechen mit in den Tempel zu nehmen.

Der Nachmittag in der Bank lie sich noch trbseliger an als der
Vormittag.

Was dem gewissenhaften Benno seit Jahren nicht passiert war, er kam zu
spt ins Bureau.

Aber man soll den Tag nicht vor dem Abend tadeln. Eine unerhoffte Freude
harrte seiner: In der Vesperpause gab es eine beglckende Sensation.

Wittmann war wie stets an das Pult getreten, um mit Martha zu plaudern.
Er schien heute besonders galant gestimmt und ergriff wie in Gedanken
Marthas Hand, um sie zu streicheln.

Jh entzog Martha sie ihm, und in demselben Ton, in dem sie vormittags
am Portal den wartenden Benno abgefertigt hatte, fuhr sie auf: Ich
mchte Sie bitten, Ihr Frhstck knftig an einem anderen Platz zu
verzehren!

Die Beamten beugten sich geschftig ber ihre Arbeiten, als htten sie
nichts gehrt. Innerlich jubelten sie.

So etwas war noch nicht dagewesen.

Blutrot vor Wut schrie Wittmann: Ich bin hier der Bureauchef, und ich
kann mich hinstellen, wo _mir_'s pat! Verstanden!?

Von oben herab erwiderte Martha: Ich werde Herrn Direktor Hermann
fragen, ob er derselben Ansicht ist!

Benno war entzckt. Also war sein Verdacht gegen Wittmann doch
ungerechtfertigt. Also waren die faden Komplimente ihr doch im Grunde
des Herzens zuwider, und sie hatte es nur nicht gewagt, gegen den
mchtigen Bureauchef Front zu machen.

Er lachte ber das ganze Gesicht, aber seine Miene erstarrte sogleich
wieder, da Wittmann ihn andonnerte: Unterlassen Sie dieses freche
Grinsen, Herr Stehkragen! Mit Ihnen habe ich sowieso noch ein Hhnchen
zu pflcken, Sie werden mit jedem Tag nachlssiger!

Die Kunde von dem unerhrten Vorfall machte rasch die Runde durch das
Haus.

Die Meinungen waren geteilt. Die Damen fanden, Martha sei ein ganz
hochmtiges Geschpf, und solche Zustnde drften unmglich einreien!

Die Herren schmunzelten: Endlich einmal eine, die kein Blatt vor den
Mund nimmt und den hohen Herrschaften, die sich Halbgtter dnken,
gehrig die Meinung sagt!

Der verkncherte Rittershaus im Wechselbureau rieb sich die Hnde und
kicherte schadenfroh:

Diesmal bricht sie sich den Hals. Diesmal fliegt sie!

Und in einer Aufwallung seines Selbstgefhls krhte er in das Bureau:
Ruhe! Whrend der Arbeitsstunden wird nicht geschwtzt!

Das war der zweite Zusammensto Marthas mit einem Bureauchef. Erst
Rittershaus, dann Wittmann. Aber der Streber Wittmann war viel zu
schlau, um beschwerdefhrend in die Direktion zu laufen; er
durchschaute, wie die Dinge standen. Und so verlief die Angelegenheit im
Sand.

Am nchsten Abend nahm Benno das Mariechen mit in die Synagoge.

Er setzte sich nicht auf seinen Stammplatz in der dritten Reihe, sondern
er suchte einen Platz ganz weit hinten und stellte das Mariechen neben
sich auf die Bank, so da es den ganzen Tempel berschauen konnte.

Eigentlich gehrte das Kind ja in die Frauenabteilung auf die Empore,
aber dem so pnktlichen Synagogenbesucher Benno bersah der
Gemeindediener diese kleine Abweichung von der Regel.

Das Mariechen machte groe Augen, als es den feierlichen Lichterglanz
sah, die bunten Arabesken an den Sulen, den goldbestickten
Thoraschrein, vor dem der seltsam gekleidete Rabbiner den Gottesdienst
leitete. In der Synagoge gab es keine Bilder zu beschauen und doch so
viel Glanz zu bewundern.

Sie hrte die volltnende Stimme des Vorbeters, dem die Gemeinde mit
Murmeln und Verneigungen antwortete, und der fremdartige, uralte
Wechselgesang machte einen tiefen Eindruck auf das Kinderherz. Das
Mariechen verstand kein Wort von den hebrischen Gesngen und
Anrufungen, aber es fhlte, hier handelte es sich um etwas Heiliges,
Tiefehrwrdiges.

Und als nun unter jubelndem Chorgesang der Schrein geffnet wurde und
der Rabbiner die Gesetzesrolle zrtlich, als wiege er ein Kindchen, nach
dem Lesetisch trug, da war ihr zumute wie bei einer Weihnachtsbescherung.

Und nun wies ihr vterlicher Freund Benno Stehkragen auf die andchtige
Menge und flsterte: Siehst du, Mariechen, die Menschen da sind lauter
Juden. Glaubst du wirklich, da sie alle schlechte Menschen sind?

Da schttelte das Mariechen mit berzeugung und ein wenig beschmt den
Kopf. Und da sie ringsum alles beten sah, faltete auch sie ihre
Hndchen, und mitten aus der jdischen Gemeinde stieg ein stummes Gebet
zur Jungfrau Maria empor.

Mein liebes Kind, sagte Benno gerhrt, merke es dir frs ganze Leben:
Wenn man dir Schlechtes von einem Menschen erzhlt, ob von einem Juden
oder Christen, so glaube es nicht, ehe du dir nicht die untrglichsten
Beweise verschafft hast! Wenn man dir aber Gutes erzhlt, so glaube es
ohne weiteres! Der Mensch ist edel von Natur aus, und die Menschheit ist
weit besser als ihr Ruf.

Eine erhabene Feierlichkeit war ber ihn gekommen, er verga bei den
alten Gesngen und Zeremonien, die schon seinen Urvtern in den
bittersten Leidenszeiten Trost gewhrt hatten, seine Schmerzen, und eine
se Stille erfllte sein Herz.

Beim Verlassen des Gotteshauses redete ihn im Gedrnge der Herr
Seligmann an, bei dem er so viele Jahre im Oederweg gewohnt hatte.

Wie geht's, wie steht's? erkundigte er sich jovial bei Benno, der das
Mariechen behutsam an der Hand fhrte. Leben Se noch? Warum lassen Se
sich denn gar nicht mehr bei uns sehen? Kommen Se doch emal zum
Abendessen! Ich kann Ihnen im Vertrauen sagen, meine Frau kocht noch
immer sehr gut polnischen Karpfen. Und ich htt' auch gern emal wieder
mit Ihnen die soziale Frag' gelst.

Benno antwortete ausweichend.

Mit dem Verlassen der Synagoge und dem Betreten der trben Strae war
der Friede seines Herzens wieder zerstrt.

Seine Gedanken kreisten schon wieder um Martha, und whrend er mit
Seligmann die Zeil entlangwanderte, argwhnte er bei jedem Kino, an dem
sie vorberkamen: Vielleicht sitzt se da drin! Vielleicht hat se sich
schon wieder mit Herrn Wittmann ausgeshnt, und er hlt im Dunkeln ihre
schne Hand, und sie entzieht se ihm nicht mehr, sondern sitzt
unbeweglich und wirft die Perlen ihres Lchelns vor den Herrn
Wittmann!...

Sie sehen schlecht aus, Herr Stehkragen! Ganz mager sind Se geworden!
fuhr Seligmann besorgt fort. Ich kann Ihnen nur raten, kommen Se wieder
zu uns, polnischen Karpfen essen! Das ist ein guter jdischer Fisch, der
schon manche seelische Verstimmung beseitigt hat! Also kommen Se
nchsten Sonntag!

Benno versprach alles, sagte zu allem Ja und Amen und dachte dabei:
Vielleicht is se auch im Theater, und der Direktor Hermann fttert se
mit Eis und macht seine Faunfratze dazu, und es is niemand da, der ihm
dafr ins Gesicht schlgt, sondern die Leut', die ihn kennen, machen
eine Verbeugung und lispeln andchtig: Das is der Direktor Hermann von
der Industriebank, ein Mann mit vierzigtausend Mark Einkommen ...

Indessen Benno so seinen Gedanken nachhing und das kleine Mariechen auf
ihn achtgeben mute, da er unter kein Auto geriet, redete Herr
Seligmann ununterbrochen weiter.

Er war nun auf das beliebte Thema von der Not der Zeit gekommen und
klagte: Ich sag' Ihnen nix als: Sein Se froh, Herr Stehkragen, da Se
keinen militrpflichtigen Sohn haben! Die Zeitungen gefallen merr gar
nicht mehr, es liegt was in der Luft, aber nix Gutes. Was spricht man
denn an der Brs'? Die Brs' hat doch eine Witterung wie ein Jagdhund
und riecht an jedem Eckstein der Politik. Und die Kurse sind die besten
politischen Laubfrsch', bei gutem Wetter klettern se in die Hh', und
bei schlechtem Wetter hupfen se 'erunter. Ich hab' Russen, ich mein'
nicht die Kchenkfer, sondern russische Staatspapiere -- soll ich se
verkaufen oder soll ich se behalten oder soll ich noch welche dazu
kaufen -- nu, so reden Se doch _auch_ einmal einen Ton!

Und Benno dachte: Vielleicht is se auch im Zirkus und sieht dressierte
Affen und denkt _doch_ ein bichen an mich. Oder sie is im Tingeltangel
und sieht einen Jongleur, der Glser in die Luft wirft, und eins fllt
hin und is kaputt, und wie se genau hinsieht, is es mein kaputtenes
Herz, und se hebt's auf und lt sich's vom Kellner einwickeln und
nimmt's mit nach Haus zum Andenken an den schnen Abend ...

Er berlie Herrn Seligmann seinen russischen Besorgnissen und
verabschiedete sich.

Erst als ihm Seligmann lngst aus den Augen war, fiel ihm ein, da er
ganz vergessen hatte, sich nach dem Befinden der Frau und der Kinder zu
erkundigen und ihm Gre aufzutragen.

Der Kopf schmerzte ihn, seine Beine waren so mde, und ihm war in diesem
Augenblick alles so gleichgltig, da er trotz des Verbotes, am Schabbes
zu fahren, mit dem Mariechen in die Elektrische stieg.

Und als der Schaffner ihn frug Wohin?, da antwortete er zerstreut:
Zweimal Wolfsschlucht!, so da das kleine Mariechen ihn ganz entrstet
korrigieren mute: Nach'm Sachsehuser Berg, Herr Schaffner! Ein
Erwachsenes und ein Kind unter sechs Jahren!




Ein Trompetensto zerri die Luft, gellend wie die Posaune des Jngsten
Gerichts.

Die Grber ffneten sich -- aber nicht um die Toten freizugeben, sondern
um Millionen junger, blhender Leben zu nehmen.

Der Weltkrieg war ausgebrochen.

Ein heiliger Taumel ergriff unser Volk, mit seinem Blute dem Vaterland
zu danken fr alles Groe, was es von ihm empfangen.

Auch Benno dachte enthusiastisch daran, sich unter die Scharen der
Freiwilligen zu gesellen: Endlich war eine Gelegenheit da, dem geliebten
Heimatland Treue mit Treue zu zahlen, durch die Tat sich des Ehrennamens
Deutsch wrdig zu zeigen.

Aber als er sich im Spiegel besah, da verzerrte sich sein leuchtendes
Antlitz zu einer schmerzlichen Fratze. Er war ja ein Krppel, ein
lcherliches Spottbild, verglichen mit den sehnigen Gestalten, die von
allen Seiten zu den Fahnen eilten.

Sie wrden ihn auslachen. Und wenn er gewi auch auf dem Schlachtfeld
sich von keinem wrde an Opfermut berbieten lassen -- auf dem
Exerzierplatz wrde er eine komische Figur spielen, und sie wrden
seinen heiligen Eifer mit hhnischem Witzeln entweihen.

Er besa nur eine einzige militrische Erinnerung, und die war
beschmend genug. Vor vielen Jahren war er einmal gemustert worden, als
er sein Einjhriges abdienen wollte, und da hatte der Stabsarzt mit
einem lchelnden Blick auf seinen Buckel gesagt: Sie brauchen sich erst
gar nicht auszuziehen! Und alle Anwesenden waren in schallendes
Gelchter ausgebrochen.

Nein, er taugte nicht zum Soldaten. Die Natur, die ihn zum Krppel
geschaffen hatte, verwehrte ihm auch diesen Eingang zum Reiche der
Unsterblichkeit.

Bitter empfand er es: Wieder einmal war er ausgeschlossen, wo es galt,
Schnes, Groes, Ewiges zu vollbringen.

Auf der Bank rief der Ausbruch des Krieges zunchst ein groes
Durcheinander hervor. Da waren auslndische Coupons, von denen man nicht
wute: sollte man sie noch einlsen oder nicht; da waren Ste
auslndischer Wechsel, auf die Kredite erffnet waren, und deren Wert
jetzt hchst zweifelhaft geworden war; alle Auslandspost blieb pltzlich
aus; da belagerten berngstliche Kunden die Direktion, wollten ihre
Depositen und Guthaben zurckziehen, baten um Ratschlge, die sie
hinterher doch nicht befolgten; da schwirrten Alarmgerchte
abenteuerlichster Art ber angebliche Schwierigkeiten bedeutender
Unternehmungen, an denen die Bank beteiligt war.

Auch etliche Herren, die die Hilfe der Bank zu Kriegsspekulationen
gewinnen wollten, stellten sich ein. Das l wrde bestimmt in absehbarer
Zeit knapp werden, sie htten es aus bester Quelle; wenn man es
aufkaufe, knne man ein Vermgen verdienen.

Diese ehrenwerten Mitbrger kamen freilich schneller die Treppe
hinunter, als sie heraufgekommen waren.

Direktor Hermann erwies sich in diesen strmischen Tagen als ein wahres
Genie. Mit unerschtterlicher Ruhe und Sicherheit leitete er das
Unternehmen, und fast alle seine Manahmen erwiesen sich spterhin als
richtig.

Auch Antonie Hochberg erschien auf der Bank, um sich Rat zu erholen.

Sie bestrmte erregt den wehrlosen Hermann mit tausend Fragen, die ihr
nicht einmal der Reichskanzler htte beantworten knnen, wollte wissen,
wie lang der Krieg dauern werde, und wie sich Hermann, der doch ein
gescheiter Mann sei, die Friedensbedingungen denke.

Sie erinnerte sich noch deutlich des Deutsch-Franzsischen Krieges, sie
konnte ihrem Alter nach auch noch das Jahr Achtzehnhundertsechsundsechzig
miterlebt haben, und sie jammerte bei diesen Reminiszenzen anhaltend: O
Gott, o Gott, die armen Menschen, die armen Menschen! Dabei trug sie
aber bengstigend groe Brillanten in den Ohren, und an ihren Fingern
glitzerte eine ganze Juwelengeschftsauslage.

Von den Schrecken des Krieges schweifte sie dann zu einer eingehenden
Kritik des letzten Museumkonzerts ab, um mit der entrsteten Schilderung
des vorvorletzten Frankfurter Ehescheidungsprozesses zu schlieen.

Eine Stunde lang hielt sie den armen Hermann auf, der die
verzweifeltsten Anstrengungen gemacht hatte, sie schon frher mit
hflicher Gewalt zum Gehen zu zwingen.

Unter den Beamten riefen die Einberufungen groe Erregung hervor.

Da konnte man Charakterstudien machen.

Leute, die man allgemein fr trockene, verschlafene Philister gehalten
hatte, berraschten mit der Meldung, sie htten sich freiwillig zum
Heeresdienst gestellt; andere wieder, die im Schwadronieren stets
Meister gewesen waren, liefen ob ihrer Einberufung mit Trauermienen
umher und beschworen die Direktion, sie als unabkmmlich zu reklamieren.

Einer der ersten, die diesen beschmenden Gang in die Direktion
antraten, war Herr Wittmann.

Er hatte gelegentlich einmal betont, Leutnant der Reserve zu sein -- nun
stellte es sich heraus, da er niemals Soldat gewesen, sondern seiner
Plattfe wegen Landsturm ohne Waffe war.

Eifrig diskutiert wurde die Frage, wie sich die Bank ihren einberufenen
Beamten gegenber verhalten werde. Wrde sie ihnen die Stellen bis zum
Friedensschlu offenhalten? Wrde sie den Familienangehrigen die
Gehlter voll oder wenigstens teilweise auszahlen?

Die Beamten beschlossen, eine Deputation in die Direktion zu schicken,
zu deren Sprecher der dicke Rehle gewhlt wurde, der allseitiges
Vertrauen geno, und dem man vor allem das ntige Mundwerk zutraute.

Diese Maregel erwies sich freilich als berflssig, denn noch ehe die
Deputation in Ttigkeit zu treten brauchte, gab die Direktion einen Ukas
heraus, der den Wnschen der Beamten auf das weiteste entgegenkam.

Direktor Hermann hatte die Angelegenheit mit Direktor Birron besprochen,
das heit: _er_ hatte gesprochen, und Birron hatte gesagt: Es wird
schon recht sein, Herr Kollege! Ganz wie Sie meinen!

Amtliche Bekanntmachungen erschienen und wurden in den Bureaus
angeheftet. Darunter auch eine Anweisung, wie sich die Bevlkerung im
Falle eines mglichen Fliegerangriffes zu verhalten habe: die Straen
seien zu leeren, die Lichter zu lschen und Schutz in den Kellern zu
suchen.

Seit diese Bekanntmachung im Wechselbureau prangte, war der zittrige
Rittershaus nicht mehr zu beruhigen.

Ach Gott, ach Gott! sthnte er den lieben, langen Tag vor sich hin.
Und der Hauptbahnhof, auf den's die Hunde doch in erster Linie absehen
werden, liegt uns gerade gegenber!

Jeden dritten Tag lie er sich von neuem vom alten Binder das
Kellergewlbe zeigen und verbrachte dort zur Freude seines Bureaus ganze
Stunden mit angeblich notwendigen Revisionen.

Er wollte vom Krieg nichts hren, und so oft Truppen die Kaiserstrae
hinauf zum Bahnhof zogen und das Personal an die Fenster strzte, um
Abschiedsgre zu winken, geriet er auer sich und krhte verzweifelt:
Ruhe!! Whrend der Arbeitsstunden wird nicht hinausgesehen!

Rittershaus war jetzt Alleinherrscher im Wechselbureau, denn der dicke
Rehle trug des Knigs Rock. Nie hatte er davon gesprochen, da er
Vizewachtmeister der Reserve war. Man wollte es ihm anfangs gar nicht
glauben, da er, in seinen Jahren, sich als Freiwilliger gemeldet habe.

Mei Alte flennt wie e Schlohund, sagte er, awwer ich kann'r net
helfe! Ich kann doch als ahler Soldat bei dem Krieg net _zugucke_! Ich
mt mich ja vor merr selwer schme!

Und beim Abschied hatte er gescherzt: Gell, Frulein Scheckel, du
schreibst merr alsemal unn schickst merr Socke ins Feld, awwer um Gottes
wille kaa selbstgestrickte! Sonnern, wo merr aach drin laafe kann! Unn
poussiert merr net zu viel, Kinner! Da ich kaa Sache hr', wann ich
widderkomm! Unn du, Madamm Ungndig, gewhn derrsch ab, ahle Leut ze
haache -- en junge kriehst de jetzt sowieso kaan mehr!

Und dabei standen ihm die Trnen in den Augen, und die Damen trockneten
sich die Wimpern ab und konnten vor Trennungsweh kaum ihr Auf
glckliches Wiedersehen! hervorbringen.

brigens wurde der dicke Rehle nicht ins Feld abgestellt, sondern zur
Rekrutenausbildung dabehalten, und er war bald der beliebteste
Vizewachtmeister des ganzen Ersatzbataillons.

Auch der Junge des alten Binder wurde eingezogen, und der Vater war
stolzer darauf als der Sohn. Auf der Livree des alten Binder tauchte
jetzt pltzlich eine Medaille auf, die ihn als Teilnehmer am Siebziger
Kriege auswies. Mit Vorliebe erzhlte er Erlebnisse aus seiner
Kriegszeit, die man nicht allzu genau auf ihre Wahrheit prfen durfte --
es war schon ein bichen lange her.

Was seinen Sohn anging, so beseelte ihn ein unerschtterlicher
Optimismus: Mei' Sohn kimmt widder, da haww ich gar kaa Angst net! Es
is ja aach der Vadder widderkomme! Des Heule unn Zhneklappern
iwwerlasse merr de Weiwer! Dene dhut's wohl, wann se als e bissi flenne
knne!

Um so pessimistischer sah der kranke Bittenberger, der Aufsichtsfhrer
der Expedition, in die Zukunft. Auch seinen ltesten, miratenen Sohn
hatten sie geholt, und nun schwebte der arme Vater bestndig in
Todesngsten, sein Sohn knne beim Militr bse Streiche machen.

Ein erschtterndes Bild des Jammers war der alte Mann, wenn er des
Abends als letzter, auf seinen Stock gesttzt, die Treppe hinunter
gewankt kam, und im ganzen Hause sagte man sich:

So geht's nicht mehr weiter mit dem Bittenberger! Wir sind doch kein
Altersversorgungsheim! Er _mu_ sich einfach pensionieren lassen! Mit
solchen Leuten kann man nicht zusammen arbeiten!

Benno Stehkragen glich in den ersten Kriegstagen einem Narren.

Er schmte sich vor jedem Soldaten, der an ihm vorberging. Wozu bin ich
berhaupt auf der Welt? grmte er sich. Wozu bin ich berhaupt zu
gebrauchen? Wie kann ein Mensch vor mir Respekt haben? Wie kann ich mir
einbilden, ein Mdchen knnt' mich lieben?

Das hliche Wort Drckeberger gellte ihm in den Ohren.

Wenn er noch wenigstens sich htte in einem der Wohlfahrtsausschsse
ntzlich machen knnen! Aber dazu lie ihm sein Beruf keine Zeit.

Ich sitz' erum und fress' andern Leuten 's Brot weg, klagte er sich
an. Ein Schmarotzer, ein berflssiger Mensch! Drauen sterben Vter
und Shne, und ich sitz' hinter'm warmen Ofen und les' Leitartikel! Und
was fr welche!

Zu den Ksbergers ging er jetzt fast gar nicht mehr, und der kleine
Lebrecht bekam in der Schule einen Strafzettel nach dem andern. Seit
Benno einmal angefangen hatte, dort die Rolle des bewundernden Verehrers
zu spielen, erwarteten Katharine und insbesonders Gromama Ksberger von
ihm deutlichere Erklrungen, und die brachte er nicht bers Herz.

Selbst Marthas Bild schien ihm in diesen Tagen in weite Ferne gerckt.

Er bekam sie nur noch selten zu sehen, denn Martha war nach dem
Zusammenprall mit Wittmann aus dem Couponbureau versetzt worden.

Sie hatte dem Direktor Hermann die Affre erzhlt, und Hermann hatte
kurz entschlossen angeordnet: Von morgen ab sind Sie als meine
Privatsekretrin in der Direktion beschftigt! Sie sind doch damit
einverstanden, liebes Frulein?

Hchst betriebsam ging es im Hause Petterich zu. Die gute, mollige Frau
Josephine war vllig von allerlei Frsorge fr die Feldgrauen in
Anspruch genommen. Sie, die sonst so sparsam mit Petroleum und Gas
umgegangen war, sa jetzt bis spt in die Nacht hinein in der Kche und
strickte Socken, nhte Leibbinden, wobei ihr das entzckte Mariechen bis
neun Uhr abends helfen durfte.

In jedes Paar Socken webte sie die ehrlichsten Segenswnsche hinein,
aber auch urkrftige Flche gegen unsere Feinde:

Verhaacht die miserawele Franzose, da die Lappe flie'e!! Nix wie druff
uff die schleechte Engelnner!! Kabutt misse se wer'n, die ganze
Lumpegesellschaft!! Mir soll nor noch emal e Engelnner ins Haus komme!!
De ganze Kcheschrank krieht'r uff de Kopp!! Wann ich nor en Russ' da
htt' -- ich dht' dem Oos de Buckel mobilisiere, da er genug htt'
for die nchste hunnert Jahrn!!

So schimpfte die gute Frau Petterich, whrend die Stricknadeln
klapperten, in ihrer ehrlichen Entrstung.

Fr ihren Mieter hatte sie nur mehr wenig Zeit brig, und das war Benno
lieb, denn er htte jetzt die Lobreden auf den seligen Schorsch nicht
ertragen knnen.

Weshalb lt du mich nicht sterben, lieber Gott! flehte er. Du fhrst
doch Buch ber die Taten aller Menschen, ber die guten und die
schlechten, vielleicht is bei dir ein Stellchen frei als Buchhalter? Ich
will ja aufs genaueste Buch fhren, und ich will ohne Murren berstunden
machen und nix sagen, wenn du merr die ekligste Seele im ganzen Himmel
zum Bureauchef gibst! Nur nimm mich weg aus dieser Welt!

Oder er dachte in seiner nrrischen Art: Wenn ich nur emal den Kaiser
persnlich sprechen knnt'! Majestt, tt' ich sagen, Majestt,
vielleicht is irgendwo ein verlorener Posten, auf den man einen
opferwilligen Menschen braucht, vielleicht is irgendwo was in die Luft
zu sprengen und man wei bestimmt, der Mann fliegt mit in die Luft --
nehmen Se _mich_ dazu, Majestt! Ich bitt' Se um alles: nehmen Se
_mich_! Sie werden Ihre Freud' an mir erleben!

Als die ersten beglckenden Siegesnachrichten eintrafen, da gab es unter
den Jubelnden einen, der tiefunglcklich war, tiefunglcklich, da er
den groen Ereignissen mig zuschauen mute.

Wenn ich wenigstens als Sanittshund auf die Welt gekommen wr'! dachte
er. Oder als Schrapnell. Aber ausgerechnet als Benno Stehkragen mut'
ich geboren werden!

Eines Tages wurde Benno in die Direktion gerufen.

Sein erster Blick beim Betreten des Raumes fiel auf Martha, die dicht
beim Fenster vor einer Schreibmaschine sa und Stenogramme bertrug.

Sie senkte den Kopf tiefer und tippte doppelt eifrig, als sie Benno
bemerkte.

Frulein, sagte Direktor Hermann, gehen Sie, bitte, hinaus, solange
ich mit Herrn Stehkragen rede! Man versteht ja bei der Tipperei sein
eigenes Wort nicht!

Martha erhob sich und ging.

Es war Benno, als habe sie ihn mit einem fragenden Blick gestreift.

Mein lieber Stehkragen, wandte sich Direktor Hermann ungewhnlich
freundlich an ihn, ich wei nicht, ob es Ihnen bereits bekannt ist, da
unser Gesuch betreffs Unabkmmlichkeit des Herrn Wittmann abschlgig
beschieden wurde? Herr Wittmann wird also in absehbarer Zeit unsere Bank
verlassen. Und es scheint mir fraglich, ob er wieder auf seinen Posten
zurckkehren wird. Wir brauchen daher einen neuen Bureauchef. Dabei
dachten wir in erster Linie an Sie. Nicht wahr, Kollege Birron?

Birron murmelte zerstreut: Es wird schon recht sein, lieber Herr
Kollege! Ganz wie Sie meinen!

Sie sind nicht nur der lteste Beamte im Couponbureau, mein lieber
Stehkragen, sondern wir haben zu Ihnen auch besonderes Vertrauen. Und
auerdem haben wir auch bei Ihnen die bestimmte Gewiheit, da Sie
dauernd militruntauglich sind und uns nicht eines Tages weggeholt
werden!

Benno zuckte schmerzlich zusammen.

Die Aussicht, Bureauchef zu werden, bedeutete ihm eine freudige
berraschung, allein die Begrndung demtigte ihn aufs empfindlichste.

Und auerdem, fuhr Direktor Hermann fort, whrend ein Lcheln sein
Gesicht berzog, hat mir Frulein Bhle, die ja lngere Zeit mit Ihnen
im selben Bureau gearbeitet hat, so viel Gutes von Ihnen erzhlt, da
ich mich freue, Sie in eine hhere Stelle aufrcken lassen zu knnen.

Nein! schrie Benno auf. Nein, nein! Ich will die Stelle nicht! Ich
bin zu dumm dazu! Ich will nichts befehlen! Ich will nicht!

Hermann sah ihn befremdet an.

Hm! meinte er nach einer Weile. Hm! Sie scheinen mir doch andere
Grnde zu haben, als Sie angeben, aber das ist _Ihre_ Sache! Im brigen
scheint es mir jetzt beinahe selbst, als wren Sie viel zu nervs fr so
einen Posten! Sie knnen gehen!

Zitternd vor Erregung kam Benno im Couponbureau an.

So tief schtzte sie ihn also ein, da sie ihm hatte ein Gnadengeschenk
zuschanzen wollen. O, wie erbrmlich tief war er gesunken, da man ihm
so etwas antun durfte!

Am Abend begegnete Martha ihm auf der Treppe.

Er wollte ihr ausweichen, aber sie kam munter auf ihn zu und frug in
herzlichem Ton: Was haben Sie eigentlich gegen mich? Was habe ich Ihnen
denn getan?

Benno sah sie eine Weile stumm an. Seine Kinderaugen weiteten sich,
seine Hnde falteten sich unwillkrlich.

Wissen Sie das wirklich nicht? sprach er langsam und gab sich die
grte Mhe, das Beben seiner Stimme zu verbergen.

Martha lchelte. Aber, bester Herr Stehkragen, wenn ich es wte, wrde
ich doch nicht erst fragen. Zrnen Sie mir denn immer noch, weil ich
damals sagte, Sie sollten einen Anstandskursus nehmen? Nun lachte sie
herzlich. Das war doch nicht so bs gemeint! Herrjeh, man legt doch
nicht jedes Wort auf die Goldwage! Sagen Sie, tragen Sie mir wirklich
immer noch dieses dumme Wort nach?

Benno schttelte traurig den Kopf.

Nun tun Sie mir aber den einzigen Gefallen und machen Sie keine solche
Leichenbittermiene! rief Martha und schnitt ein lustiges,
parodistisch-tragisches Gesicht. Ich bin heute so famos gelaunt und mag
keine traurigen Menschen sehen! Hopp, ziehen Sie Ihren Mantel an und
begleiten Sie mich! Ich verzichte heute Ihretwegen auf den Kientopp --
mehr knnen Sie doch wahrhaftig nicht verlangen!

Wenige Minuten spter wandelte Benno an ihrer Seite die Kaiserstrae
hinab.

Martha plapperte und plapperte, und ihr heiteres, unbekmmertes
Geplauder schien ihm kstliche Musik.

Das getrumte Feenreich tauchte wieder vor ihm auf, und an seinem
Eingang stand ein lachendes Elfchen und winkte und zwitscherte: Worauf
wartest du noch? Was zgerst du noch?

Alle die groen elektrischen Bogenlampen leuchteten: Los, Benno, sei
tapfer! Weshalb besinnst du dich noch?

Und in allen Telephondrhten wisperte es: Verbinden Sie mich mit
Frulein Martha Bhle! Schnell, schnell! Es eilt!

Als sie an das Uhrtrmchen kamen, raffte sich Benno auf und frug:
Frchten Sie sich, mit mir durch die dunklen Anlagen zu gehen?

Frchten? lachte Martha. Vor wem soll ich mich denn frchten? Aber
Sie mssen mir den Arm geben, da ich ber keinen Zaun fall'!

Benno fhlte ihren weichen Arm sich in den seinen schmiegen, er wute,
jetzt kam der Augenblick, in dem er reden mute, und brachte doch kein
Wort hervor.

Weshalb zittern Sie denn so? frug Martha. Wissen Sie, wir haben zu
Hause bei meinen Eltern einen Dackel gehabt, der hat auch immer so
gezittert. Peter hat er geheien. Ein Spitzbub' ersten Ranges.

Und nun fing sie an von dem Dackel zu erzhlen und sprudelte von Laune
und bermut.

Und geradeso haben _Sie_ vorhin gezittert, Herr Stehkragen! schlo sie
ihren Bericht.

Benno zog sanft seinen Arm aus dem ihren, blieb stehen und sagte
schmerzlich: Haben Sie noch nie einen Menschen so von ganzem Herzen
lieb gehabt, Frulein Bhle?

Es durchzuckte Martha hei. Sie hatte ihn sofort verstanden, und in
malosem Erstaunen stammelte sie: Ja lieben Sie mich denn?...

Und nun, da er Martha so ernst sah, lste sich Bennos Zunge, und er fand
glhende Worte der Leidenschaft, er redete sich alles vom Herzen, was er
so lange unter Folterqualen mit sich herumgetragen hatte, und er
bemerkte es gar nicht, da Martha beharrlich schwieg und sich nur von
Zeit zu Zeit wie zufllig mit dem Handrcken ber die Augen fuhr.

Wohl eine Stunde war verflossen, als sie vor Marthas Wohnung anlangten.

Sie standen im grellen Licht einer Laterne, Benno hielt ihre Hand
umschlossen und flsterte: Ich will heut' noch keine Antwort, heut'
noch nicht. Aber lassen Sie mich nicht zu lange auf Ihre Entscheidung
warten, Martha! Sie wissen nicht, wie ich leide, und wie bitter ich
schon durch Sie gelitten hab'!

Martha drckte ihm die Hand und eilte, wie flchtend, in das Haus.

Beseligt schaute Benno ihr nach.

Er war von einem schweren Bann erlst, er hatte den Mut gefunden, ihr
von seiner Liebe zu sprechen, er fhlte sich so stark, er hatte den
Kampf um sein Glck aufgenommen, und er wrde ihn durchfechten und sein
Glck zu verteidigen wissen.

Oben in ihrem Zimmer aber lag Martha auf der Chaiselongue, drehte die
Daumen und berlegte, berlegte ...

Seit diesem Abend wurde sie nicht mehr auf der Bank gesehen.

Niemand wute, wohin sie gekommen war.

Bis eines Vormittags ein Beamter aus der Korrespondenz lachend in das
Couponbureau gestrzt kam und jubelte: Neues von Frulein Bhle! Das
Neueste vom Direktions-Kriegsschauplatz! Hurra, es ist so weit: Direktor
Hermann hat ihr eine Wohnung auf der Eckenheimer Landstra' gemietet!
Bald fhrt sie auf Gummirdern und -- nanu, was haben Se denn, Herr
Stehkragen?

Benno war rchelnd zurckgesunken.

Aber er fate sich schnell wieder.

Mir is unwohl, stammelte er, Herr Wittmann, drft' ich nicht nach
Haus geh'n?

Meinetwegen! schnarrte Wittmann rgerlich. Aber sehen Sie zu, da Sie
bald wieder auf den Damm kommen! Wir knnen jetzt kein Personal
entbehren, wo ich jeden Tag zum Kommi geholt werden kann!

Benno rumte sein Pult auf und eilte, ein Auto zu nehmen.

Unterwegs gab es einen Aufenthalt. Eine Kompanie, die von einer
Felddienstbung heimmarschierte, sperrte die Strae. Im Marschschritt
klang es von ihren Lippen:

    Es welken alle Bl-tter,
    Sie fallen alle ab, alle ab.

    Denn mein Schatz hat mich verla-assen.
    Das krnket mich so sehr.

    Ins Kloster will sie ge-ehen
    Will werden eine Nonn', eine No ...

Erstaunt sah sich der Autolenker nach seinem Fahrgast um, der gellend
aufgelacht hatte: Ins Kloster ... Martha ins Kloster, hahaha ...

Todmde und zerschlagen kam Benno zu Hause an.

Er legte sich in den Kleidern aufs Sofa und verfiel alsbald vor
Erschpfung in einen fiebrigen Schlummer.

Qualvolle Trume suchten ihn heim.

Er sah sich im Couponbureau, die Couponkasse stimmte nicht, und je fter
er nachzhlte, desto grer wurde der Fehlbetrag, und desto hher wurde
seine Verzweiflung. Er zhlte immer eifriger und eifriger, schneller und
schneller, der Angstschwei stand ihm auf der Stirne, und pltzlich ri
ihm ein heftiger Windsto die Coupons aus der Hand, da sie in groteskem
Wirbel ihn umtanzten. Aber nun waren es keine Coupons mehr, sondern
scheuliche kleine Teufel, ber das Pult krochen ekle Schlangen, eine
groe, schlpfrige Krte guckte aus dem Tintenfa, und als er sich in
seiner Not umsah, da sa auf dem Platz des Bureauchefs in einem
schwarzen Mantel der Direktor Birron und hielt als Zepter einen
Totenschdel aus der Wolfsschlucht in der Hand, und nickte bestndig mit
dem Kopf und lallte: Es wird schon recht sein, Herr Kollege, es wird
schon recht sein!

Entsetzt schrie Benno im Schlaf auf.

Frau Petterich strzte in das Zimmer und schttelte ihn vollends wach.

Um Gottes wille, was hawwe Se dann? wehklagte sie, Sie kreische, da
merr maane knnt, es brennt!

Und da sie Bennos verstrte Augen sah, setzte sie sich mtterlich neben
ihn und fing an zu weinen.

Der arme, unglckliche Benno versprte einen hilflosen Drang, seinen
Kopf in ihren Scho zu legen, die Augen zu schlieen und nichts zu
denken ... nichts zu denken. Aber er traute sich nicht.

Wann nor mei Schorsch-selig noch lewe dht, schluchzte Frau Petterich,
der dht Ihne schon de Kopp zurechtsetze!

Aber es dauerte nicht lang, und die resolute Frau Petterich hatte ihr
seelisches Gleichgewicht wiedergefunden. Sie war berzeugt, da nur die
Liebe zu Katharine Ksberger, dere Komdiantin, an Bennos Verzweiflung
schuld sei, und deshalb sprach sie so sanft, als es bei ihren krftigen
Stimmitteln mglich war: Lasse Se emal vernimftig mit sich redde, Herr
Stehkrage! Wann's halt gar net annerschter gehe dhut, wann Se's halt gar
net aushalte dhun, no, dann gehn Se in Gottes und Dreideiwels Name
niwwer zum ahle Ksberger unn halte Se um sei schepp Dochter an! Er
gibbt se Ihne mit Handku! Er zahlt noch was druff! Unn de klaane
Lebrecht kriehe Se gratis unn franko in die Eh'!

Benno fuhr auf.

Ja, Frau Petterich hatte recht: das war das letzte Mittel, seinem
Zustand ein Ende zu machen. Er wollte Katharine Ksberger heiraten,
nicht weil er sie liebte, sondern weil er ein Wesen brauchte, fr das er
sorgen konnte, weil er seinem verpfuschten Leben irgendeinen Inhalt
geben mute, und sei es auch nur die pflichtkalte Frsorge fr ein
ungeliebtes, verblhtes Mdchen.

Er wollte gleich vom Sofa springen, doch Frau Petterich drckte ihn
sanft nieder: Ehrscht dhun Se Ihne e bissi erhole! Sie gukke ja aus,
als ob Se aus'm Friedhof dorchgebrannt wrn! Nor ruhig Blut! Hat der
Ksberger sei' Dochter so lang uff'm Buckel gehabbt, kann er se aach
noch finf Minute lnger drowwe hawwe!

Aber Benno war nicht mehr zu halten. Er ri seinen Hut vom Haken und
strmte geradewegs zu Katharine.

Bekmmert sah ihm Frau Petterich nach und murmelte:

Liewer Gott, mach's gndig! La se wenigstens kaa Kinner kriehe! Dann
bei _dene_ Eltern wern's doch nor Unglickswermer!

Als Benno bei Ksbergers schellte, ffnete ihm ein fremder Mann, der ihn
vom Kopf bis zu den Fen ma, sein Gesicht zu einem Grinsen verzog und
dann mit herablassendem Schauspielerpathos sprach: Junger Mann, wenn
mich Ihr Buckel nicht tuscht, habe ich das Vergngen mit Herrn Benno
Stehkragen! Sie sehen in mir den bekannten Gesangspdagogen und
Heldenbariton Breivogel, Lebrecht Breivogel. Ich bin gestern von einer
lngeren Kunstreise zurckgekehrt, die mich an die verschiedensten
Frstenhfe fhrte. Davon ein andermal! Heute feiere ich die
Wiederverlobung mit meiner geliebten Braut. Wenn Sie aber ein andermal
wiederkommen, junger Mann, sollen Sie uns hochwillkommen sein!

Damit machte er eine gravittische Verbeugung und schlo die Tre.

Fort, fort! sthnte Benno. Nur fort! Auf die Bank, dort ist dein Platz!
Eine Maschine unter Maschinen!

Und whrend er wie ein Besessener durch die Straen eilte, dachte er:
Was habe ich nur verbrochen, da Gott mich so hart straft!

Er rannte blindlings drauf los, instinktiv und aus alter Gewohnheit den
richtigen Weg findend, sah nicht die Menschen, sah nicht die Huser.

Und gerade wollte er in die Industriebank einbiegen, als pltzlich
hinter ihm der Ruf erscholl: _Flieger_!!

_Flieger_! schrien hundert Stimmen durcheinander, und ehe Benno wute,
wie ihm geschah, war er von einem Menschenstrom in das Portal der
Industriebank gerissen.

Er kam erst wieder halbwegs zur Besinnung, als er an einem Fenster des
Couponbureaus allein stand und auf den Bahnhofsplatz hinausstarrte.

Da sah er einen verlassenen Wagen der Elektrischen breitspurig stehen,
und seitlich vor dem Wagen stand ein Kind und wartete offenbar, da der
Wagen weiterfahren sollte, damit es die Schienen berschreiten knne.

Es war ein vornehm gekleidetes Kindchen, das wahrscheinlich bei dem
Schreckensschrei Flieger! von der flchtenden Gouvernante im Stich
gelassen worden war.

Bennos Herz durchzuckte ein Schreck.

Er strzte auf die Strae, das verlassene Kind zu retten.

Das lief, als es den migestalteten, wild gestikulierenden Menschen auf
sich zueilen sah, laut schreiend in den nchsten Hausgang.

Benno hob wie in Verzckung die Hnde zum Himmel, da hrte er hinter
sich ein polterndes Gerusch. Er drehte sich um und wurde im selbem
Augenblick von einem fhrerlosen Lastfuhrwerk erfat, das die
Kaiserstrae heraufgerast kam.

Die Fliegergefahr hatte sich als falscher Alarm erwiesen. Aber sie hatte
dennoch ein blutiges Opfer gefordert.

Auf dem Sofa in der Direktion lag Benno. Der alte Binder hatte eine
Decke ber die zerschmetterten Glieder gebreitet. Benno hatte die Augen
geschlossen, seine rechte Hand tastete suchend durch die Luft und geriet
an Direktor Birrons welke Finger, die er sogleich umschlo und zrtlich
streichelte.

Birron warf einen hilflosen Blick auf Direktor Hermann, er wollte seine
Hand zurckziehen, aber als Hermann ihm zunickte, berlie er sie
achselzuckend dem Sterbenden.

Martha, flsterte Benno, indem er fortfuhr Birrons Finger zu
liebkosen, Martha ... nun sterbe ... ich doch ... gewissermaen ...
frs ... Va ... ter ... land ...!

Er schlug die Augen auf, legte den Kopf zur Seite, sthnte --

Der alte Binder zog ihm die Decke ber das Gesicht und nahm die Mtze
ab. Und Direktor Hermann frug: Hat er Verwandte, die man
benachrichtigen mu?

Drei Tage spter wurde Benno begraben.

Eine zahlreiche Trauerversammlung gab ihm das letzte Geleit.

Der Vorstand der Jdischen Gemeinde war vollzhlig vertreten und der
Rabbiner hielt eine schne Leichenrede, in der er den Verstorbenen als
einen frommen, gesetzestreuen Juden pries und ihn als einen guten
Menschen lobte. Bei einer guten Tat, bei der Rettung eines Kindes habe
er ja auch sein Leben eingebt.

Er habe zwar nicht das biblische Alter erreicht, dafr aber sei er ein
wahrhaft glcklicher Mensch gewesen.

Nach dem Geistlichen sprach Direktor Hermann, und er nannte Benno das
Muster eines pflichtgetreuen Beamten, dem die Bank stets ein ehrendes
Andenken bewahren werde.

Mitten in der Rede sah er auf die Uhr, denn er hatte das Gefhl, es sei
schon spt, und er durfte doch in dieser aufgeregten Zeit keine
Brsensitzung versumen.

Fr die Beamten krhte Herr Rittershaus einige trockene Worte, die er
sich fr solche Gelegenheiten auswendiggelernt hatte.

Als er zu der Phrase kam: Und so lege ich diesen Kranz am Grabe des
Entschlafenen nieder, fiel ihm pltzlich ein, da es ja bei jdischen
Begrbnissen keine Blumenspenden gibt, und da er gar keinen Kranz in
den Hnden hatte, und es entstand ein peinliches Ruspern.

Auf einem benachbarten Grabstein sa ein Sperling, zirpte und beschaute
sich die Trauerversammlung.

Da war unter anderen Herr Ksberger, der wieder seinen
Stiftungsfestgehrock anhatte und sich vergeblich bemhte, den
ungezogenen kleinen Lebrecht im Zaum zu halten.

Auch Herr Breivogel war erschienen und erzhlte whrend der Leichenreden
einem ihm vllig unbekannten Bankbeamten von seinen beispiellosen
knstlerischen Erfolgen. Er gedenke, demnchst auch in Frankfurt ein
Konzert zu geben. Und der Bankbeamte schiene ihm, soweit er dies nach
dem Sprechen beurteilen knne, eine ausgezeichnete Stimme zu besitzen,
ja, er habe in Anbetracht seiner herrlichen Bhnenfigur geradezu ein
Vermgen in der Kehle, und er, Lebrecht Breivogel, sei gerne bereit,
diese Stimme einmal ausnahmsweise, aber wirklich nur ganz ausnahmsweise,
vllig kostenlos zu prfen.

Der dicke Rehle war in der Uniform eines Vizewachtmeisters erschienen
und nahm sich gar stattlich aus. Ihm liefen die Trnen ber die Backen,
als sie Bennos Sarg zunagelten.

Ferner war da der Herr Seligmann, der wehmtig seufzte: Er hat mich
zwar damals Sonntag Abend sitzen lassen und is _nicht_ zum polnischen
Karpfen gekommen, aber ein seelenbraver Mensch war er doch!

Der stoppelbrtige Joseph schluchzte trostlos; da ihm die gewohnte
Serviette fehlte, wute er nicht recht, was er mit der rechten Hand
anfangen sollte, und drehte verlegen seinen vorsintflutlichen Zylinder.
Er flsterte dem ehrlich betrbten alten Binder zu: Es war ein lieber
Mensch, blo in der letzten Zeit e bichen meschugge! Gott hab' ihn
selig!

Der zittrige Bittenberger glich nun vollends einer Ruine, nachdem sein
ltester Sohn in einem der ersten Gefechte gefallen war.

Aufsehen erregte ein fremder blonder Mann in tadellosem Gehrock.

Er war der Vater des Kindes, fr das Benno sein Leben dahingegeben
hatte. Er war mit der Absicht gekommen, ein paar Stze am Grabe zu
sprechen, aber als sich die Beerdigung so in die Lnge zog, gab er diese
Absicht auf und stand nun etwas geniert, mit seiner goldenen Uhrkette
spielend, unter den unbekannten Leuten.

Frau Petterich war trostlos gewesen, als sie erfahren hatte, da an
jdischen Begrbnissen keine Frauen teilnehmen.

Sie sa, whrend Benno zu Grabe getragen wurde, in seinem Zimmer und
weinte mit dem Mariechen um die Wette.

Und schluchzte abwechselnd bald: Der arm' Herr Stehkrage'! und bald:
Mei guder seliger Schorsch!

Die Trauerversammlung zerstreute sich. Der Sperling, der auf dem
benachbarten Grabstein gesessen hatte, flog auf den frischen Grabhgel
und begann lustig und unbekmmert zu zwitschern.

Benno aber lag friedlich in seinem Sarg, gekleidet nach alter
Vtersitte, und um seine Lippen spielte das Lcheln der Toten.



Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1917 in der Reihe Ullstein-Bcher -- Eine Sammlung
zeitgenssischer Romane erschienenen Ausgabe erstellt.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaen ersetzt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext#





End of the Project Gutenberg EBook of Benno Stehkragen, by Karl Ettlinger

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Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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