Project Gutenberg's Die Colonie. Erster Band., by Friedrich Gerstcker

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Title: Die Colonie. Erster Band.
       Brasilianisches Lebensbild

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: December 8, 2009 [EBook #30631]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Die Colonie.
Brasilianisches Lebensbild

von


Friedrich Gerstcker.

Der Verfasser behlt sich die bersetzung dieses Werkes vor.


Erster Band.


Leipzig,
_Hermann Costenoble_.
1864.




 Inhalts-Verzeichniss.

                                     Seite
 _Erstes Kapitel_.
 Die Colonie Santa Clara                7

 _Zweites Kapitel_.
 Der Director                          29

 _Drittes Kapitel_.
 Bei der Frau Grfin                   68

 _Viertes Kapitel_.
 Die Meierei                        102

 _Fnftes Kapitel_.
 Elise                                135

 _Sechstes Kapitel_.
 Zuhbel's Chagra                      167

 _Siebentes Kapitel_.
 Die neuen Colonisten                 195

 _Achtes Kapitel_.
 Die Einquartierung                   226

 _Neuntes Kapitel_.
 Ein Abend in der Colonie             258

 _Zehntes Kapitel_.
 Eine Familienscene                   289




1.

Die Colonie Santa Clara.


Von Osten her strich die frische Seebrise ber das weite, wellenfrmige
Land, schaukelte die einzelnen Palmen, die auf der Lichtung standen, und
schttelte von den Orangenbumen nicht allein die berreifen Frchte,
sondern auch manche Blthe herab, unter der sich schon wieder die junge
Frucht gebildet hatte. Ein wrziger Duft wehte dabei ber den ganzen
Bergeshang, der sich hie gerade und neben einer kleinen, freundlichen
Wohnung oder Chagra dem Thale zu ffnete, und zwei Reiter, die den
schmalen Waldweg herber gekommen waren, hielten berrascht ihre Pferde
an, als sie das entzckende Bild erblickten, das sich unter ihnen
ausbreitete.

Dicht vor ihnen, und durch die reine Luft nur noch viel nher gerckt,
als es in der That lag, fllte ein kleines Stdtchen -- die deutsche
Colonie Santa Clara -- den ebenen Theil des nicht breiten Thales aus,
der vollkommen gelichtet war, und nach allen Richtungen hin, wie durch
Adern, von schmalen, gelben Wegen durchschnitten wurde, whrend die
Huser, wohl in Straen ausgelegt, aber doch noch einzeln aufgebaut,
ber die ganze Flche hin zerstreut standen. Mit ihren lichten Farben
und rothen, meist neuen Ziegeldchern stachen sie aber um so lebendiger
von dem saftigen Grn ab, das die sie umschlieenden Gebsche trugen,
whrend in der Ferne, nach Sd, Sd-Ost und Osten, drei scharf
abgeschiedene Gebirgsschichten zuerst in dunkelm Grn, dann in
blaugrner Frbung und zuletzt in einem duftigen Lichtblau den
Hintergrund bildeten.

Nur nach Sd-West ffnete sich die sonst vollkommene Gebirgslandschaft
ein wenig, und eben genug, um in blauer Ferne das Meer mit seinem scharf
abgegrnzten Horizonte zu zeigen, und man erkannte, selbst von hier aus,
deutlich, wie die verschiedenen Gebirgshnge, je mehr sie sich dem
Seestrande nherten, niedriger wurden. Nur die gelben Sanddnen des
Strandes selber lieen sich nicht erkennen, denn an den abschssigen
Hngen war noch Nichts gelichtet, und nur die weiten Umrisse der hheren
Partien schlo der Wald in seinen grnen Rahmen.

Wieder und wieder flog der Blick der beiden Reiter aber zu der kleinen
Ansiedlung zurck, die auch zu gleicher Zeit ihr heutiges Ziel bildete,
und whrend in dem Walde selber die tropische Vegetation von dem weit
strkeren Laubholze verdeckt oder berschattet wurde, konnte ihnen nicht
entgehen, wie gerade nahe bei den Husern der tropische Charakter der
Landschaft sorgfltig gewahrt und erhalten war.

Die deutschen Einwanderer hatten nmlich, als sie den Wald in offenes
Feld verwandelten, daheim schon zu viel von den wehenden Palmen
Brasiliens gehrt, und hier und da auch wohl in ihrer Art davon
geschwrmt -- denn der Bauer ist _nie_ Phantast -- um jetzt gleich die
Axt an die ersten zu legen, die ihnen in den Weg traten. Wo sie ihr Haus
aufrichteten oder ihren Garten umzunten, lieen sie manche von diesen
stehen, und hier und da bequemte sich auch wohl ein Einzelner, selbst in
seinem Felde um die Wurzeln derselben herumzupflgen, nur um von seinem
Fenster aus die stattlichen, schlanken Stmme sehen zu knnen.

Reizend gelegen war selbst die kleine Chagra[1], vor der sie hielten,
und eine schnere Fernsicht htte der Eigenthmer wohl kaum in der
ganzen Nachbarschaft finden knnen. Ebenso hatte er sein kleines
Huschen mit Geschmack gebaut, so einfach es auch sonst sein mochte, und
der Platz schien nach Allem, was man auf den ersten Blick davon sehen
konnte, neu eingerichtet und gelichtet, htten dem nicht wieder die
stattlichen Pinien und Orangenbume widersprochen, welche das Haus
umstanden, und mit drei oder vier stmmigen Palmen eine Gruppe bildeten,
wie man sie sich kaum pittoresker denken kann.

 [Funote 1: Chagra ist in Brasilien das Nmliche, was der Landmann in
 Nordamerika unter dem Worte Farm versteht -- ein kleines Landgut, oder
 eine Colonie, ob es nun eben erst unter den Waldbumen begonnen ist,
 oder schon seine weiten und bebauten Felder nach allen Seiten
 ausbreitet.]

Den beiden Fremden war dies ebenfalls nicht entgangen, und besonders der
jngere von ihnen, der vielleicht dreiig bis zweiunddreiig Jahre
zhlen mochte, berschaute mit innigem Behagen den kleinen Platz, der
sich wie ein Bild unter seinem grnen Bltterschmucke zeigte.

Der Fremde ritt einen grauen, prchtigen Hengst mit einem ganz
eigenthmlichen, fremden Sattelzeuge, das mit seiner ganzen Form und
einer Menge rohgearbeiteter Silberplatten, wie einer Anzahl kleiner
silberner Schnallen und Troddeln und Quasten von ungegerbter, aber
auerordentlich knstlich geflochtener Rohhaut mexicanischen, vielleicht
sogar indianischen Ursprungs zu sein schien. Sonst aber ging er sehr
einfach, doch fr den Wald praktisch gekleidet. Der Wrme wegen hatte er
ein ledernes, ausgefranztes Jagdhemd, wie es in den nordamerikanischen
Wldern Sitte ist, vorn ber seinen Sattel geworfen, auf dem jetzt
querber eine sauber gearbeitete, aber ebenfalls einfache Bchsflinte
ruhte. Er trug nur ein roth und grau gestreiftes wollenes Hemd, dunkle
Beinkleider, von einem breiten Ledergurt gehalten, an dem ein breites,
schweres Jagdmesser hing, hohe Wasserstiefel, einen braunen Strohhut auf
dem Kopfe und eine alte lederne Kugeltasche an der rechten Seite.

Seine Sporen waren ebenfalls klein und von dunkler Bronze, und am
Sattelgurt festgeschnrt, aber hinten am Sattel zusammengerollt und mit
einer Schleife eingehakt, hing ein dnner, doch stark gedrehter Lasso
aus roher Haut.

Der Fremde sah keinesfalls wie ein Neuling im Walde aus, und die
sonnverbrannte Farbe seiner Zge, aus denen ein paar groe, blaue Augen
treuherzig hervorschauten, verrieth ihn ebenfalls als den Nordlnder,
der vielleicht, wie Tausende seiner Landsleute, Brasilien zu seiner
neuen Heimath gewhlt.

Sein Begleiter, der etwa sechs Jahre mehr zhlen mochte als er, bewegte
sich trotzdem eben so frei im Sattel, verrieth aber in diesen
Bewegungen, als auch noch zum berflusse durch den Schnitt seines
wohlgepflegten Bartes, den frheren Soldaten. Die enge Uniform hatte er
freilich lange bei Seite geworfen und dafr den leichten Rock und
breitrandigen Panamahut angenommen. Auerdem schien er sich den
brasilianischen Sitten noch entschiedener durch ein paar riesige
brasilianische Sporen von echtem Silber angepat zu haben, und auch das
Kopf- und Zaumzeug seines Pferdes trug, wo es nur mglich war sie
anzubringen, silberne Spangen und Schnallen. Seine Kleidung indessen,
obgleich von feinem Tuche und modernem Schnitte, war durch den Busch und
langen Ritt arg mitgenommen. Man sah ihm an, da er schon eine gute
Weile unterwegs sein msse, und die ledernen Leggins, mit denen er den
untern Theil der Beine bedeckt hatte, zeigten die im Walde geholten
Spuren von Dorn und Ranken.

Sein Blick haftete gegenwrtig aber fast ausschlielich auf der
Ansiedlung und den Berghngen voraus, whrend sein Begleiter sich weit
mehr durch das Wohnliche des Bauernhauses gefesselt und angezogen
fhlte.

Sehen Sie nur, Gnther, was fr ein reizendes Pltzchen das hier ist,
wandte sich in diesem Augenblicke der Jngere der Beiden an den Freund,
wie malerisch diese dunkeln Pinien -- vielleicht unbewut -- mit dem
lichten Grn der Palmenwipfel gruppirt sind, und wie ganz eigenthmlich
der goldgesprenkelte Orangenhain das Ganze wie ein knstlich gewobenes
Netz umschliet. Eine Htte und ihr Herz, wie das alte Sprchwort
lautet, und wenn es das richtige Herz wre, glaub' ich selber, da ich
es in einer _solchen_ Htte aushalten knnte.

Und auf wie lange? lachte sein lterer Gefhrte, indem er mit den
Augen dem ausgestreckten Arme des Freundes folgte; Sie unsteten
Menschen mchte ich wirklich einmal, und selbst in eine _solche_ Htte
gebannt sehen -- noch dazu in einer Gegend, in der es nicht einmal Wild
zum Jagen giebt.

Das wre freilich fatal, erwiederte der Andere, und daran dachte ich
im ersten Augenblicke nicht. Aber hab' ich trotzdem nicht Recht? Kann
man sich ein freundlicheres Pltzchen auf der Welt denken?

Nein -- in der That -- in _Brasilien_ wenigstens nicht, erwiederte
der Freund, den er mit Gnther angeredet hatte; mit meinem Thringen
daheim mchte ich's freilich immer nicht vertauschen. Es giebt doch nur
_ein_ Deutschland.

Haben Sie das Heimweh, Gnther? sagte sein Kamerad lchelnd.

Und _wenn_ ich's htte, wr's ein Wunder? fragte Gnther leise; wie
lange schon fhr' ich dieses unstete wilde Leben jetzt? Wie lange schon
treib' ich mich heimathlos im Walde umher, whrend daheim -- doch wir
wollen uns den schnen Tag nicht mit solchen Gedanken verbittern, Freund
-- die Heimath hat doch keiner von uns vergessen.

Sein Begleiter nickte nur schweigend mit dem Kopfe, und auch _seine_
Gedanken schienen in dem Augenblicke weit, weit zurck zu schweifen, zu
ganz anderen Scenen und Lndern, als sich die beiden Freunde pltzlich
angerufen hrten. Die Stimme schallte hinter der Gartenhecke vor und
rhrte von einem jungen Manne, dem Eigenthmer der Chagra, her, den
ihnen das Grn der Hecke bis jetzt verborgen gehalten.

Hallo, Fremde! rief der Mann in deutscher Sprache mit nur einem
leichten Anklang niederrheinischen Dialektes; wollt Ihr nicht ein wenig
absteigen und ein Glas Milch trinken? Der Weg ist schlecht, und ein
Bichen Rast kann Euren Pferden nicht schaden, denn 's ist noch eine
gute Stunde bis in die Colonie hinunter.

Die beiden Deutschen sahen sich erst erstaunt um, von wo her die Stimme
eigentlich komme. Endlich entdeckten sie hinter der Hecke und gerade
unter einem blhenden Granatbaume das rothe, freundliche Gesicht eines
jungen Mannes, der ihnen erst jetzt, als er ihren Blick auf sich
gerichtet fand, sein herzliches Guten Morgen mit einander! zurief.

Guten Morgen, Landsmann, sagte der jngere Fremde, der ihm zunchst
hielt, indem er den Kopf seines Thieres gegen die Hecke drehte, ich
wute gar nicht, weshalb mein Grauer immer die Ohren spitzte. Also eine
Stunde Weges ist's noch hinunter? Es sieht eigentlich von hier oben
viel nher aus.

Ja, lachte der hinter der Hecke, wenn die Brcke nicht wieder
eingebrochen wre, die der Bleifu da neulich erst neu gebaut hat, dann
wr's auch nicht viel mehr als ein halb Stndchen zu Thal. So aber mt
Ihr hier rechts unter meiner Chagra durch, um der Schlucht aus dem Wege
zu gehen, und der Pfad zieht sich mordmig in die Lnge. Aber steigt
ab, das besprechen wir besser im Hause.

Schon recht, sagte Gnther, indem er sich leicht aus dem Sattel
schwang; unseren Packthieren sind wir doch vorausgeritten, und bis die
nachkommen, knnen wir recht gut ein halb Stndchen plaudern.

Sein Gefhrte folgte, ohne ein Wort zu erwiedern, dem Beispiele, denn es
drngte ihn selber das Innere des Huschens zu sehen, das schon von auen
einen so freundlichen Eindruck auf ihn gemacht. Die beiden Reisenden
banden deshalb ihre Pferde auen an der Hecke an die herunterhangenden
ste eines stattlichen Orangenbaumes, und traten dann in den Garten, wo
ihnen der Hausherr, ein junger, prchtig gewachsener Mann mit offenen,
ehrlichen Gesichtszgen, blauen Augen und blonden Haaren, entgegen kam
und sie begrte.

Das ist gescheidt, sagte er dabei, Sonntag Morgens habt Ihr so nicht
viel in der Colonie zu versumen und kommt noch zeitig genug zum
Mittagessen, wenn Ihr nicht das hier ebenfalls verzehren wollt.

Er schttelte dabei den beiden Fremden krftig die Hand und fhrte sie
dann ohne Weiteres in sein Haus hinein, wo Beide aber unwillkrlich
erstaunt und berrascht auf der Schwelle stehen blieben.

Das kleine Zimmer, das sich ihnen ffnete, glnzte von Sauberkeit; der
einfache Holztisch war schneewei gescheuert, aber nicht weier als
der Fuboden selber, den in der Mitte eine leichtgeflochtene Matte
berdeckte. An den Fenstern hingen sogar Gardinen, und ein nett
gearbeiteter Nhtisch aus polirtem Holze schien mit diesen, als
Luxusmbel, concurriren zu wollen. Aber die Freunde sahen das Alles
weniger, als da sie es im Eindrucke des Ganzen fhlten, denn Beider
Augen hingen in dem ersten Momente an einem wunderbar schnen jungen
Weibe, das ein Kind auf dem Schooe hielt und, als die Fremden die Htte
betraten, den kleinen, strampelnden Burschen aufgriff und ihnen mit
freundlichem Lcheln entgegentrat.

Gr' Gott! sagte sie herzlich, als sie Beiden nach einander die Hand
reichte, und setzt Euch und macht's Euch bequem -- Vater, hast Du denn
schon nach den Pferden gesehen?

Werd's schon besorgen, Schatz, lachte der Mann, bring' Du nur einmal
ein paar Glser Milch, denn die beiden Herren werden durstig geworden
sein.

Ja, dann mut Du indessen den Schlingel da nehmen, sagte die junge
Frau, indem sie ihrem Gatten den kleinen unruhigen Burschen so leicht
hinberreichte, als ob er keine zwei Pfund gewogen htte, wie er sicher
zwanzig wog, -- der lt mir ja sonst nicht Ruh' noch Frieden an den
Milchnpfen.

Ob er Frieden halten wird? lachte der Mann, nahm ihr den kleinen
Burschen ab, gab ihm ein paar derbe Ksse und setzte ihn sich in den
linken Arm. Und nun thut, als ob Ihr zu Hause wret, fuhr er dann,
indem er sich wieder zur Thr wandte, gegen die Fremden fort; ich bin
gleich wieder da, und zu trinken wird Euch die Trine auch im Augenblick
bringen. Die Trine war schon lange aus der Thr hinaus, und die
beiden Freunde sahen sich im nchsten Momente allein in dem kleinen
Raume.

Ist das nicht ein wahres Madonnengesicht? brach aber der Jngere
heraus, als der junge Bauer kaum das Zimmer verlassen hatte; haben Sie
je in Ihrem Leben ein Paar solcher Augenbrauen, einen solchen Mund
gesehen?

Ein wunderhbsches Paar, in der That, erwiederte Gnther, der den
Blick indessen forschend umherwarf, und wie nett und sauber sieht's bei
ihnen aus! Ja, -- fuhr er tief aufseufzend fort, der hat's gut, und
Unsereiner zieht nun so in der Welt umher, sieht die verbotenen Frchte
an den Bumen hangen, wischt sich resignirt den Mund und -- wandert eben
weiter.

Ob denn das wirklich _Deutsche_ sind? sagte sein Freund.

Was denn sonst? Doch wahrhaftig keine Portugiesen!

In meinem Leben habe ich noch keinen ausgewanderten Bauernburschen
gesehen, erwiederte der Jngere, der ein so ungezwungenes und doch
anstndiges Benehmen hatte, und die junge Frau wrde in einem schweren
Seidenstoffe eben so zu Hause sein, wie in ihrem einfachen
Kattunrckchen. Aber sie sprechen vollkommen gut Deutsch.

Er noch dazu mit dem rheinischen, sie etwas mit dem Tyroler Dialekte,
sagte Gnther, aber da kommt sie zurck. Sie wird uns gleich sagen, wo
sie herstammen.

So -- da bin ich wieder -- hat's lang gedauert? sagte die junge Frau,
als sie mit einem kleinen Prsentirteller in's Zimmer trat; und nun
setzen Sie sich her und langen Sie zu -- 's ist nicht viel, aber wir
haben's hier oben noch nicht besser, denn wir sind hier erst seit kaum
sechs Monaten auf der Chagra.

Whrend sie sprach -- und so rasch und gewandt, da Alles sich fast von
selber zu ordnen schien -- hatte sie indessen das Mitgebrachte auf dem
Tische ausgebreitet, und frische, se Milch, weies Brod, Butter und
Kse, Alles auf blinkendem Geschirr, lachte den Fremden bald darauf
entgegen und lud sie schon selber ein, nur tapfer zuzulangen.

Und sind Sie erst so kurze Zeit hier oben? fragte der ltere Fremde;
die Pinien und Orangen mssen doch schon vor vielen Jahren gepflanzt
sein.

Das sind sie auch, erwiederte der Mann, der in diesem Augenblicke
wieder in der Thr erschien und der Frau das Kind entgegen hielt. Da,
Mutter, nimm den Schlingel, fuhr er dann zu dieser fort; ob der Bengel
wohl Ruhe gegeben hat, bis ich ihn auf den Grauen setzte, und da oben
blieb er, bis ich die Thiere gefttert hatte.

Aber der Graue ist ein unruhiges Thier, sagte Gnther.

Bah, _der_ hlt sich schon fest, lachte der Mann, ja, was ich sagen
wollte, die Chagra habe ich erst krzlich gekauft, und zwar von einem
Deutschen, der sie so hatte verwildern lassen, da man die Bume kaum
fand, die darauf standen. Es war ein vornehmer Herr gewesen, der, wie er
meinte, hatte brasilianischer Pflanzer werden wollen, sich die Sache
aber wohl ein Wenig anders und leichter gedacht haben mochte und auch
irgendwo anders besser hinpate, als hinter Pflug und Egge.

Und seid Ihr keine Deutsche? fragte der ltere Fremde.

Wir? -- Nein, lachte der Mann, -- das heit, ja, wir sind schon
Deutsche, aber doch nicht in dem Deutschland drben geboren, sondern
hier in Brasilien. Mein Vater stammt vom Rheine, und der Frau ihr Vater
von Innsbruck, die Beide vor etwa dreiig Jahren hier herber gekommen
waren und sich in San Leopoldo niedergelassen hatten.

Also Brasilianer? sagte Gnther enttuscht.

Ah, nein, wir sind schon Deutsche, lachte die Frau gutmthig, und
halten uns ja auch immer zu Deutschen, wie Ihr seht, denn mit den
Bleifen ist es doch Nichts, und sie wollen Nichts arbeiten und
schaffen.

Bleife -- was zum Henker ist das nur? lachte der eine Fremde; ein
Bleifu soll ja auch die schlechte Brcke gebaut haben.

Ih ja, meinte der Mann schmunzelnd, der Bleife giebt's gar viele
-- eigentlich mehr, als gut ist, und wir nennen besonders die
eigentlichen Portugiesen so, die immer herberkommen und so thun
mchten, als ob Brasilien ihnen gehrte. Weshalb sie aber eigentlich so
genannt werden, wei ich selber nicht recht; aber den Namen haben sie,
so viel ist sicher, und werden ihn wohl auch behalten. Aber seid Ihr
selber erst so kurze Zeit im Lande, da Ihr noch nicht einmal das Wort
Bleifu gehrt habt? Ich dchte doch, das wrde hufig genug aller Orten
genannt.

Ich selber bin schon lange im Lande und kenne auch den Namen, lchelte
Gnther, aber mein Reisegefhrte da ist erst krzlich aus den Vereinigten
Staaten von Nordamerika nach Rio, und von da zu Pferde hier nach dem
Sden gekommen, um sich das Land einmal anzusehen.

Und was ist Ihr Geschft? wenn man fragen darf.

Ich bin Feldmesser, erwiederte Gnther, und von der Regierung hierher
beordert, um die Colonien fr frisch eintreffende Emigranten auszumessen.

Das ist gescheidt, sagte der junge Bauer; an vermessenem Lande
fehlt's ewig, und die armen Teufel mssen sich oft Monate lang in den
sogenannten Auswanderungs-Husern herumtreiben, ehe sie eigenen Boden
und eine feste Heimath bekommen. Nun, da werden Sie Arbeit genug
kriegen, daran fehlt's nicht -- aber essen Sie nicht mehr?

Wir danken, erwiederte Gnther, der bis jetzt mit seinem Gefhrten
wacker zugelangt, es hat trefflich geschmeckt und war delicat. Jetzt
knnen wir's schon bis in die Colonie hinunter aushalten.

Und wollen Sie schon wieder fort? fragte die Frau freundlich, als die
beiden Fremden von ihren Sitzen aufstanden und zu den Hten griffen
-- das war gar ein kurzer Besuch.

Wenn Sie's erlauben, sagte der jngere Fremde, so komme ich schon
wieder einmal her. Ich selber habe Nichts zu versumen und werde mich
doch wahrscheinlich ein paar Monate in der Nhe der Colonie herumtreiben.
Da es mir aber hier bei Ihnen _gefllt_, drfen Sie mir auf mein Wort
glauben. Mein Freund ist jedoch mit seiner Zeit gebunden und hat heute
noch viel unten mit dem Director zu besprechen. Da drauen sind auch
eben unsere Packpferde angekommen, und wir wollen deshalb lieber
aufbrechen.

Apropos, fragte Gnther, was fr ein Mann ist der Director
eigentlich? Ich habe in den anderen Colonien am Chebaja nicht gerade
viel Gutes von ihm gehrt.

Ich wei nicht, lachte der Mann -- es kommt wohl immer darauf an, wen
Ihr fragt. Die Einen schimpfen auf ihn, die Anderen loben ihn, und Allen
kann man's eben nicht recht machen auf der Welt. Er ist sehr streng, das
ist wahr, und oft auch wohl ein Bichen eigensinnig. Mit den _armen_
Leuten geht er aber gut um und steht ihnen bei.

Und das ist die Hauptsache, rief Gnther -- nun, ich werde schon mit
ihm fertig werden -- also, herzlichen Dank fr die Aufnahme. Wenn ich's
einmal wieder gut machen kann, stehe ich zu Diensten!

Das mag vielleicht rascher geschehen, als Sie denken, lachte der junge
Bauer, denn unsere Grenzen sind hier alle in Confusion, und ich bin
schon lange darum eingekommen, die meinige ebenfalls nachsehen zu
lassen. Doch darber sprechen wir spter; ich mchte Sie jetzt nicht
lnger als nthig aufhalten, und komme auch vielleicht in diesen Tagen
einmal nach der Colonie hinunter.

Damit reichten er und die Frau den Fremden herzlich die Hand zum Abschied.
Drauen hielten auch in der That die beiden eingeborenen Diener der
Freunde, ein paar braune, rauh genug aussehende Burschen, mit drei
Lastpferden, wovon zwei dem Vermesser, eins aber seinem Freunde gehrte,
und gleich darauf trabte die kleine Cavalcade, welcher der junge Bauer
erst noch den Weg um seine Chagra herum zeigte, diesen thalein.

Und doch war es ein wundervoller Pfad, der sie hier in die Niederung
hinabfhrte, denn gerade an diesem Berghange zeigte sich die schon fast
tropische Vegetation des Landes in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit.
Der Baumwuchs war allerdings lange nicht so mchtig, wie in den nrdlicher
gelegenen Theilen Brasiliens, aber das ppige Unterholz mit seinen
zierlichen Farnpalmen und Fchern, mit seinen Lianen und Ranken bildete
berall, wo es dem Blicke erlaube, einzudringen, die reizendsten Gruppen
und Festons, aus denen sich die grnen, schlanken Schfte verschiedener
wilder Palmenarten keck emporhoben.

Hier und da, wo eine eingerissene Schlucht oder ein breiteres Bachbett
den Blick in die Tiefe gestattete, zeigte sich dann die kleine
Niederlassung im Thale mit ihren lichten Gebuden und hellgrnen
Rasenflecken, durch welche die gelben Wege wie Fden liefen, immer in
verschiedener Form und Beleuchtung, aber immer freundlich, so da die
Reiter ihre Thiere oft anhielten und ein paar Secunden schweigend auf
das unter ihnen ausgebreitete Bild hinabblickten.

Da hier der Weg aber zu schmal war, oder der Regen doch in den Boden an
den verschiedensten Stellen Einrisse gemacht hatte, muten sie ihre
Pferde hinter einander halten, und dadurch war die Conversation gestrt.
Erst weiter unten, auf der letzten Abdachung angelangt, bog der Beipfad
wieder in den durch die eingefallene Brcke unterbrochenen Hauptweg ein,
und jetzt hatten sie die eigentliche Colonie Santa Clara auch bald
erreicht, deren Auslufer in kleinen, allein stehenden Ansiedelungen
schon bis hier herauf reichten.

Der Platz liegt wirklich allerliebst, sagte Gnther, der bis jetzt
vorangeritten war, indem er sein Pferd anhielt, um wieder neben dem
Freunde zu bleiben.

Was die Scenerie betrifft, ja, erwiederte dieser, aber der Boden
scheint mir hier nicht besonders, und der Mais da drben in dem Felde
steht dnn und mager genug -- wenigstens magerer, als ich es bis jetzt
gewohnt bin zu sehen.

Das bessere Land wird weiter zurck in der Ebene liegen, meinte
Gnther, jedenfalls hat der Ort nicht weit zur See, und das ist schon
immer ein enormer Vortheil fr eine Colonie.

Wenn der Hafenplatz gut ist, ja; und wohin wollen wir jetzt zunchst?

Direct zum Director, lachte Gnther, der wird uns dann schon die
beste Auskunft geben, wo wir bernachten knnen. Wir mssen nun im
nchsten Hause seine Wohnung erfragen.

Das ist nicht nthig, meinte sein Freund -- das Haus da drben, wo
die deutsche Fahne weht, ist jedenfalls das Wirthshaus, und das grere
Gebude daneben eben so sicher die Kirche, -- wo baute der Deutsche
nicht Eins neben das Andere? Auerdem steht aber dort nach Sden nur
noch ein sehr groes Haus mit einer neuen Umzunung, und dort hat
natrlich auch der Director seinen Aufenthalt. Wir wollen ruhig darauf
zureiten.

Sie knnen Recht haben, lachte Gnther, aber vielleicht wohnt er
doch da drben in dem kleinen allerliebsten Gebude, wo die vielen
Orangenbume stehen. _Den_ Platz htte ich mir jedenfalls zu meiner
Wohnung ausgesucht.

Das ist sicher die Pfarrwohnung, versicherte aber sein Kamerad;
sehen Sie nicht den breiten, betretenen Pfad, der von dort zur Kirche
niederfhrt. Ich glaube kaum, da der Director alle die Fhrten nach der
Kirche in den Sand eingedrckt hat. Folgen Sie mir nur; ich fhre Sie
den richtigen Weg. Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, gab er
seinem Pferde leicht die Sporen und sprengte, von Gnther jetzt dicht
gefolgt, dem vorher bezeichneten Hause zu, vor dessen Thr er anhielt
und ohne Weiteres aus dem Sattel sprang.




2.

Der Director.


Gerade als Gnther an seines Gefhrten Seite hielt und seinem Beispiele
folgte, trat eine Erscheinung aus dem Hause, die beide junge Leute hier,
mitten im brasilianischen Walde, wohl kaum vermuthet hatten, und die sie
deshalb um so mehr berraschte; -- eine _Dame_ in vollem europischen
Putze, mit einem grn und schwarz gro carrirten Seidenkleide, sehr
bedeutender Crinoline und berhaupt allem dazu Nthigen und Gehrigen
versehen, die mit sehr stolzer, fast majesttischer Haltung aus der Thr
rauschte, einen Augenblick erstaunt die Fremden betrachtete und dann,
mit einem leichten, kaum bemerkbaren Kopfnicken ihre Begrung erwiedernd,
vorbei und in die kleine Stadt hinein schwebte.

Alle Teufel, murmelte der Jngere der Beiden halblaut vor sich hin,
als die Dame auer Hrweite war, von allen Dingen auf der Welt htte
ich eine Crinoline hier am Allerwenigsten erwartet. Das mu die Frau
oder eine Verwandte des Directors sein, denn nach einer Colonisten-Frau
sieht sie doch nicht aus. Es thut den Augen aber ordentlich wohl, nach
einem Stcke wilden Lebens wieder einmal auf eine so breite Fhrte der
Civilisation zu kommen. Diesen Anzeichen nach giebt es also hier auch
jedenfalls eine #haute vole#; unser rauher Waldanzug schien der Dame
nicht besonders zu behagen, denn sie grte nur sehr vornehm und
nachlssig.

Nun, wir werden ja bald erfahren, mit wem wir es hier zu thun
bekommen, sagte Gnther. Jedenfalls mssen wir jetzt erst erfragen,
ob hier der Director wirklich wohnt, und wenn so, ob er zu Hause ist.
-- He, Landsmann, wandte er sich dann an einen Colonisten, dessen
ueres, mit dem langen blauen Rocke und schmalen Kragen, dem
ausgeschweiften Hute und dem Gesangbuche unter dem Arme, ber sein
Vaterland keinen Zweifel gestattete -- ist das die Wohnung des
Directors?

Guten Morgen mit einander, erwiderte der Gefragte, der sich dabei die
Fremden von Kopf bis zu Fu betrachtete -- ja wohl, der Herr Director
wohnt hier -- er ist oben in seiner Stube -- wollen Sie was?

Danke schn; ja, wir wollen ihn sprechen.

Gehen Sie nur hinauf; er ist oben allein, aber -- nicht gerade guter
Laune. Sie kommen wohl weit her?

Nicht sehr.

Und wollen Sie hier in der Colonie bleiben?

Uns wenigstens den Platz erst einmal ansehen, sagte Gnther, nicht
gesonnen, sich hier vor der Thr in eine lange Unterredung einzulassen.
Sein Freund hatte das Haus schon betreten, und Beide schritten jetzt die
Treppe langsam hinauf. Auf der Treppe oben blieb der Jngere pltzlich
stehen und sagte:

Kamerad, ich habe mir die Sache berlegt; ich werde jetzt _nicht_ mit
hineingehen. Wenn der Herr Director bler Laune sind, mchte ich ihm
nicht gern in den Weg treten, denn ich _will_ Nichts von ihm, und
gedenke mich deshalb auch nicht seiner beln Laune auszusetzen. _Sie_
haben _Geschfte_ mit ihm, das ist etwas Anderes; ich werde indessen
in's Wirthshaus gehen und Sie dort erwarten. Machen Sie Ihre Sachen so
rasch ab, wie Sie knnen. -- Damit wollte er ohne Weiteres umdrehen
und wieder hinabsteigen, Gnther aber ergriff seinen Arm und sagte.

Thun Sie mir den Gefallen und bleiben Sie; kommen Sie wenigstens einen
Augenblick mit hinein, um Ihren Auftrag auszurichten.

Auftrag -- es ist nur ein Gru.

Und wenn auch. Er wird uns nicht gleich beien, und ich selber habe vor
der Hand ebenfalls nur wenige Worte mit ihm zu sprechen, denn unsere
Thiere mssen abgepackt und untergebracht werden.

Meinetwegen, sagte der Freund achselzuckend, wenn Sie's absolut
wollen. Lieber ginge ich freilich in's Wirthshaus.

Wenige Stufen hher standen sie vor der Thr des Directors, die eine
daran genagelte einfache Visitenkarte bezeichnete. Die Karte trug auch
weiter keine Bezeichnung, als Ludwig Sarno, nicht einmal der Titel
Director war beigefgt, und der jngere Fremde nickte befriedigt mit
dem Kopfe. Gnther hatte indessen ohne Weiteres an die Thr geklopft,
und ein etwas barsches Herein! lud sie ein, des Lwen Hhle zu
betreten.

Der Direktor, ein schlanker, aber stattlicher Mann, ebenfalls mit einem
militrischen Anstriche, starkem, etwas rthlichem Barte und vollem,
lockigem Haar, ging mit auf den Rcken gelegten Hnden in seinem
Arbeitszimmer auf und ab, das sich besonders durch eine Menge von
Gefchern mit actenartig in blaues Papier geschlagenen Folioheften
auszeichnete. Bei dem Anklopfen hatte er seinen Spaziergang unterbrochen
und stand, halb nach der geffneten Thr gedreht, mitten im Zimmer.
Gnter lie ihn aber nicht lange ber sich in Zweifel, sondern auf ihn
zugehend, sagte er:

Herr Director, ich bin gezwungen, mich selber bei Ihnen einzufhren.
Mein Name ist Gnther von Schwartzau, Ingenieur-Officier, und ich bin
vom Prsidenten der Provinz hieher beordert, etwa nthig gewordene
Vermessungen vorzunehmen.

Etwa _nthig_ gewordene? wiederholte der Director, indem er den
Fremden erstaunt ansah. als ob ich nicht den Herrn Prsidenten seit
sechs Monaten bei jeder mglichen Gelegenheit mit Eingaben bombardire,
da er _endlich_ einmal die seit einem Jahre schon fast dringend
nthigen Vermessungen vornehmen _lasse_! Etwa nthigen....

Es thut mir leid, Herr Director, wenn Sie haben warten mssen, sagte
Gnther ruhig, aber _meine_ Schuld war es nicht; denn vor fnf Tagen
erst erhielt ich am Chebaja den Brief des Prsidenten, der mich hieher
beordert, und Sie werden mir zugestehen, da ich von dort aus, bei
_der_ Entfernung und _den_ Wegen, wahrlich keine Zeit versumt habe.

Der Herr ist Ihr Gehlfe?

Bitte um Verzeihung, sagte der Fremde, der indessen mit einem
leichten, kaum bemerkbaren Lcheln dem Gesprche gefolgt war -- ich
gehre in das _Geschft_ gar nicht hinein und mu mich eigentlich als
einen Aufdringling betrachten, will Ihre kostbare Zeit auch nicht lnger
in Anspruch nehmen, als unumgnglich nthig ist, Ihnen mir aufgetragene
und an's Herz gelegte Gre zu bestellen.

Gre? Von wem? sagte der Direktor, der indessen die schlanke, edle
Gestalt des Fremden mit eben nicht freundlicher werdenden Blicken
musterte.

Vom Hauptmann Knnern.

Von _Hermann_ Knnern? rief der Director rasch.

Der Fremde nickte nur langsam mit dem Kopfe.

Und kennen Sie Knnern persnlich? fragte der Direktor eben so eifrig
weiter.

Ziemlich genau, erwiederte der junge Mann; er ist mein Bruder, und
ich heie Bernard.

Der sich in Amerika so lange herumgetrieben -- der Maler?

Derselbe, lchelte der junge Mann.

Dann sein Sie mir herzlich und viel tausend Mal willkommen, rief
Sarno, der in dem Augenblicke ein ganz anderer Mann zu werden schien
-- herzlich willkommen! wiederholte er noch einmal, die gefate Hand
aus allen Krften schttelnd. Oft haben wir von Ihnen gesprochen -- und
wie geht es Hermann? -- Aber davon nachher -- Sie kommen eben von der
Reise, und unsere Wege sind nichts weniger als musterhaft; erst mssen
Sie sich erholen und eine Erfrischung einnehmen; nachher plaudern wir
viel, recht viel mit einander, denn Ihr Bruder ist der beste Freund,
den ich auf der Welt habe, und ich mu Alles wissen was ihn angeht.

Er schrieb mir noch in seinem letzten Briefe, wo ich Sie hier in
Brasilien antrfe, den Fu nicht eher aus dem Bgel zu setzen, bis ich
Ihnen die aufgetragenen herzlichen Gre berbracht -- da ich aber nicht
gut die Treppe herauf_reiten_ konnte, mute ich wenigstens vor der Thr
absteigen.

Ihr Pferd steht noch unten?

Gesattelt.

Desto besser, dann legen Sie Alles gleich herein -- keine Widerrede;
ich schicke gleich Jemanden hinunter, denn leider Gottes habe ich Menschen
genug dazu im Hause -- Bernard Knnern soll wahrhaftig nicht in Brasilien
in einem Wirthshause wohnen, so lange ich selber ein Dach ber mir habe,
und ein Bett, mit ihm zu theilen.

Aber, Herr Director....

Kein Wort mehr; ich lasse keine Einrede gelten, wenn ich Ihnen auch
keine besondere Bequemlichkeit zu bieten vermag. Sie aber sind ja auch
an ein Lagerleben gewhnt. -- Mein lieber Herr von Schwartzau, wandte
er sich dann an den Ingenieur, mit groem Vergngen wrde ich auch Sie
gern beherbergen, aber berzeugen Sie sich selber, ich habe das ganze
Haus voll von Emigranten, und noch dazu fast lauter Kranke, Frauen und
Kinder, die ich bei dem ewigen Regen in dem erbrmlichen
Auswanderungshause nicht lassen mochte.

Mein lieber Herr Director! sagte Gnther abwehrend.

Sie knnen uns aber helfen, fuhr der Director fort. Vermessen Sie
uns eine tchtige Strecke Land, da ich die armen Einwanderer bald
unterbringen kann, und ich habe dann Raum genug in meinem Hause fr
sechs oder acht Freunde, und vielleicht fr mehr.

Mit Freuden, sobald ich nur erst einmal wei, wo.

Das zeige ich Ihnen noch heute Abend, denn wir haben in der That keine
Zeit zu verlieren. Ihre Pferde brauchen Sie dabei nicht anzustrengen,
ich borge Ihnen von meinen Thieren, und Knnern hier begleitet uns; dann
knnen Sie morgen frh mit Tagesanbruch Ihre Arbeit gleich beginnen. Was
Sie von Leuten dazu brauchen, stelle ich Ihnen; ich kenne einige dazu
ganz passende junge Burschen, und htte die Arbeit schon lngst selbst
gemacht, wenn ich's eben im Stande wre. Aber sehen Sie selber hier die
Actenste an -- Berichte, Klagen, Eingaben, Znkereien, Befehle von
oben, wovon immer einer dem anderen widerspricht, und Qungeleien, da
sie einen Heiligen manchmal zum Fluchen bringen knnten -- und ich bin
eben keiner -- doch darber sprechen wir nachher. Und auerdem noch,
lieber Schwartzau -- Sie waren Officier, nicht wahr?

In schleswig-holsteinischen Diensten.

Aha -- die alte Geschichte, mit der sie daheim die besten Krfte ber
die Grnze getrieben haben. -- Ich mu Sie noch um Entschuldigung
bitten, da mein Empfang gerade kein berfreundlicher war, aber wei es
Gott, sie treiben es hier manchmal, da es Einem die Galle mit Gewalt
in's Blut hineinjagt. Die Frau Grfin verbessert berhaupt nie meine
Laune, wenn sie mich einmal mit ihrem hohen Besuche beehrt.

Die Frau Grfin, sagte Knnern, aufmerksam werdend; war das etwa die
Dame, die vorhin aus dem Hause trat?

Kurz vorher, ehe Sie kamen -- sie verlie mich sehr beleidigt, da ich
einen armen Teufel von Bauer, der noch drei Stunden Weges bis nach Hause
hat, nicht ihretwegen vor der Thr warten lie und ihn abfertigte, whrend
sie bei mir war. Doch ich schwatze und schwatze. Also Schwartzau, Sie
mssen sich noch ein paar Tage im Wirthshause unterbringen, und dann
werden Sie wahrscheinlich gezwungen sein, einige Wochen auszulagern,
bis dahin aber hoffe ich, Ihnen Raum geschafft zu haben. He, Christoph
-- Klaas! rief er dann aus dem Fenster -- schaff' doch einmal die Sachen
des fremden Herrn in's Haus -- Sattel und Taschen, oder was es ist -- wo
wollen Sie hin, Knnern?

Wenn Sie es denn nicht anders haben wollen, so mu ich wenigstens
hinunter, um mein Packthier selber abzuladen, da mir die guten Leute
Nichts zerbrechen.

Gut, auch recht. Lassen Sie nur Alles hier herauf schaffen und drauen
vor die Thr stellen; wir arrangiren es dann selber, denn ich habe hier
Junggesellenwirthschaft. Indessen Sie das besorgen, schreibe ich nur
noch zwei Briefe, die jener Colonist mit in eine andere neue Colonie
nehmen mu, wohin sonst sehr selten Gelegenheit ist.

Und um wie viel Uhr ist es Ihnen recht? fragte Gnther.

Um -- aber das knnen wir nachher bereden, sagte der Direktor;
natrlich essen Sie mit uns, was gerade da ist, und nach dem Essen
reiten wir in aller Bequemlichkeit hinaus. Die brigen Geschfte mssen
warten, denn dieses ist das wichtigste. Um ein Uhr esse ich gewhnlich,
bis dahin behalten Sie also noch brig Zeit, sich ein wenig auszuruhen.
Und Sie, lieber Knnern, kommen gleich wieder zu mir herauf, sobald Sie
Ihre Sachen besorgt haben.

Und damit, ohne irgend eine Einwendung zu erwarten, setzte er sich ohne
Weiteres an seinen Schreibtisch und berlie die beiden Fremden indessen
sich selber.

Nun, wie gefllt Ihnen Ihr Director? sagte Knnern auf der Treppe.

Vortrefflich! erwiederte Gnther; im Anfange schien er ein wenig
brummig, aber der Name Ihres Bruders wirkte Wunder. -- Wo haben sich
die beiden Herren eigentlich gekannt?

In der sterreichischen Armee, erwiederte Knnern, wo sie den
siegreichen Feldzug in den vierziger Jahren zusammen durchgemacht haben.
Mir gefllt aber der Mann auch auerdem; er ist rasch, kurz angebunden,
und wie mir scheint, aufrichtig und offen. Mit solchen Leuten ist immer
am Besten verkehren, denn der Bse soll die berfreundlichen holen, die
stets ein lchelndes Gesicht zeigen und bei denen man doch nie und
nimmer wei, woran man mit ihnen eigentlich ist.

Mich hat es ebenfalls gefreut, da er mich so ohne Weiteres in's
Wirthshaus wies. Er htte ja eine lange Entschuldigung machen knnen,
aber er sagte einfach, deshalb geht's nicht, und damit Punctum. Ich
glaube, ich werde mit _dem_ Director fertig.

Sie waren damit vor die Thr getreten, wo ihre Diener mit den Pferden
noch hielten, und whrend Gnther wieder aufstieg, lockerte Knnern
seinem Grauen den Sattelgurt. Da schallten rasche Hufschlge die Strae
herauf, Beide wandten den Kopf dorthin und Gnther rief aus:

Hallo, wer kommt da -- eine Amazone!

In demselben Augenblicke aber sprengten schon zwei Reiter, mehr im
Carriere als Galopp an dem Hause des Directors vorber, und die beiden
Fremden hatten nur eben Zeit zu bemerken, da auf dem ersten Pferde ein
junges, wunderhbsches Mdchen in einem knapp anschlieenden, dunklen
Reitkleide sa, mit einem kleinen Amazonenhute auf, von dem eine
einzelne mchtige weie Straufeder und ein paar lange Reiherfedern in
dem scharfen Luftzuge weit auswehten. Ihr Begleiter, der etwa eine
Pferdelnge hinter ihr folgte, war ein ganz junger Bursche von etwa
sechszehn bis siebenzehn Jahren.

Wie eine Erscheinung flogen die Beiden an ihnen vorber, und Gnther
hatte noch auerdem jetzt mit seinem eigenen Pferde zu thun, das sich,
wie es schien, am liebsten dem Rennen angeschlossen htte, und herber
und hinber tanzte.

Hier im Orte scheint es wirklich ganz interessante Gesellschaft zu
geben, sagte Knnern, als die wilden Reiter die Strae hinab verschwunden
waren, und es wird lohnen, sich eine Zeit lang aufzuhalten und ihre
Bekanntschaft zu machen.

Beinahe htt' ich das Letztere gleich gethan, lachte Gnther, denn
mein Rappe schien dasselbe Bedrfni zu fhlen. Aber, Adieu jetzt,
Kamerad. Um ein Uhr sehen wir uns beim Diner wieder.

Hoffentlich nicht im Frack, denn darauf bin ich nicht eingerichtet,
nickte ihm Knnern zu, whrend Gnther, von seinen beiden Lastthieren
gefolgt, denselben Weg, aber bedeutend langsamer, einschlug, den die
junge Dame eben genommen. Die Kirche lag in dieser Richtung, und er
wute gut genug, da Knnern Recht hatte, wenn er das Wirthshaus dicht
daneben vermuthete.

Aus dem Directionshause waren indessen ein paar deutsche Arbeiter
gekommen, junge Burschen in Hemdrmeln und mit ledernen Hosen und
Pantoffeln, der eine eine runde blaue, der andere eine viereckig grne
Mtze auf, und Beide genau so aussehend, als ob sie eben dieselben
Pantoffeln nicht ausgezogen htten, seit sie in Bremen oder Hamburg das
Schiff betreten.

Diese griffen willig mit zu, das Packthier abzusatteln, und wenn sie
auch stets an den verkehrten Stricken, aber deshalb nicht minder gut
gemeint, zogen, gelang es doch endlich mit Knnern's Hlfe, den Packen
aufzuschnren, und die verschiedenen Gegenstnde in's Haus und in die
erste Etage zu schaffen. Die Pferde brachten sie dann ebenfalls auf
einen kleinen Weideplatz dicht am Hause, wo sie auch einzeln gefttert
werden konnten, und seinen Diener schickte Knnern dann mit dessen
eigenem Sattelzeuge in das Wirthshaus hinber, da er den Eingeborenen
nicht mit den Deutschen zusammenbringen wollte. Er wute, da dies
selten gut that.

Hierbei gelang es ihm, einen Blick in den untern Theil des Directionshauses
zu werfen, und es sah dort allerdings wild und wunderlich genug aus. Das
ganze Haus war noch neu, ja, es stand sogar noch ein Theil des Gerstes.
Die Wnde waren auch nur erst einfach geweit und die Fensterrahmen noch
nicht einmal gestrichen.

Gleichwohl glich der Platz da unten weit eher einem indianischen
Bivouac, als der Wohnung eines Directors der Colonie, denn berall in
den Zimmern lagen Matratzen, berall an den Wnden standen die riesigen
Kisten und Koffer der Auswanderer, mit der gro gemalten Adresse Nach
Brasilien noch daran, und auf dem ebenfalls preisgegebenen Kochherde
war auf jeder Ecke ein Feuer angezndet, ber dem theils ein Kessel
brodelte, theils eine Pfanne zischte. Selbst im Hofe loderte ein
stattliches Feuer, um den brigen Kochgeschirren Raum zu geben, denn
heute war ja Sonntag, und die Deutschen feierten diesen, genau wie
daheim, mit Essen und Trinken.

Knnern, im Augenblicke ohne weitere Beschftigung, trat dort hinein,
ohne da die Leute jedoch besondere Notiz von ihm genommen htten. Ein
paar alte Frauen saen auf den Kisten in der Ecke und lasen in ihren
Gesangbchern; die Mdchen und jungen Frauen waren fast alle mit ein
oder der andern Arbeit fr die Kche beschftigt, und die Mnner lagen
zum Theil ausgestreckt auf den Matratzen oder auch auf dem nicht gerade
berreinlichen Boden und rauchten ihre kurzen Pfeifen. Tabak war billig
hier, und sie konnten sich dem Genusse mit unbeschrnkter Leidenschaft
hingeben.

Nun, Leute, wie geht's? redete Knnern einen der Mnner an, der
beide Beine von einander gestreckt hatte und, ein Bild der hchsten
Zufriedenheit, flach auf dem Rcken lag. Nur den einen Arm hatte er als
Kissen unter den Kopf geschoben und sah den eigenen Rauchwolken nach,
die er mit Macht gegen die Decke blies; Ihr scheint Euch hier ganz
behaglich zu befinden?

Und warum nicht? sagte der Mann, indem er die Pfeife in den einen
Mundwinkel schob; hier kann mer's aushalten, und die Schinderei geht
doch noch zeitig genug an. Das Brumsilien ist ein ganz famoses Land
-- wren wir nur _erst_ (frher) hergekommen.

Ja, mit dene Mnner hat's keine Noth, fiel hier die eine Frau ein, die
mit roth erhitztem Gesichte gerade aus der Kche kam und sich mit der
Schrze den Schwei von der Stirn trocknete, wenn die nur satt Tabak
haben und auf der faulen Haut liegen knnen, sell freut sie und sie
wollen's net besser, aber uns arme Weiberleut' derf's schinden und
plagen, wie's mag.

Und was geht _Euch_ ab? fragte der Mann, faul den Kopf nach ihr
umdrehend.

Was _uns_ abgeht? sagte aber die Frau, ein eigen Haus und ein eigener
Herd, weiter Nichts, da man wei, _weshalb_ man sich plagt und schindt,
und seine Kochtpf' nicht auf Gottes Erdboden herum zu stoen hat. Erst
aber drei Monat das leidige Schiffsleben und nun vier Monat wieder hier
in einer wahren Heidenwirthschaft -- sell kann Einen freuen, und bis an
den Hals steht mir's.

Und damit griff die Frau ein am Boden sitzendes, schreiendes Kind an
einem Arme auf, warf sich's mit einem Ruck auf die Hfte und verschwand
damit durch die offene Thr.

Weiberleut'! sagte der Bauer verchtlich und rauchte weiter.

Knnern behielt brigens keine Zeit, noch weitere Forschungen anzustellen,
denn der Director sah in diesem Augenblicke in's Zimmer. Er hatte
jedenfalls seinen Gast gesucht und rief jetzt:

Nun, sieht es hier nicht liebenswrdig aus? Aber kommen Sie, Knnern,
wir wollen vor Tisch noch einen kleinen Spaziergang machen -- lassen Sie
nur, Sie knnen sich nachher umziehen; es kommt bei uns nicht so genau
darauf an, und Ihre Sachen habe ich schon in die fr Sie bestimmte Stube
stellen lassen.

Damit nahm er ohne Weiteres Knnern unter den Arm und verlie mit ihm
das Haus. Die in der Stube umher zerstreuten Einwanderer richteten sich
aber, als der Director das Zimmer betrat, etwas berrascht auf, rckten
ihre Mtzen und nahmen ihre Pfeifen aus dem Munde. So wie er ihnen aber
den Rcken drehte, fielen sie in ihre alte Stellung zurck und rauchten
ruhig weiter.

Der junge Fremde mute jetzt vor allen Dingen dem Director von seinem
Bruder erzhlen, wie es ihm gehe, was er thue und treibe, und er wurde
dabei nicht satt, ihm zuzuhren. Erst als Jener Alles erschpft, was
er darber zu sagen hatte, kamen sie auf die hiesigen Verhltnisse
zu sprechen, und Bernard Knnern gestand dem Director da er, doch
einmal in der Welt umherstreifend, nur nach Brasilien gekommen sei,
um die Verhltnisse des Landes, ber die er die verschiedensten und
widersprechendsten Gerchte gehrt, einmal selber von Augenschein kennen
zu lernen und dabei fr seine Mappe zu sammeln. Habe er das erreicht,
dann kehre er eben wieder nach Europa zurck, denn mit allen Mngeln
scheine es doch, als ob ihm das Vaterland kein anderer Ort der Welt
ersetzen knne.

Sie haben Recht, erwiederte der Director, der ihm schweigend zugehrt.
Je mehr wir von fremden Lndern sehen, und wenn sie selbst ihre grte
und schnste Pracht entfalten, desto mehr fhlen wir doch immer, da
sie uns die Heimath nie ersetzen knnen -- aber um das zu fhlen, dazu
gehrt eine gewisse Quantitt Gemth, und es ist uerst interessant zu
beobachten, auf welche verschiedene Art und Weise sich das auch bei den
verschiedenen Naturen uert, und wie es ausbricht. Jeder Mensch bildet
sich nmlich dazu eine gewisse Entschuldigung, und die am Meisten
poetische hat stets das Gemth der Frauen, auch wenn sie den niedrigsten
Classen angehren. Bei diesen ist es das Grab der Eltern oder das eines
Kindes, die alte Dorfkirche, oder das Haus, das ihre erste Heimath
bildete, zu dem sie sich zurcksehnen; der Brunnen, an dem sie Wasser
holten, die alte Linde vor der Pfarrwohnung, wo sie vielleicht zum
ersten Male mit dem jetzigen Manne getanzt, und an die sie sich um so
viel lieber erinnern, weil _der_ Mann gerade damals so viel anders war,
als er jetzt ist -- der kleine Garten, den sie bestellt, das Vieh
selber, das sie gro gezogen, das Alles hat seinen Anhaltspunkt noch
lange nicht verloren, und ob sie Vieles hier mit der Zeit besser und
bequemer finden mgen, es zieht sie doch mit einem ganz eigenen Gefhle
zurck zu den alten Verhltnissen. Der Mann dagegen -- ich meine hier
den gewhnlichen Bauer -- hat wieder einen ganz andern Ankergrund fr
sein Heimweh. Er denkt, wenn er sich Deutschland in's Gedchtni
zurckruft, meist immer an seine heimische Schenke, an das Bier und eine
Menge anderer prosaischer Dinge, zu denen aber doch trotzdem die alte
Linde und der alte Kirchthurm den nebelhaften Hintergrund bilden. Seine
Freundschaft, wie er die Verwandten nennt, zieht ihn weniger zurck;
der Bauer lebt eigentlich nie recht in wirklichem Frieden mit seinen
Verwandten, und die Sehnsucht nach ihnen ist deshalb auch nie
auergewhnlich. Den gebildeten Mann zieht dagegen mehr ein geistiges
Bedrfni, als das bloe Gemth, nach der Heimath zurck.

Den gebildeten Mann zieht gewhnlich das zurck, sagte Knnern, da
er in dem fremden und berseeischen Lande selten eine passende oder ihm
wenigstens zusagende Beschftigung findet, die ihn hinreichend ernhrt.
Kaufleute natrlich ausgenommen, die berall daheim sind und auch herber
und hinber ziehen, sieht sich der, der daheim gewohnt war, mehr mit
seinem Kopfe als mit seinen Fusten zu arbeiten, in nur zu hufigen
Fllen allein auf die letzteren angewiesen. Das gefllt ihm nicht, eine
Quantitt Gemth kommt dazu und das Heimweh ist fix und fertig.

Sie haben wohl Recht, nickte der Director, und nicht allein das
Heimweh, sondern auch zugleich die Unzufriedenheit mit allen sie
umgebenden Dingen, die, der Meinung jener Leute nach, fr _sie_ nicht
passen, whrend sie selber es sind, die sich nicht hineinfinden knnen
oder wollen. Davon wei ein armer Director am Besten zu erzhlen, denn
gerade in _meiner_ Colonie bin ich mit einer Classe von Menschen
geplagt, die meist alle das Jahr 1848 von Deutschland herber gescheucht
hat, und die jetzt auf Gottes Welt nicht wissen was sie mit sich angeben
sollen.

Sie scheinen hier wirklich eine Art von #haute vole# zu haben,
lchelte Knnern, denn auer jener Frau Grfin sah ich heute Morgen
auch noch eine reizende junge Dame, die im Carriere vorber flog.

Sie wird nchstens einmal ihren reizenden Hals brechen, meinte der
Director trocken; jene Beiden gehren aber zusammen, denn die junge
Dame ist die Comtesse, die Tochter der Grfin. Da haben Sie also heute
gleich die _Spitze_ der Gesellschaft, den sogenannten #crme# gesehen.
Auerdem aber sind wir noch mit einer Anzahl von Titular-Honoratioren
geplagt, die voller Ansprche stecken, und wie der Englnder ganz passend
sagt: #neither for use nor ornament#, weder zum Nutzen, noch zur
Verzierung der Colonie dienen. Doch mit diesen Herrschaften werden Sie
selber wohl nher bekannt werden, wenn Sie sich lnger in unserer
Colonie aufhalten, und nur _einen_ Rath mu ich Ihnen schon jetzt geben,
ehe er zu spt kommt: Borgen Sie Niemandem Geld.

Knnern lachte gerade hinaus.

Fllt Ihnen die Warnung bei den Honoratioren ein? sagte er.

Allerdings, erwiederte der Director ganz ernsthaft; der Bauer, wenn
er Geld braucht, wendet sich einfach an die Regierung um Subsidien, die
ihm nur in Ausnahmefllen abgeschlagen werden und fr deren Rckzahlung
er mit seinem Lande haftet. Unsere #haute vole# dagegen ist viel zu
stolz an etwas Derartiges nur zu denken, hat auch in leider sehr vielen
Fllen entweder kein Land, oder doch schon eine Menge von
stillschweigenden Hypotheken darauf aufgenommen.

Aber sie werden doch wahrhaftig keinen wildfremden Menschen anborgen?

Es giebt dafr verschiedene Auswege, meinte der Director, und
Menschen, die sich sonst in den einfachsten Verhltnissen nicht zu
helfen wissen, entwickeln gerade in dieser Branche eine erstaunliche
Mannichfaltigkeit.

Aber weshalb wandern solche Menschen, sagte Knnern, die doch
von vorn herein wissen sollten, da sie fr derartige Arbeit und
Beschftigung nicht passen, eigentlich nach einem wilden Lande aus? An
Bchern fehlt es wahrlich nicht, die ihnen ziemlich deutlich sagen, was
sie in der neuen Welt -- ob sie nun Amerika, Australien oder sonst wie
heie -- zu erwarten haben. Sie _knnen_ sich darber nicht tuschen,
wenn sie berhaupt Deutsch verstehen.

Und doch thun sie es, sagte der Director, und zwar meist aus dem ganz
einfachen und in jedem andern Falle schtzenswerthen Grunde, da sie
eine sehr gute Meinung von sich selber haben. Ich _kann_ Alles was ich
_will_, sagen sie, bedenken aber dabei gar nicht, da sie nicht Alles
_wollen_ was sie _knnen_, denn es _kann_ natrlich ein Jeder, wenn er
nicht gerade einen berschwchlichen Krper mitbringt, Handarbeit
verrichten; aber wie die Vorstze auch daheim gewesen sein mgen, hier
machen sie nicht einmal den Versuch dazu, und _wenn_ sie ihn machen,
bleibt es auch gewi immer bei dem Versuche. Es ist und bleibt ein
wunderliches Volk, und wenn ich erst einmal nicht mehr Director bin,
was, wie ich hoffe, nicht mehr lange dauern wird, so glaub' ich, da ich
mich sogar prchtig dabei amsiren werde, sie in ihrem eigenthmlichen
Treiben und Wirthschaften zu beobachten. Jetzt aber halten sie mir die
Galle fortwhrend in Ghrung, und dabei kann natrlich der beste Humor
nicht aufkommen, ohne seine bestimmte Partie Gift mit anzunehmen. Sehen
Sie, da kommt gleich Einer davon; sieht der Mensch aus, wie ein
brasilianischer Pflanzer?

Um die eine Ecke bog in diesem Augenblicke ein Herr, der -- wenn die
Sommer-Beinkleider nicht ein klein wenig zu kurz gewesen wren -- in dem
Anzuge recht gut htte an einem schnen Nachmittage unter den Linden in
Berlin spazieren gehen knnen. Er trug vollkommen moderne Tuchkleidung,
einen Cylinderhut, einen Regenschirm, der hier auch besonders gegen die
Sonne benutzt wurde, und im Knopfloche den rothen Adlerorden vierter
Classe.

Als er den beiden Herren begegnete, lftete er den Hut mit einer sehr
frmlichen, aber auch sehr vornehmen Verbeugung, und ging dann, ohne
Miene zu einem weitern Grue zu machen, stolz vorber.

Und wer war das?

Der Baron Jeorgy, seinem Berichte nach aus einer sehr alten Familie,
der mit der Idee herber kam, brasilianischer Pflanzer zu werden. Er
bernahm eine allerliebst gelegene Colonie -- Sie mssen heute Morgen
daran vorbei gekommen sein.

Ah, das Haus da oben auf dem Berge, wo ein reizendes junges Paar von
brasilianischer Abstammung wohnt?

Ganz recht, Khler's Chagra, wie der Platz jetzt heit -- und er
_ver_wirthschaftete das Gut in unglaublich kurzer Zeit dermaen, da es
zuletzt wenig mehr als eine Wildni war. Er mute es endlich verkaufen,
denn es trug ihm nicht einmal mehr die Kosten, und natrlich konnte
Niemand weiter daran schuld sein als der Director, da ihm dieser noch
dazu nicht einmal mehr Geld darauf vorstrecken wollte. Er ist seit der
Zeit wthend auf mich, nach Art solcher Leute aber auch um so viel
hflicher geworden, und rgert sich nur, da ich von seinen
Verleumdungen gegen mich nicht die geringste Notiz nehme.

Guten Morgen, Herr Director! unterbrach in diesem Augenblicke ein
junger Mann das Gesprch, der sie berholt hatte und rasch an ihnen
vorberschritt. Er grte dabei sehr ehrfurchtsvoll, schien sich aber
nicht lange in seines Vorgesetzten Nhe aufhalten zu wollen, dem er
vielleicht unerwartet in den Wurf gelaufen, denn er bog rasch in die
nchste Querstrae ein und verschwand in einem der Grten.

Der junge Herr, sagte Knnern, scheint stark gefrhstckt zu haben.
Sein ganzes uere sah wenigstens danach aus.

Ein anderer Fluch unserer Colonie, seufzte Sarno, das war unser
Schullehrer.

Der Schullehrer? Er kann hchstens zweiundzwanzig Jahre alt sein.

Und nicht allein ist er _trotzdem_, sondern gerade _deshalb_
Schullehrer, sagte der Director; unser deutscher Bauer ist nmlich von
Haus aus und von klein auf so daran gewhnt worden, den Schulmeister
als ganz untergeordnete Persnlichkeit zu betrachten und danach
natrlich auch die Erziehung seiner Kinder zu bemessen, da ihn fr
diese jeder Milreis reut, den er ausgeben soll, und er frmlich
gezwungen werden mu, die Kinder in die Schule zu schicken. Das Loos
eines Schullehrers ist aber in keinem Lande der Welt beneidenswerth, und
nur daheim, wo Leute von Jugend auf dazu erzogen werden und dann spter
keine andere Laufbahn mehr einschlagen _knnen_, finden sich immer
gengende Krfte. Hier dagegen, wo Jeder sein Brod weit besser und
sorgenfreier verdienen kann, der nur irgend seine Knochen gebrauchen
will, denkt gar Niemand daran, sich zu dem fatalen und auerdem noch
schlecht gelohnten Amte eines Schullehrers herzugeben, der nicht
nothgedrungen _mu_. Das aber sind denn meist junge Leute, Studenten
oder Handlungsdiener, die einen angeborenen Abscheu vor Hacke und
Spaten haben, und nur, um nicht zu verhungern, sich gerade fr so lange
der Beschftigung eines Schullehrers unterziehen, als sie nichts
Anderes und Besseres zu unternehmen wissen. So wie sie aber etwas
Besseres finden, kann man sich auch fest darauf verlassen, da sie der
Gemeinde kndigen -- manchmal gehen sie sogar ohne Kndigung fort, und
wie nachtheilig ein so steter Wechsel -- den eigentlichen mangelhaften
Unterricht nicht einmal gerechnet -- auf die Kinder wirken mu, lt
sich ja denken und liegt klar zu Tage.

Zu Zeiten trifft es sich, da wir trotz allem Dem einen ordentlichen
Mann, wenigstens fr Monate oder ein halbes Jahr, in der Schule haben.
Dieses Mal freilich meldete sich, als die Kinder schon drei Wochen ohne
den geringsten Unterricht gewesen waren, ein mglicher Weise irgendwo
durchgebrannter Handlungsdiener fr die Stelle, die man ihm auch
auf Probe berlie, und da der gute Mann den brasilianischen Wein
merkwrdiger Weise trinken kann, benutzt er jeden freien und nicht
freien Augenblick, um ber die Strnge zu schlagen.

Und auf die Art, lachte Knnern, warten beide Parteien gegenseitig,
ob sie einander nicht bald wieder los werden knnen?

Allerdings, erwiederte der Director, hier aber haben wir jetzt das
Ziel unseres Spaziergangs -- das Auswanderungshaus erreicht, das ich
doch heute Morgen einmal besuchen und Ihnen gleich zeigen wollte. Hier
sehen Sie die Einwanderer untergebracht, welchen, der furchtbaren
Nachlssigkeit unserer Provinzialregierung zufolge, noch keine Colonie
-- d. h. kein eigenes Land fr ihre Arbeit -- angewiesen werden konnte,
und die hier auf Staatskosten gefttert werden mssen, bis Ihr Freund
die nthigen Landstrecken fr sie vermessen haben wird. Aber treten wir
ein. Sie sehen da Alles viel besser, als ich es Ihnen sagen knnte.

Knnern sah vor sich ein langes, fast ovales Gebude, aus Pfhlen oder
eingerammten Stmmen aufgerichtet, und theils mit Schindeln, theils mit
Ziegeln, an einigen Stellen sogar mit Schilf und Reisig nothdrftig
gedeckt, um das herum es von den abenteuerlichsten Gestalten wimmelte.
Alle waren Deutsche, darber blieb dem Fremden auch nicht der geringste
Zweifel, denn die flachskpfigen Kinder nicht allein, nein, Mnner und
Frauen selbst in ihren alten heimischen Trachten verlugneten ihr
Vaterland nicht einen Augenblick.

Ihre Beschftigung war aber ziemlich genau dieselbe wie die jenes
Theiles, den der Director in seine eigene Wohnung genommen hatte, nur
da hier entschieden mehr Mnner einquartiert schienen. Der innere
weite Raum, wo nicht die unpraktischen riesigen Auswanderer-Kisten
aufgeschichtet standen, war mit ihnen ordentlich angefllt, denn in der
heien Tageszeit hatten sie den Schatten des luftigen Gebudes gesucht,
whrend die Frauen hier und in der Sonne drauen arbeiten konnten, so
viel sie eben Lust hatten.

Als der Director brigens mit dem Fremden den innern Raum betrat,
erhoben sich die Meisten von ihrem rauhen Lager und nahmen die Mtzen
ab, denn der Herr Director war ja die erste Person in der Colonie, und
mit dem durften sie es also schon nicht verderben.

Nun, Leute, sagte Herr Sarno nach der ersten flchtigen Begrung,
nun werdet ihr bald Euer Land bekommen knnen, denn heute hat die
Regierung endlich Jemanden hergesandt, der Euren Grund und Boden
vermessen soll. Haltet Euch nur bereit, da einige Familien von Euch
gleich ausrcken knnen, so wie eine Anzahl von Colonien vermessen ist.
Ihr werdet das Herumliegen hier wohl auch satt haben?

Na, es geht, Herr Director, lachte der eine Mann; wenn wir's im Leben
nicht schlechter kriegen, lt sich's aushalten -- aber froh wollen wir
doch sein, wenn wir einmal wieder fr uns arbeiten drfen. Das faule
Leben hat auch keine rechte Art und eigentlich schon ein Bichen zu
lange gedauert.

Hier geht's auch schmhlich eng zu, sagte ein Anderer, beinah wie auf
dem Schiff, und der Mller da drben, der macht sich mit seiner Familie
auch noch so breit, da wir Anderen lieber hinaus vor die Thr mchten,
damit der groe Herr nur Platz hat.

Ja, Du darfst auch noch rsonniren, Du Lumpenkerl, erwiederte eine
tiefe Bastimme aus der Ecke, wenn wir lauter solch Gesindel wren,
wie....

Ruhe! unterbrach ihn der Director, haltet mir Frieden hier, das sag'
ich Euch, denn der Erste der Streit anfngt, wird ohne Weiteres auf das
nchste Schiff gesetzt und wieder aus der Colonie geschickt. Wir wollen
hier Frieden haben, und wer sich dem nicht fgen will, mag gehen.

Aber der Mller....

Haltet Euer Maul! fuhr ihn der Director an; wenn Ihr eine gegrndete
Klage habt, so wit Ihr, an wen Ihr Euch damit wenden sollt, und zu
welcher Zeit, und da Ihr dann Eure Zeugen mitzubringen habt. Einfache
Klatschereien will ich und werd' ich nicht anhren. Was fehlt denn der
Frau da, die dort in der Ecke liegt?

Schlecht ist ihr's, sagte eine andere Frau, die neben ihr sa und ihr
gerade aus einem groen Topfe zu trinken gab; sie hat sich den Magen
verdorben an den vielen Apfelsinen.

Ist denn der Doctor heute noch nicht hier gewesen?

Der Doctor? Ja, der kommt schon lange nicht, wenn man ihm nicht erst
das Haus einluft, sagte eine andere Frau; meine Kathrine, der war's
gestern auch so elend zu Muthe -- da er auch nur einmal nach ihr
gesehen htte -- und wie ich ihn darum gebeten habe!

So? sagte der Director, nun, in einer halben Stunde soll er hier
sein, das verspreche ich Euch -- wie viele von Euch haben denn in der
Woche mit am Wege gearbeitet?

Keine Antwort -- die ihm Nchsten schienen die Frage eben nicht gern zu
hren.

Nun? Kann Keiner den Mund aufthun?

Na, der Niklas, sagte die eine Frau, hat zwei halbe Tage, und der
Christoph, der hat gestern Nachmittag angefangen, und Schultze's Elias,
der mu schon den Donnerstag oder Freitag hinaus gegangen sein.

Da haben Sie's! sagte der Director zu Knnern; Monate lang liegen
die Menschen hier auf der faulen Haut und leben von den Subsidien oder
Untersttzungen, die ihnen der Staat verabreicht, also von Geldern, die
sie nach fnf Jahren wieder zurckerstatten mssen. Wo ich ihnen aber
eine Gelegenheit geboten habe, selber fr sich Etwas zu verdienen, wenn
sie nur die faulen Knochen rhren sollen, glauben Sie, da da Einer
gutwillig mit angriffe? Gott bewahre! Wenn ihnen der Polizeidiener nicht
auf dem Nacken sitzt, rhren sie kein Glied, und wenn es eine Arbeit
wre, die sie nur zu ihrem eigenen Besten thun sollen und noch auerdem
extra bezahlt bekommen. 's ist, wei es Gott, eine Freude, mit solchen
Menschen zu thun zu haben!

Herr Director, sagte in diesem Augenblicke ein kleiner ltlicher Mann
in einem wunderlichen Costme, das er von allen Stnden der menschlichen
Gesellschaft zusammengeborgt zu haben schien, indem er den Director an
einem rmel zupfte, das Essen ist gleich fertig -- Sie mchten nach
Hause kommen.

Ah, Jeremias, sagte Sarno, sich nach ihm umdrehend; schickt Dich die
Kathrine herber?

Ja, Herr Director, sagte der Mann, einen hohen Seidenhut, um den eine
Art von Livreeband befestigt war, unter den Arm drckend, und das
Schiff ist auch unten.

Das Schiff? Was fr ein Schiff?

Nun, das Schiff mit den neuen Landsleuten.

Neue Auswanderer? rief der Director erschreckt.

Die Gesina, nickte der Mann; der Herr Director haben ja schon lange
davon gesprochen. 's ist gerade vor der Barre gesehen worden und der
Capitain wird heute Abend herauf kommen.

Na, das hat gerade noch gefehlt! seufzte Sarno; das Haus hier ist
schon zum berlaufen voll, und dazu noch eine frische Gesellschaft, eine
neue Zufuhr -- das wird angenehm!

Und die Suppe?

Darf nicht kalt werden. Du hast Recht, Jeremias. Sag' nur der Kathrine,
da wir den Augenblick hinauf kommen. Ist der fremde Herr schon da?

Eben angekommen. Er sitzt oben in der Stube.

Gut -- also melde nur da wir gleich kommen, und halt -- spring hinber
zum Doctor -- _Ich_ lasse ihm sagen, augenblicklich hierher zu kommen.
Verstanden?

Auf das Wort drehte sich das kleine Mnnchen um, machte noch eine ganz
eigenthmliche Krmmung des Krpers, was als Verbeugung gelten sollte,
und verschwand dann blitzschnell durch die Thr. Knnern hatte nur eben
noch Zeit, zu bemerken, da seine Beinkleider jedenfalls fr eine andere
Person zugeschnitten und gemacht sein muten -- wonach sie die andere
Person denn auch so lange getragen haben mochte, wie ihr gut dnkte. Fr
Jeremias waren sie aber viel zu lang und unten in einem wahren Wulste
umgelegt und aufgekrempelt. Er besa auerdem -- wenigstens glaubte es
Knnern bei seinem ersten Erscheinen -- brennend rothes Haar von einer
ganz auffallenden Frbung, und als die kleine Gestalt sich zwischen den
verschiedenen Gruppen der Auswanderer, zwischen Kochtpfen, Kisten und
in Betten eingepackten Kindern wie ein Ohrwurm durchwand, leuchtete sein
Haar ordentlich irrwischartig, bis er drauen in den Buchen verschwand.

Da haben wir's! sagte aber der Director, mit ganz anderen Gedanken
wie mit Jeremias beschftigt; jetzt geschieht, was ich schon lange
befrchtet habe. Das Auswanderungshaus, selbst meine eigene Wohnung
gefllt, -- keinen Fu breit Land vermessen, den neuen Colonisten einen
eigenen Fleck Grundeigenthum anweisen zu knnen, kommt noch eine
Schiffsladung frischer Krfte dazu, und _was_ ich indessen mit denen
machen soll, wei Gott!

Und ist denn das nicht Sache des Prsidenten der Provinz, fragte
Knnern, stets Land genug vermessen zu haben, um die Einwanderer
unterbringen zu knnen?

Allerdings ist es das, aber unser Prsident, -- ein braver, guter
Mann, der es wirklich ehrlich meint -- ist schon seit lngerer Zeit
schwer krank, und seine Frau -- ein intrigantes, coquettes Frauenzimmer
-- regiert indessen nach Herzenslust und hat eine Masse nichtsnutziger
Protgs, die sie unter jeder Bedingung unterbringen _will_ und
unterbringt. So schickte sie mir vor sechs Monaten einen Kerl hieher
-- ich habe keinen andern Namen dafr -- der das Land vermessen sollte,
und nicht mehr davon verstand wie der Junge da. Glcklicher Weise fate
ich gleich Verdacht, pate ihm auf und jagte ihn, wie ich merkte
was an ihm war, wieder zum Teufel; er htte uns sonst hier eine
Heidenverwirrung angerichtet. Die Frau Prsidentin ist aber natrlich
jetzt wthend auf mich.

Und leidet das die Regierung in Rio?

Lieber Gott, einesteils erfhrt sie nie den wahren Thatbestand,
und dann ist es auch wirklich fr sie schwer, gegen einen einmal
eingesetzten hhern Beamten ernstlich einzuschreiten, so lange nicht
directe Anklagen vorliegen. Jetzt verklagen Sie aber einmal von der
Colonie Santa Clara aus den Prsidenten, der in Santa Catharina sitzt,
oben in Rio de Janeiro -- die Geschichte wre gleich von vorn herein so
weitlufig, da man sie doch in Verzweiflung aufgeben wrde, wenn man
auch wirklich hoffen drfte Etwas auszurichten -- was man aber auerdem
_nicht_ darf. Doch unsere Suppe wird wahrhaftig kalt und die Kathrine
nachher bse -- also vor allen Dingen zum Essen -- und Knnern's Arm
ergreifend, fhrte er ihn rasch der eigenen Wohnung zu.

Unterwegs hielten sich die Beiden auch nicht auf. Nur ein einziges Mal
blieb Knnern stehen, und den Arm gegen einen der kleinen Hgel
ausstreckend, sagte er:

So viel ist sicher, nur der Deutsche und der Englnder -- vielleicht
auch noch der Hollnder -- hat den richtigen Sinn fr eine nicht allein
bequeme, sondern auch freundliche Umgebung seiner Heimath, baut sich
sein Nest in Bsche und Blthen hinein und pflanzt Rosen vor seine Thr,
whrend besonders der Amerikaner hchstens einen Gemsegarten daneben
dulden wrde. Sehen Sie nur, was fr ein wunderbar romantisches
Pltzchen sich jener Ansiedler wieder gewhlt hat, dessen kleines Haus
nur eben aus dem dunklen Grn der Bsche auf jenem Hgel da drben
herausblinzt.

Ah, Sie meinen unseres Einsiedlers Villa, lchelte der Director; die
Aussicht von seinem Hause aus hat er brigens ganz zufllig bekommen,
denn eine Palmengruppe verdeckte den Platz so vollstndig, da man von
unten aus keine Ahnung hatte, dort oben sei eine menschliche Wohnung.
Neulich nun warf der Sturm die kleinen Palmen um und das Haus bekam
dadurch, wahrscheinlich vollkommen gegen den Willen seines Eigenthmers,
eine reizende Aussicht.

Gegen seinen Willen?

Ich glaube, ja. Der Mann heit Meier und lebt mit Frau und Tochter,
einem jungen Grtner und einer alten Dienstmagd, die sie hier angenommen,
fast ganz abgeschieden von der Colonie und verkehrt fast mit Niemandem.
Jammerschade noch dazu, denn das wre in der That eine Familie, mit der
man einen angenehmen Umgang haben _knnte_; aber man darf sich doch auch
nicht aufdrngen, und da er mich, obgleich ich drei- oder viermal oben
bei ihm war, noch nicht ein einziges Mal wieder besucht hat, so mu ich
wohl annehmen, da er es lieber sieht, wenn ich _meine_ Besuche _nicht_
wiederhole, und den Gefallen habe ich ihm denn auch gethan. -- Aber
da sind wir -- sehen Sie, da oben steht die Kathrine schon am
Treppenfenster -- ja, ja, Alte, wir kommen schon. Was so eine alte
Person fr eine Tyrannei ausbt, wenn man einmal ein paar Minuten zu
spt zum Essen kommt!




3.

Bei der Frau Grfin.


Die Frau Grfin Baulen hatte des Directors Haus etwas in Aufregung
verlassen, und der Gedanke daran, oder etwas Anderes auch vielleicht,
lag ihr schwer auf dem Herzen, als sie ihrer eigenen Wohnung wieder
zuschritt. Sie ging wenigstens mit auf den Boden gehefteten Blicken und
erwiederte den Gru etwa Begegnender nur mit einer leisen Beugung des
Kopfes, ohne zu ihnen aufzusehen.

So erreichte sie endlich das kleine freundliche Gebude, das, von einem
Garten umschlossen, an der uersten Grnze der Ansiedelung lag, und
wollte eben dasselbe betreten, als die beiden Reiter, ihr Sohn und ihre
Tochter, wie sie durch den ganzen Ort geflogen waren, mit donnernden
Hufen die Strae herabfegten, und dicht vor dem Hause ihre Thiere so
rasch herumwarfen, da sie die alte Dame fast gefhrdet htten.

Aber Helene, aber Oskar! rief sie entsetzt, indem sie rasch das
Gartenthor zwischen sich und die Pferde brachte -- Ihr reitet ja wie
die Wahnsinnigen, und seht gar nicht wohin Ihr rennt! Da Ihr die Thiere
dabei ruinirt, scheint Euch ebenfalls nicht im Mindesten zu kmmern!

Nicht bse, Mtterchen, nicht bse, lachte Helene, indem sie den Hals
ihres noch immer tanzenden und courbettirenden Schimmels klopfte; Oskar
behauptete aber, da sein Rappe flchtiger wre als meine Sylphide, und
da habe ich ihm eben das Gegentheil -- aber, Sylphide -- ruhig, mein
Herz, ruhig -- wie wild sie nur geworden ist, weil ich sie die beiden
letzten Tage nicht geritten habe!

Du hattest von Anfang an einen Vorsprung, rief Oskar, sonst wrest
Du mir wahrhaftig nicht vorgekommen; und dann verlor ich gleich beim
Abreiten einen von meinen Sporen, was mich auch aufhielt.

Einen von Deinen silbernen Sporen? rief die Frau Grfin.

Ja -- aber er wird sich schon wiederfinden, sagte der junge Bursche
gleichgltig. -- Heh, Gotthelf! Gotthelf! Wo der nichtsnutzige
Schlingel nun wieder steckt, da er die Pferde nehmen knnte.
-- Gotthelf!

Ja -- komme schon, antwortete eine Stimme, die dem ungeduldigen Rufe
des jungen Mannes in keineswegs entsprechender Eile zu sein schien.

Gleich darauf schlenderte auch ein Bauernbursche, dessen reines,
grobleinenes Hemd allein an ihm den Sonntag verkndete, beide Hnde in
den Taschen, um die Hausecke und kam langsam nher.

Na, Du fauler Strick, kannst die Beine wohl nicht ein Bischen in die
Hand nehmen? rief ihm der junge Graf entgegen -- es wird wahrhaftig
immer besser. Soll ich Dich etwa in Trab bringen?

Brrrrrr! erwiederte Gotthelf mit unerschtterlicher Ruhe, indem er
seine Schritte nicht im Geringsten beschleunigte; gehen Sie nur nicht
durch, junger Herr, und machen Sie die Pferde nicht scheu.

Willst Du noch unverschmt werden, Halunke! rief der junge Graf in
aufloderndem Zorne, indem er seine Reitpeitsche fester packte und hob.
Gotthelf aber, nicht im Geringsten dadurch eingeschchtert, trat dicht
zu dem Pferde heran und sagte:

Na, so schlagen Sie doch! -- Warum langen Sie denn nicht zu? Mein
Buckel wre doch, dcht' ich, breit genug.

Graf Oskar schlug aber nicht; der junge, allerdings sehr breitschulterige
Bauernjunge hatte heute Etwas in seinem Auge, was ihm nicht gefiel.
Deshalb nur mit einer verchtlichen Kopfbewegung aus dem Sattel steigend,
sagte er, indem er Gotthelf den Zgel hinreichte:

Da -- ich will mich mit Dir nicht befassen. Fhre die Pferde herum und
reibe sie nachher trocken ab.

Gotthelf nahm aber nicht einmal seine Hnde aus den Taschen, und die
beiden Pferde nach einander betrachtend, sagte er kopfnickend:

Ja -- Herumfhren werden sie wohl brauchen, denn geritten sind sie
wieder, da es eine Schande ist; aber der Gotthelf wird Ihnen das
schwerlich besorgen, denn mit Halunke schimpfen werden die Leute nicht
fett, und wo es auerdem weiter Nichts giebt, nicht einmal Lohn, da
lohnt's eben nicht, da man sich die Ngel von den Fingern arbeitet.
Suchen Sie sich einen andern Gotthelf, aber ich glaube kaum, da Sie
noch einen so dummen finden, der Ihnen drei Monate nur der Ehre wegen
den Schuhputzer macht. -- Und sich damit scharf auf dem Absatze
herumdrehend, schlenderte er wieder in's Haus zurck, ging auf sein
Zimmer, packte seine Sachen zusammen und verlie eine halbe Stunde
spter in der That, ohne ein weiteres Abschiedswort, die grfliche
Familie.

Das hast Du nun von Deiner Heftigkeit, sagte die Grfin, drehte sich
ab und schritt wrdevoll in das Haus hinein.

Graf Oskar bi wthend die Zhne zusammen und htte seinen Zorn gern
an irgend Jemandem ausgelassen; aber es war Niemand da, von dem er
vermuthen durfte, da er es sich gefallen lassen wrde. Sein Sattel
allein mute es entgelten, den er selber abschnallte und dann vllig
rcksichtslos ber den Gartenzaun, mitten zwischen die Blumen, hinwarf;
-- dann fhrte er sein Pferd in die kleine Umzunung, wo die Thiere
gewhnlich gefttert wurden, nahm ihm den Zaum dort ab und lie es
laufen. Von Herumfhren oder Abreiben war keine Rede mehr.

Comtesse Helene indessen war einigermaen in Verlegenheit, denn da sich
ihr Bruder in seinem Ingrimme gar nicht um sie bekmmerte, wute sie nicht
gleich, wie sie aus dem Sattel kommen sollte. Als sie den Kopf die Strae
hinabdrehte, sah sie einen jungen Mann dicht hinter sich, der stehen
geblieben war und sie betrachtet hatte. Unter anderen Umstnden wrde sie
auch kaum von ihm Notiz genommen haben, denn trotz seiner anstndigen
Kleidung sah er etwas verwildert aus, und um das sonnengebrunte, von
einem leichten, schwarzgekruselten Barte halb beschattete Gesicht
hingen ihm die langen, schwarzen Haare unordentlich und wirr herab. Auch
in den dunkeln Augen, mit denen er das wirklich bildschne Mdchen
betrachtete, lag ein eigenes, unheimliches Feuer, und erst als ihr Blick
auf dem seinen haftete, milderte sich der Ausdruck in seinen Zgen.

Es konnte ihm aber auch nicht entgangen sein, da sie Hlfe brauche
-- die Strae war auerdem, als an einem Sonntag Nachmittage, fast
menschenleer, und sich ordentlich gewaltsam dazu zwingend, trat er
endlich nher, sah zu der Jungfrau auf und sagte:

Erlauben Sie mir vielleicht, Ihnen meinen Arm zu bieten?

Helene sah ihn im ersten Augenblicke mitrauisch an; sie war viel zu
selbststndig aufgewachsen, oder hatte sich vielmehr selber so erzogen,
um irgend Furcht vor einem fremden Manne zu zeigen, aber ein gewisser
Instinct warnte sie, sich Jemandem zu irgend einem Danke zu verpflichten,
der damit vielleicht einmal Mibrauch treiben knne. Das Benehmen des
Fremden war aber so achtungsvoll und ehrerbietig, und das Anerbieten
wurde mit so viel natrlichem Anstande gemacht, da sie nach kaum
secundelangem Zgern lchelnd die Hand ausstreckte, sich auf den
vorgehaltenen Arm des Fremden sttzte und leicht aus dem Sattel sprang.

Der Fremde hatte dabei zugleich den Zgel des Pferdes in einer Art
ergriffen, die deutlich zeigte, da er mit ihm umzugehen wisse, machte
der Comtesse, als sie glcklich unten angelangt war, eine leichte
Verbeugung, und fhrte dann das durchaus erhitzte Thier zu dem nchsten
Aste, an dem er den Zgel befestigte und den Sattel nachher durch
Aufschnallen des Gurtes etwas lftete. Das Alles geschah rasch und
anscheinend ohne die geringste Anstrengung, und ehe Comtesse Helene nur
recht mit sich einig war, ob sie abwarten bis sich der Fremde entfernt
habe, oder lieber gleich in das Haus gehen solle, war dieser schon
fertig, verbeugte sich wieder leicht gegen sie und wandte sich dann
rasch und ohne sich umzusehen die Strae hinab, so da sie ihm fr
seine Dienstleistung nicht einmal danken konnte.

Comtesse Helene war bei ihrem Range und wirklich reizendem uern, noch
dazu in der bescheidenen Umgebung einer deutschen Kolonie, allerdings
daran gewhnt worden, die Huldigungen und Galanterien der jngeren wie
lteren Leute als eine Art von Tribut fast gleichgltig hinzunehmen.
Die Aufmerksamkeit dieses wunderlichen Fremden, der sich auerdem fast
ngstlich jedem nur mglichen Danke entzog, hatte aber doch etwas so
Eigenthmliches, da sie, frappirt davon, auf der Schwelle des Gartens
stehen blieb und sich erst in das Haus zurckzog, als ihr Bruder, eben
nicht in der besten Laune, zurckkam. Auerdem lutete auch in diesem
Augenblicke die Glocke oben, welche zum Mittagessen rief, und sie durfte
keine Zeit versumen, wenn sie noch ihr Reitkleid ablegen und berhaupt
ein wenig Toilette machen wollte.

In dem Wohnzimmer der Frau Grfin Baulen hatten sich indessen schon vor
der Ankunft der Wirthin zwei auf heute geladene Gste eingefunden.

Der Eine von ihnen war der nmliche Herr, welcher Knnern und dem
Director auf ihrem Wege durch die Stadt begegnete: der ausgewanderte
Baron Jeorgy, den eine unglckliche romantische Ader zu seinem jetzigen
sehr groen Bedauern nach Brasilien getrieben. Er hatte eine nicht
unbedeutende Summe Geldes mit herber gebracht und es in sechs Jahren
mglich gemacht, den grten Theil seines Kapitals nicht gerade
durchzubringen, aber doch auszugeben, was sich im Resultat allerdings
vollkommen gleich blieb.

Der Andere war ein junger, erst krzlich herbergekommener Knstler,
Namens Vollrath, der einen Empfehlungsbrief an den Baron mitgebracht
hatte und dadurch auch bei der Frau Grfin eingefhrt war. Er spielte
mit der Comtesse manchmal Clavier, aber die Frau Grfin sah seinen
Besuch nicht gern. Er erwies nmlich Helenen mehr Aufmerksamkeit, als
ihrer Mutter lieb schien, und war auerdem blutarm -- aber so lange er
sich in seinen Schranken hielt, konnte man ihn eben nicht zurckweisen.
Die Frau Grfin hatte indessen schon ernsthaft mit ihrer Tochter ber
ihn gesprochen.

Die Grfin selber schien ihre Toilette schon vor dem Ausgange gemacht
zu haben; Oskar, obgleich eben von dem scharfen und staubigen Ritte
zurckgekehrt, hielt es nicht der Mhe werth, des Barons wegen die
Wsche zu wechseln -- und der Andere war ja nur ein Clavierspieler.

Comtesse Helene dachte nicht so. Von dem wilden Ritte war ihr reiches,
schweres Haar gelst und in Unordnung gerathen; ihren Anzug mute sie
ebenfalls wechseln, und da ihr dazu keine Kammerjungfer zu Gebote
stand, bedurfte sie einer lnger als gewhnlichen Zeit, um sich der
Gesellschaft, so klein diese auch immer sein mochte, zu zeigen. Oskar,
berhaupt heute nicht in der besten Laune, war entsetzlich ungeduldig
geworden und hatte den Klppel der Klingel schon fast ausgeschlenkert,
um die, wie er glaubte, saumselige Schwester dadurch etwas rascher
herbeizurufen.

Whrend Graf Oskar so im Zimmer herumlief und seinem rger durch
verschiedene Ungezogenheiten Luft machte, die Grfin mit dem Baron
Jeorgy an einem der Fenster stand, das eine freundliche Aussicht ber
die Stadt gewhrte, und ein Beider Interessen sehr lebhaft in Anspruch
nehmendes Gesprch fhrte, hatte sich Vollrath an das Instrument gesetzt
und intonirte leise einige Lieblings-Melodien Helenen's, theils im
einfachen getragenen Thema, theils in geschickt und knstlerisch
durchgefhrten Variationen.

Es ist ein trauriges Land, sagte endlich der Baron mit einem tiefen
Seufzer, indem er, ohne die Melodie selber zu beachten, den Tact dazu
unbewut auf dem Fenster trommelte -- ein sehr trauriges Land, dieses
ausgeschrieene Brasilien, und ich frchte fast, da uns ein bser Stern
an diese Kste gefhrt hat, von der ich, aufrichtig gestanden, gar kein
rechtes Fortkommen mehr sehe. Ich begreife wenigstens nicht recht, wie
man in Europa je, ohne die gehrigen Mittel, wieder standesgem
auftreten knnte.

Sie drfen den Muth nicht verlieren, Baron, bemerkte die in dieser
Hinsicht viel resolutere Grfin. Ich fange jetzt selber an einzusehen,
da wir alle Beide doch mglicher Weise zu viel Standesvorurtheile mit
herber gebracht haben, um das Leben hier an der richtigen Stelle
anzugreifen.

Aber, beste Frau Grfin....

Ich sehe wenigstens eine Menge Menschen, fuhr die Grfin fort, ohne
die Unterbrechung gelten zu lassen, die nicht allein ihr Fortkommen auf
hchst geschickte Weise finden, sondern auch noch Capital auf Capital
zurcklegen, und es fllt mir gar nicht ein, ihnen mehr Verstandeskrfte
zuzutrauen, als wir Beide auch besitzen, lieber Baron.

Aber, beste Frau Grfin, beharrte der Baron, der Art Leute sind von
Jugend an auf ihre Fuste angewiesen gewesen, und Sie wollen doch nicht
voraussetzen, da wir Beide etwas Derartiges auch nur annhernd leisten
knnten?

Ich denke gar nicht daran, sagte die Grfin mit einem vornehmen
Zurckwerfen des Kopfes; wo aber die rohe Kraft nicht ausreicht, da
eben mu der Geist des Menschen eintreten, die Intelligenz, und wir
finden es berall besttigt, da die erstere, die rohe Kraft meine ich,
immer nur fr die Speculation arbeitet, und diese eigentlich den Nutzen
von jener rntet.

Aber auch der Kaufmann braucht praktische Erfahrung, seufzte der
Baron, der _seine_ Erfahrung schon auerordentlich theuer hatte bezahlen
mssen -- und wir sind Beide zu alt, die noch zu lernen.

Bah, sagte die Frau Grfin, den Kopf mit Geringschtzung wiegend, der
Kaufmann ist nicht der einzige Speculirende, auch der Fabrikant
speculirt, indem er sich weniger die Waaren als die Krfte der Menschen
selber dienstbar macht.

Aber, verehrte Frau Grfin, Sie scheinen ganz zu vergessen, da auch dazu
Capital gehrt, ja, und noch ein viel bedeutenderes Capital vielleicht,
als zu einer einfachen Spekulation in Kaufmannsgtern, und wenn man das
Letzte dann darauf gesetzt htte und es schlge fehl -- was dann? -- Denken
Sie sich eine Existenz, selbst hier in einer brasilianischen Colonie,
ohne die Mittel zu leben -- denken Sie sich die Mglichkeit da man bei
diesen frechen und bermthig gewordenen Bauern gezwungen sein sollte,
ein Anlehen zu erheben; es wre frchterlich!

Die Frau Grfin schien nicht diese Angst vor einer derartigen Calamitt
zu theilen, deren sogenannte Furchtbarkeit sie auerdem schon erprobt
hatte, ohne daran zu sterben; aber der Baron brauchte das gerade nicht
zu wissen, und sie fuhr wie berlegend fort. Dafr ist aber auch dem
Menschen der Verstand gegeben, da er ihn richtig gebraucht und anwendet,
und sollten die hheren Stnde mit allen ihnen zu Gebote stehenden
Mitteln nicht besonders da mehr bevorzugt sein, eine grere und
gediegenere Kraft in die Wagschale zu werfen, als der rohe und
ungebildete Bauer es im Stande wre?

Der rohe und ungebildete Bauer, erwiederte der Baron achselzuckend,
hat von dem Schpfer eine Art von Instinct bekommen, der gerade da
anfngt, wo sein Verstand aufhrt, und mit oft unbewuter Benutzung
desselben macht er zu Zeiten die erstaunlichsten und unbegreiflichsten
Dinge mglich.

Sie sind eingeschchtert, lieber Baron, sagte die Grfin lchelnd,
indem sie ihre Hand auf seinen Arm legte.

Und habe alle Ursache dazu, seufzte der Baron.

Sie haben durch eine Reihe von widrigen Zuflligkeiten nicht unbedeutende
Verluste erlitten, fuhr die Grfin fort, das hat Sie kopfscheu gemacht
-- Oskar, ich bitte Dich um Gottes Willen, la das furchtbare Getse mit
der Glocke, ich werde wahrhaftig noch ganz nervs --, verlieren Sie
jetzt den Muth, so ist Alles verloren, unwiederbringlich. Bewahren Sie
sich aber die Elasticitt Ihres Geistes, so knnen Sie mit Einem Schlage
alles Verlorene nicht allein wieder einbringen, sondern auch verdoppeln,
ja, vielleicht verdreifachen.

Das ist eben was ich bezweifle, versicherte der Baron; aber, verehrte
Frau, _haben_ Sie vielleicht einen Plan, denn Ihr ganzes Benehmen
scheint mir nach einem gewissen Ziele hinzustreben -- und wollen Sie
mich zu Ihrem Vertrauten machen, so knnte ich Ihnen, wenn auch
mglicher Weise mit weiter Nichts, doch vielleicht mit gutem Rathe zur
Seite stehen, der oft in nur zu vielen Fllen die Stelle des Capitals
vertritt.

Ich habe allerdings einen Plan, erwiederte die Grfin, der aber schon
so weit gediehen ist, da er des Raths kaum mehr bedarf, denn er basirt
auf Thatsachen, auf Zahlen, auf genauer Kenntni der Grundlagen. _Wenn_
ihn deshalb noch Etwas frdern kann, so ist es einzig und allein _Capital_.
Doch davon spter, lieber Baron, denn ich hre eben meine Tochter
kommen, und Oskar entwickelt heute eine so liebenswrdige Ungeduld, da
wir das Essen nicht lnger warten lassen drfen.

Der Baron war zu viel Weltmann, um seiner eigenen Ansicht ber Oskar's
Ungeduld einen selbststndigen Ausdruck zu geben. Er machte deshalb nur
eine stumme Verbeugung gegen die Grfin, reichte ihr dann den Arm und
fhrte sie, wie in seinen schnsten Tagen daheim, die drei Schritte
bis zu dem einfachen Tannentische. ber diesen war aber ein kostbares
Damasttuch gebreitet, auf dem neben den weien Steinguttellern schwere
englische Lffel und Gabeln lagen, die im Besitze einer Grfin recht gut
fr echtes Silber angesehen werden konnten.

Comtesse Helene betrat in diesem Augenblicke das Zimmer, und Vollrath
hatte sein Spiel beendet und das Instrument geschlossen.

Helene war wirklich ein schnes Mdchen von nicht zu hohem, aber
schlankem und ppigem Wuchse, mit vollem, fast goldblondem Haare und
dabei dunkeln, brennenden Augen, einem verfhrerischen Grbchen im Kinn,
und Hand und Arm vollkommen makellos. Das festanschlieende, lichtgraue
Kleid von allerdings nur einfach wollenem Stoffe hob ihre Bste so viel
mehr hervor, whrend die selbst schon hierher gedrungene Crinoline nur
dann und wann einer kleinen, sehr zierlichen Fuspitze gestattete, an's
Tageslicht zu kommen.

Das gndige Frulein sind heute wieder einmal gar nicht fertig
geworden, empfing sie Oskar, dessen Laune dadurch nicht gebessert
schien, da Niemand weiter Notiz von ihm genommen. Helene beachtete aber
auch den Vorwurf nicht, begrte ziemlich frmlich den Baron, nickte
Vollrath freundlich zu, und ging dann, ehe dieser mit sich einig
geworden schien, ob er ihr den Arm bieten solle oder nicht, rasch zu
ihrem Platze am Tische, an dem sie sich, mit einladender Bewegung fr
die brigen, zuerst niederlie.

Das Diner war so einfach, wie es das Leben in einer solchen Colonie und
die Arbeit einer einzelnen Kchin, die zugleich alle anderen Hausdienste
verrichten mute, mit sich bringt: Suppe, ein Braten mit zweierlei
Gemse und etwas eingekochtem Obste, und zum Dessert die vortrefflichen
Orangen und Granatpfel des Landes.

Niemand machte hier auch grere Ansprche, oder war an Weiteres
gewhnt, und das Gesprch drehte sich whrend der Tafel hauptschlich um
die neuerwarteten Einwanderer, da sich das Gercht ber deren Ankunft
schon durch die ganze Colonie verbreitet hatte. Ist es doch auch immer
ein Moment fr solche Ansiedelung, einen neuen Zuschu von Fremden zu
bekommen, von denen ein kleiner Theil stets in der Stadt selber bleibt
und vielleicht einen neuen Umgang bilden kann, denn bekannt wird man ja
natrlich mit Allen.

Nur Vollrath, der neben Helenen sa, war still und einsilbig, und schien
sich nicht einmal fr Oskar's Ansichten, die dieser ber brasilianische
Pferde entwickelte, zu interessiren; Oskar sprach berhaupt _nur_ ber
Pferde.

Das Diner ging so vorber -- Oskar plauderte in Einem fort, ob ihm
Jemand zuhrte oder nicht -- der Baron und die Grfin, in deren Gesprch
sich Helene nur manchmal mischte, unterhielten sich lebendig, und nur
Vollrath schwieg hartnckig still. Ein paar Mal schien er freilich den
Mund ffnen zu wollen -- aber es blieb eben immer nur bei dem Versuch,
und Helenen war es nicht entgangen, da er irgend Etwas auf dem Herzen
trage, was ihn beenge -- wute sie was es war? Aber so unbefangen sie
sich stets gegen ihn gezeigt, so unbefangen blieb sie auch heute, und
als das Diner beendet und die kleine Gesellschaft in den Garten gegangen
war, legte sie ruhig und lchelnd ihren Arm in den seinen und sagte:
Kommen Sie, Herr Vollrath, wir wollen ein Wenig auf und ab gehen.
-- Oskar ist heute unausstehlich, weil ich ihm in unserem Wettrennen
vorgekommen bin, und Mama hat, wie es scheint, mit dem alten steifen
Baron eine so hochwichtige Besprechung, da sie alles Andere, was um sie
her vorgeht, zu vergessen scheinen.

Vollrath scho das Blut in Strmen in's Gesicht, aber er verbeugte sich
leicht, nahm den Arm und schritt mit der jungen Schnen den Garten
entlang. Helenen aber gengte der beschrnkte Raum heute nicht: war es
die Aufregung des scharfen Rittes, war es der rger ber den Bruder,
kurz, sie stie die kurze Gartenpforte auf, die an dieser Seite gerade
nach den zu einer Art von Promenade umgewandelten Bschen hinausfhrte,
und wanderte langsam mit ihrem Begleiter den schmalen Weg entlang, der,
immer in Sicht der Huser, sich fast um die Ansiedlung schlngelte.

Oskar hatte sich in die Laube auf eine Bank gelegt und rauchte, ein Bein
ber das andere gelegt, seine Cigarre, und die Grfin ging mit dem Baron
wieder in eifrigem Gesprche im Garten auf und ab.

Aber, verehrte Frau, sagte der Baron jetzt, Sie rcken noch immer
nicht mit Ihrem Projecte heraus. Sie reden nur fortwhrend von glnzenden,
sorgenfreien Aussichten, von Rckkehr in die Heimath, von -- ich wei
selber kaum was, und den eigentlichen Kern dieser Frucht halten Sie im
Dunkel. Sie glauben doch sicher nicht, da ich einen Mibrauch damit
treiben und als Ihr Concurrent in irgend einer glcklichen Speculation
auftreten knnte?

Mein lieber Baron -- nein, das nicht, sagte die Grfin nach einigem
Zgern, und ich habe auch den Entschlu jetzt gefat, Sie zu meinem
Vertrauten zu machen -- vielleicht werden wir doch noch Compagnons,
lchelte sie dazu.

Ich bin auf das uerste gespannt, sagte der Baron.

Sie mssen bemerkt haben, fuhr die Grfin fort, da mir sowohl wie
Helenen eine Beschftigung in diesem Lande fehlt.

Des Barons Blick suchte unwillkrlich die junge Dame, die er gerade noch
durch eine Lcke der Bume mit ihrem Begleiter erkennen konnte.

Helene besonders, fuhr die Grfin fort, hat mich schon lange gebeten,
eine leichte Arbeit aufzufinden, mit der sie die langen Tage besser
hinbringen knne, denn immer Lesen und Clavierspielen geht ja doch auch
nicht, noch dazu in einer so prosaischen und sogenannten praktischen
Umgebung, wie die ist, in der wir uns befinden.

Ich werde immer gespannter, versicherte der Baron, und er hatte die
Augenbrauen schon bis unter den Hut hinaufgezogen.

Wenn man nun unter so _praktischen_ Leuten fortwhrend lebt, lchelte
die Grfin, so ist es wohl ganz natrlich, da ein klein Wenig davon
auch an unserer Natur hangen bleibt, und ich habe denn auch schon das
ganze letzte Jahr nach der und jener Seite hinber gehorcht, an was man
im rechten Augenblicke und mit den rechten Mitteln die Hand legen knnte
-- ich glaube, ich habe jetzt gefunden was ich suchte.

Sie htten wirklich?

Ich habe gefunden und auerdem die genauesten Erkundigungen deshalb
eingezogen, fuhr die Grfin fort, da hier im Lande eine ganz enorme
Quantitt von _Cigarren_ verbraucht wird, die man smmtlich mit einem,
zu den Kosten des Rohtabaks in gar keinem Verhltnisse stehenden hohen
Preise bezahlt.

_Cigarren_? fragte der Baron erstaunt.

Nun sind gerade gegenwrtig eine Menge junger Leute hier in der Colonie
-- und es werden mit dem Schiffe noch mehr erwartet -- von denen viele,
besonders alle aus Bremen stammende, Cigarren zu drehen verstehen. Hier
auf diesem Zettel finden Sie auerdem den Preis guten Blttertabaks genau
zusammengestellt, eben so die Lhne fr die Fabrikarbeiter, die nach dem
Hundert oder Tausend bezahlt werden. Eine Cigarre nur einigermaen guten
Tabaks ist aber hier nicht unter zwanzig Reis das Stck zu bekommen, und
nun berechnen Sie selber, welcher enorme Nutzen dem Fabrik_herrn_ werden
mu, wenn die Sache nur ein klein Wenig in's Groe getrieben wird.

Hm, sagte der Baron, der aber doch nur einen flchtigen und
zerstreuten Blick ber das Papier warf, und mit etwas Derartigem
wollten Sie sich befassen?

Und warum denn nicht? sagte die Frau Grfin, indem sie einer leichten
Verlegenheit Meister zu werden suchte. Wir mssen in der That eine Art
von Beschftigung haben, wenn wir hier nicht vor Langerweile sterben
sollen, und Helene sehnt sich so danach, ja selbst Oskar, der jetzt vor
lauter Muthwillen gar nicht wei, was er fr Tollheiten angeben soll.

Der Baron Jeorgy war in der That Nichts weniger auf der Welt als ein
praktischer Charakter, der auf einen gewissen berblick Anspruch machen
konnte, um wirklich Ausfhrbares von bloen Chimren zu unterscheiden.
Hatte er aber schon zu viele bittere Erfahrungen mit hnlichen Projecten
gehabt, oder war es ihm vollkommen unmglich, sich die Comtesse Helene
und den jungen wilden Grafen Oskar als ehrbare Cigarrenmacher zu denken,
aber er schttelte doch ganz ernsthaft und bedenklich mit dem Kopfe und
sagte:

Aber, gndigste Frau Grfin, haben Sie sich denn die Sache wirklich
schon recht genau berlegt, und vermuthen Sie, da Sie einen, alle dem
rger und der Schererei entsprechenden Nutzen daraus ziehen knnten?

Mein lieber Baron, erwiederte die Grfin lebhaft, das knnen Sie sich
doch wohl denken, da ich ein solches Unternehmen nicht entriren wrde,
wenn ich mich nicht vorher grndlich damit bekannt gemacht. Helene
brennt ordentlich darauf zu beginnen, und Oskar selber hat versichert,
da es ihm ungeheuren Spa machen wrde, selber Cigarren zu drehen.

So? In der That? Hm! Und haben die beiden jungen Herrschaften also
darin schon einen Versuch gemacht?

Jetzt schon -- wo denken Sie hin? lachte die Grfin. Das _selber_
Cigarren machen mu doch auch immer nur Nebenbeschftigung bleiben,
wenn es vielmehr darauf ankommt, eine groe Anzahl von Arbeitern zu
berwachen. Aber es ist nthig, da es Jeder von uns versteht, um etwa
vorkommende Fehler andeuten und rgen zu knnen, und deshalb wollen wir
auch Alle ordentlich mit zugreifen.

Der Baron, die Hnde auf den Rcken gelegt, nickte langsam und bedchtig
mit dem Kopfe, und manchmal schttelte er ihn auch ganz in Gedanken,
aber er sagte kein Wort. Es entstand dadurch fr die Grfin eine etwas
peinliche Pause, denn sie hatte erwartet, da der Baron die Enthllung
dieses Planes mit mehr Enthusiasmus aufnehmen wrde. Der Baron blieb
aber vollkommen kalt, und schien nicht die geringste Lust zu haben auch
nur eine Bemerkung zu machen.

Und was sagen Sie dazu? unterbrach endlich die Grfin das ihr lstig
werdende Schweigen. -- Der Baron zuckte die Achseln.

Ja, lieber Gott, was _kann_ ich dazu sagen? Ich verstehe nicht das
Geringste von Tabak oder Cigarren, das ausgenommen, da ich beim Rauchen
eine gute von einer schlechten unterscheiden kann. Wenn Sie aber fest
dazu entschlossen sind und das nthige Capital dazu besitzen, so -- wei
ich in der That nicht....

Aber _das_ gerade hab' ich noch nicht, unterbrach ihn die Grfin etwas
gereizt, wenigstens nicht in diesem Augenblicke, und meine Ungeduld,
die mich jeden neu gefaten Plan mit voller Energie ergreifen lt, war
die alleinige Veranlassung, da ich _Ihnen_ Gelegenheit gab, sich bei
dem Unternehmen zu betheiligen. Sie zweifeln doch nicht etwa an dem
Erfolg?

Beste Frau Grfin, betheuerte der Baron, der, stets voller
Rcksichtsnahmen, schon vor der Idee eines Widerspruches
zurckschreckte; ich erlaube mir nicht im Geringsten daran zu
zweifeln, und hoffe von ganzer Seele, da Sie ein auergewhnlich
gnstiges Resultat erzielen werden, aber --

Aber?

Aber, fuhr der Baron, sich verlegen die Hnde reibend, fort, -- ich
besitze kein Capital, um mich dabei zu betheiligen.

Sie besitzen kein Capital? sagte die Grfin erstaunt.

Ich besitze allerdings ein kleines, verbesserte sich der Baron, was
ich aus dem Verkaufe meiner Chagra und meines Viehes, besonders meiner
Pferde, gelst habe, aber ich brauche das nothwendig zu meinem
unmittelbaren Leben, und wenn ich dasselbe angreife, bin ich am Ende
genthigt, mir noch auf meine alten Tage mein Brod mit Handarbeit zu
verdienen.

Und glauben Sie nicht, da Sie das Drei-, ja, vielleicht Vierfache
ihrer _jetzigen_ Zinsen bei einem solchen Unternehmen herausschlagen
knnten? lchelte die Grfin.

Der Baron htte um sein Leben gern Nein gesagt, aber er riskirte es
nicht; die etwas hitzige Grfin htte sich beleidigt fhlen knnen, und
er erwiederte nur achselzuckend:

Ich bin zu alt zur Speculation, meine Gndigste, und -- auerdem ist
mir die Sache auch wirklich noch zu neu -- zu fremd -- es kam mir zu
berraschend. Gestatten Sie mir, da ich mich vorher ein Wenig
informire, und wir knnen ja dann spter mit Mue darber sprechen.

Aber die Zeit drngt, mein bester Baron, versicherte die Grfin; ich
habe die nicht unbegrndete Vermuthung, da sich Andere mit einer hnlichen
Idee tragen, und es ist in der That seltsam, da ein solches auf der
Hand liegendes Unternehmen nicht schon lange mit Begierde aufgegriffen
ist. Was also geschehen soll, mu rasch geschehen. Ich habe dabei von
Anfang an auf Sie gerechnet, da ich Sie als alten, lieben Freund meines
Hauses kannte, und ich hoffe nicht, da Sie mich jetzt im Stiche lassen
werden.

Dem Baron kam es allerdings etwas wunderlich vor, da die Frau Grfin
gerade auf _ihn_ von Anfang an gerechnet haben sollte, whrend sie ihn
erst im letzten entscheidenden Augenblicke davon in Kenntni setzte. So
gro seine Hflichkeit aber auch sein mochte, der Trieb zur Selbsterhaltung
war doch noch grer, und mit viel mehr Entschiedenheit, als er bis
jetzt gezeigt und berhaupt der Grfin gegenber fr mglich gehalten
htte, sagte er, indem er seine Tabaksdose in allen Taschen suchte:

Man soll eine Dame nie im Stiche lassen, meine Gndigste, aber -- ich
bitte tausendmal meiner Hartnckigkeit wegen um Entschuldigung -- ich
mu doch darauf bestehen, vor allen Dingen mir eine grere Kenntni
ber den Betrieb dieser Angelegenheit zu verschaffen. Apropos -- sollte
sich der Director Sarno nicht am Ende bewogen finden, ein so gemeinntziges
Unternehmen aus Regierungsmitteln zu frdern?

Ein ganz eigener Ausdruck von Zorn und Verachtung zuckte um die Lippen
der Dame, als sie erwiederte:

Ja, wenn ihm Einer der Bauern den Vorschlag gemacht htte.

So haben Sie schon mit ihm darber gesprochen? rief der Baron, von
dieser Wendung sichtlich berrascht.

Die Grfin hatte sich in ihrem Unmuthe verleiten lassen, mehr zu sagen
als sie eigentlich wollte. Was noch gut zu machen war, that sie.

Fllt mir nicht ein, sagte sie wegwerfend; der Herr Director und
ich stehen nicht auf einem so freundschaftlichen Fue zusammen, ihm
eine solche Mittheilung zu machen, und ich werde mich hten, mit
der brasilianischen Regierung etwas Derartiges zu beginnen, die mir
vielleicht fnfzehn oder zwanzig Procent fr meine Mhe liee. Doch
Sie verlangen Zeit, mein lieber, ngstlicher Freund, und sein Sie
versichert, da ich Sie nicht drngen mchte. berlegen Sie sich also
die Sache, sagen Sie mir aber bis sptestens morgen frh Antwort, oder
-- setzte sie hinzu, indem sie lchelnd mit dem Finger drohte -- ich
halte mich an kein Versprechen mehr gebunden, und sehe mich nach einem
andern Compagnon um.

Der Baron machte eine stumme, dankende Verbeugung, schien aber von
dieser directen Drohung keineswegs so eingeschchtert, wie es die
Wichtigkeit der Sache htte sollen vermuthen lassen. In diesem
Augenblicke bekam er aber auch Succurs, denn ihr Gesprch wurde durch
jenes wunderliche Individuum, Jeremias, unterbrochen, der pltzlich in
den Garten kam, ohne Weiteres auf die Frau Grfin und den Baron zuging,
und Beiden, ehe sie es verhindern konnten, auf das Cordialste die Hand
schttelte. Oskar, der Zeuge dieser Scene war, lag noch immer in der
Laube auf der Bank und wollte sich jetzt ausschtten vor Lachen.

Oskar war auch in der That die eigentliche Ursache dieser pltzlichen
Begrung gewesen, denn whrend er in der Laube seine Siesta hielt,
da ihn die Projecte der Frau Mutter wenig interessirten, hatte er nur
ber seinen heutigen Verlust, den Pferdejungen, nachgedacht, der sich
auf so grobe Weise empfohlen, und dabei hin und her berlegt, wie er
denselben wohl ersetzen knne. Da ging Jeremias, ebenfalls auf einem
Sonntag-Nachmittag-Spaziergange begriffen, an der Laube vorber, und
Oskar, der den sonderbaren Burschen schon kannte, und sich oft ber ihn
amsirt hatte, glaubte in ihm einen passenden Ersatz gefunden zu haben
und rief ihn auch ohne Weiteres an und herein.

Guten Tag, Frau Grfin, sagte Jeremias indessen, durch das etwas
erstaunte Zurckfahren der Dame nicht im Mindesten beirrt -- schnen
guten Tag, Herr Baron -- prchtiges Wetter heute -- wie bei uns im
Sommer -- nur ein Bichen hei -- Herr Gott, wie man schwitzt!

Und was wollen Sie? fragte die Grfin, wie in Gedanken die eben
erfate Hand mit ihrem Batisttuche abwischend. Jeremias war das auch
nicht entgangen; er betrachtete ebenfalls seine eigenen arbeitharten
Fuste, und sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. Aber er
nahm weiter keine Notiz davon, sondern sagte nur, freundlich ihr
zunickend:

Der junge Herr da hinten hat mich gerufen; will einmal zu ihm gehen und
sehen, was er wnscht -- amsiren Sie sich gut -- und mit einer Art von
Kratzfu drckte er den Hut wieder in die Stirn und wandte sich dorthin,
wo Oskar schon wieder sein: Jeremias, hieher! herber rief.

Hat ihm schon, antwortete Jeremias, als er in die Laube trat, sich
ohne Weiteres auf die andere Bank setzte und vergngt mit den kurzen
Beinen schlenkerte; hier ist's hbsch khl; wenn man jetzt hier ein Ma
baierisch Bier und einen Handks htte, knnte man's eine ganze lange
Weile aushalten.

Oskar hatte sich das Benehmen eines knftigen Pferdejungen wahrscheinlich
anders gedacht; mit den Sonderbarkeiten des Burschen aber schon bekannt,
beachtete er es nicht weiter und fragte ohne Umschweife.

Willst Du Geld verdienen, Jeremias?

Immer, lautete die kurze bndige Antwort.

Kannst Du Pferde warten?

Kann ich? sagte Jeremias im Selbstvertrauen.

Und wie viel verlangst Du monatlich?

Hm, meinte der Bursche, den brennend rothen Schopf kratzend, der sich
jetzt, als er dazu den Hut abnahm, als eine alte, ziemlich abgetragene
Perrcke auswies, je mehr, je besser -- was lohnt's denn eigentlich?

Sechs Milreis.

Und sonst noch was?

Stiefelputzen --

Ne, so mein' ich's nicht, sagte Jeremias, ob noch sonst etwas bei den
sechs Milreis wre, wie Schnaps, Frhstck, Trinkgeld oder dergleichen.

Wenn Du Dich gut hltst, gewi, sagte der junge Graf.

Jeremias schob beide Hnde, so tief er sie bekommen konnte, in seine
Hosentaschen und spitzte den Mund, als ob er ein Liedchen pfeifen wolle.
Er pfiff aber nicht, sondern sah nur nachdenklich vor sich nieder. Endlich
sagte er nach einer kleinen Pause, indem er die Hnde wieder aus den
Taschen nahm und seine Perrcke zurecht schob:

Na, ich will Ihnen etwas sagen, junger Herr, wir wollen's einmal einen
Monat zusammen versuchen, wchentliche Kndigung natrlich von beiden
Theilen, wenn ich _Ihnen_ nicht gefallen sollte oder Sie _mir_ nicht --
auerdem gegenseitige Hochachtung und ein Milreis Handgeld -- sind Sie
das zufrieden? -- und er hielt dabei Oskar die Hand in so drolliger
Weise zum Einschlagen hin, da der junge Bursche, der bei Erwhnung des
Milreis Handgeld einen Augenblick gestutzt hatte, lachend einschlug und
ausrief:

Gut, Jeremias, so wollen wir es denn, wie Du sagst, einmal zusammen
versuchen -- hier ist Dein Milreis, und nun beginne Dein Geschft gleich
damit, da Du vor das Haus gehst und das dort stehende Pferd meiner
Schwester hereinfhrst und absattelst.

Donnerwetter, das geht geschwind! meinte Jeremias, und eigentlich
wre heute Sonntag. Das arme Thier kann aber auch nicht da drauen
stehen bleiben -- also, junger Herr, wir sind jetzt fr einen Monat mit
einander zusammengegeben, wie der Pfarrer sagt.

Dabei nahm er das Milreisstck, betrachtete es einen Moment aufmerksam,
schob es dann in die Tasche, machte eine kurze, nicht ungeschickte
Verbeugung und verlie rasch den Garten, um den berkommenen ersten
Auftrag auszufhren.

Aber auch der Baron hatte diese kleine, ihm sehr gelegene Unterbrechung
benutzt, dem ihm unangenehm werdenden Gesprche mit der Grfin eine
andere Wendung zu geben, und als jetzt auch die Comtesse zurckkehrte,
die Vollrath aber nur bis an die Gartenthr begleitete und sich dann
empfahl, schtzte er pltzliches Kopfweh vor und beurlaubte sich ebenfalls
mit der gewohnten Frmlichkeit bei den Damen.

Die Grfin hatte indessen Vollrath ankommen und wieder gehen sehen, und
wenn sich ihr Geist auch gerade mit ganz anderen Dingen beschftigte,
war ihr doch das auffallend bleiche und niedergedrckte Aussehen des
jungen Mannes nicht entgangen. Sie warf einen forschenden Blick auf
ihre Tochter, aber Helenens Antlitz, wenn ihre Augen auch einen ganz
ungewohnten Glanz hatten, verrieth durch Nichts einen in ihr aufsteigenden,
pltzlichen Verdacht. Nur, als das junge Mdchen den Kopf abwandte
-- vielleicht um ihr Antlitz dem mitrauischen Auge der Mutter zu
entziehen -- und sich dem Hause zuwandte, sagte die Dame leise:

Helene!

Mutter? fragte die Tochter und wandte sich halb nach ihr um.

Was ist denn mit Vollrath vorgegangen? Er hatte, als er Dich verlie,
keinen Blutstropfen in seinem Gesichte.

Wirklich nicht? Ich habe es nicht beachtet.

Und Du bist auch so sonderbar.

Ich, Mutter?

Ja -- Du -- Helene, ich will nicht hoffen, da Du....

Was, Mutter? sagte Helene, und ihr Auge haftete kalt und ernst auf den
strengen Zgen derselben.

Es ist gut, mein Kind, sagte die Grfin, die sie einen Moment
aufmerksam betrachtet hatte. Ich glaube, ich kann mich fest auf Dich
verlassen, und Du bedarfst keiner Wchterin.

Ich denke nicht, Mutter, sagte Helene, indem ein leichtes zorniges
Roth ihre Wangen frbte. Dann wandte sie den Kopf wieder ab und schritt,
ohne der Mutter Gelegenheit zu weiteren Fragen zu geben, rasch in das
Haus hinein und hinauf in ihr Zimmer, wo sie sich einschlo und an dem
Abend nicht mehr zum Vorschein kam.




4.

Die Meierei.


Dicht ber der Colonie Santa Clara, wenn man in gerader Richtung eben
htte hinauf kommen knnen, aber durch einen ziemlich steilen Hang,
an dem nicht einmal ein Fusteig empor fhrte, davon getrennt, lag
die Wohnung des Colonisten Meier, den der Director gegen Knnern den
_Einsiedler_ genannt hatte. Allerdings lief ein Fahrweg bis dicht an
seine kleine, wenig bebaute Chagra, aber er wurde nicht hufig benutzt,
da er nur zu sehr entfernten Ansiedelungen fhrte, und die Bewohner der
Meierei -- wie man den Platz scherzweise genannt hatte -- kamen nie
selber in die Colonie hinab. Insbesondere der Eigenthmer, der alte Herr
Meier, hielt sich so von der Welt abgeschlossen, da es eine Menge
lterer Ansiedler in Santa Clara gab, die sich gar nicht erinnerten,
sein Gesicht je gesehen zu haben.

Auffallend war dabei, da er nie Briefe empfing oder schrieb, und doch
mute er sich, seinem ganzen Wesen, allen seinen Gewohnheiten nach daheim
in der besten Gesellschaft bewegt haben. Wie er aber sein kleines Haus
dicht hinter den Schutz der Bume gebaut hatte, da es lauschig und
versteckt dort lag, weder gestrt, noch selbst beachtet von der Auenwelt,
so hielt er sich selber und seine Familie dem regen Leben und Treiben
fern, das unter ihm wogte -- es nicht suchend und nicht von ihm gesucht.

Er lebte dabei ganz seiner Familie, mit der er sich einzig und allein
beschftigte und in der er vollkommenen Ersatz fr die brige Welt
zu finden schien. Im ersten Jahre freilich fehlte dem an Thtigkeit
gewohnten Manne eine bestimmte und ausgesprochene Beschftigung, und er
gengte dem Drange nach Arbeit nur dadurch, da er seinen eigenen Garten
anlegte, umgrub und pflanzte. Das aber konnte ihn auf die Lnge der Zeit
nicht befriedigen, und da er manche Tischlerarbeiten in seinem Hause zu
machen hatte, und einen jungen, sehr geschickten Arbeiter dazu fand,
schaffte er sich selber Werkzeug an und lernte bald die verschiedenen
Griffe und Vortheile dieses Handwerks. Dann kaufte er sich eine Drehbank,
und nahm sich auch hiefr auf kurze Zeit einen Lehrer an. Auerdem
verstand er schon daheim ein Wenig von der Malerei, was er jetzt in
seinen Muestunden noch weiter ausbildete. Eine recht hbsche Bibliothek
hatte er sich ebenfalls angeschafft, und da er bei allen diesen
Beschftigungen viel praktischen Verstand besa, so richtete er sich in
wenigen Jahren seine kleine Heimath so allerliebst und traulich her, da
jedes Zimmer einem Puppenstbchen glich, ohne da er dabei aber auch nur
den geringsten Luxus getrieben htte.

Nach Auen vermied er jedoch Alles, was nur im Geringsten die
Aufmerksamkeit eines Fremden htte auf sich ziehen knnen; er wollte nun
einmal mit der Welt keinen Verkehr haben, und was ihn auch dazu bewogen
haben konnte, auf die geschickteste Weise wich er jeder Annherung
fremder Menschen aus.

Seine Familie bestand, wie schon erwhnt, nur aus seiner Frau und einer
erwachsenen Tochter. Diese, Elise, hatte erst dreizehn Sommer gezhlt,
als er, vor nun sieben Jahren, die damals kaum entstandene und noch
ziemlich wilde Colonie erreichte, und wenn auch ein junges Mdchen in
diesem Alter wohl berechtigt ist, grere Ansprche an das Leben zu
stellen, whrend sie hier -- obgleich von allen Bequemlichkeiten
umgeben -- wie auf einer wsten Insel sa, so schien doch Elise das
nie zu fhlen oder irgend einen andern Wunsch zu kennen als den, die
Huslichkeit ihrer Eltern eben zu theilen, wie sie war. Auch auf ihren
Charakter hatte das stille, abgeschlossene Leben nicht den geringsten
nachtheiligen Einflu ausgebt. Sie war immer heiter und guter Laune und
eigentlich das einzige sonnige Element im Hause.

Wenn auch ihre Eltern selbst glcklich mit einander lebten, und nie ein
hartes oder auch nur unfreundliches Wort zwischen ihnen vorfiel, so lag
doch auf des Vaters Stirn nur zu oft ein tief eingeschnittener Zug von
Schwermuth, den wegzuscheuchen nur allein der Tochter, nie der Mutter
gelang.

Noth oder Sorge um den Lebensunterhalt konnte das nicht sein, denn Meier
war, wenn auch vielleicht nicht reich, doch keineswegs ohne die Mittel,
sich eine sichere Existenz zu wahren. Konnte es Heimweh sein -- vielleicht,
aber Niemand erfuhr das, Niemand hrte je eine Klage, wie er etwaigen
Fremden, mit denen er trotz aller Vorsicht gelegentlich zusammentraf,
wenn er nur die Schchternheit der ersten Begegnung berwunden hatte,
auch stets das nmliche freundliche Lcheln zeigte. Es lag dabei etwas
in seinem ganzen Wesen, das rasch fr ihn einnahm, wenn man nur kurze
Zeit in seiner Nhe weilte. War es das lange, schlichte, schneeweie
Haar, das er mitten auf dem Kopfe gescheitelt trug, und das sonderbarer
Weise erst hier in Brasilien diese Farbe des Alters, und zwar gleich im
ersten Jahre, angenommen hatte, war es der leichte, leidende Zug um den
Mund, den selbst das Lcheln der feingeschnittenen Lippen nicht ganz
zerstren konnte, war es sein mildes, nachgebendes Wesen, man wute es
selber nicht, aber konnte dem Manne, trotz seiner Eigenheiten, nie bse
sein.

Nicht ganz den freundlichen Eindruck machte seine Gattin, obgleich
man auch ihr auf den ersten Blick ansah, da sie sich stets in guter
Gesellschaft bewegt habe. Sie hatte das Kalte, Zurckhaltende ihres
Mannes, ohne dessen milde Freundlichkeit, und der mitrauische Blick
ihres kleinen, grauen Auges, mit dem sie jeden Fremden, ja, selbst
Leute, die sie lange als Nachbarn kannte, betrachtete, munterte eben
nicht zu einem freundlichen Zusammenleben mit ihr auf. brigens war sie
eine noch recht hbsche, stattliche Frau, von vielleicht sieben oder
achtunddreiig Jahren, und die einzige Meinungsverschiedenheit, welche
je zwischen ihr und ihrem Gatten auftauchte, war die, da sie sich mehr
dem geselligen Leben der Colonie hinzugeben wnschte.

So nachgebend dieser aber auch in jeder andern Beziehung sein mochte, an
dieser Klippe scheiterte selbst jede Bitte von Frau und Tochter. Was
ihnen das eigene Haus an Bequemlichkeit, ja, selbst hier und da an einem
versteckten Luxus bieten konnte, dazu reichte er mit Freuden die Hand
und erfllte selbst jeden nur geahnten Wunsch; aber ber die Grnze
seines kleinen Besitzthums ging er nicht hinaus, und sogar das zufllige
Lichten der Pflanzenmauer, die seinen kleinen Klosterhof umschlo und,
durch den Sturm niedergebrochen, sein Haus der Aussicht ffnete, schien
ihn zu geniren und zu stren. Er versumte wenigstens keine Stunde am
nchsten Morgen, die zerrissene Lcke durch eine Anpflanzung anderer
junger Palmen und Bsche zu ersetzen, die freilich jetzt Zeit brauchten,
bis sie die nthige Hhe wieder erreichten, aber doch wenigstens den
untern Theil des Hauses deckten.

Es war an dem nmlichen Sonntagnachmittage, da drei Reiter den schmalen
Weg heraufritten, der zu der sogenannten Meierei fhrte, der Director
Sarno mit den beiden Freunden Knnern und Gnther; und erst, als sie
in die Nhe des kleinen, freundlich gelegenen Hauses kamen, hielt der
Director sein Pferd an und sagte, mit dem Arme in eine frher gehauene
Schneue hinein deutend:

Sehen Sie, Herr von Schwartzau, dies ist die zweite, alte Linie,
die damals von jenem Stmper ausgeschlagen wurde. Wenn Sie nur Ihren
Taschencompa herausnehmen, sehen Sie schon welchen Bock jener gescheute
Herr geschossen, der es mglich machte, die Variation auf die verkehrte
Seite vom Pol zu legen. Die ganze Vermessung ist dadurch vollkommen
werthlos geworden und mu neu gemacht werden. Die nchst gelegenen sechs
Kolonien gehren aber jenem Herrn in dem Hause da drben, der sich einen
ziemlich bedeutenden Landstrich hier erworben, nur um, wie es scheint,
keinen nahen Nachbar zu bekommen, denn was er selber bis jetzt urbar
gemacht, ist sehr unbedeutend. Jedenfalls mssen wir aber dessen Grnzen
mit bestimmen, damit wir wissen wo das noch freie Land beginnt, und
ich mchte _diesen_ District, wie jenen sdlich von der Ansiedlung, am
Liebsten zuerst in Angriff genommen haben. Diesen hier nehmen Sie also
vielleicht gleich morgen vor, denn von hier aus streckt sich eine
ziemlich ausgedehnte Hochebene mit nur leiser Steigung dem nchsten
Bergrcken zu, und Sie knnen hier eine tchtige Anzahl Varas den Tag
ablegen.

Und ist der Wald sehr dicht?

Nicht bermig. Ich will Ihnen Ihr Amt auch nicht zu schwer machen und
einen zu breiten Ausschlag verlangen, grndlich _mssen_ die Linien
aber gelegt und die Bume besonders so markirt werden, da die hiesige
Vegetation nicht die Spuren in ein paar Jahren wieder verwchst und
vernichtet -- wir sprechen darber noch heute Abend, ob wir Theer mit
Buchstaben von weier lfarbe oder vielleicht gar Blechplatten nehmen,
was freilich bedeutend mehr Kosten macht.

Und wie viel Leute glauben Sie, da ich mit mir nehmen soll?

Kommen Sie, wir reiten einmal ein kurzes Stck in den Wald hinein, der
sich dort hinber ziemlich gleich bleibt, erwiederte der Director,
Sie knnen es dann selber leicht beurtheilen. Sparen Sie lieber nicht
mit den Leuten, wenn Sie dadurch rascher vorwrts rcken, denn Sie
vermessen ja dafr auch so viel mehr, und ich garantire Ihnen, da Sie
hier, um nur das _Nothwendigste_ fertig zu bringen, drei volle Monate
scharfe Arbeit haben. Je mehr wir aber in der mglichst kurzen Zeit
beenden, desto besser ist es; denn wenn uns die neuen Ansiedler erst
noch auf den Hals kommen, und ich wei nicht wo ich sie unterbringen
soll -- dann ist es mit dem Frieden hier vorbei.

Mit diesen Worten wandte er sein Pferd und ritt in einen schmalen
Seitenpfad, von Gnther gefolgt, hinein, whrend Knnern noch in dem
breiten Wege hielt und sich Meier's stille und trauliche Heimath
betrachtete. Es lag ein ganz eigener Zauber ber dem Platze, dem die
hier vollkommen tropische Vegetation durch angepflanzte Palmen, Farren
und die wunderliche Baumform der Pinien einen noch viel greren Reiz
verlieh.

Gern wre er auch einmal zu dem Hause hinber geritten, die Insassen
desselben kennen zu lernen, denn da der Alte so vollkommen menschenscheu
sein sollte, glaubte er noch nicht recht. Aber er durfte seine Gesellschaft
nicht zu weit aus den Augen verlieren, und der Director wie Schwartzau
waren viel zu sehr in ihr Terrain vertieft, um sich in diesem
Augenblicke um etwas Anderes zu kmmern, als Nord und Sd und Ecken und
Fronten. Gnther hatte dazu seinen kleinen Compa herausgenommen und
visirte damit, als sie den Pfad entlang ritten, dicht an einer viel
interessanteren Front vorber, wie sie die bestgelegene Colonie htte
bieten knnen, ohne sie auch nur zu sehen, nmlich an einem reizenden
jungen Mdchen, das, vielleicht sechs Schritte von dem Pfade entfernt,
mit einem Buche in der Hand unter einer halb natrlichen, halb
durch Kunst hergestellten Laube sa, und ohne sich zu rhren, die
vorbeireitenden und in tiefem Gesprche begriffenen Mnner beobachtete.

Sie wrde sich in der That lieber ganz zurckgezogen haben, htte sie
nicht gefrchtet durch eine Bewegung ihre Gegenwart zu verrathen. Jetzt
erst, als sie vorber und schon halb von den Bschen verdeckt waren,
richtete sie sich empor und drehte den Kopf um, ihnen nachzusehen.

In diesem Augenblicke passirte Knnern die versteckte Laube. Mit keinem
solchen Interesse an der Vermessung des Bodens, und in der alten
Gewohnheit des Jgers, das Auge jedem sich regenden Punkte rasch
zuzuwenden, entdeckte er kaum die liebliche, jetzt verlegen errthende
Gestalt, als er auch unwillkrlich sein Pferd anhielt und achtungsvoll
die Jungfrau grte.

War aber fr ihn nicht die geringste Veranlassung gewesen, hier zu
halten, so besa er entweder in dem Momente nicht Geistesgegenwart
genug, seinem Thiere wieder rasch den Sporn zu geben, oder die freundliche
Erscheinung fesselte ihn so, da er sich nicht gleich wieder losreien
konnte und wollte, und nur, um sich aus einer peinlich werdenden
Situation zu bringen, sagte er verlegen:

Ich mu tausendmal um Entschuldigung bitten Sie gestrt zu haben,
Senhora, aber ich vermuthete hier in der That Niemanden, mitten im
Walde.

Sie haben mich nicht gestrt, erwiederte Elise mit ihrem gewinnenden
Lcheln, denn die Verlegenheit des jungen Fremden war ihr keineswegs
entgangen; ich frchte nur, da Ihre vorangerittenen Freunde den Weg
verfehlt haben, denn dieser Pfad fhrt allein wenige Hundert Schritte in
den Wald hinein und endet dann in einem verworrenen, von Schlingpflanzen
durchwachsenen Dickicht, durch das sie mit ihren Pferden nicht dringen
knnen.

Also mssen sie wieder diesen Weg zurck? fragte Knnern, sichtlich
darber erfreut, denn er bekam dadurch eine Entschuldigung, sie hier zu
erwarten.

Allerdings, erwiederte das Mdchen -- wollen Sie denn zur Colonie
hinunter?

Wenn Sie das kleine Stdtchen meinen, nein. Wir kommen eben daher und
sind nur auf einem Spazierritte, auf dem die beiden Herren da vorn das
Terrain recognosciren, um nthige Vermessungen vorzunehmen.

Die Jungfrau, welche, als sie der Fremde anredete, aufgestanden war,
verbeugte sich leicht und schwieg, und Knnern, der nicht den geringsten
Anhaltspunkt sah, das Gesprch in schicklicher Weise fortzusetzen,
grte noch viel verlegener als vorher und folgte jetzt den beiden
Freunden, die er gleich darauf an der von Elisen angedeuteten Stelle
berholte.

Es war das der nmliche Platz, wo der Director damals die verkehrten
Arbeiten des von der Frau Prsidentin herbergeschickten Vermessers
unterbrochen hatte, und alle Drei wandten nun ihre Thiere, um auf den
breiteren Weg zurckzukehren.

Als sie die Laube passirten, warf Knnern freilich den Blick hinber, um
nach der freundlichen Gestalt zu suchen; aber wie eine Erscheinung war
sie verschwunden, und nur auf der Bank, auf welcher sie gesessen hatte,
lagen ein paar Blumen, die sie wahrscheinlich mit heraufgenommen und in
der Eile ihres Rckzuges auf dem Sitze gelassen hatte.

Knnern, der jetzt voranritt, hatte die Blthen augenblicklich bemerkt,
und ehe er sich selber ber das was er that Rechenschaft geben konnte,
hielt er an, stieg vom Pferde und schnallte seinen Sattelgurt ein Loch
empor. Dadurch gab er seinen Begleitern Zeit an ihm vorber zu reiten,
und als er sie voraus sah, trat er rasch in die Laube, nahm die Blumen,
legte sie in sein Taschenbuch, stieg dann wieder auf und folgte, ohne
sich umzusehen, den Vorausgerittenen. -- Und doch hatte ihn dieses Mal
sein sonst so scharfes Auge im Stiche gelassen, denn hinter einem
kleinen Dickicht der hier gerade sehr ppig wachsenden Flachs- oder
Tucung-Pflanze, hinter die sich Elise zurckgezogen, um die Fremden erst
vorber zu lassen, hatten ein Paar lchelnde Augen seinen unschuldigen
Raub beobachtet und folgten ihm, bis sich der Wald wieder hinter ihm
schlo.

Knnern berholte seine Begleiter dicht am Hause des menschenscheuen
Meier, der aber durch einen geschickt gefllten Baum die Passage so
gelegt hatte, da sie nicht unmittelbar an seinem Garten vorberfhrte,
sondern diesen durch sorgfltig gepflegte Bsche vollstndig verdeckt
hielt.

Hier wohnt der sonderbare Kauz, sagte der Director, mit der Hand
in das Dickicht zeigend, durch welches das Dach nur undeutlich
herausschimmerte. Wenn mit dem Manne nur irgend ein Umgang wre, wollte
ich vorschlagen da wir anhielten und ihm wenigstens guten Tag sagten.
Schade um das allerliebste Mdchen, das der alte Brummbr hier wie eine
Nonne gefangen hlt.

Eine Brnette? fragte Knnern.

Ja, erwiederte der Director; aber wie, zum Teufel, haben _Sie_ das
schon ausgefunden? Sie sind doch, so viel ich wei, zum ersten Male in
der Colonie.

Htten es die Herren nicht gerade so gemacht wie der vorige
Landvermesser, lachte Knnern, und die Variation auf der verkehrten
Seite der Nadel gesucht, so wrden Sie, nur ein paar Striche aus dem
Cours, eine allerliebste junge Dame im Walde gesehen haben, die sich da
drauen mit irgend einer Lectre die Zeit vertrieb.

Und davon haben Sie uns kein Wort gesagt? rief Gnther.

Ich durfte Sie doch nicht stren, lchelte der junge Mann; brigens
glaubte ich auch, da wir sie auf dem Wege hierher berholen wrden; sie
mu sich aber auch sehr geeilt haben, um uns voraus zu kommen.

Merkwrdige Leute, meinte der Director kopfschttelnd; aber jedenfalls
werden Sie mit dem Alten bekannt werden, Schwartzau, denn Sie mssen
ihn aufsuchen, wenn Sie auf seinem Lande die Vermessung beginnen,
damit er dabei ist und die Grnzen kennen lernt. Er wird es sich auch
wahrscheinlich nicht nehmen lassen, die Eckbume selber dauernd zu
bezeichnen, und das erspart Ihnen gleich eine Arbeit.

Dann begleite ich Sie, sagte Knnern, ich interessire mich fr alle
Originale.

Besonders wenn es Brnetten sind, wie mir scheint, lachte der
Director; Sie mgen aber immerhin in diese Gegend einen kleinen Jagdzug
machen, denn wenn Sie der dichte Wald nicht strt, finden Sie doch wohl
hier und da ein Stck Roth- oder Schwarzwild, oder vielleicht gar einen
Tapir, die hier zuweilen ebenfalls vorkommen. Jetzt aber, meine Herren,
drfen wir unsere Zeit nicht lnger vergeuden, wenn wir den andern
Strich ebenfalls besuchen wollen. Sobald wir weiter oben die ordentliche
Strae erreicht haben, knnen wir auch unsere Thiere besser ausgreifen
lassen -- und dem seinigen die Sporen gebend, trabte er, so rasch es
ihm der noch ziemlich unebene Boden gestattete, auf dem schmalen Wege
hin in den Wald hinein.

So wenig _sie_ aber dabei von den Einwohnern des Platzes gesehen hatten,
so waren sie doch nicht eben so unbeachtet daran vorbergeritten, denn
der Eigenthmer des Hauses schien sich fr alle Fremden lebhaft zu
interessiren, wenn er auch nicht mit ihnen in persnliche Berhrung
kommen wollte.

Zu diesem Zwecke hatte er sich eine ordentliche kleine Warte gebaut, in
welche die eine Ecke seines Gartens, ohne von Auen bemerkbar zu sein,
auslief. Das war zugleich ein Lieblingsplatz geworden, wenn er keine
andere Arbeit vorhatte, und er las oder schrieb gerade dort am Liebsten,
da er sich hier vollkommen ungestrt wute.

Das letzte Gesprch der Mnner war gerade vor diesem Ausguck gehalten,
und Meier, der mit einem Buche in der Hand in seiner Laube sa, dadurch
auf die Fremden aufmerksam geworden. So lange sie da drauen hielten,
lauschte er auch ihrem Gesprche, und erst, als sie ihren Weg fortgesetzt,
nahm er sein Buch wieder auf. Aber er schien keine rechte Lust zum
Lesen zu haben, denn er legte das Buch nach einiger Zeit wieder hin,
ging eine Weile mit auf den Rcken gelegten Hnden und gesenktem Haupte
in seiner Laube auf und ab, seufzte ein paar Mal recht tief auf und
schritt dann langsam zu seiner Wohnung und in das Zimmer seiner Frau,
die, mit einer Arbeit beschftigt, am Fenster sa.

Sein Blick suchte Elisen, aber sie war nicht im Zimmer, und erst nach
einer Weile kam sie durch die kleine Gartenpforte, die hinaus in den
Wald fhrte, herein und zu der Mutter, wo sie Hut und Buch ablegte und
sich still an das dort stehende Instrument setzen wollte.

Du warst im Walde, Lieschen? fragte der Vater.

Ja, Papa.

Und bist dort Fremden begegnet?

Das junge Mdchen sah rasch und erstaunt zu ihm auf, errthete auch
leicht, sagte dann aber lchelnd:

Woher weit Du das schon, Papa?

Und hast Du nicht den nmlichen Spaziergang hier im Garten? fuhr der
Vater fort, ohne ihre Frage zu beantworten; ich habe Dich schon so oft
gebeten, nicht dort hinaus zu gehen, wenigstens nicht an Sonntagen, wo
das mssige Volk aus der Ansiedelung nur immer in der Nachbarschaft
umherschwrmt!

Die Mutter hatte bei Beginn des Gesprches ihre Arbeit in den Schoo
sinken lassen, und ihre Miene verfinsterte sich mehr und mehr. Jetzt
aber nahm sie fr die Tochter die Antwort auf und sagte:

Und willst Du sie nicht lieber ganz in ein Kloster sperren? Das wre
doch jedenfalls das Einfachste, damit sie wenigstens gar kein Mensch
mehr zu sehen bekme -- nicht einmal einer der am Sonntag herumlaufenden
Bauern.

Aber, Bertha! sagte Herr Meier, erstaunt zu seiner Frau aufsehend.

Ach was, erwiederte diese, was zu arg ist, ist zu arg! Das Mdel ist
jetzt zwanzig Jahr alt geworden und wird versteckt gehalten, als ob wir
uns schmen mten, das junge Blut der Welt zu zeigen.

Aber, Bertha, Du weit doch.... sagte der Mann vorwurfsvoll.

Ach, ich wei Alles! erwiederte die Frau; aber man kann eine Sache
auch bertreiben, und ich bin nicht im Stande, das noch lnger so ruhig
mit anzusehen. Hier in diesem abgelegenen Winkel der Welt hast Du doch
wahrhaftig nicht zu.... Sie unterbrach sich rasch und nahm rgerlich
ihre Arbeit wieder auf, die sie jedoch unschlssig in der Hand behielt,
whrend Elise freundlich sagte:

La sein, Mtterchen; wenn dem Vater damit ein Gefallen geschieht, kann
ich ja auch den kleinen Spaziergang recht gut entbehren. Er hat Recht,
es ist hier im Garten wirklich eben so hbsch wie da drauen, und ich
kann mir hier die nmliche Bewegung machen.

Ach, das verstehst Du nicht! fuhr die einmal gereizte Frau fort; ich
hab's jetzt auch selber satt. Sieben Jahre sitzen wir nun hier, wie die
Gefangenen zwischen Bsche und Bume eingeklemmt, whrend die Ansiedler
da unten sich ihres Lebens freuen und nur ihr frhlicher Lrm manchmal
zu uns herbertnt; sieben Jahre lang haben wir ein Leben gefhrt, da
es einen Stein erbarmen mchte, und ich sehe keinen Grund, weshalb wir
uns jetzt noch lnger wie Einsiedler in unsere Klause vergraben sollen.
Ich wei Alles, was Du mir dagegen einwenden knntest, Franz, sagte
sie, einem Blicke ihres Mannes begegnend, ich habe mir Alles zehnmal,
hundertmal berlegt, aber ich selber halte es nicht lnger aus. Ich
_will_ frei sein oder ich lasse mich lieber gleich ordentlich begraben
und einen Stein mit Namen und Jahreszahl oben darauf setzen. Nachher
wei ich es einmal nicht anders und brauche doch hier wenigstens nicht
eine Ewigkeit allein zu sitzen und meinen eigenen Gedanken nachzuhngen,
ber die man am Ende gar noch wahnsinnig werden knnte.

Ihr Gatte antwortete nicht. Er hatte sich gegen den Tisch gewandt, dort
den Kopf auf den Arm gesttzt und barg das Gesicht in der linken Hand.
Endlich hob ein schwerer Seufzer seine Brust, und Elise, zu dem Vater
tretend, schlang ihren Arm um seine Schulter, lehnte ihre Stirn auf sein
Haupt und sagte freundlich:

Sei nicht traurig, Papa -- Mutter meint es ja nicht so bse. Dir ist
nun einmal Deine Einsamkeit so lieb geworden, da Du jede Strung darin
frchtest und Dich immer mehr in Dich selber zurckziehst. Versuch' es
einmal drauen unter den Menschen, vielleicht gefllt Dir's selber bei
ihnen, denn _glcklich_ fhlst Du Dich ja hier in Deiner Einsamkeit
auch nicht immer, in der ich Dich oft schon in recht trauriger und
niedergeschlagener Stimmung berrascht habe. -- Geh' wieder zwischen die
Leute -- verkehre mit ihnen und lasse sie mit Dir verkehren, und wenn
weiter Nichts, bekommst Du doch dadurch Zerstreuung, und hast fr
stille Stunden, in denen Du das Bedrfni fhlst allein zu sein, ja
immer Dein trauliches Pltzchen hier oben.

La ihn gehen, sagte die Frau unmuthig; was liegt ihm an uns -- an
Dir oder an mir, wenn er sich selber nur eine Grille in den Kopf gesetzt
hat, der er nachhngt, seines eigenen Vergngens halber.

Und das sagst _Du_ mir, Bertha? fragte der Mann, erstaunt zu ihr
aufsehend; dessen klagst Du mich an?

Nur eine Grille ist's, weiter Nichts, erwiederte die Frau, ohne die
Frage direct zu beantworten, eine fixe Idee, die Du Dir in den Kopf
gesetzt hast, und womit Du Dich und uns elend machst. So viel Verstand
habe ich aber auch, da ich einsehe, wie Du uns Alle ganz vergebens
qulst, und kurz und gut, ein Leben wie das hier halte ich nicht lnger
aus, mag nun auch daraus werden was da will.

Was da will, wiederholte leise und mit einem Seufzer der Mann, stand
dann auf und verlie langsam das Zimmer.

Zanke nicht mit dem Vater, liebe Mutter, bat Elise, als er die Thr
hinter sich in's Schlo gedrckt hatte, er ist so schon traurig genug,
und das drckt ihn nachher nur noch immer mehr nieder.

Ach was, erwiederte mrrisch die Frau, ich habe das langweilige Leben
endlich satt, und mehr noch Deinet- als meinetwegen!

Aber ich sehne mich ja gar nicht hinaus, Mtterchen, ich verlange es ja
gar nicht besser, als ich es bei Euch habe.

Weil Du es eben nicht besser kennst und nach und nach hier eintrocknen
wirst wie eine Blume zwischen Lschpapier, lautete die Antwort. Du
bist ein junges Mdel und mut hinaus in die Welt, das ist Dir Dein
Vater, das bin ich Dir schuldig, und wenn Du Nichts von der Welt
verstehst, so bin ich dafr da, da ich Deine Ansprche vertreten mu,
oder Du httest ein Recht, mir spter einmal die bittersten Vorwrfe
darber zu machen.

Aber der Vater....

Ist ein Trumer, der berall Gespenster sieht, weiter Nichts, und der
sich jetzt die Fenster verhngt und immer nur Nacht um sich haben will.
Kommt erst einmal der wirkliche Sonnenschein zu ihm herein, so wird er
auch einsehen da er nur getrumt hat. Da Du ihm dabei noch das Wort
redest, ist das Albernste was Du thun kannst, und ich htte von Dir
gerade das Gegentheil erwartet. -- Du bist alt genug, Elise, da Du
auch an eine Heirath denken kannst, und wen sollst Du denn hier in
unserm Garten kennen lernen, wer kann Dich hier finden, wo Dich Dein
Vater sogar vor ein paar mssigen Spaziergngern verstecken will?

Aber, liebe Mutter, sagte Elise mit tiefem Errthen, denn sie mute
sonderbarer Weise gerade in diesem Augenblicke an den jungen Fremden im
Walde und an seinen Blumendiebstahl denken, das hat denn doch wohl noch
lange, lange Zeit, und wenn der Vater --

Ach was, unterbrach sie die Mutter, Du redest wie der Blinde von
den Farben -- Du bist zwanzig Jahr alt, Liese, und wenn wir die
nchsten sieben Jahre noch so fortleben, wie die letzten, so bist
Du _sieben_undzwanzig und kannst dann auch siebenunddreiig und
siebenundvierzig werden, ohne da sich Jemand weiter um Dich bekmmert.
Nein, dafr mu _ich_, Deine _Mutter_, sorgen, und -- berla du _mir_
das nur; ich werde schon mit Deinem Vater fertig.

Damit war das Gesprch fr jetzt abgebrochen. Die Mutter begann wieder
an ihrer indessen vernachlssigten Arbeit, und Elise ging in ihr
Stbchen hinauf, um ber eine ganze Menge der verschiedensten Dinge
nachzudenken, die ihr heute durch den Sinn gingen und den Kopf fast wirr
machten. Sonderbar, da ihre Gedanken dabei immer wieder zu dem jungen
Fremden zurckflogen, den sie doch nur den kurzen Augenblick gesehen.
Weshalb mute die Mutter auch gerade heute von ihrer Heirath sprechen
und dabei sagen, da es die hchste Zeit sei, an etwas Derartiges zu
denken? -- --

Es war Abend und Nacht geworden, als die Sonne kaum hinter den hellblauen
Gebirgsrcken im Westen untergegangen war und vorher noch die leichten
darber lagernden Wolkenzge mit ihrem schnsten und rosigsten Licht
bergossen hatte. Rasch erbleichten aber die nur zu momentanem Leben
angehauchten Nebelbilder, und wie sie kaum erst in ein prachtvolles
Silbergrau bergingen, nahm dieses schon jene todte bleigraue Frbung
an, dem die Dunkelheit in den Tropen fast unmittelbar folgt.

Die Comtesse Baulen hatte ihr Zimmer noch nicht wieder verlassen
und ging, die Arme auf der Brust gekreuzt, das Kinn auf die zarte
Korallenschnur gesenkt, die ihren Hals schmckte, mit raschen, unruhigen
Schritten in dem kleinen Gemache auf und ab. Sie sah dabei nicht
einmal, da es dunkelte und nach und nach vllig Nacht geworden war;
sie hrte nicht, da ihre Mutter drauen schon zweimal angeklopft
und ihren Namen gerufen hatte. Nur die eigenen unruhigen Gedanken
beschftigten ihren Geist, nur das eigene, unruhig pochende Herz
hielt sie oft krampfhaft mit beiden Hnden fest, bis sie sich endlich,
krperlich ermattet, in einen Stuhl warf und dort wohl wieder eine volle
Stunde lang in dumpfem Brten sa.

Aber die Dunkelheit wurde ihr zuletzt unertrglich. Sie stand auf,
zndete Licht an und griff dann das erste beste Buch auf, um sich zu
zerstreuen und ihre Gedanken in eine andere Bahn zu lenken. Da pltzlich
horchte sie auf, denn aus dem Garten, oder wenigstens aus den Bschen,
die ihn dicht umschlossen, trafen die melodischen Tne einer Violine ihr
Ohr.

Es war die leise und klagend zum Herzen sprechende Melodie des Thringer
Volksliedes: Ach, wie ist's mglich, da ich Dich lassen kann, und wie
mit einem scharfen Weh durchzuckte sie das einfache rhrende Lied. Aber
wer spielte da? Zuerst glaubte sie, da es Jemand aus der Ansiedelung
sei, der da zufllig vorbergehe -- aber der Spieler blieb auf derselben
Stelle, und durch das offene Fenster klangen die Tne, so leise er auch
spielte, voll und klar herein. --

Jetzt war Alles ruhig -- nur die Grillen zirpten, und aus dem Walde
heraus tnte das Gequak der Frsche.

Helene athmete ordentlich tief auf, als die schwermthige Melodie
geendet hatte; es war, als ob eine Last von ihrer Seele genommen wre,
und sie trat an das Fenster, um in die wundervolle, sternenhelle Nacht
hinaus zu schauen. Da quollen auf's Neue die Tne von derselben Stelle
herauf, aber dieses Mal in einem wilden Capriccio, von einer Meisterhand
gespielt, das in die tollsten Variationen berging und sich doch immer
wieder zuletzt in das einfache, zuerst angeschlagene Thema des
Volksliedes auflste.

Helene trat scheu und erschreckt vom Fenster zurck. Galt das ihr? Und
wer war es denn, der ihr hier auf solche Weise seine Huldigung brachte?
Vollrath vielleicht, aber sie wute genau, da er gar nicht Violine
spielte -- und wer dann? Der junge Schulmeister im Orte, der sie oft mit
seiner Aufmerksamkeit gergert hatte, war ein Violinspieler, aber ein
Stmper, und _diese_ Saiten belebte eine Meisterhand.

Ohne recht zu wissen was sie that, lschte sie das Licht aus, um dadurch
die Aufmerksamkeit des Unbekannten wieder von ihrem Fenster abzulenken
-- aber das gelang ihr nicht. Der rthselhafte Spieler lie sich dadurch
nicht stren; nur das Capriccio zerschmolz nach und nach in immer
weichere Melodien, bis die Tne zuletzt mehr und mehr verhallten und
wieder, wie vorher, das Schweigen der Nacht auf dem Walde lag.

Helene wute selber nicht wie ihr geschah. Da jenes Stndchen _ihr_
galt, konnte sie sich nicht verhehlen, und in dem melodischen Spiele,
in den vaterlndischen Weisen schmolz der starre Trotz des schnen
Mdchens. Als die Melodie da drauen schon lange verklungen war, sa sie
noch immer, von der Gardine gedeckt, am offenen Fenster, und fhlte
nicht einmal, wie ihr die Thrnen zwischen den zarten Fingern durch voll
und schwer in den Schoo tropften.

Unten im Hause war der geheimnivolle Musiker indessen auch nicht
unbeachtet geblieben. Oskar, der noch bis Dunkelwerden seinen neuen
Sclaven -- wie er Jeremias nannte -- angelernt hatte sein Pferd zu
behandeln, lag unten in der Stube auf dem Sopha lang ausgestreckt, und
pfiff, zum rger seiner Mutter, ohne sich dadurch aber im Geringsten
stren zu lassen, einen Walzer, als jenes eigenthmliche Stndchen
begann.

Im Anfange hatte er ebenfalls geglaubt, da es irgend Jemand aus der
Ansiedelung sei, der mit seiner Violine da vorber ginge. Als die Musik
aber immer auf derselben Stelle blieb, erst eine Weile schwieg und dann
wieder begann, schpfte er Verdacht, da das am Ende gar ein Stndchen
sein knne, was seiner Schwester gebracht wrde, und sein Muthwille lie
ihm natrlich keine Ruhe, dem auf die Spur zu kommen.

Als er zuerst aus dem Fenster horchte, tuschte ihn der laute Ton gerade
so wie Helenen, und er vermuthete den Spieler im Garten selber. Er
schlich sich also erst aus dem Hause hinaus hinter die nchsten Bsche,
und hinter diesen, von seiner dunklen Kleidung begnstigt, immer weiter
vor. Zuletzt aber kam er an die Hecke und fand jetzt, da sich der
Virtuose allerdings auer seiner Gerichtsbarkeit, aber doch nicht auer
seinem Bereiche befand, denn er erkannte durch die Hecke durch beim
Sternenlichte eine ebenfalls dunkel gekleidete Gestalt, die dort an
einer jungen Palme lehnte.

Das Gesicht selber konnte er freilich nicht erkennen, denn einestheils
beschattete es der Hut, und dann auch der Wipfel der niedern Palme
selber; aber das blieb sich auch gleich, und um einen muthwilligen
Streich auszuben, dazu war ihm Freund und Feind gleich gut genug.

Im Zimmer seiner Schwester hatte auerdem noch kurz vorher Licht gebrannt
und das Fenster war offen, ein Beweis, da sie den Stndchenbringer
begnstigte, und deshalb Grund genug fr ihn, ihm jeden Schabernak zu
spielen, der nur in seinen Krften stand. Vorsichtig und rasch schlich
er zum Hause zurck und traf hier eben noch Jeremias, der seine Arbeit
beendet hatte, und gerade seine eigene Heimath -- eine Dachkammer bei
einem der Ansiedler -- aufsuchen wollte.

He, Jeremias, Du mut mir noch einen Eimer Wasser holen, redete er
diesen rasch und heimlich an.

Die Pferde haben gesoffen, sagte Jeremias, zu viel schadet Vieh und
Menschenkind.

Ich will's nicht fr die Pferde; dort steht der Eimer, aber ein Bichen
rasch.

Befindet sich allerdings nicht in unserm Contracte, meinte Jeremias,
aber was thut der Mensch nicht aus Geflligkeit, junger Herr? Sollen
Ihren Eimer Wasser haben, und seine rmel vorn aufkrmpend, ergriff er
den Eimer und ging zu dem Brunnen vor dem Hause, von dem er ihn bald
gefllt zurckbrachte.

So, sagte Oskar, indem er einen Theil des Wassers wieder abschweppte,
das ist ein Bichen zu viel und wirft sich schlecht. Jetzt nimm einmal
den Eimer, Jeremias, und komm mit mir an die Hecke da drben, wo der
verrckte Kerl die Violine qult -- hrst Du den Musikanten da drben?

Ja, sagte Jeremias, und sah den jungen Grafen erwartungsvoll an.

Schn, lachte der junge Bursche, dem wollen wir einmal den Eimer ber
den Hals gieen, um den holden Schwrmer etwas abzukhlen.

So? sagte Jeremias, ohne sich von der Stelle zu rhren.

Na, vorwrts! rief Oskar, auf den Eimer zeigend; mach' schnell, ich
zeig' Dir den Platz wo er steckt, meine alte Jeremiade!

Wissen Sie, sagte Jeremias, ohne nur eine Hand zu regen oder eine
Miene zu machen, als ob er dem Befehle Folge leisten wolle, davon steht
auch Nichts in unserem Contracte.

Contract? Esel, brummte Oskar, wenn ich Dir sage, das thust Du, so
thust Du es, _das_ ist unser Contract, weiter Nichts.

So? meinte Jeremias, der den Esel als selbstverstndlich hinnahm
-- anderen Leuten Wasser in die Violine zu gieen, widerstreitet aber
meinen Grundstzen, und wenn sich der Herr Graf eine Tracht Schlge fr
unbefugtes Lschen, wo's gar nicht brennt, holen wollen -- mit dem
grten Vergngen -- da steht der Eimer, Jeremias hat aber heute seinen
Sonntagsrock an und ist diesen Morgen in der Kirche gewesen -- was andere
Leute vielleicht _nicht_ von sich sagen knnen. Wnsche allerseits einen
guten Abend -- und die Hnde wieder in die Taschen schiebend, ging er
um den Eimer herum und zur Thr hinaus, ohne sich um den Grafen weiter
zu bekmmern.

Oskar sandte ihm einen herzhaften Fluch hinterher, sah aber auch ein,
da er mit dem dickkpfigen Burschen Nichts ausrichten knne. Nicht
gesonnen jedoch, den einmal gefaten Plan so rasch aufzugeben, nahm er
jetzt selber den Eimer und schlich damit in den Garten. Ehe er brigens
die Stelle erreichte, wo der nchtliche Musiker gestanden, verstummte
die Violine. Die letzten Tne waren verklungen und der Platz leer. Oskar
horchte noch eine Weile in die stille Nacht hinaus, aber das Concert
war jedenfalls vorbei, das Zimmer seiner Schwester blieb dunkel, und mit
einem Fluche das Wasser ber die nchsten Beete gieend, nahm er den
leeren Eimer zum Hause zurck.




5.

Elise.


Am nchsten (Montag) Morgen standen schon um sieben Uhr frh drei
gesattelte Pferde vor dem Hause des Directors angebunden, denn dieser
hatte versprochen, Gnther zu dem Beginne seiner Arbeiten zu begleiten,
und Knnern in dem Interesse, das er an der gestrigen Erscheinung nahm,
ebenfalls den Wunsch ausgesprochen, sich dem kleinen Zuge, wenigstens
bis in den Wald hinein, anzuschlieen.

Allerdings wnschte der Director, da er, wenn er jagen wolle, sich
einen Fhrer mitnehmen mge, da er sich sonst leicht in den wilden und
schwerdurchdringlichen Wldern verirren knne. Dies wies Knnern jedoch
lchelnd zurck und erklrte, da er zu lange in den amerikanischen,
auch ziemlich dichten Wldern gejagt habe, um etwas Derartiges zu
befrchten. Ein Fhrer strte ihn dabei nur auf einem wirklichen
Pirschgange, und er konnte sich im Walde wohl vergehen, da er genthigt
war einen Umweg zu machen, aber nie verirren, denn er hatte sich dafr
zu genau den Cours gemerkt, den der etwa zweihundert Schritte unter
Santa Clara vorbeistrmende Flu nahm, und den mute er immer wieder
treffen, sobald er mit Hlfe seines Compasses die Richtung darauf zu
nahm.

So frh kamen sie aber an diesem Morgen doch nicht fort, denn erstens
nahm ihnen das Frhstck noch etwa eine halbe Stunde weg, und dann kamen
noch eine Menge Leute, die den Director in irgend einer wichtigen oder
unwichtigen Angelegenheit zu sprechen hatten, und er mute wenigstens
anhren, was sie von ihm wollten.

Es war halb neun Uhr geworden, als die drei Mnner endlich mit den
nthigen Begleitern aufbrachen, die dabei alle Instrumente des Vermessers,
wie auch einige Provisionen zu tragen hatten. Knnern lie brigens
seine Mappe heute noch zu Hause, und nahm nur seine Bchsflinte mit,
wenn er sich auch eben keine groe Jagd versprach. Der Wald ist dort zu
dicht, um nahe den Ansiedelungen, wo die Bauern berdies Sonntags noch
mit ihren Flinten herumknallen, irgend einen bedeutenden Erfolg zu
versprechen.

Sie ritten heute gerade durch das kleine Stdtchen durch, und den beiden
Fremden konnte es nicht entgehen, wie sich ihre Landsleute, selbst in
dem fremden tropischen Lande, so ganz heimisch angesiedelt hatten, als
ob sie noch daheim im alten Vaterlande lebten.

Die Schilder an den verschiedenen Husern trugen berall deutsche Namen
in deutscher Schrift, deutsche Kinder mit ihren Flachskpfen und dicken,
gesunden, schmutzigen Gesichtern spielten vor den Thren. Bauerfrauen
in ihren wollenen rothen Unterrcken wuschen ihr Geschirr hier unter
den Palmen, wie sie es daheim unter der alten Linde gethan hatten, und
deutsche Handwerker, in Schurzfell und Pantoffeln, waren eifrig dabei,
ihren verschiedenen Geschften obzuliegen.

Nur ein einziges Haus passirten sie, das fremdartig aussah. Es war ein
kleines niederes Gebude, von Stein aufgefhrt, mit offenen Thren und
Fenstern, durch die man in ein paar anscheinend leere Rume hineinsah
-- es hingen wenigstens keine Gardinen vor den Fenstern, wie sie die
rmlichste deutsche Wohnung zeigte, und die Wnde sahen leer und
kahl aus. Einzelne Mbel verriethen aber doch, da dieses Haus nicht
verlassen sei, und auf der einen Commode sah Knnern auch im Vorbeireiten
ein Paar vergoldete Porzellan-Vasen und einige andere derartige
Spielereien stehen.

Dort wohnte der portugiesische Delegado[2], und ein paar Negerjungen
kauerten vor der Thr in der Sonne und lieen sich von einem grauen,
vollkommen haarlosen und nackten Hunde die Gesichter ablecken.

 [Funote 2: Eine Magistratsperson, die Polizeigewalt in den Colonien
 hat.]

Am Ende der Strae war die Schule; anstatt aber, da die Kinder jetzt
eifrig darin mit Lernen beschftigt sein sollten, lrmten sie in wildem,
wstem Geschrei vor der Thr umher, prgelten sich, haschten sich und
trieben allerlei tolle Spiele. Der Director hielt mitten unter ihnen
sein Pferd an.

Hallo, Ihr kleine Bande, rief er aus, was ist das? Weshalb steckt Ihr
nicht da drinnen, wohin Ihr gehrt, und stellt hier auf der Strae die
Stadt auf den Kopf?

Ja, Herr Director, sagte einer der lteren Jungen, der ihn kannte,
indem er die Mtze von dem struppigen Haare herunterzog, der Schulmeister
ist nicht da und die Thr ist zu.

Der Schulmeister ist nicht da? fragte der Director erstaunt; und
weshalb habt ihr ihn noch nicht geholt?

Ja, er ist auch nicht zu Hause und die ganze Nacht nicht heimgekommen,
lautete die Antwort.

Ein sehr elegant gekleideter Herr mit weier Wsche, goldener Uhrkette,
einigen Ringen an den Fingern und einem Panamahute auf, der aber
sonderbarer Weise statt der Stiefel ein Paar sehr bunt gestickte
Pantoffeln und einen Zahnstocher hinter dem rechten Ohre hatte, kam um
die nchste Ecke und grte den Director und seine Begleiter freundlich.
Es war der Delegado.

Ah, mein lieber Director, redete dieser Sarno in portugiesischer
Sprache an, das wird immer rger mit unserem Schullehrer. Wie ich eben
hre, haben ihn einige Nachbarn gestern Abend spt oben am Flusse und
etwa eine Legoa von hier entfernt, schwer angetrunken verlassen, und
dort wird er auch wohl jetzt noch liegen, um seinen Rausch auszuschlafen.
Meines Nachbars Kinder kamen heute Morgen wieder zurck, weil sie nicht
in die Schulstube konnten.

Wer ist denn das, der da die Strae herunter taumelt, sagte Knnern,
nach jener Richtung zeigend.

Hehe, der Schulmeister, der Schulmeister! jubelten ihm da auch schon
eine Anzahl Jungen, die ihn erkannt hatten, in dem seligen Gefhle
entgegen, heute wieder keinesfalls Schule zu haben. wie er schrg geht
-- und jetzt stolpert er! Hoh, hoh, hoh, der Schulmeister!

Es war allerdings jenes unglckliche Individuum, das sich in _solchem_
Zustande zu keinem ungnstigeren Momente htte zeigen knnen. Der
Director gab seinem Pferde die Sporen und sprengte ihm entgegen, und
whrend der zeitweilige Schulmonarch die glsernen Augen zu Sarno
aufschlug, rief dieser ihn mit vor innerer Heftigkeit fast erstickter
Stimme an:

Herr, schmen Sie sich nicht, hier am hellen Tage wie eine _Sau_ umher
zu gehen, und wren Sie nicht werth, da ich -- er schwieg, und die
Hand, in der er die Reitpeitsche hielt, schlo sich ordentlich
krampfhaft um den Griff derselben.

Pfehle mich Ihnen, Herr Director, stammelte der Unglckliche mit
schwerer Zunge, vergebens dabei bemht sich gerade zu halten, sehr
angenehm so am frhen Morgen -- sehr schner Morgen heute, Herr
Director -- sehr schner Morgen.

Der Director wandte sein Pferd in Ekel von dem Trunkenen und ritt
langsam zu dem Portugiesen zurck. Die Schuljugend indessen wartete nur
den Moment ab, wo sie der Gegenwart dieser Beiden enthoben wre, um mit
einem wahren Jubel ber ihren entwrdigten Lehrer herzufallen.

Jetzt haben wir wieder keinen Schullehrer, sthnte der Director, bei
dem Delegado angelangt.

Der Herr scheint heute Morgen etwas aufgeregt, sagte der Portugiese
mit einem spttischen Lcheln. Wollen wir ihn aber nicht lieber in
Sicherheit bringen. Sobald wir den Rcken wenden, fllt das junge
Deutschland jedenfalls ber ihn her.

Ich habe Nichts dagegen, rief der Director, und wenn sie ihm die
Kleider in Fetzen vom Leibe reien! Kommen Sie, Schwartzau, kommen Sie
-- o, ich verga, die Herren vorzustellen: Dom Franklin Brasileiro Lima
-- zwei Freunde von mir, Landsleute, Dom Knnern und Dom Schwartzau, der
letztere unser durch die Regierung hergesandter Landvermesser.

Der Portugiese machte eine stumme und etwas steife Verbeugung, nahm dann
den Zahnstocher hinter dem Ohre vor und sammelte die berreste seines
Frhstcks.

Sie standen gerade vor einem der kleinen Huser, ber dem ein hellgelbes
Schild mit rothen Buchstaben den Namen _Pilger_ -- _Schuhmacher_ trug,
und Knnern hatte schon, weniger bei dem Schulmeister interessirt, ein
paar Mal eine allerliebste junge Frau am Fenster gesehen, die einen
Blick nach ihrer Gruppe herber warf und dann wieder in dem Dunkel der
innern Stube verschwand. Der Portugiese stand mit dem Rcken nach der
Thr zu, als der Schuhmacher, ein groer, breitschultriger Mann in
seinen besten Jahren, das Schurzfell vor, ein kleines Kppchen auf und
die Hemdrmel in die Hhe gestreift, hinter ihn auf den Schwellenstein
trat und, seine breite Hand auf des Portugiesen Schulter legend, mit
ruhiger Stimme, aber sehr schlechtem Portugiesisch sagte:

Wenn ich Euch noch einmal in meinem Hause treffe, Delegado, so schlage
ich Euch jeden Knochen in Eurem erbrmlichen Leibe zusammen. Habt Ihr
mich verstanden? Guten Morgen, meine Herren, wandte er sich dann,
als ob nicht das geringste Auergewhnliche vorgefallen wre, an den
Director und seine Begleiter; entschuldigen Sie, da ich mich mit dem
Lump in Ihrer Gegenwart unterhalten habe.

Der Portugiese war vor Zorn hochroth geworden, und seine kleinen,
schwarzen Augen schienen Feuer zu sprhen. Endlich hatte er sich so weit
wenigstens gesammelt, um zu erwiedern, und er sagte, ohne den Handwerker
jedoch eines Blickes zu wrdigen:

Wenn Ihr Eure Frau mihandelt, und nicht wit was Ihr einer Frau an
Achtung schuldig seid, so ist es Sache der Obrigkeit dazwischen zu
treten.

Und weshalb _hab_' ich meine Frau mihandelt, Du Lump, Du? rief der
Schuhmacher, bei dem der Zorn die Oberhand gewann.

Pilger, bedenkt was Ihr sagt! unterbrach ihn der Director rasch.

Ach was, Herr Director -- Nichts fr ungut, zrnte der Mann; ich wei
recht gut was ich rede. Wenn der da auch zehnmal der Delegado ist, oder
wie das Ding heit, so sollte er sich nur um so mehr schmen, Unfrieden
und Unglck in die Huser zu tragen. Aber, Gott verdamm' mich! finde ich
ihn noch einmal auf der andern Seite von der Schwelle da, so geschieht
ein Unglck. Das will ich ihm vorausgesagt haben.

Der Portugiese verstand nicht die letzten heftigen, in Deutsch
gesprochenen Worte, aber er mochte recht gut den Sinn ahnen, denn die
Gesticulation des Meisters dabei war gar nicht falsch zu verstehen. Er
drehte jedoch nur, mit dem Ausdrucke der hchsten Verachtung in den
Zgen, den Kopf halb nach ihm herum, ohne ihn selber anzusehen, sagte:
Wir sprechen uns noch! und ging dann in seinen gestickten Pantoffeln,
mit einer leichten Verbeugung gegen den Director und seine Begleiter,
die Strae wieder hinauf.

Knnern's Blick beobachtete indessen das Fenster, hinter dem er die
junge Frau gesehen, und er bemerkte, wie sie noch ein paar Mal scheu
vortrat, um, ohne selber gesehen zu werden, zu erfahren was da drauen
vorging. Sobald sie aber des Fremden Blick auf sich haften fand,
verschwand sie rasch und kam nicht wieder zum Vorscheine.

Haltet mir Frieden, Pilger, das thut's nicht, sagte der Director
warnend.

Eben deshalb weil ich Frieden haben will, meinte der Schuhmacher,
halte ich mir den verdammten Bleifu aus dem Hause, und gnade ihm Gott,
wenn ich ihn da wieder einmal treffe, wo er nicht hingehrt -- guten
Morgen meine Herren, und damit drehte er sich ruhig um und trat in
sein Haus zurck.

Die Schuljugend war indessen ein sehr interessirter Zuschauer bei den
Bewegungen ihres sonst so gefrchteten Meisters gewesen, denn der junge
Schulmonarch fhrte seinen Stock gewhnlich mit unerbittlicher Gewalt.
Einer der Nachbarn aber, den der arme Teufel in diesem Zustande dauerte,
trat vor seine Thr, nahm ihn ohne Weiteres unter den Arm und fhrte ihn
in sein Haus hinein, damit er dort seinen Rausch ausschlafen knne. Der
Director schickte dann die Jungen nach Hause, die sich in wildem Jubel
durch die verschiedenen Straen vertheilten.

Das ist ja ein recht hbsches Exemplar von einem Schulmeister, lachte
Gnther, als sie ihren Weg wieder aufgenommen hatten.

Das sei Gott geklagt! seufzte der Director; jetzt sitzen wir wieder
in der Ansiedelung auf dem Trockenen und die ganze Kinderwelt hat
Ferien, bis sich ein neues, eben so unbekanntes, vielleicht eben so
untaugliches Individuum dazu hergiebt, das Amt des Schullehrers zu
bernehmen.

Und Ihr Delegado? fragte Knnern; die Sache scheint nicht ganz
richtig zu sein.

Ist auch so ein Lump, den wir der Gte der Frau Prsidentin verdanken.
Der Teufel mag da Director sein, wenn man es mit solchem Gesindel zu
thun hat, und ihnen doch nicht, in dem engen Kreislauf unseres hiesigen
Lebens, ausweichen _kann_. brigens ist das auch derselbe Herr, der da
drben die Brcke gebaut hat, welche ihm von der Regierung -- nachdem
sie kaum beendet und schon wieder eingestrzt war -- mit achtzehn Contos
de Reis bezahlt wurde. Es geht doch Nichts ber Protection! Und wenn ich
ein oder zwei Contos verlange, nur um die nthigsten Bauten hier, ein
neues Auswanderungs-Haus oder dergleichen, zu bauen, bekomme ich Vorwrfe
von Oben, da ich zu viel Geld gebrauche. Aber zum Henker damit! Wir
wollen uns den schnen Morgen nicht durch derartige Dinge verbittern,
und der Lump verdient gar nicht, da ich mich ber ihn rgere. Kommen
Sie, lassen Sie die Pferde ein Wenig schrfer austraben, denn wir haben
eine Menge werthvolle Zeit versumt und unsere Trger und Arbeiter sind
uns schon, wer wei wie weit, voraus.

Eben hatten sie die letzten Huser hinter sich, als ihnen wieder der
Baron begegnete, und wie er den Director erkannte, diesem ein Zeichen
machte, da er ihn zu sprechen wnsche. Der Director hielt an, whrend
Knnern und Schwartzau vorausritten.

Ach, Herr Director, nur auf ein Wort, sagte der etwas umstndliche
Baron mit einer achtungsvollen Verbeugung; drfte ich Sie bitten, mir
aufrichtig eine einzige Frage zu beantworten?

Warum nicht -- aber ich bin heute Morgen etwas in Eile.

Ich will Ihre werthvolle Zeit nur fr Secunden in Anspruch nehmen. Hat
sich die Frau Grfin in einer Geldangelegenheit an Sie gewandt?

Der Director lchelte.

Ich wei nicht, sagte er, ob die Frage gerade discret ist.

Geschftssache, vertheidigte sich der Baron vor diesem furchtbaren
Verdachte; Sie werden doch nicht glauben, da ich --

Nun, mir ist keinesfalls anbefohlen, ein Geheimni daraus zu machen. Ja
-- zu irgend einer ihrer zahlreichen Unternehmungen.

Cigarren?

Ich glaube, es betraf diesmal den Tabakshandel.

Ich danke Ihnen, sagte der Baron, von dem Pferde zurcktretend.

Ich hoffe doch nicht, da _Sie_ sich damit einlassen werden? fragte
der Director jetzt seinerseits.

Ich bedaure unendlich nicht die Mittel zu haben, ein so gemeinntziges
Unternehmen zu untersttzen, erwiederte der Baron, gerade etwa mit
derselben Betonung und in derselben Stellung, als ob er der Frau Grfin
selber gegenber stnde.

Der Director lachte, grte den Baron flchtig und sprengte dann den Weg
hinauf, die beiden vorangerittenen Freunde einzuholen.

Zwischen den Mnnern wurde weiter kein Wort gewechselt, bis sie den
eigentlichen Platz erreicht hatten, auf dem Schwartzau seine Vermessung
beginnen sollte, und da dies das Terrain war, welches dem Colonisten
Meier gehrte, so war es nthig, da er dazu gerufen wurde.

Whrend Gnther seine Bussole auspackte und aufstellte, die nthigen
Vorbereitungen zum Beginne traf und seine Leute instruirte, was sie
zu thun htten -- denn bei einer solchen Arbeit ist es besonders
nothwendig, da sich der Vermesser und seine Kettentrger vollkommen
gut verstehen -- ritt der Director nach dem Hause hinber, um den
Menschenfeind in Kenntni zu setzen und abzuholen, und Knnern bot sich
ihm natrlich zum Begleiter an.

Die Gartenthr war verschlossen; zufllig kam aber gerade ein krzlich
angenommener Arbeiter heraus, und da er den Director kannte, machte er
nicht die geringste Schwierigkeit, ihn hinein zu lassen.

Gehen Sie nur da gerade aus, Herr Director, sagte er, auf eine kleine
Biegung des Weges zeigend, dort gleich rechts ist eine Laube, in der
finden Sie die ganze Familie beim Frhstck.

Der wird uns ein schnes Gesicht schneiden, wenn wir ihm so pltzlich
ber den Hals kommen! lachte der Director, als sie den breiten und
vortrefflich gehaltenen Kiesweg verfolgten; aber ich kann ihm nicht
helfen. Es liegt auch in seinem eigenen Interesse, da er wei wo seine
Grnzen laufen -- aber da sitzt die Familie -- jetzt knnen Sie auch
Ihre Brnette wieder begren.

Knnern erwiederte kein Wort; es war ihm ganz sonderbar beklommen um's
Herz, und ein Gefhl beschlich ihn, als ob er sich hier in unehrlicher
Weise in den Kreis einer Familie stehle, in der er jetzt fast bezweifelte,
da er gern gesehen sei. Es blieb ihm jedoch keine Zeit zu lngerer
berlegung, denn wenige Secunden spter waren sie schon von der Familie
bemerkt, die berrascht emporschaute, als sie die Fremden pltzlich in
dem Garten entdeckte.

Meier sa ihnen mit dem Rcken zugewandt, links von ihm seine Frau,
rechts seine Tochter, und schon als er die Schritte hinter sich hrte,
hatte er sich halb umgedreht und beschattete dabei die Augen mit der
Hand. Dann wandte er den Kopf wieder ab, nahm eine blaue Brille aus der
Rocktasche und erhob sich erst, als er diese aufgesetzt hatte, um die
Fremden besser erkennen und dann begren zu knnen.

Elise war ebenfalls tief errthend aufgestanden, als sie auf den ersten
Blick den Fremden von gestern erkannte; der Mutter entging ihre Bewegung,
da sie ihrerseits auch den einen Fremden -- den Director kannte sie
schon von frher her -- aufmerksam musterte.

Mein lieber Herr Meier, ich mu um Entschuldigung bitten, sagte der
Director, auf ihn zugehend -- aber bitte, mein liebes Frulein, wollen
Sie nicht Platz behalten --, ich will Sie auch nicht lange stren und
Ihnen nur anzeigen, da wir hier auf Ihrem Grundstcke zu vermessen
anfangen, weshalb es vielleicht besser wre, da Sie mit hinausgingen.
Sie wissen ja auch am besten, wo die alte Linie gelaufen ist, die jener
Schneidergeselle neulich umgeworfen hat. Wir wollen sehen, da wir jetzt
die ganze Sache wieder in Ordnung bringen.

Sehr angenehm, Herr Director, sagte Meier mit einer etwas ngstlichen
und dadurch ungeschickten Verbeugung -- sehr angenehm in der That, und
uerst dankbar -- der Herr ist wohl der Vermesser, wenn ich fragen
darf?

Knnern errthete bis in den Nacken hinein, als er so selber gezwungen
wurde zu erklren, da er hier eigentlich gar Nichts zu suchen habe.

Ich besonders mu sehr um Entschuldigung bitten, sagte er mit einem
unwillkrlichen Seitenblick auf Elise, da ich mich hier eingedrngt
habe. Ich bin nicht der Vermesser, der schon drauen bei seiner Arbeit
ist, sondern nur ein wandernder Maler, der sich seit einigen Jahren
heimathlos in der Welt herumtreibt, um Gottes schne Erde nach allen
Richtungen hin zu durchstreifen. Mit dem Herrn Director durch meinen
Bruder befreundet, habe ich mich den Herren heute Morgen angeschlossen,
und nur auf die allbekannte brasilianische Gastfreundschaft fuend,
wagte ich es, Ihnen meine Gesellschaft fr wenige Minuten aufzudringen.

Herr Bernard Knnern, stellte ihn der Director vor.

Sie sind uns herzlich willkommen, sagte die Frau, der die edle
mnnliche Gestalt des jungen Mannes, wie sein bescheidenes Benehmen von
vorn herein gefallen hatte -- Entschuldigungen wren ja auch gar nicht
am Platze -- bitte, setzen Sie sich -- trinken die Herren vielleicht
eine Tasse Kaffee mit uns?

Sie winkte der Tochter, und ehe sich die Gste entschuldigen konnten,
sprang Elise -- berhaupt froh, dazu Gelegenheit zu bekommen -- rasch in
das Haus hinein, um ein paar Tassen herauszuholen.

Meier, also gedrngt, konnte nicht anders, als die einmal geschehene
Einladung untersttzen. Mit einer Handbewegung bat er seine Gste, Platz
zu nehmen, und das Gesprch zwischen ihm und dem Director wandte sich
dann natrlich gleich der sie beide am Meisten interessirenden
Veranlassung zu.

Elisens Mutter lie sich indessen in ein Gesprch mit Knnern ein, von
dem sie bald erfuhr, da er Deutschland schon seit einer Reihe von
Jahren verlassen und indessen Nord- und Mittelamerika durchstreift
habe, theils um zu jagen, theils um Skizzen und Studien fr seine Mappe
zu sammeln.

Meier, obgleich in eifrigem Gesprche mit dem Director, hatte sich doch
kein Wort von der anderen Unterhaltung entgehen lassen, und nickte dabei
ein paar Mal halb unbewut und zufrieden mit dem Kopfe. Er schien auch
mehr und mehr aufzuthauen und die bisherige Scheu abzulegen, und als
Elise die Tassen gebracht und eingeschenkt hatte, rckte er mit zum
Tische und unterhielt sich selber mit dem jungen Manne.

Ich will Ihnen Etwas sagen, Knnern, unterbrach der Director das
Gesprch, ich gehe jetzt mit dem Herrn Meier zu Ihrem Freunde hinaus,
um die Sache erst einmal in Gang zu bringen. Das beschftigt mich keine
halbe Stunde; dann komme ich hierher zurck, hole Sie ab und begleite
Sie nachher bis zu der Mndung eines gar nicht entfernten Thales, dem
Sie aufwrts folgen, und nachher vielleicht doch noch Wild zum Schu
bekommen knnen. Hier oben auf der Hochebene glaube ich schwerlich, da
Sie irgend Etwas antreffen, das der Mhe lohnte danach zu feuern.

Das wre recht schn, sagte Knnern wieder mit einem unwillkrlichen
Blicke nach Elisen; wenn ich nur auch gewi wte, da ich den Damen
hier indessen nicht zur Last fiele.

Nicht im Geringsten, antwortete die Mutter -- kennen Sie unser
Land noch nicht und sind Sie ein Liebhaber von Pflanzen, so haben Sie
indessen Gelegenheit, sich in unserm Garten umzusehen; denn mein Mann
hat sich groe Mhe gegeben, alle einheimischen Pflanzen und Gewchse
hier zu sammeln -- Elise mag Sie herumfhren.

Ich wre unendlich glcklich, wenn die junge Dame... stammelte
Knnern.

Nun, sehen Sie, sagte der Director, da sind Sie ja gleich untergebracht,
und werden es wohl so lange aushalten knnen. In einer halben Stunde
sind wir jedenfalls wieder hier. Sie gehen also mit, Herr Meier?

Ich mu sehr um Entschuldigung bitten, sagte der Angeredete mit
dem ihm eigenen, etwas verlegenen Lcheln -- Ich selber bin gerade
beschftigt; aber ich werde Ihnen meinen Karl mitschicken, der sich
vortrefflich in alle diese Sachen zu finden wei. Wenn Sie nur so
freundlich sein wollen, ihm meine Grnzlinien zu zeigen, so wird er sie
sich selber markiren und ich dann schon Sorge tragen, da sie spter
dauernd gekennzeichnet werden. Verlassen Sie sich darauf. Ich bin gerade
mit einer kleinen Arbeit beschftigt, die ich nicht gern unterbrechen
mchte. Dem jungen Herrn hier mache ich indessen vielleicht mehr Freude,
wenn ich ihn in meine kleine Bibliothek fhre -- Bcher sind seltener in
Brasilien, als Blumen.

Erst die Blumen, wenn ich bitten darf! sagte Knnern, der sich heute
merkwrdiger Weise dafr besonders interessirte, obgleich er nicht das
Geringste von Botanik verstand, und da Elise sich schon erhoben hatte,
stand er ebenfalls auf, um sie durch den Garten zu begleiten.

Sie scheinen sich besonders fr Blumen zu interessiren, sagte das
junge Mdchen, whrend sie den halben Garten lang schon schweigend neben
Knnern hingeschritten war, ohne da dieser einen Punkt gefunden htte,
ein Gesprch anzuknpfen. Bei der Frage spielte ein eigenes, schelmisches
Lcheln um ihre Lippen, und ihr Blick suchte halb verstohlen die Zge
ihres Begleiters, senkte sich aber blitzschnell wieder zu Boden, als
sich dieser, von einem pltzlichen Verdachte erfat, gegen sie wandte.

Weshalb glauben Sie das, mein Frulein?

Weil Sie -- die Blumen Vaters Bibliothek vorzogen, erwiederte Elise,
aber sie wagte nicht den Blick zu ihm zu erheben, denn sie frchtete,
da sie den darin liegenden Muthwillen verrathen wrde.

Und Sie haben wirklich keinen andern Grund? forschte Knnern weiter,
denn er begann jetzt in der That mitrauisch zu werden, ob er gestern
seinen Raub so ganz unbemerkt geborgen habe.

Und welchen andern Grund sollte ich haben? sagte Elise, und sah ihm
jetzt so voll und ehrlich in's Auge, da er seinen Blick fast erschreckt
vor den hellen Sternen zu Boden senkte.

Zrnen Sie mir nicht der ungeschickten Frage wegen, sagte er leise;
aber ich kann Ihnen den Grund nennen, weshalb ich die Blumen in Ihrer
Begleitung den staubigen Bchern -- wahrscheinlich _ohne_ dieselbe
-- vorgezogen habe.

Ich wre wirklich neugierig ihn zu hren, lchelte Elise, fhlte aber
doch, da sie, vielleicht unmerkbar, dabei errthete.

Er ist einfach, sagte Knnern treuherzig, und in dem Leben eines
Jgers und Herumtreibers, wie ich leider einer bin, allein begrndet.
Wir sehen Gottes schne Welt in all' ihrer wundervollen Pracht, in allen
Zonen, sehen sie in ihrem Reize, in ihrer furchtbaren de, in ihren
groartigen Massen, in ihren kleinsten, lauschigsten Winkeln und Ecken,
aber -- wohin wir kommen, sind wir immer nur Fremde und Heimathlose.
-- Wie auch unser Herz daheim an dem Zauber eines stillen Familienkreises
gehangen haben mag, da drauen werden wir in den allgemeinen Wirbel
hinausgestoen, und wenn sich in der friedlichen Abendstunde alle
Menschen, mit denen wir in flchtige Berhrung gekommen, in das Asyl
ihres eigenen Heerdes zurckziehen, wenn sie sich gewissermaen in dem
Kreise der Ihren die Belohnung holen fr das, was sie den Tag ber
gewirkt und geschafft, dann liegen _wir_ an einem einsamen Lagerfeuer,
oder vielleicht noch schlimmer, in einem erbrmlichen, unfreundlichen
Wirthshause, und drfen nun darber nachbrten und grbeln, da wir ber
Tag Alles zu haben meinten, was der Mensch nur wnschen kann, und da
uns doch in der That Alles fehlt, was zum eigentlichen Glck des
Menschen gehrt.

Mit Einem Worte, es fehlt uns da drauen der Umgang mit sanften Frauen,
das mildernde Element im Leben des Mannes, der sich seinen Weg nur das
ganze Jahr durch seine rauhe und wilde Umgebung erkmpfen mu. Wo wir
deshalb auch immer so ein liebes, freundliches Frauenbild finden, da
sehen wir in _ihren_ Augen den ganzen Himmel unserer eigenen, daheim
verlassenen Huslichkeit, und wenn auch die Freude, die wir dabei
empfinden, eine Art von Heimweh sein mag, so regt sich doch auch
zugleich Alles wieder in unserm Herzen, was gut und edel, und die ganze
Zeit vielleicht todt darin geschlummert hat. Ich wei nicht, liebes
Frulein, ob Sie mich verstanden?

Ich glaube ja, flsterte Elise, und es war ihr in dem Augenblicke
fast, als ob sie selber eine lange, de Strecke allein und freudlos
durch die Welt gezogen sei, und jetzt eben aus weiter, weiter Ferne das
Gelute ihrer heimischen Glocken gehrt habe. Und doch durchzuckte sie
dabei auch wieder ein wehes Gefhl, wenn sie sich das auch selber nicht
einmal gestehen mochte -- aber es war nur der flchtige Gedanke, da der
Fremde also gestern auch die Blumen da drauen gar nicht _ihret_wegen
an sich genommen und aufgehoben habe. Nur die Erinnerung an die Heimath
-- vielleicht an ein anderes liebes Wesen, das dort seiner warte, hatte
ihn in dem Augenblicke erfat, und das tiefe Gefhl selbst, das aus
seinen Worten, aus seinem ganzen Wesen sprach, galt nicht der Gegenwart,
sondern war allein der Wiederglanz eines verlorenen oder lang entbehrten
Glckes daheim.

Wieder wanderten die Beiden eine ganze Zeit lang schweigend durch den
Garten, Jeder mit seinen eigenen Gedanken voll beschftigt.

Wie das schn ist in dieser herrlichen, tropischen Welt! brach endlich
Knnern das Schweigen; wie wohl die warme Luft dem Krper thut, und wie
zierlich jene herrlichen Baumformen die schnsten, natrlichsten Gruppen
bilden. Die Eingeborenen hier mssen doch eigentlich recht glckliche
Menschen sein.

Und warum nur die Eingeborenen? fragte Elise.

Weil sie blo der Gegenwart zu leben brauchen, sagte Knnern; sie haben
Nichts in der Welt, das ihnen den Genu des Augenblickes verkmmern
knnte, keine Erinnerung, die sie zurckzieht, keine Sehnsucht nach
irgend einem verlassenen Spielplatze der Kindheit. Fhlt sich nicht
selbst der Lapplnder in seiner Schneewste, in seiner rauchigen Htte,
in Schmutz und Elend glcklich, nur weil es seine Heimath ist, wie viel
mehr denn knnte es der Brasilianer in seinen Palmenwldern und
Orangenduft?

Und hngen Sie noch so sehr an der Heimath?

Du lieber Gott, sagte Knnern, ich habe eigentlich nicht viel dort
zurckgelassen, was mich binden knnte. Meine Eltern sind beide todt,
und nach so langer Abwesenheit von daheim darf ich kaum hoffen, da,
auer einem Bruder, der mir dort lebt, meine Freunde _mir_ eben das
warme Herz bewahrt haben, das ich zurckbringe. Man sagt ja sogar, da
das Heimweh nur durch eine Rckkehr in die Heimath so grndlich curirt
werden knne, um nie wiederzukehren. Aber dennoch liegt ein eigener
Zauber ber dem Platze, auf dem einst unsere Wiege gestanden, und ich
wei nicht, ob ich mich je mit dem Gedanken befreunden knnte, selbst
Brasilien zu meinem steten Aufenthalte zu whlen, ehe ich den heimischen
Boden nicht wenigstens noch einmal wiedergesehen htte. Fhlen _Sie
kein_ solches Verlangen?

Ich war noch ein halbes Kind als ich Deutschland verlie, sagte Elise;
kannte ich doch damals Nichts als das Vaterhaus, und da meine Eltern
mit herber kamen, vermite ich kaum Etwas aus dem alten Vaterlande.
Wohl steigt manchmal eine Art von Sehnsucht in mir auf, die Heimath
wieder zu sehen, aber es ist mehr ein unbestimmtes Gefhl, das keinen
festen und gewissen Anhaltspunkt hat, und deshalb auch nicht so mchtig,
um mich lange und ernsthaft in Anspruch zu nehmen.

Aber Sie fhren doch ein recht einsames Leben hier oben.

Ich bin kein anderes gewhnt, sagte Elise, whrend aber doch ein
leichter Seufzer ihre Brust hob; Vater und Mutter sind so gut mit mir,
und Alles, was ich brauche, habe ich im berflu. Was knnte mir die
geruschvolle Welt da unten mehr bieten? Je mehr ich auch davon sehe,
desto weniger gefllt sie mir, und ich habe es dem Vater oft schon im
Stillen gedankt, da er uns hier oben so vollkommen von dem Verkehr mit
der Ansiedelung abgeschlossen.

Aber was _haben_ Sie schon davon gesehen?

Was? O, viel! sagte Elise erstaunt. lrmende, trunkene Menschen, die
gar nicht selten unser Haus passirten, Klagen der Arbeiter im berflu,
und Zank und Streit, Neid und Ha der einzelnen Colonisten, die manchmal
den Vater bitten, zwischen ihnen zu entscheiden, damit sie keinen
Advocaten anzunehmen brauchen. Es ist recht traurig, da die Menschen
nicht in Frieden neben einander leben knnen, und Vater hat gewi ganz
Recht gehabt, da er sich von ihnen zurckgezogen. Wir leben jetzt hier
viel glcklicher in unserer Einsamkeit, wo wir Nichts von all' dem Lrm
und Unfrieden zu hren bekommen -- und doch sehnt sich Mutter hinaus und
zurck in die Welt.

Sind Sie schon lange in Brasilien?

Sieben Jahre mgen es sein -- vielleicht etwas weniger, und damals war
die Colonie da unten ein kaum begonnener Platz, auf dem erst wenige Huser
standen. Erst in den letzten zwei Jahren begannen die Auswanderer hierher
den Weg zu finden -- der Vater sagt, weil ihnen lgenhafte Speculanten
vorgeschwindelt htten, da der Boden hier so auerordentlich fruchtbar
sei -- und jetzt vergeht fast kein Monat, an dem nicht Schiffsladungen
voll von ihnen ankommen.

Das ist auch jetzt wieder der Fall, meinte Knnern, und wir sind
gerade heute heraufgekommen, um das nchstgelegene Land fr neue
Colonisten auszumessen. Sie werden dann wahrscheinlich auch hier oben
eine Menge neuer Nachbarn bekommen.

Dann zieht Vater gewi weg von hier, lachte Elise, denn er hat schon
oft davon gesprochen, so hbsch er den Platz auch mag eingerichtet
haben. Wenn Mutter nicht dagegen gewesen wre, Vater se schon lange
wieder irgendwo mitten im Walde ganz allein.

Aber weshalb scheut er die Menschen so? Haben sie ihm je Etwas zu Leide
gethan?

Ich wei es nicht, sagte Elise treuherzig; er spricht nie darber und
hat sogar -- sie schwieg pltzlich, und ein leichtes Roth frbte ihre
Wangen.

Was hat er? fragte Knnern, weniger aus Interesse an der Frage, als an
der Jungfrau selber, die durch ihre schlichte Einfachheit einen ganz
eigenen Zauber ber ihn auszuben begann.

O Nichts, sagte Elise leise; Vater hat manchmal ganz sonderbare
Einflle, wenn er sich damit nur ihm lstige Menschen abhalten kann.

Und glauben Sie, liebes Frulein, da es ihm unangenehm wre, wenn ich
vielleicht noch einmal herauf kme, ehe ich die Colonie verliee?

Sie wollen schon wieder fort? fragte das junge Mdchen fast
erschreckt, und erschrak doch noch mehr eigentlich ber die Frage
selber.

Mglich ist es, da ich noch mehrere Tage, vielleicht sogar einige
Wochen in der Nachbarschaft bleibe, sagte der junge Mann; es hngt das
von Briefen ab, die ich von Rio erwarte und die vielleicht schon mit
dem nchsten Postdampfer eintreffen knnen. Aber Sie haben mir _meine_
Frage nicht beantwortet.

Welche Frage?

Ob es Ihr Vater ungern sehen wrde, wenn ich herauf kme um -- Abschied
von Ihnen zu nehmen, sagte Knnern, und es war ihm selber ein ganz
eigenes, wehes Gefhl, als er die Worte sprach.

Ob es der _Vater_ ungern sehen wrde, sagte Elise, und ein leises,
fast wehmthiges Lcheln stahl sich ber ihre Zge, wei ich freilich
nicht; _ich_ aber wrde es ganz bestimmt ungern sehen, wenn Sie -- so
bald schon wieder Abschied von uns nehmen wollten.

Knnern wollte ihr Etwas darauf antworten, aber er vermochte es nicht.
Irgend eine leere Redensart pate nicht auf die aus dem Herzen kommenden
Worte des einfachen Mdchens, und htte er ihr so darauf erwiedert,
wie es ihm sein eigen Herz eingab -- das ging nicht -- das war nicht
mglich. Nur ihre Hand ergriff er und sagte endlich mit tiefem Gefhle:

Der Mensch ist noch nicht ganz verloren, bei dessen Ankunft sich Jemand
freut, dessen Abschied Jemanden betrbt. Ich will die Worte so einfach
nehmen, wie sie gesprochen waren, aber sein Sie versichert, mein
Frulein, da sie mir stets eine liebe, liebe Erinnerung bleiben
werden.

Elise sah ihn fast etwas bestrzt an. Hatte sie mehr gesagt, wie sie
eigentlich durfte -- Du lieber Gott, sie war ja fast jedes geselligen
Umganges entwhnt. Wie um sich selber zu entschuldigen, fuhr sie fort:

Wir haben hier so lange jeden gesellschaftlichen Umgang entbehrt, da
man es uns wahrlich nicht verdenken kann, wenn wir uns freuen, die
Einsamkeit, ja de einmal durch einen freundlichen Besuch gestrt zu
sehen.

Ich habe es auch nicht anders verstanden, liebes Frulein, sagte
Knnern mit einem Seufzer, und doch danke ich Ihnen dafr. Aber Ihre
Frau Mutter scheint Sie zu suchen -- und dort hlt auch der Director
schon wieder, mich erwartend, vor der Thr. So rasch ist die Zeit
vergangen, und ich glaubte, da wir erst wenige Minuten im Garten
gewesen wren.

Leben Sie wohl! sagte Elise, ihm freundlich und ohne Rckhalt die Hand
zum Abschied reichend.

Leben Sie wohl, liebes Frulein! sagte der junge Mann, und er war
einen Moment unschlssig, ob er die ihm gereichte Hand an die Lippen
heben solle, aber er bezwang sich, machte ihr eine ehrfurchtsvolle
Verbeugung und verlie rasch den Garten.




6.

Zuhbel's Chagra.


Der Director wandte sein Pferd, als er Knnern auf sich zukommen sah,
und ritt ihm voran die schmale Strae entlang.

Nun, wie hat Ihnen die Familie gefallen? sagte er endlich, als sie
sich weit genug von Haus und Garten befanden, um nicht mehr von dort
gehrt zu werden; nicht wahr, die Tochter ist nicht so bel?

Nein, ein ganz hbsches Mdchen, sagte Knnern und schmte sich fast
vor sich selber dabei, des profanen Urtheils wegen, denn es schien ihm
eine ordentliche Entweihung dieses schlichten, unschuldvollen Herzens.
Glcklicher Weise verhinderte aber der enge Weg hier eine lngere
Unterhaltung. Eine Viertelstunde spter zeigte ihm der Director das
Thal, dem er folgen knne, um einmal den Wald und die Nachbarschaft ein
Wenig kennen zu lernen, bezeichnete ihm den Platz, wo er sein Pferd
einstellen solle, warnte ihn noch einmal vor einem zu langen Streifzuge,
damit er sich nicht doch etwa in den Bergen verirre, und setzte dann
seinen eigenen Weg fort, Knnern sich selber berlassend.

Der junge Mann athmete tief auf, als er sich endlich allein im Walde
sah; er fhlte das Bedrfni, seinen Gedanken ungestrt nachhngen zu
knnen, und ein so eifriger Jger er sonst auch sein mochte, heute
verga er fast, weshalb er in den Wald gekommen, und lie seinem Pferde
willenlos den Zgel, einen Fupfad zu verfolgen, der in dem Thale
hinauflief. Dort oben sollte er noch eine Chagra, die letzte, erreichen,
wo er sein Pferd lassen und die Jagd dann zu Fue fortsetzen konnte,
denn im Sattel lie sich in diesen Wldern eben gar Nichts ausrichten.

Und was hatte ihm denn nur auf einmal so Kopf und Herz befangen, was
durchglhte ihn pltzlich mit einem nie gekannten, kaum geahnten Gefhl?
Der Anblick, das Zusammensein mit diesem einfachen, schlichten Kinde
des Waldes? Knnern schttelte selber ber die tolle Idee den Kopf und
suchte ein paar Mal sogar gewaltsam das holde Bild aus seiner Erinnerung
zu bannen; aber es ging eben nicht. -- Wenn er hinaus in den Wald horchte,
hrte er die melodischen Laute ihrer Stimme, wenn er nach irgend einem
mglichen Wild umherlugte, sah er das schelmische Lcheln der Jungfrau
hinter jedem Busch und Strauch, als sie ihn fragte, ob er die Blumen
liebe, und aus jedem perlenden Thautropfen schauten ihm die treuen Augen
Elisens entgegen.

Mit einem Worte, er war bis ber die Ohren verliebt, und da er sich das
zuletzt selber nicht einmal mehr verbergen konnte, rgerte ihn am
Allermeisten.

Es ist reiner Wahnsinn, philosophirte er vor sich hin, reiner,
blanker Wahnsinn, da ich da hinein reite, einer jungen Brnette in die
Augen schaue und darber auf einmal den Verstand verloren haben soll!
Der mu mir jedenfalls schon frher abhanden gekommen sein -- oben in
Costa Rica vielleicht, oder am Mississippi, oder irgendwo anders sonst
-- der Teufel wei es! Aber zum Kuckuck auch! Ich will doch einmal
sehen, ob ich nicht Gewalt ber mich habe, mir ein Mdchenbild aus
dem Kopf zu schlagen, und _wenn's_ eine Brnette mit den schnsten
Reh-Augen der Welt wre -- und das ist sie nicht einmal -- die Nase
steht ihr ein klein Bichen schief -- ein ganz klein Bichen nur, aber
sie steht doch schief, und ist fr eine wirkliche Schnheit viel zu
stumpf, und das Kinn mte nothwendig ein wenig lnger sein -- auerdem
hat sie nicht einmal ein Grbchen darin, und ich schwrme fr Grbchen
im Kinn.

Und wie er sich die Fehler der Geliebten so gewaltsam vormalte, schauten
ber Nase und Kinn immer nur wieder jene Augen fest und tief in die
seinigen; in dem Rauschen der Palmen hrte er die leise flsternden
Worte, wie sie ihm sagte: Ich aber wrde es ganz bestimmt ungern sehen,
wenn Sie sobald schon wieder Abschied von uns nehmen wollten, und
jeder wehende Zweig schien ihm zuzuwinken und zu rufen: Zurck! Zurck
-- hinter Dir liegt das Glck, das Du verlassen hast, hinter Dir! Und was
treibst Du Dich da noch lnger so einsam und allein in der weiten, den
Welt umher?

Er griff auch ein paar Mal wirklich seinem Pferde in die Zgel, als ob
er dieser wunderlichen Stimme, die ihn drngte und trieb, folgen wolle,
aber es war das immer nur ein Moment. Im nchsten warf er trotzig den
Kopf zurck und bi die Zhne auf einander. Aber die Traumbilder lieen
ihm doch keine Ruhe, und er kam erst eigentlich ordentlich wieder zu
sich selber, als er das ihm von dem Director bezeichnete Haus erreichte,
das an der Grnze der Ansiedelung stand und wo er sein Pferd lassen
wollte, um seine eigentliche Jagd zu beginnen.

Der Eigenthmer war allerdings gerade nicht zu Hause, sondern im Walde
drauen, um Stmme fr eine neue Scheune zu schlagen, das schadete
aber Nichts; die Frau ffnete ihm den kleinen Pasto, wo er sein Thier
indessen frei weiden lassen konnte, und mit seiner Bchsflinte auf der
Schulter schritt er gerade in den Wald hinein, um sein Jagdglck, allen
Gedanken und Trumen zum Trotz, in vollem Ernste zu versuchen.

Es giebt auch wirklich in der ganzen Welt kein besseres Mittel, um sich
lstig werdender Gedanken zu entschlagen, als zu Fu in einem tropischen
Walde spazieren zu gehen. Im Sattel sucht sich das Pferd schon selber
seinen Pfad, weicht Hindernissen aus oder berwindet sie, und trgt den
Reiter seine Bahn entlang; ja, ein solcher einsamer Ritt ist eigentlich
zum Brten und Grbeln wie gemacht, und whrend sich der Krper ruhig
und endlich selbst theilnahmlos der Fhrung des Pferdes berlt, haben
Geist und Phantasie vollen Raum, in das Wilde hinaus zu schweifen, und
machen denn auch bei jeder passenden Gelegenheit Gebrauch davon.

Anders und sehr verschieden ist das freilich, wenn man selber in den
Gebschen steckt, wenn sich jeder Fehltritt durch ein prosaisches
Stolpern straft und Dornen und Schlingpflanzen bald hier, bald da den
Weg versperren. In solchem Falle ist's mit dem Grbeln unbedingt vorbei,
und kein anderer Gedanke, als der, sich die Bahn frei zu halten, kann
aufkommen.

Das Mittel half auch bei Knnern. Wie er nur erst einmal die letzte
Umzunung der Colonie hinter sich hatte und in den wirklichen Wald
eintauchte, wobei er noch auerdem genthigt war, sich genau die
eingeschlagene Richtung zu merken, gewann der Wald um ihn her wieder
seinen wirklichen Charakter, und ordentlich in der Wildni drin erwachte
auch die alte Leidenschaft zur Jagd in ihm, und lie ihn mit dem ersten
besten Pfade, auf den er den Fu setzte, auch nach Fhrten oder Spuren
wilder Thiere suchen.

Es ist auerdem schon an und fr sich ein ganz eigenthmliches,
wunderbares Gefhl, in einem fremden, unbekannten Walde mit der Bchse
im Arm dahin zu schreiten, und man mu eigentlich selber Jger sein, um
das recht mitempfinden oder auch nur begreifen zu knnen. Jeder Laut ist
fremd, selbst das Rauschen der Bltter klingt dem Ohre ungewohnt, und
noch dazu in einem tropischen Walde lenkt berall eines der sich stets
bewegenden riesigen Bltter das Auge des Jgers bald da, bald dorthin
und hlt ihn anfnglich in fast fieberhafter Spannung.

Hier und da raschelt auch einmal das Laub -- ein drrer Ast knickt,
ein Waldhuhn streicht dicht vor den Fen des Jgers mit fremdartigem
Gerusch empor und verschwindet, ehe er sich zum Schusse sammeln konnte,
wieder in den Bschen, und irgend eine unbekannte Fhrte fesselt
pltzlich seinen Blick und lockt ihn, weit von seiner Richtung ab,
lange, lange Strecken in den Wald hinein.

So streifte auch Knnern heute durch die Wildni, die er freilich mit
greren Erwartungen fr die Jagd betreten hatte. Er fand wohl einmal
eine Stelle, wo ein Rudel Sauen den Grund aufgebrochen hatte, er sah die
Fhrten einer kleinen Rothwildart und einmal sogar die eines Panthers
oder einer Tigerkatze, aber zum Schusse bekam er Nichts als ein paar
Waldhhner, die er aus dem Gebsche herausstrte und im Fluge mit dem
Schrotlauf scho. Das war Alles, und als er am Stand der Sonne sah, da
er nicht viel Zeit mehr zu versumen hatte, trat er den Rckweg an und
erreichte etwa eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang das Haus jenes
Ansiedlers, wo sein Pferd stand.

Der Mann war jetzt zu Hause und empfing den Fremden auf das Gastlichste,
wie es berhaupt in den Ansiedelungen Sitte ist, lachte auch gerade
hinaus, als Knnern erklrte, da er heute Abend noch nach der Colonie
zurck wolle.

Mein lieber Freund, sagte er, das ist reine Thorheit, und Sie
verstehen es eben nicht besser. Bis Sie Ihr Pferd gesattelt haben und
aus der Rodung hinaus sind, ist die Sonne unter und die Welt damit auch
gleich stockdunkel, und nachher sollten Sie einmal sehen, wie Sie auf
dem Hundewege mit Ihrem Pferde stecken blieben und strzten, vielleicht
obendrein noch Hals und Beine brchen. Fortreiten im Dunkeln? Denken Sie
gar nicht daran, und auerdem lasse ich Sie nicht fort, wenn Sie auch
wirklich wollten. Glauben Sie denn, da uns die Fremden hier so dick
zugeschneit kmen, da wir einen, den wir einmal eingefangen, gleich
wieder fliegen lieen? Gott bewahre -- heute Abend wollen wir uns was
erzhlen, Sie von drauen, ich von drinnen, und da sollen Sie einmal
sehen, wie rasch die Zeit verfliegt.

Er lie auch wirklich gar keine Einwendungen gelten, und da sich Knnern
viel eher in der Stimmung fhlte, den Abend bei ganz fremden Leuten
zuzubringen, als unter Freunden zu verplaudern, so bedurfte es keines
langen Zuredens seines freundlichen Wirthes, ihn zu bestimmen dessen
Wunsch zu gewhren.

Whrend Knnern unter einem mchtigen Orangenbaume sa und einige der
um ihn her den Boden bedeckenden Frchte verzehrte, erzhlte ihm der
Deutsche den grten Theil seiner Lebensgeschichte. Er hie Heinrich
Zuhbel, hatte frher einen Handel in Rio Grande gehabt und mit einem
Krmerkarren verschiedene Streiftouren nach Uruguay hinein gemacht, wo
er eine Menge Geld verdient haben mute. In San Leopoldo, wohin er auch
einmal gekommen war, um seine Waaren an den Mann zu bringen, brachte er
sich dann selber an. Er verliebte sich nmlich -- oder besser gesagt,
seine jetzige Frau verliebte sich eigentlich in ihn -- die Eltern hatten
Nichts dagegen, und er verkaufte seine ganzen Habseligkeiten an einen
frisch eingewanderten Juden, bernahm die Colonie seines Schwiegervaters
und wirthschaftete darauf, bis ihm der Nachbarn zu viele wurden. Damals
wurde die jetzige Colonie Santa Clara, wenn auch nicht begrndet, denn
sie bestand schon lngere Zeit, aber frisch in Angriff genommen, und
Zuhbel beschlo, hieher berzusiedeln. berhaupt an Herumziehen in der
Welt gewhnt, wurde ihm das auch nicht schwer, und er hatte sich jetzt
mit Flei und Ausdauer ein ganz hbsches Besitzthum gegrndet und lebte,
wie er meinte, gerade weit genug von der Colonie entfernt, um sich Vieh
halten zu knnen und nicht jeden Augenblick rger mit den Nachbarn zu
haben. Die Kinder konnte er freilich von hier aus nicht in die Schule
schicken, denn das war zu weit und die Schule taugte auch Nichts;
deshalb unterrichteten er und die Frau sie selber, und der Landsmann
sollte sich nachher einmal berzeugen, was sie schon Alles knnten.

Der Mann plauderte so in einer Schnur fort, und erzhlte dem Fremden
eine von den tausend Geschichten, die der Wanderer durch solche
Lnder fast in jeder Htte zu hren bekommt und als eine der vielen
Reiseunannehmlichkeiten eben hinnehmen mu: eine Lebensgeschichte ohne
das geringste Interessante, ein alltglicher Lebenslauf in den Colonien,
voll Arbeit, und Glck und Migeschick, bunt und ohne Zweck oder Ziel
durch einander gemischt.

Der Mann hier schien aber trotzdem keiner der gewhnlichen Bauern
zu sein, wie auch sein frherer Erwerb bewies; er war eine Art von
verdorbenem Genie, der ein Bichen von Allem oberflchlich gelernt
hatte, das Wenige aber nach Krften zur Geltung zu bringen suchte, wo
sich ihm irgend Gelegenheit dazu bot.

Als sich die Sonne endlich hinter die Bume senkte, lud er seinen Gast
ein, in's Haus zu kommen, da der Thau schon zu fallen begann. Dort fand
Knnern die Frau emsig beschftigt den Tisch zu decken, und ein junges,
bildhbsches Mdchen von vielleicht dreizehn Jahren, aber schon hoch
aufgeschossen, half ihr dabei.

Die Frau trug nicht die deutsche Bauerntracht, sondern mehr eine
Kleidung, wie sie bei Handwerkerfrauen auf dem Lande Sitte ist: ein
blaugeblmtes, dunkles Kattunkleid, eine weie Schrze und -- jedenfalls
dem Gaste zu Ehren -- ein gelb und roth carrirtes Seidentuch um den Hals
geknpft. Sie mute auch einmal recht hbsch gewesen sein, denn die
Spuren lieen sich selbst jetzt noch erkennen, aber harte Arbeit und
eine heie Sonne reiben den Krper auf und machen ihn rasch verblhen.
Sie grte schchtern und verlie mit ihrer Tochter das Zimmer, sobald
es Knnern betrat. Aber auch sein Wirth hatte noch drauen zu thun.

Setzen Sie sich und machen Sie es sich bequem, sagte er zu seinem
Gaste, als er diesen in die Stube gefhrt hatte; ich bin gleich wieder
da, ich will Ihnen nur Etwas von meinen Fabrikaten holen.

Damit verlie er ebenfalls das Zimmer und lie dem jungen Deutschen
vollkommen Zeit, sich diese Heimath eines deutsch-brasilianischen
Pflanzers mit Mue zu betrachten -- und wahrlich, es schien ein
wunderlicher Platz!

Das groe, gerumige Zimmer mit weien Kalkwnden nahm den ganzen
vordern Theil des Hauses ein. Die Mbel bestanden groentheils aus
einfachem weien Holze. Nur ein, mglicherweise aus Deutschland
mitgebrachter runder Tisch in der Ecke war aus Mahagoni; eben so ein
Stuhl, der aber nur noch drei Beine hatte und mehr zum Staate als zum
wirklichen Dienste wie in Gedanken in der Ecke lehnte.

An der einen Wand stand ein Fortepiano aus Nubaumholz; daneben aber ein
angebrochener Mehlsack, aus dem wahrscheinlich der tgliche Bedarf fr
das Haus genommen wurde; auf dem Clavier lag ein krzlich abgenommener
Pferdezaum, denn das Gebi war noch feucht, und in der Ecke am Fenster
ein alter, zerrissener Sattel, neben dem wiederum zwei Fsser mit Bohnen
und Erbsen standen. Auf den Mahagonitisch war auerdem als Decke das
etwas defecte Umschlagetuch der Frau gebreitet; die Zipfel desselben
reichten aber nicht weit genug herunter, um ein Paar Halbstiefel und
einige noch nicht gereinigte Frauenschuhe zu verbergen. Ein Paar
abgeworfene Hosentrger lagen auf dem Umschlagetuche.

Die Familie schien auer dem Clavier aber auch sonst noch entschieden
musikalisch zu sein, denn ber demselben, neben einer gewhnlichen
Handwage und einem lange nicht abgestaubten Rocke, hingen noch zwei
Guitarren und eine Violine -- alle drei in etwas desolaten Umstnden.
-- Sonst aber sah es reinlich in dem Zimmer aus; die Dielen waren frisch
gescheuert und an dem einen Fenster sogar ein schwacher Versuch zu einer
Gardine gemacht.

Knnern lehnte seine Bchsflinte in die Ecke neben den Mehlsack und
hatte gerade Zeit genug gehabt, sich in dem Zimmer ein klein wenig
umzusehen, als sein Wirth mit einer Flasche Wein und ein paar Glsern
zurckkehrte.

Nun sollen Sie auch einmal eine Flasche Santa Clara Ausbruch versuchen,
ein capitales Weinchen, sagte er dabei, indem er die Flasche auf den
Tisch stellte und entkorkte, selbst gezogen -- delicat -- noch ein
Bichen jung vielleicht, aber famos -- _die_ Blume!

Der Wein hatte eine Rosafarbe; als ihn Knnern aber kostete, lachte er
gerade hinaus und rief:

Sie haben sich mit der Flasche vergriffen; das ist Himbeeressig!

Himbeeressig? sagte Herr Zuhbel erstaunt, indem er vorsichtig von
seinem Glase kostete -- ich habe ja gar keinen -- bitte um Verzeihung,
das ist mein Ausbruch. Er _ist_ ein Bichen suerlich, weil bei uns die
Beeren so ungleich reifen, aber ich gebe Ihnen mein Wort, wenn man sich
erst einmal an _den_ Wein gewhnt hat, schmeckt Einem der beste
Markobrunner nicht mehr.

Das glaube ich auch, sagte Knnern, der einen zweiten Versuch machte,
das Glas aber dann kopfschttelnd wieder auf den Tisch setzte -- ich
bin brigens kein Weinkenner, lieber Herr, und trinke nur Wasser. Jeder
Wein steigt mir augenblicklich zu Kopfe.

Der nicht, rief Zuhbel in Eifer, der wahrhaftig nicht, und wenn Sie
drei Flaschen davon trnken! (Knnern zogen sich schon bei dem Gedanken
an eine solche Mglichkeit die Eingeweide zusammen und alle Zhne wurden
ihm stumpf.) brigens knnen Sie auch Milch bekommen, meine Weiberleute
trinken auch gewhnlich Milch, und da kommen sie schon mit dem Essen.
Nun langen Sie tchtig zu, denn Sie werden nach dem heutigen Marsch
Hunger bekommen haben.

Die Frau brachte in der That herein, was das Haus bot, delicates Brod,
frische Butter, guten Kse, Milch und Eier, Alles reichlich und mit
grter Reinlichkeit aufgetischt; aber sie sprach kein Wort, wenn nicht
eine Frage direct an sie gerichtet wurde. Auch das junge Mdchen hielt
sich scheu zurck und wagte nicht einmal ordentlich an den Tisch hinan
zu rcken, an den sie weit hinberlangen mute. Zuhbel fhrte allein das
Wort und erzhlte ununterbrochen von seinem Leben hier zwischen den
Brasilischen, von seinen Arbeiten und Erfolgen, wie er den Leuten hier
erst habe zeigen mssen was Ackerbau sei, wie er seine Felder einrichte
und bewirthschafte, was er ziehe und mglich gemacht habe, und wie er
es eigentlich gewesen sei, der in die Ansiedelung unten ein wenig
Ordnung gebracht habe.

Mit dem Director ist es Nichts, fuhr er fort -- gar Nichts, das
ist ein Grobian, wie er im Buche steht, aufgeblasen und stolz -- ja,
Dickethun ist mein Reichthum, das pat auf den. Will Alles besser
wissen, und hat nicht die geringste Lebensart. Da ist der Delegado ein
anderer Mann -- der wei, was Hflichkeit ist und was unser Einer
versteht, und giebt sich mit dem gemeinen Manne ab, da es eine Lust
ist.

Dann kam er auf die Frau Grfin zu sprechen, die ihn einmal mein lieber
Herr Zuhbel genannt hatte und von der er entzckt schien. Das war eine
Dame, wie sie eigentlich sein sollte, wirklich vornehm und doch so
gemein als mglich.

Knnern ermdete das Gesprch. Er hatte schon lange herausgemerkt, da
sein freundlicher Wirth zu den Menschen gehrte, die ihren Nachbar nur
danach beurtheilen, wie sie selber von ihm behandelt sind, und den aus
Grundsatz hassen, der klger oder fleiiger ist als sie, oder wenigstens
von seiner Arbeit mehr Erfolg gehabt hat. Leider giebt es solcher Leute
ja genug in _allen_ Stnden, und man braucht eben nicht nach Brasilien
zu gehen, um mit ihnen zusammenzutreffen. Zuhbel dagegen, der ebenfalls
gefunden, da sein Gast ein Fremder sei, und der hier drauen viel zu
selten Gelegenheit bekam, seine Lichtseiten zu entwickeln, nahm jetzt
die Ansiedler Einen nach dem Andern durch, um, wie er meinte, dem neuen
Einwanderer gleich einen richtigen berblick ber die Verhltnisse zu
gestatten.

Indessen war es vollkommen Nacht geworden, als drauen der Hufschlag
eines Pferdes laut wurde und gleich darauf ein junger, krftiger Bursche
von etwa siebenzehn Jahren in's Zimmer trat. Es war Zuhbel's Sohn, der
den Fremden freundlich grte und dann, ohne von seiner Familie auch
nur die geringste Notiz zu nehmen, sich zum Tische setzte und die noch
brigen Speisen verzehrte. Er leerte sogar ein Glas von dem Wein, ohne
eine Miene dabei zu verziehen.

Whrend er a, sa Zuhbel wie auf Kohlen; er rckte auf seinem Stuhle
hin und her und sah immer nach seinem Sohne hinber, und als dieser kaum
den letzten Bissen im Munde hatte und seinen Teller zurckschob, stand
er auf, rieb sich die Hnde und sagte:

So, jetzt kann's losgehen -- jetzt sollen Sie einmal sehen, da wir
hier im brasilianischen Walde nicht blo lauter Bauern und Holzhacker
sind, sondern da wir auch in der Kunst Etwas leisten. Bist Du fertig,
Junge?

Ja, Vater, sagte der Sohn, stand auf, wischte sich den Mund,
nahm einen kleinen Zusammenlegekamm aus der Tasche, um seine Frisur
oberflchlich in Ordnung zu bringen, und griff dann ohne Weiteres nach
der ber dem Claviere hangenden Violine, die er zu stimmen und herauf
und herunter zu schrauben begann. Es dauerte eine geraume Zeit, bis er
damit fertig wurde; der alte Zuhbel hatte indessen das Clavier geffnet
und sich daran gesetzt.

Spielen Sie? fragte er Knnern. Dieser verneinte. Das mssen Sie noch
lernen, fuhr Zuhbel fort, indem er einen falschen Accord griff; es ist
etwas gar Schnes fr einen Colonisten, wenn er sich Abends nach der
Arbeit die Zeit ein wenig mit Musik vertreiben kann -- na, hast Du's
bald? wandte er sich an seinen Sohn.

Jetzt kommt's, sagte dieser, indem er einen Ton auf dem Clavier anschlug
und seine Stimmung damit verglich. Es stimmte so ziemlich -- hchstens
um einen halben Ton Unterschied, was zu unbedeutend war, deshalb noch
einmal alle Saiten abzuschrauben. Ein Strich ber die Violine war das
Zeichen, und ohne weitere Verabredung, als ob gar keine andere Melodie
mglich sei, fielen Beide in die Fra Diavolo'sche Romanze: Erblickt auf
Felseshhen, ein und kratzten und hmmerten dieselbe richtig durch, der
Vater natrlich nur den Ba schlagend, wobei es nicht darauf ankam, ob
er manchmal um zwei oder drei Zoll daneben griff.

Dann kam ein schwermthiges Lied. Von der Alpe tnt das Horn, dann
Die Fahrt in's Heu mit allen Versen. Den Schlu bildete aber das
Schrecklichste von Allem, ein Choral; denn whrend es bei den frheren
Liedern ber die Mitne rasch hinwegging, wurden sie hier lang und
feierlich ausgehalten, und Knnern als Schlachtopfer sa in der einen
Ecke und rauchte eine schlechte Cigarre, die wie der Wein eigenes
Fabricat des Tausendknstlers war.

Aber auch das ging vorber; das Concert war beendet, die Violine hing
wieder an der Wand und das Clavier wurde geschlossen -- der erste
angenehme Ton, den es heute von sich gab.

Es sind nur drei Instrumente in der ganzen Colonie, sagte Zuhbel mit
Stolz, indem er den alten Klapperkasten freundlich auf den Rcken
klopfte, als ob es ein Pferd gewesen wre; eins hat die Frau Grfin,
ein wahres Prachtstck; die junge Grfin hat mir einmal selber Etwas
darauf vorgespielt -- die spielt, und _das_ ist ein Mdel -- zum
'neinbeien, sage ich Ihnen. Sie kennen sie aber gewi schon?

Ich habe sie nur einmal im Vorbeireiten gesehen.

Reiten kann sie wie der helle Teufel -- und das dritte hat der Meier
-- der Einsiedler, wie sie ihn unten nennen; aber ob darauf gespielt
wird, kann man nicht erfahren, denn er liegt wie ein Kettenhund vor
seiner eigenen Thr und lt Niemanden hinein -- das ist ein schrecklicher
Mensch!

Er macht sich nicht viel aus Gesellschaft, sagte Knnern gleichgltig.

Haben Sie das auch schon gemerkt? lachte Zuhbel; ja, der lt Alle
abfahren, wer sie auch sein mgen, aber -- es hat seinen Grund.

Er mag etwas menschenscheu sein; lieber Gott, Jeder von uns hat seine
Schwachheiten! sagte Knnern und dachte an das Concert.

Schwachheiten? fragte Zuhbel geheimnivoll -- bei dem ist's mehr,
darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Dahinter steckt Etwas. -- Mit dem
ist's nicht richtig, und da der -- ich mag keinem Menschen etwas Bses
nachsagen -- aber da der _wenigstens_ einen Mord auf dem Gewissen hat,
darauf knnen Sie Gift nehmen. -- Denken Sie denn, da der Jemandem
gerade in's Gesicht sehen kann? Gott bewahre, eine blaue Brille setzt
er auf, hinter der man nie wei ob er schlft oder zuhrt, wenn man ihm
'was sagt, und da er ein einziges Mal seine Nachbarn besucht htte, so
lange er hier in der Gegend wohnt -- ist ihm noch gar nicht
eingefallen.

Ja, aber mein lieber Herr Zuhbel, sagte Knnern, nicht alle Menschen
haben eben Freude an Gesellschaft!

Ach was, rief der Mann, der ist keines Menschen Freund, wie sein
eigener, und ich wei nicht einmal, ob er sich selber 'was aus sich
macht. Nein, bleiben Sie mir mit dem Herrn Meier vom Leibe, und mit
seiner ganzen Familie, der alten, knuffnsigen Frau, die Einen immer
ansieht als ob sie Einen beien wollte -- lieber Gott, ich thu' ihr
Nichts! -- und dem bleichschtigen Ding von Mdchen. Und mit seinem
Reichthum soll's auch nicht so weit her sein -- mich kauft er nicht aus,
so viel wei ich, und _mein_ Land gbe ich nicht fr ein Dutzend solcher
Chagra's hin, wie er eine hat.

Der Mann war im Zuge und lie Knnern nur in so fern Ruhe, da er nicht
von ihm verlangte, ebenfalls zu reden. Er hechelte die Colonie wieder
von oben bis unten durch, und das Resultat blieb, da er der Einzige
von Allen sei, der wirklich Etwas vom Ackerbau verstehe und eine
Musterwirthschaft eingerichtet habe, auf der er den Colonisten einmal
zeigen wolle was man aus dem Lande machen knne, wenn man es eben
richtig angriffe. Knnern war froh, als er sich endlich mit der spten
Stunde, und Mdigkeit vorschtzend, entschuldigen konnte, um sein Lager
zu suchen.

Auch hier war Alles fr ihn durch die Frauen auf das Sauberste
hergerichtet, und in einer der oberen Kammern fand er ein, wenn auch ein
wenig hartes, doch frisch berzogenes Bett, mit Waschzeug, Handtuch und
frischem Wasser, und auerdem noch einen Teller mit Maniokmehl und einen
Korb voll Orangen, die bei dem brasilianischen Landmanne einen nicht
unbedeutenden Theil seiner Nahrung bilden.

Die Frau leuchtete ihm hinauf. Sie sprach kein Wort dabei, setzte ihm
das Licht in die Stube und sah sich dann noch einmal um, ob auch Alles
in Ordnung sei. Dann ging sie wieder eben so schweigend zur Thr
zurck, drehte sich noch einmal um, sah Knnern ruhig an und sagte:

Glauben Sie kein Wort von dem, was _er_ Ihnen sagt. Es ist Alles nicht
wahr. Gute Nacht, schlafen Sie wohl! und damit verschwand sie drauen
in dem dunklen Gange.

Knnern lachte still vor sich hin, aber er war durch das furchtbare
Schwatzen seines Wirthes so geistig mde geworden, da er an dem Abend
nicht einmal mehr denken konnte. So suchte er denn sein Lager und hatte
sich kaum darauf ausgestreckt, als er auch in einen tiefen Schlaf fiel
und erst am hellen Morgen neu gestrkt erwachte.

Nun wollte er jetzt allerdings gleich zur Ansiedlung zurckkehren, weil
er frchtete, da der Director vielleicht seinetwegen in Sorge sein
knne; aber Zuhbel lie ihn nicht. Erst mute er frhstcken und dann
seine Felder besehen, ohne das kam er nicht los.

Knnern war nun Nichts weniger als konom, und verstand nicht das
Geringste von der Landwirthschaft, das schadete aber Nichts; Zuhbel
schleppte seinen Gast mit einem wahren Feuereifer ber geackerte und
ungeackerte Felder, und zeigte ihm, was er _hier_ bauen wollte, und was
er _da_ gebaut hatte, wie jener Graben dort und dieser da gezogen sei,
und wie alt der oder jener Pfirsichbaum wre, und wo er die jungen
Stmme herbekommen habe -- Dinge, die den jungen Maler auch nicht im
Geringsten interessirten. Endlich hatten sie Alles gesehen, keine
Hecken-Anpflanzung von Quittenbumen, kein Reis- oder Maisfeld war mehr
brig, und der Fremde durfte endlich den Wunsch ansprechen, sein Pferd
zu satteln. Das aber besorgte ihm der junge Zuhbel, der zum zweiten
Frhstcke aus dem Felde hereingekommen war, und Knnern athmete hoch
auf, als er endlich wieder auf dem schmalen Pfade, das Thal hinab, der
Ansiedelung zutraben konnte.

Und dennoch schlug er nicht den nchsten Weg dorthin ein, sondern lenkte
links ab, an Meier's Chagra vorber, und weshalb? Er hatte anfangs ein
unbestimmtes Gefhl, als ob er die beiden geschossenen Waldhhner, die
an seinem Sattelknopfe hingen, Elise bringen wolle -- aber das ging
nicht. Er durfte dem alten Manne nicht lstig fallen -- nicht _jetzt_
schon wieder sein Haus betreten -- und doch, mit wie schwerem Herzen
ritt er an der dichten Hecke vorber, die Alles umschlossen hielt, was
seinem Herzen lieb und theuer war. -- Vergebens suchte er auch nur einen
Blick in die Umzunung zu gewinnen; der alte Meier hatte schon dafr
gesorgt, da kein neugieriges Auge in sein Heiligthum dringen knne, und
tief aufseufzend lie er seinem Pferde endlich wieder den Zgel, um den
Weg zu verfolgen, der ihn hinunter nach Santa Clara brachte.

Noch hatte er aber das Ende der Umzunung nicht erreicht, als er
pltzlich Musik zu hren glaubte. Er griff seinem Thiere rasch in den
Zgel und lauschte. Richtig -- im Garten selber hrte er die melodischen
Tne einer Zither. Eine Weile horchte er, aber er war hier noch zu weit
entfernt, um die Melodie deutlich zu unterscheiden; nur die einzelnen,
hheren Tne drangen zu ihm herber, und ehe er noch zu einem rechten
Entschlu gekommen, was zu thun, war er schon abgestiegen und hatte sein
Pferd am Zgel.

Ein Weg fhrte dort allerdings nicht hinein, aber die Bsche waren
doch nicht so dicht, da er nicht hindurch gekonnt htte, und einen
Augenblick stand er unschlssig, ob er das Pferd hier drauen am Wege
anbinden solle. Aber vom Hause aus konnte Jemand daher kommen und ihn
beim Horchen ertappen -- besser, er nahm es mit, und es vorsichtig
fhrend, nherte er sich mehr und mehr dem Spielenden, bis endlich ganz
deutlich und gar nicht weit entfernt das Lied zu ihm herbertnte.

Hier aber hemmte eine hohe und vollkommen dichte Hecke jedes weitere
Vordringen; zu nahe durfte er berhaupt nicht hinan, da ihn der Schritt
des Pferdes nicht verrieth -- er blieb stehen und lauschte der Melodie,
die eine Meisterhand aus den Saiten lockte -- aber wer spielte hier? Der
alte Meier selber vielleicht? Der Director hatte ihm schon gesagt, da
er sehr musikalisch sei. Es war eine jener schwermthigen deutschen
Volksweisen, an denen wir so reich sind, und ein tiefes inniges Gefhl
schien die Saiten zu beleben.

Jetzt war das Lied beendet und Alles ruhig -- hatte sich der Spieler
wieder entfernt? Es war so still geworden, da er sich ordentlich
frchtete den Platz zu verlassen, weil ihn das durch das Pferd
verursachte Gerusch verrathen mute.

Da pltzlich wurden wieder einzelne Accorde angeschlagen, erst leise und
wehmthig, dann in eine mehr heitere Weise bergehend. Zwei oder drei
der kleinen allerliebsten steyrischen Lndler folgten, dann pltzlich in
eine andere Tonart berspringend, intonirte der Spieler eine dem Zuhrer
fremde Melodie, und jetzt -- das Herz schlug ihm auf einmal wie ein
Hammer in der Brust, begann eine glockenreine Mdchenstimme ein kleines
Lied, von dem er deutlich jede Silbe verstehen konnte.

    Die Herzen wachsen alle dort
  Im blauen Himmelsfeld,
  Und immer zwei beisammen, eng,
  Die eine Schale hlt.

    Vielliebchen gleich, so keimen sie
  Je zwei und zwei selband,
  Und sind sie reif, nimmt sie der Herr
  Und streut sie ber's Land.

    Eins pflanzt er einem Jngling ein,
  Das and're einer Maid,
  Und spricht: Mein Segen ruht auf Euch,
  Wenn Ihr vereinigt seid.

    Die beiden Hlften suchen nun
  Sich in der Welt daher,
  Und selig, wer sein halbes find't,
  O dreimal selig der!

    Das halbe Herz, Du lieber Gott,
  Kann doch auch halb nur schlagen --
  Wer _meine_ and're Hlfte hat,
  Ich wollt', er tht mir's sagen.

Knnern lauschte dem Liede mit glhenden Wangen, kaum aber war es
beendet, als er -- er wute kaum was er that -- die beiden geschossenen
Waldhhner vom Sattelknopfe nahm und mit keckem Wurf ber die Hecke
hinweg in den Garten schleuderte.

Er hrte noch drinnen einen leisen Aufschrei, aber weiter Nichts, in
wilder Flucht trieb er sein Pferd wieder durch den Busch zurck auf den
Weg, sprang in den Sattel, und jagte mit einem ganzen Sturm tobender
Gefhle im Herzen in die Ansiedelung zurck.




7.

Die neuen Colonisten.


Der scharfe Ritt that dem wilden Reiter wohl, und weil er der
Unsicherheit des Weges halber sein Thier fest im Zgel halten mute,
sammelten sich seine Gedanken auch wieder mehr auf seine uere
Umgebung.

An der Grnze des Stdtchens schon fiel ihm das rege Leben auf, das er
hier traf und das er gestern und vorgestern lange nicht so gefunden.
Eine Menge von fremden, abenteuerlichen Gestalten, die meisten mit
Gewehren auf dem Rcken, als ob sie sich zu einem Kriegszuge gerstet
htten, liefen hin und wieder, und als er sich des Directors Hause
nherte, fand er dieses von einem ganzen Menschenschwarm ordentlich
belagert.

Glcklicher Weise traf er einen der Hausleute, der ihm sein Pferd
abnehmen konnte, und dieser theilte ihm auch die Neuigkeit mit, da das
Auswandererschiff angekommen sei.

Mit Mhe arbeitete er sich durch das Gedrnge im untern Theile des
Hauses, denn die Leute schienen der Meinung zu sein, da jeder von ihnen
sein Haus und Feld schon fertig vorfnde, und sie Alle wollten sich
jetzt nur beim Director erkundigen, wo es lge, damit sie gleich
einziehen knnten.

Den Director fand er oben in einer ganz verzweifelten Stimmung, wie er
sich gerade mit einem etwas zu frechen Burschen herumzankte und im
Begriffe stand, diesen eigenhndig die Treppe hinunter zu werfen.
Knnern behielt noch eben Zeit, dem Hinunterpolternden auszuweichen.

Da haben wir's! rief ihm der Director schon oben entgegen. Jetzt sind
sie da und Nichts fertig -- Nichts in Ordnung, da man sich auch noch
von den Flegeln im eigenen Hause mu Grobheiten sagen lassen!

Nun, die Strafe folgte wenigstens auf dem Fue, lachte Knnern.

Da soll einem Andern die Galle nicht berlaufen! Ich htte mich an dem
Lump eigentlich nicht vergreifen sollen, aber, bei Gott im Himmel, sie
treiben's zu arg! Er nannte mich geradezu einen Ochsen, und da
gebrauchte ich mein Hausrecht!

Recht ist ihm geschehen, sagte Knnern; aber was nun? -- Wo wollen
Sie mit der ganzen Gesellschaft hin?

Sie knnen mir dabei helfen, Knnern.

Von Herzen gern, wenn ich eben nur wei wie.

Ich habe fr diesen Fall, da ich ja schon vorgestern von der Ankunft
hrte, ein paar Huser in der Stadt gemiethet; wir drfen die armen
Teufel, besonders die Frauen, doch nicht im Freien liegen lassen,
denn es kann noch jede Nacht ein tchtiger Regen einsetzen. In dem
Auswandererhause bringe ich aber hchstens noch acht oder zehn unter,
bei mir vielleicht auch noch zwei oder drei, und die brigen mssen in
jene beiden Huser einlogirt werden. Kommen Sie mit hinunter; wir sehen
uns die beiden Baulichkeiten gleich noch einmal an, und dann sind Sie
vielleicht so freundlich und bernehmen die Hinberschaffung der Leute.
-- Apropos, wo waren Sie die Nacht? -- Verirrt?

Nein; bei einem Herrn Zuhbel auf der Chagra.

Ah, bei meinem Freunde Zuhbel; nun, da hatten Sie wenigstens Concert
und Wein, sagte der Director trocken.

Das sei Gott geklagt! lachte Knnern.

Und haben auch gleich einen berblick ber die Privatverhltnisse der
Einzelnen bekommen. Doch lassen wir das. Jetzt an die Arbeit, und nachher
mssen Sie mir von Ihrer Jagd erzhlen! -- --

In dem kleinen Stdtchen sah es heute wirklich bunt aus, denn gestern
Abend noch, schon nach elf Uhr, waren die Einwanderer mit Booten
heraufgekommen, wo sie natrlich an der Landung liegen bleiben muten.
Der Capitn hatte ihnen freilich abgerathen, die Fahrt noch so spt zu
unternehmen, aber die Leute wollten so rasch als mglich brasilianischen
Grund und Boden betreten, und nur Wenige waren klug genug gewesen, den
nchsten Morgen abzuwarten, um ihren Einzug in Brasilien zu halten.
Jetzt strmten sie nun nach allen Richtungen in der Stadt umher, und als
man sie haben wollte, um ihren nchsten Aufenthalt zu ordnen, war eben
Keiner zu finden.

Nur mit groer Mhe gelang es Knnern und dem Director, die Leute endlich
in die allerdings engen Rumlichkeiten hinein zu bringen, und sie fanden
hier wieder besttigt, da alle die, denen man es ansah, wie sie frher
in besseren und behbigeren Verhltnissen gelebt, am Leichtesten zu
befriedigen waren und sich die grten Unbequemlichkeiten gern gefallen
lieen, whrend gerade die abgerissensten und verwahrlostesten Subjecte
sich mit _Nichts_ zufrieden zeigten und die grten Ansprche machten.

Noch drei Familien waren brig geblieben, die im Anfang auch gar kein
Verlangen nach einem Unterkommen zu haben schienen, und unten ruhig am
Wasser saen, dem Treiben der Anderen zuzusehen. Der Director hatte sich
gefreut, da sie vernnftig abwarteten bis die Reihe an sie kam, und
schon beschlossen, sie so gut als irgend mglich zu quartieren.

Jetzt ging er, whrend Knnern sich noch mit einer andern Familie oben
in der Stadt abqulte, zu ihnen und sagte:

So, Ihr Leute, Ihr sollt nicht zu kurz gekommen sein, da Ihr mir das
Leben nicht auch schwer gemacht habt. Die Frauen mgen nun noch bei den
Sachen bleiben, und Ihr Mnner packt indessen auf den Karren, der da
gerade wieder die Strae herunterkommt, was Ihr eben laden knnt. Ich
habe fr den Augenblick nur noch das eine Fuhrwerk zur Verfgung.

Ja, das ist schon gut, sagte der eine Mann, der auf einer Kiste sa
und auch keine Miene machte aufzustehen; wann kommt aber denn nun
eigentlich das Schiff?

Welches Schiff?

Nun, _unser_ Schiff!

Das Euch hergebracht hat?

Nein, das andere.

Das andere? Was fr ein anderes?

Nun, das uns von hier nach Rio Grande bringen soll.

Nach Rio Grande? Ja, Leute, wollt Ihr denn schon wieder fort? Ihr seid
doch eben erst hier angekommen!

Ja, wir haben alle unsere Freundschaft bei Rio Grande, sagte die eine
Frau, und die Passage auch dorthin bezahlt.

Aber hier legt nie ein Schiff nach Rio Grande an, sagte der Director;
da mtet Ihr erst wieder nach Santa Catharina fahren, und das kann
noch sechs oder acht Wochen dauern, bis sich dazu Gelegenheit findet.
Wenn Ihr _da_ hin wolltet, so mutet Ihr doch wahrhaftig mit keinem
Schiffe nach Santa Clara fahren. Da httet Ihr Euch _vorher_ erkundigen
sollen.

Ja, das haben wir doch gethan, sagte der eine Mann; der Herr Agent
in Antwerpen hat uns ja auch gesagt, _das_ Schiff hier brchte uns nach
Santa Clara, und Rio Grande wre _dicht_ dabei -- er hat's uns ja auch
auf der Karte gezeigt -- keinen Finger breit von einander war's.

Und Euer Schiffscontract ist bis nach Rio Grande gemacht?

Da -- _hier_ steht's, sagte der Mann und zog das Papier aus der
Tasche.

Der Director nahm es; aber auf den ersten Blick sah er schon, da in dem
Contracte stand: Von Antwerpen nach Santa Clara. Da steht ja kein Wort
von Rio Grande? fragte er den Auswanderer.

Na, natrlich nicht, weil's dicht dabei liegt, brummte dieser
verdrielich; das hat uns ja der Herr Agent ganz genau auseinander
gesetzt, da das Schiff nur bis Santa Clara ginge und da dann ein
anderes daneben liege, welches uns gleich hinberbringe. Die Schiffe
fahren ja doch alle hier erst in Santa Clara an -- so dumm sind wir auch
nicht, da wir das nicht genau ausgemacht htten.

Der Director faltete den Contract langsam zusammen und gab ihn dem Manne
zurck.

Lieber Freund, sagte er ruhig, die Sache ist hchst einfach die, da
Ihr Euch in Antwerpen habt anfhren lassen -- weiter Nichts. Der Agent
dort hatte gerade dieses Schiff liegen und _seinem_ Contracte nach
Passagiere dafr zu schaffen; deshalb seid Ihr da mit aufgepackt
und fortgeschickt. Zwischen hier und Rio Grande besteht gar keine
regelmige Verbindung; nur zu Zeiten bietet sich Gelegenheit durch
einen der kleinen Kstenfahrer, der Euch nach Santa Catharina bringen
knnte. Dort mt Ihr aber wieder auf ein Dampfschiff. Was auerdem
die kleine Entfernung betrifft, so _knnt_ Ihr die Reise nach Santa
Catharina _vielleicht_ in vier bis fnf Tagen machen, wenn der Wind gut
ist -- im andern Falle nimmt sie eben so viele Wochen in Anspruch, und
von da sind auch wieder drei bis vier Tage nach Rio Grande nthig.
Auerdem wird Euch _diese_ Tour fast noch eben so viel kosten, als die
Reise von Deutschland hierher.

Aber Du mein groer, allmchtiger Gott, wir haben ja keinen Pfennig
Geld mehr! schrie die eine Frau.

Und der Herr Agent hat gesagt, da uns die Reise von hier nach Rio
Grande keinen Heller kosten sollte.

Dann hat der Agent einfach gelogen, sagte der Director ruhig, und es
ist eine Betrgerei, wie sie schon mehrfach vorgekommen.

O, Du mein gtiger Heiland, jammerte eine andere Frau, dann sind wir
verrathen und verkauft und mssen hier elend verderben!

Beruhigt Euch, so schlimm ist die Sache noch nicht, trstete sie der
Director -- wenn Ihr Euch nicht vielleicht doch noch entschliet hier
zu bleiben und Euch hier niederzulassen.

Aber wir haben unsere ganze Freundschaft bei Rio Grande; meiner
Schwester Sohn und der Elias und die Dorothea sind auch drben und
warten auf uns. --

Gut, gut, ich sehe jetzt schon wie die Sache steht; ich will einen
Versuch machen und an die Regierung nach Rio schreiben, welche schon
mehreren anderen armen Auswanderern, die von betrgerischen Agenten in
eine hnliche Lage gebracht worden, geholfen hat, und vielleicht lt
sich doch noch Alles einrichten.

Und wann knnen wir fort? fragte die Frau rasch -- kommt das Schiff
bald?

Ja, liebe Frau, sagte der Director, so rasch geht die Sache nicht;
wenn ich Euch in zwei oder drei Monaten hier wegbringe....

Ein lautes Gejammer der Frauen unterbrach ihn, aber es war hier gar
Nichts weiter zu thun. Die Leute hatten sich einmal betrgen lassen, und
es blieb nichts Anderes brig, als die Regierung um Hlfe anzusprechen,
was freilich nicht in ein paar Tagen gethan war. Der Brief allein
brauchte acht Tage, bis er hinkam. Diese Leute muten aber eben doch
untergebracht werden, und wie sie in der ganzen Zeit erhalten werden
sollten, blieb auerdem noch zu bedenken. Die Mnner waren indessen
krftig und konnten arbeiten, und Arbeit gab es immer, wenn es auch nur
zu Wegebauten gewesen wre.

Da der Director nicht viel ruhige Stunden bei all' diesem Wirrwarr
hatte, lt sich denken, und auerdem wollte auch noch der Bursche, den
er etwas unsanft aus seinem Hause gesetzt, die Einwanderer gegen ihn
aufhetzen, und lief von einer Gruppe zur andern, ihre Hlfe fordernd,
weil er nichtswrdig behandelt sei und sich das nicht gefallen zu lassen
brauche. Die Leute hatten aber heute zu viel mit sich selber zu thun;
auerdem kannten sie den Gesellen schon von der Reise her und mochten
sich nicht mit ihm einlassen.

Es war eine verwilderte, rohe Gestalt, der Bursche, eine Persnlichkeit,
wie man sie daheim besonders in Mebuden und herumziehenden Banden oder
Menagerien trifft. Er trug einen hellblauen, fleckigen und zerrissenen
Rock, schmutzige Soldatenhosen, keine Weste und auf dem Kopfe eine
dunkelblaue Mtze mit einem Stck schmaler Silbertresse darum genht.
Schnurrbart und Knebelbart lie er sich ebenfalls wachsen. Mit den
blonden Haaren hatte sein Gesicht auch trotz der markirten Einschnitte
etwas Jungenhaftes behalten, was durch den bergeschlagenen schmutzigen
Hemdkragen noch untersttzt wurde, und man wre veranlat gewesen, ihn
auf den ersten Blick fr einen verwahrlosten Burschen von achtzehn bis
zwanzig Jahren zu halten.

Whrend er aber mitten auf der Strae stand und schimpfte und fluchte,
sa neben ihm sein bleiches, abgehrmtes Weib, ein Kind an der Brust
und ein Mdchen von etwa acht und ein Junge von zehn Jahren neben ihr
stehend -- ein Bild des Jammers, mit groen, hellen Thrnen in den
Augen.

Eine ganze Lebensgeschichte von Jammer und Leid lag in ihrem Antlitz, in
der ganzen gebrochenen Gestalt -- aber sie klagte nicht, kein Wort kam
ber ihre Lippen. Nur das Kind beschwichtigte sie mit der einen Hand,
whrend sie mit der andern sich das Blut von der Stirn wischte, wohin
sie der Unmensch, als sie ihn gebeten hatte keinen Streit am ersten Tage
anzufangen, mit roher Faust geschlagen.

Doch nicht nur solche traurige Bilder bot die Scene. Auf einem kleinen
Leiterwagen, dem man nur durch eine Partie Strohschtten einige Elasticitt
abgewonnen und der, von ein Paar krftigen braunen Pferden gezogen,
lustig dahergerasselt kam, wurden im scharfen Trabe ein Mann und eine
Frau die breite Strae entlang geschttelt, die in die Stadt hinein
fhrte. Der Mann sah sonnverbrannt, aber krftig und gesund aus, und
verrieth auch in seiner ganzen, einfachen aber saubern und passenden
Kleidung den behbigen Bauer. Die Frau neben ihm, die ein Kind auf dem
Schooe hielt und dasselbe des bsen Stoens wegen mehr hob, als vor
sich sitzen hatte, war jedenfalls seine Frau; der forschende Blick, den
aber Beide unablssig nach rechts und links sandten, verrieth, da sie
Etwas suchten, und als der Wagen den belebteren Theil der Strae
erreichte, hielt der Mann sein Pferd an, und die Frau rief fast
ngstlich einige der Vorbergehenden an:

Ja, wo sind sie denn nur -- wo sind sie denn hingebracht?

Wer? fragte der Angeredete.

Nun, die mit dem neuen Schiffe gekommen sind.

Ja, lachte der Mann, die stecken berall herum, wo man sie eben
unterbringen konnte, Einer da, Einer dort.

Wen sucht Ihr denn? fragte eine Frau, die gerade des Weges kam und
auch zu den neuen Einwanderern gehrte.

Die alte Frau Mecheln aus dem Wrtembergischen, aus Bellstadt, rief
die Frau vom Wagen herunter, und griff ihrem Manne in die Zgel, weil
das Pferd nicht stehen wollte.

O, die alte Mecheln, die ist mit bei uns! -- Gleich da drben um die
Ecke, wo der groe Baum vor dem Hause liegt.

Und sie ist wohl?

Kerngesund, die ganze Reise gewesen.

Der Mann hatte bei der Erwhnung des Hauses schon sein Pferd in die
bezeichnete Strae eingelenkt; die Frau winkte dankend mit der Hand,
fort rasselte das Geschirr, da die Funken stoben, und hielt gleich
darauf vor dem genannten Hause. Und sie brauchten hier nicht lange zu
warten. Sobald der Wagen anhielt, ging die Thr auf, und die alte Frau,
die mit Schmerzen darauf gewartet hatte, da sie Einer der Ihrigen hier
erwarten solle, trat in die Thr.

Gromutter! schrie die Frau ihr schon vom Wagen aus entgegen
-- Gromutter -- wie geht's -- wie geht's?

O, Du mein himmlischer Vater! rief die alte Frau und hielt sich an dem
Thrgelnder, an dem sie stand. Aber ihre Enkelin war schon unten bei
ihr -- wie sie mit dem Kinde vom Wagen gekommen, wute sie selber nicht
-- mit Einem Satze war sie unten und bei der Gromutter, lie das Kind
auf die Erde niedergleiten, umfate die alte, zitternde Frau und
schluchzte, als ob ihr das Herz brechen solle vor Nichts als Wonne und
Seligkeit.

Der Mann hatte noch mit den Pferden zu thun, die nicht stehen wollten,
aber ein Bekannter kam die Strae herunter, der ihm dabei half und
dieselben hielt, und er stieg nun auch ab, warf erst die Strnge los,
da kein Unglck geschehen konnte, und ging dann ebenfalls langsam zur
Gromutter hinber, die er beim Kopfe nahm und herzhaft abkte.

Dann aber fate er die Sache auch praktisch an, denn ein einziger Blick
in den innern Raum sagte ihm schon, da die alte Frau hier nicht lnger
bleiben konnte. Ohne sich deshalb weiter um etwas Anderes zu bekmmern,
ging er in das Haus und lie sich die smmtlichen Sachen von der
Gromutter geben, die schon alle zusammen in der einen Ecke standen,
lud dieselben mit Hlfe einiger der Auswanderer auf den Wagen und nahm
dann die alte Frau selber wie ein Kind auf den Arm, um sie auf den schon
fr sie bereiten Sitz zu tragen.

Aber Junge, Junge, rief die Alte halb erschreckt ber die gewaltsame
Entfhrung -- meine Sachen! Alle meine Sachen stehen ja noch in der
Stube.

Schon Alles auf dem Wagen droben, Gromutter.

Auch die blaue Kiste?

Da hinten steht sie.

Und der kleine Holzkoffer?

Alles oben.

Aber der Korb mit dem Tuche oben drauf, und die rothe Lade....

Alles da; es fehlt Nichts.

Aber den Regenschirm seh' ich nicht.

Den Regenschirm? sagte der Enkel verblfft, denn da war wirklich
Etwas, was er vergessen hatte.

Er steht gleich neben dem Fenster in der Ecke -- aber einer der Jungen
aus dem Hause war schon hineingesprungen, um das Vermite zu holen, und
kam gleich darauf im Triumph damit zurck.

So, Gromutter, sagte der Mann, ist nun Alles da? Die Enkelin hatte
mit dem kleinen Kinde schon neben ihr Platz genommen.

Alles, meine Kinder -- und sind wir denn jetzt wirklich in Brasilien?

Na, ob! sagte der Mann, gab seinen Pferden einen kleinen
Peitschenhieb, und fort rasselte der Wagen wieder, die glcklichen
Menschen ihrer eigenen Heimath zuzufhren.

Gerade als das Fuhrwerk wieder die Stadt verlie, landete noch ein
kleines Boot, die Capitainsjlle, worin dieser einige Kajtenpassagiere
an's Land brachte. Drei oder vier andere waren schon gestern Abend mit
den Zwischendeckspassagieren gelandet und gleich in den Gasthof gegangen,
um dort Unterkunft zu finden. Eben dahin hatte sich aber auch eine
Anzahl von Zwischendeckspassagieren gewandt, die sich in dem, ihnen von
der Direction angewiesenen Raume nicht wohl fhlten und noch Geld genug
bei sich fhrten, wenigstens die erste Zeit davon leben zu knnen. Waren
sie dann erst einmal acht oder vierzehn Tage in der Colonie, so lie
sich mit mehr Mue eine bequemere Einrichtung treffen.

In dem letzten Boote befanden sich ein paar junge Kaufleute und ein
junger Baron, ein Herr von Pulteleben; mit einer wahren Unmasse von
kleinem Handgepck, das er im Boote um sich her aufgeschichtet hatte. An
der Landung konnte er aber natrlich nicht gleich Jemanden finden, der
es ihm trug, und die Folge davon war, da er, das Htel eine halbe
Stunde spter als die brigen erreichend, keinen einzigen Platz mehr
fand, keinen Platz wenigstens, wie er ihn wnschte, d. h. ein Zimmer
allein, wie er auf dem Schiffe auch eine Koje fr sich selber gehabt.
Der junge Herr hatte brigens Geld, und glaubte, darauf pochend, Alles
durchsetzen zu knnen.

Der Wirth Bodenlos, wie er von den Colonisten genannt wurde -- eigentlich
hie er Bohlos -- stand schon etwas halbselig in der Thr, denn er hatte
es sich nicht nehmen lassen, mit all seinen neu angekommenen Gsten den
sogenannten Willkommenstrunk zu leeren, und betrachtete, die Hnde in
den Taschen, den von zwei endlich gefundenen Lasttrgern begleiteten
Fremden.

Ist dieses das Htel? fragte dieser rasch.

Aufzuwarten, sagte der Wirth, und berflog mit einem lchelnden Blicke
die um die Thr hergestreute Bagage; Htel zum Hoffnungsanker in Santa
Clara. Wollen Sie ein Bett?

Ich wnschte ein Zimmer -- allein, wo mglich mit Cabinet -- vorn
heraus und im ersten Stock.

Kann ich mir wohl denken, sagte Bodenlos mit unerschtterlicher Ruhe,
ohne selbst die Hnde aus den Taschen zu nehmen -- das wnschen sich
Mehr, knnen es aber eben nicht kriegen.

Nicht kriegen? sagte der junge Mann erstaunt -- ich heie von
Pulteleben.

Ist mir sehr angenehm, Ihre werthe Bekanntschaft zu machen, sagte der
Wirth -- _ich_ heie Bohlos, Christian Bohlos; das Lumpenvolk in der
Colonie nennt mich aber Bodenlos, bleibt sich indessen ganz gleich, wie
wir Beide heien.

Aber ich _mu_ ein Zimmer haben, sagte von Pulteleben, der noch gar
nicht recht wute, was er aus dem Benehmen des Wirthes machen sollte.

Natrlich, wenn Sie nicht unter freiem Himmel bleiben wollen, meinte
der Wirth, -- und wenn's regnete, wre das fatal -- besonders fr alle
die Schachteln.

Dann bitte ich nur, da Sie Anstalt machen, sagte von Pulteleben,
denn es ist nicht angenehm, hier drauen zu stehen, und ich mchte mein
Gepck los sein.

Na, das wre das Leichteste, lachte der Wirth -- wenn Sie's nur hier
eine Stunde allein drauen stehen lieen. Aber Herr von Bullleben, oder
wie Sie gleich hieen, ich will Sie nicht lange hinhalten. Verlangen
Sie hier ein Bett, um irgendwo mit Drei oder Vier in einem Zimmer zu
schlafen, so denke ich, da ich es mglich machen kann -- ich will mir
wenigstens Mhe geben, und Essen genug haben wir im Hause, aber ein
Zimmer allein _knnen_ Sie nicht hier bekommen, weil ich eben keins mehr
habe, und andere Gste hinaus werfen geht eben so wenig. Also damit
Basta!

Und existirt hier kein anderes Htel in der Stadt? fragte der
sichtlich schon sehr Enttuschte.

Gegenwrtig nicht, bemerkte uerst artig Herr Bohlos; wenn Sie aber
vielleicht noch drei oder vier Monate warten wollen, so wird sich
wahrscheinlich ein Rheinbaier hier etabliren und ein Htel zur Belle
Vue errichten; das Grundstck ist wenigstens schon dazu angekauft.

Herr von Pulteleben stand in einer wahren Verzweiflung mitten auf der
Strae, denn die Ironie dieses gemeinen Menschen, des Wirthes, dem er
nicht das Geringste entgegenstellen konnte, lie ihn noch vollkommen
unschlssig, was er thun solle -- erst grob werden und den Burschen dann
mit Verachtung strafen, oder das Letztere lieber gleich zuerst thun.

Sie wollen ein hbsches Zimmer, vorn heraus und mit Aussicht? redete
ihn da pltzlich eine Stimme an, nach der sich von Pulteleben berrascht
umschaute. Jeremias, denn niemand Anderes war es, der vor ihm stand, sah
aber auch in der That wunderlich genug aus, um Jemanden zu berraschen,
der frisch aus Deutschland herber kam und an jene exotischen Individuen
noch nicht gewhnt war, die man ber ganz Amerika wild zerstreut findet.

Jeremias war, wie schon vorher einmal angedeutet, eine Art von Factotum
in der Colonie. Er trieb eigentlich gar keine bestimmte Beschftigung,
sondern nahm nur da Arbeit an, wo er sie gerade bekam, so da er oft
fnf oder sechs verschiedene Herren zu gleicher Zeit, und dann wieder
einmal gar keinen hatte. Dazwischen lie er sich Wege schicken, putzte
den Honoratioren Stiefel und Rcke, reinigte Gewehre und Pfeifen, und
stand sogar in dem Rufe, schon hier und da Heirathen zwischen Familien
vermittelt zu haben, die sonst im Leben nicht zusammengekommen wren.
Jedenfalls hatte er ein hnliches Gewerbe in Deutschland getrieben, wo
zwischen Bauernfamilien und berhaupt auf dem Lande Ehen nur zu hufig
auf diese Art geschlossen werden.

Jeremias ging auch demnach gekleidet, denn whrend der Seidenhut
(Cylinder, Schraube, Angstrhre, oder wie die Namen alle heien mgen)
in die hhere Gesellschaft hineinragte, stand er mit den groben, schweren
ngelbeschlagenen Schuhen mitten im Proletariat, und der brige Mensch
trug auerdem nur die Kleider der brigen Menschen -- abgelegte Hosen,
Westen und Rcke, wie sie ihm von den Honoratioren abfielen und meist
noch alle aus Deutschland herbergekommen waren. Leider paten sie nur
nicht immer, und Jeremias schien darin eine eigene Geschicklichkeit
erworben zu haben, seinen Krper allen derartigen Errungenschaften, so
gut das nur mglicherweise gehen wollte, anzuschmiegen.

Heute nun fand er reichliche Beschftigung bei den neuen Ansiedlern,
theils um Gepck auf einem Handkarren von der Landung herauf zu schaffen,
theils die verschiedenen Parten an passenden Stellen unterzubringen. Da
er seine brigen und alten Kunden dadurch vernachlssigte, strte ihn
nicht im Geringsten. Die liefen ihm nicht weg, aber Alles, was er unter
der Zeit _hier_ verdiente, war rein gewonnen.

Um aber die Arbeit rasch und leicht verrichten zu knnen, hatte er seinen
Rock ausgezogen und ohne Weiteres in irgend ein offenes Fenster an der
Strae hineingeschoben; so stand er denn jetzt vor von Pulteleben, die
unten zu einem Wulst aufgekrmpelten Hosen oben mit einer grellrothen,
wollenen Schrpe statt Hosentrger festgehalten, darber eine hellblaue
Seidenweste geknpft, die der frhere Besitzer nicht mehr tragen konnte,
da ihm der Kellner eines Mittags die Saucire darber geschttet, eine
schwarze Halsbinde um den nackten Hals, denn der weie Hemdkragen war
ihm bei der scharfen Arbeit darunter vorgerutscht, und ein groes,
blaubaumwollenes Taschentuch in die linke Hosentasche so weit
hineingezwngt, wie es mglicherweise gehen wollte.

Jeremias schwitzte auerdem, da ihm das Wasser ordentlich in Strmen
von Stirn und Schlfen herunter lief, und von Pulteleben lachte, trotz
seiner unangenehmen Situation, doch gerade heraus, als Jeremias das
blaue Taschentuch jetzt durch einen pltzlichen Ruck zu Tage brachte
-- wobei er die Hosentasche auch mit nach auen drehte -- dann mit der
rechten Hand seine brennend rothe Perrcke lftete und sich darunter den
vollkommen kahlen Kopf mit dem Tuche wischte.

Na, Sie brauchen nicht zu lachen, sagte Jeremias; ich wollte einmal
sehen, wie _Sie_ schwitzten, wenn _Sie_ so ein Ding auf dem Kopfe htten;
das ist wie ein Pelz -- nun, wie steht's?

Also Sie haben eine Stube zu vermiethen? fragte der junge Mann,
dem jetzt vor allen Dingen daran lag ein Unterkommen zu finden -- in
angenehmer Lage?

_Ich_ nicht, meinte Jeremias, das bleibt sich aber gleich, denn ich
wei eine, wo Sie gleich einziehen knnen.

Allein?

Mutterseelens, sagte Jeremias lakonisch.

Weit von hier?

Gar nicht.

Aber wie bekomme ich meine Sachen dorthin?

Handkarren, erwiederte der kleine praktische Bursche, sprang, ohne
weiter eine Antwort abzuwarten, hinter das Haus, holte dort seinen
eingeschobenen Karren vor, lud die Habseligkeiten des Fremden darauf,
schnrte das Ganze mit einem Seile fest zusammen und war nach wenigen
Minuten schon unterwegs, und zwar nach keinem andern Hause, als dem der
Grfin Baulen, in welchem er den Fremden ohne Weiteres einzuquartieren
gedachte.

Glcklich fr ihn und seinen khn entworfenen Plan war Oskar gerade
nicht zu Hause und mit Helenen auf einem Spaziergange begriffen, um die
neu gekommenen Ansiedler ein wenig zu besichtigen. Als Jeremias mit dem
Karren vor dem Garten hielt, sa die Frau Grfin gerade in ihrem Zimmer
und schrieb ein paar Briefe.

Das ist aber kein Htel, sagte der junge Fremde, das Haus betrachtend.

Privatwohnung, meinte Jeremias -- aber famos -- charmante Leute
-- werden Ihnen gefallen, besonders die Tochter -- und damit rckte
er sich ohne Weiteres einen der schweren Koffer auf die Schultern und
schritt damit in das Haus hinein, whrend von Pulteleben bei seinen
brigen Sachen noch zurckblieb. Nach einer Weile kam er wieder zurck
und holte den andern Koffer, und als er zum dritten Male kam, packte er
dem Fremden selber ein paar Hutschachteln und ein leichtes Kistchen mit
Schirm und Stock auf, ergriff dann das brige und sagte:

Nu kommen Sie, jetzt wollen wir einziehen.

Der Fremde folgte ihm auch vollkommen ahnungslos, da ihn der kleine
Bursche hier ohne die geringste Berechtigung in ein wildfremdes Haus als
Miethsmann einfhre, und nur erst, als sie die erste Treppe erstiegen
hatten und Jeremias voran die zweite hinaufstieg, blieb er stehen und
sagte:

Noch hher?

Kommen Sie nur, ermunterte ihn jedoch sein Fhrer -- famose Aussicht,
wie gemalt, und da er ihm mit seinen Sachen voranging, blieb auch
Nichts weiter brig, als ihm zu folgen; mute er doch berhaupt froh
sein, nur ein Unterkommen zu finden. Kaum hatte er brigens etwa zehn
Stufen der zweiten Treppe erstiegen, als eine Thr im ersten Stock
geffnet wurde und die Frau Grfin, welche den Lrm drauen gehrt
hatte, erstaunt auf ihrer Schwelle stehen blieb. Sie erkannte brigens,
vor dem Fremden, noch gerade den aufsteigenden Jeremias und rief:

Nun, was ist denn das fr Gepck?

Alles in Ordnung! rief Jeremias zurck, ohne sich weiter stren oder
auer Fassung bringen zu lassen.

Die Grfin schttelte den Kopf, doch sie konnte nicht anders glauben,
als da Oskar, der gewohnt war sehr selbststndig aufzutreten, ihr
irgend einen Gast in das Haus gebracht habe, der ihr allerdings zu
keiner Zeit htte unbequemer kommen knnen. Gewohnt aber, sich in dessen
Launen oder unbedachte Streiche zu fgen, seufzte sie nur tief auf, trat
in ihr Zimmer zurck und zog die Thr hinter sich in's Schlo. Wenn
Oskar brigens nach Hause kam, wollte sie ihm tchtig den Kopf deshalb
zurecht setzen.

Der Fremde erreichte das kleine Zimmer, wo Jeremias schon seine brigen
Sachen eingestellt hatte, und sah sich hier allerdings etwas berrascht
um. So freundlich das Local auch liegen mochte, denn es bot einen
berblick ber einen Theil der Ansiedelung und nach den fernen Bergen
hinber, so fehlte ihm doch auch _jede_ andere Bequemlichkeit. Kein
Stuhl, kein Tisch, kein Bett, kein Spiegel, Nichts, Nichts war zu sehen,
als die kahlen geweiten Wnde, und Herr von Pulteleben rief:

Nun, das ist ein hbsches Logis, in dem nicht einmal ein Stuhl steht!
Wohin haben Sie mich denn gebracht, Meister Ungeschickt?

Nur keine berstrzung, sagte Jeremias, indem er den Rest der Sachen
auf die beiden Koffer legte; wir haben Zeit, und nach und nach macht
sich Alles. Vorerst sind Sie einmal untergebracht, und was wollen Sie
mehr?

Mehr? rief von Pulteleben erstaunt -- Mbel will ich -- meine
Bequemlichkeit, wofr ich bezahle, und vor allen Dingen einen
Waschtisch.

Waschtisch? sagte Jeremias -- giebt's nicht. Vor der Hand setzen wir
das Waschbecken auf einen Stuhl, wenn wir erst eins haben.

Herr von Pulteleben, der anfing, sich ber den Burschen zu amsiren,
lachte, und Jeremias, sich im Zimmer umsehend, fuhr fort:

Hauptschlich brauchen Sie einen Tisch und einen Stuhl, das ist wohl
das Nothwendigste.

Ich dchte auch, sagte der junge Mann, um nur die bescheidensten
Ansprche zu befriedigen.

Das denk' ich, kann ich schaffen, nickte Jeremias, und was weiter
loszueisen ist, wollen wir nachher sehen. Decken haben Sie doch bei
sich?

Decken? Denke nicht daran; nur meinen Plaid. Die Leute, welche ein
Zimmer vermiethen, mssen doch auch ein Bett dazu haben.

Puh! meinte Jeremias, reden wir nicht davon; aber ein Plaid ist fr
das warme Wetter genug zum Zudecken, und der Boden hier im schlimmsten
Falle, fuhr er fort, indem er mit dem Hacken auf die Diele trat, von
weichem Holze -- Lust und Liebe zu einem Ding machen jede Mh' und
Arbeit gering.

Den Teufel auch, rief der junge Mann erschreckt, ich werde doch nicht
sollen auf der nackten Erde schlafen?

_Nackten_ Erde? Pst! sagte Jeremias mit einem unendlich komischen und
ermahnenden Gesichte -- es sind Damen im Hause!

Sie sind ein ganz verrckter Mensch! lachte von Pulteleben; aber
jetzt verschaffen Sie mir wenigstens das Nthigste. Es soll Ihr Schade
nicht sein, setzte er hinzu, indem er ihm einen Milreis in die Hand
drckte; aber ich bin in Eile, ich mu mich umziehen und dem Director
noch meine Aufwartung machen.

Aufwartung? fragte Jeremias, der mit einer dankenden Bewegung das Geld
nahm, betrachtete und dann in seine Westentasche schob -- Aufwartung
giebt's hier nicht -- aber einerlei, wollen schon Alles besorgen, und
damit verschwand er aus der Thr. Jeremias war brigens nicht der Mann,
etwas Begonnenes halb zu thun; ohne deshalb weiter bei der Besitzerin
des Hauses anzufragen, ging er in Oskar's Zimmer, wo er zwei Tische
wute, nahm einen davon und trug ihn hinauf. Dann suchte er sich in
Helenens Stube und Schlafzimmer zwei Sthle, und das erst einmal
erobert, nahm er auch Oskar's Waschbecken und Handtuch, mit Kamm, Seife,
Zahnbrste und Allem was dabei lag, und trug es seinem einquartierten
Gaste zu.

Zum Henker auch, rief Pulteleben, als er damit ankam, das ist ja ein
schon gebrauchtes Handtuch!

Herr Du meine Gte, sind _Sie_ eigen! sagte Jeremias; _ich_ brauche
gar keins, ich nehme immer mein Schnupftuch. Was fehlt nun noch?

Wasser und ein reines Handtuch.

Jeremias schttelte mit dem Kopfe, stieg aber doch noch einmal hinunter
und kam bald mit dem Verlangten zurck. Nur statt des Handtuchs hatte er
eine reine Serviette gebracht, die er auf Helenens Toilettetisch
gefunden und ohne Weiteres als gute Beute mitgenommen.

Und wie steht's mit dem Bette? fragte der Fremde, indem er den Rock
auszog und die Hemdrmel in die Hhe streifte.

Bett? giebt's nicht! sagte Jeremias trocken, wenigstens jetzt nicht.
Sie wollen sich doch jetzt noch nicht schlafen legen?

Nein -- aber doch den Abend.

Gut, bis dahin wird Alles besorgt werden.

Und kann man hier im Hause Etwas zu essen bekommen?

Zu essen? Hm -- sagte Jeremias, der darber noch nicht recht mit sich
im Klaren war -- danach mssen wir erst fragen. Fr heute sind die
Leute vielleicht noch nicht darauf eingerichtet. Aber da gehen Sie
lieber in's Gasthaus zu Bodenlos -- der hat's.

Und wie heit der Eigenthmer dieses Hauses?

Spenker, Bckermeister.

Gut, dann schicken Sie ihn mir nachher einmal herauf -- ich will mich
erst waschen -- damit ich mit ihm reden kann. Das ist ein verwnscht
der Aufenthalt hier, und wenn er mir das nicht ein wenig behaglicher
einrichten will, ziehe ich wieder aus.

Auf die Strae? fragte Jeremias; denn weiter giebt's keinen Platz,
Sie mten denn vielleicht in einem von den Grten eine Laube zu
miethen bekommen. Damit aber, als ob er jetzt seine Schuldigkeit gethan
habe, zog er sich zurck und drckte sich leise an dem Zimmer der Frau
Grfin vorbei, der er jetzt nicht gern begegnen mochte. Der Fremde da
oben konnte nun sehen, wie er mit der Alten fertig wurde.




8.

Die Einquartierung.


Oskar und Helene hatten einen Spaziergang durch die kleine Stadt
gemacht, um sich an dem Gewirre der frisch eingetroffenen Fremden zu
amsiren, und waren, dessen mde geworden, nach Hause zurckgekehrt.

Sobald Helene ihr Zimmer betrat, konnte ihr natrlich die daselbst
vorgenommene nderung nicht entgehen. Die Serviette fehlte von ihrem
Toilettetische und die darauf geordnet gewesenen Sachen standen wild
zerstreut umher; zwei Sthle fehlten auerdem, auf die sie gewohnt
gewesen war ihre Sachen abzulegen. Sie klingelte ihrem Mdchen, um zu
erfahren wer in ihrem Zimmer gewesen sei. Dorothea hatte aber in der
ganzen Zeit ihre Kche nicht verlassen und konnte ihr deshalb nicht die
geringste Auskunft geben.

Oskar suchte indessen sein Gemach, warf seine Mtze in eine Ecke, sich
selber auf das Sopha und rauchte in dieser Lage seine Cigarre weiter,
als er in dem ber ihm liegenden Zimmer die schweren Schritte eines
Mannes hrte. Das Haus war nur leicht gebaut, und es klang so deutlich
zu ihm herunter, da er sich endlich aufrichtete und horchte.

Wer zum Henker ist denn da oben? brummte er endlich leise vor sich hin
-- dem Jeremias bin ich doch eben mit seinem leeren Karren in der Stadt
begegnet und die Dorothea hat keinen solchen Schritt.

Er horchte noch eine Weile; da es sich aber gar nicht verkennen lie,
da da oben jemand Fremdes sei, sprang er endlich auf und stieg die
Treppe hinauf. Die Thr der sonst immer leer stehenden Kammer war offen
und nur angelehnt, und neugierig, wer da oben Etwas zu thun haben knne,
stie er sie noch etwas weiter auf und sah hinein.

Herr von Pulteleben war gerade mit Waschen fertig und stand vor einem
der geffneten Fensterflgel, den er vorlufig als Spiegel benutzte, um
sich die wohlgelten Haare, so gut das eben gehen wollte, zu ordnen. Als
er aber das Knarren der Thr hrte, drehte er den Kopf herum, und sah
kaum den hereinschauenden Oskar, als er ausrief:

Ah, da ist doch noch jemand Lebendiges in dem Hause. Wohnen Sie hier?

Guten Morgen, sagte Oskar, der, auf's uerste erstaunt den Fremden
hier zu finden, bald auf ihn, bald auf seine Koffer und Kasten starrte
-- ja wohl wohne ich hier!

Wo ist denn nur der Lump von Aufwrter hingekommen?

Der Aufwrter? sagte Oskar, noch immer seinen Augen nicht trauend
-- der Jeremias etwa?

Ich wei nicht wie er heit; er wollte ja gleich wiederkommen. Gehen
Sie wieder hinunter?

Ich hatte die Absicht, erwiederte Oskar.

O, dann sein Sie doch so gut und schicken mir ein Glas zum Zahnputzen
herauf. Es ist ja noch gar Nichts eingerichtet. Das scheint eine schne
Wirthschaft hier zu sein!

Bitte, sagte Oskar, der aus seiner Verwunderung gar nicht herauskam,
geniren Sie sich nicht -- mit wem habe ich denn eigentlich die Ehre?

von Pulteleben, sagte der junge Mann, seinen Locken eben den letzten
Strich gebend -- um wie viel Uhr wird hier gegessen?

Um ein Uhr, sagte Oskar, durch die Ruhe des Fremden immer mehr darin
bestrkt, da er jedenfalls ein Gast seiner Mutter sein msse, wenn er
auch keinen denkbaren Zusammenhang dazu finden konnte. Wer htte der
Fremde aber sonst sein knnen?

Haben Sie eine richtig gehende Uhr? fragte dieser endlich weiter.

Ja, erwiederte Oskar, indem er danach sah; es wird gleich zwlf Uhr
sein.

O, desto besser, dann kann ich vorher noch zum Director hinbergehen.
Bitte, vergessen Sie nicht, mir das Glas gleich zu schicken.

Mit dem grten Vergngen, erwiederte Oskar, drckte die Thr wieder
in's Schlo, schickte das Mdchen von unten mit einem Glase hinauf und
ging dann zu seiner Mutter in's Zimmer, um sich nach dem Fremden zu
erkundigen.

Die Frau Grfin schlo eben ihren letzten Brief, als Oskar das Zimmer
betrat, und sah sich nach ihrem Sohne gar nicht um.

Wer ist denn der Herr, Mama, den Du uns da oben einquartiert hast?
fragte Oskar jetzt; das scheint ja ein komischer Kauz zu sein!

Die Grfin, welche gerade eine Adresse schrieb, drehte erstaunt den Kopf
ber die Achsel und sagte:

Und das fragst Du mich? Erst bringst Du mir, ohne die geringste
Erlaubni vorher einzuholen, einen wildfremden Menschen in's Haus, und
dann weit Du selber nicht einmal wer er ist? Oskar, es wird mit Dir
jede Woche schlimmer, und ich frchte, da es so nicht mehr lange dauern
kann!

Ich habe einen Fremden in's Haus gebracht? rief aber Oskar jetzt
seinerseits erstaunt und mit einer gewissen Genugthuung, da er endlich
einmal an einem ihm aufgebrdeten Vergehen vollkommen unschuldig sei
-- ich bin mit Helenen spazieren gegangen und habe den Menschen, der da
oben Toilette macht, in meinem ganzen Leben nicht gesehen.

Es war jetzt an der Grfin, erstaunt zu sein, und sich ganz gegen Oskar
drehend, rief sie aus: Aber _Helene_ kann ihn doch nicht eingeladen
haben!

Helene -- Unsinn! -- Helene war ja den ganzen Morgen bei mir, und wir
haben mit keiner Seele gesprochen, den Baron ausgenommen.

Aber der Jeremias hat ja doch sein Gepck in's Haus gebracht, und
sagte mir, da Alles in Ordnung sei.

Der Jeremias? wiederholte Oskar, der nur immer noch verwirrter wurde.

Und Du hast keine Ahnung, wer der Fremde ist?

Er sagte mir, er heie von Pulteleben.

Und woher?

Das wei Gott -- ich kenne ihn nicht, und der Jeremias -- aber zum
Henker noch einmal, was zerbrechen wir uns den Kopf ganz unnthiger
Weise; wir werden doch wahrhaftig den fremden Herrn, der sich so #sans
faon# bei uns einquartiert hat, fragen drfen wo er herkommt und was er
will! Und mit den Worten scho er auch ohne Weiteres zur Thr hinaus
und wollte eben die Treppe hinauf, als er unten Jeremias in den Vorsaal
treten sah.

Jeremias, rief er hinunter, komm' einmal herauf -- aber rasch!

Ich fliege schon, erwiederte dieser, der sich keineswegs dabei
beeilte, denn er wute recht gut was ihn jetzt erwartete.

Oskar stand oben an der Treppe, und so wie der Alte nur so weit
heraufgekommen war, da er ihn mit der Hand erreichen konnte, erwischte
er ihn bei dem einen Ohre, und zog ihn dem Zimmer seiner Mutter zu.

Donnerwetter, junger Herr! rief der Alte leise, Sie reien mir ja den
linken Lffel aus -- was ist denn das nur fr ein zrtlicher Empfang?

Warte, Du Schlingel, rief Oskar, er soll noch zrtlicher werden!
Jetzt nur herein mit Dir und gebeichtet, was Du fr verfluchte Streiche
heute gemacht hast! Da bring' ich ihn, Mama -- jetzt auf die Kniee
nieder, Halunke, und nun gestehe, was das fr eine Geschichte mit dem
Fremden ist!

Aber, so schreien Sie doch nur nicht so, flsterte Jeremias, der sich
nicht im Geringsten auer Fassung bringen lie -- die ganze Stadt
braucht's doch nicht zu wissen, was wir hier mit einander reden, und der
Fremde da oben hat Ohren wie ein Hirsch.

Wer ist der Fremde, und wo kommt er her? fragte die Grfin streng.

So lassen Sie doch nur mein Ohr los, bat Jeremias, ich laufe Ihnen ja
nicht mehr davon, und es strt in der Unterhaltung.

Wer ist der Fremde? will ich wissen, wiederholte die Grfin, indem
Oskar das Ohr des Alten loslie, ihm aber den Ausweg verstellte.

Kann Ihnen nicht dienen, Frau Grfin, antwortete achselzuckend der
alte Spitzbube -- fand ihn heute auf der Strae zwischen einem ganzen
Berge von Koffern und Hutschachteln, und da er kein Unterkommen finden
konnte, _wir_ dagegen Platz haben und er mir gefiel, so brachte ich ihn
mit nach Hause.

_Dir_ gefiel, Du Galgenstrick, rief Oskar, Dir gefiel! Und was fr ein
Recht hast Du, fremde Gste hier in das Haus zu fhren?

Jetzt sein Sie einmal vernnftig, sagte Jeremias, ohne sich auch nur
im Geringsten aus seiner Ruhe bringen zu lassen. Der fremde junge
Mensch ist jedenfalls ein vornehmer Herr, denn er hat ein paar ganz
ausgezeichnete Lederkoffer, die ein schmhliches Geld gekostet haben
mssen. Auerdem ist er aber auch reich wie Butter und wirft mit den
Milreis nur so um sich.

Aber was geht das uns an? rief Oskar, whrend die Frau Grfin vor
Erstaunen noch immer nicht zu Worte kommen konnte.

Was das _Sie_ angeht? wiederholte Jeremias in vollkommener Seelenruhe
-- das will ich Ihnen sagen. Die Stube oben....

Heh, Wirthschaft! rief es in diesem Augenblicke laut von oben
herunter; lt sich denn Niemand blicken? Das ganze Haus ist ja wie
ausgestorben -- heh, hollah!

Jeremias, der seine Rede unterbrochen hatte, wie er oben die Stimme
hrte, ffnete die Thr ein Wenig, steckte den Kopf hinaus, rief laut:
Komme gleich! und schlo sie dann wieder, wonach er, ohne eine Miene
zu verziehen, ruhig fortfuhr:

Stand doch auerdem leer und wurde nicht benutzt.

Oskar lachte gerade hinaus, denn das Ganze fing an ihm unendlich komisch
vorzukommen.

Ich mchte jetzt nur eigentlich wissen, sagte die Grfin mit einem
finstern Blick auf Oskar und Jeremias, wer noch Herr hier im Hause ist.
Sie werden jedenfalls dafr sorgen, Jeremias, da der fremde Mensch
augenblicklich unser Haus wieder verlt und eine andere Wohnung
bezieht.

Giebt's gar nicht, sagte Jeremias ruhig; hren Sie mich nur an. Was
haben Sie denn von dem leeren Kasten da oben? Der Fremde ist ein
anstndiger junger Mensch, der Ihnen eine gute Miethe bezahlt, und
auerdem htte auf der Strae logiren mssen.

Aber wer hat _Ihnen_ denn die Erlaubni gegeben, das zu vermitteln?
fragte die Grfin.

Nur praktisch, meinte Jeremias, das ist die Hauptsache. Auerdem sind
Sie ja nicht mit einander verheirathet, und wenn er Ihnen nach zwei oder
drei Monaten nicht mehr gefllt, knnen Sie ihn ja immer noch wieder
ausquartieren.

Nach zwei oder drei Monaten? rief die Grfin erstaunt.

Oder noch spter, meinte Jeremias trocken; aber jetzt mu ich
wahrhaftig hinauf, und sehen was der junge Herr will; er wird mir sonst
ganz ungeduldig und am Ende gar noch grob -- und ohne weiter eine
Antwort abzuwarten, verlie er das Zimmer und stieg die Treppe hinauf.

Eine solche Unverschmtheit ist mir aber doch noch nicht vorgekommen,
lachte Oskar, und das Einfachste wird sein, ich gehe hinauf und ersuche
den Herrn, seine Sachen augenblicklich wieder zusammen zu packen und das
Haus zu rumen.

Warte noch einmal, sagte seine Mutter, die indessen nachdenkend am
Fenster gestanden hatte, indem sie die Hand gegen ihn ausstreckte: wie
sagtest Du da der Herr hie?

Er nannte sich von Pulteleben.

Wie alt etwa?

Nun, vielleicht drei- oder vierundzwanzig Jahre.

Hm -- und er scheint aus guter Familie? Da drfen wir doch wenigstens
nicht ungezogen gegen ihn sein, denn aller Wahrscheinlichkeit nach
glaubt er sich hier in seinem vollen Rechte zu befinden, und wrde
schwerlich eingezogen sein, wenn er wte, wie sich Alles verhlt.

Er fragte wenigstens schon ganz naiv, um welche Stunde bei uns gespeist
wrde, lachte Oskar.

Die Grfin ging im Zimmer auf und ab und blieb endlich wieder vor ihrem
Sohne stehen.

Die Sache kann nicht so bleiben, sagte sie, denn einen Miethsmann
lt man sich eben nicht mit Gewalt in das Haus bringen. Da aber der
junge Fremde hier wahrscheinlich in der Colonie bleibt, so ist es auch
eben so klug gehandelt, sich nicht in Unfrieden, sondern in Frieden
wieder zu trennen. Gehe hinauf und lade ihn fr heute Mittag ein, unser
Gast zu sein -- wir sind doch allein -- und bei Tische mag er dann
erfahren, auf welche auergewhnliche Art er bei uns eingefhrt wurde.
Es bleibt ihm dann der ganze Nachmittag, sich nach einem andern
Quartiere umzusehen.

Der Jeremias ist ein gttlicher Kerl! sagte Oskar lachend.

Und je eher Du _den_ wieder fortschickst, desto besser ebenfalls,
meinte seine Mutter, denn ich bin doch nicht gesonnen, mich der Gefahr
auszusetzen, von einem so eigenmchtigen Hausknecht in noch Gott wei
was fr unangenehme Situationen gebracht zu werden. Mit einem so
stockdummen Menschen ist auerdem gar Nichts anzufangen -- ich will
lieber mit einem Schurken zu thun haben, denn vor dem kann man sich in
Acht nehmen.

Oskar hatte seine Zweifel, was Jeremias' Dummheit betraf, aber die Sache
mit dem Fremden ging ihm im Kopfe herum, und das Zimmer verlassend,
wollte er eben zu ihm hinauf, als er aus seinem Zimmer wieder den
Jeremias kommen sah, der auf dem Kopfe einen Lehnstuhl, in der linken
Hand dabei einen Stiefelknecht und in der rechten einen kleinen
Handspiegel trug.

Du bist doch ein ganz niedertrchtiger, abgefeimter Halunke! sagte
Oskar; wer hat Dir denn erlaubt, mein ganzes Zimmer auszuplndern?

Machen Sie keine Geschichten, erwiederte Jeremias, mit den Augen
blinzelnd; das ist ein prchtiger junger Mensch, und thut schon so,
als ob er ganz zu Hause wre.

Oskar, dem die Sache Spa machte, sprang jetzt die Treppe voran hinauf.
Als er die Thr ffnete, stand Herr von Pulteleben schon fertig
angezogen, nur mit ein Paar glanzledernen Stiefeln in der Hand, mitten
in der Stube.

Na, kommen Sie -- ah, Sie sind's -- entschuldigen Sie, ich glaubte, es
wre der Strick, der Aufwrter; der bleibt eine Ewigkeit.

Er kommt dicht hinter mir, sagte Oskar; Herr von Pulteleben, ich soll
Ihnen melden da pnktlich um ein Uhr gegessen wird.

So? Sehr angenehm, ich werde auf meinem Zimmer essen.

Dazu ist die nthige Einrichtung doch noch nicht getroffen, erwiederte
Oskar; ich habe den Auftrag, Sie zu ersuchen mit _uns_ zu diniren.

Hm, sagte von Pulteleben, der sich schon zu Hause vorgenommen hatte,
der amerikanischen Freiheit und Gleichheit so viel als mglich aus dem
Wege zu gehen, und nicht gleich mit sich im Klaren war, ob er vielleicht
seiner knftigen Stellung in der Colonie Etwas vergeben wrde, wenn er
mit der Bckerfamilie speiste, -- ich esse viel lieber allein.

Dann lassen Sie sich's heute wenigstens einmal bei uns gefallen,
lachte Oskar, morgen werden Sie jedenfalls allein essen knnen.

Nun gut, erwiederte von Pulteleben -- na endlich, wandte er sich
dann an den eben eintretenden Jeremias, indem er ihm den Stiefelknecht
abnahm und seine bestaubten Stiefel auszog -- setzen Sie den Stuhl nur
dahin -- aha, und auch ein kleiner Spiegel. Das mu ich gestehen, lieber
Freund, auf Gste scheinen Sie hier im Hause nicht eingerichtet zu sein.
Die Unordnung ist wirklich bodenlos und die Bedienung noch schlechter.
Wie heien Sie, he?

Jeremias, zu Befehl, sagte dieses wrdige Individuum in steifer Haltung
und warf einen etwas unruhigen Blick auf Oskar hinber, von dem er nicht
wute, wie er das Urtheil ber die Wirthschaft aufnehmen wrde. Dieser
aber amsirte sich vortrefflich, und whrend der junge Mann seine Stiefel
wechselte und dann seinen Hut nahm, sa er verkehrt auf dem einen
Stuhle, sttzte sich mit beiden Armen auf die Lehne und sah ihm lchelnd
zu. Endlich hatte von Pulteleben seine Toilette beendet, schlo seine
Koffer, sah sich noch einmal im Zimmer um, ob er Nichts vergessen
htte, und sagte: So -- wenn's gefllig ist; ich mchte zuschlieen.

Aha, mit Vergngen, rief Oskar aufspringend -- wollen Sie den Schlssel
mitnehmen oder da lassen?

Hm -- ich werde ihn da lassen, damit das Mdchen nachher aufrumen kann
-- man hat doch Nichts zu befrchten?

Jeremias sah wieder Oskar bestrzt von der Seite an, dieser aber
erwiederte lchelnd: Nicht das Geringste -- aber Sie sind pnktlich?

Wenn ich irgend kann, gewi.

Damit verlie er das Zimmer, wo hinaus ihm die Beiden folgten, und stieg
die Treppe hinab, whrend Oskar zu seiner Mutter hineinsprang, um ihr
Bericht abzustatten.

Gerade als von Pulteleben nach der untern Treppe zu ging, ffnete sich
dort die nchste Thr, die in Helenens Zimmer fhrte, und die Comtesse
trat heraus. Kaum aber gewahrte sie den Fremden, der sie berrascht und
hflich grte, als sie sich mit einer halben und flchtigen Verbeugung
wieder zurckzog.

Alle Wetter, wandte sich von Pulteleben leise zu dem dicht hinter ihm
dreinkommenden Jeremias, das ist ja ein wunderschnes Mdchen; das war
doch nicht die Bckerstochter?

Jeremias, ob er die Frage falsch verstanden oder absichtlich seinen
Spa daran hatte, den Fremden im Irrthume zu lassen, nickte nur, vor
Vergngen grinsend, mit dem Kopfe, und von Pulteleben stieg, mit der
Entdeckung sehr zufrieden, die Stiege hinunter, um noch vor Tische
seine Aufwartung bei dem Herrn Director zu machen. Er war jetzt fest
entschlossen, die Stunde des Mittagessens pnktlich einzuhalten.

Arno von Pulteleben war ein lieber, guter, ehrlicher Mensch, der nur mit
einem ganz unbestimmten Begriffe nach Brasilien gekommen war, wie er das
Land berhaupt finden werde, und was er -- wenn er es gefunden -- da
eigentlich wolle. Es geht einer groen Menge von Auswanderern so, die
auch nur zu hufig weder wissen, was man von ihnen fordern knnte, noch
was sie im Stande wren zu leisten, und die dabei nur allein in dem
Namen Amerika den Inbegriff aller erfllten Hoffnungen und Trume sehen.
Nur erst einmal in Amerika, sagen diese, und das Andere findet sich
Alles von selber. In Etwas haben sie Recht, denn es findet sich in der
That; nur freilich manchmal ganz anders, wie sie es sich gedacht
hatten.

Mit einer solchen unklaren Idee war auch Herr von Pulteleben herber
gekommen. Er trat brigens dabei mit vollkommener Sicherheit auf, denn
er war sich bewut, seinen Weg _bezahlen_ zu knnen. Er hatte Geld bei
sich, ein Capital von wenigstens tausend spanischen Dollars, und da er
Speculationsgeist genug besa, dasselbe im Laufe von einigen Jahren
vielleicht zu verzehnfachen, daran zweifelte er selber keinen Augenblick.
Sein Grundsatz dabei war, den Moment zu erfassen -- frisch gewagt,
ist halb gewonnen! und wie derartige vortreffliche Sprchwrter alle
heien. Jedenfalls hatte er volles Selbstvertrauen, und da er schon in
Deutschland einmal eine Fupartie gemacht und dabei zwei Nchte hinter
einander auf der Streu geschlafen hatte, so hielt er sich auch allen
Entbehrungen, die ihm hier etwa aufstoen konnten, vollkommen gewachsen.

Herr von Pulteleben fand sich brigens etwas berrascht, als er im
Directionsgebude seine Karte abgegeben hatte und von dem Director die
Antwort zurck erhielt: Es wrde ihm sehr angenehm sein, die Ehre ein
anderes Mal zu haben, heute sei er aber so ausschlielich beschftigt,
da er keinen Besuch empfangen knne.

Hm -- angenehm, brummte er vor sich hin, als er seine weien
Glachandschuhe auszog, zusammenrollte, in die Tasche steckte und wieder
hinaus in's Freie ging; Herr Director Sarno scheinen verwnscht wenig
Umstnde zu machen, und die Artigkeit htte doch wenigstens verlangt,
da er ... aber was thut's -- ich habe jetzt doch meine Schuldigkeit
gethan, und wenn er nun meine Bekanntschaft zu machen wnscht, ist die
Reihe an ihm.

Mit diesem beruhigenden Gefhle schlenderte er durch die Straen der
Stadt und fand eine Menge bekannter Gesichter -- Leute, die mit ihm in
einem und demselben Schiffe ber See gekommen waren und alle Gefahren
gemeinschaftlich getheilt hatten, aber -- _sie_ waren im Zwischendeck
gereist, und Herr von Pulteleben in der Kajte -- eine Entfernung, die
in ihrer Rumlichkeit wohl kaum zehn Schritte betragen mochte, aber doch
ausreichte, beide Theile vollstndig fern von einander zu halten. Man
kannte sich von Ansehen, aber man grte sich nicht, und so unbedeutend
das an sich scheinen mag, so diente es doch dazu, ein nichts weniger
als freundschaftliches Gefhl zwischen beiden Theilen zu erzeugen.

Das ist nun freilich nicht zu ndern, denn Standes- und Rangunterschiede
existiren einmal auf der Welt, und werden trotz aller Communisten
fortbestehen, bis wir Alle unser letztes Ziel, das Grab, erreichen.
Selbst unter den Thieren und Pflanzen herrschen Rang und Gewalt; es
giebt sogar edle und unedle Metalle, und das Menschengeschlecht lt
sich nicht in einen Topf werfen und darin halten. Ein Theil von ihm
_will_ seine besonderen Gesache haben -- und bekommt sie auch, und der
Rest mu entweder danach streben, diese ebenfalls zu gewinnen, oder
-- sich darein fgen.

Herr von Pulteleben hielt das auch natrlich fr ganz in der Ordnung,
denn da es Kajte und Zwischendeck geben mute, verstand sich von
selbst. Allerdings kam ihm dabei fast unwillkrlich der Gedanke,
da er zuflligerweise am Tische des Bckermeisters mit einem
Zwischendecks-Passagier zusammentreffen knne -- aber das blieb doch
zu unwahrscheinlich -- die junge Dame, der er begegnet, sah dafr zu
anstndig aus, und -- war ihm die Gesellschaft wirklich nicht passend,
so gab es immer einen Vorwand, sich zurckzuziehen.

Als er auf seinem Spaziergange die sehr einfache Kirche passirte,
zeigte die Uhr gerade zehn Minuten vor Eins, und er gerieth etwas in
Verlegenheit, da er den Namen des Bckermeisters vergessen hatte, in
dessen Haus er abgestiegen.

Glcklicher Weise besa er Ortskenntni genug, wenigstens die Richtung
behalten zu haben; es war berhaupt nicht schwer, sich in dem kleinen
Orte zurecht zu finden, und mit dem Schlage Eins entdeckte er vor sich
das Haus, das sich berdies vor allen in der Nachbarschaft durch den
kleinen, aufgebauten Erker auszeichnete. An der Treppe empfing ihn schon
Oskar, der sich das Vergngen nicht wollte entgehen lassen, ihn
einzufhren.

Ah, Herr Baron, das ist schn da Sie Wort halten! rief er ihm
entgegen. Eben wird die Suppe aufgetragen und Mutter und Schwester
erwarten Sie mit Ungeduld.

Mutter und Schwester? dachte Herr von Pulteleben, ist denn das der
Sohn des Bckers? Oskar sah ihm dazu eigentlich zu elegant aus, aber es
blieb ihm keine lange Zeit zur berlegung, und wenige Minuten spter sah
er sich der stattlichen Gestalt der Frau Grfin und ihrer reizenden
Tochter gegenber, und schaute jetzt wirklich verlegen nach seinem
Begleiter um, denn da er sich hier in anderer als der vermutheten
Gesellschaft befand, mute er wohl fhlen.

Mein bester Herr, sagte er zu Oskar, ich mu dringend bitten, da Sie
mich hier vorstellen, ich -- ich wei selbst noch nicht einmal _Ihren_
Namen.

O, mit Vergngen, lachte Oskar, indem er mit einer etwas frmlichen
und muthwilligen Verbeugung sagte: Herr von Pulteleben, liebe Mutter,
-- Herr von Pulteleben, ich habe hier die Ehre, Ihnen die Frau Grfin
Baulen und Comtesse Helene, meine Schwester, vorzustellen. Mein eigener
Name ist Oskar.

Frau Grfin Baulen? stammelte der junge Mann, whrend ber Helenens
Zge ein leises, spttisches Lcheln zuckte.

Die Frau Grfin war aber nicht gesonnen, den jungen Mann weiteren
Verlegenheiten auszusetzen.

Herr Baron, sagte sie freundlich, Sie sind durch die Ungeschicklichkeit
unseres Hausknechtes oder Dieners in die wunderliche Lage gekommen, sich
in einer Familie einzuquartieren, der selbst Ihre Ankunft vollkommen
fremd geblieben war.

Gndige Frau, ich will doch nicht hoffen! rief Pulteleben erschreckt.

Beruhigen Sie sich, unterbrach ihn die Grfin, ich wei, da Sie
nicht die geringste Schuld tragen. Das Ganze war ein miverstandener
Diensteifer von Seiten jenes Burschen, der ber eine Localitt unseres
Hauses verfgte, ohne auf Sie, noch auf uns Rcksicht zu nehmen.

Aber man sollte doch kaum glauben, da so Etwas mglich wre! rief von
Pulteleben entsetzt, denn erst jetzt trat ihm die seltsame Situation vor
Augen, in der er, als reiner Eindringling, den Damen gegenber stand;
meine Seele konnte ja an etwas Derartiges nicht denken, oder Sie mten
berzeugt sein, da ich....

Bitte, keine Entschuldigungen weiter, lchelte die Grfin; Brasilien
erzeugt gar sonderbare Zustnde, die Sie ebenfalls noch mit der Zeit
nher kennen lernen werden. Jedenfalls hat uns Jeremias, wie jener
unglckliche Mensch heit, Gelegenheit gegeben Ihre Bekanntschaft zu
machen; alles Andere lt sich nachher mit Leichtigkeit arrangiren, und
nun bitte ich, da Sie Platz nehmen, denn die Suppe wird sonst kalt.

Herr von Pulteleben befand sich noch immer in einem gemigten Grade
von Verzweiflung, denn der Gedanke, sich bei einer solchen Familie auf
eine solche Art eingefhrt zu haben, trieb ihm fast die Haare zu Berge.
Auerdem blieben ihm noch eine Menge Dinge unklar -- die Geschichte
mit dem Bckermeister zum Beispiel, und da ihm der junge Mensch nicht
gleich einen Wink gegeben, wo er sich eigentlich befnde. Sehr rasch im
Denken war er auerdem nicht, und es bedurfte einer neuen Aufforderung
der Grfin, Platz zu nehmen, bis er sich so weit sammeln konnte, ihr den
Arm zu bieten und sie zur Tafel zu fhren.

Da sich die Grfin aber einmal vorgenommen hatte, ihm weitere
Verlegenheiten zu ersparen, so wute sie auch bald geschickt in ein
Gesprch einzulenken, das ihm seine Unbefangenheit wiedergeben konnte
-- ein Gesprch ber die eben zurckgelegte Seereise, an dem sie ebenfalls
Interesse nahm, da sie noch mit Entsetzen ihrer eigenen Fahrt und der
damit verbunden gewesenen Seekrankheit gedachte.

In das Capitel eingelenkt, fhlte sich auch von Pulteleben bald wieder
behaglicher, und das Einzige, was ihn noch dann und wann genirte, war
der etwas sarkastische Zug um der Comtesse Mund, wenn sie einem Blicke
ihres Bruders begegnete und sein Auge gerade auf ihr ruhte -- und sein
Auge ruhte sehr oft auf ihr, denn von Pulteleben erinnerte sich nicht,
je in seinem Leben schon ein schneres Mdchen gesehen zu haben.

Mochte es sein da es ihm nur so vorkam, weil er gerade durch die lange
Seereise dem geselligen Umgange mit dem schnen Geschlechte hatte vllig
entsagen mssen, oder fhlte er sich gerade von dieser Form der Zge
besonders gefesselt, wie das ja oft im Leben der Fall ist, aber er
konnte sich nicht satt an dem lieben Antlitz sehen, und eben so wenig
entging Helenen selber, mit welcher Aufmerksamkeit er sie behandelte.
Freilich war sie daran gewhnt, ihren Zoll von Bewunderung berall
einzuernten, aber trotzdem fhlte sie einen gewissen Grad von Genugthuung,
und ihr Antlitz, das im Beginne der Tafel seine volle Strenge bewahrt
hatte, wurde etwas freundlicher gegen den jungen Gast. Sie wich
wenigstens Oskar's Blicken aus und schien nicht mehr gesonnen, sich
ber ihn lustig zu machen, ja, nahm sogar Theil an der Unterhaltung.

Dadurch gewann von Pulteleben endlich seine ganze Fassung wieder,
und als das Diner, bei dem Dorothea ihr Mglichstes geleistet hatte,
beendet war, wandte er sich an seine freundliche Wirthin und sagte:

Frau Grfin, wenn ich auch jenem unglcklichen Jeremias und meinem
Schutzgeiste danke, diese mir so liebe Bekanntschaft gemacht zu haben,
so fhle ich doch recht gut, da ich hier, als Ihr Gast, eine sehr
unerquickliche Rolle spiele, und je eher ich der ein Ende mache, desto
besser. Gestatten Sie also da ich mich entferne, um mich nach einem
andern Quartier umzusehen, und erlauben Sie mir nur -- Ihre Gte hat ja
meiner Unverschmtheit schon verziehen -- da ich damit nicht gezwungen
bin, diese fr mich so ehrenvolle und liebe Bekanntschaft ganz abzubrechen.
Ich werde mich jedenfalls lngere Zeit in Santa Clara aufhalten und
wrde Ihnen unendlich dankbar sein, wenn Sie mir wenigstens gestatten
wollten, Ihnen manchmal meine Aufwartung zu machen.

Da Sie nun einmal unser Hausgenosse geworden sind, lchelte die
Grfin, so bereilen Sie auch wenigstens Nichts. Es wird Ihnen berdies
schwer werden, fr den Augenblick eine passende Wohnung in Santa Clara
zu finden; _bis_ Sie die aber gefunden haben, bitte ich Sie unser Haus
als das Ihrige zu betrachten.

Gndige Frau Grfin! rief Pulteleben erstaunt aus.

Bitte, machen Sie keine Umstnde, fuhr die Grfin ruhig und freundlich
fort, wir sind hier in Brasilien, wo der Fremde nur zu hufig einzig
und allein auf die Gastfreiheit der Bewohner angewiesen bleibt, und es
existiren deshalb hier ganz andere Verhltnisse, wie in der alten
Heimath. Auerdem sagten Sie uns vorher, da Sie verschiedene Plne fr
Ihre Zukunft htten.

Allerdings, versicherte der junge Mann, aber es fehlt mir da freilich
noch Kenntni des Landes, um mein Capital gleich mit Vortheil anlegen zu
knnen, und ich sammle lieber erst Erfahrung.

Das ist sehr vernnftig von Ihnen gedacht, erwiederte die Grfin; wo
_ich_ Ihnen aber dabei mit Rath an die Hand gehen kann, bitte ich ganz
ber mich zu disponiren.

Sie sind zu gtig, gndige Frau Grfin!

Wir wohnen schon eine Reihe von Jahren in diesem Lande, und man ist
gezwungen, die Verhltnisse genau kennen zu lernen, oft sogar gegen
unsern Willen. Doch Sie wnschen jedenfalls eine Cigarre zu rauchen
-- Oskar, fhre den Herrn in den Garten; wir kommen dann ebenfalls
hinunter, um dort gemeinschaftlich Kaffee zu trinken.

Damit standen die beiden Damen auf, grten freundlich und verlieen das
Zimmer, whrend Herr von Pulteleben in einem wahren Taumel von Seligkeit
zurckblieb und jetzt gar nicht oft genug zu Oskar sagen konnte, wie
glcklich er sich fhle diese Bekanntschaft gemacht zu haben, wenn er es
auch der grten Dummheit verdanke, deren er sich in seinem ganzen Leben
schuldig gemacht.

Na nu werden Sie nicht langweilig, meinte Oskar -- Apropos, haben Sie
etwa eine vernnftige Cigarre bei sich? Das Zeug, was man hier bekommt,
ist kaum zu rauchen.

Ich kann Ihnen mit einer Havannah dienen, sagte Herr von Pulteleben,
erfreut dem Bruder jenes Engels nur in Etwas angenehm sein zu knnen.

Das ist gescheidt, meinte Oskar -- sie sind doch nicht zu schwer?

Nein, sicher nicht -- ich selber rauche nie schwere Cigarren.

Gut, dann kommen Sie jetzt in den Garten, hier ist eine Hitze, nicht
zum Aushalten, -- und seines neuen Freundes Arm ergreifend, schlenderte
er mit ihm hinab, um dort den Kaffee und die Damen zu erwarten.

Diese zgerten auch nicht lange, und hatte sich Herr von Pulteleben
schon gegen das Ende der Mahlzeit in seiner Umgebung wohl gefhlt, so
entzckte ihn jetzt, im wahren Sinne des Wortes, die Natrlichkeit und
Liebenswrdigkeit Helenens, die allen Zwang abgeworfen zu haben schien
und nach Herzenslust lachte und plauderte.

Helene war wirklich bildschn. Es gab Zeiten, wo ihre so regelmigen
Zge von einem dstern Ernst beschattet wurden, der ihren Augen etwas
Unheimliches, ja Abstoendes geben konnte. Ihr Mund, wenn fest geschlossen,
sah dann ebenfalls, der etwas schmalen Lippen wegen, unschn aus. Wenn
aber das lebendige Auge in Scherz, ja bermuth leuchtete, wenn ihre
Zhne, die zwei Reihen aufgezogener Perlen glichen, sichtbar wurden,
wenn sich das Grbchen tiefer in ihr Kinn einschnitt und das Lachen
auf dem gar so lieben Antlitz spielte, wie das Sonnenlicht auf einem
murmelnden Bache, dann konnte man sich wahrlich nicht satt sehen an dem
Mdchen, und sie war sich auch ihres Sieges stets so sicher bewut, da
sie mit ihrer Umgebung machte, was sie eben wollte.

Nur dann und wann verlie sie manchmal die Laube, und von Pulteleben
wrde noch mehr entzckt gewesen sein, wenn er gewut htte, da sie
gerade in dieser Zeit Anordnungen traf, sein Zimmer etwas wohnlicher
einzurichten und ein Bett darin aufzustellen. Es hatte das seine
Schwierigkeiten, denn die Grfin war nur nothdrftig auf solchen Besuch
eingerichtet, aber es _ging_ doch, und ein paar rasch und geschickt
improvisirte Gardinen machten das kleine Gemach noch so viel
freundlicher.

Die Zeit, wo der junge Fremde mit der Frau Grfin allein blieb, wurde
dann von dieser benutzt, ihm einen kurzen berblick ber die hiesigen
Verhltnisse zu geben, der Herrn von Pulteleben auerordentlich
befriedigte. Er ersah nmlich daraus, da in diesem Lande wirklich nur
ein kleines, unbedeutendes Capital dazu gehre, um, mit kluger Benutzung
des Augenblickes, ganz erstaunliche Erfolge zu erzielen. Die Frau Grfin
wute ihm eine Menge von Beispielen zu nennen, nach denen Leute durch
kleine, aber richtige Spekulationen in Stand gesetzt waren, unbedeutend
begonnene Geschfte auf das Groartigste auszudehnen, und sich dann mit
einem _erworbenen_ Vermgen nach Deutschland zurckzuziehen, um es dort
in Ruhe zu verzehren.

Sehen Sie, Frau Grfin, rief Herr von Pulteleben, durch diese
Mittheilungen zu einem vollen Grade von Aufrichtigkeit getrieben, das
ist gerade was ich will. Zu Hause haben sie mir immer vorgeworfen, da
ich unpraktisch wre, da ich nie im Stande sein wrde, mir aus mir
selber eine Carrire zu schaffen. Jetzt will ich doch einmal sehen, ob
es nicht mglich ist sie Lgen zu strafen. Sie sollen erleben, mit
welcher Energie ich Alles angreife, was ich unternehme. -- Wenn ich nur
erst wte was!

bereilen Sie sich darin nicht, junger Freund, sagte die Grfin. Es
giebt zwar eine Menge von Wegen, die zum Ziele fhren, aber der eine ist
lnger als der andere, und wenn man denn doch noch die Wahl hat, warum
soll man da nicht suchen den krzesten zu nehmen? brigens sein Sie
versichert, da ich selber schon ein Wenig herumhorchen will. Sie sind
uns nun einmal auf so abenteuerliche Weise zugefhrt, da ich ein
gewisses Interesse daran nehme.

Gndige Frau Grfin, Sie sind unendlich gtig.

Lassen Sie das; will ich aufrichtig sein, so ist es vielleicht sogar
Egoismus von mir selber; denn Sie glauben gar nicht, wie langsam die
Zeit verstreicht, wenn man so gar Nichts auf der Gotteswelt zu thun
hat. Eine kleine Beschftigung, eine bestimmte Thtigkeit wird zuletzt
wirklich zum Bedrfni, und ein wenig Sorgen und Umschauen gehrt mit zu
unserem Leben.

Aber durch was habe ich verdient, da Sie sich _meiner_ gerade so
unendlich freundlich annehmen?

Lieber Gott, wir sind hier einmal in Brasilien, leben in Verhltnissen,
die mit denen der alten Welt auch nicht die entfernteste hnlichkeit
haben, und da gestaltet sich Manches oft rasch und wunderbar. Doch Sie
werden das Alles noch viel besser kennen lernen, wenn Sie erst einmal
selber lngere Zeit im Lande sind.

Oskar hatte sich bei dem Gesprch grndlich gelangweilt, denn er hate
Nichts mehr auf der Welt, als wenn von einem bestimmten Lebenszwecke die
Rede war -- und seine Mutter hielt ihm dieses Capitel sehr hufig vor.
Dafr gnnte er es jetzt aber auch von Herzen seinem neuen Hausgenossen,
und amsirte sich die Zeit ber, mit seinem Blasrohr von einem erhhten
Stand der Hecke aus nach vorbeilaufenden Hunden zu schieen. Wenn er sie
traf, nahmen sie gewhnlich den Schwanz zwischen die Beine und rannten
in wilder Flucht die Strae hinab, und Oskar wollte sich dann halb todt
darber lachen.

Um das Angenehme brigens mit dem Ntzlichen zu verbinden, nahm er Herrn
von Pulteleben nachher mit zu seinem Pferde hinaus, von dem er ihm schon
viel erzhlt und ihm auch die berzeugung beigebracht hatte, da ein
Mann ohne Pferd in Brasilien gar nicht existiren knne -- nicht einmal
eine Frau, und da Herr von Pulteleben erfuhr, da es frher Helenens
Lieblingspferd gewesen sei, die sich jetzt einen etwas ruhigeren Grauen
-- der Graue war das wildeste Pferd in der Ansiedelung -- angeschafft
habe, kaufte es der junge Fremde zu einem, wie er glaubte, auerordentlich
migen Preise (Oskar hatte auch in der That hchstens hundert Procent
daran verdient) und schwelgte dabei in der Hoffnung auf morgen, denn
Helene hatte ihm versprochen mit ihm spazieren zu reiten.




9.

Ein Abend in der Colonie.


Das war ein Leben und Treiben heute in dem sonst so stillen Stdtchen,
da man es kaum wieder erkannte, und das Wirthshaus Zum Hoffnungsanker
hatte, so lange der Ort stand, noch keine so guten Geschfte gemacht.
War es doch auch bis unter das Dach hinauf von Gsten angefllt, die auf
Matratzen, Decken, Stroh, oder wie es eben ging, untergebracht werden
muten, whrend fast alle mnnlichen Bewohner von Santa Clara hier
ebenfalls zusammenkamen, um die Neuangekommenen zu sehen und zu sprechen,
und vielleicht auch frische Nachrichten von daheim -- das heit aus
ihrem Dorfe zu hren, denn was wirklich _deutsche_ Nachrichten und
besonders deutsche Politik betraf, kmmerte die Wenigsten der
Colonisten.

Viele waren allerdings schon seit Jahren ausgewandert, und den
politischen Verhltnissen daheim, die sie selbst an Ort und Stelle nicht
verstanden, so entfremdet worden, da sie kaum noch die geographischen
Namen der verschiedenen Staaten kannten. Aber selbst erst krzlich
Herbergekommene fragten nicht nach dem, was Preuen oder sterreich,
oder sonst ein Theil Deutschlands treibe -- das war deren Sache, und sie
mochten es mit einander ausmachen -- sondern nur aus welcher Gegend Der
und Jener sei, und ob daheim Der und Jener noch lebe, und nicht Lust
habe nach Brasilien zu kommen.

Auerdem wollten sich die Leute aber auch gern einmal einen sogenannten
fidelen Abend machen, und da der Wirth Christian Bohlos einen ziemlich
gerumigen Schuppen an sein Haus gebaut und mit Dielen hatte belegen
lassen, ja auch in diesem Schuppen ein hlzernes Gerst fr ein Musikcorps
angebracht war, so verstand es sich von selbst, da heute Abend ebenfalls
getanzt wurde.

Das beste Musikcorps der Stadt wurde dazu bestellt -- denn es gab deren
zwei -- und da sich das andere darber zurckgesetzt fhlte und erklrte,
das sogenannte _beste_ Musikcorps knne gar nicht spielen und vollfhre
eine wahre Heidenmusik -- blieb sich gleich.

Schon mit Dunkelwerden sammelten sich die Gste -- auf acht Uhr Abends
waren nach stillschweigendem bereinkommen die Frauen angesagt, denn die
Kinder muten erst zu Bette gebracht werden -- und bis dahin gingen Flasche
und Krug lustig im Kreise. -- Aber nicht etwa das dnne brasilianische
Bier wurde getrunken, das ein Deutscher sogar in Santa Clara braute,
obgleich das besonders die Neuangekommenen mit Leidenschaft forderten,
sondern vaterlndischer Rheinwein bildete bei solchen Gelagen gewhnlich
das schwere Geschtz. Die langhalsigen, schlanken Originalflaschen
ragten fast von allen Tischen empor, und Scharlachberger-, Brauneberger-,
Markobrunner- und Hochheimer-Etiquetten gehrten zu den gewhnlichsten
Dingen.

An dem einen Tische prsidirte der Pfarrer des Ortes, eine
breitschulterige, etwas massive Gestalt, mit hochgerthetem Gesichte,
kurzen, etwas struppigen blonden Haaren und einem _wenigstens_
zweitgigen weien Halskragen, aber nicht etwa in schwarzer Ordenstracht,
sondern in einer grauleinenen Sommerjoppe mit Nankinghosen, und um
ihn gruppirten sich einzelne Bewohner von Santa Clara -- unter ihnen
auch unser alter Bekannter Pilger und mehrere Colonisten aus der
unmittelbaren Nhe des Stdtchens, von denen dann wieder verschiedene
frische Einwanderer zugezogen worden, um zuerst Bericht ber ihre
Reise abzustatten, und dann Enthllung ber das erhoffte Brasilien zu
vernehmen.

An die Ecke desselben Tisches hatte sich ebenfalls der Bursche mit dem
Silberband um die Mtze gedrngt, der heute schon mit dem Director
Streit gehabt; ein Krug Bier und eine Portion Braten stand vor ihm.
Seine Frau lag drben im Auswanderungshause mit ihren Kindern in einer
dunklen, feuchten Ecke, und theilte mit ihnen das krgliche Mahl, das
sie sich von geliefertem Mehle selber hatte bereiten mssen.

Die brigen Tische waren eben so dicht gedrngt mit Gsten, und Bohlos'
Frau und ein paar Mgde konnten sich kaum in dem berfllten Raume Bahn
machen, um die verlangten und oft strmisch geforderten Speisen und
Getrnke auszutheilen.

Na, hier lebt sich's aber doch besser als an Bord von dem Schiffe, das
mu wahr sein, wenn ich auch gerade nicht ber die Kost auf dem Schiffe
klagen will, sagte einer der Zwischendeckspassagiere.

Saufressen, kaute der Mann mit dem Tressenstreifen mit vollem Munde;
bei uns kriegen's die Schweine besser, wie sie's uns fr unser schweres
Geld auf dem Schiff gegeben haben.

Vielleicht sind _Sie's_ zu Hause besser gewhnt gewesen, meinte einer
der jungen Kaufleute, ein Kajtenpassagier, der sich aber hier schon in
brasilianische Gleichheit hinein zu finden suchte, indem er seinen, ihm
unangenehmen Nachbar von der Seite ansah.

Bin ich auch, knurrte der Mann -- ja, Sie, die Kajtenpassagiere,
haben hineingestopft gekriegt, was nur eben hinein ging, aber _uns_
haben sie behandelt wie die Hunde -- und noch schlechter.

Na, ich wei nicht, sagte der Erste wieder, ich bin doch auch im
Zwischendeck gefahren, habe aber Nichts davon gemerkt. Da man's auf
dem Schiff nicht so gut bekommen kann wie daheim, na ja, das haben wir
freilich schon zu Hause gewut, und dafr ist's eben eine Seereise.
Auerdem habt _Ihr_, so viel ich wei, nicht einmal Passage bezahlt,
sondern Eure Gemeinde daheim hat's zusammengeschossen.

Das geht Keinem 'was an, sagte der Bursche mit einem finstern Blicke
nach dem Sprecher -- bezahlt ist's doch, ohne da _Ihr_ dazu die Hand
in den Sack gesteckt.

Die brigen schwiegen, denn der Mann hatte nicht genug Einnehmendes
in seinem Wesen, sich mit ihm in ein lngeres Gesprch einzulassen.
Freilich war hier offener Wirthstisch, und man konnte ihm auch nicht gut
verwehren, sich der Unterhaltung anzuschlieen, so lange er eben nicht
selber fhlte, da er da nicht hinein passe.

Oben am Tische wechselte das Gesprch jetzt wieder auf die Verhltnisse
in der Colonie, und die Klagen ber die Regierung waren allgemein, da
nie Land vorrthig vermessen sei, wenn einmal Colonisten eintrafen. Die
Neuangekommenen wollten das dem Director zuschieben, und der Pfarrer
gab ihnen Recht. Da stk' es, denn das sei ein hochmthiger Patron, der
sich den Henker um den armen Mann scheere. Dagegen sprachen aber, und
zwar mit Eifer, mehrere der Colonisten selber und vertheidigten den
Director.

Was kann er denn machen, wenn ihn der Prsident im Stiche lt? Das
ist die vorgesetzte Behrde, und an die mu er sich wenden, und fr den
gemeinen Mann thut gerade _er_ mehr, denn irgend Einer vor ihm. Und wie
hat er jetzt wieder gearbeitet, um die Leute alle unterzubringen!

Ein Lump ist's, rief der mit der Tresse, seine Faust auf den
Tisch schlagend, da sich Alle erstaunt nach ihm umsahen -- ein
nichtsnutziger, grober Lump, und das hab' ich ihm heute in's Gesicht
gesagt, und will es ihm morgen auch noch einmal hinein sagen.

Was ist denn der Mann da schuldig, Bodenlos? fragte Pilger laut, als
der Wirth gerade an ihm vorberging.

Wer? fragte Bohlos, sich am Tische umsehend.

Der mit der hbschen blauen Mtze.

Na, sagte der also Bezeichnete erstaunt aufstehend -- wem geht denn
_das_ wieder 'was an, was _ich_ schuldig bin?

Der Tisch hier bezahlt's, sagte Pilger, ohne von dem Einwurfe Notiz zu
nehmen -- wie viel macht's?

Portion Braten und vier Glas Bier, sagte Bohlos -- wollen's gerade
einen Milreis rechnen, es macht eigentlich noch zwanzig Reis mehr.

Sehr schn, sagte Pilger, und jetzt, guter Freund, thut uns einmal
den Gefallen und macht die Thr _von auen_ zu. Verstanden?

Ob ich sie zumachen oder auflassen will, geht Keinem einen Quark an!
rief der Bursche, rckte sich die Mtze auf das eine Ohr, und sah den
Redenden mit wthenden Blicken an.

Wollt Ihr Vernunft annehmen? fragte Pilger ruhig, indem er langsam von
seinem Stuhle aufstand -- oder soll ich Euch....

Ach, lat den Lump zufrieden, Pilger! riefen ein paar Andere -- fangt
keinen Streit an.

Streit? sagte Pilger vollkommen kaltbltig -- fllt mir gar nicht
ein, aber sollen wir uns etwa von so einem Burschen, wie der da, den
ganzen Abend verderben lassen? Entweder der Gesell geht, Bodenlos, oder
ich gehe.

Ach, seid vernnftig, sagte der Wirth beruhigend.

Nein, er hat Recht! riefen nun auch die frheren Mitpassagiere des
Burschen; auf der ganzen Reise hat er Nichts wie Skandal und Streit
gehabt, und seine arme Frau dabei mihandelt, da es eine Schande war.

Ihr Lumpenhunde wollt auch wohl noch mit drein reden? rief der mit der
Mtze, und fuhr von seinem Sitze auf, aber Pilger hatte ihn schon am Kragen
und hob ihn mit riesiger Kraft vom Boden; drei oder vier Andere faten
ihn zugleich an Armen und Beinen, und keine Minute spter fand er sich
ziemlich unsanft hinaus auf die Strae gesetzt. Kaum aber hatten die
Mnner ihre Sitze wieder eingenommen, als ein ziemlich faustgroer Stein
durch das eine Fenster klirrend hereinschmetterte und glcklicherweise
gegen die nchste Stuhllehne traf, sonst htte er Schaden anrichten
knnen. Fnf oder sechs junge Burschen flogen jetzt hinaus, um den
Frevler abzustrafen, aber der Passagier hatte es doch fr gerathen
gefunden, etwas Derartiges nicht abzuwarten, und war verschwunden.

Indessen rckte die Zeit vor -- es war acht Uhr, und die Damen kamen
zum Balle. Es waren meist Frauen und Tchter von Bauern und Handwerkern,
aber viele der letzteren selbst in Brasilien geboren und grogezogen, wo
sie dann, mit Kindern der eingeborenen Brasilianer aufwachsend, auch den
Schnitt von deren Kleidung, wie eine freiere Haltung angenommen hatten
-- und reizende Gestalten gab es unter ihnen.

Hier und da kam freilich noch ein echt deutsches Bauernmdchen, die
rothe Kattunschrze hoch in der Taille umgebunden, das riesige weie
Taschentuch in der sonnverbrannten, arbeitsharten Hand schlenkernd und
mit der eigenthmlich schaufelnden Bewegung im Gange. Junge Mdchen
mit weien Kleidern und Rosabndern dazwischen, mit Fen, die einem
Grenadier zur festen Basis htten dienen knnen, und eine Handvoll
knstliche, arg zerdrckte Blumen geschmacklos auf den Kopf gebunden.
Aber auch leichte und selbst zarte Figuren mischten sich dazwischen,
junge Mdchen aus irgend einer kleinen Stadt, die jedenfalls verstanden
sich geschmackvoll zu kleiden, und eine buntere Mischung des schnen
Geschlechts konnte in keinem Lande der Welt aufgetrieben werden.

Und wer war der Ceremonienmeister, der Arrangirende und Ordnende
dieses ganzen Balles? Wer stellte, als die Musik endlich begann, die
Contretnze? Wer klatschte in die Hnde, wenn die ersten Paare antanzen,
wer klatschte wieder, wenn sie wechseln sollten? Wer drckte sich dann
in einem ruhigen Moment in eine Ecke, um mit einem oder dem anderen
Nachbar, nur im Vorbeigehen, ein Glas Wein oder Punsch zu trinken,
und war im Nu wieder bei der Hand und mitten im Saale, sobald nur die
geringste Unordnung zu drohen schien? Wer anders als Jeremias, der sich
aber so entpuppt hatte, da man ihn heute Abend wirklich nur an der
rothen Perrcke wiedererkannte.

Wer den Jeremias heute in Hemdsrmeln gesehen hatte, wie er im Schweie
seines Angesichts, den Karren hinter sich, durch die Straen keuchte,
und wer ihn jetzt sah, wie er im Glanze von wenigstens achtzehn
Talglichtern mit blechernen Reflectoren, # quatre pingles# gekleidet,
durch den Saal hpfte, wrde eine solche Vernderung, ohne den Mann
genauer zu kennen, nicht fr mglich gehalten haben, und doch war es
eine und dieselbe Persnlichkeit.

Es lt sich nicht lugnen, weder der hellblaue Frack mit den blanken
Knpfen, noch die weien Hosen, noch die lichten, schon etwas schmutzigen
Glachandschuhe waren je fr ihn gemacht, und die beiden ersteren gerade
um das zu weit, was die letzteren zu eng schienen. Aber er zeigte doch,
wie der Pfarrer meinte, den guten Willen, und einen aufmerksameren und
den Formen strenger gengenden Tanzmeister wie ihn gab es nicht auf der
weiten Welt, viel weniger denn in Brasilien.

Jeremias war in der That berall, und hatte er heute ber Tag bei seinem
Karren geschwitzt, so berstieg seine Transpiration gegenwrtig alle
Grnzen. Er troff frmlich, und das helle Wasser lief ihm unter der
brennend rothen Perrcke in kleinen Bchen nieder.

Eigentlich hatte Jeremias ursprnglich gar kein rothes Haar gehabt, und
das kleine Stckchen Backenbart, das ihm noch jetzt vor beiden Ohren
stand, war sogar von pechschwarzer Farbe. Als ihm aber damals, nach
einer Art Nervenfieber, und kurz vorher, ehe er Deutschland verlie,
smmtliche Haare ausgingen, forderte der Friseur fr eine _schwarze_
Perrcke eine seine Krfte bersteigende Summe, und da er die _rothe_
Perrcke -- der Trger war darunter weggestorben -- aus zweiter Hand
billig erstehen konnte, entschlo er sich kurz und wechselte die Farbe.
Jetzt war er nun so an die rothe Perrcke gewhnt, da er eine andere,
schwarze nicht mehr umsonst genommen htte.

brigens war Jeremias in der ganzen kleinen Stadt als ein fleiiger,
nchterner Arbeiter beliebt, und seiner oft drolligen Antworten wegen
fast in jedem Hause gern gesehen. Weil er aber fleiig arbeitete,
verdiente er auch ganz hbsches Geld, und nur, was er mit dem Verdienten
machte, erfuhr kein Mensch. Verzehren konnte er es nicht, da er
auerordentlich mig lebte, und nie auch nur einen halben Milreis
vergeudete, aber trotzdem hatte er noch Keinem Geld zum Aufheben
gegeben. Er kaufte auch kein Land oder Vieh, und von Staatspapieren
wute er auerdem Nichts. Allerdings hatte sich das Gercht verbreitet,
da er sein Geld heimlich im Walde vergraben und schon einen ganzen Sack
voll Milreis irgendwo eingescharrt habe. Gewiheit bekam aber Niemand
darber, und Jeremias war viel zu schlau, Andere das wissen zu lassen,
was sie eben nicht zu wissen brauchten.

So gutmthig Jeremias aber auch im Ganzen sein mochte, und so
dienstwillig und gefllig er sich gegen Jedermann in seiner Arbeitszeit
zeigte, so unumschrnkt regierte er hier, und der geringste Versto
gegen die Tanzordnung wurde auf das Unerbittlichste geahndet. Ein
Schneider aus Santa Clara rgerte ihn besonders, und man erzhlte sich,
die Feindschaft zwischen den Beiden schreibe sich daher, da Jeremias
eine Heirath des Schneiders, den er als einen liederlichen Schlingel
kannte, hintertrieben habe. Das Mdchen war braver Bauersleute Kind, und
Jeremias kannte den Brutigam, der aus seinem Orte stammte, schon von
Deutschland her. Daheim hatte dieser aber ein anderes Mdchen sitzen,
dem er die Ehe versprochen, und das auf ihn wartete, und als die
Bauernfamilie das hier erfuhr, wurde dem Werber das Haus verboten.

Ob Jeremias ihnen das wirklich mitgetheilt, war nicht ganz bestimmt,
jedenfalls hie es so, und der Schneider hate ihn seitdem wie seinen
Todfeind, ohne da sich Jeremias deshalb die geringste Sorge gemacht
htte. Heute nun, wo Jener etwas mehr als gewhnlich getrunken haben
mochte, suchte er ein paar Mal Streit mit dem kleinen Ceremonienmeister,
und als dieser ihn eben so oft derb abfertigte, wute er sich auf andere
Weise zu rchen. Jeremias hatte gerade wieder in der einen Ecke einen
Schluck Punsch mit dem jungen Handlungsdiener getrunken, als er auf der
andern Seite des Saales eine Unordnung entdeckte. Wie der Blitz sprang
er auf und dorthin; unglcklicherweise mute er aber an dem Schneider
dicht vorbei, der rasch sein Bein vorhielt, und Jeremias, darin hangen
bleibend, scho, so lang er war, mitten in den Saal.

Dem bswilligen Schneider bekam das aber schlecht. Zu viele Leute waren
Zeuge gewesen, und ehe sich Jeremias nur wieder vom Boden aufraffen
konnte, hatten sie den Schneider gepackt, machten ein Fenster auf und
warfen den sich aus Leibeskrften dagegen Strubenden hinaus in die
Bsche.

brigens war es eine so allgewhnliche Begebenheit, da bei einem
deutschen Balle auch zwei oder drei Personen zu Thr oder Fenster
hinausgeworfen wurden, da Niemand weiter darauf achtete. Der Tanz
ging ruhig fort, und Jeremias, der mit einer wahren Federkraft vom
Boden emporschnellte, sah kaum den Schneider beseitigt, als er auch
augenblicklich wieder in den Tact der Musik einfiel, und nur im
Herber- und Hinberhpfen noch den Staub von seinem Fracke zu entfernen
suchte. Leider war kurz vorher gesprengt worden, und die weien Hosen
hatten dadurch etwas fleckige Vordertheile bekommen, aber Jeremias
selber sah es nicht und Niemand achtete weiter darauf.

Pilger war auch aus dem Gastzimmer herbergekommen, um seine Frau zu
suchen, die versprochen hatte bei dem Balle zu erscheinen, aber sie
fehlte noch, und etwa eine halbe Stunde spter ging er nach Hause, um
sie abzuholen.

Er mochte vielleicht eine Viertelstunde fort gewesen sein, als er mit
etwas verstrtem Gesichte wieder zurckkam und seine Blicke unruhig im
Saal umherschweifen lie -- dann verschwand er wieder, ohne da
natrlich irgend Jemand auf ihn achtete, um bald darauf wieder
zurckzukehren, wo er den bei einer Partie Skat sitzenden Pfarrer
aufsuchte und zu sich hinausrief.

Nun, sagte dieser, der eben nicht gern von seiner Partie aufgestanden
war, indem er ihm vor die Thr folgte, was haben Sie denn, Sie schneiden
ja ein Gesicht, als ob es bei Ihnen brennte?

Meine Frau ist fort, flsterte Pilger mit heiserer, von innerer
Aufregung fast unhrbarer Stimme.

Ihre Frau ist fort? sagte der Geistliche erstaunt -- wohin?

Ich wei es nicht, sthnte der Mann -- sie ist nicht hier beim Tanze,
sie ist nicht zu Hause und doch vor etwa einer halben Stunde mit einem
Bndel in der Hand fortgegangen.

Na ja, das wre nicht bel, schttelte der Herr Pfarrer mit dem Kopfe
-- er hatte drin ein Eichelsolo auf dem Tische liegen, und die Sache kam
ihm sehr unbequem -- aber wohin _kann_ sie denn hier?

Da steckt der Schuft, der Bleifu dahinter, knirschte der Mann zwischen
den zusammengebissenen Zhnen durch; aber wenn ich die Gewiheit kriegte,
dann gnade ihm Gott!

Hm, sagte der Pfarrer, welcher die deshalb umlaufenden Gerchte schon
lange gehrt hatte und kannte -- und haben Sie keine Ahnung, wohin sie
sich gewandt haben knnte?

Keine, chzte Pilger; aber was um Gottes Willen kann ich thun, um sie
wieder zu bekommen?

Heute Abend gar Nichts, sagte der Pfarrer; es ist stockdunkel, und
aus dem Tanzsaal bringen Sie Keinen fort -- noch dazu, wenn Sie nicht
einmal eine bestimmte Richtung angeben knnen.

O, Du groer, allmchtiger Gott! sthnte der Mann und prete die fest
zusammengeschlagenen Hnde gegen seine Stirn.

Machen Sie sich keine Sorgen, sagte der Geistliche, wenn die Frau Sie
auf so leichtsinnige Weise verlassen konnte, so haben Sie auch Nichts an
ihr verloren, und den Mosje, den Bleifu, wollen wir schon kriegen, wenn
der wirklich dahinter steckt. Der mu blechen, da es ihm blau und braun
vor den Augen wird.

Meine Grethe -- meine Grethe! hauchte der arme Teufel; da sie mir
die Schande anthun konnte!

Es lt sich heute Nichts mehr machen, versicherte der Pfarrer -- er
_konnte_ seinen Eichelsolo nicht lnger im Stiche lassen -- gehen Sie
ruhig nach Hause -- morgen frh komme ich zu Ihnen und da besprechen
wir das Weitere --, und ohne eine Antwort abzuwarten, klopfte er dem
Unglcklichen auf die Schulter und ging wieder in das Zimmer zurck an
seinen Spieltisch.

Pilger stand noch eine Weile wie vernichtet in der offenen Thr, dann
aber lief er noch einmal zurck zu seinem Haus, und als er die Verlorene
auch jetzt noch nicht fand, wieder hinaus in die Nacht hinein -- er
wute ja selber nicht, wohin.

Unten an der Landung, etwa zweihundert Schritte tiefer als die Boote
gewhnlich lagen, hatte ein kleines Fahrzeug im Schutze dichter Bsche
angelegt, und gleich nach Sonnenuntergang waren schon verschiedene
Blechkoffer und Kisten hineingeschafft. Vier portugiesische Ruderer, die
zu einem der weiter unten ankernden Schooner gehrten, lagen auf ihren
Riemen und warteten auf ein verabredetes Zeichen, um den Bug des Bootes,
das jetzt ein Stck drauen im Strom ankerte, dicht zum Lande zu schieben.
Jetzt pfiff es viermal rasch hintereinander, und whrend sich das
schmale Fahrzeug noch tiefer in die Bsche hineinschob, eilten ein Mann
und eine Frau den schrg ablaufenden Hang hinab, gerade auf die Stelle
zu, wo dasselbe verborgen lag.

Der Mann hielt ein greres Paket im Arme und konnte nicht so rasch von
der Stelle, weil er, seiner Bequemlichkeit wegen, Pantoffeln trug. Die
Frau fhrte ein kleines Bndel bei sich und war ihm immer um einige
Schritte voraus, bis sie den Wasserrand erreichte. Hier hielt sie
pltzlich und wie erschreckt an und flsterte:

O, Du mein lieber himmlischer Vater, was will ich thun, was will ich
thun!

Hier sind wir an Ort und Stelle, sagte der Mann, der sie hier
einholte, in portugiesischer Sprache, aber mit unterdrckter Stimme,
nur rasch, meine Geliebte, da uns die Tlpel nicht doch noch am Ende
auf die Spur kommen.

O, mein armer Mann, und er ist immer so gut und rechtschaffen, und
_ich_....

Whrend sie klagte, hatte der Portugiese schon sein Bndel in das Boot
gegeben und der Frau das ihrige ebenfalls abgenommen und einem Matrosen
gereicht. Jetzt legte er leise seinen Arm um ihre Taille und schob sie
sanft rckwrts.

Kommen Sie, Margarita, kommen Sie, wir versumen sonst die gnstige
Zeit ber die Barre -- dort hinten hre ich auch Leute. Denken Sie, wenn
man Sie hier fnde -- mit _mir_!

Die Frau schreckte empor. Etwa hundert Schritte weiter oben fhrte
ein Weg vorbei, auf dem zwei Mnner gingen, die sich laut miteinander
unterhielten. Die Frau glaubte die Stimme des Einen zu erkennen und
wich scheu mehr in die Bsche hinein. Dort lag die Planke -- einer der
Matrosen ergriff ihre Hand, und keine halbe Minute spter glitt das Boot
in die dunkle Strmung hinaus und mit dieser abwrts.

Am Ufer herauf kam eine einzelne Gestalt, die horchend stehen blieb,
als sie das Knarren der Ruder in den Blcken hrte, das nur so viel
deutlicher durch die Stille der Nacht drang. Erkennen lie sich freilich
Nichts von dort, wie nur vielleicht der dunkle Schatten des Bootes
selber.

Grethe, rief da eine leise, klagende Stimme in den Strom hinaus
-- Grethe -- bist Du dort?

Keine Antwort erfolgte; blitzesschnell trieben die Ruder das Boot
vorwrts, das wenige Minuten spter um eine ablaufende Biegung des
Flusses verschwand. --

Bei dem Director, in der kleinen Oberstube, sa Knnern, und Beide
waren, Jeder mit einem Lichte vor sich, beschftigt zu lesen. Der
Director whlte in einer Anzahl von Briefschaften, whrend Knnern
ein Packet Zeitungen durchbltterte, die der Capitain des Schiffes
mitgebracht hatte. Die Haushlterin brachte gerade den Thee herein,
denn die Abende waren frisch genug, um eine warme Tasse Thee recht gut
vertragen zu knnen.

Na, da hrt Alles auf! sagte der Director pltzlich, und sah ber
einen eben geffneten Brief nach Knnern hinber.

Nun, fragte dieser, dem Blicke begegnend -- irgend eine unangenehme
Nachricht?

Unangenehm gerade nicht, lautete die Antwort, aber gerade zu der
unpassendsten Zeit in der Welt erhalten. Der Delegado, jener Portugiese,
den wir an der Schule trafen, zeigt mir eben an, da er von der Regierung
auf unbestimmte Zeit Urlaub erhalten habe und mir hiermit in seiner
Abwesenheit die laufenden Geschfte bertrage. Die ganze lange Zeit hat
der Herr Nichts auf der Gotteswelt zu thun gehabt, weil ich die kleinen
Streitigkeiten zwischen den Colonisten immer selber schlichtete, ja,
eher noch selber Ursache zu Zank und Unfrieden in verschiedenen Familien
gegeben, und jetzt, wo wir eine ganze Schaar durch die Seereise halb
verwilderter Menschen bekommen, die auerdem noch untergebracht werden
sollen, will er sich von jeder Arbeit drcken. Das geht nun einmal unter
keiner Bedingung an, und wenigstens mu er noch die nchste Woche
dableiben. Ich habe berdies Scheererei genug -- kommen Sie, trinken Sie
eine Tasse Thee -- da drben steht der Rum -- helfen Sie sich selber.

Knnern schob die Zeitungen und Papiere bei Seite, um freien Raum zu
bekommen. Eine kleine, zierliche Visitenkarte fiel heraus und auf den
Tisch.

Hallo, lachte er, die Dinger gehren doch hier wohl eigentlich zu
den exotischen Gewchsen. Wie heit denn der Herr? Arno von Pulteleben
-- den Namen kenn' ich nicht.

Irgend wieder ein junger Adeliger, sagte der Director, sich Rum zu
seinem Thee gieend, der mit den Diamantgruben Brasiliens im Kopfe
herber kommt, sich hier eine Zeit lang herum treibt und ber Alles
schimpft, bis sein mitgebrachtes Geld verzehrt ist, und dann, emprt
ber die traurigen Verhltnisse des Landes, nach Deutschland zurckkehrt,
fr das er Mrchenstoff in Masse gesammelt hat. Er wollte mich heute
besuchen, aber wie ich nur den schwarzen Frack, Seidenhut und die weien
Glachandschuhe durch's Fenster sah, hatte ich schon brig genug und
-- lie mir die Ehre auf ein anderes Mal ausbitten.

Wo mag er denn nur Quartier gefunden haben? sagte Knnern, die Huser
sind ja fast alle berfllt.

Gott wei es, sagte der Director gleichgltig, vielleicht doch noch
im Hotel, denn Bohlos macht oft das Unglaubliche mglich. berhaupt,
lieber Knnern, glauben Sie gar nicht, was sich in einer solchen
Colonie wie die unsere oft fr wunderliche Subjecte und Charaktere
ansammeln, und man knnte sie sich oft nicht besser assortirt fr ein
Naturalien-Cabinet zum Ausstopfen aussuchen. Aus allen Schichten der
Gesellschaft bekommen wir die Proben, und der hohe Adel, wie Knstler
und Gelehrte liefern jederzeit die werthvollsten Exemplare. Unseren
Baron haben Sie schon gesehen, die Grfin werden Sie jedenfalls noch
kennen lernen; auerdem treibt sich hier auch ein ganz tchtiger
Knstler herum, ein Mann, der wahrscheinlich in Deutschland seiner Kunst
Ehre machen knnte, und hier gerade so viel damit ausrichten wird, wie
ein Holzhacker in den Pampas, oder ein Ackerbauer in den Schneebergen.

Ist es ein Maler? fragte Knnern.

Nein, lachte Sarno, Sie brauchen keinen Concurrenten zu frchten
-- nur ein Clavierspieler. Aber auch ein anderer Musiker macht die
Gegend unsicher, aus dem ich aber noch nicht recht klug geworden bin.
Er _nennt_ sich Randolph und scheint mir ein excentrischer Kopf, wie
alle derartigen Knstler....

In dem Augenblicke wurde drauen an die Thr geklopft und die alte
Haushlterin meldete gleich darauf: Der Schuhmacher Pilger wnsche den
Herrn einen Augenblick zu sprechen.

Ach, sagte der Director, unzufrieden mit dem Kopfe schttelnd, immer
wieder die alte Geschichte, aber ich kann ihm jetzt gute Nachricht
geben, denn er wird seinen Qulgeist wenigstens auf einige Zeit los.
Lassen Sie ihn nur herein kommen.

Pilger betrat gleich darauf das Zimmer. Er hielt den Hut in der Hand,
sah aber todtenbleich aus und der Schwei stand ihm in groen Tropfen
auf der Stirn.

Guten Abend, Herr Director! sthnte er, ohne auf den noch im Zimmer
befindlichen Fremden weiter zu achten.

Guten Abend, Pilger! Um Gottes Willen, wie seht Ihr denn aus, Mann? Was
ist denn vorgefallen?

Meine Frau ist mir davon gelaufen, Herr Director, sagte der arme Teufel,
und man sah es ihm an, wie er sich nur mit uerster Gewalt zwang, seine
Fassung zu bewahren.

Eure Frau? Wann?! rief der Director erschreckt und ein eigener Verdacht
scho ihm durch den Kopf.

Heute Abend -- vor einer Stunde etwa, vielleicht noch nicht so lange.
Sie wollte auf den Ball kommen und hat das Haus verlassen, ist aber
jetzt nirgends mehr zu finden.

Aber, bester Freund, wenn Ihr sie erst so kurze Zeit vermit, kann sie
ja auch zu einer Freundin gegangen sein, um die abzuholen.

Nein, sagte der Mann ruhig, sie hat ein Bndel mitgenommen und ist
nach dem Flusse gegangen. Ich sprach Jemanden, der ihr begegnet ist.

Und habt Ihr keinen Verdacht, wer dabei die Hand im Spiele haben
knnte? fragte der Director.

Verdacht? Nein, sagte Pilger mit fest zusammengebissenen Zhnen, aber
die _Gewiheit_, da es jener gottverfluchte Bleifu, der Delegado,
gewesen ist. Es giebt jetzt nur noch eine Mglichkeit, fuhr er fort,
whrend der Director leise vor sich hin mit dem Kopfe nickte, da die
Flucht nach dem Flusse zu vielleicht nur zum Schein war und meine Grethe
jetzt ruhig drben im Hause des Delegado versteckt ist. Allerdings fuhr
vor etwa einer Viertelstunde ein Boot stromabwrts, aber ich kann mir
nicht denken, da der Portugiese die Frau allein fortschicken wird, und
deshalb komme ich her, Herr Director, und wollte Sie bitten, das Haus
des Portugiesen augenblicklich durchsuchen zu lassen. Finden wir dort
nichts, dann mu sie den Strom hinunter sein, und ich glaube, ich wei
ein Haus, wo sie sich mglicher Weise verborgen halten knnte.

Wart Ihr schon am Hause des Delegado?

Ja -- es ist Alles stockfinster drin, aber das bedeutet nichts.

Wit Ihr, da der Delegado Urlaub von der Regierung und mir heute Abend
schriftlich angezeigt hat, ich solle sein Amt hier fr ihn versehen?

Der Mann schlug entsetzt die Hnde zusammen.

Dann ist's auch richtig, sthnte er -- dann ist er fort und sie waren
in dem Boote, das ich gesehen habe. Wollen Sie mir helfen, Herr
Director?

Von Herzen gern, Pilger, aber wie?

Erst gehen wir jetzt zu seinem Hause und sehen ob er fort ist, und
finden wir das besttigt, dann bitte ich Sie um weiter Nichts, als Ihr
Boot -- Leute schaff' ich schon herbei.

Aber keine Gewaltthtigkeit, Pilger! warnte der Director; Ihr macht
die Sache dadurch nur noch schlimmer.

berlassen Sie das mir, Herr Director. Ich habe den Eltern meiner Frau,
braven, ordentlichen Leuten daheim, versprochen, ber dieselbe zu wachen
wie ber meine Augen; ich darf die unglckliche Frau nicht den Hnden
dieses Buben berlassen, und _darin_ werden mich doch hoffentlich die
Gesetze schtzen.

Das allerdings, sagte Sarno, von seinem Stuhle aufspringend -- und
dann wollen wir auch keine weitere Zeit mehr versumen -- kommt!

Er griff seinen Hut auf, und von Knnern begleitet, gingen die Mnner
rasch nach dem Hause des Delegado hinber. Es war aber hier, wie es Sarno
gefrchtet hatte, sie fanden das Haus nicht allein fest verschlossen,
sondern auch leer. Dicht daneben wohnte ein deutscher Cigarrenmacher,
der einen kleinen Stand nach der Strae zu hatte. Dieser konnte ihnen
wenigstens die Nachricht geben, da gleich nach Dunkelwerden mehrere
brasilianische Matrosen Kisten und Koffer aus dem Hause die Strae
hinab getragen htten. Weiter wute er ebenfalls nichts, denn den
Delegado hatte er mit keinem Auge gesehen.

Dann bleibt mir Nichts weiter brig, als das Boot, sthnte Pilger, als
er mit seinen Begleitern wieder die Strae hinauf ging -- darf ich es
nehmen, Herr Director?

Geht mit Gott! sagte Sarno, indem er ihm den kleinen Bootschlssel gab
-- Ihr wit, wo es liegt?

Ja wohl -- und Segel und Ruder?

Hat der Fischer gegenber -- der kann Euch auch wahrscheinlich gleich
Leute zum Rudern nachweisen.

Pilger dankte und flog mehr als er ging die Strae hinab und der Landung
zu. --

       *       *       *       *       *

Im Hause der Grfin Baulen war die kleine Familie mit ihrem Gaste
ziemlich spt beim Thee zusammen gewesen, und hatte den Abend, so gut
das eben gehen wollte, verplaudert. Herr von Pulteleben erzhlte von
seiner Familie daheim und dem kleinen Gute, auf dem er erzogen worden,
von seinen Plnen und Hoffnungen und seinem Eifer, etwas Ernstliches
zu beginnen, und die Frau Grfin selber war ihm mit Interesse dabei
gefolgt. Nur Oskar langweilte sich; aber er wute, da im Wirthshause
Ball sei. Allerdings wrde ihm seine Mutter nie die Erlaubni gegeben
haben, dem beizuwohnen, deshalb ersparte er ihr das Unangenehme einer
Weigerung, verlie unbemerkt das Zimmer und ging eben _ohne_ Erlaubni.

Herr von Pulteleben erzhlte jetzt von seiner Reise und den Abenteuern
derselben, und da er wirklich gar Nichts dabei erlebt, wurde die Frau
Grfin endlich mde und schlief ein.

Helene setzte sich auf kurze Zeit an's Clavier, aber ihr Gast war nichts
weniger als musikalisch, und da er auch keinen Geschmack an den kleinen,
reizenden Liedern fand und sie immer nur -- oft mitten in einem Stcke
-- bat, einen Walzer oder Galopp zu spielen, ermdete Helene ebenfalls.

Es war Zeit zum Schlafengehen geworden, das Mdchen wurde gerufen, um
dem Fremden in sein Zimmer zu leuchten, und Helene ging in das ihrige,
stellte das Licht auf den Tisch, sttzte den Arm auf das offene Fenster,
zu dem der balsamische Duft der Orangenblthen voll hereinstrmte, und
schaute trumend in die Nacht und auf die dunklen Conturen der Gebirge
hinaus.

Da zuckte sie pltzlich erschreckt empor, denn fast dicht unter ihrem
Fenster erklangen wieder die leise klagenden Tne der Violine, die sie
schon an jenem Abend so wunderbar ergriffen hatten. Es lag ein solcher
Schmelz in der einfachen Melodie, da es ihr unwillkrlich das Herz
ergriff, und sie stand auf, setzte sich auf das Sopha, um von unten
aus nicht gesehen zu werden, und horchte mit angehaltenem Athem dem
meisterhaften Spiele.

Herr von Pulteleben, der schrg ber ihrem Zimmer wohnte, hatte schon
sein Licht ausgelscht und sich eben niedergelegt, als der Spielende
unten begann. Er stand wieder auf, lehnte sich in das offen stehende
Fenster und hrte eine Weile zu, bis die Tne unten leise verhallten.
Jetzt rief er von oben herunter:

Bravo! Sehr hbsch! Wirklich allerliebst!

Helene barg die Stirn in ihre Hand; es war wie ein Miton in diese
Harmonie hinein. Der Spielende unten aber schwieg. Sie lschte ihr Licht
aus und trat verdeckt ans Fenster, um vielleicht den Schatten seiner
hinweggleitenden Gestalt zu sehen, aber Nichts regte sich -- dunkel lag
die Nacht auf dem Thale, und nur von weit herber schallten dann und
wann, von einem gelegentlichen Luftzuge getragen, die munteren Tne der
Violinen und Trompeten, die dem jungen, lustigen Volke von Santa Clara
zum Tanze aufspielten.




10.

Eine Familienscene.


Vier Tage waren nach den oben beschriebenen Vorfllen verflossen und die
Frau Grfin hatte an diesem Morgen noch nicht vollstndig ihre Toilette
beendet, als drauen auf dem Vorsaale schwere Tritte laut wurden, und
gleich darauf ein Mann mit Dorothea sprach. Jetzt klopfte diese an die
Thr und rief:

Frau Grfin, der Meister Spenker ist drauen und wnscht die Frau
Grfin zu sprechen.

Soll spter wieder kommen, lautete die Antwort -- ich bin noch nicht
fertig angezogen.

Ach, machen Sie keine Umstnde, Frau Grfin, sagte der Bckermeister,
der die Antwort gehrt hatte -- ich habe meine Frau auch schon oft im
Neglig gesehen -- bin ja ein verheiratheter Mann und kann nicht so lang
von zu Hause fort bleiben. Es giebt jetzt schmhlich viel zu thun, denn
die vielen neuen Muler im Ort wollen doch alle satt werden und Brod
haben.

Aber weshalb kommen Sie denn so frh -- ich _kann_ jetzt nicht.

Frh? sagte der ehrliche Bckermeister erstaunt, der seit vier Uhr an
der Arbeit war -- es hat eben Elf geschlagen, und bei uns drben sagen
wir nicht einmal mehr guten _Morgen_ -- es wird gleich zu Mittag
gegessen. Wenn Sie aber wollen, kann ich Ihnen hier gleich durch die
Thr melden, was mich hergefhrt -- ich glaubte nur, es wre Ihnen
angenehmer wenn ich Sie _allein_ sprche.

Es entstand eine kleine Pause und der Bckermeister lchelte leise vor
sich hin -- endlich sagte die Grfin von innen heraus:

Ich komme den Augenblick -- gehen Sie in das andere Zimmer.

Sehr wohl, Frau Grfin, erwiederte der Meister kopfnickend, und wute
auch ganz genau, in welches, denn er hatte schon sehr viele derartige
Conferenzen mit der Dame gehabt. Er brauchte indessen nicht sehr lange
zu warten, denn kaum zehn Minuten spter ging die Thr auf und Frau
Grfin Baulen, einen groen Shawl umgeschlagen, trat herein und sagte
eigentlich viel freundlicher, als man nach der erzwungenen Audienz htte
vermuthen sollen:

Guten Morgen, Meister! Was wnschen Sie?

Guten Morgen, Frau Grfin -- Nichts, als die alte Geschichte, die wir
schon einige Mal verhandelt haben; _Geld_ -- meine Miethe.

Die Grfin warf ungeduldig den Kopf auf die Seite.

Aber Sie wissen ja doch, da meine Wechsel, die ich jedenfalls mit dem
nchsten Dampfer erwarte, noch nicht angekommen sind -- ich habe Ihnen
das schon das letzte Mal gesagt, als ich das Vergngen hatte Sie zu
sehen.

Bitte, sagte der Mann -- ja, und das vorletzte Mal auch, und das
vorvorletzte, aber es ist ein merkwrdiges Ding um einen Wechsel, der
nie ankommt, wenn er am Nothwendigsten gebraucht wird.

Und ist das etwa _meine_ Schuld? sagte die Grfin piquirt.

Glaube kaum, lchelte der Bckermeister -- nur die Schuld der Leute,
die eben keinen schicken wollen.

Aber sie _sind_ abgeschickt, rief die Grfin ungeduldig, und knnen
jetzt jede Stunde eintreffen. Sie denken doch nicht etwa, da ich Ihnen
eine Unwahrheit sagen werde?

Nein, sagte der Bckermeister kopfschttelnd -- es wre wenigstens
nicht hbsch, aber damit kommen wir nicht weiter. Das Kurze und Lange
von der Sache ist einfach _das_, da ich nicht lnger auf die Wechsel
warten kann, und es thut mir leid Ihnen das sagen zu mssen, Frau
Grfin. Ich bin nur ein Handwerker, und was ich brauche, mu ich mir
sauer genug verdienen; auerdem habe ich Kinder die versorgt sein
wollen, und das kostet, wie Sie ebenfalls recht gut wissen, viel Geld.
Deshalb mu ich das Meinige zusammenhalten -- Sie sind eine zu
vernnftige Frau, um das nicht einzusehen, und ich kann die Milreis
nicht hundertweis ausstehen lassen.

Aber, lieber Freund, ich _kann_ Sie ja doch nicht eher zahlen, bis
mein Wechsel kommt, sagte die Grfin ungeduldig -- was hilft also all
das Reden? So nehmen Sie doch nur Vernunft an!

Eben _weil_ ich lieber auf die Vernunft hren will, als viele Reden
machen, bin ich heute Morgen hergekommen, sagte der Meister ruhig,
und wollte Ihnen denn nur anzeigen, Frau Grfin, da ich mein Geld in
dieser Woche haben _mu_ und _will_, Wechsel oder keine Wechsel, die
mich eigentlich gar Nichts angehen. Ich werde Sie nicht zu sehr drngen
und gebe Ihnen noch bis zum Samstag Zeit, das ist aber auch, das schwre
ich Ihnen, der allerletzte Termin, den Sie von mir herausdrcken knnen;
denn die Geschichte spielt jetzt fnfzehn Monate, und ich will mich
nicht lnger zum ... na, ich meine, ich kann eben nicht lnger warten.

Ich will sehen was in meinen Krften steht, sagte die Grfin
gleichgltig, und wie es schien, mit dem Wunsche, das Gesprch
abzubrechen -- erzwingen lt sich aber so etwas nicht.

Oh, doch wohl, sagte Meister Spenker, den die vornehme Gleichgltigkeit
zu rgern anfing -- es lt sich auch erzwingen, Frau Grfin, wenn es
mir auch sehr leid thun sollte, etwas Derartiges zu thun. Der ganze Ort
ist jetzt voll Leute, die Logis suchen, und eine solche Wohnung, wie das
Haus hier, mit Vergngen noch hher als Sie und gleich baar bezahlen
wrden; berall fragen sie an, ob nichts Derartiges zu bekommen sei.
Auerdem haben Sie selber schon einen Aftermiether in's Haus genommen,
der _Sie_ doch auch bezahlt, und ich sehe gar nicht ein, weshalb ich
das nicht selber verdienen und sonst Nichts auf der Welt davon haben
soll, wie leere Versprechungen.

Der Herr, sagte die Grfin doch etwas verlegen, ist -- ein Verwandter
von mir, und zahlt mir also keine Miethe.

Na, das geht mich Nichts an, sagte der Bcker, ob er _Ihnen_ Etwas
zahlt. Wenn er bei _mir_ wohnte, _wrde_ er zahlen. Also Nichts fr
ungut, aber wenn ich bis Samstag mein Geld nicht bekomme, so mu ich
Sie, so leid mir das thun sollte, auf die Strae setzen und mich an dem
schadlos halten, was Sie mir fr meine zweihundert Milreis an Pferden
oder Mbeln zurcklassen knnen.

Herr Spenker, rief die Grfin auffahrend, eine solche Sprache
verbitte ich mir! Wenn Sie sich in Ihrem Rechte gekrnkt glauben, so
wenden Sie sich an die Gerichte, und wir wollen dann sehen, ob mir nicht
jeder Kaufmann selbst bezeugen mu, da in einem solchen Winkel der
Erde, wie wir ihn hier bewohnen, die Ankunft eines Wechsels verzgert
werden kann -- aber so lange Sie in meiner Stube sind, vergessen Sie
nicht die mir schuldige Achtung.

Ach was, sagte der Mann mrrisch -- _Sie_ vergessen auch immer die
mir schuldigen zweihundert Milreis, und mit dem vornehm -- aber wir
wollen uns nicht zanken, brach er kurz ab, deshalb bin ich nicht
hergekommen. Ich mag mit keinem Menschen Streit haben, am wenigsten mit
meinen Miethsleuten -- so weit's eben geht -- also nochmals, Nichts fr
ungut, Frau Grfin, und sorgen Sie dafr, da wir die Sache am Samstag
in's Klare kriegen, sonst lt sich's eben nicht lnger vermeiden und
mte Ihnen doch fatal sein. Wnsche Ihnen einen recht angenehmen
Morgen -- und mit einer kurzen Verbeugung und einer Schwenkung des
rechten Armes drehte er sich um und stieg langsam wieder die Treppe
hinunter.

Die Grfin hatte seinen Gru sehr kalt erwiedert und blieb, als er schon
lange das Zimmer verlassen, noch immer in finsterem Brten auf derselben
Stelle stehen. Sie hatte die Arme gekreuzt und starrte nieder vor sich
auf den Boden, als die eine Seitenthr aufging und Helene eintrat.

Sie ging still an der Mutter vorber zu dem nchsten Fenster, wo ein
Buch lag, das sie nahm und aufschlug -- aber sie las nicht darin. Ihre
Blicke hafteten wohl auf dem Drucke, doch ihre Gedanken schweiften zu
anderen Scenen, als den hier geschilderten. Endlich sagte sie leise:

Und was soll _nun_ werden?

Die Mutter schrak ordentlich bei der Frage empor, die nur das in Worten
aussprach, worber sie selber eben erst nachgedacht.

Du hast gehrt, was der Mensch sagte? fragte sie, ohne ihre Stellung
zu verndern.

Ja.

Alles?

Jedes Wort -- aber Dein Wechsel _mu_ jetzt kommen; der Dampfer ist
schon seit vier Tagen fllig und bleibt nur in seltenen Fllen ber
diese Zeit.

Und _wenn_ er kommt? erwiederte die Grfin mit einem bittern Lcheln,
was dann? Ja, ich bin mit den wenigen Hundert Thalern im Stande, unsere
Hauptschulden zu decken, aber wovon weiter leben? Helene, Helene, Dein
starrer Sinn wird uns noch theuer zu stehen kommen!

_Mein_ starrer Sinn? fuhr die Tochter auf; etwa deshalb, weil ich
nicht auf die Antrge jenes schurkischen Portugiesen hren wollte, der
mir seine Hand anbot? Hast Du nicht jetzt selber den Beweis, was fr
eine gemeine Creatur es war, wo er die Frau des Schuhmachers entfhrte,
als er die Grafentochter nicht bekommen konnte? Der Mensch war als ein
Wstling in der ganzen Stadt bekannt und verachtet, und Du, Mutter, Du
konntest mir zu einer Verbindung mit ihm rathen, ja, wirfst mir jetzt
noch meinen Starrsinn vor!

Helene stand mit leuchtenden Augen ihrer Mutter gegenber und die Frau
schlug fast scheu den Blick vor ihr zu Boden.

Du denkst nur an Dich, sagte sie aber trotzdem, wenn auch nur mit
halblauter Stimme -- was aus Deiner Mutter wird, kmmert Dich nicht.

Und hab' ich den Vorwurf wirklich von Dir verdient? erwiederte Helene,
und ein eigener wehmthiger Zug zuckte um ihre Lippen -- hab' ich ihn
auch da verdient, als ich des wackeren Vollrath Bewerbung ausschlug, der
mich mit einem gebrochenen Herzen verlie und dessen ganze Liebe ich
besa? Dachte ich auch da nur an mich, wo ich im Stande war, mir eine
bescheidene Heimath zu grnden, aber Dich auch htte hlflos zurcklassen
oder in Verhltnisse hineinziehen mssen, von denen ich vorher wute,
da Du Dich darin unglcklich gefhlt und Vollrath unglcklich gemacht
httest?

Nein -- nein -- ich wei, Du bist ein gutes, vernnftiges Kind, sagte
die alte Grfin, von dem Vorwurfe getroffen -- ich war vielleicht zu
hart gegen Dich, aber -- _sollte_ die Zeit kommen, wo Du Dich gut
versorgen kannst, so bedenke auch, da Du -- nicht zu lange damit sumen
darfst. Unsere Stellung hier wird mit jedem Monate unhaltbarer, wenn
nicht bald Etwas geschieht, der Sache eine andere Wendung zu geben.

Und was _knnte_ geschehen? sagte Helene, und ein ganz eigenes wehes
Gefhl beengte ihr die Brust.

Ich habe doch jetzt Hoffnung, sagte ihre Mutter, da sich mein Plan
noch wird realisiren lassen.

Du meinst mit der Cigarren-Fabrik?

Ja.

Und glaubst Du wirklich, da Etwas dabei gewonnen werden kann?

Wenn es richtig angefat wird, gewi.

Aber wirst Du im Stande sein das zu thun? Gehren nicht zu einem
solchen Geschfte praktische Erfahrungen?

Liebes Kind, glaubst Du nicht, da ich mir in meinem Leben
Menschenkenntnisse genug gesammelt habe, auch mit Menschen umzugehen?

Aber das ist eine Sache, wo Du weniger Menschen- wie
_Waaren_kenntnisse brauchst, und wie leicht kannst Du darin betrogen
werden.

Waarenkenntnisse, Du lieber Gott! sagte die Grfin; das Material ist
so einfach, da sich das gewi in wenigen Monaten vollstndig erlernen
lt. Aber weit Du selber etwas Besseres?

Ich? Du mein Himmel! seufzte Helene -- wie sollte _ich_ Dir rathen
knnen, der noch nie verstattet wurde, in das praktische Leben der
Menschen einzugreifen, ja, sie nur bei demselben zu beobachten? Lange
schon htte ich Unterricht im Franzsischen und Englischen gegeben, um
mich nur in Etwas ntzlich zu machen, aber selbst das hast Du mir ja
nicht einmal gestattet.

Weil es sich mit unserer Stellung nicht vertrgt, sagte die Grfin
finster -- mit welchem Gesicht htte ich nur dem Baron entgegentreten
knnen, wenn die Comtesse den Bcker- oder Schusterskindern da drben
Unterricht gegeben htte? -- Das verstehst Du nicht, Kind.

Und Cigarren machen fr Bcker und Schuster? sagte das junge Mdchen
traurig.

Das ist etwas ganz Anderes, wir _lassen_ sie machen, erwiederte die
Grfin rasch -- wir leiten nur die Fabrikation, und wenn wir selber
zum Spae dann und wann und auf unserer Stube ebenfalls arbeiten, so
ist das etwas ganz Anderes. Auch Damen der hchsten Stnde in Europa
haben zu ihrer Unterhaltung Handarbeiten betrieben, Blumen, Pappsachen,
Verzierungen auf Glas- und Holzwaaren und tausend andere Dinge gemacht.
Wir hier brauchen solche Sachen nicht, und wenn wir dafr Cigarren
machen, kann Niemand etwas Ungehriges darin sehen. Selbst der Baron
fand das in der Ordnung.

So hast Du schon mit ihm darber gesprochen?

Ja, sagte die Grfin nach einigem Zgern -- vor mehreren Tagen kam
einmal das Gesprch darauf.

Und wird er sich dabei betheiligen? fragte Helene schnell.

Nein, erwiederte die Grfin wieder zgernd; der Mann war stets
zu unpraktisch. Er hat nicht den geringsten Sinn fr ein wirklich
nutzbringendes Unternehmen, und da ist es auch viel besser, da man gar
nicht mit ihm beginnt; man htte sonst ewig nur Klagen und Vorwrfe zu
hren.

Und wer sonst -- meinst Du -- wrde auf einen solchen Plan eingehen?
fragte die Tochter und sah ihre Mutter scharf dabei an.

Die Grfin hatte sich halb abgewendet und beschftigte sich an ihrem
Nhtische damit, ein aufgerolltes Knuel schwarzer Seide wieder in
Ordnung zu bringen.

Ich glaube, sagte sie, und wandte dabei den Kopf lchelnd der Tochter
zu -- der Himmel selber hat uns einen Bundesgenossen gesandt, der am
Ende der rechte Mann dazu sein drfte.

Unser Gast?

Derselbe. Er wnscht sehnlichst, wie er mir wieder und wieder gesagt
hat, irgend Etwas in Brasilien zu beginnen, wodurch er nicht allein eine
Beschftigung findet, sondern auch Geld verdienen kann, und ich denke
fast, da mein Plan fr alle Beide von Nutzen sein knnte. Meinst Du
nicht?

Und glaubst Du wirklich, Mama, da mit dieser Arbeit etwas Ordentliches
verdient werden knnte? Ich kann es mir noch immer nicht denken.

Aber wrde ich es denn sonst beginnen?

Ich wei nicht, sagte Helene, es ist mir ein Gefhl, als ob wir der
Sache keinen rechten Ernst entgegen bringen knnten -- als ob eigentlich
andere Krfte dazu gehren mten, etwas hnliches zu beginnen.

Aber ich begreife Dich gar nicht.

Und wie wird sich Oskar hinein finden?

Wie ihn die Nothwendigkeit zwingt, sagte die Grfin entschieden. Ich
habe seinem Leichtsinn jetzt lange genug nachgesehen, aber meine Krfte
sind erschpft. Ich bin nicht mehr im Stande, sein mssiges Leben zu
untersttzen, und er _mu_ eben arbeiten, wenn er existiren will. Dafr
sind wir nun einmal in Brasilien.

Er wird schwer an eine regelmige Beschftigung zu gewhnen sein,
seufzte Helene; es ist ihm zu viel die ganzen langen Jahre hindurch
nachgesehen worden.

Das mu eben anders werden, sagte die Grfin, und ich habe die feste
Hoffnung, da er das selber fhlt, indem er schon sein Reitpferd verkauft
hat. Das Geld dafr ist allerdings nur ein sehr kleines Capital, aber es
ist immer ein Capital und kann auf weit ntzlichere Weise verwandt
werden.

Ein lauter, jubelnder Ruf von der Strae aus unterbrach sie hier, und
als Beide an das Fenster traten, sahen sie, wie Oskar eben einen sehr
hbschen Rappen, der unter ihm sprang und tanzte, gerade vor dem Fenster
parirte und ihn auf und ab galoppiren lie.

Da hast Du die Anlage des neuen Capitals, sagte Helene ruhig -- ich
kenne das Pferd; es hat frher dem Director gehrt und ist von ihm um
160 Milreis verkauft worden. Billiger hat es Oskar auf keinen Fall
bekommen, und wahrscheinlich noch Sattel und Zaum besonders bezahlt. Das
sind die neuen Ersparnisse.

Ich will doch nicht hoffen! rief die Grfin, wirklich erschreckt.
Oskar aber war indessen aus dem Sattel gesprungen, hatte sein Pferd, das
noch ungeduldig den Boden scharrte, an den Baum unten befestigt und kam
jetzt mit flchtigen Stzen die Treppe herauf und in's Zimmer.

Nun, wie gefllt Euch mein neues Pferd? rief er hier triumphirend aus
-- nicht wahr, das ist ein Prachtrappe? Jetzt, Helene, wollen wir
wieder einmal zusammen reiten, und Du sollst sehen, wie ich Dir mit dem
da unten davon laufe. So wie Jeremias kommt, soll er Deinen Schimmel
satteln, und dann knnen wir's gleich versuchen.

Und das Pferd hast Du _gekauft_? fragte die Mutter erschreckt.

Nun, glaubst Du, da es mir Jemand _geschenkt_ htte? lachte Oskar
-- aber es ist spottbillig. Denke Dir, Helene, ich habe nur sechszig
Milreis mehr dafr gezahlt, wie ich fr meinen Braunen bekommen habe
-- sechszig Milreis und Sattel und Zaum dazu, fr das Prachtthier! Es ist
der beste Renner in der Colonie -- aber was habt Ihr denn nur um Gottes
Willen? Ihr steht ja Beide da, als ob irgend ein Unglck geschehen
wre!

Die Grfin hatte sich auf den nchsten Stuhl gesetzt und seufzte tief
auf, Helene aber sagte ruhig:

Und wovon willst Du diese sechszig Milreis bezahlen, wenn man fragen
darf?

Fragen darf? sagte Oskar trotzig -- fragen darf man schon, aber wenn
ich Dir nun antworte: Was geht _Dich_ das an?

Und wenn _ich_ Dich nun frage, mein Herr Leichtfu? rief die Grfin,
indem sie mit zusammengezogenen Brauen zu ihm aufsah; ich hoffe doch,
da _ich_ wenigstens das Recht dazu habe.

Allerdings, Mama, lachte Oskar, denn Du bist ja mein Cassirer -- dann
werde ich Dir also einfach antworten, das macht Alles meine gtige
Mutter ab.

Und darin knntest Du Dich dieses Mal verrechnet haben! rief die
Grfin rasch und rgerlich; Deine Verschwendung geht in das Bodenlose,
und ich habe nicht lnger Lust, mich Deinethalben nur immer in neue
Sorgen und Verlegenheiten zu strzen.

Huih! sagte Oskar, erstaunt von Mutter zu Schwester und wieder
zurcksehend -- da bin ich ja, wie es scheint, zu sehr unrechter Zeit
in eine Familienberathung ber Wirthschaftsangelegenheiten hineingekommen,
wo aller Wahrscheinlichkeit nach ein neuer Hausplan entworfen wird.
Bitte tausendmal um Entschuldigung da ich gestrt habe -- und seine
Mtze aufgreifend, sprang er, so rasch er gekommen, die Treppe wieder
hinab, machte unten sein Pferd los, setzte sich auf und galoppirte im
nchsten Momente wieder in voller Flucht und was das Pferd laufen
konnte, die Strae hinab.

Das mu anders werden, seufzte die Mutter, das mu anders werden oder
der Junge richtet uns vollstndig zu Grunde!

_Noch_ vollstndiger? sagte Helene, und ein bitteres Lcheln zuckte um
ihre Lippen.

Die einzige Mglichkeit, fuhr die Mutter fort, ist, ihn durch eine
regelmige Beschftigung zu binden. Er soll und mu erst einmal lernen,
was es heit sich sein Brod selber zu verdienen. Hat er das, dann wird
er auch das Geld mehr zu Rathe halten -- er wird geizig werden und
sparen -- Du glaubst es nicht? Du sollst sehen, ich bringe ihn noch
dahin, da er ein Zwanzigerstck dreimal in der Hand herumdreht, ehe er
es ausgiebt.

Und wann soll diese Arbeit beginnen? fragte Helene, die nur zu oft
schon die guten Vorstze ihrer Mutter, was die Erziehung des Bruders
betraf, hatte anhren mssen und ihre vollkommene Gehaltlosigkeit zur
Genge kannte.

Ich will heute noch mit Herrn von Pulteleben sprechen, sagte die
Grfin, selber gern bereit, das trostlose Thema abzubrechen; er hat
mich ja sogar dringend gebeten, ihm eine Anlage fr ein Capital zu
rathen; ich bin es ihm sogar schuldig, da ich ihn von unserm Plan in
Kenntni setze, und ich zweifle keinen Augenblick, er wird mit Freuden
zugreifen. Wre er doch auch ein Thor, wenn er es _nicht_ thte, denn
nicht jedem jungen Fremden wird eine solche Aussicht geboten, wie er nur
kaum das fremde Land betreten hat.

Es ist gut, seufzte Helene, gehe nur um Gottes willen sicher in der
Ausfhrung, da der Fremde nicht spter glauben knnte, Du habest nur
sein Geld zu Deinen Zwecken benutzt; es wre frchterlich, wenn es fehl
schlge.

Es schlgt _nicht_ fehl, Helene, oder ich mte zum ersten Mal in
meinem Leben in -- doch es ist nicht nthig, Weiteres darber voraus zu
bereden. La mich jetzt allein, mein Kind, ich werde das Mdchen hinauf
schicken und unsern Gast ersuchen lassen, zu mir zu kommen. In einer
Stunde ist Alles abgemacht. Noch Eins, fuhr sie fort, als sich Helene
schweigend wandte, um ihr eigenes Zimmer aufzusuchen -- wer ist denn
jener unverdrossene Violinspieler, der Dir fast jeden Abend ein kurzes
Stndchen bringt?

Gott wei es! sagte Helene achselzuckend -- _ich_ wenigstens kenne ihn
nicht. Er spielt brigens vortrefflich!

Von den Neuangekommenen kann es Niemand sein, denn wenn ich nicht irre,
war er schon den Abend vorher unter Deinem Fenster. Er mu also
jedenfalls in die Ansiedelung gehren.

Mglich.

Und hat Dir Niemand hier besondere Aufmerksamkeit erwiesen?

Niemand.

Sonderbar -- Oskar, der bermuth, hat sich neulich um den Garten
geschlichen, um den nchtlichen Musikanten zu entdecken, aber ich wei
nicht, was ihm geschehen sein mu, denn er kam ganz still wieder zurck
und sagte, er htte ihn nicht gefunden, was eigentlich kaum mglich
ist. Diese Aufmerksamkeit fngt an, mir lstig zu werden; ich werde sie
mir nchstens einmal verbitten.

Helene antwortete nicht, sondern nahm ihr Buch auf und schritt ihrem
eigenen Zimmer zu.


Ende des ersten Bandes
Druck von _G. Ptz_ in Naumburg.




TRANSCRIBER'S NOTE ---- ZUR KENNTNISNAHME

Contemporary spellings have generally been retained even when
inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been
corrected; missing punctuation has been silently added. Words in Roman
type are identified like #this#.

Zeitgenssische Schreibungen wurden generell beibehalten, auch wenn
gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. Einige wenige orthografische
Fehler wurden korrigiert; fehlende Zeichensetzung wurde ergnzt. In
Antiqua gedruckte Wrter wurden #so# gekennzeichnet.

The following additional changes have been made:

Die folgenden zustzlichen nderungen wurden vorgenommen:


 sie mchten auch Hause kommen         sie mchten _nach_ Hause kommen

 griff dann das (...) Buch auf,        griff dann das (...) Buch auf,
 und um sich zu zerstreuen             _um_ sich zu zerstreuen

 mitten unten ihnen                    mitten _unter_ ihnen

 auf die aus dem Herzen kommende       auf die aus dem Herzen _kommenden_
 Worte                                 Worte

 wir haben mit kei-                    wir haben mit _keiner_
 Seele gesprochen                      Seele gesprochen

 tief in in die seinigen               tief _in_ die seinigen

 wurde (...) ein Mann                  _wurden_ (...) ein Mann
 und eine Frau (...) geschttelt       und eine Frau (...) geschttelt

 nur von weit herber schallten (...)  nur von weit herber schallten
 die munteren Tne der Violinen und    die munteren Tne der Violinen und
 Trompeten herber                     Trompeten

 Oh, doch wohl, fragte Meister       Oh, doch wohl, sagte Meister
 Spenker                               Spenker





End of Project Gutenberg's Die Colonie. Erster Band., by Friedrich Gerstcker

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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works, and the medium on which they may be stored, may contain
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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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