The Project Gutenberg EBook of Erinnerungen by Ludwig Thoma



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Title: Erinnerungen

Author: Ludwig Thoma

Release Date: September 26, 2009 [Ebook #30097]

Language: German

Character set encoding: ISO 8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ERINNERUNGEN***





                      _Ludwig Thoma / Erinnerungen_





                               Ludwig Thoma

*Erinnerungen*


Mit 8 Zeichnungen
von Olaf Gulbransson


Einmalige Ausgabe

Deutsche Hausbcherei Hamburg





                               _Band 588_
   Diese Buch erscheint hiermit in Einmaliger Ausgabe fr die _Deutsche
Hausbcherei, Hamburg 36, Schliefach 233_, und wird nur an Mitglieder der
 Deutschen Hausbcherei abgegeben. Einzeln ist es in der Originalausgabe
  des Albert Langen / Georg Mller Verlag, Mnchen, nur im Buchhandel zu
    haben. Der Einbandentwurf stammt von Hans Bohn. Der Druck und das
Einbinden erfolgten in der Hanseatischen Verlagsanstalt, Hamburg-Wandsbek.
    _Copyright 1919 by_ Albert Langen / Georg Mller Verlag G.m.b.H.,
                                Mnchen.
                           _Printed in Germany_





                            INHALTSVERZEICHNIS


Kinderzeit
Schuljahre
Im Berufe





                          ABBILDUNGSVERZEICHNIS


Thoma mit dem Wilderer
Bismarck auf der Durchreise in Prien
Thoma als Anwalt in Dachau
Auf der Jagd
Thoma beim Tarock
Thoma und Ganghofer
Thoma mit Taschner, Peter Thoma und Schauspieler Deng
"UM MICH IST HEIMAT. UND DIE ERDE KANN EINMAL DEN, DER SIE HERZLICH
LIEBTE, NICHT DRCKEN"
Handschriftenfaksimile






                                KINDERZEIT


Die Vorfahren meines Urgrovaters waren Klosterjger bei den
Zisterziensern in Waldsassen; einer von ihnen wird um 1618 im Pfarrbuche
als _Venator regius_ aufgefhrt und war demnach ein Jagdknecht des
bhmischen Winterknigs Friedrich, der als Kurfrst von der Pfalz das
schon im Jahre 1560 skularisierte Kloster Waldsassen mit seinem riesigen
Waldbesitze von seinen Vorgngern bernommen hatte. Erst nach einem vollen
Jahrhundert, um 1669, wurden die Zisterzienser wieder in ihre Rechte
eingesetzt, und die Klosterjger Thoma fanden wohl genug Ursache zu
Verdru und Streit mit den rauhhaarigen Hintersassen, die sich nur langsam
an Gesetz und Recht gewhnten. Schon 1525 hatte der Pflzer Kurfrst mit
grobem Eingriff in die Machtsphre der Abtei den Bauern die Jagd
freigegeben, die sie wie berall und immer mibruchlich ausntzten.

"Die cker lagen brach, auf den Wiesen flog der Wald an, und die Bauern
taten nichts mehr als jagen", erzhlt der Chronist.

Allmhlich mag's wieder besser geworden sein, denn als am 4. September
1786 Herr Wolfgang von Goethe auf seiner Fahrt nach Italien von Karlsbad
her durchreiste, fand er in dem Stifte Waldsassen ein "kstliches
Besitztum der geistlichen Herren, die frher als andere Menschen klug
waren". Vielleicht stand unter irgendeinem Torbogen der noch nicht
zwanzigjhrige Sohn des Joseph Adam Thoma und sah die Eilkutsche
vorberrollen, in der der Olympier sa und sich freute, da ihm die
heimliche Abreise so wohl gelungen war.

Die Begegnung liee sich einbilden, denn mein Urgrovater hielt sich
dazumal in Waldsassen auf.

ber ihn, den Geheimen Oberforstrat _Joseph Ritter von Thoma_, besitze ich
genauere Nachrichten aus Familienpapieren und aus dem Buche von Dr. _He_:
"Lebensbilder hervorragender Forstmnner."

Er wurde in Waldsassen im Januar 1767 geboren - genau hundert Jahre vor
mir -, trat 1791 in kurbayrische Dienste, kam 1799 nach Mnchen als Rat
der Landesdirektion Bayerns und trat 1817 an die Spitze der bayrischen
Forstverwaltung.

In dieser Stellung verblieb er bis 1849.

Er heiratete _Sabina Freyin von Heppenstein_ und fhrte mit ihr eine
glckliche, mit Kindern gesegnete Ehe.

"Er starb", heit es bei _He_, "an demselben Tage, an welchem der Knig
das Dekret ber die von ihm erbetene Versetzung in den Ruhestand unter
Anerkennung seiner groen Verdienste durch Verleihung des Komturkreuzes
des Verdienstordens der bayrischen Krone unterzeichnete.

Am 7. Mai 1841 hatte er unter groer und freudiger Teilnahme der
Forstbeamten im ganzen Knigreiche sein 50jhriges Jubilum begangen."

Als sein hervorragendes Werk wird ihm die Forstorganisation von 1822
nachgerhmt, durch welche erst die Einheit der bayrischen Forstverwaltung
geschaffen wurde, und die in ihren Grundzgen bis 1885 erhalten blieb.
Auch als Jger geno er ein hohes Ansehen, und als um 1841 die
Verhltnisse in der Leibgehegsjagd zu starken Klagen Veranlassung gaben,
wandten sich die Revierfrster und Jagdgehilfen vertrauensvoll an meinen
Urgrovater, der Abhilfe schuf.

Der Knig verlangte von ihm ein Gutachten ber einen passenden Vorstand
der Hofjagd-Intendanz. Es handelte sich um zwei Bewerber, Forstmeister
Kaltenborn von Freising und Forstmeister Reverdys von Berchtesgaden, die
beide ihre Laufbahn als knigliche Leibjger begonnen hatten, dann
Revierfrster und Forstmeister geworden waren.

Nach der in unserer Familie erhaltenen berlieferung war mein Urgrovater
ein stattlicher Mann von wrdevollem Wesen, gtig, wortkarg, doch
geselligen Freuden nicht abgeneigt, ein eifriger Jger bis ins hohe Alter
und ein geschtzter Musiker.

Ich besitze eine nach der Natur gezeichnete Lithographie von ihm, die von
der hohen Portrtkunst jener Zeit ein sprechendes Zeugnis ablegt.

Das krftig geschnittene Gesicht, an dem die hohe Stirn und ein Paar
kluge, versonnene Augen auffallen, zeigt keinen brokratischen Zug und
liee in ihm, wenn die Unterschrift fehlte, einen Knstler vermuten.

Sein ltester Sohn, mein Grovater _Franz Thoma_, war viele Jahre
Forstmeister in Schongau und hatte ausgedehnte Jagdreviere, die vor dem
Jahre 1848 sehr wildreich waren; ein alter Jagdgehilfe von ihm, der in
Oberammergau im Ruhestand lebte, erzhlte mir davon Wunderdinge, und wenn
auch einiges Latein gewesen sein mag, so blieb noch genug Wahrheit brig,
um mir zu zeigen, da damals das goldene Zeitalter der Jger war. Bei den
Treibjagden muten die Bauern noch Dienste leisten, und die Beute war so
gro, da man etliche Leiterwagen zum Heimschaffen brauchte. Das berhmte
Freiheitsjahr brachte das groe Schinden und die Vernichtung des
Wildstandes auf lange Zeit hinaus; es war kaum mehr bertreibung, wenn die
"Fliegenden Bltter" einen Frster zeigten, der im Tiergarten den letzten
Rehbock im Kfig betrachtete.

Die Verwstung seiner Jagd griff meinem Grovater ans Herz, und er mochte
nicht mehr in den ausgeschossenen Revieren bleiben.

Er gab um Versetzung ein und kam nach _Kaufbeuren_, wo der sptere
Ministerialrat _August von Ganghofer_, der Vater Ludwig Ganghofers, sein
Aktuar wurde.

Meine Mutter wute mir viel Freundliches von ihrem Schwiegervater, der sie
sehr geschtzt haben mu, zu erzhlen. Er war ein temperamentvoller Herr,
und meine Neigung zum Jhzorn soll ich von ihm geerbt haben, aber fr
gewhnlich zeigte er eine gewinnende Frhlichkeit, und ein Schreiben der
Brger Schongaus, die ihrem Forstmeister zum 25jhrigen Jubilum
gratulierten, rhmt ihm besonders Herzensgte gegen Arme nach.

Meine Mutter hie ihn einen Kavalier von der alten Schule, ohne mir den
Unterschied zu der neueren zu erklren, und meine Tante Friederike, die
als "knigliche Forstmeisterstochter lterer Ordnung" erst vor einigen
Jahren im Damenstifte Neuberghausen starb, rhmte ihrem Vater peinliche
Akkuratesse in der ueren Erscheinung nach.

Im Jahre 1862 starb er. Seine Witwe, _Henriette Thoma_, lebte bis 1871 in
Lenggries, treu und liebevoll behtet von ihrem ltesten Sohne Max, der in
der nahen _Vorder-Ri_ als Oberfrster hauste.

Er war mein Vater.

Aus seinen Zeugnissen und Briefen entnehme ich, da er im November 1842
die Universitt Mnchen bezog. Dort hat sich der "lange Thoma" einen guten
Namen als Schlger gemacht und Proben einer ungewhnlichen Krperkraft
abgelegt, sonst aber sich so gefhrt, da ihm Anno 1845 der Rektor Dr.
_Dllinger_ urkundlich besttigen konnte, "es liege hierorts nichts
Nachteiliges gegen ihn vor".

Er bestand die theoretische Prfung der Forstkandidaten und wurde zur
praktischen Vorbereitung auf den hheren Forstdienst zugelassen. Drei
Wochen spter wurde ihm von seinem Forstmeister und Vater Franz Thoma
erffnet, da ihm die "Praxisnahme auf dem Forstrevier Hohenschwangau"
gestattet sei, und da er fr diese Erffnung einen Taxbetrag von 34
Kreuzern zu erlegen habe.

Im Januar 1846 wurde er zum Verweser des Gehilfsposten beim Reviere Wies
mit einer "Remuneration von tglich 15 Kreuzern" gndigst bestimmt und
avancierte dann zum wirklichen Forstgehilfen in Thierhaupten, spter in
Peienberg.

Als Aktuarsverweser in Ettal bezog er bereits im Jahre 1847 eine Taggebhr
von 45 Kreuzern und bewies alle Zeit die Wahrheit des Sprichwortes: Mit
wenigem lebt man wohl.

Er galt als guter Jger und Kugelschtze. Dagegen scheint er beim Trinken
Zurckhaltung beobachtet zu haben. Ein Freund macht ihm brieflich diesen
Vorwurf, woraus ich schliee, da man damals den Fehler als ungewhnlich
rgen durfte.

In _Tlz_, wo der Forstgehilfe Max Thoma zu Forsteinrichtungsarbeiten im
Jahre 1852 weilte, zeigte man mir in einer Weinstube noch zu Anfang der
achtziger Jahre eine Kneipzeitung, die er mit Text und Karikaturen
ausgestattet hatte.

Er lachte gerne und lie sich keine Mhe verdrieen, um einen Spa von
langer Hand her vorzubereiten und sorgfltig durchzufhren.

Man war damals harmlos und frhlich in Altbayern, gemessener im Ernste,
derber im Scherze als heute. Bei Scheibenschieen und Jagden war lustige
Neckerei nicht blo gern gesehen, sie galt als notwendige Wrze der
Geselligkeit.

Der Liebreiz jener Zeit ist uns erhalten geblieben in den klassischen
Zeichnungen _Max Haiders_, der Hofjagdgehilfe war, bevor ihm Knig Max die
Mittel zur knstlerischen Ausbildung gewhrte.

Das Sturmjahr 1848 ist, wie es mir scheinen will, an meinem Vater
vorbergegangen, ohne ihn in seinen Tiefen aufzuwhlen.

Er war stark angefrbt von dem Humor, der damals die Gestalten des
Barnabas Whlhuber und des Kasimir Heulmaier in den "Fliegenden Blttern"
schuf, und seiner ruhigen, festen Art sagten die Auflufe der Philister
vor dem Hause der Lola Montez so wenig zu wie die mit Tiraden gespickten
Flugbltter.

Im brigen konnte dem jungen Forstmanne das, was er zunchst vor Augen
hatte, nicht als neuer Segen erscheinen.

Anno 1857 wurde er zum Revierfrster in _Piesenhausen_, Forstamt
Marquartstein, ernannt und heiratete _Katharina Pfeiffer_, eine Tochter
der Schwabenwirtseheleute von Oberammergau.

Die Familie Pfeiffer, frher in Oberau ansssig und begtert, stand in
gutem Ansehen. Damals waren Gastwirte Respektspersonen in der Gemeinde,
die ihr Gewerbe neben der Landwirtschaft trieben und sich um des
Fremdenverkehrs willen nichts vergaben.

Sie hielten scharfes Regiment im Hause aufrecht und litten keine
Unordnung.

Der Schwabenwirt, ein kurz angebundener Mann, galt etwas und brachte sich
vorwrts, untersttzt von einer braven Frau, die zuweilen bei so hohen
Gsten wie Knig Max Ehre mit ihrer Kochkunst einlegte.

Es war selbstverstndlich, da die Tchter bei jeder huslichen Arbeit
mithelfen muten, in Kche und Keller, wie in der Gaststube.

Die Kinder sagten zu jener Zeit "Sie" zu den Eltern, und der Verkehr in
der Familie bewegte sich in gemessenen Formen, die keine unziemliche
Vertraulichkeit oder Unbescheidenheit aufkommen lieen.

Ein Brief, in dem meine Mutter als sechzehnjhriges Mdchen ihre Eltern um
Beisteuer zu einem Sommerkleide bittet, zeigt nach Stil und Inhalt so viel
altvterliche, strenge Zucht, da man versucht ist, ihn sehr viel weiter
zurckzudatieren.

Sie hielt sich damals in Mnchen auf, um sich nach gutem Brauche in einem
renommierten Gasthause in der Kochkunst zu vervollkommnen. Es galt als
Vorzug, da sie diese Lernzeit bei _Grodemange_ verbringen durfte.

Was sie hier sah und lernte, trug sie suberlich in ein dickes Heft ein.
Gedruckte Kochbcher hatten damals wenig Geltung, und ich habe heute noch
das strkere Vertrauen zu jenen geschriebenen Rezepten, die ich als
Erinnerungen aufbewahre.

Nach einem halben Jahre kehrte meine Mutter freudig zurck. Sie hing
zeitlebens mit allen Fasern an ihrem Heimatdorfe und an ihrer lteren
Schwester Marie, die in jungen Jahren den k. Posthalter und Verleger
_Eduard Lang_ heiratete, frh Witwe wurde und die auf uns Kinder durch
ihre vornehme, stille Art einen unvergelichen Eindruck machte.

Die Schwabenwirtstchter, deren jugendliche Anmut mir eine Daguerreotypie
zeigt, fanden neben ihrer Arbeit immer noch Zeit, ihren Geist zu bilden,
und wenn sie nicht allzuviel lasen, so lasen sie ganz gewi nie einen
seichten Roman.

Man ergtzte sich gemeinsam mit Gleichstrebenden an einem guten Buche, und
ein studierender Jngling konnte sich in den Ferien hohe Anerkennung
erwerben, wenn er seine erst krzlich erworbenen Kenntnisse in
literarhistorischen Bemerkungen zu "Werthers Leiden" oder zu "Hermann und
Dorothea" zeigte. Man las neben einigen Klassikern auch Stifters Studien,
dies und jenes von Jean Paul, und man fhrte darber empfindsame
Gesprche, bei denen die Mdchen wohl nur die Zuhrerinnen abgaben.

Dies alles bewegte sich in bescheidenen Grenzen, fhrte nicht zu
berklugheit und frderte eine wirkliche Herzensbildung.

Wie das im lieben Deutschland blich ist und war, muten auch in
Oberammergau gleichgestimmte Naturen einen Verein grnden zur Pflege ihrer
Ideale, oder der Liebe zum "Guten, Wahren und Schnen", wie man damals
sagte.

Der Verein erhielt den Namen "Ambronia" mit Beziehung auf den lieblichen
Flu, der sich durch das Tal schlngelt.

Hochstrebende Jnglinge, die spter als Notare, rzte und geistliche Rte
im Vaterlande wirkten, schlossen den Bund, dem auch bildungsfrohe Mdchen
beitreten durften.

Wer sich geneigt fhlt, darber zu lcheln, der lege sich die Frage vor,
wo heute noch in einem kleinen, abgelegenen Dorfe eine solche Vereinigung
zustande kommen knnte, und ob in diesem Streben nicht ein gesunderer Kern
steckte als im Literaturklatsch und in den Moderichtungen unserer greren
Stdte.

Im brigen war Oberammergau in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ein
geeigneter Platz fr solche Neigungen und Ziele.

Es saen weitgereiste Leute dort, denn ein reger Handel mit Schnitzereien,
nicht zuletzt mit den reizvollen Spielwaren, ging durch ganz Europa und
auch ber See. Mancher hatte sich tchtig in der Welt umgetan und den Wert
gediegener Bildung schtzen gelernt, aber jeder fhlte sich erst wieder
glcklich, wenn er heimgekehrt war und behaglich im Ampergrunde zu Fen
des Kofels sa.

Unter den Schnitzern gab es vortreffliche Knstler, die, weil sie sich zu
bescheiden wuten, Vollendetes leisteten. Sie alle haben ihr Knnen der
gemeinsamen Aufgabe, dem Passionsspiele, gewidmet, und dieses stand damals
in seiner schnsten Blte, denn im ganzen und in jeder Einzelheit zeigte
es die aus traditioneller Kunstfertigkeit hervorgegangene Eigenart, die es
spter im Grobetriebe mit den von auswrts bezogenen echten Dekorationen
und Kostmen verloren hat.

Die Hingabe der Gemeinde an den "Passion", den Ruhm der Heimat, war damals
frei von ungesunden Spekulationen, von Hoffnungen auf unmigen und
leichten Gewinn.

Erst der Zustrom des englischen und des noch schlimmeren amerikanischen
Sensationspbels hat das Bild verndert.

Aber jene lteren Generationen von Aposteln und Jngern des Herrn
richteten ihr Leben ein wenig nach dem Stile ihres heiligen Spieles ein
und zeichneten sich durch Wohlanstndigkeit aus. Sie handelten und redeten
mit einiger Getragenheit und lieen sich von dem Bewutsein leiten, da
sie auf einem Podium stnden und von vielen beachtet wrden.

Im Glauben an den besonderen Beruf des Ammergauers, der das Gefhl einer
engen Zusammengehrigkeit strkte, war man glcklich und zufrieden.

Mit den kleinen, typischen Husern, die im Erdgeschosse eine Stube hatten,
von der aus hinterm Ofen eine Stiege in die obere Kammer fhrte, ist auch
anderes verschwunden.

Ich darf einer edlen Persnlichkeit nicht vergessen, die von grtem
Einflusse auf das patriarchalische Leben in der Gemeinde war und ihm ein
besonderes Geprge gab.

Ich meine den geistlichen Rat _Joseph Aloys Daisenberger_, der manches
Jahrzehnt Pfarrer in Oberammergau war und als hoher Achtziger dort starb.
Von ihm ist die gegenwrtige Fassung des Passionsspieltextes sowie eine
vortreffliche Geschichte des Dorfes, die man im 20. Bande des
Oberbayrischen Archives findet. Auerdem hat der wrdige Herr einige
vaterlndische Schauspiele verfat, die seinen Ammergauern Gelegenheit
boten, ihre schauspielerischen Talente zu ben.

Ich habe noch eines gesehen und dabei meinen Onkel Hans Lang als
ritterlichen Herzog von Bayern ziemlich lange Stze sprechen hren.

Daisenberger war das Urbild eines gtigen Priesters, ber dessen Lippen
nie ein hartes Wort kam, nie ein unduldsames, und der mit einem stillen
Lcheln es ruhig dem Leben berlie, strmische Meinungen zu gltten.

Er kmmerte sich nicht um Ansichten, sondern um das Schicksal eines jeden,
er war Freund und Vater in jedem Hause, immer bereit, zu helfen.

Die Gemeinde hat ihm auf dem Friedhofe ein Denkmal errichtet.

Die wohlgetroffene Bste ist von dem Bildhauer Otto Lang modelliert, der
als Sohn des Mhlbartl Sebastian aus einer alten Ammergauer
Schnitzerfamilie stammt.

Mehr noch als das Denkmal ehrt den edlen Daisenberger die Erinnerung an
ihn als den Schutzgeist Ammergaus, eine Erinnerung, die manches wohlttige
Beginnen veranlate und ihm die rechte Weihe gab.

Ich habe den alten Herrn noch gut gekannt.

Wenn meine Mutter zu Besuch im Verlegerhause weilte, durfte ich ihm die
"Augsburger Abendzeitung" bringen, die er tglich von meinen Verwandten
erhielt.

Er hatte stets ein gutes Wort fr mich, den er getauft hat; ein Umstand,
der meiner Mutter zur Hoffnung und Beruhigung diente, wenn es bei mir im
Aufwachsen nicht immer schnurgerade nach oben ging.

Weil ich nun das Denkmal Daisenbergers erwhnte, will ich beifgen, da
auch dem Altbrgermeister Oberammergaus, meinem Oheim _Hans Lang_, dem
viel gerhmten Kaiphas des Passionsspieles, ein solches errichtet werden
soll, das wiederum _Otto Lang_ modelliert und in Mnchen zur Ausstellung
gebracht hat.

Es wird ausgefhrt werden, wenn es wieder Bronze fr diese Zwecke geben
wird.

Der Brgermeister Lang hat es wohl verdient um sein Heimatdorf, das fr
ihn die groe und kleine Welt gewesen ist. Ich glaube nicht, da irgendein
Ereignis auf dem _Theatro mundi_, ber das er sich weltklug zu verbreiten
wute, sein Inneres je so gewaltig aufregte, wie etwa die Besetzung der
Rollen im Passion, und kein Eingriff in die Menschenrechte konnte ihm so
verbrecherisch erscheinen wie der Versuch, den Text des Spieles zu ndern
und dem modernen Empfinden anzupassen.

Ein Versuch, den eingewanderte Schngeister mehrmals unternehmen wollten.

Aber dagegen erhob sich immer der Zorn des Volkes, und Kaiphas fhrte eine
so drohende Sprache wie vor dem Statthalter Pontius Pilatus.

Er war ein behaglicher und braver Mann, mit einem lebhaften Temperament
begabt, gescheit und bildungsbeflissen, der als Jngling in der Ambronia
aus dem Wissensquell schpfte, als Mann jedem trichten Zwange abhold
blieb und sich, whrend er sich gerne unterrichtete, doch nach dem
Goetheschen Rezept auf das Nchste beschrnkte und Tchtiges leistete.

Ammergau darf sich glcklich schtzen, wenn es auch knftig Mnner findet,
denen die Heimat so viel und alles gilt wie ihm.

Den Mittelpunkt im Dorfe, wie den Mittelpunkt im Leben vieler mir teurer
Menschen bildete das Verlegerhaus von Georg Langs sel. Erben.

Wie ich schon oben erwhnte, ging frher, besonders im 18. Jahrhundert,
der Handel mit Ammergauer Waren durch ganz Europa, wie auch nach Nord- und
Sdamerika. In vielen Stdten des Auslandes bestanden Handelshuser und
Niederlagen der Ammergauer, so in Kopenhagen, Petersburg, Moskau,
Amsterdam, Cadix, Lima u. a., und der Ammergauer Kraxentrger ging seine
Wege durch vieler Herren Lnder.

Das Sterbebuch der Gemeinde weist nach, da berall in der Welt Leute aus
dem Dorf ttig waren, bis sie ferne von der Heimat starben. Zur Zeit der
Napoleonischen Kriege stockte der Handel, die Niederlagen im Auslande
wurden grtenteils aufgegeben. Dafr wurden in Ammergau selbst
Verlagshuser gegrndet, das bedeutendste von _Georg Lang_.

Dessen Sohn _Johann Lang_ hat nach 1815 als rhriger und umsichtiger
Geschftsmann den Handel wieder in Flor gebracht, sich selber einen groen
Wirkungskreis geschaffen und eine sichere Existenz gegrndet.

Das htte auch dem Fremden und Uneingeweihten das stattliche Haus
verraten. Wie es dastand mit weit ausladendem Schindeldache, darauf die
groen Steine, nur zwei Stockwerke hoch, aber in die Lnge gedehnt, glich
es einem behbigen Bauernhofe, und dem Eintretenden sagten schon die
prachtvolle geschnitzte Tr mit Handelsemblemen, der gewlbte Gang, die
breite Treppe, da er sich in einem ansehnlichen Brgerhause befinde.

Gute Stiche schmckten die Wnde des Treppenhauses und der in schnen
Verhltnissen angelegten Zimmer und vermittelten den Eindruck, da sich
einige Generationen hier mit Geschmack wohnlich eingerichtet hatten. Zu
ebener Erde waren ineinandergehend vier gerumige Lden, in denen mit
Rokokoornamenten verzierte Glasksten standen, die manches wertvolle Stck
der Ammergauer Kunst enthielten.

Zwei Lden waren angefllt mit Spielwaren, Puppen, Pferden,
Botenfuhrwerken, Bogen und Pfeilen, Armbrusten, Hampelmnnern und vielem
anderen.

Man stelle sich einen Knaben vor, der aus der Risser Einsamkeit kommend
pltzlich vor diesen angehuften Herrlichkeiten stand, und man wird
verstehen, wie heute noch der Eindruck in mir so stark nachlebt, da fr
mich das Verlegerhaus der Inbegriff einer schnen Behaglichkeit geblieben
ist.

Zu Anfang der fnfziger Jahre hatte Eduard Lang, der Sohn von Johann Lang,
Anwesen und Geschft bernommen und die Schwester meiner Mutter
geheiratet.

Er mu ein edler, liebenswerter Mensch gewesen sein, denn noch viele Jahre
nach seinem Tode - er starb schon 1859 - war die Erinnerung an ihn im
Dorfe wie in der Familie lebendig. Meine Mutter hat mir oft die
Redlichkeit seines Charakters und seinen feurigen, begeisterungsfhigen
Sinn gerhmt.

Seine Witwe, der die Sorge fr sechs Kinder oblag, blieb zeitlebens eine
stille Frau, die ich immer ernst sah; sie geno in ungewhnlichem Grade
Liebe und Verehrung, nicht zuletzt von seiten meiner Mutter. Ein
verhaltener, gedmpfter Ton von Trauer blieb an dem Hause haften; nicht
so, da er strend gewirkt htte, aber doch so, da kein lautes Wesen
aufkommen konnte.

Behaglich blieb es bei alledem, und wenn der Herr Oberfrster aus der Ri
zu Besuch kam und im Kreise der vielen lteren und jngeren Damen seine
lange Pfeife rauchte - eine bemerkenswerte Vergnstigung -, dann gab es
auch lebhafte Frhlichkeit.

Mein Bruder und ich haben als junge Holzfchse erfahren, wie viele
erzieherische Talente in erwachsenen Kusinen stecken, denn sie verwandten
einige Mhe auf die Glttung unserer Manieren.



Aus einem anregenden Kreise, in dem sie wohl gelitten war und herzliche
Freundschaft gefunden hatte, trat meine Mutter im Jahre 1857, um ihrem
Ehemanne nach _Piesenhausen_ bei Marquartstein zu folgen.

Mein Vater hatte nach Pflicht und Brauch beim Knig Max um eine Audienz
nachgesucht, und meine Mutter erzhlte mir noch viele Jahre spter mit
Lcheln und Errten, da der Knig ihm zur Wahl der Gattin Glck gewnscht
und gesagt habe, er sehe wohl, da seine Revierfrster einen
ausgezeichneten Geschmack verrieten.

Der Knig kam fast alljhrlich nach Ammergau, und da mochte es wohl
geschehen sein, da ihm beim festlichen Willkommen die Tchter des
Schwabenwirtes Blumenstrue berreicht hatten.

Da er sich daran erinnerte und dem jungen Forstmanne diese herzliche
Freude bereitete, zeigt seine Gte und seinen Takt, die ihn, wie der alte
_Riehl_ erzhlt, ganz besonders auszeichneten und ihm alle Herzen
gewannen.

In Piesenhausen wohnten meine Eltern mehrere Jahre in glcklicher Ehe, der
zwei Kinder, mein Bruder Max und meine Schwester Marie, entsprossen.

Mein Vater fand alles Behagen am huslichen Herd; es ist ihm treu
geblieben, und er hat es wohl zu wrdigen gewut.

Ein wertgeschtzter Freund wurde ihm der Pfarrer von _Grassau_, der ein
passionierter Jger war und einer von den prchtigen geistlichen Herren,
die _Max Haider_ verewigt hat. Man erzhlte von ihm, da er einmal beim
Messelesen die Wandlung vergessen habe, weil vor der Kirche das Jagdhorn
zum Aufbruch blies. Ich habe aber die Geschichte so oft ber den und jenen
Pfarrer erzhlen hren, da ich sie fr erfunden halte. Sie war wohl
bezeichnend fr den Jagdeifer der Herren.

Die schrfere Richtung, die spter kam, hat den harmlosen Freuden ein Ende
gemacht, und sie hat, wie mir erzhlt wurde, dem geistlichen Rat in
Grassau weh genug getan.

Als er schon hochbetagt war, hetzte ein junger Kooperator die Bauern gegen
ihn auf, indem er seinen Eifer oder gar seine Rechtglubigkeit in Zweifel
zog, und es fanden sich wirklich Leute, die dem gtigen Manne bei einer
Katzenmusik die Fenster einwarfen zum Danke fr viele Wohltaten, die er
den Armen erwiesen hatte.

Damals aber, in den fnfziger und sechziger Jahren, freute man sich an den
Pfarrern, die frhliche Junggesellen waren, jeden Spa in Ehren gelten
lieen und sich beim Scheibenschieen und Jagen offenbar tchtig zeigten.

Denn in allen Darstellungen spielt der Hochwrdige niemals etwa so wie der
Landrichter, Assessor oder Lehrer eine komische Figur.

Im Jahre 1861 wurde mein Vater als Revierfrster nach _Partenkirchen_
versetzt.

Er hatte darum nachgesucht, wohl auch auf Bitten meiner Mutter, die sich
glcklich fhlte, als sie wieder ins Werdenfelser Land und in die Nhe der
Ammergauer Heimat kam.

Whrend der vier Jahre, die meine Eltern in Partenkirchen blieben, gab es
vornehmlich zwei Ereignisse, von denen uns spter erzhlt wurde. Das eine
war der groe Brand, bei dem die Hlfte des enggebauten Dorfes in Asche
gelegt wurde, und das andere die berhmte letzte Brenjagd im
Wettersteingebirge.

Sie ist mehrmals in Zeitschriften geschildert worden, obwohl sie ohne
rechten Schlu blieb. Denn Meister Petz entkam, wenn auch schwer
angeschossen, und verendete vermutlich in irgendeiner unzugnglichen
Schlucht.

Einem alten Frster, der mit dabei war, kam der Br auf dreiig Schritte,
aber es versagten ihm die beiden Schsse seines Kugelzwillings; die
Kapseln brannten leer ab.

Da er Ruhm und Schugeld verlieren mute, verdro den Alten so schwer,
da er wochenlang gemtskrank war und kein anderes Wort als lsterliche
Flche ber die Lippen brachte.

Sobald ihm ein Bekannter begegnete, schrie er ihm von weitem zu: "Brauchst
nix red'n ... woa scho ... woa scho ... Himmel ... Herrgott ..." Nur
durch Anwendung von Alkohol gelang es ihm nach und nach, sein seelisches
Gleichgewicht wieder zu erlangen.

In Partenkirchen lernte mein Vater den Mnchner Kunstmaler _Julius Noerr_
kennen, der ihm in der Folgezeit ein lieber Freund geworden ist.

Noerrs Landschaften erregen neuerdings Aufsehen bei Kritikern, die jetzt
die Mnchner Kunst der sechziger Jahre entdecken und erstaunt ber die
hohen Werte sind, die sich ihnen darbieten; vielleicht knnen ihnen die
Landschaften wie die Tierbilder Noerrs, seine reizvollen Aquarelle und
Zeichnungen, seine Genrebilder zeigen, wie vielseitig dieser Knstler war,
der wie kaum ein anderer die Alpenwelt kannte und in nie versiegender
Freude am Malerischen jeder Spezialitt abhold blieb.

Von seinen Wanderungen durch Tirol und Oberbayern brachte er Mappen voll
kostbarer Studien heim. Wie er mit einfachen Mitteln in Bleistiftskizzen
Stimmungen festhielt, ist bewundernswert, und keiner hat so treu und so
liebenswrdig wie er Jagd und Jger im bayrischen Gebirge geschildert.

Sein Lebenswerk kann in der Heimat kaum voll gewrdigt werden, da die
meisten seiner Bilder nach England verkauft worden sind, doch vermag das,
was sich bei einheimischen Sammlern vorfindet, immerhin das hohe Knnen
Noerrs darzutun.

Ein Knnen, das freilich in jener Zeit mehr verbreitet und notwendige
Vorbedingung war. Mit billiger Genialitt durfte man sich damals nicht
hervorwagen; um das zu ermglichen, war lange Vorarbeit der segensreichen
Kritik notwendig. In dem alten, noblen Mnchen, dem _Pocci_, _Schwind_,
_Spitzweg_, _Schleich_, _Lier_, _Riehl_, _Kobell_, _Lachner_ und manche
andere das Geprge gaben, mute einer was knnen, der aus der Reihe
hervortreten wollte, und sie alle, die etwas konnten, waren vornehm und
htten sich das laute Geschrei der Markthelfer verbeten.

Noerr war spterhin ein regelrechter Sommergast in der Vorder-Ri, und
obgleich er sich nicht viel mit uns abgab, wurden wir Kinder ihm besonders
anhnglich.

Es war eine vielbegehrte Gunst, ihm beim Malen zuschauen zu drfen.

Seine Freundschaft hat meinem Vater viel gegolten, und seine Kunst hat ihn
in bescheidenen Maen selber zum Schaffen angeregt.

Zu einigen Zeichnungen Noerrs, die in "ber Land und Meer" erschienen
sind, hat er die Texte verfat.

In Partenkirchen blieb mein Vater, bis er im Jahre 1865 als Oberfrster -
der Titel war gendert worden - in die Vorder-Ri kam.

Die Familie war auf vier Kinder angewachsen, und der Umstand lie meine
Eltern wnschen, jene Oberfrsterei, mit der konomie und Wirtschaft
verbunden waren, zu erhalten.

Der Posten war wegen seiner Einsamkeit nicht bermig begehrt, und doch
wurde diese Einde meiner Mutter wie uns Kindern zur liebsten Heimat, die
wir in der Rckerinnerung erst recht mit allen Vorzgen ausschmckten.

Im Januar 1867 besuchte meine Mutter ihre Schwester Marie Lang in
Oberammergau, um im Verlegerhause ihre Niederkunft abzuwarten, denn sie
getraute sich nicht, in der Ri zu bleiben, weit ab von jeder Hilfe, die
bei starkem Schneefalle berhaupt nicht erreichbar gewesen wre.

Am 21. Januar gegen Mittag kam ich zur Welt, und meine Verwandten erzhlen
mir, ich htte gerade, als sie von der Schule heimkamen, so laut
geschrien, da sie mich schon auf der Strae hrten.

Meine ersten Erinnerungen knpfen sich an das einsame Forsthaus, an den
geheimnisreichen Wald, der dicht danebenlag, an die kleine Kapelle, deren
Decke ein blauer, mit vergoldeten Sternen berster Himmel war.

Wenn man an heien Tagen dort eintrat, umfing einen erfrischende Khle und
eine Stille, die noch strker wirkte, weil das gleichmige Rauschen der
Isar deutlich herauftnte.

Hinterm Hause war unter einem schattigen Ahorn der lustig pltschernde
Brunnen ganz besonders merkwrdig und anziehend fr uns, weil in seinem
Granter gefangene Aschen und Forellen herumschwammen, die sich nie
erwischen lieen, so oft man auch nach ihnen haschte.

Drunten am Flusse kreischte eine Holzsge, bi sich gellend in dicke
Stmme ein und fra sich durch oder ging im gleichen Takte auf und ab.

Ich betrachtete das Haus und die hoch aufgeschichteten Bretterlager von
oben herab mit scheuer Angst, denn es war uns Kindern strenge verboten,
hinunterzugehen, und als ich doch einmal neugierig ber den Bachsteg
geschritten war, kriegte ich vom Vater, der mich erblickt hatte, die
ersten Hiebe.

Noch etwas Merkwrdiges und die Phantasie Erregendes waren die rauchenden
Kohlenmeiler, gerade unterm Hause, an denen ruige Mnner auf und ab
kletterten und mit langen Stangen herumhantierten. Hinter Rauch und Qualm
leuchtete oft eine feurige Glut auf, aber trotz der Scheu, die uns der
Anblick einflte, trieben wir uns gerne bei den Kohlenbrennern herum, die
in kleinen Blockhtten hausten, auf offenem Herde ber prasselndem Feuer
ihren Schmarren kochten und die Kleinen, die mit neugierigen Augen in den
dunklen Raum starrten, davon versuchen lieen.

Wieder andere gefhrlich aussehende Riesen, die groe Wasserstiefel an den
Fen trugen, fgten Baumstmme mit eisernen Klammern aneinander; wenn
sie, ihre xte geschultert, dicke Seile darum geschlungen, in unser Haus
kamen und sich im Hausflz an die Tische setzten, hielt ich die brtigen
Fler fr wilde Mnner und traute ihnen schreckliche Dinge zu.

Sie waren aber recht zutunlich und boten uns Kindern Brotbrocken an, die
sie zuerst ins Bier eingetaucht hatten; allmhlich gewhnten wir uns an
sie, und es mute uns sehr streng verboten werden, im Flz bei den Tischen
herumzustehen.

Unsere besonderen Freunde waren die Jger. Fast alle gaben sich mit uns
ab, keiner aber verstand es besser, unsere Herzen zu gewinnen wie der
Lenggrieser _Thomas Bauer_, der immer helfen konnte, wenn ein Spielzeug
zerbrochen war, und der nie ungeduldig wurde, sooft wir auch mit Bitten zu
ihm kamen. Gewi waren die Geschichten, die uns Viktor erzhlte,
wunderschn, aber was waren sie gegen die Erlebnisse, die unser Bauer
droben im Walde mit Zwergen und Berggeistern gehabt hatte! Wenn er vom
Prschgang heimkam, sprangen wir ihm entgegen und staunten ihn an, wenn er
einen erlegten Hirsch oder einen Gamsbock brachte, und immer hatte er was
fr uns, eine seltsam geformte Wurzel, einen Baumschwamm oder eine Pfeife,
die er unterwegs aus einer Rinde zurechtgemacht hatte.

In seinem Jgerstbchen war er nie vor uns sicher; kaum hatte er es sich
auf seinem Kanapee gemtlich gemacht und seine Pfeife angebrannt, dann
trippelten kleine Fe ber die Stiege herauf und polterten gegen die
Tre, deren Klinke nicht zu erreichen war.

Es half ihm nichts, er mute die Qulgeister einlassen und viele Fragen
beantworten, ob er den Zwergknig mit dem langen Bart und dem spitzen Hut
gesehen habe, und ob die Gams mit den goldenen Krickeln noch auf dem
Scharfreiter herumspringe.

Er mu uns vormachen, wie die Gamsbcke bldern, und auf dem Schnecken,
wie die Hirsche im Herbst schreien, und wenn er sein Gewehr zerlegte oder
eine Uhr reparierte oder einen Gamsbart fate, schauten neugierige
Kinderaugen dem Tausendknstler zu.

Vertrauen und Neigung hingen sich so fest an den Mann, da er uns allen
als Sinnbild und Verkrperung des stillen Glckes galt, das wir in der Ri
gefunden hatten.

Ein gern gesehener Mann war der Lenggrieser Bote. Die allgemeine Freude
ber diese Verbindung mit der Auenwelt ging auch auf uns Kinder ber, und
der mit allerlei Gaben gefllte Plachenwagen bte groen Reiz auf uns aus.

Man lernt nur in einer solchen Abgeschiedenheit das Vergngen am Kleinsten
kennen, und Stdter vermgen es sich kaum vorzustellen, wie Zeitungen,
Briefe und Pakete erwartungsvolle Spannung verursachen, oder was frisch
gebackene Semmeln einmal die Woche bedeuten knnen.

Wieviel Freude brachten damals die illustrierten Wochenschriften "ber
Land und Meer" und die "Gartenlaube" in das Forsthaus!

Dazu gehrten Pfeife und duftender Kaffee und ein Kreis von Menschen, die
gewillt waren, alles wohlwollend anzunehmen, was ihnen geboten wurde, die
Nachrichten aus einer fernen Welt mit Interesse zu hren und sich dabei in
ihrem Winkel erst recht wohl zu fhlen.

Wie waren aber jene Zeitschriften damals im besten Sinne weltbrgerlich
und wuten Eigenart und Verschiedenheit der Vlker so zu schildern, da es
Teilnahme, nicht aber feindselige Gefhle erregte!

Ich blttere zuweilen noch in den alten Bnden und finde die Stimmung
jener Tage wieder.

Zu den vielen gescheiten Kindern, die den Kreis ihrer Angehrigen durch
tiefsinnige Fragen und Antworten immer wieder in Erstaunen versetzten,
werde ich wohl auch gehrt haben, doch sind mir keine erwhnenswerten
Aussprche berliefert worden; dafr etliche Schrecknisse, die ich
bestand.

Ein Hafen voll heier Milch, der mir ber die Brust geschttet wurde,
spielte in der Chronik Viktors eine wichtige Rolle, daneben eine Axt, die
ich mir ins Bein hackte, und ein Rausch.

Ich kam als kleiner Kerl hinter einen halben Liter Rotwein, den mein Vater
eben mit einem Freunde hatte trinken wollen, als sie beide aus irgendeinem
Grunde rasch aus dem Zimmer eilten. Gleich darauf a man zu Mittag, und
ich fiel vom Stuhl, sooft man mich darauf setzte; es lie sich nicht mehr
leugnen, da ich betrunken war, und die Folgen blieben nicht aus. Mein
Vater hielt mich durch sie fr gengend bestraft, wie er berhaupt kein
Freund von Prgeln war, und er fragte mich am andern Morgen teilnehmend,
ob ich wieder Rotwein mchte; als ich die Frage bejahte, sagte er, das sei
ein gutes Zeugnis fr den Wein.

Fr mich mag es ein Besseres sein, da jenem ersten Rausche kaum wieder
einer gefolgt ist.

Mein Interesse an Bchern soll sich sehr frh gezeigt haben, insofern ich
stundenlang ber Bildern sitzen und unerbittlich auf genaue Erklrung
dringen konnte.

Bei Wiederholung von Erzhlungen mute sich Viktor vor Gedchtnisfehlern
hten, denn ich duldete keine Schwankungen und verlangte Genauigkeit; ich
selber hielt mich nicht daran und liebte schmckende bertreibung, wenn
ich mein Wissen an unsern Jger weitergab.

Die grte Freude bereitete man mir mit Mnchner Bilderbogen, und der
Eindruck, den "Max und Moritz" von Wilhelm Busch auf mich machte, war so
stark, da meine besorgte Mutter das Buch in Verwahrung nahm.

Nur zuweilen an besonderen Tagen oder zur Belohnung fr gutes Betragen
durfte ich es anschauen und war schon gleich von der Umschlagzeichnung
freudig erregt.

Wenn ich heute die zwei Bubenkpfe sehe, berkommt mich noch immer ein
stilles Behagen, und sie wirken auf mich wie ein Gru aus der lieben
Kinderzeit.

Tante Theres, eine Schwester meines Vaters, die mir das Buch geschenkt
hatte, war mir dafr besonders lieb, und als sie nun gar eines Tages ein
kleines Marionettentheater mitbrachte und darauf den "Freischtz" spielte,
hegte ich fr sie die grte Zuneigung und Bewunderung.

Manches wichtige Ereignis ist in meiner Erinnerung verblat, manches ganz
daraus entschwunden; aber der Abend, an dem ich voll Erwartung vor dem
Kunsttempel aus Pappendeckeln sa und die Schicksale des braven Jgers Max
miterlebte, steht immer noch lebendig vor mir.

Freilich gab sich Tante Theres, ein stattliches lteres Mdchen, groe
Mhe, um mit tiefer Stimme, mit bengalischen Feuern und mit
Pistolenschssen Grauen in uns wachzurufen.

Wie solche Eindrcke haften bleiben, erfuhr ich viele Jahre spter, als
ich zu Proben hinter die Bhne des Hoftheaters kam; in dieser Welt von
Pappe und Leinwand roch es hnlich, vielleicht recht entfernt hnlich, so
wie im Marionettentheater, und gleich stand die Auffhrung des
"Freischtz" vor meinen Augen.

Die Talente der Tante Theres fanden in der Ri nicht bei allen so viel
Anklang wie bei mir, und ihr Zug ins Knstlerische, Geniale oder
Theatralische wurde auch spterhin, als ich den Tadel verstehen konnte,
mit Bedauern festgestellt; sie machte keine sehr gute Heirat, lebte in
rmlichen Verhltnissen, und das kam eben davon, wie selbst die gutmtige
Viktor sagen konnte.

Erleben eigentlich Stadtkinder Weihnachtsfreuden? Erlebt man sie heute
noch?

Ich will es allen wnschen, aber ich kann nicht glauben, da das Fest in
den engen Gassen der Stadt, in der wochenlang die Ausstellungen der
Spielwarenhndler die Freude vorwegnehmen, Vergleiche veranlassen oder
schmerzliche Verzichte zum Bewutsein bringen, das sein kann, was es uns
Kindern im Walde gewesen ist.

Der erste Schnee erregte schon liebliche Ahnungen, die bald verstrkt
wurden, wenn es im Hause nach Pfeffernssen, Makronen und Kaffeekuchen zu
riechen begann, wenn am langen Tische der Herr Oberfrster und seine Jger
mit den Marzipanmodeln ganz zahme, husliche Dienste verrichteten, wenn an
den langen Abenden sich das wohlige Gefhl der Zusammengehrigkeit auf
dieser Insel, die Tag um Tag stiller wurde, verbreitete.

In der Stadt kam das Christkind nur einmal, aber in der Ri wurde es schon
Wochen vorher im Walde gesehen; bald kam der, bald jener Jagdgehilfe mit
der Meldung herein, da er es auf der Jachenauer Seite oder hinterm
Ochsensitzer habe fliegen sehen.

In klaren Nchten mute man blo vor die Tre gehen, dann hrte man vom
Walde herber ein feines Klingeln und sah in den Bschen ein Licht
aufblitzen. Da rteten sich die Backen vor Aufregung, und die Augen
blitzten vor freudiger Erwartung. Je nher aber der Heilige Abend kam,
desto nher kam auch das Christkind ans Haus, ein Licht huschte an den
Fenstern des Schlafzimmers vorber, und es klang wie von leise gerttelten
Schlittenschellen.

Da setzten wir uns in den Betten auf und schauten sehnschtig ins Dunkel
hinaus; die groen Kinder aber, die unten standen und auf einer Stange
Lichter befestigt hatten, der Jagdgehilfe Bauer und sein Oberfrster,
freuten sich kaum weniger.

Es gab natrlich in den kleinen Verhltnissen kein berma an Geschenken,
aber was gegeben wurde, war mit aufmerksamer Beachtung eines Wunsches
gewhlt und erregte Freude.

Als meine Mutter an einem Morgen nach der Bescherung in das Zimmer
eintrat, wo der Christbaum stand, sah sie mich stolz mit meinem Sbel
herumspazieren, aber ebenso froh bewegt schritt mein Vater im Hemde auf
und ab und hatte den neuen Werderstutzen umgehngt, den ihm das Christkind
gebracht hatte.

Wenn der Weg offen war, fuhren meine Eltern nach den Feiertagen auf kurze
Zeit zu den Verwandten nach Ammergau.

Ich mag an fnf Jahre alt gewesen sein, als ich zum erstenmal mitkommen
durfte; und wie der Schlitten die Hhe oberhalb Wallgau erreichte, von wo
aus sich der Blick auf das Dorf ffnet, war ich auer mir vor Erstaunen
ber die vielen Huser, die Dach an Dach nebeneinander standen.

Fr mich hatte es bis dahin blo drei Huser in der Welt gegeben.



Auch mein Vater war gerne in der Ri. Die schne Jagd, das gute
Fischwasser und die Selbstndigkeit im Dienste konnten ihm wohl gefallen.

Freilich gab es auch Unannehmlichkeiten, die nicht ausbleiben konnten,
nach der Erfahrung, da mit groen Herren nicht gut Kirschen essen ist.

Knig Ludwig II., der sich alljhrlich mehrere Wochen in der Ri aufhielt,
war immer gtig, dankbar fr die bescheidenste Aufmerksamkeit, und er
hatte oder zeigte doch niemals Launen.

Aber im Gefolge eines Knigs gibt es immer Leute, die strker auftreten
als der Herr.

berdies lagen als Nachbarn der _Herzog von Koburg_ und der _Herzog von
Nassau_ an, die wieder Hofmarschlle und Jgermeister hatten, die sich
aufzublasen wuten und ihre Sorge um die eigene Liebhaberei hinter der um
ihre Hoheiten versteckten.

Groe Herren lassen sich die Mcken abwehren, aber nicht die Ohrenblser,
sagt ein deutsches Sprichwort, und so mute sich hie und da ein bayrisches
Ministerium mit Beschwerden der Hoheiten befassen, die offensichtlich nur
Beschwerden ihrer Kmmerlinge waren.

Einmal wurde mein Vater zur Rechenschaft gezogen, weil er zugegeben hatte,
da Pferde des Herzogs von Nassau in der leerstehenden Stallung des Knigs
untergebracht wurden, und er hatte dazu ausdrcklich die Erlaubnis des
Oberstallmeisters Grafen Holnstein verlangt, die um so bereitwilliger
gegeben wurde, als Holnstein auch auf den Jagden des Nassauer Herzogs
fter zu Gaste war.

Irgendein Hofstaller bemerkte den Vorfall, witterte dahinter einen
Eingriff in die kniglichen Rechte und machte diensteifrig Meldung.

Graf Holnstein, dem die Sache peinlich war, erinnerte sich nicht mehr an
seine Einwilligung, und der Tlzer Forstmeister mute auf Anordnung des
Ministeriums meinem Vater einen Verweis erteilen. Er wehrte sich dagegen,
wies aus seinen Notizen nach, da der Oberstallmeister ohne Zgern den
Wunsch des Herzogs erfllt habe und da er damit zu einer Weigerung weder
Anla noch Recht gehabt habe; allein da das unbedeutende Ereignis dem
Grafen Holnstein gnzlich aus dem Gedchtnisse entschwunden war, verfgte
das Ministerium, es habe bei dem Verweise zu bleiben.

Die Ungerechtigkeit rgerte meinen Vater so sehr, da er um Versetzung
eingeben wollte, und erst nach einigem Zureden gelang es meiner Mutter,
ihn zu beruhigen.

Er schtzte nun die etwas hysterische Dienstbeflissenheit der hheren
Stellen gebhrend ein und wurde vorsichtiger im Verkehr mit Hflingen,
zuweilen auch deutlich, wenn sich ihr Eifer zu weit vorwagte.

Der Herzog von Nassau - vielleicht noch lebhafter sein Hofmarschall -
wollte den zum kniglichen Leibgehege gehrenden Fernerskopf an seine Jagd
angliedern.

Mein Vater mute als Verwalter des Reviers sein Gutachten abgeben.

Nun schickte, um ihn zu gewinnen, der Hofmarschall einen Hofkammerrat in
die Ri, der meinem Vater nahelegte, die Oberleitung ber die herzogliche
Jagd am Fernerskopf und eine entsprechende Gratifikation anzunehmen.

Das Anerbieten wurde mit der Bemerkung gemacht, die bayrische Regierung
brauche ja davon nichts zu erfahren.

Mein Vater wies dem Hofkammerrat die Tre und schrieb dem Hofmarschall
Grafen C., er mge ihn "fr alle Zukunft mit derartigen Zudringlichkeiten
verschonen".

Ich erwhne den Vorfall mit einem wrtlichen Zitate aus dem Briefwechsel,
weil er ein Bild von der Situation wie von dem Wesen meines Vaters gibt.

Heute, unter so vernderten Umstnden, knnen den Leser die damaligen
Verhltnisse interessieren, und so will ich bemerken, da der Oberfrster
in der Vorder-Ri zu Anfang ein Jahresgehalt von 800 Gulden bezog, das
nach und nach auf 1100 Gulden stieg.

Dazu kamen als Nebenbezge: freie Wohnung, Dienstgrnde, ein "Holzdeputat
von 15 Klaftern Hartholz", "Funktionsaversen und Bauexigenzaversen" von
200 Gulden und eine "Hochgebirgs-Leib-Reserve-Gehegsjagdetatremuneration"
von 30 Gulden.

Man sieht, es war damals alles wohl geordnet und mit dem rechten Namen
versehen.

Einen sehr erheblichen Dienst leistete mein Vater dem bayrischen Staate
dadurch, da er ihn im Jahre 1871 veranlate, vom Bankier _La Roche_ in
Basel das _Jgerbauerngut in Fall_ um den Preis von 50 000 Gulden zu
erwerben.

Der Staat lie sich zgernd auf das Geschft ein, ist aber heute wohl
zufrieden damit, denn die Waldungen reprsentieren einen Millionenwert.

In der Vorder-Ri gab es damals vier Hauptgebulichkeiten. Drei auf der
Anhhe ber der Isar: das von Max II. erbaute "Knigshaus", das Forsthaus
und neben diesem eine Kapelle.

Dazu kamen Nebengebude fr Jagdgehilfen und Stallungen.

Im Tale, nahe dem Einflusse des Ribaches in die Isar, lag eine
Schneidsge.

Das dazu gehrende uralte, mit Freskomalereien gezierte Bauernhaus fehlt
in keiner Sammlung von Abbildungen altbayrischer Huser.

Etliche Bchsenschsse entfernt lag isaraufwrts ein Bauernhof, der
"_Ochsensitzer_", und sein Eigentmer, der Danner Toni, schtzte meinen
Vater und war ihm auf seine Art zugetan, aber das hielt ihn nie ab, einem
Wilderer Unterschlupf zu geben, und wenn er von unseren Jgern etwas
erfahren htte, wre die Botschaft heimlich weitergegeben worden.

Auch die Jger waren Isarwinkler und nicht minder schlau wie der Toni; sie
konnten geradeso unbefangen dreinschauen, jedes Wort abwgen, sich taub
stellen, indes sie den braven Ochsensitzer von weitem gehen hrten, wenn
er auch noch so leise auftrat.

Von dem heimlichen Kriege, der nie zum Ende kam, lie man nichts merken;
man sa bei Gelegenheit freundlich zusammen hinterm Bierkrug und kannte
einander, ohne Worte zu verlieren.

Zuweilen hat Bauer, der Glaslthom von Lenggries, sogar dem schlauen Toni
die Wrmer aus der Nase gezogen.

Die Wilderer trieben in jener Zeit ein arges Unwesen im Isartal. Manches
Ereignis ist von den Zeitungen berichtet, auch romantisch aufgeputzt
worden, und der "Dammei" in Tlz, der die Kmpfe der Wildbretschtzen
besang, hatte reichliche Arbeit.

Die Verwegensten waren die Lenggrieser, Wackersberger und Jachenauer; als
besonders reich an Listen galten die Tiroler aus der Scharnitz.

Es muten schneidige Jger sein, die gegen sie aufkommen wollten, und man
fand sie unter den Einheimischen, die selber gewildert hatten, bevor sie
in den Dienst traten.

Ich habe nie gehrt, da einer untreu gewesen wre, wohl aber wei ich,
da der eine und andere beim Zusammentreffen mit den alten Kameraden sein
Leben lassen mute.

Diese Dinge entbehrten fr die Beteiligten ganz und gar des Reizes, den
sie fr Fernstehende hatten; es ging dabei rauher zu, als es sich ein
freundlicher, vom Schimmer der Romantik angeregter Leser vorstellen
mochte.

Einer von meines Vaters Jagdgehilfen, der _Bartl_, ein braver, bildschner
Bursche, wurde aus dem Hinterhalt auf wenige Schritte Entfernung
niedergeschossen.

Ein Jachenauer, der unter den Wilderern war und die Tat, wie man erzhlte,
verhindern wollte, wurde spter Jagdgehilfe und fand einen schlimmen Tod
auf der Benediktenwand; er wurde schwer verwundet mit Steinen zugedeckt
und kam so jmmerlich um.

Ein Sagknecht aus der Jachenau, der den Bartl erschossen haben soll -
bewiesen konnte es nicht werden -, traf nicht lange nachher wieder mit den
Jgern zusammen und wurde schwer verwundet. Er kam mit dem Leben davon,
verlor aber das Gehr.

In ihrer Art berhmt geworden ist die Flofahrt der Wilderer im Jahre
1869, von der man sich heute noch im Oberland viel erzhlt.

Die zwei Shne des Halsenbauern von Lenggries und mit ihnen einige
Kameraden hatten bei Mittenwald gewildert und wollten ihre Jagdbeute auf
einem Floe isarabwrts nach Lenggries oder Tlz bringen.

Sie kamen in der hellen Mondnacht in schneller Fahrt den Flu herunter;
die Ruder hatten sie mit Tchern umwickelt.

  [Illustration: Thoma mit dem Wilderer]

Vor der Risser Brcke, unweit vom Ochsensitzer, wurden sie angerufen. Es
kam zum Feuern heraus und hinein.

Der Mann am Steuer, der Halsen Blasi, wurde erschossen, zwei andere wurden
verwundet. Der Halsen Toni erhielt einen Schu mitten auf den Taler seiner
Uhrkette, und dieser glckliche Zufall rettete ihm das Leben. Ein Fnfter
versteckte sich unter das Wildbret, das auf dem Floe lag, und kam heil
davon.

Sie hielten an der Schneidsge an und schafften den Toten wie die
Verwundeten ins Haus.

Die gerichtliche Untersuchung fhrte zu keinem Ergebnisse.

Der Vorfall kann heute, wie damals, Verwunderung ber "rechtlose Zustnde"
erregen, die in den Zeitungen ausfhrlich besprochen wurden.

Rechtlos schlechthin waren die Zustnde nicht, aber schwierig genug.

Anzeigen hatten keinen Erfolg, denn die Strafen waren vor Einfhrung des
Reichsstrafgesetzbuches so gelind, da sie keinen abschrecken konnten;
trotzdem haben die unbndigen Isarwinkler sich fast immer mit der Waffe
gegen die Gefangennahme gewehrt.

Die drei oder vier Jger hatten gegen die zahlreichen Schtzen einen
harten Stand in dem groen Revier; selten stand einer gegen einen, und so
war rasche Selbsthilfe beinahe notwendig.

Wie unbeugsam die Leute waren, mag die Tatsache beweisen, da der Halsen
Toni, der bei der Flofahrt wie durch ein Wunder gerettet worden war, bald
darauf wieder ins Revier ging und etliche Jahre spter doch erschossen
wurde.

Seinem Bruder Blasi hat man brigens in Lenggries nicht nachgetrauert,
denn er war als gewaltttiger Mensch gefrchtet.

Meinem Vater aber rechnete man es hoch an, da er die Verwundeten
freundlich behandelt und mit Imbi gestrkt hatte, bevor er sie auf einem
mit Betten belegten Leiterwagen nach Tlz fahren lie.

Der "Dammei" hat es nicht unterlassen, diese Guttat in seinem Liede
hervorzuheben.

An derartige Geschehnisse habe ich kaum eine andere Erinnerung, als da
ich auch spter noch unsere Jger wie sagenhafte Helden bewunderte und ihr
Tun und Wesen anstaunte.

Doch steht mir noch lebhaft im Gedchtnis, da einmal an meinem Namenstag
ein Wilderer gefangen eingebracht wurde; er sa im Hausflz und lie mich,
als ich neugierig vor ihm stand, von der Ma Bier trinken, die man ihm
gegeben hatte. Vielleicht bin ich dadurch zutraulicher geworden,
jedenfalls schenkte er mir die geweihte Mnze, die er an einer Schnur um
den Hals trug.

Er hatte sie vermutlich von den Franziskanern in der Hinter-Ri erhalten.

In diesem zutiefst ins Karwendelgebirge eingebetteten tirolischen Kloster
versahen die Herren Patres ihr Amt noch in einer Art, die von jedem
Zeitgeist unberhrt geblieben war.

Der Bauer und der Hirte bewarben sich dort um einen wirksamen Viehsegen,
um Schutz gegen Gefahr im Stall und auf den Almen, die Weiber kamen um
Amulette, die sie vor huslichen Unfllen und Krankheiten bewahren oder
Gebresten heilen sollten; wo immer eine Bedrngnis des Lebens sich
einstellte, suchte das Volk Rat und Hilfe bei den Jngern des heiligen
Franziskus.

Ihr unleugbares Verdienst, in dieser Einsamkeit, losgelst von allen
Freuden der Welt, ohne Scheu vor Beschwerden die Werke der Nchstenliebe
zu pflegen, wird jeder gerne anerkennen.

Und etwas Rhrendes hat es, eine Bevlkerung zu sehen, die in urzeitlichen
Zustnden, abgeschieden von den Hilfsmitteln, die moderne Einrichtungen
gewhren, lebt und nur des einen Beistandes sicher ist, dem auch die
Voreltern herzlich vertrauten.

So mag man es gelten lassen, da auch der fromme Wildbretschtze sich in
der Hinter-Ri den Kugelsegen holte, der ihn vor einem jhen Tod im
Hochwald oder im Kar behten mute.

Das Kloster liegt zwei Wegstunden von dem Forsthause in Vorder-Ri
entfernt.

An Sonntagen kam der Pater heraus und las in der Kapelle fr Fler,
Jger, Holzknechte und alle, die zu unserm Hause gehrten, die Messe.

Da geschah es zuweilen, da vorne auf einem mit Samt ausgeschlagenen
Betstuhle ein hochgewachsener Mann kniete, der sein Kreuz schlug und der
Zeremonie andchtig folgte, wie der Sagknecht oder Kohlenbrenner, der
durch ein paar Bnke von ihm getrennt war.

Wenn der Mann aufstand und die Kapelle verlie, ragte er ber alle hinweg,
auch ber den langen Herrn Oberfrster, der doch sechs Schuh und etliche
Zoll ma.

Sein reiches, gewelltes Haar und ein Paar merkwrdige, schne Augen fielen
so auf, da sie dem kleinen Buben, den man zu einem ehrerbietigen Gru
anhielt, in Erinnerung blieben.

Der Mann war Knig Ludwig II.

Er weilte allsommerlich sechs bis acht Wochen in der Vorder-Ri, und erst
nach Erbauung des Schlosses Linderhof hat er darin eine nderung
getroffen.

Damals fhlte er sich wohl in dem bescheidenen Jagdhause, das sein Vater
hatte errichten lassen, und er suchte nichts als Stille und
Abgeschiedenheit.

Seine Freude an der Natur galt in meinem Elternhause wie bei allen Leuten
in den Bergen als besonderer Beweis seines edlen Charakters, und niemandem
fiel es ein, an krankhafte Erscheinungen zu glauben.

Der Knig schlo sich auch keineswegs auffallend vor jeder Begegnung mit
Menschen ab, wenn er schon gegen manches empfindlich war.

Bei seinen kurzen Spaziergngen hatte er nichts dagegen, Leuten zu
begegnen, die in den Wald gehrten, und zuweilen redete er einen Jger an.

Jedenfalls hat er alle bei Namen gekannt und sich zuweilen nach ihnen
erkundigt.

Aus spteren Erzhlungen wei ich, da whrend seiner Anwesenheit in
Hrweite kein Schu fallen durfte; er wollte sich Tod und Vernichtung
nicht in diesen Frieden hineindenken.

Da er selten Besuche von hochstehenden oder offiziellen Persnlichkeiten
empfing, ist bekannt, ebenso, da er sich solchen Begegnungen durch
schleunige Fahrten in die Berge entzog.

Hohenlohe vermerkt in seinen Denkwrdigkeiten hufig derartige Verste
gegen die Etikette und schttelt den Kopf darber, wenn der Knig dem
Prinzen Napoleon, dem Kronprinzen von Preuen und anderen ausweicht mit
der schlichten Erklrung, er msse Gebirgsluft atmen. Unterm 3. Juli 1869
schreibt Hohenlohe ins Tagebuch, der Knig sei "in die Ri entflohen, um
der Ankunft des Kaisers von sterreich zu entgehen".

Wenn es dabei diplomatische Schwierigkeiten ergab, dann wute man
jedenfalls in der Ri nichts davon; diese kleine Welt freute sich, wenn
der Knig kam. Seine Ankunft erfolgte oft unvermutet und war erst wenige
Stunden vorher durch einen Vorreiter angesagt.

Die Vorbereitungen muten dann schnell geschehen. Der mit Kies belegte
Platz vor dem Knigshause wurde gesubert, Girlanden und Krnze wurden
gebunden, alles lief hin und her, war emsig und in Aufregung.

Es gab fr uns Kinder viel zu schauen, wenn Kchen- und Proviantwagen und
Hofequipagen vorauskamen, wenn Reiter, Kche, Lakaien diensteifrig und
lrmend herumeilten, Befehle riefen und entgegennahmen, wenn so pltzlich
ein fremdartiges Treiben die gewohnte Stille unterbrach.

Die Forstgehilfen und Jger mit meinem Vater an der Spitze stellten sich
auf; meine Mutter kam festtglich gekleidet mit ihrem weiblichen Gefolge,
und auch wir Kinder durften an dem Ereignis teilnehmen.

Das Gattertor flog auf, Vorreiter sprengten aus dem Walde heran, und dann
kam in rascher Fahrt der Wagen, in dem der Knig sa, der freundlich
grte und seine mit Bndern verzierte schottische Mtze abnahm.

Meine Mutter berreichte ihm einen Strau Gartenblumen oder Alpenrosen,
mein Vater trat neben sie, und in der lautlosen Stille hrte man ein leise
gefhrtes Gesprch, kurze Fragen und kurze Antworten.

Dann fuhr der Wagen im Schritt am Hause vor, der Knig stieg aus und war
bald, gefolgt von diensteifrigen Mnnern in blauen Uniformen,
verschwunden.

In uns Kindern erregte die Ankunft des Knigs stets die Hoffnung auf
besondere Freuden, denn der freundliche Kchenmeister versumte es nie,
uns Zuckerbckereien und Gefrorenes zu schenken, und das waren so seltene
Dinge, da sie uns lange als die Sinnbilder der kniglichen Macht und
Herrlichkeit galten.

Aus Erzhlungen wei ich, da Ludwig II. schon damals an Schlaflosigkeit
litt und oft die Nacht zum Tage machte.

Es konnte vorkommen, da mein Vater aus dem Schlafe geweckt und zum Knig
gerufen wurde, der sich bis in den frhen Morgen hinein mit ihm unterhielt
und ihn nach allem Mglichen fragte, vermutlich weniger, um sich zu
unterrichten, als um die Stunden herumzubringen.

Wenn wir zu Bett gebracht wurden, zeigte uns die alte Viktor wohl auch die
hell erleuchteten Fenster des Knigshauses und erzhlte uns, da der arme
Knig noch lange regieren msse und sich nicht niederlegen drfe.

Etliche Male wurden wir aufgeweckt und durften im dunkeln Zimmer am
Fenster stehen und schauen, wie drben Fackeln aufloderten, ein Wagen
vorfuhr und bald wie ein geheimnisvoller Spuk im Walde verschwand.



Die Zeit der sechziger Jahre war politisch so bewegt, da sie auch auf das
Risser Stilleben einwirken mute.

Mein Vater stand mit seinen Ansichten auf Seite jener Altliberalen, die
sich nach der Einigung Deutschlands sehnten, ohne sich ber Ziele und
Mittel vllig klar zu sein; ihre Abneigung gegen klerikale Forderungen und
gegen Unduldsamkeit in jeder Form war bestimmter gerichtet. Seine
politischen Meinungen fanden ihren Ausdruck in der Wahl der Zeitungen, die
er las, in ein paar Briefen und in Bemerkungen, die ich von seiner Hand
geschrieben in "_Rotteck's Weltgeschichte_" finde.

Leidenschaftlichkeit war ihm fremd.

Vielleicht war sie es berhaupt jener Zeit, wenigstens in den Maen, die
wir kennen.

Ich besitze Briefe, die ein kluger und hochstehender Mann an meinen Vater
geschrieben hat, und das Hervorstechendste ist der mavolle Ton und die
Art, den Gegner noch immer gelten zu lassen.

Auch als der Krieg gegen Preuen ausgebrochen war, fhrte die Erregung
nicht zu haltlosen und wsten Schimpfereien.

Wer sich davon berzeugen will, der nehme alte Zeitschriften zur Hand, und
er wird staunen, wie darin jede Eisenfresserei glcklich vermieden ist.

Die Philister allerdings, die Hohenlohe mit viel Unbehagen in Bierkellern
beobachtete, mgen sich wtend gebrdet haben, aber in der Familie war der
Ton nicht auf Mord und Tod gestimmt.

In der Vorder-Ri pflegte man in dem ereignisreichen Sommer 1866 einen
regen Verkehr mit den bundesbrderlichen Grenzern und Jgern aus Tirol,
und man stellte dabei mit wrdigem Ernste als unausbleibliche Folge den
Untergang Preuens fest.

Ein bayrischer Oberkontrolleur, der zuweilen zur Visitation kam,
schttelte zu diesen Prophezeiungen den Kopf. Er hatte sich im Dienste des
Zollvereins lngere Zeit in Norddeutschland aufgehalten und versicherte
auf Grund seiner Erfahrungen, da die Geschichte auch anders kommen knne.

Man nahm dem liebenswrdigen Manne diese schrullenhafte Ansicht nicht bel
und lchelte darber.

Wie es dann sehr bald wirklich anders kam, wurde der Oberkontrolleur als
einsichtiger Politiker betrachtet.

Nach dem Kriege war der deutsche Frhling, den Vlk im Zollparlament
begrte, nicht durchaus hell und sonnenwarm.

Am Himmel hing als finstere Wolke die Angst vor dem Verluste der
bayrischen Selbstndigkeit, und sehr hohe Herren, auch der Knig, schauten
bedenklich nach ihr und befrchteten schlimmes Wetter.

In manchen Kreisen war das ja lange noch ein anregendes Gesprchsthema;
wer sich aber in den Geist jener Zeit versetzt, wird feststellen, da der
von Ludwig II. niedergelegte Wunsch, "es mge Bayern, nicht mehr als
ntig, mit Preuen verknpft werden", jeden politischen Gedanken, zum
mindesten an offizieller Stelle, beherrschte.

Der Entwurf zu einer Grndung "_der Vereinigten Staaten von
Sddeutschland_", den Herr _von Vlderndorff_ anfertigte, liest sich fr
uns wie die Vereinsstatuten einer Harmonie und Brgereintracht; damals
wurde er mit feierlichem Ernste gewrdigt.

ber die mgliche nationale Verbindung der sddeutschen Staaten, ber ihr
selbstndiges und nicht zu nahes Verhltnis zum Norddeutschen Bunde
unterhielt man sich in den Salons der Gesandten, in den Zimmern der
Minister und in den Bierstuben, vielleicht nicht mit wesentlich
abgestufter Einsicht.

Da mein Vater von dieser Angstmeierei nicht angesteckt war und die
deutsche Zukunft in den Hnden des Frsten Bismarck fr gut aufgehoben
hielt, beweist mir ein Brief, den er im Februar 1870 an seinen Freund, den
Oberst Graf Tattenbach, geschrieben hat.

Darin drckte er seine Sorge aus, es knne das "weibsmige Getue und
Sichsperren" noch einmal zu Dummheiten fhren.

Das Mitrauensvotum, das beide Kammern gegen den Ministerprsidenten von
Hohenlohe abgaben, indem sie ihm "die Fhigkeit zur Wahrung der bayrischen
Selbstndigkeit" absprachen, beunruhigte meinen Vater.

Ganz besonders aber die Tatsache, da alle bayrischen Prinzen, mit
Ausnahme des immer fr ein einiges Deutschland eintretenden _Herzogs Karl
Theodor_, dem Mitrauensvotum zugestimmt hatten.

Nicht nur aus Zeitungsberichten, auch aus unmittelbarer Anschauung konnte
mein Vater die Erkenntnis gewinnen, wie die Sorge um die
Selbstherrlichkeit magebende Persnlichkeiten beherrschte. Der
wrttembergische Minister _Baron Varnbler_ weilte fters als Jagdgast in
der Vorder-Ri. Der war ein Partikularist von besonderen Gnaden, und in
seiner gut schwbischen Offenherzigkeit machte er kein Hehl daraus. Er war
brigens kein Brokrat, und seine Ansichten waren nicht in der Luft der
Kanzleien gediehen, vielmehr hatte er eine fr damalige Zeiten sehr
ungewhnliche Laufbahn durchmessen.

Er war Direktor einer Wiener Maschinenfabrik gewesen und hatte groe
Reisen unternommen, ehe er ins Schwbische heimkehrte und am Nesenbach
Weltgeschichte machte.

Der Krieg von 1870 verscheuchte die Kmmernisse oder brachte sie doch zum
Schweigen.

Mein Vater erlebte ihn mit freudiger Anteilnahme, und er mag oft
ungeduldig auf Nachrichten gewartet haben.

Die Ri war in dem harten Winter schon im Dezember zugeschneit, und damit
war der Postdienst eingestellt.

Da taten unsere Jger ein briges fr ihren Oberfrster. Sie stapften auf
Schneereifen zum Forsthaus _Fall_ hinaus und holten die Post, die von
Lenggries aus dorthin gebracht worden war.

Eines Abends, als wir schon bei Lampenlicht in der Stube saen, trat der
Jger Bauer, den Bart bereift und vereisten Schnee an den Schuhen, ein.

Er brachte die Nachricht, da Paris gefallen sei. Daran wrde ich mich
vielleicht nicht mehr erinnern, aber da mein Vater und die Jagdgehilfen
hinauseilten und Schu auf Schu vor den Fenstern abfeuerten, machte einen
so starken Eindruck auf mich, da es mir im Gedchtnis blieb.

Und daran erinnere ich mich auch, wie vllig ich im Banne der bei _Gustav
Weise_ in Stuttgart erschienenen Kriegszeitung stand, die, zerlesen und
vergilbt, mir heute noch das Andenken an meine Kinderzeit wachruft.

Ich kannte jedes Bild, und ein Gedicht, das ich damals lernte, kann ich
heute noch zum Teil auswendig.

Die Hauptperson fr mich war aber keiner der Herrscher oder Heerfhrer,
sondern "der Bismarck", den ich zur Verwunderung unserer Jger auch aus
figurenreichen Bildern sogleich herausfand.

Die leidenschaftliche Anhnglichkeit an ihn schlug Wurzeln im
Kinderherzen, die mit meinem Aufwachsen erstarkten, zher wurden und sich
niemals lockern lieen.

Kluge Leute haben mir spterhin ihr Mitleid zugewandt wegen meiner
unbekmmerten Hingabe an den Alten; ich habe daran festgehalten und nichts
davon hergelassen bis auf heute.

Eine besondere Freude war es fr meinen Vater, wenn er Nachrichten von
seinem Forstgehilfen _Mailer_ erhielt, der als Artillerieleutnant gegen
Frankreich gezogen war.

Er ist nach Jahren Frster in der Valepp geworden und war dort so lange im
Amt, da ihn wohl die meisten Mnchner Touristen kennen.

Nach dem Feldzuge kam er wieder in die Vorder-Ri und brachte als Trophen
einen franzsischen Kra und mehrere Chassepotgewehre mit.

Der Kra regte meine kindliche Phantasie an, weil er eine tiefe
Schubeule trug.

Mit den Chassepots aber machte mein Vater grndliche Schieproben, wie er
berhaupt fr Gewehre ein eingefleischtes Interesse zeigte. Jede
Schuwaffe, die ein Jger fhrte, wurde von ihm genau untersucht, zerlegt
und ausprobiert. Das Werdergewehr, das den bayrischen Jgerbataillonen
gute Dienste geleistet hatte, fand seine besondere Bewunderung, und eine
Werder-Prschbchse, die er zu Weihnachten erhielt, machte ihm die grte
Freude. Er scho sie auf jede Entfernung ein, und als er dabei eine Henne,
die sich an die Isar hinunter verlaufen hatte, auf sehr weite Distanz
hinlegte, erhielt er von der Hausmutter eine eindringliche Vorlesung ber
Sparsamkeit und Besonnenheit in reiferen Jahren.

Zu Anfang der siebziger Jahre erregte die Welt jener Streit um das
Unfehlbarkeitsdogma.

In Stdten und Drfern kam es zu heftigen Wortkmpfen und zum Eintritt in
die altkatholische Kirche.

Mein Vater stand auf der Seite seines alten Rektors _Dllinger_ und sah
kopfschttelnd, wie sich so pltzlich Gewissensfragen erheben konnten.

Allein als Forstmann und Jger befate er sich nicht heftig mit den
Fragen, und er bedurfte auf seiner grnen Insel keines Vereins und keiner
Partei, um fr sich ein Gegner des unduldsamen Wesens zu bleiben.

Meine Mutter aber hing zu sehr an der alten Sitte und den alten Formen,
als da sie sich ein Urteil angemat htte.

Sie hatte sich den Grundsatz zurechtgelegt, da man sich aus den Lehren
der Kirche das viele Gute und Schne entnehmen und sonst nicht nachgrbeln
und kritisieren solle.

Wenn sie das in spteren Jahren zu mir sagte, nickte sie bekrftigend mit
dem Kopfe dazu, und ich sah ihr an, da sie zufrieden war, einen so
sicheren Standpunkt gewonnen zu haben. Sie hat nach ihrer Religion gelebt
und fate - tiefer als manche theologische Abhandlung - das Wesen des
Christentums in dem Satze zusammen, "da man niemandem wehe tun drfe". Um
religise Meinungen anderer hat sie sich ihr Leben lang nicht gekmmert.

Eine sich mehr gegen Zwang auflehnende Natur war unsere "_alte Viktor_".

Ich bin um einen Titel verlegen, der ihre Wirksamkeit richtig bezeichnen
knnte.

"Sttze der Hausfrau" sagte man damals nicht, und es klnge mir zu
fremdartig; "Kinderfrulein" pate nicht zur Bescheidenheit unseres Hauses
und wrde ihrer Ttigkeit nicht gerecht. So will ich sie, wie ehedem im
Leben, die alte Viktor heien.

Sie war die Tochter eines Handelsgrtners und Brgermeisters von Schongau,
kam zu meinen Eltern, als ich zwei Jahre alt war, und starb vierunddreiig
Jahre spter in meinem Hause.

Sie war eine angehende Dreiigerin, als sie kam, nicht ganz frei von
altmdchenhafter Empfindlichkeit, aber so lebenstchtig, da sie bald die
unentbehrliche Beraterin und Helferin war.

In schweren Stunden zeigte sie ihre resolute Art, tat immer das Richtige
und Notwendige, und kein Schmerz konnte sie verhindern, an alles zu denken
und fr alles zu sorgen.

Nur in ruhigen Zeiten und ganz besonders, wenn lebhaftere Heiterkeit
vorherrschte, konnte sie in weltschmerzliches Mitleid mit sich selber
verfallen und in ihr Tagebuch ein gefhlvolles Gedicht aus Zeitschriften
oder Bchern abschreiben. Sie besa eine ausgesprochene Neigung fr die
schne Literatur und eine Neigung, sich darber zu unterhalten.

Dabei war sie eine grndlich geschulte Kennerin aller Pflanzen, Kruter
und Blumen, sie botanisierte auf jedem Spaziergange und klebte die
gepreten Herbarien in ein Buch ein.

Ihr Vater war in den vierziger Jahren Landtagsabgeordneter gewesen und
hatte seiner Tochter eine grndliche Abneigung gegen jede Art von
Rckschritt und Tyrannei vererbt.

Sie blieb zeitlebens mitrauisch gegen zuknftige Mglichkeiten, und sie
war berzeugt, da von irgendwoher und von irgendwem Unterdrckung drohe.

So frommglubig sie war, nahm sie doch "eine gewisse Art von Geistlichen"
von diesem Verdacht nicht aus.

Sie sah in dem Dogma und in der Art, wie es durchgesetzt wurde, nur die
Besttigung ihrer schlimmen Ahnungen und den Beweis dafr, da es
allgemach wieder finsterer werde.

Sie war glcklich, wenn sie sich darber aussprechen konnte oder wenn gar
der Herr Oberfrster ihr beipflichtend sagte, da die "Viktor wieder
einmal durchaus recht habe".

Fr die kleinen Leute trat sie immer ein, auch wenn ihnen niemand zu nahe
trat; sie stellte den unwirklichen Gefahren ebenso nachdrcklich ihre
Prinzipien entgegen.

Alle im Hause schtzten ihre brave Art, und der Jagdgehilfe Thomas Bauer,
der ein Paar gute Augen hatte und ein sicheres Urteil, schlo mit ihr
dauerhafte Freundschaft.

Wenn sich der Frhling auf den Bergen einstellte und Bauer meinen Eltern
einen Strau der frhesten Blumen brachte, verga er auch die "Viktori"
nicht.

Sie blieb ihm dankbar und anhnglich, wie allem und jedem, was im
Zusammenhange mit der schnen Vorder-Risser Zeit stand.

Eine nicht unwichtige Rolle spielten in diesem kleinen Kreise auch die
Jagdgste oder Jagdkavaliere, wie man sie nannte.

Es lag in der Abneigung des Knigs gegen alles, was Verpflichtungen mit
sich brachte, begrndet, da keine Mitglieder des kniglichen Hauses in
die Ri kamen.

Eine Ausnahme bildete nur _Herzog Ludwig_, der jedes Jahr zur Prsche -
Treibjagden gab es damals nicht - eingeladen war. Den wrttembergischen
Minister _von Varnbler_ habe ich schon genannt. Andere Herren gab es, die
nur fr ein Jahr oder eine Jagdzeit Erlaubnis erhielten.

Ein regelmiger Gast war ein Graf _Pappenheim_, den die Jger wegen
seines Jagdfiebers den Grafen "Nackelheim" hieen.

Aber _der_ Jagdkavalier fr meine Eltern und fr alles, was in der Ri
lebte, war der Oberst _Graf Tattenbach_, der in der Amberger Gewehrfabrik
Dienst tat.

Sein Kommen war jedesmal ein Fest.

Wir Kinder liebten den kleinen Mann, der unter den buschigsten
Augenbrauen, die ich je gesehen habe, klug in die Welt schaute, und wenn
wir uns auch keine Rechenschaft darber geben konnten, so fhlten wir doch
das Behagen, das er um sich verbreitete.

Er machte nicht viel Worte, aber aus seinen gutmtigen Neckereien sprach
seine Zuneigung zu meinen Eltern. Er ist meinem Vater ein treuer Freund
geworden und geblieben; meiner Mutter hat er nach dessen Tode Beistand und
freundliche Dienste geleistet, wo er konnte.

Die Jger schtzten ihn wegen seiner weidmnnischen Fhigkeiten und wegen
seines sachverstndigen Urteils ber Gewehre.

Seine Jagdpassion gab Anla zu vielen Spen, denn in ihr ging er ganz
auf, und jedes Jagdglck geno er zweimal.

Wenn er es erlebte und wenn er es am Kaffeetisch erzhlte.

Dabei wurde er gesprchig und schilderte - nicht in flieender Rede,
sondern in hufig abgebrochenen Stzen mit Pausen - jeden Umstand, der
sich beim Prschen, beim Schusse und bei der Nachsuche zugetragen hatte.
Der Pausen bedurfte er, um am langen Pfeifenrohre zu saugen und mit dem
Rauche die herrliche Erinnerung einzuschlrfen. Zuweilen dauerte eine
Pause so lange, da sich jemand mit einer Frage oder dem Glckwunsche zu
frh einstellte, dann hob er beschwrend die Hand und sagte lachend: "Nur
warten! Ich bin noch lang net fertig."

Er war ein vornehmer Mann, dessen schlichter Charakter sich mit keiner
Phrase vertrug, harmlos, von guter, altbayrischer Prgung.

Wenn er nach der Hirschbrunft Abschied nahm und das Gattertor hinter
seinem davonrollenden Wagen zufiel, dann waren wir allein auf viele
Monate.

Es bedurfte eines guten Willens und eines tchtigen Verstandes, um diese
Einsamkeit nicht als drckend zu empfinden.

Daran fehlte es nicht, und zeitlebens haben meine Angehrigen sich gerne
jener Zeit erinnert.

Und so will ich Abschied nehmen von den schlichten Menschen, die "ttig
treu in ihrem Kreise nie vom geraden Wege wichen".

Die meisten von ihnen sind tot und haben mir das Heimweh hinterlassen nach
ihrer redlichen Art und nach dem Fleck Erde, der mir durch sie so teuer
geworden ist.





                                SCHULJAHRE


Es ist mir nicht bekannt, ob der Wortlaut der Disziplinarsatzungen unserer
bayrischen Gymnasien heute ein anderer ist als vor dreiig Jahren; die
Ansichten der Lehrer wie der Schler haben sich jedenfalls gendert, und
darum ist trotz aller Widerstnde ein vielbegehrter und viel angefeindeter
Fortschritt erzielt worden. Als ich Schler der oberen Gymnasialklasse
war, galt uns Jungen krperliche Ausbildung nicht viel mehr als unseren
Professoren. Sie nannten alles, was sie frdern konnte, Allotria treiben,
und sie waren immer besorgt, da die Jugend nicht vom Studium abgelenkt
wurde.

Wenn ich heute die Scharen junger Leute in die Berge laufen sehe,
Backfische mitten unter heranwachsenden Jnglingen, stelle ich mir vor,
was die Rektoren lterer Ordnung dagegen zu sagen gehabt htten oder wie
die Eltern vor so etwas zurckgeschreckt wren.

Wie sauertpfisch stellten sich viele Lehrer gegen den einen herkmmlichen
Maispaziergang! Einige muten immer wieder daran erinnert werden, und wie
oft schrieben wir an die Tafel: "_Oramus dominum professorem, ut
ambulemus!_" Endlich lie sich der Gestrenge herbei, das Unvermeidliche zu
gewhren. Man fuhr etwa nach Bruck, ging zum Maisacher Keller und zurck,
und der forsche Schler trank dann mehr, als er vertragen konnte. Es
gingen Heldensagen in der Klasse herum, da der und jener vierzehn Halbe
Bier hineingeschttet habe, und alle staunten das an.

Jungen haben immer Ehrgeiz. Wenn er sich auf Dummheiten schlgt, ist die
Erziehung schuld.

Das trichte Froschverbindungswesen zum Beispiel war aus einem Punkte
leicht zu kurieren. Htte man die Jugend angehalten, in Mut und
krperlicher Gewandtheit zu wetteifern, so wren ihr sogleich die Folgen
heimlicher Saufgelage verchtlich erschienen. Durch strenge Verbote reizte
man gerade die Tchtigsten zur bertretung, die nun Auszeichnung im Kampfe
gegen drakonische Maregeln suchten. Dazu kam, da Philister dieser
Verbindungen, Fhnriche, Studenten, Praktikanten, zuweilen sogar ltere
Esel, mit kommersierten und mit den darber hocherfreuten Pennlern die
Burschenhte durchstachen.

Das leuchtende Vorbild fr frische Jungen konnte damals ein
aufgeschwemmter Student sein, der sich in ein paar Semestern um Gesundheit
und Tatkraft soff. Heute verachtet jeder Schler einen Mann, der in den
zwanziger Jahren schon an Folgen des Trinkens leidet, heute rhmt er den
besten Bergsteiger, Schneeschuhlufer, Ballspieler, kennt hervorragende
Leistungen und trumt davon, sie zu bertreffen.

Und es gibt Lehrer, die diesen Geist frdern und nicht entsetzt daran
denken, da ein Tag im Freien die Lust am Prparieren trben knnte. Sie
stellen sich, wie ich hre, auch auf einen andern Fu zu den Schlern.
Wenn ich eine stattliche Reihe von Professoren in der Erinnerung an mir
vorberziehen lasse, finde ich kaum einen darunter, der uns ein
wohlwollender Freund oder gar ein Kamerad gewesen wre. Sonderlinge,
Tyrannen, die Aufruhr witterten, gute Kerle, die seufzend ihren Dienst
taten, waren sie Lenker unserer Geschicke, mitrauische Vorgesetzte, aber
niemals Kameraden. Es wurde ungeheuer viel Respekt verlangt und recht
wenig eingeflt. Leichte Dinge wurden unmig schwer genommen, und man
dachte wohl gar nicht daran, wie empfindlich die Jugend gegen die
Unwahrheit ist, die in jeder bertreibung steckt.

Ich halte fr die beste Erziehung die, die jungen Menschen Widerwillen
gegen Taktlosigkeit und Unbescheidenheit einflt. Da ist Vorbedingung ein
herzliches Verhltnis zu den Lehrern. Das unsere war so, da wir alle,
auch da, wo wir das Recht auf seiten der Lehrer sahen, Partei gegen sie
nahmen. Das natrliche Empfinden der Jugend entscheidet sich aber, wenn es
nicht durch schdigende Einflsse beirrt wird, immer fr das Recht. Der
schdliche Einflu war das ganze System. Heute ist, wie ich sehen kann,
vieles besser geworden. Und ich glaube, die Schler von heute werden sich
dereinst nicht mehr als Graubrte mit Entrstung ber ihre Schulzeit
unterhalten.

Wenn einmal die Rede darauf kommt, breche ich heute noch eine Lanze fr
die humanistische Schulbildung. Ich habe Grnde dagegen anfhren hren,
die mir sehr vernnftig, aber nie berzeugend vorkamen. Da die
Naturwissenschaften heute einen ganz andern Rang einnehmen als zu der
Zeit, da der Lehrplan fr humanistische Gymnasien festgesetzt wurde, kann
wohl nicht bestritten werden, aber immer gewinnen mich gleich wieder die
fr sich, die Zweckmigkeit nicht als ausschlaggebend fr die Bildung des
Geistes gelten lassen. Wenn ich nachdenke, was in meinem Schulranzen von
frher her geblieben ist, so finde ich wenig an positiven Kenntnissen,
wohl aber manches an Gesamteindrcken, Anregungen und Stimmungen, die mir
frderlich waren.

Immer bleibt es mir ein Gewinn, da ich Homer in der Ursprache gelesen
habe. Keine andere Dichtung kann empfngliche Jugend, whrend sie ihre
Phantasie anregt, so in das eigentliche Wesen der Dichtkunst einfhren wie
die Odyssee. Ehrwrdig durch ihr Alter, durch ihre Wirkung auf viele
Geschlechter der Menschen, zeigt sie ihr in herrlicher Sprache die
Unwandelbarkeit natrlichen Empfindens. Die Wirkung dieser Einfachheit und
Wahrheit auf ein junges Gemt lt sich nicht scharf umgrenzen; sie bleibt
haften und vermag uns nach manchen Irrgngen zum Verstndnisse echter
Gre zurckzufhren.

Heute noch steht mir die Schilderung, wie die Schaffnerin Eurykleia den
Herrn an der Narbe wiedererkennt, oder jene, wie Argos, der Hund, von
Ungeziefer zerfressen, auf dem Lager das Haupt und die Ohren hebt, da ihm
nach zwanzig Jahren Odysseus naht, weit ber allem. Und weil sie mich
damals tief ergriffen, glaube ich fest daran, da sie mir den Weg zum
rechten Verstndnisse wiesen. Ich habe ber die Lektre Homers manches
andere vernachlssigt, wie ich berhaupt mein Interesse fr bestimmte
Fcher gerne bertrieb.

Ich konnte mich nur schwer in gleichmige Ordnung fgen, und noch weniger
gelang es mir, in der Schule aufmerksam zu bleiben. Dazu kam, da ich
vieles begann, eine Zeitlang mit Freude betrieb und dann wieder achtlos
liegenlie. So erinnere ich mich, da ich einige Monate hindurch eifrigst
Zeichnungen zur Odyssee machte, zu denen ich in verschiedenen Bchern
Unterlagen fand; ich kolorierte sie suberlich, erwarb mir damit auch die
Anerkennung eines noch ziemlich jungen Professors, der in mir
knstlerische Begabung entdeckte und mir hinterher sein Wohlwollen entzog,
als mein Eifer nachlie und zuletzt ganz einschlief. Es war klar, da ich
bei dieser Veranlagung wenig Neigung zur Mathematik fassen konnte, die
systematisches Fortschreiten verlangt und keiner Draufgngerei Vorschub
leistet.

Dagegen betrieb ich mit Eifer Geschichte, und die Neigung dafr ist mir
geblieben. Nach meiner Gewohnheit hielt ich mich weder an das Schulpensum
noch an die Schulbcher. Ich las die bndereichen Werke von Schlosser,
Weber und Annegarn, der heute nicht mehr vielen bekannt ist. Annegarn mit
Abneigung und innerlichem Widerspruche, denn ich hatte seiner ultramontan
gefrbten Darstellung eine waschechte liberale Gesinnung
entgegenzustellen.

Ich kann heute darber lcheln, wie ich mit einer der Gegenwart, nicht
aber dem Geist der Zeiten angepaten Leidenschaft fr und gegen lngst
vergangene Ereignisse und Zustnde Partei nahm. Aber ich habe spterhin
gereifte Mnner gesehen, die sich in die Haare gerieten ber den Gang nach
Canossa oder die Schuld Maria Stuarts, und so kann ich es mir selber
verzeihen, da ich als Gymnasiast von der Maximilianstrae bis zum Isartor
unter heftigen Reden gegen Anjou oder Rom oder die Welfen dahinschritt.

Mein Widerpart war ein kluger Junge, der vom Papa altbayrische Skepsis
angenommen hatte und meine wortreiche Heftigkeit belchelte. Grblicher
wurde der Kampf, wenn ich auf den Fahrten in die Vakanz mit meinen
Chiemgauer Kommilitonen beisammensa. Sie studierten fast alle in Freising
und zerzausten mir meinen Groen Kurfrsten mitsamt dem Alten Fritz, da
es eine Art hatte.

Geschichte wurde auf den Mnchner Gymnasien sehr vorsichtig traktiert. Mit
1815 hrte man auf, wenn es berhaupt so weit ging; was nachher kam, war
zu gefhrlich, zu aktuell und nicht reif fr abgeklrte Darstellung. Ob es
auf einen Wink von oben unterlassen wurde, wei ich nicht.

Was fr Absonderlichkeiten damals noch mglich waren, mag ein Beispiel
zeigen. Wir hatten in der zweiten Gymnasialklasse, der heutigen siebenten
oder Obersekunda, einen Professor, der nur Katholiken in seiner Klasse
haben wollte. Man sah dem alten Herrn die Schrulle nach, und da es eine
Parallelklasse gab, wurde in sie alles, was Protestant und Jude war,
gestopft. Erst das Jahr darauf wurden wir wieder simultan.

Einiges von unseren deutschen Klassikern, mit denen ich frhzeitig
vertraut geworden war, lasen wir auch in der Schule, in einer Art, die
wirklich Tadel verdiente. Htte ich zum Beispiel Hermann und Dorothea
nicht vorher gekannt, so wre mir vielleicht auf lange Zeit der Geschmack
daran verdorben gewesen durch die unbeschreiblich langweilige Behandlung,
die sich monatelang drftig und drr hinschleppte.

Am Ende waren unsere Lehrer auch da wieder in einer Zwickmhle. In den
Werken unserer Dichter ist allerlei enthalten, zu dem man sich als
Erzieher nicht freudig bekennen durfte; davor warnen, hie darauf
hinweisen, und so tat man so, als glaubte man uns, da wir selber alles
Gefhrdende scheu von uns abweisen wrden. Aus einem so verdruckten Getue
kommt nie was Gescheites heraus. Natrlich hatten wir Leute unter uns, die
wahre Entdecker von Verfnglichkeiten waren und besonders bei Shakespeare
Stellen fanden, die sie kichernd vor dem Unterrichte und in den Pausen
ihren Vertrauten mitteilten. Vor so was schtzt kein Verhtungssystem,
blo eine Erziehung zum frischen und gesunden Sinn.

Wir hatten einen Lehrer, den alten Eilles, einen Grobianus, der trotz
seines rauhen Wesens unser Liebling war und dem wir alle ber die Schule
hinaus Verehrung bewahrten. Wenn der im Homer an eine Stelle kam, wo etwa
Odysseus sich mit Kalypso zurckzog, dann strich er lachend seinen roten
Bart und schrie er uns zu: "Nur laut reden und nicht murmeln! Hinterher
tuschelt ihr euch doch das dmmste Zeug in die Ohren! Und er schlief bei
ihr ... jawoll! Ihr Lausbuben und Duckmuser!"

Mein Interesse an der deutschen Literatur bewies ich nicht blo durch
reichlichen Ankauf von Reclambchern und Gesamtausgaben, deren Kosten
meine gute Mutter oft mit Kopfschtteln bestritt, sondern neben dem
brigens verbotenen Theaterbesuch auch dadurch, da ich mich in die
Universitt einschlich. Damals las Bernays ein Kolleg ber Schiller; es
begann eine Viertelstunde nach vier Uhr, also nach Klassenschlu. Ich lief
mit zwei Freunden Trab durchs Lehel, den Hofgarten und die Ludwigstrae
und sa dann keuchend und erhitzt auf der hintersten Bank. Da es _per
nefas_ geschah und uns das Aussehen akademischer Brger verlieh, war
vielleicht der strkere Ansporn zu dem anstrengenden Hospitieren.

Bernays wirkte mit schauspielerischen Mitteln; wenn er bald flsterte,
bald die Stimme erhob, wenn er Pausen machte und dann ein bedeutendes Wort
in die Zuhrer schleuderte, machte er starken Eindruck und wollte ihn
machen. Wir bewunderten ihn und bewunderten uns auch ein wenig selber, da
wir uns die Bildung so sauer verdienten.

Der Theaterbesuch! Natrlich war er verboten, oder richtiger gesagt, nur
"nach vorgngiger Erlaubnis des Rektors gestattet". Heute bin ich froh
darber, da ich mich auch hierin nicht an die Satzungen hielt, denn die
allerschnsten Stunden verlebte ich auf der Galerie des Hoftheaters, wo
ich mit Herzklopfen sa und beim freundlichen Anschlag der Glocke mich
sogleich in eine Mrchenwelt versetzt fand. Wenn ich ihren Klang hre und
sich der Vorhang feierlich hebt, fhle ich mich immer wieder
zurckversetzt in jene Zeit, Jahre versinken, und ich bin wieder jung wie
damals. Das Hoftheater hatte ein Ensemble, dessen sich heute die Berliner
und Wiener Bhnen nicht rhmen knnen. Vorstellungen mit Rthling, Herz,
Richter, Kainz, Husser, Schneider, Possart, Keppler, mit der Heese, Bland
und Ramlo bleiben im Gedchtnisse.

Drauen am Grtnertheater war auch eine Knstlerschar ttig, die, wie
heute keine mehr, Volksstcke und Possen herausbringen konnte. Der alte
Lang, Albert, Hofpauer, Neuert, Dreher, Brummer, die Schnchen, Kopp,
Hartl-Mitius.

So gab mir das Theater schne Feste, und eine brave Tante und
Theaterfreundin gab mir die dreiig Pfennig fr den Platz auf der Galerie.
Mit einem Stck Brot und einer Hartwurst in der Tasche wartete ich gerne
eine Stunde lang vor den geschlossenen Toren, um dann die engen Treppen
hinaufzustrmen und mir den besten Platz zu erobern.

Einen sehr starken Eindruck machte auf mich das Gastspiel der Meininger.
Es ist bekannt, wie ihre Regie mit ueren Mitteln, mit wildbewegten
Volksmassen, mit echten Kostmen Wirkungen hervorbrachte, und ich erinnere
mich heute noch an die hereinstrmenden Pappenheimer Krassiere oder an
das Geschrei des Volkes auf dem rmischen Forum. Aber auch die
schauspielerischen Leistungen waren gro, und Teller, Nesper, Drach sind
Namen, die sich ins Gedchtnis geprgt haben. Da die Meininger sich
ausschlielich mit der Darstellung klassischer Werke Ansehen erwarben,
darf man im Zeitalter der Operette und des gemeinen Filmdramas besonders
hervorheben.



Ich war der Obhut zweier Onkel anvertraut, die, so entfernt verwandt sie
auch mit uns waren, doch nach Sitte und Brauch so genannt wurden. Sie
hatten zusammen eine kleine Wohnung in der Frauenstrae inne; der eine,
pensionierter Postsekretr, war mit der Schwester des andern, eines
pensionierten Premierleutnants, verheiratet. Diese, die gute alte Tante
Minna, war der Mittelpunkt des Hausstandes, die Friedensbringerin bei
allen auftauchenden Differenzen zwischen den Herren und nebenher eine
altbayrische Chronik. Ihre Geschichten gingen zurck in die zwanziger und
dreiiger Jahre und spielten in Freising und Altmnchen. Sie erzhlte
gerne und sehr anschaulich und kannte die stdtischen Familien, dazu auch
eine erkleckliche Zahl bayrischer Staatsdiener, von denen sie allerlei
Menschliches wute, das im Gegensatze zu etwa vorhandenem Staatshochmute
stehen durfte.

Wenn der Onkel Postsekretr abends, wie es seine Gewohnheit war, den
"Mnchner Boten" vorlas und mit einem Blaustift rgerliche Nachrichten
zornig anstrich, dann unterbrach Tante Minna nicht selten die Vorlesung
mit einer Anekdote ber einen Gewaltigen in Bayern. "Der brauchet sich
auch net so aufmanndeln ..." Damit begann sie gewhnlich die Erzhlung,
und dann folgte die Geschichte eines Begebnisses, in dem der hohe Herr
schlecht abgeschnitten hatte.

Das konnte oft bis in die frhe Jugend des Getadelten zurckreichen, denn
die Tante hatte ein unerbittliches Gedchtnis. Dabei war sie heiter,
wohlwollend und herzensgut und sah aus wie ein altes Mnchner Bild, mit
ihren in der Mitte gescheitelten Haaren, auf denen eine kleine Florhaube
sa. Sie hielt den kleinen, aber behbigen Haushalt in bester Ordnung und
lie in ihrer heiteren und doch resoluten Art keine Verstimmung andauern,
die sich zuweilen einstellte, denn die zwei Onkels reprsentierten zwei
verschiedene Welten. Der Postsekretr hatte - schon anfangs der dreiiger
Jahre - in Mnchen Jura studiert, war aber vor dem Examen zur Post
gegangen und hatte zuletzt als Sekretr in Regensburg amtiert. Der
Premierleutnant hatte die Feldzge mitgemacht, war nach siebzig krank
geworden und hatte den Dienst quittiert.

Vorne, wo Onkel Joseph, der Sekretr, sein Zimmer hatte, war's ganz
altbayrisch, partikularistisch, katholisch. Sechsundsechzig und was
nachher kam, Reichsgrndung, Liberalismus um und um, Kulturkampf, alles
wurde als Untergang der guten, alten Zeit betrachtet. Hier bildeten
Kindererinnerungen an Max Joseph, der das Shnchen des Burghauser
Landrichters gettschelt hatte, das Allerheiligste, und eine
Studentenerinnerung an Ludwig I., der den Kandidaten Joseph Maier im
Englischen Garten angesprochen hatte, konnte durch keine neudeutsche
Grotat in den Schatten gestellt werden.

Wenn aber das "Regensburger Morgenblatt", das auch abends vorgelesen
wurde, einen schmerzlichen Seufzer ber Falk, Lutz oder Bismarck brachte,
fuhr der angenetzte Blaustift grblich bers Papier. Da konnte es dann
auch Pausen geben, und zwischen zwei Schlucken aus der Sternecker Ma
setzte es ingrimmige Worte ber respektabelste Persnlichkeiten ab, bis
Tante Minna fand, da es nun genug wre und da man weiterlesen sollte.

Im Zimmer rckwrts, wo Onkel Wilhelm hauste, lebten die Erinnerungen an
Wrth, Sedan und Orleans, hier herrschten Freude am neuen Reiche und
temperierter Liberalismus.

Freilich war's auch recht gut altbayrisch, und in heroische Tne vom
wiedererstandenen Kaisertum mischten sich die anheimelnden Klnge aus dem
alten Bockkeller, aus lustigen Mnchner Tagen, wo der Herr Leutnant Paulus
mit dem Maler Schleich und anderen Knstlern selig und frhlich war. Im
allgemeinen vermieden es die zwei Antipoden, besonders in meiner
Anwesenheit, auf strittige Fragen zu kommen; wenn's doch geschah, war der
Angreifer immer der Herr Postsekretr, der auch vor mir weder seine noch
seines Gegners Wrde zu wahren beflissen war.

Zuweilen streckte er, wenn ihm etwas mifiel, heimlich, aber unmenschlich
lang seine Zunge hinterm Makrug heraus und schnitt Gesichter.

Ich kann mich nicht erinnern, da ihn der alte Offizier einmal bei der
Kinderei ertappt htte, und ich htete mich wohl, den prchtigen Onkel,
der so wundervolle Grimassen machen konnte, durch dummes Lachen zu
verraten.

Trotz des Kleinkrieges vertrugen sich die beiden Herren recht gut, und
wenn die Sprache auf vergangene Zeiten kam, fingen sie miteinander zu
schwrmen an vom Schleibinger Bru und vom Schwaigertheater, vom sagenhaft
guten Bier und von billigen Kalbshaxen, und sie waren sich darber einig,
da im Kulinarischen und im Trinkbaren das goldene Zeitalter doch vor der
Kapitulation von Sedan geherrscht hatte. Und das vershnte die Gegenstze.

Waren damals eigentlich andere, mildere Sommertage als jetzt? Mir kommt's
so vor, als htte es bei weitem nicht so oft geregnet, denn viele Tage
hintereinander gab es Hitzvakanzen, und wochenlang gingen wir jeden Abend
auf den Bierkeller.

Onkel Wilhelm war nicht dabei; er blieb entweder zu Hause, oder er war um
die Zeit schon in Prien zur Erholung. Reisen war nicht Sache des Herrn
Postsekretrs. Nrdlich ist er nicht ber Regensburg hinausgekommen, aber
auch nach Sden zog ihn sein Herz nicht, und es gengte ihm, wenn er an
fhnigen Tagen vom Fenster aus die Kette der Alpen sah.

Das ging damals noch.

Vom rckwrts gelegenen Zimmer aus sah man ber einen breiten Bach hinweg
die Hhen am rechten Isarufer, darber hinaus aber die Salzburger und
Chiemgauer Berge.

Am Bache unten lag das freundliche Huschen eines bekannten Musikers,
mitten in einem hbschen Garten. Jetzt ist der Bach berwlbt, die
Aussicht von einer den Reihe hoher Mietskasernen versperrt, und wo die
gepflegten Rosen des Musikers blhten, sind gepflasterte Hfe, darber
Kchenaltanen, auf denen man Teppiche ausklopft. Ein Stck Altmnchen nach
dem andern wurde dem Verkehr, dem grostdtischen Bedrfnisse, dem
Zeitgeist oder richtiger der Spekulation geopfert.

Seit Mitte der achtziger Jahre haben Grnder und Bauschwindler ihr Unwesen
treiben drfen, haben ganze Stadtviertel von schlecht gebauten, hlichen
Husern errichtet, und keine vorausschauende Politik hat sie daran
gehindert. In meiner Schulzeit lag vor dem Siegestor ein behbiges Dorf
mit einer netten Kirche; heute dehnen sich dort fade Straen in die Lnge,
die genau so aussehen wie berall, wo sich das Emporblhen in
Geschmacklosigkeit ausdrckt.

Damals lagen noch die Fle vor dem "Grnen Baum", der behaglichsten
Wirtschaft Mnchens, und weiter unten an der Brcke lag die Klarermhle,
in der die Sge kreischte, wie irgendwo im Oberland. Jetzt ghnt uns eine
Steinwste an, Haus neben Haus und eine Kirche aus dem
Anker-Steinbaukasten. Die Klarermhle mute verschwinden, denn sie pate
so gar nicht ins Grostadtbild; sie hatte, und das ist nun einmal das
Schlimmste, Eigenart, erinnerte an bescheidene Zeiten, wo Mnchen in
seiner ueren Erscheinung, wie in Handel und Gewerbe, zu dem rassigen
Landesteile gehrte, dessen Mittelpunkt es war.

Dem Manne, der Mnchen zur schnsten Stadt Deutschlands gemacht hat, ist
das Sgewerk vor der Brcke nicht peinlich aufgefallen, und im "Grnen
Baum" hat Ludwig I. fters zugesprochen, aber die neue Zeit, die fr
amerikanische Snobs Jahrmrkte abhielt, ihnen eine Originalitt
vorschwindelte, von der sie sich losgesagt hatte, die konnte es nicht
weltstdtisch genug kriegen. Ich habe in meiner Jugend noch so viel von
der lieben, alten Zeit gesehen, da ich mich rgern darf ber die
protzigen Kaffee- und Bierpalste, ber die Gotik des Rathauses und die
Niedlichkeit des Glockenspiels und ber so vieles andere, was unserem
Mnchen seine Eigenart genommen hat, um es als Schablonengrostadt
herzurichten.

Wenn ich Onkel Joseph an einem Sonntagvormittag auf seinem Spaziergang
durch die Stadt begleiten durfte, machte er mich berall auf verschwundene
Herrlichkeiten aufmerksam.

Da war einmal dies, und da war einmal das gewesen, und es klang immer
wehmtig, wie der Anfang eines Mrchens.

Selten oder vielleicht nie handelte es sich um die groen Erinnerungen,
sondern um die kleinen, die wirklich Beziehungen zum Leben des einzelnen
haben. Da war einmal die Schranne abgehalten worden, und was hatte sich
fr ein Leben gerhrt, wenn die Bauern anfuhren, Wagen an Wagen, und ihre
Scke aufstellten, wenn Markthelfer und Hndler durcheinander liefen, wenn
geboten und gefeilscht und zuletzt im Ewigen Licht oder beim Donisl oder
im Goldenen Lamm neben der Hauptwache der Handel bei einem guten Trunk
abgeschlossen wurde.

Kaffee tranken die Schrannenleute beim Kreckel; die Frauenzimmer aber, die
auf dem Krutelmarkt oder, wie es bald vornehmer geheien hat, auf dem
Viktualienmarkt ihre Einkufe machten, kehrten beim Greiderer oder beim
Goldner ein.

Wer es nobel geben wollte und gerne ein gutes Glas Wein trank, ging zum
Schimon in die Kaufingergasse, der in dem Durchhause seine groe Lokalitt
hatte.

Ja, wie gemtlich und lebhaft es dort zugegangen war! Offiziere, Knstler,
Beamte, Brger, auch Frauen aller Stnde, alles durcheinander im schnen
Verein, und berall ruhige Heiterkeit, wie es unter anstndigen Leuten
sein mute, die einen edlen Tropfen liebten und das wste Geplrr nicht
brauchten und nicht machten. Wie viele anheimelnde Namen sagte mir der
Onkel, der fast jeden mit einem Seufzer begleitete! Da waren der
Mohrenkpflwirt am Saumarkt, der Melber in der Weinstrae, der Krapfenbru
am Frbergraben, der Fischerwirt neben der Synagoge, der Haarpuderwirt in
der Sendlinger Strae und dort auch der Stiefelwirt, der Rosenwirt am
Rindermarkt, der Schwarze Adler, der Goldne Hirsch und der Goldne Br und
in der Neuhauserstrae der Goldne Storch, wo Stellwagen und Boten von
berall her gerne einkehrten.

Das klang anders als die armselige Internationalitt der heutigen Firmen,
die dem Snob sagt, da er auch in Mnchen den hbschen Zug der Nachfferei
und des Aufgebens aller Bodenstndigkeit findet.

Dagegen sicher nicht mehr die schmackhafte Spezialitt der guten Dinge,
die klug verteilt hier im Derberen, dort im Feineren zu finden war.

Aber die schnste Entwicklung hat der brave Herr Postsekretr nicht mehr
erlebt; er sah nur die Anfnge dazu und starb noch, bevor man zwischen
Marmorsulen unter berladenen Stuckdecken eine Tasse Kaffee trank und
sich einbilden konnte, in einem Bahnhofe oder in einem Tempel zu hocken.

Das blieb dem eingefleischten Altmnchner erspart.

Wenn Maibock ausgeschenkt wurde, nahm er mich zuweilen mit, und da konnte
es geschehen, da er in eine bedenkliche Frhlichkeit geriet und beim
Heimweg den Hut sehr schief aufsetzte.

Bei einem dieser Frhschoppen zeigte er mir einmal einen alten Herrn, der
aussah wie ein Oberfrster aus der Jachenau oder vom Knigssee.

"Das ist der Kobell", sagte mein Onkel. "Und jetzt hast amal an bayrischen
Dichter g'sehn." Ich bewunderte ihn von weitem, und ich wei nicht, was
mich mehr freute, da ich den berhmten Mann sah oder da er so
berglerisch und jgermig ausschaute. Hermann Lingg und der Olympier
Heyse wurden mir auf der Strae gezeigt.

Auch den alten Dllinger habe ich mehrmals gesehen, und Tante Minna, mit
der ich ging, gab mir von ihm und seinem Wirken eine Schilderung, die sich
in Persnliches verlor und geschichtlich nicht unanfechtbar war.

Von den bayrischen Staatsmnnern kannte ich von Angesicht zu Angesicht die
Herren von Lutz und Fustle.

Es lt sich denken, was der Herr Postsekretr dem Erfinder des
Kanzelparagraphen nachmurmelte; ber Fustle wurde milder geurteilt. Da
er Europens bertnchte Hflichkeit nicht kannte und als Gelegenheitsjger
mehr Eifer als Talent verriet, wurde aber doch festgestellt.

Den Doktor Johann Baptist Sigl, der damals im Zenit seines Rufes stand und
seine lebhaftesten Artikel schrieb, konnte man oft genug sehen.

Es war von ihm mehr die Rede als von irgendeinem sddeutschen Publizisten
oder Politiker, und die schmckenden Beinamen, die er Personen und Dingen
beilegte, fgten sich dem Mnchner Wortschatz ein.

Ereignisse, die die Meinung lebhaft erregten, gab es nicht; mit Murren
ber die Neuordnung der Dinge, die auch schon das erste Jahrzehnt hinter
sich hatte, mit Murren ber den Knig und seine Bauten wurde so ziemlich
der Bedarf an Kritik gedeckt.

Es war eine stille Zeit; auch in literarischen und knstlerischen Dingen
gab es keine Aufregungen; wenigstens keine so lauten, da hellhrige
Gymnasiasten was davon vernommen htten.

Zur Weihnachtsbcherzeit lag ein Band Ebers in der Auslage, daneben was
Germanisches von Dahn.

Von ihnen hrte man in der Entfernung, die fr einen Schler abgesteckt
war, am meisten.

Freytags "Ahnen" und Scheffels Werke standen in Ansehen bei uns. Nur
wenige kannten Storm, Keller, Raabe, Fontane, Konrad Ferdinand Meyer, aber
da auch damals die Jungen schon gescheit zu reden wuten, beweist mir die
Erinnerung an ein Gesprch mit einem Mitschler, der mir bei der Nachricht
vom Tode Auerbachs klarmachte, da dieser Schriftsteller bedeutend
berschtzt worden sei.

Ich glaube, da ich den klugen Altersgenossen bewundert habe, denn ich
hatte keine Anlagen zur Zweifelsucht; auch was mir nicht gefiel, war mir
schon fast durch die Tatsache, da es gedruckt war, dem Urteil entrckt.

Einen eigenartigen Eindruck machte auf mich ein kleines Buch, das ich als
Siebzehnjhriger in der dritten Gymnasialklasse in die Hnde bekam.

Es war Fritz Mauthners "Nach berhmten Mustern", worin Auerbach, Freytag,
Scheffel u. a. parodiert waren. Die scharfen Karikaturen wirkten nicht
blo erheiternd auf mich; sie qulten mich geradezu, weil sie mir mit
einem Schlage den unbefangenen Glauben an eine Vollkommenheit nahmen, die
mir unantastbar erschienen war.

Ich lie mich eine Zeitlang mit Zgern auf Enthusiasmus ein; denn was
waren Illusionen, die mit einer Zeile zerstrt werden konnten? "'ktober
war's; der Wein geraten ...", diese Parodie auf Scheffelsche Verse blieb
mir lange im Gedchtnis.



Ich hatte einen wachen Sinn fr bildende Kunst, und vor den Schaufenstern
der Kunsthandlungen konnte ich lange stehen. Den Historienbildern im alten
Nationalmuseum, den Ausstellungen im Kunstverein widmete ich lebhaftes
Interesse; und wenn ich an die Eindrcke, die ich empfing, zurckdenke,
sehe ich eine bestimmte Entwicklung des Geschmackes.

Ich hatte kein frhreifes Urteil und mute immer gegen einen
festgewurzelten Respekt kmpfen, bevor ich mich von einer Sache abwandte,
die Geltung und Ansehen hatte. Ja, ich erinnere mich wohl, da ich mich
zur Bewunderung zwingen wollte und den Fehler bei mir suchte, wenn es mir
nicht gelang. Aber auf die Dauer lassen sich Zweifel, die auf innerlichem
Erleben und auf unbewutem Wachsen beruhen, nicht unterkriegen. So wei
ich, wie ich mich geradezu danach sehnte, den Glauben an die Schnheit
historischer Bilder wiederzufinden, und wie mir's nicht mehr gelingen
wollte.

Ich sah nur mehr kostmierte Personen. Gre, Tragik des Geschehens hatten
ihre starke Wirkung verloren.

Ich brachte den ketzerischen Gedanken nicht los, da unter den meisten
dieser Bilder auch irgend was anderes stehen knnte, denn ob man bei
Giengen, Ampfing oder sonstwo Schwerter schwang und Spiee vorstreckte,
das machte doch keinen Unterschied. Ich ging nun durch das Nationalmuseum,
das ich hufig aufsuchte, ohne den Wandgemlden Beachtung zu schenken,
desto mehr aber der Sache selbst. Rstungen, Waffen, Trachten,
handwerklichen, knstlerischen Erzeugnissen, die mir die Vergangenheit
wirklich lebendig machten.

Ich bedauere es noch heute, da mir jede Fhrung fehlte, die mir Wissen
und Verstndnis, die ich mir mhsam und stckweise errang, ganz anders
htte beibringen knnen. Aber ich hatte niemand, und in der Schule fehlte
schon gar jede Anregung, die mich gefrdert htte.

Nichts wurde so trocken gelehrt wie bayrische Geschichte, und ich glaube,
da man das heute in jeder Dorfschule besser macht. Ist es die
Vaterlandsliebe weckende Geschichte, die nichts zu erzhlen wei als
Erbschaftsstreitigkeiten der Wittelsbacher, die Spaltung und
Wiedervereinigung von Bayern-Ingolstadt, Bayern-Landshut, Bayern-Straubing
und Bayern-Mnchen?

Vom Volke hrte man nichts, von seinem Leben, von Bauart, Kunst und
Handwerk, von Handel und Wandel im Lande, ja kaum etwas von den
kunstreichen und klugen Mnnern, die unser Stamm hervorgebracht hat.

Der Gymnasiast lief in Mnchen an Kirchen, Palsten, Brunnen und
Denkmlern vorbei, und sie waren ihm nichts als totes Gestein und Erz.

Sustris, Frey, Hans Krumper, Muelich, Peter Candid und Christoph
Angermaier und viele andere waren leere Namen, wenn sie schon wirklich in
Pregers Lehrbuch standen, und doch wre es mglich gewesen, mit ein paar
Hinweisen, am Ende gar auf einem Gange durch die Stadt, dem Schler
bleibendes Wissen beizubringen.

Man lernte in zwei Zeilen auswendig, da Johann Turmair, genannt
Aventinus, der groe Geschichtsschreiber Bayerns war, aber auch nur eine
Seite von ihm zu lesen, pate nicht in den Rahmen des bayrischen
Geschichtsunterrichtes. Es ist nicht blo mir, es ist am Ende allen so
gegangen: wenn man das Gymnasium verlie, hatte man nichts gelernt und
erfahren, was einem die Heimat wertvoller machen konnte.

Im Gegenteil, es war einem die Meinung anerzogen, als stnden wir arg im
Schatten neben dem groen Geschehen und Emporblhen anderswo.

Wir hatten kein Fehrbellin, kein Robach, Leuthen und Belle-Alliance;
unser Schlachtenruhm konnte einem warmherzigen Jungen wohl anfechtbar
erscheinen, wenn er auf seiten der Feinde Deutschlands errungen war.

Da es anderes gab, was uns auf die Heimat stolz machen durfte, davon
erfuhr der Gymnasiast wenig oder nichts.



Die Pflicht zu meiner Erziehung nahm Onkel Wilhelm wie etwas
Selbstverstndliches oder seinem militrischen Charakter Zukommendes auf
sich, und meine Mutter, die sich vom soldatischen Wesen die besten Erfolge
versprechen mochte, war damit sehr einverstanden. Ich glaube nicht, da
der Herr Postsekretr eiferschtig oder gekrnkt war, aber er zeigte
zuweilen mit Zitaten aus Klassikern, da seine Kenntnisse solider waren
als die "des Soldatenschdels".

Der Oberleutnant wiederum wollte den Schein wahren, als ob er alle Gebiete
des Wissens beherrschte, und lie im Gesprche mit seinem Schwager
Bemerkungen ber Unterrichtsgegenstnde fallen, die sein Vertrautsein mit
ihnen beweisen sollten.

Das fhrte blo dazu, da Onkel Joseph heimlich die Augen rollte und
hinterm Makrug die Zunge herausstreckte, wenn der Krieger, der nach
einigen Jahren Lateinschule Regimentskadett geworden war, bedenkliche
Blen zeigte.

Mein Onkel Wilhelm war das Urbild des altbayrischen Offiziers von Anno
dazumal, als es noch keinen preuischen Einschlag gab.

Ritterlich und ehrenhaft, bescheiden nach den recht kleinen Verhltnissen
lebend, aber doch gesellig und ganz und gar nicht auf Kasinoton gestimmt,
rauhschalig und stets bemht, die angeborene Gutmtigkeit hinter Derbheit
zu verstecken, freimtig und nicht gerade sehr ehrgeizig. Dazu mit einem
wachen Sinn fr gutes Essen und gutes Bier begabt, natrlich ein
leidenschaftlicher Vorkmpfer des Altbayerntums gegen frnkische und
pflzische Fadessen und Anmaungen. Wenn der dicke Bader Maier aus der
Zweibrckenstrae kam, um meinen Onkel zu rasieren, hrte ich vieles, was
mir ein Bild von der alten Zeit gab.

Die beiden duzten sich, da sie, der eine als Korporal und Feldwebel, der
andere als Kadett im gleichen Regiment gedient hatten. Da gab es
Erinnerungen an Erlebnisse und an alte Kameraden, von denen manche etliche
Sprossen hher auf der militrischen Leiter gestiegen waren, da gab es
Erinnerungen an kriegerische Abenteuer, denn auch der schnaufende und
schwitzende Bader Maier war Anno 66 in der Gegend von Wrzburg in
Weindrfern gelegen, und immer gab es ein seliges Erinnern an E- und
Trinkbares, an sagenhafte Leberkndel, die ein Feldwebel besser als jede
Kchin zubereitet hatte, an Kartoffelsalate oder an Schweinernes mit
bayrischen Rben, fr die ein jetziger Major das feinste Rezept besessen
hatte.

Der Bader besonders war nur mit kulinarischen Andenken an den Bruderkrieg
behaftet, und wenn er auch sonst nicht viel Gutes an den Franken gefunden
hatte, ihre Prescke und Schwartenmgen hatten ihm doch Ehrfurcht
eingeflt.

Ich sa am Tisch, und indes ich zu arbeiten schien, horchte ich aufmerksam
zu, voll Erwartung, von diesen lebenden Zeugen etwas ber Schlachtenlrm
und Getmmel zu hren, aber es kam nichts als Berichte ber Zutaten zu
gerucherten Blut- und Leberwrsten, in denen auch die Rheinpfalz Groes
geleistet hatte, als der Gefreite Maier unter General Taxis als Strafbayer
dort geweilt hatte. Ich konnte also meinen Hunger nach lebendiger
Geschichte nicht stillen, allein vielleicht wuchs in mir heimlich das
Verstndnis fr altbayrische Lebensfreude.

Wie man es von ihm erhofft hatte, verhielt sich Onkel Wilhelm gegen mich
als soldatischer Vorgesetzter, der keine Respektlosigkeit und nichts
Saloppes duldete und, wenn er schon einmal lobte, auf die Anerkennung
stets eine scharfe Mahnung folgen lie.

Die berwachung meiner Arbeit, die zu seinem Pflichtenkreise gehrte,
bereitete ihm Schwierigkeiten, ber die er sich nicht ganz ehrlich
wegsetzte.

Da ich seine Schwche schnell durchschaut hatte, legte ich ihm manches
Problem vor und hatte meinen Spa daran, wie er den Zwicker aufsetzte und
sich in den Text einer Stelle in Cornelius Nepos oder Csar zu vertiefen
schien, um zuletzt zu entscheiden, sie sei gar nicht so schwer, ich solle
nur ordentlich nachdenken und selber die Lsung finden.

Nicht selten hielt er Ansprachen an mich, in denen er mich als beinahe
reif gelten lie und mir die Ehrenstandpunkte klarmachte.

So sehr mir das gefiel, war meine Neigung zu Kindereien doch viel zu
lebhaft, als da ich mich als werdender Mann benommen htte, und das nahm
er stets bel, sah eine Woche lang ber mich weg und erwiderte meinen Gru
mit abweisender Klte.

Ich wartete meine Zeit ab und fand das Mittel, ihn zu beschwichtigen,
indem ich ihn ber gelehrte Dinge respektvollst zu Rate zog.

Sein Kopfleiden fesselte ihn den ganzen Winter ber ans Zimmer, und ich
mute fr ihn aus der Lindauerschen Leihbibliothek hufig Bcher holen.

Das kleine Frulein hinter dem Ladentische, ich glaube eine Irlnderin,
besa meine ganze Bewunderung, wenn es in gebrochenem Deutsch ber jedes
verlangte Buch Urteile abgab. Es schien wirklich alles gelesen zu haben.

Ich selber war lesewtig und benutzte jede Gelegenheit, Romane zu
verschlingen.

Ich las auf der Strae und hatte daheim oft unterm Schulbuche einen
Schmker liegen.

Ich habe Gutes und Schlechtes wahllos gelesen, neben Dickens, Gotthelf,
Keller auch ganz seichtes Zeug, und es ist mir wie den Konditorlehrlingen
ergangen, die sich am berflusse das Naschen abgewhnen.

Ich hrte nach und nach auf, an slichen und gespreizten Romanen Gefallen
zu finden, und wurde mit der Zeit sogar recht empfindlich gegen gedruckte
Unwahrheit.

Aber ich mchte doch die Kur nicht allen empfehlen.

Im Mai oder zu Anfang Juni ging Onkel Wilhelm aufs Land, und dann begann
fr mich eine Zeit genureicher Ungebundenheit.

Der Herr Postsekretr war kein strenger Stellvertreter; brigens starb er
bald so ruhig und gelassen, wie er gelebt hatte.

Tante Minna aber konnte kaum Aufsicht ben, und so mute man schon das
meiste meinem eigenen Ernste berlassen.

Es ging schlecht und recht.

Der beste Antrieb war die Aussicht auf die selige Vakanz, die damals
merkwrdigerweise, und weil Zopfigkeit immer hartnckig ist, nach den
heiesten Tagen am 8. August begann.

Es bedeutete offenbar eine ungeheure Umwlzung, die noch jahrelang
vorbereitet und erwogen werden mute, sie schon am 15. Juli anfangen zu
lassen. Aber auch so, wie sie waren, brachten mir die Ferien eine Flle
ungetrbter Freuden. In Prien am Chiemsee hatte meine Mutter ein Gasthaus
gepachtet, die "Kampenwand", und ich durfte die Knabenjahre, wie ehedem
die Kinderzeit, auf dem Lande verbringen.

Der Chiemsee! Wenn ich die Augen schliee, und sei es, wo immer, Wasser an
Schiffsplanken pltschern hre, erwacht in mir die Erinnerung an die
Jugendzeit, an Stunden, die ich im Kahn vertrumte, den See rundum und den
Himmel ber mir.

Ich sehe die stille Insel, von der die feierlichen Glockenklnge
herberklingen, ich hre den Kahn auf feinem Kiese knirschen, springe
heraus und stehe wieder unter den alten Linden, von wo aus der Blick ber
die blaue Flut hinunter nach den Chiemgauer und Salzburger Bergen
schweift. Ich gehe an der Klostermauer entlang und sitze am Ufer, wo
Frieden und Feierabend sich tiefer ins Herz senken als irgendwo in der
Welt, ich gehe zu den niederen Fischerhtten und sehe zu, wie man die
Netze aufhngt und die Arbeit fr den kommenden Tag bereitet.

Ein abgeschiedenes Stck Erde und ein versunkenes Glck in Jugend und
Sorglosigkeit!

Aber doch! Dieses Glck gab es einmal, es erfllte das Herz des Knaben mit
Heimatliebe und wirkte lange nach.

In der efeuumrankten Wirtsstube auf der Fraueninsel habe ich oft
ehrfrchtig die Bnde der Knstlerchronik durchgeblttert und gesehen, wie
diese friedliche Schnheit um mich herum auf bedeutende Menschen Eindruck
gemacht hatte.

In den Gedichten war viel die Rede vom Chieminseeo, von Werinher und
Irmingard, und diese Romantik der Scheffel- und Stielerzeit begeisterte
mich zu den ersten Versen, die ich, allerdings viel spter, auf blaue Flut
und Klosterfrieden dichtete.

Die Mitglieder der Knstlerkolonie betrachtete ich mit respektvoller
Bewunderung, in die sich etwas Neid mischte; denn Maler zu sein, erschien
mir als das schnste Los, und heute noch, wenn ich lfarbe rieche und
Farben mischen sehe, berkommen mich alte Wnsche.

Haushofer, Raupp, Wopfner und etliche mehr waren die Herrscher auf der
Insel, die von Knstlern entdeckt und in Besitz genommen worden war.

Laienbesucher hielten sich nur etliche Stunden auf und strichen scheu um
die Gren herum, die nach der Abfahrt des letzten Dampfschiffes unter
sich blieben. Der dicken, alten Julie standen sie weniger als Gste, denn
als Hter ihrer Rechte und der alten Ordnung gegenber, und wenn meine
Mutter, wie sie es jeden Sommer einmal tat, zu Besuch kam, mute sie
Seufzer und Klagen ber die Maler hren.

Die jungen Knstler, Shne oder auch Schler der Herren Professoren,
hatten fr Frhlichkeit und die herkmmliche Ungebundenheit zu sorgen. Sie
veranstalteten Feste an Geburtstagen der Gren, Kahnfahrten, Ausflge,
die dann im Chronikstil ausfhrlich beschrieben wurden.

Es war eine andere Zeit, und wenn ich mich daran erinnere, wie damals eine
absprechende Kritik ber einen der Knige der Fraueninsel die ganze
Kolonie in Aufregung versetzte, wie sich die Entrstung bers Wasser gegen
Prien hin fortschwang und viele Gemter beschftigte, dann darf ich wohl
sagen, es war eine harmlose Zeit.

Im Mittelpunkte des allgemeinen Interesses stand der Bau des
Knigsschlosses auf Herrenchiemsee, der als Symptom der beginnenden
Erkrankung Ludwigs II. gelten darf.

Vielleicht ist noch kein Platz unpassender fr eine Geschmacklosigkeit
gewhlt worden als der einstmals wunderschne Hochwald auf Herrenwrth.

Um ihn zu retten, hatte der Knig die Insel gekauft, als im Jahre 1874
wrttembergische Hndler den Besitz vom Grafen Hunoldstein erworben und
mit dem Abholzen begonnen hatten.

Nunmehr, Ende der siebziger Jahre, zerstrte er selber den Wald und das
reizvollste Landschaftsbild, indem er den unglcklichen Abklatsch des
Versailler Schlosses errichten lie.

Der Bau ist nicht fertig geworden, und der viereckige Kasten, der patzig
die Insel beherrscht und der von weit und breit die Blicke auf sich zieht,
schaut aus wie ein Gefngnis.

Tritt man nher hinzu oder besucht man den Prachtbau, so friert einen vor
dem berladenen, planlos angehuften Prunk.

Damals freilich kritisierte man nicht; im Lande galt auch dieser Plan des
Knigs als Beweis seiner kunstfreudigen, vom Grovater ererbten Art, und
am Chiemsee war man wohl zufrieden mit dem regen Leben, das sich nunmehr
entwickelte.

Lrm gab es genug.

Scharen von Arbeitern siedelten sich auf der Insel, aber auch auf den
nchsten Ufern an; Baufhrer und Poliere mieteten sich in Prien ein, die
Zufuhr des Materials brachte Fuhrleuten und Schiffern guten Verdienst, und
der groe Mann in diesem frher so stillen Winkel war der Erbauer des
Schlosses, Ritter von Brandl.

Der Bau whrte bis zum Frhjahr 1886 und gab Anla zu vielen Geschichten
und Gerchten.

Dem Knig dauerte er zu lange, und es soll ihm bei Besuchen manches
vorgetuscht worden sein, was nach seiner Abreise wieder verschwand;
zuweilen wurde die Zahl der Arbeiter stark verringert, und am Chiemsee
erzhlte man sich dann mit Augenblinzeln die seltsame Mr, da auch einem
Knig das Kleingeld ausgehen knne.

Eine barbarische Maregel war der Abschu des Damwildes, das bis dahin
ungestrt auf der Insel gehegt worden war. Wenn man an stillen Abenden an
der Sdspitze der Herreninsel vorberfuhr, sah man stets etliche Hirsche
und Tiere, die ganz vertraut waren; auch von der Klosterwirtschaft aus
hatte man oft den Anblick, wie Damwild auf die Wiesen austrat und ste.

Jetzt sollte es wegen der neuen Gartenanlagen ausgerottet werden. Alle
Jger und Schieer und Schinder im Chiemgau wurden zu dieser Jagd
eingeladen; mit grobem und leichtem Schrot, mit gehacktem Blei und ganz
vereinzelt nur mit der Kugel wurde auf das gehetzte Wild geschossen.
Angepatzt und immer wieder aufgestrt, wurden viele davon erst nach Tagen
zur Strecke gebracht, und endlich war kein Stck mehr am Leben, das die
brigens nie ausgefhrten Gartenanlagen htte beschdigen knnen.

Wenn der Knig kam, wurden vorher viele Tausende von Blumen in Tpfen
herbeigeschafft; man grub sie in den Boden ein und tuschte dem
Schloherrn einen herrlich gepflegten Garten vor.

Im Frhjahr 1886 wurde die Arbeit, die schon vorher gestockt hatte, ganz
eingestellt; es war so was wie ein Bankerott, dem bald die Absetzung
folgte.

Spterhin fhrte die Neugierde viele Besucher herbei, und es gehrte auch
zu der weit verbreiteten Geschmacklosigkeit, da diese leblose berladene
Pracht bewundert wurde. Die Vorstellung, da ein einzelner Mensch mit ein
paar Dienern in diesen Rumen, langgestreckten Gngen und Spiegelgalerien
auch nur etliche Stunden zubringen, hinter diesen von Gold starrenden
Brokatvorhngen schlafen sollte, ist unmglich.

Meine Mutter lie sich nach dem Tode des Knigs nicht zu einem Besuche des
Schlosses berreden; sie wollte sich teure und in Ehren gehaltene
Erinnerungen an den unglcklichen Mann und an schne Tage in der stillen
Vorder-Ri nicht zerstren lassen. Wenn sie enthusiastische Berichte von
der Pracht und Herrlichkeit hrte, erzhlte sie, wie sich der Knig
einstmals in seinem Jagdhause so wohl gefhlt hatte und wie schlicht und
einfach er gewesen war.

Die Erinnerung an vergangene Tage wachte besonders lebhaft auf, wenn die
alten Freunde, _Graf Tattenbach_, _Julius Noerr_ oder der _Jagdgehilfe
Bauer_, zu Besuch kamen.

Sie lieen es sich nicht nehmen, von Zeit zu Zeit Nachschau zu halten, und
mochten wohl fhlen, wieviel Freude sie damit erregten.

Auch fr sie war mit dem Wegzuge meiner Eltern die Risser Gemtlichkeit zu
Ende gegangen; Graf Tattenbach konnte es ebensowenig wie Noerr bers Herz
bringen, unter den vernderten Umstnden den Isarwinkel aufzusuchen, und
Bauer hatte seine Versetzung ins Loisachtal erbeten und erhalten.

So sprach man von dem stillen Forsthause wie von einer verlorenen Heimat,
an die sich alle mit Wehmut zurckerinnerten.

Wenn ich diese Mnner, die sich in ihrer wortkargen, zurckhaltenden Art
hnelten, warm werden sah beim Lobe des alten Oberfrsters, dann wurde mir
der Vater wieder lebendig vor Augen gestellt und er selbst sowie seine
Umgebung mit einem romantischen Schimmer umkleidet, der fr mich daran
haften blieb. Bauer sprach von ihm mit einer fast kindlichen
Anhnglichkeit, lie keinen andern Jger und Schtzen neben ihm was
gelten, und es kam ihm dabei auch nicht auf bertreibungen an.

Das stach so sehr von dem Wesen dieses harten Lenggriesers ab, da es viel
strker wirkte wie lange Reden und schne Worte.

Er kam spter auf einen ruhigen Posten in die Nhe Mnchens, diente unter
verschiedenen Vorgesetzten, heiratete, hatte Kinder und stand neben der
Jagd einem kleinen Anwesen vor, aber wie sich sein Leben auch nderte, in
der Anhnglichkeit an seinen ersten Oberfrster blieb er sich die
Jahrzehnte hindurch gleich. Wenn ich ihn besuchte, als Student, als Anwalt
und spter, als ich lngst Schriftsteller geworden war, sa er mir zuerst
schweigsam gegenber, fragte mich kaum nach meinen Schicksalen und wurde
erst vertraut, wenn er die Rede auf meinen Vater gebracht hatte. Dazu bot
ihm jedes Ding Anla. Eine Pfeife, die er vom Rahmen holte und die noch
von meinem Vater her stammte, der sterreichische Landtabak, den auch mein
Vater geraucht hatte, ein Hirschgeweih aus der Ri, eine alte Bchse, die
natrlich viel besser hingegangen war als die neuen, eine gemalte Scheibe,
auf die mein Vater geschossen hatte, kurz alles, was ehrwrdige Beziehung
zur Ri und ihrem Oberfrster hatte.

Da ein Sohn des verehrten Mannes ihm gegenber sa, machte ihn sogar
mitteilsam, und er erzhlte in seiner trockenen Art von Zusammensten mit
Wilderern oder Lumpen, wie man im Isarwinkel sagte, bei denen es sich
recht selbstverstndlich um Tod und Leben gehandelt hatte.

Trat seine Frau, die allerhand Gutes auftragen mute, in die Stube, dann
hrte er sogleich zu reden auf und rauchte bedchtig vor sich hin, und er
fuhr in seiner Erzhlung erst wieder fort, wenn sie hinausgegangen war.

"Sie braucht's net z' wissen", sagte er. Bei den Herbstjagden, die der
Regent im Gebirge abhielt, mute Bauer alljhrlich Dienst leisten. Dabei
erregte er das Mifallen des Jagdpersonals, weil er das Verstndnis der
Lebenden fr gar nichts achtete und hartnckig darauf stehenblieb, da man
blo frher, wie noch der Max Thoma Oberfrster in der Ri war, die Jagd
richtig und weidmnnisch betrieben habe.

Mein ltester Bruder durfte in Prien ein Festschieen mitmachen, und Bauer
fand sich dabei ein, um zu sehen, ob der Sohn dem Vater nachschlage. Am
Schiestand stellte er sich hinter ihn und beobachtete ihn, gab ihm gute
Lehren beim Laden und Kapselaufsetzen - damals scho man noch mit
Vorderladern -, prfte Wind und Licht, und wie es dann ganz anstndig
ging, lachte er freundlich und sagte: "Er werd scho."

Aber auch in ernsteren Dingen, wenn es sich um wichtige Entschlsse
handelte, wurde der alte Jagdgehilfe um Rat gefragt, und Viktor wollte
ihre Ersparnisse nur so anlegen, wie er es fr gut und ntzlich hielt.

Als er ans Heiraten dachte, zog er sie in sein Vertrauen und schrieb ihr
einen Brief, worin er ihr ber die Eigenschaften und die
Vermgensverhltnisse seiner Zuknftigen genauen Bericht erstattete.

Sie erwog seine Angaben gewissenhaft und gab ihr Gutachten fr das brave
Frauenzimmer ab, das auch eine tchtige Hauserin wurde, und ich glaube,
da sich Viktor immer mit Stolz fr die Stifterin dieses Glckes hielt.

Spterhin bernahm sie die Patenstelle bei einer Tochter und blieb ihr
Leben lang eine sorgsame Gdin, die sich an Geburts- und Namenstagen
vernehmen lie.

Der Eindruck, den Bauer auf mich als heranwachsenden Knaben machte, war
nachhaltig, und ich habe an diesem gescheiten und ehrlichen Manne manches
von der wertvollen Art unserer Oberlandler kennen und verstehen gelernt.

Er gilt mir als Vertreter der germanischen Bauernrasse, die sich im
Gebirge rein erhalten hat; bedchtig im Reden, khn im Handeln, trotzig
und unbeugsam, taktvoll und klug, auch mit manchen Talenten und mit einem
schlagfertigen Witze begabt.

Und die verschmitzte Schlauheit fehlte ihm nicht, die den Isarwinkler zum
guten Jger oder zum gefhrlichen Wilderer macht.

_Graf Tattenbach_ zeigte bei seinen Besuchen in Prien, spterhin in
Traunstein, immer das gleiche, stillvergngte Verstndnis fr das Behagen,
das er vom ersten Tage an in meinem Elternhause gefunden hatte.

Seine Anwesenheit in der "Kampenwand" htte man mir gar nicht erst
bekanntgeben mssen, sie verriet sich sofort durch einen wundervollen
Tabakgeruch, der das Haus durchzog.

Der Herr Oberst rauchte immer noch aus einem Tschibuk, dessen Rohr
bedeutend lnger war als er selber, eine Herzegowinermischung, deren Aroma
mir unvergelich geblieben ist.

Und noch immer schaute der Herr Oberst hinter buschigen Augenbrauen
scheinbar sehr streng und grimmig in die Welt, und dabei sa doch das
gutmtigste Lachen in seinen Augen, wenn eine frhliche Erinnerung
aufgefrischt wurde.

Seine Jagdgeschichten wurden immer breiter ausgemalt; eine reichte fr die
Kaffeestunde. Er bewohnte als Pensionist in Mnchen mit seinem Bruder, der
gleich ihm Hagestolz geblieben war, ein reizendes Huschen in der
Gartenstrae, jetzt Kaulbachstrae, wo ich ihn fter besuchen durfte.

Die beiden Brder waren sich herzlich zugetan und lebten in einer Harmonie
zusammen, die nur durch den Tod gestrt werden konnte. Als der ltere, der
General auer Dienst war, die Augen schlo, hatte auch fr unsern Risser
Jagdkavalier das Leben keinen rechten Sinn mehr. Er folgte bald dem Bruder
nach.

Als Gast meiner Mutter erkrankte er in Traunstein just in der
Kaffeestunde, als er, die lange Pfeife in der Hand, eine ausgiebige
Geschichte von einem erlegten Hirsch begonnen hatte.

Ganz pltzlich berfiel ihn ein Schttelfrost, der ihn zwang, mit Rauchen
und Erzhlen aufzuhren und sich ins Bett zu legen.

Ein paar Tage blieb er noch in Traunstein. "Jetzt blasen wir Halali",
sagte er zu meiner Mutter kurz vor dem Abschied, und er hrte lchelnd
ihren zuversichtlichen Trstungen zu.

"Nein, nein, Frau Oberfrster", erwiderte er. "Diesmal is es Ernst und
macht auch nix. Ich kann jeden Tag abmarschieren, mein Rucksack is schon
gepackt."

Verwandte holten ihn ab und brachten ihn nach Mnchen, wo er gelassen und
vornehm die letzten Dinge abmachte.

_Julius Noerr_ kam in den ersten Jahren zu lngerem Aufenthalt und malte
in Prien, bersee, Bernau Studien, aber vielleicht war ihm der Chiemsee zu
sehr Domne einzelner, oder er fand nicht, was er suchte, jedenfalls
beschrnkte er sich spter auf vorbergehende Besuche, die nur der Pflege
alter Freundschaft galten.

Ich durfte ihn zuweilen in seinem Atelier in der Schillerstrae aufsuchen,
und was ich bei ihm an Zeichnungen, Portrtskizzen, Landschaftsstudien, an
Vorarbeiten fr jedes Bild gesehen habe, gibt mir heute noch, so weit das
auch zurckliegt, einen Mastab fr das ehrliche, groe Knnen Noerrs und
manches Zeitgenossen von ihm, und ich bin berzeugt, da mich diese
Jugendeindrcke gefeit haben gegen allen Schwindel, der seitdem getrieben
worden ist. Ich lernte verstehen, warum nur ehrliche Arbeit wirkliche
Werte schaffen kann.

Und gewi schlug damals meine Liebe fr diese von aller Manie, Methode und
Mode freie Kunst die ersten Wurzeln.

Sie ist mit den Jahren immer strker geworden, und heute, wo galizische
Schwindler alle Begriffe umflschen drfen, betrachte ich es als Glck, zu
Noerr, Spitzweg, Steub und manchem anderen Altmnchner zu fliehen.

Der See war der schnste Tummelplatz fr einen gesunden Buben, und ich
brachte jeden Tag, den ich loskam, darauf zu. Die ngstlichen Bedenken
meiner Mutter wurden durch den Westernacher Franz, der meinem Rudern das
beste Zeugnis ausstellte, beseitigt.

Allerdings, andere Befrchtungen schwanden nie ganz, und besonders meine
ltere Schwester sah mir immer mit Sorge nach und empfing mich mit
Mitrauen.

Sie ahnte, da die schnen Obstanlagen auf der Herreninsel einen starken
Reiz auf mich ausben muten und da ein Pirat immer in Versuchung war,
sich auf der Krautinsel Rettiche zum Brot zu holen.

An der Hachel, einer Stelle, die man nach Kirchturm und Baumwipfeln
bestimmen konnte, wenn man das Geheimnis wute, gab es schwere
Brschlinge, die an regnerischen Tagen gut bissen, und die Fischerei war
um so prchtiger, weil sie verboten war.

Dies und noch mehr hatte meine Schwester vor Augen, und als heiratsfhiges
Mdchen kmmerte sie sich um die Reputation der Familie.

Ich ersparte ihr die Schande des Ertapptwerdens, obwohl mancher Verdacht
auf mich fiel.

Da mir der Westernacher als fnfzehnjhrigem Buben Passagiere zur
berfahrt auf die Inseln anvertraute, galt mir als hohe Auszeichnung, und
wenn mich die fremden Gste fr einen Schifferjungen hielten, war mein
Glck vollstndig, und ich war bemht, den Eindruck zu befestigen.

Ab und zu hielt sich auch eine Dame zu meiner groen Befriedigung darber
auf, da mir eine Pfeife im Maul baumelte.

Daran war vornehmlich der alte Bosch schuld, der mein Lehrmeister im
Rauchen war.

Ich mute fr ihn Zigarrenstummel in unserer Wirtschaft sammeln, die er
auf dem Herd drrte und dann in einer Kaffeemhle zerrieb. So gewannen wir
unseren Tabak. Daneben rauchten wir ungarischen in blauen Paketen, Varinas
mit den drei griechischen Palikaren als Warenzeichen, und den schwarzen
Reiter, Kornhrentabak, der aus der Pfeife herauswuchs, zischte und
lieblich roch. Ich sa oft beim Bosch; an schlechten Tagen in der niederen
Stube, an schnen Abenden auf der Bank vorm Haus, und er teilte mir seine
Ansichten ber alles Geschehen auf dieser Welt mit.

Sie waren recht verschieden von den allgemein gltigen, und wenn sie nicht
samt und sonders richtig waren, so waren sie doch auf Grund eigenen
Nachdenkens und tftelnder Bauernschlauheit gefunden, und darum ganz gewi
anregender als alle gedruckten Zeitungsmeinungen.

Zu mir hatte der Alte Zuneigung gefat, die auf innigem Vertrauen beruhte.

Er lebte in dauernder Feindschaft mit dem Bauern, der ihm den Austrag
reichen mute, und da seine eigene Kraft nicht mehr ausreichte, mute ich
die Bosheiten ausben, die zum Wachhalten eines gediegenen rgers
notwendig waren.

Ich erledigte die Aufgaben mit Geschick und erwarb mir die Zufriedenheit
des braven Bosch.

Manchmal besuchten ihn zwei Leidensgenossen, Austrgler, die in
benachbarten Husern lebten, und dann sangen sie zu dritt mit dnnen
Kopfstimmen alte Lieder.

Eines handelt vom Rckzug aus Ruland.

Ich habe spter den Versuch gemacht, den Text zu erhalten, aber von den
Alten lebte lngst keiner mehr, und so blieben meine Nachforschungen
vergeblich.

Tr an Tr mit dem alten Bosch wohnte ein ausgedienter Zimmermann, der
Martin, der Leitern machte, Sgen feilte, die Bauern rasierte, Uhren
richtete und als Viehdoktor in Ansehen stand.

Er hatte einem Hausierer eine Bibel abgekauft, vermutlich aus keinem
andern Grunde, als weil die Geistlichkeit vor dem heiligen Buche warnte
und es nicht dulden wollte.

Martin sa oft mit einer groen Hornbrille auf der Nase vor dem
dickleibigen Exemplar und versuchte herauszufinden, wo denn eigentlich die
geistliche Obrigkeit der Schuh drckte. Ich glaube nicht, da er darauf
gekommen ist, aber es pate ihm gut, da er infolge seiner verbotenen
Studien bei den Bauern fr einen Mann galt, der geheimes Wissen bese.

Im Pfarrhof erhielt man natrlich auch Kenntnis davon, aber der alte
Geistliche Rat Hefter kannte seine Pappenheimer und wute, da Zureden
nichts helfen und das rgernis nur vergrern konnte.

Wenn er dem Bibelforscher auf der Strae begegnete, sagte er blo: "O mei
Martin, du werst aa alle Tag dmmer ..." Das sprach sich herum und ntzte
mehr als Eifer und heftiges Schelten.

Der Geistliche Rat war noch aus der alten Schule; ein gemtlicher,
behbiger Mann, Verehrer einer trefflichen Kche, eines guten Trunkes und
Freund aller Menschen, die ihre Ruhe haben wollten und ihn selber in Ruhe
lieen.

Seine volkstmlichen Predigten waren berhmt, und mancher Sommergast ging
in die Kirche, um zu hren, wie der alte Herr im breitesten Dialekt, mit
fetter Stimme seinen Bauern das Evangelium auslegte.

Damals war es guter Brauch, da die Studenten nach beendetem Schuljahre im
Pfarrhofe ihre Aufwartung machten und die Zeugnisse vorwiesen.

Am ersten Feriensonntag traten wir zu fnf oder sechs vor den Geistlichen
Rat, der uns frhlich begrte und ein mildes Wort fr minder gute Noten
hatte.

"Macht nichts", sagte er. "Fr an Dreier mu ma auch was leist'n, wenn's
nur koa Vierer net is. Es is allaweil um an Grad bessa, und berhaupts
koane Gelehrt'n wollt's ja ihr gar net wer'n ..."

Wir hatten einen unter uns, einen Huslerssohn aus der Umgegend, der immer
glanzvolle Zeugnisse mitbrachte, und es wollte den andern wie mir
scheinen, da ihn der Herr Rat mit Mitrauen, ja mit einer gewissen
Abneigung betrachtete. Seine Laufbahn ist brigens weder so glnzend, wie
seine Lehrer vermuteten, noch so schlimm, wie vielleicht der alte Herr
besorgte, verlaufen; er ist Landpfarrer geworden und hat seine Talente
vergraben.

Ein anderer, der lteste von uns Studenten, hat nach den Weihen noch dem
geistlichen Stande Valet gesagt und als Kunstmaler einen harten Kampf mit
dem Leben gefhrt, den ihm seine Verwandten, lauter reiche Bauern, nie mit
der geringsten Untersttzung erleichterten.

Vielleicht htte der brave Herr Rat Hefter die Leute zu seinen Gunsten
gestimmt, aber der war lngst tot, als sich das Unglck ereignete, und
sein Nachfolger war ein scharfer Herr, der die Entrstung aller Frommen in
Prien teilte und sicherlich nicht dmpfte.

So mute der gute Franzl fr seine Gewissenhaftigkeit und
berzeugungstreue Hunger leiden und ein Knstlerelend kennenlernen, wie es
schlimmer kaum in Romanen geschildert worden ist. Erst nach langen Jahren
ist es ihm besser ergangen.

Damals stand er mit uns im Zimmer des Priener Pfarrherrn und wies sein
Primanerzeugnis vor, wie wir Lateinschler die unsrigen.

Fr den zweiten oder dritten Sonntag wurden wir dann zu Tisch geladen,
eine Ehre, die wir sehr hoch schtzten, denn es gab nicht blo reichliches
und gutes Essen, sondern auch lustige Unterhaltung; wenn die Mehlspeise
aufgetragen wurde, kam die dicke, alte Kchin ins Zimmer, noch gertet vom
Herdfeuer und den Anstrengungen des Tages, um die Lobsprche des Herrn
Rates in Empfang zu nehmen.

Kaum sa sie, den Stuhl bescheiden etwas zurckgerckt, so fing Herr
Hefter an, Geschichten zu erzhlen von dem Bauerndirndl, das im
Beichtstuhl den Finger in ein Astloch gesteckt hatte und nicht mehr
loskam, und dann auf die Frage des Geistlichen, warum es nicht gehe, eine
undeutliche Antwort gab, die zum Miverstndnisse fhrte.

Jedesmal kam Frulein Marie in schamvolle Verlegenheit, und jedesmal
lachte der joviale Pfarrherr und erklrte umstndlich, da es die
allerunschuldigste Geschichte sei.

Wir freuten uns darber, aber einer sa am Tische, der eine suerliche
Miene aufsetzte, ein Kooperator aus dem Klnischen, den die Folgen des
Kulturkampfes nach Altbayern verschlagen hatten, ein eifriger Kmpfer und
ein heimlicher Feind des gutmtigen Pfarrers, der brigens die Abneigung
krftig erwiderte.

Ein seltsames Vorkommnis befreite ihn bald von dem unangenehmen Streiter,
aber den Prienern trug es einen Spitznamen ein, den sie heute noch nicht
angebracht haben.

Sie hatten als Denkmal fr die gefallenen Krieger einen Friedensengel
bestellt, dessen linke Brust dem Herrn Kooperator zu gro und zu sehr
entblt erschien. Am Tage vor der Enthllung berredete er einen
Schlosser, nachts die Brust abzufeilen. Er wurde ber der Tat ertappt, das
Fest konnte noch verschoben und ein neuer Engel bestellt werden, aber wer
in der Umgegend einen Priener rgern will, heit ihn heute noch
"Duttenfeiler".

Der Streit, der damals im Nachklingen noch in ganz Deutschland die Gemter
erregte, und der spter selbst von den Liberalen, die ihn mit Feuereifer
betrieben hatten, als "unseliger Kulturkampf" bezeichnet wurde, teilte
auch den guten Markt Prien in zwei Lager.

Was buerlich war, und was am Alten hing, und was insbesondere auch noch
ber die Verpreuung grimmige Bedenken nhrte, wandte sich mit
leidenschaftlichem Zorn gegen die neu-diokletianische Verfolgung.

Haarstrubende Geschichten wurden gedruckt, noch haarstrubendere erzhlt,
und mehr als ein braver Mann im Altbayrischen glaubte, was mir der Herr
Aufschlger in Prien ernsthaft erzhlte, da Bismarck nur deshalb so
unmenschlich wte, weil er tglich einen Schnapsrausch habe.

Ich war gefeit gegen diese Angriffe auf meinen Helden und lie nichts auf
ihn kommen, aber ich erinnere mich wohl, mit welchem Ernste auch diese
Tatsache im Gastzimmer unserer Kampenwand besprochen wurde. Im anderen
Lager standen liberale Kaufherren und ein paar aufgeklrte
Handwerksmeister, die sich den Rationalismus und die gemtliche
Kirchenfeindlichkeit der "Gartenlaube" zu eigen gemacht hatten, und die
eine aus Zeitungen zusammengelesene Freigeistigkeit gegen Altttinger
Kalendergeschichten ins Feld fhrten.

Sie waren die wortreichen Dialektiker, die anderen die hrteren Kpfe; bei
den nicht seltenen Wortgefechten behielten jene mit ehrlichen und
geschwindelten Zitaten recht oder schienen es zu behalten, denn im Laufe
der Zeit siegten doch die Hartkpfigen und Konsequenten.

Die Priener Diskussionen wurden pomps eingeleitet mit tiefgrndigen
historischen Kenntnissen und wurden verbrmt mit Schlagworten aus
Klassikern, aber sie endeten gewhnlich mit landesblichen Derbheiten und
Grobheiten, ja zuweilen mit Hinauswurf und Schlgen. Ein
Buchbindermeister, dessen drhnender Ba mir unvergelich ist, mute fast
allwchentlich Pflaster auf seine liberale Schdeldecke legen, denn seine
Hitze fhrte ihn zur Betrunkenheit und seine Betrunkenheit zu tzenden
Bemerkungen, die weniger gewandte Streiter mit Schlgen und
Hinausschmeien erwiderten.

Das erregte aber keinen bitteren Ha. Der Herr Buchbindermeister sa ein
paar Tage darauf, zuweilen noch mit den Spuren des Kampfes, wieder
gemtlich bei seinen Mitbrgern und Honoratioren, die ihn mihandelt
hatten, und trank und stritt und hatte von Glck zu sagen, wenn er zu
alten Pflastern nicht gleich neue erhielt.

So litt und stritt man in Prien noch manches Jahr nach dem unseligen
Kulturkampf.

Von seinen Gegnern merkte brigens der eiserne Kanzler nichts, als er auf
der Fahrt nach Gastein einige Minuten in Prien verweilen mute.

Der Bahnsteig war dicht besetzt von Einheimischen und Fremden, da der
Expeditor bekanntgegeben hatte, da der Zug in der Station halten werde.

Der Brgermeister war mit einigen Mnnern vom Gemeindeausschu erschienen
und stand eingepret in seinem Gehrock und schwitzend vor Aufregung in der
vordersten Reihe. Ich harrte mit Herzklopfen auf den Moment, wo ich den
groen Mann nun wirklich sehen sollte, und als die Lokomotive, weie
Rauchwolken auspustend, sichtbar wurde, wollte mir das Ereignis ganz
unwahrscheinlich vorkommen. Aber der Zug hielt, und Bismarck stand
wirklich am offenen Fenster.

"Ist das Prien?" fragte er den Brgermeister.

"Na, Prean", antwortete der verzagte Mann, und ein unterdrcktes Lachen
ging durch die Menge, die sich eilig vorwrts gedrngt hatte.

Es kamen noch ein paar Fragen nach der Zahl und der Beschftigung der
Einwohner, die ein Ausschumitglied beantwortete, denn der Vorsteher
unseres Marktes war ganz vernichtet und machte nur eine tiefe Verbeugung
nach der andern. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung, Hte und Tcher
wurden geschwenkt, strmische Hochrufe ertnten, und mir war's zumute, als
wre ein nachklingendes Mrchen zu Ende erzhlt.

Ich hatte keinen Blick von dem Manne abgewandt, der mir ein krperliches
Sinnbild deutscher Gre war und nun fast greifbar nahe stand und genau so
aussah, wie ich ihn aus vielen Bildern kannte.

Das Verhalten des Herrn Brgermeisters bei diesem historischen Vorgange
wurde lange Zeit besprochen mit Behagen an dem Spae, aber auch mit
Unwillen ber den Mangel an gebhrender Reprsentation. Wir hatten im Orte
Kaufherren, die sich stdtisch und weltgewandt fhlten und immer der
Meinung waren, da sich Prien zum Feineren entwickeln msse, aber da war
eben die erste Bedingung, da an der Spitze der Gemeinde ein Mann von
hherem Streben stand. Es war, wie man mit bedauerndem Achselzucken
feststellte, nicht mglich, denn die Mehrheit lie sich nicht von hheren
Gesichtspunkten leiten.

Aber doch regte sich in jener behaglichen Zeit auch in diesem Winkel ein
reges Bildungsbedrfnis, vielleicht noch mehr das Verlangen, gebildet zu
scheinen, ber vieles zu reden und ber veraltete Anschauungen erhaben zu
sein.

Wie sich das Reich ins Groe reckte und streckte, berkam bei Wachstum und
Gedeihen den Kleinbrger eine Ahnung von seiner Bedeutung und von der
Pflicht, sich ihrer wrdig zu zeigen. Das fhrte nicht zu einem
vertieften, wohl aber zu einem gesprchigen Interesse am geistigen Leben,
das vornehmlich durch Zeitungen angeregt und gestillt wurde.

  [Illustration: Bismarck auf der Durchreise in Prien]

Zugleich fing man an, sich mehr Bcher zu kaufen, billige
Klassikerausgaben und daneben das Konversationslexikon, aus dem sich fr
anzuschlagende Themata viel Stoff holen lie. In Prien gab es einen
Schreinermeister, dem es nicht darauf ankam, eines Abends Urteile ber
Richelieu und seine Politik abzugeben und ein andermal grndliche
Kenntnisse ber chinesische Seidenraupen zu verraten.

Er stand in hohem Ansehen, bis auch andere seine Quellen entdeckten.

Aber es war doch schon etwas, da sich eine Tafelrunde von Brgern
zusammenfand, die an bildungsfrdernden Gesprchen Freude hatte, und meine
Mutter sah darin arglos ein Fortschreiten der Welt zum Guten und Schnen,
ohne an das Konversationslexikon und an kleine Eitelkeiten der Redner zu
denken.

Sie sah es gerne, wenn ich an solchen Abenden am Tische sa, und indes sie
unermdlich strickend zuhrte, mahnte sie mich mit Blicken, ja aufmerksam
zu sein und von schlichten Brgern zu lernen, wie man sein Wissen
bereichern msse.

Weniger befriedigt war sie, wenn die alte Viktor, die natrlich bei diesen
Bildungskonventikeln nicht fehlen durfte, durch Fragen, die ihr eigenes
Interesse geschickt verrieten, das Gesprch belebte, denn darin bestand
zwischen den herzensguten Frauen eine grndliche Meinungsverschiedenheit,
da meine Mutter dem weiblichen Wesen nur ein aufnehmendes, Viktor aber
ein mglichst ttiges Verhalten zubilligte.

Die Stricknadeln klapperten lauter, und Blicke richteten sich nach oben
gegen die Decke, wenn die alte Viktor das Wort ergriff und nicht allzu
schnell loslie.

Groes Ansehen erwarb sich damals ein Maurermeister, der nach Palstina
gereist war und nun an manchen Winterabenden seine Erlebnisse zum besten
gab; da er dabei einen roten Fes auf hatte und aus einem Tschibuk
rauchte, bermittelte den Eindruck einer orientalischen Welt. Bald wurde
er aber durch meinen ltesten Bruder in den Hintergrund gedrngt, denn der
fuhr nach Australien, und seine brieflichen Reiseberichte, vorgelesen und
erlutert von jenem bildungsreichen Schreinermeister, berstrahlten die
Abenteuer eines Jerusalempilgers. Meine Mutter erlebte trotz allen
Trennungsschmerzes, der in ihr wach blieb, doch manchen stolzen
Augenblick, wenn sich in den frisch geschriebenen Briefen gesundes Urteil
und tapferer Sinn offenbarten. Sie hat ihren ltesten, der ein zrtlicher
Sohn und das Ebenbild des Vaters war, klug, ernsthaft und weit ber seine
Jahre mnnlich, nicht mehr gesehen. Als er nach zwei Dezennien heimkehrte,
lag sie schon lange auf dem stillen Friedhofe in Seebruck am Chiemsee.

Die Priener, die literarische Neigungen hatten oder zeigten, fanden
zuweilen Gelegenheit, einen berhmten Vertreter des Schrifttums leibhaftig
zu sehen.

Ich erinnere mich wohl, wie der Schreinermeister aufgeregt in unsere Kche
kam und meine Mutter fragte, ob sie denn auch wisse, da der Herr, der im
Garten drauen Kaffee trinke, kein Geringerer sei, als der Volksdichter
Hermann von Schmid, und wie meine Mutter dann respektvoll zu dem
gefeierten Gaste trat und ihn fragte, ob er mit allem zufrieden wre, und
wie Viktor, etwas rgerlich, weil sie zurckstehen mute, den Dichter vom
Fenster aus sehr kritisch betrachtete und sagte, er she eigentlich nach
nichts Besonderem aus.

Und dabei hatte der Dichter doch keine aufrichtigere Verehrerin seines
"Kanzlers von Tirol" als die brave Alte, die ihn nunmehr in ihrem Unmute
verleugnete.

Felix Dahn, den Dichter des Kampfes um Rom, sah man ab und zu in Prien,
wenn er seine Verwandten im nahen Ernstdorf besuchte. Und zwei Sommer
weilte der Tbinger sthetiker und Poet F. Th. Vischer als Gast in der
"Kampenwand".

Der kleine, etwas cholerische Herr lie sich von mir hufig nach den
Inseln rudern und war mit meiner Geschicklichkeit ebenso zufrieden wie mit
der Billigkeit dieser Fahrten. Er entlohnte mich stets mit einer Halben
Bier und einem Stckchen Kse.

Er sprach sehr wenig und machte mir deutlich klar, da ich nur auf Fragen
zu antworten, sonst aber das Maul zu halten htte.

Einmal fand ich ihn redselig.

Er hatte sich im Wirtshaus auf der Fraueninsel Kaffee bestellt und die
Kellnerin eindringlich ermahnt, da ja keine Zichorienmischung darin sein
drfe. Hernach merkte er doch den fatalen Geschmack heraus und schritt
zornig in die Kche, wo er den erschrockenen Weibern im breitesten
Schwbisch ihre saumige Frechheit und viechsmige Dummheit vorhielt, so
da sie noch lange an sein sthetisches Wesen denken muten.

Leider wollte Viktor eines Tages an dem berhmten Manne ihre Liebhaberei
fr die schne Literatur auslassen, was ihr sehr bel bekam. Nur ganz
allmhlich vershnte sich Vischer wieder mit ihr, und es bedurfte
prachtvoller Strauben und duftenden Kaffees, um ihn zu berzeugen, da sie
trotz allem ein ertrgliches Weibsbild wre.

So gut es ihm in der "Kampenwand" gefallen hatte, blieb er doch weg, als
ein anderer Schwabe, der Bruder eines wrttembergischen Ministers,
auftauchte.

Es war ein pensionierter Hauptmann, der sich in der Welt als Kriegsmann
umgetan hatte.

Reiterleutnant in sterreichischen Diensten, Freiwilliger bei den
Nordstaaten von Amerika, zuletzt Offizier in der wrttembergischen Armee,
hatte er verschiedene Feldzge mitgemacht und lebte nun von einem migen
Kapital und einer bescheidenen Pension auf grerem Fue, als es sich
machen lie.

Als er mit seinem Vermgen fertig war, erscho er sich.

Es war schade um den gebildeten, gescheiten Mann, der sich, wie ich heute
glaube, als Schriftsteller Ansehen und Einkommen htte verschaffen knnen.

Im nchternen Zustande befate er sich eifrig mit geschichtlichen Studien,
aber immer wieder kam er ins Trinken, beging Verschwendungen und verlor
jegliche Willenskraft, die zu ernsthafter Arbeit gehrt.

Sonst schweigsam und zurckhaltend, wurde er sehr gesprchig, wenn das
nasse Viertel eintrat, und dann erzhlte er aus seinem abwechslungsreichen
Leben Abenteuer und Begegnungen mit berhmten Persnlichkeiten.

Wie weit das alles zurcklag!

sterreichisches Militrleben im Frieden mit Fueisen und Fuchtelhieben,
seltsame Zustnde in galizischen Garnisonen, dann kriegerische Erlebnisse
in der Lombardei, im Stabe Gyulais, Begegnung mit Hacklnder,
Kriegsdienste in Amerika in einem Regiment, das sich selbst _les enfants
perdus_ nannte, weil sich Schiffbrchige aus aller Herren Lnder darin
zusammengefunden hatten, dann Tauberbischofsheim und Champigny.

Es lt sich denken, da ich begierig zuhorchte, und ich war nicht nur ein
aufmerksamer, sondern hufig auch der einzige Gesellschafter des
Hauptmanns, von dem sich seine Bekannten meist zurckzogen, wenn er zu
trinken anfing.

Einer hielt zuweilen bei ihm aus, ein Frst W., der als Baron Altenburg in
bescheidenen Verhltnissen in Prien lebte. Er war ein gutmtiger Herr, der
gerne vom Glanze frherer Tage redete, als er noch Kavallerieoffizier war,
und der sich doch in diesem Exil ganz wohl fhlte und regelmig mit den
Brgern beim Abendtrunke zusammensa.

Sie machten es ihm nicht immer leicht, die Kontenance zu bewahren, denn
als Frst ohne Mittel, als Preue und als alter Offizier stie er berall
an den kantigen Ecken der Priener Ansichten und Manieren an.

In der "Kampenwand" kehrte er mit Vorliebe ein, und die Hflichkeit meiner
Mutter, die ihn trotz seines Inkognitos immer als Durchlaucht anredete,
erwiderte er mit ritterlichen Komplimenten gegen das Haus, die Familie und
die Persnlichkeit der Frau Oberfrster. Wenn sie von der Vorder-Ri und
dem Knig erzhlte, hrte er mit der Teilnahme zu, die man dem Treiben und
Befinden eines Gleichgestellten entgegenbringt, und er warf Bemerkungen
ein, die seine intime Kenntnis des Hofes verraten sollten.

Er hatte immer eine Liebenswrdigkeit im Vorrat.

Meiner jngsten Schwester, die als Kind eine auffllig tiefe Stimme hatte,
prophezeite er eine glnzende Laufbahn als Sngerin, da irgendeine Dame
auf oni oder eine Lucca, wie er als alter Theaterhabitu wute,
gleichfalls mit einem Basse behaftet gewesen war.

Auch an mir entdeckte er Anstze zu glnzenden Eigenschaften, und wenn
meine Mutter auch nicht ganz davon berzeugt war, so hrte sie es doch
gerne und schtzte die gute Absicht. Er sah gut aus, und selbst in dem
Anzuge eines Priener Schneiders wirkte er als vornehmer Herr, und wenn er
hchst eigenhndig ein Paar neubesohlte Stiefel vom Schuster heimtrug, sah
er immer noch wie ein Grandseigneur aus. ber die unfreiwillige
Bescheidenheit seines Lebens verlor er nie ein Wort und bersah die
Ungeschlachtheit der Ortsbrger, die sich anblinzelten und anstieen, wenn
Seine Durchlaucht dreiig Pfennig als Ausgabenetat fr zwei Halbe Bier
zurechtlegte.

Eine Bemerkung, die ich darber machte, wies meine Mutter mit ungewohnter
Schrfe zurck, und sie erklrte mir, wie ehrenwert diese Selbstzucht
eines Mannes war, der einmal in ganz anderen Verhltnissen gelebt hatte.

Wenn der Frst mit dem Hauptmann zusammensa und die alten Kavaliere
Erinnerungen austauschten, gab mir meine Mutter deutlich zu verstehen, da
ich meinen Platz zu rumen htte.

Wahrscheinlich vermutete sie, da die Herren Reiteroffiziere auch einmal
auf ein paar Kapitel kommen knnten, die sich nicht fr die reifere Jugend
eigneten.



Immer war mir der letzte Tag im September, und mochte auch die schnste
Herbstsonne leuchten, mit grauen Nebeln verhngt.

Frhmorgens gab es die letzten Vorbereitungen zur Abreise; Mahnungen von
Viktor, auf meine Wsche zu achten, da schon wieder Taschentcher und dies
und das gefehlt htten, Mahnungen meiner Mutter, allen Flei daran zu
setzen; dann das letzte Frhstck in der Kche, die mir nie anheimelnder
vorkam als im Augenblick des Scheidens, und der Gang zur Bahn.

Wer mir begegnete, auch wenn ich ihn sonst nicht ehrte, erschien mir als
ehrwrdiges und liebenswertes Stck Heimat und empfing meinen wehmtigen
Gru.

Der Herr Maurermeister stand unter der Tr, weil auch seine Buben
abreisten, und lftete seinen Fez, und ich beneidete ihn, da er so Tabak
rauchend alle Tage in dem lieben Ort bleiben durfte.

Ich beneidete den Schreinerlehrling, der pfeifend einen Karren auf die
Strae zog, und den Stationsdiener, der auch dableiben durfte, und wenn
mich der Expeditor vterlich auf die Schulter klopfte und Glckauf zum
Studium wnschte, dachte ich, er habe leicht reden und unbekmmert sein,
wenn er doch nicht in die weite Welt hinaus msse. Pfiff nicht die
Lokomotive jmmerlicher als sonst, und schlich nicht der Zug trbseliger
von Bernau herein?

Was fr rohe Menschen waren die Kondukteure, die hinter einem die Tre
zuwarfen und das verhngnisvolle Billet mit gleichgltiger Miene zwickten!
Dann ging es im weiten Bogen herum ums Dorf. Dort sahen noch Bauernhuser
hinter Bumen hervor, dann kam der Blick auf den See und die Inseln.

Ich habe auch spter noch an Heimweh gelitten, damals aber kam es wie
Krankheit ber mich.

Das Oktoberfest war mir verhat, weil das Ende der Ferien mit ihm
zusammenfiel, und ich habe lange Zeit nachher den Lrm von Karussellorgeln
und den Duft gebratener Heringe in Verbindung mit bitteren und
schmerzlichen Gefhlen gebracht.

Der gutmtige Onkel Joseph nahm mich auf die Theresienwiese mit in der
Meinung, da diese Freuden meinen Trbsinn verscheuchen mten, aber der
Anblick von Oberlandler Bauern oder von Schtzen aus dem Gebirge war nur
angetan, mir mein Elend erst recht fhlbar zu machen. Daran nderten auch
die scharfen Vermahnungen des Herrn Premierleutnants nichts, der mir
sagte, er habe das sogenannte Heimweh der Rekruten stets als Scheu vor
Disziplin und Pflichterfllung betrachtet, und er msse leider annehmen,
da auch meine Wehleidigkeit darauf hinausgehe.

Ich aber legte mir ein Verzeichnis der Tage meiner babylonischen
Gefangenschaft an und strich jeden Abend einen aus; nach ein paar Wochen
verga ich darauf und war geheilt.

Spterhin, als ich ber die Flegeljahre hinausgewachsen war, halfen mir
ein paar Verliebtheiten, am Aufenthalt in Mnchen mehr Gefallen zu finden.

Denn natrlich fehlte es auch an der Jugendeselei nicht; aber ich mu
bekennen, da es nie zu Erklrungen kam.

Ich bewunderte einige Mitschler, die auf dem Eise oder sonstwo mit
Backfischen verkehrten, sprachen, Arm in Arm mit ihnen gingen.

Ich selber verehrte sie nur aus der Entfernung, und sogar vor ihrem
Entgegenkommen versteckte sich meine Bldigkeit hinter Trotz.

Machte ich den Versuch, eine junge Dame, die im gleichen Hause wohnte,
anzureden, dann war mir die Kehle wie zugeschnrt. Einmal setzte ich an,
aber heiser vor Aufregung stotterte ich ein paar nichtssagende
Entschuldigungen und floh eilig die Treppe hinunter. Und doch brachte mich
ein Jugenderzieher, Schulmann und Rektor in ernstliche Gefahr, indem er
mich als Verlorenen behandelte und in einer Weise blostellte, die sich
nicht fr ihn ziemte.

Ich trug wochenlang einen herzlich dummen Brief an jenen Backfisch in
einem Schulbuche herum, immer mit der Absicht, ihn zu berreichen, wozu
mir stets wieder der Mut fehlte.

Eines Tages erwischte mein Ordinarius den Brief, bergab ihn dem Rektor,
und dieser sonderbare Freund der Jugend, der zufllig wute, da ich von
einer angesehenen Familie zuweilen eingeladen wurde, schrieb an sie und
behauptete, ich htte an die jngere Tochter des Hauses diesen
unziemlichen Brief gerichtet.

Es war unwahr, und ich wehrte mich leidenschaftlich gegen die Anklage,
aber es half mir nichts; die Mama war indigniert, und der Papa gab mir
jovial zu verstehen, da man mich nicht mehr einladen knne.

Damals habe ich mich ein paar Tage lang mit Selbstmordgedanken getragen,
und ich glaube, da ich nahe genug daran war, die Torheit zu begehen.

Ein erfahrener Mann htte wahrhaftig in der Unbeholfenheit des Briefes
knabenhafte Bldigkeit erblicken mssen und alles andere eher als Routine
und Verdorbenheit.

Der einzige, der damals fr mich eintrat, war der Religionslehrer, der
ber die gedrechselten Phrasen, die ich an das sehr geehrte Frulein
gerichtet hatte, gelchelt haben soll. Er merkte, wie verstrt ich war,
und sprach mich daraufhin an; schon das wirkte als etwas Ungewhnliches
auf mich, und als mir der strenge und zurckhaltende Mann mit freundlichen
Worten zu verstehen gab, da er mir glaubte, kam ich darber weg.

Das Erlebnis gilt mir heute noch als Beweis dafr, wie schwer sich
Unverstndnis und belwollen an der Jugend versndigen knnen.

Ich habe spter aus Ferne und Nhe Schlerselbstmorde erlebt und
gewhnlich recht trichte Urteile darber gehrt; selten fand ich
Verstndnis fr die Wahrheit, da roher Eingriff und grobes Unrecht gerade
jugendlichen Gemtern unertrglich erscheinen knnen.

Sehr drckend empfand ich es damals, da ich bei den Mitschlern wenig
oder kein Verstndnis fr meinen Schmerz fand; eher beifllige Zustimmung
zu der Verfehlung, die ich gar nicht begangen hatte, schlaues Mitrauen
gegen meine Verteidigung, aber kaum Billigung des leidenschaftlichen
Zornes, mit dem ich mich gegen das Unrecht wehrte.

Ich darf sagen, da lauter halb und ganz fertige, ihr eigenes Heil und
ihren Nutzen kennende Spiebrger um mich herum auf den Schulbnken saen.

Schwrmen und rckhaltloses, bertreibendes Sichhingeben an irgendeine
Sache konnten sie mit berlegenem Lcheln beantworten.

Die meisten wuten ja auch schon, was sie werden wollten oder sollten.

Diese prdestinierten Amtsrichter, rzte, Assessoren, Intendanturbeamten
und Offiziere kannten Vorteile und Nachteile der Berufe, und es sollte
mich wundern, wenn sie sich nicht ber knftige Pensionsbezge
unterrichtet htten.

  _Nunc est bibendum,_
  _Nunc pede libero pulsanda tellus!_

war ein gern zitierter Vers Horazens.

Jetzt wollen wir trinken, jetzt befreit mit dem Fu auf die Erde stampfen.

Aber die Ausgelassenheit war bei den meisten schon klug gedmpft; nach ein
bichen konventionellem Saufen trat der freie Fu in die herkmmliche
Laufbahn, und der ordentliche junge Mensch erwarb nicht erst, sondern
behielt die vom Vater berkommene Klugheit, innerhalb der Schranken im
sachten Trabe zu gehen.

Ich war dazu bestimmt und gewillt, Forstmann zu werden, und mein Vormund,
auch einer vom grnen Tuche, hielt mir zuweilen vor Augen, da
Pflichttreue und Wahrheitsliebe gerade die Mnner zieren mten, denen der
Staat den hohen Wert der Waldungen anvertraue.

Ich nickte beifllig zu der hohen Auffassung, aber mit meinen Wnschen
verband sich doch eher die Vorstellung von einem Hause im Grnen, von
Prschgngen und Tabakrauchen.

Ich hatte das reizvolle Bild meiner Zukunft vor Augen, wenn ich den Bruder
meines Vaters, den Oberfrster von Wrnbrunn bei Grnwald, besuchte.

Er sa dort unter Frstern und Jagdgehilfen in einem ansehnlichen, von den
Mnchnern gern besuchten Wirtshause.

Sohn, Enkel und Urenkel schwerer Altbayern und Pfeifen rauchender Jger,
hatte ich natrlich das vollste Verstndnis fr diese Freuden, und wenn
ich an Sonntagen bei den derben und nicht durchaus wahrheitsliebenden
Mnnern sa, wollte ich ihnen hnlich sein und werden.

Einer davon, der Frster Holderied, war noch ein Vertreter der
aussterbenden Rasse von Wildlingen, die einen unaufhrlichen Kampf mit
Lumpen fhrten. Man erzhlte von ihm Schauermren, lauter echte
altbayrische Geschichten, voll Jgerromantik des Hinaufschieens oder
Hinaufgeschossenwerdens.

Ein Prachtkerl war der Jagdgehilfe Schrder, der in der Sauschtte das
Schwarzwild zu fttern hatte.

Er konnte lgen, wie ich es nie mehr gehrt habe, und ich glaube, da die
Pflege des Jgerlateins in ihm ihren letzten ehrwrdigen Meister gehabt
hat.

Er log immer und verzog keine Miene dabei; mit steinerner Ruhe brachte er
die ungeheuerlichsten Geschichten vor und schien in Zorn zu geraten, wenn
jemand Bedenken oder Zweifel zeigte.

Fr mich waren die Besuche in Wrnbrunn nicht ungefhrlich. Ich gab mich
der Herrlichkeit rckhaltlos, wie immer, hin und wollte auf allen Glanz
der Welt verzichten, um in die Lodenjoppe und dieses bajuvarische Behagen
zu schliefen. Ich setzte meiner Mutter mit Bitten zu, mich zum niederen
Forstdienst gehen zu lassen, aber zu meinem Glcke erkannte sie die
Ursache meiner Resignation auf die hhere Laufbahn. Ich durfte nicht mehr
so hufig zum Forsthause wandern, und da mir Onkel Franz das selber und,
wie ich merkte, mit Bedauern erffnen mute, blieb ich ganz weg.



Die Oberklasse des Gymnasiums besuchte ich in Landshut; ich wollte das
Wohlwollen jenes Mnchner Rektors nicht noch mehr herausfordern.

Die wohlhbige Stadt, Mittelpunkt der reichsten Bauerngegend, in der eine
starke Garnison lag und die ihre Tradition als ehemaliger Sitz der
Landesuniversitt noch bewahrte, gefiel mir sehr gut.

Die breite Altstadt mit ihren hochgiebligen Husern und der mchtigen
Martinskirche als Abschlu war die Hauptstrae, auf der nachmittags die
Herren Offiziere, Beamten, Fhnriche und Gymnasiasten bummelten, um den
zahlreichen hbschen Brgertchtern Beachtung zu schenken.

Vom Kollerbru zum Dome hinauf, vom Dome zum Kollerbru hinunter flanierte
die Jugend, die in Uniform schon etwas vorstellte, und die andere, die mit
Band und Mtze bald etwas vorstellen wollte, und sie grten, hier
verwegen, dort schchtern, die Weiblichkeit.

Ich war bei einer angesehenen Brgerfamilie untergebracht und geno zum
ersten Male volle Freiheit in meinem Tun und Lassen.

Da ich sie nicht mibrauchte, rechnete mir der wohlwollende Rektor des
Gymnasiums hoch an; er hatte mich mit einigem Mitrauen empfangen und im
Auge behalten, weil ihn der Mnchner Kollege brieflich vor mir gewarnt
hatte.

Nach Ablauf einiger Monate rief er mich zu sich und fragte mich, was ich
denn eigentlich an meinem frheren Gymnasium pekziert htte. Ich erzhlte
ihm frischweg das Schicksal meines verhinderten Liebesbriefes. Lchelnd
hrte er mich an, und dann las er mir einige krftige Stellen aus dem
Briefe seines Kollegen vor.

"Was sagen Sie dazu?" fragte er mich.

Ohne langes Besinnen gab ich zur Antwort: "Wenn ich Rektor wre, wrde ich
ber einen Schler keinen Brief schreiben."

Er bewahrte mir sein Wohlwollen whrend des ganzen Jahres wie in der
Schluprfung, und ich blieb ihm ber das Gymnasium hinaus dankbar dafr;
als Universittsstudent besuchte ich ihn mehrmals, und er brachte das
Gesprch gerne auf die resolute Antwort, die ich ihm damals gegeben hatte.

Im Juni meines letzten Schuljahres starb Knig Ludwig II.

Das Ereignis machte tiefen Eindruck, und er war echt, wie er sich in
Schweigen und Niedergeschlagenheit zeigte.

Was spter folgte, das Herumerzhlen von Schauergeschichten, Tuscheln,
Flstern und Kokettieren mit Frondeurgelsten, die doch nicht ernst
gemeint waren, erregte in mir schon damals Zweifel in die Strke populrer
Stimmungen. Den gepreten Brgerherzen in Landshut tat die Kunde wohl, da
man aus irgendeinem Bruhause einen vorher ordnungsmig verdroschenen
preuischen Unteroffizier der schweren Reiter hinausgeschmissen habe, weil
er in unehrerbietigen Zweifeln befangen gewesen wre.

Wenn nicht wahr, so gut erfunden. Denn wie ich an meinem Hausherrn sehen
konnte, herrschte Befriedigung, da sich die allgemeine Erregung, und zwar
gegen Norden hin, Luft gemacht hatte.

Im August bestand ich die Schluprfung, die von Kennern fr leichter als
gewhnlich erklrt wurde. Ich mchte nicht entscheiden, ob das stimmt;
jedenfalls war man auch mit der Begrndung bei der Hand.

In Mnchen hatte ein Prinz das Absolutorium zu bestehen, und dem htte man
es nicht schwer machen wollen.

Meinen Ansprchen gengte die Prfung, und zu meiner Freude gengte ich
den Ansprchen.

Ein seliger Vormittag, als wir unter dem Tore des Gymnasiums die Hllen
von den farbigen Mtzen entfernten und nun mit leuchtenden Rotkappen durch
die Stadt gingen.

Beim Abschiedskommerse hatte ich die Rede zu halten.

Meine Kommilitonen trauten mir nach etlichen dichterischen Versuchen, die
ich hinter mir hatte, Erkleckliches zu, und an tchtigen Redensarten von
der Sonne der akademischen Freiheit htte es auch nicht gefehlt, wenn ich
nicht beim zweiten Satze steckengeblieben wre.

Ich rang nach Worten, fand kein einziges und setzte mich unter peinvollem
Schweigen hilflos nieder.

hnliches war nie geschehen, und ich glaube, da es mir der Jahrgang lange
nachgetragen hat.

Die Situation rettete aber mein verehrter Studiendirektor, der sogleich
aufstand und eine wohl gegliederte und durchdachte Rede an die abziehende
Jugend hielt.

Manches kluge und manches schne Wort aus den nun abgetanen Klassikern war
darin verflochten, und ich sah freilich, wie man's htte machen sollen.

Die Befriedigung ber das ungewhnliche Hervortreten des Rektors, die
Freude an seinen Worten schwchten einigermaen das Unbehagen, das ich
verursacht hatte, ab.

Etliche Tage sangen und tranken wir noch in Landshut herum und kamen uns
bedeutender und freier vor, wie jemals wieder im Leben.

  _Nunc est bibendum,_
  _Nunc pede libero pulsanda tellus!_

Damit ging es heim.

Meine Mutter war etliche Jahre vorher nach Traunstein bergesiedelt und
hatte den Gasthof "Zur Post" in Pacht genommen. So hatten nun die Brger
dieser Stadt Gelegenheit, mich in Farbenpracht mit dem _pede libero_
stolzieren zu sehen und der braven Frau Oberfrster zu dem Erfolge ihres
Sohnes Glck zu wnschen.

Sie holte mich mit den Schwestern von der Bahn ab und war gerhrt, mich an
einem unter manchen Seufzern herbeigesehnten Ziele zu sehen.

Allzuviel konnte ich nicht erwidern, da ich vom _bibendo_ stockheiser
geworden war.

Die alte Viktor war etwas gekrnkt, weil man sie als Hterin des Hauses
daheim gelassen hatte, und so drngte sie zuerst ihre Gefhle zurck, um
brummig zu sagen, ich she doch sehr versoffen aus.

Sie rang sich aber zur Freude durch und meinte, nun sei ich auf dem Wege
zum Berufe meines Vaters und knne wohl gar noch Oberfrster in der
Vorder-Ri werden.





                                IM BERUFE


Zwei Semester war ich an der Forstakademie in Aschaffenburg, dann ging ich
zur Rechtswissenschaft ber, studierte in Mnchen und Erlangen, wo ich
nach Ablauf der vorgeschriebenen Zeit das Examen bestand.

Meine Erlebnisse auf der Hochschule waren die herkmmlichen, so sehr, da
ich sie nicht zu schildern brauche.

Damals, als ich die Schluprfung ablegte, war es noch Sitte, dem
erfolgreichen Kandidaten den Zylinder einzutreiben.

Meine Freunde harrten vor der Tre auf mich und schlugen mir den Hut bis
zu den Ohren hinunter.

Da wuten die Brger, die uns begegneten, da aus dem Studenten ein
Rechtspraktikant geworden war, und nickten mir beifllig zu.

Am Abend zogen wir zum Bahnhofe hinaus, und ich fuhr heim ins Berufsleben,
das mit der Praxis beim Amtsgerichte Traunstein anfing.

Rckblickend auf mein Studium, kann ich sagen, da ich das meiste aus
Bchern lernte und vom bestimmenden Einflusse eines Lehrers nichts zu
fhlen bekam.

Wenn ich lese, da jemand durch eine fhrende Persnlichkeit aus dem
Dunkel ins Licht geleitet wurde, kann ich mir keine Vorstellung davon
machen, denn was ich vom Katheder herunter vortragen hrte, war trockene
Wissenschaft, die man nachschrieb, um dann zu finden, da es gedruckt
nicht anders zu lesen war. Dagegen habe ich mir persnliche Erinnerungen
an etliche Professoren bewahrt.

Sie waren ziemlich alte Herren und wirkten auf mich wie berbleibsel aus
der Uhlandzeit, paten auch in das Bild der kleinen Universittsstadt, in
der man so viele Erinnerungstafeln an berhmte Theologen, Mediziner und
Juristen sieht.

Sie waren Sonderlinge von einer Art, nach der man Heimweh haben darf.

Der alte _Gengler_ mit seinen langen, weien Haaren und den blanken
Kinderaugen war der Gelehrte aus der Biedermeierzeit, weltfremd, verloren
und vertrumt, ganz in seine Welt der Deutschen Rechtsgeschichte
eingesponnen, und doch recht lebhaft, fast leidenschaftlich, wenn er von
Freiheiten sprach, die es einmal gegeben hatte. Man belegte damals die
_Collegia_ persnlich bei den Professoren. Als ich Gengler besuchte, war
er schchtern wie ein Kandidat, sa ganz vorne auf dem Stuhlrande und
hielt das Gesprch mit Mhe im Gange.

Vom alten _Makowitzka_, dem Nationalkonomen, ging die Sage, er sei Anno
48 zum Tode verurteilt und begnadigt worden.

Das stimmte nicht, wie ich spter hrte, vielmehr hatte er eine geringe
Freiheitsstrafe erhalten, aber in Erlangen, wo man noch Erinnerungen an
_Sand_ hochhielt, lie man nicht ab vom Glauben an das Henkerschwert, das
ber dem braven Herrn geschwebt haben sollte.

Er empfing mich im Lehnstuhl sitzend, die fast erblindeten Augen durch
einen Schirm geschtzt.

Mehrmals wiederholte er die Frage, ob es mein ernster Vorsatz und Wille
sei, bei ihm zu belegen, und als ich hflich darauf bestand, sagte er:
"Ja, also dann lese ich ... es war nmlich noch ein Herr da, und da Sie
nun zu zweit sind, werde ich die Vorlesung abhalten."

Der andere und ich, wir sahen uns im ersten Kolleg etwas s-suerlich an,
denn da gab es nun einmal kein Schwnzen, wenn wir nicht unsern Lehrer
krnken wollten.

Professor _Lders_, Philister der Hannovera und Korpsbruder Bismarcks, war
ein distinguiert aussehender, sehr wohlhabender Herr bei hohen Jahren.

Er lehrte Strafrecht, sprach sehr gemessen, mit hannverschem Akzente, und
wenn sich Unruhe bemerkbar machte, konnte er wrdevoll sagen: "Meine
Herren, ich mu um Ruhe bitten ... brigens, mein Name ist Lders, ich
wohne in der Friedrichstrae Nr. 2 ..."

Von seinem einzigen Leibeserben sprach er als von seinem Sohne und
Korpsbruder Karl ...

Zu den Originalen, an denen es in Erlangen nicht fehlte, gehrte der
Anatomiediener, ein alter Student und Korpsphilister; dann waren sehr hohe
Semester vertreten, verbummelte Herren von vierzig und mehr Jahren,
darunter ein Grieche, der Papadakis oder so hnlich hie und, als
obdachlos aus der Stadt verwiesen, sich in den Bierdrfern herumtrieb, bis
er eines Tages erschlagen wurde.

Von besonderer Art waren auch die Brger, die sich ber Mensuren und
Abfuhren unterhielten; die Handlungsdiener und Friseurgehilfen, die
Verbindungen grndeten, Wein- und Bierzipfel trugen und sich studentisch
gebrdeten, und die jungen Damen, die fr Burschenschaft oder Korps
eintraten, kurz diese kleine Welt, die ich nun verlie, um sie nirgends
mehr zu finden.

In mein letztes Semester fiel die Erregung ber die Entlassung Bismarcks,
vielmehr der Mangel an Erregung darber, und gerade der blieb nicht ohne
Einflu auf meine Entwicklung. Ich war nicht naseweis, und ich harrte auf
die bedeutenden Worte der lteren.

Da sah ich mit Erstaunen, wie ein ganzes Volk den Verlust seines grten
Staatsmannes und seines Kredits im Auslande wie eine Schicksalsfgung
hinnahm, ich sah, wie man hausbackene Erklrungen dafr, da ein junger
Kaiser keinen alten Kanzler wollte, suchte und fand, wie man die Willkr
eines Dilettanten zufrieden oder unzufrieden, aber jedenfalls ergeben
trug.

Nicht der Triumph der Gegner Bismarcks, die Geduld seiner ehemaligen
Anhnger brachte mich um alles glubige Vertrauen und schrfte mir den
Blick fr die Knechtseligkeit des deutschen Spiebrgers.

Ein englisches Witzblatt brachte damals ein Bild, wie der Lotse das
deutsche Schiff verlt. Es traf den Nagel auf den Kopf; aber in
Deutschland sah man schweigend zu, wie unberufene Hnde das Steuer
ergriffen, und wie im gefhrlichsten Fahrwasser der Zickzackkurs begann.

Manches Mal noch hrte ich in der folgenden Zeit jeder Taktlosigkeit
gemtvoll und loyal Beifall spenden, und ich fragte mich bescheiden, ob
diese erfahrenen Mnner nicht am Ende besser shen als ich.

Nur allmhlich lste sich aus Zweifeln der grndlichste Abscheu vor dem
Treiben los, dem ich spter, so oft ich konnte und so scharf ich konnte,
Ausdruck gab.

Ein Vorfall, den ich bald nach der Heimkehr erlebte, zeigte mir, da es
nicht lauter Gleichgltige und ngstliche gab.

Ich sa mit den Forstmeistern der Traunsteiner Gegend in einem Bierkeller,
und das Gesprch kam selbstverstndlich auf die Entlassung des
Reichsgrnders, auf Undank und Jmmerlichkeit, und es wurde mit Schrfe
gefhrt.

Schweigend sa ein alter Forstmann aus Marquartstein am Tische, der sich,
wie man mir erzhlte, im Kriege von 1870 oft bewhrt und ausgezeichnet
hatte; er trank still, aber grimmig und reichlich Bier, und pltzlich
sprang er auf seinen Stuhl und schrie saftige Majesttsbeleidigungen bers
Publikum hinweg.

Erschrocken faten ihn die andern am Rockscho und wollten ihn
herunterziehen, aber der alte Krieger war in Feuer geraten und wiederholte
hartnckig seine Worte, bis man ihn endlich in die Versenkung brachte.

"Und von mir aus passiert mir, was mag!" schrie er. "Das is mir wurscht
..." Es passierte ihm nichts, und es war schn, da sich unter den
Hunderten nicht einer fand, der den Alten denunzierte oder ihn durch
leichtfertiges Erzhlen des Vorfalls in Verlegenheit brachte.

Fr gewhnlich aber und besonders im Kreise von Juristen hrte ich nur
lederne Unterhaltungen ber das Geschehnis, als htte sich's irgendwo in
der Fremde zugetragen, auerhalb der Interessensphre dieser wackeren
Beamten, und der immer wiederkehrende Refrain vom neuen Herrn und alten
Faktotum wirkte beschwichtigend auf alle.



Fr meine Mutter hatte es den Verzicht auf liebgewordene Vorstellungen
bedeutet, als ich dem Forstwesen den Rcken kehrte; meine Ausfhrungen,
gegen die sie etwas mitrauisch war, wurden jedoch untersttzt durch die
Klagen aller in der "Post" einkehrenden Forstleute ber das neue
Schreibwesen und die miserablen Gehlter.

So fand sie sich darein; leichter als die alte Viktor, die sich ihre
Hoffnungen auf einen Lebensabend in der Vorder-Ri schon allzu schn
ausgeschmckt hatte, um sich mit einem Male davon trennen zu knnen.

Als ich aber im Frack vor ihr stand und zur Ablegung des Staatsdienereides
ins Amtsgericht schreiten mute, verzog sich ihr Gesicht zu einem
zufriedenen Lcheln, und sie erinnerte sich, da mein Vater nach einem
lebhaften Streite, den ich als Kind mit meinen Geschwistern durchgefochten
hatte, der Meinung gewesen war, es knne ein Advokat aus mir werden.

Ich selber nahm den Eintritt in die Praxis sehr ernst, und ich kam mir
wohl bedeutend vor, als ich, den Bcker Jger grend und dem Kaufmann
Fritsch dankend, dahinschritt, um eidlich Wahrung der Dienstgeheimnisse
und Fernbleiben von geheimen Verbindungen zu geloben.

Dem Amtsvorstande stellte ich mich freudig zur Verfgung, und ich wollte
ein unbeugsamer Hter der Gerechtigkeit sein.

Von da ab brachte mir fast jeder Tag Enttuschungen, bis ich von allen
Illusionen geheilt war.

Der Chef des Amtsgerichtes war nicht blo ein trockener, unbedeutender
Mensch, sondern auch ein Brokrat von der Schadenfreude, die sich vor 48
mit Prgelstrafen hatte ausleben drfen und nun zurckgedmmt das Gemt
verfinstern mute. Mitleidlos und sackgrob gegen die kleinen Leute,
mitrauisch gegen jedermann, selbstgefllig, unwissend und geschwtzig, so
war der Mann, der mich bei den ersten Schritten in eine mit viel Respekt
betrachtete Welt leiten sollte.

Von der Geistlosigkeit und dem Unwerte der Praxis bei einem solchen
Gerichte macht sich der Auenstehende doch wohl keinen Begriff.

Ich lernte nichts von allem, was ich fr spter htte lernen mssen.

Zuerst nahm mich der Chef in Beschlag.

Ich mute bei den Pflegschaftsverhandlungen Protokolle schreiben und
durfte zuhren, wie die Kindsvter sich sperrten, die blichen acht bis
zehn Mark monatlich fr das illegitime Kind zu bezahlen.

Bei den Schffengerichtsverhandlungen war ich stellvertretender
Gerichtsschreiber, und das war immerhin noch unterhaltender als das
Nachschreiben der Urteile, die mir mein Vorgesetzter diktierte.

Er tat sich was darauf zugut, ellenlange Stze zu bilden, und schwelgte
wie ein alter Gendarm in eingeschachtelten, zusammengestopselten Perioden.

Was sich alles ber die verbrecherischen Absichten eines Landstreichers
sagen lie, der ein Hufeisen gefunden, selbiges aber nicht abgeliefert
hatte, das erfuhr ich damals mit Unbehagen. Mein Chef aber wiegte sich in
den Hften, hing noch ein paar Relativstze, schlauen Verdachtes voll, an
die Hauptwrter, und wenn die lange Periode hinkend und mhsam bis an den
Schlu gelangt war, forderte er meine Bewunderung heraus: "Han, was sag'n
Sie jetzt?"

Mein Ersuchen, selber einmal ein Urteil anfertigen zu drfen, wies er
barsch zurck.

Nach ein paar auf die Art zugebrachten Monaten mute ich im Hypothekenamt
unter ngstlicher Aufsicht des Amtsrichters und des Aktuars ein paar
Eintrge in die heiligen Bcher machen.

Meine respektlose Art zu schreiben erregte ihr Entsetzen, und sie waren
beide froh, wenn ich ausblieb.

In den Zivilverhandlungen lernte ich die Dehnung der Bagatellsachen durch
Advokaten kennen. Wie lange konnte sich ein Proze um zwanzig Mark
hinschleppen! Wie bald verschwand die Streitsumme neben den Kosten der
Zeugen, Sachverstndigen und Anwlte, womglich gar eines Augenscheines!
War man endlich ans Ziel gelangt, nmlich dahin, da es den Streitenden zu
dumm wurde, dann stellte sich heraus, da die Brhe viel teurer geworden
war als der Fisch, und aus Scheu vor den Kosten prozessierte man weiter,
bis es den Streitteilen abermalen zu dumm wurde. Wenn zuletzt der
Amtsrichter und die beiden Anwlte gemeinsam den Geist der Vershnlichkeit
heraufbeschworen, kam er mit einer langen Rechnung, und die Parteien
muten sein versptetes Eintreffen beklagen. Es gab damals in Traunstein
ein paar Advokaten, die sich an Saftigkeit berboten und dafr sorgten,
da ihre bajuvarischen Bonmots die Runde machten.

Keiner wollte leiden, da der andere der Grbere war, und ich hegte
manchmal den Verdacht, da ihre Derbheiten nicht frisch aus dem Gemte
sprudelten, sondern sorgsam vorbereitet waren.

Dem Publikum gefielen sie.

Als die Herren lter, krnklich und sanfter wurden, konnte man oft mit
Bedauern sagen hren: "Ja ... frher! Wie die Herren noch beim Zeug waren,
da hat ma was hren knnen ... aba jetzt is ja gar nix mehr ..."

Zuweilen erhielt ich vom Landgerichte den Auftrag, vor der Strafkammer
eine Verteidigung zu fhren.

Ich ging das erstemal mit Eifer an, konferierte mit dem gefangenen
Klienten, suchte nach juristischen Finessen und nach Mitleid erregenden
Momenten, setzte eine wohlgeformte Rede auf und nahm mir vor, Pathos zu
entwickeln, bis ich merkte, da alles, was ich sagte, den fnf Herren oben
am langen Tisch wurscht und egal war.

Auch der Klient, der dem Verteidiger gerhrt die Hand drckt, blieb ein
schner Traum, und der einzige Mensch, auf den ich als forensischer Redner
Eindruck machte, war der alte trinkfeste Frster Schwab, den die
Freundschaft zu mir in den Gerichtssaal gefhrt hatte. Er fate die Sache
als groartigen Spa auf, denn fr ihn war ein Angeklagter ein Lump und
damit fertig. Er verzog seinen Mund zu einem breiten Lachen, zwickte die
Augen zu und sagte: "De hast amal sch ang'logen ... Herrschaftsaggera ...
wia's d'as no so daherbracht host ..."

Ich habe die fnf Herren noch fter anlgen mssen, aber der Eifer flaute
ab, und ich lernte verstehen, da Gewohnheit alle Feuer lscht.

Als Praktikant am Landgerichte mute ich den geheimen Beratungen, in denen
die Urteile gefllt wurden, beiwohnen. Es sollte dem jungen Manne einen
Begriff davon geben, wie man's mache. Ich sah noch einiges andere und
dachte darber nach.

Drauen im Saale sa ein Angeklagter, der angstvoll seinem Schicksale
entgegensah, denn mehr als einmal handelte es sich um Reputation und
Existenz. Es wre unnatrlich gewesen, wenn ein junger Mann sich nicht
strkeren Empfindungen hingegeben und Partei fr den armen Teufel genommen
htte. Ich wartete ungeduldig auf das erste Votum des jngsten Beisitzers
und hoffte, er mchte sich auf meine Seite schlagen. Das ging aber nicht
so rasch mit dem Beraten.

Die Herren hatten ber der Tragik des Falles nicht den Appetit verloren,
holten sich die Gaben der Hausfrauen aus den Taschen und aen erst einmal.
fters hrte ich mit gleichmtigen Worten auf Strafen erkennen, deren
Folgen ich mir vielleicht bertrieben vorstellte, und ich konnte auf die
scharfen wie auf die pomadigen Richter einen starken Groll werfen.

Um so mehr begeisterten mich andere, die bei gerechtem Abwgen immer noch
Gte zeigten, und wenn sie gar dem Vorsitzenden mit hflicher Bestimmtheit
entgegentraten, war ich gerne bereit, sie zu bewundern. In solchen Dingen
sah der grne Praktikant scharf genug, und er machte sich Begriffe, die
von ihm nicht verlangt wurden.

Wenn ich der Wahrheit streng die Ehre gebe, mu ich sagen, da ich nie
bswillige Hrte sah, wohl aber Engherzigkeit und Mangel an Verstndnis
fr die Motive strafbarer Handlungen.

Leidenschaften, denen eine Tat entsprungen war, wurde man selten gerecht,
und oft sah man abschreckende Roheit, wo sich ein starkes Temperament
hatte hinreien lassen. Gefhrlich waren erzieherische Gesichtspunkte;
denn durch Strenge gegen den einzelnen bessernd auf die Allgemeinheit
wirken zu wollen, fhrt von gerechten Maen ab.

Befremdend und manchmal komisch war es, wie wenig ein verbeinter Jurist
von dem Volke wute, in dessen Mitte er lebte. Sitten, Gebruche und
Mibruche, die Art zu denken und zu reden, das alles konnte grblich
miverstanden werden, und es kam vor, da der Praktikant im
Beratungszimmer, durch Ruspern die Aufmerksamkeit auf sich lenkend,
Auskunft ber dies und das erteilen durfte.

Natrlich gab man ihm zu verstehen, da die andere Ansicht auch richtig,
ja, wenn man logisches Denken beim kleinen Volke voraussetzen knnte,
allein richtig wre.

Von ungewhnlicher und berragender Begabung war unter den Herren
eigentlich nur einer, der Erste Staatsanwalt v. A.

Der schweigsame, in sich gekehrte Junggeselle konnte aber zuweilen
bedenklich ber die Schnur hauen, wenn er alle Quartale - hier und da
fter - sich einen gewaltigen Haarbeutel anschnallte.

Er wurde grlend in einer Wirtschaft sitzend von den Brgern angestaunt,
ja einmal hantelte er sich am hellen Morgen an der eisernen Barriere
entlang, die um die Hauptkirche angebracht war. Ein anderes Mal retteten
ihn ein Bierbrauer und ich vor dem Angriffe, den hitzige Bauernburschen
auf ihn unternahmen. Kurz vorher waren Leute aus dem Dorfe, wo der Herr
Staatsanwalt zechte, zu empfindlichen Strafen verurteilt worden, und da
schien den Krakeelern, die auch nicht mehr nchtern waren, eine gnstige
Gelegenheit zur Rache gegeben. Er sprach nie darber, aber eines Tages lud
er mich ein, ihm einige Arbeiten vorzulegen, ber die er sich dann auf
Spaziergngen eingehend mit mir unterhielt.

Das war sein Dank fr meine Hilfe an jenem unangenehmen Abend.

Nach der landgerichtlichen Praxis trat ich beim Bezirksamte ein.

Obwohl oder vielleicht weil ich einiges von den Wnschen und Bedrfnissen
der Landbevlkerung kannte, blieben mir Zweck und Nutzen der
Verwaltungsttigkeit ein Rtsel.

Da sa in Traunstein ein Herr, ohne dessen Genehmigung kein Anbau an einen
Schweinestall, kein Neubau einer Waschkche erfolgen durfte, der die
Gemeindeverwaltung berwachte und die Schulen berwachte, der berall
dreinzureden und zu befehlen hatte, meist in Dinge, von denen er
sicherlich weniger verstand als die Interessenten, und ber die er immer
Sachverstndige das eigentliche Urteil abgeben lassen mute.

Er war recht eigentlich der Reprsentant einer anfechtbaren staatlichen
Bevormundung.

Whrend meiner Praxis erlebte ich einen mich persnlich schmerzenden
Beweis von der Schdlichkeit des Systems, das einem Juristen die letzte
Entscheidung berwies, wo nur sehr geschulte Fachleute htten zum Worte
kommen drfen.

Eine sehr populre Forderung ging seit Jahren auf die Tieferlegung des
Chiemsees.

Das Populre ist nicht immer das Kluge oder das Ntzliche. Am Sdufer des
Sees sahen die Bauern einen groen Gewinn in der Trockenlegung ihrer
Streuwiesen; Landtagskandidaten hatten ihre Gunst mit Versprechungen
erworben, viel Papier war verschrieben worden, Projekte lagen vor, aber
der alte Bezirksamtmann ging nicht mehr an das schwierige Werk heran.

Der neue sah darin die Gelegenheit, sich hervorzutun; er betrieb die Sache
mit Eifer, und der Chiemsee wurde tiefer gelegt.

Auf Jahre hinaus waren die Inseln und die Nordufer verunstaltet; lange
Sandbnke, Schilffelder zerstrten das schne Bild, und eine rechte
Fliegenplage kam dazu.

Die erhofften Vorteile blieben groenteils aus, die Nachteile bertrafen
die Erwartungen.

Freilich htten sich die Anwohner strker gegen den Plan auflehnen mssen,
aber auch an der Teilnahmlosigkeit war das System schuld.

Wer unter Vormundschaft gehalten wird, bleibt unmndig.

Ich brachte der Verwaltung weder Verstndnis noch Neigung entgegen; nur
einmal erwarb ich mir Anerkennung, als ich die eben in Kraft tretende
Alters- und Invalidittsversicherung im Amtsblatte in gemeinverstndlicher
Sprache erluterte.

Die treuherzigsten Stellen strich mir der Assessor, aber das Ganze klang
immer noch unjuristisch genug, um Aufsehen zu erregen. Mit mir war ein
Freiherr von G. als Praktikant eingetreten, dem ich zu viele Bren
aufband, als da ich ihn fr sehr klug htte halten knnen.

Aber er besa eine hereditre Anpassungsfhigkeit an das seltsame Geschft
im Bezirksamte.

Die Kunst, Akten zu erledigen und den Schein einer umfassenden Ttigkeit
fr sich und das Amt zu erregen, hatte er sofort heraus.

Jeder Antrag wurde _brevi manu_ an den Brgermeister, den
Distriktstechniker, die Gendarmerie usw. geschickt zur nheren
Berichterstattung, oder ergebenst an Behrden mit dem Ersuchen um
Auskunft. Wenn sie zurckkamen mit den eingeforderten oder erbetenen
Berichten, fand sich gleich wieder ein Hkchen, ber das erneute Auskunft
verlangt werden konnte. So waren die Akten immer auf der Reise, und immer
schien was zu geschehen, und nie geschah was.

Herr v. G. betrieb das Rotierungssystem so eifrig und auffllig, da ihm
der Chef sein Erstaunen ber diese Geschftsgewandtheit mit
schmeichelhaften Worten ausdrckte.

Zu den Bren, die ich dem gutmtigen Baron aufband, gehrte auch die
Geschichte von unserm wackern Gendarmeriewachtmeister in Traunstein, einem
fidelen Rheinpflzer, mit dem wir Rechtspraktikanten gerne zusammensaen.

Herr v. G. hatte wenig Verstndnis fr diesen Verkehr und sprach mich
daraufhin an.

Ich erzhlte ihm, da der Wachtmeister ein hochgebildeter Mann sei, der
sechs Sprachen, darunter alle slawischen, beherrschte; er habe ein groes
Vermgen verloren und sei zur Gendarmerie gegangen, um sein Leben fristen
zu knnen.

Der Roman machte Eindruck.

Eines Tages wurde ein bhmischer Landstreicher eingeliefert, der kein Wort
Deutsch verstand, und unser Assessor, der Amtsanwalt war, uerte sich
verdrielich ber die Schwierigkeit, einen Dolmetscher aufzutreiben.

Da konnte Herr v. G. wieder einmal hilfreich einspringen, und er meldete,
da der Wachtmeister alle slawischen Sprachen beherrsche.

Der Assessor war freudig berrascht und wollte unsern Pflzer Krischer
vors Amtsgericht laden; hinterher kam ihm die Sache verdchtig vor; er
schickte nach dem Wachtmeister, der dem Schwindel gleich ein Ende machte.

"Das hawwe mer wieder die Praktikante eingebrockt", sagte er. "Das
G'sindel kann doch kein Ruh gewwe ..."

Herr v. G. wurde von da ab vorsichtiger gegen meine Erzhlungen.



Was werden?

Gewhnlich entschied sich darber der Rechtspraktikant erst nach dem
Staatskonkurse und der Bekanntgabe der Note, die den Pegelstrich seiner
Fhigkeiten und Aussichten bildete.

Einem Zweier stand alles offen, einem Dreier war beinahe alles
verschlossen.

Sogar die Post und Eisenbahn kaprizierte sich auf intelligente Juristen;
beim Notariat, beim Auditoriat, bei der Intendantur, von Justiz und
Verwaltung nicht zu reden, berall begehrte man die Marke "zwei".

In vergangenen Zeiten brannte man Galeerenstrflingen ein entehrendes
Zeichen auf die Schultern; sie trugen nicht schwerer daran, als geprfte
Juristen an einem Dreier.

Ich brauchte nicht erst das Ergebnis des letzten Examens abzuwarten, um zu
wissen, da ich weder Richter noch Verwaltungsbeamter werden mochte.

In beiden Berufen sah ich Beschrnkungen der persnlichen Freiheit, gegen
die ich mich auflehnte; die Vorstellung, da ich mir den Aufenthaltsort
nicht selbst sollte whlen knnen, htte allein gengt, mich
abzuschrecken.

Und dies und das im Leben der Richter und Beamten, das ich tglich
beobachten konnte, sagte mir nicht zu; es schien sich doch in einem engen
Kreise zu drehen, von einer Befrderung und Versetzung zur andern, und
alles Interesse, das sich ber den Beruf hinaus erstreckte, starb von
selber ab.

Ich floh, wenn ich irgend konnte, die Gesellschaft der Juristen.

Jede Unterhaltung mit Brgern, Handwerksgesellen oder Bauern war
unvergleichlich anregender als ein Gesprch mit trefflichen Rten. Wie
Schler von ihren Aufgaben unterhielten sich die Herren von ihren Fllen,
die lteren mit Genugtuung, weil sie _noch_, die jngeren, weil sie
_schon_ so klug waren.

Die Medisance, die auch in diesem Kreise blhte, bestand immer darin, da
einem Abwesenden nachgesagt wurde, er habe oberstrichterliche
Entscheidungen nicht gekannt oder falsch verstanden.

Nachmittags gegen fnf verlie der Staatshmorrhoidarius die Kanzlei,
schlo sich einem Gleichgesinnten an und spazierte auf dem Brgersteige
auf und ab, Flle erwgend, Stze abrundend, Deduktionen zum logischen
Ende fhrend.

Eine Karawane von Paragraphenkennern pilgerte so zum Bahnhofe, grte
sich, verlsterte sich, sagte sich Unkenntnis einer Bestimmung und
Verkalkung nach und wartete auf den groen Schnellzug Paris-Wien, der hier
eine halbe Minute lang hielt.

Man sah verchtlich auf die fremdartigen Menschen, die keine Ahnung von
Einfhrungs- und Ausfhrungsgesetzen hatten, und die Fremden sahen
verchtlich auf die Havelocks und abgelatschten Schuhe der
Schriftgelehrten.

Man stie sich gegenseitig ab, bis der Zug weiterfuhr.

Die Fremden zogen gen Wien, die Rte gen ein Bruhaus, wo neue Gedanken
ber alte Entscheidungen aufblitzten.

Ich wute, da ich dieses Leben nicht fhren wrde, und so malte ich mir
meine Zukunft als Rechtsanwalt aus, bescheiden, mit gemtlichem Einschlag.

Eine auskmmliche Praxis in Traunstein, die mir Mue lie zu kleinen
schriftstellerischen Versuchen, denn an die dachte ich damals schon.

Wenn ich mit meiner Mutter ber kommende Zeiten sprach, berlegten wir
uns, wo ich etwa einmieten und wieviel Zimmer ich brauchen wrde, denn es
galt mir als ausgemacht, da sie dann die Wirtschaft aufgeben und zu mir
ziehen sollte.

Der Kupferstecher Professor Hecht aus Wien, der in der "Post" ein paar
Sommermonate wohnte, lchelte zu meinen Plnen und sagte: "Sie werden sich
nicht als Advokat in das kleine Nest verkriechen! Sie gehren in die Welt
hinaus, und ich wei gewi, da Sie in Mnchen als Schriftsteller oder
Leiter einer Zeitung einen Namen haben werden."

Ich hrte die Prophezeiung gerne, wenn ich auch nicht zuversichtlich daran
glaubte.

Ein anderer stndiger Gast in der "Post" und Freund der Familie, Assessor
F., mute wohl eine hnliche Meinung haben, denn er redete mir zu, das
letzte Jahr meiner Praktikantenzeit in der Hauptstadt zu verbringen, und
gab mir die Mittel dazu.

Ich glaube nicht, da irgendein Ereignis so bestimmenden Einflu auf mein
Leben gewonnen hat wie die bersiedlung nach Mnchen; ich fand dort
Anschlu an Mnner, die mich zur Schriftstellerei ermunterten, und vor
allem, ich fand selber den Mut, zu wollen, und verlor den Geschmack daran,
mich unter die Decke eines behaglichen Philisterlebens zu verschliefen.

Ein anderes Ereignis mit seinen Folgen trug auch etwas dazu bei.

Mein zweiter Bruder war nach zehnjhriger Abwesenheit aus Australien
zurckgekehrt; er war als junger Kaufmann hinbergegangen, mute sich aber
spter als Matrose, Fischer und Jger durchschlagen.

Um ihn daheim zu halten, erwarb meine Mutter das Postanwesen in Seebruck
am Chiemsee und zog selber mit meinen zwei jngeren Schwestern dorthin.

Ich war viel bei ihnen drauen und verlor etwas den Zusammenhang mit
Traunstein.

Das Seebrucker Anwesen war vom Vorbesitzer vernachlssigt worden; es gab
Sorgen genug, die mich deshalb bedrckten, weil ich mir die alten Tage
meiner Mutter ruhevoller und heiterer gedacht hatte.

Darber verblaten die Bilder eigener Behaglichkeit, die vielleicht am
Ende, nicht aber am Anfange eines ttigen Lebens ihren Platz finden
durften.

Ich dachte ernsthafter ans Vorwrtskommen und ergriff dankbar die
Gelegenheit dazu, die mir Assessor F. bot, der damals Junggeselle war und,
wie ich sagte, mich vorm Versauern in den kleinen Verhltnissen bewahren
wollte.

Klein und eng war es in Traunstein und von einer Gemtlichkeit, die einen
jungen Mann verleiten konnte, hier sein Genge zu finden und auf Kmpfe zu
verzichten. Es ist altbayrische Art, sich im Winkel wohl zu fhlen, und
aus Freude an bescheidener Geselligkeit hat schon mancher, um den es schad
war, Resignation geschpft.

In dem Landstdtchen schien es sich vornehmlich um Essen und Trinken zu
handeln, und alle Ttigkeit war auf diesen Teil der Produktion und des
Handels gerichtet. Am Hauptplatz stand ein Wirtshaus neben dem andern,
Brauerei neben Brauerei, und wenn man von der Weinleite herabsah, wie es
aus mchtigen Schloten qualmte, wute man, da blo Bier gesotten wurde.

Durch die Gassen zog vielversprechend der Geruch von gedrrtem Malz, aus
mchtigen Toren rollten leere Bierbanzen, und am Quieken der Schweine
erfreute sich der Spaziergnger in Erwartung solider Gensse.

Der Holzreichtum der Umgegend hatte schon vor Jahrhunderten die Anlage
einer groen Saline, wohin die Sole von Reichenhall aus geleitet wurde,
veranlat.

Sie frderte das Emporblhen der Stadt, die auch jetzt im Wohlstand
gedieh. Als Sitz vieler Behrden, sehr gnstig zwischen Gebirg und
fruchtbarem Hgellande gelegen, bildete sie den Mittelpunkt einer
volkreichen Gegend.

Zur allwchentlichen Schranne und zu den Mrkten strmten die Bauern
herein, und dazu herrschte ein starker Verkehr von Musterreisenden, die
von hier aus die Chiemgauer Orte besuchten.

Ein anheimelndes Bild der alten Zeit boten die zahlreichen Omnibusse, die
von blasenden Postillonen durch die Stadt gelenkt wurden, denn damals
waren die Kleinbahnen nach Trostberg, Tittmoning, Ruhpolding noch nicht
gebaut.

Hier sa nun ein besitz- und genufrohes Brgertum, das sich den Grundsatz
vom Leben und Lebenlassen angeeignet hatte. Genauigkeit und ngstliches
Sparen erfreuten sich keines Ansehens, und war man stolz auf den Wohlstand
eines Mitbrgers, so verlangte man auch, da er nicht kleinlich war.

Rentamtmann Peetz, der Chronist Traunsteins, erzhlt eine Geschichte, die
fr altbayrische Lebensauffassung bezeichnend ist.

In den siebziger Jahren spielten zwei gutsituierte Brger, der
Mittermller und der Untermller, regelmig Tarock mit einem jungen
Advokaten. Sie fhlten sich verpflichtet, fr den Mann ein briges zu tun,
und fingen in Frieden und Eintracht miteinander einen Proze ber
Wasserrechte an.

Die Geschichte htte sich auch spter genau so zutragen knnen, denn die
Lust, etwas springen zu lassen, und die gewisse unbekmmerte Art lagen in
der Rasse begrndet.

Zum Oktoberfestschieen meldete sich beim Hllbru alljhrlich ein
Traunsteiner Brger, denn da es Brauch war, da ein Leibjger fr den
Knig etliche Schsse abgab, machte es sich gut, wenn auch der Hllbru
einen Vertreter dort hatte.

Wenn dieser, der Eigentmer der grten Brauerei, zum "Bierletzt", das ist
zum letzten Sommerbier, in ein Dorf fuhr, wo er einen Kunden hatte, mute
ich fter mithalten. Es wurden riesige Platten, angehuft mit Gans- und
Entenvierteln, Hhnern, Schweinernem und Geruchertem aufgetragen, und die
Honoratioren des Ortes, Pfarrer, Lehrer und Gendarm, waren eingeladen.

Der Hllbru hatte weder zu bestellen noch nachzurechnen, wenn am Schlusse
der Betrag von ein paar hundert Mark verlangt wurde. Gewhnlich hingen
etliche Pfennig daran, damit es nach Gewissenhaftigkeit aussah.

In kleineren Maen hielt es jeder so, da er im angenehmen Wechsel von
Geben und Nehmen der Kundschaft Gelegenheit bot, ihn zu schrpfen.

Mit den Beamten hatte man sich in frheren Jahren besser verstanden;
nunmehr schlossen sich die Herren Juristen ab, und die Brger erwiderten
die Zurckhaltung mit herzlicher Abneigung gegen die Hungerleider.

So hie der knigliche Beamte. Fr die pensionierten Offiziere, an denen
kein Mangel war, hatte man den Namen Schwammerlbrocker erfunden.

In ihren politischen Meinungen unterschieden sich die Traunsteiner nicht
von den brigen Oberbayern. Tiefe Abneigung gegen alles Leidenschaftliche
in diesen Dingen vereinigte sich mit dem blichen Mae von Wurstigkeit und
Partikularismus, und das ergab bei Wahlen eine sichere ultramontane
Mehrheit.

Daneben konnte sich der mit Beamten, Pensionisten und etlichen Rentnern
eingewanderte Liberalismus nicht sehen lassen.

Er gab nur einige Lebenszeichen von sich, und man verzichtete schmerzlich
lchelnd im vorhinein auf jeden Erfolg, agitierte nicht und stellte
Kandidaten auf, denen die bescheidenste Rolle in der ffentlichkeit Ersatz
fr den Durchfall bot.

Mehr Lrm erregte der damals neu auftauchende Waldbauernbund, der sich
bald darauf mit dem niederbayrischen Bauernbund in den Zielen
zusammenfand. Professor Kleitner, Eisenberger, der Hutzenauer Bauer von
Ruhpolding und ein kleiner Geschftsmann, der Melber Jehl von Traunstein,
waren die Fhrer der gleich mit grobgenagelten Schuhen auftretenden
Partei.

Durch sie wurde das politische Phlegma etwas aufgerttelt.

An Respektlosigkeiten, Kraftsprchen und Widerhaarigkeiten hatte man doch
seine landsmnnische Freude.

Von einem Schreinermeister, einem braven Familienvater und fleiigen
Handwerker, wurde mit einer gewissen Scheu erzhlt, er sei Sozialdemokrat,
der einzige in der Stadt, die Knig Ludwig I. als treu gesinnt vor allen
andern belobt hatte, weil eine Traunsteiner Deputation zu ihm nach seiner
Abdankung gekommen war.

An Knig Max bewahrte man freundliche Erinnerungen.

Nach dem groen Brande im Jahre 1851 war er in die Stadt gekommen und
hatte den Unglcklichen Trost zugesprochen.

In den neunziger Jahren, als man allerorts nach Motiven fr Feste suchte,
kam ein Plne ersinnender Mann auf die Idee, dem gtigen Landesherrn ein
Denkmal zu errichten.

Das Denkmal fiel sehr klein aus, das Einweihungsfest sehr gro.

In der Zeit des allgemeinen Aufschwungs gab es natrlich Leute, die den
Fremdenverkehr auf alle mgliche Weise heben wollten.

Er hielt sich jedoch in migen Grenzen, obwohl man Reunions
veranstaltete, bei denen wir Rechtspraktikanten das Ballkomitee bilden
muten.

Wenn es herbstelte, versank die Stadt wieder in stillen Frieden, in dem es
nichts Fremdes und Neuzeitliches gab, und von dem umfangen man zwischen
Tarockrennen und Kegelschieben vergessen konnte, da ihm der Kampf
vorangehen msse.

Im Februar 1893 trat ich beim Stadtmagistrat in Mnchen, zwei Monate
spter bei Rechtsanwalt Lwenfeld als Praktikant ein.

Da waren also nun die greren Verhltnisse, die ich kennenlernen sollte,
allein bei Amt und Gericht merkte ich wenig davon.

Der Fabrikbetrieb im Labyrinth des Augustinerstockes, wo die Gerichte
untergebracht waren, verwirrte mich wohl anfangs, allein ich merkte bald,
da die Herren auch mit Wasser kochten, und die erste Zeugenvernehmung,
die ein buchgelehrter Konkurseinser in meinem Beisein vornahm, erregte in
mir den Verdacht, da es jeder Dreier besser gemacht htte.

Der Verdacht hat sich spterhin gefestigt und ist zur sicheren berzeugung
geworden.

Vielbeschftigte und berhmte Anwlte gab es zu bewundern, darunter
manchen, dessen Gewandtheit und Wissen exemplarisch waren.

Unter den Verteidigern ragten Wimmer und Angstwurm hervor und wurden in
Aufsehen erregenden Prozessen viel genannt.

Der beste forensische Redner, den ich kennengelernt habe, war der joviale
Justizrat _Wimmer_, dem die glcklichste Mischung von Sachlichkeit und
Pathos eigen war.

Ein ganz liges Pathos hatte _Angstwurm_, der einen Komdianten und einen
Pfarrer htte lehren knnen, ein Mann, der in Bildern schwelgte, bis ein
anderer kam, der ihn darin weit bertraf.

Gerade damals ging der Stern des _Mmer Franzl_ auf, des Vaters der
Gerichtshofblten.

Unzhlig sind die gewagten Vergleiche, Bilder und Parabeln, die von ihm
erzhlt werden, aber die Art, wie er sie mit feierlichem Ernste,
losbrechender Heftigkeit und wieder mit dumpfer Resignation vorbrachte,
machte sie erst zu den Ereignissen, von denen sich die Herren Kollegen
vormittagelang unterhielten.

Am Stammtisch im "Herzl", wo ich einen Kreis alter und neuer Freunde
gefunden hatte, verkehrte der Vertreter der "Augsburger Abendzeitung"
_Joseph Ritter_.

Er fand Gefallen an meiner Art, ber allerhand Dinge zu urteilen, und
forderte mich auf, ganz so wie ich redete, auch einmal zu schreiben und es
ihm fr seine Zeitung zu geben.

Ich versuchte mich in Plaudereien ber Zustnde, die ich kannte, und die
Artikel erschienen zu meiner groen Genugtuung in der "Abendzeitung". Der
Redaktion sagten sie zu, und damit war eine Verbindung hergestellt, die
fr mich wichtig wurde.

In Freundeskreisen machten zuweilen Gedichte von mir die Runde, die,
meistens im Dialekt, bald derb, bald hanebchen lustig waren, und von
denen mir das eine und andere nach langen Jahren wieder unterkam, wenn es
jemand vortrug.

So waren sie ungedruckt erhalten geblieben, und ihren Vater kannte nur
ich, der ich schweigend zuhrte.

Die literarische Bewegung, die damals in Deutschland einsetzte, erregte
mein lebhaftes Interesse.

Von Hauptmann hatte ich "Vor Sonnenaufgang" und "Einsame Menschen"
gelesen, von Sudermann "Die Ehre" gesehen. "Vor Sonnenaufgang" packte mich
stark, gegen "Die Ehre" lehnte ich mich auf; und ich erregte Widerspruch,
wenn ich etwas schroff erklrte, der Graf Trast sei eine ausgestopfte
Marlittfigur; die hausbackenen Halbwahrheiten, die er deklamiere, seien
unertrglicher als ganze Dummheiten.

Den strksten Eindruck machte Fontanes "Jenny Treibel" auf mich; in dieser
abgeklrten, lchelnden Schilderung sah ich, was Goethe als das
Reizvollste und Wichtigste hervorhebt, die Persnlichkeit, und zwar eine
recht berlegene und sympathische zugleich. "Jenny Treibel" ist mir ein
Lieblingsbuch geblieben, auch deswegen, weil es mich zuerst und auf die
angenehmste Art lehrte, wie nur eine souverne Darstellung wirklichen
Lebens wertvoll sei, und wie langweilig und gleichgltig sich daneben
Stimmungen und Gefhle ausnehmen.

Je weiter wir uns von jener Zeit entfernen, und je mehr und Greres sich
zwischen sie und uns stellt, desto klarer sehen wir, da in der scheinbar
so leicht hingeworfenen Schilderung mehr Kulturgeschichte steckt als in
gelehrten Werken.

Darum werden solche Bcher fr spter Lebende noch erhhten Wert haben,
wenn man lngst nichts mehr wei und wissen will von den tiefen Gedanken
und Schmerzen eines stheten.

Von Berlin her klangen damals Namen, die einen aufhorchen machten.

Neben den Eroberern der Bhne, Hauptmann und Sudermann, neben Liliencron
die Dehmel, Hartleben, Schlaf, Holz; und von der freien Bhne las man von
Schlenther und Brahm.

M. G. Conrad, dem es nie am Brustton fehlte, war in seiner "Gesellschaft"
bemht, in Mnchen die Schlfer zu wecken.

Es war damals sehr viel die Rede vom Naturalismus und Realismus im
Gegensatze zum Idealismus, der dahinsiechte.

Auch an Stammtischen sprach man darber und uerte Gram ber das
"Aufsuchen des Schmutzes", wie ber das Schwinden idealer Anschauungen,
und da im "Herzl" etliche Maler einkehrten, setzte man Seufzer ber den
Impressionismus drauf.

Ich trat keck fr das Neue ein, und wenn der Streit lichterloh brannte,
war ich sehr unzweideutig und lie Worte fahren, die Staunen und Unbehagen
erregten.

Das Bemerkenswerteste an den Diskussionen war das Interesse, das man in
Mnchen auch in Kreisen fand, die sich anderswo sicherlich nicht um
knstlerische Streitfragen kmmerten.

Im Dezember begann die letzte Prfung, die ich abzulegen hatte, der
gefrchtete Staatskonkurs.

Ich eilte jeden Morgen, noch bevor es hell wurde, in die Schrannenhalle,
half andern und lie mir helfen, schrieb Kommentarstellen ab und fand, da
auch diesmal das Wetter nicht so schlecht war, wie es von weitem
ausgesehen hatte.

Ich habe mich damals zum ersten, aber auch zum letzten Male ber
Rechtslagen mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit verbreitet, wenn ich
in der Mittagspause das Prfungslokal verlie.

Die Aufsicht wurde milde gehandhabt; man konnte sich fast ungestrt
unterhalten, sich Mitteilungen zukommen lassen, ja, wenn es die Zeit
erlaubte, auch einmal die Arbeiten zum Vergleiche zuschieben.

Unvergelich bleibt mir ein phlegmatischer Kollege, der mit einem
stumpfsinnigen Lcheln unserm Eifer zusah und selber kaum etliche Worte
hinmalte. Ich bot ihm mitleidig einen Bogen an, den ich schon hastig
vollgeschrieben hatte. Er schob ihn mir zurck und sagte: "Ds hilft mir
aa nix." Ich verstand seine Resignation, als ich erfuhr, da er der
einzige Sohn eines reichen Mnchner Hausherrn wre und keinen Wert auf
eine glnzende Laufbahn legte.

Nach etlichen Wochen war die Prfung beendet, und ich fuhr heim.

Mit tiefem Schmerze mute ich sehen, wie meine Mutter, die seit dem Sommer
krnkelte, in ihren verfallenen Zgen die Spuren eines nahen Endes zeigte.

Ich blieb in Seebruck, und es folgten bittere Monate, in denen ich mir
Gewalt antun mute, um eine Zuversicht zur Schau zu tragen, die ich
aufgegeben hatte.

Im darauffolgenden Juni ging ich hinter dem Sarge meiner Mutter her.

Lange Zeit klang mir ihre mde Stimme in den Ohren, mit der sie mich
fragte, was der Arzt nach dem Besuche gesagt habe, lange Zeit sah ich ihr
Lcheln, mit dem sie meinen trstenden Bericht anhrte, und eigentlich bin
ich heute noch nicht darber weggekommen, da sie sterben mute, bevor sie
irgendeinen Erfolg gesehen hatte.

In ihren letzten Tagen konnte ich ihr noch eine Zuschrift der "Augsburger
Zeitung" und einige Artikel vorlesen, und sie legte ihre abgemagerte Hand
in die meine. "Es wird alles recht werden", sagte sie und nickte mir
freundlich zu.

Ich kehrte nach Mnchen zurck, wo ich eine Konzipientenstelle bei einem
Rechtsanwalt angenommen hatte.

Zweifel ber das, was ich nun eigentlich tun sollte, drckten mich schwer;
unselbstndig bleiben, hie Zeit verlieren, in der Hauptstadt eine Praxis
erffnen, war aussichtslos, und mir fehlten zum Abwarten alle Mittel; in
Traunstein anzufangen, sagte mir auch nicht zu. So dachte ich bald an
dies, bald an jenes, kam zu keinem Entschlusse und fhlte mich
unglcklich.

An einem Augustabende fuhr ich mit einem Freunde nach Dachau, um von da
weiter nach Schwabhausen zu gehen.

Wie wir den Berg hinaufkamen und der Marktplatz mit seinen Giebelhusern
recht feierabendlich vor mir lag, berkam mich eine starke Sehnsucht, in
dieser Stille zu leben.

Und das Gefhl verstrkte sich, als ich andern Tags auf der Rckkehr
wieder durch den Ort kam.

Ich besann mich nicht lange und kam um die Zulassung in Dachau ein.

Alte Herren und besorgte Freunde rieten mir ab, allein ich folgte dem
pltzlichen Einfalle, und ich hatte es nicht zu bereuen.

Mit nicht ganz hundert Mark im Vermgen zog ich zwei Monate spter im
Hause eines Dachauer Schneidermeisters ein und war fr den Ort und die
Umgebung das sonderbare Exemplar des ersten ansssigen Advokaten.

Als ich beim Vorstande des Amtsgerichtes meinen Besuch machte, strich der
alte Herr seinen langen, grauen Schnauzbart und sagte brummig: "So? Sie
san der?"

Er versprach sich offenbar weder Nutzen noch Annehmlichkeit von der neuen
Erscheinung, und als echter Oberpflzer hielt er mit seiner Meinung nicht
hinterm Berge.

Wir haben uns spter gut vertragen und verstanden.

  [Illustration: Thoma als Anwalt in Dachau]

In den ersten Tagen wartete ich mit Beklemmung auf Klienten. Auf den
Schrannentag hatte ich meine Hoffnungen gesetzt, und es kam auch ein
stattlicher, wohlgenhrter Bauer in die Kanzlei, setzte sich auf mein
Ersuchen und erzhlte irgendwas von einem alten Kirchenweg.

Als ich zur Feder griff, legte er seine Hand auf meinen Arm und sagte:
"Net schreib'n! Na ... na ... net schreib'n!"

Ich verstand, da er blo gekommen war, um den neuen Advokaten kostenlos
anzuschauen; nach seiner Meinung war die Sache erst brenzlig, wenn was
geschrieben wurde.

Er ging und versprach wiederzukommen.

Die Tage schwanden, die Mittel auch, und ich wurde ngstlich.

Noch dazu hatte ich Schulden gemacht, als der Vertreter einer Buchhandlung
zu mir gekommen war und mich bestimmt hatte, eine Bibliothek anzulegen.

Als ich schon recht verzagt wurde, kam ein Lehrer aus der Pfaffenhofener
Gegend und bertrug mir seine Verteidigung in einem Beleidigungsprozesse,
den ihm Brgermeister und Bezirksamtmann aufgehngt hatten.

Ich erfuhr bald, warum der Mann aus einem andern Bezirke just mich
ausgesucht hatte; in der Bahn war ihm von dem Reisenden der Buchhandlung
der junge Dachauer Anwalt so gerhmt worden, da er seine Fahrt nach
Mnchen unterbrach und in Dachau ausstieg.

Von nun an ging's, wenn auch nicht ber alle Maen gut, doch ordentlich
und so, da ich nach einer Weile die alte Viktor einladen konnte, mir den
Haushalt zu fhren. Sie kam mit Freuden, und wenn's auch nicht beim
Oberfrster in der Vorder-Ri war, so war es doch im ersten selbstndigen
Hauswesen des Herrn Anwalts, den sie als Kind auf dem Arm getragen hatte.

Als "d' Frau Mutter" geno sie Ansehen und Vertrauen bei allen
Bauernweibern, die ein Anliegen zu mir fhrte und die nach der Aussprache
mit mir erst noch die richtige und ausgiebige mit ihr in der Kche
abhielten.

Und jede brachte, wie es damals schner Brauch war, etwas im Korbe mit,
einen Gockel oder eine fette Ente oder, in Bltter eingeschlagen, frische
Butter.

Ihre alte Tugend, ttigen Anteil am Leben zu nehmen, hatte Viktor nicht
abgelegt, und sie kmmerte sich um Gang und Stand der Prozesse, besonders,
wenn es eine ihrer Schutzbefohlenen recht dringlich gemacht hatte.

Eine besondere Freude war es ihr, wenn sie Klagen oder Erwiderungen
abschreiben durfte.

Dann sa die Alte stundenlang an ihrem Schreibtische, ganz eingenommen von
der Wichtigkeit ihrer Aufgabe und ihrem Anteile an meinen Erfolgen.

War ich bei Gericht und kam in meiner Abwesenheit ein Klient, so brauchte
er nicht ohne Bescheid wegzugehen, denn Viktor nahm ihn ins Gebet, lie
sich seine Schmerzen vortragen und flte ihm das Vertrauen ein, da er an
die rechte Schmiede gekommen sei. Wenn's irgend zu machen wre, dann wrde
es der Herr Doktor machen, und meine Dachauer faten schon gleich
Zuversicht, weil "d' Frau Mutter" sie so gut angehrt hatte.

Es war eine stille, liebe Zeit, ganz so, wie ich sie mir vorgestellt hatte
an jenem ersten Abend, als ich die gepflasterte Gasse hinuntergegangen war
an den Brgern vorbei, die ausruhend vor den Haustren saen.

Hinter Dachau, dem das groe Moos vorgelegen ist, dehnt sich ein welliges
Hgelland von groer Fruchtbarkeit aus, in dem Dorf an Dorf bald zwischen
Hhen, bald hinter Wldern versteckt liegt.

Hier lebt ein tchtiges Volk, das sich Rasse und Eigenart fast unberhrt
erhalten hat, und ich lernte verstehen, wie sein ganzes Denken und
Handeln, wie alle seine Vorzge begrndet liegen in der Liebe zur Arbeit
und in ihrer Wertschtzung.

Arbeit gibt ihrem Leben ausschlielich Inhalt, weiht ihre Gebruche und
Sitten, bestimmt einzig ihre Anschauungen ber Menschen und Dinge.

Es liegt eine so tiefe, gesunde, verstndige Sittlichkeit in dieser
Lebensfhrung eines ganzen zahlreichen Standes, in dieser Auffassung von
Recht und Unrecht, von Pflicht und Ehre, da mir daneben die hhere Moral
der Gebildeten recht verwaschen vorkam.

In dem, was Leute, die Redensarten und Empfindelei schtzen, als Rauheit,
Derbheit, als Mangel an Kultur und Feinnervigkeit, als Urzustndliches
betrachten wollten, trat mir ungeschriebene Gesetzmigkeit eines
tchtigen Sinnes entgegen. So, wie das Bauernvolk natrliches Geschehen
hinnimmt, wie ruhig es sich ber Krankheit und Sterben wegsetzt, wie es
nur die Ntzlichkeit des Daseins schtzt, zeigt es wahre Gre.

Und Klugheit darin, da ihm nie Worte fr Begriffe gelten.

Derb zugreifende altbayrische Lebensfreude, aufgeweckter Sinn,
schlagfertiger Witz und eine Flle von Talenten vervollstndigen das Bild.

Im Verstehenlernen fate ich Lust, dieses Leben zu schildern.

Auf einer Fahrt nach Mnchen kam mir ganz pltzlich der Gedanke, es liee
sich am Ende versuchen, etwas ber die Bauern zu schreiben.

Daraus entstanden die Erzhlungen, die zuerst im "Sammler", spter in
einem Buche unter dem Titel "Agricola" erschienen sind. Im Kreise der
Dachauer Freunde fanden sie beifllige Aufnahme, aber der Ton war nicht
auf Enthusiasmus gestimmt, den sie am Ende auch nicht erregen muten. Eher
machte sich im "Stellwagen" - so nannte sich unsere Gesellschaft, die sich
allabendlich beim Zieglerbru versammelte - sachliche Kritik geltend, denn
jeder der Beamten kannte doch die Bauern oder wollte sie kennen. Natrlich
waren die Herren vom Bezirksamt geneigt, mich zurechtzuweisen, wenn ich
ihren widerspenstigen Untertanen im lebhaften Wortwechsel zuviel Ehre
erwies.

So konnte nur der Laie urteilen, der keine Ahnung davon hatte, wie viele
Hindernisse der Bauer einer wohlmeinenden Erziehung entgegenstellte, wie
bockbeinig und hintersinnig er war, wie mitrauisch gegen die wohlwollende
Regierung.

Der Bezirksamtmann war Brokrat, wie aus den "Fliegenden Blttern" von
1850 herausgeschnitten, lieblos und ganz Herrscher. Der Assessor sehnte
sich nach der Stadt unter Menschen. Was ihn hierorts mit kleinlichen
Anliegen plagte, war Untertan und konnte gerade noch fr zweibeinig
gelten. Die Sprache war schauderhaft, der Begriffsmangel erschreckend.

Gehorchen und Zahlen konnte man von den Leuten verlangen, und dann kam die
Scheidewand, diesseits derer die Intelligenz thronte.

Der Assessor verdiente sich einen Spitznamen, den wir ihm verliehen. Er
hie "der Durrasch".

Und wie er dazu kam, das verriet sein herzliches Verstndnis fr das Volk
und seine Sprache.

In einer Strafsache, bei der unser Assessor als Amtsanwalt den Staat
vertrat, erzhlte ein Bauernbursche, er habe von einer Rauferei nichts
gesehen, weil er immer hinausgelaufen sei. Er habe den Durchmarsch gehabt.

Nach seiner Vernehmung erhob sich der Assessor und verlangte zu wissen,
was dieser Zeuge unter einem "Durrasch" verstehe. Es handle sich offenbar
um eine faule Ausrede.

Vergeblich bemhte sich unser alter Oberamtsrichter klarzulegen, da der
Zeuge Durchmarsch gesagt und Diarrhe gemeint habe. Er whlte bei der
Wiederholung sogar ein deutsches Wort, das der Sache ganz auf den Grund
ging. Half nichts. Der Herr Assessor hatte deutlich "Durrasch" verstanden
und verlangte unter drohendem Hinweis auf den geleisteten Eid genaue
Auskunft ber das seltsame Wort.

Ein tiefes Mitrauen gegen den hinterlistigen Burschen blieb in ihm
zurck.

Von ganz anderem Schlage war der prchtige Vorstand des Amtsgerichtes, in
dem ich den letzten einer aussterbenden Rasse, der urbayrischen
Landrichter lterer Ordnung, kennen und schtzen lernte.

Er stand gut mit den Bauern. Seine Derbheit verletzte sie nicht, ja ich
glaube, sie hatten Spa an seiner Art, alle Dinge beim rechten Namen zu
nennen, und an Schrannentagen hatte er viel Zuhrer.

Immer hatte man den Eindruck, da er es gut meinte; am besten, wenn er
Leute, die wegen eines Schimpfwortes Prozesse anfingen, so
zusammenstauchte, da sie aus dem Gerichtssaal verletzter herauskamen, als
sie hineingegangen waren.

Von der einmal sprichwrtlichen Prozewut der Bauern merkte ich kaum mehr
etwas; insbesondere waren die Grundstreitigkeiten fast ganz verschwunden.

Gerade die Wohlhabenden und Angesehenen in den Gemeinden redeten immer zum
Frieden, wenn Zwistigkeiten ber Wege und Fahrtrechte entstehen wollten.
Auch von dem groen Einflusse der Geistlichkeit wurde und wird mehr
erzhlt, als wahr ist.

Ich fand, da sich die Bauern in Gemeindeangelegenheiten recht ungern
dareinreden lieen und da sich eifrige Pfarrer damit schnell miliebig
machten. Hier wute jeder einzelne, was er wollte, und konnte sich ber
die Folgen eines Beschlusses ein Urteil bilden; sich zu beugen und gegen
die eigene Meinung Gehorsam zu leisten, lag den Leuten ganz und gar nicht
im Sinne.

Gewi whlten sie, bevor die Caprivischen Handelsvertrge abgeschlossen
wurden, fast ausnahmslos die klerikalen Kandidaten in den Landtag und in
den Reichstag. Weil sie sich mit Politik nicht befaten, weil sie bei
keiner andern Partei die Interessen ihres Standes bercksichtigt sahen und
weil Pfarrer wie ultramontane Kandidaten immer noch die einzigen waren,
mit denen sie Fhlung hatten.

Das wurde anders, als infolge jener Handelsvertrge die Getreidepreise
stark zurckgingen und der Bauernbund gegrndet wurde.

Der eingewurzelte Respekt vor der Geistlichkeit, ber den man so viel
hren konnte, war wie weggeblasen, und der Zorn wurde nicht im mindesten
durch Rcksichten in Schranken gehalten.

Geistliche, die damals in Versammlungen auftraten, muten mit Staunen
wahrnehmen, wie ihnen ein grimmiger Ha entgegengebracht wurde.

Sie kannten dieses Volk nicht mehr.

Sie hatten es unterschtzt, hatten an eine Fgsamkeit geglaubt, die dem
Stamme fremd war, und die Erfahrungen, die man nunmehr machte, bten einen
starken, nachhaltigen Einflu auf die Haltung des Zentrums aus. Auffllig
war, wie viele schlagfertige, wirksame Redner sogleich aus dem
Bauernstande hervorgingen. Wenn man auf der gegnerischen Seite, durch
einen gewissen Bildungsdnkel verleitet, glaubte, leichtes Spiel mit den
unwissenden Leuten zu haben, so wurde man schnell eines Bessern belehrt.
Auch ein Dachauer Herr mute daran glauben.

Ein ultramontaner Rheinpflzer, sonst ein umgnglicher Mann, aber
sprudelnd vor Eifer, in Ausdrcken und Gebrden sich gehen lassend, meinte
er, den aufgebrachten Bauern einmal die Leviten lesen zu mssen. Ein
Brgermeister aus der Umgegend deckte ihn aber unter dem schallenden
Gelchter der Hrerschaft so zu, da man ihm hinterher nahelegte, er mge
im Interesse der Autoritt und des Ansehens der Beamtenschaft nicht mehr
auftreten.

Und da ich nun gerade von Reden und Rednern erzhle, will ich anfgen, da
ich mich auch einmal hren lie.

Zur Feier des 25. Jahrtages des Frankfurter Friedens hielt ich auf dem
Marktplatze eine Ansprache an die Veteranen.

Den grten Erfolg hatte ich damit bei der alten Viktor, die an einem
Fenster des Zieglerhauses stand und Trnen der Rhrung vergo und zu den
Umstehenden sagte, nur das htte meine Mutter noch erleben mssen.

Nach dem Umzug und der Pflanzung einer Friedenseiche war Festessen.

Als ich etwas versptet den Saal betrat, standen alle Veteranen auf, um
den Redner zu ehren.

Den Bezirksamtmann, der schon anwesend war, verdro das, und er erhob
sich, um von seinem hheren Standpunkte aus den Tag zu beleuchten.

Zuerst war es still, aber wie der Mann im trockensten Amtsstil ber den
Krieg sprach, als htte das Knigliche Bezirksamt Dachau nachtrglich
seine Billigung auszudrcken, fingen alle Veteranen wie auf ein gegebenes
Zeichen an, mit klappernden Lffeln die Suppe zu essen. Und in dem Lrm
ging die obrigkeitliche Meinung unter.



In Dachau waren damals zahlreiche Maler, darunter Dill, Hlzel,
Langhammer, Keller-Reutlingen, Flad, Weigerber, Klimsch.

Bei Hlzel verkehrte ich hufig. Er malte damals pointillistisch, trug die
Farben mit der Spachtel auf, und man mute etliche Schritte zurcktreten,
um zu erkennen, was ein Bild darstellte.

Spter ging er unter dem Einflusse Dills zur Malweise des Schotten
Brangwyn ber.

In abgetnten Farben, meist in Grn und Grau, wurden berhngende Bume an
Grben und Bchen dargestellt, und die Bilder wirkten wie Gobelins.

Mir wollte es scheinen, als htte sich die Gegend recht wohl so malen
lassen, wie sie war, und jede Stimmung so, wie sie der Knstler erlebte
und empfand, aber es gab auch damals einzig richtige Methoden, hinter die
die Persnlichkeit zurcktrat.

Ein Sonderling war Flad, dem es nicht zum besten ging. Mit einem dicken
Knppel bewaffnet, den er nach klffenden Hunden warf, lief er tagelang im
Moos herum und sprach eifrig vor sich hin. Zuweilen schlo er sich mir auf
einem Spaziergange an und trug Stellen aus Scherrs "Blcher und seine
Zeit" vor. Er schien das Buch auswendig zu knnen.

Bei Hlzel, einem liebenswrdigen sterreicher, der Kenntnisse und
Interesse und ein lehrhaftes Wesen hatte, gab es immer anregende
Unterhaltung, und ich verdankte ihm manchen Hinweis auf gute Bcher.

Besonders die Russen und einige Skandinavier lernte ich durch ihn kennen;
ich bereute es nicht, ihnen erst spter und mit gereifterem Urteil
begegnet zu sein.

Anna Karenina wurde und blieb ein Lieblingsbuch von mir; aber Raskolnikow
konnte ich nicht zu Ende lesen. Die unheimliche Schilderung jeder Regung
einer Seele, die zum Verbrechen wie zu etwas Notwendigem und fast
Selbstverstndlichem hingedrngt wird, erschtterte mich so, da ich das
Buch immer wieder weglegte, so oft ich danach griff.

Mit geteilten Empfindungen nahm ich Ibsens "Baumeister Solne" auf; da
schien mir zuviel mit Absicht hineingeheimnist zu sein, und die Menschen
gingen auf Stelzen.

Ich glaube, solche Gedanken waren damals sehr ketzerisch, denn etliche
Ppste zu Berlin hatten lngst die Infallibilitt des groen Norwegers
verkndigt. Aber mir fehlte stets die Fhrung durch den literarischen
Zirkel, und ich mute alles unmittelbar auf mich wirken lassen, ohne
vorher zu wissen, was die Mode verlangte.

Denke ich zurck, so meine ich fast, ich htte damals unbewut schon den
Reiz empfunden, den, wie Gottfried Keller sagt, das Verfolgen der
Kompositionsgeheimnisse und des Stils gewhrt. Heute erblicke ich
jedenfalls darin das Anziehendste, hinter den Zeilen den Autor beim
Schaffen zu sehen und aus dem Worte die Stimmung und aus der Stimmung
Gedanken, die sich schufen, zu erraten. Wenn man das recht genossen hat,
ist man gefeit gegen Literaturzirkel und ihre Dogmen.

Am 1. Januar 1896 erschien die erste Nummer der "Jugend".

Ich kann noch heute das Titelbild dieses Heftes nicht sehen, ohne mich
ergriffen zu fhlen von der Erinnerung an jene Zeit und von der Sehnsucht
nach ihr, die voll Frhlichkeit, voll Streben, voll Hoffen war. Bald
darauf sah man in Mnchen berall ein auffallendes Plakat, ein junges
Mdel an der Seite eines Teufels.

Es war die Ankndigung des "Simplicissimus".

Was regte sich damals fr eine Flle von Talent und Knnen, und vor allem
von Teilnahme an diesen Dingen!

Mag die Bedeutung beider Wochenschriften beurteilt werden, wie immer; auch
ein Gegner kann es nicht leugnen, da sie frisches, neues Leben brachten.

Wer erschrak und widerstrebte, war doch mit hineingezogen in den Kreis
dieser neuen Interessen, die Mnchen aus dem Schlafe aufweckten.

Mit welcher Aufmerksamkeit betrachtete man die Zeichnungen, prfte man die
Beitrge, las man die Namen der Knstler und Schriftsteller!

Sie waren Ereignisse, ber die man diskutierte, nicht Kaffeehauslektre,
die man durchbltterte und weglegte; sie gaben mannigfaltigste Anregung
und ffneten die Bahn fr die Jungen, die sich mit den lteren messen
wollten.

Ich schickte zgernd und ohne rechtes Vertrauen ein politisches Gedicht an
die "Jugend" und war nicht wenig stolz, als es schon in der zweiten Nummer
erschien.

Ein paar andere folgten, und meine Zuversicht wuchs.

Damals war das "Gasthaus zur Post" in Traunstein verkauft und der
Pachtvertrag gelst worden; meine lteste Schwester erwarb eine
Fremdenpension in Mnchen, die Zuspruch fand, und wir vereinbarten, da
ich mich nach einiger Zeit in der Stadt als Anwalt niederlassen sollte.

Ein Herr, der Gast in der Pension war, fragte mich eines Tages, ob ich der
Verfasser der Gedichte in der "Jugend" wre, und als ich es bejahte,
meinte er, ich sollte nicht abseits von der aufstrebenden Bewegung bleiben
und mich nicht blo gelegentlich und so von auen her daran beteiligen.

Es war _Graf Eduard Keyserling_, der als Verfasser feiner, von leiser
Ironie durchdrungener Werke bekannt geworden ist; recht bewundern lernte
ich ihn viele Jahre spter, als er in seiner schweren Krankheit, die zur
Erblindung fhrte, eine Heiterkeit bewahrte, die nur aus berlegenheit und
Gre kommen konnte.

Die Stunden, die ich in anregenden Gesprchen mit dem geistreichen, im
besten Sinne vornehmen Manne verbringen durfte, sind mir in lieber
Erinnerung geblieben.

Den Umzug nach Mnchen wollte ich aber nicht bereilen; es war besser, in
der Landpraxis noch fester Fu zu fassen, und zudem hatte ich mit einem
Universittsfreunde die Verabredung getroffen, mit ihm gemeinsam die
Kanzlei zu erffnen.

So blieb ich noch ein Jahr in Dachau.

Eines Tages, im Frhjahr 1896, besuchte mich Redakteur Ritter und zeigte
mir ziemlich aufgeregt ein illustriertes Blatt.

Das sei denn doch zu stark! Zu solchen Dingen solle man nicht schweigen,
und wenn er auch nicht nach Polizei und Zensur schreie, so meine er doch,
man msse dagegen Stellung nehmen, und ich solle ihm den Gefallen tun,
einen krftigen Artikel gegen dieses neuzeitliche Gebilde zu schreiben.

Ich sah mir das Blatt an. Es war die Nummer 1 des "Simplicissimus". Eine
Erzhlung, "Die Frstin Russalka" von Frank Wedekind, hatte den guten
Ritter in Harnisch gebracht.

Er war etwas gekrnkt, als ich ihm sagte, da ich seine Ansicht nicht
teilen knnte.



Im Frhjahr 1897 kam der Abschied von Dachau; ich hatte doch das Gefhl,
aus sicheren, wenn auch kleinen Verhltnissen heraus ins Ungewisse zu
gehen, und so fiel es mir nicht leicht; noch schwerer freilich bedrckte
es die alte Viktor, die es nicht verstehen wollte, warum ich mit meinem
sorglosen, glcklichen Zustande nicht zufrieden war.

Es lag nicht in ihrer Art, darber viele Worte zu machen, aber von ihren
Spaziergngen im Hofgarten kehrte sie immer traurig zurck, und manchmal
sah ich an ihren verweinten Augen, wie schwer ihr das Ende dieses
bescheidenen Glckes fiel.

Noch dazu erlitten meine Mnchner Plne eine arge Strung durch die
pltzliche Erkrankung und den Tod meiner Schwester, aber zurck konnte ich
nicht mehr, und so begann ich recht freudlos und sorgenvoll die Ttigkeit
in meiner Kanzlei am Marienplatze.

Ich mute bald erkennen, wie schwer es fr einen jungen Anfnger ist, in
der groen Stadt durchzudringen; am Ende ist es unerlliche
Notwendigkeit, auf irgendeine Art aufzufallen.

Wenn das Los der vielen, die es versuchen, nicht doch sehr bitter wre,
knnten die angewandten Mittel, die erfolgreichen wie die vergeblichen,
komisch wirken.

Die marktschreierischen Volkstribunen, die sich um den Beifall im
Zuschauerraum bemhten und das unwahrste Pathos in Bagatellsachen
anwandten, waren arme Teufel, schon weil sie das tun muten.

Mir bot die Praxis, die ich vom Lande hereingebracht hatte, einigen Halt,
aber der Entschlu, sobald als mglich diese Ttigkeit aufzugeben, stand
in mir fest.

Ein Freund vom Stammtische im "Herzl", Rohrmller, hatte mit zwei anderen
Herren die Waldbauersche Buchhandlung in Passau gekauft und erklrte sich
im Sommer 1897 bereit, meine Bauerngeschichten gesammelt herauszugeben und
sie illustrieren zu lassen.

Ich wandte mich brieflich an Bruno Paul, dessen Zeichnungen im
"Simplicissimus" mir aufgefallen waren, und nach einer kurzen Unterredung
sicherte er mir seine Mitarbeit zu.

Frs Landschaftliche war Adolf Hlzel sogleich gewonnen, und nun begann
fr mich die sehr anregende Ttigkeit, die beiden Knstler zur Ausfhrung
des Versprochenen anzuhalten.

Bei Bruno Paul stie ich dabei auf grere Schwierigkeiten, denn er war
von Korfiz Holm, dem damaligen Chefredakteur des "Simplicissimus", stark
in Anspruch genommen.

Im Sptsommer setzte sich Paul nach Lauterbach bei Dachau, wo er im
Oktober mit seinen Zeichnungen fertig wurde, so da wir endlich darangehen
konnten, das Buch zusammenzustellen. Dabei leistete uns Rudolf Wilke, den
ich nicht lange vorher kennengelernt hatte, sachverstndige Hilfe, und der
Sonntag, an dem wir von frh bis abends Text und Bilder zusammenklebten,
bleibt mir in frhlichster Erinnerung.

Im Dezember war der "Agricola" gedruckt, und ich konnte das erste Exemplar
dem Frulein Viktor Prbstl widmen und berreichen, die es zeitlebens fr
das beste und vollkommenste Buch hielt trotz ihrer Hinneigung zu den
Klassikern.

Ich gestehe, da es fr mich ein recht erhebendes und die Brust
schwellendes Gefhl war, als ich bei Littauer am Odeonsplatze zum ersten
Male mein Werk in der Auslage liegen sah.

Ich bin damals nicht ganz zufllig an allen greren Buchhandlungen
Mnchens vorbeigebummelt, und meine Wertschtzung der Sortimenter richtete
sich danach, ob sie den Agricola ausgestellt hatten.

Es kamen auch bald Kritiken, und merkwrdigerweise die anerkennendsten in
norddeutschen Zeitungen; doch fehlte es in Mnchen keineswegs an
freundlichem Beifalle, und M. G. Conrad sang mir in der "Gesellschaft" ein
klingendes Loblied.

Die nachhaltigsten Folgen hatte es fr mich, da ich durch die Arbeit am
"Agricola" mit dem "Simplicissimus"-Kreise bekannt wurde.

Der Verleger _Albert Langen_ lud mich eines Tages zu einer Unterredung
ein.

Da wir uns bei dieser ersten Begegnung gleich gefallen htten, mchte ich
nicht behaupten.

Der elegant gekleidete, mit dem gepflegten Vollbart recht pariserisch
aussehende junge Herr war mir zu beweglich, sprang von einer Frage zur
andern ber, ohne recht auf Antwort zu warten, und leitete mir das
Gesprch zu sehr von oben herab. Dabei prften mich seine flinken Augen
halb neugierig, halb mitrauisch, und ich glaubte deutlich zu merken, da
er mich nach bekannter Manier ein bichen unterwertig sddeutsch fand.

Weil ich das merkte, war ich schroffer und kratziger und krzer
angebunden, als es sonst meine Art war, und dieses erste Zusammentreffen
endete, wenn auch nicht mit einem Miklange, so doch mit dem Eindrucke,
da wir einander nicht viel zu sagen htten.

Ich habe spterhin meine Ansicht ber den gescheiten, heiteren und
lebhaften Mann grndlich gendert, und mehr als einmal unterhielten wir
uns ber jene erste Begegnung, bei der ich ihn zu sehr als feinen Hund und
reichen Jngling betrachtet hatte.

Vielleicht haben hnliche Urteile ber ihn manche Verstimmung
hervorgerufen; Frank Wedekind hat seinem rger bekanntlich in mehreren
Theaterstcken Luft verschafft, aber er hat stark danebengegriffen und ist
am uerlichen hngengeblieben.

ber den Reichtum Langens war man sich in Mnchen einig, und Doktor Sigl
schrieb in seinem "Bayrischen Vaterlande" mehr bestimmt als unterrichtet
von den Millionen des jungen Verlegers. In Wirklichkeit hat dieser den
"Simplicissimus" wie seinen Buchverlag mit den sehr bescheidenen Resten
seines vterlichen Vermgens gegrndet, und als die einen von seinen
reichen Mitteln fabelten, andere wieder seine Zurckhaltung gegenber
khnen Plnen oder hochgespannten Erwartungen fr knauseriges Wesen
hielten, war Langen mehr als einmal vor die Frage gestellt, ob er das
Unternehmen noch lnger halten knne.

Im Caf Heck am Odeonsplatze trafen sich damals fast alle Knstler, die am
"Simplicissimus" und an der "Jugend" mitarbeiteten: zuweilen Heine,
regelmig aber Paul, Wilke, Thny, Reznicek, Jank, Erler, Putz, Grber,
Eichler, Georgi, Feldbauer u. a.

Den strksten Eindruck machte der damals vierundzwanzigjhrige Rudolf
Wilke aus Braunschweig auf mich. Er war von einer Unbekmmertheit, die
beim Fehlen jeglicher Pose, bei grndlichen Kenntnissen und beim tiefsten
Ernste in knstlerischen Dingen viel ansprechender wirkte als die von
Murger geschilderte Sorglosigkeit der Pariser Bohemiens.

Er htte ins elterliche Geschft - sein Vater war Baumeister gewesen -
eintreten sollen, war aber bald nach Mnchen gezogen, wo er bei Holossy
studierte.

Er arbeitete zuerst fr kleine illustrierte Mnchner Bltter, bis ihn das
Ergebnis des ersten Preisausschreibens der "Jugend" mit einem Schlage
bekannt machte.

  [Illustration: Auf der Jagd]

Charakteristisch fr ihn war die Art, wie er sich an dem Wettbewerbe
beteiligte. Er hatte das Ausschreiben bersehen oder den Termin
verbummelt, setzte sich am letzten Tage hin und machte etwas ganz anderes,
als vorgeschrieben war, aber seine Zeichnung war so verblffend gut, da
Georg Hirth mit Zustimmung des Preisgerichtes einen weiteren ersten Preis
stiftete, der ihm zugesprochen wurde.

Von da ab war er regelmiger Mitarbeiter der "Jugend", bis er zum
"Simplicissimus" bertrat.

Er war von allen, die sich damals durchsetzten, sicher das strkste Talent
und bte einen sehr bemerkbaren Einflu auf die ganze Richtung aus; er
wurde nachempfunden und nachgeahmt, und am Ende htten nur wenige
bestreiten knnen, da sie beim jungen Meister Rudolf Wilke in die Schule
gegangen waren.

Er selber machte kein Wesen daraus, denn er wute, da er noch ganz
anderes zu geben hatte; mochte er andern fr fertig gelten, er selber
arbeitete an sich weiter und reifte langsam heran, um dann von Reichtum
berzuquellen.

Als er mhelos und selbstsicher das Beste schuf, mute er sterben.

Mit ihm hat Deutschland einen groen Humoristen verloren; wer in dem Werke
seines kurzen Lebens den berraschenden Aufstieg bemerkt und sich
Rechenschaft darber geben kann, wie diese liebevolle Schilderung des
Komischen sich immer mehr vertiefte und immer mehr die gute Art der
niederdeutschen Rasse zeigte, wer dieses stille, so gar nicht lrmende,
aber doch erschtternde Lachen ber die Schwchen der lieben Menschheit
versteht, der wei, welche Hoffnungen der Tod Rudolf Wilkes zerstrt hat.

Auch als Persnlichkeit war er prachtvoll. Von der Gewandtheit und Kraft
des hochgewachsenen Mannes wurde vieles erzhlt, und kaum etwas war
bertrieben; auf groen Radtouren, die wir zusammen machten, hatte ich oft
Gelegenheit, mich ber seine Tollkhnheit zu rgern, aber auch immer
wieder zu sehen, wie kaltbltig und selbstverstndlich er jede gefhrliche
Situation berwand.

Schon wie er sich zu greren Reisen anschickte, war bezeichnend fr ihn;
sogleich entschlossen, unbeschwert durch irgendwelche Rcksichten oder
Verpflichtungen, unbekmmert um Lnge der Fahrt und Dauer der Reise,
setzte er sich mit in den Zug, und dann durfte es gehen, wohin es wollte.

Freilich konnte er einem dann beim ersten Frhstck in Mailand so nebenbei
mitteilen, da er ganz vergessen habe, Geld einzustecken. Einmal radelten
er, Thny und ich durch die Provence nach Marseille, setzten nach Algier
ber und fuhren ber Constantine nach Biskra und Tunis.

Da war Wilke in seinem Element; seinetwegen htte die Reise noch viele
Monate dauern drfen, und er htte sicherlich nie gefragt, ob uns das Geld
lange; wr's ausgegangen, htte man sich schon auf irgendeine Weise
geholfen.

Unvergelich bleibt mir sein Entzcken ber einen alten Araber, dem wir in
der Nhe von Bougie begegneten; er ritt auf einem Maultiere, links und
rechts neben sich einen Korb mit Orangen gefllt, ber sich einen groen
Sonnenschirm aufgespannt, der kunstreich am Sattel befestigt war, und so
sa der alte Herr vergngt im Schatten, las in einem kleinen Buche und a
Orangen.

So was von kluger Art, zu reisen, so selbstndig ausgedacht und frei von
herkmmlichen Zwangszustnden, gefiel unserm Wilke derart, da er vom Rad
herunterstieg und eine Weile neben dem alten Kerl herlief, nur um ihn
recht zu beobachten.

Er wute berhaupt den wrdevollen Gleichmut der Araber, von dem wir immer
wieder Beweise erlebten, nicht genug zu rhmen, und das war leicht
erklrlich, denn er war darin selbst ein Stck von ihnen.

Sein unbndiger Wandertrieb lie ihn daheim besonderen Gefallen an
landstreichenden Handwerksburschen finden.

An einem warmen Mrztage, wo einen Ahnungen von wundervollem Sonnenschein
und blauem Himmel zum Reisen verlocken, fuhr ich mit ihm auf der
Landstrae nach Dachau an zwei walzenden Kunden vorbei, die, ihre
schmutzigen Bndel umgehngt, ins Weite hineinmarschierten.

Wir setzten uns auf einen Schotterhaufen und lieen sie noch einmal an uns
vorbeistapfen.

"Die Kerle haben es doch am schnsten", sagte Wilke mit ehrlichem Neide,
und dann setzte er mir auseinander, wie es einzig weise sei, in den Tag
hineinzuleben und von aller Konvention frei zu sein.

Jede Pose war ihm verhat, und jede sah er mit unbestechlichen Augen, auch
wenn sie Leute von klingendem Namen zu verstecken suchten.

Damit war einer bei ihm sofort unten durch, und zuweilen, wenn sich uns
gegenber eine Berhmtheit wohlwollend gehen lie, sagte Wilke, der Kerl
sei doch blo ein Hanswurst; zu dem Urteil gengte ihm irgendeine
Selbstgeflligkeit im Ton oder in der Gebrde.

Das literarische Jung-Mnchen, das sich auch damals absurd gebrdete und
sich bedeutender gab, als es war, bot ihm reichliche Gelegenheit zum
Spotte; wenn er sich zuweilen mit bertriebener Bescheidenheit in der
Torggelstube zu den Unsterblichen setzte, mit schchternen Fragen
Belehrungen anregte, ahnten die Gecken nicht, wie sehr sie die Gefoppten
waren. Auch nicht, wie grndlich sie der harmlose Knstler durchschaute,
und wie er ihre unmnnliche Art verabscheute.

Sein ernsthaftes Wesen, das sich frei von Vorurteilen und Schulmeinungen
in selbstgedachten Gedanken zeigte, trat sogleich hervor, wenn er ber
wirkliches Knnen urteilte.

Er ging immer auf das Wesentliche ein und vermied auch Groem gegenber
die Banalitt des Superlatives.

Ein hoher Genu, der bleibende Erinnerungen zurcklie, war es, ihn ber
ein gutes Bild reden zu hren; es war nichts von Schulmeisterei, die
klassifiziert und Zusammenhnge beweist, darin, es war bei aller
Zurckhaltung die Meinung des groen Knners, dem tief verborgene,
unbewute Vorgnge des Schaffens klar vor Augen standen.

Auch ber Bcher habe ich nicht leicht jemand so gut urteilen hren wie
Rudolf Wilke; er las gerne und mit Auswahl, am liebsten gute Memoiren, die
eine vergangene Zeit zum Leben erweckten; an die Freude, die er ber
Platons "Laches" empfand, erinnere ich mich gerne.

Die ehrliche Gescheitheit des Sokrates, der jeden Begriff ins kleinste
zerlegt und sein Eigentliches herausschlt, der nie bloe Worte gelten
lt, keiner Schwierigkeit ausweicht, der nichts sich in den Nebel der
Redensarten verlieren lt, entzckte ihn, und gleich stand ihm der kluge
Athenienser plastisch vor Augen, der sich von braven Spiebrgern zuerst
hergebrachte Meinungen vortragen lt, um sie dann blo durch Fragen zu
der unerquicklichen Erkenntnis zu bringen, da sie weder etwas wirklich
geglaubt, noch sich etwas gedacht hatten.

Er stellte Betrachtungen darber an, wie uns heute die Kunst des geraden
Denkens, aber auch das Verlangen danach durch die verfluchte Phrase
verlorengegangen sei, und eifrig las er mir nach ein paar Seiten aus
"Laches" Proben aus dem Zarathustra vor, um daran zu zeigen, wie hoch wir
das Spielen mit Worten und Stimmungen einschtzen. Natrlich sah Wilke als
Maler nur in der echten Schilderung menschlicher Charaktere und der sich
daraus folgerichtig aufbauenden Geschehnisse schriftstellerische Werte,
und das Kokettieren mit hintersinnigen Gedanken und Weltschmerzen fhrte
er auf knstlerische Impotenz zurck.

Ich erwhne das, um seine Stellung und damit wohl auch die andern Knstler
zu den neuen Gttern zu kennzeichnen. Eigentlich bestand wenig oder kein
Zusammenhang zwischen den literarischen und den knstlerischen
Mitarbeitern der "Jugend" und des "Simplicissimus". Hirth versuchte ihn,
wie mir erzhlt wurde, in geselligen Zusammenknften anzuregen, aber man
fand aneinander kein bermiges Gefallen.

Die Herren Dichter fhlten sich wohler, wenn sie unter sich waren und sich
mit ein bichen Medisance und recht viel gegenseitiger Bewunderung die
Zeit vertreiben konnten; natrlich gehrte dazu ein Auditorium von Jngern
und Jngerinnen, die mit aufgerissenen Augen dasaen und den Flgelschlag
der neuen Zeit rauschen hrten.

In Schwabing trieb, wie erzhlt wurde, der Kultus des Stephan George
seltsame Blten, und man sagte, der Dichter habe sich's bei gelegentlicher
Anwesenheit gefallen lassen, da die Schwabinger Lmmer um ihn
herumhpften und ihn auf violetten Abendfesten anblkten. Andere
vereinigten sich zu andern Gemeinden, und es wurden viele Altre
errichtet, auf denen gengend Weihrauch verbrannt wurde.

Das neue genialische Wesen brachte immerhin Leben und Bewegung nach
Mnchen, und am Ende hatte es doch mehr Gehalt als das marktschreierische
Getue der heutigen Talente, die jede Form verachten, die sie nicht
beherrschen.

Viel Aufsehen erregte damals Frank Wedekind mit seinen Gedichten im
"Simplicissimus"; sein "Frhlings Erwachen" hatte ihm in literarischen
Kreisen schon Geltung verschafft, aber das grere Publikum wurde erst
durch seine geistreichen, zuweilen recht gepfefferten Verse auf ihn
aufmerksam. Ein Gedicht auf die Palstinareise des Kaisers ist wegen
seiner Folgen berhmt geworden, und Wedekind hat spterhin fr die Bildung
einer Legende gesorgt, die schmerzhaft klang, aber der Wahrheit nicht
entsprach.

Ich kam damals tglich mit Wilke, Thny und Paul zusammen und erlebte als
Unbeteiligter die Geschichte der oft erzhlten und auch fr die Bhne
bearbeiteten Majesttsbeleidigung.

Eines Mittags im Oktober 1898 suchte Korfiz Holm die Knstler des
"Simplicissimus" und mich im Parkhotel auf und zeigte mir den
Korrekturabzug der spterhin vielgenannten Palstinanummer, weil ich den
Text zu einer Zeichnung Pauls gemacht hatte. Wir lachten ber das
Titelbild Heines, das Gottfried von Bouillon und Barbarossa mit dem
Tropenhelm Wilhelms zeigte, und dann las ich das Gedicht Wedekinds.

Darin war der Kaiser so direkt angegriffen, da ich sagte, wenn die Verse
nicht in letzter Stunde noch entfernt wrden, sei die Beschlagnahme der
Nummer und eine Verfolgung wegen Majesttsbeleidigung unausbleiblich.

Holm erklrte aber, das Gedicht sei von einer juristischen Autoritt
geprft worden, und auerdem sei die Nummer schon im Drucke, so da
nderungen nicht mehr mglich seien. Ich blieb auf meiner Ansicht stehen,
aber am Ende war es Sache der Redaktion, ob sie die Strafverfolgung
riskieren wollte oder nicht.

Die Nummer wurde sofort nach Erscheinen konfisziert; Albert Langen floh
nach Zrich, Heine wurde nach Leipzig vorgeladen und dort in
Untersuchungshaft genommen, spterhin auch zu sechs Monaten Gefngnis
verurteilt.

Obwohl Wedekind das Gedicht unter einem Pseudonym hatte erscheinen lassen,
konnte er sich doch nicht fr gesichert halten, denn zu viele Leute
kannten ihn als Verfasser. Eine andere Frage ist, ob er ehrenhalber nicht
htte hervortreten mssen, aber die Entscheidung darber wurde ihm
erspart, da die Polizei durch einen bergriff des Leipziger Gerichtes
hinter das Geheimnis kam. Wedekind wurde rechtzeitig gewarnt und floh von
der Premiere seines "Erdgeistes" weg in die Schweiz zu Langen.

Da er ber die Aufdeckung seiner Autorschaft ungehalten war, lt sich
begreifen, aber ganz unverstndlich bleibt der Vorwurf, den er spter
gegen Langen erhob: der habe ihn gezwungen, eine Majesttsbeleidigung zu
dichten, indem er seine Notlage ausgentzt habe.

Wedekind war regelmiger Mitarbeiter des "Simplicissimus" und konnte
darauf rechnen, da jeder Beitrag von ihm angenommen und anstndig
honoriert wurde. Von einem Zwange, ein bestimmtes Gedicht zu machen,
konnte schon darum ebensowenig die Rede sein wie von einer Notlage. Der
Hergang war auch ein anderer. Das Gedicht auf die Palstinafahrt war in
seiner ersten Fassung so scharf, da Albert Langen Bedenken trug, es
aufzunehmen, und nderungen verlangte. Wedekind, der es in der Redaktion
mit Vaterfreuden vorgelesen hatte, wollte an die Milderung zuerst nicht
heran und verstand sich nur mit Widerstreben dazu. Darum blieb auch die
zweite Fassung noch so gepfeffert, da Langen die Aufnahme vom Gutachten
des Herrn Justizrat Rosenthal abhngig machte.

Der gab seinen Segen dazu, vielleicht etwas zu sehr beeinflut durch das
Vergngen an der famosen Satire und dem formvollendeten Gedichte. Damit
war das Unheil im Zuge und nahm seinen Lauf.

Die Gegner, an denen es dem "Simplicissimus" nicht fehlen konnte, haben
sich hinterher stark ber planmige Majesttsbeleidigungen und
geschftliche Spekulationen aufzuregen gewut. Da ein aus knstlerischen
Gesichtspunkten geleitetes Witzblatt sich aufs Geschftemachen nicht
einlassen konnte, war am Ende leicht einzusehen; schwieriger mute auch
fr kluge Leute in Deutschland die Erkenntnis sein, da ein sich so sehr
und in solchen Formen in den Vordergrund drngendes persnliches Regime
ganz von selber die Satire herausforderte. Die unnahbare Hhe des Thrones
mute zu allererst von dem Herrscher selbst gewahrt werden. Wenn er in die
Niederungen der Tagesstreitigkeiten bei jeder mglichen Gelegenheit
herunterstieg, rief natrlicherweise dieser Widerspruch zwischen der
eigenen Unverletzlichkeit und dem Vorbringen von anfechtbaren und
verletzenden und sehr konventionellen Meinungen scharfe Entgegnungen
hervor.

Als Reprsentant eines groen Volkes Polemik zu treiben, in alles und
jedes dreinzureden, ging nicht an. Die aufdringliche Bewunderung, die auch
groben Versten und Fehlern gegenber an den Tag gelegt wurde, die
Manier, jeden ehrlichen Unwillen ber das gefhrliche, vorlaute Wesen als
vaterlandslose Gesinnung zu brandmarken, verschrften den Widerspruch und
mehrten den Zorn, der sich - heute drfen wir sagen _leider_ - viel zu
wenig Luft machte. Wre das Ersuchen um geneigteste Zurckhaltung, das
1908 zu sehr in Moll gestellt wurde, zehn Jahre vorher von Parlament und
Presse mit rcksichtsloser Entschiedenheit vertreten worden, dann htte
vieles anders und besser werden mssen.

Es ist heute schwer, gerade weil es leicht ist, darber groe Reden zu
halten; aber das wollte ich in diesem Zusammenhange sagen, da jene
angeblich planmigen Majesttsbeleidigungen blo die Antworten auf
planmige Herausforderungen waren. Dazu kam, da der Ton, mit dem damals
die Musik gemacht wurde, auf Knstler, denen die Persnlichkeit viel oder
alles gilt, hchst aufreizend wirkte.

Die unechte Heldenpose, die einem so hufig vor Augen gestellt wurde,
konnte nicht immer einem schweigenden Mibehagen begegnen; es mute sich
uern, und die Form des Spottes wirkte erlsender als schwerbltiger
Tadel, denn er zeigte blitzartig, mit unwiderleglicher Schrfe das, worauf
es ankam, und die rgerliche Erkenntnis milderte sich durch die
Mglichkeit, darber herzhaft lachen zu knnen.

Spott untergrbt keine echte Autoritt, weil er sie nicht treffen kann,
aber dem auf uerlichkeiten ruhenden, konventionell festgehaltenen, dem
bertriebenen und angematen Ansehen tut er Abbruch, und das ist nicht
schdlich, denn treffender Spott heilt unklare Verstimmungen, indem er mit
einem Worte, mit einer Geste die Ursachen des Unbehagens aufdeckt.

Im brigen htte ein von politischen Gehssigkeiten unangekrnkeltes
Empfinden sich wirklich darber empren mssen, da ein Knstler des
"Simplicissimus" fr ein gutes Bild und ein Witzwort ber die pompse
Reise nach Jerusalem zur Gefngnisstrafe von sechs Monaten verurteilt
werden konnte. Diese brutale Vergewaltigung als Antwort auf einen mit
geistigen Waffen gefhrten Angriff war abscheulich.

Aber man nahm damals sogar einen Rechtsbruch und eine Verletzung der
bayrischen Staatshoheit geduldig hin, weil es sich um Shne fr eine
Majesttsbeleidigung, und auch, weil es sich um den "Simplicissimus"
handelte.

Der schsische Untersuchungsrichter wollte noch mehr Schuldbeweise gegen
den Knstler zusammenbringen und glaubte, da eine grndliche Haussuchung
in der Redaktion des "Simplicissimus" Erfolg versprche; allein, den
bayrischen Behrden traute er nicht genug Eifer zu, und darum suchte er um
die durch das Gesetz nachdrcklich verwehrte Erlaubnis nach, selber die
Haussuchung vornehmen zu drfen.

Der bayrische Justizminister lie sich verblffen und gab dem
unverschmten Ansinnen nach; der schsische Richter kam nach Mnchen,
schnffelte in allen Schrnken und Schubladen herum und fand auch einen
Brief, den er brauchen konnte.

Da weder der Landtag noch die Presse gegen diese Gesetzwidrigkeit
entschieden Stellung nahm, da das Ministerium sich feige auf einen nicht
anwendbaren Paragraphen berief, das alles war wirklich verchtlicher
Byzantinismus.

Das Recht miachtet, die Wrde des Staates preisgegeben, um das Ansehen
eines Monarchen gegen ein Witzwort zu wahren.

Je intensiver mein Verkehr mit den Knstlern wurde, desto lebhafter wurde
in mir der Wunsch, mit ihnen zusammenzuarbeiten, alle meine Interessen
gingen darin auf, und eine immer strkere Unlust am anwaltschaftlichen
Berufe drckte schwer auf mich.

Aber noch sah ich keinen Weg, der ins Freie fhrte. Das Heim, das ich der
alten Viktor und meiner jngsten Schwester geboten hatte, mute ich
erhalten, und ich konnte nicht darauf rechnen, da schriftstellerische
Arbeit mir diese Mglichkeit gewhrte. Ich schrieb wohl einige Erzhlungen
fr den "Simplicissimus", die gefielen, aber das gab mir, wie ich mir
selbst gestehen mute, noch lange nicht das Recht, darin Sicherheiten fr
die Zukunft zu sehen.

Frhling und Sommer 1899 waren darum recht unerquicklich fr mich; ich
plagte mich ab mit der Sehnsucht nach einem anderen, so viel reicheren
Leben und mit den Bedenken, die gegen einen raschen Schritt sprachen.

Ich ging daran, ein Lustspiel zu schreiben, das auch im Laufe des Jahres
fertig wurde, den Titel "Witwen" fhrte und gottlob nicht aufgefhrt
wurde.

Die Genugtuung darber empfinde ich heute nicht deshalb, weil das
Lustspiel nach alten Mustern auf Verwechslungen aufgebaut war, sondern
weil die Ablehnung heilsam fr mich wurde.

Der Oberregisseur Savits, der mir von einem Ferienaufenthalte in Seebruck
her befreundet war, las die Komdie und erklrte mir bei der Unterredung
im Regiezimmer des Hoftheaters, das ich mit Herzklopfen und auch mit
frohen Erwartungen betrat, da dieses Ei keinen Dotter habe.

Es seien ganz nette Sachen darin, sogar eine famose Szene zwischen einem
Bauern und dem Anwaltsbuchhalter, aber das lange nicht, und kurz und gut,
das Ei habe keinen Dotter, und er rate mir, es zurckzuziehen.

Ich erlebte ein paar bittere Tage, grollte ber Verkennung und fand nach
reiflichem Nachdenken, da Savits recht hatte.

Ich war zu tief im Milieu gesteckt, hatte nach eigenen Erlebnissen und
Stimmungen und nach Modellen gearbeitet. Dabei blieb ich im Gestrpp.

Damals aber, im Sommer 1899, sa ich glubig am Schreibtische, freute
mich, wenn die Handlung vorwrts schritt, und sah hinter grauen Wolken ein
Stck blauen Himmel. Wenn der Lrm unter meiner Kanzlei am
Promenadenplatze allmhlich verstummte, legte ich die mich immer mehr
langweilenden Akten beiseite und holte aus der Schublade das Manuskript
der "Witwen" hervor, um bis in die tiefe Nacht hinein zu sinnieren und zu
schreiben. Dann traten mir aus den sich kruselnden Tabakwolken Bilder
einer freundlichen Zukunft entgegen, und oft berwltigten sie mich so,
da ich aufsprang und im Zimmer auf und ab lief und laute Selbstgesprche
fhrte.

Die alte Viktor sa im Zimmer daneben, hrte das Gemurmel mit sorglichen
und von Hochachtung erfllten Empfindungen an, denn sie wute, da ich ein
Lustspiel dichtete, und fr sie gab es keinen Zweifel, da es prachtvoll
werden msse.

Vielleicht knpfte auch sie einige Hoffnungen daran auf Rckkehr zum
Landleben, aus dem Lrm heraus zur Stille.

Oft hre ich noch heute die tiefen Schlge der Domuhr, die von den
Frauentrmen herunter ber den Platz drhnten, und ich erinnere mich
daran, wie oft ich mit heiem Kopfe am offenen Fenster stand und in die
Nacht hinaussah.

Wieder war eine Szene fertig, es wollte sich runden und wollte werden, und
vor mir lag die ersehnte Freiheit.

Dann klang aus der Ferne die leise Stimme meiner Mutter herber: "Es wird
noch alles recht werden."



Die Erlsung kam unerwartet und auf andere Weise, als ich getrumt hatte.
Eines Tages, es war im September 1899, sprach mich ein Rechtsanwalt, der
meine geheimen Wnsche erraten hatte, daraufhin an und erbot sich, meine
Praxis gegen eine runde Summe zu bernehmen.

Ich konnte nicht sofort zusagen und sprach darber mit meinem
Rechtskonzipienten, der mir nachdenklich schweigend zuhrte und mich am
folgenden Tag um eine Unterredung ersuchte.

Er bat mich dabei, nicht jenem Anwalt, sondern ihm unter den gleichen
Bedingungen die Praxis abzutreten.

Jetzt besann ich mich nicht mehr lange, und schon am nchsten Tage
schlossen wir den Vertrag ab, der mir berraschend schnell die Freiheit
verschaffte.

Gleichzeitig traf es sich, da in Allershausen bei Freising, wo sich eine
Schwester von mir krzlich verheiratet hatte, ein kleines Haus um billiges
Geld zu mieten war.

Ich machte Viktor den Vorschlag, mit meiner andern Schwester dorthin zu
ziehen, und versprach, mglichst oft hinauszukommen; die bescheidenen
Mittel, die beide zum Leben brauchten, getraute ich mich aufzubringen, da
mir nunmehr auch Langen ein monatliches Fixum fr regelmige Mitarbeit am
"Simplicissimus" zugesagt hatte.

Ich selber mietete ein paar unmblierte Zimmer in der Lerchenfeldstrae
und war nun auf wenig gestellt, aber frei wie ein Vogel, und wohl nie mehr
habe ich mich so glcklich gefhlt wie in jenen ersten Wochen, als ich
eifrig an meinem Lustspiele schrieb, an keine Zeit und keine Pflicht
gebunden war und mir auf Spaziergngen im Englischen Garten ausmalte, wie
unbndig schn es erst nach einem Erfolge werden wrde.

Dann kam freilich die betrbliche Erkenntnis, da das Ei keinen Dotter
hatte, aber bald trug ich den Kopf wieder hoch, und nach dem tiefen
Eindrucke, den eine Bauernhochzeit in Allershausen auf mich gemacht hatte,
schrieb ich "Die Hochzeit" und daran anschlieend ein Lustspiel "Die
Medaille".

In der Zwischenzeit war ich auch in die Redaktion des "Simplicissimus"
eingetreten.

Der Kongre der Mitarbeiter, auf dem der Beschlu gefat wurde, fand in
der Schweiz statt, in Rorschach am Bodensee, weil Langen deutschen Boden
nicht betreten durfte.

Fnf Jahre lang mute er im Ausland bleiben, bis er 1903 durch Vermittlung
eines mchtigen Herrn in Sachsen nach Hinterlegung einer betrchtlichen
Summe auer Verfolgung gesetzt wurde.

Was es fr den rhrigen, etwas zappeligen Mann bedeutete, sein junges
Unternehmen im Stiche lassen zu mssen, kann man sich denken, und schon
darum kennzeichnet sich die Behauptung, da er zu geschftlicher Frderung
eine Majesttsbeleidigung von Wedekind erzwungen habe, als sinnloses
Geschwtz.

Es ist ihm ein Vorwurf daraus gemacht worden, da er sich nicht dem
Strafrichter gestellt habe, und es gab dafr eine klingende Redensart, da
er nicht den Mut gehabt habe, die Folgen seiner Handlung zu tragen.

Es gehrt aber neben Mut auch krftige Gesundheit dazu, sich ein halbes
Jahr einsperren zu lassen, und die fehlte Langen, der damals an starken
nervsen Kopfschmerzen litt.

Wir haben in den folgenden Jahren noch manche Zusammenkunft in Zrich
gehabt, und es war unschwer zu sehen, wie sehr die Trennung von Geschft
und Ttigkeit Langen bedrckte.

In der Redaktion des "Simplicissimus" hatte ich neben _Reinhold Geheeb_
eine anregende Ttigkeit, die mir zusagte und die mir stets Zeit zu
eigenen Arbeiten lie.

Von magebendem Einflusse auf den Inhalt der einzelnen Nummern war von den
Knstlern immer _Th. Th. Heine_, der hufig in die Redaktion kam, sich mit
uns beriet und Anregungen gab.

Die andern, _Paul_, _Thny_, _Wilke_, _Reznicek_ zeichneten entweder nach
Laune und Einfall, was ihnen gerade zusagte, oder sie bernahmen es, einen
vereinbarten Text zu illustrieren. Redaktionssitzungen, an denen alle
Knstler teilnahmen, wurden erst spter nach Langens Rckkehr abgehalten.

_Wilhelm Schulz_ hielt sich noch in Berlin auf, und der Verkehr mit ihm
blieb aufs Schriftliche beschrnkt; _J. B. Engl_ machte selber die Texte
zu seinen Zeichnungen.

Von literarischen Mitarbeitern sah man zuweilen _Bierbaum_, _Falkenberg_,
_Gumppenberg_, _Greiner_, ziemlich hufig _Holitscher_.

Hier und da kam ein junger Mann in der Uniform eines bayrischen
Infanteristen, trug einen Sto Manuskripte, die er fr den Verlag geprft
hatte, bei sich und bergab der Redaktion ab und zu Beitrge; er war sehr
zurckhaltend, sehr gemessen im Ton, und man erzhlte von ihm, da er an
einem Roman arbeite. Der Infanterist hie _Thomas Mann_, und der Roman
erschien spter unter dem Titel "Buddenbrooks".

Mit den literarischen Vereinen kam ich nicht in Fhlung, ebensowenig mit
den engeren Zirkeln um _Halbe_, _Ruederer_ u. a.

_Otto Erich Hartleben_ lernte ich in einer Gesellschaft kennen; er gab von
Zeit zu Zeit Gastrollen in Mnchen, und man hrte nach seiner Abreise
Erzhlungen von endlosen Kneipgelagen, die von frhlichen Philistern, die
sich was darauf zugute taten, noch gehrig bertrieben wurden.

Er hatte was vom alten Studenten an sich, auch ein bichen was vom
gefeierten Genie, um das sich Kreise bilden, aber wenn er nach einer Weile
die Geste beiseite lie, konnte man sich an dem Frohsinn des hochbegabten,
warmherzigen Menschen erfreuen. Zuletzt traf ich ihn in Florenz, im
Frhjahr 1903, aufgelegt wie immer zum Schwrmen und Pokulieren, aber jede
frhliche Stunde mute er mit krperlichen Schmerzen bezahlen, und er sah
recht verfallen aus.

Bald nach meinem Eintritt in die Redaktion des "Simplicissimus" lernte ich
_Bjrnstjerne Bjrnson_ kennen.

Das heit, um es respektvoller auszudrcken, ich wurde ihm vorgestellt,
und er hatte die Gte, mir etwas Wohlwollendes ber ein paar Gedichte zu
sagen.

Er gehrte zu den Mnnern, die krperlich grer aussehen, als sie sind,
und die man stets ber andere wegragen sieht; in der grten Gesellschaft
mute sogleich der Blick auf ihn fallen, und das wute er und hielt was
darauf. Er sah imponierend aus mit seiner geraden Haltung, mit den
blitzenden Augen unter buschigen Brauen, die ein bichen ber die kleinere
Menschheit wegsahen, mit den schlohweien Haaren auf dem stolz getragenen
Haupte. Im Gesprche mit uns war er so was wie wohlaffektionierter Knig,
aber er konnte auch aus sich herausgehen und derb und herzlich lachen.

Wer bei ihm zu Besuch in Aulestad gewesen war, rhmte seine zwanglose
Gastfreundschaft; hier in Mnchen war er schon etwas Vertreter einer
fremden Gromacht und kritisch und mitrauisch gegen den
Unteroffiziersgeist, den er diesseits der schwarzweiroten Pfhle
witterte. Damals war er auf Deutschland gut zu sprechen und hielt uns fr
bildungs- und besserungsfhig. "ber unsere Kraft" hatte in Berlin volles
Verstndnis gefunden, und viele Angehrige der preuischen Nation
schrieben sich die Finger schwarz ber die tiefen Probleme des ersten wie
des zweiten Teiles, und so sah Bjrnson, da sie auf dem rechten Wege
waren und sich zu einigem Werte durchringen konnten.

Immer leidenschaftlich, setzte er sich ganz fr eine Sache ein und lie am
Widerparte gar nichts gelten; er besa im hchsten Ma die Gabe, nur die
eine Seite zu sehen, und war darum ein erfolgreicher Parteifhrer und
nebenher ein glnzender Journalist; alles sah er aus bestimmten
Gesichtswinkeln und ordnete es seinem Systeme ein.

Ich besuchte einmal um Ostern 1904 mit ihm das Forum in Rom.

_Professor Boni_ begrte den illustren Gast aus Norwegen mit romanischer
Hflichkeit und wrdevoller Devotion und machte selbst den Fhrer.

Wilke und ich gingen hinterdrein.

Als Boni, den die vom preuischen Unteroffiziersgeist angekrnkelten
deutschen Gelehrten fr einen Scharlatan halten, unter anderem sagte, die
Auffindung eines Altars htte ihn zu der berzeugung gebracht, da die
Plebejer eine andere Religion als die Patrizier gehabt htten, da sie
berhaupt eine fremde, von den Rmern unterjochte Nation gewesen seien,
war Bjrnson ber diese neuen, groen Gesichtspunkte begeistert, denn mit
unterdrckten Vlkern hielt er es immer.

Auf dem Heimwege fragte er mich, ob ich ihm kein gutes Buch ber rmische
Geschichte nennen knne, "aber", fgte er bei, "bleiben Sie mir weg mit
diesen deutschen Gelehrten, mit Ihrem Mommsen! Es mu so sein, wie es Boni
darstellte."

Ich erwiderte etwas schnoddrig, da meines Wissens in Deutschland kein
derartiger Bockmist gedruckt worden sei.

Einen Augenblick war er verdutzt, dann brach er in ein schallendes
Gelchter aus, und daheim rief er gleich seine herzensgute Frau Karoline
herbei und erzhlte ihr, da der "onverschmte Krl" die Erklrungen des
prchtigen Professors Boni einen Bockmist genannt habe.

Einmal, als ich ihn in der Via Gregoriana besuchte, kam sein Enkel Arne
Langen ins Zimmer und stellte sich ans Fenster. Man hatte von da aus einen
wundervollen Blick auf die Peterskirche, und pltzlich rief der kleine
Arne, auf die mchtige Kuppel deutend: "Gropapa, wer wohnt dort?"

"Da wohnt niemand", erwiderte Bjrnson sehr ernst.

"O ja! Da wohnt der liebe Gott!"

"Onsinn! Wer hat dir das gesagt? Das war wieder dieser preuische
Unteroffizier ..." Bjrnson wurde ernstlich bse auf die deutsche
Erzieherin, die seinen beiden Enkeln solche Mrchen erzhlte und die ihm
berhaupt viel zu korrekt und, wie er es nannte, zu preuisch war.

Bekannt ist seine leidenschaftliche Anteilnahme am Schicksale von Dreyfus;
ihm teilte sich die Menschheit eine Zeitlang nur in edle, lichte Freunde
des Unschuldigen und in pechrabenschwarze Anti-Dreyfusards. Bjrnson
weilte in Paris bei Langen, als Dreyfus auf freien Fu gesetzt wurde, und
er beeilte sich, dem Mrtyrer seine Sympathien mndlich kundzugeben.

Wie mir erzhlt wurde, war er von der Zusammenkunft stark enttuscht; der
berhmteste Prozemann Europas soll sich als recht trockener Spiebrger
gezeigt haben, der fr die Opfer, die ihm von einzelnen, insbesondere von
_Picquart_, gebracht worden waren, kaum Verstndnis bewies.

Jedenfalls hat er durch seine drftige Art dem groen skandinavischen
Gnner die weltgeschichtliche Szene verdorben.

Mir hat Bjrnson im Laufe der Jahre seine freundliche Gesinnung bewahrt
und zuweilen bewiesen. Als ich vom Landgerichte Stuttgart wegen
Beleidigung einiger Sittlichkeitsapostel verurteilt worden war, legte er
beim Knig von Wrttemberg Protest gegen die Strafe ein.

Um aber begnadigt zu werden, htte ich selber ein Gesuch einreichen
mssen, und das konnte ich aus begreiflichen Grnden nicht tun.



In der neuen Ttigkeit, die mir immer als begehrenswert erschienen war,
fhlte ich mich glcklich.

Sehr viel trug dazu die freie Art bei, in der jeder einzelne seiner
Verpflichtung nachkam und in der alle die gemeinsame Aufgabe erfllten.

Wir standen als angehende Dreiiger fast alle im gleichen Alter, hatten
keinen Willen als den eigenen zur Richtschnur und handelten nur nach
Gesetzen, die wir uns selbst im Interesse der Sache auferlegten.

Es gab keinen Chef, dessen Meinungen oder Wnsche zu bercksichtigen
waren; es gab keine uerliche, auerhalb des Knnens und der Frderung
des Ganzen liegende Autoritt; die ruhte auf Persnlichkeit und Leistung.

Der kameradschaftliche Ton, in dem wir miteinander verkehrten, fhrte
keineswegs zur nachsichtigen Beurteilung eines Beitrages; Duldung auf
Gegenseitigkeit gab es nicht, und wir blieben freimtig im Urteile
gegeneinander. Anerkennung drckte sich am besten in herzhaftem Lachen
aus, Bewundern und Anhimmeln unterblieben. Es war eine reizvolle Arbeit,
die wir zwanglos, fast spielend erledigten, und bei dieser unbekmmerten
Beschftigung mit den Zeitereignissen, die wir, allen Parteidoktrinen
abgeneigt, vom gemeinsamen knstlerischen Standpunkte aus beurteilten,
hielten wir uns frei von Pathos und dnkelhafter Theorie.

Natrlich war uns die ziemlich weitgreifende Wirkung unserer uerungen
nicht gleichgltig, aber dabei machte uns die sich in Phrasen austobende
Entrstung der Gegner viel mehr Spa als die Zustimmung der Anhnger. Die
aufgestrten Philister wollten den Kampf gegen Spott mit sehr plumpen
Mitteln gefhrt haben, mit Einsperren, mit Boykott, mit Konfiskation, mit
Bahnhofsverboten usw.

Katholische und protestantische Geistliche gingen in die Buchhndlerlden,
verlangten Entfernung des "Simplicissimus" aus den Schaufenstern oder
wollten den Vertrieb verbieten; Ministern, Polizeiprsidenten,
Staatsanwlten, sogar Richtern kam es nicht darauf an, gesetzliche
Bestimmungen zu umgehen oder zu verletzen, um das gehate, zum mindesten
fr verderblich gehaltene Witzblatt zu unterdrcken oder zu schdigen.

Ich sah in der stets in Superlativen schwelgenden Entrstung den Beweis
dafr, wie aus Phrasen sehr bald verlogene Empfindungen werden, und wie
sie gesundes Denken und Selbstsicherheit vernichten.

Es war ein Krankheitsproze.

Das deutsche Volk hat in seiner gelassenen Art immer Selbstkritik gebt
und ertragen, damals aber versuchten die bereifrigen es zur gereizten
Empfindlichkeit aufzustacheln.

Einrichtungen, deren Nutzen und Wert kein vernnftiger Mensch bestritt,
wurden gemeinsam mit Mibruchen als heiligste Gter fr unantastbar
erklrt, ganze Stnde waren erhaben ber Kritik und noch erhabener ber
den Witz.

Von Umsturzgedanken und fanatischen Theorien war im Kreise der jungen
lebensfrohen Knstler nichts zu finden, aber auch nichts von ngstlicher
Zurckhaltung, wenn es galt, einem Unfug oder einer Anmaung
entgegenzutreten.

Der Satire bot sich damals ein besonderes Angriffsziel in einer Bewegung,
die angeblich auf Hebung der Sittlichkeit gerichtet war.

Man erklrte das deutsche Volk fr im sittlichen Niedergange begriffen,
donnerte ber krperliche und moralische Verderbnis und sah vor lauter
germanischen Idealen die Tatsache nicht, da diese heranwachsende Jugend
ernster, strebsamer, tchtiger war als die einer frheren Zeit, da sie
sich von alten Mistnden, vom hochmtigen Kastengeiste wie vom
verderblichen Saufen abgewandt hatte und krperliche Tchtigkeit in viel
hherem Mae zu schtzen begann.

Und in der Freude an tnenden Redensarten schenkte man sich die hrtere
und doch allein Erfolg versprechende Arbeit, gegen die Ursachen sittlicher
Schden vorzugehen.

Die lagen in sozialen Mistnden, in Armut, in Ausbeutung, in der
Wohnungsnot u. a. viel tiefer begrndet als etwa in der Ausstellung einer
Nuditt im Schaufenster.

Es war selbstverstndlich, da die Orthodoxen beider Konfessionen mit
Begeisterung an der Bewegung teilnahmen und sie gehrig ausnutzten.

Die Regierung ging tppisch, wie so oft, auf die moralischen und
staatserhaltenden Bestrebungen ein, und es kam zur Vorlage der
berchtigten Lex Heinze.

Den Namen leitete sie von einem Berliner Kupplerprozesse her, aber ihre
Tendenz richtete sich weniger gegen grostdtische belstnde als gegen
eine unbequeme Freiheit der Presse.

In Sddeutschland waren es nicht zuletzt die beiden jungen Wochenschriften
"Jugend" und "Simplicissimus", die den ultramontanen Eifer fr scharfe
Gesetze wachriefen und nhrten.

So war es auch ein Kampf um die eigene Existenz, wenn sie gegen die
offenen und noch mehr gegen die heimlichen Bestrebungen der reaktionren
Parteien losschlugen.

_Diffizile non erat, satiram scribere._

Wie da zarteste Dinge vor die ffentlichkeit gezerrt und angegrinst
wurden, wie sich wohllebige Mnner als Tugendhelden aufs Podium stellten,
wie man in schmalzigen Redensarten schwelgte und wiederum mit rohem
Unverstande auf knstlerischem Empfinden herumtrampelte, das alles
forderte den schrfsten Spott heraus.

Es kam dann auch zu groen organisierten Widerstnden, und in Mnchen
wurde auf Anregung Max Halbes der Goethe-Bund aller Freunde knstlerischer
Freiheit gegrndet.

Es ging ein frischer Zug, an den man sich gerne erinnern darf, durch jene
Versammlung im Mnchner Kindl-Keller, in der die Grndung beschlossen
wurde.

Und wo _Georg Hirth_ und _M. G. Conrad_ gegen Muckerei und Schnffelei vom
Leder zogen, da durfte man sicher sein, da es scharfe Hiebe absetzte.

Die Lex Heinze fiel, aber das Bedrfnis nach bersteigerter "Sittlichkeit"
blieb erhalten, ebenso wie die Sehnsucht nach Unterdrckung unangenehmer
Geister.

Von dem Hasse, den dieses Sehnen wachrief, richtete sich ein herzhafter
Teil gegen den "Simplicissimus", dessen Mitarbeiter sich nicht zum
wehleidigen Dulden verstanden.

Zwischen damals und heute, 1919, liegen Ereignisse, die
Kaffeehausliteraten zu Leitern des Staatswesens machten und die es vielen
Bewunderern und Verfechtern des frheren Systems ratsam erscheinen lieen,
es nunmehr zu verdammen.

Glckselig pries sich, wer whrend des Krieges den Opfermut des eigenen
Volkes nicht allzu laut bewundert hatte, Gott hnlich war, wer ein paar
internationale Seufzer losgelassen hatte.

Jmmerliche Hanswurste stellten sich im Niedergange des Vaterlandes
entzckt von Freiheit und Menschlichkeit, und niemand hatte mehr Anspruch
auf Bewunderung des Volkes als der groe Pessimist, der als erster vor
allen andern am glcklichen Ausgange gezweifelt hatte.

Wie schnell hat sich das Brgertum in den Untergang der heiligsten Gter
gefunden, wie hat es sie widerstandslos aufgegeben!

Selbstgeschaffene, mit nchternem Sinne fr notwendig erkannte
Einrichtungen, an denen man ttigen Anteil gehabt htte, wren wohl anders
verteidigt worden; so aber gerieten durch den im Kriege bermchtig
gewordenen Ha gegen die Verlogenheit gezchteter Begriffe die inneren
Lebenskrfte miteinander in Kampf.

Ein wohlgegliederter, gewordener Organismus, in dem eines das andere
untersttzte, wurde durch die Theorie zerstrt.

Mgen Schwtzer ein System, das allerdings noch auszubauen war, verdammen,
wir waren mchtig unter ihm und wren glcklich geworden, wenn man es auf
breite Fundamente gestellt htte.

Deutschland war in den Sattel gesetzt, aber reiten hat es nicht knnen; es
berlie die Fhrung unsicheren Hnden.

Dnkelhafter Dilettantismus hat die Mglichkeit unseres Unterganges
geschaffen.

Keiner von uns war so weitblickend, die letzten Folgen der operettenhaft
gefhrten Politik vorauszusehen, aber ihre Lcherlichkeit erkannten wir,
und hinter dem Spotte ber groe Worte und Gesten steckte ein lebhafter
Unmut. War es nicht natrlich, da sich gerade Knstler am schrfsten
gegen die Stillosigkeit der pompsen Aufmachung wandten?



Die alte Viktor konnte mein ferneres Wirken nur aus der Ferne betrachten,
und zuweilen meinte sie seufzend, da ich zu bermtig wre, aber, wenn
sie ngstlich darber sprach, trstete sie der gute Pfarrherr von
Allershausen, der lustig auffate, was lustig gemeint war.

Oft suchte ich das kleine Haus an der Amper auf und nahm teil an dem
stillen Glck, das die Alte hier gefunden hatte.

Ein Garten, dem sie Sorgfalt erwies, ein paar kleine Zimmer, deren
schnster Schmuck ihre peinliche Sauberkeit war, das war die Welt, in der
sie sich wohl fhlte und von der aus auch auf mich eine Flle von Behagen
berging.

Kam ich unangemeldet, so schmollte sie ein wenig, denn sie wollte, da
mein Besuch mit guten Dingen gefeiert wrde. Ein frisch gebackener
Kaffeezopf gehrte auf den Tisch, und in der Kche mute sie geheimnisvoll
rumoren, um frhlich lchelnd eine Lieblingsspeise aufzutragen. Dann sa
sie mir gegenber und hrte aufmerksam zu, wenn ich von meinem Leben
berichtete. Es schien sich zum Guten zu wenden, aber - aber.

Da waren doch neulich recht unehrerbietige Verse im "Simplicissimus"
gestanden, und wenn sie auch wute, da es nicht so schlimm gemeint war,
was sollten die Leute von mir denken, die mich nicht kannten?

In solchen Fllen ergriff der Herr Pfarrer, der als lieber Gast dabei sa,
meine Partei und fhrte aus, da man nicht immer fein sein knne. Er war
noch aus der alten Schule, die keine Zeloten erzog; er stand nicht
auerhalb der Welt, in der er wirkte, sondern mit tchtigem Verstande
mitten drin. Er kannte die Bauern und verstand seine Aufgabe, in ihnen den
ererbten Sinn fr ttiges Leben und ehrbare Sitte wach zu erhalten. Wie
sie, mochte er kein bertriebenes Wesen leiden, er war frhlich mit ihnen,
ohne seinem Stande etwas zu vergeben, er hatte volles Verstndnis fr ihre
Vorzge und Fehler und zeigte sich nie emprt ber natrliches Geschehen.
In ernsten Dingen bewahrte er Ruhe, und kleine Schmerzen heilte er am
liebsten mit einem Scherzworte.

Viktor schtzte ihn sehr hoch, und auch er hatte seine Freude an ihrer
braven Art.

Immer bezeigte er ihr freundschaftliche Anteilnahme und holte sie, wenn es
irgend ging, zum Spaziergange ab.

Er neckte sie gerne mit ihrer Zuneigung zu mir, und als ich das erstemal
nach Allershausen kam, erklrte er mir lachend, da die Vorstellung
eigentlich berflssig wre, denn er htte mich in- und auswendig
kennengelernt aus den erschpfenden Mitteilungen des Fruleins Viktor
Prbstl.

Eine Unterbrechung des Stillebens wurde durch die Heimkehr meines ltesten
Bruders herbeigefhrt.

Er kam mit seiner Frau und seinen vier Buben von Australien herber; und
regte schon das Wiedersehen nach der langen Zeit die Gemter auf, so
brachte die fremde Art der Frau wie der Kinder allerlei Unruhe in das
kleine Haus.

Die Buben, der lteste zwlf, der jngste ber drei Jahre alt, hatten sich
in Katoomba in den blauen Bergen nicht das geringste Verstndnis fr
europisches Ruhebedrfnis angeeignet.

Ich glaube nicht, da sie eine Viertelstunde am Tage still waren, und Frau
Jenny schien nur dann an die volle Gesundheit der Kinder zu glauben, wenn
sich die Stimmen von allen vier laut und deutlich vernehmbar machten. Sie
selbst, eine Englnderin aus der Kolonie, war eine sympathische, stille
Frau, und es war unschwer zu sehen, da sie in glcklicher Harmonie mit
meinem Bruder lebte. Aber wenn sich Frauen schon berhaupt nicht allzu
leicht verstehen, so konnte sich eine herzliche Neigung zwischen
hausbackener Schongauer Art und Australiertum erst recht nicht entwickeln.

Es war zwischen ihnen ein kleiner, stiller Krieg, den zwar Gutherzigkeit
und Takt auf beiden Seiten nicht zum Ausbruche kommen lieen, aber der
eben doch da war, der in der Luft lag und die Temperatur herunterdrckte.

Meine Schwgerin gehrte einer strengen protestantischen Sekte an, die
jeglichen Bilderdienst verabscheut, und als sie in ihrem Zimmer ein
Ammergauer Kruzifix bemerken mute, schlug sie zwar keinen Lrm, aber sie
verhllte den Heiland mit einer Nachtjacke.

Viktor war nicht unduldsam, ihr Katholizismus vertrug sich schlecht und
recht mit liberalen Neigungen, aber diese Lieblosigkeit gegen ein
Kruzifix, das jahrelang im Risser Forsthause gehangen hatte, ertrug sie
nicht; sie befreite es schweigend von der Hlle, nahm es an sich und trug
es in ihr Zimmer.

Dabei mochten ihre Blicke und der Auftakt ihrer Schritte Emprung verraten
haben, jedenfalls hatte diese Szene so etwas vom Zerschneiden des
Tischtuches zwischen den beiden Weiblichkeiten an sich.

Die Neigung Jennys fr lrmende Kinderstimmen teilte die Alte nicht;
vermutlich hatte sie mein Geschrei dereinst liebevoll ertragen, und die
Wiederholung von Brllen und Quken wre ihr nach der langen Pause
ertrglich und nett vorgekommen, wenn es sich um Kinder von mir gehandelt
htte, aber der Milderungsgrund lag nicht vor. Sie sah und hrte die
australischen Spiele ohne die Nachsicht, deren sie dringend bedurft
htten, und am Ende war die gute Alte wirklich zu jh aus einer schnen
Ruhe gestrt worden. Sie beklagte sich nicht, wenn ich hinauskam, aber ich
las in ihren Augen die stumme Frage, ob es denn wirklich fr immer zu Ende
sei mit den stillen, schnen Tagen.

Das und ein paar andere Beobachtungen lieen mir eine schleunige nderung
wnschenswert erscheinen.

Denn auch an meinem Bruder bemerkte ich ein seltsames Unbehagen.

Seit Jahren war es sein brennender Wunsch gewesen, wieder nach Deutschland
zurckkehren zu drfen.

Nun war er ihm erfllt, und er mute die schmerzliche Erfahrung an sich
selber machen, da ihm die Heimat fremd geworden war.

Htte er gleich befriedigende Ttigkeit gefunden, so wre alles anders und
besser gewesen, aber die Erkenntnis, wie schwer es in den festgefgten,
ihm gar zu systematisch geordneten Verhltnissen sei, als Mann von
zweiundvierzig Jahren von vorne anzufangen, fiel ihm schon gleich schwer
aufs Herz. Dazu kam eine Frage, die in den Kolonien kaum aufgetaucht wre:
Was sollte aus den Buben werden?

Drben war Platz fr krftige Jugend, und es htte keiner weit
ausschauenden Vorbereitung bedurft, um vier gesunden Buben ein Auskommen
zu verschaffen.

Drben gab es keine konventionelle Verpflichtung, die schon in
Knabenjahren zur Wahl zwischen hheren und niederen Berufen zwang.

Drben gab es Arbeit fr starke Arme; und langte es weiter, dann ging es
auch weiter.

In Deutschland aber stand schon vor dem Abcschtzen die groe Frage: Was
willst du werden?

Studieren oder dich gleich mit Geringerem bescheiden?

Private Stellung oder den sicheren Staatsdienst whlen?

Beim ltesten, der zwlf Jahre alt war, brannte es eigentlich schon auf
den Ngeln.

Wer immer in dem sich gleichmig drehenden Kreise blieb, dessen Leben
drehte sich mit, wer aber hinausgetreten war, kam kaum mehr hinein.

Diese Erkenntnis stimmte meinen Bruder bitter und lie ihm vieles
kleinlicher und widerwrtiger erscheinen, als es war.

Ich hoffte, da seine Sprachkenntnisse, seine Tchtigkeit ihm zum
Erreichen eines Postens frderlich sein knnten, aber die ersten Versuche
schlugen fehl, und man gab ihm und mir zu verstehen, da man in
Deutschland langsam und ordnungsmig vorrcke. Und das mu man in der
Jugend beginnen. Zu diesen Enttuschungen kam schmerzliche Reue darber,
da er nicht frher heimgekehrt war und unsere Mutter noch am Leben
angetroffen hatte.

Meine trstenden Worte ntzten nicht viel. Oft saen wir irgendwo im
Freien, am Rande eines Waldes, und sprachen von alten Zeiten und
Erinnerungen, und ich sah wohl, wie sein Herz daran hing, aber auch, wie
vergeblich er sich mhte, sich das, was einmal gewesen war, wieder
lebendig zu machen. Redete ich von Gegenwart und Zukunft und von
Hoffnungen, die sich erfllen sollten, dann wurde er still und blies
strkere Rauchwolken aus der Pfeife vor sich hin.

Es war einmal.

Die Art, wie er seinem rger ber Ungewohntes, was verschieden von
australischen Dingen war, Ausdruck gab, zeigte mir deutlich, da keine
Freude in ihm aufkommen wollte. Und auch, da die Worte Jennys, die sich
oft genug ber die Verhltnisse in dem ihr so fremden Lande beklagen
mochte, tiefer Fu faten als meine Trstungen. Da ihm die Unttigkeit
immer weniger zusagte, war ich froh, als ihm unsere Verwandten in
Oberammergau einstweilen eine Stellung anboten.

Es war eine kleine Bosheit des Schicksals, da meine Schwgerin dorthin
bersiedeln mute, wo man die Kruzifixe schnitzte.

Die Stellung war nur eine vorbergehende; nach einiger Zeit erklrte mir
mein Bruder, da Berichte, die er von seinen Schwgern erhalten habe, ihm
fr sich und seine Familie die Auswanderung nach Kanada als das Beste
erscheinen lieen.

Es war mir mglich, ihm dazu behilflich zu sein, und so machte er sich im
August 1902 auf die Reise; er traf Verhltnisse an, die ihm weitaus besser
zusagten, und in seinen Briefen rhmte er das Entgegenkommen, das er
gerade als Deutscher in Winnepeg gefunden hatte.

Spter siedelte er nach S. Diego in Kalifornien ber und starb dort an den
Folgen eines Sonnenstiches.

Seine Buben wuchsen zu tchtigen Mnnern heran, wie Jenny schrieb; sie
waren ihr nach des Vaters Tode treue Helfer.

Viktor zeigte sich immer besorgt um das Schicksal meines Bruders, aber ich
glaube, sie atmete doch auf, als in dem kleinen Hause an der Amper keine
australischen Kngeruhs mehr nachgeahmt wurden, und als die Zimmer wieder
still und fein suberlich, recht sonntagsnachmittglich dalagen.

Fr manche Plage und Verdrielichkeit konnte ich sie entschdigen, als ich
mit ihr im Sommer 1902 beim Sixbauern in Finsterwald am Tegernsee Wohnung
nahm; da gefiel es ihr.

ber die Vorberge schauten die Gipfel des Rostein und Buchstein herber,
unter denen die Rauchalm lag, und die gehrte Lenggrieser Bauern; wenn man
sich da hinberdachte, kam man an die Isar, und etliche Stunden
fluaufwrts lag das Paradies, die Vorder-Ri.

Der Six war selber ein halber Lenggrieser - aus Fischbach - und kannte
vertraute Namen und Menschen; den Glasl Thomas, der als Jagdgehilfe die
dauernde Freundschaft des Frulein Prbstl errungen hatte, und andere
Jagdgehilfen und Frster, die Riesch, Sachenbacher, Murbeck,
Rauchenberger, Hei, lauter Namen, die durch ihre Verbindung mit schnen
Zeiten und geliebten Persnlichkeiten ehrwrdig waren.

Der Six erzhlte auch Risser Wilderergeschichten, und noch lieber hrte er
sie an, wenn wir auf der Bank vor dem Hause saen und Viktor ein langes
Garn spann.

Das war wirklich wie Heimkehr in die alte, so lang entbehrte Welt.

  [Illustration: Thoma beim Tarock]

Auch die Leute waren die gleichen wie die in der Jachenau, am Fall, in
Wackersberg und Lenggries, hochgewachsene, stmmige Bauern, verwegene
Burschen und frische Mdel.

Am gemtlichsten sa es sich in der kleinen Kche, wenn ein paar Nachbarn
zum Heimgarten kamen und die Pfeifen zu breit ausgesponnenen Reden
brannten, oder wenn die Sixbuerin mit der Viktor uralte Kochrezepte
austauschte.

Wenn ich aber droben in meinem Zimmer sa und an der "Lokalbahn"
herumbastelte, wurde unten mein Lebenslauf mit liebevoller Grndlichkeit
geschildert, was ich darin merken konnte, da die Sixin ber alle
Einzelheiten trefflich unterrichtet war.

Beim Unterbuchberger oberhalb Gmund hatte sich Georg Hirth mit seiner Frau
Wally festgesetzt, und er unterhielt einen regen Verkehr mit uns, der bald
zur herzlichen Freundschaft fhrte.

In dem temperamentvollen, sich immer mit seiner ganzen Persnlichkeit
einsetzenden _Georg Hirth_ war ein gutes Stck deutscher Vergangenheit und
Mnchner Entwicklung verkrpert.

Als sehr junger Mann hatte er anfangs der sechziger Jahre die
Aufmerksamkeit Ernst Keils, des Begrnders der "Gartenlaube", auf sich
gezogen, war mit Feuereifer fr freiheitliche Ideen und die deutschen
Einigungsbestrebungen eingetreten und hatte dann 1866 bei Langensalza als
Kmpfer auf preuischer Seite eine schwere Verwundung erlitten. Immer
ttig und voll Unternehmungslust, grndete er in Berlin die Annalen des
Deutschen Reiches und trat mit vielen hervorragenden Mnnern in Beziehung,
siedelte dann nach Mnchen ber und stand hier ber vierzig Jahre lang im
Mittelpunkte literarischer, knstlerischer, journalistischer und
politischer Interessen als Mitbesitzer und Leiter der grten Zeitung, als
Begrnder der "Jugend", als kunstverstndiger Sammler und vor allem auch
als Hter und Frderer freier Gesinnung.

Als ich ihn damals an seinem geliebten Tegernsee kennenlernte, war er
nicht mehr der kampflustige Streiter von ehedem, wenngleich sein Gemt
immer noch gegen Dummheit und Unterdrckung aufflammen konnte, aber er war
abgeklrt, voll verstehender Gte und gerecht gegen Widersacher und
gegnerische Meinungen.

Auch im uern eine fesselnde Erscheinung, mit dem energisch geformten
Gesichte unter weien Haaren, mit den ausdrucksvollen Augen, gewann er
einen sogleich mit seinem milden Urteile ber Menschen und Dinge und mit
seiner lebhaften Anteilnahme an allen die Zeit bewegenden Fragen. Er
verstand es prachtvoll, von seinen Erlebnissen zu erzhlen, von
bedeutenden Menschen, mit denen ihn das Leben zusammengefhrt hatte, von
Kmpfen, die berwunden waren, von politischen und kulturellen
Streitfragen.

Da sah sich nun Viktor in Beziehungen zu einem von ihr stets bewunderten
geistigen Leben gebracht und fhlte Interessen in die Nhe gerckt, die
sie bisher ehrfrchtig von weitem angestaunt hatte. Oft sagte sie, da
diese Tage ihre glcklichsten wren.

Und es waren ihre letzten.

Mitte Oktober wurde im Mnchner Residenztheater meine "Lokalbahn" zum
ersten Male aufgefhrt.

Es war die zweite Premiere, die die Alte mitmachte; im Sommer vorher, am
Vorabende meines Namenstages, war sie mit Herzklopfen in der
Erstauffhrung meiner "Medaille" gesessen. Als sich der Vorhang etliche
Male hob und der Verfasser sich dankend vor dem Publikum verneigen mute
oder durfte, wie die Kritiker schreiben, da gingen ihr die Augen ber, und
sie sah nicht einmal, was lieblosere Menschen bemerkten, da ich mit
staubbedeckten Lackschuhen oben auf der Bhne stand.

Ich war zur Auffhrung gedankenverloren und Trumen nachhngend durch den
Englischen Garten gegangen und hatte nicht darauf geachtet, wieviel Staub
sich auf meine Schuhe gelegt hatte. Viktor erwartete mich neben meinen
Brdern und Schwestern vor dem Theater und konnte mir kaum die Hand zum
Glckwunsch geben, so beschftigt war sie, die Nase zu putzen und die
Trnen abzuwischen.

Nunmehr kam die Premiere der "Lokalbahn", und im dichtgefllten Parkett
sa sie neben festlich gekleideten Menschen, von denen nur wenige wuten,
wieviel Anteil sie am Schicksale des Stckes nahm. Es ging wieder gut, und
nach der Auffhrung fand sich eine zahlreiche Gesellschaft in den "Vier
Jahreszeiten" zusammen. Hirth hielt eine freundliche Rede, und wir blieben
so lange beisammen, da ich fr Viktor, die sich nicht ganz wohl fhlte,
keinen Wagen mehr bekam.

Auf dem Heimwege erkltete sie sich grndlich, fuhr aber trotz Abmahnens
am andern Tage nach Allershausen, wo sie gleich von einer schweren
Influenza befallen wurde.

Ihr Herz, das ohnehin nicht fest war, wurde in Mitleidenschaft gezogen,
und nach einer Woche erhielt ich die telegraphische Nachricht, da sie
sehr schlecht daran sei.

Als ich hinausfuhr, kam mir im Dorfeingange der Pfarrer entgegen und sagte
mir, da es mit Viktor zu Ende gehe. Doch wrde ich sie noch lebend
antreffen, denn sie habe erklrt, da sie erst sterben wolle, wenn sie von
mir Abschied genommen habe.

Ich eilte ins Haus und stand erschttert vor meiner alten Viktor, deren
verfallene Zge mir jede Hoffnung nahmen.

Sie lchelte freundlich und streckte mir die Hand entgegen; fast unwillig
wies sie meine weinende Schwester zurecht, da Klagen doch keinen Sinn
htten und mir weh tun knnten.

Ich setzte mich an den Bettrand, und sie bestand darauf, da uns Kaffee
gebracht wrde.

Dann versuchte sie, sich ein wenig aufzurichten, stie mit mir an und sah
mich aus mden, halb erloschenen Augen noch einmal freundlich und voll
Gte an.

Sie nickte zufrieden mit dem Kopfe, denn nun war's in Ordnung, und das
Letzte, was sie gewollt hatte, war geschehen.

Bald darauf verlor sie das Bewutsein und phantasierte.

Am Abend starb sie; die Geschichte von den Vorder-Risser Tagen war zu Ende
erzhlt.



Im Frhjahr 1901 war ich zu kurzem Aufenthalte in Berlin und verlebte in
frhlicher Knstlergesellschaft ein paar genureiche Wochen. Die
Reichshauptstadt, die ich zum ersten Male sah, gefiel mir auerordentlich,
und es schien mir hier alles ins Groe und Bedeutende zu gehen.

Ganz gewi war vieles dazu angetan, diese Meinung hervorzurufen, aber es
lag auch in meiner Art, mich neuen Eindrcken stark hinzugeben und keine
Mngel zu bemerken, wo ich nur Vorzge sehen wollte.

Ich war als eifriger Leser von Treitschke, Huer, Frster, Kugler, Onken,
Archenholtz u. a. ziemlich vertraut mit preuischer Geschichte, und es
hatte fr mich einen besonderen Reiz, nunmehr an Sttten zu kommen, mit
deren Namen sich mir so oft bestimmte Vorstellungen verbunden hatten.

Als eingefleischter Friderizianer erlebte ich einen eindrucksvollen Tag in
Potsdam, wo, wie kaum an einem andern Ort, noch vieles auf Geist, Wissen
und Art eines groen Mannes hinweist.

Ich mchte hier sagen, da ich mir kein dmmeres Wort als das vom
Potsdamismus denken kann, mit dem man die Zeit Wilhelms II. mibilligend
oder verchtlich bezeichnet hat. Das Wort trifft in gar nichts den
Charakter der Zeit und der Mnner, die nach 1890 die Geschichte Preuens
lenkten. Da herrschte das gerade Gegenteil vom Potsdamismus, unter dem ich
mir die glcklichste Verbindung von Klugheit und festem Willen vorstelle,
die aus einem armen kleinen Lande einen mchtigen Staat geschaffen hat.

Wenn uerliches das Wesen eines groen Mannes widerzuspiegeln vermag, so
tut das Sanssouci. Alles in dem kleinen Schlosse, und nicht weniger das,
was _nicht_ darin ist, zeigt knstlerischen Takt, sich bescheidende
Weisheit, Eigenschaften, die zur wahren Gre gehren.

Und es ist auch kein Zufall, da das schne Bild der aufsteigenden, von
dem niedern Schlosse gekrnten Terrasse durch die in Marmor ausgefhrte
Kopie des Rauchschen Denkmals stark beeintrchtigt wurde.

Wilhelm II. hat sie dort aufstellen lassen, und sie pat wieder einmal gar
nicht hin.

Der Gefallen, den ich an Berlin gefunden hatte, blieb in mir wach, und als
sich mir im folgenden Herbste die Mglichkeit bot, auf lngere Zeit
dorthin zu bersiedeln, besann ich mich nicht lange und entschlo mich,
Mnchen auf einige Zeit zu verlassen.

Freiherr von Wolzogen hatte im Januar 1901 sein berbrettl erffnet, und
der Erfolg des Unternehmens hatte ihn veranlat, in der Kpenicker Strae
ein eigenes Theater zu erbauen.

Wolzogen machte mir den Vorschlag, ich sollte gegen ein Fixum die
Verpflichtung bernehmen, jedes geeignete Gedicht zuerst dem berbrettl
zur Verfgung zu stellen und den kommenden Winter in Berlin zu bleiben.
Auerdem sollte ich ihm zur Erffnung des Theaters das Auffhrungsrecht
der "Medaille" berlassen.

Nach Einigung mit der Redaktion des "Simplicissimus" nahm ich das
Anerbieten an, und schon Ende September 1901 bezog ich ein paar mblierte
Zimmer in der Lessingstrae in Berlin, ein wenig ngstlich vor der
eingebildeten Gre meiner Aufgabe in der gewaltigen Stadt und ein wenig
stolz, ihr anzugehren.

Es war wieder einmal nicht ganz so, wie ich es mir ausgemalt hatte.

Das Theater in der Kpenicker Strae war noch nicht ausgebaut, gute Zeit
wurde versumt, und als es im November erffnet wurde, war berbrettl
schon nicht mehr Mode, hatte Konkurrenten, und berdies hatte das Theater
in dem Armenviertel die ungnstigste Lage.

Es mute aufreizend wirken, wenn in dieser Strae Equipagen vorfuhren und
Dmchen mit Einglastrgern ausstiegen.

Was auf der Bhne geboten wurde, war nett, aber unzulnglich und htte
einer heiter gestimmten Gesellschaft einen Polterabend sehr vergnglich
gestaltet, doch Berlin _W_ war nicht so harmlos, und es hatte seine
Neigung fr gehobene Varietkunst bereits wieder abgelegt.

Die Konkurrenz versuchte es mit Attraktionen, und Liliencron las vor einem
Parkettpbel seine Novellen und Gedichte vor.

Mich befiel ein schwerer Katzenjammer, als ich das hrte, und schon vor
der Erffnungsvorstellung im Wolzogenschen Theater war ich mit allen
Illusionen fertig.

Meiner "Medaille" ging es nicht zum besten; sie fiel nicht durch, aber sie
erregte sichtlich wenig Freude, und vor allem pate sie nicht auf diese
Bhne.

Es war fr mich nicht angenehm, den Kampf mit ansehen zu mssen, den
Wolzogen mit der Ungunst des Publikums einige Monate hindurch fhrte, bis
er mit einer Niederlage endete.

Ganz Berlin gab sich damals dem mchtigen Eindrucke hin, den das Lied
"Haben Sie nicht den kleinen Cohn gesehn?" machte, und es war aus mit den
vertonten Liedern Bierbaums und Liliencrons.

Von meiner Freude an der lauten Grostadt kam ich bald zurck.

Zwar das Berlin, wie es geschftig war, arbeitete und bei aller Hast und
Hetze Ordnung hielt, imponierte mir noch immer; erst in spteren Jahren
wurde ich mitrauisch gegen die fixen Leute, die so viel Spektakel mit
ihrer Arbeit machten und immer neue, unmgliche Plne und Ideen am
Telephon hatten und sich in der Pose der unter frchterlicher Arbeitslast
Zusammenbrechenden wohl fhlten.

Aber auch schon damals sah ich Berlin, wie es sich unterhielt, mit
kritischen Augen an, und es gefiel mir nicht mehr.

Selbst in Abendgesellschaften merkte ich bei den geladenen Gsten, da sie
einander weder Ernst noch Heiterkeit glaubten und sich khl beobachteten.

Diese Leute waren einander fremd, kaum aneinander gewhnt und ganz und gar
nicht miteinander verwachsen; sie konnten nur nach uerlichkeiten
urteilen und waren veranlat, ihre Art nach auen zu wenden, da sie keinen
innerlichen Zusammenhang hatten. Vom Berliner Nachtbetrieb wurde oft mit
einem gewissen Stolze gesprochen, als wre in ihm der weltstdtische
Charakter sichergestellt und deutlich zur Erscheinung gebracht.

Ich wei nicht, ob dieses Ziel erreicht wurde, noch weniger, ob es
irgendeinen Wert hatte.

Ich sah nur dichtgedrngte Haufen von Menschen, die das eine gemeinsam
hatten, da sie sich frhlicher gaben, als sie waren.

Da der eigentliche, echte, alte Berliner viele Vorzge habe, wurde mir
eindringlich versichert, und ich zweifelte nicht daran, weil ich es durch
den verehrten Theodor Fontane schon erfahren hatte, aber in der
Vlkerwanderung, die nach 1870 von Osten her einsetzte, wurden die Modelle
Glasbrenners stark in den Hintergrund gedrngt. Mir schien es, als lebten
die Massen neben, nicht miteinander, und das Aufflligste war gerade das
Fehlen alles Charakteristischen.

Die Tunnelzeit war auch berwunden.

Da sich die Schriftsteller regelmig htten zusammenfinden knnen, wre
nicht mehr denkbar gewesen, und nichts war bezeichnender fr die neue
Zeit, als da die Kritiker prponderierten. Sie waren die Berhmtheiten,
auf die sich die Aufmerksamkeit des Publikums richtete, von ihnen war am
meisten die Rede, ihr Ruhm berdauerte - was wenigen Autoren oder
Knstlern beschieden war - mehr als eine Saison. Ihre Geltung stand fest,
die der Dichter blieb schwankend zwischen den Erfolgen, konnte abflauen
und strzen, und nach einer Niederlage sanken auch die alten Werte.

In der Premiere von Gerhart Hauptmanns "Rotem Hahn" sa ich neben einem
literarisch "versierten" Herrn, der mir in den Zwischenakten Anhnger und
Gegner des Dichters zeigte und zweifelnd, nach uerlichen Merkmalen, den
Ausgang abschtzte. Die feindlichen Mchte errangen den Sieg, und das
Stck fiel durch.

Da die Fortsetzung des "Biberpelzes" nicht gefiel, verstand ich, aber fr
die feindselige Wut, die sich um mich herum austobte, hatte ich keine
Erklrung.

Es war so, als htten sich die Theaterbesucher fr irgendeine Krnkung zu
rchen, als mten sie einem lange zurckgehaltenen Hasse gegen den
Dichter endlich Luft verschaffen. Und doch hatten sie ihm schon oft im
gleichen Theater zugejubelt.

Gute Auffhrungen konnte man damals in Berlin oft sehen, aber ich glaubte
damals wie heute, da die Kunst, mit tchtigen Schauspielern Stcke, die
was taugen und sich fr die Bhne eignen, gut herauszubringen, fr einen
geschmackvollen und klugen Mann nicht allzu schwer ist.

Spter ist das ja anders geworden.

Hinter Regie- und Dekorationsknsten, hinter Turn- und Tanzleistungen
mute sogar der alte William Shakespeare mit seinem Texte zurckstehen.
Von Schriftstellern, deren Erfolge ich einmal als Gipfel des Glckes
betrachtet hatte, sah ich nun auch etliche. Das Wetter ist nie so
schlecht, wie es sich vom Fenster aus ansieht, und die Berhmtheiten sind
nie so erhaben, wie man von weitem glaubt.

Damals stand allerdings in Berlin kein Dichter im Zenit; Hauptmann hatte
Mierfolge gehabt, Sudermann war mit einem Schlager im Rckstande, neue
Gtter gab es nicht, die Saison war flau, und Zugkraft hatte das
Unliterarische.

Der kleine Cohn - und ein Studentenstck "Alt-Heidelberg", das verschmt
zurckgestellt worden war und nun, da man es endlich gab, in Berlin wie in
ganz Deutschland einen vollen Sieg errang.

Die Kritiker zuckten die Achseln, schttelten die Kpfe, und zuletzt
lchelten sie wohlwollend.

_Sudermann_ lernte ich in einer Abendgesellschaft kennen. Er wollte mir
anfangs etwas zu dekorativ vorkommen, wie jener Mann in den "Fliegenden
Blttern", den die Hausfrau stets unter ein Makartbukett setzte, aber im
Gesprche zeigte er gewinnende Natrlichkeit, und ich bat ihm heimlich das
Vorurteil ab.

Mit seinem Kotanen, dem alten Feuilletonisten _Pietsch_, trieb die
Berliner Damenwelt einen seltsamen Kultus.

Er schrieb Plaudereien ber gesellschaftliches Leben, berichtete ber
Blle und Toiletten und konnte einer Schnen die begehrte Sensation
verschaffen, in der Zeitung mit einigen schmckenden Beiworten genannt zu
werden.

Das reichte hin, um ihn zum Lwen der Ballabende zu machen.

Wenn er im Saale auftauchte und mit den lustig zwinkernden uglein
Ausschau hielt, umringte ihn sogleich die weibliche Jugend, die zarte wie
die reifere, und schnullte den vergngten Greis ab, nur um ja bemerkt und
genannt zu werden.

Als Zeitbild war es erwhnenswert, wegen seiner Lieblichkeit brauchte man
sich den Anblick nicht zu merken.

Wie in Mnchen, hatte ich auch in Berlin regeren Verkehr mit Knstlern als
mit Schriftstellern.

Man kam allwchentlich im kleinen Kreise zusammen und unterhielt sich aufs
beste. Gearbeitet wurde viel, und ich konnte wohl sehen, da man sich hier
leichter und in greren Maen durchsetzen konnte als in Mnchen.

Die Sezession hatte neben ihrer knstlerischen auch noch die gewisse
oppositionelle Bedeutung, da der Hof in Kunstfragen so bestimmt wie
unpassend eingriff.

Berlin _W_ trat, wie es ihm zusagte, fr das Neue ein und empfand
sicherlich einigen Reiz in diesem ungefhrlichen Frondieren. berdies
glaubte man an der Spitze einer vorwrtsdrngenden Bewegung zu stehen und
tat sich was darauf zugut, Berlin als Mittelpunkt geistiger und
knstlerischer Bestrebungen zu preisen. Mnchen sollte seinen Rang als
Kunststadt verloren haben.

Das wurde freilich von Kritikern und Kunsthndlern eifriger behauptet als
von den Knstlern, die zum greren Teile aus Sddeutschland stammten,
aber auch diese gaben sich nicht ungern der Ansicht hin.

Vielleicht entschdigte es sie fr allerlei Unannehmlichkeiten ihres
Aufenthaltes, ber die sie trotz allem seufzten, und die Entwicklung hat
gezeigt, da zum Gedeihen der Kunst das Mzenatentum allein nicht gengt,
besonders nicht eines, das so unselbstndig und lenkbar ist wie das
Berlinische.

Auch da gab es Mode und Saisongeltung, und die Gtter von gestern wurden
gestrzt, wenn die Gtter von heute auf den Altar gehoben wurden.

Immer war eines nicht blo das Beste, sondern das allein Gute, und der
Herr Kommerzienrat ging willig von Manet zu Cezanne, von Cezanne zu
Picasso ber, nach den Dogmen, die von Kunsthndlern und Kunsthistorikern
aufgestellt wurden.

Whrend des Krieges, und erst recht nach seinem unglcklichen Ausgange
unter dem Eindrucke des Zusammenbruches, war viel die Rede von
Verfallserscheinungen, die versptete Propheten in der Weltstadt Berlin
bemerkt haben wollen; davon habe ich nichts gesehen, und auch was mir
nicht gefiel, hat in mir darum noch keine dsteren Ahnungen erregt.

Ich sah in allem nur die natrlichen Folgen eines groen, schnell
angehuften Reichtums, des Zusammenstrmens aller Krfte des Reiches in
diese Stadt, des ungeheuren Wachstums, bei dem es zur natrlichen
Entwicklung einer bodenstndigen Kultur nicht kommen konnte, und obwohl es
mir in dem Treiben immer unbehaglicher wurde, bersah ich doch nicht,
wieviel guter Wille am Werke war, und wie trotz allem in diesem rastlosen
Vorwrtsdrngen und Sichausbreiten krftiges Leben steckte.

In dieser Riesenstadt, in der alles wie am Schnrchen ging, in deren
Straen es keine Bettler gab, keine Unordnung, keine Unreinlichkeit, die
unvergleichlich besser verwaltet war als das so viel kleinere Mnchen,
konnte man eher Hochachtung vor preuischer Tchtigkeit empfinden als
Angst vor baldigem Verfalle.

Aber was sich nachtrglich dozieren lt, ist, da man sich gerade in
Berlin htte klar werden knnen, wie unfruchtbar Opposition ist, die sich
ausschlielich auf Kritik beschrnkt.

Eine intelligente Brgerschaft, die ihrer freisinnigen Tradition anhing,
wirtschaftlich groe Erfolge errang, in der Verwaltung Mustergltiges
leistete, brachte, von jedem Einflusse auf die Geschicke des Staates
ferngehalten, gegen diese schdlichste Bevormundung und ihre verderblichen
Folgen lange nicht den Widerstand auf, den die vorhergehende Generation
einer erfolgreichen Regierung entgegengesetzt hatte.

Ja, in dem Lcheln ber die zahlreichen, sehr starken Entgleisungen des
persnlichen Regiments lag verzeihendes Wohlwollen und wirklich nicht die
Erbitterung, die zur Befreiung von diesen unheilvollsten Dingen htte
fhren knnen.

Der gutmtige Spott, mit dem man die Aufstellung der das Stadtbild
verunzierenden Denkmler hinnahm, wandte sich schonend gegen die
Planlosigkeit der inneren wie der ueren Politik und verkehrte sich nicht
selten in ein beiflliges Schmunzeln ber tnende Phrasen.

Welche ngstlichen, unschnen Rcksichten selbst solche Mnner im Bann
halten konnten, die mit ihrer Opposition ein bichen kokettierten, hatte
ich schon im Frhjahr 1901 gesehen.

Die Erffnung einer Ausstellung der Sezession wurde durch ein Festbankett
gefeiert, und es waren schon etliche Worte gegen hfische Kunst gefallen,
als sich aus der Mitte der Gste unser Mnchner _Georg von Vollmar_ erhob
und eine kluge, sehr gemigte Rede hielt.

Die Aufnahme war freundlich, aber es gab bei allen nher oder offiziell
Beteiligten derart betretene Mienen, da es auffallen mute.

Vollmar sagte zu mir: "Sehen S', denen is mit ihren geschmerzten
Redensarten ber freie Kunst nicht ernst; denen wr nix lieber, als wenn
der Kaiser kommet, und wr er da, knnt er ber die Rinnsteinkunst sagen,
was er mcht, sie htten alle miteinander die grte Freud drber ..."

Es zeigte sich, da er noch mehr recht hatte, als er vielleicht selbst
glaubte. Gleich nach der Rede sah man Herren, die von einem Tisch zum
andern gingen, eifrig einander in die Ohren tuschelten - und am Abend, als
ich noch mit einigen Huptern der Sezession in einem Kaffeehause sa,
griffen diese begierig nach den Abendzeitungen und stellten aufatmend
fest, da in den ausfhrlichen Berichten ber die glnzende Erffnung der
Ausstellung die Anwesenheit des sozialdemokratischen Fhrers und seine
Rede mit keinem Worte erwhnt waren.

Man hatte die Berichterstatter oder Redaktionen durch Bitten dazu
gebracht, da sie das kompromittierende Ereignis totschwiegen.

Dabei hatten sich die Herren seit Jahren darin gefallen, die allerhchste
Abneigung gegen die moderne Kunst als Aushngeschild zu gebrauchen, und
die greren wie die kleinen Kapazitten hatten gerne gezeigt, wie sie
ihre Unbeliebtheit lchelnd und stark zu ertragen wten.

War es auch kein erschtterndes Ereignis, so zeigte es doch als Beispiel
aus vielen, und auch darin, da sehr ernsthafte und bedeutende Mnner die
Schwche bewiesen, wie sehr die Ausartung des persnlichen Regimentes in
den Fehlern der Regierten begrndet war.

Gegen eines lehnte ich mich auch damals schon auf: da immer wieder betont
wurde, der Kaiser habe den besten Willen, meine es gut und vergreife sich
nur in den Mitteln.

Es gab in Berlin sehr viel gut Unterrichtete und Eingeweihte, die ihren
Herrscher zu ehren glaubten, wenn sie mit Bonhomie versicherten, er mchte
wohl, aber er knne nicht.

Mnner, die in ihrem Wirkungskreise das Beste leisteten und die bei keinem
ihrer Angestellten den Willen fr die Tat htten gelten lassen, hegten
keine Bedenken ber das Schicksal des Landes, wenn die grten politischen
Fehler nicht aus Bswilligkeit begangen worden waren.

Das wurde zum blen Schlagworte, bei dem sich allzu viele beruhigten.

In Wirklichkeit stammte die Zufriedenheit oder dieser Mangel an Auflehnung
aus Saturierung durch guten Verdienst und glnzende Geschfte.

Die Sozialdemokratie aber - das habe ich damals geglaubt, und heute bin
ich erst recht davon berzeugt - hat den Angriff gegen die gefhrlichen
Schadenstifter abgeschwcht, von ihnen abgelenkt durch malose und
doktrinre Polemik gegen den Kapitalismus.

Das alles lie sich um das Jahr 1902 in Berlin schon sehr eingehend
beobachten. Ich will nicht behaupten, da ich mich hellseherisch argen
Befrchtungen hingab, doch habe ich mich darber zuweilen gergert und
meinem rger auch unbekmmert Ausdruck verliehen.



Fr die ersten Tage des Mrz 1902 hatte Langen eine Zusammenkunft in
Zrich anberaumt, und ich folgte gerne der Einladung, die meinem Berliner
Aufenthalte ein Ende bereitete.

Von meiner heftigen Neigung fr die Weltstadt war ich abgekommen, und ich
sa recht undankbar vergngt in dem Zuge, der mich an Kiefernwldern und
Windmhlen vorbei nach dem Sden fhrte.

Von Zrich aus reiste ich mit Langen nach Paris, wo ich zwei schne
Frhlingsmonate verlebte. Hier, wo jede Einzelheit zum Ganzen gehrte, wo
zwischen allen Menschen unsichtbare und doch starke Zusammenhnge
bestanden, begriff ich erst recht, wie erkltend gerade der Mangel daran
in Berlin auf mich gewirkt hatte.

Bei Langen lernte ich _Rodin_, _Carrire_, _Besnard_, _Steinlen_ und den
frhlichen Norweger _Thaulow_ kennen; die Stunden, die ich mit ihnen
verleben durfte, werden mir unvergelich bleiben.

Besonders gern rufe ich mir einen Besuch in Rodins Atelier in Erinnerung,
und nicht blo wegen der Kunstwerke, die ich sah, fast noch mehr wegen der
Art, wie der Meister alles zeigte und erklrte, wie er mit einem stillen
Lcheln ber den Enthusiasmus Langens wegsah und ruhig und verbindlich auf
das Wesentliche zurckkam.

Ein Denkmal Victor Hugos, der dargestellt war, wie er nackt an einer
Quelle liegt und trumend auf ihr Murmeln horcht, erregte die laute
Bewunderung Langens. Er sprach seine Emprung darber aus, da die Stadt
Paris dieses Monument abgelehnt und statt seiner einen schauderhaften
Kitsch aufgestellt habe.

Rodin lchelte nur und zog die Achseln hoch.

Zu den tglichen Gsten in Langens Haus gehrte der entlassene
Oberstleutnant _Picquart_, der im Dreyfus-Proze berhmt geworden war.

Ein stiller Mann von zurckhaltendem Wesen und verbindlichen Manieren, der
nicht gerade typisch franzsisch aussah; der Eindruck verstrkte sich,
wenn er tadellos Deutsch ohne jeden Akzent, und noch mehr, wenn er
elsssisch Dtsch sprach.

Er beobachtete viel und sprach wenig, und er war mir mit seiner
schweigsamen, nachdenklichen Art fast unheimlich; er mu, wenn er dazu
gebraucht worden ist, als Spion in Deutschland die besten Dienste
geleistet haben.

Langen sagte einmal zu ihm: "Sie haben sicher bei uns mehr gesehen, als
Sie sehen durften."

"Man sieht nie genug", antwortete Picquart ruhig.

Von der deutschen Armee sprach er immer mit groer Hochachtung.

Als aus irgendeinem Anlasse die Rede auf 1870 kam, sagte er, man drfe
froh sein, da die franzsischen Truppen nicht ber den Rhein gekommen
seien; sie wren nicht zu halten gewesen, denn von deutscher Zucht und
Disziplin sei bei ihnen kaum etwas zu finden gewesen.

Damals war gerade der englische General Methuen von Delarey
gefangengenommen worden, aber als man bei Tische Befriedigung ber diesen
Erfolg der Buren uerte, sagte Picquart kurz und bestimmt: "In sechs
Wochen ist die Sache trotzdem zu Ende."

Es hat fast auf den Tag gestimmt.

ber den Dreyfus-Proze wurde noch immer viel gesprochen, besonders wenn
_Paul Clemenceau_, ein Bruder des Tigers, anwesend war.

Picquart beteiligte sich selten an dem Gesprche, doch einmal sagte er:
"Man wollte mich im Gefngnisse umbringen, und man htte es auch sicher
getan, wenn ich nicht kurz vor meiner Verhaftung die Erklrung
verffentlicht htte, da ich unter keinen Umstnden, geschehe was wolle,
Selbstmord verben wrde. So konnte man keinen Selbstmord vortuschen, wie
bei Henry, und scheute sich, mich um die Ecke zu bringen."

_Georges Clemenceau_, der damals ohne Mandat war und fr den Senat
kandidierte, sagte, wie uns sein Bruder erzhlte: an dem Tage, wo er
Ministerprsident werde, erhalte Picquart das Portefeuille des
Kriegsministers.

Es klang nach wenn und aber, und war zwei Jahre spter Tatsache.

Picquart ist ziemlich lange vor dem Kriege gestorben; gab es franzsische
Heerfhrer, die Deutschland und seine Armee so gut kannten wie er, dann
waren sie gefhrliche Gegner.

Bald nach meiner Ankunft in Paris kam auch der dnische Maler _Kryer_ zu
Langen.

Der rotblonde Skandinave, ein trinkfester, gemtlicher Herr, schlo sich
mir an, und wir wurden gute Kameraden, besonders als Langen mit seiner
Familie eine lnger whrende Automobilfahrt nach Spanien unternahm. Wie
wir allein waren, hielt Kryer in seiner umstndlichen und feierlichen Art
eine Rede an mich: "Thma, ich kann nicht allein hier essen, und du kannst
nicht allein hier essen. Ich glaube aber, wir finden in ganz Paris kein so
gotes Wirtshaus und kein so gotes Essen, und jedenfalls kein so billiges.
Wir wollen uns also jeden Tag pnktlich hier treffen, Mittag und Abend und
zusammen essen, und dann kann jeder gehen, wohin er mag ..."

So hielten wir es auch, und wir saen jeden Tag bei Langen und gaben dem
Diener Josphe unsere Wnsche fr die nchste Mahlzeit bekannt.

Zu einem Glase guten Bordeaux rauchten wir Importen, die auch nirgends so
gut und billig waren wie in der _Rue de la Pompe_.

Langen kam nicht aus dem Lachen heraus, als ich ihm nach seiner Rckkehr
von unseren pnktlich eingehaltenen Zusammenknften erzhlte.

Die Schilderungen Josphes und ein paar leere Zigarrenkisten gaben die
Illustrationen dazu ab.

Mein Weg fhrte mich fast tglich ins nahe Bois de Boulogne.

Ich wute nichts Schneres, als ein paar Stunden unter den grnenden
Bumen zu sitzen, in dieser Mischung von lauen Frhlingslften und zartem
Parfm.

Die groe Welt und die Halbwelt rollten in eleganten Equipagen an mir
vorber, Wagen an Wagen, aber man sah nichts gewollt Aufflliges, hrte
keinen Aufsehen erregenden Lrm, es war berall wirkliche Heiterkeit, die
nicht auf Zuschauer berechnet war, und wie Gelute von kleinen silbernen
Glocken drang aus den Kaffeegrten das Lachen der Frauen herber.

Aber wenn ich an stillen Frhlingsabenden auf den gepflegten Wegen
spazierenging und die Amseln pfeifen hrte, berkam mich doch das Heimweh.

Es war mir erst recht wohl, als ich etliche Wochen spter in Finsterwald
vor dem Sixbauernhause sa. Und roch es auch nicht nach zartem Parfm und
klang es auch nicht nach silbernen Glckchen, die Frhlingsluft wehte
strker, derber und gesnder um mich.

_Schlenther_, damals Direktor des Burgtheaters, hatte meine "Lokalbahn"
zur Auffhrung angenommen, und so stand ich eines Abends im Januar 1903
vor dem Wiener Prachtbau, sah Equipagen heranrollen, geputzte Damen und
festlich gekleidete Herren aussteigen und ins Theater eilen, um meiner
Premiere beizuwohnen.

Ich stand hinter einer Sule und schaute ihnen zu.

Ein in diesem Augenblicke vielleicht seltsames Gefhl von Gleichgltigkeit
und Verlassenheit kam ber mich.

Ging's gut oder schlecht, was konnte es mich viel kmmern?

Die liebsten Menschen, denen dieser Abend bedeutsam gewesen wre, lebten
nicht mehr, und ich hatte recht eigentlich niemand, der ein tieferes
Interesse am Ausgange genommen htte.

Ich dachte daran, wie es wohl meiner Mutter zumut gewesen wre, wenn sie
mich vor dem berhmten Theater der alten Kaiserstadt unmittelbar vor der
Auffhrung meines Stckes gesehen htte.

Wie ein unglaubwrdiges Glck wr's ihr vorgekommen, wie eine mrchenhafte
Fgung des Schicksals, das den Buben aus der Vorder-Ri in dieses marmorne
Prachtschlo gefhrt hatte.

Und war's auch nicht so ganz wundersam, wie sie es empfunden htte,
merkwrdig war es doch, und das Erreichen eines Zieles war es doch, und
darum zog es mir das Herz zusammen, da ich mich nicht darber freuen
konnte.

Es schneite in dichten Flocken, und ich stand immer noch hinter der Sule
und trumte vor mich hin. Die letzte Equipage war lngst weggefahren, ein
paar versptete Fugnger eilten noch ins Theater, als ich mich aufmachte
und hinter die Bhne ging.

Man fhrte mich in die Direktionsloge, da der Autor im Burgtheater erst
nach dem zweiten Akte erscheinen durfte. Schlenther war ber meinen
Gleichmut erstaunt und sagte mir hinterher beim herkmmlichen Glase
Pilsner, Kaltbltigkeit in Ehren, aber so was von Wurstigkeit sei ihm doch
noch nicht vorgekommen.

Ich mochte ihm die Grnde nicht sagen, warum ich still war, und lie ihn
bei seiner Ansicht.

Die "Lokalbahn" hatte Erfolg und wurde ziemlich oft aufgefhrt; aus den
Kritiken erfuhr ich, da das Lustspiel nicht von berwltigender Bedeutung
wre.

Ich hatte es schon vorher gewut, und recht eigentlich wollte ich auch gar
nicht berwltigen.

Ich lernte in Wien _Schnherr_ und _Pernerstorfer_ kennen, _Busson_ war
mir schon befreundet.

_Schnherr_, in Art und Sprache ein echter Nordtiroler, redet nicht mehr,
als man um Imst und Stams und Telfs herum zu reden pflegt, hie und da ein
bedchtiges Wort.

Sehr lebhaft war der alte _Pernerstorfer_, der merkwrdigste
Sozialdemokrat, den ich gesehen habe. Denn er war ganz und gar vlkisch
bajuvarisch und sagte mir einmal ums andremal, da die Ober- und
Niedersterreicher, Steirer und Oberkrntner waschechte Bajuvaren wren,
genau so vollgltig wie wir hinter unsern wei-blauen Grenzpfhlen.

Ich mute mit ihm das Parlamentsgebude ansehen, und er zeigte mir die
historischen Sttten, wo zappelnde Volksboten an Hnden und Fen
ergriffen und hinausgetragen worden waren und wo der Bahll immer zum
Staatsereignisse wurde.

Als ich neben ihm durch die Gnge schritt, merkte ich was von der
Krakeelstimmung, die hier herrschte. Man wurde so grimmig fixiert wie an
scharfen Ecken in kleinen Universittsstdten, drohende Blicke richteten
sich auf mich, und ich htte gleich ein paar Kontrahagen haben knnen,
weil ich mit Pernerstorfer ging.

Als mein Mentor fhrte er mich in eine Frhschoppengesellschaft, die mich
kennenzulernen wnschte; darunter war auch ein Benediktiner, der von
seinem Kloster beurlaubt war und an der Universitt Geschichte lehrte.

Ich fhlte mich damals wie spter heimisch in dieser Atmosphre herzlicher
und jovialer Teilnahme.

Was waren _Ptzl_, _Chiavacci_ und andere Altwiener fr schlichte,
natrliche Menschen!

Sie stammten aus einer andern Zeit, in der man sich gemeinsamen Strebens
bewut geblieben war, und in der einer den andern hatte gelten lassen.

Das Theaterwesen in Wien war, wie ich damals und spter bemerken konnte,
recht verschieden von dem Berlinischen. Das Ausleihen der Schauspieler,
das Starsystem, das Setzen auf Saisonschlager und Serienspiel gab es
nicht; um illustre Direktoren und Regietalente kmmerte man sich weniger
als um die Knstler, von denen jeder bekanntere eine groe Gemeinde hatte.

Die hchste Verehrung geno neben Girardi mit Recht der alte _Baumeister_
am Burgtheater, der mich als Richter von Zalamea verstehen lehrte, wie
hoch die feine, diskrete Schauspielkunst einer frheren Zeit gestanden
hatte.

_Schlenther_, einst Bahnbrecher der Moderne und strenger Kritiker,
Ostpreue und gar nicht auf Wien zugeschnitten, war als
Burgtheater-Direktor in einer falschen Lage, was ihm auch hufig von den
Zeitungen besttigt wurde.

Die einst nachdrcklich betonten Prinzipien und Lehrstze konnte er nicht
verwirklichen; kaum etwas von dem, was er verlangt hatte, konnte er selbst
erfllen.

Zwischen Untunlichkeiten und Rcksichten war er eingeklemmt. Dabei mute
er die Empfindung haben, da er Usurpator war oder Platzhalter. Denn der
richtige, echte Burgtheater-Direktor sa in Hamburg, Herr von _Berger_,
und es war blo eine Frage der Zeit, wann er seinen Einzug halten und den
falschen Waldemar entthronen wrde.

Ich glaube, da Schlenther herzlich froh war, als er wieder als P. S. mit
Strenge seines Amtes walten und als Kritiker den Direktoren zeigen konnte,
was der Direktor den Kritikern nicht hatte zeigen drfen. Damals aber
mute er immer wieder die dstere Frage anhren, was er mit dem Geiste des
alten Burgtheaters angefangen habe.

Er hat ihn wirklich nicht verscheucht, allerdings er hat ihn auch nicht
herzitiert.

Der Gute blieb verschwunden; irgendwas im neuen Wien mifiel ihm so, da
er nicht mehr darin umgehen mochte. Vielleicht hat ihn das neue Haus
vertrieben, vielleicht der Operettenbldsinn; jedenfalls, er kam nicht
wieder, und auch an die Nachfolger Schlenthers, den echten Thronerben
nicht ausgenommen, mute die peinliche Frage gestellt werden.

Wien war fr uns Sddeutsche noch immer die Hauptstadt geblieben, der Sitz
der Freude, des Reichtums, des Wohllebens, das Ziel der Wnsche.

Auch meine Phantasie hatte die Stadt mit Reizen geschmckt, und oft hatte
ich mich hingetrumt, wenn ich als Rechtspraktikant auf dem Traunsteiner
Bahnhof stand und in den eleganten Kupees Reisende auf schwellenden
Polstern sitzen sah. Wenn ich jetzt in der Dmmerstunde die
Rothenthurmstrae und den Graben entlangschritt, konnte ich mir gestehen,
da mir das Leben mehr gehalten als versprochen hatte.

Von dem alten Wien, das ich aus vergilbten Bnden von "ber Land und Meer"
und aus Beschreibungen Hacklnders kannte und liebte, fand ich nicht mehr
vieles, aber ich stie doch auf einige Kneipen, die gemtliche Namen
trugen, und in denen man sich in die Nestroyzeit zurckversetzt fhlen
konnte.

Und der schnen Stadt, die zwischen Waldhgeln und Weinbergen gebettet
liegt, ist eine Eigenart geblieben, die ihr auch moderne Architekten nicht
nehmen knnen.



Der Premiere in Wien war die in Stuttgart vorausgegangen. Im Sptherbste
1902 besuchte ich zum erstenmal die schwbische Residenz, in die mich der
Staatsanwalt spterhin fter als Angeklagten holte.

Ich lernte dabei _Friedrich_ und _Conrad Haumann_ kennen und durch sie
einige andere Fhrer der demokratischen Partei, _von Payer_, _Liesching_
u. a. Und ich trat in Beziehungen zu einem regen politischen Leben, das
fr mich als Altbayern neu und ungewohnt war, denn bei uns drehte sich
doch viel oder alles um ausgeleierte Gegenstze. Wenn ich es vermeide,
ber Lebende ein Urteil abzugeben, darf ich doch von dem nachhaltigen
Eindruck sprechen, den _Friedrich Haumann_, der vor mehr als zehn Jahren
gestorben ist, auf mich gemacht hat.

Er war der stillere von den beiden Zwillingsbrdern, die in ihrem ueren
wie in ihren Meinungen, in ihrer beruflichen wie in ihrer politischen
Ttigkeit die aufflligste hnlichkeit miteinander hatten.

Friedrich war minder lebhaft, und wenn sein Bruder meinen oft zu bestimmt
vorgebrachten Ansichten widersprach oder beipflichtete, hrte er lchelnd
zu.

Meine Laufbahn vom Anwalt herber zum Schriftsteller sprach ihn an, da er
selbst Neigung und Beruf zum literarischen Schaffen in sich fhlte.

An der Art, wie ich ber die Schnur zu hauen pflegte und nicht leicht
einem Dinge seine zwei Seiten lie, hatte er Vergngen, wenn er sie auch
nicht als die einzig richtige gelten lie. Ein gradsinniger und gtiger
Mann, hielt er sich selbst vom raschen Urteil zurck, aber er war dabei in
seinen Ansichten unverrckbar fest gerichtet; und gegen alles, was einer
berheblichkeit und dem Willen zur Unterdrckung hnlich sah, konnte er
trotz der Milde seines Wesens eine Schrfe zeigen, die jedes Paktieren
ausschlo. Er erschien mir als der geborene Fhrer, als ein Mann, der den
Willen vieler zu leiten berufen war und dem viele unbedenklich berall hin
folgen durften.

Weder Eiferer noch Phantast, zeigte er im Angriffe wie in der Abwehr den
schalkhaften Humor, der aus tiefem, gtigem Verstehen kommt und immer
berlegenheit gewhrt.

Da ein Mann wie er zeitlebens in Opposition gegen die Reichsregierung und
ihre Politik stehen mute, beweist deutlich, wie verfehlt das System war.

In Stuttgart hatte der "Simplicissimus" vom ersten Tage seines Bestehens
an eifrige Freunde, und es lag in der schwbischen Freimtigkeit
begrndet, da Saftigkeit des Ausdruckes und Schrfe des Angriffs hier
keine Schauer des Entsetzens erregten.

Man verstand hier besser als manchenorts, da sich hinter dem Spotte ein
ernster Unwille, den man teilte, verbarg.

Schon darum war die gerichtliche Entscheidung, da Stuttgart, wo der
"Simplicissimus" gedruckt wurde, zustndig sei, fr die Redaktion gnstig.

Ein Verfahren mit solchen Mitteln, wie man sie in Leipzig fr zulssig
gehalten hatte, war hier ausgeschlossen. Es kam allerdings zu einer Reihe
von Strafverfolgungen, aber die Verhandlungen wurden sachlich gefhrt, und
sie blieben frei von dem behrdlichen Entsetzen ber die ganze Richtung.

Es handelte sich immer um den gegebenen Fall, und war Anla zu Strafen
gegeben, so griffen die Richter nicht zimperlich ein. Freilich, auf sechs
und sieben Monate Gefngnis erkannten sie nicht; es fehlte ihnen an der
Schadenfreude, mit der man in Sachsen beschwingten Meinungen die Federn
ausrupfte.

Man war ruhig, manchmal ein wenig nchtern.

Ich erinnere mich eines Vorsitzenden, der seine liebe Not hatte mit den
getragenen, in die Hhe strebenden Ausfhrungen literarischer
Sachverstndiger; er zog sie immer wieder aus der Region freiheitlicher
Gedanken auf den Boden der Tatbestandsmerkmale nieder.

Es handelte sich um eine Beleidigung der Sittlichkeitsprediger, und bei
dem Thema konnte man warm werden.

_Ludwig Ganghofer_, der als sachverstndiger Zeuge vor den Schranken
stand, wurde warm und schlug mit der Faust auf den Richtertisch, da die
Tintenfsser klirrten; die Richter waren erstaunt, aber nicht gerhrt, und
brummten mir sechs Wochen auf.

Meine Stellung als Angeklagter konnte mir sonderbar scheinen in Erinnerung
an vergangene Jahre, wo ich als Protokollfhrer oben auf dem Plateau der
Erkenntnis oder unten im Anwaltstalar gesessen hatte.

Nach einer Stuttgarter Verhandlung, in der die Rede war von Ludwig Pfau,
vom Rechte der politischen Satire und von ihren Aufgaben, vom Kampfe fr
die Freiheit der Meinungen, war die Begrndung des Freispruches noch nicht
beendet, als ein junger Landstreicher hereingefhrt wurde und meinen Platz
einnahm.

Haumann sah mich lchelnd an, das Publikum kicherte, und ich dachte an
den Wandel des Schicksals.



Meine Erlebnisse im Gerichtssaale liegen nach der Zeit, von der ich
erzhle.

Vom Herbste 1902 ab war ich wieder eifriger in der Redaktion des
"Simplicissimus" ttig.

Obwohl ich als Anfnger mit dem Erfolge der "Lokalbahn" zufrieden sein
konnte, fhlte ich keinen Drang in mir, festen Fu auf der Bhne zu
fassen. Erst sechs Jahre spter versuchte ich es wieder mit der "Moral".

Ich kam bis zum Herbste 1904, wo ich meinen "Andreas Vst" begann,
berhaupt nicht zu greren Arbeiten, schrieb kleinere Erzhlungen, die
Erlebnisse eines Lausbuben, spter den "Heiligen Hies".

Der Tod der alten Viktor wirkte lange auf mich nach, um so mehr, als er
fr mich den Verlust des letzten Stckes von Heim und Huslichkeit
bedeutet hatte.

Ich war nicht gerne allein und suchte Zerstreuung, ging auch mehr in
Gesellschaft als frher.

Gerne schlo ich mich an _Ludwig Ganghofer_ an; eigentlich war es
sonderbar, da wir uns nicht frher gefunden hatten, denn schon von
Grovaters Zeiten her hatte es zwischen unsern Familien Beziehungen
gegeben, und beide Schriftsteller, beide Jger, beide aus sehr hnlicher
Umgebung stammend, htten wir uns in Wien sicherlich sofort, in Berlin
bald einander genhert. In Mnchen lebt aber jeder auf seiner Insel.

Er lud mich in sein Jagdhaus Hubertus ein, wo ich schne Wochen verbrachte
und wo mir Umgebung und Leben alte Kindererinnerungen an weltverlorene
Bergtler wachriefen.



Im Frhjahr 1903 machte ich mit _Wilke_ und _Thny_ eine Radtour ber
Mailand, Genua, die Riviera entlang, dann zurck ber Pisa nach Florenz,
wo wir etwa sechs Wochen blieben. Ich bin die folgenden elf Jahre bis zum
Ausbruche des Krieges in jedem Frhling nach Italien gereist, habe manche
Freude dort gefunden, aber nie mehr habe ich sie mit der sorglosen
Frhlichkeit ausgenossen wie bei jenem ersten Male.

  [Illustration: Thoma und Ganghofer]

Von der Riviera allerdings war ich nicht in dem blichen Mae entzckt;
das schnste war die Fahrt bergauf, bergab die Kste entlang durch die
kleinen Nester. Am lauen Abend, nachdem einen tagsber die Sonne tchtig
verbrannt hatte, durch Pinienwlder zu fahren, tief unten das Meer gegen
die Felsen branden zu hren, das war wundervoll.

Und wie war man in eine andere Welt versetzt, wenn man durch die engen
Gassen der Fischerdrfer schritt, an den Gruppen schwatzender Menschen
vorbei, die einen neugierig betrachteten.

Bunte Farben, das Trllern eines Liedes und immer wieder der Lrm eines
Orgelklaviers, der einem lange nachfolgte, das alles mutete einen fremd
und wieder vertraut an, wie etwas, das man sich in Sehnsucht so ausgemalt
hatte.

Weiterhin, etwa nach _Albenga_, wurde es schon zu sehr Hotelpepinire, um
anzusprechen, und die Landschaft, immer tiefes Blau und grelles Wei,
ermdete den Blick; am wenigsten gefielen mir die vielgerhmten Palmen.

In Bordighera, das damals noch nicht auf groen Fremdenverkehr
eingerichtet war, fanden wir in einer deutschen Pension gutes Unterkommen,
blieben etwa eine Woche und besuchten das Paradies der Faulenzer und
Gauner, Monte Carlo, das mich nicht blo enttuschte, sondern auch
grndlich anwiderte.

Ich hatte ein recht unangenehmes Gefhl, weil ich nicht von dem Eindrucke
loskam, da diese aufdringliche Eleganz um mich herum zum groen Teil mit
gestohlenem und unterschlagenem Gelde bestritten war; und wenn ich auch
nicht an Prderie krnkelte, so fand ich es keineswegs erhebend, von einer
Gesellschaft umgeben zu sein, in der man die Diebe lngst nicht mehr an
den Fingern zhlen konnte. Als ich das in einem Feuilleton so schilderte,
wie ich es empfunden hatte, und die Meinung vertrat, der erhabene Frst
von Monaco, der von der Spielbank ausgehalten wird, lebe von recht
unschnen Mitteln, kanzelte mich ein Journalist in einer Berliner Zeitung
ab. Es sei unertrglich spiebrgerlich, sich als deutscher Moralphilister
dagegen aufzulehnen, da die amerikanischen Milliardre in diesem
Paradiese ihre Dollars sitzen lieen. Vielleicht kamen die Yankees
zuweilen nach Monte Carlo; ihre Anwesenheit machte nichts besser, aber
jedenfalls gaben sie dem Leben dort nicht das Geprge. Ganz gewi stellten
das grte Kontingent Betrger und Leichtsinnige, und auf sie war auch der
ganze Betrieb zugeschnitten, auf sie machten die kostmierten Kokotten und
die Hndler mit Schwindelwaren Jagd. Gewi auch auf zahlreiche Neugierige
und Dumme, die sich Romane zusammengetrumt hatten vom groen Leben, das
in Monaco berckend schn und angenehm gruselig anzustaunen sei. Am Ende
war es nichts als ein Markt der Gemeinheit, und ein recht langweiliger
obendrein.

Es kam mir auch so vor, als htte _tout Berlin_, das sich im Vorsaale
drngte, den eigentlichen prickelnden teuflischen Reiz vermit.

Wenigstens versicherte mir das Herr _Alfred Holzbock_, der pltzlich vor
mir auftauchte, ganz so wie auf einem Berliner Balle, wo er den
ausgelassenen Champagnergeist im ganzen Saale wie eine Stecknadel suchte
und nicht fand.

Die Fahrt nach Florenz fhrte uns ber Sestri Levante aufwrts durch
entlegene Apenninendrfer, in denen wir manches anmutige und wieder
belustigende Erlebnis mit dem neugierigen und naiven Volke hatten. Wilke
hatte eine Kurbel abgetreten, und wir muten in einem kleinen Dorfe
haltmachen und versuchen, den Schaden reparieren zu lassen. Unsere
Zweifel, ob das wohl in diesem Neste mglich wre, zerstreute der Wirt,
der uns mit groen, ausholenden Gesten und in feuriger Rede versicherte,
es wre der beste Mechaniker des Landes im Orte.

Wir brachten das Rad zu dem berhmten Knstler und lieen es uns in der
Wartezeit wohl sein bei den trefflichen Makkaronis, die uns der
Herbergsvater vorsetzte.

Wir muten ihm viele Fragen nach unserer Herkunft, unserem Berufe, unseren
Reiseplnen, auch nach dem Leben, das man in dem hyperborischen
Deutschland fhre, beantworten; er hatte gehrt, da es auch dort trotz
unwirtlicher Klte viele Menschen, groe Stdte und sonderbarerweise
ungemessenen Reichtum gebe.

Wir erzhlten ihm Wahres und Unwahres und mehrten seinen Respekt vor den
Nordmnnern, die im Gelde schwimmen und trotzdem in der frostigen Gegend
wohnen bleiben.

Ein paar Stunden spter kam die ganze Einwohnerschaft die enge Gasse
herunter zum Wirtshaus gezogen, Mnner, Weiber, Kinder, alles was gehen
konnte und Zeit hatte, und Zeit hatten sichtlich alle.

Voran schob triumphierend der Mechaniker das Rad Wilkes und bergab es
feierlich dem Wirte, der es uns mit sichtlichem Stolze vorwies. Hatte er
zuviel gesagt, da der trefflichste Knstler des Landes in seinem
Heimatorte zu finden sei?

Dann hielt er von der Freitreppe herunter eine Ansprache an die Einwohner,
sagte ihnen, da wir von weit her, aus dem groen Monaco di Baviera, nach
dem schnen Italien gefahren wren, um uns an den Reizen dieses einzigen
Landes zu erfreuen, da wir nach dem altberhmten Florenz reisen wollten,
wo reiche Menschen aus allen Lndern der Erde zusammenkmen, um die
Kunstschtze zu bewundern. Er wnschte uns Glck zur Fahrt, schne Tage
und frhliche Heimkehr. Die ganze Dorfschaft hrte andchtig zu und
klatschte am Schlusse lebhaft Beifall, winkte uns zu und rief uns
glckliche Reise nach, als wir aufstiegen und weiterfuhren.

Diese Leute waren so unverbildet, gutmtig und neugierig wie Kinder; und
wie sie fand ich noch viele, ja eigentlich alle, besonders auf dem Lande.

Wie leicht htte es sein mssen, mit ihnen stets im Frieden zu leben -
wenn es in Italien keine abgefeimten Advokaten und in Deutschland keine
Diplomaten und Esel gegeben htte.

Wie sonderbar aber die Ansichten ber Volk und Land verbildet waren, das
sah ich ein paar Wochen spter in Florenz, als ein Tiroler Arzt uns mit
sichtlichem Entsetzen fragte, ob es denn wahr sei, da wir zu Rad durch
die Apenninentler gefahren wren.

Und er wollte es kaum glauben, da wir das Wagnis ohne Abenteuer, ohne
gefhrliche Begegnungen mit Rubern bestanden htten.

Ein Jahr spter beschwor mich ein rmischer Hotelier, ein geborener
Italiener, ich mchte doch um Gottes willen von dem Plane abstehen, allein
durch die Campagna gegen Amelia hin zu fahren, da ich sonst bestimmt
Rubern in die Hnde fiele.

So glcklich wirken die Zeitungen, und so bringen sie die Menschen
einander nher.

Ich habe gerade auf jener Fahrt durch Umbrien und Toskana unter dem
Landvolke die hflichsten, gastfreundlichsten Menschen gefunden, die
kennenzulernen ebenso angenehm wie lehrreich war.

Denn Abkmmlingen Fra Diavolos bin ich nirgends begegnet.

Nach einer heiteren, durch ihre Sorglosigkeit beglckenden Fahrt ins
Unbekannte hinein, die uns auf Schritt und Tritt noch mehr als die mit
Sternen versehenen Baedekerwunder bot, berlieen wir uns in Florenz mit
freudigem Verstndnisse dem Faulenzen und Schlendern, das sich in dieser
Stadt zur wirklichen Kunst ausgebildet hat.

Wir suchten nicht mit unschner Hast die Museen ab, wir besorgten das mit
gelassener Ruhe, ohne Gewissensbisse, wenn wir es einmal an einem
Vormittage versumt hatten; wir lernten auf gut florentinisch, mit den
Hnden in den Hosentaschen, an einer schwrzlichen Toskana schnullend,
durch die engen Gassen bummeln, an den Ecken stehen, wir spielten Boccia
mit kleinen Handwerkern, wir schtteten gewandt wie die Ureinwohner das l
aus den langhalsigen Fiaschis ab, um uns den trefflichen Chianti
einzuschenken, wir wurden Kenner der Tortellini und Spaghetti und lernten
diese widerspenstigen Nudeln elegant um die Gabel wickeln.

An einigen Mitgliedern der deutschen Knstlerkolonie fanden wir gute
Berater und Wegweiser im sen Nichtstun, und fast jeden Abend saen wir
im Keller des Palazzo Antinori, wo man zur Weltweisheit und
Kunstgeschichte ziemlich viel Rotwein trank.

Wir waren bald Stammgste und konnten uns an dem Empfange beteiligen, den
man dem _General von Mussinan_ bereitete, als er auf seiner Hochzeitsreise
nach Florenz gekommen war und der Einladung der wrdigen Knstlerkolonie
folgend in unseren Keller hinunterstieg. Leere Fsser dienten als
Trommeln, Giekannen als Trompeten, als sofort bei seinem Erscheinen der
Mussinanmarsch intoniert wurde; alle bemhten sich, dem alten Soldaten
einen guten Begriff von deutscher Knstlerfrhlichkeit zu verschaffen, als
sich Wilke erhob und ganz in der Manier eines Oberlehrers mit
unerschtterlichem Ernste einen Vortrag ber die Entstehung Fiesoles
hielt. Der General hrte mit Aufmerksamkeit zu, bis man ihm ins Ohr
flsterte, da dieser sich als Gelehrter gehabende Herr ein Mitarbeiter
des "Simplicissimus" sei und den grten Bldsinn auftische.

Unter den Knstlern, mit denen wir tglich verkehrten, war einer, der bei
knappen Mitteln unbekmmert in den Tag hineinlebte und im Genusse einer
frohen Stunde sich nie um die kommende sorgte. Wilke hatte ihn gleich am
ersten Tage ins Herz geschlossen, weil ihm ein Vorfall gezeigt hatte, da
er hier eine verwandte Natur getroffen habe. Wir gingen nach San Miniato
hinauf, und ein Herr der Gesellschaft, der mit jenem Maler befreundet war,
machte ihn darauf aufmerksam, da der Sommerberzieher, den er anhatte,
doch eigentlich zu abgetragen und schbig wre. Der Maler lchelte zu dem
Vorhalte, zog den Mantel aus und warf ihn seelenruhig in den
Straengraben.

Von der Stunde an hatte er in Wilke einen Freund.

Unser besonderes Vergngen hatten wir an den deutschen Reisenden, die nach
Florenz gekommen waren, um eine unumgngliche Pflicht zu erfllen, die
immer Vergleiche mit den soviel besseren Zustnden daheim, die sie leider
auf Wochen entbehren muten, anstellten, und die gewissermaen unter der
Aufsicht eines sie unsichtbar begleitenden Bildungsberwachungsorganes
alle Museen rastlos durchjagten. Man konnte jedoch feststellen, da sich
die englischen Besucher, die stets in zahlreichen Trupps in die
Kunststtten einfielen, noch unberhrter und dmlicher zeigten. Die hatten
immer einen Fhrer dabei, gewhnlich einen, der vom vielen Laufen und
Reden schwindschtig geworden war und dem sie mit Hilfe ihrer Baedeker
genau aufpaten, ob er auch alle besonders angemerkten Bilder und
Plastiken in seinem monoton abgeleierten Vortrag erwhnte.

Wirkliches Interesse sah man nur im Kloster San Marco, wenn die Ladies und
Gentlemen die verkohlten Reste des Hemdes anstarrten, das Girolamo
Savonarola bei seiner Hinrichtung angehabt hatte.

Da umwehte sie nervenkitzelnd der Geist vergangener Zeiten, den der
schwindschtige Fhrer vor den Mediceergrbern mit dem lngsten Vortrag
nicht herbeizitieren konnte.

Es war bei uns Sitte - und wenn es zur Besserung beitrug, war's auch recht
-, da man sich ber die deutschen Touristen im Auslande aufregte, aber
wer die amerikanischen und englischen besser fand, hatte schlechte Augen.

Sie waren geschmackvoller angezogen, aber sonst boten diese
zusammengetriebenen Herden von Gewohnheitsmenschen, die sich keiner Sitte
des Landes anpaten, nirgends dem Volke und seinem Leben nhertraten und
wie Strflinge die von Hoteliers vorgeschriebenen Dinner- und
Supperstunden einhielten, begieriger nach ihren gewohnten _jams_ als nach
allen Kunstschtzen, wirklich kein Bild, das man den Deutschen
vorenthalten konnte.

Unter denen gab es immer noch viele kunstfrohe, kenntnisreiche Leute, die
abseits vom Haufen stille Freuden und wirklichen Gewinn fanden, und mit
Bemerkungen ber Jgerwsche war es nicht abzutun, da am Ende doch der
deutsche Professor vieles in Italien fr die Italiener zu neuem Leben
erweckt hatte.

Mir war lange Jahre, bevor sich der Wunsch verwirklichen lie, eine
Wanderung durch Italien in Aussicht gestellt worden, und ich hatte mich,
glckselig ber das Versprechen, monatelang auf die Reise vorbereitet, die
zuletzt unterbleiben mute.

Was ich damals und spter lernte, blieb nicht ohne Frchte. Besonders
_Victor Hehn_ hatte mich zur Vorliebe fr Italien erzogen und mich schon
im vornhinein von Vorurteilen kuriert, durch die sich viele Freude und
Genu verkmmern lassen. Ich sah mich nicht auf Schritt und Tritt
enttuscht, brachte nicht jedem Einheimischen Mitrauen entgegen und
konnte mich ber bodenechte Lssigkeit und Unordnung freuen; die
einfrmige, alle Eindrcke verwischende Hotelkur vermite ich gerne.

Wer Italien wie ein Museum durcheilt, in dem er nur die Kostbarkeiten
einer vergangenen Zeit findet, indes er sich von allem Lebendigen
abgestoen fhlt, beraubt sich der Mglichkeit, die Eigenart des Landes
wie des Volkes, die tiefen Zusammenhnge zwischen ihr und der einstigen
Gre und so aus der Gegenwart die Vergangenheit verstehen zu lernen.

In den Museen waren mir meine Freunde die besten Fhrer, da sie
unbeschwert durch Baedeker und gltige Anschauungen das Rassigste zu
finden wuten, und ich erinnere mich gerne daran, wie mich Heine in die
Uffizien aus den Slen der toskanischen Meister holte, um mir die
wundervolle Anbetung der Hirten von van der Goes zu zeigen. Neben den
disziplinierten Leuten, die sich unverbrchlich an die Sterne Baedekers
hielten, waren nicht wenige Jnger der Kunstgeschichte zu bemerken, die es
sich vorgenommen hatten, durch eine Entdeckung bekannt zu werden, und die
in unbeachteten, irgendwo in einer Kapelle verborgenen Kunstwerken die
eigentlichen Wunder des Quattrocento auffanden. Darber lieen sich dann
beachtenswerte Artikel schreiben.

Wenn man darber lchelt, berkommt einen doch die unbndige Sehnsucht
nach jener schnen Zeit, in der diese Dinge etwas bedeutet haben.

Auch strengen Richtern begegnete man, die mitrauisch die Bilder
musterten, und als ich wieder einmal vor dem groen Bilde des van der Goes
stand, klopfte mir _Karl Voll_ auf die Schulter und sagte im brunnentiefen
Basse: "Ja, ja, Sie haben es schn; Sie drfen hier alles bewundern,
unsereiner aber mu die Bilder auf ihre Echtheit untersuchen." Und dann
ging er gleich daran, seinem Verdachte gegen einen Memling neue Nahrung zu
geben.

Durch Zufall fand ich in Florenz bei einem Antiquar etliche Bnde Vasaris
in deutscher bersetzung und ging nun daran, mit der Lebensgeschichte
alter toskanischer Meister ihre Werke an den von Vasari angegebenen
Sttten kennenzulernen und sie aufzusuchen, wenn sie dort nicht mehr zu
finden waren. Dieser Anschauungsunterricht verschaffte mir schne Stunden,
dabei auch die bleibende berzeugung, da die erzhlende, von Kritik und
vordringlicher Klugheit freie Kunstgeschichte Vasaris unendlich
lehrreicher, vornehmer und verdienstlicher ist als alles, was moderne
Weisheit ber Kunst zusammengeschrieben hat.

Von den Werken der in Florenz lebenden deutschen Knstler sah ich nicht
viel, und mancher der trefflichen Meister erinnerte mich an Gottfried
Kellers Bildhauer, der in Rom viele Jahre an einer Statue arbeitete und
immer italienischer und dolcefarnienter wurde.

Es mute sehr schwer sein, sich an sonnigen toskanischen Tagen in ein
Atelier gebannt zu sehen.

Auch wir seufzten ber die Beitrge, die wir doch fr die Mnchner
Redaktion zu machen hatten, und Mama Frattigiani, bei der wir wohnten,
hatte das ganz echte florentinische Mitleid mit den armen Menschen, die
arbeiten muten. Der faulste war ihr Liebling, und diesen Rang nahm
unbestritten Rudolf Wilke ein, den man nur durch furchtbare Drohungen mit
Entziehung von Geld, Nahrung und Chianti dazu brachte, eine Zeichnung
anzufangen oder gar zu vollenden.

Fr Thny war die gegenberliegende Kaserne eines Kavallerieregimentes
eine wahre Fundgrube der Unterhaltung und Belehrung.

Was man sah, war in allem das Gegenteil vom deutschen Drill; eigentlich
geschah nie etwas, und immer schien das Wichtigste zu geschehen. Wenn ein
Heuwagen einfuhr, schmetterten die Trompeten, Soldaten liefen
durcheinander, Offiziere kommandierten, Signal auf Signal ertnte, bis
endlich der Wagen in der Remise war. Dann breitete sich wieder unendliche
Ruhe ber dem Kasernenhofe aus.

_Carlo Bcklin_, der Sohn des Maestro Arnoldo, und _Peter Bruckmann_, sein
Schwiegersohn, bereiteten uns eines Abends ein Fest in Fiesole, wozu sie
die Liedertafel des Ortes eingeladen hatten.

Lauter Handwerker, Maurer, Schuster, Schneider, zeigten uns die Leute
soviel vornehme Hflichkeit, wie sie wohl in keinem anderen Lande bei
ihresgleichen anzutreffen sind. Sie sangen wundervoll und nahmen unsere
Begeisterung darber gelassen auf, nippten nur ein wenig an dem Wein, der
ihnen vorgesetzt wurde, um uns freundlich Bescheid zu geben, und als ein
Deutscher die unvermeidliche Rede auf Bndnis, Freundschaft und Garibaldi
gehalten hatte, erwiderte ein Maurerpolier, mit edler Gebrde aus der
Schar vortretend, mit einer Rede von Sonne und Mond, die ber allen
Lndern schienen, und vom Gesang, der aller Menschen Herz erfreue.

Alles, was wir kennen und besser verstehen lernten, war dazu angetan, uns
Liebe zu Land und Leuten einzuflen und in uns, als wir scheiden muten,
den Wunsch nach baldiger Wiederkehr wachzuhalten.

Wir durften ihn auch gemeinsam erfllt sehen, aber so frhlich haben wir
den Aufenthalt nie mehr genossen wie bei jenem ersten Male.



Wir waren noch in Florenz, als wir die Nachricht erhielten, da _Albert
Langen_ nach Mnchen zurckgekehrt sei. Er war zwei Monate vorher zu uns
nach Bordighera gekommen und hatte damals Andeutungen gemacht, da
vielleicht die Strafverfolgung gegen ihn eingestellt und ihm die Heimkehr
gestattet werde.

Ich glaubte nicht daran, weil ich keine Ahnung davon hatte, da dem Knig
von Sachsen ein Recht zustand, im Gnadenwege Prozesse niederzuschlagen.
Auf Verwendung Bjrnsons und eines einflureichen schsischen Herrn wurde
von diesem Rechte Gebrauch gemacht, und gegen Bezahlung einer ziemlich
hohen Summe durfte Langen nach fnf Jahren wieder nach Deutschland kommen.

Er lebte wieder auf, und wer ihn nunmehr geschftig, voll von Plnen,
rastlos und glcklich zugleich sah und die vllige Vernderung in seinem
Wesen bemerkte, der konnte wirklich die Anschuldigung, er habe absichtlich
durch eine Majesttsbeleidigung Geschfte machen wollen, rechtschaffen
dumm finden.

Die lange Abwesenheit htte das Bestehen seines Unternehmens gefhrden
knnen, wenn nicht der Konzern der Mitarbeiter den "Simplicissimus"
unabhngig von geschftlicher Leitung erhalten htte.

Als das Blatt drei Jahre spter in die Hnde der aus Langen und den
Mitarbeitern bestehenden Gesellschaft berging, fehlte es nicht an Leuten,
die in dieser Transaktion eine Vergewaltigung sehen wollten, und Wedekind
hat diese Meinung zu einem Stcke verwendet.

Wer gerecht urteilen will, mag sich sagen, da wir, wenn wir von Langen
schon etwas erzwingen wollten, nie eine bequemere Gelegenheit dazu gehabt
hatten als in der Zeit, wo er in Paris weilte und alles von unserem guten
Willen abhing.

Der Anspruch auf Beteiligung war vollauf begrndet, als Langen den Preis
des "Simplicissimus" erhhte. Darin lag ein Risiko, das wir mitzutragen
hatten, und so konnten wir auch ein Recht auf den Vorteil beanspruchen.

Damals, also nach der Rckkehr aus Italien, fand ich Langen glckselig in
neu erwachter Unternehmungslust vor; auch uerlich hatte er sich vllig
verndert, da er den gepflegten, etwas pariserisch anmutenden Vollbart
abgetan hatte und glattrasiert eher einem amerikanischen Geschftsmanne
glich.

Er war mit Elektrizitt geladen, brachte jeden Vormittag neue Vorschlge
ins Bro, hielt Conseils ab und fhlte sich pudelwohl, wenn er mit
sprunghaften Ideen Redaktion und Verlag in Bewegung erhielt.

Der Kreis der Mitarbeiter hatte in _Olaf Gulbransson_ Zuwachs erhalten.

Im Mrz 1902 hatte mir Langen in Paris ein von Gulbransson illustriertes
Buch gezeigt und schon damals die Absicht geuert, den Knstler fr den
"Simplicissimus" zu gewinnen; im Sommer darauf lud er ihn nach Aulestad
ein und berredete ihn, schon im Herbste nach Deutschland zu bersiedeln.

Gulbransson kam im November nach Berlin, wo er nach Langens Meinung zuerst
einmal Studien machen sollte, aber der Aufenthalt behagte ihm so wenig,
da ihn die bernommene Verpflichtung beinahe reute.

Kaum war er im Januar 1903 in Mnchen angelangt, fhlte er sich, obwohl er
kein Wort deutsch sprach und verstand, heimisch und zeigte auch gleich das
lebhafteste Verstndnis fr die Freuden des Karnevals, der damals
reizvoller war als spterhin, wo er fr die herbeieilenden Fremden
originell werden mute.

Ich erinnere mich an sehr ernsthaft ausgesponnene Beratungen, die von
namhaften Mnnern ber einen Knstler- und Schriftstellerball abgehalten
wurden, und die ein solches Fest als wichtige Haupt- und Staatsaktion
erscheinen lieen.

Die Vorbereitungen dazu fhrten mich mit _Ignatius Taschner_ zusammen, mit
dem mich bald eine Freundschaft verband, die fr mich zum Lebensereignisse
und wertvollsten Besitztume geworden ist.

Als er damals mit dem Bildhauer _August Heer_ zu einer Besprechung kam,
war's mir nach den ersten Worten, als htten wir uns zeitlebens gekannt
und wren als Nachbarkinder mitsammen aufgewachsen.

In einer entbehrungsreichen Jugend und in den hrtesten Kmpfen hatte er
sich eine Frhlichkeit bewahrt, die jedes Zusammensein zum Feste machte.

Sein Vater stammte aus Niederbayern, seine Mutter war Frnkin, und die
Eigenschaften der beiden Rassen waren in ihm auf das glcklichste vereint.

bermtig, derb, ungemein ttig und arbeitsfroh, und wieder so ernsthaft,
pflichttreu, aufs Kleinste bedacht, schien er in seinem Charakter, wie in
seiner Kunst aus einer vergangenen, so viel schneren Zeit zu stammen.

Wenn er von seiner Lehrlings- und Gesellenzeit erzhlte, war's wie eine
Dreingabe zu Kellers Gerechten Kammachern, und wie klang es dann wieder
ernsthaft und zum Herzen dringend, wenn er ber knstlerische Dinge
sprach!

Keiner hat wie er die heimlichen Zusammenhnge von Heimat und Rasse mit
der Kunst gekannt, keiner so verstanden, wie sie ber tchtiges Handwerk
hinaus zur hchsten Kunst fhren, und das war bei ihm angeborenes oder
durch Arbeit errungenes Wissen, weit weg von angelernter Doktrin.

  [Illustration: Thoma mit Taschner, Peter Thoma und Schauspieler Deng]

Darum war er unbeirrbar durch alles, was Mode oder Richtung heien mag,
und zeigte in seinem Leben wie in seinem Schaffen die Art der hohen
frnkischen Meister, deren Geist in ihm wieder lebendig geworden war. Ich
verdanke ihm viel.

Anregung, Belehrung, Freude, die frhlichsten, wie die inhaltsreichsten
Stunden, Verstndnis fr die Kunst und ihre Wirkungen auf alle
Erscheinungen des Lebens.

Im Umgange mit ihm fand ich Sicherheit; er lehrte mich durch Wort und
Beispiel, strenger gegen mich sein.

Er nahm einige Monate, nachdem wir uns kennengelernt hatten, einen Ruf
nach Breslau an; zwei Jahre spter ging er nach Berlin, wo er die
fruchtbarste Ttigkeit entfaltete. Aber wenn er nur irgend konnte, kehrte
er nach Sddeutschland zurck, und immer war mir ein Heimweh gestillt,
wenn er bei mir war.

Viele Plne hatten wir gefat; sie sollten ausgefhrt werden, wenn er,
aller Verpflichtungen ledig, in seinem Hause in Mitterndorf endlich zu
freier, durch keine Auftrge festgelegter Arbeit gekommen wre. Die
Erfllung unserer Wnsche war nahegerckt, als er starb.

Mit ihm ging mir manche lieb gewordene Hoffnung zu Grabe, doch am
hrtesten traf es mich, da ich seine ehrliche, kluge Freundschaft
verlieren mute.

Damals im Januar 1903 half er froh und ausgelassen an den
Karnevalsunterhaltungen mit.

Auf seine Anregung veranstalteten wir einen Veteranenball, bei dem es wie
in einem altbayrischen Dorfe hergehen mute; wir stellten lebende Bilder
aus dem Jahre 1870, und das Fest gefiel so, da wir es die folgenden drei
Jahre wiederholten.

Derartige Dinge wurden ja in Mnchen sehr ernst genommen, und zu ihrem
Gelingen wurden Mhe und Flei und sehr viel Knnen aufgewandt.

Ich erinnere mich an ein antikes Fest im Hoftheater, das _Lenbach_ und
_Stuck_ und alle bekannten Knstler wochenlang vorbereiteten.

Natrlich hat man das in der Hauptstadt der Kritik ein bichen ironisch
beurteilt, aber wo immer Knstler die Bedingungen frhlichen
Zusammenlebens gefunden haben, sind Feste gefeiert worden, und wo das
unterblieben ist, hat es nicht der Ernst der Arbeit verhindert.

In Mnchen ist auch mehr und mehr die Lust zu greren Veranstaltungen
geschwunden; die Zerwrfnisse in der Knstlerschaft, die Spaltung in
zahlreiche Gruppen trugen viel dazu bei, und ich glaube nicht, da sich
bei den jngeren Leuten soviel Phantasie finden liee, wie ehedem zu
Festen aufgewandt wurde; bersprudelndes Talent und Humor wird niemand von
den Kmmerlingen erwarten, die sich heute gegenseitig ihre
expressionistische Bedeutung aufschwtzen.



Langen konnte sich ein halbes Jahr nach seiner Rckkehr recht in sein
Element, in das bewegteste Leben, versetzt fhlen, da wir mit einer gegen
die Zentrumsherrschaft gerichteten Nummer groen Aufruhr erregten.

Ich hatte mit einer im Stile Abrahams a Santa Clara gehaltenen Predigt
gegen die Dunkelmnner Veranlassung zur Konfiskation gegeben. Eine heftige
Polemik setzte in den Zeitungen ein, der Minister von Feilitzsch wurde in
der Kammer interpelliert, ein Abgeordneter las im Landtag Bruchteile der
Predigt vor, und als der Prsident von Walther dagegen einschritt, lie er
sich irgendwelche Verste gegen die Geschftsordnung zuschulden kommen
und mute abtreten; die Frage, ob Mnchen oder Stuttgart zustndig sei,
fhrte zu lebhaften Kontroversen, der Generalstaatsanwalt lud mich sogar
zu einer Besprechung ein, die er mit den Worten schlo: _Vive la guerre!_

Ich beteiligte mich ausgiebig an der Zeitungspolemik und handelte nach dem
Grundsatze, da die beste Abwehr der Hieb sei.

So griff ich auch ohne Federlesen den Richter an, der im
Ermittelungsverfahren ttig gewesen war und, als Sohn eines ultramontanen
Abgeordneten selbst mit einem Zentrumsmandat behaftet, seine politische
Abneigung deutlich genug ins Amtliche bersetzt hatte.

Das lste natrlich erneutes Zetergeschrei aus, und wochenlang blieb das
Feuerchen angefacht, bis die Sache zuletzt wie das Hornberger Schieen
ausging.

Langen glnzte vor Vergngen.

Wenn unsere Feinde, die sich gewi herzliche Mhe gaben, uerst bittere
Stze gegen uns zu konstruieren, gehrt htten, wie ihre saftigsten
Artikel unter schallendem Gelchter vorgelesen wurden, dann htten sie
wahrscheinlich den Kampf aufgegeben.

Aber die Herren vom Zentrum waren selber so empfindlich, da sie sich jene
Wirkung ihrer Angriffe niemals htten vorstellen knnen.

Gute Hasser waren sie. Als ich ein Jahr spter wegen Beleidigung einiger
Sittlichkeitswchter unter den Pastoren verurteilt wurde, rauschte Beifall
durch die Zentrumspresse, und manches Blatt stellte sich entsetzt ber
mein Vergehen, wenn es auch anderen Tages wieder die ausgiebigsten
Beschimpfungen gegen den Protestantismus brachte.

Mir aber war das ganz und gar nicht in den Sinn gekommen; ich hatte mich
nur gegen die unverschmte Rede eines einzelnen gewandt, der sich als
Tugendbeispiel und ganz Deutschland als sittlich verkommen bezeichnet
hatte.

Nach meiner Verurteilung beschftigte sich ein Sittlichkeitskongre in
Magdeburg mit mir, und ein Berliner Hofprediger sprach der Vorsehung, die
meine Bestrafung herbeigefhrt hatte, seine wohlwollende Anerkennung aus.
Ich wollte dazu nicht schweigen und brachte in einem von Gulbransson
illustrierten Flugblatte jener Magdeburger Versammlung einen greren
Mangel an Ehrerbietung entgegen.

Das Blatt war in Mnchen gedruckt, und ich mute mich vor dem
Schwurgericht verantworten. Von einer erhhten Bank aus, auf der sonst
Mrder und Diebe saen, blickte ich hinber zu den Geschworenen, unter
denen ich recht behbige, einem derben Spa wohlgeneigte Landsleute
bemerkte. Ich wre als dreizehnter unter ihnen vielleicht der gewesen, dem
eine saftige Geschichte das geringste Vergngen bereitet htte.

Als mein Gedicht vom Protokollfhrer im trockensten Tone vorgelesen wurde,
schlugen sogleich einige hanebchene Stellen ein; verschiedene Geschworene
hatten Mhe, ernst zu bleiben, und kmpften mit blauroten Gesichtern gegen
den Lachreiz an; die ehrbaren Volksrichter waren wie Schulkinder, die
heimlich kichern.

Die Verhandlung, welche brigens mit einem Freispruche endete, wurde im
Landtag und bei ultramontanen Parteitagungen recht abfllig kritisiert,
weil zwlf Sachverstndige, darunter _Professor Forel_ aus Zrich,
Dr. _Hirth_, _Ganghofer_ u. a., Stellung gegen die Anklage genommen
hatten.

Auerdem kam es zu einer Beschwerde beim Justizminister, da der
Staatsanwalt einige Sachverstndige angeflegelt hatte.

Das Bezeichnendste dafr, wie tricht damals Parteipolitik getrieben
wurde, ist, da man, wtend ber den Ausgang des Prozesses, die in Bayern
gesetzlich festgelegte Zustndigkeit der Schwurgerichte fr Prevergehen
am liebsten aufgehoben htte. In einer verrgerten Stimmung wollte man ein
wichtiges Volksrecht aufgeben und verga vllig, da ihm die ultramontane
Presse in der ra Lutz sehr viel zu verdanken gehabt hatte.

Damals schrieb ein klerikales Provinzblatt, da Religion und Sitte in
Bayern durch meine Freisprechung fr vogelfrei erklrt worden seien; so
dick trug die Partei auf, als es sich nicht einmal um eine sie nahe
berhrende Sache handelte.

Freilich hatte man etliche Monate vorher vergeblich die Lrmtrommel gegen
den Verfasser des "Andreas Vst" gerhrt, und der "Bayrische Kurier" hatte
das Ministerium erfolglos aufgefordert, die Kirche und ihre Diener
pflichtgem gegen die Verffentlichung des Romans zu schtzen.

Die Feindseligkeiten verschrften sich, und der Ton wurde grob und grber,
als ich die Briefe eines ultramontanen Abgeordneten verffentlichte. Ich
war nicht wehleidig und konnte es verstehen, da mir aus dem Zentrumswalde
kein liebreiches Echo entgegenschallte, aber imposant fand ich die
mchtigen Gebieter des Landes nicht, die so wenig innerliche Strke bei so
viel uerlicher zeigten.

Wenn wir im Januar 1906 bei Grndung der Gesellschaft geglaubt hatten, da
nunmehr ein lange dauerndes gemeinsames Schaffen gesichert wre, so zeigte
uns das Schicksal wenige Jahre spter, da sich auf die Zukunft nicht
bauen lt.

Seit 1907 krnkelte _Wilke_, im November 1908 starb er an einer
Lungenentzndung.

J. B. _Engl_ war ihm vorausgegangen, und Ende April 1909 folgte ihm
_Albert Langen_, dessen Leiche Ferdinand von _Reznicek_ nach Kln
berfhrte. Vierzehn Tage darauf starb auch er in einer Mnchner Klinik an
Magenblutung.

Wilke war vierunddreiig Jahre alt, Langen neununddreiig, Reznicek
vierzig; allen dreien schien nicht nur das blhende Alter, sondern auch
Kraft und Gesundheit langes Leben zu verbrgen. Wilke allerdings, dessen
Strke und Gewandtheit einmal vorbildlich waren, hatte uns schon ein Jahr
vor seinem Tode Grund zu Befrchtungen gegeben, aber ganz unvermutet kam
das Ableben Langens und Rezniceks.

Dieser war der typische sterreicher von guter Familie; taktvoll,
liebenswrdig, heiter, in Manieren wie im Charakter vornehm. Ich habe ihn
nie laut oder heftig gesehen, und ich glaube, er wre gegen Brutalitt
vllig hilflos gewesen. Die Grazie, die seine Zeichnungen auch denen, die
herbere Kunst schtzen, wertvoll machte, lag in seinem Wesen.

Von den Knstlern, die durch den "Simplicissimus" und die "Jugend" bekannt
wurden, war er sogleich der populrste, und er ist es geblieben.

Da er, verhtschelt und umworben, von Eitelkeit vllig frei blieb und
ganz und gar nicht zgellos lebte, bewies seinen wirklichen Wert, den nur
die anzweifelten, die ihn nicht persnlich kannten. Die Art und das
Gegenstndliche seiner Kunst veranlaten manchen Sittenrichter, der sehr
unangefochten leben konnte, in dem guten Ferdinand von Reznicek einen
Wstling zu vermuten, und zuweilen wurde ihm das auch gedruckt
unterbreitet.

Derlei Vorwrfe verletzen die Ehre der Mnner nicht, vielen erscheinen sie
so schmeichelhaft, da sie sie mit diskretem Lcheln entgegennehmen,
Reznicek aber blieb davon unberhrt. Er war weder der "verfluchte Kerl",
noch wollte er es zu sein scheinen.

Ohne Launen, immer aus dem Herzen heraus liebenswrdig, hilfsbereit und
empfnglich fr jede heitere Stimmung, war er der beste Kamerad, in dessen
Gegenwart Mimut nie aufkommen konnte.

Krankheit und Tod lassen den Charakter eines Menschen erst recht erkennen.

Alle drei, Wilke, Langen und Reznicek, haben die hrteste Prfung wrdig
bestanden, und sie sind ohne zweckloses Klagen tapfer gestorben, und die
letzten Dinge waren fr die Art eines jeden von ihnen bezeichnend.

Wilke lehnte sich mit einer unmutigen Gebrde gegen den Tod auf; als er
auf dem Krankenlager in seiner Heimatstadt Braunschweig fhlte, da es zu
Ende gehe, sagte er nur: "Das ist dumm."

Und es war tricht, da ein genialer Mensch, als er sein Bestes erst noch
zu geben hatte, weg mute.

Langen traf ruhig Anordnungen ber seinen Nachla, und von dieser Sorge
befreit, dankte er hflich lchelnd dem Anwalte, der das Testament
aufgesetzt hatte; keine Klage, kein wehleidiges Wort entschlpfte ihm.

Reznicek, der sich in einer Klinik operieren lassen wollte, schrieb mir
zwei Tage vor seinem Tode, da er der Sache mit der blichen Fassung
entgegensehe; als dann ein heftiger Blutsturz jede Hoffnung vereitelte,
bat er den Arzt, da er ihm nach dem Ableben das Herz mit einer Nadel
durchstechen solle, und bestellte Gre an uns alle.

Der Tod dieser drei Mnner, wie der von J. B. Engl, war ein harter Schlag
fr den "Simplicissimus", und wenn er auch berwunden wurde, so bleibt es
doch wahr, da Knstler wie Wilke und Reznicek unersetzlich waren.

Mit der Erinnerung an sie soll das Buch enden; durch ihr Hinscheiden waren
Lcken in den einst so frhlichen Kreis gerissen, die nichts mehr
schlieen konnte, und manche nderung, die eintrat, lt mich in jenen
Ereignissen den Abschlu einer heiteren, erfolgreichen Zeit sehen.

Sptere Erlebnisse haben kaum mehr Einflu auf mein Schaffen gehabt; was
nun kam, war Arbeit und Ernte, kein Kampf mehr ums Werden.

Das Schicksal des Vaterlandes hat fast alle Zusammenhnge zwischen damals
und heute zerrissen; es fhrt keine Entwicklung aus jener nahen
Vergangenheit, die uns doch so weit entrckt wurde, herber.

Ich fhle mich um so mehr vereinsamt, als ich alles, was sich heute in der
Literatur, in der Kunst, in der Politik lrmend vordrngt, verabscheue.

In dieser Zeit, in der das Ungeheuerlichste alltglich wurde, haben
unbeschftigte Gemter Mue gefunden, dem "Simplicissimus" wie mir
persnlich vorzuwerfen, da wir im Kriege unsere Ansichten gendert,
unsere einmal heftig verfochtenen Grundstze aufgegeben htten.

Es ist ein Laster politisierender Spiebrger, im Festhalten an einer
Meinung ein Verdienst zu erblicken.

Es liegt im Lernen und im Bekennen.

Und zudem ist der Vorwurf unbegrndet.

Im "Simplicissimus" sind wir alle - ich weder allein, noch vorzugsweise -
fr die Erhaltung des Friedens eingetreten, wir haben ohne ngstliche
Rcksichten das persnliche Regiment mit seinen schdlichsten
Begleiterscheinungen, dem aufdringlichen Reden, der Heldenpose, der
Gotthnlichkeit, der Operettenpolitik, dem Mangel an
Verantwortlichkeitsgefhl, angegriffen, wir haben das rckgratlose
Philistertum, die verlogene Phrase, wir haben jede Schnodderigkeit und
Selbstgeflligkeit bekmpft, aber als der Krieg da war, gab es nichts mehr
als das Schicksal des eigenen Landes.

War es ein Fehler, da wir ebensowenig blind waren gegen das Heldentum des
deutschen Volkes wie gegen den giftigen Ha der Feinde?

Oder war es ein Verbrechen, Vertrauen zu haben, wenn Mitrauen und Zweifel
nur Verwirrung anrichten konnten?

Wer das heute behauptet und alle Meinungen hinterher nach dem endlichen
Ausgange korrigiert haben will, ist doch nur ein Schwtzer, und sein Tadel
trifft nicht hart. Ich glaube heute, was ich immer geglaubt habe, da auf
dem Boden der alten Gesellschaftsordnung recht wohl die Reformen zu
erreichen waren, die das Glck und die Gre Deutschlands sichergestellt
htten.

  [Illustration: "UM MICH IST HEIMAT.
  UND DIE ERDE KANN EINMAL DEN, DER SIE HERZLICH LIEBTE, NICHT DRCKEN"]

Der Kampf fr sie mute am 1. August 1914 nicht aufgegeben werden, aber er
mute aussetzen, und Schweigen war Pflicht.

International zu empfinden, gerecht gegen die verderblichsten Feinde zu
sein, war nie in meiner Natur gelegen, und es fiel mir wirklich nicht
schwer, ihnen den Untergang, Deutschland aber den vollen Sieg zu wnschen.

So mag sich, wer will, ber meine Wandlungen und meine Wandlungsfhigkeit
aufregen.

Von dem Drucke, den ich wie alle nach dem Zusammenbruche des Vaterlandes
auf mir lasten fhle, suchte ich und fand ich zeitweilige Befreiung in der
Erinnerung an die Vergangenheit.

Ich habe dem Schicksal fr vieles dankbar zu sein, am meisten fr eine
Jugend, in der ich wie in frischen Quellen Erquickung finde und die mir
durch das Andenken an die Eltern verschnt bleibt.

In dem schlichten Wesen meines redlichen Vaters zeigt mir jeder Zug die
staubfreie, aller Engherzigkeit abholde Art des Forstmannes vom alten
Schlage.

Ich war noch ein Kind, als er starb, und ich lernte ihn lieben aus der
Schilderung, die mir meine Mutter von ihm gab; sie hatte seinen gtigen,
alles exaltierte Empfinden ausschlieenden Humor um so besser wrdigen
knnen, als er in ihrer heiteren Natur den schnsten Widerklang gefunden
hatte.

Ihr Leben ist Mhe und Arbeit und Freude daran gewesen. Als ihr nach dem
Tode meines Vaters die Sorge fr sieben unmndige Kinder berlassen blieb,
bei einer Witwenpension von nicht ganz hundert Mark im Monat, griff sie
tapfer zu und pachtete den Gasthof "Zur Kampenwand" in Prien.

Zu unserer Erziehung hatte sie kein anderes Mittel als ihre Herzensgte;
Schrfe lag nicht in ihrem Wesen, aber ebensowenig blinde Liebe, die sich
an Fehlern ergtzt oder darber wegsieht.

Ihr berlegener, ganz auf Tchtigkeit gerichteter Verstand lie sie
manches heitere, treffende Wort finden, das einen jungen Menschen von
verstiegenen Ansichten heilen mute. Wie wertvoll ihr gesundes Urteil war
und was es bedeutete, da sie nie landlufige Meinungen nachsprach und nie
Redensarten gebrauchte, das lehrte mich erst das Leben verstehen.

Ich habe spterhin zuweilen gehrt, wie dieser und jener Wunsch nach
Zerstreuung und Vergngen berechtigt sei, ich habe erfahren, da eine
gewisse Bildung verschiedene Ansprche erfllt sehen msse, um fortdauern
zu knnen; meine Mutter hat nie Ansprche gestellt, und doch besa sie
eine Herzensbildung, die ihr Leben wie das ihrer Kinder verschnte. Ich
durfte in meiner Jugend das hohe und bleibende Glck genieen, an ihrem
Beispiele den Segen eines bescheidenen Sinnes kennenzulernen.

Den Schatz, der in der Erinnerung an edle Eltern liegt, hat mir ein
gtiges Geschick verliehen.

Und auch dafr bin ich ihm dankbar, da es mich in die engste Heimat
zurckgefhrt hat.

Aus den Fenstern meines Tegernseer Hauses sehe ich zu den Bergen hinber,
die das Lenggrieser Tal einschlieen, und sie tragen vertraute Namen; in
den Wldern, die sich an ihren Hngen hinaufziehen, lief ich neben meinem
Vater her, und das stille Forsthaus, in dem ich die Kinderzeit verlebte,
liegt nicht allzu weit von hier. Wo ich auch war, und was mir das Leben
auch gab, immer hatte ich Heimweh danach, immer regten sich in mir
Neigungen, die aus jenen frhesten Eindrcken herstammen.

Viele Wnsche gingen mir in Erfllung, anders und schner, als ich
erwartet hatte, auch der Wunsch, der am tiefsten in mir wurzelt, hier
leben und schaffen zu drfen.

Je enger sich der Kreis von Ausgang und Ende schliet, desto strker
empfinde ich es, wie darin das beste Glck enthalten ist.

Um mich ist Heimat.

Und ihre Erde kann einmal den, der sie herzlich liebte, nicht drcken.

  [Handschriftenfaksimile]

  [Transkription:]

          _Am San_

  Wo ist die Heimath? Ach so weit!
  Wer ber hundert Hgel geht,
  Wer auf dem hchsten Berge steht,
  Kann sie noch nicht erschauen.

  Wir hren's wohl im frohen Mai,
  Es grne in der gleichen Welt
  Der deutsche Wald, das deutsche Feld,
  Und wollen schier nicht trauen.

  Wo liegt die Heimath? Ach so nah!
  Ich wei mit jedem Herzensschlag,
  Da nichts von ihr mich scheiden mag,
  Nicht Berg und Flu und Auen.

          Ludwig Thoma
          z. Zt. im Feld






                       BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT


Inhaltsverzeichnis, Abbildungsverzeichnis und Transkription des
Handschriftenfaksimiles wurden in der elektronischen Ausgabe hinzugefgt.

Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
rmische Zahlen (in der elektronischen Ausgabe ohne Hervorhebung
wiedergegeben, ebenso die Abkrzung "Dr.") und einzelne Wrter aus fremden
Sprachen (hier durch Unterstrich [_] gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt
gesetzte Passagen).

Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert:

      Seite 178: "Verhltnisse" in "Verhltnissen" gendert;
      Seite 180: "leistetete" in "leistete" gendert;
      Seite 237: "leistetete" in "leistete" gendert;
      Seite 245: "Thater" in "Theater" gendert.





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ERINNERUNGEN***



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September 26, 2009

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            Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
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General Terms of Use part of this license, apply to copying and
distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project
Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
receive specific permission. If you do not charge anything for copies of
this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
performances and research. They may be modified and printed and given away
-- you may do practically _anything_ with public domain eBooks.
Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



                    THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE


_Please read this before you distribute or use this work._

To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work (or
any other work associated in any way with the phrase "Project Gutenberg"),
you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
License (available with this file or online at
http://www.gutenberg.org/license).


                                Section 1.


General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works


                                   1.A.


By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work,
you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in your possession. If you paid a fee
for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work
and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
forth in paragraph 1.E.8.


                                   1.B.


"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
associated in any way with an electronic work by people who agree to be
bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below.


                                   1.C.


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or
PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States. If an individual
work is in the public domain in the United States and you are located in
the United States, we do not claim a right to prevent you from copying,
distributing, performing, displaying or creating derivative works based on
the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of
course, we hope that you will support the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of
promoting free access to electronic works by freely sharing Project
Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works in compliance with the terms of this agreement for
keeping the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} name associated with the work. You can
easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
same format with its attached full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License when you
share it without charge with others.


                                   1.D.


The copyright laws of the place where you are located also govern what you
can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant
state of change. If you are outside the United States, check the laws of
your country in addition to the terms of this agreement before
downloading, copying, displaying, performing, distributing or creating
derivative works based on this work or any other Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work.
The Foundation makes no representations concerning the copyright status of
any work in any country outside the United States.


                                   1.E.


Unless you have removed all references to Project Gutenberg:


                                  1.E.1.


The following sentence, with active links to, or other immediate access
to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever
any copy of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work (any work on which the phrase
"Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg"
is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
distributed:


    This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
    almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away
    or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License
    included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org


                                  1.E.2.


If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is derived from the
public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
permission of the copyright holder), the work can be copied and
distributed to anyone in the United States without paying any fees or
charges. If you are redistributing or providing access to a work with the
phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you
must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7
or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.


                                  1.E.3.


If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the
permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the
copyright holder found at the beginning of this work.


                                  1.E.4.


Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License
terms from this work, or any files containing a part of this work or any
other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}.


                                  1.E.5.


Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic
work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
access to the full terms of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.


                                  1.E.6.


You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
processing or hypertext form. However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version posted
on the official Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} web site (http://www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other form.
Any alternate format must include the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License as
specified in paragraph 1.E.1.


                                  1.E.7.


Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing,
copying or distributing any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works unless you comply
with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.


                                  1.E.8.


You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or
distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works provided that

    - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
      the use of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works calculated using the method you
      already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to
      the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark, but he has agreed to
      donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg
      Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
      days following each date on which you prepare (or are legally
      required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
      should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
      Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
      "Information about donations to the Project Gutenberg Literary
      Archive Foundation."

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      you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
      does not agree to the terms of the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
      You must require such a user to return or destroy all copies of the
      works possessed in a physical medium and discontinue all use of and
      all access to other copies of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.

      You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
      any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
      electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
      receipt of the work.

      You comply with all other terms of this agreement for free
      distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.


                                  1.E.9.


If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
work or group of works on different terms than are set forth in this
agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
Section 3 below.


                                   1.F.


                                  1.F.1.


Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to,
incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
be read by your equipment.


                                  1.F.2.


LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES -- Except for the "Right of
Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for
damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE
NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH
OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE
FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT
WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY
OF SUCH DAMAGE.


                                  1.F.3.


LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND -- If you discover a defect in this
electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund
of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to
the person you received the work from. If you received the work on a
physical medium, you must return the medium with your written explanation.
The person or entity that provided you with the defective work may elect
to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
work electronically, the person or entity providing it to you may choose
to give you a second opportunity to receive the work electronically in
lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
refund in writing without further opportunities to fix the problem.


                                  1.F.4.


Except for the limited right of replacement or refund set forth in
paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.


                                  1.F.5.


Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
limitation set forth in this agreement violates the law of the state
applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
shall not void the remaining provisions.


                                  1.F.6.


INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in accordance with this agreement, and
any volunteers associated with the production, promotion and distribution
of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs
and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
you cause.


                               Section  2.


           Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
http://www.pglaf.org.


                                Section 3.


   Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Its 501(c)(3) letter is posted at
http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
can be found at the Foundation's web site and official page at
http://www.pglaf.org

For additional contact information:


    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org


                                Section 4.


  Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
                                Foundation


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
public support and donations to carry out its mission of increasing the
number of public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine readable form accessible by the widest array of equipment
including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
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While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside the
United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

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and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
checks, online payments and credit card donations. To donate, please
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                                Section 5.


      General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.


Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
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***FINIS***
