The Project Gutenberg EBook of Zwei Prager Geschichten, by Rainer Maria Rilke

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Title: Zwei Prager Geschichten

Author: Rainer Maria Rilke

Release Date: January 17, 2009 [EBook #27822]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZWEI PRAGER GESCHICHTEN ***




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                                  Zwei
                           Prager Geschichten

                                  von

                          Rainer Maria Rilke.

                               Stuttgart.
                     Verlag von Adolf Bonz & Comp.
                                 1899.


                 Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart.




Vorwort.


Dieses Buch ist lauter Vergangenheit. Heimat und Kindheit -- beide
lngst fern -- sind sein Hintergrund. -- Ich wrde es heute nicht =so=,
und darum wohl berhaupt nicht geschrieben haben. Aber damals als ich es
schrieb, war es mir notwendig. Es hat mir Halbvergessenes lieb gemacht
und mich damit beschenkt; denn wir besitzen von der Vergangenheit nur
das, was wir lieben. Und wir wollen alles Erlebte besitzen.

=Schmargendorf=, im Februar 1899.

                                             Rainer Maria Rilke.




Inhalt.


                        Seite

  Knig Bohusch             1

  Die Geschwister          81




Knig Bohusch.


Als der groe Mime Norinski um drei Uhr nachmittags in das
National-Caf, welches vor dem Prager tschechischen Theater liegt,
eintrat, erschrak er ein wenig, lchelte aber gleich darauf sein
verchtlichstes Lcheln: in dem Spiegel, schrg gegenber der Thr,
hatte sich irgend eine entfernte Ecke des Saales gefangen, und er hatte
drinnen eine schiefe Marmorsule und unter dieser Sule einen kleinen,
buckligen Mann erkannt, dessen seltsame Augen dem Eintretenden wie
lauernd aus einem unfrmigen Kopfe entgegenstarrten. Das Fremde dieses
Blickes, in dessen Tiefen irgend ein unerhrtes Geschehen sich dunkel zu
spiegeln schien, hatte ihn einen Augenblick in Schrecken versetzt. Nicht
etwan weil er besonders furchtsamer Natur gewesen wre, sondern infolge
des profunden und versonnenen Wesens, welches so groen Knstlern
meistens eignet, und durch dessen Wall sich jedes Ereignis gleichsam
durchbohren mu. Dem Original gegenber empfand Norinski nichts
hnliches. Er bersah den Verwachsenen sogar eine ganze Weile, whrend
er mit unntiger Wichtigkeit den andern am Stammtisch die Hand reichte.
Die Hndedrcke nahmen eine ziemliche Zeit in Anspruch, denn jeder hatte
gleichsam 3 Akte. 1.Akt: Zgernd folgt die Hand des Schauspielers dem
Flehen der entgegengestreckten Hnde. 2.Akt: Seine Hand spricht
nachdrcklich zu der, welche sie umfat: Merkst du auch die Bedeutung
dieses Moments? 3.Akt und Katastrophe, wobei Norinski jede Hand
verchtlich loslies, fortwarf: Oh du Erbrmlicher, das kannst du ja gar
nicht merken ... Diese Erbrmlichen waren diesmal: Kars, der lange
blasse Kritiker des Tschas, ausgezeichnet durch einen beraus langen
Hals und -- wie ein boshafter jdischer Kollege mal behauptet hatte --
einen beraus hflichen Adamsapfel, welcher jeden Tropfen durch die
Einsamkeit der Kehle bis an den Kragenrand, wo er sich nicht mehr
verirren konnte, begleitete und von dort diensteifrig auf seinen Posten
zurckschnellte, Schileder, der schne Maler, der so traurige Dinge
malte, der Novellist Ptek, der Lyriker Machal, der Student Rezek, der
etwas abseits sa, aus einem groen Stammglas heien Tschaj mit viel
Cognac trank und schwieg. Endlich schien Norinski auch den Buckligen zu
bemerken. Er lachte: Knig Bohusch! und streckte mit ironischem
Majestt die Hand ber den Marmortisch. Der Kleine fuhr auf und
schickte ihm, um die Mimenhand nicht warten zu lassen, berhastig seine
gelben unreifen Finger entgegen, so da sich die beiden Hnde, wie Vgel
in der Luft haschten. Dem Bohusch kam das ziemlich drollig vor, und er
lie ein zitterndes zerbrochenes Lachen hren, das er ngstlich
unterbrach, als er bemerkte, wie die Blatternarben auf Norinskis Stirne
sich unter rgerlichen Falten versteckten. Der Mime murmelte etwas, gab
die Jagd auf und sagte in schlechter Laune zu Kars:

Ihr schreibt auch einen Kohl, mein Lieber. Aber das sag' ich dir, ich
spiele meinen Hamlet das nchstemal just so, wie gestern. Ich spiele
eben =meinen=. Verstehst du, Liebster?

Kars schluckte irgendwas hinunter und sagte etwas von der Auffassung,
die andere bekundet htten, Bedeutende; er mchte nur Kainz nennen oder
-- der Student Rezek trank heftig sein Glas aus und Norinski sagte
erregt:

Liebster, was geht mich ein deutscher Hamlet an. Du wirst doch nicht
etwan behaupten wollen, wir drften nicht auch unsere Meinung haben? Ist
der Shakespeare ein Deutscher? Nun, was gehn uns also die Deutschen
dabei an? Ich nehme meine Auffassung sozusagen direkt aus dem
Englischen.

Das einzig richtige, sanktionierte Ptek und strich den spitzen
Modebart mit gepflegten Fingern.

Dein Kostm brigens, ich meine vom malerischen Standpunkt --
besnftigte der schne Maler, und rasch wandte sich ihm Norinski zu.
Ja, ghnte er so ganz obenhin, und dann mit herablassender
Gnnerstimme: Was macht denn Ihr Schauspiel, Machal?

Der Lyriker schaute eine Weile schweigend in sein Absinthglas und
erwiderte leise und kummervoll: Es ist Frhling.

Alle erwarteten noch etwas, aber der Dichter schien schon wieder
unterwegs nach dem blassen Garten seiner Trume. Er sah sein Absinthglas
wachsen und wachsen, bis er selbst sich mitten drin fhlte in dem
opalnen Licht, ganz leicht, ganz gelst in dieser seltsamen Atmosphre.
Nur Schileder hatte das gewaltige Wort ernst hingenommen. Es lag ber
ihm, so dicht, da er auch nicht mit den Wimpern htte zucken mgen. In
seinem Tiefsten dachte er: Gott, das trifft jeder. Hat er denn etwas
besonderes gesagt? Das kann ich auch: es ist ... Er kam nicht zu Ende
damit. Alle lachten und Schileder atmete auf, als er an den Mienen der
anderen sah, da der Ausspruch doch nicht so gewichtig gewesen sein
mochte. Kars wandte sich an den Lyriker: Das heit, es blht dein
Stck. Hm?

Da sagte Machal seiner Muse mit einer Verbeugung: Entschuldigen Sie --
und kam ungern zurck aus der opalnen Welt; aber das Miverstndnis war
auch zu arg: Nein, betonte er, das heit, ich bin zu traurig jetzt.
Das heit, es ist jetzt die Zeit, wo die Natur alles Werden miversteht,
das heit, da ich mde bin -- mde dieses wunden Keimens.

Aber verzeih, der Novellist tippte ihn mit dem modegelben Handschuh
auf die Schulter, das mag ja sein, aber das ist doch nicht Frhling.

Und der Maler dachte: nein, das ist nicht Frhling.

Im wunderschnen Monat Mai, deklamierte der Mime.

Einst, hauchte der Dichter und machte eine Bewegung mit der Hand, mit
welcher er dieses Einst noch weiter zurckdrngte, einst war das
vielleicht so, wie es in alten Gedichten steht -- der Frhling: >Licht
und Liebe und Leben<. Wer das noch glaubt, belgt sich. Er seufzte
tief.

Wie schade, dachte der Maler, also kein Frhling mehr.

Machal aber erhob sein Gesicht, das durch groe Sommerflecken entstellt
war, hoch in das klare Nachmittagslicht und konnte durch das Fenster
gerade die Rampe des Nationaltheaters sehen, lngs welcher ein
Schutzmann auf und nieder ging. Das wollte er nun gerade niemandem
zeigen, allein er sagte gleichwohl:

Schaut nur hinaus. Dieser Kampf mit den blden brachen Schollen, den
jeder der feinen schwachen Keime kmpfen mu, um zu seinem Sommer zu
kommen. Hier, und er schraubte sich noch ein wenig hher -- steht die
hilflose Blte und will blhen; das ist das einzige, was sie kann, sie
kann nur blhen und sie will wirklich niemanden stren damit, und doch
sind alle gegen sie: die schwarzen Krumen, die sie nur nach langem
Bitten durchlassen, die Tage, die wahllos Wrme und Regen und Wind auf
sie herabstreuen und die Nchte, die sich langsam an sie
heranschleichen, um sie zu wrgen mit ihren eisigen Fingern. Dieser
feige traurige Kampf, das ist der Frhling. Machal frstelte; seine
Augen starben. Knig Bohusch sah ihn ganz starr an. Das war etwas sehr
Ungerechtes, was der Dichter sagte, schien ihm, und er hatte vieles
dagegen im Sinn. Es drngte ihn aufzustehen und hochragend und heiter
den Frhling zu verteidigen, der dennoch voll Sieg und Sonne war. Ihm
stiegen so viele schne Gedanken in den Kopf, da ihm die Wangen ganz
warm wurden und er eine Sekunde das Atmen verga. Aber ach, was htte es
gentzt, aufzustehen; sie htten es kaum bemerkt, denn Bohusch sah, auf
der hohen Samtbank sitzend, fast grer aus als wenn er stand. Auch
seine Stimme htte kaum bis zu Norinski hinber fliegen knnen; bei
solchen Entfernungen wurde sie schon ungewi und flatterte wie ein
angeschossener Vogel. Das wute Bohusch. Und so schwieg er, prete die
Lippen, die wie aus Holz geschnitzt waren, eng aneinander und begann,
wie oft als Kind, still fr sich mit den vielen goldenen Gedanken zu
spielen, ganze Berge und Burgen zu bauen, aus deren schlanken
Sulenfenstern seine Trume ihn grten. Und er war so reich, da er
jedesmal neue Palste errichten konnte, von denen keiner einem alten
hnlich sah, und das will etwas bedeuten, da der Kleine ber dreiig
Jahre diese Beschftigung trieb, seit seinem fnften Lebensjahre etwan
-- und sich doch nicht wiederholen mute. Die anderen sprachen jetzt,
whrend Machal sich gewi wieder im Absinthglas sitzen fhlte, von
lauten Dingen und Alltglichkeiten in wirrem Durcheinander, und ber
allem schwebte die Bastimme des Schauspielers mit ausgebreiteten
Flgeln. Bohusch aber dichtete in seiner Ecke an seiner Apologie des
Frhlings. Er kannte ihn ja eigentlich nur so wie er im finstern und
feuchten Hirschgraben oder auf dem Kirchhof Malvasinka aussah; einmal
als Kind hatte er ihn in der wilden Schrka gesehen, und heute hrte er
noch in seiner Brust ein feines, altes Echo jenes Sonnentages. Wie selig
mute der erst drauen zu schauen sein, wo er seine Heimat hat, weit von
der Stadt und ihrer Unrast, und es rgerte und krnkte ihn, da die
Menschen um ihn, die doch weit herum gekommen sind, zugaben, da man den
Frhling verleugne. Das mute er ihnen doch sagen. Aber ein zager
Versuch seiner Lippen ging in dem allgemeinen Hin und Wider schnell und
spurlos unter, und der arme Bohusch htte auch nichts mehr zu sagen
gewut. Als frchteten sie, verraten zu werden, flchteten seine
Gedanken in ngstlichem Ungestm aus der schnen Versammlung, und statt
ihrer fllte eine einzige Vorstellung sein Gehirn und die sprach er
willenlos und unbemerkt aus: Ja, mein Vater. Es bedurfte eines
Augenblicks, ehe der Bucklige sich klar machte, warum er gerade an ihn
dachte. Er sah ihn: in seinem riesigen dunkelblauen Tressenpelz, dessen
Kragen mit dem mchtigen Vollbart zu verschmelzen schien, ging er mit
breiten, selbstbewuten Schritten in dem lichtgetnchten hohen Flur des
alten Frstenpalastes in der Spornergasse her und hin. Der goldene Knopf
seines Stabes rhrte fast an die goldenen Fransen, die von der Krempe
des dreispitzigen Hutes hingen, unter welchem seine Augen ernst und
wachsam waren. Dann stand der kleine krnkliche Bohusch oft hinter der
Thre der Portierswohnung und schaute scheu durch eine Spalte dem
gewaltigen Schreiten des Vaters nach, dessen Gestalt hher war als die
aller anderen Menschen, um so vieles ragender auch als die des alten
Frsten, vor dem der Vater den Tressenhut ganz tief abnahm, ohne sich
indessen sonderlich zu verneigen. An einen Ku oder ein Lcheln dieses
Mannes konnte sich Bohusch, soweit er zurck sann, nicht erinnern, wohl
aber gehrte seine Gestalt und seine Stimme zu den deutlichsten
Eindrcken seiner armen Kindheit. Und darum fiel ihm der Vater auch
immer dann ein, wenn er den lngst Toten um diese beiden Eigenschaften
beneidete und sich sagte: Beides ist doch eigentlich jetzt so gut wie
unbenutzt; er braucht weder Stimme noch Gestalt mehr, warum hat er das
alles dann mitgenommen? Und wenn der Bucklige das dachte, kam es immer
so: auf einmal fhlte er etwas, das ihn mitnahm, fortri. Seine Gedanken
waren nicht mehr in ihm, sie liefen vor ihm her und er mute sie
verfolgen, um sie wieder zu fangen. Man konnte sie doch nicht so ohne
weiters laufen lassen. Atemlos holte er sie immer an derselben Stelle
ein. Das war eine helle Herbstnacht mit hastigen Wolken. Das flchtige
Licht war gerade geduldig genug, um Bohusch eine Marmortafel erkennen zu
lassen, auf welcher, halb von wildem Gezweig verdeckt, stand: Vitezlav
Bohusch, frstlicher Portier. Und so oft der Kleine das las, begann er
immer mit gierigen Ngeln in Gras und Schollen zu graben, bis er immer
matter und der Atem der feuchten Erde immer schwerer und dunstiger
wurde und seine blutigen Ngel endlich kreischten auf dem glatten Holz
eines groen gelben Sarges. Und dann sah er sich auf dem Kasten in der
schwarzen Grube knieen und eine Sekunde oder zwei ratlos sein. Bis immer
dieselbe Lsung ihm kam: Man mu dieses Brett mit dem Kopf durchdrcken
knnen, wie eine Fensterscheibe. Hatten sie ihn nicht immer gehhnt um
seines schweren Schdels willen? Also zu etwas mu er doch gut sein,
nicht? Krach! Das Brett weicht -- natrlich -- wie eine Fensterscheibe,
und der Bohusch holt sich mit heier Hand aus dem dumpfen Dunkel die
Brust des Vaters und schnallt sich dieselbe wie einen Harnisch um die
schchternen Schultern, und er langt wieder hinein und sucht und sucht
mit krampfigen Fingern und schickt auch die andere Hand zu Hilfe und
kann es gar nicht begreifen, da er mit beiden wunden Hnden die Stimme
des Vaters nicht finden kann.

                   *       *       *       *       *

An den Abenden des frhen Frhlings ist die Luft von feuchter Khle, die
sich leise ber alle Farben legt und sie lichter und einander hnlicher
macht. Die hellen Huser am Quai haben fast alle den blassen Ton des
Himmels angenommen und nur ihre Fenster zucken dann und wann in heiem
Leuchten und verlschen vershnt in dem Dmmer, sobald erst die Sonne
sie nicht mehr aufstrt. Dann steht nur noch der Turm von St.Veit in
seinem ewigen greisen Grau aufrecht da. Er ist wirklich ein
Wahrzeichen, sagte Bohusch zu dem schweigsamen Studenten. Er
berdauert jedes Dmmern und ist immer ganz gleich. Ich meine in der
Farbe. Nicht?

Rezek hatte nichts gehrt. Er sah hinber nach dem Kleinseitner
Brckenturm, wo man eben die Lichter anzndete.

Bohusch fuhr fort: Ich kenne mein Mtterchen Prag bis ins Herz -- bis
ins Herz, wiederholte er, als wenn jemand seine Behauptung bezweifelt
htte, denn das ist doch wohl sein Herz, die Kleinseite mit dem
Hradschin. Im Herzen ist immer das Heimlichste und, sehen Sie, es ist
soviel Heimliches in diesen alten Husern. Ich mu es Ihnen sagen,
Rezek, denn Sie sind vom Lande und wissen es vielleicht noch nicht. Aber
es giebt da alte Kapellen, Jesus, und was da fr seltsame Dinge sind.
Bilder und Ampeln, und ganze Ksten, Rezek, ich lg' nicht, ganze
Ksten voller Gold. Und aus diesen alten Kapellen fhren Gnge weit,
weit unter der ganzen Stadt durch, vielleicht bis nach Wien.

Rezek sah den Verwachsenen von der Seite an.

Bei meiner Seele, beschwor der und legte die Hand auf die schiefe,
gedrungene Brust. Ich htt's ja auch nicht geglaubt. Nie, mein Leben
nicht. Aber ich hab's einmal gesehen, nicht in einer Kapelle, aber--

Wo? forschte der Student pltzlich mit so entschiedenem Interesse, da
der Kleine zusammenschrak.

Sehen Sie, sagte er, Sie mchten's nicht glauben. Aber in unserem
Keller da ist ganz am Ende eine Vertiefung, so etwa zwei Stufen abwrts
und dann ein Loch in der Mauer, gerade so gro, da einer durchkrauchen
kann -- so -- natrlich auf allen Vieren. Bohusch lachte sein
zerbrochenes Lachen.

Na und -- drngte Rezek, fgte aber ruhiger hinzu, whrend er zwischen
seinen lebendigen Fingern eine Cigarette formte, was dann?

Ich wr' niemals hineingekrochen. Bewahre. Aber mir fiel mal die Kerze,
mit der ich hinuntergestiegen war, brennend zwischen alte Holzscheite.
Mein Schrecken! Na, Sie knnen sich vorstellen, Rezek, eine brennende
Kerze in altem, trockenem Holz. Ich finde sie endlich wieder; sie war
verlscht natrlich, aber in lauter Angst grabe ich weiter. Es htte
doch ein Funke irgendwo darunter sein knnen. Da gleite ich auf einmal
mit dem Holz tiefer und sitze vor dem Loch. Schau' hinein. Nicht
mglich. Noch ein Keller, denk' ich. Ich leuchte. Aber es ist nur ein
Gang, und der fhrt wei Gott wie weit, wei Gott.

Sie schritten jetzt ganz langsam den Quai abwrts, der steinernen Brcke
zu. Rezek that einen langen Zug aus seiner kleinen, ganz durchfeuchteten
Cigarette und sagte, ohne zu Bohusch herabzusehen: Das ist
selbstverstndlich lngst vermauert, das Loch?

Vermauert? kicherte Bohusch, vermauert, und konnte sich kaum fassen
vor Heiterkeit. Wer so was vermauern soll?

Nun, Sie haben's doch jedenfalls angezeigt? Der Student sah rgerlich
aus. Seine dunklen Augen lauerten in dem blassen Gesicht, als wollten
sie sich auf die Antwort des Kleinen strzen.

Der war eben erst wieder vernnftig: Sie wissen ja, meine Mutter, --
der hab ich's erzhlt. Und sie hat gesagt: >Ein Loch? Was geht uns das
an, Bohusch. Leg' das Holz wieder davor, wie es war.< Und da hab' ich
also das Holz davor gelegt, so wie es war. Sie hat ja recht, was geht
uns das Loch an. Der Student nickte zerstreut und sagte dann rasch: Es
ist doch noch kalt im April. Er schob die eckigen Schultern hher und
nahm den schbigen gelben Sommerberzieher, den er den ganzen Winter
getragen hatte, vorn fest zusammen; wollen wir da hinber ins Caf? Ein
Tschaj wird wohlthun. Kommen Sie. Er schob seine Hand unter den Arm des
Buckligen und wollte ihn mitziehen. Bohusch strubte sich: Aber, was
glauben Sie, Rezek; wir waren lang genug im Caf. Ja so, mit =denen=.
Der Student legte den Ton der Verachtung auf das letzte Wort. Ich will
mit =Ihnen= plaudern, Bohusch; nicht mit diesen groen Herren, mit
diesen Knstlern. Was reden Sie denn, staunte Bohusch, das Volk mu
stolz sein auf sie. Rezek blieb stehen und war ganz bla: Wenn diese
Menschen lieber stolz sein wollten auf das Volk. Aber glauben Sie mir,
sie wissen nichts von einander -- das Volk nicht von ihnen und sie nicht
vom Volk. Ich bitte Sie, was sind sie denn, sind das Tschechen, ja?
Schauen sie nur irgend einen an. Der Kars schreibt in deutschen
Zeitungen ber unsere Kunst. Und unsere Kunst, was ist das? Lieder
vielleicht, wie sie das ganz junge, gesunde, kaum erwachte Volk singen
knnte? Erzhlungen von seiner Kraft und von seinem Mut und von seiner
Freiheit? Bilder von seiner Heimat? Ja? Keine Spur. Davon wissen ja
diese Herren gar nichts. Sie sind ja nicht von heute, wie das Volk, das
noch ganz kindisch ist, voller Wnsche und ohne eine einzige Erfllung.
Sie sind ja ber Nacht fertig geworden. berreif. Das ist ja soviel
bequemer, als der lange, eigene Weg durch Bedrckung hindurch, wie das
Volk ihn gehen mu, das arme! Fast mhelos ist das. Man importiert
alles aus Paris: die Kleider und die Gesinnung, die Gedanken und die
Inspiration. Man war gestern Kind und ist heute ein junger Greis, ein
bersttigter. Man wei auf einmal alles. Und man macht danach seine
Kunst. Man malt Greuelscenen und Orgien. Man sucht im Weib die Dirne und
verherrlicht sie in Romanen; dann verurteilt man in frivolen Liedern
diese Dirne und feiert die Mannesliebe in schweren Strophen, und endlich
ist man am Ziel: man verherrlicht nicht mehr und verurteilt auch nicht
mehr. Man ist dessen mde. Man ist ja so ber alles hinaus. Man ist
Mystiker. Man ist berhaupt gar nicht mehr hier, in Bhmen zu Haus; iwo,
man hat seine Heimat irgendwo -- was wei ich -- an dem Urquell des
Lebens. Das ist doch lustig. Nicht? Whrend das Volk sich rhrt und zum
erstenmal fhlt, wie jung und gesund es ist und die neue zage Kraft des
Anfangs in seinen Adern quillt, schnden die Knstler seine Sprache
dadurch, da sie ihren Frhling fr die kranke Kunst eines Endes
mibrauchen? Der Student hatte sich hei und heiser gesprochen.
Sie standen immer noch an derselben Stelle. Vorbergehende begannen
aufmerksam zu werden und auch ein Schutzmann sandte von Zeit zu Zeit
einen mitrauischen Blick herber. Bohusch schaute schweigend zu dem
Studenten auf und er schien ihm jetzt ebenso hoch und stolz in die Nacht
zu ragen, wie drben der alte Turm des Doms.--

Jetzt sagte Rezek mit vernderter Stimme, gergert durch die Neugier der
Menschen: So kommen Sie doch ins Caf.

Und Bohusch ganz unter dem Bann dieses Befehles, ging mit. Er konnte
sich gar nicht vorstellen, da er htte nein sagen knnen. Als sie aber
an der Thr des kleinen Cafs stillestanden, sagte er zaghaft: Ich kann
doch wirklich nicht, Herr Rezek, verzeihen Sie, aber nun kann ich doch
wirklich nicht. Meine Mutter, Sie wissen ja. Sie erwartet mich am Abend.
Und sie htte Angst, wenn ich nicht komme. Sie ist so. Entschuldigen
Sie...

Der Student unterbrach ihn kurz: Dann begleit' ich Sie. Er schien
jetzt gar nicht mehr zu frieren. Und sie gingen nach der Kleinseite.
Schweigend. Als sie an dem Schutzmann vorberkamen, fhlte der
Verwachsene, wie Rezek einen dunklen, mitrauischen Blick von dort
auffing. Er schaute auf; aber der Student hatte den Kopf schon
abgewendet und spuckte gleichgltig nach der anderen Seite, wobei er
bemht schien, den Eckstein zu treffen. Bohusch dachte nach; er fhlte
eine Verwandtschaft zwischen den schnen Gedanken, die ihm heute
Nachmittag im National gekommen waren und dem, was Rezek gesagt hatte
und was er nun noch sagen wrde. Es war zum erstenmal, da ihn diese
Empfindung berfiel, obwohl er oft mit dem Studenten zusammentraf; er
hatte ihn stets fr dumm gehalten. Warum? Vielleicht weil er sonst so
viel schwieg? Deswegen hielt man ja wahrscheinlich ihn, Bohusch, fr
beschrnkt. Andererseits aber, wie schn war das an sich magere und
hliche Gesicht des Studenten whrend seiner begeisterten Worte
geworden. Alles was eckig und hlzern aussah in seinem Gesicht und in
seinen Gesten erhielt eine Betonung ins Erhabene: es wurde streng,
herrisch, rcksichtslos. Dieser ganze, hoch aufgeschossene junge Mensch,
der zu schnell gewachsen, zu schlecht genhrt und zu erbrmlich
gekleidet war, hatte fr Bohusch ganz unversehens etwas Elementares,
Ewiges bekommen, und wie er so neben ihm hinging, wurde er die
Empfindung nicht los, da er sich diesen Tag besonders merken msse:
Samstag, den 17. April. Die Vorstellung wuchs in ihm ganz bestimmt und
deutlich, aber gleichsam im Hintergrund seiner Seele, whrend vorn sein
eigenes Ich stand, sich verneigte und zu Bohusch sprach: Das mu ich mir
entschieden verbeten haben, ganz entschieden! Du hast gar nicht das
Recht, mein Lieber, alle Schtze, welche ich dir, dem Bohusch, gebe, zu
verschweigen. Heraus damit. Sprich. Die Leute sollen wissen, da ich
reich bin. Ich wei, was du sagen willst. Du bist hlich. Aber rede nur
erst. Reden macht schn. Da hast du es gerade sehen knnen. Versprich
mir's. -- Und der arme Bohusch gab seinem Ich das Ehrenwort: Gewi, von
jetzt an werde ich reden. Und Bohusch wollte gerade beginnen, als der
Student neben ihm stehen blieb und ber die Moldau hinwies, auf deren
hohen dunklen Wogen verlorene Lichter trieben: Schauen Sie dort den
Vyschehrad, die alte Stammburg der Libuscha, und da den Hradschin und
hinter uns die Teynkirche, lauter Heiligtmer. Wenn die Herren zur
Vergangenheit flchten, wie sie immer wieder behaupten, warum nicht zu
=dieser= Vergangenheit. Warum erzhlen sie uns vom Orient und von den
Kreuzzgen und vom schwarzen Mittelalter? Das ist eine knstlerische
Frage, sagen sie. Nein, sage ich: Das ist eine Herzensfrage. Das ist
nicht Zufall, da ihnen jene entfernten Dinge >liegen< und das Nahe,
Vertraute ihnen nichts zu sagen hat. Sie sind einfach Fremde. Und das
Volk pflegt ngstlich seine alte unbeholfene Tradition, die trotz aller
Sorgfalt blasser und blasser wird von Enkel zu Enkel, so da es kaum
mehr wei von den lebendigen Reichtmern seiner Heimat. Freilich! Es
wre doch auch zu erniedrigend fr diese groen Herren, das Volk vor
seine heiligen Erbstcke zu begleiten und ihm in neuen, klaren Worten
zu sagen von ihrem alten Wert und ihrer geweihten Wrde.

Bohusch sah starren Auges die Steine des Gangsteiges an und sagte, wie
sich zwingend leise, immer wieder von Hsteln unterbrochen:

Sie haben recht, Rezek, Sie haben ganz gewi recht. Ich kann das alles
ja nicht so gut verstehen; denn es ist gewi nicht so ganz einfach, was
Sie da sagen. Aber recht haben Sie. Ich hab' mir das ja manchmal
gedacht. Warum malt man das und nicht das. Warum schreibt man so und
nicht so ... aber doch, wenn Sie mir gestatten wollen zu bemerken, da
die Dichter nichts vom Hradschin und vom Teyn erzhlen, das macht
nichts, das macht nichts. Ich meine, -- sehen Sie, ich kenne mein
Mtterchen Prag bis ins Herz, ja, und mir hat nie ein Dichter davon was
gesagt. Man mu nur gro werden mitten unter diesen Kirchen und
Palsten. Die brauchen, wei Gott, keinen, der fr sie spricht, die
sprechen selbst, mein' ich. Wenn man nur hren mag. O, was die fr
Geschichten wissen. Lieber, ich will Ihnen einmal einige erzhlen, ja?
Oder noch besser: Sie sollen meine Mutter davon reden hren.

Rezek machte eine Bewegung der Ungeduld. Bohusch bemerkte es sogleich
und stockte einen Augenblick, dann: Verzeihen Sie. Ich hab' eigentlich
nur noch sagen wollen ... ja, also das mit dem Hradschin ist nicht
schade, aber das andere. Das, was nicht Vergangenheit ist. Die Gassen da
und diese Menschen und dann besonders die Felder hinter der Stadt und
die Menschen dort. Das haben Sie doch sicher auch schon gesehen: Ein
Feld, wissen Sie, so ein Feld ohne Ende, traurig und grau. Und der Abend
dahinter. Und nichts, nur ein paar Bume und ein paar Menschen; und die
Bume gebckt und die Menschen auch. Oder so im Steinbruch, wie sie da
drauen hinter Smichov sind. Von dem grauen, kahlen Berg rollen die
kleinen Kiesel herunter in die Schuttmulde. Wie das klingt. Ja, das ist
auch ein Lied; und unten sitzen Mnner und behauen den ganzen Tag die
grauen Steine und machen kleine, brave glatte Wrfelchen aus ihnen und
sehen die Sonne trb durch die Hornglser, die sie vor den Augen haben.
Und die jngeren von ihnen vergessen manchesmal und heben leise zu
singen an, kein ausgelassenes Lied, bewahre, irgend eins, das zum Takt
pat _Kde domov muj_ oder so was. Und dann horchen alle. Es dauert
aber nicht lang. Dem Jungen fllt bald ein, da der Kieselstaub zu
scharf ist, schlecht fr die Lunge, na, und da ist er halt wieder still
... Aber -- Sie mssen verzeihen-- der Kleine sah hilflos umher, fate
sich aber wieder, als er sah, da das Auge des Studenten ernst und
aufmerksam auf ihm ruhte. Er empfand dies als Sieg und mit mehr
Sicherheit als bisher fuhr er in seiner Rede fort: ich hab' nur noch
sagen wollen: Warum malen sie das nicht, warum? Warum dichten sie nicht
so was. Das ist doch tschechisch -- es ist ja so traurig.

Rezek nickte nur und sagte: Glauben Sie, da das Volk sehr traurig
ist?

Bohusch sann nach: Freilich, meinte er dann zgernd, eigentlich kenn'
ich ja so wenig; ich komm' ja nie weit hinaus. Aber ich glaub' es doch.

Warum?

Warum, fragen Sie? Gott, wei ich's? Die Eltern sind traurig und die
Kinder sind es auch und bleiben es. Sie sehen, kaum da sie laufen
knnen, den traurigen Nepomuk vor der Thr, der den Gekreuzigten im Arm
hlt, und die alte Weide am Dorfteich und die Sonnenblumen im kleinen
Garten, die so frh mde werden in der stillen Sonne. Macht das froh?
Und dann lernen sie so zeitig den Ha. Die Deutschen sind berall und
man mu die Deutschen hassen. Ich bitte Sie, wozu das? Der Ha macht so
traurig. Sollen die Deutschen thun, was sie wollen. Sie verstehen unser
Land doch nicht und deshalb knnen sie uns es niemals fortnehmen. An den
Grenzen, da giebt es ja wohl groe Wlder und Gebirge, wo die Deutschen
ganz fest sitzen, nicht wahr? Aber die umrahmen doch eigentlich nur das
Land. Was dazwischen liegt, die vielen Felder und Wiesen und Flsse, das
ist unsere Heimat, das gehrt uns, wie wir dazu gehren mit allem in
uns.

Als Sklaven, -- warf Rezek verchtlich ein.

Sagen Sie das nicht. Bitte. Nicht als Sklaven. Als Kinder. Vielleicht
als nicht ganz anerkannte, nicht ganz erbberechtigte Kinder --
augenblicklich. Aber doch als echte, natrliche Kinder. Sie mssen's
doch fhlen. Sie sagen selbst: das Volk ist ganz jung und gesund, dann
wird es ja wohl auch stark sein und sich nicht ergeben. Mglich, da
einer oder der andere Ketten trgt -- heute. Das geht vorber. Ich
wei, da hat einer >Sklavenlieder< geschrieben, einer von den lteren.
Der hat nicht recht. Kein Redlicher in unserem Volk macht Lrm mit den
Ketten. Sicher nicht. Er hebt sie sogar beim Gehen vorsichtig in die
Hhe, damit die liebe Erde nichts merkt von seinem Elend ... So sind die
Aufrichtigen von uns.

Jetzt waren sie gerade am Anfang der Brckengasse angelangt, drngten
sich durch die dichteren Mengen der Fugnger und bogen eilig in die
erste, enge Seitengasse ein. Beim Schein der nchsten Laterne
betrachtete der Student seinen Begleiter mit unverhehltem Erstaunen; er
schttelte den Kopf, schien irgend etwas auf den Lippen zu zerdrcken
und sagte: Sie sind ein Redner, Bohusch.

O, machte der Kleine und sah ganz beschenkt aus.

Nein, im Ernst. Nur mssen Sie sich sagen lassen. Das mit den Deutschen
... Wenn Sie vernnftig sind, vielleicht braucht Sie das Volk noch
einmal.

Waaas? machte Bohusch und wollte lachen aus Schrecken und
Verlegenheit. Aber Rezek hatte die Lippen fest zusammengepret, sah sehr
ernst aus und schwieg. Da wurde dem Buckligen sehr bange. Er drngte
sich nher an den Studenten heran und flsterte:

Das denk' ich mir ja nur alles so. Wirklich. Ich wei ja nicht.
Vielleicht ist es ja auch anders. Ich kann's ja auch nicht so sagen. Sie
mssen nicht schlecht denken von mir, Herr Rezek. Und auf einmal wurde
er ganz verzagt. Sehen Sie, ich bin ja so ein armer Kerl. Wenn Sie
wten, wie arm ich bin; am Vormittag da schreib' ich ab in der
Redaktion, und am Abend, da bin ich bei der Mutter, sie ist so alt und
sieht fast nichts mehr. So ist es jeden Tag. Und am Sonntag, wenn ich
meine Frantischka sehe, wissen Sie, wo wir dann bleiben? Auf der
Malvasinka. Dort wo die grnen Kreuze stehen, eins wie das andere.
Lauter Kinder liegen dort, und auf den schmalen Blechtafeln steht immer
nur irgend ein Vorname, >der kleine Karel< oder >die kleine Marie< und
ein Gebet dabei. So ist das dort. Und dort bleiben wir am Sonntag. >Hier
sind wir allein, _milatschku_,< sagt meine Frantischka. >Ja, sag' ich,
Frantischka, hier sind wir allein.< Und dabei wei ich, da wir bei
lauter Toten sind. Macht das was? Es ist ja immer noch was dazwischen,
manchmal Frhling, manchmal Schnee. -- Ach, ich bin ja so ein armer
Kerl.

Nun, nun, beschwichtigte Rezek, und sie standen schon vor dem Hause,
in welchem der Bohusch unter dem Dach zwei Stuben mit seiner alten
Mutter teilte. Der Student schien es eilig zu haben. Sie sind mir also
nicht bs, Herr Rezek, bat der Bucklige. Dazu ist doch kein Grund,
meinte jener hastig, und gute Nacht. Ich seh' Sie ja wohl, morgen im
Caf!

Ja, morgen, vielleicht -- obzwar es ist Sonntag, da mu ich mit meiner
Frantischka -- ja -- gute Nacht.

Rezek, der schon ein paar Schritte gemacht hatte, kehrte pltzlich
zurck. Er legte die unruhige Hand auf die Schulter des Kleinen und
fgte ohne besondere Betonung sehr hastig an:

Wirklich, Sie haben mich neugierig gemacht, Bohusch, das haben Sie.
Mchten Sie mich nicht mal in den Keller fhren?...

Keller?

Ach, Sie wissen doch, zu jenem Loch.

O ja, wenn Sie wollen, gewi.

Gut, also bald, wann?...

Wann Sie wollen.

Morgen frh?

Morgen frh.

Und sie bestimmten die Stunde.--

                   *       *       *       *       *

Es hatte niemand bemerkt, da Bohusch am Sonntag frh einen Gast in den
Keller des alten finsteren Hauses in der Hieronymus-Gasse geleitete. Die
beiden waren ja auch so behutsam hinabgestiegen, als gelte es einen
Schlafenden nicht zu wecken, hatten unten das Holz fortgerumt und dann
war der Fremde, der sehr schweigsam war, mit der Laterne in den geheimen
Gang gekrochen. Der Bucklige stand und starrte ihm nach. Noch eine Weile
blieb das Loch hell, dann erloschen dort an den Kanten die Lichtstreifen
und dann flatterten ein paar Reflexe in dem schwarzen Rahmen her und
hin, schlugen sich an den Mauern die Flgel wund und fielen tot in das
grenzenlose Dunkel. Bohusch lauschte. Schritte hallten fern und immer
ferner. Da wurde ihm mit einemmale angst. Er dachte: Wozu thut er das?
Endlich hrte er keine Schritte mehr, und jetzt begann er zu rufen.
Seine Worte hatten einen seltsamen Klang; sie trugen das Schlagen
seines Herzens mit, welches er in der Kehle sprte und welches immer
wilder und ungestmer wurde: Geben Sie acht. Rezek! -- Rezek, gehn Sie
nicht weiter. Was machen Sie denn? Aber, aber! Sie drfen nicht weiter
gehn. Hier, hier. Hren Sie? Jesus Maria, wo sind Sie denn? Keine
Dummheiten; man kann nicht wissen... Pltzlich fiel das volle Licht
der Laterne auf ihn; das kam so berraschend, da der Kleine noch eine
Weile alle Zeichen des Schreckens und der Furcht behielt und in seiner
atemlosen Verwirrung drollig genug aussah. Rezek war mit einem Sprung
neben ihm, schien ihn aber gar nicht zu bemerken. Eine gewisse
Befriedigung leuchtete in seinen dunklen Augen auf, erlosch schnell und
es kam jene strenge Verschlossenheit ber sein Gesicht, welche jede
Linie versteinerte. Nun? brachte Bohusch endlich heraus, und nahm dem
anderen die Laterne aus der Hand, um das Licht recht nahe und recht
sicher zu haben. Der Student kam ihm auf einmal recht einfltig, fast
ein wenig komisch vor, und als er gar bemerkte, da er in seiner Furcht
die ganze Zeit nach der entgegengesetzten Seite, wo gar kein Loch war,
gerufen hatte, schmolz seine Beklemmung, sie flo gleichsam von seiner
Gestalt herunter in einem unbndigen, blechernen Gelchter. Er war jetzt
in der Stimmung alles heiter zu finden, und ihm erschien es ein
kstlicher Spa, da der hagere Student das Holz wieder vor die geheime
Thre schichtete und sich dabei so wichtig und weihevoll benahm. Im
Hinaufsteigen bat er Rezek, er mchte jetzt doch zu ihm hinauf kommen.
Seine Mutter sei gewi auch noch zu Hause und er wrde es nicht bereuen,
schne Geschichten zu vernehmen und vielleicht auch ein Glschen Gilka
(ja, solche Kstlichkeiten bese er, der arme Bohusch) zu trinken. Der
Student entschuldigte sich kurz. Er htte dringende Verpflichtungen und
wrde ein anderesmal kommen. brigens sei das recht interessant gewesen
da unten -- und er danke auch vielmals. Bohusch war sehr enttuscht; er
htte jetzt so gerne erzhlen mgen. Aber Rezek lie sich nicht
erbitten. Er grte flchtig, ging und vernahm noch wie der Bucklige,
der bereifrig die Treppen hinaufwatete, im ersten Stock irgendwem einen
sehr lauten Gutenmorgen zurief. Der Student schritt hastig die
Brckengasse aufwrts. Er fiel auf wie eben ein arg Beschftigter unter
Migen auffllt, und seine schwarze, schlanke Gestalt schien sich an
diesen lichten und langsamen Sonntglern, die der Niklas-Kirche
zustrmten, fortzuhelfen.

Unter der feierlichen Menge tauchte nicht viel spter die arme Gestalt
des >Knig Bohusch< auf. In dieser Gegend kannten ihn die meisten,
wuten den Spottnamen, den er, wei Gott weshalb, seit seiner Schulzeit
trug, und bermtige Jungen riefen ihm wohl auch kichernd ein >Knig
Bohusch< in den Rcken, der unter dem schwarzen Sonntagsrock noch viel
runder und hlicher war. Der Verwachsene lie sich dadurch nicht
stren, trieb eine Weile mit der Menge, kehrte aber dann um und ging,
immer lchelnd, der Altstadt zu. Er wollte jemanden begegnen; er fhlte
sich aufgelegt, irgendwem zu erklren, da das Leben, mochte es seine
Kanten haben, im allgemeinen doch etwas ganz Treffliches ist, da die
Tschechen ein patriotisches und prchtiges Volk seien und Prag eine
Stadt -- (bitte, sehen Sie nur mal dieses Rudolfinum an, -- htte er
jetzt gesagt) -- eine Stadt die ihresgleichen nicht nebenan hatte. Die
Mglichkeit, jemanden zu finden, war am grten in der Ferdinandstrae
und >am Graben<, auf deren breiten Gangsteigen das ganze moderne Prag
den Sonntagmittag verbringt, und er lenkte dorthin ein, in der Hoffnung,
den oder jenen zu sehen -- mochte es selbst Machal oder Ptek sein. Kaum
dachte er so, erkannte er Ptek. Der mondne Novellist schritt knapp vor
ihm her. Er trug einen ganz neuen lichtgrauen Anzug, durch welchen er
gewissermassen den etwas zaghaften Frhling protegierte, und die scharfe
Bgelfalte blieb bei seinem Schreiten ungebrochen und reichte tadellos
bis zu den leuchtenden Lackschuhen hinab, die er mit Grazie zur Geltung
zu bringen wute. Als Bohusch, der ihn berholte, ihn anredete, legte
er die Hand mit dem Handschuh (_Caf au lait_, 6) nachlssig an die
Krempe des niedrigen Cylinders und machte nicht viel Miene, sich in ein
Gesprch einzulassen. Aber Bohusch war so froh, wen gefunden zu haben,
da er seine Schchternheit verga, keine Aufforderung abwartete und
einfach mitging. Ptek warf auch dann und wann irgend ein Wort herunter,
das heit er lie es fallen, und achtete wenig dessen, ob der Kleine
diese kostbaren Fragmente auffing, oder nicht. Dieser dagegen sprach
unaufhrlich und ruhte sich dann und wann in seinem lauten Lachen aus.
Alles bot ihm Stoff. Seine Witze, die nicht immer ganz glcklich waren,
erregten rechts und links Aufmerksamkeit oder Unwillen und der vornehme
junge Mann, der nach allen Seiten hin Gre erteilte, fhlte sich recht
unangenehm in Gesellschaft dieses >verunglckten Proletars<, wie er
Bohusch zu nennen pflegte. An der nchsten Ecke that er so, als bemerkte
er einen guten Bekannten auf der anderen Seite der Strae; er blinzelte
eine Weile hinber, murmelte etwas Unverstndliches und hpfte, ehe
Bohusch begriff, worum es sich handle, davon. Der Bucklige ging weiter,
stand nach zehn Schritten aufs neue still, suchte die Gestalt des
Flchtlings in dem Strome drben, und erkannte, da Ptek allein ging.
Da verlosch das Lachen auf seinem breiten Gesicht; er warf jemandem, der
ihn im Vorbeigehen gar nicht heftig gestreift hatte, ein Schimpfwort zu,
wandte sich um und bohrte sich mit rcksichtslosen Schultern in eine
Seitengasse durch, wo keine Sonne und kein Mensch war. Thrnen hatte er
in den Augen. -- Eine Weile dachte er daran, Schileder in seinem Atelier
aufzusuchen. Dort war er immer geduldet. Wenn der Maler auch gerade
beschftigt war, er durfte sich mit irgend einer Mappe in eine weiche
Ecke des groen Raumes verkriechen und konnte stundenlang Bilder
betrachten und seine Blicke die hohen Wandsimse entlang schicken, auf
welchen die unvereinbarsten Dinge, die abenteuerlichsten Gerte standen
und sich vertrugen hinter den dichten Schleiern eines jahrealten
Staubes. Er hatte oft Stunde um Stunde unbeachtet dort gesessen, und
wenn er irgendwo ein Stck Samt oder eine bunte, faltenleuchtende Seide
entdecken konnte, hatte er das Laken nicht mehr aus dem Auge gelassen,
und der Maler hatte es ihm gerne geschenkt. Dann war er immer hastig
seine vier Treppen hinaufgestrmt, wild vor Ungeduld, mit dem Stck Zeug
angethan, vor den Spiegel zu treten. Ja, der arme Bohusch empfand seinen
schwarzen Rock, der ja brigens auch zu alt war, als ein recht
schlechtes, unwertes Sonntagskleid, und trumte schon als Kind davon, in
auergewhnlichen und prchtigen Kleidern unter die Menschen gehen zu
knnen. Er hatte ja auch, nur damit er das rote Chorhemde bekme, in der
Schulzeit bei dem Hochamt ministriert und, nur um der glnzenden Uniform
willen, wre er spter am liebsten Soldat geworden. Das war alles lang
vorbei und er konnte nun nicht mehr hoffen, jemals etwas anderes, selbst
bei der grten Festlichkeit anzuziehen, als diesen schwarzen, schbigen
Rock, es sei denn, da die Frantischka sich doch noch entschlsse, ihn
zu heiraten; zu dieser Feier wrde er sich ohne Zgern einen neuen
machen lassen, und der mte dann einen breiten Samtkragen haben. Auf
diesen Tag wartete auch noch des Vaters gestickte Weste, welche Bohusch
sich dann zurecht schneidern lassen wollte, -- erst bis es an der Zeit
war. Nur nicht umsonst das Geld ausgeben. Und ob es jemals an der Zeit
sein wrde?... Den letzten Sonntag hatte Bohusch vergeblich auf die
Geliebte gewartet. Wie, wenn sie heute wieder ausbliebe?

Auf den rmeren Friedhfen, wo keine mchtigen Marmordenkmler von
Grtnerhand mit berechnender Kunst verziert werden, ist es so: der
Frhling, in seiner Unschuld, tritt ein, und das Klirren der rostigen
Gitterthr ist der letzte Lrm, den er vernimmt. Er ahnt nicht, wo er
ist. Aber es gefllt ihm wohl in diesen stillen Mauern, hinter denen
weit das Leben wogt und bei diesen kleinen Engelchen aus glnzendem
Thon, die die Hnde gefaltet haben und zu ihm beten. Zu wem denn sonst?
Auch giebt es fr die jungen, ngstlichen Winden keine bessere Sttze
als so ein Kreuz, darauf sie, wenn sie mal so hoch sind, wie zum Lohn
nach rechts oder links sich ausstrecken drfen, soweit es ihnen
gefllt. Und weil es ihm doch so gut geht, wird der Frhling an einem
solchen Orte frher gro als anderswo. Die kleine dunkle Gestalt des
Bohusch wenigstens ging geradezu verloren in dem Getmmel von Primeln
und Anemonen, und ber ihm lauerte der Wind in einem Baum, der Blten
hatte, ehe ihm Bltter kamen, und schickte ihm dann und wann eine Blte
in den Scho und schaukelte so schalkhaft mit den zieren Zweigen, als
wollte er den Einsamen in der nchsten Sekunde doch ber und ber
verschtten. Der Bucklige aber war nicht gelaunt, ihn zu verstehen. Er
stubte die Blten mrrisch von seinen schwarzen rmeln und schaute an
dem sonnigen Sonntag vorbei in einen anderen -- ganz anderen Tag. Das
war auch auf einem Kirchhof. Vor drei Jahren ungefhr. Ein paar
schwarzgekleidete Leute standen um das offene Grab. Die Mnner in einer
gewissen kavaliermigen Vornehmheit mit groen Brten oder ganz glatt
rasierten Gesichtern, jene Falten um die Lippen, welche nach allgemeiner
bereinkunft Zeichen der Trauer und Ergriffenheit sind, die Frauen, viel
unbedeutender, mit Taschentchern in den Hnden, und im Mittelpunkt
dieser ernsten Gruppe, eine kleine, hilflose, weihaarige Frau. Sie war
ganz berwltigt von ihrem Schmerz, er hatte sie ganz in Besitz
genommen. Jedes Zucken ihrer armen Gestalt, jedes Flehen ihrer
erstickten Stimme gehrte ihm. Deshalb hatte sie auf alles um sich her
vergessen, auch auf ihren Sohn, den armen Bohusch. Der war arg erstaunt.
So hatte er die Mutter nie gesehen. Ihm selbst war gar nicht
auergewhnlich zu Mute. Er dachte einfach darber nach, wie denn der
Vater in dem Sarge habe Raum finden knnen. Die Truhe hatte nicht
bermig gro ausgesehen, und wahrscheinlich mute er =so= liegen.
Dabei stellte er sich den Vater vor, wie er die Kniee ein wenig
emporgezogen hatte und berlegte, da, wenn dem Toten irgendwann der
allerdings ganz unerhrte Einfall kme, die Beine zu strecken, die gelbe
Kiste ganz gewi nachgeben wrde, unten oder oben. Von solchem Sinnen
erfllt, wartete er ruhig ab, bis die Gesellschaft den Rckweg antreten
wrde. Als aber auch jetzt seine unaufhrlich schluchzende alte Mutter
ihn gar nicht kennen wollte vor Schmerz, wurde ihm sehr bang. Er konnte
ja nicht begreifen, da die arme kleine Frau alle vierzig Jahre ihrer
Ehe, die ersten zwei vielleicht ausgenommen, aus Furcht vor ihrem Mann,
der keine Scene ertrug, niemals zu weinen gewagt hatte und nun unbewut,
im erlsenden Genu einer gewissen Befreiung alles Versumte, ein Jahr
nach dem andern herunterweinte. Und vierzig Jahre weinen sich nicht so
im Handumdrehen. Ratlos sah Bohusch von einem zum andern. Sie gingen
alle an ihm vorbei, die Freunde und Genossen des Verstorbenen und die
Taktvollsten unter ihnen drckten ihm schweigend die Hand, wobei der
dazugehrigen Frau jedesmal die Augen bergingen, und der frstliche
Kammerdiener sagte in auslndisch-korrektem Hochdeutsch: Er war noch
gar nicht alt, Ihr Vater. Damit wollte er betonen, da der verstorbene
Portier um zwei Jahre lter war, als er selbst, der englische
Kammerdiener Sr. Durchlaucht. Bohusch wurde unter jedem Hndedruck immer
ngstlicher, es kam ihm jetzt erst in den Sinn, da sich da ja doch
etwas Auergewhnliches begeben haben msse, und bange von der steifen
Feierlichkeit dieser Menschen, blieb er mehrere Schritte hinter dem Zuge
zurck. Da fhlte er pltzlich, wie zwei Arme sich zu ihm senkten und
als er aufsah, hatte ihn ein junges blondes Frauenzimmer gerade auf die
Stirne gekt. Sie hatte khle Lippen, das fhlte er und was ihm noch
lieber war: sie weinte nicht. Sie hatte nur sehr, sehr traurige Augen.
Aber als der Bucklige ihren Blick fand, mute er an einen dunklen Wald
denken. An nichts Schreckliches, nur an einen dunklen Wald und drin lt
sichs ja wohl wohnen. So waren ihm die traurigen Augen gleich lieb, die
traurigen Augen seiner Frantischka. -- brigens: es kannte niemand das
Frauenzimmer damals, keiner in der ganzen Trauergesellschaft wute ihren
Namen; sie war eben mitgekommen. Am Thor des Kirchhofs standen zwei alte
Bettelweiber, Rosenkrnze zwischen den welken Fingern. Sie waren beim
17. >Gegret seist du...<; als Bohusch mit seiner neuen Freundin, Hand
in Hand, vorberkam, unterbrachen sie ihr Gebet und die eine sagte
grinsend: Die da mit dem Buckligen, das war die Liebste von dem
Seligen. Und ihr zischendes Kichern wurde nach und nach das 18.
>Gegret seist du.< Bohusch aber hatte das nicht gehrt. -- Er sah das
blonde Mdchen wieder und als sie ihm einmal mit der Hand ber die
Stirne strich und sagte: Du bist ein so guter, guter Kerl, da kte er
ihr diese Hand, und das Herz schlug ihm hastig dabei. Er hatte gefhlt,
wie es ihm eiskalt ber den Rcken lief und wie ihm im Kopfe alles
polternd zusammenfiel, hatte seine Hnde ineinandergepret, da er htte
schreien mgen vor Schmerz und hatte, statt zu schreien geflstert: Du
bist meine Liebste, nicht wahr? und da hatte sie gelacht, laut gelacht
und genickt und ihre Augen waren voll der lieben Traurigkeit. Das war
aber doch schon lang, und der Bohusch, der jetzt unter dem Bltenbaum
auf der Malvasinka sa, htte die Frantischka so gerne wieder darum
gefragt. Statt dessen sah er starr dem Abend in das rote Gesicht und
wute: nun kommt sie nicht mehr. Es war auch nicht die kleinste Hoffnung
in ihm, aber gleichwohl blieb er zwischen den Hgeln und Kreuzen sitzen,
gebannt durch den dunklen Wunsch, hier wohnen zu drfen ganz mit dem
gleichen Recht, wie die vielen Nachbarn. Was mte er denn dazu thun?
Gott, seine Augen mten diese Trme dort, diese Dcher, diesen leise
zerflieenden Hang einfach loslassen, Abschied nehmen mten sie von dem
Himmel, von dem ersten Abendstern, und etwas, was tief in ihm ist, mte
noch einmal Atem holen und >Frantischka< sagen und dann nicht mehr. Das
wre alles und ist das so schwer? -- Es mute doch schwer sein, denn
Bohusch erhob sich und ging den rinnigen Fahrweg abwrts durch die
breite Hauptstrae hin. Ein grauer flimmernder Nebel sickerte dort
nieder und hielt die Gasflammen gleichsam in der Luft gefangen, so da
sie nichts von ihrem Licht herunterstreuen konnten auf die dichten
Scharen mder Ausflgler, die gespenstisch sich erst zwei Schritte vor
dem Einsamen aus der Unermelichkeit formten, und hart hinter ihm in das
Nichts zurcksanken. Und wenn der Bohusch seinem innersten Instinkt nach
immerzu gegangen wre, ohne aufzusehen, er wre gewi in die Moldau
gekommen, die vom Eisgang her noch heftig war, so, wie ein matter Gaul
den Weg in den stillen Stall findet -- ohne aufzusehen. Aber Bohusch
=sah auf=. Die Nebel um ihn begannen zu ihm zu reden in mchtigen,
wachsenden Klngen, und alle Trme, von denen er frher hatte Abschied
nehmen wollen, erhoben ihre feierlichen Avestimmen. Es war, als wrde
oben ber den Dchern, hinter den undurchdringlichen feuchten Falten,
irgend ein groes Fest begangen, und die Seele des Verwachsenen war
pltzlich oben und ehe er es hindern konnte, ging sie auf in dem
mystischen Jubel der Lfte. Und da stand der arme Bohusch und sah ihr
nach. -- Er mute daran denken, da ber acht Tage Ostersonntag war und
das erfllte ihn mit soviel Freude, da er lchelnd bei seiner alten
Mutter eintrat und den ganzen Abend so drollige Dinge zu berichten
wute, da der alten Frau vor lauter Lachen schwach und schwindlich
wurde. Was that es, da Bohusch spter trumte, Frantischka und er
sollten heiraten. Er sah das alles genau bis zu den allerkleinsten
Einzelheiten, bis zu den Granatohrringen, welche wie Blutstropfen an den
Ohrlppchen seiner Braut hingen. Und alles ging ordentlich. Die Trauung
war in der groen Kuppelkirche von St.Niklas, und auch den Pfarrer
erkannte Bohusch gleich wieder. Bis dahin war es vernnftig und so wie
am lichten Tage. Aber mit einemmale wurde es ganz seltsam. Ein junges,
oh, ein so junges Mdchen umfate die Braut, die vor dem Altare neben
ihm kniete und schrie: Ich la dir ihn nicht, ich lieb' ihn so! Das
schrie sie ganz laut, ganz wild -- obwohl es, ich bitte, in der groen
und ernsten Kirche von St. Niklas war. Es war nur natrlich da der
Brutigam -- (er trug brigens richtig einen neuen Rock mit dunkelrotem
Samtkragen) -- sich dieses ganz junge Mdchen, welches ihn so liebte,
genauer ansehen wollte. Er erkannte die Carla, das war Frantischkas
jngere Schwester, welche er nur flchtig kannte, und war sehr erzrnt
ber diese Strung. Als er aber doch besser zusah, gewahrte er, da dies
blonde Kind ein Nonnenkleid trug und -- erschrak vor Freude so jh, da
er auffuhr und erwachte. Es dauerte eine Weile, ehe er, im Bette
sitzend, sich zurecht fand. Dann rechnete er, wie weit es war bis zum
grnen Donnerstag; und als sich nur drei Tage dazwischen fanden,
lchelte Bohusch und schlief mit diesem Lcheln, traumlos, in den Morgen
hinein.

                   *       *       *       *       *

Der Platz vor der kniglichen Burg in Prag sieht trotz der rmlichen
Allee, welche ihn berquert, sehr vornehm aus. Das macht: er ist ganz
von Palsten umrahmt. Am mchtigsten wirkt die breite Stirne der alten
Knigsburg mit dem groen, weien Vorplatz, hinter dessen barocken
Gittern der unermdliche Wachposten auf und ab pendelt. Das Stammhaus
des Frsten von Schwarzenberg und ein anderes, etwas langweiliges
Gebude schauen wie in steter Verbeugung begriffen herber, und zur
Rechten des Schlosses wacht in etwas protziger Pose der neugestrichene
Palast des Erzbischofs ber die kleinen Wohnhuser der Prlaten und
Domherrn, die sich nahe an ihren mchtigen Patron heranschmeicheln. An
einer Ecke nur, zu seiten der Burg, wo die Schlostiege und die steile
Spornergasse mnden, ist eine Lcke geblieben, und tief drinnen liegt in
herrlichen Panoramen, zwischen den Laurenziberg und das Belvedre
gedrngt -- Prag -- dieses reiche riesige Epos der Baukunst. Voll Licht
und Leben spannt es sich aus vor den Augen des Hradschin und zu seinen
alten fgen sich immer wrdig neue, glnzende Strophen. Am anderen Ende
der Huserreihe, die einerseits durch diesen lichten Lugaus begrenzt
erscheint, liegt ein armes, einstckiges altes Gebude, das tagaus
tagein dasteht mit den Hnden vor den Augen und nichts schauen will von
der nahen Pracht. Die Kinder der ganzen Umgebung gehen mit scheuem
Schauern an seinem ernsten Schweigen vorbei, und lassen sie sich mal von
diesem Hause erzhlen, so schlafen sie wohl die ganze Nacht nicht oder
sie haben heie Trume, in denen blasse Nonnen seltsame Dinge thun.
Freilich, das mute der jungen Phantasie aber auch Flgel geben, zu
hren, da die Barnabiterinnen, welche fr immer in diesen grausamen
Mauern ihr stummes Sterben leben, auch untereinander nie ein Wort
tauschen, und sich nicht einmal soviel Sonne schenken drfen, als Eine
in dem Auge der Anderen finden kann; da sie ihre, von bangen Gebeten
zerrissene Nacht in den Brettersrgen berstehen muten, in denen man
sie endlich -- wohl nicht in zu langer Zeit -- in das Stck Erde legte,
das im Innersten der dunklen Wnde sein sollte und zu dem gewi niemals
der Frhling fand. Der Bruderorden dieser Barnabas-Ber ist lngst
ausgestorben. Die halbzerfallenen Schdel der beiden letzten Genossen
liegen auf einem Steinaltar in den vergessenen Gruftkatakomben von Santa
Maria della Victoria und genieen die gebetlose Ruhe des Vermoderns.
Aber die Schwestern sind viel zher im Leiden. Als vor etwa fnfzehn
Jahren zum letztenmal die rostige Rast der Thrangeln gestrt wurde, da
wollten weihaarige Leute aus der Nhe, Betschwestern mit nicht ganz
zuverlssigem Gedchtnis -- wollten wissen, da zu den sieben noch
lebenden Schwestern eine achte hinzugekommen sei -- aber das waren doch
nur ziemlich haltlose Vermutungen. Wohl aber hatten auch jngere und
scharfsichtigere Menschen in den Wagen geschaut, welcher das neue Opfer
brachte und diese beschworen, da dies ein ganz junges Mdchen von
unbeschreiblicher Schnheit und Vornehmheit gewesen sei und sagten, es
sei sndhaft, diese Flle seltener Anmut in dem schrecklichsten aller
Klster verwelken zu lassen. Und sie sagten noch manches; das Manche
aber war Geschwtz, das sich auf die Grnde bezog, welche diesen frhen
Lebensabschied hervorgerufen haben mochten; da baute man groe
romantische Geschichten auf, die verschiedensten Dolche blitzten in den
unterschiedlichsten bengalischen Feuern, und die dmonischesten Prinzen
aller Ammenmrchen sogen Lebensmglichkeit aus diesen Vermutungen. Man
wute natrlich gewi, da irgend ein lautes und frchterliches Ereignis
hinter diesem Entsagen stnde und verga wie immer, da es vielleicht
ein ganz leises Erleiden, eine jener tiefen, lautlosen Enttuschungen
gewesen sein konnte, welche den zartesten Seelen die dunkelgewute
Gewiheit geben, da Gipfel und Abgrnde des Erlebens vorber sind, und
da nun die weite, weite Ebene mit den kleinen Grben und lcherlichen
Hgeln beginnen wrde, durch die zu wandern so mde macht. Das schne
mde Kind kam aus dem hohen finstern Frstenhaus in der Spornergasse, in
dem auch Bohusch seine scheuen Knabenspiele spielte, und der Tag, an
welchem der geschlossene Wagen die Prinzessin Aglaja ihrer neuen
einsamen Heimat zufhrte, war auch fr ihn, den damals Halbreifen, ein
Abschnitt. Eigentlich konnte er sich gar nicht vorstellen, wie die
Prinzessin zu jener Zeit aussah; er trug in seinem Innern ihr Bild aus
den Tagen, da ihr goldenes Lachen wie eine verirrte Schwalbe durch die
ernsten Hallen flatterte und sich endlich, der steifen und entsetzten
Englnderin zum Trotz, in den freien Weiten des rauschenden Parkes
verlor. Dort begegneten die beiden Kinder einander ziemlich oft und
schwatzten und scherzten und haschten einander, wie es eben Kinder thun,
die einen Zwang losgeworden sind: Aglaja ihre Gouvernante und Bohusch
seine stille treue Traurigkeit. Es folgten dann Jahre, in welchen der
Portierssohn die inzwischen Dame gewordene Gespielin nicht sah, und so
kam es, da er in seinem Erinnern den Tag ihres Entsagens hart an jene
Stunden jubelnden Kindseins schob und den Effekt empfand, als wrde
einmal der glnzendste Tag in die allertiefste Nacht, der reichste
Sommer in den trostlosesten Wintertag verndert -- ohne bergang. Er
stand vor einem Geschehen, dessen Rcksichtslosigkeit ihn schreckte und
dessen Bedeutung geeignet war, ihm fr immer die Meinung zu nehmen, da
Reiche und Bevorzugte gleichsam die Verbndeten des Schicksals sind,
das nur dem armen Teufel feindlich und gehssig begegnet. Ein ganzes
Bndel Vorurteile fiel ihm damals mit einemmale aus den Hnden, etwas
von einer Weltanschauung, von einer Religion wurde ihm geschenkt, Keime,
welche in ihm htten reifen knnen und vielleicht auch aus ihm heraus,
wenn er mutiger gewesen wre. Aber was Thaten htten werden knnen, die
aus einem starken Krper frei und festlich herauswachsen, wurden bunte,
seltsame Trume in dem armen Buckligen, scheue Schwrmereien, welche
eine immer kleinere Welt betrafen und endlich nur eine schmale Gloriole
waren um das Bild der Prinzessin. Seine hilflose Dankbarkeit schmckte
dieses Bild so lange, bis aus dem lachenden, lieben Kinde eine bleiche,
heimliche Geliebte und aus der Geliebten eine verehrte Heilige wurde,
welche der Jungfrau Maria sehr hnlich sah und ganz darin aufging, die
seltenen Wnsche des Bohusch anzuhren und alle mchtigen Eigenschaften,
welche seine unermdliche Phantasie ihr zuschrieb, geduldig anzunehmen.
Und wie viel hatte der Bohusch dadurch vor allen brigen Glubigen
voraus, da seine Heilige, wenngleich aller Welt unerreichbar, dennoch
lebte und von ihm wute als von einem Mitwisser ihrer Kindheit, welche
sie als einziges Juwel in die ewigen Mauern doch mitgenommen haben
mute. Dieses Verhltnis erfuhr nicht die geringste Strung, als der
Bucklige die Frantischka seine Geliebte nannte, denn damals war das
Gottwerden Aglajas schon so weit vorgeschritten, da ihre verklrte
Gestalt hoch ber allen kleinen Trieben und schwlen Trumen stand. Ihr
widmete sich Bohusch nur einmal im Jahre und zwar am grnen Donnerstage,
an welchem die Kirche des Klosters der Barnabiterinnen jedem Besuche
offen steht. Diese kleine, dunkle und ziemlich schmucklose Kirche ist
hinter dem Hauptaltar durch eine Wand ganz abgeschlossen, jenseits
welcher die Ordensschwestern an dem ffentlichen Meamte teilnehmen. An
dem Tage vor dem christlichen Leidensfreitag -- und nur an diesem Tage
-- sickern die Stimmen der Nonnen ganz leise durch die Altarmauer und
senken sich wie ein fernes Wehklagen auf die wenigen Beter. Dann geht
ein Lauschen, ein banges Atemeinhalten, ein Erschauern durch die kleine
Gemeinde, der Priester am Altar unterbricht seine Gebete, die
Ministrantenbuben schauen ngstlich in die schwarzen Ecken des Raumes,
und die dunklen Bilder an den Wnden erwachen. Da zerreit die scharfe
Ministrantenglocke den Bann. Die Bilder an den Wnden sind wieder tot,
der Priester neigt sich ber den Kelch und die Frommen rcken in den
Bnken, schneuzen heftig und flstern: Es war so schwach, sind es denn
noch acht? und dann zuckt man die Achseln und seufzt und schneuzt sich.

So war es auch an diesem grnen Donnerstag. Der Bohusch kniete ganz vorn
und harrte, bis seine Heilige rufen wrde. Er hatte den Ton ihrer Stimme
nicht vergessen und glaubte immer ganz bestimmt, ihren Gesang in dem
fernen Chorlied zu erkennen. Er fing ihn auf und lste ihn aus dem
Ganzen los, wie einen Seidenfaden aus verblaten Geweben. Er nahm ihn
gleichsam vorweg und lie nur den Rest zu den anderen Lauschern
gelangen. Aber heute wute er beim ersten Ton: sie fehlte. Und wie seine
Furcht es leugnen mochte, er wute: sie fehlte. Und er lehnte sich weit
vor, und seine Angst sphte und erwrgte jedes kleinste Gerusch -- aber
immer sicherer war ihm: sie fehlte, und endlich in grenzenloser
Bangigkeit streckte er die Hnde aus, weit, weit -- und lauschte mit
allen Fingerspitzen ... sie fehlte. Und da schrie es auf in ihm,
zugleich mit der Ministrantenglocke, nur einmal schrie es auf, und dann
brach er zusammen in der harten Bank wie einer, den sein Gott verlt.

                   *       *       *       *       *

Der Maler Schileder war der erste, welcher eine groe Vernderung an
Bohusch bemerkte. Er dachte flchtig ber deren mgliche Ursachen nach,
blieb aber ganz im Unklaren. Auch seine Frau Mathilde wute keinen Rat.
So vergaen sie das Erstaunliche, bis eines Vormittags, kurz nach dem
Ostersonntag, Ptek im Atelier eintrat und sagte: Unverschmtheit.
Schileder legte Pinsel und Palette aus der Hand, betrachtete den
Erregten, der, ohne den Hut abzunehmen, auf und niederlief: Guten
Morgen, was ist dir denn? Der Novellist aber sagte nur noch einigemal
Unverschmtheit, blieb dann stehen und wollte mit groer Behutsamkeit
den tadellosen Cylinder auf einen Sto staubiger Mappen niedersetzen.
Vorerst tippte er mit dem behandschuhten Zeigefinger an und zog ihn ein,
als htte er einen glhenden Ofen berhrt. Er balancierte mit rhrender
Hilflosigkeit den Hut zwischen beiden Handflchen her und hin und sah
den Maler mit einem Blicke des Vorwurfs an: Bei dir ist ja alles voll
Staub, zgerte er, man kann ja gar nichts ablegen. Endlich sah er
sich geborgen, setzte sich und erzhlte nun in ziemlicher Unordnung, er
kme aus dem National, dort sei man beisammen gewesen und allerlei
htte man besprochen. Hast du keine Cigarette? unterbrach er sich und
fuhr erst, nachdem Schileder ihn befriedigt hatte, fort. Man htte also
allerlei besprochen. Und der -- nun der verunglckte Proletar htte
sich in so aufflliger und vordringlicher Art an den Errterungen
beteiligt, da er, Ptek, sich endlich doch verpflichtet fhlte, diesem
vorlauten Menschen ein fr allemal eine Lehre zu geben. Hast du keinen
Cognac? fragte er in diesem spannenden Augenblick. Er strzte den
Cognac hinunter und sagte mit einer Grimasse, whrend er sich mit den
Armen emporstemmte und ans Fenster trat: und weit du, was der Mensch
wagt? Er widerspricht. Hast du das schon gehrt, er widerspricht. Nicht
allein das, er beleidigt mich. Er hat die Stirne, mich zu beleidigen.
Was hat er denn gesagt? forschte der Maler. Das wei ich nicht.
Schileder sah ihn erstaunt an, so da er schnell, nicht ohne
Verlegenheit, hinzufgte: Ja, glaubst du, ich hab' Zeit, mir solchen
Unsinn zu merken; da ich mich seiner schmte, oder so was. Thatsache
ist -- stell' dir vor: er beleidigt mich. Wie sollte man sich dieses
Menschen nicht schmen! Der vornehme Novellist schien noch einen
Augenblick heftig entrstet, fand aber schon Interesse an Schileders
Arbeit, betrachtete das und dies und hob vorsichtig zwischen Daumen und
Zeigefinger verschiedene Blendrahmen, die zur Wand gekehrt dastanden, in
die Hhe. Schileder duldete das gutmtig und war auch nicht erstaunt,
als der junge Mann sich bald in der allerheitersten Laune
verabschiedete. Ptek that es immer so. In einer kurzen, mehr oder
minder effektvollen Scene setzte er sich mit einem rgerlichen Ungefhr
auseinander, wurde damit ganz und gar fertig, berwand es, wie er sich
auszudrcken pflegte. Das hinderte den groen berwinder nicht, die
Bohusch-Geschichte an demselben Vormittag noch fnfmal und zwar in immer
vorteilhafterer Beleuchtung zu erzhlen, so, da die fnfte Version,
welche in dem Boudoir einer modernen Operettensngerin blieb, die
grazise Darstellung einer dualistischen Weltphilosophie enthielt, deren
gutes Prinzip sich sieghaft in der mondnen Gestalt des Erzhlers
verkrperte. -- Und was schlielich zum Teil durch eigene Erfahrung,
zum Teil durch die Verbreitungen Pteks alle wuten, hatte einen wahren
Kern: Bohusch war ein anderer geworden. Seine Geliebte und seine Heilige
hatten ihn verlassen. Da wurde er gewahr, da er diesen beiden Gestalten
so viel aus sich gegeben hatte, da nun nur ein ganz kleiner Rest sein
eigen blieb. Er kmpfte noch ein paar Stunden, ob er dieses letzte Gut
unangetastet in die Moldau werfen sollte, oder ob sein Kapital doch noch
gro genug war, um es in der groen Bank des Lebens ntzlich anzulegen.
Whrend dieser Erwgung fiel ihm pltzlich ein Wort ein, welches den
Ausschlag gab. Rezek hatte an jenem denkwrdigen Abend zu ihm gesagt:
Vielleicht braucht Sie das Volk noch einmal. Rezek hatte freilich auch
gesagt: Wenn Sie vernnftig sind. Und da er jetzt vernnftiger war
als je zuvor, dafr wollte Bohusch einen Eid ablegen. Auch mutiger war
er. Er dachte vieles und sprach was er dachte, wo es nur anging, in
etwas altmodischen, langgedrechselten Stzen aus und war bei solchen
Gelegenheiten sein eigener aufmerksamster Zuhrer. Nur ganz selten, wie
aus Vergelichkeit, wurde er scheu und schweigsam; er frchtete sich
selbst vor diesen Augenblicken, in welchen der alte Bohusch mit seinen
leisen goldenen Gedanken wie ein Gespenst vor ihm stand und ihn bat, in
die stille Traurigkeit der frheren Tage zurckzukehren. Aber der
Bohusch blieb standhaft. Er war den ganzen Tag im Caf und auf der
Strae, sang, pfiff und lachte, da die Leute sich nach ihm umsahen,
stand vor den Schaufenstern, ohne etwas anderes zu betrachten, als das
unruhige Spiegelbild seiner eigenen Hlichkeit und war wie einer, der
etwas erwartete, was nicht alle Tage geschieht. Fast instinktiv suchte
er vor allem Rezek zu begegnen. Ihm war, er mte von =seinem= Munde das
vernehmen, was =das= Ereignis fr ihn werden sollte. Allein nirgends
konnte er des Studenten habhaft werden. Aus seiner Wohnung war dieser
fortgezogen, ohne irgend eine Adresse anzugeben, und im National
wollte ihn keiner gesehen haben. Er ist ein eigentmlicher Mensch,
meinte Norinski einmal. Schileder nickte, aber der neue Bohusch hhnte:
Er ist dumm und lachte sein altes, armseliges Lachen, in das keiner
einstimmte.

Am Abend dieses Tages geschah das Seltsame. Bohusch, welcher auch seine
alte Mutter mehr und mehr vernachlssigte, kam spter als sonst nach
Hause. Er ging, ein brennendes Zndholz in die Hhe haltend, ein paar
Stufen aufwrts. Sein Blick durchforschte das dicke Dunkel des engen,
winkeligen Flurs. Da war ihm, als ob die Kellerthre nicht ganz
verschlossen wre; er tastete hinzu, versuchte, ffnete sie behutsam und
glitt mit seltener Entschlossenheit die bekannten Kellerstufen abwrts.
Seine Gestalt lste sich ganz auf in der feuchten Finsternis, aus der
ferne fremde Laute ihm entgegenschlugen. Erst als er, immer lautlos
lngs der kalten Wand hintastend, das Holz zur Seite geschoben fand und
bemerkte, da aus dem geheimen Gang ein scheuer Lichtschimmer ihm
entgegenkam, empfand er Furcht. Aber ein anderes, mchtigeres Gefhl
zwang ihn nher heran. Erst lauschte er den Stimmen nebenan, und als er
nichts verstehen konnte, schob er sich mit einer unwillkrlichen
Bewegung, deren Geschicklichkeit ihn berraschte, in die ffnung nur so
weit, da er den Rahmen fllte, ohne in den Raum jenseits hineinzuragen.
Was er zunchst erkannte, war nicht weit vor ihm auf dem Boden eine
groe Laterne, welche ein sattes Licht ausgo, das auf den Fliesen
schwamm wie eine dnne, verschttete Flssigkeit. Rings an den Grenzen
dieser Lichtlache junge Mnnerfe und mitten im Kreis die Fe eines
jungen Mdchens. An diese klammerte sich sein Blick an, kroch langsam
an einem Kleide von unbestimmter Farbe aufwrts und fand in der
Dmmerung zwei lichte lebendige Mdchenhnde, die in heftigen Gesten den
Worten zu Hilfe kamen, die Bohusch immer noch nicht verstehen konnte.
Aber die Hnde verstand er. Er begriff pltzlich, da diese wilden Hnde
an irgend etwas rttelten, da sie irgend ein Unrecht strzen wollten
mit ihrem jungen, heiligen Ungestm. Und er begann diese Hnde zu
lieben. Sachte hob er den Kopf und suchte das Gesicht zu diesen
geliebten Hnden. Sein Auge kmpfte einen hastigen, hartnckigen Kampf
mit den neidischen Schatten, welche die kaum entdeckten Zge immer
wieder verwischten, bis es endlich siegte. Er erkannte die Carla. Und
nun verharrte er, und sein staunender und bewundernder Blick lie, dem
Dunkel zum Trotz, nicht mehr von dem schnen, begeisterten Antlitz des
jungen Mdchens; er saugte die Worte von ihren Lippen, so lange bis sie
fr ihn einen eigenen Klang bekamen, und das war der aus dem Traume:
Ich lieb' ihn so ... ich lieb' ihn so... Das alles geschah in einem
Augenblick. Und die nchsten Minuten brachten das: das junge Mdchen
sprach immer leiser und leiser, wie jemand, der immer weiter
zurckweicht, die Worte, die noch eben so bunt und stolz von ihren
Lippen strmten, schlichen nackt und ziellos in das Dunkel, schmten
sich, und ihre Augen blieben leer an irgend etwas unten haften und
lschten langsam aus. Eine Bewegung entstand. Die Blicke der Hrer
folgten dem ihren, und eine Sekunde lang hielt das groe, starre Auge
des Bohusch alle gefangen. Nur eine Sekunde, dann kam ein Entsetzen ber
sie, sie emprten sich wie rebellische Sklaven, die Menge flchtete mit
verstrtem Flstern und wilden Flchen in die Tiefe des Ganges, und das
Licht sprang dem Bohusch ins Gesicht wie eine gelbe Katze. Da erwachte
er und bebte. Rezek! schrie er.

Der neigte sich ber ihn.

Bohusch, Hund! Spionierst du? kreischte er.

Bohusch verdrehte die Augen. Er frchtete sich vor dem Studenten.

Spionierst du? brllte der.

Rezek! brllte der Krppel noch lauter aus der Tiefe seiner Angst
heraus. Ihm fiel nichts anderes ein, als dieser Name. Dabei schmerzte
ihn seine Lage in dem engen Loch, und er fhlte, wie ihm das Weinen der
Verzweiflung kam. Da half ihm der Student in die Hhe, und sofort
bereute er seinen Kleinmut, dachte an seine Plne und sagte mit arg
miglckter berlegenheit: Ich wei alles. (Er meinte damit die beiden
zornigen Mdchenhnde.) Du hast also gehorcht? drohte der Student aufs
neue. Da wagte Bohusch nicht ohne Bangigkeit: Rezek, aber Rezek, seien
Sie doch nicht so -- bitte, seien Sie doch nicht so. Bin ich denn nicht
auch einer, was? Ich versteh' das doch, nicht? Ich bin ja doch auch mit
euch -- von Herzen mit euch. Der Student betrachtete ihn mit
rcksichtsloser Spannung, und der Bucklige wurde ganz hilflos unter
diesem durchdringenden, erratenden Blick. Er sagte noch einigemal
dasselbe, ehe ihm die Rettung einfiel: Ohne mich htten Sie das ja
berhaupt nicht gefunden. Er meinte den Keller. Ich hab' ja gewut,
da Sie's brauchen knnen -- und wozu betonte er mit verlogener
Schlauheit. Und der Student lie sich tuschen. Er sagte mit kurzem
Entschlu: Hand! und Schweigen. Mit einem gewissen Selbstbewutsein
legte der Verwachsene seine kurzen Finger in die Hand des Fanatikers;
ohne Zustimmung, ohne Betonung war sein Hndedruck. Er wute sich Sieger
und hub an, Bedingungen zu stellen. Weit holte er aus, er wrde hier
unten, unter ihnen, auch reden fr Volk und Freiheit. Oh, er htte gar
bedeutende Plne. Nur msse Rezek ihm zusichern, da er hier reden
drfe. Ja, sagte der Student und betonte nochmals: Schweigen! --
Bohusch nickte gleichgltig drber weg und forderte: Also gewi -- ich
werde hier reden? Der andere gab ihm die Vertrstung und schob ihn zur
Thr. Er frchtete diesen Krppel wohl nicht sehr und erhoffte noch
weniger etwas von ihm; er war ihm einfach lstig. Von der Treppe rief er
ihn nochmals zurck. Er sagte zum drittenmal Schweigen und hielt dem
Grinsenden etwas hin. Erst wollte Bohusch greifen danach, -- dann
erkannte er: die harte, grausame Hand des Studenten, und aus der
drohenden Faust ragend, ein dnnes, langes, spitzes Messer, an dessen
Klinge das Licht der Laterne hinflo wie welkes Blut. Und so sehr
Bohusch sich anstrengte, -- er konnte nicht mehr sein Lcheln finden. Er
erzwang eine verzweifelte Grimasse und stieg frierend die Treppen
aufwrts zu seiner Wohnung. Und der Morgen war nah.--

Seither schlief der Bohusch keine Nacht mehr. Er wartete Tag und Nacht,
bis Rezek ihn rufen wrde und sann, was er dann alles zu sagen htte.
Viel, viel! Das Feinste mischte sich in seinen Phantasien mit dem
Grbsten, und wenn es ihm =jetzt= schien, er msse davon reden, wie man
armen Waisen ins Leben helfen knnte, war er in der nchsten Sekunde
berzeugt, da er denen da unten raten, da er ihnen befehlen wrde,
Kirchen und Palste zu strmen. Ja, vor allem die Kirchen! Aber immer,
was auch seine Rede war, sah er sich als Mittelpunkt dieser Gruppe, als
der Herr, dem die schne Carla und viele starke junge Mnner
ehrfurchtsvoll und blind gehorchten. Er fhlte sich als der lngst
Mikannte, der nun endlich zu Wort und Wrde kam und ging durch die
Uferlosigkeit seiner Zeit, in welcher Nacht und Tag in ein gleichmiges
graues Hindmmern zusammengeschmolzen waren, erfllt von dem Wunsch,
alle zu dieser Betrachtung seiner Persnlichkeit hinzulenken. Seine
treulose Heilige hatte sich, feige, durch ewige Mauern vor seiner Liebe
geschtzt und vor seiner Rache, aber der Frantischka, die seinen Ruhm
wohl auch bald von dem Munde Carlas vernehmen wrde, wollte er die
Mglichkeit geben, seine Vergebung zu erlangen. Er berlegte, ob er sie
aufsuchen sollte und schrieb endlich stckweis im Verlaufe von zwei
Nchten und drei Tagen einen Brief an die unwrdige Geliebte. Seine
schmeichelnde und geleckte Kanzleischrift war in diesen Blttern
gleichsam wild geworden. Die meisten Buchstaben sahen aus wie bermtige
Karikaturen des Schreibers, welche zum berflu noch durch Kleider und
Kappen seltsamster Art ihr Narrentum bezeugen und sich gegenseitig,
jedes hinter dem Rcken des nchsten verhhnen und auslachen. Im ersten
Teile dieses weitlufigen Schreibens versicherte er sie, ganz im Geiste
der mittelalterlichen Souverne, seiner guten und gndigen Gesinnung, im
zweiten erzhlte er in seltsam endlosen und vielverschnrkelten
Satzbildern von der Bedeutung seiner geheimen Mission und im dritten
verhie er: Da hingegen das groe Geheimnis und die unbeschreibliche
Wichtigkeit meiner Aufgaben mir zu meinem tiefsten Bedauern ganz
unmglich und unerreichbar macht, Dich an der Versammlung, welche die
Freiheit meines Volkes und meinen eigenen Ruhm begrnden helfen soll,
teilnehmen zu lassen, lade ich dich ein, am -- (da war ein nahes Datum
genannt) um 6 oder 7 Uhr abends bei mir zu sein. Vor dir und der Mutter
will ich dann reden, soviel ich reden darf, ohne Verrter zu sein,
nicht an Personen, denn die frchte ich nicht, aber an der herrlichen,
hohen und gerechten Sache... und unterzeichnet war diese langwierige
Einladung -- das kam so von ungefhr aus der berangestrengten Feder:
Knig Bohusch. Gegeben zu Prag. -- Als der Bucklige das noch einmal
durchlas, mute er lcheln, und er war fast im Begriff, die Bogen wieder
zu vernichten. Dann dachte er: nein, wenigstens ein guter Spa ist es,
das ist es gewi, versiegelte das Schreiben und trug es selbst auf die
Post. Als er es in den Kasten fallen hrte, atmete er tief auf.--

                   *       *       *       *       *

Die Frantischka hatte nichts geantwortet; aber eigentlich hatte Bohusch
das auch gar nicht erwartet. Er war berzeugt davon, da sie kommen
wrde und, fast gedemtigt, den neuen Bohusch finden sollte, dessen
Freundschaft ihr nun gewi wie ein groes und unverdientes Geschenk
erschien. Langsam und zgernd wollte er ihr vergeben, und dann wrden
sie am Sonntag wohl nicht mehr auf die Malvasinka gehen, sondern irgend
wohin, wo sie sich zeigen knnen, unter viele Menschen in den Baumgarten
oder in den Stern. -- Das alles dachte Bohusch nur ganz flchtig in den
wenigen Pausen, in welchen ihn das Groe nicht beschftigte, das nunmehr
seine Pflicht, sein Leben geworden war. Es war eine aufreibende Pflicht,
diese vielen, wichtigen Dinge, die er so nach und nach in den armen
Jahren gedacht hatte, nun alle auf einmal zu denken, alle auf einmal zu
berschauen und dann der Reihe nach auszusprechen. Es war ein solches
Gedrnge von Meinungen, Erinnerungen und Plnen in ihm, da immer ein
ganzer Schwarm von seinen Lippen wollte, wild und rcksichtslos wie
Leute aus einem brennenden Theater. Dann machte der Bohusch ein strenges
Gesicht und befahl berlegen: Ruhig, eins nach dem anderen. Es kommt
ein jeder daran. Und gerade bei solchen Gelegenheiten geschah's, da
die ganze Menge pltzlich verschwand, einfach zerflo, und der Bohusch
ganz de im Kopfe und auer stande war, etwas zu denken oder gar zu
sagen. Erst wenn er ein paar Glser heien Tschaj getrunken hatte, war
das bunte Gesindel wieder da, und der Bucklige freute sich und lachte,
bis ihm die Augen voll Thrnen standen. Die Unrast seines Wesens war
dabei immer grer geworden. Er las viel Zeitungen und alte Bcher,
schrieb ganze Hefte voll mit seinen lcherlichen Lettern und schlief
mitten zwischen diesen Beschftigungen, gleichviel ob tags oder nachts,
in einem Caf oder in einer Kirche, selten zu Hause, ein paar
Augenblicke scheuen Schlafes, aus welchem er bald wie erschreckt
emporfuhr.

So kam der Morgen jenes Tages heran, an dem Bohusch der Mutter und der
Frantischka, welche beide an seinem eigentlichen Triumph nicht
teilnehmen durften, die abendliche Rede versprochen hatte. Die Nacht war
ihm in verschiedenen Gasthusern und Spelunken vergangen, und jetzt
schlich er matt, bernchtig an den Husern hin und starrte blde und
teilnahmslos in den dichten rosigen Frhnebel des Frhlingstags. Wenige
Menschen begegneten ihm. Beim Pulverturm kamen ihm zwei Dienstmdchen
entgegen, mit groen Einkaufskrben, lachend und plaudernd, und ihre
Augen waren so frisch und erwacht, ihre Kleider und Schrzen noch steif
vor lauter Neusein. Ein wenig weiter berholten ihn zwei
Infanteriesoldaten. Sie schritten stramm aus, ihr Schritt klappte in
heiteren Takten auf dem Pflaster, und die Knpfe ihrer Waffenrcke
stahlen der Sonne frhe Strahlen und warfen sie dem Bohusch keck in die
schlfrigen Augen. Dann pfiff irgend ein bermtiger Bckerbursche dem
Buckligen ins Gesicht und lachte laut hinter ihm her, und ein Schutzmann
sang sich irgend etwas, whrend die Federn seines Hutes ein wenig
wehten. Rolllden rauschten auf und die Spiegelscheiben gaben sich ganz
der Sonne und brannten in weien Flammen. Durch dieses frische,
frhliche Aufleben kroch der Verwachsene, bleich, verkommen, mit ganz
verdrcktem Hemde und schmutzigen Kleidern, und er war wie eine giftige,
grliche Krte, die man mitten in s duftenden Beeten entdeckt. Er
merkte auch nichts von allem Glanz, als da er ihn strte, ja er wute
vielleicht kaum, da es Frhling und Morgen war. Je reifer indessen
dieser Morgen wurde, desto mehr fiel eine gewisse Unruhe auf, die alle
Menschen zeigten. Leute, die sich tglich zu dieser Stunde grten, ohne
miteinander zu sprechen, blieben stehen, machten besorgte oder erstaunte
Gesichter, zuckten die Achseln und drckten sich endlich mit einer
bestimmten konventionellen Dankbarkeit die Hnde, um zehn Schritte
weiter wieder angehalten zu werden. Man hatte offenbar das Bedrfnis,
sich etwas mitzuteilen, was alle anging und interessierte. An der Ecke
der Ferdinandstrae las ein Dienstmann in einem Kreise von Mnnern und
Dienstmdchen eine Stelle des _Tschesky curir_, und ein Stck weiter
trat ein lterer Herr aus einem Kaffeehause und sagte zu seinem
Begleiter in deutscher Sprache: Ganz gefhrliche Leute sind das. Man
sollte... Was man sollte, war nicht mehr zu verstehen. Der Herr ging
ziemlich selbstbewut auf sehr glnzenden Schuhen weiter und der Jngere
neben ihm nickte bei jedem Wort, besttigte es ergebenst; er schien ganz
der gleichen Meinung zu sein. Als Bohusch in die Nhe des National
kam, erkannte er hinter einem Fenster Norinski, der den anderen, die man
nicht sehen konnte, etwas in seiner heldenhaften Art zu erklren schien.
Eine Weile zgerte der Bucklige. Dann trat er nicht ein, sondern ging
den Quai hinunter nach seiner Wohnung. Er war mde.

Norinski war indessen zu Ende gekommen. Er trank mit einer
verschwenderischen Pose seinen Kaffee aus -- es htte ein Giftbecher
sein drfen -- und sagte gro: Niemand von euch wird sagen, da ich
kein guter Tscheche bin. Und ich werde keine Gelegenheit unbentzt
lassen, auch die elenden Deutschen vom Gegenteil zu berzeugen. Soll mir
nur einmal einer kommen. Ich will dem Herrn den Kopf schon zurecht
setzen. Aber diese Geschichten drft ihr nicht so aufbauschen. Das ist
nichts. Das sind Kindereien, ihr knnt mir das glauben. Damit erhob er
sich, blieb sein Frhstck schuldig, verschenkte die gromtigen,
dreiaktigen Hndedrcke und begab sich hocherhobenen Hauptes hinber in
seine Garderobe. Die Zurckgebliebenen rckten intim zusammen, und Kars
begann die verschiedenen ganz kurzen Zeitungsnotizen vorzulesen, welche
sich auf den Vorfall bezogen. Alle sagten ungefhr das gleiche: die
Polizei war durch die Anzeige eines Frauenzimmers einem Bunde junger
Leute, Studenten und Handwerksgesellen, auf die Spur gekommen, welche in
den Kellerrumlichkeiten eines Hauses der Hieronymusgasse geheime
Zusammenknfte abhielten, bei denen hochverrterische Reden die
Tagesordnung bildeten. Interessant sei es, zu betonen, da auch Mdchen
an diesen Versammlungen teilgenommen haben sollen. Und deutsche Bltter
freuten sich noch ber die Zerstrung dieser schndlichen Verbrecherbrut
und bedauerten nur, da durch das trotzige Schweigen der in Gewahrsam
gebrachten Genossen das geistige Oberhaupt dieser Verschwrung bis jetzt
noch nicht in den Hnden der ffentlichen Sicherheit sei, was aber,
dank der trefflichen bung und Scharfsichtigkeit der Schutzmannschaft,
gewi nicht allzulang ausbleiben wrde. Und endlich, fgten die
deutschesten Zeitungen noch hinzu, erhofften sie, da man an diesen
jungen Verbrechern und Hochverrtern endlich das lang erwartete Exempel
statuieren und mit rcksichtsloser Schrfe vorgehen wrde. Das alles las
man im National. Schileder war ehrlich entrstet: er sprach etwas von
dem Mut der jungen Leute und davon, da sie nicht nur Worte machten,
schne Worte, sondern auch handeln wollten. Er konnte es nicht gut
ausdrcken und schwieg verschchtert, als er keine allzu lebhafte
Beistimmung fand. Einen Augenblick nickten sie ja alle, die Freunde, und
legten irgend ein kleines Wrtchen, wie ein verschmtes Almosen in die
Hand der Gerechtigkeit. Aber schlielich, sie sahen sich alle um -- man
war so verlockend allein und da konnte man ja so ein paar Gestndnisse
thun. Ptek verurteilte kurzweg diese Hhlenromantik, welche doch nicht
mal mehr in den Romanen Berechtigung htte und der Lyriker Machal, der
nur eine ganz unbestimmte Ahnung von dem Vorgefallenen hatte, ghnte
und warf zwischen je zwei Ghnversuchen ein, da die ganze Sache ihm
brutal erscheine, furchtbar brutal. Kars, der mit jedem Tage sich
kosmopolitischer fhlte, hielt eine lngere Rede, whrend welcher sein
Adamsapfel wie ein zweifelgequlter Laubfrosch auf und nieder stieg.
Sein Ende war, da man nach auen hin von wegen der Lage der Dinge, die
Ansicht, da diese jungen Leute nicht allein Mrtyrer ihrer Idee,
sondern die gefallenen Helden einer nationalen Sache seien, mit allen
Mitteln aufrecht erhalten mte, da er selbst aber -- hier -- nicht
umhin knne, derartige Unreifheiten, er sagte geradezu -- Unreifheiten
-- halbwchsiger Burschen zu verdammen. Man sei doch zu gebildet dazu,
man wte doch schlielich, da man seine Rechte durch groe nationale
Bethtigungen im Leben und auf dem politischen Theater (ein Wort,
welches Kars auch in seinen Feuilletons bestndig gebrauchte) eher
bewahren knne, als durch solche Ungehrigkeiten. Er hatte wohl noch ein
paar gelufige Phrasen im Vorrat, aber er hrte pltzlich auf. Er wute
selbst nicht warum. Die anderen schauten auf, und da stand Rezek vor
ihnen. Der Student, in dessen blassem Gesicht die dunklen Augen
brannten, bersah die Hnde, die man ihm entgegenstreckte. Er hatte
vielleicht die letzten Worte des Kritikers vernommen, aber er erwiderte
nichts, setzte sich ruhig an seinen gewhnlichen Platz und trank seinen
Tschaj. Seine harten Hnde zitterten leise. Man wagte nicht zu sprechen.
Endlich hub Ptek an, von einem neuen Buch zu reden, und die Knstler
verloren sich ganz in diesen Errterungen. Es handelte sich um Novellen
im Stile Maupassants, welche ein junger Kollege erscheinen lassen
wollte. Da waren noch einige Schwierigkeiten in der Geldfrage und in
anderen Verlagssachen, und man beriet, ob man dem Autor zu Hilfe kommen
sollte. Der mchtige Kars war nicht sehr geneigt dazu. Da rief Ptek
entrstet: Aber ich bitte Sie, das ist eine nationale Sache!

Rezek erhob sich mit einem eisigen Lcheln: Seid ihr Tschechen? fragte
er.

Alle schwiegen und sahen sich verlegen an. Schileder war aufgestanden.

Seid ihr Tschechen? wiederholte der Student.

Kars beschwichtigte: Was fllt Ihnen ein, Rezek? Provozieren Sie
nicht.

Aber reif seid ihr? Was? fuhr der fort. Reif und fertig.

Er ist betrunken, flsterte Machal verchtlich.

Rezek ballte die Fuste. Aber er hielt sich zurck: Ich wei ja, da
ihr gewohnt seid, gerechten Zorn fr gemeine Trunkenheit zu halten. Ich
wei. Aber sagen will ich euch nur, das Volk ist =nicht= reif, und wenn
ihr euch so fertig fhlt, so seid ihr seine Feinde, seid Verrter.

Ich bin Offizier, sagte Ptek mit banger Stimme und trat vor.

Rezek hielt ihm die Faust vors Gesicht und ging, ohne ein Wort, an ihm
vorber aus dem Saal.--

Bohusch konnte die Frantischka nicht vor sechs oder sieben Uhr, wie er
es in seinem Briefe bestimmt hatte, erwarten; gleichwohl fragte er seit
drei Uhr, warum die Geliebte immer noch nicht kme, war gegen vier im
Begriffe, sie abzuholen und unterlie es ungern und zgernd aus Stolz
oder sonst aus einem Grunde. Unruhig lief er, die Hnde auf dem Rcken,
in den kleinen Stuben umher, in welchen dichtgedrngter Urvterhausrat,
wie man ihn allzu reichlich aus der Portierswohnung mitgenommen hatte,
dieses Her und Hin ziemlich erschwerte und blieb nur dann und wann bei
dem Fenster stehen, an welchem eine kleine alte Frau sa und nhte.

Mutter, stie er endlich geqult heraus, du mut sie holen gehen!

Die Alte nickte, hob die groe runde Brille von den Augen und nickte.
Sie dachte keinen Augenblick nach: natrlich, sie mute die Frantischka
holen gehen. Und sie vertauschte die Haube mit dem Hut und zog ein
gelbes, gutes Shawl um die schiefen Schultern. Du kannst ja sagen, du
gingst gerade vorber, du ... ach Gott -- na, du gingst eben gerade
vorber. Nicht? Warum knntest du nicht zufllig dort vorbergehen? Es
gehen sicher viele Menschen dort vorber. Bohusch lachte abgebrochen.
Na, so sag' doch, fuhr er in ungeduldigem Zorne auf, ist das
mglich? Frau Bohusch nickte ganz verschchtert: Weit du, ich will
erst in die Kirche gehen, nebenan. Ich kann dann sagen, ich war in der
Kirche... Sie zgerte noch. Der Bohusch dachte lngst an andere Dinge.
Er sah die alte Frau kaum mehr und erstaunte fast, als er bei seinem
Auf- und Niederwandern vor ihr stand. Das gelbe Tuch war unertrglich
grell in der Nachmittagssonne. Sie schauten sich eine Weile schweigend
an, diese beiden kleinen, verkmmerten Menschen. Dann trippelte die Alte
zur Thr und nickte und nickte. Pltzlich war der Bohusch bei ihr.
Maminko, sagte er, und seine Stimme war wie die eines kranken Kindes.
Und die alte, verngstigte Frau verstand. Sie wuchs, sie wurde reich,
sie wurde Mutter. Durch dieses eine leise Wort wurde sie so. Alle
Bangigkeit in ihr war Gte mit einemmal, und, die noch eben so
unbeschtzt und hilflos aussah, war mchtig, wie sie nun sachte die Arme
ausbreitete, und dem Bohusch war es wie eine Heimkehr. Er schmiegte den
groen schweren, wirren Kopf an ihre Brust, er schlo die heien Augen,
er ging unter in dieser unendlichen, tiefen Liebe. Er schwieg. Und da
begann etwas in ihm zu weinen. Er hrte ganz genau, wie es anhub. Es
mute ganz tief in ihm sein, so leise war es. Es that auch nicht weh.
Und da ffnete er neugierig die Augen; er mute sehen, wo das weinte.
Und sieh: es weinte gar nicht in ihm; die Mutter war das. Da konnte der
Bohusch die Lider nicht mehr schlieen: Thrnen warteten dahinter; viele
Thrnen. -- Es war auf einmal so festlich in der Stube. Die Dinge um die
beiden armen Menschen herum bekamen ein Glnzen, wie sie es nie besessen
hatten, auch in ihren frstlichen Tagen nicht. Jedes Knnchen, jedes
Glschen in der steifen Etagre hatte mit einemmal sein Licht und
prahlte damit und wollte Sterne spielen. Da kann man sich denken, da es
sehr hell wurde in der Stube.

Dann schlug die Uhr, vorsichtig, als bedauerte sie es thun zu mssen.
Aber sie schlug doch fnfmal, und die Mutter ging.

Wohin denn? bangte der Bucklige.

Ich mu die Frantischka holen. Da fiel dem Bohusch alles wieder ein.
Er zgerte und sagte dann fast traurig: Ja so, du mut die Frantischka
holen.

Das war der Abschied.

Als der Bohusch allein war, begann er wieder das nervse und rastlose
Schreiten. Da und dort, wie im Vorbergehen, stellte er etwas zurecht,
fegte den Staub von der Tischplatte und verlor sich unversehens darin,
seine Schriften und Bcher zu ordnen. Dabei war ihm ganz warm geworden.
Und als er sein heies Gesicht irgendwo in einem Spiegel fand, erstaunte
er. Er trug, um die Schultern geschmiegt, das grelle gelbe Seidentuch
der Mutter. Das war doch drollig. Er wollte lachen, verga aber darauf
und mit unwillkrlichen Bewegungen des Behagens vergrub er seinen Rcken
noch mehr in die sanften Falten. Er fhlte sich mde und lie sich in
der guten Stube, schwer und breit, in die geblumten Kissen des steifen
Kanapees fallen, welches mit dem ovalen Tisch gerade die Mitte des
Raumes erfllte. Er sann und sann. Das arme festliche Kanapee klagte
unter ihm. Da sprang er auf, strich mit einer gewissen Zrtlichkeit die
gehkelten Schutzdeckchen glatt und blieb in einem der Sthle, welche zu
seiten standen. Sein Gesicht, welches manchmal knabenhaft sein konnte,
alterte jetzt von Minute zu Minute unter dem Einflusse seines
angestrengten Nachdenkens, es wurde geradezu zerfressen von den Falten,
welche darber hinkrochen und sich einbohrten wie Raupen in eine kranke
Frucht. Wute er denn auch alles, was er sagen wrde? Eine unbestimmte
Angst hing ber ihm. Er fhlte sich so verlassen, schwindlig, wie einer,
den man auf einem hohen Turm vergessen hat. Er tastete nach einem Halt.
Und in der nchsten Weile bildete er sich ein, er stre auch die
Ordnung, die festliche Ordnung des Zimmers, dadurch, da er auf =diesem=
Platze wartete. Er erschrak ber seine Vermessenheit. Er schlich immer
weiter zurck und kauerte endlich auf einem hochbeinigen Sthlchen in
der Ecke der Stube, nahe bei der Thre. Da kam Ruhe ber ihn. Er
dachte: So, nun ist es vorber; ich habe ja alles schon gesagt und er
wute doch, da er nur geweint hatte, und das ist etwas anderes wie eine
Rede, so ein Weinen. Dennoch beharrte er trotzig: Ich habe alles gesagt,
die Mutter wei alles -- und du auch -- ergnzte er laut und suchte
die Augen der gelben Katze, welche ihm langsam und listig aus der
anderen Ecke entgegenkam. Keine Kralle kreischte auf der braunen,
glnzenden Diele. Lautlos kam das Tier nher, es wurde gro, es wurde
grer, und als es so war, da der Bohusch darber hinfort gar nicht
mehr in die stille, feierliche Stube schauen konnte, da schlief er. Und
er hatte wohl Trume. Denn er sagte mit einer Stimme, die ferneher
klang: Das ist es, Rezek, bitte -- das ist das Geheimnis: der Maler mu
das Volk malen und ihm sagen: du bist schn. Da fiel ihm der Kopf
vornber und er zwang ihn nur mhsam wieder empor. Der Dichter mu das
Volk dichten und ihm sagen: du bist schn. Er seufzte im Traume: Schn
sein ist es. Dann begann ein Lcheln in seinen Mundwinkeln, ein gutes,
frommes Lcheln, das wuchs ber das Gesicht des Schlafenden und machte
es wieder jung. Er hauchte noch: Ich werde es nie verraten, und dann
wurde sein Traum so tief, da kein Wort daraus mehr bis auf seine Lippen
kam.

Die Thre ging. Der Bucklige schlug aber die Augen erst auf, als Rezek
ihn rauh am Halse packte und nahe kreischte: Hast du geschwiegen? Der
Bohusch fhlte dieses Wort auf seiner Wange ganz hei. Seine Hnde
wehrten krampfhaft ab, aber in seinen Augen war noch immer kein
Verstehen. Sie lchelten noch. Sie lchelten den schrecklichen Rcher
an, bis sie starben. Und dann glitt das gelbe Tuch ber den armen Krper
und deckte den Bohusch und sein Geheimnis zu.--




Die Geschwister.


Mittags waren in dem alten Haus gegenber der Maltheserkirche -- drei
Treppen hoch -- die neuen Mieter eingezogen, und bis zum Abend wute man
nur, da sie ungewhnlich groe Mbel mitgebracht hatten, die in den
engen Windungen der Wendeltreppe fast stecken geblieben wren. Und die
alte, triefugige Hkin, die nahe, unter den dunklen Steinlauben sa,
konnte sich kaum beruhigen in Erinnerung der riesigen Eichenschrnke und
beschwor die Nachbarn, ihr zu glauben, da es hochherrschaftliche
Schrnke gewesen seien. Diese Versicherung bewirkte, da eine
ungewhnliche Unruhe die vielen kleinen Parteien des bewuten Hauses in
Atem hielt: jeden Augenblick kam aus irgend einer der weilakierten
Thren, auf deren jeder um ein Blech- oder Glasschild herum sich ein
paar schmutzige Visitenkarten drngten, ein unordentliches Frauenzimmer
heraus, lauschte die Treppe aufwrts, und fuhr beschmt zusammen, wenn
es da schon auf andere Horcher stie, welche ebenfalls in Schrecken sich
zurckziehen wollten, bis die gleichgesinnten Seelen einander erkannten
und ihre hungernde Neugier durch dunkle Vermutungen nur noch mehr
anreizten.

Pltzlich aber wurde die weibliche Bewohnerschaft aus dem engen
Treppenhaus, welches wie eine Wirbelsule durch das Gemuer aufwuchs,
nach den Hoffenstern hingezogen. Tief unten in dem rhrenfrmigen Hofe,
wie am Grunde eines Brunnens, begann ein Leierkasten schluchzend die
Melodie aus dem Bettelstudent, und zugleich waren auch schon -- man
wute nicht woher -- ein paar Kinder dabei, welche um den alten Saufbold
einen wilden und seltsamen Tanz auffhrten. Die Tne aber kamen nach
gequltem chzen wie ein Rlpsen aus den trockenen Orgelkehlen, schienen
emporzuschnellen und wie unsichtbare Lassoleinen an den verschiedenen
Hlsen zu ziehen, welche in ganz unglaublicher Lnge aus allen Lucken
und Kchenfenstern herauswuchsen und als ein bizarrer architektonischer
Schmuck die Kahlheit der Wnde unterbrachen. Die Frauenzimmer, welche
sich da von hben und drben begrten, sahen einander in der Dmmerung
zum Verwechseln hnlich; ihre Gesichter schienen alle, wie ein
vorsichtiges Mimicri, die unbeschreibliche Mifarbe der Mauer angenommen
zu haben und auch in Bewegung und Stimme war eine so berraschende
Einheitlichkeit zu bemerken, da sie mehr als zugehrige Organe dieses
Hauses, denn als freibewegliche Einzelwesen erscheinen mochten. Man
knnte nun leicht glauben, da die Aufmerksamkeit der vielen Kpfe dem
erbrmlichen Leierkasten gehrte, -- denn manche nickten sogar den Takt
mit; in Wahrheit aber wuchsen alle Augen ganz sachte zu dem
Kchenfenster des dritten Stockes, und manch leichtglubiges Ohr glaubte
dessen Riegel klirren zu hren. Allein die Drehorgel hatte sich mit
einem Galopp, zu dem ein kleiner schwarzer Rattler die Begleitung
heulte, erschpft, der Spielmann brllte seinen Dank und schlrfte mit
schweren Schritten davon. Der helle Schwarm der Kinder zog wie eine
Kette hinter ihm her, und mit einemmale fhlten alle die Stille und das
Dunkel des dumpfen Hofes. Aber gerade in diesem eigentmlich lauschenden
Augenblick ging das ersehnte Fenster fast unhrbar auf, und die alte
Magd Rosalka neigte sich weit vor. Fast alle Kpfe tauchten unter, nur
eine kecke, ungeduldige Stimme schrie: Na, seid ihr schon fertig
eingezogen? Die Magd Rosalka nickte nur und gerade als der Leierkasten
in einem nchsten Hause leise etwas sehr Wehmtiges begann, setzte sich
die Alte wie ein groer, trauriger Vogel ins schwarze Fenster und lie
nachlssig, als wren es Kartoffelschalen, Stck fr Stck die
Lebensgeschichte ihrer Herrschaft in den horchenden Hof hinunterfallen.
Und wenngleich jetzt niemand an den Fenstern zu sehen war, so ging doch
keines von ihren breiten Worten den Mauern verloren, aus denen nur dann
und wann eine ermunternde Frage aufstieg. Eine Stunde nachher, als sie
bei den Malthesern Ave luteten, kannte auch die alte Hkin unter den
Steinlauben das ganze Schicksal der Frsterswitwe Josephine Wanka und
ihrer beiden Kinder und gab es ihren letzten, tglichen Kunden, dem
Gerichtskanzlisten Jerabek und dem Lakaien Dvorak nebst den
hochherrschaftlichen Schrnken mit.

Aber vielleicht htte es gar nicht der Generalbeichte der Alten
gebraucht, um dem Durste der Frauenzimmer genugzuthun. Denn die drei
Menschen, die aus dem kleinen Krummau in die Hauptstadt bergesiedelt
waren, trugen ihre Erinnerungen und Erlebnisse gleichsam ber den
Kleidern, so da man nur anzustreifen brauchte, um ein Stck
davonzutragen. Zum Teil lag dies wohl an dem Gebrauche der kleinen
Stadt, drin sich jeder mit seiner Freude schmckt und sein Leid auch
mglichst sichtbar mittrgt; wer so unklug ist, da nicht mitzuthun, dem
wird beides aus dem heimlichen Versteck von den unbarmherzigen Hnden
der Nachbarn herausgezerrt, und er mag sehen, ob er in dem von Ha und
Hohn entstellten Gercht seine leise Freude oder seinen stillen Kummer
wiedererkennt. Bei der Familie Wanka mochte aber diese Freimtigkeit
zunchst darin ihren Grund haben, da das jngste und folgenreichste
Ereignis ihres Lebens immer noch -- obwohl ein Jahr seither vergangen
war -- ber ihnen lag. Besonders bei den Frauenzimmern merkte man noch
die Spuren des Schicksals, gleichsam die Abdrcke seiner brutalen Griffe
in ihren Gesichtern und man hrte die Angst, welche immer irgendwo im
Hintergrunde ihrer Stimme wartete, um sich pltzlich ohne Grund ber
alle Worte auszubreiten. Nur der etwa zwanzigjhrige Sohn, Zdenko, hatte
etwas Ernstes und Verschlossenes in seinem strengen Gesicht, das ihn
schnell aller Sympathien beraubte; der Umstand allein, da er -- so
hrte man schon in den ersten Tagen -- Student der Medizin sei,
verursachte, da man ihm an Stelle der Zuneigung eine gewisse trotzige
Achtung schenkte, die er jedoch nicht zu bemerken oder abzulehnen
schien. Aber wenn die Frauen in ihrem Wesen sich auch fortwhrend
verrieten, behielten sie gleichviel etwas Khles den dienstwilligen
Hausgenossen gegenber, und seit jenem ersten Tag waren Wochen
vergangen, ohne da eine von den Nachbarinnen die Stuben der Frau
Frsterswitwe betreten htte. Dieses war, dank seiner schweren
Erreichbarkeit, nach und nach zu einem von allen im Wetteifer
angestrebten Ziele geworden, und man scheute keine List und kam bis in
die spten Abendstunden, von Wankas einen Zuckermrser oder einen
Korkzieher, den man merkwrdig oft verlegte, oder endlich den
Bodenschlssel entleihen, Dinge, welche man meistens davontrug, nebst
dem rger, nicht ber die Schwelle des Wohnzimmers gesehen zu haben.

Diese hoffnungslose Hartnckigkeit stand in keinem Verhltnis zu den
ursprnglichen Gestndnissen der alten Magd, und es war begreiflich,
da man von ihrem Entgegenkommen alles weitere erwartete; doch auch sie
schien schweigsamer und mitrauisch zu werden und begann, wenn man sie
bedrngte, immer wieder die eine Geschichte zu erzhlen, welche lngst
alle kannten: von dem Mrzmorgen, an dem die Holzknechte den
Revierfrster Joachim Wanka, von Wilddieben erschossen, aus dem Walde
heimgebracht hatten. Und da sein Gesicht voll erstarrten Zornes war und
dunkel, gleichsam ganz im Schatten der buschigen Brauen dalag und wie
seine Fuste sich nicht mehr lsten, auch in den vielen Thrnen nicht,
so da der Frster wohl seine liebe Not haben wrde -- einmal -- am
jngsten Tage zu thun, als sei er die ganze Zeit mit fromm gefalteten
Hnden dagelegen. Dann bekreuzte sich die Alte mit gewohnheitsmigem
Ungefhr und versicherte zum berflu, sie habe aus Trumen und Zeichen
lngstbevor das ganze Unheil gewut und auch daraus, da der Herr Julius
Csar im Krummauer Schlo wieder umgegangen sei und es dem Kastellan
geschah, da in einem Armstuhl der Kaiser Rudolf ihm gegenbersa und,
den Kopf in die Hand gesenkt, ber das nchtliche Moldauthal fort in die
Sterne sah.

Wer solches nicht glauben mochte, den pflegte die alte Rosalka kurzweg
zu verachten; denn sie hielt das fr einen Mangel von Bildung und
Erfahrung und fr eine von den vielen blen Folgen jener Kultur, die in
der Grostadt immer mchtigere Fortschritte macht. Sie konnte dann auch
nicht umhin, am Abend, wenn Frau Wanka mit ihrem Sohn gar ernste und
bedachtsame Gesprche zu fhren schien, die Tochter Luisa, welche so
ganz berflssig mit groen, verlorenen Augen dabeisa, heimlich in die
Kche hinauszuwinken und sie vor dem sndigen Munde der Ketzer zu
warnen, welche vor nichts mehr Scheu htten -- vor keinem Kirchhof und
vor keiner Mitternacht, ja, nicht einmal vor beiden zusammen. Und da war
ber ein Kurzes jene Stimmung heraufbeschworen, in der die Alte sich zu
Hause fhlte: die Dinge rundum, vom steifen Kchenschrank bis zu dem
plumpen Waschtrog, welche eben noch so nchtern dagestanden hatten,
begannen mit einemmale lauschend zu werden, und es war, als rckten sie,
um kein Wort Rosalkas zu verlieren, nher und nher an die beiden Frauen
heran, Gerusche erwachten wie von Schritten, und ohne Grund lachte eine
von den alten Blechpfannen: plink! Dann hielt die Magd ein und mit
klopfendem Herzen verfolgten beide den silbernen Ton und ihnen geschah,
da eine unsichtbare Uhr irgend eine bedeutsame Stunde geschlagen htte.
Und manchmal ging die alte Kchenlampe, wie im Einverstndnis mit
Rosalka, gerade whrend dieses Hinhorchens aus, und die satte Dmmerung
wurde schwer und schwl von tausend taumelnden Mglichkeiten. Luisa,
welche immer ganz stumm in einer Ecke sa, wurde kleiner und kleiner
diesen Mchten gegenber; sie schien sich aufzulsen und nichts
zurckzulassen als zwei ngstliche groe Augen, welche den Spukgestalten
mit einem gewissen glubigen Vertrauen nachgingen. Es war dann wie in
dem groen Maskensaal des Krummauer Schlosses, dessen Wnde bis hoch zur
gewlbten hallenden Decke hinauf mit lebensgroen Gestalten bemalt sind.
Ein franzsischer Maler soll vor vielen hundert Jahren diese
Karnevalsgruppen so geschickt, in so reichem und berraschendem Wechsel
komponiert haben, da man -- selbst am lichten Tage -- hinter jeder
Figur immer noch neue, phantastisch verkleidete Gste auftauchen sieht.
In Krummau aber wei man ganz bestimmt, da solches nicht an dem
Verdienste des Malers, sondern an dem seltsamen Umstand liegt, da die
Ritter und Damen zu einer gewissen Stunde zu erwachen beginnen, um das
Schauspiel jener einen fernen Nacht zu wiederholen. Aus den Wnden
steigend, erfllen sie den Saal mit ihrem schimmernden Gewimmel. Bis die
riesigen Grenadiere an der Saalthre die Hellebarden hart an den Boden
stoen: da ordnen sich die Reihen. Ein Donner rollt ber sie hin. Mit
seinem wilden, schwarzen Sechsgespann ist Prinz Julius Csar, des
zweiten Rudolf heimlicher Sohn, an der ragenden Rampe vorgefahren und
kaum einen Atemzug spter steht er, schwarz und schlank, mitten unter
den Gsten, die sich tief, tief verneigen, wie eine Cypresse im wehenden
hrenfeld. Dann mischt die Musik die Menge, eine fremde Musik, welche
bei dem Aneinanderstreifen der kostbaren Kleider zu entstehen scheint
und wachsend, sich breit und brausend aus den Massen erhebt, wie die
Melodie eines Meeres. Und da und dort teilt der Prinz mit einem Wink die
glnzenden Wellen, verschwindet in ihnen, steigt an der anderen Ecke
stolz aus ihnen empor, lt sein leuchtendes Lcheln wie einen
Sonnenblitz ber sie hingleiten und schleudert ein helles, bermtiges
Wort, gleich einem kstlichen Ring, nach dem alles hascht, mitten ins
Gewoge hinein. Und unter dem wilderen und whlenden Hin und Wider wchst
die heimliche Lust. An eines silbernen Ritters Seite erkennt der Prinz
ein blasses, blaues Frulein und fhlt zugleich: die Liebe zu ihr, den
Ha fr ihren Begleiter. Und beides in ihm ist rot und rasch. Und er hat
den silbernen Ritter wohl zum Knig gemacht; denn dem fliet ber den
blanken Panzer ein Purpur nieder, immer breiter und blutender, bis er
stumm zusammenbricht unter der Last des frstlichen Mantels: Es geht
manchem Knig so, lacht ihm der Prinz in die sterbenden Augen. Da
erstarren die festlichen Gestalten vor Grauen und blassen langsam und
bang in die verlschenden Wnde zurck, und wie ein fahles Felsland
steigt der verlassene Saal aus den letzten leuchtenden Wellen. Nur
Julius Csar bleibt zurck, und das gierige Glhn seiner heien Augen
versengt dem blassen Frulein die Sinne. Aber wie er sie greifen will,
entreit sie sich seinen zwingenden Blicken und flchtet in den
schwarzen, hallenden Saal; ihr leichtes, blaues Seidenkleid bleibt,
zerfetzt, wie ein Stck Mondlicht in den wilden Fingern des Prinzen, und
er windet es sich um den Hals und wrgt sich damit. Dann tastet er ihr
nach in die Nacht hinein und jubelt pltzlich auf. Er hrt, sie hat die
kleine Tapetenthr entdeckt und er wei: nun ist sie sein; denn von da
giebt es nur einen Weg: die schmale Turmtreppe, die in das kleine
duftende Rundgemach mndet -- hoch im Moldauturme. Und mit bermtiger
Hast ist er hinter ihr, immer hinter ihr, und er vernimmt nicht ihren
verscheuchten Schritt, aber wie einen Glanz sieht er sie bei jeder
Wendung der Treppe vor sich her. Da fat er sie wieder, und jetzt hlt
er das zarte, angstwarme Hemdchen in der Hand, nur das Hemdchen, und
seinen Lippen und Wangen ist es khl. Es schwindelt ihn, und wie er
seine Beute kt, lehnt er zgernd an der Wand. Dann mit drei, vier
Tigersprngen taucht er hinauf in die Thr des Turmgemachs und --
erstarrt: hoch vor der Nacht ragt, nackt, der reine weie Leib, wie vom
Fensterrande aufgeblht. Und reglos sind sie beide. Aber dann, eh' er's
noch denkt, heben sich zwei helle, kinderzarte Arme in die Sterne
hinein, als wollten sie Flgel werden, es verlischt etwas vor ihm, und
vor dem hohen Fensterbogen ist nichts mehr als hohle heulende Nacht und
ein Schrei...

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Und du bist wirklich achtzehn? sagte Zdenko und neigte sich ber sein
erschrockenes, weinendes Schwesterchen, welches, ganz klein und scheu,
in dem Winkel der Kche kaum zu finden war. So kommen dir deine alten
Gespenster auch her, nach Prag, nach? Oder hat Rosalka sie in ihren
Tpfen und Pfannen mitgebracht? Die alte Magd wandte sich grollend ab.
Ja, zgerte Luisa, ja, und atmete stockend auf, zuerst, wie wir
herkamen, hab' ich gedacht, ich bin sie los. Wie ich die hellen Huser
gesehen habe und die breiten Gassen, da war mir ganz frei und frhlich;
hier aber auf der Kleinseite ist es fast noch schlimmer als bei uns.
Nicht? Und langsam schaute sich das Mdchen um. Zdenko aber zog sie
hinter sich her in die helle Wohnstube. Natrlich, wie ich's gesagt
habe, rief er seiner Mutter entgegen, -- whrend wir hier reden, ist
sie schon wieder bei der alten Hexe drauen und ganz aufgeregt von dem
ewigen Unsinn. Frau Josephine schttelte leise den Kopf mit den
breiten, grauen Scheiteln und sagte: Wann wirst du denn mal vernnftig
werden, Kind? Sie nhte ruhig fort an weien Leinenstcken, und in dem
Korb neben ihr wartete noch viel Arbeit. Doch nach einer Weile legte
die Witwe die zerstochenen Finger in den Scho und sah der Tochter ins
Gesicht. Luisa hatte, von der hellen Lampe geblendet, die Augen
geschlossen und in ihrem zarten blassen Gesichtchen war eine so
deutliche Angst zurckgeblieben, da die Mutter erschrak. Es fiel ihr
mit einemmale auf, wie schwach und schmchtig das Mdchen war, und ob
sie berhaupt Kraft genug haben wrde, im Leben einmal ganz ohne Halt
und Hilfe aufrecht zu bleiben. Die gtigen, blablauen Augen der Mutter
trbten sich in Thrnen, es konnte aber auch von der Anstrengung sein;
denn das Weinhen ist eine mhselige Arbeit, und die Lider der Frau
Wanka waren stets ein wenig gertet davon. Luisa, die den Blick gefhlt
haben mute, ging nach einer Weile daran, der Mutter zu helfen. So waren
beide Frauen ber das Linnen gebeugt, und die Hngelampe beleuchtete
grell den grauen und den blonden Scheitel. Jetzt sagte Zdenko: Ich wei
nicht, ich bilde mir immer ein, die Luisa ist so klein geblieben vor
lauter Ehrfurcht. Wirklich. Es kann so sein. Wenn einer immer, von ganz
klein auf, lauter so groe Dinge sieht wie sie, -- denkt euch nur das
Schlo auf dem steilen Felsen, diese hohen Hfe, die groen Kanonen auf
den Schanzen und endlich in den Slen -- Sthle und Bilder und Vasen --
alles wie fr Riesen gemacht -- dann wchst er diesen Dingen entweder
nach... (Frau Wanka sah ihrem Sohn lchelnd ins Gesicht und nhte dann
eifrig weiter) oder -- er verliert berhaupt allen Mut, ihnen
nachzuwachsen. Denn er mu sich denken: so gro werd' ich ja doch nie.
Und vor lauter Schauen und Staunen vergehen die Tage, und man vergit
auf sich selbst und darauf, da diese Dinge doch eigentlich nur ein
Beispiel sind. Glaubst du nicht, Luisa?

Vielleicht, nickte die Schwester und unterbrach nicht ihre Arbeit.

Ich hab's ja auch mal empfunden, da einen das drcken kann -- als
Bub. Zdenko sah ber die Frauen fort ins Unbestimmte. Aber dann kommt
einmal der Ruck, da man sich vor alledem auf die Fuspitzen stellt,
statt davor hinzuknieen, und hat man das erst einmal weg, dann ist's
nicht mehr lange bis zum Drberhinsehen. Und glaubt mir, das macht alles
aus. Nur immer alles berschauen. Der zu hchst steht, ist immer der
Herr. Ich hab es immer schon ganz deutlich geahnt, was unsere Zeit so
verworren macht und so unsicher; aber jetzt seit ich hier in der Stadt
bin und viele Menschen sehe -- wei ich's: da keiner drber steht. Ihr
sagt mir, das ist falsch: ber der Stadt ist der Brgermeister und ber
ihm der Statthalter und der mu wieder zum Knig ein gut Stck
hinaufsehen und der Knig zum Kaiser und dieser zum Papst. Der Papst
aber reicht trotz seiner dreimalhohen Krone immer noch nicht bis zum
lieben Gott hinauf, meint ihr. Ich denke, das kommt davon, da man das
Ding meistens vom verkehrten Ende ansieht. Mir scheint, ganz tief unten
ist der liebe Gott und ein wenig ber ihm der Papst und so fort. Oben
aber ist das Volk. Das Volk aber ist ja nicht eines, das sind viele; sie
stoen und schieben einander, und es verstellt einer dem anderen die
Sonne. Da mein' ich halt immer, -- irgend einen mten sie von Zeit zu
Zeit in die Hhe heben, nicht zu hoch (er knnte leicht hinunterfallen
bis dorthin, wo der Knig ist oder der Kaiser), aber doch so, da er
ihre starken und treuen Schultern unter sich fhlt und mit ruhigem
Bedacht eine Weile lang hinschauen kann ber ihre Kpfe. Wenn er dann
wieder unter ihnen steht, wird er wie aus der Heimat zurckgekehrt sein
und seinen Brdern sagen knnen, wo die Sonne aufgeht und wie lang es
noch whren mag bis dahin -- und so manches mehr. So aber... Zdenko
verdeckte seine Augen mit der Hand. Dann erhob er sich heftig: Mua,
lat jetzt die Plackerei und geht schlafen; es ist spt. Die Lampe wird
auch gleich verlschen. Seine Stimme war rauh. Er bemerkte erst jetzt,
da Luisa nicht mehr ber das Weizeug geneigt dasa; ihre Augen
brannten ihm entgegen, gro und leuchtend wie nie. Und seltsam, er sah
sich in diesen Augen und richtete sich stolz und stark auf wie vor einem
Spiegel.

Seine Mutter aber nhte immerzu mit rstigem rastlosem Mhen, und Zdenko
hatte ganz pltzlich das Bedrfnis, zu ihr hinzutreten und ihr die Hnde
zu kssen.

                   *       *       *       *       *

Es war nicht Mitrauen, welches die Magd Rosalka still und schweigsam
gemacht hatte den Hausgenossen gegenber. Alten Leuten ergeht es oft so,
wenn sie aus der gewohnten Kleinhuslichkeit ihrer Provinzstadt
vertrieben, sich in einem neuen Orte zurechtfinden sollen; sie knnen
sich den greren Mastben nicht anpassen und sind wie aus einer engen
Stube in einen hallenden Saal versetzt, drin ihre heimlichsten Worte wie
von unsichtbaren Chren laut nachgesprochen werden, whrend ihre vielen
heftigen Gesten sich in der Weite dieses teilnahmslosen Raumes zu
verlieren scheinen. Im Anfang gefllt ihnen das der Neuheit wegen, aber
bald fhlen sie es wie eine Anstrengung, die, ohne gengenden Lohn,
entmutigend wirkt und lassen von einem Morgen an die Hnde im Scho und
die Worte auf der Zunge liegen. Es kommt nmlich noch dazu, da die
Leute auf dem Lande um ein tchtiges bescheidener sind. Da gengt es,
einmal ein recht ansehnliches Unglck gehabt zu haben, um fr alle Zeit,
bis zum letzten gottseligen Tage, das achtungsvolle Bedauern der
Bekannten wie eine lebenslngliche Rente zu beziehen. Aber in der
Grostadt sollte man ja -- grollte die Alte -- um halbwegs obenauf zu
bleiben, mindestens wchentlich einmal einen Vater verlieren und alle
drei Wochen von der Treppe oder aus dem Fenster fallen. Sie gedachte mit
betrbten Augen ihrer Stellung in Krummau und konnte es ihrer
Herrschaft nicht verzeihen, da sie, um dem Zdenko die Universitt zu
ermglichen, nach Prag bergesiedelt wre. Sie vergnnte es der Frau
Frster, da sie nun selbst ein paarmal der Woche in Huser gehen
mute, um durch Weinharbeit zu ihrer kleinen Pension und dem frstlich
Schwarzenbergschen Gnadengehalt das hinzuzuverdienen, was der neue
Haushalt und die Heranbildung des Sohnes verlangte. Sie wute auch, da
Frau Wanka dem Zdenko jedes Opfer bringen wrde und den dunkeln Wunsch
hatte, in ihm einen studierten Doktor zu sehen, welches fr Rosalka
als das ungebhrliche Streben einer zgellosen Hoffart, um derenwillen
man sich dreimal bekreuzen mute, erschien.

Anders fate man dieses Trachten der Witwe in dem Hause der Frau Oberst
a.D. Meering von Meerhelm auf, wo die Frsterin jede Woche einmal, und
zwar am Montag, dem Wschetag, die Putzwsche ausbesserte. Frau
Charlotte Meering lobte nmlich den Eifer der Mutter und tadelte dabei
nur, da Zdenko Wanka die bhmische statt der deutschen Universitt
bezogen htte. Dieser einleuchtende Migriff war Schuld, da man ihn nie
zu sich bitten konnte. Vergebens versicherte die Witwe, da das ganz im
Sinne ihres armen seligen Mannes geschehen sei, der ein guter Tscheche
gewesen wre; die Oberstin lchelte nur vornehm und konnte, wie sie
sich ihrem Gemahl gegenber ausdrckte, die Beschrnktheit dieser Leute
nicht verstehen. Dafr durfte Luisa die Mutter manchmal abholen kommen
und, wenn sie versprach, nur deutsch zu sprechen, 10 Minuten mit den
Meeringschen Kindern, einem fnfzehnjhrigen Rangen und der etwan 3
Jahre jngeren Lizzie spielen. Der Erfolg war freilich immer ein
entgegengesetzter d.h. die beiden Geschwister strzten sich auf das
scheue und ngstliche Mdchen und begannen es, wie irgend ein Ding, zu
schieben und zu stoen, bis Frau von Meering meist gerade in dem
Augenblick in die Thr der Kinderstube trat, da Luisa an einen Schrank
gebunden, ein weies Opfer darstellte, whrend ihre Sprlinge sie mit
wildem Siegesgeheule, nach Indianersitte, umsprangen. Da war es nun
nicht erstaunlich, da Luisa sich diesen Besuchen keineswegs
entgegenfreute und dankbar war, wenn die Mutter ihr verstattete, sie im
Flur oder in der Strae zu erwarten. Manchmal kam dann gerade der Herr
Obrist an ihr vorbei nach Hause und blieb, da er die Schrecken des
Wschetags vermeiden wollte, noch einen Augenblick vor dem Mdchen
stehen. Der kleine, etwas dickliche Herr, der einen groen Ehrbegriff
inwendig und einen groen Orden auf der Auenseite seiner Brust trug,
blies mit einiger Behaglichkeit seinen Schnurrbart auf und leitete das
kurze Gesprch immer also ein:

Warten auf den Herrn Brutigam, gndiges Frulein?

Darauf wurde Luisa jedesmal so rot, als die schlechte Beleuchtung der
Gasse es notwendig machte. Der alte Herr freute sich daran und erkannte
von einemmal zum nchsten immer deutlicher die Kstlichkeit seines
Witzes, den er beim Abendessen, natrlich nachdem die Kinder zu Bette
waren, gerne seiner Lotti wiederholte. Sonst wute er ohnehin nicht viel
zu erzhlen. Denn es lag etwas Versonnenes in seinem Wesen, welches man
auch durch dieses Beispiel beleuchten kann. So hat er mehr als fnf
Jahre darber nachgedacht, was der Wink, den man ihm zeitweilig von
oben gab, bedeuten mochte. Verstanden hat er ihn freilich erst viel
spter, als das rastlose Winken hherenorts schon eine Art von Sturm
hervorgerufen hatte, welcher endlich den Herrn Obristen von dem
gefhrlichen Gipfel eines Regimentskommandos sachte in das beschauliche
Thal des Ruhestandes herunterwehte, in dem er sich nun -- nach wie vor
sinnend -- erging. Er war ein Mann, der die Tiefen des Lebens nach den
schauerlichen Abgrnden alter Kalendergeschichten bema und sich oft
verwunderte, wie hoch er, allen Fhrlichkeiten zum Trotz, auf der
irdischen Rangleiter emporgekommen war. Seine gerechte Gesinnung teilte
aber nicht nur ihm selbst rckhaltlose Anerkennung zu, er wute jeden
nach Wert und Wrden zu behandeln. Seit er erfahren hatte, da der
verstorbene Wanka frstlicher Frster gewesen war und da auch Frau
Josephine dann und wann im Schlosse Frauenberg die Kammerfrau vertreten
mute, sah er die Witwe gerne in seinem Hause und fhlte einen Hauch
indirekter Frstenhuld von dieser Familie ausgehen.

Wenn Frau Wanka an diesen Montagabenden endlich mit mden Augen aus dem
Thor des Meeringschen Hauses trat, kte sie die Tochter, und die beiden
Frauen gingen, meist ohne ein Wort zu tauschen, durch die lebhaften
Gassen der Neustadt der steinernen Brcke zu. Erst wenn sie aus der
lauten Brckengasse in die schmalen, kaumbeleuchteten Zweiggchen
eingelenkt waren, lste sich ihre Stimme, und sie begannen leise und
langsam von Zdenko zu reden, wie zwei Spieluhren, die zaghafte Lieder
trumen mitten in der Nacht. ber ihren Gesprchen war eine treue,
rhrende Zrtlichkeit, die um so inniger klang, als sie niemals in die
Worte herunterstieg, aber die Frauen ganz erfllte, ihre Bewegungen
verschnte und ihr Lcheln leuchtender machte. Seit jenem Abend, da
Luisas Augen sich so seltsam entzndet hatten an den heien Worten des
Bruders, war er fr sie ein Anderer geworden, ein Mchtiger; und
wenngleich die Liebe, die Frau Wanka ihrem Sohne bewahrte, tieferen
Quellen entsprang, so verstanden Mutter und Tochter einander doch in
dieser lauschenden und leisen Sprache und sagten einander darin mit
vielen Worten etwa dieses: er ist ein Anderer geworden.

Sie hatten recht damit. Eine freudige Erregung war ber den jungen
Menschen gekommen. Die Freundschaft mit dem Wald und die rstige Ruhe
seines Vaterhauses hatten ihn beschenkt, immer und immer wieder, und was
man dafr von ihm wollte, war so lcherlich gering gewesen. Wenn er die
Jahre vor des Vaters Tode berdachte, war er jetzt geneigt, zu glauben,
er htte eigentlich nur einen einzigen Tag gekannt, der, zufrieden und
satt, hinter jeder Nacht immer wieder hervorkam -- bis zu dem ersten
schweren Schmerz: dem gewaltsamen Tode des teuren Vaters. Hinter dem
lag etwas lebloses und leeres, das wie ein Ausruhen war oder wie ein
Vergessen. Aber mitten drin -- so empfand er das, -- war dann eine
Thre, ein Thor irgendwo aufgegangen, und nun strmten sie herein,
lauter junge und bunte Tage, die ihm in ungeduldigem Heischen die Hnde
hinhielten. Was war er ihnen dankbar fr ihr Begehren! Wie ein
Heimgekehrter stand er da, der Gaben austeilt nach allen Seiten, und die
Dinge sind weither und jeder der Beschenkten wei sie zu verwenden.
Wanka hatte das Gefhl, da die ganze Welt aus seiner Tasche lebte, und
es sollte ihr nicht schlecht gehen dabei. Er war immer in einem Kreise
junger Leute zu finden, denen er ernste und lose Einflle in buntem
Durcheinander hinwarf, und sie fanden alle genug darin, um ihre Tage
damit zu fllen und ihre Nchte. Er bemerkte nicht das Ziellose in
diesen jungen Kpfen; denn er hatte selbst kein Ziel, weil er tausend
hatte und heute dieses, morgen jenes zu greifen vermeinte. Diese Art zu
leben brachte ihn mit einer groen Menge Menschen in Berhrung und allen
gab er sich mit derselben Treue hin, und wenn er sich einmal wieder
recht an einem eigenen neuen Gedanken begeistert hatte, so glaubte er
es den Menschen danken zu mssen, welche ihn mitrauisch umstanden. Nach
und nach wurde er stiller, hrte nun auch die Gegenreden aufmerksam an
und fand, da er eigentlich nicht im stande war, ihnen zu antworten.
Langsam begann er einzusehen, da alle seine Begeisterungen Bruchstcke
eines groen Monologes waren und dieses Erkennen ernchterte und
vereinsamte ihn sehr.

Nchtelang sa er jetzt schweigend an dem Stammtisch des Nationalcafs,
an welchem Mnner verkehrten, die lter und ernster waren als er und von
denen er glaubte, da sie an der Spitze des Volkes stnden. Es waren
Dichter und Maler, Schauspieler und Studenten. Sie hatten alle etwas in
ihrem Gehaben, was ihn frher stark abgestoen hatte, allein er suchte
sich daran zu gewhnen. Nach dem Theater fanden sie sich mde und
mrrisch zusammen und wenn sie sich begrten, lchelten sie einander
mitleidig zu. In ihren Kleidern war entweder etwas bertrieben vornehmes
oder eine grobe Vernachlssigung zu bemerken und man konnte auf den
ersten Blick schwer erkennen, was sie vereinte. Erst einige Glser
Tschaj oder Budweiser Bieres machten begreiflich, da die hnlichkeit in
den groen Worten liege, welche immer zahlreicher und ungestmer von
ihren Lippen kamen, je spter es wurde. Ein Unterschied blieb allerdings
noch darin bestehen, da die in den modernen Kleidern ihre Worte
gleichsam nur vor sich auf den Tisch legten mit der Warnung: nicht
anrhren, whrend die Anderen sie einfach in die Luft warfen, gleichviel
wen sie treffen mochten. Da hrte nun Wanka die Angelegenheiten der
Nation verhandeln, er erfuhr zum erstenmal von ihrer Bedrngnis und
Not, von ihrer stillen und innigen Sehnsucht. Eine Beschmung berfiel
ihn pltzlich wie einen Lachenden, der erfhrt, da ein Toter im Hause
sei, und er dachte darber nach, wie es denn geschehen konnte, da er
von all diesem Drckenden gar nichts gemerkt hatte alle Jahre lang. Er
drstete, recht viel davon zu erfahren, aber wenn er sich den Mnnern
wieder zuwandte, entdeckte er, da sie ganz in demselben Tone lngst von
anderen Dingen sprachen, von der Kunst und hnlichem. Und er sah mit
einemmale, da ihre Begeisterung nichts als Heftigkeit war, und da sie
nichts Gemeinsames besaen als ihre Einbildung. Da zog er sich von ihnen
zurck. Er blieb wieder die Abende zu Hause, widmete sich mit mehr Flei
seinen Studien an der Universitt und bildete sich eine Zeitlang ein,
es sei alles wie vordem. Bis ihm an solch einem Abend, wie damals, als
er Luisa bei ihren Gespenstern in der Kche fand, ganz von ungefhr sein
innerstes Nachsinnen zu Worten wurde. Seither wute er auch, da er den
Leuten auf der Gasse anders in die Augen sah, bemht, in ihren Mienen
die Spuren jenes Leidens zu finden, von dem sein Volk heimgesucht sein
sollte. Da und dort glaubte er jetzt wirklich eine gedrckte,
geknechtete Gestalt zu bemerken, allein, wenn er nher zusah, erkannte
er enttuscht, da es nur die Last der Armut war oder des Elends, welche
auf den fremden Schultern lag, nicht das Joch der Knechtschaft. Und doch
lie es ihm nicht Ruhe. Er fhlte immer noch Krfte in sich und fragte
bei jedem Tage an, ob sein Volk ihrer bedrfe. Er wurde immer ratloser
und unzufriedener, hielt es weder im Lehrsaal noch in der Wohnstube aus,
wo Luisa sa und ihn mit groen fragenden Augen erwartete. So machte er
weite Spaziergnge.

Einmal im Frhling war er den Podskal entlang gegangen, tief in Sinnen,
und als er aufblickte, ragte auf teilweise abgegrabenem Terrain ein
graues, einfrmiges Gebude vor ihm auf, dessen Fenster ihm leer, wie
ausgebrannt, entgegenstarrten. Wanka hielt es fr eine einstige Kaserne,
welche nun der Demolierung preisgegeben war, und trat, da der Platz
nicht weiter abgeschlossen schien, durch eines der ghnenden Thore ein.
Die Hfe waren mit Thrrahmen und Thren, Brettern und allerlei altem
Germpel angefllt, und diese Dinge sahen ganz unglaublich traurig aus
in dem glanzlosen, langsam verlschenden Licht des spten Nachmittags.
Der Student wandte sich ab und, von irgend einem Gefhl bestimmt, stieg
er die ausgetretenen Holztreppen hinauf und ging weite weie Gnge
entlang und durch viele geweite Rume hin, deren Decken niedrig, deren
Dielen zum Teil aufgerissen waren. Und dann schritt er noch eine Treppe
hinan und stand wieder in einem Gang, dessen Schluwand schon halb
eingerissen war, so da der Wind breit hereinkonnte, aus dem grauen Tag.
Er ri Strohhalme von den Sparren der Decke los und trieb sie, wie
Pfeile, dem Fremden entgegen. Wanka trat gleich in eine der nchsten
Thren ein und fand sich in einer engen, kaum drei Schritten breiten und
nicht viel lngeren: Zelle, die ganz gleichmig erfllt war mit dem
sprlichen Licht, das durch eine vergitterte ffnung, nahe der Decke,
hereinflo. Die weigrauen Wnde waren mit vielen Ritzen wie mit einem
seltsamen, wirren Muster bedeckt, und erst nach einem Augenblick
erkannte der Student, da dieses Muster sich in Worte und in Bilder
lste; Gebetsworte und Flche, Namen und Orte las er, und alles
hineingeritzt in wilde, grinsende Fratzen, merkwrdig verschmolzen mit
den Linien ihrer Nasen und Augen, mehr wie beredte Falten und Runzeln,
als wie Schriftzge. Und ein Gesicht wuchs hinter dem anderen hervor,
bleich und bebend, wie ein Haufe Volkes drngte ihm die immer mehr
erwachende Wand entgegen, allen voran ein drohender zorniger Mann mit
hohlen Augen. Und quer ber seine Stirne stand: Jesus Maria.

Da hrte Wanka, wie jemand seinen Namen sagte und in unbeschreiblichem
Grauen wandte er sich, als ob er flchten wollte, und stie heftig auf
Rezek, den blassen Studenten, der mit eigentmlichem und eingeweihtem
Lcheln sagte: Das waren auch Knstler diese hier. Nicht?

Wanka erkannte den Studenten und sah ihn verstndnislos an.

Nun ich meine, jeder in seiner Art, lchelte der noch. Dann fgte er
ernst hinzu: Glauben Sie mir, da mir diese Bilder hier nher gehen,
als das was unsre Maler malen und unsre Dichter zusammenreimen. Wissen
Sie, was das hier ist? Volkslieder. Nicht vor tausend Jahren entstanden
und nicht unverstndlich nach zehntausend Jahren. Gedichte in einer
ewigen Sprache. Man sollte diese Wnde ebenso sorgsam ausnehmen, wie die
Hieroglyphenmauern in den Pyramiden. Man sollte sie in die Kirchen
hngen; denn sie sind heilig. Sehn Sie hier, und er legte den schmalen
harten Finger auf eine Zeichnung, welche mit ungelenken Strichen ein
kleines Haus darstellte; das hat die Sehnsucht gemacht und der Glaube
hat ein Gebet drunter geschrieben und die Verzweiflung einen Fluch und
der Hohn hat mit wunden blutenden Ngeln um alles das herum eine Fratze
gezeichnet, in der das liebe kleine Haus aussieht wie ein gieriges,
weitgeffnetes Maul. -- Haben Sie jemals ein furchtbareres Gemlde
gesehen?

Kommen Sie, sagte Wanka von pltzlicher Furcht erfat.

Rezek folgte. Ich komme oft her, sagte er. Es geht so langsam mit dem
Niederreien. Ich lese in diesen Wnden wie im Buche der Offenbarung.
Auf viele Fragen habe ich da Antwort gefunden.

Sie schwiegen. Freilich, fgte Rezek an, als sie aus dem Thor traten,
die Antwort ist schlielich wieder eine Frage. Aber nur eine, immer
dieselbe und das ist nicht so schrecklich wie die vielen.--

Was ist das eigentlich fr ein Haus? fragte Wanka jetzt und wandte
sich zurck zu dem verlassenen Bau, der schwarz und gro mit seinen
leeren Fenstern vor dem Abend stand.

Rezek blickte auf: Das alte St.Wenzels Strafhaus. Er blieb stehen, um
sich eine Cigarette anzuznden. Dann gingen sie schweigend der Stadt zu.

Die beiden jungen Menschen, welche frher oft aneinander vorbeigegangen
waren, fanden sich jetzt beinahe jeden Tag. Es war aber mehr eine Macht
ber seinem Willen als eigene Absicht, welche Wanka zu dem dsteren
Kollegen hinzog und was ihn dann festhielt, war der Umstand, da Rezek
alle Fragen, welche ihn in der letzten Zeit geqult hatten, erriet und
die unausgesprochenen wie unwillkrlich beantwortete. Zdenko sah
freilich nicht, wie weit diese Antworten ber seine Fragen hinausragten,
und so konnte es geschehen, da seine Kraft und die naive Klugheit
seiner reinen Jugend bald blind im Dienste des energischen Agitators
standen, dem sie sehr gelegen und gnstig sein muten. Die verschrfte
Strenge des Polizeidienstes, die Geschichte des Knig Bohusch und
andere halbpolitische Ereignisse hatten die jungen Leute vorsichtig und
ngstlich gemacht, und Rezek mute sich zu manchem seiner Zwecke des
bezahlten Pbels bedienen, der ihm dann bei nchster Gelegenheit als
Angeber gegenbertrat. So aber war der Traum des dunklen Mannes:
unverdorbene junge Leute guten Standes finden, welche berzeugt von dem
Recht ihres Beginnens, mit der ganzen blinden Brenkraft ihrer Gesinnung
einer nationalen Befreiung entgegenstreben und in jugendlicher
Unverzagtheit einem Ziele nachgehen, das er selbst nicht immer glauben
wollte.

Auf ihren gemeinsamen Wegen, an welchen Luisa lauschenden Anteil nahm,
hatten sie eine kleine, niebesuchte Gaststube entdeckt hoch auf dem
Hradschin. Von ihrem Runderker aus sahen sie oft, wie die schweren
dunstigen Frhlingsabende die Stadt zerstrten, wie ihr Feuer an den
Kuppeln und Trmen zehrte und da und dort wie Wahnsinn aus zwei
sinnenden Fensteraugen schlug. Und die ganze Last dieser ahnungsvollen
Dmmerungen war auf den drei jungen Menschen; da wandte sich der
energische Rezek, der eine groe Furcht vor diesen leisen weiten Stunden
hatte, wohl an das versonnene Mdchen und sagte mit harter Stimme:
Loisinka, spiel sie uns etwas. Und aus der Wandnische, wo Luisa sa,
rauschten wie Flgelschlge die langen Tne eines Harmoniums, und die
schlichten Volkslieder machten die Menschen noch leiser und einsamer. Es
wurde immer dunkler um sie her und sie mochten sich vorkommen wie
Abschiednehmende, die einander zuwinken und sich doch nicht mehr
erkennen ... Bis das Lied mitten im Klange brach und das zitternde
Verstummen des Harmoniums verschmolz mit Luisas zaghaft ausbrechendem
Weinen. Dann befahl Rezek: Spiel sie doch was heiteres..

Aber Luisa kannte nur ein paar Volkslieder und der Bruder sagte: Unser
Volk hat keine lustigen Tne. Seine liebsten Lieder sind wie vor dem
Weinen.

Da begann Rezek mit heftigen Schritten in der kleinen Stube auf und ab
zu gehen und endlich blieb er im Erker stehen und sagte:

Wie ein Kind ist unser Volk. Manchmal seh ich es ein: unser Ha gegen
die Deutschen ist eigentlich gar nichts Politisches, sondern etwas --
wie soll ich sagen? -- etwas Menschliches. Nicht, da wir uns mit den
Deutschen in die Heimat teilen mssen, ist unser Groll, aber da wir
unter einem so erwachsenen Volk gro werden, macht uns traurig. Es ist
die Geschichte von dem Kinde, welches unter Alten heranwchst. Es lernt
das Lcheln, noch ehe es das Lachen gekonnt hat.

Als aber die Kellnerin die Lampe angezndet hatte, setzte sich Rezek in
den groen, alten Lehnstuhl und begann, die gelben nervsen Hnde vor
die Augen gepret, wie zu sich selbst zu reden: Was hilft alles. Damals
als man dem Volk gesagt hat: du bist jung, haben sich die Gebildeten
geschmt dafr. Und sie sind schnell alt geworden statt lter zu werden.
Statt sich jedes Tages zu freuen, haben sie ein Gestern haben mssen und
ein Vorgestern. Kniginhofer Handschrift, freilich! Damit nicht
zufrieden, haben sie ihre Kultur in der Fremde gesucht und gleich dort,
wo sie am fertigsten ist -- bei den Franzosen. Und so kams: zwischen den
gebildeten Tschechen und dem Volk sind Jahrhunderte. Sie verstehen sich
nicht mehr. Wir haben nur Greise und Kinder, was die Kultur betrifft.
Wir haben unsern Anfang und unser Ende zu gleicher Zeit. Wir knnen
nicht dauern. =Das= ist unsere Tragdie, nicht die Deutschen.

Luisa sah den Schrecken, welcher sich in den Zgen des Bruders ausprgte
whrend dieses Gestndnisses. Er schien sich mhsam zurckzuhalten, alle
seine Sehnen waren wie zum Sprunge gespannt.

Rezek bemerkte es nicht mehr, er war wie aus einem bsen Traume erwacht,
und der strenge Accent seiner Stimme schien alles frhere zu widerrufen.
Er entwarf an diesem Abend die khnsten Plne und sprte mit dem ihm
eigenen Scharfsinn so rcksichtslos allen Mitteln und Mglichkeiten
nach, schien sich so klar ber die Ziele seiner unermdlichen Agitation,
da Zdenko wieder ganz in seinem Einflu unterging.

Dennoch bezeichnete dieser Abend fr Wanka den Beginn eines harten
inneren Kampfes. Er hatte sich stolz und stark gefhlt in seiner
Mission, so lange er glaubte, fr ein junges und gesundes Volk zu
streben und nun hatte er erfahren, da dieses Volk an innerem Zwiespalt
krankte und an sich selber verzweifelte. Und er verlor alle Freude und
allen Mut. Es geschah ihm wie dem tollkhnen Lieutenant, der vor seinen
Scharen hineinstrzt in die feindliche bermacht. Da vernimmt er, da
die Niederlage der Seinen schon besiegelt ist; und was im Augenblick
noch eine freudige Heldenthat war, ist ihm ein nutzloses, verzweifeltes
Opfer. Der arme junge Mensch fhlt mit einemmale so viel Neues,
Unverbrauchtes, Einsames in sich, das nicht zu Ende gehen will und sich
sehnt, in einem andern stillen Frhling aufzublhen. -- Die hohen und
hellen Worte der nationalen Begeisterung waren ihm erloschen, und mehr
als einmal strzte Wanka aus den heien heimlichen Versammlungen in die
nchtlichen Gassen hinaus, durch welche er, planlos, einem ungewissen
Morgen entgegenirrte. Aber so stark stand Rezeks Persnlichkeit ber
ihm, da er mitten in seinen Grbeleien immer wieder von ihm einen
Ausweg erhoffte und nicht wagte, dem finsteren Gesellen seine wachsenden
Zweifel einzugestehen. Er schwieg gegen alle davon. Er bemerkte die
besorgte Frage in den Augen seiner schlichten Mutter, und er glaubte sie
zu bertnen durch seine heftige, hastige Zrtlichkeit. Er neigte sich
inniger seinem blassen Schwesterchen zu und suchte sich gleichsam
wiederzuerkennen in diesen flchtigen Augenblicken einer reinen Liebe.

Jetzt begann Luisa ahnungsvoll die Zerrissenheit in Zdenkos Seele zu
begreifen. Sie wute ja nichts von der beginnenden Untreue an seinem
Werke und da er seine bernommene Pflicht als Zwang empfand. Aber sie
sah, da er an irgendwelchen Ketten zerrte und das schien ihr die eherne
Macht des Rezek zu sein, aus welcher er entfloh, um schwach und verzagt,
immer wieder zurckzukehren. Lange schon stand die Gestalt des bleichen
Mannes auch ber ihr. Sie fand sein Bild in allen ihren Gedanken und war
nicht mehr erstaunt dabei. Ihr schien, er gehrte hinein wie der
Gekreuzigte in die Klosterzelle. Und sie konnte ihm nicht wehren, da er
auch in ihre Trume wuchs und endlich eines wurde mit dem dunklen
Prinzen des alten Maskentraumes und nun fr sie nicht mehr Rezek,
sondern Julius Csar hie. Und da geschah dem Mdchen etwas Seltsames.
Irgendwelche Scenen aus fernen Jahren und halbvergessene Trume und
Gestalten und fremde purpurne Worte, die sie von ihrem Bruder vernommen
hatte, und anderes, welches sie gar nicht zu erklren vermochte,
umdrngte sie wie eine neue phantastische Zeit, in der alle Gesetze
anders werden und alle Pflichten. Sie konnte zwischen Thun und Trumen
nicht mehr unterscheiden und schaute alle Geschehnisse des Alltags in
den Farben jenes Krummauer Blutfestes, ihrer tiefsten und
erschtterndsten Erinnerung. Sie lebte jetzt mitten unter den stillen,
feierlichen Gestalten und fhlte immer deutlicher, da auch sie eine
Rolle haben msse in diesem heimlichen Reigen. Und tagelang sa sie,
eine vergessene Arbeit im Scho, am Fenster, sah mit verlorenen Augen in
die hohen kahlen Mauern der Maltheserkirche und sann: Welche nur,
welche?

                   *       *       *       *       *

Die trgen, lssigen Sommertage gingen langsam dem Feste von Mariens
Himmelfahrt entgegen. Eine schwere Traurigkeit lag ber Wankas. Das
Heimweh, welches die vier Menschen schon fast vergessen hatten, kam
wieder in einer anderen, unerwarteten Gestalt ber sie. Sie sehnten sich
nicht mehr nach der Vergangenheit, sondern sie trumten in den heien
Stuben hinter dichtverhangenen Fenstern von dem leichten, luftigen
Dorfsommer, dem die khlen Wlder so nachbarlich sind. Von den hellen
Feldwegen, ber welche die jungen Obstbumchen ihre rhrend dnnen
Schatten legen, so da man drber hin wie auf einer Leiter geht, von
Strich zu Strich. Von den schweren, reifen Feldern, die so breit und
prchtig zu wogen beginnen gegen den Abend zu und von den Hainen, in
deren dunkelnder Stille die schweigsamen Teiche liegen, von denen
niemand wei, wie tief sie sind. Und dabei dachte jeder von den vier
Menschen an irgend eine bestimmte unbedeutende Stunde, deren kleines
Glck man einst, ohne es zu werten, ebenso mitgenommen hatte. Und um so
schmerzlicher war dieses Sehnen, als es nicht ein Unwiderbringliches
betraf, als jeder fhlte, wie der heitere Heimatsommer ihn erwartete und
traurig wurde, wenn keiner kam. Um ihm wenigstens nher zu sein, machte
man kleine Ausflge die Moldau entlang, und die Frsterswitwe glaubte am
leichtesten den kleinen Wldern hinter Kuchelbad ihre gutmtige
lndliche Lge und wurde von jener unmerklichen Frhlichkeit erfllt,
welche alten, arbeitsamen Leuten eigen ist. Sie war still und in sich
gekehrt und lchelte kaum, aber die Falten um die Lippen waren vergangen
und das gab ihrem Gesicht etwas Junges und Sonniges, wie sie es
vielleicht als Braut nicht besessen hatte. Sie bemerkte dann auch kaum,
wie selten Zdenko den Blick in die lichte Landschaft erhob von dem
Wurzelpfad, und wie schnell die Sommerblumen welkten in den heien
Hnden Luisas. Die alte Rosalka blieb ganz zu Haus und trotzte; sie
sagte vom Sommer: nein, wenn er nicht zu mir kommt, nachlaufen werd' ich
ihm nicht; setzte sich mit einem alten Gebetbuch ans Kchenfenster und
schlief ber der Frmmigkeit ein.

Die staubigen Augusttage schienen nur auf einem nicht zu lasten: auf
Rezek. Er blieb von unermdlicher Kraft, ja in jngster Zeit war sogar
eine bermtige Lustigkeit in seinem Wesen, welche Wanka nicht verstehen
konnte. Er wute nicht, da Rezek stets so zgellos wurde, wenn die
Gefahr nahe ber ihm und seinem geheimen Streben aufstieg und nahm diese
Vernderung eher als Zeichen guter Erfolge hin.

Seine letzten Bedenken entschwanden, als Rezek bei einem Spaziergange,
den sie wieder nach alter Gewohnheit zu dritt unternahmen, vorschlug, in
der Vikrka (einem kleinen, uralten Gasthofe, dem St.Veitsdom
gegenber) einzukehren. Sie saen bei einem dunkeln Tische in der
hintersten Stube und stieen mit echtem Melniker an. Der Student kargte
nicht mit dem Wein, und so laut wurde seine Lustigkeit, da die paar
brigen Gste, es waren bischfliche Lakaien, daran teilnehmen muten.
Rezek erzhlte die Sage von der Brotgrfin, die im alten Czerninschen
Palast umgehen sollte, knpfte seinen tckischen Spott an die
spannendsten Stellen und vernderte so die Wirkung seiner Worte in einer
seltsamen und berraschenden Weise. Da und dort wurden andere
Geschichten wach (sie lauern in allen Ecken dieser dmmernden Stuben),
und es fgte sich, da Zdenko die Krummauer Sagen, auch jene von Julius
Csar zum besten gab.

Eigentlich wre das deine Sache, hatte er vorher zu Luisa gesagt.

Sie aber schttelte nur stumm den Kopf, hob dann das Weinglas und hielt
es lange an die Lippen. Mit fast verschlossenem Munde begann sie zu
saugen, und ihre Augen schauten dabei gro in den Trank hinein, dessen
purpurner Widerschein ber ihrem schmalen Gesichtchen lag.

Mit einemmale sagte Rezek: Wie Sie das sagen. Merkwrdig. Ist nicht
eine hnlichkeit zwischen unserer Zeit und den Tagen vor dem
dreiigjhrigen Kriege?

Unter seinen Worten bebte etwas. Zdenko und andere lachten. Luisa aber
hob das Becherglas langsam von ihrem khlen roten Munde und sah mit
erschreckten Augen zu dem Studenten auf.

Als man spter auf dem Heimweg war, blieb Rezek nahe bei der alten
Schlostiege vor einem Thor, ber dessen Bogen ein schwarzes Ehewappen
prangte, stehen und fragte: Waren Sie schon mal drin?

Die Geschwister verneinten.

So kennen Sie nicht einmal die Daliborka? Schmen Sie sich.

Und schon trat Rezek durch den engen Thrrahmen des Thores ein und
Luisa, die nun bei ihm stand, erblickte einen reinlichen Hof, drin, von
den lichten Mauern bewacht, die breiten, warmen Schatten des Nachmittags
lagerten. Eine kleine, alte Frau trat grend aus der Hausthre, jagte
einen Schwarm Hhner vor sich her und winkte dann den Fremden, zu
folgen. Zdenko ging voran, dann kam Rezek und zuletzt Luisa, denn der
Pfad war so schmal, da einer hinter dem anderen gehen mute. Luisa
zgerte ein wenig und schaute mit glnzenden Augen umher: da war ein
lcherlich kleiner Gemsegarten, dessen Kohlkpfe und Spargelstangen
ein sechsjhriges Kind wohl htte zhlen knnen; mitten drin aber ragte
ein stmmiger Apfelbaum, welcher seine kleinen roten Frchte der fern
verschimmernden Stadt zu zeigen schien. Ein paar dichtverwucherte Stufen
lenkten in einen feuchten und dmmernden Teil des Hanges hinab und dort
standen viele Strucher von wilden Rosen, deren Zweige Luisa nicht
vorbei lassen wollten. Da blieb Rezek stehen, und das Mdchen vernahm
die Stimme des Zdenko: Also das ist der berhmte Hungerturm. Der Ritter
Dalibor hat da drinnen aus lauter Sehnsucht die Geige spielen gelernt.
Das war doch hier?

Ja, erwiderte Rezek, aber ich glaube immer, er hat das Geigen schon
frher getroffen. Die Sehnsucht singt selten.

Und da standen sie schon vor der schwerbeschlagenen Pforte des grauen
Turmes. Luisa sah empor und bemerkte, da die breiten Mauern nur
teilweise von einem neugezimmerten Dach berspannt wurden. Auf dem
freien Rande der Zinne ragte neben einer zerrauften Silberdistel eine
schlanke, junge Akazie und hob ihre blassen Blttertrauben mit
zrtlicher Anmut in den lichten Himmel hinein. Das war das letzte Bild
vom Tage. Es wurde immer feuchter und schwrzer, und die dumpfige Luft
legte sich wie ein Schleier vor des Mdchens Augen. Findet sie uns
nach? hrte sie den Studenten mal fragen. Er hielt ihr die Hand hin.
Seine Stimme kam rauh und fremd aus den ungewissen Tiefen des Gewlbes,
und Luisa war nicht imstande zu antworten. Sie tastete mit angehaltenem
Atem, leise erschauernd, an den eisigen Wnden hin und fand sich erst
wieder, als ihr der rtliche Schein eines Lichtes, wie wrmend, aus der
nchsten Halle entgegenkam. Da fand sie die beiden Mnner und die Frau
inmitten des Raumes ber irgend etwas gebeugt, und eine schwehlende
Kerze schwankte an einem Strick gerade ber ihren gesenkten Kpfen. Dann
glitt das Licht mit einem kreischenden Gerusch tiefer und tiefer an den
drei Gesichtern vorbei, welche eine Sekunde lang grell beschienen waren;
es sank bis vor ihre Fe und verschwand langsam in einer schwarzen
runden ffnung des Bodens, ber der nur noch ein letzter, lschender
Glanz hin und herzuckte. Da neigte auch Luisa sich vor und erkannte, wie
die Kerze, klein, tief unten ankam in einem zweiten grauen Gemach, unter
welchem noch ein drittes, schwarz, zu beginnen schien.

Oh, sagte Luisa.

Zdenko fate ihre feuchte, zitternde Hand: Achtgeben, Luisa.

Und dann erzhlte die Alte etwas mit einer armen, monotonen Stimme, die
sich vor den feuchten Wnden zu frchten schien und in scheuen Kreisen
eng um die vier Kpfe herumschwirrte. Die neuen, sagte sie gerade,
leise und heimlich, als wre das eine liebe, eigene Erinnerung, die sie
zum erstenmal jemandem anvertraute, die neuen, die hier herunterkamen,
erhielten ein Stck Brot und einen Krug Wasser. Ja, und mit dem Brot und
dem Wasser muten sie sich erhalten und da an dem Loch muten sie sitzen
und zuschauen, wie der, der schon eine Woche unten sa oder zwei, no je
nachdem, (es haben manche Menschen gar so viel zhe Kraft) sich langsam
zu Ende hungerte. Na und dann, wenn's in Gotts Namen zu Ende war, wurden
sie hinuntergelassen...

An diesem Seil? neckte Zdenko.

Die Frau lie sich nicht stren: Hinuntergelassen wurden sie und muten
erst den Toten, nmlich den, welchen sie haben zu Ende hungern sehen,
hineinstoen in das Loch am Boden dort -- sehen Sie. (Alle neigten sich
vor.)

Manchmal werden sie den Vorgnger wohl halb aufgefressen haben, lachte
Rezek grausam.

Kann schon sein, murrte die Alte und fuhr dann in ihrer langgewohnten
Erklrung fort.

Luisa lehnte sich an den Bruder: Es ist tief? forschte sie.

Sehr tief.

Und kann keiner wieder heraus?

Nein, erklrte jetzt Rezek. Das Ding ist wie eine Flasche; oben
schmal und immer weiter gewlbt nach seinem Grunde zu. Ein
Zurckklettern giebt's da wohl kaum. brigens wr' das das beste
Heilmittel fr bersatte auch heute noch.

Luisa hrte ihn lachen. Die Beschlieerin zog die Kerze halb herauf und
trat dann mehr in den Raum zurck. Die Mnner folgten ihr. Jetzt
erffnete der flchtige, scheue Schein eines Zndholzes da und dort
ungeahnte Nischen und Gnge, welche im nchsten Augenblick lautlos
wieder einzustrzen schienen. Ein unbestimmtes Sich-rhren begann. Das
Licht ber dem Krater wurde ngstlich, und das breite Dunkel ringsum
schien zu erwachen, sich zu dehnen und in wachsenden Gestalten an Luisa
vorberzufluten. Immer deutlicher erkannte sie Paar und Paar. Und sie
reihten sich zu einem taumelnden Tanz und aus Reigen und Neigen kam
endlich der Eine ihren staunenden Augen entgegen: Julius Csar.

Er war stumm und schwarz. Ihr schlug das Herz in die Kehle hinauf und,
erschreckt, senkte sie den Blick und er fiel, fiel in eine endlose
Tiefe. Sie wute: So stand sie am Rande des Turms. So war sie selber das
blaue Frulein. An ihrem Frieren fhlte sie, da sie ohne Kleider war,
ganz ohne Kleider. Mit bebenden Fingern tastete sie an ihrem Leib hin
und sie empfand seine bloe Gltte. Dann blickte sie auf: oben war
Nacht, sternelos. Und dann stand er bei ihr, fast vor ihr, nah am
Abgrund. Das blaue Frulein rchte sich: diesmal er. Und sie hob
unwillkrlich die Hnde und stie sie gerade nach ihm hin -- bis sie an
seine Schultern drngten, -- dann aber, im Augenblicke der jhen
Berhrung, packte sie ihn krampfhaft, ri ihn zurck, zu sich her,
fhlte ihn, und in einer neuen, tiefen, zitternden Seligkeit vergingen
ihr die Sinne.

                   *       *       *       *       *

Und am Ende sollte gar, so scheint es, die grmliche Rosalka, welche
Zdenkos Streben und den ehrgeizigen Wunsch seiner Mutter, hoffrtig und
sndig fand, recht behalten haben. Denn es mute doch etwas wie Hoffart
sein, was den jungen Menschen bewog, innerhalb drei Wochen dreimal
Wohnung zu wechseln; nmlich: aus seinem kleinen Kmmerchen, das in die
Mauern der Maltheser sah, in die Untersuchungshaft, von da in das
Hospital und endlich gar auf den VII. Friedhof des Wolschan, wo die
Mutter ihm ein Stck Landes, drei Schritte in der Lnge und zwei breit
kaufte. Mehr wollte er nicht. Und das alles war so rasch gegangen, da
die Frau mit dem alternden Verstand sich gar nicht finden konnte in
diese unerwartete, pltzliche Standeserhebung, nur den Kopf schtteln
konnte und immerwhrend unterwegs war nach dem seltsamen, winzigen
Landgut, als wollte sie nicht begreifen, da es dem neuen Besitzer
drauen gefiele. Sie verga Arbeit und Essen und kehrte jeden dritten
Tag zu dem Spitalarzt zurck, der endlich ermdete, der verstrten
Mutter immer wieder den traurigen Fall von Lungenentzndung mit letalem
Ausgang zu erklren und anzufgen, da dies bei solchem infamen
Herbstwetter nicht zu verwundern sei. Wenn Frau Wanka dann, von dem
ungeduldigen Arzt und den wartenden Besuchern fast aus der Thre
gedrngt, in den perlgrau trb triefenden Tag hinaustrat, dann nahm sie
sich jedesmal vor, sich das Wetter recht genau zu betrachten um zum
Verstndnis des traurigen Falles zu gelangen. Aber drauen hastete sie
scheu an den Husern und den Menschen vorbei und kam atemlos in ihre
Wohnung, wo sie Luisa fand, immer auf demselben Platz, mit heien,
trockenen Augen und fiebernden Hnden. Sie blieben dann einander
gegenber sitzen, ohne die Lampe anzuznden, ohne sich irgend etwas zu
sagen, ganz fern von einander, bis es so dunkel war, da sie eine die
andere vergaen. Von Zeit zu Zeit erhob sich eine der Frauen und ging
auf den Zehen, als sollte die andere nichts bemerken, hinaus, in Zdenkos
langverlassenes, verstaubtes Stbchen. Behutsam trat sie ein. Und erst
wenn sie den leeren Schreibtisch fand und das vernachlssigte, verdeckte
Bett, erlosch das irre Lcheln einer wilden, immer wieder glubigen
Hoffnung auf den zuckenden Lippen. Die Zurckgebliebene aber lauschte
dann: Sie hrte die Thre gehen. Und dann begann in der verlassenen
Kammer ein Weinen -- bang und hoffnungslos. Bis die alte Rosalka eines
Sonnabends das kleine Hinterzimmer aufwusch und dann den Schlssel an
sich nahm. Das Weinen aber hrte nicht auf; es fllte bei Tag die beiden
Stuben aus und schien in jeder Nacht suchend durch das ganze Haus zu
gehen, so da die Kinder nicht einschlafen wollten. Und auch Erwachsene
brannten Licht bis in den Morgen hinein; denn jeder in dem alten Haus
wollte die Ecken seines Zimmers berschauen und war im stillen froh,
wenn der nchste graue Regentag an die Scheiben schlug. Denen, die sich
darber beschwerten, schwor die Magd Rosalka bei Seele und Ehrlichkeit,
man knne nichts dagegen thun, als Weihwasser aufstellen und Vaterunser
beten; denn so sei es jedesmal, wenn einer strbe mit vielen weltlichen
Wnschen im Herzen und ohne die richtige Ruhe und Ergebenheit. Und man
betete beim Rbenschlen und beim Geschirrwaschen, die Nachbaren beteten
und die Hckin unter den Steinlauben betete auch. Und Weihwasser
spritzte man hinter den beiden Frauen her, welche mit jenen langsamen
taktmigen Schritten durch den Flur und die Gnge kamen, wie sie sie
gelernt hatten hinter dem Leichenwagen. Frau Wanka ging oft aus, eilte
ein paar Gassen entlang, um planlos wieder heimzukehren. Luisa aber
rhrte sich nicht von ihrem Platz. Sie hatte keine Phantasien mehr, und
in ihren Trumen waren alle Farben so bla geworden wie die Tage
drauen. Manchmal zhlte sie die Tropfen an den Fenstern und horchte: es
rauschte an ihr vorbei wie ein groer Strom, in dem viele zerbrochene,
unverstndliche Worte trieben, immer mehr und mehr -- und sie dachte:
wie nach einer berschwemmung. Dann zuckte sie pltzlich zusammen, als
htte sie jemand gerufen und -- begann wieder die vielen rinnenden
Tropfen zu zhlen.

So kam Allerseelen. Da sehen sogar die breiten Straen der Neustadt
nachdenklich aus. In den vornehmen Blumenlden liegen reiche,
prahlerische Krnze bereit und die fremden Blten in ihnen knnen nicht
lcheln. Die Vergngungsspalten der Reklamesulen sind leer berklebt,
nur das Landestheater verkndete die Auffhrung der alten
Kirchhofkomdie Der Mller und sein Kind und in den Schaufenstern der
Kunsthandlungen sind vor die bunten, englischen Drucke drei, vier, fnf
dunkle Photographieen geschoben, die Illustrationen zu dem leisen
Wehmutliede Hermann von Gilms: Stell auf den Tisch die duftenden
Reseden... Frh werden auf dem feuchtglnzenden Graben die Laternen
angezndet, und immer noch fahren Fiacres und Droschken vorbei mit
groen Palmenkrnzen auf Kutschbock und Wagendach und an mancher
Trambahn ist ber die farbige Rcklaterne ein Tannengewinde oder gar ein
Kranz von Blech gehngt, der nicht zum erstenmal am Tage der
Verstorbenen diese Reise berstehen mu. ber dem unfreundlichen Zizkov
sind schon die unglaublich langhalsigen Bogenlampen wie viele, traurige
Monde aufgegangen und drunter hin, vor den Thoren des immer weiter
wachsenden Totenparkes, ist ein unfestliches Gedrnge von Menschen, von
verweinten Menschen, die ein paar halbwelke Blumen in der Hand, in
dunkler Sehnsucht sich ihrem Ziele entgegendrngen, von erzrnten
Menschen, welche die Hast des Schmerzes nicht begreifen, von
teilnahmslosen, von feiernden, von lachenden und beobachtenden Menschen
und von vielen anderen. Die Pfade sind durch die vorlauten lauernden
Verkaufsbuden verengt, und die Kinder des langen Zuges hngen sich wie
Widerhaken an die aushngenden Lampen und Lebkuchen und Spielsachen, so
da immer neue Stockungen geschehen. Mit der Menge aber und ber ihr
wlzt sich dieser dicke schwere Dunst von traurigen, mde duftenden
Blten, welken Blttern, durchregnetem Erdreich und feuchten Kleidern,
in welchem die Worte gleichsam hngen blieben, zu dem weiten leuchtenden
Garten. Dort verteilen sich die Massen zwar in die einzelnen Alleen,
aber eigentlich sind die wenigsten bestrebt, schnell zu dem Grabe zu
kommen, welches sie beschenken wollen. Sie wollen erst auch die anderen
Seligen im Festkleid gesehen haben und finden es zu unterhaltsam, an den
Steingrften der Vornehmen hinzuschlendern, die fremden langen Namen zu
lesen und sich an den Blumen zu freuen, welche den kostbaren Marmor ganz
verdecken. Dann hineinzulugen in die dmmerigen Grabkapellen mit den
hellen glnzenden Altren, vor welchen ein verwittertes altes Mtterchen
schon den zweiten Tag bemht ist, den ihr ganz unbekannten Verewigten
die gutbezahlten Vaterunser und Gegretseistdu der hinterbliebenen
Familienmitglieder begreiflich zu machen. Und aus diesem Schatten von
Licht und Glanz schleicht sich eine unbewute, lebendige Frhlichkeit in
die Gesichter der Menge, welche seltsam absticht von den paar wunden
dunklen Menschen, die sich scheu und schwarz am Wegrand hindrcken. In
blinder Ungeduld schieben sie da und dort einen Schaufrohen zur Seite
und der denkt hinter ihnen her: Totenvgel, was wollen denn die hier?

Auf dem VII. Friedhof ist es etwas freier und einsamer. Es ist mehr Raum
hier; denn nur ein Teil des umzunten Landes ist mit Grbern und Grften
erfllt, weiterhin ist ahnungsloser, gesunder, gutgewsserter Boden, dem
man noch die frheren Ernten ansieht und der aus seiner mig gewordenen
Kraft ratlos einen ppigen, wilden, sinnlosen Garten gezeugt hat. Das
war eine gute Nachbarschaft fr den armen Zdenko Wanka, der immer noch
die Reihe der Grber an der linken Mauer hin abschlo, als wagte niemand
zu sterben seither in der groen, abgrundvollen Stadt. Die beiden
vereinsamten Frauen, Mutter und Tochter, leisteten ihm nun schon den
zweiten Tag Gesellschaft, und die alte Rosalka kam ab und zu und
erzhlte dem tauben Schmerz der beiden von der Pracht und dem Glanze
anderer Grfte. Da der Hgel des Zdenko nicht so recht festlich werden
wollte, trotz der vielen Levkoien, Astern und Vergimeinnicht, kam
daher, da durch allen Schmuck irgendwo immer wieder das nasse, neue
Erdreich durchdrang, in welchem der Grassamen noch nicht Zeit gehabt
hatte, aufzugehen. Etwas scheu schien das frische Grab sich
zurckzuziehen -- wie einer, der zum erstenmal in einer Gesellschaft
ist, deren Art und Anstand er noch nicht kennt. Auch die beiden Gste
fanden nicht recht die Sprache des Verkehrs mit dem Verlorenen, und so
mag des toten Zdenko erster Feiertag recht trbe gewesen sein. Frau
Josephine weinte nicht mehr. Sie sa auf einem der Holzbnkchen, wie sie
sich am Fuende der Grabsttten finden, und hatte gewi vergessen, da
der fremde, feuchte Herbstabend immer dichter ber ihr hereinsank. Die
Tochter, die in dem Kleidchen von schwarzem Kaschmir noch kleiner und
blasser aussah wie sonst, beobachtete, ohne da sie davon wute, die
Scene, die an einem Grabe gegenber geschah. Ein hagerer, verhrmter
Mann hatte eben eine kleine, blaue Lampe und einen Maiglckchenstrau
auf die Sttte niedergelegt, und es war eine zaghafte, rhrende
Zrtlichkeit in seiner Bewegung gewesen, etwas von jener unbeholfenen
Anmut junger, verliebter Menschen. Aber wie er nun wieder aufrecht stand
und sein weinendes, dreijhriges Kind an den schwarzen verschnittenen
Sonntagsrock prete, da brach diese Geste hart ab und eine zitternde,
hoffnungslose Wehmut begann ihn zu beugen. Er kmpfte mit ihr und
suchte immer wieder die Augen des Kindes, vielleicht um zu wissen, wie
die Augen der Mutter waren, oder um sich daraus ein wenig Glanz und
Hoffnung zu holen. Das Kind aber weinte...

Da schob sich eine Gruppe von schwarzgekleideten, jungen Mnnern in dem
Nationalrock, der Tschamara, zwischen Luisa und jene beiden Mutterlosen.
Es waren grtenteils Studenten, Freunde und Genossen des Wanka, welche
an diesem Tage mit politischen Ovationen und Liedern an die Grber ihrer
Groen und Genossen kamen, um sie ber das Gesetz der Gleichheit,
welches in diesen stillen Mauern herrschte, zu erheben. Der Widerstand,
der ihrem Beginnen jedes Jahr aufs neue von den vorsichtigen Behrden
entgegengesetzt wurde, war Schuld daran, da diese Kundgebungen einen
ber alle Herzlichkeit lauten prahlerischen Charakter bekamen und das
jugendliche Ungestm sich nicht mit dem leisen Niederlegen seiner
blhenden Liebe begngen wollte. So ordneten sich auch jetzt die Reihen,
um an Wankas Grab eines der scharfen Kampflieder anzustimmen, welches
den mit allem Vershnten an die Tage des Sturmes erinnern sollte. Es
mute dem getreuen Genossen -- und Wanka war in Treuen gestorben --
doch auch lieb sein, von dem Ausharren der Brder zu vernehmen, er mute
gleichsam einen Augenblick wieder mitten unter sie treten, wenn seine
eigenen Worte und Wnsche ber seinem Hgel erwachten. Allein als schon
das Zeichen des Anfangs gegeben werden sollte, traten die jungen Leute
mit einem dumpfen Gemurmel auseinander. Sie schmten sich pltzlich, ihr
rohes Streitlied in den tiefen, geweihten Schmerz dieser schwarzen
Frauen hineinzuschreien, und die Besten unter ihnen ahnten die Ewigkeit.
Sie senkten den groen Kranz, in dessen Immergrn Karten mit ihren Namen
staken, ganz an das Ende des Grabes nieder, als empfnden sie
unbestimmt, da der, welcher bis an diesen Platz Hand in Hand mit ihnen
gewandert war, doch nicht mehr voll zu ihnen gehrte, wenigstens in
seiner eigensten Sehnsucht nicht.

Und aus ihnen blieb Rezek zurck. Ernst und hoch, die Arme auf der Brust
verschrnkt, stand er da und hatte nur das blasse harte Gesicht, wie
sinnend, gesenkt. Vielleicht war er der einzige, welcher dachte, da
Zdenko an der zerstrten Freude gestorben sei, wenngleich er selbst es
am wenigsten verstehen konnte. Er war eine strenge Savonarolanatur,
welche da und dort im Land Scheiterhaufen entzndete; und es kamen
junge, glubige Menschen, welche ihren ganzen Reichtum in die Flammen
legten: die Freude und das Lachen und die Sehnsucht. Denn der Fanatiker
wollte ein verarmtes und entsagendes Heer hinter sich, weil er wute,
da es keine wildere Waffe giebt, als die Verzweiflung. Und sein Gesetz
fand Anhnger auch in diesem weichen, slavischen Volke, welches mit den
Schtzen seines Gemtes sich selbst verliert und verleugnet.

Auch Luisa hatte zaghaft alles vor ihm niedergelegt, was sie aus ihrer
traumdunklen Kindheit besa; er hatte es nicht bemerkt, denn sie schien
ihm kein Mitstreiter zu sein, dessen Gewinnung wertvoll wre. Und dann
hatte Luisa noch etwas hinzugelegt, etwas Unklares, Schmerzlich-seliges,
wofr sie keinen Namen wute: das aber hatte Rezek nicht erkannt, weil
es ihre erste, bebende Liebe war. -- Wie er jetzt nher zu dem Mdchen
trat, fhlte er vielleicht zum erstenmal, da er sich nicht ber ein
Kind neigte, und unwillkrlich grte sein Auge das Weib. Aber Luisa
verstand ihn nicht, er war ihr weit und vergangen wie alles. Kaum eine
Erinnerung war er ihr. Und da nahm sein Auge zugleich Abschied von ihr,
und er verneigte sich einmal tief, wie Luisa es nie bei ihm gesehen
hatte und ging. Es war schon fast Nacht, und Luisa konnte ihn mit ihren
wunden Augen nicht begleiten ber die nchsten Kreuze hinaus.

In der Nacht nach diesem Allerseelentage war kein Weinen in dem Hause,
gegenber der Maltheserkirche. Noch ehe es ganz licht war, stand Frau
Josephine auf, zog sich sorgfltiger als sonst an und teilte der Tochter
mit, da sie heute, da sie so viele Montage versumt htte, zu Oberstens
ginge. Luisa sah mit schwachem Erstaunen auf. Die Stimme der Mutter
erschien ihr ganz unbekannt als sie nun noch anfgte, sie htte durchaus
nicht die Absicht, dieses gute und vornehme Haus zu verlieren. Auch
wrde sie es gern sehen, wenn Luisa sie abholen wollte, um sich bei
Meerings in Erinnerung zu bringen. Dann ging Frau Wanka. Und das ganze
Haus sah wie ein einziges steinernes Staunen hinter ihren Schritten her,
welche fast ganz dieselbe energische Rstigkeit wieder zeigten, welche
sie vor dem Unglck besa. Dieses rasche, ruckweise Sich-aufrichten nach
Wochen des haltlosesten Hingegebenseins hatte in der That etwas
berraschendes und Unheimliches. Frau Josephine mute in den beiden
Tagen am Grabe des Sohnes irgend eine Ersparnis an Kraft und Energie,
dessen Vorhandensein sie whrend mancher Jahre vergessen hatte, in sich
entdeckt haben und da sie es nun wohl anzuwenden wute, beweist der
Umstand, da Frau von Meering den Schmerz der Mutter als nicht tief und
herzlich genug bezeichnen konnte. Sie erwartete eine gebrochene Frau zu
sehen und fand sie fast steif vor Aufgerichtetsein, sie war so gerne
bereit gewesen, gerhrt und gefhlvoll zu werden vor dem beredten
Schmerze und sah nun etwas, was man im besten Fall stumme Trauer nennen
durfte, und welchem gegenber sie eine starke, unbehagliche Verlegenheit
empfand. Dazu kam noch die Neugierde, aus dieser treuesten Quelle zu
entnehmen, wie viel an dem, was man sich so erzhlt, Wahrheit sei. Der
Oberst hatte vom Stammtisch im Hecht, wo man gerne kannegieerte, ganz
eigentmliche Gerchte heimgebracht, Geschichten, in denen alle
politischen Schlagworte der letzten Zeit vorkamen und zwar in solchem
Sinne, da es dem Herrn von Meering und seiner Gemahlin mit einemmale
bedenklich erschien, Mitglieder einer so anrchigen tschechischen
Familie in ihrem Hause zu sehen und ein ernstlicher Familienrat
abgehalten wurde, in welchem Fr und Wider gerechtermaen abgewogen,
keine eigentliche Entscheidung ergab. Der Tod des jungen auf Abwege
geratenen Menschen stimmte den alten Militr etwas nachsichtiger, und
den Ausschlag gab endlich die kluge berlegung, da ja zunchst nur die
an und fr sich anstndige Mutter, Witwe eines frstlichen Frsters, im
Hause Meering von Meerhelm Zutritt htte und da obbesagte tchtige
Wittib nur mit der Putzwsche in nhere Berhrung trte, welche
ihrerseits wieder, dadurch da sie aus Rumburg stammte, gegen
Tschechisierung und durch die fnfzackige Adelskrone derer von Meerhelm
(seit zehn Jahren) auch vor allen demokratischen Einflssen gesichert
war. So kam es, da Frau Josephine eine ganz freundliche Aufnahme
gefunden hatte und da man es fr selbstverstndlich hielt, da die
alten Wschemontage fortab wieder eingehalten wrden. Frau von Meering
gab die stille Zuversicht nicht auf, bei einem der knftigenmale nheres
zu erfahren; da dies nicht schon beim ersten Wiedersehen sich gefgt
hatte, empfand sie als Krnkung und konnte denn auch nicht umhin, der
Witwe im allerunschuldigsten Tone ihre tiefe Teilnahme an dem Unglck,
welches durch seine besonderen Umstnde noch so viel schmerzlicher
sei, -- zu versichern. Diese Zwischenbemerkung, welche sie als
Eingeweihte und Wissende erscheinen lie, imponierte ihr sehr und sie
hielt dieselbe fr einen feinen Angriff gegen die undankbare
Verschlossenheit dieser Leute.

Frau Wanka aber hatte gar nichts, weder von der Enttuschung der
Oberstin, noch von dem Hieb bemerkt, in welchem diese sich rchte; sie
mute in diesen Tagen so manches mit sich berlegen, und die Folgen
ihrer Versonnenheit traten jetzt Schlag um Schlag in rascher Reihe ins
Leben. Da war zunchst in einer bhmischen und in einer deutschen
Tageszeitung je ein kleines Inserat erschienen, welches einem
anstndigen, jungen Mann ein stilles, gutmbliertes Zimmer in ruhiger
Gegend versprach, und wer den Spuren dieser Verheiung nachgegangen
wre, htte sich unversehens auf der Kleinseite gefunden, htte die
Hckin unter den Steinlauben nach Nummer 87 neu gefragt und die
breite, ausfhrliche Antwort erhalten, da dies drei Treppen hoch bei
Wankas sei und da Wankas jetzt an Herren abmieten wollten,
wahrscheinlich weil sie gar so unglaublich viel Unglck gehabt htten.
Es kommt nun darauf an, ob der junge, anstndige Mann mehr jung oder
mehr anstndig ist, um hier im lauschigen Plauderdunkel der Steinlauben
mehr oder wenig von dem Schicksal der Frstersfamilie zu vernehmen. Es
ist ungewi, inwieweit Ernst Land unterrichtet war, als er an einem
Novembertag auf der bekannten Wendeltreppe von 87 neu zweimal in
Gefahr kam, Hals und Beine zu brechen, und nachdem unterschiedliche
Thren vor seiner deutschen Frage entrstet ins Schlo gefallen waren,
endlich vor der alten Rosalka stand, welche ihn mit groem Mitrauen
betrachtete. Er gefiel ihr nicht, das wute sie im Augenblick. Er war
ihr zu deutsch. Das empfand sie dann und wann einem Menschen
gegenber, obwohl sie nicht wute, was diesen Eindruck hervorrief, kaum,
ob es ein Zuviel oder ein Mangel war. Sie starrte in die Glser seines
angelaufenen Kneifers, konnte die Augen dahinter nicht finden und lie
sich die deutsche Frage zweimal wiederholen, obwohl sie dieselbe
verstanden hatte. Es vershnte sie erst ein wenig, als der junge Herr in
einem sehr seltsamen Bhmisch unter groen Anstrengungen die Geschichte
eines Zimmers erzhlte, welches irgendwo zu vermieten sein sollte. Seit
fnf Tagen wiederholte Land diese Behauptung vor allen Thren und war
ganz satt und matt von den Speisednsten und Verwnschungen, welche er
dafr mitbekommen hatte. Da Frau Wanka, mit welcher er sich deutsch
verstndigen konnte, keine unverhltnismigen Ansprche machte, und das
Hinterzimmer ihm ruhig und ertrglich schien, beschlo er zu bleiben.
Lrm mache ich keinen, sagte er mit seiner etwas ngstlichen Stimme am
Ende ihrer Unterredung, und gestrt werden Sie durch mich nicht sein.
Unter Tags bin ich ja viel im Geschft und abends, -- Gott, da liest man
ein wenig und... Bitte, bitte, erwiderte Frau Wanka auch etwas
verlegen. Und in der Thre wandte sie sich etwas zurck: Verzeihen Sie,
Herr, vielleicht darf ich fragen, was Sie sind? Pause. -- Apotheker,
sagte der junge Mensch traurig und sah dabei in die Mauern der
Maltheserkirche hinein.--

Sie strten einander wirklich nicht, Wankas und der junge Provisor. Sie
sahen einander kaum. Luisa vermied es, ihm zu begegnen; es schmerzte sie
zu sehr, einen fremden Menschen in das Zimmer des Zdenko eintreten zu
sehen, und sie konnte nicht fassen, wie die Mutter das hatte ber sich
bringen knnen. Sie verstand die Mutter berhaupt nicht mehr, seit sie
ihr eines Abends eine lange Rede gehalten hatte, drin viel von dem
ewigen Nichtsthun, mehr noch von Pflicht und Arbeit handelte. Und als
sich Luisa zage bereit gefunden hatte, in die Huser zu gehen oder fr
ein Geschft zu arbeiten, geschah etwas sehr Erstaunliches. Du mut
hher hinauf, das ist nichts fr dich, so etwan war die Erwiderung der
Witwe, ich htte gleich von vornherein daran denken sollen. Wozu hast
du denn in Krummau Klavierstunden genommen; da kamst du doch ziemlich
weit. Und im Franzsischen. Wenn du es nach unserem Umzug nach Prag
nicht vernachlssigt httest, knntest du heute schon Stunden geben.

Luisa lauschte: Stunden geben?

Freilich. Erst neulich sagte mir die Frau Oberstin, sie wte eine
schne Stelle fr dich, wenn du nur ein bichen mit Kindern umzugehen
verstndest und die Anfangsgrnde im Franzsischen... Das weitere
vernahm Luisa gar nicht, es war ihr zu neu und fremd, was die Mutter
erzhlte. Aber abends oft, wenn die Mutter mit Rosalka in der Kche
abrechnete, und Luisa, schon halb entkleidet, am Rande ihres Bettes sa
und sich so recht mde und klein fhlte, faltete sie die Hnde und
sprach ihr erstes Kindergebet und glaubte seinen lieben, verblaten
Worten, da sie wirklich noch ein Kind, ein kleines, blondes Kind sei,
und sie sehnte etwas ber sich wie einen treuen, traulichen Schutz und
trumte dann von Engeln mit breiten, goldenen Flgeln.

Aber trotz alledem war es wirklich nach dem Willen der Mutter geschehen.
Luisa nahm Unterricht in Musik und im Franzsischen, tglich mehrere
Stunden, und ihre Lehrerinnen versicherten, da sie gute Fortschritte
mache. Sie selbst wute nichts davon. Sie begriff allmhlich, da sie
einmal andere prchtige und mrchenhafte Dinge besessen htte -- es war
lange her -- und, da der Ersatz, den man ihr nun gab, arm und kalt und
ohne alle Schnheit war. Und sie lebte einen Winter in stumpfer,
williger Ergebenheit hin, ohne da irgend etwas sich vernderte, als da
sie blasser, kleiner und leiser wurde. Ihr Schritt war kaum mehr zu
vernehmen, und wie oft erschrak eines von den Nachbarskindern, wenn sie,
ohne da die Treppe geknarrt hatte, mitten im Gange stand, und es lief
meist schreiend davon, wenn das Mdchen die bleichen Hnde ihm mit
zaghafter Zrtlichkeit entgegenhielt. -- So schienen es uerlich ganz
ruhige Zeiten zu sein, in welchen jeder seine Pflicht that ohne Erregung
oder Strung und doch bestand ein stiller und unerbittlicher Kampf
zwischen der tchtigen, thtigen Witwe, die mit jedem Tag rstiger
wurde, und dem duldenden Mdchen, welches vor Erstaunen noch nicht
wute, wie ihm geschah und gegen die rcksichtslose Entschlossenheit der
Mutter keine andere Waffe fand, als dieses unmerkliche, stumme
Verwelken, das seinem Gesichtchen eine so rhrende, wehmtige Schnheit
verlieh.

Vielleicht sah Ernst Land diese Schnheit, aber er erkannte sie nicht.
Er frchtete sich vor den Frauen und doch dachte er manchen Abend an
sie, an irgend ein unbestimmtes Bild von Anmut und Gte, welches bald
die htenden Hnde ber ihm hielt, bald bang und zaghaft von seinem
Schutz und seiner Hilfe lebte. Er war in engen Verhltnissen mitten in
der Stadt herangewachsen, ohne Geschwister, ohne Freunde, frmlich
grogehetzt von seinem alten, verbitterten Vater, der nicht erwarten
konnte, bis der Sohn zu verdienen begann. Er ri ihn endlich aus den
Studien, gerade als der Jngling Gefallen gefunden hatte an der
Wissenschaft, und hielt seine Pflicht fr erfllt von dem Augenblicke
an, da Ernst in einer Apotheke untergebracht und versorgt war. Nun
konnte er machen, was er wollte. Nun steht dir die Welt offen, pflegte
der alte Land mit dem letzten Pathos, dessen er fhig war, zu erklren.
Der junge Mann aber schien keine Sehnsucht zu haben nach dieser offenen
Welt. Seine Gedanken pilgerten nicht hinaus in das Neue und
Unbestimmte, wenn er sie nicht beobachtete, kehrten sie auf tausend
heimlichen Pfaden zu der einzigen, erloschenen Schnheit seiner Kindheit
zurck und knieten hin vor einer kleinen, traurigen Frau, von der er
nichts wute, als da sie weiche, slavische Lieder sang und zur Zeit, da
er begann in die Schule zu gehen, im dunklen Hinterzimmer auf dem Bette
lag und, ohne jemandem davon zu sagen, ganz langsam und lautlos,
vielleicht ein Jahr lang, starb. Damals frchtete er sich fast vor ihr,
aber als sie so frh fortgegangen war, vermite er sie berall und
gewhnte sich, alles Gute, was ihm geschah, immer wieder ihrer zarten
Liebe zuzuschreiben, von welcher er glaubte, da sie ber seinen Tagen
wach geblieben sei. Es geht frh verwaisten Kindern so: Alle Freuden,
die ihre Gespielen sorglos und selig untereinander teilen, wollen sie
nicht antasten und winden sie in stiller Treue immer wieder um das eine
dunkle Bild ihrer Sehnsucht, das in diesem Rahmen rhrender Opfer
mhlich klarer, glcklicher, teilnehmender scheint. Und weil sie arm
bleiben, bleiben sie einsam und weil sie ihre Freuden nicht verraten,
gewinnen sie keine Genossen dafr. berhaupt: wem die Mutter nicht den
Weg in die Welt gezeigt hat, der sucht und sucht und kann keine Thre
finden.

Erst seit der Provisor bei Wankas wohnte, konnte es geschehen, da er
manchmal das Gefhl hatte, zu Hause zu sein. Er war gerne in seinem
Stbchen und brachte die freien Sonntage damit zu, vor dem groen
Schreibtische, in den schweren Rauchwolken seiner Pfeife verloren, in
alten Bchern zu lesen, ber deren vergilbten Blttern er Heut und
Morgen verga. Was Wunder, da er ein leises Pochen an seiner Thre
berhrte und erst erschreckt auffuhr, als Luisa eintrat und hinter dem
dichten Tabaksqualm zag und unschlssig stehen blieb. Sie war wie ein
Traum in ihrem verblaten, schmucklosen, blauen Kleid, mit den groen,
schweigsamen Augen, und weil sie Blumen in der Hand trug, drei kleine,
weie Rosen, die sich scheu an sie anzuschmiegen schienen.

Oh bitte, entschuldigen Sie, sagte sie jetzt deutsch mit ein wenig
slavischem Tonfall, ich habe gedacht, Sie sind schon fort zum Essen ...
Ich will nur... und jetzt ging sie an ihm vorbei und steckte die drei
weien Rosen hinter ein kleines Brustbild Zdenkos, welches an der
Fensterwand hing. Land hatte es oft betrachtet. Er sah jetzt, wie ihre
Hnde zitterten vor schmerzlicher Zrtlichkeit und, ganz in Anspruch
genommen von diesem Schauen, war er nicht imstande, etwas zu sagen oder
zu thun oder zu denken. Er hrte noch das Mdchen: Sein erster
Geburtstag, den er nicht mehr bei uns ist, -- und dann war alles wie
vordem, er stand allein in dem sonntagstillen Stbchen, und htte nun
wohl weiterlesen knnen. Allein das gelang ihm nicht. Er mute immer
wieder nach der Thre hinsehen, als ob er irgendwen erwartete, und
endlich begann der Rauch ihn zu rgern und er ffnete das Fenster, so
da die Luft des klaren Februartages frisch und licht hereinflo. Da war
ihm einen Augenblick sehr festlich zu Mute und er dachte: ich habe hohe
Gste bekommen: drei weie Rosen und lchelte wie im Traum.

Im September kommen viele aus den Waldsommern und von der See in die
Stadt zurck. Sie sind des Gehens in den Gassen nicht mehr gewohnt und
halten pltzlich, ehe sie sich dessen versehen, ihren Hut in der Hand
wie im Walde, oder sie singen ganz laut vor sich hin. Das macht: die
Erinnerungen schlafen noch nicht in ihnen. Und wenn sie einander
begegnen, sind sie redselig und mitteilsam. Sie fhlen wie aus dem
Erzhlen etwas, wie der Glanz der letzten lauschenden Tage aufsteigt und
sich trstend ber die schwlen Straen und Pltze breitet. Und
vielleicht sagen sich die beiden beim Abschiednehmen: Sie sehen sehr
gut aus -- und wie Sie sich verndert haben. Und sie lcheln sich
einen Augenblick verlegen und dankbar an.

So war auch Luisa zurckgekehrt. Seit dem frhen Frhling war sie
fortgewesen: Es giebt da ein heies, heimliches Land. Glhende Blumen
sehen sich in schwarze Teiche, ber denen Vgel und Wolken rauschen.
Weie Wege drngen sich zwischen die Stmme hoher und dunkler Bume, und
finden in diesen Wldern ein lautloses, wogendes Leben. Gestalten kommen
in unbegreiflichen Gewanden, und es knnen Menschen sein mit traurigen
Mienen oder mit khlen, lchelnden Lippen. Erst geschieht dir, du
httest von ihnen sagen hren und du mut sinnen, wann und was. Aber sie
kssen dich und da erkennst du Freunde in ihnen, welche du geliebt und
vergessen hast. Und du willst sie reuig wieder kssen. Vor deinem Grue
aber entfremden ihre Zge, und sie weichen zurck in den weiten,
wogenden Wald, oder sie fallen dich an mit grausamen, blutenden Worten
und wollen, du sollst ihnen dein Herz schenken dafr. Und es ist ein
Land der Jugend: Kinder und Jnglinge, Jungfrauen und junge Mtter mit
ihrem wehen Glck tanzen und tasten die leuchtenden Gelnde hin und ihre
Wangen sind hei von einer fremden Freude. Aber sie sehen einander
nicht; denn in ihren Augen hat nichts Raum neben dem Staunen. Wenn sie
die anderen Pilger klagen oder lachen hren, lauschen sie hin und
glauben, da das die Vgel sind oder die Wipfel oder die Winde. Sie
haben alle =ein= Ziel: den Flammenberg, mitten im Lande. Und von dort
findet manch einer nicht mehr heim.

Luisa aber kam aus dem Lande, welches Fieber heit, langsam und lchelnd
durch die Grten der Genesung zurck. Zgernd erkannte sie sich selbst
und die Mutter, welche ihr weinend die Hnde kte, und die Stube, die
wie geschmckt war mit dem goldenen, vollen Septemberlicht. Es war eine
festliche Wiederkehr.

Und was waren das fr Tage seit dem ersten Ausgehen. Dieses fortwhrende
Wiedersehen und Begren mit allen Dingen und mit allen Leuten. Und die
Menschen lchelten, und die Dinge glnzten so. Sie ging wie an lauter
schimmernden Spiegeln hin, welche ihr verraten wollten, wie breit und
gro sie geworden sei. Sie wute das auch. Sie fhlte sich stark und
ausgeruht. Ohne davon zu erzhlen, begann sie ihre Stunden zu besuchen.
Sie hatte nichts vergessen, und noch vor Weihnachten konnte sie selbst
einem kleinen Mdchen Klavierunterricht geben. Die Kleine hatte einen
groen Respekt vor ihrer Lehrerin, und doch waren ihre Rollen in
Wirklichkeit umgekehrt. Die Liebe dieses kleinen Wesens und seine
Anhnglichkeit riefen tglich in Luisa eine Menge neuer freudiger
Empfindungen wach, und in ihr war ein Hinhorchen, welchem des Kindes
Fragen wie schne, segnende Antworten klangen. Und ihr geschah mit
einemmale so Vieles in diesen heitern und ereignislosen Tagen, da sie
nicht Zeit fand, ber das Gestern hinauszublicken; was dahinter war,
schien eine einzige, groe Vergangenheit und Vershnung zu sein, aus
welcher kein Schatten mehr in dieses neue, reiche Leben hineinragte.

Am Weihnachtstage trat Luisa bei dem Provisor ein.

Ich wollte Sie nur bitten, Herr Land, kommen Sie doch heute abend zu
uns, wenn Sie sonst nichts vorhaben.

Ernst Land lchelte dankbar. Dann folgte er dem Blicke des Mdchens und
wurde verlegen. ber Zdenkos kleinem Brustbild waren drei frische, weie
Rosen.

Luisa streckte ihm beide Hnde hin: Das haben Sie gethan?

Immer... und Land rgerte sich ber sein Rotwerden und versprach
schnell, zu kommen.

In der Thr blieb das Mdchen nochmals stehen: Sie sind immer so
traurig, Herr Land.

Land schwieg.

Woran denken Sie? und der Blick, mit welchem sie das fragte, ergriff
ihn so, da er mit einem Weinen in der Stimme gestand:

An meine Mutter.

Am Weihnachtsabend war ber diese Menschen eine seltsame feierliche
Stimmung gekommen. Und sie wollte auch nachher nicht mehr aus den
Stuben. Sie blieb, wie der leise Tannenduft, ber allen Dingen, selbst
als Frau Josephine, von einer jhen Schwche befallen, die langen Tage
im Bette zubrachte. Luisa nahm ihr leise alle die kleinen huslichen
Mhen aus den Hnden, eine nach der anderen, so da sie endlich nichts
kannte, als diesen lautlosen, dmmernden Feiertag hinter halbgesenkten
Gardinen mit dem Ofensingen und dem silbernen Uhrenschlagen. Und am
Abend gab es sanfte und schweigsame Gesprche zwischen den beiden
Frauen, und es kam kein Gestern darin vor; nur im Klange der Stimmen
bebte es noch: in der der Mutter als eine leise, zaghafte Bitte und in
den Worten des Mdchens als ein lichtes, trstendes Verzeihen. Und
dieses war auch noch in dem tiefen Weinen wach, mit welchem Luisa sich
eines Morgens ber die Mutter beugte, die ohne Kampf und Schmerz in
einem vershnten Frieden von ihr gegangen war.

Schon eine Woche spter nahm Luisa ihre Stunden wieder auf. Ihre Tage
waren alle randvoll von der Menge freudiger Pflichten, und wenn auch
die Nchte leer und bange ber sie hereinbrachen, sie fhlte, da ihr
auch aus dem Dunkel des Leides keine feindlichen Gefahren mehr
entgegenkamen. In jener Stille ihrer Genesung hatte sie sich zum
erstenmal selbst gefunden und hatte sich so reich und weit erkannt, da
ihr Heiligstes durch diesen Verlust nicht einsamer geworden war. Der
Gram lag nur wie in eine feine Begrenzung auf ihrem Lcheln und auf
ihrem Bewegen und konnte nicht mehr das Erwachen ihres Wesens hemmen.

Im Februar dieses Jahres war noch viel Winter gewesen; allein im Mrz
gab es einen Feiertag -- es war das Josephifest -- der alle Welt toll
machte. Nicht nur da der Schnee nur da und dort noch an Hgeln und
Bahndmmen, vergessen und verachtet, lag, -- ein Grnen war ber die
befreiten Wiesen gekommen, und ber Nacht wiegten sich in dem lauen,
lichterjagenden Wind gelbe Ktzchen an den langen, kahlen Ruten.

Da war Luisa ausgegangen, um in der Kirche von Loretto bei dem groen
Mittagshochamt zu beten. Aber sie war dann -- kaum konnte sie sagen wie,
an dem lockenden Glockenspiel der Kapuziner vorbergewandert und hatte
erst aufgesehen, als sie hinter dem Baumgarten in einer der weiten
einsamen Alleen stand und die Arme ausbreitete. Sie empfand, wie sehr
sie alles um sich liebte, wie sehr das alles zu ihr gehrte, und da
dieses leise, freudige Werden mit seinem heimlichen Glck und seiner
sen Sehnsucht ihr Schicksal sei, nicht aber das, was Menschen in
dunklem Drange wollten und irrten.

Auf dem Heimwege kamen ihr die lichten Schwrme frhlicher Menschen
entgegen, und da blieb sie lchelnd stehen und schaute ber die helle,
lebende Landschaft: Man konnte nicht glauben, da alle diese lachenden
Scharen wieder Raum finden wrden in den engen Husern drben. Das
macht: jeder von ihnen ist ber sich selbst hinausgewachsen in den
schimmernden Tag, den er kaum auf den Schultern sprt. Und der
leuchtende Himmel wirft seinen goldenen Glanz so reich und rasch ber
die Menschen und Dinge, da sie vergessen, ihre alltglichen Schatten zu
haben und selber Licht sind in dem flimmernden Land.--

Bei diesem Bild mute Luisa, sie wute nicht warum, an Zdenko denken,
und ob es ihm einmal geschehen sei in seinem dunklen Leben, da Menschen
so, licht und glcklich ihm entgegenkamen.

Dann wandte sie sich heimwrts. Die Schatten der Menschen lagen grau in
den kalten, verlassenen Gassen aufgeschichtet wie vergessene
Alltagskleider, und ein dumpfer Wintergeruch schien von ihnen
auszugehen. Luisa frstelte und auf den ersten tckischen Vorschlag der
schiefen Brgersteige, zu laufen, ging sie lustig ein und trabte nun
recht kindisch bergab an den uralten Palsten vorbei, deren mrrische
Thorriesen zrnend auf sie niedersahen. Vor denen aber hatte sie keine
Furcht mehr.

In der Thr stand Rosalka und erzhlte mit vielen Gesten den
Nachbarinnen, welche sie umdrngten, eine wichtige Neuigkeit, an welcher
die Frauen eifrig nickend Anteil nahmen. Sobald eine von ihnen Luisa
erblickt hatte, begannen sie alle in ungeduldigem Ungestm zu winken und
zu rufen. Einige Kinder schrieen mit, und Luisa begriff von allem
endlich nur das Wort: Besuch. Das gengte fr ihr grtes Erstaunen.
Whrend sie die finstere Stiege hinauf jagte, gab es in ihren Gedanken
nur ein einziges, riesiges Wer?. Mit dieser Neugierde in den Augen
sprang sie in die Stube, wo Frau von Meering mit unverhehlter
Gekrnktheit, steif und stramm, auf dem Sofa wartete. Aber das grere
Erstaunen war doch auf der Seite der Oberstin, welche eben erst ihr
Beileid fr den letzten Unglcksfall mitgebracht hatte und auer stande
war, diesem strahlenden, atemlosen Kind eines von ihren schnen,
gndigen Trauerworten zu zeigen. Sie fhlte eine mchtige, gerechte
Entrstung dieser lachenden Gesundheit gegenber und kam sich ebenso
berflssig vor wie bei jenem frheren Fall. Diese Leute, dachte sie,
das mu in der Familie liegen.

Inzwischen hatte Luisa sich zu einigen Entschuldigungen erholt und
fragte die Dame artig nach dem Grunde ihres Besuches. Frau von Meering
drckte hastig ihr Taschentuch vor das Gesicht und schluchzte aus einer
Falte heraus: Ihre arme, arme Mutter.

Als auf diese ergreifende Bemerkung keine Antwort kam, sah die Oberstin
auf und betonte mit strengen Augen: Sie war eine sehr achtbare, brave
Frau.

Luisa sa mit gesenktem Blicke da und betrachtete -- so schien es -- die
Spitze ihres zierlichen Fues. Die Dame wartete noch eine Weile, und da
Luisa immer noch nicht zu weinen begann, erkannte sie, da diesem
verstockten Mdchen gegenber doch alle Milde und Anteilnahme erfolglos
sein wrde. Und indem sie gleichsam in ihrer Miene schon anfing, sich zu
erheben, fgte sie in bitterem Tone hinzu:

Ich wollte Ihnen nur das Eine sagen, mein Kind. Sie haben doch wohl
schon die Vernderungen berlegt, welche seit dem Tode ihrer braven
Mutter ntig geworden sind?

Ich wei nicht -- zgerte Luisa verlegen.

Es versteht sich doch von selbst, da Sie diesem jungen Mann
augenblicklich kndigen mssen, der, wie ich mit Erstaunen vernehme,
immer noch bei Ihnen wohnt.

Aber-- machte Luisa mit groen, erstaunten Augen. Dann zuckte ein
Lcheln ber ihr Gesicht, welches fast schelmisch war.

Frau von Meering stand schon an der Thr.

Ich habe es fr meine Pflicht gehalten, Sie darauf aufmerksam zu
machen. Sie knnen ja thun, wie es Ihnen beliebt.

Ja, gndige Frau, erwiderte Luisa in pltzlichem bermut und stellte
sich auf die Fuspitzen, um die Oberstin, welche immer grer zu werden
schien, zu erreichen. Dann fragte sie lchelnd: Wollen Sie nicht noch
einen Augenblick ausruhen, gndige Frau?

Die Dame aber entfloh aus diesem grlichen Hause. Sie war schon in der
Kche, wo sich ihr die alte Magd Rosalka ungestm entgegenwarf, um ihr
dann ganz behutsam den rmel der Seidenmantille in der Nhe des
Ellbogens zu kssen. Die Beleidigte entri sich mit einem knappen
Adieu der sklavischen Verehrung und fand in dem Gaffen der
Hausgenossen auf Stiegen und Gngen und in ihrer tuschelnden Bewunderung
nur ein kleines Entgelt fr diese erlittene Mihandlung.

Luisa blieb eine Weile nachdenklich stehen. Rosalka war nach vorn ans
Fenster gelaufen, um noch etwas von der vornehmen Dame zu sehen, welche,
wie sie betonte, bei uns zu Besuch war.

Als sie wieder zurckkam, hatte sie sehr neugierige Augen.

Luisa bemerkte es nicht. Sie sagte whrend des Auf- und
Niederschreitens: Ich glaube, wir bleiben in dieser Wohnung. Und
darber hab' ich ganz vergessen, mit Ihnen zu sprechen, Rosalka. Sie
sind also jetzt bei mir im Dienst und unter den alten Bedingungen. Sie
wollen doch?

Die Alte verschwor ihre zeitliche und ewige Glckseligkeit dafr, und
dabei passierte es, da sie unter Thrnen mit einemmal, statt wie von
Kindheit her: Loisinka, Frulein zu ihrer Herrin gesagt hatte.

Dann pochte Luisa an Lands Thre.

Er kam ihr lchelnd entgegen. Sie Maulwurf, rief sie ihn scherzend an,
immer in der Stube. Heute mssen Sie mal hinaus aus der Stadt.
Frhling! Ich war drauen weit, weit und sie machte eine Bewegung, als
wollte sie ihm zeigen, wo der Frhling liegt. Ihre Augen glnzten so
verheiend. Dann fuhr sie fort in wichtigem, geschftlichem Ton: Ich
will Sie nicht stren, Herr Land. Nur das wollte ich Ihnen mitteilen.
Ich behalte die Wohnung; es bleibt also alles beim alten, d.h. wenn Sie
mit dem Zimmer sonst zufrieden sind?

Er suchte ihre Augen und sah dann rasch zu Boden: Oh, sagte er weich,
ich bin sehr gerne hier, ich glaube... Er begann die Handflchen
aneinander zu reiben...

Luisa hatte die Klinke in der Hand behalten: Das ist schn, half sie
ihm und wurde auch etwas ratlos.

Er sah aus, als htte er etwas auf dem Herzen.

Die beiden jungen Menschen schwiegen.

Dann begann das Mdchen: Ich mchte so gern etwas besser deutsch
lernen, vielleicht knnen Sie ein wenig bhmisch brauchen dafr.

Ja atmete Land auf, ich liebe Ihre Sprache.

Also, bat Luisa heiter, dann kommen Sie doch, wenn Sie Zeit haben,
eine Weile nach vorn. Es giebt ein paar Bcher da, auch deutsche.

Und in der Thre fgte sie an: Kommen Sie so oft Sie wollen, und
leiser: Sie mssen mir viel von Ihrer Mutter erzhlen.




[ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
steht.

Schauen sie nur irgend einen an. Der Kars schreibt in deutsche
Schauen sie nur irgend einen an. Der Kars schreibt in deutschen

mal mehr in den Romanen Berechtigung htte und der Lyriker Machl, der
mal mehr in den Romanen Berechtigung htte und der Lyriker Machal, der

im Stile Maupassant, welche ein junger Kollege erscheinen lassen
im Stile Maupassants, welche ein junger Kollege erscheinen lassen

dem Arger, nicht ber die Schwelle des Wohnzimmers gesehen zu haben.
dem rger, nicht ber die Schwelle des Wohnzimmers gesehen zu haben.

aber nich nur ihm selbst rckhaltlose Anerkennung zu, er wute jeden
aber nicht nur ihm selbst rckhaltlose Anerkennung zu, er wute jeden

Rezek folgte. Ich komme oft her, sagte er. Es geht so langsam mit dem
Rezek folgte. Ich komme oft her, sagte er. Es geht so langsam mit dem

sich eine Cigarrette anzuznden. Dann gingen sie schweigend der Stadt zu.
sich eine Cigarette anzuznden. Dann gingen sie schweigend der Stadt zu.
]





End of Project Gutenberg's Zwei Prager Geschichten, by Rainer Maria Rilke

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZWEI PRAGER GESCHICHTEN ***

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