The Project Gutenberg EBook of Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach
Fltz mit fortgehenden Noten, by Jean Paul

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Title: Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Fltz mit fortgehenden Noten

Author: Jean Paul

Illustrator: Karl Thylmann

Release Date: January 12, 2009 [EBook #27775]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DES FELDPREDIGERS SCHMELZLE REISE ***




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  [ Anmerkungen zur Transkription:

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    Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen;
    lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
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    Die fortgehenden Noten (siehe die Vorrede des Verfassers, Punkt 2)
    wurden an ihren ursprnglichen Stellen im Text belassen. Um sie vom
    Haupttext abzusetzen und damit die Lesbarkeit zu erhhen, wurden sie
    vier Zeichen eingerckt.
  ]




                    [Illustration: Attila Schmelzle]




                                  Des
                        Feldpredigers Schmelzle
                            Reise nach Fltz
                        mit fortgehenden Noten;
                                  von
                               Jean Paul.



                                Leipzig
                           Kurt Wolff Verlag
                                 1917.



                            Mit acht Kupfern
                                  von
                             Karl Thylmann


                               2. Abdruck




Vorrede des Verfassers.


Ich glaube, mit drei Worten ist sie gemacht, so wie der Mensch und seine
Bue aus ebenso vielen Teilen.

1) Das erste Wort ist ber den Zirkelbrief des Feldpredigers Schmelzle
zu sagen, worin er seinen Freunden seine Reise nach der Hauptstadt
Fltz beschreibt, nachdem er in einer Einleitung einige Beweise und
Versicherungen seines Mutes vorausgeschickt. Eigentlich ist selber die
Reise nur dazu bestimmt, seine vom Gerchte angefochtene Herzhaftigkeit
durch lauter Tatsachen zu bewhren, die er darin erzhlt. Ob es nicht
inzwischen feine Nasen von Lesern geben drfte, welche aus einigen
darunter gerade umgekehrt schlieen, seine Brust sei nicht berall
bombenfest, wenigstens auf der linken Seite, darber lass' ich mein
Urteil schweben.

brigens bitte ich die Kunstkenner sowie ihren Nachtrab, die
Kunstrichter, diese Reise, fr deren Kunstgehalt ich als Herausgeber
verantwortlich werde, blo fr ein Portrt (im franzsischen Sinne),
fr ein Charakterstck zu halten. Es ist ein will- oder unwillkrliches
Luststck, bei dem ich so oft gelacht, da ich mir fr die Zukunft
hnliche Charaktergemlde zu machen vorgesetzt. -- Wann knnte indes ein
solches Luststckchen schicklicher der Welt ausgestellt und beschert
werden, als eben in Zeiten, wo schweres Geld und leichtes Gelchter
fast ausgeklungen haben, zumal da wir jetzt wie Trken blo mit Beuteln
rechnen und zahlen (der Inhalt ist heraus) und mit Herzbeuteln (der
Inhalt ist darin)?--

Verchtlich wrde mir's vorkommen, wenn irgendein roher Tintenknecht
rgend und ffentlich anfragte, auf welchen Wegen ich zu diesem
Selbst-Kabinetts-Stcke Schmelzles gekommen sei. Ich wei sie gut und
sage sie nicht. Dieses fremde Luststck, wofr ich allerdings (mein
Verleger bezeugt's) den Ehrensold selber beziehe, berkam ich so
rechtlich, da ich unbeschreiblich ruhig erwarte, was der Feldprediger
gegen die Herausgabe sagt, falls er nicht schweigt. Mein Gewissen brgt
mir, da ich wenigstens auf ehrlicheren Wegen zu diesem Besitztume
gekommen, als die sind, auf denen Gelehrte mit den Ohren stehlen, welche
als geistige Hrsaalshausdiebe und Kathederschnapphhne und Kreuzer die
erbeuteten Vorlesungen in den Buchdruckereien ausschiffen, um sie im
Lande als eigene Erzeugnisse zu verhandeln. Noch hab' ich wenig mehr in
meinem Leben gestohlen, als jugendlich zuweilen -- Blicke.

2) Das zweite Wort soll die auffallende, mit einem Notensouterrain
durchbrochene Gestalt des Werkleins entschuldigen. Sie gefllt mir
selber nicht. Die Welt schlage auf und schaue hinein und entscheide
ebenfalls. Aber folgender Zufall zog diese durch das ganze Buch
streichende Teilungslinie: ich hatte meine eigenen Gedanken (oder
Digressionen), womit ich die des Feldpredigers nicht stren durfte, und
die blo als Noten hinter der Linie fechten konnten, aus Bequemlichkeit
in ein besonderes Manuskript zusammengeschrieben, und jede Note
ordentlich, wie man sieht, mit ihrer Nummer versehen, die sich blo auf
die Seitenzahl des fremden Hauptmanuskripts bezog; ich hatte aber bei
dem Kopieren des letzteren vergessen, in den Text selber die
entsprechende einzuschreiben. Daher werfe niemand, sowenig als ich,
einen Stein auf den guten Setzer, da dieser -- vielleicht in der
Meinung, es gehre zu meiner Manier, worin ich etwas suchte -- die Noten
geradeso, wie sie ohne Rangordnung der Zahlen untereinander standen,
unter den Text hinsetzte, jedoch durch ein sehr lobenswrdiges
knstliches Ausrechnen wenigstens dafr sorgte, da unter jede Textseite
etwas von solchem glnzenden Notenniederschlag kme. ---- Nun, die
Sache ist einmal geschehen, ja verewigt, nmlich gedruckt. Am Ende
sollte ich mich eigentlich darber erfreuen. In der Tat -- und htt'
ich jahrelang darauf gesonnen (wie ich's bisher seit zwanzigen getan),
um fr meine Digressionskometenkerne neue Lichthlsen, wenn nicht
Zugsonnen, fr meine Episoden neue Epopen zu erdenken: schwerlich
htt' ich fr solche Snden einen besseren und gerumigeren Sndenbalg
erfunden, als hier Zufall und Setzer fertig gemacht darreichen. Ich habe
nur zu beklagen, da die Sache gedruckt worden, eh' ich Gebrauch davon
machen knnen. Himmel! welche fernsten Anspielungen (htt' ich's vor
dem Drucke gewut) wren nicht in jeder Textseite und Notennummer zu
verstecken gewesen, und welche scheinbare Unangemessenheit in die
wirkliche Gemessenheit und ins Notenuntere der Karten; wie empfindlich
und boshaft wre nicht die Hhe und auf die Seite herauszuhauen gewesen,
aus den sicheren Kasematten und Miniergngen unten, und welche _laesio
ultradimidium_ (Verletzung ber die Hlfte des Textes) wre nicht mit
satirischen Verletzungen zu erfllen und zu ergnzen gewesen!

Aber das Schicksal wollte mir nicht so gut; ich sollte von diesem
goldenen Handwerksboden fr Satiren erst etwas erfahren drei Tage vor
der Vorrede.

Vielleicht aber holt die Schreibwelt -- bei dem Flmmchen dieses Zufalls
-- eine wichtigere Ausbeute, einen greren unterirdischen Schatz
herauf, als leider ich gehoben; denn nun ist dem Schriftsteller ein Weg
gezeigt, in einem Marmorbande ganz verschiedene Werke zu geben, auf
einem Blatte zugleich fr zwei Geschlechter, ohne deren Vermischung, ja
fr fnf Fakultten zugleich, ohne deren Grenzverrckung, zu schreiben,
indem er, statt ein ekles, grendes Allerlei fr niemand zu brauen, blo
dahin arbeitet, da er Notenlinien oder Demarkationslinien zieht und so
auf dem nmlichen fnfstckigen Blatte die unhnlichsten Kpfe behauset
und bewirtet. Vielleicht lse dann mancher ein Buch zum vierten Male,
blo, weil er jedesmal nur ein Viertel gelesen.

Wenigstens den Wert hat dieses Werk, da es ein Werkchen ist, und klein
genug; so da es, hoff' ich, jeder Leser fast schon im Buchladen schnell
durchlaufen und auslesen kann, ohne es, wie ein dickes, erst deshalb
kaufen zu mssen. -- Und warum soll denn berhaupt auf der Krperwelt
etwas anderes gro sein, als nur das, was nicht zu ihr gehrt, die
Geisterwelt?--

                         =Baireuth=,
               im Heu- und Friedensmonat 1807.

                                 =Jean Paul Fr. Richter.=


[Illustration: Der Blitzschirm ist nmlich ganz der Reimarus'sche]




Zirkelbrief des vermutlichen katechetischen Professors =Attila
Schmelzle= an seine Freunde, eine Ferienreise nach Fltz enthaltend,
samt einer Einleitung, sein Davonlaufen und seinen Mut als voriger
Feldprediger betreffend.


Nichts ist wohl lcherlicher, meine werten Freunde, als wenn man
einen Mann fr einen Hasen ausgibt, der vielleicht gerade mit den
entgegengesetzten Fehlern eines Lwen kmpft, wiewohl nun auch der
afrikanische Leu seit Sparrmanns Reise als ein Feigling zirkuliert.
Ich bin indes in diesem Falle, Freunde, wovon ich spter reden werde,
ehe ich meine

    [103] Gute Frsten bekommen leicht gute Untertanen (nicht so leicht
    diese jene); so wie Adam im Stande der Unschuld die Herrschaft ber
    die Tiere hatte, die alle zahm waren und blieben, bis sie blo mit
    ihm verwilderten und fielen.

Reise beschreibe. Ihr freilich wit alle, da ich gerade umgekehrt den
Mut und den Waghals (ist er nur sonst kein Grobian) vergttere, zum
Beispiel meinen Schwager, den Dragoner, der wohl nie in seinem Leben
einen Menschen allein ausgeprgelt; sondern immer einen ganzen geselligen
Zirkel zugleich. Wie furchtbar war nicht meine Phantasie schon in der
Kindheit, wo ich, wenn der Pfarrer die stumme Kirche in einem fort
anredete, mir oft den Gedanken: wie, wenn du jetzt geradezu aus dem
Kirchenstuhle hinauf schrieest: ich bin auch da, Herr Pfarrer! so
glhend ausmalte, da ich vor Grausen hinaus mute! -- So etwas wie
Rugendas' Schlachtstcke -- entsetzliches Mordgetmmel -- Seetreffen und
Landstrme bei Toulon -- auffliegende Flotten -- und in der Kindheit
Prager Schlachten auf Klavieren -- und kurz, jede Karte von einem
reichen Kriegsschauplatz; dies sind vielleicht zu sehr meine
Liebhabereien und ich lese -- und kaufe nichts lieber; es knnte

    [5] Denn ein guter Arzt rettet, wenn nicht immer von der Krankheit,
    doch von einem schlechten Arzt.

mich oft zu manchem versuchen, hielt mich nicht meine Lage aufrecht.
Soll indes rechter Mut etwas Hheres sein, als bloes Denken und Wollen:
so genehmigt ihr es am ersten, Werteste, wenn auch der meinige einst
dadurch in ttige Worte ausbrechen will, da ich meinen knftigen
Katecheten, so gut es in Vorlesungen mglich, zu christlichen Heroen
sthle. -- Es ist bekannt, da ich immer, wenigstens zehn Acker weit,
von jedem Ufer voll Badegste und Wasserschwimmer fern spazieren gehe,
um fr mein Leben zu sorgen, blo weil ich voraussehe, da ich, falls
einer davon ertrinken wollte, ohne weiteres (denn das Herz berflgelt
den Kopf) ihm, dem Narren, rettend nachspringen wrde, in irgendeine
bodenlose Tiefe hinein, wo wir beide ersffen. -- Und wenn das Trumen
der Widerschein des Wachens ist, so frag' ich euch, Treue, erinnert ihr
euch nicht mehr, da ich euch Trume von mir erzhlt habe, deren sich
kein Csar, Alexander und

    [100] Die Bcher liegen voll Phnixasche eines tausendjhrigen
    Reichs und Paradieses; aber der Krieg weht und viel Asche verstubt.

Luther schmen darf? Hab' ich nicht -- um nur an einige zu erinnern --
Rom gestrmt und mich mit dem Papste und dem Elefantenorden des
Kardinalkollegiums zugleich duelliert? Bin ich nicht zu Pferde, worauf
ich als Revuezuschauer gesessen, in ein _bataillon quarr_ eingebrochen
und habe in Aachen die Percke Karls des Groen, wofr die Stadt
jhrlich zehn Rtlr. Frisiergeld zahlt, und darauf in Halberstadt von
Gleim Friedrichs Hut erobert, und beide aufeinander aufgesetzt und habe
mich doch noch umgekehrt, nachdem ich vorher auf einem erstrmten Walle
die Kanone gegen den Kanonier selber umgekehrt? -- habe ich nicht mich
beschneiden und doch als Jude mich zhlen lassen, und mit Schinken
bewirten, wiewohl's Affenschinken am Orinoko waren (nach Humboldt)? Und
tausend dergleichen; denn zum Beispiel den Fltzer Konsistorialprsidenten
hab' ich aus dem Schlofenster geworfen -- Knall- oder Allarmfidibus von

    [102] Lieber politischer und religiser Inquisitor! Die Turiner
    Lichtchen leuchten ja erst recht, wenn du sie zerbrichst, und znden
    dann sogar.

Heinrich Backofen in Gotha, das Dutzend zu 6Gr., und jeder wie eine
Kanone knallschlagend, hab' ich so ruhig angehrt, da die Fidibus mich
nicht einmal aufweckten -- und mehr.

Doch genug! Es ist Zeit, mit wenigem die Verleumdung meines
Feldpredigeramtes, die leider auch in Fltz umluft, blo dadurch, wie
ein Csar den Alexander zu zerstuben, da ich sie berhre. Es sei daran
wahr was wolle, es ist immer wenig oder gar nichts. Euer groer Minister
und General in Fltz -- vielleicht der grte berall -- denn es gibt
nicht viele Schabacker -- konnte allerdings wie jeder groe Mann gegen
mich eingenommen werden, doch nicht mit dem Geschtz der Wahrheit; denn
letzteres stell' ich euch hierher, ihr Herzen, und drckt ihr's nur zu
meinem Besten ab! Es laufen nmlich im Fltzischen unsinnige Gerchte
um, da ich aus bedeutenden Schlachten Reiaus genommen

    [86] So wahr! In der Jugend liebt und geniet man unhnliche Freunde
    fast mehr, als im Alter die hnlichsten.

(so pbelhaft spricht man), und da nachher, als man Feldprediger
zu Dank- und Siegespredigten gesucht, nichts zu haben gewesen. Das
Lcherliche davon erhellt wohl am besten, wenn ich sage, da ich in gar
keinem Treffen gewesen bin, sondern mehrere Stunden vor demselben mich
so viele Meilen rckwrts dahin gezogen habe, wo mich unsere Leute,
sobald sie geschlagen worden, notwendig treffen muten. Zu keiner Zeit,
ist der Rckzug wohl so gut -- ein guter aber wird fr das Meisterstck
der Kriegskunst gehalten -- und mit solcher Ordnung, Strke und Sicherheit
zu machen, als eben vor dem Treffen, wo man ja nicht geschlagen ist.

Ich knnte zwar als hoffentlicher Professor der Katechetik zu solchen
Verumfeiungen meines Mutes still sitzen und lcheln -- denn schmied' ich
meine knftigen Katecheten durch sokratisches Fragen zum Weiterfragen
zu: so hab' ich sie zu Helden gehrtet, da nichts gegen sie zu Felde
zieht als Kinder -- Katecheten

    [128] In der Liebe gibt's Sommerferien; aber in der Ehe gibt's auch
    Winterferien, hoff' ich.

drfen ohnehin Feuer frchten, nur Licht nicht, da in unseren Tagen wie
in London die Fenster eingeworfen werden, wenn sie nicht erleuchtet
sind, anstatt da es sonst den Vlkern mit dem Lichte ging wie den
Hunden mit dem Wasser, die, wenn man ihnen lange keins gibt, endlich die
Scheu vor dem Wasser bekommen -- und berhaupt suselt fr Katecheten
jeder Park lieblicher und wohlriechender als ein schwefelhafter
Artilleriepark, und der Kriegsfu, worauf die Zeit gesetzt wird, ist
ihnen der wahre teuflische Pferdefu der Menschheit.----

Aber ich denke anders -- ordentlich als wre der Patengeist des
Taufnamen Attila mehr, als sich's gehrt, in mich gefahren, ist

    [143] Die Weiber haben wchentlich wenigstens einen aktiven und
    passiven =Neids=tag, den heiligen, den Sonntag; -- nur die hhern
    Stnde haben mehr Sonn- als Werkeltage, so wie man in groen Stdten
    seinen Sonntag schon Freitags mit einem Trken feiern kann, Sonnabends
    mit einem Juden, Sonntags mit sich selbst. Weiber gleichen kstlichen
    Arbeiten aus Elfenbein, nichts ist weier und gltter und nichts wird
    leichter gelb.

mir daran gelegen, immer nur meinen Mut zu beweisen, was ich denn hier
wieder mit einigen Zeilen tun will, teuerste Freunde! Ich knnte diese
Beweise schon durch bloe Schlsse und gelehrte Zitate fhren. Zum
Beispiel wenn Galen bemerkt, da Tiere mit groen Hinterbacken
schchtern sind: so brauch' ich blo mich umzuwenden und dem Feinde nur
den Rcken -- und was darunter ist -- zu zeigen, wenn er sehen soll,
da es mir nicht an Tapferkeit fehlt, sondern an Fleisch. -- Wenn nach
bekannten Erfahrungen Fleischspeisen herzhaft machen: so kann ich
dartun, da ich hierin keinem Offizier nachstehe, welcher bei seinem
Speisewirt groe Bratenrechnungen nicht nur machen, sondern auch
unsaldiert bestehen lt, um zu jeder Stunde, sogar bei seinem Feinde
selber (dem Wirte), ein offenes Dokument zu haben, da er das Seinige
(und Fremdes dazu) gegessen, und gemeines Fleisch auf den Kriegsfu
gesetzt,

    [34] Nur die kleinen Tapeten- und Hintertren sind die Gnadentren;
    das groe Tor ist die Ungnadentre, die Flgeltren sind halbe
    Januspforten.

lebend nicht, wie ein anderer, von Tapferkeit, sondern fr Tapferkeit.
Ebensowenig hab' ich je als Feldprediger hinter irgendeinem Offizier
unter dem Regimente zurckstehen wollen, der ein Lwe ist und mithin
jeden Raub angreift, nur da er, wie dieser Knig der Tiere, das Feuer
frchtet -- oder der, wie Knig Jakob von England, welcher davonlaufend
vor nackten Degen, desto khner vor ganz Europa dem strmenden Luther
mit Buch und Feder entgegenschritt, gleichfalls bei hnlicher
Idiosynkrasie sowohl mndlich als schriftlich mit jedem Kriegsheer
anbindet. Hier entsinn' ich mich vergngt eines wackeren Sous-Lieutenants,
der mir beichtete -- wiewohl er mir noch das Beichtgeld schuldig ist,
sowie, noch besser, seinen Wirtinnen das Sndengeld -- welcher in
Rcksicht der Herzhaftigkeit vielleicht etwas von jenem indischen Hunde
hatte, den Alexander geschenkt bekommen

    [21] Schiller und Klopstock sind poetische Spiegel vor dem
    Sonnengotte; die Spiegel werfen so blendend die Sonne zurck, da
    man in ihnen die Gemlde der Welt nicht gespiegelt sehen kann.

als einen Hundsalexander. Der Makedonier lie zur Probe auf den
Wunderhund andere Helden- oder Wappentiere anlaufen -- erstlich einen
Hirschen -- aber der Hund ruhte; -- dann eine Sau -- er ruhte; -- sogar
einen Bren -- er ruhte: jetzt wollt' ihn Alexander verurteilen, als
man endlich einen Lwen einlie; da stand der Hund auf und zerri den
Lwen. Ebenso der Sous-Lieutenant. Ein Duellant, ein Auswrtsfeind, ein
Franzose ist ihm nur Hirsch und Sau und Br, und er bleibt liegen; aber
nun komme und klopfe an sein ltester, strkster Feind, sein Glubiger,
und fordere ihm fr verjhrte Freuden jetziges Schmerzensgeld ab, und
wollt' ihm so Vergangenheit und Zukunft zugleich abrauben: der Leutnant
fhrt auf und wirft den Glubiger die Treppe hinab. Leider steh' ich
auch erst bei der Sau und werde natrlich verkannt.

_Quo_ -- sagt LiviusXII.5. mit Recht --

    [72] Den Halbgelehrten betet der Viertelsgelehrte an -- diesen der
    Sechzehnteilsgelehrte -- und so fort; -- aber nicht den Ganzgelehrten
    der Halbgelehrte.

_quo timoris minus est, eo minus ferme periculi est_, oder zu deutsch
-- je weniger man Furcht hat, desto weniger Gefahr ist fast dabei; ich
kehre den Satz ebenso richtig um, je weniger Gefahr, desto kleiner die
Furcht, ja es kann Lagen geben, wo man ganz und gar von Furcht nichts
wei -- worunter meine gehrt. Um desto verhater mu mir jede Afterrede
ber Hasenherzigkeit erscheinen.

Ich schicke meiner Ferienreise noch einige Tatsachen voraus, welche
beweisen, wie leicht Vorsicht -- das heit wenn ein Mensch nicht dem
dummen Hamster gleichen will, der sich sogar gegen einen Mann zu Pferde
auflehnt -- fr Feigheit gelte. Ich wnschte brigens nur, ich knnte
ebenso glcklich einen ganz anderen Vorwurf, den eines Waghalses,
ablehnen, wiewohl ich doch im folgenden gute Fakta beizubringen gedenke,
die ihn entkrften.

    [35] _Bien couter c'est presque rpondre_ sagt Marivaux mit Recht
    von geselligen Zirkeln; ich dehn' es aber auch auf runde Sessions-
    und Kabinettstische aus, wo man referiert und der Frst zuhrt.

Was hilft der Heldenarm ohne ein Heldenauge? Jener wchst leicht strker
und nerviger, dieses aber schleift sich nicht so bald wie Glser
schrfer. Indes aber, die Verdienste der Vorsicht fallen weniger ins
Auge (ja mehr ins Lcherliche) als die des Mutes. Wer mich zum Beispiel
bei ganz heiterem Himmel mit einem wachstuchenen Regenschirm gehen
sieht: dem komm' ich wahrscheinlich so lange lcherlich vor, als er
nicht wei, da ich ihn als Blitzschirm fhre, um nicht von einem
Wetterstrahl aus blauem Himmel (wovon in der mittleren Geschichte mehr
als ein Beispiel steht) getroffen zu werden. Der Blitzschirm ist nmlich
ganz der Reimarussche; ich trage auf einem langen Spazierstocke das
wachstuchene Sturmdach, von dessen Giebel sich eine Goldtresse als
Ableitungskette niederzieht, die durch einen Schlssel, den sie auf dem
Fusteig nachschleift, jeden mglichen

    [17] Das Bette der Ehren sollte man doch, da oft ganze Regimenter
    darauf liegen, und die letzte lung und vorletzte Ehre empfangen von
    Zeit zu Zeit weichfllen, ausklopfen und smmern.

Blitz leicht ber die ganze Erdflche ableitet und verteilt. Mit diesem
Paradonner (_paratonnerre portatif_) in der Hand will ich mich wochenlang
ohne die geringste Gefahr unter dem blauen Himmel herumtreiben. Indes
deckt diese Taucherglocke noch gegen etwas anderes -- gegen Kugeln. Denn
wer gibt mir im Herbste schwarz auf wei, da kein versteckter Narr von
Jger irgendwo, wenn ich die Natur geniee und durchstreife, seine
Kugelbchse in einem Winkel von 45Grad so abdrckt, da sie im
Herunterfallen blo auf meinem Scheitel aufzuschlagen braucht, damit
es so gut ist, als wrd' ich seitwrts ins Gehirn geschossen?

Es ist ohnehin schlimm genug, da wir nichts gegen den Mond haben, uns
zu wehren -- der uns gegenwrtig beschiet mit Gestein, wie ein halber
trkischer; denn dieser elende,

    [112] Gewisse Weltweiber benutzen in gewissen Fllen ihre krperliche
    Ohnmacht, wie Mohammed seine =fallende= Sucht -- auch ist jene diese
    -- blo um Offenbarungen, Himmel, Eingebungen, Heiligkeit und
    Proselyten zu erhalten.

kleine Erdtrabant und Lufer und _valet de Fantaisie_ glaubt in diesen
rebellierenden Zeiten auch anfangen zu mssen, seiner groen Landesmutter
etwas zuzuschleudern aus der Davidshirtentasche. Wahrhaftig, jetzt kann
ja ein junger Katechet von Gefhl nachts mit geraden Gliedern in den
Mondschein hinauswandeln, um manches zu empfinden oder zu bedenken,
und kann (mitten im Gefhl erwirft ihn der absurde Satellit) als
zerquetschter Brei wieder nach Hause gehen. ---- Bei Gott! berall
Klingenproben des Muts! Hat man mhsam Donnerkeile eingeschmolzen und
Kometenschwnze anglisiert: so fhrt der Feind neues Geschtz im Mond
auf oder sonst wo im Blau!

Noch eine Geschichte sei genug, um zu beweisen, wie lcherlich gerade
die ernsthafteste

    [120] Mancher wird ein freier Diogenes, nicht wenn er in dem Fasse,
    sondern wenn dieses in ihm wohnt; und die gewaltige Hebkraft des
    =Flaschenzugs= in der Mechanik sprt er fast von einem Flaschenzuge
    anderer Art beim Flaschenkeller wiederholt und gut bewhrt.

Vorsicht bei allem inneren Mute oft auen dem Pbel erscheint. Reiter
kennen die Gefahren auf einem durchgehenden Pferde lngst. Mein Unstern
wollte, da ich in Wien auf ein Mietspferd zu sitzen kam, das zwar ein
schner Honigschimmel war, aber alt und hartmulig wie der Satan, so da
die Bestie in der nchsten Gasse mit mir durchging und zwar -- leider
blo im Schritte. Kein Halten, kein Lenken schlug an; ich tat endlich
auf dem Selbststreitro Notschu nach Notschu und schrie: Haltet auf,
ihr Leute, um Gottes Willen aufgehalten, mein Gaul geht durch! Aber da
die einfltigen Menschen das Pferd so langsam gehen sahen wie den
Reichshofratsproze und den ordinren Postwagen: so konnten sie sich
durchaus nicht in die Sache finden, bis ich in heftigster Bewegung wie
besessen schrie: Haltet doch auf, ihr Pinsel und Pensel, seht ihr denn
nicht, da ich die Mhre nicht mehr halten kann? Jetzt kam

    [2] Die Kultur machte ganze Lnder, z.B. Deutschland, Gallien usw.
    physisch wrmer, aber geistig klter.

den Faulpelzen ein hartmuliges, schrittlings ausziehendes Pferd
lcherlich vor. -- Halb Wien bekam ich dadurch wie einen Bartsternschwanz
hinter meinem Roschweif und Zopf nach. -- Frst Kaunitz, sonst der beste
Reiter des Jahrhunderts (des vorigen), hielt an, um mir zu folgen. --
Ich selber sa und schwamm als aufrechtes Treibeis auf dem Honigschimmel,
der in einem fort Schritt fr Stritt durchging. -- Ein vieleckiger,
rockschiger Brieftrger gab rechts und links seine Briefe in den
Stockwerken ab und kam mir stets mit satirischen Gesichtszgen wieder
nach, weil der Schimmel zu langsam auszog. -- Der Schwanzschleuderer
(bekanntlich der Mann, der mit einer zweispnnigen Wassertonne

    [99] Gleichwohl hab' ich bei allem meinen Grimm ber Nachdruck doch
    nie den Ankauf eines Privilegiums gegen Nachdruck fr etwas anderes
    oder schlechteres gehalten als fr die Abgabe, die bisher alle
    christlichen Seemchte an die barbarischen Staaten erlegten, damit
    sie nicht beraubt wurden. Nur Frankreich hat eben der hnlichkeit
    wegen sowohl das Nachdrucks-Privilegium als die barbarische Abgabe
    abgeschafft.

ber die Straen fhrt und sie mit einem drei Ellen langen Schlauch aus
einem blechernen Trichter benetzt) fuhr ungemein bequem den Hinterbacken
meines Pferdes nach und feuchtete whrend seiner Pflicht jene und mich
selber khlend an, ob ich gleich kalten Schwei genug hatte, um keines
frischeren zu bedrfen. -- Ich geriet auf meinem hllischen, trojanischen
Pferd (nur war ich selber das untergehende Troja, das ritt) nach
Matzleinsdorf (einer Wiener Vorstadt), oder waren's fr meine gepeinigten
Sinne ganz andere Gassen. -- Endlich mute ich abends spt nach dem
Retrteschu des Praters im letzteren zu meinem Abscheu und gegen alle
Polizeigesetze auf dem gesetzlosen Honigschimmel noch herumreiten, und
ich htte vielleicht gar auf ihm bernachtet, wenn nicht mein Schwager,
der Dragoner, mich gesehen und noch fest auf dem durchgegangenen Gaule
gefunden htte. Er machte keine Umstnde -- fing das Vieh

    [1] Je mehr Schwche, je mehr Lge; die Kraft geht gerade; jede
    Kanonenkugel, die Hhlen oder Gruben hat, geht krumm.

-- tat die lustige Frage: warum ich nicht voltigiert htte, ob er gleich
recht gut wei, da dazu ein hlzerner Gaul gehrt, der steht -- und
holte mich herab -- und so kamen alle berittenen Wesen unberitten und
unbeschdigt nach Hause.

Aber nun endlich einmal an meine Reise!




Reise nach Fltz.


Ihr wit, Freunde, da ich die Reise nach Fltz gerade unter den Ferien
machen mute, nicht nur, weil Viehmarkt und folglich der Minister und
General von Schabacker da war, sondern vornehmlich, weil er (wie ich von
geheimer Hand sicher hatte) jhrlich den 23. Juli am Abend vor dem
Markttage um fnf Uhr

    [32] Unser Zeitalter -- von einigen papiernes genannt, als sei es
    aus Lumpen eines besser Bekleideten gemacht -- bessert sich schon
    halb, da es die Lumpen jetzt mehr zu Scharpien als zu Papieren
    zerzupft, wiewohl oder weil der Lumpenhacker (oder auch der
    Hollnder) eben nicht ausruht; indes, wenn gelehrte Kpfe sich in
    Bcher verwandeln, so knnen sich auch gekrnte in Staatspapiere
    verwandeln und ummnzen; -- in Norwegen hat man nach dem Allg.

soviel Gaudium und Gnade sich auslie, da er die meisten Menschen
weniger anschnauzte als anhrte und -- erhrte. Die Gaudiumsursache
vertrau ich ungern dem Papier. Kurz, ich konnte ihm meine Bittschrift,
mich als unschuldig vertriebener Feldprediger durch eine katechetische
Professur zu entschdigen und zu besolden in keiner besseren Jahres- und
Tageszeit berreichen, als abends um fnf Uhr Hundstagsanfang. Ich
setzte mein Bittschreiben in drei Tagen auf. Da ich weder Konzepte, noch
Abschriften desselben schonte und zhlte: so war ich bald so weit, da
ich das relativ Beste ganz vollendet vor mir hatte, als ich erschrocken
bemerkte, da ich darin ber dreiig Gedankenstriche in Gedanken
hingeschrieben

    Anzeiger sogar Huser von Papier, und in manchen guten deutschen
    Staaten -- hlt das Kammerkollegium (das Justizkollegium ohnehin)
    seine eigenen Papiermhlen, um Dten genug fr das Mehl seiner
    Windmhlen zu haben. Ich wnschte aber, unsere Kollegien nhmen sich
    jene Glasschneiderei in Madrid zum Muster, in welcher (nach
    Baumgrtner) zwar neunzehn Schreiber angestellt waren, aber doch
    auch eilf Arbeiter.

hatte. Leider schieen diese Stacheln heutzutage wie aus Wespensteien,
unwillkrlich aus gebildeten Federn hervor. Ich warf es zwar lange
in mir hin und her, ob ein Privatgelehrter sich einem Minister mit
Gedankenstrichen nhern drfe -- so sehr auch dieses ebene Unterstreichen
der Gedanken, diese wagerechten Taktstriche poetischer Tonstcke und
diese Treppenstricke oder Achillessehnen philosophischer Sehstcke jetzt
ebenso allgemein als ntig sind -- allein ich mute doch am Ende (da
Ausschaben Standespersonen beleidigt) das beste Probstck wieder
umschreiben und mich wieder eine halbe Stunde am Namen Attila Schmelzle
qulen, weil ich immer

    [39] Epiktet rt an zu reisen, weil die alten Bekanntschaften uns
    durch Scham und Einflu vom bergange zur hohen Tugend abhalten --
    so wie man etwa seine Provinzialmundart schamhaft lieber auer Lands
    ablegt und dann vllig gelutert zu seinen Landsleuten zurckkommt;
    noch jetzt befolgen Leute von Stand und Tugend diesen Rat, obwohl
    umgekehrt, und reisen, weil die alten Bekanntschaften sie durch
    Scham zu sehr von neuen Snden abschrecken.

[Illustration: ...es tue ihm bloss sanft / sagt' er / wie eine gute
Frostsalbe...]

glaube, diesen sowie die Briefadresse, die beiden Kardinalgegenden und
Punkte der Briefe, nie leserlich genug zu schreiben.




Erste Station, von Neusattel nach Vierstdten.


Der 22.Juli, oder Mittwochs nachmittag um fnf Uhr, war von der
Postkarte der ordentlichen fahrenden Post selber zu meiner Abreise
unwiderruflich anberaumt. Ich hatte also etwa einen halben Tag Zeit,
mein Haus zu bestellen, welchem jetzt zwei Nchte und drittehalb Tage
hindurch meine Brust als Brustwehr, der Verhack mit meinem Ich abgehen
sollte. Sogar mein gutes Weib Bergelchen, wie ich meine Teutoberga
nenne, reiste mir unaufhaltsam den 24. oder Freitags darauf nach, um den
Jahrmarkt zu beschauen und zu benutzen; ja sie wollte schon sogleich mit
mir ausreisen, die treue Gattin. Ich versammelte daher meine kleine
Bedientenstube

    [2] Ein Soldat huldigt und gehorcht in seinem Frsten zugleich
    seinem Frsten und seinem Generalissimus; der Zivilist blo seinem
    Frsten.

und publizierte ihr die Hausgesetze und Reichsabschiede, die sie nach
meinem Abschiede den Tag und die Nacht erstlich vor der Abreise meiner
Frau und zweitens nach derselben auf das pnktlichste zu befolgen hatten,
und alles, was ihnen besonders bei Feuersbrnsten, Diebeseinbrchen,
Donnerwettern und Durchmrschen vorzukehren oblag. Meiner Frau bergab
ich ein Sachregister des Besten in unserem kleinen Registerschiffe, was
sie, im Falle es in Rauch aufginge, zu retten htte. -- Ich befahl ihr,
in strmischer Nacht (dem eigentlichen Diebswetter) unsere Windharfe ans
Fenster zu stellen, damit jeder schlechte Strauchdieb sich einbildete,
ich phantasierte harmonisch und wachte; desgleichen den Kettenhund am
Tage ins Zimmer zu nehmen, damit er ausschliefe, um nachts munterer zu
sein. Ich riet ferner, auf jeden Brennpunkt der Glasscheiben im Stalle,
ja auf jedes hingestellte Glas Wasser ihr Auge zu haben, da ich ihr
schon fter die Beispiele erzhlt, da

    [29] Und wieviel ist nicht in der Jurisprudenz Jurisimprudenz,
    ausgenommen bei Unrechtsgelehrten.

durch solche zufllige Brennglser die Sonne ganze Huser in Brand
gesteckt. -- Auch gab ich ihr die Morgenstunde, wo sie Freitags ab- und
mir nachreisen sollte, sowie die Haustafeln schrfer an, die sie vorher
dem Gesinde einzuschrfen htte. Meine liebe, kerngesunde, blhende
Honigwchnerin Berga antwortete ihrem Flitterwchner, wie es schien,
sehr ernsthaft: Geh nur Alterchen, es soll alles ganz scharmant
geschehen. -- Wrest du nur erst voraus, so knnte man doch nach! Das
whrt ja aber Ewigkeiten. -- Ihr Bruder, mein Schwager, der Dragoner,
fr den ich aus Geflligkeit das Passagiergeld trug, um auf dem
Postkissen einen an sich tapferen Degen und Hauinsfeld, sozusagen als
krperlichen und geistigen Verwandten und Spillmagen vor mir zu haben,
dieser zog ber meine Verordnungen (was ich leicht dem Hage- und
Kriegsstolzen vergab) sein braunes Gesicht

    [39] =Die grere Hlfte= ist ein so mewidriger Ausdruck, da ihn
    kein Meknstler anders als von der Ehe, ja sogar nur von der
    seinigen gebrauchen knnte.

ansehnlich ins Spttische und sagte zuletzt: Schwester, an deiner
Stelle tte ich, was mir beliebte; und dann guckte ich nach, was er auf
seinem Reglementszettel htte haben wollen. -- O, versetzte ich,
Unglck kann sich wie ein Skorpion in jede Ecke verkriechen; ich mchte
sagen, wir sind den Kindern gleich, die am schn bemalten Kstchen
schnell den Schieber aufreien und -- heraus fhrt eine Maus, die hackt
-- Maus, Maus, Raus, Raus!, versetzte er auf- und niedertrabend. Herr
Schwager, aber es ist fnf Uhr; und Sie werden schon finden, wenn Sie
wiederkommen, da alles so aussieht wie heute, die Hunde wie die Hunde,
und meine Schwester wie eine hbsche Frau: _allons donc!_ -- Er war
eigentlich schuld, da ich aus Besorgnis seines Mideutens nicht vorher
eine Art von Testament gemacht.

Ich packte noch entgegengesetzte Arzneien, sowohl temperierende als
erhitzende, gegen

    [45] Die jetzigen Schriftsteller zucken die Achseln am meisten ber
    die, auf deren Achseln sie stehen; und erheben die am meisten, die
    an ihnen hinaufkriechen.

zwei Mglichkeiten ein -- ferner meine alten Schienen gegen Arm- und
Beinbrche bei Wagenumstrzen -- und (aus Vorsicht) noch einmal so
viel Geldwechsel, als ich eigentlich ntig hatte. Nur wnschte ich
dabei wegen der Milichkeit des Aufbewahrens, ich wr' ein Affe mit
Backentaschen, oder ein Beuteltier, damit ich in mehr sichere und
empfindungsvolle Taschen und Beutel solche Lebenspreziosen verschanzte.
Rasieren lasse ich mich sonst stets vor Abreisen aus Mitrauen gegen
fremde, mordschtige Bartputzer; aber diesmal behielt ich den Bart bei,
weil er doch unterwegs, auch geschoren, so reich wieder getrieben htte,
da mit ihm vor keinem Minister wre zu erscheinen gewesen.

Ich warf mich heftig ans Kraftherz meiner Berga an und ri mich noch
heftiger ab, aber sie schien ber unsere erste Ehetrennung weniger in
Jammer als in Jubel zu sein,

    [14] Manche Dichter geraten unter dem Malen schlechter Charaktere
    oft so ins Nachahmen derselben hinein, wie Kinder, wenn sie so
    trumen, wirklich ihr Wasser lassen.

viel weniger bestrzt als seelenvergngt, blo weil sie auf das Scheiden
nicht halb so sehr als auf das Wiedersehen und Nachreisen, und die
Jahrmarktsschau ihr Augenmerk hatte; doch warf und hing sie sich an
meinen etwas dnnen und langen Hals und Krper fast schmerzhaft als
eine zu fleischige, derbe Last und sagte: Fege nur frisch davon, mein
scharmanter Attel (Attila) -- und mache dir unterwegs keine Gedanken,
du aparter Mensch! -- Haben wir denn zu klagen? Einen oder ein paar
Pffe halten wir mit Gottes Hilfe schon aus, solange mein Vater kein
Bettelmann ist. -- Und dir aber, Franz, fuhr sie gegen ihren Bruder
ordentlich zornig fort, bind' ich meinen Attel auf die Seele, du weit
recht gut, du wste Fliege, was ich tue, wenn du ein Narr bist und ihn
wo im Stiche lssest. Ich verzieh ihr hier manches Gutgemeinte;

    [103] Die Groen sorgen vielleicht so emsig fr ihre Nachkommen wie
    die Ameisen; sind die Eier gelegt, so fliegen die mnnlichen und
    weiblichen Ameisen davon und vertrauen sie den treuen
    =Arbeitsameisen= an.

und euch, Freunden, ist ihr Reichtum und ihre Freigebigkeit auch nichts
Neues.

Gerhrt sagt' ich: Nun, Berga, gibt's ein Wiedersehen fr uns, so
ist's gewi entweder im Himmel oder in Fltz; und ich hoffe zu Gott,
das letztere. -- Stracks ging's rstig davon. Ich sah mich durch das
Kutschenrckfenster um nach meinem guten Stdtchen Neusattel; und es kam
mir gerhrt vor, als richte sich dessen Sturmspitze ordentlich als ein
Epitaphium ber meinem Leben oder meinem vielleicht tot zurckreisenden
Leichnam in die Hhe: -- wie wird alles sein, dacht' ich, wenn du nun
endlich nach zwei oder drei Tagen wiederkommst? Jetzt sah ich mein
Bergelchen uns aus dem Mansardenfenster nachschauen; ich legte mich
weit aus dem Kutschenschlage hinaus, und ihr Falkenauge erkannte sofort
meinen Kopf; Ksse ber Ksse warf sie mir mit beiden Hnden herab, dem
ins Tal rollenden Wagen nach. Du

    [10] Und liefert das Leben von unsern idealen Hoffnungen und
    Vorstzen etwas anderes als eine prosaische, unmetrische, ungereimte
    bersetzung?

herziges Weib, dacht' ich, wie machst du deine niedrige Geburt durch
die geistige Wiedergeburt vergelich, ja merkwrdig!

Freilich, das Postkutschengelag' und Picknick wollte mir weniger
schmecken; lauter verdchtiges, unbekanntes Gesindel, welches (wie
gewhnlich die Mrkte tun) der Fltzer durch seine Witterung einlockte.
Ungern werd' ich Unbekannten ein Bekannter; aber mein Schwager,
der Dragoner, war wie immer schon mit allem, mit Himmel und Hlle
herausgeplatzt. Neben mir sa eine hchstwahrscheinliche Hure. -- Auf
ihrem Schoe ein Zwerg, der sich auf dem Jahrmarkte wollte sehen lassen.
-- Mir gegenber blickte ein Kammerjger mich an -- und unten im Tale
stieg noch ein blinder Passagier mit einem roten Mantel ein. Mir gefiel
gar niemand, ausgenommen mein Schwager. Ob nicht die Hure meine
Bekanntschaft zu einer

    [78] Die Weiber halten alles Weizeug wei, =nur= kein Buch, ob
    sie gleich vielleicht manchen polemischen Folianten, eh' er in die
    Papiermhle gekommen, als Brauthemde am Leibe mgen getragen haben.
    Die Mnner kehren es nur um.

eidlichen Angabe bentzen, ob nicht Spitzbuben unter den Passagieren
mich und meine Eigenheiten und Zuflle studieren wrden, um auf der
Tortur mich in ihre Bande zu flechten -- dafr konnte sich mir niemand
verpfnden. An fremden Orten schau ich schon ungern -- und aus Vorsicht
-- an irgendein Kerkergitter lange empor, weil ein schlechter Kerl
dahinter sitzen kann, der eilig herunterschreit aus bloer Bosheit:
Drunten steht mein Spiekamerad, der Schmelzle! -- oder auch weil ein
vernagelter Scherge sich denken kann, ich suchte meinen Konfderierten
oben zu entsetzen. Aus einer wenig davon verschiedenen Vorsicht dreh'
ich mich daher niemals um, wenn ein Star mir nachruft: Dieb!

Was den Zwerg selber anlangt, so konnt' er meinetwegen mitfahren, wohin
er wollte; aber er glaubte ein besonderes Frohleben in

    [7] Der geharnischte deutsche Reichskrper konnte sich darum schwer
    bewegen, weshalb die Kfer nicht fliegen knnen, deren =Flgel=
    recht gut durch =Flgeldecken= -- und zwar durch zusammengewachsene
    -- verschanzt sind.

uns zu bringen, wenn er uns verhiee, da sein Pollux und Amtsbruder,
ein seltener Riese, der ebenfalls der Messe zur Anschau zuzog, gegen
Mitternacht uns unfehlbar mit seinem Elefantenschritte nachkommen und
sich einsetzen oder hinten aufstellen wrde. Beide Narren beziehen
nmlich gemeinschaftlich die Messen als gegenseitige Mehelfer zu
entgegengesetzten Gren; der Zwerg ist das erhabene Vergrerungsglas
des Riesen, der Riese das hohle Verkleinerungsglas des Zwergs. Niemand
bezeugte groe Freude an der Aussicht der Nachkunft des Makopisten des
Zwergs, ausgenommen mein Schwager, der (ist das Wortspiel erlaubt) wie
eine Uhr blo zum Schlagen gemacht zu sein glaubt, und mir wirklich
sagte: Knn' er einmal oben in der ewigen Seligkeit keine Seele
zuweilen wamsen

    [8] Mit Staatseinrichtungen ist's wie mit Kunststraen; auf einer
    ganz neuen, unbefahrenen, wo jeder Wagen am Straenbau mitarbeiten
    und zerklopfen hilft, man wird ebenso gestoen und geworfen, als auf
    einer ganz alten, ausgefahrenen voll Lcher. Was ist also hier zu
    tun? Man fahre fort.

und koram nehmen, so fahr' er lieber in die Hlle, wo gewi des Guten
und der Hndel eher zu viel sein werden. -- Der Kammerjger im
Postwagen hatte, auerdem schon, da uns niemand sehr einnimmt, der
blo vom Vergiften lebt, wie dieser Freund Hain der Ratten und die
Museparze, und da ein solcher Kerl, was noch schlimmer, sogleich ein
Mehrer des Ungezieferreiches zu werden droht, sobald er nicht dessen
Minderer sein darf -- dieser hatte berhaupt soviel Fatales an sich,
zuerst den Stechblick wie eines Stiletts -- dann das hagere, scharfe
Knochengesicht in Verbindung mit seinem Vorrechnen seines ansehnlichen
Giftsortiments -- dann (denn ich hate ihn immer heier) seine geheime
Stille, sein geheimes Lcheln, als seh' er in irgendeiner Schlupfecke
eine Maus, hnlich einem Menschen. -- Wahrlich, mir, der ich sonst ganz
anderen Leuten stehe, kam endlich sein Rachen als eine Hundsgrotte vor,
seine

    [3] Vor Gericht werden oft ermordete Geburten fr totgeborene
    ausgegeben, in Antikritiken totgeborene fr ermordete.

Backenknochen als Untiefen und Klippen, sein heier Atem als
Kalzinierofen und die schwarzhaarige Brust als Welk- und Darrofen----

Ich hatte mich auch -- glaub' ich -- nicht viel versehen; denn bald
darauf fing er an, der Gesellschaft, worin ein Zwerg und ein Mdchen
war, ganz kalt zu berichten, er habe schon zehn Leiber mit dem Dolch
nicht ohne Lust durchstoen -- habe gemchlich ein Dutzend Menschenarme
abgehauen, vier Kpfe langsam gespalten, zwei Herzen ausgerissen und
mehr dergleichen -- und keiner davon, sonst Leute von Mut, hab' ihm im
geringsten widerstanden -- aber warum? setzt' er giftig hinzu, und
nahm den Hut vom hlichen Glatzkopf -- ich bin unverwundbar. -- Wer
von der Gesellschaft will, lege auf meiner Glatze soviel Feuer an, als
er will, ich lass' es ausbrennen.

Mein Schwager, der Dragoner, setzte sogleich einen brennenden
Tabaksschwamm auf

    [101] Nicht nur die Rhodier hieen von ihrem Kolo Kolosser, sondern
    auch unzhlige Deutsche heien von Luther Lutheraner.

den Schdel, aber der Jger stand es so ruhig aus, als wr' es ein
kalter Brand, und er und der Dragoner sahen einander wartend an, und
jeder lchelte sehr nrrisch -- es tue ihm blo sanft, sagt' er, wie
eine gute Frostsalbe, denn dies sei berhaupt die Winterseite an seinem
Leibe. Hier griff mein Schwager ein wenig auf dem nackten Schdel umher
und rief verwundert: er fhle sich so kalt an wie eine Kniescheibe. Nun
hob der Kerl auf einmal nach einigen Vorrstungen zu unserem Entsetzen
den Viertelsschdel ab und hielt ihn uns hin, sagend, er habe ihn einem
Mrder abgesgt, als ihm zufllig der eigene eingeschlagen gewesen; und
erklrte nun, da man

    [88] Bis hierher hab' ich immer die Streitschriften der jetzigen
    philosophischen und sthetischen idealen Streitflegel, worin
    allerdings einige Schimpfworte und Trug- und Lugschlsse vorkommen,
    mehr von der schnen Seite genommen, indem ich sie blo als eine
    Nachahmung des klassischen Altertums, und zwar der Ringer desselben
    angesehen, welche (nach Schttchen) ihren Leib mit =Kot= bestrichen,
    um nicht gefat zu werden, und ihre Hnde mit =Staub= anfllten, um
    den fremden zu fassen.

das erzhlte Durchstechen und Armabhauen mehr als Scherz zu nehmen habe,
indem er's lediglich getan als Famulus auf dem anatomischen Theater. --
Inzwischen wollte der Scherztreiber doch keinem von uns sehr schmecken und
zu Hals, so da ich, als er den Kapselkopf, den Reprsentationsschdel,
wieder aufsetzte, schweigend dachte: diese Mistbeetglocke hat gewi nur
den Ort, nicht die Giftzwiebel verndert, die sie zudeckt.

Am Ende wurde mir's berhaupt verdchtig, da er, sowie smtliche
Gesellschaft (auch der blinde Passagier), gerade demselben Fltz
zuschifften, wohin ich selber gedachte; besonderes Glck brauchte ich
mir davon nicht zu versprechen; und mir wre in der Tat das Umkehren so
lieb gewesen als das Fortfahren, htt' ich nicht lieber der Zukunft
getrotzt.

Ich komme endlich auch auf den rot gemantelten blinden Passagier,
wahrscheinlich

    [103] Oder sind alle Moscheen, Episkopalkirchen, Pagoden,
    Filialkirchen, Stiftshtten und Panthea etwas anderes als der
    Heidenvorhof zum unsichtbaren Tempel und zu dessen Allerheiligsten?

ein _Emigr_ oder ein _Refugi_ (denn er spricht das deutsche nicht
schlechter als das Franzsische), entweder namens Jean Pierre oder Jean
Paul ungefhr, oder ganz namenlos. Sein roter Mantel wre mir ungeachtet
dieser Farbenverschmelzung mit dem Scharfrichter -- der in vielen
Gegenden trefflich Angstmann heit -- an sich herzlich gleichgltig
geblieben, wre nicht der besondere Umstand eingetreten, da er mir
schon fnfmal in fnf Stdten (im groen Berlin, im kleinen Hof, Koburg,
Meiningen und Baireuth) wider alle Wahrscheinlichkeit aufgestoen, wobei
er mich jedesmal bedeutend genug angesehen, und dann seines Weges
gegangen. Ob er mir feindlich nachsetzt oder nicht, wei ich nicht; nur
ist auf alle Flle der Phantasie kein Objekt erfreulich, das mit
Observationskorps oder aus

    [40] Das Volk ist nur im Erzhlen, nicht im Rsonieren weitlufig;
    der Gelehrte ist nur in jenem, nicht in diesem kurz; eben weil das
    Volk seine Grnde nur als Empfindungen so wie die Gegenwart blo
    anschauet, der Gelehrte hingegen beide mehr nur denkt.

Schiescharten vielleicht mit Flinten hlt und zielt, die es jahrelang
bewegt, ohne da man wei, in welchem es abdrckt. -- Noch anstiger
wurde mir der Rotmantel dadurch, da er auffallend seine weiche
Seelenmilde pries; dies schien beinah' auf Ausholen oder Sichermachen
zu deuten. Ich erwiderte: Mein Herr, ich komme eben, wie hier mein
Schwager, vom Schlachtfeld her (die letzte Affre war bei Pimpelstadt),
und stimme vielleicht deshalb zu stark fr Markkraft, Bruststurm,
Stoglut, und es mag fr manchen, der eine brausende Wasserhose,
eigentlich Landhose von Herz hat, gut sein, wenn seine geistliche Lage
(ich bin darin) ihn mehr mildert als wildert. Indes gehrt jeder Milde
ihr eisernes Schrankengitter. Fllt mich irgendein unbesonnener Hund
bedeutend an, so tret' ich ihn freilich im ersten Zorn entzwei, und
nachher hinter

    [9] Die gypter nahmen bei einem Landesunglck dadurch am Gott
    Typhon, dem sie es zuschrieben, Rache, da sie seine Lieblinge von
    Felsen strzten, die Esel. hnlicherweise haben sich in der
    Geschichte auch Staaten anderer Religion gercht.

mir treibt's mein guter Schwager vielleicht noch zweimal weiter, denn
er ist der Mann dazu. Vielleicht ist's Eigenliebe, aber ich beklag's
(gesteh' ich) noch heute, da ich als Knabe einmal einem anderen Knaben
drei erhaltene Ohrfeigen nicht derb zurckgereicht, und mir ist oft,
als mt' ich sie seinen Enkeln nachzahlen. Wahrlich, wenn ich auch
nur einen Jungen vor den schwachen Krften eines hnlichen Jungen
feig entlaufen sehe, so kann ich das Laufen nicht lassen und will ihn
ordentlich durch einen Machtschlag erretten. Der Passagier lchelte
indes nicht zum besten. Er gab sich zwar fr einen Legationsrat aus und
schien Fuchs genug zu sein, aber ein tollgewordener Fuchs beit mich am
Ende so wasserscheu als ein toller Wolf. brigens fuhr ich unbekmmert
mit meinem

    [70] In die Philosophie verhlle sich die Dichtkunst nur so, wie
    in diese sich jene; Philosophie aber in poetischer Prosa gleicht
    jenen Trinkglsern in Schenken, welche mit bunten Bilderschnrkeln
    umzogen, zugleich im Genusse des Getrnks und des Bildwerks, die oft
    widrig sich decken, stren.

Anpreisen des Mutes fort, nur da ich absichtlich statt des lcherlichen
Bramarbasierens, welches gerade den Feigen recht verrt, fest, still,
klar sprach. Ich bin, sagt' ich, blo fr Montaignes Rat: man trage
nur Furcht vor der Furcht.

Ich wrde, versetzte der Legationsrat unntz spitzfindig, wieder
frchten, da ich mich nicht genug vor der Furcht frchtete, sondern zu
feig bliebe.

Auch dieser Furcht, erwidert' ich kalt, steck' ich Grenzen. Ein Mann
kann zum Beispiel nicht im geringsten Gespenster glauben und frchten;
gleichwohl kann er nachts sich in Todesschwei baden, und zwar blo vor
Angst, wie sehr er sich entsetzen wrde (besonders mit welchen Nachwehen
von Schlagflssen,

    [158] Der Staat sollte fter die Maul- und Kindertrommeln der
    Dichter nicht mit Regiments- und Feuertrommeln verwechseln; wieder
    umgekehrt sollte der Brger manche frstliche Trommelsucht nur fr
    eine Krankheit nehmen, worin der Patient blo durch die unter die
    Haut eingedrungene Luft sehr aufgeschwollen ist.

fallenden Suchten und so weiter), falls nichts als blo seine so
lebhafte Phantasie irgendein Fieber und Vexierbild vor ihn in die Lfte
hineinhinge. ---- Man sollte daher, fiel mein Schwager, wider
Gewohnheit moralisierend, ein, das so arme Schaf von Mann auch gar mit
keinem Geisterspuk foppen, der Hase kann ja auf der Stelle auf dem
Platze bleiben.

Ein lautes Gewitter, das dem Postwagen nachfuhr, vernderte den Diskurs.
Ihr, Freunde, erratet wohl alle -- da ihr mich nicht als einen Mann ohne
alle Physik kennen lernen -- meine Maregeln gegen Gewitter:

    [89] In groen Stdten lebt der Fremde die ersten Tage nach seiner
    Ankunft blo von seinem Gelde im Gasthofe, erst darauf in den
    Husern seiner Freunde umsonst; langt man hingegen auf der Erde an,
    wie z.B. ich, so wird man gerade die ersten Jahre hindurch hflich
    freigehalten, in den andern und lngern aber -- denn man bleibt oft
    sechzig Jahre -- mu man wahrhaftig (ich habe die Dokumente in
    Hnden) jeden Tropfen und Bissen bezahlen, als wre man im groen
    Gasthofe zur Erde, was noch dazu wahr ist.

ich setze mich nmlich auf einen Sessel mitten in der Stube (oft bleib'
ich bei bedenklichem Gewlk ganze Nchte auf ihm), und decke mich durch
mein Reinigen von allen Leitern, Ringen, Schnallen und so weiter und
durch mein Absitzen von allen Blitzabsprngen immer so, da ich
kaltbltig die Sphrenmusik der Donnerpauke vernehme. -- Diese Vorsicht
hat mir nie geschadet, da ich ja dato noch lebe; und ich wnsche mir
noch heute Glck, da ich einmal aus der Stadtkirche, ob ich gleich tags
vorher gebeichtet hatte, ohne weiteres und ohne vorher das Abendmahl zu
nehmen, ins Gebeinhaus hinausgelaufen, weil ein schweres Gewitter (was
wirklich in die Kirchhofslinde einschlug) darber stand; -- ich kam auch
sogleich nach der Entladung der Wolke aus dem Gebeinhaus in die Kirche
zurck und war so glcklich, noch hinter dem

    [112] Ich sage aber nein. Der Mensch stelle sich so wie seinen Hut
    -- wenn er sich und diesen nicht gerade gebraucht -- beide, um sie
    zu schonen, so lange auf den =Kopf=, bis er wieder getragen wird.

[Illustration: und floh dann mit vollen Segeln auf geradewohl und
geradeaus den Krzesten Weg hindurch...]

Henker (als dem letzten) zu kommen und das Liebesmahl zu genieen.

So denk' ich fr meine Person; aber leider, im vollen Postwagen traf ich
Menschen, denen Physik wahre Narretei ist. Denn als die Gewitter sich
frchterlich ber unsern Kutschenhimmel versammelten und prasselnde
Feuerklumpen, als wren's Johanniswrmchen, im Himmel umherspielten; und
als ich endlich ersuchen mute, das schwitzende Postkonklave mchte nur
wenigstens Uhren, Ringe, Gelder und dergleichen zusammenwerfen, etwa in
die Wagentaschen, damit kein Mensch einen Leiter am Leibe htte: so
tat's nicht nur keiner, sondern mein eigener Schwager, der Dragoner,
stieg gar mit gezogenem nackten Degen auf den Bock hinaus und schwur, er
leite ab. Ich wei nicht, war der desperate Mensch ein gescheiter oder
keiner; kurz, unsere Lage

    [10] Die Weltepochen feiern -- wie die spanischen Knige --
    Regierungsantritt, Volljhrigkeit, Vermhlung -- gern mit
    Scheiterhaufen (Autodafs, Tressenausbrennungen der Weisen oder auch
    der Irrglubigen).

war frchterlich, und jeder konnte ein gelieferter Mann sein. Zuletzt
bekam ich gar einen halben Zank mit zweien von der rohen Menschenfracht
der Kutsche, dem Vergifter und der Hure, weil sie fragend fast
zu verstehen gaben, ich htte vielleicht bei dem angepriesenen
Preziosenpicknick nicht die ehrlichsten Anschlge gehabt. So etwas
verwundet die Ehre mit Gewalt, und in mir donnerte es nun strker als
oben; dennoch mut' ich den ganzen ntigen Erbitterungswortwechsel so
leise und langsam als mglich fhren und haderte sanft, damit nicht am
Ende eine ganz in Harnisch gebrachte Kutsche in Hitze und Schwei
geriete, und in unsere Mitte so den nahen Donnerkeil auf Ausdnstungen
durch den Kutschenhimmel herabfahren

    [144] Der Rezensent gebraucht seine Feder eigentlich nicht zum
    Schreiben, sondern er weckt mit deren Brandgeruch Ohnmchtige auf,
    kitzelt mit ihr den Schlund des Plagarius zum Wiedergeben, und
    stochert mit ihr seine Zhne aus. Er ist der einzige im ganzen
    gelehrten Lexikon, der sich nie ausschreiben und ausschpfen kann,
    er mag ein Jahrhundert oder ein Jahrtausend vor dem Tintenfasse
    sitzen. Denn

liee. Zuletzt setzt' ich der Gesellschaft das ganze elektrische Kapitel
deutlich, aber leise und langsam -- ich wollte nicht ausdampfen --
auseinander und suchte besonders von der Furcht abzuschrecken. Denn, in
der Tat, vor Furcht konnte jeden der Schlag -- ja ein doppelter, mit dem
elektrischen ein apoplektischer -- treffen, da aus Erxleben und Reimarus
genug bewiesen ist, da starkes Frchten durch Dnsten den Strahl
zulockt; ich stellte daher in ordentlicher Angst vor meiner und fremder
Furcht den Passagieren vor, da sie jetzt durchaus bei unserer schwlen
Menge, bei dem die Blitze spieenden Degen auf dem Kutschbock, und bei
dem berhang der Wetterwolke, und selber bei so vielen Ausdnstungen
anfangender Furcht, kurz, bei

    indes der Gelehrte, der Philosoph und der Dichter das neue Buch nur
    aus neuem Stoff und Zuwachs schaffen, legt der Rezensent blo sein
    altes Ma von Einsicht und Geschmack an tausend neue Werke an,
    und sein altes Licht bricht sich an der vorbeiziehenden, stets
    verschieden geschliffenen Glserwelt, die er beleuchtet, in neue
    Farben.

so augenscheinlicher Gefahr nichts frchten drften, wollten sie nicht
samt und sonders erschlagen sein. O, Gott, rief ich, nur Mut! Keine
Furcht! Nicht einmal Furcht vor der Furcht! -- Wollen wir denn als
zusammengetriebene Hasen hier sehaft, von unserem Herrgott erschossen
sein? -- Frchte sich meinetwegen jeder, wenn er aus der Kutsche heraus
ist, nach Belieben an anderen Orten, wo weniger zu besorgen ist, nur
aber nicht hier.

Ich kann nicht entscheiden -- da unter Millionen kaum ein Mensch an der
Gewitterwolke stirbt, aber vielleicht Millionen an Schnee- und Regenwolken
und dnnen Nebeln -- ob meine Kutschenpredigt auf Menschenrettungspreise
Anspruch zu machen hatte, als wir smtlich unbeschdigt, einem Regenbogen
entgegen, in das Stdtchen Vierstdten einfuhren, wo ein Posthalter in
der einzigen Gasse wohnte, die der Ort hatte.

    [107] Deutschland ist ein langes, erhabenes Gebirge -- unter dem
    Meer.

[Illustration: Aus der hohen Posthauspforte trat / tief sich bckend /
der Riese heraus]




Zweite Station, von Vierstdten nach Niederschna.


Der Posthalter war ein grober Patron und ein Schlger; eine Gattung von
Menschen, die ich unaussprechlich hasse, weil meine Phantasie mir immer
vorspiegelt, ich knnte vielleicht aus Zufall oder Widerwillen ihnen ein
recht hhnisches und impertinentes Gesicht schneiden, und mir solche
Gesellen auf den Hals hetzen, und darauf spr' ich schon Ziehen von
Mienen. Zum Glck konnt' ich diesmal (gesetzt, ich htte ein Fehlgesicht
geschnitten) mich mit meinem Schwager, dem Dragoner, bewaffnen, fr
dessen Riesenmacht dergleichen ein Leckerbissen ist. Denn er kann zum
Beispiel vor keinem Wirtshause, worin eine Schlgerei laut wird,
vorbeigehen, ohne hineinzutreten und sogleich unter der Tre zu
schreien: Macht Friede, ihr Hunde! darauf unter

    [18] Unter Selbststillen versteht man nicht, wie beim
    tatzensaugenden Bren, da man sich selber an die eigene Brust lege,
    sondern da man andere nicht durch andere sugen lasse: so aber
    sollte auch das Wort Selbstliebe im Gebrauche sein.

seinem Schein von Friedensdeputation nimmt er ohne Verzug, als wr' es
eine amerikanische Friedenspfeife, das nchste Stuhlbein in die Hand und
deckt damit das schlagende Personal hinber und herber zu, oder er
nhert die harten Kpfe der Parteien (er schlgt sich zu keiner)
einander mit Gewalt, indem er in jede Hand einen am Hinterkopfe fat;
dann ist der Kauz im Himmel.

Ich fr meine Person vermeide diskrepante Zirkel mehr, als da ich sie
aufsuche, sowie auch jeden toten oder totgemachten Menschen; -- der
vorsichtige Mann sieht leicht voraus, was davon zu holen ist, entweder
verdrieliches und miliches Zeugschaftgeben, oder oft gar (wenn die
Umstnde sich verschwren) peinliches Nachfragen ber Mitschuld.

    [97] Daher schlie' ich, da Schmelzle gut predigt, schon aus seinen
    vielen Kenntnissen und Wortspielen. Die theologische Welt auf
    Kathedern, noch mehr die auf Kanzeln, verdient das Lob, da sie
    gleichsam der Lichtsammler oder Lichtfang oder Lichtmagnet der
    besten Strahlen und Entdeckungen ist, die aus andern Wissenschaften
    ausgehen, besonders derer aus der Philosophie und Dichtkunst:

In Vierstdten stie mir nichts von Wichtigkeit auf als -- zu meinem
Grausen -- ein Hund ohne Schwanz, der durch die Stadt oder Gasse lief.
Ich zeigte erbittert im ersten Feuer den Passagieren den Hund und legte
ihnen die Frage vor, ob sie denn eine medizinische Polizei fr trefflich
bestellt anshen, welche, wie die Vierstdter es zuliee, da Hunde
ffentlich herumsprngen, denen der Schwanz fehlte. An was, sagt' ich,
halt' ich mich denn, wenn dieser weggeschnitten, und mir jede solche
Bestie entgegenrennen, und ich weder aus dem eingezogenen noch
aufgerichteten Schwanze, da der ganze weggehackt ist, einen Schlu
ziehen kann, ob das Vieh toll ist oder nicht. So wird der gescheiteste

    sie selber entdeckt eigentlich nichts als eben die passiven
    Diebsinseln, wo sie ihre Gewrze abholt. So findet man in Predigten,
    z.B. in Marezolls Kanzelstcken einen reichen Fund fremder
    Erfindungen; und berhaupt gibt's wenige Entdeckungen in der
    Philosophie und Moral, welche ein Jahrfnft oder Jahrzehnt spter,
    nachdem sie ihren Schpfer berhmt gemacht, nicht den Nachschpfer
    in der theologischen Welt -- diese Erbin ihrer

Mann wtig und gebissen und scheitert blo aus Mangel eines
Schweifkompasses. Der nachkommende blinde Passagier (er lie sich
jetzt als sehender einschreiben, Gott wei zu welchen Endzwecken) spann
vor mir meinen eigenen Satz, dem er zugehrt, fast bis ins Komische aus,
und erregte zuletzt in mir den Verdacht, er mache durch eine, aber sehr
starke Schmeichelnachahmung meines Sprechstils Jagd auf mich. Der
Hundeschwanz, sagt' er, ist wohl fr uns Alarmstange und Irrenanstalt,
damit man in keine komme, gleichsam die ueren Vorposten der Wut -- man
schneide den Kometen den Schwanz, den Bassen den Roschweif, den Krebsen
den ihrigen (denn ausgestreckter bedeutet krepierte) ab: so ist man

    Magd, der Philosophie -- noch zehnmal grer und reicher gemacht
    htten, sobald er nur Kanzelwasser genug zum Einflen der fremden
    Bissen (_boli_) aufgegossen hatte. Aber hier mcht' ich gern auf
    einen Unterschied der meisten lutherischen Prediger von den Mnchen
    zeigen, der nicht ganz zum Nachteil der ersteren ausschlgt. Der
    Mnch darf (_C.Q.X. de stat.monach._) nichts Eigenes haben, bei
    Strafe unehrlichen Begrbnisses, und jedes

in den gefhrlichen Angelegenheiten des Lebens ohne Leitseil, ohne
Avertisseur, ohne Hand in _margine_ -- und man kommt um, ohne vorher zu
wissen wie.

brigens lief diese Station ohne Zank und Not vorber. Alles schlief
gegen zehn Uhr ein, sogar der Postillion, auer ich. Ich stellte mich
zwar schlafend, um zu beobachten, wer sich etwa aus guten Grnden nur
schlafend stelle; aber alles schnarchte fort, der Mond warf seine
verklrenden Strahlen nur auf herabgesunkene Augenlider.

Herrlich konnt' ich jetzt Lavaters Rat befolgen, an Schlafende
vorzglich die physiognomische Elle anzusetzen, weil der Schlaf wie der
Tod die echte Form grber ausprgt.

    Eigentum wird ihm als Kirchenraub angerechnet. Mich dnkt aber, der
    lutherische Kanzelredner demtigt und entuert sich weit mehr, wenn
    er auch, im hheren Geistigen, wo er noch schn und frei zu whlen
    hat -- da ber das Eigentum des krperlichen ohnehin in seinem Namen
    das Kammerkollegium das Armutsgelbde ablegt -- kurz, wenn er, was
    Gedanken anlangt, gar nichts Eigenes hat und haben will.

Andere Schlfer auerhalb der Postkutsche wrd' ich mit gedachter Elle
weniger auszumessen raten, immer in einiger Besorgnis bleibend, da etwa
ein Kerl, der sich nur schlafend stellte, sogleich, als ich nahe genug
stnde, wie im Traume aufsprnge, und dem physiognomischen Meknstler
in die eigene Gesichtsbildung einen so hinterlistigen Fauststreich
versetzte, da sie in keinem physiognomischen Fragmente, weil sie selber
eines geworden, mehr florieren knnte, weder in punktierter Manier, noch
in geschabter. Und kann denn nicht der ehrlichste Schlfer von der Welt,
eben whrend ihr ber dessen physiognomische Leichenffnung her seid,
losschlagen, von der Ehre in einem Prgeltraume angehetzt, und euch
vielleicht mit wenigen Handgriffen und Futritten in einen viel ewigeren
Schlaf einwiegen, als der gewesen, woraus er aufgefahren?

In meinem sogenannten silhouettierenden

    [71] Der Jngling ist aus Willkr sonderbar und freuet sich; der
    Mann ist's unabsichtlich und gezwungen und rgert sich.

Schattenspiele kommt der Gesichterinhalt der schlafenden Postkutsche
selber vor; erst darin werde ich euch breit belegen, warum mir der
Gifttrger mit der Mordkuppel teuflisch erschienen -- der Zwerg
altkindisch -- die Hure matt- und schlafffrech -- mein Schwager
ruhiggesttigt von Rache oder von Essen -- der Legationsrat Jean Pierre
aber, Gott wei warum, als ein halber Engel, wiewohl er sich denken
lt, der halbe Engel, da nur der schne Krper, nicht die andere im
Schlaf vergangene Hlfte, die Seele, vor mir wirkte.

Beinahe verg' ich's, da ich doch in meinem Drfchen, whrend beide
Schwger, der Dragoner und der Postillion, tranken, eine kleine Furcht
glcklich bestanden, weil das Schicksal zweimal auf meiner Seite
gewesen. Ich sah unweit eines Jagdschlosses neben einem schnen
Baumklumpen eine weie Tafel mit schwarzer Inschrift schimmern. Dies
lie mich hoffen, da mich dort ein kleines Sargkunstwerk, ein
Ehrenpfahl, irgendein

    [198] Der Pchel und das Vieh schwindeln auf keinem Abgrundsabhang,
    aber wohl der Mensch.

Treff-, Zier- und Spiedank fr einen Toten erwarte. Auf einem
unbetretenen blumigen Gewinde lang' ich vor dem Schwarz auf Wei an
und lese im Mondschein mit Entsetzen: Jedermann wird hier vor dem
Selbstschu gewarnt! So stand ich also vielleicht einen Fuzehennagel
breit von dem Bchsenhahn, womit ich, wenn ich die Ferse rckte, mich
selber als einen verblfften Stocknarren und Ladstock in die andere
Welt, unter die Seligen hineinscho. Ich suchte vor allen Dingen mich
mit den Fungeln in den Boden wie einzubeien und einzufressen -- weil
ich wenigstens so lange am holden Leben bleiben konnte, als ich mich
fest pflckte neben der daliegenden Atroposschere und Henkersbhne; --
darauf wnscht' ich mich zu entsinnen, auf welchen Steigen der Teufel
mich unerschossen herbeigefhrt. Aber vor Angst hatt' ich alles
ausgeschwitzt und wute gar nichts, -- im nahen Hllendorf war kein

    [11] Das goldene Kalb der Selbstsucht wchst bald zum glhenden
    Phalarisochsen, der seinen Vater und Anbeter einschert.

Hund zu ersehen und zu erschreien, der mich etwa aus dem Wasser htte
holen knnen, und die beiden Schwger soffen selig. Indes, ich fate Mut
und Entschlu -- schrieb auf einem Pergamentblatte meinen letzten Willen
sowie meine zufllige Sterbart nieder, und meinen Todesdank ans
Bergelchen -- und flog dann mit vollen Segeln auf Geratewohl und
geradeaus den krzesten Weg hindurch, unter der Voraussetzung, mich bei
jedem Schritte niederzuschieen und mir so mit eigener Hand auf mein
noch langes Lebenslicht den _Bonsoir_ oder Lichttter zu setzen. Aber
ohne Schu kam ich an. In der Schenke lachte freilich mehr als ein Narr
ber mich, weil, was nur ein Narr wissen konnte, die Warnungstafel schon
seit zehn Jahren ohne Schsse dageblieben, wie oft diese ohne jene.

    [103] Das mnnliche Schmarotzergewchs an den weiblichen Rosen und
    Lilien mu (wenn ich dessen Schmeicheln recht fasse) wahrscheinlich
    bei den Schnen die Sitte der Italiener und Spanier voraussetzen,
    welche jede Kostbarkeit dem zum Geschenk anbieten, der solche sehr
    lobt.

So aber steht's, ihr Freunde, mit unserer Jagdpolizei, die gegen alles
warnt, nur nicht gegen Warnungstafeln.

brigens hatt' ich auf der ganzen Station leichte Hndel mit dem
Postillion, weil er nicht von Viertelstunde zu Viertelstunde halten
wollte, wenn ich ausstieg, um zu...... Leider sind freilich von
Postknechten keine Urinpropheten zu erwarten, da so selten Gelehrte aus
Hallers groer Physiologie es wissen, da Aufschieben der gedachten
Sache teuflisches Steingut niederschlgt und zuletzt den Inhaber selber,
weil diese Steingrube seltener der Blasenschneider als der Tod mit einem
Grabe schliet. Htten Postknechte gelesen, da Tycho de Brahe wie eine
Bombe am Zerspringen starb: sie hielten lieber an; sie fnden bei
solchen, mir so unerwarteten Kenntnissen es vernnftig, da ein Mann

    [199] Aber wenige gegenwrtige Staaten, glaub' ich, kpfen unter
    dem Vorwande, zu trepanieren -- oder heften (in einer gesuchtern
    Allegorie) die Lippen zusammen unter dem Vorwand, deren Hasenscharten
    zuzunhen.

seinen Leichenstein zwar einmal auf sich, aber nicht in sich tragen
will. Bin ich denn nicht sogar in Weimar oft aus den lngsten
Abschiedsauftritten Schillers mit Trnen in den Augen hinausgelaufen,
blo um (whrend seine Minerva mich im ganzen erweichte) nicht von deren
Medusenkopf auf der Brust partiell versteinert zu werden? Und kam ich
nicht ins weinende Komdienhaus zurck und viel munterer in die
allgemeine Rhrung ein, weil ich dann nichts mehr zu erleichtern
brauchte als mein Herz?

Sehr im Finstern kamen wir in Niederschna an.




Dritte Station, von Niederschna nach Fltz.


Als ich am Posthause, mit den Augen auf meinen Mantelsack geheftet, in
Gedanken dastehe: schmettert und schnaubt ein Vieh von Nachtwchter mir
so nahe und unversehens

    [12] Die Einzelwesen haben Lehrjahre, die Staaten Lehrjahrhunderte;
    -- aber sind beide freigesprochen, so sind doch wieder Lehrstunden
    und Sonntagsschulen nachzuholen.

mit seiner Nachttuba ins Ohr, da ich ordentlich zurckspringe, ich,
den schon jede heftig-schnelle Anrede verdriet. Gibt's denn keine
medizinische Polizei gegen solche geblasene Stundenlrmfidibus und
-Lrmkanonen, durch welche doch keine knallenden entbehrlich werden?
Eigentlich sollte niemand mit dem Nachtwchterhorne investieret werden
als ein vernnftiger Mann, der sich schon einen Bruch geblasen oder
gehoben htte und der imstande wre, seinen Stundenvers so leise
abzusingen, da man gar nichts hrte.

Was ich lngst erwartet und der Zwerg vorausgesagt, traf jetzt ein: aus
der hohen Posthauspforte trat tief sich bckend der Riese heraus und hob
im Freien eine unvernnftig groe Statur und dito Kopf mit der
ellenhohen

    [67] Gastfreiheitswirt, willst du deinen Gast erforschen? Begleite
    ihn zu einem andern Wirte und hre zu! -- Ebenso: willst du deine
    Geliebte in einer Stunde besser kennen lernen als in einem Monat
    Zusammenlebens? Sieh ihr eine Stunde lang unter Freundinnen und
    Feindinnen (wenn dies kein Pleonasmus ist) zu!

Mtze und Feder empor; mein Schwager ihm zur Seite schien nur sein
vierzehnjhriger Sohn zu sein, und der Zwerg gar sein auf zwei Beinen
aufwartendes Schohndchen. Lieber Freund, sagte mein neckender
Schwager, der ihn an mich und die Postkutsche geleitete, steig' Er
ruhig ein, wir machen Ihm smtlich gern Platz. Kremp' Er sich nur recht
zusammen, und leg' Er den Kopf aufs Knie; so geht's. Der unntze Necker
htte so gern den fast einfltigen Giganten -- dem er's bald abgemerkt,
da dessen Gehirn kein schlauer Gast, sondern die negative Gre seines
Rumpfes war -- unter uns im bangen Postschrank und Notstall vor sich
gesehen zu einem Giespuckel eingeknllt und krumm geschlossen. Giht
doch nit! Giht gar nit! sagte der Riese, als er hineinsah. Der Herr
Soldat wissen vielleicht nicht, versetzte der Zwerg, wie gro ein
Riese ist; und Er denken, weil

    [80] Im Sommer des Lebens graben und statten die Menschen Eisgruben
    so gut als mglich aus, um sich doch fr ihren Winter etwas
    aufzuheben, was fortkhlt.

ich hineingehe. -- Aber das ist ein anderes Loch. -- Ich will berall
hineinpassen, man sage mir nur wo.--

Kurz, es war kein Ausweg fr den Postmeister und den Riesen, als da
sich dieser hinten auf das Passagierwarenlager stellte und setzte, sich
als eine Trnenweide herberbeugend ber den ganzen Kutschkasten. Mich
selber konnte ein solcher Rckenwind und Rckhalt nicht auerordentlich
ergtzen; und ich traue (hoff' ich) jedem von euch, ihr Freunde, zu, da
er hinter einem Rckendekret so gut und so hell wie ich berschlagen
htte, was ein Kerl und Riese hinter ihm, ein Nachfahrer in allerlei
Sinne, etwa Mordendes, probieren knne, es sei nun, da er durch das
Rckenfenster des Wagens einbrche und angreife oder sich berhaupt mit
Titanenmacht oben ber den Kutschenhimmel hermache. Indessen fing der
oben mit gekreuzten

    [28] Es ist mir unmglich, sogleich auf der Stelle unter dem
    Wassersten-Wald von Anspielungen in meinen Werken -- sogar diese
    ist wieder ein Ast -- herauszubringen und darauf zu fallen, ob ich
    je

Armen auf dem Kasten liegende Elefant -- der aber von seinem Gleichnis
mehr die drckende Masse als das fliegende Geisteslicht zu haben schien
-- bald zu schlafen und zu schnarchen an; ein Elefant, wovon (wie ich
immer froher einsah) mein Schwager, der Dragoner, leicht der Kornak und
Bndiger sein konnte, ja schon gewesen war.

Da jetzt mehr als eine Person schlafen wollte, aber (mit Recht) ich
hingegen wachen: so bot ich gern meinen Fahrehrensitz, den Vordersitz
(auch um manchen Neid der Passagiere zu tilgen), solchen Personen an,
die auf ihm ein wenig schlummern wollten. Der Legationsmann ergriff das
Anerbieten und den Lehnpolster mit Hast und entschlief an der Rcklehne
des Titans hinter ihm. Etwas unbegreiflich blieb mir dergleichen
Postschlaf von einem diplomatischen _Charg d'affaires_. Ein Mann, der
so mitten unter einer blutfremden,

    die smtlichen Hfe oder Hhen die (Bouguersche) Schneelinie Europas
    genannt habe oder nicht, ich wnschte aber Belehrung darber, um es
    im widrigen Falle etwa noch zu tun.

oft blutdrstigen Genossenschaft entschlft, kann ja, wenn er im
Schlummer und Wagen spricht (denkt nur alle an den schsischen Minister
vor dem Siebenjhrigen Kriege!) hundert Geheimnisse, tausend Schandtaten
herausstoen, die er kaum verbt hat. Sollte nicht jedem Minister,
Gesandten oder anderen Mann von Ehre oder Stand ordentlich grausen vor
Tollwerden oder hitzigen Fiebern, da ihm kein Mensch dafr steht, da er
nicht darin mit den grten Skandalen herausfhrt, wovon vielleicht die
Hlfte Lgen sind?

Endlich, nach der langen Juliusnacht, kamen wir Passagiere samt der
Aurora vor Fltz an. Ich sah scharf und weich nach den Turmspitzen; ich
glaube, da jeder Mensch, der in einer Stadt etwas Entscheidendes zu
suchen

    [36] Und so wnscht' ich berall der erste zu sein, besonders im
    Betteln; der erste Kriegsgefangene, der erste Krppel, der erste
    Abgebrannte (hnlich dem, der die erste Feuerspritze anfhrt)
    erbeutet die Hauptsumme und das Herz; der Nachkmmling spricht die
    Pflicht nur an; und endlich geht es mit dem melodischen Mancando des
    Mitleids soweit

hat, und dem sie entweder ein Richtplatz seiner Hoffnungen oder deren
Ankerplatz, entweder Schlacht- oder Zuckerfeld wird, sein Auge am ersten
und lngsten auf die Trme der Stadt als auf die Zeigefinger und
Zngelchen seiner Zukunftswage heftet; gleichsam architektonische Berge,
welche wie die natrlichen die Thronen unserer Zukunft sind. Als ich
mich damit zu dichterisch gegen Jean Pierre herauslie, so antwortete er
geschmacklos genug: Die Trme solcher Stdte sind ja die Alpenspitzen,
worauf wir den Alpenkse unserer Zukunft suchen und melken. Mochte der
Legations-Peter mit diesem Stile mich lcherlich machen oder nur sich?
-- Entscheidet!

Hier ist der Ort, die Stadt, sagt' ich heimlich zu mir, wo heute viel
und ber

    herunter, da der letzte -- wenn der vorletzte wenigstens noch
    mit einem reichen Gotthelf beschwert abzieht -- nichts von der
    mildttigen Hand mehr erhlt als deren Faust. Wie nun im Betteln der
    erste, so mcht' ich im Geben der letzte sein; einer lscht den
    andern aus, besonders der letzte den ersten; so aber ist die Welt
    bestellt.

Zuknfte entschieden wird, wo du diesen Abend um fnf Uhr deine
Bittschrift und halb dich selber bergibst; -- geh' es doch gut! geh' es
herrlich! Werde Fltz, dieser Waffenplatz deiner kleinen Bestrebungen,
zugleich die Baustelle von Lust- und Luftschlssern zweier Herzen, des
deinigen und des weiblichen!

Im Gasthofe zum Tiger stieg ich ab.




Erster Tag in Fltz.


Kein Mensch wird sich anfangs in meiner Tigerhotelslage stark
enthusiasmieren ber die nchsten Aussichten. Ich, als der einzige mir
bekannte Mensch, besonders von der Seite der Liebe (vom abgehenden
Dragoner nachher!), sah aus den Fenstern des mit Marktgsten sich
vollstopfenden Gasthofes heraus und auf das Nachstrmen des Marktheeres


    [136] bersteigt ihr eure Zeit zu hoch, so geht es euren Ohren (von
    seiten der Fama) nicht viel besser, als sinkt ihr unter solche zu
    tief, wirklich ganz hnlicherweise sprte =Charles= oben in der
    Luftkugel, und =Halley= unten in der Taucherglocke gleichen
    besonderen Schmerz in den Ohren.

hernieder und konnte sehr bald bedenken, da eigentlich niemand als Gott
und die Spitzbuben und Mrder genau wuten, wieviel von beiden letzteren
darunter mit einschwmmen, um vielleicht die unschuldigsten Marktgste
teils zu enthlsen, teils zu enthalsen. Meine Lage hatte etwas gegen
sich -- mein Schwager hatte, weil er alles blind herausschlgt, es
fallen lassen, da ich im Tiger abstiege -- (o Gott, wann lernen solche
Menschen geheimnisreich bleiben und auch den elendesten Bettel des
Lebens unter Deckmnteln und Schleiern blo deshalb zu tragen, weil so
oft eine lausige Maus einen Eis- und Golgathaberg gebiert als ein Berg
eine Maus?). Smtliches Postgesindel sa smtlich im Tiger ab -- die
Hure -- der Kammerjger -- Jean Pierre -- der Riese, der schon am
Stadttore ausstieg und den Grokopf des

    [25] In der Jugend sieht man eben wie ein operierter Blindgeborener
    -- und was tut auch der Geburtshelfer oder die Geburtshelferin
    anders als operieren -- die Ferne fr die Nhe an, den Sternenhimmel
    fr greifbares Stubengerte, die Gemlde fr Gegenstnde,

Zwergs als eigenen Kopf durch Mantelbemntelung ber die Straen trug,
damit er um einen halben Zwerg gratis riesenhafter erschiene, als er
eigentlich fr Geld zu sehen war.----

Es kam nun auf jeden ausgestiegenen Passagier an, ob er zum Tiger, dem
Wappentiere des Gasthofs, den Prototypus machen, und welches Lamm er
dann fressen, aussaugen, abrupfen wollte. Auch mein Schwager verlie
mich, um einem Rotuscher nachzuziehen, behielt aber fr seine
Schwester sein Zimmer neben meinem; dies sollte, wie es schien,
Aufmerksamkeit fr sie verraten. Ich blieb einsam meiner Tatkraft
berlassen.

Gleichwohl dacht' ich unter so vielen Spitzbuben, die mich umzingelten,
wenn nicht gar belagerten, warm an eine ferne, redliche Seele, an meine
Berga in Neusattel, ein Mark- und Kraftherz, das vielleicht manchem

    und die ganze Welt sitzt dem Jngling auf der Nase, bis ihn, wie den
    Blinden, mehrmaliges Auf- und Zubinden endlich Schein und Ferne
    schtzen lehrt.

[Illustration: ...so gab ich dem Feld- und Bartscheerer einen so
pltzlichen Stoss auf den Nabel..]

schwachen Ehebndner mehr Schutz gewhren, als verdanken wrde.
Erscheine nur morgen mittags recht bald, Berga, sagte mein Herz, und
womglich noch vormittags, damit ich dein Jahrmarktsparadies um so viele
Stunden lnger ausdehne, als du um frhere anlangst!

Ein Geistlicher luft mitten im Weltsturm leicht in einen Freihafen
ein, in die Kirche; die Kirchenmauer ist seine Schiehausmauer und
Fortifikation; und dahinter sitzen gleichergestimmte und friedlichere
Seelen beisammen als auf dem Marktplatz -- kurz, ich ging in die
Hofkirche. Inzwischen wurde ich in meiner Liederandacht ein wenig
verrckt durch einen Heiducken, der einem wohlgekleideten, jungen Herrn
mir gegenber die Doppellorgnette von der Nase abri, weil in Fltz
sowie in Dresden

    [125] Am Ende mu man noch aus Angst und Not der wrmste Weltbrger
    werden, den ich kenne; so sehr schieen die Schiffe als
    Weberschiffchen hin und her und weben Weltteile und Inseln
    aneinander. Denn es falle heute das politische Wetterglas in
    Sdamerika; so haben wir morgen in Europa Gewitter und Sturm.

Glser, die verkleinern und nhern, gegen den Hof verstoen; ich hatte
zwar selber eins aufgesetzt, aber es vergrerte. Ich konnte mich
unmglich dahin bringen, die Brille abzunehmen, und ich werde hier,
frcht' ich, wieder als Starrkopf und Waghals aussehen; blo dies hielt
ich fr schicklich, in einem fort mit ihr ins Gesangbuch zu blicken und
nicht einmal, da der Hof einrauschte, aufzuschauen, um Winke zu geben,
da sie erhaben geschliffen. -- Die Predigt brigens war gut, wenn auch
nicht immer fein bedacht fr eine Hofkirche; denn sie mahnte von
unzhligen Lastern ab, zu deren Widerspielen, den Tugenden, ein anderer
Prediger zu leicht htte ermahnen knnen! Unter dem ganzen Gottesdienste
trachtete ich, wahre, tiefe Ehrerbietung

    [19] Leichter, hat man bemerkt, ersteigt man einen Berg, wenn
    man rckwrts hinaufgeht. Dies liee sich vielleicht auch auf
    Staatshhen anwenden, wenn man ihnen immer nur das Glied wiese,
    womit man sich darauf setzt, und das Gesicht gegen das Volk unten
    gerichtet hielte, indes man in einem fort sich entfernte und hbe.

an den Tag zu legen, sowohl gegen Gott als gegen meinen erhabenen
Landesherrn. Zur letzteren Ehrerbietung hatte ich noch meinen
Privatgrund; ich wollte solche nmlich recht ffentlich und stark mit
erhabenen Schriftpunzen auf meinem Gesicht ausprgen, um irgendeinen
eingefleischten Schadenfroh am Hofe Lgen zu strafen, der etwa meine
neuliche Widerlegung von Linguets Lob auf Nero und meine deutsche freie
Satire auf diesen wahren Tyrannen selber, die ich ins Fltzische
Wochenblatt eingeschickt, mchte zu einem heimlichen Charaktergemlde
meines Frsten umzudrehen beliebt haben. Leider kann man jetzt kaum auf
den hllischen Teufel selber eine Stachelschrift abfassen, ohne da
irgendein menschlicher sie auf einen Engel appliziert.

Als endlich der Hof aus der Kirche in den

    [26] Wenige deutsche Gelehrte sind nicht originell, wenn man anders
    (wenigstens aller Lnder Sprachgebrauch ist) jedem Originalitt
    zusprechen darf, der blo seine eignen Gedanken auftischt und keine
    fremden. Denn da zwischen ihrem Gedchtnis, wo das Gelesene oder
    Fremde wohnt, und zwischen

Wagen stieg, hielt ich mich in solcher Entfernung, da mein Gesicht
unmglich wre zu sehen gewesen, falls ich etwa in der Nhe kein
ehrerbietiges, sondern ein zu stolzes gezogen htte. Gott wei, wer mir
allein jene tollkecken Phantasien und Gelste eingeknetet hat, die
vielleicht einem Helden Schabacker mehr anstnden als einem Feldprediger
unter ihm. Ich kann hier nicht umhin, eine der frechsten, euch, meinen
Freunden, zu vertrauen, wrfe sie auch anfangs ein zu grelles Licht auf
mich. Es war bei meiner Ordination zum Feldprediger, als ich zum
heiligen Abendmahle ging am ersten Ostertag. Whrend ich nun so dastand,
weich bewegt vor dem Altargelnder mit der ganzen Mnnergemeinde -- ja,
ich vielleicht strker gerhrt, als einer darunter, weil ich als ein in
den Krieg Ziehender

    ihrer Phantasie oder Erzeugungskraft, wo das Geschriebene und Eigene
    entsteht, ein hinlnglicher Zwischenraum und die Grenzsteine so
    gewissenhaft und fest gesetzet sind, da nichts Fremde ins Eigne und
    umgekehrt herber kann, so da sie wirklich hundert Werke lesen
    knnen, ohne den Erdgeschmack

mich ja halb als einen Sterbenden betrachten durfte, der nun wie ein zu
Henkender die letzte Seelenmahlzeit empfngt -- so warf in mir, mitten
in die Rhrung von Orgel und Sang, etwas -- sei es nun der erste
Osterfeiertag gewesen, der mich auf das sogenannte alte christliche
Ostergelchter brachte, oder der bloe Abstich teuflischer Lagen gegen
die gerhrtesten -- kurz, etwas in mir (weswegen ich seitdem jeden
Einfltigeren in Schutz nehme, der sonst dergleichen dem Teufel
anschrieb!) -- dies Etwas warf die Frage in mir auf: gb' es denn etwas
Hllischeres, als wenn du mitten im Empfange des heiligen Abendmahls
verrucht und spttisch zu lachen anfingest? Sogleich rang ich mich mit
diesem Hllenhund von Einfall herum -- versumte die strksten
Rhrungen,

    des eignen einzuben oder dasselbe sonst zu ndern: so ist, glaub'
    ich, ihre Eigenheit bewhrt; und ihre geistigen Nahrungsmittel, ihre
    Plinsen, Laibe, Krapfen, Kaviare und Suppenkugeln werden nicht, wie
    nach Bffon die krperlichen, zu organischen Kgelchen der
    Erzeugung, sondern erscheinen rein

um nur den Hund im Gesichte zu behalten, und abzutreiben -- kam aber von
ihm abgemattet und begleitet vor dem Altarschemel mit der jammervollen
Gewiheit an, da ich nun in kurzem ohne weiteres zu lachen anfangen
wrde, ich mchte innen weinen und sthnen, wie ich wollte. Als daher
ich und ein sehr wrdiger alter Brgermeister uns miteinander vor dem
langen Geistlichen verbeugten und letzterer mir (vielleicht kam er mir
auf dem niedrigen Kniepolster zu lang vor) die Oblate in den klemmen
Mund steckte: so sprt' ich schon, da an den Mundwinkeln alle
Lachmuskeln sardonisch zu ziehen anfingen, die auch nicht lange an der
unschuldigen Gesichtshaut arbeiteten, als schon ein wirkliches Lcheln
darauf erschien -- und als wir uns gar zum zweiten Male verneigten, so
grinste

    und unverndert wieder. Oft denk' ich mir solche Gelehrte als
    lebendige, aber tausendmal knstlichere Entriche von Vaukansons
    Kunstente aus Holz. Denn in der Tat sind sie nicht weniger knstlich
    zusammengefugt als diese, welche frit und den Fra hinten
    wiederzugeben scheint -- zarte Nachspiele

ich wie ein Affe. Mein Nebenmann, der Brgermeister, redete ganz mit
Recht, als wir hinter den Altar umgingen, mich leise an: Um Gottes
willen, sind Sie ein ordinierter Prediger oder ein Pritschenmeister? --
Lacht denn der lebendige Gottseibeiuns aus Ihnen? -- Ach, Gott! wer
denn sonst? sagt' ich; erst nachher bracht' ich meine Andacht
ernsthafter zu Ende.

Aus der Kirche -- (ich komme wieder in die Fltzer) -- ging ich in den
Gasthof zum Tiger und a an der Wirtstafel, weil ich nie menschenscheu
bin. Vor dem zweiten Gerichte reichte mir der Kellner einen leeren
Teller, worauf ich zu meinem Erstaunen einen franzsischen Vers mit der
Gabel eingekratzt erblickte, der nichts Geringeres enthielt als ein
Pasquill auf den Kommandanten von

    der Ente, welche unter dem Schein, die Kost in Blut und Saft
    verwandelt zu haben, blo einen, vom Knstler im Hinterleibe
    trefflich vorgersteten Auswurf, der mit Speise und Verdauung gar
    nicht zusammenhngt, illusorisch in die Welt setzt und drckt.

Fltz. Ohne Umstnde bot ich den Teller der Tischgesellschaft hin und
sagte, ich htte das pasquillantische Geschirr, wie sie shen, eben
bekommen, und bte sie zu bezeugen, da der Handel mich nichts angehe.
Ein Offizier wechselte sogleich mit mir Teller. Bei dem fnften Gericht
durft' ich mich ber die chemisch-medizinischen Unkenntnisse der
Tischgesellschaft verwundern, indem ein Hase, aus welchem ein Herr
mehrere Schrotkrner, das heit also ein mit Arsenik versetztes und
durch den warmen Essig nun aufgelstes Blei, ffentlich herausgezogen
und vorgezeigt hatte, von den Zuschauern (mich ausgenommen) lustig
fortgespeist wurde.

Unter den Tischgesprchen fate mich eins gewaltig bei meiner schwachen
Seite, bei meiner Ehre. Es wurde nmlich der Gerichtsgebrauch der
Residenz erzhlt, da ein unzchtiges Mdchen jeden, wen eine Dirne dazu
whle, in den Vater ihres Wurms verkehren

    [15] Nach hnlichkeit der schn polierten englischen Einlegmesser
    gibt's auch Einlegkriegsschwerter, oder -- mit andern Worten --
    Friedensschlsse.

knne blo durch ihr Eidwort. Schrecklich! sagt' ich, und mir stand
das Haar zu Berg. -- Auf diese Weise kann sich ja der erste beste
Hausvater mit Frau und Kindern, oder ein Geistlicher, der im Tiger
logiert, von der ersten schlimmsten Aufwrterin, die er oder die ihn
leider abends zufllig kennen lernen, um Ehre und Unschuld gebracht
sehen? Ein ltlicher Offizier fragte: Soll denn aber das Mdchen sich
lieber zum Teufel schwren? Welche Logik! -- Oder gesetzt, fuhr ich
ohne Antwort fort, ein Mann reist mit jenem Wiener Schlossergesellen,
der nachher Mutter wurde und mit einem Shnchen niederkam, oder mit
irgendeinem verkleideten Ritter d'Eon, mit dem er hufig bernachtet;
und der Schlossergeselle oder der Ritter drfen dann ihre Beilager
beeidigen: so kann ja kein zarter Mann zuletzt mehr mit einem anderen
reiten und fahren, weil er nicht wei, wann dieser die Stiefel auszieht
und die Weiberschuhe an, und ihn dann zum Vater schwrt und sich zum
Teufel?

Aber einige von der Tischgesellschaft vergriffen sich in meinem
Kanzelfeuer so sehr, da sie schafsmig zu glauben andeuteten: ich
selber sei in diesem Punkt nicht richtig, sondern lax. Beim Himmel! ich
wute da nicht mehr, was ich fra und sprach. Zum Glcke wurde mir
gegenber eben die Lge irgendeiner franzsischen Niederlage ausgesagt;
da ich nun an den Straenecken die franzsische und deutsche
Proklamation angesehen, welche jeden, der Kriegsberichte -- nmlich
nachteilige -- anhrt, ohne sie anzuzeigen, vor das Kriegsgericht
bestellt: so konnt' ich als ein Mann, der sich nie gern vergessen will,
wohl nichts Klgeres tun, als davongehen mit leeren Ohren und nur dem
Wirte rapportieren warum.

Es war keine unrechte Zeit, denn absichtlich um viereinhalb Uhr wollt'
ich mir den Bart scheren lassen, um gegen fnf so recht mit einem vom
Balbiermesserglttzahn geleckten Kinn, wie glattes Velinpapier, ohne
Wurzelstcke vom Kinnhaare (Barthaare ist Pleonasmus) auf- und
vorzutreten. Vorher go ich, wie Pitt vor Parlamentssitzungen, verdammt
viel Pontak mit wahrem Ekel in meinen Magen hinunter gegen jede
Heillehre und Sperrordnung desselben, nicht sowohl um den leichten,
fremden Bartputzer zu bestehen, als den Ministergeneral Schabacker, mit
welchem ich eines und das andere Feuerwort zu wechseln vorhatte.

Es kam der gewhnliche Fremdenbalbier des Hotels, hatte aber sogleich in
seinem viellinigen ausgezackten Gesichte mehr von einem endlich toll
werdenden, als von einem weiser werdenden Manne an sich. Tolle nun hass'
ich unglaublich und bin daher in kein Tollhaus zu bringen, weil da der
erste beste Wtige mich mit Riesenfusten erschnappt, wenn er mag, und
weil ich berhaupt der Ansteckung wegen nicht wei, ob ich wieder mit
dem Verstande herauskomme, den ich hineintrage. -- Gewhnlich sitz' ich
(bin ich eingeseift) dergestalt auf dem Stuhle, da ich, beide Hnde
(den Blick spann' ich scharf gegen das balbierende Gesicht) auf den
Schenkeln, dem Zwerchfell des Balbiers gegenber schlagfertig liegen
habe, um ihn bei der kleinsten zweideutigen Bewegung wie wtig
umzustoen.

Ich wei kaum recht, wie es zuging, aber indes ich mich ins
nrrisch-gewundene Gesicht des Bartputzers vertiefe und da er eben das
lang' gewetzte Schlachtmesser etwas vorschnell gegen meine entblte
Gurgel fhrte: so gab ich dem Feld- und Bartscherer einen so pltzlichen
Sto auf den Nabel, da der Mann sich im Fallen bald selber
selbstmrderisch die Gurgel abgeschnitten htte. Mir blieb freilich
nichts davon als Gutmachungen und eine gegen meine sonstigen Grundstze
umgebundene geschwollene Kravatte als Deckmantel dessen, was unbeschoren
geblieben.

Jetzt brach ich denn endlich zum General auf und trank die Pontaksreste
noch unter der Schwelle aus. Ich hoffe, in mir lagen Plne fertig,
richtig zu antworten, ja zu fragen. Das Bittschreiben hatt' ich in der
Tasche und in der rechten Hand. In der linken hatt' ich dessen Duplikat.
Mein Feuer half mir leicht ber alle ministeriellen lebendigen Zune
hinber, und ich befand bald mich unverhofft im Vorzimmer unter seinen
vornehmsten Lakaien, die, soviel ich merkte, nichts verpassen sollten.
Ich berreichte dem Ansehnlichsten meine papierne Bitte mit der
mndlichen, sie seinerseits zu berreichen. Er nahm sie, aber
unverbindlich. Ich wartete tief in die Stunde sechs Uhr hinein
vergeblich, worin allein dem frohen Generale manches vorzutragen ist.
Endlich erseh' ich einen Stief- oder Duzbruder des vorigen Lakaien und
wiederhole mein Gesuch; dieser rennt umsonst umher, um Bruder oder
Schreiben zu suchen -- nichts war zu finden: -- wie glcklich war ich,
da ich das Duplikat der Bittschrift mitten im Pontak vor dem Rasieren
mir wieder abgeschrieben, und also -- blo aus dem Grundsatz, da man
immer ein zweites hlzernes Bein im Mantelsack eingepackt haben msse,
wenn man ein erstes am Leibe habe -- und aus der Furcht, da, wenn mir
das Urschreiben auf dem Wege

    [13] _Omnibus una salus sanctis, sed gloria dispar_; das heit --
    schreiben sonst die Gottesgelehrten -- nach Paulus haben wir im
    Himmel alle dieselbe Seligkeit, aber verschiedene Ruhmstufen. Schon
    auf der Erde finden wir im Himmel der Schriftstellerwelt

vom Tiger zu Schabacker verloren ginge, meine ganze Reise und Hoffnung
zu Wasser mte werden -- dies, sag' ich, war gut, da ich das
Repetierwerk des Urschreibens eingesteckt hatte, und folglich in jedem
Falle etwas, und zwar ein detto, einzuhndigen vermochte. Ich hndigte
dasselbe ein.

Leider nur war schon sechs Uhr vorbei. Der Lakei aber blieb nicht lange
aus, sondern brachte mir bald -- ich mchte sagen den Predigttext dieses
Zirkelbriefes -- die fast rohe Antwort (die ihr, Freunde, aber aus
Achtung fr mich und Schabacker geheim zu halten habt): falls ich der
Attila Schmelzle beim Schabackerschen Regiment wre, so mcht' ich mich
nur mit meinem Hasenpanier wieder zum Teufel scheren, wie ich bei
Pimpelstadt getan. Ein anderer wre auf dem Platze geblieben; ich aber
ging ganz derb davon und

    ein Vorbild davon. Nmlich die Seligkeit der von der Kritik
    seliggesprochenen Autoren der genialen, der guten, der
    mittelmigen, der geistesarmen, ist bei allen die nmliche, sie
    machen smtlich im ganzen fast einerlei Kameralglck, denselben

versetzte dem Kerl: Ich schere mich auch willig zum Teufel, und schere
mich den Teufel darum. Unterwegs untersucht' ich mich selber, ob nicht
etwa der Pontak aus mir gesprochen -- wiewohl schon die Untersuchung
widerspricht, da kein Pontak untersucht; -- aber ich fand, da nur ich,
mein Herz, vielleicht mein Mut etwas gesprochen: und wozu denn berhaupt
Kleinmut, da das Vermgen meiner guten Frau mich ja besser besoldet als
zehn katechetische Professuren, und da sie alle Ecken meines Buches des
Lebens mit so viel goldenen Beschlgen versieht, da ich es, ohne es
abzuntzen, immer aufschlagen kann? -- Schwangere mgen bei Schrecken an
den Hintern greifen, um das Muttermal des Versehens dorthin zu verstecken;
ich griff bei dem Mute ans Herz und sagte: Schlage dich nur tapfer durch,
wer auch dabei geschlagen

    schwachen Profit. Aber Himmel, was hingegen Nachruhmsstaffeln
    anlangt, wie tief wird nicht -- ungeachtet des nmlichen Honorars
    und Absatzes -- schon bei Lebzeiten ein sogenannter Duns unter ein
    Genie hinabgestellt! -- Wird nicht oft ein

werde! Ich fhlte mich ganz erhoben und erhitzt -- ich dachte mir
Republiken, wo ich als Held nach Hause kommen knnte -- ich sehnte mich
in jene heroischen Griechenzeiten hinein, wo ein Held vom andern Prgel
gern einsteckte und sagte: schlage nur, aber hre mich! und aus unseren
feigen heraus, wo man kaum Schimpfworte aushlt, geschweige mehr -- ich
malte mir es aus, wie ich mich fhlen wrde, wenn ich in glcklichere
Umgebungen Afterthronen umwrfe und vor ganzen Vlkern auf Grotaten wie
auf Tempelstufen unsterblich aufstiege und in gigantischen Zeiten ganz
andere und grere Mnner zu bermannen und zu bertreffen fnde als
jetzt den Milbenpbel um mich her und hchstens den einen und den
anderen Vulcanello. Ich dachte -- und machte mich immer wilder und ich
selber berauschte mich

    geistesarmer Autor in einer Messe vergessen, indes ein geistreicher
    oder gar ein genialer durch fnfzig Messen durchblht und so erst
    sein 25jhriges Jubilum feiert, bevor er spt vergessen untergeht
    und im deutschen Ruhmtempel eingesenkt wird, der

(also kein Pontaksrausch, der bekanntlich mehr durch als ohne Trinken
wchst), und gestikulierte ffentlich -- als ich mich fragte: Willst
du ein bloer Staatsschohund werden -- ein Hunds-Hund -- ein _pium
desiderium_ eines _impii desiderii_ -- ein Ex-Ex -- ein Nichts-Nichts?
---- O Sackerment! Darber stie ich mir aber meinen Hut in den
Marktkot. Da ich ihn aufhob und suberte, sah ich berall, wie
verschossen er war, und entschlo mich sogleich, einen neuen zu kaufen
und anfangs selber zu tragen in der Hand.

Ich vollzog's und erhandelte einen vom feinsten Kaliber. Sonderbar,
durch diesen Hut, als wr's ein Magisterhut, wurde in der Ziegengasse
ordentlich mein Kopf geprft und examiniert. Da nmlich der General
Schabacker darin daherfuhr, und ich (wie sich wohl von selber versteht)
mich nicht durch

    die bekannte Eigenheit der Kirche des Ordens der Padri Lucchesi in
    Neapel nachahmt, welche bekanntlich (nach Volkmann) unter ihrem
    Dache eine Begrbnissttte, aber kein Denkmal darauf verstatten.

gemeine Grobheit, sondern durch Hflichkeit rchen wollte: so bekam ich
eine der kitzlichsten Aufgaben zu lsen vor. Schwenkt' ich nmlich blo
den feinen Filz, den ich schon in der Hand trug, behielt aber den
verschossenen auf dem Kopfe: so konnt' ich einem Grobian von Haus aus
hnlich sehen, der nichts abzieht; zog ich hingegen den alten vom Kopfe
und hofierte damit: so spielten zwei Filze auf einmal (ich mochte nun
den anderen mitbewegen oder nicht) die Sache ins Lcherliche. Nun,
stimmt doch ab, ihr Freunde, eh' ihr weiter leset, wie man sich hier
herauszuziehen htte, ohne den Kopf zu verlieren!.... Ich glaube
vielleicht dadurch, da man blo den Hut verliert; kurz und gut, ich
lie eben geradezu den Putzhut aus der Hand in den Kot fallen, um mich
in den Stand zu setzen, den Sudelhut einsam abzunehmen und mit ntiger
Hflichkeit zu schwenken ohne einen Anstrich von Lcherlichkeit.

Im Tiger lie ich -- um etwas schlieen zu lassen -- den brillantierten
Fein-Fein-Fein-Filz

[Illustration: ...und betete laut: Dir bergeb' ich mich ganz / Du
allein sorgtest ja bisher fr mich schwachen Knecht]

frher ausbrsten als den Kotsassen- oder Schartekenhut.

Nun ging ich, meine wichtige Vergangenheit in der Adjustier- und
Probierwage tragend, feurig auf und nieder. Der Pontak mute -- ich wei
wohl, da es hinieden nur unechten gibt -- ein noch unechterer gewesen
sein; so sehr jagte er meine Phantasie in ein Feuer nach dem anderen.
Ich sah jetzt in ein weites, glnzendes Leben hinein, wo ich ohne Amt
lebte, blo von Geld; und das ich gleichsam mit den delphischen Hhlen
und Zenonischen Gngen und Musenbergen aller der Wissenschaften berset
sah, die ich ruhig treiben konnte. Besonders konnte ich mich mehr auf
Preisschriften bei Akademien legen, deren (nmlich der Schriften) sich
kein Urheber jemals zu schmen braucht, weil eine ganze krnende
Akademie in jedem Falle fr den Koronanden steht und errtet. Schiet
auch der Preiswerber neben der Krone vorbei, so bleibt er doch stets
unbekannter und anonymer (da man seine Devise nicht entsiegelt) als ein
anderer Autor, der zwar namenlos ein Langohr von Buch ediert, den aber
doch bald ein literarisches Eselbegrbnis (_sepultura asinina_)
ffentlich vor der halben Welt einsenkt.

Nur etwas dauerte mich voraus, das Leid meiner Berga, welcher ich morgen,
der lieben Mdegereisten, die Ankunft und die abgekrzte Marktschau mit
meiner abschlgigen Nachricht versalzen mute. Sie wollte so gern in
Neusattel -- und wer verbelt's einer reichen Pchterstochter -- etwas
vorstellen und manche Honoratiorin ausstechen. -- Jeder Mensch verlangt
sein Paradepltzchen und eine frhere lebendigere Ehre, als die letzte
Ehre. -- Besonders will eine so gute Niedriggeborene, sich vielleicht
mehr ihres metallischen als ihres geistigen Schatzes und Tilgungsfonds
bewut, doch bei Ehrengelagen Meisterin von irgendeinem Stuhl oder
Sthlchen sein und ber die erste beste dumme Gans _loci_ hinaufsitzen.

Dazu sind nun Ehemnner so unentbehrlich. Ich nahm mir daher vor, mir
und folglich ihr einen der besten Titel, womit die Hfe in Deutschland
(gleichsam wie in einem Auerbachshof in Leipzig) vom Adel und Halbadel
an bis zum Rate herunter in einem fort feilstehen, anzukaufen und dieser
geadelten Seele durch meinen Viertelsadel einen solchen Achtelsadel
zuzuspielen, da (hoff' ich) manche gemeine nebenbuhlerische Neusattlerin
vom Neide halb geborsten sagen und rufen soll: Ei du dummes Pchtersding!
Seht doch, wie das schwnzelt und wedelt! Es denkt nicht daran, was es
mit ihm wre, wenn es keinen Geldsack und keinen Hofrat htte;-- Denn
letzteres nmlich mt' ich etwa vorher geworden sein.

Aber ich sehnte mich in der kalten Einsamkeit meines Zimmers und im
Feuer meiner Erinnerungen unbeschreiblich nach dem Bergelchen -- ich und
mein Herz waren mde vom fremden treibenden Tage -- niemand um mich her
sagte mir ein gutes Wort, das er nicht in die Wirtsrechnung zu bringen
verhoffte. -- Freunde, ich schmachtete nach der Freundin, deren Herz
gern das Blut zum Balsam fr ein zweites vergiet -- ich verfluchte
meine berklugen Maregeln, da ich nicht, um die Gute sogleich mit mir
zu nehmen, lieber das dumme Hauswesen allen Spitzbuben und Feuerschden
preisgegeben. -- Im Auf- und Abgehen ward es mir immer leichter, alles
zu werden, jeder Kammerrat, Akzisrat, anderer Rat, und wie sie nur
befahl, wenn sie ankme.

Mach dir nur einen guten Tag in der Stadt! sagte Bergelchen diese
ganze Woche hindurch. Aber wie ist einer ohne sie zu machen? Unsere
Trauertrnen trocknen auch Freunde ab und begleiten sie mit eigenen;
aber unsere Freudentrnen finden wir am leichtesten in den Augen unserer
Frauen wieder. -- Verzeiht, Freunde, diese Libationen meiner Rhrung --
ich zeig' euch nur mein Herz und meine Berga. -- Bedarf ich eines
Ablakrmers, so nehmt den Pontakskrmer dazu.

    [79] Schwache und verschobene Kpfe verschieben und verndern sich
    am wenigsten wieder, und ihr innerer Mensch kleidet sich sparsam um;
    ebenso mausern Kapaune sich nie.




Erste Nacht in Fltz.


Gleichwohl nahm mir der Wein die Besonnenheit nicht, vor dem Bettegehen
unter das Bett zu sehen, ob jemand darunter lauere, zum Beispiel die
Hure, der Zwerg oder der Legationsrat, ferner den Schlssel unter den
Trdrcker (die beste Sperrordnung unter allen) zu schieben, dann zum
berflusse meine Nachtschraube an die Tre einzubohren und endlich davor
noch die Sessel bereinander zu bauen und Beinkleider und Schuhe
anzubehalten, weil ich durchaus nichts besorgen wollte.

Ich hatte aber noch andere Sachen des Nachtwandels wegen abzutun. Mir
war's berhaupt von jeher unbegreiflich, wie so viele Menschen zu Bette
gehen und darin gesetzt liegen knnen, ohne zu bedenken, da sie
vielleicht im ersten Schlafe sich aufmachen

    [89] Die Alten heilten sich im Zeitenunglck mit Philosophie oder
    mit Christentum; die Neueren aber z.B. in der Schreckenszeit
    griffen zur Wollust, wie etwa der verwundete Bffel sich zur Kur
    und zum Verband im Schlamme wlzt.

als Nachtwandler und auf Dcher hinauskriechen und irgendwo erwachen, wo
sie den Hals brechen und den Rest. Ja, es wre mir schon Gefahr genug,
wenn ein unbescholtener Mann, ein Feldprediger, im eigenen Bette
einschliefe und etwa auf den Seidenpolstern im Schlafgemache der
vornehmsten Dame in der Stadt aufwachte, von der er vielleicht sein
Glck erwartet. Bin ich zu Hause, so wag' ich wenig mit Schlaf; -- weil
ich, da meine rechte Fuzehe jede Nacht mit einem drei Ellen langen
Wickelbande (ich nenn' es scherzend unser eheliches Band) an die linke
Hand meiner Frau angeschlungen wird, die Gewiheit habe, da ich, falls
ich aus dem Bettarrest herausginge, mit dem Sperrstrick sie wecken und
ich folglich von ihr, als meinem lebendigen Zaun, an der Nachtschnur
wieder ins Bett wrde zurckgezogen werden. Im Gasthof aber konnt' ich
nichts tun, als mich einige Male an den Bettfu schnren, um nicht zu
wandern; obgleich alsdann einbrechende Spitzbuben neue Not mitbringen
konnten. Ach, so gefhrlich ist alles Schlafen, da leider jeder, der
nicht auf dem Rcken wie ein Leichnam daliegt, besorgen mu, mit dem
Ganzen schlafe auch ein oder das andere Gliedma, ein Fu, ein Arm ein;
und dann kann das entschlummerte Glied -- da es in der medizinischen
Geschichte gar nicht daran an Exempeln fehlt -- am Morgen zum Amputieren
gereift daliegen. Deshalb lass' ich mich hufig wecken, damit nichts
einschlft.

Als ich an den Bettpfosten gut angebunden und endlich unter die
Bettdecke gekommen war, wurde ich wegen meines Pontaks Feuertaufe aufs
neue bedenklich und furchtsam vor meinen zu erwartenden Kraft- und
Sturmtrumen -- welche leider nachher auch nichts Besseres wurden als
Helden- und Potentatentaten, Festungsstrme, Felsenwrfe; -- noch aber
seh' ich wenig diesen Punkt rztlich beherzigt.

    [108] Verwundert las ich, der Gru im Gotthardstal sei: _Allegro!_
    -- Denn nie wurd' ich in Wetzlar, in Regensburg oder Wien anders
    gegrt als: _Andante di molto!_ -- zuweilen jedoch: _Allegro, ma
    non troppo!_ -- Ja, alte Generale grten sich

Medizinalrte und ihre Kunden strecken sich alle ruhig in ihren Betten
aus, ohne da nur einer von ihnen befrchtet oder untersucht, ob ihm ein
wtiger Zorn (zumal wenn er schnell darauf kalt suft im Traum), oder
ein herzzerreiender Harm, was er alles in den Trumen erleben kann, am
Leben schade oder nicht. Wr' ich, ich bekenn' es, eine Frau und mithin
weiblich-furchtsam zumal in guter Hoffnung, ich wrd' in letzter ber
die Frucht meines Schoes in Verzweiflung sein, wenn ich schliefe und
folglich im Traum alle die von medizinischen Polizeien verbotenen
Ungeheuer, wilden Bestien, Migeburten und dergleichen zu Gesicht
bekme, wovon eine ausreicht (sobald die besttigte Lehre des Versehens
wahr bleibt), da ich Kreiende mit einem elenden Kinde niederkme, das
ganz ausshe wie ein Hase und voll Hasenscharten dazu, oder das eine
Lwenmhne

    oft: _Poco vivace._ -- Ich erklre mir es daher, da der Deutsche,
    wenn alle Vlker, die Fe und Schuhe zu ihren Maen nehmen, lieber
    mit Sessions-Steien und Hosen abmit.

hinten htte oder Teufelsklauen an den Hnden, oder was sonst noch
Migeburten an sich haben. Vielleicht wurden manche Migeburten von
solchem Versehen in Trumen gezeugt.

Nachts kurz vor zwlf Uhr erwacht' ich aus einem schweren Traum, um eine
fr meine Phantasie zu geisterhafte Geistergeschichte zu erleben. Mein
Schwager, der sie mir eingebrockt, verdient fr seine ungesalzene
Kocherei, da ich ihn euch als den Braumeister des schalen Gebrues ohne
Schonen nenne. Wre Argwohn mit Unerschrockenheit vertrglicher, so
htte ich vielleicht schon aus seinem Sittenspruche ber dergleichen
unterwegs sowie aus dem Fortbehalten seines Nebenzimmers, an dessen
Mitteltre mein Lager stand, leicht alles geschlossen. Mir war nmlich,
als wrd' ich angeblasen von einem kalten Geisteratem, den ich auf keine
Weise

    [181] Gott sei Dank, da wir nirgends ewig leben als in der Hlle
    oder im Himmel; auf der Erde wrden sonst wahre Spitzbuben aus uns,
    und die Welt ein Haus von Unheilbaren, aus Mangel der

aus den entfernten und versperrten Fenstern herzuleiten vermochte; --
worin ich's denn auch traf, denn der Schwager hatt' ihn aus einem
Blasebalg durchs Schlsselloch eingeschickt. Alles Kalte bringt in der
Nacht auf Todes- oder Geisterklte. Ich ermannte mich aber und harrte --
nun fing gar das Deckbette an, sich in Bewegung zu setzen -- ich zog es
an mich -- es wollte wieder weiter -- behend' setz' ich mich pltzlich
im Bette auf und rufe: Was ist das? -- Keine Antwort, berall Stille
im Gasthof -- das ganze Zimmer voll Mondschein--. Jetzt hob sich mein
Zugpflaster, das Deckbett, gar empor und luftete mich, wobei mir war
wie einem, von dem man ein Pflaster schnell abhebt. Nun tat ich den
Rittersprung aus dem Teufelstorus und zersprengte springend mein
Nachtwandlersleitseil. Wo ist der dumme Menschennarr, rief ich, der
die erhabene unsichtbare

    Kurschmiede (der Scharfrichter) und der ableitenden Haarseile (am
    Galgen) und der Ekel- und Eisenkuren (auf Richtsttten). So da wir
    also wirklich unsre sittliche Riesenkraft gerade so auf der Schuld

Geisterwelt nachfft, die ihm ja auf der Stelle erscheinen kann? --
Aber an, ber, unter dem Bette war nichts zu hren und zu sehen. Ich
schaute zum Fenster hinaus; berall geisterhaftes Mondlicht und
Straenstille, und nichts bewegte sich, als (wahrscheinlich vom Winde)
auf dem fernen Galberg ein Neugehenkter.

Jeder andere htt' es so gut fr Selbsttuschung gehalten als ich; daher
wickelte ich mich wieder in mein passives _lit de justice_ und Luftbette
ein, darin erwartend, inwiefern ich an Erschrecken erkalten sollte oder
nicht.

Nach einigen Minuten fing das Deckbette, der teuflische Faustsmantel,
sein Fliegen und Schiffsziehen (ich allein war der Verurteilte) wieder
an, der Abwechslung wegen hob auch wieder der unsichtbare Bettaufhelfer
empor. Verfluchte Stunde! -- Ich mchte wissen, ob es im ganzen
gebildeten Europa einen gebildeten

    der Natur, die wir zu bezahlen haben, beruhend, finden, als die
    Politiker (z.B. der Verfasser des neuen Leviathans) die bermacht
    der Englnder, auf deren Nationalschuld gesttzt, erweisen.

oder ungebildeten Menschen gbe, der bei so etwas nicht auf
Geisterteufeleien verfallen wre; -- ich verfiel darauf, unter der (sich
selber) fahrenden Habe des Deckbettes, und dachte, Berga sei Todes
verfahren und fasse nun noch geistig mein Bette. Dennoch konnt' ich
sie nicht anreden, sowenig als den Teufel, der hier einspielen konnte,
sondern ich wandte mich blo an Gott und betete laut: Dir bergeb' ich
mich ganz, du allein sorgtest ja bisher fr mich schwachen Knecht -- und
ich schwre, da ich anders werde. -- Ein Versprechen, das dennoch von
mir soll gehalten werden, so sehr auch alles nur dummer Lug und Trug
gewesen ist.

Mein Gebet verfing nichts bei dem unchristlichen Dragoner, der mich
einmal im Zuggarn des Deckbetts gefangen hielt -- unbekmmert, ob er ein
Gastbett zum Parade-

    [63] Die, welche vom Vlkerlichte Gefahren befrchten, gleichen
    denen, die besorgen, der Blitz schlag' ins Haus, weil es Fenster
    hat; da er doch nie durch diese, sondern durch deren Beeinflussung
    fhrt oder an der Rauchwolke des Schornsteins herab.

[Illustration: Ich pfiff frisch ein gas Konisches Liedchen
darunterhinein...]

und Totenbette mache oder nicht. -- Er spann meine Nerven wie Golddraht
durch engere Lcher hindurch immer dnner bis zum Verschwenden und
Verschwinden, denn das Bette marschierte endlich gar herab bis an die
Mitteltre.--

Jetzt war es Zeit, ohne Umstnde erhaben zu werden und mich um nichts
mehr hienieden zu scheren, sondern mich dem Tode schlicht zu widmen:
Rafft mich nur weg, rief ich und schlug unbedenklich drei Kreuze,
macht mich nur schnell nieder, ihr Geister; ich sterbe doch unschuldiger
als tausend Tyrannen und Gottesleugner, denen ihr leider weniger erscheint
als mir Unbeflecktem. Hier vernahm ich eine Art von Lachen, entweder
auf der Gasse oder im Nebenzimmer; vor diesem warmen Menschenton blht'
ich pltzlich wie vor einem Frhling an allen Spitzen wieder auf. Ich
verschmhte gnzlich die weggehaspelte

    [76] Die konomische predigende Poesie glaubt wahrscheinlich, ein
    chirurgischer Steinschneider sei ein artistischer; und eine Kanzel
    oder ein Sinai sei ein Musenberg.

Decke, die jetzt von der Tre nicht mehr weg konnte; ich legte mich
unbedeckt, doch warm und schwitzend genug, bald in den Schlaf. brigens
schm' ich mich nicht im geringsten vor allen aufgeklrten Hauptstdten
-- und stnden sie vor mir--, da ich durch meinen Teufelsglauben und
meine Teufelsanrede einige hnlichkeit mit dem grten deutschen Lwen
bekommen, mit Luther.




Zweiter Tag in Fltz.


Am Frhmorgen sprt' ich mich aufgeweckt durch das bekannte Zudeckbett;
es hatte sich wie ein Inkube auf mich gesetzt; ich gaffte auf; in einem
Winkel sa still ein rotes, rundes, kernhaftes, aufgeputztes Mdchen wie
eine volle Tulpe von Lebensfrische aufgeblht und leise flatternd mit
bunten Bndern gleichsam

    [415] Nach Smith ist die Arbeit der allgemeine Mastab des kameralen
    Werts. Dies haben aber, wenigstens in bezug auf geistigen und
    poetischen Wert, die Deutschen noch frher eingesehen und meines
    Wissens stets den gelehrten Dichter ber den genialen und das
    schwere Buch der Arbeit ber das flatternde voll Spiel gesetzt.

als mit Blttern. Wer ist dort, wie kommt man herein? rief ich
halbblind.-- Ich habe dich nur leise zugedeckt, und du solltest erst
ausschlafen, sagte Bergelchen, ich bin die ganze Nacht gegangen, damit
ich recht frh kme; sieh nur her! Sie zeigte mir ihre Stiefel, das
einzige Reisestck (die Achillesferse), das sie vor dem Tore, als sie in
der Mauser der Toilette war, nicht hatte abstreifen knnen. -- Brach,
fragt' ich, ber ihre um sechs Stunden beschleunigte Nachkunft um so
mehr bestrzt, da ich es die ganze Nacht und selber jetzt ber ihr
unbegreifliches Hereinkommen gewesen, brach etwa frischer Jammer ber
uns aus und ein, Brand, Mord, Raub? -- Sie versetzte: Der Ratz, sie
wollte sagen die Ratte, ist gestern verreckt, dem du so lange
nachgestellt; weiter passierte eben nichts. -- Und auch alles ist
richtig nach meinem Ordnungszettel zu Hause besorgt? fragt' ich.
Jawohl, versetzte

    [4] Der Heuchler kehret die alte Methode, wonach man mit einem nur
    an einer Schneidenseite vergifteten Messer die Frucht zerschnitt und
    die damit

sie, ich hab' ihn aber gar nicht gelesen, er ist mir weggekommen, du
hast ihn wohl mit eingepackt.--

Indes, ich verzieh alles der blhenden, kecken Ritterin oder Fugngerin.
-- Ihr Auge, dann ihr Herz brachte mir ja frisches, khles Morgenwehen
mit Morgenrot in meine schwlen Vorstunden. Auch mut' ich ja ohnehin
nachher der freundlichen, ins Leben hineinhoffenden und hineinliebenden
Seele den verdienten Himmel des heutigen Tages mit der trben Nachricht
der fehlgeschlagenen Professur verfinstern. Daher vergab und verschob
ich mglichst. Ich fragte, wie sie hereingekommen, da noch das ganze
spanische Reiterwerk von Sesseln an der Tre feststehe. Sie lachte, sich
dabei nach Dorfsitte bckend, stark und sagte: sie htte es vorgestern
mit ihrem Bruder verabredet, da er sie durch seine Stube, da sie meine
Sperrvorrichtung kennte, in meines einliee, damit sie mich heimlich

    getzte Hlfte dem Opfer hinreichte und die gesunde zweite selber
    a, so uneigenntzig gegen sich selber um, da er gerade die gute
    moralische Hlfte

wecken knnte. Jetzt fuhr der Dragoner laut lachend ins Zimmer und
sagte: Wie geschlafen, Herr Schwager?

Aber auf diese Weise war mir freilich die halbe Gespenstergeschichte
wie von einem Biester und Hennings aufgelst und aufgedeckt; und ich
durchschaute sogleich des Dragoners ganzen Gespensterplan, den er
ausgefhrt. Etwas bitter sagte ich ihm meine Vermutung und der Schwester
meine Geschichte. Aber er log und lachte, ja er versuchte, noch frech
genug, mir am hellen Morgen Geister zum zweiten Male weiszumachen und
aufzuhalsen. Ich versetzte kalt, an mir find' er hierin sehr den
unrechten Mann; gesetzt auch, ich wre einem Luther, Hobbes, Brutus
hnlicher, die smtlich Geister gesehen und gefrchtet. Er erwiderte
-- und ri die Tatsachen aus ihrer Motivierung: -- er sage ja weiter
nichts, als da er nachts irgendeinen armen Snder ganz erbrmlich habe


    und Seite dem andern zeigt und gibt und nur sich die giftige
    vorbehlt. Himmel, wie schlecht erscheint einem solchen Manne
    gegenber der Teufel!

krchzen und lamentieren hren; und daraus habe er geschlossen, es sei
eine arme, desperate Nachtmtze von Mann, der ein Gespenst zusetze.
Endlich gingen auch seiner Schwester die Augen ber die gemeine Rolle
auf, die er mit mir zu spielen vorgehabt; sie fuhr ihn derb an, schob
ihn mit zwei Hnden aus meiner und seiner Tre schnell hinaus und rief
nach: Warte, du Schadenfroh, ich gedenk' dir's! Darauf kehrte sie
schnell sich um und fiel mir um den Hals und dabei am falschen Ort ins
Lachen und sagte: Der dumme Junge! Aber ich konnte das Lachen nicht
mehr verbeien; und der Narr soll doch nichts merken. Vergib dem Pinsel,
du als ein gelehrter Mann, seine Eselei.

Ich fragte sie, ob sie auf ihrer Nachreise auf keine Geisterwelt
gestoen sei -- wiewohl ich wute, da ihr Tiere, ein Wasser, ein halber
Abgrund nichts sind; -- nein, aber vor den geputzten Stadtleuten,
sagte sie, habe ich mich am Morgen gescheut. O wie lieb' ich diese
weichen Harmonikasbebungen weiblicher Furcht!

Endlich mut' ich den Koloquintenapfel anbeien oder anschneiden und ihr
die Hlfte davon zureichen, nmlich die Nachricht der Fehlbitte um die
Professur. Da ich aber das freudige Herz mit der vollstndigen rohen
Wahrheit verschonen und einer schweren Fracht etwas abschneiden mute,
die sich besser Mnnerschultern aufpackt, so begann ich: Bergelchen,
die Professorssache geht einen anderen, aber an sich guten Gang -- der
General, nach welchem ich den Teufel und seine Gromutter frage, legt es
auf einen Generalsturm an -- und den soll er haben, so gewi, als ich
die Nachtmtze aufhabe. -- So bist du also noch nichts geworden?
fragte sie. Vorderhand zwar nicht! versetzt' ich. Aber doch bis
Sonnabend abend? sagte sie. Das nicht, sagt' ich. Nun, so bin ich
hart geschlagen, und ich mchte zum Fenster hinausspringen, sagte sie
und drehte das Rosen- und Morgengesicht

    [66] Wenn die Bemerkung des Verfassers der Glossen richtig ist, da
    die Postmeister in den grern Lndern zugleich auch die grbern
    sind: so hat Napoleon, der viele kleine Lnder zu einem groen

weg, um die feuchten Augen darin mir nicht zuzukehren, und schwieg sehr
lange. Dann fing sie mit schmerzhaft zitternder Stimme an: Du groer
Heiland, stehe mir am Sonntag in Neusattel bei, wenn mich die
hochtrabenden, vornehmen Weiber in der Kirche sehen und ich blutrot
werde aus Scham!

Jetzt sprang ich im Mitjammer aus dem Bette vor die liebe Seele hin, der
die hellen Zhren ber die schnblhenden Wangen flossen und rief: Du
treues Herz, zermartre mich doch nicht so ganz! Gott soll mich strafen,
wenn ich nicht noch in den Hundstagen alles werde, was du nur willst.
-- Sprich, willst du Bergrtin werden, oder Baurtin, oder Hofrtin,
Kriegsrtin, Kammerrtin, Kommerzienrtin, Legationsrtin, oder des
Henkers- und Teufelsrtin: ich bin dabei und werd' es und such' an.
Morgen schick' ich reitende Boten nach Hessen und Sachsen,

    korinthischen Erze zusammenschmolz und brannte, die Postmeister und
    Posthalter, z.B. im hflichen Sachsen, gewi nicht noch hflicher
    gemacht, sondern sie eher aus der Komplimentierschule
    herausgeschickt.

nach Preuen und Reuen, nach Friesland und Katzenellenbogen und begehre
Patente. Ja, ich treib's weiter als einer und werde zugleich alles,
Flachsenfinger Hofrat, Scheerauer Akzisrat, Haar-Haarer Baurat,
Pestitzer Kammerrat (denn wir haben das Geld), und stelle dann allein
und eigenhndig mit einem einzigen _Podex_ und _Corpus_ eine ganze
Ratssitzung von auserlesenen Rten vor -- und stehe als eine ganze
Ehrenlegion und ein Ehrengelag, blo auf zwei Beinen da -- dergleichen
hat noch kein Mensch getan.

O! Nun, du bist ja engelgut! sagte sie und frohere Zhren rollten,
du sollst mir selber raten, was die vornehmsten Rte sind, damit wir's
werden. -- Nein, fuhr ich befeuert fort, dabei bleib' ich nicht
einmal; mir ist's nicht genug, da du dich ordentlich bei der Kaplnin
kannst als Baurtin melden lassen, bei der Stadtpredigerin als
Legationsrtin,

    Was sie indes an Hflichkeit verloren, gewinnen sie vielleicht an
    Briefporto wieder, da ich mir nicht denken kann, da der Kardinal
    _Pretettore del S. Imperio_, dessen Briefe bekanntlich

bei der regierenden Brgermeisterin als Hofrtin, bei der
Chausseeeinnehmerin als Kommerzienrtin, oder wie du wo willst. --
Ach du mein gar zu gutes Attelchen! sagte sie. Sondern, fuhr ich
fort, ich werde auch korrespondierendes Mitglied verschiedener besten
gelehrten Gesellschaften in verschiedenen besten Hauptstdten (worunter
ich blo zu whlen habe), und zwar kein gemeines wirkliches Mitglied,
sondern ein ganzes Ehrenmitglied; und dann streck' ich wieder dich als
ein auf mir Ehrenmitglied wachsendes Ehrenmitglied aus.

Verzeiht, Freunde, diesen Breiumschlag oder Tuschungsbalsam fr eine
verwundete Brust, deren Blut zu rein und kstlich ist, als da man es
nicht mit allen mglichen Stillungsmitteln aus Spinnweben ins schne
Herz zurckzuschlieen trachten sollte.

Jetzt kamen schne, schnste Stunden. Ich hatte die Zeit besiegt, wie
mich Berga; selten

    sonst alle postfrei durch das heilige rmische Reich gelaufen, nicht
    jetzt alles frankieren sollte was er etwa zu melden hat.

beseligt, so wie ich, ein Sieger, zugleich die berwindende und die
berwundene Partei. Berga holte ihren alten Himmel zurck und zog die
staubigen Stiefel aus und blumige Schuhe an. Kstlicher Morgentrunk! Wie
berauscht ein liebendes Herz! Ich sprte ordentlich (ist die niedere
Redeblume erlaubt) ein Doppelbier von Mut in mir, seitdem ich ein Wesen
mehr um mich zu beschirmen hatte. berhaupt werd' ich -- was der
treffliche General nicht ganz zu wissen scheint -- nicht wie andere
Mutige mutiger, sondern am strksten durch Hasen, weil an mir das
schlechte Beispiel sich zum Widerspiel umdreht. Kleine Pinselstriche
mgen hier Mann und Frau mehr abschatten als verschatten! Als der nette
Kellner mit der grnseidenen Schrze

    [67] Einzelne Seelen, ja Staatskrper gleichen organischen Krpern;
    man zieht aus ihnen die innere Luft heraus, so erquetscht sie der
    Dunstkreis; pumpt man unter der Glocke die uere widerstehende
    hinweg, so schwellen sie von innerer ber und zerplatzen. Demnach
    behalte jeder Staat inneren und ueren Widerstand zugleich.

Morgenbrezeln heraufbrachte -- weil ich gesagt hatte: Johann, zwei
Portionen! -- so sagte sie zu ihm: er verbnde sie sehr damit, und hie
ihn Herr Johann.

Bergelchen -- mehr in Marktflecken als Hauptstdten aufgewachsen -- wurde
ordentlich bestrzt ber die Kaffeebretter, Waschtische, Papiertapeten,
Wandleuchter, alabasterne Schreibzeuge mit gyptischen Sinnbildern und
ber den vergoldeten Klingeldrahtsknopf, den ja jeder abdrehen und
einstecken konnte. Daher hatte sie nicht den Mut, durch den Saal voll
Kronleuchter zu gehen, blo weil ein pfeifender, vornehmer Federhut
darin auf- und abspazierte. Ja, ihrem armen Herzen wurde ordentlich die
Brust zur Schnrbrust, wenn sie zum Fenster hinaus auf so viele geputzte
und fahrende Stdter guckte (ich pfiff frisch ein gaskonisches Liedchen
darunter hinein) -- und wenn sie daran dachte,

    [19] Mehr als ein Schriftsteller hat es hinter Hermes nachversucht,
    das Beispiel der Gattinnen und rzte, welche einem Trunkenbold das
    Lieblingsgetrnk auf immer durch einen eingeschwrzten, krepierten
    Frosch

wie sie nachher samt mir mitten durch dieses blendende Vorzimmergewhl
brechen mte. Hier verfangen Schlsse noch weniger als Beispiele. Ich
wollte mein Bergelchen durch einige meiner nchtlichen Traumgigantesken
heben -- z.B. durch die, da ich auf einem Walfisch reitend mit einer
Dreizacksgabel drei Adler gespieet und gespeiset, und durch dergleichen;
aber ich machte keinen Effekt, vielleicht, weil ich eben dadurch dem
furchtsamen Frauenherzen das Schlachtfeld nher als den Sieger, den
Abgrund nher als den Springer darber vor das Auge geschoben.

Jetzt wurde mir ein Pack Zeitungen gebracht, voll lauter krftigster
Siege. Obgleich diese nur auf der einen Seite vorfallen und auf der
anderen ebenso viele Niederlagen vorkommen: so verquicken doch jene sich
mehr mit meinen Blute als diese, und flen mir -- wie sonst Schillers
Ruber -- eine wunderbare

    oder durch Brechweinstein zu verleiden wuten, nachzuahmen und auf
    hnliche Weise dem heihungrigen Romanenleser den Roman durch
    hufige in denselben eingebrockte Predigten, Moralien und

Neigung ein, irgend jemand auf der Stelle zu dreschen und zu fegen.
Unglcklicherweise fr den Kellner hatte dieser sich eben wie ein Herr
dreimalige Klingelorder zum Marsche geben lassen, bevor er sich mobil
und herauf gemacht. Herr, -- fing ich an, den Kopf voll Schlachtfelder
und den Arm voll Triebe ihn abzuklopfen, und Berga frchtete alles, da
ich das ihr bekannte Zorn- und Alarmzeichen gab, nmlich die Mtze
hinten am Hinterkopfe in die Hhe stie -- ist das Manier gegen Gste?
Warum kommt Er nicht prompt? Komm' Er mir nicht wieder so und geh' Er,
Freund! -- Ungeachtet sein Rckzug mein Sieg war, so kanonierte ich
doch noch auf der Wahlstatt lebhaft fort und feuerte desto lauter (er
sollt' es hren), je mehr Treppen er hinuntergeflogen. Bergelchen -- die
sich ganz entsetzte ber mein Ergrimmen, zumal in einem ganz fremden
Hause

    Langweilen (dergleichen sollte krepierte Frsche vorstellen)
    dermaen zu versalzen und zu verekeln, da er dann nach keinem
    Romane mehr griffe. ---- Aber der Ekel verfing wenig; und Hermesen
    selber

und ber einen vornehmen Putzbengel mit Seidenschurz -- suchte alle ihre
sanften Worte hervor gegen wilde einer Kriegsgurgel und gab mir Gefahren
zu bedenken. Gefahren, versetzt' ich, wnscht' ich ja eben, nur
gibt's keine fr den Mann, stets wird er ihnen entweder obsiegen oder
entspringen, entweder die Stirn bieten oder den Rcken.

Ich konnte kaum aufhren mich zu erbittern, so s war mir's, und so
sehr fhlt' ich mich vom Zornfeuer erfrischt und in der Brust wie von
einem Geierfelle lind geheizt. Es gehrt auch allerdings unter die
unerkannten Wohltaten -- worber man sonst predigte, da man nie mehr in
seinem Himmel und _monplaisir_ (ein Lustschlo) ist, als so recht im
Toben und Grimm.

Und wurde der ganze Vormittagsmorgen mit Beschauen und Behandeln
verbracht; und zwar am lngsten in der breiten Gasse unseres

    glckt es am wenigsten, eher noch seinen Nachfolgern, bei denen der
    Wein sich weniger im Geschmacke von dem Brechwein unterschied, den
    sie dazu gegossen.

Hotels. Berga sollte sich erst ins Marktgedrnge einschieen; sie
sollte erst einsehen, da sie mehr nach der Modi, mit ihr zu reden,
aufgeschmckt sei, als hundert andere ihres Ungleichen. Aber bald verga
sie ber den Haushalt den Aufputz und auf dem Tpfermarkte den
Nachttisch.

Nach dem Mittagsessen (auf unserem Zimmer) kamen wir aus dem Fegfeuer
des Megetmmels, wo Berga an jeder Bude etwas zu bestellen und ihrer
Nachtreterin etwas aufzuladen hatte, endlich im Himmel an, in der
sogenannten Hundewirtschaft, wie das beste Fltzer Wirts- und Lusthaus
auer der Stadt sich nennt, wo Messenszeiten Hunderte einkehren, um
Tausende vorbeigehen zu sehen. Schon unterwegs wuchs meinem Weibchen
als meinem Ellenbogenefeu dermaen der Mut, da sie unter dem Tore,
wo ich mich, da nach der bekannten militrischen Prozeordnung nicht
nahe an der Schildwache vorbergegangen werden darf, deshalb auf die
entgegengesetzte Seite hinwarf, ruhig dicht am Schie- und Stechgewehr
der Torwache vorberstrich. Drauen konnt' ich ihr den umketteten,
vergitterten, riesenhaften, schon auen mit Treppen aufsteigenden
Schabackerpalast mit Fingern zeigen, worin ich gestern gehaust und
(vielleicht) gestrmt; lieber den Riesen mcht' ich begucken, sagte
sie, und den Zwergen; zu was sind wir denn mit ihnen unter einem Dach?

Im Lusthause selber fanden wir hinlngliche Lust, umrungen von blhenden
Gesichtern und Auen. Da setzt' ich mich heimlich in einem fort ber
Schabackers Refus mit Erfolg hinweg und machte mir berhaupt bis gegen
Mitternacht einen guten Tag; ich hatt' ihn verdient, Berga noch mehr.
Gleichwohl sollt' ich noch nachts um ein Uhr eine Windmhle zu berennen
bekommen, die freilich mit etwas lngeren, strkeren und mehreren Armen
schlgt als ein Riese, wofr Don Quixote eine solche Mhle gern angesehen
htte. Ich

    [8] In groen Slen wird der wahre Ofen in einen zierlichen
    Scheinofen entlarvt; so ist es schicklich und zierlich, da sich die
    jungfruliche =Liebe= immer in eine schne, jungfruliche
    Freundschaft verberge.

lasse nmlich auf dem Marktplatz aus Grnden, die sich leichter denken
als sagen, Bergelchen um einige zwanzig vorausgehen, und begebe mich aus
gedachten Grnden ohne Arg hinter eine versteckte Bude, die wohl die
Silberhtte und der Silberschrank eines rohen Krmers sein mochte, und
verweile davor natrlich nach Umstnden: -- sieh, kommt dahergerudert
mit Spie und Speer der Budenwchter und mnzt und prgt mich so
unversehens und unbesehen zu einem Schnapphahn und Raubfisch seiner
Budengassen aus, obgleich der schwache Kopf nichts weiter sieht, als da
ich in einer Ecke stehe und nichts weniger tue als -- nehmen. Ein
Ehrgefhl ohne Tallus ist fr solche Angriffe niemals abgestumpft. Nur
aber, wie war einem Manne, der nichts im Kopfe hat -- hchstens jetzt
Bier statt Hirn -- in der Nachmitternacht Licht zu geben?--

Ich verhehle mein Wagmittel nicht; ich griff zum Fuchsschwanz, ich
spiegelte ihm nmlich vor, ich htte einen sogenannten Hieb, und wte
in der Betrunkenheit mich schlecht zu finden und zu halten -- ich
spielte daher alles nach, was mir aus diesem Fache zu Gesicht gekommen,
schwankte hin und her, setzte die Fe tanzmeisterlich auswrts, geriet
in Zickzacke hinein bei allem Aussegeln nach gerader Linie, ja ich stie
meinen guten Kopf (vielleicht einen der hellsten und leersten der Nacht)
als einen vollen gegen wahre Pfosten.--

Gleichwohl sah der Budenvogt, der vielleicht fter betrunken gewesen als
ich, und die Zeichen besser kannte, oder der es gar selber in dieser
Stunde war, die ganze Verstellung fr bloes Blendwerk an und schrie
entsetzlich. Halt, Strauchdieb, du hast keinen Haarbeutel, du Windbeutel
bist ja noch weniger besoffen als ich! -- Wir kennen uns wohl lnger.
Steh! Ich komm dir nach.

    [12] Die Vlker lassen -- als Widerspiele der Strme, die in der
    Ebene und Ruhe am meisten das Unreine niederschlagen -- gerade nur
    im strksten Bewegen das Schlechte fallen, und sie werden desto
    schmutziger, je lnger sie in trgen, platten Flchen
    weiterschleichen.

Willst du im Markt deine Diebesfinger haben? -- Steh, Hund, oder ich
forciere dich!

Man sieht hier seinen ganzen Zustand; ich entsprang zickzackig zwischen
den Buden diesem rohen Trunkenbolde so eilig, als ich konnte; dennoch
humpelte er mir nach. Aber meine Teutoberga, die einiges gehrt, rannte
zurck, fate den betrunkenen Marktportier beim Kragen und sagte, obwohl
(nach Dorfweise) zuschreiend: Dummer Mann, schlaf' Er seinen Rausch
aus, oder ich zeig's Ihm! Wei Er denn, wen Er vor sich hat? Meinen
Mann, den Feldprediger Schmelzle unter dem Herrn General und Minister
von Schabacker bei Pimpelstadt, Er Narr! Pfui, schm' Er sich, Kerl!
Der Wchter brummte: Nichts fr ungut! und taumelte davon. O du
Lwin, sagt' ich im Liebesrausch, warum bist du in keiner Todesgefahr,
damit ich dir nur den Lwen zeige als Gemahl?

So gelangten wir beide liebend nach Hause;

    [23] Wenn die Natur das alte groe Erdenrund, den Erdenlaib von
    neuem durchknetet, um unter diesem Pastetendeckel neue Gefllsel und
    Zwerge hineinzubacken;

und ich htte vielleicht zum schnen Tage noch den Nachsommer einer
herrlichen Nachmitternacht erlebt, htte mich nicht der Teufel ber
Lichtenbergs neunten Band, und zwar auf die 206.Seite gefhrt, wo
dieses steht: Es wre doch mglich, da einmal unsere Chemiker auf ein
Mittel gerieten, unsere Luft pltzlich zu zersetzen, durch eine Art von
Ferment. So knnte die Welt untergehen. Ach, ja, wahrlich! Da die
Erdkugel in der greren Luftkugel eingekapselt steckt: so erfinde blo
ein chemischer Spitzbube auf irgendeiner fernsten Spitzbubeninsel oder
in Neuholland, ein Zersetzmittel fr die Luft, dem hnlich, was etwa ein
Feuerfunke fr einen Pulverkarren ist: in wenig Stunden packt mich und
uns in Fltz der ungeheure, herschnaubende Weltsturm bei der Gurgel,
mein Atemholen und dergleichen ist in Erstickluft vorbei, und alles
berhaupt vorbei.--

Indes verbarg ich der treuen Seele jeden

    so gibt sie meistens wie eine backende Mutter ihrem Tchterchen zum
    Scherze etwas weniges Pastetenteig davon (ein paar tausend
    Quadratmeilen

Todesnachtgedanken, da sie mich doch entweder nur schmerzlich
nachempfunden oder gar lustig ausgelacht htte. Ich befahl blo, da sie
am Morgen (des Sonnabends) fr die zurckkehrende Landkutsche fertig und
gestiefelt dastnde, sollt' ich anders ihren Wnschen gem an die
berschwngerung mit Rten, die ihr so am Herzen lag, frh genug kommen.
Sie war so freudig meiner Meinung, da sie gern den Jahrmarkt aufgab.
Auch ruht' ich ruhig, mit der Fuzehe an ihre Finger geknpft, die ganze
Nacht hindurch.

Der Dragoner nahm und zupfte mich am Morgen heimlich beim Ohre und sagte
mir in dasselbe hinein, er habe ein lustiges Megeschenk fr seine
Schwester vor und reite deshalb auf seinem gestern vom Rotuscher
eingetauschten Rappen etwas frh voraus. Ich bot ihm meinen Vordank.

Am Morgen lief jeder lustig vom Stapel,

    solchen Teigs sind genug fr ein Kind) irgendeiner Dichter-, oder
    Weisen-, oder Heldenseele ab, damit das kleine Ding doch auch etwas
    auszuformen und aufzustellen habe neben der Mutter.

ausgenommen ich; denn ich behielt noch immer, auch vor dem besten
Morgenrote das nchtliche Teufelsferment und Zersetzmittel, meiner
Gehirnkugel sowohl als der Erdkugel, grend im Kopf; ein Beweis, da die
Nacht mich und meine Furcht gar nichts hatte bertreiben lassen. Der mir
verdrieliche blinde Passagier setzte sich auch wieder ein und sah mich
wie gewhnlich an, doch ohne Effekt, denn diesmal, wo ich Weltumwlzungen,
nicht blo die meinigen, im Kopfe hatte, war mir der Passagier mehr ein
Spa und Spuk; da niemand unter Fuabsgen das Herzgespann versprt,
oder unter dem Summen der Kanonen sich gegen das der Wespen wehrt,
ebenso konnte mir ein Passagier mit allen Brandbriefen, die etwa sein
verdchtiges Gesicht in meine noch spte Zukunft wirft, blo lcherlich
zu einer Zeit vorkommen, wo ich bedachte, das Ferment knne

    Bekommen dann die Geschwister etwas von dem Gebcke des
    Schwesterchens, so klopfen sie alle in die Hnde und rufen:
    Mutter, kannst du auch so backen wie Viktoriechen?

ja mitten auf meinem Wege von Fltz nach Neusattel von irgendeinem
Amerikas, Europas Manne, der ganz unschuldig versucht und zersetzt,
zufllig erfunden und losgelassen werden. Die Frage, ja Preisfrage
wre aber nun, inwiefern es seit Lichtenbergs Drohung nicht etwa
welt- und selbstmrderisch aussieht, wenn aufgeklrte Potentaten
scheideknstlerischer Vlker es nicht ihren Scheideknstlern, die so
leicht Leib von Seele scheiden und Erde mit Himmel gatten, auferlegen,
keine andere chemische Versuche zu machen, als die schon gemachten,
die doch bisher den Staaten weit mehr gentzt als geschadet.

Leider blieb ich in diesen jngsten Tag des Ferments mit allen Sinnen
versunken, ohne auf der ganzen Rckreise nach Neusattel mehr zu erleben
und zu bemerken, als da ich daselbst ankam, wo ich zugleich wieder den
blinden Passagier seines Weges gehen sah.

Nur mein Bergelchen schaute ich in einem fort unterwegs an, teils um sie
noch solange zu sehen, als Leben und Augen dauern, teils um auch bei
kleinster Gefahr derselben, es sei nun eine groe oder gar ein ganzes
hereinstrzendes Goldau und verzehrendes Weltgericht, wenn nicht fr
sie, doch an ihr zu sterben, und so, verknpft mit ihr, ein geplagtes
und plagendes Leben hinzuwerfen, worin ihr ohnehin nicht die Hlfte
meiner Wnsche fr sie erfllt worden.

So wre denn meine Reise an sich vollendet -- gekrnt mit einigen
Historiolen -- vielleicht knftig noch belohnter durch euch, ihr Freunde
um Fltz herum, wenn ihr darin etwa einige gutgeschliffene Jtemesser
finden solltet, womit ihr leichter das Lgenunkraut ausreutet, das mich
bis jetzt dem wackeren Schabacker verbauet. -- Nur sitzt mir noch das
verfluchte Ferment im Kopfe. Lebt denn wohl, solange es noch Atmosphren
einzuatmen gibt. Ich wollt', ich htte mir das Ferment aus dem Kopfe
geschlagen.

                                                 Euer
                                                   Attila Schmelzle.

NS. Mein Schwager hat seine Sache gut gemacht und Berga tanzt. Knftig
das Nhere!----




                             Gedruckt bei
                           Poeschel & Trepte
                              in Leipzig




[ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
steht.

Taufnamen Attilla mehr, als sich's gehrt, in mich gefahren, ist
Taufnamen Attila mehr, als sich's gehrt, in mich gefahren, ist

    [112] Gewisse Welt weiberbenutzen in gewissen Fllen ihre krperliche
    [112] Gewisse Weltweiber benutzen in gewissen Fllen ihre krperliche

Malzleinsdorf (einer Wiener Vorstadt), oder waren's fr meine gepeinigten
Matzleinsdorf (einer Wiener Vorstadt), oder waren's fr meine gepeinigten

sagen, mir sind den Kindern gleich, die am schn bemalten Kstchen
sagen, wir sind den Kindern gleich, die am schn bemalten Kstchen

Freilich, das Postkutschen gelag' und Picknick wollte mir weniger
Freilich, das Postkutschengelag' und Picknick wollte mir weniger

sich einsetzen ober hinten aufstellen wrde. Beide Narren beziehen
sich einsetzen oder hinten aufstellen wrde. Beide Narren beziehen

erklrte nun, das man
erklrte nun, da man

    zu schonen, so lange auf den =Kopf=, bis wieder getragen wird.
    zu schonen, so lange auf den =Kopf=, bis er wieder getragen wird.

Menge, bei dem die Blitze spieenden Degen auf dem Kutschbock, unb bei
Menge, bei dem die Blitze spieenden Degen auf dem Kutschbock, und bei

    Eigentum wird ihm als Kirchenraub angerechent. Mich dnkt aber, der
    Eigentum wird ihm als Kirchenraub angerechnet. Mich dnkt aber, der

logiert, von der ersten schimmsten Aufwrterin, die er oder die ihn
logiert, von der ersten schlimmsten Aufwrterin, die er oder die ihn

Helden und Potentatentaten, Festungsstrme, Felsenwrfe; -- noch aber
Helden- und Potentatentaten, Festungsstrme, Felsenwrfe; -- noch aber

Sonnabend abend? sagte sie. Das nicht, sagt' ich. Nun, so bin ich
Sonnabend abend? sagte sie. Das nicht, sagt' ich. Nun, so bin ich

Gleichwohl sollt' ich noch nachts um ein Uhr eine Winmhle zu berennen
Gleichwohl sollt' ich noch nachts um ein Uhr eine Windmhle zu berennen
]





End of the Project Gutenberg EBook of Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach
Fltz mit fortgehenden Noten, by Jean Paul

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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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