The Project Gutenberg EBook of Die Romantik der Chemie, by Oskar Nagel

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Title: Die Romantik der Chemie

Author: Oskar Nagel

Release Date: November 13, 2008 [EBook #27254]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ROMANTIK DER CHEMIE ***




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    Die Romantik der Chemie

    Von

    Dr. Oskar Nagel

    Mit 26 Abbildungen und 4 Tabellen

    [Illustration: Signet]

    _Stuttgart_

    Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
    Geschftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung
    1914

    Alle Rechte, besonders das bersetzungsrecht, vorbehalten.

    +Copyright 1914 by
    Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.+

    +STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI
    HOLZINGER & Co. STUTTGART+




    [Illustration: Dekoration]


Wenn irgendeine Wissenschaft uns zu souvernen Herren der Natur gemacht und
uns aus Naturbeherrschten in Beherrscher der Natur umgewandelt hat, so ist
dies das sptgeborene Kulturkind der Menschheit, die Wissenschaft der
Chemie. Sie gleicht einem Kinde, das Jahrtausende dazu gebraucht hat, das
Sprechen zu erlernen, aber dann mit einemmal imstande war, die whrend der
Jahrtausende angehuften Eindrcke, die es von der Welt empfangen, in
prachtvoller, sinnreicher, knstlerischer Sprache wiederzugeben. Sie
gleicht einer Pflanze, die durch Jahrtausende krftig-fleischige Bltter
angesetzt hat, um pltzlich, ber Nacht, die schnsten Blten
hervorzubringen. Sie gleicht einem spt erkannten, lange verachteten Stein,
der, endlich gewrdigt und erkannt, durch diese Erkenntnis wie mit einem
Zauberstabe berhrt, sich in jeden gewnschten, wunderbar-merkwrdigen
Stoff verwandelt; oder dem mystischen Schlssel Mephistos, der den grauen
formlosen Nebel in Gtter umformt.

Wie geheimnisvoll und mrchenhaft klingt schon der Name Chemie! Und in
der Tat, sie ist mrchenhaft: ein Dornrschen, durch das reine Streben
geistvoller Mnner aus dem Schlafe erweckt; ein Midas, der alles, was er
anfat, in Gold verwandelt; ein Heiliger, der Wasser aus dem Felsen
schlgt; ein vom edelsten Willen beseelter Erlser, der alle Hungrigen
speisen mchte; ein Herakles, der den Augiasstall reinigt; ein licht- und
wrmebringender Prometheus; ein bergezertrmmernder Titan; ein heilender
skulap; eine kunstfertige, schmuckliebende Athene -- das alles ist die
Chemie.

Ein Midas, der, was er berhrt, in Gold oder Goldeswert verwandelt, der aus
schmutzigem Erz und Sand Gold und Eisen herstellt, anspruchslose Erden zu
sonnenhaftem Lichte erglhen lt, durch Zusammenschmelzen weicher Stoffe
diamantharte Substanzen darstellt, durch Vermengung schwacher Materien
Sprengstoffe von ungeheurer Gewalt erzeugt, der aus traurig-schwarzer Kohle
prchtige Farben in heiterer Buntheit erstehen lt, und so reichlich
erschafft, was die Natur krglich hervorbringt.

Midas ist das Sinnbild des nach Besitz gierigen und nach dem Besitz der
Besitze, nach Gold, hungrigen Menschen. Solange das Menschengeschlecht
lebt, lebt Midas.

Das Gold hat schon frhzeitig durch seinen Glanz, seine auffallende Farbe
und seine Unvernderlichkeit die Aufmerksamkeit des vorhistorischen
Menschen auf sich gezogen, seine Habsucht erweckt und die Lust gereizt,
sich damit zu schmcken, zumal da es sehr leicht bearbeitet werden kann.
Goldene Hefteln, goldener Halsschmuck waren damals das Vorrecht der
Mchtigen und Reichen. -- Ursprnglich beachtete man wohl nur die greren
in der Natur gediegen vorkommenden Goldklumpen und -klmpchen, doch
schrfte sich allmhlich der golddurstige Blick, so da der Mensch auch
Goldkrner zu sammeln begann, wie man sie in dem Flusande mancher Gewsser
findet. Hierauf lernte man von den Flssen das Waschen von Gold, das
Schlmmen und den daraus entstandenen einfachen Pfannenproze, indem man
flieendes Wasser durch goldhaltigen Sand leitete, so da der leichtere
Sand mit dem Wasser fortgefhrt, das schwere Gold aber zurckgelassen
wurde. Schlielich erfand man das Pochwerk, in dem goldreiches Gestein zu
Sand zerpocht und zerhmmert wurde, woraus dann durch Schlmmen das Gold
ausgewaschen werden konnte. Darber kam man durch Jahrtausende nicht
hinaus. Und Handel und Industrie waren durch den Mangel an Gold, das
inzwischen zum Wertmesser erhht worden war, in ihrer Entwicklung stark
gehemmt.

So litt die Menschheit unter selbstauferlegten Fesseln, qulte sich ab in
dem selbstgezimmerten Prokrustesbette. Da kam ihnen ein Zauberer in ihrem
Kampfe ums Gold zu Hilfe.

Die moderne Chemie lieferte neue Waffen fr diesen Kampf, Waffen von bisher
ungeahnter Schrfe und Wirksamkeit, und ermglichte die Gewinnung des
Goldes aus Gesteinen, die so wenig davon enthielten, da man vorher nicht
nur die Gewinnung fr unmglich gehalten, sondern nicht einmal die
Anwesenheit des Goldes darin htte feststellen knnen. Die ganze Art der
Goldgewinnung wurde damit von Grund aus gendert, ein vllig neues
Verfahren drngte das alte Waschverfahren in den Hintergrund und
gestattete eine bedeutende Vergrerung der Golderzeugung der Welt. Die
Goldsucher, die sogenannten +Prospectors+, begannen wieder ttig zu
werden; mit ihrer einfachen Ausrstung durchstreiften sie, golderzsuchend
und auf rohe Art -- so gut es eben ohne viel Sachkenntnis und mit einfachen
Mitteln mglich war -- auch golderzprfend, die Goldgebiete Afrikas,
Amerikas und Australiens, nahmen Beschlag von den Minerallagern, in denen
sie Gold fanden, steckten ihre Claims aus, lieen diese ihre Ansprche
von der Bergbauobrigkeit besttigen, verteidigten ihre Rechte mit
scharfgeladenem Revolver und errichteten dann Schmelzwerke an Ort und
Stelle oder verkauften ihre Rechte an die groen Goldunternehmer.

Whrend man also ursprnglich nur _das_ Gold gewann, das man mit seinen
eigen Augen sah, und spter auch solches, das man nach einer einfachen
Schlmmprobe im goldverdchtigen Sande gefunden hatte, tritt mit den
Errungenschaften der neueren Chemie und Technik die Goldgewinnung in ein
neues Stadium. Der Laboratoriumschemiker hat nun seine Hilfsmittel derart
verfeinert, da er das Gold in goldarmem Gestein selbst dann noch ganz
genau nachweisen kann, wenn blo ein Gramm des Edelmetalls in
1000Kilogramm Gestein enthalten sind, also selbst dann, wenn es blo ein
Millionstel des Gesteinsgewichtes ausmacht. Und der technische Chemiker hat
nach vielen mhevollen Versuchen gelernt, diese Ergebnisse des
Laboratoriums zu benutzen und zwar gewinnbringend zu benutzen, wenn der
Goldgehalt des Gesteines in 1000Kilogramm 6Gramm oder mehr betrgt. Man
mu versuchen, sich dieses Gewichtsverhltnis vorzustellen, wenn man die
Gre dieser Leistung, die Romantik des Vollbrachten, wrdigen will. Die
Zeit, wo der Alchimist vergeblich in seiner Kammer brtete, hat einer Zeit
genauer, sicherer, erfolgreicher und gewaltiger Arbeit Platz gemacht. Ganze
Sandberge werden heute in Amerika mit groen mechanischen Schaufeln
abgetragen, Berge von gemeinem, unscheinbarem Sand, Berge von Sand, die in
1000Kilogramm 6Gramm Gold enthalten, aus dem das Edelmetall mit groem
Vorteile gewonnen wird.

Das Verfahren, durch das diese Gewinnung ermglicht wird, ist das denkbar
einfachste. Das Erz wird -- wenn es nicht schon ohnehin sandfrmig ist --
zunchst gemahlen und zwar in sogenannten Kugelmhlen -- kurze, sich
drehende Trommeln mit Stahlkugelfllung, worin die Kugeln durch die
drehende Bewegung geschttelt werden und dadurch eine mahlende Wirkung
ausben -- oder in sogenannten Rohrmhlen, in denen die mahlenden Kugeln in
einem langen Stahlrohre untergebracht sind. Manche Erze mssen vor dem
Zermahlen mit Hilfe von Rstfen unter Luftzutritt erhitzt, gerstet
werden (Abb.1, 2, 3).

    [Illustration: Abb. 1. Kugelmhle.]

    [Illustration: Abb. 2. Rohrmhle.]

Die gemahlenen Erze kommen nun in groe Bottiche, Zyanidbottiche genannt,
die in manchen Werken einen Durchmesser von 10Metern haben und mehrere
Meter hoch sind. Verdnnte Zyankaliumlsung wird nun dazugetan, und diese
Lsung wird mit Hilfe einer Pumpe solange in Umlauf versetzt und in
Bewegung erhalten, bis das Gold vollstndig aus dem Erz entfernt und im
Zyankalium gelst ist. Die Zyankaliumgoldlsung wird nun aus dem Bottich
abgezogen und das darin enthaltene Gold entweder mit Hilfe des elektrischen
Stromes oder mit Hilfe von Zinkspnen, die das Gold zu fllen vermgen,
als feiner Goldschlamm gewonnen, der dann in kleinen fen umgeschmolzen
wird (Abb.4, 5, 6, 7).

    [Illustration: Abb. 3. Mechanischer Rstofen.]

Vor der Entdeckung dieses Verfahrens, des sogenannten Zyanidprozesses,
waren die Erze, die heute hauptschlich damit verarbeitet werden, ganz
wertlos, da eine Gewinnung des Goldes durch Schlmmen aus ihnen unmglich
war, weil einesteils das Gold darin in eigentmlichen Verbindungen,
gleichsam chemisch verwachsen vorkommt, und anderesteils in so feiner
Verteilung das Erz durchsetzt, da man fr den Schlmmproze ein Pulver von
mindestens 1/40Millimeter Krnergre htte herstellen mssen. Das
bedeutet aber solche Feinheit, da auch das Gold durch flieendes Wasser
fortgeschwemmt wird und sich lange Zeit in der Flssigkeit schwebend
erhlt.

Sowohl in Amerika als auch in Afrika und Australien sind nun riesige
Zyanidanlagen in fortwhrender Ttigkeit, um das Gold aus zermahlenem
Golderz oder schwach goldhaltigem Sande auszuziehen, und der grte Teil
der Weltproduktion, die im Jahre 1911 an 1900Millionen Mark betrug, wird
auf diese Weise gewonnen. Im hgeligen und bergigen Gelnde des
amerikanischen Westens sieht man hufig die eigenartig gebauten, an den
Bergabhang gelehnten Zyanidwerke, denen oben das Erz in Waggonladungen
zugefhrt wird. Auf dem Wege nach unten wird dem Erz das Gold durch
Zyankalium entzogen und am unteren Ende der Goldmhle das gediegene Gold
in Barren gegossen. Unermdlich mahlen die Mhlen, unermdlich bt das
Zyankalium seine lsende Wirkung aus; ohne Ruhe und ohne Rast, Tag und
Nacht, in stetiger, einfrmiger Gleichmigkeit wird hier gewonnen, was
dann drauen die Menge in rasende Aufregung versetzt, wird das Ziel der
Habgier gewonnen, wird das gewonnen, was viele fr den eigentlichen
Lebenszweck halten, das, was sie fr wertvoller achten als das Leben selbst
(Abb. 8).

    [Illustration: Abb. 4. Zyanidbottich.]

Aber selbst durch die jetzt mgliche groe Golderzeugung ist das Streben
nach Gold nicht befriedigt, und unbefriedigt ist auch die forschende
Neugier des Menschen. Gleich der Lernischen Schlange bringt jede gelste
Frage weitere Aufgaben hervor; ist ein neues Verfahren gefunden, da heit
es wieder alle Einzelheiten des Verfahrens verbessern, und jede Einzelheit
stellt eine neue Aufgabe dar. Dazu kommt noch das bestndige Streben nach
Verbilligung der Rohmaterialien, das Streben, selbst das elendeste Material
verwenden zu knnen.

Man wird nun fragen: Kann fr die Goldgewinnung noch minderes Material zur
Verwendung kommen, als das heute verwendete arme Erz? Ist es nicht
hinreichend, wenn man 6Gramm Gold aus 1000Kilogramm Gestein gewinnt? Die
Antwort lautet: Nein, fr den strebenden Menschen ist nichts hinreichend.
Er kennt keinen Stillstand, soll keinen kennen. Im Weiterschreiten find'
er Qual und Glck, Er, unbefriedigt jeden Augenblick.

    [Illustration: Abb. 5. Spezialbottich zur Goldgewinnung.]

So hat man denn die Aufmerksamkeit auf ein Goldlager gelenkt, das wohl gro
und mchtig ist, aber nur so geringe Spuren Goldes enthlt, da schon die
Absicht, es zu gewinnen, lcherlich und das Gelingen dieses Versuches als
wahrhaft romantisch erscheinen mu. Dieses groe Goldlager ist der Ozean.
Whrend man bisher nach dem Zyanidverfahren 6Gramm Gold aus 1000Kilogramm
Erz gewinnt, handelt es sich nun darum, Gold aus dem Seewasser zu gewinnen,
das in mehr als 200000Kilogramm _ein_ Gramm Gold enthlt, also nur 1/1200
so viel wie die rmsten heute verarbeiteten Erze. Aber man scheut eben auch
vor dem scheinbar Widersinnigen nicht zurck, man tritt guten Mutes an die
Aufgabe heran, Gold aus einer Lsung zu gewinnen, die in
200000000Gewichtsteilen nur einen Gewichtsteil Gold enthlt, und die
Frage, einmal aufgeworfen, wird fort und fort bearbeitet, bis sie gelst
ist. Sie lt den Kopf des Forschers nicht zur Ruhe kommen; er _mu_ sich
mit ihr beschftigen, ganz gleichgltig, ob die Lsung fr _ihn_
gewinnbringend ist oder nicht.

Hier mssen wir uns fragen, ob eine solche Gewinnung des im Meerwasser
_gelsten_ Goldes (wohlgemerkt, es ist gelst und nicht als Pulver oder
Staub im Seewasser enthalten) die Golderzeugung der Welt bedeutend erhhen,
ob sie gewinnbringend gestaltet werden und welche Folgen sie schlielich
fr die menschliche Kultur haben knnte.

    [Illustration: Abb. 6. Fllksten im Fllungsgebude.]

Ein Kubikmeter Seewasser enthlt 5Milligramm Gold; ein Kubikkilometer
5000Kilogramm. Da nun die Weltmeere einen Rauminhalt von ber
1200000000Kubikkilometer besitzen, so enthalten die Ozeane der Erde
6000000000000Kilogramm Gold. Gegenwrtig betrgt die jhrliche
Golderzeugung der Welt ungefhr 500000Kilogramm, und drfte bei Anwendung
des Zyanidverfahrens eine Menge von 600000Kilogramm wohl niemals
berschreiten; demnach wrde das Gold des Ozeans das Zehnmillionenfache der
gegenwrtigen Jahreserzeugung gegenber darstellen.

Eine mchtige Aufgabe also, dieses ungeheure Goldlager zu erschlieen, den
Golddurst der Menschheit zu stillen, das Gold schlielich aus seiner
tyrannischen Ausnahmestellung, die es als Wertmesser und Geldmastab
innehat, zu verdrngen und dadurch die Menschheit vom Joche der
Goldsklaverei zu befreien, einer Sklaverei, die um so mehr zunehmen wrde,
als die heutige Golderzeugung durch das Zyanidverfahren sich wohl nicht
lange auf der bisherigen Hhe wird halten knnen.

    [Illustration: Abb. 7. Goldschmelzofen.]

So ist man denn khn auf das Ziel zugeschritten. Die ersten Ideen und Plne
zur Gewinnung des ozeanischen Goldes gingen darauf hinaus, das Wasser in
groe Bottiche zu pumpen und ihm Zinnsalz zuzufgen; dadurch wollte man das
Gold als Pulver ausscheiden, da es sich auch aus gewhnlicher Goldlsung
bei Zugabe dieses Salzes ausscheidet. Es fand aber wider Erwarten im
Bottich keine nennenswerte Goldausscheidung statt, da das Seewasser eine
unendlich verdnnte Goldlsung darstellt, in der eben das Zinnsalz nicht
mehr wirkt. Aber selbst wenn das Gold auf diese Weise ausgeschieden werden
wrde, so wren infolge des uerst geringen Goldgehaltes des Meerwassers,
der langen Zeitdauer, die das Absetzen des Goldstaubes in Anspruch nimmt,
usw., so viele und so groe Holzbottiche zur Gewinnung selbst kleiner
Goldmengen ntig, da ein solches Verfahren -- bei dem das Seewasser durch
lange Zeit hindurch in einem Bottiche gehalten werden mu -- von vornherein
jeden technischen Erfolg ausschliet.

Und so schritt man in Amerika, an der Kste des Atlantischen Ozeans zu ganz
eigenartigen Versuchen, die in den Jahren 1910 und 1911 bei Fire Island,
und an verschiedenen Punkten der Kste von New Jersey ausgefhrt wurden.
Man suchte und fand einen Stoff, der zu dem in uerster Verdnnung
vorhandenen Golde eine so nahe chemische Verwandtschaft hat, da Seewasser
beim Durchflieen eines mit diesem Stoff erfllten Behlters das gelste
Gold an den Stoff abgibt, in dem sich das Metall derartig anreichert, da
man schlielich ein sehr goldreiches knstliches Erz erhlt, aus dem dann
das Gold auf mannigfache Weise gewonnen werden kann.

    [Illustration: Abb. 8. Amerikanische Zyanidanlage.]

Nach vielen Versuchen fand man nmlich, da Hochofenschlacke, nachdem sie
mit Eisenvitriol behandelt worden war, und auch einige andere Stoffe die
Eigenschaft haben, das Gold dem Seewasser zu entziehen. Man fand, wie der
Stoffbehlter, durch den das Seewasser fliet, zweckmig gebaut und
angelegt werden msse; man fand durch praktisches Ausprobieren der Pumpen,
da die Frderung des Wassers aus dem Ozean in den Stoffbehlter sehr
billig ausgefhrt werden knne; man fand, wie man an einer Landzunge eine
derartige Fabrikanlage errichten knne, so da stets frisches Seewasser in
die Pumpen gelangt und das des Goldes beraubte Wasser in solchem Abstande
abfliet, da es nicht wieder in die Pumpen gelangen kann. Und so ist nun
der Grundstein gelegt fr eine neue chemisch-metallurgische Industrie.

An diesem Beispiele sehen wir klar und deutlich, wie die Chemie ihre Mittel
und Methoden immer mehr verfeinert und wie sie mit Kleinem und Kleinerem,
Groes und Greres erreicht. Nichts ist ihr zu gering, denn sie wei
unzhlige kleine Teile zu einer mchtigen Summe zusammen zu addieren, die
stoffliche Zerstreutheit wie durch eine Brennlinse zu mchtiger Einheit zu
sammeln.

    [Illustration: Abb. 9. Hochofenanlage mit Hafen in Rheinhausen
    bei Duisburg (Firma Fried. Krupp A.-G., Essen.)]

Dieselbe Sorgfalt, die man der Entdeckung und Verwertung von Spuren von
Gold gewidmet hat, ist auch den grberen Metallen zuteil geworden, und
dadurch sind Gegenstnde, die in frheren Zeiten nur den Reichsten zur
Verfgung standen, Allgemeingut geworden; die chemische Technik hat in
glnzender Weise die Aufgabe gelst, ungeheure Massen von Rohmaterial zu
verarbeiten, um die Ansprche des Menschengeschlechtes zu erfllen. Auch
bei diesen grberen Metallen hat man gelernt, mindere und rmere
Rohmaterialien zu verwerten und dadurch -- da die armen Erze sich in schier
unerschpflichen Lagern vorfinden -- das Fabrikat zu verbilligen.

Was in dieser Hinsicht erreicht und geleistet worden ist, knnen wir
insbesondere an der Entwicklung der _Eisenindustrie_ sehen. In frherer
Zeit wurde nur ausgezeichnetes, reiches, stckfrmiges Erz verarbeitet. In
kleinen, niedrigen fen wurde das Erz mit Holzkohle vermischt, der Wirkung
der Geblseluft ausgesetzt, und mhsam arbeiteten die plumpen
Geblsemaschinen. In kleinen Mengen wurde da das Gueisen hergestellt, um
dann durch umstndliche Handarbeit, durch Rhren auf Herdfen, in Stahl
umgewandelt zu werden. Diese Umwandlung beruht, nebenbei bemerkt, im
wesentlichen darauf, da Gueisen, das stets an Kohlenstoff reich und
deshalb sprde ist, wenn es in geschmolzenem Zustande mit Luft in Berhrung
kommt, einen groen Teil des Kohlenstoffes verliert, indem dieser durch die
Luft verbrannt wird. Dadurch geht das Gueisen in ein kohlenstoffarmes,
elastisches Material, Stahl genannt, ber.

Aus dem kleinen Eisenschmelzofen ist im Laufe kurzer Zeit der riesige,
moderne Hochofen geworden; die verbrauchte Geblseluft, die oben als
Gichtgas abzieht, wird heute in groen Gasmaschinen verbrannt; dadurch
werden Millionen von Pferdekrften, die vormals verloren gingen, als
Betriebskraft fr riesige Geblse- und andere Maschinen und zum Heizen von
Dampfkesseln nutzbar gemacht (Abb.9, 10).

    [Illustration: Abb. 10. Blick in eines der Gasgeblsehuser der
    Gustahlfabrik Fried. Krupp A.-G., Essen.]

Anstatt reichen, stckfrmigen Erzes wird heute minderwertiger Erzstaub
verarbeitet; hat man frher die Umwandlung von Roheisen in Stahl nur mhsam
vollbracht, so geschieht dies heute automatisch auf die allerbequemste
Weise in denkbar krzester Zeit. Drei Stahlgewinnungsverfahren herrschen
heute in der Industrie, und ein viertes bewirbt sich rege um die
Mitherrschaft. Nach dem _Bessemerverfahren_ kommt das flssige Roheisen in
ein groes, mit feuerfestem Ton ausgemauertes, birnenfrmiges Gef, die
Bessemerbirne, die oben offen ist, whrend unten geprete Luft durch das in
der Birne enthaltene flssige Roheisen geblasen wird, um es in wenigen
Minuten in Stahl zu verwandeln. Das _Thomasverfahren_ verwendet dieselbe
Vorrichtung, bentzt aber Kalk und Magnesia als Ausmauerungsmaterial, was
zur Folge hat, da phosphorsurehaltige Erze, die im Bessemerverfahren
nicht verarbeitet werden knnen, zur erfolgreichsten Verwendung kommen,
whrend zugleich die phosphorsurereiche Thomasschlacke, gepulvert
Thomasmehl genannt, als wertvolles Dngemittel erhalten wird. Das dritte
Verfahren ist das _Martinverfahren_, bei dem gasgefeuerte, horizontale fen
verwendet werden. Neuestens tritt die _Elektrostahlerzeugung_ auf den Plan
und wird in kohlenarmen Lndern, die ber Wasserkrfte verfgen, von
tglich steigender Bedeutung, da sich in solchen Lndern bei der
Mglichkeit, Elektrizitt billig herzustellen, der Betrieb elektrischer
fen gut lohnt (Abb.11, 12, 13, 14.)

    [Illustration: Abb. 11. Geschnittene Bessemerbirne der Firma
    Fried. Krupp. (Deutsches Museum.)]

    [Illustration: Abb. 12. Bessemerbirne gekippt zum Entleeren des
    erzeugten Schmiedeeisens. (Deutsches Museum.)]

Zumal in der jngsten Vergangenheit hat sich die Eisenindustrie mchtig
entwickelt. Immer riesenhafter wurden die Mae genommen, von den Erzbunkern
bis zu den Werksttten und Magazinen. Vorratskammern fr Erz (Silos) bis zu
300Metern Lnge, zwei- und dreifach nebeneinander gebaut, sind gar nicht
selten. Und welche Massen werden mit einem Male auf die Gichtplateaus
gefrdert, um von da in den Hochofen zu gelangen! In schwindelnder Hhe
schwebt der Erzkbel, der selbst seine sieben Tonnen wiegt; mit einem
ebenso schweren Inhalt an Erz. Die Gasreinigungen, durch die das oben
entweichende Hochofengas von Staub befreit wird, um zum Betrieb von
Gasmotoren brauchbar zu werden -- vor Jahren kleine Nebenanlagen -- sind
heute gromchtige Fabriken geworden, in denen ein Dutzend komplizierter
Apparate steht. Die Zentralen, in denen das Gichtgas zur Krafterzeugung
verwendet wird, zhlen erst mit von 25000Pferdestrken an; und zwlf
mchtige Gasmotoren ist das gewhnliche; manche Anlagen bergen vierzehn
dieser Ungeheuer mit 40000Pferdestrken und mehr; auf der einen Seite die
Hochofengeblse mit dem kurzen, stoenden Atem, auf der anderen Seite die
Gasdynamos in Reihe und Glied, die ungeheueren Schwungrder bewegend. Die
Hochfen werden immer hher und weitbauchiger. In Deutschland baut man sie
jetzt mit einem Fassungsraum von einer halben Million Kilogramm. Die
Mischer aber, in denen das flssige Roheisen aufgespeichert wird, sind
doppelt so gro, was das Fassungsvermgen anlangt. Die Thomaswerke sind zu
Kolossalbauten geworden; den 30-Tonnen-Konverter sieht man schon sehr
oft, und Martinfen von 110Tonnen sind nichts Unerhrtes.

Die Rohblcke, die ins Walzwerk geschafft werden, sind bis auf fnf Tonnen
das Stck angewachsen. Man walzt Lngen bis zu 120Meter. In Hagendingen
ist die Halle vom Blockwalzwerk bis zur Verladung 530Meter lang.

Solche Massenrume mit ihren gigantischen Erzeugnissen verlangen
entsprechende _Transporteinrichtungen_. Man bedenke, da allein auf dem
Hochofenwerk Kneuttingen des Lothringer Htten-Vereins tglich 1200 Waggons
zu befrdern sind. Da die verwendeten Erze nur wenig gehaltreich sind,
braucht man groe Mengen, ebenso von Koks. Das Roheisen soll zum Mischer
und Sammelwerk, der Block zum Walzwerk, die Fertigfabrikate sollen in den
Waggon. Man sieht zwar auf einem alten Werk noch einige wohlgenhrte
Pferdchen Schienen zu den Bearbeitungsmaschinen ziehen; in demselben Werk
mhen sich auch noch viele Mnner ab, um einen Wagen mit Knppeln zu
schieben. Aber das sind Ausnahmen, die heute ins Museum gehren und auch
bald verschwinden werden. Im brigen hat die Industrie in der schweren
Massenbefrderung bewundernswerte Fortschritte gemacht. Da ist die
elektrische oder feuerlose Lokomotive und vor allem der Kran und die
Drahtseilbahn; Krne bis 55Meter Spannweite bestreichen die weiten Rume
und arbeiten dabei so leicht und geschickt, wie eine menschliche Hand.
Drahtseilbahnen von Meilenlngen sind keine Seltenheit, und gewaltige
Hochbahnen wecken unser Erstaunen.

_Ausschaltung der menschlichen Arbeitskraft_ ist das ideale Ziel. Die
Mechanisierung der Arbeit beherrscht die Werke. Du stehst in dem endlos
groen Hochofenwerk; vom Erzlager bis zu den Zentralen kaum ein Mensch; es
donnert und poltert, es braust und zischt, aber das Ganze scheint von
unsichtbaren Hnden geleitet zu sein. In der Elektrohngebahn, die die Erze
auf den Ofen schafft, stehen an den entscheidenden Punkten einzelne Leute,
um das weitlufige Getriebe vor Strungen zu bewahren; Lichtsignale
erleichtern die Verstndigung. Auf dem Gichtplateau des modernen Hochofens
sieht man keinen Menschen. Der Erzkbel setzt sich automatisch auf den
Hochofen, entleert sich in den Ofenschacht und schliet den Ofen. So geht
die Arbeit Tag und Nacht, Jahre hindurch, bis der Ofen seine Reise beendet
hat.

    [Illustration: Abb. 13. Bessemerwerk (Fried. Krupp A.-G.,
    Essen).]

An Licht und Luft ist nicht gespart. Schn und gewaltig hat man in den
letzten Jahren auch fr den Arbeiter und Angestellten gebaut. Eine
Arbeiter- und Beamtenkolonie ist prchtiger als die andere; dazu kommen
Kasinos, Konsum-Anstalten, Ledigenheime, Speiseanstalten, Schlafhuser.
Der Mann aus dem Mittelstande kann nicht besser untergebracht sein als die
Mehrzahl der Arbeiter und Beamten in den Eisenwerken. So mu es aber auch
sein. Man hat schon Sorgen genug, Arbeiter zu bekommen und festzuhalten.
Man mu den Leuten Annehmlichkeiten bieten, denn die nchste Stadt ist
weit und die Zeit sie zu besuchen, fehlt. So sind denn die
Wohlfahrtseinrichtungen unbedingt notwendig, und die Millionen, die dafr
aufgewendet werden, gehren zu den notwendigen Ausgaben.

Man wirtschaftet sparsam; alle Abfallstoffe werden verwertet; das
Hochofengas zur Krafterzeugung; die Hochofenschlacke zur Zementfabrikation
und zur Erzeugung von Schlackenwolle, die als Filtriermaterial dient.

Der Stahl der groen Stahlwerke wird dann von kleineren Spezialfabriken
noch weiter veredelt und wertvoller gemacht. Welche Werte die Veredelung
des Eisens schafft, mge ein Beispiel zeigen: 100Kilogramm Roheisen kosten
5Mark; in Form von Uhrfedern aber haben 100Kilogramm Eisen einen Wert von
1700000Mark.

So veredelt die Chemie die Stoffe, die wir aus den dunklen Schchten und
aus der finsteren Meerestiefe heraufholen. Lichtverbreitend und aufklrend
schafft sie stets Fortschritt. _Lichtverbreitend_ auch im eigentlichen
Sinne des Wortes. Die Chemie hat uns die Mittel in die Hand gegeben, das
armselige llmpchen und die drftige Talgkerze durch sonnenhnliche
Lichtquellen zu ersetzen. Sie brachte uns die Stearinkerze, diese sichere,
bequeme, tragbare Gasfabrik, in der das Stearin geschmolzen, vergast und
verbrannt wird; sie lie uns das Leuchtgas finden und das Petroleum, das
Gasglhlicht, die Quecksilberdampflampe und das Azetylen; und sie half
mchtig mit bei der Verbesserung der elektrischen Glhlampen, so da das
Meer von Licht, das heute von jeder Stadt ausgeht, und die Billigkeit des
modernen elektrischen Glhlichtes in hohem Mae der Chemie zu danken sind.

    [Illustration: Abb. 14. Martinwerk I (Fried. Krupp A.-G., Essen).]

Das _Leuchtgas_, welch khne Erfindung! Welche berwindung von
Schwierigkeiten in der Anwendung! Welcher Arbeitsaufwand war erforderlich,
um nur die unterirdischen Rhren in einem die ganze Stadt versorgenden
Netze zu legen und diese Rhren mit der ntigen und wechselnden Gasmenge zu
speisen! Bei Tage geringer Verbrauch, bei Einbruch der Dunkelheit eine
pltzliche, riesige Inanspruchnahme. Das Ganze versorgt aus einem
Mittelpunkt, aus einem Herzen, das ganz verllich und tadellos arbeiten
mu, um berhaupt brauchbar zu sein. Die chemische Technik hat diese groe
Aufgabe glnzend gelst. Und heute wird in glatter Arbeit in all den
Gaswerken in Hunderttausenden groer Tonretorten Steinkohle erhitzt, wobei
Koks als wertvoller Rckstand bleibt, whrend das heie Leuchtgas, mit Teer
gemischt, entweicht. Durch Khlen und Waschen wird das Gas von Teer und
Verunreinigungen befreit und wandert in die groen Gasbehlter, die
modernen Wahrzeichen der Stdte, um aus diesen sthlernen Vorratskammern in
groen Mengen freigelassen zu werden, zur Stillung des mannigfaltigen
Lichtbedarfes der stets anspruchsvoller werdenden Menschheit (Abb.15).

Dann die Verdrngung der offenen gelben Gasflamme durch das blendend weie
_Gasglhlicht_, nachdem man entdeckt hatte, da gewisse Erden, insbesondere
Thoriumnitrat, das eine Spur Zernitrat enthlt, in der Hitze der Gasflamme
ein weies helles Licht ausstrahlen. Welche Schwierigkeiten waren da zu
berwinden infolge der Gebrechlichkeit der Glhstrmpfe und wie viel
grere noch infolge der Seltenheit des Rohmaterials. Doch sie wurden durch
Forschen und Suchen, durch stetige, vom Glcke begnstigte Arbeit
berwunden. Als das Glhlicht entdeckt wurde, kannte man nur sprliche
Lagersttten des Monazits, jenes wertvollen Erzes, aus dem das Thorium und
Zer gewonnen werden, und beinahe wre wegen der Knappheit der
Rohmaterialien die Glhlichterfindung gescheitert, htte man nicht
zuflligerweise gerade damals groe Monazitlager in Amerika entdeckt. So
trat das Leuchtgas, das man bereits durch die Elektrizitt berwunden
glaubte, wieder mit frischer, erneuerter Jugendkraft auf und feierte eine
Wiedergeburt, die es mit dem elektrischen Lichte in erfolgreichen
Wettbewerb treten lie.

    [Illustration: Abb. 15. Blick in die Nrnberger Gasanstalt mit
    schrgliegenden Retorten. (Deutsches Museum.)]

Nun konnten die Straen und Huser, Lden und Wohnungen, auch ohne
elektrische Leitung in glnzendem Lichte erstrahlen. Doch auch dem einsamen
Landhause schuf die Chemie Befreiung von dem lstigen llmpchen und von
der armseligen Unschlittkerze, auch von der viel besseren, aber immerhin
noch kmmerlichen Lichtquelle der Stearinkerzenflamme. Das _Petroleum_
tritt auf. Man findet im Inneren der Erde Lagersttten eines schmutzigen,
dickflssigen, explosiven les, das in vergangenen Zeitrumen durch
Zersetzung pflanzlicher und tierischer berreste entstanden ist. Was einst
im herrlichen Sonnenlichte erwachsen ist, dient nun, aus der Finsternis
wieder zutage gebracht, dazu, die Finsternis zu vernichten und die Nacht
zum Tage umzugestalten. Der Chemiker findet Wege, das schmutzige Erdl zu
reinigen, indem er es mit starken Suren und Laugen wscht; er lernt, das
Erdl sozusagen mrbe zu machen, indem er es durch Destillation zwingt,
in seine drei Hauptbestandteile zu zerfallen, in das flchtige Benzin, in
das Leuchtl, das ohne Explosionsgefahr in Lampen verbrannt werden kann,
und in das kostbare Schmierl, das, den Reibungswiderstand vermindernd, ein
glattes Laufen der verschiedensten Maschinen ermglicht.

Aber eine noch bessere und schnere Lichtquelle wird fr das einsame
Landhaus, fr das Sommerhotel und fr die Hochgebirgshtte gefunden, indem
man einen Stoff benutzt, der durch zwangsweise Vereinigung einer
unverbrennlichen weien mit einer verbrennlichen schwarzen Masse entsteht.
Kalk und Kohle, in der Riesenhitze des elektrischen Ofens zur engsten
Verbindung gentigt, ergeben das als Kalziumkarbid bekannte Material, das,
mit Wasser bergossen, ein mit blendend weier Flamme brennendes Gas, das
Azetylen, liefert. An mchtigen Wasserkrften stehen die elektrischen fen
und erzeugen groe Mengen von Kalziumkarbid, das in Bchsen verpackt, in
entlegene Einsamkeiten versendet wird, um dort mit Hilfe eines sicheren,
handlichen, bequemen, kleineren oder greren Apparates zur Gaserzeugung
verwendet zu werden. Nun kann jedes Landhaus seine eigene kleine Gasfabrik
haben, ja sogar jedes Fuhrwerk, jedes Automobil sich zur eigenen
Beleuchtung das ntige Azetylen in kleinen, im Wagen untergebrachten
Apparaten selbst herstellen.

Auch die elektrische Beleuchtung wird durch die Ergebnisse chemischer
Forschung immer mehr gefrdert. Tantal-, Wolfram- und Osramlampen,
Erzeugnisse der modernen chemischen Technik, bewirken eine auerordentliche
Kraftersparnis und gestatten die Erzeugung groer Lichtmengen auf eine
frher fr unmglich gehaltene billige Weise. Die Quecksilberdampflampe --
mit ihrem grnen Lichte--, in amerikanischen Werksttten beraus beliebt,
bedeutet eine weitere Kraftersparnis, so da bei dem gegenwrtigen Stande
der Beleuchtungstechnik jeder Laden und jedes Hotel, jede Strae und jeder
Bahnhof mit geringem Kostenaufwande fast tageshell beleuchtet werden kann.

Hier wollen wir auch kurz des _Glases_ Erwhnung tun, dieses bei allen
Beleuchtungsarten vielverwendeten Stoffes, der schon seit Jahrtausenden
bekannt und als seltene Kostbarkeit geschtzt, durch die chemische
Industrie zu einem ganz allgemeinen, selbst dem rmsten zugnglichen
Gebrauchsgegenstand geworden ist.

Was vorher ber die Umwandlung des frheren Kleineisengewerbes in die
moderne Groindustrie gesagt ist, gilt fr die Glasindustrie in vielleicht
noch hherem Mae. Ursprnglich wurde wohl die Kunst des Glasschmelzens als
strenges Gewerbegeheimnis bewahrt, was um so leichter mglich war, als die
Rohmaterialien, Soda, Kalk und feiner Sand, bei den damals schwierigen
Transportverhltnissen nicht allgemein erhltlich waren. Durch die
Verbilligung der Soda wurde erst die Begrndung einer Glas_industrie_
mglich. Auch hier wurden die Schmelzfen immer grer, auch hier lernte
man durch sorgfltigere Ausfhrung der Schmelzfen die zur Schmelzung
erforderliche Brennstoffmenge vermindern und schlielich die menschliche
Arbeit beim Glasblasen und bei der Spiegelglaserzeugung durch genial
ersonnene Maschinenarbeit ersetzen.

Man hat dann, in den letzten Jahrzehnten, auch neue Glassorten hergestellt,
das Hartglas und das Quarzglas.

Das _Hartglas_ wird durch rasches Abkhlen des heien Glases auf
Temperaturen von 200-300 hergestellt, indem man das zu hrtende Glas rasch
in Bder von l mit dieser Temperatur taucht. Dieses abgeschreckte Glas
kann schroffe Temperaturwechsel ertragen und ist zugleich sehr schwer
zerbrechlich.

_Quarzglas_ wird durch Schmelzen von Quarz und Bergkristall im elektrischen
Ofen hergestellt. Es ist gegen pltzliche Temperaturnderungen ganz
unempfindlich; man kann es auf hohe Temperaturen erhitzen und dann ohne
weiteres in kaltes Wasser tauchen, ohne da es zerspringt.

Bei all den besprochenen Industrien bedarf der Chemiker in groer Menge
zweier Krfte, wenn wir sie so nennen wollen, zweier Energien, nmlich
der _Kraft_ und der _Wrme_. Vor allem also mssen diese Energien billig
und bequem zu erlangen sein, da sie gleichsam die Grundlage der Technik
bilden. Vorderhand ist das wichtigste Rohmaterial zur Gewinnung von Kraft
und Wrme die _Kohle_. Aber auch der Kohlenvorrat der Erde wird schlielich
einmal erschpft sein, und deshalb mu der Chemiker und der chemische
Ingenieur bei Zeiten vorbauen, indem er einerseits mit mglichst wenig
Kohle mglichst viel auszurichten sucht und dadurch die Erschpfung der
Kohlenlager hinausschiebt, anderseits aber auch jetzt schon daran denkt,
wie man spter auch ohne Kohle den Kulturzustand der Menschheit wird
aufrecht erhalten knnen.

    [Illustration: Abb. 16. Entstehung von Wassergas, Generatorengas
    und Generatorenwassergas. (Deutsches Museum.)]

In dem rastlosen Streben nach _mglichst guter Ausntzung der Kohle_ werden
zunchst die Feuerungen, die Roste und der Schornstein immer zweckmiger
gestaltet; man hat ferner gelernt, den frher wertlosen Abfall der
Kohlenbergwerke, den Kohlenstaub, zu verbrennen oder ihn in Form fester
Ziegel (Briketts) in den Handel zu bringen; man verwertet die Hitze der von
der Feuerung zum Kamin abgehenden Gase zum Vorwrmen des
Kesselspeisewassers, und schlielich bedient man sich immer mehr -- um
Kohle zu sparen und sehr hohe Temperaturen erreichen zu knnen -- der
Vergasung der Kohle in Gasgeneratoren, die nichts anderes sind als fen,
auf deren Rost anstatt einer niedrigen Kohlenschicht, wie sie in den
gewhnlichen fen gebruchlich ist, eine hohe Kohlenschicht von etwa
0.5Meter aufgehuft wird. Dadurch wird bewirkt, da die dem Rost zunchst
befindliche Kohlenschicht vollkommen verbrannt wird; aber die
Verbrennungsgase knnen nicht, wie bei den gewhnlichen fen, zum Kamin
entweichen, da sie durch die hohe Kohlenschicht gezwungen sind, zunchst
diese zu durchstreichen. Bei der Berhrung der unbrennbaren
Verbrennungsgase mit der oberen Kohlenschicht verbindet sich deren
Kohlenstoff mit den unbrennbaren Gasen zu einem _brennbaren_ Gase, dem
sogenannten Generatorgas, das in grtem Mastabe zur Beheizung von Stahl-
und Glasfen dient und auch vielfach zum Zweck der Krafterzeugung in
Gasmotoren verbrannt wird; diese Verwendung bedeutet, im Vergleich zum
Kohlenverbrauch der Dampfmaschine, eine namhafte Ersparnis (Abb.16, 17).

    [Illustration: Abb. 17. Gasgenerator.]

Auerdem sucht man immer mehr die _natrlichen Krftevorrte_, _die
Wasserflle_, zu verwerten, was sehr geeignet ist, die Lebensdauer unserer
Kohlenlager bedeutend zu verlngern. Amerika und Afrika sind reich an
mchtigen Wasserfllen, auch Europa besitzt im Norden und in den Alpen
gewaltige Wasserkrfte, die, in Kohle oder Kraft umgerechnet, bedeutende
Werte darstellen. Der Niagarafall allein enthlt so viel Kraft, als man
durch tgliche Verbrennung von einer Million Tonnen Kohle erzeugen knnte.
So erbaut man nun Fabriken, die sehr viel Kraft brauchen, wenn mglich in
der Nhe von Wasserkrften (Aluminiumfabriken). Aber auch solche Werke, die
starke Hitzegrade erfordern, verlege man in die Nhe von Wasserfllen, denn
der chemische Ingenieur hat es durch den Bau von elektrischen fen, die den
Strom in hohe Hitzegrade umwandeln, mglich gemacht, Grade zu erreichen,
die frher unerreichbar waren, und dadurch Stoffe zu erzeugen, die frher
nicht darstellbar waren. Des Kalziumkarbides ist bereits gedacht worden.
Nicht weniger interessant ist der Stoff, der im elektrischen Ofen durch
Zusammenschmelzen von Sand und Kohle erzeugt wird, das Karborundum, der
fast diamantenhart, als Schleif- und Poliermittel ausgedehnte Verwendung
findet und dem Schmirgel groe Konkurrenz bereitet.

Die Billigkeit, mit der der elektrische Strom aus Wasserkraft hergestellt
werden kann, hat eine neue Industrie, die _elektrochemische_, ins Leben
gerufen, wobei der elektrische Strom zur Zerlegung wertloserer Verbindungen
in ihre wertvolleren Bestandteile verwendet wird. So werden jetzt
zahlreiche Stoffe mit Hilfe des elektrischen Stromes, elektrochemisch,
dargestellt, insbesondere Natrium, Chlor, tznatron und Soda, deren
gemeinsames Ausgangsprodukt das Kochsalz ist.

Wie bereits erwhnt, sorgt der Chemiker auch fr die Zukunft. Er sucht
Verfahren zu finden, mit denen man auf billige Art Kraft erzeugen kann,
Verfahren, die darauf hinausgehen, aus der Kohle mehr Kraft als bisher
mglich zu gewinnen, oder die Kohle berhaupt berflssig zu machen. Zu
diesem Zwecke benutzt er den unerschpflichen Krftevorrat, der dem
Menschengeschlecht so lange zur Verfgung stehen wird, als es bestehen
wird, da es selbst gleichsam nur ein Ausflu und eine Wirkung dieser Krfte
ist, er benutzt dazu das strahlende Licht, die strahlende Kraft, die
strahlende _Energie der Sonne_. Diese Kraft wird heute auf der
Erdoberflche nur sehr sprlich ausgenutzt, indem sie nur von den Pflanzen
zum Aufbau ihres Krpers verwendet wird, whrend der Rest unbenutzt
verloren geht. Und doch knnte uns diese Kraftquelle mit schier
unendlichen Mengen von Kraft versorgen. Darum arbeitet man an der schweren
Aufgabe, das Sonnenlicht unmittelbar in Kraft umzuwandeln und zwar in _die
Kraft_, die sich am bequemsten, mit den geringsten Verlusten weiter
umwandeln lt, in Elektrizitt.

Zunchst hat sich der Physiker damit begngt, das Sonnenlicht in Wrme
umzuwandeln, indem er es in groen, kreisfrmig angeordneten Hohlspiegeln
auffing, in deren Brennpunkt ein Dampfkessel eingebaut war, der einer,
nahebei aufgestellten Dampfmaschine Dampf lieferte. Ein solcher, in der
Anlage sehr kostspieliger Apparat ist in der Nhe von Los Angeles, in
Kalifornien -- da die Kohlen dort auerordentlich kostspielig sind -- in
lohnendem Betriebe. Man nutzt dort das Sonnenlicht den ganzen Tag hindurch
aus, indem das Spiegelsystem sich durch ein Uhrwerk der scheinbaren
Bewegung der Sonne gem dreht und stets so eingestellt ist, da es
mglichst viel Licht von ihr empfngt.

Diese Art der Verwendung des Sonnenlichtes, die Umwandlung in Wrme, ist
uerst roh und nicht befriedigend; deshalb geht das Streben der Chemiker
dahin, eine Umsetzung der strahlenden in elektrische Energie zu bewirken.
Im kleinen Mastabe ist dies bereits gelungen und zwar durch eigenartig
zusammengestellte Batterien, Zellen oder Elemente, die, sobald sie vom
Sonnenlicht getroffen werden, einen ununterbrochenen elektrischen Strom
abgeben, der so lange anhlt, als die Batterie der Wirkung des
Sonnenlichtes ausgesetzt bleibt.

Bei dem oben erwhnten Streben der Chemiker, aus der Kohle mehr Kraft, als
bisher mglich war, zu erzeugen, ja die ganze der Kohle innewohnende Kraft
zur Wirkung zu bringen, schwebte ihnen das Ziel vor, die chemische Kraft
der Kohle direkt in Elektrizitt umzuwandeln. Auch diese Aufgabe ist
bereits grundstzlich gelst worden, so da man nun, um mittels Kohle
Elektrizitt zu erzeugen, nicht erst den verschwenderischen Umweg ber den
Dampfkessel und die Dampfmaschine machen mu. Trotzdem werden die
Dampfmaschinen, solange der Preis der Kohle verhltnismig niedrig bleibt,
eine wichtige Stellung einnehmen, denn der Mensch, an das Alte gewhnt,
entschliet sich nur schwer und gezwungen, das Neue anzunehmen. Darauf
beruht ja vielfach die Bitterkeit des Erfinderloses, weil das Leben des
Erfinders gewhnlich krzer ist als die Zeit, die die Menschheit ntig hat,
um sich mit der neuen Erfindung vertraut zu machen, sich an sie zu
gewhnen, ihre Vorteile zu wrdigen und sich zum Entschlu aufzuraffen, die
Neuheit benutzen zu wollen.

Mit diesen Siegen und Erfolgen, mit der erfolgreichen Veredlung und
Nutzbarmachung der in der Natur in kleinsten und grten Mengen
vorkommenden Rohstoffe, gibt sich die Chemie nicht zufrieden. Sie will auch
die selteneren Stoffe der Natur der Allgemeinheit zur Verfgung stellen,
und, wenn der natrliche Vorrat nicht reicht, sie knstlich herstellen. War
frher z.B. die Seide nur ein Material zur Bekleidung Auserlesener, so ist
sie heute ein notwendiger Gebrauchsgegenstand fr alle geworden. Frher von
Knigen und Frsten mit Gold aufgewogen, wird sie heute von jeder Buerin,
beim Kirchgang wenigstens, als Kopfbedeckung getragen. Diese ungeheure
Zunahme des Seidenbedarfs wre auf keine Weise zu befriedigen, wenn es der
Chemie nicht gelungen wre, aus ganz billigen, leicht zur Verfgung
stehenden Rohstoffen, wie Baumwolle, Holz usw., einen Ersatz fr Seide,
eine knstliche Seide, die _Kunstseide_ herzustellen, die an Festigkeit der
Seide nahe kommt und sie an Glanz weit bertrifft. Eine Seide, die nicht
durch mhselige Raupenzucht, sondern in ununterbrochener, gleichmiger
Fabrikarbeit durch chemische Prozesse und durch mechanische Hilfsmittel,
die man der Seidenraupe abgelauscht hat, gewonnen wird. Eine Seide, die von
Seidenraupenkrankheiten unabhngig, stets in beliebigen Mengen und in
irgendeinem Lande, an irgendeinem Orte hergestellt werden kann, so da zu
ihrer Erzeugung _einheimische_ Arbeitskrfte verwendet und groe
Geldbetrge, die sonst nach dem seidenerzeugenden China gingen, nun dem
eigenen Lande nutzbringend erhalten werden knnen.

Schon im Jahre 1734 sagte Raumur die Herstellung knstlicher Seide
prophetisch voraus. Doch sollten von der Prophezeiung bis zur Erfllung
des Wortes hundertundfnzig Jahre vergehen: im Jahre 1884 meldete der
franzsische Chemiker Graf Hilaire de Chardonnet seine ersten Patente zur
Herstellung einer seither Chardonnetsche Seide genannten Kunstseide an.

Das Verfahren Chardonnets ist sehr einfach: Gereinigte Baumwolle wird etwa
fnf oder sechs Minuten lang in eine Mischung von starker Salpetersure und
Schwefelsure eingetaucht. Hierauf nimmt man die Baumwolle aus dem
Surebade, lt die Sure 24Stunden abtropfen und wscht das Produkt mit
Sodalsung. Das auf diese Weise erhaltene Material gleicht im Ansehen zwar
der Baumwolle, aber ihr Charakter, ihre Seele ist vollkommen verndert: der
schwere Leidensweg durch das scharfe Surebad hat, so mchte man meinen,
ihre geduldige Gleichgltigkeit in hchste Reizbarkeit, ihre milde Gte in
wilde Bosheit umgewandelt. Ein Schlag darauf, und sie explodiert heftig.
Sie ist nun nichts anderes als die bekannte Schiebaumwolle, die auch auf
rauchloses Pulver verarbeitet wird.

Chardonnet lst nun diese Schiebaumwolle in einer Mischung von ther und
Alkohol und erhlt so eine dicke Flssigkeit -- das in der Photographie und
Pharmazie viel verwendete Kollodium. Diese Lsung lt er in einem
eigenartigen Apparat durch haardnne ffnungen von 0,08+mm+ Durchmesser
ausflieen und in Wasser eintreten. Hierbei geht der Alkohol an das Wasser
ab, und es bleibt ein feiner Seidenfaden zurck. Aber dieser Faden ist
leicht entflammbar, ja sogar sehr explosiv und gefhrlich fr den, der mit
ihm umzugehen hat. Er mu daher zur Entfernung seiner explosiven
Bestandteile in einer Lsung von Schwefelnatrium gewaschen und hierauf
getrocknet werden. Auf diese Weise erhlt man eine ausgezeichnete
Kunstseide, die fr Weberei, Wirkerei und Posamenterie ausgezeichnet
verwendbar ist. Chardonnet hat seine Aufgabe glnzend gelst.

Wenn die Knige bau'n, haben die Krrner zu tun. Kaum hatte Chardonnet
einen entschiedenen Sieg errungen, als sich eine Unzahl von Chemikern auf
das Kunstseideproblem strzte. Ein Pionier voll Geist hatte den Weg
gebahnt, die Masse folgte nach. Ein Adler war hoch hinaufgestiegen und
bemerkte nicht den Zaunknig, wollte ihn nicht bemerken, den Zwerg, der auf
ihm sa, um, durch fremde Kraft in hchste Hhen getragen, ihn um einige
Meter zu berfliegen.

Sechs Jahre spter wurde eine neue Kunstseide patentiert: der sogenannte
Glanzstoff. Hier wird, wie auch von den spteren Nachfolgern und
Nachahmern, dasselbe Ausgangsprodukt und dasselbe mechanische Prinzip
zur Herstellung des Fadens verwendet. Der Unterschied besteht blo in
der Lsungsflssigkeit fr die Baumwolle: bei Chardonnet
Salpeter-Schwefelsure, beim Glanzstoff Kupferoxydammoniak und bei der
infolge ihrer Billigkeit immer mehr zur Verwendung gelangenden Viskose
Natronlauge und Schwefelkohlenstoff. -- An Stelle der Baumwolle kann
auch der aus Holz gewonnene Zellstoff als Ausgangsmaterial verwendet
werden.

Von dem jetzigen Umfange der Kunstseideindustrie erhalten wir eine kleine
Vorstellung, wenn wir hren, da jhrlich weit ber 3000000+kg+ erzeugt
werden. Diese Industrie ist auch ein treffliches Beispiel fr die
veredelnde Wirkung der chemischen Arbeit, da aus einem Raummeter Holz,
das im Wald einen Wert von 3Mark hat, Kunstseide im Wert von 5000Mark
erzeugt wird, also eine 1500fache Werterhhung.

Dies alles klingt sehr wunderbar, aber in 50Jahren wird kein Mensch
mehr die Kunstseide fr etwas Wunderbares halten, denn durch die
Gewohnheit und durch stetigen Gebrauch wird auch das Wunderbare etwas
Selbstverstndliches. Wer wundert sich denn heute noch ber die
Billigkeit des _Papiers_, wer staunt in unserer Zeit noch darber, da
die Menschheit jhrlich ber 600000Waggonladungen Papier verbraucht?
Und doch ist die Zeit nicht allzufern, wo alles Papier geschpft
wurde, mhselig geschpft aus mhselig hergestelltem Hadernbrei. Und
heute? Heute werden ganze Waldungen von Holz in Riesenkochern durch eine
Lsung von schwefligsaurem Kalk, den man auf eine sehr einfache Art
herstellt, zu blendend weien Fasern, Zellstoff oder Zellulose genannt,
zerkocht, und diese Fasern zu Papier verarbeitet. So ist auch das
heutige Papier und mit ihm unsere moderne Kultur, die zum groen Teile
darauf aufgebaut ist, einem Triumphe der Chemie zu danken.

Doch noch andere, heute bereits unentbehrliche Ersatzstoffe sind von der
chemischen Technik geschaffen worden, und gar manche von ihnen dienen
Zwecken, die man zur Zeit der Erfindung gar nicht voraussehen oder ahnen
konnte. So suchte der Amerikaner Hyatt, 1880, nach einem Ersatz fr
Buchdruckwalzenmasse, die bis heute durch Mischen von Gelatine und Glyzerin
in der Wrme hergestellt wird, und fand bei seinen Versuchen, als er eine
Lsung von Schiebaumwolle mit Kampfer zusammenknetete, etwas neues,
unendlich Wertvolleres, das _Zelluloid_, das heute zur Erzeugung der
mannigfaltigsten Gebrauchs- und Schmuckgegenstnde dient, und dessen
Herstellung und Verarbeitung viele Tausende von Menschen beschftigt.
Diesem ersten Ersatz fr Hartgummi und Elfenbein folgten im Laufe der Zeit
mehrere andere, darunter der _Galalith_. Dieser wird aus dem Kasein, dem
Ksestoff der Milch, hergestellt, indem man diesen Stoff durch Hinzufgung
von gewissen Chemikalien, wie Formaldehyd usw., unlslich macht.

Die jngste Errungenschaft auf dem Gebiete der Ersatzstoffe ist der
_knstliche Kautschuk_. Aber dessen Herstellungskosten mssen erst
bedeutend herabgesetzt werden, bevor ein erfolgreicher Wettbewerb mit dem
natrlichen Kautschuk mglich sein wird.

Wenn wir von einer Romantik der Chemie sprechen, so geschieht dies nicht
zum mindesten deshalb, weil sie ber ihren mrchenhaften Zielen die
Bescheidenheit und die Liebe zum Kleinen nicht verlernt hat. In der Tat,
kein Gebiet, kein Stoff ist so gering, da die Chemie ihm nicht die
sorgfltigste Aufmerksamkeit zuteil werden liee. Die Chemie hat alle nicht
blo berufen, sondern auch auserwhlt. Vor ihrem Gerichtshof gibt es keine
Standesunterschiede. Nicht nur Seide und Elfenbein sind wrdige Gegenstnde
ihrer Bemhung, sondern ebenso der gewhnliche Bauziegel und das Holz in
seinen verschiedenen Formen.

                     Die Verwendung der Schwefelsure in der chemischen Industrie.
                                               |
                                               |
                                      Anorganische Chemie
                                               |
      +----------+--------+-------+------------+--------+-------------+----------~
      |          |        |       |            |        |             |
      |          |        |       |     Mutterlauge des |             |
  Chilesalpeter  |   Chlorkalium  |     Chilesalpeters  |         Phosphorit
      |          |        |       |            |        |             |
      |      Kochsalz     | Brommagnesium-     |     Flusspat         |
      |          |        |     Lauge          |        |             |
      |          |        |       |            |        |             |
      |          |        |       | Braunstein |        |         +---+----+
      +------+---+----+---+---+   +------+-----+        |         |        |
      |      |        |       |   |            |        |         |        |
  Salpeter-  |    Salzsure   |  Brom         Jod    Flussure  Super-   Phosphor-
    sure    |                |                                phosphat   sure
           Sulfat        Kaliumsulfat                                       |
             |                |                                             |
             |                |                                             |
  (Glas, Soda, Zellstoff) (Pottasche)                                   (Phosphor)


         ~----+------+---------+-------+----------+----------+-------------+
              |      |         |       |          |          |             |
              |      |         |       |          |          |             |
              |      |         |       |          |     Kupferstein u.     |
              | Bauxit, Ton    |    Monazit       |     Schwarzkupfer      |
              |      |         |       |          |          |             |
          Gaswasser  |     Chromerz    |     Silberhaltiges  |       Pyritabbrnde
              |      |         |       |         Gold        |             |
              |      |         |       |          |          |             |
              |      |         |       |          |          |             |
              |      |         |       |          |          |             |
              |      |         |       |          | Silberhalt. Rckst.    |
              |  Aluminium-    |   Thorsulfat     |  u. Kupfervitriol      |
              |    sulfat      |       |          |                        |
           Ammon-    |      Chromate   |      Feingold u.           Kupfer-, Zink-
           sulfat    |                 |      Feinsilber           u. Eisenvitriol
                     |                 |          |
                  (Alaun)        (Glhkrper) (Hllenstein)




                                             |
                                      Organische Chemie
                                             |
     +-------+---------+--------+-------+----+-----+---------+---------+---------~
     |       |         |        |       |          |         |         |
     |       |         |        |       |          |         |         |
     |       |         |    Rckstnde  |          |         |         |
     |       |         |    der Erdl-  |   Pflanzen-Rohle  |         |
  Alkohol Graukalk     |   Destillation |          |         |         |
     |       |         |        |       |          |         |         |
     |       |    Rohpetroleum, |  Rohparaffin,    |       Fette    Glycerin
     |       |     Roh-Benzin   | rohe Paraffinle |         |         |
     |       |         |        |   Ozokerit       |         |         |
     |       |         |        |       |          |    +----+----+    | Salpeter-
     |       |         |        |       |          |    |         |    |   sure
     |       |         |        |       |          |    |         |    +----+---+~
  Aether   Essig-   Leucht-     |   Paraffine      |  Fett-   Glycerin |
           sure   petroleum,   |  Paraffinle     | suren,           |
                    Benzin      |   Ceresin        | Stearin         Nitro-
                                |                  |                glycerin
                          Schmierle u.       Gereinigte               |
                            Vaselin           Pflanzenle          Dynamit u.
                                                                 Schiesspulver


  ~---+-------+-------+---------+-------+-------+------+----------+--------+
      |       |       |         |       |       |      |          |        |
      |       |       |         |       |       |   Benzol,       |        |
      |       |       |         |       |       |  Naphtalin,     |        |
      |       |       |         |       |       |   Phenole,      |        |
      |       |       |         |       |       |  Naphtole       |        |
  Cellulose   |     Papier      | Phenolnatrium |     etc.        |     Naphtalin
      |       |       |         |       |       |      |          |        |
      |    Strke     |    Rohe Stein-  |    Benzol,   |     Anthrachinon  |
      |       |       |   kohlenteerle |   Naphtalin, |          |        |
      |       |       |         |       | Naphtylamine |Salpeter- |        |
      |       |       |         |       |      etc.    | sure    |        |
  ~---+       |       |         |       |       |      +---+      |        |
      |       |       |         |       |       |      |          |        |
   Nitro-     | Vegetabilisches | Carbolsure   |  Nitrokrper    |    Phtalsure
  Cellulose   |   Pergament     |               |      |          |        |
      |       |                 |          Sulfosuren |    Anthrachinon-  |
      | Strkezucker        Gereinigte          |      |     sulfosuren   |
      |                      Teerle            |      |          |        |
      |                                         |      |          |     (Indigo,
  (Celluloid, Kunstseide,                  (Phenole,   |          |      Eosine)
  Explosivstoffe, Schiesspulver)            Naphtole   |          |
                                           Farbstoffe) | (Alizarinfarbstoffe)
                                                       |
                                        (Amidokrper, Diazo- u. Azo-
                                         verbindungen, Farbstoffe,
                                               Medikamente)

Ziegel und Holz sind, wie eigentlich alle Stoffe, am meisten in jenen
Gegenden geschtzt, die daran arm sind. Wo Bausteine und Tonlager fehlen,
da ist es natrlich um die Errichtung von Gebuden, und damit um den
Kulturfortschritt, traurig bestellt. Da fand die Chemie einen Ausweg,
wenigstens fr sandreiche Gegenden, indem sie den _Kalksandsteinziegel_
bildete, der sich trotz seiner Jugend immer grere Verwendungsgebiete
erobert, und das mit Recht, denn sein Aussehen ist schn, seine Festigkeit
gro, seine Herstellung einfach und billig. Man mischt nmlich den Sand mit
so viel Kalkmilch, da man ihn in Formen pressen kann, worauf diese Masse,
die eigentlich nichts anderes ist als fester Mrtel, in Ziegelform, mit
Dampf behandelt wird. Die Fabrikation dieser Ziegel nimmt weniger als
36Stunden in Anspruch und unterscheidet sich durch diese Schnelligkeit
vorteilhaft von der Herstellung der Tonziegel.

Ein ausgezeichneter Holzersatz fr Fuboden- oder Treppenbelag der
hauptschlich aus Sgespnen besteht, ist der _Xylolith_, ein Holzstein,
der fast die Wrme des Holzes und fast die Feuerfestigkeit des Steines
besitzt. Seine Herstellung ist uerst einfach; man vermischt Sgespne mit
etwas gebranntem Magnesit, feuchtet die Masse mit einer Lsung von
Chlormagnesium an, bis sie breiig-teigartig ist, und lt sie, in beliebige
Formen gepret, an der Luft trocknen. Fr fugenlosen Fubodenbelag wird die
teigige Masse 1+cm+ dick glatt auf den Blindboden aufgetragen, worauf man
sie trocknen lt. Die trockene Xylolithmasse kann man ungefhr so wie Holz
bearbeiten. Da sie berdies durch Zumischung von Erdfarben zu den
Sgespnen beliebig gefrbt werden kann, ist es leicht begreiflich, da
dieser Holzzement sich einer stets zunehmenden Beliebtheit und wachsenden
Verwendung erfreut.

    Die auf Seite35 beigefgte Tabelle aus dem Deutschen Museum
    zeigt uns die vielseitige Verwendung der Schwefelsure in der
    chemischen Industrie.

So sorgt die Chemie, indem sie zahlreiche ntzliche Stoffe herstellt, fr
die Bequemlichkeit des Menschen. Darber vernachlssigt sie aber nicht das
Gebiet des im hheren Sinne Angenehmen und Sinnerfreuenden.

Seit der Mensch in Wahrheit ein Mensch ist, erfreut sich sein Auge an dem
saftigen Grn und den vielfarbigen Blumen der Wiesen, an dem Blau des
Himmels und dem Purpur und Rot des Sonnenaufganges. Das Schne erfreut ihn,
das Schnste erscheint ihm heilig. Er liebt die _Farbe_, den bunten Schmuck
und glaubt, wenn er sich selbst damit ziert, liebenswerter zu werden. So
jauchzt er auf, wenn er irgendwo zufllig eine bunte, erdige Farbe findet
und bemalt sich mit dem kostbaren Gute in einfacher Weise Gesicht und
Krper. Hat er einmal die Stufe der Nacktheit berwunden und es bis zur
Herstellung von Gewndern, zum Verspinnen und Verweben von Flachs und
Schafwolle gebracht, so trachtet er, den Schmuck der Frbung auf das Gewebe
zu bertragen. Jahrhundertelang mu er da wohl suchen und versuchen, bis er
endlich durch Zufall einige brauchbare, dauerhafte Farbstoffe findet, den
Purpur der Purpurschnecke, den Krapp und den Indigo und einige Farbhlzer.

Durch Jahrtausende blieb die Farbstoffkenntnis des Menschen auf diese
wenigen Stoffe beschrnkt, unter denen der _Indigo_ der wichtigste ist. Er
wird als blaue Farbe aus dem Safte der Indigopflanze und des Waid in
primitiver Weise hergestellt. Kurz vor der Blte werden die Pflanzen dicht
ber dem Boden abgeschnitten, hierauf in Bottiche oder gemauerte Gruben
gebracht und mit Wasser bedeckt. Nach zwlf bis fnfzehn Stunden wird das
nun gelb gefrbte Wasser in einen zweiten, tiefer gelegenen Bottich
abgelassen und daselbst durch Schlagen mit schaufelartigen Stangen oder
durch ein Schaufelrad in vielfache innige Berhrung mit der Luft gebracht,
wodurch der gelste Pflanzensaft unlslich wird und sich als blauer Schlamm
am Boden absetzt. Dieser Schlamm wird gut gewaschen, gepret und getrocknet
und stellt nun den natrlichen Indigo des Handels dar.

Vor der Erffnung des Seewegs nach Ostindien wurde der in Europa verwendete
Indigo aus dem Waid gewonnen, der seit dem neunten Jahrhundert in
Frankreich und Deutschland stark angebaut wurde. Nach der Erffnung des
Seeweges wurde der Waid immer mehr durch den indischen Indigo verdrngt,
und weder Gesetze noch Monarchen waren imstande, die Einfuhr aus Indien zu
hemmen, so da der europische Waidbau schlielich zugrunde gehen mute.

Wenn wir uns vor Augen halten, da der Indigo in der Indigopflanze nicht
fertig gebildet ist, und da statt seiner die Pflanze nur eine fast
farblose Substanz, Indigowei genannt, enthlt, da dieses Indigowei sich
im Wasser lst und durch Berhrung mit Luft blaues Indigopulver ergibt,
also auf hnliche, aber umstndlichere Weise entsteht wie der Eisenrost aus
dem Eisen, da wird es uns klar, da diese Entdeckung sicherlich einer Reihe
hchst merkwrdiger Zuflle und dem Aufwande scharfer Beobachtung zu danken
ist. Durch Zufall ist wohl ein Bund von Indigopflanzen in einen
Wasserbottich oder Teich geraten, durch Zufall oder vielleicht in
gedankenlosem Spiele sind die Pflanzen dann durch Schaufeln oder sonstwie
mit Luft in Berhrung gebracht und von einem scharfen Beobachter das
ausgeschiedene blaue Indigopulver bemerkt worden. hnlichen Zufllen hat
man wohl die Herstellung des Krapps aus der Frberrte und des Purpurs aus
der Purpurschnecke zu verdanken.

So mute sich denn die Frberei lange, lange Zeit hindurch mit ganz wenigen
Farbstoffen begngen, bis man endlich, mit Hilfe der immer leistungsfhiger
werdenden Chemie und nicht ohne Benutzung glcklicher Zuflle dahin kam,
die lngst erblate und vergangene Farbenpracht lngst versunkener
geologischer Zeiten wieder herzustellen und aufzufrischen. Denn nichts
anderes als Leichname der Pflanzenwelt eines frheren Erdalters sind die
Kohlenlager, denen wir heute nebst so vielem anderen die Teerfarben, auch
_Anilinfarben_ genannt, zu verdanken haben, die an Mannigfaltigkeit die
Naturfarben bertreffend, die bunte Pracht der modernen gewerblichen
Erzeugnisse ermglichen.

Wenn man Kohle unter Luftabschlu erhitzt -- dies wird, wie bereits frher
bemerkt, von der Leuchtgas- und Koksindustrie in grtem Mastabe
ausgefhrt -- so hinterbleibt der bekannte porse Koks, whrend Leuchtgas
und Teer in heiem Zustand entweichen. Durch Abkhlung wird der Teer
verflssigt und dadurch zugleich das Leuchtgas in reinem, teerfreiem
Zustande erhalten.

Dieser schwarze Steinkohlenteer ist der Grundstoff und der Ausgangspunkt
der Teerfarbenindustrie.

    Die nebenstehende Tafel zeigt die Vielseitigkeit der Farbstoffe
    und der Nebenprodukte, die alle aus Teer gewonnen werden.

Der Steinkohlenteer ist eine Mischung mehrerer Kohlenstoffverbindungen, von
denen Benzol, Phenol, Kresol, Naphthalin und Anthrazen die wichtigsten
sind. Sie alle werden bei der Destillation des Steinkohlenteers gewonnen
und ergeben, nachdem sie mehreren chemischen Verfahren unterzogen wurden,
die bekannten Teerfarbstoffe, deren erster, das Mauvein, im Jahre 1856 von
W.H. Perkin in London dargestellt wurde.

Diese ursprnglich englische Industrie kam in Deutschland zu ungeahnter
Blte und feierte hier ihre grten Triumphe. Sie trat mit der Natur selber
in Wettbewerb und bertraf, berwand, besiegte sie in dem Streite um das
Krapprot und in dem Streite um den Indigo.

    [Illustration: Gewinnung der Teerfarbstoffe und ihrer farblosen
    Ausgangs- u. Zwischenprodukte aus dem Teer. Die Hhe der
    schraffierten Streifen gibt annhernd die betreffende Mengen der
    gewonnenen Farbstoffe wieder.]

Vor dem Jahre 1868 wurde die Menge des jhrlich erzeugten Krapps auf
70Millionen Kilogramm geschtzt. Im Jahre 1868 entdeckten Graebe und
Liebermann, da der Krapp, auch Alizarin genannt, auf eine sehr einfache
Art aus dem Anthrazen, einem der oben erwhnten Bestandteile des
Steinkohlenteers, hergestellt werden knne. Infolge dieser Entdeckung wird
heute das Krapprot nicht mehr aus der Pflanze, sondern in den chemischen
Fabriken erzeugt, und der Krappbau, der zumal fr Sdfrankreich von groer
Bedeutung war, hat heute fast vollstndig aufgehrt.

Dasselbe Schicksal wird dem natrlichen Indigo zuteil, seitdem wir nach
A.v.Baeyers Entdeckung den Indigo billiger und reiner, als es die
Pflanzenkraft vermag, herstellen. So unterliegt auf diesem Gebiete die
Landwirtschaft der chemischen Industrie. Im Jahre 1889 kamen noch
33612Kisten Indigo aus Indien nach Europa. Heute hat die Einfuhr wegen
der gewaltigen Erzeugung des knstlichen Indigos in Deutschland fast ganz
aufgehrt. Ein paar Fabriken bringen heute das hervor, was frher groe
Landstrecken in Indien erzeugten.

Eine riesige Industrie setzt in Deutschland die wissenschaftlichen
Errungenschaften der Teerfarbenchemie in wirtschaftliche Werte um. Von den
zahlreichen groen Fabriken dieser Art sei nur die grte, die im Jahre
1865 gegrndete _Badische Anilin- und Sodafabrik_ in Ludwigshafen am Rhein,
mit einigen Ziffern gekennzeichnet, um von der Ausdehnung dieser Industrie
einen kleinen Begriff zu geben:

Diese Fabrik beschftigt heute ber 200Chemiker, 150Ingenieure,
900kaufmnnische Beamte und ber 8000Arbeiter. Der Grundbesitz der Fabrik
betrgt 220+ha+. Davon sind 411200+qm+ mit 450Fabrikgebuden,
656Arbeiter- und 108Beamtenwohnungen bebaut. Sie verbraucht jhrlich etwa
35000Waggons Kohlen. Damit werden 160groe Dampfkessel geheizt, die
386Dampfmaschinen treiben und 25000 Pferdestrken erzeugen. Es werden
jhrlich 50000000Kubikmeter Wasser und 12000000Kilogramm Eis
verbraucht. Eine eigene Gasfabrik liefert etwa 22000000Kubikmeter Gas
zur Heizung und Beleuchtung. Auerdem sind Dynamomaschinen mit zusammen
10000Pferdestrken vorhanden, die 500Elektromotoren, 1400Bogenlampen
und 20000Glhlampen mit Elektrizitt versorgen.

Neben dieser Fabrik sind vor allem die Farbwerke vormals Meister, Lucius
und Brning in Hchst am Main hervorzuheben (Abb.18).

    [Illustration: Abb. 18. Gesamtansicht der Farbwerke vormals
    Meister, Lucius u. Brning, Hchst a.M.]

Es sind heute insgesamt ungefhr siebzig Teerfarbenfabriken in Ttigkeit,
die jhrlich Farbstoffe im Werte von ber 200000000Mark erzeugen und die
Farbengier der ganzen Welt befriedigen. Das Kopftuch der Bhmin, der Schal
der Kreolin, der Sombrero des Mexikaners, der Fez des Trken, das Gewand
des Muezzin, der feine Perser- und der billige Juteteppich, die
Steinnuknpfe des Negers, der Turban des Mohammedaners, die bunten
Plakate der Tanzunterhaltungen, die Ornamente der Tanzordnung, die Schuhe
und Seidengewnder der Ballknigin, die Uniform des Marschalls und des
gemeinen Soldaten, die Kutte des Mnches und der Purpur des Kardinals, der
Hut des Bettlers und die Schleppe der Knigin, sie alle sind geziert,
geschmckt und gefrbt durch die wunderbaren Stoffe, die, aus der dunklen,
toten Kohle hervorgezaubert, den Triumph des regenbogenfarbigen Lebens
verknden. So erwchst aus der Vernichtung der Vorwelt das Streben und die
Bejahung eines neuen Lebens, so folgt auch hier dem frostigen, dunklen
Winter ein neuer lichter Frhling, ein Wiedererwachen der schlummernden
Krfte und Mglichkeiten der Natur. Ein geringer Stoff, die Kohle, ist zur
Knigin geworden, weil er, ohne sich vorzudrngen, im Bewutsein seines
Wertes seine Zeit abwartete.

Hat hier die Chemie mit milder Ruhe farbige Schnheit geschaffen, so hat
sie in der Erzeugung von gewaltigen Zerstrungsmitteln, in der Steigerung
der menschlichen Kraft und Leistungsfhigkeit nicht weniger geleistet. Wenn
wir heute keine uneinnehmbaren Festungen mehr kennen, wenn wir die
mchtigsten Kriegsschiffe durch Torpedos vernichten, Felsen sprengen und
durchbohren, den Atlantischen Ozean mit dem Stillen verbinden und Berge
versetzen knnen, so ist dies nur mglich durch die wunderbar gewaltigen
Krfte, die -- dank der Entwicklung der Chemie -- in einer kleinen
Stoffmenge aufgehuft werden knnen, durch Krfte, die wie gefesselte
Riesen, sich ruhig verhalten, bis die Fessel gelst ist, durch jene Stoffe,
die nach der Art ihrer Wirkung, als _Sprengstoffe_ bezeichnet werden.

Bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein war nur _ein_ Sprengstoff in
Verwendung, das bekannte Schiepulver, das eine Mischung von Kohle,
Schwefel und Salpeter ist, durch dessen Entzndung und darauffolgende
Verbrennung groe Gasmengen so rasch gebildet werden, da die fesselnde
Kapsel des Pulvers zersprengt und jedes Hindernis, das sich der Ausdehnung
der Gase in den Weg stellt, fortgeschleudert wird, da, mit anderen Worten,
eine Sprengwirkung eintritt. Diese Mischung war vielleicht schon Hannibal
bekannt. Jedenfalls bedeutet das unklare Wort +acetum+, womit, wie Livius
sagt, Hannibal die seinen Marsch behindernden Felsen aus dem Wege rumte,
einen schiepulverhnlichen Sprengstoff, und nicht, wie die Philologen
sonderbarerweise meinen, Essig.

Als zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts die Chemie mndig ward, da wurde
nicht nur die Zahl der Sprengstoffe bedeutend vermehrt, sondern auch ihre
Wirkungskraft ins Riesenhafte erhht. (Dabei spielt besonders die
Verwendung der Salpetersure und der Salpeterschwefelsure eine groe
Rolle.)[1] Es wurde -- um nur die wichtigsten Produkte zu nennen -- die
Schiebaumwolle, das Dynamit, die Pikrinsure und die Sprenggelatine
dargestellt. Die Schiebaumwolle ist heute ein Hauptbestandteil der meisten
rauchlosen Pulver, das Dynamit und die Sprenggelatine werden zu technischen
Sprengungen aller Art verwendet, whrend die Pikrinsure den
Hauptbestandteil des franzsischen Melinits bildet, und das englische
Geschtzpulver Lyddit nichts anderes ist als geschmolzene Pikrinsure.

    [1] ber die vielseitige Verwendung der Salpetersure und der
    Salpeterschwefelsure in der Sprengstoffabrikation wie in der
    chemischen Technik berhaupt gibt die beifolgende Tabelle aus
    dem Deutschen Museum Aufschlu:

            Die Verwendung der Salpetersure in der chemischen Technik.
                                    |
                                    |
      +-----+-----+--------+----+---+--+------+------+-----+------+----+------+
      |     |     |        |    |      |      |      |     |      |    |      |
  Schweflige|  Ammoniak    |  Silber   |    Eisen    |Quecksilber | Zucker,   |
    Sure   |     |        |    |      |      |      |     |      | Holz etc. |
      |     |     |        |    |      |      |      |     |      |    |      |
      | Salzsure |     Arsenik |    Kalk     |  Thorerde  |   Alkohol |   Strke
      |     |     |        |    |      |      |      |     |\____ |    |      |
      |     |     |        |    |      |      |      |     |     \|    |      |
  Schwefel- |   Ammon-     |  Silber-  | Eisennitrat | Quecksil-  |    |      |
   sure    |  salpeter    |  nitrat   |  (Seiden-   | bernitrat  |  Oxal-    |
            |     |        |    |      |  frberei)  | (Filzfa-   |  sure    |
            |     |        |    |      |             | brikation) |           |
            |     |        |    |      |             |            |        Dextrin
        Knigs-   |      Arsen- |  Kalksalpeter  Thornitrat     Knall-
        wasser    |      sure  | (knstl. Dnger)   |          queck-
                  |        |    |                    |          silber
            (Sprengstoffe, |    |                (Glhkrper)
               Lachgas)    |    |
                           |    |
                      (Fuchsin) |
                                |
                         (Chlor-, Brom-,
                         Jodsilber etc.)



                                Salpeterschwefelsure
                                         |
                                         |
     +-------+--------+------+------+----+----------+------+------+---------+
     |       |        |      |      |               |      |      |         |
  Glycerin   |      Benzol   |    Phenol            |   Naphtol   |    Benzaldehyd
     |       |        |      |      |               |      |      |         |
     |   Cellulose    |    Toluol   |           Naphtalin  | Zimmtsure     |
     |       |        |      |      |\_____         |      |      |         |
     |       |        |      |      |      \        |      |      |         |
   Nitro-    |  Nitrobenzol  |      | Pikrinsure   |      |    Nitro-      |
  glycerin   |        |      |      |       |       |      |   zimmtsure   |
     |       |        |      |      |       |    Nitro-    |       |        |
     | Nitrocellulose | Nitrotoluol |       |   naphtalin  |       |    Nitrobenz-
     |       |        |      |      |       |       |      |       |     aldehyd
     |       |    (Anilin)   | Nitrophenole |       |  Martiusgelb |        |
     |                       |      |       |       |              +----+---+
     |   (Collodium,         |      |       |       |                   |
     |   Celluloid,      (Toluidin) |       | (Naphtylamine)            |
     |   Kunstseide,                |       |                        (Indigo)
     | Explosivstoffe)       (Amidophenole) |
     |                                      |
  Dynamit                           (Pikratsprengstoffe)
  (Sprengge-
  latine etc.)

  Metalltzung:
  Kupfer- und Stahltzung (graphische Kunst), Gelbbrennen des Messings,
  Frben des Goldes, Weissblechtzung.

Alle diese Sprengstoffe entstehen durch die Einwirkung der fr sich nicht
explosiven Salpetersure auf ganz unschuldige Stoffe wie Baumwolle,
Glyzerin oder Phenol, das auch Karbolsure genannt wird. Hier bewhrt sich
wieder das Dichterwort: Verbunden werden auch die Schwachen mchtig.

So verwandelt die Salpetersure die Baumwolle in Schiebaumwolle, das
Glyzerin in das lige Nitroglyzerin, die Karbolsure in Pikrinsure. Die
Schiebaumwolle wird entweder fr sich angewendet oder mit Nitroglyzerin
vermischt (Sprenggelatine), oder mit Pikrinsure vermischt (Melinit).

Geschmolzene Pikrinsure bildet den Lyddit. Das Nitroglyzerin hingegen,
eine lige Flssigkeit von gelber bis brunlicher Farbe, findet in reinem
Zustand wegen seiner ungeheuren Explosivitt keine Anwendung und mu, um
verwendbar zu werden, erst von Kieselgur, einer lockeren Erde, aufgesaugt
werden. Es heit in dieser, von Alfred Nobel entdeckten Form, Dynamit
(Abb.19).

So ist das alte, rauchige, schwarze Schiepulver seiner hchsten Ehren
entkleidet worden. Nur zwei Gebiete sind seinem Machtbereich zum Teil
verblieben, die Jagd und die Feuerwerkerei.

Die meisten der in der Feuerwerkerei unter dem Namen _Feuerwerkstze_
verwendeten Mischungen bestehen aus Schwarzpulver oder einer aus seinen
Bestandteilen, also aus Salpeter, Schwefel und Kohle, zusammengesetzten
Mischung, wobei je nach dem Zweck der eine oder andere dieser Bestandteile
berwiegt. Bei Leuchtstzen, wo es also darauf ankommt, ein helles,
lebhaftes Licht zu erzielen, wird der Salpeter ganz oder teilweise durch
chlorsaures Kali ersetzt. Whrend die Leuchtstze hauptschlich chlorsaures
Kali, Salpeter und Schwefel, sowie frbende Bestandteile enthalten und als
Treibmittel fr sie Schiepulvermehl verwendet wird, ist bei den
Brandstzen dem Schiepulvermehl noch ein leicht verbrennlicher Krper
zugemischt, der so langsam verbrennt, da er whrend des Brennens gengend
Zeit hat, andere Stoffe in Brand zu setzen.

Die farbigen Feuer entstehen durch die Beimengung verschiedener Salze zu
den Leuchtstzen. So wird fr weie, hell leuchtende Feuer, fr
Leuchtkugeln, Signale usw. Magnesium als Grundlage benutzt. Grne Farben
werden durch die Beimischung von Barytsalzen, rote durch Strontiumsalze,
blaue durch Kupfersalze und gelbe durch besonders groe Mengen von Schwefel
und Salpeter erzeugt.

    [Illustration: Abb. 19. Apparat zur Herstellung von Dynamit.
    (Aus der Aktiengesellschaft Dynamit Nobel, Wien.)]

Nicht minder interessant und nicht minder wichtig als die mchtigen
Sprengstoffe sind die _Zndstoffe_, die uns in Form von Zndhlzchen
unentbehrlich geworden sind. Die Schwierigkeit und Unbequemlichkeit der
Feuerherstellung durch Stein und Zndschwamm knnen wir uns heute kaum mehr
vergegenwrtigen. Die einst vielbewunderte, uns plump erscheinende
Dbereinersche Zndmaschine, in der durch die Einwirkung von Schwefelsure
auf Zink Wasserstoff erzeugt wird, der sich am Platinschwamm entzndet, ist
fr uns nichts anderes als eine historische Merkwrdigkeit, ein Kuriosum
der Physikstunde. Und die Chanceschen Tunkfeuerzeuge, zu deren Gebrauch man
stets ein Flschchen Schwefelsure bei sich tragen mute, um die trgen
Schwefelhlzchen zu entznden, erscheinen uns heute ebenso gefhrlich wie
unangenehm. Und mit Recht. Denn heute sind wir in der Lage, ein Streichholz
zu entznden, ohne eine Flssigkeit bei uns zu tragen, und ohne Gefahr
einer Selbstentzndung oder Vergiftung. Diese Gefahr der Selbstentzndung,
Vergiftung und Explosion bestand selbst bei den ersten Phosphorhlzchen,
und diese Nachteile muten Schritt fr Schritt durch mhselige, harte
Arbeit beseitigt werden. Zunchst setzte man die Entflammbarkeit des
Zndholzkopfes durch Zumischung von Schwefelnatrium und anderen Substanzen
herunter.

Doch auch diese Hlzchen waren uerst giftig und gefhrlich, sowohl bei
der Herstellung wie bei der Verwendung, so da nicht nur der Absatz
schwierig, sondern die Beschaffung von Arbeitern fast unmglich war. Erst
gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden diese Mistnde behoben, indem
es gelang, den giftigen gelben Phosphor durch einfaches Erwrmen in eine
neue, ungiftige Abart, den roten, amorphen Phosphor zu verwandeln, der eine
neue Groindustrie, die Fabrikation der schwedischen Zndhlzchen,
ermglichte. Die schwedischen Zndhlzer enthalten keinen Schwefel und
keinen Phosphor. Ihre Zndmasse besteht aus einem Gemenge von chlorsaurem
Kali, chromsaurem Kali, Glaspulver und Gummi als Bindemittel. Sie entznden
sich nur an einer zubereiteten Reibflche, die ein Gemenge von gleichen
Teilen von rotem amorphem Phosphor, Schwefelkies und Schwefelantimon
enthlt.

Die Zndhlzchenindustrie hat in verschiedenen Lndern eine groe
Ausdehnung gewonnen. Schweden allein fhrte im Jahre 1897 ber
10000000Kilogramm aus. Und so schien es, als wre durch die Grndung
solch groer Industrien die alte Frage des Feueranmachens zu endgltiger
Entscheidung gekommen. Aber fr den menschlichen Geist gibt es keine
endgltige Entscheidung. Er steht nicht still, darf nicht still stehen.
Im Weiterschreiten find' er Qual und Glck, er, unbefriedigt jeden
Augenblick. Und dieses Weiterschreiten ist oft ein scheinbares Zurckgehen
auf Altes. Ein solches Zurckgehen auf alte Feuerzeuge wird heute mit den
modernen Hilfsmitteln der Chemie versucht.

Man hat gefunden, da Zer, eines der selteneren Metalle, wenn es mit
30%Eisen zusammengeschmolzen wird, einen Stoff mit merkwrdigen
Eigenschaften ergibt. Fhrt man mit der Klinge eines Taschenmessers oder
mit der Spitze einer Feile ber eine solche Zer-Eisen-Mischung hinweg, so
entstehen, ohne Rauchentwicklung, Funken und Flammen von gewaltiger
Zndkraft, so da hiermit ein an sich ganz unexplosiver Zndstoff gegeben
erscheint. Lt man die Funken einer solchen Zer-Eisen-Legierung auf einen
mit Petroleum oder Benzin getrnkten Docht berspringen, so entsteht eine
dauernde Flamme. Diese als _Feuertrger_ oder Pyrophore bezeichneten
Legierungen nutzen sich sehr wenig ab und werden wegen ihrer guten
Eigenschaften als Zigarrenanznder und fr hnliche Zwecke gern verwendet.
Ob sie in der Zukunft eine bedeutende Rolle spielen werden, bleibt
abzuwarten.[2]

    [2] Geitel, Siegeslauf der Technik.

So hat die Chemie den Menschen befhigt, mit jenen Urmchten der Natur zu
wetteifern, die die Erde aus dem Innern heraus erbeben machen, die auf der
Sonne ihr wildes Spiel treiben, die Welten zertrmmern, um Welten
aufzubauen. Aber der Mensch ist darin der Natur gleichgekommen, ja man
mchte fast sagen, er hat sie bertroffen, da er die Mchte, die er in der
Form von Sprengstoffen erzeugt, gefesselt, gebunden und derart unter seine
Herrschaft gebracht hat, da sie genau die von ihm verlangte Arbeit leisten
und die erwartete Wirkung eintreten lassen. Ja, er hat sie so gebndigt und
in gewnschter Strke gestaltet, da sie in Form von Zndholzchen von jedem
Kinde gehandhabt werden knnen und in Form von Raketen und Feuerwerken in
genau vorherbestimmten Formen und Farben gegen den Himmel steigen, aus dem
Prometheus das erste Feuer zur Erde brachte.

Hat diese Wirkung ins Groe und Ferne, die durch die Chemie ermglicht
wurde, unser Interesse in hohem Mae gefesselt, so verdient die Wirkung,
die uns die Chemie auf das Kleine und Nahe ausben lt, nicht minder
unsere Aufmerksamkeit. In der Tat, es ist nicht weniger bedeutsam, die
Vorgnge unseres Leibes sowie unser krperliches Wohlbefinden zu
beherrschen und krperliche Schden, Gebrechen und Leiden zu beseitigen,
als Felsen zu durchbohren und Weltmeere miteinander zu verbinden.

Es ist bemerkenswert, da mit dem Aufblhen der Chemie auch die Medizin
einen ungeheuren Aufschwung nahm und aus dem Gebiete der Wunder und des
Aberglaubens einen Hhenflug im Reich der Wissenschaft antrat, der heute
noch nicht beendet ist. Die Zeiten, wo man, aberglubischer berlieferung
folgend, gegen Rheumatismus ein paar Kastanien bei sich trug, das
Schllkraut wegen seines gelben Saftes gegen Gelbsucht, die rotgefleckten
Bltter des Wasserbluts wegen ihrer Frbung als Wundmittel, die stacheligen
Bltter der Distel ihrer Stacheln wegen gegen Seitenstechen empfahl, sind
vorber und damit auch die Zeiten der Beschwrungen und Alraune. Man ist
grndlicher geworden und haftet nicht mehr an der oberflchlichen
Erscheinung. Seitdem man die Ursache der Gelbsucht kennt, sucht man Mittel,
diese _Ursache_ zu beheben und ist nicht mehr damit zufrieden, dem
Gelbschtigen irgendeine gelbe Flssigkeit einzugeben. Seit es Whler 1828
gelang, den bis dahin nur im Tierkrper vorgefundenen Harnstoff knstlich
darzustellen, ist die Fabel, da die Vorgnge des Krpers nicht den
chemischen, sondern ganz eigenartigen Lebensgesetzen folgen, immer mehr
entkrftet und widerlegt worden. Heute wei man, da der lebende Organismus
denselben chemischen Gesetzen untersteht wie die sogenannten anorganischen
Stoffe. Erst auf Grund dieser Erkenntnis konnte man die Chemie der Vorgnge
im tierischen Krper recht studieren und chemischen Mngeln des Organismus
mit chemischen Hilfsmitteln begegnen. Erst seitdem man die Chemie des
Blutes kennt, lt sich Bleichsucht und Blutarmut erfolgreich behandeln.
Erst seitdem man die Sfte des Magens grndlich erforscht hat, kann man den
chemischen Magenbeschwerden beikommen. Erst seitdem man die Chemie des
Verdauungsprozesses genau kennt, ist man in der Lage, dem Zuckerkranken die
entsprechende Kost vorzuschreiben.

Eine groe Menge neuer Heilmittel ist aus demselben Stoff durch hnliche
Prozesse dargestellt worden, dem wir auch die Anilinfarben verdanken, aus
dem Steinkohlenteer, der also gleichsam ein Extrakt nicht nur der
Farbenpracht, sondern auch der Heilkraft einer lngst vergangenen
Pflanzenwelt ist. Die Wirkungsweise dieser neuen Heilmittel ist durch
grndliche Proben festgestellt worden. Von den nach Tausenden zhlenden
Medikamenten dieser Art seien hier beispielsweise das Aspirin, Phenazetin,
Pyramidon, Migrnin, Veronal, Melubrin und Sulfonal genannt (Abb.20).

Auch die Pflanzen- und Tierwelt bietet die Mittel zur Herstellung
medizinisch wertvoller Substanzen. So werden aus den Blttern der
tropischen Kokapflanze das betubende Kokain, aus tierischen Organen das
blutdruckerhhende Adrenalin usw. gewonnen.

Noch wunderbarer als die Wirkung dieser Mittel sind die Erfolge der
sogenannten Serumchemie, die hauptschlich auf dem Gebiete der durch
Bakterien verursachten Krankheiten groe Triumphe zu verzeichnen hat. Das
Serum, die Blutflssigkeit, in der die roten und weien Blutkrperchen
umherschwimmen, ist, gleichsam als Auszug und Trger des Lebens, von der
Natur mit auerordentlichen Krften und einem besonders starken
Lebenswillen bedacht worden. Es hat den Willen, sich zu erhalten, sich
gesund zu erhalten. Und es wehrt sich mit seiner ganzen Kraft gegen den
Einfall einer fremden Macht. Es sind im Serum Schutzmittel enthalten, die
eingewanderte Bakterien abzutten vermgen. Ein Einfall _Gift_
ausscheidender, krankheitserregender Bakterien in das Blut wird von dem
Serum mit der sofortigen Erzeugung von Gegengiften beantwortet, die die
Giftwirkung der Bakterien aufheben. So kmpft das Serum mit der Krankheit;
sein Sieg bedeutet Leben, seine Niederlage Tod.

    [Illustration: Abb. 20. Verpackungssaal der Firma Farbenfabriken
    vormals Friedrich Bayer&Co.A.-G., Elberfeld.]

Hier hat nun die Chemie eingegriffen und es ist ihr gelungen, ihr hohes
staunenswrdiges Ziel zu erreichen, nmlich die Wehrkraft des Serums zu
erhhen. Wird nmlich das Gift krankheitserregender Bakterien zunchst in
ganz kleinen, dann allmhlich steigenden Mengen einem gesunden Tiere, z.B.
einem Pferde, in die Adern eingespritzt, so erzeugt das Serum dieses Tieres
wachsende Mengen von Gegengift, so da es an Wehrkraft stets zunimmt.
Wird nun ein solches Tierserum unter die Haut eines an der entsprechenden
Krankheit leidenden Menschen eingespritzt, so wird die Wehrkraft des
Serums dieses Menschen ebenfalls bedeutend erhht (Diphtherieheilserum).

Die Medizin ist berdies durch die von der Chemie erzeugten zahlreichen,
wirksamen und billigen mikrobenvernichtenden Desinfektionsmittel, wie
Karbol, Chlorkalk, Sublimat, Ozon, Lysol, gefrdert worden. Spterhin hat
man die Desinfektion in der Form von Konservierungsmitteln auch auf das
Gebiet der Nahrungsmittel bertragen und zwar zur Hintanhaltung der
Fulnis, der Grung usw. Unter den blichen Konservierungsmitteln sind
besonders Salizylsure, Borax und Formaldehyd zu nennen.

Aber nicht nur auf dem Gebiete der Heilkunde hat die Chemie fr das Leben
und die Sicherheit des Menschen Groes getan, sondern sie hat sich auch auf
dem ihr scheinbar ferner liegenden Gebiete des Gerichtswesens verdient
gemacht. Sie hat gegen den Aberglauben gekmpft, Recht und Schuldlosigkeit
zu Ehren gebracht und den Verbrecher eingeschchtert. So wei man heute,
da Erkrankungen infolge Genusses von Wurst, Fischen, Austern oder Fleisch
meist nicht die Folge absichtlicher Vergiftungen sind, sondern darin ihren
Grund haben, da diese tierischen Stoffe, wenn sie faulen, gefhrliche
Gifte, die sogenannten Leichengifte, in sich anhufen. Die Chemie hat
ferner Mittel und Wege gefunden, Menschenblut, selbst in kleinsten Spuren,
als solches zu erkennen und scharf von jedem anderen Tierblute zu
unterscheiden. Diese Mglichkeit, die tierischen Blutarten mit Gewiheit
voneinander zu unterscheiden, ist der Serumchemie zu verdanken. Grndliche
Untersuchungen auf diesem Gebiete haben ergeben, da ein mit Menschenblut
geimpftes Kaninchen ein Serum liefert, das nur mit klarer
Menschenblutlsung einen Niederschlag gibt, whrend Impfung mit Ochsenblut
ein nur Ochsenblut fllendes, Impfung mit Schweineblut nur Schweineblut
fllendes Serum hervorbringt. Dadurch kann man das Blut einer Tierart von
dem jeder anderen Tierart gut unterscheiden. Allerdings mu man sich
hierbei vor Augen halten, da verwandte Tiergattungen gleichartige, wenn
auch nicht gleich starke Fllungen mit den betreffenden Serumarten ergeben.
So fllt Schweine-Kaninchen-Serum auch Wildschweinblut,
Pferde-Kaninchen-Serum Eselblut, Menschen-Kaninchen-Serum auch Affenblut
aus.

Hier wird die entwicklungsgeschichtliche Tierforschung unmittelbar von den
Ergebnissen der Serumchemie angeregt und befruchtet. Denn die eben
angefhrten Ergebnisse belehren uns ber die Verwandtschaft der
Tiergattungen und erleichtern so die Aufstellung eines wirklich richtigen
Stammbaums der Tierwelt. Sie zeigen, da das Blut _einer_ Gattung fr die
_andere_ Gift ist, da die Essenz der Fruchtbarkeit der einen Art fr die
andere Art und fr jede andere Art eine Essenz der Unfruchtbarkeit und des
Todes ist, und da das jeder Gattung eigentmliche Serum ein Schutzwall
ist, den die Natur zum Zweck der Erhaltung um die Gattung gezogen hat. Nur
die Entstehung dieser Schutzmittel ermglicht die Entstehung der Arten aus
gemeinsamem Ursprung, und nur die Erhaltung dieser Schutzmittel die
Erhaltung der Arten. Nur dadurch ist es erklrlich, da Pferd und Esel nur
eine unfruchtbare Nachkommenschaft hervorbringen, und da Tiere, die in der
Verwandtschaftsreihe noch weiter auseinanderstehen, eine Nachkommenschaft
berhaupt nicht hervorbringen knnen. Daher ist in instinktiver Voraussicht
der Unnatrlichkeit einer Verbindung auch zwischen den groen Rassen der
Menschheit eine gegenseitige Abneigung zu finden.

Ohne dieses Schutzmittel der Natur wrden im Laufe der Zeit nicht nur alle
menschlichen Rassen in eine aufgehen, sondern auch die Tiergattungen wrden
Schritt fr Schritt, langsam und allmhlich sich miteinander vermischen und
eine gleichfrmige Gattung bilden. hnliches wrde in der Pflanzenwelt
Platz greifen, und offenbar wrde dann auch die leblose Welt die Kraft,
sich dem Charakter des Stoffes gem zu gestalten, das heit, zu
kristallisieren, verlieren und im Zustande einer Urmischung verharren. So
verkrpert die Kristallgestalt der Gesteine, das Eiwei der Pflanzen und
das Serum der Tiere, den gestaltenden, vom Allgemeinen zum Besonderen
gehenden Trieb der Natur, den Willen des formenden Lebens. Sie ermglichen
es, da aus groem, festem, gleichfrmigem Grundstoff die Natur sich
vielgestaltig und mannigfaltig erhebt, wie die tausend Trmchen, Mnnchen
und Ungeheuer eines gotischen Domes.

Nach dieser kleinen Abschweifung wollen wir nun auf ein neues Gebiet der
Romantik der Chemie bergehen, auf die _Wohlgerche und Riechstoffe_.

Schon die ltesten Kulturvlker Asiens sammelten die in der Natur
vorkommenden wohlriechenden Kruter, schtzten sie als Kostbarkeit und
boten sie als hchste Gabe dem Heiligsten und Liebsten, den Gttern und den
Toten dar. Wohlriechende Stoffe, wie Weihrauch, Zimt, Myrrhen usw., wurden
den Gttern als Rauchopfer dargebracht und zum Einbalsamieren der Toten
verwendet.

Erst spter kam die Sitte oder vielmehr die Unsitte auf, dem eigenen
lebenden Leib durch fremdartige Riechstoffe Wohlgeruch zu verleihen, eine
Unsitte, die bei den Griechen und Rmern in den wahnsinnigsten Luxus
ausartete, die Vlker zur Befriedigung unntzer, erknstelter Bedrfnisse
verleitete, ihre Gedanken auf Nichtigkeiten lenkte, ihr Mark entnervte und
schlielich den Baum ihres Lebens vom Wipfel herab bis zur Wurzel tdlichem
Siechtum preisgab.

So sind diese Riechstoffe, in hherem Grade als die anderen Gaben der Natur
und der sie benutzenden Chemie, ein zweischneidiges Schwert. Geister, die
nur ein weiser Zaubermeister, aber niemals ein trichter Zauberlehrling
lenken kann. Denn bei diesem wird aus dem gefesselten Ma unbeschrnkte
Malosigkeit: in der Hand des der Zucht entbehrenden Zauberlehrlings wird
der ntzliche Sprengstoff ein Mittel zu vernichtender Revolution, das
heilsame Morphium fhrt zum Morphinismus, und die Farbe, ohne Sinn, als
Selbstzweck angewendet, verdirbt sowohl den Geschmack als die Kunst.

    [Illustration: Abb. 21. Destillierblase.]

Auch auf dem Gebiet der Riechstoffe ist jahrtausendelang, bis zum Erwachen
der modernen Chemie, ein Stillstand zu verzeichnen, man war mit den von der
Natur dargebotenen Riechstoffen zufrieden und verstrkte sie nur durch die
altbekannte Kunst des Destillierens (Abb. 21).

Erst im neunzehnten Jahrhundert wurde die wichtige Tatsache entdeckt, da
die pflanzlichen Riechstoffe, die sogenannten therischen le, den Pflanzen
durch Dampf, sogenannte Dampfdestillation, entzogen werden, da sie nach
der Abkhlung des Dampfes auf dem kondensierten Wasser schwimmen und so
leicht abgeschpft werden knnen. Dies gab der Riechstoffindustrie, z.B.
der Fabrikation des Kmmelles, einen neuen Aufschwung. Andere Riechstoffe,
wie Bergamottl, Zitronenl, Pomeranzenl, werden durch Auspressen der
Fruchtschalen gewonnen. Bltenparfme werden entweder durch erwrmtes Fett
oder durch gewisse Lsungsmittel, wie Benzin, Chloroform usw.,
ausgezogen, und hierauf das Lsungsmittel durch Wrme abgetrieben, so da
der Riechstoff hinterbleibt (Abb.22, 23).

    [Illustration: Abb. 22. Aus der Fabrik therischer le
    Schimmel & Comp., Miltitz-Leipzig.]

Solche Blumenauszge sind natrlich sehr kostspielig, da sehr groe
Bltenmengen zur Herstellung nennbarer Riechstoffmengen erforderlich sind.
Zur Fabrikation von 1Kilogramm Orangenblten- oder Rosenbltenauszug sind
700Kilogramm frische Blten, zur Herstellung von 1Kilogramm
Veilchenbltenauszug, der einen Wert von ber 3000Mark hat, 1000Kilogramm
Blten ntig.

Nur die sdliche Natur verschwendet an ihre Flora die Wohlgerche in
reichlicher Weise. Die nordische Natur ist karger. So ist denn in dieser
Hinsicht Frankreich und Italien wohl versorgt, Deutschland aber infolge
seiner Lage auf die sdlichen Lnder angewiesen. Deshalb hat es mit aller
Kraft versucht, durch die Chemie sich zu verschaffen, was ihm die Natur
versagt hat, so hat es knstliche Riechstoffe hergestellt, aus dem
billigen l des indischen Zitronengrases das kostbare Veilchenparfm,
Jonon, aus dem gewhnlichen Nelkenl den wertvollen Riechstoff der Vanille,
das Vanillin, aus dem Terpentinl das fliederduftige Terpineol, aus dem als
Safrol bekannten l das angenehme Heliotropin.

Ist die Farbenpracht und die Heilkraft der Steinkohlenpflanzenwelt in den
Teerfarbstoffen und den modernen Heilmitteln wiedererstanden, so haben die
Chemiker auch den alten Duft aus dem Steinkohlenteer hervorgezaubert und
eine Reihe feiner Riechstoffe daraus dargestellt, indem sie die
Karbolsure, das Benzol, das Toluol, die Salizylsure usw. verarbeiteten.
So liefert die Karbolsure das Wintergrnl, das Benzol einen Jasminduft,
das Toluol ein knstliches Bittermandell und ein Zimtl und die
Salizylsure den als Cumarin bezeichneten Heu- und Waldmeistergeruch.

    [Illustration: Abb. 23. Aus der Fabrik therischer le
    Schimmel & Comp., Miltitz-Leipzig.]

Eine groe Verwendung finden alle diese Riechstoffe in der
Toiletteseifenindustrie. Die gewhnliche, grobe Seife wird durch Kochen von
Fetten mit tznatron dargestellt, wobei man das ntzliche Glyzerin als
Abfallstoff erhlt. Den so dargestellten Seifen werden zur Verwandlung in
Toiletteseifen Riechstoffe zugesetzt, um das Waschen und Sichreinigen zu
einer nicht nur ntzlichen, sondern auch angenehmen Ttigkeit zu machen.

Wir haben nun verschiedentlich die mit Hilfe der Chemie erlangten
Luxusgaben der Pflanzenwelt betrachtet, die einer bequemeren und schneren
Ausgestaltung unseres Leben dienen. Doch drfen wir darber nicht die
notwendigen Gaben vergessen, ohne die ein tierisches Leben und eine
menschliche Kultur nicht mglich ist. Die gtige Allmutter Natur bringt das
nhrende Weizenkorn hervor, dem die Kraft innewohnt, in einen hohen,
hrenbeschwerten Halm auszuwachsen, wenn es in dem richtigen Boden ruht.
Der Mensch ackert und streut seine Saat und hofft da sie entkeimen werde
zum Segen nach des Himmels Rat. Und lange, lange Zeit wird er auf gutem
Ackerboden in dieser Hoffnung nicht enttuscht. Reichlich und gern bringt
da die Natur das Gewnschte hervor. Aber nach und nach ermattet auch der
Acker, die Ernte wird kmmerlicher, und schlielich versagt der Boden ganz,
selbst wenn die Saat noch so krftig und gesund ist.

Das Weizenkorn gleicht eben einem Sugling. Es hat die Kraft, gro zu
werden, aber nur, wenn ihm genug Nahrung zugefhrt wird. Und eben das, was
fr den Sugling die Mutterbrust, ist fr das Weizenkorn der Ackerboden.
Ist die Mutterbrust milcharm, so gedeiht der Sugling ebensowenig wie das
Weizenkorn im erschpften Ackerboden.

Das haben die Ackerbauer lngst gemerkt. Sie fhlten, da sie mit der
geernteten Frucht ein unbekanntes Etwas dem Boden entziehen. Und so gaben
sie, um die Kraft des Ackers zu erhalten, ihm das, was von der Ernte
schlielich brig blieb, den tierischen Dnger, wieder zurck. Die
Wissenschaft selbst htte nichts besseres raten knnen, als Dngen des
Ackers.

Noch etwas lehrt den Bauer eine einfache berlegung, fr die erst nach
jahrtausendelanger bung von der Wissenschaft eine befriedigende Erklrung
gefunden wurde. Nmlich, da der in die Erde versenkte Teil der Pflanze
atmet und offenbar im Laufe der Zeit den Ackerboden vergiftet. Instinkt und
Erfahrung, Zufall und berlegung lehrten ihn die Notwendigkeit der
Ackerlftung, des Pflgens.

Die Anschauung des Ackerbauers, da die Nahrung der Pflanze im Ackerboden
enthalten sei und diesem -- soll der Acker fruchtbar bleiben -- stets
zugefhrt werden msse und zwar in demselben Ausmae, wie sie mit der Ernte
fortgefhrt werde, wurde durch die chemischen Forschungen des groen Justus
Liebig besttigt, aufgeklrt und vervollkommnet, und damit eine neue
Wissenschaft, die _Agrikulturchemie_, begrndet.

Die Grundlehre dieser Ackerbauchemie ist die Tatsache, da das Skelett
der Pflanze, dessen sie zu ihrem Gedeihen ebenso bedarf wie der Mensch, aus
mineralischen Stoffen aufgebaut ist. Wenn wir einen Halm oder ein
Weizenkorn verbrennen, so hinterbleibt stets ein mineralischer Rckstand,
eine Asche, die eben vom Ackerboden herrhrt. Es werden also mit jeder
Ernte dem Acker groe Mengen gewisser wichtiger Minerale entzogen, so da
der Boden stetig rmer an diesen Stoffen wird. Die meisten von ihnen, z.B.
die Kieselsure, sind berall in reichlichem Mae vorhanden, so da eine
Erschpfung kaum jemals eintritt. Gewisse andere Stoffe hingegen, die
ebenfalls fr den Aufbau des Pflanzenkrpers unentbehrlich sind, z.B.
Kali, Phosphorsure und Stickstoff -- dieser entweder in der Form von
Ammoniak oder Salpeter -- sind sprlicher vorhanden, so da sie einem
regelmig benutzten Ackerboden stets wieder zugefhrt werden mssen, da
sonst eine rasche Abnahme der Fruchtbarkeit des Bodens eintritt. Die Chemie
hat gezeigt, da ein Boden, dem alles Kali, alle Phosphorsure und aller
Stickstoff entzogen sind, keinen Samen zur Entwicklung bringen kann, sie
hat gezeigt, wie vom Vorhandensein dieser Stoffe der Blattreichtum, die
Halmgre und der Krnerreichtum der Pflanze abhngt. Man hat genau
berechnet, wieviel Kali, wieviel Phosphorsure, wieviel Stickstoff mit
jeder Ernte aus einem Hektar Ackerlandes weggefhrt wird, also wieviel von
jedem Bestandteile dem Acker wieder zugefhrt werden mu, wenn die
Ergiebigkeit des Bodens nicht vermindert werden soll. Man hat gefunden, da
diese Stoffe in rein mineralischer Form als Kalisalz, als lslicher
phosphorsaurer Kalk, als Salpeter, als schwefelsaures Ammoniak zugefhrt,
ebensogut wirken wie der natrliche Dnger, und man ist aus diesem Grunde
heute fast ganz zur Verwendung der knstlichen Dngemittel bergegangen.
Dies ist insbesondere durch das ungeheure Anwachsen der Grostdte ntig
geworden, die den grten Teil des auf dem Lande erzeugten Getreides
verzehren, so da infolge dieser rtlichen Scheidung zwischen Erzeugung und
Verbrauch an eine Zurckfhrung des tierischen Dngers nicht mehr zu denken
war, zumal dieser durch die heute blichen grostdtischen Abwasseranlagen
und die damit verbundene groe Verdnnung mit Wasser fr die Landwirtschaft
kaum mehr nutzbringend verwendet werden kann.

Der Urwald mit seinem jungfrulich fruchtbaren Boden bedarf keiner Dngung.
Denn solange er Urwald bleibt und kein Baumstamm aus ihm hinausgeschafft
wird, wird er durch die pflanzlichen Kadaver gedngt, die im Tode dem Boden
die Mineralstoffe wieder zurckerstatten, die sie ihm whrend ihres Lebens
entzogen haben. Es bleibt eben alles an Ort und Stelle. Nichts wird
weggefhrt. Mit Ackerland verhlt es sich anders. Will man da stets
dieselben Ertrge haben, so mu der mineralische Gehalt der Ernte stets
wieder ersetzt werden. Dieser Ersatz ist natrlich bei verschiedenen
Pflanzen verschieden. So beanspruchen Zuckerrbe und Tabak besonders viel
Kali, Hlsenfrchte und Getreidearten besonders viel Phosphorsure.

    [Illustration: +O+ = ohne Dnger. +KPN+ = Kali, Phosphorsure u.
    Stickstoff. +PN+ = Phosphorsure u. Stickstoff.
    Abb. 24. Geranien ohne und mit Dngung.]

Der Ackerbauchemie ist die interessante Entdeckungen verdanken, da das
erforderliche Verhltnis von Kali (+K+) zu Phosphorsure (+P+) und
Stickstoff (+N+), fr jede Pflanze ganz bestimmt ist, und da sich der
Ertrag nach der vorhandenen Menge des ungengenden Stoffes richtet, und
zwar in folgender Weise: Ist in einem Ackerboden Kali und Phosphorsure in
gengender, Stickstoff hingegen in ungengender Menge vorhanden, so richtet
sich der Ertrag ausschlielich nach der vorhandenen Stickstoffmenge. Dieses
Gesetz wird durch das folgende noch weiter ergnzt: Es ist nicht mglich,
durch erhhte Zufuhr von Kali, Phosphorsure und Stickstoff den Ertrag bis
ins Unendliche zu erhhen. Von einem gewissen Punkte an bewirkt eine
vermehrte Dngerzufuhr keine Erhhung des Ertrages. Dies ist leicht
begreiflich, wenn wir bedenken, da die mineralischen Stoffe nur das
Skelett der Pflanze liefern, da aber ihr Fleisch und Fett aus der
Atmosphre gebildet wird, und da die Pflanze infolge ihrer Organisation
nur mit einer gewissen Geschwindigkeit und nur bis zu einer bestimmten
Grenze wachsen kann. In dieser Hinsicht verhlt sich der Pflanzenkrper
genau so wie der tierische Krper (Abb.24, 25).

    [Illustration: Ohne Kali. Mit Kali. Ungedngt.
    Abb. 25. Dngung von Getreide.]

Die moderne Kunstdngerindustrie ist also von der grten Bedeutung fr die
Ernhrung des Menschen. Sie ist ein wahrer Zauberstab. Sie holt das Kali
aus den tiefen Schchten von Stafurt und benutzt damit das Ergebnis
vergangener geologischer Zeiten, ein ausgetrocknetes Seewasserbecken
(600000Waggons Kalidnger werden auf diese Weise jhrlich in Deutschland
gewonnen). Sie mahlt die wegen ihres Phosphorgehaltes wertvollen
Knochenabflle, ferner die unter dem Namen Thomasmehl bekannten
phosphorhaltigen Schlacken der Stahlindustrie und benutzt sie zur Frderung
des Ackers. Ganze Berge mineralischen Phosphates aus Afrika und Amerika
werden durch einfache Behandlung mit Schwefelsure in das als Dnger
beraus geschtzte Superphosphat verwandelt. Auch des kostbaren Guanos soll
Erwhnung getan werden, der in der Hauptsache aus Exkrementen von Vgeln
hervorgegangen, auf einigen Inseln nahe an der Westkste Sdamerikas groe
Lagersttten bildet und von da in Schiffsladungen nach Europa verschickt
wird.

Bis vor einigen Jahrzehnten war der Chilisalpeter der einzige knstliche
Stickstoffdnger. Auch heute noch ist er von der grten Bedeutung, doch
wird ihm nach und nach der Rang von anderen Stickstoffdngemitteln
abgelaufen. In erster Linie steht da das schwefelsaure Ammoniak, das als
Nebenprodukt der Leuchtgasfabrikation und Kokserzeugung erhalten wird,
indem man das im Leuchtgas und Koksofengas enthaltene Ammoniak durch
Waschen des Gases mit Schwefelsure in schwefelsaures Ammoniak berfhrt.
Der Stickstoff dieses schwefelsauren Ammoniaks ist also nichts anderes als
der Stickstoff der verarbeiteten Kohle, also der in vergangenen Zeitrumen
durch die Pflanzenwelt angesammelte Stickstoff -- eine Konserve der Natur.

Bei der groen Nachfrage nach Stickstoffdnger darf es nicht wundernehmen,
da die Chemie mit Nachdruck neue Stickstoffdnger zu bilden suchte und vor
allem bestrebt war, den trgen Stickstoff, der den Hauptbestandteil unserer
Atmosphre ausmacht, in eine ntzliche, von den Pflanzen aufnehmbare
Stickstoffverbindung berzufhren und so eine schier unendliche, berall
zugngliche Vorratskammer zu erffnen. Die Herstellung solcher Erzeugnisse
ist auch wirklich gelungen. So erhlt man durch berleiten von Stickstoff
ber feingepulvertes, erhitztes Kalziumkarbid, das bekanntlich zur
Herstellung von Azetylen dient, den Kalkstickstoff, ein treffliches
Dngemittel; durch die elektrische Kraft, die durch die groen Wasserkrfte
Norwegens sehr billig erzeugt werden kann und erzeugt wird, ist ein
weiteres Verfahren mglich geworden: die Herstellung von Salpetersure
durch Durchleiten der Luft durch den elektrischen Flammenbogen. Hierbei
entsteht zunchst das sogenannte Stickstoffoxyd, ein Gas, das auf einfache
Weise in Salpetersure bergefhrt wird.

Doch auch damit war der Stickstoffhunger der Menschheit nicht befriedigt.
Und mit Recht. Denn die Erschpfung der chilenischen Salpeterlager und
damit die Notwendigkeit, den ganzen Stickstoffbedarf in chemischen Fabriken
herzustellen, ist nur eine Frage der Zeit. So hat man denn rastlos weiter
gearbeitet und ein neues Verfahren, das modernste, zur Herstellung von
Ammoniak gefunden, dessen chemische Bedeutung darin besteht, da in ihm die
Trgheit des Luftstickstoffes, sein Widerwille und Widerstand gegen
irgendeine Verbindung, auf eine einfache Art und Weise berwunden
erscheint. Man hat nmlich gefunden, da Stickstoff und Wasserstoff, wenn
man sie bei erhhter Temperatur und unter hohem Druck durch oder ber
gewisse trgheitaufhebende Stoffe leitet, sich glatt zu Ammoniak
vereinigen, und es scheint, da dieses Verfahren, das bereits in groem
Mastabe erprobt wurde, die Palme im Wettkampfe der Stickstoffverfahren
davontragen wird.

Diese trgheitaufhebenden Stoffe, in der Chemie _Katalysatoren_ genannt,
sind hchst merkwrdige Krper, denn durch ihre bloe Anwesenheit werden
chemische Vorgnge bedeutend erleichtert und beschleunigt. Sie gleichen
einem guten, ermunternden Lehrer, dessen bloe Anwesenheit hinreicht, um
Aufgaben zu lsen, die allein zu lsen man nicht die Kraft htte; sie
gleichen dem Schmierl, das, die Reibungswiderstnde einer Maschine
vermindernd, ihren geruschlos-krftigen Lauf ermglicht. Diese
Katalysatoren nehmen keinen Anteil am chemischen Vorgang, sie ndern sich
nicht, sie verlieren ihre Wirkungskraft nicht. Es sind ganz wunderbare
Stoffe, die fr die wissenschaftliche und technische Chemie von immer
grerer Bedeutung zu werden versprechen. In groer Zahl sind sie im
Pflanzenkrper wie auch im Tierkrper vorhanden, und nur ihnen ist es zu
danken, da die Verdauung, die im chemischen Laboratorium viele Tage
erfordern wrde, in den Pflanzen und Tieren so rasch vor sich geht. In der
Industrie spielen die Katalysatoren seit zwanzig Jahren, seit der
Einfhrung des katalytischen Schwefelsureprozesses -- den man, weil es
dabei hauptschlich auf Berhrung (Kontakt) mit dem Katalysator ankommt,
als Kontaktproze bezeichnet --, eine groe Rolle. Im Vergleich zu dem
alten umstndlichen Schwefelsureverfahren bedeutet das Kontaktverfahren
eine namhafte Vereinfachung. An Stelle der frher notwendigen riesigen
Bleikammern sind kleine Apparate, an die Stelle von Plumpheit ist damit
Eleganz getreten, eben, weil es durch den Katalysator -- in diesem Falle
feinverteiltes Platin -- mglich wurde, den frher trge verlaufenden
Vorgang der Schwefelsurebildung rascher zu gestalten und berdies Sure in
beliebiger Strke herzustellen. Nach dem Kontaktverfahren wird einfach
schweflige Sure, das ist das Gas, das bei der Verbrennung von Schwefel und
metallischen Schwefelverbindungen entsteht, mit Luft vermengt, ber
feinverteiltes Platin geleitet, wobei unmittelbar das sogenannte
Schwefelsureanhydrid gebildet wird.

Ein hnliches Verfahren, bei dem ebenfalls ein seltenes Metall als
Katalysator dient, wird den Stickstoffbedarf der ackerbautreibenden Welt
endgltig befriedigen. Denn die Rohmaterialien, die es verwendet, der
Stickstoff der Luft und der Wasserstoff des Wassers, sind berall in
beliebigen Mengen vorrtig, so da das Menschengeschlecht -- so lange es
Kraft oder Wrme zu erzeugen imstande ist -- jeder Sorge um den
Stickstoffdnger enthoben ist.

So frdert und regelt der Mensch die Arbeit der Natur, indem er ihr, so gut
er vermag, die Bausteine liefert, mit denen dann die Meisterin die endlose
Zahl von Stoffen aufbaut, die den Pflanzenkrper ausmachen, die Sfte, die
durch die Pflanze flieen, die Farben, die sie schmcken, und die
Wohlgerche, die sie ausatmet.

Unsere bisherige Wanderung hat uns gezeigt, was die Chemie, was der
Chemiker geleistet hat. Diese Leistungen und Ergebnisse auf dem Gebiet der
Industrie und Landwirtschaft erregen unsere Bewunderung, aber um so
mchtiger drngt sich uns die Frage auf: Wie ist die Chemie zu diesen
Erfolgen gekommen, wie arbeitet der Chemiker, wenn er die Geheimnisse der
Natur ergrnden, neue Stoffe darstellen oder die Herstellungsweise bereits
bekannter Stoffe verbessern will? Wodurch gelingt es ihm das scheinbar
Unfabare zu fassen, das scheinbar Unbestimmte zu bestimmen?

Da knnen wir denn sagen, da der Chemiker ebenso arbeitet wie der
Mineraloge, der Botaniker, der Geologe, ja da er eigentlich nicht anders
arbeitet, als jeder wahrhaft wissenschaftliche Arbeiter. Sie alle folgen
bei ihrer Arbeit dem vielsagenden Goetheschen Worte:

    Dich im Unendlichen zu finden,
    Mut unterscheiden und dann verbinden.

Dieses Dichterwort, ins Prosaische bersetzt, heit und bedeutet: Um dich
in der unendlichen Zahl der Gegenstnde und Erscheinungen des Weltalls und
jedes Teiles des Weltalls zurechtzufinden, mut du zunchst durch scharfe
Beobachtung die einzelnen Gegenstnde voneinander unterscheiden. Mit dem
Unterscheiden allein ist es jedoch nicht getan. Denn dadurch verliert man
die bersicht, zersplittert sich, gert man ins Uferlose. Das Zurechtfinden
ist erst dann mglich, wenn man die zusammengehrigen, verwandten Stoffe
und Erscheinungen in Gruppen vereinigt. Dadurch erst erhlt man eine
bersicht ber das ganze Gebiet. Statt mit Einzelheiten hat man es dann mit
Regeln zu tun, die eine groe Masse von Erscheinungen umfassen, ebenso wie
die Regeln der Grammatik.

Dieses Gruppieren, Zusammenfassen unter Gesetze -- die wichtigste
Ttigkeit und der Hauptzweck jeder Wissenschaft -- bedeutet fr den
Lernenden eine wesentliche Arbeitsersparnis. Ist die Art der Gruppierung,
die Regel, einmal bekannt, so ist damit schon viel gewonnen. Wenn man den
pythagorischen Lehrsatz kennt, so kann man leicht eine Kathete eines
rechtwinkligen Dreiecks berechnen, wenn die andere Kathete und die
Hypotenuse bekannt sind, weil dieser Lehrsatz fr alle rechtwinkligen
Dreiecke gilt.

Auf hnliche Art erhlt der Mineraloge eine bersicht ber das unendliche
Gebiet der Mineralogie, indem er die Mineralien zunchst erst einzeln
voneinander unterscheidet und dann die hnlichen miteinander gruppiert, in
Metalle, Oxyde, Kiese, Blenden usw. Diese Gruppierungen sind oft sehr
schwierig und erfordern das Zusammenarbeiten zahlreicher wissenschaftlicher
Kpfe, denn zu einer einfachen, leicht bersichtlichen Gruppierung gehrt
viel Geschick und eine grndliche Einsicht in den Gegenstand. Wenn wir
bedenken, da durch die Kristallkunde die unendliche Zahl der
Kristallgestalten auf sechs Grundformen zurckgefhrt ist, und da jede
mgliche Kristallgestalt sich von einer dieser Urgestalten ableiten lt,
obwohl die Kristallformen, fr den oberflchlichen Beobachter, durchaus
nicht miteinander hnlich sind, so sehen wir, da eine ganze Menge Arbeit
in dieser Einteilung steckt und da sie den grten praktischen Wert
besitzt.

So werden auch in der Botanik zunchst die einzelnen Pflanzen voneinander
unterschieden und dann gruppiert. Diese Gruppierung erfolgte zuerst auf
eine rein uerliche Weise (Linnsches System), whrend spter eine
sinnreichere, auf Verwandtschaft der Pflanzen gegrndete Einteilung
gefunden wurde, hnlich der des Menschengeschlechtes in Rassen, Vlker,
Stmme und Familien.

Auch der Chemiker mu zunchst unterscheiden. Aber seine Unterscheidung ist
viel schwieriger als die des Mineralogen und Botanikers. Whrend diese die
Bausteine, die Elemente ihrer Betrachtung, fertig als Minerale und Pflanzen
vorfinden und schon die scharfe Betrachtung der von der Natur fertig
dargebotenen Gegenstnde eine Einteilung ermglicht, kommen die Bausteine
des Chemikers, die Elemente, zum grten Teile nicht rein in der Natur vor,
sondern nur bis zur Unkenntlichkeit miteinander vermischt; whrend also der
Mineraloge oder Botaniker die einzelnen Erscheinungen, Individuen,
Bausteine, Elemente seines Wissensgebietes fertig in der Natur vorfindet,
mu der Chemiker die Bausteine der Chemie erst auf mhselige Art gewinnen.

Der Grund hierfr ist die Tatsache, da der Kristall, die einzelne Pflanze,
der einzelne Mensch, schon durch die Form kenntlich, ein abgeschlossenes
Ganzes fr sich bilden und ihr Lieben und Hassen nur der eigenen Art zugute
kommen lassen, so da man von der Erhaltung der Arten sprechen kann. Aber
die dem Chaos nherstehenden chemischen Bausteine sind nicht so
selbstbewut und selbstzufrieden, sondern zeigen Liebe und Ha in viel
ungewhlterer, mannigfaltigerer Weise, indem sie, fast immer, sich um jeden
Preis verbinden wollen zu etwas Neuem, ohne Rcksichtnahme auf die eigene
Art.

Es mssen also die _chemischen Elemente_, bevor man sie unterscheiden und
gruppieren kann, vorerst _aus ihren Verbindungen getrennt_ werden. Ein
Beispiel wird dies deutlich machen. Das Kaolin, die Porzellanerde, ist ein
weies, fettiges Pulver. Durch groe Hitze oder Klte wird es chemisch
nicht verndert, so da man leicht glauben knnte, da es ein chemisches
Element, das heit ein einfacher, unzusammengesetzter und daher
unzerlegbarer Krper ist. Das ist aber nicht der Fall. Es ist den Chemikern
gelungen, dieses weie Pulver in zwei nicht weiter zerlegbare Stoffe zu
spalten, in zwei Stoffe, die in ihren Eigenschaften voneinander und von der
Porzellanerde ganz verschieden sind, in zwei Stoffe, deren Verbindung eben
die Porzellanerde ist: in das heute allgemein bekannte Metall Aluminium und
in Sauerstoff, jenes Gas, das die Atmosphre der Erde atembar macht, das
die Verbrennung unterhlt, das einen glimmenden Holzspan entflammen macht,
das das Eisen bei Feuchtigkeit und gewhnlicher Temperatur mit Rost
berzieht und bei hherer Temperatur das Aluminium wieder zu Porzellanerde
verbrennt oder verascht.

Auf hnliche Weise ist gefunden worden, da das Wasser, von den Griechen
als Element angesehen, kein Element ist, sondern aus Sauerstoff und einem
brennbaren Gase, Wasserstoff, besteht. In seine Bestandteile kann es leicht
durch den elektrischen Strom gespalten und aus ihnen wieder durch den
elektrischen Funken zusammengesetzt werden. So sind alle mineralischen,
pflanzlichen und tierischen Stoffe von den Chemikern zerlegt, analysiert
worden, und man hat auf diese Weise die Elemente gefunden, aus denen die
Welt aufgebaut ist. Die Elemente sind die Bausteine aller bestehenden
Stoffe, und durch Gruppierung dieser Elemente hat man eine bequeme
bersicht ber die Zusammensetzung jedes Stoffes erhalten. Man hat zunchst
die Elemente in Metalle und Nichtmetalle gesondert, die Metalle hat man
wieder in fnf Gruppen geteilt, deren jede untereinander verwandte Metalle
enthlt. In entsprechender Weise hat man auch die Nichtmetalle gruppiert.

Will nun der Chemiker einen Stoff _analysieren_, das heit, finden, aus
welchen Elementen er besteht, so verwendet er dazu gewisse Hilfsmittel,
Chemikalien, auch Reagenzien genannt. Er verfhrt wie der Arzt bei der
Untersuchung eines Kranken. Wie dieser Organ fr Organ untersucht, die
gesunden Organe von seiner Betrachtung ausschaltet und so lange sucht, bis
er das kranke Organ entdeckt und die Art der Erkrankung erkannt hat, so
auch der Chemiker. Er lt seine Reagenzien auf den zu untersuchenden Stoff
einwirken und erkennt aus der Art der Einwirkung, aus der entstehenden
Frbung usw., welche Gruppen anwesend sind, und ob andere, blo vermutete
Gruppen fehlen. Durch weitere Reagenzien scheidet er die anwesenden Gruppen
voneinander. Schlielich sucht er herauszufinden, welche Elemente jeder
Gruppe anwesend sind. Er geht also Schritt fr Schritt vor, vom Allgemeinen
zum Besonderen, zum Einzelnen.

Die von der Chemie gefundenen Elemente sind brigens, um dies der
Vollstndigkeit halber kurz zu streifen, die Bausteine nicht nur der Erde,
sondern des gesamten Weltalls. Mit der Erforschung der Erde nicht
zufrieden, ist die Wissenschaft an die Erforschung der Zusammensetzung der
Sonne und Gestirne getreten und zwar mit Hilfe der sogenannten
Spektralanalyse. Whrend nmlich feste und flssige glhende Krper ein
ununterbrochenes regenbogenfarbiges Band, Spektrum liefern, wenn man das
von ihnen ausgestrahlte Licht durch ein Glasprisma gehen lt, liefern
glhende Gase ein nur aus einzelnen hellen Linien oder Streifen bestehendes
Spektrum, dessen Linien, Linienzahl und Farbe fr jedes Element anders,
also charakteristisch ist. Man hat so aus der Strahlung der Sonne und
anderer Gestirne ihre Zusammensetzung ersehen knnen und hat gefunden, da
drauen im Weltall dieselben Elemente vorhanden sind, wie auf der kleinen
Erde, ein Beweis fr die Gleichartigkeit und Einheitlichkeit der Welt.

Aus den durch Zerlegung erhaltenen Elementen baut der Chemiker wieder die
mannigfaltigsten Stoffe der Natur auf, geht aber auch in der
Mannigfaltigkeit des Dargestellten ber die Natur hinaus. Er vergrert den
engen Rahmen der Natur, die nur einen kleinen Teil der _mglichen_
Stoffverbindungen uns darbietet, und er stellt Stoffe dar, deren Erzeugung
die irdische Natur verabsumt oder vernachlssigt hat.

Bei dieser Vereinigung von Elementen oder Elementgruppen, bei dieser
Darstellung von Stoffen ist er jedoch beschrnkt und zwar durch die
Beziehung der Elemente zueinander, durch ihr Lieben und Hassen, durch
ihre -- wie Goethe sagte -- _Wahlverwandtschaft_.

Diejenigen Naturen, die sich beim Zusammentreffen einander schnell
ergreifen und wechselseitig bestimmen, nennen wir verwandt. An den Alkalien
und Suren, die, obgleich einander entgegengesetzt und vielleicht eben
deswegen, weil sie einander entgegengesetzt sind, sich am entschiedensten
suchen und fassen, sich modifizieren und zusammen einen neuen Krper
bilden, ist diese Verwandtschaft auffallend genug. Gedenken wir nur des
Kalks, der zu allen Suren eine groe Neigung, eine entschiedene
Vereinigungslust uert.

Z.B. was wir Kalkstein nennen, ist eine mehr oder weniger reine Kalkerde,
innig mit einer zarten Sure verbunden, die uns in Luftform bekannt
geworden ist. Bringt man ein Stck solchen Steines in verdnnte
Schwefelsure, so ergreift diese den Kalk und erscheint mit ihm als Gips;
jene zarte, luftige Sure hingegen entflieht. Hier ist eine Trennung, eine
neue Zusammensetzung entstanden, und man glaubt sich nunmehr berechtigt,
sogar das Wort Wahlverwandtschaft anzuwenden, weil es wirklich aussieht,
als wenn ein Verhltnis dem andern vorgezogen, eins vor dem andern erwhlt
wrde.

Wird hier die schwache, zarte Kohlensure durch die rohe, starke
Schwefelsure vertrieben und in die Einsamkeit hinausgejagt, so finden wir
auch Flle, in denen der Chemiker, damit kein Stoff leer ausgehe, ein
Viertes zugesellt:

Diese Flle sind allerdings die bedeutendsten und merkwrdigsten, wo man
das Anziehen, das Verwandtsein, dieses Verlassen, dieses Vereinigen
gleichsam bers Kreuz, wirklich darstellen kann; wo vier bisher je zwei zu
zwei verbundene Wesen, in Berhrung gebracht, ihre bisherige Vereinigung
verlassen und sich aufs neue verbinden. In diesem Fahrenlassen und
Ergreifen, in diesem Fliehen und Suchen glaubt man wirklich eine hhere
Bestimmung zu sehen; man traut solchen Wesen eine Art von Wollen oder
Whlen zu, und hlt das Kunstwort Wahlverwandtschaft fr vollkommen
gerechtfertigt.

Denken Sie sich ein A, das mit einem B innig verbunden ist, durch viele
Mittel und durch manche Gewalt nicht von ihm zu trennen; denken Sie sich
ein C, das sich ebenso zu einem D verhlt; bringen Sie nun die beiden Paare
in Berhrung: A wird sich zu D, C zu B werfen, ohne da man sagen kann, wer
das andere zuerst verlassen, wer sich mit dem andern zuerst wieder
verbunden habe.

Von den zahlreichen Beispielen dieses Vereinigens bers Kreuz wollen wir
nur eins anfhren: Wenn wir zu einer klaren Lsung von Schwefelbaryum eine
klare Lsung von Zinksulfat hinzugieen, so entsteht ein dicker, weier
Niederschlag, der das unlsliche Austauschprodukt bers Kreuz darstellt.
Der Schwefel des Schwefelbaryums reit sich von dem Baryum los und folgt
der Anziehungskraft, die das Zink ausbt, so da Schwefelzink entsteht.
Zugleich geht die Schwefelsure des Zinksulfats an das Baryum und bildet
schwefelsaures Baryum. Es gehen also durch diesen Vorgang alle gelsten
Stoffe in den neugebildeten, unlslichen Zustand, in den Niederschlag,
ber. Der letztere liefert, getrocknet, eine vielverwendete weie Farbe,
das Lithopon.

Eine Hauptttigkeit des Chemikers im Laboratorium einer Fabrik ist die
Prfung, Untersuchung, Analyse der Rohmaterialien, die ja eine gewisse
Beschaffenheit und einen gewissen Gehalt haben mssen, wenn ein Erzeugnis
von erforderlicher Reinheit und richtiger Zusammensetzung erzielt werden
soll.

Doch die Arbeit des Laboratoriumschemikers besteht nicht blo darin, die
Stoffe zu scheiden, zu analysieren, sondern auch darin, durch _Verbindung
von Stoffen_ neue, ntzliche Substanzen herzustellen. Der Chemiker ist also
nicht blo Scheideknstler, sondern auch Verbindungsknstler. Ist die
Herstellung einer neuen Verbindung im Laboratorium gelungen, so wird sie in
groem Mastabe ins Fabrikmige bertragen, wobei die kleinen Apparate des
Laboratoriums durch groe Anlagen ersetzt werden. Diese Umwandlung des
Laboratoriumvorganges in einen Fabrikvorgang ist durchaus nicht einfach.
Eine Salzlsung in der Porzellanschale zu verdampfen, das heit, das
Wasser in der Hitze abzutreiben, so da das feste Salz zurckbleibt, ist
viel einfacher als die Durchfhrung dieses Vorganges im groen Mastabe.
Hierzu gehren groe Verdampfungsanlagen, die von zahlreichen Heizrhren
durchsetzt sind. Ebenso ist das Filtrieren mit Hilfe von Glastrichter und
Filtrierpapier viel leichter als das Filtrieren groer Mengen mit Hilfe
groer Filterpressen. Auch das Erhitzen erfordert im Fabrikbetrieb
mchtige, eigenartig gebaute fen.

Die Herstellung neuer Stoffe, das Suchen und Finden neuer Verfahren und
neuer Fabrikapparate macht die eigentliche _Erfinderttigkeit des
Chemikers_ aus. Dieser Ttigkeit sollen hier auch einige Worte gewidmet
werden.

Drei Eigenschaften zeichnen den Erfinder vor allem aus, scharfe
Beobachtungsgabe, rasches Denken und ein gesundes, krftiges Urteil. Der
Erfinder mu den Gegenstand und das Gebiet, das er bearbeitet, genau
kennen, ohne durch unntige Kenntnisse belastet und zersplittert zu werden.
Denn eine solche Zersplitterung wirkt stets schwchend. Der Gedankenhimmel
des Erfinders mu scharf begrenzt und klar, er darf nicht verschwommen und
bewlkt sein. Eine gewisse Kindlichkeit und Unbefangenheit mu vorhanden
sein, ohne jene gefhrliche Stumpfheit, die durch allzuvieles Lernen
hervorgerufen wird. Wie das Kind naiv fragt, woher das Licht kommt, und
wohin es geht, so mu auch der Erfinder naiv-staunend nach Dingen fragen,
an denen die meisten ohne Aufmerksamkeit vorbergehen. Er mu also in
gewissem Sinne ein groes Kind sein. Ich kenne nichts Schrecklicheres, als
die armen Menschen, die zu viel gelernt haben. Statt des gesunden,
krftigen Urteils, das sich vielleicht eingestellt htte, wenn sie _nichts_
gelernt htten, schleichen ihre Gedanken ngstlich und hypnotisch einigen
Worten, Stzen, Formeln nach, immer auf _denselben_ Wegen. Was sie
besitzen, ist ein _Spinngewebe_ von Gedanken, zu schwach, um sich darauf zu
sttzen, aber kompliziert genug, um zu verwirren.

Neue Verfahren und Verbesserungen werden entweder absichtlich gesucht oder
zufllig gefunden. Damit aber die Erfindung zur Tat werde, mu sich dem
absichtlichen Suchen der glckliche Zufall beigesellen, mu der Zufall von
einem scharf beobachtenden Kopfe, der ihn fr seine Zwecke ausntzen kann,
bemerkt werden. Ohne glcklichen Zufall, wie er z.B. Rntgen zuteil wurde,
als er das erstemal seine Strahlen leuchten sah, verluft auch das
fleiigste absichtliche Suchen oft erfolglos, weil die Mglichkeiten,
Erscheinungen und Zustnde so mannigfaltig sind, da man sie nicht alle
durchprobieren kann. Anderseits wird ohne scharfe Beobachtungsgabe auch der
gnstigste Zufall oft bersehen.

Das Erfinden ist eine knstlerische, schpferische, herrliche Ttigkeit.
Der wahre, groe Erfinder schafft aus Instinkt, aus Trieb. Der wahre
Erfinder ist durch die Erfindung genugsam belohnt, wie dem Vogel, der in
den Zweigen wohnt, das Lied, das aus der Kehle dringt, reichlicher Lohn
ist. Aber berdies wird dem Erfinder oft irdischer Lohn, Reichtum und
Wohlstand zuteil. Es sei hier nur an den Namen Alfred Nobel erinnert (siehe
Hennig: Alfred Nobel).

Seit 1863 war Alfred Nobel unablssig bestrebt, das flssige Sprengl,
Nitroglyzerin, in einen festen Krper umzuwandeln. Lange war alles Suchen
vergeblich, bis schlielich ein seltsamer Zufall das gewnschte Ergebnis
herbeifhrte und Alfred Nobel, der den Zufall bemerkte, wrdigte und
benutzte, im Jahre 1866 seine berhmte Erfindung, das Dynamit, machen lie.

Es war ein blinder Zufall, der zur Entdeckung des Dynamits verhalf, ein
Zufall aber, der ohne jedes Ergebnis geblieben wre, wenn er sich nicht
eben gerade Alfred Nobels stets wachem Erfindergeist geboten htte. Es war
im Jahre 1866, als eines Tages in Nobels Laboratorium Nitroglyzerin aus
einem undicht gewordenen Gefe auslief. Derartige Vorkommnisse waren an
sich nicht ungewhnlich. Sie erhhten sogar die Gefhrlichkeit der
Aufbewahrung des Sprengles in betrchtlichem Mae. In diesem Falle aber
trnkte die auslaufende Flssigkeit die porse Erdmasse, die zur Verpackung
der Nitroglyzeringefe diente, und Nobel, der den Vorfall bemerkte und
untersuchte, stellte mit Erstaunen fest, da die mit Nitroglyzerin
getrnkte Erde stark explosive Eigenschaften bekommen hatte, die im
geeigneten Augenblick zur Entfaltung gebracht werden konnten. Damit war das
seit Jahren bestehende Problem, die explosiven Eigenschaften des
Nitroglyzerins an einen festen Krper zu binden, gelst, und, um diese
Entdeckung technisch verwerten zu knnen, bedurfte es nur noch eines
porsen Krpers, der mglichst billig und leicht zu beschaffen war. Als fr
diese Zwecke am geeignetsten whlte Nobel nach zahlreichen Untersuchungen
schlielich die Kieselgur, ein weies, pulverartiges, damals so gut wie
wertloses Gestein, das aus den Schalen winziger, einzelliger Diatomeen
besteht und an vielen Orten, vornehmlich aber in der Gegend von Hannover,
aus Urtagen der Erde sich in groen Mengen aufgehuft findet. Diese
Kieselgur war fr Nobels Zwecke wie geschaffen. Es zeigte sich, da sie
ganz gewaltige Mengen, nmlich das Dreifache ihres Gewichtes, an Sprengl
aufzusaugen vermochte. Die Mischung der Kieselgur mit dem Nitroglyzerin
bildet dann eine mrtelhnliche Masse, deren Sprengkraft so gro ist, wie
die des flssigen Sprengls.

Damit war jener frchterliche Sprengstoff gefunden, der unter dem glcklich
gewhlten Namen Dynamit Weltberhmtheit erlangt und seinen Erfinder zu
einem modernen Midas gemacht hat, der sich durch seine testamentarischen
Verfgungen als einer der grten brgerlichen Mzene aller Zeiten
offenbart hat, als Frderer der Wissenschaften, der Knste und des
Weltfriedens.

In vielen Fllen aber wird dem Erfinder nicht der verdiente Lohn, ja in den
meisten Fllen nur Undank und Elend zuteil. Ein Beispiel dafr ist die
Geschichte _Leblancs_, der der Welt das erste brauchbare Verfahren zur
Herstellung von knstlicher Soda schenkte und dadurch den Grundstein fr
die moderne chemische Industrie legte.

Nicolas Leblanc, -- sein Name ist unsterblich in der Geschichte der
Erfindungen, -- wurde am 6.Dezember 1742 zu Ivoy-le-Pr im heutigen
Departement Cher geboren. Er stammte aus einer wenig begterten Familie und
hat wohl keine hervorragende Erziehung genieen knnen. 1759 kam er nach
Paris, um Chirurgie, Medizin und Chemie zu studieren. 1776 verheiratet, und
unter sehr bescheidenen Verhltnissen den Beruf eines Arztes ausbend, war
er doch dabei wissenschaftlich noch auf anderen Gebieten ttig. Aus Anla
einer von der Akademie gestellten Preisfrage beschftigte er sich mit dem
Problem der Darstellung von knstlicher Soda und kam hierbei 1787 auf den
richtigen Weg. Im Jahre 1789 schlug er dem Herzog von Orlans vor, das neue
Verfahren fabrikmig auszubeuten. Am 12.Januar 1790 kam vor dem Notar
James Lutherland in London ein auf 20 Jahre abgeschlossener Vertrag
zustande, an dem Leblanc, der Chemiker Diz und der Herzog von Orlans
beteiligt waren. Leblanc verpflichtete sich, sein Sodaverfahren, und Diz,
sein Bleiweiverfahren schriftlich und versiegelt bei dem Notar Brichard zu
hinterlegen.

Am 25.September 1791 erhielt Leblanc ein Patent auf sein Verfahren fr 15
Jahre. Die Beschreibung des Verfahrens, die er darin gibt, verdient hier
wrtlich wiedergegeben zu werden, da sie in der Tat im wesentlichen dem bis
vor kurzem gebten entspricht:

Zwischen eisernen Walzen pulvert und mischt man folgende Substanzen:

  100Pfund wasserfreies Glaubersalz,
  100Pfund reine Kalkerde, Kreide von Meudon,
  50Pfund Kohle.

Die Mischung wird in einem Flammenofen ausgebreitet, die Arbeitslcher
(Ofentren) verschlossen und geheizt; die Substanz gelangt in breifrmigen
Flu, schumt auf und verwandelt sich in Soda, die sich von der Soda des
Handels nur durch einen weit hheren Gehalt unterscheidet. Die Masse mu
whrend der Schmelzung hufig gerhrt werden, wozu man sich eiserner
Krcken, Spatel usw. bedient. Aus der Oberflche der schmelzenden Massen
brechen eine Menge Flmmchen hervor, die der Flamme einer Kerze hnlich
sind. Sobald diese Erscheinung zu verschwinden anfngt, ist die Soda
fertig. Die Schmelze wird dann mit eisernen Krcken aus dem Ofen gezogen
und kann in beliebigen Formen aufgefangen werden, um ihr die Form der im
Handel vorkommenden Sodablcke zu geben (Abb. 26).

Die von Leblanc und Diz zu St. Denis unter dem Namen +La Franciade+
angelegte Fabrik scheint sehr gut gediehen zu sein: Tglich wurden 250 bis
300+kg+ Soda, nebst Bleiwei und Ammoniaksalz dargestellt, und infolge des
Krieges mit Spanien war der Preis der Pflanzensoda auf 110Francs
gestiegen, so da das Leblancsche Verfahren groen Nutzen abwerfen mute.
Aber die Herrlichkeit sollte nur kurzen Bestand haben. Der Herzog von
Orlans, nunmehr Brger +Egalit+, wurde im April 1793 vom
Wohlfahrtsausschu verhaftet und am 6.November desselben Jahres
hingerichtet. Seine Gter, also auch die Fabrik +La Franciade+, wurden vom
Staate eingezogen und ffentlich verkauft. Am 8.Pluviose des Jahres II
(Februar 1794) wurde die Fabrik, deren Betrieb schon vorher zwangsweise
eingestellt war, von der Behrde inventarisiert; vier Tage spter erschien
ein staatlicher Erla, der das immer noch sehr wertvolle Patent Leblancs
vernichtete. Der Wohlfahrtsausschu hatte nmlich beschlossen, alle
Sodafabrikanten sollten die ihnen bekannten Mittel und Wege der
Sodaerzeugung binnen 20Tagen einer besonderen Kommission zum besten des
Staates und mit Hintansetzung aller eigenen Vorteile bekanntgeben, um es
dadurch Frankreich zu ermglichen, seinen Handel von fremden Vlkern
unabhngig zu machen und neue Verteidigungsmittel zu gewinnen. Leblanc und
Diz gaben ihr Verfahren sofort preis, wozu sie selbstverstndlich bei
Gefahr ihres Lebens gezwungen waren. Damit war fr Leblanc alles verloren;
man hatte ihm sein Patent und seine Fabrik genommen.

    [Illustration: Abb. 26. Sodafabrikation nach Leblanc.
    (Deutsches Museum.)]

Leblanc befand sich in bitterer Armut und mute zusehen, wie an anderen
Orten Fabriken entstanden, die sein als ffentliches Eigentum erklrtes
Verfahren ausnutzten. Er richtete an die Regierung unaufhrlich Gesuch auf
Gesuch wegen des ihm fr seine Fabrik und sein Verfahren zugesagten
Schadenersatzes, aber sieben Jahre lang ohne Erfolg. Endlich am
17.FloralVIII. (1801), wurde die Fabrik in vllig verwahrlostem
Zustande an Leblanc und Diz zurckgegeben, mit dem Versprechen spterer
Entschdigung. Nach abermals vier Jahren, am 5.November 1805, wurde der
Anspruch auf Entschdigung schiedsrichterlich festgestellt. Hiernach htte
Leblanc die verhltnismig geringe Summe von 52473Francs erhalten
mssen, aber nicht einmal dieser Betrag ist Leblanc oder seinen Nachkommen
je ausgezahlt worden. Die endgltige gerichtliche Entscheidung fiel dahin
aus, da Leblancs und Dizs Ansprche durch die unentgeltliche
berlassung der (in ihrem damaligen Zustande ganz wertlosen) Fabrik +La
Franciade+ als ausgeglichen zu betrachten seien.

Fr Leblanc, der die ihm gebhrende Summe auf eine Million berechnet hatte,
war dies wie ein Todesurteil. Er hatte nach berlassung der Fabrik seine
smtlichen Mittel und alles, was er zu schweren Zinsen dazu borgen konnte,
auf die ntigsten Ausbesserungen verwendet, behielt aber nichts fr den
Betrieb brig. Den Preis der Akademie von 12000Francs von 1789 hatte er
nie erhalten. Im Jahre 1799 war ihm die Summe von 3000Francs als
Nationalbelohnung fr seine Erfindung, deren Wichtigkeit allgemein
anerkannt wurde, bewilligt worden; aber auch von dieser elenden Summe
wurden ihm nur 600Francs ausgezahlt. _Ein Darlehen von 2000Francs_, das
ihm im Jahre 1803 die +Socit d'encouragement+ bewilligt hatte und ein vom
Minister Chaptal erhaltenes _Almosen von 300Francs ist alles, was die
franzsische Nation weiter fr Leblanc getan hat_, trotz seiner
unaufhrlichen Bitten und Gesuche. Die fr ihn tatschlich vernichtende
Entscheidung vom 5.November 1805 raubte ihm jede Hoffnung, aus der Armut,
in der er sich mit seiner Familie befand, jemals herauszukommen. Gebrochen
an Leib und Seele, kehrte er zu seiner kranken Frau, zu seiner darbenden
Familie, in seine in der ruinierten Fabrik befindliche Wohnung zurck. Dort
machte er am 16. Januar1806 seiner verzweifelten Lage durch einen
Pistolenschu ein Ende. So endete diese erschtternde Erfindertragdie, und
niemand wei, wo das Grab eines der grten Erfinder Frankreichs sich
befindet.

Der Trieb zum Erfinden und Erforschen ist dem intelligenten Menschen in
hohem Mae eigen, ebenso wie die Neugierde den hheren Tieren. Und dieser
Forschungstrieb richtet sich nach allen Seiten; nicht nur das Ntzliche,
sondern alles, was er sieht, ja auch das, was er nicht sieht, will er
ergrnden. So haben denn auch die chemischen Forscher alles Sichtbare und
Unsichtbare zu ergrnden gesucht, vor allem auf dem Weltkrper, an den wir
Menschen gebannt sind, auf dieser Erde.

Unsere Kenntnis der irdischen Stoffe erstreckt sich nur ein kleines Stck
unter die Erdoberflche; was darber hinausliegt, knnen wir nur vermuten,
nicht wissen. So ist also die Atmosphre, der Ozean und eine dnne feste
Schicht alles, was wir unmittelbar untersuchen knnen, und dementsprechend
ist unser Wissen, soweit die Atmosphre und der Ozean in Betracht kommen,
ziemlich ausreichend, grndlich und vollstndig, whrend wir bei der
Betrachtung der festen Erdkruste eine willkrliche Grenze nach unten
annehmen mssen. Ohne Bercksichtigung der tatschlichen Strke der
irdischen Steinrinde (Lithosphre) scheint es sehr wahrscheinlich, da das
felsige Material bis zu einer Tiefe von ungefhr 16Kilometern den
vulkanischen Massen, die wir an der Erdoberflche vorfinden, sehr hnlich
ist. Wir knnen also als Grundlage unserer Betrachtung eine Felsstrke von
16Kilometern annehmen.

Der Rauminhalt der 16Kilometer starken Kruste, mit Einschlu der
durchschnittlichen Erhebungen der Festlnder ber die See, betrgt
6500000000Kubikkilometer, mit dem spezifischen Gewicht 2,5 bis 2,7. Der
Rauminhalt der Ozeane betrgt 1286000000 Kubikkilometer mit dem
spezifischen Gewicht 1.03. Die Masse der Atmosphre ist ungefhr
5000000Kubikkilometern Wasser gleichwertig. Wenn wir nun diese Angaben
zusammenfassen, so erhalten wir folgende Zahlen in bezug auf die
Zusammensetzung der Erde:

  _Spezifisches Gewicht der Kruste_ 2.6,
      Atmosphre       0.03%,
      Ozean            6.97%,
      Feste Rinde     93.00%.

Was die Zusammensetzung der drei Schichten anlangt, so besteht die
Atmosphre aus Sauerstoff, Stickstoff und Argon, dem Gewichte nach:

      Sauerstoff      23.024%,
      Stickstoff      75.539%,
      Argon            1.437%;

im Raumverhltnisse ausgedrckt, enthlt die Luft ungefhr 4/5Stickstoff
und 1/5Sauerstoff.

Das ozeanische Wasser enthlt 37,39Gramm Seesalz im Kilogramm Wasser
aufgelst. Das Seesalz besitzt das spezifische Gewicht 2,25 und besteht
vornehmlich aus Kochsalz, Chlormagnesium, Magnesiumsulfat und Gips. Es
drfte sich lohnen, an dieser Stelle einen Augenblick zu verweilen, um die
groe Masse der ozeanischen Salze zu wrdigen. Aus den oben angefhrten
Zahlen lt sich berechnen, da der Rauminhalt der Salzmasse des Ozeans
19200000Kubikkilometer betrgt, also hinreichend ist, um ein Gebiet von
der Gre der Vereinigten Staaten von Nordamerika mit einer 2,5Kilometer
starken Salzschicht zu bedecken. Verglichen mit dieser ungeheuren Masse,
erscheinen die Salzablagerungen von Stafurt, die in der Nhe betrachtet,
so mchtig erscheinen, winzig klein.

Die Felskruste besteht zu 75% aus kieselsaurer Tonerde (Ton); daneben
enthlt sie 6% Sauerstoffverbindungen des Eisens, 4,5% Magnesia, 5% Kalk,
3,5% Natron, 2,7% Kali und berdies Spuren der brigen Elemente.

Nun wollen wir uns den chemischen Elementen unserer Erde zuwenden. Obwohl
jedes Element seine Eigenheiten, seinen eigenen, ausgesprochenen Charakter
hat, gibt es dennoch Beziehungen und Verwandtschaften unter den Elementen,
so da sie in eine Anzahl von Gruppen geteilt werden knnen. Die Elemente
einer Gruppe gehen nicht nur hnliche Verbindungen ein, sondern zeigen auch
eine stufenweise nderung der Eigenschaften. Diese Verwandtschaft hat
eine sehr wichtige Verallgemeinerung ermglicht -- das sogenannte
periodische Gesetz oder vielmehr die periodische Gruppierung der Elemente.
Im Lichte dieser Gruppierung angeschaut, wird die Beziehung der Elemente
untereinander in interessanter Weise offenbar.

Wenn man nmlich die Elemente nach ihrem Atomgewichte ordnet, so wird
sofort eine bedeutsame Gesetzmigkeit klar, wie die nebenstehende Tabelle
zeigt.

Diese Tabelle ist entstanden, indem man die chemischen Elemente, vom
leichtesten beginnend und beim schwersten endend, in eine Reihe schrieb,
dann, sobald ein hnliches, verwandtes Element erreicht war, abteilte und
die so erhaltenen Abteilungen vertikal untereinander verzeichnete. Und da
wurde es offenbar, da die Glieder einer und derselben vertikalen Reihe
nahe miteinander verwandt sind, indem sie sich in den meisten Beziehungen
ganz hnlich verhalten, ganz hnliche Verbindungen eingehen, und auch, was
Lslichkeit und Unlslichkeit anlangt, keine groen Unterschiede zeigen.
Hingegen nimmt man, wenn man in einer horizontalen Reihe vorwrts
schreitet, eine stufenweise nderung in den wesentlichen Eigenschaften
wahr. Daraus folgt zunchst, da die Eigenschaften der Elemente von ihren
Atomgewichten abhngig sind.

  Periodisches System der Elemente.
  (Die Zahlen hinter den Namen bedeuten die Atomgewichte.)

  ==============================================================================
  Reihen |  Gruppe 0   |  Gruppe 1   |  Gruppe 2   |  Gruppe 3   |  Gruppe 4
  ==============================================================================
         |             |             |             |             |             |
     1   |     --      | Wasserstoff |     --      |     --      |     --      |
         |             |   1         |             |             |             |
         |             |             |             |             |             |
     2   | Helium 4    | Lithium 7   | Gluzinium   | Bor 11      | Kohlenstoff |
         |             |             |   9.1       |             |   12        |
         |             |             |             |             |             |
     3   | Neon 20     | Natrium 23  | Magnesium   | Aluminium   | Silizium    |
         |             |             |   24.4      |   27.1      |   28.4      |
         |             |             |             |             |             |
         |             |             |             |             |             |
     4   | Argon 39.9  | Kalium 39.1 | Kalzium     | Skandium    | Titan 48.1  |
         |             |             |   40.1      |   44.1      |             |
         |             |             |             |             |             |
     5   |     --      | Kupfer 63.6 | Zink 65.4   | Gallium 70  | Germanium   |
         |             |             |             |             |   72.5      |
         |             |             |             |             |             |
         |             |             |             |             |             |
     6   | Krypton     | Rubidium    | Strontium   | Ytterbium   | Zirkon 90.6 |
         |   81.8      |   88.5      |   87.6      |   89        |             |
         |             |             |             |             |             |
     7   |     --      | Silber      | Kadmium     | Indium 115  | Zinn 119    |
         |             |   107.93    |   112.4     |             |             |
         |             |             |             |             |             |
     8   | Xenon 128   | Zsium      | Baryum      | Lanthan     | Zer 140.25  |
         |             |   132.9     |   137.4     |   138.9     |             |
         |             |             |             |             |             |
     9   |     --      |     --      |     --      |     --      |     --      |
         |             |             |             |             |             |
         |             |             |             |             |             |
    10   |     --      |     --      |     --      |     --      |     --      |
         |             |             |             |             |             |
         |             |             |             |             |             |
    11   |     --      | Gold 197    | Quecksilber | Thallium    | Blei 206.9  |
         |             |             |   200       |   204.1     |             |
         |             |             |             |             |             |
    12   |     --      |     --      | Radium 225  |     --      | Thorium     |
         |             |             |             |             |   235.5     |



        ~=======================================================================
          |  Gruppe 5   |  Gruppe 6   |  Gruppe 7   |    Gruppe 8       | Reihen
        ~=======================================================================
          |             |             |             |                   |
          |     --      |     --      |     --      |       --          |   1
          |             |             |             |                   |
          |             |             |             |                   |
          | Stickstoff  | Sauerstoff  | Fluor 19    |       --          |   2
          |   14        |   16        |             |                   |
          |             |             |             |                   |
          | Phosphor 31 | Schwefel 32 | Chlor 35.45 |       --          |   3
          |             |             |             |                   |
          |             |             |             |                   |
          |             |             |             | { Eisen 55.9      |
          | Vanadium    | Chrom 52.1  | Mangan 55   | { Nickel 58.7     |   4
          |   51.2      |             |             | { Kobalt 59       |
          |             |             |             |                   |
          | Arsen 75    | Selen 79.2  | Brom 79.95  |       --          |   5
          |             |             |             |                   |
          |             |             |             |                   |
          |             |             |             | { Ruthenium 101.7 |
          | Kolumbium   | Molybdn 96 |     --      | { Rhodium 103     |   6
          |   94        |             |             | { Palladium 106.5 |
          |             |             |             |                   |
          | Antimon     | Tellurium   | Jod 126.97  |       --          |   7
          |   120.23    |   127.6     |             |                   |
          |             |             |             |                   |
          |     --      |     --      |     --      |       --          |   8
          |             |             |             |                   |
          |             |             |             |                   |
          |     --      |     --      |     --      |       --          |   9
          |             |             |             |                   |
          |             |             |             | { Osmium 191      |
          | Tantal 181  | Wolfram 184 |     --      | { Iridium 193     |  10
          |             |             |             | { Platin 194.8    |
          |             |             |             |                   |
          | Wismuth 208 |     --      |     --      |       --          |  11
          |             |             |             |                   |
          |             |             |             |                   |
          | Uran 238.5  |     --      |     --      |       --          |  12
          |             |             |             |                   |

Hier und da bemerken wir auf der Tafel leere Stellen, die offenbar bisher
unbekannten Elementen angehren. Als _Mendelejeff_ dieses periodische
Gesetz entdeckte, prophezeite er genau die Eigenschaften dreier fehlender
Elemente, die auch tatschlich spterhin entdeckt wurden und deren
Eigenschaften vollkommen der Vorhersage Mendelejeffs entsprachen; es waren
Skandium, Gallium und Germanium. Mendelejeff sagte nicht nur das
Atomgewicht und spezifische Gewicht dieser Elemente voraus, sondern auch
die Art ihrer Verbindungen. Ein solches Vorhersagenknnen ist ein
trefflicher Prfstein fr den Wert einer neuen Theorie und hat sich in
diesem Falle gut bewhrt. -- Auch Radium, das jngste der Elemente, finden
wir richtig unter dem ihm verwandten Baryum eingereiht.

Wenn wir die Tafel vom Standpunkt des geologischen Chemikers, des
Geochemikers, ansehen, so bemerken wir, da die Elemente einer und
derselben senkrechten Reihe gewhnlich miteinander in der Natur vorkommen.
Wohl deshalb, weil sie hnliche Verbindungen bilden, also sich unter
hnlichen Umstnden ablagern. So findet man z.B. Rubidium, Rhodium,
Palladium, Osmium, Iridium und Platin gewhnlich beisammen. Schwefel ist in
der Regel mit Selen verunreinigt. Zinkerze enthalten fast immer etwas
Cadmium. Chlor, Brom und Jod sind mehr oder weniger miteinander vermischt
anzutreffen.

Im _allgemeinen_ kann man sagen, da die Elemente mit niedrigem Atomgewicht
am weitesten verbreitet sind. Was z.B. Gruppe 1, 4 und 7 anlangt, so
bemerken wir, da die Hufigkeit des Vorkommens vom ersten zum zweiten
Element wchst, und dann bis zum Ende der Reihe abnimmt. So ist Lithium in
ganz kleinen Mengen weit verbreitet, Natrium in reichlichen Mengen
vorhanden, whrend Kalium dem Natrium und Rubidium dem Kalium an Menge
bedeutend nachsteht. Ganz ebenso verhalten sich die Gruppen 4 und 7. In
Gruppe 6 ist Sauerstoff, das erste Element, das hufigste, whrend nach
abwrts eine stetige Abnahme der vorkommenden Menge festzustellen ist. Doch
fehlt es auch nicht an Ausnahmen: so ist in Gruppe 2 Strontium weniger
hufig als Baryum, ein Widerspruch, der wohl mit unserem zunehmenden Wissen
seine Aufklrung finden wird.

Bei der Besprechung der chemischen Verhltnisse der Erde sind wohl auch
einige Worte ber den Ursprung unserer Atmosphre gerechtfertigt,
wiewohl man hierin zu einem endgltig abschlieenden Urteil noch nicht
gekommen ist, sondern sich ihm erst allmhlich nhert. Einige Geologen
schlieen aus dem Vorhandensein unserer gegenwrtigen Kohlenlagersttten
und der groen Mengen von Kalkstein -- der als kohlensaurer Kalk 12%
Kohlenstoff enthlt -- in der Erdrinde, da in frheren geologischen
Weltaltern die Atmosphre reicher an Kohlensure war als heute, und da
-- da eine kohlensurereichere Atmosphre mehr Sonnenwrme aufnimmt und
Kohlensure das atmosphrische Nahrungsmittel der Pflanzen ist -- dies
der Grund sei fr die gewaltige Flora frherer Zeitrume. Dagegen ist
aber einzuwenden, da luftatmende Tiere in einer kohlensurereichen
Atmosphre nicht leben knnen. -- Wohl ist es gewi, da der Kohlenstoff
des Kalksteins einst zum grten Teile in der Atmosphre enthalten war,
aber war dies jemals zu einer und derselben Zeit der Fall?

Dies ist sehr unwahrscheinlich, da der Kohlenstoff der Erdrinde, in
Kohlensure umgewandelt, 25mal so schwer wre als unsere gegenwrtige
Atmosphre und der dadurch entstehende Druck fast gro genug wre, um einen
Teil der Kohlensure zu verflssigen.

Einige bedeutende Gelehrte, darunter auch Lord Kelvin, sind zu der
interessanten Theorie gelangt, da die Uratmosphre der Erde hauptschlich
aus Wasserstoff, Stickstoff, Chloriden und Kohlenstoffverbindungen
bestanden habe, und da der Sauerstoff, der heute in freiem Zustande zu
unserem Leben unerllich ist, damals mit Kohlenstoff und Eisen verbunden
war. Nach dieser Theorie begann der Sauerstoff erst frei zu werden, als
sich das erste, niedrigste Pflanzenleben auf der Erde entwickelte; der
Sauerstoffvorrat erreichte in der Steinkohlenzeit seinen Hhepunkt und
nimmt seither ab. Hiernach wre der Gehalt der Atmosphre an freiem
Sauerstoff durch die Arbeit der Pflanzenwelt entstanden.

Immerhin ist es schwer, dieser Lehre beizustimmen, wenn man Anhnger der
Nebelflecktheorie ist und die Erde fr einen Nebelfleckabkmmling hlt.
Denn fr den Nebelflecktheoretiker ist die Atmosphre nichts als der
gasfrmige Rckstand, der bei dem Festwerden der Erde zurckblieb. Dies ist
auch die vorherrschende Ansicht.

Nach einer neueren Theorie (Chamberlains Meteoriten-Theorie), nach der die
Erde das Ergebnis der Vereinigung zahlloser kleiner Weltkrper ist, hat
jeder Meteorit seine eigene kleine Atmosphre mit auf die Erde gebracht.
Diese Atmosphren, im Inneren unter hohem Druck eingeschlossen, gaben
schlielich zu so starker Temperaturerhhung Anla, da die Gase infolge
des vergrerten Druckes und Volumens ausgetrieben wurden. Nach dieser
merkwrdigen Annahme ist also die Atmosphre von innen heraus, aus kleinen
Anfngen, entstanden, whrend nach der Nebelflecktheorie die _Ur_atmosphre
am grten war, da sie ja das Ganze der Erde in sich begriff.

Diese zwei Theorien, die Nebelfleck- und die Meteoritentheorie, stehen sich
schroff gegenber, nicht nur in der Frage nach der Entstehung der
Atmosphre, sondern ebenso in der nach der Entstehung des Ozeans, der trotz
seines Alters von ber 100000000Jahren, sicherlich jnger ist, als die
Atmosphre.

Fr die Anhnger der Nebelflecktheorie ist die Frage der Entstehung des
Ozeans verhltnismig leicht zu beantworten. Danach ist der Ozean nichts
anderes, als der Rckstand, der beim Kristallisieren der festen Erdmasse
zurckblieb. Nach der Meteoritentheorie enthielt die aus dem Inneren an die
Oberflche entwichene Atmosphre wasserlsliche Gase, die sich in dem bei
der Abkhlung der Erde gebildeten Wasser auflsten, dann weiter auf die
feste Kruste wirkten und so die Entstehung des Ozeans verursachten.

Kein Kapitel der Geochemie ist wohl grndlicher errtert worden als die
Entstehung des Petroleums. Hier stehen sich zwei Gruppen von Theorien
gegenber, eine unorganische und eine organische. Nach jener ist das
Petroleum aus Kohlenstoff und Wasserstoff unter eigenartiger Mithilfe hoher
und hchster Temperaturen entstanden, nach dieser ist es aus toten
Pflanzen- und Tierkrpern hervorgegangen.

Unter den unorganischen Theorien ist die berhmte Karbidtheorie
Mendelejeffs erwhnenswert. Mendelejeff meint, da im Erdinnern
Eisenkarbide, Verbindungen von Eisen mit Kohlenstoff, vorhanden sind, da
das Wasser der Erde zu diesen Zutritt hat, und da dadurch
Kohlenwasserstoffe (Petroleum und Erdgas) erzeugt werden, ebenso wie
Kalziumkarbid mit Wasser Azetylen hervorbringt. Wenn solche Eisenkarbide in
miger Tiefe der Erdrinde vorhanden wren, so wrde die Voraussetzung
viel Wahrscheinlichkeit fr sich haben; jedoch ist bisher das Vorhandensein
solcher Karbide im Erdinnern nicht nachgewiesen worden.

Die unorganischem Theorien sind in den letzten Jahren mehr und mehr durch
die organischen verdrngt worden, nach denen das Petroleum aus Pflanzen-
und Tierresten frherer geologischer Zeiten entstanden sein soll. In der
Tat entstehen bei der Verwesung von Seepflanzen verschiedene
Kohlenwasserstoffe, doch ist trotzdem die tierische Theorie heute die
herrschende. Man knnte fragen, ob die groen Mengen Petroleum, die auf der
Erde vorhanden sind, wirklich aus Fischen htten entstehen knnen, ob der
Fischvorrat der Erde zur Erzeugung solch gewaltiger Petroleummengen
hinreiche? Diese Frage mu unbedingt bejaht werden. Schon das Ergebnis des
Heringsfangs von 2500Jahrgngen an der Nordkste Deutschlands wrde, wenn
die Hlfte seiner Fette und le in Petroleum umgewandelt wrde, so viel
Petroleum liefern, als Galizien bisher hervorgebracht hat.

So hat die Chemie viele Geheimnisse der leblosen Erde ergrndet. Die Art
der leblosen Stoffe hat sie erklrt; was sagt sie aber ber das Lebende?
Hat die Wissenschaft keine Brcke geschlagen vom Ufer des Leblosen zum Ufer
des Lebenden? Ist wirklich nur dem Lebenden Tod und Vergnglichkeit,
Wehrkraft und Willen, Liebe und Ha, Erinnerung und Vererbung,
Fortpflanzung und Entwicklung eigen? Ist das Leblose wirklich so starr und
unvernderlich, wie man gemeinhin annimmt? Ist das Niedrigste der lebenden
Welt vom Hchsten der leblosen Welt tatschlich durch eine Kluft getrennt?
Mit diesen Fragen wollen wir uns nun zum Schlu beschftigen.

Die Fhigkeit, sich zu _erinnern_, ist eine kstliche Gabe des
intelligenten Menschen. Diese Fhigkeit ermglicht es, vergangene
Ereignisse im Geiste wieder zu vergegenwrtigen. Viel wesentlicher aber als
das bewute Erinnern, das nur der Mensch, und vielleicht, in geringem Mae
die hheren Tiere besitzen, ist die Fhigkeit, das vergangene und erfahrene
Erlebnis sich so zu eigen zu machen, da beim Eintreten des gleichen oder
eines hnlichen Erlebnisses die Lehre der Vergangenheit benutzt wird. Diese
Fhigkeit aber ist auch den niederen Wesen eigen. Sie ist nichts anderes
als die bekannte Anpassung und Gewhnung. Das Blut, unfhig, grere
Mengen fremden Serums aufzunehmen, nimmt willig kleine, stets wachsende
Mengen auf, es wird gleichsam gestrkt durch die Erinnerung, gefestigt
durch die vergangene Erfahrung. So ndert sich auch das Leblose durch jede
Erfahrung, die es macht, durch jeden Eindruck, den es erleidet, es erinnert
sich gewissermaen der frheren Erfahrung und verhlt sich bei der
Wiederkehr anders, als vorher.[3]

    [3] Siehe Nagel, Die Welt als Arbeit, Stuttgart, 1909.

So merkt sich der Stahldraht jede Drehung, die er erfahren. Die
photographische Platte merkt sich ihre Begegnung mit dem Sonnenlichte. Wenn
man Eisen schmiedet, nimmt es mehr und mehr einen neuen, eigenartigen
Charakter an durch die zahlreichen, dauernd sich einprgenden
Erfahrungen, die ihm das Geschmiedetwerden beibringt. Eine _pltzliche_
Erfahrung geht ebenso dauernd in das Besitztum des Leblosen ber, wie in
das des Lebenden. Die Metallplatte, die einen Moment, leidend, durch die
Mnzpresse gegangen ist, ist dauernd zur Mnze geprgt, ebenso wie der
Mensch, dem ein pltzliches Unglck widerfhrt, sofort daran gewhnt, damit
vertraut und dadurch dauernd beeinflut ist. Wenn wir von zwei erwrmten
Stahlstcken, das eine allmhlich, das andere pltzlich abkhlen, so bleibt
jenes geschmeidig, whrend dieses sprde wird und sprde bleibt, ein
Beispiel, wie verschieden derselbe Stoff durch verschiedene Einwirkungen
oder Erfahrungen verndert wird.

Dieser Erinnerung, im weitesten Sinne des Wortes, ist es zuzuschreiben,
da nichts stille steht, da alles fliet und sich stetig verndert, weil
es schon durch die Umgebung fortwhrend beeinflut wird. Der Stahlbalken
einer Brcke ndert sich von Tag zu Tag infolge der fortwhrenden
Erschtterung, es ndert sich die Beschaffenheit der kleinen Kristalle, aus
denen er besteht; so wird er schlielich greisenhaft und bricht, er leidet
gleichsam an Arterienverkalkung.

Aber der Tod? Ist der nicht das Vorrecht der Lebewesen? Hat das Leblose
eine hnliche Erscheinung aufzuweisen? Jawohl, in gewissem Sinne. In dem
Sinne nmlich, da ein neuer Zustand anbricht, in dem die Erinnerung an den
frheren Zustand erloschen ist. Der Tod erinnert sich nicht des Lebens, das
Leben nicht des Todes. In diesem Sinne knnen wir auch in der leblosen Welt
von Leben und Tod sprechen.

Als willkrliches Beispiel nehmen wir ein Kupfergef. Jede Abnutzung durch
Gebrauch, jede durch Gewalt herbeigefhrte Gestaltvernderung behlt es
dauernd bei, erinnert sich gleichsam ihrer, benutzt die gemachte Erfahrung
und wird durch Leiden mrbe, wie der Mensch. Wenn wir in seine Oberflche
hineinritzen oder feilen, so behlt es die Marke bei und lt sich dann
leicht an derselben Stelle tiefer ritzen.

Wenn wir nun dieses Kupfergef einschmelzen und als Kupferblock erstarren
lassen, so wei dieser Kupferblock, um im Bilde zu bleiben, nichts von den
Leiden und Freuden, die er als Kulturtopf erlitten und genossen, wei
nichts von den Beulen, Hieben und Hammerschlgen. Er ist ein neues Wesen,
bereit, neue Erfahrungen aufzunehmen, bereit, von neuem Weh und Glck zu
empfangen, er ist wiedergeboren, wiederauferstanden. Um aber
wiederzuerstehen, mute er durch die Lethe wandern, durch den
erinnerungraubenden Strom, durch den Tod -- durch den flssigen Zustand.

Von diesem Standpunkt aus ist der Tod nichts anderes als der bergang aus
einem Aggregatzustand in einen andern, indem dabei die Erinnerung an den
ersten Aggregatzustand ganz verlischt. Um aber Erinnerung zu ermglichen,
ist Form ntig, wie sie das Feste hat, das Flssige und Gasfrmige jedoch
nicht. Das Wasser, das ich aus dem Kruge in das Trinkglas und dann wieder
zurck in den Topf giee, bleibt davon unbeeindruckt, erinnert sich
(dieser Wandlung) nicht, ebensowenig das Gas, das, gleich der Flssigkeit,
formlos ist. Nur das Feste hat also, recht verstanden, Erinnerung, die
Flssigkeit und das Gas aber sind erinnerungslos.

So knnen wir den Zustand der Flssigkeit und des Gases als _niedrige_
Aggregatzustnde bezeichnen, im Gegensatz zu dem _hheren_ festen Zustand
und knnen das Leben selbst als einen eigenartigen, _hohen_, besonders
reizbaren, besonders erinnerungsfhigen, besonders sorgfltig geformten
Aggregatzustand, als den _vierten_ Aggregatzustand einer Reihe ansprechen,
deren erster das Gas, deren zweiter das Flssige, deren dritter das Feste
ist.

Man sollte nun meinen, da man im Gebiete des Leblosen keine Vorgnge
finden knnte, die der Fortpflanzung entsprechen, Vorgnge, in denen ein
Same, ein kleines Abbild des ausgewachsenen Individuums, zu einem groen
Wesen wird, von genau derselben Form, der dieser Same entstammt. Und doch
lassen sich solche Vorgnge im Gebiete des Leblosen leicht finden und zwar
in der Erscheinung der Kristallisation.

Wenn wir in eine entsprechend starke Lsung von Glaubersalz ein kleines,
nur staubkorngroes Glaubersalzkristllchen hineinwerfen, so kristallisiert
alsbald, unter Umstnden augenblicklich, die ganze Masse in groen, dem
Glaubersalz eigentmlichen Kristallen. Die Glaubersalzlsung ist der
Mutterboden des Glaubersalzkristalles und nur des Glaubersalzkristalles,
genau so wie der Mutterleib nur den Samen der eigenen Art zur Entwicklung
bringen kann.

Ja, wird man jetzt sagen, aber die Wehrkraft, das tatkrftige Abwehren, ist
ausschlielich Sache des Lebendigen; das Leblose ist stets nur passiv und
leidend. Dagegen ist einzuwenden, da das Bestreben, den gewohnten Zustand
beizubehalten, die Trgheit, auch dem Leblosen eigen ist, und da dieses
sich ebenso gegen jede Vernderung strubt und wehrt wie das Lebende. Beide
wehren sich eben mit ihrer ganzen ihnen innewohnenden Kraft. Der Mensch
erwehrt sich seines Feindes so lange und so gut, wie er kann, und das
Stahlblech setzt ebenfalls dem Verbiegen seinen strksten Widerstand
entgegen. Das Holz lt sich nicht ohne weiteres durch die Sge zerspalten,
es mu dazu genau so viel Arbeit verwendet werden, als die berwindung der
Wehrkraft des Holzbrettes erfordert. Die Art und Strke der Wehrkraft macht
eben das Wesen und die Eigenschaften eines Stoffes aus. Das Holz wehrt
sich, das Sonnenlicht durchzulassen, ist darin erfolgreich und lt das
Sonnenlicht nur noch als Wrme wirken. Das Glas wehrt sich gegen das Licht
nicht, und die dadurch bewirkte Durchsichtigkeit ist seine eigentmlichste
Eigenschaft. Das Zink hat keine Wehrkraft gegen Schwefelsure, das Blei
eine sehr bedeutende, der es eben seine vielfache praktische Verwendung
verdankt. Die Wehrkraft des Tones gegen Wrme und Elektrizitt ist sehr
bedeutend, die des Kupfers sehr gering.

Die aktive Bettigung, die ja auch beim Menschen stets nur einer in oder
auer ihm liegenden Ursache, einer Anregung, einem Drucke von auen
entspringt, finden wir ebenfalls im Leblosen wieder: das in den Felsritzen
gefrierende Eis zersprengt den Felsblock.

Auch das wichtigste Wehren der lebendigen Welt, das Wehren gegen den Tod,
den Todeskampf, finden wir im Leblosen wieder. Wehrt sich der Lebende
krftig gegen alles Schdliche, so wehrt er sich ganz besonders, bis aufs
uerste, mit dem ganzen Aufwand seiner Energie, gegen das ihm
Schdlichste, gegen das ihn Vernichtende, gegen den Tod. Ebenso wehrt sich
das Leblose ganz besonders gegen eine Vernderung seines Aggregatzustandes.
So wehrt sich das Eisen mit einem gewissen Kraftaufwande gegen die Aufnahme
von Wrme, gegen Erwrmung, und verwendet, seinen Widerstand zur Geltung
bringend, einen groen Teil der zugefhrten Wrme, statt zur eigenen
Erwrmung, zur Vergrerung seines Volums. Aber dieser Widerstand wchst
ins Riesige, wenn man, beim Schmelzpunkt angelangt, das Eisen schmelzen
will. Da mu eine auerordentlich groe Menge Wrme, die Schmelzwrme, dem
Eisen aufgezwungen werden, um es zu tten, um es dazu zu bringen, seine
bisherige Eigenart aufzugeben, um es aus dem festen in den flssigen
Zustand hinberzuzwingen -- um es zu schmelzen.

Vom Hassen und Lieben des Leblosen haben wir bereits frher gesprochen und
haben gesehen, wie sich die Elemente fliehen und suchen, wie sie das
Verwandte -- um sich damit zu verbinden -- auswhlen (Wahlverwandtschaft),
so da wir nun keinen Abgrund mehr sehen zwischen dem Leblosen und
Lebenden, sondern nur Stufen, die vom einen zum andern hinauffhren.

Auch das Leblose pat sich der Umgebung an; der Stein, indem er verwittert,
pat sich der Einwirkung der Atmosphre an, ndert sich und entwickelt
sich. Sowohl im Gebiete des Lebenden als dem des Leblosen werden
Erinnerungen, Erfahrungen und Erlebnisse aufgehuft, die das Individuum
verndern und dadurch sein zuknftiges Benehmen beeinflussen. In beiden
Gebieten finden wir Wehrkraft, also Charakter und Eigenschaften, ohne die
die Welt ein gleichfrmiges, wstes Chaos und nicht ein mannigfaltiger
Kosmos wre. Jeder freut sich seiner Stelle, bietet dem Verchter Trutz.
In beiden Gebieten finden wir ein Aufeinanderwirken, einen Kampf zwischen
Auenwelt und Individuum, dessen Ergebnis eben die Gesamtentwicklung der
irdischen Natur ist.

So ist die Entwicklung nichts anderes als die stetige Bettigung der
Wehrkraft, die, wenn auch tausendmal berwunden, immer wieder in
ursprnglicher Jugendfrische, herrlich wie am ersten Tag, erscheint. Die
Wehrkraft ist die unerschpfliche Quelle der ttigen Natur, sie ist der
Wille der Welt. Sie ist die Wurzel, der Stamm, das Gest und das Laubwerk
der knorrigen Esche Yggdrasil, die, in ihrem Grunde beharrend, ihren Wipfel
ausbreitend hinaufbaut in den ther.

Whrend infolge der Wehrkraft alles fliet und sich ndert, steht die
Wehrkraft selbst, der Wille der Welt, ewig still, wie der Regenbogen auf
dem tosenden Wasserfall. Sie bleibt sich ewig gleich, nur ihre Bekleidung,
die Weltmaskerade, wechselt. Der Schein wechselt, das Wesen bleibt.

Auf diese Weise hat die Chemie die Erde zerlegt, gemessen und gewogen und
die Kluft zwischen Lebendigem und Leblosem zu berbrcken gesucht; aber sie
hat auch neues Licht geworfen auf die Stellung der Erde im Weltall und
insbesondere auf das Verhltnis der Erde zur Sonne.

Bevor wir darauf eingehen, wollen wir fragen -- eine Frage, die unserem
Gegenstande nur scheinbar fern liegt -- was das Wesen einer Maschine ist.
Zur Beantwortung dieser Frage betrachten wir die Dampfmaschine und die
Dynamomaschine. Die Dampfmaschine verwandelt Wrme in mechanische Arbeit,
also Wrmeenergie in mechanische Energie; die Dynamomaschine verwandelt
mechanische Kraft in Elektrizitt, also mechanische Energie in elektrische
Energie. Maschinen sind also Gerte, die eine Art von Energie in eine
andere verwandeln.

Nun erhlt die Erde von der Sonne strahlende Energie, Licht. Ein Teil
dieser Lichtstrahlung, dieser strahlenden Energie wird in der irdischen
Atmosphre in Wrme umgesetzt. Als Umwandler der strahlenden Energie in
Wrmeenergie ist die Erde also eine Maschine, und die Wirkung der Arbeit
dieser Maschine sind die geologischen und meteorologischen Ereignisse. Auch
die pflanzlichen Organismen sind Maschinen, da in ihnen die strahlende
Energie der Sonne in chemische Krfte, in chemische Energie umgewandelt und
zum Aufbau des Pflanzenkrpers verwendet wird. Die Tiere wieder nhren sich
von den chemischen Krften der Pflanze und verwandeln sie in tierische
Masse, in Muskelkraft und in der weiteren Entwicklung, in Gehirnenergie, in
Intelligenz. So ist die Erde vor allem eine Maschine zur Umwandlung von
strahlender Energie in Wrme; die Pflanzen sind Maschinen zur Umwandlung
von strahlender in chemische Energie und die Tiere zur Umwandlung von
chemischer Energie in andere Formen. Je hher wir in der Entwicklungsreihe
der Pflanze aufwrts steigen, um so besser wird die der Pflanze zuteil
gewordene Lichtmenge ausgenutzt, um so wirksamer also wird die Maschine;
ebenso nimmt auch im Tierreich der Wirkungsgrad und berdies die
Mannigfaltigkeit der umgewandelten Energien stetig in der Entwicklungsreihe
zu.

Whrend in den Sonnen die Umwandlung strahlender Energie in chemische,
mechanische und Wrme-Energie eine sehr wesentliche Rolle spielt, sind die
Nebelflecke offenbar Maschinen, in denen aus verdnnter schwacher Wrme und
strahlender Energie, auf dem Umwege ber chemische und mechanische Energie,
starke, konzentrierte strahlende Energie erzeugt wird, wodurch sie
schlielich in Sonnen bergehen.

Hiernach ist jeder Teil der Welt eine Maschine in bezug auf die von dem
Rest der Welt auf ihn einwirkenden Energien. Fr die Sonne als
Dampfmaschine bedeutet der Rest des Weltalls den Dampfkessel. Die Planeten
sind Maschinen vor allem in bezug auf die von der Sonne erhaltene Energie.
Sie bringen selbst wieder im Laufe der Entwicklung Maschinen hervor, die
Organismen, die die Energie in stets neue Formen umwandeln und das bunte
Bild des Lebens zustande bringen. Fr je mannigfaltigere Energien diese
Organismen empfnglich sind, und je mannigfaltiger und wirksamer sie sie
umwandeln, als um so vollkommener und hher bezeichnen wir sie.

Wenn man also bisher annahm, da das Weltall einem Kltetode entgegengehe,
so war diese Annahme nicht richtig. Denn dem Weltall stehen Mittel und Wege
zur Verfgung, hohe Temperaturen aus anderen, auch ganz schwachen, ganz
verdnnten Energien darzustellen. Die Mglichkeit, entweder unmittelbar
oder auf Umwegen schwache, verdnnte Energien, wie Wrme, Elektrizitt
usw., in starke, konzentrierte umzuwandeln, ist eben durch den maschinellen
Charakter der Welt bedingt. Wenn diese Wiederverstrkung der Energien nicht
mglich wre, dann mte das Weltall -- wenn es ewig ist -- schon vor
Ewigkeiten dem Kltetode und der starren Ruhe verfallen sein. Da wir nun
aber sehen, da die Sonnensysteme, die Sonnen, die Planeten, die
Nebelflecke ebensogut Maschinen entsprechen, wie die von den Menschen
gebauten Maschinen und die Organismen selbst, so knnen wir daraus die
Ewigkeit des Geschehens verstehen.

Wenn wir nun den Begriff Maschine etwas genauer untersuchen, so sehen wir
alsbald, da jeder Stoff, jede Materie, gleichgltig, ob lebend oder
leblos, eine Maschine ist, das heit, da in allen ein Teil der auf sie
einwirkenden Energien in andere Formen umgewandelt wird. Jede Materie und
nach unserer Erfahrung _nur_ die Materie ist eine Maschine zur Umwandlung
von Energien. Die Materie hat also im Weltganzen die Aufgabe eines
Energieumwandlers. Das Gesetz von der Erhaltung der Materie verbrgt die
Ewigkeit der Energieumwandlungen durch die Ewigkeit und Unverminderbarkeit
des Energieumwandlers.

Wir haben oben gesagt, da die Maschinen, je hher wir in der
Entwicklungsreihe aufwrts steigen, um so mannigfaltigere Ttigkeiten
ausben, indem eine stets wachsende Zahl von Energiearten in stets
wirksamerer Weise in ihnen zur Umwandlung gelangt. So bedarf die Pflanze
nur einer beschrnkten Zahl von Strahlenarten, auch das niedrige Tier
empfindet nur ein enges Gebiet der Strahlung, verglichen mit dem Menschen,
auf den eine ganze Menge von Strahlen einwirkt.

Der maschinelle Charakter der unorganischen Stoffe ist viel einfacher als
der der Tiere, in denen durch die Entwicklung und Verfeinerung mehrerer
Sinne die Umwandlung einer viel greren Zahl von Energien ermglicht ist.
Die unorganischen Maschinen werden nur von einer geringen Zahl von
Energien, und von jeder nur in einem eigenen Wirkungsgrade beeinflut.
Gewisse Energien werden mehr oder weniger umgewandelt, andere wieder gehen
vllig oder fast vllig unverndert durch. So lt z.B. Fensterglas einen
groen Teil des Farbenspektrums, einen groen Teil der Sonnenstrahlung
unverndert durch, es ist aber eine Maschine in bezug auf die sogenannten
Ultrastrahlen, whrend es elektrische Energie im Gegensatz zu Kupfer gar
nicht durchlt. Von gewissen unorganischen Materien wird strahlende
Energie, von anderen wieder Wrme in chemische Energie umgesetzt. Noch
weniger mannigfaltig in ihrer Wirkung als die natrlichen unorganischen
Maschinen sind die von den Menschen gebauten Maschinen, da sie nur der
Umwandlung _einer_ Energie fhig sind. So setzt die Dampfmaschine Wrme in
mechanische Energie um, ist aber vllig unbrauchbar zur Umwandlung von
mechanischer in elektrische Energie oder umgekehrt.

Wir knnen also sagen: Alle Stoffe, alle Materien sind Maschinen, in allen
werden gewisse einwirkende Energien in andere Formen umgewandelt. Die Zahl
der umgewandelten Energien ist am geringsten und die Umwandlung am
unvollstndigsten in unorganischen Materien. Die Zahl der umgewandelten
Energien, und die Vollstndigkeit der Umwandlung wchst, wenn wir in der
Entwicklungsreihe der Organismen aufwrts steigen.

Nun knnen wir auch den wesentlichen Unterschied zwischen physikalischen
und chemischen Vorgngen klar fassen: physikalische Erscheinungen sind
solche, bei denen eine Energieumwandlung mit Hilfe einer Materie
stattfindet, z.B. das Schmelzen eines Metalles, oder das Elektrischwerden
verschiedener Stoffe; dies ist vergleichbar einer in Gang kommenden oder im
Gang befindlichen Dampfmaschine. Eine chemische Erscheinung dagegen ist die
Herstellung einer neuen Maschine aus den Teilen zweier oder mehrerer alter
Maschinen und ist daher vergleichbar dem Bau oder der Konstruktion einer
neuen Maschine. Hier eine Maschinenfabrik, dort eine in Betrieb kommende
oder im Betriebe stehende Maschine.

Alles Geschehen im Weltall beruht auf diesem Aufeinanderwirken von Materie
und Energie. In diesem ewigen Streite kmpft jeder der beiden Kmpfer so
weit, wie seine Krfte reichen; sind die Krfte des einen Kmpfers
erschpft, so mu er sich ergeben oder zum mindesten nachgeben, und, auf
halbem Wege dem Gegner entgegenkommend, sich ihm anpassen. In dieser
wahrhaft ewigen, nie ruhenden Schlacht wird das eine durch das andere
beeinflut, das eine durch das andere verndert. So ist die Materie der
groe Energieumwandler, die Energie der groe Materienumwandler. Durch den
Widerstand der Materie im elektrischen Widerstandsofen wird die
Elektrizitt zur Wrme (Energieumwandlung), durch den Einflu des
elektrischen Stromes wird das Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt
(Materienumwandlung).

Damit wollen wir unsere romantische Wanderung durch das Gebiet der Chemie
beschlieen.




Sachregister.


Aggregatzustand 81

Ackerbauchemie 55

Aluminium 29

Analyse 64

Anilinfarben 38

Arbeit des Chemikers 61

Arten, Erhaltung der, 51

Atmosphre 73, 77, 78

Atomgewichte 74

Azetylen 26, 78


Baumwolle 32, 44

Baeyer 40

Bessemerverfahren 18

Bittermandell 54

Blutserum 49


Cumarin 54


Desinfektion 50

Diphtherieserum 50

Dynamit 43, 44, 68


Eisenerzeugung 16

Elektrochemie 29

Elektrostahl 18

Elemente 63, 74

Energie 84

Erdrinde 73, 74

Erfinderttigkeit 67

Erhaltung der Arten 51

Erinnerung 79

Erzmahlung 8


Fllung von Gold 9

Frberrte 38

Farbe 37

Feuertrger 47

Feuerwerkstze 44


Galalith 34

Gasglhlicht 24

Gasmaschinen 16, 19, 29

Generatorgas 28

Gifte 50

Glas 26

Glanzstoff 33

Glyzerin 44

Gold 6

Gold im Ozean 14

Goldfllung 9

Goldsucher 7

Gruppierung 62


Hartglas 27

Heliotropin 54

Hochofengas 16, 20


Indigo 37, 40

Indigowei 37


Jasminduft 54


Kalidnger 56, 57

Kalksandstein 36

Kalkstickstoff 59

Kalziumkarbid 26

Kampfer 34

Karborundum 29

Kasein 34

Katalyse 60

Kautschuk 34

Kieselgur 44

Kohle 27

Kollodium 32

Krapp 38, 40

Kristallisation 82

Konservierungsmittel 50

Kugelmhle 8

Kunstseide 31


Leblanc 69

Leuchtgas 24

Licht 22

Luftstickstoff 59

Lyddit 44


Martinstahl 18

Martinwerk 23

Maschine 84

Materie 84

Mahlen von Erz 8

Medizin 48

Melinit 44

Mendelejeff 76


Nitroglyzerin 44

Nobel 68


Orangenblten 53

Osramlampe 26

Ozean 11, 73, 78


Papier 33

Periodisches System 75

Petroleum 25, 78

Pfannenproze 6

Pflgen 55

Phenol 44

Phosphor 46

Phosphorsure 56, 58

Pikrinsure 43, 44

Pochwerk 6

Purpur 38

Pyrophore 47


Quarzglas 27


Riechstoffe 52 ff.

Rohrmhlen 8

Rosenblten 53


Salizylsure 50, 54

Salpetersure 43, 44

Salpeterschwefelsure 43

Schiebaumwolle 34, 43

Schiepulver 43

Schlmmen von Gold 6

Schwefelsure 35, 60

Seesalz 73

Seide 31

Seife 54

Serum 49

Soda 70

Sonnenstrahlung 30

Sprenggelatine 43, 44

Sprengstoffe 43, 44

Spektralanalyse 64

Stahlerzeugung 18

Steinkohlenteer 38, 48

Stickstoffdnger 56, 59


Tantallampe 26

Teerfarben 38, 40

Terpineol 54

Thomasstahl 68

Thomasmehl 58

Tod 80, 82

Transporteinrichtungen 28


Vanillin 54

Veilchenblten 53

Verbindung von Stoffen 66

Veredlung 22, 33

Viskose 33


Wahlverwandtschaft 65

Walzwerk 20

Waschen von Gold 6

Wasserkraft 29

Wehrkraft 82

Wintergrnl 54

Wolframlampe 26


Xylolith 36


Zelluloid 34

Zinkspne 9

Zndstoffe 45

Zyanidverfahren 8




Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart


Die Gesellschaft Kosmos will die Kenntnis der Naturwissenschaften und damit
die Freude an der Natur und das Verstndnis ihrer Erscheinungen in den
weitesten Kreisen unseres Volkes verbreiten. -- Dieses Ziel glaubt die
Gesellschaft durch Verbreitung guter naturwissenschaftlicher Literatur zu
erreichen mittels des

  #Kosmos#, Handweiser fr Naturfreunde
  Jhrlich 12 Hefte. Preis M2.80;

ferner durch Herausgabe neuer, von ersten Autoren verfater, im guten Sinne
gemeinverstndlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. Es erscheinen
im Vereinsjahr 1914 (nderungen vorbehalten):

  #Wilh. Blsche, Tierwanderungen in der Urwelt.#
  Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h.W.

  #Dr. Kurt Floericke, Meeresfische.#
  Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h.W.

  #Dr. Alexander Lipschtz, Warum wir sterben.#
  Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h.W.

  #Dr. Fritz Kahn, Die Milchstrae.#
  Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h.W.

  #Dr. Oskar Nagel, Romantik der Chemie.#
  Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h.W.

Diese Verffentlichungen sind durch _alle Buchhandlungen_ zu beziehen;
daselbst werden Beitrittserklrungen (Jahresbeitrag nur M4.80) zum
#Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde# (auch nachtrglich noch fr die
Jahre 1904/13 unter den gleichen gnstigen Bedingungen), entgegengenommen.
(Satzung, Bestellkarte, Verzeichnis der erschienenen Werke usw. siehe am
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I. Die Monatsschrift Kosmos, Handweiser fr Naturfreunde.
Reich illustr. Mit mehreren Beiblttern (siehe S.3 des Prospektes). Preis
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II. Die ordentlichen Verffentlichungen.
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  Wilhelm Boelsche, Tierwanderungen in der Urwelt.
  Dr. Kurt Floericke, Meeresfische.
  Dr. Alexander Lipschtz, Warum wir sterben.
  Dr. Fritz Kahn, Die Milchstrae.
  Dr. Oskar Nagel, Die Romantik der Chemie.

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III. Vergnstigungen beim Bezuge von hervorragenden naturwissenschaftlichen
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>>>> _Jede Buchhandlung_ nimmt Beitrittserklrungen entgegen und besorgt
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    Anmerkungen zur Transkription:

    S. 57: "Phosphorsure (S)" wurde gendert in "Phosphorsure (P)".

    S. 66: "Zinsulfats" wurde gendert in "Zinksulfats".

    S. 73: "1,286 000 000 Kubikkilometer" wurde gendert in
       "1 286 000 000 Kubikkilometer".

    S. 75, Periodisches System der Elemente: "Gold 19.2"
       wurde gendert in "Gold 197".





End of the Project Gutenberg EBook of Die Romantik der Chemie, by Oskar Nagel

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ROMANTIK DER CHEMIE ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

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