The Project Gutenberg EBook of Himmelsvolk, by Waldemar Bonsels

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Title: Himmelsvolk
       Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott

Author: Waldemar Bonsels

Illustrator: Margarete Schreiber

Release Date: November 9, 2008 [EBook #27220]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HIMMELSVOLK ***




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                           Waldemar Bonsels

                             _Himmelsvolk_

                         Ein Buch von Blumen,
                            Tieren und Gott


                       Illustrierte Ausgabe mit
                sechzehn Bildern nach Scherenschnitten
                        von Margarete Schreiber


                                 1920

                Schuster & Loeffler, Berlin und Leipzig



    91.-110. Auflage der deutschen
    Gesamtausgaben. Die Illustrationen
    sind nach Scherenschnitten
    von Margarete Schreiber. Die
    Buchausgabe ohne Illustrationen
    ist im gleichen Verlag zum Preise
    von 5 Mark gebunden erschienen



                       _Die schwedische Ausgabe_
                  bei C.W.K. Gleerup, Verlag, Lund

                        _Die finnische Ausgabe_
            bei Werner Sderstrm Osakeyhti Powvoo, Suomi

                      _Die hollndische Ausgabe_
                    im Verlag Patria, Amersfoort

                        _Die dnische Ausgabe_
                 bei E. Jespersen, Verlag, Kopenhagen


             Copyright 1919 by Schuster & Loeffler, Berlin

                  Spamersche Buchdruckerei in Leipzig




                             Kapitelfolge

                                                       Seite
              I. Kapitel: Die Waldwiese                    9

             II. Kapitel: Die Ankunft des Elfen           19

            III. Kapitel: Die Frhlingsnacht              34

             IV. Kapitel: Wiesenleute                     46

              V. Kapitel: Der Tod der Eiche               56

             VI. Kapitel: Von den Engeln                  61

            VII. Kapitel: Hassans Kampf mit Ala           72

           VIII. Kapitel: Die Winde                       86

             IX. Kapitel: Die Lerche                      95

              X. Kapitel: Assap und Jen                  102

             XI. Kapitel: Ukus Nacht mit dem Elfen       122

            XII. Kapitel: Traule                         133

           XIII. Kapitel: Der Maikfer                   153

            XIV. Kapitel: Das sterbende Kind             167

             XV. Kapitel: Der Fuchs                      176

            XVI. Kapitel: Die Elfennacht                 202

           XVII. Kapitel: Das Reich                      223

          XVIII. Kapitel: Der Abschied                   252




                            Erstes Kapitel

                             Die Waldwiese

                            [Illustration]


Bei der Waldwiese, auf der alten Linde, die sich noch kaum belaubt
hatte, sa Kuno, der Star, vor Sonnenaufgang und putzte sich im
Frhlicht. Seine Brust glnzte schwarz und golden, er war ein prchtiger
Vogel.

Unten am Traulenbach, der unter der Linde dahinflo, lief Onna, die
Bachstelze, im Sand am Wasser dahin zwischen den jungen Trieben des
Schilfs.

Hallo! rief Kuno, hren Sie auf zu wippen, Madame, ich bin
angekommen, verstehen Sie? Es wird Frhling!

Die Bachstelze machte halt und sah hinauf.

Ach so, ein Star, sagte sie, Stare gibt's genug.

Aber wenige, wie ich einer bin! brigens bin ich erst krzlich
angekommen, eigentlich zu frh, verstehen Sie?

Ich versteh schon, gab Onna zurck. Sie wollen doch nicht etwa hier
nisten?

Hier? Wo denn? In der Linde? Zwischen Krhen, Eulen und Eichhrnchen,
oder gar in Ihrer Nhe? Sie haben eine Ahnung, Madame. Aber ich habe mir
gleich gedacht, da Sie nichts verstehen. So sitzen Sie doch wenigstens
still. Mein Gott, ist das ein Tag!

Sie sind einfach unverschmt, sagte Onna rgerlich.

Ach, denken Sie sich, rief Kuno erstaunt, das haben verschiedene
Leute schon oft behauptet, ich kann mir gar nicht recht ausmalen, wie
solch ein Gercht hat aufkommen knnen. Die Leute sind heutzutage
geradezu auf bse Nachrichten aus. Merkwrdig. Aber ein Tag ist das
heute, nicht wahr?

Meinetwegen, meinte Onna und wollte weiter.

Warten Sie, rief der Star, und reden Sie nicht immer; dabei kommt ja
kein Wesen zu vernnftigen Worten. Was haben Sie da eben gegen den
Frhling gesagt? Es ist sonderbar, wie geschwtzig ihr Waldvgel werdet,
wenn kaum einmal etwas Frhlingssonne durch die Wolken gesehen hat. Da
traf ich eben im Schlehdorn einen Mistfinken, und der Kerl sagte zu mir,
er sei ein Goldspatz. Wissen Sie, ich knnte mich totlachen ber solche
Leute. Er meinte, seine ganze Familie sollte ihren Namen ndern, und
dann flog er auf den Misthaufen zurck, der Goldspatz, verstehen Sie?

Soll er Sie etwa um Erlaubnis fragen?

Der Schlehdorn blht schon, sagte der Star nachdenklich, haben Sie
einmal mitten in diesem reinen Bltenlicht gesessen, so recht mitten
darin, womglich bei Sonnenschein? Ich sage Ihnen, Madame... aber Sie da
unten in Ihrem Morast sind ja eigentlich nur dem Namen nach ein Vogel.
Doch jetzt halten Sie mich nicht lnger auf, ich mu fort.

Und er machte einen kleinen Sprung und segelte schnurgerade ber die
Saatfelder dahin, auf die Wohnungen der Menschen zu. Ein kleiner drrer
Ast brach ab und fiel nieder ins Moos, mitten zwischen die Anemonen, die
noch nicht erwacht waren.

Die Bachstelze wollte sich zuerst noch lngere Zeit rgern, aber dann
dachte sie: Es hat nicht den geringsten Wert. Erstens ist dieser Narr
doch jetzt fort, und zweitens beginnt ein geradezu fabelhafter
Frhlingstag. Sie atmete die khle Luft ein, die von den Bumen her ber
die Waldwiese zog. Erdgeruch, Veilchen und Tau, sagte sie, und dabei
eine Frische, die man nicht glauben wrde, wenn man sie nicht durch den
ganzen Krper bis in die Flgelspitzen sprte.

Und sie wippte wiederholt auf ihre ungemein zierliche Art und eilte
bachaufwrts davon, durch die jungen Sprossen des Schilfs und der
Primeln.

       *       *       *       *       *

Bald darauf stieg die Morgensonne am Frhlingshimmel empor, und die
Anemonen wiegten sich sanft im Wind, der khl und unsichtbar, nach
Windesart, aus den Zweigen der groen Linde niederzusinken schien. Die
Grser wurden wach, frstelten ein wenig unter den winzigen Tauperlen,
die zu vielen Tausenden an ihnen hingen, und rasch verbreitete sich die
Nachricht unter den Erwachenden, da es ein heller Sonnentag werden
sollte.

Man mu nun wohl bedenken, da ein Tag den Pflanzen viel mehr bedeutet
als den Menschen, denn das Leben der meisten ist krzer bemessen, als
das der groen lebendigen Geschpfe, es gibt unter ihnen sogar viele,
die nur einen Tag lang blhen, sie erwachen in der Frhe, entfalten ihr
Blumenangesicht im heraufsteigenden Licht der Sonne, der Mittag des
Tages ist der Mittag ihres Daseins, und die hereinbrechende Nacht ist
das Ende ihres Frhlings. So erscheint den kleinen Pflanzen, auch denen,
welche lnger leben, die Dauer eines Tages um vieles wichtiger und
bedeutungsvoller, als den Tieren oder uns Menschen. Ihre allerschnste
Zeit sind die Tage, in welchen sie blhen.

[Illustration]

Man merkte gleich, wie wichtig so ein warmer Frhlingstag ist, an der
Art, wie glcklich eine ltere Gnseblume sich langsam gegen das Licht
aufrichtete und zurckgelehnt den roten Schein aufnahm. Sie hatte
berwintert und war sehr erfahren. Es sah aus, als trnke ein durstiges
Wesen in vollen Zgen Wasser an einer Quelle. Dann rief sie den
erwachenden kleineren Blumen, die rund um sie her standen und alle von
ihrer Art waren, den Morgengru der Blumen zu:

    Alle, die wir Blumen sind,
    bitten Gottes Segen,
    da uns Sonne, Tau und Wind
    heute finden mgen.

    Goldne Sonne, mach uns weit
    deinen Strahlen offen,
    wie auf deine Herrlichkeit
    alle Wesen hoffen

    Himmelswunder, khler Wind,
    Tau aus deinen Schwingen,
    wiege unser Leben lind,
    la den Tag gelingen.

Es will hier gesagt sein, da unter vielen Menschen die Meinung
verbreitet ist, da die Pflanzen und Tiere keine Sprache htten. Das ist
nun freilich insofern wahr, als die Sprechweise dieser Geschpfe der
unsrigen nur schwer zu vergleichen ist, sie reden gewi nicht auf
dieselbe Art miteinander, wie Menschen es tun. Aber daraus darf niemand
zu Recht den Schlu ableiten, da alle diese Geschpfe sich nicht auf
ihre Weise miteinander verstndigten, ihre Sinne sind wohl anders
beschaffen, als die unsrigen, aber deshalb sind sie nicht weniger fein
und fgsam, nicht weniger klar oder eindringlich. So bedrfen die
Pflanzen, um miteinander zu verkehren, des Windes oder ihres Duftes und
vor allem der Insekten, die einen groen und weitverzweigten
Nachrichtendienst zwischen allen Blumen versehen, die alle Ansprche,
Wnsche und Gedanken, ja sogar die feinsten und lieblichsten
Empfindungen, derer die Pflanzen fhig sind, auf wundervolle Art
vermitteln.

Es hat in der Vergangenheit Zeiten gegeben, in welchen der Glaube der
Menschen an die Sprache und die Stimmen der Geschpfe der Natur
verbreiteter war, als es heute der Fall ist. Es mu daher gekommen sein,
da vor Tausenden von Jahren die Menschen enger am Herzen der Natur
lebten, da sie den Pflanzen dankbarer waren fr ihre Frchte, den
Tieren fr ihre Dienste und den Wldern fr das Obdach, das sie ihnen
gewhrten. So hrten sie in frommer Andacht auf die Stimmen ihrer
Wohltter und lauschten auf das Rauschen der alten Linden. Sie vernahmen
in der Stimme des Baums, die Stimme der Vergangenheit und der Zukunft.
Wir mssen uns wohl hten, diese alte Weisheit rasch als ein Zeichen des
Aberglaubens zu verwerfen; alle, welche die Natur drauen kennen, werden
gerne gestehen, da der Sonnenschein ber weiten Wiesen oder das
Rauschen der Bume im Wind das menschliche Herz ruhiger machen, besonnen
und frei. Wer she aber die Vergangenheit oder die Zukunft, oder auch
die Sorgen der Gegenwart nicht mutiger und gerechter an, wenn sein Herz
einer solchen Freiheit teilhaftig geworden ist? Auf diese Art war zu
manchen Zeiten ein Band tiefen Einvernehmens zwischen der Welt der
Menschen und der brigen Geschpfe der Natur geschlungen, und es ist nur
unser Verschulden, wenn wir verlernt haben, es zu erkennen.

Wenn ich euch nun so mancherlei aus dieser Welt erzhle, so bersetze
ich alles, was ich gesehen und gehrt habe, in die Sprache der Menschen,
bis ihr einmal selbst hinausgeht, um die Sprechweise der Tiere und
Pflanzen zu lernen, und wahrscheinlich werdet ihr dann mehr und Besseres
erfahren, als ich euch erzhlen kann, denn es ist nun einmal so in der
Welt bestellt, da man von allem Schnen, das man erlebt, das Beste
nicht sagen, sondern nur empfinden kann.

Die meisten der wichtigen Ereignisse, die in diesem Buch erzhlt werden,
haben sich auf der Waldwiese am Traulenbach abgespielt, dort wo die
tausendjhrige Linde an der Grenze der Felder und des Laub- und
Fhrenwaldes steht. Es ist ein von den Menschen fast ganz vergessener
Ort, nur im Frhling oder im Herbst kommt ein Landmann in die Nhe
dieser Waldwiese, wenn er seine cker best oder pflgt, und alle Jahre
vielleicht einmal ein Jger mit seinen Hunden, aber nicht einmal das ist
ganz sicher.

So hatten die Tiere des Waldes, die Bume, Pflanzen und Blumen auf der
Waldwiese ein ruhiges Leben auf ihre Art, das nicht von Menschen gestrt
wurde. Die meisten von ihnen kannten nur den Wind, den Sonnenschein und
den Regen, auer dem dunklen Erdboden, dem sie vertrauten. Sie hrten
wohl durch die Bume oder Vgel von den Menschen, auch kam es vor, da
an schnen Abenden die Linde aus ihrer an Erlebnissen reichen
Vergangenheit erzhlte, aber die wenigsten von ihnen hatten den Menschen
berhaupt jemals gesehen.




                            Zweites Kapitel

                         Die Ankunft des Elfen


Es mochte nach der Zeitrechnung der Menschen zwischen Pfingsten und
Ostern sein, als im Frhling dieses gesegneten Jahres ein niegesehenes
Ereignis die Bewohner der Waldwiese in Erregung und Entzcken versetzte.
Es war an einem unbeschreiblich hellen Sonnenmorgen, das Land duftete
vom Regen der Nacht, und die Frische war so beseligend im Licht, da die
Freude aller Lebendigen wie ein einziger Jubel durch den Wald hallte.
ber den Primeln in der Lichtung und ber den blauen Sternen der
Leberblumen sang eine Grasmcke, sie war ganz in ihr Lied versunken, ihr
Kopf war voll Hingabe in das blaue Glnzen des Himmels erhoben, und es
sah aus, als wre sie ganz verzckt von Daseinslust. Ihr Lied klang
unter den hellen Schleiern des jungen Buchengrns dahin, das von der
Sonne wie Gold leuchtete, und zwischen den Stmmen der Tannen lie die
Ruhe der Waldeinsamkeit die Tne in ihre dunklen Tore einziehen. Nah und
fern, berall, wo es grn und hell war, zwitscherte und jubilierte es,
kein Wesen war in der Lage, traurigen Gedanken nachzuhngen. Und ber
dem Frhlingsglck der Ihren zog die strahlende Sonne hoch im Blauen
ihre Gnadenbahn.

Es war ein Tag, ach, wer vermag so viel berschwang zu fassen?! berall
blhte es, tief unten im Tau trieb das Moos am Boden seine
smaragdgrnen, dichten Wldchen, und in den Baumwipfeln ffnete sich
Blte neben Blte in der Sonnenfreiheit.

Als die Grasmcke, nachdem sie ihre Lieder beendet hatte, sich in den
Waldgrund niederlie, um nach einem Morgentrunk Umschau zu halten, traf
sie den Maulwurf an einer Baumwurzel im Eingang zu seinem unterirdischen
Hhlenbau.

So ein Tag lockt sogar Sie heraus, wie? fragte sie freundlich, trat
aber doch etwas zur Seite, man wei nie recht, bei so einem Maulwurf...

Der Alte schttelte den Kopf und blinzelte:

Die Wrme, sagte er, die Wrme ist mir bisweilen ganz recht, aber
dieses berma an Licht kann mir gestohlen werden. Kommen Sie einmal mit
herunter, meine Liebe, treten Sie ein! Sie werden Wunder an
Behaglichkeit erleben. Alles ist dmmrig, khl und still, und dabei von
einer Gleichmigkeit der Temperatur, da man gedeiht wie ein Krbis.
Dabei brauche ich nicht hinter jeder Fliege oder Mcke herzujagen wie
Sie, Wrmer und Engerlinge dringen sozusagen von selbst in meine Gnge
ein, morgens liegen sie da und warten, da sie gefressen werden. Das
nenne ich so recht ein Leben nach dem Herzen Gottes.

O pfui Teufel, sagte die Grasmcke und lachte. Aber so sind Sie,
genau wie ein Maulwurf. Wenn ich Sie nicht schon lnger kennte, wrde
ich berhaupt nicht mit Ihnen reden, an Sie mu man sich erst gewhnen,
verstehen Sie? Ach, wenn Sie Einsehen htten, aber Sie sind verbohrt,
das kommt von Ihrer langweiligen Beschftigung, sonst wrde ich Ihnen
erklren, wie man lebt, um glcklich zu sein. Vor allen Dingen mu ein
Haus gegen den Himmel geffnet sein, das ist die erste Vorbedingung fr
ein heiteres Herz. Glauben Sie, wir Vgel wrden so viel singen, wenn
wir nicht Wohnungen htten, die weit gegen den Himmel offen sind?

Der Maulwurf blinzelte, und sein breiter Grabfu, der innen rosa gefrbt
war, scharrte die Erde ein wenig beiseite.

Bilden Sie sich etwas auf Ihre Nester ein? fragte er, ehrlich
erstaunt. Wer htte das fr mglich gehalten! Wenn Sie das meine nur
einmal erblickt htten, wrden Sie vor Neid und Mimut Ihre Eier knftig
ins Gras legen. Was tun Sie denn viel? Sie tragen ein paar drre ste
zusammen, Heu, bestenfalls ein Pferdehaar, Germpel sozusagen, werfen
alles durcheinander und hocken sich mitten hinein. Hinterher zu sagen,
der Himmel schiene hinein, ist nicht schwer, denn was bleibt dem Himmel
anderes brig? Er ist jeden Tag da, regnet oder leuchtet, und es ist ihm
wahrscheinlich hchst gleichgltig, ob er Ihren Hausrat an einer Stelle
oder an verschiedenen Orten am Boden zerstreut bescheint. Und deshalb
meinen Sie nun, Sie mten singen? So sind also Vgel! Gut, da ich es
endlich wei.

O du lieber Gott, Sie Maulwurf, sagte die Grasmcke, ganz betroffen
von so viel Einseitigkeit der Betrachtung. Aber wer wird sich die Mhe
machen, einen solchen halbblinden Popanz zu berzeugen, der berall nach
Schmutz und Schlamm sucht, nur um seine Nase hineinbohren zu knnen. Was
tun Sie denn eigentlich sonst? Sie suchen nach schwarzem Unrat, und dann
immer hinein, immer hinein! Wenn Sie mglichst fest drin sitzen, so
sagen Sie, Sie lebten nach dem Herzen Gottes!

Sie wissen nicht, was Erde ist, antwortete der Maulwurf freundlich und
langsam, lchelte und strich sich ber den Bauch. Sie wissen es nicht,
Sie windiges Federvieh. Wer sich in der Luft herumtreibt, mu
notwendigerweise leichtsinnig und haltlos werden. Nicht einen einzigen
Gang haben Sie, der Ihnen gehrt, den Sie kennen. Hierhin, dorthin, wie
es Ihnen in den Sinn kommt, und abends sitzen Sie da und wissen selbst
nicht, wozu dieses ungeregelte Geflatter eigentlich stattgefunden hat.

Es zog ein Duft herber vom Abhang, irgendwo mute ein Waldstrauch
aufgeblht sein.

Ein paar Tiere hatten sich um die Streitenden versammelt, Li, das
Eichhorn, Josa, die Ringelnatter, und von der Dolde einer eben erblhten
Schafgarbe schauten ein paar Kfer hinber und amsierten sich ber den
Streit, der andauerte und ebenso erregt wie heiter wurde, aber pltzlich
verstummten die lachenden und eifrigen Stimmen eine nach der anderen,
obgleich zu Anfang noch niemand recht wute, was eigentlich geschehen
war.

Hinter einem groen alten Baumstumpf hervor fiel aus dem Waldschatten
ein Lichtschein, der nicht von der Sonne kam, aber trotz ihres Lichtes
hell schimmerte. Dieser Glanz war es, der die pltzliche Stille mit sich
brachte, dies Schweigen eines tiefen Erstaunens, in das alle
versammelten Tiere fielen. Sie wandten ihre Augen in groer Verwunderung
eins nach dem andern diesem Leuchten zu, und ihnen ward so seltsam
zumut, da manchem das Herz laut und hrbar in der Brust klopfte.

Da erkannten sie einen kleinen, kleinen Menschen, der bla und still
mitten in diesem Leuchten stand und seine Arme emporhob, als ob er ihnen
mit Angst und einer Bitte nahte. Er war kaum so gro wie die Feldblumen
am Wiesenrand. Sie erkannten, da zwei helle Flgel seine Schultern
berragten, so wei wie Schnee und von groer Zartheit, so da sie in
dem sanften Windzug erzitterten, der ber die winzigen braunen Wldchen
der Moosblumen zog. Der ganze Krper dieses wunderbaren Wesens war
durchschimmert von Licht und schien viel eher zu schweben, als zu
schreiten, aber es war kein Zweifel, ein lebendiges Wesen kam auf sie
zu, mit groen Augen, wie zwei Sterne.

Das Erstaunen und das Entzcken der Waldwiesenleute lt sich nicht
schildern und, o Wunder, nicht nur die groen und kleinen Tiere, nein
auch die Strucher und Blumen, ja die kleinsten Pflanzen erschauerten
bis tief in ihre Seelen vor dieser reinen Lichtgestalt, die wie ein
kleiner Engel unter sie trat.

Nun wuten wohl manche der erfahrenen Geschpfe, da dies nur ein
Blumenelf sein konnte, aber ihre Verwunderung wurde darber nicht
geringer, denn die Blumenelfen leben nur des Nachts, fr wenig Stunden,
in denen der Mond sie weckt, und wer wte nicht, da sie mit der
heraufsteigenden Sonne sterben mssen und im Morgentau zerflieen, damit
die Blumen sie wieder in ihre Kelche nehmen knnen? Es war nie gehrt
worden, soweit die ltesten Tiere zurckdenken konnten, da am Tage, im
Sonnenlicht, ein Blumenelf erblickt worden wre, und selbst die Linde,
die schon viele hundert Jahre lang die Erde kannte, rauschte
geheimnisvoll auf, und es erklang ber alle die betroffenen Seelchen hin
aus ihrer Hhe:

Ein Wunder geschieht, ihr Lieben, ein Wunder!

Die Geschpfe des Waldes standen ratlos da, ohne da eines von ihnen
gewagt htte ein Wort zu sagen. Andere kamen aus ihren Schlupfwinkeln
hervor und starrten fassungslos hinber, alle Furcht voreinander
vergessend, es dachte aber auch wirklich jetzt niemand daran, einem
anderen ein Leid zuzufgen.

Da sagte das kleine Menschenwesen zu den Tieren:

Erschreckt euch nicht, ich bin nur ein Blumenelf. Ich habe mich
verflogen und kann nicht mehr in meine Heimat zurck. Erlaubt mir, da
ich bei euch bleibe.

Die Bewegung unter den Waldwiesenleuten war unbeschreiblich. Sie hatten
alles eher erwartet, als diese einfache und bescheidene Bitte, und waren
ratlos vor lauter Verlangen, dem Elfen ihr Entgegenkommen und ihr
Wohlwollen zu zeigen. Da lie sich aus einem Lindenast, dicht am Stamm
im Schatten, die Stimme der alten Eule Uku vernehmen, die durch dieses
Ereignis trotz der Tageshelle aus ihrer Baumhhle getreten war.

Preist euch glcklich, rief sie laut, ein Elf will bei euch wohnen!
Glaubt mir, da mit ihm nur Freude bei uns einkehren wird, und seid
liebreich zu ihm. Hierauf wandte sie sich an den Elfen selbst und fuhr
fort. Sei uns willkommen und wohne bei uns auf der Waldwiese, wo du
willst und solange du magst. Es wird keiner unter uns sein, der dir
nicht gerne gefllig ist, wir sind sehr erfreut, da du Wohnung bei uns
nehmen willst, und es ist auch recht schn hier, das kann man ohne
bertreibung wohl sagen.

Die alte Uku galt als sehr weise und geno hohes Ansehen auf der
Waldwiese. Aber es htte ihrer Frsprache kaum bedurft, denn alle Tiere
waren sich darber einig, da dem lieblichen Lichtwesen, das unter sie
getreten war, ein herzlicher Empfang bereitet werden mte. Nach Ukus
Worten war die Befangenheit der berraschten ein wenig gewichen, sie
drngten sich herzu, jeder mit einem Vorschlag oder mit einem Angebot,
und die Wiesenblumen begannen ihr feines Luten im Windhauch, kurz, es
war niemand da, der nicht in freudiger Erregung in Ukus Meinung
einstimmte.

Der Elf nahm diese Freundlichkeiten mit einem Dankeslcheln auf, das
alle aufs tiefste rhrte, denn sie wuten, da ein Elf nicht zu bitten
braucht, wer kannte nicht die Macht der Blumenelfen?! Wohl erschien es
ihnen, als habe er das Reich seiner Macht, die ungewisse Nacht,
aufgegeben, aber wer konnte wissen, welches Vorhaben ihn bewogen hatte,
den hellen Tag und das Bereich der Sonne aufzusuchen? Jedoch ihre
Neugierde und ihre Zweifel sollten bald gestillt werden, und sie
erhielten Gewiheit ber die Fragen, die sie beschftigten, denn der Elf
erzhlte ihnen seine Geschichte, nachdem er ihnen von Herzen Dank gesagt
hatte.

Ich mu auf der Erde verharren, begann er mit heller, trauriger
Stimme, ich kann nicht in das freie Reich der Elfen zurckkehren wie
meine Gefhrten, denn ich habe das Licht der Sonne erblickt, die kein
Elf sehen darf. Als ich in einer klaren Nacht der Lilie entstieg, die
mich geboren hat, wuchsen mir meine Flgel, die wir Elfen erhalten,
sobald wir den Willen haben, unsere Blume zu verlassen, um einem
anderen Wesen Glck zu bringen. Aber wir knnen dann nicht in die Blume
zurckkehren, sondern im Morgengrauen verwandelt das erste Licht uns in
Tau, und die Pflanzen nehmen uns auf, und unsere Seele kehrt ins
Elfenreich zurck. Aber das werdet ihr wissen, ihr Lieben.

In jener Nacht nun, in welcher ich erwachte, kam ein kleines geflgeltes
Tier zu mir, es war eine Biene, die Maja hie, und die ihren
heimatlichen Stock verlassen hatte, um die Welt kennenzulernen. Sie
hatte den Wunsch, die Menschen zu sehen, wie sie am schnsten und
glcklichsten sind, und ihr wit, da wir Elfen Macht haben, den
liebsten Wunsch des ersten Wesens zu erfllen, das uns in unserer
Lebensnacht begegnet. So flogen wir miteinander durch die helle Nacht
bis an einen Ort am Waldrand, wo in einer Laube, unter blhenden
Zweigen, zwei Menschen weilten. Es waren ein Mdchen und ein Jngling.
Sie hatte ihren Kopf an seine Schulter gelehnt, und sein Arm hielt sie
umschlungen, als ob er sie schtzen wollte. Sie saen still da und
schauten mit ihren groen Augen in die Nacht.

Dort nun, ihr Lieben, geschah meinem Herzen das Wunder, um dessentwillen
ich heute unter euch erscheine, denn ich konnte meine Augen nicht mehr
von den Angesichtern der beiden Menschen abwenden. Im Himmelsschein der
stillen Nacht strahlte es von ihren Stirnen und aus ihren Augen, kein
irdischer Mund vermag das selige Heil zu nennen, in dem sie zu glhen
schienen. Ich erzitterte hei, bis tief in die Grnde meiner Seele
hinab, ich versuchte diesen Glanz zu fassen, diese Wohltat und die
Freude dieser Gemeinschaft zu verstehen, aber mein Herz vermochte es
nicht. Ich fhlte, wie es sich dieser hellen Kraft des Irdischen zu
ffnen trachtete, aber zugleich empfand ich in unbeschreiblicher
Traurigkeit, da dieses Erdenwunder des Glcks nicht mein Teil werden
konnte.

Und mehr und mehr erschien es mir, als ginge von der Seligkeit der
beiden Menschen eine immer grere Helligkeit und Wrme aus, ein Glanz,
der mich taumeln machte, und mich in eine schmerzhafte Verzckung
brachte, in der ich fast meine Sinne schwinden fhlte, und die doch wie
ein barmherziges Wunder in meine Seele einzog. Was geschieht mir nur,
dachte ich, was soll ich erleben?! Was gibt es noch auf dieser fremden
Erde, was ich nicht gewut habe?

Da traf es pltzlich meine Stirn wie ein lautloser Donner, ich werde es
euch niemals schildern knnen, ihr Lieben, aber mir war, als ob eine
unerhrte Lebensgewalt mich in ihre Wirbel risse und ins Unendliche
dahinschleuderte, meine Augen waren geblendet, ich schrie laut auf und
taumelte in die Blten, die na vom Tau waren.

[Illustration]

Da erkannte ich ein gewaltiges rotes Feuer am Horizont, das berall
tausendfltig widerstrahlte, die ganze Natur umher brach in einen
befreiten Jubel aus, ich hrte fremde Stimmen, die mich erschreckten und
doch zugleich in die Seligkeit ihres Freudenrausches fortrissen, und da
wute ich, da die Sonne aufgegangen war, da ich die Sonne gesehen
hatte und nicht mehr in meine Elfenheimat zurckkonnte!

Der Elf schwieg und verbarg sein Angesicht. Es herrschte tiefe Stille
umher, denn alle Geschpfe, die ihn angehrt hatten, sahen in groer
Ergriffenheit und wortlos auf seine helle Gestalt und auf seinen
goldhaarigen Scheitel nieder, der milde erglnzte, und von dem eine
unbeschreibliche Wehmut ausging.

Da fuhr der Elf fort zu erzhlen, und seine feine Stimme zitterte vor
Ergriffenheit.

Ihr wit nicht, ihr Lieben, was Augen, die niemals die Sonne gesehen
haben, ihr strahlender Aufgang am Himmel bedeutet! Ihr feuriger Glanz,
ihre himmlische Allmacht betubten mich und ich verlor die Besinnung,
bis ich nach einer Weile, deren Dauer ich nicht zu sagen vermag, von
einem neuen, unfabaren Leben erwachte, das wie in warmen Goldbchen
meinen ganzen Krper durchrieselte. Als ich die Augen aufzuschlagen
wagte, fand ich mich unter Blumen auf dem Erdgrund liegen, und der
Sonnenschein berflutete mich ber und ber, lange lag ich so still und
konnte die Wohltat nicht fassen, die mein trauriges Gemt zu einem ganz
neuen Glck berredete, mein Herz schwankte in groer Angst und
unnennbarem Entzcken und mir war, als wollte es tief aus dem Grund
meiner Seele hell und brennend in die Augen brechen.

Als der Elf bei diesen Worten eine Pause machte, konnte ein Waldvogel,
der ihm von einem Lindenzweig aus in atemloser Spannung gelauscht hatte,
nicht lnger an sich halten, und nun rief er laut:

Vertrau' der Sonne, lieber Elf! Es ist unsagbar schn in der
himmlischen Sonne!

Und wie eine Antwort auf diesen Ruf, erklang es tausendstimmig von allen
Geschpfen umher. Es ist herrlich in der himmlischen Sonne! Als ein
einziges, jauchzendes Rauschen ging es durch den Bltterwald, durch die
Grser und Blumen hin, und es war auch nicht ein Tier, das nicht in
berzeugtem Glauben in dieses Lob der Sonne einstimmte.

Aber das Lcheln, mit dem der Elf den Geschpfen dankte, war bei allem
Glck seiner Erwartungen doch von so groer schmerzvoller Traurigkeit,
da die alte Uku nachdenklich ihren Kopf schttelte. Sie war in der Tat
ein weiser Vogel, und sie verstand das Elfenkind.

Hast du Heimweh nach deinem verlorenen Reich? fragte sie herzlich.

Da sah der Elf zu ihr auf und nickte.

Die Liebe hat dich an die Erde gebunden, sagte Uku, sie wird dich
wieder lsen, Elfenkind.

Erstaunt sah das kleine, helle Menschenwesen zu dem groen Vogel auf.

Es ist wahr, was du sagst, antwortete er, aber die Liebe, die mich
erlsen kann, mu weit grer sein als die, durch deren Schnheit ich
meine alte Heimat verloren habe, das ist ein uraltes Gesetz des
Elfenreichs, ach, traurig ist es, die Heimat zu verlieren! Wie soll ich
jene Liebe finden, wann wird sie mir begegnen?

Da schwieg Uku und sah sinnend in die helle Weltweite. Aber allen Tieren
umher war, als mten sie etwas tun, um dem Elfen seinen Aufenthalt auf
der Waldwiese so angenehm wie mglich zu machen. Mit groem Eifer und in
schner Gemeinschaft machten sie sich ans Werk, ihm unter einer
mchtigen Wurzel des Lindenbaums aus Moos und Federn eine kleine
Wohnsttte herzurichten, sorgsam vor dem Regen geschtzt und gegen die
Morgensonne zu geffnet.

Und der Elf nahm zu ihrer Freude ihre Gabe an und versprach, bei ihnen
zu bleiben.




                            Drittes Kapitel

                          Die Frhlingsnacht


So war nun ein Blumenelf, ein Wunderwesen der Sommernacht, durch das
Begebnis, das ich erzhlt habe, verbannt worden, auf der Erde der
Menschen, Tiere und Pflanzen zu leben. Auf dieser Erde, auf der auch wir
fr kurze Zeit zu unserer Bewutheit erwacht sind, dieser Erde der
grnenden Fluren, der Wasserlufe, der Berge und Tler, der Tage und
Nchte.

Da es sonst den Elfen bestimmt ist, nur fr ein paar Nachtstunden im
Mondschein aus ihrem Blumenbett zu erwachen, so erfahren sie von der
Erde selbst und von allem Irdischen nur wenig; in blauen Nachtbildern,
die vom Himmelssilber glnzen, prgt sich diese Welt des Wirkens und der
Leiden nur flchtig in ihre Seele ein, und mit einem fragenden Lcheln
versinken sie beim hereinbrechenden Morgen aufs neue in ihren
Weltenschlaf. Im Tau, im Frhlicht, trinken die Pflanzen ihre zarten
Seelen, und der Wandel der Natur nimmt ihre durchschimmernden Krperchen
auf, wie Nebel sich in der Sonne verflchtigt.

Die Menschen sehen die Elfen nur selten, zuweilen begegnen sie Kindern,
aber zumeist nur im Traum, oder ungesehen, wie auch die Engel, die nur
von denen erkannt werden, die sie lieben und an sie glauben.

Die Elfen haben groe hnlichkeit mit den Engeln, aber sie sind wie
Kinder und haben von Haus aus keine Beziehungen zum Reich der Liebe, und
nicht die Allmacht der himmlischen Engel. Aber darber soll in diesem
Buch noch vielerlei gesagt werden, es ist in der Tat ein groes Ereignis
gewesen, da ein Elf die Erde im Sonnenschein kennenlernte, wunderbar
hat ihr Lebensglanz auf sein Herz und Wesen eingewirkt, es hat ihn
langsam den Irdischen gleichgemacht und ihn in ihr Bereich der Freude
und der Schmerzen gezogen.

Mitten im Frhling waren die Sinne des Blumenelfen zu seiner irdischen
Reise erwacht, zugleich mit den Seelchen unzhliger Blumen und Blten
und in Gemeinschaft mit der erneuten Daseinslust aller Tiere und
Menschen. Tglich kamen nun neue Vgel und vierfige Tiere auf der
Wiese an, es war sehr schwer, ihre Gestalt und Eigenart rasch zu
begreifen, tglich brachen neue Blumen auf, und die Farben und Dfte im
Sonnenschein oder im Regen berwltigten zu immer neuem Glck. Wre den
Seelen der Elfen nicht eine tiefe Ahnung vom Wesen alles Lebendigen
eigentmlich, so htte sicherlich sein Herz der Flle der Eindrcke
nicht ohne Verwirrung standgehalten.

Ein heimliches Brennen in den Tiefen seiner Brust fhrte ihn langsam
allem nher, was er erkannte. Er wute noch nicht, da es Liebe war, die
wie ein stilles Licht in den Kammern des Herzens emporglhte, aber er
empfand, da diese brennende Sigkeit der Hoffnung und des Heimwehs
nach Gemeinschaft seine Fhrer und seine Freude wurden. Ihm war, als
leitete dies hilflose Weh in der Tiefe ihn dem Licht immer nher, dieser
unfabaren Flle, die die ganze Erdoberflche erstrahlen lie. Dies
Glhen des Verlangens war es, das ihn sehen und lauschen lehrte, so da
er alle Stimmen um sich her verstehen lernte, und er erkannte, noch wie
in einem Traum, da dies heie Begehren seiner Brust nach Zugehrigkeit
das eine, groe, treibende Element des Lebendigen um ihn her war.

In trumerischem Staunen schritt er dahin, lernte den Tag und die Nacht
begreifen und erbebte vor Glck ber ihre Treue. Er sah die Sternbilder,
die er wie aus ferner tiefer Erinnerung einer anderen Jugend
wiederzuerkennen glaubte, strahlen, wandern und singen und doch immer
gleichbleiben, er begriff den hohen Himmelsweg des Wassers, das die
Sonne aufsaugte und das die Wolken den Irdischen zurckgaben, und liebte
ber alles den Himmelswiderschein im Tau. Am meisten aber beseligte ihn
die gewaltige Sonne, ihre Gnadenbahn im Blauen, ihre Milde und Flle,
ihre unaussprechliche Freigebigkeit. Ihren Glanz und ihre Wrme liebte
er in betrend hingebender Demut, sein Vertrauen zu ihr war so gro, da
schon der kleinste Lichtblick ihrer Herrlichkeit ihn wie in einen Rausch
von Zuversicht versetzte.

Oft konnte er stundenlang dasitzen und in den Tannenwald schauen, durch
dessen hohe, gerade Stmme das Sonnenlicht auf das Moos sank und berall
helle Inseln von strahlendem Goldgrn zurcklie. Die Lichtflecke
rhrten sich nicht, der Waldboden sah wie ein stiller Teppich mit
strahlenden Ornamenten aus. Aber hoch oben in den Kronen rauschte es in
einer gewaltigen Lebensmelodie im Frhlingswind, als zgen himmlische
Heerscharen im Goldrauschen ihrer Gewnder darber hin. Dieses Rauschen
der Baumkronen verwandelte sein Herz in einen einzigen schimmernden
Traum, ihm war, als erklngen darin die ewige Heiterkeit der freien
Bewegung und zugleich die Schwermut der irdischen Fesseln.

Als er eines Nachts, nachdem er schon manchen Tag auf der Wiese wohnte,
erwachte, lockte der Mondschein ihn aus seiner grnen Hhle im Moosgrund
in die Stille der strahlenden Nacht empor. Am Bach waren die Lilien
aufgeblht, sie leuchteten wie Schnee ber dem dahinziehenden Wasser, es
war still und khl und schon nahe dem Morgen, die Stimmen der Nachttiere
waren verstummt.

Es war Halbmond, aber sein Licht schien so klar, da die Sterne in
seiner Nhe nur bla schimmerten, die Erde umher duftete von Nsse, denn
es hatte am Tag vorher geregnet. Als der Elf sich auf einen niedrigen
Zweig der Linde setzte, fielen ein paar groe Tropfen ins Gras nieder,
auf ihrem kurzen Weg zur Erde blinkten sie auf, kleine durchschienene
Kugeln, sie trugen Mondlicht durch die Luft und Glanz und Frische.

Der Elf sah dem fallenden Wasser nach und dachte an die Pflanzen, die es
im Schlaf trinken wrden. Wenn die Erde die hellen Tropfen aufnimmt,
sann er, so kehrt das Licht zum Himmel zurck. Der Gedanke beschftigte
sein Gemt, er rhrte die Bltter in seiner Nhe an und sah zu, wie die
fallenden Tropfen, erfllt von Licht, die Pflanzen trnkten. Die
Waldtiefe schimmerte schwarz wie Teer, nur die ersten Stmme waren vom
Mond beschienen, und zwischen ihnen zogen sich Lichtstreifen in die
stille Finsternis hin. Gibt es auf der Erde ein Fleckchen, so gro wie
meine Hand, dachte er, auf dem nicht Leben schlummerte? berall, wo
Leben pocht, da glht ein kleiner Lichtherd, eine Sttte, wo das Licht
einmal in Verlangen erwartet und empfangen wird, wo es beglckt und
zurckstrahlt. Nichts hat so viele Heimatrechte auf der Erde, wie das
Licht.

[Illustration]

Die Luft wurde von einem Surren erfllt, das kaum vernehmlich zwischen
den schwarzen Stmmen begann, langsam anschwoll und nun beinahe drohend
und feierlich ber ihm dahinzog. Es war ein groer Wasserkfer, der sich
ein neues Gewsser suchte, um dort den Tag zu verbringen. Wie mag es ihm
in der silbernen Dunkelheit und in der Ruhe der Luft behagen, dachte der
Elf und sah ihm nach. Es wurde wieder still, dicht neben ihm glitzerte
ein Tropfen so hell wie ein Diamant, fast wurden seine Augen geblendet,
der Mond spiegelte darin, wie in geschliffenem Glas, aber es wurde
darber umher nicht heller, hinter ihm war die Nacht so schwarz wie
Kohle. Der Tropfen behielt das Licht, es kreiste in seinem khlen Rund,
in freier Klarheit entstand eine unbeschreiblich erstrahlende kleine
Welt fr sich.

Vielleicht leben auch in ihr Geschpfe, dachte der Elf, halten die
Sekunden ihrer Zeit fr ein langes Dasein und empfangen unser
Himmelslicht in eigenen Lichtherden, aus denen es als Freude
widerstrahlt.

Der Tropfen sank und erlosch in der Finsternis am Boden.

Dem Elfen kamen die Schwalben in den Sinn, die er bis in die Stunde des
sinkenden Abendlichts in schwindelnder Himmelshhe hatte fliegen sehen.
Eine von ihnen war am Tage mit ihm bekannt geworden, sie hatten sich auf
dem Felde getroffen, wo der Vogel am Erdboden Lehm fr sein Nest suchte,
und die Erzhlung der Schwalbe war wie ein strahlendes Bild der fernen
Welt in sein Herz gesunken.

Wie mag euch Schwalben die Erde erscheinen, die ihr bewohnt, dachte er
nun in der Erinnerung ihrer Worte, wie anders werdet ihr sie kennen und
empfinden als ein kleines Bodentier des ebenen Feldes, oder als der
Mensch. Eure Reise nach dem Sden fhrt euch Jahr fr Jahr ber das
schimmernde Meer, ber welchem, wie ber einer unabsehbaren, runden
Silberflche, die Sonne rot aufwacht, ihren hohen Strahlenweg geht,
einsam ber dem tausendfltigen Glitzern, und am Abend langsam, feuerrot
in ihr helles Bett sinkt. Dann fliegt ihr allein ber der groen Ebene,
das Wasser sieht wie flssiges Eisen aus, der Himmel im Westen wie
durchscheinendes Glas und im Osten kalt und blau, im Wehn der
herannahenden Nacht. -- Wie schn die Schwalbe erzhlt hatte.

Seid ihr nicht viel mehr als alle, seid ihr nicht am glcklichsten, ihr
Menschen, fuhr er in seinem Sinnen fort. Ich lebe unter Tieren und
Pflanzen und kann euch nicht erscheinen, aber es zieht mich zu euch,
strker und freier als in jener ersten Nacht, in welcher ich euch
erblickte und euer Glck verstand. Ihr Sonnenmenschen, ihr Gesegneten,
die ihr geschickt seid, alles, alles zu empfangen! Was macht euch so
reich an Frohsinn und Betrbnis, ich mchte den Grund der Quellen in
euch kennen, aus denen die jauchzenden Lichtgarben eures Lachens
entspringen und das schwermtige Geheimnis der Trnen. Wieviel Sagen von
eurer Herrlichkeit und eurem Elend kennt die alte Welt!

Wie aus tiefer Kindererinnerung stieg ber solchen Gedanken in der Seele
des Elfen eine Ahnung empor, als habe er schon zu einer anderen Zeit
alles gewut und alles erfahren. Die Seele ist so alt wie die Welt,
dachte er, sie wird zur Erde geboren, um wieder jung zu sein. Aber kaum
glaubte er sich einer Gewiheit zu erfreuen, da zog es aus blauen Tiefen
heran wie Wolken, und ihn befiel eine Traurigkeit, so da er sich aus
dem Bereich der Ahnungen und Gedanken in die Welt der Erscheinungen
zurckflchtete.

Leben, o schnes Leben auf der Erde, dachte er. Ihm war zumut, als sei
er ein Geschpf aus fremden Regionen der Welt, das nur trumte, es lebte
auf der Erde unter ihren Wesen. Es lag am geheimnisvollen Weben der
Nacht, da alles ihm unaussprechlich wunderbar vorkam, und er sprach
leise vor sich hin, wie Leute, die viel allein sind, es bisweilen tun,
und sagte:

Es mu an meiner Herkunft liegen, und weil ich ein Fremdling bin, da
ich alle Erscheinungen, die mir begegnen, so gro, so schn und
sonderbar empfinde. Wer in seiner Kindheit als ein Geschpf seiner
irdischen Eltern unter seinesgleichen erwacht, der wchst in seiner
Umgebung empor, ohne da ihn dies selige Erstaunen befllt, das immer
und immer wieder mein Gemt erschttert. Anderen werden alle Dinge
langsam vertraut, sie gewhnen sich auch an das Schnste und nehmen es
wie ihr selbstverstndliches Recht hin. Sie haben sichere Augen und
gleichmtige Gedanken, die Erde ist ihre Heimat, und sie wundern sich
nur ber den Tod, obgleich er das einzige ist, was sie bestimmt wissen.
Alle Geschpfe, die ich kennengelernt habe, haben mehr Zuversicht und
ein greres Vertrauen der Zugehrigkeit als ich, aber weniger
Entzcken. Es mu daran liegen, da sie die Erde lngst gewohnt sind,
aber ich kann mich nicht in ihre Wunder finden, denn ich bin niemals mit
unbewuten Sinnen durch ihr blhendes Tal geschritten. Als ich die
Sterne zum erstenmal sah, wute ich, da es die Sterne waren, ich
erkannte das erste Lachen, das ich vernahm, aber es war meinen Lippen
fremd, und der erste Sonnenschein berwltigte mich zu unnennbarem
Glck. Auf die Anderen aber haben die Sterne schon niedergesehen, ehe
ihre Augen sie erkennen konnten, Trnen sind wie Tau auf sie
niedergetropft, Trnen der Freude oder des Schmerzes, und sie haben
nicht gewut, was sie bedeuten, ihnen ist alles vertraut geworden, bevor
sie es erkannten, vielleicht sind sie viel glcklicher unter den
Wohltaten ihrer Heimat, die sie blind, ohne Gedanken, hingenommen haben.
Es ist gut so, die Pracht der Erde ist so gro, da ein Mensch sterben
mte, wenn ihre Gewalt eines Tages pltzlich ber ihn hereinbrche.

Whrend in dieser stillen Frhlingsnacht sein Herz auf solch seltsame
Wanderschaft ging, berkam ihn pltzlich im Wandel von Andacht und Sorge
ein geheimnisvolles Erzittern, und er mute seine Arme ausbreiten, als
glte es, eine liebreiche Flle zu umschlingen, und er verstand nicht,
wie ihm geschah. Er mute an die beiden Menschen denken, die sich in der
Sommernacht seines Erwachens umarmt hatten, an alle Blten, an alle, an
die Sonne ber den Wiesen und an den Jubel der Vgel im Grnen. Und
pltzlich, wie in einer seligen Offenbarung, ahnte er das Wesen der
Kraft, die ihn mit allem Leben in der Natur verband, und er mute
singen. Er wandte sich in die Weite, die im Mondlicht blhte, an die
groe, atmende Natur, die mit ihm ihrer Erlsung harrte, und sang:

    Du bist mein Eigentum, weil ich dich liebe,
    kein Sinn ermit die Flle meines Glcks.
    Wie bitte ich die Gte des Geschicks,
    da mein Gemt dem deinen nahe bliebe.

    Was dir geschieht, das soll auch mir geschehn,
    o Hort der Liebe, so in dir zu weilen.
    Nun lernt mein Herz in seiner Zeit verstehn,
    in deiner Anmut seinen Gram zu heilen.

Im Osten tauchte ein schmaler Glutstrich auf, und der Elf faltete seine
Hnde, denn der Morgen kam. Ich werde euch alle, alle sehen und kennen
und lieben, wie ihr seid, ihr Irdischen mit mir, dachte er, das soll
mein Glck sein.




                            Viertes Kapitel

                              Wiesenleute


Der Elf sa unter den Blumen. Eigentlich war es sein liebster
Aufenthalt, und er kannte keine schneren Stunden, als in ihrer
Gemeinschaft zu weilen, sein Glck erschien ihm vollkommen, wenn die
Seligkeit der Blhenden ihm seine Einsamkeit in ein Fest glcklichen
Bescheidens verwandelte. Er sa auf einem halbentrollten Farnblatt, um
ihn her erhoben sich schlanke Grashalme, die unaufhrlich schaukelten
und deren feine Stimmen die sanft bewegte Luft mit leisem Rauschen
fllten. Aus der Hhe mischte sich das Summen der Insekten in dies
gleichmige Lied, wie wir Menschen es von den Bumen im Wind kennen.

Es war ein reger Verkehr im Graswald, und zwischen den vielerlei
Krutern zogen die Tiere ihre Strae, alle beschftigt und eifrig, aber
frhlich um des heiteren Tags willen. Man glaubt es kaum, was alles lebt
auf einem so kleinen Fleckchen Erde, wie der Elf es von seinem Platz aus
bersah. Kfer in den prchtigsten, schillernden Farben, Ameisen,
Waldschnecken, geflgelte Wrmchen und die zahllosen kleinen Tiere, die
auf den Pflanzen leben, von ihren Blttern oder ihrem Bltenstaub. So
winzige Erdbewohner waren tief im grnen Schattengrund beschftigt, da
man sie fr gewhnlich nur erblickt, wenn man lange Zeit aufmerksam
hinschaut. Sie unterscheiden sich in ihrer Art und Lebensgewohnheit
ebensosehr voneinander, wie es grere Tiere tun, in ihren Interessen,
ihrer Gestalt und Farbe.

[Illustration]

Es war leicht zu spren, da die Tiere des Graswalds viel kecker und
beweglicher waren als die Blumen, die voll Schchternheit und geduldig
auf ihr Geschick harrten. Der Elf beugte sich tief ber ihre Kelche,
deren Licht und Farbe sich in seinem zarten Gesicht widerspiegelten, er
sog ihre Frische ein, ihren Duft, und als er vernahm, was ihre
heimlichen Wnsche waren, rief er die Bienen zu ihnen.

Zwei kleine Kfer stiegen miteinander in den goldstrahlenden Kelch
einer Blume hinab, beinahe betubt von dem warmen Duft und ganz in das
Bltenlicht eingehllt. Die Blume zitterte leise und atmete schwer und
tief.

Elf, lieber Elf, flsterte sie, was geschieht mir? Ich bin so
glcklich.

Der Elf nickte ihr mit glnzenden Augen zu.

Der Frhling, antwortete er, der Frhling! Er durchdringt dein Wesen
durch und durch. Halt still, Liebe.

Die Dfte, die der Waldwind heranschaukelte, wechselten ohne Aufhren,
und dem Elfen war, als trge ihn die eine Sehnsucht unvermerkt in das
Wunderreich der anderen. Eine selige Welt vertauscht sich gegen die
andere, dachte er, ich schliee meine Augen und bevlkere sie aus meinem
Herzen.

Dieser Wechsel verzauberte sein Gemt immer wieder aufs neue, und er
trumte fort in Farben, Licht und Dften, unter den Liedern der Vgel.
Wenn der Wind den Geruch der wilden Rosen aus dem Gestruch zu mir
trgt, und ich lausche dem Gesang des Rotkehlchens, dachte er, so ist
das Herz auf ganz andere Art im Lieblichen geborgen, als wenn ich den
khlen Hauch des Flieders spre und hre die Amsel flten. Trag mich
von Freude zu Freude, du warmer Frhling, sagte er, aber behte mein
Herz, damit es nicht vor Glck zerspringt.

Das Summen der Insekten ber den Blumen klang hinter den lichtroten
Vorhngen seiner geschlossenen Augenlider wie fernes Orgelbrausen, in
das aus noch grerer Ferne das Meer zu rauschen schien. Es vermischte
sich mit dem Flstern der Bltter, den kaum vernehmbaren Stimmen der
Grser und dem Luten der Blumen, das so fein erklingt, da ein
menschliches Ohr es nur nach langem, tiefem Warten erlauschen lernt.

Die Gte und der Reichtum der Natur berwltigten das Elfenkind. Seid
gesegnet, meine Sinne, rief es, meine Augen, mein Gehr und du mein
Herz, du Quelle und Pfand meines irdischen Wohls. In den Augen wohnt der
rasche Blick, der zu entflammen und froh zu ruhen vermag, der das Licht
bis tief in die Kammern des Herzens fhrt. Ich fhle die Berhrung des
Lebens mit allen Gliedern, wie das Wasser den Windhauch sprt, der seine
Oberflche bewegt, jeder Sinn hat sein seliges Amt, aber du hast das
herrlichste, mein Herz, in dir wohnt das Heimweh.

       *       *       *       *       *

Die Flle nahm nun von Tag zu Tag zu, das Blhen wollte kein Ende
finden, immer wieder kamen neue Tiere auf der Waldwiese an, verweilten
fr kurz oder lange oder blieben auch fr immer. Eines Morgens fand sich
ein Wildtaubenpaar ein, man hatte sie schon von weitem lachen und
plaudern hren, die zwei, sie machten einen sehr glcklichen Eindruck.
Die Linde, berhaupt der ganze Platz schien ihnen ausnehmend zu
gefallen, sie flogen innen im Baum von Ast zu Ast, untersuchten die
alten, drren Stmpfe der abgebrochenen Zweige und prften jedes
Baumloch im Stamm. Als sie aber merkten, da eine Eule im Baum wohnte,
wurden sie nachdenklich.

Schon wegen des Bachs, wegen der Nhe des Wassers htte ich hier gern
gewohnt, meinte die junge Frau betrbt, man hat es so bequem morgens
mit dem Bad, und dann auch an der einen Seite die Weite der Felder, an
der anderen den dichten Wald; der Ort hat viel fr sich. Sieh unten das
Moos im Sonnenlicht!

Ich lebe nicht mit einer Eule zusammen, antwortete ihr Mann, aus
solcher Nachbarschaft entsteht nichts Gutes. Ich habe nichts gegen die
Eulen, ich verfolge sie nicht, aber sie sind mir unheimlich.

Und sie flogen mit lautem Flgelschlagen, das man noch lange in der
Waldstille hrte, ber die Bume hin, davon.

In der Frhe sah man bisweilen den Bussard zwischen den Stmmen jagen.
Er flog lautlos und geheimnisvoll, seine scharfen, farbigen Augen
suchten am Boden, und seine graubraunen Schwingen bewegten sich gro,
feierlich und kraftvoll. Es war ein herrlicher Anblick, den mchtigen
Vogel zu beobachten, der allein lebte, vom Raub, in seiner Waldfreiheit.

Eines Tages kam eine Katze, o Gott! Sie setzte sich mitten auf die Wiese
in die Blumen, blinzelte und putzte sich sorgfltig und so arglos, als
gbe es in der Welt fr sie keine Gefahr, und als habe sie niemals einen
bsen Gedanken gehabt. Es wurde eine Weile auffallend still auf der
Waldwiese, nur der Bach kmmerte sich nicht um das Tier, er rauschte
fort, die kleineren Geschpfe aber bekamen zum grten Teil Herzklopfen.
Wer ein sicheres Versteck hatte, beobachtete die Katze mit Spannung. Es
lt sich auch in der Tat kaum etwas Schneres denken, das zugleich mit
so viel Schrecknis verbunden ist, als eine Katze. Natrlich, wer sich
gegen sie wehren kann, wer strker oder geschwinder als sie ist, der
sieht und nimmt nur ihre anmutigen Seiten, deren sie viele hat, und
begreift nicht so rasch das Entsetzen, das sie kleineren Geschpfen
einflt. Aber wenn man in Betracht zieht, da manche Tiere, denen sie
nachstellt, kaum grer sind als eine ihrer Pfoten, so begreift man
eher, welchen Schrecken die Katze verbreiten kann.

Ganz besonders ber diese Katze wre vieles zu erzhlen; es ist schade,
da es hier nicht angeht. Sie war ursprnglich unter Menschen gewesen
und ist auch in ihrer Gemeinschaft geboren und aufgezogen worden. Aber
dann wechselte der Besitzer des Hofes, auf dem sie lebte, und da Katzen
meistens eher an dem Ort hngen, an welchen sie gewhnt sind, als an
Menschen, so war auch diese Katze geblieben; aber sie traf es schlecht
mit den Nachfolgern der ausgewanderten Bauersleute und entschlo sich
deshalb eines Tages kurzerhand, ihr Heil in der Freiheit zu suchen. Sie
hatte einen sehr schweren Winter hinter sich und war oft drauf und dran
gewesen, zurckzukehren, aber nun, mit dem eingekehrten Frhling, schien
ihr Los ihr beneidenswert.

Uku, die alte Eule, sah von ihrer sicheren Baumhhle aus auf die Katze
nieder. Die grnlichen Augen waren wie zwei harte, glnzende
Metallplttchen, alles an der Katze, auch das prchtig gestreifte Fell,
war auf das sauberste gehalten und so wohlbestellt, gesund und anmutig,
da es ein Entzcken war. Uku sah, wie die Pfote am Gesicht entlang
glitt und wie die kleine rosa Zunge die weichen Hrchen des Fells
glttete. Nachdenklich sah der weise Vogel auf die Katze nieder. Wer
wrde vermuten, dachte er, da dies zrtliche Tier vom Wipfel eines
Baumes oder vom Giebel eines Daches niederspringen kann, ohne Schaden zu
nehmen, wer ahnt hinter dieser kindlichen Gebrde die Wildheit, die sie
verbirgt, die geschmeidige Kraft und die unbeugsame zhe Eigenart der
Katze? Ist es so bestellt, da sich mit der grten Kraft und Wildheit
solch arglose Gebrde des Spiels und der Harmlosigkeit vereinen kann,
mit diesem Lcheln die furchtbarste Blutgier und mit soviel Anmut die
Falschheit?

Uku konnte nicht aufhren, die Katze zu betrachten, und sie dachte lange
und sehr scharf ber sie nach, wie es so Art der Eulen ist. Sie wei die
grten und bissigsten Hunde in Respekt zu halten, dachte sie, ja in
manchen Fllen selbst den Menschen, und sieht doch aus wie ein
schchternes Kind. Wie sie den Schein der Sonne geniet! Es ist wirklich
sehr schwer zu sagen, was gut oder was bse ist in der Natur, ich
glaube, man kann es nur fr sich selbst und sein eigenes Handeln wissen.

Wie ungebrochen sind diese harten Augen, wild und rein, fuhr sie fort zu
sinnen, sie werden eines Tages brechen, wie ein edler Stein unter einem
Hammer, aber sie werden sich nicht trben. Man mu sagen, Uku kam
geradezu in Begeisterung, und da eine Katze alles andere eher ist als
die Freundin der Eulen, so war diese Anerkennung des Vogels um so
erstaunlicher. Aber Uku hatte Grund, ber die Katzen nachzudenken, sie
hatte vor Jahren einmal zur Nachtzeit eine Katze sterben sehen, die, von
der Kugel eines Bauernsohns getroffen, auf dem Hof ihr Leben lassen
mute, auf dem damals auch Uku viel verkehrte. Es war Mondschein
gewesen, der junge Mensch stellte den Katzen nach, weil sie seinem
kleineren Federvieh Schaden taten. Seine Kugel ging der Katze durch die
Brust, schlug durch und ffnete sie an zwei Stellen. Das Tier war auf
einen Baum geflchtet, und anfnglich htte man glauben knnen, sie sei
nicht verwundet, aber dann lste sich langsam, man mchte sagen Kralle
fr Kralle, ihr schner gefleckter Leib von dem Ast, den sie umklammert
hielt. Es kam kein Laut ber ihre Lippen, erst am Fallen sah man, da
sie keine Gewalt mehr ber ihren zhen, wohlgebten Krper hatte. Am
Boden, im schrgen Mondlicht kreiste sie im Gras, und nun, wie mit ihrem
letzten Atem, kam ein Geschrei aus ihrem Mund, das Ukus Herz erstarren
lie, und der junge Mensch, der herzugeeilt war, sprang betroffen
zurck, als dieser Todeston sein Ohr traf. Es war ihre erste und
zugleich ihre letzte Klage, es war, als habe sie zu Lebzeiten das Klagen
nicht gelernt. Dreimal hintereinander stie sie diesen langgezogenen
Schrei aus, der keine leiblichen Schmerzen zu verraten schien, sondern
den wilden Wehelaut um ihr schnes, starkes Leben.

Die Natur umher lauschte wie in einer jhen Ahnung ihres Geschicks auf.
Es ist furchtbar, die Mchtigen im Tode schreien zu hren. Und doch
hatten diese Tne nichts Jmmerliches, es lag kein Hilferuf darin, kein
Flehen um Erbarmen, sondern viel eher war es das metallische Verklingen
der gebrochenen Kraft; unbeschreiblich einsam durchdrang es die
Mondnacht.

Voll Grauen war Uku damals auf und davon geflogen, tief bewegt von
diesem Erlebnis und doch nicht einzig entsetzt, sondern zugleich
wunderbar erhoben. Sie hatte wieder und wieder denken mssen: Wie
gewaltig ist das Leben, das sich auch in mir offenbart, wie gewaltig ist
der unvermeidliche Tod.

Man wird nun viel besser verstehen, weshalb sie so lange und
nachdenklich auf die Katze schauen mute, die auf die Waldwiese gekommen
war. Sie blieb brigens nur fr kurze Zeit und, soviel ich wei, ist sie
nicht wiedergekommen.




                            Fnftes Kapitel

                           Der Tod der Eiche


Ein wenig von der Waldwiese entfernt stand am Rand des Tals die Eiche,
sie war der lteste Baum im Land; in diesem Frhling ist sie gestorben.

Man wute es berall, weit im Umkreis. Ihre letzten Worte aus dem
vergangenen Herbst rauschten in den Bschen und Bumen des Landes als
Erinnerung wieder, und nun im Frhling nahm sie Abschied.

Um ihre mchtige Gestalt umher sprote und blhte es, ihre groen
dunklen Glieder reckten sich gewaltig ber den wirren, grnen
Lebenstrubel der neuen Jugend dahin, in den Himmel empor, ihre Klage
erfllte das Land, alle Herzen. Viele hundert und wieder hundert Jahre
des Lebens beschlossen sich nach einem unbegreiflichen Ratschlu, der
alle in heiliger Scheu erbeben lie. Die langen Nchte hindurch, in der
Frhe und am verstndlichen Tag wehte es aus der kahlen Hhe ihrer Krone
klagend im Wind ber das Land, durch den Vogelgesang dahin, durch das
selige Seufzen der vom Frhling begnadeten Geschpfe und durch das
strahlende Tageslicht, das seine Macht ber die Lebensgeister des alten
Baums verloren hatte.

[Illustration]

Eines Tages vernahm der Elf die Klage der sterbenden Eiche im Wind und
konnte sie nicht vergessen. Nun ward er gewahr, da alle sie wuten, und
seit jener Stunde zwang es ihn pltzlich, im Schreiten innezuhalten,
wenn er durch den Wald ging, um zu lauschen, ob durch die Lebensmelodien
der lebendigen Bume wieder diese Klage drnge, die den ganzen Wald
erfllt hatte. Und er vernahm die Tne und erschauerte. Sie erklangen so
heimlich, da sein Gemt in der Erkenntnis erzitterte, da diese
bescheidenen Wehelaute eine so stille Wildheit zu bergen vermochten, und
da Geduld so schmerzhaft sein knne.

Da ging er der Stimme nach, um den sterbenden Baum zu finden. Wie es zum
Herzen griff! Er sah eine Blume, die zu blhen anfing, den Tau trinken;
in der Erwartung ihrer Sonne sangen alle Vgel, da warf er sich ins Moos
und lauschte. Seit jener Stunde trieb es ihn wieder und wieder herzu, am
Tag, in der Nacht, immer wieder zog es ihn an diesen Waldort ohne
Schatten, wo die groe Eiche stand. Rings der Himmel ber ihm war wie
mit Sterben angefllt, und die Seele des Elfen fllte sich mit dieser
Schwermut des Scheidens vom Leben, wie ein Becher mit Wein.

Er verstand den Baum. Es ist kalt, rief er einmal des Nachts, der
groe Wald ist leer! Ich sehe hin und zurck, zurck und hin, schaue,
forsche und suche, und bin doch allein. Ich erinnere mich, ich trume
und bin doch allein.

Der Mond leuchtet hell, wenn seine Strahlen die Erde erreichen, scheint
mir die Welt ohne Elend, ohne Schmerz, alles und alle erscheinen mir
sanft. Er bringt helle Tcher, als wollte er mich vor dem schtzen, was
kommen soll, als wollte er mich erwrmen, und ich fhle wieder wie
durstige Pflanzen, die sich ffnen und zu blhen anfangen.

Enttusche ich euch jetzt, weil ich drr und kahl dastehe? Ihr habt mich
grn gesehen! Ich gab der Erde Schatten, den Vgeln Ruhe und den Tieren
Frchte. Ich habe die Blicke entzckt, und nun liebt ihr mich weniger,
weil ich es nicht vermag? Mt ihr nicht stets an jene Zeit denken, wo
ihr mich anders saht?

Ihr denkt nicht mehr daran! Meine Klage erniedrigt mich. Nun fhle ich
zum erstenmal, da mein irdisches Gefhl mich von der Welt trennt. Einst
erzhlte ich, ich teilte das Neue, das Leben den Blumen, den Bumen mit.
Dort oben liebkoste mich der Wind, als wollte er zu mir sagen: Du hast
nicht unrecht. Da wute ich, da mein irdisches Gefhl mich mit der Welt
verband. Ich rief: Nehmt mich nur auf, lat mich euer Teil sein, ein
Glied eurer reichen Familie. Ich fhlte die Welt und vereinte mich mit
ihr und wurde zum erstenmal mndig. Alles tnte in mir und mein Herz
strmte ber. O, wie ich der Erde verschuldet bin, wie kein Wesen vor
mir!

Der Blumenelf lag im Moosgrund und lauschte der Klage, er begriff die
Wirklichkeit des Todes und erbebte. Aber er vermochte seine Sinne nicht
vom Sterben des Baumes abzuwenden.

Da hrte er wieder die alte Stimme ber sich im Wind:

Es forscht ohne Aufhr in mir und will doch von nichts wissen. Meine
Wurzeln werden vom Wasser berieselt, das alle Pflanzen zu neuem Sprossen
ernhrt. Ich frchte mich vor dem Tage, die Sonne, die mein Blut
beeinflut hat emporzudrngen, blendet mich nun. Wie lockt mich die
Weite, die ich lange ohne Begehren im Bild erblickt habe! Wo sind die
Tiere? Ich hre nur die Vgel. Und doch ist alles Weite so nah, so
mglich geworden.

Mein Herz war einst in der Sonne so weit offen, da es nicht nur sich
selber trug und ahnte, sondern die ganze Welt. Da wute ich die Wahrheit
ber mich. Nun umgibt es mich rings wie eine Wand, so kalt wie Eis, so
durchsichtig wie Glas, so nah, da mir ist, als spiegelte ich mich
wider. Sie macht die Seele zum Verbrennen durstig, und ich fhle Angst.
Lebt wohl!

Da drckte der Elf erzitternd sein Herz fest, fest an die Erde, die
Auferstehung und Vermoderungen in sich barg und einen herben Geruch von
Harz ausstrmte. Ihm war, als durchdrnge dieser Geruch seinen
vergnglichen Leib, er schlo seine Augen und schwieg, denn es redete
mit vielen Stimmen zu ihm, die wie eine Stimme waren.




                           Sechstes Kapitel

                            Von den Engeln


Eines Morgens in der Dmmerung, als von der Sonne noch wenig zu spren
war, kam Hassan, der Igel, durch den Tau. Er sah sich auf der Waldwiese
um, etwas mrrisch, wie es nun einmal seine Art war, aber im Grunde
recht gut gelaunt, obgleich er sich sehr versptet hatte. Er hielt nach
einem Ort Ausschau, an dem er schlafen knnte, denn er wre um alles
gern in einem Schlupfwinkel gewesen, bevor die Sonne emporstieg. Die
Igel haben nicht viel fr den Sonnenschein brig.

Da die Vgel und Blumen und alle kleinen Tiere der Waldwiese noch
schliefen, entdeckte niemand den Igel, es wre zweifellos ein groer
Jammer unter ihnen ausgebrochen, denn Hassan war nicht beliebt, weil er
von kleineren Tieren so viel fra, als er irgend finden konnte. Wo immer
es drauen im Wald in der Gemeinschaft einer Tiergesellschaft sein mag,
berall frchtet man den Igel, nirgends sieht man ihn gern. Es kommt
sicher hierbei noch hinzu, da er fr gewhnlich in der Abenddmmerung
aufbricht. Das hat schon an sich etwas Unheimliches, auch ist er schwer
von einem rundlichen dunklen Erdhaufen zu unterscheiden, wenn er still
im Gras sitzt und auf Muse wartet. Was aber am peinlichsten ist, ist
die Tatsache, da er viel rascher laufen kann, als man denkt. Viele
Tiere bekommen allein schon darber einen solchen Schreck, da sie sich
in ihrer Verwirrung von ihm greifen lassen.

Hassan kam etwas trge heran, ging das Bachufer nieder, trank ein wenig
und sah nach dem Himmel. Es wrde ein warmer Tag werden. Unter der
groen Linde gefiel es ihm, er dachte sich, zwischen diesen dicken
Wurzeln finde ich irgendeine Hhle, die mir den gewnschten
Schlupfwinkel fr den sonnigen Tag bietet, vielleicht, da ich dort auch
ein Musenest entdecke und fr den Abend auf eine gesunde Mahlzeit
rechnen kann.

Nun mu man wissen, da Hassan in Zwistigkeiten mit seiner Familie
geraten war, um zu verstehen, da er kein eigenes Heim hatte. Sein Vater
hatte ihm eines Abends ohne viel Umstnde erklrt, er solle sich ein
eigenes Jagdgebiet suchen, denn die Umgebung ihrer gemeinsamen Behausung
ernhre nicht mehr Vater, Mutter und die kleineren Geschwister, am
allermeisten deshalb, weil es fast unglaublich sei, wieviel er, Hassan,
an einem Tage verschlnge. Das lge an den Jahren; aber nun sollte er
gehen.

So rasch findet nun aber ein Igel kein neues Heim, auch dachte Hassan
daran, sich zu verheiraten, und so war er gentigt, sich in der Fremde
umzusehen. Und wie es oft ist, wenn man keinen anregenden Umgang mit
seinesgleichen hat, so kommt man leicht ans Herumtreiben, und so war es
geschehen, da sich Hassan einmal wieder grndlich versptet hatte.

Als er nun langsam durch Blumen und Grser auf die Linde zuschritt,
dachte er: Hier sieht es nach guter Beute aus. Er ghnte und kroch unter
die Wurzeln. Da sah er im Moos einen hellen Schimmer und erschrak, denn
es war schwer zu begreifen, wie hier in die Schattendmmerung des
Moosgrundes ein Lichtschein kommen sollte. Glhkferchen kamen im
Morgengrauen nicht vor, so konnte es nur noch ein Stckchen faulendes
Holz sein, das oft einen weilichen Glanz ausstrahlte, wie er im Sumpf
erfahren hatte. Er bog um die letzte Wurzel, die wie ein dicker
Schlangenleib aus den Farnkrutern kroch, und sphte vorsichtig in den
Grund der kleinen Hhle, aus welcher das Licht kam.

Da sah er einen unendlich kleinen Menschen mit hellgoldenem Haar im Moos
liegen, auf einem weien Kissen von Blumenblttern und in einem
schimmernden Kleid, erglnzend und feiner gewoben als Spinnweben im
Sonnenschein der Waldtiefe, und so leicht wie khler Wind, der kaum das
Zittergras bewegt. Es war durchaus nicht zu erkennen, woher das Licht
kam, bis Hassan zu seiner unbeschreiblichen Verwunderung gewahr wurde,
da die Stirn, das Angesicht und die Hnde des kleinen Menschenwesens
aus eigenen Lichtgrnden leuchteten. Was aber sein Gemt am meisten
bewegte, war der Ausdruck von Traurigkeit in dem schlafenden Angesicht
des fremden Wunderkindes. Hassan mute, er wute selbst nicht wie es
kam, an die ungetrbten Glcksstunden seiner Kindheit im Moorland
denken, unter den Birken und im Ginster.

Lieber Gott, dachte er, was geschieht mir nur, da ich etwas so
Liebliches finden soll? Und dann kam ihm in den Sinn: Ich mu irgend
etwas fr dieses Geschpf tun. Vielleicht findet sich eine Beere oder
ein ganz zarter Regenwurm, wenn es nur irgend etwas ist, wodurch ich es
erfreuen kann, oder was es etwa beim Erwachen essen mchte. ber das
Essen hinaus gibt es hchstens noch das Schlafen, und das tut dieses
helle Himmelskind ohnehin. Wenn mir nur etwas Rechtes einfiele.

Als er noch darber nachdachte und dabei die Stirn runzelte, wie es
seine Art war, und den dunklen Kopf mit der spitzen Schnauze und den
wirklich sehr schnen und klugen Augen hin und her bewegte, erwachte der
Elf und sah den groen Hassan dicht vor sich stehen, so da die kleine
Hhle geradezu verdunkelt worden wre, wenn das Elfenkleid nicht
geglnzt htte.

Wo kommst denn du her? fragte der Elf und lchelte.

Da, so, von hinten her, irgendwoher, stotterte Hassan in groer
Verlegenheit, nehmen Sie es nicht bel. Wenn Sie wollen, geh ich sofort
wieder.

Nein, bleib nur, sagte der Elf und erhob sich, soviel ich wei, bist
du ein Igel, und wie mir scheint, sogar ein ganz prchtiger.

Nein, nein, sagte Hassan rasch, nur so einer wie alle, aber wenn Sie
wollen, gehe ich gleich.

Hast du Eile? Siehst du nicht, wie schn es hier ist und wie strahlend
der Tag werden will? Komm, wir gehen miteinander an den Bach. brigens
kannst du ruhig du zu mir sagen, ich bin ein Blumenelf.

So, so, ein Blumenelf, sagte Hassan, das ist aber sehr angenehm fr
Sie. Wollen Sie wirklich mit mir zusammen gehen? Ich bin nicht beliebt,
wissen Sie, und auch sonst, ich bin eben ein Igel... Hassan hatte
eigentlich etwas anderes sagen wollen, aber er war zu verwirrt durch den
Anblick dieses hellen Wesens mit seinen Flgeln, die sein Haupt
berragten und schimmerten wie Schnee.

Sie gingen nebeneinander ans Wasser, und der Elf flog auf einen
niedrigen Zweig des Berberitzenstrauchs, der ihn sanft schaukelte.

Sehen Sie, sagte Hassan, Sie sind doch ein Engel.

O nein, antwortete der Elf, wenn du glaubst, ich sei ein Engel, so
hast du niemals einen gesehen. Die Engel sind gro und leuchten wie die
Sonne am Mittag, niemand kann in ihr Angesicht schauen, der nicht das
seine vom Irdischen abgewandt hat.

Nun, ich dachte, Sie wren vielleicht einer von den kleineren Sorten,
meinte Hassan schchtern und bewegte seine schwarze Nase an der Spitze.
Darber mute der Elf lachen.

Das sieht ungemein lustig aus, wenn du mit der Nase wackelst, sagte
er, das kann nicht jeder.

Mit der Nase erfahre ich, was ich nicht sehen kann, sagte Hassan, sehr
stolz darber, da der Elf so viel Anteil an seiner Eigenart nahm.

Flgel htte ich wohl auch gern, seufzte er nach einer Weile, aber wo
sollte man sie anbringen? Er schaute bewundernd und glcklich zum Elfen
empor, der mit dem Finger an die Tauperlen stie und zusah, wie sie
funkelnd ins Gras niederbrachen.

Groe Tropfen, nicht wahr? sagte er nachdenklich. Endlich meinte er
und sah auf:

Ich bin nun schon lange Zeit auf der Erde und habe vielerlei erfahren,
auch unter Menschen bin ich gewesen und habe ihre Worte gehrt und ihre
Hoffnungen, ihren Kummer. Es ist seltsam, wie sie und auch du und die
meisten Wesen ber die Engel denken. Sie glauben kaum noch daran, da es
welche gibt, und sehen sie selten. Vielleicht im Traum oder im
Todesschmerz, auch wohl in ihrer hchsten Beseligtheit, aber es ist, als
ob sie vergessen htten, da die Engel immer unter ihnen einhergehen.
Wie oft hat ein himmlischer Engel ein Geschpf angesehen, und es ist es
nicht gewahr geworden. Woran mag es liegen?

[Illustration]

Ich wei nicht, sagte Hassan, der mit groer Spannung zuhrte.
Vielleicht liegt es an den Verhltnissen.

Du kannst es auch nicht wissen, meinte der Elf, ich glaube, um die
Engel sehen zu knnen, mu man ein Mensch sein und ein groes und gutes
Herz haben. Oder vielleicht eine Blume; manche Blumen kennen die Engel.

Kannst du etwa auch mit den Blumen reden, wie du mit mir reden kannst?
fragte Hassan erstaunt.

Der Elf nickte. Wo ich Liebe finde, da kann ich mich verstndigen,
sagte er. Wre mehr Liebe in der Welt, so wrden sich alle verstehen.

Ach so, meinte Hassan, ja, das ist gut mglich.

Der Elf sann nach, und nach einer Weile sagte er langsam, mit einem
traurigen Ausdruck:

Warum haben die Menschen die Engel vergessen? Sie kommen in vielerlei
Gestalt zu ihnen und offenbaren ihre Gegenwart allen, deren Augen fr
die Gaben der Liebe offen geblieben sind und deren Herzen sich Andacht
bewahrt haben und den freien Gleichtakt der Unschuld. Bald geht ein
Engel dahin in der Gestalt eines Kinderlchelns oder im Lied eines
Vogels, auch kommt er als ein jher Sonnenblick in einen dunklen, den
Raum, oder als Erinnerung an genossenes Glck. In solchen Augenblicken
sind die Engel willens, die Menschen zu fhren, ihnen die Augen fr das
Rechte und Schne zu erffnen und ihnen den Weg ihres Heils zu zeigen.
Kinder nehmen sie oft geradezu bei der Hand, so da man es deutlich
sehen knnte, wenn die Augen nur ein wenig dafr noch tauglich wren.
Die Menschen nennen es einen glcklichen Zufall, wenn solch ein
geliebtes kleines Wesen wie durch ein Wunder bewahrt bleibt, aber es
sind immer die Engel in unsichtbarer Gestalt. Auch zu den Groen kommen
sie in Stunden schwerer Entscheidungen, tiefer Erniedrigung oder hoher
Beseligung. Sie knnen so deutlich reden, da das Herz erschrickt, so
liebreich trsten, wie nur himmlische Sendboten es vermgen; oft
erffnen sie Bedrckten durch einen Wink ihrer Hand einen Blick in eine
schne Zukunft oder sie weisen ein Herz auf sein angestammtes Recht
zurck und erhellen seine Irrtmer, so da ihm pltzlich der Gang der
Welt um vieles gerechter erscheint, als noch eben zuvor, denn wer an
Gerechtigkeit zu glauben vermag, wird nicht durch Migeschick in
dauernde Finsternis gestoen. Die Erinnerung und die Hoffnung sind ihre
schimmernden Boten, im Gleichtakt zwischen ihren Mchten pocht jedes
irdische Herz. Wessen Hoffnung aber zu erlschen droht, dem gestalten
sie, wie in einer stillen Abkehr der Seele, die Erinnerung um so
strahlender. Immer stiften sie Helligkeit, Zufriedenheit, und endlich
fhren sie die Seelen in das Reich. Ach, arm ist eine Zeit, die den
Glauben an die Engel verloren hat.

Ich glaube jetzt schon wieder daran, sagte Hassan rasch, was du
sagst, ist schn, und weshalb sollte das Schne nicht eher wahr sein als
das Arge?

Der Elf sah Hassan liebevoll an:

Ich wnsche dir, da dir alles gut ausgeht, was du heute beginnst,
sagte er herzlich. Ich fliege nun zu den Menschen, leb wohl.

Du fliegst in der Tat zu den Menschen, Elf? Da she ich mich doch
lieber vor.

Es zieht mich zu ihnen, antwortete der Elf und breitete seine Flgel
aus, ich kann nicht anders, aber ich werde am Abend wieder auf die
Wiese kommen. Damit flog er davon. Hassan sah ihm nach, bis er wie ein
winziger Lichtschein zwischen den Baumstmmen verschwand. Er ist doch
ein Engel, ein kleinerer, dachte er und versuchte zu begreifen, was ihm
geschehen war und was er gehrt hatte.




                           Siebentes Kapitel

                         Hassans Kampf mit Ala


Am folgenden Tag sang dicht ber dem flieenden Wasser des Bachs das
Rotkehlchen in einem Lindenzweig. Es sa in einem wundervollen
Bltterraum, so licht geborgen, wie Leute es kaum ahnen, die nicht schon
einmal in einem Baum gesessen haben. Alle Bltter, aus welche das
Rotkehlchen niederschauen konnte, waren vom schnsten saftigen Grn,
hatten kleine goldene Sonnenteller und zeichneten sich prchtig gegen
das blaue Wasser ab. Viel schner aber waren die Bltter anzuschauen,
die ber dem Kopf des kleinen Vogels wuchsen, denn die Sonne
durchleuchtete sie, so da sie wie von hellem grnen Glas erschienen,
mit einem seligen Glanz aus Gold.

Man kann sich auch fr den Widerhall des Gesangs nichts Besseres denken,
als so ein offenes Bltterhaus, das Licht, Blumenduft und den warmen
Odem des Frhlingswindes einlt, gedeckt ist und doch offen, allem
Hellen zugngig und doch versteckt, und gerade das, worber so viele
Snger klagen, war fr das Rotkehlchen so prchtig erfllt, da sich
verstehen lt, da es fast den ganzen Morgen hindurch sang.

Lieblich und klar, wie fallendes Wasser auf bunten Steinen, hallte es
durch den strahlenden Wald. Es schien, als leuchtete die Sonne heller
als zuvor, feierlich standen die groen Bume auf ihrem dunklen
Erdengrund, und die Blumen neigten sich, in ihrem Glck so wrdevoll, in
ihrer Schnheit so reich, da die Welt vollkommen erschien. Und
unermdlich sang der kleine Vogel:

    Die Weite des Bachs liegt blau in grn,
    mein Herz mchte weiter, ach weiter!
    Aber es wei mein Herz nicht wohin,
    immer bleibt alles fern blau in grn,
    wo ich verweil', ist es heiter.

    Aber ich mchte der Traurigkeit,
    tief, meines Herzens folgen.
    Schn ist das Nah', aber herrlich das Weit';
    sagt mir, ihr Wellen, wann kommt die Zeit
    ber den himmlischen Wolken?

Hassan, der Igel, sa unten im Farnkraut und hrte zu; er konnte sich
nicht entschlieen, einen Ort zu verlassen, an dem ein Blumenelf weilte.
Dies war erstens etwas ungemein Seltenes, dann kam aber auch noch hinzu,
da es hier ohnehin sehr schn war. Wenn man schlielich durch seinen
Appetit strte und dadurch unliebsames Aufsehen erregte, da man zu
viele der Wiesenbewohner herunterschlang, so konnte man seine Nahrung
auch anderswo suchen, der Wald war gro und Hassan gut zu Fu. Ich
knnte wahrhaftig diesem Elfen zulieb Pflanzenkost genieen, dachte er,
und den Versuch machen, mich von Gras zu ernhren, aber ich wei im
voraus, da ich es nicht aushalte. Nun, es wird sich schon finden, ich
jage anderswo und lebe hier.

ber ihm in den Zweigen raschelte es, und als Hassan durch die grnen
Fcher des Farnkrautes sah, erblickte er ein Eichhrnchen, das sich von
Ast zu Ast bis auf den Boden, dicht bei seinem Versteck, niederschwang.
Hassan entschlo sich, hier um Rat zu fragen, obgleich er im allgemeinen
nicht viel fr diese Tiere brig hatte, sie waren ihm zu beweglich. Er
trat hervor, und das Eichhrnchen machte einen Satz, so lang, wie der
Bach breit war.

Himmel und Wolkenbruch, Sie dicker Popanz, wie knnen Sie einen so
erschrecken! rief das Eichhrnchen atemlos. Kommen Sie her und fhlen
Sie, wie mein Herz klopft, oder bleiben Sie lieber, wo Sie sind, Sie
Stachelschwein!

Aber ich mu doch bitten, sagte Hassan gekrnkt, ich bin weder das
eine noch das andere. Was das erste ist, wei ich berhaupt nicht, aber
ein Stachelschwein bin ich erst recht nicht. Ich bin Hassan, der Igel.

Das ist mir vollkommen gleichgltig, lautete die rgerliche Antwort.
Sonst war das Eichhrnchen in der Regel viel hflicher, aber es hatte
sich in der Tat auf das heftigste erschrocken, und dadurch verliert man
leicht den Sinn fr liebenswrdiges Entgegenkommen.

[Illustration]

Hassan entschuldigte sich; aber nun meinte das Eichhorn erst recht, ihm
sei Unrecht geschehen.

Es sa da, im Gras, da es ein Entzcken war, Hassan fhlte sich
wirklich neben diesem zierlichen Tier wie ein schwerflliger
Eindringling, er htte es am liebsten in die Arme geschlossen, so
lieblich war der Anblick, das feine Kpfchen mit den spitzen Ohren, die
dunklen klugen Augen und der breite buschige Schwanz, der den eleganten
Krper in einem Bogen berragte und von einer leuchtenden rotbraunen
Farbe war, wie das Buchenlaub im Herbst.

Nehmen Sie es nicht bel, sagte er noch einmal, ich habe Sie nicht
erschrecken wollen -- aber wie Sie meinen.

Das Eichhorn merkte, da es dem Igel gefiel, und wurde deshalb etwas
freundlicher. Nun darf man aber nach diesem Vorfall nicht etwa annehmen,
da ein Igel ein dummes oder ungeschicktes Tier sei. Ganz im Gegenteil
ist er ein ungewhnlich kluges Tier und in keiner Weise so tlpelhaft,
wie er auf den ersten Blick erscheinen kann. Natrlich, wenn man ein
Eichhrnchen ist, versteht man unter Geschicklichkeit etwas ganz anderes
als ein Igel.

Ich habe mich heute morgen ohnehin verschlafen, sagte das Eichhorn und
musterte den Fremden. Was wollen Sie denn hier?

Ich mchte fragen, ob man gut tut, sich hier anzusiedeln.

Das Eichhorn schaute interessiert auf. So, darauf will man hinaus! Nun,
ich heie Li und habe darber zu entscheiden.

Hassan schaute aus seinen Stacheln hervor und dachte nach. Er sagte sich
pltzlich, da er eigentlich niemand zu fragen brauchte, wenn er bleiben
wollte, denn wenn Li das mchtigste Tier der Wiese war, so gab es
niemand, der ihn wegschaffen konnte, wenn er nicht geneigt war. Er
blinzelte listig und lachte vor sich hin.

Nun, ich denke, Sie erlauben es, meinte er, rollte sich pltzlich
zusammen, so da er wie eine groe dunkelbraune Kugel aussah, und seine
Stacheln strubten sich und klirrten leise.

O, pfui Teufel, rief das Eichhorn und machte einen kleinen Satz. Nun
sieh einer dies Stachelschwein!

Hassan schielte nur ber die Spitze seiner schwarzen Nase aus seinem
gewlbten Stachelberg hervor, es sah ungemein originell aus, weil
niemand, der noch keinen Igel erblickt hatte, dort unten eine Nase
vermutet htte. Aber so war ihm nicht beizukommen. Li rgerte sich.

Knnen Sie etwa senkrecht an einem Baumstamm in die Hhe laufen?
fragte es.

Nein, sagte Hassan betroffen und wurde wieder etwas lnglicher.

Li lachte. Das hab' ich mir gleich gedacht, Sie...

Dann versuchen Sie geflligst einmal jemanden zu stechen, der Ihnen mit
der Hand ber den Rcken fhrt, gab Hassan verdrielich zurck, denn er
merkte nun, da das Eichhorn ihn verspotten wollte.

Warum denn, fragte Li, weshalb soll ich denn jemanden ohne allen
Grund stechen? Wer tut denn das? Stachelschweine tun das!

Ich bitte mir jetzt endlich Respekt aus! rief Hassan.

Was sollte mich denn dazu veranlassen, Sie zu respektieren? Sie knnen
nicht klettern, stechen jeden, der Sie anfat und haben nicht einmal
einen Schwanz. Sehen Sie den meinen an!

Li drehte sich ein wenig im Gras und sah sich nach Hassan um, der nicht
ohne Erstaunen und Neid auf den prchtigen buschigen Schwanz des
Eichhrnchens schaute. Es war in der Tat eine Pracht.

Jeder hat eben etwas anderes, sagte er verstimmt.

Ganz recht, mein Lieber, und ich habe etwas Besseres.

Mit diesem Tier war nicht auszukommen, Hassan sah es ein. Wenn das die
Folge seiner Ansiedlung sein sollte, da er sich tglich ber dies
eingebildete Geschpf zu rgern htte, so stand fr ihn fest, da er
nicht blieb. Es fiel ihm auch gar nichts mehr ein, was er zu seinem
Vorteil htte sagen knnen. Als er nachdachte, erklang hinter ihm ein
kaum hrbares Rascheln und gleich darauf ein scharfes Zischen. Das
Eichhorn flog herum, als ob es sich zu einem wilden Tanz anschickte,
versuchte einen Satz zu machen, um davonzukommen, blieb aber zitternd
und vllig willenlos an seinem Platz hocken, und ein schmerzliches und
unbeschreiblich angstvolles Wimmern brach aus seinem Mund.

Ala, die Kreuzotter, stammelte das arme Tier. Seine Augen verdrehten
sich, es begann einen sonderbaren schaukelnden Verzweiflungstanz mit
dem Oberkrper, kam aber nicht vom Fleck, und jedes Trpfchen Blut war
aus seinem frechen Gesichtchen gewichen.

Es war in der Tat Ala, die Kreuzotter, die sich im Gras aufrichtete. Sie
hatte sich etwa um die Hlfte ihrer Lnge emporgehoben, ihre hellen
Augen funkelten wie zwei Diamanten, und ihre langsamen, beinahe trgen
Bewegungen in der Sonne hatten etwas ungemein Grauenerregendes. Das
Furchtbarste aber war dies scharfe, eindringliche Zischen, das ber die
gespaltene feine Zunge her aus dem bsen Rachen des platten Kpfchens
kam, und das das Blut aller Geschpfe erstarren machte, wie die Stimme
des Todes. Wer wei auch nicht, da Alas Bi ttet, noch ehe ein
Hilfsmittel beschafft werden kann, ja, ehe man recht darber zur
Besinnung kommt, was geschehen ist.

Li, das Eichhorn, war in der Tat zu bedauern. Es war herzzerreiend
anzuschauen, wie es versuchte, davonzukommen, wie aber die Bewegungen
der Giftschlange und ihr Zischen es am Platz bannten und ihm alle
Vernunft und jeden Willen raubten. Es ist eine alte Wahrheit, da die
Bewegungen der Schlange alle kleineren Tiere zu verzaubern scheinen.

O, hab' Erbarmen, wimmerte es. Es dachte an die hohen, schaukelnden
Zweige seines Baums; wie wollte es seine freie Kunst im Klettern und
Springen gebrauchen, wenn es nur davonknnte.

Aber die Kreuzotter kennt kein Erbarmen. Es sah aus, als ob das
merkwrdig se Maul des bsen Tiers heimlich lchelte, und die schne
Zickzacklinie auf seinem Rcken, in ihrer schaurigen Todespracht,
glitzerte im Sonnenlicht und verdunkelte sich wieder im Schatten der
kleinen Kruter und im Moos. Nichts war bengstigender, als da man
nicht in der Lage war, diesen schleichenden, ziehenden Bewegungen im
Gras mit den Blicken zu folgen.

Tte mich doch, ach, tte mich gleich, flehte das Eichhrnchen.

Da fiel in seiner heien Angst Lis Blick auf Hassan, den Igel, und ein
unbeschreibliches Erstaunen durchfuhr das Eichhorn in seiner Todesnot.
Es wute wirklich nicht, ob es seinen Augen trauen sollte, aber es war
kein Zweifel, Hassan sa ganz still und vergngt im Gras und lchelte zu
Ala hinber. Aber das war ja unmglich, kannte er denn die Kreuzotter
nicht?

Li hatte sich vor Schreck und Entsetzen noch nicht gefat, als pltzlich
Hassan ein Stckchen vorlief, gerade vor die Schlange hin und so rasch,
wie es in seinem Leben nicht gedacht htte, da ein Igel laufen knnte.
Hassan, schrie es, Sie sind verloren! Der Igel war gerade auf die
Schlange zugelaufen und stand nun unmittelbar vor ihr.

Zu Lis unbeschreiblichem Erstaunen ringelte sich die Schlange jhlings
zusammen, so da ihr Kopf nur noch oben aus dem bunten Ornament
hervorragte, das ihr gewundener Krper am Boden bildete. Sie ffnete
den Rachen weit, ihre Zunge scho wie ein kleiner Blitzstrahl aus und
ein, und ihre Augen funkelten in unerhrtem Zorn. Dabei zischte sie so
laut und wild, da man es weit ber die Waldwiese hin vernahm, und alle
Kreaturen umher erschauerten, es wre sicher selbst ein Lwe
davongesprungen, aber Hassan, der kleine Igel, hielt diesen giftigen
Drohungen so gelassen stand, als zirpte nur eine Grille im Gras.

Sein Lcheln war verschwunden. Seine dunklen Augen blickten ernst und
khn drein, seine Haltung hatte etwas ungemein Bewutes, dazu war sie
kampfbereit und fast geschmeidig, ganz verndert sah Hassan aus, der
eben noch nachlssig und scheinbar schwerfllig im Gras gehockt hatte.

Hab' ich Sie endlich, Ala, sagte er langsam und mit sonderbar tiefer
Stimme. Hier haben Sie mich nicht vermutet, nicht wahr? Aber nun hilft
Ihnen Ihre List nichts mehr, die mich so oft getuscht hat. Sie mssen
nun den Kampf aufnehmen, denn die erste Wendung zur Flucht, die Sie
machten, wrde Ihr sicherer Tod sein!

Das helle wilde Zischen wiederholte sich, Ala dachte nicht an Flucht.
Sie machte pltzlich eine weiche, angstvolle Bewegung, als habe sie
allen Mut verloren, gegen Hassan zu kmpfen. Doch der Igel lie sich
nicht tuschen, er kannte Alas Art. Und richtig, kaum da sie den
Anschein erweckt hatte, als sei ihr nicht um Streit zu tun, fuhr sie
auch schon mit einer blitzschnellen Bewegung hoch durch die Luft zu, und
ihr weit geffneter Rachen mit den furchtbaren Giftzhnen schnellte
jhlings zwischen Hassans Augen auf die ungeschtzte Stirn.

Aber so rasch die Bewegung der Schlange gewesen war, Hassans
blitzschnelle Neigung des Kopfes war schneller, und das Maul der
Schlange fuhr mitten in die gestrubten Nackenstacheln ihres Gegners.

Bei dem furchtbaren Anprall durchbohrten die Stacheln des Igels Lippen
und Kiefer der Schlange; mit einem hellen Zischen der Wut und des
Schmerzes fuhr sie zurck, rstete sich aber sogleich zu einem neuen
Angriff, obschon ihr groe, dunkle Blutstropfen am Mund niederrannen.
Hassan sa unbeweglich da. Er wute, da der Schlange keine Wahl blieb,
als den Kampf auf Tod und Leben fortzusetzen, und er wute auch, wie
dieser Kampf ausgehen wrde. Htte Ala sich zur Flucht gewandt, so htte
er sie leicht ereilt und ihr Genick mit den Zhnen erwischt, denn ein
Igel kann rascher laufen als eine Schlange. Die Kreuzotter wute dies
alles nur zu gut, kochend vor Grimm sphte sie nach einer verletzbaren
Stelle am Krper des Gegners.

Li hatte die erste Niederlage der Schlange benutzt, um mit einem
gewaltigen Satz den Stamm der Linde zu erreichen, und nun sa es auf
einem niedrigen Ast, trocknete sich den Angstschwei von der Stirn und
suchte zu begreifen, was sich unter ihm zutrug. War denn das mglich,
da Hassan, der plumpe Gesell, den Kampf mit der allmchtigen Ala
aufnahm, die den ganzen Wald mit Schrecken fllte? Bei all seiner
Beschmung klopfte das Herz des Eichhorns vor Begeisterung. Ich werde
es gutmachen, da ich ihn verspottet habe, flsterte es mit bleichen
Lippen. Es zitterte immer noch am ganzen Krper.

Da sah es, wie Hassan vorsichtig das spitze Kpfchen ein wenig vorschob,
um seiner Gegnerin Gelegenheit zu einem neuen Angriff zu geben. Und
richtig machte die Schlange den gleichen Versuch wie das erstemal, und
wieder fuhr ihr geffneter Rachen mitten in die Stacheln des Igels.
Diesmal war ihre Bewegung um vieles matter, als sie sich zurckzog; ihr
Blut rann in Strmen, und nun erschien es, als ob Schmerz und Grimm sie
in einen Taumel von Mordgier und Kampfeswut trieben. Unter Zischen und
Fauchen fuhr ihr verwundeter Kopf wieder und wieder zu, wie ein kleiner
wilder Hammer, blindlings und sinnlos. Hassan traf kein einziger Bi,
seine Stacheln frbten sich rot, seine Bewegungen und Wendungen waren
sicher, geschickt und rasch.

Da pltzlich warf Ala, die Kreuzotter, den bsen schnen Kopf, der ganz
von Blut berstrmt war, in einer mden ergebenen Senkung zurck auf den
geringelten Leib, sie rollte sich zu einem bunten, gezackten Knuel
zusammen, als wollte sie sich in die Erde einwhlen, und man sah, da
sie vor Schmerz und Todesangst nicht mehr wute, was sie tat.

Hassan fuhr zu, mit einem jhen Ruck, als habe er von unsichtbarer Hand
einen Sto bekommen, und durchbi das Genick seiner Gegnerin dicht
hinter dem Kopf. Da hrten die Windungen des zackigen Knuels langsam
auf. Ala war tot.

Es ging wie ein bebendes Aufatmen durch den Wald. Das boshafte Zischen
der Schlange hatte das ganze Volk der Wiese und alle Tiere weit umher
aufgescheucht, und was nicht entflohen war, hatte mit Zittern und Bangen
dem heien Kampf zugeschaut. Nun verbreitete sich die Kunde rasch im
Revier. Aus dem Wipfel der Linde erhob sich mit Rauschen und schwerem
Flgelschlag ein Rabe und rief laut ber die grne Wildnis hin, die sich
unter seinen Flgeln wie ein wogendes Blttermeer ausbreitete:

Ala, die Kreuzotter, ist berwunden, Hassan hat sie gettet!

Was schreit er denn so, dachte der Igel und trabte gemchlich zum Bach
hinab. Wei er denn nicht, da das sein mu? Er tauchte das spitze,
schwarze Maul ins Wasser und trank in gierigen Zgen. Hinter ihm, auf
dem Kampfplatz, richteten die Blumen und Grser sich langsam wieder auf,
und Li, das Eichhrnchen oben im Baum, schmte sich, obgleich es
unbeschreiblich erleichtert war.

Da steckte Josa, die Ringelnatter, ihren mondfleckigen Schlangenkopf
aus den braunen drren Schilfmassen, auf denen die Sonne brannte, und
sagte zu Hassan:

Haben Sie Dank, das war eine groe Tat!

Hassan wandte sich nach ihr um. Machen Sie, da Sie weiterkommen,
sagte er, sonst geht es Ihnen ebenso.

Josas Kopf war so still und rasch wieder fort, als wre er nie
dagewesen. Er ist eben ein Igel, dachte sie, ein grober Igel! Aber er
soll sich vorsehen, wenn erst ich einmal den Kampf aufnehme.

Hassan aber sah sich weder nach ihr, noch nach den anderen Tieren der
Waldwiese um. Ein anstndiger Kerl, der nicht mehr als seine Pflicht
getan hat, will nichts von Dank hren, am wenigsten, wenn die Leute erst
dann freundlich werden, wenn sie einen Vorteil durch ihn gehabt haben.
Dies ist so Art der Igel, da ist nichts zu ndern. Ich bin ein rechter
Tor, dachte er, da ich vergessen habe, wer ich bin und was ich kann,
nur weil ein Eichhorn senkrecht an einem Baumstamm hinauflaufen kann und
ich nicht. Ich werde nicht mehr um Unterkunft bei Fremden bitten. Ich
bin ein Igel, nicht mehr und nicht weniger, das will ich sein.




                            Achtes Kapitel

                               Die Winde


Wo am Waldrand am Stamm einer Fhre das dunkle Moos zwischen knorrigen
Wurzeln wuchs, rankte die Winde sich empor. Ihre jungen Ranken tasteten
sich an der braunen Borke hoch und waren von zartestem Hellgrn und so
empfindlich, wie die Glieder eines neugebornen Kindes, das seine Hnde
liebebedrftig gegen das Angesicht der Mutter emporhebt. Ihre
durchscheinenden Bltter sahen gegen den braunen Fhrenstamm licht und
leicht aus, als wre ein helles Ornament von der Hand eines Malers auf
dunklen Grund gezeichnet worden, aber ihre Sinne waren wach und
wohlbestellt, so da sie ihren Weg zum Licht empor vertrauensvoll und
glcklich suchte.

Ein groes Farnblatt und ein Trieb der wilden Rose, die dicht neben ihr
emporgewachsen waren, hatten ihr hilfreich zur Seite gestanden, als ihre
ersten Ranken, noch blind von der Erinnerung an die dunkle Erde, sich
Halt suchten. Tastend, bewegt vom Frhlingswind, und von der Sonne
gefhrt, war sie langsam hher geklommen, den Waldgefhrten dankbar und
die erwachende Seele voll Hoffnung. Nun war ihre Stunde gekommen, und am
Abend vor ihrem Erblhen flsterte sie im Wind der Dmmerung den
Pflanzen zu:

Morgen werde ich meine Augen ffnen, morgen zieht der Himmel in meine
Seele ein.

Ihre hellblaue Knospe, die kaum noch vom grnen Kelch geborgen war,
zitterte im Lufthauch und empfand die khle Nacht, die auf den Wald,
ihre Heimat, niedersank, aber das Licht und die Wrme des vergangenen
Tages fluteten durch ihren Traum, und noch als sie schon schlief unter
dem Tau, war ihr, als wachte ihr Herz.

Sie trumte vom unsichtbaren Wind, von den Stimmen der Bume und dem
Summen der Insekten, dessen ferne Lebensmelodie sie mit
unbeschreiblichen Ahnungen von knftiger Seligkeit durchschauert hatten.
Sie vernahm in der tiefen Erinnerung ihres Schlafs wieder die frohen
Rufe um sich her, die sie auf ihrer Lebenswanderschaft von den schon
Erwachten im Licht vernommen hatte. Wie wird mir sein, wenn ich erblhe,
dachte sie, wenn meine Blume den Himmel empfngt. Den Himmel!
flsterte sie im Traum. Was hatten ihre Sinne nicht von den Beglckten
um sich her vernommen und erlauscht, wie ein einziger goldener Jubel
empfing sie die Ahnung dessen, das ihr am Morgen geschehen sollte. Dies
sind die Vgel in den Zweigen, hatten die wilden Rosen ihr gesagt, ihr
Lied fllt aus den Strahlen der Morgensonne, so khl wie Tau, liebreich
wie der Wind und holdselig wie der Sinn der Freude. Sie werden am
strahlenden Tag deines Erwachens singen, ihre Lieder, die Farben der
Welt, die lebendige Glut der himmlischen Sonne, und die Seligkeit aller
Atmenden werden wie ein einziger Rausch unfabaren Entzckens auf dich
einsinken, wenn du erblhst. Du selbst wirst schn sein unter den
Schnen, du wirst beseligen wie du beseligt bist, und alle, die dich
erblicken, werden dich segnen, wie du ihnen dankst. Keine Sorgen sollen
deinen Wohlstand stren, alles, dessen du bedarfst, wird zur Stunde zu
dir kommen, deine Freude soll vollkommen sein. Wenn dein Kelch sich am
Abend nach vollbrachtem Tag neigt, wirst du in gndigem Dunkel mit den
Schlafenden ruhen, mde vor Glck, und ein neuer Tag wird dir kommen.

Die Knospe erwachte schon frh vor Tag aus ihrem Traum, und erzitternd
im Morgengrau frchtete sie sich vor der Allmacht dessen, was ihr
geschehen sollte. Es war unfalich still in der kaum vom Licht berhrten
Welt, nichts regte sich, alle Vgel schliefen noch, und der Tau war noch
nicht gefallen. Sie empfand, da der Himmel langsam, langsam heller
wurde. Die Zweige des Baums ber ihr zeichneten sich dunkel gegen die
totenstille Hhe ab, und man erkannte noch keine Farben, nicht grn,
nicht braun, alles war wie in silbergraue Schleier gehllt.

Heute, heute werde ich aufbrechen, dachte die kleine Knospe, goldener
Tag, komm bald!

[Illustration]

Da erscholl ber ihr ein zaghaftes, klares Trillern und verstummte. Aus
der Waldferne antwortete ein silberner Schlag. Sie erzitterte unter
einem Tropfen, der sich auf ihrem geneigten Blumenkelch bildete, der
noch geschlossen war, und nun nahm ein kaum sprbarer Wind sich ihrer
an, lindernd, trstend und von erlsender Lebensliebe.

Ich will tun, was ich mu, flsterte sie erbebend, la mich geduldig
fr mein Glck sein, du unbekannte Liebe, die mein Geschick leitet.
Aber sie erzitterte fort und fort, ihre Ruhe versank in einem heimlichen
Glhen und Pochen, das aus dem Pulsschlag der grenden Erde, aus allen
Trieben ihres zarten Leibes und aus dem Wesen des waltenden Windes
drang.

Es wurde nun bald heller und immer heller, die frohe Regsamkeit der
Morgenerwartung bewegte die erwachende Welt, und in das Raunen der
Bltter klangen die Stimmen der Tiere, die den heraufziehenden Tag
begrten. Bis um die Windenknospe her pltzlich der gewaltige Jubel der
Natur ausbrach. Die Sonne! Die Sonne!

Ich werde heute meine Seele ffnen und die Sonne sehen, flsterte die
Winde, und geheimnisvoll regte sich in den farbigen Blttern ihrer Blte
das Wesen der Sonnenstrahlen. Es war eine Liebkosung, ein Locken, ein
lautloses Rufen, und ihr war zumute, wie wohl einem Schlafenden sein
mag, auf dessen Angesicht erwartungsvoll die Augen eines geliebten
Menschen ruhen, der in heier Sehnsucht auf den Augenblick seines
Erwachens harrt, um ihn mit seiner ganzen Liebe zu berschtten.

Da entfaltete sich die blaue zarte Blte, ganz langsam, im Sonnenschein,
wie in einer taumelnden Ohnmacht der entzckten Sinne, und der
schimmernde Kelch ffnete sich mehr und mehr, ein bebender Blumenbecher
von unbeschreiblicher Reinheit, der sich auftat, um das flieende
Himmelsgold der Sonne zu trinken.

Ist das die Sonne? schluchzte die Blume, haltlos vor Glck, ich kann
nicht hineinschauen, aber ich mu! O Schwestern im Licht bei mir, ergeht
es allen Irdischen so wie uns?

Aus ihrem schimmernden Farbenlicht, aus ihrem Duft und ihrem Neigen im
Wind brach ihre Stimme, allen vernehmbar, die ihrer Art waren und die
die Geborenen der dunklen Erde im Sonnenschein lieben mssen. ber ihr
sang ein Waldvogel sein Morgenlied im Glitzern des Taus auf den
Blttern, die erwachte Blume verstand seinen Ruf und sein Locken:

Sprich mit mir, sprich dein Herz, sprich deine Freude.

Der Frische des funkelnden Morgens folgte der warme, farbige Tag mit
seinem Treiben um sie her, aber die Blume sah nur die Sonne an. Bis bald
auch in ihrer Nhe die geheimnisvollen Stimmen der Kfer und Bienen
laut wurden. Die Sonnenwrme nahm immer mehr zu, ein Schwingen wie von
himmlischem Erbrausen hllte sie mehr und mehr ein, sie tat ihren Kelch
weiter auf und immer weiter, ihr war, als verginge sie in diesem
glhenden Glnzen, und ihre Hingabe war so inbrnstig, als verblutete
sie vor Verlangen.

Nun zog mit lautlosem Schaukeln, frhlich von seinem reinen Flgelkleid
getragen, ein Schmetterling an ihr vorber, mitten zwischen ihrem
aufgetanen Kelch und der goldenen Sonne hindurch. Da rief die Blume, ihr
Farbenglanz trug ihre Stimme, und ihr Duft begleitete ihn:

Tu mir Liebe an und komm!

Der Schmetterling lie sich mitten in dem blauen Rund ihrer Blte
nieder, o Wunder, da er sie verstand. Tausend Bchlein von Sonnenwrme
und zitternder Himmelsluft rieselten mit seiner Berhrung an ihr nieder,
sie neigte sich tief unter der hellen, lebendigen Last und hob sie
wieder mit sich empor.

Bleib noch, bat sie, du himmlischer Sendbote, du Freund meines
Lebens. Aber der Falter mute weiter, und nun vernahm die Blume
pltzlich das Bitten, Rufen und Locken um sich her, von dem die ganze
Wiese in Farben und Dften erklang. Je mehr Insekten nun zu ihr kamen,
um so besser verstand sie ihre Schwestern umher und in der Ferne, sie
begriff, da sie ihr Lebensgre sandten und gab sie freien Sinnes
zurck, immer die strahlende Blte gegen die Sonne geffnet, als sei
keine Schuld und kein Fehl mglich, wenn sie sich ganz dem Licht
anvertraute.

So ging ihr erster Tag im Blhen dahin, sie durchlebte ihn wie alle
Glcklichen, ohne Bedenken und Rckhalt, ohne den Gedanken an sein Ende,
in ihrer schnen Pracht. Als die Sonne, mit der ihr Angesicht gewandert
war, hinter den Baumkronen im Grnen niedersank, begann sie sich langsam
zu schlieen, aber solange noch ein Strahlenabglanz des Lichts auf der
Erde widerschimmerte, wachte sie und lie ihn zu sich ein. Als aber der
Abendwind von den Saaten zu ihr kam, fand er sie stumm und verschlossen
im Dunkeln, als habe ihre Seele sich nie geffnet. Aber sie konnte auch
im Schlaf die Sonne nicht vergessen, die ihr ganzes Wesen durch und
durch erhellt hatte. Keine Finsternis kann mich mehr vom Licht trennen,
trumte sie, ich habe es mit meinem ganzen Wesen eingesogen, ich habe
das Glck der anderen und ihre Seligkeit erfahren an mir, nichts wird
meine Seele mehr vom ewig schnen Leben scheiden.




                            Neuntes Kapitel

                              Die Lerche


Eine Lerche verflog sich auf die Waldwiese, es war noch sehr frh, aber
Onna, die Bachstelze, war schon auf und sah die Lerche fallen.

Wie ist es? sagte sie zu ihr, wollen Sie hier bleiben, ich meine,
wollen Sie immer hier bleiben, wollen Sie sich hier auf unserer Wiese
niederlassen, oder wie ist es?

Guten Morgen, sagte die Lerche.

Onna erwiderte den Gru und nickte auf ihre wirklich entzckende Art,
wie nur Bachstelzen es knnen. Ihre Bewegungen waren viel anmutiger als
ihre Worte. Dann meinte sie, um nichts freundlicher:

Es ist hier wenig Aussicht zu gedeihlicher Ansiedelung, man findet wohl
was man braucht, aber nicht viel mehr. Im trockenen Schilf wohnt Josa,
die Ringelnatter, von der Eule in der Linde schweige ich, Sonne kommt
auch nicht eben viel her; also nun sagen Sie, was Sie wollen.

Ich will wieder fort, sagte die Lerche. Entschuldigen Sie, da ich
gestrt habe, aber ich war sehr hoch am Himmel, und das Licht der Sonne
hat meine Augen geblendet. Ich war so entzckt vom Glanz und der Khle,
da ich nicht mehr recht wute, wo ich mich niederlie, es war wie ein
heller, seliger Taumel, wissen Sie.

Taumel...? wiederholte die Bachstelze und wippte, und was reden Sie
da nur sonst noch, die Sonne ist ja noch gar nicht aufgegangen?

Doch, sagte die Lerche, hoch oben schien sie schon.

Aber Liebe! Wozu diese bertreibung? Wir sind hier unten einfache und
ehrliche Leute und haben nicht viel fr Fremde brig, die aufschneiden.
Schauen Sie doch hinauf in den Wipfel unserer Linde, Sie werden sich
rasch davon berzeugt haben, da die Sonne noch nicht aufgegangen ist.
Schn sind Sie brigens auch nicht gerade.

Nein, sagte die Lerche, ich bin nicht schn.

Nun, wenigstens darin sind Sie ehrlich, aber das mit der Sonne hat mir
nicht gefallen. Ich habe einmal ein Falkenpaar belauscht, das in der
Linde Rast hielt, und da hrte ich, da die Falken hher fliegen, als
die Kugel des Jgers reicht, ja, da sie sich so hoch emporschwingen
knnen, da sie, die doch groe Vgel sind, wie kleine Punkte am Himmel
erscheinen.

Die Lerche nickte. O ja, sagte sie nachdenklich, die Falken fliegen
sehr hoch.

Ja, nun, und----? Wollen Sie etwa sagen, da Sie hher fliegen knnen
als die Falken?

Die Lerche schwieg, aber die Bachstelze gab sich nicht zufrieden, denn
man mute nach ihrer Meinung sehen, da man berall Recht behielt, wo es
sich irgend einrichten lie.

Wie ist es denn mit dem Singen, meine Gute? sagte sie, haben Sie es
jemals zu einer rechten Melodie gebracht?

Die Lerche schttelte den Kopf. Ich mu immer jubeln, sagte sie.

Jubeln? Nun ja ... Haben Sie mal unser Rotkehlchen singen hren?

Doch, antwortete die Lerche, es hat mich sehr glcklich gemacht.

Nicht wahr? Sehen Sie, so was finden Sie bei uns auf der Waldwiese. Und
nun wollen Sie sich also hier ansiedeln?

Nein, ich fliege in die Saat zurck, aber vielleicht erlauben Sie, da
ich etwas Tau nehme?

Gut, sagte Onna, nehmen Sie also. Und sie schaute zu, wie die Lerche
trank, und es bereitete ihr Freude, sich so gut und gastfreundlich gegen
einen fremden Vogel zu benehmen, der weder ehrlich zu sein schien, noch
schn war, noch etwas Rechtes im Singen zuwege brachte.

Als die Lerche sich anschickte, davonzufliegen, kam durch die Blumen der
Elf. Sein lichter Schein begleitete ihn; wo er dahinschritt, blinkte der
Tau der Grser in der Morgenkhle auf, und die erwachenden Blumen
grten ihn mit feinem Luten und frischem Duft.

Ach, rief die Lerche entzckt und voll hchsten Erstaunens, haben
Sie hier einen Blumenelfen?

Das will ich meinen, sagte die Bachstelze und trat etwas zurck, damit
die Fremde den Elfen besser sehen konnte.

Aber da gewahrte auch der Elf die Lerche im Gras, und pltzlich breitete
er seine Arme aus, und mit erhobenen Flgeln eilte er auf sie zu:

O du! o du! rief er, und sein Gesicht leuchtete vor Glck. Ist es
denn wahr, eine Lerche ist zu uns gekommen? O sei gesegnet, du
Himmlische im Blauen, du liebliche Verknderin der Morgenfreude, o du,
die Sorgen und alle Traurigkeit der Nacht aus der strahlenden Hhe her
verscheucht, wie glcklich bin ich, da ich dich sehe.

Und er legte seine schimmernden Arme um den Hals des Vogels und barg
sein goldhaariges Haupt an der Brust der Lerche. Dabei brach er in ein
so leidenschaftliches Schluchzen der Freude aus, als sei ihm das grte
Glck widerfahren, das nur immer einem Elfen auf der Erde begegnen kann.

Ja, Herrgott, sagte die Bachstelze leise und kraute sich betroffen im
Nacken, das mu mir passieren, also gerade mir... Aber sie sollte
noch ganz andere Dinge erfahren.

Ich liebe dich, du schner Vogel, sagte der Elf zur Lerche, und sein
Lcheln, das durch die Trnen brach, war voll heien Danks. Du bist es
gewesen, die mich getrstet hat, als ich im Morgenrot den Weg in meine
Heimat nicht fand, durch dein Lied ist der Glaube in mein Herz
zurckgekehrt, da ich ihn einst wiederfinden wrde. Ich sah den
Menschen, der sein Tagewerk auf dem Acker begann, wie er seine Augen
glubig zu dir emporhob, dein Jubel segnete seine Arbeit und begleitete
sein Gebet in die Regionen der Herrlichkeit Gottes empor. So fllt dein
Gesang mit dem Tau durch die Frische zu uns Irdischen nieder, von deiner
Freude klingt die Morgenluft, die das Gemt von den Schatten der Nacht
erlst. Ich segne dich, du Verkndigerin des Lichts, ich danke dir aus
Herzensgrund.

Aber bitte, sagte die Lerche, beschmt vom Glck des Elfen, Sie sind
wirklich sehr freundlich zu mir. Ich tue ja nur, was ich mu, ich kann
nicht anders.

Ich wei es, antwortete der Elf, aber mein Herz mu lieben, alles was
berufen ist, die Schnheit der Welt in ihrem Sinn zu offenbaren, ich
lobe den Schpfer, wenn ich dich lobe, du kleiner Vogel.

Jetzt war Onna, die Bachstelze, doch gerhrt; sie trat ein wenig vor und
meinte:

Man htte das gar nicht gedacht, da die Lerche so viel bedeutet,
wenigstens ich nicht. Wie sie da so sa, im Gras ... unerfahrene Leute
htten sie fr einen Spatzen gehalten. Aber, es ist ja wahr, sie jubelt
morgens.

Der Elf lchelte auf so holdselige Art, wie nur er lcheln konnte, und
Onna sagte sich darauf innerlich: Mein Irrtum kann so schlimm nicht
gewesen sein, sonst wrde der Elf nicht lcheln. Da sagte er zu ihr:

Eine Lerche kann sich im Gras nicht bewhren, so wenig wie ein Falke im
Kfig, oder wie eine Blume im Schatten. Wenn du die Wesen der Schpfung,
wie auch den Menschen, erkennen willst, so mut du sie in ihrer Freiheit
aufsuchen. Die Lerche fliegt hher als alle anderen Vgel, nur die Adler
schwingen sich soweit empor wie sie, und nur im Fliegen vermag sie zu
singen. So ist sie uns von Gott zur frohen Botschaft der Hoffnung
gesetzt, die, frher als die Sonne, die Seligkeit am neuen Tag
verkndet.

Alle Achtung, meinte Onna, ich brchte das nicht fertig, aber ich
habe es nicht schlimm gemeint vorhin. Wer glaubt aber auch ohne
weiteres, da ein so kleiner Vogel hher fliegen kann als die Falken?
Sie soll sich denn also ruhig hier ansiedeln, die Lerche.

Das tut sie nicht, sie wohnt im Korn, meinte der Elf, und die Lerche
nickte und breitete ihre Flgel aus. Aber sie konnte sich noch nicht vom
Elfen trennen, immer mute sie ihn ansehen, als wrde alles in der Welt
reich und gut durch seine Nhe.

Wenn du einst heimfliegst, will ich singen, sagte sie endlich, und sie
nahmen voneinander Abschied; auch Onna wippte hflich und winkte der
Lerche nach, die mit einem hellen Triller der aufgegangenen Sonne
entgegenflog.

Da der Elf den Bach hinaufschritt, um Assap, den Frosch zu besuchen, der
schwer mit dem Leben zu kmpfen hatte, blieb Onna zurck, um
nachzudenken. So rasch wird man innerlich nicht mit einem Ereignis
fertig, das das Herz bewegt hat, man beschftigt sich am besten noch
eine Weile damit, dann wird das Gemt ruhiger.

Aber als die Bachstelze gefrhstckt und ihr Bad im Bach genommen hatte,
verga sie darber nachzudenken, auch trug sie kein Verlangen mehr nach
anderen Dingen, als im Glanz der warmen Sonne am Wasser zu sitzen und
berall umher zuzuschauen, wie schn das Leben war.




                            Zehntes Kapitel

                             Assap und Jen


Da nun von Assap, dem Frosch, die Rede gewesen ist, den der Elf
besuchte, will ich seine und die Geschichte seines Bruders erzhlen, es
ist immer gut, man wei etwas Nheres ber die Leute, mit denen man in
Berhrung kommt.

Assap war durchaus nicht etwa auf der Waldwiese geboren, sondern viel
weiter abwrts im Bach, dicht vor seiner Einmndung in den Eulensee, der
ganz zwischen uralten Weiden lag und seinen Namen von den Eulen bekommen
hatte, die ringsumher in den hohlen Weidenstmmen hausten. So hatte er
und sein Bruder Jen schon in frhesten Tagen zur Nacht den Eulenruf
gehrt, und da sich nach Meinung der Frsche nun einmal Unheil damit
verbindet, so hatte er nie so recht an eine aussichtsreiche Zukunft
geglaubt. Sie waren damals noch sehr jung, hatten gerade ihre Beinchen
bekommen, besaen aber noch ihre Schwimmschwnze, mit denen die jungen
Frsche sich anfnglich im Wasser fortbewegen. Das war ein Zustand, der
ihnen nicht besonders behagte, sie wuten nicht recht, ob sie sich noch
zu den Kaulquappen rechnen muten, oder ob sie schon zu den Frschen
gehrten. Immerhin, der Morgen war strahlend schn, und sie hockten
vergngt am Rand eines Huflattichblatts im sanft flieenden Wasser und
betrachteten den Morgenhimmel, der langsam blau wurde. Jen summte leise
seinen Frhgesang vor sich hin, leider dachte er sich nicht viel dabei,
was er eigentlich htte tun mssen.

    Gott, der du im Himmel bist,
    ber allem Leben,
    sorge, da hier Wasser ist
    und auch Land daneben.

    Segne unsrer Schenkel Schwung,
    sende groe Fliegen,
    nmlich ohne einen Sprung
    kann man sie nicht kriegen.

Assap nickte behaglich vor sich hin und dachte an die Zeit, in der der
Fliegenfang fr sie beginnen sollte. O, es mute eine groe Zeit sein!
Da schrie pltzlich sein Bruder Jen entsetzt auf und starrte, halb
umgewandt, mit einem Ausdruck von groer Bestrzung ins Wasser.

Mein Schwanz! rief er, er ist ab und schwimmt fort!

Assap sah ins Wasser. In der Tat, es lie sich nicht in Abrede stellen,
dort trieb der Schwanz seines Bruders in den Strudeln, drehte sich um
sich selbst und entfernte sich langsam immer weiter.

Das geht auf keinen Fall, rief Jen auer sich. Ich mu ihn
wiederhaben, er gehrt mir! Und er machte Miene, sich ins Wasser zu
strzen, um seinem Besitztum nachzuschwimmen; aber Assap, der berhaupt
der Besonnenere von den beiden war, hielt ihn zurck und sagte rasch:

Denk an die Hechte im Eulensee! Wenn der Bach dich in den See treibt,
kannst du sehen, wie du das Ufer ungefressen wieder erreichst. Was
willst du denn mit deinem Schwanz tun, wenn du ihn zurckhast?

Dem kleinen Jen kamen Trnen in die Augen, es war, als wrde er sich
dessen fr einen Augenblick bewut, da dort drauen im Bach seine
Kindheit schwamm, die nie mehr zurckkehren sollte. Aber er fhlte sich
doch recht getrstet, als sein Bruder mit einem bewundernden Blick
sagte:

Du siehst aus wie ein richtiger Frosch.

Der kleine Jen sah durch seine Trnen in die Flut nieder und versuchte
sich im Wasserspiegel an der Stelle zu erkennen, wo sein Schwanz nicht
mehr war. In der Tat, er sah ungemein erwachsen aus, abgerundet und
fertig.

Herrlich, sagte er, ganz still vor Entzcken. Httest du das
geglaubt, Assap?

Nun ja, meinte der Bruder, deutlich ein wenig von Neid geplagt, etwas
hnliches mute wohl eines Tages geschehen, der alte Burr sagte etwas
derart, als er einmal von den Mondkonzerten zurckkam. Alle Kaulquappen
verlieren ihren Schwanz eines Tages, um Frsche zu werden. Er sah vor
sich nieder und dachte nach.

Ach, es ist schade, da ich hier nicht vom alten Burr erzhlen kann, es
wrde zu weit fhren, aber er ist einer der erfahrensten Frsche des
ganzen Bachs, ja man kann sogar ruhig auch des Sees sagen; leider ist er
in seinen Gewohnheiten etwas heruntergekommen, aber ungemein witzig und
gescheit. Vielleicht, da ich in einem anderen Buch sein Leben erzhlen
kann, es ist auerordentlich abwechslungsreich, und er gehrt zu den
ganz seltenen Frschen, die einmal in der Gewalt des Storches gewesen
und wieder entronnen sind. Es kam, weil der Storch lachen mute, man
wei nicht worber -- jedenfalls glaubt Burr noch heute, da jener es
nicht gewagt htte, einen Mann von seiner Erfahrung als Nahrungsmittel
zu verwenden. Von ihm stammt auch das Volkslied, das noch viel im
Traulenbach und im Eulenteich von den Frschen gesungen wird:

    Ach, wie mir das Herz zergeht
    unter groem Weh,
    wenn der Mond am Himmel steht
    und zugleich im See.

    Meine Seele ahnt es dann,
    tiefbewegt und still,
    da der Frosch nicht fliegen kann,
    auch nicht, wenn er will.

Auch Assap und Jen kannten dieses Lied bereits, wenn sie auch bisher
noch keine Erlaubnis gehabt hatten, es ffentlich mitsingen zu drfen.
Aber in diesem Augenblick dachten sie an alles andere eher, besonders
Assap wurde immer nachdenklicher, je mehr er sich mit seinem Bruder
verglich, der nun ein fertiger Frosch geworden war. Und so pltzlich!
Niemand hatte vorher irgend etwas Bestimmtes vermutet.

Fa an, Jen, Bruder! rief er pltzlich, wir reien ihn aus!

Wen denn? fragte Jen etwas erschrocken.

Meinen Schwanz, Bruder. Es ist unmglich, da er noch besonders fest
sitzt, wenn der deine sich ohne besondere Mhe, ja geradezu von selbst
entfernt hat, bedenke, wir sind am selben Tag geboren!

Jen sah es ein. Wir wollen es versuchen, sagte er etwas unsicher.
Eigentlich wnschte er sich heimlich, es mchte nicht gelingen, denn er
wre gar zu gern eine Weile allein schon ein fertiger Frosch gewesen und
htte seinem Bruder davon erzhlt, wie es ist, schon erwachsen zu sein.

Sie muten einen Augenblick warten, denn es kam eine groe Latte den
Bach heruntergeschwommen, auf der zwei kleine Waldschnecken saen, grau
und klebrig, wie solche Tiere von Haus aus nun einmal sind, eine blaue
Fliege und ein Ohrwurm. Der Ohrwurm war sehr aufgeregt, er lief hin und
her und rief irgend etwas, indem er den Arm schwenkte. Die Frsche
verstanden nicht alles, es scholl etwa herber zu ihnen von verlassener
Heimat, Wanderfahrt und groem Strom. Endlich hrten sie noch:
Mein selbstgewolltes Erdenschicksal!

So fuhr er auf dem groen Holzflo dahin in der Sonne, und das
Uferschilf warf rasche Schatten, als ob man an einem Gitter
vorberfhre.

Assap schttelte den Kopf und sah dem Fremden nach:

Was will er denn? meinte er, er scheint ganz von Gott verlassen.

Vielleicht treibt das Holz eines Tages ans Ufer, er steigt aus und
grndet eine neue Heimat, meinte Jen nachdenklich; so was soll
vorkommen.

Assap nickte. Jetzt zieh, was du kannst, sagte er gefat, und Jen tat
es mit brderlicher Hingabe, bis der Schwanz glcklich ri und jeder von
ihnen nach einer anderen Seite ins Wasser strzte. Assap tauchte als
erster und nun auch als fertiger Frosch aus den Fluten empor, und die
Brder umarmten einander und beschlossen, ihr Leben lang in Treue
zusammenzuhalten. Es ist gewhnlich so, da man in einer glcklichen
Stunde des Erfolgs gern gute Vorstze fr die Zukunft fat, und das ist
auch durchaus so am Platz.

Leider wurde den beiden jungen Frschen keine Gelegenheit zur Ausfhrung
ihrer gemeinsamen Lebensfahrt gegeben, denn der kleine Jen geriet
unvermutet in die Gefangenschaft eines Knaben. Er tat alles, was ein
vernnftiger Frosch zu tun pflegt, wenn sich ein Storch, ein Mensch oder
sonst ein gefhrliches Wesen dem Bach nhert: er sprang ins Wasser,
tauchte unter und whlte nach Mglichkeit den Boden des Bachs auf, damit
er in der getrbten Flut nicht mehr gefunden werden konnte. Aber diesmal
ntzte es ihm nichts, denn der Knabe hatte ein Netz bei sich, das an
einer Stange befestigt war und vermutlich in der Regel dem Fang von
Schmetterlingen diente. Jen wurde emporgezogen, und als das Wasser im
Netz sich verlaufen hatte, zappelte er zwischen einigen Schilfhalmen auf
dem Grund und war fassungslos, weil er in keiner Weise an die
Mglichkeit einer solchen Einrichtung gedacht hatte.

Der Knabe sah erwartungsvoll in das Netz, und Jen entsetzte sich ber
die Maen ber die groen blauen Augen des Menschen, die unter gelben
Haaren, die im Sonnenschein funkelten, auf ihn niedersahen. Er hrte
eine frchterlich laute Stimme dicht ber sich und sah durch die Maschen
des Netzes einen zweiten Menschen ber die Wiese kommen, der sich nun
auch ber das Netz beugte, ebensolche Augen hatte, aber bei weitem
lngeres Haar und eine feinere Stimme.

[Illustration]

Es wurde mancherlei ber ihn gesprochen, die Laute kamen aus den roten
Mndern hervor, und man sah weie Zhne dahinter blitzen. Jen dachte,
whrend er verzweifelt an der Wand des Netzes emporzukommen suchte, es
mte doch hundertmal besser sein, in die Gewalt des Storches zu
geraten, als dem Menschen in die Hnde zu fallen. Was er rief und bat,
wurde nicht verstanden, soviel lie sich bald erkennen. Auch er verstand
die Laute nicht, in denen die beiden Menschen sich unterhielten.

Ach Gott, sagte der Knabe zu dem kleinen Mdchen, das mit ihm auf die
Sommerwiesen gelaufen war, es ist wieder nur ein ganz gewhnlicher
brauner, ich htte so gern einmal einen echten grnen Laubfrosch
gefangen.

Ja, antwortete das kleine, blonde Mdchen, es ist nur ein brauner,
aber er ist hbsch klein und nicht so garstig wie die groen.

Der Knabe schien zu berlegen. Ich will ihn jedenfalls mitnehmen,
entschlo er sich, fuhr mit der Hand in das Netz und ergriff Jen,
vielleicht versteht er doch etwas vom Wetter, oder ich kann es ihm
beibringen.

Er hatte Jens Bein erwischt, zog ihn daran empor und hielt ihn gegen den
Himmel. Das Mdchen ffnete eine ovale, grne Bchse, die ihr Bruder,
ber die Schulter gehngt, bei sich trug. Jen verschwand in der ffnung
wie im Rachen eines grnen Ungeheuers und hrte noch einen
ohrenbetubenden Knall, der wie ein Donnerschlag drhnte, denn die
Bchse mute rasch wieder zugeschlagen werden, weil noch eine ganze
Reihe andere Gefangene darin untergebracht worden war. Dann wurde es
dunkel.

Bald merkte er, da er sich in einem Gefngnis befand, aber zu seinem
Entsetzen wurde er gleich darauf gewahr, da er nicht allein war. Es
brummte, surrte und krabbelte rings um ihn her, in einem ganz
unbeschreiblichen Durcheinander von Beinen, Flgeln und feuchten und
trockenen Leibern. Dabei herrschte ein unertrglich scharfer Geruch von
allerhand Krutern und Blumen, mit denen die Bchse fast bis an den Rand
gefllt war. Das Entsetzen des kleinen Jen war um so nachhaltiger, als
beim besten Willen nicht das geringste deutlich zu erkennen war, und
wenn man schon einmal von Angst geqult wird, so wird sie durch die
Ungewiheit, die die Dunkelheit herbeifhrt, meist noch um vieles
grer.

Er hrte Klagerufe und tiefes Seufzen und so inniges Bitten um
Befreiung, oder wenigstens um etwas Licht, da ihm Trnen in die Augen
kamen, und er empfand, da um ihn her ein groes Sterben war, wie auf
einem Schlachtfeld. Er kannte die Stimmen der Blumen und Pflanzen nicht,
aber so viel lie sich ihrem Seufzen leicht entnehmen, da sie in groem
Elend waren. Dabei stie und schaukelte die Bchse erbarmungslos, und
man war beim besten Willen nicht in der Lage, eine bestimmte Stellung
einzunehmen, immer wieder befand man sich pltzlich anderswo.

Einmal kam Jen neben eine Blindschleiche zu liegen in der uersten Ecke
des Gefngnisses. Der Knabe hatte die Bchse abgehngt und ins Gras
gelegt, so da es einen Augenblick still geworden war.

Mein Gott, sagte die Schlange zu Jen, ist Ihnen so etwas schon einmal
passiert?

Wie kommen Sie darauf? fragte Jen, dies ist ja einfach unfalich. Wo
sind wir denn, und was soll das alles?

Der liebe Himmel wei es, seufzte die Schlange und wickelte sich auf.
Aber ich werde schon sehen, da ich entwische. ber eine solche
Behandlung lt sich berhaupt nicht reden. Wenn man noch giftig wre,
aber so...

ber ihnen flsterte es aus den Blttern hervor.

Ach, es war hell ber den gelben Blumen.

Es war ein Schmetterling, der mit gebrochenen Flgeln in die
Pflanzenstiele eingeklemmt war. Er lag im Sterben und sagte deshalb von
nun ab nichts mehr. Eine groe Weinbergschnecke, der sehr bel geworden
war, weil sie das Schaukeln der Bchse nicht vertragen konnte, sagte
schluchzend: Wenn ich nur mein Haus nicht bei mir htte, ich wrde
eine Geschwindigkeit an den Tag legen, die man so leicht nicht wieder
bei einem Tier fnde.

Nach einer Weile begann das unangenehme Rtteln von neuem, diesmal in
gleichmigen, derben Sten, denn der Knabe hatte sich versptet und
mute nun laufen, um womglich noch rechtzeitig zu Hause anzukommen.
Dort flog endlich das Gefngnis mit einem donnerartigen Krachen auf den
Tisch, und dann wurde es fr lange still und blieb unheimlich dunkel,
und jedes der gefangenen Tiere versuchte sich darber klar zu werden,
wieviel von seinem Leben noch brig war.

Jen machte noch eine Reihe angenehmer Bekanntschaften, aber es hatte
viel gegen sich, einander im Finstern vorgestellt zu werden, es kamen
die peinlichsten Verwechslungen vor, und die Stimmung war allgemein
gedrckt. Der einzige, der die Laune nicht verlor, war ein Grashpfer,
immer wieder glaubte er, sich durch einen Sprung aus seiner
Gefangenschaft retten zu knnen, aber jedesmal stie er aufs neue an und
fiel zurck, und man hrte ununterbrochen in kleinen Abstnden das
Ticken, das entstand, wenn er mit dem Kopf an die Wand stie. Als er
einmal auf eine Eidechse fiel, erregte er rgernis bei diesem gutmtigen
Tier:

Geben Sie endlich Ruhe, sagte sie mrrisch.

Ich kenne Sie berhaupt nicht, sagte der Grashpfer, reden Sie nicht
mit mir, wenn Sie nicht vorgestellt sind.

Dann springen Sie mir auch nicht auf dem Rcken herum, ohne
vorgestellt zu sein, gab die Eidechse rgerlich zurck.

Wenn Sie mich Ihren Buckel herunterrutschen lassen, rief der
Grashpfer, so deuten Sie doch damit bereits an, da Ihnen nichts an
meiner Bekanntschaft liegt. brigens, wenn Sie springen knnten, tten
Sie es auch. Jeder springt, wenn er kann.

Die Eidechse seufzte. Es war besser, nicht auch noch Streit anzufangen,
sie meinte deshalb nachsichtig:

Sie sollten sich die unglckliche Lage, in der wir uns alle befinden,
so weit zu Herzen nehmen, da Sie wenigstens nur bescheidene uerungen
tun.

Was ntzt mir Bescheidenheit, meine Liebe! rief der Grashpfer, ich
verlasse mich lieber auf meine Beine, mit ihnen komme ich weiter. Passen
Sie auf, sobald die Bchse geffnet wird, werden Sie sehen, wozu Beine
gut sind, wie ich sie habe.

Jen hrte aufmerksam zu. Wie interessant, dachte er, einmal vom
Charakter der Leute etwas zu erfahren, die man bisher nur gefressen hat.
brigens werde ich mir die Plne des Grashpfers zunutze machen und
springen, sobald das Gefngnis geffnet wird.

Dies geschah kurz darauf. Der Knabe hatte die ganze Familie um den Tisch
versammelt, auf den er seine Botanisiertrommel gelegt hatte, und war
willens, alle seine Lieben an der Freude teilnehmen zu lassen, die seine
Beute ihm bereitete.

Jen war durch den grellen Lichtschein geblendet, der pltzlich in die
Nacht des Kerkers drang, er sah anfnglich so gut wie nichts, nur einige
Menschenkpfe glaubte er zu unterscheiden, die dicht ber den Ausgang
gebeugt waren. Er dachte an die Plne des Grashpfers und sprang
blindlings drauflos, so hoch und weit er konnte. Er landete auf einer
harten blanken Platte, und in seiner Verwirrung achtete er nicht darauf,
da sich pltzlich die Hand des Knaben ber ihn legte und ihn fest
umschlo.

Die Hand war warm, bebte ein wenig und drckte heftig, aber gleich
darauf ffnete sie sich wieder, und Jen fiel zu seiner unaussprechlichen
Freude in klares Wasser, auf dessen Grund es von allerlei Pflanzen grn
schimmerte. So rasch er konnte, tauchte er unter und verkroch sich, so
gut es ging, unter Schilfblttern, etwas erstaunt darber, da sich der
Boden nicht aufwirbeln und das Wasser nicht trben lie.

Er ahnte nicht, wo er sich befand, noch wute er, da er ohne seinen
Willen durch seinen voreiligen Sprung zum Erretter eines groen Teils
seiner Leidensgefhrten geworden war, denn sowohl der Grashpfer wie ein
Teil der brigen Tiere hatten die allgemeine Aufregung benutzt, um sich
davonzumachen. Dies gelang ihnen in der Hauptsache deshalb, weil sich
die Erschlieung ihres Kerkers gottlob auf der Hausveranda zugetragen
hatte, die unmittelbar in den Garten fhrte.

Die Zeit verging langsam, und es wurde dmmerig, der Abend sank nieder.
Der kleine Jen hatte bald herausgebracht, da er sich nicht in der
Freiheit, sondern in einem engen, runden Kfig befand, dessen Wnde
durchsichtig wie Wasser waren, aber so hart wie Stein. Er hatte seine
Bemhungen aufgegeben, dieser Gefangenschaft zu entrinnen, sa still und
traurig an der glatten Wand und sah in die Abenddmmerung, in den Garten
hinaus. Einmal war der Deckel seines Kfigs geffnet worden, und jemand
hatte einen Grashpfer zu ihm ins Wasser geworfen, der nun ruhig, alle
Beine weit vom Krper abgespreizt, auf der Oberflche schwamm. Er war
tot. Jen glaubte in ihm seinen Gefhrten aus dem ersten Gefngnis
wiederzuerkennen, aber er war dessen nicht sicher.

Glaubt man etwa, ich fre den? dachte er. Hungrig genug war er, aber
kein gesitteter Frosch frit einen toten Grashpfer. Ein Grashpfer, der
verschlungen werden soll, mu springlebendig sein, munter und jung. Man
mu ihn noch eine ganze Weile im Magen rumoren fhlen, ganz von dem
angenehmen Kribbeln zu schweigen, das er verursacht, wenn er den Hals
hinuntergleitet.

Jen war unbeschreiblich traurig. Was sollte werden? Drauen ber dem
Garten ging der Mond auf und schien in den glsernen Kfig. Der tote
Grashpfer drehte sich langsam an der Oberflche des Wassers, und sein
Schatten bewegte sich, schaurig anzusehen, grau und gro auf dem
Fensterbrett, auf dem der Glaskfig stand. Dort sah Jen auch seinen
eigenen Schatten, rund und plump, wie einen feuchten Fleck zwischen den
silbrigen Streifen vom Wasser, vom Glas und vom Mondlicht. Alles war
fremdartig und unheimlich, und an Schlaf war unter diesen Umstnden kaum
zu denken. Einmal kam, gegen Mitternacht, eine Maus auf dem Fensterbrett
daher, sie sah durch das Glas, schien aber niemand zu erkennen und
entfernte sich dann rasch wieder, weil sie unten, in der Dunkelheit,
gerufen wurde.

Kurze Zeit darauf mute der kleine Jen doch aus Erschpfung eingenickt
sein und lange geschlafen haben, denn als er erwachte, war es heller
Tag, und drauen funkelte der Sonnenschein im Grnen. Der Knabe, der ihn
gefangen hatte, kam nach einer Weile und schaute neugierig durch das
Glas, wobei er seine Nase so dicht an die Wand des Kerkers drckte, da
sie an der Spitze glatt und rund wurde. Er ffnete den Deckel und nahm
Jen heraus, legte ihn auf ein weies Tuch, das er ber ihm
zusammenschlug, und dann rieb er ihn von allen Seiten, um ihn
abzutrocknen. Jen ging der Atem aus, er glaubte jeden Augenblick zu
ersticken. Hierauf wurde das Tuch wieder geffnet, und der Knabe rhrte
mit der einen Hand Farbe in einem kleinen Topf an, mit der anderen hielt
er Jen fest und begann dann ihn grn anzustreichen, denn er wollte einen
Laubfrosch aus ihm machen, der das Wetter ansagen sollte.

Jen kamen Trnen in die Augen, es war ihm unbegreiflich, weshalb dies
geschah, und zu seinem Schrecken sah er zuerst seinen schnen hellen
Bauch und dann auch den braunen Rcken und sein Gesicht ber und ber
grn werden. Man kann sich nichts Peinlicheres denken. Alle Anzeichen,
die Jen gab, um kundzutun, da er dagegen war, wurden miverstanden, der
Knabe pinselte eifrig weiter und lachte vor Vergngen, als Jen bald
darauf als ein grner Frosch auf dem Tisch umhersprang und berall
Flecken zurcklie, wo er gesessen hatte.

Jen selbst war so verwirrt, da ihm kein vernnftiger Gedanke mehr kam.
Er wurde wieder in seinen Kfig gesetzt, der nur noch wenig Wasser
enthielt, oben auf die Spitze einer kleinen Holzleiter, dort sollte er
trocknen, auch gehrte es sich sowieso, da er oben sa, denn das Wetter
war schn, und dann mu ein Laubfrosch oben sitzen und nicht unten im
Wasser. Jen galt nun als Laubfrosch und sollte die Verpflichtung
bernehmen, die man von solchem Tier erwartet.

Trauriger kann das Leben nicht mehr werden, dachte er und wnschte
sich, sterben zu drfen. In diesem Aufzug konnte er sich ohnehin nicht
mehr bei seinen Verwandten sehen lassen, und was wrde Assap sagen?

Als er sich nach einer Weile allein sah, stieg er gedankenvoll und
betrbt die Leiter nieder, um sich im Wasser etwas abzukhlen, denn die
Sonnenstrahlen fielen hei in seinen Kerker, und die Farbe brannte auf
der Haut. Aber kaum war er untergetaucht, als er gewahr wurde, da das
Wasser sich langsam grn zu frben begann, whrend sein Krper wieder
die alten Farben annahm. Jen glaubte, alles umher sei verzaubert, und
von Angst getrieben, kroch er rasch wieder die Leiter empor und sah
erstaunt auf das grne Wasser nieder. Der alte Burr aus dem heimatlichen
Bach mute doch im Recht gewesen sein, wenn er frher oft gesagt hatte:
Htet euch vor dem Menschen, er ist ein groer Zauberer.

Das Schicksal des kleinen Jen geht nun unendlich traurig zu Ende, denn
er ist von den Menschen vergessen worden und hat vor Hunger sterben
mssen. Es kam daher, da der Knabe, der ihn gefangen hatte, mit seinem
Schwesterchen in die Ferien reiste, und da gab es so vielerlei zu sehen
und zu erleben, da beide nicht mehr an Jen dachten, der in seinem
Glaskfig auf der Fensterbank der Veranda stand. Sie hatten nicht einmal
gewut, wie er hie.

Jen starb, nachdem er drei Tage und drei Nchte vergeblich auf Hilfe
gewartet hatte. Es war eine sehr schwere Zeit fr Assaps kleinen Bruder,
und es ist nur gut, da man im Traulenbach nichts von seinem Geschick
erfahren hat. Nun ist ein Jahr darber vergangen. In seinen letzten
Lebensstunden mute Jen oft an das klare Wasser des Bachs seiner Heimat
denken und an die wilden Rosen, die ber der Flut hingen. Mit solchen
Gedanken schlief er eines Abends vor Schwche ein und erwachte nicht
mehr. Es war am vierzehnten August.




                            Elftes Kapitel

                       Ukus Nacht mit dem Elfen


In der Nacht, die den letzten Ereignissen auf der Waldwiese folgte, fand
der Blumenelf auf seinem Mooslager keinen Schlaf; er sah hinaus in den
Mondschein, der dicht vor dem Ausgang seiner kleinen Hhle glitzerte,
und ihn verlangte danach, in die Freiheit hinauszukommen und in das Land
zu schauen. So flog er empor bis auf einen Ast der Linde, und sein
Leuchten begleitete ihn.

Die Welt war verklrt vom Licht des Mondes, der voll und rund hoch am
Himmel ber dem schlafenden Erdreich stand, inmitten unzhliger Sterne.
Da der drre Ast des Baumes vorragte, sa der Elf in der khlen, hellen
Luft zwischen Himmel und Erde, allein, wie er war, unter den vielen
schlafenden Geschpfen, unter denen er verweilen mute, bis eine groe
Liebe ihn zu seiner himmlischen Freiheit erlste.

Sein Goldhaar blinkte im Mond, wie einst, als er die Lilie verlie, um
das Glck eines irdischen Wesens zu werden. Er dachte an die kleine
Biene Maja, mit der er zu den Menschen geflogen war, und die nun in
hohem Ansehen bei den Ihren daheim in der Bienenstadt des Schloparks
weilte. Und die himmlische Ungeduld, der irdische Teil aller Wesen, die
das Gute von ganzem Herzen wollen, strahlte aus seinen Augen in ihrer
Traurigkeit.

Gibt es auf der Erde diese groe Liebe, die mich erlsen soll? dachte
er. Ich will nicht in Bangen leben, die Nacht ist wundervoll. Mir wird
geschehen, wie es im ewigen Rat bestimmt ist.

Er erschrak ein wenig, als ihn pltzlich jemand sanft, aber recht
vernehmbar, von der Seite anstie. Es war Uku, die Nachteule, die gro
und dunkel dicht neben ihm auf dem Lindenast sa und ihn mit ihrem
Flgel angestoen hatte.

Gute Mondfahrt, sagte sie bedchtig, aber herzlich, auf ihre Art, und
der Elf grte sie auf seine.

Du schlfst nicht? fragte Uku, dir ist wohl in der Khle und im
sanften Licht; ist es nicht so? Ich werde die Leute nie recht begreifen
lernen, die das grelle Sonnenlicht diesem milden Himmelssegen
vorziehen.

Lebst du hier immer in der Linde? fragte der Elf, der Uku
wiedererkannte.

Uku nickte. Ihr groes Gesicht mit den schwarzen runden Augen sah
merkwrdig genug aus, der kleine gebogene Schnabel hockte darin wie eine
Nase, und sie hatte eine seltsam melancholische Art, ihre Augenlider
ganz langsam zu ffnen und zu schlieen. Man unterschied in ihrem
weichen Gefieder kaum eine Frbung, es schimmerte grau und leblos, wie
die Schatten der Bltter am Stamm. Wre die vertrauensvolle Art des
Elfen nicht frei von Furcht gewesen, so htte ihn sicher ein heimliches
Grauen vor seiner lautlosen Nachbarin befallen.

Uku schwieg lange und sah ber die Felder auf das beschienene Land. Es
lag ein feiner Nebelschleier ber dem Korn, und von weit, weit her hrte
man das Bellen eines Hundes.

Ein stilles Land, sagte sie endlich und seufzte aus tiefster Brust
auf.

Der Elf wandte sich ihr zu und sah sie an.

Qult dich etwas? fragte er.

Ich kenne dich schon lange, entgegnete die Eule, ohne gleich auf seine
Frage zu antworten, ich habe dich unter Pflanzen und Tieren gesehen,
mit Faltern, Rehen und dem kleinsten Gewrm, und habe mir viele Gedanken
ber dich gemacht. Ich bin ein alter Vogel, und du, der so vielerlei
wei, wirst auch wissen, da ich es ernst nehme mit meinen Gedanken.
Manche fragen mich um Rat, und ich gelte als weise. Ich kann, was ich
sehe und erfahre, in meine Betrachtung der Welt einreihen, ich verstehe
es auf meine Weise, aber dich verstehe ich nicht. Es ist meine Art
nicht, viel zu sprechen, und auch du sprichst wenig. Dich liebt man,
obgleich du schweigst, und ich schweige, obgleich ich wei, da ich
deshalb nicht eben geliebt werde. Wenn ich es recht betrachte, so bin
ich den Tieren des Waldes, den Geschpfen des Tages verhat, du aber
bist geliebt, wohin du kommst, und tust nichts, um es zu erreichen.
Willst du nicht mit mir sprechen? Ich mchte verstehen lernen, was dich
so lieblich macht, du mut aus einer hellen Welt unvergnglicher Freude
stammen.

[Illustration]

Uku schwieg und sah nun mit weitgeffneten Augen in die Weite. Es war
so totenstill im Baum und umher im Umkreis, als seien die Zweige und
Bltter nicht aus zartem, beweglichem Lebensstoff, sondern erstarrt.
Nicht die Spitze eines Blttleins rhrte sich. Und ber der leblosen
dunklen Welt mit ihren schlafenden Geschpfen lag das weie, tote
Himmelslicht und die feuchte Khle der Sommernacht.

Der Elf hatte den Kopf geneigt. Nun warf er in holder Ruhlosigkeit sein
schimmerndes Haar zurck und sah gro und gerade hinauf in den Mond.

Uku, wie redest du denn? sagte er leise. Wre ich ein Wesen wie ihr,
so wrde ich leiden und mich freuen wie ihr, aber ich bin nur ein
verflogener Elf. Hast du nie von den Elfen gehrt, da du nicht weit,
woher sie stammen und wohin sie gehen?

Du liebst und leidest doch wie wir, sagte Uku, wenn du auch sagst,
da du es nicht tust. Ist nicht schon vieles in deinem Herzen anders
geworden?

Der Elf sah erstaunt auf, wandte sich der Eule zu, und seine Augen
leuchteten, als habe er ein Wort des Danks auf den Lippen, aber er sagte
es nicht, sondern barg pltzlich sein helles Angesicht in den Hnden und
schluchzte.

Siehst du, sagte die Eule, aber es klang unbeschreiblich liebevoll.
Sie war in der Tat ein weiser und erfahrener Vogel. Und sie schwieg,
denn sie wute, da Schweigen oft mehr Linderung bringt als die besten
Worte.

Nach einer Weile hob der Elf sein Haupt ruhig empor, man sah keine
Spuren von Trnen mehr in seinen Augen, und der Klang seiner feinen
Stimme war so klar, als wrde eine hohe Saite mit einem silbernen Hammer
angeschlagen. Doch hatte diese Stimme nichts Fremdes oder Besonderes,
sie war den vertrauten Lauten der Natur verwandt, dem Lied des Windes,
dem Gesang der Vgel oder dem Fall des Wassers. Uku war ganz betrt von
dieser Stimme, und ihr schien, als trumte sie, als der Elf sagte:

Wenn ich eure Freude und euer Leid teilen mu, so liegt es daran, da
ich mich verflogen habe. Meine Bestimmung war, ein irdisches Wesen zu
seinem hchsten Glck zu fhren und in die Helligkeit meiner Heimat
zurckzukehren, nicht aber unter euch zu verweilen. Nun ich aber an die
Erde gebunden bin, verwandelt ihr Wesen das meine langsam. So ist meine
Seele nun geteilt, Uku; sie war berufen, eure Freude und eure Betrbnis
zu verstehen, euer Verlangen und eure Schuld, sowie auch eure Schnheit
und eure Armut. Nur fr euch erwachte sie fr kurze Zeit. Die Aufgabe
meiner Seele war, alles zum Besten zu kehren, nach ihrer Kraft, und sie
selber bedurfte der Erlsung nicht, denn sie selber war damals noch
nicht an Vergngliches gebunden. So zog ich im silbernen Nachtfrieden
durch das Tal der Welt, selig, da ich beseligen durfte, wunschlos und
unaussprechlich frei. Aber nun ich durch meine Schuld an Vergngliches
gebunden bin, Uku, bedarf auch ich der Erlsung, denn ich habe die
irdische Sonne gesehen in ihrer Herrlichkeit, und wenn ein Elf sie
gesehen hat, so ist er an ihr irdisches Reich gebunden.

Verstehst du nun, warum mein Herz zerteilt sein mu? Bei meinem Wunsch,
nichts zu tun, als andere zu beseligen, empfinde ich nun auch das
Verlangen nach eigener Seligkeit, ich wollte Leiden lindern und sehe
mich nun in eigenes Leid verstrickt, ich wollte durch Freude Erlsung
bringen, und nun harre ich selbst der Erlsung vom irdischen Bann.
Daraus entsteht meine Traurigkeit.

Uku hatte sich in die Dunkelheit abgewandt und schwieg. Es bewegte ihr
Herz, was der Elf sagte. Nach einer Weile fragte sie:

So bist du nicht mehr glcklich, Elf?

Doch, antwortete der Elf, ich bin es.

Was macht dich glcklich?

Da ich lieben kann und Hoffnung im Herzen trage. Alles hat sich
verndert, seit ich die irdische Sonne an jenem Morgen gesehen habe.

Ja, ja, meinte Uku, es ist eine ganz neue Liebe in dir entstanden.

Sie kann nicht beginnen oder aufhren, sagte der Elf zuversichtlich.
Sie schlief in mir.

Wieder war es eine Weile still in der feierlichen Nacht zwischen diesen
beiden Geschpfen, der groen dunklen Eule, die wie eine unfrmige Figur
auf dem Ast hockte, und dem Elfen, der licht und zart wie ein kleiner
Engel neben ihr sa.

Bald darauf sagte Uku bedchtig und schlo fr einen Augenblick ihre
groen runden Augen, die, gerade wie beim Menschen, beide vorne
nebeneinander unter der Stirn saen:

Auf unser Volk ist im Lauf der Jahrhunderte viel Wissen berkommen und
hat sich getreulich vererbt, und so habe ich wohl immer erfahren, Elf,
da diejenigen Wesen, die Liebe im Herzen tragen, auch am
zuversichtlichsten auf eine Erlsung hoffen, aber glaube es mir, Uku,
der alten Eule: Nur wer wahrhaft weise ist, kann glcklich sein!

Nein, sagte der Elf mit seiner kindlichen Stimme, es ist umgekehrt,
nur wer wahrhaft glcklich ist, kann weise sein.

Uku war wirklich auerordentlich erstaunt ber diese Antwort des Elfen
und mute sich sehr lange besinnen, bis sie eine Entgegnung darauf
machen konnte.

Daran mu ich nun Nacht fr Nacht denken, sagte sie endlich langsam,
ich bin eine alte Eule geworden und kann meine Ansichten nicht mehr
ndern, aber soviel sehe ich aus allem, was du sagst und tust, du bist
ein himmlisches Kind. Die Frage, die zwischen uns aufgekommen ist, ist
so alt wie die Welt, um sie hat sich viel Streit der Gedanken auf Erden
erhoben, und manche Stirn voll Hoheit und Kraft ist darber ermdet in
die Nacht zurckgesunken. Denn die Wunden, welche die Gedanken schlagen,
sind brennender und bitterer als die Verwundungen jedes anderen
irdischen Kampfes. Aber davon sollst du nichts wissen, du Gesegneter in
deiner Einfalt. Was unser letztes Ziel ist, ist dir von Anfang
zugefallen. Dir und deinesgleichen, euch ist von den Heiligen der Welt
das Reich versprochen.

Der Elf sa ruhig mit gefalteten Hnden da und schaute ins Land, er
wehrte der Eule nicht, noch gab er ihr recht, man htte wirklich nicht
mit Sicherheit sagen knnen, ob er ihr zugehrt hatte. Er erhob
pltzlich seine helle Stimme und sang in die Nacht hinaus:

        Meine Heimat ist das Licht,
        heller Himmel meine Freude!
        Tod und Leben wechseln beide,
        aber meine Seele nicht.

        Trauer du, mein irdisch Los,
        ber deinen bittren Gaben
        will ich meine Seele gro,
        will sie stark und glnzend haben.

Ein Wind erhob sich mit leisem Erbrausen der Bltter und mit feuchter
Wiesenkhle und trug das Lied ber das schlafende Land dem Morgen
entgegen. Die Eule aber warf sich pltzlich in ihre weichen, lautlosen
Flgel, totenstill, wie ein Schatten, flog sie davon, ber die
Kornfelder, dem sinkenden Mond entgegen, der sich rtlich frbte. Eine
seltsame Traurigkeit begleitete sie und doch zugleich eine tiefe
Beseligung. Sie sah das Land, das sie berflog, die cker, die Wlder
und Wiesen mit ihren Weiden und die Huser der Menschen, die dunkel und
lichtlos zwischen Bumen lagen, in der verschleierten Ebene. Alles
erschien feierlich und zu Groem bestimmt, wie auch uns Menschen
bisweilen die Dinge erscheinen knnen, wenn Musik erklingt.




                           Zwlftes Kapitel

                                Traule


Ein warmer Frhlingsabend zog ber die Waldwiese und ihre Leute, es war
einer von jenen unbeschreiblich klaren Abenden, die die Herzen aller
Wesen in einen Frieden versenken, wie niemand ihn nennen kann. Die Sonne
ging langsam hinter einer schmalen Wolkenbank unter und umzog ihre
Rnder mit einem strahlenden Feuerband, als flsse glhendes Gold in
unversiegbaren Strmen um sie her, und in weiter Ferne funkelte ein
leuchtendes Wolkengebirge, schneewei und blutigrot. Es ging eine solche
Klarheit und Ruhe von diesem gewaltigen Bild am Himmel aus, da niemand
an nahe oder kleine Dinge zu denken vermochte, alle Gedanken wurden weit
emporgehoben in diese Freiheit der Himmelsform, so da sie ber die
ganze Erde Ruhe und Glck verbreitete.

Ein Abglanz dieser Schnheit sank auch bis tief hinab in die
heimlichsten Grnde der Waldwiese, er rieselte durch das Laub der alten
Linde nieder, als wrde das Abendgold von ihren hchsten Wipfeln vom
Windhauch niedergeschttet. Die Blumen konnten nicht schlafen vor Glck,
immer noch kamen Kfer und Schmetterlinge zu ihnen, ruhlos vor
Seligkeit, doch leise und beinahe geheimnisvoll, weil sie nicht stren
wollten in dieser Andacht, in der mit dem khlen Wind die Trume
herangaukelten, um in die Seelen der lebendigen Wesen einzuziehen.

Da breitete sich ein kaum vernehmbares Rauschen ber die Wiese und ihre
Bewohner aus, es kam von der Linde, durch die der Abendwind zog, und nun
wuten alle, da der alte Baum, noch vor der Ruhe der Nacht, seinen
Schtzlingen eine seiner Geschichten von den Menschen erzhlen wollte,
und die leise Bewegung aus den Zweigen der Linde teilte sich den Grsern
und Blumen und allen Tieren mit in einer frhlichen Erwartung. Was
konnte es Schneres geben, als am Frhlingsabend seine Augen zu
schlieen und einer so liebevollen Stimme zu lauschen, die noch nicht
schlafen wollte und doch die khle Ruhe der Nacht nicht strte, die
verstand, da das Glck eines genossenen Tages sowohl den Schlaf
fernhalten kann, wie auch ein groer Schmerz es vermag. Aber beide,
Freude und Schmerz, haben in der Klarheit eines scheidenden Tages ein
milderes Wesen, als ahnten sie, da, wie nun Licht und Finsternis in der
Natur, so auch Freude und Schmerz in den Herzen der irdischen Geschpfe
wechseln mssen.

Aber als eben die Linde beginnen wollte, erhob sich im Busch ber dem
Bach noch einmal die Stimme des Rotkehlchens. Es erklang im goldenen
Licht ein so lieblicher Jubel, da man fr einen Augenblick seine Augen
schlieen mute, als gelte es, die Lichtquellen zu bewahren, die im
Gemt bei diesen Tnen aufbrachen. In der Dmmerung, unter den
geschlossenen Lidern, war es, als htten das Windesrauschen, der Klang
des Bachs und das Lied des Vogels sich zu einer einzigen Harmonie
vereint, die das Glck aller Wesen wie einen frohen Dank dem himmlischen
Vater emportrug.

Als das Rotkehlchen sein Lied beendet hatte, flog es empor in die Krone
der Linde, die es in ihrem goldgrnen Glnzen empfing, und lauschte nun
dem Rauschen des mchtigen Baumes, wie alle anderen Geschpfe es taten.
Nun werde ich erzhlen, was sie vernommen haben.

Heute sollt ihr erfahren, begann die Linde ihre Geschichte, woher der
Traulenbach, an dem wir alle wohnen, seinen Namen erhalten hat. Es sind
nun wohl nach der Zeitrechnung der Menschen etwa dreihundert Jahre her,
da trug sie sich zu. In diesem Zeitraum sind ungezhlte Menschen geboren
worden und gestorben, aber wenn sie sich auch oft recht verschiedenartig
gebrdeten, anders sprachen oder dachten und ihre Gewohnheiten nderten,
so sind sie doch immer dieselben geblieben, und dies ist wahr fr die
ganze Zeit meines langen Lebens. Im tiefsten Grund bewegen ihr Gemt
doch nur zwei groe Fragen, um sie dreht sich ihr irdisches Geschick,
wie auch das unsere, es sind die Fragen danach, was das Herz froh macht,
oder was es betrbt. Alle anderen Fragen verlieren bald an Wert, alles
andere vergeht rasch auf der Erde.

Und so sind sich durch alle Zeiten auch zwei Dinge an den Menschen
immer gleich geblieben, das sind die Zeichen fr die Freude und fr den
Schmerz, ihr Lachen und ihr Weinen. Nicht viele von euch sind alt genug
geworden, und lngst nicht alle werden alt genug werden, um jemals eines
von den beiden zu erleben, aber glaubt mir, es gibt nichts, was tiefer
erschttert und inbrnstiger bewegt, als das Lachen oder das Weinen der
Menschen. Beide mssen so unvermittelt aus den Grnden ihres Herzens
brechen, wie das Licht aus den Feuerschlnden der Sonne, oder wie ein
Quell aus den Tiefen eines Felsens. Niemals, solange ich Menschen
gesehen habe, sind ihr Weinen oder ihr Lachen anders geworden, und so
kann auch ihr Herz sich nicht verndert haben. Immer noch bricht es
ihnen aus den Augen, wenn sie Schmerzen erleiden, in den gleichen klaren
Tropfen wie am Anfang, sie sind nicht kleiner und nicht grer geworden,
sie rinnen ber ihre Wangen zur Erde nieder, wie helles Blut, eine nach
der andern, unbeschreiblich geheimnisvoll, als ob der Glanz der Augen
und das Licht darin nicht mehr zum Himmel emporstrebten, sondern zur
dunklen geduldigen Erde heimverlangten. Wer einen Menschen weinen sieht,
wird andchtig, alle guten Seiten seines Wesens regen sich und trachten
danach, etwas zu tun, damit die Trnen des anderen aufhren zu rinnen.

Aber glaubt nicht, da das Lachen der Menschen von geringerer Macht
sei. Ein heiteres Lachen, das aus tiefster Brust emporquillt, ist dem
Sonnenschein ber grnendem Land oder einem Springquell zu vergleichen,
der aufleuchtend und wie berauscht von seiner Frische, ins strahlende
Himmelsblau emporbraust, um beseligt von der reinen Hhe, die seine
Kraft erreicht hat, wieder niederzubrechen. Glockenklingen, hell wie ein
Meer von Blten, und das farbige Blitzen der zerbrechenden
Sonnenstrahlen luten und funkeln darin, aber zu tiefst im Lachen der
Menschen erschallt es fein und verborgen von einem heimatlichen
Bewutsein des Glcks, als wren sie in solchen Augenblicken am Herzen
der Erde geborgen.

Sagte ich euch nicht schon, weil beides sich in aller irdischen Zeit
nicht verndert hat, da auch das menschliche Herz im Grunde keinem
Wandel unterstellt sein kann? So treffen alle wahren Geschichten ber
die Schicksale der lngst dahingesunkenen Menschen auch auf die heutigen
noch zu und um so eher, je schner sie sind. Denn alles Schne ist so
eng mit dem Wahren verbunden, wie das Unwahre mit dem Hlichen, daran
kann niemand etwas ndern, denn es ist so in Gottes Rat bestimmt.

Traule war die Tochter eines Jgers, der sein Haus nicht weit von
unserer Wiese entfernt stehen hatte, dort wo jetzt das Erlendickicht und
die alten Fichten wachsen. Ihr knnt nicht bis dort hinberschauen, die
ihr Blumen oder Strucher seid, aber ihr wit durch die Bienen und
Schmetterlinge von dem Ort, oder durch die Vgel. Das Haus ist lngst
verfallen, und seine Mauerreste sind berwachsen, der Ort ist euch und
euren Vlkern zurckgegeben, ich glaube auch nicht, da es noch Menschen
im Lande gibt, die von dem Hause wissen. Die Tannen hat der Jger um die
Zeit gepflanzt, in welcher Traule geboren wurde; auch sie kennen die
Geschichte des Mdchens, aber nicht so gut wie ich, denn wenn Traule
besonders froh oder traurig war, kam sie auf einem Waldpfad, den nur sie
kannte, zu mir, um auf dem Moos unter meinen Zweigen am Bach zu weilen.
Wir kannten uns gut und liebten uns sehr. Einmal, in der Zeit, nachdem
ihre Mutter gestorben war, kam sie zu mir, legte ihre Arme um meinen
Stamm und sagte zu mir: 'Bei dir ist mir ums Herz, wie mir bei meiner
Mutter war, du nimmst mich an, wie ich bin, du spendest deine Wohltaten,
ohne nach meinem Wert zu fragen, und die Ruhe, die dein Wesen atmet,
ist, ohne meine Bitte, immer vorhanden.'

Die Menschen fhlen, da wir geduldiger als sie sind, und darum trstet
unser Wesen sie, das nicht, wie das ihre, leicht in Hoffnung oder Angst
in die Irre geht. Traule war wunderschn zu schauen, wie berhaupt die
Menschen das Schnste und Erhabenste sind, was die Natur hervorgebracht
hat. Ihr Gang ist aufrecht, und ihre Stirn taucht in das himmlische
Licht empor, das ihre tiefen Augen widerstrahlen knnen, als lebte der
Glanz der Hhen in ihrer Brust. Ihnen ist Macht ber alle Wesen der Erde
gegeben, ihr Bild ist in Gestalt und Anmut dem Schpfer alles Lebendigen
hnlich, und ihre Seele ist unsterblich wie das Licht der Welt. Nichts
gibt es, was den Menschen gleichkommt! In den Zgen ihrer Angesichter
spiegeln die Lust und der Gram alles Irdischen wider, wie meine Bltter
es im Wasser tun, so beweglich und geheimnisvoll, ihnen ist der Hort der
unvergnglichen Liebe anvertraut, und Gottes Sohn ist um ihretwillen
gestorben. Wohl haben viele Menschen vergessen, wieviel sie wert sind,
aber Gott vergit es nicht.

Kurze Zeit, nachdem Traules Mutter gestorben war, kam eines Tages zu
Pferd der junge Herr vom Schlo durch den Wald geritten in einem
Reiterkleid aus Samt, einer weien Feder auf dem breitkrempigen Hut und
einem Degen an der Seite. Es war ein herrlicher Anblick, ihn so auf
seinem weien Pferd durch den Frhlingswald reiten zu sehen, im Grnen,
unter dem Jubel der Vgel dahin, unter dem schimmernden Himmelsblau.
Traule hatte am Bach in meinem Schatten geschlafen, nachdem sie zuvor im
klaren Wasser gebadet hatte, und sie erwachte vom Klirren der Zgel, die
mit Silber verziert waren, und vom Schnauben des Pferdes.

Aber nicht weniger erstaunt als sie war der Grafensohn, denn er sah
Traule vor sich im Moos, das Angesicht mit dem goldenen Haar in heiem
Schreck erhoben und eine Flut von Morgenlicht und Vogeltrillern um die
Schlfen. Es strahlte ihm aus den blauen Augen des Mdchens entgegen,
als htten aller Frohsinn des Frhlings und alle Schwermut der
Waldeinsamkeit sich darin in einem blauen Glhen vereint. Sein Entzcken
ber Traules Anblick war so gro, da er die Hnde emporhob, als wollte
er ihr aus seinen Armen den Jubel seines Herzens darreichen.

Beide waren eine Weile still, und man hrte das Wasser des Bachs, so
leise es flo, und die Blumen neigten sich an ihren Stielen im Wind, als
ahnten sie, da ein Menschengeschick auf den Lichtwegen der entzckten
Augen seinen Einzug in die warme Brust, tief in die Kammern des Herzens
hielt.

Und so ist es gewesen. Ich habe niemals etwas Lieblicheres gesehen, nie
etwas Schneres als Traules Freundschaft mit dem jungen Herrn, der
vornehm und mchtig war, und dem alles Land umher einmal gehren sollte.
Er kam nun tglich zu Pferd durch den Wald, bald im Morgenwind, bald im
Dmmerlicht der blauen Abendstunden, mit Lachen und Rosen und so viel
Zrtlichkeit, wie selbst der Sonnenschein oder die Mailuft sie nicht
gewhren. Glaubt mir, ihr alle, das ist das lieblichste Wunder der Welt,
wenn ein von Glck berwltigtes Menschenkind, von seiner Liebe glhend,
nicht wei, wie es seine Seligkeit bergen oder zeigen soll. In solchen
Stunden sehen die Augen der Menschen den Himmel geffnet bis an den
Thron der Herrlichkeit. Wer nur eine solche Stunde in seinem Dasein
durchlebt hat, den kann keine Gewalt im Himmel und auf Erden mehr von
seiner zuknftigen Heimat trennen.

[Illustration]

Der Jngling lag in Traules Arm und lachte oder schlief, oder sie sahen
miteinander dem Spiel des Lichts auf dem dahinziehenden Wasser zu, oder
der Wanderschaft der Wolken im Blau. Das Mdchen flocht Krnze aus
Anemonen und legte sie bald um sein Haar, bald um das ihre; aber der
Ausdruck ihres Gesichts war am geheimnisvollsten, wenn sie die Zge des
Mannes, den sie liebte, betrachtete, wenn er schlief. Dann habe ich
wahrgenommen, da das berma der Freude den Angesichtern der Menschen
einen Zug von Schmerz aufprgen kann, als bestnde ihr ganzes Wesen aus
Heimweh.

Die Schwermut und der Frohsinn wechselten einander ab in den freien
Stunden der beiden jungen Menschen im Wald. Sie hielten einander oft
umschlungen wie Kinder und spiegelten sich lachend im Bach, und ihre mit
Blumen geschmckten Stirnen blinkten aus dem Wasser zurck. Aber ihr
Glck verwandelte sich oft jhlings, und ohne da ein Anla erkenntlich
war, in Schwermut. Dann lag Traules Kopf weit zurckgelehnt an der
Schulter ihres Freundes, sie faltete die Hnde in ihrem Scho, und die
Augen suchten eindringlich und hei in der Ferne. Es war seltsam genug,
ihre Blicke blieben im strahlenden Grn der Waldbsche hngen, ganz nah,
und doch tauchten sie in unabsehbarer Ferne unter. Diese Ferne mu in
den Augen der Menschen beschlossen liegen. Menschliche Augen sind ein
Wunder der Schpfung, in einem kleinen, kleinen Kreis leuchtet die Weite
der Welt.

Wir alle, die wir Pflanzen sind, ihr Blumen in meinem Schatten, Kruter
und Gras, wir wissen es, und es ist das Gesetz und der Glaube unseres
Lebens, da die Geduld unsere teuerste Pflicht ist. Ihr danken wir
Gedeihen und Erblhen, Wachstum und Samen. Wir knnen den Ort unserer
Entstehung unser Leben lang nicht wechseln, uns kommt aller Segen aus
unserer Geduld, in welcher wir Sonnenschein und Regen erwarten und auf
uns niedersinken lassen, in der wir dem feuchten Erdboden vertrauen und
dem unsichtbaren Wind. Auch den Menschen gilt Geduld als Tugend. Aber es
gibt etwas in der Welt, das hher als Geduld ist, das ist die himmlische
Ungeduld. Uns ist sie fremd, wir ahnen sie in unseren Trumen, aber sie
erhebt oder qult uns nicht, wie sie es den Menschen tut. Mit allem
Groen, was ihnen widerfhrt, kommt diese himmlische Ungeduld ber sie,
am strksten mit der Liebe. Alles Groe, was in der Welt an Taten
vollbracht worden ist, hat seinen Ursprung in jener himmlischen
Ungeduld. Der Tag wird kommen, an dem ich euch von ihr noch viel
erzhlen werde. In solchen Augenblicken, wie ich sie euch von Traules
Schwermut genannt habe, brach auch aus ihren Augen die himmlische
Ungeduld hervor, und sie weinte mit unbewegtem Gesicht vor sich hin, und
ihr Freund verstand ihre Trnen und wehrte ihnen nicht.

'Hre, Traule,' sagte er liebreich zu ihr und sah das Mdchen nicht an,
sondern hinaus in die schimmernde Waldweite, 'die Freude und der Schmerz
entspringen in unserer Brust der gleichen Quelle, und wenn die Grnde
der Tiefen erschlossen worden sind, so strmen die Bche des Leids wie
die der Freude ohne unseren Willen oft gleicherweise hervor. Aber wie
tausendmal schner ist es so, als wenn das Leben an den Tren des
Herzens vorbergeht, ohne sie erschlossen zu haben. Ach, Traule, ich
liebe mein Leben sehr, seit ich dich liebhabe, ich habe alles Vergangene
vergessen, und mit dir ist jede Zukunft leicht zu ertragen.'

'Ich bleibe immer bei dir,' antwortete Traule, 'bis an mein Todesende.'

Da geschah eines Abends das Schreckliche, das den ganzen Wald mit
Entsetzen und Trauer fllte, es trug sich auf unserer Wiese zu, dort wo
ihr nun blht, nah am Ufer. Der junge Herr war frher als gewhnlich
gekommen, sein Pferd graste weiter unten am Bach, hinter Bschen; es
wollte ein Ungewitter heraufziehen, am Himmel stand eine Wolkenwand und
schob sich langsam ber das Land empor, von der Abendsonne beschienen.
Die Vgel sangen noch, aber der Sommer war schon nah.

Da Traule noch nicht kam, warf der Grafensohn sich ins Gras nieder,
trank aus der hohlen Hand Wasser und blieb endlich still auf dem Boden
liegen, die groen Augen weit und glcklich gegen das Himmelslicht
geffnet. Sein helles Lockenhaar ringelte sich wie in kleinen Goldbchen
ins Rasengrn, und in einem seligen Traum seiner Erwartung, fern allem
Bsen der Welt, lauschte er auf Traules Tritt im Laub.

Aber pltzlich schreckte ein anderes Gerusch ihn empor, ein Rascheln
und Zweigeknacken im Gebsch erscholl und ein zorniges Brummen mischte
sich hinein. Es war, als wre pltzlich ein Sturm des Bsen im
friedlichen Gehlz ausgebrochen, und es nahte rasch heran, mit schwerem
Tappen. Als der Jngling erschrocken emporsprang und nach seinem Degen
griff, den er neben sich ins Gras geworfen hatte, teilten sich schon vor
ihm die Zweige ber dem Boden und spien den dunklen Kolo eines
gewaltigen Bren aus, der sich auf seine Hinterbeine aufrichtete und mit
lautem Gebrll auf den zu Tode erschrockenen Menschen zustrmte.

Aus dem weitgeffneten Rachen des Raubtiers blitzten die Zhne, und sein
dampfender Odem quoll mit dem Brllen hervor, wie Rauch eine heulende
Flamme begleitet. Er hielt seine Vorderbeine mit den mchtigen Pranken
zu einer schrecklichen Umarmung weit geffnet, es war ein altes,
verbittertes Tier, das durch irgendein Ereignis in Zorn geraten sein
mute und nun den unschuldigen Menschen zum Ziel seines Grimms machte.

Was half dem Bedrohten sein zierlicher Degen und sein mutiges Herz. Er
war aufgesprungen, hatte seine Waffe ergriffen und erwartete nun,
totenbleich, aber gefat und standhaft, den Ansturm des wilden Tiers. Er
zielte mit der Spitze des Degens mitten in den blutigroten,
weitgeffneten Rachen und stie, als das Ungeheuer ihn nahezu erreicht
hatte, mit edlem Geschick und der ganzen Kraft seines Armes zu, aber ein
unvermuteter, rascher und wilder Tatzenhieb traf die Waffe, bevor die
feine Spitze einzudringen vermochte, und warf sie so mhelos zur Seite,
als wre sie ein ungefhrliches Spielzeug.

Ich will euch den kurzen furchtbaren Kampf nicht schildern, der nun
folgte, und in welchem der junge Mann der Kraft des Raubtiers erlag.
Wohl eine Stunde spter kam Traule singend den gewohnten Waldpfad
entlang, ahnungslos; die Vgel sangen auch in der Abendsonne, die ihr
rotes Licht so friedlich auf die Stmme der Waldbume legte, als gbe es
kein Ungemach, kein Todesringen in der Welt.

Traule fand den Freund ihres Lebens tot am Bach. Sein Lockenhaar
ringelte sich wie in kleinen Goldbchen in das zerstampfte Rasengrn, er
lag mit weit ausgebreiteten Armen, die Augen geffnet, als lauschte er
immer noch, wie zuvor, auf Traules Tritt im Laub. Denn der Br hatte von
ihm abgelassen, nachdem er ihn in seiner mchtigen Umarmung erdrckt
hatte, sein Grimm schien verrauscht, als sein Opfer sich nicht mehr zur
Wehr setzte und ins Gras sank. Er war brummend und fast wie beschmt ins
Dickicht getrottet, vielleicht ahnte er in seinem Sinn die wilde
Treibjagd, die bald darauf vom Schlosse aus beginnen sollte, um den Tod
des jungen Herrn an ihm zu rchen.

Jedoch in der Brust des Jnglings, nahe dem Herzen, hatte ein Tatzenhieb
des Bren das Blut zum Flieen gebracht, und es rann immer noch in
einem feinen roten Bchlein aus der zerstrten Brust in die Blumen, als
Traule kam. Die Abendsonne war nun im Haiderot versunken, hinter den
Kornfeldern, und der Wald wurde dunkel. Traules schwere Nacht begann.
Ich habe alle Stunden hindurch gewacht, ich sah den Mond kommen und
sinken, und der Gang der Sterne segnete uns, aber ich habe nicht einen
Klagelaut unter meinen Zweigen vernommen, kein Geschrei und kein
Seufzen. Es war so still ber den groen Schmerzen am Grund, da mich
Ehrfurcht befiel vor ihrer Allmacht. Einmal war mir, als she ich ein
Leuchten, ich wei es nicht, ich klagte im Nachtwind um Traule, denn
ihrem Geliebten war wohl, er schlief den Schlaf der Erlsten, aber sie
mute leben. Die Pflanzen und Tiere klagten um das verlorene Liebesglck
der Menschen, und es ging eine Angst durch diese bange Nacht ber die
dunkle Erde, die ihren Mund aufgetan hatte, um das Blut des Menschen zu
trinken.

Traule lag ber dem Toten, so erstarrt vom Gram ihrer Seele, als sei
auch sie gestorben, sie bedeckte den Krper, den sie liebte, mit dem
ihren, und ihre kleinen braunen Waldhnde hielten zur Rechten und Linken
sein Gesicht.

Mit dem Morgenwind hallte der strmische Ruf einer Trompete durch die
Dmmerung. Eine zweite fiel aus anderer Ferne ein, und ihr wildes,
angstvolles Mahnen weckte den Wald. Sie suchten den Grafensohn. Sein
Pferd war nachts ohne den Reiter in den Schlohof getrabt, da erkannten
sie, da ein Unglck geschehen sein mute. Bald mischte sich das Bellen
von Hunden in den Hrnerklang, und da wute ich, da sie den Toten
finden wrden, denn ein Hund ruht nicht, bis er die Spur seines Herrn
aufgenommen hat, und findet ihn immer.

Ich rauschte im Frhwind und warf meinen Tau auf Traule, denn mir war,
als drften die rauhen Mnner sie nicht in ihrem Schmerz finden. Und das
Mdchen, das mich liebhatte, verstand die Warnung meiner Stimme und
erhob sich langsam und lauschte in die feuchte Dmmerung hinaus. Wie
erschrak ich da ber ihr Angesicht! Es war bla wie das des Toten, und
der Geist einer Trauer ohne Ende brannte wie ein heiliges Feuer in ihren
groen Augen, die noch keine Trnen gekhlt hatten. Aber sie war eigen
gefat, beinahe still, drckte die Augen des Toten zu und kte ihn zum
Abschied auf den Mund. Dann lauschte sie noch einmal hinaus, ob die
Menschen kamen, und wandte sich ab, um vor ihnen in den Wald zu
flchten. Es war ein seltsames Mdchen, Traule, nach der unser Bach
genannt worden ist, sie war anders als alle Mdchen, die ich
kennengelernt habe, aber an sie mu ich am meisten denken.

Bald darauf kamen die Reiter und Fuleute mit Hunden und Waffen durch
das Dickicht und fanden ihren toten Herrn am Bach. Zuerst vernahm ich
die klagende Stimme eines heulenden Hundes, dann mischte sich ein
gellender Notschrei des Schreckens hinein, und bald war der morgendlich
stille Wald von Jammer- und Zornrufen der Menschen erfllt.

Als es still geworden war, und die Vgel wieder ihre Lieder anstimmten,
machten die Mnner aus sten, die sie aus meiner Krone brachen, eine
Tragbahre, legten den Leichnam auf die Bltter und trugen ihn davon, in
einem dunklen Trauerzug, in dem sie gebeugt und weinend dahinschritten.
Aus der Ferne hrte ich noch einmal die Stimme der Trompete ber die
Felder hin durch das Tal erklingen. Ihr Goldklang wiegte sich dahin in
unbeschreiblicher Traurigkeit, ich dachte an den Sturm im Herbst und
erzitterte. Nun hatten sie auf dem Schlo die Kunde vernommen, da der
junge Herr hatte sterben mssen.

Ich dachte an Traule, das Kind, und wute, da sie wieder an die Sttte
zurckkehren wrde, an welcher ihr Freund den Tod erlitten hatte. Tag
fr Tag kam sie um die Stunde der Dmmerung zu mir, lehnte sich an
meinen Stamm und weinte. Sie sagte mir alles, was ihr Herz wund machte,
denn sie verstand meine Antworten nicht, sondern nur meinen Willen,
alles zu heilen, den die Natur an uns bewhrt, und unter dem ich von
Jugend an gewachsen war und geblht hatte. Meine Blten waren nun
aufgebrochen, und die Vlker der Bienen brausten in der warmen Sonne um
meine Krone.

Traule lag nachts unter meinen Zweigen auf der kleinen Wiese, am Boden,
allein. Was htte ich nicht getan, um ihr Leid zu lindern, aber ich
konnte es nicht, obgleich ich fhlte, da das Mdchen nur bei mir sein
wollte. Ihr Angesicht war schmal geworden, und ihre groen Augen
leuchteten zu viel, in unirdischem Schein, mir war angst und weh um
Traule. Einmal hrte ich sie leise des Nachts singen, Sterne schienen,
und der Bach zog im weilichen Dmmerlicht dahin, khl in seiner
gelinden Eile. Traule aber sang:

    Nimm mir nicht den Schmerz,
    den la mich haben.
    Gib meinem Herzen mehr
    deiner himmlischen Gaben.

Immer wieder hlt es mich davon ab, in der Erzhlung von Traules
Geschick fortzufahren, weil ich euch vom Menschen selbst so vielerlei
sagen mchte, denn ihr kennt ihn noch nicht, ihr Lieben, meine Blumen.
Ich fragte mich oft, kann so das Herz des Menschen beschaffen sein, da
es seine Schmerzen haben will und nichts sonst, da sie ein Eigentum
werden knnen, dem kein Besitz auf Erden an Wert zu vergleichen ist, und
da das Gebet eines Menschen zu Gott so lauten kann wie Traules Lied?
Ich wei es nicht, aber ich habe es erfahren und sage es euch, mgt ihr
es lieben und glauben, nach eurem Wert.

Wer lange gelebt hat, lernt auch den Tod besser erkennen als die,
welche ihn frh erleiden, und so ahnte ich sein Nahen, wenn ich Traules
Zge sah. Ich kann sie euch nicht beschreiben, es lag um ihre Wangen und
Stirn der Glanz der himmlischen Ungeduld, von der ich euch erzhlt habe,
ihr blasses Leuchten ist schner als alle Tugend, es sinkt aus der Hhe
und lockt den Gang nieder in das Tal der Welt.

So kam es, da eines Nachts, zur Zeit, als schon die letzten
Sommerblumen verwelkt waren, ein Engel vom Himmel niederstieg und vor
Traule hintrat. Das Mdchen erschrak nicht, sondern lchelte ihm auf
ihre Art entgegen, die ich innig liebte und nie vergesse. Der Engel
sagte zu ihr:

'Ich bin vom Himmel gekommen, um dir deine Schmerzen zu nehmen, du
sollst von ihnen erlst sein, denn du hast sie ohne Bitterkeit, wie ein
heiliges Gut, getragen.'

Da sah Traule den hellen Engel an, schttelte den blassen Kopf mit den
feuchten Haaren, die der Tau der Nacht benetzt hatte, und indem ein
Beben durch ihr gebrechliches Krperchen ging, sagte sie zu ihm:

    Nimm mir nicht den Schmerz,
    den la mich haben.
    Gib meinem Herzen mehr
    deiner himmlischen Gaben.

Da erschien es mir, als ob der Engel erschrak, aber seine Verwunderung
war von Freude verklrt, als sei ihm ein groes Wunder widerfahren, da
er in Traules Herz Gottes unvergngliche Liebe wiederfand, als htten
niemals die Finsternis des Bsen, oder die Armut sie geschmlert, und er
verwandelte die Schmerzen Traules in zwei groe Flgel, die bis auf den
Erdboden niedersanken und ihr Haupt berragten. Von ihrem Glnzen wurde
der Wald umher hell, es brach bis hoch empor in die Bltter meiner
Krone. Der Engel und Traule flogen miteinander empor in den Morgenwind
und verschwanden im Hellen unter den letzten Sternen.

Schlaft ihr schon, ihr Blumen, meine Lieben? Dies ist Traules
Geschichte, bewahrt sie eurem Gemt, und Traules Herzensgut sei auch
euer Frieden.




                          Dreizehntes Kapitel

                             Der Maikfer


Der Elf flog auf den grnen Wipfel der Linde, der sich im warmen Wind
des schnen Tages sanft schaukelte, und seine Augen durchschweiften das
weite Land bis an die Hgel hinber, die den Horizont sumten. Unter ihm
sangen die Vgel, und die Krone der Linde erbrauste von den Vlkern der
Bienen, ein erklingender grner Lebensdom, in warmer Freiheit.

Er schlo seine Augen, von Sommerseligkeit berwunden, und breitete im
Wiegen seine Arme aus, als liee die schimmernde Welt sich umarmen. Was
soll ich tun, flsterte er, was soll ich tun? Ach, ich bin sicher des
Glcks nicht wert, das mir geschieht, in meiner Seele ist nicht Raum fr
die Flle der Wohltaten, die mir zufallen.

Ach, das Lcheln des Elfen mchte ich schildern knnen! Es war kaum zu
sehen, ihr Lieben, wie sollen die freie Kinderherrlichkeit der Freude
und die heimatlose Wehmut irdischen Geschicks in ein armes Wort gebracht
werden? Wenn man sein helles Angesicht in diesem Leuchten sah, so mute
man unbedingt glauben, da Gott es mit seinen Geschpfen unendlich gut
meint; es ging nicht anders.

Als das himmlische Kind nach einer Weile seine Augen aufs neue
aufschlug, da war ihm, als sei die Erde mit ihren fernen Hgeln in der
Runde ein grner Kelch und der strahlende Himmel eine groe, blaue
Blume. Dieses Bild voll Glanz und Stille verwandelte sein Herz auf
wunderbare Art, und ihm war zumut, als wre er einst in seiner tiefsten
Jugend so hell gebettet und so wohl geborgen gewesen wie nun. Es ist das
Glck, das Glck, dachte er erzitternd, berall schafft es die Heimat.
Und er erhob seine Stimme, in der strahlenden Erdenblume seines Traums,
wandte sich an die himmlische Sonne und sang:

    Schlie mich wieder ein in deine Freude,
    deine Anmut, deinen hellen Sinn,
    da ich mich in deinem Glck bescheide
    und empfinde, da ich glcklich bin;

    Da ich selig deine Krfte schaue
    und des Herzens Trauer, wie ein Lied,
    deiner Stille, deinem Licht vertraue,
    deinen Glanz im frhlichen Gemt.

    Keine Liebe hat mich berwunden,
    so wie deine es am Morgen tut.
    Sieh mich offen und zu dir gefunden,
    und mach' meine Seele hell und gut.

Kaum war das Lied im grnen Glnzen verklungen, da rief jemand dicht
neben dem Elfen. Ausgezeichnet, famos! Sie haben eine Stimme, die sich
hren lassen kann, mein Lieber! Sind Sie ein Engel?

Der Elf mute lachen, er konnte nicht anders. Dicht neben ihm sa auf
einem Blatt ein Maikfer und sah ihn mit groen Augen vergngt an. Aber
als er nun den Elfen lachen hrte, klappte er die Fcher seiner braunen
Fhler zusammen und runzelte die Stirn.

Warum lachen Sie? fragte er ernst.

Der Elf grte ihn freundlich. Ich war sehr berrascht, sagte er,
deine Frage klang so ganz anders als mein Lied. Entschuldige nur, ich
meinte es nicht bse.

Erwarten Sie, da ich meine Frage singe, statt sie zu sprechen? fragte
der Kfer. Aber wahrscheinlich haben Sie gelacht, weil ich immer noch
da bin.

Du bist ja eben erst gekommen.

Nein, ich meine berhaupt. Blhen nicht schon die Linden? Um diese Zeit
ist ein anstndiger Maikfer lngst in der Erde, legt Eier oder ruht
sich aus, je nachdem. Aber ich habe meinen guten Grund, noch zu zgern.
Wollen Sie wissen, warum ich trotz der Hitze noch da bin?

O doch, sagte der Elf, das ist sicher interessant zu erfahren.

Gewi, also hren Sie: Man hat mir dort unten auf der Waldwiese
gesagt, es hielte sich hier in der Gegend ein Blumenelf auf, und ich
mchte ihn kennenlernen. Erstens kommt unsereins nur alle vier Jahre auf
die Erdoberflche, und wie lange ein Elf braucht, ehe er wiederkommt,
ist unbekannt. Eine solche Gelegenheit lt man sich nicht entgehen,
verstehen Sie?

Doch, doch, sagte der Elf und lchelte. Was versprichst du dir denn
von dieser Bekanntschaft?

Das fragt sich noch, meinte der Maikfer, ich mu erst sehen. Von den
Elfen wird so viel erzhlt, da man kaum recht wei, wo einem der Kopf
steht. Ich bin fr gesicherte Anschauungen und mchte Klarheit haben.
Das wunderbarste an diesen Geschpfen ist, da sie sich mit aller
Kreatur unterhalten knnen, mit Blumen, Insekten, vierfigen Tieren und
sogar mit dem Menschen. Sie wissen doch, da wir Maikfer mit dem
Menschen viel verkehren?

Ich kann es mir denken, meinte der Elf.

Nun, Sie als Engel mssen es sich ja denken knnen.

Ich bin kein Engel, sagte der Elf.

Nun, was sollen Sie denn sonst sein? Ich war brigens anfangs sehr
erstaunt, als ich Sie sah, und habe mich lange gewundert; Sie sind ja
geradezu lieblich! Aber Sie machen sich keine Vorstellung davon, an was
alles ein Maikfer sich gewhnt. Haben Sie eine Ahnung. Man mu den
Menschen kennen, um zu wissen, was mglich ist. Himmel und Wolkenbruch,
unsereins hat unter Umstnden etwas auszustehen! Es ist in der
Hauptsache eine Folge unserer Beliebtheit.

Der Elf mute wieder lachen. Was gibt es fr Gesellen, dachte er, und
sein Herz war froh. Er war freundlich gegen den Kfer und hrte ihn an.
Vielleicht kann ich etwas fr ihn tun, dachte er, das wre mir heute
morgen besonders recht, wo doch alles umher in frhlicher Flle steht.

Ja, der Mensch, seufzte der Maikfer, fngt einen aus der Luft, mit
der Hand, glauben Sie das?

Der Elf nickte und verbarg sein Lachen.

Man kann nachher sehen, wie man seine Flgel wieder in Ordnung bekommt,
die vier. Ich habe nmlich vier Flgel, Sie wissen doch, nicht wahr? Sie
haben, scheint mir, nur zwei, dafr sind sie aber wei. Schne Flgel
brigens, und sehr apart im Format. Nun, ich sprach vom Menschen. Er ist
im Grunde gutmtig, ich werde nicht dulden, da falsche Gerchte ber
ihn verbreitet werden, es fehlt ihm nur an jeglichem Zartgefhl;
merkwrdig ist bei ihm seine Vorliebe fr unser Volk. Kommt der Mai, so
verlt er seine Behausungen, um uns zu finden, er schttelt die Bume
und schaut nachher am Boden nach, ob wir heruntergefallen sind. Rhrend
ist sein Bemhen, spter etwas mit uns anzufangen, es ist ihm aber noch
nie gelungen. Er lt uns in seiner Behausung fliegen und fngt uns
wieder ein. Wozu wohl, glauben Sie, fngt er uns wieder ein? Bei Gott,
nur um uns wieder auffliegen zu lassen! Er hrt zu, wie wir summen,
lacht und fngt uns wieder. Zuweilen lt er uns auf einen anderen
Menschen los, seltsam. Dieser andere Mensch wei es nicht, er steht und
spricht arglos von irgendeiner Sache, wei Gott wovon, die Menschen
haben ja ungemein viele Interessen. Wir laufen an dem Menschen in die
Hhe, was bleibt uns brig? Es wird Ihnen bekannt sein, da man von
erhhten Punkten am besten abfliegen kann, und das will man doch, wozu
sollte man auf einem fremden Menschen sitzenbleiben? Nun kommt eine
Stelle am Menschen, wei der Kuckuck, was mit dieser Stelle los ist,
aber kaum hat man sie im Klettern berhrt, da brllt der Mensch auch
schon auf und schlgt um sich. Einige springen sogar. Wenn unsereins
diese Stelle wte, mein Lieber, er wrde sie natrlich vermeiden, aber
woher soll man wissen, wo diese Stelle ist?

Der Elf lachte hell auf, es ging ein solcher Frohsinn von seinem Lachen
aus, solch freie Heiterkeit, da der Maikfer mit einstimmen mute.

Nun ja, sagte er endlich, jetzt lacht man darber, aber in solchen
Lagen, wie ich sie eben geschildert habe, ist einem anders zumute. Man
kann erschlagen werden, mein Lieber.

Was du da vom Menschen erzhlst, sagte der Elf nach einer Weile,
bezeichnet ihn nicht. Ich glaube, wenn die Menschen frhlich und
sorglos sind, so brechen heimlich die Glcksquellen ihrer Jugend in
ihrer Brust auf, und sie werden wie Kinder. Die Erfahrungen, die du oder
deine Gefhrten gemacht haben, sind nur ein argloses Spiel der
Menschen.

Ich danke, sagte der Maikfer, ein argloses Spiel, bei dem ich unter
Umstnden einen Flgel einben kann, bei dem es mglich ist, da ich
platt geschlagen werde wie eine Wanze, oder das mich im schlimmsten Fall
mein Leben kostet, sehe ich anders an als Sie.

Wenn du sonst am Menschen nichts siehst, sonst nichts von ihm weit, so
wirst du ihm dies freilich schwer verzeihen, meinte der Elf.

Der Mensch soll aus der Luft greifen, was er will, entgegnete der
Maikfer, aber nicht mich.

Der Elf lachte. Du mut nicht glauben, mein Lieber, da ich den
Menschen ohne Grund in Schutz nehme, ich kenne ihn gut und liebe ihn
sehr.

Nun ja, Sie als Engel...

Ich bin kein Engel, mein Lieber.

Nun, was sollen Sie denn sonst sein? Fragen Sie brigens, wohin Sie
kommen und wen Sie wollen, berall werden Sie Klagen ber den Menschen
hren. Gehen Sie zu den Vgeln, den Fischen, den Waldtieren oder den
Ameisen, nirgends werden Sie das Lob der Menschen vernehmen. Oft ist
mir, als ginge es wie ein Seufzen durch die ganze Kreatur, aber das
werden Sie wahrscheinlich nicht verstehen. Ich bin viel nachdenklicher,
als Sie glauben.

Doch, sagte der Elf, ich verstehe dich, und du hast ganz recht, aber
nicht der Mensch ist schuld daran. In jenes Seufzen, das du zu hren
glaubst, in die Angst und in den Schmerz aller Kreaturen dringt auch
seine Klage, denn er ist, wie ihr alle, den irdischen Geschicken
unterstellt und hat gegen Bedrngnisse, Elend und Tod nicht mehr Mittel
als ihr. Er erwacht zum zeitlichen Leben, freut sich der himmlischen
Sonne, Lachen und Weinen wiegen seine Seele, wie Tag und Nacht seinen
Leib, und einst kehrt er zurck ins Dunkel der Erde, der Mutter, wie ihr
alle.

Aber etwas mu den Menschen doch von allen anderen Geschpfen
unterscheiden, mein Lieber, wenn denn schon einmal wahr sein soll, da
er nicht schuld an unserem Unglck ist. Ich will es Ihnen glauben. Da
er sterben mu, wei man ja, das ist bekannt, und wenn die Hauptsache
stimmt, dann wird wohl auch das andere richtig sein. Sehen Sie, deshalb
htte ich so gern den Elfen getroffen, der vieles wissen soll, ich wrde
ihn gefragt haben: Was unterscheidet den Menschen von allen anderen
Geschpfen?

Ich will es dir sagen, antwortete der Elf. Er sah bewegt in die Weite,
denn er hrte ein leises Rauschen in der Linde und dachte an Traule.

Sie? Nein, nein, mein Lieber, entgegnete der Kfer. Sie als Engel
sind parteiisch. Es ist doch bekannt, da sich die Engel der Menschen
annehmen, da sie gut von ihnen denken und das Beste mit ihnen im Sinn
haben.

Glaubst du nicht, da solche Leute, die das Beste im Sinn haben, die
Wahrheit eher wissen als andere?

Also sind Sie doch ein Engel! rief der Maikfer triumphierend, und der
Elf lachte.

Ich bin es nicht, sagte er, aber ich will dir nun verraten, wer ich
bin; ich htte es schon getan, wenn du mir Gelegenheit dazu gelassen
httest. Ich bin der Elf, den du suchst.

Nein, so was! rief der Kfer. Er schaute den Elfen an, und seine Augen
glnzten. Ach nein, sagte er ganz still, so ist es mir doch passiert,
was ich wollte, wie schn ist das. Er besann sich und atmete auf:
Hoffentlich nehmen Sie mir die Verwechslung nicht bel, sagte er
schchtern. Und nach einer Weile des Schauens fuhr er fort: Nun liegt
es ja auch anders mit meiner Frage. Wenn Sie also so freundlich sein
wollen und mir antworten?

Ich will es tun, so gut ich kann, sagte der Elf, aber du kannst ruhig
du zu mir sagen.

Ich werde es versuchen, antwortete der Kfer.

Ein paar Bienen kamen in ihre Nhe und grten.

Ein Elf, ein Blumenelf! riefen sie. Unten schaukelten sich
Schmetterlinge ber dem Korn, und hoch im Blauen zog ein groer
Raubvogel seine stillen Kreise. Nirgends war ein Wlkchen zu sehen, es
war ein unbeschreiblich schner Tag. Klingen und Jubeln fllte die Luft,
die von goldener Wrme flimmerte. Schner wird es nicht mehr im Jahr,
sagte der Elf. Es war, als schmiegte er sein helles Angesicht in das
Glnzen, das ihn einhllte, und er faltete die Hnde, derweil der Wipfel
des alten Baums, sein zartestes Reis im Blauen, ihn wiegte.

Sicher weit du alles Schne, meinte der Maikfer, der ganz entzckt
war, je lnger er den Elfen betrachtete, so sprich mit mir vom
Menschen. Es ist wahr, ich habe nicht eben Gutes von ihm gesagt, aber du
wirst zugeben, er hat auch seine schlimmen Seiten, dieser Groe mit den
aufrechten Schultern und dem weien Angesicht. Wir frchten ihn,
verstehst du das nicht? Nicht alle nehmen ihr Geschick mit so viel
Humor wie ich.

Der Elf schien nicht recht zugehrt zu haben; mitten aus seinem Sinnen
heraus unterbrach er seinen braunen Nachbarn:

Was den Menschen unterscheidet von allen anderen Wesen der Erde, hast
du mich gefragt; darber, Lieber, ist viel nachgesonnen worden, manche
haben es bestritten und geglaubt, er sei im Grunde wie jedes lebendige
Geschpf, nur vollkommener. Aber das ist nicht wahr, es kann nicht wahr
sein, in alle Ewigkeit nicht! Was ihn hoch ber alle Kreaturen stellt,
ist seine Vernunft.

Was ist das? fragte der Kfer.

Es ist sein freier Wille, gro und gut zu sein nach seinem Ma.

Aber glaubst du denn wirklich, Elf, da alle Menschen ihn haben?

Ich wei es nicht, antwortete nach einer Weile der Elf sinnend, so
genau kenne ich sie noch nicht, aber ich glaube, da, wenn nur einmal
ein Mensch es von ganzem Herzen und in Wahrheit gewesen ist, da das
ganze Geschlecht der Menschen damit entschuldigt wre.

Ach, da sieh einer, wie du denkst! rief der Maikfer, so knnte ja
nach deiner Meinung ein Mensch dadurch, da er aus freiem Willen gro
und gut handelt, wie du sagst, gleich eine ganze Reihe anderer Menschen
von ihren Schandtaten freisprechen.

Ja, sagte der Elf einfach, so ist es. Du kannst ja nicht ahnen, du
kleines Tier, welch eine unfabare Flle von Glanz und Lebenswrme schon
aus einem guten Herzen erstrahlen kann. Seine Wirkung ist nicht immer
erkennbar, wie die Erscheinungen, welche unsere Augen treffen, oder wie
die Gegenstnde, die unsere Hnde berhren, aber sie ist wahr. Sieh,
Lieber, das macht die Hoheit des Menschen aus, seine Wrde, und das
unterscheidet ihn von allen Lebendigen der groen Schpfung, da er den
freien Willen hat, das Gute zu tun. Das macht ihn Gott hnlich.

Ach, sagte der Maikfer, nun sprichst du von Gott, ich wei nichts
von Gott.

Das ist auch nicht ntig, antwortete der Elf und lchelte, wenn Gott
nur etwas von dir wei.

Tut er das? fragte das kleine Tier erstaunt.

Der Elf sah ihn ernst und liebreich an: Bist du nicht einst glcklich
und wohlbestellt zum Leben erwacht? fragte er, fandest du nicht Tag
fr Tag alles, was du zu deiner Erhaltung brauchtest; schien nicht die
warme Sonne in deine frohen Stunden, und heilte die khle Nacht im
Schlaf nicht auch deine Sorgen? Schau' den Schimmer deiner schnen,
starken Flgel an, das Geschick deiner Glieder und den gesunden
Wohlstand deiner Sinne. Ist nicht fr alles liebevoll gesorgt, dessen du
bedarfst, und du fragst mich, ob Gott deiner gedacht hat?

Es war eine Weile still; der Kfer schaute sinnend in die Weite der
hellen Welt, dann sagte er:

Du machst mein Herz so froh.

Aus den Bschen unten am Bach klang der Gesang eines Waldvogels, von den
Fhren wehte im linden Windhauch ein harziger Duft herber, es war den
Bumen wohl in der warmen Sonne. Unermdlich summten die Bienen in den
Lindenblten.

Sieh nun, sagte der Elf, so gedenkt Gott all seiner Geschpfe, auch
der verborgensten und kleinsten, es ist keines, dem er sich nicht
zuneigt, aber dadurch unterscheidet sich der Mensch von ihnen allen: er
kann sein Haupt auch zu Gott emporheben.

Ich bin doch wirklich ein glcklicher Kerl, antwortete der Maikfer,
habe ich mir nicht gleich gesagt: du mut mit dem Elfen sprechen, davon
werdet ihr beide etwas haben! Es ist auch ungemein angenehm fr mich,
da ich in der Lage bin, dir Glauben schenken zu knnen. Ich glaube
nmlich alles sofort, was mir gefllt.

Die Augen des Elfen verirrten sich in heimatloser Seligkeit im
Himmelsblau, und mit einem Lcheln, das ihn weit mit sich fortzutragen
schien, sagte er:

Du seltsamer Geselle. Aber du und alle, die deiner Art sind, seid ohne
Sorge...

Es war, als habe er niemanden angeredet, seine Worte klangen voll
Hoffnung, und es lag eine Verheiung in ihnen, als gbe es in hellen
Fernen ein Reich, freier und herrlicher als selbst die Vernunft.




                          Vierzehntes Kapitel

                          Das sterbende Kind


Zwischen hohen Ahornbumen, nicht allzu weit von der Waldwiese entfernt,
lag ein altes Bauernhaus mit niedrigem groen Dach und kleinen Fenstern.
Dort schimmerte um Mitternacht ein roter Lampenschein aus einem der
Fenster, und Uku, die Eule, die das winzige rote Lichtlein in der Ferne
sah, machte sich auf und flog ber die Felder dorthin.

Das Licht zog sie an und erfllte sie zugleich mit Ingrimm. Es war nun
einmal ihre Meinung, da es in der Nacht dunkel zu sein htte, nur der
Schein des Mondes oder der Sterne war ihr lieb. Da aber in den
Behausungen der Menschen bisweilen diese stillen roten Feuer aufglommen,
die ihr Licht auf die Bltter der Bume warfen oder weit in das Land
hinein, wie rtliche Wege, die durch die Luft fhrten, machte Ukus Blut
vor Erbitterung pochen. Aber doch vermochte sie sich nicht abzuwenden,
und besonders, wenn die Nacht weiter und weiter dahinzog, und solch ein
Lichtschein wollte nicht erlschen, nahm ihre Unruhe und Begierde
berhand, und sie mute herzufliegen, fast gegen ihren Willen, um das
Licht zu sehen.

So langte sie auch in dieser Nacht in den Ahornbumen dicht vor dem
erleuchteten Fenster an und schrie laut und klagend auf, und noch
einmal und wieder, so da alle Tiere, die des Nachts leben, erschrocken
aufhorchten und mit dunklen Augen in die Nacht lauschten. Denn der
Schrei der Eule in der Finsternis der schlafenden Bume hat etwas
unbeschreiblich Trauriges und zugleich klingt er grimmig und erbost. Er
scheucht die Gedanken der Wesen auf und jagt sie durch die Nacht, die
traurigen zuerst, und lt ein verzagtes Sinnen in den Gemtern zurck.

Aber Uku wute hiervon nichts, sie erzrnte sich im Grunde nur ber das
Licht und versuchte wieder und wieder durch ihre kurzen klagenden Rufe
kundzutun, da der Frieden der Nacht und ihre eigene Ruhe durch den
roten Schimmer gestrt wurden; sie sah auch nicht in die Stube des
Hauses hinein und wute nicht, was drinnen vor sich ging, und weshalb
immer noch die Kerze brannte, obgleich Mitternacht schon vorber war.

Im Zimmer lag auf seinem Bett ein Kind und starb. Es war ein kleiner
Knabe mit dunklem Haar und einem nicht eben schnen Gesicht, seine Haare
waren rauh und vom Fieber feucht, und die Zge seines Gesichtes bleich,
wie auch seine Hnde, die merkwrdig ruhlos ber die Decke tasteten, als
ob sie mit einem unsichtbaren Spielzeug umgingen. Der Knabe erfreute
sich bei seinen Spielkameraden keiner Beliebtheit, weil er sich ihnen
nicht anpassen konnte und verschlossen und schweigsam war.

[Illustration]

Seine Mutter sa am Bett und schaute ihn unverwandt an. Eine Mutter
will nicht wissen, ob ihr Kind schn oder unschn ist, sie liebt es so,
wie es ihr gegeben worden ist, und fragt nur danach, ob es froh oder
traurig ist, ob es ihm wohl ergeht oder ob es leidet, nicht aber nach
seinem Wert; denn alles, was eine Mutter liebt, ist in ihren Augen so
viel wert wie ihre Liebe, und es gibt nichts in der Welt, was wertvoller
wre als die Liebe einer Mutter. Und so bewegte das Gemt der Frau, die
am Bett ihres Sohnes sa, in dieser Nacht allein die Sorge, ob ihr Kind
genesen wrde oder ob es sterben mte.

Da hrte sie die Eule in den Bumen vor ihrem Fenster rufen, und ein
furchtbarer Schreck durchfuhr sie, so da sie, am ganzen Krper
zitternd, aufsprang und ihre Hnde auf ihr gequltes Herz prete, das
ohnehin vor Angst nicht mehr ein noch aus wute. Die arme Frau ahnte
nicht, da drauen Uku nur das Kerzenlicht anschrie, sondern sie
glaubte, was die Leute ihr erzhlt hatten, da ein kranker Mensch
sterben mte, wenn die Eule nachts vor seinem Fenster riefe. Das ist
eine alte Sage, an die viele Menschen glauben. Sie ist dadurch
entstanden, da bei Kranken des Nachts Licht zu brennen pflegt, das die
Nachtvgel anlockt. Aber die Eulen haben nichts mit der Verkndigung des
Todes zu tun. Wenn die bedrngte Mutter in ihrer Not gewut htte,
weshalb Uku in den Ahornbumen schrie, so wrde ihre Angst geringer
gewesen sein; nun aber zitterte sie vor Schmerz und Entsetzen, denn sie
glaubte, die Eule kndete ihr den Tod ihres Kindes an.

Nach einer Weile hatte sich Uku mehr und mehr an den Lichtschein
gewhnt, er blendete sie nicht mehr, und sie beruhigte sich etwas. Da
die Fenster geffnet waren, erkannte sie nun die Mutter am Bett ihres
sterbenden Kindes, allein in der Nacht und in dem groen, dunklen Haus.
Uku wurde deutlich, da der Tod dort Einzug hielt, sie schwieg betroffen
und schaute angstvoll hinab. Sie sah, da das Kind sich im Fieber hin
und her warf, und als es rger und rger wurde, klagte die hilflose
Mutter laut auf und schrie zu Gott empor um Barmherzigkeit; denn sie
hatte nur diesen einen Sohn und sonst auf der Welt nichts.

Da warf sich Uku in ihre lautlosen Flgel und flog auf die Waldwiese und
weckte den Elfen.

Elf, sagte sie, es stirbt ein kleiner Mensch, kannst du nicht der
Mutter helfen?

Der Elf sah betrbt auf und schttelte den Kopf.

Ich habe keine Macht ber den Tod und darf nicht zu den Menschen
sprechen, sagte er. Wenn das Kind sterben soll, so ist es in Gottes
Rat beschlossen.

Uku schwieg. Es war ihr wirklich nahegegangen, die Mutter vor Schmerzen
in laute Klagen ausbrechen zu sehen. Sie dachte an die Zeit, in der sie
selber noch um ihre Jungen in Angst und Liebesnot gewesen war, und
verstand das Herzeleid der Mutter. Deshalb fragte sie jetzt noch einmal:

Kannst du keine Hilfe bringen, Elf? Du hast schon so viel getan, da es
uns oft erschienen ist, als vollbrchtest du Wunder der Liebe. Hilf dem
kleinen Menschen! Er wirft sich auf seinem Lager hin und her, und der
Tod wird ihm schwer, aber mir war so, als strbe seine Mutter den Tod
hundertmal fr ihn.

Wenn ich dem Kinde mein Leben geben knnte, so wrde ich es tun, aber
ich kann es nicht, beteuerte der Elf.

So trste die Mutter! rief Uku, du bist gtig, und deine Worte sinken
oft ins Herz wie ein Lied.

Der Elf sah lange stumm vor sich hin, und seine Trauer nahm zu. Endlich
sagte er ernst:

Eine Mutter kann niemand ber den Verlust ihres Sohnes trsten, Uku.
Eher ist es mglich, eine Welt aus ihren Snden zu erlsen als eine
Mutter aus dem Schmerz um ihren Sohn. Ein Jngling kann ein Mdchen
vergessen, das er liebgehabt hat, eine Schwester kann die Liebe zu ihrem
Bruder verraten, und selbst ein Freund soll den Verlust seines Freundes
verwinden knnen, aber den Schmerz einer Mutter um ihren Sohn heilt
niemand. So ist es bei den Menschen bestellt.

So fliege mir zulieb hinber, Elf, und versuche es, ich bitte dich.
Gehst du nicht in der Gestalt eines Engels einher, begleitet von Licht?
Warum sollte es das Herz einer Mutter nicht erleichtern, dich zu sehen,
da du doch uns alle gesegnet hast? Erlse sie von ihrem Gram, bedenke,
auch dich verlangt danach, einmal erlst zu werden.

Da breitete der Elf seine Flgel aus und flog davon, und Uku atmete tief
auf und dachte: Nun wird alles besser werden.

Als der Elf auf dem verlassenen Hof im nchtlichen Land ankam, war das
Kind gestorben. Er flog ins Zimmer hinein und lie sich zu Hupten des
Bettes nieder, ber das die Mutter sich in ihrem Schmerz geworfen hatte.
Sie bedeckte den erkaltenden Krper ihres Kindes mit dem ihren und
prete ihr Angesicht auf das erloschene Augenpaar des toten Knaben. Die
stille Nacht nahm ihre Klage auf; in dem kleinen armen Raum, in dem sie
wohnte, flackerte das Licht der erlschenden Kerze an den weien Wnden.
Zuweilen hob sie ihr verhrmtes Gesicht, das von Leid entstellt war, und
sah mit leeren Augen, die von keinen Trnen gekhlt wurden, in die Nacht
hinaus. Nie hatte der Elf so viel Hoffnungslosigkeit und Anklage in den
Augen eines irdischen Wesens gesehen, ihn kam ein Zittern an, und er
brach in Schluchzen aus.

Da war es, als sein Schluchzen erklang, als lauschte die Mutter auf. Ein
krampfhaftes Beben durchschttelte ihren ganzen Krper, und whrend sie
mit starren Augen auf dies leise Schluchzen lauschte, das von weit her
zu kommen schien, brach es wie mit einer alten Erinnerung aus ihren
heien Augen hervor, glitzerte auf wie Nachttau und tropfte nieder, und
eine unfabar wohltuende Erleichterung lste den brennenden Druck in
ihrer Brust. Ihre Klage und ihr Geschrei verstummten, sie sank still in
sich zusammen und weinte. Es war, als htte eine alte Erdengnade Einzug
in ihr Gemt gehalten.

Der Elf wunderte sich und sann und sann. So hatte Uku recht behalten,
aber er ahnte nicht, welche Wohltat er gebracht hatte; ihm war nur, als
sei durch ein Wunder den Schmerzen der Mutter ein Ausweg geschaffen
worden, die Bahn zum Himmel zu finden.

Ich kann nicht helfen, dachte er traurig, denn weil er ein Blumenelf
war und kein sterblicher Mensch, so wute er nicht, da er den einzigen
Trost gebracht hatte, den die Menschen in ihren grten Schmerzen
annehmen knnen.




                          Fnfzehntes Kapitel

                               Der Fuchs


Eines Tages kamen zwei Wildenten den Bach heruntergeschwommen, ein
vergngtes Paar. Sie lieen sich treiben und machten sich hier und da am
Schilf zu schaffen, wobei sie solange gegen den Strom rudern muten, um
nicht fortgetrieben zu werden. Ihr Schnattern fllte die warme Luft, zu
allem, was sie erlebten oder fanden, mute eine Bemerkung gemacht
werden. Das Schilf stand damals schon ziemlich hoch, es war recht
heimlich an den Ufern, das treibende Wasser schimmerte grn, und vom
Sonnenschein zitterten berall goldene Tellerchen und Lichtstreifen. Im
Lindenschatten der Waldwiese war es ber dem Wasser am schnsten, das
Licht war dort geheimnisvoll gedmpft, und die Bltter des Baums
spiegelten sich in der Flut, sie zitterten und flatterten im Wasser, als
ob der Wind sie bewegte.

Die Ente machte halt, suchte Grund fr ihre breiten Schwimmfe und
blieb dicht am Ufer stehen.

Ich werde hier einen Augenblick verweilen, sagte sie zu ihrem Gatten
und schttelte sich. Ihr Mann sah hinber, nickte ihr zu, kam dann auch
und stellte sich neben sie.

Darber fllt es einem mal wieder ein, sagte er in bester Laune, was
wir Enten alles knnen. Es gibt kein Tier, das so viel kann, man darf
sie alle nacheinander durchdenken, es findet sich keines, das zugleich
schwimmen und fliegen, auf dem Trocknen gehen und im Wasser sitzen kann.
Denke an die Fische, meine Liebe, fuhr er fort, sie knnen schwimmen,
das ist wahr, aber nur unten. Hast du einmal einen Fisch gesehen, der
schwamm, whrend er den Kopf aus dem Wasser streckte?

Wenn du von Fischen sprichst, antwortete die Ente, so mu ich immer
an die kleinen denken, die man essen kann, wenn es einem gelingt, sie zu
fangen.

Aber ihr Mann lie sich nicht stren.

Du bist so sprunghaft in deinen Gedanken, sagte er, niemals kannst du
bei einer Sache bleiben. Hre jetzt genau zu.

Du sprichst ja auch von verschiedenen Sachen, antwortete seine Frau,
hast du nicht vom Schwimmen, Fliegen und vom Gehen zugleich
gesprochen?

Ich habe von den Eigenschaften der Enten gesprochen, meine Liebe, und
nicht vom Essen. Fr dich haben, scheint es mir, nur Dinge Bedeutung,
die man hinunterschlingen kann.

It denn etwa du selber nichts? fragte seine Frau und schttelte ihren
Schnabel, als wenn sie den ganzen Kopf fortschleudern wollte. Du hast
einen Appetit, von dem man berall spricht, wo du bekannt geworden
bist.

Aber natrlich, Liebe...

Nun, siehst du? Was ist also?

Ach Gott... sagte der Enterich.

Sie waren schon lange zusammen, die beiden, und lebten eigentlich recht
glcklich miteinander, das htte niemand anders sagen knnen, aber ohne
Zweifel war der Enterich eine Natur, die die Dinge gern beschaulich
betrachtete. Er machte sich seine Gedanken ber dies und das und sprach
sie nachher auch aus, damit sie nicht umsonst gedacht worden waren. So
kam es, da er sich oft mit allerlei beschftigte, was nicht unbedingt
zu den praktischen Lebensfragen gehrte. Seine Frau dagegen hielt sich
mehr an das, was man wirklich unter die Flgel oder in den Schnabel
nehmen konnte. Das war ihm oft schmerzlich, gewi, aber er hatte doch
ein verstndiges Einsehen dafr, da man mit Gedanken allein keine
Wrmer aus dem Ufersumpf ziehen konnte, und da einem kein junger Frosch
in den Schnabel schwamm, weil ber diesem Schnabel ein gediegener
Gedanke ber das Leben entstanden war. Aber kleine Reibereien gab es
natrlich doch; denn Leute, die oft und gern ber das Leben nachdenken,
halten meistens viel von ihren Gedanken und haben gern, wenn man sie
anhrt und auch etwas davon hlt.

[Illustration]

Also, Liebe, fuhr er nun fort, nun hre mir einmal zu. Ich habe nicht
die Absicht gehabt, mit dir ber das Essen zu streiten, sondern ich
wollte dir einmal wieder so recht deutlich ins Bewutsein bringen, was
fr ein gesegnetes Geschlecht im Grunde wir Enten sind. Das erhht die
Lebensfreude, meine Gute.

Ja, aber meinst du denn, entgegnete die Ente, da wir Lebensfreude
empfnden, wenn wir nichts zu essen htten?

Himmel und Wolkenbruch, rief der Enterich, jetzt hltst du aber den
Mund!

Ach, du lieber Gott, schluchzte die Ente, nun wirst du grob und
beschimpfst mich, whrend ich nur das Beste gewollt habe. Sag'
wenigstens nicht Mund, sondern Schnabel, wie es sich fr eine anstndige
Ente gehrt.

Wenn du ihn hltst, so will ich ihn nennen, wie er heit, aber begreife
endlich, was mir im Sinn liegt! Schon als ganz kleines Tier war ich so,
da ich lngere Zeit ber alles nachdenken mute, was ich sah oder
erlebte; wenn ich dir schildern knnte, wie tief mir alle Eindrcke
gegangen sind! Das Schilf in der Sonne, die Flufahrt durch den
Kiefernwald oder der erste Flug ber Land. Vom Tauchen schweige ich, ich
dachte damals im durchsichtigen Wasser, kein Tier ist so glcklich wie
eine junge Ente. Den Schnabel im Morast und die Beine gegen die Sonne,
ach, Liebe...

Die Ente betrachtete ihren Gatten, wie er da stolz und fest im
Uferwasser sa, und wie die kleinen Bachwellen die herrlichen blauen
Streifen seines Flgels besplten; die Beine schimmerten rtlich durch
die Flut, und der ungemein wohlwollende Ausdruck seines klugen Gesichts
shnte sie aus.

Sprich nur weiter, sagte sie freundlich, es schadet ja nichts.

Es schadet nichts... wiederholte der Enterich langsam und dann
schwieg er. Aber mitten in seinem Groll kam ihm in den Sinn, da seine
Frau in diesem Frhjahr ihre Jungen gegen einen Habicht verteidigt
hatte; sie, das kleine schwache Tier, ohne Krallen und mit einem
stumpfen Schnabel, der nur zum Whlen im Schlamm und bestenfalls zum
Festhalten eines kleinen Fisches oder eines Wurms geeignet war. Sie war
dem Raubvogel mit einem wilden Geschrei entgegengeflogen, das er noch
niemals von ihr gehrt hatte, und ihre Flgel peitschten die Luft, da
es sauste. Das Herz des Enterichs schlug, als er an diesen Augenblick
dachte; die Jungen hatten Zeit gehabt, ins Schilf zu flchten, und dann
pltzlich, als alle in Sicherheit waren, war seine Frau so rasch im
Wasser verschwunden, als htte ein groer Hecht sie hinabgerissen.
Spter hatte sie rasch ihre Kleinen wiedergefunden, und sie waren ihnen
erhalten geblieben, die acht.

Nun gut, sagte er, ich werde also weitersprechen. Aber er kam nicht
dazu, denn es geschah etwas sehr Merkwrdiges: ber ihnen wurde ein
feines Klatschen hrbar, und eine helle Stimme rief:

Fliegt auf! Fliegt auf!

Nun, das taten die beiden Enten sogleich mit lautem Geschrei und
Flgelschlagen, so da das Wasser aufspritzte und das Schilf rauschte.
In der Natur warnen alle befreundeten Tiere einander durch Zurufe, und
da die Enten die Stimme verstanden hatten, folgten sie sofort der
Warnung. Sie wuten nicht, da es der Elf gewesen war, der in die Hnde
geklatscht hatte, und noch weniger ahnten sie, weshalb er es getan, und
in welch entsetzlicher Gefahr sie geschwebt hatten. Denn kaum machten
ihre Flgel den ersten wuchtigen Schlag, der sie emporri, als durch das
Schilf mit einem langen Satz der Fuchs aufsprang und ihnen enttuscht
und zornig nachschaute. Er hatte sie bis auf knapp drei Entenlngen
bereits erreicht, niemand kann leiser durch das Schilf schleichen als
ein Fuchs, aber mit dem Elfen hatte er in keiner Weise gerechnet.

Was fllt Ihnen ein!? rief er grimmig empor zu dem Ast, auf dem der
Elf sich schaukelte und lachend zu ihm niedersah. Glauben Sie, ich jage
hier zu meinem Vergngen? Wie kommen Sie dazu, sich in meine
Angelegenheiten zu mischen?

Wie bse er dreinschaute! Sein kluger Kopf mit der schmalen, langen
Schnauze und den lebhaften, dunklen Augen sprhte geradezu von Kraft und
Ha, die herrliche Farbe zeichnete sich klar vom grnen Untergrund des
Schilfs ab, und die prchtigen hohen Ohren waren weit zurckgelegt, was
ihm oft passierte, wenn er rgerlich war. Kommen Sie nur herunter, Sie
weies Federvieh, ich reie Sie in Stcke, da Sie auffliegen wie
Pusteballen vom Lwenzahn. So was!

Da schwang sich der Elf ins Schilf nieder und setzte sich gerade vor
die Nase des Fuchses auf einen Halm, dicht vor die blitzenden weien
Zhne, die gefhrlich aus den schmalen schwarzen Lippen hervorblitzten.

Der Fuchs prallte zurck. Sie sind mir zu hell, sagte er bestrzt,
sonst ... nun, Sie wrden etwas erleben!

Der Elf strich sein Haar zurck. Er htte nie geglaubt, da der Fuchs
ein so schnes Tier sei. Sei nicht mehr bse, sagte er, ich wei
selbst nicht, wie es ber mich gekommen ist, ich habe im Augenblick nur
an die Enten gedacht, sie taten mir leid. Natrlich bist du im Recht,
auch du willst leben.

Allerdings, sagte der Fuchs befangen. Er starrte den Elfen an, als
she er Wunder.

Wer sind Sie? fragte er, und seine runden Augen unter der gerunzelten
Stirn drckten in gleichem Mae Erstaunen wie Bewunderung aus. Hell wie
der Himmel, ein kleiner Mensch und zugleich ein geflgeltes Wesen sind
Sie. Er schttelte den mchtigen Raubtierkopf, in dessen Rachen der Elf
in einem Augenblick htte verschwinden knnen. Aber seine Unbefangenheit
und seine Schnheit beschwichtigten den Zorn des Fuchses vllig, wie
Schnheit und Unbefangenheit in der Welt nun einmal die strksten Waffen
gegen das Bse sind.

Ich bin ein Elf. Denke dir, ich sa dort im Busch, als die Enten
kamen, und hrte ihnen zu. Kannst du verstehen, da ich Teilnahme fr
die Tiere fhlte, da ich ihnen doch lngere Zeit gelauscht hatte? Es
geht einem zuweilen so, und ich htte sie nun nicht unter meinen Augen
sterben sehen knnen.

Der Fuchs hrte kaum zu, die Enten waren ihm vllig gleichgltig
geworden. Als ob er nicht Enten fangen konnte, sooft er wollte, aber ein
Elf sa vor ihm, ein Blumenelf! Er hatte bisher auf das bestimmteste
geglaubt, Elfen kmen nur in alten Geschichten vor, in Mrchen oder
bestenfalls nachts im Mond ber den Blumen, dann wei man nie recht, was
Wirklichkeit oder Traum ist, denn in seinem geisterhaften Licht werden
alle Dinge geheimnisvoll. Aber nun sa dort in der hellen Sonne, im
Grnen, leibhaftig ein Elf vor ihm; es war sicher einer, so viel wute
er auch, was sollte denn dieses zarte Lichtwesen sonst sein, die
Geschpfe des Waldes kannte man doch. Was ihn aber am meisten in
Erstaunen setzte, war die Tatsache, da der Elf nicht im geringsten ihm
mitraute oder ihn frchtete. Kannte er denn seinen Ruf nicht, alle die
bsen Geschichten, die die Waldleute sich ber ihn erzhlten, ber seine
Tcke, seine Schlauheit und seine Raubgier? Kein Tier der Wlder war
gefrchteter und gehater als er, und nun sa dieser kleine Himmelsbote
vor ihm, als sei er seinesgleichen. So dachte sich der Fuchs: Es ist
schon besser, ich zeige mich gleich so bse, wie ich bin, als ein
schlauer Ruber und mchtiger Waldherr, spter erfhrt der Elf es ja
doch, und ich erlebe, was ich so oft erlebt habe, da er mir weder traut
noch glaubt und sich enttuscht von mir abwendet. Es ging ihm, wie es
oft gescholtenen Leuten bisweilen ergehen kann, er hatte die Lust daran
verloren, anders als bse zu erscheinen. Und so sagte er denn und
knurrte mrrisch:

Ich bin der Fuchs, Reiner heie ich, der Wald kennt mich.

Der Elf ahnte die Gedanken seines neuen Bekannten nicht. Ganz
hingerissen von Entzcken, trat er dicht an ihn heran und strich mit der
Hand ber das warme, weiche Fell, das in der Sonne glnzte und so
sorgsam gepflegt war, da auch nicht ein Hrchen hervorstand.

Herrlich, sagte er, ganz herrlich! Er konnte sich nicht satt sehen
an diesem wohlbestellten Krper, der schmal und zugleich krftig war,
geschmeidig und anmutig. Die hochstehenden spitzen Ohren waren auen von
tiefstem Schwarz und innen wei, ebenso war seine Brust von reinstem
Wei, und die schlanken Pfoten an den feinen Gelenken verrieten ihr
Geschick sowohl zu leisem Tritt wie auch zu wuchtigem Sprung. Der
breite, buschige Schwanz war sicher seine schnste Zierde, er lag rund
im Gras, an den Krper angeschmiegt und leuchtete geradezu in seiner
roten Waldfarbe.

Du bist der Mchtigste im Wald, sagte er leise, fast als sprche er zu
sich selbst, niemand vermag dir zu widerstehen.

Der Fuchs war sehr berrascht, da ihm diese Tatsache nicht wie
gewhnlich zum Vorwurf gemacht wurde.

Es ist wahr, sagte er und lchelte ein wenig berlegen, aber durchaus
nicht bse. Ich tue, was ich will, aber dadurch habe ich noch bei
niemandem Gefallen erregt.

Jeder lebt auf seine Weise, sagte der Elf nachdenklich. Hast du keine
Feinde, die du frchtest?

Den Menschen, antwortete der Fuchs, sonst mchte ich wissen, wer es
wagt, mir in den Weg zu treten.

Gestern sah ich einen Bussard, erzhlte der Elf, der groe Raubvogel
flog zwischen den Baumstmmen dahin, lautlos und gewichtig, und suchte
den Boden ab. Wenn er nun dich fnde, was wrde geschehen?

Der Fuchs lchelte. Er wrde sich besinnen, ehe er mir zu nahe kme,
sagte er, und in seinen Augen blitzte ein bses Licht auf, aber im
allgemeinen lassen wir einander unsere Wege, der Wald ist reich.
Auerdem gibt es Taubenschlge, Enten- und Hhnerhfe, Kaninchenstlle
und Gnse auf den Wiesen. Er blinzelte dem Elfen zu, aus seinen
Augenspalten kam ein schrger, verschlagener Blick.

Aber obgleich der Elf wute, da diese Tiere den Menschen gehrten und
ihn der Blick des Fuchses bis ins Herz erschreckte, wuchs seine
Bewunderung fr das mchtige Waldtier, und ihn erfate ein heimlicher
Schauer vor der Klarheit dieser kalten, schnen Augen. Gerade wie jetzt
eben der Fuchs vor ihm stand, ein wenig zurckhaltend in der Neigung des
Kopfes und das Licht auf dem geschmeidigen Nacken, whrend der eine
zierliche Vorderfu mit unbeschreiblicher Anmut in einen Winkel
emporgezogen war, bot er ein Bild, das Wunder von Lebensflle, Kraft und
Schnheit ausstrahlte. Und der Elf mute denken: O du herrlicher Wald!
In deinem feuchten Schatten ber dem sanften Moos, oder im goldenen
Licht unter deinen Zweigen, in deinem Dickicht und hoch ber deinen
grnen Kronen schwebt und wandelt und schweift es umher in ungezhlten
Formen der reichen Natur. Und er mute an die Sonne denken, die alle
diese lebendigen Wunder der Erde wrmte und entzckte, die sanften und
die rauhen, die arglosen wie die blutgierigen, und sein Herz erzitterte
aufs neue in berquellender Seligkeit, da er mitten unter allen
Geschpfen weilen durfte, atmend und schauend, ihre Art erkennend, ihr
Wesen begreifend und vom Dasein entzckt wie sie. Es erfate ihn
jhlings ein fremdartiges Heimweh, auch einst sterben zu drfen wie sie,
nur um ihnen in ihrem Geschick nah zu bleiben.

Der Fuchs betrachtete den Elfen aufmerksam und erstaunt. Nun ist es so
bestellt, da, wenn ein Herz von einer Freude erfllt ist und ganz
selbstvergessen in ihr erglht, so strahlt sie aus den Kammern des
Herzens hervor, bis in die Zge des Gesichts, wie durch Glas, und fllt
die Augen mit Licht. Es ist viel schwerer, eine Freude fr sich zu
behalten als einen Schmerz.

Was hat er nur, dachte der Fuchs, ich zeige ihm, wie gefhrlich ich bin,
und er wird immer beglckter. Das wunderte ihn, und er beschlo, den
Elfen geradeheraus zu fragen, wie er ber ihn dchte.

Mein Lieber, sagte er zgernd, weit du eigentlich nicht, wie man im
Wald ber mich denkt?

Warum ttest du Tiere?

Der Fuchs erschrak. Er wute nicht, worauf der Elf hinauswollte, aber er
merkte nun, da er wohl ber ihn und seine Eigenart unterrichtet war.

Um zu leben, antwortete er.

Ttest du niemals ohne Grund?

Nein, sagte der Fuchs, das wre nicht klug. Ich nehme, was ich fr
mich und die Meinen zum Leben brauche.

Es gibt kein Geschpf in der Welt, das es anders macht, entgegnete der
Elf, deshalb la es dir keine Sorge sein, wie andere ber dich denken.

Der Fuchs schaute seinen kleinen Nachbar gro und ruhig an: Ich habe
niemals anders empfunden, sagte er ernst, und der Ausdruck von
Verschlagenheit war vllig aus seinem Gesicht verschwunden, ich
wnschte mir nur, alle dchten so wie du.

Sie schritten miteinander den Bach entlang aufwrts. Die
Nachmittagssonne schien durch die Kiefern durch einen feinen grauen
Schleier, den sie golden frbte, so da die Stmme wie in einem
Traumland standen. Es war so khl und still, da die Augen sich nicht
bewegen mochten, als mte das friedliche Bild des Waldes sich so bunt
in ihnen spiegeln, wie es in der Luft entstand. Die ersten Krhen zogen
heim, man hrte ihre Stimme ber sich in der Hhe.

Einmal kommt eine Zeit, sagte der Elf, da werden alle Geschpfe so
bereinander denken. Sie wird wiederkommen. Es gibt eine uralte Sage der
Menschen, nach welcher es einmal so gewesen ist.

Davon habe ich gehrt, sagte der Fuchs spttisch. Da spielte die
Ziege mit dem Lwen Verstecken, und die Wlfe fraen Brombeeren. Ich
danke.

Der Elf lachte.

Es wird dich niemand berreden, Brombeeren zu essen, antwortete er,
gerade darin wird die Eintracht bestehen, da jeder die Eigenart des
anderen versteht.

Ich verstehe die Eigenart der Hasen sehr gut, sagte der Fuchs und
schielte zu seinem Begleiter hinber, wenn nur die Hasen auch meine
verstehen wollten und sich fressen lieen, wre alles gut.

Wieder mute der Elf lachen, aber die Freude, die aus seinem Lachen
klang, hatte etwas seltsam Zuversichtliches, es schien nicht so, als ob
die Antworten des Fuchses ihn in seinem Glauben irre machten.

Du bist schlau, sagte er und schaute dem groen Gefhrten in die
wachen Augen, mit dir ist nicht leicht zu streiten, du siehst alle
Dinge so, wie sie dir recht sind, und was dir nicht gefllt, das nennst
du die Fehler der anderen. Aber ich habe doch recht, das letzte Ziel des
Lebendigen ist eine groe Harmonie, eine Freude ohne Ende.

Willst du darauf warten? fragte der Fuchs. Aber er achtete nicht auf
die Antwort, er wandte den Kopf blitzschnell zur Seite, denn es
raschelte im Gebsch. Eine Maus, sagte er leise und hob den Vorderfu.

Woher weit du das? fragte der Elf.

Ich hre es, antwortete der Fuchs einfach. Es schien, als wre er auf
seine scharfen Sinne nicht einmal besonders stolz. Lassen wir sie,
meinte er und ging weiter, das mu eine schlechte Zeit sein, in der der
Fuchs Muse frit.

Siehst du, sagte sein Gefhrte leise.

Was soll ich denn sehen?

Der Elf antwortete: Und viel spter wird es eine Zeit geben, welche
schlecht nennt, wenn nur ein Wesen noch das andere bedrngt. Immer
hher und hher entwickelt die Natur ihre Geschpfe, ist ihr nicht
schon der Mensch gelungen?

Der Fuchs blieb stehen. Du hltst etwas vom Menschen, Elf?

Viel, sehr viel, am meisten.

Und glaubst du, der Mensch bedrngte die lebendigen Wesen der Natur
nicht?

Doch, antwortete der Elf, er tut es, aber es gibt Menschen, die
leiden darunter, da sie es tun, das ist schon viel nher dem groen
Ziel. Du wirst mich nicht verstehen, aber glaube mir, die Erde ist noch
sehr, sehr jung, wir knnen nur ahnen, wie herrlich ihr letztes Kleid
sein wird. Wenn nicht einst alles vollkommen wrde, so wrden wir nicht
dies Verlangen danach im Herzen haben, das alle Kreatur bewegt. Die
einen wissen es, die anderen ahnen es nur, viele tun nicht einmal das,
aber alle richten ihre Augen hinauf, zum Licht.

Wenn du recht haben solltest, entgegnete der Fuchs, so kann ich mir
aber kaum denken, da es spter noch Fchse und Enten gibt, Raubtiere
und arglose Geschpfe, die ihre Beute werden. Oder es kommt auf die
Brombeeren heraus, und da tue ich, wie gesagt, nicht mit. Ich danke fr
ein Friedensreich, in dem ich den ganzen Tag darber froh sein soll, da
ich keine jungen Hasen fresse.

Der Elf lachte wieder sein seltsames Lachen, und der Fuchs dachte: Ein
merkwrdiger Elf, er lacht ber mich, und ich fhle mich doch nicht
verletzt, er wei es besser als ich und achtet mich doch hoch, er ist
berlegen und doch wie ein Kind, ein merkwrdiger Elf. Aber er war
neugierig geworden, und da ein Fuchs zu den klgsten Tieren gehrt, die
es gibt, wird es sich begreifen lassen, da ihm viel daran lag, den
Elfen zu verstehen. Es ist wahr, oft verletzt die Wahrheit, aber man
kann die Wahrheit auch sagen, ohne zu krnken, denn die groen
Wahrheiten verletzen nicht, sondern nur die kleinen.

Es gibt viele Menschen, fuhr der Elf fort, die stellen sich den
Himmel ebenso vor wie du. Sie denken sich, sie mten in weien Kleidern
einhergehen und allerlei Gutes tun, das ihnen langweilig ist, und mit
feierlichen Gesngen den lieben Gott loben, der auf einem Thron sitzt
und sich an ihren schnen Stimmen freut. So ist das Friedensreich nicht,
nach dem wir alle uns sehnen, wenn das Ungemach des irdischen Lebens uns
bedrckt. Es ist immer mitten unter uns, denn wir sind alle auf dem
gleichen Wege, die Menschen, du und die kleinen Gewchse, die du im
Schreiten mit den Fen berhrst. Ich habe vorhin deine Gestalt
bewundert, deine wohlbestellten Sinne, deinen klaren Blick und eben noch
dein Geschick, nur aus einem Gerusch ein Tier zu erkennen. Sieh, dies
herrliche Leben in dir wird sich einst zum Vollkommenen vollenden; was
heute so klug Geringes erkennt, wird einst alles erkennen, was heute
als Frohsinn in deinem warmen Blute pocht, wird einst als unvergngliche
Freude emporblhen, und indem du lebst in deiner Freiheit, lebt in dir
die treibende Kraft zur ewigen Harmonie. Dein Wert ist dein Himmel, er
ist unvergnglich, und so gehrst auch du dem Reich an, von welchem mein
Herz trumt.

Das lt sich hren, sagte der Fuchs, woher weit du das?

Der Elf sah verwirrt auf. Ich wei so wenig, sagte er schchtern,
ach, denke doch nicht, ich wte etwas Rechtes, ich mu so denken, weil
ich alles Lebendige lieben mu, immer und immer spricht in mir meine
Liebe ihre eine Wahrheit, und sie lautet: Alles wird einst gut sein, was
heute schn ist.

Da du das alles gerade mir sagst, finde ich besonders freundlich,
meinte der Fuchs. Er sah auf und lauschte. Entschuldige mich einen
Augenblick, bat er, siehst du dort drben den bemoosten alten
Baumstumpf? Der Ort ist mir schon lange verdchtig, aber ich komme nicht
hinter sein Geheimnis. Gestatte, da ich eben hinberschaue, es liegt
ein Geruch in der Luft, der mich erregt.

Er trabte ber das Moos unter die Stmme, man vernahm keinen Laut;
selbst ein Schmetterling, der sich auf einer Brombeerblte
niedergelassen hatte, erhob sich nicht. Der Elf begleitete den Fuchs,
wie eine wehende weie Blte glitt er durch den rtlichen
Abendsonnenschein.

Er sah, wie der Fuchs vorsichtig den Baumstumpf umschritt, der Ausdruck
seines Gesichts war gespannt und besorgt, und pltzlich legte er beide
Ohren zurck, und sein Krper nahm eine drohende Haltung an. Es schien
nun nicht mehr so, als sprte er einer Beute nach, sondern als erwartete
er einen Feind. Er wandte sich nach dem Elfen um, schien etwas sagen zu
wollen, zgerte aber und schwieg. Seine schwarze Nase arbeitete ohne
Unterbrechung, als sei sie ein kleines Wesen fr sich, seine Augen
funkelten klein und bse, und er schlich so tief am Boden dahin, da er
fast um die Hlfte kleiner erschien.

Unter zwei gewaltigen Wurzelanstzen war der Eingang zu einer Hhle
sichtbar, die durch den ausgehhlten Stumpf tief in die Erde zu fhren
schien. Der Fuchs prfte die beiden Ausgnge, die auf diese Art seitlich
und nach oben hin entstanden, und schnupperte den Boden ab. Es war eine
deutliche Fhrte im Moos erkennbar, die ins Dickicht lief. Nun horchte
der Fuchs, er hielt den Kopf schrg und hob den Vorderfu. Und dann
schien es, als nhme eine heie innere Erregtheit ihm pltzlich alle
Vorsicht, er schien den Elfen und jedes Ding um sich her vergessen zu
haben, und aus dem halbgeffneten Rachen, dessen Zhne hinter den
hochgezogenen Lippen blitzten, kam ein wtendes Knurren, das einen
solchen Ha, so viel Kampfesgier und Zorn verriet, da der Elf bis ins
Herz erzitterte. Es wird einen groen Kampf geben, dachte er bebend,
welch ein Tier mag dort hausen? Noch als er in Zweifel und Sorge
bedachte, ob er den Fuchs nicht bitten sollte, von seinem Vorhaben
abzustehen, erklang aus dem Innern der Hhle eine feine eindringliche
Stimme von groer Schrfe, man htte fast glauben knnen, da eine
wtende Katze fauchte, und der Elf verstand:

Geh weiter! Ich warne dich, oder du hast deinen letzten Gang gemacht!

Reiner, rief der Elf laut, komm, ich bitte dich!

Aber der Fuchs hrte nicht, seine Augen funkelten, als htte er Feuer
unter der Stirn, und sein ganzer Krper war in so hoher Anspannung, als
zge eine mchtige Hand einen Bogen bis zum Zerbrechen an. Trotzdem
klang seine Stimme ruhig, als er antwortete:

Mit solchen Worten scheucht man Kaninchen, du Tor, du hast vor Angst
den Verstand verloren; komm heraus, wenn ich dich nicht in deinem Loch
erwrgen soll wie eine Maus.

Es blieb still. Der Fuchs stand so, da er beide Ausgnge bersehen
konnte. Diesen Augen und Ohren entging nichts. Der Elf empfand, da kein
Einspruch mehr ntzen wrde; hier war ein Ha entfesselt, der so alt
war, wie das Leben selbst, und solchen Gewalten der Natur gegenber gibt
es kein Hindernis, sie toben sich aus wie die Gewitter, oder wie der
Frhlingssturm, und wer nicht die Kraft hat, sein Leben im Kampf zu
wahren, der mu es verlieren.

Gebannt von Entsetzen und Bewunderung sah er hinber, und ohne da er
noch die Kraft besessen htte, auch nur ein Wort ber seine Lippen zu
bringen, wurde er Zeuge des furchtbarsten Kampfes, den er jemals in
seinem Leben gesehen hatte. Wohl war er nach allem Vorangegangenen auf
einen Angriff gefat, auch ahnte er, da er unversehens und pltzlich
kommen wrde, aber einen berfall von solcher Wildheit, wie er nun
jhlings erfolgte, hatte er nicht fr mglich gehalten.

Es scho blitzschnell aus dem Dunkel der Hhle hervor wie ein niedriger
Schatten, und nur an dem furchtbaren Anprall der beiden Krper erkannte
er, da dies heranstrmende Etwas ein Wesen von Fleisch und Blut war.
Lange Zeit unterschied er nicht mehr als ein wildwogendes Knuel, das
sich ohne einen Laut, aber in unbeschreiblicher Erbitterung im Bodenlaub
wlzte. Erst als die beiden Tiere sich fr eine Weile loslieen, wie um
Atem fr ein erneutes Ringen zu schpfen, sah er, da es ein Marder war,
den der Fuchs aufgestrt, und der ihn nun angefallen hatte.

Er sah kleiner und schmchtiger als der Fuchs aus, aber wie er jetzt
dort im Laub hockte, an den Boden gedrckt, sprungbereit und den
kleinen, bsen Kopf, in dem die Reihen der entblten Zhne wie kleine
weie Sgen blitzten, bot er das Bild eines unheimlichen und
einschchternden Gegners, dessen Gewandtheit und Kraft unberechenbar
erschienen, und dessen Raubsinn und Blutgier denen des Fuchses um
nichts nachstanden, ja von noch grerer Tcke und Bosheit beherrscht
sein mochten.

Wohl war der Fuchs grer und sein Gebi war mchtiger, wie auch seine
Krperkraft grer war, aber er bekam neben diesem geduckten Grimm
seines Gegners beinahe etwas Harmloses. Der Elf konnte kein Auge von dem
Marder wenden, er verstand den brennenden Ha, der diese beiden Tiere in
eine ewige Feindschaft trieb, und jeder Versuch zu einer Vershnung wre
einem kindlichen Vorhaben gleichgekommen.

Einer von euch wird sterben, stammelte er zitternd.

Der Fuchs stand unbeweglich, als wre er aus Holz geschnitzt, nur seine
Rckenhaare hatten sich gestrubt, und in seinen Augen funkelte ein
Feuer, so inbrnstig von Wut entfacht, da es unmglich schien,
hineinschauen zu knnen. Aber die Raubtierblicke des Marders hielten
diesen Augen stand; den seinen, die wie zwei stille, gelbe Edelsteine
unter der harten Stirn lagen, entging keine noch so kleine Regung des
Gegners, ja es erschien, als errieten sie, wie zwei geisterhafte
Spiegel, jeden Gedanken des anderen.

Dieser Augenblick der scheinbaren Ruhe war von hchster Spannung, es tat
einem fast weh, in diesem Zustand der Erwartung verharren zu mssen, und
man fhlte sein Blut in tausend kleinen Hmmern berall arbeiten.

Da, wie ein Pfeil, der aus dem Hinterhalt abgeschnellt wird, fuhr
pltzlich von unten her der Marder aufs neue zu, und diesem tckischen
Angriff gegenber erkannte der Elf zum erstenmal die Erfahrenheit und
Klugheit des Fuchses in ihrem ganzen Umfang. Statt auf die jhe
angreifende Bewegung des Marders einzugehen, verharrte er bewegungslos,
sich dessen bewut, da er seinen Gegner Rachen an Rachen nicht zu
frchten hatte, und da der Marder nur auf eine ungeschickte Wendung
gehofft hatte, um die Kehle seines Feindes durchbeien zu knnen.

Aber ehe der Elf einem neuen Vorgang mit den Augen folgen konnte, sah er
die beiden Raubtiere sich in einem wildbewegten Knuel am Boden wlzen.
Es war nichts mehr deutlich zu unterscheiden, bald leuchtete das Rot des
Fuchsfelles auf, bald sah er den hellen Brustflecken am dunklen Fell des
Marders aufblinken, und schon glaubte er, der Fuchs habe die Oberhand
gewonnen, als ein grliches, wildes Geschrei die Waldstille weithin
zerri. Schrie der Marder? Schrien beide Tiere? Diese Laute waren
furchtbar anzuhren, Schmerzen, Wut und Todesangst gellten heraus und
eine Lebensgier, die alles um sich her verga, den Wald, die Tiere, den
Himmel und die Erde.

Da nahm der Elf zu seinem Schrecken wahr, da es der Fuchs war, der
schrie, und zugleich erkannte er, da im Laub und im Moos rote und
dunkle Flecken dort zurckblieben, wo das Knuel der ringenden Krper
sich vorbergewlzt hatte. War es mglich, da der um so vieles kleinere
Marder als Sieger aus diesem Kampf hervorgehen sollte? Nun erkannte er
auch, da sich der Marder im Hinterfu des Fuchses verbissen hatte, und
da kein Zerren, kein Schtteln und Schleifen ihn zu lsen vermochten.
Keine noch so rasche Wendung half dem schwer behinderten Fuchs, immer
war der Marder rascher im Entweichen, und sein Gebi war wie eine Zange
in das Fleisch des Fuchses geschlagen.

Und nun lie der Fuchs langsam in seinem Bemhen nach, er ermattete mehr
und mehr, sein zorniges Schreien verstummte, und nach einer kleinen
Weile sank er halb zu Boden. Der Elf htte ihn verloren gegeben, wenn er
nicht einen Blick aus den Augen des scheinbar durch seine Blutverluste
so arg geschwchten Tiers aufgefangen htte, einen raschen Blick, der
aber auch nicht eine Spur von Ermattung oder Sterbensnot verriet,
sondern eine Wachheit und Klarheit aller Sinne, als sei ihm nicht das
kleinste Unheil widerfahren.

Aber der Marder lie sich tuschen. Ihm schien der Augenblick gekommen,
seinem verwundeten Feind die Kehle zu durchbeien, er lie das Bein des
Fuchses fahren und fuhr zu, der weit vorgestreckte Kopf mit dem offenen
Rachen sah wie das Gifthaupt einer groen Schlange aus, so schlank und
geschmeidig erschien es in dieser bsen, gierigen Hast. Aber da, es sah
aus wie ein roter Blitz, schnellte der Fuchs herum, nun erkannte auch
sein Gegner, da er getuscht worden war, und da der Fuchs alle Krfte
beisammen hatte; doch ehe er zu neuer Besinnung kam, hatten die
furchtbaren Zhne des Fuchses sich tief in seinen Hals gegraben. Man
vernahm nur einen kurzen schrecklichen Laut von rchelnder Todeswut,
dann wurde es still, und langsam hrten die Zuckungen des Krpers auf,
den der Fuchs unter sich am Boden festhielt.

Erst als sich keine Regung des entfliehenden Lebens mehr wahrnehmen
lie, lste er seine Zhne aus dem Hals des Feindes und sprang in einem
weiten Satz von ihm zurck, immer noch wie in Sorge, dies zhe,
eigensinnige Ruberleben mchte sich trotz seiner Todeswunde zu einem
letzten Bi aufraffen. Aber es geschah nichts dergleichen. Der Wald war
wieder ruhig geworden, und kein Laut erinnerte mehr an das
Kampfgeschrei, das ihn noch eben weithin durchklungen hatte. Nur ein
paar Krhen kreisten hoch ber den Wipfeln der alten Bume, unter denen
der Marder starb.

Ein kleines rotes Bchlein rieselte aus seinem durchbissenen Hals ins
Moos. Der Fuchs sah ruhig mit seinen klaren Augen hinber und leckte
sich die Lippen, sein breiter roter Schweif peitschte das Laub, er sah
zufrieden und stolz aus, auch nicht ein Schatten von Reue oder Mitleid
trbte ihm den bsen Genu seiner Kraft und seines Sieges. Seine Wunde
beachtete er in diesen Augenblicken nicht.

Du mchtiger Herr im Wald, dachte der Elf, und sein Herz zitterte. Du
kannst hassen und tten, genieen und sterben, alles ist dein
unvermindertes Recht.

Da erinnerte sich auch der Fuchs des Elfen, er sah hinber und lachte.

Nun, rief er, was sagst du dazu? Ich habe gewut, da hier etwas
nicht geheuer war, und ich suchte den Marder schon seit langem. Du
hltst mich wohl fr sehr bse?

Der Elf strich sein Haar zurck und atmete tief auf.

Ich halte dich fr stark und klug, sagte er und prete die bebenden
Hnde zusammen. Denk an mich und vergi mich in deiner Freiheit nicht.
Und er flog nach diesem Gru auf und davon, das Herz von Erhobenheit und
Bangen zerteilt.

Der Fuchs sah ihm so lange nach, als er ihn zwischen den Stmmen im
Licht der Abendsonne erkennen konnte, und dachte: Er lt mir, was ich
bin und was ich habe, so mge auch er einmal empfangen, was sein Teil
ist zu seiner Freiheit, das wnsche ich ihm.




                          Sechzehntes Kapitel

                            Die Elfennacht


Eines Tages, als die groe Sonne schon rot und feierlich am Abendhimmel
stand und die Schleier der Heide mit ihrem goldenen Glanz entzndete,
kam aus dem Walddunkel ein seltsames Tier dahergeflogen, machte halt auf
der Wiese und fragte nach dem Elfen.

Das war zum mindesten ein Ereignis, denn die Tiere der Waldwiese muten
sich nach dieser Frage sagen, da es ferne und fremde Gegenden gab, in
welchen man vom Elfen etwas wute, wahrscheinlich, ohne da er sie
jemals aufgesucht hatte. Es kam hinzu, da der geflgelte Bote
Bewunderung erregte, es war niemals zuvor ein hnliches Tier auf der
Wiese gesehen worden. Auf den ersten Blick htte man glauben knnen, es
sei eine Libelle, denn die Fremde hatte wie diese schnen glitzernden
Tiere durchsichtige Flgel und einen langen schmalen Leib, auch waren es
vier Flgel an der Zahl und hnlich geformt, wie die der Libellen, aber
auf jedem von ihnen befand sich ein groer dunkler Fleck von tiefem
Blau. Vom gleichen schimmernden Blau war der schmale Krper, und die
klugen groen Augen schauten ernst, beinahe schwermtig aus dem Gesicht.
Es war, als kme dieses seltsame Geschpf nicht aus Bereichen der
Tagesklarheit, sondern als sei es ein wunderbarer Nachtvogel der khlen
Stunden, in denen am Himmel der Mond herrscht.

Zwei Schmetterlinge, ein Pfauenauge und ein Schwalbenschwanz,
entdeckten den fremden Boten zuerst, und rasch verbreitete sich die
Nachricht unter den Tieren der Waldwiese, da die Botschaft des
Ankmmlings den Elfen anging. Die Bienen machten sich auf den Weg, ihn
zu suchen, denn in der Nhe war er nirgends zu sehen.

Wie ist es denn? fragte das Pfauenauge, knnen Sie uns nicht
erzhlen, was Sie dem Elfen zu sagen haben? Wir werden es schon
ausrichten.

Die Fremde schttelte den Kopf. Das geht nicht, sagte sie, ich mu
ihn selber sprechen, ich komme von der Elfenknigin.

Das Pfauenauge erschrak. Es hatte sich inzwischen eine ganze Reihe der
Waldwiesenleute angesammelt, und nun wichen sie alle scheu ein wenig
zurck, man sah deutlich, wie diese Nachricht alle berraschte, denn wer
kannte die Macht der Elfenknigin nicht. Es war eine Weile totenstill,
man hrte den Bach pltschern, und das Lindenrauschen fllte die
abendlich durchleuchtete Luft unter den groen dunklen Zweigen. Die
Blumen in der Nhe, die schon an ihren Schlummer dachten, horchten auf
und hoben ihre Kpfchen in die Abendstille. Wer hatte nicht von der
Elfenknigin gehrt! Wollte sie nun den Elfen, der ihnen allen lieb
geworden war, fortrufen und aufs neue in ihr Reich bannen, da er ihrer
Gemeinschaft entzogen werden sollte?

Sagen Sie uns, was geschehen wird, bat ein Grashpfer, aber die
Fremde schttelte den Kopf, besorgt sah sie sich um. Werden die Bienen
den Elfen finden? fragte sie.

Der Schmetterling nickte. Die Bienen finden alles, was sie wollen;
wissen Sie nicht, da die Bienen darin gro sind?

Doch, doch, lautete die Antwort, aber es eilt, der Abend wird bald
hereinbrechen, und es ist weit bis zu den Moorseen.

Es ist mitten im Juli, sagte eine Ameise geheimnisvoll, von den
Glhwrmchen wei ich, da einmal im Jahr zur Sommerzeit bei Vollmond
die Elfenknigin in der Waldtiefe Hof hlt. Es wird schon etwas Wahres
an dieser Botschaft sein.

Eine Grasmcke kam herzugeflattert, und die geflgelten Tiere stoben
auseinander, aber die Fremde blieb ruhig sitzen. Ich reise im
Elfenfrieden, sagte sie ruhig, und die Grasmcke lie sich neben ihr
nieder, ohne ihr ein Leid zu tun, ja ohne ihr zu nahe zu kommen. Die
Waldelfen sind ein mchtiges Volk, selbst die grten Tiere gehorchen
ihrem Willen, denn es gibt vielerlei geheimnisvolle Knste und manchen
Zauberbann, den die Elfenknigin verhngen kann. Ach, viele Wunder
walten im tiefen Wald, aber eines der grten werde ich nun erzhlen.

Als nach einer Weile der Elf kam, von zwei Bienen gefhrt, die ihm
voranflogen, grte die Fremde ihn tief und ehrfrchtig, und sie
sprachen eine ganze Weile allein miteinander, whrend die anderen Tiere
neugierig und erwartungsvoll im Umkreis verharrten.

Der Ausdruck des Elfengesichts wurde nachdenklich und immer trauriger,
er sah vor sich nieder und sann, es schien als ob die Botschaft des
blaugeflgelten Waldboten ihm tief ins Herz sank. Zum Schlu nickte er
langsam, grte die Fremde freundlich zum Abschied und sah ihr nach, als
sie schnurgerade und windesschnell mit leisem Schwirren davonflog, um
bald zwischen den Stmmen der Kiefern in der Dmmerung zu verschwinden.

Li, das Eichhorn, das seine Erwartung nicht mehr zurckhalten konnte,
trat nun zuerst an den Elfen heran.

Willst du uns verlassen, Lieber? fragte es rasch und ngstlich.

Da kam auch Uku auf einen niedrigen Ast herabgeflogen, und der Elf
wandte sich an sie:

Uku, ich mu in dieser Nacht zur Elfenknigin.

Die Eule machte ein betroffenes Gesicht und sah schrg vor sich nieder,
man erkannte deutlich, da diese Nachricht sie nicht erfreute, und es
schien, als wte sie, was sich mit dieser nchtlichen Begegnung
verbinden knnte. Endlich sah sie auf und dem Elfen gerade ins Gesicht,
der sich neben sie auf den Lindenast gesetzt hatte:

Die Elfenknigin ist gromchtig, eine Herrscherin im Wald und ber
die Heide, sagte sie, sie wird dir die Freiheit zurckgeben, nach der
du Verlangen trgst.

Ja, sie wird mir helfen wollen, antwortete der Elf. Seine Gedanken
schienen nicht bei seinen Worten zu sein, er legte seine Hand auf die
Brust und sah mit groen Augen in die Sonne, die jetzt dicht am Rand der
Erde stand und wie eine feurige Kugel glhte.

Willst du uns verlassen? fragte nun auch Uku. Ihr war wie allen Tieren
umher pltzlich bang ums Herz, alle erinnerten sich dessen, da der Elf
aus fernen Regionen einer geheimnisvollen Welt zu ihnen gekommen, und
da er im Grunde nicht ihresgleichen war. Sie hatten es lngst
vergessen, so lieb war er ihnen geworden, und hatte er nicht immer alles
mit ihnen geteilt, was sie beschftigte, freute oder bekmmerte? Nun
erschreckte sie der Gedanke, da er fortfliegen mchte, zurck in sein
Elfenreich und sie zurcklassen.

Da sagte Uku pltzlich:

So sollen wir denn allein den Herbst erwarten, die Trauer des Welkens
und einst unseren Tod; ach Elfenkind, vergi uns nicht in deiner hellen
Heimat.

Da kam eine seltsame Ruhlosigkeit ber den Elfen, seine Augen
schimmerten in einem khlen, fremden Licht, er verlie seinen Platz
neben Uku und flog zum Bach nieder. Dort nahm er das glitzernde Wasser
in seine Hand, hob es auf und sagte:

    Ein Elf befiehlt dir gehorsam zu sein,
    Silber im Wasser, werde mein!

Und whrend das Wasser aus seinen zarten Fingern niederrann, geschah das
Wunder, da ein klarer Silberschimmer in seiner Hand zurckblieb, und er
legte ihn ber seine hellen Flgel. In diesem Glnzen trat er nun zu den
winzigen Wasserperlen, die von einer Bachwelle an einem Schilfhalm
zurckgeblieben waren, hob seine Hand und sagte zu ihnen:

    Ein Elf befiehlt euch gehorsam zu sein,
    reiht euch zur glitzernden Kette ein!

Und wieder geschah, was er befahl, und als er diesen reinen Schmuck um
seinen Hals legte, war seine Pracht berirdisch zu schauen, die
Verwunderung der Waldwiesenleute nahm kein Ende, aber sie frchteten
sich, denn er wurde ihnen immer fremder. Sie erlebten, da er Wunder
ber Wunder tat und sich fr den Gang zu seiner Knigin immer herrlicher
schmckte, aber zugleich sahen sie, da sein Angesicht immer trauriger
wurde.

Als er sich umwandte, um ihnen einen letzten Gru zuzuwinken, war die
Sonne herabgesunken, nur ein schmales goldenes Halbrund ihrer Scheibe
war noch zu sehen. Da hob der Elf zum letztenmal seine Hand, wie gebannt
durch das feurige Himmelsgold, wandte sich an die Sonne im Abend und
rief:

    Ein Elf befiehlt dir gehorsam zu sein,
    gib mir Gold aus deinem Schein!

Aber es blieb nach seinen Worten totenstill umher, und nichts geschah.
Lautlos sank fern die Sonne vllig unter den Horizont, und nun vernahm
man umher das leise Seufzen, in welchem alle Geschpfe sich der
hereinbrechenden Nacht ergaben. Ein sanftes Rauschen erhob sich und
pflanzte sich fort, und in diesem Wehen stand bestrzt das Elfenkind in
seinem Silberglanz, und eine Trne nach der anderen rann ber sein
blasses Gesicht und tropfte ins Moos. O, die Sonne, schluchzte es,
sie ist meinem Ruf nicht gefolgt, ihr Gold ist nicht fr mich!

Keines der Tiere umher wagte sich zu rhren. Nach den Beweisen seiner
Macht, nach allen Wundern, die eben noch der Elf getan hatte,
erschtterte alle seine Ohnmacht und sein Schmerz darber, da die Sonne
ihn nicht hrte, aber wie erschraken sie, als er nun pltzlich den
herrlichen Perlenschmuck von seinem Halse nahm und rasch und mit Eifer
das schimmernde Bachsilber von den Flgeln streifte. Allen Schmuck, den
durch wunderbaren Zauber die Natur ihm gehorsam verliehen, und den er
sich angetan hatte, streifte er ab; und nun, als er ihnen wie einst,
nur in seinem schlichten Kleid, mit den hellen Flgeln und dem Goldhaar
erschien, sahen sie, da er sich auf seine Knie sinken lie, und indem
er flehentlich seine Hnde zum Abendhimmel hob, rief er:

    Goldene Sonne, ein Elfenkind
    mchte nicht mehr sein, als alle sind.
    Sieh, ich gab meine irdische Zier,
    gib mir dein himmlisches Gold dafr.

Kaum waren die Worte im Abendwind verklungen, als hoch aus dem Gipfel
der Linde ein feines Klingen erscholl, das von einem Glnzen begleitet
wurde, und von Zweig zu Zweig rieselte es golden durch die Bltter
nieder und legte sich dem knienden Elfenkind um Stirn und Schlfen und
ber sein helles Haar. Alle erkannten, da es das letzte Gold der
Abendsonne aus dem Wipfel der Linde war, und das Glck und das Entzcken
der Waldwiesenleute kannte keine Grenzen. Es brach ein Jubel aus, der
nicht enden wollte, alle Angst und Sorge wich aus den Herzen, und aus
den Zgen des Elfen war alle Traurigkeit verschwunden. Nie war er den
Tieren der Waldwiese schner erschienen, das Fremdartige und Seltsame,
das noch eben alle an dem Elfenkind in heimliche Scheu versetzt hatte,
hielt sie nun nicht mehr gebannt, und alle glaubten es, als Uku rief:

Leb' wohl auf deinem Weg ins Nachtland der Elfenknigin, du wirst nun
sicher zu uns zurckkehren!

       *       *       *       *       *

Als der Elf dahinflog, leuchtete eine Weile noch der festliche
Abendhimmel durch die Stmme, erst in den Tannen wurde es dunkel, und
bald darauf, wenn eine Lichtung kam, schimmerten die ersten Sterne im
khlen Blau der Hhe. Es dauerte nicht lange, und der Mond ging auf, man
sah es am blassen Schimmer hoch in den Kronen der Bume. Die Fledermuse
jagten in den Waldlichtungen, und hin und wieder erscholl der Ruf der
Eulen.

Es war ein weiter Weg fr den Elfen, feierlich rauschte der Wald durch
sein Herz, das bang und zuversichtlich zugleich pochte, von Furcht und
Hoffnung gewiegt. Es war in der Natur umher ganz mondhell geworden, als
er am Ort seiner Bestimmung angelangt war. Am Stamm einer uralten Eiche,
dicht ber dem Boden im Buschwerk kreisten eine Schar von Glhkfern in
seltsamen Ornamenten durch die Luft, als zgen sie geheimnisvolle Linien
oder Kreise, die ganze Umgebung wurde auf diese Art in eine schimmernde
Dmmerung getaucht, in welcher die Bltter seltsam glommen, als brennte
irgendwo ein verborgenes grnliches Licht. Der Elf erkannte diese
Wahrzeichen, er lie sich bis dicht vor die groen Wurzeln der Eiche ins
Moos nieder und rief die Glhkfer an. Sofort lschten alle bis auf
einen ihr Licht, nun sah man die Silberstreifen vom Mond durch die
Zweige fallen, erwartungsvoll schien alles auf ein Ereignis zu harren.
Der Glhkfer kam nahe an den Elfen heran, aber als er sich vor ihm auf
der Baumwurzel niederlie, erschrak er heftig.

[Illustration]

Was hast du fr Licht auf den Haaren und auf deiner Stirn, rief er,
du erschrickst mich. Lsch dein Licht!

Ich kann es nicht, sagte der Elf, zeig' mir den Weg zur Knigin.

Du bist der Waldwiesenelf, der von der Herrscherin erwartet wird?

Der Elf nickte. Auf ein Zeichen des Kfers flammten die Lichter aller
anderen wieder auf, und es wurde unter der Wurzel der Eingang zu einer
Hhle sichtbar. Die kleinen Wesen dienten scheu und gehorsam jedem Wink
der Elfen.

Der Mondtanz auf der Wiese ist schon beendet, sagte ein Kfer zum
Elfen, als er neben ihm dahinflog, alle erwarten dich im silbernen
Saal. Es darf kein Elf mit dir sprechen, bevor es nicht die Knigin
getan hat.

Den Elfen ergriff mit heimlicher Macht der alte Zauber seines
Heimatreichs, alles, was er seit der Nacht durchlebt hatte, in der er
seiner Blume entstiegen war, erschien ihm pltzlich wie ein glhender
Sonnentraum, in Gold und Grn und Wrme verwoben. Seine Hnde zitterten,
und er rief das Losungswort der Elfen vor dem Tor am Ende des Gangs mit
bebender Stimme.

Die nchtlichen Tore taten sich auf, ein Himmel von Licht und Glanz
umfing den Elfen, als ob er in ein wogendes Meer von flieendem Silber
untertauchte. Geblendet hielt er inne, whrend sich lautlos das Tor
hinter ihm schlo, das die dunkle irdische Nacht vom Elfenreich trennte.
Er sah ber weite Grten hin, die von Silber und durchschimmerndem Grn
flammten und so hell waren, wie den Augen die Scheibe des Vollmonds
erscheint, wenn sie weit aufgeschlagen mitten hineinsehen. Es ergriff
ihn eine tiefe Rhrung, die er nicht zu berwinden vermochte, es war die
Gewalt der Heimat, die Einzug in sein Gemt hielt. Sie ist die
mchtigste aller Erinnerungen, schon viele Wesen sind ihr immer aufs
neue erlegen und haben ihr das Opfer dessen gebracht, was die weite Welt
sie gelehrt hat.

Ein hoher Gesang schreckte den Elfen aus seiner Traumbefangenheit empor,
er hob seine Augen und sah vor sich den Thron der Elfenknigin. ber
ihrem blonden Scheitel, auf dem ein Kronenreif aus Diamanten erglnzte,
so rein und durchscheinend wie das Quellwasser der Waldtiefe, wlbte
sich ein strahlender Baldachin, und zur Rechten und Linken ihres Throns,
der aus Silber war, standen in weien Reihen ungezhlte Scharen von
Blumenelfen, und alle hatten ihre Augen auf den Ankmmling gerichtet.
Von ihren Lippen erscholl der Gesang, der die grne Silberluft umher
erfllte, wie buntes Licht eine kristallene Kugel. Unwillkrlich ergriff
die selige Schnheit des Gesangs den Elfen, und indem er sich tief
verneigte, sang er mit den anderen das alte Elfenlied, den Gru der
Knigin:

    Du Lob des Lichts in mir,
    du Leuchten, das ich bin!
    In tiefer Demut deine Zier,
    ewige Knigin.

Als das Lied verklungen war, wurde es umher so still, als wre der
strahlende Lichtraum ein Bild, nur ein ganz leises, kaum vernehmbares
Rauschen ging von den vielen Flgeln aus, als zge ein heimlicher
Windzug ber eine Winterlandschaft, deren Bume im Rauhreif glitzern. Da
erklang die Stimme der Elfenknigin, und ihre Lichtaugen ruhten auf den
Zgen des Elfen wie zwei Sterne:

So bist du meinem Rufe gefolgt und zu mir gekommen, du verlorenes Kind?
Ich will dich nicht fragen, ob es ein Unglck oder eine Schuld gewesen
ist, die dich aus unserem Reich verbannt hat, aber du sollst heute
wissen, da meine Macht gro genug ist, dir deine alte Freiheit wieder
zu erwirken, und du darfst in unsere Gemeinschaft und in deine alten
Elfenrechte zurckkehren, wenn du allem absagen willst, was dich in der
vergnglichen Welt der Menschen, Tiere und Pflanzen gefesselt hat, und
wenn du deine Schuld von Herzen bereuen kannst.

Es ging eine frohe Bewegung durch die Reihen der Elfen, alle schienen
beglckt zu sein, da einer der Ihren, den der Tag der Erde ihnen
geraubt hatte, wieder in ihr Zauberreich zurckkehren sollte. Aber die
feine Stirn der Knigin umwlkte sich pltzlich unter dem Licht ihrer
Krone, und sie sagte:

Kommst du ungeschmckt zu deiner Knigin?

Da merkte der Elf, da der Schein auf seiner Stirn erloschen war, seit
er das Elfenlied gesungen hatte, und die seltsame Trauer, die sein Gemt
bewegte, nahm zu. Ihn ergriff jhlings ein Heimweh nach dem warmen
grnen Erdenreich der Sonne, und er begriff zum erstenmal die Bedeutung
des alten Gesetzes des Elfenvolks, da kein Elf die Sonne sehen durfte.

Es schien, als ob die Knigin seine Gedanken erriete, sie sagte ernst
und mit feierlicher Stimme:

Dein Geschick hat dich in das Bereich der Sonne verschlagen, und du
hast erfahren, wie gefhrlich ihre Macht ist. Es ist nur einem Wunder zu
danken, da du nicht gestorben bist, aber fast so schlimm wie der Tod
ist die bse Wirkung der Sonne, die die Elfen ihr ewiges Lichtreich
vergessen macht und sie zum vergnglichen Geschick der sterblichen Wesen
verzaubert. Aber meine Macht ist grer; hast du gehrt, da ich dich
erlsen will? Bevor du aber nun aufs neue in unsere Gemeinschaft
aufgenommen wirst, sollst du uns erzhlen, wie es gekommen ist, da du
in deiner ersten Erdennacht am Morgen den Aufgang der Sonne nicht
rechtzeitig gewahr geworden bist.

Da hob der Elf seinen Kopf, den er in unverstandener Traurigkeit gesenkt
gehalten hatte, solange die Knigin sprach, und begann seine Geschichte
von der Biene zu erzhlen, die er in der Sommernacht zu den Menschen
gefhrt hatte. Es war unbeschreiblich still umher, whrend er sprach,
denn die Elfen wissen nur wenig von den Menschen, es kommt nur alle
hundert Jahre vor, da ein Elf mit den Menschen in nhere Berhrung
tritt, deshalb sind sie sehr begierig, etwas zu erfahren. Vor der Sonne
und den Menschen haben alle Elfen eine groe Scheu.

Der Elf erzhlte zu Beginn nur langsam und schchtern, aber je lnger er
sprach, um so fester und klarer wurde seine Stimme, und als er zum
Schlu kam, erhob sie sich zu einem Jubeln, so da alle mit pochenden
Herzen lauschten und nicht begriffen, woher die Freude stammte, die aus
den Worten des Elfen strahlte.

Es war lange still, nachdem er seine Geschichte beendet hatte, endlich
fragte die Knigin erstaunt und besorgt:

Du sagst uns, die beiden Menschen seien glcklich gewesen, ich will es
dir gerne glauben, aber wie kommt es, da du darber die aufgehende
Sonne am Himmel nicht gewahr geworden bist? Das blendende Feuer der
gewaltigen Sonne mu doch deine Sinne schon mit Angst erfllt haben, als
es sich am Horizont ankndigte, und da wre es fr dich noch Zeit
gewesen.

Der Elf erhob seine Arme, und seine Augen glnzten:

Wie soll ich es dir beschreiben, mchtige Knigin, sagte er mit
zitternder Stimme, seit ich die Augen der beiden Menschen gesehen
hatte, die sich im Glck ihrer Liebe umschlungen hielten, war mir ums
Herz, als sei die ganze Erde hell. Ich habe geglaubt, das Licht kme
aus ihren Herzen gestrmt, wirklich ... und als ich dann aufschaute und
die Morgensonne erblickte, war mir in meiner Verwirrung zumut, als kme
alles Glck von ihrem Licht, und ich konnte nicht wie frher glauben,
da sie gefhrlich und schrecklich sei. Ich vernahm um mich her die
Stimmen der erwachenden Blumen und Tiere, und aus aller Mund klang der
gleiche frohe Glaube.

Da sprang die Knigin auf und schlug vor ihrer Stirn die Hnde zusammen
vor Zorn und Trauer.

Armes, verfhrtes Kind! rief sie, was hast du gegen das
unvergngliche Dasein der Elfen eingetauscht! Weit du denn nicht, da
alle Wesen, die der Sonne vertrauen, sterben mssen?

Erschrocken ber den Zorn der Knigin trat der Elf ein wenig zurck.

Das macht ja nichts... antwortete er schchtern.

Es war wirklich so, als sollte in dieser Nacht im Reich der Elfen ein
Wunder nach dem anderen geschehen. Die Knigin stand pltzlich
merkwrdig still, sie schien ihre ganze Sorge vergessen zu haben, und
indem sie sich langsam mit groen Augen vorbeugte, sagte sie in hchstem
Erstaunen:

Wie, ist es wahr, du weinst? Seit wann kann ein Elf weinen?

Ich wei nicht, antwortete der Elf leise, ich kann es...

Da raffte die Knigin sich erschrocken auf, und indem sie ihre ganze
Kraft zusammennahm, sagte sie:

Wie frei und herrlich war dein Leben vor deiner unseligen Schuld! Dir
war Schnheit und Macht verliehen, und du hast im hellen Flgelkleid die
Irdischen beglcken knnen, nach deiner Wahl. Schmerzen und alles
Ungemach der sterblichen Wesen sind dir fremd und fern geblieben, und
dein Tod war nur ein liebreicher Traum des Vergessens, durch den du in
unser Reich zurckkehrtest, um einst aufs neue als Blumenelf aus einem
reinen Kelch zu steigen, so hell und einsam wie das Licht aus den
Sternen bricht, oder wie ein Quell aus den Felswnden. Dein Wort tat
Wunder, alle Wesen der Schpfung dienten dir und segneten dich. Die Erde
nahm dich auf, um dich aufs neue zu erlsen; weit du das alles nicht
mehr?

Da rief der Elf laut:

Die Erde kann nicht erlsen, nie die Erde!

Was soll dich denn erlsen, du Trichter, entgegnete bestrzt die
Knigin. So alt das Geschlecht der Menschen ist, solange sind Herzeleid
und Klage von ihnen aufgestiegen, solange haben Erniedrigung und Schmach
ihre Liebe begleitet, solange sind sie den bitteren Tod gestorben, der
ins ewige Dunkel fhrt. In der Sonne vergessen sie ihr Geschick, in
derselben Sonne, die nun auch dein Gemt und deine Sinne verfhrt hat.
Und ergeht es den brigen Geschpfen im Licht anders? Ihr Seufzen steigt
wie Nebel vom Erdgrund, sobald die Sonne am Horizont gesunken ist, ach,
und wieviel Trnen hat auch die Sonne selbst gesehen, die sie nicht hat
stillen knnen! Dies alles weit du, und was du erfahren hast, wird dir
nur die Wahrheit meiner Worte besttigen, und so frage ich dich nun,
willst du zu uns zurckkehren und in deine alte Freiheit?

Da antwortete ihr der Elf:

Ich kann es nicht mehr. Und als die Knigin sich erhob und sagte: So
werde ich dir helfen, legte der Elf die Hand auf seine Brust und sagte
deutlich: Ich will es nicht mehr. Und als htte sein Entschlu ihm
Kraft verliehen, fuhr er mit leiser Stimme, aber ruhig und gefat fort:

Was du ber die Erde, die Sonne und ihre Geschpfe gesagt hast,
Knigin, das ist wahr, aber du und alle aus deinem Reich, ihr kennt nur
das Ungemach der Irdischen, aber ihr kennt ihr Glck nicht. Ich kann es
dir mit Worten nicht sagen, dies Glck, das jetzt auch mein Teil
geworden ist, und von dem ich mich nicht mehr trennen will. Wohl ist der
Tod das dunkle Geschick der Irdischen, aber im Licht der Sonne, die
alles blhen macht, blht auch aus den Herzen der Sterblichen eine helle
Blume der Freude. Ihr Name ist Liebe, der Grund, auf dem sie allein
gedeihen kann, ist das Herz in seiner Freiheit.

Das Herz? sagte die Knigin mit blassen Lippen. Es war so still
umher, da ihre Frage wie ein Traumruf in ruhiger Nacht erklang, es war,
als wagte niemand zu atmen. Da fuhr der Elf mit leiser Stimme fort, die
vor Ergriffenheit zitterte:

Ich kann das Herz nicht schildern, aber sein Reich ist unendlich, weit
und klar. Seine Allmacht ist strker als die Gedanken, seine Wrme
gndiger als das Sonnenlicht, und tausend und tausend Jahre haben seine
Flle nicht ndern noch trben knnen. Alle Schwachheit des
vergnglichen Geschlechts der Irdischen ist nur eine arme, zeitliche
Befangenheit gegen seine helle und unzerstrbare Freiheit, und immer und
immer wieder blht aus seinem Grund die Liebe empor. Nur das Herz kann
erlsen, Knigin. Drauen, in der goldenen Gemeinschaft der Sonne, blht
es auf, was gilt den Gesegneten, die es in ihrer Brust bergen, noch das
zeitliche Elend oder der Tod? Wie immer wieder die Sonne mchtig wird
und die Erneuerungen des Frhlings erschafft, so wird in den Herzen
immer wieder die Liebe aufbrechen, das macht die Fremdesten zu Brdern,
die Einsamen zu frhlichen Gefhrten und schliet die Verlassenen in
eine unaussprechliche Gemeinschaft der Hoffnung ein. Das ist es, was ich
erfahren habe, seit ich die Sonne und ihr Bereich kenne, aber ich wei
wohl, da ich es nicht erklren und benennen kann. Es ist eine
himmlische Ungeduld in mir voll Seligkeit, das Herz pocht und pocht,
erst seit ich weinen kann, hre ich seinen Schlag. Es klingt warm, voll
Angst, bald ist mir, als versnke es in Dunkelheit, dann wieder vermag
ich sein Strahlen nicht zu fassen, und ich wei, es wird blhen! Ich
wei es, wenn ich die Knospen auf den Wiesen sehe, oder den Vogelgesang
hre, das Lachen der Menschen oder ihre Klage. 'Es wird alles, alles
gut,' pocht das Herz, 'du sollst noch viel Greres erfahren!'

Der Elf schwieg, und wie beschmt von seiner eigenen Khnheit senkte er
sein Haupt, und ein schchternes Lcheln kam in seinen Zgen auf, ein
wehmtiges Lcheln der Zuversicht. Ach dies Lcheln! Knnte ich es mit
meinem Geist erfassen und ber eure Herzen ausschtten, wie Gott seinen
Sonnenschein ber die blhende Frhlingserde strmen lt, fr den Preis
meines Lebens, ich tte es!

Kaum hatte der Elf seine Worte beendet, noch ging wie eine Woge das
Erstaunen aller durch den Saal, da geschah das Wunder, da sich in
seinem Haar und um seine Stirn ein sanftes Glhen erhob, das, obgleich
es milde und freundlich war, doch strker erstrahlte als alles Licht des
funkelnden Saals.

Die Sonne! schrie die Knigin laut und sprang in hellem Entsetzen
empor, die Sonne! Sie erhob ihre Hnde und rief ein gewaltiges
Zauberwort, unter dessen Klang der Saal erbebte, und das magische Licht
ihrer alten Welt und mit ihr der unterirdische Raum und das Heer der
erschrockenen Elfen versanken in grausige Erdtiefe, abgelegener und
ferner, als die Sinne ermessen knnen. Es wehte khl und traurig aus der
Finsternis ber den Elfen hin, und er vernahm aus der Nacht, die ihn
umgab, eine dumpfe Klage, wie sie zuweilen vor dem hereinbrechenden Fhn
schaurig ber die Eisdecke der Gebirgsseen hinhallt.--

Am hereinbrechenden Morgen weckte das Tageslicht der Erde den Elfen. Er
fand sich unter Farren im Moos liegen, zwischen den groen Wurzeln des
Baums, der den Eingang zum Elfenreich htete. Er richtete sich mit
Taumeln auf und sah voll tiefen Erstaunens in das Morgenrot, das
zwischen den Stmmen leuchtete. So war er nun dem alten Heimatreich fr
immer entrckt, sein Zauber hatte die Gewalt ber ihn verloren, und es
war ihm nach seinem Willen geschehen, nun unter den Sterblichen der
Erdoberflche ein Vergnglicher zu sein, wie die anderen alle.

Als die Sonne ihr funkelndes Strahlengold ber die heitere Landschaft
ergo, als die fernen Seen aufblitzten wie silberne Himmelreiche, im
Morgenrauschen der Wlder verloren, als die ersten Stimmen der
erwachenden Tiere ihn begrten und der Tau seine Stirn khlte, zog ein
froher Mut in sein Herz ein. Mit Singen erhob er seine Flgel und flog
durch den Morgenglanz der erfrischten Welt auf die Waldwiese zurck, zu
den Pflanzen und Tieren, den Freunden seines Lebens.




                          Siebzehntes Kapitel

                               Das Reich


Langsam wurden nun die Tage krzer, und die ersten Silberfden der
Wanderspinnen hingen in den Bschen oder sie zogen so lautlos durch die
klare Luft, als ruhten sie auf unsichtbaren Schwingen, wie berall umher
das sommerliche Waldglck in freier Gestilltheit trumte. Aber seit
diese glitzernden Fden zu sehen waren, kam mit ihnen eine heimliche
Wehmut auf, als snge eine Frauenstimme in einem verlassenen Haus, oder
als wendete ein Scheidender sich nach einer liebgewonnenen Sttte um,
die er nicht wiedersehen sollte.

Die Berberitzenstrucher am Rand der Waldwiese sahen unter der roten
Last ihrer kleinen Frchte aus, als wren sie ber und ber mit Korallen
behngt, die vereinzelten Vogelrufe zogen durch das Wunder ihrer zarten
Gestalt, wie auch die Luft und die khlere Sonne. Die Nchte waren von
niegesehener Klarheit, die Gestirne funkelten so deutlich und nah, als
wnschten sie ihr strahlendes Bild in alle Seelen einzuprgen, und die
Gedanken der lebendigen Wesen, die ber dem scheidenden Sommer in
Schwermut sanken, muten zu ihnen emporziehen, ob sie wollten oder
nicht.

Zu dieser Zeit begann die Linde an einem hellen Abend eine andere
Geschichte von den Menschen und erzhlte:

Im Laufe meines langen Lebens, dessen Dauer ihr Lieben, meine Blumen,
Pflanzen und Tiere in eurem Sinn nicht ermessen knnt, habe ich viele
Menschen unter meinem Schatten beherbergt, ich habe sie von sich und
anderen sprechen hren, ich kenne viel von ihrem Verlangen, ihren
Schmerzen, ihrer Freude. Frhling fr Frhling, im bestndigen Wechsel
der Jahreszeiten, hat sich meine Erfahrung auf seltsame Art erneut. Ich
habe das Groe des Irdischen um so besser behalten, und das Geringe hat
sich verloren, als sei es kein Teil meiner Erinnerung. So ist es mir
hnlich ergangen, wie es einem alten Geschlecht unter den Menschen
ergehen kann, zuletzt erben die jngsten Sprossen zuweilen die
Herzenserfahrung ihrer Vter als ihr Gut, sie werden mit weisen Augen
geboren, zugleich mit unvergnglicher Jugend und bergen den
Seelenreichtum ihrer Ahnen im groen Gemt.

So habe ich in meinen tausend Jahren oft von der Geschichte eines Mannes
vernommen, immer wieder erklang sein Name, und was ich durch den Wandel
der Jahrhunderte von seinem Wesen behalten habe, was Frhlinge und
Herbste, der Schlaf des Winters und das Ungestm der Strme in mir nicht
haben auslschen knnen, das will ich euch heute erzhlen, da nun der
Sommer zur Neige geht, und mit ihm manches Leben unter mir entschlft,
um in dunkler Ruhe seiner Vollendung zu warten.

Es waren an jenem Abend, an dem die Linde ihre Geschichte begann, fast
alle Geschpfe der Waldwiese versammelt, die euch bekannt geworden sind,
und noch viele mehr. Auch der Elf sa mit gesttztem Kinn auf einem
Moospolster unter einem hohen Farrenblatt und lauschte. Seine Augen
waren gro und still und suchten die schimmernde Weite des spten
Sommertages. Wer ihn nher kannte und liebte, hatte in der letzten Zeit
eine zunehmende Traurigkeit bei ihm wahrgenommen und strker als jemals
jene himmlische Ungeduld seines Wesens, die sich wie ein Licht auf alle
bertragen hatte, mit denen er in Berhrung gekommen war. Er mute nun
oft an seine Begegnung mit der Lerche denken, und an ihre Worte, als sie
ihm gesagt hatte: Wenn du einst heimfliegst, will ich singen. Sie sang
nun schon lange nicht mehr, und einen Sommer hindurch harrte der Elf auf
seine Erlsung. Wann sollte ihm jene Liebe endlich begegnen, die grer
als alle Liebe war, die er empfunden oder gegeben hatte, und die ihn zu
seiner Heimkehr erlste, nach der er sich sehnte? Wohl hatte er seine
Hoffnung nicht verloren, aber sie war traurig geworden, und oft, wenn
nun in khleren Nchten die Sterne auf sein Lager schienen, hatte er
leise gesungen, im Dunkeln:

    Trauer du, mein irdisch Los,
    ber deinen bittern Gaben,
    will ich meine Seele gro,
    will sie stark und glnzend haben.

Ihm war, als brchte ihm sein Lied aufs neue die Gewiheit seiner
Bestimmung, als riefe er sie singend herbei, aber doch mute er zuweilen
daran denken, da vielleicht seine Erlsung noch in weiter Ferne lag,
und da die strahlende Erde, auf die er gebannt war, doch in all ihrer
Schnheit keine Liebe kannte, so gro, wie er ihrer zu seiner Heimfahrt
bedurfte.

Dies kam ihm auch heute in den Sinn, als die Linde ihre Geschichte
begann, denn sie begann feierlich und sehr ernst, aber er konnte seinen
Gedanken nicht nachhngen, denn es erhob sich ein sanfter Wind, und der
alte Baum fuhr fort zu erzhlen:

Es ist lnger her, als auch die ltesten Bume ermessen knnen, da war
einst in einer prchtigen Knigsstadt des fernen Ostens ein groes Fest,
zu welchem die Menschen aus allen Gegenden des Landes herbeigestrmt
waren, um daran teilnehmen zu knnen. Durch das Gewhl der frhlichen
Menschen ging ein Knabe, der niemandem auffiel, der ihn nicht nher
betrachtete, denn er war einfach bekleidet und schmal von Wuchs; was ihn
vor anderen auszeichnete, war der Glanz seiner Augen, deren Blick,
eigenartig und schchtern in sich versunken, doch zugleich in weite
Ferne zu schweifen schien, wie ein ruhiges Wasser in seiner eigenen
Tiefe ruht und doch zugleich den Himmel spiegelt.

Er schritt langsam dahin, durch die heie Sonne des schnen Tags,
nachdenklich und froh, nach Knabenart, und es mag gegen seinen Willen
geschehen sein, da er sich nach einer Weile vor dem Eingang des
mchtigen Tempels befand, der ruhig dalag, da kein Gottesdienst
abgehalten wurde. Der Knabe schritt die breite Treppe empor und ffnete
mit Mhe die schweren Vorhnge, die in das dmmerige Licht der
feierlichen Halle fhrten. Gelassen betrat er das Heiligtum, heimlich
beglckt und ohne Neugier, aber mit dem zitternden Herzen seiner
Erwartung.

Es war fast leer unter den zwei erzenen Sulen der Vorhalle und khler
als drauen in der Sonne. Aus den Nischen blinkte goldener Schmuck aus
Wandgemlden und gewirkten Teppichen. Der innere Raum war unermelich
hoch und gro, zwischen den Knufen der Sulen hing ein funkelndes
Gitterwerk, sieben geflochtene Reife, wie Ketten. Die Wipfel der Sulen
ffneten sich wie Lilien. Aus einer der Nischen im Hintergrund erklang
eifriges Reden, der Knabe vernahm dunkle gewichtige Mnnerstimmen und
erregte Einwrfe, die seltsam widerhallten und durch den Schall im Raum
eine geheimnisvolle Wichtigkeit bekamen.

Als er hinzutrat, erkannte er am ehernen Gesthl dicht neben dem
vergoldeten Altar mit den heiligen Broten eine Gruppe von Priestern und
Gelehrten, die ber wichtige Fragen, welche Gott und sein Reich
angingen, in heftigen Streit geraten waren. Da schritt er hinzu und
lauschte, bis eine der Aussagen der Streitenden ihm ins Herz sank, und
er trat in ihren Kreis und fragte nach dem Sinn der vernommenen Worte.
Die Angeredeten waren sehr erstaunt, als unerwartet ein fremder Knabe in
ihre Mitte trat und sich in ihre Anliegen mischte. Ein alter Mann unter
ihnen, an den der Knabe mit klarer Stimme und ernstem Angesicht seine
Frage gerichtet hatte, erhob zornig sein ehrwrdiges weies Haupt und
wies den Eindringling mit ausgereckter Hand aus ihrer Mitte, aber noch
ehe ein mibilligendes Wort ber seine Lippen kam, begegneten seine
Augen denen des Kindes, und er schwieg betroffen, denn ihm war, als ob
ein Leuchten von der Stirn dieses Knaben sank, und der Glanz seiner
Augen erschien ihm so liebevoll in seiner Klarheit, da er sich besann
und gtig antwortete. Aber wie gro war sein Erstaunen, als der Knabe
seine Hand ein wenig hob, und indem er sinnend in die Dmmerung des
Tempels schaute, sein kindliches Haupt schttelte.

'Glaubst du mir nicht?' fragte der Alte betroffen.

Die Anderen hatten sich schweigend und neugierig um die beiden
versammelt, und es ist ein seltsames Bild gewesen, als das Kind in der
Gruppe der weihaarigen Alten stand, die einander ber die Schultern
sahen, mit erstaunten, spttischen und mitleidigen Angesichtern. 'La
ihn doch gehen', erhob sich eine Stimme, und ein anderer meinte, es sei
nicht Sitte, da Kinder im Tempel das Wort ergriffen. Aber da wandte
sich der Knabe ihm zu, sah ihn an und sagte mit freiem Lcheln:

'Dies ist das Haus meines Vaters.'

Seinen Worten folgte ein befangenes Schweigen, denn sie waren mit groer
Zuversicht und so einfach gesagt, als handelte es sich um den irdischen
Vater, von welchem der Knabe sprach und nicht um den himmlischen; aber
der ehrwrdige Greis, der sich des Kindes zuerst angenommen hatte, hob
die Hand gegen die anderen, die sich zu Fragen und zum Widerspruch
anschickten, winkte ihnen begtigend zu und sagte:

'Hat er nicht recht mit seinem Glauben? Gott ist unser aller Vater, so
ist er auch der seine. Aber nun sage mir, Kind, weshalb hast du den Kopf
geschttelt, als ich deine Frage beantwortete, mit welcher du zwischen
uns getreten bist?'

Und da geschah das Wunder, von welchem lange die Priesterschaft des
Landes bewegt wurde und das bis weit in alle Schichten des Volkes drang.
Der Knabe legte seine Hand auf die Bltter des heiligen Buchs, das den
Altar schmckte, und seine Fragen ber den Sinn der ltesten Hoffnung
des Volks und der seligen Verkndigungen der Vter entzndeten die
Herzen der gelehrten Mnner zu unbeschreiblicher Wehmut. Es war, als
snke unter der Begierde und unter dem Anspruch dieses Kindes ein
jahrtausend alter Staub von den vergilbten Blttern, und der Sinn ihres
Inhalts schien zu leuchten, wie die Augen des Knaben, der sprach. Da
wich alle Besorgnis und jeder Hochmut der Priester ihrem Verlangen, den
Glanz dieses Geheimnisses zu ergrnden, das unter ihnen waltete. Sie
fragten dieses und jenes, was sie in Zweifeln und in Not bedrngt hatte,
aber nicht wie Lehrer und Gelehrte fragen, sondern mit bebendem Herzen
und tief betroffen ber die Antworten des fremden Knaben.

Aber noch ehe sie recht ermessen hatten, was ihnen begegnete, hrten sie
die Stimme einer Frau, die herzueilte und laut und glcklich einen Namen
durch das Gotteshaus rief. Sie strzte auf den Knaben zu, schlo ihn in
ihre Arme und weinte vor Sorge und Glck.

'Wir haben dich drei Tage in der ganzen Stadt gesucht, mein Kind', rief
sie mit zitternder Stimme. Aber ihre Freude war viel grer als ihr
Zorn, und auch der Vater, der herzueilte, ergriff die Hand seines
Sohnes, schweigend vor Erstaunen und Ehrfurcht, ihn vor dem Heiligsten
des Tempels im Kreise der mchtigen Gelehrten zu finden.

Das Kind folgte seinen Eltern ohne Widerspruch und begleitete sie, ihrem
Willen gehorsam. Die Priester sahen einander betroffen an, diese
lchelten befangen, ohne ihrer Verwunderung ber das Geschehene Herr
werden zu knnen, jene sahen dem Knaben nach, und andere senkten ihre
Stirnen in Nachdenklichkeit, aber allen war, als wre ein Schein unter
ihnen zurckgeblieben, wie kein Wissen und keine Priesterwrde ihn
auszubreiten vermgen, sondern nur das Herz, das unendliche, weite,
klare.

Da sagte einer von ihnen und hob sein Haupt:

'Welch eine Zeit bricht an, da uns Weise ein unmndiges Kind durch sein
Verlangen beschmt?'

       *       *       *       *       *

Ich habe kein Wissen und bin nicht gelehrt, fuhr die Linde nach einer
Weile fort, ich habe nur die Einwirkungen der Natur erkennen gelernt,
ich sah in mir und um mich her Erblhen und Vergehen, Lust und Schmerz
und eine stete Wiederkehr der Freude. Dies ist meine ganze Weisheit bis
auf den heutigen Tag geblieben, und ich will keine andere, denn in ihr
war ich glcklich. In ihr sehe ich das Bild des Mannes, von welchem ich
euch erzhle, und allein in ihr vermag ich es euch darzustellen, Gott
gebe meinen Sinnen Unschuld. Wir sind alle aus der Freude geboren und
kehren zu ihr zurck.

Aus jenem Knaben, der im Hause Gottes die Priester in Erstaunen setzte,
wurde der Mann, dessen Geschick ich euch erzhlen will. Erst nach vielen
Jahren tauchte er wieder unter den Menschen auf, und ich hrte, da
niemand in Erfahrung gebracht hat, wo er bis an die Grenze seines
Mannesalters geweilt habe. Er soll einfach gekleidet gewesen sein und
nicht nach Sitte der Gelehrten seiner Zeit, er trug einen Mantel wie ein
Kleid, sein rauhes Haar fiel auf seine Schultern nieder, und als er
damals unter das Volk trat, hatte er weder ein Haus, noch irgendwelches
Eigentum, noch auch nur einen Ort, wo er htte ruhen knnen. Er
arbeitete nicht und lie keine Sorge um sein irdisches Ergehen in sein
Herz finden, denn sein Glaube war, da der Vater im Himmel sich aller
annhme, die ihn von Herzen suchen. Obgleich er allein war und niemanden
um Liebe bat, auch um keines Menschen Freundschaft warb, fanden sich
Mnner, die sich ihm anschlossen und die keine Macht der Welt mehr aus
seiner Nhe und aus seiner Gefolgschaft verbannen konnte. Man erzhlt,
da sie ihn erblickt und die Worte vernommen htten, die er zu den
Leuten auf der Gasse sprach, und da sie ihn darauf liebgewannen und
sein armes Dasein mit ihm teilten. Sie lieen ihre Arbeit, ihr Haus und
ihre Angehrigen ohne Bedenken zurck, um immer bei ihm zu sein.

Man sprach bald im Land von diesem seltsamen Mann, aber man verstand ihn
nur selten, denn was er den Menschen ber die Liebe sagte, war so neu,
so sonderbar und zugleich so strahlend in seiner Einfalt, da die
meisten erstaunt, erzrnt oder geblendet aus seiner Nhe wichen und ihn
zu hassen begannen, denn er strte sie in der falschen Ruhe ihrer
Herzensarmut. Er sprach nicht ber alle jene Dinge, die sie Tag fr Tag
beschftigten, nicht ber ihre kleinen oder groen Sorgen, nicht ber
die Landesverwaltung, noch ber die Sitten und Gebruche, sondern er
sprach ber das Reich der Seele und ber das Wesen der Liebe.

Eines Tages erstieg er einen Berg, nahe bei einer groen Stadt und
begann, den Vielen, die ihn begleitet hatten, zu sagen, was sein Herz
bewegte.

Er stand hoch und allein im Sonnenschein, in seinem schlichten Kleid,
achtete nicht darauf, wie viele es waren, die ihm zuhrten, noch ob sie
ihn wohlgesinnt oder feindlich betrachteten, er verga das Ungemach, das
ihm von Menschen geschehen war, und sprach, als durchschiene ihn das
Licht, in dem er stand, und seine Worte erklangen und leuchteten von
Gedanken, als ob auch sie aus diesem Licht geboren wren.

Unter seinen Worten sanken alle vergnglichen Werte der Erde dahin, als
seien sie nichts, Reichtum, Macht, Ansehen vor den Menschen und alle
zeitlichen Gter, und an ihre Stelle setzte er zum Wert der Welt die
Liebe. Ihren Glanz nannte er das Reich, und er verhie es nicht den
Mchtigen und Starken, sondern denen, die reinen Herzens sind, denen,
die Barmherzigkeit und Gerechtigkeit ersehnen; sie nannte er das Licht
der Welt.

Als bei seinen Worten in den Herzen der Menschen, die ihm mit Zittern
und Andacht lauschten, die Angst um den Bestand ihres irdischen Daseins
sank, lenkte er ihre Blicke aus dem Wirrsal ihrer tglichen Lebenssorgen
hinber in die Ruhe der Felder, in den Frieden der Natur, und sprach von
den Blumen und Vgeln, die nicht sen und nicht ernten, und die doch
empfangen, was sie brauchen. 'Sorgt nicht fr euer Leben,' rief er laut,
'ihr seid viel mehr als sie! Trachtet zuerst nach dem Reich, so wird
euch alles andere zufallen.'

Das Bild und der Glanz des Reiches wurde unter seinen glhenden Worten
zu einer neuen Heimat im Gemt. Sorge, Ha, Feindschaft und selbst der
Tod erloschen in diesem blhenden Lichte, wie vor der aufgehenden Sonne
im Tal die Nebel der Nacht versinken. 'Ich bin zu euch gekommen, um
alles zu erfllen, was die Sehnsucht unserer Vter erfleht hat, ihr
sollt mit mir vollkommen sein, wie Gott im Himmel vollkommen ist.'

Das Reich, von dem er sprach, wohnte und regierte im Tempel der Seele.
Der Name Gottes und der Name der Liebe verwoben sich unter seinen Worten
zu einer Einheit in unvergnglicher Freiheit. In seinem Herzen glhte
der Wunsch, da die Menschen sich von den vergnglichen Gtern der Erde
abkehren mchten und sich unvergnglichen zuwenden. Mit heiligem Zorn
und brennender Hoheit der Verachtung wandte er sich an die Schar der
Landespriester, die unter dem Volke standen und ihm zuhrten, und er
strafte sie um ihrer toten Gesetze und um ihrer Halbheit willen.

Die Ergriffenheit und das Entsetzen der Menge nahmen berhand, er
erschien den Menschen bald als ein himmlischer Gesandter eines ganz
neuen Friedens, bald war ihnen, als mte ein Gericht des Himmels diesen
glhenden Geist der Verheiung und der Prophezeiung davonreien. Aber
nun wandte er sein Angesicht zum Himmel empor und sprach mit Gott, als
she er ihn von Angesicht. Die erschtterten Menschen warfen sich zu
Boden, ihnen war, als beschwre die Inbrunst dieser Stimme Gott von
seinem Thron nieder, mitten unter sie. Sie glaubten, er wrde Gott zum
Zeugen seines Rechts anrufen und Macht und Gewalt ber die Erde fr sich
erflehen, aber er bat nur um Brot, darum, da ihre Schuld vergeben sein
mchte, und da sie vor Unrecht bewahrt blieben. Wie in einem
unendlichen Jubel des Glcks rief er mit zitternden Lippen zu Gott
empor. 'Dein ist das Reich!'

Der Abhang des Berges erschien wie ein Saatfeld nach dem Werk des
Schnitters. Der Sonnenschein flimmerte in warmen Lichtschwingungen, und
fern ber den Grten sangen die Lerchen im Himmelsblau.

Niemand knnte die Wirkung seiner Rede schildern. In Glck, Andacht und
Entsetzen verlieen die Menschen ihn, als er sie schlo, und der Ruhm
seines Namens verbreitete sich im Land und weit ber die Grenzen hinaus.

       *       *       *       *       *

Dieser unbekannte Gesandte einer neuen Botschaft, die die Liebe zum Wert
der Welt erhob, zog weiter durch das Land und sprach auf den Mrkten und
Straen zu den Menschen. Er fragte nicht danach, ob ein Mensch gute oder
schlechte Eigenschaften hatte, sondern nach dem Verlangen seines
Herzens. Das Heimweh der Menschen war ihm wertvoller als ihre Tugenden,
denn er hatte kein Gefallen an Opfern, sondern nur an Barmherzigkeit. So
nahm er eine Verworfene an sein Herz, als er die Trauer ihrer Demut sah,
aber er verwarf die Opfer eines reichen Mannes, dessen Herz sich nicht
von allem trennen konnte, was er hatte. Aber wo er Glauben an sein Reich
der Liebe fand, entschuldigte er alles, und wenn er jemandem half, so
bekmmerte es ihn nicht, welchem Land oder welcher Kirche er angehrte.
Das Leid der Menschen zog ihn an, er folgte ihren Schmerzen, als wre er
um ihretwillen gekommen, er konnte sich keinem Elend verschlieen.
Einmal kam ein fremder Kriegsherr zu ihm, der ihn kaum kannte, und nur
von ihm gehrt hatte, und bat ihn, er mchte seinen kranken Knecht
gesund machen. Da antwortete er ihm:

'Ich werde kommen und es tun.'

Aber der Fremde lchelte abwehrend und rief:

'Ich bin nicht wert, da du in mein Haus kommst, sag' nur ein Wort, und
mein Knecht wird gesund werden!'

Mit einem heien Erschrecken der Freude ber das Vertrauen, das in
diesen Worten lag, wandte der Angeredete sich seinen Freunden zu. Er
verbarg die Trnen, die sich in seine Augen drngten und sagte:

'Unter euch habe ich solchen Glauben nicht gefunden.'

Dann wandte er sich dem fremden Kriegsherrn aufs neue zu und sagte ihm,
als wre nichts geschehen, das eines Dankes wert sei, da er daheim
seinen Knecht gesund finden wrde. Und wirklich fand der Herr seinen
Knecht gesund.

Solche Macht war ihm gegeben. Niemand begriff, woher sie ihm kam, aber
er lchelte und sagte: 'Ihr alle knntet Berge versetzen, wenn ihr nur
so viel Glauben an die Liebe httet wie ein Senfkorn.'

Seine Freunde, die ihn begleiteten, verstanden ihn nur selten. Oft
frchteten sie ihn, hufiger waren sie um ihn besorgt. Besonders seit er
einmal allein, mit einer Geiel in der Hand, in das Gotteshaus gegangen
war und die Hndler vertrieben hatte, die dort ihre Tische aufzustellen
pflegten, empfanden manche ein heimliches Grauen vor seiner Khnheit.
Denn er hatte den Leuten ihre Geldschalen mitsamt ihren Waren zu Boden
geworfen, so da ihre Habe durcheinander rollte. Ihre Wut beachtete er
so wenig, als ob eine mchtige Schar ungezhlter Engel ihn unsichtbar
begleitete und ihm Macht ber alle Macht der Erde verlieh. So frchteten
seine Freunde sich oft vor seiner Strenge und der Unerbittlichkeit
seiner Forderungen und seines Willens zum Guten, aber als sie ihn einmal
in ihrer Besorgnis fragten, antwortete er ihnen:

'Wer meine Worte hrt und glaubt nicht, den werde ich nicht richten,
denn ich bin nicht gekommen, da ich die Menschen richte, sondern da
ich sie glcklich mache.'

Obgleich er viel und zu allen Leuten sprach, sagte er doch, da
niemandem ein Gut der Seele gegeben werden knnte, der nicht schon reich
an Kraft des Gemts war; so redete er auch von solchen, die fr das
Reich erwhlt seien und von solchen, die es nicht finden sollten. Denn
er kannte den alten Irrtum der Welt, da jemand Liebe empfangen kann,
der keine zu geben hat. Er wute, da nur diejenigen Liebe empfangen,
die Liebe haben. Er wollte nicht, da die Menschen dem Bsen
widerstrebten, und sagte, da niemand seiner wert sei, der nicht alles
aufgbe, was er htte.

Aber die hohe Freude seines Gottbewutseins wechselte oft mit tiefer
Niedergeschlagenheit, denn er war ein Mensch, und wie alle Menschen, von
denen ich euch erzhlt habe, den irdischen Geschicken unterworfen.
Sagte ich euch nicht, als ich euch von Traule erzhlte, da Leid und
Freude aus der gleichen Quelle entspringen, und da sie gleicherweise
hervorstrmen, wenn die geheimnisvollen Grnde der Brust erschlossen
sind? So ging dieser einsame Verknder des Reichs oft allein vor die
Stadt auf einen Hgel, der mit Olivenbumen bestanden war, und wenn er
auf die Wohnungen der Menschen niedersah, berwltigte ihn sein Gram
ber ihre Armut, und er weinte. Er ahnte, da nur wenige im Lauf aller
Zeiten ihn verstehen, und da sie ihn tten wrden. Und er wute, da er
sterben mute, um den Menschen zu zeigen, da er selbst sein Leben
gering achtete, gegenber der unverbrchlichen Bestndigkeit des Reichs.

Als er einmal seine Zweifel, die Angst seiner Seele und das berma
seines Liebesverlangens nicht mehr ertragen konnte, trat er vor einen
seiner Freunde hin, und mit einem tiefen Seufzer entrang sich seiner
Brust die Frage:

'Hast du mich lieb?'

Sein Freund sagte zu ihm: 'Du weit so viele Dinge, du weit auch, da
ich dich lieb habe.'

Aber er fragte noch einmal und ein drittes Mal. Es kamen ihm in heier
Sorge die Menschen in den Sinn, die wie er um ihrer Liebe willen auf der
Erde Schande, Erniedrigung und Not erleiden muten, und die Angst
zerdrckte sein Herz. Er bat seinen Freund, er mge ihn nicht vergessen
und nicht die Hoffnung, nicht das Licht, die sein Herz bewegt hatten. Es
war, als ahnte er, wie arg die Menschen einst seine Worte entstellen,
und da sie aufs neue die Freiheit zum Gesetz erniedrigen wrden. Ein
anderer seiner Freunde hat nie aufgehrt, seinen Herrn zu lieben, er ist
an seiner Liebe gestorben, wie eine Blume, im Glanz der strahlenden
Sonne, an ihrer Seligkeit. Sein Geist sank in Nacht, weil seine Seele
sich so schrankenlos dem Licht zukehrte, da ihr das Irdische fremd
wurde, wie die Dunkelheit. Aber bis in seinen letzten glhenden Traum
sah er die Schnheit seines Herrn.

Wie sollte ein irdischer Mund diese Schnheit schildern? Um das Licht
seiner Worte sind seither auf der Erde mehr Kmpfe gefochten worden, als
um jeden anderen Namen, Kriege sind um ihn gefhrt, wie niemals vorher.
Nie hat die Erde mehr Blut als um seinetwillen getrunken. Die Schar der
Mrtyrer ist ohne Zahl, ja es ist, als habe seit jenen Tagen die Welt
ihr Angesicht verndert und sich der Hoffnung auf ein ganz neues Ziel
zugekehrt, denn glaubt mir, dem Reich, das dieser Mensch im Geist sah
und im groen Herzen trug, dem Reich der Liebe, ist jede Lauheit und
jede Halbheit fremd, seine Welten glhen wie von heiligen Feuern, und
sein Friede ist Kraft. In ihm ist der Schrecken der Welt, das Bse,
berwunden und mit ihm der Tod, den der groe Prophet dieses Reichs
gering achtete, wie ein Kind die Nacht, der der Morgen folgt. Und da
sollte der Tod nicht furchtbarer als je sein vergngliches irdisches
Recht gebt haben?

Der Verknder des Lebens aber ging in seiner Zeit einher wie ein Kind im
Gemt, wenn auch an Geist ein Mann und von mchtigem Willen. Immer ist
mir zumut, als she ich ein einziges Glhen von Freude und Trauer und
unaussprechlicher Hoheit eines edlen Menschentums, wenn ich seiner
gedenke. Nie werde ich vergessen, was eines Tages geschah, als ihm der
Tod begegnete.

Einer seiner Freunde, den er geliebt und in dessen Haus er oft geweilt
hatte, war gestorben, und als er kam, um ihn zu sehen, ruhte der Tote
schon seit Tagen in seinem Grabe.

Seine Freunde sahen, wie er sein Gesicht vor Schmerz verbarg, aber wie
erschraken sie, als er pltzlich sein Haupt erhob, und sie einen so
gewaltigen Zorn in seinen Zgen erblickten, da sie entsetzt vor ihm
zurckwichen. Er stand totenbleich vor dem Grabe seines Freundes, seine
Fuste waren geballt, und unter seiner bleichen Stirn brannten seine
Augen, zum Himmel emporgerichtet, als she er Gott von Angesicht. Es
brach eine furchtbare Drohung aus seinem Mund, er schttelte die Fuste
gegen die finstere Erde, die der Gewalt des Todes gehorchend, seinen
Freund verschlungen hatte. Es war, als beschwre er die Allmacht der
Liebe, und sein Liebeswille wuchs an in ihm, wie ein strahlendes
Ungewitter. Es herrschte Totenstille um ihn her, nie hat der Glaube an
die Ewigkeit des Lebens irdisch ein gewaltigeres Feuer in der Seele
eines Menschen entfacht. Mit zitternden Hnden und von Furcht wie
geblendet, gehorchten seine Freunde, als er ihnen befahl, die
Steinplatte zu heben, unter der der Tote lag, und das Grab zu ffnen.

Da trat er dicht vor die Gruft, erhob seine Stimme und rief laut den
Namen des Toten.

Die Menschen schrien auf vor Entsetzen und warfen sich zur Erde, unten
aber, im Schattengrund der Gruft, begannen die weien Tcher sich zu
regen, in die der Verstorbene eingehllt war. Er befreite sich langsam,
der Stimme gehorchend, die ihn rief, und stieg aus seinem Grabe hervor,
die geblendeten Augen, die das irdische Licht wiedersahen, mit der
bleichen Hand schtzend und mit einem stillen erstaunten Lcheln in
seinen elenden Zgen, von denen die Schatten des Todes langsam wichen,
als er die Augen seines Befreiers sah und ihn erkannte.

Dies wird das grte Wunder genannt, das die Erde gesehen hat, und wenn
der Mann, der es vollbrachte, es vor den Menschen tat, so geschah es aus
Zorn gegen den Tod, den sie frchteten, und in der glhenden Allmacht
seiner Gewiheit, da die Liebe mchtiger als er ist. In ihrem Reich ist
diese Tat kein Wunder, unsere Augen sehen es tglich, und glaubt mir,
ihr Lieben, meine Blumen, die Stunde, in der eure Kelche sich der Sonne
geffnet haben, ist an wunderbarem Reichtum nicht geringer als die, in
welcher einst jener Tote aus seinem Grabe stieg. Noch heute erweckt die
Kraft des Reichs Tote auf, und sie wird es immer tun.

Niemals hat ein Mensch in heierer Zuversicht an die Kraft des Reichs
geglaubt. Es ist dasselbe Reich, in dessen Abglanz wir Bume unsere
Bltterkronen entfalten, ein Tier die Luft zu seinem Leben einatmet, die
Sternbilder im All erstrahlen, und in dem ein Jngling das Mdchen in
seine Arme schliet, das er liebgewonnen hat. Das Reich ist nicht fern
in fremden Himmeln, sondern mitten unter uns, da es zu uns kommen
mchte, ist nun unser aller Gebet geworden, und mit dieser Bitte
erflehen wir den warmen blhenden Frhling herbei, den Frieden unserer
Sttte, den Weg unserer Seele zum Licht und die stete Wiederkehr der
Freude. Wir sind alle auf dem gleichen Weg. Immer ist es reine Freude,
in welcher das Reich zu uns kommt.

Einst fand ein Kind in meinem Schatten am Ufer des Bachs einen bunten
Stein, es hob ihn auf und lachte; ich fing einen Schein aus seinen Augen
auf, da verstand ich das Reich. Da verstand ich, da jener Mann, von dem
ich euch erzhle, einst gesagt hat: Ihr knnt das Reich nicht finden,
wenn ihr nicht wie Kinder werdet.

Mir ist, als habe fr die Menschen nichts anderes Wert auf der Erde,
als da sie das Reich in ihren Herzen finden. Ihr Leib wird lter, aber
ihre Seele jnger, wenn sie den Weg der Liebe gefunden hat. Fr den
Krper naht langsam der unvermeidliche Tod, aber fr die Seele der
Frhling. Fr den Leib wird einst das Leben, aber fr die Seele der Tod
aufhren, es ist ein seltsames Wunder um das Geschick und die Bestimmung
der Menschen auf unserer Erde.

       *       *       *       *       *

Aber den Freunden dieses groen und guten Menschen erschien es nun mehr
und mehr, als habe er nicht getan und nicht erreicht, was er versprochen
hatte und wozu er bestimmt war. Sie hofften, er wrde nun endlich das
Reich aufrichten, von welchem er so oft sprach, und bisweilen sahen sie
ihn in ihrer Vorstellung als Knig ber die Welt herrschen in
niegesehenem irdischen Glanz. Dann wieder wuchs ihre Furcht vor seiner
Wirkung, und sie begriffen nicht, da er keinen Nutzen aus ihr zog. Es
befiel sie Angst um ihr Leben, als sie sahen, wie der Ha der
Landespriester gegen ihn mehr und mehr anwuchs. Sie verstanden nicht,
da er keinen Wunsch hatte, als den, da die Menschen sich von den
vergnglichen Gtern den unvergnglichen zuwenden mchten, und da es
keinen anderen Weg dazu gibt, als den der Liebe, und da allein der
Wille zum Guten das Herz frei macht.

Er begriff, traurigen Herzens, ihre Hoffnungen und ihre Zweifel, und
einmal sagte er zu ihnen, und seine Augen leuchteten vor Zorn:

'Das Reich ist in seiner Wirkung einem Stein vergleichbar, den die
Bauleute fortgeworfen haben, und der am Wege liegengeblieben ist. Htet
euch! Er wird alle zerschmettern, auf die er strzt, und wer ber ihn
fllt, wird zerschellt werden!'

Da nahm ihre Verwirrung berhand. Er aber, um dessentwillen sie sich
sorgten, ging nun oft allein vor die Stadt in einen Garten, der an einem
Bach lag. Er sah bla und elend aus, und von seiner Stirn leuchtete der
Abglanz einer Einsamkeit, wie sie noch keines Menschen Seele geschmeckt
hat. Er sah kein Ende in dem Kleinmut und in der Torheit, die ihn
umgaben, aber sein Herz drngte ihn unaufhrlich zu immer hheren Opfern
und zur Vollendung seines zeitlichen Lebens, das er nicht liebte. Die
Finsternis seiner Seele nahm berhand, ihn verlangte inbrnstig nach der
Gemeinschaft derer, die ihn liebten, und so bat er seine Freunde einst,
sie mchten ihn nicht allein lassen und ihn in den Garten begleiten. So
gingen sie mit ihm, aber die himmlische Ungeduld seiner Seele nahm
berhand, er fhlte, da der Tod seines Leibes das letzte Pfand war, das
er geben mute, aber er frchtete sich vor der Finsternis des Sterbens,
wie alle Lebendigen. 'Ach, seid mir nicht gram,' bat er seine Freunde,
'in dieser Nacht werde ich euch alle bitter enttuschen. Bleibt hier,
wacht, schlaft nun nicht ein.'

Er ging ein paar Schritte fort von ihnen, in die Dunkelheit hinein, nur
die Sterne sahen durch das Laub der Oliven, und der khle Nachtwind
flsterte in den Zweigen; es war, als knnten sie nicht schlafen ber
seinem Leid. Kaum war er von den Freunden getrennt, da fiel er auf sein
Angesicht nieder und flehte zu Gott empor, er mge ihm dies Letzte,
Schwerste ersparen, den Tod in Verachtung und Schmach und unter dem
Spott der Menschen. 'Mu es sein, mein Vater, da ich sterbe, damit die
Kraft des Reichs offenbar werde?' rief er laut zu Gott empor. Er rang
seine Hnde, und auf seine Stirn traten Blutstropfen. O, es ist oft so,
als wollte Gott wissen, wie weit ein Mensch ihm gleicht, er sendet den
besten Menschen die schwersten Prfungen. Glaubt mir, ihr Blumen, meine
Lieben, Pflanzen und Tiere, da niemals ein Wesen der Erde einen
schwereren Kampf gekmpft hat. O bedenkt, welche Macht ihm gegeben war
und den Wert seines groen Herzens, das bis zuletzt verkannt sein mute,
um einst zu der Klarheit erhoben zu werden, in der wir es heute als
unsere strahlende Gewiheit der Freude loben.

Er fand seine Freunde schlafend, als er seinen schwersten Kampf
durchlitt, der Schmerz seiner Einsamkeit berwltigte ihn aufs neue, und
er lag lange im Dunkeln, unter den Bumen auf der Erde, allein.

Da wurde die irdische Finsternis pltzlich vom Himmel her erhellt. War
es ein Sternbild, das langsam, funkelnd gegen ihn niederbrach? Der ganze
Hain erstrahlte, ein Engel stieg aus der Hhe nieder! Der himmlische
Gesandte hob das Haupt des verzweifelten Menschen barmherzig empor,
strich die feuchten Haare aus der Stirn und setzte einen Kelch mit Wein
an seine Lippen. Da lsten sich die Trnen in den Augen, die niemals ein
bser Wille getrbt hatte, und eine jubelnde Gewiheit erhob seine Seele
zu ihrem letzten, groen Entschlu. Dies ist die Stunde gewesen, in der
das Reich in seiner freiesten Herrlichkeit in der Brust eines Menschen
erstrahlte, es gibt nun kein Herz mehr, zu dem sich nicht auch heute
dieser Engel findet, wenn sein Ringen um Licht in Zweifeln berhand
nimmt.

Kurze Zeit darauf kamen Krieger und Knechte durch die Nacht, die von den
Landespriestern geschickt worden waren, um ihn zu ergreifen und in
Gefangenschaft zu setzen. Als seine Freunde sein Angesicht im Schein der
Fackeln sahen, leuchtete ihnen ein unnennbarer Frieden entgegen, und sie
erkannten, da es sein Wille war, dies Schicksal zu erleiden. Sie flohen
alle, und derjenige unter ihnen, der ihm noch in dieser Nacht
versprochen hatte, ihn niemals zu verlassen, antwortete, als man ihn am
Morgen fragte:

'Ich kenne diesen Menschen nicht.'

Der Gefangene soll spter seinen Richtern wenig geantwortet haben. Er
wute, da sie ihn nicht verstehen wrden, und er verteidigte sich
nicht. Er gab zu, gesagt zu haben, was man ihm vorwarf, als aber seine
Richter wollten, da er ihnen seine Wahrheit erklren sollte, antwortete
er ihnen, da ihre Welt nichts mit seinem Reich zu schaffen habe, und
da niemand die Wahrheit verstnde, der nicht aus ihr geboren sei.

So verurteilten sie ihn zu einem qualvollen Tod, denn sie haten ihn,
weil seine Lehre das Licht der Liebe fr das dunkle Wort und fr den
Zwang ihrer Kirche eingesetzt hatte. Sie sagten, er habe Gott gelstert,
weil er Gott nicht in toten Gesetzen und Formeln suchte, sondern allein
in der unvergnglichen Freiheit eines reichen Gemts.

Man erzhlt, da er den Tod erlitten hat, wie alle Lebendigen ihn
erleiden, und mit Angst vor seiner Finsternis und mit Qualen seines
Leibes. Er schrie laut zu Gott empor, er mge ihn nicht verlassen, und
bat seine Peiniger um Wasser. So ist er allen Dahinsinkenden nah
geblieben bis an ihre letzte Stunde.

Vor seinem Tode sah er einen anderen Menschen neben sich sterben, der
auch gerichtet wurde, und in den verlschenden Geist dieses Armen sank
ein Lichtstrahl von der Stirn des Leidenden, den er auf dem Markt und
vor dem Volke hatte sprechen hren, und auf dessen Befehl Tote sich aus
ihrem Grabe erhoben hatten, und der nun unter den Augen seiner Feinde
die Bitterkeit des Todes schmeckte. Da traf ein Schein der Wahrheit sein
brechendes Herz, da dieser Mann freiwillig litt und starb und nicht aus
Schuld gegen die Menschen, wie er selbst, und er bat ihn: 'Gedenke
meiner in deinem Reich.' Der Angeredete wandte sich ihm zu, als sei
diese Bitte des Verdammten Gottes Antwort auf die Qualen seines eigenen
Leibes und seiner Seele, und er antwortete ihm: 'Du sollst noch heute
mit mir die Herrlichkeit des Reichs sehen.' Und ber dieser letzten
Verheiung seiner Liebe wurde ihre Kraft aufs neue zu einer lichten
Gewiheit seiner Brust, und sein Herz, das unendliche, weite, klare,
brach mit dem Seufzer: 'Es ist vollbracht.'

       *       *       *       *       *

Als die Linde ihre Geschichte beendet hatte, dmmerte schon in der
Himmelsweite des Ostens der Morgen herauf. Es war still auf der
Waldwiese, man glaubte die Atemzge der Lauschenden zu vernehmen, viele
von ihnen waren in der khlen Mondnacht eingeschlafen, aber es war, als
wachten alle Herzen. Der Inhalt der Geschichte breitete sich ber den
Lebendigen wie eine schimmernde Segnung aus, die der vollen Erkenntnis
nicht zu bedrfen schien, sondern die wie das Bewutsein einer
geschehenen Wohltat ein Gefhl des Glcks zurcklie.

Die Stille machte alle Dinge merkwrdiger. Der grauen Uku am Stamm in
ihrer Hhlung war zumute, als mte ein Wunder geschehen, sie dachte an
ihr Alter, und das Baumrauschen war ihr nie so heimatlich zu Herzen
gedrungen, nie so bestndig in seinem milden Wohllaut, und das Leben
erschien ihr gut und freundlich. Welch ein Wunder ist es um die
Menschen, dachte sie. Sie sah hinab auf den Pflanzenteppich am Boden,
auf die reglosen Formen der Zweige in der Dmmerung. Ich lebe nun wohl
nicht mehr lange, sagte sie, aber wie schn und gro ist es mir im
irdischen Licht erschienen, die Zeit wird weitergehen, auch ohne mich,
das Reich wird kommen, und sein Ende wird unvergngliche Freude sein.

Da klang es jhlings jubelnd drauen ber den Feldern auf, ein silbernes
Luten und zugleich ein jauchzendes Schlagen, lieblich trillernd und so
zart und voll klaren Wohllauts, da man seine Augen schlieen mute, um
die Seligkeit an diesem Lied im Herzen zu bewltigen.

Unten rief eine Stimme in hchstem Erstaunen:

Die Lerche singt!

Wie, dachte Uku, es ist spt im Sommer und die Lerche singt? Betrt von
der Freude an dem hellen Gesang in der Morgendmmerung, aber tief
erstaunt, sah sie sich verwirrt um. Es begann sich rings zu regen, die
Bewegung war gro umher, und in ratlosem Glck sahen die Geschpfe
einander an. Aber da pltzlich berwltigte die alte Uku eine
Erinnerung, sie wollte etwas sagen, brachte aber kein Wort hervor,
sondern lehnte sich wie in einem Taumel von Liebesangst und Freude an
den Stamm, und aus ihren Augen brachen Trnen, eine nach der anderen,
und tropften nieder. Endlich rief sie mit einem Schluchzen in der
Stimme:

Elf! Elfenkind!

Keine Antwort scholl, es war nach ihrem Ruf so still, da das
Lerchenlied die Welt klar und einsam fllte, wie ber ihm der
Morgenstern am Firmament, der in verklrtem Blau schwebte. Da stieg in
alle Herzen eine holde, erschrockene Ahnung, kaum sah sich einer von
allen nach dem Platz des Elfen um, sie wuten, er war fort und frei, und
sie lauschten mit zitterndem Gemt dem lichten Wunder des spten Liedes,
in dem die Lerche dem Elfen das Versprechen ihres Danks und ihrer Liebe
hielt: Wenn du einst heimfliegst, will ich singen.




                          Achtzehntes Kapitel

                             Der Abschied


Eine Schwalbe hielt auf ihrer Reise zum Sden noch einmal kurze Rast auf
der Linde, und ihre helle Stimme voll Wanderlust erweckte in den Herzen
der Waldwiesenleute zitternde Ahnungen von fernem Glck und nahem
Abschied.

Viele von euch Vgeln bleiben zurck und ihr brigen Geschpfe alle,
lebt wohl! rief die Schwalbe. Ich eile nun mit dem unsichtbaren Wind
zugleich ber tiefe Abgrnde dahin, ber glhende Berge und ber das
schimmernde Meer. Ich liebe den Wind, der mich trgt, von ihm wei ich,
da die Freiheit den hchsten Wipfel der Erde zuerst berhrt, wie er.
Komme mit, wer kann und will! Wer bleiben mu, leide nicht, oder schlafe
wohl in der khlen Ruhe, ich will euch mein Heimweh nach der Ferne in
euren Trumen zurcklassen.

Ich komme auf meiner Reise zu einer Insel im Sden, im Meer, wo wilde
Blumen auf den Felshhen im Wind miteinander spielen. Der Harzgeruch der
alten Bume in den Meertlern fllt die Landschaft wie mit der Mahnung
der Unsterblichkeit, und in der Einsamkeit mildert die Weite alles Nahe.
Die Sternbilder leuchten in den sdlichen Nchten, rufend, glnzend. An
den standhaften Felsen braust das Meer Tag und Nacht, oft erscheint mir
die Erde dort, als sei sie der Menschen mde, ihr Angesicht ist
abgehrmt, ihr Kleid karg. Aber unter der Sonne erheitern sich die
Lebensfalten der alten Berge zu einem klugen Lachen.

Sie halten goldene Trauben gegen das blaue Meer, das Baumlaub vergeht zu
keiner Jahreszeit, die Bume grnen, bis sie sterben. Die Frhlichkeit
der Menschen in diesen Lndern ist unbedacht, die Sonne verwandelt ihren
Ernst in den Schlaf, ihre Trauer in Wehmut, und der unvermerkt
herannahende Tod scheint allen ohne Bitterkeit. Ja, das Sterben ist
leichter dort, denn die kleinen Gedanken und unntzen Hoffnungen halten
der Sonne, dem Meer nicht stand. Es zieht mich mit tausend Mchten in
die milde, blaue Ruhe des Sdens; lebt wohl, ich komme wieder.

Die Schwalbe flog mit einem hellen Triller auf, warf sich in den Wind,
den sie zu umfangen schien und der sie trug, zugleich hingegeben und
kraftvoll, seinem Wesen verwandt, geborgen und hoch.

Ach, wer so fliegen knnte, meinte ein Rotschwnzchen, und es war
sicher nicht der einzige Vogel der Wiese, der das gleiche Verlangen im
Sinn trug wie die Schwalbe. Ihre Worte lieen eine erwartungsvolle
Unruhe in den Sinnen der Waldvgel zurck. Lichteten die Bume sich
schon?

Wir werden auf den Storch warten, meine Liebe, er wird uns tragen und
mitnehmen, sagte die Grasmcke und schttelte ihre Federn ein wenig
auf, so da sie viel dicker und ganz zerzaust aussah. Es wurde auch
wirklich schon recht khl, besonders an diesen sonnenlosen Tagen, wie
sie nun oft in unfabarer Stille, mit einem leichten Nebelkleid in der
Frhe, dahinzogen. Dann wieder wurde in der Sonne die Luft so klar, da
man die Stimmen der Landleute auf den Feldern weithin vernahm, als hbe
die Reinheit die Entfernung auf, und nachts kamen die Sterne der Erde
nher.

Die zarten Kelche der Herbstzeitlose erschienen im Gras und am
Buschrain, als habe ein verspteter Frhlingsengel sie ber Nacht
verstreut, ihre blassen Farben waren voller Wehmut und sie blhten nicht
lange. Um die wrmeren Mittagsstunden kamen wohl zuweilen noch Kfer und
Bienen geflogen, ihr vereinzeltes Summen klang deutlich und sorgenvoll,
aber es rief sie niemand mehr.

Von Tag zu Tag wurde es stiller, die Muse schlossen ihre Wohnungen
bereits, Uku hatte alles fr ihren Winterschlaf vorbereitet, und auch
Li, das Eichhorn, sammelte eifrig fr den Winter, denn wenn spt noch
ein schner Sonnentag kam, so konnte es auch in der kalten Zeit einen
Spaziergang durch die Fhrenkronen nicht entbehren, und es wute, da
solch eine Ausfahrt in die Frische ganz ungewhnlichen Appetit mit sich
brachte. Alle kleineren Tiere suchten, eines nach dem andern, die warme
Erde in Schlupfwinkeln und Hhlen auf, Verstecke in Baumlchern oder
tief unter welkem Laub, und es wurde langsam leer und immer stiller.

[Illustration]

Die Strucher empfingen am Waldrand den Wind am Abend, und sie
begrten ihn mit ihrem Lied:

    Du gehst wie das Licht, wie der Blick
    ber schwindelnde Abgrnde hin,
    du, unser lebendiges Glck,
    unserer Stimmen seliger Sinn.

    Unsere Trnen sind unsere Speise,
    wenn du, auf den Schwingen die Nacht,
    unsichtbar, himmlisch, leise
    die Dunkelheit zu uns gebracht.

Aus der klaren Freiheit des Herbstes tauchte farbig umkrnzt die
Wirklichkeit des Sterbens auf, und den Sinnen der Scheidenden wurde weh
und wohl. Mit ihrem Lebensschmuck sank ihre Erinnerung an das Kleine,
Vergngliche ihres Daseins an ihnen nieder, sie gaben der Erde zurck,
was sie von ihr empfangen hatten, und der himmlische Wind drang
ungehindert in ihre Seelen.

Als die Vgel fort und die letzten Blumen welk waren, kamen die Nebel.
Die gelben Bltter der Linde lsten sich und sanken mit den Tropfen
durch die khle, graue Luft nieder auf die Ruhesttten der Pflanzen,
Beeren und Grser. Nach Tagen sahen Sonne und Wind ein buntes, freies
Bild.

War es einst anders? fragten sich mit unbeschreiblichem Lcheln die
Pflanzen. Ist nicht nun alles gut? Wir blhten und trugen Frucht, so
sind unsere Tage vergangen. Es klang wie Wahrsagungen durch den Sinn
ihrer letzten Worte: Wir taten, was die Natur wollte, nun nimmt sie
sich unserer an, in ihr kehren wir heim, und wieder zugleich. Und eine
nach der anderen sank zur Erde nieder, der Mutter. Sie sprten unter dem
feuchten Teppich des Lindenlaubs den kalten Nebel nicht mehr. Die
Geschpfe dienten einander im Sterben mit ihrem Vergnglichen, wie sie
zu Lebzeiten einander dienstbar und hilfreich gewesen waren. Sie ahnten
noch die kalte, weie Decke, die der Himmel eines Nachts ber ihnen
ausbreitete, es war wie ein schlummernder Glaube, da eine reine Einfalt
der beste Teil aller Wesen sein sollte und ihre Einigung.

       *       *       *       *       *

Und nun lebt wohl von Herzen, ihr, die ihr mir gelauscht habt, und
gedenkt meiner. Habe ich euch kleine Dinge gro gezeigt und groe
einfach, so glaubt mir, da alles, was wir erleben, uns nicht grer
erscheinen kann, als unser Herz gro ist, und alle Dinge, die uns
begegnen, sind uns so viel wert, als unsere Liebe zu ihnen uns Glck
bedeutet. Glaubt mir, denn ich wei es zuversichtlich!

Wir mssen alle das Lcheln wieder lernen, das unseren kurzen
Lebenstagen und ihrem vergnglichen Werk und Schmerz gilt, denn wir
erfahren in unserer Lebenszeit von der Erde und ihrem und unserem Wesen
so wenig, da wir nicht glauben drfen, unser irdischer Aufenthalt sei
der Sinn unseres Daseins. Wir sind alle aus der Freude geboren und
kehren zu ihr zurck.


                                _Ende_




_Die Bcher von Waldemar Bonsels_ aus dem Verlage von Schuster &
Loeffler in Berlin W


=Die Biene Maja= und ihre Abenteuer. 150. _Auflage_. M.3.- brosch.,
M.4.50 geb., Luxus-Ausgabe M.25.-

=Himmelsvolk.= Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott. 90. _Auflage_.
M.3.50 brosch., M.5.- geb.

=Das Anjekind.= Eine Erzhlung. 25. _Auflage_. M.3.- brosch., M.4.50
geb.

=Der tiefste Traum.= Eine Erzhlung. 17. _Auflage_. M.3.- brosch.,
M.4.50 geb.

=Blut.= Eine Erzhlung. 15. _Auflage_. M.3.50 brosch., M.5.- geb.

=Wartalun.= Eine Schlogeschichte. 37. _Auflage_. M.5.- brosch.,
M.7.50 geb., Luxus-Ausgabe M.28.-

=Don Juan.= Eine epische Dichtung. 3. _Tausend_. M.7.- geb.,
Luxus-Ausgabe M.20.-

=Norby.= Eine dramatische Dichtung. 3. _Tausend_. M.7.- geb.,
Luxus-Ausgabe M.20.-



_Bei Rtten & Loening in Frankfurt_


=Indienfahrt.= 68. _Tausend_. M.5.- brosch., M.7.50 geb.

=Menschenwege.= Notizen eines Vagabunden. 35. _Tausend_. M.5.-
brosch., M.7.50 geb.



[Anmerkungen zur Transkription: Die nachfolgende Tabelle enthlt eine
Auflistung aller im elektronischen Buch gegenber dem Originaltext
vorgenommenen Korrekturen.

S. 004: ist in gleichem Verlag -> im gleichen
S. 059: Da wute ich, da mein irdischer Gefhl -> irdisches
S. 065: [Anfhrungszeichen ergnzt] vom Irdischen abgewandt hat.
S. 086: das Angesicht der Muttter -> Mutter
S. 095: Onna, die Bach stelze, war schon auf -> Bachstelze
S. 114: sagte der Graeshpfer -> Grashpfer
S. 117: auf der Oberflsche schwamm -> Oberflche
S. 118: [Punkt ergnzt] um ihn abzutrocknen.
S. 131: bis sie eine Entgeguung darauf -> Entgegnung
S. 151: die letzen Sommerblumen -> letzten
S. 178: [Punkt ergnzt] Kopf fortschleudern wollte.
S. 209: [Anfhrungszeichen ergnzt] Goldene Sonne, ein Elfenkind
S. 209: gib mir dein himmliches Gold dafr -> himmlisches
S. 221: [Anfhrungszeichen korrigiert] 'Es wird alles, alles gut,' etc.
S. 242: die Schatten des Totes -> Todes ]



[Transcriber's Notes: The table below lists all corrections applied to
the original text.

p. 004: ist in gleichem Verlag -> im gleichen
p. 059: Da wute ich, da mein irdischer Gefhl -> irdisches
p. 065: [added closing quotes] vom Irdischen abgewandt hat.
p. 086: das Angesicht der Muttter -> Mutter
p. 095: Onna, die Bach stelze, war schon auf -> Bachstelze
p. 114: sagte der Graeshpfer -> Grashpfer
p. 117: auf der Oberflsche schwamm -> Oberflche
p. 118: [missing period] um ihn abzutrocknen.
p. 131: bis sie eine Entgeguung darauf -> Entgegnung
p. 151: die letzen Sommerblumen -> letzten
p. 178: [missing period] Kopf fortschleudern wollte.
p. 209: [added opening quotes] Goldene Sonne, ein Elfenkind
p. 209: gib mir dein himmliches Gold dafr -> himmlisches
p. 221: [use of single quotes] 'Es wird alles, alles gut,' etc.
p. 242: die Schatten des Totes -> Todes ]





End of the Project Gutenberg EBook of Himmelsvolk, by Waldemar Bonsels

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HIMMELSVOLK ***

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