The Project Gutenberg EBook of Der heilige Brokrazius, by Rudolf Greinz

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Title: Der heilige Brokrazius
       Eine heitere Legende

Author: Rudolf Greinz

Release Date: September 23, 2008 [EBook #26694]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HEILIGE BROKRAZIUS ***




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Rudolf Greinz

Der heilige Brokrazius

  [Abbildung]

L. Staackmann, Verlag, Leipzig




                      Der

              heilige Brokrazius

                       *

              Eine heitere Legende

                      von

                 Rudolf Greinz

                       *

                     [Bild]

         L. Staackmann Verlag / Leipzig

                      1922




  Alle Rechte, besonders das der
  bersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten

  Fr Amerika:
  Copyright 1922 by L. Staackmann, Leipzig


  Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig




Inhaltsverzeichnis

                                                               Seite

  Vom Pater Hilarius und seiner weltberhmten Fastenpredigt
    ber das Thema: Warum und wasmaen der Mensch das
    allergrte Rindviech ist                                     7

  Wie der Pater Hilarius dazu kam, die Legende vom heiligen
    Brokrazius zu schreiben                                      26

  Wie die Heiligen im Himmel dem lieben Gott eine seltsame
    Bitte vortrugen                                               43

  Wie die himmlischen Sendboten den heiligen Brokrazius
    entdeckten                                                    50

  Wie der heilige Brokrazius auszog, um die Welt zu
    beglcken                                                     70

  Wie der heilige Brokrazius den Amtsschimmel fand und sich
    beritten machte                                               84

  Wie der heilige Brokrazius in dem heiligen Stultissimus
    seinen ersten Jnger warb                                     94

  Wie die beiden Heiligen einen auferbaulichen Disput hatten
    und das respektvolle Ergebenheitstrnklein brauten           110

  Wie der heilige Brokrazius Hhneraugen im Hirn bekam und
    sich einen Zopf wachsen lie                                 121

  Ein delizises Intermezzo von den Tiroler Speckkndeln         138

  Wie der heilige Brokrazius die Stampiglien erfand             144

  Wie der heilige Brokrazius seine Jnger belehrte              153

  Bilder-Galleria der Jnger des heiligen Brokrazius            161

  Von der Titel- und Ordenssucht                                 169

  Wie der heilige Brokrazius sich erlustierte                   174

  Wie der bitterbse Kare Revoluzzer den guten Knig zum
    Teufel jagte                                                 179

  Wie besagter Hllenbraten den heiligen Brokrazius
    erschlagen wollte und von diesem glorreich widerleget
    wurde                                                        186

  Wie der heilige Brokrazius gen Himmel fuhr und seinen
    himmlischen Einflu auf den Kare Revoluzzer wirken
    lie                                                         191

  [Verzierung]




    Vom Pater Hilarius und seiner weltberhmten
    Fastenpredigt ber das Thema: Warum und wasmaen
    der Mensch das allergrte Rindviech ist.


Grognstiger Leser und hochgeneigte Leserin dieses ebenso frommen als
ungemein ersprielichen Bchleins, ihr habt hoffentlich schon von dem
hochwrdigen Pater Hilarius gehrt. Ja, ihr mt sogar sicher davon
gehrt haben, weil ihr euch ansonsten selber eines ungeheuern,
bedauerlichen und schier unbegreiflichen Bildungsmangels schuldig macht.

Oder solltet ihr wirklich noch nichts von dem hochwrdigen Pater
Hilarius gehrt haben? Das stellet euch gar kein gutes Zeugnis aus.
Ihr seid offenbar zu sehr verstrickt in den faulen Zauber aller
Weltlichkeit, als da euch der Pater Hilarius schon begegnet wre. Also
will ich mich in christlicher Erbarmung ber euren unverantwortlichen
Bildungsmangel hinwegsetzen und euch vom Pater Hilarius erzhlen.

Der Pater Hilarius war natrlich ein Tiroler, wie berhaupt alle
gescheuten Menschen Tiroler sind. Von seinem Geiste werdet ihr noch ganz
erklecklich genug zu spren und zu schmecken bekommen. Demnach knnen
wir uns vorerst mehr mit seiner hochwrdigen Leiblichkeit befassen.

Um euch ein allgemeines Bild von dem berhmten Pater zu geben, mchte
ich euch zu Gemte fhren, da er von auen rund und von innen na war.
Die uere Rundlichkeit stammte von gengender und mit gebhrender
Andacht aufgenommener Atzung. Die innere Nsse oder Feuchtigkeit leitete
ihren Ursprung von geistigen Flssigkeiten her, die der hochwrdige
Pater mit einer womglich noch greren und tieferen Andacht seinem
sterblichen Leichnam einverleibte. Darunter spielte der Wein eine
hervorragende Rolle. Glaubet aber deswegen ja nicht, da der hochwrdige
Pater Hilarius ein Fresser und Schlemmer und ein gottloser Sufer war.
Wie ich euch bereits gesagt habe, geschah alles mit der gebhrenden
Andacht.

Der hochwrdige Pater Hilarius betrachtete Essen und Trinken als ein
Gott wohlgeflliges Fest, das man nicht hoch genug feiern konnte. Er
huldigte dem erhabenen Grundsatze, da Essen und Trinken Leib und Seele
zusammenhalte. Und diesem notwendigen Zusammenhalt brachte er so manches
Opfer. Es ist auch jedermann, der auf einen guten Bissen und einen guten
Trunk nichts hlt, ein langweiliges Individuum, dessen Erschaffung sich
der liebe Herrgott htte ersparen knnen.

Ich habe weiter oben die Behauptung aufgestellt, da berhaupt alle
gescheuten Menschen Tiroler sind. Obwohl diese Behauptung aus dem
Spruchschatze des Pater Hilarius stammet und dahero eigentlich keiner
weiteren Begrndung bedrfte, will ich euch den Beweis dafr doch nicht
schuldig bleiben.

Bekanntlich meldet die Volkssage, da die Tiroler erst mit vierzig
Jahren gescheut werden. Nachdem aber, wie aus dem Nachfolgenden nur zu
deutlich hervorgehen wird, die ganze Menschheit nichts anderes ist, als
ein groer Stall von Rindviechern, haben die Tiroler wenigstens noch
eine Mglichkeit und einen festgesetzten Termin zum Gescheutwerden,
whrend eine solche Mglichkeit oder ein derartiger Termin fr die
brigen Menschen auerhalb Tirols nicht bekannt ist.

Ein anderes wichtiges Momentum, das gleichfalls den Forschungen des
hochwrdigen Pater Hilarius entstammet, soll hier zum erstenmal einer
breiteren ffentlichkeit bergeben werden. Nmlich, da die Gescheutheit
der Tiroler ihren Urgrund in den Speckkndeln hat.

Die Speckkndel sind die Nationalspeise und das Lieblingsgericht aller
Tiroler. Durch einen ganz eigentmlichen chemischen Proze, ber den
sich der hochwrdige Pater Hilarius sehr eingehend verbreitet, haben die
Speckkndel die merkwrdige und nicht genug zu schtzende Eigenschaft,
da sie zu einem groen Teile unmittelbar als Phosphor ins Gehirn gehen.

Diese Ansammlung von Phosphor erreichet genau beim vollendeten
vierzigsten Lebensjahre eines jeden Tirolers einen derartigen Hhepunkt,
da die Gescheutheit mit der Sicherheit eines physikalischen
Experimentes von selbst in Erscheinung tritt.

Die diesbezglichen grundlegenden Forschungen des hochwrdigen Pater
Hilarius erlaube ich mir ganz bewut zu unterschlagen. Sonst wollte
eines Tages die ganze Welt Speckkndel fressen, um auch so gescheut zu
werden wie wir Tiroler. Das ginge uns just noch ab. Wir haben ohnedies
immer zu wenig Speck, namentlich in den gegenwrtigen teuren Zeiten.

Weil nun die Tiroler Speckkndel die angebetete Leibspeise des
hochwrdigen Pater Hilarius waren und er sie auch fleiig mit Wein
bego, um den chemischen Proze der Phosphoreszierung mglichst zu
beschleunigen, hat er es zu einem ganz besonders hohen Grade der
Gescheutheit gebracht, der ihn befhigte, seine weltberhmte
Fastenpredigt ber das auferbauliche Thema zu halten: Warum und
wasmaen der Mensch das allergrte Rindviech ist.

Wenn ihr von dieser Fastenpredigt auch noch nichts gehrt haben solltet,
so kann ich es mir nur dadurch erklren, da die auerhalb Tirols
lebende Menschheit, die sich von den Ausfhrungen besagter Predigt ganz
besonders betroffen fhlen mu, alles getan hat, um die geistigen
Produkte des hochwrdigen Pater Hilarius heimtckisch zu unterdrcken.

Ihr mt nmlich wissen, da die mehrfach erwhnte Fastenpredigt des
hochwrdigen Paters etwa nicht seine einzige Fastenpredigt war, sondern
da er noch zahlreiche andere Fastenpredigten hielt. Dieselben zur Gnze
oder in einer Auswahl einem lblichen Publico durch die Druckerschwrze
vor Augen zu fhren, behlt sich der Herausgeber dieses
Erbauungsbchleins fr einen spteren geeigneten Zeitpunkt vor.

Grognstiger Leser und hochgeneigte Leserin, seid also in Demut darauf
gefat, eines schnen Tages auch die anderen berhmten Fastenpredigten
des Pater Hilarius versetzt oder vielmehr um eure _pleno titulo_
Ohrwascheln gehaut zu bekommen.

Fr heute wollen wir uns mit seiner berhmtesten Fastenpredigt begngen,
da selbige sozusagen den festen Grundstock bildete, auf dem der
hochwrdige Pater die Legende vom heiligen Brokrazius aufbaute.

An einem Samstag der Fastenzeit hatte sich der hochwrdige Pater
Hilarius, um sich fr die geistigen Strapazen des darauffolgenden
Sonntags zu strken, sieben Tiroler Speckkndel von der beruhigenden
Dimension mittlerer Kegelkugeln einverleibet. Danach verzehrte er noch
einen Schpsenbraten mit beigelegten Erdpfeln, Huptelsalat und
gedrrtem Zwetschgenkompott, auch eine Leibspeise von ihm, und setzte,
weil aller guten Dinge drei sind, noch ein drittes Leibgericht als
Krnung darauf. Das waren gebackene Brandstrauben. Dazu trank er
anderthalb Ma Kalterer Seewein. Alles in offensichtlicher Andacht,
gebhrender Dankbarkeit fr die wundersamen Gottesgaben und in
himmlischer Ergebenheit.

Als er die letzte Straube mit dem letzten Tropfen Kalterer begossen
hatte, faltete er die Hnde ber seinem sehr ansehnlichen Buchlein und
sprach: Jetzt wohl! Gegessen wr's und getrunken wr's auch. Wenn's nur
gepredigt auch schon wr'!

Dieser fromme Wunsch steigerte sich aber alsobald zu dem mannhaften
Entschlu: Na, wartet, euch will ich morgen ordentlich einheizen! Euch
will ich sieden und braten, da euch Hren und Sehen vergeht! Ihr
Malefiz-Snden- und Teufelsbrateln bereinander!

Sprach's, berlegte sich seine Predigt und ging zur Ruhe.

Da die Phosphorentwicklung schon in der darauffolgenden Nacht eine ganz
gewaltige und mitunter sogar laut hrbare war, erwachte der hochwrdige
Pater Hilarius am nchsten Morgen mit einem solchem Gefhle geistiger
Strkung, da er sich befhigt erachtete, smtliche Kirchenvter und
Theologen zu einem geistlichen Turnier in die Schranken zu fordern.

Also bestieg er mit dem geistigen Destillat der sieben Tiroler
Speckkndel und aller sonstigen dankenswerten Zutaten die Kanzel und
hielt seine berhmte Fastenpredigt, die ich im Nachfolgenden zur
Erbauung von mnniglich im Wortlaute wiedergebe...

Meine vielgeliebten andchtigen Zuhrer! Alle Dinge mssen einen Anfang
haben. Dahero auch eine Fastenpredigt. Nun will ich aber fr meine
heutige Predigt den allerersten Anfang whlen, das ist die Erschaffung
des Menschen.

Wenn wir dieser Erschaffung auf den Grund gehen, so ist dieselbe
eigentlich fr den Menschen gar nicht sonderlich schmeichelhaft. Nur die
menschliche Eitelkeit hat es sich mit der Zeit eingebildet, da der
Mensch ein auserwhltes Geschpf sei.

Lasset daher alle Eitelkeit und allen Stolz fahren, meine vielgeliebten
andchtigen Zuhrer, und bemhet euch mit mir, eurem aufrichtigen
Freunde, den Tatsachen eurer Erschaffung nachzuforschen.

Wie ihr alle wissen werdet, hat der liebe Gottvater zuerst Himmel und
Erde erschaffen, Land und Meer, die Pflanzen und Bume und alles Getier,
das da kreucht und fleucht. Und erst, als alles da war, vom grten
Elefanten bis zum kleinsten Floh, da hat der Herrgott den Menschen
erschaffen.

Aus was hat er ihn erschaffen? Aus Erde. Jawohl, aus Erde. Das schaut
sich ganz schn an, wenn man nicht weiter nachdenkt.

Kann sich nun einer von euch, meine vielgeliebten andchtigen Zuhrer,
ernstlich vorstellen, da man aus trockener Erde eine Figur knetet? Denn
eure auferbauliche Figur, wie ihr da seid mit Krpf' und mit Tadel, hat
doch der Herrgott aus Erde zusammengeknetet und nachher angeblasen, da
ihr eure Haxen habt rhren knnen.

Sintemalen nun aus trockener Erde auch der Herrgott keine Figur kneten
kann, weil alles in Staub zerfallen tt, so mu das Handwerkszeug des
lieben Herrgott aus feuchter oder nasser Erde bestanden haben.

Und wit ihr, wie man nasse Erde heit oder was nasse Erde ist? Scheut
euch das kurze einsilbige Wort nicht auszusprechen; denn es handelt sich
um eine sehr natrliche und alltgliche Sache, der ihr auf Schritt und
Tritt begegnet.

Aus einem Patzen Dreck hat euch der Herrgott gemacht, aus ganz
gewhnlichem Dreck. Vom Dreck stammt ihr, Dreck seid ihr und Dreck
bleibt ihr.

Dahero, meine vielgeliebten andchtigen Zuhrer, knnt ihr euch auf eure
dreckige Herkunft nichts Besonderes einbilden. Habt ihr vielleicht
jemals vernommen, da der Herrgott auch nur eines der vielen Viecher aus
Dreck hat erschaffen mssen? Die hat er einfach so erschaffen. Da hat er
dieses schmutzige Material nicht dazu gebraucht. Nicht einmal um die Sau
zu erschaffen, hat er so unappetitlich herumhantieren mssen, wie bei
eurer Erschaffung.

Darum bildet euch ja nicht ein, da ihr die Krone der Schpfung seid.
Ihr seid hchstens das Zipfel von dem ganzen knietiefen urweltlichen
Dreck, der damals, weil es keine Straenreinigung gab, auf der Erde
jedenfalls noch reichlicher vorhanden war, als heutzutage.

Ihr habt dahero gar keine Ursache, meine vielgeliebten andchtigen
Zuhrer, auf die lieben Viecher von oben herabzusehen und sie fr
minderwertig oder gar fr dumm zu halten. Ich sage euch als euer
aufrichtiger Freund und geistlicher Berater: Kein Viech ist so
minderwertig, als es ein Mensch sein kann, und kein Viech ist so
strohdumm, als ihr es in der Regel seid.

Das schreibet sich eben daher, weil es auf der ganzen Erde kein einziges
Viech gibt, das aus so minderwertigem Material zusammengeknetet worden
wre wie ihr, meine vielgeliebten andchtigen Zuhrer.

Nun will ich euch aber eure grenzenlose Dummheit, welche die Dummheit
des allerdmmsten Urviechs noch weit bertrumpft, gebhrend zu Gemte
fhren.

Knnt ihr vielleicht einen Affen in allen Urwldern und Menagerien der
Erde finden, der ein solcher Aff' ist wie der Mensch ein Aff' ist? Es
wird so manches zu entdecken sein, was selbst der rgste Aff' nicht
nachmacht. Aber es gibt berhaupt nichts, was der Mensch nicht
nachmacht. Je blder etwas ist, desto begeisterter wird es nachgemacht.
Der Mensch glaubt alles, was ein Aff' niemals glauben wrde. Der Mensch
trottet hinter allem drein, wo ein Aff' sich schon lngst ber alle
Bum' davongemacht htte.

Aber kann man auch einen greren Esel finden als den Menschen? Kein
Esel wrde, ohne mit allen Vieren auszuschlagen und energisch den Dienst
zu verweigern, die Lasten tragen, die der Mensch schon getragen hat und
noch immer trgt. Ich will euch gar nicht an bestimmte Lasten erinnern,
um euch in eurer Andacht nicht zu stren. Ihr werdet mir es jedoch
zugeben, da die Eselssck', die ihr geduldig und stumpfsinnig tragt,
kein einziger anderer Esel tragen wrde. In diesem Zusammenhang mu ich
auch noch erwhnen, da sich kein noch so geduldiges Schaf seit Anbeginn
der Welt derart scheren hat lassen, wie ihr euch tglich scheren lasset.

Vom Kamel will ich gar nicht weiter reden. Denn ich sehe verschiedene
Schiffe der Wste unter euch, denen ich nicht auf die Zehen treten
mchte.

Aber wenden wir uns zu demjenigen Tiere, das uns die wichtigste und
wertvollste Zutat zu den Speckkndeln liefert. Wenden wir uns zu dem
Schwein. Wer unter uns liebt dieses Tier nicht? Kann jetzt vielleicht
einer unter euch, meine vielgeliebten andchtigen Zuhrer, behaupten,
da das Schwein in Menschengestalt ein hnliches Ansehen genieet und
ein hnliches Ma von Liebe erntet?

Dasjenige Schwein unter euch, so Dergestaltes von sich sagen kann, mge
sich erheben! Niemand rhret sich. Glaubt ihr dahero, da die rgste
Drecksau mit einem menschlichen Schwein verglichen werden kann? Oder
kennt ihr einen derartigen Saustall auf Erden, wie ihr Menschen ihn
habt?

Der Besitzer eines solchen Saustalles mge sich melden! Niemand meldet
sich. Also haben wir den grten Saustall und brauchen dahero das
Schwein gar nicht despektierlich zu betrachten; denn von ihm kommen in
erster Linie die Speckkndel, in weiterer Folge Schinken, Wrste,
Schweinsbrateln und andere gute und Gott wohlgefllige Dinge. Knnt ihr
dagegen ein einziges Gott wohlgeflliges Ding namhaft machen, das aus
eurem Saustall jemals die Welt beglcket htte?

Nunmehro halte ich es aber, um euren Geist nicht allzusehr in Verwirrung
zu bringen, fr notwendig, euch, meine vielgeliebten andchtigen
Zuhrer, in eine ganz bestimmte Viechgattung endgltig einzureihen.

Ich kann euch die Wahl dieser Gattung leider nicht selbst berlassen, da
ihr euch bei eurer bekannten Streitsucht und Uneinigkeit schwerlich auf
ein bestimmtes Viech einigen wrdet, jeder den anderen ein besonderes
Viech schelten wrde und ihr euch dahero gegenseitig nur beleidigen und
krnken und doch zu keinem gedeihlichen Resultate gelangen wrdet. Ihr
mt es deshalb schon mir, eurem aufrichtigen Freund und geistlichen
Berater, berlassen, euch in Gottes groem Viehstall den richtigen Platz
anzuweisen.

Ich will euch unter die Rindviecher einteilen. Ihr knnt euch dadurch
unmglich beleidigt fhlen. Denn wieviel Gutes kommt vom lieben
Rindviech. Milch und Butter und Kas, Fleisch und Fett, Lauskampel und
Schuhleder.

Ihr werdet gewi nicht behaupten knnen, da man aus euch Lauskampel und
Stiefel machen kann. Von Milch, Butter und Kas will ich gar nicht reden.
Ihr sehet also, da ich euch alle Ehre antue.

Ja, ihr sollt sogar den hchsten Rang unter dem lieben Rindviech
einnehmen, meine vielgeliebten andchtigen Zuhrer. Denn ich will euch
im Handumdrehen beweisen, warum und wasmaen der Mensch das allergrte
Rindviech ist.

Merket wohl auf! Habt ihr jemals gehrt, da sich tausend Rindviecher
von einem einzigen Rindviech regieren, tyrannisieren und kujonieren
lassen? Oder habt ihr gehrt, da sich hundert Rindviecher von einem
einzigen Rindviech regieren lassen? Ja, ich will noch bescheidener
werden. Habt ihr vielleicht gehrt, da sich auch nur zehn Rindviecher
von einem Rindviech regieren lassen? Nein, das habt ihr niemals gehrt.

Hat es euch aber jemals in Erstaunen versetzt, da sich nicht nur zehn,
hundert und tausend, sondern hunderttausende und Millionen Menschen von
einem einzigen Rindviech regieren lassen? Das hat euch nicht im
geringsten in Erstaunen versetzt; ihr habt es sogar fr ganz
selbstverstndlich gefunden.

Ist also der Mensch das allergrte Rindviech oder nicht? Jawohl,
der Mensch ist das allergrte Rindviech.

Also, meine vielgeliebten andchtigen Rindviecher, das war es ja, was
ich euch beweisen wollte. Bleibet daher weiter so, wie ihr immer gewesen
seid. Suchet euch weiter geflissentlich die grten Ochsen aus, zu denen
ihr mit Vertrauen und Ehrfurcht aufblicket; denn ein Rindviech ist des
anderen wrdig. Zu helfen ist euch ja doch nicht, weil ihr eben
Rindviecher seid. Amen.

  [Verzierung]




    Wie Pater Hilarius dazukam, die Legende vom heiligen
    Brokrazius zu schreiben.


Die denkwrdige Fastenpredigt brachte dem hochwrdigen Pater Hilarius
sehr groe Ehren ein. Zu den sonderbarsten Folgen gehrte es aber
entschieden, da der hochwrdige Pater zum Ehrenmitglied ungezhlter
Tierschutzvereine ernannt wurde, was er mit gebhrender Dankbarkeit
entgegennahm. Er konnte mit den unterschiedlichen mehr oder weniger
knstlerisch ausgefhrten Diplomen nicht nur die Wnde seiner Zelle,
sondern auch smtliche Gnge des Klosters und das Refektorium schmcken.

Die angenehmsten Folgen zeitigte die Fastenpredigt jedoch fr das
Kloster selbst. Die Zuhrer waren von der Erkenntnis ihrer mehr als
viechischen Dummheit derart erschttert, da sie das Kloster mit
Geschenken berhuften.

Vom frhen Morgen bis zum spten Abend ging die Glocke des Pfrtners.
Da schwankten auf Rckentragen ganze Panzelen Wein herein. Da gab es
Nahrungsmittel in Hlle und Flle, Scke mit Mehl und Erdpfeln und auch
feinere fleischliche Gensse.

Am meisten zeichnete sich aber die holde Weiblichkeit in Spenden aus.
Denn sie hatte vielfach den Stiel umgedreht und die Ausfhrungen der
Fastenpredigt nur auf den mnnlichen Teil der Zuhrerschaft bezogen.
Und es war den Weiblein ein besonderer Ohrenschmaus, ihre Eheherren noch
ber das liebe Rindvieh gestellt zu sehen.

So hatschten denn junge und alte Kitteltrgerinnen daher mit Krben voll
von Eiern und Butter und Schmalz, mit Geflgel aller Art, Hhnern und
Enten und Gnsen, mit ganzen Speckseiten und Geruchertem, mit Schinken
und Wrsten, mit kstlichem Backwerk, vom mrben Kipfel bis zum
bauchigen Gugelhupf und kreisrunden Torten, etwelchen schier so gro wie
Mhlensteine. Es waren auch genug unter der Weiblichkeit, die ihre
zrtliche Hingabe mit riesigen Bischkotenherzen bekundeten.

Es verstehet sich von selbst, da diese erfreulichen Zutaten zum
irdischen Wohlergehen das Ansehen des hochwrdigen Pater Hilarius unter
seinen geistlichen Mitbrdern wesentlich steigerten. Denn wer es
imstande war, blo durch des Wortes Gewalt den Inhalt der Stlle und
Felder durch die fromme Klosterpforte zu leiten wie einen nimmer
versiegenden Strom, der mute wohl vom Himmel ganz hervorragend begnadet
sein.

Diese Anerkennung sprach auch der hochwrdige Herr Prior seinem
verdienstvollen Mitbruder begeistert aus. Er meinte zwar, der Pater
Hilarius sei ein grober Knochen, aber nichtsdestoweniger habe er den
richtigen Ton getroffen, der zu den Herzen der Menschen gehe und alle
edeln und ntzlichen Instinkte des menschlichen Rindviehs in geradezu
staunenswerter Weise auslse.

Dieweilen der hochwrdige Herr Prior in geistlichen Schriften sehr
belesen war, machte er den Pater Hilarius auf einen Ausspruch seines
berhmten Vorfahren, des Paters Abraham a Santa Clara aufmerksam. Es
geschah dies im urschlichen Zusammenhange mit der Wirkung von des Pater
Hilarii Fastenpredigt auf das zarte weibliche Geschlecht.

Der hochwrdige Herr Prior meinte, da der Pater Abraham im vorliegenden
Falle nicht recht behalten habe. Denn er habe einmal gesagt: Die Weiber
seynd sonst genaturt wie das Kraut, mit dem Namen Basilicum: wann man
dieses gemach und sanft streichet, so gibt es einen beraus lieblichen
Geruch von sich; da man es aber stark reibet, stinkt es gar wild.

Der Pater Hilarius habe jedoch seine andchtigen Zuhrer und darunter
auch die Weiblein nicht nur stark gerieben, sondern gebrstet und
gestriegelt nach allen Regeln. Und trotzdem htten darnach gerade die
Weiblein lieblich geduftet nach Speck und Schinken, nach Gugelhupf,
Faschingskrapfen und Mandelbgen, nach Punschtorten und
Bischkotenherzen. Da wies jedoch der hochwrdige Pater Hilarius seinen
geistlichen Vorgesetzten auf den Weg der Erklrung, den ich mit euch,
grognstiger Leser und hochgeneigte Leserin, bereits ein Stck weiter
oben gegangen bin.

Der Prior mute dem Pater Hilarius recht geben. Er nannte ihn einen
groen Menschenkenner und vornehmlich auch einen groen Kenner der
holden Weiblichkeit, deren Schlichen man nicht auf den Grund sehen kann
und bediente man sich hiezu auch eines klafterlangen Perspektives.

Dabei ermahnte der Prior seinen geistlichen Mitbruder, er mge sich die
Dummheit der Menschen zu seinem ganz eigentlichen Studium erwhlen,
ihr recht nachforschen, hauptschlich auch ihre Ursachen und tiefsten
Fundamente zu ergrnden trachten. Denn besagtes Studium knne fr das
ganze Kloster nur ungemein gedeihlich sein. Das habe schon der Anbeginn
der Ttigkeit des Pater Hilarius zur Genge bewiesen.

Der Pater Hilarius versprach es seinem geistlichen Oberen, er wolle mit
allem gebhrenden Flei dem menschlichen Viehstall auch weiter seine
vollste Aufmerksamkeit widmen. Zog sich in seine Zelle zurck und war
Tage und Wochen nicht zu sehen.

Auf Gehei des Priors und wohl auch aus eigenem Antriebe versorgten ihn
seine geistlichen Mitbrder fleiig mit aller erdenklichen Atzung und
mit Wein, damit er in seinem anstrengenden Studium ber die Dummheit der
Menschen auch der leiblichen Strkung nicht ermangele.

Es ging jedoch der Pater Hilarius bei seinen schwierigen Forschungen
vllig logisch zu Werke. Er dachte sich: Jedes Ding auf Erden mu seinen
Schutzheiligen haben. Also auch die menschliche Dummheit. Wenn es
gelingt, ihren Heiligen zu finden, dann hat die Sache ihre himmlische
Erklrung und kann dadurch leichter begriffen werden.

So durchforschte der Pater Hilarius das Leben smtlicher Heiligen, deren
er habhaft werden konnte. Keiner war aber so geartet, da er fr die
menschliche Dummheit htte verantwortlich gemacht werden knnen. Der
hochwrdige Pater studierte die Legenden von vorne und von hinten und
konnte trotzdem zu keinem Resultate gelangen.

Endlich unternahm er es, alle Heiligen alphabetisch zu ordnen, damit ihm
ja keiner zu entrinnen vermochte. Als auch dieses nichts ntzte, ordnete
er sie zuerst nach ihren Anfangssilben und dann nach ihren Endsilben.

Dabei kam er auch auf die Heiligen mit der Endsilbe azius, auf die
heiligen Ignazius, Bonifazius, Servazius, Pankrazius und andere Aziusse.

Ich mu hier meine gelehrte Darstellung etwas unterbrechen und zur Ehre
der Tiroler Speckkndel einfgen, da just an dem herrlichen Tage, an
dem der Pater Hilarius die Heiligen auf azius in Reih und Glied
aufmarschieren lie, der Pater Kchenmeister geradezu phnomenale
Speckkndel hergestellt hatte, von denen ein halbes Dutzend mit einer
Schssel dampfenden Sauerkrautes dem Pater Hilarius auf seine Zelle
gebracht wurden.

Diese Kndel schmeckten dem hochwrdigen Pater so frtrefflich, da er
den zweiten Gang, der in resch gebackenem Klbernem bestand, freundlich
zurckwies und dafr eine zweite Auflage Kndel verlangte.

Seinem Wunsche wurde natrlich sofort mit gebhrender Ehrfurcht
entsprochen. Denn es war dem gesamten Kloster alsobald klar geworden,
da sein berhmtes Mitglied heute besonders vom Geiste der Forschung
erfllet und dahero desjenigen Nahrungsmittels in strkerem Mae
bedrftig sei, welches bekanntlich zur unmittelbaren Anregung der
Gehirnfunktionen fhret.

Um dieser Vergeistigung allen mglichen Vorschub zu leisten, lie der
Pater Kellermeister seinem hochwrdigen Amtsbruder gleichzeitig einen
ungeheuern Krug, der niemals geaicht worden war, auf seine Zelle
bringen. Ihn sollte ein sagenhafter Pater des Klosters vor vier oder
fnf Jahrhunderten in drei Zgen geleeret haben und sollte darauf eines
seligen Todes verblichen sein.

Sotaner Krug wurde nur bei ganz besonders festlichen Gelegenheiten zu
einem feierlichen Rundtrunke hervorgeholet. Den Krug hatte der Pater
Kellermeister mit dem besten und ltesten Wein des Klosters gefllet,
von dem man behauptete, da um Mitternacht eine schwarze Katze auf dem
Fasse hocke.

Das alles sei auch deshalb erwhnet, um die Verdienste der Patres
Kchenmeister und Kellermeister an den nachfolgenden weltbewegenden
Entdeckungen des hochwrdigen Pater Hilarius in das richtige Licht zu
stellen.

Nachdem nun der hochwrdige Pater Hilarius der zweiten Kndelfuhr den
Garaus gemacht hatte und auch schon ziemlich tief auf den Grund des
legendren Kruges untergetaucht war, nahm er nochmals die Liste der
heiligen Aziusse vor. Er ging sie lange durch, und er ging sie grndlich
durch, in seinem Verstande und Gemte wohl erwgend, ob er nicht
irgendeinen heiligen Namenstrger auf azius vergessen htte.

Da machte er pltzlich in seiner Zelle einen Luftsprung, lpfte den
durch Alter und berlieferung geweihten Krug an seine Lippen, nahm einen
doppelt krftigen Kuhschluck daraus, setzte ihn wieder auf den Tisch und
brach in die begeisterten Worte aus: Jetzt aber hab' ich dich beim
Krawattel, du heimtckisch verschlossener heiliger Azius! Ignazius,
Servazius, Bonifazius und Pankrazius! Eure Liste soll voll werden!
Oheiliger Sankt Brokrazius! Jetzt hab' ich dich erwischt! Und du
sollst mir nicht mehr auskommen!

Reifliches weiteres Nachdenken brachte den Pater Hilarius zu der
berzeugung, da er in dem heiligen Brokrazius tatschlich den
richtigen Schutzheiligen der menschlichen Dummheit gefunden hatte. Nicht
nur den Schutzheiligen der menschlichen Dummheit, sondern auch
denjenigen Heiligen, dessen Existenz sich berhaupt nur durch die
menschliche Dummheit erklren lie, der aus der menschlichen Dummheit
gezeugt und geboren wurde.

Dem Pater Hilarius wurde es bei der fortschreitenden Verdauung der
Speckkndel, deren Zahl diesmal nichts zur Sache tut, und bei der
endgltigen Ergrndung des heiligmigen Kruges immer mehr sonnenklar,
da der heilige Sankt Brokrazius der mchtigste und einflureichste
Heilige auf Erden war.

Welcher andere Heilige hatte sonst eine derartige Allmacht gewonnen? Vor
welchem anderen Heiligen lag sonst alles derart auf den Knien, ja kroch
vor ihm auf dem Bauche? Eines solchen durchschlagenden Erfolges konnte
sich kein einziger anderer Heiliger rhmen. Kein Heiliger hatte so viele
Jnger wie der heilige Brokrazius. Kein Orden zhlte so viele Anhnger
und war mit seinen unermelichen Tausenden von Mitgliedern so sehr
verbreitet als wie gerade der Orden des heiligen Brokrazius.

Bei weiterer Nachforschung entdeckte der hochwrdige Pater Hilarius in
seinem neu gefundenen Heiligen, dem Sankt Brokrazius, sogar gttliche
Eigenschaften. Zwar vermochte er in ihm weder die Allwissenheit noch die
Allgtigkeit und Allbarmherzigkeit zu finden, wohl aber bis zu einem
gewissen Grade die Allmchtigkeit. Eine gttliche Eigenschaft fand er
jedoch in dem heiligen Brokrazius vollkommen verkrpert. Das war die
Allgegenwart.

Bei diesem Studium der Allgegenwart des heiligen Brokrazius mute sich
der hochwrdige Pater, indem er sich die nachfolgenden Fragen vorlegte,
selbst eingestehen und bekennen: Machst du eine Tre auf, wer stehet
drauen? Der heilige Brokrazius. Machst du ein Fenster auf, wer glotzet
herein? Der heilige Brokrazius. Sperrst du einen Kasten oder eine Truhe
auf, wer hocket drinnen? Der heilige Brokrazius. Greifst du in den
Hosensack, wen ziehest du beim Ohrwaschel herfr? Den heiligen
Brokrazius. Wer recket berall, aus den verstecktesten Winkeln und
heimlichsten rtlein seinen Kragen heraus? Der heilige Brokrazius.

Derohalb bestand fr den Pater Hilarius an der Allgegenwart dieses
grten und mchtigsten Heiligen, des Schutzheiligen der menschlichen
Dummheit, nicht der geringste Zweifel mehr.

Um so gewaltiger berraschte es jedoch den hochwrdigen Pater, da er
keine Legende des heiligen Brokrazius finden konnte. Die Menschheit
hatte also entweder in ihrer Dummheit oder in ihrer unverantwortlichen
Undankbarkeit das Erdenleben desjenigen Heiligen totgeschwiegen, in dem
sie lebte und webte, in dem sie aufging, der ihre geheimsten
Verrichtungen berwachte, kontrollierte und registrierte.

Das fand der Pater Hilarius fr unerhrt. Er entschlo sich daher, die
Legende des heiligen Brokrazius zu schreiben, um der Menschheit einen
Lebensspiegel desjenigen Schutzheiligen zu verehren, zu dem sie in
Ehrfurcht aufblickte, vor dem sie in ihrer grenzenlosen Dummheit bebte
und zitterte, gleich einem Espenlaub und gleich dem schlotternden
Schweiflein eines blutjungen Lmmleins.

Da der hochwrdige Pater Hilarius aber nach dem Gutdnken seines eigenen
Priors ein grober Knochen war, fand er noch einen dritten Vergleich fr
das Beben der menschlichen Dummheit vor dem heiligen Brokrazius. Und er
sagte zu sich selbst: Vor diesem saudummen Heiligen zittert das noch
dmmere Rindviechgeschlecht der Menschen genau so wie eine schweinerne
Sulz auf dem Teller.

Nachdem der Pater Hilarius diesen endgltigen Vergleich gefunden hatte,
teilte er dem Prior seinen Entschlu mit, da er die Legende des
heiligen Brokrazius schreiben und damit eine ebenso groe wie
unbegreifliche Lcke in der Geschichte der himmlischen Herrschaften
ausfllen wolle. Der hochwrdige Herr Prior gab seinem verehrten
geistlichen Mitbruder unbeschrnkten Urlaub fr diese hochwichtige
Arbeit.

Wie der Pater Hilarius seine Aufgabe gelset hat, das mag das
Nachfolgende beweisen. Es war die Arbeit eines Riesen. Denn es galt aus
lngst verschtteten Quellen, aus dem Staub der Archive und
Bibliotheken, aus unzhligen Akten und Faszikeln, Schmkern und
Trakttlein, aus dem Moder der Vergangenheit die Geschichte des
mchtigsten Schutzheiligen der menschlichen Dummheit herauszugraben. Und
nicht zuletzt blieb es dem Ingenium des hochwrdigen Paters vorbehalten,
alle die vielen klaffenden Lcken auszufllen, die sich in den oft
widersprechenden berlieferungen ergaben.

Da daraus trotzdem ein gerundetes Bild wurde, danken wir neben den
ungeheuren geistigen Eigenschaften des Pater Hilarius natrlich auch den
Tiroler Speckkndeln, die er sich auf seinen ausgedehnten
Forschungsreisen nebst einem guten Tropfen stets zu verschaffen wute.

Dadurch ist ein Werk entstanden, da an Grozgigkeit seines Gleichen
suchet, dabei aber an Subtilitt der Kleinarbeit nur mit jenem
Kunststck des Mirmecides verglichen werden kann, der aus Elfenbein
einen Wagen samt Pferd und Kutscher also klein und knstlich geschnitten
hat, da man alles unter dem Flgel einer kleinen Fliege hat verbergen
knnen.

Einer Statue aus Erz oder Marmor und gleichzeitig der winzigsten
Filigranarbeit aus Elfenbein mu die Arbeit des Pater Hilarius
verglichen werden. Was aber aus jedem Zug derselben hervorleuchtet, das
ist die glhende Liebe und Verehrung fr seinen Heiligen, welchen er
einer andchtigen Menschheit zum ersten Male dargestellet hat. Lassen
wir nunmehro dem hochwrdigen Pater Hilario anselbsten das Wort.

  [Verzierung]




    Wie die Heiligen im Himmel dem lieben Gott eine
    seltsame Bitte vortrugen.


Die Legende vom heiligen Brokrazius beginnet im Himmel, was auch nicht
mehr als recht und billig ist. Denn welches Lokal wre geeigneter, den
Ursprung der folgenden Begebenheiten darzustellen, als gerade der
Himmel. Wir sind ja so bersttiget von dem irdischen Theater mit all
seinem Jammer, da die geneigten Leser gewi zur Erholung gerne einmal
einen himmlischen Spaziergang machen.

Es hatte schon seit geraumer Zeit unter den Heiligen des Himmels ein
gewisser Unmut und eine arge Verdrielichkeit Platz gegriffen. Der
himmlische Humor drohte gewaltig in die Brche zu gehen.

Das kam daher, weil die Heiligen viel zu gescheit waren. Und da sie alle
gleich gescheit waren, konnte keiner gescheiter sein als der andere.

Dergestaltes Gleichma verdrieet aber mit der Zeit nicht nur die
Menschen, sondern auch die sanftesten und frommsten Heiligen.

Auch die leuchtendsten Eigenschaften knnen nur dann zur Geltung kommen,
wenn sie sich vom Hintergrund des Gegensatzes abheben, da sie ansonsten
in all ihrer Pracht keine Beachtung mehr finden. Was wrde die Sonne
sein, wenn ihr nicht die Nacht folgte, und was alles Blhen und Wachsen
auf Erden, wenn uns nicht die Frste des Winters mit der zehrenden
Sehnsucht nach den lauen und milden Lftelein des Frhlings erfllen
wrden.

So war auch die Seligkeit der Heiligen im Himmel keine vollkommene; denn
dieser Prophet war gleich gescheit wie jener Kirchenvater, und dieser
ehrwrdige Patriarch konnte jenem heiligen Theologen jederzeit das
Wasser reichen. Und jene Einsiedler der Wste hatten schon whrend ihres
Erdenwallens in ihrer Weltabgeschlossenheit so viel berflssige Zeit
gehabt, um ber alle groen Probleme nachzudenken, da sie mit dem
Vorrat ihrer Gescheitheit fr alle Ewigkeiten auslangten.

So bedeutete keiner fr den anderen etwas Neues und noch nicht
Dagewesenes. Und wenn einer zu der abgrundtiefsten Weisheit den Mund
auftat, so konnte er sicher sein, da sie der andere schon wute. Es
gibt aber nichts rgerlicheres, als wenn man nie einen Hauptsatz sagen
kann, ohne da der andere sofort den Nebensatz ergnzet. Das kann den
Geduldigsten mit der Zeit zur Verzweiflung bringen.

So war es denn im Himmel allmhlich gekommen, da die meisten Heiligen
berhaupt nichts mehr sprachen, sondern sich in undurchdringliches
Schweigen hllten. Deshalb war es mit der himmlischen Unterhaltung immer
schlechter bestellet.

Da ereignete sich eines Tages das Wunderbare, da ein Heiliger pltzlich
einen Gedanken uerte, von dem die anderen keine blasse Ahnung gehabt
hatten. Welcher Heilige das war, das zu erforschen ist auch der grten
Mhe und Sorgfalt leider nicht gelungen.

Es war aber ein Heiliger, der vllig unvermittelt in den krftigen Ruf
ausbrach: Himmel, Herrgott, Sakrament und alle Heiligen! Wenn wir nur
endlich einen dummen Heiligen unter uns htten! Aber schon einen so
saudummen, strohdummen und erzblden Heiligen! Das wr' eine Gaudi!

Brausender Jubel erhub sich ob dieser Worte. Sie wirkten wie eine
Erlsung aus groer Drangsal.

Alsogleich wurde eine feierliche Botschaft an den lieben Gott
abgeordnet, deren Sprecher natrlich jener Heilige war, der den
himmlischen Einfall gehabt hatte.

Der liebe Gott ging gerade auf der Himmelswiese spazieren, als sich ihm
die Botschaft der Heiligen in aller Ehrfurcht nherte. Ja, was ist denn
heut' los? frug der liebe Gott mit seinem gtigsten Lcheln. Ihr
schaut's ja alle aus, als wenn euch die Hennen das Futter vertragen
htten. Pat euch vielleicht was nicht da im Himmel heroben?

Da sagte der Sprecher: Halten zu Gnaden, Eure gttliche Majestt, etwas
fehlet uns wirklich noch zu unserer himmlischen Seligkeit. Wir sind uns
alle miteinander viel zu gescheit und wissen dahero nichts Rechtes mehr
miteinander anzufangen. Und so mchten wir untertnigst gebeten haben,
da Eure gttliche Majestt gndigst geruhen, unserm heiligen Konzilium
auch einmal einen dummen Heiligen einzuverleiben. Je dmmer, desto
besser. Mindestens so dumm, als Eure gttliche Majestt allmchtig sind.
Den grten Trottel und Teppen, das rgste Kamel, den ausgemachtesten
Esel, das riesigste und erlesenste Rindviech, das gefunden werden kann.
Auf dieser glnzenden Folie des Kontrastes wird sich dann unsere
Gescheitheit so berwltigend abheben, da sie uns nicht mehr als etwas
Alltgliches erscheinet. Und der himmlische Humor, der sehr zu versauern
drohet, wird dann neue und ungeahnte Blten treiben!

Da lachte der liebe Gott in seiner Allgtigkeit so gewaltig, da es nur
so donnerte und da vor dem schallenden Gelchter ein paar Dutzend
Engelein aus dem Gezweige der Bume auf die Himmelswiese purzelten, sich
im Grase wlzten und frhlich aus ihren jungen Kehlen mitlachten.

Der liebe Gott aber sprach: Wenn euch nur das zu eurer vollkommenen
himmlischen Seligkeit mangelt, dann hoffe ich, euch euren Wunsch
erfllen zu knnen. Denn ich glaube, da es meiner Allmacht gelungen
ist, unter den Milliarden meiner Geschpfe irgendwo einen so blitzdummen
Kerl zu erschaffen, der euch Genge leisten kann. Es handelt sich jetzt
nur darum, dieses hervorragende und illustre Rindviech zu finden.
Alsodann met ihr euch nur noch gedulden, bis besagtes Hornvieh seine
irdischen Tage vollendet hat und eurer auserlesenen Korona im Himmel
beigesellet werden kann. Da jedoch Erdenzeit im Vergleich zu der
Ewigkeit ein flchtiger Augenblick ist, wird die Erfllung eures
Wunsches nicht lange auf sich warten lassen. Ich will sogleich eine
himmlische Botschaft entsenden, die euch den dmmsten Heiligen suchen
soll. Meine drei Erzengel Michael, Gabriel und Raphael will ich mit
dieser erhabenen Sendung betrauen.

Der liebe Gott winkte den Abgesandten der Heiligen ihre gndigste
Entlassung zu. Diese stimmten einen begeisterten Jubelchor zu seiner
Lobpreisung an und verbreiteten die Nachricht im ganzen Himmel, da die
Bitte gewhret worden war.

  [Verzierung]




    Wie die himmlischen Sendboten den heiligen Brokrazius
    entdeckten.


Die drei Erzengel rsteten sich auf das Gehei des lieben Gott zu ihrem
Flug nach der Erde, um dort unter den brigen unzhligen Rindviechern
das grte, ungeheuerlichste und gewaltigste Rindviech zu finden.

Da es sich um eine der feierlichsten Botschaften handelte, whlten sie
zu diesem Behufe ganz besonders festliche Flgel. Der Erzengel Michael
zog ein himmelblaues Gefieder an, der Erzengel Gabriel ein rosenrotes
und der Erzengel Raphael ein smaragdgrnes. Smtliche Heilige,
Patriarchen und Propheten geleiteten die drei Erzengel ans Himmelstor
und sahen mit unendlichem Entzcken, wie sie, in ihren leuchtenden
Farben zu gewaltigem Fluge ausholend, gegen die Erde niederschwebten.

Nachdem die himmlischen Sendboten ihre Fustapfen auf die Erde gesetzet
hatten, muten sie lange wandern, Wochen und Monate lang, ehe sie ihr
Ziel erreichten, einen dummen Heiligen zu finden.

Mehrmals glaubten sie schon, den Richtigen entdeckt zu haben. Aber da
trug es sich immer wieder zu, da er entweder zu wenig dumm oder zu
wenig heilig war.

Schon begannen die drei Erzengel an einem Gelingen ihrer Sendung zu
verzweifeln, als sie eines schnen Tages in eine Ortschaft kamen, wo sie
erfuhren, da dort ein heiligmiger Mann lebe, der entsetzlich dumm
sei. Er komme berhaupt nicht aus seinem Gelasse heraus, in dem er Tag
und Nacht hause.

Die himmlischen Sendboten fanden den Mann in einem dsteren Gewlbe, von
dem nur ein einziges vergittertes Fenster ins Freie fhrte. Die Spinnen
hatten ihre Netze ber Ecken und Wnde gezogen, und es roch in dem Raume
gar nicht auferbaulich nach Schimmel, Schmutz und wenig holdseligen
Dften.

Der heiligmige Mann aber hockte auf einem wackeligen Stuhle vor einem
Tische, der mit ganzen Bergen von Papier und mit dicken Folianten
bedecket war. Auch die Wnde waren rings mit verstaubten Faszikeln
verstellet. Es herrschte eine Luft zum Ersticken.

Der Bewohner des Gemaches schien sich aber trotzdem recht wohl darinnen
zu fhlen. Er war unter all dem Papier vergraben wie ein verkrmmter
Wurm.

ber leibliche Schnheit verfgte er nicht. Er besa eine riesige
Glatze, von der nach hinten Strhne ungeordneten Haares in den Nacken
fielen. Im Gesicht standen ihm die Bartstoppeln, als wenn er mit einem
Stachelschwein Bruderschaft getrunken htte.

Das merkwrdigste an seiner Erscheinung war aber seine ungeheure Nase,
die eher einem schnffelnden Rssel, als einem menschlichen
Riechinstrumente glich. Auch die Ohren waren von so gewaltigen
Dimensionen, da sie an die Hrwerkzeuge eines gewissen Grautieres
erinnerten, das dem Mller Scke schleppet. Blde kurzsichtige Augen
hinter groen Brillen, die immer wieder auf die Rsselnase
herunterrutschten, und ein breites Maul vervollstndigten die anmutige
Erscheinung.

Dabei litt der Mann offenbar an einer sehr unangenehmen Krankheit,
nmlich an der _Krawatitis posterior ascendens_. Keine kriechende Laus,
keine beiende Wanze und kein springender Floh kann einen sterblichen
Menschen derart peinigen und zur Verzweiflung treiben, als just die
_Krawatitis posterior ascendens_, das ist die hinten hinaufsteigende
Krawattelkrankheit.

Der Mann kritzelte eifrig in seinen Papieren. Dabei hatte er aber
unausgesetzt einen qualvollen Kampf mit seinem Krawattel zu fhren,
das ihm trotz aller Bemhungen unablssig und heimtckisch gegen den
Hinterkopf emporkletterte und das er sthnend und seufzend stets wieder
in die richtige Lage zu bringen trachtete. Eine Folter, gegen welche die
Arbeit des Sisyphus oder das Fa der Danaiden ein Kinderspiel ist.

Die himmlischen Sendboten waren auf leisen Sohlen unbemerkt und ungehrt
in das Gemach getreten und sahen dem Mann ber die Schultern.

Da entdeckten sie, da der sonderbare Heilige seit Jahr und Tag ber
alles Buch fhrte, was um ihn und in ihm vorging. Alles hatte er
registriert, tabelliert, verzeichnet, aktenmig niedergelegt.

In mchtigen Folianten, ber die sich der Nasenrssel schnuppernd und
wonnevoll schnaufend bewegte, war alles schwarz auf wei zu finden ...
wenn irgendwo in der Nhe eine Kuh muhte oder ein Schaf blkte, wenn ein
Hund bellte oder eine Henne gackerte. Ja, sogar die Gerusche seines
eigenen Ichs hatte der Mann sorgfltig und aktenmig zu Papier gebracht
... wenn er hustete, nieste, sich rusperte oder spuckte, wenn er
rlpste oder sich schneuzte oder wenn ihm sonst etwas Menschliches
widerfuhr. Auch die _Krawatitis_ war in allen auf- und absteigenden
Phasen und Stadien aktenmig festgeleget. Jeder Kuhfladen und jeder
Rokndel, deren Fall der Mann von dem beschrnkten Gesichtskreise
seines einzigen Fensters beobachten konnte, fand sich als wichtiger
Beitrag zur Landwirtschaft protokollarisch aufgenommen. Und jeder derbe
Fuhrmannsfluch, der gelegentlich einmal in das dumpfe Loch des
merkwrdigen Heiligen hereinflog, war verewiget als Dokument der
niedergehenden ffentlichen Sittlichkeit.

Unaufhrlich kritzelte und schnffelte der heiligmige Mann. Noch immer
hatte er die Eindringlinge nicht bemerkt. Da rief der Erzengel Michael
begeistert: Halleluja! Das ist doch der saudummste Kerl, den wir finden
konnten!

Dem heiligmigen Mann war gerade vorher ein anderer Laut entfahren, den
er sorgfltig in dem neuesten, seinem eigenen Ich gewidmeten Folianten
verewigte. Dann fuhr er eilig weiter zu schreiben fort: Protokollfhrer
hrt sich soeben als den saudummsten Kerl, den man finden konnte,
bezeichnen. Provenienz dieser uerung noch unbekannt. Zweckdienliche
Nachforschungen werden sofort eingeleitet.

Damit drehte er sich auf seinem Stuhle um und wurde seiner Besucher
ansichtig. Bei dieser jhen Bewegung stieg ihm sein schmieriges
Krawattel in unergrndlicher Bosheit hinten bis an den Rand der Glatze
empor. Mit einem verzweifelten Ruck fhrte er es wieder an seinen
natrlichen Bestimmungsort zurck. Dann herrschte er die Eindringlinge
an: Knnen Sie nicht lesen, was drauen an der Tre steht? Eintritt ist
nur nach dreimaligem Anklopfen gestattet!

Halt's Maul! meinte der Erzengel Raphael mit einer gewissen
Gutmtigkeit.

Was ist das fr ein Ton! Sie machen sich der Beleidigung einer
geheiligten Person schuldig!

Ah, geh! sagte der Erzengel Gabriel freundlich.

Ich bin eine geheiligte Person! sprach der heiligmige Mann
groartig.

So siehst du auch aus! besttigte der Erzengel Michael.

Das rsselnasige und langohrige Stachelschwein hatte sich in seiner
ganzen Wrde erhoben und stand nun in seinen bodenscheuen Hosen bebend
vor Emprung und in seinem abgetragenen schwarzen, ins Grnliche
schillernden Rocke schlotternd vor Entrstung vor seinen ungebetenen
Besuchern. Was wollen Sie hier? Schauen Sie, da Sie hinauskommen!
schrieer.

Tu dich nur nicht hinaufregen! sagte der Michael lchelnd.

Vor allem verbitte ich mir das Duzen! brllte der sonderbare Heilige.

Du kannst ja Sie zu uns sagen, wenn's dich freut! meinte der Gabriel
nachgiebig. Wir haben aber zu einem Hornvieh noch nie Sie gesagt.

Das heiligmige Stachelschwein schnaufte vor Wut: Nun hab' ich's aber
satt! Wollen sich die Herren legitimieren! Wer sind Sie?

Da entgegnete der Gabriel ungemein sanft: Wir sind eine himmlische
Botschaft: Erzengel Michael, Erzengel Gabriel und Erzengel Raphael.

Das knnte ein jeder sagen! kam es von den Lippen des schnffelnden
Rsseltieres, das einen fortwhrenden stummen Kampf mit dem scheulichen
_Perpetuum mobile_ seiner Krawatte fhrte.

Es ist aber so! Und du hast es zu glauben! Verstanden! erklrte der
Michael mit groer Bestimmtheit.

Ausweis! schnauzte das eselohrige Stachelschwein. Wo haben Sie Ihren
Pa?

Wir haben keinen Pa! antwortete der Gabriel.

Wir brauchen keinen Pa! erklrte der Raphael.

Waaaaaaas? Die Krawatte stieg dem Rsseltier vor heiliger Entrstung
ber die Ohren empor. Sie haben keinen Pa? Und Sie wagen es... Keinen
Pa? Da sind Sie ja ein ganz gewhnliches Gesindel! Jeder anstndige
Mensch hat seinen Pa!

Fixstern! Laudon! Element! und alle vierzehn Nothelfer! rief da der
Erzengel Michael, dem der Geduldsfaden ri. Ich werd' dir schon deinen
Pa geben und das Gesindel! Ich will dich lehren, wie man mit einer
himmlischen Gesandtschaft redet, du gottverlassener Lmmeldu!

Sprach's und haute dem sonderbaren Heiligen eine himmlische Watschen
von auerordentlicher Gediegenheit herunter. Der Gabriel und der
0Raphael wollten nicht zurckstehen und bedachten daher das Rsseltier
gleichfalls mit je einer saftigen Mordswatschen.

Zum Erstaunen der drei Erzengel hatte aber diese sehr grndlich
vermeinte Kur gar keine andere Wirkung, als da der also Geohrfeigte
mit einer Art von stumpfsinnigem Mechanismus seine bei dieser Prozedur
uerst bedenklich verschobene Krawatte wieder in Ordnung brachte.

Die drei Erzengel waren ber den Effekt ihrer Handlungsweise entschieden
verdutzt. Mir scheint... sagte endlich der Michael ...der hat die
Watschen gar nit g'sprt.

Am End' hat er gar kein Hirn im Schdel! mutmate der Gabriel.

So was ist mir auch noch nie untergekommen! meinte der Raphael.

Da beratschlagten die ob des unerklrlichen Mierfolges ihrer
himmlischen Watschen ernstlich verblfften drei Erzengel, wo der
merkwrdige Heilige eigentlich seinen Verstand und mit ihm seine
sonstigen geistigen Fhigkeiten sitzen hatte.

Sie packten ihn dahero nicht mit zrtlichen Engelshnden, sondern mit
recht fhlbaren und krftigen irdischen Pratzen an und wendeten das
sich verzweifelt wehrende, fauchende, schimpfende, protestierende und
drohende rsselnasige Stachelschwein nach allen Richtungen seiner
ehrwrdigen Leiblichkeit. Nach rechts und nach links, nach oben und
nach unten, nach vorn und nach hinten.

Als sie endlich bei der Besichtigung der Hinterfront angelangt waren,
legten sie den zappelnden Heiligen ohne viel Federlesen ber den Tisch,
quer ber die Folianten und Papierwlste.

Der Gabriel und der Raphael hielten ihn fest, da er sich nicht mehr
rhren konnte. Der Erzengel Michael jedoch, der am meisten Kraft und
Lust zum Dreinschlagen unter der himmlischen Botschaft besa, ergriff
ein sthlernes Lineal, das an einer Seite des Tisches an einem Nagel
baumelte.

Er lie es zuerst ein paarmal durch die Luft sausen, als wenn er sein
feuriges Schwert erproben wollte. Dann linierte er mit peinlicher
Gewissenhaftigkeit, jeden Streich sorgfltig zhlend, dem schreienden
Rsseltier die vorschriftsmigen und blichen Fnfundzwanzig auf seinen
Allerwertesten.

Dabei begleitete er jeden Streich mit auferbaulichen Sprchlein, wie:
Hier hast du deinen Pa!... Ich werde dir schon das Gesindel
anstreichen!... Weit du jetzt, was Anstand ist, du erzinfamer
Lmmeldu!

Unter hnlichen zarten Aufmerksamkeiten, welche die Arbeit des Erzengels
begleiteten, flo sie munter fort.

Schon bei den ersten Streichen begann der sonderbare Heilige zu brllen,
als ob er am Spiee stecken wrde.

Aha! Da sprt er was! sagte der Gabriel triumphierend.

Versohl' ihn nur ordentlich! munterte der Raphael den Michael auf.

Ich protestiere gegen die ttliche Beleidigung und Verletzung meines
edelsten Teiles! brllte da der verprgelte Heilige in ohnmchtiger
Wut.

Mir scheint, wir haben ihn am richtigen Fleck erwischt! sagte der
Michael.

Der hat offenbar seinen Verstand im Sitzfleisch! meinte der Gabriel.

Und alle sonstigen geistigen Eigenschaften auch! ergnzte der Raphael.

Hren Sie auf! Ich bitte Sie um aller Heiligen willen, hren Sie auf!
winselte jetzt das Rsseltier in den klglichsten Tnen.

Fnfzehn, sechzehn, siebzehn! zhlte der Erzengel Michael kaltbltig.
Nur Geduld! Es ist gleich vorber!

Das halte ich nicht mehr aus! Ich mu gehorsamsten Protest erheben. Sie
zerstren mir ja mein ganzes Denkvermgen! Wie soll ich da weiter meine
heiligen Pflichten erfllen! jammerte das verprgelte Rsseltier,
whrend sich der Erzengel in seiner erzieherischen Ttigkeit nicht irre
machen lie.

Hilfe! Ich gebe meinen Geist auf! Hilfe! Hilfe! flehte der merkwrdige
Heilige.

Wahrhaftig! Der denkt mit dem Ges! rief der Raphael in endgltiger
Erkenntnis.

Dann haben wir den Richtigen gefunden! erklrte der Gabriel.

Dreiundzwanzig, vierundzwanzig, fnfundzwanzig! zhlte der Michael.

Damit lieen sie den sonderbaren Heiligen los. Der rutschte eilig vom
Tisch herunter, hielt sich mit beiden Hnden sein Hinterteil, verbeugte
sich immer wieder untertnigst, machte einen Kratzfu nach dem anderen
und sagte mit sauer-ser Miene: Gehorsamster Diener! Wollen die
Herrschaften nicht Platz nehmen? Womit kann ich den Herrschaften
dienen?

Die himmlische Botschaft lie sich auf drei bereitgestellten Sthlen
nieder. Und der Michael sprach zu dem pltzlich demtigen Heiligen:
Nach dieser gedeihlichen Strkung deines Auffassungsvermgens teile ich
dir mit, da du zu einer erhabenen Mission ausersehen bist. Du sollst
die Menschen mit deiner grenzenlosen Dummheit beglcken. Du sollst der
dmmste Heilige werden, der je in einem Kalender gestanden hat.

Gehorsamster Diener! Gehorsamster Diener! katzenbuckelte der neue
Heilige. Das htten die Herrschaften ja gleich sagen knnen.

Vor allem knde uns deinen erhabenen Namen! fuhr der Erzengel Michael
fort.

Gehorsamster Diener, die Herrschaften! Man nennet mich den
Brokrazius.

Ausgezeichnet! sagte der Erzengel Michael und erhob sich. Ein
herrlicher, ein eindrucksvoller und ungemein heiliger Name. Der hat uns
gerade noch gefehlt. Darber wird sich der ganze Himmel freuen und alle
Rindviecher auf Erden. OSankt Brokrazius, erachte dich also mit den
gewissenhaft aufgezhlten Fnfundzwanzig zum Heiligen geschlagen! Das
notwendige uere Attribut deiner neuen Wrde werde ich dir sofort
verleihen.

Damit griff der Erzengel in sein Gewand, zog daraus einen
funkelnagelneuen und frisch geputzten Heiligenschein hervor und setzte
ihn dem Brokrazius, der sich noch immer denjenigen schmerzenden Teil
seines heiligen Leibes rieb, mit dem er dachte, auf die mchtige Glatze.
Die eselslangen Ohren ragten zwar noch ein Stck ber den Heiligenschein
hinaus, und das Krawattel wurde pltzlich so neugierig, da es bis an
den Rand des Scheines emporstieg ... aber das tat der Leuchtkraft des
Heiligenscheines keinen Eintrag.

Und jetzo, heiliger Sankt Brokrazius, sprach der Erzengel Michael
feierlich, wisse, da du die Erde beherrschen wirst. Du wirst mchtiger
und angesehener sein als alle Heiligen des Himmels zusammen. Du wirst
deshalb der Herr ber die menschliche Dummheit sein, weil du noch dmmer
bist, als die Dmmsten unter den Menschen. Dahero wird deine heilige
Dummheit von den Menschen angebetet werden als berirdische Weisheit.
Behalte deinen Verstand ja im Sitzfleisch! Denn an jeder anderen
Krperstelle wrde es dir schweren Schaden bringen. Bewahre deine
heilige Wrde stets ungeschmlert! Krieche nach oben und tritt nach
unten! Du hast heute deine Probe nach dieser Richtung vortrefflich
bestanden. Denn wisse, jede aufgeblasene Wrde kriecht, wenn sie gehrig
verprgelt wird und ihren Herrn und Meister findet. Wenn du aber neuer
himmlischer Eingebungen fr die Ausbung deines heiligen Berufes
bedarfst, dann setze dich krftig auf denjenigen Teil deines heiligen
Leibes, wo du den Verstand hast. Setze dich lange darauf, und setze dich
ausdauernd darauf und denke mit seinem ganzen heiligen Umfang nach! Und
es wird dir die Erleuchtung kommen!

Lngst waren die beiden anderen Erzengel bei dieser feierlichen Rede von
ihren Sitzen aufgestanden. Da erhub der Erzengel Michael seine Hnde und
brach singend und lobpreisend in die Worte aus, in welche auch die
Erzengel Gabriel und Raphael im himmlischen Jubel mit einstimmten...
_Habemus novum sanctum ... Sanctum Brokrazium ... Stultissimum omnium
sanctorum ... Bovem maximum totius orbis ... Asinum electum et egregium
... Jubilate coeli et terra!_

Mit diesem Gesang verschwanden die Erzengel vor den Augen des neuen
Heiligen.

Der heilige Brokrazius verbeugte sich tief und griff sich wiederholt an
den noch immer furchtbar schmerzenden Sitz seines Verstandes.

Die _Krawatitis posterior ascendens_ langte in heimtckischer Bosheit
nach seinem Heiligenscheine.

Gehorsamster Diener! sagte der heilige Brokrazius, in Untertnigkeit
schier ersterbend.

  [Verzierung]




    Wie der heilige Brokrazius auszog, um die Welt
    zu beglcken.


Nachdem der heilige Brokrazius die himmlische Botschaft mit der in dem
vorhergehenden Hauptstck geschilderten Feierlichkeit empfangen hatte,
verbrachte er noch sieben Tage und sieben Nchte in seiner Behausung.

Diese Zeit brauchte er notwendig, um alle die ihm widerfahrenen
berirdischen Gnaden eingehend zu Protokoll zu bringen.

Er arbeitete schier ununterbrochen Tag und Nacht und machte dabei
bedeutende Ersparnisse in der Beleuchtung. Denn whrend er frher
erkleckliche Ausgaben fr Kerzen aufzuwenden hatte, leuchtete ihm jetzo
sein Heiligenschein vllig umsonst. Und das war ein so mildes Licht, da
der heilige Protokollfhrer unwillkrlich vieles in einem anderen Lichte
erblickte.

Whrend er anfangs geneigt war, unterschiedliche Einzelheiten des
himmlischen Besuches einer scharfen Kritik zu unterwerfen und mit
geharnischten Protesten zu begleiten, wurde er in dem Lichte des
Heiligenscheines rasch zu einer anderen Auffassung bekehret und sah
alles, was ihm begegnet war, in einer verklrten Beleuchtung.

Es ist dahero von den drei ausgiebigen Watschen und von den
fnfundzwanzig Streichen in den Aufzeichnungen des heiligen Brokrazius
nichts zu finden. Wir lesen lediglich von himmlischen Winken und
Eingebungen, die ihm geworden waren.

Indes er jedoch die sieben Tage und sieben Nchte mit unermdlicher
Emsigkeit schrieb, wurde er allerdings an die Folgen dieser himmlischen
Winke gar oft in recht irdischer Weise erinnert. Er mute doch beim
Schreiben auch denken. Und zum Denken brauchte er notwendig jenes Organ,
wo er den Verstand sitzen hatte.

Besagtes Organum war jedoch _in memoriam_ der himmlischen Winke ber und
ber mit groen Beulen, Schrammen und Schwielen bedecket und schmerzte
ihn frchterlich. Derohalben war auch seine protokollarische Arbeit
keine kleine Anstrengung. Denn das Denken bereitete ihm unerhrte
Beschwerden.

Als er solchergestalt drei Tage und drei Nchte mit der grten
Beharrlichkeit trotz der grlichsten Pein, die ihn nicht nur zum
Heiligen, sondern auch zum Mrtyrer stempelte, unausgesetzt gedacht und
gearbeitet hatte, kam der heilige Brokrazius auf einen erlsenden
Einfall.

Er fllte ein groes Schaff mit Wasser und stellte dasselbe neben den
Tisch, an dem er schrieb. Wenn die Qualen des Denkens fast unertrgliche
wurden und die Leistungsfhigkeit seines Verstandes unter den Spuren der
himmlischen Denkzettel und Gunstbezeigungen zu erlahmen drohte, dann
setzte sich der Heilige mit demjenigen Teile seines heiligen Leibes, der
seinen Verstand trug, in das Wasserschaff und suchte dort Khlung. Die
Wirkung war eine wunderbare. Regelmig wurde ihm der Segen der khlen
Denkungsart zuteil.

So entstand unter den Wirkungen des heiligen Schaffes und unter dem
milden Lichte des Heiligenscheines jener erstaunliche Bericht von der
Sendung des heiligen Brokrazius, welchen der Schreiber dieser Legende
leider nicht wiedergeben kann, da er allein den hundertfachen Umfang
haben wrde, als dem Legendenschreiber Raum verstattet ist. Dafr will
er aber einem geneigten Leser noch weiter von dem heiligen Schaff
erzhlen, das er gerade frher erwhnet hat.

Es handelt sich wirklich um ein heiliges Schaff. Das Wasserschaff,
in welches der heilige Brokrazius die erhabene Denkerstirne seines
Stiefgesichtes tauchte, ist seitdem eine Reliquie geworden, welche
allseitige Verehrung genieet. Es kann dahero mit Fug und Rechten von
dem heiligen Schaff gesprochen werden.

Es finden gemeiniglich noch immer groe Wallfahrten zum Schaff des
heiligen Brokrazius statt. Naturgem und insonderheit sind es die
Jnger des heiligen Brokrazius, die in allen Bedrngnissen und
Verlegenheiten ihres Daseins zu dieser Reliquie pilgern und gleich wie
weiland der heilige Brokrazius anselbsten ihre erhabenen Denkerstirnen
in sie tauchen, um mit unergrndlicher Weisheit von ihr begnadigt zu
werden.

Wenn dahero im Geiste des heiligen Brokrazius so hochweise und
unergrndlich tiefe Verfgungen erscheinen, da sie berhaupt niemand
verstehet, so kannst du, geneigter Leser, darauf schwren, da sie ihren
Ursprung einer Wallfahrt zum Schaff des heiligen Brokrazius verdanken.
Und das ist gut so. Denn wrden besagte Verfgungen von jedem gemeinen
Kerl verstanden werden, dann wrden sie ihr ganzes Ansehen einben. Je
bldsinniger sie dem gemeinen Verstande erscheinen, um so heiliger und
ehrwrdiger sind sie.

Murret derohalben nicht wider das, was ihr nicht verstehet und nicht zu
beurteilen vermget. Sondern seid vom heiesten Danke erfllet gegen
jene heilige Reliquie, so den Jngern des heiligen Brokrazius stets
wieder neue Auffrischung ihres Verstandes verleihet. Denn wohin wren
sie sonst geraten! Sie htten euch mit klaren Verfgungen bedacht, und
ihr httet sie derohalb miachtet, da ihr euch eingebildet httet,
sotane Verfgungen seien auch nicht gescheiter wie ihr selber, zum
mindesten aber gleich dumm wie ihr.

Diese Abschweifung mge verziehen werden. Sie ist nur ein Beweis, wie
unermelich das Material fr eine ausfhrliche Beschreibung des Lebens
und der Taten unseres Heiligen ist. Diese bescheidene Legende ist daher
nur ein winziger Auszug, ein _extractum minimum_ aus der unermelichen
Flle von Geschehnissen, die mit dem heiligen Brokrazius in innigster
Beziehung stehen.

Wenn der ganze Erdboden lauter Papier wre und das groe, tiefe Meer
lauter Tinte und alle spitzigen Grslein lauter Federn und alle
lebendigen Geschpfe bis herab zur kleinsten Gewandlaus lauter
Schreiber, die bis auf den jngsten Tag schreiben wrden, so knnten sie
noch immer nicht den tausendsten Teil der Glorie des heiligen
Brokrazius erschpfen.

Nunmehro aber begleiten wir ihn weiter auf seinen Wegen. Nachdem er das
Protokoll ber seine himmlische Sendung vollendet und sorgfltig
verschlossen hatte, betrat er im Bewutsein seiner neuen Wrde das
Freie.

Sein Erscheinen erregte unter den Menschen berechtigtes Aufsehen. Wenn
ihr aber etwan glauben solltet, da seine wenig liebliche Leibesgestalt
ihm Schaden gebracht habe, dann irret ihr euch gewaltig. Gleichwie in
einer ungestalten Muschel eine herrliche Perle verborgen sein kann, so
kann auch unter Rsselnasen und Eselsohren ein groer Heiliger stecken.
Wie denn auch ein kostbarer silberner Becher in dem schlechten, rupfenen
Getreidesack des Benjamin gefunden wurde.

Und erinnert euch nur der vielen groen Mnner, die hlich von Ansehen
waren. Der rmische Galba hatte einen Buckel, so hoch, da man htte
knnen ein Schilderhusl darauf bauen, und war trotzdem ein
unvergleichlicher Wohlredner. Aesopus hatte ein solches Larvengesicht,
da auch die Rinde am Eichbaum seinem Fell fast an Schnheit vorzuziehen
war, und gleichwohl war er der witzigste Mann zu seiner Zeit. Quintus
Fabius Maximus, der rmische Feldherr, hatte eine so groe ungestalte
Warzen auf seiner Oberlippe, da sie ihm schier wie ein Dachel ber den
Freladen hing, und dennoch war er der allerfrtrefflichste Mann.
Philippus von Mazedonien, Hannibal von Karthago, Sertorius Hispanus sind
einugig gewesen. Henricus der Zweite, der Kaiser, war krumm, und
Godefridus der Zweite, Herzog von Austrasien, war kropfet, und doch sind
sie alle die lobwrdigsten Herren gewesen.

Habt ihr aber von einem dieser Herren gehret, da er einen
Heiligenschein trug? Das habt ihr nicht gehret. Und trotzdem hat in
ihrer hlichen Leiblichkeit ihr Geist den Sieg davongetragen.

Um wie viel mehr mute der heilige Brokrazius den Menschen verklret
erscheinen! Wie muten im milden Lichte seines Heiligenscheines seine
Eselsohren und sein Nasenrssel verschwinden! Wie muten seine blden
Augen in diesem Scheine von Geist leuchten und sein breites Maul von
Weisheit triefen! Ja selbst das heimtckische Krawattel vermochte seinem
Ansehen nicht dauernd zu schaden.

Je mehr der heilige Brokrazius sich von seiner Behausung entfernte,
desto deutlicher erkannte er, wie bei den Menschen alles im argen lag.
Die Menschen wurden weder numerieret, noch registrieret, auch nicht
volksgezhlet oder irgendwie sonst eingetragen. Sie besaen keine
Ausweispapiere. Sie lebten sorglos und harmlos dahin. Sie waren im
Grunde nicht gescheiter, als sie es heute auch sind. Aber niemand
belstigte sie in ihrer Dummheit.

In diese beispiellose Wildnis menschlicher Verkommenheit trat der
heilige Brokrazius mit dem ganzen flammenden Fanatismus seiner Sendung.
Er eiferte allerorten gegen den unerhrten Skandal, da die Menschen
sich erfrechten, geboren zu werden und zu leben ohne die genaueste
aktenmige Behandlung.

Der Schematismus sei das Hchste auf Erden, predigte der Heilige. Ohne
Schematismus gebe es berhaupt kein Gedeihen. Alles msse auf bestimmte
Formulare gebracht werden. Und wer sich gegen den Schematismus und gegen
die Formulare versndige, der sei ein Feind der Menschheit. Zu denken
brauche das verehrliche Publikum berhaupt nicht. Das sei seine,
des heiligen Brokrazius, Sache. Er allein habe das Privilegium,
schematisch, protokollarisch, aktenmig und nach ganz bestimmten
Formularien in einer mglichst genau geregelten Verbldung zu denken.

Da die Menschen, wie der Schreiber dieser Legende in einer
eindringlichen Fastenpredigt bewiesen hat, die allergrten Rindviecher
sind, begrten sie es mit tausend Freuden, da da pltzlich mitten in
ihrem beschaulichen Erdenwallen ein groer Heiliger erschien, der ihnen
sogar das Denken ersparen und auf seine heiligen Schultern nehmen
wollte.

Wozu htte der seltene Mann auch seinen Heiligenschein besessen. Der
lie ihn ja von vorneherein als eine vertrauenswrdige Persnlichkeit
erscheinen, der man seine ferneren Schicksale anheimgeben konnte.

So gelang es dem heiligen Brokrazius in verhltnismig kurzer Zeit,
die Menschen von der Richtigkeit und Gottwohlgeflligkeit seiner Sendung
zu berzeugen.

Er war berall. Es gab keinen noch so versteckten Winkel, in den er
seine rsselfrmige Nase nicht schnffelnd hineinsteckte. Und es gab
kein noch so verstecktes Geheimnis, das seine langen Eselsohren nicht
erlauschten.

Dadurch errang er sich ein fast gttliches Ansehen. Denn die Menschen
begannen zu begreifen, da sie seiner Macht widerstandslos ausgeliefert
waren, nachdem sie sich mit Vergngen damit abgefunden hatten, ihm das
Denken zu berlassen.

Und der heilige Brokrazius dachte und dachte. Er dachte unablssig auf
seine Weise. Die Frchte zeigten sich auch alsobald und auf dem ganzen
Erdkreise.

Alle seine groen Ideen vermochte der Heilige whrend seines
Erdenwallens durchzusetzen; denn die menschliche Dummheit und sein
eigener Bldsinn waren ihm die mchtigsten Bundesgenossen.

Wenn der Schreiber dieser Legende auch mit den folgenden Zeilen die
grte und unermelichste Tat des heiligen Brokrazius vorwegnimmt und
damit der Darstellung der Ereignisse vorgreift, so kann er doch in
seiner hellen Begeisterung fr den grten und dmmsten Heiligen nicht
umhin, schon an dieser geweihten Stelle von der umwlzendsten Idee des
heiligen Brokrazius zu berichten, die allen seinen groen Ideen, mit
denen er die Welt beglckte, die Krone aufsetzte.

Mit welcher seltenen Schrfe der heilige Brokrazius dachte, darauf
hinzuweisen fand sich schon mehrfach die Gelegenheit. Und gerade aus
dieser ganz speziellen Eigenart des Denkens, durch die er vor der
brigen Menschheit einen wesentlichen und nicht zu unterschtzenden
Vorsprung hatte, wurde ihm die groe Aktion zur Regelung des
menschlichen Stoffwechsels eingegeben.

Seine heilige Frsorge erstreckte sich in nimmermdem Eifer auch auf
jene beschaulichen und idyllischen Sttten, welche der Mensch bei
gesunder krperlicher Verfassung in regelmigen Zwischenrumen behufs
Bereicherung der Landwirtschaft aufzusuchen pfleget.

Der heilige Brokrazius fhrte eigene Psse fr das Betreten oben
angedeuteter rtlichkeiten ein, die den jedesmaligen Vermerk einer
Einreisebewilligung und einer Aufenthaltsbewilligung an den Sttten
besagter landwirtschaftlicher Berufsttigkeit enthalten muten.
Natrlich war auch der Aufenthalt zeitlich genau geregelt.

  [Verzierung]




    Wie der heilige Brokrazius den Amtsschimmel fand und
    sich beritten machte.


Schon in der ersten Zeit seines Erdenwallens stellte es sich heraus, da
der heilige Brokrazius seinen Krften zu Gewaltiges zumutete. Er ging
in seinem heiligen Eifer berallhin zu Fue.

Dieser heilige Grundsatz des Wanderns _per pedes apostolorum_ sollte
sich aber bald bitter rchen; denn er verschaffte dem Heiligen die
unangenehme Erscheinung von qualvollen Hhneraugen, ber die in einem
spteren Hauptstcke noch Wundersames zu lesen ist.

Hier wollen wir uns nur mit dem Berichte bescheiden, da diese
Hhneraugen des heiligen Brokrazius zum mindesten eine unmittelbare
Ursache fr die Auffindung des Amtsschimmels durch den Heiligen wurden.

Je grlicher die Tortur der Hhneraugen sich auswuchs, desto klarer und
deutlicher kam der gemarterte Heilige zu der berzeugung, da ihm in
diesem verzweifelten Falle nur mehr durch eine himmlische Eingebung
geholfen werden knne. Er erinnerte sich dahero des wohlmeinenden Rates,
den ihm der Erzengel Michael erteilt hatte ... er mge sich, wenn er
neuer himmlischer Eingebungen zur Ausbung seines heiligen Berufes
bedrfe, auf den Sitz seines Verstandes niederhocken und tief
nachdenken.

Das tat denn auch der heilige Brokrazius. Er hockte sich zehn Tage und
zehn Nchte hin und dachte eifrig nach, dabei die himmlische Eingebung
erwartend. Er schlief, wenn er vom Denken erschpft war, auch in
sitzender Stellung, um die Eingebung des Himmels ja nicht zu verpassen.

In anderen Heiligenlegenden werden diese Offenbarungen von oben den
Heiligen vielfach in schlafendem Zustande durch wunderbare Traumgesichte
kundgetan. Es mu jedoch hier ausdrcklich festgestellet werden, da
dies beim heiligen Brokrazius nicht geschah.

Er erlebte die himmlische Stimme vollkommen wach und munter am Morgen
des eilften Tages. Als er von dem vielen Nachdenken und Harren schon
etwas mde und abgespannt zu werden begann, da erhub sich auf einmal
eine gewaltige innere Stimme in ihm, die auffllig der Stimme des
Erzengels Michael glich und dem Heiligen sofort ein erinnerungsvolles
Jucken und Beien verursachte.

Die innere Stimme aber sprach: Rindviech, g'selchtes! Was laufst denn
alleweil auf deine Plattf' umeinander! Oder glaubst du vielleicht, da
so ein hatschender Heiliger dem Publikum auf die Dauer imponieren wird?
Da bist aber ang'schmiert!

Was soll ich denn tun? frug der heilige Brokrazius klglich.

Da sprach die Stimme: Schau dir um ein Ro und reit'!

Aber ich kann ja gar nicht reiten! wandte der Heilige bescheiden ein.

Wirst es schon erlernen! erwiderte die Stimme von oben. Wir haben
ohnedies schon einen berittenen Heiligen. Denselbigen, der seinen Mantel
auseinanderschneidet und mit dem Bettler teilet. Wirst ihn schon gesehen
haben. Ein sehr respektabler Heiliger. Also kommt es uns auf ein
heiliges Rindviech zu Pferd auch nicht mehr draufan!

Ja, wo soll ich denn ein Ro hernehmen und nicht stehlen? frug der
Heilige verzagt.

Mut halt ein Ro finden, das sonst kein anderer brauchen kann! sagte
die Stimme des Erzengels. Ein gewhnliches Ro ist freilich fr dich
nicht erschaffen. Du mut ein ganz auerordentliches Ro finden. Du
darfst jetzt nicht beleidigt sein ber das, was ich dir sage. Du wirst
ja noch wissen, warum du mit aller gebhrenden Feierlichkeit zum
Heiligen geschlagen wurdest. Dahero mut du auch das dmmste Ro auf
Gottes Erdboden finden. Dasselbige ist sodann dein Ro. Auf ihm wirst du
reiten knnen. Und es wird dich gutwillig tragen. Sonst wre es ja nicht
das dmmste Ro. Denn jedes andere Ro, das nicht mindestens so dumm ist
wie du selber, wird dich unter aller Bedingung abwerfen, dieweilen es
keinem Vieh einfllt, ein noch dmmeres Vieh zu tragen, als es selber
ist. Wenn es dir jedoch gelingt, dieses dmmste Ro zu finden, dann
wirst du in aller Herrlichkeit prangen. Denn du mut es begreifen, da
die berittene Dummheit noch viel siegreicher ist als unberittene
Hhneraugen!

Sprach's, und die Stimme verschwand aus dem Inneren des Heiligen. Er war
nun wieder auf sich selbst gestellet und mute seine eigenen Entschlsse
fassen. Der Rat des Erzengels erschien ihm jedoch als wahrhaft
himmlisch. Wenn er sich vorstellte, wie er hoch zu Ro durch die Welt
trabte, dann schwoll ihm gewaltig der Kamm. Es galt also, das dmmste
Ro zu finden.

Lange suchte der heilige Brokrazius nach diesem seltenen Vierfler. Er
glaubte, der Qual seiner Hhneraugen bereits unterliegen zu mssen, als
er an einem sonnenhellen Maientage zu einem Stalle kam, in dem ein Ro
frhlich wieherte.

Der heilige Mann trat mhselig hatschend ein. Vor die Futterkrippe war
ein Schimmel gebunden. Just keine Vollblutrasse und auch kein schnes
Tier. Das strte aber den heiligen Brokrazius nicht im geringsten,
dieweilen er das von sich auch nicht behaupten konnte. Er trat an den
Schimmel heran, an dem man alle Rippen zhlen konnte und der berall die
Beiner aufstellte, da man ihn auch ganz gut zu einem Hutstnder htte
gebrauchen knnen.

Der Schimmel fra gierig aus der Krippe. Als der Heilige nher zusah,
hatte der Schimmel lauter Papier in der Krippe, das er mit
offensichtlichem Behagen verzehrte.

Sintemalen aber alles, was Papier war, fr den Heiligen ein wichtiges
Lebenselement darstellte, sah er auch alsogleich nach, um welches Papier
es sich handelte. Zu seinem heiligen Entzcken waren es lauter Akten,
mit denen man den Schimmel ftterte.

O du heiliges Ro Gottes! rief der Heilige in himmlischer Verzckung.
Durch welches Wunder verzehrest du Akten?

Hihihihi! lachte der Schimmel und drehte sich, lebhaft wiehernd, nach
dem heiligen Manneum.

Da ersah der heilige Brokrazius, da sie dem Schimmel grne Brillen
aufgesetzt hatten. Und das Vieh war so dumm, da es durch die grnen
Brillen Gras statt Papier zu fressen glaubte. Nunmehro erkannte der
heilige Brokrazius, da er das dmmste Ro auf Gottes Erdboden gefunden
hatte. Er fiel mit Trnen der Rhrung in den Augen dem Schimmel um den
Hals und gab ihm einen Bruderku.

Hihihihi! lachte der Schimmel vergngt und geschmeichelt.

Alsodann hielt ihm der heilige Brokrazius folgende feierliche
Ansprache: Odu dmmstes Ro, sei mir gegrt! Auf dir werde ich die
ganze Welt erobern. Denn unsere Dummheit ergnzet sich in der
wunderttigsten Weise. Wir werden ein Wesen sein, eine Seele und ein
Gedanke. Und die Menschheit wird uns staunend dahinschreiten sehen und
wird sich ehrfurchtsvoll vor uns beugen. Und nie sollst du des Futters
ermangeln. Ich will dich dick und fett msten. Gott erhalte dir deine
Dummheit! Und nun, du heiliger Schimmel, du dmmstes Ro Gottes auf
Erden, deinem Herrn ebenbrtig und zu immerwhrendem Dienste zugesellet,
trage mich hinaus in die Welt!

Hihihihi! lachte der Schimmel geschmeichelt ob dieser Rede.

Der heilige Brokrazius band ihn von der Krippe los und schwang sich auf
seinen Rcken. Der Schimmel trug ihn sonder Widerstand, als wenn er das
von jeher gewhnet gewesen wre. So zogen sie beide aus dem Stalle
hinaus. Der Heilige mit Rsselnase und Eselsohren, der Schimmel mit den
grnen Brillen.

Es war ein Anblick, an dem sich Himmel und Erde erfreuen konnten. Und
die Heiligen auf der Himmelswiese lachten, als sie ihren neuen Gefhrten
dahintraben sahen. Und sie hatten Gesprchsstoff fr den ganzen Tag. Das
war aber nach dem himmlischen Zeitmesser fr eine halbe Ewigkeit.

Die Menschen jedoch beugten sich vor dem Heiligen mit seinem Schimmel
noch mehr als frher. Nun war es nicht nur der Heiligenschein, der ihnen
Demut und Ehrfurcht einflte. Es waren auch die grnen Brillen des
Schimmels. Was mute das fr ein gelehrtes Ro sein, das sogar Brillen
trug!

Alles mu nach einem Schema gehen! verkndigte der Heilige. Denken
ist berflssig! Akten und Formulare sind die hchste Weisheit auf
Erden!

Hihihihi! lachte der Schimmel in frhlichem Wiehern. Er konnte auch
zufrieden sein; denn er hatte seinen Herrn gefunden, der ihn zrtlich
liebte und pflegte.

  [Verzierung]




    Wie der heilige Brokrazius in dem heiligen
    Stultissimus seinen ersten Jnger warb.


Es ereignete sich nunmehro das Nachfolgende.

Ihr erwartet wohl von dem Schreiber dieser Legende, da er euch den
Heiligen in seiner erhabenen Berittenheit hoch zu Ro in langen Exkursen
abschildert. Das tut er aber nicht. Er lt sich absichtlich nicht dazu
verleiten, den himmlischen Anblick des heiligen Brokrazius auf seinem
Schimmel auszumalen und zu beschreiben. Und das derohalb, weil er ein
gewissenhafter Skribent ist und mit dem Lottergesindel der Poeten und
Maler _alias_ Pinselwascher nichts zu tun haben will. Denn beide,
die _poetae_ und die _pictores_, haben das Privilegium der Lge und
Erfindung.

Dahero schicket sich nichts besser, als wenn ein Poet den Maler zum
Gevattern bittet; denn _fingere_ und _pingere_ sind die vertrautesten
Spiegesellen. Das Gehirn der Poeten steckt bekanntlich voll der
ausgeschmtesten Lgen. Und der Malerpinsel ist auch nicht skrupuls;
und wenn er schon aus Haaren bestehet, so gehet er dennoch nicht ein
Haar auf die Wahrheit...

      _... Pictoribus atque poetis
  Quilibet audendi semper fuit aequa potestas._

  Dichten knnen nach Begngen
  Alle Maler und Poeten;
  Drfen sie doch tapfer lgen,
  Wann die Wahrheit schon vonnten.

Sotanes wrde aber dem Schreiber dieser heiligen Legende bel genug
anstehen. Hat er sich bis anhero der purlauteren Wahrheit beflissen,
wird er sich auch knftighin zu keinen malerischen und poetischen
Winkelzgen und Umschreibungen verleiten lassen. Wohl aber kann er es
sich nicht versagen, den heiligen Brokrazius zur Bereicherung deines
Wissens, frommer Leser, mit einem anderen gottseligen Manne zu
vergleichen, der vom Ro herunter ein Heiliger wurde, whrend der
heilige Brokrazius in seiner Demut auf das Ro hinauf kam.

Es handelt sich um den gottseligen Petrus Consalvus in Spanien. Als der
einst vor einer groen Menge Volkes mit absonderlichem Geprnge auf
einem stolzen Klepper dahertrabte, fiel er unvermutet in eine wste
Kotlacken, worinnen er sich wie in einem Saubade herumgewlzet und einem
Mistfinken nicht ungleich gesehen, welches dann jedermann zu einem
ungestmen Gelchter bewogen hat. Er aber nahm wahr, da ihn die Welt
also auslachte, entschlo sich augenblicklich, dieselbe hingegen wieder
auszulachen, trat in einen heiligen Orden und lebte gottselig. Dem hat
also gleichsam die Kotlacken das Gewissen gesubert und den Hochmut
ausgewaschen.

Selbiges hatte der heilige Brokrazius nicht vonnten, dieweilen er erst
in Verzweiflung ob seiner Hhneraugen hoch zu Ro gekommen, demnach nie
aus Hochmut beritten war. Darum ist es ihm auch niemals widerfahren,
da er sich von seinem Schimmel unfreiwillig und von der ganzen Welt
verlacht hat trennen mssen.

Unbehindert und ohne Kotspritzer ritt er durch die Welt. Und es
ereignete sich, da er in seiner erhabenen Berittenheit noch besser
denken konnte wie frher, als er mit seinen Hhneraugen durch die Welt
hatschte. Nachdem der Sitz seines Verstandes in unmittelbarer Berhrung
mit dem Schimmel war, dachte der Heilige frderhin noch leichter. Er
dachte nach dem Tempo des Amtsschimmels.

Sintemalen jedoch rasches Denken die Tiefe seiner Weisheit nachteilig
beeinflussen konnte, lie der Heilige den Schimmel stets in einer sehr
gemchlichen Gangart dahintrotten. Es eilte ja nicht. Der Heilige hatte
Zeit, und der Schimmel hatte Zeit, und das liebe Publikum bewunderte den
heiligmigen langsamen und erhabenen Trott des Schimmels.

So ritt denn an einem schnen Sommertage der Heilige, tief versunken in
seine Gedanken, durch die Welt. Er hrte und sah nichts von seiner
Umgebung; denn er arbeitete nach dem Trott des Schimmels an einem neuen
Formular, mit dem er die Menschen beglcken wollte. Er hrte nicht das
Feilen des Gimpels und die schlagende Halsuhr der Wachtel, nicht das
gemeine Schleiferliedel der Amsel und das _Te Deum Laudamus_ der Lerchen
und nicht das Passarello des Stieglitzes. Er sah auch nicht die
gestickte Arbeit der Wiesen auf ihrem grnsamtenen Teppich, das lustige
Laubfest der Wlder und des ganzen Erdbodens hochzeitliches Geprnge.

So gab es ihm und seinen Gedanken einen gewaltsamen, pltzlichen und
jhen Ruck, als der Schimmel auf einmal stehenblieb und lebhaft
wieherte, als ob er einen alten Bekannten begren wrde.

Der Schimmel starrte durch seine grnen Brillen auf einen Kerl, der am
Wegrande sa, die Erde mit seinem Gewicht beschwerte und nichts anderes
tat, als da er dem lieben Herrgott den Tag wegstahl.

Alldieweilen das Denkvermgen und dahero auch die Beobachtungsgabe des
Heiligen untrennbar von seinem Schimmel geworden war, starrte nunmehro
auch er auf den fremden Kerl. Der sah aber nicht gerade sehr gepflegt
aus. Er hatte struppiges Haar und einen verwilderten Bart. Auch wiesen
seine Kleider so viele Lcher auf, da man in ihnen keine Maus htte
fangen knnen. Geist stand just nicht in seinem Gesichte geschrieben.
Dafr guckten ihm aber die groen Zehen beider Fe frwitzig aus den
Stiefeln. Wenn der Kerl berhaupt was tat, so war er offenbar damit
beschftiget, seine in Gottes freie Luft ragenden Zehen zu betrachten,
als ob er ihnen besondere Eingebungen verdanken wrde.

Hihihihi! lachte der Schimmel. Daneben dachte er sich in seinem
Roverstand: Mir scheint, der Kerl ist genau so bld wie wir beide.

Der heilige Brokrazius aber setzte sich auf seinem Schimmel zurecht und
fragte den fremden Kerl mit vornehmer Gelassenheit von oben herab: Wo
haben Sie Ihren Pa?

Ha? sagte der Kerl, der nicht gut zu hren schien.

Wo Sie Ihren Pa haben? wiederholte der Heilige sehr bestimmt.

Was? Pa? Nix Pa! erwiderte der Kerl.

Was? Sie haben keinen Pa? schnaubte der Heilige in gerechtem Zorn.

Hhhh! wieherte der Schimmel entrstet und begann den Kerl zu
beschnuppern.

Ha? sagte der Kerl.

Sie haben keinen Pa! rief der Heilige mit erhobener Stimme. Dann
sind Sie ja ein ganz gewhnlicher Landstreicher!

Ha? sagte der Kerl.

Ein ganz gewhnlicher Landstreicher sind Sie! Ein Vagabund! rief der
Heilige laut von seinem Schimmel herunter.

Was? Landstreicher? sagte der Kerl und langte faul und behaglich nach
einem derben Knttel, der neben ihm im Grase lag. Du, halt' di fein
z'ruck!

Wie reden Sie denn berhaupt mit mir? rief der Heilige emprt.

Ha? fragte der Kerl.

Wie Sie mit mir reden?

I? Wie i mit dir red'? Deutsch! sagte der Kerl.

Stehen Sie berhaupt auf, wenn man mit Ihnen spricht!

Ha?

Aufstehen sollen Sie, wenn man mit Ihnen spricht!

I? Was? Aufstehn? Fallt mir nit im Schlaf ein!

Das ist doch eine unerhrte Frechheit! rief der Heilige. Haben Sie
denn berhaupt eine Ahnung, wer ich bin?

Ha?

Ob Sie eine Ahnung haben, wer ich bin?

A saudumm's Rindviech bist!

Hihihihi! lachte der Schimmel.

Der Heilige wurde durch diese Erkenntnis seiner Persnlichkeit
wesentlich milder gestimmt und fragte den Kerl ziemlich freundlich:
Also Pa haben Sie keinen?

Ha?

Pa haben Sie keinen?

Naa.

Auch sonst keine Ausweispapiere?

Ha?

Papiere!

Papier? Brauch' i keins. I wisch mi alleweil mit Grasab!

Der heilige Brokrazius lchelte in seiner himmlischen Milde mitleidig.
Dann frug er den fremden Kerl: Wie heien Sie denn eigentlich?

Ha?

Wie Sie heien!

Wie i hei? Das geht dich an Schmarrn an!

Aber Sie mssen doch einen Namen haben.

Namen? Hab' i aa! sagte der Kerl.

Also wie heien Sie!

Nit so wie du.

Ich bin der heilige Brokrazius! sagte der Heilige.

Wer?

Der heilige Brokrazius!

Ds hab' i mir gleich denkt! sagte der Kerl. Ein anderer fraget mich
nit so saudumm aus!

Der Heilige lchelte geschmeichelt. Dann frug er mit der freundlichsten
Herablassung: Wollen Sie nun nicht so liebenswrdig sein und mir Ihren
werten Namen verraten?

Ja, wenn i dir damit a besondere Freud' mach', warum denn nit! sagte
der Kerl nachgiebig. Stultissimus hei ich!

Danke verbindlichst! sprach der Heilige hflich. Nun, mein lieber
Herr Stultissimus, wollen Sie mir nicht geflligst sagen, was Sie
eigentlich sind?

Ha?

Ich mchte Sie hflichst ersuchen, mir zu sagen, was Sie sind?

Kannst denn mit deiner blden Fragerei gar nimmer aufhren! wurde der
Kerl pltzlich wieder obstinat.

Aber Sie mssen doch irgendeinen Beruf haben! sagte der Heilige
ungemein liebenswrdig.

Ha?

Ihr Beruf?

Da erhob der Kerl seine rechte Hand und zog mit dem Zeigefinger
derselben einen Kreis um seinen struppigen Schdel.

Dann sagte er: Heiliger.

Der heilige Brokrazius bemerkte aber, da der Kerl tatschlich einen,
wenn auch schmalen, so doch glnzenden Streifen um den Schdel trug.
Auch Heiliger? sprach er mit einer gewissen Kameradschaftlichkeit.

Was denn sonst? sagte der fremde Kerl.

Sie entschuldigen schon, da ich das nicht gleich bemerkt habe! meinte
der heilige Brokrazius.

Bist halt zu bld dazu! sagte der heilige Stultissimus mit einer
gemtlichen Nachsichtigkeit.

Wer hat Ihnen denn Ihren Heiligenschein verliehen? frug der heilige
Brokrazius.

Nix verliehen! erwiderte der heilige Stultissimus. Von selber
g'wachsen!

Ah so! sagte der heilige Brokrazius. Respekt! Da gratulier' ich.
Damit stieg der Heilige von seinem Ro und setzte sich neben den
heiligen Stultissimus. Einerseits aus Kollegialitt, anderseits um sich
mit seinem offensichtlich etwas schwerhrigen Mitheiligen besser
verstndigen zu knnen. Freut mich sehr, Ihre werte Bekanntschaft
gemacht zu haben! sagte er hflich.

Weit was, sein mer per du! meinte der heilige Stultissimus jovial.

Da rckte der heilige Brokrazius unwillkrlich etwas von ihm weg und
betrachtete ihn vom Kopf bis zu den Fen.

Vielleicht nit? fragte der Stultissimus im Ton einer aufsteigenden
Beleidigung.

Aber selbstverstndlich! beeilte sich der heilige Brokrazius zu
versichern.

Also, sollst leben! sagte der Stultissimus und klatschte ihm mit der
flachen rechten Hand krftig auf seine Glatze.

Nix drinnen? Ha? frug er freundlich.

Mit Verlaub, erkundigte sich der heilige Brokrazius nach einer Weile,
wo hast denn du deinen Verstand?

Verstand? erwiderte der andere. Verstand hab' iberhaupt keinen.

Aber du mut doch auch was denken.

Denken tu i nix.

Ja, wie fallt dir denn nachher was ein?

Wie mir was einfallt? Mir scheint, am meisten fallt mir alleweil ein,
wenn i meine groen Zehen betracht'! sagte der heilige Stultissimus und
stellte seine Zehen in die Luft.

Aha! meinte der heilige Brokrazius. Dann ist dir dein Verstand in
die Zehen abig'rutscht. Mir ist er weiter oben steckengeblieben. Auf die
Weis' passen wir zwei ja ganz prchtig zusammen. Der heilige Brokrazius
und der heilige Stultissimus, das ist doch ein wundersames Paar. Da
werden die Leut' aber schauen!

Meinst? sagte der heilige Stultissimus.

Nachdem sie lngere Zeit im beschaulichen Stillschweigen nebeneinander
gesessen hatten, hub der heilige Brokrazius wieder an: Eigentlich
solltest du aber doch eine Stellung haben!

Ah was! Stellung! machte der heilige Stultissimus verchtlich. Da bin
i mir zu wenig dumm dazu.

Die ntige Dummheit kommt mit der Stellung! belehrte ihn der heilige
Brokrazius.

Das sieht man bei dir! sagte der heilige Stultissimus gutmtig.

Na also! munterte ihn der heilige Brokrazius auf. Wie wr's denn,
wenn du bei mir Stallknecht wrdest. Fr den Amtsschimmel da. Der ist
das dmmste Ro auf Erden. Ich bin das grte Rindviech. Und du bist der
grte Steinesel. Da sind wir eine herrliche Menagerie und knnen der
ganzen Welt einen Zirkus abgeben, da sie damisch wird vor lauter
Begeisterung. Heiliger Stallknecht Stultissimus, schlag' ein!

Was zahlst denn nachher? frug der heilige Stultissimus, der sich die
Sache zu berlegen schien.

Zahlen? Ja, was fllt denn dir ein? Das ist doch eine Ehrenstellung!

Mit Ehrenstellungen kannst du mir g'stohlen werden! Siehst, da bin ich
auch wieder zu wenig dumm dazu.

Da der heilige Stultissimus mit keiner berredungskunst zu bewegen war,
die Stellung eines Stallknechtes als Ehrenstellung zu bernehmen,
einigten sich die beiden Heiligen schlielich auf einen bestimmten Lohn
und auf eine Kndigungsfrist. Es ist aber nicht bekannt geworden, da
sich der heilige Stultissimus und der heilige Brokrazius jemals wieder
getrennt htten. Wie aus dem Folgenden zu ersehen ist, wurde der
Stultissimus auer seinem Roamt auch noch ein bedeutender geistiger
Mitarbeiter des Brokrazius.




    Wie die beiden Heiligen einen auferbaulichen Disput
    hatten und das respektvolle Ergebenheitstrnklein
    brauten.


An einem Abend saen die beiden Heiligen zusammen in dem dmmerigen
Stalle des Amtsschimmels und schauten bedachtsam zu, wie der Schimmel
Akten fra und sie regelrecht verdaute, um dann einen Teil derselben als
Romist wieder von sich zu geben.

Um diesen Mist war den beiden Heiligen schon lngst leid gewesen,
und sie hatten bereits des fteren miteinander beratschlagt, was sie
eigentlich mit dem Mist des Amtsschimmels beginnen sollten.

Da der heilige Brokrazius den Erzengel Michael wegen seiner ihm sattsam
bekannten Grobheit in dieser mistigen Angelegenheit nicht eigens um Rat
zu fragen wagte, beriet er die heikle Sache lieber mit seinem heiligen
Stallknecht.

Auch der heilige Stultissimus war der Ansicht, da der Mist des
Amtsschimmels sich von gewhnlichem Pferdemist wesentlich unterscheiden
msse und richtig verwendet wunderbare Frchte zeitigen knnte.

Um der Sache endlich auf den Grund zu kommen, setzte sich der heilige
Brokrazius ganz energisch nieder, und der heilige Stultissimus
betrachtete seine beiden nackten groen Zehen, die ihm in rhrender
Anhnglichkeit noch immer aus den Stiefeln guckten.

Dabei entwickelte sich zwischen den beiden Heiligen dieser auferbauliche
Disput:

_Sankt Brokrazius_: Was fangen wir nur mit dem Mist daan?

_Sankt Stultissimus_: Mit welchem Mistda?

_Sankt Brokrazius_: Mit dem Mist da.

_Sankt Stultissimus_: Ah, mit dem Mistda.

_Sankt Brokrazius_: Ja.

_Sankt Stultissimus_: Ah so.

_Sankt Brokrazius_: Das ist sozusagen ein heiliger Mist.

_Sankt Stultissimus_: Der Mist da?

_Sankt Brokrazius_: Ja.

_Sankt Stultissimus_: Ah so.

_Sankt Brokrazius_: Das ist also kein gewhnlicher Mist, sintemalen und
alldieweilen er von dem Amtsschimmel stammet. Dahero ist er auch
geheiliget und kann den Menschen nicht oft genug eingeprget werden.
Demzufolge mu auch dieser sozusagen heilige Mist des Amtsschimmels der
Menschheit in irgendeiner Form zugefhret werden.

_Sankt Stultissimus_: So werden sie ihn aber nit fressen.

_Sankt Brokrazius_: Derohalben mu irgendeine ersprieliche Form fr
die Verwertung besagten Mistes gefunden werden.

_Sankt Stultissimus_: Reden ist leicht, aber einfallen sollt' einem halt
was.

_Sankt Brokrazius_: Wie wre es, wenn wir diese unschtzbaren
uerungen des Amtsschimmels abkochen wrden und ein Trnklein daraus
bereiten wrden, das der ganzen Menschheit zum Heile und uns zum hheren
Ruhme verhelfen wrde? Wozu lagert ansonsten der Amtsschimmel seinen
Mist ab, wenn er nutzlos verdirbt!

_Sankt Stultissimus_: Das wr' eine Idee.

_Sankt Brokrazius_: Die Menschen haben noch immer zu wenig Respekt vor
dem heiligen Brokrazius. Es mu ihnen viel mehr respektvolle
Ergebenheit vor seiner Weisheit eingeflet werden. Wie knnte das
besser geschehen, als durch den Mist des Schimmels, der den heiligen
Brokrazius trgt, auf dem der heilige Brokrazius nicht nur reitet und
denkt, dessen erhabener Gangart er sogar seine Entschlieungen,
Verordnungen und Manahmen verdanket. Denn was ansonsten gewhnlicher
Romist ist, das ist allhiero der unergrndliche Geist von tausend
Akten, _quasi_ das _Extractum_ aller gebhrenden Ehrfurcht vor dem
heiligen Brokrazius, der anselbsten zu sein Redner die hohe
Auszeichnung besitzet.

_Sankt Stultissimus_: Bist jetzt nachher bald fertig? Das kann man doch
krzer sagen: Den Mist abkochen und den Menschen zu saufen geben.

_Sankt Brokrazius_: Mein lieber Stultissimus, du hast leider noch immer
nicht das richtige Verstndnis fr den Amtsstil.

_Sankt Stultissimus_: Steig' mir in Buckel mit deinem Amtsstiefel! Also
probieren wir's halt einmal mit dem Trankl!--

Damit sammelten die beiden Heiligen sorgfltig den Mist des
Amtsschimmels, gingen hin, richteten einen Kessel und ein Feuerlein zu
und begannen zu kochen.

Der heilige Brokrazius klebte an die Tre der Kche einen groen
Zettel, auf dem zu lesen stund: Insgeheime geheimste Kuchel. Eintritt
strengstens verboten! Es wagte auch niemand die beiden Heiligen in
ihrer geheimnisvollen Ttigkeit zu stren.

Dem brodelnden Kessel entstiegen die lieblichsten Dfte. Dabei geschah
ein himmlisches Wunder, welches das ehrerbietige Staunen und die
uneingeschrnkte Begeisterung der beiden Heiligen erregte.

Der Rauch, der von dem Kessel emporwirbelte, war kein gewhnlicher
Rauch, sondern er entschwebte dem Kessel in den herrlichen Formen von
lauter Paragraphenzeichen, die lange Zeit in der Luft hngen blieben,
bis sie von nachflatternden neuen Paragraphen abgelst wurden. Daraus
erkannten die beiden Heiligen, da sie den einzig richtigen Weg fr die
Verwendung des heiligen Mistes zum Wohle und Gedeihen der Menschheit
gefunden hatten.

Himmelsakra! rief der heilige Stultissimus in ehrlicher berraschung
aus. Das ist aber hllisch schn! Damit spuckte er in
berschwnglicher Begeisterung in das brodelnde Dekoktum des Kessels.
Nunmehro ereignete sich ein neues, noch greres Wunder.

Die Paragraphen, die nach dieser Vermischung des heiligen Sputums mit
dem Schimmelmist aus dem Kessel sich erhoben, machten pltzlich in der
Luft tiefe katzenbuckelnde Verbeugungen. Da der heilige Brokrazius
dieses zweiten Mirakulums ansichtig ward, da wurde er schier von blassem
Neid gegen seinen Stallknecht, Kollegen und Mitheiligen erfasset. Er
trachtete dahero, ihn womglich noch zu bertreffen, rusperte sich
lange und ausgiebig und spie einen riesigen Klachel in den Kessel.

Nunmehro wollten sich die katzenbuckelnden Paragraphen in der Luft fast
vor Devotion berschlagen. Triumphierend schaute der heilige Brokrazius
auf den heiligen Stultissimus, dieweilen er ihn an Wunderwirkung seines
heiligen Sputums noch bertroffen hatte.

Das erregte wiederum den Neid des heiligen Stallmeisters. Er beeilte
sich dem Romist geschwind neues Sputum zu vermischen. So geschah es,
da die beiden Heiligen in edlem Wetteifer abwechselnd in den Kessel
spuckten und dadurch jenes groartige Arkanum erzielten, das bis zu den
heutigen Zeitluften die Menschen in Untertnigkeit und Ehrfurcht vor
allen Einrichtungen des heiligen Brokrazius erschauern macht.

Damals wurde von den beiden Heiligen, die alsogleich erkannt hatten, da
die Mischung des Schimmelmistes und ihres heiligen Sputums die allein
richtige Mischung fr ihr geplantes Dekoktum sei, aus besagtem,
in lieblichster Devotion duftendem Dekoktum das respektvolle
Ergebenheitstrnklein gebraut, welches der heilige Brokrazius hinfro
den seiner Verwaltung und seines Gngelbandes dringend bedrftigen
Menschen bescherte.

Da die Menschen nach ihrer armseligen Naturanlage leider unfhig waren,
sich selber zu verwalten und sonder Schwanken gehen zu lernen, mute
ihnen durch dieses offensichtlich himmlischer Eingebung entstammende
respektvolle Ergebenheitstrnklein der endgltige Glaube an die
Notwendigkeit, Erhabenheit, Verstandesschrfe, Unentbehrlichkeit und
Unfehlbarkeit aller irdischen Stiftungen des heiligen Brokrazius
beigebracht werden.

Der Heilige verfgte, da dieses Trnklein bereits den Kindern in die
Lullbchsen gegeben wrde, so da sie es zugleich mit der Muttermilch
bekamen und mit der respektvollen Ergebenheit gegen den heiligen
Brokrazius im Leib schon in ihren Windeln lagen.

Sintemalen uns allen dieses Trnklein in Adern, Knochen und Flachsen
liegt und sozusagen einen wesentlichen Bestandteil unserer irdischen
Beschaffenheit ausmachet, hat es bis zu heutigen Tagen der armen
Menschheit auch noch nie recht zu dmmern begonnen, was fr ein
riesengroes Rindviech der heilige Brokrazius im Grunde genommen
eigentlich ist. Auch die Bestandteile des respektvollen
Ergebenheitstrnkleins sind den Menschen noch nie zum Bewutsein
gekommen, dieweil es sich eben um ein Geheimmittel handelt, das sich nur
in seinen Wirkungen dokumentieret.

Alldieweilen aber jegliche Medikamente ihren gelehrten lateinischen
Namen haben mssen, damit sie dem ehrfurchtsvollen Publiko um so
unbegreiflicher, geheimnisvoller und rtselhafter erscheinen, hat ein
Kollegium hochgelahrter Professoren, Doktoren, Chemiker, Alchimisten und
Pharmazeuten nach jahrelangen schwierigen Beratungen auch fr das
respektvolle Ergebenheitstrnklein, welches die Welt dem heiligen
Brokrazius unter krftiger Mitwirkung des heiligen Stultissimus
verdanket, die endgltige wissenschaftliche Bezeichnung gefunden. Sie
soll dir, ofrohgemuter Leser, nicht vorenthalten werden. Wappne dich
jedoch mit allen deinen klassischen Kenntnissen und verrenke dir dabei
die Zunge nicht... _Sanctorum Brokrazii atque Stultissimi mixtura
famosa gloriosa miraculosa amabilis admirabilis honorabilis venerabilis
respectabilis devotionalis mystica decocta speibensis saufdusi._

  [Verzierung]




    Wie der heilige Brokrazius Hhneraugen im Hirn bekam
    und sich einen Zopf wachsen lie.


  O hllischer Sudkessel, wie frchterlich sind deine Qualen,
  Nicht zu beschreiben und auch nicht zu malen!
  Wann dich Verdammten von vorne und von hinten
  Unablssig die Teufel zwicken und boshaftig schinden,
  Dann wirst du vor lauter hllischer Pein Tag und Nacht juhzen,
  Aber es wird dir sotanes Gejuhze nix nutzen.
  Und wenn du auch jodelst in den hchsten Tnen,
  Wird dein Gesang nur die Schadenfreude der Hllenmchte verschnen.
  Pech und Schwefel wird dir deinen sndigen Leib verbrennen,
  Magst du auch noch so winseln und heulen und rotzen und flennen.
  Whrend ein Rindfleisch im Sudkessel wird allgemach weicher
          und linder,
  Bleibst du darinnen fr alle Ewigkeiten der gleich hartgesottene
          Snder.
  Und entsteiget deiner Suppen auch tausendfach Weh und Ach,
  Hilft's dir einen Dreck, du bleibest in _saecula saeculorum_ zach.
  Und geben sie dich auch zur Abwechslung, um dich zu braten und zu
          schmoren,
  In die hllische Pfannen, es ist an dir alle Liebesmh verloren.
  Dahero kannst du daran ermessen, du gottverlassener Sndenlmmel,
  Wie bld es von dir war, in die Hlle zu kommen anstatt in den Himmel.
  Wenn du aber fr hllische Qualen zwecktunliche Vergleiche willst
          entdecken
  An irdischen Martern, Bedrngnissen, Peinigungen und Schrecken,
  Die eine heilsame _comparationem_ aushalten mit den diabolischen
          Pech- und Schwefellaugen,
  Dann brauchst du nur mit gebhrender Andacht zu denken an deine
          Hhneraugen.
  Die machen dich, o frommer Christ, auch mitunter so elendiglich
          juhzen,
  Da du dir am liebsten ttest deine verehrlichen Zehen abstutzen.

Schreiber dieser heiligen Legende hat zwar schon im vorhergehenden denen
schwindelhaften Poeten als einem Lottergesindel feierlich abgesaget und
abgeschworen. Deswegen hat er es sich aber doch nicht versagen knnen,
dieses Hauptstck mit zierlichen und wohlgesetzten Reimlein einzuleiten.
Er mchte sich aber sehr geharnischt dagegen verwahren, um dieser
Reimlein willen unter das verchtliche Gelichter der Poeten einverleibet
zu werden. Seine Reimlein sind keine Poesien, sondern der Abglanz und
Spiegel der Wahrheit, _speculum veritatis_. Er hat nicht gedichtet und
nichts erdichtet, auch nichts geschwefelt mit der Abschilderung des
hllischen Schwefels, sondern nur der Wahrheit ein Gewand verliehen, das
noch deutlicher in die Augen fllt, als die schlichte Prosa, und einen
Ton, der euch in den Ohren klingen soll wie die Trompeten von Jericho.

Dabei hat er euch aber die Qual der Hhneraugen nochmals eindringlich
vorfhren wollen, damit ihr das richtige, nachdenksame und auferbauliche
Verstndnis fr das Folgende findet, was er euch in diesem Hauptstck
von dem heiligen Brokrazio zu vermelden und zu berichten hat.

Es ereignete sich nmlich, da den heiligen Brokrazius seine
Hhneraugen wiederum frchterlich turmanterten, _id est_ peinigten. Das
schrieb sich dahero, dieweilen unterschiedliche frevelhafte Menschen,
so noch nicht zu den Rindviechern zhlten und derohalben seine heilige
Sendung noch nicht erfasset hatten, dem Heiligen in niedertrchtiger und
heimtckischer Absicht wiederholt sonder Erbarmen auf diesen seinen
empfindlichen Leibschaden der Zehen traten.

Das machte den Heiligen jedesmal so erbrmlich juhzen wie die Verdammten
im hllischen Sudkessel. Gerne htte er _ad majorem dei gloriam_ auch
diese Qualen seines Erdenwandels noch weiter ertragen. Besagtes Gejuhze
vereinbarte sich aber nicht mit seiner Wrde, die er kraft seiner
himmlischen Sendung allerorten zur Schau tragen mute.

Da dem heiligen Brokrazio der Ton, in welchem die innere Stimme des
Erzengels Michael mit ihm geredet hatte, fr die Dauer gar nicht genehm
war, wagte er es desto weniger, sich an diese himmlische Stimme zu
wenden, weil ja die Materie seiner Hhneraugen schon einmal zwischen ihm
und dem Erzengel Michael abgehandelt worden war.

Der heilige Brokrazius setzte sich dahero wiederum mehrere Tage und
Nchte nieder, wie er dies beim Denken bekanntlich immer zu tun pflegte,
und dachte instndig darber nach, auf welche Art und Weise er die Qual
der Hhneraugen loswerden knnte, dieweilen ihm wegen der Boshaftigkeit
der sndhaften Menschen auch die erhabene Berittenheit auf dem
Amtsschimmel zwar eine zeitweilige, aber nicht eine immerwhrende
Befreiung von dieser groen leiblichen Sorge seines irdischen Wandels
gebracht hatte.

Nachdem der Heilige reiflich und tief nachgedacht hatte, wurde ihm durch
eine innere Stimme die Erffnung: Wende dich in einer gehrig
begrndeten Eingabe an die hchste Instanz, an den lieben Gott selber!

Wem diese Stimme von oben angehrte, konnte der heilige Brokrazius nie
ergrnden. Sie sprach jedoch zu ihm in einem hflichen und
liebenswrdigen Tone.

Es handelte sich jetzo aber darum, die verlangte Eingabe an den lieben
Gott zu verfassen. Und das war keine Kleinigkeit. Denn eine solche
Eingabe war dem heiligen Brokrazius in seiner ganzen Praxis noch nie
vorgekommen. Auch besa er hiezu keine Formularien oder sonstigen
Behelfe. Nicht einmal in dem Mist des Amtsschimmels waren irgendwelche
Andeutungen fr den Verkehr mit dem lieben Gott zu finden.

Der heilige Brokrazius pflog dahero sorgsame Beratungen mit seinem
Stallknecht, dem heiligen Stultissimus. Der hatte ihm, bevor der heilige
Brokrazius sich auf das neuerliche tiefe Nachdenken ber seine
Hhneraugen verlegte, schon einmal den echt freundschaftlichen Rat
gegeben, er solle sich seine Hhneraugen beim Hufschmied beschlagen
lassen. Dieser Rat war aber damals von dem heiligen Brokrazius mit
berechtigtem Entsetzen zurckgewiesen worden, obschon er die Wohlmeinung
desselben uneingeschrnkt anerkannte.

Der heilige Stultissimus war nunmehro, nachdem ihm der heilige
Brokrazius von seiner neuesten himmlischen Eingebung Mitteilung gemacht
hatte, der Ansicht, da es eigentlich eine Frechheit sei, den lieben
Gott mit seinen Hhneraugen zu belstigen. Aber wenn der heilige
Brokrazius schon meine, er solle es doch tun, dann mge er sich ja
davor hten, den lieben Gott um die gnzliche Befreiung von den
Hhneraugen anzusumsen. Solche gnzliche Nachlsse irdischer Qualen
seien eine unerhrte Forderung an die Allbarmherzigkeit des lieben Gott.
Denn irgendetwas msse der Mensch doch auf Erden zu leiden haben. Und
sonst habe der heilige Brokrazius ja auch nichts Arges zu erdulden.
Nicht einmal von Kopfweh werde er jemals heimgesuchet.

Das leuchtete dem heiligen Brokrazius denn auch ein, und so beschlossen
die beiden Heiligen nach gewissenhaften beiderseitigen Beratungen, da
die Eingabe an den lieben Gott nur die Bitte enthalten sollte, der liebe
Gott mge so gndig sein, dem heiligen Brokrazius seine Hhneraugen an
eine Stelle seines heiligen Leibes zu versetzen, wo sie ihn nicht so
frchterlich schmerzen wrden. Ein Endchen Qual wolle er ja in
demtigster Unterwerfung gerne ertragen. Aber der gegenwrtige Zustand
sei unertrglich und eine schwere Berufsschdigung.

Die Eingabe an den lieben Gott wurde alsobald erlediget. In dem heiligen
Brokrazius erhub sich nach einer abermaligen andchtigen Sitzung eine
mchtige Stimme, welche er als die Stimme des lieben Gott erkannte.

Die Stimme war zwar nicht wesentlich hflicher als die des Erzengels
Michael, sie erging sich aber doch nicht in derartigen Ausdrcken, wie
sie der Erzengel liebte.

Die Stimme sprach aber ungefhr folgendes: Hhneraugen hast? Wo anders
willst sie haben? Das knnt' jeder sagen. La' mich ein bissel
nachdenken, wo sie bei dir am ehesten Platz haben. Denn wisse, jedes
Ding will seinen Platz haben. Auch die Hhneraugen. Halt! Ich hab's. Ich
versetz' dir die Hhneraugen nach dem Hirn. Da hast du am meisten Platz
dafr. Ist ohnedies nix drin. Sonst wrst ja nicht der heilige
Brokrazius. Siehst, wie gut es ist, wenn man im Schdel eine leere
Kammer hat.

Der liebe Gott sprach es. Und das Wunder geschah. Der liebe Gott
versetzte in seiner himmlischen Gnade und Allmacht dem heiligen
Brokrazius seine Hhneraugen in das Hirn, wo sie als Einquartierung gut
aufgehoben waren.

Und wie gndig war der liebe Gott gewesen. Der heilige Brokrazius hatte
sich in seiner Eingabe nur nachzusuchen erlaubet, der liebe Gott mge
ihm die Hhneraugen nach einer Stelle seines heiligen Leibes versetzen,
wo sie ihn nicht so frchterlich schmerzen wrden. Mit einem Endchen
Qual wolle er sich gerne abfinden. Nun hatte ihm der liebe Gott die
Hhneraugen in das Hirn versetzet, und da versprte der heilige
Brokrazius berhaupt keine Qual mehr. Denn jede Qual erfordert, damit
sie gefhlet werde, ein Eintreten in das Bewutsein. Nachdem jedoch dem
heiligen Brokrazius die Hhneraugen nach demjenigen Teile seines
heiligen Leibes versetzet worden waren, der mit seinem Bewutsein oder
Verstande gar nichts zu tun hatte, konnten ihn die Hhneraugen im Hirn
unmglich mehr peinigen.

Es ist aber in unzhligen theologischen Schriften erwiesen, da die
gttliche Weisheit nichts tut ohne ihren ewigen Vorbedacht. So war auch
die Versetzung der Hhneraugen des heiligen Brokrazius in sein Hirn von
Ewigkeit vorbedacht. Und diese vorbedenkende Weisheit des lieben Gott
sollte sich alsobald zeigen.

Da die Hhneraugen nunmehro eine ungehinderte Freistatt hatten, sich
ppig zu verbreiten, und sie kein Schuh mehr drckte, feierten sie in
dem Hirn des Heiligen wahre Orgien der Vermehrung. Sie wucherten gleich
Schwmmen zur Zeit des Jupiter Pluvius, wie die Antiken sagen wrden,
und drckten allgemach gewaltig gegen die Schdelwnde.

Sintemalen jedoch der Heilige infolge der eigentmlichen Beschaffenheit,
mit welcher er dachte, unmglich Kopfschmerzen bekommen konnte, so
strten ihn die Hhneraugen auch bei ihrer unheimlichen Vermehrung nicht
im geringsten in seinem Berufe.

Irgendwie muten sie ihre Bestimmung aber doch erfllen. Mit ihrem Druck
gegen die Schdelwnde war unwillkrlich auch ein Druck auf die
Haarwurzeln verbunden. Die ausgefallenen Haare des Heiligen begannen
dahero pltzlich wieder zu wachsen.

Es erhub sich in kurzer Zeit ein derart reicher Haarwuchs, da der
heilige Brokrazius sich bemiget fand, einen Zopf darauszu flechten.
Der Zopf aber stund ihm groartig zu Gesichte.

Dies fanden auch der heilige Stultissimus und alle Menschen, die seines
Anblickes gewrdiget wurden. Ja, seitdem der heilige Brokrazius einen
Zopf trug, gewann er noch mehr Ansehen bei den Menschen.

Der Zopf hatte ihm noch gefehlet. Trug ja auch der Amtsschimmel hinten
einen Schweif. Warum sollte daher der heilige Brokrazius unbezopft auf
Erden wandeln.

Die allwaltende gttliche Weisheit hatte mit dem Zopf des heiligen
Brokrazius aber noch ganz etwas anderes bezwecket, was sich alle die
Sptter hinter ihre werten Ohrwascheln schreiben sollen, die ber diesen
Zopf je abfllige Bemerkungen gemacht haben.

Und diese abflligen Bemerkungen wurden gemacht. Wagt es doch die
Menschheit, das Glnzende zu schwrzen und das Erhabene in den Staub zu
ziehen. Das mu irgendwo irgendein Dichter gesagt haben, der sich durch
sotanen Ausspruch in einem Momente gttlicher Eingebung fr diesen einen
Moment von dem sonstigen Poetengesindel loslste.

Der Zopf des heiligen Brokrazius ist nur derohalben der Gegenstand
frevelhaften Witzes geworden, weil die Menschheit bis anhero den
geheimnisvollen Gang des gttlichen Willens nicht erkannt hat.

Darum passet fein auf und hret zu. Der Schreiber dieser Legende will
euch aufmerksamen Lesern die gttliche Bestimmung des Zopfes des
heiligen Brokrazius erlutern.

Durch die eigentmliche Denkart des Heiligen konnte sich sein Gehirn
nach auen nicht dokumentieren. Da dieses jedoch mit der Zeit htte zu
Mideutungen fhren und dem Ansehen des Heiligen htte schaden knnen,
war der liebe Gott in seiner ewigen Weisheit darauf bedacht, das Gehirn
des Heiligen auch uerlich in Erscheinung treten zu lassen.

Auf dem Umwege der Hhneraugen lie er dahero das zur Unttigkeit
verurteilte Gehirn des Heiligen nach auen in der Gestalt seines Zopfes
sichtbar werden.

Dahero ist auch der Zopf des heiligen Brokrazius, der von seinen
Jngern und sonstigen Anhngern ehrfurchtsvoll in unvernderter Gestalt
bernommen wurde, etwas Heiliges und mu von uns allen gebhrend
verehret werden. Er ist der sichtbare allegorische Ausflu seines
Geistes an derjenigen Stelle, wo er naturgem sein sollte, aber nicht
zu finden ist.

Der tatschliche Sitz des Verstandes und Geistes des heiligen
Brokrazius kann aus leicht begreiflichen Grnden _coram publico_ nicht
entblet werden, weswegen dem _Pleno titulo Publico_ dessen
sinnbildlicher Sitz und seine sichtbare Verkrperung in Gestalt des
Zopfes gengen mge. Womit Schreiber dieser Legende allen Spttern,
Tadlern und Mklern _in aeternum_ das Wasser auf die lsterlichen
Klappermhlen ihrer Scheelsucht abgegraben zu haben vermeinet.

Es ist aber obenbeschriebene Angelegenheit mit dem Versetzen der
Hhneraugen nach dem Hirn des heiligen Brokrazius und mit dem dadurch
hervorgerufenen Wachsen des Zopfes noch keineswegs erlediget. Auf da
der Heilige durch Befreiung von jeglicher irdischer Qual nicht zu
weltlichem bermute verleitet wrde, ist dem bsen Feind _alias_
Gottseibeiuns oder Luzifer ein diabolisches Streichlein verstattet
worden.

Unter dem Einflusse und unter der Beratung des infernalischen
Schrmeisters hat sich bei der Wanderung der Hhneraugen nach dem
Gehirne des Heiligen ein ganz besonders niedertrchtiges, erzinfames und
teuflisch boshaftes Hhnerauge nach demjenigen Krperteile seines
heiligen Leibes verirret, mit welchem er dachte.

Der heilige Brokrazius sollte seiner verruchten Anwesenheit alsobald
gewahr werden. Dieses eine verirrte Hhnerauge begann ihn in neuer
Gestalt rgerlich zu peinigen, und es wucherte weiter und bekam
Geschwister und Anverwandte.

Diesmal bemchtigten sich die hochgelahrten _doctores universalis
medicinae_ des Leidens des heiligen Brokrazius, da selbiges sich
sozusagen zu einer ffentlichen Angelegenheit auswuchs, sintemalen es
den Sitz seines Verstandes bedrohte. Sie vermochten ihm zwar nicht
grndlich zu helfen, aber die grten medizinischen Fakultten der Erde
verliehen dem heiligen Brokrazius in feierlichen Promotionen den Titel
eines _Hmorrhoidarius_, welchen _titulum academicum_ der Heilige nebst
seinem Zopf in Wrde, aber nicht immer mit Gelassenheit trug.

  [Verzierung]




    Ein delizises Intermezzo von den Tiroler
    Speckkndeln.


Zu jenen Zeitluften, da der heilige Brokrazius auf Erden wandelte,
waren die Tiroler Speckkndel leider noch nicht erfunden.

Wie htte sich ansonsten unser verehrungswrdiger Heiliger daran
erlustieret und delektieret. Wie wre der schnffelnde Rssel seiner
Nase in Bewegung geraten ob des anmutigen und verfhrerischen Duftes der
Kndel. Wie htten seine Eselsohren gespitzet, und wie htte sein Zopf
begeistert gewackelt. Das Krawattel wre ihm zu nie geahnten Hhen
geklettert.

Es ist nicht abzusehen, was der heilige Brokrazius noch erfunden htte,
wenn er mit Tiroler Speckkndeln gespeiset worden wre. Da aber seine
Erfindungen ohnedies schon die ganze Welt erfllen, wre vielleicht fr
die berflle seiner Ideen kein Platz mehr auf Erden gewesen, wenn sie
auch noch von Tiroler Speckkndeln befruchtet worden wren.

Es mag nunmehro vielleicht ein boshaftiger Schelm den Schreiber dieser
Legende fragen, warum der heilige Sankt Brokrazius nicht auch die
Tiroler Speckkndel erfunden hat.

Auf diese frwitzige und ungebhrliche Frage gebhret dem Frager mit Fug
und Rechten eine ausgiebige Maulschellen. Der heilige Brokrazius hat
die Tiroler Speckkndel derohalben nicht erfunden, dieweilen er den
Speck zu einer anderen Erfindung brauchte oder vielmehr dieweilen ihm
der Speck durch die gttliche Vorsehung fr eine andere Erfindung
bestimmet gewesen ist, die damals noch notwendiger war als die Tiroler
Speckkndel.

Wie sich das verhielt, das wird der nachfolgende Bericht genau erweisen.

Nun glaubet ihr wohl, ihr werdet das gleich in den nchsten Zeilen
erfahren. Onein, der Schreiber dieser Legende wird deine Neubegierde,
grognstiger Leser, noch ein bissel auf die Folter spannen und sich
noch des weiteren ber die Tiroler Speckkndel verbreiten, wozu er ein
gutes Recht zu haben glaubt.

Einmal will er obgenannten frwitzigen Fragern gern das Maul nicht nur
nach der Rolle des Speckes im Leben des heiligen Brokrazius, sondern
auch nach den Tiroler Speckkndeln anselbsten wassern machen.

Zum zweiten gehren die Tiroler Speckkndel, da auch sie sich wie die
gewaltige Erfindung des Heiligen auf Speck grnden und bauen, schon rein
stofflich, _secundum materiam_, in diese Legende.

Zum dritten ist der Schreiber dieser Legende von dem innigsten Danke
gegenber den Tiroler Speckkndeln erfllet und darf es sich wohl
gestatten, an dieser Stelle auch einmal ein Gesatzel _pro domo_
einzuflechten.

Nur der regelmige und reichliche Genu der gloriosen Kndel hat den
Schreiber befhiget, das Leben des Heiligen zu erforschen und bis zu
diesem neuen Wendepunkte mit der gebhrenden Andacht zu begleiten.

Die weltumfassende Materie seines Opus konnte sich nur aus den Tiroler
Speckkndeln zu jener Klarheit und Anschaulichkeit erheben, die du,
frommer Leser, hoffentlich gengend schtzen gelernet hast. Und
justament sotane universale Erfassung des Stoffes stehet in dem
innigsten urschlichen Connexus mit den Tiroler Speckkndeln.

Wie stellet sich das Bild der Welt, des Universums dem menschlichen
Begriffe dar, insonderheit, wenn man es nach seiner Gestalt erfasset? Es
stellet sich in Kugelform dar. Wenn du von der Welt im groen sprichst,
geneigter Leser, dann denkest du doch an die Weltkugel.

In gleicher Gestalt stellet sich auch der Tiroler Speckkndel dem
andchtigen Beschauer dar. Auch er ist eine Kugel, wenn auch _in
dimensionibus minoribus_.

Er kann aber mit der Weltkugel fglich in Vergleich gebracht werden, da
er eine kugelfrmige Welt fr sich ist. Man knnte ihn ohne berhebung
als _globus Tirolensis_ in die Lehrbcher der Astronomia einsetzen.

Und doch unterscheidet sich der Tiroler Speckkndel von der Weltkugel
wiederum wesentlich. Denn whrend unsere Erde voll ist von Bitternis,
Stacheln und Unkraut, ist der _globus Tirolensis_ voll Wohlgeschmack und
paradiesischer Ingredienzien. Er beglcket deinen Gaumen mit seiner
zarten speckduftenden Beschaffenheit, er erquicket deinen Magen und er
beflgelt deinen Geist zu den hchsten Hhen.

Eine Kugel, dem Weltall gleich, war er, bevor du ihn zerteiltest und ihn
deiner leiblichen Wesenheit einverleibtest. Und zum Weltall, zum _globus
universalis_ deines Geistes wird er, wenn seine Substanzien sich dir
mitgeteilet haben.

O ihr armseligen Menschen, die ihr noch nie Tiroler Speckkndel
verzehret habt, wie seid ihr ausgeschlossen von aller Gnade irdischer
und himmlischer Wohlfahrt. Insonderheit, ihr Mucken-Brter und
Grillenvgte, ihr Sorgenkramer und Lettfeigen, ihr Melancholey-Schmiede,
Kummer-Geiger und Trbsal-Blaser, die ihr mit ngsten angefllet seid
wie das Trojanische Pferd mit Soldaten, pilgert zu den Tiroler
Speckkndeln! Sie werden euch trsten und euch jene Kraft des Krpers
und des Geistes geben, von welcher der Schreiber dieser Legende erfllet
ist und kraft deren er nach dieser notwendigen Abschweifung auf das
Gebiet seiner Leib- und Geistesspeise wiederum zu seiner eigentlichen
Materia zurckkehret, nmlich zum Speck des heiligen Brokrazius.




    Wie der heilige Brokrazius die Stampiglien erfand.


Es verhielt sich aber mit diesem Speck, wie das folgende Hauptstck
aufzeiget.

Ihr werdet es leichtlich begreifen, da der heilige Sankt Brokrazius
eine erschrckliche Schreibarbeit zu leisten hatte. Ganz frnehmlich
hatte er aber seinen heiligen Namen unzhlige Male zu schreiben, was ihm
keine geringen Beschwerden verursachte.

Es huften sich jedoch die Skripturen auf seinem Schreibtische derartig,
da sie ganzen Gebirgen glichen, in denen der Heilige vllig verschwand.
Man sah von seiner Krperlichkeit die meiste Zeit nichts mehr. Nicht
einmal die uersten Spitzen seiner langen Eselsohren ragten ber die
papierenen Gebirge hinaus. Und nicht einmal die _Krawatitis posterior
ascendens_ vermochte es mit all ihrer Heimtcke, diese hochragenden
Gipfel zu erklimmen.

Nur der Heiligenschein Sancti Brokrazii leuchtete in seinem milden
Lichte auch aus diesen papierenen Gebirgen hervor. Es war, als ob sein
Licht in Verklrung aus lauter papierenen Schluchten emporsteigen wrde.

So sehr die arbeitsfreudige Rsselnase des Heiligen auch in den
papierenen Bergen herumschnffelte und die papierenen Schluchten
durchfurchte, es wollte nie weniger werden an unermelichem Segen. Der
Heilige litt schon sehr bedenklich an Schreibkrampf, und an die Finger
seiner rechten Hand wollte sich eine neue Abart der Hhneraugen
ansetzen, was dem Heiligen kein gelindes Erschaudern verursachte.

Da trat der Segen des Speckes in sein Leben.

Der Heilige geno meistens an den Vormittagen zu einem Halbmittag ein
erklckliches Trumm Speck und trank zu seiner Auferbauung ein Stamperl
Schnaps dazu, auch zwei oder drei Stamperln Schnaps, was wir, der
lauteren Wahrheit die Ehre gebend, hiemit nicht verschweigen wollen.

Der Speck mundete ihm stets frtrefflich, obschon er ihn nur in seiner
rudimentren Form und leider noch nicht in der veredelten und verklrten
Gestalt des _globus Tirolensis_ kannte.

Da der Heilige in seiner Schlichtheit von Tischtchern und Servietteln
keine Ahnung hatte, wischte er sich die speckigen Pratzen gewhnlich an
dem Sitz seines Verstandes ab und widmete sich sodann mit unablssigem
Eifer wiederum seinen Arbeiten.

Zufllig griff er nunmehro an einem Vormittage, noch bevor er besagte
Abwischung vorgenommen hatte, nach einer ganz besonders eiligen
_scriptura_. Als er sie wieder weglegte, ersah er mit heiligem
Erstaunen, da sich sein heiliger speckfettiger Daumen auf der
_scriptura_ ebenbildlich abgedrucket hatte.

Lange Zeit fand er ob diesem himmlischen Wunder die Sprache nicht
wieder. Er betrachtete die _scriptura_ und betrachtete _pollicem suum_,
seinen leibeigenen Daumen. Es lie sich nicht leugnen, der Daumen hatte
sich mit seiner ganzen Inschrift in Linien und krummen Kurven und
wundersamen Zeichnungen in herrlichster Klarheit auf die _scriptura_
bertragen. Es war ein Gemlde von auserlesener Schnheit und
Akkuratesse.

Nachdem der Heilige sich von seinem Staunen einigermaen erholet hatte,
drckte er auf eine andere Skriptur krftiglich seine Nase. Auch dort
entstund wundersamerweise ein deutlicher Abdruck, dieweilen auch die
heilige Rsselnase zahlreiche Fettstoffe enthielt, wenn damit auch nicht
gesagt sein soll, da sie sich gleich dem Speck zur Herstellung des
_globus Tirolensis_ geeignet haben wrde.

Dieser neuerliche Erfolg ermutigte den heiligen Brokrazius, es nun auch
mit seinen von den Hhneraugen befreiten Zehen zu versuchen. Auch mit
diesen Gliedmaen seines heiligen Leibes erzielte er deutliche Abdrcke,
sintemalen er schon seit mehr als Jahresfrist kein Fubad mehr genommen
hatte.

Die hchste Erleuchtung kam aber dem Heiligen, als er sich zu einem
guten Ende auf eine der geheimsten Skripturen mit dem Sitz seines
Verstandes hockte. Allda entstund ein so herrlicher Abdruck, da dessen
Majestt keinem frstlichen _Sigillum_ verglichen werden konnte.

Voll inbrnstiger Andacht beschaute der heilige Brokrazius die
ebenbildlichen _epitaphia_ seines Daumens und seiner Zehen, seiner
Rsselnase und seines Verstandestempels. Dann stie er den jubelnden Ruf
aus: Heureka! Ich habe es gefunden!

Es wurde dem heiligen Brokrazius klar wie zehntausend Talglichter, da
er sich fr alle Zukunft nicht mehr so arg mit der Schreibarbeit zu
peinigen brauchte.

Frderhin verschob er die Unterzeichnung weniger eiliger Skripturen auf
die vormittgliche Speckzeit. Die Nase funktionierte zu allen
Tageszeiten. Den Fubdern schwor er zeitlebens ab. Und fr die
Unterzeichnung besonders geheimer Skripturen durch den Abdruck seines
heiligen Verstandeszentrums war auch immerdar genug einprgsame
Druckfhigkeit vorhanden.

Als der heilige Brokrazius seinem Kollegen, dem heiligen Stultissimus,
seine allerneuesten himmlischen Eingebungen erffnete, brach der heilige
Stallmeister des Amtsschimmels in die uns genau berlieferten und durch
den heiligen Brokrazius mit seinem grten _Sigillum_ beglaubigten
begeisterten Worte aus: Odu himmlischer Rokndel! So was kann auch
nur einem derartigen Rindviech einfallen, wie du eines bist!

Wenn der heilige Brokrazius an der Frtrefflichkeit seiner Erfindung
auch noch den geringsten Zweifel geheget htte, so wre derselbe durch
oben zitierte unumwundene und feierliche Anerkennung seines Mitheiligen
grndlich zerstreuet worden.

Nun hast du aber, o liebenswrdiger Leser, die Bedeutung der Erfindung
des heiligen Brokrazius offenbarlich noch nicht vollstndig erfasset.
Ich will dahero deinem nachhatschenden Begriffsvermgen erbarmungsvoll
auf die Vorder- und Hinterbeine helfen. Denn ich mu dir ja auf vier
Beine helfen. Du verstehest mich doch, wie das gemeinet ist, und bist
dir ber deine Stellung in der Zoologia klar.

Der Speck des heiligen Brokrazius hat zum Daumenabdruck des Heiligen
gefhret und ist also zur Urform der Stampiglie geworden. Beim heiligen
Daumen des heiligen Brokrazius sage ich dir dahero, geneigter
vierfiger Leser, da diese Urform der Stampiglie der glorreiche
Ausgangspunkt fr die Erfindung der Stampiglien berhaupt geworden ist.

Und jetzo bedenke, o du mein nachdenksames hochverehrtes quadrupedales
Publikum, wo wir wren, wenn der heilige Brokrazius durch seinen
halbmittglichen Speck nicht die Stampiglien erfunden htte. Er und
seine Jnger wren durch die beranstrengung ihrer Schreibarbeit lngst
den Weg alles Irdischen gegangen. Sintemalen der Verstand des heiligen
Brokrazius sich stets im Sitzen, dahero durch eine nach unten drckende
Bewegung dokumentierte, was war selbstverstndlicher, als die Verfgung
des Heiligen, es mge sich auch der Verstand seiner Jnger, so seine
Erbschaft antraten, in einer nach unten drckenden Bewegung zeigen! Und
welches _instrumentum_ wre hiezu geeigneter und berufener denn eine
Stampiglie?

Durch das erhabene Vermchtnis des heiligen Brokrazius bewegen sich die
Gedankenkreise seiner Jnger vornehmlich in Stampiglien. Dadurch
brauchen sie die kostbaren Gefe ihrer Denkfhigkeit nicht immerwhrend
zu strapazieren, sondern knnen sich sonder beranstrengung des Geistes
auf die Druckfhigkeit der Stampiglien verlassen.

Es fehlet uns nur noch diejenige Stampiglie, welche dem _Sigillum
maximum_ des heiligen Brokrazius entsprechen wrde. Selbige Stampiglie
wre aber den Menschen, die sich vor den Einrichtungen des heiligen
Brokrazius ehrfurchtsvoll beugen, ganz besonders feierlich
aufzudrcken. Sie wre ihnen aufzudrcken auf ihren sterblichen Leichnam
anselbsten. Sie wre ihnen _in memoriam Sancti Brokrazii_ aufzudrcken
auf denjenigen Teil ihres _corporis humani_, allwo auch der heilige
Brokrazius den Verstand sitzen hatte. Und diese Stampiglie, dieses
_Sigillum maximum Sancti Brokrazii_ htte in feierlichen Lettern nur
das einzige Wort zu tragen: _Rindviech_!




    Wie der heilige Brokrazius seine Jnger belehrte.


Nachdem der heilige Brokrazius solchergestalt fr das Wohlergehen der
Menschen in unablssiger Mhsal gesorget hatte, war sein eifrigstes
Bestreben, auch recht zahlreiche Jnger anzuwerben, welche sein Erbe
ungeschmlert erhalten und verwalten sollten, wenn es dem Himmel eines
Tages gefallen wrde, ihn aus diesem irdischen Jammertale zu der ewigen
Herrlichkeit gndigst abzuberufen.

Sein heiliger Kollege und Stallknecht, der Amtsschimmelmistsachverstndige
Sankt Stultissimus konnte dem heiligen Brokrazius fr die Dauer seines
Erdenwallens nicht gengen, sintemalen Sankt Stultissimus sich immer
mehr auf sein spezielles Fach, die Kultur des Romistes verlegte und den
brigen weltumfassenden _actionibus Sancti Brokrazii_ nicht immer das
gengende Verstndnis entgegenbrachte. So wre es fglich wohl nicht
anzunehmen gewesen, da dieser romistsachverstndige Heilige jemals auf
die umwlzende Erfindung der Stampiglien gekommen wre.

Es wre aber auch ungerecht, solches von dem durch unsterbliche
Verdienste gesegneten Heiligen zu verlangen. Ist es doch dem heiligen
Sankt Stultissimus zu verdanken, da der Amtsschimmel in unverlschter
Gloria und eiserner Gesundheit lebet und gedeihet und da sein Mist sich
in erhabenen Mengen vermehret, was schon fr das Dekoktum des
respektvollen Ergebenheitstrnkleins von unermelichem Werte ist.

Der Schreiber dieser Legende hat es dahero fr notwendig befunden, dem
heiligen Stultissimus _in hoc loco egregio_, an dieser hervorragenden
Stelle ein besonderes Ehrenkrnzel zu flechten, bevor er sich in die
Beschreibung der anderen Heiligen aus dem Kreise des heiligen
Brokrazius des nheren einlasset.

Denn schlielich und endlich war der heilige Stultissimus der erste
Heilige, der sich Sankt Brokrazio zugesellte. Der andchtige Leser wird
sich noch des wunderbaren Zusammentreffens zwischen den beiden Heiligen
erinnern und Sankt Stultissimum schon von dieser Schilderung her tief in
sein Herz geschlossen haben. Wie denn auch Schreiber dieser Legende
seiner mit innigster Liebe gedenket und sein Bildnis in der im weiteren
Verlaufe dieser Legende zu erffnenden Galleria der Heiligen um den
heiligen Brokrazius _primo loco_ aufhngen will.

Bevor aber _scriptor hujus vitae sanctorum_ dich geneigten und
grognstigen Leser als kunstbeflissener und gewissenhafter Kustode in
die Bilder-Galleria geleitet, allwo die grten heiligen Jnger _Sancti
Brokrazii_ abkonterfeiet hngen, mu er dir zum besseren Verstndnis
derer Picturen zuvrderst noch vermelden, wie der heilige Brokrazius
seine Jnger belehret hat.

Es sprach aber der heilige Brokrazius zu seinen Jngern, als er
dieselben um sich versammelt hatte, folgendermaen... Hocket euch auf
eure Sitzflchen, wie ich auf der meinen hocke, und erfasset meine Worte
in meinem Geiste und in meiner heiligen Art zu denken!

Bedenket zunchst, was ist das liebe Publikum? Das liebe Publikum ist
nichts als eine blde Herde ohne Verstand und geistige Fhigkeiten.
Sonst wrde es euch lngst verprgelt haben. Habt ihr aber je gehret,
da eine Viehherde ihren Hirten verprgelt? Das habt ihr niemals
gehret. Also stehet das liebe Publikum auf dem Standpunkte des lieben
Viehes und in mancherlei Dingen auf einem noch viel tieferen
Standpunkte. Sintemalen jedoch jegliches Vieh, das wir in unseren
Stllen halten, ein Nutzvieh sein mu, so ist auch das liebe Publikum
euretwegen als Nutzvieh auf Erden und nicht ihr des lieben Publikums
wegen. Ihr seid es, die ihr H und Hott rufet, und das liebe Publikum
hat es gelernet, eurem Rufe zu gehorchen.

Ihr drfet eure Macht und Gewalt nicht aus den Hnden lassen. Seid daher
zu dem lieben Publico so grob, als ihr es nur immer vermget. Seid
sackgrob, seid kotzengrob! Je saugrber ihr seid, desto mehr Ehrfurcht
werdet ihr in dem lieben Publikum erwecken. Betrachtet das liebe
Publikum als euren gefgigen Stiefelknecht und als euren euch durch
ewige Vorherbestimmung bestimmten Stiefelabstreifer. bet euch Tag und
Nacht, auf da ihr es gehrig anschnauzet und beflegelt und jegliche
ble Laune an ihm auslasset.

Vornehmlich aber msset ihr das Schnauzen lernen. Schnauzet das liebe
Publikum an bei jeder Gelegenheit oder Ungelegenheit. Schnauzet es an,
da es vor euch zittert und bebet. Dann wird es auch niemals auf die
gefhrliche Entdeckung kommen, wie dumm ihr seid. Denn wenn es einmal
eure Dummheit entdecket, dann habt ihr eure Rollen ausgespielet auf
Erden.

Es gibt aber kein besseres Mittel, euren Bldsinn zu verstecken und ihn
mit dem Firnis der hchsten Weisheit zu bekleistern, als justament das
Anschnauzen. Wer das Schnauzen verstehet, der brauchet keine Beweise.
Vielmehro bgelt er seinen Widersacher also grndlich nieder, da
dagegen das schwerste Bgeleisen nur ein sanftes Lcken ist.

Lasset euch hngende Schnauzbrte wachsen zum Zeichen eurer Wrde.
Schnauzbrte also lang wie Zpfe. Dann habet ihr drei Zpfe hangen.
Einen Zopf hinten und zwei Zpfe vorne ber euer ungewaschenes Maulwerk.
Aller guten Dinge sind drei.

Ihr msset das liebe Publikum sekkieren, schikanieren und peinigen. Denn
Menschenfleisch mu gepeiniget werden. Ihr erwerbet euch dadurch
unsterbliche Verdienste fr den Himmel. Hinwiederum aber verhelfet ihr
dem lieben Publico zur himmlischen Seligkeit. Denn es lernet in eurer
Behandlung schon hienieden auf Erden so vielfltige Qualen des
Fegefeuers kennen, da es einen groen Teil seiner Snden abbet und
aus dem Purgatorio eurer Folterungen vom Mund auf in den Himmel fahret.

Lasset das liebe Publikum ja nie zum Denken kommen; denn sobald es
denket, erschlaget es euch. Kommt ihm dahero mit dem Erschlagen zuvor
wie ein geschickter Fechter seinem Widersacher. Erschlaget rechtzeitig
in ihm die Fhigkeit zum Denken, auf da ihr nicht anselbsten erschlagen
werdet.

Lasset das Publikum nicht zur Ruhe kommen vor lauter neuen Verordnungen.
Denn nichts frit der Mensch lieber und glubiger, als beschriebenes und
bedrucktes Papier, vornehmlich dann, wenn es eine Stampiglie hat. Dahero
habe ich euch ja auch die Stampiglien erfunden. Lasset also das liebe
Publikum vor lauter neuen Verordnungen, Stampiglien und
Zusatzverordnungen und Verordnungen zu den Zustzen der Zustze nicht
mehr zur Vernunft kommen. Dadurch msset ihr das liebe Publikum in einer
immerwhrenden Drehkrankheit erhalten. Denn ich warne euch noch einmal:
wenn es zur Vernunft kommt, dann ist es um euch geschehen.

Es wird aber nie zur Vernunft kommen, wenn ihr meine Lehren pnktlich
befolget. Schnauzen und verordnen und wieder verordnen und abermals
schnauzen. Darin werden die Menschen eure hchste Weisheit erblicken,
und alle werden zu euch aufschauen wie zu erhabenen Geschpfen, und
niemand wird jemals bemerken, was fr Rindviecher ihr alle miteinander
seid. Amen.

  [Verzierung]




    Bilder-Galleria der Jnger des heiligen Brokrazius.


Nachdem vorstehende Rede des heiligen Brokrazius genau aufgezeichnet
ist, wollen wir zusammen die versprochene Wanderung durch die Galleria
seiner grten erwhlten Jnger unternehmen.

Tritt ein, geliebtes Publikum, sieh und staune! Allhiero hngen sie
alle.

Aber wollet mich nicht miverstehen, sintemalen das Wrtchen hngen eine
recht kitzliche Nebenbedeutung hat. Ihr drfet etwan nicht glauben, da
diese Galleria, welche euch erklret werden soll, der Meister Knpfauf
aufgehenkt hat, dieweilen sotane Hlse keinen anderen Kragen verdienen,
als den der Seiler spendieret.

Schreiber dieser Legende wei es ganz gewilich, da etwelche unter euch
Lesern so frevelhaft sind, den nachhero benamsten und beschriebenen
Jngern des heiligen Brokrazius zu wnschen da sie hangen mchten wie
die armen Schelme und Snder am Galgen.

Dieses heimtckische Gaudium soll euch aber grndlich versalzen werden,
ihr gottlosen Spottvgel, sintemalen die Jnger des heiligen Brokrazius
bis anhero blo _in effigie_ hangen, allwo ihr sie zur mnniglichen
Erbauung betrachten knnet.

Beschauet dahero den heiligen Stallmeister Stultissimus, abkonterfeit,
wie er leibte und lebte. Bewundert die Nachdenksamkeit seiner Zehen und
die _Insignia_ seiner Wrde, welche frstlichen Zieraten vergleichsam
sind. Er traget zwar nicht Zepter und Reichsapfel, aber dafr einen
Rokndel und eine Peitsche. Der verklrte Geist des Amtsschimmels
durchleuchtet seine berirdischen Gesichtszge. Es ist schon genug von
ihm gesaget worden, folget dahero eurem getreuen Kustoden weiter in der
Galleria zu den anderen hchst respektabeln Heiligen.

Es kommet nunmehro in der Heiligengalleria der heilige Sankt Grobian.
Er hat des heiligen Brokrazius wohlmeinende Lehren vom Schnauzen am
allergrndlichsten erfasset. Er hat sich das Sprechen ganz und gar
abgewhnet und sich nur zum Schnauzen bekehret. Sein Bildnis ist dahero
auch zum Schnauzen hnlich getroffen. Er hat sich zum grbsten Lmmel
unter allen Jngern des heiligen Brokrazius entwickelt und bildet sich
einen Patzen darauf ein. Sein Schnauzbart ist auch der gewaltigste von
allen anderen Schnauzbrten und hngt ihm beiderseitig wie einem Seehund
herunter. Davon der Schnauzbart sich jedoch unterscheidet, dieweilen er
nicht von salzigem Meerwasser triefet, sondern zumeist von Bier, Wein
und anderen _alcoholicis_, denen Sankt Grobian nicht abgeneiget ist.
Braucht er sie doch zur Anfeuchtung seiner Schnauzen und zur
Auffrischung seines Geistes.

Der heilige Sankt Grobian blhet und gedeihet vornehmlich an den
Schaltern. Er besitzet die Nerven eines Bffels, derohalben man ihn auch
Schalterbffel benamsen knnte. Beobachte, ogeduldiges und
vielgeprftes Publikum, wie sich an den Schaltern oftmals ein wildes
Gebrlle erhebet. Dann recket sich der struppige Schdel Sankt Grobians
heraus, gleichsam wie aus einer offenen Stalltre, und brllet und
schnauzet dir in dein angstverzerrtes Gesicht, da du den Schlotterich
in allen Gliedern bekommest.

Nunmehro wenden wir uns von dem heiligen Grobian zu dem nchsten
Heiligen in der Galleria. Das ist der heilige Bldian. Erstarre in
Ehrfurcht vor ihm, geliebter Beschauer; denn seine heilige Dummheit
grenzet an das bermenschliche und Unbegreifliche. Dahero hat der
heilige Bldian mit dem heiligen Brokrazius auch am meisten hnlichkeit
in seiner ganzen Physiognomia. Sie knnten Zwillingsbrder sein. Aus
diesem erstaunlichen Naturspiele ersiehest du, andchtiger Beschauer,
wie auch geistige Verwandtschaft in krperlichen Zgen sich auszuprgen
pfleget. Der heilige Sankt Bldian, der ist es, welcher am grndlichsten
im Geiste der Stampiglien denket, fr den es auerhalb derselbigen kein
Heil gibt. Was wre Sankt Bldian auch ohne Stampiglien! Ein Kind ohne
Mutterbrust oder Lullbchsen, ein Lahmer ohne Krcken, ein Stuhl ohne
Beine.

Folget der heilige Sankt Schlamprian. Er ist bildlich dargestellet mit
einer langen, schier in die Unendlichkeit reichenden Bank, auf die er
alles zu schieben pfleget. Ungeduldige Menschen, welche es leider noch
immer gibt, sollen manchmal in die Versuchung kommen, Sankt
Schlamprianum auf seine Bank zu legen und ihm eine gehrige Tracht
Prgel herunterzumessen. Ist aber bis anhero offenbarlich noch nicht
geschehen, dieweilen der heilige Schlamprian froh und vergnglich
weiterlebet.

Reihet sich an der heilige Sankt Schnfflian. Das ausgedehnteste
_organum_ an diesem heiligen Bildnisse ist, wie du, andchtiger
Beschauer, alsogleich wahrnehmen wirst, das Riechorgan. Hier findest du
die Rsselnase des heiligen Brokrazius bis zur hchsten _Potentia_
entwickelt. Sankt Schnffliani Lschhorn ist eben so lang als beweglich
und dringet dahero berall hin. Es ist befhiget, dich zu beschnffeln
vom Kopf bis zu deinen Zehen. Es kriechet dir berall hinein von deinem
kleinsten Kastel bis zu deinem kleinsten Leibeltaschel. Sankt
Schnffliani Nase riechet alles, auch das, was gar nicht da ist,
dieweilen es vielleicht doch da sein knnte. Sie kann sogar so haarfein
werden, da sie in verschlossene Briefe dringet und deine tiefsten
Geheimnisse erforschet. Sintemalen sie aber nur Nase und nicht Gehirn
ist, hat sie sich auch des fteren schon schauderhaft blamieret. Sie
schnupfet den Staub der Skripturen und betrachtet diesen Toback als das
kstlichste Labsal. Es hat sich noch niemand erdreistet, dem heiligen
Sankt Schnfflian einen gehrigen Nasenstber auf seinen
Gesichtsvorsprung zu geben, so da selbiger immer lnger zu wachsen und
schlielich den geduldigen _populus_ zu umschlingen drohet wie die
Fangarme der Meerpolypen.

_Secundum ordinem_ zu einem auferbaulichen Beschlusse anjetzo der
heilige Sankt Corruptius. Er ist der gemtlichste und umgnglichste von
allen Heiligen dieser Galleria, dieweilen er seinen Verstand in den
Taschen hat und du dich dahero mit ihm am leichtesten verstndigen
kannst. Er wird dir in dem Mae mit seinem Verstndnisse entgegenkommen,
als du ihm seine Taschen fllest. Seine ganze Wirksamkeit findet sich
ausgedrcket in der liebenswrdigen Frage: Wieviel? Seine Linke wei
nie, was seine Rechte nimmt. Er kann nur dann beleidiget werden, wenn du
ihm einen leeren Hndedruck verabreichest.

Der heilige Sankt Corruptius ist das vershnende Elementum unter seinen
heiligen Kollegen. Er macht so vieles gut, was Sankt Grobian, Bldian
oder Schlamprian verdorben haben. Er ist oft der einzige Ausweg, das
rettende Hintertrl in allen mglichen und unmglichen Nten und lt
aus seinen heimlichen Taschen die Erfllung so mancher Wnsche
erstehen als ersprielich wirkender Nothelfer, als verschmitzt und
verstndnisvoll lchelnder Bundesgenosse derjenigen, die es verstehen,
mit dem gebhrenden Nachdrucke um seine Hilfe zu beten. Aus je mehr
Banknoten das Gebetbchlein dieser andachtsvollen Seelen bestehet, je
dicker und leibiger es ist, je eifriger sie seine Bltter in brnstigem
Flehen wenden, desto gndiger, huldvoller und erbarmender wird sich
ihren Anliegen der heilige Sankt Corruptius zuneigen.

Womit euer getreuer Kustode die Tre der Galleria schlieet und euch
wiederum entlasset.




    Von der Titel- und Ordenssucht.


Es bleibet nunmehro weiters zu vermelden, da sich unter den Jngern des
heiligen Brokrazius alsobald auch die Titel- und Ordenssucht
auszubreiten begann. Das ist eine gar arge Sucht. Noch viel rger, als
die Maul- und Klauenseuche unter dem lieben Rindviech. Da jedoch der
heilige Brokrazius und seine Jnger das liebe Rindviech noch
bertreffen, warum sollen sie nicht auch noch von rgeren Seuchen
heimgesuchet worden sein als das liebe Rindviech?

Die Titelsucht wuchs sich aber zu einer solchen Seuche aus, da sie mit
den Bandwrmern verglichen werden konnte. Denn kein Titel war den nach
sotaner Auszeichnung Strebenden mehr lang genug. Je lnger der Titel,
desto mehr wurde er erstrebet. Ja, es soll solche lange Titel gegeben
haben, da die Titeljger und Titeltrger frher eines seligen Endes
verstorben sind, bevor es ihnen gelungen ist, den erjagten Titel ganz
auszusprechen.

Etwelche sind auch mitten in der Aussprache ihres Titels ersticket oder
von jher Geisteskrankheit befallen worden, insonderheit von Grenwahn.
Schreiber dieser Legende mu es aus zrtlicher Frsorge fr sich selber
und fr seinen frommen Leser unterlassen, ihm ein Verzeichnis dieser
Titel zu versetzen, dieweilen er befrchtet, ansonsten den Bandelwurm im
Gehirn zu bekommen oder _lectori suo_ eine hnliche Krankheit zu
bescheren.

Gleich gefhrlich wie die Titelsucht hat sich auch die Seuche der
Ordenssucht unter den Jngern des heiligen Brokrazius zu verbreiten
begonnen.

Whrend beim lieben Rindviech die Maul- und Klauenseuche die
Frewerkzeuge und Gehwerkzeuge des lieben Viehes affizieret, hat sich
die Ordenssucht auf smtliche Knopflcher der Jnger des heiligen
Brokrazius geworfen.

Bedenke aber, geneigter Leser, wie viele Knopflcher ein erwachsenes
Mannsbild besitzen tut. Was mu das fr ein grulicher Zustand sein,
wenn diese smtlichen Knopflcher vom obersten Kragenknpfel bis zum
untersten Hosenknpfel von dieser Seuche befallen sind, immerdar ghnen
wie hungrige Muler und triefen in Gier und unbefriedigter Sehnsucht.

Und wenn du sie auch stopfest mit einem Bndlein, Sternlein oder
Kreuzlein, es werden immer noch genug Knopflcher brig bleiben, die
nach Sttigung schreien.

Niemals ist noch der Ordenshunger ganz befriediget worden. Denn hast du
es, ogrognstiger Leser, jemals erfahren, da auch die untersten
allerinsgeheimsten Knopflcher, so ein Mannsbild sein eigen nennet, mit
Ordensdekorationen ausgezeichnet worden sind? Also gibt es immer noch
Knopflcher, die elendig darben in ihrer Verlassenheit und
Zurcksetzung.

Es will jedoch dem Schreiber dieser Legende erscheinen, als ob der
Seuche auch dann nicht abzuhelfen wre, wenn man auch diese untersten,
bishero noch immer nicht bercksichtigten Knopflcher gndigst
auszeichnen wrde.

Es stnde alsodann zu befrchten, da das erwachsene Mannsbild
urpltzlich ganz neue Knopflcher bekme, die man bis anhero noch gar
nicht erfunden hat.

Und es knnte sich ein Schaustck, ein noch niemals dagewesenes
_spectaculum_ ergeben, da das uere eines erwachsenen Mannsbildes und
Jngers des heiligen Brokrazius berhaupt nur mehr aus Knopflchern
bestehen wrde.

Als eine unerhrte Vernachlssigung mu es jedoch Schreiber dieser
Legende brandmarken, da es noch niemandem eingefallen ist, die erhabene
Bekleidung des Verstandestempels des heiligen Brokrazius mit
reichlichen Knopflchern zu versehen, wie wir dies bei so vielen
_puerulis_, _id est_ kleinwinzigen Bblein zu finden gewohnet sind.
Sotane Vermehrung durch besagte der Dekorierung beraus wrdige
Knopflcher wre vielleicht ein besonders heilsamer Balsam gegen die
bohrenden Schmerzen der Ordensseuche geworden.

  [Verzierung]




    Wie der heilige Brokrazius sich erlustierte.


Wir aber wollen uns nunmehro zu einem freundlicheren Bilde wenden.
Der heilige Brokrazius pflegte unter seinen Jngern auch die hhere
Geselligkeit, auf da sich nach des Tages erschpfender Arbeit auch die
hhere Fidelitt, die _fidelitas major atque elatior_ erhbe und die
Pflege des Geistes keinen namhaften Abbruch erlitte.

Regelmig versammelten sich der heilige Brokrazius und seine Jnger zu
geselligen Abenden. Munter flossen da die Gesprche, anmutig
durchflochten von den Erinnerungen des arbeitsreichen Tages. Auch der
Gesang kam zu seinem Rechte.

In gebhrender Adquation an die hohen geistigen Fhigkeiten des
Heiligen und seiner Jnger bewegte sich dieser erhabene Gesang stets nur
auf klassischem Gebiete und trug nicht wenig zur weiteren Schrfung des
Geistes der an diesen geselligen Abenden Beteiligten bei.

Eines dieser herrlichen Lieder mag auch dir, grognstiger Leser,
vorgesetzet werden, da es in selten edler Form die hchsten Ideale der
Volkswirtschaft im begeisterten Schwunge eines klassischen Dithyrambus
verkrpert. Es sind Verse, die es verdienen, in goldenen Lettern auf
Marmortafeln ausgehauen zu werden. Lausche, geliebter Leser!...

  D'Sau, d'Sau, d'Sau hat an Schweinekopf,
  Und, und, und vier Haxen hat's aa,
  Wann, wann, wann man's genau betracht't,
  Hat's an Schwoaf aa.
  Ja, ja, hat's an Schwoaf aa.

  Wann, wann, wann ma a Messer nahm'
  Und, und, und schneid't den Schwoaf a,
  Aft, aft, aft ist's a g'stutzte Sau wor'n
  Und der Schwoaf a.
  Ja, ja, und der Schwoaf a.

  Wann, wann, wann ma a Petschierwachs nahm'
  Und, und, und pickt den Schwoaf an,
  Aft, aft, aft ist's a pickte Sau wor'n
  Und der Schwoaf dran.
  Ja, ja, und der Schwoaf dran.

  Nimmt, nimmt, nimmt ma den Schwoaf in d'Hand
  Und, und, und ziacht a wen'g dran,
  Aft, aft, aft hat ma den Schwoaf in der Hand,
  Und d'Sau rennt davon.
  Ja, ja, d'Sau rennt davon.

Stelle dich nunmehro, o vielgeliebter Leser, mit dem Schreiber dieser
Legende, welchen du also getreu begleitet hast, auf die Verstandes- und
Geistes-Plattform des heiligen Brokrazius und seiner Jnger und
versetze dich ganz und gar in den Geist dieses Liedes. Er wird dich
unwiderstehlich ergreifen, in dich hineinfahren und dich vollstndig
erfllen.

Singe dieses Lied unermdlich immer und immer wieder! Und du wirst
sehen, da du seinen Text nicht mehr loskriegen kannst. Er wird dich
verfolgen bei Tag und bei Nacht.

Das Schicksal der petschierten Sau wird dein eigenes Schicksal werden.
Es wird der Weihegesang deiner Tage und das Lied deiner Trume werden.

Versuche es dahero, o wohlgeneigter Leser. Du wirst sicher keine
Enttuschung erleben.

Es ist auch gesund fr deine Nerven, wenn du dein ganzes Geistesleben
auf dieses Lied einstellest. Du wirst dabei gewi den chronischen
Gehirntatterich bekommen. Einerseits ist das jedoch ein wohlttiger
Zustand, andererseits hast du dann Aussicht, unter die Jnger des
heiligen Brokrazius aufgenommen zu werden.

Schreiber dieser Legende wrde dich, geneigter Leser, mit dem oben
vorgeschlagenen Experimente des Liedes von der petschierten Sau
gewilich nicht molestieren, wenn er nicht wte, da du zu der
berzeugung gelangest, welche magische Gewalt in diesem Liede liegt.

Du kannst alsodann nach deiner eigenen Erfahrung allen Verleumdern des
heiligen Brokrazius und seiner Jnger im Harnisch der Entrstung
entgegentreten. Denn es gibt solche Verleumder, welche behaupten, da
das gesellige Leben des heiligen Brokrazius und seiner Jnger womglich
noch stumpfsinniger ist als ihr sonstiges Dasein.

Das Lied von der petschierten Sau, welches einen Gipfelpunkt der
geselligen Freuden des heiligen Brokrazius und seiner Jnger
darstellet, wird jedoch den schlagenden Gegenbeweis liefern, wie
einprgsam und tief die gemtliche Art des Heiligen auch auerhalb
seiner sonstigen Ttigkeit war, wie voll von eigenartiger
Gedankenschrfe und Vorstellungskraft, wie beruhigend aber auch fr
die strapazierten Nerven der Menschheit.




    Wie der bitterbse Kare Revoluzzer den guten Knig
    zum Teufel jagte.


Es begab sich aber, da ein Mensch aufstund, so Kare Revoluzzer geheien
ward.

Das war ein grauslicher Kerl, aber schon ein so grauslicher Kerl, da er
noch grauslicher nimmer sein konnte.

An diesem wsten Individuum war alles rot. Der Kerl hatte rote Haare und
einen roten Bart wie weiland nach glaubhaften berlieferungen und
Schilderungen Judas Ischariot. Dazu trug er auch noch eine rote Mtze
auf dem Schdel und ein rotes Hemde an seinem vermaledeiten Leibe. Ja
sogar ein knallrotes Krawattel hatte der bitterbse Kare Revoluzzer, das
nicht einmal an der _Krawatitis posterior ascendens_ litt, sondern ihm
zu beiden Seiten wie zwei rote Fahnen herausflatterte.

Er a nur roten Schwartenmagen und selbstverstndlich auch Blutwurst.
Und er htte natrlich auch nur immer roten Wein getrunken, wenn er ihn
gehabt htte. In Ermangelung desselben trank er seine frische Kellerma
nur aus einem grellroten Makrug, der ein rotes Biermerkerl hatte, auf
dem ihm die Kellnerin nur mit Rotstift die vertilgten Mengen des edeln
Gerstensaftes verzeichnen durfte.

Dieser wste Kerl wurde bei jeder Gelegenheit feuerrot vor Wut und
schimpfte dann gotteslsterlich. Besagter roter Satansbraten war so
saugrob, aber schon so pfundsaugrob, da dagegen der heilige Sankt
Grobian als ein gar fein politierter Hofmann gelten konnte.

Der heilige Sankt Grobian schimpfte wenigstens nicht ber den guten
Knig, sondern er lie den guten Knig regelmig hoch leben, wenn er
sich _in alcoholicis_ genug getan hatte. Bei der sechsten Ma brachte
der heilige Sankt Grobian fast immer ein Hoch auf den guten Knig aus
und rief, da alles drhnte: Vivat hoch der Knig! Er lebe hoch! hoch!
hoch! Bei dieser loyalen Kundgebung strubte sich jedes einzelne Haar
in dem langen Schnauzbart des heiligen Grobian vor echter dynastischer
Begeisterung.

Davon wute allerdings der gute Knig wahrscheinlich gar nichts, wie er
von verschiedenen anderen Dingen auch nichts wute. Deswegen war er aber
doch ein guter Knig. Und der bitterbse pfundsaugrobe Kare Revoluzzer
htte nicht so auf den guten Knig zu schimpfen brauchen, dieweilen ihm
der gute Knig ja gar nichts getan hatte. Das war dem Kare Revoluzzer
aber Blutwurst. Dahero erhub sich bei ihm whrend der sechsten Ma das
Gegenteil der dynastischen Begeisterung.

Es stritten sich aber gleich wie bei Homeros der Stdte sieben um die
Ehre, der Geburtsort des bitterbsen Kare Revoluzzer gewesen zu sein.
Schreiber dieser Legende vermeinet, da der weitbeschreite Kare
Revoluzzer von Ithaka oder von dort irgendwo in der Nachbarschaft
herstammet und da er einen der trojanischen Helden zu seinem
Altvorderen hat, sintemalen selbige Helden auch schon so frtrefflich
das Schimpfen verstunden wie der Kare Revoluzzer.

Dieser wste Kerl, den der hllische Schrmeister quintelweis in seine
Bratpfannen holen soll, auf da besagter Teufelsbraten nur recht langsam
und in den allerkleinsten Stcklein schmore, schimpfte aber nicht nur
auf den guten Knig, sondern er jagte eines Tages den guten Knig sogar
zum Teufel, obwohl ihm der gute Knig niemals etwas getan hatte, was
schon weiter oben gerechtermaen ist vermerket worden.

Wie konnte das aber sich ereignen, da der Kare Revoluzzer den guten
Knig zum Teufel jagte, wo doch der gute Knig auf seinem Throne sa
und der Kare Revoluzzer hchstens eine schmierige Bierbank mit seiner
Hinterfront beschwerte?

Das kam dahero, dieweilen der Kare Revoluzzer ein groer Volksredner
und dessentwegen sehr gefhrlich war. Er berief immer wieder
Volksversammlungen ein und schimpfte dann vor den Versammelten immer
wieder ber den guten Knig, der ihm gar nichts getan hatte.

Bevor er den guten Knig zum Teufel jagte, hielt er in einer groen
Volksversammlung eine groe Rede, die er dann auch drucken und an allen
Straenecken anschlagen lie. Dahero ist uns diese Rede noch heutigen
Tages erhalten und soll auch dem geneigten Leser dieser Legende nach
ihrem vollen Inhalte mitgeteilet werden.

Es sprach aber der Kare Revoluzzer in dieser Rede...

Zu was brauchen ma denn an Kini? Mir brauchen koan Kini. Oder woa
vielleicht wer, zu was ma an Kini brauchen? Der soll's nur sagen, der wo
woa, zu was ma an Kini brauchen. Der soll's nur sagen. Dem hau' iaber
schon a solchene in sei' Fotzen. Aber schon a solchene. Schon a
solchene. Also woa wer, zu was ma an Kini brauchen? Koa Mensch woa, zu
was ma an Kini brauchen. Also brauchen ma koan Kini. Und weil ma koan
Kini brauchen, brauch' ma koan Kini.

Was is denn berhaupts a Kini? Gar nix is a Kini. ASchmarrn is a Kini.
Und weil a Kini a Schmarrn is, brauch' ma koan Kini, weil ma koan
brauchen! Oder brauch' ma vielleicht an Kini? Und weil ma koan Kini
brauchen, lass' ma uns aa koan Kini mehr g'fallen. Warum sollen ma
uns aa an Kini g'fallen lassen, wo ma koan brauchen! Wir lassen uns
berhaupt nix mehr g'fallen. Also lassen ma uns aa koan Kini mehr
g'fallen, weil ma koan Kini brauchen. Oder brauchen ma vielleicht an
Kini?

Mir san mir! Oder will vielleicht wer bestreiten, da mir mir san? Und
weil mir mir san, knnen mir uns selber regieren und brauch' ma koan
Kini, der wo uns regieren tut und den wo wir zahlen tun mssen. Mir
knnen uns selber zahlen fr's Regieren, weil mir mir san. Und weil mir
koan Kini mehr brauchen, den wo mir zahlen tun mssen fr's Regieren und
weil ma berhaupts koan Kini mehr brauchen, weil mir mir san, jagen mir
den Kini zum Teufel! Mir brauchen koan Kini, weil ma koan Kini brauchen.
Oder brauch' ma vielleicht an Kini? Koan Kini brauch' ma. Also jagen ma
den Kini zum Teufel!...

Diese Rede machte einen so gewaltigen Eindruck auf die versammelten
Volksmassen, da es dem bitterbsen Kare Revoluzzer wirklich gelang, den
guten Knig zum Teufel zu jagen. Darauf grndete der bitterbse Kare
Revoluzzer einen knallroten kommunistischen Freistaat ohne Kini.

  [Verzierung]




    Wie besagter Hllenbraten den heiligen Brokrazius
    erschlagen wollte und von diesem glorreich widerleget
    wurde.


Damit, da er den guten Kini, der ihm nie was getan hatte, zum Teufel
gejagt hatte, lie es sich dieser Hllenbraten aber noch lange nicht
gengen. Sein ganzer roter Ha richtete sich jetzunder gegen den
heiligen Brokrazius. Der war ihm schon lange ein Dorn im Auge.
Er berief dahero eine neue Volksversammlung ein, die ganz rot war,
dieweilen nunmehro alle Versammelten die Tracht des bitterbsen Kare
Revoluzzer trugen.

Von einer rot ausgeschlagenen Tribuna sprach der Kare Revoluzzer
nunmehro folgendermaen gegen den heiligen Brokrazius...

Zu was brauchen ma denn den heiligen Brokrazi, den Pazi? Zu was
brauchen ma den Pazi, den heiligen Brokrazi? Mir brauchen koan heiligen
Brokrazi, weil ma koan brauchen! Oder woa vielleicht wer, zu was wir
den heiligen Brokrazi brauchen? Dem stier' iaber schon a solchene in
sei' Fressen! Aber schon a solchene! Asolchene! Also koa Mensch woa,
zu was ma den heiligen Brokrazi brauchen.

Mir san mir. Und weil mir mir san, lassen mir uns aa nix mehr g'fallen,
aber schon gar nixn nit, aa nit den heiligen Brokrazi, den Pazi! Was
machen ma nachher mit dem heiligen Brokrazi, weil ma ihn nit brauchen,
den Pazi? Erschlagen tuan ma den Brokrazi, den Pazi, weil ma ihn nit
brauchen den Brokrazi!

Weil mir mir san und weil mir uns nixn nit g'fallen lassen und weil mir
erschlagen knnen, wen wir wollen! Drum haut's eahm oane eini dem
heiligen Brokrazi, dem Pazi, und schlagt's eahm die Zhnd in Rachen
abi, da s' eahm in Doppelreihen da auermarschieren, wo er den Verstand
hat! Mir san mir!...

Auf diese Rede des Kare Revoluzzer erhub sich ein frchterliches Gejohle
in der Versammlung. Der heilige Brokrazius war aber anwesend, und es
war groe Gefahr vorhanden, da es ihm an den Kragen ging. Er setzte
sich jedoch zur Wehre, und es gelang ihm, den bitterbsen Kare
Revoluzzer glorreich zu widerlegen.

Es sprach aber der heilige Brokrazius, nachdem er sich mhsam Gehr
verschafft hatte, die folgenden denkwrdigen Worte...

Meine vielgeliebten andchtigen Zuhrer! Es ist eine groe Gemeinheit
von meinem sehr geehrten Herrn Vorredner, da er mich erschlagen will.
Ich htte ihm das gar nicht zugetrauet. Bedenket, was ihr dann beginnet,
wenn ihr den heiligen Brokrazius erschlagen habet. Wer wird euch noch
auf Erden beglaubigen, wer ihr seid? Wer wird euch registrieren und
numerieren? Ohne den heiligen Brokrazius seid ihr berhaupt nicht mehr
vorhanden.

Ich gebe es gerne zu, da unter meinen Jngern und Anhngern sehr viele
Esel sind. Aber bedenket des weiteren, da Gott der Herr diesem so sehr
verachteten Vieh eine groe Ehre angetan hat, indem er auf ihm zu
Jerusalem eingeritten ist. Ihr msset dahero auch die Esel unter meinen
Jngern hochachten und schtzen.

Und so ihr euch auch im heiligen Zorne manchmal versuchet fhlet, mich
oder einen meiner Mitesel zu erschlagen, lasset euch ja nicht dazu
verleiten, sondern erinnert euch an die Worte der heiligen Schrift: Der
Gerechte erbarmet sich seines Viehes. _Dixi et salvavi animam meam!_...

Auf diese Worte des heiligen Sankt Brokrazius erhub sich ein brausender
Jubel in der Versammlung.

Nachdem es dem heiligen Brokrazius durch seine Rede gelungen war,
das liebe Publikum wiederum auf seinen ursprnglichen Standpunkt
zurckzufhren, hatte er den Kampf gegen den bitterbsen Kare Revoluzzer
gewonnen und diesen feuerroten Teufelsbraten glorreich widerleget.

Obwohl es diesem wsten Gesellen geglcket war, den guten Knig zum
Teufel zu jagen, der ihm niemals etwas getan hatte, so glckete es ihm
keineswegs gleichermaen, den heiligen Brokrazius zu erschlagen.

Das liebe Publikum vermochte sich auch unter dem Einflusse des
bitterbsen Kare Revoluzzer nie und nimmermehr von dem heiligen
Brokrazius zu trennen.

Das darf dich, o grognstiger Leser, nicht arg wundernehmen. Denn es
ist leichter, einen Knig zum Teufel zu jagen, wenn er dir auch nichts
getan hat, als einem Heiligen den Garaus zu machen, und vornehmlich dem
mchtigsten Heiligen, der jemals auf Erden erstanden ist, dem heiligen
Brokrazius.

  [Verzierung]




    Wie der heilige Brokrazius gen Himmel fuhr und seinen
    himmlischen Einflu auf den Kare Revoluzzer wirken lie.


Nachdem der heilige Brokrazius zu der berzeugung gelanget war, da er
auch in dem knallroten kommunistischen Freistaate des Kare Revoluzzer
unbehelliget sein heiliges Dasein weiterfhren werde, lud er seine
Jnger und Anhnger zu einem Festabende ein, an dem das Weihelied von
der petschierten Sau mit besonderer Inbrunst gesungen wurde.

Der bitterbse Kare Revoluzzer aber grinste wtend zu den Fenstern des
Lokales derer Versammlung herein. Er getraute sich jedoch nicht mehr zu
brllen: Zu was brauch' ma den heiligen Brokrazi, den Pazi! -- weil
er frchtete, da er derohalben belanget werden knnte. Wenn er auch den
guten Knig zum Teufel gejagt hatte, der ihm nie was getan hatte, so sah
er doch ein, da es ihm niemals gelingen wrde, den heiligen Brokrazius
zum Teufel zu jagen, geschweige denn ihn zu erschlagen.

Der heilige Brokrazius aber, welcher zur Erkenntnis gelanget war, da
er nunmehro seine heilige _missionem_ auf Erden vollkommen erfllet
hatte und da er die Frchte seiner Sendung seinen Jngern berlassen
knnte, verabschiedete sich an jenem Festabend ganz besonders feierlich
von seinen Jngern.

Er sprach zu ihnen: Hocket euch auf den Sitz eures Verstandes, meine
Vielgeliebten und Getreuen! Ich will heute von euch scheiden und gen
Himmel fahren, dieweilen es mich schon lange gelstet, in dieser Gegend
Nachschau zu halten, ob da droben auch alles registrieret, numerieret
und ordnungsgem eingetragen worden ist. Mich will es vllig bednken,
da ich in der himmlischen Gloria noch gewaltige Aufgaben zu erfllen
haben werde. Ich hre schon die Stimmen der Heiligen und Erzvter ber
mir, welche in Sehnsucht nach mir rufen, dieweilen ihnen der liebe Gott
die auferbauliche Gesellschaft des saudmmsten Heiligen versprochen hat,
der zu sein ich bekanntlich die himmlische Ehre habe. Ich hinterlasse
den Menschen zu ihrem Troste dich, den heiligen Stultissimus, dich, den
heiligen Grobian, und dich, den heiligen Bldian, und dich, den heiligen
Schlamprian, und dich, den heiligen Schnfflian, und nicht zuletzt dich,
den lieben, guten, gemtlichen und fr alle irdischen Drangsale
verstndnisvollen heiligen Corruptius.

Bald nachdem der heilige Brokrazius solches gesprochen hatte, erhub er
sich und fuhr gen Himmel. Zufllig schlo gleichzeitig das neuerlich
angestimmte Weihelied der Tafelrunde mit den erhebenden Worten: D'Sau
rennt davon!

Seine Jnger starrten dem Heiligen noch lange nach und sahen den Sitz
seines Verstandes gleich einem leuchtenden Gestirne zwischen den Wolken
verschwinden.

Auf der dunklen Strae lauerte aber noch immer der bitterbse Kare
Revoluzzer. Auch er starrte dem heiligen Brokrazius nach, wie er gen
Himmel fuhr. Seinen Lippen entrang sich der staunende Ausruf: Da
schaut's amal den Pazi, den Brokrazi!...

Als die Jnger des heiligen Brokrazius sich von dem Festabende
entfernten, da machte sich der knallrote Kare Revoluzzer heimlich an den
freundlichen heiligen Corruptius heran, nahm ihn unter den Arm und bog
mit ihm in eine stille Gasse ab, wo sie weder gehret noch gesehen
werden konnten.

Dort fand eine lange Unterredung zwischen dem Kare Revoluzzer und dem
heiligen Corruptius statt, die allem Anscheine nach zu einem sehr
befriedigenden Resultate fhrte, sintemalen sich die beiden schlielich
mit den untrglichsten Anzeichen des innigsten Verstndnisses und der
herzlichsten Freundschaft voneinander verabschiedeten...

Es erwies sich aber auch alsobald der himmlische Einflu des heiligen
Sankt Brokrazius an dem bitterbsen Kare Revoluzzer.

Dieser rote Bsewicht wurde nmlich von einer innigen Verehrung fr den
von dem heiligen Brokrazius schon lngst gestifteten Ratstitel erfat.
Und so begeistert war diese innige Verehrung, da der bitterbse Kare
Revoluzzer in seinem knallroten kommunistischen Freistaate lauter neue
Ratstiteln einfhrte.

Dem Schreiber dieser Legende ist es wegen mangelnden Platzes nur
vergnnet, ein paar Endsilben der betreffenden Titeln in der
Rterepublik des Kare Revoluzzer bekanntzugeben, dieweilen bei jedem
Titel diesen Silben noch weitere 365 Silben vorangingen, auf da jeder
Tag des Jahres einen festlichen ratsherrlichen Charakter trge. Die
nachfolgenden Titel stellen dahero nur eine durch obbesagten Grund
bedungene rgerliche Verkrzung der wirklichen Gesamttitel dar.

In dieser Verkrzung ernannte der bitterbse Kare Revoluzzer jeden
Brieftrger zum Geheimen Korrespondenzrat, jeden Leichenkutscher zum
Kondolenzrat, jedes Tratschweib zur Frau Geheimen Konferenzrat, jeden
Drehorgelmann zum Musikrat, jede Hebamme zur Frau Geburtsrat, jeden
Schaffner zum Verkehrsrat, jeden Trambahnschaffner _in specialibus_ zum
Ringlinienrat _vulgo_ Rundamadumrat, jeden Kellner zum Schankrat, jeden
Ksehndler _vulgo_ Kasstecher zum Obergestankrat, jeden Greisler zum
Viktualienrat, jeden Bahnwrter zum Streckenrat, jeden Lokomotivfhrer
zum Oberdampfrat, jeden Friseur zum Verschnerungsrat, jeden Billeteur
zum Knipsrat, jeden Krawattenhndler zum Schlipsrat, jeden
Pfandverleiher zum Geheimen Pumprat, jeden Gerichtsvollzieher
zum Wirklichen Pfndungsrat, jeden Steuereintreiber zum
Obervolksbelstigungsrat, jeden Laternenanznder zum Illuminationsrat,
jeden Kassendieb zum Defraudationsrat, jeden Mdchenhndler zum
Liaisonsrat, jede Kupplerin zur Frau Geheimen Okkasionsrat, jeden
Vereinsmeier zum Koalitionsrat, jeden Schwindler zum Illusionsrat, jeden
Schnapsbruder zum Alkoholrat, jeden Hausbesitzer zum Obersteigerungsrat,
jeden Hausknecht zum Wirklichen Hinausbefrderungsrat, jedes Radiweib
zur Frau Radirat, jeden Stiefelputzer zum Fubekleidungspoliturrat,
jeden Kastanienbrater zum Maronirat, jeden Sdfrchtenhndler zum
Limonirat, jeden Charkutier zum Salamirat, jedes Siemanndl zum
Wirklichen vortragenden Unterpantoffelheldenrat, jeden Kanalrumer zum
Kanalrat, jeden Krakehler zum Krawallrat, jeden Heiratsvermittler zum
Matrimonialrat, jeden Revolverjournalisten zum Skandalrat, jede Kuhdirn
zur Frau Stallrat, jeden Besoffenen zum Ruhestrungsrat, jeden
Vagabunden zum Wirklichen ffentlichen Landstraenrat, jeden Schieber
zum Geheimen Ernhrungsrat, jeden Mistfuhrwerker zum Kompostrat, jeden
G'scheerten zum konomierat, jeden Lwenbndiger zum Menagerierat, jeden
Dilettanten zum klassischen Genierat, jedes Urviech zum Zoologierat,
jedes Kamel zum Wstenrat, jeden Miederfabrikanten zum Geheimen
Bstenrat, jeden Verrckten zum Oberspinnrat, jeden Trottel zum
Wirklichen Intelligenzrat und alle sonstigen noch mit keinem Ratstitel
bedachten Individuen zu wirklich wirklichsten insgeheim geheimsten
Generalproletenrten mit dem Titel Seine Herrlichkeit.

Trotzdem wurde eines Tages ein sehr zweifelhaftes Individuum
aufgegriffen, von welchem es sich bei nherer Untersuchung
herausstellte, da es nicht einmal einen Ratstitel besa.

Im Interesse der Aufrechthaltung der ffentlichen Ordnung und Sicherheit
verfgte der bitterbse Kare Revoluzzer sofort, da dieses ratlose
Individuum wegen monarchistischer Umtriebe in Schutzhaft gesetzet wurde.

Da schaute der heilige Brokrazius vom Himmel herunter und lachte.


  _Finis_

  [Verzierung]


       *       *       *       *       *
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       *       *       *       *       *

Errata:

Rechtschreibungsformen wie erhub bzw. erhob sind ungendert.

  und betrachtete _pollicem suum_  [policem]
  Davon der Schnauzbart sich jedoch unterscheidet  [edoch]






End of Project Gutenberg's Der heilige Brokrazius, by Rudolf Greinz

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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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