The Project Gutenberg EBook of Unterm Birnbaum, by Theodor Fontane

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Title: Unterm Birnbaum

Author: Theodor Fontane

Release Date: September 21, 2008 [EBook #26686]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNTERM BIRNBAUM ***




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                           Unterm Birnbaum.


                                  Von

                           Theodor Fontane.


                                Berlin,
                  G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung.
                                 1885.



                    bersetzungsrecht vorbehalten.

   Pierer'sche Hofbuchdruckerei. Stephan Geibel & Co. in Altenburg.




                                  I.


Vor dem in dem groen und reichen Oderbruchdorfe Tschechin um
Michaeli20 erffneten _Gasthaus und Materialwaarengeschft von Abel
Hradscheck_ (so stand auf einem ber der Thr angebrachten Schilde)
wurden Scke, vom Hausflur her, auf einen mit zwei magern Schimmeln
bespannten Bauerwagen geladen. Einige von den Scken waren nicht gut
gebunden oder hatten kleine Lcher und Ritzen, und so sah man denn an
dem, was herausfiel, da es Rapsscke waren. Auf der Strae neben dem
Wagen aber stand Abel Hradscheck selbst und sagte zu dem eben vom Rad
her auf die Deichsel steigenden Knecht: Und nun vorwrts, Jakob, und
gre mir lmller Quaas. Und sag' ihm, bis Ende der Woche mt' ich das
l haben, Leist in Wrietzen warte schon. Und wenn Quaas nicht da ist, so
bestelle der Frau meinen Gru und sei hbsch manierlich. Du weit ja
Bescheid. Und weit auch, Ktzchen hlt auf Komplimente.

Der als Jakob Angeredete nickte nur statt aller Antwort, setzte sich auf
den vordersten Rapssack und trieb beide Schimmel mit einem schlfrigen
Hh an, wenn berhaupt von Antreiben die Rede sein konnte. Und nun
klapperte der Wagen nach rechts hin den Fahrweg hinunter, erst auf das
Bauer Orth'sche Gehft sammt seiner Windmhle (womit das Dorf nach der
Frankfurter Seite hin abschlo) und dann auf die weiter drauen am
Oderbruch-Damm gelegene lmhle zu. Hradscheck sah dem Wagen nach, bis
er verschwunden war, und trat nun erst in den Hausflur zurck. Dieser
war breit und tief und theilte sich in zwei Hlften, die durch ein paar
Holzsulen und zwei dazwischen ausgespannte Hngematten von einander
getrennt waren. Nur in der Mitte hatte man einen Durchgang gelassen. An
dem Vorflur lag nach rechts hin das Wohnzimmer, zu dem eine Stufe
hinauffhrte, nach links hin aber der Laden, in den man durch ein
groes, fast die halbe Wand einnehmendes Schiebefenster hineinsehen
konnte. Frher war hier die Verkaufsstelle gewesen, bis sich die zum
Vornehmthun geneigte Frau Hradscheck das Herumtrampeln auf ihrem Flur
verbeten und auf Durchbruch einer richtigen Ladenthr, also von der
Strae her, gedrungen hatte. Seitdem zeigte dieser Vorflur eine gewisse
Herrschaftlichkeit, whrend der nach dem Garten hinausfhrende
Hinterflur ganz dem Geschft gehrte. Scke, Citronen- und
Apfelsinenkisten standen hier an der einen Wand entlang, whrend an der
andern bereinandergeschichtete Fsser lagen, lfsser, deren stattliche
Reihe nur durch eine zum Keller hinunterfhrende Fallthr unterbrochen
war. Ein sorglich vorgelegter Keil hielt nach rechts und links hin die
Fsser in Ordnung, so da die untere Reihe durch den Druck der
obenaufliegenden nicht ins Rollen kommen konnte.

So war der Flur. Hradscheck selbst aber, der eben die schmale, zwischen
den Kisten und lfssern freigelassene Gasse passirte, schlo, halb
rgerlich halb lachend, die trotz seines Verbotes mal wieder
offenstehende Fallthr und sagte: Dieser Junge, der Ede. Wann wird er
seine fnf Sinne beisammen haben!

Und damit trat er vom Flur her in den Garten.

Hier war es schon herbstlich, nur noch Astern und Reseda blhten
zwischen den Buchsbaumrabatten, und eine Hummel umsummte den Stamm eines
alten Birnbaums, der mitten im Garten hart neben dem breiten
Mittelsteige stand. Ein paar Mhrenbeete, die sich, sammt einem schmalen
mit Kartoffeln besetzten Ackerstreifen, an eben dieser Stelle durch eine
Spargel-Anlage hinzogen, waren schon wieder umgegraben, eine frische
Luft ging, und eine schwarzgelbe, der nebenanwohnenden Wittwe Jeschke
zugehrige Katze schlich, muthmalich auf der Sperlingssuche, durch die
schon hoch in Samen stehenden Spargelbeete.

Hradscheck aber hatte dessen nicht Acht. Er ging vielmehr rechnend und
wgend zwischen den Rabatten hin und kam erst zu Betrachtung und
Bewutsein, als er, am Ende des Gartens angekommen, sich umsah und nun
die Rckseite seines Hauses vor sich hatte. Da lag es, sauber und
freundlich, links die sich von der Strae her bis in den Garten
hineinziehende Kegelbahn, rechts der Hof sammt dem Kchenhaus, das er
erst neuerdings an den Laden angebaut hatte. Der kaum vom Winde bewegte
Rauch stieg sonnenbeschienen auf und gab ein Bild von Glck und Frieden.
Und das alles war sein! Aber wie lange noch? Er sann ngstlich nach und
fuhr aus seinem Sinnen erst auf, als er, ein paar Schritte von sich
entfernt, eine groe, durch ihre Schwere und Reife sich von selbst
ablsende Malvasierbirne mit eigenthmlich dumpfem Ton aufklatschen
hrte. Denn sie war nicht auf den harten Mittelsteig, sondern auf eins
der umgegrabenen Mhrenbeete gefallen. Hradscheck ging darauf zu, bckte
sich und hatte die Birne kaum aufgehoben, als er sich von der Seite her
angerufen hrte:

Dag, Hradscheck. Joa, et wahrd nu Tied. De Malvesieren kmmen all von
slwst.

Er wandte sich bei diesem Anruf und sah, da seine Nachbarin, die
Jeschke, deren kleines, etwas zurckgebautes Haus den Blick auf seinen
Garten hatte, von drben her ber den Himbeerzaun kuckte.

Ja, Mutter Jeschke, 's wird Zeit, sagte Hradscheck. Aber wer soll die
Birnen abnehmen? Freilich wenn Ihre Line hier wre, die knnte helfen.
Aber man hat ja keinen Menschen und mu alles selbst machen.

Na, Se hebben joa doch den Jungen, den Ede.

Ja, den hab' ich. Aber der pflckt blos fr sich.

Dat sall woll sien, lachte die Alte. Een in't Tppken, een in't
Krppken.

Und damit humpelte sie wieder nach ihrem Hause zurck, whrend auch
Hradscheck wieder vom Garten her in den Flur trat.

Hier sah er jetzt nachdenklich auf die Stelle, wo vor einer halben
Stunde noch die Rapsscke gestanden hatten, und in seinem Auge lag
etwas, als wnsch' er, sie stnden noch am selben Fleck oder es wren
neue statt ihrer aus dem Boden gewachsen. Er zhlte dann die
Fsserreihe, rief, im Vorbergehen, einen kurzen Befehl in den Laden
hinein und trat gleich danach in seine gegenber gelegene Wohnstube.

Diese machte neben ihrem wohnlichen zugleich einen eigenthmlichen
Eindruck, und zwar, weil alles in ihr um vieles besser und eleganter
war, als sich's fr einen Krmer und Dorfmaterialisten schickte. Die
zwei kleinen Sophas waren mit einem hellblauen Atlasstoff bezogen, und
an dem Spiegelpfeiler stand ein schmaler Trumeau, weilackirt und mit
Goldleiste. Ja, das in einem Mahagoni-Rahmen ber dem kleinen Klavier
hngende Bild (allem Anscheine nach ein Stich nach Claude Lorrain) war
ein Sonnenuntergang mit Tempeltrmmern und antiker Staffage, so da man
sich fglich fragen durfte, wie das alles hierherkomme? Passend war
eigentlich nur ein Stehpult mit einem Gitter-Aufsatz und einem Kuckloch
darber, mit Hilfe dessen man, ber den Flur weg, auf das groe
Schiebefenster sehen konnte.

Hradscheck legte die Birne vor sich hin und bltterte das Kontobuch
durch, das aufgeschlagen auf dem Pulte lag. Um ihn her war alles still,
und nur aus der halboffenstehenden Hinterstube vernahm er den Schlag
einer Schwarzwlder Uhr.

Es war fast, als ob das Ticktack ihn stre, wenigstens ging er auf die
Thr zu, anscheinend um sie zu schlieen; als er inde hineinsah, nahm
er berrascht wahr, da seine Frau in der Hinterstube sa, wie
gewhnlich schwarz aber sorglich gekleidet, ganz wie Jemand, der sich
auf Figurmachen und Toilettendinge versteht. Sie flocht eifrig an einem
Kranz, whrend ein zweiter, schon fertiger an einer Stuhllehne hing.

Du hier, Ursel! Und Krnze! Wer hat denn Geburtstag?

Niemand. Es ist nicht Geburtstag. Es ist blos Sterbetag, Sterbetag
Deiner Kinder. Aber Du vergit alles. Blos Dich nicht.

Ach, Ursel, la doch. Ich habe meinen Kopf voll Wunder. Du mut mir
nicht Vorwrfe machen. Und dann die Kinder. Nun ja, sie sind todt, aber
ich kann nicht trauern und klagen, da sie's sind. Umgekehrt, es ist ein
Glck.

Ich verstehe Dich nicht.

Und ist nur zu gut zu verstehn. Ich wei nicht aus noch ein und habe
Sorgen ber Sorgen.

Worber? Weil Du nichts Rechtes zu thun hast und nicht weit, wie Du
den Tag hinbringen sollst. Hinbringen sag' ich, denn ich will Dich nicht
krnken und von Zeit todtschlagen sprechen. Aber sage selbst, wenn
drben die Weinstube voll ist, dann fehlt Dir nichts. Ach, das verdammte
Spiel, das ewige Kncheln und Tempeln. Und wenn Du noch glcklich
spieltest! Ja, Hradscheck, das mu ich Dir sagen, wenn Du spielen
willst, so spiele wenigstens glcklich. Aber ein Wirth, der _nicht_
glcklich spielt, mu davon bleiben, sonst spielt er sich von Haus und
Hof. Und dazu das Trinken, immer der schwere Ungar, bis in die Nacht
hinein.

Er antwortete nicht, und erst nach einer Weile nahm er den Kranz, der
ber der Stuhllehne hing, und sagte: Hbsch. Alles, was Du machst, hat
Schick. Ach, Ursel, ich wollte, Du httest bessere Tage.

Dabei trat er freundlich an sie heran und streichelte sie mit seiner
weien, fleischigen Hand.

Sie lie ihn auch gewhren, und als sie, wie beschwichtigt durch seine
Liebkosungen, von ihrer Arbeit aufsah, sah man, da es ihrer Zeit eine
sehr schne Frau gewesen sein mute, ja, sie war es beinah noch. Aber
man sah auch, da sie viel erlebt hatte, Glck und Unglck, Lieb' und
Leid, und durch allerlei schwere Schulen gegangen war. Er und sie
machten ein hbsches Paar und waren gleichaltrig, Anfang vierzig, und
ihre Sprech- und Verkehrsweise lie erkennen, da es eine Neigung
gewesen sein mute, was sie vor lnger oder krzer zusammengefhrt
hatte.

Der herbe Zug, den sie bei Beginn des Gesprchs gezeigt, wich denn auch
mehr und mehr, und endlich fragte sie: Wo drckt es wieder? Eben hast
Du den Raps weggeschickt, und wenn Leist das l hat, hast Du das Geld.
Er ist prompt auf die Minute.

Ja, das ist er. Aber ich habe nichts davon, alles ist blos Abschlag und
Zins. Ich stecke tief drin und leider am tiefsten bei Leist selbst. Und
dann kommt die Krakauer Geschichte, der Reisende von Olszewski-Goldschmidt
und Sohn. Er kann jeden Tag da sein.

Hradscheck zhlte noch anderes auf, aber ohne da es einen tieferen
Eindruck auf seine Frau gemacht htte. Vielmehr sagte sie langsam und
mit gedehnter Stimme: Ja, Wrfelspiel und Vogelstellen...

Ach, immer Spiel und wieder Spiel! Glaube mir, Ursel, es ist nicht so
schlimm damit und jedenfalls mach' ich mir nichts d'raus. Und am
wenigsten aus dem Lotto; 's ist alles Thorheit und weggeworfen Geld, ich
wei es, und doch hab' ich wieder ein Loos genommen. Und warum? Weil ich
heraus will, weil ich heraus _mu_, weil ich uns retten mchte.

So, so, sagte sie, whrend sie mechanisch an dem Kranze weiter flocht
und vor sich hin sah, als berlege sie, was wohl zu thun sei.

Soll ich Dich auf den Kirchhof begleiten, frug er, als ihn ihr
Schweigen zu bedrcken anfing. Ich thu's gern, Ursel.

Sie schttelte den Kopf.

Warum nicht?

Weil, wer den Todten einen Kranz bringen will, wenigstens an sie
gedacht haben mu.

Und damit erhob sie sich und verlie das Haus, um nach dem Kirchhof zu
gehen.

Hradscheck sah ihr nach, die Dorfstrae hinauf, auf deren rothen Dchern
die Herbstsonne flimmerte. Dann trat er wieder an sein Pult und
bltterte.




                                  II.


Eine Woche war seit jenem Tage vergangen, aber das Spielglck, das sich
bei Hradscheck einstellen sollte, blieb aus und das Lottoglck auch.
Trotz alledem gab er das Warten nicht auf, und da gerade
Lotterie-Ziehzeit war, kam das Viertelloos gar nicht mehr von seinem
Pult. Es stand hier auf einem Stnderchen, ganz nach Art eines Fetisch,
zu dem er nicht mde wurde, respektvoll und beinah mit Andacht
aufzublicken. Alle Morgen sah er in der Zeitung die Gewinn-Nummern
durch, aber die seine fand er nicht, trotzdem sie unter ihren fnf
Zahlen drei Sieben hatte und mit sieben dividirt glatt aufging. Seine
Frau, die wohl wahrnahm, da er litt, sprach ihm nach ihrer Art zu,
nchtern aber nicht unfreundlich, und drang in ihn, da er den
Lotteriezettel wenigstens vom Stnder herunternehmen mge, das verdrsse
den Himmel nur und wer dergleichen thte, kriege statt Rettung und Hilfe
den Teufel und seine Sippschaft ins Haus. Das Loos msse weg. Wenn er
wirklich beten wolle, so habe sie was Besseres fr ihn, ein Marienbild,
das der Bischof von Hildesheim geweiht und ihr bei der Firmelung
geschenkt habe.

Davon wollte nun aber der bestndig zwischen Aber- und Unglauben hin und
her schwankende Hradscheck nichts wissen. Geh mir doch mit dem Bild,
Ursel. Und wenn ich auch wollte, denke nur, welche Bescheerung ich
htte, wenn's Einer merkte. Die Bauern wrden lachen von einem Dorfende
bis ans andere, selbst Orth und Igel, die sonst keine Miene verziehen.
Und mit der Pastor-Freundschaft wr's auch vorbei. Da er zu Dir hlt,
ist doch blos, weil er Dir den katholischen Unsinn ausgetrieben und
einen Platz im Himmel, ja vielleicht an seiner Seite gewonnen hat. Denn
mit meinem Anspruch auf Himmel ist's nicht weit her.

Und so blieb denn das Loos auf dem Stnder, und erst als die Ziehung
vorber war, zerri es Hradscheck und streute die Schnitzel in den Wind.
Er war aber auch jetzt noch, all seinem spttisch-berlegenen Gerede zum
Trotz, so schwach und aberglubisch, da er den Schnitzeln in ihrem
Fluge nachsah, und als er wahrnahm, da einige die Strae hinauf bis an
die Kirche geweht wurden und dort erst niederfielen, war er in seinem
Gemthe beruhigt und sagte: Das bringt Glck.

Zugleich hing er wieder allerlei Gedanken und Vorstellungen nach, wie
sie seiner Phantasie jetzt hufiger kamen. Aber er hatte noch Kraft
genug, das Netz, das ihm diese Gedanken und Vorstellungen berwerfen
wollten, wieder zu zerreien.

Es geht nicht.

Und als im selben Augenblick das Bild des Reisenden, dessen Anmeldung
er jetzt tglich erwarten mute, vor seine Seele trat, trat er
erschreckt zurck und wiederholte nur so vor sich hin: Es geht nicht.

                           *       *       *

So war Mitte Oktober heran gekommen.

Im Laden gab's viel zu thun, aber mitunter war doch ruhige Zeit, und
dann ging Hradscheck abwechselnd in den Hof, um Holz zu spellen, oder in
den Garten, um eine gute Sorte Tischkartoffeln aus der Erde zu nehmen.
Denn er war ein Feinschmecker. Als aber die Kartoffeln heraus waren,
fing er an, den schmalen Streifen Land, darauf sie gestanden,
umzugraben. berhaupt wurde Graben und Gartenarbeit mehr und mehr seine
Lust, und die mit dem Spaten in der Hand verbrachten Stunden waren
eigentlich seine glcklichsten.

Und so beim Graben war er auch heute wieder, als die Jeschke, wie
gewhnlich, an die die beiden Grten verbindende Heckenthr kam und ihm
zusah, trotzdem es noch frh am Tage war.

De Tffeln sinn joa nu rut, Hradscheck.

Ja, Mutter Jeschke, seit vorgestern. Und war diesmal 'ne wahre Freude;
mitunter zwanzig an einem Busch und alle gro und gesund.

Joa, joa, wenn een's Glck hebben sall. Na, Se hebben't, Hradscheck. Se
hebben Glck bi de Tffeln un bi de Malvesieren ook. I, Se mten joa
woll 'n Scheffel 'runnerpflckt hebb'n.

O mehr, Mutter Jeschke, viel mehr.

Na, bereden Se't nich, Hradscheck. Nei, nei. Man sall nix bereden. Ook
sien Glck nich.

Und damit lie sie den Nachbar stehn und humpelte wieder auf ihr Haus
zu.

Hradscheck aber sah ihr rgerlich und verlegen nach. Und er hatte wohl
Grund dazu. War doch die Jeschke, so freundlich und zuthulich sie that,
eine schlimme Nachbarschaft und quacksalberte nicht blos, sondern machte
auch sympathetische Kuren, besprach Blut und wute, wer sterben wrde.
Sie sah dann die Nacht vorher einen Sarg vor dem Sterbehause stehn. Und
es hie auch, sie wisse, wie man sich unsichtbar machen knne, was,
als Hradscheck sie seinerzeit danach gefragt hatte, halb von ihr
bestritten und dann halb auch wieder zugestanden war. Sie wisse es
nicht; aber _das_ wisse sie, da frisch ausgelassenes Lamm-Talg gut sei,
versteht sich von einem ungeborenen Lamm und als Licht ber einen rothen
Wollfaden gezogen; am besten aber sei Farrnkrautsamen in die Schuhe oder
Stiefel geschttet. Und dann hatte sie herzlich gelacht, worin
Hradscheck natrlich einstimmte. Trotz dieses Lachens aber war ihm jedes
Wort, als ob es ein Evangelium wr', in Erinnerung geblieben, vor allem
das ungeborne Lamm und der Farrnkrautsamen. Er glaubte nichts davon
und auch wieder alles, und wenn er, seiner sonstigen Entschlossenheit
unerachtet, schon vorher eine Furcht vor der alten Hexe gehabt hatte, so
nach dem Gesprch ber das sich Unsichtbarmachen noch viel mehr.

                           *       *       *

Und solche Furcht beschlich ihn auch heute wieder, als er sie, nach dem
Morgengeplauder ber die Tffeln und die Malvesieren, in ihrem Hause
verschwinden sah. Er wiederholte sich jedes ihrer Worte: Wenn een's
Glck hebben sall. Na, Se hebben't joa, Hradscheck. Awers bereden Se't
nich. Ja, so waren ihre Worte gewesen. Und was war mit dem allem
gemeint? Was sollte dies ewige Reden von Glck und wieder Glck? War es
Neid oder wute sie's besser? Hatte sie doch vielleicht mit ihrem
Hokuspokus ihm in die Karten gekuckt?

Whrend er noch so sann, nahm er den Spaten wieder zur Hand und begann
rstig weiter zu graben. Er warf dabei ziemlich viel Erde heraus und war
keine fnf Schritt mehr von dem alten Birnbaum, auf den der
Ackerstreifen zulief, entfernt, als er auf etwas stie, das unter dem
Schnitt des Eisens zerbrach und augenscheinlich weder Wurzel noch Stein
war. Er grub also vorsichtig weiter und sah alsbald, da er auf Arm und
Schulter eines hier verscharrten Todten gestoen war. Auch Zeugreste
kamen zu Tage, zerschlissen und gebrunt, aber immer noch farbig und
wohlerhalten genug, um erkennen zu lassen, da es ein Soldat gewesen
sein msse.

Wie kam der hierher?

Hradscheck sttzte sich auf die Krcke seines Grabscheits und berlegte.
Soll ich es zur Anzeige bringen? Nein. Es macht blos Gekltsch. Und
Keiner mag einkehren, wo man einen Todten unterm Birnbaum gefunden hat.
Also besser nicht. Er kann hier weiter liegen.

Und damit warf er den Armknochen, den er ausgegraben, in die Grube
zurck und schttete diese wieder zu. Whrend dieses Zuschttens aber
hing er all jenen Gedanken und Vorstellungen nach, wie sie seit Wochen
ihm immer hufiger kamen. Kamen und gingen. Heut aber gingen sie nicht,
sondern wurden Plne, die Besitz von ihm nahmen und ihn, ihm selbst zum
Trotz, an die Stelle bannten, auf der er stand. Was er hier zu thun
hatte, war gethan, es gab nichts mehr zu graben und zu schtten, aber
immer noch hielt er das Grabscheit in der Hand und sah sich um, als ob
er bei bser That ertappt worden wre. Und fast war es so. Denn
unheimlich verzerrte Gestalten (und eine davon er selbst) umdrngten ihn
so fabar und leibhaftig, da er sich wohl fragen durfte, ob nicht
Andere da wren, die diese Gestalten auch shen. Und er lugte wirklich
nach der Zaunstelle hinber. Gott sei Dank, die Jeschke war nicht da.
Aber freilich, wenn sie sich unsichtbar machen und sogar Todte sehen
konnte, Todte, die noch nicht todt waren, warum sollte sie nicht die
Gestalten sehn, die jetzt vor seiner Seele standen? Ein Grauen berlief
ihn, nicht vor der That, nein, aber bei dem Gedanken, da das, was erst
That werden sollte, vielleicht in diesem Augenblicke schon erkannt und
verrathen war. Er zitterte, bis er, sich pltzlich aufraffend, den
Spaten wieder in den Boden stie.

Unsinn. Ein dummes altes Weib, das gerade klug genug ist, noch Dmmere
hinter's Licht zu fhren. Aber ich will mich ihrer schon wehren, ihrer
und ihrer ganzen Todtenkuckerei. Was ist es denn? Nichts. Sie sieht
einen Sarg an der Thr stehn, und dann stirbt Einer. Ja, sie sagt es,
aber sagt es immer erst, wenn Einer todt ist oder keinen Athem mehr hat
oder das Wasser ihm schon an's Herz stt. Ja, dann kann ich auch
prophezeihn. Alte Hexe, Du sollst mir nicht weiter Sorge machen. Aber
Ursel! Wie bring' ich's der bei? Da liegt der Stein. Und wissen mu
sie's. Es mssen zwei sein...

Und er schwieg. Bald aber fuhr er entschlossen fort: Ah, bah, es wird
sich finden, weil sich's finden mu. Noth kennt kein Gebot. Und was
sagte sie neulich, als ich das Gesprch mit ihr hatte? 'Nur nicht arm
sein ... Armuth ist das Schlimmste.' Daran halt' ich sie; damit zwing'
ich sie. Sie _mu_ wollen.

Und so sprechend, ging er, das Grabscheit gewehrber nehmend, wieder auf
das Haus zu.




                                 III.


Als Hradscheck bis an den Schwellstein gekommen war, nahm er das
Grabscheit von der Schulter, lehnte die Krcke gegen das am Hause sich
hinziehende Weinspalier und wusch sich die Hnde, saubrer Mann der er
war, in einem Kbel, drin die Dachtraufe mndete. Danach trat er in den
Flur und ging auf sein Wohnzimmer zu.

Hier traf er Ursel. Diese sa vor einem Nhtisch am Fenster und war,
trotz der frhen Stunde, schon wieder in Toilette, ja noch sorglicher
und geputzter als an dem Tage, wo sie die Krnze fr die Kinder
geflochten hatte. Das hochanschlieende Kleid, das sie trug, war auch
heute schlicht und dunkelfarbig (sie wute, da Schwarz sie kleidete),
der blanke Ledergrtel aber wurde durch eine Bronzeschnalle von
aufflliger Gre zusammengehalten, whrend in ihren Ohrringen lange
birnenfrmige Bummeln von venetianischer Perlenmasse hingen. Sie wirkten
anspruchsvoll und strten mehr als sie schmckten. Aber fr dergleichen
gebrach es ihr an Wahrnehmung, wie denn auch der mit Schildpatt
ausgelegte Nhtisch, trotz all seiner Eleganz, zu den beiden hellblauen
Atlas-Sophas nicht recht passen wollte. Noch weniger zu dem weien
Trumeau. Links neben ihr, auf dem Fensterbrett, stand ein
Arbeitskstchen, darin sie, gerade als Hradscheck eintrat, nach einem
Faden suchte. Sie lie sich dabei nicht stren und sah erst auf, als der
Eintretende, halb scherzhaft, aber doch mit einem Anfluge von Tadel
sagte: Nun, Ursel, schon in Staat? Und nichts zu thun mehr in der
Kche?

Weil es fertig werden mu.

Was?

Das hier. Und dabei hielt sie Hradscheck ein Sammtkpsel hin, an dem
sie gerade nhte. Wenig mit Liebe.

Fr mich?

Nein. Dazu bist Du nicht fromm und, was Du lieber hren wirst, auch
nicht alt genug.

Also fr den Pastor?

Gerathen.

Fr den Pastor. Nun gut. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft,
und die Freundschaft mit einem Pastor kann man doppelt brauchen. Es
giebt einem solch Ansehen. Und ich habe mir auch vorgenommen, ihn wieder
fter zu besuchen und mit Ede Sonntags umschichtig in die Kirche zu
gehen.

Das thu nur; er hat sich schon gewundert.

Und hat auch Recht. Denn ich bin ihm eigentlich verschuldet. Und ist
noch dazu der Einzige, dem ich gern verschuldet bin. Ja, Du siehst mich
an, Ursel. Aber es ist so. Hat er Dich nicht auf den rechten Weg
gebracht? Sage selbst. Wenn Eccelius nicht war, so stecktest Du noch in
dem alten Unsinn.

Sprich nicht so. Was weit Du davon? Ihr habt ja gar keine Religion.
Und Eccelius eigentlich auch nicht. Aber er ist ein guter Mann, eine
Seele von Mann, und meint es gut mit mir und aller Welt. Und hat mir zum
Herzen gesprochen.

Ja, das versteht er; das hat er in der Loge gelernt. Er rhrt einen zu
Thrnen. Und nun gar erst die Weiber.

Und dann halt' ich zu ihm, fuhr Ursel fort, ohne der Unterbrechung zu
achten, weil er ein gebildeter Mann ist. Ein guter Mann, und ein
gebildeter Mann. Und offen gestanden, daran bin ich gewhnt.

Hradscheck lachte. Gebildet, Ursel, das ist Dein drittes Wort. Ich wei
schon. Und dann kommt der Gttinger Student, der Dir einen Ring
geschenkt hat, als Du vierzehn Jahr alt warst (er wird wohl nicht echt
gewesen sein), und dann kommt vieles _nicht_ oder doch manches nicht ...
verfrbe Dich nur nicht gleich wieder ... und zuletzt kommt der
Hildesheimer Bischof. Das ist Dein hchster Trumpf, und was Vornehmeres
giebt es in der ganzen Welt nicht. Ich wei es seit lange. Vornehm,
vornehm. Ach, ich rede nicht gern davon, aber Deine Vornehmheit ist mir
theuer zu stehn gekommen.

Ursel legte das Sammtkpsel aus der Hand, steckte die Nadel hinein und
sagte, whrend sie sich mit halber Wendung von ihm ab und dem Fenster
zukehrte: Hre, Hradscheck, wenn Du gute Tage mit mir haben willst, so
sprich nicht so. Hast Du Sorgen, so will ich sie mittragen, aber Du
darfst mich nicht dafr verantwortlich machen, da sie da sind. Was ich
Dir hundert Mal gesagt habe, das mu ich Dir wieder sagen. Du bist kein
guter Kaufmann, denn Du hast das Kaufmnnische nicht gelernt, und Du
bist kein guter Wirth, denn Du spielst schlecht oder doch nicht mit
Glck und trinkst nebenher Deinen eigenen Wein aus. Und was da nach
drben geht, nach Neu-Lewin hin, oder wenigstens gegangen ist (und dabei
wies sie mit der Hand nach dem Nachbardorfe), davon will ich nicht
reden, schon gar nicht, schon lange nicht. Aber das darf ich Dir sagen,
Hradscheck, so steht es mit Dir. Und anstatt Dich zu Deinem Unrecht zu
bekennen, sprichst Du von meinen Kindereien und von dem hochwrdigen
Bischof, dem Du nicht werth bist die Schuhriemen zu lsen. Und wirfst
mir dabei meine Bildung vor.

Nein, Ursel.

Oder da ich's ein bischen hbsch oder, wie Du sagst, vornehm haben
mchte.

Ja, das.

Also doch. Nun aber sage mir, was hab' ich gethan? Ich habe mich in den
ersten Jahren eingeschrnkt und in der Kche gestanden und gebacken und
gebraten, und des Nachts an der Wiege gesessen. Ich bin nicht aus dem
Haus gekommen, so da die Leute darber geredet haben, die dumme Gans
drauen in der lmhle natrlich an der Spitze (Du hast es mir selbst
erzhlt), und habe jeden Abend vor einem leeren Kleiderschrank gestanden
und die hlzernen Riegel gezhlt. Und so sieben Jahre, bis die Kinder
starben, und erst als sie todt waren und ich nichts hatte, daran ich
mein Herz hngen konnte, da hab' ich gedacht, nun gut, nun will ich es
wenigstens hbsch haben und eine Kaufmannsfrau sein, so wie man sich in
meiner Gegend eine Kaufmannsfrau vorstellt. Und als dann der Konkurs auf
Schlo Hoppenrade kam, da hab' ich Dich gebeten, dies Bischen hier
anzuschaffen, und das hast Du gethan und ich habe mich dafr bedankt.
Und war auch blos in der Ordnung. Denn Dank mu sein, und ein gebildeter
Mensch wei es und wird ihm nicht schwer. Aber all das, worber jetzt so
viel geredet wird, als ob es wunder was wre, ja, was ist es denn gro?
Eigentlich ist es doch nur altmodisch, und die Seide reit schon,
trotzdem ich sie hte wie meinen Augapfel. Und wegen dieser paar Sachen
sthnst Du und hrst nicht auf zu klagen und verspottest mich wegen
meiner Bildung und Feinheit, wie Du zu sagen beliebst. Freilich bin ich
feiner als die Leute hier, in meiner Gegend ist man feiner. Willst Du
mir einen Vorwurf daraus machen, da ich nicht wie die Pute, die Quaas
bin, die 'mir' und 'mich' verwechselt und eigentlich noch in den
Friesrock gehrt und Liebschaftenhaben fr Bildung hlt und sich
'Ktzchen' nennen lt, obschon sie blos eine Katze ist und eine falsche
dazu? Ja, mein lieber Hradscheck, wenn Du mir daraus einen Vorwurf
machen willst, dann httest Du mich nicht nehmen sollen, das wre dann
das Klgste gewesen. Besinne Dich. Ich bin Dir nicht nachgelaufen, im
Gegentheil, Du wolltest mich partout und hast mich beschworen um mein
'ja'. Das kannst Du nicht bestreiten. Nein, das kannst Du nicht,
Hradscheck. Und nun dies ewige 'vornehm' und wieder 'vornehm'. Und
warum? Blos weil ich einen Trumeau wollte, den man wollen mu, wenn man
ein bischen auf sich hlt. Und fr einen Spottpreis ist er
fortgegangen.

Du sagst Spottpreis, Ursel. Ja, was ist Spottpreis? Auch Spottpreise
knnen zu hoch sein. Ich hatte damals nichts und hab' es von geborgtem
Gelde kaufen mssen.

Das httest Du nicht thun sollen, Abel, das httest Du mir sagen
mssen. Aber da genirte sich der werthe Herr Gemahl und mute sich auch
geniren. Denn warum war kein Geld da? Wegen der Person drben. Alte
Liebe rostet nicht. Versteht sich.

Ach Ursel, was soll das! Es nutzt uns nichts, uns unsere Vergangenheit
vorzuwerfen.

Was meinst Du damit? Was heit Vergangenheit?

Wie kannst Du nur fragen? Aber ich wei schon, es ist das alte Lied,
das ist Weiberart. Ihr streitet Eurem eignen Liebhaber die Liebschaft
ab. Ursel, ich htte Dich fr klger gehalten. So sei doch nicht so kurz
von Gedchtni. Wie lag es denn? Wie fand ich Dich damals, als Du wieder
nach Hause kamst, krank und elend und mit dem Stecken in der Hand, und
als der Alte Dich nicht aufnehmen wollte mit Deinem Kind und Du dann
zufrieden warst mit einer Schtte Stroh unterm Dach? Ursel, da hab' ich
Dich gesehn, und weil ich Mitleid mit Dir hatte, nein, nein, erzrne
Dich nicht wieder ... weil ich Dich liebte, weil ich vernarrt in Dich
war, da hab' ich Dich bei der Hand genommen, und wir sind hierher
gegangen, und der Alte drben, dem Du das Kpsel da nhst, hat uns
zusammengethan. Es thut mir nicht leid, Ursel, denn Du weit, da ich in
meiner Neigung und Liebe zu Dir der Alte bin, aber Du darfst Dich auch
nicht aufs hohe Pferd setzen, wenn ich vor Sorgen nicht aus noch ein
wei, und darfst mir nicht Vorwrfe machen wegen der Rese drben in
Neu-Lewin. Was da hinging, glaube mir, das war nicht viel und eigentlich
nicht der Rede werth. Und nun ist sie lange todt und unter der Erde.
Nein, Ursel, daher stammt es nicht, und ich schwre Dir's, das alles
htt' ich gekonnt, aber der verdammte Hochmuth, da es mit uns was sein
sollte, das hat es gemacht, das ist es. Du wolltest hoch hinaus und was
Apartes haben, damit sie sich wundern sollten. Und was haben wir nun
davon? Da stehen die Sachen, und das Bauernvolk lacht uns aus.

Sie beneiden uns.

Nun gut, vielleicht oder wenigstens so lang es vorhlt. Aber wenn das
alles eines schnen Tages fort ist?

Das darf nicht sein.

Die Gerichte fragen nicht lange.

Das darf nicht sein, sag' ich. Alles andre. Nein, Hradscheck, das
darfst Du mir nicht anthun, da nehm' ich mir das Leben und geh' in die
Oder, gleich auf der Stelle. Was Jammer und Elend ist, das wei ich, das
hab' ich erfahren. Aber gerade dehalb, gerade dehalb. Ich bin jetzt
aus dem Jammer heraus, Gott sei Dank, und ich will nicht wieder hinein.
Du sagst, sie lachen ber uns, nein, sie lachen _nicht_; aber wenn uns
was passirte, dann wrden sie lachen. Und da dann 'Ktzchen' ihren Spa
haben und sich ber uns lustig machen sollte, oder gar die gute Mietzel,
die noch immer in ihrem schwarzen Kopftuch steckt und nicht mal wei,
wie man einen Hut oder eine Haube manierlich aufsetzt, das trg' ich
nicht, da mcht' ich gleich todt umfallen. Nein, nein, Hradscheck, wie
ich Dir schon neulich sagte, nur nicht arm. Armuth ist das Schlimmste,
schlimmer als Tod, schlimmer als...

Er nickte. So denk' ich auch, Ursel. Nur nicht arm. Aber komm' in den
Garten! Die Wnde hier haben Ohren.

Und so gingen sie hinaus. Drauen aber nahm sie seinen Arm, hing sich,
wie zrtlich, an ihn und plauderte, whrend sie den Mittelsteig des
Gartens auf und ab schritten. Er seinerseits schwieg und berlegte, bis
er mit einem Male stehen blieb und, das Wort nehmend, auf die wieder
zugeschttete Stelle neben dem Birnbaum wies. Und nun wurden Ursel's
Augen immer grer, als er rasch und lebhaft alles, was geschehen msse,
herzuzhlen und auseinander zu setzen begann.

Es geht nicht. Schlag' es Dir aus dem Sinn. Es ist nichts so fein
gesponnen...

Er aber lie nicht ab, und endlich sah man, da er ihren Widerstand
besiegt hatte. Sie nickte, schwieg, und Beide gingen auf das Haus zu.




                                  IV.


Der Oktober ging auf die Neige, trotzdem aber waren noch schne warme
Tage, so da man sich im Freien aufhalten und die Hradscheck'sche
Kegelbahn benutzen konnte. Diese war in der ganzen Gegend berhmt, weil
sie nicht nur ein gutes wagerechtes Laufbrett, sondern auch ein bequemes
Kegelhuschen und in diesem zwei von aller Welt bewunderte buntglasige
Kuckfenster hatte. Das gelbe sah auf den Garten hinaus, das blaue
dagegen auf die Dorfstrae sammt dem dahinter sich hinziehenden
Oderdamm, ber den hinweg dann und wann der Flu selbst aufblitzte.
Drben am andern Ufer aber gewahrte man einen langen Schattenstrich: die
neumrkische Haide.

Es war halb vier, und die Kugeln rollten schon seit einer Stunde. Der
zugleich Kellnerdienste verrichtende Ladenjunge lief hin und her, mal
Kaffee, mal einen Kognak bringend, am ftesten aber neugestopfte
Thonpfeifen, aus denen die Bauern rauchten und die Wlkchen in die klare
Herbstluft hineinbliesen. Es waren ihrer fnf, zwei aus dem benachbarten
Kienitz herbergekommen, der Rest echte Tschechiner: lmller Quaas,
Bauer Mietzel und Bauer Kunicke. Hradscheck, der, von Berufs wegen, mit
dem Schreib- und Rechenwesen am besten Bescheid wute, sa vor einer
groen schwarzen Tafel, die die Form eines Notenpultes hatte.

Kunicke steht wieder am besten. Natrlich, gegen den kann keiner.
Dreimal acht um den Knig. Und nun begann ein sich berbieten in
Kegelwitzen. Er kann hexen, hie es. Er hockt mit der Jeschke
zusammen. Er spielt mit falschen Karten. Wer so viel Glck hat, mu
Strafe zahlen. Der, der das von den falschen Karten gesagt hatte, war
Bauer Mietzel, des lmllers Nachbar, ein kleines aufgetrocknetes
Mnnchen, das mehr einem Leineweber als einem Bauern glich. War aber
doch ein richtiger Bauer, in dessen Familie nur von alter Zeit her der
Schwind war.

Wer schiebt?

Hradscheck.

Dieser kletterte jetzt von seinem Schreibersitz und wartete gerad' auf
seine die Lattenrinne langsam herunter kommende Lieblingskugel, als der
Landpostbote durch ein auf die Strae fhrendes Thrchen eintrat und
einen groen Brief an ihn abgab; Hradscheck nahm den Brief in die Linke,
packte die Kugel mit der Rechten und setzte sie krftig auf, zugleich
mit Spannung dem Lauf derselben folgend.

Sechs! schrie der Kegeljunge, verbesserte sich aber sofort, als nach
einigem Wackeln und Besinnen noch ein siebenter Kegel umfiel.

Sieben also! triumphirte Hradscheck, der sich bei dem Wurf
augenscheinlich was gedacht hatte.

Sieben geht, fuhr er fort. Sieben ist gut. Kunicke, schiebe fr mich
und schreib' an. Will nur das Porto zahlen.

Und damit nahm er den Brieftrger unterm Arm und ging mit ihm von der
Gartenseite her ins Haus.

Das Kegeln setzte sich mittlerweile fort, wer aber Spiel und Gste
vergessen zu haben schien, war Hradscheck. Kunicke hatte schon zum
dritten Male statt seiner geschoben, und so wurde man endlich ungeduldig
und ri heftig an einem Klingeldraht, der nach dem Laden hineinfhrte.

Der Junge kam auch.

Hradscheck soll wieder antreten, Ede. Wir warten ja. Mach' flink!

Und sieh, gleich darnach erschien auch der Gerufene, hochroth und
aufgeregt, aber, allem Anscheine nach, mehr in heiterer als
verdrielicher Erregung. Er entschuldigte sich kurz, da er habe warten
lassen, und nahm dann ohne Weiteres eine Kugel, um zu schieben.

Aber Du bist ja gar nicht dran! schrie Kunicke. Himmelwetter, was ist
denn los? Und wie der Kerl aussieht! Entweder is ihm eine
Schwiegermutter gestorben oder er hat das groe Loos gewonnen.

Hradscheck lachte.

Nu, so rede doch. Oder sollst Du nach Berlin kommen und ein paar neue
Rapspressen einrichten? Hast ja neulich unserm Quaas erst vorgerechnet,
da er nichts von der l-Presse verstnde.

Hab' ich, und ist auch so. Nichts fr ungut, Ihr Herren, aber der Bauer
klebt immer am Alten.

Und die Gastwirthe sind immer frs Neue. Blos da nicht viel dabei
heraus kommt.

Wer wei!

Wer wei? Hre, Hradscheck, ich fange wirklich an zu glauben ... Oder
is es 'ne Erbschaft?

Is so was. Aber nicht der Rede werth.

Und von woher denn?

Von meiner Frau Schwester.

Bist doch ein Glckskind. Ewig sind ihm die gebratnen Tauben ins Maul
geflogen. Und aus dem Hildesheim'schen, sagst Du?

Ja, da so 'rum.

Na, da wird Reetzke drben froh sein. Er war schon ungeduldig.

Wei; er wollte klagen. Die Neu-Lewiner sind immer ngstlich und
Pfennigfuchser und knnen nicht warten. Aber er wird's nu wohl lernen
und sich anders besinnen. Mehr sag' ich nicht und pat sich auch nicht.
Man soll den Mund nicht voll nehmen. Und was ist am Ende solch bischen
Geld?

Geld ist nie ein bischen. Wie viel Nullen hat's denn?

Ach, Kinder, redet doch nicht von Nullen. Das Beste ist, da es nicht
viel Wirthschaft macht und da meine Frau nicht erst nach Hildesheim
braucht. Solche weite Reise, da geht ja gleich die Hlfte drauf. Oder
vielleicht auch das Ganze.

War es denn schon in dem Brief?

I, bewahre. Blos die Anzeige von meinem Schwager, und da das Geld in
Berlin gehoben werden kann. Ich schicke morgen meine Frau. Sie versauert
hier ohnehin.

Versteht sich, sagte Mietzel, der sich immer rgerte, wenn von dem
Versauern der Frau Hradscheck die Rede war. Versteht sich, la sie
nur reisen; Berlin, das ist so was fr die Frau Baronin. Und vielleicht
bringt sie Dir gleich wieder ein Atlassopha mit. Oder 'nen Trumeau. So
heit es ja wohl? Bei so was Feinem mu unserein immer erst fragen. Der
Bauer ist ja zu dumm.

                           *       *       *

Frau Hradscheck reiste wirklich ab, um die geerbte Summe von Berlin zu
holen, was schon im Voraus das Gerede der ebenso neidischen wie reichen
Bauernfrauen weckte, vor allen der Frau Quaas, die sich, ihrer
gekrausten blonden Haare halber, ganz einfach fr eine Schnheit hielt
und aus dem Umstande, da sie 20 Jahre jnger war als ihr Mann, ihr
Recht zu fast eben so vielen Liebschaften herleitete. Was gut aussah,
war ihr ein Dorn im Auge, zumeist aber die Hradscheck, die nicht nur
stattlicher und klger war als sie selbst, sondern zum berflu auch
noch in Verdacht stand (wenn auch freilich mit Unrecht), den ltesten
Kantorssohn -- einen wegen Demagogie relegirten Thunichtgut, der nun bei
dem Vater auf der Brenhaut lag -- zu Spottversen auf die Tschechiner und
ganz besonders auf die gute Frau Quaas angestiftet zu haben. Es war eine
lange Reimerei, drin jeder was wegkriegte. Der erste Vers aber lautete:

    Woytasch hat den Schulzen-Stock,
    Kunicke 'nen langen Rock,
    Mietzel ist ein Hobelspahn,
    Quaas hat keinem was gethan,
    Nicht mal seiner eignen Frau,
    Ktzchen wei es ganz genau.
    Miau, miau.

Dergleichen konnte nicht verziehen werden, am wenigsten solcher
Bettelperson wie dieser hergelaufenen Frau Hradscheck, die nun mal fr
die Schuldige galt. Das stand bei Ktzchen fest.

Ich wette, sagte sie zur Mietzel, als diese denselben Abend noch, an
dem die Hradscheck abgereist war, auf der lmhle vorsprach, ich wette,
da sie mit einem Sammthut und einer Strauenfeder wiederkommt. Sie kann
sich nie genug thun, diese zierige Person, trotz ihrer vierzig. Und
alles blos, weil sie 'Swein' sagt und nicht 'switzen' kann, auch wenn
sie drei Kannen Fliederthee getrunken. Sie sagt aber nicht Fliederthee,
sie sagt Hollunder. Und das soll denn was sein. Ach, liebe Mietzel, es
ist zum Lachen.

Ja, ja! stimmte die Mietzel ein, schien aber geneigt, die grere
Schuld auf Hradscheck zu schieben, der sich einbilde, Wunder was Feines
geheirathet zu haben. Und sei doch blos 'ne Kattolsche gewesen und
vielleicht auch 'ne Springerin; wenigstens habe sie so was munkeln
hren. Und berhaupt, der gute Hradscheck, fuhr sie fort, er soll
doch nur still sein. In Neu-Lewin reden sie nicht viel Gutes von ihm.
Die Rese hat er sitzen lassen. Und mit eins war sie weg und keiner wei
wie und warum. Und war auch von Ausgraben die Rede, bis unser alter
Woytasch 'rber fuhr und alles wieder still machte. Natrlich, er will
keinen Lrm haben und is 'ne Suse. Zu Hause darf er ohnehin nicht reden.
Oder ob er der Hradschecken nach den Augen sieht? Sie hat so was. Und
ich sage blos, wenn wir alles hergelaufene Volk ins Dorf kriegen, so
haben wir nchstens auch die Zigeuner hier und Frau Woytasch kann sich
dann nach 'nem Schwiegersohn umsehn. Zeit wird es mit der Rike; dreiig
is sie ja schon.

So ging gleich am ersten Tage das Geklatsch. Als aber eine halbe Woche
spter die Hradscheck gerade so wieder kam, wie sie gegangen war, das
heit ohne Sammthut und Strauenfeder, und noch ebenso grte, ja
womglich noch artiger als vorher, da trat ein Umschlag ein, und man
fing an, sie gelten zu lassen und sich einzureden, da die Erbschaft sie
verndert habe.

Man sieht doch gleich, sagte die Quaas, da sie jetzt was haben.
Sonst sollte das immer was sein, und sie logen einen grausam an, und war
eigentlich nicht zum Aushalten. Aber gestern war sie anders und sagte
ganz klein und bescheiden, da es nur wenig sei.

Wie viel mag es denn wohl sein? unterbrach hier die Mietzel. Ich
denke mir so tausend Thaler.

O mehr, viel mehr. Wenn es nicht mehr wre, wre sie nicht _so_; da
zierte sie sich ruhig weiter. Nein, liebe Mietzel, da hat man denn doch
so seine Zeichen, und denken Sie sich, als ich sie gestern frug, 'ob es
ihr nicht ngstlich gewesen wre, so ganz allein mit dem vielen Geld',
da sagte sie: 'nein, es wr' ihr nicht ngstlich gewesen, denn sie habe
nur wenig mitgebracht, eigentlich nicht der Rede werth. Das Meiste habe
sie bei dem Kaufmann in Berlin gleich stehen lassen.' Ich wei ganz
bestimmt, sie sagte: das Meiste. So wenig kann es also nicht sein.

                           *       *       *

Unterredungen, wie diese, wurden ein paar Wochen lang in jedem
Tschechiner Hause gefhrt, ohne da man mit Hilfe derselben im
Geringsten weiter gekommen wre, wehalb man sich schlielich hinter den
Postboten steckte. Dieser aber war entweder schweigsam oder wute
nichts, und erst Mitte November erfuhr man von ihm, da er neuerdings
einen rekommandirten Brief bei den Hradschecks abgegeben habe.

Von woher denn?

Aus Krakau.

Man berlegte sich's, ob das in irgend einer Beziehung zur Erbschaft
stehen knne, fand aber nichts.

Und war auch nichts zu finden. Denn der eingeschriebene Brief lautete:


                                      _Krakau_, den 9.November 1831.

Herrn _Abel Hradscheck_ in Tschechin. Oderbruch.

Ew. Wohlgeboren bringen wir hiermit zu ganz ergebenster Kenntni, da
unser Reisender, Herr Szulski, wie alljhrlich so auch in diesem Jahre
wieder, in der letzten Novemberwoche, bei Ihnen eintreffen und Ihre
weitern geneigten Auftrge in Empfang nehmen wird. Zugleich aber
gewrtigen wir, da Sie, hochgeehrter Herr, bei dieser Gelegenheit
Veranlassung nehmen wollen, unsre seit drei Jahren anstehende Forderung
zu begleichen. Wir rechnen um so bestimmter darauf, als es uns, durch
die politischen Verhltnisse des Landes und den Rckschlag derselben auf
unser Geschft, unmglich gemacht wird, einen ferneren Kredit zu
bewilligen. Genehmigen Sie die Versicherung unserer Ergebenheit.

                Olszewski-Goldschmidt & Sohn.


Hradscheck, als er diesen Brief empfangen hatte, hatte nicht gesumt,
auch seine Frau mit dem Inhalte desselben bekannt zu machen. Diese blieb
anscheinend ruhig, nur um ihre Lippen flog ein nervses Zittern.

Wo willst Du's hernehmen, Abel? Und doch mu es geschafft werden. Und
ihm eingehndigt werden ... Und zwar vor Zeugen. Willst Du's borgen?

Er schwieg.

Bei Kunicke?

Nein. Geht nicht. Das sieht aus nach Verlegenheit. Und die darf es nach
der Erbschaftsgeschichte nicht mehr geben. Und giebt's auch nicht. Ich
glaube, da ich's schaffe.

Gut. Aber wie?

Bis zum 30.hab' ich noch die Feuerkassengelder.

Die reichen nicht.

Nein. Aber doch beinah. Und den Rest deck' ich mit einem kleinen
Wechsel. Ein groer geht nicht, aber ein kleiner ist gut und eigentlich
besser als baar.

Sie nickte.

Dann trennte man sich, ohne da weiter ein Wort gewechselt worden wre.

Was zwischen ihnen zu sagen war, war gesagt und jedem seine Rolle
zugetheilt. Nur fanden sie sich sehr verschieden hinein, wie schon die
nchste Minute zeigen sollte.

Hradscheck, voll Beherrschung ber sich selbst, ging in den Laden, der
gerade voll hbscher Bauernmdchen war, und zupfte hier der einen am
Busentuch, whrend er der andern die Schrzenbnder aufband. Einer Alten
aber gab er einen Ku. Einen Ku in Ehren darf niemand wehren -- nich
wahr, Mutter Schickedanz?

Mutter Schickedanz lachte.

Der _Frau_ Hradscheck aber fehlten die guten Nerven, deren ihr Gatte
sich rhmen konnte. Sie ging in ihr Schlafzimmer, sah in den Garten und
berschlug ihr Leben. Dabei murmelte sie halb unverstndliche Worte vor
sich hin und schien, den Bewegungen ihrer Hand nach, einen Rosenkranz
abzubeten. Aber es half alles nichts. Ihr Athem blieb schwer, und sie
ri endlich das Fenster auf, um die frische Luft einzusaugen.

So vergingen Stunden. Und als Mittag kam, kamen nur Hradscheck und Ede
zu Tisch.




                                  V.


Es war Ende November, als an einem nakalten Abende der von der Krakauer
Firma angekndigte Reisende vor Hradscheck's Gasthof vorfuhr. Er kam von
Kstrin und hatte sich um ein paar Stunden versptet, weil die vom Regen
aufgeweichten Bruchwege beinah unpassirbar gewesen waren, am meisten im
Dorfe selbst. Noch die letzten dreihundert Schritt von der Orth'schen
Windmhle her hatten ein gut Stck Zeit gekostet, weil das ermdete
Pferd mitunter stehen blieb und trotz allem Fluchen nicht weiter wollte.
Jetzt aber hielt der Reisende vor der Ladenthr, durch deren trbe
Scheiben ein Lichtschein auf den Damm fiel, und knipste mit der
Peitsche.

Halloh; Wirthschaft!

Eine Weile verging, ohne da wer kam. Endlich erschien der Ladenjunge,
lief aber, als er den Tritt heruntergeklappt hatte, gleich wieder weg,
weil er den Knecht, den Jakob, rufen wolle.

Gut, gut. Aber flink ... Is das ein Hundewetter!

Unter solchen und hnlichen Ausrufungen schlug der jetzt wieder allein
gelassene Reisende das Schutzleder zurck, hing den Zgel in den
freigewordenen Haken und kletterte, halb erstarrt und unter Vermeidung
des Tritts, dem er nicht recht zu trauen schien, ber das Rad weg auf
eine leidlich trockene, grad' vor dem Laden-Eingange durch Aufschttung
von Mll und Schutt hergerichtete Stelle. Wolfsschur und Pelzmtze
hatten ihm Kopf und Leib geschtzt, aber die Fe waren wie todt, und er
stampfte hin und her, um wieder Leben ins Blut zu bringen.

Und jetzt erschien auch Jakob, der den Reisenden schon von frher her
kannte.

Jott, Herr Szulski, bi so'n Wetter! Un so'ne Weg'! I, doa kmmt joa
keen Dwel nich.

Aber ich, lachte Szulski.

Joa, blot _Se_, Herr Szulski. Na, nu geihen's man in de Stuw'. Un dat
Fellisen besorg' ick. Un will ook glieks en beten wat inbten. Ick weet
joa: de Giebelstuw, de geele, de noah de Kegelboahn to.

Whrend er noch so sprach, hatte Jakob den Koffer auf die Schulter
genommen und ging, dem Reisenden vorauf, auf die Treppe zu; als er aber
sah, da Szulski, statt nach links hin in den Laden, nach rechts hin in
das Hradscheck'sche Wohnzimmer eintreten wollte, wandt' er sich wieder
und sagte: Nei, nich doa, Herr Szulski. Hradscheck is in de Wienstuw
... Se weeten joa.

Sind denn Gste da?

Versteiht sich. Wat arme Ld' sinn, na, de bliewen to Huus, awers
Oll-Kunicke kmmt, un denn kmmt Orth ook. Un wenn Orth kmmt, denn
kmmt ook Quaas un Mietzel. Geihen's man in. Se tempeln all wedder.

                           *       *       *

Eine Stunde spter war der Reisende, Herr Szulski, der eigentlich ein
einfacher Schulz aus Beuthen in Oberschlesien war und den National-Polen
erst mit dem polnischen Sammtrock sammt Schnren und Knebelknpfen
angezogen hatte, der Mittelpunkt der kleinen, auch heute wieder in der
Weinstube versammelten Tafelrunde. Das Geschftliche war in Gegenwart
von Quaas und Kunicke rasch abgemacht und die hochaufgelaufene
Schuldsumme, ganz wie gewollt, durch Baarzahlung und kleine Wechsel
beglichen worden, was dem Pseudo-Polen, der eine so rasche Regulirung
kaum erwartet haben mochte, Veranlassung gab, einiges von dem von seiner
Firma gelieferten Ruster bringen zu lassen.

Ich kenne die Jahrgnge, meine Herren, und bitt' um die Ehr'.

Die Bauern stutzten einen Augenblick, sich so zu Gaste geladen zu sehen,
aber sich rasch erinnernd, da einige von ihnen bis ganz vor Kurzem noch
zu den Kunden der Krakauer Firma gehrt hatten, sahen sie das Anerbieten
schlielich als einen bloen Geschftsakt an, den man sich gefallen
lassen knne. Was aber den Ausschlag gab, war, da man durchaus von dem
eben beendigten polnischen Aufstand hren wollte, von Diebitsch und
Paskewitsch, und vor allem, ob es nicht bald wieder losgehe.

Szulski, wenn irgendwer, mute davon wissen.

Als er das vorige Mal in ihrer Mitte weilte, war es ein paar Wochen vor
Ausbruch der Insurrektion gewesen. Alles, was er damals als nahe
bevorstehend prophezeit hatte, war eingetroffen und lag jetzt zurck,
Ostrolenka war geschlagen und Warschau gestrmt, welchem Sturme der
zufllig in der Hauptstadt anwesende Szulski zum Mindesten als
Augenzeuge, vielleicht auch als Mitkmpfer (er lie dies vorsichtig im
Dunkel) beigewohnt hatte. Das alles traf sich trefflich fr unsere
Tschechiner, und Szulski, der als guter Weinreisender natrlich auch ein
guter Erzhler war, schwelgte frmlich in Schilderung der polnischen
Heldenthaten, wie nicht minder in Schilderung der Grausamkeiten, deren
sich die Russen schuldig gemacht hatten. Eine Haus-Erstrmung in der
Dlugastrae, just da, wo diese mit ihren zwei schmalen Auslufern die
Weichsel berhrt, war dabei sein Paradepferd.

Wie hie die Strae? fragte Mietzel, der nach Art aller verquienten
Leute bei Kriegsgeschichten immer hochroth wurde.

Dlugastrae, wiederholte Szulski mit einer gewissen geknstelten Ruhe.
Dluga, Herr Mietzel. Und das Eckhaus, um das es sich in meiner
Geschichte handelt, stand dicht an der Weichsel, der Vorstadt Praga
grad' gegenber, und war von unseren Akademikern und Polytechnikern
besetzt, das heit von den Wenigen, die von ihnen noch brig waren, denn
die meisten lagen lngst drauen auf dem Ehrenfelde. Gleichviel inde,
was von ihnen noch lebte, das steckte jetzt in dem vier Etagen hohen
Hause, von Treppe zu Treppe bis unters Dach. Auf dem abgedeckten Dach
aber befanden sich Frauen und Kinder, die sich hier hinter Balkenlagen
verschanzt und mit herangeschleppten Steinen bewaffnet hatten. Als nun
die Russen, es war das Regiment Kaluga, bis dicht heran waren, rhrten
sie die Trommel zum Angriff. Und so strmten sie dreimal, immer umsonst,
immer mit schwerem Verlust, so dicht fiel der Steinhagel auf sie nieder.
Aber das vierte Mal kamen sie bis an die verrammelte Thr, stieen sie
mit Kolben ein und sprangen die Treppe hinauf. Immer hher zogen sich
unsere Tapferen zurck, bis sie zuletzt, mit den Frauen und Kindern und
im bunten Durcheinander mit diesen, auf dem abgedeckten Dache standen.
Da sah ich jeden Einzelnen so deutlich vor mir, wie ich _Sie_ jetzt
sehe, Bauer Mietzel -- dieser fuhr zurck -- denn ich hatte meine
Wohnung in dem Hause gegenber und sah, wie sie die Konfederatka
schwenkten, und hrte, wie sie unser Lied sangen: 'Noch ist Polen nicht
verloren.' Und bei meiner Ehre, _hier_, an dieser Stelle, htten sie
sich trotz aller bermacht des Feindes gehalten, wenn nicht pltzlich,
von der Seite her, ein Hmmern und Schlagen hrbar geworden wre, ein
Hmmern und Schlagen sag' ich, wie von xten und Beilen.

Wie? Was? Von xten und Beilen? wiederholte Mietzel, dem sein bischen
Haar nachgerade zu Berge stand. Was war es?

Ja, was war es? Vom Nachbarhause her ging man vor; jetzt war ein Loch
da, jetzt eine Bresche, und durch die Bresche hin drang das russische
Regiment auf den Dachboden vor. Was ich da gesehen habe, spottet jeder
Beschreibung. Wer einfach niedergeschossen wurde, konnte von Glck
sagen, die meisten aber wurden durch einen Bajonettsto auf die Strae
geschleudert. Es war ein Graus, meine Herren. Eine Frau wartete das
Massacre, ja, vielleicht Schimpf und Entehrung (denn dergleichen ist
vorgekommen) nicht erst ab; sie nahm ihre beiden Kinder an die Hand und
strzte sich mit ihnen in den Flu.

Alle Wetter, sagte Kunicke, das ist stark! Ich habe doch auch ein
Stck Krieg mitgemacht und wei wohl, wo man Holz fllt, fallen Sphne.
So war es bei Mckern, und ich sehe noch unsren alten Krosigk, wie der
den Marinekaptn ber den Haufen stach, und wie dann das Kolbenschlagen
losging, bis alle dalagen. Aber Frauen und Kinder! Alle Wetter, Szulski,
das ist scharf. Is es denn auch wahr?

Ob es wahr ist? Verzeihung, ich bin kein Aufschneider, Herr Kunicke.
Kein Pole schneidet auf, das verachtet er. Und ich auch. Aber was ich
gesehn habe, das hab' ich gesehn, und eine Thatsache bleibt eine
Thatsache, sie sei wie sie sei. Die Dame, die da herunter sprang (und
ich schwr' Ihnen, meine Herren, es _war_ eine Dame), war eine schne
Frau, keine 36, und so wahr ein Gott im Himmel lebt, ich htt' ihr was
Bessres gewnscht, als diese nakalte Weichsel.

Kunicke schmunzelte, whrend der neben anderen Schwchen und Leiden auch
an einer Liebesader leidende Mietzel nicht umhin konnte, seiner nervsen
Erregtheit pltzlich eine ganz neue Richtung zu geben. Szulski selbst
aber war viel zu sehr von sich und seiner Geschichte durchdrungen, um
nebenher noch zu Zweideutigkeiten Zeit zu haben, und fuhr, ohne sich
stren zu lassen, fort: Eine schne Frau, sagt' ich, und hingemordet.
Und was das Schlimmste dabei, nicht hingemordet durch den Feind, nein,
durch uns selbst; hingemordet, weil wir verrathen waren. Htte man uns
freie Hand gelassen, kein Russe wre je ber die Weichsel gekommen. Das
Volk war gut, Brger und Bauer waren gut, alles einig, alles da mit Gut
und Blut. Aber der Adel! Der Adel hat uns um dreiig Silberlinge
verschachert, blo weil er an sein Geld und seine Gter dachte. Und wenn
der Mensch erst an sein Geld denkt, ist er verloren.

Kann ich nicht zugeben, sagte Kunicke. Jeder denkt an sein Geld. Alle
Wetter, Szulski, das sollt' unsrem Hradscheck schon gefallen, wenn der
Reisende von Olszewski-Goldschmidt und Sohn alle November hier
vorsprch' und nie an Geld dchte. Nicht wahr, Hradscheck, da liee sich
bald auf einen grnen Zweig kommen und brauchte keine Schwester oder
Schwgerin zu sterben und keine Erbschaft ausgezahlt zu werden.

Ah, Erbschaft, wiederholte Szulski. So, so; daher. Nun, gratulire.
Habe neulich auch einen Brocken geerbt und in Lemberg angelegt. Lemberg
ist besser als Krakau. Ja, das mu wahr sein, Erbschaft ist die beste
Art zu Gelde zu kommen, die beste und eigentlich auch die
anstndigste...

Und namentlich auch die leichteste, besttigte Kunicke. Ja, das liebe
Geld. Und wenn's viel ist, das heit _sehr_ viel, dann darf man auch
dran denken! Nicht wahr, Szulski?

Natrlich, lachte dieser. Natrlich, wenn's viel ist. Aber, Bauer
Kunicke, denken und denken ist ein Unterschied. Man mu _wissen_, da
man's hat, soviel ist richtig, das ist gut und ein angenehmes Gefhl und
strt nicht...

Nein, nein, strt nicht.

Aber, meine Herren, ich mu es wiederholen, denken und denken ist ein
Unterschied. An Geld _immer_ denken, bei Tag und bei Nacht, das ist
soviel, wie sich immer drum ngstigen. Und ngstigen soll man sich
nicht. Wer auf Reisen ist und immer an seine Frau denkt, der ngstigt
sich um seine Frau.

Freilich, schrie Kunicke. Quaas ngstigt sich auch immer.

Alle lachten unbndig, und nur Szulski selbst, der auch darin durchaus
Anekdoten- und Geschichten-Erzhler von Fach war, da er sich nicht gern
unterbrechen lie, fuhr mit allem erdenklichen Ernste fort: Und wie mit
der Frau, meine Herren, so mit dem Geld. Nur nicht ngstlich; haben mu
man's, aber man mu nicht ewig daran denken. Oft mu ich lachen, wenn
ich so sehe, wie der oder jener im Postwagen oder an der Table d'hte
mit einem Male nach seiner Brieftasche fat, 'ob er's auch noch hat'.
Und dann athmet er auf und ist ganz roth geworden. Das ist immer
lcherlich und schadet blos. Und auch das Einnhen hilft nichts, das ist
ebenso dumm. Ist der Rock weg, ist auch das Geld weg. Aber was man auf
seinem Leibe hat, das hat man. All die andern Vorsichten sind Unsinn.

Recht so, sagte Hradscheck. So mach' ich's auch. Aber wir sind bei
dem Geld und dem Einnhen ganz von Polen abgekommen. Ist es denn wahr,
Szulski, da sie Diebitschen vergiftet haben?

Versteht sich, es ist wahr.

Und die Geschichte mit den elf Talglichten auch? Auch wahr?

Alles wahr, wiederholte Szulski. Daran ist kein Zweifel. Und es kam
so. Constantin wollte die Polen rgern, weil sie gesagt hatten, die
Russen fren blo Talg. Und da lie er, als er eines Tages elf Polen
eingeladen hatte, zum Dessert elf Talglichte herumreichen, das zwlfte
aber war von Marzipan und natrlich fr ihn. Und versteht sich nahm er
immer zuerst, dafr war er Grofrst und Viceknig. Aber das eine Mal
vergriff er sich doch und da hat er's runter wrgen mssen.

Wird nicht sehr glatt gegangen sein.

Gewi nicht ... Aber, Ihr Herren, kennt Ihr denn schon das neue
Polenlied, das sie jetzt singen?

Denkst Du daran----

Nein, das ist alt. Ein neues.

Und heit?

Die letzten Zehn vom vierten Regiment ... Wollt Ihr's hren? Soll ich
es singen?

Freilich.

Aber Ihr mt einfallen...

Versteht sich, versteht sich.

Und nun sang Szulski, nachdem er sich geruspert hatte:

    Zu Warschau schwuren tausend auf den Knieen:
    Kein Schu im heil'gen Kampfe sei gethan,
    Tambour schlag' an, zum Blachfeld lat uns ziehen,
    Wir greifen nur mit Bajonetten an!
    Und ewig kennt das Vaterland und nennt
    Mit stillem Schmerz sein _viertes_ Regiment.

Einfallen! Chorus. Weiter, Szulski, weiter.

    Ade, ihr Brder, die zu Tod getroffen
    An unsrer Seite dort wir strzen sahn,
    Wir leben noch, die Wunden stehen offen
    Und um die Heimath ewig ist's gethan;
    Herr Gott im Himmel, schenk' ein gndig End'
    Uns letzten Zehn vom vierten Regiment.

Chorus:

    Uns letzten Zehn vom vierten Regiment.

Alles jubelte. Dem alten Quaas aber traten seine schon von Natur
vorstehenden Augen immer mehr aus dem Kopf.

Wenn ihn jetzt seine Frau she, rief Kunicke.

Da htt' er Oberwasser.

Ja, ja.

Und nun stie man an und lie die Polen leben. Nur Kunicke, der an
#anno#13 dachte, weigerte sich und trank auf die Russen. Und zuletzt
auch auf Quaas und Ktzchen.

Mietzel aber war ganz bermthig und halb wie verdreht geworden und
sang, als er Ktzchens Namen hrte, mit einem Male:

    Nicht mal seiner eignen Frau,
    Ktzchen wei es ganz genau.
    Miau.

Quaas sah verlegen vor sich hin. Niemand indessen dachte mehr an
belnehmen.

Und nun wurde der Ladenjunge gerufen, um neue Flaschen zu bringen.




                                  VI.


So ging es bis Mitternacht. Der schrg gegenber wohnende Kunicke wollte
noch bleiben und machte spitze Reden, da Szulski, der schon ein paarmal
zum Aufbruch gemahnt, so mde sei. Der aber lie sich weder durch Spott
noch gute Worte lnger zurck halten; er msse morgen um neun in
Frankfurt sein. Und damit nahm er den bereitstehenden Leuchter, um in
seine Giebelstube hinaufzusteigen. Nur als er die Thrklinke schon in
der Hand hatte, wandt' er sich noch einmal und sagte zu Hradscheck:
Also vier Uhr, Hradscheck. Um fnf mu ich weg. Und versteht sich, ein
Kaffee. Guten Abend, Ihr Herren. Allerseits wohl zu ruhn!

                           *       *       *

Auch die Bauern gingen; ein starker Regen fiel und alle fluchten ber
das scheuliche Wetter. Aber keine Stunde mehr, so schlug es um, der
Regen lie nach und ein heftiger Sdost fegte statt seiner ber das
Bruch hin. Seine Heftigkeit wuchs von Minute zu Minute, so da allerlei
Schaden an Husern und Dchern angerichtet wurde, nirgends aber mehr als
an dem Hause der alten Jeschke, das grad' in dem Windstrome lag, der,
von der andern Seite der Strae her, zwischen Kunicke's Stall und
Scheune mitten durchfuhr. Klappernd kamen die Ziegel vom Dachfirst
herunter und schlugen mit einem dumpfen Geklatsch in den aufgeweichten
Boden.

Dat's joa groad', as ob de Bs kmmt, sagte die Alte und richtete sich
in die Hh', wie wenn sie aufstehen wolle. Das Herausklettern aus dem
hochstelligen Bett aber schien ihr zu viel Mhe zu machen, und so
klopfte sie nur das Kopfkissen wieder auf und versuchte weiter zu
schlafen. Freilich umsonst. Der Lrm drauen und die wachsende Furcht,
ihren ohnehin schadhaften Schornstein in die Stube hinabstrzen zu sehn,
lieen sie mit ihrem Versuche nicht weit kommen, und so stand sie
schlielich doch auf und tappte sich an den Herd hin, um hier an einem
bischen Aschengluth einen Schwefelfaden und dann das Licht anzuznden.
Zugleich warf sie reichlich Kienpfel auf, an denen sie nie Mangel litt,
seit sie letzten Herbst dem vierjhrigen Jungen von Frster Nothnagel,
drben in der neumrkischen Haide, das freiwillige Hinken wegkurirt
hatte.

Das Licht und die Wrme thaten ihr wohl, und als es ein paar Minuten
spter in dem immer bereit stehenden Kaffeetopfe zu dampfen und zu
brodeln anfing, hockte sie neben dem Herde nieder und verga ber ihrem
Behagen den Sturm, der drauen heulte. Mit einem Mal aber gab es einen
Krach, als brche was zusammen, ein Baum oder ein Strauchwerk, und so
ging sie denn mit dem Licht ans Fenster und, weil das Licht hier
blendete, vom Fenster her in die Kche, wo sie den obern Thrladen rasch
aufschlug, um zu sehn, was es sei. Richtig, ein Theil des Gartenzauns
war umgeworfen, und als sie das niedergelegte Stck nach links hin bis
an das Kegelhuschen verfolgte, sah sie, zwischen den Pfosten der
Lattenrinne hindurch, da in dem Hradscheck'schen Hause noch Licht war.
Es flimmerte hin und her, mal hier, mal da, so da sie nicht recht sehen
konnte, woher es kam, ob aus dem Kellerloch unten oder aus dem dicht
darber gelegenen Fenster der Weinstube.

Mien Jott, supen se noch? fragte die Jeschke vor sich hin. Na,
Kunicke is et kumpafel. Un dann seggt he hinnerher, dat Wedder wihr
Schull un he knn nich anners.

Unter dieser Betrachtung schlo sie den Thrladen wieder und ging an
ihre Herdsttte zurck. Aber ihr Hang zu spioniren lie ihr keine Ruh,
und trotzdem der Wind immer strker geworden war, suchte sie doch die
Kche wieder auf und ffnete den Laden noch einmal, in der Hoffnung 'was
zu sehen. Eine Weile stand sie so, ohne da etwas geschehen wre, bis
sie, als sie sich schon zurckziehn wollte, drben pltzlich die
Hradscheck'sche Gartenthr auffliegen und Hradscheck selbst in der
Thrffnung erscheinen sah. Etwas Dunkles, das er schon vorher
herangeschafft haben mute, lag neben ihm. Er war in sichtlicher
Erregung und sah gespannt nach ihrem Hause hinber. Und dann war's ihr
doch wieder, als ob er wolle, _da_ man ihn she. Denn wozu sonst das
Licht, in dessen Flackerschein er dastand? Er hielt es immer noch vor
sich, es mit der Hand schtzend, und schien zu schwanken, wohin damit.
Endlich aber mut' er eine geborgene Stelle gefunden haben, denn das
Licht selbst war weg und statt seiner nur noch ein Schein da, viel zu
schwach, um den nach wie vor in der Thrffnung liegenden dunklen
Gegenstand erkennen zu lassen. Was war es? Eine Truhe? Nein. Dazu war es
nicht lang genug. Oder ein Korb, eine Kiste? Nein, auch das nicht.

Wat he man hett? murmelte sie vor sich hin.

Aber ehe sie sich, aus ihren Muthmaungen heraus, ihre Frage noch
beantworten konnte, sah sie, wie der ihr auf Minuten aus dem Auge
gekommene Hradscheck von der Thr her in den Garten trat und mit einem
Spaten in der Hand rasch auf den Birnbaum zuschritt. Hier grub er eifrig
und mit sichtlicher Hast und mute schon ein gut Theil Erde
herausgeworfen haben, als er mit einem Male das Graben aufgab und sich
aufs Neue nach allen Seiten hin umsah. Aber auch jetzt wieder (so
wenigstens schien es ihr) mehr in Spannung als in Angst und Sorge.

Wat he man hett? wiederholte sie.

Dann sah sie, da er das Loch rasch wieder zuschttete. Noch einen
Augenblick und die Gartenthr schlo sich und alles war wieder dunkel.

Hm, brummte die Jeschke. Dat's joa binoah, as ob he een' abmurkst
hett'. Na, so dull wahrd et joa woll nich sinn ... Nei, nei, denn wihr
dat Licht nich. Awers ick tru em nich. Un ehr tru ick ook nich.

Und damit ging sie wieder bis an ihr Bett und kletterte hinein.

Aber ein rechter Schlaf wollt' ihr nicht mehr kommen, und in ihrem
halbwachen Zustande sah sie bestndig das Flimmern im Kellerloch und
dann den Lichtschein, der in den Garten fiel, und dann wieder
Hradscheck, wie er unter dem Baume stand und grub.




                                 VII.


Um vier Uhr stieg der Knecht die Stiege hinauf, um Szulski zu wecken. Er
fand aber die Stube verschlossen, weshalb er sich begngte zu klopfen
und durch das Schlsselloch hineinzurufen: Is vier, Herr Szulski;
steihn's upp. Er horchte noch eine Weile hinein, und als alles ruhig
blieb, ri er an der klapprigen Thrklinke hin und her und wiederholte:
Steihn's upp, Herr Szulski, is Tied; ick spann nu an. Und danach ging
er wieder treppab und durch den Laden in die Kche, wo die
Hradscheck'sche Magd, eine gutmthige Person mit krausem Haar und vielen
Sommersprossen, noch halb verschlafen am Herde stand und Feuer machte.

Na, Maleken, ook all rut? Wat seggst _Du_ dato? Klock vieren. Is doch
Menschenschinnerei. Wormm nich um sss? Um sss wihr ook noch Tied. Na,
nu koch' uns man en beten wat mit.

Und damit wollt' er von der Kche her in den Hof hinaus. Aber der Wind
ri ihm die Thr aus der Hand und schlug sie mit Gekrach wieder zu.

Jott, Jakob, ick hebb mi so verfiert. Dat knn joa 'nen Doden
uppwecken.

Sall ook, Male. He hett joa 'nen Dodensloap. Nu wahrd he woll
uppstoahn.

Eine halbe Stunde spter hielt der Einspnner vor der Hausthr und
Jakob, dem die Hnde vom Leinehalten schon ganz klamm waren, sah
ungeduldig in den Flur hinein, ob der Reisende noch nicht komme.

Der aber war immer noch nicht zu sehen, und statt seiner erschien nur
Hradscheck und sagte: Geh hinauf, Jakob, und sieh nach, was es ist. Er
ist am Ende wieder eingeschlafen. Und sag' ihm auch, sein Kaffee wrde
kalt ... Aber nein, la nur; bleib. Er wird schon kommen.

Und richtig, er kam auch und stieg, whrend Hradscheck so sprach, gerade
die nicht allzuhohe Treppe hinunter. Diese lag noch in Dunkel, aber ein
Lichtschimmer vom Laden her lie die Gestalt des Fremden doch
einigermaen deutlich erkennen. Er hielt sich am Gelnder fest und ging
mit besonderer Langsamkeit und Vorsicht, als ob ihm der groe Pelz
unbequem und beschwerlich sei. Nun aber war er unten, und Jakob, der
alles neugierig verfolgte, was vorging, sah, wie Hradscheck auf ihn
zuschritt und ihn mit vieler Artigkeit vom Flur her in die Wohnstube
hinein komplimentirte, wo der Kaffee schon seit einer Viertelstunde
wartete.

Na, nu wahrd et joa woll wihr'n, trstete sich der drauen immer
ungeduldiger Werdende. Kmmt Tied, kmmt Roath. Und wirklich, ehe fnf
Minuten um waren, erschien das Paar wieder auf dem Flur und trat von
diesem her auf die Strae, wo der verbindliche Hradscheck nunmehr rasch
auf den Wagen zuschritt und den Tritt herunter lie, whrend der
Reisende, trotzdem ihm die Pelzmtze tief genug im Gesicht sa, auch
noch den Kragen seiner Wolfsschur in die Hhe klappte.

Das ist recht, sagte Hradscheck. Besser bewahrt, als beklagt. Und nun
mach flink, Jakob, und hole den Koffer.

Dieser that auch wie befohlen, und als er mit dem Mantelsack wieder
unten war, sa der Reisende schon im Wagen und hatte den von ihm als
Trinkgeld bestimmten Gulden vor sich auf das Spritzleder gelegt. Ohne
was zu sagen, wies er darauf hin und nickte nur, als Jakob sich
bedankte. Dann nahm er die Leine ziemlich ungeschickt in die Hand, woran
wohl die groen Pelzhandschuhe schuld sein mochten, und fuhr auf das
Orth'sche Gehft und die schattenhaft am Dorfausgange stehende Mhle zu.
Diese ging nicht; der Wind wehte zu heftig.

Hradscheck sah dem auf dem schlechten Wege langsam sich fortbewegenden
Fuhrwerk eine Weile nach, sein Kopf war unbedeckt und sein sprlich
blondes Haar flog ihm um die Stirn. Es war aber, als ob die Khlung ihn
erquicke. Als er wieder in den Flur trat, fand er Jakob, der sich das
Guldenstck ansah.

Gefllt Dir wohl? Einen Gulden giebt nicht jeder. Ein feiner Herr!

Dat sall woll sien. Awers wormm he man so still wihr? He seggte joa
keen Wuhrt nich.

Nein, er hatte wohl noch nicht ausgeschlafen, lachte Hradscheck. Is
ja erst fnf.

Versteiht sich. Klock feiv red' ick ook nich veel.




                                 VIII.


Der Wind hielt an, aber der Himmel klrte sich, und bei hellem
Sonnenschein fuhr um Mittag ein Jagdwagen vor dem Tschechiner Gasthause
vor. Es war der Friedrichsauer Amtsrath; Trakehner Rapphengste, der
Kutscher in Livre. Hradscheck erschien in der Ladenthr und grte
respektvoll, fast devot.

Tag, lieber Hradscheck; bringen Sie mir einen 'Luft' oder lieber gleich
zwei; mein Kutscher wird auch nichts dagegen haben. Nicht wahr, Johann?
Eine wahre Hundeklte. Und dabei diese Sonne.

Hradscheck verbeugte sich und rief in den Laden hinein: Zwei
Pfefferminz, Ede; rasch! und wandte sich dann mit der Frage zurck,
womit er sonst noch dienen knne?

_Mir_ mit nichts, lieber Hradscheck, aber andren Leuten. Oder
wenigstens der Obrigkeit. Da liegt ein Fuhrwerk unten in der Oder,
wahrscheinlich fehlgefahren und in der Dunkelheit vom Damm gestrzt.

Wo, Herr Amtsrath?

Hier gleich. Keine tausend Schritt hinter Orth's Mhle.

Gott im Himmel, ist es mglich! Aber wollen der Herr Amtsrath nicht
bei Schulze Woytasch mit vorfahren?

Kann nicht, Hradscheck; ist mir zu sehr aus der Richt. Der Reitweiner
Graf erwartet mich und habe mich schon versptet. Und zu helfen ist
ohnehin nicht mehr, soviel hab' ich gesehn. Aber alles mu doch seinen
Schick haben, auch Tod und Unglck. Adieu ... Vorwrts!

Und damit gab er dem Kutscher einen Tipp auf die Schulter, der seine
Trakehner wieder antrieb und wenigstens einen Versuch machte, trotz der
grundlosen Wege das Versumte nach Mglichkeit wieder einzubringen.

                           *       *       *

Hradscheck machte gleich Lrm und schickte Jakob zu Schulze Woytasch,
whrend er selbst zu Kunicke hinber ging, der eben seinen Mittagsschlaf
hielt.

Str' Dich nicht gern um diese Zeit, Kunicke; Schlaf ist mir allemal
heilig, und nun gar Deiner! Aber es hilft nichts, wir mssen hinaus. Der
Friedrichsauer Amtsrath war eben da und sagte mir, da ein Fuhrwerk in
der Oder liege. Mein Gott, wenn es Szulski wre!

Wird wohl, ghnte Kunicke, dem der Schlaf noch in allen Gliedern
steckte, wird wohl ... Aber er wollte ja nicht hren, als ich ihm
gestern Abend sagte: 'nicht so frh, Szulski, nicht so frh...' Denke
doch blos voriges Jahr, wie die Post 'runter fiel und der arme Kerl von
Postillon gleich mausetodt. Und der kannte doch unsern Damm! Und nu
solch Pohlscher, solch Bruder Krakauer. Na, wir werden ja sehn.

Inzwischen hatte sich Kunicke zurecht gemacht und war erst in hohe
Bruchstiefel und dann in einen dicken graugrnen Flausrock
hineingefahren. Und nun nahm er seine Mtze vom Riegel und einen
Pikenstock aus der Ecke.

Komm!

Damit traten er und Hradscheck vom Flur her auf die Treppenrampe hinaus.

Der Wind blies immer strker, und als Beide, so gut es ging, von oben
her sich umsahen, sahen sie, da Schulze Woytasch, der schon anderweitig
von dem Unglck gehrt haben mute, die Dorfstrae herunter kam. Er
hatte seine Ponies, brillante kleine Traber, einspannen lassen und fuhr,
aller Polizeiregel zum Trotz, ber den aufgeschtteten Gangweg hin, was
er sich als Dorfobrigkeit schon erlauben konnte. Zudem durft' er sich
mit Dringlichkeit entschuldigen. Als er dicht an Kunicke's Rampe heran
war, hielt er und rief Beiden zu: Wollt auch hinaus? Natrlich. Immer
aufsteigen. Aber rasch. Und im nchsten Augenblicke ging es auf dem
aufgeschtteten Wege in vollem Trabe weiter, auf Orth's Gehft und die
Mhle zu. Hradscheck sa vorn neben dem Kutscher, Kunicke neben dem
Schulzen. Das war so Regel und Ordnung, denn ein Bauerngut geht vor
Gasthaus und Kramladen.

Gleich hinter der Mhle begann die langsam und allmhlich zum Damm
ansteigende Schrgung. Oben war der Weg etwas besser, aber immer noch
schlecht genug, so da es sich empfahl, dicht am Dammrand entlang zu
fahren, wo, wegen des weniger aufgeweichten Bodens, die Rder auch
weniger tief einschnitten.

Pa Achtung, sagte Woytasch, sonst liegen wir auch unten.

Und der Kutscher, dem selber ngstlich sein mochte, lenkte sofort auf
die Mitte des Damms hinber, trotzdem er hier langsamer fahren mute.

Sah man von der Fhrlichkeit der Situation ab, so war es eine
wundervolle Fahrt und das sich weithin darbietende Bild von einer
gewissen Groartigkeit. Rechtshin grne Wintersaat, so weit das Auge
reichte, nur mit einzelnen Tmpeln, Husern und Pappelweiden dazwischen,
zur Linken aber die von Regengssen hoch angeschwollene Oder, mehr ein
Haff jetzt als ein Strom. Wthend kam der Sdost vom jenseitigen Ufer
herber und trieb die graugelben Wellen mit solcher Gewalt an den Damm,
da es wie eine Brandung war. Und in eben dieser Brandung standen
gekrpfte Weiden, nur noch den hlichen Kopf ber dem Wasser, whrend,
auf der neumrkischen Seite, der blauschwarze Strich einer
Kiefernwaldung in grellem, unheimlichem Sonnenscheine dalag.

Bis dahin war auer des Schulzen Anruf an den Kutscher kein Wort laut
geworden, jetzt aber sagte Hradscheck, indem er sich zu den beiden
hinter ihm Sitzenden umdrehte: Der Wind wird ihn runter geweht haben.

Unsinn! lachte Woytasch, Ihr mt doch sehn, Hradscheck, der Wind
kommt ja von da, von drben. Wenn _der_ schuld wre, lg' er hier rechts
vom Damm und nicht nach links hin in der Oder ... Aber seht nur, da
wanken ja schon welche herum und halten sich die Hte fest. Fahr' zu,
da wir nicht die Letzten sind.

Und eine Minute darauf hielten sie gerad an der Stelle, wo das Unglck
sich zugetragen hatte. Wirklich, Orth war schon da, mit ihm ein paar
seiner Mhlknechte, desgleichen Mietzel und Quaas, deren ausgebaute
Gehfte ganz in der Nhe lagen. Alles begrte sich und kletterte dann
gemeinschaftlich den Damm hinunter, um unten genau zu sehen, wie's
stnde. Die Bschung war glatt, aber man hielt sich an dem Werft- und
Weidengestrpp, das berall stand. Unten angekommen, sah man besttigt,
was von Anfang an niemand bezweifelt hatte: Szulski's Einspnner lag wie
gekentert im Wasser, das Verdeck nach unten, die Rder nach oben; von
dem Pferde sah man nur dann und wann ein von den Wellen berschumtes
Stck Hintertheil, whrend die Scheere, darin es eingespannt gewesen,
wie ein Wahrzeichen aus dem Strom aufragte. Den Mantelsack hatten die
Wellen an den Damm gesplt und nur von Szulski selbst lie sich nichts
entdecken.

Er ist nach Kienitz hin weggeschwemmt, sagte Schulze Woytasch. Aber
weit weg kann er nicht sein; die Brandung geht ja schrg gegen den
Damm.

Und dabei marschirte man truppweise weiter, von Gestrpp zu Gestrpp,
und durchsuchte jede Stelle.

Der Pelz mu doch oben auf schwimmen.

Ja, der Pelz, lachte Kunicke. Wenn's blos der Pelz wr'. Aber der
Pohlsche steckt ja drin.

Es war der Kunicke'sche Trupp, der so plauderte, ganz wie bei
Dachsgraben und Hhnerjagd, whrend der den andern Trupp fhrende
Hradscheck mit einem Male rief: Ah, da ist ja seine Mtze!

Wirklich, Szulski's Pelzmtze hing an dem kurzen Gest einer Kropfweide.

Nun, haben wir _die_, fuhr Hradscheck fort, so werden wir ihn auch
selber bald haben.

Wenn wir nur ein Boot htten. Aber es kann hier nicht tief sein, und
wir mssen immer peilen und Grund suchen.

Und so geschah's auch. Aber alles Messen und Peilen half nichts und es
blieb bei der Mtze, die der eine der beiden Mllerknechte mittlerweile
mit einem Haken herangeholt hatte. Zugleich wurde der Wind immer
schneidender und klter, so da Kunicke, der noch von Mckern und
Montmirail her einen Rheumatismus hatte, keine Lust mehr zur Fortsetzung
versprte. Schulze Woytasch auch nicht.

Ich werde Gensdarm Geelhaar nach Kienitz und Gstebiese schicken,
sagte dieser. Irgendwo mu er doch antreiben. Und dann wollen wir ihm
ein ordentliches Begrbni machen. Nicht wahr, Hradscheck? Die Hlfte
kann die Gemeinde geben.

Und die andre Hlfte geben wir, setzte Kunicke hinzu. Denn wir sind
doch eigentlich ein bischen schuld. Oder eigentlich ganz gehrig. Er war
gestern Abend verdammt filig und man blo noch so so. War er denn wohl
kattolsch?

Natrlich war er, sagte Woytasch. Wenn einer Szulski heit und aus
Krakau kommt, ist er kattolsch. Aber das schad't nichts. Ich bin fr
Aufklrung. Der alte Fritze war auch fr Aufklrung. Jeder nach seiner
Faon...

Versteht sich, sagte Kunicke. Versteht sich. Und dann am Ende, wir
wissen auch nicht, das heit, ich meine, so ganz bestimmt wissen wir
nicht, ob er ein Kattolscher war oder nich. Un was man nich wei, macht
einen nich hei. Nicht wahr, Quaas?

Nein, nein. Was man nicht wei, macht einen nicht hei. Und Quaasen
auch nicht.

Alle lachten und selbst Hradscheck, der bis dahin eine wrdige
Zurckhaltung gezeigt hatte, stimmte mit ein.




                                  IX.


Der Todte fand sich nicht, der Wagen aber, den man mhevoll aus dem
Wasser heraufgeholt hatte, wurde nach dem Dorf geschafft und in
Kunicke's groe Scheune gestellt. Da stand er nun schon zwei Wochen, um
entweder abgeholt oder auf Antrag der Krakauer Firma versteigert zu
werden.

Im Dorfe gab es inzwischen viel Gerede, das aller Orten darauf
hinauslief: es sei was passirt und es stimme nicht mit den Hradschecks.
Hradscheck sei freilich ein feiner Vogel und Spamacher und knne
Witzchen und Geschichten erzhlen, aber er hab' es hinter den Ohren, und
was die Frau Hradscheck angehe, die vor Vornehmheit nicht sprechen
knne, so wisse jeder, stille Wasser seien tief. Kurzum es sei Beiden
nicht recht zu traun und der Pohlsche werde wohl ganz wo anders liegen,
als in der Oder. Zum berflu griff auch noch unser Freund, der
Kantorssohn, der sich jedes Skandals mit Vorliebe bemchtigte, in die
Saiten seiner Leier, und allabendlich, wenn die Knechte, mit denen er
auf Du und Du stand, vom Kruge her durchs Dorf zogen, sangen sie nach
bekannter Melodie:

    Morgenroth!
    Abel schlug den Kain todt.
    Gestern noch bei vollen Flaschen
    Morgens ausgeleerte Taschen
    Und ein khles, khles Gra-ab.

All dies kam zuletzt auch dem Kstriner Gericht zu Ohren, und wiewohl es
nicht viel besser als Klatsch war, dem alles Beweiskrftige fehlte, so
sah sich der Vorsitzende des Gerichts, Justizrath Vowinkel, doch
veranlat, an seinen Duz- und Logenbruder Eccelius einige Fragen zu
richten und dabei Erkundigungen ber das Vorleben der Hradschecks
einzuziehen.

Das war am 7.December, und noch am selben Tage schrieb Eccelius zurck:

Lieber Bruder. Es ist mir sehr willkommen, in dieser Sache das Wort
nehmen und Zeugni zu Gunsten der beiden Hradschecks ablegen zu knnen.
Man verleumdet sie, weil man sie beneidet, besonders die Frau. Du kennst
unsere Brcher; sie sind hochfahrend und steigern ihren Dnkel bis zum
Ha gegen alles, was sich ihnen gleich oder wohl gar berlegen glaubt.
Aber #ad rem.# Er, Hradscheck, ist kleiner Leute Kind aus Neu-Lewin und,
wie sein Name bezeugt, von bhmischer Extraktion. Du weit, da
Neu-Lewin in den 80er Jahren mit bhmischen Kolonisten besetzt wurde.
Doch dies beilufig. Unsres Hradscheck Vater war Zimmermann, der, nach
Art solcher Leute, den Sohn fr dasselbe Handwerk bestimmte. Und unser
Hradscheck soll denn auch wirklich als Zimmermann gewandert und in
Berlin beschftigt gewesen sein. Aber es mifiel ihm, und so fing er,
als er vor etwa 15 Jahren nach Neu-Lewin zurckkehrte, mit einem
Kramgeschft an, das ihm auch glckte, bis er, um eines ihm unbequem
werdenden 'Verhltnisses' willen, den Laden aufgab und den Entschlu
fate nach Amerika zu gehen. Und zwar ber Holland. Er kam aber nur bis
ins Hannversche, wo er, in der Nhe von Hildesheim, also katholische
Gegend, in einer groen gasthausartigen Dorfherberge Quartier nahm. Hier
traf es sich, da an demselben Tage die seit Jahr und Tag in der Welt
umhergezogene Tochter des Hauses, krank und elend von ihren Fahrten und
Abenteuern -- sie war muthmalich Schauspielerin gewesen -- zurckkam und
eine furchtbare Scene mit ihrem Vater hatte, der ihr nicht nur die
bsesten Namen gab, sondern ihr auch Zuflucht und Aufnahme verweigerte.
Hradscheck, von dem Unglck und wahrscheinlich mehr noch von dem
eigenartigen und gewinnenden Wesen der jungen Frau gerhrt, ergriff
Partei fr sie, hielt um ihre Hand an, was dem Vater wie der ganzen
Familie nur gelegen kam, und heirathete sie, nachdem er seinen
Auswanderungsplan aufgegeben hatte. Bald danach, um Martini herum,
bersiedelten Beide hierher, nach Tschechin, und schon am ersten
Advents-Sonntage kam die junge Frau zu mir und sagte, da sie sich zur
Landeskirche halten und evangelisch getraut sein wolle. Was denn auch
geschah und damals (es geht jetzt ins zehnte Jahr) einen groen Eindruck
auf die Bauern machte. Da der kleine Gott mit dem Bogen und Pfeil in
dem Leben Beider eine Rolle gespielt hat, ist mir unzweifelhaft, ebenso
da Beide seinen Versuchungen unterlegen sind. Auch sonst noch, wie
nicht bestritten werden soll, bleiben einige dunkle Punkte, trotzdem es
an anscheinend offenen Bekenntnissen nie gefehlt hat. Aber wie dem auch
sein mge, mir liegt es pflichtmig ob zu bezeugen, da es
wohlanstndige Leute sind, die, so lang ich sie kenne, sich gut gehalten
und allzeit in einer christlichen Ehe gelebt haben. Einzelnes, was ihm,
nach der entgegengesetzten Seite hin, vor lngrer oder krzrer Zeit
nachgesagt wurde, mag auf sich beruhn, um so mehr als mir Sittenstolz
und Tugendrichterei von Grund aus verhat sind. Die Frau hat meine
besondere Sympathie. Da sie den alten Aberglauben abgeschworen, hat sie
mir, wie Du begreifen wirst, von Anfang an lieb und werth gemacht.

Die Wirkung dieses Eccelius'schen Briefes war, da das Kstriner Gericht
die Sache vorlufig fallen lie; als demselben aber zur Kenntni kam,
da Nachtwchter Mewissen, nach neuerdings vor Schulze Woytasch
gemachten Aussagen, an jenem Tage, wo das Unglck sich ereignete, so
zwischen fnf und sechs (um die Zeit also, wo das Wetter am tollsten
gewesen) die Frau Hradscheck zwischen den Pappeln an der Mhle gesehn
haben wollte, ganz so wie wenn sie halb verbiestert vom Damm her kme,
-- da waren die Verdachtsgrnde gegen Hradscheck und seine Frau doch
wieder so gewachsen, da das Gericht einzuschreiten beschlo. Aber
freilich auch jetzt noch unter Vermeidung jedes Eclats, weshalb Vowinkel
an Eccelius, dem er ohnehin noch einen Dankesbrief schuldete, die
folgenden Zeilen richtete:

Habe Dank, lieber Bruder, fr Deinen ausfhrlichen Brief vom 7.d.M.,
dem ich, soweit er ein Urtheil abgiebt, in meinem Herzen zustimme.
Hradscheck ist ein durchaus netter Kerl, weit ber seinen Stand hinaus,
und Du wirst Dich entsinnen, da er letzten Winter sogar in Vorschlag
war und zwar auf meinen speciellen Antrag. Das alles steht fest. Aber zu
meinem Bedauern will die Geschichte mit dem Polen nicht aus der Welt,
ja, die Verdachtsgrnde haben sich gemehrt, seit neuerdings auch euer
Mewissen gesprochen hat. Andrerseits freilich ist immer noch zu wenig
Substanz da, um ohne Weiteres eine Verhaftung eintreten zu lassen,
wehalb ich vorhabe, die Hradscheck'schen Dienstleute, die doch
schlielich alles am besten wissen mssen, zu vernehmen und von _ihrer_
Aussage mein weiteres Thun oder Nichtthun abhngig zu machen. Unter
allen Umstnden aber wollen wir alles, was Aufsehn machen knnte, nach
Mglichkeit vermeiden. Ich treffe morgen gegen 2 in Tschechin ein, fahre
gleich bei Dir vor und bitte Dich Sorge zu tragen, da ich den Knecht
Jakob sammt den beiden andern Personen, deren Namen ich vergessen, in
Deinem Hause vorfinde.

                           *       *       *

So des Justizraths Brief. Er selbst hielt zu festgesetzter Zeit vor dem
Pfarrhaus und trat in den Flur, auf dem die drei vorgeforderten
Dienstleute schon standen. Vowinkel grte sie, sprach, in der Absicht
ihnen Muth zu machen, ein paar freundliche Worte zu jedem und ging dann,
nachdem er sich aus seinem Mantel herausgewickelt, auf Eccelius'
Studirstube zu, darin nicht nur der groe schwarze Kachelofen, sondern
auch der wohlarrangirte Kaffeetisch jeden Eintretenden beraus
anheimelnd berhren mute. Dies war denn auch bei Vowinkel der Fall. Er
wies lachend darauf hin und sagte: Vortrefflich, Freund. Hchst
einladend. Aber ich denke, wir lassen das bis nachher. Erst das
Geschftliche. Das Beste wird sein, _Du_ stellst die Fragen und ich
begnge mich mit der Beisitzer-Rolle. Sie werden Dir unbefangner
antworten als mir. Dabei nahm er in einem neben dem Ofen stehenden
hohen Lehnstuhle Platz, whrend Eccelius, auf den Flur hinaus, nach Ede
rief und sich's nun erst, nach Erledigung aller Prliminarien, an seinem
mchtigen Schreibtische bequem machte, dessen groes, zwischen einem
Sand- und einem Tintenfa stehendes Alabasterkreuz ihn von hinten her
berragte.

Der Gerufene war inzwischen eingetreten und blieb an der Thr stehn. Er
hatte sichtlich sein Bestes gethan, um einen manierlichen Menschen aus
sich zu machen, aber nur mit schwachem Erfolg. Sein brandrothes Haar lag
groentheils blank an den Schlfen, whrend ihm das Wenige, was ihm
sonst noch verblieben war, nach Art einer Spitzflamme zu Hupten stand.
Am schlimmsten aber waren seine winterlichen Hnde, die, wie eine Welt
fr sich, aus dem berall zu kurz gewordenen Einsegnungsrock
hervorsahen.

Ede, sagte der Pastor freundlich, Du sollst ber Hradscheck und den
Polen aussagen, was Du weit.

Der Junge schwieg und zitterte.

Warum sagst Du nichts? warum zitterst Du?

Ick jrul' mi so.

Vor wem? Vor uns?

Ede schttelte mit dem Kopf.

Nun, vor wem denn?

Vor Hradschecken...

Eccelius, der alles zu Gunsten der Hradschecks gewendet zu sehen
wnschte, war mit dieser Aussage wenig zufrieden, nahm sich aber
zusammen und sagte: Vor Hradscheck. Warum vor Hradscheck? Was ist mit
ihm? Behandelt er Dich schlecht?

Nei.

Nu wie denn?

Ick weet nich ... He is so anners.

Nu gut. Anders. Aber das ist nicht genug, Ede. Du mut uns mehr sagen.
Worin ist er anders? Was thut er? Trinkt er? Oder flucht er? Oder ist er
in Angst?

Nei.

Nu wie denn? Was denn?

Ick weet nich ... He is so anners.

Es war ersichtlich, da aus dem eingeschchterten Jungen nichts weiter
herauszubringen sein wrde, wehalb Vowinkel dem Freunde zublinkte, die
Sache fallen zu lassen. Dieser brach denn auch wirklich ab und sagte:
Nun, es ist gut, Ede. Geh. Und schicke die Male herein.

Diese kam und war in ihrem Kopf- und Brusttuch, das sie heute wie
sonntglich angelegt hatte, kaum wieder zu erkennen. Sie sah klar aus
den Augen, war unbefangen und erklrte, nachdem Eccelius seine Frage
gestellt hatte, da sie nichts wisse. Sie habe Szulski gar nicht gesehn,
un ihrst um Klocker vier oder noch en beten danoah wre Hradscheck an
ihre Kammerthr gekommen und htte gesagt, da sie rasch aufstehn und
Kaffee kochen solle. Das habe sie denn auch gethan, und grad als sie den
Kien gespalten, sei Jakob gekommen und hab' ihr so im Vorbergehn
gesagt, da er den Pohlschen geweckt habe; der Pohlsche hab' aber 'nen
Dodenschlaf gehabt und habe gar nich geantwortet. Und da hab' er an die
Dhr gebullert.

All das erzhlte Male hintereinander fort, und als der Pastor zum
Schlusse frug, ob sie nicht noch weiter was wisse, sagte sie: Nein,
weiter wisse sie nichts, oder man blos noch das Eine, da die Kanne, wie
sie das Kaffeegeschirr herausgeholt habe, beinah noch ganz voll gewesen
sei. Und sei doch ein gruliches Wetter gewesen und kalt und na. Und
wenn sonst einer des Morgens abreise, so trnk' er mehrstens oder
eigentlich immer die Kanne leer, un von Zucker brig lassen wr' gar
keine Rede nich. Und manche nhmen ihn auch mit. Aber der Pohlsche htte
keine drei Schluck getrunken, und sei eigentlich alles noch so gewesen,
wie sie's reingebracht habe. Weiter wisse sie nichts.

Danach ging sie, und der Dritte, der nun kam, war Jakob.

Nun, Jakob, wie war es? fragte Eccelius; Du weit, um was es sich
handelt. Was Du Malen und mir schon vorher gesagt hast, brauchst Du
nicht zu wiederholen. Du hast ihn geweckt und er hat nicht geantwortet.
Dann ist er die Treppe herunter gekommen und Du hast gesehn, da er sich
an dem Gelnder festhielt, als ob ihm das Gehn in dem Pelz schwer
wrde. Nicht wahr, so war es?

Joa, Herr Pastor.

Und weiter nichts?

Nei, wider nix. Un wihr man blot noch, dat he so'n beten ltt utsoah,
un...

Und was?

Un dat he so still wihr un seggte keen Wuhrd nich. Un as ick to em
seggen deih: 'Na Adjes, Herr Szulski,' doa wihr he wedder so bummsstill
un nickte man blot so.

Nach dieser Aussage trat auch Jakob ab und die Pfarrkchin brachte den
Kaffee. Vowinkel nahm eine der Tassen und sagte, whrend er sich an das
Fensterbrett lehnte: Ja, Freund, die Sache steht doch schlimmer, als
_Du_ wahr haben mchtest, und fast auch schlimmer als _ich_ erwartete.

Mag sein, erwiderte der Pastor. Nach meinem Gefhl inde, das ich
selbstverstndlich Deiner besseren Erfahrung unterordne, bedeuten all
diese Dinge gar nichts oder herzlich wenig. Der Junge, wie Du gesehn
hast, konnte vor Angst kaum sprechen, und aus der Kchin Aussage war
doch eigentlich nur das Eine festzustellen, da es Menschen giebt, die
_viel_, und andre, die _wenig_ Kaffee trinken.

Aber Jakob!

Eccelius lachte. Ja Jakob. 'He wihr en beten to ltt', das war das
eine, 'un he wihr en beten to still', das war das andre. Willst Du
daraus einen Strick fr die Hradschecks drehn?

Ich will es nicht, aber ich frchte, da ich es mu. Jedenfalls haben
sich die Verdachtsgrnde durch das, was ich eben gehrt habe, mehr
gemehrt als gemindert, und ein Verfahren gegen den so mannigfach
Belasteten kann nicht lnger mehr hinausgeschoben werden. Er mu in
Haft, wr' es auch nur um einer Verdunklung des Thatbestandes
vorzubeugen.

Und die Frau?

Kann bleiben. berhaupt werd' ich mich auf das Nthigste beschrnken,
und um auch jetzt noch alles Aufsehen zu vermeiden, hab' ich vor, ihn
auf meinem Wagen, als ob es sich um eine Spazierfahrt handelte, mit nach
Kstrin zu nehmen.

Und wenn er nun schuldig ist, wie Du beinah glaubst oder wenigstens fr
mglich hltst? Ist Dir eine solche Nachbarschaft nicht einigermaen
ngstlich?

Vowinkel lachte. Man sieht, Eccelius, da Du kein Kriminalist bist.
Schuld und Muth vertragen sich schlecht zusammen. Alle Schuld lhmt.

Nicht immer.

Nein, nicht immer. Aber doch meist. Und allemal da, wo das Gesetz schon
ber ihr ist.




                                  X.


Die Verhaftung Hradscheck's erfolgte zehn Tage vor Weihnachten. Jetzt
war Mitte Januar, aber die Kstriner Untersuchung rckte nicht von der
Stelle, wehalb es in Tschechin und den Nachbardrfern hie: Hradscheck
werde mit Nchstem wieder entlassen werden, weil nichts gegen ihn
vorliege. Ja, man begann auf das Gericht und den Gerichtsdirektor zu
schelten, wobei sich's selbstverstndlich traf, da alle die, die vorher
am leidenschaftlichsten von einer Hinrichtung getrumt hatten, jetzt in
Tadeln und Schmhen mit gutem Beispiel vorangingen.

Vowinkel hatte viel zu dulden; kein Zweifel. Am ausgiebigsten in
Schmhungen aber war man gegen die Zeugen, und der Angriffe gegen diese
wren noch viel mehr gewesen, wenn man nicht gleichzeitig ber sie
gelacht htte. Der dumme Ladenjunge, der Ede, so versicherte man sich
gegenseitig, knne doch nicht fr voll angesehen werden und die Male mit
ihren Sommersprossen und ihrem nicht ausgetrunkenen Kaffee womglich
noch weniger. Da man bei den Hradschecks oft einen wunderbaren Kaffee
kriege, das wisse jeder, und wenn alle die, die das durchgetrichterte
Cichorienzeug stehn lieen, auf Mord und Todtschlag hin verklagt und
eingezogen werden sollten, so se bald das halbe Bruch hinter Schlo
und Riegel. Aber Jakob und der alte Mewissen? hie es dann wohl. Inde
auch von diesen Beiden wollte die pltzlich zu Gunsten Hradscheck's
umgestimmte Majoritt nichts wissen. Der dusslige Jakob, von dem jetzt
so viel gemacht werde, ja, was hab' er denn eigentlich beigebracht? Doch
nichts weiter, als das ewige He wihr so'n beten still. Aber du lieber
Himmel, wer habe denn Lust, um Klock fnf und bei steifem Sdost einen
langen Schnack zu machen? Und nun gar der alte Mewissen, der, so lang er
lebe, den Himmel fr einen Dudelsack angesehen habe? Wahrhaftig, der
knne viel sagen, eh' man's zu glauben brauche. Mit einem karrirten
Tuch ber dem Kopf. Und wenn's kein karrirtes Tuch gewesen, dann sei's
eine Pferdedecke gewesen. O, du himmlische Gte! Mit einer Pferdedecke!
Die Hradscheck mit einer Pferdedecke! Giebt es Pferdedecken ohne Flhe?
Nein. Und nun gar diese schnippsche Prise, die sich ewig mit ihrem
trkischen Shawl herumziert und noch tepotter is als die Reitweinsche
Grfin!

So ging das Gerede, das sich, an und fr sich schon gnstig genug fr
Hradscheck, in Folge kleiner Vorkommnisse mit jedem neuen Tage gnstiger
gestaltete. Darunter war eins von besondrer Wirkung. Und zwar das
folgende. Heilig Abend war ein Brief Hradscheck's bei Eccelius
eingetroffen, worin es hie: es ging' ihm gut, wehalb er sich auch
freuen wrde, wenn seine Frau zum Fest herberkommen und eine
Viertelstunde mit ihm plaudern wolle; Vowinkel hab' es eigens gestattet,
versteht sich in Gegenwart von Zeugen. So die briefliche Mittheilung,
auf welche Frau Hradscheck, als sie durch Eccelius davon gehrt, diesem
letzteren sofort geantwortet hatte: sie werde diese Reise _nicht_
machen, weil sie nicht wisse, wie sie sich ihrem Manne gegenber zu
benehmen habe. Wenn er schuldig sei, so sei sie fr immer von ihm
geschieden, einmal um ihrer selbst, aber mehr noch um ihrer Familie
willen. Sie wolle daher lieber zum Abendmahl gehn und ihre Sache vor
Gott tragen und bei der Gelegenheit den Himmel instndigst bitten, ihres
Mannes Unschuld recht bald an den Tag zu bringen. So was hrten die
Tschechiner gern, die smmtlich hchst unfromm waren, aber nach Art der
meisten Unfrommen einen ungeheuren Respekt vor Jedem hatten, der lieber
zum Abendmahl gehn und seine Sache vor Gott tragen, als nach Kstrin
hin reisen wollte.

Kurzum, alles stand gut, und es htte sich von einer totalen
Rckeroberung des dem Inhaftirten anfangs durchaus abgeneigten Dorfes
sprechen lassen, wenn nicht _ein_ Unerschtterlicher gewesen wre, der,
sobald Hradscheck's Unschuld behauptet wurde, regelmig versicherte:
Hradscheck? _Den_ kenn' ich. _Der_ mu ans Messer.

Dieser Unerschtterliche war niemand Geringeres als Gensdarm Geelhaar,
eine sehr wichtige Person im Dorf, auf deren Autoritt hin die Mehrheit
sofort geschworen htte, wenn ihr nicht seine bittre Feindschaft gegen
Hradscheck und die kleinliche Veranlassung dazu bekannt gewesen wre.
Geelhaar, guter Gensdarm, aber noch besserer Saufaus, war, um Kognaks
und Rums willen, durch viele Jahre hin ein Intimus bei Hradscheck
gewesen, bis dieser eines Tages, des ewigen Gratis-Einschenkens mde,
mit mehr bermuth als Klugheit gesagt hatte: Hren Sie, Geelhaar, Rum
ist gut. Aber Rum kann einen auch 'rum bringen. Auf welche Provokation
hin (Hradscheck liebte dergleichen Witze) der sich nun pltzlich aufs
hohe Pferd setzende Geelhaar mit hochrothem Gesicht geantwortet hatte:
Gewi, Herr Hradscheck. Was kann einen nich alles 'rumbringen? Den
einen dies, den andern das. Und mit Ihnen, mein lieber Herr, is auch
noch nicht aller Tage Abend.

Von der aus diesem Zwiegesprch entstandenen Feindschaft wute das ganze
Dorf, und so kam es, da man nicht viel darauf gab und im Wesentlichen
blos lachte, wenn Geelhaar zum hundertsten Male versicherte: _Der_? Der
mu ans Messer.

                           *       *       *

Der mu ans Messer, sagte Geelhaar, aber in Tschechin hie es mit
jedem Tage mehr: Er kommt wieder frei.

Und he kmmt wedder 'rut, hie es auch im Hause der alten Jeschke, wo
die blonde Nichte, die Line -- dieselbe, nach der Hradscheck bei seinen
Gartenbegegnungen mit der Alten immer zu fragen pflegte -- seit
Weihnachten zum Besuch war und an einer Ausstattung, wenn auch freilich
nicht an ihrer eigenen, arbeitete. Sie war eine hervorragend kluge
Person, die, trotzdem sie noch keine 27 zhlte, sich in den
verschiedensten Lebensstellungen immer mit Glck versucht hatte: frh
schon als Kinder- und Hausmdchen, dann als Nhterin und schlielich als
Pfarrkchin in einem neumrkischen Dorf, in welch letztrer Eigenschaft
sie nicht nur smmtliche Betstunden mitgemacht, sondern sich auch durch
einen exemplarisch sittlichen Lebenswandel ausgezeichnet hatte. Denn sie
gehrte zu denen, die, wenn engagirt, innerhalb ihres Engagements alles
Geforderte leisten, auch Gebet, Tugend und Treue.

Solcher Forderungen entschlug sich nun freilich die Jeschke, die
vielmehr, wenn sie den Faden von ihrem Wocken spann, immer nur
Geschichten von begnstigten und genasfhrten Liebhabern hren wollte,
besonders von einem Kstriner Fourage-Beamten, der drei Stunden lang im
Schnee hatte warten mssen. Noch dazu vergeblich. All das freute die
Jeschke ganz ungemein, die dann regelmig hinzusetzte: Joa, Line, so
wihr ick ook. Awers moak et man nich to dull. Und dann antwortete
diese: Wie werd ich denn, Mutter Jeschke! Denn sie nannte sie nie
Tante, weil sie sich der nahen Verwandtschaft mit der alten Hexe schmen
mochte.

Plaudern war Beider Lust. Und plaudernd saen beide Weibsen auch heute
wieder.

Es war ein ziemlich kalter Tag und drauen lag fuhoher Schnee. Drinnen
aber war es behaglich, das Rothkehlchen zwitscherte, die Wanduhr ging in
starkem Schlag und der Kachelofen that das Seine. Dem Ofen zunchst aber
hockte die Jeschke, whrend Line weitab an dem ganz mit Eisblumen
berdeckten Fenster sa und sich ein Kuckloch gepustet hatte, durch das
sie nun bequem sehen konnte, was auf der Strae vorging.

Da kommt ja Gensdarm Geelhaar, sagte sie. Grad ber den Damm. Er mu
drben bei Kunicke gewesen sein. Versteht sich, Kunicke frhstckt um
diese Zeit. Und sieht auch so roth aus. Was er nur will? Er wird am Ende
der armen Frau, der Hradschecken, einen Besuch machen wollen. Is ja
schon vier Wochen Strohwittwe.

Nei, nei, lachte die Alte. Dat deiht he nich. Dem is joa sien ejen
all to veel, so ltt se is. Ne, ne, den kenn ick. Geelhaar is man blot
noch fr so.

Und dabei machte sie die Bewegung des aus der Flaschetrinkens.

Hast Recht, sagte Line. Sieh, er kommt grad auf unser Haus zu.

Und wirklich, unter diesem Gesprch, wie's die Jeschke mit ihrer Nichte
gefhrt hatte, war Geelhaar von der Dorfstrae her in einen schmalen,
blos mannsbreiten Gang eingetreten, der, an der Hradscheck'schen
Kegelbahn entlang, in den Garten der alten Jeschke fhrte.

Von hier aus war auch der Eingang in das Huschen der Alten, das mit
seinem Giebel nach der Strae stand.

Guten Tag, Mutter Jeschke, sagte der Gensdarm. Ah, und guten Tag,
Lineken. Oder ich mu jetzt wohl sagen Mamsell Linchen.

Line, die den stattlichen Geelhaar (er hatte bei den Gardekrassieren
gedient), aller despektirlichen Andeutungen der Alten ungeachtet,
keineswegs aus ihrer Liste gestrichen hatte, stemmte sofort den linken
Fu gegen einen ihr gegenberstehenden Binsenstuhl und sah ihn zwinkernd
ber das groe Stck Leinwand hin an, das sie, wie wenn sie's abmessen
wollte, mit einem energischen Ruck und Puff vor sich ausspannte.

Die Wirkung dieser kleinen Knste blieb auch nicht aus. So wenigstens
schien es Linen. Die Jeschke dagegen wut' es besser, und als Geelhaar
auf ihre mit Vorbedacht in Hochdeutsch gesprochene Frage, was ihr denn
eigentlich die Ehre verschaffe, mit einem scherzhaft gemeinten
Fingerzeig auf Line geantwortet hatte, lachte sie nur und sagte:

Nei, nei, Herr Gensdarm. Ick weet schon, ick weet schon ... Awers nu
setten's sich ihrst ... Joa, diss' Hradscheck ... he kmmt joa nu wedder
rut.

Ja, Mutter Jeschke, wiederholte Geelhaar, he kmmt nu wedder rut. Das
heit, er kommt wieder 'raus, wenn er nich drin bleibt.

Woll, woll. Wenn he nicht drin bliewt. Awers wormm sall he drin
bliewen? Keen een hett joa wat siehn, un keen een hett joa wat utfunn'n.
Un Se ook nich, Geelhaar.

Nein, sagte der Gensdarm. Ich auch nich. Aber es wird sich schon was
finden oder doch finden lassen, und dazu mssen Sie helfen, Mutter
Jeschke. Ja, ja. So viel wei ich, die Hradscheck hat schon lange keinen
Schlaf mehr und ist immer treppauf und treppab. Und wenn die Leute
sagen, es sei blos, weil sie sich um den Mann grme, so sag ich: Unsinn,
_er_ is nich so und _sie_ is nich so.

Nei, nei, wiederholte die Jeschke. He is nich so un se is nich so.
De Hradschecks, nei, de sinn nich so.

Keinen ordentlichen Schlaf also, fuhr Geelhaar fort, nich bei Tag und
auch nich bei Nacht, und wankt immer so 'rum, und is mal im Hof und mal
im Garten. Das hab' ich von der Male ... Hren Sie, Mutter Jeschke, wenn
ich so mal Nachtens hier auf Posten stehen knnte! Das wre so was. Line
bleibt mit auf, und wir setzen uns dann ans Fenster und wachen und
kucken. Nich wahr, Line?

Line, die schon vorher das Weizeug bei Seite gelegt und ihren blonden
Zopf halb aufgeflochten hatte, schlug jetzt mit dem losen Bschel ber
ihre linke Hand und sagte: Will es mir noch berlegen, Herr Geelhaar.
Ein armes Mdchen hat nichts als seinen Ruf.

Und dabei lachte sie.

Kmmen's man, Geelhaar, trstete die Jeschke, trotzdem Trost
eigentlich nicht nthig war. Kmmen's man. Ick geih to Bett. Wat doa to
siehn is, ick meen hier buten, dat hebb' ick siehn, dat weet ick all. Un
is mmer dat Slwigte.

Dat Slwigte?

Joa. Nu nich mihr. Awers as noch keen Snee wihr. Doa...

Da. Was denn?

Doa wihr se Nachtens mmer so 'rmm hier.

So, so, sagte der Gensdarm und that vorsichtig allerlei weitere
Fragen. Und da sich die Jeschke von guten Beziehungen zur Dorfpolizei
nur Vortheile versprechen konnte, so wurde sie trotz aller sonstigen
Zurckhaltung immer mittheilsamer und erzhlte dem Gensdarmen Neues und
Altes, namentlich auch das, was sie damals, in der strmischen
November-Nacht, von ihrer Kchenthr aus beobachtet hatte. Hradscheck
habe lang da gestanden, ein flackrig Licht in der Hand. Un wihr binoah
so, as ob he wull, dat man em seihn sull. Und dann hab' er einen Spaten
genommen und sei bis an den Birnbaum gegangen. Und da hab' er ein Loch
gegraben. An der Gartenthr aber habe was gestanden wie ein Koffer oder
Korb oder eine Kiste. Was? das habe sie nicht genau sehen knnen. Und
dann hab' er das Loch wieder zugeschttet.

Geelhaar, der sich bis dahin, allem Diensteifer zum Trotz, ebenso sehr
mit Line wie mit Hradscheck beschftigt hatte, ja, vielleicht mehr noch
Courmacher als Beamter gewesen war, war unter diesem Bericht sehr
ernsthaft geworden und sagte, whrend er mit Wichtigkeitsmiene seinen
gedunsenen Kopf hin und her wiegte: Ja, Mutter Jeschke, das thut mir
leid. Aber es wird Euch Ungelegenheiten machen.

Wat? wat, Geelhaar?

Ungelegenheiten, weil Ihr damit so spt herauskommt.

Joa, Geelhaar, wat sall dat? wat mienens mit 'to spt'? Et hett mi joa
keener nich froagt. Un Se ook nich. Un wat weet ick denn ook? Ick weet
joa nix. Ick weet joa joar nix.

Ihr wit genug, Mutter Jeschke.

Nei, nei, Geelhaar. Ick weet joar nix.

Das ist gerade genug, da einer Nachts in seinem Garten ein Loch grbt
und wieder zuschttet.

Joa, Geelhaar, ick weet nich, awers jed' een mt doch in sien ejen
Goarden en Loch buddeln knn'.

Freilich. Aber nicht um Mitternacht und nicht bei solchem Wetter.

Na, rieden's mi man nich rin. Un moaken Se't good mit mi ... Line,
Line, segg doch ook wat.

Und wirklich, Line trat in Folge dieser Aufforderung an den Gensdarmen
heran und sagte, tief aufathmend, wie wenn sie mit einer pltzlichen und
mchtigen Sinnen-Erregung zu kmpfen htte: La nur, Mutter Jeschke.
Herr Geelhaar wird schon wissen, was er zu thun hat. Und wir werden es
auch wissen. Das versteht sich doch von selbst. Nicht wahr, Herr
Geelhaar?

Dieser nickte zutraulich und sagte mit pltzlich verndertem und wieder
freundlicher werdendem Tone: Werde schon machen, Mamsell Line. Schulze
Woytasch lt ja, Gott sei Dank, mit sich reden und Vowinkel auch.
Hauptsach' is, da wir den Fuchs berhaupt ins Eisen kriegen. Un is dann
am Ende gleich, _wann_ wir ihn haben und ob ihm der Balg heut oder
morgen abgezogen wird.




                                  XI.


Vierundzwanzig Stunden spter kam -- und zwar auf die Meldung hin, die
Geelhaar, gleich nach seinem Gesprche mit der Jeschke, bei der Behrde
gemacht hatte -- von Kstrin her ein offener Wagen, in dem, auer dem
Kutscher, der Justizrath und Hradscheck saen. Die Luft ging scharf und
die Sonne blendete, wehalb Vowinkel, um sich gegen Beides zu schtzen,
seinen Mantel aufgeklappt, der Kutscher aber seinen Kopf bis an Nas' und
Ohren in den Pelzkragen hineingezogen hatte. Nur Hradscheck sa frei da,
Luft und Licht, deren er seit lnger als vier Wochen entbehrt hatte,
begierig einsaugend. Der Wagen fuhr auf der Dammhhe, von der aus sich
das unten liegende Dorf bequem berblicken und beinah jedes einzelne
Haus in aller Deutlichkeit erkennen lie. Das da, mit dem schwarzen,
theergestrichenen Geblk, war das Schulhaus und das gelbe, mit dem
glsernen Aussichtsthurm, mute Kunicke's sein, Kunicke's Villa, wie
die Tschechiner es spttisch nannten. Das niedrige, grad gegenber aber,
das war seine, das sah er an dem Birnbaum, dessen schwarzes Gezweig ber
die mit Schnee bedeckte Dachflche wegragte. Vowinkel bemerkte wohl,
wie Hradscheck sich unwillkrlich auf seinem Sitze hob, aber nichts von
Besorgni drckte sich in seinen Mienen und Bewegungen aus, sondern nur
Freude, seine Heimsttte wieder zu sehen.

Im Dorfe selbst schien man der Ankunft des justizrthlichen Wagens schon
entgegen gesehen zu haben. Auf dem Vorplatz der Igel'schen Brett- und
Schneidemhle, die man, wenn man von der Kstriner Seite her kam, als
erstes Gehft zu passiren hatte (gerade so wie das Orth'sche nach der
Frankfurter Seite hin), stand der alte Brett- und Schneidemller und
fegte mit einem kurzen storrigen Besen den Schnee von der obersten
Bretterlage fort, anscheinend aufs Eifrigste mit dieser seiner Arbeit
beschftigt, in Wahrheit aber nur begierig, den herankommenden
Hradscheck eher als irgend ein anderer im Dorf gesehen zu haben. Denn
Schneidemller Igel, oder der Schneidigel, wie man ihn kurzweg und in
der Regel mit absichtlich undeutlicher Aussprache nannte, war ein
Topfkucker. Aber so topfkuckrig er war, so stolz und hochmthig war er
auch, und so wandt' er sich in demselben Augenblicke, wo der Wagen an
ihm vorberfuhr, rasch wieder auf sein Haus zu, blos um nicht gren zu
mssen. Hier nahm er, um seine Neugier, deren er sich schmen mochte,
vor niemandem zu verrathen, Hut und Stock mit besonderer Langsamkeit vom
Riegel und folgte dann dem Wagen, den er brigens bald danach schon vor
dem Hradscheck'schen Hause vorfahren sah.

Frau Hradscheck war nicht da. Statt ihrer bernahm es Kunicke, den sie
darum gebeten haben mochte, den Wirth und so zu sagen die Honneurs des
Hauses zu machen. Er fhrte denn auch den Justizrath vom Flur her in den
Laden und von diesem in die dahinter befindliche Weinstube, wo man einen
Imbi bereit gestellt hatte. Vowinkel nahm aber, unter vorlufiger
freundlicher Ablehnung, nur ein kleines Glas Portwein und trat dann in
den Garten hinaus, wo sich bereits alles, was zur Dorfobrigkeit gehrte,
versammelt hatte: Schulze Woytasch, Gensdarm Geelhaar, Nachtwchter
Mewissen und drei buerliche Gerichtsmnner. Geelhaar, der, zur Feier
des Tages, seinen Staats-Czako mit dem armslangen schwarzen Lampenputzer
aufgesetzt hatte, ragte, mit Hilfe dieser Paradezuthaten, um fast drei
Haupteslngen ber den Rest aller Anwesenden hinaus. Das war der innere
Zirkel. Im weitern Umkreis aber standen die, die blos aus Neugier sich
eingefunden hatten, darunter der schon stark gefrhstckte Kantorssohn
und Dorfdichter, whrend einige zwanzig eben aus der Schule
herangekommene Jungens mit ihren Klapp-Pantinen auf das Kegelhaus
geklettert waren, um von hier aus Zeuge zu sein, was wohl bei der Sache
herauskommen wrde. Vorlufig inde begngten sie sich damit,
Schneeblle zu machen, mit denen sie nach den groen und kleinen Mdchen
warfen, die hinter dem Gartenzaun der alten Jeschke standen. Alles
plapperte, lachte, reckte den Hals, und wre nicht Hradscheck selbst
gewesen, der, die Blicke seiner alten Freunde vermeidend, ernst und
schweigend vor sich hinsah, so htte man glauben knnen, es sei Kirme
oder eine winterliche Jahrmarktsscene.

Die Gerichtsmnner flsterten und steckten die Kpfe zusammen, whrend
Woytasch und Geelhaar sich umsahen. Es schien noch etwas zu fehlen, was
auch zutraf. Als aber bald danach der alte Todtengrber Wonnekamp mit
noch zwei von seinen Leuten erschien, rckte man nher an den Birnbaum
heran und begann den Schnee, der hier lag, fortzuschippen. Das ging
leicht genug, bis statt des Schnees die gefrorne Erde kam, wo nun die
Pickaxt aushelfen mute. Der Frost indessen war nicht tief in die Erde
gedrungen, und so konnte man den Spaten nicht nur bald wieder zur Hand
nehmen, sondern kam auch rascher vorwrts, als man anfangs gehofft
hatte. Die herausgeworfenen Schollen und Lehmstcke wurden immer grer,
je weicher der Boden wurde, bis mit einem Male der alte Todtengrber
einem der Arbeiter in den Arm fiel und mit der seinem Stande zustndigen
Ruhe sagte: Nu giw mi moal; nu kmmt wat. Dabei nahm er ihm das
Grabscheit ohne weiteres aus der Hand und fing selber an zu graben. Aber
ersichtlich mit groer Vorsicht. Alles drngte vor und wollte sehn. Und
siehe da, nicht lange, so war ein Todter aufgedeckt, der zu groem
Theile noch in Kleiderresten steckte. Die Bewegung wuchs, und aller
Augen richteten sich auf Hradscheck, der, nach wie vor, vor sich hin sah
und nur dann und wann einen scheuen Seitenblick in die Grube that.

Nu hebben se'n, lief ein Gemurmel den Gartenzaun entlang, unklar
lassend, ob man Hradscheck oder den Todten meine; die Jungens auf dem
Kegelhuschen aber reckten ihre Hlse noch mehr als vorher, trotzdem
sie weder nah noch hoch genug standen, um irgend 'was sehn zu knnen.

Eine Pause trat ein. Dann nahm der Justizrath des Angeklagten Arm und
sagte, whrend er ihn dicht an die Grube fhrte: Nun, Hradscheck, was
sagen Sie?

Dieser verzog keine Miene, faltete die Hnde wie zum Gebet und sagte
dann fest und feierlich: Ich sage, da dieser Todte meine Unschuld
bezeugen wird.

Und whrend er so sprach, sah er zu dem alten Todtengrber hinber, der
den Blick auch verstand und, ohne weitere Fragen abzuwarten,
geschftsmig sagte: Ja, der hier liegt, liegt hier schon lang. Ich
denke zwanzig Jahre. Und der Pohlsche, der es sein soll, is noch keine
zehn Wochen todt.

Und siehe da, kaum da diese Worte gesprochen waren, so war ihr Inhalt
auch schon bewiesen und jeder schmte sich, so wenig kaltes Blut und so
wenig Umsicht und berlegung gehabt zu haben. In einem gewissen
Entdeckungseifer waren alle wie blind gewesen und hatten unbeachtet
gelassen, da ein Schdel, um ein richtiger Schdel zu werden, auch sein
Stck Zeit verlangt und da die Todten ihre Verschiedenheiten und ihre
Grade haben, gerade so gut wie die Lebendigen.

Am verlegensten war der Justizrath. Aber er sammelte sich rasch und
sagte: Todtengrber Wonnekamp hat Recht. Das ist nicht der Todte, den
wir suchen. Und wenn er zwanzig Jahre in der Erde liegt, was ich keinen
Augenblick bezweifle, so kann Hradscheck an diesem Todten keine Schuld
haben. Und kann auch von einer frheren Schuld keine Rede sein. Denn
Hradscheck ist erst im zehnten Jahr in diesem Dorf. Das alles ist jetzt
erwiesen. Trotz alledem bleiben ein paar dunkle Punkte, worber
Aufklrung gegeben werden mu. Ich lebe der Zuversicht, da es an dieser
Aufklrung nicht fehlen wird, aber ehe sie gegeben ist, darf ich Sie,
Herr Hradscheck, nicht aus der Untersuchung entlassen. Es wird sich
dabei, was ich als eine weitere Hoffnung hier ausspreche, nur noch um
Stunden und hchstens um Tage handeln.

Und damit nahm er Kunicke's Arm und ging in die Weinstube zurck,
woselbst er nunmehr, in Gesellschaft von Woytasch und den
Gerichtsmnnern, dem fr ihn servirten Frhstcke tapfer zusprach. Auch
Hradscheck ward aufgefordert, sich zu setzen und einen Imbi zu nehmen.
Er lehnte jedoch ab und sagte, da er mit seiner Mahlzeit lieber warten
wolle, bis er im Kstriner Gefngni sei.

So waren seine Worte.

Und diese Worte gefielen den Bauern ungemein. Er will nicht an seinem
eignen Tisch zu Gaste sitzen und das Brot, das er gebacken, nicht als
Gnadenbrot essen. Da hat er Recht. Das mcht' ich auch nicht.

So hie es und so dachten die Meisten.

Aber freilich nicht alle.

Gensdarm Geelhaar ging an dem Zaun entlang, ber den, sammt andrem
Weibervolk, auch Mutter Jeschke weggekuckt hatte. Natrlich auch Line.

Geelhaar tippte dieser mit dem Finger auf den Dutt und sagte: Nu Line,
was macht der Zopf?

Meiner? lachte diese. Hrens, Herr Gensdarm, jetzt kommt _Ihrer_ an
die Reih'.

Wird so schlimm nicht werden, Lineken ... Und Mutter Jeschke, was sagt
die dazu?

Joa, wat sall se seggen? He is nu wedder 'rut. Awers he kmmt ook woll
wedder 'rin.




                                 XII.


Eine Woche war vergangen, in der die Tschechiner viel erlebt hatten. Das
Wichtigste war: Hradscheck, nachdem er noch ein Kstriner Schluverhr
durchgemacht hatte, war wieder da. Schlicht und unbefangen, ohne Lcken
und Widersprche, waren die Dunkelheiten aufgeklrt worden, so da an
seiner Unschuld nicht lnger zu zweifeln war. Es seien ihm, so hie es
in seiner vor Vowinkel gemachten Aussage, durch Unachtsamkeit, deren er
sich selber zu zeihen habe, mehrere groe Speckseiten verdorben, und
diese mglichst unbemerkt im Garten zu vergraben, hab' er an jenem Tage
vorgehabt. Er sei denn auch, gleich nachdem seine Gste die Weinstube
verlassen htten, ans Werk gegangen und habe, genau so wie's die Jeschke
gesehn und erzhlt, an dem alten Birnbaum ein Loch zu graben versucht;
als er aber erkannt habe, da da was verscharrt liege, ja, dem Anscheine
nach ein Todter, hab' ihn eine furchtbare Angst gepackt, in Folge deren
er nicht weiter gegraben, sondern das Loch rasch wieder zugeschttet
habe. Der Koffer, den die Jeschke gesehen haben wolle, das seien eben
jene Speckseiten gewesen, die, dicht bereinander gepackt, an der
Gartenthr gelegen htten. Aber wozu die Heimlichkeit und die Nacht?
hatte Vowinkel nach dieser Erklrung etwas spitz gefragt, worauf
Hradscheck, in seiner Erzhlung fortfahrend, ohne Verlegenheit und
Unruhe geantwortet hatte: Zu dieser Heimlichkeit seien fr ihn zwei
Grnde gewesen. Erstens hab' er sich die Vorwrfe seiner Frau, die nur
zu geneigt sei, von seiner Unachtsamkeit in Geschftsdingen zu sprechen,
ersparen wollen. Und er drfe wohl hinzusetzen, wer verheirathet sei,
der kenne das und wisse nur zu gut, wie gerne man sich solchen Anklagen
und Streitscenen entziehe. Der zweite Grund aber sei noch wichtiger
gewesen: die Rcksicht auf die Kundschaft. Die Bauern, wie der Herr
Justizrath ja wisse, seien die schwierigsten Leute von der Welt, ewig
voll Mitrauen, und wenn sie derlei Dinge, wie Schinken und Speck, auch
freilich nicht in seinem Laden zu kaufen pflegten, weil sie ja genug
davon im eignen Rauch htten, so zgen sie doch gleich Schlsse vom
einen aufs andre. Dergleichen hab' er mehr als einmal durchgemacht und
dann wochenlang aller Ecken und Enden hren mssen, er passe nicht auf.
Ja, noch letzten Herbst, als ihm ganz ohne seine Schuld eine Tonne
Heringe thranig geworden sei, habe Schneidigel berall im Dorfe
geputscht und unter anderm zu Quaas und Kunicke gesagt: 'Uns wird er
damit nicht kommen; aber die kleinen Leute, die, die...'

Der Justizrath hatte hierbei gelchelt und zustimmend genickt, weil er
die Bauern fast so gut wie Hradscheck kannte, so da, nach Erledigung
auch _dieses_ Punktes, eigentlich nichts brig geblieben war als die
Frage, was denn nun, unter so bewandten Umstnden, aus dem durchaus zu
beseitigenden Speck geworden sei? Welche Frage jedoch nur dazu
beigetragen hatte, Hradscheck's Unschuld vollends ins Licht zu stellen.
Er habe die Speckseiten an demselben Morgen noch an einer anderen
Gartenstelle verscharrt; gleich nach Szulski's Abreise. Nun, wir
werden ja sehn, hatte Vowinkel hierauf geantwortet und einen seiner
Gerichtsdiener abgeschickt, um sich in Tschechin selbst ber die
Richtigkeit oder Unrichtigkeit dieser Aussage zu vergewissern. Und als
sich nun in krzester Frist alles besttigt oder mit anderen Worten der
vergrabene Speck wirklich an der von Hradscheck angegebenen Stelle
gefunden hatte, hatte man das Verfahren eingestellt, und an demselben
Nachmittage noch war der unter so schwerem Verdacht Gestandene nach
Tschechin zurckgekehrt und in einer stattlichen Kstriner Miethschaise
vor seinem Hause vorgefahren. Ede, ganz verblfft, hatte nur noch Zeit
gefunden, in die Wohnstube, darin sich Frau Hradscheck befand,
hineinzurufen: Der Herr, der Herr..., worauf Hradscheck selbst mit
der ihm eigenen Jovialitt und unter dem Zurufe: Nun Ede, wie geht's?
in den Flur seines Hauses eingetreten, aber freilich im selben
Augenblick auch wieder mit einem erschreckten Was is, Frau?
zurckgefahren war. Ein Ausruf, den er wohl thun durfte. Denn gealtert,
die Augen tief eingesunken und die Haut wie Pergament, so war ihm Ursel
unter der Thr entgegengetreten.

                           *       *       *

Hradscheck war da, das war das _eine_ Tschechiner Ereigni. Aber das
andere stand kaum dahinter zurck: Eccelius hatte, den Sonntag darauf,
ber Sacharja7, Vers 9 und 10 gepredigt, welche Stelle lautete: So
spricht der Herr Zebaoth: Richtet recht, und ein Jeglicher beweise an
seinem Bruder Gte und Barmherzigkeit. Und thuet nicht Unrecht den
_Fremdlingen_ und denke keiner wider seinen Bruder etwas Arges in seinem
Herzen. Schon bei Lesung des Textes und der sich daran knpfenden
Einleitungsbetrachtung hatten die Bauern aufgehorcht; als aber der
Pastor das Allgemeine fallen lie und, ohne Namen zu nennen, den
Hradscheck'schen Fall zu schildern und die Trglichkeit des Scheines
nachzuweisen begann, da gab sich eine Bewegung kund, wie sie seit dem
Sonntag (es ging nun ins fnfte Jahr), an welchem Eccelius auf die
schweren sittlichen Vergehen eines als Brutigam vor dem Altar stehenden
reichen Bauernsohnes hingewiesen und ihn zu besserem Lebenswandel
ermahnt hatte, nicht mehr dagewesen war. Beide Hradschecks waren in der
Kirche zugegen und folgten jedem Worte des Geistlichen, der heute viel
Bibelsprche citirte, mehr noch als gewhnlich.

Es war unausbleiblich, da diese Rechtfertigungsrede zugleich zur
Anklage gegen alle diejenigen wurde, die sich in der Hradscheck-Sache so
wenig freundnachbarlich benommen und durch allerhand Zutrgereien
entweder ihr belwollen oder doch zum mindesten ihre Leichtfertigkeit
und Unberlegtheit gezeigt hatten. Wer in erster Reihe damit gemeint
war, konnte nicht zweifelhaft sein, und vieler Augen, nur nicht die der
Bauern, die, wie herkmmlich, keine Miene verzogen, richteten sich auf
die mitsammt ihrem Lineken auf der vorletzten Bank sitzende Mutter
Jeschke, der Kanzel grad' gegenber, dicht unter der Orgel. Line, sonst
ein Muster von Nichtverlegenwerden, wute doch heute nicht wohin und
verwnschte die alte Hexe, neben der sie das Kreuzfeuer so vieler Augen
aushalten mute. Mutter Jeschke selbst aber nickte nur leise mit dem
Kopf, wie wenn sie jedes Wort billige, das Eccelius gesprochen, und
sang, als die Predigt aus war, den Schluvers ruhig mit. Ja sie blieb
selbst unbefangen, als sie drauen, an den zu beiden Seiten des
Kirchhofweges stehenden Frauen vorbeihumpelnd, erst die vorwurfsvollen
Blicke der lteren und dann das Kichern der Jngeren ber sich ergehen
lassen mute.

Zu Hause sagte Line: Das war eine schne Geschichte, Mutter Jeschke.
Htte mir die Augen aus dem Kopf schmen knnen.

Bis doch snnst nicht so.

Ach was, snnst. Hat er Recht oder nicht? Ich meine, der Alte drben?

Ick weet nich, Line, beschwichtigte die Jeschke. He mt et joa
weeten.




                                 XIII.


He mt et joa weeten, hatte die Jeschke gesagt und damit
ausgesprochen, wie sie wirklich zu der Sache stand. Sie mitraute
Hradscheck nach wie vor; aber der Umstand, da Eccelius von der Kanzel
her eine Rechtfertigungsrede fr ihn gehalten hatte, war doch nicht ohne
Eindruck auf sie geblieben und veranlate sie, sich einigermaen
zweifelvoll gegen ihren eigenen Argwohn zu stellen. Sie hatte Respekt
vor Eccelius, trotzdem sie kaum weniger als eine richtige alte Hexe war
und die heiligen Handlungen der Kirche ganz nach Art ihrer
sympathetischen Kuren ansah. Alles, was in der Welt wirkte, war
Sympathie, Besprechung, Spuk, aber dieser Spuk hatte doch zwei Quellen,
und der weie Spuk war strker als der schwarze. Demgem unterwarf sie
sich auch (und zumal wenn er von Altar oder Kanzel her sprach) dem den
weien Spuk vertretenden Eccelius, ihm so zu sagen die sichrere
Bezugsquelle zugestehend. Unter allen Umstnden aber suchte sie mit
Hradscheck wieder auf einen guten Fu zu kommen, weil ihr der Werth
einer guten Nachbarschaft einleuchtete. Hradscheck seinerseits, statt
den Empfindlichen zu spielen, wie manch anderer gethan htte, kam ihr
dabei auf halbem Wege entgegen und war berhaupt von so viel
Unbefangenheit, da, ehe noch die Fastelabend-Pfannkuchen gebacken
wurden, die ganze Szulski-Geschichte so gut wie vergessen war. Nur
Sonntags im Kruge kam sie noch dann und wann zur Sprache.

Wenn man wenigstens de Pelz wedder in die Hcht km...

Na, Du whrst doch den Pohlschen sien' Pelz nich antrecken wulln?

Nich antrecken? Wormm nich? Dat de Pohlsche drinn wihr, dat deiht em
nix. Un mi ook nich. Un wat snnst noch drin wihr, na, dat wahrd nu joa
woll rut sinn.

Joa, joa. Dat wahrd nu joa woll rut sinn.

Und dann lachte man und wechselte das Thema.

Solche Scherze bildeten die Regel, und nur selten war es, da irgend wer
ernsthaft auf den Fall zu sprechen kam und bei der Gelegenheit seine
Verwunderung ausdrckte, da die Leiche noch immer nicht angetrieben
sei. Dann aber hie es, der Todte lieg' im Schlick, und der Schlick
gbe nichts heraus, oder doch erst nach fnfzig Jahren, wenn das
angeschwemmte Vorland Acker geworden sei. Dann wrd' er mal beim Pflgen
gefunden werden, gerad so wie der Franzose gefunden wr'.

Ja, gerade so wie der Franzose, der jetzt berhaupt die Hauptsache war,
viel mehr als der mit seinem Fuhrwerk verunglckte Reisende, was
eigentlich auch nicht Wunder nehmen konnte. Denn Unglcksflle wie der
Szulski'sche waren hufig, oder wenigstens nicht selten, whrend der
verscharrte Franzos unterm Birnbaum alles Zeug dazu hatte, die Fantasie
der Tschechiner in Bewegung zu setzen. Allerlei Geschichten wurden
ausgesponnen, auch Liebesgeschichten, in deren einer es hie, da
Anno13 ein in eine hbsche Tschechinerin verliebter Franzose beinah
tglich von Kstrin her nach Tschechin gekommen sei, bis ihn ein
Nebenbuhler erschlagen und verscharrt habe. Diese Geschichte lieen sich
auch die Mgde nicht nehmen, trotzdem sich ltere Leute sehr wohl
entsannen, da man einen Chasseur- oder nach andrer Meinung einen
Voltigeur-Korporal einfach wegen zu scharfer Fouragirung bei Seite
gebracht und still gemacht habe. Diese Besserwissenden drangen aber mit
ihrer Prosa-Geschichte nicht durch, und unter allen Umstnden blieb der
Franzose Held und Mittelpunkt der Unterhaltung.

All das kam unsrem Hradscheck zu statten. Aber was ihm noch mehr zu
statten kam, war das, da er denselben Franzosen unterm Birnbaum nicht
blos zur Wiederherstellung, sondern sogar zu glnzender Aufbesserung
seiner Reputation zu benutzen verstand.

Und das kam so.

Nicht allzu lange nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft war
in einer Kirchen-Gemeinderathssitzung, der Eccelius in Person
prsidirte, davon die Rede gewesen, dem Franzosen auf dem Kirchhof ein
christliches Begrbni zu gnnen. Der Franzose sei zwar, so hatte sich
der den Antrag stellende Kunicke geuert, sehr wahrscheinlich ein
Katholscher gewesen, aber man drfe das so genau nicht nehmen; die
Katholschen seien bei Licht besehen auch Christen, und wenn einer schon
so lang in der Erde gelegen habe, dann sei's eigentlich gleich, ob er
den gereinigten Glauben gehabt habe oder nicht. Eccelius hatte dieser
echt Kunicke'schen Rede, wenn auch selbstverstndlich unter Lcheln,
zugestimmt, und die Sache war schon als angenommen und erledigt
betrachtet worden, als sich Hradscheck noch im letzten Augenblick zum
Worte gemeldet hatte. Wenn der Herr Prediger das Begrbni auf dem
Kirchhofe, der, als ein richtiger christlicher Gottesacker, jedem
Christen, evangelisch oder katholisch, etwas durchaus Heiliges sein
msse, fr angemessen oder gar fr pflichtmig halte, so knne es ihm
nicht einfallen, ein Wort dagegen sagen zu wollen; wenn es aber nicht
ganz so liege, mit andern Worten, wenn ein Begrbni daselbst nicht
absolut pflichtmig sei, so sprch' er hiermit den Wunsch aus, den
Franzosen in seinem Garten behalten zu drfen. Der Franzose sei so zu
sagen sein Schutzpatron geworden, und kein Tag ginge hin, ohne da er
desselben in Dankbarkeit und Liebe gedenke. Das sei das, was er nicht
umhin gekonnt habe hier auszusprechen, und er setze nur noch hinzu, da
er, gewnschten Falles, die Stelle mit einem Gitter versehen oder mit
einem Buchsbaum umziehn wolle. Die ganze Rede hatte Hradscheck mit
bewegter und die Dankbarkeitsstelle sogar mit zitternder Stimme
gesprochen, was eine groe Wirkung auf die Bauern gemacht hatte.

Bist ein braver Kerl, hatte der, wie alle Frhstcker, leicht zum
Weinen geneigte Kunicke gesagt und eine Viertelstunde spter, als er
Woytasch und Eccelius bis vor das Pfarrhaus begleitete, mit Nachdruck
hinzugesetzt: Un wenn's noch ein Russe wr'! Aber das is ihm alles
eins, Russ' oder Franzos. Der Franzos hat ihm geholfen und nu hilft er
ihm wieder und lt ihn eingittern. Oder doch wenigstens eine Rabatte
ziehen. Und wenn es ein Gitter wird, so hat er's nicht unter zwanzig
Thaler. Und da rechne ich noch keinen Anstrich und keine Vergoldung.

                           *       *       *

Das alles war Mitte Mrz gewesen, und vier Wochen spter, als die
Schwalben zum ersten Male wieder durch die Dorfgasse hinschossen, um
sich anzumelden und zugleich Umschau nach den alten Menschen und Pltzen
zu halten, hatte Hradscheck ein Zwiegesprch mit Zimmermeister
Buggenhagen, dem er bei der Gelegenheit eine Planzeichnung vorlegte.

Sehen Sie, Buggenhagen, das Haus ist berall zu klein, berall ist
angebaut und angeklebt, die Kche dicht neben dem Laden, und fr die
Fremden ist nichts da, wie die zwei Giebelstuben oben. Das ist zu wenig,
ich will also ein Stock aufsetzen. Was meinen Sie? Wird der Unterbau ein
Stockwerk aushalten?

Was wird er nicht! sagte Buggenhagen. Natrlich Fachwerk!

Natrlich Fachwerk! wiederholte Hradscheck. Auch schon der Kosten
wegen. Alle Welt thut jetzt immer, als ob meine Frau zum mindesten ein
Rittergut geerbt htte. Ja, hat sich was mit Rittergut. Erbrmliche
tausend Thaler.

Na, na.

Nun, sagen wir zwei, lachte Hradscheck. Aber mehr nicht, auf Ehre.
Und da davon keine Seide zu spinnen ist, das wissen Sie. Keine Seide zu
spinnen und auch keine Palste zu bauen. Also so billig wie mglich,
Buggenhagen. Ich denke, wir nehmen Lehm als Fllung. Stein ist zu schwer
und zu theuer, und was wir dadurch sparen, das lassen wir der
Einrichtung zu Gute kommen. Ein paar fen mit weien Kacheln, nicht
wahr? Ich habe schon an Feilner geschrieben und angefragt. Und natrlich
alles Tapete! Sieht immer nach 'was aus und kann die Welt nicht kosten.
Ich denke, weie; das ist am saubersten und zugleich das Billigste.

Buggenhagen hatte zugestimmt und gleich nach Ostern mit dem Umbau
begonnen.

Und nicht allzu lange, das Wetter hatte den Bau begnstigt, so war das
Haus, das nun einen aufgesetzten Stock hatte, wieder unter Dach. Aber es
war das _alte_ Dach, die nmlichen alten Steine, denn Hradscheck wurde
nicht mde, Sparsamkeit zu fordern und immer wieder zu betonen, da er
nach wie vor ein armer Mann sei.

Vier Wochen spter standen auch die Feilner'schen fen, und nur
hinsichtlich der Tapete waren andere Beschlsse gefat und statt der
weien ein paar buntfarbige gewhlt worden.

                           *       *       *

Anfangs, so lange das Dach-Abdecken dauerte, hatte Hradscheck in
augenscheinlicher Nervositt immer zur Eile angetrieben, und erst als
die rechts nach der Kegelbahn hin gelegene Giebelwand eingerissen und
statt der Stuben oben nur noch das Balken- und Sparrenwerk sichtbar war,
hatte sich seine Hast und Unruhe gelegt und Aufgerumtheit und gute
Laune waren an Stelle derselben getreten. In dieser guten Laune war und
blieb er auch, und nur ein einziger Tag war gewesen, der ihm dieselbe
gestrt hatte.

Was meinen Sie, Buggenhagen, hatte Hradscheck eines Tages gesagt, als
er eine aus dem Keller heraufgeholte Flasche mit Portwein aufzog. Was
meinen Sie, liee sich nicht der Keller etwas hher wlben? Natrlich
nicht der ganze Keller. Um Gottes willen nicht, da blieb am Ende kein
Stein auf dem andern, und Laden und Wein- und Wohnstube, kurzum alles
mte verndert und auf einen andern Leisten gebracht werden. Das geht
nicht. Aber es wre schon viel gewonnen, wenn wir das Mittelstck, das
grad unter dem Flur hinluft, etwas hher legen knnten. Ob die Diele
dadurch um zwei Fu niedriger wird, ist ziemlich gleichgltig; denn die
Fsser, die da liegen, haben immer noch Spielraum genug, auch nach oben
hin, und stoen nicht gleich an die Decke.

Buggenhagen widersprach nie, theils aus Klugheit, theils aus
Gleichgltigkeit, und das Einzige, was er sich dann und wann erlaubte,
waren halbe Vorschlge, hinsichtlich deren es ihm gleich war, ob sie
gutgeheien oder verworfen wurden. Und so verfuhr er auch diesmal wieder
und sagte: Versteht sich, Hradscheck. Es geht. Warum soll es nicht
gehn? Es geht alles. Und der Keller ist auch wirklich nicht hoch genug
(ich glaube keine fnftehalb Fu) und die Fenster viel zu klein und zu
niedrig; alles wird stockig und multrig. Mu also gemacht werden. Aber
warum gleich wlben? Warum nicht lieber ausschachten? Wenn wir zehn
Fuhren Erde 'raus nehmen, haben wir berall fnf Fu im ganzen Keller
und kein Mensch stt sich mehr die kahle Platte. Nach oben hin wlben
macht blos Kosten und Umstnde. Wir knnen eben so gut nach unten gehn.

Hradscheck, als Buggenhagen so sprach, hatte die Farbe gewechselt und
sich momentan gefragt, ob das alles vielleicht was zu bedeuten habe?
Bald aber von des Sprechenden Unbefangenheit berzeugt, war ihm seine
Ruhe zurckgekehrt.

Wenn ich mir's recht berlege, Buggenhagen, so lassen wir's. Wir mssen
auch an das Grundwasser denken. Und ist es so lange so gegangen, so
kann's auch noch weiter so gehn. Und am Ende, wer kommt denn in den
Keller? Ede. Und der hat noch lange keine fnf Fu.

                           *       *       *

Das war einige Zeit vor Beginn der Manver gewesen, und wenn es ein paar
Tage lang rgerlich und verstimmend nachgewirkt hatte, so verschwand es
rasch wieder, als Anfang September die Truppenmrsche begannen und die
Schwedter Dragoner als Einquartierung ins Dorf kamen. Das Haus voller
Gste zu haben, war berhaupt Hradscheck's Vergngen, und der liebste
Besuch waren ihm Rittmeister und Lieutenants, die nicht nur ihre Flasche
tranken, sondern auch allerlei wuten und den Mund auf dem rechten Fleck
hatten. Einige verschworen sich, da ein Krieg ganz nahe sei. Kaiser
Nikolaus, Gott sei Dank, sei hchst unzufrieden mit der neuen
franzsischen Wirthschaft, und der unsichere Passagier, der Louis
Philipp, der doch eigentlich blos ein Waschlappen und halber Cretin sei,
solle mit seiner ganzen Konstitution wieder bei Seite geschoben und
statt seiner eine bourbonische Regentschaft eingesetzt oder vielleicht
auch der vertriebene KarlX. wieder zurckgeholt werden, was eigentlich
das Beste sei. Kaiser Nikolaus habe Recht, berhaupt immer Recht.
Konstitution sei Unsinn und das ganze Brgerknigthum die reine
Phrasendrescherei.

Wenn so das Gesprch ging, ging unserm Hradscheck das Herz auf, trotzdem
er eigentlich fr Freiheit und Revolution war. Wenn es aber Revolution
nicht sein konnte, so war er auch fr Tyrannei. Blos gepfeffert mute
sie sein. Aufregung, Blut, Todtschieen, -- wer ihm das leistete, war
sein Freund, und so kam es, da er ber Louis Philipp mit zu Gerichte
sa, als ob er die hyperloyale Gesinnung seiner Gste getheilt htte.
Nur von Ede sah er sich noch bertroffen, und wenn dieser durch die
Weinstube ging und ein neues Beefsteak oder eine neue Flasche brachte,
so lag allemal ein dmmliches Lachen auf seinem Gesicht, wie wenn er
sagen wollte: Recht so, 'runter mit ihm; alles mu um einen Kopf krzer
gemacht werden. Ein paar blutjunge Lieutenants, die diese komische
Raserei wahrnahmen, amsirten sich herzlich ber ihn und lieen ihn
mittrinken, was alsbald dahin fhrte, da der fr gewhnlich so
schchterne Junge ganz aus seiner Reserve heraustrat und sich
gelegentlich selbst mit dem sonst so gefrchteten Hradscheck auf einen
halben Unterhaltungsfu stellte.

Da, Herr, rief er eines Tages, als er gerade mit einem Korbe voll
Flaschen wieder aus dem Keller heraufkam. Da, Herr; das hab' ich eben
unten gefunden. Und damit schob er Hradscheck einen schwarzbersponnenen
Knebelknopf zu. Sind solche, wie der Pohlsche an seinem Rock hatte.

Hradscheck war kreidewei geworden und stotterte: Ja, hast Recht, Ede.
Das sind solche. Hast Recht. Das heit, die von dem Pohlschen, die waren
grer. Solche kleinen wie _die_, die hatte Hermannchen, uns'
Ltt-Hermann, an seinem Pelzrock. Weit Du noch? Aber nein, da warst Du
noch gar nicht hier. Bring' ihn meiner Frau; vergi nicht. Oder gieb ihn
mir lieber wieder; ich will ihn ihr selber bringen.

Ede ging, und die zunchst sitzenden Offiziere, die Hradscheck's
Erregung wahrgenommen hatten, aber nicht recht wuten, was sie daraus
machen sollten, standen auf und wandten sich einem Gesprch mit andren
Kameraden zu.

                           *       *       *

Auch Hradscheck erhob sich. Er hatte den Knebelknopf zu sich gesteckt
und ging in den Garten, rgerlich gegen den Jungen, am rgerlichsten
aber gegen sich selbst.

Gut, da es Fremde waren, und noch dazu solche, die blos an Mdchen
und Pferde denken. War's einer von uns hier, und wenn auch blos der
lgtze, der Quaas, so hatt' ich die ganze Geschichte wieder ber den
Hals. Aufpassen, Hradscheck, aufpassen. Und das verdammte Zusammenfahren
und sich Verfrben! Kalt Blut, oder es giebt ein Unglck.

So vor sich hinsprechend, war er, den Blick zu Boden gerichtet, schon
ein paarmal in dem Mittelgang auf und ab geschritten. Als er jetzt
wieder aufsah, sah er, da die Jeschke hinter dem Himbeerzaune stand und
ein paar versptete Beeren pflckte.

Die alte Hexe. Sie lauert wieder.

Aber trotzalledem ging er auf sie zu, gab ihr die Hand und sagte: Nu,
Mutter Jeschke, wie geht's? Lange nicht gesehn. Auch Einquartierung?

Nei, Hradscheck.

Oder is Line wieder da?

Nei, Lineken ook nich. De is joa jitzt in Kstrin.

Bei wem denn?

Bi School-Inspekters. Un doa will se nich weg ... Hren's, Hradscheck,
ick glw, de School-Inspekters sinn ook man so ... Awers wat hebben Se
denn? Se sehn joa janz geel ut. Un hier so 'ne Falt'. O, Se mten sich
nich rgern, Hradscheck.

Ja, Mutter Jeschke, das sagen Sie wohl. Aber man _mu_ sich rgern. Da
sind nun die jungen Offiziere. Na, die gehen bald wieder und sind auch
am Ende so schlimm nicht und eigentlich nette Herrchen und immer fidel.
Aber der Ede, dieser Ede! Da hat der Junge gestern wieder ein halbes
Fa l auslaufen lassen. Das ist doch ber den Spa. Wo soll man denn
das Geld schlielich hernehmen? Und dann die Plackerei treppauf,
treppab, und die schmalen Kellerstufen halb abgerutscht. Es ist zum
Halsbrechen.

Na, Se hebben joa doch nu Buggenhagen bi sich. De knn joa doch ne nije
Trepp moaken.

Ach, der, der. Mit dem ist auch nichts; rgert mich auch. Sollte mir da
den Keller hher legen. Aber er will nicht und hat allerhand Ausreden.
Oder vielleicht versteht er's auch nicht. Ich werde mal den Kstriner
Maurermeister kommen lassen, der jetzt an den Kasematten herumflickt.
Kasematten und Keller ist ja beinah dasselbe. _Der_ mu Rath schaffen.
Und bald. Denn der Keller ist eigentlich gar kein richtiger Keller; is
blos ein Loch, wo man sich den Kopf stt.

Joa, joa. De Wienstuw' sitt em to sihr upp'n Nacken.

Freilich. Und die ganze Geschichte hat nicht Luft und nicht Licht. Und
warum nicht? Weil kein richtiges Fenster da ist. Alles zu klein und zu
niedrig. Alles zu dicht zusammen.

Woll, woll, stimmte die Jeschke zu. Jott, ick weet noch, as de
Pohlsche hier wihr und dat Licht mmer so blinzeln deih. Joa, wo _wihr_
dat Licht? Wihr et in de Stuw' o'r wihr et in'n Keller? Ick weet et
nich.

Alles klang so pfiffig und hmisch, und es lag offen zu Tage, da sie
sich an ihres Nachbarn Verlegenheit weiden wollte. Diesmal aber hatte
sie die Rechnung ohne den Wirth gemacht und die Verlegenheit blieb
schlielich auf ihrer Seite. War doch Hradscheck seit lange schon
Willens, ihr gegenber, bei sich bietender Gelegenheit, mal einen andern
Ton anzuschlagen. Und so sah er sie denn jetzt mit seinen
durchdringenden Augen scharf an und sagte, sie pltzlich in der dritten
Person anredend: Jeschken, ich wei, wo sie hin will. Aber wei sie
denn auch, was eine Verleumdungsklage ist? Ich erfahre alles, was sie so
herumschwatzt; aber seh' sie sich vor, sonst kriegt sie's mit dem
Kstriner Gericht zu thun; sie ist 'ne alte Hexe, das wei jeder, und
der Justizrath wei es auch. Und er wartet blos noch auf eine
Gelegenheit.

Die Alte fuhr erschreckt zusammen. Ick meen' joa man, Hradscheck, ick
meen' joa man ... Se weeten doch, en beten Spoa mt sinn.

Nun gut. Ein bischen Spa mag sein. Aber wenn ich Euch rathen kann,
Mutter Jeschke, nicht zu viel. Hrt Ihr wohl, nicht zu viel.

Und damit ging er wieder auf das Haus zu.




                                 XIV.


ngstigungen und rgernisse wie die vorgeschilderten kamen dann und wann
vor, aber im Ganzen, um es zu wiederholen, war die Bauzeit eine
glckliche Zeit fr unsern Hradscheck gewesen. Der Laden war nie leer,
die Kundschaft wuchs, und das dem Grundstck zugehrige, drauen an der
Neu-Lewiner Strae gelegene Stck Ackerland gab in diesem Sommer einen
besonders guten Ertrag. Dasselbe galt auch von dem Garten hinterm Haus;
alles gedieh darin, der Spargel prachtvoll, dicke Stangen mit gelbweien
Kpfen, und die Pastinak- und Dill-Beete standen hoch in Dolden. Am
meisten aber that der alte Birnbaum, der sich mehr als seit Jahren
anstrengte. Dat 's de Franzos, sagten die Knechte Sonntags im Krug,
de deiht wat fr em, und als die Pflckenszeit gekommen, rief Kunicke,
der sich gerade zum Kegeln eingefunden hatte: Hr', Hradscheck, Du
knntest uns mal ein paar von Deinen _Franzosen_birnen bringen.
Franzosenbirnen! Das Wort wurde sehr bewundert, lief rasch von Mund zu
Mund, und ehe drei Tage vergangen waren, sprach kein Mensch mehr von
Hradscheck's Malvasieren, sondern blos noch von den Franzosenbirnen.
Hradscheck selbst aber freute sich des Wortes, weil er daran erkannte,
da man, trotz aller Stichelreden der alten Jeschke, mehr und mehr
anfing, die Vorkommnisse des letzten Winters von der scherzhaften Seite
zu nehmen.

Ja, die Sommer- und Baumonate brachten lichtvolle Tage fr Hradscheck,
und sie htten noch mehr Licht und noch weniger Schatten gehabt, wenn
nicht Ursel gewesen wre. Die fllte, whrend alles andre glatt und gut
ging, seine Seele mit Mitleid und Sorge, mit Mitleid, weil er sie liebte
(wenigstens auf seine Weise), mit Sorge, weil sie dann und wann ganz
wunderliche Dinge redete. Zum Glck hatte sie nicht das Bedrfni Umgang
zu pflegen und Menschen zu sehn, lebte vielmehr eingezogener denn je,
und begngte sich damit, Sonntags in die Kirche zu gehn. Ihre sonst
tiefliegenden Augen sprangen dann aus dem Kopf, so begierig folgte sie
jedem Wort, das von der Kanzel her laut wurde, _das_ Wort aber, auf das
sie wartete, das kam nicht. In ihrer Sehnsucht ging sie dann, nach der
Predigt, zu dem guten, ihr immer gleichmig geneigt bleibenden Eccelius
hinber, um, so weit es ging, Herz und Seele vor ihm auszuschtten und
etwas von Befreiung oder Erlsung zu hren; aber Seelsorge war nicht
seine starke Seite, noch weniger seine Passion, und wenn sie sich der
Snde geziehn und in Selbstanklagen erschpft hatte, nahm er lchelnd
ihre Hand und sagte: Liebe Frau Hradscheck, wir sind allzumal Snder
und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollen. Sie haben eine
Neigung sich zu peinigen, was ich mibillige. Sich ewig anklagen ist
oft Dnkel und Eitelkeit. Wir haben Christum und seinen Wandel als
Vorbild, dem wir im Gefhl unsrer Schwche demthig nachstreben sollen.
Aber wahren wir uns vor Selbstgerechtigkeit, vor allem vor _der_, die
sich in Zerknirschung uert. _Das_ ist die Hauptsache. Wenn er das
trocken-geschftsmig, ohne Pathos und selbst ohne jede Spur von
Salbung gesagt hatte, lie er die Sache sofort wieder fallen und fragte,
zu natrlicheren und ihm wichtiger dnkenden Dingen bergehend, wie
weit der Bau sei? Denn er wollte nchstes Frhjahr _auch_ bauen. Und
wenn dann die Hradscheck, um ihm zu Willen zu sein, von allen mglichen
Kleinigkeiten, am liebsten und eingehendsten aber von den
Meinungsverschiedenheiten zwischen ihrem Mann und Zimmermeister
Buggenhagen geplaudert hatte, rieb er sich schmunzelnd und vor sich
hinnickend die Hand und sagte rasch und in augenscheinlicher Furcht, das
Seelengesprch wieder aufgenommen zu sehn: Und nun, liebe Frau
Hradscheck, mu ich Ihnen meine Nelken zeigen.

                           *       *       *

Um Johanni wute ganz Tschechin, da die Hradscheck es nicht lange mehr
machen werde. Keinem entging es. Nur sie selber sah es so schlimm nicht
an und wollte von keinem Doktor hren. Sie wissen ja doch nichts. Und
dann der Wagen und das viele Geld. Auf das Letztere, das viele Geld,
kam sie jetzt berhaupt mit Vorliebe zu sprechen, fand alles unnthig
oder zu theuer, und whrend sie noch das Jahr vorher fr ein
Polysander-Fortepiano gewesen war, um es, wenn nicht der Amtsrthin in
Friedrichsau, so doch wenigstens der Domnenpchterin auf Schlo
Solikant gleich zu thun, so war sie jetzt sparsam bis zum Geiz.
Hradscheck lie sie gewhren, und nur einmal, als sie gerade beim
Schotenpalen war, nahm er sich ein Herz und sagte: Was ist das nur
jetzt, Ursel? Du ringst Dir ja jeden Dreier von der Seele. Sie schwieg,
drehte die Schssel hin und her und palte weiter. Als er aber stehen
blieb und auf Antwort zu warten schien, sagte sie, whrend sie die
Schssel rasch und heftig bei Seite setzte: Soll es alles umsonst
gewesen sein? Oder willst Du... Weiter kam sie nicht. Ein Herzkrampf,
daran sie jetzt hufiger litt, berfiel sie wieder, und Hradscheck
sprang zu, um ihr zu helfen.

Ihre Wirthschaft besorgte sie pnktlich und alles ging am Schnrchen,
wie vordem. Aber Interesse hatte sie nur fr eins, und das Eine war der
Bau. Sie wollt' ihn, darin Hradscheck's Eifer noch bertreffend, in
mglichster Schnelle beendet sehn, und so sparsam sie sonst geworden
war, so war sie doch gegen keine Mehrausgabe, die Beschleunigung und
rascheres Zustandekommen versprach. Einmal sagte sie: Wenn ich nur erst
oben bin. Oben werd' ich auch wieder Schlaf haben. Und wenn ich erst
wieder schlafe, werd' ich auch wieder gesund werden. Er wollte sie
beruhigen und strich ihr mit der Hand ber Stirn und Haar. Aber sie wich
seiner Zrtlichkeit aus und kam in ein heftiges Zittern. berhaupt war
es jetzt fter so, wie wenn sie sich vor ihm frchte. 'mal sagte sie
leise: Wenn er nur nicht so glatt und glau wr'. Er ist so munter und
spricht so viel und kann alles. Ihn ficht nichts an ... Und die drben
in Neu-Lewin war auch mit einem Male weg. Solche Stimmungen kamen ihr
von Zeit zu Zeit, aber sie waren flchtig und vergingen wieder.

                           *       *       *

Und nun waren die letzten Augusttage.

Morgen, Ursel, ist alles fertig.

Und wirklich, als der andre Tag da war, bot ihr Hradscheck mit einer
gewissen freundlichen Feierlichkeit den Arm, um sie treppauf in eine der
neuen Stuben zu fhren. Es war die, die nach der Kegelbahn hinauslag,
jetzt die hbscheste, hellblau tapezirt und an der Decke gemalt: ein
Kranz von Blthen und Frchten, um den Tauben flogen und pickten. Auch
das Bett war schon heraufgeschafft und stand an der Mittelwand, genau
da, wo frher die Bettwand der alten Giebel- und Logirstube gewesen war.

Hradscheck erwartete Dank und gute Worte zu hren. Aber die Kranke sagte
nur: _Hier_? Hier, Abel?

Es sind neue Steine, stotterte Hradscheck.

Ursel inde war schon von der Thrschwelle wieder zurckgetreten und
ging den Gang entlang, nach der andern Giebelseite hinber, wo sich ein
gleich groes, auf den Hof hinaussehendes Zimmer befand. Sie trat an das
Fenster und ffnete; Kchenrauch, mehr anheimelnd als strend, kam ihr
von der Seite her entgegen und eine Henne mit ihren Kchelchen zog unten
vorber; Jakob aber, der holzsgend in Front einer offnen Remise stand,
neckte sich mit Male, die beim Brunnen Wsche splte.

_Hier_ will ich bleiben.

Und Hradscheck, der durch den Auftritt mehr erschttert als verdrossen war,
war einverstanden und lie alles, was sich von Einrichtungsgegenstnden
in der hellblau tapezirten und fr Ursel bestimmten Stube befand, nach
der andern Seite hinberbringen.

                           *       *       *

Und siehe da, Frau Hradscheck erholte sich wirklich und sogar rascher,
als sie selbst zu hoffen gewagt hatte. Schlaf kam, der scharfe Zug um
ihren Mund wich, und als die schon erwhnten Manvertage mit ihrer
Dragoner-Einquartierung kamen, hatte sich ihr Aussehn und ihre Stimmung
derart verbessert, da sie gelegentlich die Wirthin machen und mit den
Offizieren plaudern konnte. Das Hagere, Hektische gab ihr, bei der guten
Toilette, die sie zu machen verstand, etwas Distinguirtes, und ein alter
Eskadronchef, der sie mit erstaunlicher Ritterlichkeit umcourte, sagte,
wenn er ihr beim Frhstck nachsah und mit beiden Hnden den langen
blonden Schnurrbart drehte: Famoses Weib. Auf Ehre. Wie _die_ nur
hierher kommt? Und dann gab er seiner Bewunderung auch Hradscheck
gegenber Ausdruck, worauf dieser nicht wenig geschmeichelt antwortete:
Ja, Herr Rittmeister, Glck mu der Mensch haben! Mancher kriegt's im
Schlaf.

Und dann lachte der Eskadronchef und stie mit ihm an.

                           *       *       *

Das alles war Mitte September.

Aber das Wohlbefinden, so rasch es gekommen, so rasch ging es auch
wieder, und ehe noch das Erntefest heran war, waren die Krfte schon so
geschwunden, da die Kranke die Treppe kaum noch hinunter konnte. Sie
blieb dehalb oben, sah auf den Hof und machte sich, um doch etwas zu
thun, mit der Neu-Einrichtung smmtlicher Oberzimmer zu schaffen. Nur
die Giebelstube, nach der Kegelbahn hin, vermied sie.

Hradscheck, der immer noch an die Mglichkeit einer Wiederherstellung
gedacht hatte, sah jetzt auch, wie's stand, und als der heimlich zu
Rathe gezogene Doktor Oelze von Abzehrung und Nervenschwindsucht
gesprochen, machte sich Hradscheck auf ihr Hinscheiden gefat. Da er
darauf gewartet htte, konnte nicht wohl gesagt werden; im Gegentheil,
er blieb seiner alten Neigung treu, war beraus rcksichtsvoll und
klagte nie, da ihm die Frau fehle. Er wollt' auch von keiner andern
Hilfe wissen und ordnete selber alles an, was in der Wirthschaft zu thun
nthig war. Vieles that er selbst. Is doch ein Mordskerl, sagte
Kunicke. Was er will, kann er. Ich glaub', er kann auch einen Hasen
abziehn und Slze kochen.

An dem Abend, wo Kunicke so gesprochen, hatte die Sitzung in der
Weinstube wieder ziemlich lange gedauert, und Hradscheck war noch keine
halbe Stunde zu Bett, als Male, die jetzt oben bei der Kranken schlief,
treppab kam und an seine Thr klopfte.

Herr Hradscheck, steihn's upp. De Fru schickt mi. Se slln ruppkoamen.

Und nun sa er oben an ihrem Bett und sagte: Soll ich nach Kstrin
schicken, Ursel? Soll Oelze kommen? Der Weg ist gut. In drei Stunden ist
er hier.

In drei Stunden...

Oder soll Eccelius kommen?

Nein, sagte sie, whrend sie sich mhvoll aufrichtete, es geht nicht.
Wenn ich es nehme, so sag' ich es.

Er schttelte verdrielich den Kopf.

Und sag' ich es _nicht_, so ess' ich mir selber das Gericht.

Ach, la doch _das_, Ursel. Was soll _das_? Daran denkt ja keiner. Und
ich am wenigsten. Er soll blos kommen und mit Dir sprechen. Er meint es
gut mit Dir und kann Dir einen Spruch sagen.

Es war, als ob sie sich's berlege. Mit einem Mal aber sagte sie: Selig
sind die Friedfertigen; selig sind die reines Herzens sind; selig sind
die Sanftmthigen. All die kommen in Abraham's Scho. Aber wohin kommen
_wir_?

Ich bitte Dich, Ursel, sprich nicht so. Frage nicht so. Und wozu? Du
bist noch nicht soweit, noch lange nicht. Es geht alles wieder vorber.
Du lebst und wirst wieder eine gesunde Frau werden.

Es klang aber alles nur an ihr hin, und Gedanken nachhngend, die schon
ber den Tod hinausgingen, sagte sie: Verschlossen ... Und was
aufschliet, das ist der Glaube. Den hab ich nicht ... Aber is noch ein
Andres, das aufschliet, das sind die guten Werke ... Hrst Du. Du mut
ohne Namen nach Krakau schreiben, an den Bischof oder an seinen Vikar.
Und mut bitten, da sie Seelenmessen lesen lassen ... Nicht fr mich.
Aber Du weit schon ... Und la den Brief in Frankfurt aufgeben. Hier
geht es nicht und auch nicht in Kstrin. Ich habe mir's abgespart dies
letzte halbe Jahr, und Du findest es eingewickelt in meinem Wschschrank
unter dem Damast-Tischtuch. Ja, Hradscheck, _das_ war es, wenn Du
dachtest, ich sei geizig geworden. Willst Du?

Freilich will ich. Aber es wird Nachfrage geben.

Nein. Das verstehst Du nicht. Das ist Geheimni. Und sie gnnen einer
armen Seele die Ruh!

Ach, Ursel, Du sprichst so viel von Ruh' und bangst Dich und ngstigst
Dich, ob Du sie finden wirst. Weit Du, was ich denke?

Nein.

Ich denke, leben ist leben, und todt ist todt. Und wir sind Erde, und
Erde wird wieder Erde. Das Andre haben sich die Pfaffen ausgedacht.
Spiegelfechterei sag' ich, weiter nichts. Glaube mir, die Todten _haben_
Ruhe.

Weit Du das so gewi, Abel?

Er nickte.

Nun, ich sage Dir, die Todten stehen wieder auf...

Am jngsten Tag.

Aber es giebt ihrer auch, die warten nicht so lange.

Hradscheck erschrak heftig und drang in sie, mehr zu sagen. Aber sie war
schon in die Kissen zurckgesunken und ihre Hand, der seinigen sich
entziehend, griff nur noch krampfhaft in das Deckbett. Dann wurde sie
ruhiger, legte die Hand aufs Herz und murmelte Worte, die Hradscheck
nicht verstand.

Ursel, rief er, Ursel!

Aber sie hrte nicht mehr.




                                  XV.


Das war in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag gewesen, den letzten Tag
im September. Als am andern Morgen zur Kirche gelutet wurde, standen
die Fenster in der Stube weit offen, die weien Gardinen bewegten sich
hin und her, und alle, die vorberkamen, sahen nach der Giebelstube
hinauf und wuten nun, da die Hradscheck gestorben sei. Schulze
Woytasch fuhr vor, aussprechend, was er sich bei gleichen Veranlassungen
zu sagen gewhnt hatte, da ihr nun wohl sei und da sie vor ihnen
allen einen guten Schritt voraushabe. Danach trank er, wie jeden
Sonntag vor der Predigt, ein kleines Glas Madeira zur Strkung und
machte dann die kurze Strecke bis zur Kirche hin zu Fu. Auch Kunicke
kam und drckte Hradscheck verstndnivoll die Hand, das Auge gerade
verschwommen genug, um die Vorstellung einer Thrne zu wecken.
Desgleichen sprachen auch der lmller und gleich nach ihm Bauer Mietzel
vor, welch letztrer sich bei Todesfllen immer der Vorzge seiner
Krnklichkeit von Jugend auf zu berhmen pflegte. Das that er auch
heute wieder. Ja, Hradscheck, der Mensch denkt und Gott lenkt. Ich
piepe nun schon so lang; aber es geht immer noch.

Auch noch andre kamen und sagten ein Wort. Die meisten indessen gingen
ohne Theilnahmsbezeigung vorber und stellten Betrachtungen an, die sich
mit der Todten in nur wenig freundlicher Weise beschftigten.

Ick weet nich, sagte der eine, wat Hradscheck an ehr hebben deih. Man
blot, dat se'n beten scheel wihr.

Joa, lachte der Andre. Dat wihr se. Un am Enn', so wat knn he hier
ook hebb'n.

Un denn dat hannversche Geld. Ihrst schmeet se't weg, un mit eens fung
se to knusern an.

In dieser Weise ging das Gesprch einiger ltrer Leute; das junge
Weiberzeug aber beschrnkte sich auf die eine Frage: Weck' een he nu
woll frigen deiht?

Auf Mittwoch vier Uhr war das Begrbni angesetzt, und viel Neugierige
standen schon vorher in einem weiten Halbkreis um das Trauerhaus herum.
Es waren meist Mgde, die schwatzten und kicherten, und nur einige waren
ernst, darunter die Zwillings-Enkelinnen einer armen alten Wittwe,
welche letztre, wenn Wsche bei den Hradschecks war, allemal mitwusch.
Diese Zwillinge waren in ihren schwarzen, von der Frau Hradscheck
herrhrenden Einsegnungskleidern erschienen und weinten furchtbar, was
sich noch steigerte, als sie bemerkten, da sie durch ihr Geheul und
Geschluchze der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit wurden. Dabei
gingen jetzt die Glocken in einem fort, und alles drngte dichter
zusammen und wollte sehn. Als es nun aber zum dritten Mal ausgelutet
hatte, kam Leben in die drin und drauen Versammelten, und der Zug
setzte sich in Bewegung. Vorn die von Kantor Graumann gefhrte
Schuljugend, die, wie herkmmlich, den Choral Jesus meine Zuversicht
sang; nach ihr erschien der von sechs Trgern getragene Sarg; dann
Eccelius und Hradscheck; dahinter die Bauernschaft in schwarzen
berrcken und hohen schwarzen Hten, und endlich all die Neugierigen,
die bis dahin das Haus umstanden hatten. Es war ein wunderschner Tag,
frische Herbstluft bei klarblauem Himmel. Aber die wrdevoll vor sich
hinblickende Dorfhonoratiorenschaft achtete des blauen Himmels nicht,
und nur Bauer Mietzel, der noch Heu drauen hatte, das er am andern Tag
einfahren wollte, schielte mit halbem Auge hinauf. Da sah er, wie von
der andern Oderseite her ein Weih ber den Strom kam und auf den
Tschechiner Kirchthurm zuflog. Und er stie den neben ihm gehenden
lmller an und sagte: Sh, Quaas, doa is he wedder.

Wihr denn?

De Weih. Weetst noch?

Nei.

Dunn, as dat mit Szulski wihr. Ick segg' Di, de Weih, de weet wat.

Als sie so sprachen, bog die Spitze des Zuges auf den Kirchhof ein, an
dessen hchster Stelle, dicht neben dem Thurm, das Grab gegraben war.
Hier setzte man den Sarg auf darber gelegte Balken, und als sich der
Kreis gleich danach geschlossen hatte, trat Eccelius vor, um die
Grabrede zu halten. Er rhmte von der Todten, da sie, den ihr
anerzogenen Aberglauben abschttelnd, nach freier Wahl und eignem
Entschlu den Weg des Lichtes gegangen sei, was nur _der_ wissen und
bezeugen knne, der ihr so nah gestanden habe wie er. Und wie sie das
Licht und die reine Lehre geliebt habe, so habe sie nicht minder das
Recht geliebt, was sich zu keiner Zeit schner und glnzender gezeigt,
als in jenen schweren Tagen, die der selig Entschlafenen nach dem
Rathschlusse Gottes auferlegt worden seien. Damals, als er ihr nicht
ohne Mhe das Zugestndni erwirkt habe, den, an dem ihr Herz und ihre
Seele hing, wiedersehn zu drfen, wenn auch freilich nur vor Zeugen und
auf eine kurze halbe Stunde, da habe sie die wohl jedem hier in der
Erinnerung gebliebenen Worte gesprochen: Nein, nicht jetzt; es ist
besser, da ich warte. Wenn er unschuldig ist, so werd' ich ihn
wiedersehn, frher oder spter; wenn er aber schuldig ist, so will ich
ihn _nicht_ wiedersehn. Er freue sich, da er diese Worte, hier am
Grabe der Heimgegangenen, ihr zu Ruhm und Ehre, wiederholen knne. Ja,
sie habe sich allezeit bewhrt in ihrem Glauben und ihrem Rechtsgefhl.
Aber vor allem auch in ihrer Liebe. Mit Bangen habe sie die Stunden
gezhlt, in schlaflosen Nchten ihre Krfte verzehrend, und als endlich
die Stunde der Befreiung gekommen sei, da sei sie zusammengebrochen. Sie
sei das Opfer arger, damals herrschender Miverstndnisse, das sei
zweifellos, und alle die, die diese Miverstndnisse geschrt und
genhrt htten, anstatt sie zu beseitigen, die htten eine schwere
Verantwortung auf ihre Seele geladen. Ja, dieser frhe Tod, er msse das
wiederholen, sei das Werk derer, die das Gebot unbeachtet gelassen
htten: Du sollst nicht falsch Zeugni reden wider Deinen Nchsten.

Und als er dieses sagte, sah er scharf nach einem entbltterten
Hagebuttenstrauch hinber, unter dessen rothen Frchten die Jeschke
stand und dem Vorgange, wie schon damals in der Kirche, mehr neugierig
als verlegen folgte.

Gleich danach aber schlo Eccelius seine Rede, gab einen Wink, den Sarg
hinab zu lassen, und sprach dann den Segen. Dann kamen die drei Hnde
voll Erde, mit sich abschlieendem Schmerzblick und Hndeschtteln, und
ehe noch der am Horizont schwebende Sonnenball vllig unter war, war das
Grab geschlossen und mit Asterkrnzen berdeckt.

Eine halbe Stunde spter, es dmmerte schon, war Eccelius wieder in
seiner Studirstube, das Sammetkppsel auf dem Kopf, das ihm Frau
Hradscheck vor gerade Jahresfrist gestickt hatte. Die Bauern aber saen
in der Weinstube, Hradscheck zwischen ihnen, und faten alles, was sie
an Trost zu spenden hatten, in die Worte zusammen: Immer Courage,
Hradscheck! Der alte Gott lebt noch -- welchen Trost- und
Weisheitssprchen sich allerlei Wiederverheirathungsgeschichten beinah
unmittelbar anschlossen. Eine davon, die beste, handelte von einem alten
Hauptmann v. Rohr, der vier Frauen gehabt und beim Hinscheiden jeder
Einzelnen mit einer gewissen trotzigen Entschlossenheit gesagt hatte:
Nimmt Gott, so nehm' ich wieder. Hradscheck hrte dem allem ruhig und
kopfnickend zu, war aber doch froh, die Tafelrunde heute frher als
sonst aufbrechen zu sehn. Er begleitete Kunicke bis an die Ladenthr
und stieg dann, er wute selbst nicht warum, in die Stube hinauf, in der
Ursel gestorben war. Hier nahm er Platz an ihrem Bett und starrte vor
sich hin, whrend allerlei Schatten an Wand und Decke vorberzogen.

Als er eine Viertelstunde so gesessen, verlie er das Zimmer wieder und
sah, im Vorbergehen, da die nach rechts hin gelegene Giebelstube halb
offenstand, dieselbe Stube, drin die Verstorbene nach vollendetem Umbau
zu wohnen und zu schlafen so bestimmt verweigert hatte.

Was machst Du hier, Male? fragte Hradscheck.

Wat ick moak? Ick treck em sien Bett wer.

Wem?

Is joa wihr ankoamen. Wedder een mit'n Pelz.

So, so, sagte Hradscheck und stieg die Treppe langsam hinunter.

Wedder een ... wedder een ... Immer noch nicht vergessen.




                                 XVI.


Frau Hradscheck war nun unter der Erde, Male hatte das Umschlagetuch
gekriegt, auf das ihre Wnsche sich schon lange gerichtet hatten, und
alles wre gut gewesen, wenn nicht der letzte Wille der Verstorbenen
gewesen wre: die Geldsendung an den Krakauer Bischof um der zu lesenden
Seelenmessen willen. Das machte Hradscheck Sorge, nicht wegen des
Geldes, davon htt' er sich leicht getrennt, einmal weil Sparen und
Knausern berhaupt nicht in seiner Natur lag, vor allem aber weil er das
seiner Frau gegebene Versprechen gern zu halten wnschte, schon aus
aberglubischer Furcht. Das Geld also war es nicht, und wenn er trotzdem
in Schwanken und Sumni verfiel, so war es, weil er nicht selber dazu
beitragen wollte, die kaum begrabene Geschichte vielleicht wieder ans
Licht zu ziehn. Ursel hatte freilich von Beichtgeheimni und hnlichem
gesprochen, er mitraute jedoch solcher Sicherheit, am meisten aber dem
ohne Namensunterschrift in Frankfurt aufzugebenden Briefe.

In dieser Verlegenheit beschlo er endlich, Eccelius zu Rathe zu ziehn
und diesem die halbe Wahrheit zu sagen, und wenn nicht die halbe, so
doch wenigstens so viel, wie zu seiner Gewissens-Beschwichtigung gerade
nthig war. Ursel, so begann er, habe zu seinem allertiefsten Bedauern
ernste katholische Rckflle gehabt und ihm beispielsweis in ihrer
letzten Stunde noch eine Summe Geldes behndigt, um Seelenmessen fr sie
lesen zu lassen (der, dem es eigentlich galt, wurde hier unterschlagen).
Er, Hradscheck, hab' ihr auch, um ihr das Sterben leichter zu machen,
alles versprochen, sein protestantisches Gewissen aber strube sich
jetzt dagegen, ihr das Versprochene wrtlich und in all und jedem Stcke
zu halten, wehalb er anfrage, ob er das Geld wirklich an die
Katholschen aushndigen oder nicht lieber nach Berlin reisen und ein
marmornes oder vielleicht auch gueisernes Grabkreuz, wie sie jetzt Mode
seien, bestellen solle.

Eccelius zgerte keinen Augenblick mit der Antwort und sagte genau das,
was Hradscheck zu hren wnschte. Versprechungen, die man einem
Sterbenden gbe, seien natrlich bindend, das erheische die Piett, das
sei die Regel. Aber jede Regel habe bekanntlich ihren Ausnahmefall, und
wenn das einem Sterbenden gegebene Versprechen falsch und sndhaft sei,
so hebe das Erkennen dieser Sndhaftigkeit das Versprechen wieder auf.
Das sei nicht blos Recht, das sei sogar Pflicht. Die ganze Sache, wie
Hradscheck sie geschildert, gehre zu seinen schmerzlichsten
Erfahrungen. Er habe groe Stcke von der Verstorbenen gehalten und
allezeit einen Stolz darein gesetzt, sie fr die gereinigte Lehre
gewonnen zu haben. Da er sich darin geirrt oder doch wenigstens halb
geirrt habe, sei, neben anderem, auch persnlich krnkend fr ihn, was
er nicht leugnen wolle. Diese persnliche Krnkung inde sei nicht das,
was sein eben gegebenes Urtheil bestimmt habe. Hradscheck solle getrost
bei seinem Plane bleiben und nach Berlin reisen, um das Kreuz zu
bestellen. Ein Kreuz und ein guter Spruch zu Hupten der Verstorbenen
werde derselben gengen, dem Kirchhof aber ein Schmuck und eine
Herzensfreude fr jeden sein, der Sonntags daran vorberginge.

                           *       *       *

Es war Ende Oktober gewesen, da Eccelius und Hradscheck dies Gesprch
gefhrt hatten, und als nun Frhling kam und der ganze Tschechiner
Kirchhof, so kahl auch seine Bume noch waren, in Schneeglckchen und
Veilchen stand, erschien das gueiserne Kreuz, das Hradscheck mit vieler
Wichtigkeit und nach langer und minutiser Berathung auf der kniglichen
Eisengieerei bestellt hatte. Zugleich mit dem Kreuze traf ein Steinmetz
mit zwei Gesellen ein, Leute, die das Aufrichten und Einlthen aus dem
Grunde verstanden, und nachdem die Dorfjugend ein paar Stunden zugesehen
hatte, wie das Blei geschmolzen und in das Sockelloch eingegossen wurde,
stand das Kreuz da mit Spruch und Inschrift, und viele Neugierige kamen,
um die goldblanken Verzierungen zu sehn: unten ein Engel, die Fackel
senkend, und oben ein Schmetterling. All das wurde von Alt und Jung
bewundert. Einige lasen auch die Inschrift: Ursula Vincentia
Hradscheck, geb. zu Hickede bei Hildesheim im Hannverschen den 29.Mrz
1790, gest. den 30.September 1832. Und darunter Evang. Matthi6,
V.14. Auf der Rckseite des Kreuzes aber stand ein muthmalich von
Eccelius selbst herrhrender Spruch, darin er seinem Stolz, aber
freilich auch seinem Schmerz Ausdruck gegeben hatte. Dieser Spruch
lautete: Wir wandelten in Finsterni, bis wir das Licht sahen. Aber die
Finsterni blieb, und es fiel ein Schatten auf unsren Weg.

                           *       *       *

Unter denen, die sich das Kreuz gleich am Tage der Errichtung angesehen
hatten, waren auch Gensdarm Geelhaar und Mutter Jeschke gewesen. Sie
hatten denselben Heimweg und gingen nun gemeinschaftlich die Dorfstrae
hinunter, Geelhaar etwas verlegen, weil er den zu seiner eignen
Wrdigkeit schlecht passenden Ruf der Jeschke besser als irgend wer
anders kannte. Seine Neugier berwand aber seine Verlegenheit, und so
blieb er denn an der Seite der Alten und sagte:

Hbsch is es. Un der Schmetterling so natrlich; beinah wie'n
Citronenvogel. Aber ich begreife Hradscheck nich, da er sie so dicht an
dem Thurm begraben hat. Was soll sie da? Warum nicht bei den Kindern?
Eine Mutter mu doch da liegen, wo die Kinder liegen.

Woll, woll, Geelhaar. Awers Hradscheck is klook. Un he weet mmer, wat
he deiht.

Gewi wei er das. Er ist klug. Aber gerade weil er klug ist...

Joa, joa.

Nu was denn?

Und der sechs Fu hohe Mann beugte sich zu der alten Hexe nieder, weil
er wohl merkte, da sie was sagen wollte.

Was denn, Mutter Jeschke? wiederholte er seine Frage.

Joa, Geelhaar, wat sall ick seggen? Eccelius mt et weten. Un de hett
nu ook wedder de Inschrift moakt. Awers _een_ is, de weet mmer noch en
beten mihr.

Und wer is das? Line?

Ne, Line nich. Awers Hradscheck slwsten. Hradscheck, de will de
Kinnings und de Fru nich tosoamen hebb'n. Nich so upp enen Hmpel.

Nun gut, gut. Aber warum nicht, Mutter Jeschke?

Nu, he denkt, wenn't los geiht.

Und nun blieb sie stehn und setzte dem halb verwundert, halb entsetzt
aufhorchenden Geelhaar auseinander, da die Hradscheck an dem Tage,
wo's los gehe, doch natrlich nach ihren Kindern greifen wrde,
vorausgesetzt, da sie sie zur Hand habe. Un dat wull de oll Hradscheck
nich.

Aber, Mutter Jeschke, glaubt Ihr denn an so was?

Joa, Geelhaar, wormm nich? Wormm sall ick an so wat nich glwen?




                                 XVII.


Als das Kreuz aufgerichtet stand, es war Nachmittag geworden, kam auch
Hradscheck, sonntglich und wie zum Kirchgange gekleidet, und die
Neugierigen, an denen den ganzen Tag ber, auch als Geelhaar und die
Jeschke lngst fort waren, kein Mangel blieb, sahen, da er den Spruch
las und die Hnde faltete. Das gefiel ihnen ausnehmend, am meisten aber
gefiel ihnen, da er das theure Kreuz berhaupt bestellt hatte. Denn
Geld ausgeben (und noch dazu _viel_ Geld) war das, was den Tschechinern
als echten Bauern am meisten imponirte. Hradscheck verweilte wohl eine
Viertelstunde, pflckte Veilchen, die neben dem Grabhgel aufsprossen,
und ging dann in seine Wohnung zurck.

Als es dunkel geworden war, kam Ede mit Licht, fand aber die Thr von
innen verriegelt, und als er nun auf die Strae ging, um wie gewhnlich
die Fensterladen von auen zu schlieen, sah er, da Hradscheck, eine
kleine Lampe mit grnem Klappschirm vor sich, auf dem Sopha sa und den
Kopf sttzte. So verging der Abend. Auch am andern Tage blieb er auf
seiner Stube, nahm kaum einen Imbi, las und schrieb, und lie das
Geschft gehn, wie's gehen wollte.

Hr', Jakob, sagte Male, dat's joa grad' as ob se nu ihrst dod wihr.
Sh doch, wie heh doa sitt. He kann doch nu nich wedder anfang'n.

Ne, sagte Jakob, dat kann he nich.

Und Ede, der hinzukam und heute gerade seinen hochdeutschen Tag hatte,
stimmte bei, freilich mit der Einschrnkung, da er auch von der
voraufgegangenen ersten Trauer nicht viel wissen wollte.

Wieder anfangen! Ja, was heit wieder anfangen? Damals war es auch man
so so. Drei Tag' und nich lnger. Und pa auf, Male, diesmal knappst er
noch was ab.

Und wirklich, Ede, der aller Dummheit unerachtet seinen Herrn gut
kannte, behielt Recht, und ehe noch der dritte Tag um war, lie
Hradscheck die Trumerei fallen und nahm das gesellige Leben wieder auf,
das er schon whrend der zurckliegenden Wintermonate gefhrt hatte.
Dazu gehrte, da er alle vierzehn Tage nach Frankfurt und alle vier
Wochen auch mal nach Berlin fuhr, wo er sich, nach Erledigung seiner
kaufmnnischen Geschfte, kein anderes Vergngen als einen Theaterabend
gnnte. Dehalb stieg er auch regelmig in dem an der Ecke von
Hohen-Steinweg und Knigsstrae gelegenen Gasthofe zum Kronprinzen ab,
von dem aus er bis zu dem damals in Blthe stehenden Knigsstdtischen
Theater nur ein paar hundert Schritte hatte. War er dann wieder in
Tschechin zurck, so gab er den Freunden und Stammgsten in der
Weinstube, zu denen jetzt auch Schulze Woytasch gehrte, nicht blos
Scenen aus dem Angely'schen Fest der Handwerker und Holtei's Altem
Feldherrn und den Wienern in Berlin zum Besten, sondern sang ihnen
auch allerlei Lieder und Arien vor: War's vielleicht um eins, war's
vielleicht um zwei, war's vielleicht drei oder vier. Und dann wieder:
In Berlin, sagt er, mut Du sein, sagt er, immer sein, sagt er etc.
Denn er besa eine gute Tenorstimme. Besonderes Glck aber, weit ber
die Singspiel-Arien hinaus, machte er mit dem Leierkastenlied von Herrn
Schmidt und seinen sieben heirathslustigen Tchtern, dessen erste
Strophe lautete:

    Herr Schmidt, Herr Schmidt,
    Was kriegt denn Julchen mit?
      Ein Schleier und ein Federhut,
      Das kleidet Julchen gar zu gut.

Dies Lied von Herrn Schmidt und seinen Tchtern war das Entzcken
Kunicke's, das verstand sich von selbst, aber auch Schulze Woytasch
versicherte jedem, der es hren wollte: Fr Hradscheck ist mir nicht
bange; der kann ja jeden Tag aufs Theater. Ich habe Beckmann gesehn; nu
ja, Beckmann is gut, aber Hradscheck is besser; er hat noch so was, ja
wie soll ich sagen, er hat noch so was, was Beckmann nicht hat.

Hradscheck gewhnte sich an solchen Beifall, und wenn es sich auch
gelegentlich traf, da er bei seinem Berliner Aufenthalte, whrend
dessen er allemal eine goldene Brille trug, keine Novitt gesehen hatte,
so kam er doch nie mit leeren Hnden zurck, weil er sich nicht eher
zufrieden gab, als bis er an den Schaufenstern der Buchlden irgend 'was
Komisches und unbndig Witziges ausgefunden hatte. Das hielt auch nie
schwer, denn es war gerade die Glabrenner- oder Brennglas-Zeit, und
wenn es solche Glabrenner-Geschichten nicht sein konnten, nun, so waren
es Sammlungen alter und neuer Anekdoten, die damals in kleinen drftigen
Viergroschen-Bchelchen unter allerhand Namen und Titeln, so
beispielsweise als Brausepulver, feilgeboten wurden. Ja diese
Bchelchen fanden bei den Tschechinern einen ganz besondern Beifall,
weil die darin erzhlten Geschichten immer kurz waren und nie lange auf
die Pointe warten lieen, und wenn das Gesprch mal stockte, so hatte
Kunicke den Stammwitz: Hradscheck, ein Brausepulver.

                           *       *       *

Es war Anfang Oktober, als Hradscheck wieder mal in Berlin war, diesmal
auf mehrere Tage, whrend er sonst immer den dritten Tag schon wieder
nach Hause kam. Ede, der mittlerweile das Geschft versah, pate gut auf
den Dienst, und nur in der Stunde von 1 bis 2, wo sich kaum ein Mensch
im Laden sehen lie, gefiel er sich darin, den Herrn zu spielen und,
ganz so wie Hradscheck zu thun pflegte, mit auf den Rcken gelegten
Hnden im Garten auf und ab zu gehen. Das that er auch heute wieder,
zugleich aber rief er nach Jakob und trug ihm auf, und zwar in ziemlich
befehlshaberischem Tone, da er einen neuen Reifen um die Wassertonne
legen solle. Dann sah er nach den Staarksten am Birnbaum und zog einen
Zweig zu sich herab, um noch eine der nachgereiften Franzosenbirnen
zu pflcken. Es war ein Prachtexemplar, in das er sofort einbi. Als er
aber den Zweig wieder los lie, sah er, da die Jeschke drben am Zaune
stand.

Dag, Ede.

Dag, Mutter Jeschke.

Na, schmeckt et?

I wormm nich? Is joa 'ne Malvasier.

Joa. Vrdem wihr et 'ne Malvesier. Awers nu...

Nu is et 'ne 'Franzosenbeer'. Ick weet woll. Awers dat's joa all een.

Joa, wer weet, Ede. Doa is nu so wat mang. Heste noch nix maarkt?

Der Junge lie erschreckt die Birne fallen, das alte Weib aber bckte
sich danach und sagte: Ick meen' joa nich de Beer'. Ick meen snnsten.

Wat denn? Wo denn?

Na, so 'rmm um't Huus.

Nei, Mutter Jeschke.

Un ook nich unnen in'n Keller? Hest' noch nix siehn o'r hrt?

Nei, Mutter Jeschke. Man blot...

Un grappscht ook nich?

Der Junge war ganz bla geworden.

Joa, Mutter Jeschke, mal wihr mi so. Mal wihr mi so, as hll mi wat an
de Hacken. Joa, ick glw, et grappscht.

Die Jeschke sah ihren Zweck erreicht und lenkte dehalb geschickt wieder
ein. Ede, Du bist ne Bangbchs. Ick hebb' joa man spoat. Is joa man
all dumm Tg.

Und damit ging sie wieder auf ihr Haus zu und lie den Jungen stehn.

                           *       *       *

Drei Tage danach war Hradscheck wieder aus Berlin zurck, in
vergnglicherer Stimmung als seit lange, denn er hatte nicht nur alles
Geschftliche glcklich erledigt, sondern auch die Bekanntschaft einer
jungen Dame gemacht, die sich seiner Person wie seinen Heirathsplnen
geneigt gezeigt hatte. Diese junge Dame war die Tochter aus einem
Destillationsgeschft, gro und stark, mit etwas hervortretenden, immer
lachenden Augen, eine Vollblut-Berlinerin. Forsch und fidel war ihre
Losung, der auch ihre Lieblingsredensart: Ach, das ist ja zum
Todtlachen entsprach. Aber dies war nur so fr alle Tage. Wurd' ihr
dann wohliger ums Herz, so wurden es auch ihre Redewendungen, und sie
sagte dann: I da mu ja 'ne alte Wand wackeln, oder Das ist ja
gleich, um einen Puckel zu kriegen. Ihr Schnstes waren Landpartieen
einschlielich gesellschaftlicher Spiele wie Zeck oder Plumpsack, dazu
saure Milch mit Schwarzbrot und Heimfahrt mit Stocklaternen und Gesang:
Ein freies Leben fhren wir, Frisch auf, Kameraden, Ltzow's wilde
verwegene Jagd und Steh' ich in finstrer Mitternacht. In Folge
welcher ausgesprochenen Vorliebe sie sich in den Kopf gesetzt hatte, nur
aufs Land hinaus heirathen zu wollen. Und darber war sie 30 Jahr alt
geworden, alles blos aus Eigensinn und Widerspenstigkeit. Ihren Namen
Editha aber hatte die Mutter in Dittchen abgekrzt.

So die Bekanntschaft, die Hradscheck whrend seines letzten Berliner
Aufenthaltes gemacht hatte. Mit Editha selbst war er so gut wie einig
und nur die Eltern hatten noch kleine Bedenken. Aber was bedeutete das?
Der Vater war ohnehin daran gewhnt nicht gefragt zu werden, und die
Mutter, die nur wegen der neun Meilen Entfernung noch einigermaen
schwankte, wre keine richtige Mutter gewesen, wenn sie nicht
schlielich auch htte Schwiegermutter sein wollen.

Also Hradscheck war in bester Stimmung, und ein Ausdruck derselben war
es, da er diesmal mit einem besonders groen Vorrath von Berliner
Witzlitteratur nach Tschechin zurckkehrte, darunter eine komische
Romanze, die letzten Sonntag erst vom Hofschauspieler Rthling im
Koncertsaale des kniglichen Schauspielhauses vorgetragen worden war und
zwar in einer Matine, der, neben der ganzen #haute vole# von Berlin,
auch Hradscheck und Editha beigewohnt hatten. Diese Romanze behandelte
die berhmte Geschichte vom Eckensteher, der einen armen
Apothekerlehrling, weil das Rucherkerzchen partout nicht stehn wolle,
Schlag Mitternacht aus dem Schlaf klingelte, welche Geschichte damals
nicht blos die ganze vornehme Welt, sondern besonders auch unsern auf
alle Berliner Witze ganz wie versessenen Hradscheck derart hingenommen
hatte, da er die Zeit, sie seinem Tschechiner Convivium vorzulesen,
kaum erwarten konnte. Nun aber war es so weit, und er feierte Triumphe,
die fast noch grer waren, als er zu hoffen gewagt hatte. Kunicke
brllte vor Lachen und bot den dreifachen Preis, wenn ihm Hradscheck das
Bchelchen ablassen wolle. Das mss' er seiner Frau vorlesen, wenn er
nach Hause komme, diese Nacht noch; so was sei noch gar nicht
dagewesen. Und dann sagte Schulze Woytasch: Ja, die Berliner! Ich wei
nicht! Und wenn mir einer tausend Thaler gbe, so was knnt' ich nich
machen. Es sind doch verflixte Kerls.

Die Romanze vom Eckensteher inde, so glnzend ihr Vortrag abgelaufen
war, war doch nur Vorspiel und Plnkelei gewesen, darin Hradscheck sein
bestes Pulver noch nicht verschossen hatte. Sein Bestes, oder doch das,
was er persnlich dafr hielt, kam erst nach und war die Geschichte von
einem der politischen Polizei zugetheilten Gensdarmen, der einen unter
Verdacht des Hochverraths stehenden und in der Kurstrae wohnenden
badischen Studenten Namens Haitzinger ausfindig machen sollte, was ihm
auch gelang und einige Zeit danach zu der amtlichen Meldung fhrte, da
er den pp. Haitzinger, der brigens Blmchen heie, gefunden habe,
trotzdem derselbe nicht in der Kurstrae, sondern auf dem Spittelmarkt
wohnhaft und nicht badischer Student, sondern ein schsischer Leineweber
sei. Und nun, Ihr Herren und Freunde, schlo Hradscheck seine
Geschichte, dieser ausbndig gescheite Gensdarm, wie hie er? Natrlich
Geelhaar, nicht wahr? Aber nein, Ihr Herren, fehlgeschossen, er hie
blo Mller II. Ich habe mich genau danach erkundigt, sonst htt' ich
bis an mein Lebensende geschworen, da er Geelhaar geheien haben
msse.

Kunicke schttelte sich und wollte von keinem andern Namen als Geelhaar
wissen, und als man sich endlich ausgetobt und ausgejubelt hatte (nur
Woytasch, als Dorfobrigkeit, sah etwas mibilligend drein), sagte Quaas:
Kinder, so was haben wir nicht alle Tage, denn Hradscheck kommt nicht
alle Tage von Berlin. Ich denke dehalb, wir machen noch eine Bowle:
drei Mosel, eine Rheinwein, eine Burgunder. Und nicht zu s. Sonst
haben wir morgen Kopfweh. Es ist erst halb zwlf, fehlen noch fnf
Minuten. Und wenn wir uns 'ran halten, machen wir um Mitternacht die
Nagelprobe.

Bravo! stimmte man ein. Aber nicht zu frh; Mitternacht ist zu frh.

Und Hradscheck erhob sich, um Ede, der verschlafen im Laden auf einem
vorgezogenen Zuckerkasten sa, in den Keller zu schicken und die fnf
Flaschen heraufholen zu lassen. Und pa auf, Ede; der Burgunder liegt
durcheinander, rother und weier, der mit dem grnen Lack ist es.

Ede rieb sich den Schlaf aus den Augen, nahm Licht und Korb und hob die
Fallthr auf, die zwischen den bereinander gepackten lfssern, und
zwar an der einzig frei gebliebenen Stelle, vom Flur her in den Keller
fhrte.

Nach ein paar Minuten war er wieder oben und klopfte vom Laden her an
die Thr, zum Zeichen, da alles da sei.

Gleich, rief der wie gewhnlich mitten in einem Vortrage steckende
Hradscheck, gleich, und trat erst, als er seinen Satz beendet hatte,
von der Weinstube her in den Laden. Hier schob er sich eine schon vorher
aus der Kche heranbeorderte Terrine bequem zurecht und griff nach dem
Korkzieher, um die Flaschen aufzuziehn. Als er aber den Burgunder in die
Hand nahm, gab er dem Jungen, halb rgerlich halb gutmthig, einen Tipp
auf die Schulter und sagte: Bist ein Dskopp, Ede. Mit grnem Lack,
hab' ich Dir gesagt. Und das ist gelber. Geh und hol' 'ne richtige
Flasche. Wer's nich im Kopp hat, mu es in den Beinen haben.

Ede rhrte sich nicht.

Nun, Junge, wird es? Mach flink.

Ick geih nich.

Du gehst nich? warum nich?

Et spkt.

Wo?

Unnen ... Unnen in'n Keller.

Junge, bist Du verrckt? Ich glaube, Dir steckt schon der
Mitternachtsgrusel im Leibe. Rufe Jakob. Oder nein, der is schon zu
Bett; rufe Male, _die_ soll kommen und Dich beschmen. Aber la nur.

Und dabei ging er selber bis an die Kchenthr und rief hinaus: Male.

Die Gerufene kam.

Geh in den Keller, Male.

Nei, Herr Hradscheck, ick geih nich.

Auch _Du_ nich. Warum nich?

Et spkt.

Ins Dreideibels Namen, was soll der Unsinn?

Und er versuchte zu lachen. Aber er hielt sich dabei nur mit Mh' auf
den Beinen, denn ihn schwindelte. Zu gleicher Zeit empfand er deutlich,
da er kein Zeichen von Schwche geben drfe, vielmehr umgekehrt bemht
sein msse, die Weigerung der Beiden ins Komische zu ziehn, und so ri
er denn die Thr zur Weinstube weit auf und rief hinein: Eine
Neuigkeit, Kunicke...

Nu, was giebt's?

Unten spukt es. Ede will nicht mehr in den Keller und Male natrlich
auch nicht. Es sieht schlecht aus mit unsrer Bowle. Wer kommt mit? Wenn
zwei kommen, spukt es nicht mehr.

Wir alle, schrie Kunicke. Wir alle. Das giebt einen Hauptspa. Aber
Ede mu auch mit.

Und bei diesen Worten eines der zur Hand stehenden Lichter nehmend,
zogen sie -- mit Ausnahme von Woytasch, dem das Ganze mihagte --
brabbelnd und plrrend und in einer Art Procession, als ob einer
begraben wrde, von der Weinstube her durch Laden und Flur, und stiegen
langsam und immer einer nach dem andern die Stufen der Kellertreppe
hinunter.

Alle Wetter, is _das_ ein Loch! sagte Quaas, als er sich unten
umkuckte. Hier kann einem ja gruslig werden. Nimm nur gleich ein paar
mehr mit, Hradscheck. Das hilft. Je mehr Fidelit, je weniger Spuk.

Und bei solchem Gesprch, in das Hradscheck einstimmte, packten sie den
Korb voll und stiegen die Kellertreppe wieder hinauf. Oben aber warf
Kunicke, der schon stark angeheitert war, die schwere Fallthr zu, da
es durch das ganze Haus hin drhnte.

So, nu sitzt er drin.

Wer?

Na wer? Der Spuk.

Alles lachte; das Trinken ging weiter, und Mitternacht war lange
vorber, als man sich trennte.




                                XVIII.


Hradscheck, sonst mig, hatte mit den andern um die Wette getrunken,
blos um eine ruhige Nacht zu haben. Das war ihm auch geglckt, und er
schlief nicht nur fest, sondern auch weit ber seine gewhnliche Stunde
hinaus. Erst um acht Uhr war er auf. Male brachte den Kaffee, die Sonne
schien ins Zimmer, und die Sperlinge, die das aus den Hckselscken
gefallene Futterkorn aufpickten, flogen, als sie damit fertig waren,
aufs Fensterbrett und meldeten sich. Ihre Zwitschertne hatten etwas
Heitres und Zutrauliches, das dem Hausherrn, der ihnen reichlich
Semmelkrume zuwarf, unendlich wohl that, ja, fast war's ihm, als ob er
ihren Morgengru verstnde: Schner Tag heute, Herr Hradscheck; frische
Luft; alles leicht nehmen!

Er beendete sein Frhstck und ging in den Garten. Zwischen den
Buchsbaum-Rabatten stand viel Rittersporn, halb noch in Blthe, halb
schon in Samenkapseln, und er brach eine der Kapseln ab und streute die
schwarzen Krnchen in seine Handflche. Dabei fiel ihm, wie von
ungefhr, ein, was ihm Mutter Jeschke vor Jahr und Tag einmal ber
Farrnkrautsamen und Sich-unsichtbar-machen gesagt hatte.
Farrnkrautsamen in die Schuh gestreut... Aber er mocht' es nicht
ausdenken und sagte, whrend er sich auf eine neuerdings um den Birnbaum
herum angebrachte Bank setzte: Farrnkrautsamen! Nun fehlt blos noch das
Licht vom ungebornen Lamm. Alles Altweiberschwatz. Und wahrhaftig, ich
werde noch selber ein altes Weib ... Aber da kommt sie...

Wirklich, als er so vor sich hinredete, kam die Jeschke zwischen den
Spargelbeeten auf ihn zu.

Dag, Hradscheck. Wie geiht et? Se kmmen joa goar nich mihr.

Ja, Mutter Jeschke, wo soll die Zeit herkommen? Man hat eben zu thun.
Und der Ede wird immer dummer. Aber setzen Sie sich. Hierher. Hier ist
Sonne.

Nei, loatens man, Hradscheck, loatens man. Ick sitt schon so veel.
Awers Se mten sitten bliewen. Und dabei malte sie mit ihrem Stock
allerlei Figuren in den Sand.

Hradscheck sah ihr zu, ohne seinerseits das Wort zu nehmen, und so fuhr
sie nach einer Pause fort: Joa, veel to dohn is woll. Wihr joa gistern
wedder Klock een. Kunicke kunn woll wedder nich los koamen? _Den_ kenn'
ick. Na, sien Vader, de oll Kunicke, wihr ook so. Man blot noch en beten
mihr.

Ja, lachte Hradscheck, spt war es. Un denken Sie sich, Mutter
Jeschke, Klock zwlf oder so herum sind wir noch fnf Mann hoch in den
Keller gestiegen. Und warum? Weil der Ede nicht mehr wollte.

Nu, sh eens. Un wormm wull he nich?

Weil's unten spuke. Der Junge war wie verdreht mit seinem ewigen 'et
spkt' und 'et grappscht'. Und weil er dabei blieb und wir unsre Bowle
doch haben wollten, so sind wir am Ende selber gegangen.

Nu, sh eens, wiederholte die Alte. Htten em salln 'ne Muulschell
gewen.

Wollt' ich auch. Aber als er so dastand und zitterte, da konnt' ich
nicht. Und dann dacht' ich auch...

Ach wat, Hradscheck, is joa all dumm Tg ... _Un wenn_ et wat is, na,
denn mt' et de Franzos sinn.

Der Franzose?

Joa, de Franzos. Kuckens moal; de Ihrd geiht hier so'n beten dahl. He
moak woll en beten rutscht sinn.

Rutscht sinn, wiederholte Hradscheck und lachte mit der Alten um die
Wette. Ja, der Franzos ist gerutscht. Alles gut. Aber wenn ich nur den
Jungen erst wieder in Ordnung htte. Der macht mir das ganze Dorf
rebellisch. Und wie die Leute sind, wenn sie von Spuk hren, da wird
ihnen ungemthlich. Und dann kommt zuletzt auch die dumme Geschichte
wieder zur Sprache. Sie wissen ja...

Woll, woll, ick weet.

Und dann, Mutter Jeschke, Spuk ist Unsinn. Natrlich. Aber es giebt
doch welche...

Joa, joa.

Es giebt doch welche, die sagen: Spuk ist _nicht_ Unsinn. Wer hat nu
Recht? Nu mal heraus mit der Sprache.

Der Alten entging nicht, in welcher Pein und Beklemmung Hradscheck war,
weshalb sie, wie sie stets zu thun pflegte, mit einem ja antwortete,
das ebenso gut ein nein, und mit einem nein, das ebenso gut ein ja
sein konnte.

Mien leew Hradscheck, begann sie, Se wullen wat weten von mi. Joa,
wat weet ick? Spk! Gewen moak et joa woll so wat. Un am Enn' ook wedder
nich. Un ick segg' mmer: wihr sich jrult, fr den is et wat, und wihr
sich _nich_ jrult, fr den is et nix.

Hradscheck, der mit gespanntester Aufmerksamkeit gefolgt war, nickte
zustimmend, whrend die sich pltzlich neben ihn setzende Alte mit
wachsender Vertraulichkeit fortfuhr: Ick will Se wat seggen,
Hradscheck. Man mt man blot Kurasch hebben. Un Se hebben joa. Wat is
Spk? Spk, dat's grad so, as wenn de Ms' knabbern. Wihr mmer
hinhrt, na, de slppt nich; wihr awers so bi sich seggen deiht: 'na,
wormm salln se nich knabbern', de slppt.

Und bei diesen Worten erhob sie sich rasch wieder und ging, zwischen den
Beeten hin, auf ihre Wohnung zu. Mit einem Mal aber blieb sie stehn und
wandte sich wieder, wie wenn sie 'was vergessen habe. Hrens,
Hradscheck, wat ick Se noch seggen wull, uns' Line kmmt ook wedder. Se
hett gistern schrewen. Wat mienens? _De_ wihr so wat fr Se.

Geht nicht, Mutter Jeschke. Was wrden die Leute sagen? Un is auch eben
erst ein Jahr.

Woll. Awers se kmmt ook ihrst um Martini 'rmm ... Und denn,
Hradscheck, Se bruken se joa nich glieks to frijen.




                                 XIX.


De Franzos is rutscht, hatte die Jeschke gesagt und war dabei wieder
so sonderbar vertraulich gewesen, alles mit Absicht und Berechnung. Denn
wenn das Gesprch auch noch nachwirkte, darin ihr, vor lnger als einem
Jahr, ihr sonst so gefgiger Nachbar mit einer Verlumdungsklage gedroht
hatte, so konnte sie, trotz alledem, von der Angewohnheit nicht lassen,
in dunklen Andeutungen zu sprechen, als wisse sie was und halte nur
zurck.

Verdammt! murmelte Hradscheck vor sich hin. Und dazu der Ede mit
seiner ewigen Angst.

Er sah deutlich die ganze Geschichte wieder lebendig werden, und ein
Schwindel ergriff ihn, wenn er an all das dachte, was bei diesem Stande
der Dinge jeder Tag bringen konnte.

Das geht so nicht weiter. Er mu weg. Aber wohin?

Und bei diesen Worten ging Hradscheck auf und ab und berlegte.

Wohin? Es heit, er liege in der Oder. Und dahin mu er ... je eher je
lieber ... _Heute_ noch. Aber ich wollte, dies Stck Arbeit wre
gethan. Damals ging es, das Messer sa mir an der Kehle. Aber jetzt!
Wahrhaftig, das Einbetten war nicht so schlimm, als es das Umbetten
ist.

Und von Angst und Unruhe getrieben, ging er auf den Kirchhof und trat an
das Grab seiner Frau. Da war der Engel mit der Fackel und er las die
Inschrift. Aber seine Gedanken konnten von dem, was er vorhatte, nicht
los, und als er wieder zurck war, stand es fest: Ja, _heute_ noch ...
Was du thun willst, thue bald.

Und dabei sann er nach, _wie's_ geschehn msse.

Wenn ich nur etwas Farrnkraut htt'. Aber wo giebt es Farrnkraut hier?
Hier wchst ja blos Gras und Gerste, weiter nichts, und ich kann doch
nicht zehn Meilen in der Welt herumkutschiren, blos um mit einem groen
Busch Farrnkraut wieder nach Hause zu kommen. Und warum auch? Unsinn ist
es doch.

Er sprach noch so weiter. Endlich aber entsann er sich, in dem
benachbarten Gusower Park einen ganzen Wald von Farrnkraut gesehn zu
haben. Und so rief er denn in den Hof hinaus und lie anspannen.

Um Mittag kam er zurck, und vor ihm, auf dem Rcksitze des Wagens, lag
ein riesiger Farrnkrautbusch. Er kratzte die Samenkrnchen ab und that
sie sorglich in eine Papierkapsel und die Kapsel in ein Schubfach. Dann
ging er noch einmal alles durch, was er brauchte, trug das Grabscheit,
das fr gewhnlich neben der Gartenthr stand, in den Keller hinunter
und war wie verwandelt, als er mit diesen Vorbereitungen fertig war.

Er pfiff und trllerte vor sich hin und ging in den Laden.

Ede, Du kannst heute Nachmittag ausgehn. In Gusow ist Jahrmarkt mit
Karoussel und sind auch Kunstreiter da, das heit Seiltnzer. Ich hab'
heute Vormittag das Seil spannen sehn. Und vor acht brauchst Du nicht
wieder hier zu sein. Da nimm, das ist fr Dich, und nun amsire Dich
gut. Und is auch 'ne Waffelbude da, mit Eierbier und Punsch. Aber hbsch
mig, nich zu viel; hrst Du, keine Dummheiten machen.

Ede strahlte vor Glck, machte sich auf den Weg und war Punkt acht
wieder da. Zugleich mit ihm kamen die Stammgste, die, wie gewhnlich,
ihren Platz in der Weinstube nahmen. Einige hatten schon erfahren, da
Hradscheck am Vormittag in Gusow gewesen und mit einem groen Busch
Farrnkraut zurckgekommen sei.

Was Du nur mit dem Farrnkraut willst? fragte Kunicke.

Anpflanzen.

Das wuchert ja. Wenn das drei Jahr in Deinem Garten steht, weit Du vor
Unkraut nicht mehr, wo du hin sollst.

Das soll es auch. Ich will einen hohen Zaun davon ziehn. Und je rascher
es wchst, desto besser.

Na, sieh Dich vor damit. Das ist wie die Wasserpest; wo sich das mal
eingenistet hat, ist kein Auskommen mehr. Und vertreibt Dich am Ende von
Haus und Hof.

Alles lachte, bis man zuletzt auf die Kunstreiter zu sprechen kam und an
Hradscheck die Frage richtete, was er denn eigentlich von ihnen gesehen
habe?

Blos das Seil. Aber Ede, der heute Nachmittag da war, der wird wohl
Augen gemacht haben.

Und nun erzhlte Hradscheck des Breiteren, da _der_, dem die Truppe
jetzt gehre, des alten Kolter Schwiegersohn sei, ja, die Frau desselben
nenne sich noch immer nach dem Vater und habe den Namen ihres Mannes gar
nicht angenommen.

Er sagte das alles so hin, wie wenn er die Kolters ganz genau kenne, was
den lmller zu verschiedenen Fragen ber die berhmte Seiltnzerfamilie
veranlate. Denn Springer und Kunstreiter waren Quaasens unentwegte
Passion, seit er als zwanzigjhriger Junge mal auf dem Punkte gestanden
hatte, mit einer Kunstreiterin auf und davon zu gehn. Seine Mutter
jedoch hatte Wind davon gekriegt und ihn nicht blos in den Milchkeller
gesperrt, sondern auch den Direktor der Truppe gegen ein erhebliches
Geldgeschenk veranlat, die gefhrliche Person bis nach Reppen hin
vorauszuschicken. All das, wie sich denken lt, gab auch heute wieder
Veranlassung zu vielfachen Neckereien und um so mehr, als Quaas ohnehin
des Vorzugs geno, Stichblatt der Tafelrunde zu sein.

Aber was is das mit Kolter? fragte Kunicke. Du wolltest von ihm
erzhlen, Hradscheck. Is es ein Reiter oder ein Springer?

Blos ein Springer. Aber was fr einer!

Und nun fing Hradscheck an, eine seiner Hauptgeschichten zum Besten zu
geben, die vom alten Kolter nmlich, der Anno14 schon sehr berhmt und
mit in Wien auf dem Kongre gewesen sei.

Was, was? Mit auf dem Kongre?

Versteht sich. Und warum nicht?

Auf dem Kongre also.

Und da habe denn, so fuhr Hradscheck fort, der Knig von Preuen zum
Kaiser von Ruland gesagt: Hre, Bruderherz, was Du von Deinem
Stiglischeck auch sagen magst, Kolter ist doch besser, Parole d'honneur,
Kolter ist der erste Springer der Welt, und was ihm auch passiren mag,
er wird sich immer zu helfen wissen. Und als nun der Kaiser von Ruland
das bestritten, da htten sie gewettet, und wre blos _die_ Bedingung
gewesen, da nichts vorher gesagt werden solle. Das htten sie denn auch
gehalten. Und als nun Kolter halb schon das zwischen zwei Thrmen
ausgespannte Seil hinter sich gehabt habe, da sei mit einem Male, von
der andern Seite her, ein andrer Seiltnzer auf ihn losgekommen, das sei
Stiglischeck gewesen, und keine Minute mehr, da htten sie sich
gegenber gestanden und der Russe, was ihm auch keiner verdenken knne,
habe blos gesagt: Alles #perdu#, Bruder: _Du_ verloren, ich verloren.
Aber Kolter habe nur gelacht und ihm was ins Ohr geflstert, einige
sagen einen frommen Spruch, andre aber sagen das Gegentheil, und sei
dann mit groer Anstrengung und Geschicklichkeit zehn Schritte rckwrts
gegangen, whrend der andre sich niedergehuckt habe. Und nun habe Kolter
einen Anlauf genommen und sei mit eins, zwei, drei ber den andern
weggesprungen. Da sei denn ein furchtbares Beifallklatschen gewesen und
einige htten laut geweint und immer wieder und wieder gesagt, das sei
mehr als Napoleon. Und der Kaiser von Ruland habe seine Wette
verloren und auch wirklich bezahlt.

Wird er wohl, wird er wohl, sagte Kunicke. Der Russe bezahlt immer.
Hat's ja ... Bravo, Hradscheck; bravo!

So war Hradscheck mit Beifall belohnt worden und hatte von Viertelstunde
zu Viertelstunde noch vieles Andre zum Besten gegeben, bis endlich um
elf die Stammgste das Haus verlieen.

                           *       *       *

Ede war schon zu Bett geschickt und in dem weiten Hause herrschte
Todesstille. Hradscheck schritt auf und ab in seiner Stube, mute sich
aber setzen, denn der Aufregungen dieses Tages waren so viele gewesen,
da er sich, trotz fester Nerven, einer Ohnmacht nahe fhlte. So lang er
drben Geschichten erzhlt hatte, munterer und heiterer, so wenigstens
schien es, als je zuvor, war kein Tropfen Wein ber seine Lippen
gekommen, jetzt aber nahm er Kognak und Wasser und fhlte, wie Kraft und
Entschlossenheit ihm rasch wiederkehrten. Er ging auf das Schubfach zu,
drin er das Kapselchen versteckt hatte, zog gleich danach seine Schuh'
aus und pulverte von dem Farrnkrautsamen hinein.

So!

Und nun stand er wieder in seinen Schuhen und lachte.

Will doch mal die Probe machen! Wenn ich jetzt unsichtbar bin, mu ich
mich auch selber nicht sehen knnen.

Und das Licht zur Hand nehmend, trat er vor den schmalen Trumeau mit
dem weilackirten Rahmen und sah hinein und nickte seinem Spiegelbilde
zu. Guten Tag, Abel Hradscheck. Wahrhaftig, wenn alles so viel hilft,
wie der Farrnkrautsamen, so werd' ich nicht weit kommen und blos noch
das angenehme Gefhl haben, ein Narr gewesen zu sein und ein Dummkopf,
den ein altes Weib genasfhrt hat. Die verdammte Hexe! Warum lebt sie?
Wre sie weg, so htt' ich lngst Ruh' und brauchte diesen Unsinn nicht.
Und brauchte nicht... Ein Grusel berlief ihn, denn das Furchtbare,
was er vorhatte, stand mit einem Male wieder vor seiner Seele. Rasch
aber bezwang er sich. Eins kommt aus dem andern. Wer A sagt, mu B
sagen.

Und als er so gesprochen und sich wieder zurecht gerckt hatte, ging er
auf einen kleinen Eckschrank zu und nahm ein Laternchen heraus, das er
sich schon vorher durch berkleben mit Papier in eine Art Blendlaterne
umgewandelt hatte. Die Alte drben sollte den Lichtschimmer nicht wieder
sehn und ihn nicht zum wievielsten Male mit ihrem ick weet nich,
Hradscheck, wihr et in de Stuw or wihrt et in'n Keller in Wuth und
Verzweiflung bringen. Und nun zndete er das Licht an, knipste die
Laternenthr wieder zu und trat rasch entschlossen auf den Flur hinaus.
Was er brauchte, darunter auch ein Stck alter Teppich, aus langen
Tuchstreifen geflochten, lag lngst unten in Bereitschaft.

Vorwrts, Hradscheck!

Und zwischen den groen lfssern hin ging er bis an den Kellereingang,
hob die Fallthr auf und stieg langsam und vorsichtig die Stufen
hinunter. Als er aber unten war, sah er, da die Laterne, trotz der
angebrachten Verblendung, viel zu viel Licht gab und nach oben hin, wie
aus einem Schlot, einen hellen Schein warf. Das durfte nicht sein, und
so stieg er die Treppe wieder hinauf, blieb aber in halber Hhe stehn
und griff blos nach einem ihm in aller Bequemlichkeit zur Hand liegenden
Brett, das hier an das nchstliegende lfa herangeschoben war, um die
ganze Reihe der Fsser am Rollen zu verhindern. Es war nur schmal, aber
doch gerade breit genug, um unten das Kellerfenster zu schlieen.

Nun mag sie sich drben die Augen auskucken. Meinetwegen. Durch ein
Brett wird sie ja wohl nicht sehn knnen. Ein Brett ist besser als
Farrnkrautsamen...

Und damit schlo er die Fallthr und stieg wieder die Stufen hinunter.




                                  XX.


Ede war frh auf und bediente seine Kunden. Dann und wann sah er nach
der kleinen im Nebenzimmer hngenden Uhr, die schon auf ein Viertel nach
acht zeigte.

Wo der Alte nur bleibt?

Ede durfte die Frage schon thun, denn fr gewhnlich erschien Hradscheck
mit dem Glockenschlage sieben, wnschte guten Morgen und ffnete die
nach der Kche fhrende kleine Thr, was fr die Kchin allemal das
Zeichen war, da sie den Kaffee bringen solle. Heut aber lie sich kein
Hradscheck sehn, und als es nah an neun heran war, steckte statt seiner
nur Male den Kopf in den Laden hinein und sagte:

Wo he man bliewt, Ede?

Weet nich.

Ick will geihn un en beten an sine Dhr bullern.

Joa, dat dhu man.

Und wirklich, Male ging, um ihn zu wecken. Aber sie kam in groer
Aufregung wieder. He is nich doa, nich in de Vr- un ook nich in de
Hinner-Stuw. Allens open un keene Dhr to.

Un sien Bett? fragte Ede.

Allens glatt un ungeknllt. He's goar nich in west.

Ede kam nun auch in Unruhe. Was war zu thun? Er, wie Male, hatten ein
unbestimmtes Gefhl, da etwas ganz Absonderliches geschehen sein msse,
worin sie sich durch den schlielich ebenfalls erscheinenden Jakob nur
noch bestrkt sahen. Nach einigem Berathen kam man berein, da Jakob zu
Kunicke hinbergehn und wegen des Abends vorher anfragen solle; Kunicke
mss' es wissen, der sei immer der Letzte. Male dagegen solle rasch nach
dem Krug laufen, wo Gensdarm Geelhaar um diese Stunde zu frhstcken und
der alten Krger'schen, die manchen Sturm erlebt hatte, schne Dinge zu
sagen pflegte. Das geschah denn auch alles, und keine Viertelstunde, so
sah man Geelhaar die Dorfstrae herunter kommen, mit ihm Schulze
Woytasch, der sich, einer abzuhaltenden Versammlung halber, zufllig
ebenfalls im Kruge befunden hatte. Vor Hradscheck's Thr trafen Beide
mit Kunicke zusammen. Man begrte sich stumm und berschritt mit einer
gewissen Feierlichkeit die Schwelle.

Drin im Hause hatte sich mittlerweile die Scene verndert.

Ede, der noch eine Zeit lang in allen Ecken und Winkeln umhergesucht
hatte, stand jetzt, als die Gruppe sich nherte, mitten auf dem Flur und
wies auf ein groes lfa, das um ein Geringes vorgerollt war, nur zwei
Fingerbreit, nur bis an den groen Eisenring, aber doch gerade weit
genug, um die Fallthr zu schlieen.

Doa sitt he in, schrie der Junge.

Schrei' nicht so! fuhr ihn Schulze Woytasch an. Und Kunicke setzte
mit mehr Derbheit, aber auch mit grerer Gemthlichkeit hinzu: Halt's
Maul, Junge.

Dieser jedoch war nicht zur Ruh zu bringen, und sein bischen
Schlfenhaar immer mehr in die Hh' schiebend, fuhr er in demselben
Weimertone fort: Ick weet allens. Dat's de Spk. De Spk hett noah em
grappscht. Un denn wull he 'rut un kunn nich.

Um diese Zeit war auch Eccelius aus der Pfarre herber gekommen,
leichenbla und so von Ahnungen gengstigt, da er, als man das Fa
jetzt zurckgeschoben und die Fallthr geffnet hatte, nicht mit
hinuntersteigen mochte, sondern erst in den Laden und gleich darnach auf
die Dorfgasse hinaus trat.

Geelhaar und Schulze Woytasch, schon von Amtswegen auf bessre Nerven
gestellt, hatten inzwischen ihren Abstieg bewerkstelligt, whrend
Kunicke, mit einem Licht in der Hand, von oben her in den Keller
hineinleuchtete. Da nicht viele Stufen waren, so konnt' er das Nchste
bequem sehn: unten lag Hradscheck, allem Anscheine nach todt, ein
Grabscheit in der Hand, die zerbrochene Laterne daneben. Unser alter
Anno-Dreizehner sah sich bei diesem Anblick seiner gewhnlichen
Gleichgltigkeit entrissen, erholte sich aber und kroch, unten
angekommen, in Gemeinschaft mit Geelhaar und Woytasch auf die Stelle zu,
wo hinter einem Lattenverschlage der Weinkeller war. Die Thr stand auf,
etwas Erde war aufgegraben, und man sah Arm und Hand eines hier
Verscharrten. Alles andre war noch verdeckt. Aber freilich, was
sichtbar war, war gerade genug, um alles Geschehene klar zu legen.

Keiner sprach ein Wort, und mit einem scheuen Seitenblick auf den
entseelt am Boden Liegenden stiegen alle drei die Treppe wieder hinauf.

Auch oben, wo sich Eccelius ihnen wieder gesellte, blieb es bei wenig
Worten, was schlielich nicht Wunder nehmen konnte. Waren doch alle, mit
alleiniger Ausnahme von Geelhaar, viel zu befreundet mit Hradscheck
gewesen, als da ein Gesprch ber ihn anders als peinlich htte
verlaufen knnen. Peinlich und mit Vorwrfen gegen sich selbst gemischt.
Warum hatte man bei der gerichtlichen Untersuchung nicht besser
aufgepat, nicht schrfer gesehn? Warum hatte man sich hinters Licht
fhren lassen?

Nur das Nthigste wurde festgestellt. Dann verlie man das durch so
viele Jahre hin mit Vorliebe besuchte Haus, das nun fr jeden ein Haus
des Schreckens geworden war. Kunicke schritt quer ber den Damm auf
seine Wohnung, Eccelius auf seine Pfarre zu. Woytasch war mit ihm.

Das Kstriner Gericht, hob Eccelius an, wird nur wenig noch zu sagen
haben. Alles ist klar und doch ist nichts bewiesen. Er steht vor einem
hheren Richter.

Woytasch nickte. Hchstens noch, was aus der Erbschaft wird, bemerkte
dieser und sah vor sich hin. Er hat keine Verwandte hier herum und die
Frau, so mir recht is, auch nich. Vielleicht, da es der Pohlsche
wiederkriegt. Aber das werden die Tschechiner nich wollen.

Eccelius erwiderte: Das alles macht mir keine Sorge. Was mir Sorge
macht, ist blos das: wie kriegen wir ihn unter die Erde und _wo_. Sollen
wir ihn unter die guten Leute legen, das geht nicht, das leiden die
Bauern nicht und machen uns eine Kirchhofs-Revolte. Und was das
Schlimmste ist, haben auch Recht dabei. Und sein Feld wird auch keiner
dazu hergeben wollen. Eine solche Stelle mag niemand auf seinem
ehrlichen Acker haben.

Ich denke, sagte der Schulze, wir bringen ihn auf den Kirchhof.
Bewiesen ist am Ende nichts. Im Garten liegt der Franzos, und im Keller
liegt der Pohlsche. Wer will sagen, wer ihn da hingelegt hat? Keiner
wei es, nicht einmal die Jeschke. Schlielich ist alles blos Verdacht.
Auf den Kirchhof mu er also. Aber seitab, wo die Nesseln stehn und der
Schutt liegt.

Und das Grab der Frau? fragte Eccelius. Was wird aus dem? Und aus dem
Kreuz?

Das werden sie wohl umreien, da kenn' ich meine Tschechiner. Und dann
mssen wir thun, Herr Pastor, als shen wir's nicht. Kirchhofsordnung
ist gut, aber der Mensch verlangt auch seine Ordnung.

Brav, Schulze Woytasch! sagte Eccelius und gab ihm die Hand. Immer 's
Herz auf dem rechten Fleck!

                           *       *       *

Geelhaar war im Hradscheck'schen Hause zurckgeblieben. Er hatte den
Polizei-Kehrmichnichtdran und machte nicht viel von der Sache. Was war
es denn auch gro? Ein Fall mehr. Darber ging die Welt noch lange
nicht aus den Fugen. Und so ging er denn in den Laden, legte die Hand
auf Ede's Kopf und sagte: Hr', Ede, das war heut ein bischen scharf.
So zwei Dodige gleich Morgens um neun! Na, schenk' mal 'was ein. Was
nehmen wir denn?

Na, 'nen Rum, Herr Geelhaar.

Nei, Rum is mir heute zu schwach. Gieb erst 'nen Kognak. Und dann ein'
Rum.

Ede schenkte mit zitternder Hand ein. Geelhaar's Hand aber war um so
sicherer. Als er ein paar Glser geleert hatte, ging er in den Garten
und spazierte drin auf und ab, als ob nun alles sein wre. Das ganze
Grundstck erschien ihm wie herrenloser Besitz, drin man sich ungenirt
ergehen knne.

Die Jeschke, wie sich denken lt, lie auch nicht lang auf sich warten.
Sie wute schon alles und sah mal wieder ber den Zaun.

Dag, Geelhaar.

Dag, Mutter Jeschke ... Nu, was macht Line?

De kmmt to Martini. Se brukt sich joa nu nich mihr to jrulen.

Vor Hradscheck? lachte Geelhaar.

Joa. Vor Hradscheck. Awers nu sitt he joa fast.

Das thut er. Und gefangen in seiner eigenen Falle.

Joa, joa. De oll Vo! Nu kmmt he nich wedder rut. Fien wihr he. Awers
to fien, loat man sien!

                           *       *       *

Was noch geschehen mute, geschah still und rasch, und schon um die
neunte Stunde des folgenden Tages trug Eccelius nachstehende Notiz in
das Tschechiner Kirchenbuch ein:

    Heute, den 3.Oktober, frh vor Tagesanbruch, wurde der
    Kaufmann und Gasthofsbesitzer Abel Hradscheck ohne Sang und
    Klang in den hiesigen Kirchhofsacker gelegt. Nur Schulze
    Woytasch, Gensdarm Geelhaar und Bauer Kunicke wohnten dem
    stillen Begrbniakte bei. Der Todte, so nicht alle Zeichen
    trgen, wurde von der Hand Gottes getroffen, nachdem es ihm
    gelungen war, den schon frher gegen ihn wach gewordenen
    Verdacht durch eine besondere Klugheit wieder zu
    beschwichtigen. Er verfing sich aber schlielich in seiner List
    und grub sich, mit dem Grabscheit in der Hand, in demselben
    Augenblicke sein Grab, in dem er hoffen durfte, sein Verbrechen
    fr immer aus der Welt geschafft zu sehn. Und bezeugte dadurch
    aufs Neue die Spruchweisheit: '_Es ist nichts so fein
    gesponnen, 's kommt doch alles an die Sonnen._'




                          Grote'sche Sammlung
                                  von
                Werken zeitgenssischer Schriftsteller.


Bis jetzt erschienen:

=Otto Glagau,= Fritz Reuter und seine Dichtungen. Neue umgearbeitete
Auflage mit Illustrationen, Portrts und einer autographischen Beilage.

=Julius Wolff,= Till Eulenspiegel redivivus. Ein Schelmenlied. Mit
Illustrationen. Sechzehnte Auflage.

=Julius Wolff,= Der Rattenfnger von Hameln. Eine Aventiure. Mit
Illustrationen von =P. Grot Johann=. Fnfundzwanzigste Auflage.

=Wilhelm Raabe,= Horacker. Mit Illustrationen von =P. Grot Johann=.
Dritte Auflage.

=Friedrich Bodenstedt,= Theater. (Kaiser Paul. -- Wandlungen.)

=Anastasius Grn,= In der Veranda. Eine dichterische Nachlese. Dritte
Auflage.

=Julius Wolff,= Schauspiele. (Kambyses. -- Die Junggesellensteuer.)

=Carl Siebel's= Dichtungen. Gesammelt von seinen Freunden. Herausgegeben
von =Emil Rittershaus=.

=Wilhelm Raabe,= Die Chronik der Sperlingsgasse. Neue Ausgabe, mit
Illustrationen von =Ernst Bosch=. Vierte Auflage.

=Julius Wolff,= Der wilde Jger. Eine Weidmannsmr. Zweiundzwanzigste
Auflage.

=Hermann Lingg,= Schlusteine. Neue Gedichte.

=Julius Wolff,= Tannhuser. Ein Minnesang. Mit Portrtradirung nach
einer Handzeichnung von _Ludwig Knaus_. Zwei Bnde. Zehnte Auflage.

=Julius Wolff,= Singuf. Rattenfngerlieder. Vierte Auflage.

=Julius Grosse,= Gedichte. Mit einer Zuschrift von _Paul Heyse_.

=Julius Wolff,= Der Slfmeister. Eine alte Stadtgeschichte. Zwei Bnde.
Sechste Auflage.

=A. von der Elbe,= Der Brgermeisterthurm. Eine Erzhlung aus dem
15.Jahrhundert. Zwei Bnde.

=Julius Wolff,= Der Raubgraf. Eine Geschichte aus dem Harzgau. Fnfte
Auflage.

=Julius Grosse,= Der getreue Eckart. Roman in zwlf Bchern. Zwei Bnde.

=Theodor Fontane,= Unterm Birnbaum.




                           Neue Prachtwerke:


                        =Shakespeare-Gallerie.=

                            Fnfzehn Bilder

                                  von

      Ad. Menzel, C. u. F. Piloty, Ed. Grtzner, P. Thumann u.A.
             Mit begleitendem Text von #Dr.# M. _Ehrlich_.
                   Preis in eleg. Einbande 15 Mark.



                   Das Buch von der =Knigin Luise=.

                                  Von

                          #Dr.# =Georg Horn=.

 Mit neun Photographien, Portrts und zeitgeschichtlichen Abbildungen
                               im Text.

                    =Dritte, verbesserte Auflage.=
                        Prachtausgabe in Folio.
                            Preis 20 Mark.



                            Julius Wolff's
                               Aventiure

                    =Der Rattenfnger von Hameln.=

                            Illustrirt von
                            _Paul Thumann_.
             Folioformat. In Prachtband gebunden 25 Mark.



                            _Bodenstedt's_
                 =Album deutscher Kunst u. Dichtung.=

               Sechste vollstndig umgestaltete Auflage.
Mit Randzeichnungen, zahlreichen Textillustrationen und 6 Heliogravren.
                     Preis in Prachtband 12 Mark.



                               Tegnr's
                           =Frithjofssage.=

                      bersetzt von =G. Mohnike.=

                            Illustrirt von
                            =Ernst Roeber.=
                        Preis gebunden 12 Mark.



                              Tennyson's
                            =Enoch Arden.=

                            Illustrirt von
                            =Paul Thumann.=
                     Dritte, verbesserte Auflage.
                 Folioformat. In Prachtbd. geb. 10 M.



                           _Voen's Luise_.

                Ein lndliches Idyll in drei Gesngen.

          Mit 6 Bildern von Arthur v. Ramberg u. P. Thumann.
             Folioformat in eleg. Einband mit Goldschnitt.
                            Preis 12 Mark.



                              _Goethe's_
                        =Hermann und Dorothea.=

                Mit 8 Bildern nach Arthur von Ramberg.
   Folioformat, in elegantem Einband mit Goldschnitt. Preis 12 Mark.


                               _Berlin._
                 =G. Grote='sche Verlagsbuchhandlung.



[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1885 als Dreiundzwanzigster Band in Grote'sche
Sammlung von Werken zeitgenssischer Schriftsteller erschienenen
Ausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller
gegenber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S. 057: Werft und Weidengestrpp -> Werft- und Weidengestrpp
S. 068: beten to still'. das war -> still', das war
S. 073: Hren Sie, Geelhar, Rum ist gut -> Geelhaar
S. 075: Er wird am Ende der amen Frau -> armen
S. 148: brauchte diesen Unsinn nicht, -> nicht.
S. 148: Vorwrts, Hradschreck! -> Hradscheck

Die Umlaute Ae, Oe und Ue wurden durch , ,  ersetzt. Die
Fraktur-Ligatur fr etc. wurde durch etc. ersetzt. (S.128)

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaen ersetzt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Fett:           =fett gedruckter Text=
Antiquaschrift: #Antiquatext# ]



[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the edition
published in 1885 as volume 23 in "Grote'sche Sammlung von Werken
zeitgenssischer Schriftsteller". The table below lists all corrections
applied to the original text.

p. 057: Werft und Weidengestrpp -> Werft- und Weidengestrpp
p. 068: beten to still'. das war -> still', das war
p. 073: Hren Sie, Geelhar, Rum ist gut -> Geelhaar
p. 075: Er wird am Ende der amen Frau -> armen
p. 148: brauchte diesen Unsinn nicht, -> nicht.
p. 148: Vorwrts, Hradschreck! -> Hradscheck

The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by , , . The ligature
for "etc." has been replaced by etc. (p.128)

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Bold:       =bold text=
Antiqua:    #text in Antiqua font# ]





End of the Project Gutenberg EBook of Unterm Birnbaum, by Theodor Fontane

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNTERM BIRNBAUM ***

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1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
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of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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