Project Gutenberg's Zur Psychopathologie des Alltagslebens, by Sigmund Freud

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Title: Zur Psychopathologie des Alltagslebens
       ber Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum

Author: Sigmund Freud

Release Date: January 26, 2008 [EBook #24429]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                        Zur

         Psychopathologie des Alltagslebens

           (ber Vergessen, Versprechen,
         Vergreifen, Aberglaube und Irrtum)


                        Von

               Prof.Dr.Sigm.Freud

                      in Wien


          Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll,
         Dass niemand weiss, wie er ihn meiden soll.

                          Faust, II.T., V.Akt.




                    BERLIN 1904

                VERLAG VON S.KARGER

                   KARLSTRASSE15




  DURCHGESEHENER ABDRUCK AUS DER MONATSSCHRIFT FR
         PSYCHIATRIE UND NEUROLOGIE BD.X.

              ALLE RECHTE VORBEHALTEN.


        Druck von _H.Klppel_, Quedlinburg.




I.

Vergessen von Eigennamen.


Im Jahrgange 1898 der Monatsschrift fr Psychiatrie und Neurologie habe
ich unter dem Titel Zum psychischen Mechanismus der Vergesslichkeit
einen kleinen Aufsatz verffentlicht, dessen Inhalt ich hier wiederholen
und zum Ausgang fr weitere Errterungen nehmen werde. Ich habe dort den
hufigen Fall des zeitweiligen Vergessens von Eigennamen an einem
prgnanten Beispiel aus meiner Selbstbeobachtung der psychologischen
Analyse unterzogen und bin zum Ergebnis gelangt, dass dieser gewhnliche
und praktisch nicht sehr bedeutsame Einzelvorfall von Versagen einer
psychischen Funktion -- des Erinnerns -- eine Aufklrung zulsst, welche
weit ber die gebruchliche Verwertung des Phnomens hinausfhrt.

Wenn ich nicht sehr irre, wrde ein Psycholog, von dem man die Erklrung
forderte, wie es zugehe, dass einem so oft ein Name nicht einfllt, den
man doch zu kennen glaubt, sich begngen, zu antworten, dass Eigennamen
dem Vergessen leichter unterliegen als andersartiger Gedchtnisinhalt.
Er wrde die plausibeln Grnde fr solche Bevorzugung der Eigennamen
anfhren, eine anderweitige Bedingtheit des Vorganges aber nicht
vermuten.

Fr mich wurde zum Anlass einer eingehenderen Beschftigung mit dem
Phnomen des zeitweiligen Namenvergessens die Beobachtung gewisser
Einzelheiten, die sich zwar nicht in allen Fllen, aber in einzelnen
deutlich genug erkennen lassen. In solchen Fllen wird nmlich nicht nur
_vergessen_, sondern auch _falsch erinnert_. Dem sich um den entfallenen
Namen Bemhenden kommen andere -- _Ersatznamen_ -- zum Bewusstsein, die
zwar sofort als unrichtig erkannt werden, sich aber doch mit grosser
Zhigkeit immer wieder aufdrngen. Der Vorgang, der zur Reproduktion des
gesuchten Namens fhren soll, hat sich gleichsam _verschoben_ und so zu
einem unrichtigen Ersatz gefhrt. Meine Voraussetzung ist nun, dass
diese Verschiebung nicht psychischer Willkr berlassen ist, sondern
gesetzmssige und berechenbare Bahnen einhlt. Mit anderen Worten, ich
vermute, dass der oder die Ersatznamen in einem aufsprbaren
Zusammenhang mit dem gesuchten Namen stehen, und hoffe, wenn es mir
gelingt, diesen Zusammenhang nachzuweisen, dann auch Licht ber den
Hergang des Namenvergessens zu verbreiten.

In dem 1898 von mir zur Analyse gewhlten Beispiele war es der Name des
Meisters, welcher im Dom von _Orvieto_ die grossartigen Fresken von den
letzten Dingen geschaffen, den zu erinnern ich mich vergebens bemhte.
Anstatt des gesuchten Namens -- _Signorelli_ -- drngten sich mir zwei
andere Namen von Malern auf -- _Botticelli_ und _Boltraffio_, die mein
Urteil sofort und entschieden als unrichtig abwies. Als mir der richtige
Name von fremder Seite mitgeteilt wurde, erkannte ich ihn sogleich und
ohne Schwanken. Die Untersuchung, durch welche Einflsse und auf welchen
Assoziationswegen sich die Reproduktion in solcher Weise -- von
_Signorelli_ auf _Botticelli_ und _Boltraffio_ -- verschoben hatte,
fhrte zu folgenden Ergebnissen:

a) Der Grund fr das Entfallen des Namens _Signorelli_ ist weder in
einer Besonderheit dieses Namens selbst noch in einem psychologischen
Charakter des Zusammenhanges zu suchen, in welchen derselbe eingefgt
war. Der vergessene Name war mir ebenso vertraut wie der eine der
Ersatznamen -- Botticelli -- und ungleich vertrauter als der andere der
Ersatznamen -- Boltraffio --, von dessen Trger ich kaum etwas anderes
anzugeben wsste als seine Zugehrigkeit zur mailndischen Schule. Der
Zusammenhang aber, in dem sich das Namenvergessen ereignete, erscheint
mir harmlos und fhrt zu keiner weiteren Aufklrung: Ich machte mit
einem Fremden eine Wagenfahrt von Ragusa in Dalmatien nach einer Station
der Herzegowina; wir kamen auf das Reisen in Italien zu sprechen, und
ich fragte meinen Reisegefhrten, ob er schon in Orvieto gewesen und
dort die berhmten Fresken des *** besichtigt habe.

b) Das Namenvergessen erklrt sich erst, wenn ich mich an das in jener
Unterhaltung unmittelbar vorhergehende Thema erinnere, und gibt sich als
eine _Strung des neu auftauchenden Themas durch das vorhergehende_ zu
erkennen. Kurz, ehe ich an meinen Reisegefhrten die Frage stellte, ob
er schon in Orvieto gewesen, hatten wir uns ber die Sitten der in
_Bosnien_ und in der _Herzegowina_ lebenden Trken unterhalten. Ich
hatte erzhlt, was ich von einem unter diesen Leuten praktizierenden
Kollegen gehrt hatte, dass sie sich voll Vertrauen in den Arzt und voll
Ergebung in das Schicksal zu zeigen pflegen. Wenn man ihnen ankndigen
muss, dass es fr den Kranken keine Hilfe gibt, so antworten sie:
_Herr_, was ist da zu sagen? Ich weiss, wenn er zu retten wre, httest
du ihn gerettet. -- Erst in diesen Stzen finden sich die Worte und
Namen: _Bosnien_, _Herzegowina_, _Herr_ vor, welche sich in eine
Assoziationsreihe zwischen _Signorelli_ und _Botticelli_ -- _Boltraffio_
einschalten lassen.

c) Ich nehme an, dass der Gedankenreihe von den Sitten der Trken in
Bosnien etc. die Fhigkeit, einen nchsten Gedanken zu stren, darum
zukam, weil ich ihr meine Aufmerksamkeit entzogen hatte, ehe sie noch zu
Ende gebracht war. Ich erinnere nmlich, dass ich eine zweite Anekdote
erzhlen wollte, die nahe bei der ersten in meinem Gedchtnis ruhte.
Diese Trken schtzen den Sexualgenuss ber alles und verfallen bei
sexuellen Strungen in eine Verzweiflung, welche seltsam gegen ihre
Resignation bei Todesgefahr absticht. Einer der Patienten meines
Kollegen hatte ihm einmal gesagt: Du weisst ja, _Herr_, wenn das nicht
mehr geht, dann hat das Leben keinen Wert. Ich unterdrckte die
Mitteilung dieses charakteristischen Zuges, weil ich das heikle Thema
nicht im Gesprch mit einem Fremden berhren wollte. Ich tat aber noch
mehr; ich lenkte meine Aufmerksamkeit auch von der Fortsetzung der
Gedanken ab, die sich bei mir an das Thema Tod und Sexualitt htten
knpfen knnen. Ich stand damals unter der Nachwirkung einer Nachricht,
die ich wenige Wochen vorher whrend eines kurzen Aufenthaltes in
_Trafoi_ erhalten hatte. Ein Patient, mit dem ich mir viele Mhe
gegeben, hatte wegen einer unheilbaren sexuellen Strung seinem Leben
ein Ende gemacht. Ich weiss bestimmt, dass mir auf jener Reise in die
Herzegowina dieses traurige Ereignis und alles, was damit zusammenhngt,
nicht zur bewussten Erinnerung kam. Aber die bereinstimmung _Trafoi_ --
_Boltraffio_ ntigt mich anzunehmen, dass damals diese Reminiszenz trotz
der absichtlichen Ablenkung meiner Aufmerksamkeit in mir zur Wirksamkeit
gebracht worden ist.

d) Ich kann das Vergessen des Namens Signorelli nicht mehr als ein
zuflliges Ereignis auffassen. Ich muss den Einfluss eines _Motivs_ bei
diesem Vorgang anerkennen. Es waren Motive, die mich veranlassten, mich
in der Mitteilung meiner Gedanken (ber die Sitten der Bosnier etc.) zu
unterbrechen, und die mich ferner beeinflussten, die daran sich
knpfenden Gedanken, die bis zur Nachricht in Trafoi gefhrt htten, in
mir vom Bewusstwerden auszuschliessen. Ich _wollte_ also etwas
vergessen, ich hatte _etwas verdrngt_. Ich wollte allerdings etwas
anderes vergessen als den Namen des Meisters von Orvieto; aber dieses
andere brachte es zustande, sich mit diesem Namen in assoziative
Verbindung zu setzen, so dass mein Willensakt das Ziel verfehlte, und
ich _das eine wider Willen_ vergass, whrend ich _das andere mit
Absicht_ vergessen wollte. Die Abneigung, zu erinnern, richtete sich
gegen den einen Inhalt; die Unfhigkeit, zu erinnern, trat an einem
anderen hervor. Es wre offenbar ein einfacherer Fall, wenn Abneigung
und Unfhigkeit, zu erinnern, denselben Inhalt betrfen. -- Die
Ersatznamen erscheinen mir auch nicht mehr so vllig unberechtigt wie
vor der Aufklrung; sie mahnen mich (nach Art eines Kompromisses) eben
so sehr an das, was ich vergessen, wie an das, was ich erinnern wollte,
und zeigen mir, dass meine Absicht, etwas zu vergessen, weder ganz
gelungen noch ganz missglckt ist.

e) Sehr auffllig ist die Art der Verknpfung, die sich zwischen dem
gesuchten Namen und dem verdrngten Thema (von Tod und Sexualitt etc.,
in dem die Namen Bosnien, Herzegowina, Trafoi vorkommen) hergestellt
hat. Das hier eingeschaltete, aus der Abhandlung des Jahres 1898
wiederholte Schema sucht diese Verknpfung anschaulich darzustellen.

[Illustration]

Der Name Signorelli ist dabei in zwei Stcke zerlegt worden. Das eine
Silbenpaar ist in einem der Ersatznamen unverndert wiedergekehrt
(_elli_), das andere hat durch die bersetzung _Signor_ -- _Herr_
mehrfache und verschiedenartige Beziehungen zu den im verdrngten Thema
enthaltenen Namen gewonnen, ist aber dadurch fr die Reproduktion
verloren gegangen. Sein Ersatz hat so stattgefunden, als ob eine
Verschiebung lngs der Namenverbindung _Her_zegowina und _Bo_snien
vorgenommen worden wre, ohne Rcksicht auf den Sinn und auf die
akustische Abgrenzung der Silben zu nehmen. Die Namen sind also bei
diesem Vorgang hnlich behandelt worden wie die Schriftbilder eines
Satzes, der in ein Bilderrtsel (Rebus) umgewandelt werden soll. Von dem
ganzen Hergang, der anstatt des Namens Signorelli auf solchen Wegen die
Ersatznamen geschaffen hat, ist dem Bewusstsein keine Kunde gegeben
worden. Eine Beziehung zwischen dem Thema, in dem der Name Signorelli
vorkam, und dem zeitlich ihm vorangehenden verdrngten Thema, welche
ber diese Wiederkehr gleicher Silben (oder vielmehr Buchstabenfolgen)
hinausginge, scheint _zunchst_ nicht auffindbar zu sein.

Es ist vielleicht nicht berflssig, zu bemerken, dass die von den
Psychologen angenommenen Bedingungen der Reproduktion und des
Vergessens, die in gewissen Relationen und Dispositionen gesucht werden,
durch die vorstehende Aufklrung einen Widerspruch nicht erfahren. Wir
haben nur fr gewisse Flle zu all den lngst anerkannten Momenten, die
das Vergessen eines Namens bewirken knnen, noch ein _Motiv_ hinzugefgt
und berdies den Mechanismus des Fehlerinnerns klar gelegt. Jene
Dispositionen sind auch fr unseren Fall unentbehrlich, um die
Mglichkeit zu schaffen, dass das verdrngte Element sich assoziativ des
gesuchten Namens bemchtige und es mit sich in die Verdrngung nehme.
Bei einem anderen Namen mit gnstigeren Reproduktionsbedingungen wre
dies vielleicht nicht geschehen. Es ist ja wahrscheinlich, dass ein
unterdrcktes Element allemal bestrebt ist, sich irgendwo anders zur
Geltung zu bringen, diesen Erfolg aber nur dort erreicht, wo ihm
geeignete Bedingungen entgegenkommen. Andere Male gelingt die
Unterdrckung ohne Funktionsstrung, oder, wie wir mit Recht sagen
knnen, ohne _Symptome_.

Die Zusammenfassung der Bedingungen fr das Vergessen eines Namens mit
Fehlerinnern ergibt also: 1. eine gewisse Disposition zum Vergessen
desselben, 2. einen kurz vorher abgelaufenen Unterdrckungsvorgang, 3.
die Mglichkeit, eine _usserliche_ Assoziation zwischen dem
betreffenden Namen und dem vorher unterdrckten Element herzustellen.
Letztere Bedingung wird man wahrscheinlich nicht sehr hoch veranschlagen
mssen, da bei den geringen Ansprchen an die Assoziation eine solche in
den allermeisten Fllen durchzusetzen sein drfte. Eine andere und
tiefer reichende Frage ist es, ob eine solche usserliche Assoziation
wirklich die gengende Bedingung dafr sein kann, dass das verdrngte
Element die Reproduktion des gesuchten Namens stre, ob nicht doch
notwendig ein intimerer Zusammenhang der beiden Themata erforderlich
wird. Bei oberflchlicher Betrachtung wrde man letztere Forderung
abweisen wollen und das zeitliche Aneinanderstossen bei vllig
disparatem Inhalt fr gengend halten. Bei eingehender Untersuchung
findet man aber immer hufiger, dass die beiden durch eine usserliche
Assoziation verknpften Elemente (das verdrngte und das neue) ausserdem
einen inhaltlichen Zusammenhang besitzen, und auch in dem Beispiel
_Signorelli_ lsst sich ein solcher erweisen.

Der Wert der Einsicht, die wir bei der Analyse des Beispiels
_Signorelli_ gewonnen haben, hngt natrlich davon ab, ob wir diesen
Fall fr ein typisches oder fr ein vereinzeltes Vorkommnis erklren
mssen. Ich muss nun behaupten, dass das Namenvergessen mit Fehlerinnern
ungemein hufig so zugeht, wie wir es im Falle: _Signorelli_ aufgelst
haben. Fast allemal, da ich dies Phnomen bei mir selbst beobachten
konnte, war ich auch imstande, es mir in der vorerwhnten Weise als
durch Verdrngung motiviert zu erklren. Ich muss auch noch einen
anderen Gesichtspunkt zugunsten der typischen Natur unserer Analyse
geltend machen. Ich glaube, dass man nicht berechtigt ist, die Flle von
Namenvergessen mit Fehlerinnern prinzipiell von solchen zu trennen, in
denen sich unrichtige Ersatznamen nicht eingestellt haben. Diese
Ersatznamen kommen in einer Anzahl von Fllen spontan; in anderen
Fllen, wo sie nicht spontan aufgetaucht sind, kann man sie durch
Anstrengung der Aufmerksamkeit zum Auftauchen zwingen, und sie zeigen
dann die nmlichen Beziehungen zum verdrngten Element und zum gesuchten
Namen, wie wenn sie spontan gekommen wren. Fr das Bewusstwerden der
Ersatznamen scheinen zwei Momente massgebend zu sein, erstens die
Bemhung der Aufmerksamkeit, zweitens eine innere Bedingung, die am
psychischen Material haftet. Ich knnte letztere in der grsseren oder
geringeren Leichtigkeit suchen, mit welcher sich die bentigte
usserliche Assoziation zwischen den beiden Elementen herstellt. Ein
guter Teil der Flle von Namenvergessen _ohne_ Fehlerinnern schliesst
sich so den Fllen mit Ersatznamenbildung an, fr welche der Mechanismus
des Beispieles: _Signorelli_ gilt. Ich werde mich aber gewiss nicht der
Behauptung erkhnen, dass alle Flle von Namenvergessen in die nmliche
Gruppe einzureihen seien. Es gibt ohne Zweifel Flle von Namenvergessen,
die weit einfacher zugehen. Wir werden den Sachverhalt wohl vorsichtig
genug dargestellt haben, wenn wir aussprechen: _Neben dem einfachen
Vergessen von Eigennamen kommt auch ein Vergessen vor, welches durch
Verdrngung motiviert ist_.




II.

Vergessen von fremdsprachigen Worten.


Der gebruchliche Sprachschatz unserer eigenen Sprache scheint innerhalb
der Breite normaler Funktion gegen das Vergessen geschtzt[1]. Anders
steht es bekanntlich mit den Vokabeln einer fremden Sprache. Die
Disposition zum Vergessen derselben ist fr alle Redeteile vorhanden,
und ein erster Grad von Funktionsstrung zeigt sich in der
Ungleichmssigkeit unserer Verfgung ber den fremden Sprachschatz, je
nach unserem Allgemeinbefinden und dem Grade unserer Ermdung. Dieses
Vergessen geht in einer Reihe von Fllen nach demselben Mechanismus vor
sich, den uns das Beispiel: _Signorelli_ enthllt hat. Ich werde zum
Beweise hierfr eine einzige, aber durch wertvolle Eigentmlichkeiten
ausgezeichnete Analyse mitteilen, die den Fall des Vergessens eines
nicht substantivischen Wortes aus einem lateinischen Zitat betrifft. Man
gestatte mir, den kleinen Vorfall breit und anschaulich vorzutragen.

Im letzten Sommer erneuerte ich -- wiederum auf der Ferienreise -- die
Bekanntschaft eines jungen Mannes von akademischer Bildung, der, wie ich
bald merkte, mit einigen meiner psychologischen Publikationen vertraut
war. Wir waren im Gesprch -- ich weiss nicht mehr wie -- auf die
soziale Lage des Volksstammes gekommen, dem wir beide angehren, und er,
der Ehrgeizige, erging sich in Bedauern darber, dass seine Generation,
wie er sich usserte, zur Verkmmerung bestimmt sei, ihre Talente nicht
entwickeln und ihre Bedrfnisse nicht befriedigen knne. Er schloss
seine leidenschaftlich bewegte Rede mit dem bekannten _Vergil_schen
Vers, in dem die unglckliche _Dido_ ihre Rache an _neas_ der Nachwelt
bertrgt: Exoriare...., vielmehr er wollte so schliessen, denn er
brachte das Zitat nicht zustande und suchte eine offenkundige Lcke der
Erinnerung durch Umstellung von Worten zu verdecken: Exoriar(e) ex
nostris ossibus ultor! Endlich sagte er gergert: "Bitte machen Sie
nicht ein so spttisches Gesicht, als ob Sie sich an meiner Verlegenheit
weiden wrden, und helfen Sie mir lieber. An dem Vers fehlt etwas. Wie
heisst er eigentlich vollstndig?"

Gerne, erwiderte ich und zitierte, wie es richtig lautet:

    Exoriar(e) _aliquis_ nostris ex ossibus ultor!

"Zu dumm, ein solches Wort zu vergessen. brigens von Ihnen hrt man ja,
dass man nichts ohne Grund vergisst. Ich wre doch zu neugierig, zu
erfahren, wie ich zum Vergessen dieses unbestimmten Pronomen aliquis
komme."

Ich nahm diese Herausforderung bereitwilligst an, da ich einen Beitrag
zu meiner Sammlung erhoffte. Ich sagte also: Das knnen wir gleich
haben. Ich muss Sie nur bitten, mir _aufrichtig_ und _kritiklos_ alles
mitzuteilen, was Ihnen einfllt, wenn Sie ohne bestimmte Absicht Ihre
Aufmerksamkeit auf das vergessene Wort richten[2].

"Gut, also da komme ich auf den lcherlichen Einfall, mir das Wort in
folgender Art zu zerteilen: _a_ und _liquis_."

Was soll das? -- "Weiss ich nicht." -- Was fllt Ihnen weiter dazu ein?
-- "Das setzt sich so fort: _Reliquien_ -- _Liquidation_ --
_Flssigkeit_ -- _Fluid_. Wissen Sie jetzt schon etwas?"

Nein, noch lange nicht. Aber fahren Sie fort.

"Ich denke," fuhr er hhnisch lachend fort, "an _Simon_ von _Trient_,
dessen Reliquien ich vor zwei Jahren in einer Kirche in Trient gesehen
habe. Ich denke an die Blutbeschuldigung, die gerade jetzt wieder gegen
die Juden erhoben wird, und an die Schrift von _Kleinpaul_, der in all
diesen angeblichen Opfern Inkarnationen, sozusagen Neuauflagen des
Heilands sieht."

Der Einfall ist nicht ganz ohne Zusammenhang mit dem Thema, ber das
wir uns unterhielten, ehe Ihnen das lateinische Wort entfiel.

"Richtig. Ich denke ferner an einen Zeitungsartikel in einem
italienischen Journal, den ich krzlich gelesen. Ich glaube, er war
berschrieben: Was der h. Augustinus ber die Frauen sagt. Was machen
Sie damit?"

Ich warte.

"Also jetzt kommt etwas, was ganz gewiss ausser Zusammenhang mit unserem
Thema steht."

Enthalten Sie sich geflligst jeder Kritik und --

"Ich weiss schon. Ich erinnere mich eines prchtigen alten Herrn, den
ich vorige Woche auf der Reise getroffen. Ein wahres _Original_. Er
sieht aus wie ein grosser Raubvogel. Er heisst, wenn Sie es wissen
wollen, _Benedikt_."

Doch wenigstens eine Aneinanderreihung von Heiligen und Kirchenvtern:
Der heilige _Simon_, _St. Augustinus_, _St. Benediktus_. Ein
Kirchenvater hiess, glaube ich, _Origines_. Drei dieser Namen sind
brigens auch Vornamen, wie _Paul_ im Namen _Kleinpaul_.

"Jetzt fllt mir der heilige _Januarius_ ein und sein Blutwunder -- ich
finde, das geht mechanisch so weiter."

Lassen Sie das; der heilige _Januarius_ und der heilige _Augustinus_
haben beide mit dem Kalender zu tun. Wollen Sie mich nicht an das
Blutwunder erinnern?

"Das werden Sie doch kennen? In einer Kirche zu Neapel wird in einer
Phiole das Blut des heiligen Januarius aufbewahrt, welches durch ein
Wunder an einem bestimmten Festtage wieder _flssig_ wird. Das Volk hlt
viel auf dieses Wunder und wird sehr aufgeregt, wenn es sich verzgert,
wie es einmal zur Zeit einer franzsischen Okkupation geschah. Da nahm
der kommandierende General -- oder irre ich mich? war es Garibaldi? --
den geistlichen Herrn bei Seite und bedeutete ihm mit einer sehr
verstndlichen Geberde auf die draussen aufgestellten Soldaten, er
_hoffe_, das Wunder werde sich sehr bald vollziehen. Und es vollzog sich
wirklich..."

Nun und weiter? Warum stocken Sie?

"Jetzt ist mir allerdings etwas eingefallen ... das ist aber zu intim
fr die Mitteilung .. Ich sehe brigens keinen Zusammenhang und keine
Ntigung, es zu erzhlen."

Fr den Zusammenhang wrde ich sorgen. Ich kann Sie ja nicht zwingen, zu
erzhlen, was Ihnen unangenehm ist; dann verlangen Sie aber auch nicht
von mir zu wissen, auf welchem Wege Sie jenes Wort "aliquis" vergessen
haben.

"Wirklich? Glauben Sie? Also ich habe pltzlich an eine Dame gedacht,
von der ich leicht eine Nachricht bekommen knnte, die uns beiden recht
unangenehm wre."

Dass ihr die Periode ausgeblieben ist?

"Wie knnen Sie das erraten?"

Das ist nicht mehr schwierig. Sie haben mich gengend darauf
vorbereitet. Denken Sie an die _Kalenderheiligen_, _an das Flssigwerden
des Blutes zu einem bestimmten Tage_, _den Aufruhr, wenn das Ereignis
nicht eintritt_, _die deutliche Drohung, dass das Wunder vor sich gehen
muss, sonst_ .. Sie haben ja das Wunder des heiligen Januarius zu einer
prchtigen Anspielung auf die Periode der Frau verarbeitet.

"Ohne dass ich es gewusst htte. Und Sie meinen wirklich, wegen dieser
ngstlichen Erwartung htte ich das Wrtchen _aliquis_ nicht
reproduzieren knnen?"

Das scheint mir unzweifelhaft. Erinnern Sie sich doch an Ihre Zerlegung
in _a--liquis_ und an die Assoziationen: _Reliquien_, _Liquidation_,
_Flssigkeit_. Soll ich noch den als _Kind hingeopferten_ heiligen
Simon, auf den Sie von den Reliquien her kamen, in den Zusammenhang
einflechten?

"Tun Sie das lieber nicht. Ich hoffe, Sie nehmen diese Gedanken, wenn
ich sie wirklich gehabt habe, nicht fr Ernst. Ich will Ihnen dafr
gestehen, dass die Dame eine Italienerin ist, in deren Gesellschaft ich
auch Neapel besucht habe. Kann das aber nicht alles Zufall sein?"

Ich muss es Ihrer eigenen Beurteilung berlassen, ob Sie sich alle diese
Zusammenhnge durch die Annahme eines Zufalls aufklren knnen. Ich
sage Ihnen aber, jeder hnliche Fall, den Sie analysieren wollen, wird
Sie auf ebenso merkwrdige "Zuflle" fhren.

Ich habe mehrere Grnde, diese kleine Analyse, fr deren berlassung ich
meinem damaligen Reisegenossen Dank schulde, zu schtzen. Erstens, weil
mir in diesem Falle gestattet war, aus einer Quelle zu schpfen, die mir
sonst versagt ist. Ich bin zumeist gentigt, die Beispiele von
psychischer Funktionsstrung im tglichen Leben, die ich hier
zusammenstelle, meiner Selbstbeobachtung zu entnehmen. Das weit reichere
Material, das mir meine neurotischen Patienten liefern, suche ich zu
vermeiden, weil ich den Einwand frchten muss, die betreffenden
Phnomene seien eben Erfolge und usserungen der Neurose. Es hat also
besonderen Wert fr meine Zwecke, wenn sich eine nervengesunde fremde
Person zum Objekt einer solchen Untersuchung erbietet. In anderer
Hinsicht wird mir diese Analyse bedeutungsvoll, indem sie einen Fall von
Wortvergessen _ohne_ Ersatzerinnern beleuchtet und meinen vorhin
aufgestellten Satz besttigt, dass das Auftauchen oder Ausbleiben von
unrichtigen Ersatzerinnerungen eine wesentliche Unterscheidung nicht
begrnden kann.[3]

Der Hauptwert des Beispieles: _aliquis_ ist aber in einem anderen seiner
Unterschiede von dem Falle: _Signorelli_ gelegen. Im letzteren Beispiel
wird die Reproduktion des Namens gestrt durch die Nachwirkung eines
Gedankenganges, der kurz vorher begonnen und abgebrochen wurde, dessen
Inhalt aber in keinem deutlichen Zusammenhang mit dem neuen Thema stand,
in dem der Name Signorelli enthalten war. Zwischen dem verdrngten und
dem Thema des vergessenen Namens bestand bloss die Beziehung der
zeitlichen Kontiguitt; dieselbe reichte hin, damit sich die beiden
durch eine usserliche Assoziation in Verbindung setzen konnten.[4] Im
Beispiele: aliquis hingegen ist von einem solchen unabhngigen
verdrngten Thema, welches unmittelbar vorher das bewusste Denken
beschftigt htte und nun als Strung nachklnge, nichts zu merken. Die
Strung der Reproduktion erfolgt hier aus dem Inneren des angeschlagenen
Themas heraus, indem sich unbewusst ein Widerspruch gegen die im Zitat
dargestellte Wunschidee erhebt. Man muss sich den Hergang in folgender
Art konstruieren: Der Redner hat bedauert, dass die gegenwrtige
Generation seines Volkes in ihren Rechten verkrzt wird; eine neue
Generation, weissagt er wie Dido, wird die Rache an den Bedrngern
bernehmen. Er hat also den Wunsch nach Nachkommenschaft ausgesprochen.
In diesem Momente fhrt ihm ein widersprechender Gedanke dazwischen.
Wnschest du dir Nachkommenschaft wirklich so lebhaft? Das ist nicht
wahr. In welche Verlegenheit kmest du, wenn du jetzt die Nachricht
erhieltest, dass du von der einen Seite, die du kennst, Nachkommen zu
erwarten hast? Nein, keine Nachkommenschaft, -- wiewohl wir sie fr die
Rache brauchen. Dieser Widerspruch bringt sich nun zur Geltung, indem
er genau wie im Beispiel Signorelli eine usserliche Assoziation
zwischen einem seiner Vorstellungselemente und einem Elemente des
beanstandeten Wunsches herstellt, und zwar diesmal auf eine hchst
gewaltsame Weise durch einen geknstelt erscheinenden Assoziationsumweg.
Eine zweite wesentliche bereinstimmung mit dem Beispiel Signorelli
ergibt sich daraus, dass der Widerspruch aus verdrngten Quellen stammt
und von Gedanken ausgeht, welche eine Abwendung der Aufmerksamkeit
hervorrufen wrden. -- Soviel ber die Verschiedenheit und ber die
innere Verwandtschaft der beiden Paradigmata des Namenvergessens. Wir
haben einen zweiten Mechanismus des Vergessens kennen gelernt, die
Strung eines Gedankens durch einen aus dem Verdrngten kommenden
inneren Widerspruch. Wir werden diesem Vorgang, der uns als der leichter
verstndliche erscheint, im Laufe dieser Errterungen noch wiederholt
begegnen.

  [1] Ob die Hufigkeit der Anwendung allein diesen Schutz erklren
  kann, ist mir zweifelhaft. Ich habe wenigstens beobachtet, dass
  Vornamen, die doch nicht die beschrnkte Zugehrigkeit der Eigennamen
  teilen, dem Vergessen ebenso leicht unterliegen, wie letztere. Eines
  Tages kam ein junger Mann in meine Ordination, jngerer Bruder einer
  Patientin, den ich ungezhlte Male gesehen hatte, und dessen Person
  ich mit dem Vornamen zu bezeichnen gewohnt war. Als ich dann von
  seinem Besuch erzhlen wollte, hatte ich seinen, wie ich wusste,
  keineswegs ungewhnlichen Vornamen vergessen und konnte ihn durch
  keine Hilfe zurckrufen. Ich ging dann auf die Strasse, um
  Firmenschilder zu lesen, und erkannte den Namen, sowie er mir das
  erste Mal entgegentrat. Die Analyse belehrte mich darber, dass ich
  zwischen dem Besucher und meinem eigenen Bruder eine Parallele gezogen
  hatte, die in der verdrngten Frage gipfeln wollte: Htte sich mein
  Bruder im gleichen Falle hnlich gegen eine kranke Schwester benommen?
  Die usserliche Verbindung zwischen den Gedanken ber die fremde und
  ber die eigene Familie war durch den Zufall ermglicht worden, dass
  die Mtter hier und dort den gleichen Vornamen: Amalia tragen. Ich
  verstand dann auch nachtrglich die Ersatznamen: Daniel und Franz, die
  sich mir aufgedrngt hatten, ohne mich aufzuklren. Es sind dies, wie
  auch Amalia, Namen aus den Rubern von _Schiller_, an welche sich ein
  Scherz des Wiener Spaziergngers _Daniel Spitzer_ knpft. -- Ein
  unterdrckter Gedanke ber die eigene Person oder die eigene Familie
  wird hufig zum Motiv des Namenvergessens, als ob man bestndig
  Vergleiche zwischen sich selbst und den Fremden anstellte. Das
  seltsamste Beispiel dieser Art hat mir als eigenes Erlebnis ein Herr
  _Lederer_ berichtet. Er traf auf seiner Hochzeitsreise in Venedig mit
  einem ihm oberflchlich bekannten Herrn zusammen, den er seiner jungen
  Frau vorstellen musste. Da er aber den Namen des Fremden vergessen
  hatte, half er sich das erste Mal mit einem unverstndlichen Gemurmel.
  Als er dann dem Herrn, wie in Venedig unausweichlich, ein zweites Mal
  begegnete, nahm er ihn beiseite und bat ihn, ihm doch aus der
  Verlegenheit zu helfen, indem er ihm seinen Namen sage, den er leider
  vergessen habe. Die Antwort des Fremden zeugte von berlegener
  Menschenkenntnis: Ich glaube es gerne, dass Sie sich meinen Namen
  nicht gemerkt haben. Ich heisse wie Sie: _Lederer_! -- Man kann sich
  einer leicht unangenehmen Empfindung nicht erwehren, wenn man seinen
  eigenen Namen bei einem Fremden wiederfindet. Ich versprte sie
  unlngst recht deutlich, als sich mir in der rztlichen Sprechstunde
  ein Herr _S. Freud_ vorstellte.

  [2] Dies ist der allgemeine Weg, um Vorstellungselemente, die sich
  verbergen, dem Bewusstsein zuzufhren. Vgl. meine "Traumdeutung",
  p.69.

  [3] Feinere Beobachtung schrnkt den Gegensatz zwischen der Analyse:
  _Signorelli_ und der: _aliquis_ betreffs der Ersatzerinnerungen um
  Einiges ein. Auch hier scheint nmlich das Vergessen von einer
  Ersatzbildung begleitet zu sein. Als ich an meinen Partner
  nachtrglich die Frage stellte, ob ihm bei seinen Bemhungen, das
  fehlende Wort zu erinnern, nicht irgend etwas zum Ersatz eingefallen
  sei, berichtete er, dass er zunchst die Versuchung versprt habe, ein
  _ab_ in den Vers zu bringen: nostris ab ossibus (vielleicht das
  unverknpfte Stck von a-liquis) und dann, dass sich ihm das
  _Exoriare_ besonders deutlich und hartnckig aufgedrngt habe. Als
  Skeptiker setzte er hinzu, offenbar weil es das erste Wort des Verses
  war. Als ich ihn bat, doch auf die Assoziationen von Exoriare aus zu
  achten, gab er mir Exorzismus an. Ich kann mir also sehr wohl denken,
  dass die Verstrkung von Exoriare in der Reproduktion eigentlich den
  Wert einer solchen Ersatzbildung hatte. Dieselbe wre ber die
  Assoziation: _Exorzismus_ von den Namen der _Heiligen_ her erfolgt.
  Indes sind dies Feinheiten, auf die man keinen Wert zu legen braucht.
  -- Es erscheint nun aber wohl mglich, dass das Auftreten irgend einer
  Art von Ersatzerinnerung ein konstantes, vielleicht auch nur ein
  charakteristisches und verrterisches Zeichen des tendenzisen, durch
  Verdrngung motivierten Vergessens ist. Diese Ersatzbildung bestnde
  auch dort, wo das Auftauchen unrichtiger Ersatzbildungen ausbleibt, in
  der Verstrkung eines Elementes, welches dem vergessenen benachbart
  ist. Im Beispiele: Signorelli war z.B., solange mir der Name des
  Malers unzugnglich blieb, die visuelle Erinnerung an den Zyklus von
  Fresken und an sein in der Ecke eines Bildes angebrachtes
  Selbstportrait _berdeutlich_, jedenfalls weit intensiver als visuelle
  Erinnerungsspuren sonst bei mir auftreten. In einem anderen Falle, der
  gleichfalls in der Abhandlung von 1898 mitgeteilt ist, hatte ich von
  der Adresse eines mir unbequemen Besuches in einer fremden Stadt den
  Strassennamen hoffnungslos vergessen, die Hausnummer aber wie zum
  Spott -- berdeutlich gemerkt, whrend sonst das Erinnern von Zahlen
  mir die grsste Schwierigkeit bereitet.

  [4] Ich mchte fr das Fehlen eines inneren Zusammenhanges zwischen
  den beiden Gedankenkreisen im Falle Signorelli nicht mit voller
  berzeugung einstehen. Bei sorgfltiger Verfolgung der verdrngten
  Gedanken ber das Thema von Tod und Sexualleben stsst man doch auf
  eine Idee, die sich mit dem Thema des Cyclus von Orvieto nahe berhrt.




III.

ber die Deckerinnerungen.


In einer zweiten Abhandlung (1899 in der Monatsschrift fr Psychiatrie
und Neurologie verffentlicht) habe ich die tendenzise Natur unseres
Erinnerns an unvermuteter Stelle nachweisen knnen. Ich bin von der
aufflligen Tatsache ausgegangen, dass die frhesten Kindheitserinnerungen
einer Person hufig bewahrt zu haben scheinen, was gleichgiltig und
nebenschlich ist, whrend von wichtigen, eindrucksvollen und
affektreichen Eindrcken dieser Zeit (hufig, gewiss nicht allgemein!)
sich im Gedchtnis des Erwachsenen keine Spur vorfindet. Da es bekannt
ist, dass das Gedchtnis unter den ihm dargebotenen Eindrcken eine
Auswahl trifft, stnde man hier vor der Annahme, dass diese Auswahl im
Kindesalter nach ganz anderen Prinzipien vor sich geht, als zur Zeit der
intellektuellen Reife. Eingehende Untersuchung weist aber nach, dass
diese Annahme berflssig ist. Die indifferenten Kindheitserinnerungen
verdanken ihre Existenz einem Verschiebungsvorgang; sie sind der Ersatz
in der Reproduktion fr andere wirklich bedeutsame Eindrcke, deren
Erinnerung sich durch psychische Analyse aus ihnen entwickeln lsst,
deren direkte Reproduktion aber durch einen Widerstand gehindert ist. Da
sie ihre Erhaltung nicht dem eigenen Inhalt, sondern einer assoziativen
Beziehung ihres Inhaltes zu einem anderen, verdrngten, verdanken, haben
sie auf den Namen Deckerinnerungen, mit welchem ich sie ausgezeichnet
habe, begrndeten Anspruch.

Die Mannigfaltigkeiten in den Beziehungen und Bedeutungen der
Deckerinnerungen habe ich in dem erwhnten Aufsatze nur gestreift,
keineswegs erschpft. An dem dort ausfhrlich analysierten Beispiel
habe ich eine Besonderheit der _zeitlichen_ Relation zwischen der
Deckerinnerung und dem durch sie gedeckten Inhalt besonders
hervorgehoben. Der Inhalt der Deckerinnerung gehrte dort nmlich einem
der ersten Kinderjahre an, whrend die durch sie im Gedchtnis
vertretenen Gedankenerlebnisse, die fast unbewusst geblieben waren, in
spte Jahre des Betreffenden fielen. Ich nannte diese Art der
Verschiebung eine _rckgreifende_ oder _rcklufige_. Vielleicht noch
hufiger begegnet man dem entgegengesetzten Verhltnis, dass ein
indifferenter Eindruck der jngsten Zeit sich als Deckerinnerung im
Gedchtnis festsetzt, der diese Auszeichnung nur der Verknpfung mit
einem frheren Erlebnis verdankt, gegen dessen direkte Reproduktion sich
Widerstnde erheben. Dies wren _vorgreifende_ oder _vorgeschobene_
Deckerinnerungen. Das Wesentliche, was das Gedchtnis bekmmert, liegt
hier der Zeit nach _hinter_ der Deckerinnerung. Endlich wird der dritte
noch mgliche Fall nicht vermisst, dass die Deckerinnerung nicht nur
durch ihren Inhalt, sondern auch durch Kontiguitt in der Zeit mit dem
von ihr gedeckten Eindruck verknpft ist, also die _gleichzeitige_ oder
_anstossende_ Deckerinnerung.

Ein wie grosser Teil unseres Gedchtnisschatzes in die Kategorie der
Deckerinnerungen gehrt, und welche Rolle bei verschiedenen neurotischen
Denkvorgngen diesen zufllt, das sind Probleme, in deren Wrdigung ich
weder dort eingegangen bin, noch hier eintreten werde. Es kommt mir nur
darauf an, die Gleichartigkeit zwischen dem Vergessen von Eigennamen mit
Fehlerinnern und der Bildung der Deckerinnerungen hervorzuheben.

Auf den ersten Anblick sind die Verschiedenheiten der beiden Phnomene
weit aufflliger als ihre etwaigen Analogien. Dort handelt es sich um
Eigennamen, hier um komplette Eindrcke, um entweder in der Realitt
oder in Gedanken Erlebtes; dort um ein manifestes Versagen der
Erinnerungsfunktion, hier um eine Erinnerungsleistung, die uns
befremdend erscheint; dort um eine momentane Strung -- denn der eben
vergessene Name kann vorher hundert Male richtig reproduziert worden
sein und es von morgen an wieder werden --, hier um dauernden Besitz
ohne Ausfall, denn die indifferenten Kindheitserinnerungen scheinen uns
durch ein langes Stck unseres Lebens begleiten zu knnen. Das Rtsel
scheint in diesen beiden Fllen ganz anders orientiert zu sein. Dort ist
es das Vergessen, hier das Merken, was unsere wissenschaftliche
Neugierde rege macht. Nach einiger Vertiefung merkt man, dass trotz der
Verschiedenheit im psychischen Material und in der Zeitdauer der beiden
Phnomene die bereinstimmungen weit berwiegen. Es handelt sich hier
wie dort um das Fehlgehen des Erinnerns; es wird nicht das vom
Gedchtnis reproduziert, was korrekterweise reproduziert werden sollte,
sondern etwas anderes zum Ersatz. Dem Falle des Namenvergessens fehlt
nicht die Gedchtnisleistung in der Form der Ersatznamen. Der Fall der
Deckerinnerungsbildung beruht auf dem Vergessen von anderen wesentlichen
Eindrcken. In beiden Fllen gibt uns eine intellektuelle Empfindung
Kunde von der Einmengung einer Strung, nur jedesmal in anderer Form.
Beim Namenvergessen _wissen_ wir, dass die Ersatznamen _falsch_ sind;
bei den Deckerinnerungen _verwundern_ wir uns, dass wir sie berhaupt
besitzen. Wenn dann die psychologische Analyse nachweist, dass die
Ersatzbildung in beiden Fllen auf die nmliche Weise durch Verschiebung
lngs einer oberflchlichen Assoziation zustande gekommen ist, so tragen
gerade die Verschiedenheiten im Material, in der Zeitdauer und in der
Zentrierung der beiden Phnomene dazu bei, unsere Erwartung zu steigern,
dass wir etwas Wichtiges und Allgemeingiltiges aufgefunden haben. Dieses
Allgemeine wrde lauten, dass das Versagen und Irregehen der
reproduzierenden Funktion weit hufiger, als wir vermuten, auf die
Einmengung eines parteiischen Faktors, einer _Tendenz_ hinweist, welche
die eine Erinnerung begnstigt, whrend sie einer anderen
entgegenzuarbeiten bemht ist.




IV.

Das Versprechen.


Wenn das gebruchliche Material unserer Rede in der Muttersprache gegen
das Vergessen geschtzt erscheint, so unterliegt dessen Anwendung um so
hufiger einer anderen Strung, die als Versprechen bekannt ist. Das
beim normalen Menschen beobachtete Versprechen macht den Eindruck der
Vorstufe fr die unter pathologischen Bedingungen auftretenden sogen.
Paraphasien.

Ich befinde mich hier in der ausnahmsweisen Lage, eine Vorarbeit
wrdigen zu knnen. Im Jahre 1895 haben _Meringer_ und _C. Mayer_ eine
Studie ber Versprechen und Verlesen publiziert, an deren
Gesichtspunkte die meinigen nicht heranreichen. Der eine der Autoren,
der im Texte das Wort fhrt, ist nmlich Sprachforscher und ist von
linguistischen Interessen zur Untersuchung veranlasst worden, den Regeln
nachzugehen, nach denen man sich verspricht. Er hoffte aus diesen
Regeln auf das Vorhandensein eines gewissen geistigen Mechanismus
schliessen zu knnen, in welchem die Laute eines Wortes, eines Satzes,
und auch die Worte untereinander in ganz eigentmlicher Weise verbunden
und verknpft sind(p.10).

Die Autoren gruppieren die von ihnen gesammelten Beispiele des
Versprechens zunchst nach rein deskriptiven Gesichtspunkten als
_Vertauschungen_ (z.B. die Milo von Venus anstatt Venus von Milo).
_Vorklnge_ oder _Antizipationen_ (z.B. es war mir auf der Schwest...
auf der Brust so schwer), _Nachklnge_, _Postpositionen_ (z.B. "Ich
fordere Sie _auf_, _auf_ das Wohl unseres Chefs _auf_zustossen" fr
anzustossen), _Kontaminationen_ (z.B. "Er setzt sich auf den
Hinterkopf" aus: "Er setzt sich einen Kopf auf" und: "Er stellt sich auf
die Hinterbeine"), _Substitutionen_ (z.B. "Ich gebe die Prparate in
den Briefkasten" statt Brtkasten), zu welchen Hauptkategorien noch
einige minder wichtige (oder fr unsere Zwecke minder bedeutsame)
hinzugefgt werden. Es macht bei dieser Gruppierung keinen Unterschied,
ob die Umstellung, Entstellung, Verschmelzung etc. einzelne Laute des
Wortes, Silben oder ganze Worte des intendierten Satzes betrifft.

Zur Erklrung der beobachteten Arten des Versprechens stellt _Meringer_
eine verschiedene psychische Wertigkeit der Sprachlaute auf. Wenn wir
den ersten Laut eines Wortes, das erste Wort eines Satzes innervieren,
wendet sich bereits der Erregungsvorgang den spteren Lauten, den
folgenden Worten zu, und soweit diese Innervationen mit einander
gleichzeitig sind, knnen sie einander abndernd beeinflussen. Die
Erregung des psychisch intensiveren Lautes klingt vor oder hallt nach
und strt so den minderwertigen Innervationsvorgang. Es handelt sich nun
darum, zu bestimmen, welche die hchstwertigen Laute eines Wortes sind.
_Meringer_ meint: "Wenn man wissen will, welchem Laute eines Wortes die
hchste Intensitt zukommt, so beobachte man sich beim Suchen nach einem
vergessenen Wort, z.B. einem Namen. Was zuerst wieder ins Bewusstsein
kommt, hatte jedenfalls die grsste Intensitt vor dem Vergessen
(p.160). Die hochwertigen Laute sind also der Anlaut der Wurzelsilbe
und der Wortanlaut und der oder die betonten Vokale"(p.162).

Ich kann nicht umhin, hier einen Widerspruch zu erheben. Ob der Anlaut
des Namens zu den hchstwertigen Elementen des Wortes gehre oder nicht,
es ist gewiss nicht richtig, dass er im Falle des Wortvergessens zuerst
wieder ins Bewusstsein tritt; die obige Regel ist also unbrauchbar. Wenn
man sich bei der Suche nach einem vergessenen Namen beobachtet, so wird
man verhltnismssig hufig die berzeugung ussern mssen, er fange mit
einem bestimmten Buchstaben an. Diese berzeugung erweist sich nun
ebenso oft als unbegrndet wie als begrndet. Ja, ich mchte behaupten,
man proklamiert in der Mehrzahl der Flle einen falschen Anlaut. Auch in
unserem Beispiel: _Signorelli_ ist bei dem Ersatznamen der Anlaut und
sind die wesentlichen Silben verloren gegangen; gerade das minderwertige
Silbenpaar _elli_ ist im Ersatznamen Botti_celli_ dem Bewusstsein
wiedergekehrt.

Wenn man der Vermutung Raum gibt, dass ein hnlicher Mechanismus wie der
frs Namenvergessen nachgewiesene auch an den Erscheinungen des
Versprechens Anteil haben knne, so wird man zu einer tiefer begrndeten
Beurteilung der Flle von Versprechen gefhrt. Die Strung in der Rede,
welche sich als Versprechen kundgibt, kann erstens verursacht sein durch
den Einfluss eines anderen Bestandteils derselben Rede, also durch das
Vorklingen oder Nachhallen, oder durch eine zweite Fassung innerhalb des
Satzes oder des Zusammenhanges, den auszusprechen man intendiert --
hierher gehren alle oben _Meringer_ und _Mayer_ entlehnten Beispiele
--; zweitens aber knnte die Strung analog dem Vorgang im Falle:
_Signorelli_ zustande kommen durch Einflsse _ausserhalb_ dieses Wortes,
Satzes oder Zusammenhanges, von Elementen her, die auszusprechen man
nicht intendiert, und von deren Erregung man erst durch eben die Strung
Kenntnis erhlt. In der Gleichzeitigkeit der Erregung lge das
Gemeinsame, in der Stellung innerhalb oder ausserhalb desselben Satzes
oder Zusammenhanges das Unterscheidende fr die beiden Entstehungsarten
des Versprechens. Der Unterschied erscheint zunchst nicht so gross, als
er fr gewisse Folgerungen aus der Symptomatologie des Versprechens in
Betracht kommt. Es ist aber klar, dass man nur im ersteren Falle
Aussicht hat, aus den Erscheinungen des Versprechens Schlsse auf einen
Mechanismus zu ziehen, der Laute und Worte zur gegenseitigen
Beeinflussung ihrer Artikulation mit einander verknpft, also Schlsse,
wie sie der Sprachforscher aus dem Studium des Versprechens zu gewinnen
hoffte. Im Falle der Strung durch Einflsse ausserhalb des nmlichen
Satzes oder Redezusammenhanges wrde es sich vor allem darum handeln,
die strenden Elemente kennen zu lernen, und dann entstnde die Frage,
ob auch der Mechanismus dieser Strung die zu vermutenden Gesetze der
Sprachbildung verraten kann.

Man darf nicht behaupten, dass _Meringer_ und _Mayer_ die Mglichkeit
der Sprechstrung durch kompliziertere psychische Einflsse, durch
Elemente ausserhalb desselben Wortes, Satzes oder derselben Redefolge
bersehen haben. Sie mussten ja bemerken, dass die Theorie der
psychischen Ungleichwertigkeit der Laute strenge genommen nur fr die
Aufklrung der Lautstrungen, sowie der Vor- und Nachklnge ausreicht.
Wo sich die Wortstrungen nicht auf Lautstrungen reduzieren lassen,
z.B. bei den Substitutionen und Kontaminationen von Worten, haben auch
sie unbedenklich die Ursache des Versprechens _ausserhalb_ des
intendierten Zusammenhanges gesucht und diesen Sachverhalt durch schne
Beispiele erwiesen. Ich zitiere folgende Stellen:

(p.62.)Ru. erzhlt von Vorgngen, die er in seinem _Innern_ fr
Schweinereien erklrt. Er sucht aber nach einer milden Form und
beginnt: Dann aber sind Tatsachen zum _Vorschwein_ gekommen...
_Mayer_ und ich waren anwesend und Ru. besttigte, dass er
Schweinereien gedacht hatte. Dass sich dieses gedachte Wort bei
Vorschein verriet und pltzlich wirksam wurde, findet in der
hnlichkeit der Wrter seine gengende Erklrung.--

(p.73.)Auch bei den Substitutionen spielen wie bei den
Kontaminationen und in wahrscheinlich viel hherem Grade die
schwebenden oder vagierenden Sprachbilder eine grosse Rolle. Sie
sind, wenn auch unter der Schwelle des Bewusstseins, so doch noch in
wirksamer Nhe, knnen leicht durch eine hnlichkeit des zu sprechenden
Komplexes herangezogen werden und fhren dann eine Entgleisung herbei
oder kreuzen den Zug der Wrter. Die schwebenden oder vagierenden
Sprachbilder sind, wie gesagt, oft die Nachzgler von krzlich
abgelaufenen Sprachprozessen (Nachklnge).

(p.97.)Eine Entgleisung ist auch durch hnlichkeit mglich, wenn ein
anderes hnliches Wort nahe unter der Bewusstseinsschwelle liegt, _ohne
dass es gesprochen zu werden bestimmt wre_. Das ist der Fall bei den
Substitutionen. -- So hoffe ich, dass man beim Nachprfen meine Regeln
wird besttigen mssen. Aber dazu ist notwendig, _dass man_ (wenn ein
anderer spricht) _sich Klarheit darber verschafft, an was Alles der
Sprecher gedacht hat_.[5] Hier ein lehrreicher Fall. Klassendirektor Li.
sagte in unserer Gesellschaft: Die Frau wrde mir Furcht ein=l=agen.
Ich wurde stutzig, denn das =l= schien mir unerklrlich. Ich erlaubte
mir, den Sprecher auf seinen Fehler ein=l=agen fr ein=j=agen
aufmerksam zu machen, worauf er sofort antwortete: =J=a, das kommt
daher, weil ich dachte: ich wre nicht in der =L=age u.s.f.

"Ein anderer Fall. Ich frage R. v.Schid., wie es seinem kranken Pferde
gehe. Er antwortet: "Ja, das _draut_ .. dauert vielleicht noch einen
Monat." Das "draut" mit seinem r war mir unverstndlich, denn das r von
dauert konnte unmglich so gewirkt haben. Ich machte also R.v.S.
aufmerksam, worauf er erklrte, er habe gedacht, "das ist eine
_traurige_ Geschichte." Der Sprecher hatte also zwei Antworten im Sinne
und diese vermengten sich."

Es ist wohl unverkennbar, wie nahe die Rcksichtnahme auf die
"vagierenden" Sprachbilder, die unter der Schwelle des Bewusstseins
stehen und nicht zum Gesprochenwerden bestimmt sind, und die Forderung,
sich zu erkundigen, an was der Sprecher alles gedacht habe, an die
Verhltnisse bei unseren "Analysen" herankommen. Auch wir suchen
unbewusstes Material, und zwar auf dem nmlichen Wege, nur dass wir von
den Einfllen des Befragten bis zur Auffindung des strenden Elementes
einen lngeren Weg durch eine komplexe Assoziationsreihe zurckzulegen
haben.

Ich verweile noch bei einem anderen interessanten Verhalten, fr das die
Beispiele _Meringers_ Zeugnis ablegen. Nach der Einsicht des Autors
selbst ist es irgend eine hnlichkeit eines Wortes im intendierten Satz
mit einem anderen nicht intendierten, welche dem letzteren gestattet,
sich durch die Verursachung einer Entstellung, Mischbildung,
Kompromissbildung (Kontamination) im Bewusstsein zur Geltung zu bringen.

    _lagen_, _dauert_, _Vorschein_.
    _jagen_, _traurig_, _...schwein_.

Nun habe ich in meiner Schrift ber die "Traumdeutung"[6] dargetan,
welchen Anteil die _Verdichtungs_arbeit an der Entstehung des sog.
manifesten Trauminhaltes aus den latenten Traumgedanken hat. Irgend eine
hnlichkeit der Dinge oder der Wortvorstellungen zwischen zwei Elementen
des unbewussten Materials wird da zum Anlass genommen, um ein Drittes,
eine Misch- oder Kompromissvorstellung zu schaffen, welche im
Trauminhalt ihre beiden Komponenten vertritt, und die infolge dieses
Ursprungs so hufig mit widersprechenden Einzelbestimmungen ausgestattet
ist. Die Bildung von Substitutionen und Kontaminationen beim Versprechen
ist somit ein Beginn jener Verdichtungsarbeit, die wir in eifrigster
Ttigkeit am Aufbau des Traumes beteiligt finden.

In einem kleinen fr weitere Kreise bestimmten Aufsatz (Neue freie
Presse vom 23.Aug. 1900: "Wie man sich versprechen kann") hat
_Meringer_ eine besondere praktische Bedeutung fr gewisse Flle von
Wortvertauschungen in Anspruch genommen, fr solche nmlich, in denen
man ein Wort durch sein Gegenteil dem Sinne nach ersetzt. "Man erinnert
sich wohl noch der Art, wie vor einiger Zeit der Prsident des
sterreichischen Abgeordnetenhauses die Sitzung _erffnete_: Hohes
Haus! Ich konstatiere die Anwesenheit von so und soviel Herren und
erklre somit die Sitzung fr _geschlossen_! Die allgemeine Heiterkeit
machte ihn erst aufmerksam, und er verbesserte den Fehler. Im
vorliegenden Falle wird die Erklrung wohl diese sein, dass der
Prsident sich _wnschte_, er wre schon in der Lage, die Sitzung, von
der wenig Gutes zu erwarten stand, zu schliessen, aber -- eine hufige
Erscheinung -- der Nebengedanke setzte sich wenigstens teilweise durch,
und das Resultat war geschlossen fr erffnet, also das Gegenteil
dessen, was zu sprechen beabsichtigt war. Aber vielfltige Beobachtung
hat mich belehrt, dass man gegenstzliche Worte berhaupt sehr hufig
mit einander vertauscht; sie sind eben schon in unserem
Sprachbewusstsein assoziiert, liegen hart nebeneinander und werden
leicht irrtmlich aufgerufen."

Nicht in allen Fllen von Gegensatzvertauschung wird es so leicht, wie
hier im Beispiel des Prsidenten, wahrscheinlich zu machen, dass das
Versprechen in Folge eines Widerspruchs geschieht, der sich im Innern
des Redners gegen den geusserten Satz erhebt. Wir haben den analogen
Mechanismus in der Analyse des Beispiels: _aliquis_ gefunden; dort
usserte sich der innere Widerspruch im Vergessen eines Wortes anstatt
seiner Ersetzung durch das Gegenteil. Wir wollen aber zur Ausgleichung
des Unterschiedes bemerken, dass das Wrtchen aliquis eines hnlichen
Gegensatzes, wie ihn schliessen zu erffnen ergibt, eigentlich nicht
fhig ist, und das erffnen als gebruchlicher Bestandteil des
Redeschatzes dem Vergessen nicht unterworfen sein kann.

Zeigen uns die letzten Beispiele von _Meringer_ und _Mayer_, dass die
Sprechstrung ebensowohl durch den Einfluss vor- und nachklingender
Laute und Worte desselben Satzes entstehen kann, die zum
Ausgesprochenwerden bestimmt sind, wie durch die Einwirkung von Worten
ausserhalb des intendierten Satzes, _deren Erregung sich sonst nicht
verraten htte_, so werden wir zunchst erfahren wollen, ob man die
beiden Klassen von Versprechen scharf sondern, und wie man ein Beispiel
der einen von einem Fall der anderen Klasse unterscheiden kann. An
dieser Stelle der Errterung muss man aber der usserungen _Wundts_
gedenken, der in seiner eben erscheinenden umfassenden Bearbeitung der
Entwicklungsgesetze der Sprache (Vlkerpsychologie, I.Band, I.Teil
p.371u.ff., 1900) auch die Erscheinungen des Versprechens behandelt.
Was bei diesen Erscheinungen und anderen, ihnen verwandten, niemals
fehlt, das sind nach _Wundt_ gewisse psychische Einflsse. "Dahin gehrt
zunchst als positive Bedingung der ungehemmte Fluss der von den
gesprochenen Lauten angeregten _Laut_- und _Wortassoziationen_. Ihm
tritt der Wegfall oder der Nachlass der diesen Lauf hemmenden Wirkungen
des Willens und der auch hier als Willensfunktion sich bettigenden
Aufmerksamkeit als negatives Moment zur Seite. Ob jenes Spiel der
Assoziation darin sich ussert, das ein kommender Laut antizipiert oder
die vorausgegangenen reproduziert, oder ein gewohnheitsmssig eingebter
zwischen andere eingeschaltet wird, oder endlich darin, dass ganz andere
Worte, die mit den gesprochenen Lauten in assoziativer Beziehung stehen,
auf diese herberwirken -- alles dies bezeichnet nur Unterschiede in der
Richtung und allenfalls in dem Spielraum der stattfindenden
Assoziationen, nicht in der allgemeinen Natur derselben. Auch kann es in
manchen Fllen zweifelhaft sein, welcher Form man eine bestimmte Strung
zuzurechnen, oder ob man sie nicht mit grsserem Rechte _nach dem
Prinzip der Komplikation der Ursachen_[7] auf ein Zusammentreffen
mehrerer Motive zurckzufhren habe." (p.380 und 381.)

Ich halte diese Bemerkungen _Wundts_ fr vollberechtigt und sehr
instruktiv. Vielleicht knnte man mit grsserer Entschiedenheit als
_Wundt_ betonen, dass das positiv begnstigende Moment der Sprechfehler
-- der ungehemmte Fluss der Assoziationen -- und das negative -- der
Nachlass der hemmenden Aufmerksamkeit -- regelmssig miteinander zur
Wirkung gelangen, so dass beide Momente nur zu verschiedenen
Bestimmungen des nmlichen Vorganges werden. Mit dem Nachlass der
hemmenden Aufmerksamkeit tritt eben der ungehemmte Fluss der
Assoziationen in Ttigkeit; noch unzweifelhafter ausgedrckt: _durch_
diesen Nachlass.

Unter den Beispielen von Versprechen, die ich selbst gesammelt, finde
ich kaum eines, bei dem ich die Sprechstrung einzig und allein auf das,
was _Wundt_ Kontaktwirkung der Laute nennt, zurckfhren msste. Fast
regelmssig entdecke ich berdies einen strenden Einfluss von etwas
_ausserhalb_ der intendierten Rede, und das Strende ist entweder ein
einzelner, unbewusst gebliebener Gedanke, der sich durch das
Versprechen kundgibt und oft erst durch eingehende Analyse zum
Bewusstsein gefrdert werden kann, oder es ist ein allgemeineres
psychisches Motiv, welches sich gegen die ganze Rede richtet.

Beispiel a): Ich will gegen meine Tochter, die beim Einbeissen in einen
Apfel ein garstiges Gesicht geschnitten hat, zitieren:

    Der Affe gar possierlich ist,
    Zumal wenn er vom Apfel frisst.

Ich beginne aber: Der _Apfe..._ Dies scheint eine Kontamination von
_Affe_ und _Apfel_ (Kompromissbildung) oder kann auch als
Antizipation des vorbereiteten Apfel aufgefasst werden. Der genauere
Sachverhalt ist aber der: Ich hatte das Zitat schon einmal begonnen und
mich das erstemal dabei nicht versprochen. Ich versprach mich erst bei
der Wiederholung, die sich als notwendig ergab, weil die Angesprochene,
von anderer Seite mit Beschlag belegt, nicht zuhrte. Diese
Wiederholung, die mit ihr verbundene Ungeduld, des Satzes ledig zu
werden, muss ich in die Motivierung des Sprechfehlers, der sich als eine
Verdichtungsleistung darstellt, mit einrechnen.

b) Meine Tochter sagt: Ich schreibe der Frau _Schre_singer ... Die Frau
heisst _Schle_singer. Dieser Sprechfehler hngt wohl mit einer Tendenz
zur Erleichterung der Artikulation zusammen, denn das l ist nach
wiederholtem r schwer auszusprechen. Ich muss aber hinzufgen, dass sich
dieses Versprechen bei meiner Tochter ereignete, nachdem ich ihr wenige
Minuten zuvor Apfe anstatt Affe vorgesagt hatte. Nun ist das
Versprechen in hohem Grade ansteckend, hnlich wie das Namenvergessen,
bei dem _Meringer_ und _Mayer_ diese Eigentmlichkeit bemerkt haben.
Einen Grund fr diese psychische Kontagiositt weiss ich nicht
anzugeben.

c) "Ich klappe zusammen wie ein _Tassenmescher_ -- _Taschenmesser_",
sagt eine Patientin zu Beginn der Stunde, die Laute vertauschend, wobei
ihr wieder die Artikulationsschwierigkeit ("Wiener Weiber Wscherinnen
waschen weisse Wsche -- _Fischflosse_" und hnliche Prfworte) zur
Entschuldigung dienen kann. Auf den Sprechfehler aufmerksam gemacht,
erwidert sie prompt: "Ja, das ist nur, weil Sie heute Ernscht gesagt
haben." Ich hatte sie wirklich mit der Rede empfangen: "Heute wird es
also Ernst" (weil es die letzte Stunde vor dem Urlaub werden sollte) und
hatte das Ernst scherzhaft zu Ernscht verbreitert. Im Laufe der
Stunde verspricht sie sich immer wieder von neuem, und ich merke
endlich, dass sie mich nicht bloss imitiert, sondern dass sie einen
besonderen Grund hat, im Unbewussten bei dem Worte Ernst als Namen zu
verweilen.[8]

d) "Ich bin so verschnupft, ich kann nicht durch die _Ase natmen_ --
Nase atmen" passiert derselben Patientin ein anderes Mal. Sie weiss
sofort, wie sie zu diesem Sprechfehler kommt. "Ich steige jeden Tag in
der _Hasenauergasse_ in die Tramway, und heute frh ist mir whrend des
Wartens auf den Wagen eingefallen, wenn ich eine Franzsin wre, wrde
ich _Asenauer_ aussprechen, denn die Franzosen lassen das H im Anlaut
immer weg." Sie bringt dann eine Reihe von Reminiszenzen an Franzosen,
die sie kennen gelernt hat, und langt nach weitlufigen Umwegen bei der
Erinnerung an, dass sie als 14jhriges Mdchen in dem kleinen Stck
"Kurmrker und Picarde" die Picarde gespielt und damals gebrochen
Deutsch gesprochen hat. Die Zuflligkeit, dass in ihrem Logierhaus ein
Gast aus Paris angekommen ist, hat die ganze Reihe von Erinnerungen
wachgerufen. Die Lautvertauschung ist also Folge der Strung durch einen
unbewussten Gedanken aus einem ganz fremden Zusammenhang.

e) hnlich ist der Mechanismus des Versprechens bei einer anderen
Patientin, die mitten in der Reproduktion einer lngst verschollenen
Kindererinnerung von ihrem Gedchtnis verlassen wird. An welche
Krperstelle die vorwitzige und lsterne Hand des Anderen gegriffen hat,
will ihr das Gedchtnis nicht mitteilen. Sie macht unmittelbar darauf
einen Besuch bei einer Freundin und unterhlt sich mit ihr ber
Sommerwohnungen. Gefragt, wo denn ihr Huschen in M. gelegen sei,
antwortet sie: an der _Berglende_ anstatt _Berglehne_.

f) Eine andere Patientin, die ich nach Abbruch der Stunde frage, wie es
ihrem Onkel geht, antwortet: "Ich weiss nicht, ich sehe ihn jetzt nur
_in flagranti_". Am nchsten Tage beginnt sie: "Ich habe mich recht
geschmt, Ihnen eine so dumme Antwort gegeben zu haben. Sie mssen mich
natrlich fr eine ganz ungebildete Person halten, die bestndig
Fremdwrter verwechselt. Ich wollte sagen: _en passant_." Wir wussten
damals noch nicht, woher sie die unrichtig angewendeten Fremdworte
genommen hatte. In derselben Sitzung aber brachte sie als Fortsetzung
des vortgigen Themas eine Reminiszenz, in welcher das Ertapptwerden _in
flagranti_ die Hauptrolle spielte. Der Sprechfehler am Tage vorher hatte
also die damals noch nicht bewusst gewordene Erinnerung antizipiert.

g) Gegen eine Andere muss ich an einer gewissen Stelle der Analyse die
Vermutung aussprechen, dass sie sich zu der Zeit, von welcher wir eben
handeln, ihrer Familie geschmt und ihrem Vater einen uns noch
unbekannten Vorwurf gemacht habe. Sie erinnert sich nicht daran, erklrt
es brigens fr unwahrscheinlich. Sie setzt aber das Gesprch mit
Bemerkungen ber ihre Familie fort: "Man muss ihnen das eine lassen: Es
sind doch besondere Menschen, sie haben alle _Geiz_ -- ich wollte sagen
_Geist_." Das war denn auch wirklich der Vorwurf, den sie aus ihrem
Gedchtnis verdrngt hatte. Dass sich in dem Versprechen gerade jene
Idee durchdrngt, die man zurckhalten will, ist ein hufiges Vorkommnis
(Vgl. den Fall von _Meringer_: zum Vorschwein gekommen). Der Unterschied
liegt nur darin, dass die Person bei _Meringer_ etwas zurckhalten will,
was ihr bewusst ist, whrend meine Patientin das Zurckgehaltene nicht
weiss, oder wie man auch sagen kann, nicht weiss, dass sie etwas und was
sie zurckhlt.

h) "Wenn Sie Teppiche kaufen wollen, so gehen Sie nur zu Kaufmann in der
Mathusgasse. Ich glaube, ich kann Sie dort auch empfehlen", sagt mir
eine Dame. Ich wiederhole: "Also bei _Mathus_ .... bei _Kaufmann_ will
ich sagen." Es sieht aus wie Folge von Zerstreutheit, wenn ich den einen
Namen an Stelle des anderen wiederhole. Die Rede der Dame hat mich auch
wirklich zerstreut gemacht, denn sie hat meine Aufmerksamkeit auf
anderes gelenkt, was mir weit wichtiger ist als Teppiche. In der
Mathusgasse steht nmlich das Haus, in dem meine Frau als Braut gewohnt
hatte. Der Eingang des Hauses war in einer anderen Gasse, und nun merke
ich, dass ich deren Namen vergessen habe und ihn mir erst auf einem
Umweg bewusst machen muss. Der Name Mathus, bei dem ich verweile, ist
mir also ein Ersatzname fr den vergessenen Namen der Strasse. Er eignet
sich besser dazu als der Name Kaufmann, denn Mathus ist ausschliesslich
ein Personenname, was Kaufmann nicht ist, und die vergessene Strasse
heisst auch nach einem Personennamen: Radetzky.

i) Folgenden Fall knnte ich ebenso gut bei den spter zu besprechenden
Irrtmern unterbringen, fhre ihn aber hier an, weil die
Lautbeziehungen, auf Grund deren die Wortersetzung erfolgt, ganz
besonders deutlich sind. Eine Patientin erzhlt mir ihren Traum: Ein
Kind hat beschlossen, sich durch einen Schlangenbiss zu tten. Es fhrt
den Entschluss aus. Sie sieht zu, wie es sich in Krmpfen windet usw.
Sie soll nun die Tagesanknpfung fr diesen Traum finden. Sie erinnert
sofort, dass sie gestern abends eine populre Vorlesung ber erste Hilfe
bei Schlangenbissen mit angehrt. Wenn ein Erwachsener und ein Kind
gleichzeitig gebissen worden sind, so soll man zuerst die Wunde des
Kindes behandeln. Sie erinnert auch, welche Vorschriften fr die
Behandlung der Vortragende gegeben hat. Es kme sehr viel darauf an, hat
er auch geussert, von welcher Art man gebissen worden ist. Hier
unterbreche ich sie und frage: Hat er denn nicht gesagt, dass wir nur
sehr wenig giftige Arten in unserer Gegend haben, und welche die
gefrchteten sind? "Ja, er hat die _Klapper_schlange hervorgehoben".
Mein Lachen macht sie dann aufmerksam, dass sie etwas Unrichtiges gesagt
hat. Sie korrigiert jetzt aber nicht etwa den Namen, sondern sie nimmt
ihre Aussage zurck. "Ja so, die kommt ja bei uns nicht vor; er hat von
der Viper gesprochen. Wie gerate ich nur auf die Klapperschlange?" Ich
vermutete, durch die Einmengung der Gedanken, die sich hinter ihrem
Traum verborgen hatten. Der Selbstmord durch Schlangenbiss kann kaum
etwas anderes sein als eine Anspielung auf die schne =Kl=eo=p=at=r=a.
Die weitgehende Lauthnlichkeit der beiden Worte, die bereinstimmung in
den Buchstaben =Kl..p..r= in der nmlichen Reihenfolge und in dem
betonten =a= sind nicht zu verkennen. Die gute Beziehung zwischen den
Namen _Klapper_schlange und _Kleopatra_ erzeugt bei ihr eine momentane
Einschrnkung des Urteils, derzufolge sie an der Behauptung, der
Vortragende habe sein Publikum in Wien in der Behandlung von
Klapperschlangenbissen unterwiesen, keinen Anstoss nimmt. Sie weiss
sonst so gut wie ich, dass diese Schlange nicht zur Fauna unserer Heimat
gehrt. Wir wollen es ihr nicht verbeln, dass sie an die Versetzung der
Klapperschlange nach Egypten ebensowenig Bedenken knpfte, denn wir sind
gewhnt, alles Aussereuropische, Exotische zusammenzuwerfen, und ich
selbst musste mich einen Moment besinnen, ehe ich die Behauptung
aufstellte, dass die Klapperschlange nur der neuen Welt angehrt.

Weitere Besttigungen ergeben sich bei Fortsetzung der Analyse. Die
Trumerin hat gestern zum erstenmal die in der Nhe ihrer Wohnung
aufgestellte _Antonius_gruppe von _Strasser_ besichtigt. Dies war also
der zweite Traumanlass (der erste der Vortrag ber Schlangenbisse). In
der Fortsetzung ihres Traumes wiegte sie ein Kind in ihren Armen, zu
welcher Szene ihr das Gretchen einfllt. Weitere Einflle bringen
Reminiszenzen an _Arria_ und _Messalina_. Das Auftauchen so vieler
Namen von Theaterstcken in den Traumgedanken lsst bereits vermuten,
dass bei der Trumerin in frheren Jahren eine geheim gehaltene
Schwrmerei fr den Beruf der Schauspielerin bestand. Der Anfang des
Traumes: "Ein Kind hat beschlossen, sein Leben durch einen Schlangenbiss
zu enden", bedeutet wirklich nichts anderes als: Sie hat sich als Kind
vorgenommen, einst eine berhmte Schauspielerin zu werden. Von dem Namen
_Messalina_ zweigt endlich der Gedankenweg ab, der zu dem wesentlichen
Inhalt dieses Traumes fhrt. Gewisse Vorflle der letzten Zeit haben in
ihr die Besorgnis erweckt, dass ihr einziger Bruder eine nicht
standesgemsse Ehe mit einer Nicht-_Arierin_, eine _Msalliance_
eingehen knnte.

Bei dem psychotherapeutischen Verfahren, dessen ich mich zur Auflsung
und Beseitigung neurotischer Symptome bediene, ist sehr hufig die
Aufgabe gestellt, aus den wie zufllig vorgebrachten Reden und Einfllen
des Patienten einen Gedankeninhalt aufzuspren, der zwar sich zu
verbergen bemht ist, aber doch nicht umhin kann, sich in
mannigfaltigster Weise unabsichtlich zu verraten. Dabei leistet oft das
Versprechen die wertvollsten Dienste, wie ich an den berzeugendsten und
andererseits sonderbarsten Beispielen dartun knnte. Die Patienten
sprechen z.B. von ihrer Tante und nennen sie konsequent, ohne das
Versprechen zu merken, meine Mutter, oder bezeichnen ihren Mann als
ihren Bruder. Sie machen mich auf diese Weise aufmerksam, dass sie
diese Personen miteinander identifiziert, in eine Reihe gebracht
haben, welche fr ihr Gefhlsleben die Wiederkehr desselben Typus
bedeutet. Andere Male reicht eine ungewhnlich klingende Wortfgung,
eine gezwungen erscheinende Ausdrucksweise hin, um den Anteil eines
verdrngten Gedankens an der anders motivierten Rede des Patienten
aufzudecken.

In groben wie in solchen feineren Redestrungen, die sich eben noch dem
Versprechen subsumieren lassen, finde ich also nicht den Einfluss von
Kontaktwirkungen der Laute, sondern den von Gedanken ausserhalb der
Redeintention massgebend fr die Entstehung des Versprechens und
hinreichend zur Aufhellung des zustande gekommenen Sprechfehlers. Die
Gesetze, nach denen die Laute verndernd auf einander einwirken, mchte
ich nicht anzweifeln; sie scheinen mir aber nicht wirksam genug, um fr
sich allein die korrekte Ausfhrung der Rede zu stren. In den Fllen,
die ich genauer studiert und durchschaut habe, stellen sie bloss den
vorgebildeten Mechanismus dar, dessen sich ein ferner gelegenes
psychisches Motiv bequemerweise bedient, ohne sich aber an den
Machtbereich dieser Beziehungen zu binden. In einer grossen Reihe von
Substitutionen wird beim Versprechen von solchen Lautgesetzen vllig
abgesehen. Ich befinde mich hierbei in voller bereinstimmung mit
_Wundt_, der gleichfalls die Bedingungen des Versprechens als
zusammengesetzte und weit ber die Kontaktwirkungen der Laute
hinausgehende vermutet.

Wenn ich diese entfernteren psychischen Einflsse nach _Wundts_
Ausdruck fr gesichert halte, so weiss ich andererseits von keiner
Abhaltung, um auch zuzugeben, dass bei beschleunigter Rede und
einigermassen abgelenkter Aufmerksamkeit die Bedingungen frs
Versprechen sich leicht auf das von _Meringer_ und _Mayer_ bestimmte
Mass einschrnken knnen. Bei einem Teil der von diesen Autoren
gesammelten Beispiele ist wohl eine kompliziertere Auflsung
wahrscheinlicher. Ich greife etwa den vorhin angefhrten Fall heraus:

    Es war mir auf der _Schwest..._
                       _Brust_ so _schwer_.

Geht es hier wohl so einfach zu, dass das _schwe_ das gleichwertige
_Bru_ als Vorklang verdrngt? Es ist kaum abzuweisen, dass die Laute
_schwe_ ausserdem durch eine besondere Relation zu dieser
Vordringlichkeit befhigt werden. Diese knnte dann keine andere sein
als die Assoziation: _Schwester_ -- _Bruder_, etwa noch: _Brust_ der
_Schwester_, die zu anderen Gedankenkreisen hinberleitet. Dieser hinter
der Szene unsichtbare Helfer verleiht dem sonst harmlosen _schwe_ die
Macht, deren Erfolg sich als Sprechfehler ussert.

Fr anderes Versprechen lsst sich annehmen, dass der Anklang an obszne
Worte und Bedeutungen das eigentlich Strende ist. Die absichtliche
Entstellung und Verzerrung der Worte und Redensarten, die bei unartigen
Menschen so beliebt ist, bezweckt nichts anderes, als beim harmlosen
Anlass an das Verpnte zu mahnen, und diese Spielerei ist so hufig,
dass es nicht wunderbar wre, wenn sie sich auch unabsichtlich und wider
Willen durchsetzen sollte. Beispiele wie: _Eischeissweibchen_ fr
_Eiweissscheibchen_, _Apopos_ Fritz fr _Apropos_, _Lo=k=uskapitl_ fr
_Lotuskapitl_ etc. vielleicht noch die Alab==sterb=a=chse
(Alabasterbchse) der hl. Magdalena gehren wohl in diese Kategorie.[9]
-- "Ich fordere Sie auf, auf das Wohl unseres Chefs _auf_zustossen", ist
kaum etwas anderes als eine unbeabsichtigte Parodie als Nachklang einer
beabsichtigten. Wenn ich der Chef wre, zu dessen Feierlichkeit der
Festredner diesen Lapsus beigetragen htte, wrde ich wohl daran
denken, wie klug die Rmer gehandelt haben, als sie den Soldaten des
triumphierenden Imperators gestatteten, den inneren Einspruch gegen den
Gefeierten in Spottliedern laut zu ussern. -- _Meringer_ erzhlt von
sich selbst, dass er zu einer Person, die als die lteste der
Gesellschaft mit dem vertraulichen Ehrennamen Senexl oder altes
Senexl angesprochen wurde, einmal gesagt habe: "Prost Senex altesl!" Er
erschrak selbst ber diesen Fehler (p.50). Wir knnen uns vielleicht
seinen Affekt deuten, wenn wir daran mahnen, wie nahe Altesl an den
Schimpf alter Esel kommt. Auf die Verletzung der Ehrfurcht vor dem
Alter (d.i., auf die Kindheit reduziert, vor dem Vater) sind grosse
innere Strafen gesetzt.

Ich hoffe, die Leser werden den Wertunterschied dieser Deutungen, die
sich durch nichts beweisen lassen, und der Beispiele, die ich selbst
gesammelt und durch Analysen erlutert habe, nicht vernachlssigen. Wenn
ich aber im stillen immer noch an der Erwartung festhalte, auch die
scheinbar einfachen Flle von Versprechen wrden sich auf Strung durch
eine halb unterdrckte Idee _ausserhalb_ des intendierten Zusammenhanges
zurckfhren lassen, so verlockt mich dazu eine sehr beachtenswerte
Bemerkung von _Meringer_. Dieser Autor sagt, es ist merkwrdig, dass
niemand sich versprochen haben will. Es gibt sehr gescheute und ehrliche
Menschen, welche beleidigt sind, wenn man ihnen sagt, sie htten sich
versprochen. Ich getraue mich nicht, diese Behauptung so allgemein zu
nehmen, wie sie durch das niemand von _Meringer_ hingestellt wird. Die
Spur Affekt aber, die am Nachweis des Versprechens hngt und offenbar
von der Natur des Schmens ist, hat ihre Bedeutung. Sie ist
gleichzusetzen dem rger, wenn wir einen vergessenen Namen nicht
erinnern, und der Verwunderung ber die Haltbarkeit einer scheinbar
belanglosen Erinnerung, und weist allemale auf die Beteiligung eines
Motivs am Zustandekommen der Strung hin.

Das Verdrehen von Namen entspricht einer Schmhung, wenn es absichtlich
geschieht, und drfte in einer ganzen Reihe von Fllen, wo es als
unabsichtliches Versprechen auftritt, dieselbe Bedeutung haben. Jene
Person, die nach _Mayers_ Bericht einmal _Freuder_ sagte anstatt
_Freud_, weil sie kurz darauf den Namen _Breuer_ vorbrachte (p.38),
ein andermal von einer _Freuer-Breud_schen Methode (p.28) sprach, war
wohl ein Fachgenosse und von dieser Methode nicht sonderlich entzckt.
Einen gewiss nicht anders aufzuklrenden Fall von Namensentstellung
werde ich weiter unten beim Verschreiben mitteilen. In diesen Fllen
mengt sich als strendes Moment eine Kritik ein, welche bei Seite
gelassen werden soll, weil sie gerade in dem Zeitpunkte der Intention
des Redners nicht entspricht. In anderen und weit bedeutsameren Fllen
ist es Selbstkritik, innerer Widerspruch gegen die eigene usserung, was
zum Versprechen, ja zum Ersatz des Intendierten durch seinen Gegensatz
ntigt. Man merkt dann mit Erstaunen, wie der Wortlaut einer Beteuerung
die Absicht derselben aufhebt, und wie der Sprechfehler die innere
Unaufrichtigkeit blossgelegt hat.[10] Das Versprechen wird hier zu einem
mimischen Ausdrucksmittel.

Man gelangt von hier aus zu jenen Redestrungen, die nicht mehr als
Versprechen beschrieben werden, weil sie nicht das einzelne Wort,
sondern Rhythmus und Ausfhrung der ganzen Rede beeintrchtigen, wie
z.B. das Stammeln und Stottern der Verlegenheit. Aber hier wie dort ist
es der innere Konflikt, der uns durch die Strung der Rede verraten
wird. Ich glaube wirklich nicht, dass jemand sich versprechen wrde in
der Audienz bei Seiner Majestt, in einer ernstgemeinten Liebeswerbung,
in einer Verteidigungsrede um Ehre und Namen vor den Geschworenen, kurz
in all den Fllen, in denen _man ganz dabei ist_, wie wir so bezeichnend
sagen. Selbst bis in die Schtzung des Stils, den ein Autor schreibt,
drfen wir und sind wir gewhnt, das Erklrungsprinzip zu tragen,
welches wir bei der Ableitung des einzelnen Sprechfehlers nicht
entbehren knnen. Eine klare und unzweideutige Schreibweise belehrt uns,
dass der Autor hier mit sich einig ist, und wo wir gezwungenen und
gewundenen Ausdruck finden, der, wie so richtig gesagt wird, nach mehr
als einem Scheine schielt, da knnen wir den Anteil eines nicht genugsam
erledigten, komplizierenden Gedankens erkennen, oder die erstickte
Stimme der Selbstkritik des Autors heraushren.

  [5] Von _mir_ hervorgehoben.

  [6] Die Traumdeutung. Leipzig und Wien, 1900.

  [7] Von _mir_ hervorgehoben.

  [8] Sie stand nmlich, wie sich zeigte, unter dem Einfluss von
  unbewussten Gedanken ber Schwangerschaft und Kinderverhtung. Mit den
  Worten: "zusammengeklappt wie ein Taschenmesser", welche sie bewusst
  als Klage vorbrachte, wollte sie die Haltung des Kindes im Mutterleibe
  beschreiben. Das Wort "Ernst" in meiner Anrede hatte sie an den Namen
  (S. Ernst) der bekannten Wiener Firma in der Krnthnerstrasse gemahnt,
  welche sich als Verkaufssttte von Schutzmitteln gegen die Konzeption
  zu annoncieren pflegt.

  [9] Bei einer meiner Patientinnen setzte sich das Versprechen als
  Symptom so lange fort, bis es auf den Kinderstreich, das Wort
  _ruinieren_ durch _urinieren_ zu ersetzen, zurckgefhrt war.

  [10] Durch solches Versprechen brandmarkt z.B. _Anzengruber_ im
  "G'wissenswurm" den heuchlerischen Erbschleicher.




V.

Verlesen und Verschreiben.


Dass fr die Fehler im Lesen und Schreiben die nmlichen Gesichtspunkte
und Bemerkungen Geltung haben, wie fr die Sprechfehler, ist bei der
inneren Verwandtschaft dieser Funktionen nicht zu verwundern. Ich werde
mich hier darauf beschrnken, einige sorgfltig analysierte Beispiele
mitzuteilen, und keinen Versuch unternehmen, das Ganze der Erscheinungen
zu umfassen.


A. Verlesen.

a) Ich durchblttere im Cafhaus eine Nummer der Leipziger
Illustrierten, die ich schrg vor mir halte, und lese als Unterschrift
eines sich ber eine Seite erstreckenden Bildes: Eine Hochzeitsfeier _in
der Odyssee_. Aufmerksam geworden und verwundert rcke ich mir das Blatt
zurecht und korrigiere jetzt: Eine Hochzeitsfeier _an der Ostsee_. Wie
komme ich zu diesem unsinnigen Lesefehler? Meine Gedanken lenken sich
sofort auf ein Buch von _Ruths_ Experimentaluntersuchungen ber
Musikphantome etc., das mich in der letzten Zeit viel beschftigt hat,
weil es nahe an die von mir behandelten psychologischen Probleme
streift. Der Autor verspricht fr nchste Zeit ein Werk, welches
Analyse und Grundgesetze der Traumphnomene heissen wird. Kein Wunder,
dass ich, der ich eben eine Traumdeutung verffentlicht habe, mit
grsster Spannung diesem Buch entgegensehe. In der Schrift _Ruths_ ber
Musikphantome fand ich vorne im Inhaltsverzeichnis die Ankndigung des
ausfhrlichen induktiven Nachweises, dass die althellenischen Mythen und
Sagen ihre Hauptwurzeln in Schlummer- und Musikphantomen, in
Traumphnomenen und auch in Delirien haben. Ich schlug damals sofort im
Texte nach, um herauszufinden, ob er auch um die Zurckfhrung der
Szene, wie _Odysseus_ vor _Nausikaa_ erscheint, auf den gemeinen
Nacktheitstraum wisse. Mich hatte ein Freund auf die schne Stelle in
_G. Kellers_ Grnem Heinrich aufmerksam gemacht, welche diese Episode
der Odyssee als Objektivierung der Trume des fern von der Heimat
irrenden Schiffers aufklrt, und ich hatte die Beziehung zum
Exhibitionstraum der Nacktheit hinzugefgt (p.170). Bei _Ruths_
entdeckte ich nichts davon. Mich beschftigen in diesem Falle offenbar
Priorittsgedanken.

b) Wie kam ich dazu, eines Tages aus der Zeitung zu lesen: "_Im Fass_
durch Europa, anstatt: _zu Fuss_?" Diese Auflsung bereitete mir lange
Zeit Schwierigkeiten. Die nchsten Einflle deuteten allerdings: Es
msse das Fass des Diogenes gemeint sein, und in einer Kunstgeschichte
hatte ich unlngst etwas ber die Kunst zur Zeit Alexanders gelesen. Es
lag dann nahe, an die bekannte Rede Alexanders zu denken: Wenn ich nicht
Alexander wre, mchte ich Diogenes sein. Auch schwebte mir etwas von
einem gewissen _Hermann Zeitung_ vor, der in eine Kiste verpackt sich
auf Reisen begeben hatte. Aber weiter wollte sich der Zusammenhang
nicht herstellen, und es gelang mir nicht, die Seite in der
Kunstgeschichte wieder aufzuschlagen, auf welcher mir jene Bemerkung ins
Auge gefallen war. Erst Monate spter fiel mir das bei Seite geworfene
Rtsel pltzlich wieder ein, und diesmal zugleich mit seiner Lsung. Ich
erinnerte mich an die Bemerkung in einem Zeitungsartikel, was fr
sonderbare Arten der _Befrderung_ die Leute jetzt whlten, um nach
Paris zur Weltausstellung zu kommen, und dort war auch, wie ich glaube,
scherzhaft mitgeteilt worden, dass irgend ein Herr die Absicht habe,
sich von einem anderen Herrn in einem _Fass_ nach Paris rollen zu
lassen. Natrlich htten diese Leute kein anderes Motiv, als durch
solche Torheiten Aufsehen zu machen. _Hermann Zeitung_ war in der Tat
der Name desjenigen Mannes, der fr solche aussergewhnliche
Befrderungen das erste Beispiel gegeben hatte. Dann fiel mir ein, dass
ich einmal einen Patienten behandelt, dessen krankhafte Angst vor der
Zeitung sich als Reaktion gegen den krankhaften _Ehrgeiz_ auflste, sich
gedruckt und als berhmt in der Zeitung erwhnt zu sehen. Der
mazedonische Alexander war gewiss einer der ehrgeizigsten Mnner, die je
gelebt. Er klagte ja, dass er keinen Homer finden werde, der seine Taten
besinge. Aber wie konnte ich nur _nicht daran denken_, dass ein anderer
_Alexander_ mir nher stehe, dass Alexander der Name meines jngeren
Bruders ist! Ich fand nun sofort den anstssigen und der Verdrngung
bedrftigen Gedanken in betreff dieses Alexanders und die aktuelle
Veranlassung fr ihn. Mein Bruder ist Sachverstndiger in Dingen, die
Tarife und _Transporte_ angehen, und sollte zu einer gewissen Zeit fr
seine Lehrttigkeit an einer kommerziellen Hochschule den Titel
Professor erhalten. Fr die gleiche _Befrderung_ bin ich an der
Universitt seit mehreren Jahren vorgeschlagen, ohne sie erreicht zu
haben. Unsere Mutter usserte damals ihr Befremden darber, dass ihr
kleiner Sohn eher Professor werden sollte als ihr grosser. So stand es
zur Zeit, als ich die Lsung fr jenen Leseirrtum nicht finden konnte.
Dann erhoben sich Schwierigkeiten auch bei meinem Bruder; seine Chancen,
Professor zu werden, fielen noch unter die meinigen. Da aber wurde mir
pltzlich der Sinn jenes Verlesens offenbar; es war, als htte die
Minderung in den Chancen des Bruders ein Hindernis beseitigt. Ich hatte
mich so benommen, als lse ich die Ernennung des Bruders in der Zeitung,
und sagte mir dabei: Merkwrdig, dass man wegen solcher Dummheiten (wie
er sie als Beruf betreibt) in der Zeitung stehen (d.h. zum Professor
ernannt werden) kann! Die Stelle ber die hellenistische Kunst im
Zeitalter Alexanders schlug ich dann ohne Mhe auf und berzeugte mich
zu meinem Erstaunen, dass ich whrend des vorherigen Suchens wiederholt
auf derselben Seite gelesen und jedesmal wie unter der Herrschaft einer
negativen Halluzination den betreffenden Satz bergangen hatte. Dieser
enthielt brigens gar nichts, was mir Aufklrung brachte, was des
Vergessens wert gewesen wre. Ich meine, das Symptom des Nichtauffindens
im Buche ist nur zu meiner Irrefhrung geschaffen worden. Ich sollte die
Fortsetzung der Gedankenverknpfung dort suchen, wo meiner Nachforschung
ein Hindernis in den Weg gelegt war, also in irgend einer Idee ber den
mazedonischen Alexander, und sollte so vom gleichnamigen Bruder sicherer
abgelenkt werden. Dies gelang auch vollkommen; ich richtete alle meine
Bemhungen darauf, die verlorene Stelle in jener Kunstgeschichte wieder
aufzufinden.

Der Doppelsinn des Wortes _Befrderung_ ist in diesem Falle die
Assoziationsbrcke zwischen den zwei Gedankenkreisen, dem unwichtigen,
der durch die Zeitungsnotiz angeregt wird, und dem interessanteren, aber
anstssigen, der sich hier als Strung des zu Lesenden geltend machen
darf. Man ersieht aus diesem Beispiel, dass es nicht immer leicht wird,
Vorkommnisse wie diesen Lesefehler aufzuklren. Gelegentlich ist man
auch gentigt, die Lsung des Rtsels auf eine gnstigere Zeit zu
verschieben. Je schwieriger sich aber die Lsungsarbeit erweist, desto
sicherer darf man erwarten, dass der endlich aufgedeckte strende
Gedanke von unserem bewussten Denken als fremdartig und gegenstzlich
beurteilt werden wird.

c) Ich erhalte eines Tages einen Brief aus der Nhe Wiens, der mir eine
erschtternde Nachricht mitteilt. Ich rufe auch sofort meine Frau an und
fordere sie zur Teilnahme daran auf, dass _die_ arme Wilhelm M. so
schwer erkrankt und von den rzten aufgegeben ist. An den Worten, in
welche ich mein Bedauern kleide, muss aber etwas falsch geklungen haben,
denn meine Frau wird misstrauisch, verlangt den Brief zu sehen und
ussert als ihre berzeugung, so knne es nicht darin stehen, denn
niemand nenne eine Frau nach dem Namen des Mannes, und berdies sei der
Korrespondentin der Vorname der Frau sehr wohl bekannt. Ich verteidige
meine Behauptung hartnckig und verweise auf die so gebruchlichen
Visitkarten, auf denen eine Frau sich selbst mit dem Vornamen des Mannes
bezeichnet. Ich muss endlich den Brief zur Hand nehmen, und wir lesen
darin tatschlich der arme W. M., ja sogar, was ich ganz bersehen
hatte: der arme _Dr._ W. M.. Mein Versehen bedeutete also einen,
sozusagen krampfhaften, Versuch, die traurige Neuigkeit von dem Manne
auf die Frau zu berwlzen. Der zwischen Artikel, Beiwort und Name
eingeschobene Titel passte schlecht zu der Forderung, es msste die Frau
gemeint sein. Darum wurde er auch beim Lesen beseitigt. Das Motiv dieser
Verflschung war aber nicht, dass mir die Frau weniger sympathisch wre
als der Mann, sondern das Schicksal des armen Mannes hatte meine
Besorgnisse um eine andere, mir nahe stehende Person rege gemacht,
welche eine der mir bekannten Krankheitsbedingungen mit diesem Falle
gemeinsam hatte.


B. Verschreiben.

a) Auf einem Blatte, welches kurze tgliche Aufzeichnungen meist von
geschftlichem Interesse enthlt, finde ich zu meiner berraschung
mitten unter den richtigen Daten des Monats September eingeschlossen das
verschriebene Datum Donnerstag den 20. Okt.. Es ist nicht schwierig,
diese Antizipation aufzuklren, und zwar als Ausdruck eines Wunsches.
Ich bin wenige Tage vorher frisch von der Ferienreise zurckgekehrt und
fhle mich bereit fr ausgiebige rztliche Beschftigung, aber die
Anzahl der Patienten ist noch gering. Bei meiner Ankunft fand ich einen
Brief von einer Kranken vor, die sich fr den 20._Oktober_ ankndigte.
Als ich die gleiche Tageszahl im September niederschrieb, kann ich wohl
gedacht haben: Die X. sollte doch schon da sein; wie schade um den
vollen Monat! und in diesem Gedanken rckte ich das Datum vor. Der
strende Gedanke ist in diesem Falle kaum ein anstssiger zu nennen;
dafr weiss ich auch sofort die Auflsung des Schreibfehlers, nachdem
ich ihn erst bemerkt habe.

b) Ich erhalte die Korrektur meines Beitrags zum Jahresbericht fr
Neurologie und Psychiatrie und muss natrlich mit besonderer Sorgfalt
die Autornamen revidieren, die, weil verschiedenen Nationen angehrig,
dem Setzer die grssten Schwierigkeiten zu bereiten pflegen. Manchen
fremd klingenden Namen finde ich wirklich noch zu korrigieren, aber
einen einzigen Namen hat merkwrdiger Weise der Setzer _gegen_ mein
Manuskript verbessert und zwar mit vollem Rechte. Ich hatte nmlich
_Buckrhard_ geschrieben, woraus der Setzer _Burckhard_ erriet. Ich hatte
die Abhandlung eines Geburtshelfers ber den Einfluss der Geburt auf die
Entstehung der Kinderlhmungen selbst als verdienstlich gelobt, wsste
auch nichts gegen deren Autor zu sagen, aber den gleichen Namen wie er
trgt auch ein Schriftsteller in Wien, der mich durch eine unverstndige
Kritik ber meine Traumdeutung gergert hat. Es ist gerade so, als
htte ich mir bei der Niederschrift des Namen _Burckhard_, der den
Geburtshelfer bezeichnete, etwas Arges ber den anderen B., den
Schriftsteller, gedacht, denn Namenverdrehen bedeutet hufig genug, wie
ich schon beim Versprechen erwhnt habe, Schmhung.[11]

c) Ein anscheinend ernsterer Fall von Verschreiben, den ich vielleicht
mit ebensoviel Recht dem Vergreifen einordnen knnte: Ich habe die
Absicht, mir aus der Postsparkassa die Summe von 300 Kronen kommen zu
lassen, die ich einem zum Kurgebrauch abwesenden Verwandten schicken
will. Ich bemerke dabei, dass mein Konto auf 4380 Kr. lautet und nehme
mir vor, es jetzt auf die runde Summe von 4000 Kr. herunterzusetzen, die
in der nchsten Zeit nicht angegriffen werden soll. Nachdem ich den
Check ordnungsmssig ausgeschrieben und die der Zahl entsprechenden
Ziffern ausgeschnitten habe, merke ich pltzlich, dass ich nicht =380=
Kr., wie ich wollte, sondern gerade =438= bestellt habe, und erschrecke
ber die Unzuverlssigkeit meines Tuns. Den Schreck erkenne ich bald als
unberechtigt; ich bin ja jetzt nicht rmer worden, als ich vorher war.
Aber ich muss eine ganze Weile darber nachsinnen, welcher Einfluss hier
meine erste Intention gestrt hat, ohne sich meinem Bewusstsein
anzukndigen. Ich gerate zuerst auf falsche Wege, will die beiden
Zahlen, 380 und 438, von einander abziehen, weiss aber dann nicht, was
ich mit der Differenz anfangen soll. Endlich zeigt mir ein pltzlicher
Einfall den wahren Zusammenhang. 438 entspricht ja _zehn Prozent_ des
ganzen Konto von 4380 Kr.! 10 pCt. Rabatt hat man aber beim
_Buchhndler_! Ich besinne mich, dass ich vor wenigen Tagen eine Anzahl
medizinischer Werke, die ihr Interesse fr mich verloren haben,
ausgesucht, um sie dem Buchhndler gerade fr 300 Kronen anzubieten. Er
fand die Forderung zu hoch und versprach, in den nchsten Tagen
endgiltige Antwort zu sagen. Wenn er mein Angebot annimmt, so hat er mir
gerade die Summe ersetzt, welche ich fr den Kranken verausgaben soll.
Es ist nicht zu verkennen, dass es mir um diese Ausgabe leid tut. Der
Affekt bei der Wahrnehmung meines Irrtums lsst sich besser verstehen
als Furcht, durch solche Ausgaben arm zu werden. Aber beides, das
Bedauern wegen dieser Ausgabe und die an sie geknpfte Verarmungsangst,
sind meinem Bewusstsein vllig fremd; ich habe das Bedauern nicht
versprt, als ich jene Summe zusagte, und fnde die Motivierung
desselben lcherlich. Ich wrde mir eine solche Regung wahrscheinlich
gar nicht zutrauen, wenn ich nicht durch die bung in Psychoanalysen bei
Patienten mit dem Verdrngten im Seelenleben ziemlich vertraut wre, und
wenn ich nicht vor einigen Tagen einen Traum gehabt htte, welcher die
nmliche Lsung erforderte.[12]

_Wundt_ gibt eine bemerkenswerte Begrndung fr die leicht zu
besttigende Tatsache, dass wir uns leichter verschreiben als
versprechen (l.c.p.374). "Im Verlaufe der normalen Rede ist
fortwhrend die Hemmungsfunktion des Willens dahin gerichtet,
Vorstellungsverlauf und Artikulationsbewegung mit einander in Einklang
zu bringen. Wird die den Vorstellungen folgende Ausdrucksbewegung durch
mechanische Ursachen verlangsamt wie beim Schreiben ...., so treten
daher solche Antizipationen besonders leicht ein."

Die Beobachtung der Bedingungen, unter denen das Verlesen auftritt,
giebt Anlass zu einem Zweifel, den ich nicht unerwhnt lassen mchte,
weil er nach meiner Schtzung der Ausgangspunkt einer fruchtbaren
Untersuchung werden kann. Es ist jedermann bekannt, wie hufig beim
_Vorlesen_ die Aufmerksamkeit des Lesenden den Text verlsst und sich
eigenen Gedanken zuwendet. Die Folge dieses Abschweifens der
Aufmerksamkeit ist nicht selten, dass er berhaupt nicht anzugeben
weiss, was er gelesen hat, wenn man ihn im Vorlesen unterbricht und
befragt. Er hat dann wie automatisch gelesen, aber er hat fast immer
richtig vorgelesen. Ich glaube nicht, dass die Lesefehler sich unter
solchen Bedingungen merklich vermehren. Von einer ganzen Reihe von
Funktionen sind wir auch gewhnt, anzunehmen, dass sie automatisch, also
von kaum bewusster Aufmerksamkeit begleitet, am exaktesten vollzogen
werden. Daraus scheint zu folgen, dass die Aufmerksamkeitsbedingung der
Sprech-, Lese- und Schreibfehler anders zu bestimmen ist, als sie bei
_Wundt_ lautet (Wegfall oder Nachlass der Aufmerksamkeit). Die
Beispiele, die wir der Analyse unterzogen haben, gaben uns eigentlich
nicht das Recht, eine quantitative Verminderung der Aufmerksamkeit
anzunehmen; wir fanden, was vielleicht nicht ganz dasselbe ist, eine
_Strung_ der Aufmerksamkeit durch einen fremden, Anspruch erhebenden
Gedanken.

  [11] Vgl. etwa die Stelle im _Julius Caesar_ III.3:

       _Cinna._ Ehrlich, mein Name ist Cinna.

       _Brger._ Reisst ihn in Stcke! er ist ein Verschworener.

       _Cinna._ Ich bin Cinna der Poet! Ich bin nicht Cinna der
       Verschworene.

       _Brger._ Es tut nichts; sein Name ist Cinna, reisst ihm den
       Namen aus dem Herzen und lasst ihn laufen.

  [12] Es ist dies jener Traum, den ich in einer kurzen Abhandlung,
  "ber den Traum", No. VIII der "Grenzfragen des Nerven- und
  Seelenlebens", herausgegeben von _Lwenfeld_ und _Kurella_ 1901, zum
  Paradigma genommen habe.




VI.

Vergessen von Eindrcken und Vorstzen.


Wenn jemand geneigt sein sollte, den Stand unserer gegenwrtigen
Kenntnis vom Seelenleben zu berschtzen, so brauchte man ihn nur an die
Gedchtnisfunktion zu mahnen, um ihn zur Bescheidenheit zu zwingen.
Keine psychologische Theorie hat es noch vermocht, von dem fundamentalen
Phnomen des Erinnerns und Vergessens im Zusammenhange Rechenschaft zu
geben; ja, die vollstndige Zergliederung dessen, was man als
tatschlich beobachten kann, ist noch kaum in Angriff genommen.
Vielleicht ist uns heute das Vergessen rtselhafter geworden als das
Erinnern, seitdem uns das Studium des Traumes und pathologischer
Ereignisse gelehrt hat, dass auch das pltzlich wieder im Bewusstsein
auftauchen kann, was wir fr lngst vergessen geschtzt haben.

Wir sind allerdings im Besitze einiger weniger Gesichtspunkte, fr
welche wir allgemeine Anerkennung erwarten. Wir nehmen an, dass das
Vergessen ein spontaner Vorgang ist, dem man einen gewissen zeitlichen
Ablauf zuschreiben kann. Wir heben hervor, dass beim Vergessen eine
gewisse Auswahl unter den dargebotenen Eindrcken stattfindet und ebenso
unter den Einzelheiten eines jeden Eindrucks oder Erlebnisses. Wir
kennen einige der Bedingungen fr die Haltbarkeit im Gedchtnis und fr
die Erweckbarkeit dessen, was sonst vergessen wrde. Bei unzhligen
Anlssen im tglichen Leben knnen wir aber bemerken, wie unvollstndig
und unbefriedigend unsere Erkenntnis ist. Man hre zu, wie zwei
Personen, die gemeinsam ussere Eindrcke empfangen, z.B. eine Reise
mit einander gemacht haben, eine Zeitlang spter ihre Erinnerungen
austauschen. Was dem einen fest im Gedchtnis geblieben ist, das hat der
andere oft vergessen, als ob es nicht geschehen wre, und zwar ohne dass
man ein Recht zur Behauptung htte, der Eindruck sei fr den einen
psychisch bedeutsamer gewesen als fr den anderen. Eine ganze Anzahl der
die Auswahl frs Gedchtnis bestimmenden Momente entzieht sich offenbar
noch unserer Kenntnis.

In der Absicht, zur Kenntnis der Bedingungen des Vergessens einen
kleinen Beitrag zu liefern, pflege ich die Flle, in denen mir das
Vergessen selbst widerfhrt, einer psychologischen Analyse zu
unterziehen. Ich beschftige mich in der Regel nur mit einer gewissen
Gruppe dieser Flle, mit jenen nmlich, in denen das Vergessen mich in
Erstaunen setzt, weil ich nach meiner Erwartung das Betreffende wissen
sollte. Ich will noch bemerken, dass ich zur Vergesslichkeit im
allgemeinen (fr Erlebtes, nicht fr Gelerntes!) nicht neige, und dass
ich durch eine kurze Periode meiner Jugend auch aussergewhnlicher
Gedchtnisleistungen nicht unfhig war. In meiner Schulknabenzeit war es
mir selbstverstndlich, die Seite des Buches, die ich gelesen hatte,
auswendig hersagen zu knnen, und kurz vor der Universitt war ich
imstande, populre Vortrge wissenschaftlichen Inhalts unmittelbar
nachher fast wortgetreu niederzuschreiben. In der Spannung vor dem
letzten medizinischen Rigorosum muss ich noch Gebrauch von dem Rest
dieser Fhigkeit gemacht haben, denn ich gab in einigen Gegenstnden den
Prfern wie automatisch Antworten, die sich getreu mit dem Text des
Lehrbuches deckten, welchen ich doch nur einmal in der grssten Hast
durchflogen hatte.

Die Verfgung ber den Gedchnisschatz ist seither bei mir immer
schlechter geworden, doch habe ich mich bis in die letzte Zeit hinein
berzeugt, dass ich mit Hilfe eines Kunstgriffes weit mehr erinnern
kann, als ich mir sonst zutraue. Wenn z.B. ein Patient in der
Sprechstunde sich darauf beruft, dass ich ihn schon einmal gesehen habe,
und ich mich weder an die Tatsache noch an den Zeitpunkt erinnern kann,
so helfe ich mir, indem ich rate, d.h. mir rasch eine Zahl von Jahren,
von der Gegenwart an gerechnet, einfallen lasse. Wo Aufschreibungen oder
die sichere Angabe des Patienten eine Kontrolle meines Einfalles
ermglichen, da zeigt es sich, dass ich selten um mehr als ein Halbjahr
bei ber 10 Jahren geirrt habe.[13] hnlich, wenn ich einen entfernteren
Bekannten treffe, den ich aus Hflichkeit nach seinen kleinen Kindern
frage. Erzhlt er von den Fortschritten derselben, so suche ich mir
einfallen zu lassen, wie alt das Kind jetzt ist, kontrolliere durch die
Auskunft des Vaters und gehe hchstens um einen Monat, bei lteren
Kindern um ein Vierteljahr fehl, obwohl ich nicht angeben kann, welche
Anhaltspunkte ich fr diese Schtzung hatte. Ich bin zuletzt so khn
geworden, dass ich meine Schtzung immer spontan vorbringe, und laufe
dabei nicht Gefahr, den Vater durch die Blossstellung meiner
Unwissenheit ber seinen Sprssling zu krnken. Ich erweitere so mein
bewusstes Erinnern durch Anrufen meines jedenfalls weit reichhaltigeren
unbewussten Gedchtnisses.

Ich werde also ber _auffllige_ Beispiele von Vergessen, die ich an mir
selbst beobachtet, berichten. Ich unterscheide Vergessen von Eindrcken
und Erlebnissen, also von Wissen, und Vergessen von Vorstzen, also
Unterlassungen. Das einfrmige Ergebnis der ganzen Reihe von
Beobachtungen kann ich voranstellen: _In allen Fllen erwies sich das
Vergessen als begrndet durch ein Unlustmotiv_.


A. Vergessen von Eindrcken und Kenntnissen.

a) Im Sommer gab mir meine Frau einen an sich harmlosen Anlass zu
heftigem rger. Wir sassen an der Table d'hte einem Herrn aus Wien
gegenber, den ich kannte, und der sich wohl auch an mich zu erinnern
wusste. Ich hatte aber meine Grnde, die Bekanntschaft nicht zu
erneuern. Meine Frau, die nur den ansehnlichen Namen ihres Gegenber
gehrt hatte, verriet zu sehr, dass sie seinem Gesprch mit den Nachbarn
zuhrte, denn sie wandte sich von Zeit zu Zeit an mich mit Fragen, die
den dort gesponnenen Faden aufnahmen. Ich wurde ungeduldig und endlich
gereizt. Wenige Wochen spter fhrte ich bei einer Verwandten Klage ber
dieses Verhalten meiner Frau. Ich war aber nicht imstande, auch nur ein
Wort der Unterhaltung jenes Herrn zu erinnern. Da ich sonst eher
nachtragend bin und keine Einzelheit eines Vorfalls, der mich gergert
hat, vergessen kann, ist meine Amnesie in diesem Falle wohl durch
Rcksichten auf die Person der Ehefrau motiviert. hnlich erging es mir
erst vor kurzem wieder. Ich wollte mich gegen einen intim Bekannten ber
eine usserung meiner Frau lustig machen, die erst vor wenigen Stunden
gefallen war, fand mich aber in diesem Vorsatz durch den bemerkenswerten
Umstand gehindert, dass ich die betreffende usserung spurlos vergessen
hatte. Ich musste erst meine Frau bitten, mich an dieselbe zu erinnern.
Es ist leicht zu verstehen, dass dies mein Vergessen analog zu fassen
ist der typischen Urteilsstrung, welcher wir unterliegen, wenn es sich
um unsere nchsten Angehrigen handelt.

b) Ich hatte es bernommen, einer fremd in Wien angekommenen Dame eine
kleine eiserne Handkassette zur Aufbewahrung ihrer Dokumente und Gelder
zu besorgen. Als ich mich dazu erbot, schwebte mir mit ungewhnlicher
visueller Lebhaftigkeit das Bild einer Auslage in der Inneren Stadt vor,
in welcher ich solche Kassen gesehen haben musste. Ich konnte mich zwar
an den Namen der Strasse nicht erinnern, fhlte mich aber sicher, dass
ich den Laden auf einem Spaziergang durch die Stadt auffinden werde,
denn meine Erinnerung sagte mir, dass ich unzhlige Male an ihm
vorbergegangen sei. Zu meinem rger gelang es mir aber nicht, diese
Auslage mit den Kassetten aufzufinden, obwohl ich die Innere Stadt nach
allen Richtungen durchstreifte. Es blieb mir nichts anderes brig,
meinte ich, als mir aus einem Adressenkalender die Kassenfabrikanten
herauszusuchen, um dann auf einem zweiten Rundgang die gesuchte Auslage
zu identifizieren. Es bedurfte aber nicht soviel; unter den im Kalender
angezeigten Adressen befand sich eine, die sich mir sofort als die
vergessene enthllte. Es war richtig, dass ich ungezhlte Male an dem
Auslagefenster vorbergegangen war; jedesmal nmlich, wenn ich die
Familie M. besucht hatte, die seit langen Jahren in dem nmlichen Hause
wohnt. Seitdem dieser intime Verkehr einer vlligen Entfremdung gewichen
war, pflegte ich, ohne mir von den Grnden Rechenschaft zu geben, auch
die Gegend und das Haus zu meiden. Auf jenem Spaziergang durch die Stadt
hatte ich, als ich die Kassetten in der Auslage suchte, jede Strasse in
der Umgebung begangen, dieser einen aber war ich, als ob ein Verbot
darauf lge, ausgewichen. Das Unlustmotiv, welches in diesem Fall meine
Unorientiertheit verschuldete, ist greifbar. Der Mechanismus des
Vergessens ist aber nicht mehr so einfach wie im vorigen Beispiel. Meine
Abneigung gilt natrlich nicht dem Kassenfabrikanten, sondern einem
anderen, von dem ich nichts wissen will, und bertrgt sich von diesem
anderen auf die Gelegenheit, wo sie das Vergessen zustande bringt. Ganz
hnlich hatte im Falle _Burckhard_ der Groll gegen den einen den
Schreibfehler im Namen hervorgebracht, wo es sich um den anderen
handelte. Was hier die Namensgleichheit leistete, die Verknpfung
zwischen zwei im Wesen verschiedenen Gedankenkreisen herzustellen, das
konnte im Beispiel von dem Auslagefenster die Kontiguitt im Raum, die
untrennbare Nachbarschaft ersetzen. brigens war dieser letzte Fall
fester gefgt; es fand sich noch eine zweite inhaltliche Verknpfung
vor, denn unter den Grnden der Entfremdung mit der im Hause wohnenden
Familie hatte das Geld eine grosse Rolle gespielt.

c) Ich werde von dem Bureau B.&R. bestellt, einen ihrer Beamten
rztlich zu besuchen. Auf dem Wege zu dessen Wohnung beschftigt mich
die Idee, ich msste schon wiederholt in dem Hause gewesen sein, in
welchem sich die Firma befindet. Es ist mir, als ob mir die Tafel
derselben in einem niedrigen Stockwerk aufgefallen wre, whrend ich in
einem hheren einen rztlichen Besuch zu machen hatte. Ich kann mich
aber weder daran erinnern, welches dieses Haus ist, noch wen ich dort
besucht habe. Obwohl die ganze Angelegenheit gleichgiltig und
bedeutungslos ist, beschftige ich mich doch mit ihr und erfahre endlich
auf dem gewhnlichen Umwege, indem ich meine Einflle dazu sammle, dass
sich einen Stock ber den Lokalitten der Firma B.&R. die Pension
_Fischer_ befindet, in welcher ich hufig Patienten besucht habe. Ich
kenne jetzt auch das Haus, welches die Bureaux und die Pension
beherbergt. Rtselhaft ist mir noch, welches Motiv bei diesem Vergessen
im Spiele war. Ich finde nichts fr die Erinnerung Anstssiges an der
Firma selbst oder an Pension Fischer oder an den Patienten, die dort
wohnten. Ich vermute auch, dass es sich um nicht sehr Peinliches handeln
kann; sonst wre es mir kaum gelungen, mich des Vergessenen auf einem
Umwege wieder zu bemchtigen, ohne ussere Hilfsmittel wie im vorigen
Beispiel heranzuziehen. Es fllt mir endlich ein, dass mich eben vorhin,
als ich den Weg zu dem neuen Patienten antrat, ein Herr auf der Strasse
gegrsst hat, den ich Mhe hatte zu erkennen. Ich hatte diesen Mann vor
Monaten in einem anscheinend schweren Zustand gesehen und die Diagnose
der progressiven Paralyse ber ihn verhngt, dann aber gehrt, dass er
hergestellt sei, so dass mein Urteil unrichtig gewesen wre. Wenn nicht
etwa hier eine der Remissionen vorliegt, die sich auch bei Dementia
paralytica finden, so dass meine Diagnose doch noch gerechtfertigt wre!
Von dieser Begegnung ging der Einfluss aus, der mich an die
Nachbarschaft der Bureaux von B.&R. vergessen liess, und mein
Interesse, die Lsung des Vergessenen zu finden, war von diesem Fall
strittiger Diagnostik her bertragen. Die assoziative Verknpfung aber
wurde bei geringem inneren Zusammenhang -- der wider Erwarten Genesene
war auch Beamter eines grossen Bureaus, welches mir Kranke zuzuweisen
pflegte -- durch eine Namensgleichheit besorgt. Der Arzt, mit welchem
gemeinsam ich den fraglichen Paralytiker gesehen hatte, hiess auch
_Fischer_, wie die in dem Haus befindliche, vom Vergessen betroffene
Pension.

d) Ein Ding _verlegen_ heisst ja nichts anderes als vergessen, wohin man
es gelegt hat, und wie die meisten mit Schriften und Bchern
hantierenden Personen bin ich auf meinem Schreibtisch wohl orientiert
und weiss das Gesuchte mit einem Griff hervorzuholen. Was anderen als
Unordnung erscheint, ist fr mich historisch gewordene Ordnung. Warum
habe ich aber unlngst einen Bcherkatalog, der mir zugeschickt wurde,
so verlegt, dass er unauffindbar geblieben ist? Ich hatte doch die
Absicht, ein Buch, das ich darin angezeigt fand, ber die Sprache, zu
bestellen, weil es von einem Autor herrhrt, dessen geistreich belebten
Stil ich liebe, dessen Einsicht in der Psychologie und dessen Kenntnisse
in der Kulturhistorie ich zu schtzen weiss. Ich meine, gerade darum
habe ich den Katalog verlegt. Ich pflege nmlich Bcher dieses Autors
zur Aufklrung unter meinen Bekannten zu verleihen, und vor wenigen
Tagen hat mir jemand bei der Rckstellung gesagt: "Der Stil erinnert
mich ganz an den Ihrigen, und auch die Art zu denken ist dieselbe." Der
Redner wusste nicht, an was er mit dieser Bemerkung rhrte. Vor Jahren,
als ich noch jnger und anschlussbedrftiger war, hat mir ungefhr das
Nmliche ein lterer Kollege gesagt, dem ich die Schriften eines
bekannten medizinischen Autors angepriesen hatte. "Ganz Ihr Stil und
Ihre Art." So beeinflusst hatte ich diesem Autor einen um nheren
Verkehr werbenden Brief geschrieben, wurde aber durch eine khle Antwort
in meine Schranken zurckgewiesen. Vielleicht verbergen sich ausserdem
noch frhere abschreckende Erfahrungen hinter dieser letzten, denn ich
habe den verlegten Katalog nicht wiedergefunden und bin durch dieses
Vorzeichen wirklich abgehalten worden, das angezeigte Buch zu bestellen,
obwohl ein wirkliches Hindernis durch das Verschwinden des Kataloges
nicht geschaffen worden ist. Ich habe ja die Namen des Buches und des
Autors im Gedchtnis behalten.[14]

e) Im Sommer dieses Jahres erklrte ich einmal meinem Freunde Fl., mit
dem ich in regem Gedankenaustausch ber wissenschaftliche Fragen stehe:
Diese neurotischen Probleme sind nur dann zu lsen, wenn wir uns ganz
und voll auf den Boden der Annahme einer ursprnglichen Bisexualitt des
Individuums stellen. Ich erhielt zur Antwort: "Das habe ich Dir schon
vor 2 Jahren in Br. gesagt, als wir jenen Abendspaziergang machten.
Du wolltest damals nichts davon hren." Es ist nun schmerzlich, so zum
Aufgeben seiner Originalitt aufgefordert zu werden. Ich konnte mich an
ein solches Gesprch und an diese Erffnung meines Freundes nicht
erinnern. Einer von uns beiden musste sich da tuschen; nach dem Prinzip
der Frage _cui_ prodest? musste ich das sein. Ich habe im Laufe der
nchsten Wochen in der Tat alles so erinnert, wie mein Freund es in mir
erwecken wollte; ich weiss selbst, was ich damals zur Antwort gab: Dabei
halte ich noch nicht, ich will mich darauf nicht einlassen. Aber ich bin
seither um ein Stck toleranter geworden, wenn ich irgendwo in der
medizinischen Literatur auf eine der wenigen Ideen stosse, mit denen man
meinen Namen verknpfen kann, und wenn ich dabei die Erwhnung meines
Namens vermisse.

Ausstellungen an seiner Ehefrau -- Freundschaft, die ins Gegenteil
umgeschlagen hat -- Irrtum in rztlicher Diagnostik -- Zurckweisung
durch Gleichstrebende -- Entlehnung von Ideen; es ist wohl kaum
zufllig, dass eine Anzahl von Beispielen des Vergessens, die ohne
Absicht gesammelt worden sind, zu ihrer Auflsung des Eingehens auf so
peinliche Themata bedrfen. Ich vermute vielmehr, dass jeder Andere, der
sein eigenes Vergessen einer Prfung nach den Motiven unterziehen will,
eine hnliche Musterkarte von Widerwrtigkeiten aufzeichnen knnen wird.
Die Neigung zum Vergessen des Unangenehmen scheint mir ganz allgemein zu
sein; die Fhigkeit dazu ist wohl bei verschiedenen Personen verschieden
gut ausgebildet. Manches _Ableugnen_, das uns in der rztlichen
Ttigkeit begegnet, ist wahrscheinlich auf _Vergessen_ zurckzufhren.
Unsere Auffassung eines solchen Vergessens beschrnkt den Unterschied
zwischen dem und jenem Benehmen allerdings auf rein psychologische
Verhltnisse und gestattet uns, in beiden Reaktionsweisen den Ausdruck
desselben Motivs zu sehen. Von all den zahlreichen Beispielen der
Verleugnung unangenehmer Erinnerungen, die ich bei Angehrigen von
Kranken gesehen habe, ist mir eines als besonders seltsam im Gedchtnis
geblieben. Eine Mutter informierte mich ber die Kinderjahre ihres
nervenkranken, in der Pubertt befindlichen Sohnes und erzhlte dabei,
dass er wie seine Geschwister bis in spte Jahre an Bettnssen gelitten
habe, was ja fr eine neurotische Krankengeschichte nicht bedeutungslos
ist. Einige Wochen spter, als sie sich Auskunft ber den Stand der
Behandlung holen wollte, hatte ich Anlass, sie auf die Zeichen
konstitutioneller Krankheitsveranlagung bei dem jungen Mann aufmerksam
zu machen, und berief mich hierbei auf das anamnestisch erhobene
Bettnssen. Zu meinem Erstaunen bestritt sie die Tatsache sowohl fr
dies als auch fr die anderen Kinder, fragte mich, woher ich das wissen
knne, und hrte endlich von mir, dass sie selbst es mir vor kurzer Zeit
erzhlt habe, was also von ihr vergessen worden war.[15]

Man findet also auch bei gesunden, nicht neurotischen Menschen reichlich
Anzeichen dafr, dass sich der Erinnerung an peinliche Eindrcke, der
Vorstellung peinlicher Gedanken, ein Widerstand entgegensetzt. Die volle
Bedeutung dieser Tatsache lsst sich aber erst ermessen, wenn man in die
Psychologie neurotischer Personen eingeht. Man ist gentigt, ein solches
_elementares Abwehrbestreben_ gegen Vorstellungen, welche
Unlustempfindungen erwecken knnen, ein Bestreben, das sich nur dem
Fluchtreflex bei Schmerzreizen an die Seite stellen lsst, zu einem der
Hauptpfeiler des Mechanismus zu machen, welcher die hysterischen
Symptome trgt. Man mge gegen die Annahme einer solchen Abwehrtendenz
nicht einwenden, dass wir es im Gegenteil hufig genug unmglich finden,
peinliche Erinnerungen, die uns verfolgen, los zu werden und peinliche
Affektregungen wie Reue, Gewissensvorwrfe zu verscheuchen. Es wird ja
nicht behauptet, dass diese Abwehrtendenz sich berall durchzusetzen
vermag, dass sie nicht im Spiel der psychischen Krfte auf Faktoren
stossen kann, welche zu anderen Zwecken das Entgegengesetzte anstreben
und ihr zum Trotz zustande bringen. _Als das architektonische Prinzip
des seelischen Apparates lsst sich die Schichtung, der Aufbau aus
einander berlagernden Instanzen erraten_, und es ist sehr wohl mglich,
dass dies Abwehrbestreben einer niedrigeren psychischen Instanz
angehrt, von hheren Instanzen aber gehemmt wird. Es spricht jedenfalls
fr die Existenz und Mchtigkeit dieser Tendenz zur Abwehr, wenn wir
Vorgnge wie die in unseren Beispielen von Vergessen auf sie
zurckfhren knnen. Wir sehen, dass manches um seiner selbst willen
vergessen wird; wo dies nicht mglich ist, verschiebt die Abwehrtendenz
ihr Ziel und bringt wenigstens etwas anderes, minder Bedeutsames, zum
Vergessen, welches in assoziative Verknpfung mit dem eigentlich
Anstssigen geraten ist.

Der hier entwickelte Gesichtspunkt, dass peinliche Erinnerungen mit
besonderer Leichtigkeit dem motivierten Vergessen verfallen, verdiente
auf mehrere Gebiete bezogen zu werden, in denen er heute noch keine oder
eine zu geringe Beachtung gefunden hat. So erscheint er mir noch immer
nicht gengend scharf betont bei der Wrdigung von Zeugenaussagen vor
Gericht,[16] wobei man offenbar der unter Eidstellung des Zeugen einen
allzu grossen purifizierenden Einfluss auf dessen psychisches
Krftespiel zutraut. Dass man bei der Entstehung der Traditionen und der
Sagengeschichte eines Volkes einem solchen Motiv, das dem Nationalgefhl
Peinliche aus der Erinnerung auszumerzen, Rechnung tragen muss, wird
allgemein zugestanden. Vielleicht wrde sich bei genauerer Verfolgung
eine vollstndige Analogie herausstellen zwischen der Art, wie
Vlkertraditionen und wie die Kindheitserinnerungen des einzelnen
Individuums gebildet werden.

Ganz hnlich wie beim Namenvergessen kann auch beim Vergessen von
Eindrcken Fehlerinnern eintreten, das dort, wo es Glauben findet, als
Erinnerungstuschung bezeichnet wird. Die Erinnerungstuschung in
pathologischen Fllen -- in der Paranoia spielt sie geradezu die Rolle
eines konstituierenden Momentes bei der Wahnbildung -- hat eine
ausgedehnte Literatur wachgerufen, in welcher ich durchgngig den
Hinweis auf eine Motivierung derselben vermisse. Da auch dieses Thema
der Neurosenpsychologie angehrt, entzieht es sich in unserm
Zusammenhange der Behandlung. Ich werde dafr ein sonderbares Beispiel
einer eigenen Erinnerungstuschung mitteilen, bei dem die Motivierung
durch unbewusstes verdrngtes Material und die Art und Weise der
Verknpfung mit demselben deutlich genug kenntlich werden.

Als ich die spteren Abschnitte meines Buches ber Traumdeutung schrieb,
befand ich mich in einer Sommerfrische ohne Zugang zu Bibliotheken und
Nachschlagebchern und war gentigt, mit Vorbehalt spterer Korrektur,
allerlei Beziehungen und Zitate aus dem Gedchtnis in das Manuskript
einzutragen. Beim Abschnitt ber das Tagtrumen fiel mir die
ausgezeichnete Figur des armen Buchhalters im _Nabab_ von _Alph.
Daudet_ ein, mit welcher der Dichter wahrscheinlich seine eigene
Trumerei geschildert. Ich glaubte mich an eine der Phantasien, die
dieser Mann -- Mr. Jocelyn nannte ich ihn -- auf seinen Spaziergngen
durch die Strassen von Paris ausbrtet, deutlich zu erinnern und begann
sie aus dem Gedchtnis zu reproduzieren. Wie also Herr Jocelyn auf der
Strasse sich khn einem durchgehenden Pferd entgegenwirft, es zum Stehen
bringt, der Wagenschlag sich ffnet, eine hohe Persnlichkeit dem Coup
entsteigt, Herrn Jocelyn die Hand drckt und ihm sagt: "Sie sind mein
Retter, Ihnen verdanke ich mein Leben. Was kann ich fr Sie tun?"

Etwaige Ungenauigkeiten in der Wiedergabe dieser Phantasie, trstete ich
mich, wrden sich leicht zuhause verbessern lassen, wenn ich das Buch
zur Hand nhme. Als ich dann aber den _Nabab_ durchbltterte, um die
druckbereite Stelle meines Manuskriptes zu vergleichen, fand ich zu
meiner grssten Beschmung und Bestrzung nichts von einer solchen
Trumerei des Herrn Jocelyn darin, ja der arme Buchhalter trug gar nicht
diesen Namen, sondern hiess _Mr. Joyeuse_. Dieser zweite Irrtum gab dann
bald den Schlssel zur Klrung des ersten, der Erinnerungstuschung.
_Joyeux_ (wovon der Name die feminine Form darstellt): so und nicht
anders msste ich ja meinen eigenen Namen: _Freud_ ins Franzsische
bersetzen. Woher konnte also die flschlich erinnerte Phantasie sein,
die ich _Daudet_ zugeschrieben hatte? Sie konnte nur ein eigenes Produkt
sein, ein Tagtraum, den ich selbst gemacht, und der mir nicht bewusst
geworden, oder der mir einst bewusst gewesen und den ich seither
grndlich vergessen. Vielleicht dass ich ihn selbst in Paris gemacht, wo
ich oft genug einsam und voll Sehnsucht durch die Strassen spaziert bin,
eines Helfers und Protektors sehr bedrftig, bis Meister _Charcot_ mich
dann in seinen Verkehr zog. Den Dichter des _Nabab_ habe ich dann
wiederholt im Hause _Charcots_ gesehen. Das rgerliche an der Sache ist
nur, dass ich kaum irgend einem anderen Vorstellungskreis so feindselig
gegenberstehe, wie dem des Protegiertwerdens. Was man in unserem
Vaterlande davon sieht, verdirbt einem alle Lust daran, und meinem
Charakter sagt die Situation des Protektionskindes berhaupt wenig zu.
Ich habe immer ungewhnlich viel Neigung dazu versprt, selbst der
brave Mann zu sein. Und gerade ich musste dann an solche, brigens nie
erfllte, Tagtrume gemahnt werden! Ausserdem ist der Vorfall auch ein
gutes Beispiel dafr, wie die zurckgehaltene -- in der Paranoia
siegreich hervorbrechende -- Beziehung zum eigenen Ich uns in der
objektiven Erfassung der Dinge strt und verwirrt.


B. Das Vergessen von Vorstzen.

Keine andere Gruppe von Phnomenen eignet sich besser zum Beweis der
These, dass die Geringfgigkeit der Aufmerksamkeit fr sich allein nicht
hinreiche, die Fehlleistung zu erklren, als die des Vergessens von
Vorstzen. Ein Vorsatz ist ein Impuls zur Handlung, der bereits
Billigung gefunden hat, dessen Ausfhrung aber auf einen geeigneten
Zeitpunkt verschoben wurde. Nun kann in dem so geschaffenen Intervall
allerdings eine derartige Vernderung in den Motiven eintreten, dass der
Vorsatz nicht zur Ausfhrung gelangt, aber dann wird er nicht vergessen,
sondern revidiert und aufgehoben. Das Vergessen von Vorstzen, dem wir
alltglich und in allen mglichen Situationen unterliegen, pflegen wir
uns nicht durch eine Neuerung in der Motivengleichung zu erklren,
sondern lassen es gemeinhin unerklrt, oder wir suchen eine
psychologische Erklrung in der Annahme, gegen die Zeit der Ausfhrung
hin habe sich die erforderliche Aufmerksamkeit fr die Handlung nicht
mehr bereit gefunden, die doch fr das Zustandekommen des Vorsatzes
unerlssliche Bedingung war, damals also fr die nmliche Handlung zur
Verfgung stand. Die Beobachtung unseres normalen Verhaltens gegen
Vorstze lsst uns diesen Erklrungsversuch als willkrlich abweisen.
Wenn ich des Morgens einen Vorsatz fasse, der abends ausgefhrt werden
soll, so kann ich im Laufe des Tages einigemal an ihn gemahnt werden. Er
braucht aber tagsber berhaupt nicht mehr bewusst zu werden. Wenn sich
die Zeit der Ausfhrung nhert, fllt er mir pltzlich ein und
veranlasst mich, die zur vorgesetzten Handlung ntigen Vorbereitungen zu
treffen. Wenn ich auf einen Spaziergang einen Brief mitnehme, welcher
noch befrdert werden soll, so brauche ich ihn als normales und nicht
nervses Individuum keineswegs die ganze Strecke ber in der Hand zu
tragen und unterdessen nach einem Briefkasten auszusphen, in den ich
ihn werfe, sondern ich pflege ihn in die Tasche zu stecken, meiner Wege
zu gehen, meine Gedanken frei schweifen zu lassen, und ich rechne
darauf, dass einer der nchsten Briefksten meine Aufmerksamkeit erregen
und mich veranlassen wird, in die Tasche zu greifen und den Brief
hervorzuziehen. Das normale Verhalten bei gefasstem Vorsatz deckt sich
vollkommen mit dem experimentell zu erzeugenden Benehmen von Personen,
denen man eine sog. posthypnotische Suggestion auf lange Sicht in der
Hypnose eingegeben hat.[17] Man ist gewhnt, das Phnomen in folgender
Art zu beschreiben: Der suggerierte Vorsatz schlummert in den
betreffenden Personen, bis die Zeit seiner Ausfhrung herannaht. Dann
wacht er auf und treibt zur Handlung.

In zweierlei Lebenslagen gibt sich auch der Laie Rechenschaft davon,
dass das Vergessen in bezug auf Vorstze keineswegs den Anspruch
erheben darf, als ein nicht weiter zurckfhrbares Elementarphnomen zu
gelten, sondern zum Schluss auf uneingestandene Motive berechtigt. Ich
meine: im Liebesverhltnis und in der Militrabhngigkeit. Ein
Liebhaber, der das Rendezvous versumt hat, wird sich vergeblich bei
seiner Dame entschuldigen, er habe leider ganz daran vergessen. Sie wird
nicht versumen, ihm zu antworten: "Vor einem Jahr httest Du es nicht
vergessen. Es liegt Dir eben nichts mehr an mir." Selbst wenn er nach
der oben erwhnten psychologischen Erklrung griffe und sein Vergessen
durch gehufte Geschfte entschuldigen wollte, wrde er nur erreichen,
dass die Dame -- so scharfsichtig geworden wie der Arzt in der
Psychoanalyse -- zur Antwort gbe: "Wie merkwrdig, dass sich solche
geschftlichen Strungen frher nicht ereignet haben." Gewiss will auch
die Dame die Mglichkeit des Vergessens nicht in Abrede stellen; sie
meint nur, und nicht mit Unrecht, aus dem unabsichtlichen Vergessen sei
ungefhr der nmliche Schluss auf ein gewisses Nichtwollen zu ziehen wie
aus der bewussten Ausflucht.

hnlich wird im militrischen Dienstverhltnis der Unterschied zwischen
der Unterlassung durch Vergessen und der in Folge von Absicht
prinzipiell, und zwar mit Recht, vernachlssigt. Der Soldat _darf_ an
nichts vergessen, was der militrische Dienst von ihm fordert. Wenn er
doch daran vergisst, obwohl ihm die Forderung bekannt ist, so geht dies
so zu, dass sich den Motiven, die auf Erfllung der militrischen
Forderung dringen, andere Gegenmotive entgegenstellen. Der Einjhrige
etwa, der sich beim Rapport entschuldigen wollte, er habe _vergessen_,
seine Knpfe blank zu putzen, ist der Strafe sicher. Aber diese Strafe
ist geringfgig zu nennen im Vergleich zu jener, der er sich aussetzte,
wenn er das Motiv seiner Unterlassung sich und seinem Vorgesetzten
eingestehen wrde: "Der elende Gamaschendienst ist mir ganz zuwider."
Wegen dieser Strafersparnis, aus konomischen Grnden gleichsam, bedient
er sich des Vergessens als Ausrede, oder kommt es als Kompromiss
zustande.

Frauendienst wie Militrdienst erheben den Anspruch, dass alles zu ihnen
Gehrige dem Vergessen entrckt sein msse, und erwecken so die Meinung,
Vergessen sei zulssig bei unwichtigen Dingen, whrend es bei wichtigen
Dingen ein Anzeichen davon sei, dass man sie wie unwichtige behandeln
wolle, ihnen also die Wichtigkeit abspreche. Der Gesichtspunkt der
psychischen Wertschtzung ist hier in der Tat nicht abzuweisen. Kein
Mensch vergisst Handlungen auszufhren, die ihm selbst wichtig
erscheinen, ohne sich dem Verdachte geistiger Strung auszusetzen.
Unsere Untersuchung kann sich also nur auf das Vergessen von mehr oder
minder nebenschlichen Vorstzen erstrecken; fr ganz und gar
gleichgltig werden wir keinen Vorsatz erachten; denn in diesem Falle
wre er wohl gewiss nicht gefasst worden.

Ich habe nun wie bei den frheren Funktionsstrungen die bei mir selbst
beobachteten Flle von Unterlassung durch Vergessen gesammelt und
aufzuklren gesucht und hierbei ganz allgemein gefunden, dass sie auf
Einmengung unbekannter und uneingestandener Motive -- oder, wie man
sagen kann, auf einen _Gegenwillen_ -- zurckzufhren waren. In einer
Reihe dieser Flle befand ich mich in einer dem Dienstverhltnisse
hnlichen Lage, unter einem Zwange, gegen welchen ich es nicht ganz
aufgegeben hatte, mich zu struben, so dass ich durch Vergessen gegen
ihn demonstrierte. Dazu gehrt, dass ich besonders leicht vergesse, zu
Geburtstagen, Jubilen, Hochzeitsfeiern und Standeserhhungen zu
gratulieren. Ich nehme es mir immer wieder vor und berzeuge mich immer
mehr, dass es mir nicht gelingen will. Ich bin jetzt im Begriffe, darauf
zu verzichten, und den Motiven, die sich struben, mit Bewusstsein Recht
zu geben. In einem bergangsstadium habe ich einem Freund, der mich bat,
auch fr ihn ein Glckwunschtelegramm zum bestimmten Termin zu besorgen,
vorher gesagt, ich wrde an beide vergessen, und es war nicht zu
verwundern, dass die Prophezeiung wahr wurde. Es hngt nmlich mit
schmerzlichen Lebenserfahrungen zusammen, dass ich nicht imstande bin,
Anteilnahme zu ussern, wo diese usserung notwendigerweise bertrieben
ausfallen muss, da fr den geringen Betrag meiner Ergriffenheit der
entsprechende Ausdruck nicht zulssig ist. Seitdem ich erkannt, dass ich
oft vorgebliche Sympathie bei anderen fr echte genommen habe, befinde
ich mich in einer Auflehnung gegen diese Konventionen der
Mitgefhlsbezeugung, deren soziale Ntzlichkeit ich andererseits
einsehe. Kondolenzen bei Todesfllen sind von dieser zwiespltigen
Behandlung ausgenommen; wenn ich mich zu ihnen entschlossen habe,
versume ich sie auch nicht. Wo meine Gefhlsbettigung mit
gesellschaftlicher Pflicht nichts mehr zu tun hat, da findet sie ihren
Ausdruck auch niemals durch Vergessen gehemmt.

hnlich erklren sich durch den Widerstreit einer konventionellen
Pflicht und einer nicht eingestandenen inneren Schtzung die Flle, in
denen man Handlungen auszufhren vergisst, die man einem anderen zu
seinen Gunsten auszufhren versprochen hat. Hier trifft es dann
regelmssig zu, dass nur der Versprecher an die entschuldigende Kraft
des Vergessens glaubt, whrend der Bittsteller sich ohne Zweifel die
richtige Antwort gibt: Er hat kein Interesse daran, sonst htte er es
nicht vergessen. Es gibt Menschen, die man als allgemein vergesslich
bezeichnet und darum in hnlicher Weise als entschuldigt gelten lsst
wie etwa den Kurzsichtigen, wenn er auf der Strasse nicht grsst.[18]
Diese Personen vergessen alle kleinen Versprechungen, die sie gegeben,
lassen alle Auftrge unausgefhrt, die sie empfangen haben, erweisen
sich also in kleinen Dingen als unverlsslich und erheben dabei die
Forderung, dass man ihnen diese kleineren Verstsse nicht bel nehmen,
d.h. nicht durch ihren Charakter erklren, sondern auf organische
Eigentmlichkeit zurckfhren solle. Ich gehre selbst nicht zu diesen
Leuten und habe keine Gelegenheit gehabt, die Handlungen einer solchen
Person zu analysieren, um durch die Auswahl des Vergessens die
Motivierung desselben aufzudecken. Ich kann mich aber der Vermutung per
analogiam nicht erwehren, dass hier ein ungewhnlich grosses Mass von
nicht eingestandener Geringschtzung des anderen das Motiv ist, welches
das konstitutionelle Moment fr seine Zwecke ausbeutet.

Bei anderen Fllen sind die Motive des Vergessens weniger leicht
aufzufinden und erregen, wenn gefunden, ein grsseres Befremden. So
merkte ich in frheren Jahren, dass ich bei einer grsseren Anzahl von
Krankenbesuchen nie an einen anderen Besuch vergesse als bei einem
Gratispatienten oder bei einem Kollegen. Aus Beschmung hierber habe
ich mir angewhnt, die Besuche des Tages schon am Morgen als Vorsatz zu
notieren. Ich weiss nicht, ob andere rzte auf dem nmlichen Wege zu der
gleichen bung gekommen sind. Aber man gewinnt so eine Ahnung davon, was
den sog. Neurastheniker veranlasst, die Mitteilungen, die er dem Arzt
machen will, auf dem berchtigten Zettel zu notieren. Angeblich fehlt
es ihm an Zutrauen zur Reproduktionsleistung seines Gedchtnisses. Das
ist gewiss richtig, aber die Szene geht zumeist so vor sich: Der Kranke
hat seine verschiedenen Beschwerden und Anfragen hchst langatmig
vorgebracht. Nachdem er fertig geworden ist, macht er einen Moment
Pause, darauf zieht er den Zettel hervor und sagt entschuldigend: Ich
habe mir etwas aufgeschrieben, weil ich mir so gar nichts merke. In der
Regel findet er auf dem Zettel nichts Neues. Er wiederholt jeden Punkt
und beantwortet ihn selbst: Ja, darnach habe ich schon gefragt. Er
demonstriert mit dem Zettel, wahrscheinlich nur eines seiner Symptome,
die Hufigkeit, mit der seine Vorstze durch Einmengung dunkler Motive
gestrt werden.

Ich rhre ferner an Leiden, an welchen auch der grssere Teil der mir
bekannten Gesunden krankt, wenn ich zugestehe, dass ich besonders in
frheren Jahren sehr leicht und fr lange Zeit vergessen habe, entlehnte
Bcher zurckzugeben, oder dass es mir besonders leicht begegnet,
Zahlungen durch Vergessen aufzuschieben. Unlngst verliess ich eines
Morgens die Tabaktrafik, in welcher ich meinen tglichen Zigarreneinkauf
gemacht hatte, ohne ihn zu bezahlen. Es war eine hchst harmlose
Unterlassung, denn ich bin dort bekannt und konnte daher erwarten, am
nchsten Tag an die Schuld gemahnt zu werden. Aber die kleine
Versumnis, der Versuch, Schulden zu machen, steht gewiss nicht ausser
Zusammenhang mit den Budgeterwgungen, die mich den Vortag ber
beschftigt hatten. In bezug auf das Thema von Geld und Besitz lassen
sich die Spuren eines zwiespltigen Verhaltens auch bei den meisten sog.
anstndigen Menschen leicht nachweisen. Die primitive Gier des
Suglings, der sich aller Objekte zu bemchtigen sucht (um sie zum Munde
zu fhren), zeigt sich vielleicht allgemein als nur unvollstndig durch
Kultur und Erziehung berwunden[19].

Ich frchte, ich bin mit allen bisherigen Beispielen einfach _banal_
geworden. Es kann mir aber doch nur recht sein, wenn ich auf Dinge
stosse, die jedermann bekannt sind, und die jeder in der nmlichen Weise
versteht, da ich bloss vorhabe, das Alltgliche zu sammeln und
wissenschaftlich zu verwerten. Ich sehe nicht ein, weshalb der Weisheit,
die Niederschlag der gemeinen Lebenserfahrung ist, die Aufnahme unter
die Erwerbungen der Wissenschaft versagt sein sollte. Nicht die
Verschiedenheit der Objekte, sondern die strengere Methode bei der
Feststellung und das Streben nach weitreichendem Zusammenhang machen den
wesentlichen Charakter der wissenschaftlichen Arbeit aus.

Fr die Vorstze von einigem Belang haben wir allgemein gefunden, dass
sie dann vergessen werden, wenn sich dunkle Motive gegen sie erheben.
Bei noch weniger wichtigen Vorstzen erkennt man als zweiten Mechanismus
des Vergessens, dass ein Gegenwille sich von wo anders her auf den
Vorsatz bertrgt, nachdem zwischen jenem andern und dem Inhalt des
Vorsatzes eine _usserliche_ Assoziation hergestellt worden ist. Hierzu
gehrt folgendes Beispiel: Ich lege Wert auf schnes Lschpapier und
nehme mir vor, auf meinem heutigen Nachmittagsweg in die Stadt neues
einzukaufen. Aber an vier aufeinanderfolgenden Tagen vergesse ich daran,
bis ich mich befrage, welchen Grund diese Unterlassung hat. Ich finde
ihn dann leicht, nachdem ich mich besonnen habe, dass ich zwar
Lschpapier zu schreiben, aber Fliesspapier zu sagen gewhnt bin.
_Fliess_ ist der Name meines Freundes in Berlin, der mir in den
nmlichen Tagen Anlass zu einem qulenden, besorgten Gedanken gegeben
hat. Diesen Gedanken kann ich nicht los werden, aber die Abwehrneigung
(vgl. Seite39) ussert sich, indem sie sich mittelst der Wortgleichheit
auf den indifferenten und darum wenig resistenten Vorsatz bertrgt.

Direkter Gegenwille und entferntere Motivierung treffen in folgendem
Falle von Aufschub zusammen: In der Sammlung Grenzfragen des Nerven-
und Seelenlebens hatte ich eine kurze Abhandlung ber den Traum
geschrieben, welche den Inhalt meiner Traumdeutung resmiert.
_Bergmann_ in Wiesbaden sendet eine Korrektur und bittet um umgehende
Erledigung, weil er das Heft noch vor Weihnachten ausgeben will. Ich
mache die Korrektur noch in der Nacht und lege sie auf meinen
Schreibtisch, um sie am nchsten Morgen mitzunehmen. Am Morgen vergesse
ich daran, erinnere mich erst nachmittags beim Anblick des Kreuzbandes
auf meinem Schreibtisch. Ebenso vergesse ich die Korrektur am
Nachmittag, am Abend und am nchsten Morgen, bis ich mich aufraffe und
am Nachmittag des zweiten Tages die Korrektur zu einem Briefkasten
trage, verwundert, was der Grund dieser Verzgerung sein mag. Ich will
sie offenbar nicht absenden, aber ich finde nicht, warum. Auf demselben
Spaziergang trete ich aber bei meinem Wiener Verleger, der auch das
Traumbuch publiziert hat, ein, mache eine Bestellung und sage dann, wie
von einem pltzlichen Einfall getrieben: "Sie wissen doch, dass ich den
Traum ein zweites Mal geschrieben habe?" -- "Ah, da wrde ich doch
bitten." -- "Beruhigen Sie sich, nur ein kurzer Aufsatz fr die
_Lwenfeld-Kurella_sche Sammlung." Es war ihm aber doch nicht recht; er
besorgte, der Vortrag wrde dem Absatz des Buches schaden. Ich
widersprach und fragte endlich: "Wenn ich mich frher an Sie gewendet
htte, wrden Sie mir die Publikation untersagt haben?" -- "Nein, das
keineswegs." Ich glaube selbst, dass ich in meinem vollen Recht
gehandelt und nichts Anderes getan habe, als was allgemein blich ist;
doch scheint es mir gewiss, dass ein hnliches Bedenken, wie es der
Verleger usserte, das Motiv meiner Zgerung war, die Korrektur
abzusenden. Dies Bedenken geht auf eine frhere Gelegenheit zurck, bei
welcher ein anderer Verleger Schwierigkeiten erhob, als ich, wie
unvermeidlich, einige Bltter Text aus einer frheren, in anderem Verlag
erschienenen Arbeit ber zerebrale Kinderlhmung unverndert in die
Bearbeitung desselben Themas im Handbuch von _Nothnagel_ hinbernahm.
Dort findet aber der Vorwurf abermals keine Anerkennung; ich hatte auch
damals meinen ersten Verleger (identisch mit dem der Traumdeutung)
loyal von meiner Absicht verstndigt. Wenn aber diese Erinnerungsreihe
noch weiter zurckgeht, so rckt sie mir einen noch frheren Anlass vor,
den einer bersetzung aus dem Franzsischen, bei welchem ich wirklich
die bei einer Publikation in Betracht kommenden Eigentumsrechte verletzt
habe. Ich hatte dem bersetzten Text Anmerkungen beigefgt, ohne fr
diese Anmerkungen die Erlaubnis des Autors nachgesucht zu haben, und
habe einige Jahre spter Grund zur Annahme bekommen, dass der Autor mit
dieser Eigenmchtigkeit unzufrieden war.

Es gibt ein Sprichwort, welches die populre Kenntnis verrt, dass das
Vergessen von Vorstzen nichts Zuflliges ist. Was man einmal zu tun
vergessen hat, das vergisst man dann noch fter.

  [13] Gewhnlich pflegen dann im Laufe der Besprechung die Einzelheiten
  des damaligen ersten Besuches bewusst aufzutauchen.

  [14] Fr vielerlei Zuflligkeiten, die man seit _Th. Vischer_ der
  "Tcke des Objekts" zuschreibt, mchte ich hnliche Erklrungen
  vorschlagen.

  [15] In den Tagen, whrend ich mit der Niederschrift dieser Seiten
  beschftigt war, ist mir folgender, fast unglaublicher Fall von
  Vergessen widerfahren. Ich revidiere am 1. Januar mein rztliches
  Buch, um meine Honorarrechnungen aussenden zu knnen, stosse dabei im
  Juni auf den Namen M....l und kann mich an eine zu ihm gehrige Person
  nicht erinnern. Mein Befremden wchst, indem ich beim Weiterblttern
  bemerke, dass ich den Fall in einem Sanatorium behandelt, und dass ich
  ihn durch Wochen tglich besucht habe. Einen Kranken, mit dem man sich
  unter solchen Bedingungen beschftigt, vergisst man als Arzt nicht
  nach kaum sechs Monaten. Sollte es ein Mann, ein Paralytiker, ein Fall
  ohne Interesse gewesen sein, frage ich mich? Endlich bei dem Vermerk
  ber das empfangene Honorar kommt mir all die Kenntnis wieder, die
  sich der Erinnerung entziehen wollte. M....l war ein 14jhriges
  Mdchen gewesen, der merkwrdigste Fall meiner letzten Jahre, welcher
  mir eine Lehre hinterlassen, an die ich kaum je vergessen werde, und
  dessen Ausgang mir die peinlichsten Stunden bereitet hat. Das Kind
  erkrankte an unzweideutiger Hysterie, die sich auch unter meinen
  Hnden rasch und grndlich besserte. Nach dieser Besserung wurde mir
  das Kind von den Eltern entzogen; es klagte noch ber abdominale
  Schmerzen, denen die Hauptrolle im Symptombild der Hysterie zugefallen
  war. Zwei Monate spter war es an Sarkom der Unterleibsdrsen
  gestorben. Die Hysterie, zu der das Kind nebstbei prdisponiert war,
  hatte die Tumorbildung zur provozierenden Ursache genommen, und ich
  hatte, von den lrmenden aber harmlosen Erscheinungen der Hysterie
  gefesselt, vielleicht die ersten Anzeichen der schleichenden
  unheilvollen Erkrankung bersehen.

  [16] Vgl. _Hans Gross_, Kriminalpsychologie 1898.

  [17] Vgl. _Bernheim_, Neue Studien ber Hypnotismus, Suggestion und
  Psychotherapie, 1892.

  [18] Frauen sind mit ihrem feinen Verstndnis fr unbewusste seelische
  Vorgnge in der Regel eher geneigt, es als Beleidigung anzusehen, wenn
  man sie auf der Strasse nicht erkennt, also nicht grsst, als an die
  nchstliegenden Erklrungen zu denken, dass der Sumige kurzsichtig
  sei oder in Gedanken versunken sie nicht bemerkt habe. Sie schliessen,
  man htte sie schon bemerkt, wenn man sich "etwas aus ihnen machen
  wrde".

  [19] Der Einheit des Themas zuliebe darf ich hier die gewhlte
  Einteilung durchbrechen und dem oben Gesagten anschliessen, dass in
  bezug auf Geldsachen das Gedchtnis der Menschen eine besondere
  Parteilichkeit zeigt. Erinnerungstuschungen, etwas bereits bezahlt zu
  haben, sind, wie ich von mir selbst weiss, oft sehr hartnckig. Wo der
  gewinnschtigen Absicht abseits von den grossen Interessen der
  Lebensfhrung, und daher eigentlich zum Scherz, freier Lauf gelassen
  wird wie beim Kartenspiel, neigen die ehrlichsten Mnner zu Irrtmern,
  Erinnerungs- und Rechenfehlern und finden sich selbst, ohne recht zu
  wissen wie, in kleine Betrgereien verwickelt. Auf solchen Freiheiten
  beruht nicht zum mindesten der psychisch erfrischende Charakter des
  Spiels. Das Sprichwort, dass man beim Spiel den Charakter des Menschen
  erkennt, ist zuzugeben, wenn man hinzufgen will: den unterdrckten
  Charakter. -- Wenn es unabsichtliche Rechenfehler bei Zahlkellnern
  noch gibt, so unterliegen sie offenbar derselben Beurteilung. -- Im
  Kaufmannsstande kann man hufig eine gewisse Zgerung in der
  Verausgabung von Geldsummen, bei der Bezahlung von Rechnungen und dgl.
  beobachten, die dem Eigner keinen Gewinn bringt, sondern nur
  psychologisch zu verstehen ist als eine usserung des Gegenwillens,
  Geld von sich zu tun. -- Mit den intimsten und am wenigsten klar
  gewordenen Regungen hngt es zusammen, wenn gerade Frauen eine
  besondere Unlust zeigen, den Arzt zu honorieren. Sie haben gewhnlich
  ihr Portemonnaie vergessen, knnen darum in der Ordination nicht
  zahlen, vergessen dann regelmssig, das Honorar vom Hause aus zu
  schicken, und setzen es so durch, dass man sie umsonst -- "um ihrer
  schnen Augen willen" -- behandelt hat. Sie zahlen gleichsam mit ihrem
  Anblick.




VII.

Das Vergreifen.


Der dankenswerten Arbeit von _Meringer_ und _Mayer_ entnehme ich noch
die Stelle(p.98):

Die Sprechfehler stehen nicht ganz allein da. Sie entsprechen den
Fehlern, die bei anderen Ttigkeiten des Menschen sich oft einstellen
und ziemlich tricht Vergesslichkeiten genannt werden.

Ich bin also keinesfalls der erste, der Sinn und Absicht hinter den
kleinen Funktionsstrungen des tglichen Lebens Gesunder vermutet.

Wenn die Fehler beim Sprechen, das ja eine motorische Leistung ist, eine
solche Auffassung zugelassen haben, so liegt es nahe, auf die Fehler
unserer sonstigen motorischen Verrichtungen die nmliche Erwartung zu
bertragen. Ich habe hier zwei Gruppen von Fllen gebildet; alle die
Flle, in denen der Fehleffekt das Wesentliche scheint, also die
Abirrung von der Intention, bezeichne ich als _Vergreifen_, die
anderen, in denen eher die ganze Handlung unzweckmssig erscheint,
benenne ich _Symptom- und Zufallshandlungen_. Die Scheidung ist aber
wiederum nicht reinlich durchzufhren; wir kommen ja wohl zur Einsicht,
dass alle in dieser Abhandlung gebrauchten Einteilungen nur deskriptiv
bedeutsame sind und der inneren Einheit des Erscheinungsgebietes
widersprechen.

Das psychologische Verstndnis des Vergreifens erfhrt offenbar keine
besondere Frderung, wenn wir es der Ataxie und speziell der kortikalen
Ataxie subsumieren. Versuchen wir lieber, die einzelnen Beispiele auf
ihre jeweiligen Bedingungen zurckzufhren. Ich werde wiederum
Selbstbeobachtungen hierzu verwenden, zu denen sich die Anlsse bei mir
nicht besonders hufig finden.

a) In frheren Jahren, als ich Hausbesuche bei Patienten noch hufiger
machte als gegenwrtig, geschah es mir oft, dass ich, vor der Tre, an
die ich klopfen oder luten sollte, angekommen, die Schlssel meiner
eigenen Wohnung aus der Tasche zog, um -- sie dann fast beschmt wieder
einzustecken. Wenn ich mir zusammenstelle, bei welchen Patienten dies
der Fall war, so muss ich annehmen, die Fehlhandlung -- Schlssel
herausziehen anstatt zu luten -- bedeutete eine Huldigung fr das Haus,
wo ich in diesen Missgriff verfiel. Sie war quivalent dem Gedanken:
Hier bin ich wie zu Hause, denn sie trug sich nur zu, wo ich den
Kranken lieb gewonnen hatte. (An meiner eigenen Wohnungstr lute ich
natrlich niemals.) Die Fehlhandlung war also eine symbolische
Darstellung eines doch eigentlich nicht fr ernsthafte, bewusste Annahme
bestimmten Gedankens, denn in der Realitt weiss der Nervenarzt genau,
dass der Kranke ihm nur so lange anhnglich bleibt, als er noch Vorteil
von ihm erwartet, und dass er selbst nur zum Zweck der psychischen
Hilfeleistung ein bermssig warmes Interesse fr seine Patienten bei
sich gewhren lsst.

b) In einem bestimmten Hause, wo ich seit sechs Jahren zweimal tglich
zu festgesetzten Zeiten vor einer Tre im zweiten Stock auf Einlass
warte, ist es mir whrend dieses langen Zeitraums zweimal (mit einem
kurzen Intervall) geschehen, dass ich um einen Stock hher gegangen bin,
also mich _verstiegen_ habe. Das eine mal befand ich mich in einem
ehrgeizigen Tagtraum, der mich hher und immer hher steigen liess.
Ich berhrte damals sogar, dass sich die fragliche Tr geffnet hatte,
als ich den Fuss auf die ersten Stufen des dritten Stockwerks setzte.
Das anderemal ging ich wiederum in Gedanken versunken zu weit; als ich
es bemerkte, umkehrte und die mich beherrschende Phantasie zu erhaschen
suchte, fand ich, dass ich mich ber eine (phantasierte) Kritik meiner
Schriften rgerte, in welcher mir der Vorwurf gemacht wurde, dass ich
immer zu weit ginge, und in die ich nun den wenig respektvollen
Ausdruck _verstiegen_ einzusetzen hatte.

c) Auf meinem Schreibtische liegen seit vielen Jahren neben einander ein
Reflexhammer und eine Stimmgabel. Eines Tages eile ich nach Schluss der
Sprechstunde fort, weil ich einen bestimmten Stadtbahnzug erreichen
will, stecke bei vollem Tageslicht anstatt des Hammers die Stimmgabel in
die Rocktasche und werde durch die Schwere des die Tasche herabziehenden
Gegenstandes auf meinen Missgriff aufmerksam gemacht. Wer sich ber so
kleine Vorkommnisse Gedanken zu machen nicht gewhnt ist, wird ohne
Zweifel den Fehlgriff durch die Eile des Momentes erklren und
entschuldigen. Ich habe es trotzdem vorgezogen, mir die Frage zu
stellen, warum ich eigentlich die Stimmgabel anstatt des Hammers
genommen. Die Eilfertigkeit htte ebensowohl ein Motiv sein knnen, den
Griff richtig auszufhren, um nicht Zeit mit der Korrektur zu versumen.

Wer hat zuletzt nach der Stimmgabel gegriffen? lautet die Frage, die
sich mir da aufdrngt. Das war vor wenigen Tagen ein _idiotisches_ Kind,
bei dem ich die Aufmerksamkeit auf Sinneseindrcke prfte, und das durch
die Stimmgabel so gefesselt wurde, dass ich sie ihm nur schwer
entreissen konnte. Soll das also heissen, ich sei ein Idiot? Allerdings
scheint es so, denn der nchste Einfall, der sich an Hammer assoziiert,
lautet _Chamer_ (hebrisch: Esel).

Was soll aber dieses Geschimpfe? Man muss hier die Situation befragen.
Ich eile zu einer Konsultation in einem Ort an der Westbahnstrecke, zu
einer Kranken, die nach der brieflich mitgeteilten Anamnese vor Monaten
vom Balkon herabgestrzt ist und seither nicht gehen kann. Der Arzt, der
mich einldt, schreibt, er wisse trotzdem nicht, ob es sich um
Rckenmarksverletzung oder um traumatische Neurose -- Hysterie --
handle. Das soll ich nun entscheiden. Da wre also eine Mahnung am
Platze, in der heiklen Differentialdiagnose besonders vorsichtig zu
sein. Die Kollegen meinen ohnedies, man diagnostiziere viel zu
leichtsinnig Hysterie, wo es sich um ernstere Dinge handle. Aber die
Beschimpfung ist noch nicht gerechtfertigt! Ja, es kommt hinzu, dass die
kleine Bahnstation der nmliche Ort ist, an dem ich vor Jahren einen
jungen Mann gesehen, der seit einer Gemtsbewegung nicht ordentlich
gehen konnte. Ich diagnostizierte damals Hysterie und nahm den Kranken
spter in psychische Behandlung, und dann stellte es sich heraus, dass
ich freilich nicht unrichtig diagnostiziert hatte, aber auch nicht
richtig. Eine ganze Anzahl der Symptome des Kranken war hysterisch
gewesen, und diese schwanden auch prompt im Laufe der Behandlung. Aber
hinter diesen wurde nun ein fr die Therapie unantastbarer Rest
sichtbar, der sich nur auf eine multiple Sklerose beziehen liess. Die
den Kranken nach mir sahen, hatten es leicht, die organische Affektion
zu erkennen; ich htte kaum anders vorgehen und anders urteilen knnen,
aber der Eindruck war doch der eines schweren Irrtums; das Versprechen
der Heilung, das ich ihm gegeben hatte, war natrlich nicht zu halten.
Der Missgriff nach der Stimmgabel anstatt nach dem Hammer liess sich
also so in Worte bersetzen: Du Trottel, Du Esel, nimm Dich diesmal
zusammen, dass du nicht wieder eine Hysterie diagnostizierst, wo eine
unheilbare Krankheit vorliegt, wie bei dem armen Mann an demselben Ort
vor Jahren! Und zum Glck fr diese kleine Analyse, wenn auch zum
Unglck fr meine Stimmung, war dieser selbe Mann mit schwerer
spastischer Lhmung wenige Tage vorher und einen Tag nach dem
idiotischen Kind in meiner Sprechstunde gewesen.

Man merkt, es ist diesmal die Stimme der Selbstkritik, die sich durch
das Fehlgreifen vernehmlich macht. Zu solcher Verwendung als
Selbstvorwurf ist der Fehlgriff ganz besonders geeignet. Der Missgriff
hier will den Missgriff, den man anderswo begangen hat, darstellen.

d) Selbstverstndlich kann das Fehlgreifen auch einer ganzen Reihe
anderer dunkler Absichten dienen. Hier ein erstes Beispiel: Es kommt
sehr selten vor, dass ich etwas zerschlage. Ich bin nicht besonders
geschickt, aber infolge der anatomischen Integritt meiner
Nervmuskelapparate sind Grnde fr so ungeschickte Bewegungen mit
unerwnschtem Erfolg bei mir offenbar nicht gegeben. Ich weiss also kein
Objekt in meinem Hause zu erinnern, dessengleichen ich je zerschlagen
htte. Ich bin durch die Enge in meinem Studierzimmer oft gentigt, in
den unbequemsten Stellungen mit einer Anzahl von antiken Ton- und
Steinsachen, von denen ich eine kleine Sammlung habe, zu hantieren, so
dass Zuschauer die Besorgnis ausdrcken, ich wrde etwas
herunterschleudern und zerschlagen. Es ist aber niemals geschehen. Warum
habe ich also unlngst den marmornen Deckel meines einfachen
Tintengefsses zu Boden geworfen, so dass er zerbrach?

Mein Tintenzeug besteht aus einer Platte von Untersberger Marmor, die
fr die Aufnahme des glsernen Tintenfsschens ausgehhlt ist; das
Tintenfass trgt einen Deckel mit Knopf aus demselben Stein. Ein Kranz
von Bronzestatuetten und Terrakotta-Figrchen ist hinter diesem
Tintenzeug aufgestellt. Ich setze mich an den Tisch, um zu schreiben,
mache mit der Hand, welche den Federstiel hlt, eine merkwrdig
ungeschickte, ausfahrende Bewegung und werfe so den Deckel des
Tintenfasses, der bereits auf dem Tische lag, zu Boden. Die Erklrung
ist nicht schwer zu finden. Einige Stunden vorher war meine Schwester im
Zimmer gewesen, um sich einige neue Erwerbungen anzusehen. Sie fand sie
sehr schn und usserte dann: "Jetzt sieht Dein Schreibtisch wirklich
hbsch aus, nur das Tintenzeug passt nicht dazu. Du musst ein schneres
haben." Ich begleitete die Schwester hinaus und kam erst nach Stunden
zurck. Dann aber habe ich, wie es scheint, an dem verurteilten
Tintenzeug die Exekution vollzogen. Schloss ich etwa aus den Worten der
Schwester, dass sie sich vorgenommen habe, mich zur nchsten festlichen
Gelegenheit mit einem schneren Tintenzeug zu beschenken, und zerschlug
das unschne alte, um sie zur Verwirklichung ihrer angedeuteten Absicht
zu ntigen? Wenn dem so ist, so war meine schleudernde Bewegung nur
scheinbar ungeschickt; in Wirklichkeit war sie hchst geschickt und
zielbewusst und verstand es, allen wertvolleren in der Nhe befindlichen
Objekten schonend auszuweichen.

Ich glaube wirklich, dass man diese Beurteilung fr eine ganze Reihe von
anscheinend zufllig ungeschickten Bewegungen annehmen muss. Es ist
richtig, dass diese etwas Gewaltsames, Schleuderndes, wie
Spastisch-ataktisches zur Schau tragen, aber sie erweisen sich als von
einer Intention beherrscht und treffen ihr Ziel mit einer Sicherheit,
die man den bewusst willkrlichen Bewegungen nicht allgemein nachrhmen
kann. Beide Charaktere, die Gewaltsamkeit wie die Treffsicherheit, haben
sie brigens mit den motorischen usserungen der hysterischen Neurose
und zum Teil auch mit den motorischen Leistungen des Somnambulismus
gemeinsam, was wohl hier wie dort auf die nmliche unbekannte
Modifikation des Innervationsvorganges hinweist.

Das Fallenlassen von Objekten, Umwerfen, Zerschlagen derselben scheint
sehr hufig zum Ausdruck unbewusster Gedankengnge verwendet zu werden,
wie man gelegentlich durch Analyse beweisen kann, hufiger aber aus den
aberglubisch oder scherzhaft daran geknpften Deutungen im Volksmunde
erraten mchte. Es ist bekannt, welche Deutungen sich an das Ausschtten
von Salz, Umwerfen eines Weinglases, Steckenbleiben eines zu Boden
gefallenen Messers u.dgl. knpfen. Welches Anrecht auf Beachtung solche
aberglubische Deutungen haben, werde ich erst an spterer Stelle
errtern; hierher gehrt nur die Bemerkung, dass die einzelne
ungeschickte Verrichtung keineswegs einen konstanten Sinn hat, sondern
je nach Umstnden sich dieser oder jener Absicht als Darstellungsmittel
bietet.

Wenn dienende Personen gebrechliche Gegenstnde durch Fallenlassen
vernichten, so wird man an eine psychologische Erklrung hiefr gewiss
nicht in erster Linie denken, doch ist auch dabei ein Beitrag dunkler
Motive nicht unwahrscheinlich. Nichts liegt dem Ungebildeten ferner als
die Schtzung der Kunst und der Kunstwerke. Eine dumpfe Feindseligkeit
gegen deren Erzeugnisse beherrscht unser dienendes Volk, zumal wenn die
Gegenstnde, deren Wert sie nicht einsehen, eine Quelle von
Arbeitsanforderung fr sie werden. Leute von derselben Bildungsstufe und
Herkunft zeichnen sich dagegen in wissenschaftlichen Instituten oft
durch grosse Geschicklichkeit und Verlsslichkeit in der Handhabung
heikler Objekte aus, wenn sie erst begonnen haben, sich mit ihrem Herrn
zu identifizieren und sich zum wesentlichen Personal des Instituts zu
rechnen.

Sich selbst fallen lassen, einen Fehltritt machen, ausgleiten, braucht
gleichfalls nicht immer als rein zuflliges Fehlschlagen motorischer
Aktion gedeutet zu werden. Der sprachliche Doppelsinn dieser Ausdrcke
weist bereits auf die Art von verhaltenen Phantasien hin, die sich durch
solches Aufgeben des Krpergleichgewichts darstellen knnen. Ich
erinnere mich an eine Anzahl von leichteren nervsen Erkrankungen bei
Frauen und Mdchen, die nach einem Fall ohne Verletzung aufgetreten
waren und als traumatische Hysterie zufolge des Schrecks beim Falle
aufgefasst wurden. Ich bekam schon damals den Eindruck, als ob die Dinge
anders zusammenhingen, als wre das Fallen bereits eine Veranstaltung
der Neurose und ein Ausdruck derselben unbewussten Phantasien sexuellen
Inhalts gewesen, die man als die bewegenden Krfte hinter den Symptomen
vermuten darf. Sollte dasselbe nicht auch ein Sprichwort sagen wollen,
welches lautet: "Wenn eine Jungfrau fllt, fllt sie auf den Rcken"?

e) Dass zufllige Aktionen eigentlich absichtliche sind, wird auf keinem
anderen Gebiete eher Glauben finden als auf dem der sexuellen
Bettigung, wo die Grenze zwischen beiderlei Arten sich wirklich zu
verwischen scheint. Dass eine scheinbar ungeschickte Bewegung hchst
raffiniert zu sexuellen Zwecken ausgenutzt werden kann, davon habe ich
vor einigen Jahren an mir selbst ein schnes Beispiel erlebt. Ich traf
in einem befreundeten Hause ein als Gast angelangtes junges Mdchen,
welches ein lngst fr erloschen gehaltenes Wohlgefallen bei mir erregte
und mich darum heiter, gesprchig und zuvorkommend stimmte. Ich habe
damals auch nachgeforscht, auf welchen Bahnen dies zuging; ein Jahr
vorher hatte dasselbe Mdchen mich khl gelassen. Als nun der Onkel des
Mdchens, ein sehr alter Herr, ins Zimmer trat, sprangen wir beide auf,
um ihm einen in der Ecke stehenden Stuhl zu bringen. Sie war behender
als ich, wohl auch dem Objekt nher; so hatte sie sich zuerst des
Sessels bemchtigt und trug ihn mit der Lehne nach rckwrts, beide
Hnde auf die Sesselrnder gelegt, vor sich hin. Indem ich spter
hinzutrat und den Anspruch, den Sessel zu tragen, doch nicht aufgab,
stand ich pltzlich dicht hinter ihr, hatte beide Arme von rckwrts um
sie geschlungen, und die Hnde trafen sich einen Moment lang vor ihrem
Schoss. Ich lste natrlich die Situation ebenso rasch, als sie
entstanden war. Es schien auch keinem aufzufallen, wie geschickt ich
diese ungeschickte Bewegung ausgebeutet hatte.

Gelegentlich habe ich mir auch sagen mssen, dass das rgerliche,
ungeschickte Ausweichen auf der Strasse, wobei man durch einige Sekunden
hin und her, aber doch stets nach der nmlichen Seite wie der oder die
Andere, Schritte macht, bis endlich beide vor einander stehen bleiben,
dass auch dieses den Weg Vertreten ein unartig provozierendes Benehmen
frherer Jahre wiederholt und sexuelle Absichten unter der Maske der
Ungeschicklichkeit verfolgt. Aus meinen Psychoanalysen Neurotischer
weiss ich, dass die sogenannte Naivitt junger Leute und Kinder hufig
nur solch eine Maske ist, um das Unanstndige unbeirrt durch Genieren
aussprechen oder tun zu knnen.

f) Die Effekte, die durch das Fehlgreifen normaler Menschen zustande
kommen, sind in der Regel von harmlosester Art. Gerade darum wird sich
ein besonderes Interesse an die Frage knpfen, ob Fehlgriffe von
erheblicher Tragweite, die von bedeutsamen Folgen begleitet sein knnen,
wie z.B. die des Arztes oder Apothekers, nach irgend einer Richtung
unter unsere Gesichtspunkte fallen.

Da ich sehr selten in die Lage komme, rztliche Eingriffe vorzunehmen,
habe ich nur ber ein Beispiel von rztlichem Vergreifen aus eigener
Erfahrung zu berichten. Bei einer sehr alten Dame, die ich seit Jahren
zweimal tglich besuche, beschrnkt sich meine rztliche Ttigkeit beim
Morgenbesuch auf zwei Akte: ich trufle ihr ein paar Tropfen Augenwasser
ins Auge und gebe ihr eine Morphiuminjektion. Zwei Flschchen, ein
blaues fr das Kollyrium und ein weisses mit der Morphinlsung, sind
regelmssig vorbereitet. Whrend der beiden Verrichtungen beschftigen
sich meine Gedanken wohl meist mit etwas anderem; das hat sich eben
schon so oft wiederholt, dass die Aufmerksamkeit sich wie frei benimmt.
Eines Morgens bemerkte ich, dass der Automat falsch gearbeitet hatte,
das Tropfrhrchen hatte ins weisse anstatt ins blaue Flschchen
eingetaucht und nicht Kollyrium, sondern Morphin ins Auge getrufelt.
Ich erschrak heftig und beruhigte mich dann durch die berlegung, dass
einige Tropfen einer zweiprozentigen Morphinlsung auch im Bindehautsack
kein Unheil anzurichten vermgen. Die Schreckempfindung war offenbar
anderswoher abzuleiten.

Bei dem Versuch, den kleinen Fehlgriff zu analysieren, fiel mir zunchst
die Phrase ein: "sich an der Alten vergreifen", die den kurzen Weg zur
Lsung weisen konnte. Ich stand unter dem Eindrucke eines Traumes, den
mir am Abend vorher ein junger Mann erzhlt hatte, dessen Inhalt sich
nur auf sexuellen Verkehr mit der eigenen Mutter deuten liess.[20] Die
Sonderbarkeit, dass die Sage keinen Anstoss an dem Alter der Knigin
Jokaste nimmt, schien mir gut zu dem Ergebnis zu stimmen, dass es sich
bei der Verliebtheit in die eigene Mutter niemals um deren gegenwrtige
Person handelt, sondern um ihr jugendliches Erinnerungsbild aus den
Kinderjahren. Solche Inkongruenzen stellen sich immer heraus, wo eine
zwischen zwei Zeiten schwankende Phantasie bewusst gemacht und dadurch
an eine bestimmte Zeit gebunden wird. In Gedanken solcher Art versunken
kam ich zu meiner ber neunzigjhrigen Patientin, und ich muss wohl auf
dem Wege gewesen sein, den allgemein menschlichen Charakter der
Oedipusfabel als das Korrelat des Verhngnisses, das sich in den Orakeln
ussert, zu erfassen, denn ich vergriff mich dann "bei oder an der
Alten". Indes dies Vergreifen war wiederum harmlos; ich hatte von den
beiden mglichen Irrtmern, die Morphinlsung frs Auge zu verwenden,
oder das Augenwasser zur Injektion zu nehmen, den bei weitem harmloseren
gewhlt. Es bleibt immer noch die Frage, ob man bei Fehlgriffen, die
schweren Schaden stiften knnen, in hnlicher Weise wie bei den hier
behandelten eine unbewusste Absicht in Erwgung ziehen darf.

Hier lsst mich denn, wie zu erwarten steht, das Material im Stiche, und
ich bleibe auf Vermutungen und Annherungen angewiesen. Es ist bekannt,
dass bei den schwereren Fllen von Psychoneurose Selbstbeschdigungen
gelegentlich als Krankheitssymptome auftreten, und dass der Ausgang des
psychischen Konfliktes in Selbstmord bei ihnen niemals auszuschliessen
ist. Ich habe nun erfahren, und werde es eines Tages durch gut
aufgeklrte Beispiele belegen, dass viele scheinbar zufllige
Schdigungen, die solche Kranke treffen, eigentlich Selbstbeschdigungen
sind, indem eine bestndig lauernde Tendenz zur Selbstbestrafung, die
sich sonst als Selbstvorwurf ussert, oder ihren Beitrag zur
Symptombildung stellt, eine zufllig gebotene ussere Situation
geschickt ausntzt, oder ihr etwa noch bis zur Erreichung des
gewnschten schdigenden Effektes nachhilft. Solche Vorkommnisse sind
auch bei mittelschweren Fllen keineswegs selten, und sie verraten den
Anteil der unbewussten Absicht durch eine Reihe von besonderen Zgen,
z.B. durch die auffllige Fassung, welche die Kranken bei dem
angeblichen Unglcksfalle bewahren.[21]

Wer an das Vorkommen von halb absichtlicher Selbstbeschdigung -- wenn
der ungeschickte Ausdruck gestattet ist -- glaubt, der wird dadurch
vorbereitet anzunehmen, dass es ausser dem bewusst absichtlichen
Selbstmord auch halb absichtliche Selbstvernichtung -- mit unbewusster
Absicht -- gibt, die eine Lebensbedrohung geschickt auszuntzen und sie
als zufllige Verunglckung zu maskieren weiss. Eine solche braucht
keineswegs selten zu sein. Denn die Tendenz zur Selbstvernichtung ist
bei sehr viel mehr Menschen in einer gewissen Strke vorhanden, als bei
denen sie sich durchsetzt; die Selbstbeschdigungen sind in der Regel
ein Kompromiss zwischen diesem Trieb und den ihm noch entgegenwirkenden
Krften, und auch wo es wirklich zum Selbstmord kommt, da ist die
Neigung dazu eine lange Zeit vorher in geringerer Strke oder als
unbewusste und unterdrckte Tendenz vorhanden gewesen.

Auch die bewusste Selbstmordabsicht whlt ihre Zeit, Mittel und
Gelegenheit: es ist ganz im Einklang damit, wenn die unbewusste einen
Anlass abwartet, der einen Teil der Verursachung auf sich nehmen und sie
durch Inanspruchnahme der Abwehrkrfte des Individuums von ihrer
Bedrckung frei machen kann.[22] Es sind keineswegs mssige Erwgungen,
die ich da vorbringe; mir ist mehr als ein Fall von anscheinend
zuflligem Verunglcken (zu Pferde oder aus dem Wagen) bekannt geworden,
dessen nhere Umstnde den Verdacht auf unbewusst zugelassenen
Selbstmord rechtfertigen. Da strzt z.B. whrend eines
Offizierswettrennens ein Offizier vom Pferde und verletzt sich so
schwer, dass er mehrere Tage nachher erliegt. Sein Benehmen, nachdem er
zu sich gekommen, ist in manchen Stcken auffllig. Noch bemerkenswerter
ist sein Benehmen vorher gewesen. Er ist tief verstimmt durch den Tod
seiner geliebten Mutter, wird von Weinkrmpfen in der Gesellschaft
seiner Kameraden befallen, er ussert Lebensberdruss gegen seine
vertrauten Freunde, will den Dienst quittieren, um an einem Kriege in
Afrika Anteil zu nehmen, der ihn sonst nicht berhrt[23]; frher ein
schneidiger Reiter, weicht er jetzt dem Reiten aus, wo es nur mglich
ist. Vor dem Wettrennen endlich, dem er sich nicht entziehen kann,
ussert er eine trbe Ahnung; wir werden uns bei unserer Auffassung
nicht mehr verwundern, dass diese Ahnung Recht behielt. Man wird mir
entgegenhalten, es sei ja ohne weiteres verstndlich, dass ein Mensch in
solcher nervser Depression das Tier nicht zu meistern versteht wie in
gesunden Tagen. Ich bin ganz einverstanden; nur mchte ich den
Mechanismus dieser motorischen Hemmung durch die Nervositt in der hier
betonten Selbstvernichtungsabsicht suchen.

Wenn so ein Wten gegen die eigene Integritt und das eigene Leben
hinter anscheinend zuflliger Ungeschicklichkeit und motorischer
Unzulnglichkeit verborgen sein kann, so braucht man keinen grossen
Schritt mehr zu tun, um die bertragung der nmlichen Auffassung auf
Fehlgriffe mglich zu finden, welche Leben und Gesundheit anderer
ernstlich in Gefahr bringen. Was ich an Belegen fr die Triftigkeit
dieser Auffassung vorbringen kann, ist der Erfahrung an Neurotikern
entnommen, deckt sich also nicht vllig mit dem Erfordernis. Ich werde
ber einen Fall berichten, in dem mich nicht eigentlich ein Fehlgriff,
sondern, was man eher eine Symptom- oder Zufallshandlung nennen kann,
auf die Spur brachte, welche dann die Lsung des Konflikts bei dem
Patienten ermglichte. Ich bernahm es einmal, die Ehe eines sehr
intelligenten Mannes zu bessern, dessen Misshelligkeiten mit seiner ihn
zrtlich liebenden jungen Frau sich gewiss auf reale Begrndungen
berufen konnten, aber wie er selbst zugab, durch diese nicht voll
erklrt wurden. Er beschftigte sich unablssig mit dem Gedanken der
Scheidung, den er dann wieder verwarf, weil er seine beiden kleinen
Kinder zrtlich liebte. Trotzdem kam er immer wieder auf den Vorsatz
zurck und versuchte dabei kein Mittel, um sich die Situation ertrglich
zu gestalten. Solches Nichtfertigwerden mit einem Konflikt gilt mir als
Beweis dafr, dass sich unbewusste und verdrngte Motive zur Verstrkung
der mit einander streitenden bewussten bereit gefunden haben, und ich
unternehme es in solchen Fllen, den Konflikt durch psychische Analyse
zu beenden. Der Mann erzhlte mir eines Tages von einem kleinen Vorfall,
der ihn aufs usserste erschreckt hatte. Er hetzte mit seinem lteren
Kind, dem weitaus geliebteren, hob es hoch und liess es nieder und
einmal an solcher Stelle und so hoch, dass das Kind mit dem Scheitel
fast an den schwer herabhngenden Gasluster angestossen htte. _Fast_,
aber doch eigentlich nicht oder gerade eben noch! Dem Kind war nichts
geschehen, aber es wurde vor Schreck schwindlig. Der Vater blieb
entsetzt mit dem Kinde im Arme stehen, die Mutter bekam einen
hysterischen Anfall. Die besondere Geschicklichkeit dieser
unvorsichtigen Bewegung, die Heftigkeit der Reaktion bei den Eltern
legten es mir nahe, in dieser Zuflligkeit eine Symptomhandlung zu
suchen, welche eine bse Absicht gegen das geliebte Kind zum Ausdruck
bringen sollte. Den Widerspruch gegen die aktuelle Zrtlichkeit dieses
Vaters zu seinem Kinde konnte ich mildern, wenn ich den Impuls zur
Schdigung in die Zeit zurckverlegte, da dieses Kind das einzige und so
klein gewesen war, dass sich der Vater noch nicht zrtlich fr dasselbe
zu interessieren brauchte. Dann hatte ich es leicht, anzunehmen, dass
der von seiner Frau wenig befriedigte Mann damals den Gedanken gehabt
oder den Vorsatz gefasst: Wenn dieses kleine Wesen, an dem mir gar
nichts liegt, stirbt, dann bin ich frei und kann mich von der Frau
scheiden lassen. Ein Wunsch nach dem Tode dieses jetzt so geliebten
Wesens musste also unbewusst weiterbestehen. Von hier ab war der Weg zur
unbewussten Fixierung dieses Wunsches leicht zu finden. Eine mchtige
Determinierung ergab sich wirklich aus der Kindheitserinnerung des
Patienten, dass der Tod eines kleinen Bruders, den die Mutter der
Nachlssigkeit des Vaters zur Last legte, zu heftigen Auseinandersetzungen
zwischen den Eltern mit Scheidungsandrohung gefhrt hatte. Der weitere
Verlauf der Ehe meines Patienten besttigte meine Kombination auch durch
den therapeutischen Erfolg.

  [20] Des _Oedipus-Traumes_, wie ich ihn zu nennen pflege, weil er den
  Schlssel zum Verstndnis der Sage von Knig Oedipus enthlt. Im Text
  des Sophokles ist die Beziehung auf einen solchen Traum der Jokaste in
  den Mund gelegt. (Vgl. "Traumdeutung", p.182.)

  [21] Die Selbstbeschdigung, die nicht voll auf Selbstvernichtung
  hinzielt, hat in unserem gegenwrtigen Kulturzustand berhaupt keine
  andere Wahl, als sich hinter der Zuflligkeit zu verbergen, oder sich
  durch Simulation einer spontanen Erkrankung durchzusetzen. Frher
  einmal war sie ein gebruchliches Zeichen der Trauer; zu anderen
  Zeiten konnte sie Ideen der Frmmigkeit und Weltentsagung Ausdruck
  geben.

  [22] Der Fall ist dann schliesslich kein anderer als der des sexuellen
  Attentats auf eine Frau, bei dem der Angriff des Mannes nicht durch
  die volle Muskelkraft des Weibes abgewehrt werden kann, weil ihm ein
  Teil der unbewussten Regungen der Angegriffenen frdernd entgegen
  kommt. Man sagt ja wohl, eine solche Situation _lhme_ die Krfte der
  Frau; man braucht dann nur noch die Grnde fr diese Schwchung
  hinzufgen. Insofern ist der geistreiche Richterspruch des _Sancho
  Pansa_, den er als Gouverneur auf seiner Insel fllt, psychologisch
  ungerecht. (Don QuijoteII.T. Kap.XLV.) Eine Frau zerrt einen Mann
  vor den Richter, der sie angeblich gewaltsam ihrer Ehre beraubt hat.
  _Sancho_ entschdigt sie durch die volle Geldbrse, die er dem
  Angeklagten abnimmt, und gibt diesem nach dem Abgange der Frau die
  Erlaubnis, ihr nachzueilen und ihr die Brse wieder zu entreissen. Sie
  kommen beide ringend wieder, und die Frau berhmt sich, dass der
  Bsewicht nicht imstande gewesen sei, sich der Brse zu bemchtigen.
  Darauf _Sancho_: Httest Du Deine Ehre halb so ernsthaft verteidigt
  wie diese Brse, so htte sie Dir der Mann nicht rauben knnen.

  [23] Dass die Situation des Schlachtfeldes eine solche ist, wie sie
  der bewussten Selbstmordabsicht entgegenkommt, die doch den direkten
  Weg scheut, ist einleuchtend. Vgl. im "_Wallenstein_" die Worte des
  schwedischen Hauptmanns ber den Tod des Max Piccolomini: "Man sagt,
  er wollte sterben".




VIII.

Symptom- und Zufallshandlungen.


Die bisher beschriebenen Handlungen, in denen wir die Ausfhrung einer
unbewussten Absicht erkannten, traten als Strungen anderer
beabsichtigter Handlungen auf und deckten sich mit dem Vorwand der
Ungeschicklichkeit. Die Zufallshandlungen, von denen jetzt die Rede sein
soll, unterscheiden sich von denen des Vergreifens nur dadurch, dass sie
die Anlehnung an eine bewusste Intention verschmhen und also des
Vorwandes nicht bedrfen. Sie treten fr sich auf und werden zugelassen,
weil man Zweck und Absicht bei ihnen nicht vermutet. Man fhrt sie aus,
"ohne sich etwas bei ihnen zu denken", nur "rein zufllig", "wie um die
Hnde zu beschftigen", und man rechnet darauf, dass solche Auskunft der
Nachforschung nach der Bedeutung der Handlung ein Ende bereiten wird. Um
sich dieser Ausnahmsstellung erfreuen zu knnen, mssen diese
Handlungen, die nicht mehr die Entschuldigung der Ungeschicklichkeit in
Anspruch nehmen, bestimmte Bedingungen erfllen; sie mssen
_unauffllig_ und ihre Effekte mssen geringfgig sein.

Ich habe eine grosse Anzahl solcher Zufallshandlungen bei mir und
anderen gesammelt, und meine nach grndlicher Untersuchung der einzelnen
Beispiele, dass sie eher den Namen von _Symptomhandlungen_ verdienen.
Sie bringen etwas zum Ausdruck, was der Tter selbst nicht in ihnen
vermutet, und was er in der Regel nicht mitzuteilen, sondern fr sich zu
behalten beabsichtigt. Sie spielen also ganz so wie alle anderen bisher
betrachteten Phnomene die Rolle von Symptomen.

Die reichste Ausbeute an solchen Zufalls- oder Symptomhandlungen erhlt
man allerdings bei der psychoanalytischen Behandlung der Neurotiker. Ich
kann es mir nicht versagen, an zwei Beispielen dieser Herkunft zu
zeigen, wie weit und wie fein die Determinierung dieser unscheinbaren
Vorkommnisse durch unbewusste Gedanken getrieben ist. Die Grenze der
Symptomhandlungen gegen das Vergreifen ist so wenig scharf, dass ich
diese Beispiele auch im vorigen Abschnitt htte unterbringen knnen.

a) Eine junge Frau erzhlte als Einfall whrend der Sitzung, dass sie
sich gestern beim Ngelschneiden "ins Fleisch geschnitten, whrend sie
das feine Hutchen im Nagelbett abzutragen bemht war". Das ist so wenig
interessant, dass man sich verwundert fragt, wozu es berhaupt erinnert
und erwhnt wird, und auf die Vermutung gert, man habe es mit einer
Symptomhandlung zu tun. Es war auch wirklich der Ringfinger, an dem das
kleine Ungeschick vorfiel, der Finger, an dem man den Ehering trgt. Es
war berdies ihr Hochzeitstag, was der Verletzung des feinen Hutchens
einen ganz bestimmten, leicht zu erratenden Sinn verleiht. Sie erzhlt
auch gleichzeitig einen Traum, der auf die Ungeschicklichkeit ihres
Mannes und auf ihre Ansthesie als Frau anspielt. Warum war es aber der
Ringfinger der linken Hand, an dem sie sich verletzte, da man doch den
Ehering an der rechten Hand trgt? Ihr Mann ist Jurist, Doktor der
Rechte, und ihre geheime Neigung hatte als Mdchen einem Arzt
(scherzhaft: Doktor der Linke) gehrt. Eine Ehe zur linken Hand hat
auch ihre bestimmte Bedeutung.

b) Eine unverheiratete junge Dame erzhlt: "Ich habe gestern ganz
unabsichtlich eine 100 Guldennote in zwei Stcke gerissen und die Hlfte
davon einer mich besuchenden Dame gegeben. Soll das auch eine
Symptomhandlung sein?" Die genauere Erforschung deckt folgende
Einzelheiten auf: Die Hundertguldennote: Sie widmet einen Teil ihrer
Zeit und ihres Vermgens wohlttigen Werken. Gemeinsam mit einer anderen
Dame sorgt sie fr die Erziehung eines verwaisten Kindes. Die 100 Gulden
sind der ihr zugeschickte Beitrag jener Dame, den sie in ein Couvert
einschloss und vorlufig auf ihren Schreibtisch niederlegte.

Die Besucherin war eine angesehene Dame, der sie bei einer anderen
Wohlttigkeitsaktion beisteht. Diese Dame wollte eine Reihe von Namen
von Personen notieren, an die man sich um Untersttzung wenden knnte.
Es fehlte an Papier, da griff meine Patientin nach dem Couvert auf ihrem
Schreibtisch und riss es, ohne sich an seinen Inhalt zu besinnen, in
zwei Stcke, von denen sie eines selbst behielt, um ein Duplikat der
Namensliste zu haben, das andere ihrer Besucherin bergab. Man bemerke
die Harmlosigkeit dieses unzweckmssigen Vorgehens. Eine
Hundertguldennote erleidet bekanntlich keine Einbusse an ihrem Werte,
wenn sie zerrissen wird, falls sie sich aus den Rissstcken vollstndig
zusammensetzen lsst. Dass die Dame das Stck Papier nicht wegwerfen
wrde, war durch die Wichtigkeit der darauf stehenden Namen verbrgt,
und ebensowenig litt es einen Zweifel, dass sie den wertvollen Inhalt
zurckstellen wrde, sobald sie ihn bemerkt.

Welchem unbewussten Gedanken sollte aber diese Zufallshandlung, die sich
durch ein Vergessen ermglichte, Ausdruck geben? Die besuchende Dame
hatte eine ganz bestimmte Beziehung zu unserer Kur. Es war dieselbe, die
mich seinerzeit dem leidenden Mdchen als Arzt empfohlen, und wenn ich
nicht irre, hlt sich meine Patientin zum Dank fr diesen Rat
verpflichtet. Soll die halbierte Hundertguldennote etwa ein Honorar fr
diese Vermittlung darstellen? Das bliebe noch recht befremdlich.

Es kommt aber anderes Material hinzu. Einige Tage vorher hatte eine
Vermittlerin ganz anderer Art bei einer Verwandten angefragt, ob das
gndige Frulein wohl die Bekanntschaft eines gewissen Herrn machen
wolle, und am Morgen, einige Stunden vor dem Besuche der Dame, war der
Werbebrief des Freiers eingetroffen, der viel Anlass zur Heiterkeit
gegeben hatte. Als nun die Dame das Gesprch mit einer Erkundigung nach
dem Befinden meiner Patientin erffnete, konnte sie wohl gedacht haben:
"Den richtigen Arzt hast Du mir zwar empfohlen, wenn Du mir aber zum
richtigen Mann (und dahinter: zu einem Kind) verhelfen knntest, wre
ich Dir doch dankbarer." Von diesem verdrngt gehaltenen Gedanken aus
flossen ihr die beiden Vermittlerinnen in eins zusammen, und sie
berreichte der Besucherin das Honorar, das ihre Phantasie der anderen
zu geben bereit war. Vllig verbindlich wird diese Lsung, wenn ich
hinzufge, dass ich ihr erst am Abend vorher von solchen Zufalls- oder
Symptomhandlungen erzhlt hatte. Sie bediente sich dann der nchsten
Gelegenheit, um etwas Analoges zu produzieren.

Eine Gruppierung der so beraus hufigen Zufalls- und Symptomhandlungen
knnte man vornehmen, je nachdem sie gewohnheitsmssig, regelmssig
unter gewissen Umstnden, oder vereinzelt erfolgen. Die ersteren (wie
das Spielen mit der Uhrkette, das Zwirbeln am Bart etc.), die fast zur
Charakteristik der betreffenden Personen dienen knnen, streifen an die
mannigfaltigen Tikbewegungen und verdienen wohl im Zusammenhange mit
letzteren behandelt zu werden. Zur zweiten Gruppe rechne ich das
Spielen, wenn man einen Stock, das Kritzeln, wenn man einen Bleistift in
der Hand hlt, das Klimpern mit Mnzen in der Tasche, das Kneten von
Teig und anderen plastischen Stoffen, allerlei Hantierungen an seiner
Gewandung u.dgl. mehr. Unter diesen spielenden Beschftigungen
verbergen sich whrend der psychischen Behandlung regelmssig Sinn und
Bedeutung, denen ein anderer Ausdruck versagt ist. Gewhnlich weiss die
betreffende Person nichts davon, dass sie dergleichen tut, oder dass sie
gewisse Modifikationen an ihrem gewhnlichen Tndeln vorgenommen hat,
und sie bersieht und berhrt auch die Effekte dieser Handlungen. Sie
hrt z.B. das Gerusch nicht, das sie beim Klimpern mit Geldstcken
hervorbringt, und benimmt sich wie erstaunt und unglubig, wenn man sie
darauf aufmerksam macht. Ebenso ist alles, was man, oft ohne es zu
merken, mit seinen Kleidern vornimmt, bedeutungsvoll und der Beachtung
des Arztes wert. Jede Vernderung des gewohnten Aufzuges, jede kleine
Nachlssigkeit, wie etwa ein nicht schliessender Knopf, jede Spur von
Entblssung will etwas besagen, was der Eigentmer der Kleidung nicht
direkt sagen will, meist gar nicht zu sagen weiss. Die Deutungen dieser
kleinen Zufallshandlungen, sowie die Beweise fr diese Deutungen ergeben
sich jedesmal mit zureichender Sicherheit aus den Begleitumstnden
whrend der Sitzung, aus dem eben behandelten Thema und aus den
Einfllen, die sich einstellen, wenn man die Aufmerksamkeit auf die
anscheinende Zuflligkeit lenkt. Wegen dieses Zusammenhanges unterlasse
ich es, meine Behauptungen durch Mitteilung von Beispielen mit Analyse
zu untersttzen; ich erwhne diese Dinge aber, weil ich glaube, dass sie
bei normalen Menschen dieselbe Bedeutung haben wie bei meinen Patienten.

Ich kann etwa aus meiner psychotherapeutischen Erfahrung einen Fall
erzhlen, in dem die mit einem Klumpen Brotkrume spielende Hand eine
beredte Aussage ablegte. Mein Patient war ein noch nicht 13j., seit fast
zwei Jahren schwer hysterischer Knabe, den ich endlich in
psychoanalytische Behandlung nahm, nachdem ein lngerer Aufenthalt in
einer Wasserheilanstalt sich erfolglos erwiesen hatte. Er musste nach
meiner Voraussetzung sexuelle Erfahrungen gemacht haben und seiner
Altersstufe entsprechend von sexuellen Fragen geqult sein; ich htete
mich aber, ihm mit Aufklrungen zur Hilfe zu kommen, weil ich wieder
einmal eine Probe auf meine Voraussetzungen anstellen wollte. Ich durfte
also neugierig sein, auf welchem Wege sich das Gesuchte bei ihm andeuten
wrde. Da fiel es mir auf, dass er eines Tages irgend etwas zwischen den
Fingern der rechten Hand rollte, damit in die Tasche fuhr, dort weiter
spielte, es wieder hervorzog etc. Ich fragte nicht, was er in der Hand
habe; er zeigte es mir aber, indem er pltzlich die Hand ffnete. Es war
Brotkrume, die zu einem Klumpen zusammengeknetet war. In der nchsten
Sitzung brachte er wieder einen solchen Klumpen mit, formte aber aus
ihm, whrend wir das Gesprch fhrten, mit unglaublicher Raschheit und
bei geschlossenen Augen Figuren, die mein Interesse erregten. Es waren
unzweifelhaft Mnnchen mit Kopf, zwei Armen, zwei Beinen, wie die
rohesten prhistorischen Idole, und einem Fortsatz zwischen beiden
Beinen, den er in eine lange Spitze auszog. Kaum dass dieser gefertigt
war, knetete er das Mnnchen wieder zusammen; spter liess er es
bestehen, zog aber einen ebensolchen Fortsatz an der Rckenflche und an
anderen Stellen aus, um die Bedeutung des ersten zu verhllen. Ich
wollte ihm zeigen, dass ich ihn verstanden habe, ihm aber dabei die
Ausflucht benehmen, dass er sich bei dieser Menschen formenden Ttigkeit
nichts gedacht habe. In dieser Absicht fragte ich ihn pltzlich, ob er
sich an die Geschichte jenes rmischen Knigs erinnere, der dem
Abgesandten seines Sohnes eine pantomimische Antwort im Garten gegeben.
Der Knabe wollte sich nicht an das erinnern, was er doch vor so viel
krzerer Zeit als ich gelernt haben musste. Er fragte, ob das die
Geschichte von dem Sklaven sei, auf dessen glattrasierten Schdel man
die Antwort geschrieben habe. Nein, das gehrt in die griechische
Geschichte, sagte ich und erzhlte: Der Knig Tarquinius Priscus hatte
seinen Sohn Sextus veranlasst, sich in eine feindliche latinische Stadt
einzuschleichen. Der Sohn, der sich unterdes Anhang in dieser Stadt
verschafft hatte, schickte einen Boten an den Knig mit der Frage, was
nun weiter geschehen solle. Der Knig gab keine Antwort, sondern ging in
seinen Garten, liess sich dort die Frage wiederholen und schlug
schweigend die grssten und schnsten Mohnkpfe ab. Dem Boten blieb
nichts brig als dieses dem Sextus zu berichten, der den Vater verstand
und es sich angelegen sein liess, die angesehensten Brger der Stadt
durch Mord zu beseitigen.

Whrend ich redete, hielt der Knabe in seinem Kneten inne, und als ich
mich anschickte zu erzhlen, was der Knig in seinem Garten tat, schon
bei den Worten schlug schweigend, hatte er mit einer blitzschnellen
Bewegung seinem Mnnchen den Kopf abgerissen. Er hatte mich also
verstanden und gemerkt, dass er von mir verstanden worden war. Ich
konnte ihn nun direkt befragen, gab ihm die Ausknfte, um die es ihm zu
tun war, und wir hatten binnen kurzem der Neurose ein Ende gemacht.

Von den vereinzelten Zufallshandlungen will ich ein Beispiel mitteilen,
welches auch ohne Analyse eine tiefere Deutung zuliess, das die
Bedingungen trefflich erlutert, unter denen solche Symptome vollkommen
unauffllig produziert werden knnen, und an das sich eine praktisch
bedeutsame Bemerkung anknpfen lsst. Auf einer Sommerreise traf es
sich, dass ich einige Tage an einem gewissen Orte auf die Ankunft meines
Reisegefhrten zu warten hatte. Ich machte unterdes die Bekanntschaft
eines jungen Mannes, der sich gleichfalls einsam zu fhlen schien und
sich bereitwillig mir anschloss. Da wir in demselben Htel wohnten,
fgte es sich leicht, dass wir alle Mahlzeiten gemeinsam einnahmen und
Spaziergnge miteinander machten. Am Nachmittag des dritten Tages teilte
er mir pltzlich mit, dass er heute abends seine mit dem Eilzuge
anlangende Frau erwarte. Mein psychologisches Interesse wurde nun rege,
denn es war mir an meinem Gesellschafter bereits am Vormittag
aufgefallen, dass er meinen Vorschlag zu einer grsseren Partie
zurckgewiesen und auf unserem kleinen Spaziergang einen gewissen Weg
als zu steil und gefhrlich nicht hatte begehen wollen. Auf dem
Nachmittagsspaziergang behauptete er pltzlich, ich msste doch hungrig
sein, ich sollte doch ja nicht seinetwegen die Abendmahlzeit
aufschieben, er werde erst nach der Ankunft seiner Frau mit ihr zu Abend
essen. Ich verstand den Wink und setzte mich an den Tisch, whrend er
auf den Bahnhof ging. Am nchsten Morgen trafen wir uns in der Vorhalle
des Htels. Er stellte mir seine Frau vor und fgte hinzu: Sie werden
doch mit uns das Frhstck nehmen? Ich hatte noch eine kleine Besorgung
in der nchsten Strasse vor und versicherte, ich wrde bald nachkommen.
Als ich dann in den Frhstckssaal trat, sah ich, dass das Paar an einem
kleinen Fenstertisch Platz genommen hatte, auf dessen einer Seite sie
beide sassen. Auf der Gegenseite befand sich nur ein Sessel, aber ber
dessen Lehne hing der grosse und schwere Lodenmantel des Mannes herab,
den Platz verdeckend. Ich verstand sehr wohl den Sinn dieser gewiss
nicht absichtlichen, aber darum um so ausdrucksvolleren Lagerung. Es
hiess: fr Dich ist hier kein Platz, Du bist jetzt berflssig. Der Mann
bemerkte es nicht, dass ich vor dem Tische stehen blieb, ohne mich zu
setzen, wohl aber die Dame, die ihren Mann sofort anstiess und ihm
zuflsterte: Du hast ja dem Herrn den Platz verlegt.

Bei diesem wie bei anderen hnlichen Erlebnissen habe ich mir gesagt,
dass die unabsichtlich ausgefhrten Handlungen unvermeidlich zur Quelle
von Missverstndnissen im menschlichen Verkehr werden mssen. Der Tter,
der von einer mit ihnen verknpften Absicht nichts weiss, rechnet sich
dieselben nicht an und hlt sich nicht verantwortlich fr sie. Der
andere hingegen erkennt, indem er regelmssig auch solche Handlungen
seines Partners zu Schlssen ber dessen Absichten und Gesinnungen
verwertet, mehr von den psychischen Vorgngen des Fremden, als dieser
selbst zuzugeben bereit ist und mitgeteilt zu haben glaubt. Letzterer
aber entrstet sich, wenn ihm diese aus seinen Symptomhandlungen
gezogenen Schlsse vorgehalten werden, erklrt sie fr grundlos, da ihm
das Bewusstsein fr die Absicht bei der Ausfhrung fehlt, und klagt ber
Missverstndnis von Seiten des anderen. Genau besehen beruht ein solches
Missverstndnis auf einem Zufein- und Zuvielverstehen. Je nervser zwei
Menschen sind, desto eher werden sie einander Anlass zu Entzweiungen
bieten, deren Begrndung jeder fr seine eigene Person ebenso bestimmt
leugnet, wie er sie fr die Person des anderen als gesichert annimmt.
Und dies ist wohl die Strafe fr die innere Unaufrichtigkeit, dass die
Menschen unter den Vorwnden des Vergessens, Vergreifens und der
Unabsichtlichkeit Regungen den Ausdruck gestatten, die sie besser sich
und anderen eingestehen wrden, wenn sie sie schon nicht beherrschen
knnen. Man kann in der Tat ganz allgemein behaupten, dass jedermann
fortwhrend psychische Analyse an seinen Nebenmenschen betreibt und
diese infolgedessen besser kennen lernt als jeder einzelne sich selbst.
Der Weg zur Befolgung der Mahnung /gnthi seauton/ fhrt durch das
Studium seiner eigenen scheinbar zuflligen Handlungen und
Unterlassungen.




IX.

Irrtmer.


Die Irrtmer des Gedchtnisses sind vom Vergessen mit Fehlerinnern nur
durch den einen Zug unterschieden, dass der Irrtum (das Fehlerinnern)
nicht als solcher erkannt wird, sondern Glauben findet. Der Gebrauch des
Ausdruckes Irrtum scheint aber noch an einer anderen Bedingung zu
hngen. Wir sprechen von Irren anstatt von falsch Erinnern, wo in
dem zu reproduzierenden psychischen Material der Charakter der
objektiven Realitt hervorgehoben werden soll, wo also etwas anderes
erinnert werden soll als eine Tatsache meines eigenen psychischen
Lebens, vielmehr etwas, was der Besttigung oder Widerlegung durch die
Erinnerung anderer zugnglich ist. Den Gegensatz zum Gedchtnisirrtum in
diesem Sinn bildet die Unwissenheit.

In meinem Buche Die Traumdeutung (1900) habe ich mich einer Reihe von
Verflschungen an geschichtlichem und berhaupt tatschlichem Material
schuldig gemacht, auf die ich nach dem Erscheinen des Buches mit
Verwunderung aufmerksam geworden bin. Ich habe bei nherer Prfung
derselben gefunden, dass sie nicht meiner Unwissenheit entsprungen sind,
sondern sich auf Irrtmer des Gedchtnisses zurckleiten, welche sich
durch Analyse aufklren lassen.

a) Auf p.266 bezeichne ich als den Geburtsort _Schillers_ die Stadt
_Marburg_, deren Name in der Steiermark wiederkehrt. Der Irrtum findet
sich in der Analyse eines Traumes whrend einer Nachtreise, aus dem ich
durch den vom Kondukteur ausgerufenen Stationsnamen _Marburg_ geweckt
wurde. Im Trauminhalt wird nach einem Buch von _Schiller_ gefragt. Nun
ist _Schiller_ nicht in der Universittsstadt _Marburg_, sondern in dem
schwbischen _Marbach_ geboren. Ich behaupte auch, dass ich dies immer
gewusst habe.

b) Auf p.135 wird _Hannibals_ Vater _Hasdrubal_ genannt. Dieser Irrtum
war mir besonders rgerlich, hat mich aber in der Auffassung solcher
Irrtmer am meisten bestrkt. In der Geschichte der _Barkiden_ drften
wenige der Leser des Buches besser Bescheid wissen als der Verfasser,
der diesen Fehler niederschrieb und ihn bei drei Korrekturen bersah.
Der Vater _Hannibals_ hiess _Hamilkar Barkas_, _Hasdrubal_ war der Name
von _Hannibals_ Bruder, brigens auch der seines Schwagers und
Vorgngers im Kommando.

c) Auf p.177 und p.370 behaupte ich, dass _Zeus_ seinen Vater Kronos
entmannt und ihn vom Throne strzt. Diesen Greuel habe ich aber
irrtmlich um eine Generation vorgeschoben; die griechische Mythologie
lsst ihn von _Kronos_ an seinem Vater _Uranos_ verben.

Wie ist es nun zu erklren, dass mein Gedchtnis in diesen Punkten
Ungetreues lieferte, whrend es mir sonst, wie sich Leser des Buches
berzeugen knnen, das entlegenste und ungebruchlichste Material zur
Verfgung stellte? Und ferner, dass ich bei drei sorgfltig
durchgefhrten Korrekturen wie mit Blindheit geschlagen an diesen
Irrtmern vorbeiging?

Man hat von _Lichtenberg_ gesagt, wo er einen Witz gemacht habe, dort
liege ein Problem verborgen. hnlich kann man ber die hier angefhrten
Stellen meines Buches behaupten: wo ein Irrtum vorliegt, da steckt eine
Verdrngung dahinter. Richtiger gesagt: eine Unaufrichtigkeit, eine
Entstellung, die schliesslich auf Verdrngtem fusst. Ich bin bei der
Analyse der dort mitgeteilten Trume durch die blosse Natur der Themata,
auf welche sich die Traumgedanken beziehen, gentigt gewesen, einerseits
die Analyse irgendwo vor ihrer Abrundung abzubrechen, andererseits einer
indiskreten Einzelheit durch eine leise Entstellung die Schrfe zu
benehmen. Ich konnte nicht anders und hatte auch keine andere Wahl, wenn
ich berhaupt Beispiele und Belege vorbringen wollte; meine Zwangslage
leitete sich mit Notwendigkeit aus der Eigenschaft der Trume ab,
Verdrngtem, d.h. Bewusstseinsunfhigem, Ausdruck zu geben. Es drfte
trotzdem genug brig geblieben sein, woran empfindlichere Seelen Anstoss
genommen haben. Die Entstellung oder Verschweigung der mir selbst noch
bekannten fortsetzenden Gedanken hat sich nun nicht spurlos durchfhren
lassen. Was ich unterdrcken wollte, hat sich oftmals wider meinen
Willen den Zugang in das von mir Aufgenommene erkmpft und ist darin als
von mir unbemerkter Irrtum zum Vorschein gekommen. In allen drei
hervorgehobenen Beispielen liegt brigens das nmliche Thema zu Grunde;
die Irrtmer sind Abkmmlinge verdrngter Gedanken, die sich mit meinem
verstorbenen Vater beschftigen.

ad.a) Wer den auf p.266 analysierten Traum durchliest, wird teils
unverhllt erfahren, teils aus Andeutungen erraten knnen, dass ich bei
Gedanken abgebrochen habe, die eine unfreundliche Kritik am Vater
enthalten htten. In der Fortsetzung dieses Zuges von Gedanken und
Erinnerungen liegt nun eine rgerliche Geschichte, in welcher Bcher
eine Rolle spielen und ein Geschftsfreund des Vaters, der den Namen
_Marburg_ fhrt, denselben Namen, durch dessen Anruf in der
gleichnamigen Sdbahnstation ich aus dem Schlaf geweckt wurde. Diesen
Herrn _Marburg_ wollte ich bei der Analyse mir und den Lesern
unterschlagen; er rchte sich dadurch, dass er sich dort einmengte, wo
er nicht hingehrt, und den Namen des Geburtsortes _Schillers_ aus
_Marbach_ in _Marburg_ vernderte.

ad.b) Der Irrtum _Hasdrubal_ anstatt _Hamilkar_, der Name des Bruders
an Stelle des Namens des Vaters, ereignet sich gerade in einem
Zusammenhange, der von den Hannibalphantasien meiner Gymnasiastenjahre
und von meiner Unzufriedenheit mit dem Benehmen des Vaters gegen die
Feinde unseres Volkes handelt. Ich htte fortsetzen und erzhlen
knnen, wie mein Verhltnis zum Vater durch einen Besuch in England
verndert wurde, der mich die Bekanntschaft meines dort lebenden
Halbbruders aus frherer Ehe des Vaters machen liess. Mein Bruder hat
einen ltesten Sohn, der mir gleichalterig ist; die Phantasien, wie
anders es geworden wre, wenn ich nicht als Sohn des Vaters, sondern des
Bruders zur Welt gekommen wre, fanden also kein Hindernis an den
Altersrelationen. Diese unterdrckten Phantasien flschten nun an der
Stelle, wo ich in der Analyse abbrach, den Text meines Buches, indem sie
mich ntigten, den Namen des Bruders fr den des Vaters zu setzen.

ad.c) Dem Einfluss der Erinnerung an diesen selben Bruder schreibe ich
es zu, dass ich die mythologischen Greuel der griechischen Gtterwelt um
eine Generation vorgeschoben habe. Von den Mahnungen des Bruders ist mir
lange Zeit eine im Gedchtnis geblieben: "Vergiss nicht, in Bezug auf
Lebensfhrung, eines", hatte er mir gesagt, "dass Du nicht der zweiten,
sondern eigentlich der dritten Generation vom Vater aus angehrst."
Unser Vater hatte sich in spteren Jahren wieder verheiratet und war um
so vieles lter als seine Kinder zweiter Ehe. Ich begehe den
besprochenen Irrtum im Buche gerade, wo ich von der Piett zwischen
Eltern und Kindern handle.

Es ist auch einige Male vorgekommen, dass Freunde und Patienten, deren
Trume ich berichtete, oder auf die ich in den Traumanalysen anspielte,
mich aufmerksam machten, die Umstnde der gemeinsam erlebten Begebenheit
seien von mir ungenau erzhlt worden. Das wren nun wiederum historische
Irrtmer. Ich habe die einzelnen Flle nach der Richtigstellung
nachgeprft und mich gleichfalls berzeugt, dass meine Erinnerung des
Sachlichen nur dort ungetreu war, wo ich in der Analyse etwas mit
Absicht entstellt oder verhehlt hatte. Auch hier wieder _ein unbemerkter
Irrtum als Ersatz fr eine absichtliche Verschweigung oder Verdrngung_.

Von diesen Irrtmern, die der Verdrngung entspringen, heben sich scharf
andere ab, die auf wirklicher Unwissenheit beruhen. So war es z.B.
Unwissenheit, wenn ich auf einem Ausflug in die _Wachau_ den Aufenthalt
des Revolutionrs _Fischhof_ berhrt zu haben glaubte. Die beiden Orte
haben nur den Namen gemein; das _Emmersdorf_ _Fischhofs_ liegt in
Krnthen. Ich wusste es aber nicht anders.

Man wird vielleicht nicht geneigt sein, die Klasse von Irrtmern, fr
die ich hier die Aufklrung gebe, fr sehr zahlreich oder besonders
bedeutungsvoll zu halten. Ich gebe aber zu bedenken, ob man nicht Grund
hat, die gleichen Gesichtspunkte auch auf die Beurteilung der ungleich
wichtigeren _Urteilsirrtmer_ der Menschen im Leben und in der
Wissenschaft auszudehnen. Nur den auserlesensten und ausgeglichensten
Geistern scheint es mglich zu sein, das Bild der wahrgenommenen
usseren Realitt vor der Verzerrung zu bewahren, die es sonst beim
Durchgang durch die psychische Individualitt des Wahrnehmenden erfhrt.




X.

Determinismus. -- Zufalls- und Aberglauben. -- Gesichtspunkte.


Als das allgemeine Ergebnis der vorstehenden Einzelerrterungen kann man
folgende Einsicht hinstellen: _Gewisse Unzulnglichkeiten unserer
psychischen Leistungen_ -- deren gemeinsamer Charakter sogleich nher
bestimmt werden soll -- _und gewisse absichtslos erscheinende
Verrichtungen erweisen sich, wenn man das Verfahren der
psychoanalytischen Untersuchung auf sie anwendet, als wohlmotiviert und
durch dem Bewusstsein unbekannte Motive determiniert_.

Um in die Klasse der so zu erklrenden Phnomene eingereiht zu werden,
muss eine psychische Fehlleistung folgenden Bedingungen gengen:

a) Sie darf nicht ber ein gewisses Mass hinausgehen, welches von
unserer Schtzung festgesetzt ist und durch den Ausdruck innerhalb der
Breite des Normalen bezeichnet wird.

b) Sie muss den Charakter der momentanen und zeitweiligen Strung an
sich tragen. Wir mssen die nmliche Leistung vorher korrekter
ausgefhrt haben oder uns jederzeit zutrauen, sie korrekter auszufhren.
Wenn wir von anderer Seite korrigiert werden, mssen wir die Richtigkeit
der Korrektur und die Unrichtigkeit unseres eigenen psychischen
Vorganges sofort erkennen.

c) Wenn wir die Fehlleistung berhaupt wahrnehmen, drfen wir von einer
Motivierung derselben nichts in uns verspren, sondern mssen versucht
sein, sie durch Unaufmerksamkeit zu erklren oder als Zuflligkeit
hinzustellen.

Es verbleiben somit in dieser Gruppe die Flle von Vergessen und die
Irrtmer bei besserem Wissen, das Versprechen, Verlesen, Verschreiben,
Vergreifen und die sog. Zufallshandlungen. Die gleiche Zusammensetzung
mit der Vorsilbe _ver_ deutet fr die meisten dieser Phnomene die
innere Gleichartigkeit sprachlich an. An die Aufklrung dieser so
bestimmten psychischen Vorgnge knpft aber eine Reihe von Bemerkungen
an, die zum Teil ein weitergehendes Interesse erwecken drfen.

I. Indem wir einen Teil unserer psychischen Leistungen als unaufklrbar
durch Zielvorstellungen preisgeben, verkennen wir den Umfang der
Determinierung im Seelenleben. Dieselbe reicht hier und noch auf anderen
Gebieten weiter, als wir es vermuten. Ich habe im Jahre 1900 in einem
Aufsatz des Literarhistorikers _R. M. Meyer_ in der Zeit ausgefhrt
und an Beispielen erlutert gefunden, dass es unmglich ist, absichtlich
und willkrlich einen Unsinn zu komponieren. Seit lngerer Zeit weiss
ich, dass man es nicht zustande bringt, sich eine Zahl nach freiem
Belieben einfallen zu lassen, ebensowenig wie etwa einen Namen.
Untersucht man die scheinbar willkrlich gebildete, etwa mehrstellige,
wie im Scherz oder bermut ausgesprochene Zahl, so erweist sich deren
strenge Determinierung, die man wirklich nicht fr mglich gehalten
htte. Ich will nun zunchst ein Beispiel eines willkrlich gewhlten
Vornamens kurz errtern und dann ein analoges Beispiel einer
gedankenlos hingeworfenen Zahl ausfhrlicher analysieren.

a) Im Begriffe, die Krankengeschichte einer meiner Patientinnen fr die
Publikation herzurichten, erwge ich, welchen Vornamen ich ihr in der
Arbeit geben soll. Die Auswahl scheint sehr gross; gewiss schliessen
sich einige Namen von vorne herein aus, in erster Linie der echte Name,
sodann die Namen meiner eigenen Familienangehrigen, an denen ich
Anstoss nehmen wrde, etwa noch andere Frauennamen von besonders
seltsamem Klang; im brigen aber brauchte ich um einen solchen Namen
nicht verlegen zu sein. Man sollte erwarten und ich erwarte selbst, dass
sich mir eine ganze Schar weiblicher Namen zur Verfgung stellen wird.
Anstatt dessen taucht ein einzelner auf, kein zweiter neben ihm, der
Name _Dora_. Ich frage nach seiner Determinierung. Wer heisst denn nur
sonst Dora? Unglubig mchte ich den nchsten Einfall zurckweisen, der
lautet, dass das Kindermdchen meiner Schwester so heisst. Aber ich
besitze soviel Selbstzucht oder bung im Analysieren, dass ich den
Einfall festhalte und weiterspinne. Da fllt mir auch sofort eine kleine
Begebenheit des vorigen Abends ein, welche die gesuchte Determinierung
bringt. Ich sah auf dem Tisch im Speisezimmer meiner Schwester einen
Brief liegen mit der Aufschrift: "An Frulein Rosa W." Erstaunt fragte
ich, wer so heisst, und wurde belehrt, dass die vermeintliche Dora
eigentlich Rosa heisst, und diesen ihren Namen beim Eintritt ins Haus
ablegen musste, weil meine Schwester den Ruf Rosa auch auf ihre eigene
Person beziehen kann. Ich sage bedauernd: Die armen Leute, nicht einmal
ihren Namen knnen sie beibehalten! Wie ich mich jetzt besinne, wurde
ich dann fr einen Moment still und begann an allerlei ernsthafte Dinge
zu denken, die ins Unklare verliefen, die ich mir jetzt aber leicht
bewusst machen knnte. Als ich dann am nchsten Tag nach einem Namen fr
eine Person suchte, _die ihren eigenen nicht beibehalten durfte_, fiel
mir kein anderer als Dora ein. Die Ausschliesslichkeit beruht hier auf
fester inhaltlicher Verknpfung, denn in der Geschichte meiner Patientin
rhrte ein auch fr den Verlauf der Kur entscheidender Einfluss von der
im fremden Haus dienenden Person, von einer Gouvernante, her.

b) In einem Briefe an meinen Freund in B. kndige ich ihm an, dass ich
jetzt die Korrekturen der Traumdeutung abgeschlossen habe und nichts
mehr an dem Werk ndern will, mge es auch =2467= Fehler enthalten.
Ich versuche sofort, mir diese Zahl aufzuklren und fge die kleine
Analyse noch als Nachschrift dem Briefe an. Am besten zitiere ich jetzt,
wie ich damals geschrieben, als ich mich auf frischer Tat ertappte:

"Noch rasch einen Beitrag zur Psychopathologie des Alltagslebens. Du
findest im Brief die Zahl 2467 als bermtige Willkrschtzung der
Fehler, die sich im Traumbuch finden werden. Es soll heissen: irgend
eine grosse Zahl, und da stellt sich diese ein. Nun gibt es aber nichts
Willkrliches, Undeterminiertes im Psychischen. Du wirst also auch mit
Recht erwarten, dass das Unbewusste sich beeilt hat, die Zahl zu
determinieren, die von dem Bewussten freigelassen wurde. Nun hatte ich
gerade vorher in der Zeitung gelesen, dass ein General E.M. als
Feldzeugmeister in den Ruhestand getreten. Du musst wissen, der Mann
interessiert mich. Whrend ich als militrrztlicher Eleve diente, kam
er einmal, damals Oberst, in den Krankenstand und sagte zum Arzt: "Sie
mssen mich aber in 8 Tagen gesund machen, denn ich habe etwas zu
arbeiten, worauf der Kaiser wartet." Damals nahm ich mir vor, die
Laufbahn des Mannes zu verfolgen, und siehe da, heute (1899) ist er am
Ende derselben, Feldzeugmeister und schon im Ruhestande. Ich wollte
ausrechnen, in welcher Zeit er diesen Weg zurckgelegt, und nahm an,
dass ich ihn 1882 im Spital gesehen. Das wren also 17 Jahre. Ich
erzhle meiner Frau davon und sie bemerkt: "Da msstest Du also auch
schon im Ruhestande sein?" Und ich protestiere: Davor bewahre mich Gott.
Nach diesem Gesprch setze ich mich an den Tisch, um Dir zu schreiben.
Der frhere Gedankengang setzt sich aber fort und mit gutem Recht. Es
war falsch gerechnet; ich habe einen festen Punkt dafr in meiner
Erinnerung. Meine Grossjhrigkeit, meinen =24.= Geburtstag also, habe
ich im Militrarrest gefeiert (weil ich mich eigenmchtig absentiert
hatte). Das war also 1880; es sind 19 Jahre her. Da hast Du nun die Zahl
=24= in 2467! Nimm nun meine Alterszahl 43 und gib 24 Jahre hinzu, so
bekommst Du die =67=! D.h. auf die Frage, ob ich auch in den Ruhestand
treten will, habe ich mir im Wunsch noch 24 Jahre Arbeit zugelegt.
Offenbar bin ich gekrnkt darber, dass ich es in dem Intervall, durch
das ich den Oberst M. verfolgt, selbst nicht weit gebracht habe, und
doch wie in einer Art von Triumph darber, dass er jetzt schon fertig
ist, whrend ich noch Alles vor mir habe. Da darf man doch mit Recht
sagen, dass nicht einmal die absichtslos hingeworfene Zahl 2467 ihrer
Determinierung aus dem Unbewussten entbehrt."

Seit diesem ersten Beispiel von Aufklrung einer scheinbar willkrlich
gewhlten Zahl habe ich den gleichen Versuch vielmals mit dem nmlichen
Erfolg wiederholt; aber die meisten Flle sind so sehr intimen Inhalts,
dass sie sich der Mitteilung entziehen. Gerade an diesen Analysen ist
mir zweierlei besonders auffllig: Erstens die geradezu somnambule
Sicherheit, mit der ich auf das mir unbekannte Ziel losgehe, mich in
einen rechnenden Gedankengang versenke, der dann pltzlich bei der
gesuchten Zahl angelangt ist, und die Raschheit, mit der sich die ganze
Nacharbeit vollzieht; zweitens aber der Umstand, dass die Zahlen meinem
unbewussten Denken so bereitwillig zur Verfgung stehen, whrend ich
ein schlechter Rechner bin und die grssten Schwierigkeiten habe, mir
Jahreszahlen, Hausnummern und dergleichen bewusst zu merken. Ich finde
brigens in diesen unbewussten Gedankenoperationen mit Zahlen eine
Neigung zum Aberglauben, deren Herkunft mir selbst noch fremd ist. Meist
stosse ich auf Spekulationen ber die Lebensdauer meiner selbst und der
mir teuren Personen, und bestimmend auf die unbewussten Spielereien muss
eingewirkt haben, dass mein Freund in B. die Lebenszeiten der Menschen
zum Gegenstand seiner auf biologische Einheiten gegrndeten Rechnungen
genommen hat. Ich bin nun mit einer der Voraussetzungen, von denen er
hierbei ausgeht, nicht einverstanden, mchte aus hchst egoistischen
Motiven gerne gegen ihn Recht behalten und scheine nun diese Rechnungen
auf meine Art nachzuahmen.

II. Diese Einsicht in die Determinierung scheinbar willkrlich gewhlter
Namen und Zahlen kann vielleicht zur Klrung eines anderen Problems
beitragen. Gegen die Annahme eines durchgehenden psychischen
Determinismus berufen sich bekanntlich viele Personen auf ein besonderes
berzeugungsgefhl fr die Existenz eines freien Willens. Dieses
berzeugungsgefhl besteht und weicht auch dem Glauben an den
Determinismus nicht. Es muss wie alle normalen Gefhle durch irgend
etwas berechtigt sein. Es ussert sich aber, soviel ich beobachten kann,
nicht bei den grossen und wichtigen Willensentscheidungen; bei diesen
Gelegenheiten hat man vielmehr die Empfindung des psychischen Zwanges
und beruft sich auf sie ("Hier stehe ich, ich kann nicht anders").
Hingegen mchte man gerade bei den belanglosen, indifferenten
Entschliessungen versichern, dass man ebensowohl anders htte handeln
knnen, dass man aus freiem, nicht motiviertem Willen gehandelt hat.
Nach unseren Analysen braucht man nun das Recht des berzeugungsgefhles
vom freien Willen nicht zu bestreiten. Fhrt man die Unterscheidung der
Motivierung aus dem Bewussten von der Motivierung aus dem Unbewussten
ein, so berichtet uns das berzeugungsgefhl, dass die bewusste
Motivierung sich nicht auf alle unsere motorischen Entscheidungen
erstreckt. Minima non curat praetor. Was aber so von der einen Seite
frei gelassen wird, das empfngt seine Motivierung von anderer Seite,
aus dem Unbewussten, und so ist die Determinierung im Psychischen doch
lckenlos durchgefhrt.

III. Wenngleich dem bewussten Denken die Kenntnis von der Motivierung
der besprochenen Fehlleistungen nach der ganzen Sachlage abgehen muss,
so wre es doch erwnscht, einen psychologischen Beweis fr deren
Existenz aufzufinden; ja es ist aus Grnden, die sich bei nherer
Kenntnis des Unbewussten ergeben, wahrscheinlich, dass solche Beweise
irgendwo auffindbar sind. Es lassen sich wirklich auf zwei Gebieten
Phnomene nachweisen, welche einer unbewussten und darum verschobenen
Kenntnis von dieser Motivierung zu entsprechen scheinen.

a) Es ist ein aufflliger und allgemein bemerkter Zug im Verhalten der
Paranoiker, dass sie den kleinen, sonst von uns vernachlssigten Details
im Benehmen der anderen die grsste Bedeutung beilegen, dieselben
ausdeuten und zur Grundlage weitgehender Schlsse machen. Der letzte
Paranoiker z.B., den ich gesehen habe, schloss auf ein allgemeines
Einverstndnis in seiner Umgebung, weil die Leute bei seiner Abreise auf
dem Bahnhof eine gewisse Bewegung mit der einen Hand gemacht hatten. Ein
anderer hat die Art notiert, wie die Leute auf der Strasse gehen, mit
den Spazierstcken fuchteln u.dgl.[24]

Die Kategorie des Zuflligen, der Motivierung nicht Bedrftigen, welche
der Normale fr einen Teil seiner eigenen psychischen Leistungen und
Fehlleistungen gelten lsst, verwirft der Paranoiker also in der
Anwendung auf die psychischen usserungen der anderen. Alles, was er an
den anderen bemerkt, ist bedeutungsvoll, alles ist deutbar. Wie kommt er
nur dazu? Er projiziert wahrscheinlich in das Seelenleben der anderen,
was im eigenen unbewusst vorhanden ist, hier wie in so vielen hnlichen
Fllen. In der Paranoia drngt sich eben so vielerlei zum Bewusstsein
durch, was wir bei Normalen und Neurotikern erst durch die Psychoanalyse
als im Unbewussten vorhanden nachweisen.[25] Der Paranoiker hat also
hierin in gewissem Sinne Recht, er erkennt etwas, was dem Normalen
entgeht, er sieht schrfer als das normale Denkvermgen, aber die
Verschiebung des so erkannten Sachverhaltes auf andere macht seine
Erkenntnis wertlos. Die Rechtfertigung der einzelnen paranoischen
Deutungen wird man dann hoffentlich von mir nicht erwarten. Das Stck
Berechtigung aber, welches wir der Paranoia bei dieser Auffassung der
Zufallshandlungen zugestehen, wird uns das psychologische Verstndnis
der berzeugung erleichtern, welche sich beim Paranoiker an alle diese
Deutungen geknpft hat. _Es ist eben etwas Wahres daran_; auch unsere
nicht als krankhaft zu bezeichnenden Urteilsirrtmer erwerben das ihnen
zugehrige berzeugungsgefhl auf keine andere Art. Dies _Gefhl_ ist
fr ein gewisses Stck des irrtmlichen Gedankenganges oder fr die
Quelle, aus der er stammt, berechtigt und wird dann von uns auf den
brigen Zusammenhang ausgedehnt.

b) Ein anderer Hinweis auf die unbewusste und verschobene Kenntnis der
Motivierung bei Zufalls- und Fehlleistungen findet sich in den
Phnomenen des Aberglaubens. Ich will meine Meinung durch die Diskussion
des kleinen Erlebnisses klar legen, welches fr mich der Ausgangspunkt
dieser berlegungen war.

Von den Ferien zurckgekehrt, richten sich meine Gedanken alsbald auf
die Kranken, die mich in dem neu beginnenden Arbeitsjahr beschftigen
sollen. Mein erster Weg gilt einer sehr alten Dame, bei der ich (siehe
oben) seit Jahren die nmlichen rztlichen Manipulationen zweimal
tglich vornehme. Wegen dieser Gleichfrmigkeit haben sich unbewusste
Gedanken sehr hufig auf dem Wege zu der Kranken und whrend der
Beschftigung mit ihr Ausdruck verschafft. Sie ist ber 90 Jahre alt; es
liegt also nahe, sich bei Beginn eines jeden Jahres zu fragen, wie lange
sie wohl noch zu leben hat. An dem Tage, von dem ich erzhle, habe ich
Eile, nehme also einen Wagen, der mich vor ihr Haus fhren soll. Jeder
der Kutscher auf dem Wagenstandplatz vor meinem Hause kennt die Adresse
der alten Frau, denn jeder hat mich schon oftmals dahin gefhrt. Heute
ereignet es sich nun, dass der Kutscher nicht vor ihrem Hause, sondern
vor dem gleichbezifferten in einer nahegelegenen und wirklich hnlich
aussehenden Parallelstrasse Halt macht. Ich merke den Irrtum und werfe
ihn dem Kutscher vor, der sich entschuldigt. Hat das nun etwas zu
bedeuten, dass ich vor ein Haus gefhrt werde, in dem ich die alte Dame
nicht vorfinde? Fr mich gewiss nicht, aber wenn ich _aberglubisch_
wre, wrde ich in dieser Begebenheit ein Vorzeichen erblicken, einen
Fingerzeig des Schicksals, dass dies Jahr das letzte fr die alte Frau
sein wird. Recht viele Vorzeichen, welche die Geschichte aufbewahrt hat,
sind in keiner besseren Symbolik begrndet gewesen. _Ich_ erklre
allerdings den Vorfall fr eine Zuflligkeit ohne weiteren Sinn.

Ganz anders lge der Fall, wenn ich den Weg zu Fuss gemacht und dann in
Gedanken, in der Zerstreutheit vor das Haus der Parallelstrasse
anstatt vors richtige gekommen wre. Das wrde ich fr keinen Zufall
erklren, sondern fr eine der Deutung bedrftige Handlung mit
unbewusster Absicht. Diesem _Vergehen_ msste ich wahrscheinlich die
Deutung geben, dass ich die alte Dame bald nicht mehr anzutreffen
erwarte.

Ich unterscheide mich also von einem Aberglubischen in folgendem:

Ich glaube nicht, dass ein Ereignis, an dessen Zustandekommen mein
Seelenleben unbeteiligt ist, mir etwas Verborgenes ber die zuknftige
Gestaltung der Realitt lehren kann; ich glaube aber, dass eine
unbeabsichtigte usserung meiner eigenen Seelenttigkeit mir allerdings
etwas Verborgenes enthllt, was wiederum nur meinem Seelenleben
angehrt; ich glaube zwar an usseren (realen) Zufall, aber nicht an
innere (psychische) Zuflligkeit. Der Aberglubische umgekehrt: er weiss
nichts von der Motivierung seiner zuflligen Handlungen und
Fehlleistungen, er glaubt, dass es psychische Zuflligkeiten gibt; dafr
ist er geneigt, dem usseren Zufall eine Bedeutung zuzuschreiben, die
sich im realen Geschehen ussern wird, im Zufall ein Ausdrucksmittel fr
etwas draussen ihm Verborgenes zu sehen. Die Unterschiede zwischen mir
und dem Aberglubischen sind zwei: erstens projiziert er eine
Motivierung nach aussen, die ich innen suche; zweitens deutet er den
Zufall durch ein Geschehen, den ich auf einen Gedanken zurckfhre. Aber
das Verborgene bei ihm entspricht dem Unbewussten bei mir, und der
Zwang, den Zufall nicht als Zufall gelten zu lassen, sondern ihn zu
deuten, ist uns beiden gemeinsam.

Ich nehme nun an, dass diese bewusste Unkenntnis und unbewusste Kenntnis
von der Motivierung der psychischen Zuflligkeiten eine der psychischen
Wurzeln des Aberglaubens ist. _Weil_ der Aberglubische von der
Motivierung der eigenen zuflligen Handlungen nichts weiss, und weil die
Tatsache dieser Motivierung nach einem Platz in seiner Anerkennung
drngt, ist er gentigt, sie durch Verschiebung in der Aussenwelt
unterzubringen. Besteht ein solcher Zusammenhang, so wird er kaum auf
diesen einzelnen Fall beschrnkt sein. Ich glaube in der Tat, dass ein
grosses Stck der mythologischen Weltauffassung, die weit bis in die
modernsten Religionen hinein reicht, _nichts anderes ist als in die
Aussenwelt projizierte Psychologie_. Die dunkle Erkenntnis psychischer
Faktoren und Verhltnisse[26] des Unbewussten spiegelt sich -- es ist
schwer, es anders zu sagen, die Analogie mit der Paranoia muss hier zur
Hilfe genommen werden -- in der Konstruktion einer _bersinnlichen
Realitt_, welche von der Wissenschaft in _Psychologie des Unbewussten_
zurckverwandelt werden soll. Man knnte sich getrauen, die Mythen vom
Paradies und Sndenfall, von Gott, vom Guten und Bsen, von der
Unsterblichkeit und dgl. in solcher Weise aufzulsen, die _Metaphysik_
in _Metapsychologie_ umzusetzen. Die Kluft zwischen der Verschiebung des
Paranoikers und der des Aberglubischen ist minder gross, als sie auf
den ersten Blick erscheint. Als die Menschen zu denken begannen, waren
sie bekanntlich gentigt, die Aussenwelt anthropomorphisch in eine
Vielheit von Persnlichkeiten nach ihrem Gleichnis aufzulsen; die
Zuflligkeiten, die sie aberglubisch deuteten, waren also Handlungen,
usserungen von Personen, und sie haben sich demnach genau so benommen
wie die Paranoiker, welche aus den unscheinbaren Anzeichen, die ihnen
die Anderen geben, Schlsse ziehen, und wie die Gesunden alle, welche
mit Recht die zuflligen und unbeabsichtigten Handlungen ihrer
Nebenmenschen zur Grundlage der Schtzung ihres Charakters machen. Der
Aberglaube erscheint nur so sehr deplaziert in unserer modernen,
naturwissenschaftlichen, aber noch keineswegs abgerundeten
Weltanschauung; in der Weltanschauung vorwissenschaftlicher Zeiten und
Vlker war er berechtigt und konsequent.

Der Rmer, der eine wichtige Unternehmung aufgab, wenn ihm ein widriger
Vogelflug begegnete, war also relativ im Recht; er handelte konsequent
nach seinen Voraussetzungen. Wenn er aber von der Unternehmung abstand,
weil er an der Schwelle seiner Tr gestolpert war (Un Romain
retournerait), so war er uns Unglubigen auch absolut berlegen, ein
besserer Seelenkundiger, als wir uns zu sein bemhen. Denn dies Stolpern
konnte ihm die Existenz eines Zweifels, einer Gegenstrmung in seinem
Innern beweisen, deren Kraft sich im Momente der Ausfhrung von der
Kraft seiner Intention abziehen konnte. Des vollen Erfolges ist man
nmlich nur dann sicher, wenn alle Seelenkrfte einig dem gewnschten
Ziel entgegenstreben. Wie antwortet _Schillers_ _Tell_, der so lange
gezaudert, den Apfel vom Haupt seines Knaben zu schiessen, auf die Frage
des Vogts, wozu er den zweiten Pfeil eingesteckt?

    "Mit diesem zweiten Pfeil durchbohrt' ich -- Euch,
    Wenn ich mein liebes Kind getroffen htte,
    Und _Euer_ -- wahrlich -- htt' ich _nicht_ gefehlt."

IV. Als ich unlngst Gelegenheit hatte, einem philosophisch gebildeten
Kollegen einige Beispiele von Namenvergessen mit Analyse vorzutragen,
beeilte er sich zu erwidern: Das ist sehr schn, aber bei mir geht das
Namenvergessen anders zu. So leicht darf man es sich offenbar nicht
machen; ich glaube nicht, dass mein Kollege je vorher an eine Analyse
bei Namenvergessen gedacht hatte; er konnte auch nicht sagen, wie es bei
ihm anders zugehe. Aber seine Bemerkung trifft doch ein Problem, welches
viele in den Vordergrund zu stellen geneigt sein werden. Trifft die hier
gegebene Auflsung der Fehl- und Zufallshandlungen allgemein zu oder nur
vereinzelt, und wenn letzteres, welches sind die Bedingungen, unter
denen sie zur Erklrung der auch anderswie ermglichten Phnomene
herangezogen werden darf? Bei der Beantwortung dieser Frage lassen mich
meine Erfahrungen im Stiche. Ich kann nur davon abmahnen, den
aufgezeigten Zusammenhang fr selten zu halten, denn so oft ich bei mir
selbst und bei meinen Patienten die Probe angestellt, hat er sich wie in
den mitgeteilten Beispielen sicher nachweisen lassen oder haben sich
wenigstens gute Grnde, ihn zu vermuten, ergeben. Es ist nicht zu
verwundern, wenn es nicht alle Male gelingt, den verborgenen Sinn der
Symptomhandlung zu finden, da die Grsse der inneren Widerstnde, die
sich der Lsung widersetzen, als entscheidender Faktor in Betracht
kommt. Man ist auch nicht imstande, bei sich selbst oder bei den
Patienten jeden einzelnen Traum zu deuten; es gengt, um die
Allgemeingiltigkeit der Theorie zu besttigen, wenn man nur ein Stck
weit in den verdeckten Zusammenhang einzudringen vermag. Der Traum, der
sich beim Versuche, ihn am Tage nachher zu lsen, refraktr zeigt, lsst
sich oft eine Woche oder einen Monat spter sein Geheimnis entreissen,
wenn eine unterdes erfolgte reale Vernderung die mit einander
streitenden psychischen Wertigkeiten herabgesetzt hat. Das nmliche gilt
fr die Lsung der Fehl- und Symptomhandlungen; das Beispiel von
Verlesen "Im Fass durch Europa" auf Seite32 hat mir die Gelegenheit
gegeben zu zeigen, wie ein anfnglich unlsbares Symptom der Analyse
zugnglich wird, wenn das _reale Interesse_ an den verdrngten Gedanken
nachgelassen hat. So lange die Mglichkeit bestand, dass mein Bruder den
beneideten Titel vor mir erhielte, widerstand das genannte Verlesen
allen wiederholten Bemhungen der Analyse; nachdem es sich
herausgestellt hatte, dass diese Bevorzugung unwahrscheinlich sei,
klrte sich mir pltzlich der Weg, der zur Auflsung desselben fhrte.
Es wre also unrichtig, von all den Fllen, welche der Analyse
widerstehen, zu behaupten, sie seien durch einen anderen als den hier
aufgedeckten psychischen Mechanismus entstanden; es brauchte fr diese
Annahme noch andere als negative Beweise. Auch die bei Gesunden
wahrscheinlich allgemein vorhandene Bereitwilligkeit, an eine andere
Erklrung der Fehl- und Symptomhandlungen zu glauben, ist jeder
Beweiskraft bar; sie ist, wie selbstverstndlich, eine usserung
derselben seelischen Krfte, die das Geheimnis hergestellt haben, und
die sich darum auch fr dessen Bewahrung einsetzen, gegen dessen
Aufhellung aber struben.

Auf der anderen Seite drfen wir nicht bersehen, dass die verdrngten
Gedanken und Regungen sich den Ausdruck in Symptom- und Fehlhandlungen
ja nicht selbstndig schaffen. Die technische Mglichkeit fr solches
Ausgleiten der Innervationen muss unabhngig von ihnen gegeben sein;
diese wird dann von der Absicht des Verdrngten, zur bewussten Geltung
zu kommen, gerne ausgentzt. Welche Struktur- und Funktionsrelationen es
sind, die sich solcher Absicht zur Verfgung stellen, das haben fr den
Fall der sprachlichen Fehlleistung (vgl. Seite17) eingehende
Untersuchungen der Philosophen und Philologen festzustellen sich bemht.
Unterscheiden wir so an den Bedingungen der Fehl- und Symptomhandlung
das unbewusste Motiv von den ihm entgegenkommenden physiologischen und
psychophysischen Relationen, so bleibt die Frage offen, ob es innerhalb
der Breite der Gesundheit noch andere Momente gibt, welche, wie das
unbewusste Motiv und an Stelle desselben, auf dem Wege dieser Relationen
die Fehl- und Symptomhandlungen zu erzeugen vermgen. Es liegt nicht auf
meinem Wege, diese Frage zu beantworten.

V. Seit den Errterungen ber das Versprechen haben wir uns begngt, zu
beweisen, dass die Fehlleistungen eine verborgene Motivierung haben, und
uns mit dem Hilfsmittel der Psychoanalyse den Weg zur Kenntnis dieser
Motivierung gebahnt. Die allgemeine Natur und die Besonderheiten der in
den Fehlleistungen zum Ausdruck gebrachten psychischen Faktoren haben
wir bisher fast ohne Bercksichtigung gelassen, jedenfalls noch nicht
versucht, dieselben nher zu bestimmen und auf ihre Gesetzmssigkeit zu
prfen. Wir werden auch jetzt keine grndliche Erledigung des
Gegenstandes versuchen, denn die ersten Schritte werden uns bald belehrt
haben, dass man in dies Gebiet besser von anderer Seite einzudringen
vermag. Man kann sich hier mehrere Fragen vorlegen, die ich wenigstens
anfhren und in ihrem Umfang umschreiben will. 1. Welches Inhalts und
welcher Herkunft sind die Gedanken und Regungen, die sich durch die
Fehl- und Zufallshandlungen andeuten? 2. Welches sind die Bedingungen
dafr, dass ein Gedanke oder eine Regung gentigt und in den Stand
gesetzt werde, sich dieser Vorflle als Ausdrucksmittel zu bedienen? 3.
Lassen sich konstante und eindeutige Beziehungen zwischen der Art der
Fehlhandlung und den Qualitten des durch sie zum Ausdruck Gebrachten
nachweisen?

Ich beginne damit, einiges Material zur Beantwortung der letzten Frage
zusammenzutragen. Bei der Errterung der Beispiele von Versprechen haben
wir es fr ntig gefunden, ber den Inhalt der intendierten Rede
hinauszugehen, und haben die Ursache der Redestrung ausserhalb der
Intention suchen mssen. Dieselbe lag dann in einer Reihe von Fllen
nahe und war dem Bewusstsein des Sprechenden bekannt. In den scheinbar
einfachsten und durchsichtigsten Beispielen war es eine gleichberechtigt
klingende andere Fassung desselben Gedankens, die dessen Ausdruck
strte, ohne dass man htte angeben knnen, warum die eine unterlegen,
die andere durchgedrungen war (Kontaminationen von _Meringer_ und
_Mayer_). In einer zweiten Gruppe von Fllen war das Unterliegen der
einen Fassung motiviert durch eine Rcksicht, die sich aber nicht stark
genug zur vlligen Zurckhaltung erwies (zum Vorschwein gekommen).
Auch die zurckgehaltene Fassung war klar bewusst. Von der dritten
Gruppe erst kann man ohne Einschrnkung behaupten, dass hier der
strende Gedanke von dem intendierten verschieden war, und kann hier
eine, wie es scheint, wesentliche Unterscheidung aufstellen. Der
strende Gedanke ist entweder mit dem gestrten durch Gedankenassoziation
verbunden (Strung durch inneren Widerspruch), oder er ist ihm
wesensfremd, und durch eine befremdende _usserliche_ Assoziation ist
gerade das gestrte Wort mit dem strenden Gedanken, der oft unbewusst
ist, verknpft. In den Beispielen, die ich aus meinen Psychoanalysen bei
Patienten gebracht habe, steht die ganze Rede unter dem Einfluss
gleichzeitig aktiv gewordener, aber vllig unbewusster Gedanken, die
sich entweder durch die Strung selbst verraten (_Klapper_schlange --
_Kleopatra_) oder einen indirekten Einfluss ussern, indem sie
ermglichen, dass die einzelnen Teile der bewusst intendierten Rede
einander stren (_Ase natmen_: wo _Hasenauer_strasse, Reminiszenzen an
eine Franzsin dahinter stehen). Die zurckgehaltenen oder unbewussten
Gedanken, von denen die Sprechstrung ausgeht, sind von der
mannigfaltigsten Herkunft. Eine Allgemeinheit enthllt uns diese
berschau also nach keiner Richtung.

Die vergleichende Prfung der Beispiele von Verlesen und Verschreiben
fhrt zu den nmlichen Ergebnissen. Einzelne Flle scheinen wie beim
Versprechen einer weiter nicht motivierten Verdichtungsarbeit ihr
Entstehen zu danken (z.B.: der _Apfe_). Man mchte aber gern erfahren,
ob nicht doch besondere Bedingungen erfllt sein mssen, damit eine
solche Verdichtung, die in der Traumarbeit regelrecht, in unserem wachen
Denken fehlerhaft ist, Platz greife, und bekommt hierber aus den
Beispielen selbst keinen Aufschluss. Ich wrde es aber ablehnen, hieraus
den Schluss zu ziehen, es gebe keine solchen Bedingungen als etwa den
Nachlass der bewussten Aufmerksamkeit, da ich von anderswoher weiss,
dass sich gerade automatische Verrichtungen durch Korrektheit und
Verlsslichkeit auszeichnen. Ich mchte eher betonen, dass hier, wie so
hufig in der Biologie, die normalen oder dem Normalen angenherten
Verhltnisse ungnstigere Objekte der Forschung sind als die
pathologischen. Was bei der Erklrung dieser leichtesten Strungen
dunkel bleibt, wird nach meiner Erwartung durch die Aufklrung
schwererer Strungen Licht empfangen.

Auch beim Verlesen und Verschreiben fehlt es nicht an Beispielen, welche
eine entferntere und kompliziertere Motivierung erkennen lassen. Im
Fass durch Europa ist eine Lesestrung, die sich durch den Einfluss
eines entlegenen, wesensfremden Gedankens aufklrt, welcher einer
verdrngten Regung von Eifersucht und Ehrgeiz entspringt, und den
Wechsel des Wortes _Befrderung_ zur Verknpfung mit dem
gleichgiltigen und harmlosen Thema, das gelesen wurde, bentzt. Im Falle
_Burckhard_ ist der Name selbst ein solcher Wechsel.

Es ist unverkennbar, dass die Strungen der Sprechfunktionen leichter
zustande kommen und weniger Anforderungen an die strenden Krfte
stellen als die anderer psychischer Leistungen.

Auf anderem Boden steht man bei der Prfung des Vergessens im
eigentlichen Sinne, d.h. des Vergessens von vergangenen Erlebnissen
(das Vergessen von Eigennamen und Fremdworten, wie in den Abschnitten I
und II knnte man als Entfallen, das von Vorstzen als Unterlassen
von diesem Vergessen sensu strictiori absondern). Die Grundbedingungen
des normalen Vorgangs beim Vergessen sind unbekannt. Man wird auch daran
gemahnt, dass nicht alles vergessen ist, was man dafr hlt. Unsere
Erklrung hat es hier nur mit jenen Fllen zu tun, in denen das
Vergessen bei uns ein Befremden erweckt, insofern es die Regel verletzt,
dass Unwichtiges vergessen, Wichtiges aber vom Gedchtnis bewahrt wird.
Die Analyse der Beispiele von Vergessen, die uns nach einer besonderen
Aufklrung zu verlangen scheinen, ergibt als Motiv des Vergessens
jedesmal eine Unlust, etwas zu erinnern, was peinliche Empfindungen
erwecken kann. Wir gelangen zur Vermutung, dass dieses Motiv im
psychischen Leben sich ganz allgemein zu ussern strebt, aber durch
andere gegenwirkende Krfte verhindert wird, sich irgendwie regelmssig
durchzusetzen. Umfang und Bedeutung dieser Erinnerungsunlust gegen
peinliche Eindrcke scheinen der sorgfltigsten psychologischen Prfung
wert zu sein; auch die Frage, welche besonderen Bedingungen das
allgemein angestrebte Vergessen in einzelnen Fllen ermglichen, ist aus
diesem weiteren Zusammenhange nicht zu lsen.

Beim Vergessen von Vorstzen tritt ein anderes Moment in den
Vordergrund; der beim Verdrngen des peinlich zu Erinnernden nur
vermutete Konflikt wird hier greifbar, und man erkennt bei der Analyse
der Beispiele regelmssig einen Gegenwillen, der sich dem Vorsatze
widersetzt, ohne ihn aufzuheben. Wie bei frher besprochenen
Fehlleistungen erkennt man auch hier zwei Typen des psychischen
Vorgangs; der Gegenwille kehrt sich entweder direkt gegen den Vorsatz
(bei Absichten von einigem Belang), oder er ist dem Vorsatz selbst
wesensfremd und stellt seine Verbindung mit ihm durch eine _usserliche_
Assoziation her (bei fast indifferenten Vorstzen).

Derselbe Konflikt beherrscht die Phnomene des Vergreifens. Der Impuls,
der sich in der Strung der Handlung ussert, ist hufig ein
Gegenimpuls, doch noch fter ein berhaupt fremder, der nur die
Gelegenheit bentzt, sich bei der Ausfhrung der Handlung durch eine
Strung derselben zum Ausdruck zu bringen. Die Flle, in denen die
Strung durch einen inneren Widerspruch erfolgt, sind die bedeutsameren
und betreffen auch die wichtigeren Verrichtungen.

Der innere Konflikt tritt dann bei den Zufalls- oder Symptomhandlungen
immer mehr zurck. Diese vom Bewusstsein gering geschtzten oder ganz
bersehenen motorischen Aeusserungen dienen so mannigfachen unbewussten
oder zurckgehaltenen Regungen zum Ausdruck; sie stellen meist
Phantasien oder Wnsche symbolisch dar.--

Zur ersten Frage, welcher Herkunft die Gedanken und Regungen seien, die
sich in den Fehlleistungen zum Ausdruck bringen, lsst sich sagen, dass
in einer Reihe von Fllen die Herkunft der strenden Gedanken von
unterdrckten Regungen des Seelenlebens leicht nachzuweisen ist.
Egoistische, eiferschtige, feindselige Gefhle und Impulse, auf denen
der Druck der moralischen Erziehung lastet, bedienen sich bei Gesunden
nicht selten des Weges der Fehlleistungen, um ihre unleugbar vorhandene,
aber von hheren seelischen Instanzen nicht anerkannte Macht irgendwie
zu ussern. Das Gewhrenlassen dieser Fehl- und Zufallshandlungen
entspricht zum guten Teil einer bequemen Duldung des Unmoralischen.
Unter diesen unterdrckten Regungen spielen die mannigfachen sexuellen
Strmungen keine geringfgige Rolle. Es ist ein Zufall des Materials,
wenn gerade sie so selten unter den durch die Analyse aufgedeckten
Gedanken in meinen Beispielen erscheinen. Da ich vorwiegend Beispiele
aus meinem eigenen Seelenleben der Analyse unterzogen habe, so war die
Auswahl von vornherein parteiisch und auf den Ausschluss des Sexuellen
gerichtet. Andere Male scheinen es hchst harmlose Einwendungen und
Rcksichten zu sein, aus denen die strenden Gedanken entspringen.

Wir stehen nun vor der Beantwortung der zweiten Frage, welche
psychologischen Bedingungen dafr gelten, dass ein Gedanke seinen
Ausdruck nicht in voller Form, sondern in gleichsam parasitrer als
Modifikation und Strung eines anderen suchen msse. Es liegt nach den
aufflligsten Beispielen von Fehlhandlung nahe, diese Bedingung in einer
Beziehung zur Bewusstseinsfhigkeit zu suchen, in dem mehr oder minder
entschieden ausgeprgten Charakter des Verdrngten. Aber die
Verfolgung durch die Reihe der Beispiele lst diesen Charakter in immer
mehr verschwommene Andeutungen auf. Die Neigung, ber etwas als
zeitraubend hinwegzukommen, -- die Erwgung, dass der betreffende
Gedanke nicht eigentlich zur intendierten Sache gehrt, -- scheinen als
Motive fr die Zurckdrngung eines Gedankens, der dann auf den Ausdruck
durch Strung eines anderen angewiesen ist, dieselbe Rolle zu spielen
wie die moralische Verurteilung einer unbotmssigen Gefhlsregung oder
die Abkunft von vllig unbewussten Gedankenzgen. Eine Einsicht in die
allgemeine Natur der Bedingtheit von Fehl- und Zufallsleistungen lsst
sich auf diese Weise nicht gewinnen. Einer einzigen bedeutsamen Tatsache
wird man bei diesen Untersuchungen habhaft; je harmloser die Motivierung
der Fehlleistung ist, je weniger anstssig und darum weniger
bewusstseinsunfhig der Gedanke ist, der sich in ihr zum Ausdruck
bringt, desto leichter wird auch die Auflsung des Phnomens, wenn man
ihm seine Aufmerksamkeit zugewendet hat; die leichtesten Flle des
Versprechens werden sofort bemerkt und spontan korrigiert. Wo es sich um
Motivierung durch wirklich verdrngte Regungen handelt, da bedarf es zur
Lsung einer sorgfltigen Analyse, die selbst zeitweise auf
Schwierigkeiten stossen oder misslingen kann.

Es ist also wohl berechtigt, das Ergebnis dieser letzten Untersuchung
als einen Hinweis darauf zu nehmen, dass die befriedigende Aufklrung
fr die psychologischen Bedingungen der Fehl- und Zufallshandlungen auf
einem anderen Wege und von anderer Seite her zu gewinnen ist. Der
nachsichtige Leser mge daher in diesen Auseinandersetzungen den
Nachweis der Bruchflchen sehen, an denen dieses Thema ziemlich
knstlich aus einem grsseren Zusammenhange herausgelst wurde.

VI. Einige Worte sollen zum mindesten die Richtung nach diesem weiteren
Zusammenhange andeuten. Der Mechanismus der Fehl- und Zufallshandlungen,
wie wir ihn durch die Anwendung der Analyse kennen gelernt haben, zeigt
in den wesentlichsten Punkten eine bereinstimmung mit dem Mechanismus
der Traumbildung, den ich in dem Abschnitt Traumarbeit meines Buches
ber die Traumdeutung auseinandergesetzt habe. Die Verdichtungen und
Kompromissbildungen (Kontaminationen) findet man hier wie dort; die
Situation ist die nmliche, dass unbewusste Gedanken sich auf
ungewhnlichen Wegen, ber usserliche Assoziationen, als Modifikation
von anderen Gedanken zum Ausdruck bringen. Die Ungereimtheiten,
Absurditten und Irrtmer des Trauminhaltes, denen zufolge der Traum
kaum als Produkt psychischer Leistung anerkannt wird, entstehen auf
dieselbe Weise, freilich mit freierer Bentzung der vorhandenen Mittel,
wie die gemeinen Fehler unseres Alltagslebens; _hier wie dort lst sich
der Anschein inkorrekter Funktion durch die eigentmliche Interferenz
zweier oder mehrerer korrekter Leistungen_. Aus diesem Zusammentreffen
ist ein wichtiger Schluss zu ziehen: Die eigentmliche Arbeitsweise,
deren aufflligste Leistung wir im Trauminhalt erkennen, darf nicht auf
den Schlafzustand des Seelenlebens zurckgefhrt werden, wenn wir in den
Fehlhandlungen so reichliche Zeugnisse fr ihre Wirksamkeit whrend des
wachen Lebens besitzen. Derselbe Zusammenhang verbietet uns auch,
tiefgreifenden Zerfall der Seelenttigkeit, krankhafte Zustnde der
Funktion als die Bedingung dieser uns abnorm und fremdartig
erscheinenden psychischen Vorgnge anzusehen[27].

Die richtige Beurteilung der sonderbaren psychischen Arbeit, welche die
Fehlhandlungen wie die Traumbilder entstehen lsst, wird uns erst
ermglicht, wenn wir erfahren haben, dass die psychoneurotischen
Symptome, speziell die psychischen Bildungen der Hysterie und der
Zwangsneurose, in ihrem Mechanismus alle wesentlichen Zge dieser
Arbeitsweise wiederholen. An dieser Stelle schlsse sich also die
Fortsetzung unserer Untersuchungen an. Fr uns hat es aber noch ein
besonderes Interesse, die Fehl-, Zufalls- und Symptomhandlungen in dem
Lichte dieser letzten Analogie zu betrachten. Wenn wir sie den
Leistungen der Psychoneurosen, den neurotischen Symptomen,
gleichstellen, gewinnen zwei oft wiederkehrende Behauptungen, dass die
Grenze zwischen nervser Norm und Abnormitt eine fliessende, und dass
wir alle ein wenig nervs seien, Sinn und Unterlage. Man kann sich vor
aller rztlicher Erfahrung verschiedene Typen von solcher bloss
angedeuteten Nervositt -- von formes frustes der Neurosen --
konstruieren: Flle, in denen nur wenige Symptome, oder diese selten
oder nicht heftig auftreten, die Abschwchung also in die Zahl, in die
Intensitt, in die zeitliche Ausbreitung der krankhaften Erscheinungen
verlegen; vielleicht wrde man aber gerade den Typus nicht erraten,
welcher als der hufigste den bergang zwischen Gesundheit und Krankheit
zu vermitteln scheint. Der uns vorliegende Typus, dessen
Krankheitsusserungen die Fehl- und Symptomhandlungen sind, zeichnet
sich nmlich dadurch aus, dass die Symptome in die mindest wichtigen
psychischen Leistungen verlegt sind, whrend alles, was hheren
psychischen Wert beanspruchen kann, frei von Strung vor sich geht. Die
gegenteilige Unterbringung der Symptome, ihr Hervortreten an den
wichtigsten individuellen und sozialen Leistungen, so dass sie
Nahrungsaufnahme und Sexualverkehr, Berufsarbeit und Geselligkeit zu
stren vermgen, kommt den schweren Fllen von Neurose zu und
charakterisiert diese besser als etwa die Mannigfaltigkeit oder die
Lebhaftigkeit der Krankheitsusserungen.

Der gemeinsame Charakter aber der leichtesten wie der schwersten Flle,
an dem auch die Fehl- und Zufallshandlungen Anteil haben, liegt in der
_Rckfhrbarkeit der Phnomene auf unvollkommen unterdrcktes
psychisches Material, das vom Bewusstsein abgedrngt, doch nicht jeder
Fhigkeit, sich zu ussern, beraubt worden ist_.

  [24] Von anderen Gesichtspunkten ausgehend, hat man diese Beurteilung
  unwesentlicher und zuflliger usserungen bei anderen zum
  "Beziehungswahn" gerechnet.

  [25] Die durch Analyse bewusst zu machenden Phantasieen der Hysteriker
  von sexuellen und grausamen Misshandlungen decken sich z.B.
  gelegentlich bis ins Einzelne mit den Klagen verfolgter Paranoiker. Es
  ist bemerkenswert, aber nicht unverstndlich, wenn der identische
  Inhalt uns auch als Realitt in den Veranstaltungen Perverser zur
  Befriedigung ihrer Gelste entgegentritt.

  [26] Die natrlich nichts vom Charakter einer Erkenntnis hat.

  [27] Vgl. hierzu "Traumdeutung" p.362.




[ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
steht.

wir unterhielten, ehe Ihnen das lateinische Wort entfiel.
wir uns unterhielten, ehe Ihnen das lateinische Wort entfiel.

in _a--liquis_ und an die Assoziationen: _Reliquien_ _Liquidation_,
in _a--liquis_ und an die Assoziationen: _Reliquien_, _Liquidation_,

Eigennamen, hier um komplete Eindrcke, um entweder in der Realitt
Eigennamen, hier um komplette Eindrcke, um entweder in der Realitt

den Briefkasten" statt Brtkasten), zu welchen Hauptkatogorien noch
den Briefkasten" statt Brtkasten), zu welchen Hauptkategorien noch

einige minder wichtige (oder fr unserere Zwecke minder bedeutsame)
einige minder wichtige (oder fr unsere Zwecke minder bedeutsame)

daher, weil ich dachte: ich wre nicht in der =L=age u.s.f.
daher, weil ich dachte: ich wre nicht in der =L=age u.s.f.

Monat. "Das "draut" mit seinem r war mir unverstndlich, denn das r von
Monat." Das "draut" mit seinem r war mir unverstndlich, denn das r von

man ein Wort durch sein Gegenteil dem Sinne nach ersetzt. Man erinnert
man ein Wort durch sein Gegenteil dem Sinne nach ersetzt. "Man erinnert

sterreichischen Abgeordnetenhauses die Sitzung _erffnete_: "Hohes
sterreichischen Abgeordnetenhauses die Sitzung _erffnete_: Hohes

erklre somit die Sitzung fr _geschlossen_! Die allgemeine Heiterkeit
erklre somit die Sitzung fr _geschlossen_! Die allgemeine Heiterkeit

Laute und Worte desselben Satzes enstehen kann, die zum
Laute und Worte desselben Satzes entstehen kann, die zum

  (S. Ernst) der bekannten Wiener Firma in der Krthnerstrasse gemahnt,
  (S. Ernst) der bekannten Wiener Firma in der Krnthnerstrasse gemahnt,

Tarife und _Transporte_ angehen, und sollte zu einer gewisssen Zeit fr
Tarife und _Transporte_ angehen, und sollte zu einer gewissen Zeit fr

austauschen. Was dem einem fest im Gedchtnis geblieben ist, das hat der
austauschen. Was dem einen fest im Gedchtnis geblieben ist, das hat der

Lschpapier zu schreiben, aber Fliesspapier zu sagen gewhnt gewhnt
bin.
Lschpapier zu schreiben, aber Fliesspapier zu sagen gewhnt bin.

  Geld von sich zu tun -- Mit den intimsten und am wenigsten klar
  Geld von sich zu tun. -- Mit den intimsten und am wenigsten klar

c) Selbstverstndlich kann das Fehlgreifen auch einer ganzen Reihe
d) Selbstverstndlich kann das Fehlgreifen auch einer ganzen Reihe

Gelegenheit: es ist ganz im Einklang damit, we nndie unbewusste einen
Gelegenheit: es ist ganz im Einklang damit, wenn die unbewusste einen

  Teil der unbewussten Regungen der Angegriffenen frdernd entgegend
  Teil der unbewussten Regungen der Angegriffenen frdernd entgegen

Entstellung, die schliessslich auf Verdrngtem fusst. Ich bin bei der
Entstellung, die schliesslich auf Verdrngtem fusst. Ich bin bei der

anstatt vors richtige gekommen wre Das wrde ich fr keinen Zufall
anstatt vors richtige gekommen wre. Das wrde ich fr keinen Zufall

Wechsel des Wortes _Befrderung_ zur Verknpfung mit dem
Wechsel des Wortes _Befrderung_ zur Verknpfung mit dem
]





End of the Project Gutenberg EBook of Zur Psychopathologie des Alltagslebens, by 
Sigmund Freud

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUR PSYCHOPATHOLOGIE ***

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