The Project Gutenberg EBook of Die Kurtisane Jamaica, by Hans Bethge

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Die Kurtisane Jamaica

Author: Hans Bethge

Release Date: November 9, 2007 [EBook #23425]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KURTISANE JAMAICA ***




Produced by Norbert H. Langkau, Irma Knoll and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net









Hans Bethge


DIE KURTISANE JAMAICA

Novellen


1922
Gyldendalscher Verlag Berlin




Zweites bis viertes Tausend

Copyright by Gyldendalscher Verlag Berlin 1922
Alle Rechte vorbehalten




Inhalt


  Die Kurtisane Jamaica                          7
  Schlo Carnin                                 29
  Das Bildnis der Geliebten                     71
  Nebelnacht                                    89
  Ebeth                                        107
  Die Hochzeit des Freundes                    131




Wilibald Hachfeld gewidmet




Die Kurtisane Jamaica


Sie wurde Jamaica genannt, des holden, sdlichen Ovales wegen, das ihr
Gesicht zeigte, und wegen der brunlich hingehauchten Farbe ihres Teints,
der an eine eben angerauchte Meerschaumpfeife gemahnte.

Jamaica hatte seelenvolle Hnde, ihr Mund war wie ein Schwertstich, ihre
groen Augen hatten einen perlenhaften Glanz. Sie war schlank,
schmalschulterig und biegsam, ihr Wesen war stolz und konnte unnahbar
sein. Gewi, sie war eine Kurtisane, wie man hren wird, aber sie htte
auch fr eine Frstin aus irgend einem exotischen Lande gelten knnen.

Als ich sie das erstemal sah, war ein Frhsommertag. Sie ging langsam und
aufrecht ber die Strae, mit etwas gerafftem Kleid, von einem groen,
schwarzen Hut berdacht. Eine vollendete Dame, dachte ich, ein
mrchenhaftes Geschpf.

Ich folgte ihr straenweit. Wie eine holde Verlockung schritt die schlanke
Gestalt vor mir her, mit dem vollen braunen Haar und dem schwarzen Hut,
dessen Federn sich schwankend bewegten wie die dunkeln Segel eines
Schiffes auf dem Ozean. Dann stieg sie unvermutet in einen Wagen, fuhr
fort,-- und ich hatte das Nachsehen.

Nach einiger Zeit sah ich sie wieder,-- ich folgte ihr von neuem, lebhaft
erregt, da trat ein Freund an mich heran, klopfte mir auf die Schulter und
fragte:

Wohin?

Einer Frau nach, entgegnete ich. Sie geht dort vorn, wie eine Frstin
aus dem Sden.

Schwrmer, sagte der Freund, dann lugte er aus. Ein Lcheln ging ber
sein Gesicht.

Das ist Jamaica, sagte er.

Jamaica?

Ja,-- eine Kurtisane. Sie hatte ein Verhltnis mit einem Prinzen aus dem
Hause Hohenzollern. Spter war es ein Knstler, jetzt ist es ein
schwedischer Graf, wenn ich nicht irre.

Wie gut Du unterrichtet bist, sagte ich, mit einer kleinen Bitterkeit in
der Stimme. Kennst Du sie brigens?

Er nickte.

Stelle mich doch vor, sagte ich.

Wir gingen schneller, erreichten sie bald, mein Freund begrte sie und
stellte mich vor. Dann schlenderten wir alle drei durch den Frhsommertag,
Jamaica in der Mitte. Sie plauderte reizend, etwas bestrickend Grazises
war in der Art, wie sie sich gab. Ich war hingerissen.

Pltzlich sagte mein Freund, der sehr geschickt in solchen Dingen war:
Ah, Irene! Er tat, als she er eine Bekannte in einem Omnibus,
verabschiedete sich schnell, lief fort und sprang auf das Vehikel. Ich war
mit Jamaica allein. Plaudernd schritten wir weiter.

Ich sah sie mitunter von der Seite an; ein feines Profil, zart und
kaprizis, lange, dunkle Augenwimpern und eine ziemlich sinnliche Nase.
Sie hatte so etwas Unbefangenes, wie sie sprach, so etwas Natrliches in
Gang und Haltung, da man sich wohl und froh an ihrer Seite fhlte. Wir
setzten uns vor ein Caf und tranken etwas Khlendes, whrend das bunte
Leben der Grostadt an uns vorberflutete. Von einem Blumenmdchen kaufte
ich einen Strau roter Nelken, sie steckte ihn sich vor die Brust und sog
aus dem Strohhalm die braune Flssigkeit der Eisschokolade in ihren
schlanken Hals.

Nachher trennten wir uns, da sie, wie sie sagte, zur Schneiderin mute.
Wir bestimmten einen der nchsten Abende, um in den Zirkus zu gehen. Sie
gab mir die dnne Hand und sagte: Auf Wiedersehen!, wobei sie zwischen
den roten Lippen die Perlenreihe ihrer Zhne sehen lie. Dann stieg sie in
eine Droschke, die Nelken auf der Brust.

Ich schlenderte durch die Menschen hin und hatte immer noch Jamaica in
meinen Augen und in meinem Hirn, ihre Gestalt, ihr Lcheln, ihr Profil,
die Meerschaumfarbe ihrer Haut, ihre reizend rieselnde Stimme. Mir wurde
die Zeit lang bis zum Wiedersehen, ich sa zu Haus, und statt zu arbeiten,
malte ich den Namen Jamaica aufs Papier,-- und dann kam der Abend, aber
Jamaica kam nicht.

Ich wartete auf dem kleinen Platz in der Nhe des Zirkus, wo wir uns
verabredet hatten, ging auf und nieder, ein paar Rosen in der Hand, sah
nach der Uhr, war ungehalten, wartete weiter, sah mich, ironisch lchelnd,
selbst, wie ich als ein genarrter Liebhaber hier wartend auf und nieder
ging, dann, als schlielich eine de Stunde verronnen war, stampfte ich
unwillig mit dem Fu auf, schenkte die Rosen einem vorbergehenden
Ladenmdchen und ging allein in den Zirkus.

In einer Loge mir schrg gegenber sa Jamaica. Sie schob gerade ein Stck
Konfekt in den roten Mund, an ihrer Seite sa ein blonder Herr, vermutlich
der schwedische Graf.

Ich merkte bald, sie hatte mich gesehen, hin und wieder schweifte ihr Auge
ber mich hin. Nachher in der Pause begegneten wir uns im Marstall, sie
tat, als kannte sie mich nicht. Als wir einmal betrachtend nebeneinander
bei demselben Pferde standen, sie zwischen mir und dem Grafen, nahm sie
flugs meine Hand und drckte sie ein wenig, ohne mich anzusehen, und
whrend sie im Gesprch mit ihrem Freunde blieb.

Es war doch etwas, es war doch ein Hndedruck! Nachher sa sie mir wieder
gegenber, hoheitsvoll, und schob Konfekt in ihren Mund. Nach Schlu der
Vorstellung sah ich sie mit dem Grafen in einem Automobil fortfahren,
Blicke der Bewunderung folgten ihr. Ich fhlte mich ausgestoen, ich war
voll Neid, voll qulender Eifersucht, voll trotziger, aufrhrerischer
Gefhle. Ich wollte an ihrer Seite sein,-- was scherte mich dieser
schwedische Graf!

Mrrisch, ein angefhrter Liebhaber, ging ich allein durch die nchtlichen
Straen und dann in eine Weinstube, um zu Abend zu essen. Ein
vermaledeiter Zufall wollte, da dort schon Jamaica sa, mit ihrem
Freunde, bei Austern und Wein. Sie sah mich erstaunt an und lchelte. Sie
mute denken, da ich ihr nachgefahren sei. Ich verlie also das
Restaurant, ging in ein anderes und ertrank meinen Groll in Burgunder.

Am nchsten Morgen traf ein Briefchen ein, in dem sie sich entschuldigte,
hhere Pflichten htten sie verhindert usw. Der Ausdruck hhere
Pflichten amsierte mich nicht etwa, sondern rgerte mich.

Sie kam eines Nachmittags zum Tee. Schlank, in brauner Seide, diskret und
musterhaft angezogen. Sie rauchte von meinen trkischen Zigaretten,
plauderte von Theater und Rennplatz und fhlte sich offenbar sehr wohl in
meinen weichen Sesseln und auf dem Lamafell meines Diwans. Es war mir eine
Lust, ihr zuzusehen. Wei Gott, sie hatte zuweilen Bewegungen, bei denen
man zu fhlen meinte, da sie von einem unsichtbaren Hermelin umflossen
sei. Mitunter sa sie pltzlich schweigend da, mit einem klugen, etwas
schwermtigen Glanz im Auge, als dchte sie an etwas ungeheuer Ernstes.
Sie war ein wenig nervs, besonders ihre Hnde, im brigen machte sie den
Eindruck einer weltlichen, aber vornehmen jungen Frau. Nur wie sie kte
und wie sie mitunter saugend die Arme um mich legte, das war
Kurtisanen-Art.

Sie kam fter. Wir sprachen nicht von Liebe, obwohl ich sie von mal zu mal
heftiger liebte, aber ich wollte ihr meine Gefhle nicht zeigen. Da, eines
Nachmittags, als ich plaudernd auf dem Diwan ausgestreckt lag und sie bei
mir sa, warf sie pltzlich die Arme um mich, starrte mich an, mit den
Augen eines schnen Tieres, und whrend sich die Farbe ihres Gesichts
verdunkelte, quoll es ihr wie Lava zwischen den Lippen durch: Ich liebe
Dich! Darauf folgte ein Ausbruch so ungezgelter Leidenschaft, da ich
glaubte, sie wollte mich ersticken.

Von diesem Tage an war eine Nuance der Demut in ihrem Wesen zu mir, die
ich liebte und die mich entzckte. Wir verlebten glckliche Stunden, nur
der Gedanke an den schwedischen Grafen marterte mich und verursachte mir
schlaflose Nchte. Immer, wenn ich zu ihr davon anfangen wollte, drckte
sie mir schweigend ihre kleine Hand vor den Mund, so da ich nicht
sprechen durfte. Ja, ich war eiferschtig, aber ich merkte, sie hatte
nicht die mindeste Absicht, sich von dem Grafen zu trennen. Ich hatte
keine besonderen Mittel, und sie war sehr verwhnt.

Eines Tages sagte sie mir lachend, sie wolle auf einige Wochen in ein
Seebad reisen, der Schwede ginge auf einen Monat zu Verwandten in seine
Heimat. Sie bat, ich mge mit ihr reisen. Ich sagte sogleich zu, worauf
sie ausgelassen durch das Zimmer tanzte.

Ein paar Tage spter trafen wir in einem reizend gelegenen Ostseebade ein,
das ganz von Buchen-und Nadelholzwldern umgeben ist. Wir mieteten in
einer schn gelegenen Villa auf der Hhe, von der Veranda aus bersahen
wir den Strand und die weite Flche des Meeres.

Entzckend waren die Tage, welche folgten. Wir ritten viel, es gab ganz
brauchbare Pferde zu mieten, und Jamaica fhlte sich im Sattel sehr
glcklich. Wir trabten hufig in erster Frhe am Meere entlang, wenn die
Sonne noch mit den silbernen Morgenwolken kmpfte und der Frhwind krftig
ber das Wasser wehte.

Am Strand hatten wir eine Burg geschaufelt und mit zahllosen bunten
Wimpeln geschmckt. Jamaica trug gewhnlich einen dunkelblauen Tuchrock,
eine helle Seidenbluse und Panama. Sie lag am liebsten faul im Sande,
indem sie die rinnenden Krnchen behaglich durch die Finger gleiten lie
und in den blauen Himmel starrte; oder sie las Maupassant und rauchte
Zigaretten. Ich sah sie immer mit einem feinen, wohligen Empfinden des
Verliebtseins vor mir liegen: den schlanken Krper, das dunkle Haar auf
dem hellen Sande, die blutlosen Hnde, die zierlichen Fesseln der Fe
unter den durchbrochenen Seidenstrmpfen.

Das Essen nahmen wir auf der Veranda unseres Zimmers. Nebenan a ein
Ehepaar mit seinen zwei halbwchsigen Buben, auf der anderen Seite ein
Englnder. Diesen sahen wir fter, wie er ber die Balustrade seiner
Veranda hinauslehnte und eine Shagpfeife rauchte. Er hatte ein
scharfgeschnittenes Gesicht und klare, wasserfarbene Augen. Jamaica ahmte
ihn mitunter nach, indem sie sich grotesk auf die Balustrade sttzte, mit
steifem Nacken und etwas vorgeschobener Unterlippe hinausstarrte, ein paar
Tabakswolken vor sich hinpaffte und ein langgezogenes =o yes= hren
lie. Eines Morgens begegneten wir ihm zu Pferde. Das Pferd war zu klein
fr ihn, seine Beine hingen lang herab, und aus der Ferne sah er aus wie
Don Quichotte. Er grte uns, als er vorberritt. Jamaica sah sich
mehrmals lachend nach ihm um, was ich berflssig fand.

Ja, erst lachte sie ber ihn und machte sich ber ihn lustig, aber ich
merkte bald, da er sie nher zu interessieren begann, mehr als sie selber
vielleicht noch ahnte. Als ich eines Mittags nach Hause kam und auf die
Veranda trat, sah ich, da sich Jamaica ber die Balustrade lehnte, ebenso
der Englnder nebenan, und da sie miteinander plauderten. Ich gestehe
offen, es durchfuhr mich hei vor Eifersucht. Jamaica hatte ein so
strahlendes und, wie ich fand, beinahe hingebendes Gesicht, whrend sie
mit ihm sprach, da ich innerlich emprt war ber diesen Verrat und wie in
einem Blitz schon jhlings alles voraussah, wie es kommen mute. Als sie
mich erblickte, war sie ganz unbefangen und stellte mich als ihren Gatten
vor. Nachher bei Tisch sagte sie: Er ist wirklich sehr nett. So?
fragte ich.

Sie war auch frderhin zutraulich und liebevoll zu mir, wie ich es gewohnt
war, aber jene Nuance der Demut, von der ich vorhin sprach und die ich so
liebte, meinte ich nicht mehr zu empfinden. Ich wurde wohl etwas
verschlossener in meinem Wesen, ich lachte nicht mehr so unbefangen, und
dann kamen bald Tage, wo ich deutlich merkte, da Jamaicas Gefhle lauer
wurden. Sie hatte noch immer etwas Anschmiegsames, aber ich fhlte, sie
zwang sich dazu, sie gab sich Mhe, liebevoll zu mir zu sein, da sie mich
nicht betrben wollte. Mit Schmerzen nahm ich dies alles wahr und konnte
es nicht hindern. Ihr verndertes Wesen hatte zur Folge, da meine Liebe
nur noch wuchs. Sie merkte diese sich steigernde Leidenschaft, und ich
fhlte, wie peinlich sie ihr war. Die gegenseitige untergrndige Qulerei,
die zwei Menschen so nervs machen kann, fing schon an, in mir strudelte
es schon wie in einem aufgeregten Gewsser, aber ich beherrschte mich noch
vllig. In diesem Zustand trat ein unsinniger Gedanke an mich heran,
nmlich der Gedanke, Jamaica zu heiraten, damit sie mir nicht entrinnen
knne, und dieser Gedanke nahm bald ganz von mir Besitz.

Eines Morgens besuchte uns der Englnder in unserer Burg am Strande.
Jamaica las gerade, sie sah auf und ein schnelles Glnzen ging ber ihr
Gesicht. Er zeigte uns eine kleine Versteinerung, die er gefunden hatte,
und da Jamaica so begeistert davon war, schenkte er sie ihr. Sein Betragen
war im brigen vllig korrekt, nur verdro mich die bermige Ruhe in
seinem Wesen, die etwas berhebliches hatte. Er bat, gelegentlich in der
Frhe mit uns ausreiten zu drfen; Jamaica zeigte sich sehr erfreut ber
diesen Vorschlag. Dann reichte er uns beiden die Hand und ging.

Du httest freundlicher zu ihm sein knnen, sagte Jamaica, als er fort
war.

Findest Du? fragte ich nur; sonst nichts.

Sie las weiter und hielt dabei, ich sah es wohl, die kleine Versteinerung
fest umschlossen in ihrer seelenvollen Hand.

Fr den Nachmittag hatten wir Pferde bestellt. Wir ritten den Strand
entlang, es war ein heier, erschlaffender Tag. Wir sprachen wenig, es war
etwas zwischen uns, das uns die Lust zum Sprechen nahm.

Wir ritten einen kleinen Galopp; ich sah Jamaica scharf von der Seite an,
dann sagte ich:

Jamaica, ich will etwas von Dir wissen.

Was? fragte sie tiefatmend und sah mich erstaunt an.

Liebst Du den Englnder?

Sie schttelte den Kopf.

Doch, sagte ich, denkst Du, ich merke es nicht? Ich halte es nicht
aus.

Sie reichte mir die Hand herber, mit einem freundlichen, teilnahmsvollen
Lcheln. So gibt man die Hand einem guten Kinde zum Abschied, dachte ich.
Ich nahm sie nicht.

Jamaica, ich liebe Dich! sagte ich nun. Ich wte nicht, wie ich meine
Tage in Zukunft ohne Dich verbringen sollte. Ich will, da Du von jetzt ab
nur mir gehrst-- verstehst Du?-- nur mir und keinem andern. Sag, willst
Du meine Frau werden?

Sie entgegnete nichts und sah nur mit gedecktem Blick auf die Mhne ihrer
Stute.

Ich mchte, da wir uns heiraten. Jamaica, sag doch etwas!

Meine Worte klangen, als ob sie vor ihr auf den Knien lgen,-- aber sie
lchelte.

Nein, nie! sagte sie bestimmt.

Du willst nicht? rief ich gekrnkt und hart.

Nie!

Die Wut packte mich. Sie widersetzte sich diesem Wunsch, sie strubte sich
gegen dieses Geschenk, durch das ich mich ihr ganz zu eigen geben wollte?

Ich _will_ es! rief ich noch einmal. Ich werde Dich zwingen!

Ich hasse Dich! schrie sie mir nun entgegen, whrend ihre Augen vor Zorn
erglhten. Ich verachte Dich! Ich liebe den Englnder!

Da hob ich die Reitpeitsche und lie sie mit Wucht auf ihren schnen
Rcken niedersausen. Sie stie einen verngsteten Schrei aus, wobei sie
wie ein Kind in sich zusammensank, und ihr Pferd ging durch.

Ich sah, wie sie rasend fortjagte, und konnte nichts dagegen tun. Hallo,
dachte ich, was wird das werden? Sie hielt sich eine Weile, dann merkte
ich, die Krfte verlieen sie, sie taumelte hin und her und fiel
schlielich zu Boden. Glcklicherweise blieb sie nicht im Bgel hngen,
ich atmete auf. Das Pferd machte kurz darauf halt, sah sich verwundert um
und sprang in kleinen Stzen verlegen hin und her.

Ich eilte herzu, stieg ab und hob Jamaica auf. Sie war kreidebla und halb
ohnmchtig.

Verzeih, sagte ich; sie entgegnete nichts und sah mich nicht an. Sie
atmete hastig und lehnte sich ein ganz klein wenig an mich, sehr ermattet.

Verzeih, sagte ich nochmals. Schlielich gab ich ihr die Zgel meines
Pferdes und ging hin, um das ihrige einzufangen. Es lie sich ganz willig
festnehmen; es war durchnt und dampfte wie ein Schornstein. Ich fhrte
es zu Jamaica, diese hatte sich vor Schwche in den Sand gekauert; da
hockte sie, schn und bla wie eine Perle, es sah rhrend aus. Jetzt erhob
sie sich, ich merkte, sie wollte das Pferd wieder besteigen.

Hilf mir, sagte sie.

Ich half ihr in den Sattel und sprang dann selbst auf.

Ich reite allein nach Haus, sagte sie tonlos. Ich wagte nichts zu
erwidern. Im Schritt, ganz gebrochen, ritt sie am Meere entlang heimwrts,
ein trauriges Bild.

Ich trabte in die entgegengesetzte Richtung. Noch oft sah ich mich um,--
es war immer derselbe melancholische Anblick: in mdem Schritt trottete
der dampfende Gaul dahin, die mde Jamaica ber sich. Ich bog in die
Wlder ein, kam an einem See, an Forsthusern, an mehreren Drfern vorber
und zgerte stundenlang, ehe ich heimritt.

Als ich abends heimkam, war Jamaica fort, ohne ein Wort hinterlassen zu
haben. Durch den Wirt erfuhr ich, da auch der Englnder abgereist sei.
Ich mute lcheln, obwohl mir bel zumute war. Ich zndete mir eine
Zigarre an, setzte mich auf die Balustrade der Veranda und sah lange aufs
Meer, trotzig, allein, mit wirren, durcheinander strmenden Gefhlen.

Am nchsten Tage reiste ich auch, nicht nach Haus, sondern zu einem
Freunde aufs Land. Wir saen stundenlang, whrend die Sonne brannte, in
einem Boot und angelten, schossen nach Raubvgeln, schwammen, ritten,
sahen den Pfauen zu, wie sie auf der Wiese Rad schlugen und schrieen: Po!
Po!-- und abends kamen der Frster und der Pastor des nchsten Dorfes,
um mit uns zu zechen.

Als ich nach Wochen braungebrannt wieder in der Stadt eintraf und in einer
Droschke vom Bahnhof aus meiner Wohnung zustrebte, sah ich Jamaica an mir
vorberfahren, in einem reizenden Sommerkleid, das ich noch nicht kannte.
Sie sa an der Seite des Englnders, ihr Gesicht war von unaussprechlicher
Heiterkeit. Wie eine biegsame Blume des Sdens sa sie da, aufrecht und
stolz den schnen Rcken, den ich schlug.

Lebwohl, Jamaica. Lebwohl.




Schlo Carnin


Ich, Konrad Tedrahn, Kunstmaler von Beruf, erzhle eine Geschichte. Ich
spiele eine traurige Rolle darin, dennoch erzhle ich sie.

Ich war zu Gast bei dem Grafen Lockwitz auf Schlo Carnin. Das Schlo ist
ein altes Herrenhaus mit hohen Fenstern und einer Terrasse vor der
Auffahrt. Auf dieser Terrasse saen wir oft. Sie war das Zentrum, wo man
sich traf,-- hier nahmen wir den Kaffee nach Tisch, hier saen wir an den
Abenden, in leichte Mntel gehllt, plauderten und pafften blauen Rauch in
die Luft, whrend aus den Wiesen das Gebrll weidender Khe herberdrang
oder vom Dorfe her ein Lied der jungen Mdchen, die durch den Abend
gingen.

Ein runder Rasenplatz, von Kieswegen eingefat, lag vor der Terrasse. Dann
ging der Blick in eine Allee gekappter Linden, welche die Zufahrt zum
Schlosse bildete. Hinter der Allee sah man Felder und in ihnen eine Mhle
mit Sparrenflgeln. Der Raps blhte in den Feldern, zitronengelb, und
Wolken seines Duftes quollen herber, wenn ein Luftzug kam. Zu beiden
Seiten des Schlosses lag der Park. Er hatte kstliche alte Bume, die weit
in das Land ragten, und war von einem Gewsser durchflossen, das sich an
manchen Stellen teichartig erweiterte, und in dessen versteckten Winkeln
giftgrne Algen und unentwirrbarer Froschlffel wucherten. Hatte man den
Park durchwandert, so kam man an den Deich. Und war man den Deich
hinangestiegen, so blickte man in die Niederung der Elbe, in der Weiden an
schmalen Wasserprielen wuchsen und wilde Enten flogen. Ganz hinten, ein
silbergraues Band, sah man den Flu. Groe Schiffe fuhren auf ihm zu Tal,
gespenstisch wie Phantome, und in der Ferne, meilenweit, ahnte man das
Meer.

Pfingsten stand bevor; es fiel in die zweite Juniwoche. Ich wollte das
Fest noch auf Carnin verleben, dann wollte ich Abschied nehmen von diesem
einsamen Haus, von diesem Park und diesen Menschen, die mir teuer waren.
Ich hatte mancherlei auf Carnin gemalt. Der Graf war kunstliebend und
zeichnete mit Geschmack. Wir saen oft vor den gleichen Motiven, ich malte
und er zeichnete. Die Grfin, scheinbar jnger als ihre Jahre, war
musikalisch. Nicht selten, wenn ich im Park sa, drangen ihre Melodien
herber: sie spielte Klavier und sang mit einer seelisch bewegten Stimme.
Zuweilen sang sie auch kleine Lieder zur Laute, abends, wenn wir auf der
Terrasse saen. Tagsber widmete sie sich ihren Kindern. Die lteste
Tochter, Komte Anna, war siebzehn Jahre alt und schien eher die Schwester
der Grfin zu sein. Auch uerlich hnelte sie der Mutter, nur da sie
grer war. Ja, wenn die beiden schlanken Gestalten Arm in Arm durch den
Garten gingen, und man sah sie von weitem, so htte man schwren mgen,
da sie Schwestern seien.

Dann kam ein dreizehnjhriges Komtelein namens Charlotte, ein ernstes
Kind mit zarten Gliedern und einem regen Geist. Sie machte Verse und
schrieb sie in ein rosaseidenes Buch, sie ging oft allein und nachdenklich
unter den Bumen des Parkes oder fuhr in der Gondel, Blumen im Scho, und
man hrte dann, wenn man in der Nhe vorberging, wie sie sang. Sie war
ein reich und fast zu frhe entwickeltes Kind, und ihre trumerischen
Augen waren oft weit entfernt, in heimlichen Regionen der Wnsche und der
Gedanken. Sie hatte Tage, an denen sie sich mde fhlte und bleich aussah,
und gerade an solchen Tagen trieb es sie, ihre Verslein zu dichten und
sich einsamen Gedanken hinzugeben. Wir hatten Freundschaft geschlossen und
wandelten hufig zusammen die Lindenallee hinunter in die Felder,
pflckten Feldblumen und sahen den Flgeln der Mhle zu, die, wenn man
nher kam, unheimlich durch die Luft rauschten und knarrten, so da man,
wenn es gerade dmmerte, Angst versprte und am liebsten schnell
davongelaufen wre.

Ferner gab es zwei Buben von acht und zehn Jahren, Fred und Klaus, zu
allen tollen Streichen aufgelegt, zu denen sie nicht selten auch mich zu
verfhren suchten. Sie wurden von einem Hauslehrer unterrichtet, einem
jungen blauugigen Theologen aus Husum. Auerdem war eine Gouvernante da,
ein gescheites Wesen, das mehr zu beobachten als mitzuerleben liebte. Das
waren die Menschen auf Schlo Carnin.

Ich hatte die blonde Charlotte gemalt, wie sie auf einer Bank unter einer
blhenden Kastanie sa, dicht neben dem Schlograben, ber den eine weie
Brcke fhrte. Ich hatte die beiden Jungen gemalt, wie sie im Grase lagen.
Und in der Dmmerung hatte ich das Schlo gemalt, als ein graues,
mystisches, weltentlegenes Haus, mit den weien, geheimnisvollen Gestalten
der Grfin und der Komte Anna auf der Terrasse. Dies Bild schien mir das
beste zu sein, das ich auf Carnin gemacht hatte. Es hatte etwas
Mystisches, die Luft der Dmmerung war weich und lau, man sprte den
Frhling darin.

Nun kam Pfingsten. Komte Anna erwartete den Besuch einer Freundin, der
Graf den eines jungen Freundes, eines Assessors aus der Kreisstadt. Zwei
Tage vor dem Fest kamen die beiden an. Die Komte war ihrer Freundin bis
zur Eisenbahnstation entgegengefahren. Es war gegen Abend, ich hatte bei
Tag im Sonnenlicht gemalt, nun schlenderte ich mit Charlotte durch den
Park, dann durch die Felder, wo wir im Westen die Glut des Himmels
anstaunten, in der ungeheure goldene Wolken schwammen. Charlotte hatte ein
leichtes Sommerkleid an, das die dnnen rmchen freilie. Die Luft war
schwl und windstill, und der gelbe Raps duftete verschwenderisch. Wir
gingen schweigend. Da fuhr die Kleine pltzlich auf, wies zur Landstrae
hinber und rief: Sie kommen!

Man sah den Jagdwagen mit den Schimmeln, eine Staubwolke schwebte hinter
ihm. Charlotte und ich faten uns bei der Hand und liefen zur Landstrae
hinber. Dort pflanzten wir uns auf und winkten mit den Taschentchern,
whrend der Wagen vorberfuhr. Auch Komte Anna winkte und die Freundin
und der Assessor. Die Freundin war schwarzhaarig, sie hatte schne, freie
Augen und einen ernsten Mund. Es war etwas Sicheres und Feines an ihr,
eine bezaubernde Anmut. Ich sah sie gleich als Bild in meiner Vorstellung.
Ein feines Kind, dachte ich, das wre etwas fr deinen Pinsel, Tedrahn!

Ich schlenderte mit Charlotte zum Schlo zurck. Wir hatten den Wagen so
lange vor uns, bis er in die Lindenallee einbog. Charlotte hatte unterwegs
Blumen gepflckt, sie gab mir davon ab, als ich auf mein Zimmer ging, um
mich zum Essen umzukleiden. Ich wohnte nicht im Schlosse selbst, sondern
in einem alten weien Hause, das quer daneben lag, und das man das
Kavalierhaus nannte.

Als ich dann zum Schlo hinberschritt, stand Komte Anna mit ihrer
Freundin auf der Terrasse. Die Komte hatte ein weies Tuch um die
Schultern und rote Monatsrosen auf der Brust. Die Freundin war kleiner von
Gestalt. Ich wute, da sie auch siebzehnjhrig war. Sie hatte ein
bordeauxrotes Tuchkleid an, das Haar lag ihr ppig im Nacken. Ich schritt
die Stufen zur Terrasse hinauf, Komte Anna stellte vor: Herr Konrad
Tedrahn, Kunstmaler von Beruf, Frulein Leonore Helfinger aus Lbeck.

Ah, Lbeck! sagte ich sofort, ich kenne die Stadt und liebe sie. Wie
lebt man dort eigentlich? Haben Sie viel Verkehr? Gehen Sie viel aus?

In dieser Weise fragte ich sie. Es geschah etwas lssig, sie war ja
siebzehn Jahre alt, also ein Kind.

Nein, entgegnete sie in gleichgltigem Ton, ich gehe nicht viel aus.

Sie wendete sich wieder an die Komte und plauderte mit ihr, als ob ich
nicht vorhanden sei.

'Etwas eigensinnig', dachte ich,-- 'aber schn, mit allen Reizen der
Jugend, feingliedrig und stolz, vielleicht etwas hochmtig. Hier ist etwas
zu tun, Tedrahn, etwas zu schaffen ist hier! Diesen ernsten Kopf mit dem
schwarzen Haar und den Augen des erwachenden Mai,-- wo bringe ich ihn
hin? Vor einen Rosenbusch am Morgen oder direkt vor den blauen Himmel, der
von dnnen, weien, wehenden Wolken bewegt ist? Ich mchte sie tanzen
sehen, ich mchte auch sehen, wie sie luft. Ich mchte die Bewegungen
ihres Krpers sehen, die Art ihrer Schritte, und wie sie die Arme wirft,
beim Tennisspiel oder beim Reifenschlagen.'

Durch meinen Kopf schwirrten zahllose lockende Malereien. Ich verwnschte
es im stillen, da Leonore Helfinger nach Carnin gekommen war, denn ich
fhlte, sie wrde mich malerisch beschftigen, ich wrde Bilder der
Phantasie komponieren, whrend ich mit meinen wirklichen Bildern whrend
dieser letzten Tage noch gerade genug zu tun hatte. Denn in drei Tagen
mute ich reisen, also wozu diese unntze Verwirrung in meiner Arbeit.

Ein Diener erschien in der Glastr und bat zu Tisch. Wir gingen hinein,
die andern waren schon in dem blauen Vorsaal versammelt. Der Graf machte
mich mit dem Assessor bekannt. Man begab sich in das schne Ezimmer, in
dem schon die Lichter brannten und die Gardinen gegen den Park zu
herabgelassen waren. Ich hatte meinen alten Platz neben der Grfin,
Leonore Helfinger sa mir schrg gegenber. Der Graf begrte sie und den
Assessor, indem er sein Glas erhob. Es wurde Champagner getrunken, wie
immer, wenn ein neuer Gast aus Carnin einzog.

Ich sagte leise zur Grfin: Die kleine Helfinger ist ja wundervoll. Durch
meinen Kopf schwirren Bilder auf Bilder, wie ich sie malen mchte.

Ich kenne sie kaum, sagte die Grfin, nur aus Annas Erzhlungen. Die
Mdchen haben die Pensionszeit zusammen verlebt. Ich finde, sie ist schn
zu nennen.

Nach Tisch warfen wir die Mntel ber und gingen auf die Terrasse. Die
Herren rauchten englische Zigaretten. Auch Komte Anna zndete sich eine
Zigarette an, lehnte sich in einen Korbstuhl zurck und stie kleine
Wlkchen in die Luft. Leonore stand am weien Gelnder der Terrasse und
sah in den Abend. Es war ein schner Abend, im Dorf Carnin sangen die
Mdchen wieder, der Mond stand am Himmel. Der Graf und der Assessor kamen
in ein Gesprch ber Brahms. Sie begaben sich in das Musikzimmer, und man
hrte, wie zuweilen auf dem Klavier ein Thema angeschlagen wurde.
Charlotte stand neben mir und hatte ihren Arm vertraulich unter meinen
geschoben.

Heute steht der Mond schon ber dem Kavalierhaus, sagte sie, gestern
stand er noch ber den gescheckten Ulmen.

Jetzt sah alles den Mond an. Leonore sah mit fast strengem Mund hinauf,--
aber so streng dieser Mund erschien, es lag etwas Schwrmerisches um ihn
her. Es war wunderbar zu sehen, wie sich das Mondlicht auf den feuchten
jungen Lippen brach. Der Mond stand ber dem Dach des Kavalierhauses und
wandelte dem riesigen Wipfel einer Kastanie zu. Nicht die mindeste
Bewegung lag in der Luft. Der Hauslehrer, der an der geffneten Glastr
lehnte, sagte etwas von allzu lauen Frhlingsnchten, es wrde einen
regnerischen Sommer geben.

Wir sollten eine Gondelfahrt machen, schlug die Grfin vor.

Alles stimmte ein, Charlotte war ganz entflammt, aber gerade sie mute
zurckbleiben, da ihre Mutter meinte, es sei auf dem Wasser zu khl fr
sie. Wir verlieen die Terrasse: die Grfin, Komte Anna, Leonore und ich.
Wir schritten um das Schlo herum und durch den dunklen Park hinab zum
Teich.

Die Grfin setzte sich an das Steuer des Bootes, ich nahm die Ruder. Wir
trieben sacht dahin. Mitunter hrten wir am Ufer ein Plumpsen, es waren
aufgeschreckte Frsche, die in das Wasser sprangen. Leonore und Komte
Anna saen dicht vor mir, der Mond schien in ihre Gesichter. Ich sprte
den Duft dieser frischen, jugendlichen Gestalten. Leonore hatte ein grnes
Jckchen an, ihr Kopf war unbedeckt. Sie sah herrlich aus. Einmal merkte
ich, wie sie zusammenschauerte. Es war die Abendluft ber dem Wasser. Ich
lenkte zum Bootssteg zurck.

Plaudernd schritten wir ber den Rasen zum Schlo hinan. Leonore lachte
ein paarmal hell auf, ich wei nicht mehr worber. Das Lachen hre ich
noch, es war wie das Pltschern eines Brunnens. Ich fhlte immer
deutlicher, da ich sie malen mte. Als ich ihr Gutenacht wnschte, sagte
sie: Morgen zeigen Sie mir Ihre Bilder.

Gewi! sagte ich. Meine Augen umfingen ihren Kopf mit dem schwarzen Haar
wie ein Gemlde.

In meinem Zimmer brannte die Lampe schon. Ich setzte mich hin, nahm Kreide
und Papier und suchte den Umri von Leonores Kopf zu zeichnen. Dann machte
ich einen Umri von ihrer ganzen Figur. Dann wieder nur die Stirn mit dem
Haar. Dann strich ich alles aus, da alles Unsinn war.

Ich zndete eine Zigarette an und schritt im Zimmer auf und ab. Ein
schner Kopf, ein ser Kopf. Am schnsten so: halbes Profil und ein klein
wenig nach unten geneigt. Bei Tisch hatte ich sie so gesehen und dicht vor
mir im Kahn. So, dachte ich, mte sie mir einmal sitzen, mit dieser
geneigten Nase, mit dieser groen Linie des Haares. Ich ging wieder an den
Tisch und machte von neuem ein paar Zeichnungen aus der Erinnerung. Warum
war dieses Mdchen jetzt nach Carnin gekommen! Sie nahm mir beinahe das
Interesse an meinen groen Bildern fort, an denen ich noch zu arbeiten
hatte. Wre sie doch geblieben, wo sie war! Unwillig warf ich die Kreide
fort, entkleidete mich und legte mich schlafen. Drauen schrie eine Eule
in den Ulmen. Durch die Dunkelheit sah ich noch immer ein junges, holdes
Profil, Zge von einer verhaltenen Leidenschaft, zartrosige Wangen und
schwarzes Haar... Pastell, dachte ich, in Pastell mu man es machen.
Lockere, leichte Farben, das Ganze nur wie ein Hauch. Mit diesen Gedanken
schlief ich ein.

Der nchste Tag war der Sonnabend vor dem Fest. Ich stand frh auf und
nahm das Frhstck auf meinem Zimmer. Dann schleppte ich eins der Bilder
in den Park, um es im Frhlicht fertig zu machen. Es stellte ein Rosenbeet
dar, rechts und links hohe Taxusbume, hinten ein altes Gartenhuschen mit
hohem Dach. Ich malte also. Whrend ich malte, dachte ich: das Bild ist
leer, es ist unvollstndig. Vor dem Hause fehlt etwas. Die Gestalt der
Leonore Helfinger mte vor dem Gartenhaus stehen, rechts von der Tr, und
sich neigen, um eine Blume zu pflcken. Ich kniff die Augen zu und stellte
mir vor, wie das Bild dann aussehen wrde. Gut, gut. Aber es war ja zu
spt! Schade um dich, du leeres Bild. Ich seufzte und malte weiter,
unlustig und unzufrieden.

Ich hrte Lachen, blickte mich um und sah die beiden Freundinnen im
Sonnenlicht daherschlendern. Sie waren beide in Wei und hatten gelbe,
grokrempige Strohhte auf.

Guten Morgen, Herr Maler! rief Leonore lachend. Schon so frh bei der
Arbeit?

Ja, aber es fleckt nicht, erwiderte ich, ich bin unzufrieden.

Wie schade! sagte sie, indem sie meine Malerei betrachtete. Ihr Bild
gefllt mir, das ist wirklich der tauige Morgen, der da webt. Ich fnde es
freilich schner, wenn eine Figur vor dem Huschen stnde. Das Bild wrde
voller dadurch. Finden Sie nicht?

Ich mute lcheln.

Gewi finde ich das, entgegnete ich. Vielleicht haben Sie die
Freundlichkeit, sich einmal dort vor dem Hause aufzustellen, damit ich die
Wirkung sehe.

Sie lief hinber.

Komte Anna sprach: Leonore hat recht,-- sehen Sie, wie reizend sie dort
zwischen den Blumen steht?

Ja, sagte ich, schade, da ich nicht eher darauf gekommen bin! Schade!
Wenn Sie wten, Komte, wie Ihre Freundin mich malerisch entzckt! Zu
Leonore rief ich hinber: Kommen Sie, ich werde sonst traurig, wenn ich
Sie noch lnger so stehen sehe. Warum sind Sie nicht eher nach Carnin
gekommen? Wie gern wrde ich Sie malen! Ich mchte eine Skizze von Ihnen
machen, heute nachmittag, darf ich?

Gern.

Hier im Park, in der Sonne, ich freue mich darauf.

Komte Anna drngte, zu gehen. Die Mdchen wollten eine Morgenwanderung in
die Marsch unternehmen. Sie verabschiedeten sich und verschwanden zwischen
den Bumen. Ich sah die hellen Kleider sich verlieren im Dunkelgrn. Dann
arbeitete ich weiter, voll Mimut. Ich sehnte mich nach andrer Arbeit,
aber ich mute doch meine armen Bilder fertig machen...

Gegen Mittag kam ich, eine Leinwand unter dem Arm, vom Park her ber den
Rasenplatz vor dem Schlo. Ich hrte schon aus der Ferne Lachen und Rufe.
Die Mdchen spielten Tennis, mit Charlotte und dem Assessor. Fred und
Klaus hoben die Blle auf. Ich blieb, um die Ecke des Schlosses biegend,
stehen und sah gerade, wie Leonore, den Schlger mit allen Krften
schwingend, sich hoch auf den Zehen erhob und den Ball durch die Lfte
jagte. Sie stie einen kleinen Schrei dabei aus, ihr Kleid hatte einen
wirbelnden Schwung um die Fesseln der Fe.

Schn, schn, schn! dachte ich. Wundervoll! Sie hat eine Hingabe in der
Bewegung...

Oben von meinem Fenster aus sah ich dem Spiel noch eine Weile zu. Ich
setzte mich ans Fenster, hinter die Gardine, so da mich keiner sah, und
skizzierte einige Bewegungsstudien. Dann mute ich wieder in den Park
hinab zum Malen. Nach Tisch kamen die Freundinnen samt Charlotte auf mein
Arbeitszimmer, um die Bilder anzusehen. Leonore sah auch die Studien vom
Tennisspiel auf einem Stuhle liegen.

Stammt das von heute? fragte sie.

Ja, entgegnete ich, erkennen Sie sich nicht? Das sind Sie. Sie hatten
ein paar Bewegungen, die mich begeisterten.

Sie sah mich an, etwas fragend. Ihr Blick war sehr schn. Ein seelenvolles
Auge, dachte ich, beinahe kobaltblau, eigentmlich.

Dann gingen wir in den Park. Ich setzte Leonore in die Sonne vor eine
grnumsponnene Laube und skizzierte sie. Komte Anna und Charlotte gingen
ans Wasser hinab. Sie schritten singend ber eine Brcke. Singend
entschwanden sie.

Ich skizzierte Leonore von vorn. Das Licht lag spielend in ihrem Haar. Es
flirrte ber die weie Stirn und die rosigen Wangen, und das Grn der
Laube gab der Haut und dem weien Kleid einen eigentmlichen Ton; dies
alles war schwierig zu malen.

Leonore plauderte. Erst antwortete ich, wenn auch zerstreut, dann hrte
ich nicht mehr hin. Schlielich sagte sie nichts mehr. Es kam etwas Mattes
in ihre Zge, ich merkte es wohl. Verzeihen Sie, sagte ich, wenn ich
schlecht darauf achte, was Sie sagen. Ich bin zu sehr beschftigt mit
dieser Studie. Wenn mich etwas malerisch in Anspruch nimmt, empfinde ich
nichts andres. Verzeihen Sie.

Aber bitte, entgegnete sie. Es klang mde, es klang ein wenig trotzig,
es klang herb. Damals achtete ich nicht darauf, ich malte sie ja, das war
mir genug. Ich hatte keinen andern Wunsch, als Bilder nach ihr zu malen,
ich alberner Geselle!

Die Skizze wurde gut. Ich hrte zur richtigen Zeit auf, so da sie das
Unmittelbare, im Moment Empfundene behielt. Es war Leben darauf, das
Gesicht lebte und das Licht der Junisonne auch.

So habe ich doch wenigstens einen Begriff, einen Anhaltspunkt, sagte
ich. Ich danke Ihnen.

Auch ihr gefiel die Studie. Wir schritten zusammen zum Schlo hinber, ich
sprach vom Malen im Freien im allgemeinen. Unterwegs pflckte sie eine
rosa Rose und reichte sie mir. Dann ging sie ins Schlo und ich ins
Kavalierhaus, um mir eine andre Leinwand zu holen. Die Rose legte ich oben
auf den Tisch, ich verga, sie ins Wasser zu stellen. Es war ja auch nur
eine Rose, es gab deren viele im Park von Carnin.

Dann kam wieder einer der schnen Abende. Wir saen wie meist auf der
Terrasse, der Mond stand am Himmel, die Sterne hatten einen metallisch
blanken Glanz. Die Grfin, ein weiseidenes Tuch um die Schultern, griff
Akkorde auf der Gitarre und sang ein franzsisches Lied. Dann spielte sie
deutsche Volkslieder, und wir sangen mit. In den Pausen hrten wir ein
ses Tnen aus der Ferne, das waren die wandernden Mdchen in Carnin.
Einmal hrten wir ein unterdrcktes Kichern ganz in der Nhe. Der Graf
wute sofort, was es zu bedeuten hatte. Er sah zu den Fenstern hinauf,
hinter denen Fred und Klaus jetzt eigentlich schlafen sollten. Die Jungen
lugten in ihren Hemden zum Fenster hinaus und hrten unserm Singen zu.
Jetzt, da der Graf sie energisch zu Bett schickte, riefen sie noch einmal
Gute Nacht!, man hrte, wie sie lachten, dann schlossen sie die Fenster,
und es war wieder still.

Man begab sich in den Salon, um noch eine Tasse Tee zu trinken. Vorher
verabschiedete sich Charlotte, da ihre Schlafenszeit gekommen war.
Charlotte, sagte ich, morgen ist Pfingsten, da kommen ganz frh die
Elben von der Geest herunter, um die Maien zu bringen, du weit. Ich
mchte die Elben gern zu Gesicht bekommen, hoffentlich finde ich frh
genug aus dem Bett. Ich werde sie fr Dich um eine kleine Maie extra
bitten,-- ja?

Das wre reizend, sagte sie, aber Sie mssen auch fr Frulein Leonore
eine Maie zu bekommen suchen, sie hat doch heute so fein stillgehalten
beim Malen.

Das ist wahr, sagte ich.

Frulein Leonore liebe ich sehr, flsterte Charlotte, als verknde sie
mir ein Geheimnis, ihr Mund ist doch bezaubernd, und auch ihre Augen,--
nicht wahr?

Dann ging sie, ich sah dem Schreiten ihrer Kinderfe nach. Darauf sah ich
zu Leonore hinber. Sie sa in einem groen geblmten Polsterstuhl und
fhrte gerade eine Schale Tee an die Lippen. Das rote Licht einer Lampe,
auf der ein karmoisinfarbener Schirm lag, fiel auf sie. Natrlich sah ich
sofort wieder ein Bild. Es war mein Verhngnis, da ich immer Bilder,
Bilder, Bilder sah, wenn meine Augen auf dies Mdchen fielen. Das rtliche
Licht war magisch um sie her. Der zwanglos gehobene Arm, das schimmernde
Haar,-- ich war schon wieder ganz mit einem malerischen Problem
beschftigt. Da brachte mir ein Diener Tee. Und kurz darauf trat der
Assessor auf mich zu und verstrickte mich in ein Gesprch.

Der Graf machte, ehe er sich zurckzog, einen Vorschlag, der von allen
freudig begrt wurde. Er schlug nmlich vor, da man am folgenden Tage in
den seidenen Kostmen des achtzehnten Jahrhunderts, deren es in der
Kleiderkammer des Schlosses eine Menge gab, zum Diner kommen sollte. Auch
er und die Grfin versprachen, sich zu kostmieren.

Man trennte sich. Der Assessor und ich saen noch eine Weile in den alten
Ledersthlen der Bibliothek bei Tabak und Bier.

Endlich fingen wir an zu ghnen, erhoben uns und schlenderten zum
Kavalierhaus hinber. Es war eine laue, windstille Nacht, der Jasmin
duftete betubend. Unsere Schritte klangen einsam hallend auf dem hellen
Kies, sonst hrte man nichts.

brigens, dies Frulein Helfinger, sagte der Assessor, ehe wir in das
Kavalierhaus eintraten, ein entzckendes Geschpf. Man mchte sie immer
ansehen, finden Sie nicht?

Ein Bild, entgegnete ich, ein wirkliches Bild, ich versichere Sie, ich
kann es beurteilen, ich bin ein Maler! Sie kann sich bewegen, wie sie
will, es ist immer ein Bild. Es macht mich rasend, da ich keine Zeit
habe, sie zu malen. Was ist eine Skizze?

Ja, ja, ich glaube Ihnen, sagte der Assessor.

Pfingstsonntag. Frh hatte ich zu arbeiten, nachher luteten die Glocken
zum Kirchgang; mde lie ich meine Hnde ruhen. Ich sah, wie das grfliche
Paar, der Hauslehrer, Charlotte und die Jungen gemeinsam zur Kirche
schritten. Der Assessor streifte durch den Park, in weien Beinkleidern
und blauer Jacke. Als er mich sah, kam er auf mich zu und fragte, ob ich
mit Tennis spielen wolle; die jungen Damen warteten schon auf der
Terrasse. Jawohl, sagte ich, mit Vergngen. Der Assessor half mir die
Malsachen schleppen, dann spielten wir Tennis.

Die Mdchen hatten dunkelblaue, fufreie Kleider und weie Blusen an.
Komte Anna hatte einen roten Filzhut ber das Haar gestlpt, Leonore trug
das Haar frei. Ich spielte mit Komte Anna, der Assessor mit Leonore. Ein
Diener suchte die Blle. Ich verwnschte es im stillen, da ich an diesem
Spiel teilnahm, ich htte viel lieber daneben gesessen und Studien nach
Leonores Bewegungen gemacht, die so sicher waren, so ruhig und doch von so
starkem Temperament.

Warum sehen Sie mich immer so an? fragte sie einmal, nicht unwillig,
sondern mit einem Lcheln.

Sie wissen ja, Sie interessieren mich malerisch, entgegnete ich,
verzeihen Sie, wenn ich Sie so oft ansehe.

Ich machte eine Verbeugung wie vor einer Dame, wobei ich dachte: Diese
Verbeugung ist unntig, sie ist ja ein Kind. Ich bemhte mich, sie in
Zukunft weniger anzusehen. Eine Weile gelang es mir. Dann fiel ich in
meinen alten Fehler zurck.

Ich nahm mir vor, nachher neue Skizzen nach ihr zu machen. Sie hatte
Bewegungen beim Spiel, die sie wie eine Blte erscheinen lieen; das war,
wenn sie den Hals streckte und den Kopf etwas zurckwarf. Einmal gab sie
mir einen Ball in die Hand. Wie seltsam funkelnd waren ihre Augen, als sie
mir den Ball gab. Das sind se, leidenschaftliche Augen, dachte ich, und
dieses sonderbare Blau. Ich dachte wieder daran, wie ich das malen knnte.
Ich dachte immer nur ans Malen, ich Trottel, ich kindischer Geselle!

Nachmittags probte alles alte Kostme. Ich hatte mir einen Rock aus
hellgrauer Seide hervorgesucht, der mit Rosengirlanden bestickt war; dazu
einen Kavalierdegen und Eskarpins. In diesem Kostm sa ich noch eine
Weile am Tisch meines Zimmers und machte aus der Erinnerung
Bewegungsskizzen nach der tennisspielenden Leonore. Dann tnte das Gong,
ich ging zum Diner hinber ins Schlo.

In dem blauen Salon traf ich die beiden Freundinnen. Ich blieb wie
angewurzelt stehen. Die Mdchen sahen so berraschend echt in ihren
Kostmen aus, da ich meinte, ich she eine Vision aus der Zeit des
=ancien rgime=. Leonore trug ein langes, silberbesticktes Gewand aus
blaugrauem Brokat, das hinten schleppte. Hals und Schultern waren frei.
Sie trug eine hohe bepuderte Coiffre, in der eine mattrote Rose steckte.
Auf der einen Wange, nahe der Schlfe, lag ein schwarzes Pflsterchen. Ich
sah sie zuerst im Profil, sie blickte gegen das Licht zum Fenster hin und
hielt spielend einen alten Fcher in der Hand.

Komte Anna war in Grnblau. Auch sie hatte bepudertes Haar, ihr Gewand
war glockenfrmig. Sie trat mir lachend entgegen und fragte:

Wie gefallen wir Ihnen, Marquis?

Ich bin hingerissen, sagte ich, Sie sollten immer solche Kleider
tragen. Auch Sie, Frulein Helfinger.

Leonore sah mich an, mit einem Lcheln. Wie wundervoll war die blarote
Rose in ihrem bepuderten Haar! Wie mdchenhaft hold die Linie von dem
feinen Hals zu den Schultern.

Wahrhaftig, man sollte das malen, sagte ich, ganz in Silber und Grau.
Ich kniff die Augen ein wenig zu und betrachtete sie.

Da verschwand das Lcheln von ihrem Mund.

Sie wendete sich ab, fast verdrossen, und sah wieder zum Fenster hinaus,
mit verhangenem Blick, als dchte sie an Fernes. Ich sah hinber zu ihr
und dachte: Wie reizend wre es, wenn ich sie jetzt skizzieren knnte!...

Nun kamen die andern. Die Grfin kam in schwarzer Seide, mit grauer
Percke. Der Graf hatte eine Uniform aus der Zeit der Freiheitskriege
angelegt. Charlotte trug ein geblmtes Kleidchen von 1830. Auf ihrem
offenen Haar, das zu langen Locken gedreht war, lag ein dnner Kranz aus
Tausendschnchen. Dieses zarte Kind war wie ein schwebendes Lied, wie eine
verwehende Melodie.

Der Assessor trug ein Kostm vom Schnitt des meinigen, aber in Hellblau.
Die Gouvernante hatte ein Gewand aus der Schwedenzeit angelegt. Der
Hauslehrer ging in einem altvterlichen Rock mit breiten Aufschlgen aus
Samt. Fred und Klaus kamen in ihren Matrosenkitteln und machten bsartige
Glossen ber die andern.

Wir gingen paarweis zu Tisch. Ich hatte Leonore zu fhren. Leicht und
ernst hing sie an meinem Arm, ein Traum.

Bei Tisch war ich mir immer bewut, da ein Profil von seltener
Kostbarkeit an meiner Seite war; da ich jammervoll die Zeit versumte, da
ich es nicht skizzieren konnte. Ich kam auf Marie Grubbe zu sprechen, den
Roman von Jens Peter Jacobsen. Ich fragte Leonore, ob sie das Buch gelesen
habe.

Ja, sagte sie, ich habe es gelesen, aber ich habe es zerrissen und
verbrannt.

Oho! dachte ich, sie hat Marie Grubbe verbrannt!

Spter werden Sie das Buch wieder lesen, sagte ich, dann werden Sie es
nicht verbrennen, sondern Sie werden es lieben.

Sie zuckte mit den Schultern.

Wissen Sie, wie ich Sie malen mchte? sagte ich. Wie Marie Grubbe
mchte ich Sie malen, als sie noch Kind war, ich meine die Szene, wo sie
in der Laube sitzt und mit den nackten Armen in den Rosen whlt.

Sie sah mich an, es war etwas Schmerzliches in ihren Augen. Ich nahm das
Glas, in dem der Sekt perlte, hob es ihr entgegen und trank auf ihr Wohl.
Auch sie nahm ihr Glas, wir stieen an. Ich sehe noch die holde Neigung
ihres Kopfes, da wir anstieen. Auf ihren rosigen Wangen waren Spuren
weien Puders zu bemerken, der aus dem Haar herabgeglitten war.

Ich betrachtete sie lebhaft. Ich studierte sie, ich suchte alles Wichtige
der Form und der Farbe in mich hineinzusaugen. War es nicht beleidigend,
da ich immer nur ihr ueres betrachtete?

Sie ahnen nicht, sagte ich, wie die mattrote Rose zum Grau Ihres Haares
steht. Es ist eine Harmonie, die mich begeistert.

Darf ich Ihnen die Rose schenken? fragte sie demtig.

Nein, nein, entgegnete ich, lassen Sie die Blte in Ihrem Haar, es gibt
keinen besseren Platz fr sie!

Ich nahm die Rose nicht, die sie mir anbot.

Sie sah mde vor sich hin. Ich werde sie Ihnen heute Abend schenken, ehe
wir uns trennen, sagte sie leise.

Oh, ich danke Ihnen, erwiderte ich, ich danke Ihnen.

Nach Tisch ging alles in den Park. Ich lief hinber auf mein Zimmer,
ergriff ein Skizzenbuch und steckte es in die Brust. Es war gegen
Sonnenuntergang. Es war die Stunde, wo die Bume des Parks in einer
stillen Verklrung in die Lfte ragen, wo alle Umrisse grer und
feierlicher zu werden beginnen. Die Abendsonne hing goldig in den Wipfeln
der Kastanien. Wir schritten paarweis die gewundenen Kieswege hin, Leonore
und ich zuletzt. Es war ein traumhaftes Bild, die bunten, in Seide
gekleideten Menschen zwischen den Bumen und blhenden Bosketts des alten
Gartens, der solche bepuderten Menschen schon frher gesehen hatte und
sehr erstaunt sein mochte, sie pltzlich noch einmal auftauchen zu sehen.

Wir kamen ber eine weie Brcke und spiegelten uns in dem dunkeln Wasser.
Leonore und ich verweilten einige Zeit auf der Brcke, die andern
entschwanden. Es war nicht genau zu erkennen, wohin sie gegangen waren.
Wir schlenderten durch den Eichenhain, jenseits des Wassers, Leonore und
ich allein. Wir kamen an den Deich, ein schrger Pfad fhrte empor. Ich
mute Leonores Arm freilassen, sie schritt langsam vor mir hinan. Ich sehe
noch den schnen Umri der schlanken, aufwrtsschreitenden Gestalt, den
bloen Nacken und das graue Haar...

Auf dem Deich umflammte uns die Abendsonne. Zu unsern Fen lagen die
Wiesen der Marsch, ganz mit rotblhendem Sauerampfer bestanden und
bergossen von den purpurnen Strahlen des vergehenden Lichts. Es war ein
so ungeheures Rot in den Wiesen eingefangen, da man glaubte, man she
ber ein blutiges, loderndes Meer. Wir blickten hinaus, Leonore hatte ein
kleines ses Staunen im Gesicht, ihr Mund war ein wenig geffnet. Etwas
Wehes war um ihre Gestalt. Ich holte schnell das Skizzenbuch hervor, um
die Linien ihres Profils festzuhalten. Da sah sie, was ich tat,-- und es
geschah etwas...

Sie starrte mich an, mit flammendem, zornigem Blick, aus dem eine
ersterbende Leidenschaft grte. Dann hob sie die Arme empor und dehnte
sie mir entgegen, sehnschtig, mit einer Gebrde des berschwangs! Dann
lie sie die Arme sinken, ermdet, mit einem Zittern.

Ich stand da wie ein geschlagener Knabe. Mir war, als sei auf einmal eine
Binde von meinen Augen gerissen. Ja, pltzlich sah ich klar. Dieser junge
stolze Mensch da vor mir war erfllt gewesen von einem strahlenden Gefhl
der Liebe,-- ich aber hatte sie immer nur malen wollen, meine blden
Augen hatten nichts weiter als das Malerische an ihr gesehen! Jetzt merkte
ich, wie sehr ich sie durch mein Betragen verletzt hatte. Ich hatte sie ja
mit Fen getreten! In ihr war eine schne Welle aufgestiegen, die ihr
Gefhl mit Macht zu mir hinbertrug,-- ich aber hatte kalt nur ihr
ueres betrachtet, um es fr meine Malereien zu verwenden!

Fr einen Augenblick kam etwas Unruhiges in sie. Dann hatte sie ihre
Fassung wiedergewonnen.

Kommen Sie, sagte sie khl, wir wollen zu den andern gehen. Damit war
sie schon auf dem Wege den Deich hinab. In mir siedete es. Was sollte ich
tun, um diesen tiefgekrnkten Menschen zu vershnen? Es kreiste und
schwankte vor meinen Augen.

Frulein Leonore--, sagte ich, wie um Verzeihung bittend.

Aber sie hrte nicht. Etwas Abweisendes lag um ihren Mund, auch ihre Augen
waren streng und herbe. Wir hrten Lachen, die Kleider der andern
schimmerten vor uns durch das Laub.

Hallo! rief Leonore.

Begrung. Dann stieg alles hinauf auf den Deich. Man plauderte, lachte,
staunte laut ber das purpurne Lichtmeer in den Wiesen. Leonore sprach
unbefangen mit Komte Anna und dem Assessor. Ich wagte mich nicht an ihre
Seite, ich war innerlich zerschmettert. Mir war elend zu Sinn wie in einer
Krankheit.

Leonore lachte, scherzte, und auf dem Rckweg nach dem Schlo hngte sie
sich plaudernd in Charlottes Arm. Sie schien sehr frhlich zu sein, aber
mich sah sie nicht. In mir wallte es auf und nieder, es fiel mir schwer,
an der Unterhaltung teilzunehmen, in die mich der Graf und die Grfin
verstrickten. Ich tappte wie ein Traumwandler hin.

Nachher Tanz im Schlo. Die Grfin drehte einen kleinen Leierkasten. Ich
tanzte zuerst mit Leonore; sie bat bald, aufzuhren. Ich sprach ein paar
Worte in demtigem Ton zu ihr, sie antwortete nicht. Mit den andern war
sie froh und unbefangen, mitunter beinahe ausgelassen, so da ich
erstaunte. Ihre Mienen wurden streng und abweisend, sobald sie in meine
Nhe kam. Einmal stand sie in der Nische eines Fensters allein und sah in
den dunkelnden Park. Ich trat neben sie, voll Demut, bittende Worte
stammelnd, und suchte ihre Hand zu kssen. Sie verhinderte es, sie
schttelte abwehrend das Haupt und winkte Charlotte zu uns herber, damit
wir nicht allein in der Nische stnden.

Der ganze Abend war eine Qual. Es sah elend in mir aus. Ich dachte daran,
wie ich sie mit khlem Auge und ruhigem Blut gemalt und skizziert hatte--
und htte mich zchtigen mgen. Du verdientest, da man dich an den
Pranger stellte und ffentlich auspeitschte, dachte ich. Ich begriff mich
selbst nicht, mir graute vor meinem albernen Knstlertum, ich hate mich
wie einen Feind.

Leonore wute es einzurichten, da wir whrend des Abends nur in die
flchtigste Berhrung kamen. Hin und wieder warb ich voll Demut um einen
freundlichen Blick von ihr, aber umsonst. Es war zum Verzweifeln.

Beim Gutenachtwnschen trat sie vor mich hin und sagte: Ich versprach,
Ihnen die Rose aus meinem Haar zu schenken. Sehen Sie doch, sie ist
verloren gegangen, ich kann Ihnen die Rose nicht schenken. Verzeihen Sie.

Ich verneigte mich, sie wendete sich zu den andern. Sie hatte die Rose
fortgeworfen, das ist klar. Ich bi mich auf die Lippen, in mir stieg es
auf vor Weh und Gram. Ich sah ihr nach, wie sie mit Komte Anna und
Charlotte das Zimmer verlie. Das schleppende Gewand sah ich und die
blassen, jugendlich schnen Schultern und die Haltung der Arme im
Kerzenlicht... Aber diesmal dachte ich nicht ans Malen, ich war erfllt
von Qual und Sehnsucht.

Der folgende Tag war entsetzlich. Es war mein letzter Tag auf Carnin, er
machte mich krank und matt. Leonore wich mir aus, sie vermied es, auch nur
einen Augenblick mit mir allein zu sein. Wir spielten Tennis, sie lachte
und schwang den Schlger mit Obacht und Grazie, sie plauderte harmlos mit
den andern, aber zu mir sprach sie niemals. Ich merkte: Es ist alles
hoffnungslos; du hast ihr Gefhl zu heftig mit Fen getreten; hier ist
nichts mehr gutzumachen; es geschieht dir recht, Kunstmaler Tedrahn!

Wie warb ich um einen Blick, um ein freundliches Wort von ihr, wie habe
ich mich gedemtigt! Aber sie blieb hart und kalt, sie beachtete mich
nicht, sie war nicht zu erweichen, sie strafte mich mit Verachtung.

Ich litt, ich dachte: wenn doch dieser Tag erst zu Ende wre, du ertrgst
es ja nicht! Aber ich wute auch, da nach diesem Tage alles vorber sein
wrde, da ich sie nicht wiedersehen wrde, da ich ruhelos sein wrde und
voll Kasteiung gegen mich selbst, im Bewutsein meines verrckten
Benehmens, das mir dieses Glck fr immer verscherzt hatte.

Und der Tag ging hin, dieser qualvolle, zermrbende Tag. Abends saen wir
das letztemal auf der Terrasse. Der Graf lie Sekt reichen, als
Abschiedstrunk. Wir stieen an, mein Glas stie klirrend an Leonores, sie
lachte Charlotte dabei an, mich sah sie nicht. Sie sah schn aus, sie
hatte ein blaues Tchlein ber dem schwarzen Haar. Ich hielt es nicht aus,
ich verabschiedete mich, da ich noch zu packen htte. In aller Frhe des
folgenden Tages mute ich fahren, ich sagte allen Lebewohl. Leonore gab
mir die Hand, sie war ruhig und khl.

Dann schritt ich in meinem Zimmer auf und ab, wie ein gemartertes Tier im
Kfig, stundenlang. Ich hrte die Stimmen von der Terrasse her. Mitunter
hielt ich an und lauschte,-- wenn ich Leonores Stimme zu hren meinte.
Ich war voll wirrer, qualvoller Empfindungen, und ein Gefhl
unbeschreiblichen Ekels quoll in mir auf, wenn ich die Bilder sah, die
gegen die Wand lehnten. Einmal erhob ich den Fu und rannte ihn blindlings
in eins der Bilder hinein, voll Wut auf diese verfluchte Kunst, die mich
um das schnste menschliche Erleben gebracht hatte. Mit diesem Futritt
des Hasses hatte ich mein bestes Bild zerstrt, das Bild des abendlichen
Schlosses mit den Gestalten der Grfin und der Komte Anna auf der
Terrasse. Es war hinber, ich stie ein Gelchter aus.

Ich verbrachte die Nacht schlaflos. Ich packte, ich suchte zu lesen, ich
sah lange Zeit, Zigaretten rauchend, aus dem Fenster in die warme,
duftende Nachtluft, zum Schlo hinber, wo ich das Fenster erkennen
konnte, hinter dem Leonore schlief. Dann wanderte ich wieder hin und her.
Ich begann einen Brief an Leonore zu schreiben und zerri ihn wieder. Ich
legte mich aufs Bett, ohne mich auszukleiden, und erwartete den Morgen.

In aller Frhe klopfte der Diener und brachte Tee. Dann hrte ich den
Wagen auf dem Kies vorfahren, mein Gepck wurde aufgeladen, ich warf den
Mantel um, ging hinunter, und die tauige Luft tat meinen erhitzten Wangen
wohl. Das Handpferd wieherte in die Frhe, voll bermut. Ich blickte noch
einmal zu dem Fenster hinauf, hinter dem Leonore lag. Ich fhlte mich
elend, ausgestoen und krank. Mich frstelte, als htte ich Fieber. Die
Schimmel zogen an, es ging die Lindenallee hinunter, dann durch die gelben
Rapsfelder, aus denen schwere Wolken von Duft aufstiegen.

Die Sonne lag golden ber den Feldern, die Lerchen sangen. Mich marterten
die Lerchen und die Sonne. Ach, knnte ich doch schlafen, dachte ich.




Das Bildnis der Geliebten


Gregor, ein Student der Medizin, war ein hbscher Bursche. Er war schlank
gewachsen, hatte eine schne Stirn, und seine Augen waren gro und klug.
Aber der Arme war brustkrank. Man sah es ihm zwar kaum an, nur wenn er
hstelte und seine schlechten Tage hatte, merkte man es.

Seit kurzer Zeit hatte er eine Geliebte mit Namen Mimi, eine kleine
Verkuferin in einem Weiwarengeschft. Dort hatte er sie das erstemal
gesehen, als er sich einige Taschentcher gekauft hatte. Er hatte dabei,
whrend sie ihm die Tcher vorzeigte, besonders ihre Hnde bewundert, die
schmal und rosig waren und deren Finger sich so auffallend vornehm und
ruhig bewegten. Dann hatte er, ganz erstaunt ber die schwermtige
Schnheit der Hnde, in das Gesicht des Mdchens hinaufgeblickt und hatte
ein Paar Augen darin gesehen, die noch viel schner waren: silbergraue
Augen, mit einem zrtlichen Glanz und von langen, braunen Wimpern
eingefat. Gregor starrte so lange in diese Sterne hinein, bis das Mdchen
unwillig wurde. Sie fing an mit Nachdruck von den Taschentchern zu
sprechen. Er entschlo sich fr irgendwelche, lie sie sich einpacken und
stolperte hinaus.

Er kam bald wieder, sah sich von neuem Taschentcher an und benahm sich
diesmal besonnener und gesitteter. Sie war freundlich zu ihm und dachte
bei sich: 'Ein hbscher Mensch; nur etwas krnklich sieht er aus; aber
eine so schne Stirn habe ich selten gesehen.'

Er empfand es wohl, da sie liebenswrdig war, und bemerkte mit innerem
Jubel die Geflligkeit ihrer Hnde. Er ging, nachdem er sich wieder von
den Tchern hatte geben lassen, wie ein Trunkener heim, ffnete zu Haus
das Paketchen und befhlte lchelnd den weien Stoff, den auch ihre Hnde
berhrt hatten.

Als er dann das drittemal kam, fand er schon den Mut zu einem scherzenden
Wort. Sie ging darauf ein und dachte wieder: 'Wie hbsch und schlank er
ist.' Zum Schlu reichte er ihr die Hand, und sie zgerte nicht, die
ihrige hineinzulegen. Dies war das letztemal, da er Taschentcher bei ihr
gekauft hatte.

Am Abend des folgenden Tages nmlich, um die Stunde, da man die Lden
schliet, tat er so, als ginge er zufllig an ihrem Geschft vorber,
irgendeinem andern Ziele zu. Als sie den Laden verlie, stellte er sich,
als sei er ganz erstaunt, pltzlich ihr Gesicht auftauchen zu sehen,
grte, richtete ein paar Worte an sie, und auf einmal waren sie im
Gesprch. Sie gingen zusammen durch die Straen, plauderten, und wenn ihre
Augen sich trafen, erkannte ein jeder von ihnen die sehnschtigen Gefhle
des andern. So schritten sie durch den sanften Herbstabend und kamen in
einen ffentlichen Garten, wo gerade das erste Laub von den Bumen fiel.
Sie fanden eine stille Bank, legten die Arme umeinander und kten sich.
Er griff glcklich in ihr braunes Haar und entzckte sich an der sanften
Linie ihrer Schultern.

So hatte der Student Gregor eine Geliebte bekommen, die Mimi hie.

Sie waren viel zusammen. Er holte sie des Abends vom Geschft ab, dann
gingen sie zu ihm und aen etwas. Danach nahmen sie sich bei der Hand und
wanderten durch die Straen oder in einen Park, bis sie mde wurden.

So lebten sie dahin, jung und glcklich. Nur die Stunden, in denen er sich
elend fhlte, warfen graue Schatten in ihr Dasein. Er suchte zwar diese
Zustnde und Stimmungen zu verbergen, aber es gelang ihm nicht. Sie fhlte
wohl, wie es mit ihm stand.

       *       *       *       *       *

Eines Abends, als Gregor seine Geliebte nach Haus begleitete, klagte sie
ber Schmerzen im Halse. Am nchsten Morgen hatte sich der Zustand so
verschlimmert, da sie nicht fhig war, das Geschft zu besuchen. Sie
fieberte und mute das Bett hten. Gregor ahnte etwas und ging schon im
Laufe des Vormittags zu ihr, um nachzusehen. Er fand Mimi bla und mde in
den Kissen. Sie freute sich wie ein Kind, als sie ihn kommen sah, und
kte lchelnd seine Hnde. Gregor lie sich an ihrem Lager nieder, fhlte
ihren Puls und sah in den Hals. Dann schrieb er ein Rezept und gab es der
Wirtin, die forteilte, um die Medizin zu besorgen. Gregor nahm Mimis Hand,
neigte sich auf ihr Bett und sprach freundliche Worte zu ihr nieder.

Allmhlich schlossen sich ihre Augen, und ihre Brust begann ruhiger zu
gehen. Sie schlief ein. Gregor betrachtete die Ruhe ihres weien
Gesichtchens und dachte: 'Nun ist sie auch krank.' Mit diesem Gefhl
mischte sich ein anderes, merkwrdiges. Es war beinahe wie ein Triumph.
Ihm war, als empfnde er es als eine Befriedigung, da er nun nicht mehr
allein von ihnen beiden der Bemitleidenswerte sei. Aber dieses Empfinden,
kaum entstanden, verdro ihn aufs tiefste, und er schalt sich niedrig und
gemein. Er mute husten. Er wute ja, da er unendlich krnker war als
sie. Sie war nur erkltet, das ging vorber. Bei ihm sa es tiefer.

Es klopfte. Die Wirtin kam und brachte die Medizin. Er nahm sie ab,
entkorkte die kleine Flasche und stellte sie auf das Nachttischchen. Er
wollte Mimi nicht wecken, der Schlaf tat ihr besser als alle Medizin. Er
blieb an ihrem Bette sitzen, horchte auf ihren Atem, und tausend
Vorstellungen zogen durch sein Gehirn. Sein Auge wanderte in dem Zimmer
umher, das er noch nicht sehr oft betreten hatte. Es war ursprnglich ein
Mietszimmer nach der Schablone gewesen, aber jetzt konnte man berall die
Spuren sorgender Hnde entdecken. So war das Zimmer wohnlich und
freundlich geworden, es hatte ein Gesicht bekommen, es war das Zimmer der
kleinen Mimi mit dem beweglichen Sinn fr das Bunte und Heitere.

An der dem Bett gegenber gelegenen Wand stand ein schmaler Schreibtisch,
der den Eindruck machte, als wrde er selten oder nie benutzt. Allerhand
Schelchen standen darauf herum, kleine Tiere aus Porzellan, chinesische
Figrchen und ein paar Flacons und bunte Ksten. In der Mitte von dem
allen prunkte eine flache silberne Schale, angefllt mit Photographien.
Gregor ging auf leisen Fen hinber, holte sich die Schale an das Bett
und stberte in den Bildern herum. Es waren Freundinnen und Verwandte
Mimis, die Kinder ihrer Wirtin und dergleichen mehr. Ganz zuunterst lag
ein kleines Bildnis, das den Studenten, sobald er es sah, auf das
sonderbarste berhrte. Es stellte Mimi dar. Auf der Rckseite war
vermerkt: sechzehn Jahre alt.

Sie stand in einem weien Kleidchen da, und die ganze Figur war zu sehen.
Ihre schnen Augen blickten geradeaus, die Hnde hielt sie auf dem Rcken
verschrnkt. Es war das Bildnis eines reinen, unberhrten Kindes, das noch
von dem Brausen der Welt und von sich selbst nichts wei. Wie eine weie
Blte im Frhling stand sie da.

Gregor staunte das Bild an wie ein enthlltes Geheimnis. Er verga darber
ganz, da die lebende Geliebte da neben ihm lag und atmete. Er empfand
nichts weiter als die Schnheit dieses lieblichen Bildes. Seine Augen
sogen sich frmlich fest daran.

Mimi bewegte sich und sprach einige zusammenhanglose Worte. Gregor steckte
die gefundene Photographie in die Brusttasche und trug die silberne Schale
auf den Schreibtisch zurck. Dann trat er wieder an das Bett, gerade als
Mimi erwachte. Sie sah ihn aus fieberigen Augen an. Er wagte kaum in diese
Augen hineinzusehen, wie in dem Bewutsein einer Schuld. Er go einige
Tropfen Medizin in einen Lffel und reichte sie ihr. Sie nahm den Trank
und lie den matten Kopf schnell wieder zurck in die Kissen sinken.

Nachher, als sie wieder schlief, nahm er das Bild von neuem vor. Er
meinte, nie so glcklich gewesen zu sein wie jetzt, da er sich im Besitz
dieses Schatzes wute. Er fhrte das Bild an die Lippen und kte es mit
geschlossenen Augen. Es wollte ihm scheinen, da er erst jetzt gefunden
habe, was er bisher noch immer unbewut entbehrt hatte. Ja, ihm war, als
mte die Zukunft nun hell und freundlich sein. Er drckte das Bild an die
Brust, voll leidenschaftlichen Fhlens, und sprach zu ihm in erregten
Gedanken. Aber wenn seine Augen dann neben sich auf die ahnungslos
Schlafende niederfielen, trbten sie sich und verloren den Ausdruck der
Freude.

       *       *       *       *       *

Nach einer Woche ungefhr war Mimi leidlich wiederhergestellt. Als er sie
das erstemal ausfhrte, lenkten sie ihre Schritte in jenen Park, in dem
sie sich das erstemal gekt hatten. Sie fanden auch die Bank wieder, auf
der sie damals gesessen hatten, und da gerade ein schner
sonnendurchwobener Tag war, lieen sie sich fr ein Weilchen auf dem
vertrauten Sitze nieder. Mimi sah noch bleich aus, aber sie wurde von
einem unsagbar wohligen Gefhl durchstrmt, wie es die Genesenden zu
empfinden pflegen. Er hatte seinen Arm in den ihrigen gelegt, und ihre
Hnde ruhten vereint in Mimis Scho. Das Mdchen sprach mit sanfter
Stimme:

Jetzt sind die Bume leer. Damals hing noch fast alles Laub zu unseren
Hupten. Weit Du noch?

Ich wei.

Damals ktest Du mich in groer Liebe. Hast Du mich noch so lieb?

Ja, ja, ja, ich habe Dich noch so lieb. Immer.

Er mute, indem er es sagte, an das Bild denken, das auf seinem Herzen
lag. Daher kam die Innigkeit in seine Stimme. Aber er verga, Mimi zu
kssen.

Warum kt Du mich nicht? fragte sie.

Mimi, warst Du sehr schn, als Du sechzehn warst? Schn wie ein Engel
warst Du, glaube ich.

Ich verstehe Deine Worte nicht. Hast Du mich nicht mehr lieb?

Doch, doch. Aber ich gbe meine Seligkeit hin, wenn ich Dich htte sehen
knnen, als Du sechzehn warst.

Dann legte er schnell sein Gesicht auf ihres und kte ihre Augen, ihre
Stirn, ihre Wangen, ihren Mund, mit wilder Leidenschaft. Es war, weil
seine Gedanken meinten, ein ses, vielgeliebtes Bild zu kssen.

       *       *       *       *       *

Mimi merkte, da eine Vernderung in Gregor vorgegangen war. Er zeigte
sich ber die Maen zerstreut, hustete mehr als frher und wurde immer
sprlicher in den uerungen seiner Liebe. Das bekmmerte Mdchen dachte
nach, worin diese Vernderung ihren Grund haben knnte. Sie meinte zuerst,
da sie eine Folge der offenbaren Verschlechterung seines krperlichen
Zustandes sei. Gregor war zweifellos sehr krank. Er sprach gar nicht mehr
ber sein Leiden, desto schwerer mute es ihn innerlich bedrcken. Aber
dann kamen auch gute Tage, an denen er sich leicht fhlte wie ein Vogel in
der Luft: sein Benehmen aber blieb das gleiche. Er griff ihr nicht mehr
mit der Hand bers Haar, und aus seinen Kssen schlug kein Feuer.

Mimi fhlte: seine Krankheit ist es nicht. Zumindest ist es seine
Krankheit nicht allein. Es ist ein anderes Mdchen, das seine Gedanken
beschftigt und ihn zu mir so lau sein lt. Er liebt eine andere und will
es nicht gestehen, mir nicht und vielleicht sich selber nicht. Aber er
soll es mir sagen, das ist er mir schuldig, denn ich kann diese grauen,
schleppenden Tage nicht lnger ertragen.

Eines Abends, es war in seiner Wohnung, sprach sie dann ganz ruhig zu ihm,
-- freilich, es kostete sie groe Mhe, da sie diese Ruhe erzwang--:

Gregor, Du liebst mich nicht mehr. Ich fhle es an allem, Du trgst das
Bild einer andern in Dir. Lge nicht. Erlse mich, gestehe es ein.

Gregor sah bleich und mit verlorenen Augen an dem Mdchen vorber, wie in
eine Ferne. Dann rang es sich tropfenweise von seinen Lippen:

Das Bild einer andern? Das ist nicht wahr! Dein Bild und kein anderes
trage ich in mir, bei meiner Seele!

Er senkte den Kopf zu Boden und starrte vor sich hin, dumpf und
schweigend. Mimi wagte nichts zu erwidern. Sie sah ihn an, verngstigt und
in groem Mitleid. Sie wute nicht, was sie tun oder sagen sollte. Da
bemerkte sie, da sich ein paar Trnen aus seinen Augen stahlen und zu
Boden strzten. Ein unendlicher Jammer ergriff sie, da sie selbst laut
htte weinen mgen. Aber das tat sie nicht. Sie stand auf und setzte sich
neben ihn, ergriff sein Haupt, lehnte es an ihre Brust und sprach:

Armer Gregor.

Da schlang er seine Arme um ihren Leib, fest, als bermanne ihn die
Furcht, da er die Geliebte verlieren knne. Er schluchzte zum
Herzzerbrechen, es war, als ob eine wilde innere Zerrttung ihn wahnsinnig
machen wolle.

Aber als er sich beruhigt hatte und Mimi ihn mit Vorsicht zu fragen wagte,
was ihm sei? was ihn qule? er solle sich doch durch eine Aussprache
erleichtern, schttelte er abwehrend den Kopf und sagte nur:

Es ist nichts. Du kannst mir nicht helfen. Es wird alles vorbergehen.

Damit mute sie sich begngen. Es schmerzte sie freilich, da er es
verschmhte, sich ihr anzuvertrauen. Frher hatte er ihr nie etwas
verschwiegen. Aber sie dachte bei sich: Ich werde es dennoch erfahren. Es
ist eine andere, ich wei es gewi. Es wird alles offenbar werden.

       *       *       *       *       *

Fr einen Sonntagnachmittag hatte man sich derart verabredet, da Mimi um
drei Uhr zu Gregor kommen sollte, um ihn abzuholen; bis dahin hatte er in
der Klinik zu tun. Mimi verfrhte sich und traf schon vor der
festgesetzten Stunde in Gregors Wohnung ein. Sie wartete, und als sie ihn
endlich die Treppe heraufkommen hrte, schlpfte sie schnell in das
anstoende Schlafzimmer, um sich zu verbergen und dem Geliebten eine
berraschung zu bereiten. Gregor trat in sein Zimmer, legte Hut und Mantel
ab, hustete heftig und legte sich auf den Diwan. Mimi beobachtete ihn
durch die Portire, ohne da er eine Ahnung von ihrer Anwesenheit hatte.
Er fhlte eine Weile seinen Puls und neigte bedenklich den Kopf hin und
her, als ob er einen fremden Patienten vor sich habe. Dann griff er in die
Brusttasche und holte eine Photographie hervor. Er sah sie lange an, mit
verzckten Augen. Darauf fhrte er sie an den Mund und kte sie mit
Leidenschaft. Er drckte sie an sein Herz, an seine Stirn, auf seine Augen
und kte sie wieder, unablssig, aufgeregt wie ein Wahnsinniger.

Mimi traute ihren Augen nicht. Es schwirrte ihr durch den Kopf wie ein
Schwarm nchtiger Vgel. Ein Gedanke jagte den andern. Dann stand es ihr
klar im Bewutsein: das Bild da ist es, das Bild!

Sie wute kaum, was sie tat. Sie strzte aus ihrem Versteck zu Gregor
hinein, vor den Diwan. Gregor schrie laut auf, dann starrte er sie an, mit
verglasten Augen, unwissend was das zu bedeuten habe. Sie ri ihm mit
Windesschnelle das Bild aus den Hnden. Es berhrte sie fast lcherlich,
als sie dann sah, wen es darstellte. Sie zerri das Bild, ehe er es
hindern konnte, in kleine Fetzen und warf sie verchtlich beiseite. Gregor
stand auf und reckte seine Arme hoch ber den Kopf, mit einer
verzweifelten Gebrde. Dann brach er zusammen und fiel rcklings ber den
Diwan. Ein kleiner Streifen hellroten Blutes war ihm auf die Lippen
getreten. Auch aus der Nase quollen einige rote Tropfen.

Als Mimi ihn so sah, rief sie um Hilfe. Sie warf sich ber ihn und nannte
seinen Namen. Erst laut, als wollte sie ihn wecken, dann flsternd und
schmeichelnd, wie ein Kind. Es war fruchtlos, Gregor rhrte sich nicht.

Die Wirtin hatte die Schreie gehrt und trat in das Zimmer. Sie erkannte,
was not tat, und lief zum Arzt. Als dieser kam und die bewutlose Mimi mit
Mhe von dem Krper Gregors losgelst hatte, sagte er:

Ein Blutsturz. Er ist tot.




Nebelnacht


Einmal brachte ich im Sommer einige Wochen in dem kleinen norddeutschen
Dorfe Silben zu. Es ist anmutig gelegen, in einer fruchtbaren, an Bumen
reichen Gegend, durch die sich ein helles Flchen schlngelt. Dieses ist
auf beiden Ufern mit Weiden bestanden, die ihre trauernden Zweige in das
Wasser niederhngen lassen; und in greren Abstnden mit hochragenden
Silberpappeln, die wispernd auf ihre heroischen Spiegelbilder
niederschauen. Ich streifte damals viel im Freien herum und kam whrend
des Tages mit Menschen wenig in Berhrung. Nur an einigen Abenden der
Woche ging ich ins Wirtshaus, um ein paar Stunden mit dem Arzt, dem
Frster, mitunter auch dem Pfarrer, zu verplaudern.

Es war ein besonders heier Sommer. Wir hatten nichts als Tage voll Sonne.
Alle Menschen sahen kupfern aus, wie Zulus.

Am Abend stellten sich zuweilen unvermutet Nebel ein und verhllten das
Land. Es waren gewhnlich feine, weie Strichnebel, die ber die Felder
und Wiesen zogen, gleich durchsichtigen, seidenen Geweben oder wie
verfitztes Garn. Sie verschoben sich unablssig, zerstoben hier und
tauchten dort wieder auf, geisterhaft schn. Wenn dann ber ihnen die
Sterne zu scheinen anfingen oder der Mond seine blassen Strahlen in sie
hineinwarf, da sie funkelten gleich Silberstrhnen oder perlenbesetzten
Gewndern, so schien diese Landschaft ganz unwirklich, als ob sie einem
Traum entstiegen wre.

Eines Tages kam ich bei anbrechender Dunkelheit und klarstem Wetter, von
allerlei Streifereien ermdet, ins Dorf zurck, begab mich in meine
einfache Behausung, lieferte der Bauersfrau, deren Dach mich beherbergte,
einige Vgel aus, die ich geschossen hatte, und fiel ber das lndliche
Abendessen her. Ich wei noch, da es rosenroten Schinken gab, kerniges
Schwarzbrot, Eier und Bier. Dann las ich bei der Lampe in einem Buch und
machte mich schlielich, als es drauen an der Kirchuhr zehn schlug, auf,
um in das Gasthaus zu gehen und dort den Rest des Abends mit den
Stammgsten zu verbringen. Als ich zur Haustr hinaustrat, lag das Dorf im
Nebel. Er stand dick, wie eine Mauer, nach allen Seiten hin und regte sich
nicht. Ich war berrascht. So massig und leblos hatte ich ihn noch nicht
gesehen. Aus den einzelnen Husern in der Nhe schimmerten die abendlichen
Lichter, blutrot und trbe, von einem Dunstkreis umgeben. Ich tappte, halb
aufs Geratewohl, vorwrts und langte endlich bei dem Wirtshaus an. Als ich
aber die Tr ffnete und eintreten wollte, bemerkte ich, da es das
Wirtshaus gar nicht war. Der Nebel hatte mir einen Streich gespielt, ich
war fehlgegangen. Und ich htte doch, als ich das Haus so vor mir hatte
liegen sehen, wetten mgen, da es der Gasthof gewesen sei. Ein Kind des
betreffenden Hauses brachte mich in die Wirtschaft hinber, wo der Arzt
und der Frster schon auf mich warteten. Es war noch ein dritter Mensch
bei ihnen, ein Geschftsreisender, der das Dorf gerade passierte. Die
Mnner rauchten Zigarren, nur der Frster Tabak aus einer Handpfeife mit
grnem Porzellankopf, tranken Bier und spielten Skat. Als ich mich zu
ihnen setzte, lieen sie die Karten ruhen, begrten mich, man stellte
mich dem Geschftsreisenden vor, und dann lie ich mir einen Schnaps geben
und erzhlte, was mir soeben in dem Nebel zugestoen sei, d.h. da ich
das Wirtshaus nicht habe finden knnen und in die Irre gegangen sei.

Seien Sie froh, da Ihnen nichts Schlimmeres zugestoen ist, sagte der
Arzt. Wer diesen Nebel nicht kennt, soll sich vorsehen. Ich kann Ihnen
eine Geschichte erzhlen.

Erzhlen Sie doch, sagte ich.

       *       *       *       *       *

Der Arzt erzhlte:

Es ist schon eine Weile her. Ich wohnte erst ein halbes Jahr in diesem
Nest. Sie wissen, ich habe Pferd und Wagen, wegen der Patienten in den
umliegenden Drfern. Eines Tages wurde mir der Gaul krank und durfte den
Stall nicht verlassen. In einer der folgenden Nchte kommt man und ruft
mich dringend zu einem Kranken nach Riebach, einem Ort etwa eine Meile
stlich. Ich fluche und wettere, und am Ende mu ich den Mann zu Fu zu
seinem schwerkranken Vater nach Riebach begleiten. Es war eine helle,
sternklare Frhherbstnacht, weich und duftig, und eigentlich war es eine
Lust, so durch die mondbeschienenen Felder zu schreiten. Die unbequeme
Mdigkeit war mir bald aus den Gliedern gewichen, mit ihr die schlechte
Laune, und ich empfand eine wahre Freude an diesem nchtlichen
Spaziergang. Ich sah und hrte allerhand Heimliches, Ungewohntes, das mir
reizvoll war. So das Piepsen mancher Vgel im Traum, von denen man nicht
wute, wo sie schliefen. Das merkwrdige Suseln mancher Baumkronen, von
Luftzgen bewegt, die man sich in der stillen Nacht nicht zu erklren
wute. Das unvermutete Rascheln und Rennen im Feld, das von
aufgescheuchten Tieren herkam.

Auf einer alten Steinbrcke hatten wir den Flu zu berschreiten. Das
lautlose Wasser blitzte und strahlte in unzhligen feinen Silberstrichen,
durch die eine rastlose flimmernde Bewegung ging. Gleich jenseits der
Brcke duckte sich eine kleine Schenke an den Weg. Auf dem Dach lag der
Mond wie Schnee. Aus einem der niedrigen Fenster schien ein Licht in die
Nacht. Wir gingen daran vorber und hrten von drinnen einige lachende
Stimmen. Mein Begleiter sagte mir, da es italienische Arbeiter seien, die
eine Strae in der Nhe ausbesserten und in der Schenke wohnten. Bald war
wieder die groe Stille um uns her.

Schlielich gelangten wir an unser Ziel, in das von ziemlich baumarmen
Feldern umgebene Dorf, dessen Turm wir schon vorher gegen den hellen
Himmel hatten aufragen sehen. Bei dem Kranken war nicht viel zu tun. Es
handelte sich um einen der Flle, die man allein sich zu Ende kmpfen
lassen mu. Es war vorauszusehen, da der Alte sptestens am Abend des
folgenden Tages sich fr immer ausstrecken werde. Ich konnte mich nur
bemhen, ihm das Letzte mglichst leicht zu machen. Ich blieb etwa eine
halbe Stunde am Krankenbett und wandte mich dann zum Gehen. Da ich das
Wohnzimmer der Leute durchschritt, fragte mich der junge Bauer, ob ich
nicht, ehe ich wieder heimwandere, irgendeine Strkung zu mir nehmen
wolle. Dieses Anerbieten kam mir sehr erwnscht, denn die nchtliche
Wanderung hatte mir Hunger verursacht. Ich setzte mich also und
befriedigte mit Genu meinen gesunden Appetit, whrend sich einige
Schritte von mir entfernt ein Mensch unter gelinden Schmerzen langsam
auflste. Endlich erhob ich mich, schrfte dem jungen Bauer noch einmal
die Verhaltungsmaregeln ein und ging davon. Als ich ins Freie trat, sah
ich, da sich vielfache silberne Nebelstriche ber die Felder gelagert
hatten. Sie schweiften und wehten leise hin und her. Der Himmel war noch
klar und voller Sterne, und der Weg war gut zu erkennen. Ich schritt zu
und merkte nun auch, da es khler geworden war. Mitunter, wenn die Nebel
an mir vorbeistrichen, wehte mich ein eiskalter Hauch an. Nach und nach
bezog sich das Firmament, die Gestirne erloschen, und die Nebel wurden
dichter und zahlreicher. Wei der Himmel, woher sie kamen, sie schienen
aus der Erde zu wachsen, sie trmten sich wie Wolken bereinander, sie
schoben und drngten sich, bis sie schlielich feststanden und sich nicht
mehr rhrten. Ich kam wieder an der Wegschenke vorbei, die jetzt ohne
Licht, schlafend und lautlos, an dem Fluufer hockte. Sie hob sich im
Nebel wie eine dunkle, klobige Masse ab, wie etwas unheimlich Lebloses, in
dem aber das Leben doch wohnte und nur darauf lauerte, da man es weckte.
Dann passierte ich die Brcke. Ich schritt an dem linken Gelnder entlang
und konnte das rechte nur noch wie einen Schatten wahrnehmen. Jenseits des
Flusses wurde es noch schlimmer. Es kam mir vor, da kleine Wirbel von
Nebeln um mich her tanzten, zuweilen erffnete sich einmal ein Ausblick,
einige Bume, ein Stck Feld oder Gebsch wurden sichtbar, dann schnrte
sich wieder alles zu, es wehte trgerisch durcheinander, jetzt schob sich
von da, jetzt von dort eine Nebelwand gegen mich vor, und ich bereute es
durchaus, diesen nichtswrdigen Weg unternommen zu haben. Angst berfiel
mich. Zur Umkehr war es zu spt. Ich hatte keine Ahnung, wo ich mich
befand, ob ich berhaupt auf dem richtigen Wege war und in welcher
Richtung unser Dorf lag. Ich hatte gar keine Anhaltspunkte mehr und
tastete einfach auf gut Glck in die Finsternis hinein. Dabei traten
allerhand scheuliche Vorstellungen vor mich hin. So: wenn jetzt einige
von den italienischen Arbeitern betrunken irgendwoher auf mich zuwankten
und mich niederschlgen. Oder: wenn ich jetzt mit dem Kopf gegen den Stamm
eines Baumes stiee und besinnungslos hinstrzte. Oder: wenn ich jetzt an
den Flu kme und she ihn nicht.

Zuweilen machte ich kopfschttelnd halt. Ich sagte mir, da eigentlich
jeder Schritt, den ich tat, eine Torheit sei. Vielleicht ging ich in einer
Richtung, die mich von Silben immer mehr entfernte. Vielleicht war ich
auch schon lngst an dem Dorf vorbeigegangen, denn der Zeit nach htte ich
wohl schon zu Haus sein mssen. Es war eine Lage zum Verzweifeln, und ich
machte mich auf das Schlimmste gefat. Dabei merkte ich zum berflu, da
ich von dem Fuweg abgekommen war und mich auf einem Stoppelfeld befand.
Es war, um die Fassung zu verlieren. Ich schimpfte wtend vor mich hin,
aber das war zu nichts ntze. Ich tastete weiter, wie ein Blinder, den
sein Fhrer im Stich gelassen hat. Pltzlich mute ich denken: wenn ich
jetzt strzte, in eine Sandgrube oder irgendwohin, und mte da die Nacht
durch liegen bleiben und vielleicht auch noch den kommenden Tag und immer
so fort,-- es war ein abscheulicher Gedanke. Whrend ich ihm noch
nachhing, merkte ich, da ich den Boden unter den Fen verlor, ich fiel,
schlug mit den Armen in die Luft, fhlte ein Krachen im Kopf, ein
Schwindel folgte, und dann war alles still.

Als ich zur Erkenntnis der Dinge kam, sprte ich ein dumpfes Gefhl im
Kopf und einen feinen Schmerz im Knchel des linken Fues. Ich betastete
mich vorsichtig, fhlte nasse Erde an den Kleidern, und als ich mich
rhren wollte, tat der Fu heftiger weh. Ich ri die Augen auf. Es war
stockdunkel und nicht die Hand vor dem Gesicht zu erkennen. Ich versuchte
mich zu erheben, aber der Fu lie es nicht zu. Sobald ich ihn bewegte,
hatte ich einen Schmerz, als ob mir einer mit einem stumpfen Messer die
Sehne durchschneide. Ich wute, da das zum mindesten eine heftige
Verstauchung, vermutlich aber ein Knochenbruch war.

Da lag ich nun, krank, hilflos in einer schauerlichen Nacht. Ich
berlegte, was ich tun knnte, aber ich kam auf nichts. Ich fhlte mit den
Hnden nach allen Seiten und stie berall auf Erde. Es war allem Anschein
nach eine leere Kalkgrube, in die ich gefallen war. Ich befand mich also
sicher in der Nhe des Dorfes. Ich dachte daran, da man mich vielleicht
hren wrde, wenn ich tchtig schrie. Und nun schrie ich, laut und lauter,
immer von neuem, in immer anderen Tnen, und dann brllte ich wie ein
Tier. Meine eigene Stimme begann mir unheimlich zu werden. Ich hrte auf.
Es war ja doch alles vergebens. Eine Antwort erfolgte nicht. berhaupt war
ringsum nicht der leiseste Laut zu vernehmen.

Nun kam mir in den Sinn, was wohl aus mir geworden wre, wenn die Grube
schon mit dem gelschten weien Kalk angefllt gewesen wre. Ich sah mich
in Gedanken hineinsinken, langsam, ohne da ich die Glieder regen konnte,
und dann kam mir der schwammige Brei an die Kehle, ich schrie noch einmal,
der Schrei erstickte im Kalk, und dieser drang mir tzend in Mund und
Nase. Die Sinne vergingen mir.

Meine Lage war gewi nicht beneidenswert; aber wenn ich an den Kalk
dachte,-- das war noch teuflischer.

Andere Bilder traten vor mich hin. Wenn sich jetzt zum Beispiel-- so
dachte ich-- die Erde oben durch irgendeinen Zufall lockern wrde, und
die Grube brche in sich zusammen und verschttete mich. Ich wrde es mir
ruhig gefallen lassen mssen, denn ich konnte mich ja kaum bewegen, viel
weniger mich erheben. Ich wrde eben einfach nach einigen Minuten in der
Finsternis ersticken. Unwillkrlich richtete ich das Auge nach oben, an
die Rnder der Grube. Sie hoben sich kaum gegen das graue Einerlei des
Nebels ab, der ber ihnen hinzog. Ich sah noch eine ganze Weile nach oben,
voll Furcht. Mein Herz schlug, da ich es hrte. Es stand mir ganz auer
Zweifel, da die Grube einfallen _mte_, ich wollte nur den Augenblick
abwarten und dann die Augen schlieen...

Der Augenblick kam nicht, und ich wurde wieder ruhiger. Ich begann zu
frieren. Es schien mir, als stelle sich Fieber ein. Ich hllte mich, so
fest es ging, in meine Kleider und zog den Hut ber die Ohren. So lag ich,
dsend, mit durcheinanderschwirrenden Gedanken, und jede Minute wurde mir
zur Ewigkeit. Was sollte aus mir werden?!

Ich brllte noch einmal, mit Aufbietung aller Krfte, wild, wahnsinnig. Es
verhallte ungehrt. Alles blieb still. Nun gab ich es endgltig auf.

Einmal war mir, als ob ein Knistern ber mir am Rande der Grube hinhusche.
Zuerst wagte ich nicht aufzuschauen. Die Angst packte mich schon wieder,
dann schielte ich doch hinauf, und nun schien mir, da dort oben in dem
ziehenden Nebel sich eine Gestalt ber den Rand der Grube zu mir
niederneige, eine vage, zerflieende, schweigende Gestalt, nur wie ein
Schatten. Ich strengte meine Augen an und verhielt mich still. Als ich
ganz fest hinschaute, sah ich schlielich gar nichts mehr, und nun htte
ich ber meine dummen Einbildungen beinahe gelacht. Es war nichts als ein
Nebelstreifen gewesen, natrlich, was sollte es denn sonst gewesen sein?
Ja, und was war mir Narren denn berhaupt Schlimmes geschehen? War nicht
diese ganze Angst verrckt und meine Lage im Grunde recht harmlos? Ich lag
da in einer Kalkgrube, mit verletztem Fu und brigens vollem Magen, fror
etwas und hatte einfach dem Morgen entgegenzusehen, wo die Arbeiter kommen
und mich finden wrden. Man wrde mich hinaufholen, auf einen Wagen
bringen und nach Hause fahren. Da, das war das ganze. War das nun so etwas
Grliches, wovor man ein Grauen haben konnte? Ich war doch recht
kindisch.

Ich fing an, ganz ruhig und geduldig zu werden und fgte mich in meine
Lage mit Gleichmut. Bald sprte ich, da ich mde wurde. Ich lehnte den
Kopf an die Wand der Grube und schlo die Augen. Es war mir alles
gleichgltig, ich wute nur, da ich sehr mde war und schlafen mute. Ab
und zu fhlte ich noch kalte Schauer mich berfallen. Zuweilen war mir
auch, als ob mein Herz stillstnde. Dann trat mir endlich nichts mehr in
das Bewutsein, und ich begann hinberzudmmern.

Als ich erwachte und die Augen aufschlug, war es heller Tag. Ich hustete,
fror und fhlte mich schlecht. Mein Fu brannte wie Feuer. Ich sah ein, es
war hchste Zeit, da etwas mit mir geschah, es konnte sonst leicht zu
spt werden. Der Nebel war vllig verschwunden, ein hellblauer,
strahlender Himmel leuchtete durch die viereckige Grube zu mir herab.
Pltzlich hrte ich ganz in der Nhe Stimmen. Hallo! Ich rief, rief. Dann
lauschte ich. Die Stimmen brachen ab; mir schien, sie flsterten. Einige
Augenblicke spter neigte sich der Krper eines Menschen ber die Grube.
Es war unser Pfarrer im Amtsornat. Ich sehe noch seine groen,
verwunderten Augen und das mchtige Sammetbarett auf dem blonden Kopf.
Dann drngten sich andere Kpfe vor, alle erschreckt und erstaunt. Man
holte schnell eine Leiter und schob sie zu mir hinunter. Es kam jemand
herabgeklettert und half mir behutsam an der Leiter auf. Nun sah ich, da
ich mich auf dem neuangelegten Teil des Kirchhofs befand. Ich hatte die
Nacht in einem frisch geschaufelten Grab gelegen. Man trug mich vorsichtig
in das Leichenhuschen hinber, damit ich dort warte, bis ein Wagen kme.
Whrend des Wartens sah ich durch die Fenster des Huschens, wie man einen
Sarg vom Leichenwagen lud und auf jene Stelle hinablie, wo ich die
vergangene Nacht zugebracht hatte.




Ebeth


An einem Herbsttag, als die Ahornbltter in der Sonne wie Kupfer waren,
sah ich Ebeth das erstemal. Es war in einem Vergngungsgarten vor den
Toren der Stadt. Sie fuhr mit einer Freundin auf einem von Glasbehngen
berglitzerten Karussell, zu dem eine Drehorgel spielte, in den Akkorden
der Melancholie. Die Mdchen aen Schokolade, sie saen lachend quer ber
glotzugigen Holzpferden da, und an Ebeth flo ein weies, welliges Kleid
herunter. Sie wiegte sich sacht in den Hften, zur Melodie des klagenden
Walzers. Wie hell und lustig war ihr Lachen, wie weich war dieses Wiegen
der Hften, wie wallte das Kleid an ihren schlanken Gliedern hin! Nachher
tanzten wir. Ich fhlte sie kaum beim Tanz, sie tanzte nicht hpfend,
sondern schwebend, und man hatte das Empfinden, da sie einem zwischen den
Armen zerrinnen knne wie ein Gebilde aus Nebel.

Als Ebeth das erstemal zu mir kam, hatte sie weie Schuhe an den Fen,
und unter dem Kinn trug sie eine blaue Schleife aus Seide,-- aber das
Blau ihrer Augen war seidiger, zarter und schimmernder. Wie sie die Arme
um mich warf! Mir war, ich sollte in einer Wolke duftender Rosen
untergehen. Wie sie dann sprach, gleich einem zwitschernden Vogel, der
Lieder singt, von denen er nichts wei. Ihre Lippen waren rot wie
Blutstropfen und hatten einen sanften rhythmischen Schwung. Sie waren es
besonders, die dem Gesicht jenen schwer zu beschreibenden Reiz verliehen,
dem man nicht widerstehen konnte.

Ebeth! Wenn ich an das Jahr zurckdenke, das wir zusammen durchlebten, so
ist mir, ich she in einen Sommergarten mit unzhligen Blten und Dften
und mit Sonne, in der die Flgel schillernder Schmetterlinge gaukeln. Wenn
ich an Dich denke, so ist mir, als hre ich den warmen Sommerwind leise
wehend ber die Felder treiben, die rot sind von wucherndem Mohn, und ich
vernehme das geheimnisvolle Schlrfen kleiner, lange vergangener Schritte.

Wenn Ebeth kam, war Jugend, Glck und Licht in meinem Zimmer. Bis in die
Stunden des Nachmittags arbeitete sie in einem Bureau. Dann kam sie. Meist
brachte sie Blumen mit, zumal gelbe Rosen, die sie abgttisch liebte. In
gewissen bermtigen Launen war sie fhig, ihr ganzes Vermgen fr diese
Blten hinzugeben. Sie hatte gar keinen Begriff von der Bedeutung des
Geldes. Was sie hatte, gab sie ohne Bedenken aus, auch fr Fremde und
selbst auf die Gefahr hin, da sie selber dadurch in Verlegenheit kam. Zu
Hause hatte sie Berge von Schokolade liegen, die sie an Kinder zu
verteilen pflegte. Ihr Herz litt es nicht, da ein armer Blinder oder
Lahmer an ihr vorberging, ohne da sie ihm eine Gabe zusteckte.

Geradezu eine Leidenschaft aber waren die Kufe in den Blumenlden. Sie
war unverbesserlich darin, und alles Ermahnen blieb fruchtlos. Wenn ich
ihr Vorstellungen ber ihren Leichtsinn machte, stand sie mit ihrem
Kindergesicht da, sah mich schweigend an, und wenn ich geendet hatte,
wute ich, da alles an ihr vorbergerauscht war wie an einer Wand.
Einmal, es war im Februar, schleppte sie ein Rosenbukett von der Gre
eines Wagenrades ins Haus. Sie sei so glcklich, sagte sie, sie mchte am
liebsten allen Menschen etwas Freundliches sagen, denn die Sonne sei so
goldig um alles drauen, und man merke deutlich, da der Frhling in Krze
kommen msse. Da habe sie sich nicht bezwingen knnen, sie habe den
wundervollen Strau, der ihr aus dem Schaufenster so verlockend
entgegengelacht habe, ohne Besinnen gekauft. Sie rankte sich an mir auf
wie eine Rebe und whlte in meinem Haar. Als sie sich beruhigt hatte,
sagte ich ihr wieder, wie lieb, aber wie unvernnftig sie sei. Meine Rede
wurde sehr instndig, und als ich am Schlusse sicher glaubte, diesmal
Eindruck auf sie gemacht zu haben, sprach sie kein Wort, sondern nahm nur
meinen Kopf in beide Hnde und lachte.

So war Ebeth.

Ganz aus dem Huschen geriet sie, wenn sie schne Kinder zu Gesicht bekam.
Hier fand ihre Zrtlichkeit keine Grenzen, und nicht selten machte sie auf
der Strae halt, um sich in den reizendsten Liebkosungen zu ergehen, wenn
sie einem solchen anmutigen Wesen begegnete. Sie verstand es, so vertraut
mit Kindern zu verkehren, als htte sie nie in ihrem Leben etwas anderes
getan. Sie hat mir auch oft gestanden, da es ihr sehnlichstes Wnschen
sei, solch ein Geschpfchen ihr eigen zu nennen, und ich wei, da ihr
nicht selten vor stillem Neid die Trnen nahe waren, wenn sie eine junge
Mutter mit ihrem Kinde an sich vorbergehen sah.

Fr gewhnlich freilich erinnerte sie nicht an eine Mutter. Sie war
vielmehr wie ein Kind: unbedacht in allem, was sie tat, immer nur dem
Andrang des Gefhls nachgebend und unfhig, ber den Tag hinaus zu denken,
an dem sie lebte. Sie war von einer Offenherzigkeit, die erstaunlich war;
von einer Ehrlichkeit im Gebrauch der Worte, die ich bewunderte. Nie hat
sie mich belogen, nie ein Gefhl geheuchelt, das sie nicht hatte, nie hat
sie mir etwas verborgen, was in ihr vorging. Wenn wir zusammen durch die
Stadt gingen und einem Manne begegneten, dessen Gesicht ihr gefiel, sagte
sie einfach, wenn er vorber war: Der war schn, findest Du nicht? Sie
sagte es in einer Weise, da es mich nicht verletzen konnte. Freilich, ich
war immer erstaunt, so oft sie es sagte. Ich verstand ihren Geschmack
nicht. Die Gesichter, die ihr gefielen, auch die weiblichen, hatten immer
etwas Stumpfes, Geistloses, und zuweilen fand ich sie von einer
bedenklichen sinnlichen Roheit, so da ich mich nicht enthalten konnte,
Ebeth gelegentlich zu fragen: Sehe ich denn auch so aus? Nein, sagte
sie und schmiegte sich an mich, das ist ja gerade das Gute, da Du nicht
so aussiehst.

Sie kleidete sich immer nett, sauber und geschmackvoll, meist in heiteren
Farben. Sie bevorzugte wei und blau. Einmal, im Frhling, hatte sie sich
einen kostbaren grokrempigen Hut in diesen Farben hergestellt, der lange
mein Entzcken war. Unter diesem Hute sah sie aus, als wre sie ein
verirrtes Prinzechen aus dem Mrchenland. Ich fhlte, da die Leute auf
der Strae still standen und ihr nachsahen, wenn sie plaudernd an meinem
Arme hing.

Ihr Krper war so geschmeidig und wohlgeformt, da die Kleider immer als
etwas Herabrieselndes bei ihr erschienen. Als bade sie sich in den dnnen,
gleitenden Wellen dieser Stoffe, welche die schwebende Leichtigkeit ihres
Ganges und den Liebreiz ihrer Bewegungen nur wenig behinderten.

Wenn wir ausgingen, gab es etwas, was wir aufs peinlichste vermeiden
muten: nmlich einem Fuhrwerk zu begegnen, dessen Kutscher auf die Pferde
einhieb. Wenn Ebeth sah, da man ein Tier qulte, geriet sie in eine
heftige nervse Aufregung, da sie kaum mehr zu besnftigen war. Ich habe
eine ganze Reihe von Szenen mit ihr durchgemacht, wo sie Fuhrleute
zitternd mit den liebevollsten Worten zu bewegen suchte, von dem
Auspeitschen auf die Pferde abzulassen, und sie konnte so rhrend bitten,
da ihr Bemhen zuweilen von Erfolg gekrnt war. Brutalere Burschen suchte
sie durch Geld zu bestechen, und wenn alles nichts fruchten wollte, die
rohen Gemter zu erweichen, so hatte sie in der schmerzlichen, zuweilen
wahnsinnig gesteigerten Erregung, in der sie nichts mehr von sich selber
wute, Worte der Beleidigung fr jene Gesellen bereit, die, wenn sie ihr
gerichtlich zur Last gelegt worden wren, was natrlich nie geschah, ihr
obendrein noch rgerliche Strafen zugezogen htten.

Das Ende solcher Szenen war immer, da Ebeth krperlich auf das
Jammervollste ermattet war, qulende Atemnot bekam und mitunter noch
stundenlang nachher von Schttelfrsten heimgesucht wurde. Sie sah dann
bleich aus wie eine Wand, und ich ngstigte mich um sie, denn ich wute,
da ihre Gesundheit nur zart und besonders das Herz nicht in Ordnung war.
Darum gab ich mir alle Mhe, sie vor jenen Erregungen zu bewahren. Ich lag
auf der Strae eigentlich immer auf der Lauer. Sobald ich bemerkte, da
man irgendwo in der Ferne auf ein Pferd einschlug, machte ich unter
irgendeinem Vorwand kehrt oder bog mit ihr in die nchste Seitenstrae
ein. In den meisten Fllen freilich hatte sie die Qulerei schon eher als
ich bemerkt, denn ihr Instinkt war nach dieser Richtung erstaunlich
entwickelt.

Ebeths Krnklichkeiten machten mir Sorge. Ich wute, sie tanzte zuviel.
Aber sie tanzte so leidenschaftlich gern, da es unmglich war, es ihr
ganz zu verbieten. Es war ihr fast notwendig wie Brot und Atmen. Ich
wehrte so viel es ging. Nicht selten hrte sie auch auf mich. Einmal aber
bernahm sie sich so, da sie gezwungen wurde, das geliebte Vergngen auf
lange hinaus ganz zu meiden.

Es war ein Frhlingsabend, lau, mde machend und verworrene Wnsche
bringend, die man nicht zu nennen wei. Wir saen, es war ein Sonntag, mit
einer kleinen Gesellschaft Bekannter im Tanzsaal eines Vergngungsgartens,
nachdem wir nachmittags in den Wldern gewesen waren. Ebeth sprudelte ber
von Laune und Lustigkeit. Aber sie sah blasser aus als sonst. Unter ihren
viel zu glnzenden Augen lagen dunkle Schatten. Sie hatte ein paar gelbe
Rosen auf der Brust, zu denen sie sich fter niederneigte, um den Duft
einzusaugen. Sie tanzte unbndig und trllerte obendrein die Melodien mit.
Ich bat sie, sich mehr zu schonen, aber sie lachte nur. Ich sah sie
hinschweben durch die Reihen der Tanzenden, verlor mich in die heitere
Grazie ihrer Bewegungen und dachte: Kind. Da sah ich, wie sie erschlaffte,
taumelte und umfiel. Ich sprang auf, eilte hinber, nahm sie auf den Arm
und trug sie in ein Nebenzimmer. Sie war bewutlos und bleich wie der Tod.
Ihr Atem rchelte. Ich knpfte ihr die Brust auf und besprengte sie mit
kaltem Wasser. Allmhlich kam sie wieder zu sich. Als sie die Augen
aufschlug, sah sie mich gro an und erkannte mich.

... zuviel getanzt..., murmelte sie und schlo die Augen wieder.

Ja, sagte ich.

... nicht bse sein..., flsterte sie, lchelte und griff nach meiner
Hand.

Wie htte man ihr bse sein knnen?--

Zuweilen gingen wir ins Theater. Auch Konzerte besuchten wir, und hier
bewies sie ein auffallend feines Verstndnis. Die Musik wirkte am
nachdrcklichsten auf sie. Es konnte geschehen, da sie nach einem
Konzert, von dem sie besonders heftig bewegt worden war, noch im Traum die
Melodien zu singen versuchte, die sie am Abend gehrt hatte. Wir sangen
auch allerlei Lieder in den Wldern. Denn wir gingen viel in die dunkeln,
leise rauschenden Kiefern, die sich um die Stadt hinziehen. Wir lieen uns
auf dem hohen Ufer des Flusses nieder, wo die wilden Enten fliegen, sahen
ber den Flu in die Ebene, lieen unsere Augen den groen Khnen folgen,
die langsam stromabwrts trieben, und Ebeths Hand ruhte auf meiner
Schulter. Traumhafte Stunden des Sonnenunterganges, wo seid ihr?

Es war an einem Regentage im Herbst. Wir waren in meinem Zimmer, Ebeth lag
mde und bla auf dem Diwan, und der Regen sickerte sanft an das Fenster,
in eintniger Melodie. Ich sa neben ihr, wir schwiegen beide. Pltzlich
schlang sie die Arme um mich, zog mich an sich und drckte meinen Kopf
unsinnig heftig an die Brust. Ich sagte nichts. Allmhlich wurde sie
ruhiger. Dann nahm sie auf einmal meine Hand, bi mit aller Kraft hinein,
da das Blut kam, und wollte sich totlachen. Die Narbe dieser Wunde ist
eine der wenigen Erinnerungen an Ebeth, die ich habe.

Einige Tage spter war ein Sonnentag; dennoch sieht dieser Tag grau aus in
meiner Erinnerung.

Sie kam des Nachmittags, Blumen in der Hand, und war wie immer. Nur etwas
hutsamer schien sie und ein klein wenig ernster als sonst. Wir tranken
Kaffee, plauderten, und Ebeth nhte etwas. Als dann das rtliche Licht der
Abendsonne in den Gardinen hing, setzten wir uns ans Fenster und sahen den
feinen, schnell dunkelnden Wolken ber den Dchern zu. Ebeths Augen
blickten schimmernd in die Ferne. Als ich genau in sie hineinsah, fand
ich, da etwas darin war, was ich noch nicht kannte. Wir schwiegen. Ein
paarmal war mir, als wolle sie etwas sagen. Endlich sprach sie, ohne mich
anzusehen, whrend sie ein Haar von mir zwischen die Zhne nahm:

Weit Du, da wir uns trennen werden?

Ich fhlte einen Stich in der Brust, bezwang mich jedoch und fragte:

Wie meinst Du das?

Frage nicht, sagte sie, bist Du mir bse?

Nein, sagte ich, Du darfst doch tun, was Du willst.

Wir waren wieder still. Die Zeit rann, als habe sie bleierne Gewichte an
den Fen. Endlich sagte Ebeth:

Ich werde Dir fter schreiben,-- darf ich?

Gewi߫, sagte ich und lchelte, ich werde es immer gern sehen.

Du bist gut, sagte sie. Und dann:

Komm, wir wollen in den Stadtpark gehen. Die Abendstunde ist so schn
unter den Bumen.

Ich nickte. Sie stand auf. Ich half ihr in das Jackett. Sie setzte den Hut
auf, ich band ihr den Schleier fest.

Dann gingen wir in den Park, und sie hing an meinem Arme wie sonst. Sie
plauderte vom Meer, wo ich im Sommer einige Tage mit ihr gewesen war, und
ich merkte, wie sie sich Mhe gab, ungezwungen und heiter zu sein. Die
gleiche Mhe gab auch ich mir. So unterhielten wir uns recht gut, lachten
sogar, und die Leute, die uns sahen, muten meinen, da wir ein
jungverliebtes Prchen seien.

Wir traten in ein Kaffeehaus und tranken etwas. Mitunter mute ich Ebeth
ansehen, verwirrt, staunend und gewillt, mir jeden Zug ihres Wesens
deutlich einzuprgen. Als wir das Kaffee verlieen, brannten drauen die
Laternen schon.

Jetzt gehe ich, sagte sie, sah an mir vorber und reichte mir die Hand.

Leb wohl, Ebeth, sagte ich.

Sie wollte noch irgend etwas sprechen, aber ich wandte mich und ging.

Der Lrm der Menschen quoll um mich her. Der Himmel war ganz dunkel
geworden. Ich schlenderte langsam durch die Straen, dsig und beklommen.
Als ich nachher in mein Zimmer trat, setzte ich mich einsam in die
Dunkelheit, in der noch der feine Duft ihrer Kleider war.

Hin und wieder kamen Kartengre. Gre in der feinen, langgezogenen
Kinderhandschrift mit den kaprizisen Schnrkeln. Dann blieben auch die
aus, und ich hrte nichts mehr von ihr. Mein Leben lief weiter, auch ohne
sie, aber ich gedachte ihrer oft, ihrer schwebenden Fe, ihres
Leichtsinns, ihres Lachens. An einem Wintertag, um Weihnachten, als weie
Flocken vom Himmel trieben, sah ich sie unvermutet wieder. Sie sah
schlecht aus, sehr bla, mde und ein wenig verwahrlost, was mich am
meisten wunder nahm. Als ich den Burschen sah, an dessen Arm sie hing,
erschrak ich. Es war, wie ich befrchtet hatte, eins jener stumpfen, dabei
stark sinnlichen und rohen Gesichter, an denen sie zu meinem Unwillen
schon frher Geschmack gefunden hatte. Diesen Menschen also liebte sie?

Wieder sah ich sie lange nicht. Mir war immer, als ob sie mir eines Tages
schreiben mte, einen armen, elenden Brief, und es gab Stunden, in denen
ich darauf geschworen htte, da sie mir einen Brief von Ebeth bringen
mten,-- aber ich irrte mich.

Dann freilich kam dennoch ein Brief. Nicht von ihr zwar, sondern von ihrer
Vermieterin, aus einem der rmlichsten Teile der Stadt. Die Person schrieb
in kaum zu entziffernden Buchstaben, da das Frulein schwer krank liege
und fter von mir spreche. Das Frulein wrde sich gewi sehr freuen, wenn
ich sie einmal besuchen wrde. Sie sei sehr hinfllig.

Ich ging hin. Es war eine armselige Kammer, in die ich gefhrt wurde. Dort
lag Ebeth in einer Ecke auf schmutzigem Bett, abgemagert, mit mde
flackernden Augen, ein Bild des Jammers. Als sie mich kommen sah, zog ein
Schimmer der Freude ber ihr Gesicht. Sie streckte mir die Hand entgegen
und lchelte, indem sie meinen Namen nannte.

Dann erzhlte sie. Der andere hatte sie verlassen, gerade zu der Zeit, als
sie sich Mutter werden fhlte, was sie sich immer so innig gewnscht
hatte. Gleichzeitig habe sich ihr Herzleiden verschlimmert, wozu wohl
besonders die vielen erregten Szenen mit jenem Manne beigetragen htten,
den sie so liebe. Denn sie liebe ihn noch immer unbeschreiblich und werde
niemals von dieser Liebe lassen, da er ihr das Teuerste auf der Erde sei.
Sie habe ihre Arbeit aufgeben mssen und liege nun hier bei einer
herzlosen Frau, die ewig migelaunt sei, ihr schlechtes Essen gebe und nur
darauf ausgehe, sich an ihr zu bereichern. Jetzt sei sie so weit, da sie
nichts mehr bezahlen knne, und um das kommende Kindchen, da doch nur
neue Kosten verursachen werde, trage sie die grte Sorge. Sie sei von
allen verlassen, fhle sich krank wie nie und glaube, da sie sterben
msse.

Sie weinte.

Ich gab mir Mhe, ihren Mut wieder aufzurichten, machte ihr Vorwrfe, da
sie sich nicht lngst an mich gewendet habe und versprach ihr, da sie aus
diesen Verhltnissen herausgenommen und vor allem der sorgfltigen
Behandlung eines Arztes unterstellt werden solle. Dann werde alles wieder
gut werden.

Ihre Dankbarkeit war rhrend. Sie suchte meine Hnde zu kssen, was ich
verhinderte. Ja, sagte sie, nun hoffe sie auch noch einmal, sie werde
bestimmt wieder gesund werden, sie wolle sich dazu zwingen mit allen
Krften, die ihr noch zu Gebote stnden, und wenn es erst erreicht sei,
werde sie auch den Andern wiedersehen, und wenn sie wieder hbsch wre,
werde er sie auch wieder lieben. Dieser Gedanke schien der Gipfel aller
ihrer Hoffnungen zu sein.

Kannst Du ihn nicht vergessen? fragte ich.

Nein, erwiderte sie, mit einem seligen Glanz im Auge, ich wei zwar,
da er schlechter ist als irgendeiner und tausendmal schlechter als Du,--
aber fr mich ist er das Liebste und Schnste in der Welt.

Ich lie sie in eine saubere Wohnung schaffen, sie erhielt eine
Diakonissin zur Pflege, der Arzt ging tglich zu ihr. Gleich nach seinem
ersten Besuch hatte ich eine Unterredung mit ihm, in der er mir mitteilte,
da sie sterben msse, da das Leiden schon zu weit vorgerckt sei.

Es wurde auch nicht wieder besser mit ihr. Sie wurde zwar zufrieden und in
gewisser Hinsicht glcklich, aus Freude an der Reinlichkeit um sich her,
an der liebreichen Pflege und meinen tglichen Besuchen. Aber das Bett hat
sie nicht mehr verlassen. Sie glaubte selbst noch an Genesung. Doch war
von Tag zu Tag zu beobachten, wie ihre Krfte verfielen.

Eines Tages, als sie sehr verzagt war, erffnete sie mir mit leise
flehender Stimme einen Wunsch, den zu erfllen mir nicht leicht wurde. Sie
bat mich nmlich, zu dem Manne zu gehen, den sie liebte, und ihn zu
bitten, da er noch einmal zu ihr kommen mge, sie knne es vor Sehnsucht
nach ihm nicht ertragen. Sie habe auch das untrgliche Gefhl, da, wenn
sie ihn wiedergesehen habe, sie schneller genesen werde.

Ich ging zu ihm. Von seinem Benehmen zu mir, den Gebrden, die er hatte,
den Worten, die er in den Mund nahm, erzhle ich nichts. Nachdem ich alle
Mhen aufgeboten hatte, versprach der Mann, da er am nchsten Tage zu
einer festgesetzten Stunde zu Ebeth kommen werde.

Ich war zu der betreffenden Zeit bei ihr. Sie ordnete sich mit zitternden
Hnden das Haar, glhte vor Erwartung und sah ihm entgegen wie eine Braut
dem Brutigam. Als es klingelte, ffnete ich und lie ihn in Ebeths
Zimmer. Ich blieb drauen im Korridor. Ich hrte einen kleinen,
erleichterten Aufschrei, als er eintrat. Nach fnf Minuten ungefhr kam er
wieder heraus, schritt stumpf an mir vorber und verlie die Wohnung. Ich
ging zu Ebeth hinein. Sie lag mit dem Kopf nach der Wand zu, wie eine
Tote. Nie ist mir ein Mensch bejammernswerter erschienen als sie in diesem
Augenblick. Ich trat an das Fenster und sah in den Frhsommertag, durch
den das freudlose Treiben der Grostadt flutete. Dann hrte ich, wie Ebeth
sich bewegte. Ich trat zu ihr, setzte mich neben sie und ergriff ihre
Hand. Schttelfrste wallten ber sie hin, whrend sie das Gesicht in den
Kissen verbarg. Als sie ruhiger wurde, merkte ich, wie der Schlaf kam, sie
zu umfangen. Ich blieb bei ihr, ihre magere Hand in meiner, bis sie
erwachte, als es dunkel war.

Drei Tage spter, am Vormittag, wurde ihr Zustand so schlimm, da man mich
holen lie. Der Arzt war schon da. Er gab mir ein Zeichen, da es zu Ende
gehe. Ich setzte mich zu ihr auf die Bettkante, sah in ihre groen,
brennenden Augen, kte noch einmal die Stirn der Lebenden und ihre Hand.
Sie war auffallend unruhig, in einer dunklen Vorahnung des Kommenden. Aus
ihren armen hastigen Bewegungen waren tausend letzte Wnsche zu erkennen.
Ich fragte, ob ich ihr irgend etwas zuliebe tun knne. Sie schttelte den
Kopf. Ob sie noch irgendeinen Menschen zu sehen wnsche, den sie gern
habe, eine Freundin oder einen Freund.

Nein, flsterte sie.

Dann hauchte sie nur noch ein einziges Wort, das ich nicht verstand,
whrend ihre Augen schon geschlossen waren. Zwei Stunden spter starb sie
in meinen Armen, bewutlos, das Kind unter dem Herzen.

Zweimal im Jahre besuche ich ihr Grab, im Mai und im Herbst. Im Mai hre
ich dort die Nachtigall schlagen, im Herbst sehe ich die Bltter von den
Linden treiben, sehe die letzte gelbe Rose ber Ebeth welken und denke an
den fernen Oktobertag, da ich sie zum ersten Male sah, lachend, in weiem
Kleid.

Auf ihrem Grabstein steht nur Ebeth, mit groen Buchstaben in Gold.




Die Hochzeit des Freundes


Fridolin war jung, lang und hellblond. Etwas Ruhiges war in seinem Wesen.
Er war zu besonnen, um sich von einer Leidenschaft knechten zu lassen, und
zu leichten Sinnes, um sich ber eine Torheit zu erregen, die er begangen
hatte.

Auf das engste vertraut fhlte er sich mit der Schnheit des Meeres. Er
meinte, da es nichts Greres, Rtselvolleres und doch dem Fhlen des
Menschen Vertrauteres gbe als diese in ewigem Wechsel sich erneuende
Bewegung, und da es nichts gbe, was einen tieferen Frieden und zugleich
eine so herrliche Lust an der Flle des Daseins verliehe. Am Meere trieb
er sich oft herum. Hier schien ihm alles verklrt von einem
unbeschreiblichen Glanz: der spritzende Gischt wie das wehende Dnengras
und die unheimlichen Vgel, die den Strand bevlkern; der scharfe Geruch
von Salz und trocknenden Fischen, der Strandhafer und die Disteln, mit
denen der Westwind spielt; das Mondlicht, das ber das dunkle Wasser
hinschillert, mit unzhligen blitzenden Klecksen; und jene gttlich faulen
Stunden, da man, die brennende Pfeife im Munde, in einsamen Booten liegt,
ziellos dahintreibt und mit wunschlosen Augen in den Himmel schaut.

Was die Liebe anlangt, so ist zu sagen, da ihn am ehesten jene Mdchen
entzndeten, aus deren gerade erwachenden Augen das blaue
Frhlingsleuchten strahlt, das von den Blten des Sommers noch nichts
wei; jene, deren zaghaft gegebene Hand ein reicheres Geschenk bedeutet
als das Glhen der Wissenden, und die, wenn sie tanzen, wie junge, im Wind
bewegte Zweige sind. Das Ende seiner Neigungen freilich war immer bitter,
denn es war die Entsagung. Er hatte noch keinen Sinn dafr, da es hold
sei, das eigene Leben mit einem andern dauernd zu verketten. Er war zu
sehr in seine Jugend verstrickt, und sein Freiheitsgefhl war viel zu
gro, als da er sich schon htte entschlieen knnen, einen mit Obacht
vorgeschriebenen Weg zu gehen.

       *       *       *       *       *

Er hatte einen Jugendfreund mit Namen Wilibald. Dieser war jetzt Leutnant
in einem pommerschen Infanterieregiment und hatte sich mit der Tochter
eines hinterpommerschen Gutsbesitzers verlobt. Die Hochzeit stand nahe
bevor. Fridolin erinnerte sich einer hbschen Szene aus der Kindheit, wo
er mit dem Freunde in einem blhenden Holunderbusch gesessen hatte, in
dem sie, mit ernster Miene Zigaretten aus Kartoffelkraut rauchend und
unendlich wichtige Gesprche ber die Zukunft fhrend, sich das Wort
gegeben hatten, da einst der eine auf der Hochzeit des andern zugegen
sein werde. Nun machte sich Fridolin auf, um an der Hochzeitsfeier seines
Freundes teilzunehmen.

Er reiste mit einem andern Jugendgenossen, Paul, der auch geladen war. Es
war im Mrz, und nach langen Regentagen waltete der Vorfrhling in seiner
ganzen Schnheit. Die Luft war erfllt von Sonne und tausend seltsamen
sen Ahnungen. Die werdende Natur schien mit Schleiern von Gold behangen
zu sein, nachdem das Auge sie wochenlang nur in Grau gesehen hatte. Paul
und Fridolin saen plaudernd im Zuge, der sie nach Norden trug. Sie
ergingen sich in bunten Erinnerungen, und die Tage ihrer Kindheit standen
so klar vor ihnen auf, als htten sie sie gestern erst preisgegeben.

Fridolin blickte durch das geffnete Fenster des Zuges, durch das die
Sonne hereinkam, in die vorberfliegende Landschaft. Er war berrascht von
dem, was er sah. Er hatte gemeint, auf dieser Reise in die desten Bezirke
zu geraten, und nun sah er sich unvermutet von einer Natur umgeben, die
mit seinem landschaftlichen Fhlen im schnsten Einklang stand. Ein
wundervoll blauer Himmel lag ber der Erde, und die Strahlen der lange
entbehrten Sonne umwoben jedes Ding mit einem goldhaltigen Schimmer.
Braune Heideflchen, aus denen einzelne Birken, von dem ersten Glanz des
kommenden Laubes verklrt, hervorragten, wechselten mit kleinen
Nadelwldern, Ackerstreifen und fetten Wiesen ab. Dann flog der Zug an
Mooren vorbei, in deren schwarzen Lachen die Sonne wie bleiches Silber
lag. Aufgeschichtete Torfhaufen sah man, und die vereinzelten Bume, die
sich aus dem Moor aufreckten, waren verkrppelte Wesen von spukhafter
Form, die, so dachte Fridolin, wenn man sie im Mondlicht she, etwas
Furchterregendes haben mten. Hier und da stand ein bemooster, grnlich
schimmernder Windbock und lie seine Flgel treiben. ber die Wiesen
schritt der Storch. Einzelne Gehfte, von Linden oder Eschen umgeben, die
sie gegen die Winde schtzten, lagen malerisch durch das Land verstreut.
Verblffend waren die kleinen Seen, die zuweilen auftauchten. Ihr Wasser
war so mrchenhaft blau, da es schien, ein Stck des Himmels sei in sie
hineingefallen.

Blau und Gold waren die herrschenden Farben in der Landschaft. Die Hhen,
die in der Ferne auftauchten, waren ultramarin. Fridolin war es, er schaue
in eine Wunderwelt.

Am spten Nachmittag, als die Farben matter wurden und sich ein feines,
langsam zunehmendes Grau berall einzumischen begann, kam die kleine
Station, auf der man aussteigen mute. Fridolin lehnte, als der Zug
einlief, aus dem Fenster, um Auslug zu halten. Der Brutigam, in Uniform
mit Pelzkragen, stand auf dem Bahnsteig und winkte. Die beiden Freunde
waren nicht die einzigen, die den Zug verlieen. Noch etwa fnf, sechs
andre Wagentren ffneten sich, und Herren mit Hut-und Helmschachteln,
auch mehrere Damen stiegen aus. Wilibald begrte die einzelnen, stellte
vor und berwies das Gepck an die Diener. Dann ordnete sich die kleine,
bunt zusammengewrfelte Kolonne in einer Reihe drauen wartender Landauer,
die sie dem ungefhr eine Stunde entfernt liegenden Gutshof zufhren
sollte.

Die Fhrung bernahm eine Jagdkalesche. Ein Paar schwarzbrauner Traber zog
sie. Wilibald sa auf dem Bock und hatte die Zgel in Hnden. Neben ihm
sa Fridolin. Hinter ihnen ein Bruder der Braut, Paul und eine Reihe
Leutnants.

Erst kam eine Pappelchaussee. Rechts und links, auf hgeligem Gelnde,
dehnte sich Feld und Heide. Ein krftiger Wind strich von den Feldern her.
Wilibalds Augen glnzten. Er knallte die Peitsche ber die Gule hin, sah
zwischen den nickenden Kpfen durch und schien an etwas Fernes zu denken.
Pltzlich kehrte er das Gesicht zu dem neben ihm sitzenden Freunde und
blitzte ihn mit goldenen Augen an.

Da sprach Fridolin:

Sie hat blaue Augen, und in ihrem Haar ist ein Ton wie Bernstein. Habe
ich recht?

Wilibald nickte.

Das Schnste ist ihr Lachen, erwiderte er, Es ist wie ein Quell unter
Blumen. In einer halben Stunde sind wir bei ihr.

Der Wagen bog in einen sandigen Feldweg ein, um einen Hgel herum, und nun
fuhr man auf einmal mitten in die untergehende Sonne hinein. Sie ging ganz
ohne Strahlen hinber, gleich einem riesigen Blutstropfen, der in einer
blulich dunstigen Atmosphre hing. Auf einer Hhe rechts von dem roten
Gestirn trmte sich ein armseliges Dorf empor, in wilden Linien. Weie
Huser und hochragende Dcher aus Stroh. Eine alte, dickkpfige Kirche
krnte das Ganze.

Das ist Garzigar, erklrte Wilibald, indem er mit der Peitsche
hinberwies. In der Kirche findet morgen die Trauung statt. Heute machen
wir noch einen Bogen darum.

Fridolin war entzckt von diesem alten, hochgebauten Nest, das, die
mchtige Sonne zur Linken, wie eine trotzige Faust aus der Einsamkeit der
Heide ragte.

Ich bin starr, sagte er, Ihr habt Punkte in diesem Lande, die
unbeschreiblich sind. Wenn ich Maler wre, hier liee ich mich nieder.

Wilibald nickte. Das Land ist schner als man ahnt. Sind Dir die blauen
Tne der Ferne aufgefallen? Sie verschwinden fast nie.

Wie Ultramarin, sagte Fridolin.

Die Farbe kommt von der Feuchtigkeit der Moore und von der Nhe des
Meeres. 'Das blaue Lndchen' heit die Gegend im Munde der Leute. An
manchen Tagen ist das Blau so fabelhaft, da man mit dem Finger
hineintauchen mchte, in der Meinung, da es abfrben mte.

Sieh jetzt die Sonne hinter den Birken. Wundervoll.

Gleich ist sie hinber. Jetzt taucht auch Obliwitz auf, unser einsamer
Gutshof. Dort neben dem Wldchen die weilichen Huser. Auf dem hchsten
weht eine Fahne.

Ein Hohlweg kam. Hinter ihm tat sich ein Moor auf, mit verkrppelten
Kiefernbestnden und halb verfallenen Htten. In den schwarzen Pftzen
blnkerte die Abendrte.

Ein Volk Avosetten fuhr auf und strmte ber das Moor in die Dmmerung.
Ein Hund schlug an und hrte nicht mehr auf mit Belfern. Man fuhr an
kleinen, strohgedeckten Arbeiterhusern vorber, die etwas abseits von dem
Gutshof lagen. Die feiernden Leute standen vor den Tren und zogen die
Mtzen. Eine mit Tannengrn und Feldblumen umwundene Ehrenpforte wlbte
sich ber den Weg. In groen bunten Lettern trug sie die Inschrift:
Willkommen. Mit Hurrarufen fuhr man darunter hinweg. Wenige Minuten
spter bog man rasselnd in den weitlufigen Gutshof ein.

Im Herrenhause brannten schon die Lichter. Der Vater der Braut stand vor
der Tr und begrte die Ankommenden. Sein Verwalter, ein junger, blonder
Mensch, stand neben ihm. Im Hause wimmelte es schon von Gsten. Whrend
Paul und Fridolin den Korridor des Seitenflgels passierten, rauschte eine
Wolke junger Mdchen in hellen Kleidern an ihnen vorber. Die Freunde
nahmen ein gemeinsames Zimmer in Beschlag, suberten sich und zogen sich
um.

Whrend Paul sich rasierte, klopfte es.

Fridolin ffnete, der Brutigam trat herein, im berrock.

Ihr mt so frlieb nehmen, sagte er, Es sind der Gste zuviel. Wenn
Ihr Wnsche habt, wendet Euch an meinen Burschen. Morgen spielt Ihr
Brautfhrer. Paul ist fr diesen Zweck ein Frulein Glei zugefallen,
braunhaarig und lustig, mit hbschen Augen. Du, Fridolin, fhrst eine
groe, blonde. Heute erkennst Du sie an einem blauen Kleid. Asta von
Sebnitz heit sie.

Oho! machte Fridolin, das klingt ja ganz feudal.

Ist es auch, entgegnete Wilibald. Ostpreuischer Adel, khl und
hochmtig. Du wirst ja sehen. Jetzt mu ich weiter. Macht schnell und
erscheint bald. Adio!

Er stie ein bermtiges Gejubel aus und verschwand.

Bald darauf begaben sich Paul und Fridolin in die Gesellschaftsrume.
Wilibald fhrte sie erst zu seiner Braut hinber, die ein taubengraues,
mit rosa Seide durchsetztes Kleid angelegt hatte und, indem sie sich
sicher, aber durchaus mdchenhaft bewegte, ungemein reizend aussah.

Dann wurde weiter vorgestellt. Den Verwandten, den lteren Herrschaften,
den jungen Mdchen. Als alles vorber war, zog sich Fridolin in eine
Fensternische zurck. Er sah durch die unverhllten Scheiben auf den
dunkelnden Hof, wo ein Knecht ein paar Pferde in den Stall fhrte und zwei
Frauen blanke Eimer mit Milch trugen. Dann hielt er im Zimmer Umschau. Von
den Namen hatte er so viel wie nichts verstanden. Gern htte er gewut, wo
die Dame sei, die er morgen zu Tisch fhren sollte. Ein blaues Kleid
sollte sie tragen. Er sah keins.

Paul trat zu ihm, nahm seinen Arm, und sie gingen ins Nebenzimmer. Hier
schien der Tummelplatz der Jugend zu sein. Man lachte, plauderte, und
kleine Glser mit Sherry wurden herumgereicht. Die Freunde nahmen an dem
Tischchen Platz, an dem die Braut und der Brutigam saen. Ein Diener bot
Zigaretten an. Fridolin nahm eine zwischen die Lippen, beugte sich zu
Wilibald hinber und fragte:

Du, wo ist eigentlich dies Frulein Asta?

Wilibald sah sich um, dann sagte er:

Dort drben. Die Schlanke in Blau.

Fridolin sah hinber. In demselben Augenblick berhrten sich Astas Augen
mit den seinigen. Aber nur flchtig und offenbar zufllig. Sie blieb dabei
im Gesprch mit den andern.

Sie sa auf einem niedrigen englischen Lehnstuhl, in etwas lssiger
Haltung. Ihr Haar, von einem eigentmlich silberigen Aschblond, hing ihr,
zu einem dicken Knoten geordnet, im Nacken. Sie trug ein einfaches blaues
Kleid, ohne Schmuck. Die Bewegungen ihrer Glieder zeigten eine vornehme
Ruhe, und um den feinen Mund, dem man es ansah, da er viel und gern zu
schweigen pflegte, lag ein stiller Ausdruck des Stolzes und eine se,
seltsame Herbheit.

Fridolin sah sie im Profil, und zwar fast die ganze Gestalt. Sie schien
schlank zu sein wie eine Gerte und zerbrechlich wie Glas. In der einen
Hand, die schmal und matt ber die Lehne des Stuhles hing, hielt sie eine
Rose von dunkler Glut. Sie pate nicht zu ihr. Fridolin hatte das Gefhl,
als htte diese Blte von dem zartesten Gelb sein mssen.

Er folgte jeder Linie ihres Krpers mit Obacht und bemhte sich, jede
Einzelheit ihres ueren Wesens in den Schatz seiner Erinnerung
aufzunehmen. Pltzlich wurde er verwirrt. Es war ihm auf einmal ganz
deutlich, als schbe sich etwas in die Luft, das seine Fden zwischen ihm
und jenem Mdchen zu spinnen begann. Er machte eine kleine, verlegene
Bewegung, errtete ein wenig, sah schnell fort und wandte sich plaudernd
an den Brutigam. Dann mute er doch wieder hinberblicken. Sie hrte mit
Lcheln einem lteren Herrn zu und roch zuweilen vergnglich an der Rose.
Fridolin wollte durchaus, da sie ihn ansah. Sie tat ihm den Willen nicht.
Er versuchte es mit aller Gewalt durch die Energie seines Blickes zu
erzwingen. Sie dachte gar nicht daran, zu ihm hinberzusehen.

Ein Diener meldete, da serviert sei. Alles erhob sich. Zwei groe, mit
Blumen berschttete Tafeln waren gedeckt, eine fr die Jugend, eine fr
das Alter. Man setzte sich. Fridolin kam an die Seite eines lteren
Mdchens. Er suchte nach Asta und fand sie am andern Ende des Tisches. Sie
streifte ihn whrend der Dauer des Mahles mit keinem Blick. Er hatte das
Gefhl, da es Absicht sei. Sie hatte hin und wieder ein reizendes Lcheln
ber die Dinge des Gesprchs, wobei der eigentmlich herbe Zug um ihre
Lippen nicht verschwand. Sonst war ihr Wesen Ruhe und Gelassenheit. Du
sollst mich noch ansehen, dachte Fridolin voll Trotz, Du sollst es noch
spren, wie der Stolz und die Ruhe in Deiner Brust zerbrechen gleich einem
Gebude aus Glas.

Nach Tisch verteilte man sich wieder in den verschiedenen Zimmern. Als
Kaffee herumgereicht wurde, trat Fridolin kurz entschlossen auf Asta zu
und sprach:

Ich werde das Vergngen haben, Sie morgen zu Tisch zu fhren.

Sie ma ihn etwas verwundert mit den Augen.

Ah-- machte sie, ohne da sie Lust zu haben schien, sich in eine
Unterhaltung mit ihm einzulassen. Sie roch an der Rose in ihrer Hand,
blickte an ihm vorber und nickte dem Brutchen zu, das drben in einem
Ring junger Mdchen sa.

Fridolin schwieg absichtlich. Da sah sie ihn wieder mit ihren ruhigen
Augen an, und in diesem Blick lag die Frage: Weit Du sonst nichts zu
sagen?

Fridolin dachte: Das ist doch stark. Dann fing er mit Absicht vom Wetter
zu sprechen an, was sie mit Gleichgltigkeit ber sich ergehen lie.

Whrend der kleinen szenischen Auffhrungen, wie sie an Polterabenden
blich sind, stand er im Hintergrund, kaute nervs an seinem Schnurrbart
und hatte ungleich mehr auf die Schnheit eines blassen Profiles acht als
auf die dargestellten Dinge, welche die andern belachten. Astas fein
gederte Schlfen fielen ihm auf. Es war ihm ein wohliges Gefhl, zu
verfolgen, wie sich ihr matter Glanz langsam in das ppige Haar verlor.

Nachher kam er noch einmal in ihre Nhe. Ein kleiner Kreis hatte sich auf
niedrigen Polstersthlen zusammen getan, und einige Mdchen pafften
Zigaretten in die Luft. Die Braut hatte einen braunen Jagdhund
hereingelassen, ihren Liebling, den jeder zu verhtscheln bestrebt war. Am
meisten schien er sich zu Asta hingezogen zu fhlen, die auch am besten
mit ihm umzugehen wute. Whrend sie ihm freundlich ber Kopf und Rcken
fuhr, griff auch Fridolin nach ihm. Er tat es zu lebhaft, und das Tier
stie einen Kleffer aus. Asta sah den Ungeschickten strafend an, stie
seine Hand fort und sagte barsch:

Lassen Sie den Hund.

Fridolin richtete sich auf und ma sie mit khlem Auge. Er fhlte sich
nicht veranlat, irgend etwas zu entgegnen. Es reizte ihn und wurde ihm
bald eine heimliche Freude, sie ebenso rauh und abweisend zu behandeln,
wie sie ihn.

Die Damen zogen sich zur Ruhe zurck. Die Herren gruppierten sich noch um
eine gemeinsame Tafel, rauchten und tranken Bier, russischen Kmmel und
Danziger Goldwasser. Als es eins schlug, gingen auch sie auseinander, um
sich fr den folgenden Tag ihre Frische zu bewahren.

Fridolin wurde, whrend er zu Bett lag, das Gefhl von Astas heftig
stoender Hand nicht los. Es war klar, sie hatte es mit Absicht vermieden,
freundlich zu ihm zu sein. Er sah nachdenklich einem viereckigen silbernen
Flecken zu, der langsam ber die Tapete wanderte, ein Stck von dem
Mondlicht, das durch die unverhangenen Scheiben fiel. Dann lchelte er,
schlo die Augen und schlief langsam ein.

Nicht weit von ihm war das Zimmer, in dem Asta schlief. Sie war voll
Unruhe, wachte mehrmals auf, sah immer dieselbe lange, biegsame Gestalt
mit den ruhigen Augen, wollte sie nicht sehen, bi sich die Lippen wund
und lauschte auf den Frhjahrswind, der drauen in kurzen Sten durch den
Garten fuhr.

       *       *       *       *       *

Fr den Mittag des nchsten Tages war die Trauung angesagt. Asta erschien
in rosa Seide. Sie sah blasser aus als gestern. Um den Ausschnitt der
Brust zog sich ein feiner Gazeschleier, und ein Hals kam zum Vorschein,
schlank und zart wie der Stengel einer Blte. Fridolin trat zu ihr und
reichte ihr einen Strau aus weien Rosen. Sie drckte ihn wohlig an ihr
Gesicht und warf Fridolin einen Blick entgegen, ber den er erschrak. So
hatte sie ihn noch nicht angesehen.

Welch schne Blumen, sagte sie. Sie vergrub sich ganz hinein und sog den
Duft auf.

Fridolin schwieg. Sie warf einen Pelz ber, und er half ihr in einen der
Landauer, die zur Kirche fuhren. Noch ein andres Paar sa mit in dem
Wagen. Sie waren ziemlich die letzten, die in der kleinen Kirche
anlangten. Bald kam das Brautpaar, man ordnete sich, und whrend die Orgel
einsetzte und die Kinder auf dem Chore sangen, schritt man langsam nach
vorn an den Altar. Asta hing am Arme Fridolins. Er fhlte sie kaum. Sie
ging gerade aufgerichtet, sehr stolz und sehr ruhig. Er sah mit flchtigem
Blick ihr Profil, das feine Kinn, die sen Schlfen, den Hals. Da
erlaubte er sich, ihren Arm ein wenig fester an sich zu drcken. Sofort
fhlte er, da der Zug um ihre Lippen noch herber wurde.

Dann standen sie am Altar nebeneinander. Das Gefhl, sie so dicht an
seiner Seite zu haben, beglckte ihn. Nach einer Weile flsterte sie:
Mich friert. Fridolin sah sich um, bemerkte einen Offiziersmantel ber
einem Stuhl, nahm ihn und legte ihn um Astas Schultern. Nun war es reizend
zu sehen, wie sie in diesem Mantel, der sie so gut kleidete, dastand,
gerade und schlank, blauen Auges, jung, schn, einer sprden Knospe
vergleichbar.

Schner als jetzt, sagte Fridolin leise, knnen Sie niemals sein.

Sie tat, als hre sie ihn nicht. Doch rieselte etwas durch sie hin, lau
und wohlig, und sie fhlte, es drohte etwas umzukippen in ihr. Fr einen
Augenblick freilich nur.

Der Prediger sprach und die Orgel klang, und die Kinder sangen mit hellen
Stimmen, und die goldne Sonne fiel durch die bunten Scheiben auf die
Fliesen um den Altar her, und dann fuhr man lachend, von jagenden Pferden
gezogen, nach Hause zurck, und durch dies alles hindurch brauste es in
Fridolin: Asta, Asta, Asta!

In ihr war alles wieder aufgerichtet, stolz und still.

       *       *       *       *       *

Als sie nachher bei Tisch nebeneinander saen, qulten sie sich mit Worten
ab, von denen sie beide fhlten, da sie klanglos, leer und nur gesprochen
waren, um ein gnzliches Schweigen zu verhindern. Er beobachtete ihre
feinen, zerbrechlichen Handgelenke und dachte dabei an Porzellan. Auch an
den Vorfrhling mute er denken, der drauen sein Wesen trieb. Dann nahm
er sein Glas und hob es ihr entgegen.

Auf unsere Jugend! sagte er.

Ja, Jugend, erwiderte Asta, es klingt wie Reichtum und Sehnsucht. Heut
sind wir traurig und voll unklarer Wnsche, und morgen mchten wir mit den
Lerchen in den Himmel steigen, mchten umarmen und zerdrcken, was um uns
ist,-- und unser bermut ist grenzenlos.

Ich kenne diese Stimmung, sprach Fridolin, wenn ich sie habe, laufe ich
zu meinem Freund, rttle ihn und brlle ihn an, da er meint, ich sei
irrsinnig. Es ist wie eine Befreiung.

Und dann die Stunden des Hochmuts...

So waren Sie gestern abend.

Das ist nicht wahr, sagte sie ernst. Dann, nach einer Pause: Ich wollte
Ihnen nur die Richtung geben, wie Sie sich zu mir verhalten sollten.

Sie waren schrecklich. Habe ich das verdient?

Ja. Vielleicht sollte ich auch jetzt nicht anders zu Ihnen sein.

Warum?

Weil ich zu wissen glaube, wer Sie sind. Ich glaube, es sind Mauern, die
sich zwischen meinem und Ihrem Gefhl erheben. Sie verstehen die Mdchen
vielleicht zu lieben,-- ihre Liebe zu achten verstehen Sie nicht.

Fridolin war erstaunt. So offen hatte man noch nicht zu ihm gesprochen.
Eine Pause trat in der Unterhaltung ein. Sie sah ihn an und mute lcheln.

Der Jagdhund war wieder im Zimmer, strich zu Asta hin und schmiegte sich
an ihre Fe. Sie neigte sich und fuhr mit der Hand liebkosend ber sein
Fell. Auch Fridolin tat, als streichle er das Tier. In Wirklichkeit aber
griff er nach Astas Hand, lste sie energisch von dem Fell des Tieres los
und hielt sie fest. Sie lie es geschehen, ihr war, als mte sie ihm
wehren, aber ein schlaffes, willenloses Gefhl beherrschte sie. So saen
sie eine Weile, schweigend, Hand in Hand, whrend die andern meinten, da
sie mit dem Hunde beschftigt seien. Fridolin sprach leise durch die Zhne
hin: Asta. Da war es, als besnne sie sich wieder; als bume sich etwas
in ihr auf. Lassen Sie mich los! flsterte sie energisch, indem sie sich
aufreckte. Und als Fridolin sich nicht bequemte, ihrem Verlangen
nachzukommen, noch einmal und heftiger: Lassen Sie mich los!

Fridolin gab die Hand frei. Sie sahen sich nicht an, und eine Weile
sprachen sie nichts. Dann kamen wieder die gleichgltigen Worte. Hinter
diesen aber brannte es rot in Fridolin: Ich liebe Dich!-- und sein Gefhl
war wirr und dunkel. Er wute, hier war etwas seltsam Hohes und Keusches,
etwas, von dem er fhlte, da man es lieben knnte sein Leben lang; dann
aber sah er blitzschnell Fesseln und enge Wege vor sich, und Freiheit!
Freiheit! sang sein Herz. Und auch in Asta sah es wirr aus. Wie ein Bach
im Frhling rauschte es in ihr; aber machtvoll trotzte sie dagegen auf:
Ich will nicht!

Den Kaffee nahm man im Gartenzimmer, jetzt einer Art Wintergarten, in dem
Palmen und Oleanderbume standen. Es war fast dunkel geworden. Fr eine
Weile ffnete man die Glasflgeltr, und nun konnte man ber dem Garten
das Licht der ersten Sterne funkeln sehen. Der khle Geruch taugenter
Wiesen drang herein. Eine Wiesenschnarre lrmte in der Ferne, in harten,
unmelodischen Lauten. Dann lauschte man einem Schwarm unsichtbarer,
schnellfliegender Kraniche, die aus der dunkeln Luft herunterschrien.

Welch schner Abend, sagte Asta, spter werden wir Mondschein haben.

Fridolin sa neben ihr, an einem Tischchen, hielt eine Tasse Kaffee in der
Hand und sah hinaus.

Ja, sagte er, scheinbar abwesend.

Dann, als man in der Nhe lauter wurde und lachte, neigte er sich
pltzlich zu dem Mdchen und sprach leis, aber heftig:

Sie sind hart zu mir--

Wie knnen Sie das sagen--

Asta--

Nennen Sie mich nicht so. Sie haben kein Recht dazu. Was wnschen Sie?

Ich will--, er schwieg und bi sich auf die Lippen.

Sie lchelte und zuckte die Achseln. Dann schttelte sie nachdenklich das
Haupt. Dann sah sie ihn an, mit dem Ausdruck stiller Innigkeit. Ein Wort
sagte sie nicht. Aber Fridolin war es, als sollte er jetzt niederknien, um
ihre Hnde zu kssen und seinen Kopf in ihren Scho zu legen. Doch er
beherrschte sich, und schon eine Sekunde spter hatten die dunkeln, sich
widersprechenden Gefhle wieder Raum in seiner Brust.

Gerade whrend diese stummen Wogen zwischen den beiden jungen Menschen hin
und wieder fluteten, trat der Brautvater in den Trrahmen, klatschte in
die Hnde und rief: Bitte tanzen!

Man hrte schon den Flgel und einige Geigen herberklingen. Alles stand
auf und begab sich in die greren Zimmer zurck, wo die Tafeln
fortgerumt waren. Einige Paare tanzten schon. Bald entfaltete sich ein
buntes Gewirbel. Fridolin lehnte dumpf an einem Trpfosten und sah dem
Treiben zu. Er sah Asta am Arm eines Leutnants vorberschweben, bla, mit
niedergeschlagenen Wimpern. Dann tanzte sie mit andern. Spter, als sie
einmal ruhte, trat er vor sie hin, verbeugte sich und gab ihr den Arm. Sie
umschritten den kleinen Saal ein paarmal, darauf tanzten sie. Sie tanzte
leicht und lssig. Fridolin meinte, tausend blaue Blumen blhten unter
seinen Fen. Nun war er in den matten Duft ihrer Haare eingehllt und
hrte ihr weiches Atmen und fhlte die kleine schlanke Hand in seiner
liegen.

Er drckte sie an sich, mit Macht. Sie fhlte, da ihr Stolz nahe daran
war, jmmerlich zu zerschellen, wie ein Kahn in der Brandung der See.
Zugleich aber lohte wieder die Emprung in ihr auf, und wieder siegte
dieses Gefhl, und sie sagte mit hartem Klang:

Sie sind khn, ich wnsche, da wir aufhren mit tanzen.

Nein.

Sofort.

Ich will nicht.

Ich schreie, wenn Sie nicht aufhren.

Er lie ab, fhrte sie auf ihren Platz, verneigte sich und verlie dann,
ohne da es auffiel, das Zimmer. Er warf sich einen Pelz ber und ging
hinaus in die Mondnacht.

Die Gebude des Gutshofes lagen wei wie Milch in der khlen Luft. Aus der
Ferne konnte man, wenn gerade ein Windhauch herberwehte, die Musik hren,
zu der die Knechte und Mgde tanzten, denen dieser Tag auch ein Festtag
war. Fridolin schritt ber den leeren, gepflasterten Hof und sah seinen
Schatten neben sich wandern. Er ging durch eine Pforte in das Feld und auf
ein kleines Gehlz von ragenden Kiefern zu, die sich wie drohende Recken
gegen den hellen Himmel abhoben. Unter diesen Kiefern lag ein kleiner
Friedhof, den verstorbenen Mitgliedern der Gutsfamilie als Ruhesttte
dienend. Das letzte der Grber, das einige frische Krnze trug, war noch
ziemlich jung, hier hatte man die Mutter der Braut vor nicht viel mehr als
einem Jahre eingegraben. Hohe Eisenkreuze mit gepreten Goldlettern
standen auf den Grbern, berall wucherte Epheu, und auch an manchen
Kreuzen strebte er mit wilder Umarmung empor.

Fridolin schritt den schmalen Weg zwischen den Grbern hin. Er empfand den
wundersamen Frieden dieser Sttte und sah vertraulich zum Mond auf, der
mit ihm langsam durch die Kronen der Kiefern schlenderte. Dann blieb er am
Rande des Gehlzes vor einem der Hgel stehen, und nun waren es die
Schatten ringsum, die ihn seltsam erfllten. Welche Schatten! Da waren
zunchst, von bertriebener Lnge und Geradheit, die Schatten der
Kiefernstmme, die sich fest und sicher weit ber das Feld hinlegten, wie
Mastbume oder wie schwarze Furchen; endlich verloren sie sich in einem
eigentmlichen Gewirr von Dunkelheit: das waren die Schatten der Kronen.
Viel unheimlicher als diese langen, toten Kiefernschatten aber waren die
Schatten der Kreuze. In ihnen nmlich schien ein verstecktes Leben zu
schlummern und nur darauf zu warten, da es in einer geheimnisvollen
Stunde auferstnde, doch nicht ein frohes Leben, sondern ein Leben voll
dsteren Ernstes und gewaltsamer Entbehrung, ohne Lachen und ohne Licht.
Und dann glitt sein Auge auf seinen eigenen, kleinen, harmlosen Schatten
ber, und er dachte daran, da dieser Schatten ihm im Grunde ebenso fremd
sei wie die Schatten der Kiefern und Kreuze um ihn her, denn er hatte
nicht den geringsten lebendigen Teil an ihm. Und doch vermochte nur er ihm
Bewegung zu verleihen, wenn auch kein Leben, und wre dieser Schatten
nicht, so wre er nicht. Und wenn man jetzt, so dachte er, dorthin, wo er
selbst gerade stand, einen andern Menschen stellen wrde, einen von ihm
gnzlich verschiedenen, der nur ungefhr die gleichen Formen des Krpers
hatte (oder auch eine leblose Puppe dieser Art), so wrde der Schatten,
der dort lge, dem seinen zum Verwechseln hnlich sein, so wie die
Schatten der Kreuze einander glichen, ohne da man den einen vom andern
htte unterscheiden knnen. Whrend Fridolin dies bedachte, wurde ihm auf
einmal siedend hei. Gleich darauf breitete er beide Arme aus, so da auch
sein eigener Schatten dem eines Kreuzes glich. Wenn jetzt hier jemand
kme, dachte er, dessen Auge nicht die Dinge, sondern nur die Schatten der
Dinge zu sehen vermchte, so wrde er nicht ahnen knnen, da hier ein
Mensch stnde, sondern er wrde whnen, zwischen lauter Kreuzen zu
wandern.

Er lie die Arme wieder sinken, sah sein Abbild mit einem heimlichen
Mitrauen an und wurde unwillig ber die Unruhe und das trichte Spiel
dieses Bildes, whrend ihn die unvernderliche Hoheit der brigen
Schattenbilder mit Neid und Sehnsucht erfllte. Er nahm sie noch einmal
alle in sich auf, dann aber hatte er der Schatten genug. Er schritt in das
freie Feld hinber, das so hell vom Mondlicht bergossen war, als stnde
es voll weier Blten, und wanderte auf einem Rain entlang, indem seine
Fe den Tau von unzhligen Grsern streiften. Die Felder und Wiesen
schliefen, nicht eine Grille war wach. Der Mond hing zwischen groen,
silberumrandeten Wolken. Jetzt tauchte eine die Wiesen durchquerende,
endlose Schlangenlinie niedriger Bume auf, in deren Zweigen das Mondlicht
wie ein silberner Schleier hing. Fridolin unterschied, da es Weiden
waren, und als er sie erreicht hatte, sah er, da sie den Ufern eines
lautlos gleitenden Flchens folgten. Eine Holzbrcke fhrte ber dieses
hinweg; Fridolin lehnte an das Gelnder und sah in das Wasser, das schwarz
wie Tinte erschien, whrend es ein Ende weiter abwrts von einem
weilichen Glanz berleuchtet war. Er suchte erst die kaum hrbar
flsternden Weiden und dann das geheimnisvoll flieende Wasser mit den
Augen zu durchdringen, fhlte das lautlose Leben und die unaufhrlich
ziehende Vernderung, die unter ihm war, und der unbeschreibliche Zauber,
der ber nchtlichen Flssen liegt, trat auf einmal mit solcher Gewalt vor
ihn hin, da ihm sein eigenes klopfendes Herz inmitten dieses groen,
unbegreiflichen Webens nur wie ein nichtiger Spuk erschien.

Als er jenseits ber die Felder weiterschritt, tauchten ein paar
Arbeiterhuser, hingeduckt wie schlafende Tiere, vor ihm auf; aber ehe er
sie erreichte, kam er an einen kleinen, etwas tiefer gelegenen, eirunden
Teich. Er schritt an seinen Rand hinab und streckte sich in das
Heidekraut. In der Mitte des Teiches lag der Mond, eine silberne Kugel.
Wenn ein Windhauch kruselnd ber die Wasserflche fuhr, wurde aus der
Kugel ein breites Gitter von endlosen Silberstrichen. Drben, nicht weit
vom anderen Ufer entfernt, reckte sich ein Ziehbrunnen schrg und schwarz
gegen den Himmel und schien die Einsamkeit dieser Sttte noch zu erhhen.
Fridolin nahm ein Zweiglein Heidekraut zwischen die Lippen, sah in den
Teich und nach dem Ziehbrunnen hinber und dachte an Asta.

Es war eine sinnlose Qulerei fr sie beide, und es schien ihm klar, da
es seine Pflicht war, ein Ende zu machen. Aber wie? Er fing an, seinen
Gefhlen mit Sorgfalt nachzugehen, und glaubte zu finden, da er dieses
stolze Mdchen heftiger liebe als irgendein anderes zuvor. Dann aber
dachte er ber die vergangenen Erlebnisse nach, dachte an die
Unzuverlssigkeit menschlicher Gefhle und besonders der seinigen, dachte
vor allem an die unerschtterte Freude am Erleben, die noch in ihm war und
die er als einen kstlichen Besitz empfand, und schlielich sagte er sich
mit aller Bestimmtheit: Preisgeben, preisgeben, Fridolin, es ist die
einzige Mglichkeit. Sei klug, du kennst dich ja, bleib einsam, das Leben
ist weit, und es blhen der Rosen viele; geh fort, sei traurig und klage;
aber bleibe einsam, unbestndiger Fridolin!

Er sprang auf, ri einen kleinen Kieselstein mit hoch und warf ihn
rgerlich in den Teich, da es plumpste und eine Garbe silberner Tropfen
aufsprang.

Preisgeben, murmelte er,-- und dann fing er an, sich selber grblich zu
belgen, indem er sich vormachte, da er vollkommen ausgeshnt mit diesem
klugen Entschlusse sei, indem er ihn vor sich selber als den einzig
sinngemen pries und so tat, als wre diese ganze Angelegenheit in ihm
klipp und klar.

Er schritt den Uferrand hinauf, blickte noch einmal auf den Teich zurck,
ging an den Ziehbrunnen, betastete ihn, machte einen Bogen um die
Arbeiterhuser herum und sah, wie drben auf dem Hauptweg ein sich
umarmendes Paar hinschritt, das sich wahrscheinlich aus der Schenke
fortgestohlen hatte, um einen heimlicheren Winkel fr seine Liebe
aufzusuchen.

Auf mehreren Umwegen gelangte er in den Gutspark, blieb einen Augenblick
vor dem verdeten Sandsteinbecken des groen Springbrunnens stehen,
blickte zum Mond und den phantastischen Wolkenformen des Himmels auf und
sah dann die rtlich erleuchteten Fenster des Herrenhauses wieder vor sich
liegen. Er trat ganz dicht unter eins der Fenster und lauschte. Ein
unbestimmtes Surren von Stimmen schlug an sein Ohr, die Musik schwieg. Man
hatte aufgehrt zu tanzen und vergngte sich offenbar mit allerlei
zeitvertreibenden Spielen. Er schritt um das Haus herum, kam an das dunkle
Fenster seines Zimmers, stie den Fensterflgel zurck und schwang sich
ber das Gesims in die Stube. Er entkleidete sich im Dunkeln und legte
sich hin. Schlafen konnte er nicht; sein Blut wallte ruhelos hin und her.
Mitunter wurde ihm so hei, da er am liebsten aufgesprungen und ans
offene Fenster getreten wre, um sich zu khlen. Er sah Asta, hrte ihre
Stimme, fhlte ihre kleine weie Hand, sah sich selber neben ihr, heftig
bewegt und unfhig, die Worte zu finden, die er suchte, fhlte den Stolz
ihres Auges, und einmal war er nahe daran, laut loszubrllen wie ein
verzogenes Kind.

Lange lag er so. Endlich hrte er ein schnell anschwellendes Getmmel auf
den Korridoren und wute, da die Gste sich jetzt zur Ruhe begaben. Hier
und da klappte eine Tr, Getrller war zu hren, ein feines Lachen, ein
Zuruf, ein Ghnen, dann wurde es wieder still. Eine Stunde spter ffnete
man ungeschickt laut die Tr zu seinem Zimmer. Fridolin tat, als schliefe
er, aber durch die Wimpern hindurch beobachtete er genau, was vorging.
Zwei Leutnants, lachend und mit gerteten Gesichtern, schleppten Paul
herein, der vllig betrunken war. Der eine Leutnant, auffallend durch
abstehende Ohren und einen riesigen blonden Schnurrbart, trug einen
brennenden Leuchter in der Hand, den er schief hielt und von dem
infolgedessen das Wachs fortwhrend auf die Dielen tropfte. Paul, der
nicht das geringste mehr von sich wute, lie alles mit sich geschehen.
Die Leutnants setzten ihn aufs Bett, zogen ihm allmhlich smtliche
Kleidungsstcke aus, nannten ihn eigentmlicher Weise immer Majestt und
lachten unmig dabei. Als ihr Opfer bis auf das Hemd entkleidet war,
schleppten sie es an den Waschtisch und gossen ihm eine Kanne Wasser ber
den Kopf. Paul gab nicht einen Mucks von sich und hielt auch meistens die
Augen geschlossen, die so klein schienen wie die eines Ferkelchens. Die
Leutnants packten ihn ins Bett, deckten ihn zu, legten mit eigentmlich
pathetischen Gebrden einen Rosenstrau auf seine Bettdecke, warfen einen
scheuen Blick auf Fridolin, nahmen den Leuchter und verlieen dann,
nachdem sie erst so unntig laut gewesen waren, merkwrdigerweise auf
Zehenspitzen und mit leisem Flstern das Zimmer.

Paul schlief sofort und fing an zu schnarchen. Fridolin war erst belustigt
durch die groteske Szene, deren Zeuge er gewesen war, dann gewannen die
tieferen Bilder des verflossenen Tages wieder Raum in ihm, und er hrte
Asta immer von neuem mit der ganzen Energie ihrer Stimme zu ihm sprechen:
Ich wnsche, da wir aufhren mit tanzen. Sofort.

Es whrte lange, ehe er Schlaf fand. Er schlief leis und unruhig.

       *       *       *       *       *

Am nchsten Vormittag sollte Asta reisen. Sie sahen sich noch beim
Frhstck, doch saen sie so weit voneinander ab, da sie kein Wort
miteinander wechseln konnten. Fridolin empfand es eigentlich als eine
Wohltat. Ihre Augen berhrten sich mitunter. Asta schien ganz lustig zu
sein; die Bewegungen ihrer Hnde und ihres Kopfes waren viel lebhafter als
gestern. Der Leutnant an ihrer Seite, es war der mit den abstehenden
Ohren, zog sie in eine Unterhaltung, die ihr volles Interesse zu haben
schien. Aber einmal bemerkte Fridolin, da sie auf einen Augenblick die
Augen schlo, wie in einem starken nervsen Gefhl oder von einer heftigen
Ermattung ergriffen. Nach dem Frhstck trat er zu ihr, sah sie an, nahm
lchelnd ihre Hand und sagte leise: Leben Sie wohl. Dann fhrte er die
Hand an den Mund und bi hinein. Aber die Hand schien fhllos zu sein,
denn sie zuckte nicht einmal. Leben Sie wohl! sagte Asta und lachte.
Fridolin merkte trotz alledem, da dieses Lachen nicht ehrlich war.

Er wollte den Abschied am Reisewagen nicht miterleben. Er lie sich ein
Pferd aus dem Stall ziehen, einen jungen Rappen, und stieg in den Sattel.
Als er eben den Hof verlassen hatte, bemerkte er an seinem rmel einen
goldigen Blitz. Er sah nach und fand, da es ein langes, aschblondes Haar
war, das nur von Asta stammen konnte. Die ganze Schnheit des blassen
Mdchens trat mit einem so wehmtigen Schimmer und so berwltigend vor
ihn hin, da ihm war, er msse liebkosend ihren Namen nennen und fr alles
um Verzeihung bitten. Er gab das Haar dem Winde preis, bi die Lippen
zusammen, stach die Sporen mit unsinniger Heftigkeit in die Seiten des
Pferdes, so da es sich bumte, und jagte ber Feld und Grben, gleich
einem Besessenen.

Nachdem er auch die Heide durchquert hatte, wurde der Boden moorig, und er
mute abbiegen. Er ritt in ein Wldchen junger Birken ein, deren weie
Stmme in der blauen, sonnigen Luft wie reines Silber glnzten, whrend
das Zweigwerk, braunrot und voll keimenden Saftes, von einem violetten
Duft durchwoben war. Dunkelgrne Wacholderbsche waren ber den Waldboden
hin verstreut. Fridolin machte einigemal halt, um schne Durchblicke durch
die hellen Stmme auf das Moor und die roten Dcher eines fernen Dorfes zu
genieen.

Drauen kam er auf eine sandige Hhe. Nahe dem Horizont erkannte er das
Dunkelblau eines kommenden Regens. Pltzlich drang ein Lrmen aus der
Luft. Er sah empor. Zwei groe, weie Vgel, blendend von der Sonne
beschienen, strmten mit vorgereckten Hlsen durch die Luft und schrieen.
Als er weiter Umschau hielt, auf das Wldchen zu seinen Fen, auf das
rote Dorf, auf ein paar blaue, moorige Teiche und die Wege ringsher, sah
er in der Richtung nach Garzigar den Reisewagen mit den beiden Braunen.
Und wieder spornte er den Gaul und flog ber Moor und Heide und Feld, und
als er dann endlich in Obliwitz einritt, ermattet und triefend gleich dem
Tier, auf dem er sa, rief ihm der Brautvater, der gerade aus dem
Schafstall kam, mit deutlicher Stimme entgegen:

Wenn Sie glauben, junger Mann, da ich noch einmal die Dummheit begehe,
Ihnen ein Pferd aus meinem Stall zu geben, irren Sie sich!

       *       *       *       *       *

Fridolin fuhr von Obliwitz direkt ans Meer. Er kletterte auf den Dnen
herum, legte sich an den Strand, trieb in Booten durch das sonnige Wasser,
das er selten so blau gesehen zu haben meinte, pflckte sich Strue von
Leberblmchen, die auf einigen Hgeln in blauen Mengen standen, und
fhlte, da er an der See noch niemals so unruhig und verstrt gewesen
war. Aus jedem Raunen des Wassers hrte er die Stimme eines Mdchens, das
blonde Haare hatte; wo er einen wehenden Halm sah, dachte er an dnne
Handgelenke, und die Blue des Himmels sah er nur als Vergleich mit dem
Blau zweier jugendlicher Augen. Endlich hielt er es nicht mehr aus. Er
setzte sich hin und schrieb an Asta, da er am nchsten Tage auf der
Heimreise um eine bestimmte Zeit mit dem Schnellzuge durch S. kommen
werde, der Stadt, wo sie bei Verwandten zu Besuch war. Er schrieb, der
sehnlichste Wunsch, den er habe, sei, sie am Bahnhof noch einmal
wiederzusehen.

Er fuhr, und als er sich S. nherte, strmte sein Blut vor Erregung. Er
stand, als der Zug einlief, am Fenster und erkannte sie sogleich. Sie trug
ein schwarzes Kleid, einen schwarzen Federhut und an den Hnden gelbe
dnische Handschuhe. Merkwrdig, sobald er sie sah, hatte er seine Ruhe
wiedergefunden. Sie winkte ihm zu, er sprang, als der Zug hielt, herab,
ging ihr entgegen, nahm ihre Hand und kte sie.

Was sie hierauf miteinander sprachen, war sehr einfach: Erkundigungen nach
ihrem Befinden, wie es ihm am Meere gefallen habe, wie ihr die
Hochzeitsfeier bekommen sei, wie lange sie noch bei ihren Verwandten zu
bleiben gedenke. Sie sagte, da sie noch etwa vierzehn Tage in S. zu
bleiben gedenke, und er, da er die See nie so schn gesehen habe, da er
aber nicht in der richtigen Stimmung gewesen sei, sie zu genieen. Dann
hie es Einsteigen!, sie gab ihm schnell die Hand, er kte sie, indem
er den Handschuh zurckstreifte, auf den Puls. Dann bestieg er den Wagen,
der Zug setzte sich in Bewegung, und langsam verschwand ihre dunkle
Gestalt, whrend er winkte und noch bis zuletzt den herben Zug um ihre
Lippen sah.

Sie hatten nichts mehr gemein in ihrem spteren Leben. Wenn sie einst
sterben werden, wird keiner ahnen, da sie in den Tagen ihrer Jugend
voneinander wuten.




Der Druck des Buches erfolgte in der Druckerei von Gebr.Mann zu Berlin.
Die Einbandzeichnung ist von Walter Tiemann.




[Anmerkungen zur Transkription:

Im Original gesperrt gesetzter Text ist mit _ gekennzeichnet.
Im Original in Antiqua gesetzter Text ist mit = gekennzeichnet.

Das im Original am Ende des Buches befindliche Inhaltsverzeichnis wurde
zur besseren bersicht an den Buchanfang verschoben.

Offensichtliche Druckfehler und Inkonsistenzen wurden korrigiert.]





End of the Project Gutenberg EBook of Die Kurtisane Jamaica, by Hans Bethge

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KURTISANE JAMAICA ***

***** This file should be named 23425-8.txt or 23425-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/2/3/4/2/23425/

Produced by Norbert H. Langkau, Irma Knoll and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
