The Project Gutenberg EBook of An Deutschlands Jugend, by Walther Rathenau

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Title: An Deutschlands Jugend

Author: Walther Rathenau

Release Date: November 7, 2007 [EBook #23396]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AN DEUTSCHLANDS JUGEND ***




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                        An Deutschlands Jugend

                                  von

                           Walther Rathenau


                                 1918

                          S. Fischer * Verlag
                                Berlin



                           1.-20. _Tausend_

        Alle Rechte vorbehalten, besonders das der bersetzung




Inhalt


Zueignung und Aufruf       5

Zweifel                   18

Glaube                    42

Krieg                     74

Charakter                 97




Zueignung und Aufruf


In dieser feierlichen Zeit des Abschiedes wende zu euch ich mich,
Menschen der deutschen Jugend. Nie hat eine Menschheit so bewut und
verantwortungspflichtig an einer Scheide der Zeitalter gestanden. Die
Stunde hlt ihren Atem an, zu lang fr das bangende Herz, zu kurz fr
das flatternde Gewissen, der Klppel holt aus. Ist der Schlag
verklungen, nach Menschenjahren, Sekunden des on, so stehen wir in
fremder Welt und Zeit, beladen oder entshnt, und blicken durch den
Trnenschleier des Krieges nach dem entsinkenden Reiche der Gewesenheit.

Unbewuter, zweifelfreier waren die, die vor weniger als hundert Jahren
durch den Nebel der Weltkriege das rosenfarbene Jahrhundert verschwimmen
sahen. Die Revolution hatte ihnen eine brauntuchene brgerliche
Sicherheit gegeben, der Krieg hatte mehr geschlichtet als genommen, sie
fhlten beschftigt das Nahen von Wissenschaft, Technik und Kapital und
konnten sich dem berlassen, was sie Restauration nannten, und was der
hlichste Nutzbau der bervlkerten, mechanisierungsdurstigen Welt war.

Der Bau wuchs; in den hchsten, luftigsten und frechsten Geschossen des
Himmelskratzers sind wir geboren und haben wir gelebt; jetzt bricht er
nieder, aus Mangel an Gerechtigkeit und organischer Kunst, die man
verschmht hatte, hineinzubauen. Er hatte kein Fundament, stand auf dem
Schuttplatz der franzsischen Revolution, die Raum geschaffen hatte,
aber keinen Baugrund. Bis in seine hchsten Zinnen, die Nationalismus
und Imperialismus hieen, trug er keine Idee in sich, nur ein
empirisches Gleichgewicht der Krfte; alles was Idee hie, rankte sich
uerlich empor und zermrbte seine Wnde.

Keine neue Revolution kann uns die Arbeit erleichtern, denn die
Zerstrung ist da, wir brauchen sie nicht zu rufen. Was gefordert wird,
ist Arbeit, langsamer, heiliger Neubau, Dombau. Aus tiefen, geheiligten
Herzen und neuem Geist. Nicht aus der Frechheit, die sagt: Lat mich
nur, ich bin schlau und vernnftig, ich will einmal versuchen. Nicht aus
satter Interessiertheit, die sagt: Wir werden alles reparieren. Nicht
aus Stumpfheit und brgerlicher Blde, die sagt: Kommt Zeit, kommt Rat.

Die Schicksalsstunde webt nicht ber Schlachten und Konferenzen, Brand
und Lschung, sondern ber der Bauhtte, ber ihren Meistern und
Gesellen, dem Geheimnis ihres Grund- und Aufrisses und dem Geist ihrer
Gemeinschaft. Der entscheidet die Jahrhunderte, deshalb haben wir vom
Geist zu reden.

Mit euch, Deutschlands Jugend, will ich reden. Den Genossen meines
Alters habe ich nicht mehr viel zu sagen. Mein Herz habe ich vor ihnen
ausgeschttet, mein Glauben und Schauen, Vertrauen und Sorgen ihnen vor
die Seele gehalten. Viele haben meine Schriften gelesen, die Gelehrten,
um sie zu belcheln, die Praktiker, um sie zu verspotten, die
Interessenten, um sich zu entrsten und sich ihrer eigenen Gte und
Tugend zu erfreuen. Wenn warme Stimmen zu mir drangen, so kamen sie von
Einsamen, von Jungen, und von denen, die nicht altern und nicht sterben.

Von den Alten habe ich nichts gewollt als Mitdenken und Mitsorgen,
Prfung, Besinnung. Nichts anderes will ich von euch. Prft meine Worte
an euren Gedanken, in euren Herzen; seid auf eurer Hut, verwerft, was
euch nicht innerlich ergreift, die verbohrte Meinung, den bestechenden
Einfall. Nicht ein Fhrer unter euch vermesse ich mich zu sein, nicht
ein Berater, ich will mit euch errtern und erwgen. Auch huldige ich
euch nicht; ihr seid ein neues Geschlecht, kein anderes Volk als eure
Vter, ihr seid ihnen hnlicher, als ihr meint. Ihr seid eine Hoffnung;
auch wir sind eine Hoffnung gewesen und keine Erfllung geworden,
obgleich es manche unter uns gab, die den Weg sahen und wiesen. Ich
huldige auch dafr euch nicht, da ihr in den Krieg geboren und
gewachsen seid. Den Krieg haben unsere Vter verschuldet, also haben wir
ihn verschuldet; den Krieg haben wir verschuldet, also habt ihr ihn
verschuldet. Derer, die gettet worden sind und gettet werden sollen,
gedenkt mein Herz in jeder seiner Nchte, und am heiesten umfat es
die, denen es schwer wird, und die sich frchten. Jeder, der mit seiner
Seele in den Krieg verstrickt ist, alt oder jung, frchtet sich und
zittert, und weint Trnen, die nach innen flieen und das Herz
verbrennen. Auch dafr nicht, da ihr ungebrochen und stark, voll
Anspruch und ohne Zweifel seid, huldige ich euch. In zwanzig Jahren sind
eure Verwegensten alt, enttuscht und philisterhaft, nicht um des
Groen, sondern um des Kleinen willen, und es wird viel sein, wenn
abermals dereinst einige aufstehen, weil sie ihr Herz warm erhalten
haben, um zaghaft und berwltigt zu euren Kindern zu reden. Um des
Glaubens willen an unsere deutsche Erde rede ich zu euch, um der Liebe
willen zu euren Vtern, euren Kindern und am meisten zu euch, um der
Hoffnung willen, die ihr seid und alle, die nach euch kommen. Denn ihr
werdet das Reich betreten, das uns verwehrt ist, auf euch liegt die
Verantwortung und die erste Entscheidung.

Werdet ihr mich hren? Manche von euch, die ursprnglichsten, sind
sorglos, dem Denken abgewendet, mit billigem zufrieden und eng
autoritr; manche, die klgsten, sitzen in ihren Schreibstuben und
Prezentralen, pochen auf ihre Vernunft und Abstraktion und warten, da
ihrer geschulten Dialektik zuliebe die Welt sich wie Sankt Hieronymus'
Lwentier aufblickend zu ihren Fen schmiege.

Verschliet ihr euch aber vor mir, so rede ich zu mir selbst und meinem
Schpfer, denn reden mu ich und darf nichts verschweigen, obwohl ich
wei, da jedes Wort mir neuen Unfrieden schafft bei denen, die mich
hassen und verfolgen. Dann werden andere kommen, helleren Geistes,
reineren Herzens, edlerer Art, die Glauben erzwingen fr das, was sie
verknden und was ich nur stammle. Denn das ist freilich wahr: Nichts
ist in mir, das den Willen rechtfertigt, gehrt zu werden, auer dem
Glauben an die Seele und ihre Verwirklichung.

In mir aber ist nichts verwirklicht, und will ich zu euch reden von
unseren gemeinsamen Schwchen, Trbheiten und Klrungen, so mu ich frei
vor euch mich zu der Problematik bekennen, die man mir vorwirft, damit
ihr ungetuscht so hart und milde wie ihr wollt urteilt, und mu euch
sagen, wer ich bin.

Ich bin ein Deutscher jdischen Stammes. Mein Volk ist das deutsche
Volk, meine Heimat ist das deutsche Land, mein Glaube der deutsche
Glaube, der ber den Bekenntnissen steht. Doch hat die Natur, in
lchelndem Eigensinn und herrischer Gte die beiden Quellen meines alten
Blutes zu schumendem Widerstreit gemischt: den Drang zum Wirklichen,
den Hang zum Geistigen. Die Jugend verging in Zweifel und Kampf, denn
ich war mir des Widersinns der Gaben bewut. Das Handeln war fruchtlos
und das Denken irrig, und oftmals wnschte ich, der Wagen mchte
zerschellen, wenn die feindlichen Gule auseinanderstrmend sich ins
Gebi legten und die Arme erlahmten. Das Alter snftigt. Noch immer ist
der berschssige Wille nicht ganz gebrochen, noch immer stehe ich im
praktischen Handeln, doch nicht um eigener Ziele willen. Und manchmal
scheint es mir, als sei aus diesem Handeln auch etwas in meinem Denken
befruchtet worden, als habe die Natur mit mir den Versuch vorgehabt, wie
weit betrachtendes und wollendes Leben sich durchdringen knnen. Ein
Zeichen des Friedens wurde mir gegeben. Als ich zum ersten- und zum
letztenmal, nicht freiwillig, sondern von Not gezwungen, mich den
Getrieben des Staates nherte, da wurde durch das geringe Werkzeug
meines Kopfes und meiner Hnde vom deutschen Willen aus einem Gusse
eines vollbracht, das sonst nicht im Schaffen eines Einzelnen
beschlossen ist: die bewute Schpfung einer neuen Wirtschaftsordnung,
die nicht vergehen kann und alle knftigen Wirtschaftsformen in ihrem
Schoe trgt. Das war wohl die sichtbare Frucht, die der alternde Stamm
nach auferlegtem Willen tragen durfte; nun schttet er die verspteten
Knospen und Bltter in euren Scho.

Grund meines Redens ist nicht der Krieg, sondern der geistige
Niederbruch, den er offenbart, nicht die Furchtbarkeit dessen, was ist,
sondern dessen, was war und was bevorsteht. Die Stumpfesten glauben ein
Gewitter zu sehen, kurz und heftig meinten sie zuerst, heftig und
absehbar meinen sie jetzt, und denken bald wieder da anzufangen, wo sie
aufgehrt haben, am liebsten mchten sie ihn als Mittel betrachten, um
einige ihrer alten Zwecke zu erreichen.

Andere trsten sich mit einer Theorie wirtschaftlicher Evolutionen:
immer haben Kriege die bergnge der Wirtschaftsformen begleitet, dieser
ist grer, doch nichts anderes; wir werden den Endzustand erwarten und
versuchen, ihn nach unserem Willen zu lenken. Sie haben nur zur Hlfte
Unrecht, denn dieser ist wahrhaft der Weltbrand des europischen
Sozialgebudes, das nie wieder erstehen wird. Doch ist nicht jede
Brandsttte ein Baugrund, manche ist wst geblieben und manche zur
Spuksttte fr Gespenster und Gesindel geworden.

Die wenigen, die das Ereignis kommen sahen, so wie es ist, nicht als
mannhaften Zweikampf, nicht als frisch-frhlichen Reiterkrieg, sondern
als Weltgericht: diese wenigen haben es verkndet, nicht als
politisch-wirtschaftliche, sondern als sittliche Notwendigkeit, als
Blutgericht, um zum letztenmal die Seele und das Gewissen, die Wrde und
Gerechtigkeit der westlichen Welt zu wecken und zu retten.

Wir gingen zugrunde mit aller ppigkeit der Technik und mit dem
verruchten Stolze unseres banalen Wissens; und wir gehen weiter und
unaufhaltsam zugrunde, mit und trotz und wegen aller Opfer, so wir nicht
begreifen und uns ermannen.

Noch jetzt, im fnften Jahr, sind die Nationen nicht fertig, ihre
Kriegsgrnde, Kriegsursachen und Kriegsziele zu erklgeln -- freilich,
sie wissen sie nicht und werden sie nicht wissen! -- Weltanschauungen zu
erdichten und zu ertfteln, die sie nicht haben, Charaktere einander
vorzuwerfen, die sie aus Zeitungen oder von mivergngten Reisenden
erlernt haben. Noch heute beschimpfen sich Staatsleute und strafen sich
Lgen, und deuteln an ihren Forderungen. Nchterne Polizeiideale werden
angepriesen, kapitaldurstige Kreuzzge werden gepredigt, unberzeugte
Gerechtigkeiten werden gefordert. Und im Innern der Vlker blht
Kriegswucher, Geschwtz und Roheit, whrend treuherzige Jugend an den
Fronten verblutet.

Was sind alle Zerstrungen und leiblichen Opfer verglichen mit den
Zuckungen und Verzerrungen des europischen Geistes? Dies Leiden ist
nicht dem Kriege entsprungen, es lag in uns, und was wir schaudernd
sehen und fhlen, ist nur der Paroxysmus des Ausbruchs. Und diese
Krankheit geht nicht mit dem Kriege, nicht durch den Krieg zu Ende; in
erneuten Schreckensformen, mit inneren Giften und Zersetzungen zehrt
sie weiter bis zur tdlichen Erschpfung. Die Geisteskrankheit, der
sittliche Wahnsinn Europas ist heilbar nur durch die Macht des
Gewissens, die Gewalt der Umkehr und Einkehr. Die nchterne
Wirtschaftsrechnung verschlgt nichts, sie mag den Apotheker bezahlen.

Ist uns Rettung bestimmt, so dringt sie aus unseren Tiefen. Kein
Staatsmann kann helfen, kein Staatsakt, keine nderung der
Einrichtungen. Denn wre selbst alles aufs beste geschaffen und
bestimmt, es zerschellte und zersplitterte am Wust der Interessen, an
der berzeugungslosigkeit, an der Indolenz, an der geistreichen
Tftelei, am falschen, eitlen Individualismus, und snke zurck ins
Chaos. Wurstelei und Gewaltherrschaft sind die einzigen Formen, die den
anarchischen Krper im Scheindasein erhalten knnen, und beide ertten
vollends den Geist.

Dies ist die Frage, die dir, deutsche Jugend, gestellt ist: Kannst du
noch einmal den deutschen Geist zur Einheit der berzeugung, zur Treue
der Weltanschauung aufrufen? Es sei nicht die heilige Einheit des
Mittelalters, die bleibt uns verloren; es sei eine vielfltige Kraft,
doch darin einig, da sie das Geistige ber das Irdische stellt. Dann
mag sie vielspltig, mag sie vom Glauben aller Welt verschieden sein,
denn zwischen echten Anschauungen gibt es zwar keinen Frieden, doch
keinen ttenden Ha und jederzeit die wlbende Synthese.

Kannst du Menschen finden und sammeln? Nicht Heilige, nicht Genien, doch
Geistige, Aufrechte, frei und weit Blickende, Wrdevolle, Spendende,
Innerliche, Wirkende; nicht Umhllte von Interessen, Standesverblendung,
Seichtheit, Streberei, Phrase, Liebedienerei, eitler Geschftigkeit?
Denn vergi nicht: Wre ein deutsches Paradies auf Erden verwirklicht,
wir htten heute die Menschen nicht, es zu verwalten. Blicke um dich,
auf diese Parlamente, diese mter, diese Akademien --, berall der
gleiche Ton, die gleiche Redensart, die gleiche mechanisierte
Sicherheit, bestenfalls hier und da ein wenig weltfremde, spintisierende
Grbelei, und nirgends ein Mensch, der auch nur von ferne den alten
mannhaft Groen gleicht in allen diesen redenden und schaustellenden
Berufen. Die Besten des Landes sind einsam an ihren stillen Werken,
einseitig, aufgezehrt, gealtert, dem Treiben abhold. Wir alle mssen
abtreten, zurck in Finsternis und Vergessenheit; wir haben das Unsere
nicht getan, wir sind nicht die Rechten.

Unter denen, die weitab, hilflos, ihrer Unzulnglichkeit bewut, der
Wende unwrdig das Geschick sich erfllen sahen, habe auch ich meine
Stimme erhoben, das Drohende ausgesprochen, das Geschehene gedeutet und
das Kommende dargestellt. Was die Zukunft fordert und dereinst erzwingen
wird, die nderung von Einrichtungen und Gesinnung, den wirtschaftlichen
und sozialen Ausgleich, die Durchgeistigung und Versittlichung der
Wirtschaft habe ich geschildert und die Vollendung irdischer Ordnung im
Reich der Seele. Unverbrchlich glaube ich an diese Dinge, denn sie sind
im Anzuge, ja sie sind unsichtbares Schicksal geworden, denn sie sind
erschaut, ausgesprochen, erhrt und somit im Geiste verwirklicht.

Doch die Liebe zur Heimat berwiegt alles und verlangt, die kommende
Gerechtigkeit und Adelung mchte als ein Werk deutschen Geistes, als ein
Geschenk deutschen Herzens an die Vlker in die Welt treten,
Deutschland mchte nicht zag, spt und verdrossen dem Weltlauf folgen,
Deutschland mchte den Anspruch auf Fhrung und Verantwortung, also den
Anspruch auf eigenes Leben nicht mrrisch und verbittert jngeren
Vlkern preisgeben, um sich, so lange es geht, feindselig alternd hinter
trockenen Rechten und bser Gewalt zu verschanzen.

Und abermals werde ich mutlos und frage: Wo sind die Menschen? Wo sind
in dieser Zerfahrenheit der Interessen, der Stumpfheit, der
selbstverliebten Geschwtzigkeit, in dieser Unklarheit der Wertungen, in
der prfungslosen Verbohrtheit der Standesmeinungen, in der Verfilzung
der Staatseinrichtungen -- wo sind noch Anstze mglich fr die
Keimkrfte des neuen, reinen, freien Lebens? Kann es auerhalb einer
politisch beeinfluten Tagesmeinung berhaupt noch eine geistige
deutsche berzeugung geben? Wenn deutsche Gedanken entstnden, wirkliche
Gedanken des Geistes und Herzens, Ideen, nicht Forderungen alltglicher
Ntzlichkeit noch gehssiger Zeitungs- und Versammlungsdunst --, knnen
solche Gedanken in Deutschland noch Trger und Verwirklicher finden? Ist
unser Volk einer nicht blo herkmmlichen, nicht blo interessierten,
nicht blo agitatorischen Anschauung noch fhig? Was sind berhaupt die
Voraussetzungen fr die Mglichkeit einer deutschen Anschauung? Und sind
sie verwirklichbar?

Die erste Prfung endet freilich schlimm. In keinem Lande der Erde wird
soviel wie bei uns von Anschauung, Weltanschauung, Kultur und Ideal
geredet. Das kommt daher, da wir in der vormechanistischen Epoche eine
wundervolle Blte des Geistes erlebt haben. Das war in einem kleinen,
in den Tiefen kaum emanzipierten Volke mit einer Schicht von knapp
fnftausend Gebildeten, einem Volk also, das eigentlich nur aus
sichtbarem Geist bestand, oder in dem nur der engverschwisterte,
uninteressierte Geist das Wort hatte. In den letzten drei Menschenaltern
war die Zahl und Kraft der idealistischen Geister so gering, da es
zweifelhaft erscheint, ob unsere wissenschaftliche, technische und
organisatorische Zivilisation noch den Namen einer Kultur verdient.

Als wir in den Krieg zogen, fragten uns die Neutralen nach der
Weltanschauung und den Idealen, fr die wir kmpften. Wir erklrten
ihnen, unsere Feinde seien Hndler, wir aber vertrten eine heldenhafte
Weltanschauung, wobei denn freilich der ganze bei uns herrschende
Kapitalismus abgeschaltet werden mute, der technisch-organisatorische
Teil der Kriegfhrung im Dunkel blieb, und die Gegenfrage abgelehnt
wurde, wieweit wir Kellner, Barbiere und Handlungsreisende, die in
unserem Namen die Welt versorgten, in das Heldenideal einzubeziehen
wnschten.

Dann haben uns Gelehrte ein Ideal der deutschen Freiheit beschieden, das
weniger eine Freiheit als eine sympathische Unfreiheit war, das
auffllig mit den herrschenden Zustnden bereinstimmte und im Kern auf
einen Lobpreis der Professorenlaufbahn hinauslief.

Auch das altliberale Brgerideal hat man uns anzupreisen versucht, mit
schchterner Loslsung von seinem englisch-franzsischen Ursprung, das
gern auf demokratische Ausgelassenheit verzichtet, sofern es einem jeden
freisteht, ungestrt und unbekmmert vom Nchsten und vom Staat, seinem
frderlichen Beruf nachzugehen.

Die sogenannten Machtideale bedrfen keiner Erwhnung. Sie passen auf
jeden, der die Mittel zu haben glaubt oder sucht, um sich auf Kosten
anderer Vorteile zu schaffen.

Nun ist es von Weltanschauungen stiller geworden, und wir beschftigen
uns wieder vorwiegend mit Interessen und Tagesfragen. Wo sind die
deutschen Ideale, wo sind ihre Trger?

Wir haben sieben Millionen Arbeiter, die zum groen Teil von
Schulagitatoren gefhrt werden. Wir haben acht Millionen unselbstndige
in der Landwirtschaft Beschftigte, die sich nicht organisieren drfen
und nicht Trger eigener Gedanken sind. Wir haben zwei bureaukratisch
geordnete Kirchen, die dem Austretenden mit Minderung brgerlicher
Rechte drohen drfen. Wir haben die Stnde der Interessierten, die mit
der Dialektisierung ihrer Gewerbe befat sind. Wir haben eine
Beamtenkaste auf Grund eines Gesinnungsnachweises. Wir haben einen
selbstndigen Mittelstand, der nach den Grnden seines Niederganges
sucht. Wir haben ein Grobrgertum, das nach Beziehungen und
Befrderungen lechzt. Wir haben einen staatsbeamteten Gelehrtenstand,
der zur Verteidigung alles Bestehenden erzogen ist. Wir haben
Interessenvertreter und Ortsgren, die im politischen Leben stehen und
ihre Wnsche und Kritiken mit denen ihrer Auftraggeber in
bereinstimmung zu bringen suchen.

Und dennoch! Solange noch Selbstbewutsein und Willenskraft in uns ist,
lieber in ttigem Glauben und edlem Irrtum vergehen als in kranker
Resignation und galliger Verneinung leben. Abermals rufe ich zu dir,
deutsche Jugend! Noch haben dich die Kleinheiten des Lebens nicht
zermrbt, die wtenden Interessen und giftigen Hndel dich nicht
verfeindet, ein groes Schicksal hat dich verschmolzen und gelutert,
hilf die Quellen des schmachtenden Landes erschlieen.

Lat uns diesen einen Gang gemeinsam gehen. Lat uns durch die de des
Zweifels schreiten, lat uns an das Tor des Glaubens pochen, lat uns
das Schicksal unserer Prfung befragen und unserer eigenen Seele tief
ins Antlitz blicken, und glaubt mir, wir kehren nicht entmutigt heim.
Mten wir auch ein schweres Teil der Vlkerschuld auf uns selbst
nehmen, mten wir tiefe Shne und Einkehr von uns selbst verlangen:
Lat uns hart sein aus Liebe und arg aus Treue. Lassen wir anderen das
Behagen der Beschnigung und des Selbstlobes, das seit vier Jahren zur
schamlosen Pest der Vlker geworden ist, und suchen wir den Weg zur
alten Wahrhaftigkeit und Furchtlosigkeit, die unser vornehmstes Erbteil
war.

Mag unser Gang beklemmend sein, mag er uns zeigen, wie fern wir dem
Lande unserer Verheiung sind, genug, wenn wir heimkehren mit der
Botschaft, da unser Schicksal bei uns selbst steht, da wir inne
geworden sind dessen, was uns von neuer Geistigkeit, von innerer
Wiedergeburt und Weltverantwortung trennt.

Was trennt, kann sinken. Den Kampf, den wir kmpfen, und den hrteren,
den wir kmpfen werden, beendet nur ein Sieg: der Sieg der Einkehr. Und
die Nation wird ihn erstreiten, die ihrer eigenen Seele entgegentritt
und sie zum Phnixopfer weiht.




Zweifel


Wir lteren hatten keinen Grund, die Epoche unserer Jugendjahre zu
preisen. Politisch herrschte der Kampf gegen den Sozialismus in der Form
einer liberal aufgeklrten Reaktion, geistig die sogenannte exakte
Wissenschaft, wirtschaftlich der beginnende Hochkapitalismus,
gesellschaftlich die brgerliche Streberei. Das Reich und die Gromacht
war begrndet, einen Schritt darber hinaus gab es nicht; das Bestehende
hatte recht, wer Einwnde erhob, bekam es mit Bismarck zu tun oder mit
dem Satz von der Erhaltung der Kraft, oder mit den besseren Stnden.
Alle Gebiete des Lebens berschattete die Autoritt des unbestrittenen
sichtbaren Erfolges, sogar die Kunst fand es selbstverstndlich, Urteil
und Rat vom bereicherten und kaufenden Brger und der gebildeten
Hausfrau zu empfangen. Die Jugend, soweit sie nicht als verderbt galt,
fgte sich den genehmigten Idealen, ja berbot sie; der oberste der
genehmigten Begriffe war die Karriere. Der wachsende Staat verlangte
Beamte, das heit Juristen, die Laufbahn verlangte gesellschaftliche
Garantien, das heit studentische und offiziermige Korporation. Die
Vorbilder wirtschaftlichen Aufstiegs waren noch vereinzelt und nicht so
machtgesteigert, um zu verlocken, der Wissenschaftsbetrieb hatte eine
gesonderte Aufstiegsordnung, in der ein umfangreiches Assistentenwesen
und Einheirat eine gewisse Rolle spielten.

Jugendlicher Drang, von freier Tat ferngehalten, halb freiwillig, halb
unbewut in das ungeistige, unfromme, phantasielose Joch der Autoritt
und Streberei gezwngt, schuf ein Zerrbild, so unerfreulich wie kaum
eines seit der Zeit des lanzknechtlichen Hosenteufels, des altmodischen
Bramarbas und des bezopften Renommisten: den Patentscheier.
Aufgeschwemmte Burschen, schnde und zynisch im Auftreten, mit geklebtem
Scheitel, gestriemten Gesichtern, Reiterstegen an den gestrafften
Beinkleidern, schnarrender Stimme, die den Kommandoton des Offiziers
nachahmte. Den Hochschulbetrieb verachteten sie, die kmmerliche
Prfungsreife erlangten sie durch sogenannte Pressen, ein feindseliges
und herausforderndes Wesen trugen sie zur Schau, auer wenn es sich um
Konnexionen handelte, ihre Zeit verbrachten sie mit Pauken, Saufen und
Erzhlen von Schweinereien. Solche Gestalten wurden geduldet, ja
anerkannt; sie waren bestimmt, zu denen zu gehren, die das Volk
regieren, richten, lehren, heilen und erbauen. Gewi, es gab auch
zahlreiche andere Vertreter der akademischen Jugend, vor allem die,
deren Mittel zur Erreichung dieser Stufe nicht langten; doch meine
Befrchtung, da die Generation der achtziger Jahre uns den Ausfall
einer geistigen Ernte im ffentlichen Leben kosten wrde, hat sich
erfllt.

In den Formen des lndlichen und kleinbrgerlichen Lebens haben wir uns
stets bescheiden, sicher und wrdig bewegt. Fr gesteigerte brgerliche
Lebensform ist ein gltiges neuzeitliches Vorbild in Deutschland nicht
geschaffen worden. Der kleinere Adel blieb gutsherrlich,
patriarchalisch, stadtfeindlich, der grere international und
abgesondert. Der Soldatenstand lie nach auen nur einen khlen Schliff
erkennen, der zu brutal bertreibender Nachahmung verfhrte, das
Beamtentum, wirtschaftlich gedrckt und stolz verzichtend, machte in
seinen Formen die Abwehr fhlbar, die ein Leben in unterordnenden und
spaltenden hierarchischen Gepflogenheiten bedingt. Patriziat und alter
Reichtum, in Deutschland selten und versprengt, fand in sich kein
Gleichgewicht und drngte zum Adel und Hof.

So fand sich bei uns niemals ein anerkanntes Vorbild der Lebensform, des
Benehmens und der Gesellschaft; unzusammenhngende Konventionen wurden
unverstanden gelehrt und als Unterscheidungszeichen gewertet, zur
Schaffung eines geschlossenen ueren Erscheinungsbildes reichten sie
nicht aus. Der erzieherische Nachteil dieses scheinbar uerlichen
Mangels fr jedes heranwachsende Geschlecht wird unterschtzt. Er lt
den jungen Menschen die Wrde und Sicherheit einer anerkannten Schulung
entbehren, verfhrt zu einem billigen Individualismus, der nur
Formlosigkeit ist, erschwert die Schtzung und Gemeinschaft einer
krperlichen Kalokagathie, bewirkt Rckschlge in eine pomadisierte
Pbelhaftigkeit und ermglicht die Entstehung von wechselnden
Zerrbildern, die nirgends in der Welt geduldet werden wrden, und von
denen das der achtziger Jahre ein teuer bezahltes Beispiel bildet.

Diese Sorge ist vorber, denn kommende Zeiten werden die Spaltung der
Kasten nicht kennen, der aristokratischen, militrischen und
bureaukratischen Vorbilder nicht bedrfen, sondern ihre Wertungen aus
menschlichen und volkstmlichen Vorstellungen schpfen. Fr uns bestand
sie, euch blieb sie erspart.

Denn ihr hattet das Glck, im Widerspruch zu erwachen. Eure Kindheit hat
der beginnende Wohlstand des Landes gepflegt, ein erwachendes
Schrifttum, eine nicht volkstmliche Kunst hat euch ein Widerspiel zur
Gegenwart und Wirklichkeit geschaffen, euer Bewutsein erweckt und durch
Kontrast befruchtet. Die schmerzhafte Lsung von der Autoritt, die
einigen von uns glckte, andere brach, war fr euch kein Problem, denn
ihr seid frei geboren. Eure Vter konnten euch nicht die
Unwiderleglichkeit groer Schpfung entgegenhalten, sie hatten nur die
Mechanisierung emporgehoben, der sie fruchtlos dienten, den Staat und
ihr eigenes Machterbe verwahrlost, und euch mit einer gewaltttigen,
rauschenden und schimmernden Zivilisation umgeben, die sich anpreisen
aber nicht verteidigen konnte. Freilich waren auch unter ihnen groe
Mnner, deren Arbeit Gutes schuf und ohne ihr Wissen Knftiges
bereitete, doch die Welt war entseelt, der Glauben erstorben bis auf
seine Wurzeln des schpferischen Zweifels, und die uerlich glnzendste
Epoche, die je der Erde beschieden war, die dicht an das knstliche
Paradies der Schmerz- und Sorglosigkeit, der technischen
Schrankenlosigkeit und des ewigen Wohlstandes rhrte, erstarb im Geiste.

Ihr durftet zum Bewutsein erwachen, und wenn uns lteren ein Anteil an
der Freude dieses Erwachens zufiel, so war es der, da einige von uns
versucht hatten, der prachtvoll untergehenden Zeit ins Auge zu blicken,
ihr das Gesetz ihrer Sterblichkeit zu entreien und mit der Gewiheit
der aufsteigenden Seele heimzukehren. Selbst eure Vter hatten euch
vorgearbeitet; sie waren der alten Strenge und Herrschgewalt nicht
fhig, denn die fordert zweifelfreie berzeugung und berlieferung, sie
aber hatten nichts zu bieten als schwankende Relativitt, die verstehen
wollte, aber nicht werten. Unschlssig lockerten sie das Band der
Schule; da flo viel Bildung ab; edle Substanz, die euch fehlen wird,
und schwer entbehrlich dem Deutschen, der ein Ordner, Verwalter und
Richter des geistigen Erdenguts sein soll. Dafr wurdet ihr freier, und
lerntet fhlen, da Jugend, bloe Jugend, ohne Beziehung auf Dinge des
Wollens und Handelns ein erfllendes Glck ist. Ihr wandtet euch ab von
gepriesenen Werken und Kmpfen, dahin, wo alle Unbestechlichkeiten vor
euch den Trunk ihres Durstes gesucht hatten, zur Natur, und dahin -- dies
ist euer schnster Gewinn -- wohin nicht viele Geschlechter gedrungen
sind, zur Menschenliebe, Gemeinsamkeit und Freundschaft. Viel fehlte
nicht, so httet ihr euch von jedem lastenden Erbteil der Vergangenheit
losgesagt und den Weg zur alten Menschenfreiheit gefunden.

Ihr schweiftet durchs Land und lerntet die Freundschaft zu Bumen,
Tieren und Menschen. Manches Lied und mancher Vogelruf wurde euch
vernehmlich, und ihr achtetet auf Gestirne, Wind und Wolken und lerntet
die Namen der Kruter und die Spuren der Tiere auf morgendlichen Wegen.
In Nchten saet ihr beisammen und sprachet von freier, verantwortlicher
Bestimmung des Lebens, von einem Dasein ohne Ha und Gier und vom
Erwachen des Geistes.

Den Dmonen konnte dies Dasein ein trumerisches Spiel scheinen, zu
leicht und glcklich selbst fr die Jugend Erdgebundener. Da geschah die
Berufung, die euch vor anderen Geschlechtern traf und zur Mannheit
schlug und eure Stirn mit dem Lose der Verantwortung fr knftige Wende
zeichnete: der Sturm des Krieges ergriff euch und viele durften siegend
sterben. Der Zeiger der Geschichte steht still, solange die Urkrfte und
Titanen ringen; die letzte Antwort, die ihr schuldet, ist nicht Aufbruch
und Kampf, sondern Heimkehr und Einkehr.

Unsere Herzen sind zumeist bei denen von Euch, die ihre Unschuld und ihr
reines Glck, furchtlos, das Seiende segnend, ohne Zweifel und ohne
Frage ins Feld getragen haben. Sie sind der blhende Leib und die
lebendige Kraft des neuen Volkes. Heute noch sind sie mit der Meinung
und Wertung des Tages zufrieden, mit leichten Erklrungen einverstanden,
leiblich und geistig im Dienst, der Gegenwart zugekehrt. So aber werden
sie sich auch der neuen Gegenwart zukehren, und wenn sie reinen Herzens
bleiben, tun, so Gott will, was not ist.

Jene anderen aber, denen im Herzen der Krampf und das Weh der Erde zum
zweiten Male sich abspielt, die in der Angst der Schuld und in der Qual
des schpferischen Zweifels vergehen, ihnen ist das harte Los bestimmt,
sich loszuringen, in die Tiefe zu fahren und neue Gestaltung
emporzutragen. Ihre Verantwortung ist es, wenn die Dinge des Landes und
des Erdteils so bleiben, wie sie sind, wenn Neid und Habsucht die
treibenden Krfte von Volk zu Volk bleiben, wenn die Vlker als
Fremdlinge, als Objekte in den Husern ihrer Staaten sitzen, wenn
Ungerechtigkeit, Ha, Gier und Entseelung den entfleischten Erdteil von
Kampf zu Kampf in Brudermord und Vernichtung treiben. Ihre Gefahr ist
Zermrbung der groen Aufgabe und ihrer selbst durch unergriffene
Klgelei, durch selbstverliebte Theoretik, durch flache Originalitt.
Erschreckt nicht vor dem einfachen Gedanken! Selten liegt die Wahrheit
in der verschmitzten neuen Formel, meist liegt sie offen zutage, vor
aller Augen, nur durch ihre Offenkundigkeit verborgen; das reine Herz
mu sie finden.

Mit ihnen, den Zweifelnden, mu ich reden. Nicht als einer, der wei und
sicher ist, sondern als einer von denen, die mit ihnen leiden und
suchen, die fhlen, da alle Gemeinschaft ein Bekennen ist.

Zuerst steigt der Urzweifel auf. Was ist wirklich? Es gibt nur
tuschende Erscheinung. Was ist erstrebenswert? Es gibt keine absoluten
Werte. Was ist ein Ziel? Ein Zustand, von dem man, sobald er erreicht
ist, zu neuen Zielen hinwegstrebt -- oder eine unertrglich se, falsche
Seligkeit. Was sind menschliche Triebkrfte? Genu und Macht. Was ist
Tat und Opfer? Zwang unfreien Willens. Was ist Sittlichkeit? Eine
Konvention des Zeitalters und der Umwelt. Was ist Geschichte? Die
wechselnde Ausdrucksform des Nahrungskampfes. Was ist Dasein? Eine
Verirrung des Absoluten, aus dem es nur den Ausweg gibt in Traum und
Nichts.

Es ist niemand verwehrt, einen, mehrere oder alle dieser Stze fr wahr
zu halten. Nur sollte er dann so ehrlich sein, wie es Skeptiker und
Pessimisten nicht immer gewesen sind, wo nicht auf Handlung, so auf
Gltigkeit der Handlung zu verzichten. Er sollte nicht versuchen, mit
drftiger und verhohlener Anleihe aus anderen geistigen Breiten eine
Htte zu zimmern, in der man den ungeselligen, unbequemen,
unmageblichen Hausrat der Weltflucht oder Indifferenz, des Zynismus
oder Epikurertums stillschweigend und verstohlen gegen wohnlichere
Gertschaften vertauschen kann.

Drngt uns das Herz, bestimmend zu handeln, so haben wir schon unbewut
und unbeirrt die Wahl getroffen. Unser Wollen erhlt nicht mehr sein
Licht aus der Dmmerwelt des Intellekts, sondern aus dem hheren und
reineren geistigen Bezirk der Seele, die sich nicht vor unteren
Instanzen zu verantworten hat, sondern die selbst die hchste, an der
Grenze des Irdischen waltende Instanz ist. In ihrem Reiche haben wir den
Boden des Glaubens betreten, aus dem von jeher jede Quelle hheren
menschlichen Willens entsprungen ist, gleichviel, ob der geometrische
Verstand sich nachtrglich entschliet, aus handfesten Brocken, Symbolen
der Erscheinungswelt, Brunnenrnder und Deiche zu erbauen. In diesem
Reiche, das alles Sittliche umschliet und uns mit dem Gttlichen
verbindet, sind wir frei und bedrfen keiner Beweise und berredungen,
denn was wir aus heiligem Bezirk unberhrt herniedertragen, leuchtet und
leuchtet ein, es berzeugt durch sich selbst, aus eigener Kraft. Nur
dann jedoch wird das prometheische Werk armer menschlicher Kraft
gelingen, wenn wir dies Reich der Seele nicht verleugnen, wenn wir
streben, auf seinem Boden Heimat zu gewinnen, wenn wir den Glauben
wollen, ohne den wir nichts wollen knnen, wenn wir an den Willen
glauben, ohne den wir nichts glauben knnen. Hier liegt die Synthese des
Transzendenten und des Rationalen. Unberhrbar, aus hohem Reich gegeben
ist der Wille und das Ziel, allen Geisteskrften verbndet und
anheimgestellt ist das Wollen und der Plan.

Der nchste Zweifel kommt von der Schulweisheit. Alle Weltverbesserung
ist Utopie. Nie hat sich das innere Wesen des Menschen gendert,
Entwicklung erlebt nur das Wie, nicht das Was, das Glck des Menschen
vermehrt sich nicht. Ja freilich, Technik und Wissenschaft! Sie kommen
vorwrts. Doch wer auf eine nderung, gar eine Veredelung der
menschlichen Triebkrfte, auf eine Versittlichung der Gesellschaft, der
Wirtschaft hofft, der verkennt das Wesen der unfehlbaren Theorie und mag
Narren trsten.

Das sagen meist die Privatdozenten und solche, die es werden wollen, in
der forschen berzeugung ihrer forscherischen berlegenheit. Dann wenden
sie sich wichtigeren Tagesfragen zu, etwa dem Einflu der Pappdcher auf
den Geburtenberschu, und vergessen, da wenn die Welt im Groen nicht
gebessert werden kann, es keinen Sinn hat, im Kleinen damit anzufangen.

Nie bin ich mde geworden zu erwidern: Wenn wissenschaftliche
Betrachtung einen Wert hat, so liegt er darin, da sie uns zeigen kann,
wie sehr von Urzeiten und Urstmmen her das Wesen des Menschen sich
gendert hat. Wre dies Wesen aber auch in sich selbst unvernderlich,
so erleben wir von Jahrhundert zu Jahrhundert die nderung der
herrschenden sittlichen Bewertungen und mit ihnen die Umstellung alles
Benehmens. Wenn in einer Beamtenschaft, einer Armee, einer Kaste oder
einem Volke die herrschenden Sittenbewertungen etwa auf die Begriffe der
Unbestechlichkeit, des Mutes, der Wahrhaftigkeit eingestellt werden --
und das sind Vorgnge, fr die wir im eigenen Lande Beispiele haben --,
so ist die Errterung mig, ob damit ber lang oder kurz alle zur
Lasterhaftigkeit Gestempelten aussterben; sicher ist, da die
Bestechlichen, die Feigen und die Lgner mit ihren Lastern nicht mehr
frei hervortreten, und da diese Laster aufgehrt haben, die
Gemeinschaft zu beherrschen. Immer wieder bersieht man, da alle
Gemeinschaften eine in ihrer Zusammensetzung sehr hnliche Mischung
aller sittlichen Qualitten enthalten, und das sittliche Aussehen und
Wirken weniger von den berwiegenden Qualitten bestimmt wird, als von
denen, welchen gestattet wird, an die Oberflche zu treten. Welchen aber
diese freie Bewegung gestattet wird, und welche anderen gezwungen
werden, sich im Untergrunde zu verbergen, das entscheidet die sittliche
Bewertung, also im Gegensatz zu berkommenen Eigenschaften, der freie
sittliche Gemeinschaftswille, der hierdurch zur eigentlichen
herrschenden Kraft wird.

Ist somit der sittliche Wille der Bindung aus Herkunft und Vergangenheit
dadurch enthoben, da er nicht auf der Ebene physischer Umgestaltung,
sondern auf der Ebene bewuter Wertung ttig wird, ist somit die Frage
nach der Vernderlichkeit des Gemeinschaftscharakters eine falsch
gestellte Frage, so wird auch die Prfung des Problems vom wachsenden
Glck ergeben, da dieser Zweifel die Grundfragen des menschlichen
Wollens leichtfertig verkennt.

Wir sind nicht da um des Glckes willen. Unser Wille ist nicht da, noch
weniger ist Entwicklung da, um unser Glck zu vergrern. Wir schreiten
nicht den Weg der Beglckung, sondern den Weg der Vervollkommnung, den
Weg zur Seele, gleichviel, ob unser Glck darber zugrunde geht. Und wir
schreiten diesen Weg nicht blo, weil wir mssen, sondern weil wir
wollen, weil es noch andere treibende Krfte gibt, die in uns selbst
liegen.

Es gibt viele, die an ihre Kindheit mit Wehmut zurckdenken und sagen,
damals seien sie glcklich gewesen, jetzt seien sie es nicht mehr.
Trotzdem wollen sie nicht zur Kindheit zurck, denn die Art kindlichen
Glcks wgt die Art erwachsener Schmerzen nicht auf. Wrde uns
nachgewiesen, eine niedere Schpfungsgattung sei mit einem absoluten Ma
an Glcksgefhlen begabt, das alles Ma unserer seligsten Empfindungen
weit bertrifft: wir wollten mit diesem Stand nicht tauschen. Denn es
entscheidet das Gefhl der Vervollkommnung, die Glcksstufe ist mehr als
die Glcksmenge. Wir sind geneigt, in romantisierender Anwandlung das
Geschick alter Zeiten und Vlker, etwa der Griechen hherzustellen als
das unsere. Knnten wir uns entschlieen, alles zu vergessen, was wir
sind und haben, erleiden und ersehnen, um Griechen der Vergangenheit zu
sein? Wir, die wir den Blick ber den Erdball, die Zeiten und die
Naturkrfte richten, die wir von der Kunst aller groen Epochen, von der
deutschen Musik, vom nrdlichen Frhling, vom Glauben des Ostens und
Westens, von zehntausendjhriger Geschichte, von der Philosophie der
Vlker und der vergleichenden Naturbetrachtung eines Weltsystems leben:
Knnten wir uns in engen Landstdten, in gertelosen Kammern, in
gleichfrmigen Marktversammlungen, mit einer auserwhlten aber
vergleichlosen Lebensform und Kunst begngen? Die Polyphonie unseres
Lebens, die an sich kein Glck, wohl aber eine Stufe ist, duldet keine
Rckkehr zur einstimmigen Melodie.

Dies sind nur Bilder und Vergleiche. Des Beweises bedrfen wir nicht;
denn in uns eingepflanzt ist der Drang nach oben, in Sehnsucht, Wollen
und Handeln. Ein Denken, das diesen Drang zu vernichten strebt, macht
uns zu Verzagten des Gewissens, zu Stmpern des Tuns. Ein Denken, ber
das man sich, bewut oder unbewut, stets hinweggesetzt hat und
hinwegsetzen wird, um recht zu leben, lohnt nicht gedacht zu werden.
Eine niedere Instanz, der intellektuelle Geist versucht, uns ihr Urteil
aufzudrngen, und wir antworten ihr: du bist unzustndig, berdies ist
dein Urteil falsch und unvollstreckbar.

Ein anderer Zweifel kommt von der deutschen Wissenschaft. Ein Englnder
hat es gelehrt, wir haben die Lehre aufgenommen und mit unserer
Grndlichkeit hundert Jahre lang zu Tode gehetzt: Alles Geschehen
spriet aus den Wurzeln der Zeiten, des Bodens, der Stmme, der
berlieferung. Durchdringt man mit rastloser Liebe und emsiger Forschung
die Gegebenheiten der Geschichte und der Erdflche, die Gepflogenheiten
der Sitten und Einrichtungen, so verwandelt sich alle Willkr des
Geschehens in sanften Flu des Wachstums, alles berraschende ordnet
sich ein, alles unheimatlich Fremde wird abgeschieden. Diese
Betrachtungsweise hat fr den Gelehrten den Vorteil, da sie alles
Denken durch gefhlvolles Wissen ersetzt. Unerschpfliche Anknpfungen
lassen sich finden, alles Bestehende rechtfertigt sich durch immer neu
vertiefte Forschung, alle Taten groer Mnner, ja alle Naturereignisse
und Wirrnisse erscheinen als Erfllungen einer Urverheiung, die in der
jeweiligen Gegenwart gipfelt. Denn leider reicht die Kette immer nur bis
zur jeweiligen Gegenwart; Wissenschaft ist nun einmal nicht prospektiv,
sie kann niemand sagen, wie er es machen soll, und was, und ihre
Prophezeiungen sind meistens falsch. Neue Krfte, welche die geradlinige
Verlngerung des Systems bedrohen, erscheinen als Strungen, als
feindliche Mchte -- freilich werden sie, wenn sie Erfolg haben,
nachtrglich in die Ordnung eingegliedert und mit den erforderlichen
Vergangenheitswurzeln bedacht --; im Vorblick wirkt die historische
Methode konservativ und ist daher im offiziellen Deutschland willkommen,
ja unentbehrlich.

Fr die Geschichtschreibung wird sie es bleiben, und auf diese sollte
sie sich beschrnken. Die Gestaltung der Zukunft wurde uns durch die
gemtvolle Verfhrung der wissenschaftlichen Romantik lange genug
gehemmt; eine Zeitlang mu wieder einmal, wie bei jeder groen Wende,
die Idee herrschen. Romantisch betrachtet erscheint freilich die Idee
fremd, abstrakt, rational, der lokalen Frbung und des gewohnten
heraldischen Zierats ermangelnd. So fremd erschien vielleicht dem
lndlichen Steinmetzen der Aufri einer Kathedrale. Ist die Idee
verwirklicht, der Turm gebaut, so erkennt man ihre Bodenstndigkeit, die
eben durch die Verwirklichung gewonnen wurde.

Nur aus der Vermhlung des abstrakt Idealen mit dem greifbar Bestehenden
stammt Entwicklung; der Baum, der nicht in den Himmel wachsen will und
nur seinen Standort bedenkt, wchst nicht und wird von anderen
berschattet; da er nicht in den Himmel wachse, dafr ist gesorgt,
seine eigenen Wurzeln werden ihn zurckhalten. Alexander htte nicht den
Osten hellenisiert, Karl nicht die Sachsen bekehrt, Napoleon nicht die
neue Zeit emporgefhrt, wenn sie sich von Professoren ber
Bodenstndigkeit htten beraten lassen; nachtrglich htten sie
vielleicht einige aufklrende Zustimmung erlangt. Der Vorblick ist vom
Rckblick verschieden; leicht weist man auf, wie die Frucht am Stengel,
der Stengel am Zweig, der Zweig am Ast, der Ast am Baum sitzt. Ein
anderes ist es zu sagen, welche Knospe sich zum fruchttragenden Ast
entwickeln und welche verdorren wird. Die Wissenschaft unterschtzt die
Fliehkraft des schpferischen Willens, der um so erdenmchtiger wird, je
weniger er sich um die irdische Bindung kmmert.

Ein ganz tatschliches Moment sollten die Verehrer des ruhigen Flusses
und der berlieferungskrfte nicht vergessen: Die Vlker, mit denen die
nationale Erinnerung sich in feierlichen Augenblicken identifiziert,
leben nicht mehr. Die Italiener sind keine Rmer, die Franzosen keine
Franken und die Deutschen keine Germanen. Die Verschmelzung mit
Unterworfenen und mit den eigenen unbekannten Unterschichten hat die
Vlker nicht nur von Grund auf gewandelt, sondern auch weit mehr, als
man zuzugeben geneigt ist, untereinander angehnlicht. Die geistigen und
krperlichen Verschiedenheiten der Proletariate Europas, die heute schon
die berwiegenden Massen der Vlker ausmachen und daher auch die
eigentlich Kriegfhrenden sind, erweisen sich als sehr gering. Der
Umschichtungsbewegung, die in Deutschland die letzten fnf Jahrhunderte
erfllt, entstammt die ganze sichtbare nderung unseres Vlkerlebens;
die Einrichtungen sind den nderungen der Substanz nicht vorausgeeilt,
sondern zeitweise um groe Strecken zurckgeblieben; man erinnere sich
der kleinen Einzelzge: da vor dem Kriege das Wort Volk in der
offiziellen Sprache verpnt war und nicht an den Reichstagsgiebel
geschrieben werden durfte, und da jede Verteidigung des Begriffes der
Demokratie an Staatsverbrechen rhrte. Zweierlei sollten die
kryptokonservativen Denker im Auge behalten: einmal, da die Wasser der
Weltgeschichte unaufhaltsam zum Tale laufen, das Freiheit heit, und
sich niemals haben umkehren lassen, sodann, da berlange Stauung die
Dmme bricht.

Der ernsteste Zweifel ist der chaotische.

Es kann geschehen, da das Entsetzen der Zeit in einem Menschen so
mchtig wird, da er Heilung nur noch in der Vernichtung sieht, in der
Feuerverzehrung selbst, im restlosen Niederbrennen des Brandes. Das
Entsetzen der Zeit -- ist denn dieses Entsetzen grer als das Entsetzen
frherer Kriege? Ist denn die Zahl und Masse das Mchtige, ist denn der
Mord der Millionen schwrzer als der Mord eines Einen? Sind denn
geschlachtete Stdte und Landstriche der Groknige und Pharaonen, Khane
und Csaren mildere Opfer gewesen als die der Handgranaten und Gase?
Freilich nicht; menschliches Elend wchst nicht ber sich selbst hinaus
durch angehngte Nullen, die Million ist an sich nichts anderes als die
Myriade. Dennoch ist diese wissenschaftlich geregelte Feuerflut das
vorbildlose Grauen der Jahrtausende, und es ist begreiflicher, da
manche, die es erleben, an allem verzweifeln, als viele, die es erleben,
an nichts verzweifeln.

Alles frhere Elend war ein Geielschlag, der auf den Rcken der
gesunden Erde sauste. Getroffen wurden von der Furie zwei Heere und was
ihnen in den Weg kam, das andere blieb gesund. Der Dreiigjhrige Krieg
war das Vorbild der fressenden Kriegsseuche, doch sie blieb im Raume
beschrnkt. Den wahren Vergleich dessen, was wir erleben, nein zu
erleben beginnen, bietet der fnfhundertjhrige Brand, in dem ein
Weltzeitalter sich lste. In der Schmelzglut versank die sdliche Antike
und die mnch-ritterliche Strenge des Nordens stieg empor. Doch auch
diese Krisis war innerlich milder, denn sie betraf unbewute
Geschlechter in der Gestalt eines objektiven Schicksals.

Was wir erleiden ist die furchtbare Konsequenz der Sinnlosigkeit, die
selbstgeschaffene Hlle. Nicht Eine verantwortungsvoll lebendige Seele
will das Leiden, und jede ist verflucht, wissentlich und willentlich, in
Duldung und Ha, in Widerstreben und Furcht das Leid des anderen und das
Leid der Welt zu mehren. Jeder, der lebt, und wenn er nur sein tgliches
Brot verzehrt, ist mitschuldig, schdigt und ttet, keiner kann sich dem
Geieltanz entziehen, je heier er blutet, desto wilder mu er schlagen.
Keiner wei den Sinn, keiner den Grund, keiner den Zweck, es bleibt ihm
als Trost nur der selbstentfachte Ha und die zitternde Emprung ber
die Schlechtigkeit des anderen. Niemand sieht den Ausweg, denn wem es
schlecht geht, der kann nicht beenden, und wem es gut geht, der wird
gezwungen, seine Forderung zu steigern. Ein jeder aber, dessen Herz
nicht stumpf ist, fhlt, da die Schlechtigkeit des anderen es nicht
allein sein kann, da hinter allen Schlechtigkeiten ein bses Schicksal
steht, und da dieses Schicksal die Ungerechtigkeit aller ist. Und
deshalb wiederum fhlt man die Unabwendbarkeit der selbstgeschaffenen
Not, fhlt man, da sie nicht zu Ende gehen kann wie die Entscheidung
eines Zweikampfes, die Recht und Unrecht durch Bue und Erstattung lst.
Noch immer zwar, weit tiefer als man wei und zugibt, ist die Welt
durchsttigt von der Vorstellung des Gottesurteils, von der Verwerfung
des Besiegten, von der Rechtfertigung des Siegers, da der Sieg an sich
nach Gottes Wohlgefallen neues Recht und neue Sittlichkeit schafft, da
der Unterworfene von der Gottheit selbst dem Unterwerfer unter die Fe
gelegt wird zur Schonung oder Vernichtung nach freiem Ermessen, wie der
Ausdruck lautet: auf Gnade und Ungnade. Daher bei jedem Mierfolg ein
tieferes Gefhl als Enttuschung und Kummer, nmlich die sittliche Angst
vor der Verwerfung, bei jedem Erfolg ein hheres als Freude, nmlich die
Sicherheit, auf der Seite des kmpfenden Gottes zu stehen; daher die
wachsende Hemmung gegen Verstndigung: Denn wie sollte der jeweils vom
Gott Beschirmte, der Trger des Schicksals, mit dem Gezeichneten, dem
vor aller Welt Widerlegten und Entrechteten paktieren? Und die
urzeitliche Vorstellung wird bekrftigt durch den ffentlichen
Wettbewerb der Beteiligten um die Gunst des Schlachtengottes, von dem
man annimmt, da sein Entschlu durch Gebet, Danksagung, Ehrenbezeigung
und Bue wo nicht gendert, so doch gestrkt werden knne.

Der neuzeitliche Mensch, dem es nicht mehr gegeben ist, das Entsetzen
auf den Kometen und den Zorn der Dmonen abzuwlzen, der in seinem
Inneren alle Schuld und Verantwortung fr das widerwillig
selbstgeschaffene Leid sucht und findet, kann von Verzweiflung so
berwltigt werden, da er aus seiner Not ins Chaos flchtet. Es kann
ihm geschehen, da er getrieben wird, alle Werte anzutasten, da er die
Frage wagt, ob jene Gter, die Christus nicht als Gter kannte,
Vaterland, Nation, Wohlstand, Macht, Kultur wahrhaft so hoch erhaben, so
tief gegrndet sind, da in ihrem Namen die Welt friedlich und
kriegerisch sich in die ewige Snde der Feindschaft, des Hasses und
Neides, der Ungerechtigkeit und Unterdrckung, der staatsmnnischen
Rnke, der Gewalt und des Mordes verstricken drfe. Der Zweifel kann
sich versteifen, wenn berufene Ausleger des Wortes, zwischen Schrift und
Wirklichkeit gestellt, die Gebote der Liebe auer Kraft setzen oder
durch gewagte Deutung den kmpfenden Mchten unterwerfen. Ist denn nicht
den Armen und Ohnmchtigen das Himmelreich verheien? Ist nicht die
Verkndung allen Vlkern gepredigt? Ist es nicht gttlich, Unrecht
erleiden? Ist es das Wissen, das selig macht? Ist nicht ein Vater im
Himmel und ein Land die Erde?

Warum sollen nicht die Vlker in der Menschheit lsen, die Staaten im
guten Willen, die Mchte in gttlicher Fgung, das Handeln im Dulden?

Der Mensch ist ein Geschpf des Gleichgewichts, und niemandem steht es
mehr an als dem Deutschen, der ber Zeiten und Rume blickt, die hhere
Menschheitsstufe zu begreifen. Nicht das Gleichgewicht des Tieres, das
den Ansprchen der eigenen und der umgebenden Natur gengt, wenn es
widerspruchlos sich den einfachen Trieben und Wallungen seines Wesens
berlt; sondern das wiedergewonnene schwebende Gleichgewicht, dessen
die Kunst das schnste Bild ist, das Gleichgewicht der Wiedergeburt aus
den Wirrnissen unauflslicher Widersprche. Es ist der Stolz unseres
Daseins und der Beweis, da wir hart an der Grenze des gttlichen und
des animalischen Reiches stehen: da die widerspruchsvollen Bedingungen,
denen die Schpfung uns unterworfen hat, schlechthin unlsbar sind, und
da dennoch die Dichterkraft einer Lebensharmonie uns zugemutet wird.
Die Gewalt der Sinnlichkeit und die Inbrunst der Erdenflucht, die
Standkraft der Selbstbehauptung und die Entsagung der Nchstenliebe, die
Sorglosigkeit der Vernichtung und die Marterschaft des Opfers, die
Klugheit der Naturbezwingung und die Kindlichkeit des Aufblicks, der
Eigensinn der Arbeit und die Selbstvergessenheit der Trumerei, die
Herrenkraft der Verantwortung und die Demut des Dienstes, die
Vermessenheit des Zweifels und die Einfalt des Glaubens, die Hrte der
Gerechtigkeit und die Zartheit des Mitleids, der Wille zum Glck und die
Sehnsucht zum Leiden, die Dmonie der Leidenschaft und die Stille der
Verklrung: Diese Gegengewalten hat eine Gottheit gewoben, so
unentwirrbar und so unentrinnbar, da die Unerfllbarkeit des
Gleichgewichts uns schlechthin als das Sinnbild unerfllbarer
Vollkommenheit erscheint. Die Problematik der menschlichen Kontraste
aber wirkt sich aus in der Unvereinbarkeit der objektiven Ideale; kann
man im Inneren das Wollen und Dulden nicht vereinen, so lassen sich im
ueren die Forderungen der Macht und Gerechtigkeit nicht vermhlen.

Einseitigkeit ist der Ausweg, den der einzelne ahnungslos oder
resigniert betritt, und aus der Mannigfaltigkeit der Einseitigkeiten
kann einer individualistischen Nation wie der unseren noch immer die
volle Rundung der Allseitigkeit erwachsen. Wenn sie Heilige und
Leidenschaftliche, Ttige und Betrachtende, Schaffende und Genieende in
rechter Mischung enthlt, so kann sie den Schein eines vollendeten
Volkes und einige seiner Richtkrfte noch immer bewahren. Das Ziel, dem
wir zustreben, ist jedoch nicht Vollkommenheit aus der Mannigfalt der
Mngel, sondern Vollkommenheit des Ganzen aus Vollkommenheit der Teile,
das Ziel der Hellenen mu das Ziel der Deutschen sein. Ganz und gar mu
es aber unserem deutschen Denken widersprechen, aus Furcht vor dem Kampf
um Vollendung die Einseitigkeit der Nation zu wollen. Uns hat man frher
nachgesagt, da uns vor anderen der ungetrbte Blick fr alles
Vorzgliche geschenkt war, uns steht es auch in Zukunft nicht an, den
Verzicht der Beschrnktheit zu whlen. Uns steht nicht an, was dem
Orientalen gewhrt ist; selbst um der Heiligkeit willen drfen wir nicht
auf Ttigkeit, um der Betrachtung willen nicht auf Naturbeherrschung
verzichten. Unser abendlndisches und deutsches Los verlangt zum
Innerlichen das Gestalten, zum Empfangen das Geben, zum Leiden das
Schaffen, zum Fernsten das Nahe. Auf dem Wege zur Menschheit drfen wir
nicht die Familie und nicht die Nation bergehen, auf dem Wege zur
Sittlichkeit nicht die Ordnung, auf dem Wege zum Geistigen nicht das
Greifbare: Boden, Wohlstand und Macht. Dieses sage ich euch, den
Zweifelnden; den Selbstgewissen aber, die nicht denken und prfen,
sondern bekrftigen, werden wir immer wieder zu sagen haben, da von den
greifbaren Dingen auch die hchsten nicht Selbstzweck sind.

Doch der chaotische Zweifel ist nicht besnftigt: Auch wenn wir die
Ganzheit der nationalen Gter wollen, so knnte es sein, da aus der
Wirrnis unserer Tage nicht mehr das Trmen der Mittel uns rettet,
sondern der Abbau, da Raum und Luft vor allem zu schaffen sei, und sei
es durch Sprengung. Auch ein Waldbrand schafft fruchtbares Land, und was
bedeuten fr die Geschichte der Zeiten die Jahrzehnte der Wstenei, aus
der sich zuletzt doch wieder der wiedergeborene Wald erhebt.

Wir haben den Waldbrand im Osten erlebt. Es war das weltgeschichtlich
Grte von dem, was bisher im Kriege geschah und vielleicht geschehen
wird, als das gequlteste von allen Vlkern seine Vergangenheit
auslschte, den Krieg auslschte mitsamt dem Willen zur Macht und
ueren Gre, sich und die Welt zur Menschheit aufrief und den
Feuerbrand in das erstorbene Dickicht seines Gewaltstaats schwang. Ein
Hauch der Andacht zog ber die Erde. Man empfand: Hier geschieht etwas,
das mehr ist als dummschlau verlogene Anerbietungen, als prahlerische
Drohungen, als Nahrungs- und Moralersatz, als Diplomatenpfiff, als
Erfindung neuer Todesarten. Man empfand: Eine Tat der Entuerung und
Befreiung ist wie ein Bekenntnis, durch sie kann geshnt werden, durch
Taten der Verschlagenheit und Erbitterung wird nicht geshnt.

Doch alsbald ahnte man: So leicht wird es einem Volke nicht gemacht.
Nicht in einer Welt der Starrheit, des Schweies und der Trnen, wo der
eine ein Lebenlang, das Volk durch Jahrhunderte bt. Ein Volk springt
nicht mit beiden Fen in den Himmel, wenn es sich durch unvordenkliche
Knechtschaft und durch mitschuldige Duldung besudelt hat, auch wenn es
ein kindliches und beseeltes Volk ist.

Das russische Volk wird alles nachholen mssen, was Vlker begangen und
erduldet haben, den Sndenfall der Bewutheit, den Zweifel, die
Selbstvernichtung, die Binnenkmpfe, das innere und uere Schicksal.
Zunchst steht ihm einmal der Dreiigjhrige Krieg, die Zerstampfung
durch alle Nachbarvlker und die Selbstzerfleischung der Gebiete und
Parteien bevor. Wie ihr franzsisches Vorbild wird die russische
Revolution alle Marterstufen der Schuld und Erniedrigung, der Schmach
und Verleugnung, des Terror und der Reaktion durchlaufen, ihr Weg wird
in Blut und Morast versinken, und dennoch wird sie wie die franzsische
Revolution in hundert Jahren die Erde umschreiten und restlos
verwirklicht sein. Freilich nicht so, wie sie meint. Die franzsische
Revolution wollte das Naturreich Rousseaus und die Republik der Rmer,
sie schuf, was ihrem inneren Wollen entsprang, das Reich des Brgers,
das eigenschtige Ntzlichkeitsstreben des bourgeoisen Liberalismus und
die konstitutionelle Plutokratie. Die russische Bewegung will Tolstois
Reich der Gerechtigkeit und den Kommunistenstaat der Marxisten; was sie
erreichen wird, ist das Reich des wirtschaftlichen Ausgleichs und die
organisch durchstaatlichte Wirtschaft.

Ein gewaltiger Gegensatz aber besteht zwischen der westlichen und der
stlichen Bewegung, den die russischen Kommunisten und ihre Anhnger
nicht erkennen: Den Franzosen lag ob, die feudale Ordnung zu brechen, um
das freie Spiel der Krfte zu entfesseln, und ein Dekret reichte hin, um
das zu vollenden. Die kommende Ordnung jedoch ist keine Auflsung,
sondern ein Aufbau, nicht Aufstnde und Dekrete knnen ihn schaffen,
sondern die rastlose organische Arbeit schaffender onen. Vielleicht ist
fr den fehlerhaft begonnenen, wenig vorgeschrittenen Bau der russischen
Staatswirtschaft und Staatsverfassung die Abtragung, die wissentliche
Staatssabotage das wirksame Mittel, um Raum fr das Bessere zu schaffen,
obwohl schon hier der Blutverlust selbst die gelungene Operation mit
tdlichem Ausgange bedroht. Entwickeltere Lnder haben zu viel zu
verlieren; sie haben in der Not des Krieges manches gelernt und werden
in der Not des Friedens so viel dazu lernen, da ihnen ein Umbau
gelingt, bei dem die Fundamente und ein Teil der Sttzen erhalten
bleiben.

Am wenigsten aber ist es den Deutschen bestimmt, Gewalt zu treiben, wo
Kunst und Umsicht helfen kann. Wir waren nicht revolutionr, als es uns
bestimmt war, es zu sein; die milungene achtundvierziger Bewegung
diente dazu, den oberen Mchten zu zeigen, wie wenig politischer und
sozialer Wille im Volke verankert war. Wir waren und blieben gewohnt,
Rechte und neue Ordnungen als widerwillige Geschenke rgerlicher Geber
zu empfangen, und leben daher heute im seltsamsten Gemisch von
Feudalismus, Plutokratie, orthopdischem Sozialismus und
undemokratischem Liberalismus. Den knftigen Aufbau aber werden nicht
ungezogene Massen und beleidigte Autoritten erhandeln, sondern ein
ernstes, berzeugtes Volk, das Hohe und Niedere umschliet, wird ihn
erarbeiten: das Volk eurer Tage.

Uns ist der Zweifel befruchtend, nicht fruchttragend. Die schaffende
Liebeskraft erwacht nicht ob allem Getse des hadernden Verstandes.
Nicht die bange Sorge der Not, nicht der Rechengeist der Ntzlichkeit,
nicht der Kompromi der Interessen, nicht das schlaffe So oder anders,
nicht das Achselzucken des kleineren bels wirkt die Wende des
Zeitalters und die Wiedergeburt der Menschheit, sondern der wortlos
freudige, fraglos waltende Mut der Seele. Den aber schafft der Glaube.




Glaube


Keine freiwillige Handlung, keine kleinste Regung unseres Wollens
geschieht, die nicht von den tiefsten, allem Denken entrckten Quellen
unseres und des kosmischen Daseins getrnkt wird. Der Geist kann nur
zwischen Vergleichbarem entscheiden, der Wille aber mu zwischen dem
Unvergleichbaren whlen, und nur eine innere Richtkraft kann ihn leiten.
Aus der Reihe unserer Wahlen und Entschlsse setzt sich unser Leben
zusammen, wir nennen es Charakter und Schicksal und erklren es zum
berdru aus Erblichkeit, Umwelt und Gesetz. In Wahrheit ist es das
Hineinragen des Unergrndlichen in unsere Welt, das Walten der
Schpferkraft, die sich in unserer Begrenztheit zum Farbenspiel der
Willensregungen bricht.

Warum wollen und lieben wir dies? Warum nicht ein anderes? Warum
erschrecken wir vor jenem mehr als vor diesem? Warum halten wir dies
bel fr grer? diese Freude fr reiner? dieses Streben fr hher?
diese Gestaltung fr vollkommener? Warum whlen wir hier den Sinnenreiz
und dort die Mhe? Warum hier das gegenwrtige bel statt des knftigen,
dort das knftige statt des gegenwrtigen? Warum ziehen wir hier die
Ehre vor und dort den Genu, und da die Snde und da die Entsagung?
Warum opfern wir uns einem anderen? Warum opfern wir den Inbegriff
unserer Freuden einer Idee? Warum sorgen wir fr kommende Geschlechter?
Warum wollen wir Dinge nach unserem Tode?

Wir wgen gegeneinander Besitz und Snde, Ehre und Schmerz, eigenes Leid
und fremde Freude, lebendiges Ungemach und totes Glck, Tagessorge und
knftigen Kummer, Gerechtigkeit und Entbehrung, gttliche Liebe und
irdische Freude, wir wgen das Unabwgbare, vergleichen das
Unvergleichbare und entscheiden bald so und bald so.

Verschmht man die Begrndung: wir handeln aus Angst und Gier, aus
Furcht vor Entbehrung, Langeweile, Verachtung, gttlicher Strafe,
Schmerz und Tod, aus Begehren nach Sinnenlust, Macht, Schein, Besitz,
Belohnung und Wechsel; verschmht man dies menschenunwrdige Bekenntnis,
so ist anerkannt: Richtkrfte unseres Lebens sind absolute Werte. Diese
Werte knnen benannt, aber nicht begrndet werden.

So wenig der Fahrplan uns sagen kann, nach welchem Lande uns die
Sehnsucht zieht, noch welches uns bestimmt ist, so wenig kann die
Gedankenkunst der Philosophie uns Werte beweisen. Sie kann sagen: tust
du das, so geschieht das. Mir scheint dies das grere, jenes das
kleinere bel, dies das hhere, jenes das geringere Gut. Sie schliet:
du sollst, oder: du mut. Darauf steht es jedem frei, zu antworten: ich
soll? aber ich will nicht. Ich mu? nein, ich kann auch anders.

Dann schweigt die Philosophie beleidigt, oder sie ballt die Faust und
droht, oder sie wendet sich ab und schmht.

Das Denken schafft keine Werte. Sie sind gegeben, oder sie sind nicht.
Wer ehrlich ist, wei, da er manchmal Folgen mit dem Verstande
abgewogen hat, niemals Ziele. Er handelt wie er handeln mu, nach
innerem Gesetz, und dies Gesetz ist tierisch oder es ist gttlich. Wer
Werte ergrbelt, ist hilflosen oder kranken Geistes und nicht berufen.
Die Grnde, die jemand nachtrglich fr sein Handeln gibt, sind falsch.
Niemand wei, was in irgendeinem Augenblick in ihm vorgeht; ein
tausendfltiges Ich kreuzt seine widerspruchsvollen Fhlungen und
Wollungen, und ein Innerstes entscheidet.

Werte werden nicht erdacht und erstritten, sondern geschenkt. Geschenkt
dem, der reinen Herzens ist, und dessen Geist schweigen kann. Sie sind
das Geschenk berintellektueller Krfte, deshalb bedrfen sie keiner
Begrndung und keines Beweises, sie bestehen aus eigener Kraft, denn sie
entstammen dem Reich der Seele. Den Eingang zu diesem Reich erzwingt man
nicht, und doch steht es himmelweit offen. Der hchsten Menschenmacht
ist es erschlossen, der Liebeskraft des Glaubens.

Glauben! Zgernd gestehe ich euch, Freunde: ich liebe das Wort nicht. In
der griechischen und rmischen Schrift stehen die Wrter [Greek: pistis]
und #fides#, die heien Treue und Trauen. Als man sie mit Glauben
bersetzte, da stand dies schne Wort seinem Ursinn nher, jetzt ist es
verwelkt und sagt nicht viel mehr als fr wahr halten. Nur wenn wir
bekennen ich glaube an Gott, so erklingt der alte Glockenton. Nichts
steht dem Glauben ferner als das Meinen. Und so wie wir das
schwachgewordene Wort zum reinen Sinn beleben mssen, ist uns das
Gleichnis gegeben, wie wir die alte Worteskraft erwecken sollen.

Krnker ist das Wort Religion. Bei den Rmern war es stark, es hie
Bindung, eine rechte Knebelung mit Stricken, wie die Liktoren sie
pflogen. Wir denken leicht an Kirchenglauben, an etwas, das in Schulen
gelehrt und geprft wird, an ein brgerliches Unterscheidungsmerkmal.
Man hat Religion das Gefhl schlechthiniger Abhngigkeit genannt, das
betont die Bindung und entbehrt der gttlichen Freiheit; der Begriff der
Transzendenz ist erfllt vom Denken; zuweilen mchte ich Gottesbund,
zuweilen Gottesfreiheit und am liebsten Gottesfriede sagen.

Wollen wir vom Glauben reden und gar von kommendem Glauben, so lat es
uns in groer Freiheit und ohne Schmen beginnen. Wir, die wir nicht in
Gemeinden knien knnen, wir wagen vor beschmter Ehrfurcht nicht, die
hchsten Worte auszusprechen und frchten uns, unsere Seelen zu
entblen. Wird es uns schwerer als den berufenen Glaubensverkndern,
diese Scham zu berwinden, um zu bekennen, wie es in unseren Herzen um
den Glauben steht, so soll es um so rckhaltloser geschehen, ja wir
wollen vor allem den Versuch wagen, in harter Selbsterforschung das zu
offenbaren, was jenen nicht obliegt: den unbewuten Widerwillen
gewissenhafter Menschen unserer Zeit gegen den Glauben.

Die erste Hemmung ist die der sittlichen Haltung. Abendlndische
Sittlichkeit und Erziehung beruht auf der alten Verherrlichung des
Mutes, der Verdammung der Furcht. Mut mit seiner Gefolgschaft der
Wahrhaftigkeit, Treue, Herrenhaftigkeit, des vornehmen Verzichts; Furcht
mit ihrer Sippe der Heimlichkeit, Lge, Zweckhaftigkeit,
Unterwrfigkeit, Begehrlichkeit und Zudringlichkeit. Der Begriff der
Snde besteht nicht. Verwerflich ist nicht das Menschliche an sich, am
wenigsten Ungehorsam und Selbstherrlichkeit; verwerflich ist nur das
Unehrenhafte, die Feigheit und was sie verrt. Keiner Erlsung bedarf
es, der anstndige Mensch getraut sich, mit Welt und berwelt aus
eigener Kraft fertig zu werden, allenfalls mit Hilfe mutfreudiger
Mchte, die den Tapferen, als einen ihres Gleichen, nicht im Stiche
lassen.

Nie wre es der mittelalterlichen Kirche gelungen, das Mutideal zu
brechen und das Zeichen der Unterwerfung zu erhhen, wre ihr nicht die
aufquellende europische Unterschicht gefgig gewesen. Die Kirche mute
die Greuel der Hlle ins Unaussprechliche hufen, um den Funken von
Furcht in mutigen Herzen zu entfachen, sie bedurfte der fgsamen
Kinderseele und der Frauenwelt. Dennoch hat sie im abendlndischen
Geistesleben nicht mehr als ein Gleichgewicht erreicht, das seltsamste
in aller Geistesgeschichte der Erde. Abgesehen von religis begabten
Naturen und von Beschrnkten ist der europische Mann in der Blte
seiner Jahre nicht Christ. Bestenfalls kreuzt sich in ihm eine
Wochentagsanschauung mit einem Sonntagsglauben, der auf das Fhlen,
geschweige das Handeln, nicht wirkt. Wenn Mutvorschriften, wie etwa
Zweikampf, in Frage stehen, mu die Glaubenskonvention schweigen; das
Gebot des Backenstreichs ist schlechthin rgernis.

So mischt sich fr den normalen mnnlich erwachsenen Europer in die
Dinge des Glaubens ein Beigeschmack von Unwahrhaftigkeit,
Unterwrfigkeit. Widerliche Snden bekennen, sich selbst hinstellen als
einen, mit dem man nicht verkehren wrde, wenn man ihn trfe, Verzeihung
erbitten in unwrdiger Haltung und schlechtem Gewissen, erlst zu werden
durch Gnade, von einer Gottheit, die das Grbste an Schmeichelei
hinnimmt, ja vielleicht verlangt, die von ihren Anhngern eine gelufige
Konvention der Salbung in Rede und Gebrde fordert: das sind
Empfindungen, die mit Schrecken zurckgedrngt und verleugnet, sich ins
Unterbewute flchten und den Widerglauben nhren. Wer in seiner Jugend
eine Periode atheistischer Unglubigkeit erlebt hat, der erinnert sich
unter allen Nten und Leerheiten eines Gefhls resoluter Ehrlichkeit,
das lieber auf Trost und Heil verzichten als dauernd das Opfer der
Einsicht und der ritterlichen Gesinnung bringen will. Ein schwacher
Widerschein dieses alten Gefhls dmmert auf, wenn wir einem handfesten,
naturwissenschaftlichen Atheisten begegnen; wir betrachten
kopfschttelnd die selbstbewute Gewiheit, mit der in den hchsten
Dingen der Vorrang des Verstandes gefordert wird, doch wir empfinden,
dieser Mann macht es sich nicht leicht, er hat es schwerer als wir, und
nicht aus unedlen Grnden. Vergangene Jahrhunderte hatten die Kraft und
Pflicht, den Gottesleugner als Strer irdischer und gttlicher Ordnung
mit Feuer und Schwert zu verfolgen; doch nur ein Gefhl verrgerten
Selbstbewutseins und unfreiwilliger Achtung erklrt die
selbstbetubende Wut und schaustellende Verachtung jener eifernden
Gerechten.

Vorblickend nehmen wir wahr, da knftiger Glauben manches Erbteil von
Babylon und Zion, von Byzanz und Rom, ja einiges auch von Wittenberg
abstreifen wird; er wird ein freier und mnnlicher Glauben sein, ohne
Sndenlmmelei und Salbadarei, ohne Selbstentehrung, Schmeichelei,
Bettelei und Winselei, fr uns Deutsche aber so, wie er aus deutschen
Herzen kommt, und von deutschen Lippen klingt. Unsere ererbte sittliche
Haltung der Mutverehrung wird er nicht vernichten, noch weniger aber
sich ihr beugen. Denn menschliche Sitte ist im Lichte der Weltensonne
nichts; der Glaube steht auf hherem Recht; wenn er Snde zeiht, so
werden wir uns schuldig fhlen, wenn er Demut fordert, so werden wir uns
beugen, wenn er Erlsung verheit, so werden wir sie begehren. Alle
diese Dinge aber gehen nicht vor im Bereiche der Wnsche und ngste, des
hastenden Willens, des geistlichen Betriebs- und Verkehrswesens, sondern
in der Stille des Herzens und nicht um Gterwerben, sondern um hchste
Werte.

Die zweite Hemmung ist die des sittlichen Handelns. Der Glauben steht
nicht fr sich, mit der glubigen Haltung ist es nicht getan, es
entsteht glubiges Leben, Verkehr mit den gttlichen Mchten und sein
Abbild im tglichen Handeln.

Die Lehrer der Religionen sind geneigt, den Eudmonismus, das Streben
nach irdischem Glck und Gut im gttlichen Verkehr, mit Milde
hinzunehmen, historisch gesonnen, wie nun einmal alles in unserer
formeldenkenden Zeit, erkennen sie im Eudmonismus eine der religisen
Urformen, einen ntigen und erwnschten Durchgang zum reineren Glauben
und gehen leicht darber hinweg, da nur ein verschwindender Teil aller
Glaubensbung ber eudmonistische Beschwrung hinausreicht. Wir jedoch
haben dieser Tatsache ins Auge zu blicken, wenn wir wissen wollen,
welche unterbewute Strmung viele Gemter vom Glauben fernhlt.

Es soll dem ursprnglichen Menschen nicht verdacht und zu seinem Troste
gern gegnnt sein, wenn er die gttlichen Personen und ihre Gefolgschaft
fr Wesen hlt, die nach Menschenart bestimmbar sind. Nicht blo Glaube
und rechte Gesinnung, sondern gute Werke, Sndenbekenntnis und Bue,
Danksagung und Lobpreisung, instndiges Gebet, ja selbst Gelbde und
Opfer bewegen die Mchte, von ihrem Vorhaben abzugehen und das zu
bewilligen, was man erbittet. Man bittet um Seelenheil und Segen im
allgemeinen, aber auch um Gesundheit und langes Leben fr sich und
andere, um gutes Wetter, Ernte, Wohlstand, Vernichtung der Feinde, Sieg.
Vom Kriege waltet die Vorstellung des Gottesurteils, das durch
Parteinahme der Gottheit fr einen der Kmpfenden entschieden wird. Da
nun jeder einzelne Dinge erbittet, die alle wnschen, die aber nicht
allen durchweg gewhrt werden knnen, so entsteht ein Wettbewerb der
Frmmigkeit um die gttliche Gunst.

Es darf nicht verkannt werden, da manche innerliche, das Materielle
weit bersteigende Regung sich in diese glubige Betriebsamkeit mischt;
dennoch ist ihr eigentliches Wesen nicht mehr Sache des Gemtes, sondern
der zweckdienlichen berlegung und der zielbewuten Nachhaltigkeit. Denn
wer einigermaen berzeugt ist, da alle irdischen Segnungen sich auf
dem Bittwege und durch Einhaltung von Formen erlangen lassen, der wird
leicht diesem alles in allem bequemeren Weg den Vorzug geben und alles
daransetzen, durch ntzliche Inbrunst alle Mitbewerber aus dem Felde zu
schlagen.

Hier sondern sich die Charaktere. Es sind nicht die Schlechtesten, die
den Weg der geistlichen Betriebsamkeit verschmhen, um die ganze Hrte
mannhafter Arbeit auf sich zu nehmen. Erblicken sie nun die zielbewut
Frommen und unter ihnen bisweilen eine kopfhngerische Gestalt, die mit
Verachtung auf den Gottlosen herabsieht, der es sich so schwer macht und
doch nichts erreichen darf, so erwacht abermals ein Trotz, der sich
nicht gegen die primitive Form des Eudmonismus, sondern gegen den
Inbegriff des Glaubens richtet. Ein Glaubensbetrieb, der sich irdischen
Zielen anpat, der als Mittel zum Zweck dienen darf, erscheint ihnen als
Magie, gleichviel ob mit gutem oder schlechtem Willen und Erfolg
gehandhabt.

Religionslehrer und Kirchen mgen sich fragen, ob sie soviel getan haben
als ntig war, um die Menschen ber das wahre Verhltnis des
Eudmonismus zum Glauben aufzuklren, ob sie nicht gelegentlich die alte
Ntzlichkeitsseite des Glaubens willkommen hieen, gleichviel ob als
Erziehungsmittel oder um die Glubigen bei der Stange zu halten.

Knftige Glubigkeit wird nicht verkennen, da der Glaube auch eine
weltliche Sendung habe, wenn auch nicht die der handgreiflichen
Ntzlichkeit: denn er schafft Werte und bewegt somit das ganze Gefge
des irdischen Willens; er heiligt den Menschen, indem er den innersten,
unbewuten Kern seines Wollens berhrt; er bringt Trost, indem er alles
Leiden, das in seiner letzten Wurzel ein inneres ist, in der Tiefe
snftigt. Das ist die irdische, die geringere Seite des Glaubens. Es mag
Menschen geben, die sie verschmhen, doch ihre Ablehnung wird eine
passive sein, wie die der Unmusikalischen gegen Musik, nicht mehr eine
abstoende aus verletztem Gefhl und Auflehnung des Charakters.

Die dritte Hemmung entspringt dem Intellekt. Sie ist die offenkundige,
unablssig besprochene, die von uns nur in ihren letzten minder bewuten
Wirkungen aufgehellt werden soll. Da Glauben nie aufgehrt hat, als ein
Frwahrhalten zu gelten, da die Grenzen dessen, was fr wahr gehalten
werden soll, von den meisten Religionslehrern dogmatisch gezogen, von
vielen ihrer Anhnger zweifelnd berschritten werden, so entstehen die
Konflikte des Skrupels, die drei Lsungen haben: Entfremdung vom
Glauben, Kompromi, und Opfer des Intellekts. Solange der Glaube
dogmatisch bleibt, ist die letzte Lsung, die des Opfers, die allein
vollkommene und folgerichtige. Doch gerade sie erweckt von neuem
Bedenken des Charakters. Immer wieder fhlt der Zweifelnde, da der
Beruhigte es sich bequem macht, da die Schwere des Opfers geradenwegs
mit der Gewissenhaftigkeit wchst, und in dem Augenblick, wo er es zu
bringen bereit ist, schreckt er zurck, weil er seine Gewissenhaftigkeit
durch die Wucht der Vorteile bestochen frchtet. Freilich haben die
geistig Armen es gut, sie sitzen beisammen und werfen erstaunte Blicke
auf den Dmonischen, der es, wohl aus eigener Schuld, so schwer hat. Er
aber geht nun in seinem Zweifel so weit, da er die geistig Armen
schlechthin fr Beschrnkte, fr Unmagebliche hlt, und in
selbstverwundetem Stolz um so weiter von der Pforte des Glaubens
zurckweicht. Er wei, da er, soweit es menschenmglich ist, seinen
Intellekt zwingen knnte; er knnte es mit symbolischer Ausdeutung
versuchen, er knnte ber die Dinge hinweggleiten, sie an eine dunklere
Stelle des Bewutseins rcken, durch Suggestion des Willens die
Gegenkrfte verdrngen. Doch diese Mechanik scheint ihm nicht wrdig; er
vermag nicht zu denen aufzublicken, die sie angewendet haben und nun
ihre Ruhe genieen. Er will nur das eine vermeiden: von den schlechteren
Krften seines Wesens zum Guten gezogen zu werden.

Mag falscher Stolz die eine Hlfte der Schuld tragen, die andere Hlfte
ruht auf den Mechanisierungsformen des Glaubens, die seine Inhalte seit
unvordenklichen Zeiten nicht fortentwickelt und einer vernderten
Menschheit angepat haben, indem sie nmlich die Inhalte des Glaubens,
entgegen seinen Stiftern, als sein Wesen ansahen.

Vlkerschaften, die der Mythenbildung fhig sind, gibt es noch heute; es
sind solche, bei denen das Glauben (im Sinne des Frwahrhaltens) und das
Wissen (im Sinne des beweiskrftig Ermittelten) nicht gesondert sind.
Da, wo man kein Interesse am Beweise hat, weil fr die einfachen
Verkehrs- und Lebensformen die Mitteilung ausreicht und Lge keinen
Nutzen bringt, geschehen noch tglich Wunder, und Wundertter schaffen
Religionen. Die Loslsung des bewiesenen vom unbewiesenen Glauben, die
Trennung von Glauben und Wissen hat den Geist des Abendlandes
geschaffen, und von dieser Schpfung haben die Glaubenstrger keine
Notiz genommen.

Es ist nun nicht gemeint, da sie Mythen und Sagen htten
rationalisieren oder in verstandesbrgerlicher Weise ins Symbolische
htten umbiegen sollen: das wre klein gewesen und htte der Lehre der
Jahrhunderte nicht entsprochen. Die Lehre, die den gewaltigen Tatsachen
einer gewandelten Menschheit und eines zeitlosen Glaubens entsprang, war
die, da es beim Glauben nicht auf das Was, sondern auf das Wie ankommt,
da der Glaube nicht von seinen Gegenstnden, sondern von seinem Geiste
lebt, da er nicht ein Verwalten, sondern ein Verhalten ist.

Die vierte Hemmung ist die des sozialen Gefhls. Alle abendlndischen
Religionen haben sich, dem europischen Drang zu Ordnung und Aufbau
folgend, an die Mechanisierungsform der Kirche gebunden. Diese uralte
Bindung ist so tief ins Bewutsein der Vlker gedrungen, da selbst die
Gebildeten, und unter ihnen selbst die, welche glubig aber nicht
kirchlich sind, Religion und religise Organisation kaum zu trennen
vermgen.

Gleichviel in welchem Geiste Kirchen entstanden: ihre vornehmste
gegenwrtige Aufgabe ist der zeitliche und rumliche Schutz ihrer
Konfessionsgehalte, der Schutz gegen zeitliche Wandlung und rumliche
Zersplitterung. Beide Aufgaben sind innerlich paradox, beide fordern
entschiedenen Konservatismus und starken hierarchischen Aufbau. Da
berdies alle Kirchen mit gutem Recht auf Scheidung zwischen
esoterischer und exoterischer Lehre verzichten, haben sie Einstellungen
zu suchen und festzuhalten, die das Fassungsvermgen der religis und
geistig Minderbegabten, ja Zurckgebliebene nicht ausschlieen, und
diese Einstellungen werden um so einseitiger, je mehr von den geistig
Hchststehenden der Kirche verlorengehen.

Am besten hat es noch die katholische Kirche, die von der
philosophischen Arbeit der Jahrhunderte so durchdrungen, von der
lebendigen Wirkung der Orden so genhrt ist, da ihr unendlicher Gehalt
an berlieferung ohne eigentliche esoterische Disziplin eine
Mannigfaltigkeit der Symbolik und Ausdeutung schafft, die den
anspruchsvolleren Geist beschftigt, whrend eine tiefe Mystik der Lehre
und eine unerhrte Abnegation der Regeln die Gemter bndigt.

Bestnde eine Unabhngigkeit des Glaubens von der Kirche, oder ein
freier Parallelismus der Bewegung, wobei die Kirche einer selbstndigen
Entwicklung des Glaubens folgte, so wre es jedem Bekenner freigestellt,
wie weit er zum Geistigen, wie weit er zum Organistischen neigte. In
Wahrheit aber greifen diese Verhltnisse ins Staatsleben ber; die
Kirche ist Staatskirche und ihre Bekennerschaft ein milder Zwang.

Kirche und Politik, das unfabarste Paradox, und dennoch in den
Begriffen der Kirchenpolitik und der Staatskirche zur scheinbaren
Einheit verflochten. Die Gemeinschaft der Heiligen, deren Reich nicht
von dieser Welt ist, streitet; organisiert sich als Krperschaft und
streitet um Macht, Ausdehnung, Geld und Staatsgewalt. Die mechanisierte
Glaubensform erscheint im Bilde einer Bureaukratie, der geweihte Mensch
wird Beamter.

Die antiken Priesterreligionen, die nicht Kirchen waren, konnten
Staatsreligionen sein, ohne Selbstwiderspruch. Denn es bestand nicht der
Begriff der religisen Konkurrenz, zumal der geduldeten: man war
glubiger Grieche, oder man war verbrecherisch gottlos, oder man war
Barbar. Ihr Widerspruch lag im Priestertum; um so milder, je
urzeitlicher der Priesterstand; um so gefhrlicher, je bewuter er sich
zur Beamtenschaft oder zur Erwerbsklasse organisierte.

In einer Zeit des individuellen Gewissens und der konkurrierenden
Bekenntnisse greifen die kirchlichen Bureaukratien und Staatsreligionen
weit ber den geistigen Bezirk des Glaubens hinaus; sie erwachsen zu
politischen und sozialen Mchten. Sie bemchtigen sich des Staates: und
er gewhrt ihnen, da jeder Abtrnnige zum Brger minderen Rechts werde,
berantwortet ihnen die Erziehung und die brgerliche Ehrenweihe der
groen Lebensabschnitte: Geburt und Tod, Mannbarkeit und Ehe. Sie
unterwerfen sich dem Staate und gewhren ihm: Erziehung zum politisch
Bestehenden, Sttzung der Obrigkeit, des Klassenaufbaus, der staatlich
anerkannten Denkweise.

Diese politisch-kirchliche Verbindung ist nicht nur von Mittelpunkt zu
Mittelpunkt, von Staatsregierung zu Kirchenregiment verankert, sie
kuppelt sich selbst in den entlegensten Gliedern, und die Beziehung von
Gutsherrschaft und Pfarre, von Militrkommando und Seelsorge, von Schule
und geistlicher Aufsicht, von stdtischem Wohlstand und Kirchengemeinde
versinnlicht die ins Groe und Kleine gehende Wirkung einer
feudalistisch, militaristisch, stndisch und offizis gerichteten
Kirchenmacht.

Eine gewaltige und ehrwrdige Institution, die sich auf die
Exekutivgewalt des Staates sttzt, die ber die gesamte Jugend aus
politischem Recht, ber die Landbevlkerung aus praktischer Autoritt,
ber die Frauen aus Gewissenseinflu, ber die Zugehrigkeit zur
brgerlichen Vollwertigkeit schlechthin verfgt, bildet eine Macht, die
jede mgliche soziale Polizei an richtunggebender Kraft bertrifft, und
der sich niemand entziehen kann, sofern er nicht die Stellung des
brgerlichen Subjekts mit der des Objekts zu vertauschen geneigt ist.

Indem aber die Kirche ihrem Bekenner als selbstherrlich gestaltende
Macht aus eigenem Recht entgegentritt, nicht mehr als gestaltete
Verwirklichung seines eigenen religisen Willens, setzt sie ihm ein
unantastbares Bekenntnis entgegen, das sie ihrer konservativen Pflicht
gem gegen Zweifel und Deutung verteidigt, und dessen laute oder
stillschweigende Anerkennung sie erzwingt. Aus politischen und
traditionellen Grnden, sei es um den Eintritt in die Kirchengemeinschaft
zu erschweren, sei es um die Disziplin zu schrfen, sei es um die Lehre
fr die unteren Schichten bindender zu machen oder auch nur um
Erschlaffung und Spaltung zu verhten, wird das Bekenntnis so gestaltet,
da es freieren Geistern vielfach nur in der Vermittlung gewaltsamer
Deutung oder gewagter Symbolik annehmbar erscheint.

Je restloser daher sich die Geister der brgerlichen, gesellschaftlichen
und politischen Ntigung der Kirche und ihres Dogmas unterwerfen, desto
mehr gewhnen sie sich an innere Entfremdung und bemhen sich, in
Einrichtungen und Inhalten Konventionen zu sehen, die man aus Grnden
der Erziehung und Ordnung nicht entbehren kann.

Es ist viel, wenn hinter diesen Konventionen die groen religisen
Wahrheiten erblickt und geehrt werden, denen sie dereinst entsprangen;
zu hufig geschieht es, da die Entfremdung sich auf den Glauben selbst
erstreckt. Man klagt ber das Schwinden der kirchlichen Beziehung bei
gebildeten Mnnern jugendlichen Alters: nicht die Beziehung schwindet,
denn abgesehen vom Gottesdienst werden die Pflichten erfllt, sind
Austritte selten -- doch je strenger die Kirche auf ihren Rechten und
Beziehungen besteht, desto unaufhaltsamer entgleiten ihr die Seelen, und
nicht nur ihr, sondern dem Glauben.

Da alle diese einfachen Zusammenhnge sich dem ffentlichen Denken
entziehen, liegt daran, da wir in Deutschland nur noch historisch und
wissenschaftlich, nicht mehr sachlich und pragmatisch denken. Es fehlen
uns die Vergleiche und die Anschauungen. Man frage, wie vielen der
Gebildeten die Verschiedenheit der Begriffe Religion und Kirche
innerlich gelufig ist, wie viele ber die ursprnglichsten Fragen sich
eigene Gedanken machen. Unser Denken liegt in den Hnden der beamteten
Lehrer der Wissenschaft, die mit dem Rstzeug ihrer Gelehrsamkeit und
immer erneuten Theorien das Bestehende sttzen, der Journalisten, die
das Tgliche bearbeiten, und der Agitatoren, die mit Schlagworten das
Bestehende bekmpfen. Hier heit es: dem Volke mu der Glaube erhalten
werden, dort: Trennung von Staat und Kirche, und das Problem liegt ganz
wo anders.

Wir, Freunde, haben es in dieser unserer Betrachtung nicht mit Politik
und Einrichtungen zu tun, sondern mit unserer inneren Einstellung zum
Gegenwrtigen und Knftigen. So mu der letzte Glaubenszweifel, der aus
dem Wirklichen erwchst, uns abermals den Glauben an den Glauben als an
ein Unberhrbares bekrftigen. Mag der Glaube in Zukunft sich Formen
schaffen, welche er will: politische und soziale, militrische und
erzieherische werden es nicht sein. Der Glaube wird unsere Seelen
lutern und die Seelen unserer Kinder bilden, aber Mittel zum Zweck,
weder zum edlen, noch zum geringen, wird er nicht werden. Kann ein
Glaube sich nicht halten, sofern er nicht vom Staat verordnet wird, kann
ein Staat sich nicht halten, sofern er nicht von einer Kirche verteidigt
wird, so werden beide dahinsinken. Denn beide sind Mchte, die in einer
befreiten Menschheit nur aus eigenem Recht bestehen knnen. Sind
Glaubensformen durch die Jahrhunderte nicht starr zu erhalten: um so
besser, so mgen sie sich wandeln, wie alle irdischen Formen sich
gewandelt haben, wenn nur ihr Urgrund bestehen bleibt. Lt sich die
Einheit des Bekenntnisses fr die Vielfalt der Herkunft, der
Landesstriche, der Freiheitsstufen nicht bewahren: so mag es
zersplittern, wenn nur die menschliche Gemeinschaft des glubigen Lebens
erwacht, die heute nicht besteht. Mgen hier Ablsse erteilt und Dmonen
beschworen, mgen dort die reinsten Sakramente empfangen und die
verklrtesten Botschaften verkndet werden: es ist alles vollkommen, was
aus reinem Herzen geschieht, und es ist alles unvollkommen, weil es
irdisches Gleichnis ist. Mgen Glubige sich zusammenfinden, um den
Drang ihres Herzens gemeinsam zu bekennen, oder mgen sie in Straenlrm
und Wlder flchten, um mit ihrer Seele allein zu sein, mgen sie auf
Mrkten predigen oder Priester walten lassen, mgen sie geistliche
Truppen oder Beamtenschaften bilden oder sich in mystische Betrachtung
versenken: die gttlichen Mchte hren jedes Wort des Herzens und jeden
fallenden Tropfen. Ein Glaube aber, der nicht wunschbegieriger
Aberglaube, nicht bse Magie, nicht schlauer Wettbewerb, nicht
Heilsgymnastik und zweckdienliche bung ist, ein Glaube, der nicht
Irdisches vom Gttlichen, sondern Gttliches vom Irdischen will, der
umschliet die Menschheit zu einer einzigen Gemeinde, so da ein jeder
einen jeden begreift, welche Sprache auch immer des Mundes und Herzens
er redet, und alle die Eine Verantwortung fhlen und ertragen, die
unsagbare Not, Seligkeit und Verantwortung, Mensch zu sein.

Es sind manche, die keinen neuen Glauben wollen, weil sie seine
Ausartung erblicken. Ja es ist wahr: neben jedem Halm des Glaubens wird
ein Bschel aberglubischen und muckerischen Unkrauts wuchern. Es ist
wahr: sein Gift ist widerlicher als des Unglaubens; wie ehrenhaft und
mutig ist der nchterne, handfeste Atheist, verglichen mit dem slich
feigen Mucker, dem lsternen Geisterbeschwrer, dem schamlosen
Sndenknecht und dem fleiigen Gottesbetrger. Sollen wir aus Furcht vor
dem Sekundren verzagen? Wer einen Flulauf reinigt, darf sich nicht
wundern, wenn der Bagger Schlamm emporgeholt; liegen die Gifte der
Muckerei in der Menschheit, so sollen sie zu Tage, mag Sonne und Wind
zerstren, was in den Tiefen grte.

Es sind andere, die schaffen Glaubensersatz. Sie vertiefen sich in alte
Gtterlehren und Sagen und Gebruche und meinen, auch wenn man nicht
daran glaubt, so ist es schn und dient zur Erhebung, ber ein Feuer zu
springen oder die Sonne anzurufen. Es ist schn, aber nicht echt; es
dient zur Erhebung, aber zur knstlichen, uerlichen, flchtigen und
gespielten. Es schafft keine Weihung, sondern den Nachgeschmack eines
heiteren Bildes und einer harmlosen Tuschung, die an die Grenze des
Seichten und Kindischen rhrt. Romantischer Hang zum Vergangenen ist
Bekenntnis zur Unfruchtbarkeit im Knftigen. Die alten Sagen und
Gebruche waren schn, wie die alten Trachten und Gerte, weil sie aus
der Natur kamen. Gepflogen aber wurden sie, nicht weil sie schn,
sondern weil sie heilbringend waren. In der Bestimmung ber Fluch und
Segen wurde Erhebung, halb unbewut vielleicht auch Schnheit empfunden.
Antiquarische Belustigung auf sthetischem Grunde schafft keine
knstliche Naivitt, sondern zerstrt die Reste der natrlichen.

Manche trumen von neuen Propheten und Erweckern. Wie zur Zeit der
Kathedralen soll ein einiger Glauben ber die bewohnte Erde herrschen.
stheten sehen den neuen Heilsbringer schon unter uns wandeln, halb eine
Dostojewskische, halb eine Franziskanische Figur, Paulus, Augustinus und
Luther haben an der literarischen Gestalt keinen Anteil. Vor allem mu
er arm sein und der untersten Schicht des Volkes entstammen. Freilich,
setzt der winselnde sthet hinzu, er selbst wrde ihm schwerlich folgen
knnen.

Freilich wird er ihm nicht folgen. Niemand wird ihm folgen, und deshalb
wird der Prophet nicht kommen. Goethe lie Christus zur Erde
zurckkehren und geleitete ihn bis an die Tr des Pfarrhauses, dann
brach er das Gedicht ab, denn es widerstrebte ihm der Konflikt.
Hauptmann lie seinen Narren in Christo mit staatlichen und kirchlichen
Behrden zusammenstoen und in Einsamkeit enden.

Propheten werden uns nicht gegeben, weil unsere Zeit die Ehrfurcht vor
dem Gedanken verloren hat. Das Wort und der Gedanke ist uns nicht mehr
eine Flamme, die aus dem Herzen bricht, sondern die gewerbliche Leistung
eines Berufes oder die vergngliche eines Miggangs. Worte sind nicht
Bekenntnisse, die man glaubt, sondern Geistesproben, die man kostet und
mkelt. Die Meinungen mssen sich ablsen wie die Tagesbltter und die
Moden, damit neuer Umsatz Platz findet. Wie sollte auch das Massenhafte
wahr sein? Es wird mehr geredet um des Widerspruchs als um des Glaubens
willen. Kme heute einer und redete aus dem Herzen der Welt, so htte er
die Presse gegen sich, oder die Literatur, oder die Interessenten, oder
die Polizei, oder die Professoren, oder die Pfarrer, oder das Publikum,
oder alle miteinander. Und wer folgte ihm? Ein paar Geistlinge, die ihn
aus Gegennachahmung sthetisch werten, ein paar Unzufriedene, und ein
paar Brger aus Miverstndnis.

Das Gute, das noch heute in die Welt kommt, kann den Stromsturz der
Prophetie nicht erleben, es rieselt unterirdisch zu Tal und darf nur
mittelbar wirken. Es wirkt, weil es weiter rinnt und sich mit tausend
anderen Rinnsalen mengt, whrend die Platzregen verdunsten. Die Reihe
der Empfangenden ist keine rumliche, sondern eine zeitliche. Das Volk
der Gleichzeitigen irrt, das Volk der Geschlechter ist unfehlbar.

Warum ich euch das sage, da ich doch von euch gehrt sein will? Weil
ich kein Prophet und kein Weiser bin, weil ich euch nichts zu lehren und
nichts zu verknden habe. Ich will, da wir unsere Sorge und Zuversicht
gemeinsam errtern, mein Geschlecht mit dem euren, wie eures dereinst
mit dem nchsten. Wir wollen gemeinsam zweifeln und glauben, uns
zurechtweisen und bestrken. Denn wenn wir aus der Offenbarungslosigkeit
unserer Zeit eine Lehre entnehmen sollen, so ist es die: wenn die hhere
Stimme schweigt, so ist die Entscheidung in uns selbst gelegt. Unsere
Verantwortung wchst, in uns selbst sollen wir Richtkrfte entwickeln,
und knnen es nur, wenn wir den Lrm in unseren Herzen schweigen machen
und nicht mehr aufhren, in die Tiefe und zu den Sternen zu lauschen.

Was nennen wir Einheit des Glaubens? Einheit der Glaubensinhalte, der
Einrichtungen und Formeln. Glauben ist aber nicht, wie das Wissen, etwas
das sich auf Gegenstnde bezieht, ein leerer Spiegel, in dem das
wechselnde Bild den Inhalt ausmacht, er ist nicht, wie das Knnen,
etwas, das sich in Formen verwirklicht, er ist ein Verhalten, ein
Zustand, ein Leben. Einheit des Glaubens ist daher nicht, wie die
Jahrhunderte meinen, Einheit der glubigen Vorstellung, sondern Einheit
glubigen Daseins. Alle wahrhafte Verschiedenheit des Glaubens liegt nur
in der Mannigfalt der Stufenfolge vom furchterfllten Zauberwesen zur
segenkaufenden Dmonie, von rechnender Ritenpolitik zu zweckhafter
Bitte, von wohlgeflliger Bue zu freiem transzendenten Erleben. Diese
Abstufungen aber bestehen innerhalb aller vorhandenen Glaubensformen;
jede Religion lt soviel Aberglauben und soviel Freiheit zu, als jeder
ihrer Bekenner verlangt und ertrgt. Eine hochstehende und glubige
Epoche unterscheidet sich von der rcklufigen und unglubigen nicht so
sehr durch die Form der herrschenden Bekenntnisse als durch den Geist,
den sie ihnen einhaucht.

Da die Daseinsform des Glaubens ber jede andere menschliche
Daseinsform erhoben ist, bedarf keiner Begrndung, sie ist es aus
eigenem Recht. Es gibt ein inneres Gefhl der Einschtzung unserer
Erlebnisse, um das sich die Psychologie nicht kmmert, einer
Einschtzung, die nicht vom Mebaren abhngt, sondern das Wesen
ergreift. So gut wir wissen, da eine Liebesregung uns mehr bedeutet als
der seltenste Duft einer Blte, so wissen wir aus innerer Gewiheit, da
jedes seelische Erlebnis auf hherer Ebene herrscht als jedes geistige
und sinnliche Erlebnis. Das vollkommenste Erlebnis unserer Seele aber
ist der Glaube.

Nicht jeder hat daran Teil. Nicht jedes Ohr vernimmt Musik, nicht jedes
Herz erlebt Glubigkeit. Dessen soll sich niemand krnken, denn es geht
keine Seele verloren. Wem der Glaube versagt ist, der mag mutig und
resolut als berzeugter Materialist ein anstndig-intellektualistisches
Leben whlen; tausendmal besser als wenn er aus erqulter Pflicht oder
der Ntzlichkeitsspekulation: Ntzt es nicht, so schadet es nicht, sein
inneres Leben vergewaltigt oder Gtzendienst treibt. Es wird der
Augenblick kommen, wo er lernt, dem aufgeregten Verstande Schweigen zu
gebieten und sich hinzugeben, dann ist er gewandelt, bis dahin wird er
in der Welt der unsichtbaren Gter ein Helfender, nicht ein Schaffender
sein.

Das Wort, Glaube sei das Gefhl schlechthiniger Abhngigkeit, trifft
zu, aber umfat nicht. Denn Glaube ist auch das Gefhl schaffender
Liebe, auch das Gefhl der Teilhaberschaft und Mitverantwortung. Er ist
zugleich vollkommene Gebundenheit und vollkommene Freiheit,
selbstvergessene Demut und stolze Sicherheit, reines Schenken und
stilles Empfangen, unablssiges Werben und Schaffen und klarste Ruhe. Er
ist ein Leben: ein Leben der Bezogenheit auf den Urgrund, gleichviel
nach welcher Anschauungsform man ihn zu benennen versucht, als
Unendlichkeit, Absolutes, Gesetz, Macht, Liebe.

Dieses Leben ist so unendlich mannigfach, wie das Tagesleben, das es
begleitet und erleuchtet, wenn auch die Augenblicke voller Bewutheit so
kurz sind wie die Augenblicke bewuten Lebens.

Eure jungen Gemter, Freunde, rufe ich zum Zeugnis fr die Erfllungen
des inneren Lebens. Euch, nicht mir, steht es zu, die Flle zu bekennen,
die euch reicher und wechselvoller und unberhrter als mir gespendet
ist. Unter euch sind die, denen das Herz zerschmilzt in Dank und
Hingabe, in hellblickender Gewiheit und klopfender Erwartung. Sie
wollen nichts anderes, als bereit sein, sich verschenken, Werkzeug sein,
dienen. Sie wollen nicht ihre Freuden, nicht ihre Leiden, nicht ihre
Wnsche, nicht ihre ngste; Strahlen und Schwerter mgen durch sie
hindurchgehen, sie sind nichts als ein Teil der Schpfung, der sein
Bewutsein darbringt, ein therhauch, durch den das Seiende sich selbst
verklrt. Sie verwehen in Sonne, Wasser und Wind, sie schmiegen sich als
Staubkorn an den Sternensaum, an die Brust der Allmacht und ihr Wort
ist: dein Wille geschehe und nicht mein Wille.

Unter euch sind die, welche sich erbarmen. Ihre Liebe saugt alles Leid
der Kreatur in das eigene Herz, lst jede Freudenkraft von sich los, um
den Schmerzensbrand der Welt zu lindern; die Unvollkommenheit des
Geschaffenen fhlen sie als eigene Snde, alle Schuld als eigene
Verantwortung. Sie strmen zum Thron der Gerechtigkeit, um sich als
Opfer darzubringen, sie ergreifen die Verheiung um sie in ttiger
Liebesglut der Welt einzuschmieden. Sie sind die lebendigen Boten
zwischen Welt und berwelt, ihr Wort ist: erlse uns.

Unter euch sind die, welche danken. berwltigt sind sie von der
Schnheitsgewalt des Seins. In ihnen spriet das Gras, klingen die
Brunnen, sausen die Gestirne. Im Strom der Schpfung ist selige
Sicherheit. Das Furchtbare ist gttlich, und das Entsetzliche ist
heilig. Im Anblick des hchsten Gesetzes entsinkt die berpracht des
Geschaffenen vor dem Wort: ich frage nicht nach Himmel und Erde, ob mir
Leib und Seele verschmachtet, wenn ich dich nur habe.

Unter euch sind die, welche sich versenken. Im unermelichen Schweigen,
in der Dunkelglut des Abgrundes beginnen die Strme zu rauschen,
Bergmassen entweichen, das Eins strzt ins All, das lichte All ins Eine.
Die Welt ist nicht, nicht Himmel und Hlle, nicht Gut und Bse, nicht
Glck und Leiden. Sein und Nichtsein umschlingt sich, ursprungloses
Licht, wortlose Erfllung.

Ihr wit, da von diesem Leben auch nicht das kleinste erzwungen werden
kann. Drngender Wille, bohrender Verstand, Versprechung und Beschwrung
sind vergebens. Wie wollte jemand mit eigenmchtiger Gewalt in den
innersten Punkt seines Wesens dringen? Und wenn er alle seine
Geistesmchte in Bewegung setzte, mit kluger Einsicht jede ntige
Wandlung zu erbitten suchte, es wre ein Spiel des Verstandes und darum
eitel. Die Mchte wollen nichts von uns, nicht Weihrauch, Huldigung,
nicht Bemhung; doch sind sie allezeit gewrtig, ihr Strom umrauscht uns
unerfat, wenn wir uns verschlieen, er durchdringt uns, wenn wir uns
ergeben. Nicht widerstreben ist das einzige, das uns freisteht, Hingabe,
Schweigen, Bona Voluntas. So gewinnt denn das Sinnbild sein Recht, da
alles Heil aus Gnade kommt, und da niemand sich selbst erlst. Jeder
aber vermag jeden zum Heil zu fhren, mit schwachen oder mit starken
Krften, das ist das Geheimnis menschlicher Solidaritt. Auch die Snde
lt sich begreifen als der Inbegriff der alten Bezirke, die unser
Geschlecht auf langem Wege durchlaufen hat, und das schwere, zur Erde
ziehende, schuldhaft scheinende Bewutsein ist der Gefhlston der
Geister, die sich schmerzlich vom Vergangenen losreien, um erwachend
dem kommenden Reich entgegen zu schreiten. Fr dieses Reich aber, das
das Reich der Seele ist, lt sich kein schneres Bild finden als das
vom Reiche des Himmels, und wenn gesagt ist, da die Armen am Geiste es
betreten, so verstehen wir das Gleichnis, wenn wir der Armut des
Intellekts den Reichtum der Seelenkrfte gegenberstellen.

Alle reinen Glaubensformen sind Projektionen des Unaussprechlichen auf
die wechselnden Flchen des rtlichen und zeitlichen Vorstellungs- und
Fassungsvermgens. Sollten wir wnschen, oder auch nur denken knnen,
da _eine_ Symbolik und Ausdrucksform die herrschende werde und die
brigen vertilgt oder knechte? Wenn wir begreifen, da Glauben ein Leben
und nicht einen Vorstellungskomplex bedeutet, so knnen wir in dem
Schritt der Welt zur Glubigkeit nicht die Neuordnung und Uniformierung
gegebener Vorstellungsreihen erblicken, sondern die Vergeistigung, die
fortgesetzte, innere Wandlung einer jeden Glaubensform vom Fetischismus,
Eudmonismus und Ritualismus zur Transzendenz.

Und wenn auf diesem Wege die Symbolismen und Mechanisierungsformen sich
weiterhin zersplittern, so soll es uns nicht anfechten. Im Versiegen der
Wundertat und der berufenen Offenbarung liegt nicht zornige Abwendung
des Gttlichen, sondern die Mndigkeitserklrung der Menschheit. Nun ist
sich jeder seiner Glaubenspflicht und innerhalb dieser Pflicht seiner
Glaubensfreiheit bewut, nun wissen wir, da nicht lernen, wissen,
frwahrhalten, denken und handeln uns selig macht, sondern der gute
Wille, Erleuchtung und inneres Leben. Und wie die Mannigfaltigkeit alles
Menschlichen im Guten das trstlichste Geschenk der Schpfung an unseren
Glauben ist, so ist die Mannigfaltigkeit des Glaubens die dankbare
Erwiderung der menschlichen Geteiltheit an das Eine.

Freilich, in unserem armen Stande des vorstellungsbedrftigen Geistes
scheint uns eine Erhebung leer, erlahmt allzubald das Herz in seinem
Schwung, wenn nicht ein leichtes Gerst von Begriffen und Worten die
Inhalte unseres Glaubenslebens sttzt. Gestehen wir frei, was Menschen
sonst in begreiflicher Verschmtheit nicht leicht berhren, da jeder
von uns halb unbewut eine kleine Dogmatik, Mythologie und Heilslehre
verschwiegen sich im Innern geschaffen hat, bereit, sie im kalten
Tageslicht zu verleugnen, in dunkler Stille geneigt, ihr zu lauschen.
Warum verhllen wir diese Dinge? Nicht weil sie kindlich,
unsystematisch, unbeweisbar sind, -- denn wieviel von unseren
Tagesmeinungen ist beweisbar? -- sondern weil wir den Spott vor uns
selbst frchten, weil wir die berzeugung von der Gre, dem Ernst und
der Pflicht des Glaubens verloren haben. Deshalb zertreten wir die
leichten Blten auf dem kindlichen Grunde des Gemts, und schmen uns
der Verwstung, und bedecken sie mit Heimlichkeit. Lat uns mutig und
offenherzig sein, lat uns diese bescheidenen Schpfungen pflegen und
unbelchelt mitteilen, ein Teil der Aufmerksamkeit, die wir alltglichen
Erlebnissen und wissenschaftlichen Feststellungen opfern, mag ihnen
gegnnt sein. Denn in ihnen vollzieht sich die stille Bewegung, das
gestaltende Wachstum des Glaubens. Was Wissenschaften nicht vermochten,
Kirchen versumten, einsame Denker in langen Abstnden mhsam
unternahmen, das wird durch Volkskraft organisch sich bilden, sofern wir
die blde Scheu des Alltags verwinden.

Diese Scheu empfinde auch ich, obwohl ich in meinen Schriften auf
Gedankenwegen bis an die Grenze des Glaubensbekenntnisses mich leiten
lie, heute berschreite ich sie, nicht in der Meinung, euch auch nur
ein Wort zu sagen, das weiter trgt als eure eigenen Fhlungen, oder das
in eurem Gedchtnis zu haften verdient, doch in dem Wunsche, von euch
geprft zu werden, wie ihr einander euch prfen sollt, und in dem
Pflichtbewutsein, der eigenen Forderung nicht auszuweichen.

Ich glaube, da unsere schwache Einsicht und unsere wenigen und
zuflligen Sinne uns von der wahren Welt nicht viel mehr offenbaren als
dem Geschpf, das zwischen Stamm und Borke eines Baumes lebt. So hat
Spinoza gelehrt, da von den unendlichen Attributen des Seienden uns
zwei nur erkennbar sind: Rumlichkeit und Bewutsein.

Ich glaube, da die sinnliche Welt das Buch ist, aus dem wir Bilder und
Gleichnisse der Betrachtung schpfen, und der Kampfplatz, auf dem unser
Wille die Laufbahn von der Kindlichkeit der Begierde bis zur reifenden
Einkehr durchmit.

Ich glaube, da der Geist unendliche Stufen durchluft, von undenklicher
Zersplitterung bis zum Geist des theratoms, vom Geist des Minerals, der
organischen Substanz, der Zelle, der Pflanze und des Tieres bis zum
Geist des Menschen, und abermals in undenkbarer Folge aufwrts. Diese
Welt der Geister ist die wahre Welt, von ihren Gesetzen wissen wir
wenig, doch die wunderbare Mannigfalt des Gesetzmigen fgt es, da
unter unseren Augen geistige Gebilde mit eigenem Bewutsein entstehen,
Zellenstaaten, Ameisenhaufen, Bienenschwrme, Menschenstdte und
Menschennationen.

Jede Geistesstufe bildet sich eine Erscheinungswelt aus dem, was sie zu
fassen vermag; die Welt, die der Granit begreift, ist eine andere als
die der Zelle, die menschliche, von Geist und Sinnen erschaffene Welt
ist eine andere als die des Regenwurmes.

Die Geistesformen, die hinter uns liegen, gipfeln in einem einzigen
Willen: zur Selbsterhaltung und Arterhaltung. Dieser Wille hat sich ein
stets verfeinertes Werkzeug geschaffen, das wir auf menschlicher Stufe
Intellekt nennen; der grobe, unmittelbare Wille zur Erhaltung aber hat
sich zugespitzt zum mittelbaren Willen; dessen Gegenstand nennen wir
Zweck.

Intellekt und Zweck beherrschen die ganze organische Stufenfolge bis zum
Menschentum, vom Geist der Alge bis zum Geist des Staatsmannes sind sie
nur gradweise verschieden.

Der Mensch aber ist ein Geschpf der Grenze. In ihm endet die
zweckhaft-intellektuelle Geistesform und entsteht eine hhere. Im
Menschen erwachen Gefhlsreihen, die nicht mehr der Erhaltung dienen, ja
ihr entgegenwirken knnen. Ideen und Ideale, Liebe zum Nchsten, zur
Menschheit, zur Schpfung, zum berweltlichen erfllen das Leben des
Menschen und sind zweckfrei, sie dienen uns nicht, sondern wir dienen
ihnen und sind bereit, fr sie uns zu opfern.

Hier beginnt das nchst hhere Geistesreich, das Reich der Seele. Seiner
sind wir nicht strker teilhaftig, als etwa die Zelle des intellektualen
Reichs teilhaftig ist. In diesem Reich und seiner Anschauungswelt sind
wir unmndige, stammelnde Kinder. Deshalb knnen wir seine Welt, die
nicht mehr die Welt der raumzeitlichen Vorstellungen und Begriffe ist,
nur ahnen, nicht erfassen.

Von dieser Grenze aus scheidet sich alles Seiende. Die durchlaufenden
Welten erscheinen als die Weltseite der Schpfung, was ihnen angehrt,
wird im Sinne der Einsicht zum Unwesentlichen, im Sinne der Ethik zur
Snde. Der Gottseite der Schpfung, dem Kommenden, das uns als
Vollendung erscheint, und das der Beginn neuer unendlicher Stufenfolge
ist, streben wir entgegen, und es steht bei uns, wie weit wir in uns
und um uns das kommende Reich schon im irdischen Dasein verwirklichen.

Dies ist die Sendung des Menschengeschlechts: die mittlere Reihe der
Schpfung zu vollenden und die hhere Reihe der Welten zu beginnen, und
dies ist seine Verantwortung: aus niederem Geist gttlichen Geist zu
verklren. Erlsung aber bedeutet, da diese Verklrung aus eigener
Kraft nicht mglich ist, da dem guten Willen die rettende Kraft zu
Hilfe kommt.

Guter Wille, Vertrauen und Liebe ffnen unsere Herzen den gttlichen
Strahlen, die uns allerwrts umflieen, und helfen die Herzen unserer
Brder ffnen. Hierin ist alle Glaubens- und Sittenlehre beschlossen; es
gibt kein Tun und Vollbringen, das selig macht, selig macht nur die
Gesinnung. Es gibt kein sittliches Handeln, sondern einen sittlichen
Zustand, der unrechtes Handeln ausschliet. Es gibt keine absoluten
Werte auer jenen dreien, die uns dem Reich der Seele entgegenfhren,
alle anderen irdischen Gter sind bestenfalls Mittel.

Ich glaube, da im vollendeten Reich der Seele alle Erscheinungen und
Kategorien der intellektualen Welt beendet sind, mit ihnen die kmpfende
Individualitt, die Vergnglichkeit und die intellektuale Einsicht. Hier
liegt die Grenze unserer Sprache und Vorstellungskraft. Es versagen alle
Symbole.

Nur ein geringes und unvollkommenes Bild mchte ich andeuten, um eine
Abstufung zu versinnlichen, die vom raum-zeitlichen Erkennen hinweg die
Richtung zu einer unmittelbaren, adquaten Einsicht ahnen lt. Man
lehrt uns die Geschichte eines Landes, und wir gewinnen ein zeitliches
Bild. Es geschieht, da wir spter dieses Land durchstreifen, es reiht
sich Erlebnis an Erlebnis, Ort an Ort, auf den Linien unserer Fahrt
durchdringen wir das Gleichzeitige. In der Erinnerung aber verschmilzt
alles, es entsteht in uns ein Bild, in dem das Rumlich-Zeitliche in
eine untrennbare Einheit verwachsen ist, das wir mit allen inneren und
ueren Sinnen besitzen. Wir wissen mehr als wir gesehen und erfahren
haben. Unser Geist hlt uns eine eigene Schpfung vor Augen, und wohin
wir ihn konzentrieren, glauben wir wahrzunehmen, was ist und was war,
was sein kann und was nicht sein kann, fast mchten wir sagen, was
werden wird. Und dennoch dies alles nicht an der doppelten Schnur von
Raum und Zeit, sondern innerlich, gefhlt, organisch.

Ich glaube, da mein einfaches Bekenntnis nichts enthlt, was nicht in
hchster Vollkommenheit in den heiligen Schriften aller Zeiten verkndet
ist. Was wir in uns zu schaffen glauben, wird stets die einseitige,
dunkle Spiegelung der nie zu erfassenden Wahrheit sein. Doch die
Mannigfalt der Spiegelungen in der Vielzahl der Seelen gibt uns die
Vielseitigkeit des Erlebnisses, deren wir bedrfen, und die Wiederkehr
der groen Zge gibt uns die Gewiheit einer abgebildeten Wahrheit.
Unser Glaubensleben aber wird neu und lebendig, wenn nicht tote
Schriften und verbriefte Ordnungen das Wort verwalten, sondern wenn es
von neuem beginnt, in allen Herzen zu zeugen und zu keimen.

Fr unser weltliches Leben entnehmen wir dem Glauben und dem Wort die
Werte und die Mae. Nennen wir es das Reich des Himmels, das Reich
Gottes oder das Reich der Seele: was uns ihm nhert ist gut, was uns
entfernt, ist schlecht. Glck, Leben, Wohlstand, Macht, Kultur, Heimat,
Nation, Menschheit, sind die hchsten irdischen Werte. Wohl dem, der
keinen von ihnen zu opfern braucht, fr den sie Mittel zum Gttlichen
bleiben. Wir aber werden sie messen an den Maen der Seele, des Glaubens
und der Gerechtigkeit, und wo sie das Ma nicht erfllen, da mssen sie
sich fgen oder weichen.




Krieg


In dieser Betrachtung, die der Einstellung unserer Geister auf
Gegenwrtiges und Knftiges gewidmet ist, hat der Krieg nicht blo die
Bedeutung des bewegenden Ereignisses, das die Zeiten scheidet, sondern
auch des kritischen Ereignisses, das den Zustand, in dem das Abendland
bisher gelebt hat, offenbart.

Es ist seltsam, wie wenig unsere Zeitgenossen begreifen, da ein
Zeitalter versunken ist und da von dem Glanze jener Tage nichts
wiederkehrt. So wie sie noch immer von Vierteljahr zu Vierteljahr das
Ende des Kampfes voraussehen, so glauben sie und werden sie glauben, bis
das neue Geschlecht sie ablst, da nach dem Frieden und einer kurzen
bergangszeit das wieder eintritt, was sie normale Verhltnisse nennen.
Freilich werden die Schulden ein Kopfzerbrechen machen; so mag man eine
Zeitlang sparsamer leben, und alles wird sich finden.

Nichts wird sich finden, alles mu neu geschaffen werden in eiserner
Arbeit. Neu wird unsere Lebensweise, unsere Wirtschaft, unser
Gesellschaftsbau und unsere Staatsform. Neu wird das Verhltnis der
Staaten, der Weltverkehr und die Politik. Neu wird unsere Wissenschaft,
ja selbst unsere Sprache.

Wem von euch ist es nicht in den Sinn gekommen, wenn er einen der
frhen Schriftsteller der verflossenen Epoche las, etwa Stendhal oder
Balzac, da er sich fragte: Wie, ist das mglich? Dreiig Jahre vor
dieser Zeit blhte das spielende Jahrhundert in seinem Perlmutterglanz,
und diese Menschen in dunklen Kleidern reden in ihrer neuen Aktensprache
der Wissenschaft von Industrie und Brse, von Dampfschiffen und Kammern,
von brgerlicher Gesellschaft und Militarismus, und wundern sich nicht
ber die Neuheit ihrer Welt, und wissen kaum, was vor ihnen war? Ist
dann wirklich einmal die Rede von einem alten Edelmann, der in jener
Tndelzeit jung war, so erscheint er wie ein Fossil, ein Abgestorbener,
ein zopfiges Gespenst.

So fremd werdet ihr an uns vorberschreiten. Wir, die wir uns auf
Sachlichkeit manches zugute taten, und wissenschaftlich, ernst, wo nicht
gar tief zu sein whnten: Wir werden euch trotz aller unserer Technik
leichtfertig, flach, vorurteilsvoll, vielleicht auch roh vorkommen, und
der negerhafte und pathetische Luxus, mit dem wir uns umgaben, wird euch
nicht wie der des 18. Jahrhunderts eine Grazie, sondern ein Abscheu
sein. Denn euer Leben wird abermals ernster und hrter, doch so Gott
will geistiger und reiner, und in seinen Freuden anmutiger sein.

Der Krieg ist es, der euch von uns scheidet. Wir werden ihn begreifen,
wenn wir ihn als das kritische Ereignis fassen, das er ist, als den
Ausbruch aller tiefen bel und Schwchen der abgelaufenen Epoche. Denn
jede Deutung als eines Migeschickes, Miverstndnisses, schuldhaft
gewollten Frevels versagt. Schuld ist freilich in die rtlich-zeitliche
Bestimmung des Geschehenen verstrickt, Schuld von allen Seiten. Doch
wenn ein Erdteil sich jahrelang zerfleischt und so wenig wie am ersten
Tage seine Grnde und Ziele kennt, so ist die geistige, sittliche und
physische Erkrankung in den Tiefen seines organischen Aufbaus
verwurzelt.

Die Krise, die wir erleben, ist die soziale Revolution. Der Grund,
weshalb sie sich nicht im Innern der Nationen, sondern an ihren Grenzen
entzndet hat, liegt in der Eigenart unserer Wirtschaft, die zur
Weltwirtschaft erwachsen ist, und die in ihren Auswirkungen,
Imperialismus und Nationalismus, die explosivsten ihrer Konflikte an den
Rndern der Staatseinheiten gehuft hat. Die schwerer entzndlichen
Sprengstoffe im Innern der fester gefgten Staaten bleiben einstweilen
unberhrt, durch den Druck von den Grenzen her gebndigt.

Als unbndige Volksvermehrung vereint mit der Mechanisierung den
individuellen Produktionsproze vernichtete, wurde die Erde eine einzige
gewaltige Produktionssttte. Doch ihre nationale Spaltung blieb, und
innerhalb der Nationen vertiefte sich die Spaltung der Stnde.
Wirtschaftlich betrachtet: eine groe Fabrik, doch nicht einheitlich
gebaut, sondern in den Wohnhusern und Kammern eines Straenvierecks
untergebracht und unter den Hausparteien aufgeteilt. Die politische und
die soziale Entwicklung hielt mit der wirtschaftlichen nicht Schritt.
Das ging so lange, als sich die Erzeugung in migen Grenzen hielt und
der Nationalismus sich langsam entwickelte.

Als aber die Staaten, nationalistisch erstarkt, sich gezwungen sahen,
eine energische Wohlstandspolitik zu treiben, um ihren wachsenden
Aufwand fr Zivilisation, Rstung und Machtentfaltung zu bestreiten, als
die Mechanisierung den Staatskrper ergriffen und ihn zum bewuten
Wirtschaftssubjekt und Konkurrenten gemacht hatte, gab es Zwiespalt
zwischen den Parteien.

Jeder wollte so viel Arbeit wie mglich, denn Arbeit bringt Nutzen. Um
zu arbeiten wollte er so viel Rohstoffe wie mglich, und um sie zu
bezahlen, wollte er so viel Absatz wie mglich. Er wollte sogar noch
mehr Absatz, als zur Bezahlung der Rohstoffe ntig war, denn die
heimische Produktion sollte alle anderen berflgeln, und der Absatz im
eigenen Lande lie sich nicht beliebig steigern. Was er nicht wollte,
waren fremde Fabrikate im eigenen Lande, denn die beeintrchtigen den
Absatz, die Preise und den Nutzen.

Der Kampf ging also um Rohstoff und Absatz, politisch ausgedrckt um
Kolonien und Einflugebiete. Die Welt war aber klein geworden, die
unbesetzten Gebiete knapp und von allen umworben.

In sein letztes Stadium trat der Kampf, als die uerste Schlufolgerung
gezogen wurde: Schutzzoll. Der hatte bei den meisten berdies politische
Grnde: Man wollte die Intensivwirtschaft des Bodens erhalten, um im
Kriege Selbstversorger zu sein, und um den herrschenden Stand der
Grundbesitzer gegen Bodenentwertung zu schtzen. Gleichzeitig begann der
Kunstgriff, den man drben dmpfen #(dumping)# nennt: Man warf dem
Gegner die eigene berschuware unter Selbstkosten ber die Zollmauer
und schdigte sein Schutzsystem.

Allmhlich war auch der Nationalismus zum Gipfel gestiegen, denn die
europischen Unterschichten waren in die Historie getreten. Bis zum
Beginn des 19. Jahrhunderts waren sie anational gewesen, Geschichte war
nur von den herrschenden Kasten gemacht worden; jetzt waren sie
verbrgerlicht, zivilisiert und interessiert, und gaben dem
Wirtschaftskampf die nationale Frbung. Durch Staatenbildung,
Staatenerstrebung und Irredentismus mehrten die neuen Nationalgefhle,
insbesondere die stlichen, den politischen Sprengstoff.

Im Innern der Staaten aber bestand die schroffe Scheidung der Stnde.
Das Proletariat, an der Tatsache des Produktionsprozesses interessiert,
an seinem Verlauf nahezu unbeteiligt, war etwa in der Lage des Matrosen,
dem das Schiff wichtig, die Ladung gleichgltig ist; es fhrte seinen
Wirtschaftskampf, und zwang den Unternehmer, fr jede Lohnerhhung sich
durch Zollerhhung und gesteigerten Absatzdrang schadlos zu halten.

So verlief der imperial-nationalistische Wirtschaftskampf nach auen und
innen vollkommen anarchisch. Wenigen war er in seinem logischen
Zusammenhang bewut; am wenigsten den Staatsmnnern, die ihn fhrten.
Klar war nur der Drang, den eigen-nationalen Einflu zu heben, den
fremden zu schdigen, den eigenen Absatz zu frdern, den fremden
zurckzudrngen; so lckenhaft aber war der Zusammenhang, da viele,
unter ihnen Bismarck, am Werte des wichtigsten Kettengliedes, der
Rohstoff-Kolonien zweifelten. Bekannt waren auch die Kampfmittel; es
waren Bndnisse, Zollvertrge, Rstungen zu Land und See, Einsprche
gegen fremden Erwerb, Einmengung in Konflikte. Was als Endzustand
vorschwebte, ist schwer zu sagen: allenfalls eine etwas bessere
Erdeinteilung, als man sie gerade hatte; meist war man auf den
gelegentlichen Vorteil aus.

Niemand war sich auch recht darber klar, wo ihn der Schuh drckte.
England schob sein Mibehagen auf Mngel seiner technischen Erziehung
und die Konkurrenz der Deutschen; Deutschland litt an seiner
geographischen Lage und fand sich von Erwerbungen ausgeschlossen;
Frankreich merkte, da seine Industrie zurckging, und fand, da das
elsssische Textilgebiet ihm fehle; Amerika klagte ber hohe Lhne und
Finanzkrisen und griff zu Schutzzllen. Nie wurde auch nur ein Versuch
gemacht, die Anarchie in Ordnung zu verwandeln.

Die innere Anarchie: wenn die Auenwirtschaft ihre Grenzen hat, so mu
die Innenwirtschaft ergiebiger, vor allem solidarischer gestaltet
werden. Krfte und Stoffe im Innern sinnlos vergeuden, um sie von auen
unter Opfern wiederzugewinnen, ist keine gesunde Wirtschaft.

Die uere Anarchie: wenn alle sich um die kargen Trge des Absatzes und
Rohstoffes streiten, so mu geteilt werden. Durch den Kampf wird das
Futter nicht mehr, sondern weniger, denn es wird verdorben und
zertreten.

Doch es fehlte nach auen die Einsicht, nach innen der Ansporn; trotz
aller Reibungskmpfe schpfte die Welt aus dem Vollen wie niemals zuvor
und niemals wieder, und die leichte Bereicherung uerte sich in
Indolenz.

Anarchie der Wirtschaft und Gesellschaft ist die Grunderscheinung und
Schuld des Vulkanismus, der unter der politischen Oberflche des
Abendlandes bebte, und seine kritischen Zonen unter die Staatengrenzen
breitete. Eine zweite Reihe von Erscheinungen, die politische Taktik
der Grostaaten whrend der letzten vierzig Jahre, lockerte die Kruste,
und eine dritte, fast nebenschliche und zufllige Reihe, die Ereignisse
um 1914, bestimmten Zeit und Ort des Ausbruchs.

Auch an der zweiten Reihe der Schuld und Irrung sind alle Staaten
beteiligt. Sind sie entschuldbar bei der ersten, so sind sie es auch bei
der zweiten, denn die mangelnde Einsicht in die Grunderscheinung uert
sich in der Hilflosigkeit des politischen Handelns.

Die Schuld Frankreichs ist die tiefste, aber auch die menschlichste. Das
Rheingold des Elsa ist nur das Sinnbild eines schwereren Verlustes.
Unermelich ist, was diese Nation in vergangenen Jahrhunderten Europa
geschenkt hat. Sie trug die Zivilisation und einen Teil der Kultur des
Kontinents vom Westflischen Frieden bis zur Revolution und brachte die
brgerliche Freiheit. Sie konnte aber, nach der Art ihrer Gaben, nur
schenken, so lange sie mchtig war. Die Macht war verloren, sie gab uns
die Schuld und spaltete in ihrer Leidenschaft Europa derart, da jede
politische Orientierung von den Vogesen ausgehen mute, und nur die Wahl
blieb: fr den einen oder den anderen. Damit war die Freiheit der
europischen Politik vernichtet.

Englands Schuld ist fast eine persnliche, ein seltsamer Zug in diesem
so unpersnlichen Lande. Auch England hatte viel gegeben, noch mehr
erworben, und manches verloren. Die #Pax Britannica# stand hinter der
#Pax Romana# nicht zurck. Man mag streiten, ob es recht ist, da ein
Volk den dritten Teil der Erde besitzt; dieses Volk hat ihn besessen und
mit wenigen Ausnahmen seiner groen Verantwortung entsprechend
verwaltet. In seinen Kolonien und Herrschaften war jeder Fremde
unbehelligt, hufig gut aufgenommen, ja gern gesehen, alle Hfen und
Kohlenpltze standen offen. Das Land begngte sich mit Freihandel, aus
wohlverstandenem, aber von Kleinlichkeit freiem Interesse. Seine Politik
war eigenschtig, gewaltttig, aber klar erkennbar, weit mehr auf
eigenen Nutzen als auf fremden Schaden gerichtet. Das nderte
Eduard VII. Er war zu lange Kronprinz gewesen und hatte sich in den
Jahren erzwungener Mue und verhohlener Kritik die alten intriganten
Bndnismethoden der europischen Hfe angeeignet; er trieb sie zum
Gipfel, indem er die Vogesenspaltung ausnutzte und Deutschland
isolierte. Wie weit die Sorge um die sinkende Wirtschaftskraft seines
Landes, wieweit verwandtschaftliche Verfeindung ihn bestimmte, ist
schwer zu sagen; er war kein dmonischer Charakter und wurde dennoch zum
Dmon Europas.

Ruland litt an den Schwchen orientalischer Reiche. ber sich selbst
hinausgewachsen hatte es seinem tief angelegten, kindlich vertrumten
Volk zwar einige europische Formen, doch keinen Wohlstand, keinen
Mittelstand, keine Bildung, keine eigene Industrialwirtschaft und keinen
Verkehr erworben. Die Regierung wagte nicht, der unerfahrenen Nation die
Verwaltung anzuvertrauen, daher blieb ihr nichts anderes brig, als die
dnne, verfeinerte und theoretisierende Intelligenz zu verfolgen, das
Volk zu verblden und sich selbst durch das verbrauchte Mittel der
Expansion zu strken. Der Balkanstreit mit sterreich, die
Schuldhrigkeit zu Frankreich bestimmte seinen Weg. Es ist kein Zufall,
da nach Ausbruch des Brandes russische Staatsintrige die Pulverkammer
aufschlo und die letzte Explosion auslste.

Da Deutschland bei seinem gegenwrtigen inneren und ueren Aufbau
nicht imstande ist, eine folgerichtige und langatmige auswrtige Politik
zu fhren, habe ich in vielen Schriften, zum Teil lange vor Beginn des
Krieges dargelegt. Es fehlen uns die Menschen und Einrichtungen, vor
allem die Einheitlichkeit des Willens, der Initiative und Verantwortung,
die organisch eingestellte Stetigkeit und berlieferung. Diese Mngel
sind nicht durch Personen und mter verschuldet, sondern durch uns
selbst, die wir nicht unser Geschick selbst in die Hand nehmen, Mnner
unseres Vertrauens zur Ernennung vorschlagen, ihnen dann aber auch die
Macht und volle Verantwortung gewhren; die wir vielmehr uns von einer
kleinen, nicht bermig geschftstchtigen Kaste und deren Assimilanten
verwalten lassen, die sich hilflos im bureaukratisch-parlamentarischen
Dickicht, im neunzigfachen Veto verstrickt und obendrein von unserem
Mitrauen verfolgt wird.

Die Fehler kurzatmiger und unsteter Politik treten darin zutage, da man
sich in alles einmischt, fr die Galerie arbeitet, alle anderen strt
und nichts fr sich erreicht. Es ist nicht gesagt, da man niemand
stren und sich mit niemand verfeinden darf, aber eines ist sicherlich
falsch: wenn man alle strt und sich mit allen verfeindet. Wir haben
Frankreich gestrt in Marokko, England in Transvaal, Ruland in
Konstantinopel, Japan in Shimonoseki. Wir haben Gelegenheiten zu
Verstndigungen versumt mit England, Ruland, Japan, und, innerhalb
gewisser Grenzen, mit Frankreich.

Nicht um unsere Fehler strker zu betonen als die anderer, sondern
deshalb, weil sie unsere Fehler sind und uns nher angehen als die
anderer, mssen wir uns bereit finden, ein Unwgbares zu beobachten, das
unsere Politik durch eine gleichsam atmosphrische Einwirkung geschdigt
hat.

Es ist kaum einzuschtzen, wie stark die letzte Generation vom Einflu
Richard Wagners gebannt war, und zwar nicht so entscheidend von seiner
Musik wie von der Gebrde seiner Figuren, ja seiner Vorstellungen.
Vielleicht ist dies nicht ganz richtig: Vielleicht war umgekehrt die
Wagnersche Gebrde der erfate Widerhall -- er war ein ebenso groer
Hrer wie Tner -- des Zeitgefallens. Es ist leicht, eine Gebrde
aufzurufen, schwer, sie zu benennen: sie war der Ausdruck einer Art von
theatralisch-barbarischem Tugendpomp. Sie wirkt fort in Berliner
Denkmlern und Bauten, in den Verkehrsformen und Kulten einzelner
Kreise, und wird von vielen als eigentlich deutsch angesehen. Es ist
immer jemand da, Lohengrin, Walther, Siegfried, Wotan, der alles kann
und alles schlgt, die leidende Tugend erlst, das Laster zchtigt und
allgemeines Heil bringt, und zwar in einer weitausholenden Pose, mit
Fanfarenklngen, Beleuchtungseffekt und Tableau. Ein Widerschein dieses
Opernwesens zeigte sich in der Politik, selbst in Wortbildungen, wie
Nibelungentreue. Man wnschte, da jedesmal von uns das erlsende Wort
mit groer Geste gesprochen werde, man wnschte, historische Momente
gestellt zu sehen, man wollte das Schwert klingen und die Standarten
rauschen hren. Die ernste Zeit hat diesen Geschmack der lteren
Generation gemigt. Unser ltlich-nchterner Kanzler mge durch die
Aussicht auf fnf Krnungszge im Osten sich nicht bewegen lassen, ihn
zu beleben.

Innerhalb einer rmlichen, im Ziele nicht erkennbaren Auenpolitik
wirkte diese Gebrde zuerst verblffend, dann aufreizend und Mitrauen
erregend. Es kam so weit, da man uns, die gutglubigste aller Nationen,
fr Schaumschlger und Intriganten hielt. Unser gewaltiger Machtaufstieg
htte uns verpflichten sollen, soviel wie mglich zu schweigen, so wenig
wie mglich uns einzumischen.

In dieser zweiten Reihe von Erscheinungen, den politischen, die den
vulkanischen Grund lockerten, sind abermals Fehler von allen Seiten
einbegriffen, auch von der unseren. Doch eines knnen wir mit gutem
Gewissen sagen: Eine subjektive Schuld liegt bei unserem Volke nicht. Es
war unser Fehler, da wir nicht wuten, was wir wollten; eines wollten
wir sicher nicht: den Krieg.

Die dritte und weitaus nebenschliche Reihe, die der rtlich und
zeitlich auslsenden Momente, haben wir nicht zu errtern, denn uns ist
es nicht um Zeitgeschichte, sondern um Zeitwesen zu tun. Erst in Jahren,
vielleicht niemals, werden diese Wirrnisse sich klren, jedenfalls nicht
frher, als bis die Einzelheiten der franzsisch-englischen Abmachungen
und die Vorgnge des sterreichisch-serbischen Ultimatums offen liegen.

Was uns betrifft, ist dies: Der Krieg, eine soziale Revolution, erzeugt
durch uere und innere wirtschaftliche Anarchie und soziale Spannung,
beschleunigt durch die Fehler der Kabinette.

Und wenn von einer wahrhaften, tiefen Schuld der Nationen gesprochen
werden soll, so ist es die der Unterlassung. Es fehlte der Welt an
schpferischen, sittlichen Gedanken. Jeder fhlte, da die Erde in ein
neues Stadium der Zivilisation getreten war, da sie anfing, eng und
gefhrlich zu werden. Doch man scheute sich, die Gesetze dieser
Umwlzung, der Mechanisierung, zu ergrnden und um ihre sittliche
Erlsung zu ringen. Groe Nationen traten wiedergeboren und ermchtigt
auf den Schauplatz der Geschichte; allein sie besannen sich nicht, da
sie gesandt und verantwortlich waren, der Welt Ideen und Ideale zu
schenken. Auch wir haben nichts geschenkt und geopfert, obwohl unsere
Nation sich verjngt und erneut hatte; unsere Schuld ist schwer, denn
wir Deutschen sind um der Idee willen da.

Nur den einen Gedanken hatten die Vlker: wachsen und sich bereichern,
aufsteigen und berflgeln, mchtig werden und erraffen. Und ihre
Staatsmnner dienten diesen Zielen mit den alten Mitteln der List und
Gewalt, mit den kleinen Mitteln der Heimlichkeit und Verstndigung, der
Begnstigung, Verlockung und Drohung, des Geldes und der Betriebsamkeit,
mit den groen Mitteln der Rstung zu Land und Meer. Jeder hoffte, der
Klgere zu sein, unbemerkte Vorteile in merkliche zu verwandeln, den
anderen klein zu kriegen, ohne da er sich versah. Selbstverstndlich
schien: Mein Nutzen ist dein Schaden, mein Leben ist dein Tod. Warum
sollte das, so meinte man, nicht in alle Zeit so weitergehen, da es doch
immer gewesen war? Es konnte nicht weitergehen, denn alle Nationen waren
zum Bewutsein erwacht und kannten die armseligen Spielregeln, einer so
gut wie der andere.

Daraus aber war gerade die hhere Pflicht zu entnehmen: Endet dies
unergiebige und wrdelose Spiel. Wetteifert; schafft sittliche Ideen,
die allen dienen und niemand vernichten, schafft den universalen
Gedanken der Solidaritt, nicht durch lahme Schiedsgerichte und
kraftlose Paragraphen, sondern durch lebendiges Zusammenwirken; tut das
soziale Unrecht ab im Innern und das barbarische im Vlkerverkehr;
wandelt die Anarchie in Ordnung; schafft dem Gedanken der Menschheit
sein Recht, doch nicht in verblasenem Pazifismus und utopischer Duselei;
beginnt da, wo die Gefahr am dringendsten, die Schwierigkeit am grten,
die Arbeit am hrtesten ist, beginnt mit der Wirtschaft. Und dann, wenn
das Grbste geleistet ist, steigt auf zum Kulturellen, zum Geistigen und
Menschlichen.

Noch heute wird es viele geben, die im Glauben an die Heiligkeit der
Interessen und in selbstbewuter Erkenntnis des sogenannten
Durchfhrbaren -- nmlich des Trivialen -- und des sogenannten Uferlosen --
nmlich der sittlichen Pflicht -- diese Gedanken verlachen. Ich sage euch
aber: Der kommende Friede wird ein kurzer Waffenstillstand sein, und die
Zahl der kommenden Kriege unabsehbar, die besten Nationen werden
hinsinken und die Welt wird verelenden, sofern nicht schon dieser
Friedensschlu den Willen besiegelt zur Verwirklichung dieser Gedanken.

Ein Vlkerbund ist recht und gut, Abrstung und Schiedsgerichte sind
mglich und verstndig: doch alles bleibt wirkungslos, sofern nicht als
erstes ein Wirtschaftsbund, eine Gemeinwirtschaft der Erde geschaffen
wird. Darunter verstehe ich weder die Abschaffung der nationalen
Wirtschaft, noch Freihandel, noch Zollbnde: sondern die Aufteilung und
gemeinsame Verwaltung der internationalen Rohstoffe, die Aufteilung des
internationalen Absatzes und der internationalen Finanzierung.

Ohne diese Verstndigungen fhren Vlkerbund und Schiedsgerichte zur
gesetzmigen Abschlachtung der Schwcheren auf dem korrekten Wege der
Konkurrenz; ohne diese Verstndigungen fhrt die bestehende Anarchie zum
Gewaltkampf aller gegen alle.

Der Wirtschaftsbund aber ist so zu verstehen:

ber die Rohstoffe des internationalen Handelns verfgt ein
zwischenstaatliches Syndikat. Sie werden allen Nationen zu gleichen
Ursprungsbedingungen zur Verfgung gestellt, und zwar fr den Anfang
nach Magabe des bisherigen Verbrauchsverhltnisses. Spterhin wird das
wirtschaftliche Wachstum der einzelnen in Rechnung gezogen.

Die gleiche zwischenstaatliche Behrde regelt die Ausfuhr nach
entsprechendem Schlssel. Jeder Staat kann verlangen, da die ihm
zustehende Ausfuhrquote ihm abgenommen werde. Sie verringert sich
entsprechend, sofern er die auf ihn entfallende Einfuhr ablehnt. Die
Lieferungen der Staaten geschehen im gewohnten Verhltnis ihrer
Gtergattungen. Freie Verstndigungen ber Abnderungen knnen getroffen
werden, Quotenaustausch ist zulssig.

An internationalen Finanzierungen, die zu Lieferungen fhren, kann jeder
Staat Beteiligungen im Verhltnis seiner Ausfuhrquote verlangen.

Dies sind die grundstzlichsten Bestimmungen, die vereinbart werden
mssen, sofern nicht der stille Wirtschaftskrieg in seiner alten Form,
oder aber, allen Abmachungen zum Trotz, der offene Wirtschaftskrieg in
neuen ungeahnten Formen ausbrechen soll, der entweder zur Verarmung der
nicht selbstversorgenden Staatsgruppen, oder zu unaufhrlichen
Kriegsgewittern fhrt.

Jahrzehnte werden vergehen, bis dieses System der internationalen
Gemeinwirtschaft voll ausgebaut ist; weiterer Jahrzehnte, vielleicht
Jahrhunderte bedarf es, um die zwischenstaatliche Anarchie durch eine
freiwillig anerkannte oberste Behrde zu ersetzen, die nicht ein
Schiedsgericht, sondern eine Wohlfahrtsbehrde sein mu, der als
mchtigste aller Exekutiven die Handhabung der Wirtschaftsordnung zur
Verfgung steht.

Pazifist im blichen Sinne bin ich nicht, schon deshalb, weil ich es
nicht fr mglich halte, irgendein bel restlos aus der Welt zu
schaffen. Ich halte den Krieg fr ein groes bel, doch nicht fr das
grte, und knnte mir denken, da noch in Jahrhunderten hier und da
zwischen Vlkerschaften gekmpft wird. Niemals wieder darf es aber
geschehen, da die ganze bevlkerte Erde dem Blutrausch verfllt. Kein
Schlagwort ist so elend Lgen gestraft worden wie das von den sittlich
und geistig regenerierenden Krften des Krieges, wie das von der groen
Zeit. Gewi geschieht an allen Fronten Groes, und Greres vielleicht
da, wo in dunkler Stille die Herzen der Mtter bluten. Doch wer hat so
frevelhaft am Wert der Menschheit gezweifelt, da Mut und Opfer ihm des
Beweises bedurften?

Kahle Tuschung ist es, zu tun, als ob Front und Heimat zwei
verschiedene Nationen wren, die heldenhafte der Shne, die anfechtbare
der Vter. Wir alle sind eine Nation, wir haben einen Ruhm und eine
Schuld. Jeder ist allen und jeder fr alle verantwortlich. Unser Ruhm
ist das mutige Erdulden und Leisten der Front, das stille Opfern und
Entbehren der Heimat; unser aller Verantwortung ist es, da das Gesetz
Deutschlands seine Kraft verlor, da die Sittlichkeit sank, da der
Geist verflachte. berblicken wir alle Lnder, die unmittelbar oder
mittelbar vom Kriege ergriffen sind, so finden wir berall die gleiche
Entsittlichung in den Formen der gierigen Bereicherung, der Korruption,
des Schwindels, der Denunziation, der Spionage, der Bosheit und Lge.
berall die gleiche Entgeistigung in den Formen der Phrase, der
Trivialitt, der Urteilslosigkeit, des Selbstlobes, des niederen
Massengeschmacks. Diesen Krieg ertrgt die Erde nicht zum zweitenmal,
wenn sie ihn physisch berstnde, so ginge sie seelisch zugrunde.

Doch was bedeutet der nchste Krieg, da der gegenwrtige dauert? Da in
jeder Stunde, von Bruderhand erschlagen, Menschen, unsere Menschen,
unsere Brder ihr Leben verhauchen? Was ist aus uns geworden, da wir
das ertragen?

Wir wollen einen ehrenvollen Frieden, und wir werden ihn haben. Doch die
Zeit ist gekommen, da die Menschheit den Frevel nicht mehr ertragen
darf, denn heute wei sie, eingestanden oder nicht: Dies Schlachten kann
noch Jahre, kann noch Jahrzehnte fortgehen und wird dennoch das
Angesicht der Erde nicht ndern, auer durch Verwstung.

Es ist Zeit. Die Groen und Mchtigen haben gesprochen und den Krieg
verurteilt. Es ist nicht einer, der ihn verteidigt; doch sie wissen
nicht, wie sie ihn beenden, sie glauben, da ihre Forderungen zu weit
auseinander gehen.

Es ist Zeit, da die Niederen und Geringen ihre Stimme erheben und
Zeugnis ablegen, denn was in Jahren geschehen mu, das kann auch heute
sein. So wahr wir fest entschlossen sind, jeder fr sein Land zu kmpfen
und zu sterben, solange ein ehrenvoller Friede uns nicht gewhrt wird,
so wahr wir uns unverbrchlich einordnen in die Gesetze unseres Staates
und in die Gefolgschaft unserer Fhrer, so wahr ist es unsere
menschliche und gttliche Pflicht, an jedem neuen Tage von neuem die
Hand auszustrecken und zu sagen: Brder, lat uns in Ehren und in
Menschlichkeit uns finden. Wahrhaftig: Nicht der wird in Krieg und
Frieden der Strkere sein, der selbstgerecht und gekrnkt die Vershnung
abweist, und nicht der wird, wenn es sein mu, sich schlechter schlagen,
der sein Gewissen entlastet. Fr die Unberhrbarkeit und Ehre des
Landes, fr die Freiheit und den Lebensraum seiner Kinder zu streiten,
ist Gottes Recht; wer um Ruhmsucht und Eroberung den Kampf will, ber
den kommt das Blut der Unschuldigen.

Die Groen haben gesprochen. Es ist Zeit, da die Kleinen und Geringen
reden, bevor die Steine und die Grber ihren Mund auftun. Und da ich
unter den Geringen ein Geringster bin, so will auch ich meine Stimme
erheben, so schwach sie ist.

So schwach meine Stimme ist, es gibt Pforten, vor denen ein fallender
Tropfen wie Erzklang drhnt. Auch wenn keines dieser Bltter in das
fremde Land gert, so wird mein schwaches Menschenwort sich seinen Weg
bahnen, denn die Sprache, die aus heiem Herzen kommt, bedarf keiner
Laute, und wenn ihr Ruf auch nur _einem_ Herzen begegnet, so wird er ein
Hagelkorn des Hasses schmelzen. Dereinst aber wird sich die eisige Saat
in Tau verwandeln.

Feinde, Menschen, Brder, hret! Es ist genug.

Ihr und wir, wir alle sind mit Blindheit und Wahnsinn geschlagen. Im
blinden Wahnsinn haben wir eine Welt zertrmmert.

Ihr und wir, wir haben nur einen Gedanken: leiden machen. Ihr und wir,
wir jubeln, wenn Menschen brennend aus den Lften strzen, wenn Menschen
in der See ersticken, wenn Menschen zerrissen und vergiftet sterben,
wenn man sie in Gefangenschaft treibt. Wir lesen bei Mahlzeiten Dinge,
von denen der tausendste Teil uns erstarren machen mte. Sind wir noch
Menschen?

Die vier gttlichen Elemente, Feuer und Luft, Wasser und Erde haben wir
zu Werkzeugen des Todes gemacht, und das gengte nicht, Gift und Hunger
holte man zu Hilfe. Aller menschliche Geist zhlt und rechnet und
grbelt: noch eine neue Streitmacht, noch eine neue Gewalt, noch eine
neue Todesart.

Sieben Millionen sind tot. Sieben Millionen mal in fnfzehnhundert Tagen
hat der rasend gemachte, gehetzte Tod ein blhendes, hilfloses
Menschenherz zerschnitten, und mit jedem Schnitt hat er ein zweites
liebendes Herz getroffen. Ungezhlt sind die Krppel, die Blinden, die
Wahnsinnigen und Gebrochenen; sie ziehen ber die Erde und zeugen wider
uns und euch. Die Kreuze auf den Feldern strecken ihre Arme aus, die
gemordeten Wlder recken ihre verstmmelten ste, die ausstzige Kruste
der Erde, die zertrommelten Stdte, sie blicken auf aus erloschenen
Augen und zeugen wider uns und euch.

In Erdlchern, in Schlamm und Wasser hocken seit vier Jahren unsere
Brder, schtzen ihre armen Leiber gegen giftige Dnste, Eisensplitter
und Bajonette und trachten nach dem Leben der anderen. Dem Leib der Erde
und der Vlker ist die Fruchtbarkeit unterbunden. Bleiche Kinder wachsen
auf, bleiche Mtter arbeiten in Fabriken.

Der Wohlstand ist gebrochen, die friedlichen Gewerbe sind tot, die See
ist verdet. Was noch geschaffen und geschleppt wird, sind Waffen. In
den Stdten aber rast der Tanz um das Kalb. Inmitten der Entbehrung
prassen Bereicherte. Die Versuchung wchst, das Gewissen betubt sich,
die Sitte wankt.

Um die Erde kreist eine Gewalt des Hasses, wie der Planet sie niemals
trug. Noch immer wchst sie, angefacht durch Rache, Verleumdung, Angst
und Verblendung.

Und doch ist die Welt nicht bse und nicht schlecht; sie ist wahnsinnig
und blind. Jeder glaubt, der andere wolle ihn vernichten, und solange
jeder das vom anderen glaubt, bleibt allen nichts brig, als zu kmpfen.
Wollte aber jemand auch nur einen Tag lnger den Kampf fortsetzen, als
Unabhngigkeit, Unberhrbarkeit und Lebensraum seines Landes fordern, so
wre er fr sich allein, vor Gott und Menschen schuldig am Jammer der
Millionen, und es wre ihm besser, da er nie geboren wre.

Feinde, Brder, es ist Zeit! Es ist sehr spt, und jede Minute ttet,
und doch ist noch Zeit. Denn noch ttet jeder von uns in gutem Glauben,
im Glauben an den Vernichtungswillen des anderen. Es mag auch wirklich
in jedem Lande einige Menschen geben, die vernichten wollen,
Verblendete, die glauben, man msse vom Tode leben, vom Schmerz
Gebrochene, die nach Rache schreien, und, furchtbar zu sagen, vielleicht
auch Gewinnschtige und Machtgierige, die nach gttlichem Recht nicht
fragen. Es gibt auch solche, die meinen, das ewige Gesetz vertrage einen
Aufschub, wie schlechte Wechsel, und solche, die whnen, der Krieg sei
ein Gottesurteil, der Gott des Geistes und der Wahrheit sitze in Wolken
wie Zeus auf dem Berge Ida und warte, bis er seine Feinde in die Hnde
seiner Lieblinge geben knne, damit sie mit ihnen verfahren nach ihrer
und seiner Willkr, und neues Gesetz und Recht schaffen. Vielleicht
glauben das in abgeschwchter Form auch einige Staatsmnner, und denken,
der Krieg werde mit der Zeit die Lage so ndern, da sie doch noch in
aller Stille einige Erwerbungen machen knnen; deshalb scheuen sie sich,
rund heraus zu reden und zu sagen, was sie verlangen.

Aber ich schwre euch, es gibt nicht ein einziges Volk auf der Erde, das
die Vernichtung eines anderen Volkes will und wollen kann. Jedes Volk
wei in seinem inneren Bewutsein, da es nur _einen_ Frieden geben kann
und geben wird: der Friede, der in drei oder in zehn oder in zwanzig
Jahren geschlossen werden wird, ist genau der gleiche Friede, der heute
geschlossen werden kann und geschlossen werden soll. Nur vershnt er
nicht mehr lebendige Vlker und gesunde Lnder, sondern arme, verrohte
Krppel und Sttten der Verwstung.

Prft das, und wenn es wahr ist, so sprecht es aus. An dem Tage aber,
an dem ihr, Vlker der Erde, das Wort aussprecht, das einfache, klare,
selbstverstndliche Wort: Keinem Volke soll seine Unabhngigkeit und
sein angestammter Boden geraubt, keinem sollen seine Lebensbedingungen
verkrzt werden, an dem gleichen Tage ist der Krieg gebrochen und der
Frieden in eurer Hand. Denn die Angst der Vlker vor einander ist
erloschen, es knnen weder Gruppen noch Staatsmnner sie neu entfachen,
sie knnen auch nicht mehr durch vieldeutige, geschftskluge Forderungen
den Zweifel offen lassen, ob nicht doch, unter der Verhllung von
Sittensprchen der Angriff auf das Leben des anderen lauert.

Welchen Weg dann die Staatsmnner whlen, um die leichte Aufgabe zu
lsen, wie man zu Verhandlungen kommt, ist ganz gleichgltig. Der
einfachste Weg scheint mir der beste. Es sollte zunchst jeder Staat
fnf Forderungen nennen, die er fr die wichtigsten hlt, dann kann
jeder rckfragen nach dem, was ihm unklar scheint oder was er nicht
verstanden hat, dann soll er antworten.

Es ist keine Gefahr, da die Antworten unbefriedigend ausfallen. Denn
wem eine offenkundig ungerechte Forderung abgelehnt wird, kann
ebensowenig um deswillen den Krieg fortsetzen, wie der, der eine
offenkundig gerechte Forderung ablehnt; es wrde ein neuer Krieg mit
neuen Kriegsgrnden sein, den niemand will. Sind aber die Antworten
erteilt, so mag man entscheiden, ob eine neue Reihe schriftlicher Fragen
gestellt oder die mndliche Verhandlung begonnen werden soll.

Menschen und Vlker, besinnt euch! Es geht um eure Seelen. Es wird kein
anderer Frieden ber die Erde kommen, als der Frieden der Gerechtigkeit
und der guten Gesinnung. Wre ein anderer Frieden erreichbar, ihr
drftet ihn nicht nehmen, denn er wre kein Frieden, sondern ein
heimlicher, vergifteter Krieg. Der gerechte Frieden, der Frieden Gottes
kommt, wir mgen ihn wollen oder nicht. Wollen wir ihn, so wird er uns
geschenkt, wollen wir ihn nicht, so wird er uns auferlegt. Sind wir
seiner wrdig, so werden wir ihn erleben, sind wir seiner unwrdig, so
werden ihn auch unsere Kinder nicht erleben.

Was der gerechte Frieden ist, wissen wir. Wissen wir es, und handeln
nicht danach, so sind alle unsere Sittensprche Heuchelei und unser
Gewissen wird am Tage der Entscheidung auf uns lasten. Wir tragen die
Verantwortung fr eine Zivilisation und Kultur, fr das Glck und das
Leben der Millionen. Diese Verantwortung ist die kleinere. Wir tragen
die Verantwortung um der Gerechtigkeit und um unserer Seelen willen,
diese Verantwortung ist vor Gott und ist die grere. Die Seelen der
Erschlagenen stehen auf und fordern von uns Rechenschaft. Sie fordern
von uns nicht Rache, sondern Vershnung zur Ehre Gottes. Brder, wir
wollen einander vergeben, damit uns miteinander vergeben werde. Nicht
der ist schwach, der Vergebung empfngt, nicht der ist stark, der sie
zurckweist.

Vier Jahre lang haben unsere Heere zu Lande, zu Wasser und in der Luft
einander standgehalten und sind nicht ermdet. Ihre Taten sind grer
als alles Heldentum der Sage und Geschichte. Das edelste und stolzeste
aber wird es sein von allem, was dieser alte Planet erlebt hat und
erleben wird, und ein Leuchten wird von ihm ausgehen ber das Weltall,
wenn der Tag anbricht des groen Opfers, der freien, menschlichen und
gttlichen Vershnung. Der Tag, an dem wir uns vergeben allen Ha und
allen Kummer, alle Trnen und alle Wunden, allen Tod und alle Rache. Der
Tag, an dem wir uns die Hnde reichen, um gemeinsam die Wunden zu
heilen, die Witwen und Waisen zu trsten, die Erde neuaufzubauen. An
diesem Tage sind unsere gefallenen Brder wahrhaft verherrlicht, an
diesem Tage ist die Erde entshnt, und das Gottesreich um einen Schritt
der Welt genhert.




Charakter


Wir wollen ein groes, starkes, freies Land, doch eine andere Gre,
Strke und Freiheit, als die wir kannten.

Wir wissen, da Einrichtungen nicht Gesinnungen schaffen, sondern von
ihnen geschaffen werden. Die Kruste ist starr, der Kern ist bildsam, wer
das Sichtbare umschaffen will, der mu den Mittelpunkt bewegen.

Von Gesinnungen und Einrichtungen, die kommen werden, habe ich oft
gesprochen. Zu euch, Freunde, aber will ich von dem reden, was in der
Wirkungsreihe noch tiefer liegt.

Wie entstehen und ndern sich Gesinnungen? Erlebnis wirkt auf Geist und
wandelt ihn. Verschieden aber wird von gleichem Erlebnis verschiedener
Geist bestimmt, und diese Verschiedenheit heit Charakter.

Wir berschtzen malos die bequeme Grndlichkeitsmethode des
Historizismus, weil jeder fleiige Mensch, deren es, ach, so viele gibt,
sie sich aneignen kann. Im Pragmatischen versagt sie fast immer. Wir
berschtzen die wirtschaftliche Methode, weil sie den Mut der
Folgerichtigkeit hat, doch wird sie dem Geist nicht gerecht, weil sie
ihre Voraussetzung zum Ziele macht, indem sie von der Wirtschaft kommt
und zur Wirtschaft fhrt. Wir unterschtzen die reine Beobachtung des
Geistes und Charakters, weil sie Einfhlung an Stelle von Gelehrsamkeit
verlangt; hier fhlen wir uns nicht sicher und frchten uns unbewut vor
den Ergebnissen.

Verlangt man von jemand die Charakterbeschreibung eines Menschen oder
Volkes, so wird er mit dem geistigen und seelischen Besitzstand
beginnen. Mit Recht. Denn dieser Besitz an Werten und Fhigkeiten
entscheidet ber das geistige Sein, ber den Wert der geistigen
Substanz. Unserer Frage jedoch ist es nicht um die Substanz, sondern um
ihre Bewegung und Wandlung, um das Schaffen und Handeln zu tun, hier
entscheidet nicht der intellektuale, sondern der voluntarische
Charakter.

Denn auf welcher geistigen und sittlichen Stufe wir stehen, wissen wir.
Wollen wir wissen, ob und wie wir die nchste Stufe erreichen, so mssen
wir die bewegenden Krfte prfen.

Alle Form ist sichtbarer Geist. Wo immer wir Lebensuerungen und
Einrichtungen beobachten, treffen wir, sofern wir tief genug schrfen,
auf die Wurzeln des intellektualen und voluntarischen Charakters, Geist
und Willen. Und wenn bei einem so hochstehenden Volke wie dem unseren,
Trbungen sich zeigen und nicht weichen wollen, so mssen wir die
Ursachen in den Willenskrften aufdecken knnen. Nicht in der
energetischen Gre der Willensstrke, denn die ist berschssig,
sondern in Einseitigkeiten der Richtung, in unausgeglichener Aktivitt.

Die sichtbaren Mngel unserer Formen, Einrichtungen und Gesinnungen habe
ich in einem Buch, das vielen von euch bekannt ist, geschildert. Bei
ihnen wollen wir nur so lange verweilen, bis uns ber die
Einheitlichkeit ihrer Artung eine Vorstellung erwacht, die wir in der
Beobachtung unseres Charakters wiederfinden.

Die Schwchen und Ungerechtigkeiten unseres wirtschaftlichen und
sozialen Aufbaus sind die gleichen wie in aller brigen Welt, sie
fordern keine gesonderte Betrachtung. Mit einer Ausnahme: der Aufstieg
ist bei uns viel schwerer als anderswo, denn mit der plutokratischen
Hemmung verbindet sich die der feudal-bureaukratisch-militrischen
Atmosphre. Auf die kommen wir zurck.

Ganz eigenartig, teilweise nur mit denen sterreichs vergleichbar, sind
unsere politischen Schwchen, die wir diesmal nur flchtig streifen
wollen.

Die Regierung: ein Aufbau unglaublicher innerer Komplikation, Reibung
und Hemmung. Vollkommene Unmglichkeit einer Fernpolitik, eines
Verfgens auf lange Sicht, das im Wettbewerb der Vlker entscheidet;
denn der Staatsmann ist eingespannt in ein neunzigfaches Veto, dem kein
Jubeo entgegensteht. Er mu paktieren mit Hfen, Kirchen, Bundesstaaten,
verbndeten Mchten, drei Kabinetten, zwei Reihen von unbekannten
Kollegen, einem entrckten Kanzler, seinen eigenen Rten, mehreren
Parlamenten und zahlreichen Kommissionen, Parteien, Einzelabgeordneten,
Gewerbevertretungen, Interessenvertretungen, Einzelinteressenten. Jeder
kann ihn strzen, keiner hlt ihn. Er kann froh sein, wenn er ein paar
Jahre laviert, paktiert und verwaltet hat. An Weitsichtiges kann er sich
zur Not auf technischen Gebieten wagen, die niemand interessieren, oder
die niemand versteht. Man wendet ein, da Bismarck mit diesem System
ein Menschenalter regiert hat: er besa neben seiner Genialitt einen
Talisman, den er erst am Tage seiner Absetzung verlor: die
Unabsetzbarkeit.

Warum das? Weil wir ein halbkonstitutioneller Staat sind. Ein Staat, in
welchem mit Hilfe einer beamteten Gelehrsamkeit alles Historische und
berlieferte nach Krften erhalten wird, weil es historisch und
berliefert ist. Ein Staat, in welchem die Worte Volk und Demokratie vor
dem Kriege verpnt waren. Ein Staat, in welchem viele Sonderrechte
bestehen und niemand eines aufzugeben braucht, weil niemand es verlangt.
Ein Staat, in welchem seit Jahrhunderten niemand regiert, der nicht als
Angehriger oder Assimilant des militrischen Feudalismus, des
feudalisierten Bureaukratismus oder des feudalisierten, militarisierten
und bureaukratisierten Plutokratismus auftritt. Ein Staat, in welchem
mit Hilfe der so bezeichneten Atmosphre, verschrft durch dauernde
politische, kirchliche und militrische Fhrungskontrolle, eine Auslese
der Begabungen stattfindet, die man als Gegenauslese bezeichnen kann.
Ein Staat, in welchem das Grobrgertum sich vorwiegend von der Politik
fernhlt, es sei denn da, wo Erwerbsinteressen berhrt werden, oder wo
Beziehungen zu gewinnen oder zu erhalten sind. Das mittlere Brgertum
folgt zu einem Drittel der Kirche, zu einem Drittel der kontrollierenden
Autoritt, zu einem Drittel ist es in Opposition.

Die beiden groen Parlamente sind tief reformbedrftig. Die Reform
dieser Parlamente, zumal des Reichstages, ist weit notwendiger und
dringender als die der Regierung. Gewhlt sind sie auf Grund eines
verwerflichen und eines geometrisch verflschten Wahlverfahrens. Ihre
geistige Hhenlinie liegt weit tiefer, als ein geistig hochentwickeltes
Volk sie von sich verlangen kann. berwiegend bestehen sie aus
Ortsgren und Vertretern von Interessentenvereinigungen. Schpferische
Staatsmnner finden sich kaum. Ihre Ttigkeit ist vorwiegend Abnderung,
vielfach Verschlechterung von Regierungsvorlagen, und Kritik. Eigene
Initiative ist selten, geschieht sie, so wird sie meist schnell bereut.
Routinierte Staatsleute werden nach bestimmten Behandlungsregeln leicht
mit den Parlamenten fertig, auch in erregten Sitzungen. Fr die
Machtlosigkeit der Parlamente entschdigen sich die Kommissionen und die
gewandteren Abgeordneten durch offizielle Rcksichten, die man ihnen
gewhrt. Wrden unsere Parlamente heute vor die Aufgabe gestellt,
Koalitionsministerien zu schaffen, so wren sie ratlos; sie wissen
selbst, da ihre Minister sich nicht mit denen der Bureaukratie wrden
messen knnen. Alles in allem kann man sagen: es wrde ohne unsere
Parlamente ebensogut oder besser regiert werden, als mit ihnen. Dereinst
sollen sie die Schule des Staatsmannes, die Quelle der Auslese, die
Trger der Verantwortung werden. Heute sind sie bestenfalls das kleinere
von zwei beln.

Woher kommt das? Die Grnde sind die gleichen, wie die, welche die
Regierung lhmen. Halbkonstitutionelles System, daher parlamentarische
Machtlosigkeit, daher parlamentarische Interessenlosigkeit, daher
parlamentarische Unzulnglichkeit, daher Unmglichkeit, dem Parlament
grere Verantwortung zu gewhren, daher halbkonstitutionelles System.
Den Zirkel knnte nur das Volk zerschneiden, doch es ist unpolitisch,
parlamentsmde, noch bevor es ein echtes Parlament kennengelernt hat,
indolent, durch gelehrte Theorien, Schlagworte und Beeinflussung
kopfscheu gemacht. Die grte Verwirrung aber stiftet der angebliche
Gegenbegriff Autokratie und Demokratie.

Bismarck hat den bourgeoisen Liberalismus vernichtet, das war sein
Recht; er hat ihn berdies derart diskreditiert, da er fast mit dem
Makel der Unehrlichkeit behaftet wurde, das war sein Unrecht. Machte
Liberalismus den Menschen gewissermaen gesellschaftsunfhig und
ungeeignet, ein besseres Amt zu bekleiden, so war Demokratismus
offenkundige Auflehnung gegen die gottgewollte Obrigkeit und
Abhngigkeit; und so erscheint er den meisten noch heute. Man denkt an
Pbelherrschaft und Kommunismus und kommt sich klug vor, wenn man
beobachtet, da selbst in Republiken eigentlich autokratisch regiert
wird.

Autokratisch soll berall regiert werden, jede andere als die
autokratische Regierung ist machtlos und unfhig. Autokratie und
Demokratie sind nicht Gegenstze, die sich ausschlieen; im Gegenteil,
nur durch Vereinigung kommen sie zur Wirkung. Nur auf demokratischer
Grundlage kann und darf autokratisch regiert werden, nur mit
autokratischem berbau ist Demokratie gerechtfertigt.

In allen Zeiten haben Personen regiert, nicht Krperschaften und Massen.
Regieren aber ist Kunst, sie kann nur gebt werden, wenn der schaffende
Mensch ungestrt, unbehelligt, vom Vertrauen getragen bleibt. Regiert er
ohne Vertrauen, durch Macht, so ist er Despot, regiert er ohne
Vertrauen, kontrolliert, behelligt und gehemmt, so ist er Stmper.

Vertrauen macht Autokratie mglich, Demokratie macht Vertrauen mglich.
Vertrauen schenkt man dem, den man kennt und will, nicht dem, der
ernannt wird. Wohl kann auch der Ernannte sich Vertrauen erwerben; bis
er es hat, ist er tot, zum mindesten verbraucht. Das Vertrauen zum
Erwhlten mu und soll nicht ewig whren; endet es, so tritt er ab, ein
anderer richtet den Weg wieder gerade, renkt die Fehler ein, und nach
einer Zeit mag der erste wiederkommen. Durch den Begriff des Vertrauens,
womit nicht der plumpe Kredit brgerlicher Unbescholtenheit, sondern
geistiges Vertrauen gemeint ist, verbindet sich Demokratie und
Autokratie zur einzigen politischen Form, die groer Verantwortung
gewachsen ist.

Dies wissen wir nicht, verhhnen den demokratischen Autokratismus,
stellen ihm die demokratische Wahlform eines machtlosen Parlaments
gegenber und machen aus unverhohlenem Mitrauen durch stets verschrfte
Kontrollen den uns auferlegten Staatsmnnern das an sich unmgliche
Leben noch unmglicher.

Bevor wir nun der Frage antworten, welche unserer Charaktereigenschaften
unser politisches Leben verwirrt und uns den Aufstieg zu neuer Gesinnung
erschwert, sei eine Bemerkung eingeschaltet, die unser neueres
Verhltnis zur Beobachtung eigener und fremder Charakterzge betrifft.

Mag man sich zum Kriege stellen, wie man will; unvergelich bleiben jene
Augusttage auch fr den, der hinter den Jubelchren Schatten aufsteigen
sah. Bald wurde auch manchem anderen der falsche Ton vernehmlich, der
in der herrlichen Begeisterung der Jungen, in der brderlichen
Opferfreude der lteren anfnglich verklungen war. Bald wurde fhlbar,
es gab auch solche, die von dem groen Ereignis eigene Vorteile hofften,
sei es fr die alte, sei es fr eine neue Laufbahn, sei es fr
geschftliche, sei es fr politische Sonderstrebungen; es gab auch
beabsichtigten und interessierten Enthusiasmus. Whrend drauen die
ersten und herrlichsten Taten geschahen, whrend die erste, heieste
Hingabe der Heimat, zumal der Frauen, die Herzen erwrmte, regten sich
die ersten Heimkrieger, Kriegsspekulanten und Raffer. Whrend das Volk
an den Fronten diszipliniert, daheim organisiert wurde, verebbte der
Geist. Nie hatte es ein derartiges Absinken der geistigen Ebene Europas
in so kurzer Zeit gegeben. Das Denken der Gebildeten verschmolz mit dem
der Massen zu aufgeregter, unduldsamer Suggestion, die jede Prfung und
Besinnung verpnte, das Ungereimteste, Widersinnigste, Gehssigste wurde
ausgesprengt, geglaubt, geurteilt, vorausgesagt, und jeder verfolgt, der
nicht einzustimmen schien. Ja, eine Tendenz trat auf, die man nicht
anders als die Rankne des Ungeistes benennen kann, und die sich,
unausgesprochen, folgendermaen zu uern schien: Zu lange haben wir
die verstiegenen Dinge, die sich geistig und knstlerisch nannten, die
niemand von uns verstand, und die uns mifielen, gegen uns gelten lassen
mssen. Das hat jetzt ein Ende. Wozu seid ihr Geistigen da? Jetzt
herrscht der Arm, und der wird euch zeigen, da er die Welt bezwingt.
Verkriecht euch, jetzt wollen wir lesen, sehen und hren, was wir
verstehen, und was uns freut. Und wirklich, bis in die Auslagen der
Lden drang der gut brgerliche Geschmack, der Tonzwerg- und
Pfeifenkopfhumor, in den Unterhaltungsbeilagen der Bltter las man
Geschichten vom treuen Spitz und klugen Elschen, und im Parlament
stimmte man einem Redner zu, der die fnfhundertste Auffhrung einer
rhrenden Operette als Wiederkehr der Unschuld und Harmlosigkeit pries.

In dieser Atmosphre begannen die Massenurteile ber fremden und eigenen
Volkscharakter. Einem leidenden und erbitterten Volke ist es nicht zu
verbeln, wenn es von feindlichen Rnken und Greueln hrt, die in
Millionenheeren nicht ausbleiben knnen, da es sich in
leidenschaftlicher Verallgemeinerung dem entrsteten Hasse hingibt; und
dieser Ha wtet in der Heimat noch rckhaltloser als im Felde, wo
ritterliche Anerkennung feindlicher Tapferkeit ihm entgegenwirkt. In
solchen Zeiten sollte der Gebildete sich dreierlei vor Augen halten,
wenn er nach allgemeinem Urteil strebt.

Erstens. Ein Volk ist ein kollektiver Geist, der von auen betrachtet,
anders wirkt als die Summe der Einzelgeister. Solange die Vlker nahezu
anarchisch, nach Raubtierart leben, mu jedes Volk, das gut geleitet und
zielbewut seine Interessen vertritt, nach auen raubtierhaft
erscheinen, ohne da seine Glieder Raubtiere zu sein brauchen. Erscheint
es nach auen gutmtig, freundlich, dankbar, gefhlvoll, so ist das kein
Beweis fr derartige Eigenschaften seiner Glieder, sondern ein Beweis
von politischer Schwche und schlechter Leitung. Der anarchische Zustand
soll und wird aufhren; dann werden die Vlker als kollektive Gebilde
das Recht und die Pflicht haben, nach auen menschenhnlich und
sittlich zu erscheinen. Solange man den anarchischen Zustand, die
gerstete Feindschaft aufrechterhlt, somit will, soll man sich nicht
damit brsten, wenn man nicht den Willen, die Kraft oder den Erfolg der
vereinbarten Brutalitt besitzt, und soll nicht den verurteilen, der die
Folgen zieht. Ein guter Schachspieler wird seinem Partner nicht das
Brett um den Kopf schlagen, mit der Begrndung, der andere habe ihm in
hinterlistiger Weise seine Dame genommen oder seinen Knig eingekreist.
Leider sind beim anarchischen Zustande der Staaten fast alle Mittel im
Frieden und Kriege erlaubt. Das darber hinausgehende Unrecht fllt
jedoch meistens einzelnen, selten der Gesamtheit zur Last. Schlimm ist
es freilich, da die Gemeinschaft sich fast immer bestimmen lt, das
Einzelunrecht zu entschuldigen; das liegt in der Regel an der
Einseitigkeit der Berichterstattung und der Schwierigkeit der
Nachprfung.

Zweitens. Die Charaktere der Kulturvlker sind hnlicher als man glaubt.
In jedem Volke gibt es Heilige und Snder, Seelenhafte und Seelenlose,
Helden und Feiglinge, Idealisten und Krmer, Mrtyrer und Mrder, in
allen fast in der gleichen Mischung. Weit verschiedener als die Vlker
untereinander sind die Schichten innerhalb ein und desselben Volkes. Die
meisten Vergleiche populrer Psychologie haben den Fehler, da man
ungleichartige Schichten verglichen hat; unwillkrlich whlt man bei
sich selbst die hhere, beim anderen die tiefere Schicht zum Vergleich.
So entstehen jene grauenhaft trivialen, grundfalschen Populrurteile,
die mehr als alles andere dazu beigetragen haben, die Vlker zu
entzweien.

Drittens. Psychologisches Urteil lt sich nicht erlernen. Es ist nicht
Sache der Wissenschaft, noch weniger der brgerlichen Beobachtung,
sondern der Einfhlung. Ein Gelehrter, der Literatur, Kultur oder
Verfassung eines Volkes studiert, kann wertvolle Einzelzge vereinigen,
dasselbe kann ein gereifter Brger, der irgendwo gelebt und gute oder
schlechte Geschfte gemacht hat; das Einfhlen in die Natur eines
einzelnen, das viel schwierigere Einfhlen in die Natur eines Volkes
fordert intuitive, ja dichterische Begabung.

Von solcher Vorsicht des Urteils waren unsere Gebildeten weit entfernt,
und viele der Gebildeten unter unseren Gegnern sind es noch heute. Von
Geschftsreisenden, Berichterstattern und Stubengelehrten lieen wir uns
mehr erzhlen als ntig war, selten wurde ein berufener Beurteiler
gehrt, viele wollten oder muten schweigen.

So war die Stimmung vorbereitet fr das beschmendste und undeutscheste,
was in diesem Kriege geschah, die malose, schamlose Ausschttung des
Selbstlobes. Nichts hat so sehr zur Entsittlichung des Landes, zur
Miachtung des Gesetzes, zur berempfindlichkeit der Stimmung
beigetragen als die langandauernde tgliche Selbstverherrlichung. Denn
was brauchte ein Volk von sich zu verlangen, was sich zu versagen, dem
Gott allein, vor allen anderen, smtliche Tugenden und Begabungen
verliehen hatte? Nur wir waren treu und bescheiden, nur wir waren tapfer
und hingebend, nur wir waren tief und genial, sittlich und heldenhaft,
glubig und seherisch. Alle anderen waren vor Gott und Menschen
verworfen. Warum Gott die brigen so unzulnglich geschaffen hatte?
Offenbar nur, um uns zu verherrlichen. Wir waren das auserwhlte Volk,
gesandt, um allen Vlkern das Licht zu bringen, und alle zu beherrschen.

Es hat ein Volk gegeben, das sich das auserwhlte genannt hat. Es war
kein schlechtes Volk, es hat der Welt die Offenbarung, viele Propheten
und ein herrliches Buch gebracht. Wegen seines verruchten Stolzes auf
Auserwhltheit aber ist es in die vier Winde zerstreut worden, seine
Kinder haben zweitausend Jahre in Blut und Trnen gebt, und ihrer Bue
und Trnen ist noch heute kein Ende.

Gott verhte, da auf unser deutsches Volk dieser Frevel falle.

Wir sind kein auserwhltes Volk und wollen es nicht sein. Wir sind ein
junges Volk und haben dennoch eine alte, herrliche Vergangenheit. Auf
unserem Boden sind groe Helden erwachsen, die hchsten Dichter und
Philosophen der neuen Zeit haben ihn betreten. Die Musik der Welt ist
auf deutschem Boden erstanden.

Wir sind ein junges Volk. Vielleicht keiner von uns stammt unvermischt
von taciteischen Germanen, wenige entstammen der Oberschicht, die den
deutschen Geist und die deutsche Geschichte geschaffen hat; die meisten
sind Kinder der namenlosen, unhistorischen unfreien Unterschicht, von
der die Wissenschaft nichts wei; viele sind zugewandert. Wir sind jung
und wissen wenig von uns. Wir wissen, da sich unsere Jungen gut
schlagen. Wir wissen, da wir organisierbar und disziplinierbar sind,
da wir uns in die mechanisierte Welt vollkommen eingefgt und sie
vorwrts gebracht haben. Wir haben eine gewaltige Wissenschaft und eine
bedeutende Technik. Seit dem Ende jener groen Umschichtung, seit
hundert Jahren, sind uns hchste Geister nur sprlich erstanden. Doch
fhlen wir uns als die Erben und geistigen Nachkommen jener Groen, weil
wir sie begreifen, in uns tragen und verehren. Wir drfen hoffen, da
etwas Verwandtes in uns lebt und sich immer wieder verkrpern wird. Wir
ringen um die Form unseres Lebens, unseres Geistes und unseres Staates.
Vor allem: wir blicken uns in die Augen und fhlen das herzliche
Vertrauen vom einen zum anderen, zum guten Willen und zur reinen Kraft;
wir blicken in die lieben Augen unserer Frauen und fhlen die blhende
Wrme des Lebens und die gesegnete Verheiung der Zukunft.

Eines freilich haben wir vor allen anderen Vlkern voraus, eines, das
keine Ruhmredigkeit gestattet und keinen Neid herausfordert: die Hrte
und Schwere der metaphysischen Pflicht.

Deshalb ist uns der Blick nach innen und nach oben gegeben, das Streben
zur Sache, zu den Dingen und zur Wahrheit: damit wir das Nahe und das
Ferne erfassen und begreifen, damit wir die Dinge in ihrer Beziehung zum
Kosmos erfhlen, damit wir hchste Gerechtigkeit ben, uns selbst hrter
prfen als alle anderen, und das schwerste von uns verlangen. Und
deshalb ist uns harter Boden, harter Himmel und hartes Leben gesetzt,
damit wir nie erlahmen, im schwersten Dienst den gttlichen Geist zu
verherrlichen.

Leichtes Leben, leichte Freude und leichtes Urteil, das anderen
freisteht, ziemt uns nicht. Wenn wir die Gnade der bitteren
Verantwortung, die auf uns gelegt ist, voll erfassen, so werden wir die
dankbarsten aller Menschen und im Stolze des hchsten Dienstes die
demtigsten sein.

So sind wir zur Selbstprfung unseres Charakters zurckgekehrt und haben
die Hrte der Unerbittlichkeit gewonnen. Mit ihr die uere
Furchtlosigkeit des Bekenntnisses. Wehe dem, der die innerlichen Momente
des leiblichen oder geistigen Lebens eines Menschen belauert und
belauscht, um seiner zu spotten oder gegen ihn zu zeugen. Er hat das
Recht des Zeugens und des Zeugnisses verwirkt, sein eigener Hohn
schleudert ihn und die seinen herab von der Stufe, auf der nach hohem
Mae sittlich gewertet wird.

Was wir zu bekennen haben, ist nichts Neues und nichts bermig
Schweres. Unsere Besten haben es uns oft gesagt, bald spottend, bald
schmhend; was sie uns nicht gesagt haben, und was wir selbst uns sagen
mssen, das sind die unabsehbaren Folgen und Gefahren einer einzigen
wesentlichen Schwche unseres voluntarischen Charakters.

Uns Deutschen fehlt das persnliche Unabhngigkeitsgefhl, wir neigen
zur gewollten Abhngigkeit.

Verwechseln wir nicht Unabhngigkeit mit Zuchtlosigkeit, vermengen wir
nicht Abhngigkeit und Treue.

Ein Mann soll Zucht halten und Zucht ben, denn der Kosmos ist eine
Ordnung, nach seiner Idee hat jedes Glied zu tragen und zu lasten, zu
leisten und zu leiten. Die Zucht huldigt der Idee, nicht ihrem Organ,
der Gewalt; als Freie sollen wir nicht Machthabern gehren und
gehorchen, sondern uns geordneter, gewollter Fhrung anvertrauen und
hingeben. Von trauen kommt Treue, sie ist das freiwillige, berzeugte,
unverbrchliche Geschenk des Vertrauens. Erzwungene Treue ist ein
begrifflicher Widerspruch; erzwungen werden kann Unterwerfung; Treue,
die hchste irdische Pflicht, ruht auf Freiheit und Wahrhaftigkeit.

Das bedeutet nun freilich nicht, da ein jeder sich nach Willkr die
Bindungen auserwhlen kann, welche er auf sich nehmen will, und welche
nicht. Ein bestehender Staat, eine geordnete Gesellschaft, vor allem
eine wirkende Heeresmacht, legt Bindungen auf, die nach der Ordnung der
Gesetze so unverbrchlich sind, wie hchste irdische Pflicht es nur sein
kann. Somit ist jede Frage der Unterwerfung unter rechtskrftiges Gesetz
und seine Ausbung der Errterung entzogen.

Etwas anderes aber ist es, welche Bindung und Bindungsform man will und
welche man nicht will, ob man dazu neigt, sich in auferlegte Bindung zu
strzen oder sich zu selbstgewollter Bindung zu fgen, ob man neigt,
sich an Macht, Gewalt und ihre Besitzer hinzugeben, oder der Idee, ihrer
Verkrperung und ihren Trgern zu folgen, ob man der Person oder der
Sache gehrt, ob man pariert oder dient, ob man ein Diener oder ein
Dienender ist. Vor allem, ob man unter vorsorglicher Htung und Hegung
zu leben wnscht, oder ob man gewillt ist, Verantwortung zu tragen und
zu fordern.

Sicherlich hat unser schnes Erbe der Sachlichkeit dazu beigetragen, da
wir uns niemals lange fragten, ob, mit welchem Recht, in welcher Form,
und zu welchem Zweck eine Sache uns auferlegt wurde, wenn sie nur
ordentlich erfllt wurde; da wir jedes ererbte Abhngigkeitsverhltnis
mit alleiniger Ausnahme allzu ausgesprochener Fremdherrschaft willig
hinnahmen. Doch tuschen wir uns nicht: der Zug zur Abhngigkeit ist ein
Erbteil nicht des alten Germanentums, das bei hchster Treue von
hchstem Unabhngigkeitsdrang, Trotz und Eigenwillen war, sondern der
unfreien, dienstgewohnten und verngsteten Unterschichten, die
allzulange, vor allem im mittleren und stlichen Teile des Landes, die
Masse der Bevlkerung bildete. Noch im 18. Jahrhundert galten hier die
Sinnbilder der Untertnigkeit: Saumku und Peitsche, und der Adel nannte
seine Hintersassen die Kanaille. Der Vergleich des deutschen Halbslawen
mit dem stammesreineren Friesen, Westfalen, Franken und Schwaben weist
die Abstufung des Abhngigkeitssinnes in Charakter und Lebensform. Nicht
nur der einzelne, auch ein Volk bedarf der Kinderstube. Die heroische
und geistige Vergangenheit einer Oberschicht hat nicht immer die Wirkung
eines Vorbildes; sie kann bei hinreichender Entfremdung umgekehrt,
nmlich distanzierend wirken, indem die Herren alle Ehren fr sich
verlangen.

Es scheint unbegreiflich und ist es nicht, da wir uns der Eigenart
unseres Abhngigkeitsdranges so gar nicht bewut sind, und da wir seine
sichtbarsten Folgen, die Unselbstndigkeit unseres staatlichen Lebens,
die militrisch-feudale, die bureaukratische, die plutokratische
Bindung, das Vorgesetzten- und Subordinationswesen des brgerlichen
Lebens, den schroffen und zurechtweisenden Verkehrston, das umspannende
Netz der Verordnungen und Verbote, die Bevorzugung der Stnde, die
zopfigen Ungleichheiten und Unfreundlichkeiten amtlicher Behandlung, die
Ansprche der Besitzer und Interessenten so gar nicht empfinden. Es
fehlen uns die Vergleiche. Vorhaltungen Fremder, die berdies in
gehssiger Form und falscher Formulierung gemacht zu werden pflegen,
lehnen wir mit Recht ab. Doch unsere Auswanderer der letzten
Menschenalter sind nicht heimgekehrt, sicher nicht aus Mangel an
Heimatsliebe, oder aus Liebe zur Fremde, oder aus Geldgier. Sie konnten
sich in die Atmosphre nicht mehr finden, nachdem sie ihnen durch
Vergleich bewut geworden war.

Auf hherer Geistesebene kann der Abhngigkeitsdrang, wie jede
menschliche Schwche, an gewisse Tugenden grenzen. Man rhmt unsere
Organisation, besser gesagt, unsere Organisierbarkeit, Pnktlichkeit und
Disziplin. Man kann sich bei uns auf alles verlassen. Was befohlen ist,
geschieht. Was eingebt ist, klappt. Was geordnet ist, stimmt. Das ist
gut und soll so bleiben. Doch es ist nicht gleichgltig, um welchen
Preis das letzte Prozent der Genauigkeit erkauft ist. Eine einzige
schpferische Idee kann um das tausendfache jede disziplinierte
Gewhnung bertreffen. Unfreiheit auf allen Lebensgebieten rechtfertigt
kein Hhepunkt der Przision. Selbst wenn nationale Monopolstellungen,
etwa auf dem Gebiet des Militarismus, durch hundertjhrige
berdisziplinierung eines Volkes erlangt werden knnten, wre es
bedenklich, sie zu erstreben; doch gerade der Krieg hat gezeigt, da
solche Sondervorteile nicht bestehen.

Schon auf dieser hheren Ebene beginnen jedoch offenkundige Gefahren.
Abhngigkeitsgefhl, auf Geistiges bertragen, bedeutet
Autorittsglauben, Autorittsberschtzung, Haften an berlieferung, an
herkmmlichen Denkreihen und Methoden.

In der Wissenschaft hetzen wir den Entwicklungsbegriff und den
Historismus zu Tode. Wir wagen keinem Gegenstand unbefangen ins Auge zu
sehen, ihn zu werten und auszuschpfen; wir wollen alles hinten herum
ber ihn, seine Vergangenheit, Sippschaft, Umstnde und Analogien
erfahren, verlieren alle Naivitt, und mssen ihn jedesmal, nachdem wir
ihn gutwillig oder mit Gewalt logisch gemacht haben, am Ende
schlechterdings billigen. Wir wissen alles, um alles beim alten zu
lassen. Die amtliche Wissenschaft ist, nchst dem Interessenten, unsere
konservative Kraft. Die Verfolgung jeder Originalitt, sofern sie jnger
ist als ein Menschenalter, scheint ihr geboten.

In der Verwaltung haften wir an der Tradition. Eingestanden oder nicht:
Man sehnt das Vorbild des alten Preuen zurck, eines landwirtschaftlichen,
unmechanisierten Mittelstaats, der nach Art einer groen Gutsherrschaft
vom Eigentmer mit Hilfe einiger Kabinette verwaltet werden konnte. Die
Bewegungsfreiheit der Ressorts in jeder Frage weittragender Politik habe
ich geschildert; noch nie hat meines Wissens einer der Beteiligten, mit
Ausnahme Bismarcks, sie offen gergt; man betrachtet diese Abhngigkeit
als ebenso gottgewollt, wie die der Fhrung, der Anschauung, der
Atmosphre.

In der Politik wird grere Unabhngigkeit von einzelnen Parteien
programmatisch erstrebt. In der Praxis wrde man erschrecken, wenn sie
gewhrt wrde. Ob ein parlamentarisches Ministerium berhaupt von den
bestimmenden Personen zustande gebracht werden knnte, ist fraglich. Man
wrde vorziehen, die Verantwortung in gewohnter Weise bernommen zu
sehen, und allenfalls es nicht bel vermerken, den eigenen Namen auf
der Liste zu finden.

ber die Abhngigkeit von zwei Herrenkasten, der militarisch-feudalen
und der bureaukratischen sowie von der emporgedrungenen plutokratischen
Schicht, die sich gegenwrtig durch den Zutritt der Kriegsgewinner
verstrkt, ist nichts weiter zu sagen.

Das seltsamste Abhngigkeitsbedrfnis auf hherer Ebene ist das
gesellschaftliche, das sich im Grobrgertum auswirkt.

Militr und Beamtenschaft unterstehen einer Fhrungs- und
Herkunftskontrolle. Das gehobene Brgertum will sie nicht entbehren. Der
innere Grund ist vermutlich der: Da das gesellschaftliche Vorbild einer
Aristokratie fr allgemeine Haltung und Lebensform fehlte und der junge
Reichtum zu massenhaft aufscho, um ein Patriziat zu bilden, verlangte
man nach Legitimation. Diesem Bedrfnis kam der Staat, halb unbewut,
halb humorvoll berechnend entgegen. Es gibt in Deutschland der Schtzung
nach mehrere tausend Titulaturen, Rangstufen und Auszeichnungen. Viele
wurden dem Brgertum zugnglich, und man konnte es dem Staat nicht
verbeln, ja man sah vielfach eine erwnschte Verbriefung darin, da
eine milde Kontrolle der Herkunft und der Fhrung, eine entschiedenere
der politischen Gesinnung an die Verleihung geknpft wurde. Der Vorteil
war offenkundig: Hatte ein mittlerer Industrieller dreiigtausend Mark
fr Kirchenbauten gestiftet und kurz darauf die Wrde eines Kniglichen
Kommerzienrates erhalten, so war es ihm und den Seinen eine
Befriedigung, da eine Prfung seiner persnlichen und geschftlichen
Verhltnisse vorausgegangen, und somit auch nach auen der Beweis
erbracht war, da die nackte materielle Leistung allenfalls den Anla,
keinesfalls den Grund seiner brgerlichen Erhhung ausmachte.

Es ist fraglich, ob die herrschenden Staatsmchte sich bewut sind,
welch ungemessenen Gesinnungseinflu die selbstgewhlte
Fhrungsabhngigkeit des hheren Brgertums ihnen gewhrt. Unter
Hunderttausenden von brgerlich oder militrisch Begnstigten findet
sich kaum ein Sozialdemokrat; im militrischen Verhltnis wurde vor dem
Kriege ausgesprochener Liberalismus nicht geduldet, im brgerlichen
Verhltnis war er selten. Zieht man die Wirkung auf Anhang und
Gefolgschaft in Betracht, so ergibt sich, da die als lliche und
gutartige Schwche verspottete Titelsucht der Deutschen eine der
ernstesten politischen Realitten bedeutet: nmlich den Verzicht eines
bedeutenden Teils der brgerlichen Intelligenz auf politische
Unabhngigkeit.

Um Unabhngigkeitsdrang zu suchen, wenden wir uns von den brgerlichen
Schichten zu den Organisationen des Proletariats, und finden die
Abhngigkeitssucht in ihren vier schroffsten Formen: Abhngigkeit vom
wissenschaftlichen Dogma, Abhngigkeit der Massen von den Fhrern,
Abhngigkeit der Massen von der selbstgeschaffenen Atmosphre,
Abhngigkeit der Fhrer von den Massen. Kme Christus wieder und
verstiee wider das Programm der Schriftgelehrten, so wre er in der
Parteiversammlung nicht sicherer als anderswo.

Alle Selbstndigkeit und Unabhngigkeit hat sich ins Wirtschaftsleben
geflchtet. Dort herrscht sie jedoch nicht aus starkem Charakter und
unbeugsamer berzeugung, sondern im Dienste des Kampfes um mein und
dein. Schlimm genug: Unabhngig und mannstolz knnen wir sein, wenn es
sich lohnt. Um einer Million willen lohnt es, um lumpiger Ideale willen
lohnt es nicht.

Der Unabhngigkeitsdrang der Gewerbe, der einzige, den wir haben, und
der einzige, der gezgelt sein sollte, verbunden mit einer unerhrten
Schulung im geschftspolitischen und dialektischen Gebaren entwickelt
sich zu unserer schwersten inneren Gefahr. Wenn der Generalsekretr des
Allgemeinen Deutschen Verbandes zur Wahrung der Interessen smtlicher
Zweige der ausgestopften Vogel-Industrie (Abgekrzt: A. D. V. z. W. d.
I. s. Z. d. a. V. I.), blendende Erscheinung, sonor und formgewandt, von
der Tribne die Bedeutung der ihm anvertrauten Interessen erlutert und
mit historischen, geographischen, ethnographischen, handelspolitischen,
finanziellen, sozialen, kulturellen, ethischen und allgemein
menschlichen Beweisen bekrftigt, wenn er dann auf unsere Ostpolitik
bergeht und darlegt, da sie unter Umstnden nicht weit entfernt sei,
einen gewissen unendlich wichtigen Zweig seines Gewerbes zu schdigen,
so wird jedes Herz mit Sorge erfllt. Wenn alsdann Hunderttausende von
Flugschriften, zahlreiche Versammlungsbeschlsse, Handelskammereingaben
und Abgeordneteneinsprche die Warnung wiederholen, so werden manche
seiner Freunde dem Staatsmann empfehlen, seine Gesamtpolitik zu ndern.
Da es schlielich keine Politik gibt, die nicht irgendwelche Interessen
verletzt, so mu es am Ende dahin kommen, da nur noch solche Dinge
unternommen werden knnen, deren Gegeninteressenten schwach, miliebig
oder sprlich sind; das bedeutet die letzte Einschrnkung unserer
ohnehin so geringen Bewegungsfreiheit. Wir gehen am Interessenten
zugrunde.

Wir steigen von der hheren geistigen Ebene zur mittleren herab und
finden weniger freundliche Zge unseres Dranges zur Abhngigkeit.

Die menschliche Verflechtung von Autoritt und Folge erstarrt zu einer
lckenlosen Kette Vorgesetzter und Untergebener, verbunden durch die
eiserne Klammer der Subordination. Der Mensch ist nicht ein Glied
organischer Gemeinschaft, sondern er ist festgelegt, seinem Werte,
seinem Selbstbewutsein, seinem Ansehen nach, durch die Bestimmung: wen
er kommandiert und wer ihm etwas zu sagen hat. Unbewut wandelt sich
jede Beziehung in ein Subordinationsverhltnis: Der Vater ist der
Vorgesetzte des Kindes, der Lehrer ist der Vorgesetzte der Schler, der
Schutzmann ist der Vorgesetzte des Publikums, der Schalterbeamte ist der
Vorgesetzte der Briefmarkenkufer, das Militr ist der Vorgesetzte des
Zivils, und in den Kolonien fhlt sich, sehr zum Schaden des
zivilisatorischen Gedankens, der Weie vielfach als Vorgesetzter des
Eingeborenen.

Subordination! Dies harte Wort spt-lateinischen Ursprungs wird in
anderen Sprachen als der deutschen fast nie gebraucht; wir haben es
jeden Tag ntig. Es durch Gefolgschaft, Unterordnung, Treue zu ersetzen,
fllt niemand ein, denn es bedeutet etwas anderes und soll etwas anderes
bedeuten. Selbst Gehorsam und Folgsamkeit, Worte, die auf erwachsene
Menschen keine Anwendung haben, wrden nicht ausreichen. Der Sinn, den
Subordination in uns erweckt, ist schrankenlose Unterwerfung eines
Menschen unter das Gebot eines anderen Menschen, und die Symbolik der
Ehrenbezeigungen, die dieses Verhltnis bekrftigen, verlangt
rckhaltloses Hinstrecken des ganzen Leibes. Es ist folgerichtig, da in
zwei ganz verschiedenen Sprachen gesprochen wird, je nachdem man von
unten nach oben oder von oben nach unten sich uert. Hier wird
untertnigst erinnert, gehorsamst anheimgestellt, ganz ergebenst
gebeten, bemerken zu drfen, man beehrt sich, erstirbt, legt sich zu
Fen, dort wird geruht, befohlen, verordnet und im besten Falle
ersucht. Hier wird in der dritten Person Pluralis gesprochen, in
Ermangelung einer vierten, dort beliebt man vielfach, auch vom jngeren
zum lteren, ein vterliches Du. In hheren Erlassen erscheint unter
Umstnden das ganze Volk als ein kollektiver Untergebener oder Untertan,
es wird zur Treue, zur Pflichterfllung und zum Gehorsam ermahnt.

Das fortlaufende Kettenverhltnis: Vorgesetzter -- Untergebener findet
ein gewisses Gleichgewicht in sich selbst: Schrfe gegen den
Untergebenen findet ihre Grenze in der Vorsicht gegenber dem eigenen
Vorgesetzten; bedenklichere Folgen knnen entstehen, wenn die Wirkung
nur nach unten stattfindet, weil der eigene Vorgesetzte unerreichbar
oder nicht vorhanden ist. Solche Folgen sind vorzeiten gelegentlich im
Auslande und in Kolonien entstanden.

Es ist begreiflich, da unsere Herrenkaste den deutschen
Subordinationszustand will und verteidigt, denn er dient ihr dazu, die
bestehende Schichtung zu erhalten. Da sie sich gern patriotischer und
theologischer Argumente bedient, so hat sie den wirksamem Ausdruck der
gottgewollten Abhngigkeit erfunden. Innerhalb der Herrenkaste, die
berhaupt in Deutschland die einzige Klasse bildet, welche die inneren
Verhltnisse klar berblickt und ber auswrtige Vergleiche verfgt,
wird denn auch hufig und vorurteilslos ber das einheimische
Subordinationswesen gesprochen, der Mangel an Wrde und Herrentum
vermerkt, und insbesondere in seiner Wirkung auf das Ausland gewrdigt.
Man hlt jedoch das Volk fr nicht hinreichend mndig, die feudale
Schichtung fr zu unentbehrlich, um eine nderung zuzulassen.

In unseren mittleren Kreisen fehlen die Vergleiche. Man kann sich keinen
anderen Zustand vorstellen als den, da jeder, der es sich leisten kann,
kommandiert, und jeder, der es sich gefallen lassen mu, kommandiert
wird. Was man von oben empfngt, gibt man nach unten weiter, und noch
etwas Eigenes dazu. Wie sollte man dazu kommen, diese Dinge als
Sittenfragen zu behandeln? Sie sind nun einmal so und mgen so bleiben.

Es schmerzt mich, wenn ich daran denke, da unser Land auf den schroffen
Begriff der Subordination gestellt ist, whrend Lnder weit geringerer
Zivilisationsstufe sich von ihm befreit haben. Fhrende und Folgende
gibt es freilich berall; doch es gengt, das Abhngigkeitsverhltnis im
Sachlichen sich auswirken zu lassen, auf menschliche Beziehung soll es
nicht bergreifen. Vollends beschmt es mich, wenn ich gestehen mu, da
ich kein anderes zivilisiertes Land gefunden habe, in dem es Menschen
gab, die andere grob behandelten, und solche, die sich grob behandeln
lieen. Unsere Gutmtigkeit, die fr den Begriff des Anschnauzens
mindestens ein Dutzend humorvolle Bezeichnungen erfunden hat,
entschuldigt uns ein wenig, ein wenig auch unsere Formlosigkeit, doch
es bleibt genug brig, was zu denken gibt.

Freunde, nehmt diese Dinge nicht leicht! Unsere Abhngigkeit schdigt
den Menschenwert. Wir brauchen Herrentum und Wrde. Hat es nicht manchen
unter euch gegeben, den selbst die uerungen des Patriotismus vor dem
Kriege einen unlieben Beiklang vernehmen lieen? In den frohesten Ruf
mischte sich ein aggressiver Schnarrton von Subordination. Bismarck
sagte in theoretischer Einkleidung: wir htten Untertnigkeit an Stelle
des Nationalgefhls im Leibe. Wissen wir heute, da das Vaterland unser
Land, der Staat unser Staat, und unsere Treue zum Knig die freie
Zustimmung und Gefolgschaft freier Mnner ist?

Sollen wir zu den tiefsten Geistesformen des Abhngigkeitsgefhls
niedersteigen? Wenige allgemeine Andeutungen mgen gengen. Wenn das
mnnliche Selbstgefhl erlischt, so entsteht nicht Emprung und
Auflehnung, sondern Passivitt. Man mu sich manches gefallen lassen und
trstet sich damit, da es dem Nchsten nicht besser geht, und da man
sich vor ihm nicht zu schmen braucht. Die Oberen haben auch ihre
Schwchen, man klatscht darber, und ist man nicht grer, so sind sie
kleiner geworden. Wo geklatscht und denunziert wird, ist man nicht
aufsssig. Nur soll der Nchste nicht aufsteigen, da wre das Spiel
verdorben. Beim Unglck des Nchsten ist man nicht ohne Mitleid, beim
ersten Strahl des Glcks bricht Neid aus. Sitzen Klatsch und Neid am
Tisch, so steht die Pbelhaftigkeit vor der Tr. Ist jedoch ein
pltzlicher Aufstieg geglckt, so zeigen sich alle Untugenden des
Emanzipierten, denn der innerlich Unfreie wird durch Befreiung nicht zum
Herren.

Genug. Von diesen niederen Formen haben wir nicht viel zu befrchten.
Nur eines: Lat uns den Neid bekmpfen, er ist nicht weit davon, ein
nationales Laster zu sein.

berblicken wir die Erscheinungsformen des unentwickelten
Unabhngigkeitsgefhls und des ausgesprochenen Abhngigkeitsdranges, so
drfen wir sagen: Eine Todsnde belastet uns nicht. Wir sind nicht
Sklaven, wie einst Friedrich im Zorn uns genannt hat, wir sind nicht
Domestiken, wie jener verbitterte Philosoph behauptete. Es ist nicht
unsere Sache, von unseren Tugenden zu reden; dies wissen wir, und das
mag genug sein: Die Nachwelt wird Mhe haben zu begreifen, was unser
Volk im Kriege pflichtgetreu geleistet und heldenhaft geduldet hat.

Doch eines verschweigen wir uns nicht: Das Abhngigkeitsbedrfnis ist
eines der schwersten Hemmnisse des inneren und ueren Aufstieges, es
ist der politische Kardinalfehler eines Volkes.

Denn aller Aufstieg setzt die Wrde des innerlichsten Entschlusses, den
Adel rckhaltloser Entuerung und das Herrentum des Wollens zur eigenen
Verantwortung voraus. Wrde, Adel und Herrentum aber knnen in gewollter
und geduldeter Abhngigkeit nicht erstehen.

Gewi wird Gesinnung den vom Geiste vorgeschriebenen Weg schreiten, und
Einrichtungen werden ihr folgen. Doch beiden voran mu der Aufschwung
des Willens geschehen, und der, leider, ist gehemmt durch eine einzige
Schwche unseres voluntarischen Charakters.

Wrden uns noch heute, als ein himmlisches Geschenk die vollkommensten
Einrichtungen des staatlichen und kulturellen Lebens beschieden, es wre
umsonst. Sie wrden niedersinken auf den Stand unserer Gesinnung und
unkenntlich werden. Denn ein Volk kann seine Gter und Institutionen nur
auf derjenigen Hhe halten, auf der es sie aus eigener Kraft zu schaffen
fhig ist.

Frher habe ich die Gesinnungen und Ziele beschrieben, denen wir
entgegenstreben, heute weise ich euch den friedlichen Kampf, dessen
Beginn vielleicht, dessen Ende ich nicht erleben werde. Es ist der Kampf
um die Seele unseres Volkes, sein erstes Ziel ist Wrde, Adel und
Herrentum. Es gibt eine deutsche Sendung auf Erden. Sie ist nicht die
Sendung des Militarismus, sie ist auch nicht die Sendung der
Mechanisierung und der Technik, obwohl sie diese Ntzlichkeiten nicht
verschmht, sie ist am wenigsten die Sendung der Weltherrschaft. Sie ist
die Sendung, die sie immer war und immer sein wird: die Sendung des
reinen, unbestechlichen, unbeirrbaren und unerbittlichen Geistes. Diese
Sendung fordert nicht Emanzipierte und Untergebene, sondern adlige
Mnner. Es ist nicht unsere Sache, die Kellner, Barbiere und Schneider
fr London und Newyork zu liefern, sondern als freie Mnner auf freiem
Boden brderlich mit den Vlkern zu reden und zu wirken, nicht um des
billigen Nutzens, sondern um des Geistes und der Menschheit willen;
ihnen zu bieten, was wir haben und von ihnen zu empfangen, was wir
brauchen.

In eurem Kampfe zhlen die Jahre nicht. Es wird euch bekmpfen die
Herrenkaste, und das ist schade, denn es sind tchtige Menschen, klug,
mutig und eigenwillig. Doch sie sind kurz von Gesicht und arm an
Phantasie; sie wissen nicht, da im Sturm das fahrende Schiff sicherer
ist als das verankerte, sie wagen nicht zu glauben, da in einem freien
Volke ihre Eigenart mehr wert ist als in einem, mit dem sie kmpfen. An
ihnen haften zwei Snden: Sie haben das Volk unmndig gehalten, um es
leichter zu beherrschen, und sie haben mit ihrer Herrschaft die
Verantwortung zu tragen fr jenes Menschenalter schlechter Fhrung, das
die Gewitteratmosphre schuf. Diese doppelte Schuld wird schwer auf
ihnen lasten.

Bekmpfen werden euch die Interessenten, und das ist gut, fr euch wie
fr sie. Sie wissen nicht, da mit der geistigen und wirtschaftlichen
Anarchie, die sie im Lande erregen, sie den Ast absgen, auf dem sie
sitzen. Sie mssen lernen, da mit den Geschften von heute auf morgen,
die sie erstreben und um die sie sich wrgen, das Korn vor der Ernte
zertreten wird. Das Futter wird nicht mehr, sondern besudelt und
verstreut, wenn man aus Gier mit beiden Fen in den Napf springt; die
Welt ist eng geworden, sie ernhrt uns nur dann, wenn die Arbeit sorgsam
geordnet und geteilt wird.

Bekmpfen werden euch die Indolenten und mehr noch die
Originalschtigen. Ihnen ist es nicht um die Sache zu tun, sondern um
ein apartes, literarisch verwertbares Gerede von der Sache. Sie glauben
die Welt zu ndern, wenn sie Artikel weglassen, Satzglieder umstellen
und im Kaffeehaus neue Zeitwrter ausdenken. Mit beiden werdet ihr
fertig, denn sie haben einen kurzen Atem.

Beginnt ihr zu zweifeln und fhlt ihr euch im Kampf ermatten, so erfllt
euch mit dem Bilde des ragenden inneren Deutschlands, das wir im Herzen
tragen, des Landes der Wahrheit, der Treue, der Geistigkeit, der
Innigkeit, des reinen Glaubens; trnkt und sttigt euch mit diesem
Bilde, und blickt um euch. Seht ihr dann noch das kreischende, gierige
Werben, die vergifteten Gensse, die zynischen Gestalten der frechen
List und der brutalen Schaustellung, die unwrdigen Gebude und
barbarischen Schaustcke: dann hat das neue Reich das alte noch nicht
berwunden und der Kampf geht weiter.

Glaubt nicht, es werde das Geringste euch geschenkt. Kein Ereignis von
auen, nicht das Glckbringende, nicht das Bedrckende spricht euch los.
Bei euch, in euch beginnt der Kampf. Nur wenn ihr frei seid, knnt ihr
befreien, nur wenn ihr edel seid, knnt ihr adeln, nur wenn ihr gerecht
seid, knnt ihr richten, wenn ihr gtig seid, begten, wenn ihr glubig
seid, erwecken.

Glaubt nicht den Lobpreisern des Bestehenden; sie preisen was sie
besitzen, und festhalten, und dazu erwerben wollen. Oder um der Macht zu
schmeicheln, oder, weil man es sie gelehrt hat.

Glaubt nicht den Trgen und Selbstgerechten, die sagen, es sei
anderwrts nicht besser. Die Tugenden der anderen sind nicht unser
Vorbild, deshalb sind ihre Laster uns keine Entschuldigung. Es ist
niedrig, das eigene Ideal an fremder Wirklichkeit zu messen.

Glaubt nicht den Schulweisen, den ohnmchtigen Schriftgelehrten, die
verknden: Alles bleibt beim alten, es gibt keine Entwicklung. Alle
Eigenschaften, die wir haben, sind erworben, es gab eine Zeit, da keine
unserer Tugenden war, und jede unserer Snden ist eine veraltete
Tugend. Die unterworfene Menschheit hat den Weg von der Sklaverei zur
Hrigkeit, von der persnlichen Hrigkeit zur anonymen Unfreiheit des
Standes durchlaufen, sie wird vor der Freiheit und Solidaritt nicht
Halt machen. Mit der Erscheinung reift das Erlebnis, im Parallelismus
der Gestaltung und Entfaltung liegt die Synthese des Rationalen und
Irrationalen.

Freilich fehlt es am fhrenden Geist, am menschlichen Vorbild, denn wir
leben in der Zeit geistiger Anarchie, die nicht die Wahrheit, sondern
sich selbst hren will. Kmen die Propheten wieder, man wiese ihnen
Unwissenschaftlichkeit und mangelnde Logik nach, und geigte ihnen heim
von Kanzeln und Kathedern. Doch je mehr wir uns struben, desto hrter
werden wir gefhrt, und mssen, wie der Krieg es zeigt, aus unseren
Torheiten die Geieln flechten, mit denen der Dmon uns lenkt.

Ein tiefes Gefhl sagt mir: Ihr schreitet freiwillig den Weg, den wir
gezwungen schreiten. Denn wozu wren euch die seltenen, kstlichen Dinge
gegeben: das schwere Erlebnis der Jugend, das Suchen nach der
Verheiung, die erwachende Liebe zum Menschen? An Macht aber wird es
euch nicht fehlen, denn Macht wird dem Volke geschenkt, das die Idee
trgt, in dem Idee und Dasein verschmelzen. Ein Volk, das fr sich
selbst Geschfte, Ausdehnung, Lebensgter will, kann Erfolge haben.
Dauernde Macht kann nur der schenkende Geist, die adlige Verantwortung,
die Autoritt der Idee erwerben, erhalten und ertragen.

Lebt wohl, wir scheiden. Die Fackel ruht in euren Hnden, die
leuchtende und zndende, die verheerende und verklrende.

Seid gesegnet und seid ein Segen unserem Volke. Seid gesegnet mit Hrte
und Unerbittlichkeit. Die soll euch fest machen gegen euch selbst und
gegen den Versucher. Sie soll euch Not und Sorge machen, damit ihr den
gttlichen Anspruch nicht leicht gewinnt.

Seid gesegnet mit stolzer Demut, adliger Entsagung und dienendem
Herrentum. Die sollen euch niederdrcken und euch erheben, euch zu
Dienenden und Schenkenden machen, damit die Welt von euch empfngt und
sich euch hingibt.

Seid gesegnet mit suchendem Geist und ruhelosem Herzen, damit ihr durch
alle Zweifel und Finsternisse strmt und den Frieden der glaubenden
Seele erringt.

Seid gesegnet mit verzehrender Liebe, die soll als ein Feuer aus euch
schlagen, soll euch und das Land lutern von den Schlacken der Zeit und
Vorzeit, und auffahren als eine Opferflamme zum Thron des Segnenden.

Zieht in den Kampf um die Seele unseres Volkes.



_Geschrieben im Juli_ 1918.


_Druck der Roberg'schen Buchdruckerei in Leipzig._



_Werke von Walther Rathenau:_

_Zur Kritik der Zeit_
Fnfzehnte Auflage

_Zur Mechanik des Geistes_
Neunte Auflage

_Von kommenden Dingen_
Fnfundsechzigste Auflage

_Deutschlands Rohstoffversorgung_
Neununddreiigste Auflage

_Probleme der Friedenswirtschaft_
Fnfundzwanzigste Auflage

_Streitschrift vom Glauben_
Vierzehnte Auflage

_Vom Aktienwesen_
Zwanzigste Auflage

_Die neue Wirtschaft_
Sechsundvierzigste Auflage

_Zeitliches_
Zwanzigste Auflage


_Gesammelte Schriften in fnf Bnden_



[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1918 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. Das
Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Buchs an den Anfang gestellt, das
Verzeichnis der Werke Rathenaus nach hinten verschoben. Die nachfolgende
Tabelle enthlt eine Auflistung aller gegenber dem Originaltext
vorgenommenen Korrekturen.

S. 009: zum ersten- und zum letzenmal -> letztenmal
S. 049: [Komma] wer einigermaen berzeugt ist. da -> ist, da
S. 059: neben jedem Halm des Glaubens wird in Bschel -> ein Bschel
S. 063: so wissen wir aus innerer Gewiheit, das jedes -> da
S. 083: [vereinheitlicht] die Wagnersche Geberde -> Gebrde
S. 098: geistigen und seelichen Besitzstand -> seelischen

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaen ersetzt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext# ]



[Transcriber's Notes: This ebook has been prepared from the first print
edition published in 1918 by S. Fischer. The table of contents has been
moved from the back of the book to the front, the list of Rathenau's
other works has been moved to the back. The table below lists all
corrections applied to the original text.

p. 009: zum ersten- und zum letzenmal -> letztenmal
p. 049: [fixed comma] wer einigermaen berzeugt ist. da -> ist, da
p. 059: neben jedem Halm des Glaubens wird in Bschel -> ein Bschel
p. 063: so wissen wir aus innerer Gewiheit, das jedes -> da
p. 083: [normalized] die Wagnersche Geberde -> Gebrde
p. 098: geistigen und seelichen Besitzstand -> seelischen

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Antiqua:    #text in Antiqua font# ]





End of Project Gutenberg's An Deutschlands Jugend, by Walther Rathenau

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AN DEUTSCHLANDS JUGEND ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

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increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

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methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
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unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
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