The Project Gutenberg EBook of Tonio Krger, by Thomas Mann

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Title: Tonio Krger

Author: Thomas Mann

Release Date: November 4, 2007 [EBook #23313]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TONIO KRGER ***




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                 THOMAS MANN

                 TONIO KRGER




                     1964

              S. FISCHER VERLAG




           S. FISCHER SCHULAUSGABEN

            TEXTE MODERNER AUTOREN




      255.--284. Tausend dieser Ausgabe

Copyright 1922 by S. Fischer Verlag AG, Berlin

Druck: Hanseatische Druckanstalt GmbH, Hamburg

              Printed in Germany




I


Die Wintersonne stand nur als armer Schein, milchig und matt hinter
Wolkenschichten ber der engen Stadt. Na und zugig war's in den
giebeligen Gassen, und manchmal fiel eine Art von weichem Hagel, nicht
Eis, nicht Schnee.

Die Schule war aus. ber den gepflasterten Hof und heraus aus der
Gatterpforte strmten die Scharen der Befreiten, teilten sich und
enteilten nach rechts und links. Groe Schler hielten mit Wrde ihr
Bcherpckchen hoch gegen die linke Schulter gedrckt, indem sie mit dem
rechten Arm wider den Wind dem Mittagessen entgegen ruderten; kleines
Volk setzte sich lustig in Trab, da der Eisbrei umherspritzte und die
Siebensachen der Wissenschaft in den Seehundsrnzeln klapperten. Aber
hie und da ri alles mit frommen Augen die Mtzen herunter vor dem
Wotanshut und dem Jupiterbart eines gemessen hinschreitenden
Oberlehrers...

Kommst du endlich, Hans? sagte Tonio Krger, der lange auf dem
Fahrdamm gewartet hatte; lchelnd trat er dem Freunde entgegen, der im
Gesprch mit anderen Kameraden aus der Pforte kam und schon im Begriffe
war, mit ihnen davonzugehen... Wieso? fragte er und sah Tonio an...
Ja, das ist wahr! Nun gehen wir noch ein bichen.

Tonio verstummte, und seine Augen trbten sich. Hatte Hans es vergessen,
fiel es ihm erst jetzt wieder ein, da sie heute mittag ein wenig
zusammen spazierengehen wollten? Und er selbst hatte sich seit der
Verabredung beinahe unausgesetzt darauf gefreut!

Ja, adieu, ihr! sagte Hans Hansen zu den Kameraden. Dann gehe ich
noch ein bichen mit Krger. -- Und die beiden wandten sich nach links,
indes die anderen nach rechts schlenderten.

Hans und Tonio hatten Zeit, nach der Schule spazierenzugehen, weil sie
beide Husern angehrten, in denen erst um vier Uhr zu Mittag gegessen
wurde. Ihre Vter waren groe Kaufleute, die ffentliche mter
bekleideten und mchtig waren in der Stadt. Den Hansens gehrten schon
seit manchem Menschenalter die weitlufigen Holzlagerpltze drunten am
Flu, wo gewaltige Sgemaschinen unter Fauchen und Zischen die Stmme
zerlegten. Aber Tonio war Konsul Krgers Sohn, dessen Getreidescke mit
dem breiten schwarzen Firmendruck man Tag fr Tag durch die Straen
kutschieren sah; und seiner Vorfahren groes altes Haus war das
herrschaftlichste der ganzen Stadt... Bestndig muten die Freunde, der
vielen Bekannten wegen, die Mtzen herunternehmen, ja, von manchen
Leuten wurden die Vierzehnjhrigen zuerst gegrt...

Beide hatten die Schulmappen ber die Schultern gehngt, und beide
waren sie gut und warm gekleidet; Hans in eine kurze Seemanns-berjacke,
ber welcher auf Schultern und Rcken der breite, blaue Kragen seines
Marineanzuges lag, und Tonio in einen grauen Gurtpaletot. Hans trug eine
dnische Matrosenmtze mit kurzen Bndern, unter der ein Schopf seines
bastblonden Haares hervorquoll. Er war auerordentlich hbsch und
wohlgestaltet, breit in den Schultern und schmal in den Hften, mit
freiliegenden und scharf blickenden stahlblauen Augen. Aber unter Tonios
runder Pelzmtze blickten aus einem brnetten und ganz sdlich
scharfgeschnittenen Gesicht dunkle und zart umschattete Augen mit zu
schweren Lidern trumerisch und ein wenig zaghaft hervor... Mund und
Kinn waren ihm ungewhnlich weich gebildet. Er ging nachlssig und
ungleichmig, whrend Hansens schlanke Beine in den schwarzen Strmpfen
so elastisch und taktfest einherschritten...

Tonio sprach nicht. Er empfand Schmerz. Indem er seine etwas schrg
stehenden Brauen zusammenzog und die Lippen zum Pfeifen gerundet hielt,
blickte er seitwrts geneigten Kopfes ins Weite. Diese Haltung und Miene
war ihm eigentmlich.

Pltzlich schob Hans seinen Arm unter den Tonios und sah ihn dabei von
der Seite an, denn er begriff sehr wohl, um was es sich handelte. Und
obgleich Tonio auch bei den nchsten Schritten noch schwieg, so ward er
doch auf einmal sehr weich gestimmt.

Ich hatte es nmlich nicht vergessen, Tonio, sagte Hans und blickte
vor sich nieder auf das Trottoir, sondern ich dachte nur, da heute
doch wohl nichts daraus werden knnte, weil es ja so na und windig ist.
Aber mir macht das gar nichts, und ich finde es famos, da du trotzdem
auf mich gewartet hast. Ich glaubte schon, du seist nach Hause gegangen,
und rgerte mich...

Alles in Tonio geriet in eine hpfende und jubelnde Bewegung bei diesen
Worten.

Ja, wir gehen nun also ber die Wlle! sagte er mit bewegter Stimme.
ber den Mhlenwall und den Holstenwall, und so bringe ich dich nach
Hause, Hans... Bewahre, das schadet gar nichts, da ich dann meinen
Heimweg allein mache; das nchste Mal begleitest du mich.

Im Grunde glaubte er nicht sehr fest an das, was Hans gesagt hatte, und
fhlte genau, da jener nur halb soviel Gewicht auf diesen Spaziergang
zu zweien legte wie er. Aber er sah doch, da Hans seine Vergelichkeit
bereute und es sich angelegen sein lie, ihn zu vershnen. Und er war
weit von der Absicht entfernt, die Vershnung hintanzuhalten...

Die Sache war die, da Tonio Hans Hansen liebte und schon vieles um ihn
gelitten hatte. Wer am meisten liebt, ist der Unterlegene und mu
leiden, -- diese schlichte und harte Lehre hatte seine vierzehnjhrige
Seele bereits vom Leben entgegengenommen; und er war so geartet, da er
solche Erfahrungen wohl vermerkte, sie gleichsam innerlich aufschrieb
und gewissermaen seine Freude daran hatte, ohne sich freilich fr seine
Person danach zu richten und praktischen Nutzen daraus zu ziehen. Auch
war es so mit ihm bestellt, da er solche Lehren weit wichtiger und
interessanter achtete als die Kenntnisse, die man ihm in der Schule
aufntigte, ja, da er sich whrend der Unterrichtsstunden in den
gotischen Klassengewlben meistens damit abgab, solche Einsichten bis
auf den Grund zu empfinden und vllig auszudenken. Und diese
Beschftigung bereitete ihm eine ganz hnliche Genugtuung, wie wenn er
mit seiner Geige (denn er spielte die Geige) in seinem Zimmer umherging
und die Tne, so weich, wie er sie nur hervorzubringen vermochte, in das
Pltschern des Springstrahles hinein erklingen lie, der drunten im
Garten unter den Zweigen des alten Walnubaumes tnzelnd emporstieg...

Der Springbrunnen, der alte Walnubaum, seine Geige und in der Ferne das
Meer, die Ostsee, deren sommerliche Trume er in den Ferien belauschen
durfte, diese Dinge waren es, die er liebte, mit denen er sich gleichsam
umstellte und zwischen denen sich sein inneres Leben abspielte, Dinge,
deren Namen mit guter Wirkung in Versen zu verwenden sind und auch
wirklich in den Versen, die Tonio Krger zuweilen verfertigte, immer
wieder erklangen.

Dieses, da er ein Heft mit selbstgeschriebenen Versen besa, war durch
sein eigenes Verschulden bekanntgeworden und schadete ihm sehr, bei
seinen Mitschlern sowohl wie bei den Lehrern. Dem Sohne Konsul Krgers
schien es einerseits, als sei es dumm und gemein, daran Ansto zu
nehmen, und er verachtete dafr sowohl die Mitschler wie die Lehrer,
deren schlechte Manieren ihn obendrein abstieen, und deren persnliche
Schwchen er seltsam eindringlich durchschaute. Andererseits aber
empfand er selbst es als ausschweifend und eigentlich ungehrig, Verse
zu machen, und mute all denen gewissermaen recht geben, die es fr
eine befremdende Beschftigung hielten. Allein das vermochte ihn nicht,
davon abzulassen...

Da er daheim seine Zeit vertat, beim Unterricht langsamen und
abgewandten Geistes war und bei den Lehrern schlecht angeschrieben
stand, so brachte er bestndig die erbrmlichsten Zensuren nach Hause,
worber sein Vater, ein langer, sorgfltig gekleideter Herr mit
sinnenden blauen Augen, der immer eine Feldblume im Knopfloch trug, sich
sehr erzrnt und bekmmert zeigte. Der Mutter Tonios jedoch, seiner
schnen, schwarzhaarigen Mutter, die Consuelo mit Vornamen hie und
berhaupt so anders war als die brigen Damen der Stadt, weil der Vater
sie sich einstmals von ganz unten auf der Landkarte heraufgeholt hatte,
-- seiner Mutter waren die Zeugnisse grundeinerlei...

Tonio liebte seine dunkle und feurige Mutter, die so wunderbar den
Flgel und die Mandoline spielte, und er war froh, da sie sich ob
seiner zweifelhaften Stellung unter den Menschen nicht grmte.
Andererseits aber empfand er, da der Zorn des Vaters weit wrdiger und
respektabler sei, und war, obgleich er von ihm gescholten wurde, im
Grunde ganz einverstanden mit ihm, whrend er die heitere
Gleichgltigkeit der Mutter ein wenig liederlich fand. Manchmal dachte
er ungefhr: Es ist gerade genug, da ich bin, wie ich bin, und mich
nicht ndern will und kann, fahrlssig, widerspenstig und auf Dinge
bedacht, an die sonst niemand denkt. Wenigstens gehrt es sich, da man
mich ernstlich schilt und straft dafr, und nicht mit Kssen und Musik
darber hinweggeht. Wir sind doch keine Zigeuner im grnen Wagen,
sondern anstndige Leute, Konsul Krgers, die Familie der Krger...
Nicht selten dachte er auch: Warum bin ich doch so sonderlich und in
Widerstreit mit allem, zerfallen mit den Lehrern und fremd unter den
anderen Jungen? Siehe sie an, die guten Schler und die von solider
Mittelmigkeit. Sie finden die Lehrer nicht komisch, sie machen keine
Verse und denken nur Dinge, die man eben denkt und die man laut
aussprechen kann. Wie ordentlich und einverstanden mit allem und
jedermann sie sich fhlen mssen! Das mu gut sein... Was aber ist mit
mir, und wie wird dies alles ablaufen?

Diese Art und Weise, sich selbst und sein Verhltnis zum Leben zu
betrachten, spielte eine wichtige Rolle in Tonios Liebe zu Hans Hansen.
Er liebte ihn zunchst, weil er schn war; dann aber, weil er in allen
Stcken als sein eigenes Widerspiel und Gegenteil erschien. Hans Hansen
war ein vortrefflicher Schler und auerdem ein frischer Gesell, der
ritt, turnte, schwamm wie ein Held und sich der allgemeinen Beliebtheit
erfreute. Die Lehrer waren ihm beinahe mit Zrtlichkeit zugetan, nannten
ihn mit Vornamen und frderten ihn auf alle Weise, die Kameraden waren
auf seine Gunst bedacht, und auf der Strae hielten ihn Herren und Damen
an, faten ihn an dem Schopfe bastblonden Haares, der unter seiner
dnischen Schiffermtze hervorquoll, und sagten: Guten Tag, Hans
Hansen, mit deinem netten Schopf! Bist du noch Primus? Gr Papa und
Mama, mein prchtiger Junge...

So war Hans Hansen, und seit Tonio Krger ihn kannte, empfand er
Sehnsucht, sobald er ihn erblickte, eine neidische Sehnsucht, die
oberhalb der Brust sa und brannte. Wer so blaue Augen htte, dachte er,
und so in Ordnung und glcklicher Gemeinschaft mit aller Welt lebte wie
du! Stets bist du auf eine wohlanstndige und allgemein respektierte
Weise beschftigt. Wenn du die Schulaufgaben erledigt hast, so nimmst du
Reitstunden oder arbeitest mit der Laubsge, und selbst in den Ferien,
an der See, bist du vom Rudern, Segeln und Schwimmen in Anspruch
genommen, indes ich miggngerisch und verloren im Sande liege und auf
die geheimnisvoll wechselnden Mienenspiele starre, die ber des Meeres
Antlitz huschen. Aber darum sind deine Augen so klar. Zu sein wie du...

Er machte nicht den Versuch, zu werden wie Hans Hansen, und vielleicht
war es ihm nicht einmal sehr ernst mit diesem Wunsche. Aber er begehrte
schmerzlich, so wie er war, von ihm geliebt zu werden, und er warb um
seine Liebe auf seine Art, eine langsame und innige, hingebungsvolle,
leidende und wehmtige Art, aber von einer Wehmut, die tiefer und
zehrender brennen kann als alle jhe Leidenschaftlichkeit, die man von
seinem fremden ueren htte erwarten knnen.

Und er warb nicht ganz vergebens, denn Hans, der brigens eine gewisse
berlegenheit an ihm achtete, eine Gewandtheit des Mundes, die Tonio
befhigte, schwierige Dinge auszusprechen, begriff ganz wohl, da hier
eine ungewhnlich starke und zarte Empfindung fr ihn lebendig sei,
erwies sich dankbar und bereitete ihm manches Glck durch sein
Entgegenkommen -- aber auch manche Pein der Eifersucht, der Enttuschung
und der vergeblichen Mhe, eine geistige Gemeinschaft herzustellen. Denn
es war das Merkwrdige, da Tonio, der Hans Hansen doch um seine
Daseinsart beneidete, bestndig trachtete, ihn zu seiner eigenen
herberzuziehen, was hchstens auf Augenblicke und auch dann nur
scheinbar gelingen konnte...

Ich habe jetzt etwas Wundervolles gelesen, etwas Prachtvolles...,
sagte er. Sie gingen und aen gemeinsam aus einer Tte Fruchtbonbons,
die sie beim Krmer Iwersen in der Mhlenstrae fr zehn Pfennige
erstanden hatten. Du mut es lesen, Hans, es ist nmlich >Don Carlos<
von Schiller... Ich leihe es dir, wenn du willst...

Ach nein, sagte Hans Hansen, das la nur, Tonio, das pat nicht fr
mich. Ich bleibe bei meinen Pferdebchern, weit du. Famose Abbildungen
sind darin, sage ich dir. Wenn du mal bei mir bist, zeige ich sie dir.
Es sind Augenblicksphotographien, und man sieht die Gule im Trab und im
Galopp und im Sprunge, in allen Stellungen, die man in Wirklichkeit gar
nicht zu sehen bekommt, weil es zu schnell geht...

In allen Stellungen? fragte Tonio hflich. Ja, das ist fein. Was aber
>Don Carlos< betrifft, so geht das ber alle Begriffe. Es sind Stellen
darin, du sollst sehen, die so schn sind, da es einem einen Ruck gibt,
da es gleichsam knallt...

Knallt es? fragte Hans Hansen... Wieso?

Da ist zum Beispiel die Stelle, wo der Knig geweint hat, weil er von
dem Marquis betrogen ist... aber der Marquis hat ihn nur dem Prinzen
zuliebe betrogen, verstehst du, fr den er sich opfert. Und nun kommt
aus dem Kabinett in das Vorzimmer die Nachricht, da der Knig geweint
hat. >Geweint?< >Der Knig geweint?< Alle Hofmnner sind frchterlich
betreten, und es geht einem durch und durch, denn es ist ein schrecklich
starrer und strenger Knig. Aber man begreift es so gut, da er geweint
hat, und mir tut er eigentlich mehr leid als der Prinz und der Marquis
zusammengenommen. Er ist immer so ganz allein und ohne Liebe, und nun
glaubt er einen Menschen gefunden zu haben, und der verrt ihn...

Hans Hansen sah von der Seite in Tonios Gesicht, und irgend etwas in
diesem Gesicht mute ihn wohl dem Gegenstande gewinnen, denn er schob
pltzlich wieder seinen Arm unter den Tonios und fragte:

Auf welche Weise verrt er ihn denn, Tonio?

Tonio geriet in Bewegung.

Ja, die Sache ist, fing er an, da alle Briefe nach Brabant und
Flandern...

Da kommt Erwin Jimmerthal, sagte Hans.

Tonio verstummte. Mchte ihn doch, dachte er, die Erde verschlingen,
diesen Jimmerthal! Warum mu er kommen und uns stren! Wenn er nur nicht
mit uns geht und den ganzen Weg von der Reitstunde spricht... Denn Erwin
Jimmerthal hatte ebenfalls Reitstunde. Er war der Sohn des Bankdirektors
und wohnte hier drauen vorm Tore. Mit seinen krummen Beinen und
Schlitzaugen kam er ihnen, schon ohne Schulmappe, durch die Allee
entgegen.

Tag, Jimmerthal, sagte Hans. Ich gehe ein bichen mit Krger...

Ich mu zur Stadt, sagte Jimmerthal, und etwas besorgen. Aber ich
gehe noch ein Stck mit euch... Das sind wohl Fruchtbonbons, die ihr da
habt? Ja, danke, ein paar esse ich. Morgen haben wir wieder Stunde,
Hans. -- Es war die Reitstunde gemeint.

Famos! sagte Hans. Ich bekomme jetzt die ledernen Gamaschen, du, weil
ich neulich die Eins im Exerzitium hatte...

Du hast wohl keine Reitstunde, Krger? fragte Jimmerthal, und seine
Augen waren nur ein Paar blanker Ritzen...

Nein, antwortete Tonio mit ganz ungewisser Betonung.

Du solltest, bemerkte Hans Hansen, deinen Vater bitten, da du auch
Stunde bekommst, Krger.

Ja..., sagte Tonio zugleich hastig und gleichgltig. Einen Augenblick
schnrte sich ihm die Kehle zusammen, weil Hans ihn mit Nachnamen
angeredet hatte; und Hans schien dies zu fhlen, denn er sagte
erluternd:

Ich nenne dich Krger, weil dein Vorname so verrckt ist, du,
entschuldige, aber ich mag ihn nicht leiden, Tonio... Das ist doch
berhaupt kein Name. brigens kannst du ja nichts dafr, bewahre!

Nein, du heit wohl hauptschlich so, weil es so auslndisch klingt und
etwas Besonderes ist..., sagte Jimmerthal und tat, als ob er zum Guten
reden wollte.

Tonios Mund zuckte. Er nahm sich zusammen und sagte:

Ja, es ist ein alberner Name, ich mchte, wei Gott, lieber Heinrich
oder Wilhelm heien, das knnt ihr mir glauben. Aber es kommt daher, da
ein Bruder meiner Mutter, nach dem ich getauft worden bin, Antonio
heit; denn meine Mutter ist doch von drben...

Dann schwieg er und lie die beiden von Pferden und Lederzeug sprechen.
Hans hatte Jimmerthal untergefat und redete mit einer gelufigen
Teilnahme, die fr >Don Carlos< niemals in ihm zu erwecken gewesen
wre... Von Zeit zu Zeit fhlte Tonio, wie der Drang zu weinen ihm
prickelnd in die Nase stieg; auch hatte er Mhe, sein Kinn in der Gewalt
zu behalten, das bestndig ins Zittern geriet...

Hans mochte seinen Namen nicht leiden, -- was war dabei zu tun? Er
selbst hie Hans, und Jimmerthal hie Erwin, gut, das waren allgemein
anerkannte Namen, die niemand befremdeten. Aber >Tonio< war etwas
Auslndisches und Besonderes. Ja, es war in allen Stcken etwas
Besonderes mit ihm, ob er wollte oder nicht, und er war allein und
ausgeschlossen von den Ordentlichen und Gewhnlichen, obgleich er doch
kein Zigeuner im grnen Wagen war, sondern ein Sohn Konsul Krgers, aus
der Familie der Krger... Aber warum nannte Hans ihn Tonio, solange sie
allein waren, wenn er, kam ein dritter hinzu, anfing, sich seiner zu
schmen? Zuweilen war er ihm nahe und gewonnen, ja. Auf welche Weise
verrt er ihn denn, Tonio? hatte er gefragt und ihn untergefat. Aber
als dann Jimmerthal gekommen war, hatte er dennoch erleichtert
aufgeatmet, hatte ihn verlassen und ihm ohne Not seinen fremden Rufnamen
vorgeworfen. Wie weh es tat, dies alles durchschauen zu mssen!... Hans
Hansen hatte ihn im Grunde ein wenig gern, wenn sie unter sich waren, er
wute es. Aber kam ein dritter, so schmte er sich dessen und opferte
ihn auf. Und er war wieder allein. Er dachte an Knig Philipp. Der Knig
hat geweint...

Gott bewahre, sagte Erwin Jimmerthal, nun mu ich aber wirklich zur
Stadt! Adieu, ihr, und Dank fr die Fruchtbonbons! Darauf sprang er auf
eine Bank, die am Wege stand, lief mit seinen krummen Beinen darauf
entlang und trabte davon.

Jimmerthal mag ich leiden! sagte Hans mit Nachdruck. Er hatte eine
verwhnte und selbstbewute Art, seine Sympathien und Abneigungen
kundzugeben, sie gleichsam gndigst zu verteilen... Und dann fuhr er
fort, von der Reitstunde zu sprechen, weil er einmal im Zuge war. Es war
auch nicht mehr so weit bis zum Hansenschen Wohnhause; der Weg ber die
Wlle nahm nicht so viel Zeit in Anspruch. Sie hielten ihre Mtzen fest
und beugten die Kpfe vor dem starken, feuchten Wind, der in dem kahlen
Gest der Bume knarrte und sthnte. Und Hans Hansen sprach, whrend
Tonio nur dann und wann ein knstliches Ach und Jaja einflieen lie,
ohne Freude darber, da Hans ihn im Eifer der Rede wieder untergefat
hatte, denn das war nur eine scheinbare Annherung, ohne Bedeutung.

Dann verlieen sie die Wallanlagen unfern des Bahnhofes, sahen einen Zug
mit plumper Eilfertigkeit vorberpuffen, zhlten zum Zeitvertreib die
Wagen und winkten dem Manne zu, der in seinen Pelz vermummt zuhchst auf
dem allerletzten sa. Und am Lindenplatze, vor Grohndler Hansens
Villa, blieben sie stehen, und Hans zeigte ausfhrlich, wie amsant es
sei, sich unten auf die Gartenpforte zu stellen und sich in den Angeln
hin und her zu schlenkern, da es nur so kreischte. Aber hierauf
verabschiedete er sich.

Ja, nun mu ich hinein, sagte er. Adieu, Tonio. Das nchste Mal
begleite ich dich nach Hause, sei sicher.

Adieu, Hans, sagte Tonio, es war nett, spazierenzugehen.

Ihre Hnde, die sich drckten, waren ganz na und rostig von der
Gartenpforte. Als aber Hans in Tonios Augen sah, entstand etwas wie
reuiges Besinnen in seinem hbschen Gesicht.

brigens werde ich nchstens >Don Carlos< lesen! sagte er rasch. Das
mit dem Knig im Kabinett mu famos sein! Dann nahm er seine Mappe
unter den Arm und lief durch den Vorgarten. Bevor er im Hause
verschwand, nickte er noch einmal zurck.

Und Tonio Krger ging ganz verklrt und beschwingt von dannen. Der Wind
trug ihn von hinten, aber es war nicht darum allein, da er so leicht
von der Stelle kam.

Hans wrde >Don Carlos< lesen, und dann wrden sie etwas miteinander
haben, worber weder Jimmerthal noch irgendein anderer mitreden konnte!
Wie gut sie einander verstanden! Wer wute, -- vielleicht brachte er ihn
noch dazu, ebenfalls Verse zu schreiben?... Nein, nein, das wollte er
nicht! Hans sollte nicht werden wie Tonio, sondern bleiben, wie er war,
so hell und stark, wie alle ihn liebten und Tonio am meisten! Aber da
er >Don Carlos< las, wrde trotzdem nicht schaden... Und Tonio ging
durch das alte, untersetzte Tor, ging am Hafen entlang und die steile,
zugige und nasse Giebelgasse hinauf zum Haus seiner Eltern. Damals lebte
sein Herz; Sehnsucht war darin und schwermtiger Neid und ein klein
wenig Verachtung und eine ganze keusche Seligkeit.




II


Die blonde Inge, Ingeborg Holm, Doktor Holms Tochter, der am Markte
wohnte, dort, wo hoch, spitzig und vielfach der gotische Brunnen stand,
sie war's, die Tonio Krger liebte, als er sechzehn Jahre alt war.

Wie geschah das? Er hatte sie tausendmal gesehen; an einem Abend jedoch
sah er sie in einer gewissen Beleuchtung, sah, wie sie im Gesprch mit
einer Freundin auf eine gewisse bermtige Art lachend den Kopf zur
Seite warf, auf eine gewisse Art ihre Hand, eine gar nicht besonders
schmale, gar nicht besonders feine Kleinmdchenhand zum Hinterkopfe
fhrte, wobei der weie Gazermel von ihrem Ellenbogen zurckglitt,
hrte, wie sie ein Wort, ein gleichgltiges Wort, auf eine gewisse Art
betonte, wobei ein warmes Klingen in ihrer Stimme war, und ein Entzcken
ergriff sein Herz, weit strker als jenes, das er frher zuweilen
empfunden hatte, wenn er Hans Hansen betrachtete, damals, als er noch
ein kleiner, dummer Junge war.

An diesem Abend nahm er ihr Bild mit fort, mit dem dicken, blonden
Zopf, den lnglich geschnittenen, lachenden, blauen Augen und dem zart
angedeuteten Sattel von Sommersprossen ber der Nase, konnte nicht
einschlafen, weil er das Klingen in ihrer Stimme hrte, versuchte leise,
die Betonung nachzuahmen, mit der sie das gleichgltige Wort
ausgesprochen hatte, und erschauerte dabei. Die Erfahrung lehrte ihn,
da dies die Liebe sei. Aber obgleich er genau wute, da die Liebe ihm
viel Schmerz, Drangsal und Demtigung bringen msse, da sie berdies
den Frieden zerstre und das Herz mit Melodien berflle, ohne da man
Ruhe fand, eine Sache rund zu formen und in Gelassenheit etwas Ganzes
daraus zu schmieden, so nahm er sie doch mit Freuden auf, berlie sich
ihr ganz und pflegte sie mit den Krften seines Gemtes, denn er wute,
da sie reich und lebendig mache, und er sehnte sich, reich und lebendig
zu sein, statt in Gelassenheit etwas Ganzes zu schmieden...

Dies, da Tonio Krger sich an die lustige Inge Holm verlor, ereignete
sich in dem ausgerumten Salon der Konsulin Husteede, die es an jenem
Abend traf, die Tanzstunde zu geben; denn es war ein Privatkursus, an
dem nur Angehrige von ersten Familien teilnahmen, und man versammelte
sich reihum in den elterlichen Husern, um sich Unterricht in Tanz und
Anstand erteilen zu lassen. Aber zu diesem Behufe kam allwchentlich
Ballettmeister Knaak eigens von Hamburg herbei.

Franois Knaak war sein Name, und was fr ein Mann war das! J'ai
l'honneur de me vous reprsenter, sagte er, mon nom est Knaak... Und
dies spricht man nicht aus, whrend man sich verbeugt, sondern wenn man
wieder aufrecht steht, -- gedmpft und dennoch deutlich. Man ist nicht
tglich in der Lage, sich auf franzsisch vorstellen zu mssen, aber
kann man es in dieser Sprache korrekt und tadellos, so wird es einem auf
deutsch erst recht nicht fehlen. Wie wunderbar der seidig schwarze
Gehrock sich an seine fetten Hften schmiegte! In weichen Falten fiel
sein Beinkleid auf seine Lackschuhe hinab, die mit breiten
Atlasschleifen geschmckt waren, und seine braunen Augen blickten mit
einem mden Glck ber ihre eigene Schnheit umher...

Jedermann ward erdrckt durch das berma seiner Sicherheit und
Wohlanstndigkeit. Er schritt -- und niemand schritt wie er, elastisch,
wogend, wiegend, kniglich -- auf die Herrin des Hauses zu, verbeugte
sich und wartete, da man ihm die Hand reiche. Erhielt er sie, so dankte
er mit leiser Stimme dafr, trat federnd zurck, wandte sich auf dem
linken Fue, schnellte den rechten mit niedergedrckter Spitze seitwrts
vom Boden ab und schritt mit bebenden Hften davon...

Man ging rckwrts und unter Verbeugungen zur Tr hinaus, wenn man eine
Gesellschaft verlie, man schleppte einen Stuhl nicht herbei, indem man
ihn an einem Bein ergriff oder am Boden entlang schleifte, sondern man
trug ihn leicht an der Lehne herzu und setzte ihn geruschlos nieder.
Man stand nicht da, indem man die Hnde auf dem Bauch faltete und die
Zunge in den Mundwinkel schob; tat man es dennoch, so hatte Herr Knaak
eine Art, es ebenso zu machen, da man fr den Rest seines Lebens einen
Ekel vor dieser Haltung bewahrte...

Dies war der Anstand. Was aber den Tanz betraf, so meisterte Herr Knaak
ihn womglich in noch hherem Grade. In dem ausgerumten Salon brannten
die Gasflammen des Kronleuchters und die Kerzen auf dem Kamin. Der Boden
war mit Talkum bestreut, und in stummem Halbkreise standen die Eleven
umher. Aber jenseits der Portieren, in der anstoenden Stube, saen auf
Plschsthlen die Mtter und Tanten und betrachteten durch ihre
Lorgnetten Herrn Knaak, wie er, in gebckter Haltung, den Saum seines
Gehrockes mit je zwei Fingern erfat hielt und mit federnden Beinen die
einzelnen Teile der Mazurka demonstrierte. Beabsichtigte er aber, sein
Publikum gnzlich zu verblffen, so schnellte er sich pltzlich und ohne
zwingenden Grund vom Boden empor, indem er seine Beine mit verwirrender
Schnelligkeit in der Luft umeinander wirbelte, gleichsam mit denselben
trillerte, worauf er mit einem gedmpften, aber alles in seinen Festen
erschtternden Plumps zu dieser Erde zurckkehrte...

Was fr ein unbegreiflicher Affe, dachte Antonio Krger in seinem Sinn.
Aber er sah wohl, da Inge Holm, die lustige Inge, oft mit einem
selbstvergessenen Lcheln Herrn Knaaks Bewegungen verfolgte, und nicht
dies allein war es, weshalb alle diese wundervoll beherrschte
Krperlichkeit ihm im Grunde etwas wie Bewunderung abgewann. Wie
ruhevoll und unverwirrbar Herrn Knaaks Augen blickten! Sie sahen nicht
in die Dinge hinein, bis dorthin, wo sie kompliziert und traurig werden;
sie wuten nichts, als da sie braun und schn seien. Aber deshalb war
seine Haltung so stolz! Ja, man mute dumm sein, um so schreiten zu
knnen wie er; und dann wurde man geliebt, denn man war liebenswrdig.
Er verstand es so gut, da Inge, die blonde, se Inge, auf Herrn Knaak
blickte, wie sie es tat. Aber wrde denn niemals ein Mdchen so auf ihn
selbst blicken?

O doch, das kam vor. Da war Magdalena Vermehren, Rechtsanwalt
Vermehrens Tochter, mit dem sanften Mund und den groen, dunklen,
blanken Augen voll Ernst und Schwrmerei. Sie fiel oft hin beim Tanzen;
aber sie kam zu ihm bei der Damenwahl, sie wute, da er Verse dichtete,
sie hatte ihn zweimal gebeten, sie ihr zu zeigen, und oftmals schaute
sie ihn von weitem mit gesenktem Kopfe an. Aber was sollte ihm das? Er,
er liebte Inge Holm, die blonde, lustige Inge, die ihn sicher darum
verachtete, da er poetische Sachen schrieb... er sah sie an, sah ihre
schmalgeschnittenen, blauen Augen, die voll Glck und Spott waren, und
eine neidische Sehnsucht, ein herber, drngender Schmerz, von ihr
ausgeschlossen und ihr ewig fremd zu sein, sa in seiner Brust und
brannte...

Erstes Paar en avant! sagte Herr Knaak, und keine Worte schildern, wie
wunderbar der Mann den Nasallaut hervorbrachte. Man bte Quadrille, und
zu Tonio Krgers tiefem Erschrecken befand er sich mit Inge Holm in ein
und demselben Karree. Er mied sie, wie er konnte, und dennoch geriet er
bestndig in ihre Nhe; er wehrte seinen Augen, sich ihr zu nahen, und
dennoch traf sein Blick bestndig auf sie... Nun kam sie an der Hand des
rotkpfigen Ferdinand Matthiessen gleitend und laufend herbei, warf den
Zopf zurck und stellte sich aufatmend ihm gegenber; Herr Heinzelmann,
der Klavierspieler, griff mit seinen knochigen Hnden in die Tasten,
Herr Knaak kommandierte, die Quadrille begann.

Sie bewegte sich vor ihm hin und her, vorwrts und rckwrts, schreitend
und drehend, ein Duft, der von ihrem Haar oder dem zarten, weien Stoff
ihres Kleides ausging, berhrte ihn manchmal, und seine Augen trbten
sich mehr und mehr. Ich liebe dich, liebe, se Inge, sagte er
innerlich, und er legte in diese Worte seinen ganzen Schmerz darber,
da sie so eifrig und lustig bei der Sache war und sein nicht achtete.
Ein wunderschnes Gedicht von Storm fiel ihm ein: Ich mchte schlafen,
aber du mut tanzen. Der demtigende Widersinn qulte ihn, der darin
lag, tanzen zu mssen, whrend man liebte...

Erstes Paar en avant! sagte Herr Knaak, denn es kam eine neue Tour.
Compliment! Moulinet des dames! Tour de main! Und niemand beschreibt,
auf welch grazise Art er das stumme e vom >de< verschluckte.

Zweites Paar en avant! Tonio Krger und seine Dame waren daran.
Compliment! Und Tonio Krger verbeugte sich. Moulinet des dames! Und
Tonio Krger, mit gesenktem Kopfe und finsteren Brauen, legte seine Hand
auf die Hnde der vier Damen, auf die Inge Holms, und tanzte >moulinet<.

Ringsum entstand ein Kichern und Lachen. Herr Knaak fiel in eine
Ballettpose, welche ein stilisiertes Entsetzen ausdrckte. O weh! rief
er. Halt, halt! Krger ist unter die Damen geraten! En arrire,
Frulein Krger, zurck, fi donc! Alle haben es nun verstanden, nur Sie
nicht. Husch! Fort! Zurck mit Ihnen! Und er zog ein gelbseidenes
Taschentuch und scheuchte Tonio Krger damit an seinen Platz zurck.

Alles lachte, die Jungen, die Mdchen und die Damen jenseits der
Portieren, denn Herr Knaak hatte etwas gar zu Drolliges aus dem
Zwischenfall gemacht, und man amsierte sich wie im Theater. Nur Herr
Heinzelmann wartete mit trockener Geschftsmiene auf das Zeichen zum
Weiterspielen, denn er war abgehrtet gegen Herrn Knaaks Wirkungen.

Dann ward die Quadrille fortgesetzt. Und dann war Pause. Das Folgmdchen
klirrte mit einem Teebrett voll Weingeleeglsern zur Tr herein, und die
Kchin folgte mit einer Ladung Plumcake in ihrem Kielwasser. Aber Tonio
Krger stahl sich fort, ging heimlich auf den Korridor hinaus und
stellte sich dort, die Hnde auf dem Rcken, vor ein Fenster mit
herabgelassener Jalousie, ohne zu bedenken, da man durch diese Jalousie
gar nichts sehen konnte, und da es also lcherlich sei, davorzustehen
und zu tun, als blicke man hinaus.

Er blickte aber in sich hinein, wo so viel Gram und Sehnsucht war.
Warum, warum war er hier? Warum sa er nicht in seiner Stube am Fenster
und las in Storms >Immensee< und blickte hie und da in den abendlichen
Garten hinaus, wo der alte Walnubaum schwerfllig knarrte? Das wre
sein Platz gewesen. Mochten die anderen tanzen und frisch und geschickt
bei der Sache sein!... Nein, nein, sein Platz war dennoch hier, wo er
sich in Inges Nhe wute, wenn er auch nur einsam von ferne stand und
versuchte, in dem Summen, Klirren und Lachen dort drinnen ihre Stimme zu
unterscheiden, in welcher es klang von warmem Leben. Deine lnglich
geschnittenen, blauen, lachenden Augen, du blonde Inge! So schn und
heiter wie du kann man nur sein, wenn man nicht >Immensee< liest und
niemals versucht, selbst dergleichen zu machen; das ist das Traurige!...

Sie mte kommen! Sie mte bemerken, da er fort war, mte fhlen, wie
es um ihn stand, mte ihm heimlich folgen, wenn auch nur aus Mitleid,
ihm ihre Hand auf die Schulter legen und sagen: Komm herein zu uns, sei
froh, ich liebe dich. Und er horchte hinter sich und wartete in
unvernnftiger Spannung, da sie kommen mge. Aber sie kam keines Weges.
Dergleichen geschah nicht auf Erden.

Hatte auch sie ihn verlacht, gleich allen anderen? Ja, das hatte sie
getan, so gern er es ihret- und seinetwegen geleugnet htte. Und doch
hatte er nur aus Versunkenheit in ihre Nhe >moulinet des dames<
mitgetanzt. Und was verschlug das? Man wrde vielleicht einmal aufhren
zu lachen! Hatte etwa nicht krzlich eine Zeitschrift ein Gedicht von
ihm angenommen, wenn sie dann auch wieder eingegangen war, bevor das
Gedicht hatte erscheinen knnen? Es kam der Tag, wo er berhmt war, wo
alles gedruckt wurde, was er schrieb, und dann wrde man sehen, ob es
nicht Eindruck auf Inge Holm machen wrde... Es wrde _keinen_ Eindruck
machen, nein, das war es ja. Auf Magdalena Vermehren, die immer hinfiel,
ja, auf die. Aber niemals auf Inge Holm, niemals auf die blauugige,
lustige Inge. Und war es also nicht vergebens?...

Tonio Krgers Herz zog sich schmerzlich zusammen bei diesem Gedanken. Zu
fhlen, wie wunderbare spielende und schwermtige Krfte sich in dir
regen, und dabei zu wissen, da diejenigen, zu denen du dich
hinbersehnst, ihnen in heiterer Unzugnglichkeit gegenberstehen, das
tut sehr weh. Aber obgleich er einsam, ausgeschlossen und ohne Hoffnung
vor einer geschlossenen Jalousie stand und in seinem Kummer tat, als
knne er hindurchblicken, so war er dennoch glcklich. Denn damals lebte
sein Herz. Warm und traurig schlug es fr dich, Ingeborg Holm, und seine
Seele umfate deine blonde, lichte und bermtig gewhnliche kleine
Persnlichkeit in seliger Selbstverleugnung.

Mehr als einmal stand er mit erhitztem Angesicht an einsamen Stellen,
wohin Musik, Blumenduft und Glsergeklirr nur leise drangen, und suchte
in dem fernen Festgerusch deine klingende Stimme zu unterscheiden,
stand in Schmerzen um dich und war dennoch glcklich. Mehr als einmal
krnkte es ihn, da er mit Magdalena Vermehren, die immer hinfiel,
sprechen konnte, da sie ihn verstand und mit ihm lachte und ernst war,
whrend die blonde Inge, sa er auch neben ihr, ihm fern und fremd und
befremdet erschien, denn seine Sprache war nicht ihre Sprache; und
dennoch war er glcklich. Denn das Glck, sagte er sich, ist nicht,
geliebt zu werden; das ist eine mit Ekel gemischte Genugtuung fr die
Eitelkeit. Das Glck ist, zu lieben und vielleicht kleine, trgerische
Annherungen an den geliebten Gegenstand zu erhaschen. Und er schrieb
diesen Gedanken innerlich auf, dachte ihn vllig aus und empfand ihn bis
auf den Grund.

_Treue_! dachte Tonio Krger. Ich will treu sein und dich lieben,
Ingeborg, solange ich lebe! So wohlmeinend war er. Und dennoch flsterte
in ihm eine leise Furcht und Trauer, da er ja auch Hans Hansen ganz und
gar vergessen habe, obgleich er ihn tglich sah. Und es war das Hliche
und Erbrmliche, da diese leise und ein wenig hmische Stimme recht
behielt, da die Zeit verging und Tage kamen, da Tonio Krger nicht mehr
so unbedingt wie ehemals fr die lustige Inge zu sterben bereit war,
weil er Lust und Krfte in sich fhlte, auf seine Art in der Welt eine
Menge des Merkwrdigen zu leisten.

Und er umkreiste behutsam den Opferaltar, auf dem die lautere und
keusche Flamme seiner Liebe loderte, kniete davor und schrte und nhrte
sie auf alle Weise, weil er treu sein wollte. Und ber eine Weile,
unmerklich, ohne Aufsehen und Gerusch, war sie dennoch erloschen.

Aber Tonio Krger stand noch eine Zeitlang vor dem erkalteten Altar,
voll Staunen und Enttuschung darber, da Treue auf Erden unmglich
war. Dann zuckte er die Achseln und ging seiner Wege.




III


Er ging den Weg, den er gehen mute, ein wenig nachlssig und
ungleichmig, vor sich hin pfeifend, mit seitwrts geneigtem Kopfe ins
Weite blickend, und wenn er irreging, so geschah es, weil es fr etliche
einen richtigen Weg berhaupt nicht gibt. Fragte man ihn, was in aller
Welt er zu werden gedachte, so erteilte er wechselnde Auskunft, denn er
pflegte zu sagen (und hatte es auch bereits aufgeschrieben), da er die
Mglichkeiten zu tausend Daseinsformen in sich trage, zusammen mit dem
heimlichen Bewutsein, da es im Grunde lauter Unmglichkeiten seien...

Schon bevor er von der engen Vaterstadt schied, hatten sich leise die
Klammern und Fden gelst, mit denen sie ihn hielt. Die alte Familie der
Krger war nach und nach in einen Zustand des Abbrckelns und der
Zersetzung geraten, und die Leute hatten Grund, Tonio Krgers eigenes
Sein und Wesen ebenfalls zu den Merkmalen dieses Zustandes zu rechnen.
Seines Vaters Mutter war gestorben, das Haupt des Geschlechtes, und
nicht lange darauf, so folgte sein Vater, der lange, sinnende,
sorgfltig gekleidete Herr mit der Feldblume im Knopfloch, ihr im Tode
nach. Das groe Krgersche Haus stand mitsamt seiner wrdigen Geschichte
zum Verkaufe, und die Firma ward ausgelscht. Tonios Mutter jedoch,
seine schne, feurige Mutter, die so wunderbar den Flgel und die
Mandoline spielte und der alles ganz einerlei war, vermhlte sich nach
Jahresfrist aufs neue, und zwar mit einem Musiker, einem Virtuosen mit
italienischem Namen, dem sie in blaue Fernen folgte. Tonio Krger fand
dies ein wenig liederlich; aber war _er_ berufen, es ihr zu wehren? Er
schrieb Verse und konnte nicht einmal beantworten, was in aller Welt er
zu werden gedachte...

Und er verlie die winklige Heimatstadt, um deren Giebel der feuchte
Wind pfiff, verlie den Springbrunnen und den alten Walnubaum im
Garten, die Vertrauten seiner Jugend, verlie auch das Meer, das er so
sehr liebte, und empfand keinen Schmerz dabei. Denn er war gro und klug
geworden, hatte begriffen, was fr eine Bewandtnis es mit ihm hatte, und
war voller Spott fr das plumpe und niedrige Dasein, das ihn so lange in
seiner Mitte gehalten hatte.

Er ergab sich ganz der Macht, die ihm als die erhabenste auf Erden
erschien, zu deren Dienst er sich berufen fhlte, und die ihm Hoheit und
Ehren versprach, der Macht des Geistes und Wortes, die lchelnd ber dem
unbewuten und stummen Leben thront. Mit seiner jungen Leidenschaft
ergab er sich ihr, und sie lohnte ihm mit allem, was sie zu schenken
hat, und nahm ihm unerbittlich all das, was sie als Entgelt dafr zu
nehmen pflegt.

Sie schrfte seinen Blick und lie ihn die groen Wrter durchschauen,
die der Menschen Busen blhen, sie erschlo ihm der Menschen Seelen und
seine eigene, machte ihn hellsehend und zeigte ihm das Innere der Welt
und alles Letzte, was hinter den Worten und Taten ist. Was er aber sah,
war dies: Komik und Elend -- Komik und Elend.

Da kam, mit der Qual und dem Hochmut der Erkenntnis, die Einsamkeit,
weil es ihn im Kreise der Harmlosen mit dem frhlich dunklen Sinn nicht
litt und das Mal an seiner Stirn sie verstrte. Aber mehr und mehr
verste sich ihm auch die Lust am Worte und der Form, denn er pflegte
zu sagen (und hatte es auch bereits aufgeschrieben), da die Kenntnis
der Seele allein unfehlbar trbsinnig machen wrde, wenn nicht die
Vergngungen des Ausdrucks uns wach und munter erhielten...

Er lebte in groen Stdten und im Sden, von dessen Sonne er sich ein
ppigeres Reifen seiner Kunst versprach; und vielleicht war es das Blut
seiner Mutter, welches ihn dorthin zog. Aber da sein Herz tot und ohne
Liebe war, so geriet er in Abenteuer des Fleisches, stieg tief hinab in
Wollust und heie Schuld und litt unsglich dabei. Vielleicht war es das
Erbteil seines Vaters in ihm, des langen, sinnenden, reinlich
gekleideten Mannes mit der Feldblume im Knopfloch, das ihn dort unten so
leiden machte und manchmal eine schwache, sehnschtige Erinnerung in ihm
sich regen lie an eine Lust der Seele, die einstmals sein eigen gewesen
war, und die er in allen Lsten nicht wiederfand.

Ein Ekel und Ha gegen die Sinne erfate ihn und ein Lechzen nach
Reinheit und wohlanstndigem Frieden, whrend er doch die Luft der Kunst
atmete, die laue und se, duftgeschwngerte Luft eines bestndigen
Frhlings, in der es treibt und braut und keimt in heimlicher
Zeugungswonne. So kam es nur dahin, da er, haltlos zwischen krassen
Extremen, zwischen eisiger Geistigkeit und verzehrender Sinnenglut hin
und her geworfen, unter Gewissensnten ein erschpfendes Leben fhrte,
ein ausbndiges, ausschweifendes und auerordentliches Leben, das er,
Tonio Krger, im Grunde verabscheute. Welch Irrgang! dachte er zuweilen.
Wie war es nur mglich, da ich in alle diese exzentrischen Abenteuer
geriet? Ich bin doch kein Zigeuner im grnen Wagen, von Hause aus...

Aber in dem Mae, wie seine Gesundheit geschwcht ward, verschrfte sich
seine Knstlerschaft, ward whlerisch, erlesen, kostbar, fein, reizbar
gegen das Banale und aufs hchste empfindlich in Fragen des Taktes und
Geschmacks. Als er zum ersten Male hervortrat, wurde unter denen, die es
anging, viel Beifall und Freude laut, denn es war ein wertvoll
gearbeitetes Ding, was er geliefert hatte, voll Humor und Kenntnis des
Leidens. Und schnell ward sein Name, derselbe, mit dem ihn einst seine
Lehrer scheltend gerufen hatten, derselbe, mit dem er seine ersten Reime
an den Walnubaum, den Springbrunnen und das Meer unterzeichnet hatte,
dieser aus Sd und Nord zusammengesetzte Klang, dieser exotisch
angehauchte Brgersname zu einer Formel, die Vortreffliches bezeichnete;
denn der schmerzlichen Grndlichkeit seiner Erfahrungen gesellte sich
ein seltener, zh ausharrender und ehrschtiger Flei, der im Kampf mit
der whlerischen Reizbarkeit seines Geschmacks unter heftigen Qualen
ungewhnliche Werke entstehen lie.

Er arbeitete nicht wie jemand, der arbeitet, um zu leben, sondern wie
einer, der nichts will als arbeiten, weil er sich als lebendigen
Menschen fr nichts achtet, nur als Schaffender in Betracht zu kommen
wnscht und im brigen grau und unauffllig umhergeht, wie ein
abgeschminkter Schauspieler, der nichts ist, solange er nichts
darzustellen hat. Er arbeitete stumm, abgeschlossen, unsichtbar und
voller Verachtung fr jene Kleinen, denen das Talent ein geselliger
Schmuck war, die, ob sie nun arm oder reich waren, wild und abgerissen
einhergingen oder mit persnlichen Krawatten Luxus trieben, in erster
Linie glcklich, liebenswrdig und knstlerisch zu leben bedacht waren,
unwissend darber, da gute Werke nur unter dem Druck eines schlimmen
Lebens entstehen, da, wer lebt, nicht arbeitet, und da man gestorben
sein mu, um ganz ein Schaffender zu sein.




IV


Stre ich? fragte Tonio Krger auf der Schwelle des Ateliers. Er hielt
seinen Hut in der Hand und verbeugte sich sogar ein wenig, obgleich
Lisaweta Iwanowna seine Freundin war, der er alles sagte.

Erbarmen Sie sich, Tonio Krger, und kommen Sie ohne Zeremonien
hinein! antwortete sie mit ihrer hpfenden Betonung. Es ist bekannt,
da Sie eine gute Kinderstube genossen haben und wissen, was sich
schickt. Dabei steckte sie ihren Pinsel zu der Palette in die linke
Hand, reichte ihm die rechte und blickte ihm lachend und kopfschttelnd
ins Gesicht.

Ja, aber Sie arbeiten, sagte er. Lassen Sie sehen... Oh, Sie sind
vorwrtsgekommen. Und er betrachtete abwechselnd die farbigen Skizzen,
die zu beiden Seiten der Staffelei auf Sthlen lehnten, und die groe,
mit einem quadratischen Liniennetz berzogene Leinwand, auf welcher, in
dem verworrenen und schemenhaften Kohleentwurf, die ersten Farbflecke
aufzutauchen begannen.

Es war in Mnchen, in einem Rckgebude der Schellingstrae, mehrere
Stiegen hoch. Drauen, hinter dem breiten Nordlicht-Fenster, herrschte
Himmelsblau, Vogelgezwitscher und Sonnenschein, und des Frhlings
junger, ser Atem, der durch eine offene Klappe hereinstrmte,
vermischte sich mit dem Geruch von Fixativ und lfarbe, der den weiten
Arbeitsraum erfllte. Ungehindert berflutete das goldige Licht des
hellen Nachmittags die weitlufige Kahlheit des Ateliers, beschien
freimtig den ein wenig schadhaften Fuboden, den rohen, mit Flschchen,
Tuben und Pinseln bedeckten Tisch unterm Fenster und die ungerahmten
Studien an den untapezierten Wnden, beschien den Wandschirm aus
rissiger Seide, der in der Nhe der Tr einen kleinen, stilvoll
mblierten Wohn- und Muewinkel begrenzte, beschien das werdende Werk
auf der Staffelei und davor die Malerin und den Dichter.

Sie mochte etwa so alt sein wie er, nmlich ein wenig jenseits der
Dreiig. In ihrem dunkelblauen, fleckigen Schrzenkleide sa sie auf
einem niedrigen Schemel und sttzte das Kinn in die Hand. Ihr braunes
Haar, fest frisiert und an den Seiten schon leicht ergraut, bedeckte in
leisen Scheitelwellen ihre Schlfen und gab den Rahmen zu ihrem
brnetten, slawisch geformten, unendlich sympathischen Gesicht mit der
Stumpfnase, den scharf herausgearbeiteten Wangenknochen und den kleinen,
schwarzen, blanken Augen. Gespannt, mitrauisch und gleichsam gereizt
musterte sie schiefen und gekniffenen Blicks ihre Arbeit...

Er stand neben ihr, hielt die rechte Hand in die Hfte gestemmt und
drehte mit der Linken eilig an seinem braunen Schnurrbart. Seine
schrgen Brauen waren in einer finsteren und angestrengten Bewegung,
wobei er leise vor sich hin pfiff, wie gewhnlich. Er war uerst
sorgfltig und gediegen gekleidet, in einen Anzug von ruhigem Grau und
reserviertem Schnitt. Aber in seiner durcharbeiteten Stirn, ber der
sein dunkles Haar so auerordentlich simpel und korrekt sich scheitelte,
war ein nervses Zucken, und die Zge seines sdlich geschnittenen
Gesichts waren schon scharf, von einem harten Griffel gleichsam
nachgezogen und ausgeprgt, whrend doch sein Mund so sanft umrissen,
sein Kinn so weich gebildet erschien... Nach einer Weile strich er mit
der Hand ber Stirn und Augen und wandte sich ab.

Ich htte nicht kommen sollen, sagte er.

Warum htten Sie nicht, Tonio Krger?

Eben stehe ich von meiner Arbeit auf, Lisaweta, und in meinem Kopf
sieht es genau aus wie auf dieser Leinwand. Ein Gerst, ein blasser, von
Korrekturen beschmutzter Entwurf und ein paar Farbflecke, ja; und nun
komme ich hierher und sehe dasselbe. Und auch den Konflikt und Gegensatz
finde ich hier wieder, sagte er und schnupperte in die Luft, der mich
zu Hause qulte. Seltsam ist es. Beherrscht dich ein Gedanke, so findest
du ihn berall ausgedrckt, du _riechst_ ihn sogar im Winde. Fixativ und
Frhlingsarom, nicht wahr? Kunst und -- ja, was ist das andere? Sagen
Sie nicht >Natur<, Lisaweta, >Natur< ist nicht erschpfend. Ach, nein,
ich htte wohl lieber spazierengehen sollen, obgleich es die Frage ist,
ob ich mich dabei wohler befunden htte! Vor fnf Minuten, nicht weit
von hier, traf ich einen Kollegen, Adalbert, den Novellisten. >Gott
verdamme den Frhling!< sagte er in seinem aggressiven Stil. >Er ist und
bleibt die grlichste Jahreszeit! Knnen Sie einen vernnftigen
Gedanken fassen, Krger, knnen Sie die kleinste Pointe und Wirkung in
Gelassenheit ausarbeiten, wenn es Ihnen auf eine unanstndige Weise im
Blute kribbelt und eine Menge von unzugehrigen Sensationen Sie
beunruhigt, die, sobald Sie sie prfen, sich als ausgemacht triviales
und gnzlich unbrauchbares Zeug entpuppen? Was mich betrifft, so gehe
ich nun ins Caf. Das ist neutrales, vom Wechsel der Jahreszeiten
unberhrtes Gebiet, wissen Sie, das stellt sozusagen die entrckte und
erhabene Sphre des Literarischen dar, in der man nur vornehmerer
Einflle fhig ist...< Und er ging ins Caf; und vielleicht htte ich
mitgehen sollen.

Lisaweta amsierte sich.

Das ist gut, Tonio Krger. Das mit dem >unanstndigen Kribbeln< ist
gut. Und er hat ja gewissermaen recht, denn mit dem Arbeiten ist es
wirklich nicht sonderlich bestellt im Frhling. Aber nun geben Sie acht.
Nun mache ich trotzdem noch diese kleine Sache hier, diese kleine Pointe
und Wirkung, wie Adalbert sagen wrde. Nachher gehen wir in den >Salon<
und trinken Tee, und Sie sprechen sich aus; denn das sehe ich genau, da
Sie heute geladen sind. Bis dahin gruppieren Sie sich wohl irgendwo, zum
Beispiel auf der Kiste da, wenn Sie nicht fr Ihre Patriziergewnder
frchten...

Ach, lassen Sie mich mit meinen Gewndern in Ruh', Lisaweta Iwanowna!
Wnschten Sie, da ich in einer zerrissenen Sammetjacke oder einer
rotseidenen Weste umherliefe? Man ist als Knstler innerlich immer
Abenteurer genug. uerlich soll man sich gut anziehen, zum Teufel, und
sich benehmen wie ein anstndiger Mensch... Nein, geladen bin ich
nicht, sagte er und sah zu, wie sie auf der Palette eine Mischung
bereitete. Sie hren ja, da es nur ein Problem und Gegensatz ist, was
mir im Sinne liegt und mich bei der Arbeit strte... Ja, wovon sprachen
wir eben? Von Adalbert, dem Novellisten, und was fr ein stolzer und
fester Mann er ist. >Der Frhling ist die grlichste Jahreszeit<, sagte
er und ging ins Caf. Denn man mu wissen, was man will, nicht wahr?
Sehen Sie, auch mich macht der Frhling nervs, auch mich setzt die
holde Trivialitt der Erinnerungen und Empfindungen, die er erweckt, in
Verwirrung; nur, da ich es nicht ber mich gewinne, ihn dafr zu
schelten und zu verachten; denn die Sache ist die, da ich mich vor ihm
schme, mich schme vor seiner reinen Natrlichkeit und seiner siegenden
Jugend. Und ich wei nicht, ob ich Adalbert beneiden oder geringschtzen
soll, dafr, da er nichts davon wei...

Man arbeitet schlecht im Frhling, gewi, und warum? Weil man
empfindet. Und weil der ein Stmper ist, der glaubt, der Schaffende
drfe empfinden. Jeder echte und aufrichtige Knstler lchelt ber die
Naivitt dieses Pfuscher-Irrtums, -- melancholisch vielleicht, aber er
lchelt. Denn das, was man sagt, darf ja niemals die Hauptsache sein,
sondern nur das an und fr sich gleichgltige Material, aus dem das
sthetische Gebilde in spielender und gelassener berlegenheit
zusammenzusetzen ist. Liegt Ihnen zu viel an dem, was Sie zu sagen
haben, schlgt Ihr Herz zu warm dafr, so knnen Sie eines vollstndigen
Fiaskos sicher sein. Sie werden pathetisch, Sie werden sentimental,
etwas Schwerflliges, Tppisch-Ernstes, Unbeherrschtes, Unironisches,
Ungewrztes, Langweiliges, Banales entsteht unter Ihren Hnden, und
nichts als Gleichgltigkeit bei den Leuten, nichts als Enttuschung und
Jammer bei Ihnen selbst ist das Ende... Denn so ist es ja, Lisaweta: Das
Gefhl, das warme, herzliche Gefhl ist immer banal und unbrauchbar, und
knstlerisch sind blo die Gereiztheiten und kalten Ekstasen unseres
verdorbenen, unseres artistischen Nervensystems. Es ist ntig, da man
irgend etwas Auermenschliches und Unmenschliches sei, da man zum
Menschlichen in einem seltsam fernen und unbeteiligten Verhltnis stehe,
um imstande und berhaupt versucht zu sein, es zu spielen, damit zu
spielen, es wirksam und geschmackvoll darzustellen. Die Begabung fr
Stil, Form und Ausdruck setzt bereits dies khle und whlerische
Verhltnis zum Menschlichen, ja, eine gewisse menschliche Verarmung und
Verdung voraus. Denn das gesunde und starke Gefhl, dabei bleibt es,
hat keinen Geschmack. Es ist aus mit dem Knstler, sobald er Mensch wird
und zu empfinden beginnt. Das wute Adalbert, und darum begab er sich
ins Caf, in die >entrckte Sphre<, jawohl!

Nun, Gott mit ihm, Batuschka, sagte Lisaweta und wusch sich die Hnde
in einer Blechwanne; Sie brauchen ihm ja nicht zu folgen.

Nein, Lisaweta, ich folge ihm nicht, und zwar einzig, weil ich hie und
da imstande bin, mich vor dem Frhling meines Knstlertums ein wenig zu
schmen. Sehen Sie, zuweilen erhalte ich Briefe von fremder Hand, Lob-
und Dankschreiben aus meinem Publikum, bewunderungsvolle Zuschriften
ergriffener Leute. Ich lese diese Zuschriften, und Rhrung beschleicht
mich angesichts des warmen und unbeholfenen menschlichen Gefhls, das
meine Kunst hier bewirkt hat, eine Art von Mitleid fat mich an
gegenber der begeisterten Naivitt, die aus den Zeilen spricht, und ich
errte bei dem Gedanken, wie sehr dieser redliche Mensch ernchtert sein
mte, wenn er je einen Blick hinter die Kulissen tte, wenn seine
Unschuld je begriffe, da ein rechtschaffener, gesunder und anstndiger
Mensch berhaupt nicht schreibt, mimt, komponiert... was alles ja nicht
hindert, da ich seine Bewunderung fr mein Genie bentze, um mich zu
steigern und zu stimulieren, da ich sie gewaltig ernst nehme und ein
Gesicht dazu mache wie ein Affe, der den groen Mann spielt... Ach,
reden Sie mir nicht darein, Lisaweta! Ich sage Ihnen, da ich es oft
sterbensmde bin, das Menschliche darzustellen, ohne am Menschlichen
teilzuhaben... Ist der Knstler berhaupt ein Mann? Man frage >das Weib<
danach! Mir scheint, wir Knstler teilen alle ein wenig das Schicksal
jener prparierten ppstlichen Snger... Wir singen ganz rhrend schn.
Jedoch --

Sie sollten sich ein bichen schmen, Tonio Krger. Kommen Sie nun zum
Tee. Das Wasser wird gleich kochen, und hier sind Papyros. Beim
Sopransingen waren Sie stehengeblieben; und fahren Sie da nur fort. Aber
schmen sollten Sie sich. Wenn ich nicht wte, mit welch stolzer
Leidenschaft Sie Ihrem Berufe ergeben sind...

Sagen Sie nichts von >Beruf<, Lisaweta Iwanowna! Die Literatur ist
berhaupt kein Beruf, sondern ein Fluch, -- damit Sie's wissen. Wann
beginnt er fhlbar zu werden, dieser Fluch? Frh, schrecklich frh. Zu
einer Zeit, da man billig noch in Frieden und Eintracht mit Gott und der
Welt leben sollte. Sie fangen an, sich gezeichnet, sich in einem
rtselhaften Gegensatz zu den anderen, den Gewhnlichen, den
Ordentlichen zu fhlen, der Abgrund von Ironie, Unglaube, Opposition,
Erkenntnis, Gefhl, der Sie von den Menschen trennt, klafft tiefer und
tiefer, Sie sind einsam, und fortan gibt es keine Verstndigung mehr.
Was fr ein Schicksal! Gesetzt, da das Herz lebendig genug, _liebevoll_
genug geblieben ist, es als furchtbar zu empfinden!... Ihr
Selbstbewutsein entzndet sich, weil Sie unter Tausenden das Zeichen an
Ihrer Stirne spren und fhlen, da es niemandem entgeht. Ich kannte
einen Schauspieler von Genie, der als Mensch mit einer krankhaften
Befangenheit und Haltlosigkeit zu kmpfen hatte. Sein berreiztes
Ichgefhl zusammen mit dem Mangel an Rolle, an darstellerischer Aufgabe,
bewirkten das bei diesem vollkommenen Knstler und verarmten Menschen...
Einen Knstler, einen wirklichen, nicht einen, dessen brgerlicher Beruf
die Kunst ist, sondern einen vorbestimmten und verdammten, ersehen Sie
mit geringem Scharfblick aus einer Menschenmasse. Das Gefhl der
Separation und Unzugehrigkeit, des Erkannt-und Beobachtetseins, etwas
zugleich Knigliches und Verlegenes ist in seinem Gesicht. In den Zgen
eines Frsten, der in Zivil durch eine Volksmenge schreitet, kann man
etwas hnliches beobachten. Aber da hilft kein Zivil, Lisaweta!
Verkleiden Sie sich, vermummen Sie sich, ziehen Sie sich an wie ein
Attach oder ein Gardeleutnant in Urlaub: Sie werden kaum die Augen
aufzuschlagen und ein Wort zu sprechen brauchen, und jedermann wird
wissen, da Sie kein Mensch sind, sondern irgend etwas Fremdes,
Befremdendes, Anderes...

Aber _was ist_ der Knstler? Vor keiner Frage hat die Bequemlichkeit
und Erkenntnistrgheit der Menschheit sich zher erwiesen als vor
dieser. >Dergleichen ist Gabe<, sagen demtig die braven Leute, die
unter der Wirkung eines Knstlers stehen, und weil heitere und erhabene
Wirkungen nach ihrer gutmtigen Meinung ganz unbedingt auch heitere und
erhabene Ursprnge haben mssen, so argwhnt niemand, da es sich hier
vielleicht um eine uerst schlimm bedingte, uerst fragwrdige >Gabe<
handelt... Man wei, da Knstler leicht verletzlich sind -- nun, man
wei auch, da dies bei Leuten mit gutem Gewissen und solid gegrndetem
Selbstgefhl nicht zuzutreffen pflegt... Sehen Sie, Lisaweta, ich hege
auf dem Grunde meiner Seele -- ins Geistige bertragen -- gegen den
Typus des Knstlers den ganzen _Verdacht_, den jeder meiner ehrenfesten
Vorfahren droben in der engen Stadt irgendeinem Gaukler und
abenteuernden Artisten entgegengebracht htte, der in sein Haus gekommen
wre. Hren Sie folgendes. Ich kenne einen Bankier, einen ergrauten
Geschftsmann, der die Gabe besitzt, Novellen zu schreiben. Er macht von
dieser Gabe in seinen Muestunden Gebrauch, und seine Arbeiten sind
manchmal ganz ausgezeichnet. Trotz -- ich sage >trotz< -- dieser
sublimen Veranlagung ist dieser Mann nicht vllig unbescholten; er hat
im Gegenteil bereits eine schwere Freiheitsstrafe zu verben gehabt,
und zwar aus triftigen Grnden. Ja, es geschah ganz eigentlich erst in
der Strafanstalt, da er seiner Begabung inne wurde, und seine
Strflingserfahrungen bilden das Grundmotiv in allen seinen
Produktionen. Man knnte daraus, mit einiger Keckheit, folgern, da es
ntig sei, in irgendeiner Art von Strafanstalt zu Hause zu sein, um zum
Dichter zu werden. Aber drngt sich nicht der Verdacht auf, da seine
Erlebnisse im Zuchthause weniger innig mit den Wurzeln und Ursprngen
seiner Knstlerschaft verwachsen gewesen sein mchten als _das, was ihn
hineinbrachte_? -- Ein Bankier, der Novellen dichtet, das ist eine
Raritt, nicht wahr? Aber ein nicht krimineller, ein unbescholtener und
solider Bankier, welcher Novellen dichtete, -- _das kommt nicht vor_...
Ja, da lachen Sie nun, und dennoch scherze ich nur halb und halb. Kein
Problem, keines in der Welt, ist qulender als das vom Knstlertum und
seiner menschlichen Wirkung. Nehmen Sie das wunderartigste Gebilde des
typischsten und darum mchtigsten Knstlers, nehmen Sie ein so morbides
und tief zweideutiges Werk wie >Tristan und Isolde< und beobachten Sie
die Wirkung, die dieses Werk auf einen jungen, gesunden, stark normal
empfindenden Menschen ausbt. Sie sehen Gehobenheit, Gestrktheit,
warme, rechtschaffene Begeisterung, Angeregtheit vielleicht zu eigenem
>knstlerischen< Schaffen... Der gute Dilettant! In uns Knstlern sieht
es grndlich anders aus, als er mit seinem >warmen Herzen< und >ehrlichen
Enthusiasmus< sich trumen mag. Ich habe Knstler von Frauen und
Jnglingen umschwrmt und umjubelt gesehen, whrend ich ber sie
_wute_... Man macht, was die Herkunft, die Miterscheinungen und
Bedingungen des Knstlertums betrifft, immer wieder die merkwrdigsten
Erfahrungen...

An anderen, Tonio Krger -- verzeihen Sie --, oder nicht nur an
anderen?

Er schwieg. Er zog seine schrgen Brauen zusammen und pfiff vor sich
hin.

Ich bitte um Ihre Tasse, Tonio. Er ist nicht stark. Und nehmen Sie eine
neue Zigarette. brigens wissen Sie sehr wohl, da Sie die Dinge
ansehen, wie sie nicht notwendig angesehen zu werden brauchen...

Das ist die Antwort des Horatio, liebe Lisaweta. >Die Dinge so
betrachten, hiee, sie zu genau betrachten<, nicht wahr?

Ich sage, da man sie ebenso genau von einer anderen Seite betrachten
kann, Tonio Krger. Ich bin blo ein dummes malendes Frauenzimmer, und
wenn ich Ihnen berhaupt etwas zu erwidern wei, wenn ich Ihren eigenen
Beruf ein wenig gegen Sie in Schutz nehmen kann, so ist es sicherlich
nichts Neues, was ich vorbringe, sondern nur eine Mahnung an das, was
Sie selbst sehr wohl wissen... Wie also: Die reinigende, heiligende
Wirkung der Literatur, die Zerstrung der Leidenschaften durch die
Erkenntnis und das Wort, die Literatur als Weg zum Verstehen, zum
Vergeben und zur Liebe, die erlsende Macht der Sprache, der
literarische Geist als die edelste Erscheinung des Menschengeistes
berhaupt, der Literat als vollkommener Mensch, als Heiliger, -- die
Dinge _so_ betrachten, hiee, sie nicht genau genug betrachten?

Sie haben ein Recht, so zu sprechen, Lisaweta Iwanowna, und zwar im
Hinblick auf das Werk Ihrer Dichter, auf die anbetungswrdige russische
Literatur, die so recht eigentlich die heilige Literatur darstellt, von
der Sie reden. Aber ich habe Ihre Einwnde nicht auer acht gelassen,
sondern sie gehren mit zu dem, was mir heute im Sinne liegt... Sehen
Sie mich an. Ich sehe nicht bermig munter aus, wie? Ein bichen alt
und scharfzgig und mde, nicht wahr? Nun, um auf die >Erkenntnis<
zurckzukommen, so liee sich ein Mensch denken, der, von Hause aus
gutglubig, sanftmtig, wohlmeinend und ein wenig sentimental, durch die
psychologische Hellsicht ganz einfach aufgerieben und zugrunde gerichtet
wrde. Sich von der Traurigkeit der Welt nicht bermannen lassen;
beobachten, merken, einfgen, auch das Qulendste, und brigens guter
Dinge sein, schon im Vollgefhl der sittlichen berlegenheit ber die
abscheuliche Erfindung des Seins, -- ja, freilich! Jedoch zuweilen
wchst Ihnen die Sache trotz aller Vergngungen des Ausdrucks ein wenig
ber den Kopf. Alles verstehen hiee alles verzeihen? Ich wei doch
nicht. Es gibt etwas, was ich Erkenntnisekel nenne, Lisaweta. Der
Zustand, in dem es dem Menschen gengt, eine Sache zu durchschauen, um
sich bereits zum Sterben angewidert (und durchaus nicht vershnlich
gestimmt) zu fhlen, -- der Fall Hamlets, des Dnen, dieses typischen
Literaten. Er wute, was das ist: zum Wissen berufen werden, ohne dazu
geboren zu sein. Hellsehen noch durch den Trnenschleier des Gefhls
hindurch, erkennen, merken, beobachten und das Beobachtete lchelnd
beiseite legen mssen noch in Augenblicken, wo Hnde sich umschlingen,
Lippen sich finden, wo des Menschen Blick, erblindet von Empfindung,
sich bricht, -- es ist infam, Lisaweta, es ist niedertrchtig,
emprend... aber was hilft es, sich zu empren?

Eine andere, aber nicht minder liebenswrdige Seite der Sache ist dann
freilich die Blasiertheit, Gleichgltigkeit und ironische Mdigkeit
aller Wahrheit gegenber, wie es denn Tatsache ist, da es nirgends in
der Welt stummer und hoffnungsloser zugeht als in einem Kreise von
geistreichen Leuten, die bereits mit allen Hunden gehetzt sind. Alle
Erkenntnis ist alt und langweilig. Sprechen Sie eine Wahrheit aus, an
deren Eroberung und Besitz Sie vielleicht eine gewisse jugendliche
Freude haben, und man wird Ihre ordinre Aufgeklrtheit mit einem ganz
kurzen Entlassen der Luft durch die Nase beantworten... Ach ja, die
Literatur macht mde, Lisaweta! In menschlicher Gesellschaft kann es
einem, ich versichere Sie, geschehen, da man vor lauter Skepsis und
Meinungsenthaltsamkeit fr dumm gehalten wird, whrend man doch nur
hochmtig und mutlos ist... Dies zur >Erkenntnis<. Was aber das >Wort<
betrifft, so handelt es sich da vielleicht weniger um eine Erlsung als
um ein Kaltstellen und Aufs-Eis-Legen der Empfindung? Im Ernst, es hat
eine eisige und emprend anmaliche Bewandtnis mit dieser prompten und
oberflchlichen Erledigung des Gefhls durch die literarische Sprache.
Ist Ihnen das Herz zu voll, fhlen Sie sich von einem sen oder
erhabenen Erlebnis allzusehr ergriffen: nichts einfacher! Sie gehen zum
Literaten, und alles wird in krzester Frist geregelt sein. Er wird
Ihnen Ihre Angelegenheit analysieren und formulieren, bei Namen nennen,
aussprechen und zum Reden bringen, wird Ihnen das Ganze fr alle Zeit
erledigen und gleichgltig machen und keinen Dank dafr nehmen. Sie aber
werden erleichtert, gekhlt und geklrt nach Hause gehen und sich
wundern, was an der Sache Sie eigentlich soeben noch mit so sem Tumult
verstren konnte. Und fr diesen kalten und eitlen Scharlatan wollen Sie
ernstlich eintreten? Was ausgesprochen ist, so lautet sein
Glaubensbekenntnis, ist erledigt. Ist die ganze Welt ausgesprochen, so
ist sie erledigt, erlst, abgetan... Sehr gut! Jedoch ich bin kein
Nihilist...

Sie sind kein --, sagte Lisaweta... Sie hielt gerade ihr Lffelchen
mit Tee in der Nhe des Mundes und erstarrte in dieser Haltung.

Nun ja... nun ja... kommen Sie zu sich, Lisaweta! Ich bin es nicht,
sage ich Ihnen, in bezug auf das lebendige Gefhl. Sehen Sie, der
Literat begreift im Grunde nicht, da das Leben noch fortfahren mag, zu
leben, da es sich dessen nicht schmt, nachdem es doch ausgesprochen
und >erledigt< ist. Aber siehe da, es sndigt trotz aller Erlsung durch
die Literatur unentwegt darauf los; denn alles Handeln ist Snde in den
Augen des Geistes...

Ich bin am Ziel, Lisaweta. Hren Sie mich an. Ich liebe das Leben --
dies ist ein Gestndnis. Nehmen Sie es und bewahren Sie es, -- ich habe
es noch keinem gemacht. Man hat gesagt, man hat es sogar geschrieben und
drucken lassen, da ich das Leben hasse oder frchte oder verachte oder
verabscheue. Ich habe dies gern gehrt, es hat mir geschmeichelt; aber
darum ist es nicht weniger falsch. Ich liebe das Leben... Sie lcheln,
Lisaweta, und ich wei, worber. Aber ich beschwre Sie, halten Sie es
nicht fr Literatur, was ich da sage! Denken Sie nicht an Cesare Borgia
oder an irgendeine trunkene Philosophie, die ihn auf den Schild erhebt!
Er ist mir nichts, dieser Cesare Borgia, ich halte nicht das geringste
auf ihn, und ich werde nie und nimmer begreifen, wie man das
Auerordentliche und Dmonische als Ideal verehren mag. Nein, das
>Leben<, wie es als ewiger Gegensatz dem Geiste und der Kunst
gegenbersteht, -- nicht als eine Vision von blutiger Gre und wilder
Schnheit, nicht als das Ungewhnliche stellt es uns Ungewhnlichen sich
dar; sondern das Normale, Wohlanstndige und Liebenswrdige ist das
Reich unserer Sehnsucht, ist das Leben in seiner verfhrerischen
Banalitt! Der ist noch lange kein Knstler, meine Liebe, dessen letzte
und tiefste Schwrmerei das Raffinierte, Exzentrische und Satanische
ist, der die Sehnsucht nicht kennt nach dem Harmlosen, Einfachen und
Lebendigen, nach ein wenig Freundschaft, Hingebung, Vertraulichkeit und
menschlichem Glck, -- die verstohlene und zehrende Sehnsucht, Lisaweta,
nach den Wonnen der Gewhnlichkeit!...

Ein menschlicher Freund! Wollen Sie glauben, da es mich stolz und
glcklich machen wrde, unter Menschen einen Freund zu besitzen? Aber
bislang habe ich nur unter Dmonen, Kobolden, tiefen Unholden und
erkenntnisstummen Gespenstern, das heit: unter Literaten Freunde
gehabt.

Zuweilen gerate ich auf irgendein Podium, finde mich in einem Saale
Menschen gegenber, die gekommen sind, mir zuzuhren. Sehen Sie, dann
geschieht es, da ich mich bei einer Umschau im Publikum beobachte, mich
ertappe, wie ich heimlich im Auditorium umhersphe, mit der Frage im
Herzen, wer es ist, der zu mir kam, wessen Beifall und Dank zu mir
dringt, mit wem meine Kunst mir hier eine ideale Vereinigung schafft...
Ich finde nicht, was ich suche, Lisaweta. Ich finde die Herde und
Gemeinde, die mir wohlbekannt ist, eine Versammlung von ersten Christen
gleichsam: Leute mit ungeschickten Krpern und feinen Seelen, Leute, die
immer hinfallen, sozusagen, Sie verstehn mich, und denen die Poesie eine
sanfte Rache am Leben ist, -- immer nur Leidende und Sehnschtige und
Arme und niemals jemand von den anderen, den Blauugigen, Lisaweta, die
den Geist nicht ntig haben!...

Und wre es nicht zuletzt ein bedauerlicher Mangel an Folgerichtigkeit,
sich zu freuen, wenn es anders wre? Es ist widersinnig, das Leben zu
lieben und dennoch mit allen Knsten bestrebt zu sein, es auf seine
Seite zu ziehen, es fr die Finessen und Melancholien, den ganzen
kranken Adel der Literatur zu gewinnen. Das Reich der Kunst nimmt zu,
und das der Gesundheit und Unschuld nimmt ab auf Erden. Man sollte, was
noch davon brig ist, aufs sorgfltigste konservieren, und man sollte
nicht Leute, die viel lieber in Pferdebchern mit Momentaufnahmen lesen,
zur Poesie verfhren wollen!

Denn schlielich, -- welcher Anblick wre klglicher als der des
Lebens, wenn es sich in der Kunst versucht? Wir Knstler verachten
niemand grndlicher als den Dilettanten, den Lebendigen, der glaubt,
obendrein bei Gelegenheit einmal ein Knstler sein zu knnen. Ich
versichere Sie, diese Art von Verachtung gehrt zu meinen persnlichsten
Erlebnissen. Ich befinde mich in einer Gesellschaft in gutem Hause, man
it, trinkt und plaudert, man versteht sich aufs beste, und ich fhle
mich froh und dankbar, eine Weile unter harmlosen und regelrechten
Leuten als ihresgleichen verschwinden zu knnen. Pltzlich (dies ist mir
begegnet) erhebt sich ein Offizier, ein Leutnant, ein hbscher und
strammer Mensch, dem ich niemals eine seines Ehrenkleides unwrdige
Handlungsweise zugetraut htte, und bittet mit unzweideutigen Worten um
die Erlaubnis, uns einige Verse mitzuteilen, die er angefertigt habe.
Man gibt ihm, mit bestrztem Lcheln, diese Erlaubnis, und er fhrt sein
Vorhaben aus, indem er von einem Zettel, den er bis dahin in seinem
Rockscho verborgen gehalten hat, seine Arbeit vorliest, etwas an die
Musik und die Liebe, kurzum, ebenso tief empfunden wie unwirksam. Nun
bitte ich aber jedermann: ein Leutnant! Ein Herr der Welt! Er htte es
doch wahrhaftig nicht ntig...! Nun, es erfolgt, was erfolgen mu: lange
Gesichter, Stillschweigen, ein wenig knstlicher Beifall und tiefstes
Mibehagen ringsum. Die erste seelische Tatsache, deren ich mir bewut
werde, ist die, da ich mich mitschuldig fhle an der Verstrung, die
dieser unbedachte junge Mann ber die Gesellschaft gebracht; und kein
Zweifel: auch mich, in dessen Handwerk er gepfuscht hat, treffen
spttische und entfremdete Blicke. Aber die zweite besteht darin, da
dieser Mensch, vor dessen Sein und Wesen ich soeben noch den ehrlichsten
Respekt empfand, in meinen Augen pltzlich sinkt, sinkt, sinkt... Ein
mitleidiges Wohlwollen fat mich an. Ich trete, gleich einigen anderen
beherzten und gutmtigen Herren, an ihn heran und rede ihm zu. >Meinen
Glckwunsch<, sage ich, >Herr Leutnant! Welch hbsche Begabung! Nein,
das war allerliebst!< Und es fehlt nicht viel, da ich ihm auf die
Schulter klopfe. Aber ist Wohlwollen die Empfindung, die man einem
Leutnant entgegenzubringen hat?... Seine Schuld! Da stand er und bte
in groer Verlegenheit den Irrtum, da man ein Blttchen pflcken drfe,
ein einziges, vom Lorbeerbaume der Kunst, ohne mit seinem Leben dafr zu
zahlen. Nein, da halte ich es mit meinem Kollegen, dem kriminellen
Bankier -- --. Aber finden Sie nicht, Lisaweta, da ich heute von einer
hamletischen Redseligkeit bin?

Sind Sie nun fertig, Tonio Krger?

Nein. Aber ich sage nichts mehr.

Und es gengt auch. -- Erwarten Sie eine Antwort?

Haben Sie eine?

Ich dchte doch. -- Ich habe Ihnen gut zugehrt, Tonio, von Anfang bis
zu Ende, und ich will Ihnen die Antwort geben, die auf alles pat, was
Sie heute nachmittag gesagt haben, und die die Lsung ist fr das
Problem, das Sie so sehr beunruhigt hat. Nun also! Die Lsung ist die,
da Sie, wie Sie da sitzen, ganz einfach ein Brger sind.

Bin ich? fragte er und sank ein wenig in sich zusammen...

Nicht wahr, das trifft Sie hart, und das mu es ja auch. Und darum
will ich den Urteilsspruch um etwas mildern, denn das kann ich. Sie sind
ein Brger auf Irrwegen, Tonio Krger, -- ein verirrter Brger.

-- Stillschweigen. Dann stand er entschlossen auf und griff nach Hut und
Stock.

Ich danke Ihnen, Lisaweta Iwanowna; nun kann ich getrost nach Hause
gehn. _Ich bin erledigt._




V


Gegen den Herbst sagte Tonio Krger zu Lisaweta Iwanowna:

Ja, ich verreise nun, Lisaweta; ich mu mich auslften, ich mache mich
fort, ich suche das Weite.

Nun, wie denn, Vterchen, geruhen Sie wieder nach Italien zu fahren?

Gott, gehen Sie mir doch mit Italien, Lisaweta! Italien ist mir bis zur
Verachtung gleichgltig! Das ist lange her, da ich mir einbildete,
dorthin zu gehren. Kunst, nicht wahr? Sammetblauer Himmel, heier Wein
und se Sinnlichkeit... Kurzum, ich mag das nicht. Ich verzichte. Die
ganze bellezza macht mich nervs. Ich mag auch alle diese frchterlich
lebhaften Menschen dort unten mit dem schwarzen Tierblick nicht leiden.
Diese Romanen haben kein Gewissen in den Augen... Nein, ich gehe nun ein
bichen nach Dnemark.

Nach Dnemark?

Ja. Und ich verspreche mir Gutes davon. Ich bin aus Zufall noch
niemals hinaufgelangt, so nah ich whrend meiner ganzen Jugend der
Grenze war, und dennoch habe ich das Land von jeher gekannt und geliebt.
Ich mu wohl diese nrdliche Neigung von meinem Vater haben, denn meine
Mutter war doch eigentlich mehr fr die bellezza, sofern ihr nmlich
nicht alles ganz einerlei war. Aber nehmen Sie die Bcher, die dort oben
geschrieben werden, diese tiefen, reinen und humoristischen Bcher,
Lisaweta, -- es geht mir nichts darber, ich liebe sie. Nehmen Sie die
skandinavischen Mahlzeiten, diese unvergleichlichen Mahlzeiten, die man
nur in einer starken Salzluft vertrgt (ich wei nicht, ob ich sie
berhaupt noch vertrage), und die ich von Hause aus ein wenig kenne,
denn man it schon ganz so bei mir zu Hause. Nehmen Sie auch nur die
Namen, die Vornamen, mit denen die Leute dort oben geschmckt sind und
von denen es ebenfalls schon viele bei mir zu Hause gibt, einen Laut wie
>Ingeborg<, ein Harfenschlag makellosester Poesie. Und dann die See, --
sie haben die Ostsee dort oben!... Mit einem Worte, ich fahre hinauf,
Lisaweta. Ich will die Ostsee wieder sehen, will diese Vornamen wieder
hren, diese Bcher an Ort und Stelle lesen; ich will auch auf der
Terrasse von Kronborg stehen, wo der >Geist< zu Hamlet kam und Not und
Tod ber den armen, edlen jungen Menschen brachte...

Wie fahren Sie, Tonio, wenn ich fragen darf? Welche Route nehmen Sie?

Die bliche, sagte er achselzuckend und errtete deutlich. Ja, ich
berhre meine -- meinen Ausgangspunkt, Lisaweta, nach dreizehn Jahren,
und das kann ziemlich komisch werden.

Sie lchelte.

Das ist es, was ich hren wollte, Tonio Krger. Und also fahren Sie mit
Gott. Versumen Sie auch nicht, mir zu schreiben, hren Sie? Ich
verspreche mir einen erlebnisvollen Brief von Ihrer Reise nach --
Dnemark...




VI


Und Tonio Krger fuhr gen Norden. Er fuhr mit Komfort (denn er pflegte
zu sagen, da jemand, der es innerlich so viel schwerer hat als andere
Leute, gerechten Anspruch auf ein wenig ueres Behagen habe), und er
rastete nicht eher, als bis die Trme der engen Stadt, von der er
ausgegangen war, sich vor ihm in die graue Luft erhoben. Dort nahm er
einen kurzen, seltsamen Aufenthalt...

Ein trber Nachmittag ging schon in den Abend ber, als der Zug in die
schmale, verrucherte, so wunderlich vertraute Halle einfuhr; noch immer
ballte sich unter dem schmutzigen Glasdach der Qualm in Klumpen zusammen
und zog in gedehnten Fetzen hin und wider, wie damals, als Tonio Krger,
nichts als Spott im Herzen, von hier gefahren war. -- Er versorgte sein
Gepck, ordnete an, da es ins Hotel geschafft werde, und verlie den
Bahnhof.

Das waren die zweispnnigen, schwarzen, unmig hohen und breiten
Droschken der Stadt, die drauen in einer Reihe standen! Er nahm keine
davon; er sah sie nur an, wie er alles ansah, die schmalen Giebel und
spitzen Trme, die ber die nchsten Dcher herbergrten, die blonden
und lssig-plumpen Menschen mit ihrer breiten und dennoch rapiden
Redeweise rings um ihn her, und ein nervses Gelchter stieg in ihm auf,
das eine heimliche Verwandtschaft mit Schluchzen hatte. -- Er ging zu
Fu, ging langsam, den unablssigen Druck des feuchten Windes im
Gesicht, ber die Brcke, an deren Gelnder mythologische Statuen
standen, und eine Strecke am Hafen entlang.

Groer Gott, wie winzig und winklig das Ganze erschien! Waren hier in
all der Zeit die schmalen Giebelgassen so putzig steil zur Stadt
emporgestiegen? Die Schornsteine und Maste der Schiffe schaukelten leise
in Wind und Dmmerung auf dem trben Flusse. Sollte er jene Strae
hinaufgehen, die dort, an der das Haus lag, das er im Sinne hatte? Nein,
morgen. Er war so schlfrig jetzt. Sein Kopf war schwer von der Fahrt,
und langsame, nebelhafte Gedanken zogen ihm durch den Sinn.

Zuweilen in diesen dreizehn Jahren, wenn sein Magen verdorben gewesen
war, hatte ihm getrumt, da er wieder daheim sei in dem alten,
hallenden Haus an der schrgen Gasse, da auch sein Vater wieder da sei
und ihn hart anlasse wegen seiner entarteten Lebensfhrung, was er
jedesmal sehr in der Ordnung gefunden hatte. Und diese Gegenwart nun
unterschied sich durch nichts von einem dieser betrenden und
unzerreibaren Traumgespinste, in denen man sich fragen kann, ob dies
Trug oder Wirklichkeit ist, und sich notgedrungen mit berzeugung fr
das letztere entscheidet, um dennoch am Ende zu erwachen... Er schritt
durch die wenig belebten, zugigen Straen, hielt den Kopf gegen den Wind
gebeugt und schritt wie schlafwandelnd in der Richtung des Hotels, des
ersten der Stadt, wo er bernachten wollte. Ein krummbeiniger Mann mit
einer Stange, an deren Spitze ein Feuerchen brannte, ging mit wiegendem
Matrosenschritt vor ihm her und zndete die Gaslaternen an.

Wie war ihm doch? Was war das alles, was unter der Asche seiner
Mdigkeit, ohne zur klaren Flamme zu werden, so dunkel und schmerzlich
glomm? Still, still und kein Wort! Keine Worte! Er wre gern lange so
dahingegangen, im Wind durch die dmmerigen, traumhaft vertrauten
Gassen. Aber alles war so eng und nah beieinander. Gleich war man am
Ziel.

In der oberen Stadt gab es Bogenlampen, und eben erglhten sie. Da war
das Hotel, und es waren die beiden schwarzen Lwen, die davor lagen und
vor denen er sich als Kind gefrchtet hatte. Noch immer blickten sie mit
einer Miene, als wollten sie niesen, einander an; aber sie schienen viel
kleiner geworden seit damals. -- Tonio Krger ging zwischen ihnen
hindurch.

Da er zu Fu kam, wurde er ohne viel Feierlichkeit empfangen. Der
Portier und ein sehr feiner, schwarzgekleideter Herr, welcher die
Honneurs machte und bestndig mit den kleinen Fingern seine Manschetten
in die rmel zurckstie, musterten ihn prfend und wgend vom Scheitel
bis zu den Stiefeln, sichtlich bestrebt, ihn gesellschaftlich ein wenig
zu bestimmen, ihn hierarchisch und brgerlich unterzubringen und ihm
einen Platz in ihrer Achtung anzuweisen, ohne doch zu einem beruhigenden
Ergebnis gelangen zu knnen, weshalb sie sich fr eine gemigte
Hflichkeit entschieden. Ein Kellner, ein milder Mensch mit brotblonden
Backenbartstreifen, einem altersblanken Frack und Rosetten auf den
lautlosen Schuhen, fhrte ihn zwei Treppen hinauf in ein reinlich und
altvterlich eingerichtetes Zimmer, hinter dessen Fenster sich im
Zwielicht ein pittoresker und mittelalterlicher Ausblick auf Hfe,
Giebel und die bizarren Massen der Kirche erffnete, in deren Nhe das
Hotel gelegen war. Tonio Krger stand eine Weile vor diesem Fenster;
dann setzte er sich mit gekreuzten Armen auf das weitschweifige Sofa,
zog seine Brauen zusammen und pfiff vor sich hin.

Man brachte Licht, und sein Gepck kam. Gleichzeitig legte der milde
Kellner den Meldezettel auf den Tisch, und Tonio Krger malte mit
seitwrts geneigtem Kopfe etwas darauf, das aussah wie Name, Stand und
Herkunft. Hierauf bestellte er ein wenig Abendbrot und fuhr fort, von
seinem Sofawinkel aus ins Leere zu blicken. Als das Essen vor ihm stand,
lie er es noch lange unberhrt, nahm endlich ein paar Bissen und ging
noch eine Stunde im Zimmer auf und ab, wobei er zuweilen stehenblieb und
die Augen schlo. Dann entkleidete er sich mit langsamen Bewegungen und
ging zu Bette. Er schlief lange, unter verworrenen und seltsam
sehnschtigen Trumen. --

Als er erwachte, sah er sein Zimmer von hellem Tage erfllt. Verwirrt
und hastig besann er sich, wo er sei, und machte sich auf, um die
Vorhnge zu ffnen. Des Himmels schon ein wenig blasses Sptsommer-Blau
war von dnnen, vom Wind zerzupften Wolkenfetzchen durchzogen; aber die
Sonne schien ber seiner Vaterstadt.

Er verwandte noch mehr Sorgfalt auf seine Toilette als gewhnlich, wusch
und rasierte sich aufs beste und machte sich so frisch und reinlich, als
habe er einen Besuch in gutem, korrektem Hause vor, wo es gelte, einen
schmucken und untadelhaften Eindruck zu machen; und whrend der
Hantierungen des Ankleidens horchte er auf das ngstliche Pochen seines
Herzens.

Wie hell es drauen war! Er htte sich wohler gefhlt, wenn, wie
gestern, Dmmerung in den Straen gelegen htte; nun aber sollte er
unter den Augen der Leute durch den klaren Sonnenschein gehen. Wrde er
auf Bekannte stoen, angehalten, befragt werden und Rede stehen mssen,
wie er diese dreizehn Jahre verbracht? Nein, gottlob, es kannte ihn
keiner mehr, und wer sich seiner erinnerte, wrde ihn nicht erkennen,
denn er hatte sich wirklich ein wenig verndert unterdessen. Er
betrachtete sich aufmerksam im Spiegel, und pltzlich fhlte er sich
sicherer hinter seiner Maske, hinter seinem frh durcharbeiteten
Gesicht, das lter als seine Jahre war... Er lie Frhstck kommen und
ging dann aus, ging unter den abschtzenden Blicken des Portiers und des
feinen Herrn in Schwarz durch das Vestibl und zwischen den beiden Lwen
hindurch ins Freie.

Wohin ging er? Er wute es kaum. Es war wie gestern. Kaum, da er sich
wieder von diesem wunderlich wrdigen und urvertrauten Beieinander von
Giebeln, Trmchen, Arkaden, Brunnen umgeben sah, kaum da er den Druck
des Windes, des starken Windes, der ein zartes und herbes Aroma aus
fernen Trumen mit sich fhrte, wieder im Angesicht sprte, als es sich
ihm wie Schleier und Nebelgespinst um die Sinne legte... Die Muskeln
seines Gesichtes spannten sich ab; und mit stille gewordenem Blick
betrachtete er Menschen und Dinge. Vielleicht, da er dort, an jener
Straenecke, dennoch erwachte...

Wohin ging er? Ihm war, als stehe die Richtung, die er einschlug, in
einem Zusammenhange mit seinen traurigen und seltsam reuevollen Trumen
zur Nacht... Auf den Markt ging er, unter den Bogengewlben des
Rathauses hindurch, wo Fleischer mit blutigen Hnden ihre Ware wogen,
auf den Marktplatz, wo hoch, spitzig und vielfach der gotische Brunnen
stand. Dort blieb er vor einem Hause stehen, einem schmalen und
schlichten, gleich anderen mehr, mit einem geschwungenen, durchbrochenen
Giebel, und versank in dessen Anblick. Er las das Namensschild an der
Tr und lie seine Augen ein Weilchen auf jedem der Fenster ruhen. Dann
wandte er sich langsam zum Gehen.

Wohin ging er? Heimwrts. Aber er nahm einen Umweg, machte einen
Spaziergang vors Tor hinaus, weil er Zeit hatte. Er ging ber den
Mhlenwall und den Holstenwall und hielt seinen Hut fest vor dem Winde,
der in den Bumen rauschte und knarrte. Dann verlie er die Wallanlagen
unfern des Bahnhofes, sah einen Zug mit plumper Eilfertigkeit
vorberpuffen, zhlte zum Zeitvertreib die Wagen und blickte dem Manne
nach, der zuhchst auf dem allerletzten sa. Aber am Lindenplatze machte
er vor einer der hbschen Villen halt, die dort standen, sphte lange in
den Garten und zu den Fenstern hinauf und verfiel am Ende darauf, die
Gatterpforte in ihren Angeln hin- und herzuschlenkern, so da es
kreischte. Dann betrachtete er eine Weile seine Hand, die kalt und
rostig geworden war, und ging weiter, ging durch das alte, untersetzte
Tor, am Hafen entlang und die steile zugige Gasse hinauf zum Haus seiner
Eltern.

Es stand, eingeschlossen von den Nachbarhusern, die sein Giebel
berragte, grau und ernst wie seit dreihundert Jahren, und Tonio Krger
las den frommen Spruch, der in halb verwischten Lettern ber dem Eingang
stand. Dann atmete er auf und ging hinein.

Sein Herz schlug ngstlich, denn er gewrtigte, sein Vater knnte aus
einer der Tren zu ebener Erde, an denen er vorberschritt,
hervortreten, im Kontorrock und die Feder hinterm Ohr, ihn anhalten und
ihn wegen seines extravaganten Lebens streng zur Rede stellen, was er
sehr in der Ordnung gefunden htte. Aber er gelangte unbehelligt vorbei.
Die Windfangtr war nicht geschlossen, sondern nur angelehnt, was er als
tadelnswert empfand, whrend ihm gleichzeitig zumute war wie in gewissen
leichten Trumen, in denen die Hindernisse von selbst vor einem weichen
und man, von wunderbarem Glck begnstigt, ungehindert vorwrts
dringt... Die weite Diele, mit groen, viereckigen Steinfliesen
gepflastert, widerhallte von seinen Schritten. Der Kche gegenber, in
der es still war, sprangen wie vor alters in betrchtlicher Hhe die
seltsamen, plumpen, aber reinlich lackierten Holzgelasse aus der Wand
hervor, die Mgdekammern, die nur durch eine Art freiliegender Stiege
von der Diele aus zu erreichen waren. Aber die groen Schrnke und die
geschnitzte Truhe waren nicht mehr da, die hier gestanden hatten... Der
Sohn des Hauses beschritt die gewaltige Treppe und sttzte sich mit der
Hand auf das weilackierte, durchbrochene Holzgelnder, indem er sie bei
jedem Schritte erhob und beim nchsten sacht wieder darauf niedersinken
lie, wie als versuche er schchtern, ob die ehemalige Vertrautheit mit
diesem alten, soliden Gelnder wieder herzustellen sei... Aber auf dem
Treppenabsatz blieb er stehen, vorm Eingang zum Zwischengescho. An der
Tr war ein weies Schild befestigt, auf dem in schwarzen Buchstaben zu
lesen war: Volksbibliothek.

Volksbibliothek? dachte Tonio Krger, denn er fand, da hier weder das
Volk noch die Literatur etwas zu suchen hatten. Er klopfte an die Tr...
Ein Herein ward laut, und er folgte ihm. Gespannt und finster blickte er
in eine hchst unziemliche Vernderung hinein.

Das Gescho war drei Stuben tief, deren Verbindungstren offenstanden.
Die Wnde waren fast in ihrer ganzen Hhe mit gleichfrmig gebundenen
Bchern bedeckt, die auf dunklen Gestellen in langen Reihen standen. In
jedem Zimmer sa hinter einer Art von Ladentisch ein drftiger Mensch
und schrieb. Zwei davon wandten nur die Kpfe nach Tonio Krger, aber
der erste stand eilig auf, wobei er sich mit beiden Hnden auf die
Tischplatte sttzte, den Kopf vorschob, die Lippen spitzte, die Brauen
emporzog und den Besucher mit eifrig zwinkernden Augen anblickte...

Verzeihung, sagte Tonio Krger, ohne den Blick von den vielen Bchern
zu wenden. Ich bin hier fremd, ich besichtige die Stadt. Dies ist also
die Volksbibliothek? Wrden Sie erlauben, da ich mir ein wenig Einblick
in die Sammlung verschaffe?

Gern! sagte der Beamte und zwinkerte noch heftiger... Gewi, das
steht jedermann frei. Wollen Sie sich nur umsehen... Ist Ihnen ein
Katalog gefllig?

Danke, antwortete Tonio Krger. Ich orientiere mich leicht. Damit
begann er, langsam an den Wnden entlang zu schreiten, indem er sich den
Anschein gab, als studiere er die Titel auf den Bcherrcken.
Schlielich nahm er einen Band heraus, ffnete ihn und stellte sich
damit ans Fenster.

Hier war das Frhstckszimmer gewesen. Man hatte hier morgens
gefrhstckt, nicht droben im groen Esaal, wo aus der blauen Tapete
weie Gtterstatuen hervortraten... Das dort hatte als Schlafzimmer
gedient. Seines Vaters Mutter war dort gestorben, so alt sie war, unter
schweren Kmpfen, denn sie war eine genufrohe Weltdame und hing am
Leben. Und spter hatte dort sein Vater selbst den letzten Seufzer
getan, der lange, korrekte, ein wenig wehmtige und nachdenkliche Herr
mit der Feldblume im Knopfloch... Tonio hatte am Fuende seines
Sterbebettes gesessen, mit heien Augen, ehrlich und gnzlich hingegeben
an ein stummes und starkes Gefhl, an Liebe und Schmerz. Und auch seine
Mutter hatte am Lager gekniet, seine schne, feurige Mutter, ganz
aufgelst in heien Trnen; worauf sie mit dem sdlichen Knstler in
blaue Fernen gezogen war... Aber dort hinten, das kleinere, dritte
Zimmer, nun ebenfalls ganz mit Bchern angefllt, die ein drftiger
Mensch bewachte, war lange Jahre hindurch sein eigenes gewesen. Dorthin
war er nach der Schule heimgekehrt, nachdem er einen Spaziergang, wie
eben jetzt, gemacht, an jener Wand hatte sein Tisch gestanden, in dessen
Schublade er seine ersten, innigen und hilflosen Verse verwahrt hatte...
Der Walnubaum... Eine stechende Wehmut durchzuckte ihn. Er blickte
seitwrts durchs Fenster hinaus. Der Garten lag wst, aber der alte
Walnubaum stand an seinem Platze, schwerfllig knarrend und rauschend
im Winde. Und Tonio Krger lie die Augen auf das Buch zurckgleiten,
das er in den Hnden hielt, ein hervorragendes Dichtwerk und ihm
wohlbekannt. Er blickte auf diese schwarzen Zeilen und Satzgruppen
nieder, folgte eine Strecke dem kunstvollen Flu des Vortrags, wie er in
gestaltender Leidenschaft sich zu einer Pointe und Wirkung erhob und
dann effektvoll absetzte...

Ja, das ist gut gemacht! sagte er, stellte das Dichtwerk weg und
wandte sich. Da sah er, da der Beamte noch immer aufrecht stand und mit
einem Mischausdruck von Diensteifer und nachdenklichem Mitrauen seine
Augen zwinkern lie.

Eine ausgezeichnete Sammlung, wie ich sehe, sagte Tonio Krger. Ich
habe schon einen berblick gewonnen. Ich bin Ihnen sehr verbunden.
Adieu. Damit ging er zur Tr hinaus; aber es war ein zweifelhafter
Abgang, und er fhlte deutlich, da der Beamte, voller Unruhe ber
diesen Besuch, noch minutenlang stehen und zwinkern wrde.

Er sprte keine Neigung, noch weiter vorzudringen. Er war zu Hause
gewesen. Droben, in den groen Zimmern hinter der Sulenhalle, wohnten
fremde Leute, er sah es; denn der Treppenkopf war durch eine Glastr
verschlossen, die ehemals nicht dagewesen war, und irgendein
Namensschild war daran. Er ging fort, ging die Treppe hinunter, ber die
hallende Diele, und verlie sein Elternhaus. In einem Winkel eines
Restaurants nahm er in sich gekehrt eine schwere und fette Mahlzeit ein
und kehrte dann ins Hotel zurck.

Ich bin fertig, sagte er zu dem feinen Herrn in Schwarz. Ich reise
heute nachmittag. Und er bestellte seine Rechnung sowie den Wagen, der
ihn an den Hafen bringen sollte, zum Dampfschiff nach Kopenhagen. Dann
ging er auf sein Zimmer und setzte sich an den Tisch, sa still und
aufrecht, indem er die Wange in die Hand sttzte und mit blicklosen
Augen auf die Tischplatte niedersah. Spter beglich er seine Rechnung
und machte seine Sachen bereit. Zur festgesetzten Zeit ward der Wagen
gemeldet, und Tonio Krger stieg reisefertig hinab.

Drunten, am Fue der Treppe, erwartete ihn der feine Herr in Schwarz.

Um Vergebung! sagte er und stie mit den kleinen Fingern seine
Manschetten in die rmel zurck... Verzeihen Sie, mein Herr, da wir
Sie noch eine Minute in Anspruch nehmen mssen. Herr Seehaase -- der
Besitzer des Hotels -- ersucht Sie um eine Unterredung von zwei Worten.
Eine Formalitt... Er befindet sich dort hinten... Wollen Sie die Gte
haben, sich mit mir zu bemhen... Es ist _nur_ Herr Seehaase, der
Besitzer des Hotels.

Und er fhrte Tonio Krger unter einladendem Gestenspiel in den
Hintergrund des Vestibls. Dort stand in der Tat Herr Seehaase. Tonio
Krger kannte ihn von Ansehen aus alter Zeit. Er war klein, fett und
krummbeinig. Sein geschorener Backenbart war wei geworden; aber noch
immer trug er eine weit ausgeschnittene Frackjacke und dazu ein
grngesticktes Samtmtzchen. brigens war er nicht allein. Bei ihm, an
einem kleinen, an der Wand befestigten Pultbrett, stand, den Helm auf
dem Kopf, ein Polizist, welcher seine behandschuhte Rechte auf einem
buntbeschriebenen Papier ruhen lie, das vor ihm auf dem Pulte lag, und
Tonio Krger mit seinem ehrlichen Soldatengesicht so entgegensah, als
erwartete er, da dieser bei seinem Anblick in den Boden versinken
msse.

Tonio Krger blickte von einem zum andern und verlegte sich aufs Warten.

Sie kommen von Mnchen? fragte endlich der Polizist mit einer
gutmtigen und schwerflligen Stimme.

Tonio Krger bejahte dies.

Sie reisen nach Kopenhagen?

Ja, ich bin auf der Reise in ein dnisches Seebad.

Seebad? -- Ja, Sie mssen mal Ihre Papiere vorweisen, sagte der
Polizist, indem er das letzte Wort mit besonderer Genugtuung aussprach.

Papiere... Er hatte keine Papiere. Er zog seine Brieftasche hervor und
blickte hinein; aber es befand sich auer einigen Geldscheinen nichts
darin als die Korrektur einer Novelle, die er an seinem Reiseziel zu
erledigen gedachte. Er verkehrte nicht gern mit Beamten und hatte sich
noch niemals einen Pa ausstellen lassen...

Es tut mir leid, sagte er, aber ich fhre keine Papiere bei mir.

So? sagte der Polizist... Gar keine? -- Wie ist Ihr Name?

Tonio Krger antwortete ihm.

Ist das auch wahr?! fragte der Polizist, reckte sich auf und ffnete
pltzlich seine Nasenlcher, so weit er konnte...

Vollkommen wahr, antwortete Tonio Krger.

Was sind Sie denn?

Tonio Krger schluckte hinunter und nannte mit fester Stimme sein
Gewerbe. -- Herr Seehaase hob den Kopf und sah neugierig in sein Gesicht
empor.

Hm! sagte der Polizist. Und Sie geben an, nicht identisch zu sein mit
einem Individium namens -- Er sagte Individium und buchstabierte dann
aus dem buntbeschriebenen Papier einen ganz verzwickten und romantischen
Namen zusammen, der aus den Lauten verschiedener Rassen abenteuerlich
gemischt erschien und den Tonio Krger im nchsten Augenblick wieder
vergessen hatte. -- welcher, fuhr er fort, von unbekannten Eltern und
unbestimmter Zustndigkeit wegen verschiedener Betrgereien und anderer
Vergehen von der Mnchener Polizei verfolgt wird und sich wahrscheinlich
auf der Flucht nach Dnemark befindet?

Ich gebe das nicht nur an, sagte Tonio Krger und machte eine nervse
Bewegung mit den Schultern. -- Dies rief einen gewissen Eindruck hervor.

Wie? Ach so, na gewi! sagte der Polizist. Aber da Sie auch gar
nichts vorweisen knnen!

Auch Herr Seehaase legte sich beschwichtigend ins Mittel.

Das Ganze ist eine Formalitt, sagte er, nichts weiter! Sie mssen
bedenken, da der Beamte nur seine Schuldigkeit tut. Wenn Sie sich
irgendwie legitimieren knnten... Ein Papier...

Alle schwiegen. Sollte er der Sache ein Ende machen, indem er sich zu
erkennen gab, indem er Herrn Seehaase erffnete, da er kein Hochstapler
von unbestimmter Zustndigkeit sei, von Geburt kein Zigeuner im grnen
Wagen, sondern der Sohn Konsul Krgers, aus der Familie der Krger?
Nein, er hatte keine Lust dazu. Und waren diese Mnner der brgerlichen
Ordnung nicht im Grunde ein wenig im Recht? Gewissermaen war er ganz
einverstanden mit ihnen... Er zuckte die Achseln und blieb stumm.

Was haben Sie denn da? fragte der Polizist. Da, in dem Portefhch?

Hier? Nichts. Es ist eine Korrektur, antwortete Tonio Krger.

Korrektur? Wieso? Lassen Sie mal sehen.

Und Tonio Krger berreichte ihm seine Arbeit. Der Polizist breitete sie
auf der Pultplatte aus und begann darin zu lesen. Auch Herr Seehaase
trat nher herzu und beteiligte sich an der Lektre. Tonio Krger
blickte ihnen ber die Schultern und beobachtete, bei welcher Stelle sie
seien. Es war ein guter Moment, eine Pointe und Wirkung, die er
vortrefflich herausgearbeitet hatte. Er war zufrieden mit sich.

Sehen Sie! sagte er. Da steht mein Name. Ich habe dies geschrieben,
und nun wird es verffentlicht, verstehen Sie.

Nun, das gengt! sagte Herr Seehaase mit Entschlu, raffte die Bltter
zusammen, faltete sie und gab sie ihm zurck. Das mu gengen,
Petersen! wiederholte er kurz, indem er verstohlen die Augen schlo und
abwinkend den Kopf schttelte. Wir drfen den Herrn nicht lnger
aufhalten. Der Wagen wartet. Ich bitte sehr, die kleine Strung zu
entschuldigen, mein Herr. Der Beamte hat ja nur seine Pflicht getan,
aber ich sagte ihm sofort, da er auf falscher Fhrte sei...

So? dachte Tonio Krger.

Der Polizist schien nicht ganz einverstanden; er wandte noch etwas ein
von >Individium< und >vorweisen<. Aber Herr Seehaase fhrte seinen Gast
unter wiederholten Ausdrcken des Bedauerns durch das Vestibl zurck,
geleitete ihn zwischen den beiden Lwen hindurch zum Wagen und schlo
selbst unter Achtungsbezeugungen den Schlag hinter ihm. Und dann rollte
die lcherlich hohe und breite Droschke stolpernd, klirrend und lrmend
die steilen Gassen hinab zum Hafen...

Dies war Tonio Krgers seltsamer Aufenthalt in seiner Vaterstadt.




VII


Die Nacht fiel ein, und mit einem schwimmenden Silberglanz stieg schon
der Mond empor, als Tonio Krgers Schiff die offene See gewann. Er stand
am Bugspriet, in seinen Mantel gehllt vor dem Winde, der mehr und mehr
erstarkte, und blickte hinab in das dunkle Wandern und Treiben der
starken, glatten Wellenleiber dort unten, die umeinander schwankten,
sich klatschend begegneten, in unerwarteten Richtungen auseinanderschossen
und pltzlich schaumig aufleuchteten...

Eine schaukelnde und still entzckte Stimmung erfllte ihn. Er war ein
wenig niedergeschlagen gewesen, da man ihn daheim als Hochstapler hatte
verhaften wollen, ja, -- obgleich er es gewissermaen in der Ordnung
gefunden hatte. Aber dann, nachdem er sich eingeschifft, hatte er, wie
als Knabe zuweilen mit seinem Vater, dem Verladen der Waren zugesehen,
mit denen man, unter Rufen, die ein Gemisch aus Dnisch und Plattdeutsch
waren, den tiefen Bauch des Dampfers fllte, hatte gesehen, wie man
auer den Ballen und Kisten auch einen Eisbren und einen Knigstiger in
dick vergitterten Kfigen hinablie, die wohl von Hamburg kamen und fr
eine dnische Menagerie bestimmt waren; und dies hatte ihn zerstreut.
Whrend dann das Schiff zwischen den flachen Ufern den Flu entlang
glitt, hatte er Polizist Petersens Verhr ganz und gar vergessen, und
alles, was vorher gewesen war, seine sen, traurigen und reuigen Trume
der Nacht, der Spaziergang, den er gemacht, der Anblick des
Walnubaumes, war wieder in seiner Seele stark geworden. Und nun, da das
Meer sich ffnete, sah er von fern den Strand, an dem er als Knabe die
sommerlichen Trume des Meeres hatte belauschen drfen, sah die Glut des
Leuchtturms und die Lichter des Kurhauses, darin er mit seinen Eltern
gewohnt... Die Ostsee! Er lehnte den Kopf gegen den starken Salzwind,
der frei und ohne Hindernis daherkam, die Ohren umhllte und einen
gelinden Schwindel, eine gedmpfte Betubung hervorrief, in der die
Erinnerung an alles Bse, an Qual und Irrsal, an Wollen und Mhen trge
und selig unterging. Und in dem Sausen, Klatschen, Schumen und chzen
rings um ihn her glaubte er das Rauschen und Knarren des alten
Walnubaumes, das Kreischen einer Gartenpforte zu hren... Es dunkelte
mehr und mehr.

Die Sderne, Gott, sehen Sie doch blo die Sderne an, sagte pltzlich
mit schwerfllig singender Betonung eine Stimme, die aus dem Innern
einer Tonne zu kommen schien. Er kannte sie schon. Sie gehrte einem
rotblonden und schlicht gekleideten Mann mit gerteten Augenlidern und
einem feuchtkalten Aussehen, als habe er soeben gebadet. Beim Abendessen
in der Kajte war er Tonio Krgers Nachbar gewesen und hatte mit zagen
und bescheidenen Bewegungen erstaunliche Mengen von Hummer-Omelette zu
sich genommen. Nun lehnte er neben ihm an der Brstung und blickte zum
Himmel empor, indem er sein Kinn mit Daumen und Zeigefinger erfat
hielt. Ohne Zweifel befand er sich in einer jener auerordentlichen und
festlich-beschaulichen Stimmungen, in denen die Schranken zwischen den
Menschen dahinsinken, in denen das Herz auch Fremden sich ffnet und der
Mund Dinge spricht, vor denen er sich sonst schamhaft verschlieen
wrde...

Sehen Sie, Herr, doch blo die Sderne an. Da sdehen sie und glitzern,
es ist, wei Gott, der ganze Himmel voll. Und nun bitt' ich Sie, wenn
man hinaufsieht und bedenkt, da viele davon doch hundertmal grer sein
sollen als die Erde, wie wird einem da zu Sinn? Wir Menschen haben den
Telegraphen erfunden und das Telephon und so viele Errungenschaften der
Neuzeit, ja, das haben wir. Aber wenn wir da hinaufsehen, so mssen wir
doch erkennen und versdehen, da wir im Grunde Gewrm sind, elendes
Gewrm und nichts weiter, -- hab' ich recht oder unrecht, Herr? Ja, wir
sind Gewrm! antwortete er sich selbst und nickte demtig und
zerknirscht zum Firmament empor.

Au... nein, der hat keine Literatur im Leibe! dachte Tonio Krger. Und
alsbald fiel ihm etwas ein, was er krzlich gelesen hatte, der Aufsatz
eines berhmten franzsischen Schriftstellers ber kosmologische und
psychologische Weltanschauung; es war ein recht feines Geschwtz
gewesen.

Er gab dem jungen Mann etwas wie eine Antwort auf seine tief erlebte
Bemerkung, und dann fuhren sie fort, miteinander zu sprechen, indem sie,
ber die Brstung gelehnt, in den unruhig erhellten, bewegten Abend
hinausblickten. Es erwies sich, da der Reisegefhrte ein junger
Kaufmann aus Hamburg war, der seinen Urlaub zu dieser Vergngungsfahrt
benutzte...

Sollst, sagte er, ein bichen mit dem Steamer nach Kopenhagen fahren,
denk' ich, und da sdeh ich nun, und es ist ja soweit ganz schn. Aber
das mit den Hummer-Omeletten, das war nicht richtig, Herr, das sollen
Sie sehn, denn die Nacht wird sdrmisch, das hat der Kapitn selbst
gesagt, und mit so einem unbekmmlichen Essen im Magen ist das kein
Sba...

Tonio Krger lauschte all dieser zutunlichen Torheit mit einem
heimlichen und freundschaftlichen Gefhl.

Ja, sagte er, man it berhaupt zu schwer hier oben. Das macht faul
und wehmtig.

Wehmtig? wiederholte der junge Mann und betrachtete ihn verdutzt...
Sie sind wohl fremd hier, Herr? fragte er pltzlich...

Ach ja, ich komme weither! antwortete Tonio Krger mit einer vagen und
abwehrenden Armbewegung.

Aber Sie haben recht, sagte der junge Mann; Sie haben, wei Gott,
recht in dem, was Sie von wehmtig sagen! Ich bin fast immer wehmtig,
aber besonders an solchen Abenden wie heute, wenn die Sderne am Himmel
sdehn. Und er sttzte wieder sein Kinn mit Daumen und Zeigefinger.

Sicherlich schreibt er Verse, dachte Tonio Krger, tief ehrlich
empfundene Kaufmannsverse...

Der Abend rckte vor, und der Wind war nun so heftig geworden, da er
das Sprechen behinderte. So beschlossen sie, ein wenig zu schlafen, und
wnschten einander gute Nacht.

Tonio Krger streckte sich in seiner Koje auf der schmalen Bettstatt
aus, aber er fand keine Ruhe. Der strenge Wind und sein herbes Arom
hatten ihn seltsam erregt, und sein Herz war unruhig wie in ngstlicher
Erwartung von etwas Sem. Auch verursachte die Erschtterung, welche
entstand, wenn das Schiff einen steilen Wogenberg hinabglitt und die
Schraube wie im Krampf auerhalb des Wassers arbeitete, ihm arge
belkeit. Er kleidete sich wieder vollends an und stieg ins Freie
hinauf.

Wolken jagten am Monde vorbei. Das Meer tanzte. Nicht runde und
gleichmige Wellen kamen in Ordnung daher, sondern weithin, in bleichem
und flackerndem Licht, war die See zerrissen, zerpeitscht, zerwhlt,
leckte und sprang in spitzen, flammenartigen Riesenzungen empor, warf
neben schaumerfllten Klften zackige und unwahrscheinliche Gebilde auf
und schien mit der Kraft ungeheurer Arme in tollem Spiel den Gischt in
alle Lfte zu schleudern. Das Schiff hatte schwere Fahrt; stampfend,
schlenkernd und chzend arbeitete es sich durch den Tumult, und manchmal
hrte man den Eisbren und den Tiger, die unter dem Seegang litten, in
seinem Innern brllen. Ein Mann im Wachstuchmantel, die Kapuze berm
Kopf und eine Laterne um den Leib geschnallt, ging breitbeinig und
mhsam balancierend auf dem Verdecke hin und her. Aber dort hinten
stand, tief ber Bord gebeugt, der junge Mann aus Hamburg und lie es
sich schlecht ergehen. Gott, sagte er mit hohler und wankender Stimme,
als er Tonio Krger gewahrte, sehen Sie doch blo den Aufruhr der
Elemente, Herr! Aber dann wurde er unterbrochen und wandte sich eilig
ab.

Tonio Krger hielt sich an irgendeinem gestrafften Tau und blickte
hinaus in all den unbndigen bermut. In ihm schwang sich ein Jauchzen
auf, und ihm war, als sei es mchtig genug, um Sturm und Flut zu
bertnen. Ein Sang an das Meer, begeistert von Liebe, tnte in ihm. Du
meiner Jugend wilder Freund, so sind wir einmal noch vereint... Aber
dann war das Gedicht zu Ende. Es ward nicht fertig, nicht rund geformt
und nicht in Gelassenheit zu etwas Ganzem geschmiedet. Sein Herz
lebte...

Lange stand er so; dann streckte er sich auf einer Bank am
Kajtenhuschen aus und blickte zum Himmel hinauf, an dem die Sterne
flackerten. Er schlummerte sogar ein wenig. Und wenn der kalte Schaum in
sein Gesicht spritzte, so war es ihm im Halbschlaf wie eine Liebkosung.

Senkrechte Kreidefelsen, gespenstisch im Mondschein, kamen in Sicht und
nherten sich; das war Men, die Insel. Und wieder trat Schlummer
dazwischen, unterbrochen von salzigen Sprhschauern, die scharf ins
Gesicht bissen und die Zge erstarren lieen... Als er vllig wach
wurde, war es schon Tag, ein hellgrauer, frischer Tag, und die grne See
ging ruhiger. Beim Frhstck sah er den jungen Kaufmann wieder, der
heftig errtete, wahrscheinlich vor Scham, im Dunklen so poetische und
blamable Dinge geuert zu haben, mit allen fnf Fingern seinen kleinen
rtlichen Schnurrbart emporstrich und ihm einen soldatisch scharfen
Morgengru zurief, um ihn dann ngstlich zu meiden.

Und Tonio Krger landete in Dnemark. Er hielt Ankunft in Kopenhagen,
gab Trinkgeld an jeden, der sich die Miene gab, als htte er Anspruch
darauf, durchwanderte von seinem Hotelzimmer aus drei Tage lang die
Stadt, indem er sein Reisebchlein aufgeschlagen vor sich hertrug, und
benahm sich ganz wie ein besserer Fremder, der seine Kenntnisse zu
bereichern wnscht. Er betrachtete des Knigs Neumarkt und das >Pferd<
in seiner Mitte, blickte achtungsvoll an den Sulen der Frauenkirche
empor, stand lange vor Thorwaldsens edlen und lieblichen Bildwerken,
stieg auf den Runden Turm, besichtigte Schlsser und verbrachte zwei
bunte Abende im Tivoli. Aber es war nicht so recht eigentlich all dies,
was er sah.

An den Husern, die oft ganz das Aussehen der alten Huser seiner
Vaterstadt mit geschwungenen, durchbrochenen Giebeln hatten, sah er
Namen, die ihm aus alten Tagen bekannt waren, die ihm etwas Zartes und
Kstliches zu bezeichnen schienen und bei alledem etwas wie Vorwurf,
Klage und Sehnsucht nach Verlorenem in sich schlossen. Und allerwegen,
indes er in verlangsamten, nachdenklichen Zgen die feuchte Seeluft
atmete, sah er Augen, die so blau, Haare, die so blond, Gesichter, die
von eben der Art und Bildung waren, wie er sie in den seltsam wehen und
reuigen Trumen der Nacht geschaut, die er in seiner Vaterstadt
verbracht hatte. Es konnte geschehen, da auf offener Strae ein Blick,
ein klingendes Wort, ein Auflachen ihn ins Innerste traf...

Es litt ihn nicht lange in der munteren Stadt. Eine Unruhe, s und
tricht, Erinnerung halb und halb Erwartung, bewegte ihn, zusammen mit
dem Verlangen, irgendwo still am Strande liegen zu drfen und nicht den
angelegentlich sich umtuenden Touristen spielen zu mssen. So schiffte
er sich aufs neue ein und fuhr an einem trben Tage (die See ging
schwarz) nordwrts die Kste von Seeland entlang gen Helsingr. Von dort
setzte er seine Reise unverzglich zu Wagen auf dem Chausseewege fort,
noch drei Viertelstunden lang, immer ein wenig oberhalb des Meeres, bis
er an seinem letzten und eigentlichen Ziele hielt, dem kleinen weien
Badehotel mit grnen Fensterlden, das inmitten einer Siedelung
niedriger Huschen stand und mit seinem holzgedeckten Turm auf den Sund
und die schwedische Kste hinausblickte. Hier stieg er ab, nahm Besitz
von dem hellen Zimmer, das man ihm bereitgehalten, fllte Bord und Spind
mit dem, was er mit sich fhrte, und schickte sich an, hier eine Weile
zu leben.




VIII


Schon rckte der September vor: es waren nicht mehr viele Gste in
Aalsgaard. Bei den Mahlzeiten in dem groen, balkengedeckten Esaal zu
ebener Erde, dessen hohe Fenster auf die Glasveranda und die See
hinausblickten, fhrte die Wirtin den Vorsitz, ein bejahrtes Mdchen mit
weiem Haar, farblosen Augen, zartrosigen Wangen und einer haltlosen
Zwitscherstimme, das immer seine roten Hnde auf dem Tafeltuche ein
wenig vorteilhaft zu gruppieren trachtete. Ein kurzhalsiger alter Herr
mit eisgrauem Schifferbart und dunkelblulichem Gesicht war da, ein
Fischhndler aus der Hauptstadt, der des Deutschen mchtig war. Er
schien gnzlich verstopft und zum Schlagflu geneigt, denn er atmete
kurz und stoweise und hob von Zeit zu Zeit den beringten Zeigefinger zu
einem seiner Nasenlcher empor, um es zuzudrcken und dem anderen durch
starkes Blasen ein wenig Luft zu verschaffen. Nichtsdestoweniger sprach
er bestndig der Aquavitflasche zu, die sowohl beim Frhstck als beim
Mittag- und Abendessen vor ihm stand. Dann waren nur noch drei groe
amerikanische Jnglinge mit ihrem Gouverneur oder Hauslehrer zugegen,
der schweigend an seiner Brille rckte und tagber mit ihnen Fuball
spielte. Sie trugen ihr rotgelbes Haar in der Mitte gescheitelt und
hatten lange, unbewegte Gesichter. Please give me the wurst-things
there! sagte der eine. That's not wurst, that's schinken! sagte ein
anderer, und dies war alles, was sowohl sie als der Hauslehrer zur
Unterhaltung beitrugen; denn sonst saen sie still und tranken heies
Wasser.

Tonio Krger htte sich keine andere Art von Tischgesellschaft
gewnscht. Er geno seinen Frieden, horchte auf die dnischen Kehllaute,
die hellen und trben Vokale, in denen der Fischhndler und die Wirtin
zuweilen konversierten, wechselte hie und da mit dem ersteren eine
schlichte Bemerkung ber den Barometerstand und erhob sich dann, um
durch die Veranda wieder an den Strand hinunterzugehen, wo er schon
lange Morgenstunden verbracht hatte.

Manchmal war es dort still und sommerlich. Die See ruhte trge und
glatt, in blauen, flaschengrnen und rtlichen Streifen, von silbrig
glitzernden Lichtreflexen berspielt, der Tang drrte zu Heu in der
Sonne, und die Quallen lagen da und verdunsteten. Es roch ein wenig
faulig und ein wenig auch nach dem Teer des Fischerbootes, an welches
Tonio Krger, im Sande sitzend, den Rcken lehnte, -- so gewandt, da er
den offenen Horizont und nicht die schwedische Kste vor Augen hatte;
aber des Meeres leiser Atem strich rein und frisch ber alles hin.

Und graue, strmische Tage kamen. Die Wellen beugten die Kpfe wie
Stiere, die die Hrner zum Stoe einlegen, und rannten wtend gegen den
Strand, der hoch hinauf bersplt und mit naglnzendem Seegras,
Muscheln und angeschwemmtem Holzwerk bedeckt war. Zwischen den
langgestreckten Wellenhgeln dehnten sich unter dem verhngten Himmel
blagrn-schaumig die Tler; aber dort, wo hinter den Wolken die Sonne
stand, lag auf den Wassern ein weilicher Sammetglanz.

Tonio Krger stand in Wind und Brausen eingehllt, versunken in dies
ewige, schwere, betubende Getse, das er so sehr liebte. Wandte er sich
und ging fort, so schien es pltzlich ganz ruhig und warm um ihn her.
Aber im Rcken wute er sich das Meer; es rief, lockte und grte. Und
er lchelte.

Er ging landeinwrts, auf Wiesenwegen durch die Einsamkeit, und bald
nahm Buchenwald ihn auf, der sich hgelig weit in die Gegend erstreckte.
Er setzte sich ins Moos, an einen Baum gelehnt, so, da er zwischen den
Stmmen einen Streifen des Meeres gewahren konnte. Zuweilen trug der
Wind das Gerusch der Brandung zu ihm, das klang, wie wenn in der Ferne
Bretter aufeinanderfallen. Krhengeschrei ber den Wipfeln, heiser, de
und verloren... Er hielt ein Buch auf den Knien, aber er las nicht eine
Zeile darin. Er geno ein tiefes Vergessen, ein erlstes Schweben ber
Raum und Zeit, und nur zuweilen war es, als wrde sein Herz von einem
Weh durchzuckt, einem kurzen, stechenden Gefhl von Sehnsucht oder Reue,
das nach Namen und Herkunft zu fragen er zu trge und versunken war.

So verging mancher Tag; er htte nicht zu sagen vermocht, wie viele, und
trug kein Verlangen danach, es zu wissen. Dann aber kam einer, an
welchem etwas geschah; es geschah, whrend die Sonne am Himmel stand und
Menschen zugegen waren, und Tonio Krger war nicht einmal so
auerordentlich erstaunt darber.

Gleich dieses Tages Anfang gestaltete sich festlich und entzckend.
Tonio Krger erwachte sehr frh und ganz pltzlich, fuhr mit einem
feinen und unbestimmten Erschrecken aus dem Schlafe empor und glaubte,
in ein Wunder, einen feenhaften Beleuchtungszauber hineinzublicken. Sein
Zimmer, mit Glastr und Balkon nach dem Sunde hinaus gelegen und durch
einen dnnen, weien Gazevorhang in Wohn- und Schlafraum geteilt, war
zartfarbig tapeziert und mit leichten, hellen Mbeln versehen, so da es
stets einen lichten und freundlichen Anblick bot. Nun aber sahen seine
schlaftrunkenen Augen es in einer unirdischen Verklrung und
Illumination vor sich liegen, ber und ber getaucht in einen unsglich
holden und duftigen Rosenschein, der Wnde und Mbel vergoldete und den
Gazevorhang in ein mildes, rotes Glhen versetzte... Tonio Krger
begriff lange nicht, was sich ereignete. Als er aber vor der Glastr
stand und hinausblickte, sah er, da es die Sonne war, die aufging.

Mehrere Tage lang war es trb und regnicht gewesen; jetzt aber spannte
sich der Himmel wie aus straffer, blablauer Seide schimmernd klar ber
See und Land, und durchquert und umgeben von rot und golden
durchleuchteten Wolken, erhob sich feierlich die Sonnenscheibe ber das
flimmernd gekrauste Meer, das unter ihr zu erschauern und zu erglhen
schien... So hub der Tag an, und verwirrt und glcklich warf Tonio
Krger sich in die Kleider, frhstckte vor allen anderen drunten in der
Veranda, schwamm hierauf von dem kleinen hlzernen Badehuschen aus eine
Strecke in den Sund hinaus und tat dann einen stundenlangen Gang am
Strande hin. Als er zurckkehrte, hielten mehrere omnibusartige Wagen
vorm Hotel, und vom Esaal aus gewahrte er, da sowohl in dem
anstoenden Gesellschaftszimmer, dort, wo das Klavier stand, als auch in
der Veranda und auf der Terrasse, die davor lag, Menschen in groer
Anzahl, kleinbrgerlich gekleidete Herrschaften, an runden Tischen saen
und unter angeregten Gesprchen Bier mit Butterbrot genossen. Es waren
ganze Familien, ltere und junge Leute, ja sogar ein paar Kinder.

Beim zweiten Frhstck (der Tisch trug schwer an kalter Kche,
Geruchertem, Gesalzenem und Gebackenem) erkundigte sich Tonio Krger,
was vor sich gehe.

Gste! sagte der Fischhndler. Ausflgler und Ballgste aus
Helsingr! Ja, Gott soll uns bewahren, wir werden nicht schlafen knnen,
diese Nacht! Es wird Tanz geben, Tanz und Musik, und man mu frchten,
da das lange dauert. Es ist eine Familienvereinigung, eine Landpartie
nebst Reunion, kurzum, eine Subskription oder dergleichen, und sie
genieen den schnen Tag. Sie sind zu Boot und zu Wagen gekommen, und
jetzt frhstcken sie. Spter fahren sie noch weiter ber Land, aber
abends kommen sie wieder, und dann ist Tanzbelustigung hier im Saale.
Ja, verdammt und verflucht, wir werden kein Auge zutun...

Das ist eine hbsche Abwechslung, sagte Tonio Krger.

Hierauf wurde lngere Zeit nichts mehr gesprochen. Die Wirtin ordnete
ihre roten Finger, der Fischhndler blies durch das rechte Nasenloch, um
sich ein wenig Luft zu verschaffen, und die Amerikaner tranken heies
Wasser und machten lange Gesichter dazu.

Da geschah dies auf einmal: _Hans Hansen und Ingeborg Holm gingen durch
den Saal._ --

Tonio Krger lehnte, in einer wohligen Ermdung nach dem Bade und
seinem hurtigen Gang, im Stuhl und a gerucherten Lachs auf Rstbrot;
-- er sa der Veranda und dem Meere zugewandt. Und pltzlich ffnete
sich die Tr, und Hand in Hand kamen die beiden herein, -- schlendernd
und ohne Eile. Ingeborg, die blonde Inge, war hell gekleidet, wie sie in
der Tanzstunde bei Herrn Knaak zu sein pflegte. Das leichte, geblmte
Kleid reichte ihr nur bis zu den Kncheln, und um die Schultern trug sie
einen breiten, weien Tllbesatz mit spitzem Ausschnitt, der ihren
weichen, geschmeidigen Hals frei lie. Der Hut hing ihr an seinen
zusammengeknpften Bndern ber dem einen Arm. Sie war vielleicht ein
klein wenig erwachsener als sonst und trug ihren wunderbaren Zopf nun um
den Kopf gelegt; aber Hans Hansen war ganz wie immer. Er hatte seine
Seemanns-berjacke mit den goldenen Knpfen an, ber welcher auf
Schultern und Rcken der breite, blaue Kragen lag; die Matrosenmtze mit
den kurzen Bndern hielt er in der hinabhngenden Hand und schlenkerte
sie sorglos hin und her. Ingeborg hielt ihre schmal geschnittenen Augen
abgewandt, vielleicht ein wenig geniert durch die speisenden Leute, die
auf sie schauten. Allein Hans Hansen wandte nun gerade und aller Welt
zum Trotz den Kopf nach der Frhstckstafel und musterte mit seinen
stahlblauen Augen einen nach dem anderen herausfordernd und
gewissermaen verchtlich; er lie sogar Ingeborgs Hand fahren und
schwenkte seine Mtze noch heftiger hin und her, um zu zeigen, was fr
ein Mann er sei. So gingen die beiden, mit dem still blauenden Meere als
Hintergrund, vor Tonio Krgers Augen vorber, durchmaen den Saal seiner
Lnge nach und verschwanden durch die entgegengesetzte Tr im
Klavierzimmer.

Dies begab sich um halb zwlf Uhr vormittags, und noch whrend die
Kurgste beim Frhstck saen, brach nebenan und in der Veranda die
Gesellschaft auf und verlie, ohne da noch jemand den Esaal betreten
htte, durch den Seitenzugang, der vorhanden war, das Hotel. Man hrte,
wie drauen unter Scherzen und Gelchter die Wagen bestiegen wurden, wie
ein Gefhrt nach dem anderen auf der Landstrae sich knirschend in
Bewegung setzte und davonrollte...

Sie kommen also wieder? fragte Tonio Krger...

Das tun sie! sagte der Fischhndler. Und Gott sei's geklagt. Sie
haben Musik bestellt, mssen Sie wissen, und ich schlafe hier berm
Saale.

Das ist eine hbsche Abwechslung, wiederholte Tonio Krger. Dann stand
er auf und ging fort.

Er verbrachte den Tag, wie er die anderen verbracht hatte, am Strande,
im Walde, hielt ein Buch auf den Knien und blinzelte in die Sonne. Er
bewegte nur einen Gedanken: diesen, da sie wiederkehren und im Saale
Tanzbelustigung abhalten wrden, wie es der Fischhndler versprochen
hatte; und er tat nichts, als sich hierauf freuen, mit einer so
ngstlichen und sen Freude, wie er sie lange, tote Jahre hindurch
nicht mehr erprobt hatte. Einmal, durch irgendeine Verknpfung von
Vorstellungen, erinnerte er sich flchtig eines fernen Bekannten,
Adalberts, des Novellisten, der wute, was er wollte, und sich ins
Kaffeehaus begeben hatte, um der Frhlingsluft zu entgehen. Und er
zuckte die Achseln ber ihn...

Es wurde frher als gewhnlich zu Mittag gegessen, und das Abendbrot
nahm man ebenfalls zeitiger als sonst, im Klavierzimmer, weil im Saale
schon Vorbereitungen zum Balle getroffen wurden: auf so festliche Art
war alles in Unordnung gebracht. Dann, als es schon dunkel war und Tonio
Krger in seinem Zimmer sa, ward es wieder lebendig auf der Landstrae
und im Hause. Die Ausflgler kehrten zurck; ja, aus der Richtung von
Helsingr trafen zu Rad und zu Wagen noch neue Gste ein, und bereits
hrte man drunten im Hause eine Geige stimmen und eine Klarinette
nselnde bungslufe vollfhren... Alles versprach, da es ein
glnzendes Ballfest geben werde.

Nun setzte das kleine Orchester mit einem Marsche ein: gedmpft und
taktfest scholl es herauf: man erffnete den Tanz mit einer Polonse.
Tonio Krger sa noch eine Weile still und lauschte. Als er aber
vernahm, wie das Marschtempo in Walzertakt berging, machte er sich auf
und schlich geruschlos aus seinem Zimmer.

Von dem Korridor, an dem es gelegen war, konnte man ber eine
Nebentreppe zu dem Seiteneingang des Hotels und von dort, ohne ein
Zimmer zu berhren, in die Glasveranda gelangen. Diesen Weg nahm er,
leise und verstohlen, als befinde er sich auf verbotenen Pfaden, tastete
sich behutsam durch das Dunkel, unwiderstehlich angezogen von dieser
dummen und selig wiegenden Musik, deren Klnge schon klar und ungedmpft
zu ihm drangen.

Die Veranda war leer und unerleuchtet, aber die Glastr zum Saale, wo
die beiden groen, mit blanken Reflektoren versehenen Petroleumlampen
hell erstrahlten, stand geffnet. Dorthin schlich er sich auf leisen
Sohlen, und der diebische Genu, hier im Dunkeln stehen und ungesehen
die belauschen zu drfen, die im Lichte tanzten, verursachte ein
Prickeln in seiner Haut. Hastig und begierig sandte er seine Blicke nach
den beiden aus, die er suchte...

Die Frhlichkeit des Festes schien schon ganz frei entfaltet, obgleich
es kaum seit einer halben Stunde erffnet war; aber man war ja bereits
warm und angeregt hierhergekommen, nachdem man den ganzen Tag
miteinander verbracht, sorglos, gemeinsam und glcklich. Im
Klavierzimmer, das Tonio Krger berblicken konnte, wenn er sich ein
wenig weiter vorwagte, hatten sich mehrere ltere Herren rauchend und
trinkend beim Kartenspiel vereinigt; aber andere saen bei ihren
Gattinnen im Vordergrunde auf den Plschsthlen und an den Wnden des
Saales und sahen dem Tanze zu. Sie hielten die Hnde auf die gespreizten
Knie gesttzt und bliesen mit einem wohlhabenden Ausdruck die Wangen
auf, indes die Mtter, Kapotthtchen auf den Scheiteln, die Hnde unter
der Brust zusammenlegten und mit seitwrts geneigten Kpfen in das
Getmmel der jungen Leute schauten. Ein Podium war an der einen
Lngswand des Saales errichtet worden, und dort taten die Musikanten ihr
Bestes. Sogar eine Trompete war da, welche mit einer gewissen zgernden
Behutsamkeit blies, als frchtete sie sich vor ihrer eigenen Stimme, die
sich dennoch bestndig brach und berschlug... Wogend und kreisend
bewegten sich die Paare umeinander, indes andere Arm in Arm den Saal
umwandelten. Man war nicht ballmig gekleidet, sondern nur wie an einem
Sommersonntag, den man im Freien verbringt: die Kavaliere in
kleinstdtisch geschnittenen Anzgen, denen man ansah, da sie die ganze
Woche geschont wurden, und die jungen Mdchen in lichten und leichten
Kleidern mit Feldblumenstruchen an den Miedern. Auch ein paar Kinder
waren im Saale und tanzten untereinander auf ihre Art, sogar wenn die
Musik pausierte. Ein langbeiniger Mensch in schwalbenschwanzfrmigem
Rckchen, ein Provinzlwe mit Augenglas und gebranntem Haupthaar,
Postadjunkt oder dergleichen und wie die fleischgewordene komische Figur
aus einem dnischen Roman, schien Festordner und Kommandeur des Balles
zu sein. Eilfertig, transpirierend und mit ganzer Seele bei der Sache,
war er berall zugleich, schwnzelte bergeschftig durch den Saal,
indem er kunstvoll mit den Zehenspitzen zuerst auftrat und die Fe, die
in glatten und spitzen Militrstiefeletten steckten, auf eine verzwickte
Art kreuzweis bereinander setzte, schwang die Arme in der Luft, traf
Anordnungen, rief nach Musik, klatschte in die Hnde, und bei alldem
flogen die Bnder der groen, bunten Schleife, die als Zeichen seiner
Wrde auf seiner Schulter befestigt war und nach der er manchmal
liebevoll den Kopf drehte, flatternd hinter ihm drein.

Ja, sie waren da, die beiden, die heute im Sonnenlicht an Tonio Krger
vorbergezogen waren, er sah sie wieder und erschrak vor Freude, als er
sie fast gleichzeitig gewahrte. Hier stand Hans Hansen, ganz nahe bei
ihm, dicht an der Tr; breitbeinig und ein wenig vorgebeugt, verzehrte
er bedchtig ein groes Stck Sandtorte, wobei er die hohle Hand unters
Kinn hielt, um die Krmel aufzufangen. Und dort an der Wand sa Ingeborg
Holm, die blonde Inge, und eben schwnzelte der Adjunkt auf sie zu, um
sie durch eine ausgesuchte Verbeugung zum Tanze aufzufordern, wobei er
die eine Hand auf den Rcken legte und die andere grazis in den Busen
schob; aber sie schttelte den Kopf und deutete an, da sie zu atemlos
sei und ein wenig ruhen msse, worauf der Adjunkt sich neben sie setzte.

Tonio Krger sah sie an, die beiden, um die er vorzeiten Liebe gelitten
hatte, -- Hans und Ingeborg. Sie waren es nicht so sehr vermge
einzelner Merkmale und der hnlichkeit der Kleidung, als kraft der
Gleichheit der Rasse und des Typus, dieser lichten, stahlblauugigen und
blondhaarigen Art, die eine Vorstellung von Reinheit, Ungetrbtheit,
Heiterkeit und einer zugleich stolzen und schlichten, unberhrbaren
Sprdigkeit hervorrief... Er sah sie an, sah, wie Hans Hansen so keck
und wohlgestaltet wie nur jemals, breit in den Schultern und schmal in
den Hften, in seinem Matrosenanzug dastand, sah, wie Ingeborg auf eine
gewisse bermtige Art lachend den Kopf zur Seite warf, auf eine gewisse
Art ihre Hand, eine gar nicht besonders schmale, gar nicht besonders
feine Kleinmdchenhand, zum Hinterkopfe fhrte, wobei der leichte rmel
von ihrem Ellenbogen zurckglitt, -- und pltzlich erschtterte das
Heimweh seine Brust mit einem solchen Schmerz, da er unwillkrlich
weiter ins Dunkel zurckwich, damit niemand das Zucken seines Gesichtes
she.

Hatte ich euch vergessen? fragte er. Nein, niemals! Nicht dich, Hans,
noch dich, blonde Inge! Ihr wart es ja, fr die ich arbeitete, und wenn
ich Applaus vernahm, blickte ich heimlich um mich, ob ihr daran
teilhttet... Hast du nun den >Don Carlos< gelesen, Hans Hansen, wie du
es mir an eurer Gartenpforte versprachst? Tu's nicht! Ich verlange es
nicht mehr von dir. Was geht dich der Knig an, der weint, weil er
einsam ist? Du sollst deine hellen Augen nicht trb und traumblde
machen vom Starren in Verse und Melancholie... Zu sein wie du! Noch
einmal anfangen, aufwachsen gleich dir, rechtschaffen, frhlich und
schlicht, regelrecht, ordnungsgem und im Einverstndnis mit Gott und
der Welt, geliebt werden von den Harmlosen und Glcklichen, dich zum
Weibe nehmen, Ingeborg Holm, und einen Sohn haben wie du, Hans Hansen,
-- frei vom Fluch der Erkenntnis und der schpferischen Qual leben,
lieben und loben in seliger Gewhnlichkeit!... Noch einmal anfangen?
Aber es hlfe nichts. Es wrde wieder so werden, -- alles wrde wieder
so kommen, wie es gekommen ist. Denn etliche gehen mit Notwendigkeit in
die Irre, weil es einen rechten Weg fr sie berhaupt nicht gibt.

Nun schwieg die Musik; es war Pause, und Erfrischungen wurden gereicht.
Der Adjunkt eilte persnlich mit einem Teebrett voll Heringssalat umher
und bediente die Damen: aber vor Ingeborg Holm lie er sich sogar auf
ein Knie nieder, als er ihr das Schlchen reichte, und sie errtete vor
Freude darber.

Man begann jetzt dennoch im Saale auf den Zuschauer unter der Glastr
aufmerksam zu werden, und aus hbschen, erhitzten Gesichtern trafen ihn
fremde und forschende Blicke; aber er behauptete trotzdem seinen Platz.
Auch Ingeborg und Hans streiften ihn beinahe gleichzeitig mit den Augen,
mit jener vollkommenen Gleichgltigkeit, die fast das Ansehen der
Verachtung hat. Pltzlich jedoch ward er sich bewut, da von
irgendwoher ein Blick zu ihm drang und auf ihm ruhte... Er wandte den
Kopf, und sofort trafen seine Augen mit denen zusammen, deren Berhrung
er empfunden hatte. Ein Mdchen stand nicht weit von ihm, mit blassem,
schmalem und feinem Gesicht, das er schon frher bemerkt hatte. Sie
hatte nicht viel getanzt, die Kavaliere hatten sich nicht sonderlich um
sie bemht, und er hatte sie einsam mit herb geschlossenen Lippen an der
Wand sitzen sehen. Auch jetzt stand sie allein. Sie war hell und duftig
gekleidet wie die anderen, aber unter dem durchsichtigen Stoff ihres
Kleides schimmerten ihre bloen Schultern spitz und drftig, und der
magere Hals stak so tief zwischen diesen armseligen Schultern, da das
stille Mdchen fast ein wenig verwachsen erschien. Ihre Hnde, mit
dnnen Halbhandschuhen bekleidet, hielt sie so vor der flachen Brust,
da die Fingerspitzen sich sacht berhrten. Gesenkten Kopfes blickte sie
Tonio Krger von unten herauf mit schwarzen, schwimmenden Augen an. Er
wandte sich ab...

Hier, ganz nahe bei ihm, saen Hans und Ingeborg. Er hatte sich zu ihr
gesetzt, die vielleicht seine Schwester war, und umgeben von anderen
rotwangigen Menschenkindern aen und tranken sie, schwatzten und
vergngten sich, riefen sich mit klingenden Stimmen Neckereien zu und
lachten hell in die Luft. Konnte er sich ihnen nicht ein wenig nhern?
Nicht an ihn oder sie ein Scherzwort richten, das ihm einfiel, und das
sie ihm wenigstens mit einem Lcheln beantworten muten? Es wrde ihn
beglcken, er sehnte sich danach; er wrde dann zufriedener in sein
Zimmer zurckkehren, mit dem Bewutsein, eine kleine Gemeinschaft mit
den beiden hergestellt zu haben. Er dachte sich aus, was er sagen
knnte; aber er fand nicht den Mut, es zu sagen. Auch war es ja wie
immer: sie wrden ihn nicht verstehen, wrden befremdet auf das horchen,
was er zu sagen vermchte. Denn ihre Sprache war nicht seine Sprache.

Nun schien der Tanz aufs neue beginnen zu sollen. Der Adjunkt
entfaltete eine umfassende Ttigkeit. Er eilte umher und forderte alle
Welt zum Engagieren auf, rumte mit Hilfe des Kellners Sthle und Glser
aus dem Wege, erteilte den Musikern Befehle und schob einzelne
Tppische, die nicht wuten wohin, an den Schultern vor sich her. Was
hatte man vor? Je vier und vier Paare bildeten Karrees... Eine
schreckliche Erinnerung machte Tonio Krger errten. Man tanzte
Quadrille.

Die Musik setzte ein, und die Paare schritten unter Verbeugungen
durcheinander. Der Adjunkt kommandierte; er kommandierte, bei Gott, auf
franzsisch und brachte die Nasallaute auf unvergleichlich distinguierte
Art hervor. Ingeborg Holm tanzte dicht vor Tonio Krger, in dem Karree,
das sich unmittelbar an der Glastr befand. Sie bewegte sich vor ihm hin
und her, vorwrts und rckwrts, schreitend und drehend; ein Duft, der
von ihrem Haar oder dem zarten Stoff ihres Kleides ausging, berhrte ihn
manchmal, und er schlo die Augen in einem Gefhl, das ihm von je so
wohl bekannt gewesen, dessen Arom und herben Reiz er in all diesen
letzten Tagen leise versprt hatte, und das ihn nun wieder ganz mit
seiner sen Drangsal erfllte. Was war es doch? Sehnsucht?
Zrtlichkeit? Neid? Selbstverachtung?... Moulinet des dames! Lachtest
du, blonde Inge, lachtest du mich aus, als ich moulinet tanzte und mich
so jmmerlich blamierte? Und wrdest du auch heute noch lachen, nun da
ich doch so etwas wie ein berhmter Mann geworden bin? Ja, das wrdest
du und wrdest dreimal recht daran tun! Und wenn ich, ich ganz allein,
die neun Symphonien, >Die Welt als Wille und Vorstellung< und >Das Jngste
Gericht< vollbracht htte, -- du wrdest ewig recht haben, zu lachen...
Er sah sie an, und eine Verszeile fiel ihm ein, deren er sich lange
nicht erinnert hatte, und die ihm doch so vertraut und verwandt war:
Ich mchte schlafen, aber du mut tanzen. Er kannte sie so gut, die
melancholisch-nordische, innig-ungeschickte Schwerflligkeit der
Empfindung, die daraus sprach. Schlafen... Sich danach sehnen, einfach
und vllig dem Gefhle leben zu drfen, das ohne die Verpflichtung, zur
Tat und zum Tanz zu werden, s und trge in sich selber ruht, -- und
dennoch tanzen, behend und geistesgegenwrtig den schweren, schweren und
gefhrlichen Messertanz der Kunst vollfhren zu mssen, ohne je ganz des
demtigen Widersinnes zu vergessen, der darin lag, tanzen zu mssen,
indes man liebte...

Auf einmal geriet das Ganze in eine tolle und ausgelassene Bewegung. Die
Karrees hatten sich aufgelst, und springend und gleitend stob alles
umher; man beschlo die Quadrille mit einem Galopp. Die Paare flogen zum
rasenden Eiltakt der Musik an Tonio Krger vorber, chassierend,
hastend, einander berholend, mit kurzem, atemlosem Gelchter. Eines kam
daher, mitgerissen von der allgemeinen Jagd, kreischend und vorwrts
sausend. Das Mdchen hatte ein blasses, feines Gesicht und magere, zu
hohe Schultern. Und pltzlich, dicht vor ihm, entstand ein Stolpern,
Rutschen und Strzen... Das blasse Mdchen fiel hin. Sie fiel so hart
und heftig, da es fast gefhrlich aussah, und mit ihr der Kavalier.
Dieser mute sich so grblich weh getan haben, da er seiner Tnzerin
ganz verga, denn, nur halbwegs aufgerichtet, begann er unter Grimassen
seine Knie mit den Hnden zu reiben; und das Mdchen, scheinbar ganz
betubt vom Falle, lag noch immer am Boden. Da trat Tonio Krger vor,
fate sie sacht an den Armen und hob sie auf. Abgehetzt, verwirrt und
unglcklich sah sie zu ihm empor, und pltzlich frbte ihr zartes
Gesicht sich mit einer matten Rte.

Tak! O, mange Tak! sagte sie und sah ihn von unten herauf mit
dunklen, schwimmenden Augen an.

Sie sollten nicht mehr tanzen, Frulein, sagte er sanft. Dann blickte
er sich noch einmal nach _ihnen_ um, nach Hans und Ingeborg, und ging
fort, verlie die Veranda und den Ball und ging in sein Zimmer hinauf.

Er war berauscht von dem Feste, an dem er nicht teilgehabt, und mde von
Eifersucht. Wie frher, ganz wie frher war es gewesen! Mit erhitztem
Gesicht hatte er an dunkler Stelle gestanden, in Schmerzen um euch, ihr
Blonden, Lebendigen, Glcklichen, und war dann einsam hinweggegangen.
Jemand mte nun kommen! Ingeborg mte nun kommen, mte bemerken, da
er fort war, mte ihm heimlich folgen, ihm die Hand auf die Schulter
legen und sagen: Komm herein zu uns! Sei froh! Ich liebe dich!... Aber
sie kam keines Weges. Dergleichen geschah nicht. Ja, wie damals war es,
und er war glcklich wie damals. Denn sein Herz lebte. Was aber war
gewesen whrend all der Zeit, in der er das geworden, was er nun war? --
Erstarrung; de; Eis; und Geist! Und Kunst!...

Er entkleidete sich, legte sich zur Ruhe, lschte das Licht. Er
flsterte zwei Namen in das Kissen hinein, diese paar keuschen,
nordischen Silben, die ihm seine eigentliche und ursprngliche Liebes-,
Leides- und Glckesart, das Leben, das simple und innige Gefhl, die
Heimat bezeichneten. Er blickte zurck auf die Jahre seit damals bis auf
diesen Tag. Er gedachte der wsten Abenteuer der Sinne, der Nerven und
des Gedankens, die er durchlebt, sah sich zerfressen von Ironie und
Geist, verdet und gelhmt von Erkenntnis, halb aufgerieben von den
Fiebern und Frsten des Schaffens, haltlos und unter Gewissensnten
zwischen krassen Extremen, zwischen Heiligkeit und Brunst hin und her
geworfen, raffiniert, verarmt, erschpft von kalten und knstlich
erlesenen Exaltationen, verirrt, verwstet, zermartert, krank -- und
schluchzte vor Reue und Heimweh.

Um ihn war es still und dunkel. Aber von unten tnte gedmpft und
wiegend des Lebens ser, trivialer Dreitakt zu ihm herauf.




IX


Tonio Krger sa im Norden und schrieb an Lisaweta Iwanowna, seine
Freundin, wie er es ihr versprochen hatte.

Liebe Lisaweta dort unten in Arkadien, wohin ich bald zurckkehren
werde, schrieb er. Hier ist nun also so etwas wie ein Brief, aber er
wird Sie wohl enttuschen, denn ich denke, ihn ein wenig allgemein zu
halten. Nicht, da ich so gar nichts zu erzhlen, auf meine Weise nicht
dies und das erlebt htte. Zu Hause, in meiner Vaterstadt, wollte man
mich sogar verhaften... aber davon sollen Sie mndlich hren. Ich habe
jetzt manchmal Tage, an denen ich es vorziehe, auf gute Art etwas
Allgemeines zu sagen, anstatt Geschichten zu erzhlen.

Wissen Sie wohl noch, Lisaweta, da Sie mich einmal einen Brger, einen
verirrten Brger nannten? Sie nannten mich so in einer Stunde, da ich
Ihnen, verfhrt durch andere Gestndnisse, die ich mir vorher hatte
entschlpfen lassen, meine Liebe zu dem gestand, was ich das >Leben<
nenne; und ich frage mich, ob Sie wohl wuten, wie sehr Sie damit die
Wahrheit trafen, wie sehr mein Brgertum und meine Liebe zum >Leben<
eins und dasselbe sind. Diese Reise hat mir Veranlassung gegeben,
darber nachzudenken...

Mein Vater, wissen Sie, war ein nordisches Temperament: betrachtsam,
grndlich, korrekt aus Puritanismus und zur Wehmut geneigt; meine Mutter
von unbestimmt exotischem Blut, schn, sinnlich, naiv, zugleich
fahrlssig und leidenschaftlich und von einer impulsiven Liederlichkeit.
Ganz ohne Zweifel war dies eine Mischung, die auerordentliche
Mglichkeiten -- und auerordentliche Gefahren in sich schlo. Was
herauskam, war dies: ein Brger, der sich in die Kunst verirrte, ein
Bohemien mit Heimweh nach der guten Kinderstube, ein Knstler mit
schlechtem Gewissen. Denn mein brgerliches Gewissen ist es ja, was mich
in allem Knstlertum, aller Auerordentlichkeit und allem Genie etwas
tief Zweideutiges, tief Anrchiges, tief Zweifelhaftes erblicken lt,
was mich mit dieser verliebten Schwche fr das Simple, Treuherzige und
Angenehm-Normale, das Ungeniale und Anstndige erfllt.

Ich stehe zwischen zwei Welten, bin in keiner daheim und habe es
infolgedessen ein wenig schwer. Ihr Knstler nennt mich einen Brger,
und die Brger sind versucht, mich zu verhaften... ich wei nicht, was
von beiden mich bitterer krnkt. Die Brger sind dumm; ihr Anbeter der
Schnheit aber, die ihr mich phlegmatisch und ohne Sehnsucht heit,
solltet bedenken, da es ein Knstlertum gibt, so tief, so von Anbeginn
und Schicksals wegen, da keine Sehnsucht ihm ser und empfindenswerter
erscheint als die nach den Wonnen der Gewhnlichkeit.

Ich bewundere die Stolzen und Kalten, die auf den Pfaden der groen,
der dmonischen Schnheit abenteuern und den >Menschen< verachten, --
aber ich beneide sie nicht. Denn wenn irgend etwas imstande ist, aus
einem Literaten einen Dichter zu machen, so ist es diese meine
Brgerliebe zum Menschlichen, Lebendigen und Gewhnlichen. Alle Wrme,
alle Gte, aller Humor kommt aus ihr, und fast will mir scheinen, als
sei sie jene Liebe selbst, von der geschrieben steht, da einer mit
Menschen- und Engelszungen reden knne und ohne sie doch nur ein
tnendes Erz und eine klingende Schelle sei.

Was ich getan habe, ist nichts, nicht viel, so gut wie nichts. Ich werde
Besseres machen, Lisaweta, -- dies ist ein Versprechen. Whrend ich
schreibe, rauscht das Meer zu mir herauf, und ich schliee die Augen.
Ich schaue in eine ungeborene und schemenhafte Welt hinein, die geordnet
und gebildet sein will, ich sehe in ein Gewimmel von Schatten
menschlicher Gestalten, die mir winken, da ich sie banne und erlse:
tragische und lcherliche und solche, die beides zugleich sind, -- und
diesen bin ich sehr zugetan. Aber meine tiefste und verstohlenste Liebe
gehrt den Blonden und Blauugigen, den hellen Lebendigen, den
Glcklichen, Liebenswrdigen und Gewhnlichen.

Schelten Sie diese Liebe nicht, Lisaweta; sie ist gut und fruchtbar.
Sehnsucht ist darin und schwermtiger Neid und ein klein wenig
Verachtung und eine ganze keusche Seligkeit.





End of the Project Gutenberg EBook of Tonio Krger, by Thomas Mann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TONIO KRGER ***

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     of receipt of the work.

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     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
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forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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