The Project Gutenberg EBook of Frau Pauline Brater, by Agnes Sapper

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Title: Frau Pauline Brater
       Lebensbild einer deutschen Frau

Author: Agnes Sapper

Release Date: October 21, 2007 [EBook #23134]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                          Frau Pauline Brater

                    Lebensbild einer deutschen Frau


                                  Von
                             Agnes Sapper


                          Mit zwei Bildnissen


                    [Illustration: C. H. Beck logo]


           C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung _Oskar Beck_
                            _Mnchen_ 1908

              C. H. Beck'sche Buchdruckerei in Nrdlingen


[Illustration: Pauline Brater]




Vorwort


Wer ist Frau Brater, oder wer war sie?

Warum sollen wir uns fr sie interessieren? Ist sie eine Knstlerin,
eine Gelehrte, eine Wohltterin fr die Menschheit gewesen? Hat sie auf
irgend einem Gebiet Hervorragendes geleistet und sich in der Welt einen
Namen gemacht?

Diese so berechtigten Fragen haben mir viele Bedenken verursacht, denn
sie mssen alle verneint werden. Frau Brater ist nie in die
ffentlichkeit getreten, sie war nichts weiter als eine deutsche Frau.
Wer sie nicht persnlich kannte, wei nichts von ihr. Aber das ist eben
der Punkt: _wer_ sie persnlich kannte, der hatte einen tiefen Eindruck
von ihrer Eigenart, der empfing von ihr, was er gerade bedurfte; denn
sie konnte vieles geben: Klarheit in schwierigen Lebensfragen,
Erheiterung in bedrckter Stimmung, Aufrttelung der Energielosigkeit,
Wahrheit im Scheinwesen, Hinweisung zum Gttlichen.

Sollten von diesen vielseitigen Wirkungen nicht auch jetzt noch welche
ausgehen, wenn wir im Geist mit dieser Frau verkehren? Gewi, wenn es
gelingen wrde, ihr Leben und Wesen recht lebendig zu schildern, so
mten wir in dieser Darstellung etwas von dem Reiz empfinden, den ihr
persnlicher Umgang gewhrte.

Das ist der Gedanke, der mich trieb, ihr Lebensbild zu zeichnen. Und mit
ihrem Bild zugleich wird ein anderes auftauchen, das Karl Braters, des
edlen Vorkmpfers fr die deutsche Einheit, von dem Professor Robert
Piloty in einer eben erschienenen Schrift sagt: Offenen und ehrlichen
Kampf fr Staat, Recht und Freiheit hat er zeitlebens gefhrt, sein
Andenken wird stets verbunden sein mit den Erinnerungen an Bayerns
schwerste Zeiten, in denen er mit energischem Willen und klarem Verstand
auf der Seite der guten Sache beharrte und kmpfte.

Wenn meine Feder nicht zu ungeschickt ist zu schildern, was mich selbst,
whrend es an meinem Geist vorberzog, tief bewegte, so knnte sich
durch dieses Buch das Wort bewahrheiten, das nach Frau Braters Tod ber
sie gesprochen wurde: An solchen geisteskrftigen Persnlichkeiten
erhlt das sittliche Streben neuen Schwung und Antrieb, sie wirken nach,
auch wenn sie lngst nicht mehr in unserer Mitte sind.

_Wrzburg_, im Sommer 1908.

                                              =Die Verfasserin.=




Inhaltsverzeichnis

                                                                 Seite
_Erster Teil:_ =Mdchenjahre=

Vorwort                                                            III

Inhalt                                                               V

1. Kapitel 1827-1835. Das achte Kind. Pfaff und Rckert.
Damajanti. Drei Ehen. Aurora. Horoskop. Wesen der Eltern.
Die vier Pfaffsbuben. Heimatboden. Kalte Winter. Eingang
durchs Fenster. Anne. Gespensterfurcht. Preisarbeit. Pfaffs
Krankheit und Tod                                                    3

2. Kapitel 1835-1849. Schulzeit. Die Familie Brater.
Erwachender Ordnungssinn. Geselligkeit. Sparsame
Verhltnisse. Gedicht ber Freundschaft. Da und dort zur
Aushilfe. Astronomisches. Narkose. Braters uere
Erscheinung und sein Wesen. Nrdlinger Plan                         21

3. Kapitel 1849-1850. Geschwisterhaushalt. Karl Brater auf
der Bleiche. Verlobung. Briefe der beiden Mtter. Eines
Vetters Bedenken. Besuch der Braut in Erlangen. Briefe aus
der Brautzeit. Proklamation. Hochzeit und Abschied                  38


_Zweiter Teil:_ =Gattin und Mutter=

4. Kapitel 1850-1851. Einzug in Nrdlingen. Eheliches
Verhltnis. Erste Eintrge in der Familienchronik. In der
Rosenlaube und in der Amtsstube. Herr von Welden.
Amtsniederlegung. Frau Pfaffs Bericht ber die Bleiche. Am
Schreibtisch. Die geborgte Wiege                                    59

5. Kapitel 1851-1855. Das erste Kind. bersiedelung nach
Mnchen. Vergebliche Bemhungen um Anstellung. Das zweite
Kind. Sommer in Egern. Sorglosigkeit und Einfachheit der
jungen Mutter. Rckkehr nach Nrdlingen. Die Blge. Reise
nach Erlangen. Braters Arbeit. Bluntschli ber Brater.
Vernderte Handschrift                                              74

6. Kapitel 1855-1858. Plan zum Staatswrterbuch. Nach
Mnchen. Die kleinen Gassenkinder. Tischrcken. Verkehr mit
Friedrich Rohmer. Freundschaft mit Bluntschli und Hecker.
Knieleiden. Vergebliche Bewerbung. Optimismus.
Polizeiliches. Colomann Pfaff. Flugschrift. Landtagswahl.
Telegramm. Hans und Fritz Pfaff. Frau Brater als Erzieherin.
Religiser Standpunkt. Schleimfieber                                92

7. Kapitel 1858-1862. Baumgarten ber Brater. Grndung der
Sddeutschen Zeitung. In der Dienersgasse. Wilbrandt und
andere Mitarbeiter. Abschiedsgesellschaft fr Bluntschli.
Tod Frau Pfaffs. In Ammerland. berarbeitung. Drei harte
mu߫. Bei Buhl in Deidesheim. Verlegung der Zeitung nach
Frankfurt                                                          118

8. Kapitel 1862-1863. Auf dem Grnten. Das Jammerkind in
Frankfurt. Winter in Wiesbaden. Annas Augenkrankheit. Das
Weihnachtsfest. Todesnachricht aus Erlangen. bersiedlung
dorthin. Husliche Zustnde. Wahlbewegung in Nrnberg. Zum
Landtag nach Mnchen. Frau Braters Erkrankung                      135

9. Kapitel 1863-1866. Schleswig-Holstein. Getuschte
Hoffnung. In Frankfurt. Briefverkehr mit den Kindern.
Wilbrandt. Wiedervereinigung mit den Kindern. Leben in
mblierten Zimmern. Mistnde im Erlanger Hauswesen.
Aufenthalt im Palmsgarten. Der Krieg vom Jahre 66.
Waffenstillstand                                                   154

10. Kapitel 1866-1869. Winterplne. Stuttgart. Cannes.
Deutsche Huslichkeit. Religiser Einflu. Erfolglosigkeit
der Kur. Entschlu zur Abreise. Bozen. Ausflug nach Meran.
Rckkehr nach Mnchen. Franzsisches Examen. Die Kinder in
Erlangen. Kammerauflsung. Telegraphische Berufung. Tod Karl
Braters                                                            176


_Dritter Teil:_ =Die Witwe=

11. Kapitel 1869-1870. Aufzeichnungen ber die letzten
Lebenstage. In tiefer Trauer. Briefe von Braters Freunden.
Teilnahme an den politischen Erlebnissen. Entschlu zu dem
Bruder zu ziehen. Religise Zweifel. Einflu Nagels.
Adredebatte                                                       197

12. Kapitel 1870-1875. Gemeinsamer Haushalt in Erlangen.
Schwierigkeiten mit den Kindern. Der Krieg vom Jahre 70.
Jahrestag von Braters Tod. Gedicht von Leuthold. Eine Braut
im Hause. Wie das Paar zusammenkam. Friedensschlu.
Hochzeit. Geselliges Talent. Tod des Bruders Hans.
Vormundschaft. Gromutterfreuden. Schwager und Schwgerin
Sartorius.                                                         211

13. Kapitel 1875-1883. Die zweite Braut. Schwere Trennung.
Briefwechsel zwischen Mutter und Tochter. Besuche in
Blaubeuren. Drei Enkelshne. Kerlers Versetzung. Kampf gegen
materialistische Weltanschauung. bersiedelung nach
Wrzburg. Das Schicksal des ltesten Pflegsohnes                   238

14. Kapitel 1883-1886. Aufregende Fragen. Abschied von
Julie. Nachrichten aus Amerika. Frau Brater im Ruhestand.
Interesse fr Afrika. Kontrolle der Sonnenbahn. Pfarrer
Blumhardt in Boll. Nagels Buch. Briefe von Schulthe               258

15. Kapitel 1886-1896. Tod des Bruders Fritz. Alte
Freundschaften. Frau Braters hervorragende Eigenschaften im
Verkehr. Ihr Einflu. Der kleine Haushalt. Wrmeverwertung.
Reisen in die Schweiz und nach Tirol. Augenleiden. ber
Dienstmdchen. Eine neue Nichte. Sorge um der Enkelin Leben.
Kerlers silberne Hochzeit                                          275

16. Kapitel 1896-1907. Letzter Brief von Ernst Rohmer.
Lungenentzndung. Tod des Schwiegersohnes Sapper.
bersiedelung der Familie nach Wrzburg. Gemeinsame
Haushaltung mit der Tochter. Entbehren der huslichen
Ttigkeit. Schriften von #Dr.# Johannes Mller. Letzte
Briefe an Lina Sartorius. Gedanken ber Erlsung aus
hoffnungslosem Leiden. Urgromutter. Letzter Besuch des
Schwiegersohnes. Sein Scheiden. Trauer. Ein leichter
Heimgang                                                           295




_Erster Teil_

=Mdchenjahre=




I.

1827-1835


Ein Familienereignis ersten Ranges war es nicht, als am 27. August 1827
dem Professor der Mathematik in Erlangen Wilhelm Pfaff von seiner
Ehefrau Luise, verwitwete Kraz, ein Tchterlein geboren wurde. Waren
doch schon Kinder in stattlicher Zahl vorhanden! Gab es doch schon:

    Aurora,
    Heinrich,
    Luise,
    Siegfried,
    Hans,
    Colomann,
    Friedrich;

vielleicht wren die Eltern auch mit diesen sieben zufrieden gewesen,
die Leben und Bewegung genug in das Haus brachten, whrend nicht
bergenug vorhanden war von dem, was zur Erhaltung solchen Lebens ntig
ist. Da nun dies kleine Wesen von niemandem begehrt war, so mag es wohl
von der ersten Stunde seines Erscheinens an die Richtung mit bekommen
haben, die es Zeit seines Lebens einhielt: sich nicht fr etwas
Hervorragendes zu halten und es als ein unverdientes Glck zu empfinden,
wenn ihm im Laufe des Lebens einmal mehr als das Ntige zuteil wurde.

Ob ersehnt oder nicht, das achte Kind lag in der Wiege und die Familie
nahm freundlich Stellung zu ihm. Man mute freilich eng zusammenrcken,
damit der Platz reichte in der beschrnkten Wohnung. Vielleicht war es
eben in dieser Zeit, da der Vater, der nicht nur als Professor der
Mathematik und Astronomie wirkte, sondern auch eifrig das Studium des
Sanskrit betrieb, eine originelle Einrichtung traf, um trotz der
lrmenden Kinderschar an seinem Schreibtisch ungestrt arbeiten zu
knnen. Ein eigenes Studierzimmer konnte er sich bei den beschrnkten
Geldverhltnissen nicht gnnen. So zog er denn in dem groen gemeinsamen
Zimmer einen festen Kreidestrich um seinen Arbeitstisch und diese Ecke
durfte keines der Kinder betreten. Mochten sie im brigen Teil des
Zimmers herumtoben wie sie wollten, das strte den Gelehrten nicht in
seiner Arbeit und er lie sie gutmtig gewhren. Betrat aber einer der
Jungen unbedacht des Vaters Reservat, so war ein derber Schlag die
sichere Folge dieses bertritts in das verbotene Gebiet.

Als sein achtes Kind zur Welt kam, war Professor Pfaff mit dem Dichter
und damaligen Professor Friedrich Rckert an einer gemeinsamen Arbeit,
an der bertragung der indischen Dichtung Nal und Damajanti ins
Deutsche. Da nun Rckert ebenso sparsam wie Pfaff war -- hatte sich doch
einer der beiden Professoren von dem andern das Sanskritlexikon
abgeschrieben, um es nicht kaufen zu mssen -- so behalfen sich auch die
beiden Gelehrten mit _einem_ Exemplar dieser Dichtung und tglich
wanderte das Buch ber die Strae hinber und herber. Den Kindern der
beiden Huser, die die Boten machen muten, waren Nal und Damajanti
vertraute Namen, lange bevor sie dem deutschen Volk bekannt wurden.
Weil nun Pfaffs Jngste auf die Welt kam, whrend ihres Vaters Gedanken
auf Damajanti gerichtet waren, so erhielt das Kind den Namen Damajanti,
den der Pfarrer nicht ohne Bedenken in das Kirchenbuch eintrug, doch
wurde ihr zum tglichen Gebrauch neben diesem poetischen noch der gut
brgerliche Name Pauline beigelegt.

Die sieben Geschwister, in deren Kreis die kleine Pauline eintrat, waren
aus drei Ehen zusammengekommen, denn sowohl Pfaff als seine Frau Luise
geb. Plank waren vor dieser Ehe schon verheiratet gewesen.

Sie beide stammten aus Wrttemberg, hatten sich dort schon als junge
Leute gekannt und im stillen geliebt, aber es kam zwischen ihnen nicht
zur Aussprache, denn der junge Mann strebte zunchst noch in die Ferne.
Er folgte einem Ruf als Professor der Astronomie nach Ruland an die neu
gegrndete Universitt Dorpat und wurde dort zum Direktor der Sternwarte
und zum russischen Hofrat ernannt. In dieser neuen Heimat grndete er
seinen Hausstand, indem er sich mit einer livlndischen Adeligen,
Frulein von Patkul, verheiratete. Zwei Kinder entsprossen dieser Ehe,
doch ist nur eines derselben, Aurora am Leben geblieben. Die Sehnsucht
nach der alten Heimat trieb Pfaff, die glnzende Stellung aufzugeben und
mit Frau und Kind nach Deutschland zurckzukehren, wo er auch Anstellung
fand, aber bald seine Gattin durch den Tod verlor.

Inzwischen hatte auch seine Jugendliebe, Luise Plank, sich verheiratet
und in glcklicher Ehe mit einem jungen Geistlichen, Kraz, in
Wrttemberg gelebt. Aber auch diese Ehe wurde schon nach vier Jahren
durch den Tod getrennt; der jungen Witwe blieben zwei Kinder, Heinrich
und Luise. So fanden sich nach wohl zehnjhriger Trennung die
Verwitweten wieder. Als eine gereifte dreiigjhrige Frau trat sie ihm
entgegen, gesund an Leib und Seele, voll warmen Gemts. Die alte Liebe
erwachte und fhrte diesmal zu glcklicher Verbindung. An Geld und Gut
brachten die beiden nicht viel mit in die Ehe und es ist bezeichnend fr
ihre Lebensanschauung, da Pfaff sich von seiner Luise erbat, sie mchte
ihm statt eines Eherings ein hebrisches Lexikon geben. Die Vermhlten
zogen zunchst nach Wrzburg, von wo Pfaff bald einem Ruf an die
Universitt Erlangen folgend dorthin bersiedelte. Durch diese Ehe kamen
die Kinder der livlndischen Adeligen und des schwbischen Geistlichen
als Geschwister zusammen.

Die beiden in die Ehe gebrachten Tchter Aurora Pfaff und Luise Kraz
lebten in geschwisterlicher Liebe miteinander und waren schon erwachsene
Mdchen, als nach vier Brdern die kleine Pauline zur Welt kam. Die in
jungen Jahren verstorbene Schwester Aurora wre vielleicht lngst in der
Familie verschollen, wenn nicht ihr poetischer Name und ihr tragisches
Geschick sie mit einem gewissen Nimbus umgeben htten. Als Aurora zu
einem schnen Mdchen erblht war, bewarb sich um ihre Gunst ein junger
Mann, der durch den Schein besonderer Frmmigkeit ihre Seele fr sich
gewann. Vater und Mutter mitrauten seinem Wesen und waren gegen die
Verbindung. Aber in sanfter, beharrlicher Weise hielt Aurora an dem
Geliebten fest und beeinflute endlich die Eltern, die keine Tatsachen
gegen ihn vorbringen konnten, sondern blo eine Antipathie empfanden,
dem Wunsch der beiden nachzugeben. Einige Tage vor der Hochzeit als die
Braut allein mit den Eltern und Geschwistern zusammen war, und der
Vater in bewegter Stimmung, da er seine erstgeborene Tochter hergeben
sollte, nahm er ein Spiel Karten, um daraus der jungen Braut ihr
Schicksal vorauszusagen. Kunstgerecht, nach damaliger Sitte, schlug er
die Karten und da fiel auf die ihrige der Pik Bube, die schwarze
Unglckskarte. Lachend erklrte er das Spiel fr milungen, mischte die
Karten aufs neue, legte sie nach der Regel des Kartenschlgers und zum
zweitenmale kam der Pik Bube auf die Karte der Braut. Diese erblate.
Dem Vater war es leid. Er wollte den beln Eindruck verwischen, nahm das
Spiel, mischte und gab zum drittenmal und zum drittenmal erschien der
Pik Bube. Da warf er heftig das Spiel aus der Hand und verlie das
Zimmer.

Den Geschwistern ist der Eindruck dieser unheimlichen Szene durchs Leben
geblieben. Aurora erkannte bald nach der Hochzeit den wahren Charakter
ihres Mannes, den die Eltern richtig durchschaut hatten. Ihr frher Tod
machte schon nach wenigen Jahren der traurigen Ehe ein Ende. Da der
naturwissenschaftlich gebildete, gelehrte Mann sich zum Kartenschlagen
verstand, wundert uns heute, aber es lag in der damaligen Zeit, ebenso
wie die Sitte, dem Neugeborenen das Horoskop zu stellen, wie es uns
Goethe im Eingang von Dichtung und Wahrheit erzhlt. Auch Pfaff hat um
seines Tchterleins Schicksal die Sterne befragt, denn er gab sich ganz
speziell mit Astrologie ab, wenn auch mehr vom Standpunkte des
Vlkerstudiums aus. Leider blieb uns nicht erhalten, was er damals aus
den Sternen las. So mssen wir dir selbst das Horoskop stellen, kleine
Pauline Damajanti, indem wir die Sterne betrachten, die in deinem Kreis
leuchten und die Atmosphre prfen, in der du aufwachsen sollst. Dann
ahnen wir, wie sich etwa dein Wesen gestalten wird, und wer kann
leugnen, da das Wesen eines Menschen vielfach sein Schicksal
beeinflut, ja oft bestimmt?

Das Oberhaupt der Familie stand im Geburtsjahre der kleinen Tochter
mitten im besten Wirken und Schaffen. Ein Zeitgenosse hat ihn uns
geschildert als einen Mann von herrlichen Anlagen, von edlen Gedanken
und hohem Sinn, mit Begeisterung forschend nach den Geheimnissen der
Natur und dem darin waltenden Gott; im Umgang mit der Familie und den
Freunden liebevoll und anspruchslos, ein Humorist im besten Sinne des
Wortes; im Streben nach dem Wesen oft den uern Schein allzusehr
verschmhend; in mildttiger Liebe fast zu weit gehend, so da er von
bedrftigen Studierenden oft ber Gebhr ausgentzt wurde.

hnlich lautet die Schilderung seiner Gattin: Eine originelle, heitere
Schwbin mit kstlichem Humor, voll Herzensgte und aufopfernder Liebe,
von grter persnlicher Anspruchslosigkeit und unermdlichem Flei,
auch sie das uere geringachtend, Ordnung und Schnheit hintansetzend.
Beide beliebt in hohem Mae, denn die Bedenken pedantischer Leute ber
die originelle Haushaltung und uere Erscheinung konnten nicht
aufkommen gegen das herzgewinnende, erfrischende und dabei so
bescheidene Wesen dieses glcklichen und Glck verbreitenden Paares. Man
sah es der Frau Hofrtin gerne nach, wenn es ihr einmal vorkam, da sie
in einer Kaffeegesellschaft anstatt des Taschentuchs einen Hemdrmel
ihrer Buben aus der Tasche zog, der wohl in den Flickkorb gehrte; man
gewhnte sich daran, da bei ihren Kleidern nicht jeder Knopf
pedantisch in das fr ihn bestimmte Knopfloch kam. Wer achtete darauf,
whrend sie so heiter und gemtvoll zu plaudern wute, wer verstand
nicht, da sie in unermdlichem Schaffen und Sorgen fr ihre groe
Familie an die uere Erscheinung wenig denken konnte? berdies wurde
sie auch auerhalb der eigenen Familie vielfach in Anspruch genommen.
Sie hatte sich als Tochter eines Arztes manche medizinische Kenntnis
erworben, zu der noch ihre reiche Erfahrung als Mutter und eine
entschiedene natrliche Begabung kam. Dadurch wurde es in weiten
Bekanntenkreisen bei arm und reich der Brauch, zunchst nach Frau Pfaff
zu schicken, wenn ein Kind nicht gedeihen wollte oder erkrankte. Sie
wute oft guten Rat und in ihrer groen Herzensgte fand sie es nur
natrlich, wenn sie von allen Seiten in Anspruch genommen wurde.

So waren die Eltern. Darf man dem Kind dieser harmonischen Ehe nicht
gute Geistesgaben, edlen Sinn und frhlichen Humor voraussagen? Und
mssen wir nicht andererseits Bedenken haben, ob ihr auch der Blick fr
die uere Erscheinung, Ordnungs- und Schnheitssinn nicht ganz abgehen
wird? Wir werden ja sehen. Unendlich mannigfaltig sind die Einflsse,
die dem in der Entwicklung stehenden Menschenkinde zustrmen, bald
hemmend bald frdernd, was ihm von der Natur eigen ist.

Nchst den Eltern kamen die sieben Geschwister in Betracht, zu denen
sich spter noch eine kleine Schwester Sophie gesellte, die aber frh
verstarb. Am nchsten im Alter standen Pauline ihre vier Brder,
Friedel, Hans, Co und Fritz, ihre tglichen Spielkameraden, die
Genossen ihrer Jugend, vier prchtige Jungen voll Geist und Leben,
treuherzig und wahrhaftig. Trotzdem waren diese vier Pfaffsbuben
bekannt in Erlangen um ihrer vielen Streiche willen, und Pauline tat
mit, wo sie nur konnte. Der Vater, in seine gelehrten Arbeiten vertieft,
lie sie gewhren, wenn sie es nicht gar zu toll trieben, und auch die
Mutter sah der Jugend ihren bermut nach. Sie nahm es z. B. nicht
schwer, als sie einmal von der Kirche heimkommend von sechs Sthlen fnf
mit etwas abgesgten Beinen vorfand, schn regelmig abgestuft, einer
immer etwas krzer als der andere, damit die ungleich groen Kinder am
Tisch sitzend alle gleich gro erschienen. Dieses merkwrdige Mobiliar
fand sich noch lange in der Familie. Ehrfurcht vor dem Heiligen aber
wurde gefordert. Als einstmals einer der Jungen den Bibelspruch lernte:
Aus Adern und Knochen hast du den Menschen gebildet und darber
bemerkte, das mte ein sonderbarer Mensch sein, gab die Mutter dem
kleinen Sptter mit dem Kochlffel einen solchen Treff, da ihm und den
anderen klar wurde: Die gttlichen Dinge drften nicht herabgezogen
werden.

Denken wir uns zu solchen vier Brdern eine kleine Schwester, so drfen
wir ihr prophezeien, da sie frhlich und unternehmend, nicht
zimpferlich und pedantisch werden wird, freilich mssen wir auch
frchten, da diese Frhlichkeit manchmal in bubenhafte Wildheit
ausarten und die Unternehmungslust sie auf allerlei Einflle bringen
wird, die einem artigen Professorentchterchen nicht wohl anstehen. So
lesen wir auch in dem Brief einer Tante, die zu Besuch kam, folgendes
Urteil ber die damals vierjhrige Pauline: Sie ist so wild und
unbndig als die Knaben, was ihr als Mdchen viel bler ansteht, recht
gutmtig ist sie wohl, auch recht hbsch, allein ein wahrer Husar.

Aber als Gegengewicht standen obenan zwei erwachsene Schwestern, solche
sind immer die geborenen Erzieherinnen fr das jngste Kind, und bald
wird sich noch ein anderer Einflu bemerkbar machen: eine gesittete
Freundin tritt auf. Ehe wir aber diese schildern, mssen wir auch die
Stadt besehen, den Heimatboden aus dem das Pflnzchen hervorwchst.

Die bayerische Universittsstadt Erlangen liegt in Mittelfranken,
demjenigen Kreise des Knigreichs, in dem die protestantische
Bevlkerung vorherrscht. So ist auch auf dieser Universitt die
theologische Fakultt von jeher bedeutend gewesen. Die kleine
bescheidene Stadt lt Mue zu fleiigen Studien. Daneben entwickelt
sich dort auch ein frhliches Burschenleben sowie ein traulicher Verkehr
zwischen den Professorenfamilien. Viele bedeutende Namen klingen zu uns
aus dieser Stadt. Von den Zeitgenossen Pfaffs, die dort gelebt und mit
denen er in Berhrung war, wollen wir nur einige nennen: Schelling,
Rckert, Platen, Raumer -- Namen, die keinem gebildeten Deutschen fremd
klingen.

Fhrt uns heute unser Weg nach Erlangen und sind wir begierig, den Ort
zu sehen, in dem so viele geistig bedeutende Menschen sich entwickelten
oder anderen zur Entwicklung halfen, so wundern wir uns ber die stille
Stadt mit den auffallend kleinen Husern; nur wenig von modernem Leben
und Treiben tritt uns da entgegen, Ruhe herrscht in den weiten Straen
und auf den groen Pltzen. Manche der Einwohnerzahl nach kleinere
Stdte machen durch hhere Huser, engere Straen und allerlei laute
Gewerbe einen belebteren Eindruck als Erlangen, gar nicht zu reden von
manch andern Universittsstdten, in denen Fremdenverkehr mit
Hotelomnibus, Automobilen und eleganten Gefhrten der Stadt ein
vornehmes Geprge verleihen. Davon ist in Erlangen nichts zu sehen. Zwar
wrden die Groeltern der jetzigen jungen Generation staunen ber die
Reinlichkeit der kanalisierten Straen, in denen zu ihrer Zeit trbe
Lachen vor den Husern standen, staunen ber die nchtliche Beleuchtung,
die ihre kleinen Handlaternen in die Rumpelkammern verwiesen hat;
manches Huserviertel wre ihnen vollstndig unbekannt, die neuen
Universittsgebude, die sorgfltig gepflegten Anlagen und schnen
Brunnen wrden ihre Bewunderung erregen. Aber dennoch, im Vergleiche mit
andern war und ist Erlangen eine einfache Stadt, sie gab und gibt noch
den Beweis, da der menschliche Geist, der in einer so kleinen Schale
eingeschlossen ist, auch keine groe, stattliche Behausung braucht.

Manche mgen ungnstig ber die kleine Universittsstadt urteilen und
sie langweilig nennen, aber es wird immer auch solche geben, denen sie
lieb ist und sinnbildlich erscheint fr einen in sich gekehrten
deutschen Gelehrten.

In der Atmosphre dieser kleinen Stadt ist Pauline aufgewachsen und
unser Horoskop verspricht ein mehr dem Schlichten als dem Vornehmen
zugewandtes Wesen ohne Streberei, mit Sinn fr frhliches Behagen und
mit der Anschauung, da nicht Geld, sondern Geist die Welt regiert.

In der Spitalstrae stand das Haus, dessen unteren Stock die Familie
Pfaff bewohnte. Es war eine kalte Parterrewohnung und so ist auch die
Erinnerung an die erlittene Klte eine der frhesten, die Pauline aus
ihrer Kindheit behielt. Sie stand in dem besonders kalten Winter von
1830 auf 31 erst in ihrem vierten Lebensjahre, doch hat sie einen
unauslschlichen Eindruck davon behalten, der wohl begreiflich ist, wenn
man liest, was ihre Mutter damals an die Tochter Luise Kraz schrieb, die
bei dem verheirateten Bruder Heinrich ber Weihnachten zu Gast war. Es
heit in diesem Brief: Ich lege dir ein Paar warme Schuhe bei, denn bei
der heftigen Klte wirst du sie wohl brauchen knnen. Bei uns ist es
frchterlich kalt, zwei Tage brachten wir keine Fenster auf und da die
Lden zu waren, so muten wir in vlliger Dunkelheit leben; nun hat
Siegfried mit Kohlen aufgetaut und so haben wir doch wieder Licht. Meine
Pauline leidet sehr, weil sie sich Hand und Fe erfroren hat.

Bis ins Frhjahr hinein dauerte die grausame Klte, die bis zu 30
stieg, so da das Quecksilber einfror, und es ist wohl zu begreifen, da
in der Seele des Kindes dieser Eindruck haften blieb, trat ihr doch hier
zum erstenmal ein groes Leiden entgegen, an dem sie selbst ihr kleines
Teil mittragen mute und das Menschen und Tiere zugleich betraf; nie
verga sie den Anblick erfrorener Tauben, die man morgens auf der Strae
liegen sah. Es folgten damals noch viele kalte Winter, doppelt
empfindlich in den schlecht verwahrten Wohnungen. Treppentren gab es
noch nicht, so oft die Haustre aufging, drang der eisige Luftstrom bis
an die Zimmer; Winterfenster waren unbekannt, die Kchen hatten noch
offene Kamine, durch die der Schnee in die Feuersttte hereingeweht
wurde. Eine Eigenart der Erlanger Huser waren lange unverglaste Gnge
auf der Rckseite, durch die die Klte berall Einla fand. Die
Trschlsser, die nach auen gingen, konnte man whrend der grimmigsten
Klte nicht mit der bloen Hand berhren, weil die Haut daran kleben
blieb.

Darum schtteln die alten Leute aus jener Zeit die Kpfe, wenn wir in
unseren wohlverwahrten Wohnungen ber Klte klagen wollen. Ihr wit gar
nicht, was Klte heit sagen uns die Erlanger der alten Zeit.

Die Parterrewohnungen waren sehr niedrig, man konnte sie von der Strae
aus ganz berblicken. Die Pfaffsjugend wute daraus Vorteil zu ziehen.
In der besseren Jahreszeit, wo die Fenster immer offen standen, brauchte
man nicht erst an der Haustre zu klingeln und auf Einla zu warten, man
nahm den krzeren Weg durchs Fenster. Gegen solch zweckmige
Einrichtungen hatten die Eltern gewhnlich nichts einzuwenden, nur
geschah es dann auch in Fllen, wo es ihnen nicht passend erschien. So
erzhlte Frau Pfaff in spteren Jahren, wie einmal ein wrdiger alter
Herr von auswrts gekommen sei, um den Herrn Hofrat zu sprechen, und bei
ihr sitzend auf dessen Heimkehr wartete, als pltzlich ein paar der
Buben nacheinander und zuletzt auch Pauline zum Fenster hereinsprangen,
worber, da es nicht ohne Gepolter abging, der Fremde jedesmal
zusammenschrak und sich wohl im stillen ber die Sitte wunderte, die im
Hause des Hofrates herrschte. Aber es wird ihm ergangen sein wie so
vielen, da ihm im Gesprch mit der frischen, herzgewinnenden Frau diese
Dinge als nebenschlich, ja als Ausflu ihres unbefangenen Wesens ganz
natrlich erschienen.

Fragten so Vater und Mutter nicht viel nach der sonst blichen Form und
Sitte, so war doch _ein_ Element in dem Haus, das manchmal danach sah,
was denn in anderen Professorenfamilien Brauch sei und diese Sitten auch
einfhren wollte, und das war Anne, der dienstbare Geist des Hauses.
Diese treue Person liebte vor allem die kleine Pauline und htte sie
gerne feiner gekleidet gesehen. Besonders eines war es, das sie immer
wieder beantragte, das Kind sollte auch, wie andere seines Standes,
Ohrringe bekommen. Sie wandte sich an die Mutter, ja an den Herrn Hofrat
selbst, aber ihre Bitte fand kein Gehr, denn fr solchen Luxus war man
nicht zu haben. Anne aber konnte die schmucklosen Ohren ihres Lieblings
nimmer ertragen. Sie wartete, bis sie wieder ihren Lohn erhalten hatte,
nahm dann heimlich das Kind mit sich, kaufte ihm nach ihrem Geschmack
goldene Ohrringe, stach sie ihm selbst kunstgerecht und fhrte stolz die
so geschmckte Kleine den Eltern vor, indem sie sagte, die Pauline sei
so gut ein Professorenkind wie andere auch, darum msse sie auch wie
diese Ohrringe tragen. Und die Eltern, obgleich sie solchen Schmuck
nicht leiden konnten, waren doch viel zu gutmtig, um dem Mdchen, das
sein Geld daran gewendet hatte, die Freude zu verderben, und Pauline
trug Ohrringe wenigstens so lange Anne im Hause blieb.

Der Einflu dieser treuen Dienerin war kein geringer auf Pauline, die
spter oft scherzhaft von Anne als ihrer Erzieherin sprach. Fr eine
solche wre nur etwas weniger Aberglauben zu wnschen gewesen. Der naive
Standpunkt, auf dem in dieser Hinsicht die wackere Person stand, geht
aus folgendem Zuge hervor: Am Himmelfahrtsfest hatte sie an eine Schrze
ein neues Band angenht, war sich dabei aber einer Feiertagsentheiligung
bewut. Als nun am Nachmittag ein schweres Gewitter heraufzog, fhlte
sie sich durch diese Snde um so mehr beunruhigt, je heftiger es blitzte
und donnerte. In ihrer Seelenangst eilte sie endlich hinauf in den
obersten Bodenraum, hing die Schrze mit dem sndhaften Band zur
Dachlucke hinaus und rief: So Blitz, jetzt schlag in den Bndel!

Solche Eindrcke blieben der kleinen Pauline ebenso wie die unheimlichen
Gespenstergeschichten, die Anne erzhlte und von deren Wahrheit sie ganz
berzeugt war. Dadurch wurde in der Kinderseele eine Furcht erweckt, die
sich in einsamen und in nchtlichen Stunden oft zur Qual steigerte. War
Pauline zufllig abends allein zu Hause, so kam mit der Dunkelheit die
Furcht ber sie, aber nur die Gespensterfurcht war es, eine andere
kannte sie nicht. Deshalb verfiel sie auch auf eine eigentmliche
Schutzmaregel. Sobald es dunkelte, ffnete sie weit alle Tren und
Fenster der Parterrewohnung, um Gelegenheit zur Flucht zu haben. Dann
blickte sie wachsam nach allen Seiten, um nach der einen zu entfliehen,
sobald von der andern das Gespenst auftauchen wrde. Sie war berzeugt,
da kein Besuch aus der vierten Dimension es hinsichtlich der
Schnelligkeit der Beine mit ihr aufnehmen knne.

Oft erwachte sie nachts und horchte mit Bangen und Herzklopfen nach
irgend einem unerklrlichen Gerusch. Es gab deren so viele in dem alten
Haus, und besonders in der Dachkammer, die zeitweise ihre Schlafsttte
war. Oft wehte der Schnee oder drang der Regen durch die Schindeln des
Daches und das Bett mute hin- und hergeschoben werden, bis sich eine
trockene Stelle fand. Sie erinnerte sich noch in ihrem Alter einer
Schreckensnacht, in der sie an einem Gerusch erwachte und deutlich
sprte, da etwas auf ihrer Decke sich auf sie zu bewegte. Ihre erregte
Phantasie hatte im Nu ein Gespenst daraus gemacht. Sie wagte sich nicht
zu rhren und nicht zu schreien und empfand buchstblich, was wir meist
nur bildlich so ausdrcken, da ihre Haare sich vor Entsetzen strubten,
bis sie erkannte, da es nur eine Katze war, die den Weg in die Kammer
gefunden hatte. Pauline hat die Gespensterfurcht als das schrecklichste
Leiden ihrer Kinderzeit im Gedchtnis behalten.

Hat die treue Anne in diesem Punkt Unheil angerichtet, so tat sie doch
sonst den Kindern nur Gutes und nahm an Freud und Leid der Familie
Anteil, wie wenn sie ein Glied derselben gewesen wre, ja sogar das auf
Reichtum und Ehre am meisten bedachte Glied. Einmal hatte es auch den
Anschein, als sollte ihr Ehrgeiz befriedigt werden und Reichtum in die
Familie Pfaff einkehren. Die franzsische Akademie hatte einen
Ehrenpreis ausgesetzt fr die Lsung einer ungemein schwierigen
astronomischen Berechnung. Pfaff, der sich fr die gestellte Aufgabe
interessierte, machte sich an die mhsame Arbeit. Vierzehn Bogen Papier
-- so sagt wenigstens die Familientradition -- mute seine Frau
aneinanderkleben, damit die Berechnung darauf Platz fand. Die Lsung
gelang, wurde eingesandt und von der Akademie als preiswrdig erkannt.
Jeden Tag konnte der ausgesetzte Preis eintreffen. Statt seiner kam in
den Zeitungen die Nachricht von dem neuen #rgime# in Frankreich,
welches das alte gestrzt hatte, und in den Wirren der Julirevolution
blieb der erwartete Goldregen aus. Die Enttuschung wre wohl noch
bitterer gewesen, wenn sie auf einmal gekommen wre, aber man konnte ja
noch immer hoffen auf gnstigen Umschlag, auf Rckkehr der alten
Zeiten, und ber diesen Hoffnungen vergingen sachte die Jahre und die
vierzehn Bgen gerieten allmhlich in Vergessenheit.

Es kamen andere Sorgen, die der Familie nher gingen. Da war zuerst der
schon frher erwhnte Tod der Tochter Aurora, dann starb das nach
Pauline geborene Tchterchen, Sophie, etwa sechsjhrig, an Croup. Bis in
ihr Alter erinnerte sich Pauline dieser lieblichen kleinen Schwester und
des Augenblicks, da diese in ihrer Todesnot nach Atem ringend ihr
Bettkittelchen von unten bis oben zerri, um Luft zu bekommen. Noch
trauernd um diesen Verlust sah die Mutter einen noch herberen nahen,
fhlte sie die Grundfeste des Hauses wanken. Ihr bis dahin so gesunder
Mann erlitt im Jahre 1834 einen Schlaganfall, dem spter noch weitere
folgten. Fr ihn und die Seinen entstand daraus eine schwere
Leidenszeit. In verschiedenen Briefen an ihre treue Schwester Adelheid,
die mit Rektor Roth in Nrnberg verheiratet war und an die Verwandten in
Wrttemberg spricht sich der tiefe Kummer ber die Krankheit, die bange
Sorge vor der Zukunft aus. Sie schreibt: Ihr glaubt nicht, in welcher
Spannung und Angst ich lebe, ich bin nur froh, wenn ein Tag wieder herum
ist. Oft denke ich: nur auch _ein_mal mchte ich mich wieder
niederlegen, ohne da die schweren Sorgen mich drcken, die werden mich
aber wohl nicht mehr verlassen, besser kommt es wohl nimmer, aber
schlimmer kann es ja noch werden. Es gibt wohl kaum eine grere Qual
als die, welche sie nun durchmachen mute; zusehen, wie nicht nur die
krperlichen, sondern auch die geistigen Krfte des geliebten Mannes
infolge jedes neuen Anfalls immer mehr abnahmen. Dazu kam, da er selbst
sich zeitweise dieses Zustands bewut und dann im hchsten Grade erregt
war.

Den Kindern blieb ein Auftritt in Erinnerung, unter dem sie ihre Mutter
erzittern sahen. Sie sa am Bette des Mannes, der sie immer um sich
haben wollte, und mit dem zu sprechen doch so qualvoll war, weil ihm oft
die Worte nicht zu Gebote standen und er dadurch in wachsende Erregung
geriet. So suchte er diesmal nach einem Namen, konnte ihn nicht finden
und fragte seine Frau: Wie heit der Student, der so oft zu uns kommt?
Sie nannte einen Namen und wieder einen, jeder falsche Vorschlag regte
ihn mehr auf und sie besann sich in wachsender Angst auf die zahllosen
Studenten, die jemals aus- und eingegangen waren, bis er endlich in Wut
ausbrechend ihr zurief: Du Rabenmutter, es ist ja Dein eigener Sohn!
Der Sohn Heinrich war es, dessen Namen er gesucht hatte. Auf solche
Stunden der Erregung folgten auch wieder ruhigere, in denen sein
frheres liebevolles, anspruchloses Wesen zum Ausdruck kam, denn auch
bei geistig Erkrankten tritt ihr eigentliches Naturell zeitweise zutage.
Der selbstlose Mensch wird immer zu unterscheiden sein von dem Egoisten,
der feinfhlende von dem gemeinen, und es hat etwas unendlich Rhrendes,
wenn solch edle Eigenschaften durchleuchten zwischen den durch die
Krankheit verdunkelten Stunden.

So blieb auch diesem Kranken die Liebe und Verehrung der Seinen treu bis
zu dem Augenblick, wo ihn der Tod erlste, im Sommer 1835.

Wie es der Witwe zumute war, als sie allein stand mit ihrer Kinderschar,
spricht sie aus gegen den ltesten Sohn Heinrich, der damals schon eine
Anstellung hatte an dem theologischen Seminar im Kloster Schnthal in
Wrttemberg.

    _Lieber Heinrich!_

    Schwere kummervolle Tage habe ich zurckgelegt seit Du von uns
    gingst und noch immer kann ich mich an den Gedanken nicht
    gewhnen, da Ihr fr dieses Leben keinen Vater mehr habt und
    da auch mir die Seele von meinem Leben fehlt. Die erste Zeit
    wurde mir dadurch leichter, weil der Gedanke, da er nun Ruhe
    habe, mir so trstlich war. Allein jetzt, seit die Erinnerung an
    seine Leiden schwcher wird und sein Bild wieder in meiner Seele
    lebendig wird, wie er frher war, mit welcher Liebe er an uns
    hing und mit welcher Treue er alle seine Pflichten erfllte und
    wie sein Geist und Beispiel noch so wohlttig fr seine Kinder
    gewesen wre, da mchte ich wohl fragen: warum Du lieber Gott
    hast Du uns das wohl getan? und schwer wird es mir, mich mit
    Ergebung in Gottes Willen zu fgen. Ich habe mit der
    schmerzlichsten Sehnsucht gehofft, er werde vor seinem Ende noch
    so viel Bewutsein bekommen, da er seinen Kindern auch noch
    einen Segen, mir nur auch ein Trosteswort zurcklassen knne,
    denn schon bei einer kurzen Trennung tut es wohl, wenn man
    Abschied nehmen kann und ich mute bei dieser schmerzlichen und
    vielleicht langen Trennung auch diesen Trost noch entbehren ....




II.

1835-1849


Unsere kleine Pauline war inzwischen ein Schulmdchen geworden, ein
begabtes, wenn auch nicht eben ein fleiiges. Sie konnte, wenn es darauf
ankam, schon ganz ordentliche Briefe schreiben. Es ist uns solch ein
Kinderbrief erhalten, den sie anllich der Verlobung ihres Bruders Kraz
mit Luise Elser an diese schrieb. Sie redet die neue Schwgerin gleich
als Schwester an.

    _Liebe Schwester!_

    Es freut mich, da Du einen Brutigam hast und da es mein
    Bruder ist. Heiratet Euch nur bald, ich freue mich recht bis die
    Hochzeit ist, denn ich komme auch dazu. Weil Du gesagt hast, ich
    soll Dir schreiben, so will ich es tun. Ich kenne Dich zwar noch
    nicht, aber ich kann mir schon denken, wie Du bist, wenn Du fr
    den Heinrich recht bist. Schreibe mir in dem Brief, wo Du mir
    antwortest, wie Du bist, denn viel wei ich noch nicht. Komme
    auch bald zu uns, es gefllt Dir gewi, denn dem Herrn Vischer
    hat es auch gefallen, der doch schon weit in der Welt herum
    gekommen ist. Wir haben uns sehr geehrt gefhlt, da Du uns
    geschrieben hast. Hast Du denn auch noch Geschwister? die dann
    meine Schwestern und Brder sind. Ich kann nichts weiter
    schreiben, denn ich wei nichts mehr. Wir gren Dich alle,
    besonders ich. Lebe wohl und habe lieb Deine

    Antworte mir.
                                                  Pauline Pfaff.

Wenn auch Pauline im Lesen und Schreiben mit mancher fleiigeren
Schlerin Schritt hielt, so hatte sie doch keinen rechten Ernst in den
Schulstunden und wenig Eifer zum Lernen ihrer Aufgaben, aber unbewut
lernte sie mit den geistig regsamen Brdern, die des Vaters
naturwissenschaftliche Interessen und auch einige Kenntnisse in diesem
Fach berkommen hatten; sie wuten mit den vorhandenen Mitteln,
Elektrisiermaschine, Teleskop, Sternkarten u. dergl. umzugehen und
Pauline nahm an diesem Treiben teil mit angeborenem Interesse und
Verstndnis. Jeder Lehrer htte an dieser aufgeweckten Schlerin seine
Freude haben knnen, wenn diese sich nur dazu verstanden htte, den
Unterricht, der ihr mit einer Anzahl anderer Mdchen privatim erteilt
wurde, regelmig zu besuchen. Das hielt sie aber nicht fr ntig und
das Schwnzen der Schulstunden beschwerte durchaus nicht ihr Gewissen,
das zurzeit auf solche kleine Vergehen noch nicht reagierte. Die
Schulaufgaben wurden mglichst rasch erledigt, denn am Abend tummelte
sie sich lieber auf dem nahen Kirchenplatz und trieb dort allerlei
Schabernack. So flte sie gern den Menschen Schrecken ein, indem sie in
der Dunkelheit ein wei behangenes Bgelbrett feierlich um die Kirche
trug, was bei dem Gespensterglauben jener Zeit seine Wirkung nicht
verfehlte.

Doch nun trat in ihren Lebensweg eine Freundin, die groen Einflu auf
sie gewinnen sollte, ein gesittetes, gewissenhaftes und wohlerzogenes
Mdchen. Es war die Tochter einer als Witwe nach Erlangen gezogenen
Oberappellationsgerichtsrtin, die in der Nhe Wohnung nahm. Dem Namen
dieser Familie werden wir in diesem Buche noch oft begegnen -- er heit
_Brater_.

Ob wohl eine Ahnung der guten Frau Pfaff sagte, von welcher Bedeutung es
einst fr sie sein wrde, da vor dem Haus ihr gegenber ein bepackter
Wagen aus Mnchen ankam, der den Hausrat der verwitweten Frau Brater
brachte, und als diese selbst, eine feine, ernste Frau in
Trauerkleidern, mit ihren drei Tchtern Einzug hielt in der bescheidenen
Wohnung? Ihr einziger Sohn, Karl, studierte in Mnchen, von ihm war
zunchst nichts zu sehen, aber die Tchter, Julie, Luise und Emilie,
wurden freundlich in Erlangen empfangen durch ihre Verwandten, denn Frau
Brater war ihrer ebenfalls verwitweten Schwester, Frau Schunck,
nachgezogen und durch diese Pfaffs wohlbekannte Familie entstanden bald
Beziehungen zu den Neuangekommenen.

Luise und Pauline wurden Schulkamerdinnen und ihre ungleichartigen
Naturen zogen sich an. Die kleine Fremde war bald ganz eingenommen fr
die frhliche Kamerdin, die vielerlei anzustellen wute, allezeit
lustig und guter Dinge war. Aber sie merkte auch, da Pauline manches
tat, was ihr unerlaubt schien, und whrend die Frische und
Ungebundenheit der neuen Freundin sie anzog, machte das wohlerzogene
Kind sich doch ber dieses und jenes Gedanken, erzhlte wohl auch der
Mutter davon und diese richtete nun ihr Streben darauf, die wilde kleine
Hummel, die auch ihr trotz mancher Unart gar wohl gefiel, in ihr Haus
herein zu locken, damit die beiden Freundinnen unter ihrer Aufsicht
miteinander verkehrten. Pauline hat nie die Eindrcke vergessen, die sie
hier empfing. Es gingen ihr die Augen darber auf, wie es in einem
wohlgeordneten Haushalt eigentlich aussehen sollte. Mit Staunen bemerkte
sie, da hier jedes Ding seinen festen Platz hatte, da tglich
aufgerumt und abgestaubt wurde und da die bescheidenen Rume dadurch
ein feines, wohnliches Aussehen erhielten. Der kleinen energischen
Person war nicht sobald das Licht fr Ordnung und Schnheit aufgegangen,
als sie auch schon strebte, solche daheim einzufhren. Es wollte ihr
nimmer gefallen, wenn das Frhstcksgeschirr bis zum Mittagessen auf dem
Tische stand und jeder der vielen Hausgenossen allerlei dazwischen
schob, sie wollte nun auch aufrumen und abstauben. Anfangs waren ihre
Ordnungsversuche etwas roher Art: sie hob die Schrze auf, schob alles
was da umherlag hinein und trug es in das nebenan liegende Schlafzimmer,
denn ihr neuerwachter Ordnungssinn beschrnkte sich zunchst auf das
groe Wohnzimmer. Aber je mehr sie heranwuchs, um so ausgeprgter wurde
dieser Sinn und erstreckte sich auch auf andere Gebiete. Der eine und
andere der Brder fing an, auf ihre Bestrebungen einzugehen, besonders
der lteste der vier Pfaffsshne, Siegfried, der auch von Natur zur
Ordnung geneigt war, sowie der jngste, Fritz, untersttzten sie. Die
andern Geschwister fanden wenigstens an der Schwester diese Anlage
angenehm und wandten sich an sie, wenn die Mutter nicht Zeit fand, fr
Kleidung und Wsche zu sorgen. Einer von ihnen, Colomann, gewhnlich nur
Co genannt, kam brigens noch im Knabenalter nach Wrttemberg, um dort
das theologische Seminar zu besuchen, in dessen strenge Zucht sich
freilich ein so ganz in Freiheit aufgewachsener junger Bursche schwer
einleben konnte. Ungemein frisch und frhlich, voll bersprudelnden
Humors und Lebenslust war er bei jedermann, nur bei den Lehrern nicht
beliebt, die ihre schwere Not mit ihm hatten. Die Schwierigkeiten, die
er in den Schuljahren und noch spterhin machte, verursachten seiner
Mutter viel Kummer und es wre ihr zu gnnen gewesen, htte sie voraus
gewut, was wir wissen, da auch er es schlielich zum wohlangesehenen
Professor der Mathematik in Stuttgart brachte.

Bei aller Einfachheit und Sparsamkeit entwickelte sich doch, als die
jungen Pfaffs heranwuchsen und frhliche Studenten, meist Bubenreuther
wurden, ein beraus beglckendes geselliges Leben im Haus, an dem die
Mutter, trotz aller Arbeit und Sorge, die auf ihr lag, selbst ihre
Freude hatte. Die lteste Tochter Luise, ein geistig bedeutendes
Mdchen, und ihre Freundin, Hannchen Richter, sowie die Brder mit ihren
Freunden, vereinigten sich oft im Haus Pfaff zu Spielen und
Darstellungen oder zu gemeinschaftlichen Ausflgen. Zu diesem Kreise
gehrte nun auch _Karl Brater_, der sich mit Siegfried und Hans Pfaff
eng befreundet hatte. Ganz anders geartet als diese, ernst,
zurckhaltend, schon in den Studienjahren ein vielversprechender Jurist,
von Haus aus an gesetzte Manieren gewohnt, unterschied er sich von der
bermtig frhlichen, unbefangenen und lauten Art seiner Freunde, fhlte
sich aber angezogen von dem frischen, treuherzigen Ton des Hauses und
nahm mit Begeisterung teil an den Auffhrungen klassischer Werke, zu
denen Frau Pfaff, bereitwilliger als wohl andere Hausfrauen, ihr Zimmer
zur Verfgung stellte. Neben der erwachsenen Schwester und deren
Freundinnen, der schnen Julie Nees v. Esenbeck, der geistig bedeutenden
Julie Brater und dem originellen Hannchen Richter, die von den jungen
Mnnern gefeiert wurden, kam die erst halb erwachsene Pauline und ihre
Freundin Luise noch nicht zur Geltung und Beachtung, aber doch behielt
Pauline eine beglckende Erinnerung an diese Geselligkeit und freute
sich im spteren Leben, wenn sie Familien traf, die ebenso harmlos und
ungezwungen ihr Haus fr Freunde und Freundinnen ffneten. Was braucht
die Jugend mehr als eben ihresgleichen, um vergngt zu sein? Es ist ein
Irrtum, zu meinen, da es ohne Aufwand an Essen und Trinken, an Toilette
und Bedienung keine Freude gbe. Im Haus Pfaff war umstndliches
Vorbereiten und Einladen nicht Sitte, man kam meist nach dem Abendessen
zusammen, die jungen Mdchen mit Laternen in der Hand, wie es fr
schicklich galt in den schlecht beleuchteten Straen und eingehllt in
lange Kragen, die man Tugendhllen nannte. Auf Tafelgensse wurde
nicht gerechnet, denn whrend ihre Shne studierten, wute Frau Pfaff
oft nicht, woher Geld zum Ntigsten nehmen, und ihre Kinder erinnerten
sich spter, wie sie gar manchmal an das Geldschubldchen gingen, das
vertrauensvoll fr alle zugnglich war, wie sie zu diesem oder jenem
Einkaufe Geld herausnehmen wollten, aber nachdem sie den Inhalt
visitiert hatten, gern auf alles verzichteten und die kleine Lade wieder
zuschoben, weil sie allzu dnn belegt war mit dem, was doch fr den
ganzen Monat ausreichen mute.

Lange Zeit besaen die drei jngsten Shne nur einen gemeinsamen
Sonntagsanzug. Derjenige, welcher am frhesten aufstand, nahm Besitz
davon, die andern hatten das Nachsehen und konnten Sonntags nicht aus
dem Hause gehen.

Viele Jahre wohnte die Familie Pfaff in einem Haus in der Karlstrae,
das der Witwe des Professor Kopp gehrte. Die beiden Frauen, als
Wrttembergerinnen schon vorher befreundet und nun in hnlichen
Verhltnissen lebend, schlossen sich eng aneinander, halfen sich auch
getreulich aus. Einst brachte der Postbote fr Frau Pfaff ein
unfrankiertes Paket. Es war wohl Ende des Monats, denn die Pfaffsche
Geldschublade war leer. In ihrer Verlegenheit wegen des Portos sprang
Frau Pfaff die Treppe hinauf, um bei Frau Kopp das Smmchen zu
entlehnen. Diese gute Kollegin besa aber im Augenblick auch nichts
mehr, dagegen hatte sie ein wackeres Dienstmdchen, das war im Besitze
der ntigen Groschen und konnte den beiden Professorinnen aus der
Verlegenheit helfen.

In dieser Zeit war es wohl auch, da ein Besuch im Sptherbst, als es
schon recht unangenehm khl war, ein kaltes Zimmer voll Rauch antraf.
Frau Pfaff entschuldigte sich: sie habe grnes Holz gekauft, weil dies
billiger sei und nicht brenne; fr so junge Leute wie die ihrigen sei es
genug, wenn sie auch nur am Rauch merkten, da eingeheizt sei.

Der frhliche, gesellige Kreis lichtete sich allmhlich und verlor
seinen Mittelpunkt, als Luise sich mit dem Studienlehrer Sartorius in
Windsheim verheiratete. Zwischen ihr und Karl Brater hatte eine
Freundschaft bestanden wie sie in damaliger Zeit hufiger als jetzt
vorkam. Die poetischen Worte, in denen er dieser Jugendfreundschaft ein
Denkmal setzte und die er in das Album der Freundin eintrug, sollen
hier folgen:

    1.

    Freundschaft, die bei Kinderspielen
    In der Kinderstub entstanden,
    Ist verwandt der pflichtgemen
    Liebe zwischen Blutsverwandten.
    Eh Du noch mit klaren Blicken
    Deinen Sinn erkannt und ihren, --
    Einem Zufall hat's gefallen,
    Dich und sie zusamm' zu fhren.
    Freie Wahl in sptern Jahren
    Wird vielleicht den Zufall preisen,
    Wird vielleicht gleichgltig scheidend
    Euer altes Band zerreien.


    2.

    Freundschaftsbnde, wie sie zwischen
    Alten Leuten sich begeben,
    Kenn ich freilich, Dank dem Himmel,
    Nicht aus eigenem Erleben.
    Aber knnen die mit voller
    Froher, junger Liebe lieben,
    Die sich in der Zeit der Flle,
    Freude, Jugend, fern geblieben?
    Alte, schon vernarbte Herzen,
    Die in gut und schlechten Tagen
    Ihre Lust und ihre Leiden
    Einsam durch die Welt getragen?


    3.

    Freundschaft, die sich Jugend grndet,
    Ist ein Bau frs Menschenleben,
    Ein Hospiz, das immer offen
    Freundlich Obdach Dir zu geben.
    Jugend ist die Zimmersttte,
    Wo der Mensch sein Schicksal grndet,
    Jeden kann er drein verflechten,
    Der sich willig zu ihm findet.
    Jugend ist in vielem Schler,
    Aber Meisterin im Lieben
    Alt wird, ohne Jugend, welcher
    Ohne Liebe jung geblieben.

Kurz nachdem Luise sich verheiratet hatte, grndete auch Siegfried Pfaff
den eigenen Hausstand in Nrnberg und Pauline wurde von da an gar oft
zur Hilfe gerufen, wenn solche in den jungen Haushaltungen Not tat. Sie
war flink, fleiig und gnzlich frei von den strenden Eigenschaften des
Hochmuts und der Empfindlichkeit. Vielleicht hatten die vielen Brder
durch ihre Neckereien diese Fehler nicht aufkommen lassen, vielleicht
lagen sie auch ihrem schlichten, selbstlosen Wesen von Natur fern. Dazu
kam die rhrende Anspruchslosigkeit, die uns heutzutage kaum mehr
verstndlich ist. So durfte Pauline einmal zur Begleitung einer Freundin
fr einige Tage nach dem nahe gelegenen Bad Streitberg gehen. Diese
Freundin, Lina Rohmer, die durch ihr ganzes Leben mit Pauline eng
verbunden blieb, wollte dort ihre Mutter besuchen, die in dem Badeort
eine Kur gebrauchen mute. Die krnkliche Frau wohnte in dem Kurhaus und
dort suchten Lina und Pauline sie auf. Aber wenn mittags die Tischglocke
die Gste zur Tafel rief, machten sich die beiden jungen Mdchen davon,
denn sie erhoben nicht den Anspruch, da man auch sie verkstigen solle.
Sie gingen ber die Essenszeit in den Wald, um sich dort zu dem
mitgebrachten Brot Beeren zu suchen, fanden es wohl traurig, aber doch
ganz selbstverstndlich, da es unter so erschwerenden Umstnden einige
Tage kein Mittagessen fr sie gab.

Je fter Pauline in ihren Mdchenjahren da und dorthin zur Hilfe berufen
wurde, um so lieber kehrte sie wieder zur Mutter zurck, der sie als
jetzt einzige Tochter immer nher trat und an deren Sorgen sie treuen
Anteil nahm; auch wuchs sie immer enger zusammen mit den beiden Brdern
Hans und Fritz, die allein noch im Hause waren. Diese beiden studierten
Naturwissenschaften und es lag viel davon in der Luft des Hauses, auch
hatte sich des Vaters Interesse fr die Astronomie auf die Jugend
vererbt, so da auch Pauline darin bewandert war und ihr ganzes Leben
dadurch viele Freuden geno, die andern fremd sind. Wir Stdter blicken
ja wenig hinauf nach den Sternen, hat doch der einzelne lngst nicht
mehr ntig, wie in frheren Zeiten, nach dem Lauf der Sonne seine Zeit
einzuteilen oder nach dem Stand der Gestirne den Weg zu suchen. Wir
richten uns viel bequemer nach den genauen Angaben unserer Uhren und
Karten, wozu brauchen wir selbst den Lauf der Sterne zu kennen? In der
Familie Pfaff lag das aber jedem im Blut. Sie wuten alle, wann und wo
Sonne, Mond und Sterne auf- und untergingen, und verstanden ihren Lauf.
Und es war das nicht ein trockenes Wissen, es umgab sie wie ein
Lebenselement. Zahlen, die andere wohl einmal in der Schule lernen, aber
dann wieder vergessen, waren ihnen so gelufig wie uns etwa, da ein
Jahr 365 Tage hat.

Vielleicht waren sie die einzigen jungen Erdenbrger, die mit einem
gewissen Stolz sich bewut waren, fortwhrend mit einer Geschwindigkeit
von 15 000 Meilen in der Stunde um die Sonne herum zu sausen. Fiel ein
Strahl dieser Sonne auf ihren Tisch, so war es ihnen gegenwrtig, da
dieser Lichtstrahl wohl 20 Millionen Meilen zurckgelegt und doch nur
acht Minuten dazu gebraucht habe. Trat der Mond aus den Wolken, so
begrten sie ihn als unsern nchsten Nachbarn unter den Gestirnen, als
einen guten Bekannten, dessen Berge und Krater sie schon oft durch des
Vaters Teleskop betrachtet hatten; mit ihm standen sie auf vertrautem
Fue, nicht so mit den Fixsternen. Das waren die unnahbaren,
geheimnisvollen, die sich nicht enthllten vor dem besten Fernrohr. Mit
Hochachtung sahen sie nach deren Licht, das vielleicht Tausende von
Jahren brauchte, bis es das Menschenauge traf.

Das Schauen nach dem, was aus so unendlichen Fernen doch unsere Erde
beeinflut, hat fr den menschlichen Geist etwas Erhebendes. Deutlich
hat auch Pauline schon in ihrer Jugend es empfunden und oft hat sie es
spter ausgesprochen, da die Wunder der Sternenwelt es waren, die sie
mehr als alle Religionslehre mit dem Gefhl des Daseins Gottes
durchdrungen haben, denn die damals in Erlanger Kreisen herrschende
Orthodoxie vermochte ihr Herz so wenig wie das ihrer Brder zu gewinnen.
Wir machen uns jetzt kaum mehr einen Begriff, wie stark zu jener Zeit in
vielen Familien die dogmatischen Lehrstze betont wurden, so da z. B.
eine mit Pauline befreundete hochgebildete Frau zu ihr sagte: Ich
mchte lieber sterben als mit einer Reformierten zum Abendmahl gehen.

Naturwissenschaftlich gebildete Menschen, wie die Geschwister Pfaff es
waren, knnen sich besonders schwer in dogmatische Lehrstze finden und
haben von diesen oft nur den einen Nutzen, da der innere Widerspruch
sie zu tiefem Nachdenken anregt. Wenn wir die Lebensbeschreibungen
groer Astronomen lesen, so ist es merkwrdig zu beobachten, wie sie
fast alle in Konflikt geraten mit dem herrschenden Dogma ihrer Zeit, was
in frheren Jahrhunderten oft ihre Freiheit und ihr Leben in Gefahr
brachte. Aber Gottesleugner sind sie nicht, im Gegenteil sie sind
erfllt vom Glauben an Gott, durchdrungen von Ehrfurcht und besttigen
das Psalmwort: Die Himmel rhmen des Ewigen Ehre.

Von den Brdern Pfaff whlte brigens keiner die Astronomie als Beruf.
Siegfried war Philologe, Hans und Colomann studierten Mathematik und
Fritz zunchst Medizin, spter wandte sich dieser der Geologie zu und
hat als Professor in zahlreichen Schriften und Vortrgen seine
berzeugung vertreten, da die naturwissenschaftlichen Forschungen in
Einklang zu bringen sind mit der richtig verstandenen Bibel. In der
Zeit, als Fritz noch im Erlanger Krankenhaus arbeitete, wurde eben der
ther als Betubungsmittel bekannt und der junge Mediziner hatte den
lebhaften Wunsch, auf diesem Gebiete zu experimentieren. Er fand dafr
volles Verstndnis bei seiner Schwester, die sich ihm sofort fr seine
Versuche zur Verfgung stellte. Ohne Wissen der Mutter nahm denn Fritz
tatschlich im Krankenhaus die Narkose an der Schwester vor und sie
gelang. Pauline behielt in deutlicher Erinnerung den ersten Eindruck bei
ihrem Erwachen aus der Betubung: es war der Gesang eines durch die
stille Strae am Krankenhaus vorbergehenden Burschen; sein Lied drang
durch das geffnete Fenster und machte sie mit dem klassischen Vers
bekannt:

    Ei du schne Sonnenblume,
    Du hast mir das Herz gewonnen,
    Du liegst mir in meinem Sinn
    Wie der Kern im Kmmerling.[1]

    [Funote 1: Erlanger Ausdruck fr Gurke (Kukumer).]

Der fr Pauline so anregende Verkehr mit den Brdern verminderte sich
naturgem, immer stiller wurde es im Haus Pfaff. Wieder hatte ein Sohn
ausstudiert; Hans, der Mathematiker, nahm zunchst eine Hauslehrerstelle
auf dem Gut einer adeligen Familie an. Auch Paulinens Freundin, Luise
Brater, verlie die Heimat, um bei Verwandten in Paris zu lernen und zu
lehren. Aber in den Ferien kam, wer irgend konnte, in das Elternhaus
zurck; auch Karl Brater traf gleichzeitig mit den Brdern Pfaff zu
allen Festzeiten in Erlangen ein. In ihrem Hause sowohl als bei seiner
Mutter und Schwester traf er oft mit Pauline zusammen. Aber sie, die
sich sonst durch frhliche Unbefangenheit auszeichnete, war ihm
gegenber schchtern und unsicher. Was sie sagen konnte, erschien ihr
viel zu unbedeutend fr diesen ernsten Mann. Sie verglich sich mit
seinen Schwestern, die feinere Sitten und bessere Ausbildung hatten und
in einem Brief an ihre verheiratete Schwester Luise bemerkt sie: Dem
Brater gegenber fhle ich mich immer wie auf den Mund geschlagen. Und
die Schwester entgegnet darauf, sie begreife das wohl, es komme von
seinem verschlossenen Wesen und seinem scharfen Verstand und auch ihr
sei es oft so ergangen. In seiner Gestalt hatte Karl Brater nichts
Imponierendes, er war klein von Statur, aber seine Erscheinung hatte
etwas sehr Anziehendes. Die feinen, geistigen Zge, die edle Stirne,
die seelenvollen blauen Augen erweckten den Eindruck, da hier
ungewhnliche Eigenschaften des Geistes und Gemts vereinigt waren. Aber
dabei hatte sein Wesen etwas Zurckhaltendes, Strenges, seine Rede war
oft scharf und lakonisch. Im Jahre 1843 hatte er sein juristisches
Examen mit der ersten Note bestanden und war dann in das
Justizministerium nach Mnchen berufen worden. Wie sehr er sich schon im
Jahre 48 an der politischen Bewegung des Vaterlandes beteiligte, geht
aus der folgenden uerung eines Zeitgenossen hervor: Brater warf sich
mit jugendlichem Feuer und dem heien Drang des deutschen Patrioten in
die politische Strmung und trat mit Erfolg als Redner bei den
Wahlversammlungen auf. In Verbindung mit den Brdern Friedrich und
Theodor Rohmer entwickelte er eine lebhafte publizistische Ttigkeit in
bayrischen Zeitungen und seine Artikel erregten durch mavolle Haltung
bei aller kritischen Schrfe, sowie durch ihren glnzenden Stil
allgemeines Aufsehen.

Da Pauline die lngst still in ihr keimende Liebe zu dem bedeutenden
Manne fr einseitig und aussichtslos hielt, kann uns bei der
bescheidenen Meinung, die sie von sich selbst hatte, nicht wundern. Sie
war nun 21 Jahre alt, eine kleine, uerst bewegliche, anmutige Gestalt.
Konnte man sie auch nicht geradezu schn nennen -- dazu war schon die
Pfaffsche Nase zu energisch -- so war doch das rosige, frische, von
dunklem Haar eingerahmte Gesicht mit seinem offenen, allezeit frhlichen
Ausdruck herzgewinnend und erfreulich anzusehen. Aber sie war sich ihres
Reizes durchaus nicht bewut und verschlo tief im Herzen ihre geheime
Liebe. Als Karl Brater im Herbste des Jahres 1848, noch nicht 30 Jahre
alt, einem ehrenvollen Ruf als Brgermeister in die Stadt Nrdlingen
folgte, schien er vollends aus ihrem Gesichtskreis zu entschwinden.

Es trat aber in dem Geschick ihres Bruders Hans eine Wendung ein, die
auch ihr Leben beeinflussen sollte. Durch den Tod der adeligen Dame,
deren Kinder er unterrichtete, wurde sein lngeres Verweilen in dieser
Stellung unmglich, um so mehr als er eine tiefe Neigung zu der jngsten
Tochter des Hauses gefat hatte, eine Neigung, die zwar von ihr
erwidert, aber von dem Vater nicht begnstigt wurde. Die Kluft zwischen
Adeligen und Brgerlichen, die schon so viele Liebende unglcklich
gemacht hat, hielt auch diese beiden auseinander und Hans verlie das
Haus ohne Hoffnung auf Wiederkehr.

Nun bot sich auch ihm eine Stelle in Nrdlingen, als Subrektor an der
dortigen Gewerbeschule. Dem jungen Manne mit der hoffnungslosen Liebe im
Herzen erschien es trostlos, allein in der fremden Umgebung als
Junggeselle zu leben, und bald tauchte der Plan auf, da die Schwester
zu ihm ziehen und ihm eine bescheidene Huslichkeit bereiten solle.

Pauline, so bereitwillig sie sonst da und dorthin zur Aushilfe ging, so
lieb sie ihren Bruder Hans hatte, nahm es doch nicht leicht, auf seinen
Vorschlag einzugehen; es ist, als htte ihr eine Ahnung gesagt, da sie
sich damit fr immer aus dem Elternhause lsen sollte.

Sie schreibt darber an ihre Schwester Luise Sartorius im April 1849:

    _Liebe Luise!_

    Obwohl eigentlich das Schreiben nicht an mir ist, so knnte es
    mir dieses Mal doch zu lange werden, Deine Antwort abzuwarten,
    indem unser Briefwechsel so unregelmig gefhrt wird, da die
    Mathematik dabei gar nicht ins Spiel gebracht werden kann und
    man voraussetzen mu, da ein Brief bei uns viel mehr Strungen
    erleidet als weiland der Komet, der um drei Stunden zu spt
    ankam. Nun sollst Du aber auch erfahren, durch welch hheren
    Einflu dieser Brief beschleunigt wird.....

    Du wirst bereits aus diesen Dingen den Schlu gemacht haben, da
    ich nach Nrdlingen gehe. Die Sache wurde whrend Hans'
    Anwesenheit zur Entscheidung gebracht, der uns vor 14 Tagen
    durch seine Ankunft freudig berraschte. brigens gibt es viel
    mehr Schwierigkeiten dabei zu berwinden, als ich bisher gedacht
    hatte, und ich nehme berhaupt jetzt alles recht schwer. Der
    Hans lie gar keine Bedenklichkeiten gelten und ich wnsche nur,
    da es ihn nicht reut, denn wir werden gehrig viel Geld fr den
    Anfang brauchen, da wir uns z. B. auch mit Mbeln selbst
    versehen mssen, und da er bisher alles aufbrauchte, so mssen
    wir gleich mit Schulden anfangen. Das Schlimmste dabei scheint
    mir das zu sein, da ich natrlich nach so viel Ausgaben viel
    mehr gebunden bin und nicht ungeniert zu jeder Zeit zur Mutter
    zurckkehren kann, welcher Gedanke mich mit groem Heimweh
    erfllt. Was ich Dir sonst noch drber schreiben knnte, will
    ich aufschieben bis auf Nrdlingen selbst, wohin ich also Anfang
    Mai reisen werde.

    Hier geht nun wieder alles im alten Geleise, whrend des Hans
    Anwesenheit waren wir sehr vergngt. Wir experimentierten wieder
    mit der Luftpumpe und mit der Elektrizitt, wo mir bei letzterem
    besonders interessant war, wie Wasser in seine beiden
    Grundstoffe zersetzt und aufgelst ward. Ich dachte immer dabei
    an Dich, es htte Dir Freude gemacht zuzusehen. Auch der Tubus
    wurde aus seinem Schlaf aufgerttelt und mute uns alles
    Sehenswerte am Himmel zeigen. Wenn Du einmal wieder die Venus
    betrachtest, so bedenke, da sie gegenwrtig aussieht wie 
    Pfund Butter, wie ihn die Heinrike formt....... Nun lebe recht
    wohl, ich bin begierig, wieder etwas von Euch zu hren.

                                                  Deine Pauline.




III.

1849-1850


Im Sommer des Jahres 1849 zogen Hans und Pauline nach Nrdlingen, der
ehemaligen freien Reichsstadt, im bayrischen Schwaben. Noch heute sind
die alten Mauern und Tore gut erhalten und bieten, von Grten und
Obstbumen umgeben, einen malerischen Anblick.

Vor dem einen der alten Tore, dem Lpsinger, liegt ein Anwesen: die
Bleiche. Die Familie Senning, die das Gut bewirtschaftete, hatte den
Geschwistern eine Wohnung im untern Stock des Hauses vermietet, wo diese
nun in bestem Einvernehmen lebten. Wenn Hans morgens in seine Schule
strmte -- sein lebhaftes Temperament trieb ihn immer zum Sturmschritt --,
so kochte und wirtschaftete Pauline in dem kleinen Heimwesen; brauchte
sie guten Rat in dem fremden Stdtchen, so fehlte es ihr daran nicht,
denn bald ffnete sich dem Geschwisterpaar freundlich eines der
angesehensten Huser der Stadt: die Beck'sche Buchhandlung. Neben dem
geistig hervorragenden Leiter des Geschfts waltete hier eine seelengute
Frau in schn geordneten Verhltnissen, glcklich als Gattin und Mutter.
Frau Beck war nur wenige Jahre lter als Pauline und kam der jungen
Fremden freundlich entgegen.

Und noch ein anderer Verkehr gab dem Leben auf der Bleiche seinen
besonderen Reiz. Es fand sich dort eine kleine Erlanger Kolonie
zusammen, denn mit dem Frhjahr war Julie Brater, die ihrem Bruder im
Alter am nchsten stand, zu ihm, dem Brgermeister, gezogen, um ihm Haus
zu halten. Die beiden Geschwisterpaare verkehrten viel miteinander, und
als Familienverhltnisse Julie wieder abriefen, kam der verlassene
Bruder um so lieber auf die Bleiche. Sonntag nachmittags fand er sich
regelmig zu Kaffee und nachfolgendem gemtlichen Kartenspiel bei den
Geschwistern ein.

Nun knnte man meinen, da der in Amt und Wrden stehende Herr
Brgermeister Pauline noch mehr eingeschchtert htte, als es der
frhere Rechtspraktikant getan. Aber dem war nicht so. Jetzt, wo sie die
Hausfrau vorzustellen hatte, verga sie ber der Frsorge die
Befangenheit. Sie mute es ja auch empfinden, wie behaglich es dem Gaste
zu Mute war, wenn sie alle drei an dem kleinen Kaffeetische beisammen
saen. Wo htte der junge Brgermeister sich so offen und vertrauensvoll
aussprechen knnen wie bei diesen alten Bekannten? Sie waren die
Erlanger, den Nrdlingern gegenber. Alte Beziehungen, selbst wenn sie
vorher nur lose waren, gewinnen sofort an Wert, wenn sie vereinzelt
unter neu geknpften stehen. Dazu kam der gemtliche Tarock; die Pfaffs
waren alle gute Spieler. Der Spieleifer lt aber keinen Raum mehr fr
Befangenheit; dem Gegner im Spiel wird mit aller List und Schlauheit
geschadet, wo es nur mglich ist, dem Partner wird alles Gute
zugewendet, leidenschaftliche Parteinahme herrscht; aber ein paar
Minuten spter sind die Karten wieder zusammen geworfen, Freundschaft
und Feindschaft ist aufgehoben und vollstndige Neutralitt waltet, bis
aufs neue gegeben ist. Pauline vertrat stets die Ansicht, da das
Kartenspiel eine vorzgliche bung in der Selbstbeherrschung sei und sie
schtzte diejenigen Menschen hoch ein, die liebenswrdig _verlieren_
konnten.

In dieser Huslichkeit lernte Karl Brater die Schwester seines Freundes
genauer kennen. Nun verhllte sich ihm nicht mehr, was fr ein Schatz
von geistigen und gemtlichen Eigenschaften in diesem jungen Wesen ruhte
und nur wartete, bis er sich voll entfalten und auswirken drfte. Auch
sah er das junge Mdchen jetzt losgelst von der mtterlichen
Haushaltung, in einem kleinen geordneten Revier, das sie sauber und nett
im Stande hielt, was seiner an Ordnung gewhnten Natur Bedingung des
Behagens schien. So kam der Entschlu, den er in den Erlanger Jahren
wohl schon berlegt hatte, aber damals nicht fassen konnte, zur Reife.

In einem Brief an seine Schwester Julie vertraute er dieser seine Liebe
an und schreibt dann weiter: Im allgemeinen vermute ich, da Ihr zwar
nichts dawider httet, wenn ich das Freien noch einige Jahre ganz
bleiben liee, -- _meine_ unparteiische Meinung ist das wenigstens -- da
Ihr aber mit der Wahl zufrieden seid. Pauline hat wirklich vollgezhlt
acht vortreffliche Eigenschaften: Groe Gutmtigkeit, viel
Menschenverstand, muntere Laune, Schmiegsamkeit, praktisches Geschick,
Huslichkeit, krperliche Gesundheit, angenehme und hbsche Zge; mit
etwas graziserem Gang, schlankerer Taille, temperierterer Gesichtsfarbe
wre sie sogar eine Schnheit. Sie ist mit einem Wort eine so gesund
organisierte Natur, wie ich unter allen Mdchen meiner Bekanntschaft
keine getroffen habe. Arm ist sie freilich, aber ich habe mir diesen
Einwurf ohne recht befriedigenden Erfolg alle Tage gemacht.

Von Dir mchte ich jetzt erfahren, da Du doch hier ziemlich vertraut mit
ihr geworden bist, was Du von ihrem Herzenszustand weit. Sie scheint
mir so unbefangen, da ich an einen Konkurrenten nicht recht glauben
kann. In ihrem Benehmen gegen mich finde ich eine gewisse Schchternheit,
die ich sogar zu meinen Gunsten auslegen knnte, wenn sie nicht
plausibler durch _mein_ ziemlich schroffes Benehmen erklrt wre. Du
wirst keinen Anstand nehmen, mir Aufschlu zu geben, soweit ich ihn
brauche und wenn es mir deine Antwort, die du _umgehend_ schreiben mut,
nicht unmglich macht, wate ich nchsten Samstag durch futiefen Schnee
zur Brautwerbung.

Die Sache bleibt natrlich noch vollstndiges Geheimnis. Schreibe mir
auch, da Ihr mir die Freude gnnt und Euren Segen dazu gebt, wenn's
zustande kommt.

Aus diesem Ihr ist wohl zu schlieen, da auch die Mutter in das
Vertrauen gezogen war.

Die treue Schwester scheint sich nicht besonnen zu haben, ob denn die
Sache wirklich so eile, sie hat umgehend geantwortet. Es ist oft
erheiternd zu sehen, wie dringend und pltzlich auch bei sonst ruhigen
und berlegten Naturen die Brautwerbung ausgefhrt und durchaus nicht
mehr eine gelegene Stunde abgewartet wird. Kennen wir doch einen, der
schickte seinen Werbebrief durch einen Eilboten, der nachts um zwei Uhr
anlangte, die Liebste samt ihrem Vater aus dem Schlafe schreckte und die
Antwort noch in nchtlicher Stunde zurckbringen sollte!

So hat auch Karl Brater, als er die gnstige Antwort der Schwester in
Hnden hatte, es fr ntig befunden, noch am Samstag sich durch tiefen
Schnee hindurch zu arbeiten nach der Bleiche, wo man an diesem
Nachmittag wohl am wenigsten einen Besuch erwartete. Er ist als
glcklicher Brutigam abends wieder durch das Lpsinger Tor
zurckgekehrt in seine weitlufige, einsame Amtswohnung, whrend die
glckselige Braut sich flugs hinsetzte, um der Mutter die wonnesame
Kunde mitzuteilen.

Frau Pfaff sa diesen Winter viel einsam in ihrem frher so belebten
Zimmer. Ihr Sohn Fritz, der sich auf die akademische Laufbahn
vorbereitete, war der einzige, der noch bei ihr wohnte. Zu arbeiten
hatte sie trotzdem noch vollauf, die treue Mutter, immer gab es zu
stricken, zu nhen und zu spinnen fr die groen Kinder und die kleinen
Enkel, aber in der _einsamen_ Arbeit bedrckten die Sorgen sie mehr als
frher, wo frhliche Jugend sich um sie tummelte. All die auswrtigen
Kinder schrieben ja heim ber ihre Sorgen und deren gab es so viele. Und
fr Pauline, deren Briefe immer heiter lauteten, fr sie sorgte sich das
Mutterherz dennoch. Was sollte aus ihrer Line werden, wenn die Brder
sie nicht mehr brauchten und sie, die Mutter, nimmer da sein wrde? Sie
mochte sich diese ihre geliebte Jngste nicht vereinsamt vorstellen und
bekmmerte sich darber, wenn sie so allein in der langen Dmmerung der
Winterabende sa und strickte.

In solchen Gedanken mag sie wohl der Postbote getroffen haben, der ihr
an einem Dezemberabend den Brief aus Nrdlingen brachte. Eifrig hat sie
dann wohl Feuer geschlagen, um das Unschlittlicht anzuznden, hat ihre
groe Brille aufgesetzt und gelesen, was hier im Brief stand: da ihre
Pauline die glckselige Braut sei von Karl Brater! Ei, wie wird die gute
Frau mit ihrer Freudenbotschaft zu ihrem Fritz geeilt sein und dann in
all ihrer Lebhaftigkeit hinber zu Frau Brater. Wie mu ihr gutes
Gesicht geleuchtet haben unter dem Hubchen und wie schief mag dies in
der Eile auf dem Kopfe gesessen sein! Wie werden die beiden Mtter sich
besprochen haben ber ihrer Kinder Glck! Vor uns liegen die ersten
Briefe, die sie an das Brautpaar schrieben, diese sollen nicht umsonst
so treulich bewahrt worden sein. Wir nehmen die alten Bltter und lesen
was darin steht von Glck und Dankbarkeit. Gro und deutlich sind die
Schriftzge, in denen Frau Pfaff auf das nchste derbe Schreibpapier,
das sie zur Hand hatte, an ihre Tochter schrieb:

    _Geliebtes, teures Kind!_

    Knnte ich Dir doch mit Worten die Freude und Empfindungen
    ausdrcken, die Dein Brief in mir hervorbrachte, so ist ja jetzt
    mein hchster Wunsch, Dich glcklich zu wissen, erfllt und die
    einzige Sorge, die mir auch den Abschied vom Leben erschwert
    htte, mir abgenommen; ich wte niemand in der Welt, dem ich so
    mit Vertrauen mein bestes Gut gegeben htte als Brater und mit
    keiner Familie war ich ja seit vielen Jahren so befreundet wie
    mit dieser, von der Du so mit Liebe aufgenommen bist. Gott segne
    euch und gebe, da all die Hoffnungen und Wnsche erfllt
    werden, die uns heute alle bewegten. Mich hat die Nachricht
    vollkommen berrascht, ich hatte gar keine Ahnung davon, und da
    mir die Brautschaft von Aurore und Luise so manche Sorge gemacht
    hat, bin ich jetzt um so glcklicher, berhaupt war mir es heute
    den ganzen Tag, wie wenn ich gar nichts Trauriges erfahren htte
    und mein Leben ein herrliches gewesen wre; ach und im ganzen
    ist es auch so, ich war so glcklich mit eurem Vater, da ich
    auch in schweren Stunden mir nie gewnscht htte, da es anders
    sein mchte, es ist ja doch das einzige wahre Gut im Leben,
    alles andere ist Scheingut und mu abgelegt werden wie ein
    Kleid; aber diese Empfindung und Liebe reichen auch gewi noch
    ber dieses Leben hinaus. Gre Brater herzlich und sage ihm,
    mit welcher Freude ich ihn als Sohn aufnehme. Knnte ich mit
    Worten ausdrcken, was mich innerlich bewegt, so htte ich ihm
    heute auch noch geschrieben, allein ich kann mich noch gar nicht
    recht fassen; wre doch die Zeit schon vorber, bis ihr kommt.

    An Luise und Tante Adelheid habe ich sogleich geschrieben, auch
    Siegfried und Heinrich und Coloman will ich morgen Nachricht
    geben. Die Teilnahme hier ist herzlich, Canstat kamen die Trnen
    ins Aug und er sagte mir, sagen Sie Pauline, wie innig ich mich
    freue, sie glcklich zu wissen, obschon es mein Wunsch war, sie
    noch einmal bei uns zu haben, denn ihr Leben bei uns hat mir
    wirklich wohlgetan. Alles freut sich, bis ihr kommt.

    Nun lebet wohl, geliebte Kinder, Gott segne und erhalte Euch.

                                   Mit treuer Liebe Eure Mutter.

Der Bruder Fritz setzt einige Worte unter seiner Mutter Brief; neckend,
wie es so der Brder Art ist, schreibt er: Wenn man deinetwegen einen
Schwager haben _mu_, so ist der Braters Karl mir noch der liebste.

Der Glckwunsch, den die junge Braut von der knftigen Schwiegermutter
erhielt, ist auf feinem Postpapier sorgsam geschrieben. Er lautet:


    _Meine liebe Pauline!_

    Gewi ist es Dir nicht entgangen, wie ich Dir von jeher mit
    besonderer Vorliebe zugetan war, und Du wirst Dich nicht
    wundern, da es immer ein stiller Wunsch von mir gewesen, da Du
    und unser lieber Karl Euch in gegenseitiger Liebe begegnen
    mchtet! Dieser Wunsch ist nun zu meiner unaussprechlichen
    Freude in Erfllung gegangen, ich sehe meines geliebtes Sohnes
    dauerndes Glck an Deiner Seite begrndet, und begre Dich mit
    wahrer Innigkeit als meine teure Tochter! Mge der gndige Gott
    den Bund Eurer Herzen segnen und Euer gegenseitiges Bemhen,
    Euch das Leben zu versen! Schenke auch mir knftig eine
    kindliche Liebe, meine gute Pauline, und erfreue mich schon
    jetzt mit einem zutraulichen Du! Mit wahrer Freude wirst Du von
    allen Verwandten als ein neues teures Glied aufgenommen und alle
    sehen mit Verlangen der nahen Weihnachtszeit entgegen, wo unser
    Karl Dich uns zufhren wird. Wie schade, da Dich nicht auch
    unser Luischen mit uns hier erwarten darf, sie die einen Teil
    ihres Lebensglckes in Deiner warmen Freundschaft findet; teile
    ihr nur eiligst die Nachricht von Eurer Verbindung mit.

    Da Deine gute Mutter mir knftig so nahe befreundet sein wird,
    sie die ich nebst ihrer ganzen Familie so sehr schtze, ist
    kein kleiner Zuwachs meiner Freude. Emilie schreibt Euch selbst,
    Julchen hat geschrieben, Emma Schunck wird wohl schreiben.

    So leb denn wohl, liebes Tchterchen, Du hochgeliebte Braut
    Deines berseligen Brutigams, und sei auf das herzlichste
    umarmt von Deiner mtterlichen Freundin

                                                     Ch. Brater.

    Luischen gre mir tausendmal, sie bekommt an Weihnachten einen
    Brief von mir.

Mit diesem Brief wurde zwischen Schwiegermutter und Tochter ein
Verhltnis angebahnt, das nie durch einen Miton getrbt ward. Mag das
auch selten vorkommen und das Wort Schwiegermutter nicht ganz ohne Grund
verrufen sein, manchmal gestaltet das Verhltnis sich doch zu einem
besonders zarten, beglckenden. Es ist, wie wenn von der Verehrung und
Herzensneigung, die die Verlobten sich entgegenbringen, etwas berginge
in die Empfindung der Mutter zu ihrem Schwiegerkind. Freilich wird es
nicht die fest gegrndete, kaum zu erschtternde Liebe sein wie zwischen
Mutter und Kind, auf die man unter allen Umstnden baut, auch einmal
rcksichtslos rechnen kann, vielmehr wird diese Liebe wie die brutliche
bewahrt und gepflegt werden mssen. Das hat Karl Braters Mutter
verstanden, ihre Gte und Nachsicht war fr Pauline eine kstliche
Dreingabe zum ehelichen Glck.

Rhrend ist auch die Freude, die Schwester Luise Sartorius ber die
Verlobung ausspricht; sie war nicht ganz ahnungslos gewesen von dem, was
im Herzen der jngeren Schwester geschlummert hatte. Sie schreibt aus
Schweinfurt:

    _Liebste Pauline!_

    Als ich diesen Morgen Braters Handschrift auf der Adresse seines
    Briefs erkannte, erschrak ich so, da ich am ganzen Leib
    zitterte, denn ich dachte, er msse entweder etwas sehr Frohes
    oder etwas Trauriges enthalten. Gott sei Dank, da es das
    erstere war. Nun war ich aber auch ganz auer mir, und seit ich
    verheiratet bin, habe ich meinen Mann nicht so strmisch umarmt
    und gekt. Wie leid tut es mir, da ich sonst niemand habe, dem
    ich mein volles Herz ausschtten kann, denn wenn ich es auch
    hier meinen Bekannten erzhle, so wissen sie doch nicht, was es
    fr ein kostbarer Schatz ist, den Du davongetragen, und sie
    freuen sich nicht mehr darber, als wenn Du den ersten besten
    Philister heiraten wrdest. Liebe Pauline, obwohl wir nie ein
    Wort ber diesen Gegenstand sprachen, so glaube ich doch, da
    wir uns verstanden haben, ich mache Dir deshalb gar keine
    Vorwrfe, da Du nicht offener gegen mich warst, denn ich selbst
    vermied es, diesen Gegenstand zu berhren. Nun brenne ich aber
    vor Begierde, etwas Nheres von Dir selbst zu hren, und ich
    hoffe, da ich nicht die Allerletzte bin, an die Du schreiben
    wirst. -- Ach Gott, wie ist es mir so verleidet, da wir hier so
    hinausgestoen sind. Was wird jetzt fr eine Freude in der
    ganzen Familie sein und wir knnen sie nicht mitgenieen! Doch
    will ich nicht undankbar sein, denn als ich die Nachricht
    erhielt, dachte ich, ich wollte nun ganz zufrieden sein und gar
    nichts mehr wnschen, da mir _dieser_ Wunsch in Erfllung
    gegangen ist, und nun drngen sich gleich wieder Wnsche auf. --
    Nun lebe wohl und ich wnsche nur noch, da Dir nichts Dein
    Glck trben mchte. Die Kinder haben sich sehr gefreut, weil
    sie sahen, da ich so vergngt war, mein Mann natrlich auch und
    er lt Dir durch mich die herzlichsten Glckwnsche sagen.

                                 Deine treue Schwester _Luise_.

Nur _eine_ Stimme in den Briefen, die uns erhalten sind, klingt anders.
Eine treue Tante des Brutigams, Frau Schunck, fhrt, wohl nur zum Spa,
eine uerung ihres Sohnes an. Sie schreibt an Pauline: Mein Karl aber
schttelt den Kopf und sagt: Der Braters Karl und die Pfaffs Pauline?
Wenn das gut geht, so will ich's loben!

Diesem jungen Vetter kam es demnach nicht vor, als ob die Brautleute
zusammenpaten. Freilich zusammenpassend in dem Sinn, da sie sich
hnlich gewesen wren, konnte man die beiden sowie ihre Familien nicht
nennen und deshalb darf Karl Schunck mit Fug und Recht den Kopf
schtteln. Gewi gibt es auch glckliche Ehen trotz groer
Verschiedenheit der Brautleute, aber es ist doch gewagt, darauf zu
rechnen. Oft sehen wir, da zwei an sich gute Menschen doch keine
harmonische Ehe fhren, weil ihre Naturen und Anschauungen zu
verschieden sind. So fhlt sich der eine Teil, der etwa poetisch
angelegt ist, verletzt durch den nchternen, der gesellige gehemmt durch
den in sich gekehrten, der mitteilsame bedrckt durch den einsilbigen;
der phlegmatische bringt den leichtlebigen zur Verzweiflung, der
orthodoxe entsetzt sich ber die Ansichten des liberalen, der modern
gerichtete hlt den altmodischen fr rckstndig.

Wo die Ehe zwischen so verschieden Gearteten dennoch eine wahrhaft
beglckende wird, kommt es meist daher, da der eine Teil sein Wesen,
seine Anschauungen von der Familie berkommen, aber sich innerlich nicht
zu eigen gemacht und bald hineinwchst in die Art des andern oder auch,
da die beiden neben aller Verschiedenheit durch _eine_ Seite ihres
Wesens mchtig und dauernd angezogen werden, sich auf diesem Gebiete
begegnen, beglcken und dann edel oder klug genug sind, um den andern in
seiner Eigenart ungestrt zu lassen, nicht zu verlangen, da er sich
ndere.

Bei den Familien Pfaff und Brater hatte schon die Freundschaft zwischen
den Mttern, den Shnen und den Tchtern bewiesen, da trotz der
Verschiedenheit diese Naturen harmonieren konnten. Mochte auch die
Familie Brater eine gewisse Formlosigkeit der Familie Pfaff mibilligen
und wiederum im Haus Pfaff das Gesetzte der Familie Brater als
pedantisch empfunden werden, so stimmten sie doch vollstndig berein in
der idealen Lebensanschauung und der Begeisterung fr alles Edle, Groe;
in lauterer Wahrheitsliebe und bescheidenen Lebensansprchen.

So war im tiefen Grund viel Gleichartiges, aber das Verschiedene mochte
den Fernstehenden mehr in die Augen fallen, wie wir aus des jungen
Vetters uerung entnehmen.

Pauline blieb zunchst noch bei dem Bruder auf der Bleiche. Kleine
Liebesbriefe flogen gelegentlich von dort in das Polizeigebude, wo der
Brgermeister seine Amtswohnung hatte.

Ein solches Blttchen von der Hand der Braut liegt vor uns, es war wohl
ihr erster schriftlicher Gru an den Brutigam; er hat weder Anrede noch
Unterschrift, beides wollte vielleicht dem jungen Mdchen noch nicht
recht aus der Feder; der Brutigam hat es vermutlich am Morgen nach der
Verlobung erhalten. Es lautet:

Ob ich's noch erlebe, da Du einmal wieder herauskommst? Wie machen's
denn die Leute, da ihnen die Zeit vergeht, ich habe es ganz vergessen.
Du mut aber doch nicht frher kommen als Du ohnedem gekommen wrst, ich
schreibe es nicht deshalb, denn ich habe Dich so schon in ein rechtes
Elend gestrzt; brigens wenn gleich Du es bist, mein lieber Schatz, der
von Rechts wegen keine Unberlegtheiten zutage frdern soll, so scheint
mir dieses doch eine Ausnahme von der Regel, da Du Dich erstens bei
-10 R. verlobtest, und zweitens mit einem Individuum, das auf der
Bleiche wohnt, doch -- 's' ist schon so', mach eben jetzt gute Miene zum
bsen Spiel. Lache mich nicht aus ob diesem Zettelchen, ich htte Dir
gar nicht geschrieben, aber da sind sie gekommen und haben gefragt, ob
ich nichts in die Stadt zu bestellen habe, das war mir doch zu
verfhrerisch, deshalb hast Du nun hier meinen Gru.

Zu Weihnachten kamen die Verlobten nach Erlangen, ihr Besuch war wohl
ein Hhepunkt des Glckes fr beide Familien. Pauline hat dies erste
Heimkommen als Braut gelegentlich geschildert: Ihre Mutter wute, da
sie kommen wrde, aber zu Hause war sie dennoch nicht, auch Bruder Fritz
nicht, die Wohnung war verschlossen. Frau Pfaff hatte irgend ein
Geschft auswrts, vielleicht mute sie nach der Wsche sehen auf dem
Trockenboden oder dergl. Dieses zurckzustellen, weil Pauline kam, oder
gar fr die eigene Tochter irgend welchen Empfang zu richten, wre ihr
gar nicht in den Sinn gekommen. Pauline wute ja, wo in solchen Fllen
der Schlssel versteckt lag, sie fand Einla in die Wohnung und wartete
da in Ungeduld, bis die Mutter von ihrem Ausgang heimgesprungen kam und
sie sich zusammen an dem kalten Dezembertag einen Kaffee kochen konnten.
Manchmal hat sie in spteren Jahren diese Einfachheit, die die Jugend in
der Bescheidenheit erhielt, als nachahmenswertes Beispiel gerhmt, wenn
sie sah, wie etwa fr eine von der Reise heimkehrende Tochter
bertriebene Empfangsvorbereitungen getroffen und die eigenen Kinder
gefeiert wurden. An so etwas dachte allerdings Frau Pfaff nicht und doch
war Pauline ihr Liebling und sie freute sich unsglich ber deren Glck,
und ging mit allem Eifer daran, die Vorbereitungen fr ihre Verheiratung
zu treffen. Dieser Verbindung konnten die beiden Mtter ganz sorglos
entgegensehen und Frau Pfaff, die immer unter der Geldnot gelitten hatte
und die ihre lteste Tochter mit derselben Not kmpfen sah, empfand es
als eine ganz neue und ungewohnte Freude, da dieses Gespenst hier nicht
drohte; eine schne Carriere war ihrem Schwiegersohn, dem hervorragenden
Juristen, sicher, ihre Pauline sollte es gut bekommen, in so jungen
Jahren schon Frau Brgermeisterin werden und eine groe Amtswohnung mit
Garten beziehen, welcher Reichtum!

Noch fr kurze Zeit kehrte Pauline zu dem Bruder zurck und diese Zeit
bentzte der Brutigam, um ein Bild seiner Braut malen zu lassen. Der
berhmte Portrtmaler Alexander Bruckmann bernahm den Auftrag und
fhrte ihn zu groer Befriedigung aus. Von diesem lbild ist die
Photographie abgenommen, die unserem Buch als _Titelbild_ beigegeben
ist. Pauline war schon nach Erlangen abgereist, um ihre Aussteuer zu
besorgen, als das Bild in schnem Rahmen in die Brgermeisterswohnung
geliefert wurde. Der Brutigam schreibt ihr darber:

Heute Morgen hat Dein Bild seinen Einzug gehalten. In Gesellschaft
betrachtet hat es etwas # la Le Bret# an sich, aber wenn ich unter vier
Augen mit ihm bin, verwandelt es sich, wie ich heute gesehen habe, und
entwickelt so liebenswrdige Eigenschaften, da Du eiferschtig werden
knntest. Nur etwas zu sprd finde ich seine Haltung, denn aus seinem
sanften gemigten Lcheln ist es nicht heraus zu schrecken, whrend das
Original doch manchmal in Feuer und Leidenschaft gert.

Da die Hochzeit schon auf Ostern festgesetzt wurde, mute in Erlangen
fleiig an der Aussteuer gearbeitet werden. Aus dieser Geschftigkeit
heraus gab Pauline ihrem Brutigam eine wenig verlockende Schilderung:

In unserem Haus sind nun die Nherinnen und der enge Raum ist voll
Unordnung, Dunkelheit, Staub, Bettfedern, und um die Mannigfaltigkeit
des Anblicks zu vervollkommnen, eine berall hin verteilte
mineralogische Sammlung (von Fritz). Wenn man sich umher bewegt, wird
man voll Bettfedern, an meinen Haaren und Kleidern trage ich immer eine
halbe Gans herum. Trotz all der Wstenei, die mich umgibt, bin ich doch
eine ganz vereinsamte Kreatur, ich komme mir vor wie einer, der aus der
Welt hinausgefallen ist, berall wohin ich schaue ist nichts und gar
nichts, du darfst wohl Mitleid mit einem so armseligen verlassenen
Menschen haben und ihm einen Brief schreiben.

Er lt auch sein Herzkind nicht lange warten und erzhlt ihr, wie
auch er in Vorbereitungen fr den knftigen Hausstand steckt:

Unsere husliche Einrichtung entwickelt sich. Es ist hbsch anzusehen,
wie aus der den Zelle eines Junggesellen sich so ganz allmhlich der
Wohnsitz einer Familie gestaltet. Die grten Fortschritte hat das
Schlafzimmer gemacht und das ist, obwohl nur durch Zufall herbeigefhrt,
nicht mehr als billig. Denn alle andern Gemcher kann sich ein
armseliger Junggeselle in beliebiger Zeit splendid und behaglich
herstellen, nur an der Einrichtung des Schlafzimmers ist auf den ersten
Blick der merkwrdige Unterschied erkenntlich. Es war mir seltsam
vergnglich zu Mut, wie ich vorhin in der Dmmerung hineintrat und alles
fast schon bereit war, uns zu empfangen.

Der Hochzeitstermin naht und der Braut wird bange trotz allen Sehnens.
Ich bin gestern abend furchtbar erschrocken, schreibt sie, wie ich
den Mond wahrhaftig schon beinahe voll gesehen habe, das ist der letzte
Termin, das letzte Viertel scheint schon in Nrdlingen. Ich hab's schon
lang kommen sehen, da es jetzt ernst wird!

Was sie furchtsam machte, wute er wohl: es war der Gedanke, den sie ihm
gleich bei der Verlobung ausgesprochen hatte, da sie ihm nicht gengen
knne. Er hatte ihr versichert, sie wrde bald anders empfinden und
erkundigt sich nun darnach:

Sage mir jetzt, wie steht es um deine Furchtsamkeit und zweifelschtige
Selbstpeinigungen. Wie hat unsere grausame Trennung gewirkt, bindend
oder lsend? Hast Du die wunderbare Erscheinung noch nicht bemerkt, da
der _Raum_ ohnmchtig gegen uns ist, da wir uns auf eine Distanz von
dreiig Poststunden ununterbrochen in den Armen halten und hast Du nicht
daraus gefolgert, da wir gewi mit Leib und Seele zusammen gehren?
Jeden Morgen und Abend frage ich Dich: Du Kleinglubige und Zaghafte:
'Frchtest Du Dich noch?' Immer hat sie bis jetzt 'ja' genickt, aber
seit etlichen Tagen leichter und schwcher und es will mir erscheinen,
als wollte sich's allmhlich in eine andere Bewegung verwandeln. Komm
und gesteh -- oder leugne auch, wenn es sein mu, aber _komm_ nur, denn
diese Distanzen von dreiig Stunden, wenn sie auch nur Illusion sind,
ich kann sie doch nicht vertragen. Gute Nacht! Wenn Du im Schlaf durch
ein Rauschen aufgestrt wirst, so heie Deine Nerven sich beruhigen, es
ist nur ein Traum von mir, der Dich belauscht.

Mehr und mehr drngen sich nun praktische Besprechungen in den
Vordergrund des Briefwechsels und unsere Brautleute sind glcklich in
der Kirche proklamiert. Der Brutigam schreibt darber:

Heute abend komme ich von einer Waldpartie nach Hause und will gerade
wieder gehen, um Hans und Bruckmann aufzusuchen, da strzt mir atemlos
der Kirchner Brunner nach. Zweimal habe er mich schon umsonst gesucht
und es sei jetzt hchste Zeit. Der Herr Stadtpfarrer lassen sich
empfehlen und anfragen, mit welchem Titel der Herr Brgermeister
wnschen, da Ihre Frulein Braut morgen proklamiert werde -- Jungfrau
oder Frulein? Der Herr Stadtpfarrer meine, da die Eltern der Braut
dasjenige gewesen sind, was sie gewesen sind, so lasse sich wohl das
Prdikat 'Frulein' anwenden. 'So,' sag' ich, 'was ist denn der bliche
Ausdruck bei angesehenen Brgern oder Beamten?' 'Ja,' sagt der Kirchner
achselzuckend, 'Jungfrau'. 'Also,' sag' ich, 'sagen Sie dem Herrn
Stadtpfarrer meine Empfehlung und weil ich glaube, da meine Braut auf
den Titel 'Jungfrau,' der mir recht gut gefllt, gleichfalls Anspruch
habe, la ich ihn ersuchen, sich desselben zu bedienen.' Hierauf zog
sich der Diener der Kirche zurck, bestrzt, da ein Gnadengeschenk von
solchem Wert abgelehnt werden knne und die Jungfrau #P. P.# ist heute
(10.) proklamiert worden.

Es folgen hierauf einige praktische Mitteilungen ber Schreiner und
andere Handwerksleute, aber der Gedanke, da sie knftig in diesen
Rumen leben wird, fhrt ihn bald wieder zum Ausdruck seiner Liebe: Der
Gedanke, da auf der Welt ein Wesen ist, das nur fr mich lebt und in
mir, macht mich, so oft ich ihn fasse (wiewohl ich ihn kaum fassen
kann), beinahe schwindeln vor Freude. Wenn ich in Deinen Augen meine
Seele sich spiegeln sehe, so ist es wie eine Brgschaft der
Unsterblichkeit, denn ich fhle, da meine Seele auch auer mir
fortleben kann und fortlebt. Das ist die Kraft und Zuversicht, die ich --
trotz Deiner Protestationen -- durch Dich gewinne.

Die Brautzeit geht ihrem Ende zu, am Donnerstag nach Ostern soll die
Hochzeit sein; ein komischer letzter Auftrag der Braut fliegt auf einem
Blttchen dem Brutigam zu:

Knntest Du mir nicht aus einem Zigarrenkstchen von mir, das in der
Schublade einer Kommode steht und worin sich ein Wust von Blumen
befindet und worunter sich eine mrderisch groe weie Rose befindet,
diese groe Rose mitbringen, es kann sie Eine anziehen. Jetzt leb
geschwind wohl!

Am 4. April 1850 fand in Erlangen die Hochzeit statt. Mit kstlichem
Humor feierten die Brder den Polterabend und Hochzeitstag ihrer
kleinen Lieblingsschwester. Noch einmal hatte Frau Pfaff, die nun schon
im 63. Lebensjahre stand, das Haus voll Gste und Frhlichkeit. Eine
Mutter wie sie, die selbst ihr grtes Glck in der Ehe gefunden und
dann als Witwe ihren ganzen Schatz von Liebe den Kindern zugewendet hat,
kommt in einen merkwrdigen Widerstreit der Gefhle, wenn sie die letzte
Tochter aus dem Hause scheiden sieht. Sie empfindet ja mit ihrem Kinde
die ganze Seligkeit der jungen Liebe, darum strahlt ihr Gesicht von
inniger Mitfreude, aber fr sie selbst verschwindet die Sonne, die ihre
Tage beleuchtet hatte, darum fllen sich die Augen dieses strahlenden
Gesichtes immer wieder, und ganz gegen ihren Willen, mit Trnen. Und die
Tochter, -- wenn sie der Mutter treue Hand zum letztenmal drckt, wird
auch bermannt von dem Schmerz und wei, da sie in diesem Augenblick
zugleich von der harmlosen Jugendzeit Abschied nimmt. Aber dann wendet
sie sich dem jungen Gatten und damit dem neuen Leben zu und am nchsten
Tag ist's nur noch die Mutter, die mit den Trnen kmpft, whrend sie
beiseite rumt, was in dem verlassenen Mdchenzimmer zurckgeblieben ist
von ihrem herzlieben Kind.




_Zweiter Teil_

=Gattin und Mutter=




IV.

1850-1851


Im Nrdlinger Wochenblatt vom 9. April 1850 finden wir die folgende
Beschreibung von der Ankunft des Brgermeisters mit seiner jungen
Gemahlin:

Am Bahnhof von einigen Freunden begrt und von denselben zu Wagen nach
Hause begleitet, wurde das junge Paar in der Amtswohnung von Mitgliedern
des Magistrats feierlich bewillkommt und in die festlich beleuchteten
Zimmer gefhrt, deren Eingang mit grnen Verzierungen und sinnigen
Transparenten angemessen dekoriert war. Wenige Minuten nach erfolgter
Ankunft fand sich unter glnzendem Fackelschein der Gesangverein und das
Orchester des Musikvereins vor der Wohnung ein und brachten in
gelungenen Vortrgen eine halbstndige Serenade, whrend die Vorstnde
beider Vereine die Neuvermhlten beglckwnschten. Wir finden in dieser
Auszeichnung eine verdiente Anerkennung der Umsicht und unermdeten
Ttigkeit, mit welcher sich Herr Brgermeister Brater whrend einer
eineinhalbjhrigen Funktion seinem schweren Beruf gewidmet hat, und
wnschen dem jungen Paar einen recht glcklichen Hausstand.

Die ueren Bedingungen zu einem glcklichen Hausstande waren gegeben
und Pauline fand sich nun versetzt in eine sorgenlose Stellung, in
angenehme Verhltnisse. Die schne, gerumige Amtswohnung im
Polizeigebude war mit vereinten Krften behaglich eingerichtet worden.
In der Kche waltete ein feines Mdchen als Kchin und wartete auf die
Befehle der jungen Hausfrau.

Die Nrdlinger lieen es nicht fehlen an Aufmerksamkeiten fr ihre Frau
Brgermeisterin und ergnzten durch mannigfaltige Hochzeitsgeschenke,
was noch fehlte in Zimmern, Kche und Keller. Trotz all dieser
Herrlichkeit hat Frau Brater nie diese Zeit als eine besonders
glckliche hervorgehoben, sie gehrte nicht zu denen, die die
Flitterwochen preisen; im Gegenteil hat sie spter mancher Braut und
jungen Frau versichert: Es ist gar nicht wahr, da die erste Zeit die
schnste sei, neben der vertieften Liebe, dem Gefhl innigster
Zusammengehrigkeit, das die Jahre bringen, ist die Verliebtheit der
ersten Wochen wie Spielerei. Dazu kam, da sich das junge Paar erst
ineinander finden mute, und das fiel Pauline nicht so leicht. Wie wohl
manche junge Frau, so nahm auch sie zunchst als richtige Norm fr den
Mann die Art an, die sie zu Hause von Vater und Brdern gewohnt war. An
diesem Mastab gemessen bestand aber der gestrenge Brgermeister nicht
gut. Die beispiellose Anspruchslosigkeit und schrankenlose Gutmtigkeit,
die vor allem Bruder Hans im Zusammenleben gezeigt hatte, fand sie nicht
bei ihrem Mann. Wie er ein Meister in Selbstbeherrschung und
Pflichterfllung war, so forderte er solche auch von andern, von den
Untergebenen im Amt, von den Dienstmdchen, von seiner Frau.
Pnktlichkeit auf die Minute, Sorgsamkeit in allem Tun. Das war in
seiner Familie Grundsatz gewesen, aber Pfaffisch war das nicht, und
wiewohl es eigentlich ihrem Ordnungssinn entsprach, gefiel es ihr doch
nicht an ihm. Es erschien ihr kleinlich, sie sprach es auch aus und in
ihrer lebhaften Art machte sie ihm Vorwrfe ber seine unausstehliche
Pedanterie und versicherte ihm manchmal, da sie sich heute noch von ihm
scheiden lasse. Aber dieser Mann, dem bei seiner ernsten, strengen Art
berall widerspruchsloser Gehorsam entgegengebracht wurde, freute sich,
da seine Frau sich rckhaltslos gegen ihn aussprach, und es krnkte ihn
nicht, wenn sie krftig gegen ihn aufbrauste, wie es sonst niemand
wagte. Er gab zwar in der Sache, wenn sie ihm richtig schien, nicht
nach, aber er suchte ihr ruhig zu erklren, da er nicht aus kleinlichem
Eigensinn beharre. Nicht _sein_ und nicht _ihr_ Wille solle gelten im
Haus, sondern was recht und gut sei, wollten sie als Norm anerkennen,
und sich darber immer miteinander zu verstndigen suchen. Sie schmte
sich dann manchmal ihres Ungestms, aber er trstete sie mit der
Versicherung, da es ihm immer recht sei zu erfahren, wie es ihr zu Mute
sei, nur wollten sie nie abends zu Bette gehen, ohne sich vorher wieder
geeinigt zu haben.

Auf diese Weise legten sich die Strme der ersten Zeit, ohne Schaden
anzurichten, und die Schmiegsamkeit, die der Brutigam einst unter den
acht guten Eigenschaften der Braut aufgezhlt hatte, bewhrte sich
darin, da die Gattin sich sehr bald dem Wesen des Gatten anbequemte.

Aus den ersten Wochen ihrer Ehe ist ein Brief von Frau Brater an ihre
Freundin Lina Rohmer erhalten, mit der sie in rckhaltsloser Offenheit
zu verkehren pflegte. Dennoch wrden wir vergeblich in diesem Brief
Andeutungen ber die erwhnten Schwierigkeiten mit ihrem Manne suchen,
denn das Verhltnis zu ihm war ihr viel zu heilig, als da sie irgend
jemandem darber geschrieben htte; erst in spten Jahren, als das alles
lngst hinter ihr lag, sprach sie wohl davon zum Nutz und Frommen
anderer. Nur zwischen den Zeilen knnen wir lesen, da die junge Frau
sich noch nicht vollstndig in ihrer Lage zurecht gefunden hatte. Sie
schreibt:

    _Liebe Line!_

    Du weit, da ich mich bereits ber drei Wochen hier in
    Nrdlingen befinde, aber trotzdem bin ich noch nicht ganz
    eingewhnt, auch mchte ich den Leuten immer ins Gesicht lachen,
    die mich so respektvoll Frau Brgermeister nennen, denn
    wahrhaftig, wenn's einem Menschen respekteinflend zu Mute ist,
    so bin ichs gewi nicht. Ich befinde mich in einer sonderbaren
    bergangsperiode, in Erlangen bin ich nicht mehr zu Hause, das
    fhle ich, und hier bin ich noch nicht zu Hause, daher denn
    manchmal, weil ich viel allein bin, noch immer eine kleine
    Anwandlung von Heimweh, doch hat das nichts zu sagen, ich bin
    doch die glcklichste Person von der Welt. Ich habe die
    Haushaltung nun so ziemlich in den Schick gebracht, lange genug
    hat's gedauert; ich freue mich sehr, Dir alles zeigen zu knnen
    und wir werden viel Zeit recht friedlich verplaudern; mein Karl
    ist den Tag ber fast immer auf dem Bureau, von morgens 9 Uhr
    bis abends 6 Uhr ist er hchstens eine Stunde oben, dafr bleibt
    er abends fast immer zu Hause und morgens, wo wir vor 7 Uhr
    frhstcken, bleibt er auch da bis 9 Uhr. Mein Hans kommt
    ziemlich fleiig, denn es gefllt ihm so allein gar nicht auf
    seiner Bleiche. --

In den ersten Jahren des Ehestandes wurde von dem jungen Paar eine
Familienchronik gefhrt, in die bald er, bald sie Eintrge machten. Am
9. Mai schreibt darin Pauline:

Heute haben wir die letzten Besuche gemacht, hingegen fangen jetzt auch
schon die verschiedenen Einladungen an, die langweiligerweise immer blo
an mich allein ergehen; denn in Nrdlingen sind blo die groen
_Damen_-Tees und -Kaffees in der Mode. In die erste Gesellschaft ging
ich mit groer Angst, die Leute sind aber alle sehr freundlich und so
frchte ich mich nicht mehr vor ihnen. In unserem Hause stellt sich die
Ordnung immer mehr her, wir fhren ein ziemlich regelmiges Leben.
Unsere Magd, auch Luise oder Prinzessin genannt, machte mir anfangs viel
Herzeleid, weil ich mir nichts zu ihr zu sagen traute, jetzt geht's
schon eher, weil sie wei, was sie zu tun hat und alles von selbst tut,
wenn ich ihr aber etwas tadeln soll, so geschieht's mit Zittern und
Beben.

Am 26. Mai. Unsere Hausordnung wurde in der letzten Zeit durch
mancherlei Besuche unterbrochen. Vor acht Tagen kamen meine beiden
Brder, Fritz und Friedel, um die Pfingstferien hier zuzubringen, ich
freute mich sehr auf diese ersten Besuche und wir waren auch sehr
vergngt. Fritz hat mir viel Zither gespielt und wir haben uns berhaupt
die Zeit gut zusammen vertrieben, im Garten ist es ganz grn und wir
sind drunten, so oft es der Regen erlaubt. Die Eisenbahn wird uns noch
manchen Besuch eintragen, so kam vorgestern Herr Professor Ennemoser aus
Mnchen als Bekannter von Karl und gestern Joseph Michel als Bekannter
von mir und Student aus Erlangen, die Leute sollen nur wenigstens nicht
gerade kurz vor Tisch kommen. Die Prinzessin hat schon groe Untugenden
blicken lassen und macht mir groen Kummer, ich will's jetzt keiner Frau
mehr verargen, wenn sie viel von ihren Mgden spricht, denn ich werde es
nchstdem auch so machen. Ich freue mich schon auf einen Besuch von
meiner Mutter, es ist aber noch gar nicht ausgemacht, wann sie kommt.

10. Juni. Es waren wieder allerlei Gste da, die uns gewhnlich durch
die Eisenbahn gebracht werden, unter andern auch Fritz Rohmer, dessen
gefrchteter Besuch mir aber gar nicht furchtbar war, berhaupt werde
ich mich nchstens daran gewhnen, alle Gste ohne Angst zu erwarten.
Wir haben uns jetzt wunderschne Reiseplne gemacht fr nchsten Herbst,
Karl hat schon den ganzen Weg ausgesonnen nach Meran und wieder zurck.
Leider hat es jetzt das Aussehen, als wollten sich uns allerlei
Hindernisse in den Weg stellen, das wre ein unendlicher Jammer,
besonders mir, weil ich noch nie derartige Gegenden gesehen habe.

Eine kurze Notiz Braters, auf Hans Pfaff bezglich, deutet auf dessen
stilles Liebesverhltnis hin:

Am Sonntag traf eine Gesellschaft ein, bestehend aus dem Frulein Agnes
v. D., deren Schwester und Schwager. Die erstere htte sich sehr dafr
interessiert, meinen Schwager Hans, der unseligerweise nach Mnchen
gegangen war, zu sehen und die Gesellschaft zog, nachdem sie Kaffee bei
uns genossen hatte, unbefriedigt weiter.

Bei dieser Gelegenheit lernte Pauline die junge Dame kennen, die ihres
Bruders Hans treue Liebe war. Hatten sich die Liebenden auch verfehlt,
so war doch der Besuch ein Beweis, da das junge Mdchen ihm treu blieb,
so gering auch die Hoffnung war, da der adelige Vater je nachgeben
wrde.

Am 27. Juni war der Geburtstag des jungen Ehemanns, der erste, den er
gemeinsam mit seiner Frau feierte. Im Haus Pfaff waren solche Tage nicht
gefeiert worden, man konnte dem einzelnen Familienglied nicht so viel
Beachtung schenken, aber Pauline pate sich der Art an, die ihrem Manne
sympathisch war. In der Familienchronik bemerkt der Geburtstrger:

Mein 31. Geburtstag war der erste, den ich als #pater familias# und
recht eigentlich im 'Scho' meiner eigensten Familie gefeiert habe.
Pauline hat sich die festlichen Gebruche angeeignet, die ich vom
elterlichen Haus her gewhnt bin und nicht gern vermissen mchte. Sie
hat mich schon von den Ersparnissen ihres Taschengeldes splendid
beschenkt.

Auch in einem Briefe nach Erlangen erwhnt er desselben Geburtstags:

    _Liebe Mutter!_

    An meinem Geburstag frh, whrend wir noch beim Kaffee
    beschftigt waren, in einen Rosenflor versenkt, kam Eure
    Bescheerung dazu, die von Deiner Schwiegertochter mit bekannter
    liebenswrdiger Heftigkeit durchwhlt wurde. Sie geriet ber
    jeden Fund in Entzcken und meine soliden Dankbarkeitsgefhle
    wurden von ihrem Enthusiasmus, der beim Anblick eines Erlanger
    Brotes den Kulminationspunkt erreichte, tief unter Wasser
    gestellt...

Nachdem wir so den jungen Ehemann in der Rosenlaube mit der jungen
Gattin gezeigt haben, mssen wir jetzt den Brgermeister in seiner
Amtsstube aufsuchen und da sehen wir freilich kein rosiges Bild.

Als im Herbst 1848 Karl Brater, erfllt von nationaler Begeisterung, die
Brgermeisterstelle in Nrdlingen angenommen hatte, war dies geschehen
in der Hoffnung, als Gemeindebeamter der nationalen und freiheitlichen
Sache ersprieliche Dienste leisten zu knnen. Aber der Anfang der 50er
Jahre brachte die Reaktion, die sich gar bald auch in diesen Kreisen
fhlbar machte. Herr v. Welden, der Regierungsprsident von Augsburg, zu
dessen Bezirk Nrdlingen gehrte, stand an der Spitze der reaktionren
Partei und dieser Vorgesetzte war es, mit dem der junge Brgermeister
sehr bald in Konflikt geriet. Brater wollte den Rechten seiner Gemeinde
nichts vergeben, sich nicht einem Willkrregiment beugen, das die
Selbstverwaltung der Stadt beeintrchtigt htte. Obgleich er dabei nur
das Wohl von Nrdlingen im Auge hatte, so gab es doch auch in der Stadt
selbst eine, wenn auch kleine, reaktionre Partei, die durch
Denunzationen sich bei der Regierung beliebt machen wollte und sich
hheren Orts einzuschmeicheln glaubte, wenn sie gegen den der Regierung
unbequemen Brgermeister allerlei Verleumdungen vorbrachte. In einem
Brief an seine Schwester Julie schreibt der so Angefeindete:

Ich bin jetzt in offenem Kampf mit der hiesigen reaktionren Partei,
die das Ohr und Herz des Herrn v. Welden durch unaufhrliche politische
Denunzationen ganz gefangen hat. Die groe Mehrheit ist auf meiner
Seite, aber nicht sachkundig und energisch genug.

Da nun eben in dieser Zeit Brater in Wort und Schrift eine energische
Ttigkeit fr Anerkennung der Reichsverfassung entwickelte, so wurde der
Ri zwischen ihm und dem Regierungsprsidenten immer grer und man
hatte nicht bel Lust, ihn als Hochverrter in Untersuchung zu ziehen.
Kam es auch dazu nicht, so erreichten die fortgesetzten Verleumdungen
doch die Verhngung einer Disziplinaruntersuchung gegen den
Brgermeister und die Mehrheit der Magistratsrte. Aber es stellte sich
heraus, da die Geschftsfhrung des tchtigen, gewissenhaften Juristen
musterhaft war, es wurde nichts gegen ihn aufgefunden und die junge
Gattin mochte nun erst recht deutlich die Vorzge der gewissenhaften Art
ihres Mannes erkennen.

Der Sommer rckte vor, die Hauschronik berichtet von vielen Gsten und
mitten unter diesen wird der Regierungsprsident v. Welden genannt. Er
kam, schreibt Brater, mit der Idee, mich durch gemtliches Rsonnement
und groe Artigkeit zu gewinnen und mich aus einer Stellung, die ihm
manchmal unbequem wird, heraus zu manverieren. Wir sprachen lang und
sehr unumwunden ber die hiesigen Angelegenheiten und er hatte die Gte,
mir mit Beziehung auf meine Opposition gegen willkrliche
Regierungsmaregeln den Vorwurf zu machen: ich sei zu sehr Jurist und
Mann des schroffen Rechtes, zu wenig administrativer Diplomat -- eine
sehr charakteristische und fr _einen_ von uns beiden gewi ehrenvolle
Bemerkung.

Die Gegenpartei hatte vom Erscheinen des Prsidenten sich allerlei
fatale Folgen fr den national gesinnten Brgermeister versprochen,
diese blieben aus, aber freilich auch die Annherung, zu der die Hand
geboten war, kam nicht zustande, konnte nicht zustande kommen, wenn
Brater nicht seine Grundstze opfern wollte, und dazu war er nicht der
Mann. Der jungen Gattin mochte es oft wunderlich zumute sein bei
derartigen Besuchen; von ihr schreibt Brater bei solchem Anla an seine
Schwester Julie:

Bei solchem Kriegszustand ginge mir der Humor vielleicht doch aus, wenn
nicht Pauline wre, an die ich mich halten kann, so oft mir der Ekel zu
stark wird. Und an anderer Stelle: Ihre Liebe ist mir, wie es sein
soll, eine gesunde, milde Lebensluft, die mich umgibt, wo ich bin und
was ich tue, wenn es auch das Fremdartigste ist. Die fr den September
geplante Gebirgsreise mute aufgegeben werden, der jungen Frau wegen,
die nicht in der richtigen Verfassung dazu war, aber ein gemeinsamer
Besuch in Erlangen bei den Verwandten wurde ausgefhrt, und es war
hchste Zeit, wenn sie sich dort in ihrer Brgermeistersherrlichkeit
zeigen wollten, denn mit dieser ging es nun rasch zu Ende.

Erneute gehssige Angriffe der reaktionren Partei reiften bei Brater
den Entschlu, sein Amt niederzulegen.

Mit welchen Empfindungen mag wohl die junge Frau Brgermeisterin das
Schriftstck abgeschrieben haben, das von ihrer Hand geschrieben vor uns
liegt und folgenden Wortlaut hat:

Am heutigen Tage lege ich das Amt nieder, zu dem ich im Jahr 1848 durch
die Wahl des Gemeindekollegiums berufen worden bin. Das Vertrauen einer
groen Mehrheit der stdtischen Vertreter und, wenn ich nicht irre, der
Brgerschaft selbst hat mir bis jetzt mglich gemacht, in einer von
Schwierigkeiten jeder Art umgebenen Stellung auszuharren. Aber
Verhltnisse, die ich nicht nher bezeichnen darf, weil dies nur mit den
Ausdrcken der tiefsten Indignation geschehen knnte, haben mir
allmhlich eine Empfindung des Widerwillens und des berdrusses
eingeflt, wie man sie auf lngere Zeit nicht vertrgt, wenn man nicht
_mu_. Indem ich einen seit Monaten gefaten Entschlu unter den
erneuten und verstrkten Eindrcken dieser Empfindung ausfhre, sage ich
den Herren Magistratsrten, die meine Amtsfhrung untersttzt haben,
weil sie den Grundsatz rcksichtsloser Pflichterfllung in ihr
erkannten, meinen herzlichen Dank. Frher oder spter werden sich die
Verhltnisse unserer Stadt so gestalten, da ein knftiger
Magistratsvorstand es ber sich gewinnen kann, dem Beruf, von dem ich
zurcktrete, sich _dauernd_ zu widmen. Wenn diese Umgestaltung erreicht
und ein eintrchtiges, gedeihliches Wirken der stdtischen Vertreter
wieder mglich geworden ist, wird keiner von Ihren Mitbrgern sich
aufrichtiger als ich dessen freuen. Ich fge hinzu, da ich bereit bin,
die Amtsgeschfte bis zum Schlu dieses Jahres fortzufhren und da ich
im Begriff bin, der kniglichen Kreisregierung die geeignete Anzeige zu
erstatten.

Im Nrdlinger Wochenblatt lesen wir einige Zeit nach dieser Mitteilung
den folgenden Beschlu der Gemeindebevollmchtigten:

Es wurde in der heutigen Sitzung mit 17 gegen 3 Stimmen folgender
Beschlu gefat: Es wird von seiten des Kollegiums der ausgesprochene
Rcktritt des Herrn Magistratsratsvorstandes aufrichtig beklagt.
Wir drcken demselben hiermit unsere vollste Anerkennung seiner
Verdienste und Geschftsfhrung aus und bitten, es mge dem Herrn
Magistratsratsvorstand gefallen, die eingegebene Erklrung
zurckzunehmen, eventuell aber die Geschfte bis Neujahr zu leiten.

Eine Aufforderung im gleichen Sinne erging auch mndlich an den
Brgermeister, der aber seinen wohl berlegten Entschlu nicht
zurcknahm.

Was nun? Die Frage war nicht so leicht zu beantworten, denn der
ehemalige Brgermeister mute sich sagen, da an eine Staatsanstellung
nach solchen Vorgngen nicht zu denken war; er, der ausgesprochene Feind
des oben herrschenden reaktionren Systems konnte darauf so wenig
rechnen wie auf Besttigung seiner Wahl, wenn er sich in einer andern
Stadt um eine Brgermeisterstelle beworben htte. Wohl wute er, da
manche sich im stillen freuten ber seine mannhafte Opposition gegen
willkrliche Beschrnkung der Gemeinderechte, aber nur wenige waren es,
die sich offen zu ihm bekannten, die meisten fgten sich der Majoritt
und htten es fr klger gehalten, wenn auch er sich gebeugt htte.

So sah sich Brater als angehender Familienvater ganz auf sich selbst
gestellt und mute ohne Vermgen, ohne Rckhalt an den Verwandten den
Unterhalt fr die Familie aufzubringen suchen.

In dieser ernsten Zeit, wo sich mancher, der ihn frher fleiig
aufsuchte, von ihm fern hielt, um sich oben nicht miliebig zu machen,
ist ihm seine junge Frau zur verstndnisvollen Bundesgenossin
herangewachsen. Nun erst erfate sie voll sein ganzes Wesen, es ergriff
sie eine hohe Begeisterung fr seine edeln Grundstze, sein
unerbittliches Rechts- und Wahrheitsgefhl, sich selbst, ihr materielles
Wohl verga sie und hatte nur noch den einen Trieb, ihm als treuer
Kamerad hindurch zu helfen durch alle Schwierigkeiten.

Meinten da und dort ngstliche Leute: Ja, wenn er noch allein wre --
aber so als Gatte und in der Aussicht, bald Vater zu werden -- so
empfanden die beiden ganz anders und wuten es besser. Nur im festen
Zusammenschlu, nur wenn als Gegengewicht zu allen Kmpfen und
Entbehrungen die warme, sonnige Liebe seinen Lebensweg erleuchtete, nur
dann konnte er allem trotzen, was da kam. Als einzelner wre er durch
diese Lebenserfahrungen vielleicht erbittert, vielleicht mrbe geworden,
mit dieser Frau an der Seite erstarkte er nur im Kampf, es waren so
recht die Verhltnisse, in denen eine wahre Ehe ihren hchsten Wert
zeigen kann.

Noch widmete Brater seine ganze Zeit und Kraft dem Brgermeisteramt. Das
Weihnachtsfest wurde noch in der Amtswohnung gefeiert, aber schon war
die Haushaltung in der Auflsung begriffen; am 26. Dezember verlie
unser Paar die staatlichen Rume und zog hinaus auf die Bleiche.

Zielbewut und mit Einsetzung seiner ganzen Kraft wandte sich Brater der
politischen und volkswirtschaftlichen Ttigkeit fr sein Vaterland zu.
Er beriet sich zunchst mit dem ihm nahe befreundeten Verlagsbuchhndler
Karl Beck und grndete mit ihm die Bltter fr administrative Praxis,
eine Zeitschrift, welche damals die einzige ihrer Art in Deutschland war
und welche noch heute, nach mehr als fnfzig Jahren, wenn auch in
vernderter Form, besteht. Daneben liefen noch viele andere juristische
und politische Arbeiten her. Mit unendlichem Fleie sa er in dem
bescheidenen Zimmer und schrieb und schrieb.

Es war einer in der Familie, der die Wandlung der Dinge mit Freuden
begrt hatte, Bruder Hans. Er nahm nun als Kostgnger Teil am Haushalt
der Geschwister, diesen die Lage erleichternd und sich selbst aus der
digkeit des Wirtshauslebens befreiend.

Die Prinzessin, die nicht in den einfachen Rahmen des jetzigen
Haushalts pate, ward entlassen, bescheidene Bedienung gengte fr die
kleinen Rume.

Im Februar traf, um Gromutterdienste zu leisten, Frau Pfaff ein.
Stillschweigend hatte sie nun doch auch dieses Paar, das sie so sicher
geborgen glaubte, einreihen mssen unter jene, die mit Nahrungssorgen zu
kmpfen hatten. An ihre Schwester Adelheid schrieb sie von der Bleiche
aus:

Ich kann wohl sagen, da nicht alles so gekommen ist, wie wir glaubten,
und da Sorgen mancher Art mit in das neue Jahr hinbergegangen sind.
Da Brater von der Regierung nicht viel Gutes zu erwarten hatte, davon
hat er Proben, auch frchtet er, da sie es lange werden anstehen
lassen, bis er als Advokat eine Stelle erhlt und bis durch solche
(schriftstellerische) Arbeiten so viel verdient wird, als eine
Haushaltung erfordert, da gehrt doch groe Anstrengung dazu. Aber man
hat ihm ja gar kein Unrecht nachweisen knnen und so wird zuletzt auch
alles wieder gut werden. Hans handelt sehr brderlich, er wohnt jetzt
oben in einem Erker und hat neben einem kleinen Stbchen eine
Schlafkammer, die Kammer auf der anderen Seite ist Paulinens Gastzimmer.
Unten sind noch zwei Stuben, dies ist all ihr Raum, Du kannst Dir wohl
denken, wie wir uns behelfen mssen und wie gro der Unterschied ist mit
ihrer vorigen Wohnung, wo sie zehn Zimmer hatte, doch ist sie recht
heiter und ich habe sie nie klagen hren.

Da in dieser Zeit notwendiger Einschrnkung und Sparsamkeit keinerlei
kostspielige Vorbereitungen gemacht wurden, um das zu erwartende
Kindlein zu empfangen, lt sich denken, doch trat hier Frau Senning,
die einfache, aber wohlwollende Hausfrau hilfreich ein. Ihrer
freundlichen Gesinnung hat Frau Brater spter manchmal gedacht und sich
erinnert, wie diese gute Hausfrau einst zu ihr kam und zgernd ihr
Anliegen vorbrachte: Eine alte Wiege, noch aus ihrer eigenen Kinderzeit
stammend, stehe oben in der Dachkammer und sie mchte diese, wenn es die
junge Frau nicht bel nhme, ihr so gerne leihen. Nicht lange darnach
lag in der geborgten Wiege ein niedliches Tchterlein.




V.

1851-1855


Das erste Kind! Mit Stolz trgt der Vater am 27. Februar 1851 die
Tatsache der Geburt in die Familienchronik ein. So ein kleines hilfloses
Geschpfchen -- anscheinend bringt es nichts mit in die Welt, tatschlich
verleiht es gleich die hchsten Wrden, den Vater- und Mutter-Namen. Wer
wollte es bestreiten, da es eine Wrde ist? Wird doch nichts auf Erden
so hoch eingeschtzt wie eben das Menschenleben. Im Gefhl des Volkes,
in der Gerichtsbarkeit, berall steht es oben an. Gilt es eines aus der
Gefahr zu retten, so werden, wie selbstverstndlich, die grten Opfer
gebracht. Nun ist so ein neues Leben entstanden und ist vollstndig
diesen jungen Eltern berlassen und anvertraut. Wrde und Brde sind
hier wie nirgends sonst vereint, Freud und Leid gleich in der ersten
Stunde. Unbeholfen steht oft solch ein junger Vater vor dem kleinen
Ankmmling, der ihm gehrt und den er doch nicht zu behandeln versteht;
weit voraus ist ihm darin meist die Mutter, auf die ja auch das Kind von
der Natur sofort angewiesen ist.

Auch bei unserem jungen Elternpaar tritt dieser Unterschied gleich
hervor. Objektiv, sich selbst kein Urteil zutrauend, schreibt der Vater
an seine Schwester Julie:

Das Frulein ist nach Angabe der Sachverstndigen beraus schn,
ungewhnlich stark und bereits liebenswrdig. Und spter: Ich htte
Dir noch einiges Anziehende ber das Thema: Pauline als Mutter
vorzutragen, aber da sie eben erklrt, da sie diesen Brief lesen werde,
um zu kontrollieren, ob nichts Verleumderisches ber ihr Kind
eingeflossen ist, so mu ich mir natrlich solche Dinge versagen.
Worauf die junge Mutter denselben Brief fortsetzt: Ich knnte Dir noch
erzhlen, was fr eine Freude ich privatim an unserem kleinen Bndel
habe, wenn ich nicht dchte, Du hast Dir das schon vorgestellt, so gut
es eben mglich ist. brigens glaube ich nicht, da andere Leute auch
eine so groe Freude haben, es knnte sonst nicht auffallend sein, wenn
man auf der Strae hie und da ein paar Luftsprnge machte, juhe! schrie
oder dergl. mehr. Auch von ihren Eigenschaften darf ich Dir nichts
berichten, denn da ich an dem ganzen Weibsbildchen nichts als
Liebenswrdigkeit entdecke, so mtest Du ja denken, da ich bereits mit
dicker, mtterlicher Blindheit geschlagen sei.

Seliger als sie sich nun fhlte, htte die junge Mutter auch in der
frheren vornehmen Amtswohnung nicht sein knnen. Dicht nebenan der
Mann, unablssig fleiig und doch wenn sie in sein Zimmer trat, gern
bereit, die Feder wegzulegen und sich durch ein paar Worte mit ihr zu
erfrischen oder sich von den wunderbaren Fortschritten des Annakindes
berichten zu lassen. Und jeden Abend, wenn er seine anstrengende
Tagesarbeit vollbracht hatte, saen sie beisammen, plauderten und
freuten sich aneinander. Das Kind mute um diese Zeit zur Ruhe gebracht
sein, den Feierabend der Eltern und ihr gemeinsames Lesen sollte es,
wenn irgend mglich, nicht stren. Im ersten Winter waren es die
historischen Dramen von Shakespeare, die sie gemeinsam genossen. Auch
Mittags gab es eine regelmige Arbeitspause; wenn die verschneiten
Bleichwege nicht verlockten zum Spazierengehen und doch das Bedrfnis
nach krperlicher Bewegung vorhanden war, so wurden Federblle und
Raketen herbeigeholt und Volant geschlagen. Pauline war geschmeidig und
behend in all ihren Bewegungen, und die beiden brachten es in dieser
Kunst zu solcher Fertigkeit, da sie mit drei Bllen zugleich schlagen
konnten, und es ein Spa war zuzusehen, wie die gefiederten Bllchen
durch die Luft flogen.

So fhlte sich das junge Paar glcklich und vergngt, whrend vielleicht
mancher die armen Leutchen, die da drauen auf der Bleiche eingeschneit
waren, bedauerte. brigens konnte von Armut im gewhnlichen Sinne bald
nicht mehr die Rede sein, denn eine Arbeit nach der andern, geschtzt
und begehrt, kam aus der Feder des gedankenreichen Mannes. Er hielt
seine Arbeitszeit ein, Tag fr Tag mit einer Gewissenhaftigkeit, wie es
nur wenige junge Mnner ohne jeglichen ueren Zwang durch Vorgesetzte
oder Vorschriften zustande bringen wrden. Es ist kein Wunder, da die
Gattin nun nicht mehr aufbegehrte ber die Pedanterie des Gatten, da
diese treue Pflichterfllung ihr vielmehr die grte Hochachtung
einflte. Zugleich aber auch einen Zorn gegen diejenigen, die solch
einen Mann nicht anstellen wollten und neuerdings seine Bemhungen um
eine Advokatur zurckgewiesen hatten. Nahm _er_ das ruhig hin, so sprach
_sie_ in um so krftigeren Ausdrcken ihren Unwillen ber die
schndliche Bande aus. Sie war ohnedies als Schwester von fnf
Brdern an mancherlei nicht gerade zarte Ausdrcke gewhnt, und wenn
solche gleich in der Familie Brater verpnt waren, so wartete der Mann
doch geduldig, ob sie sich allmhlich von selbst verlieren wrden, denn
das unmittelbare Wesen seiner Frau war ihm viel zu kstlich, als da er
es durch Korrekturen htte beirren mgen. _Ganz_ hat sie die krftigen
Ausdrcke bis in ihre alten Tage nicht verloren, so lebhafte Naturen wie
die ihrige mssen sich offenbar in Ausnahmefllen Luft machen und kommen
ohne ein gelegentliches Donnerwetter nicht aus.

An ihre Schwgerin Julie schreibt Pauline in dieser Zeit: Karl benimmt
sich so ziemlich wie ein Fisch in dieser Angelegenheit, ich rechne nur
auf Verjhrung meines Grimms.

Noch im September dachte die junge Familie nicht anders, als da sie den
Winter auf der Bleiche zubringen wrden, da erhielt Brater unerwartet
eine Aufforderung von der Zeitung Der Nrnberger Korrespondent, beim
Wiederbeginn des Landtags in Mnchen die Berichterstattung ber dessen
Sitzungen zu bernehmen. Die pekuniren Bedingungen waren gnstig, rasch
wurde der Entschlu gefat, fr den Winter nach Mnchen zu bersiedeln.
Whrend Pauline die ntigen Zurstungen zum Umzuge traf, reiste der
junge Ehemann voraus, um Quartier zu machen fr sich und die Seinen. Die
kurze Zeit, die er allein in Mnchen zubringen mute, whrte ihm schon
zu lang. Er schreibt am 30. September 1851 an seine Frau:

Mein Schatz, sind wir auch wirklich kopuliert? Es ist mir in dieser
einsamen Stube ganz junggesellig und unter der Frsorge unserer
wrdigen Schneiderin recht zimmerherrlich zumute... Es folgt nun eine
Beschreibung der gemieteten mblierten Wohnung und genaue Anweisungen
ber alles, was zur Ergnzung mitzubringen sei. Der Schlu lautet:
Studiere und exekutiere diesen Brief sorgfltig, fahre bei schlechtem
Wetter #II.# Klasse, trinke in Augsburg Kaffee, komme wenn menschenmglich
schon Donnerstag, melde Dich zuvor an, sei unbesorgt um Milch, Holz und
Magd und beht Dich Gott, denn dieses Junggesellenbewutsein habe ich
satt und sehne mich von Herzen nach Euch!

Es ist gar nicht zu bezweifeln, da die Reise am Donnerstag
menschenmglich gemacht wurde, denn flink und praktisch war die junge
Frau wie nicht leicht eine zweite, hielt sich auch nicht mit unntigen
Bedenken auf und konnte in solchen Fllen, wie man sagt, fnfe gerade
sein lassen.

So kam sie nun zum erstenmal nach Mnchen, in die ihr noch unbekannte
groe Stadt. Die drei mblierten Zimmer boten nicht sonderlich viel
Behagen und ganz ungewohnt waren ihr die einsamen Stunden, in denen der
Gatte nicht wie bisher daheim arbeitete, sondern den Kammersitzungen
beiwohnte. Es schien fr sie ein unerfreulicher Winter zu werden. Aber
bei der Nachricht von der bersiedlung fate ihre Schwiegermutter den
Entschlu, mit der jngsten Tochter Emilie, die sich in der Musik
ausbilden wollte, fr die Wintermonate nach Mnchen zu kommen. Es fanden
sich Zimmer fr sie im gleichen Haus und so konnte gemeinschaftliche
Wirtschaft gefhrt werden; die gtige Nachsicht der lteren Frau Brater,
der frhliche Humor der jngeren, die Freundschaft zwischen den beiden
Schwgerinnen, die gemeinsame Freude an der kleinen Anna brachten es
zustande, da alles in schnster Harmonie zusammenklang. Ein lngerer
Eintrag des Familienvaters in der Chronik erwhnt auch den geselligen
Verkehr der Familie.

Sylvesterabend 1851. Unser geselliger Verkehr ist ziemlich beschrnkt.
Gemeinschaftlich trinken wir von Woche zu Woche einmal im
Ennemoser[2]schen Hause Tee oder haben diese Familie bei uns. Der
Verkehr mit Rohmers (es ist hier der verheiratete Philosoph Friedrich
Rohmer gemeint) wird nur durch mich lebhaft unterhalten. Bei Thiersch[3]
und Schubert[4] sind Besuche gemacht worden, welche die blichen
Gegenbesuche und dann und wann eine Einladung zur Folge haben ....

    [Funote 2: Ennemoser hatte als magnetischer Arzt und durch
    wissenschaftliche Arbeiten ber Magnetismus in Mnchen groen
    Ruf.]

    [Funote 3: Friedrich Thiersch, bedeutender Philologe.]

    [Funote 4: Gotthilf Heinrich Schubert, Naturforscher.]

Im Kind entwickeln sich Anwandlungen von Menschenverstand und
Sprechlust, auch kriecht es vierfig mit ziemlicher Gewandtheit und
befat sich mit den Anfangsgrnden des Laufens. Es hat die mtterliche
Lebhaftigkeit ererbt. Im knftigen Neujahrsbericht hoffe ich das
Gedeihen eines zweiten kleinen Geschpfes, das mit der vterlichen
Sanftmut und verkannten Gemtstiefe ausgestattet ist, notieren zu
knnen.

Mein Gewerbe ist geistig und bisweilen auch krperlich ermdend. Monate
lang Tag fr Tag und Zug fr Zug der Abspiegelung einer bodenlosen
politischen Misere als notgedrungener, aufmerksamer Beobachter folgen zu
mssen, ist eine Tortur, welche die standhafteste Apathie schwer
ertrgt. Daneben erbrige ich jedoch noch die erforderliche Zeit zur
Redaktion meiner Bltter (fr admin. Praxis) und zur Beteiligung an
Dollmanns Gesetzeskommentaren.

Von den erbetenen Advokaturen ist mir keine genehmigt worden;
Verdchtigungen, die aus meiner Ttigkeit zur Zeit der
Reichsverfassungsfrage abgeleitet sind, haben zu der Ansicht gefhrt,
da meine Anstellung jedenfalls allerhchsten Ortes nicht genehmigt
werden. An diesem Ort (bei dem Knig) persnlich zu supplizieren, kann
ich mich nicht entschlieen, weil ein solches Supplizieren die
Verzichtleistung entweder auf die persnliche Wrde oder auf den Erfolg
voraussetzte. Es ist mir der definitive Bescheid des Justizministers
zugekommen, da es fr jetzt unmglich sei, mich anzustellen und da ich
wohl daran tun wrde, in meiner gemeinntzigen Ttigkeit fortzufahren
und Gras ber die Sache wachsen zu lassen.

Dieses Gras wchst langsam, schreibt Frau Brater gelegentlich. Sie
hatte so zuversichtlich gehofft, der Aufenthalt in Mnchen werde ihrem
Manne Gelegenheit geben, mit Erfolg um eine feste Anstellung
einzukommen, aber die Monate verstrichen, schon nahte die Osterzeit und
damit das Ende der Landtagsperiode. Sie mute sich mit der Erfllung
einer anderen Hoffnung begngen: am Ostermontag 1852 kam ein zweites
Tchterlein zur Welt.

Die Mutter, die seit einiger Zeit ein Heft angelegt hatte fr Notizen
ber die Kinder, schreibt darin:

Ostermontag kam die kleine Jungfer Agnes auf die Welt als ein gesundes
krftiges Kind mit einer ungeheuren Nase, wodurch sie mehr einem Vogel
als einem Menschen und als Mensch einem alten, griesgrmigen
Mathematiker hnlich sah. Eigentlich war es auf einen Buben abgesehen,
man war aber doch sehr erfreut ber ihre glckliche Ankunft und trug ihr
nichts nach. Sie begann ihr Leben, wie es fr die teure Zeit angemessen
ist, mit Nahrungssorgen, d. h. sie war kaum recht auf der Welt, als sie
schon rechts und links mit dem Kopf nach Futter suchte und endlich beide
Hndchen in den Mund nahm und dermaen daran schnullte, da man's durchs
ganze Zimmer hrte.

Wie die Mutter so scheint auch der Vater ber den ersten Anblick des
Mdchens etwas betroffen gewesen zu sein, denn er notiert noch am selben
Abend in die Familienchronik: Die kleine Geborene ist ein robustes
Mdchen von etwas seltsamer vogelhnlicher Physiognomie, bemerkt aber
nach einigen Wochen: Sie hat ein definitiv menschliches Aussehen
gewonnen, so da unbedenklich zur Taufe geschritten werden konnte.

Im Mai wurde der Mnchner Haushalt aufgelst und zur groen Freude von
Pauline, die sich lngst gesehnt hatte, das nahe Gebirge kennen zu
lernen, bersiedelte die ganze Familie nach dem kleinen Dorf Egern am
Tegernsee, im bayerischen Gebirge gelegen. Wir drfen uns unter diesem
Aufenthalt keine luxurise Sommerfrische im Hotel vorstellen, im
Gegenteil ein Leben, einfacher und billiger, als es in der Stadt gefhrt
werden konnte. Beim Gassenschuster wurde eingemietet und selbst
gewirtschaftet. So hatte wohl die junge Mutter ihr gut Teil Arbeit, aber
nicht zu viel, denn sie machte sich keine unntige, und fr unntig galt
ihr vieles, was nicht nur jetzt, sondern auch schon dazumal andere
Frauen fr ntig hielten. Vor allem kannte sie keine Toilettensorgen.
Mit geschickter Hand wute sie zu reinigen und auszubessern und man fand
nichts Unpnktliches an ihrem Anzug, aber berlegung, ob etwa ein Kleid
nicht mehr modern sei, gab es bei ihr nicht, auch wenn die Farbe
gebleicht oder verwaschen war, so hielt sie es nicht fr ntig, um
dieser natrlichen Einwirkungen der Sonne und des Regens willen
nderungen oder Neuanschaffungen vorzunehmen. Bei der Wahl der
Kinderkleider kannte sie nur den Standpunkt der Zweckmigkeit, nichts
Helles, damit nicht oft zu waschen war, einfach zugeschnitten, denn das
Bgeln durfte nicht viel Zeit wegnehmen, wurde auch wohl ganz umgangen;
fest ber die Tischplatte gezogen waren die Rckchen nach ihrer Meinung
reichlich glatt genug, um von den Kindern im Gebrauche gleich wieder
verknittert zu werden. Trotzdem dnkte ihr die Zeit, die auf die
Bekleidung gewendet wurde, noch zu lang, und sie seufzte manchmal,
kmen doch die Menschen in schnem Pelz auf die Welt. Ebenso bedauerte
sie oft, da die Zubereitung der Speisen -- in der sie brigens sehr
sorgfltig war -- so viel Zeit in Anspruch nahm, und sie uerte wohl, im
Gedanken, da wir doch indirekt all unsere Nahrung aus dem Erdboden
ziehen, knnten wir nur unsern Planeten direkt essen.

An Warte und Pflege wurde den Kindern auch nicht mehr als das Ntigste
zuteil. Fr ihre Unterhaltung mochten sie selbst sorgen. Langweilten sie
sich, fingen sie an zu weinen oder zu schreien, so wurden sie tunlichst
weit von dem arbeitenden Vater entfernt, sonst aber wurde keine Notiz
von ihrer beln Laune genommen.

Die junge Mutter kannte keine ngstlichkeit. Sie lie ihre Groe, die in
jenem Sommer in Egern erst eineinhalb Jahr alt, aber schon fest auf den
Beinchen war, allein im Haus und Garten umherlaufen, in der guten
Zuversicht, da nicht gleich ein Unglck geschehen werde. Einstens wurde
das Kind vermit und nun, doch nicht ohne Sorgen wegen der Nhe des
Sees, gesucht. Man fand die Kleine endlich im Kuhstall, wo sie eben ihr
Schrzchen einem Kalb zum Fressen hinhielt und das junge Tier, noch
ebenso unerfahren wie das kleine Menschenkind, an dem dargebotenen Stoff
kaute. Diese Sorglosigkeit der jungen Mutter, die der Vater brigens
nicht gut hie, verlor sich mit der jugendlichen Unerfahrenheit, aber
dem Grundsatze der Einfachheit ist Frau Brater in allen
Lebensverhltnissen treu geblieben. Die Anspruchslosigkeit und
praktische Sparsamkeit der Hausfrau war so durchgehend, da in dieser
Beziehung nie eine Mahnung oder Einmischung des Mannes ntig war; das
durch seine treue Arbeitsamkeit erworbene Geld wurde ihr bergeben, von
ihr aufs beste eingeteilt und verwaltet und mit Befriedigung wird in der
Chronik erwhnt, da gengend erspart worden sei, um einer
Lebensversicherung beitreten zu knnen.

Eine Verwandte, Emma Schunck, schrieb damals ber die junge Hausfrau:
Schon immer achtete ich Pauline sehr, aber die Art, wie sie in ihrem
Haus waltet, die Entschiedenheit in allem, das Benehmen gegen ihre
Kinder, die zuvorkommende Liebe zu ihrem Mann, das alles stellt sie in
meinen Augen sehr hoch. Auch das bewundere ich an ihr, da sie das
Schwere in ihrer Lage, Karls Zurcksetzung so leicht nimmt, weil sie
immer nur an das Gute denkt.

Brater schreibt aus Egern an seine Schwester Julie: Wir haben keine
Ursache, ber unser Dasein und Hiersein zu klagen, zumal auch fr das
tgliche Brot jetzt sattsam gesorgt ist, denn es fehlt weder am Absatz
meiner Bltter noch an sonstigen Bestellungen, ich bin auf Jahr und Tag,
ohne einen Schritt darum getan zu haben, in Anspruch genommen und knnte
daneben auch noch einem Gesellen Arbeit geben. Ebenso pnktlich wie die
Arbeitszeit wurde aber auch die Erholungszeit eingehalten und die
herrliche Umgebung von Egern genossen. Es heit in der Familienchronik:
Pauline ist von der ihr neuen Herrlichkeit des Gebirges zu Wasser und
Land begeistert, sie macht ihre Studien in der Fhrung des Ruders und
des Bergstockes mit gutem Erfolg; wir hoffen Egern nicht zu verlassen,
bevor wir mit allen Gipfeln der Umgebung Bekanntschaft gemacht
haben..... Die Kinder sind wie Klber auf der Alm gediehen.

So war der Sommer verstrichen und Brater schreibt: Am 4. Oktober haben
wir den Bergen Adieu gesagt, und am 5. unsern Einzug auf der Bleiche
gehalten. Trotz allem Heimweh wei man doch die Annehmlichkeiten des
eigenen huslichen Herdes und der bequemen Einrichtungen zu schtzen.
Ein harter Schlag war aber der Tod Karl Becks, der am 6. Dezember nach
fnfwchentlichem Hoffen und Frchten einem Nervenfieber erlag. Die
Stadt hat an ihm ihren besten Brger verloren; an Einsicht, Bildung,
Geschftskenntnis, Gemeinsinn war keiner mit ihm zu vergleichen. Ich war
bei aller Verschiedenheit der Naturen und Anschauungen persnlich mit
ihm befreundet und finde hier keinen Ersatz fr ihn. Auch unsere
geselligen Verhltnisse, in welchen er ein wesentliches Glied war, sind
durch seinen Tod vollends wertlos geworden. Fr mich ist es ein Glck,
da ich Ernst Rohmer, der im Sommer 1851 in Becks Geschft eintrat,
wieder getroffen habe. Mit ihm und seinen Schwestern (Witwe Bruckmann
und Lina Rohmer) haben wir eine wchentliche Zusammenkunft.

Auer diesem Verkehr lebte die junge Familie sehr still fr sich. Ich
bin ganz Bleichbewohnerin, schreibt Pauline an ihre Schwgerin Julie,
wenn ich hie und da notwendige Gnge habe, so laufe ich im Sturmschritt
durch die Gassen mit dem einzigen Gedanken, schnell wieder zu Hause zu
sein, wo man mich mit oder ohne Geschrei erwartet..... Ich kann kaum die
Zeit erwarten, bis die Kinder so weit sind, da wenigstens nimmer alle
beide nur so gerade hinausschreien, wenn ihnen etwas gegen den Strich
geht, d. h. bis Anna ihre Vernunft und ihre Zhne beisammen hat..... Mir
sind alle Beschftigungen unmglich geworden, bei denen es sich nicht
vertrgt, alle Minuten aufzustehen, da einem Kind etwas zu wehren, dort
eines trocken zu legen oder im gnstigsten Fall mir die Ohren aus Wohl-
oder bellaune abwechselnd von der einen oder andern Tochter
vollschreien zu lassen. Dieses ist die bestndige Begleitung meiner Nh-
und Flickereien sowie meiner nchtlichen Ruhe und wenn man nicht mit
Bestimmtheit wte, da die Blge tglich lter und somit menschlicher
werden, mchte man oft verzweifeln. An diesen Brief fgt der Vater die
entschuldigende Bemerkung hinzu: Man merke, da er unter Kopfschmerzen
geschrieben sei.

Es lautet allerdings nicht zrtlich, wenn die Mutter so ber die Blge
klagt, allein sie sprach und schrieb eben ganz ohne Rckhalt und
Beschnigung, so wie sie gerade empfand, und jede Frau, die kleine
Kinder aufzieht und zwar ohne sie an ein Kindermdchen abzuschieben,
kennt wohl solche Stimmungen, wie Pauline sie durchmachte, wenn sie in
diesem Winter mit den Kleinen auf das enge Wohnzimmer der Bleiche
angewiesen war, nach einer unruhigen Nacht ruhebedrftig, mit
schmerzendem Kopfe dem Schreien der Kinder doch nicht entrinnen konnte
und sich unzhlige Male bcken mute, um sie zu versorgen.

Freilich kann ein ses Lcheln, eine zrtliche Schmeichelei der Kleinen
alle Mhe vergessen machen, aber sie haben eben ihre Tage, an denen sie
nicht lcheln, nicht schmeicheln, sondern verdrielich und weinerlich
sind. Dann ist es wirklich ein Tagewerk, so ermdend und abspannend wie
kein anderes, und am Abend ist nicht einmal ein merkliches Resultat
dieser Tagesarbeit zu sehen, die Kinder sind anscheinend am Abend nicht
weiter, als sie am Morgen waren. So darf man der geplagten Mutter einen
gelegentlichen Stoseufzer nicht verargen.

Die kleine Anna, zuerst ein durchaus gesundes Kind, bekam infolge des
Impfens, das mit schlechtem Stoff vorgenommen wurde, einen Ausschlag,
der sie besonders bei Nacht qulte. In vielen Briefen der nchsten Jahre
ist dies Leiden erwhnt, das Mutter und Kind oft zur Verzweiflung
brachte und schlimmen Einflu auf das Kopfwehleiden und die
empfindlichen Augen der Mutter ausbte. Fr sie wurden die Nchte erst
wieder besser, als das Kind die Einsicht erlangte, da die Mutter ihm
nicht helfen knne und die Selbstbeherrschung gewann, die nchtlichen
Qualen still fr sich allein zu tragen, bis sie sich endlich verloren.

In der schlimmsten Periode dieser Unruhe wurde beschlossen, da die
geplagte Frau auf einige Wochen zur Erholung nach Erlangen gehen solle.
Freilich, Anna mute sie mitnehmen, denn dieses Kind konnte nicht dem
Mdchen berlassen werden; wenn es nachts erwachte und ins Schreien kam,
so vermochte niemand anders als die Mutter durch den groen Einflu, den
sie auf das Kind ausbte, es aus dem aufgeregten Weinen zum Horchen auf
ihre trstende Stimme und dadurch allmhlich wieder zur Ruhe zu bringen.

So wurde denn Anna mit auf die Reise genommen, hingegen die Kleine, die
ein ruhiges Kind war, bei dem Dienstmdchen gelassen unter der
Oberaufsicht des Vaters. Der kleine nchtliche Wrgteufel, wie sich
die Mutter oft ausdrckte, war bei Tageslicht ein frhliches Kind und
fr ihre zwei Jahre schon sehr entwickelt. Pauline empfand den freudigen
Stolz, mit dem jede junge Mutter zum erstenmal ihr Kind den Verwandten
und Freunden der alten Heimat vorstellt.

Sie schildert die Reiseerlebnisse in einem Brief an ihren Mann: Du
weit, da wir gut hier angekommen sind mit einer Gesellschaft von
Auswanderern, deren bertriebene Lustigkeit das Annakind so in Anspruch
nahm, da sie sich auf dem ganzen Weg aufs beste unterhielt. Sie war
beraus komisch, wenn der Zug auf der Station eine Weile still gestanden
hatte, so sagte sie voll Ungeduld: No, geht das Ding? In Nrnberg
empfing uns Fritz, ich war sehr froh, denn man mute die Wagen wechseln
und ich hatte so rasend Kopfweh, da mir's ganz unheimlich zumute war.

Die Ankunft in Erlangen war komisch. Deine Mutter und mein Hans waren am
Bahnhof, kaum waren wir ausgestiegen, so hatte Hans schon das Kind auf
dem Arm und ohne weitere Notiz von mir oder der gromtterlichen
Zrtlichkeit zu nehmen, war er mit demselben auf und davon und wir
hatten das Nachsehen.

Ich hatte am ersten Abend schrecklich Heimweh und Kopfweh, am zweiten
hatte letzteres nachgelassen und jetzt, am dritten, geht's durch und
durch besser, aber ich denke immerfort an Dich und kann garnicht von Dir
reden. Das Annakind erntet ber Erwarten Beifall und rhrend ist die
Zrtlichkeit, die zwischen ihr und den Onkeln stattfindet, Hans fttert
sie, Fritz trgt sie zu den Bekannten. In unserer Wirtschaft kommt mir's
so komisch vor, ich mu oft wie eine Fremde darber lachen. Gestern kam
ein fremder Herr, die Brder schauen sich an, wem wohl der Besuch gilt,
endlich fhlt sich Hans getroffen. Da er gerade das Kind fttert, gibt
er Fritz den Bndel. Wie sich herausstellte, da der Herr eigentlich zu
Fritz will, wird er von diesem in das Kabinett hineingefhrt, welches
als sein Arbeitszimmer und Salon durch den Zuwachs von meinem und einem
Kinderbett sehr an belebtem Aussehen gewonnen hat und den ersten
Eindruck aufs wunderbarste steigern mu. Ich wei oft gar nicht, wie mir
geschieht, alles so bekannt, gar nichts Neues und doch fast unglaublich.

... Wenn ich hre, da es Dir und meinem guten, guten Herzensbrocken gut
geht und Du Dir ber Kind und Kche nicht viel Sorgen machst, so will
ich gern mein Pensum hier abmachen und dann recht vom Fundament aus, ich
kann Dir garnicht beschreiben _wie_ vergngt bei _Dir_ sein. Trotz der
Unruhe ist mir's wohl hier, weil ich fr garnichts zu sorgen habe, das
Annakind fhrt fort, Eroberungen zu machen; wenn's ihr auf den Bllen
einmal ergeht wie jetzt hier, so hat sie die Schwindsucht schon nach
dem Fuchsenball, sie tanzt schon jetzt lauter Extratouren.

La Dir's recht gut gehen, mach diesem Brief zu Ehren einen Kuckuck und
dergleichen mit dem Kind und denk Dir einen Ku von mir oder
viele .....

6. Mai ... Neulich war eine groe Teevisite bei Deiner Mutter
(Rahmtorte!!!) Da wurde fnf Viertelstunden am Tisch gestanden und
gezittert und geholfen und gewnscht, allein vergebens. (ber dieses
Tischrcken, das damals Mode war, werden wir spter noch mehr hren.)
Meine Wut kannst Du Dir denken, ich war ganz auer mir. Heute ging ich
mit Emma Schunck zu Fuhrmanns, die einen sehr sensitiven Tisch haben und
siehe, es ging prchtig in einer Viertelstunde, so da es den Tisch
drehte und fortrutschte, da man nur nachzulaufen hatte und es ihn
rechts und links in die Hhe warf, da es zum Totlachen war, brigens
mache ich mir meine ganz besonderen Gedanken.

Sobald Pauline sich ein wenig gekrftigt hatte, kehrte sie nach Hause
zurck, und wenn sie auch noch fter zu solch kleinen Erholungsreisen
gentigt war, so fand sie doch ohne den Mann so wenig Freude daran, da
sie heim drngte, sobald sie nur konnte, trotzdem zu Hause manches
Schwere auf sie wartete, denn die nun folgenden Jahre boten uerlich
betrachtet der jungen Familie Brater wenig Erfreuliches. Sehen wir
zunchst auf den Mann, so finden wir ein ganz merkwrdiges, fast
unverstndliches Miverhltnis zwischen Leistung und Gegenleistung. Er
redigiert die Bltter fr administrative Praxis, und sie werden als
mustergltig anerkannt; er bearbeitet die bayerische Gerichtsordnung,
und die Juristen finden die Arbeit vorzglich; er gibt eine Ausgabe der
bayerischen Verfassungsurkunde heraus, sie erscheint in mehreren
Auflagen; seine Kommentare zum Pre- und Forstgesetz kommen in
Verwendung; seine Fliegenden Bltter aus Bayern erregen Aufsehen in
politischen Kreisen, aber wenn dieser hervorragende Jurist sich bewirbt
um eine Advokatur, um ein Brgermeisteramt, wenn er anfragt, ob ihm die
Erlaubnis erteilt wrde, sich in Erlangen als Privatdozent
niederzulassen, so ist die Antwort nein und immer wieder nein. Und
doch hat er den sehnlichen Wunsch nach praktischer Arbeit, mchte nicht
nebendrauen stehen, sondern einen Posten ausfllen, der ihm gestattet,
seine Ideale nicht nur auf dem Papier niederzulegen, sondern sie im
Leben zu bettigen.

Professor Bluntschli, der berhmte Rechtsgelehrte, der damals in Mnchen
lebte und spter mit Brater in Verbindung trat, spricht sich darber aus
in seinen Denkwrdigkeiten aus meinem Leben: Brater war jeder
bertreibung wie allem unlautern Treiben feind, dabei grndlich
gebildet, von durchdringendem Verstand, immer besonnen und klar,
zuweilen pedantisch-genau, ein beraus fleiiger Arbeiter. Ich habe es
lange nicht verstehen knnen, da in Bayern, das wirklich keinen
berflu an tchtigen Beamten hatte, eine solche Kraft brachgelegt
wurde. Ich begriff es erst spter vollstndig, als ich sah, wie die
nationale deutsche Gesinnung, die in Brater lebendig war, die ihn
jederzeit opferbereit fand, den Verdacht einer strafbaren Untreue gegen
Bayern, wenn nicht des Hochverrats auf sich zog.

Eine Enttuschung nach der andern trug Frau Brater tapfer mit ihrem Mann
und hatte dabei doch selbst gar schwere Jahre. Einen halben Winter lang
litt sie an peinlicher Augenentzndung und mute nach damaliger Methode
der Augenrzte wochenlang im halbdunkeln Zimmer fast unttig sitzen.
Auch verschlimmerte sich ihr Kopfleiden durch die unzhligen schlechten
Nchte. Aber trotz alledem griff keine Verstimmung, keine Verbitterung
Platz. Die Auenwelt vermag nicht viel gegen ein Paar, das sich
glcklich fhlt durch die gegenseitige Liebe. Nur nicht trennen durfte
man sie, jedem einzelnen wurde die Last zu schwer, sie konnte nur
gemeinsam getragen werden. Von Erlangen aus schreibt Pauline ihrem Mann:
Ich habe eine wahre Todesangst, da Du nach meiner Heimkehr bald
verreisen mut.

Wie sehr in diesen Jahren des Kampfes gegen widrige Schicksale Pauline
an Energie des Wesens gewann, zeigt sich nicht nur im Inhalt ihrer
Briefe, es macht sich auch an der Handschrift auffllig bemerklich. Die
dnnen, schrgen Strichlein ihrer Schrift verwandeln sich in feste,
geschlossene, fast trotzig dastehende Buchstaben und bald erinnern die
charaktervollen Schriftzge Frau Braters kaum mehr an die einstige
Handschrift von Pauline Pfaff.




VI.

1855-1858


Die Nrdlinger Jahre auf der stillen Bleiche gingen zu Ende. Ein
literarisches Unternehmen war es, das die Familie Brater veranlate,
nach Mnchen zu bersiedeln. Schon im Jahr 1854 lesen wir in der
Chronik, da Professor Bluntschli beabsichtige, ein Staatswrterbuch
herauszugeben, und sich wegen dieses gro gedachten Werkes an Brater
wandte. Schon war der Verleger nach Nrdlingen gekommen, man hatte sich
ber alle Einzelheiten des Unternehmens geeinigt, die Prospekte waren
gedruckt, als die Sache noch in letzter Stunde scheiterte zur groen
Enttuschung fr Brater, der in der Chronik berichtet: Die Arbeit htte
mich fnf Jahre lang unter gnstigen Bedingungen beschftigt, aber die
trkischen Verwicklungen schchterten den Verleger ein und ich wurde zum
zweitenmal ein gelegentliches Opfer der Politik.

Im folgenden Jahre tritt der Plan aufs neue auf: Das Projekt
Bluntschlis nhert sich jetzt, nachdem es infolge der politischen
Konjunkturen lngere Zeit geruht hatte, seiner Ausfhrung. Ich bernehme
die Redaktion eines von Bluntschli herausgegebenen Staatswrterbuchs,
das in zirka zehn Bnden in den Jahren 1856-60 erscheinen soll.
Einstweilen handelt es sich um Ausarbeitung des Planes und Gewinnung
der Mitarbeiter. Friedrich Rohmers Staatswissenschaft und Politik wird
die Grundlage dieses Werkes sein, es ist also ein groer Schritt, den
man wagt. Die Verleger sind Schulthe und Scheitlin.

Es ist oft interessant, den Wirkungen nachzugehen, die der Gedanke eines
Menschen auf das Leben anderer ausbt. Professor Bluntschli fat den
Plan, ein Werk herauszugeben, und dieser Gedanke des Mnchner Professors
hat die Wirkung, da Frau Brater in eifriger Ttigkeit ist, ihren
Nrdlinger Haushalt aufzulsen; dieser Gedanke ist die Ursache, da zwei
kleine Mdchen von den Wiesen und Obstgrten abgerufen werden, um nie
mehr diese goldene Freiheit zu genieen. Ja, wenn auf der Lpsinger oder
Bopfinger Kirchweih irgend ein junger Bursch umsonst auf das
Dienstmdchen von der Bleiche wartet, das zum Tanz kommen sollte, so ist
an seinem vergeblichen Harren wieder der Gedanke des Mnchner Professors
schuld, der das Mdchen in die Residenz zieht. Der Abschied von
Nrdlingen galt zunchst nicht fr einen definitiven, nur fr die Dauer
der geplanten Arbeit sollte der Aufenthaltsort gewechselt werden. Doch
lag die Aussicht der Rckkehr in unbestimmter Ferne und das junge
Ehepaar verlie nicht leichten Herzens den stillen Ort, in dem es vor
fnf Jahren sein Nest gebaut hatte. Die erste Heimsttte, der Geburtsort
der Kinder, behlt fr ein glckliches Paar seinen eigenen Reiz und auch
die Bekannten der ersten Zeit haben ein besonderes Interesse fr eine
Familie, deren Entstehen sie mit erlebt haben. Dies galt vor allem von
der Witwe des Buchhndlers Beck und von Ernst Rohmer und seinen
Schwestern Lina Rohmer und Witwe Bruckmann. Mit diesen treuen Freunden
wurde denn auch der Verkehr zu allen Lebenszeiten fortgesetzt und ein
lebhafter sowohl geschftlicher als auch freundschaftlicher Briefwechsel
verband Brater und seine Frau mit Ernst Rohmer, der dem Beck'schen
Verlag vorstand und einige Jahre spter sich mit der Witwe Beck
verheiratete.

Die Lust zur bersiedelung nach Mnchen war nicht gro, denn schon bei
dem ersten Aufenthalte hatte das junge Paar empfunden, da mit knappen
Geldmitteln und schwacher Gesundheit von den Vorzgen der groen Stadt
nicht viel zu genieen ist. Aber ob gern oder ungern -- es mute
abgeschlossen werden mit allem, was man an Freude und Leid in dem
traulichen Stdtchen erlebt hatte, es galt jetzt die neue Heimat zu
grnden.

Im Oktober 1855 finden wir die Familie Brater in Mnchen Augustenstrae
Nr. 5. Diese, heutzutage lngst ausgebaute und mitten im Verkehr
stehende Strae war damals noch eine stille Vorstadtstrae, einzelne
Grten unterbrachen noch auf beiden Seiten die Huserreihen, gestatteten
den Ausblick in die Ferne und gewhrten Pauline die Mglichkeit, den
Lauf der Gestirne zu beobachten; Luft und Licht hatten berall Zutritt.

Die erste Sorge der Hausfrau mute sein, mglichst rasch das
Studierzimmer des Mannes einzurichten, auf den schon dringende Arbeit
wartete. War erst sein Schreibtisch gestellt und der groe Lehnsessel
davor -- das einzige luxurise Stck der Ausstattung -- waren Bcher,
Papier und Kielfedern ausgepackt und war das Tintenzeug gefllt, so
mochte im brigen noch chaotischer Zustand herrschen, er sah und hrte
es nicht mehr. Das Staatswrterbuch brachte sofort und fr lange Jahre
eine Menge mhsamer und oft rgerlicher redaktioneller Geschfte, aber
diejenigen Artikel, die er selbst dazu lieferte, waren eine Arbeit, die
ihn freute. Von dem mchtigen innern Drang getrieben, dem Vaterlande
vorwrts zu helfen und auf die Einigung Deutschlands hinzuwirken,
schrieb er mit Aufbietung all seiner Geistesgaben und das Bewutsein,
da es ihm gegeben war, mit scharfem Blick und treffendem Wort etwas
beizutragen zur Lsung der hchsten nationalen Aufgabe, erfllte ihn mit
tiefinnerer Befriedigung und lie ihn auf uere Anerkennung verzichten.

Neben seinem Studierzimmer lag das Wohnzimmer. An einem seiner Fenster
war ein sogenannter Tritt angebracht, eine Erhhung, auf der nur der
Nhtisch und ein Stuhl Raum hatten. Von hier aus war die Strae zu
berblicken und dieser Blick erwies sich bald als ntzlich; denn als das
Frhjahr kam, erschien es Frau Brater ganz unmglich, ihre Kinder, die
auf der Bleiche aufgewachsen waren, im Zimmer zu halten, ebensowenig
dachte sie daran, die Kleinen stundenlang tglich in die Anlagen zu
schicken oder spazieren zu fhren, sie hielt dies fr einen
unverantwortlichen Zeitaufwand. Also blieb nichts anderes brig, als sie
auf die Strae springen zu lassen. Anna war nun fnf Jahre, verstndig,
uerst gewissenhaft und folgsam, warum sollte sie nicht mit der kleinen
Schwester vor dem Hause spielen? Freilich, Kinder aus gebildeten
Familien waren hier nicht zu treffen, es wurde kaum den Knaben,
geschweige denn den Mdchen gestattet, auf der Strae zu spielen. So
erregte es Aufsehen unter den besseren Familien der Augustenstrae, da
die Eltern dies erlaubten. Nun, der Vater htte es vielleicht auch nicht
so angeordnet, aber er mischte sich selten in die Einzelheiten der
Erziehung; das mut _Du_ wissen sagte er bei solchen Anlssen in
vollem Vertrauen zu seiner Frau, und sie war nicht ngstlich. Die
Kinder sollen nur aufpassen lernen, war ihre Meinung, wenn jemand auf
die Gefahren der Strae aufmerksam machte. War aber von dem ungnstigen
Einflu die Rede, den die Sprache der Gassenkinder ausben konnte, so
schreckte sie auch das nicht ab. Unten mgen sie reden wie die andern,
meinte sie, oben werde ich mirs schon verbitten. Sie brachte das auch
zustande. Bald kam es vor, da die Kleine einer Spielgenossin in die
Dachwohnung hinauf rief: Marie, kimm abi und dann der Mutter, die es
hrte, die Erklrung gab: Weit' das heit: komm herunter!

Die meisten Kinder, die sich in den Mnchener Straen aufhielten, waren
katholisch. Von ihnen sah die kleine Agnes, da sie den gelegentlich
vorbergehenden Geistlichen die Hand kten, und arglos folgte sie
diesem Beispiel. Bei solchem Anla fragte ein katholischer Geistlicher
das Kind, an dessen Art ihm wohl irgend etwas auffallen mochte, wie es
heie und wem es gehre. Der Name Brater war gerade in jener Zeit durch
verschiedene Artikel viel genannt in den Zeitungen und bei den
Ultramontanen verhat wie kaum ein anderer. So mochte es dem geistlichen
Herrn sehr merkwrdig vorkommen, da das Kind dieses Mannes ihm den
Handku gab, und er entlie es mit einem Gru an ihren Vater.
Gewissenhaft richtete die Kleine den Auftrag aus und die Eltern erfuhren
auch, welchem Umstand sie den Gru verdankten. Mit feinem, sarkastischen
Lcheln sagte der Vater zu seinem Tchterchen nur: Du brauchst knftig
niemandem mehr die Hand zu kssen.

Also durften die Braters Mdchen auf der Strae spielen und wurden von
andern Kindern darum beneidet, vielleicht auch von manchen gering
geschtzt. Aber sie achteten darauf nicht. Es lag sowohl an der
auergewhnlichen Lebensstellung des Mannes als auch in der natrlichen
Anlage seiner Frau, da die Frage: Was sagen die Leute dazu? gar nicht
vorkam im Wrterschatz der Familie. Wer so gegen den Strom schwimmt, da
sein ganzes Leben zum Kampf wird, der horcht in kleinen Dingen nicht
ngstlich nach der Meinung anderer.

Sehr bald wurden die Kinder auch zu Ausgngen verwendet, Anna war
allerdings ein so praktisches Kind, da man es wagen konnte. Um so
unpraktischer war Agnes und bei ihr hatte die Mutter mehr von Glck zu
sagen, da doch immer alles gndig ablief. So wurden der Kleinen einmal
Druckbgen anvertraut, die sie in die Druckerei besorgen sollte. Diesen
Gang hatte sie wohl schon oft mit der Schwester gemacht, aber sich immer
ruhig deren Fhrung anvertraut und selbst nicht auf den Weg geachtet.
Als sie nun zum erstenmal allein auf den groen Platz gelangt war, in
dessen Mitte der Obelisk steht und von dem nach allen Richtungen Straen
abgehen, wute sie nicht, welche sie einzuschlagen htte. So stand sie
denn ratlos in der Mitte des Platzes, wute sich nicht zu helfen und
fing an zu weinen. Nach einer Weile bemerkte ein Vorbergehender die
trostlose kleine Gestalt am Obelisk, fragte nach ihrem Kummer und
erfuhr, da sie den Weg in die Druckerei nicht fnde. Nun wollte aber
der Herr wissen in welche Druckerei? und darauf wute das Kind nicht
Bescheid, zu Hause hie es eben schlechthin: Die Druckerei.
Vertrauensvoll gab sie ihm das Manuskript zur Besichtigung, gab auch
Antwort auf allerlei Fragen und wurde dann wirklich zur richtigen
Druckerei geleitet. Es htte freilich auch anders ausfallen knnen,
damals, wo oft nur die Anonymitt den Verfasser geharnischter Artikel
vor Verfolgung schtzte.

Einige Monate nach der bersiedlung war Brater schon in so vielerlei
Arbeit verwickelt, da eine Rckkehr nach Nrdlingen ganz undenkbar
erschien. In dieser Zeit schrieb Pauline an ihre Freundin Lina Rohmer:

... Die Erinnerung an Nrdlingen liegt schon weit hinter mir, insofern
ich nicht mehr wie anfangs Nrdlingen als meine Heimat betrachte, wohin
ich zurckzukehren strebe, sobald die Verhltnisse es gestatten. Ich
sehe wohl, da daraus nie mehr etwas werden kann, nicht um meinetwillen,
sondern um Karls willen, denn den groen Unterschied fr ihn sehe ich
jetzt erst recht ein; also Nrdlingen ist meiner berzeugung nach
abgemacht, mit schwerem Herzen sage ich dies und ich kann Dir
versichern, da mir oft die Trnen kommen, wenn ich die Kinder
miteinander reden hre, wie sie sich vergngen wollen, wenn sie wieder
heim kommen; wie sie auf dem Gras springen und Obst aufklauben wollen
u. s. f. Die armen Tropfen glauben immer noch, da wir nchstens
heimkehren werden.

Derselbe Brief berichtet von geselligen Beziehungen und wieder tritt das
Tischrcken auf, das damals eine merkwrdige Anziehungskraft sogar auf
solche Mnner ausbte, die ihre Zeit als kostbares Gut betrachteten.
Frau Brater schreibt:

Neulich war Dein Bruder Theodor bei uns, dann luden wir uns noch den
Freund Brmann mit Tochter und den Hausgenossen Herrn Maler Wiand, um
das Experiment mit dem schreibenden Tischchen zu machen; der ganze
Nachmittag wurde damit zugebracht, der Tisch schrieb was man nur wollte
und ich konnte mich gar nicht genug ber die Leichtglubigkeit Deines
Herrn Bruders und meines Gatten rgern. Ernst hat Dir vielleicht
erzhlt, was fr ein Wunder mit dem Tisch sich in Brmanns Schreibstube
zugetragen, mag das nun wahr oder nicht wahr sein, ich sehne mich
darnach, den Theodor zu sehen, um ihm meinen Verdru ber seine
Leichtglubigkeit darzutun.

Das Interesse fr das Tischrcken war in jener Zeit erregt worden durch
einen Artikel in der Allgemeinen Zeitung, der ber wunderbare
derartige Vorgnge in Amerika berichtete und in Deutschland in allen
Kreisen zu Versuchen den Anla gab. Die Meinungen waren geteilt und es
wurde mit Erregung darber gestritten, ob man es mit Einwirkung von
bernatrlichen Krften oder mit Elektrizitt und Magnetismus zu tun
habe oder ob alles nur auf Betrug und Selbstbetrug beruhe. Das letztere
scheint Paulinens Ansicht gewesen zu sein.

Der Verkehr mit dem obenerwhnten Theodor Rohmer und seinem lteren
Bruder, dem Philosophen Friedrich Rohmer, erweckte auch bei Pauline das
Interesse fr deren religise und philosophische Ansichten. Zwar die
persnliche Freundschaft ihres Mannes, seine hingebende Verehrung fr
Friedrich Rohmer teilte sie nicht, oft sogar war ihr diese ein Stein des
Anstoes und so innig sie befreundet war mit den anderen Geschwistern
Rohmer, in die selbstbewute, anspruchsvolle Art Friedrichs konnte sie
sich nicht finden. Es war ihr unfalich, wie ihr Mann so hoch
hinaufsehen konnte an einem anderen, dessen Charakterzge seiner eigenen
Natur ganz zuwiderliefen. Friedrich Rohmer sprach es frei als sein
Prinzip aus: Ich lasse mich gehen und er handelte danach. Ihres Mannes
Ideal dagegen war strenge Selbstbeherrschung, und er bte sie an sich,
forderte sie von Frau und Kind. Widerwillig sah sie, wie ihr Mann, wie
Bluntschli und andere bedeutende Geister, vor allem Friedrichs edler
Bruder, Theodor, sich dessen Ansprchen unterordneten. Die geistige
Bedeutung dieses Mannes, seine selbstbewute Eigenart bte eine
unheimliche Macht aus. Er war, wie Bluntschli schreibt, eine
unglckselige Mischung von genialen Lichtgedanken und unheimlichen
Leidenschaften. Seine Freunde verziehen ihm alles, weil sie das Hchste
von ihm erhofften, religise, politische und soziale Umgestaltung
Deutschlands und demnach glaubten, diesen Geist nicht mit gewhnlichem
Mae messen zu drfen. Aber tragisch ergreifend hat das Leben dieses
Mannes gezeigt, wie die hchste geistige Begabung nur Unfrieden bringt,
Harmonien zerstrt und den Trger selbst unbefriedigt lt, wenn sie
nicht verbunden ist mit einem Charakter, der diese Gaben in Selbstzucht
beherrscht.

Braters Freundschaft mit Friedrich Rohmer war ein Schatten im Haus, aber
Pauline wurde sich dessen bewut und sorgte, da er sich nicht trennend
zwischen sie und ihren Mann schob. Sie suchte ihre Abneigung gegen
diesen Verkehr zu berwinden. Dabei kam ihr zu Hilfe, da die Gedanken
Friedrich Rohmers, ber die sie ihren Mann und seine Freunde sprechen
hrte, sie allmhlich ergriffen, so da sie die Rohmerschen Schriften
las und nun auch mchtig durch dieselben bewegt wurde. Pauline gehrte
zu den echt weiblichen Naturen, denen nur durch Vermittlung des Mannes
ein neues Interesse erweckt, ein Verstndnis aufgeschlossen wird.

Wie sie durch ihre Brder gelernt hatte die Naturwissenschaften mit Liebe
zu erfassen, so traten ihr durch Rohmer die religis-philosophischen
Fragen nahe und immer zunehmend in den folgenden Jahren die nationalen
und politischen Interessen ihres Mannes. Nichts eignete sie sich etwa
aus Lernbegier, aus absichtlichem Streben nach Weiterbildung an. So
blieb sie z. B., trotzdem sie einen groen Teil ihres Lebens in der
Kunststadt Mnchen zubrachte, der Kunst vollstndig fremd, sah sie als
einen Luxus an, lie sie kaum als eine Lebensaufgabe, die auch ihren
sittlichen Wert hat, gelten. Es trat eben kein Knstler in ihren
Lebenskreis, der sie fr seine Sache erwrmt htte, und sie erfate nur,
was ihr durch Persnlichkeiten nahe gebracht wurde, in denen es lebte,
dann aber ergriff sie es mit solcher Wrme der Empfindung und
Begeisterung, da ihr Feuer sogleich wieder das der andern belebte, und
da solches nie ein Strohfeuer war, sondern eine warme anhaltende Glut,
so gewann sie im Laufe des Lebens immer mehr an innerem Reichtum und
konnte viele anregen, erwrmen und begeistern.

An Lina Rohmer schreibt sie: Gegenwrtig studiere ich Kritik des
Gottesbegriffs (von Rohmer), was aber nur dazu beitrgt, meine Ungeduld
nach dem Neuen Gottesbegriff zu vermehren; es wre zu schade, wenn
Friedrich nicht zu rechter Zeit sein Buch drein feuern knnte,
besonders da ich immer glaube, da er es dann berhaupt nicht mehr
abfeuert, sondern eben auch da stecken bleibt, wo andere auch nicht
hinber kommen. Diese Befrchtung sollte sich bewahrheiten. Noch im
selben Sommer berichtet Brater in der Chronik: Wir waren in den letzten
Wochen in hufigem Verkehr mit Friedrich Rohmer gestanden, der eine
lebhafte Zuneigung zu unserer kleinen Anna gewann, sich mit Pauline
befreundete und mir ein offenes, unbedingtes Vertrauen erwies. Ich hatte
in frheren Jahren den Eindruck seines _Gemtes_ selten so rein und tief
wie jetzt in den Gesprchen, die sich ber unser persnliches
Verhltnis, ber das seinige zu Theodor und Bluntschli, ber sein
Bedrfnis eines neuen Familienlebens und ber politische Zukunftsplne
erstreckten. Zu derselben Zeit war seine _geistige_ Produktion von
solcher Gre und Flle, da Bluntschli, der diese Ideen aufzunehmen und
sich anzueignen hatte, fast erlag.

Wir befanden uns seit kurzer Zeit (zum Landaufenthalt) in Aibling und
erwarteten seinen Besuch, als die Nachricht seines Todes eintraf.
Bluntschli schrieb am 11. Juni: Gestern noch war er gesund, heiter,
auch am Abend frei und ruhig. Heute morgen ging er ins Bad. Im Bad traf
ihn der Nervenschlag, der ihn zum ewigen Lichte rief.

Auch Theodor Rohmer, der seine ganze Kraft selbstlos im Dienste des
Bruders, den er verehrte, aufgerieben hatte, starb bald darauf und
Brater verlor an den beiden Brdern die Jugendfreunde, die ihn mehr als
alle anderen gefesselt und beeinflut hatten. Um so nher fhlte er sich
mit Bluntschli verbunden. Lngst waren zu den geschftlichen Beziehungen
mit diesem auch freundschaftliche Familienbeziehungen getreten. Pauline
fhlte sich besonders zu Bluntschlis ltester Tochter Luise hingezogen,
deren gerade, offene Natur zu der ihrigen pate. Nach ihrer Verheiratung
mit Prof. #Dr.# Hecker (spter Obermedizinalrat) wandte die junge Frau
ihr ganzes Vertrauen Frau Brater zu und eine treue Freundschaft
verknpfte die beiden. Als Bluntschli und seine Frau die silberne
Hochzeit feierten, waren auch Braters mit einigen Freunden des Hauses,
worunter Liebig und Kaulbach, dazu geladen. Da dieses frhliche
Familienfest fr lange Zeit ihr letzter Ausgang sein sollte, ahnte Frau
Brater an diesem Abend noch nicht. Ein Schmerz im Knie, der sie schon
manchmal belstigt hatte, trat pltzlich so heftig auf, da sie nicht
mehr gehen konnte. Pauline ist gentigt, auf dem Sopha zu liegen,
berichtet ihr Mann und fgt hinzu: es ist erstaunlich was dazu gehrt,
eine Familie von nur vier Kpfen imstande zu halten; keine Woche
vergeht, da es nicht da oder dort knarrt und eine Fuge aus dem Leime zu
gehen droht.

Der Zustand verschlimmerte sich, ein Gipsverband wurde angelegt und mehr
als ein halbes Jahr verging, bis Pauline an Lina Rohmer schreiben
konnte: Der Gipsverband ist vor acht Tagen abgenommen worden. Die
Mglichkeit des Gehenlernens scheint mir nun auch nher zu liegen als
noch vor acht Wochen, auftreten kann ich freilich noch nicht, aber doch
besser liegen. Du glaubst gar nicht, wie glcklich ich darber bin, wohl
ngstige ich mich und frchte mich selbst vor meiner zuversichtlichen
Hoffnung, aber nichts desto weniger habe ich sie .... Diesen Winter wird
meine Mutter lngere Zeit bei uns zubringen, was mich fr sie und mich
sehr freut, ich habe es eben berhaupt so gut auf dieser Welt, da ich
immer denke, so ein kleines Kreuz wie mein bses Knie sei mir eben ntig
und ich frchte deshalb oft, es wird mir schon noch bleiben.

Im selben Briefe spricht sie der Freundin, die eine schwere
Krankenpflege zu besorgen hat, Mut zu: Halte nur Du Dich tapfer und la
Dich nicht bermannen, ich zweifle auch gar nicht daran, Du knntest mit
Deinem Mut allen aushelfen, hast Du Dein Gesangbuch bei Dir, so lies das
siebente Lied und denke, da es mein Lieblingslied ist, denke besonders
bei den drei letzten Versen an mich. (Es ist das Gerhardtsche Lied:
Sollt ich meinem Gott nicht singen, sollt ich ihm nicht frhlich sein?)

Die Besserung des Knieleidens, an die Pauline nicht zu glauben wagte,
hielt allerdings nicht stand und manchmal verlor sie die Geduld. Sie
schreibt an Lina Rohmer: Ich kann nur sagen, da sich meine Geduld
schon etwas gemindert hat, seit sich die erste Besserung eingestellt hat
und eine zweite sich nicht recht einstellen will..... berhaupt ist dies
Mnchen ein heilloses Nest, ich habe es wohl geahnt, wir brauchen hier
viel mehr und nehmen doch viel weniger ein, denn das Staatswrterbuch
ist ein recht miserables Einkommen, das zeigt sich jetzt erst, ich habe
eine groe Wut, da ich ohnedies diesem Staatswrterbuch nie hold gewesen
bin. Ich gehe mit dem Gedanken um, Hab und Gut zu verkaufen und einen
Acker und eine Kuh anzuschaffen, meine Kinder hnge ich dann mit der
Zeit einem Bauernburschen an und Karl erwirbt ein Heiratsgut fr sie,
dies ist die einzige Mglichkeit, ein anstndiges Leben zu fhren; ich
warte nur noch, bis ich wieder gehen kann, damit ich den Stall selbst
misten kann und wenn Du mich besuchst, so soll Dir meine Kuh einen Rahm
in den Kaffee liefern, wie ich ihn hier nicht aufzutreiben imstande wre
und wenn ich 6000 fl. Besoldung htte.

Die Geduldsprobe sollte lange dauern. Die Entzndung am Knie war endlich
gewichen, da zeigte sich dasselbe Leiden am anderen Knie. Pauline
erzhlte spter manchmal, wie ihr Hausarzt bei dieser Mitteilung ihr den
Rcken gewandt und ihre Verzweiflung teilend ausgerufen habe: Nun holen
Sie sich aber einen anderen Arzt! Wieder mute sie liegen und viele
Pein ausstehen. Ihren Kindern ist das Bild im Gedchtnis geblieben, wie
die Mutter trotz dieser Hemmnisse fleiig war. Sie hatte sich ein
schmales Brett zuschneiden lassen, das quer ber dem Kanapee ruhen
konnte, auf dem sie lag; sie bentzte das als Bgelbrett und hat alle
Strkwsche ihres Mannes Jahr und Tag auf diese Weise gebgelt.

Es dauerte volle zwei Jahre, bis ihr Mann in der Chronik berichten
konnte: Pauline hat heute ihren zweiten Gang ins Freie gemacht, in die
Anlagen der Glyptothek, von denen sie, samt den Kindern, ganz begeistert
ist .... Sie legt die Distanz von 600 Schritten allein gehend mit
miger Bentzung des Stockes ohne allzu groe Ermdung und ble
Nachwirkungen zurck. Das waren schlimme Jahre, auch in pekunirer
Beziehung, denn rzte und Badereisen spielten eine unheimliche Rolle und
die Einnahmen waren nicht im richtigen Verhltnis zu solchen Ausgaben.
Unter diesen Umstnden beschlo Brater, sich noch ein letztes Mal um
eine Advokatur in Regensburg zu bewerben, obwohl ihm eine solche
Stellung jetzt nicht mehr verlockend schien und die Annahme ein Opfer
gewesen wre, das er der Sicherstellung seiner Familie gebracht htte.
Den Bescheid, den er auf seine Eingabe erhielt, teilt er seiner
Schwester Julie mit: Nachdem Seine Majestt mein Gesuch gelesen hatte,
befahl er es #ad acta# zu legen mit dem Beisatz: Advokaten sind so
unabhngige Leute, man kann ihm eine solche Stellung nicht geben. Davon
setzte mich der Kabinettsekretr in Kenntnis und meinte, eine
_abhngige_ Stellung sei vielleicht eher zu erlangen, ob ich nicht bei
der _Staats_anwaltschaft mein Glck versuchen wolle .... Unter den
gegebenen Verhltnissen erschien das Angebot einer Staatsanwaltschaft
fast wie Hohn und Brater konnte daran nicht denken. Wie sollte er dem
Staat als Anwalt dienen, so lange die Mnner an der Spitze standen,
deren reaktionre und ultramontane Gesinnung er seit Jahren bekmpfte?
Er mute auf das Angebot verzichten, um seiner Grundstze willen.

Seine Mutter mag wohl mit schmerzlicher Teilnahme ber diese neue
Enttuschung an ihn geschrieben haben, denn er sucht sie zu beruhigen.
Nachdem er den Hergang erklrt hat, schreibt er: Du mut auerdem
bedenken, da ich aus diesen Hndeln mit _erhhtem Selbstgefhl_
hervorgehe, das keiner niedergeschlagenen Stimmung Raum gibt ... Wenn
ein Mensch mit irgend einer Eigenschaft auerhalb des Zeitcharakters
steht, auch wenn diese Eigenschaft eine Tugend ist, so wird er dafr
ben mssen, wie fr ein Laster. So geht es mir mit meiner politischen
Tugend und meiner Unfhigkeit, den Staat als eine Versorgungsanstalt
anzusehen, in die man sich um den Preis der Menschenwrde einkauft.
Niemand wrde sich wundern, wenn solch ein Brief abschlsse mit
pessimistischen Bemerkungen ber die schlechten Zustnde und die
Ungerechtigkeit der Menschen. Aber im Gegenteil: Brater lt sich nicht
erbittern und seinen Blick nicht trben. Er schreibt: Die heutige
Armseligkeit ist noch immer ein Fortschritt gegen die tiefe Verderbnis
der vorangegangenen Zeit und es geht mit dem ffentlichen Leben
vorwrts. Und an seine Schwester: Einstweilen mu man an dem Gedanken
festhalten, der das A und O meines politischen Glaubens ist: die
politische Entwicklung geht vorwrts.

Dieser beglckende Optimismus half den beiden durch diese Jahre. Sie
lebten in der bisherigen fleiigen und sparsamen Weise weiter und trugen
gemeinsam mancherlei Kreuz. Die Kinder machten durch gutes Gedeihen
Freude und ein wackeres Dienstmdchen untersttzte die Frau, whrend
diese durch das Knieleiden auf das Sopha gebannt war. Dieses Mdchen
bewhrte sich als ein treues, verstndiges Glied der Familie. Sie wurde
einst, whrend Brater verreist war, auf die Polizei berufen und dort
ber ihren Herrn ausgefragt. Man wollte wissen, ob er nach Berlin
gereist sei und mit welchen Mnnern er verkehre. Denn je mehr seine
nationale Gesinnung an den Tag trat, um so eifriger waren die
Bemhungen, ihn zu verdchtigen, und eine Reise nach Berlin war in jener
preuenfeindlichen Zeit schon bedenklich. Das also befragte Mdchen lie
sich keine andere Antwort herauslocken als die: man mchte doch ihren
Herrn selbst fragen, der wrde ihnen alles sagen. Mit diesem Bescheid
mute man sie schlielich ziehen lassen. Man war damals noch mancher
Polizeieinmischung ausgesetzt. So war in Mnchen noch das
Zigarrenrauchen auf der Strae als Zeichen einer verpnten Gesinnung
nicht gestattet. Paulinens Bruder, Colomann, der auf einige Wochen bei
ihr zu Besuch war, mochte von dieser Gewohnheit nicht lassen und ging
tglich mit der brennenden Zigarre aus. So wurde er da und dort einmal
in der Stadt von einem Polizeidiener angehalten und auf das Verbot
aufmerksam gemacht, worauf er mit einem artigen: Entschuldigen Sie, ich
bin hier fremd die Zigarre wegwarf. So trieb er's, bis einst ein
Polizeidiener ihm ebenso artig entgegnete: Ja, entschuldigen Sie, wie
lang sind denn Sie noch fremd? Von da an hielt es Colomann doch fr
geraten, das Rauchen auf der Strae aufzugeben.

Mit dem Jahr 1858 nahmen die Dinge allmhlich eine bessere Wendung fr
die Familie Brater. Fehlte es an der Anerkennung von seiten der
Regierung, so drang Braters Bedeutung doch in immer weiteren Kreisen
durch. Im Herbste wurde der Landtag, der soeben zusammengetreten war,
anllich der Prsidentenwahl sofort wieder aufgelst. Infolge dieses
Ereignisses, das eine lebhafte politische Erregung hervorrief, schrieb
Brater eine Flugschrift: Regierung und Volksvertretung in Bayern. Sie
wurde zwar in Nrdlingen gedruckt, doch erschien es rtlich, sie
auerhalb Bayerns und anonym erscheinen und durch eine Leipziger Firma
ausgeben zu lassen. Diese Flugschrift machte einen gewaltigen Eindruck,
war augenblicklich vergriffen und mute in zweiter Auflage erscheinen.
Der Name des Autors wurde bekannt und verschiedene Zeitungen wiesen
darauf hin, da der Verfasser einer solchen Schrift unbedingt in die
Abgeordnetenkammer gehre. So wurde Brater in verschiedenen Wahlbezirken
als Kandidat aufgestellt. In Nrnberg schienen die Aussichten am
gnstigsten und es erging an ihn die Aufforderung, dort persnlich
aufzutreten. An fortgesetzte Enttuschungen gewhnt, ging Brater ungern,
weil mit geringen Hoffnungen auf Erfolg, einige Tage vor der Wahl nach
Nrnberg. Er trennte sich von seiner Frau mit dem Versprechen, ihr,
falls er wirklich gewhlt wrde, sofort zu telegraphieren.

Mit dem heien Wunsche, da ihm doch endlich der Erfolg beschieden sein
mchte, begleiteten ihn ihre treuen Gedanken. Sie las in den Zeitungen
von seinen Wahlreden, von den Anstrengungen der Gegner, sie teilte die
Aufregung am Wahltage, sie berechnete die Stunde, in der das Telegramm
ankommen konnte und war mit der ganzen Seele bei ihrem Mann. In solchen
Stunden bekamen die Kinder, wenn sie sich mit ihrem Geplauder an die
Mutter wandten, stets die Antwort: Seid still, ich mu mich auf etwas
besinnen. An diesem Abend war mit der Mutter gar nichts anzufangen, sie
mute sich immerfort besinnen, wohl darber, wie sie ihre Wut ber einen
Mierfolg unterdrcken und ihrem Mann so viel Liebe zeigen knne, da er
alles andere darber vergesse. Der Termin war eigentlich schon
verstrichen, das Telegramm wurde immer unwahrscheinlicher, da traf es
doch noch ein mit der Freudenbotschaft: Brater als Kandidat der
konstitutionellen und der demokratischen Partei fast einstimmig gewhlt.
Die Versptung des Telegramms hatte einen triftigen Grund gehabt. Als
Brater in Nrnberg zum Telegraphenamt geeilt war, um der Gattin
unverzglich die frohe Kunde mitzuteilen, fand er den Schalter ganz
umlagert und es war keine Aussicht, mit einem Privattelegramm zugelassen
zu werden, ehe eine Menge amtlicher Telegramme aufgegeben waren. So
konnte es noch lange whren und Brater wute seine Bundesgenossin zu
Hause brennend vor Ungeduld. Rasch entschlossen fuhr er mit einem eben
abgehenden Zug nach dem nchsten Dorf hinaus, telegraphierte von dort
aus und reiste mit dem nchsten Zuge wieder nach Nrnberg zurck, zu den
Getreuen, die mit ihrem Abgeordneten den Sieg feiern wollten und sich
vermutlich schon ber sein geheimnisvolles Verschwinden gewundert
hatten. An solch kleinen Zgen durfte Frau Brater oft erkennen, wie ihr
Mann sie auch im rgsten Getriebe nie verga und alles andere lieber als
sie zurckstehen lie; diese Erfahrung verleiht jeder Frau ein stolzes,
beglckendes Gefhl der Sicherheit, denn es zeigt sich hierin die
hchste Stufe der ehelichen Treue.

Der 14. Dezember 1858 war der Wahltag gewesen. Von da an bis zu seinem
Tod ist Brater ununterbrochen Abgeordneter geblieben. Diese Wahl war die
erste ffentliche Anerkennung und ein Wendepunkt fr ihn. Nicht als ob
die Feindschaft der Gegenpartei abgenommen htte, aber die Freundschaft
der Gleichgesinnten wagte sich nun heraus; er war nicht mehr der
Verfehmte, dessen Umgang der Kluge mied, offene Parteinahme fr und
gegen ihn in der Kammer und zunehmende Beachtung von seiten der Gegner
wurde ihm von da an zuteil und die alte Frau Pfaff behielt Recht mit
ihrem Ausspruch: da Brater keine Schuld trifft, mu doch zuletzt alles
gut werden.

Diese treue Mutter hatte inzwischen auch noch einen andern Freudentag
erlebt; ihr Sohn Hans, der jetzt Professor der Mathematik an der
Gewerbeschule in Erlangen war, durfte endlich nach elfjhriger stiller,
treuer Liebe die Braut heimfhren. Sie schreibt darber: Ihr Vater ist
durch den Tod eines Sohnes milder gestimmt, gab ohne ueren Anla seine
Einwilligung und lud Hans ein, zu kommen. Ich mu sagen, Hans hat sich
treu gehalten und das ist doch die Hauptsache.

Auch ihren jngsten Sohn Fritz sah sie den eigenen Hausstand grnden,
ebenfalls in Erlangen, wo er als Professor der Geologie und Mineralogie
ttig war. Seine wissenschaftlichen Werke, seine populren Vortrge
verfolgte Pauline jederzeit mit dem angeborenen Interesse und so oft sie
diesem Bruder schrieb, immer hatte sie irgend welche naturwissenschaftliche
Fragen, die sich ihr aufdrngten und um deren Beantwortung sie ihn bat.
In einem seiner Briefe finden wir daher die scherzende Bemerkung: Mehr
als drei Fragen werden in einem Brief nicht beantwortet.

Frau Pfaff wohnte von jetzt an in einem Haus am katholischen
Kirchenplatz, das ihr Sohn Hans gekauft hatte, und ihr Tagewerk wre nun
vollbracht gewesen, allein es gab bald da, bald dort in den jungen
Haushaltungen zu helfen, und ihres Lebens Inhalt blieb, was die Bibel
kstlich nennt: Mhe und Arbeit.

Auch in der Familie Brater war sie gar oft zur Hilfe gekommen. In den
ersten Jahren hatte Pauline die Hingabe der Mutter als etwas ganz
Selbstverstndliches hingenommen, wie das wohl die meisten jungen Frauen
tun; aber je lnger sie im eigenen Hause schaltete, um so mehr erkannte
sie die Gte ihrer Mutter und sie spricht dies auch in einem Brief an
dieselbe aus.

Du glaubst gar nicht, liebe Mutter, wie ich mich diesmal auf Dich
freue, Du bist nun so lange schon immer nur meine Pflegerin gewesen,
aber jetzt hoffe ich doch, da Du Dich auch einmal ein wenig mit mir
erfreuen kannst; und sage mir nur nichts mehr vom entbehrlich sein, es
ist wahr, Du hast allmhlich Deine Kinder so weit gebracht, da ihnen
die Lcher geflickt werden, auch ohne da Du Deine Nadel einfdelst,
aber auch wenn sie alle noch so gut versorgt sind, so wissen sie doch
stets, da die Liebe und Teilnahme einer Mutter durch gar nichts anderes
ersetzt werden knnte; ich glaube auch, je mehr Deine Kinder nach und
nach zu Mttern und Vtern geworden sind, je mehr lernen sie schtzen,
was Du ihnen bist, trotzdem da ihnen die Suppe sogar von einer Magd
gekocht wird. Von den Kindern kann ich Dir auch soweit Gutes berichten,
sie sind viel ordentlicher und liebenswrdiger als Du sie von Erlangen
her in Erinnerung hast, denn es ist wunderbar, wie so Kinder gleich
bermtig werden, wenn sie zu Gast sind, wo man sie allenthalben
verwhnt. Es ist erstaunlich, was fr dankbare Herzen diese beiden
Kreaturen haben, und ihre Gewissenhaftigkeit kommt ihnen berall
zustatten. Sie sind ber Deine schne Handschrift immer hchst erfreut:
'Der Gromutter Briefe die kann man doch lesen, nur manche Buchstaben
hat sie ein bile verlernt'.

Die Kinder waren nun Schulkinder geworden und besuchten die Volksschule.
Fast wehmtig bemerkt die Mutter darber, auch die Kleine sei schon so
gro, da sie zwar im Dmmerstndchen sich noch der Mutter auf den Scho
setze, aber selbst ein ganz verschmtes Gesichtchen dazu mache wegen der
langen Beine, die da herabhingen. Solch zrtliches auf dem Scho sitzen
und dergleichen erlangte zwar das kleine Schmeichelktzchen hie und
da, im ganzen lag es aber nicht in der Mutter Natur und vertrug sich
auch nicht mit ihren Grundstzen. Wie sie die Kinder knapp hielt mit
Speise und Kleidung, mit Vergngungen und Geschenken, so auch mit
Liebkosung und Zrtlichkeiten. Die Kinder sollten es nicht merken, wie
teuer sie den Eltern waren, sondern sich vielmehr fr Unkruter halten
und dankbar sein, da man sie duldete. Die Bescheidenheit der Kinder den
Erwachsenen gegenber war in ihren Augen nicht nur eine unter den vielen
Tugenden, die durch die Erziehung gepflegt werden sollten, sondern sie
galt ihr als der eigentliche Boden, auf dem allein das richtige
Verhltnis zwischen Kindern und Eltern entstehen konnte, sie betrachtete
sie als den Ausdruck der Wahrheit: Kinder wissen, knnen, leisten noch
nichts, also haben sie hinter dem fertigen Menschen zurckzustehen.

Die Sparsamkeit, die im Hause herrschte, begnstigte die Erziehung zur
Bescheidenheit, denn diese Sparsamkeit wurde durchaus nicht als eine
fatale Notwendigkeit betrachtet, die sich aus dem Mangel an Geld ergab,
sondern als eine Lebenseinrichtung, entspringend aus der idealen
Eigenschaft der Anspruchslosigkeit. Diese Anschauung war nicht aus
pdagogischen Rcksichten knstlich gemacht, sie lag im Wesen der
Hausfrau, nie empfand sie das Sparen als eine lstige Pflicht, sondern
als eine Kunstfertigkeit, die auszuben ihr Vergngen machte. Es gab
vielleicht nicht viele Huser, in denen so gewissenhaft jede unntige
Ausgabe vermieden wurde, und es gab wohl kein einziges, in dem trotz
dieser Sparsamkeit so wenig ber Geld gesprochen wurde. Die Kinder
hrten kaum davon reden; sie waren schon groe Schulmdchen, als sie
zufllig und zu ihrem Staunen entdeckten, da das Dienstmdchen um Lohn
und nicht, wie sie gemeint hatten, aus reiner Liebe ihre Dienste tat.
Die Mutter hatte sie gern in dieser Unwissenheit erhalten, die ein
bescheidenes, dankbares Benehmen dem Mdchen gegenber zur Folge hatte.

Als die Kinder mehrmals zu dem nchsten Droschkenplatz geschickt wurden,
um fr den Vater eine Droschke zu holen, machten sie sich Bedenken, ob
es nicht unbescheiden sei, so oft einen Kutscher zu bemhen, und wurden
erst beruhigt, als man ihnen sagte, der Vater gebe auch dem Kutscher
etwas zu seiner Freude. Beide Eltern kamen aus einem gewissen Idealismus
zu diesem System und erreichten damit, da die Kleinen dankbar waren,
wenn sie irgendwo nicht nur geduldet, sondern sogar gern gesehen wurden,
glcklich wenn ihnen von irgend einer Seite Gutes zuflo und vor allem
tief befriedigt, wenn ein warmes Wort der Eltern ihnen die Liebe
verriet, die ihnen um so kstlicher war, je seltener sie in zrtlichen
Worten zum Ausdruck kam.

In dieser Weise knapp gehalten mit Liebesbeweisen, bemhten sich die
Kinder um so mehr darum, und es ist einleuchtend, da damit der beste
Grund fr die Erziehung gewonnen war, denn diese ist leicht von dem
Augenblick an, wo die Kinder wollen, was die Eltern wollen. Wollen aber
die Eltern nicht bald dies bald jenes, was ihnen behagt, sondern das
Gute, so werden dadurch die Kinder ganz unvermerkt ber die Autoritt
der Eltern hinaufgewiesen zu der hchsten Autoritt und geleitet auf dem
Wege zum hchsten Ziel: Wollen was gut ist, wollen was Gott will.

uerlich betrachtet trat nicht viel zutage von religisem Leben in der
Familie Brater. Doch kam die Mutter jeden Abend an der Kinder Bett und
mit groer Ehrfurcht wurde das kleine Gebet gesprochen: Lieber Gott,
mach mich fromm, da ich zu dir in' Himmel komm. Bei dieser Gelegenheit
sprach die Mutter oft ein mahnendes Wort, hingegen vermied sie es, die
Kinder anzuregen, ihre ueren Anliegen im Gebete vor den lieben Gott zu
bringen; das Materielle sollte hier zurcktreten, mit dem Gedanken an
Gott wollte sie nur Geistiges in Verbindung bringen, die Stimme des
Gewissens wecken, das Streben, gut und wahr zu sein. Sie selbst war in
jener Zeit weit entfernt von einem festen Glauben, aber sie fhlte den
sittlichen Wert, den ein solcher verleiht und ersehnte ihn fr ihre
Kinder. Oft sprach sie es aus, da sie heranwachsende Kinder ohne Hilfe
der Religion nicht zu erziehen wte. Ihr Mann, von Friedrich Rohmer
beeinflut, stand nicht auf kirchlichem Boden, aber noch viel weniger
sympathisch waren ihm materialistische Anschauungen. Das neue Testament
schtzte er hoch und las jeden Morgen einen Abschnitt daraus vor. Die
Mutter erwhnt diese Vorlesungen in den Notizen, die sie sich ber die
Kinder machte, es heit da von Anna: Alle Morgen wird ein Abschnitt aus
der Bibel gelesen und Anna, die sehr zum Aufmerken ermahnt wird, merkt
sich hufig einen Satz und sagt ihn dann. Agnes erklrte die erstenmale
immer: Das hab ich mir auch gemerkt, fand es dann aber einfacher, ein
fr alle Male zu sagen: Jetzt Mama, ich merk' mir eben immer das, was
sich die Anna merkt.

So sehr die Wahrhaftigkeit Grundzug in der Familie war, so wenig lieen
sich die Eltern beunruhigen durch die lebhafte Phantasie der Kleinen und
waren weit entfernt, mit dem ernsten Wort Lge zu brandmarken, was
kindlicher Unverstand war. Ebenso ruhig, wie die Mutter von der Groen
erwhnt: Anna ist von groer Wahrhaftigkeit, berichtet sie von der
Kleinen: Sie hat eine so lebhafte Phantasie, da sie bestndig im Reden
und Tun erfindet, deshalb auch weit entfernt ist, einen Begriff von
Wahrheit zu haben. Sie hatte die ruhige Zuversicht, da in ihrem Haus
die Unwahrhaftigkeit nicht gro wachsen wrde.

Die beiden Mdchen blieben die einzigen Kinder ihrer Eltern, was Frau
Brater oft bedauert hat, denn eine grere Geschwisterschar war nach
ihrer eigenen Erfahrung ein kstlicher Schatz und berdies eine
Erleichterung, um ihr Ideal der Anspruchslosigkeit zu erreichen; denn
jedes einzelne unter einer groen Kinderzahl wird sich entbehrlicher
vorkommen als so ein einziges Prchen. Ihrer Schwiegermutter schreibt
sie gelegentlich: Wenn ich nur auch wieder ein kleines Kind htte,
berall ist Reichtum an diesem Artikel, nur bei mir nicht; ein
andermal: vier Kinder wren mein Ideal und die Sehnsucht nach einem
Wickelkinde kommt wiederholt zum Ausdruck, trotzdem schon diese beiden
Kinder manchmal schwere Sorgen verursachten.

Schon kurze Zeit nach dem Umzug nach Mnchen, das damals noch durch
seine schlechten Wasserverhltnisse und hufige Typhuserkrankungen
verrufen war, muten auch sie ihren Tribut zahlen. Anna erkrankte an
einem typhsen Fieber, Schleimfieber nannte es der Arzt. Frau Brater
schreibt darber an ihre Schwgerin Julie: Der arme Tropf hatte eine
schwere Zeit durchzumachen; die erste Woche vom eigentlichen Beginn der
Krankheit war schrecklich fr sie, heftiges Kopfweh und Fieber, glhende
Hitze und auch nicht ein halbes Stndchen ruhigen Schlafes, dabei eine
schreckliche Aufgeregtheit, die Augen funkelten nur so und wenn sie
sich nur im Bett bewegte oder sich bewegen lie, so klopft das Herzchen
mit einer Gewalt, da man glaubte, es knne es unmglich berdauern....
Wunderbar war die Vernderung in der zweiten Woche, Fieber und Hitze
unverndert, dagegen waren die glutroten Backen schneewei geworden, sie
lag in fast immerwhrendem Schlaf mit offenen Augen, in der dritten
Woche ebenso. Unerhrt war ihr Aussehen, vollkommen himmelblau und
dunkle Schatten um die Augen, die einen berirdischen Ausdruck hatten,
es war mir oft schauerlich bei Nacht. Aber nun denke, nach Verlauf der
dritten Woche, das kommt gewi auch nur bei Kindern vor, war die
Krankheit sozusagen von einem Tag auf den andern gehoben ohne
_allmhliche_ Besserung, sie hatte einen beln Tag, eine schlechte Nacht
gehabt und hatte morgens unverndert hundertundzwanzig Pulsschlge.
Abends _sa_ sie im Bettchen, hatte einundneunzig Puls, war ganz heiter
und teilnehmend und ich glaubte ein Wunder zu sehen; von diesem Tag an
waren wir auer Sorge, es ging gottlob alles so gut, da sie jetzt zwar
lang und dnn, aber frisch und munter wieder am Tische sitzt, fast
frischer als ich, die ich die verschiedenen nacheinander folgenden
Strapazen in immerwhrendem Kopfweh spre.




VII.

1858-1862


Die ersten Mnchner Jahre in der stillen Augustenstrae waren
verhltnismig ruhig vorber gegangen, aber es kam allmhlich anders.

Als Abgeordneter stand Brater nicht mehr, wie frher, allein. Eine
kleine Gruppe national gesinnter Mnner fand sich in der Kammer zusammen
und bald bildete sich zwischen diesen ein Freundschaftsverhltnis, das
auch huslichen Verkehr mit sich brachte. Oft war das Haus Brater der
Mittelpunkt, in dem sich die kleine Truppe zusammen fand, die es
unternahm, gegen den altbayrischen Fanatismus anzukmpfen und fr den
deutschen Bundesstaat unter Preuens Fhrung einzutreten.

Die erste praktische Folge der Beratungen dieser kleinen Partei war die
Grndung einer Wochenschrift, deren Redaktion Brater bernahm. Einer der
vorzglichsten Mitarbeiter derselben war Professor Baumgarten, ein
Braunschweiger, der damals mit seiner Familie in Mnchen lebte und mit
dessen Frau sich auch Pauline bald herzlich befreundete, standen doch
ihre Mnner im gleichen Kampf, an dem beide Frauen mit ganzem Herzen
Anteil nahmen. Bald zeigte sich's, da eine Wochenschrift nicht genge,
und es trat an Brater die Lebensfrage heran, ob er die Redaktion einer
groen politischen Tageszeitung bernehmen wolle. Professor Baumgarten
hat diese berlegungen in einem Aufsatz der Preuischen Jahrbcher[5]
geschildert und wir teilen sie in seinen Worten mit:

    [Funote 5: Band #XXIV#.]

Die schwache Stimme einer Wochenschrift konnte in dem Lrm jener Tage
nicht weit dringen. Wir erkannten bald, da, wenn der beraus rhrigen
Agitation im Sden, welche soeben um ein Haar Deutschland in einen
verderblichen Krieg gestrzt htte, wirksam entgegen gearbeitet werden
sollte, eine tgliche Zeitung nicht entbehrt werden knnte. Nach langen
Verhandlungen, vielen Mhen wurde es mglich, die Begrndung eines
solchen Blattes ernstlich ins Auge zu fassen. Und zwar in Mnchen, in
dem eigentlichen Hauptquartier der Gegner. An die Ausfhrung eines so
verwegenen Planes lie sich aber nur denken, wenn ein Mann von
hervorragender Fhigkeit, von bedeutender Autoritt in dem Lande und von
unantastbarem Charakter die Leitung bernahm. Denn da das Auftreten
einer gegen Preuen gerechten, der nationalen Sache aufrichtig ergebenen
Zeitung in Mnchen mit den grten Schwierigkeiten verknpft sein werde,
deren nur ganz ungewhnliche Leistungen Herr zu werden hoffen drften,
darber konnte sich niemand tuschen. Alles hing daran, ob Brater sich
entschlieen mochte, der Redaktion seine Kraft, vielleicht seine
Existenz zu widmen.

Ich erinnere mich genau der eingehenden Gesprche welche wir im Sommer
ber die Sache hatten. Wie immer erwog er alle Momente der Frage mit der
Objektivitt eines durch keine Umstnde beeinfluten Richters; die hohe
politische Wichtigkeit, ja Notwendigkeit des Unternehmens erkannte er
vollkommen an, aber ber seine Milichkeit, ber die fast
unbersteiglichen Hindernisse, denen er begegnen werde, tuschte er sich
ebensowenig. Namentlich war ihm klar, da fr ihn persnlich ein fast zu
groes Opfer damit verbunden sei. Nach langer, mhseliger,
entbehrungsvoller Arbeit war er endlich dahin gelangt, sich in Bayern
eine bedeutende Stellung zu erringen. Hielt er sich im Kreise der
bayerischen Politik, so konnte ihm eine hchst befriedigende, d. h. fr
das ffentliche Interesse fruchtbare und seinen bescheidenen
persnlichen Ansprchen gerecht werdende Zukunft nicht entgehen. Betrat
er dagegen den Boden der deutschen Politik mit einer in Bayern bei
Regierung und Volk gleich verhaten Richtung, so durfte er fr die
Zukunft noch viel schwereren Kmpfen entgegensehen, als ihm die
Vergangenheit gebracht hatte.

Er zhlte damals vierzig Jahre; er war ohne Vermgen; nur angestrengte
Ttigkeit und eine seltene Einfachheit des Lebens machte ihm mglich,
mit der Feder zu erwerben, was die Bedrfnisse seiner Familie
erforderten. Unter allen diesen Verhltnissen wrden sehr wenige sich
entschlossen haben, auf das Wagnis einzugehen. Brater unternahm es
dennoch kraft jener Mischung geistiger Eigenschaften, der man in dieser
Weise nur sehr selten begegnen wird. Er war ganz klare, scharfe Kritik
und zugleich hingebende Begeisterung. Er besa ganz die Nchternheit des
Verstandes, welche meistens zu klugem Egoismus fhrt und verband damit
einen enthusiastischen Patriotismus, wie er meist nur in unklaren Kpfen
wohnt ....

[Illustration: Karl Brater]

... Brater hatte sich nicht getuscht. Als er am 1. Oktober 1859 die
erste Nummer der Sddeutschen Zeitung herausgab, tobte es frmlich von
allen Seiten gegen ihn. Man fand es geradezu unertrglich, da sich in
Mnchen ein preuisches Blatt ans Licht wage. Jede Verdchtigung in
der kleinen Schmutzpresse der Stadt, jede persnliche Schikane wurde in
Bewegung gesetzt, um Brater die Existenz in Mnchen unmglich zu machen.
Wer freilich die Bltter der jungen Zeitung las, der wurde von all
diesen jede Stunde des Herausgebers verbitternden Widerwrtigkeiten
nichts gewahr. ..... Der Grundgedanke, Deutschlands Fhrung durch
Preuen, wurde den widerwilligen Gemtern der Sddeutschen mit nie
aussetzender Konsequenz, aber zugleich mit jener schonenden Milde
gepredigt, welche am besten geeignet ist, dauernde berzeugungen zu
begrnden. Der deutsche Beruf Preuens hat niemals im Sden einen
wirksamern Vorkmpfer gehabt als Braters Sddeutsche Zeitung. Anfangs
mit einmtigem Ha empfangen, wurde sie in kurzer Zeit das
Lieblingsblatt des gebildeten Mnchen.

Da eine solche Berufsergreifung auch das Familienleben stark
beeinflute, ist selbstverstndlich. Sofort ergab sich das Bedrfnis, in
den Mittelpunkt der Stadt zu ziehen. Frau Brater schreibt darber an
ihre Freundin Emilie von Breuls, geb. Kopp: Ich bin eigentlich eine
halbe Strohwitwe geworden; Du hast vollkommen Recht, wenn Du meinst, die
Zeitung werde meinem Mann viel Arbeit machen, es ist mir fast zu arg,
dazu mu er seine Geschfte in der Nhe der Druckerei und Post
vornehmen, so da er sich mit seinen Redakteuren in der Stadt ein paar
Zimmer mieten mute, wo er nun den ganzen Tag ist und ich ihn nur
mittags ganz kurz sehe, im April ziehen wir nun ganz hinein und so sehr
ich's bedauere, unsere schne, freie sonnige Wohnung mit einer
Stadtwohnung vertauschen zu mssen, so kann ich's nun doch kaum
erwarten, bis der unbehagliche Zustand des Hin- und Herrennens auf einem
halbstndigen Weg ein Ende nimmt; da Du die Sddeutsche Zeitung liest,
freut mich sehr; Du kennst nun dadurch unser ganzes Leben, denn ihr
Inhalt und berhaupt was sich jetzt in der Welt zutrgt beschftigt
meinen Mann ausschlielich und somit auch mich, ich bin ganz und gar
eine Politikerin geworden und von meiner Zeitung eingenommen wie von
meinen Kindern.

Im Frhjahr machte sich Frau Brater daran, eine fr die vernderten
Umstnde passende Wohnung zu suchen, und mietete eine solche. Aber nach
kurzer Zeit benachrichtigte sie der Vermieter, da er sein Wort
zurcknehmen msse, -- er hatte inzwischen erfahren, um wen es sich
handle, und wagte es nicht, sich mit einem so staatsgefhrlichen
Mietsmann einzulassen. So mute Frau Brater ihre Wanderung aufs neue
antreten und fand endlich eine entsprechende Wohnung in der Dienersgasse
Nr. 23. Freilich war es ein altes, dunkles Haus, mitten im Lrm der
Straen und ihre geliebten Sterne waren ihr durch das gegenberliegende
Regierungsgebude verdeckt. Auch das ganze Hauswesen bekam pltzlich
einen anderen Anstrich. Das grte Zimmer wurde fr die Redaktion
eingerumt, der eine oder andere Mitarbeiter wohnte auch im Stockwerk,
geschftig ging es den ganzen Tag aus und ein und ein Laufbursche mute
angestellt werden. Dies alles gab einen gehrigen Zuwachs von Arbeit und
das Familienleben gewann nicht an Gemtlichkeit durch diese nderung,
auch war es fr Frau Brater peinlich mit anzusehen, da ihr Mann eine
allzugroe Arbeitslast bernommen hatte. Sie schreibt darber an ihre
Schwiegermutter:

... Da Ihr die Zeitung lest, ist eine herrliche Verbindung, Ihr seht
ja daraus immer, was uns beschftigt; an Neujahr soll sie nun etwas
grer werden, freilich auch teuerer und wir sind nun begierig, ob die
Maregel nicht etwa ungnstig auf die Abonnentenzahl wirkt, die ohnedies
langsam zunimmt. Bis dahin hoffen wir endlich auch einen brauchbaren
Gehilfen fr den einen unbrauchbaren gefunden zu haben und ebenso einen
Referenten fr den Landtag; Du wirst gesehen haben, da der Landtag im
Januar zusammentritt, ein groer achtmonatlicher Landtag! Wenn diese
Zeit schon berstanden wre! Karl hat nun alle seine brigen Arbeiten
abgegeben und wenn derselbige Referent tchtig ist, so wird es eher
leichter werden, aber die Einnahmen werden sich nicht splendid stellen.

Da sich tchtige Hilfskrfte fr solch eine Zeitung schwer fanden, ist
selbstverstndlich, und manche merkwrdige Figur tauchte im
Redaktionszimmer auf, um bald wieder zu verschwinden. Doch fanden sich
auch bedeutende Mnner zu dieser politischen Arbeit ein, Leuthold, der
Dichter, Vecchioni, der nachherige Leiter der Mnchener Neuesten
Nachrichten, und vor allem Adolf Wilbrandt, der sptere Schriftsteller
und Direktor des Wiener Burgtheaters, damals ein schner, geistig
anregender junger Mann, nichts weniger als trockener Politiker. In
seinen Artikeln fr die Sddeutsche Zeitung zeigte sich schon seine hohe
literarische Begabung. Er wohnte im Haus Brater und wurde
hochgeschtzter Freund der Familie. Wilbrandt verkehrte viel in dem
geselligen Kreise, dessen Mittelpunkt Paul Heyse war und in dem sich
die Familien Bluntschli, Hecker und zuweilen auch Brater trafen. So sehr
Frau Brater die groe Geselligkeit mied, die sie meist mit Kopfweh ben
mute, auf die auch ihr bescheidener Haushalt nicht eingerichtet war,
ganz konnte sie sich derselben doch nicht entziehen. So gab Bluntschlis
bersiedelung nach Heidelberg Anla zu einer groen Abschiedsgesellschaft,
ber die sie an Ernst Rohmer berichtet:

... Auch wir hatten diese Woche eine groe Soiree wo es an Humor und
sogar an Trnen nicht fehlte, es war eine stolze Gesellschaft beisammen,
unsere Abgeordneten, Bluntschlis, Jollys, Heckers, die Redaktion, und
ich wollte nur, Du httest die Toaste mit anhren knnen, es berbot
immer einer den andern, um ein Uhr ging man auseinander im Gefhl einer
groen Freundschaft und Innigkeit.

Pauline stellte bei solchen Gelegenheiten ihre Kinder zur Hilfe an, die
nun als grere Schulmdchen wohl zu brauchen waren und fremder
Bedienung vorzuziehen. Das Mnchener Bier spielte keine kleine Rolle bei
manchen der Geladenen; es wurde in groen Krgen geholt und die Kinder
gingen von einem Gaste zum andern, um leere Glser aufzufllen. Am
leistungsfhigsten war in diesem Stck der allgemein bekannte und
beliebte Abgeordnete Vlk, der urwchsige, krftige Mann vom Algu, ein
Volksredner von prchtigen Gaben; diesen empfahl der Vater den kleinen
Kellnerinnen zur besonderen Beachtung und mit Lust schenkten sie ihm
immer wieder aufs neue ein, denn er wute auch schon dieses _kleine_
Volk zu begeistern. Der Patriotismus, der ohnedies in diesen Rumen zu
Haus war, schlug dann in hellen Flammen auf in den empfnglichen
Kinderherzen. Der Hausfrau kam bei solchen Gelegenheiten ihr praktisches
Talent zu statten, sie kochte vorzglich und war die Mahlzeit
aufgetragen, so kam noch als beste Wrze ihr guter Humor in der
Unterhaltung.

Das waren inhaltsreiche Jahre fr die Frau, die an allem, was den Mann
beschftigte, ihren Anteil hatte. Wie oft kam er aus seinem
Arbeitszimmer herber, um ihr das Manuskript eines Artikels vorzulesen,
ehe er ihn in die Druckerei schickte. Du bist mein Publikum, sagte er,
ich mu sehen, welchen Eindruck der Artikel auf die Leute machen wird.
Ihre gesunde Empfindung befhigte sie zu einem Urteil, das ihm viel wert
war. Die Verschiedenheit der Temperamente machte sich zwar auch hier
geltend. Wenn er die Zeitung nicht dazu bentzen wollte, um die
Verleumdungen zu widerlegen, die andere Bltter gegen ihn brachten, dann
setzte sie ihm zu, wollte, da er die Grobheiten gehrig heimgebe, und
htte ihm solche am liebsten in krftigen Worten in die Feder diktiert.
Aber er lie sich nicht beirren: Um die Sache handelt es sich, nicht um
meine _Person_, erklrte er ihr immer wieder; warum von dem kostbaren
Raum der Zeitung etwas auf Widerlegung persnlicher Angriffe verwenden,
la sie nur schimpfen, viel besser ist's, wir bleiben bei der Sache. Im
Grund ihres Herzens war sie dann doch stolz auf diese vornehme
Kampfesweise und die heftigen Angriffe verstummten allmhlich auch ohne
Widerlegung. Oft half sie in dieser Zeit selbst mit, wenn es an
Hilfskrften fehlte und sie dem mit Arbeit berladenen Manne
Schreibereien abnehmen konnte. Auch die Kinder muten, wenn der
Laufbursche nicht zur Stelle war oder seine Sonntagsruhe geno, oft
genug Besorgungen fr die Redaktion machen. Dazu war Anna zu gebrauchen,
die, von Haus aus flink, noch ganz besonders zu rennen verstand, wenn
ihr Patriotismus aufgerufen wurde. Gar oft lief ber Mittag eine
Depesche ein, wurde sie augenblicklich in die Druckerei gebracht, so kam
sie eben noch recht fr die im Druck befindliche Nummer. Dann ergriff
Anna das Telegramm, rannte in der Schrze, ohne Hut, ber den glhend
heien Odeonsplatz und die Drucker wuten schon, wenn sie so atemlos
hereingeflogen kam: was dieser Eilbote brachte, das _mute_ noch in die
heutige Nummer. Heimwrts nahm sich das Kind dann wohl vor, nie mehr
ohne Hut ber den heien Platz zu laufen, trat aber wieder derselbe Fall
ein, so ging ihr doch wieder die Sddeutsche Zeitung ber alle
persnlichen Rcksichten.

War nun in diesem geschftigen Betriebe die Hausfrau fast unentbehrlich,
verga sie auch alle persnlichen Bedrfnisse ber der groen Sache, der
sie mit diente, so kam doch ein Ereignis, durch das sie sich pltzlich
abrufen lie aus ihrem Familienkreis, es kam die Nachricht von der
schweren Erkrankung ihrer Mutter. Frau Pfaff war zu ihrer Tochter Luise
Sartorius gereist, die in Bayreuth, ihrer damaligen Heimat, erkrankt
war, und als Pflegerin der kranken Tochter hatte sie selbst sich eine
Lungenentzndung zugezogen. Ihr Sohn Fritz war auf diese Nachricht nach
Bayreuth gereist und er war es auch, der Pauline von der bedenklichen
Erkrankung Mitteilung machte. Noch am selben Tage verlie sie Mnchen
und reiste mit bangem Herzen zu der Mutter. Wie sie die Kranke fand,
schildert sie selbst ihrem Manne:

Ich habe Dir seit gestern schon oft und immer wieder mein Leid geklagt
und wenn ich dies jetzt wirklich schreibe, so wird mir's doch nicht
leichter ums Herz. Wenn ich so bei meiner guten Mutter sitze, so kann
ich es nicht begreifen, da dieses das Wiedersehen sein soll, auf das
ich mich schon so lang freute, und da es das letzte sein soll; wenn ich
nur recht so wie ich mchte bei ihr bleiben und weinen drfte, aber um
Luisens willen und um meiner Augen willen mu ich so viel als eben
mglich an mich halten. Ich will Dir erzhlen, wie es ging: Auf meiner
Herreise, nachdem ich mir immer und immer wiederholte, was im Brief und
der Depesche von Fritz gestanden war, ward ich nach und nach beruhigt
und glaubte zuversichtlich das Gute; als ich hier ankam, sah ich Fritz
schon von weitem und sah auch gleich, da ich mich getuscht hatte, er
hatte keine Hoffnung mehr und ich konnte es nicht glauben, nicht eher
als bis ich wirklich die letzten Atemzge gehrt hatte.... Als ich ankam
und sie begrte, konnte sie mir's nur dadurch erwidern, da sie mich
ansah, ebenso schlug sie die Augen auf, als ich ihr einen Gru von den
Kindern sagte. Ihr Anblick schmerzte mich, da ich's nie vergessen
werde, ich kannte sie kaum, so waren die Zge von Schmerz und
Anstrengung entstellt....

Um zwei Uhr nachmittags zeigten sich die ersten Spuren des herannahenden
Todes, sie lag regungslos und atmete in immer greren Zwischenrumen,
um halb fnf Uhr standen wir beide, Fritz hielt sie im Arm und horchten
noch lange, ob es wirklich der letzte Atemzug gewesen sei; es war vorbei
und der ruhige, friedliche Ausdruck, dem sogleich die Schmerzensmiene
weichen mute, ist jetzt unser einziger Trost. Morgen um halb vier Uhr
nachmittags wird sie begraben, das treueste, liebevollste Herz, das es
auf dieser Welt nur geben kann.

Luise hat diesen Schlag weniger empfunden, als wir frchteten, sie ist
wohl noch zu sehr von ihrem eigenen Leiden (Typhus) hingenommen. Ihr
Zustand ist bedenklich, sie ist jetzt nach neun Wochen noch nicht so
weit, da sie sich selber im Bett bewegen kann.... Da die Mutter auf
diese Weise sterben mute, darber kann ich mich nicht leicht beruhigen,
die Krankheit wurde selbst verschuldet.

ber diesen Punkt sucht ihr Mann sie zu trsten und schreibt: Sie ist
in der Aufopferung fr andere, der ihr ganzes _Leben_ gewidmet war, auch
_gestorben_. Darber darfst Du nicht klagen, sie ist wirklich in ihrem
Beruf gestorben, dem sie sich von niemand gewaltsam htte entziehen
lassen.

Wenige Wochen nach der Mutter erlag auch die Tochter Luise der schweren
Krankheit, ein harter Schlag fr den Mann und die fnf Kinder, deren
ltestes noch kaum erwachsen war, ein tiefschmerzlicher Verlust auch fr
Pauline, die der Schwester innig nahe gestanden war. An den verwitweten
Schwager Sartorius schreibt sie:

Ich lese Deine Briefe immer wieder sowie auch die Deiner Kinder und bin
mit meinen Gedanken immer bei Euch; in solcher Zeit fhlt man die
Trennung von denen, die die gleiche Trauer haben, sehr schwer, man
mchte immer nur von den geliebten Heimgegangenen sprechen, da der
Gedanke an sie das ganze Herz ausfllt; hier fhle ich mich mit meiner
Betrbnis ziemlich einsam, nicht als ob mein Mann nicht vollkommene
Teilnahme mir erwiese, hat er doch beide sehr geliebt und erkannt,
allein soll ich ihm, dem Vielgeplagten, immer meine Betrbnis zeigen,
ihn in den kurzen Erholungsstunden immer in meine Trauer hereinziehen?
Ich kann das nicht.

In treuem, stillem Herzen bewegte sie das Schicksal der mutterlosen
Kinder und in spteren Briefen finden wir einmal den Vorschlag, den
kleinen Hansel zu sich zu nehmen, dann wieder die Tochter Elise mit den
eigenen Tchtern zu erziehen. Es kam aber nicht dazu, hingegen erlebte
Pauline in spteren Jahren die Freude, da die mutterlose Schar aufs
neue eine treue Mutter bekam. Lina Rohmer war es, ihre bewhrte
Freundin, die durch die Verheiratung mit Sartorius ihre Schwgerin und
durch dieses doppelte Band besonders lieb und vertraut wurde.

Im Sommer 1861 gnnte sich Brater mit seiner Familie eine kleine
Erholungszeit in Ammerland am Starnberger See. Das war ein kstliches
Ausruhen nach anstrengender Arbeit in der Kammer und ihren Ausschssen,
nach dem aufreibenden Getriebe in der Redaktion, es war auch fr Pauline
eine wohltuende Freude nach den schmerzlichen Trauerfllen, und eine
Wonne fr die Schulkinder. In einem Fischerhuschen wohnten sie, bei
freundlichen Leuten, brachten die Tage in dem nahen Wald und auf dem See
zu, sich der schnen Natur, der Ruhe und vor allem des ungestrten
Beisammenseins freuend. Gab es das ganze Jahr hindurch kaum eine andere
Freude als die _eine_, allerdings tief beglckende, das Tagewerk gut
vollbracht zu haben, so wurde nun der Naturgenu, die freie Mue mit
wohligem Behagen empfunden. Fr drei Tage machten die Eltern allein
einen Ausflug weiter hinein ins Gebirge und genossen das Glck, sich
wieder einmal ganz anzugehren. Mit groem Vertrauen und beneidenswerter
Sorglosigkeit lieen sie das zehn- und elfjhrige Schwesternpaar im
Fischerhuschen zurck, wo die Kinder sich mit groem Stolze Frhstck
und Abendbrot besorgten und mittags harmlos im Wirtsgarten aen.

Ein lngerer Landaufenthalt war freilich nicht mglich, denn die Arbeit
drngte. Als Mitbegrnder des deutschen Nationalvereins hatte Brater
berdies viele Reisen zu machen, Besprechungen in Frankfurt, Eisenach,
Koburg, Gotha nahmen seine Zeit und Kraft in Anspruch und immer schien
solche Ttigkeit frs Vaterland zu wichtig, um sie aus Rcksicht auf die
eigene Person zu unterlassen, aber endlich versagte die Kraft.

Der Winter 62 auf 63 brachte noch besonders viel Arbeit, da die ntigen
Hilfskrfte fehlten. In einem Neujahrsbrief an Lina Rohmer schreibt
Pauline: Diesem Jahr sehe ich mit Grausen entgegen; unser neuer
Mitredakteur ist sehr krnklich und es fragt sich, wie lange er
aushalten wird, er hat schon selbst seine Befrchtungen ausgesprochen
und htte sich gar nicht auf dieses Geschft einlassen sollen und eine
Nachschrift dieses Briefes teilt mit: Unser Redakteur liegt heute
bereits im Bett, hat heute Nacht einen Blutsturz bekommen, doch sei es
nicht gefhrlich. -- Ich bin in Verzweiflung.

Selbstverstndlich mute bei solch pltzlichem Versagen der Hilfskrfte
immer Brater seine eigene schon aufs uerste angespannte Kraft
einsetzen, denn die Zeitung verlangte unerbittlich ihre tgliche Nahrung
und wenn Frau Brater mit Grausen das neue Jahr angetreten hatte, wenn
sie, so wenig ngstlich von Natur, sich Sorgen machte, so war das
Unheil nahe im Anzug, ja es war schon da.

Gegen Ende des Winters schreibt sie an Ernst Rohmer: Meinem Mann hat
der fatale Winter schlielich doch auch noch einen recht hartnckigen
Husten angehngt, der mir oft Sorge macht, besonders da er ihn schon
vorigen Herbst mehrere Monate lang nicht los brachte; vor einigen Tagen
bekam er nun ganz pltzlich einen ziemlich starken Anfall von
Beklemmungen auf der Brust und Atmungsbeschwerden, die noch nicht ganz
vorber sind, doch erklrte Lindwurm nach genauer Untersuchung, da es
nur rheumatisch und katarrhalisch sei, die Lunge sei ganz gesund. Da er
ihn nach Berlin reisen lt, wundert mich trotzdem und ich wrde es
gewi nicht gutwillig geschehen lassen, wenn ich nicht andererseits in
der Unterbrechung seiner gewhnlichen Anstrengung auch einen Vorteil
she; wenn es nur ein miges Wetter wird, ich bin eben doch in groer
Sorge.

Sechs Wochen spter -- und die beiden rzte Professor Lindwurm und der
befreundete Professor #Dr.# Hecker vereinigen sich in dem Ausspruch,
Brater msse das beranstrengende Geschft der Redaktion abgeben, msse
das rauhe Mnchner Klima verlassen und msse noch, ehe dies alles
geordnet und ein dauernder Aufenthalt bestimmt sei, so bald wie mglich
fort in mildere Gegend.

Schwer trafen diese drei harten Mu߫ den Mann, der wohl wute, da die
Sddeutsche Zeitung von seiner Persnlichkeit abhing, und seiner Frau
war es zumute, als ob der Boden unter ihren Fen wankte. In der Tat,
war nicht alles erschttert und bedroht? Die Heimat, die Lebensstellung,
das Leben ihres Mannes und somit ihr Glck?

Noch ehe Brater einen Entschlu wegen der Zeitung fassen konnte, mute
er Mnchen verlassen, um den rauhen Frhlingsstrmen zu entgehen. Das
war eine Trennung so bitter und schmerzlich wie keine vorher. Aber
freundlich bot sich dem Erkrankten eine Sttte zur Erholung. Der
Abgeordnete Buhl, ein treuer Gesinnungsgenosse und Freund, der in
Deidesheim in der Pfalz einen herrlichen Wohnsitz hatte, lud ihn
herzlich zu sich ein und so bald die ntigste Vertretung gefunden war,
reiste er dorthin. Die Sorge fr die Zeitung begleitete ihn. In
Versammlungen national Gesinnter wurde beraten ber die Fortfhrung der
Zeitung. Wir sahen, schreibt Baumgarten, wie die Zeitung jeden Tag
mehr Herr des wichtigen Terrains wurde; noch eine kurze Frist und sie
htte alles dominiert. Aber auch jetzt noch war keine Kraft da, welche
fr Brater htte eintreten knnen. Ohne ihn war das Blatt noch immer in
Mnchen unmglich.

So blieb denn keine andere Mglichkeit als entweder die Sddeutsche
Zeitung ganz eingehen zu lassen oder sie an einen Ort zu verlegen, an
dem ihre Redaktion nicht mit so ungewhnlichen Schwierigkeiten verbunden
war wie in Mnchen und sich demnach leichter ein Redakteur finden liee.
Von Deidesheim aus schreibt darber Brater an seine Frau: Gestern sind
Bluntschli und Baumgarten hier gewesen, die inzwischen in Heidelberg ...
verhandelt haben. Das Resultat wre, da vom 1. Juli an die Sddeutsche
Zeitung, herausgegeben von Brater und Lammers, in _Frankfurt_ erscheint.
Die Redaktion wrde mich nichts angehen, es handelt sich meinerseits
(unter Fortdauer der bisherigen finanziellen Verhltnisse) nur um
Leitartikel und zeitweilige Konferenzen mit der Redaktion. In einer
politischen Versammlung (Mitte Mai in Frankfurt) soll die Sache auch
noch ffentlich zur Sprache gebracht und sanktioniert werden. Ich
glaube, da wir mit diesem Schritt das Zweckmigste tun, was unter den
obwaltenden Umstnden geschehen kann und da auch Du damit einverstanden
sein wirst. Bis auf weiteres darf davon _durchaus nichts verlauten_, die
Redaktion darf die Sache nur durch mich erfahren, was in etwa acht Tagen
geschehen wird.

Zugleich mit diesem Plane, der auch zur Ausfhrung kam, wurde die Frage
ber den knftigen Aufenthalt der Familie beraten. Am Sitz der Redaktion
selbst sollte Brater nicht wohnen, um nicht aufs neue zu sehr in das
Getriebe hineingezogen zu werden, doch allzuweit sollte er auch nicht
davon entfernt sein, eine Stadt in der Nhe von Frankfurt schien am
gnstigsten. Viele Briefe gingen zwischen Deidesheim und Mnchen hin und
her, bis einer derselben den energischen Vorschlag brachte, Pauline
solle zu ihrem Manne kommen, mndlich liee sich das alles viel leichter
beraten. Zur Beaufsichtigung der Kinder und des Haushaltes war die
Schwester Julie Brater bereit und so folgte Pauline dem Ruf und reiste
ber Wrttemberg nach der Pfalz. Es waren schon einige Wochen seit
Braters Abreise verflossen, seine Nachrichten hatten jedesmal ber
fortgesetzte, wenn auch langsame Besserung berichtet, mit unendlicher
Sehnsucht sah sie der Wiedervereinigung entgegen und wurde aufs
liebevollste in dem gastlichen Hause Buhl aufgenommen. Aber die Wochen
der Trennung mochten die Ursache sein, da sie ihren Mann objektiver
betrachtete und nun sah, wie krank er war. Wir lesen es zwischen den
Zeilen in einem Brief an ihre Schwgerin Julie in Mnchen, wo es nach
der Beschreibung der Reise heit: Was nun die Hauptsache ist, so
konnte ich mich im ersten Augenblick des Wiedersehens kaum recht fassen
ob meiner getuschten Erwartungen, vielleicht hatte ich mir bei den
fortwhrenden Besserungsberichten zu viel Hoffnung gemacht.... So war
ich gestern in recht trauriger Stimmung, die ich kaum zu verbergen
wute, Karl ist sehr heiter, und heute habe ich mich nun auch gefat und
schiebe alle eingehenden Gedanken auf die Seite. Es gibt so viel zu
beraten und zu berlegen, da wir noch gar nicht angefangen haben, was
kann man auch am Ende fr Entschlieungen fassen, wo doch alles von
Karls Besserung abhngt? Mchte es Gottes Wille sein, da uns diese
Bitte erhrt wird!... Hier ist alles herrlich, die Natur und das Haus,
aber trotzdem will Karl die Gastfreundschaft nicht zu lang in Anspruch
nehmen und mchte eben gern bei den Seinen sein.




VIII.

1862-1863


Fnf Jahre war die Familie Brater in Mnchen gewesen, hatte Verbindungen
geschlossen, die ihr allmhlich lieb geworden waren, und nun sollte sie
wieder abbrechen und sich an einem gnzlich unbekannten Orte
niederlassen. Dies ist an sich schon schwer und ist es doppelt, wenn
eine traurige Ursache den Anla zu solchem Wandern gibt. Brater ging von
Deidesheim aus nach Frankfurt, um dort die ntigen Vorbereitungen fr
die bergabe der Sddeutschen Zeitung zu treffen, und kehrte dann nach
Mnchen zurck, um die Redaktion aufzulsen. Fr den Sommer rieten die
rzte zu einem Aufenthalt in Hhenluft und dem Gebrauch einer Molkenkur.
Wieder war es ein Abgeordneter, der hier Rat wute. Auf dem Grnten,
einem Berg in den bayerischen Alpen, besa der Abgeordnete Hirnbein ein
Anwesen, in dem Molkenwirtschaft betrieben wurde und einige Zimmer fr
Fremde eingerichtet waren. Zwar hatte sich noch nie eine Familie lnger
dort aufgehalten, nur Passanten, die den Grnten um der schnen Aussicht
willen bestiegen, pflegten dort zu bernachten, aber fr die
bescheidenen Ansprche der Familie Brater konnten die Rume gengen und
es wurde beschlossen, dort hinauf zu ziehen. Der Besitzer, der selbst
nicht oben wohnte, empfahl seinen Leuten die Mnchner Familie und so
wurde diese mit freundlicher Zuvorkommenheit aufgenommen und fhlte sich
da droben, wie wenn sie im eigenen Hause se und der ganze Berg ihr
untertan wre. Nach den schweren Aufregungen der letzten Monate war das
Zusammenleben in der stillen, gewaltigen Natur eine groe Wohltat fr
die Familie, und Brater, der in der dnnen Bergluft leichter atmete,
fhlte sich wohl genug, um den Aufenthalt zu genieen. So war es eine
schne Zeit, trotzdem die unsichere Zukunft einen leisen Schatten
darber warf. Pauline schreibt von dort aus an Ernst Rohmer:

    _Lieber Ernst!_

    Du wirst es ohne Zweifel sehr schnde finden, da wir so lange
    nichts von uns hren lieen, allein diesmal war es eine hhere
    Macht, die sich hemmend unserm Verkehr entgegenstellte. Vor acht
    Tagen bergab Karl vier Briefe der Post, die sich in Gestalt
    eines _Esels_ von unserer Burg nach Sonthofen hinabschlngelt,
    allein drunten angekommen, konnte das wackere Tier die Briefe
    nicht weiter befrdern, weil sie smtlich verloren waren und
    trotz Bekanntmachung in der Kirche und der besten Versprechungen
    nimmer zum Vorschein kamen. Da unter diesen Verlorenen gerade
    auch einer an Dich war, ein groer, langer, vielleicht seit
    Jahren der erste anstndige, war uns besonders leid, war aber
    eben nicht zu ndern!

    La Dir nun vor allem schnsten Dank sagen fr Deine
    freundschaftlichen Anerbietungen in Deinem letzten Brief, Du
    hast vollkommen Recht, wenn Du sagst, wir verstehen uns und
    darfst auch berzeugt sein, da wir uns ntigen Falles an
    niemand mit so leichtem Herzen wenden wrden als an Euch.
    Gegenwrtig sind wir aber gut daran und hoffen, nicht so bald in
    die Brche zu kommen, da wir einen sehr angenehmen Zuschu zur
    Kur von Onkel Karl[6] in Fiume erhalten haben.

    Ich bin also heute vor acht Tagen mit Schwiegermutter,
    Schwgerin Julie und den Kindern glcklich hier oben angekommen
    und wir befinden uns aufs beste; da man die Bergpartie auf dem
    Ro mit aller Bequemlichkeit zurcklegt, so knnen wir Dir
    nichts Besseres raten, als auch noch auf einige Zeit zu uns zu
    kommen; fr Dich und berhaupt fr alle Nerven mu diese Luft
    herrlich sein, ich habe auch noch kein Kopfweh gehabt. Meinen
    Mann fand ich recht gut aussehend und vielleicht auch in der
    Hauptsache etwas besser, doch bilde ich mir ein, in einer
    _bestndig_ warmen Luft wre es vielleicht noch besser
    geworden.... ber unsere weiteren Plne sind wir noch ganz im
    unklaren, mein Wunsch wre, da Karl diesen Monat hier oben und
    dann vielleicht noch zwei Monate irgendwo in der Wrme zubringt,
    etwa Reichenhall oder noch besser Meran, aber das Jammerkind in
    Frankfurt gnnt einem ja keine ruhige Stunde ...

    [Funote 6: Meynier, ein Bruder von Braters Mutter.]

Das Jammerkind, die Zeitung, gewhnte sich schwer ein in Frankfurt und
als der sechswchentliche Aufenthalt auf dem Grnten vorber war, reiste
Brater nach Frankfurt, um in der Redaktion zu helfen. Es scheint, da
Frau Brater diese Trennung, verbunden mit der auf ihr lastenden
Unsicherheit ber die nchste Zukunft, schwer nahm; auch frchtete sie
wohl, da der Erfolg der Kur wieder durch bermige Arbeit verloren
ginge, und sie hat wohl ihren Unmut herzhaft in ihren Briefen
ausgesprochen, denn der Gatte antwortet ihr: Ein hbsches Quantum
schlechter Laune hast Du in Deinem letzten Brief abgeladen. Aber ich
gnne Dir die kleine Erleichterung, die einzige, zu der ich Dir
behilflich sein kann. La Dir nur die Widerwrtigkeiten nicht ber den
Kopf wachsen: in einigen Wochen sind wir doch wieder beisammen. Freilich
liegen dazwischen einige unersetzliche Tage!

In dem folgenden Briefe teilt Brater den Seinigen mit, da er nun in der
nahen Stadt Aschaffenburg eine Wohnung gemietet habe, die sofort zu
beziehen war, und eifrig begannen Frau und Tchter den Hausrat
einzupacken, als ihnen ein weiterer Brief Halt gebot. Daran war wieder
die Zeitung Schuld. Es gewann immer mehr den Anschein, da sie sich
nicht halten wrde, und so schien es geratener, mit einem vollstndigen
Umzuge noch bis zum Frhjahr zu warten und fr den Winter nur irgendwo
in der Nhe Frankfurts in mblierter Wohnung einen provisorischen
Aufenthalt zu nehmen. Brater schreibt: Es kommt nun ein neues Projekt
in Betracht. Ich bin darauf aufmerksam gemacht worden, da Wiesbaden ein
auerordentlich mildes Klima habe und deshalb zum Winteraufenthalt
vorzglich zu empfehlen, auch im Winter nicht teuer sei. Ich habe heute
mit einem dortigen Freund gesprochen und ihn beauftragt, nach dem Preis
einer mblierten Wohnung zu fragen ... Kme dieser Plan zur Ausfhrung,
so mte man das Mobiliar in Mnchen stehen lassen und gleich die
Wohnung in Aschaffenburg kndigen. Ich mchte, da Du bald mit Lindwurm
und Hecker sprichst, ob sie Wert auf eine solche Maregel legen
wrden... Du siehst, da ich darauf bedacht bin, Dir fr Zerstreuung zu
sorgen, armer Teufel!

Dieses Projekt kam im Herbst 1862 zur Ausfhrung, die Familie zog nach
Wiesbaden und mietete in einem Gasthause fr den Winter einige mblierte
Zimmer. Brater, vollauf beschftigt mit Arbeiten, vermite weniger die
eigene Wirtschaft wie seine Frau. Nach dem ungewhnlich bewegten
Haushalt der Mnchner Jahre sah sie sich nun vollstndig zur Ruhe
gesetzt, denn da sie keine Kche zur Verfgung hatte, konnte sie nicht
selbst wirtschaften, das Essen wurde aufs Zimmer gebracht und es gehrte
viel Elastizitt dazu, sich pltzlich wieder in so ganz andere
Verhltnisse zu finden, auf einige kleine Zimmer angewiesen zu sein und
keinerlei Verkehr zu haben. Ich bin's nun schon ganz gewhnt, schrieb
sie nach den ersten Wochen, da, wenn bei uns angeklopft wird, niemand
anders als das Stubenmdchen erscheint. Den Kindern war das Neue an
dieser Lebensart und dem anderen Wohnsitz interessant, die heien
Quellen vor allem, deren eine auch durch die Wohnung geleitet war und
mit ihrem fast kochenden Wasser zu ihrer Verfgung stand, wenn sie das
Frhstcksgeschirr abzuwaschen hatten. Sie besuchten ein Institut und
fingen an, sich mit den Nassauischen Mdchen zu befreunden, als eine
schlimme Sache dazwischen kam und den kaum begonnenen Unterricht
unterbrach.

Anna, die schon acht oder vierzehn Tage ber Kopfweh geklagt hatte,
fragte eines Abends, als lngst die Lampe brannte, warum man denn nicht
endlich Licht mache, es sei doch so dunkel. Ein solches Wort mu wohl
auch eine tapfere Mutter mit Schrecken erfllen und so schnell als
mglich wurde ein Augenarzt zu Rate gezogen. Er fand eine schwere
Netzhautentzndung, welche die Sehkraft in hchste Gefahr brachte. In
spteren Jahren sprachen verschiedene Augenrzte ihre Verwunderung
darber aus, da die hochgradige Erkrankung geheilt werden konnte, und
es war dies offenbar dem energischen Eingreifen des vorzglichen
Augenarztes Pagenstecher zu verdanken. Er leitete sofort eine Behandlung
mit knstlichen Blutegeln, Blasenpflastern und Fontanellen ein, die
freilich sehr schmerzhaft war. Das arme Kind hatte viel zu leiden und
die Mutter litt mit ihm; sie hatte stets tiefes Mitleid mit allen denen,
die krperliche Schmerzen zu erdulden hatten, und es war rhrend und fr
ihre Kinder unendlich trstend, wie sie in solchen Fllen in einem
zrtlich liebkosenden Tone mit ihnen sprach, der ihr sonst fremd war und
um so tieferen Eindruck machte. Auch Schmerzensgeld und ser Lohn fr
bewiesene Tapferkeit spendete sie da und diese seltenen verwhnenden
Liebeszeichen warfen einen hellen Schimmer in dunkle Krankheitszeiten
und verbanden die Kinder aufs innigste mit ihrer Mutter.

Auch der Vater lie sich in diesen Zeiten fter herbei, sich mit der
Patientin zu unterhalten, und da er bei Anna ein warmes patriotisches
Interesse fand, gereichte es ihm selbst zur Freude. Whrend er sonst in
Briefen die Kinder hchstens kurz erwhnt, findet sich in einem solchen
aus Wiesbaden die Mitteilung eines Kindergesprches, das ihn selbst
berraschte und das wir als Zeichen fr die Atmosphre, in der die
Kinder aufwuchsen, hier anfhren. Brater schreibt am Schlu eines
geschftlichen Briefes an Rohmer:

Anna hat mich gestern an ihrem zwlften Geburtstag nicht wenig in
Verwunderung gesetzt durch einen Vortrag ber die deutsche Frage. Sie
setzte nmlich auseinander, da es mit den vielen Knigen nichts sei,
da aber auch der Kaiser von sterreich und der Knig von Preuen als
solche nicht ber Deutschland gesetzt werden drften, weil sie sich nur
fr ihre Hausmacht interessieren wrden, da man einen Kaiser brauche,
der mit seinen Herzgen ganz Deutschland regiere und da man eben suchen
msse, fr dieses Programm eine Mehrheit zu gewinnen, die dann mit
Waffengewalt die Minderheit zu Paaren treibe. Durch meine Zwischenfragen
herausgeholt, kam das alles in kindischen Ausdrcken ganz rund und nett
zum Vorschein.

Das erkrankte Auge fing an, sich zu bessern; in der Hoffnung, auch von
der schmerzhaften Behandlung bald befreit zu sein, sah die Patientin
frhlich dem nahen Weihnachtsfest entgegen, da warf sich die Krankheit
auf das andere Auge und gerade am Vorabend des Festes minderte sich
stndlich die Sehkraft des Auges. In groer Angst wurde der Augenarzt
herbeigerufen; die Kinder und mit ihnen die Eltern bangten vor dem zu
erwartenden Ausspruch, da Anna liegen msse und von einem Christbaum
mit Lichterglanz keine Rede sein knne. #Dr.# Pagenstecher kam und
untersuchte. Er fragte auch genau nach dem Kopfschmerz und allgemeinen
Empfinden. Die Patientin gab darber gnstigen Bescheid, allein es lag
fr den Arzt nahe zu denken, da die Furcht vor der schmerzhaften
Behandlung, die sie schon kannte, ihre Aussagen beeinflussen mchte.
Der Vater bemerkte dies Mitrauen und er, der vielleicht noch nie in
Gegenwart des Kindes diesem ein Lob ausgestellt hatte, sagte nun ruhig
und bestimmt: Wir knnen uns absolut auf ihre Gewissenhaftigkeit
verlassen. Die Freude der kleinen Leidenden ber dieses ehrenvolle
Zeugnis konnte kaum noch erhht werden durch die Genehmigung des Arztes,
da sie, mit blauer Brille bewaffnet, zur Bescheerung aufstehen drfe.
Freilich hatte sie noch ihre schmerzhaften Blasenpflaster und sah noch
die Dinge, die unter dem Christbaum lagen, in verkehrten Farben, aber
daran war sie nun schon gewhnt und die Freude war nach der
ausgestandenen Angst doppelt gro.

Die fernen Verwandten, die an jenem Weihnachtsfest an die Familie Brater
dachten, waren voll innigen Mitleids. Sie sagten sich: welch trauriges
Fest in der Fremde, ohne jegliches Behagen, die Sorge wegen des Mannes
Befinden, dazu das leidende Kind und die vermehrten Ausgaben. Dies war
alles richtig und dennoch standen die Viere glcklich und dankbar unter
dem Christbaum. In andern Familien waren vielleicht die Verhltnisse
gnstiger, aber ein einziger Miton konnte die Harmonie mehr stren als
es hier alle ueren Umstnde zu Wege brachten. Man darf sich immer zum
Trost sagen im Hinblick auf schwere Zeiten, die uns oder unsern Lieben
das Leben bringt, da es neben allem Unglck eine unerschpfliche
Mglichkeit des Glckes gibt: eine vorbergehende Besserung, eine
abziehende Sorge, ein freieres Aufatmen kann dem Menschenherzen so wohl
tun, da es im Augenblicke nur diese Guttat empfindet und nicht so sehr
zu bedauern ist, wie es sich die Phantasie ausmalt. Auch ist ja unserer
Menschennatur eine groe Fhigkeit der Gewhnung mitgegeben, die bald
erleichtert, was zuerst unertrglich schien.

Diese Gewhnung war es, die in diesem und den folgenden Jahren auch der
Familie Brater zu Hilfe kam. So war allmhlich der Husten und das
erschwerte Atmen bei Brater der normale Zustand geworden, an diesen
gewhnte man sich, war zufrieden, wenn nur keine Verschlimmerung
eintrat, war glcklich und hoffnungsfroh, wenn sich zeitweise eine
Besserung einstellte.

In einem Brief an ihre kranke Schwiegermutter, die nun mit den Tchtern
in Mnchen lebte, schildert Pauline das Wiesbadener Leben:

    _Liebe Mutter!_

    Es geht mir noch immer ab, da ich Dir diesmal keinen
    eigenhndigen Neujahrs- und Geburtstagsgru schicken konnte,
    gerade heuer, wo wir so viele gemeinsame Wnsche und Gebete mit
    ins neue Jahr hinbernehmen.... Die Berichte ber Dein Befinden,
    liebste Mutter, sind leider noch nicht so gut wie wir gehofft
    und so sehnlich gewnscht hatten, wie mu es Dir doch so schwer
    fallen, Dich immer so schonen zu mssen, und wie schwer fllt es
    besonders uns Entfernten, so garnichts zu Deiner Erleichterung
    beitragen zu knnen, wir knnen nur eines tun, liebe Mutter,
    nmlich uns an Deiner oft erprobten und bewhrten Geduld und
    Ergebung ein Beispiel nehmen, dann knnen wir auch getrosten
    Mutes wieder auf die besseren Tage hoffen.

    Bei Anna geht es stets vorwrts, wenn wir gleich noch mitten in
    einer schwierigen Kur drin stecken; bei dieser Gelegenheit habe
    ich mich zum erstenmal mit unserem hiesigen Aufenthalt
    ausgeshnt, wo wir einen so ausgezeichneten Augenarzt bei der
    Hand haben; wre das bel nicht gleich richtig erkannt und
    behandelt worden, so htte es schlimm gehen knnen; im brigen
    aber wchst unsere Sehnsucht nach Euch Lieben von Tag zu Tag,
    auch die Kinder sprechen eigentlich von gar nichts anderem mehr;
    wenn alles gesund ist, dann kann man schon eine Weile im Exil
    leben und Umgang sowie jede husliche Bequemlichkeit entbehren,
    wenn aber dann hier und dort nicht alles nach Wunsch geht, dann
    ist's einem oft, als mte man geradewegs davonlaufen. So war es
    mir in den letzten Tagen zumute. Ich habe eine widerwrtige
    Geschichte mit einem sogenannten Ais oder Ast durchgemacht .....
    und hatte doch keine Zeit zum Bettliegen, da es gerade zwei
    Kurtage fr Anna waren; ich hatte ganz entsetzliche Schmerzen
    mit dieser Albernheit und lag dann schlielich doch noch zwei
    Tage, um Umschlge zu machen. Karl bedauerte nur, da wir uns
    nicht mit unserer ganzen Umgebung photographieren lassen
    konnten: Anna im Bett hinter einem groen Lichtschirm, ich im
    Bett mit berschlgen beschftigt, Karl ber einem Trichter
    Dmpfe einatmend, dabei Agnes als Hausfrau und Pflegerin all
    dieser Patienten. Agnes hat sich brigens wacker
    durchgeschlagen, schn langsam und umstndlich ist ihr
    Losungswort, aber dabei ist sie doch sorgfltig und unverdrossen
    ...... Anna soll sich jeglicher Ttigkeit enthalten, ich darf
    ihr nicht einmal etwas auswendig lernen lassen, das ist schwer
    fr ein Kind, das kein Talent zum Miggehen hat und auch nicht
    leicht fr ihre Umgebung; trotzdem sind wir alle vergngt und
    dankbar und ich freue mich besonders, bis Du Karl wiedersiehst,
    ich glaube, man kann ihn jetzt fast ganz gesund nennen.

Freundlich bezeugte auch Wilbrandt der kleinen Patientin seine
Teilnahme. Er war in diesem Winter als Mitglied des Nationalvereins in
Frankfurt, kam von dort zu geschftlicher Besprechung mit Brater nach
Wiesbaden, traf Anna an ihrem zwlften Geburtstag in der peinlichen Kur
ihrer Augen und beglckte sie, indem er auf eben diese Augen das
folgende Gedichtchen machte:

    _Zum 12. Geburtstag._

    Liebe, viel geprfte Sterne
    Lat von diesem frohen Tage
    Eure Herrin ohne Klage
    In ein lieblich Leben sehen.
    Leitet sie getreu und gerne
    ber Tler, ber Hhn!
    Lehrt sie alle Nh' und Ferne
    Und der Erde Herrlichkeiten
    Und ihr Glck und ihre Leiden
    Liebreich ohne Schmerz verstehn.

Im Februar kam aus Erlangen eine Nachricht, die Pauline schmerzlich
ergriff und auf ihr ferneres Leben von groem Einflu sein sollte: Ihr
Bruder Hans hatte seine junge Gattin verloren. Elf Jahre hatten die
Liebenden sich nach ihrer Verbindung gesehnt und kaum sechs Jahre des
Zusammenlebens waren ihnen beschieden. Ganz fassungslos stand der Witwer
mit vier kleinen Kindern da. Obwohl Anna noch der Pflege bedurfte,
reiste Pauline doch nach Erlangen, um dem Bruder zu Hilfe zu kommen,
dessen Nerven so erschttert waren, da er, von rasendem Kopfschmerz
gepeinigt, von Halluzinationen heimgesucht, sich nicht zurechtfinden
konnte in seiner traurigen Lage. Zu dem krperlichen und gemtlichen
Schmerze kam noch das Gefhl, da seine Kinder und sein Hauswesen so
nicht weiter bestehen konnten. Schon whrend der Krankheit seiner Frau --
Typhus war es gewesen -- hatten die Dienstmdchen, denen das Hauswesen
berlassen war, dieses schnde vernachlssigt und es war ein trostloser
Zustand, in dem Pauline das Haus und die vier mutterlosen Kleinen
vorfand, deren ltestes erst vier Jahre zhlte. Als sie im Mrz
notgedrungen wieder zu den Ihrigen zurckkehrte, verlie sie den der
Verzweiflung nahen Bruder mit dem Trost, nach Schlu des Wiesbadener
Aufenthalts, wenn die rzte es irgend erlauben wrden, mit Mann und Kind
zu ihm zu kommen und sein Hauswesen in geordneten Gang zu bringen.
Brater, voll Teilnahme fr den Schwager erklrte sich gern bereit dazu,
und als im Frhjahr die Neuwahlen zum Landtag ihn nach Nrnberg riefen,
wurde der Wiesbadener Haushalt abgebrochen und die Familie zog nach
Erlangen. Dort war inzwischen alles drunter und drber gegangen, durch
schlechte Mgdewirtschaft war vieles veruntreut und verwahrlost worden,
den Kindern fehlte alles, was sie brauchten, Pauline wute kaum, wo sie
zuerst anfangen sollte. Zunchst wurde die treulose Magd entlassen, von
der die Nachbarschaft schon lngst wute, da sie jeden Abend einen
vollen Korb aus dem Haus getragen und einen leeren wieder zurckgebracht
hatte. Und nun begann in dem Haus ein Rumen, das fast endlos schien. Es
ist kaum zu glauben, wie in wenig Monaten ein Haushalt herunterkommen
kann, wenn niemand da ist, der fr die Ordnung sorgt. Unter die Schrnke
und Betten hatten die Mgde die Sachen geschoben, die ihnen im Wege
lagen, alle Schlssel der Mbel waren verloren, Zerbrochenes,
Zerrissenes war in die Winkel geschoben oder in den Hof geworfen, und
von den Weizeugvorrten, welche die junge Frau als Aussteuer
mitgebracht hatte, war nirgends mehr ein halbes Dutzend beisammen.

Die Bcher, die dem Mathematikprofessor von den Buchhandlungen zur
Ansicht geschickt wurden, lagen packweise auf dem Stubenboden, wo Besen
und Scheuerlumpen sie in einen solchen Zustand versetzt hatten, da sie
nimmer zurckgegeben werden konnten und hohe Buchhndlersrechnungen
angewachsen waren.

Nach dem stillen Winter in den Wiesbadener Zimmern sah sich Frau Brater
pltzlich in ein vom Keller bis zum Bodenraum ungeordnetes Haus mit Hof
und Garten versetzt, hatte statt zweier Kinder sechs zu versorgen und
sollte zwei Herren zugleich dienen. Aber das tiefe Mitleid mit dem
krperlich und seelisch leidenden Bruder und die Liebe zu der kleinen
mutterlosen Schar half ihr ber alle Schwierigkeiten hinweg; die beiden
Mnner waren ja treue Freunde, einander von Jugend auf zugetan, und
jeder nahm gerne Rcksicht auf den andern, die groen und die kleinen
Kinder freuten sich aneinander, und wenn auch die Kraft der Hausfrau
aufs uerste in Anspruch genommen wurde, es ging doch und allmhlich
hatte sie die Befriedigung, einen menschenwrdigen Zustand im Hause
geschaffen zu haben. Die Kleinen hingen bald mit Liebe an der Tante und
ihr Vater erholte sich allmhlich von dem Schlag, der ihn so tief
erschttert hatte.

In dieses Frhjahr fiel eine besonders lebhafte politische Ttigkeit fr
Brater. Er war oft zu lngerem Aufenthalt in Nrnberg. Nicht nur um
seine eigene Wiederwahl in den neuen Landtag handelte es sich dort,
diese war bald gesichert, aber der kleine Kreis von Freunden, der sich
im Laufe der letzten Jahre gesammelt hatte, fhlte sich jetzt stark
genug, um eine eigene Partei zu grnden, und es galt nun, in allen
Teilen Bayerns Gesinnungsgenossen aufzufordern und sie zu gewinnen fr
ein gemeinsames Programm, dessen Hauptgedanke war: ein einiges
Deutschland unter der Fhrung Preuens. Wie rhrig Brater an der Arbeit
war, geht aus seinen Nrnberger Briefen hervor, denn auch im rgsten
Trubel lie er doch seine Frau nicht ohne Nachricht und es ist rhrend
zu sehen, wie bei ihm jede persnliche Rcksicht, nur allein die auf
seine Frau nicht zurckstehen mute hinter den Angelegenheiten des
Vaterlandes. Er hatte sich in Nrnberg im Hotel Schulthe eingemietet
und in seinem Hotelzimmer liefen alle Fden zusammen, welche die
Grndung der Fortschrittspartei in Bayern zur Folge hatten. Er
schreibt von dort:

    _Liebster Schatz!_

    Mein Zimmer hat sich in ein Bureau verwandelt und unter dem
    Geplauder der Leute mu ich schreiben. ... Du mut Dir
    vorstellen, da ich diesen Brief nach je drei Zeilen
    unterbreche, um ber diesen oder jenen von den sechzig andern
    Briefen, die in der Stube expediert werden, Aufschlu zu geben.
    Bei der gestrigen Beratung ist die Wahlsache in Ordnung
    gekommen, Barth und Vlk sind beigetreten. Das Programm hast Du
    bereits in der Zeitung gelesen. Den von Barth und mir
    zusammengewrfelten Aufruf, der erst noch weitere Unterschriften
    erhalten mu, lege ich Dir bei. Die Sache ist gut im Zug und ich
    _mu hier bleiben_.... Die hiesige Partei ist fest fr mich,
    aber ebenso fest die Gegenpartei, die den sehr vernnftigen Satz
    aufstellt, sie msse einen Nrnberger haben.... Auf baldiges
    Wiedersehen! Von Herzen

                                                         Dein K.

Gelegentlich kommt auch eine Mitteilung ber sein Befinden. Varrentrapp
(ein politischer Freund und zugleich Arzt) war zufrieden, hat sich aber
fr die Wiederholung der Dnne-Luft-Kur entschieden erklrt. Es fragt
sich nur, ob dieses System nicht am Ende doch grundverkehrt ist, denn
nachdem ich gestern sechs Stunden in der _dicksten_ Luft, die zu haben
ist, zugebracht hatte, blieb beim Niederlegen der Husten vollstndig
aus, so da ich beinahe beunruhigt war. Doch hat er sich diesen Morgen,
obwohl ohne alle Steigerung, wieder eingestellt. Lebe wohl, mein Schatz,
und gre die Kinder. Ein hiesiger Verehrer, Firma Forster, hat mir
etliche Baseler Lebkuchen ins Zimmer gelegt, die ganz appetitlich
aussehen und Euch schmecken werden.

In einem anderen Brief uerte Brater: Manches was notwendig geschehen
sollte, geschhe nicht, wenn _er_ es nicht tue, aus dem einfachen
Grunde, weil andere die Politik nur als Nebenbeschftigung betrieben
und deshalb zu wenig Zeit zur Verfgung htten, er sei der einzige, der
sie zum eigentlichen Lebensberuf habe. Ich habe in den letzten vierzehn
Tagen zehn Leitartikel fr die Sddeutsche geschrieben berichtet er.

Mitten in diesem Trubel erhielt er die telegraphische Nachricht von
einer bedenklichen Verschlimmerung im Befinden seiner Mutter. Er war
schwankend, ob er zu ihr eilen oder in der Arbeit bleiben solle und
fragte wiederum telegraphisch bei den Schwestern an, ob die Mutter nach
ihm verlange. Die Antwort mu wohl bejahend gelautet haben, denn er
entschlo sich rasch zu einer Reise nach Mnchen und wenn er auch nur
ganz kurz dort verweilen konnte, so war es ihm doch, wie er schreibt,
eine Wohltat, ihr noch einmal ins Auge gesehen zu haben und den Eindruck
ihrer gottergebenen Fassung und ihren mtterlichen Segen mit fort zu
nehmen. Acht Tage spter bekam er die Todesnachricht.

Die Wahlen gingen vorber und der schne Erfolg, da mancher
Gesinnungsgenosse in die Kammer kam, lohnte die groen Anstrengungen.
Fr sich persnlich hatte Brater in der Zukunft keinerlei Wahlagitation
mehr ntig, denn als er einige Jahre spter, schon schwer leidend, bei
den Neuwahlen sich anschickte, wieder die gewohnten Wahlversammlungen in
Nrnberg zu halten, erhielt er von dort den Bescheid: er mchte sich
nicht bemhen, seine Wahl sei gesichert, ohne da es auch nur eines
Wortes bedrfe, ihren Brater lieen sich die Nrnberger nicht nehmen.

Der Sommer 1863 brachte ein ruhigeres Zusammenleben in Erlangen, in der
Gartenlaube sitzend geno die erweiterte Familie die warmen
Sommerabende und Pauline wre herzlich froh gewesen, htte sie nun auch
fr lnger den geordneten Zustand genieen drfen, den sie geschaffen
hatte. Aber unvermutet schnell wurde der neue Landtag einberufen, und
ihren Mann allein nach Mnchen ziehen zu lassen, wie es ja allerdings
das Los der meisten Abgeordneten war, das brachte sie nicht bers Herz,
und es wre ja auch fr sie selbst ein stetes Entbehren gewesen. So hie
es denn wieder: abbrechen, einpacken. Unstet und flchtig mu ich sein
und habe doch keinen Abel erschlagen, schreibt sie an Bekannte und mit
schwerem Herzen verlie sie den Bruder, die Kinderchen, die sich an sie
schon wie an eine Mutter gewhnt hatten und die auch ihrer groen Kinder
Freude geworden waren. Da gar nicht vorauszusehen war, ob der Landtag
Wochen oder Monate beisammen bleiben wrde, so wurde einstweilen nur
eine kleine mblierte Wohnung gemietet und die Kinder bei den Tanten
Brater untergebracht. In solchem einstweilen liegt viel Unbehagen und
Frau Brater seufzte in jener Zeit so manchmal: Ich mchte nur einmal
wieder mit all unserm Hab und Gut vereinigt sein. Sie schreibt an Lina
Sartorius geb. Rohmer:

Wir sind inzwischen nach Mnchen bersiedelt, nachdem ich endlich noch
fr meines Bruders Haushalt eine zuverlssige Person gefunden habe; der
Abschied von meinem Bruder, der in jeder Beziehung noch sehr leidend
ist, wurde mir sehr schwer, auch kann ich nicht leugnen, da ich das
ewige Wandern auch genug htte; jetzt wohnen wir hier in der
Schommergasse, die Kinder sind bei meinen Schwgerinnen in Kost, Logis
und Unterricht und auch wir essen dort zu Mittag; leider ist die
Entfernung sehr gro, was mir wegen des Verkehrs mit den Kindern
besonders unlieb ist. Es war aber ein groes Glck fr die beiden
heranwachsenden Mdchen, da diese Tanten bereit waren, jetzt und auch
spter wieder die Lcken im Unterricht auszufllen, die sich bei solchem
Wanderleben notgedrungen ergeben muten.

Im Hochsommer durften sie mit ihren Tanten aufs Land und als Brater fr
ein paar Tage zu einer Abgeordnetenversammlung nach Frankfurt mute,
bentzte seine Frau diese Zeit zu einem Besuch in Egern, wo ihre
Freundin Luise Hecker weilte, von dort schreibt sie: Mir weckt dieser
Aufenthalt hier Erinnerungen aus einer scheinbar _lngst_ vergangenen
Zeit, ich sah es nimmer dieses Egern, seit ich mit meiner
sechswchentlichen Agnes damals meinen Einzug als eine ganz junge,
sorglose Frau gehalten hatte, und wohne zufllig auch jetzt wieder beim
'Gassenschuster' ... Wir fhren hier ein rechtes Freundschaftsleben und
sind vergngt, obwohl ich mir immer einiges Heimweh nach Mann und
Kindern vorbehalte, man wird in diesem Stck von Jahr zu Jahr rger, und
so oft ich mich noch von meinem Mann trennte, nahm ich mir fest vor, da
dieses gewi das letzte Mal sei, wenigstens so weit es von mir abhngt.

Oft genug hing es in den nchsten Jahren nicht von ihr ab und schon in
diesem Herbst ergab sich eine lngere Trennung. Sobald es der Schlu des
Landtags ermglichte, reiste Brater in Angelegenheiten der Sddeutschen
Zeitung, sowie in Sachen des Nationalvereins nach Frankfurt, Eisenach,
Gttingen und Leipzig und mndete dann nach Erlangen. Dort hatte Bruder
Hans schon sehnlich die Wiederherstellung des gemeinsamen Haushalts
erwartet und Pauline rstete sich, den Mnchner Hausstand aufzulsen, da
wurde sie mitten im Packen von einer Krankheit ergriffen, die sich als
eine Gehirnhautentzndung herausstellte. Von den Schwgerinnen Julie und
Luise freundlich gepflegt, lag sie in groen Schmerzen und dabei in dem
unbehaglichen Bewutsein, da sie in Erlangen schwer entbehrt wurde.
Wochen vergingen, bis sie nur so weit war, den Kopf wieder frei heben zu
knnen.




IX.

1863-1866


Der Winter des Jahres 1863 nahte und brachte ein politisches Ereignis,
das wieder auf das Leben der Familie einwirken sollte: den Tod des
Knigs von Dnemark, das Erlschen seiner Linie und infolgedessen den
schleswig-holsteinschen Krieg. Die deutsche Begeisterung flammte hoch
auf fr Befreiung der Herzogtmer vom dnischen Joch und fr Anerkennung
des Herzogs Friedrich von Augustenburg. Es wurden viele Versammlungen
gehalten und fr den Politiker von Fach war ein unruhiger Winter zu
erwarten, vielleicht auch wieder ein mehrfacher Wechsel des Aufenthalts.
Im Hinblick darauf machten die beiden Schwgerinnen, noch whrend
Pauline bei ihnen krank lag, den Vorschlag, die Kinder ber den Winter
in Mnchen zu behalten, damit sie nicht wieder aus dem Studium der
franzsischen Sprache, das ernstlich betrieben wurde, herausgerissen
wrden. Dankbar nahmen die Eltern das Anerbieten an.

Endlich war Frau Brater so weit hergestellt, um die Reise nach Erlangen
wagen zu knnen, und kaum wieder bei Krften, machte sie sich daran
einzupacken -- worin sie bereits eine groe Fertigkeit hatte --, um
endlich ihrem Manne nach Erlangen nachzukommen. Zum ersten Male lie sie
fr lngere Zeit die Kinder zurck und es fiel ihr, die sich noch
geschwcht fhlte, der Abschied schwer. Aber in Erlangen war sie gar
sehnlich erwartet worden von den beiden Mnnern, denen sie husliches
Behagen bringen sollte, auch die Haushlterin, der es nicht leicht fiel,
mit dem Haushaltungsgeld auszukommen und mit der Erziehung der greren
Kinder fertig zu werden, hoffte auf ihre Untersttzung und die Kinder
folgten ihr auf Schritt und Tritt, wenn sie ordnend und einrichtend
durchs Haus ging. Whrend ihr Mann in politischen Geschften
vorbergehend nach Frankfurt reiste, richtete sie fr ihn ein
behagliches Arbeitszimmer ein und freute sich, ihm bei seiner Rckkehr,
die fr den heiligen Abend zu erwarten war, das vernderte und nun
gemtlich aussehende Winterquartier zu zeigen. Er kam auch eben noch zur
rechten Zeit, um mit ihr und der Familie Pfaff den heiligen Abend zu
feiern, nur zeigte er nicht die eingehende Teilnahme fr die
Einrichtung, wie sie erwartet hatte, und war schweigsamer als sonst. Am
nchsten Morgen sollte sie erfahren warum, er hatte nicht die Freude des
Wiedersehens, die Feier des heiligen Abends verderben wollen, aber nun
konnte er ihr nimmer verhehlen, da ihre Hoffnung, den Winter in
Erlangen zuzubringen, nicht in Erfllung gehen sollte: zu Neujahr muten
sie bersiedeln nach Frankfurt.

Brater war zum geschftsfhrenden Mitglied des Zentralausschusses fr die
schleswig-holsteinischen Angelegenheiten ernannt, der in Frankfurt seinen
Sitz hatte. Es war ja begreiflich, da man sich wieder an ihn, den
Politiker von Fach, wandte, und es galt allen fr selbstverstndlich, da
er sich einer solch nationalen Sache nicht entziehen wrde, allen, auch
Frau Brater. Aber im ersten Augenblick erschien es ihr doch unmglich,
schon wieder abzubrechen! Und wie wenig Zeit blieb zur Beratung! Schon
auf 31. Dezember war eine Versammlung von 500 Abgeordneten deutscher
Stndeversammlungen nach Frankfurt einberufen und alle Gedanken ihres
Mannes waren durch diese Angelegenheit in Anspruch genommen. Er reiste
voraus, sie richtete in mglichster Eile alles, um ihm zu folgen, der
schon ungeduldig schrieb: Htte ich Dich nur schon morgen hier zur
gemeinschaftlichen Silvesterabend- und Silvesternacht-Feier. Am 2.
knntest Du wohl reisen? Und am 1. Januar schrieb er:

    _Liebster Schatz!_

    Die Silvesternacht habe ich in unserem neuen Hauptquartier
    zugebracht -- freilich in tiefer Einsamkeit. Ich erwarte nun
    stndlich die Nachricht von Deinem baldigen Eintreffen und
    rechne darauf, da Du nicht lange mehr zgern wirst. Du bekommst
    ein behagliches kleines Wohnzimmer, weniger bequem ist die
    Schlafgelegenheit bestellt. Das Bettzeug wirst Du mitbringen
    mssen. Eine vollstndige, aber rattenkahle Kche steht zu
    Deiner Verfgung. Da es mglich ist -- obwohl die preuische
    Regierung den Senat schon bedrngt hat, unserem Dasein ein Ende
    zu machen -- da wir manchen Monat hier zubringen, so solltest Du
    es Dich nicht gereuen lassen, nachtrglich einige Kleinigkeiten
    einzupacken, die ein Zimmer beleben und verzieren, wenn sie auch
    nicht zu den Notwendigkeiten gehren. Nur von Schreibmaterialien
    bitte ich ja nichts hierher zu schleppen, da wir durch eine
    Kollekte bei den Schreibmaterialisten in diesem Fach reich
    ausgestattet sind.

Als sie auf diese Briefe hin in mglichster Eile alles zur Abreise
gerichtet hatte, kam wieder ein Brief, der ihr Halt gebot.

    Heute traf die Einladung der holsteinischen Regierung zu einer
    Besprechung in Kiel ein.... Es ist rgerlich genug, doch trste
    ich mich einigermaen damit, da bis dahin fr Deine Reise
    vielleicht besseres Wetter eingetreten ist. Schone Dich nur auf
    alle Art....

    Fr meine Verpackung ist gut gesorgt: ich bin mit einer
    vollstndigen Pelzhose und Rock versehen. Gestern sind auch
    unsere finanziellen Angelegenheiten in Ordnung gebracht worden:
    vierteljhrlich 500 Taler mit freier Wohnung, Heizung und
    Beleuchtung. Der Zeitungsausschu weigert sich, mir meinen
    Gehaltsbezug einzustellen und berlt es mir, dagegen nach
    Belieben Aktien zu nehmen. Jedenfalls ist auf diese Art
    anstndig gesorgt.

    Nimm dich zusammen, mein Schatz, und lasse Dich nicht von Deinen
    melancholischen Anwandlungen berwltigen; bringe auch, wenn Du
    Platz hast, ein Kopfkissen mit zur Ergnzung einer etwas
    unzulnglichen Bettdecke.... Auf endliches Wiedersehen

                                                     Dein Karl.

(Nachschrift). Die Beischaffung eines zweiten Bettes, das man ebenfalls
gratis liefern wollte,[7] macht, wie mir heute berichtet wird,
unerwartete Schwierigkeiten. Da Du nun Mue hast zu packen, so wre wohl
das Zweckmigste, eines von unsern eigenen mitzubringen.... Von dem
brigen Gepck habe ich noch nichts und bin hinsichtlich der Wsche
nicht bel in Verlegenheit. Heute lasse ich noch am Bahnhof fragen.

    [Funote 7: Dies geschah alles aus Begeisterung fr die
    schleswig-holsteinische Sache.]

Diese hauswirtschaftlichen Bemerkungen werfen ein Licht auf die vielen
kleinen Opfer, die ein solches Wanderleben mit sich brachte, und jede
Hausfrau kann sich vorstellen, da Pauline eine geringe Freude hatte,
als sie nach mglichst beschleunigten Reisevorbereitungen den Termin
wieder verndert sah und das verlangte Bett nachschicken mute. Sie
schrieb in jenen Tagen an Lina Sartorius:

    _Liebe Lina!_

    Eigentlich wollte ich Dir erst aus Frankfurt schreiben, da aber
    meine Abreise dorthin unvermutet im letzten Augenblick noch um
    einige Tage verschoben wurde, so will ich den heutigen freien
    Sonntag doch noch schnell in dieser Weise verwenden und freue
    mich, endlich einmal wieder mit Dir ein wenig plaudern zu
    knnen, auch fr Deinen letzten Brief schnen Dank zu sagen; ein
    teilnehmendes Wort war bei mir, seit ich hier bin, wirklich
    recht angewendet, es war mir eine schwere Zeit ohne meine
    Kinder, auch fast immer von meinem Mann getrennt, mit dem
    mhevollen Geschft des Einrichtens und nach allen Seiten hin im
    Haus in Anspruch genommen, wo es eben wieder an allem und allem
    fehlte. Ich war wirklich bis Weihnachten stets in einer wahren
    Hetze, den Haushalt meines Bruders wieder aufs Laufende und
    unsere Einrichtung in Ordnung zu bringen, und wie hatte ich mich
    gefreut, dann endlich einmal in Ruhe und zu dem Gefhl einer
    Heimat und geordneten Huslichkeit zu kommen, da brachte mir
    mein Mann am heiligen Weihnachtsabend aus Frankfurt die
    Nachricht mit, da wir nun frs erste dorthin bersiedeln
    mssen. Ich versichere Dir, es schien mir im ersten Augenblick
    fast unmglich, mich wieder hier loszureien und meinen Bruder
    abermals zu verlassen.

Whrend sie so schrieb, war Brater auf der Reise nach Kiel und schrieb
ihr von Altona: In Erwartung einiger Personen, denen ich hier
Rendezvous gegeben habe, finde ich Zeit, diesen Brief anzufangen, der
morgen von Kiel an Dich abgehen soll.

Wir sind also hier auf schleswig-holsteinischem Boden, das kleine Hotel
mit der Inschrift: Deutsche Bundeskommission und dem sogenannten
Reichsadler befindet sich in nchster Nhe, die schsischen und
hannoverischen Exekutionssoldaten marschieren durch die Gassen und lsen
ihre Wachtposten ab.

Die gestrige Reise von Frankfurt nach Hamburg verlief dank dem mildern
Wetter und den trefflichen Pelzen Varrentrapps ganz gut. Von Harburg am
linken Elbufer hat man noch anderhalb Stunden bis Hamburg in einem
vollgestopften Omnibus zu fahren, der zweimal mit Dampffhre ber zwei
Elbarme gesetzt wird. Wenn aber das Treibeis zu stark geht, hrt diese
Verbindung ganz auf und man geniet das Vergngen, tagelang auf
gnstigeres Wetter in Harburg zu warten.

Kiel, Freitag frh. Gestern abend sind wir (ich spreche von Kolb und
mir, Husser, welcher der dritte sein sollte, ist unwohl geworden) hier
angekommen und haben von neun bis zwlf unsere erste Besprechung mit den
Herrn S. und F. gehabt, die sich heute fortsetzen wird. Das Kurze und
Lange ist, da der Herzog geduldig still halten will bis beim Bundestag
die Anerkennungsfrage erledigt wird, worber voraussichtlich manche
Woche verstreicht. Manches einzelne, was besonders Hans interessieren
wrde, knnte ich beisetzen, wenn die Zeit dazu wre. Allein die fehlt
gnzlich und es war nur darauf abgesehen, Dir aus dieser grern
Entfernung ein Lebenszeichen zu geben.

Gleich nach der Rckkehr ihres Mannes fand sich auch Pauline in
Frankfurt ein. Einige Briefe schildern uns das dortige Leben. Mitte
Januar schreibt sie an Ernst Rohmer:

In meiner bersiedelung nach Frankfurt liegt der Grund meines
verspteten Schreibens und auch Karl hat hier so viel zu tun, da er zu
wenig Auergeschftlichem kommen wird, Du weit ja, was er fr ein
Whler ist, und hier ist er ja noch dazu Whler von Profession. Wie
mte Dir sehaften Mann mit Deinen acht Kindern so ein Vagabundenleben
vorkommen wie wir es fhren! Mein Geschmack ist es indes auch nicht,
besonders nicht wegen derer, die ich zurcklie; ich war in
Verzweiflung, aber was half es! Hier fhren wir nun wieder eine
originelle Wirtschaft, wir bewohnen ein gromchtiges leerstehendes Haus
(gratis), haben zirka vierzig Zimmer zur Verfgung, Kchen, Keller,
Bden etc. und knnen uns mit diesem berflu zu trsten suchen, fr das
was wir an innerer Einrichtung entbehren, ja wir knnen jedem Tisch und
Stuhl ein eigenes Zimmer, und jedem Haferl und jedem Schsserl seine
eigene Kche anweisen, aber schlielich bleibt es doch nur so eine
Zigeunerwirtschaft. Durch Wilbrandts Anwesenheit ist unser Aufenthalt
hier bedeutend angenehmer geworden, und mir ist es schon ein wahrer
Trost, noch eine befreundete Menschenseele im Hause zu wissen; brigens
wohnen wir hbsch und ganz Frankfurt gefllt mir, auch das Leben ist
unter den jetzigen Umstnden natrlich sehr interessant, mchte es nur
zu einem guten Ziele fhren.

In dem groen stillen Gebude, das zum Abbruch bestimmt und deshalb
schon von den Mietsleuten verlassen war, vermite Frau Brater oft
schmerzlich die Kinder, aber sie schreibt ihnen: Da dies alles dem
Herzog zuliebe geschieht, so mu man eben zufrieden damit sein; der
Vater ist auch schon recht gut Freund mit ihm geworden und hat erst in
der vorigen Woche bei ihm zu Mittag gegessen, es waren mehrere geputzte
in Frack und Uniform und Orden gekleidete Herren dabei und der Vater
hatte nur einen alten Reiserock an, das mu recht schn ausgesehen
haben. -- Es war der erste briefliche Verkehr mit ihren Kindern und doch
schon ein kleiner Ersatz fr den persnlichen, da die beiden Mdchen nun
ber das Alter der nichtssagenden Kinderbriefe hinaus waren und auch
Worte fanden, um ihre Empfindungen auszusprechen. Die Mutter verstand es
gut, durch ihre Briefe die Kinder zum Aussprechen anzuregen und manches
hervorzulocken, was sie vielleicht bei mndlichem Verkehr in
Befangenheit unterdrckt htten. An Anna schreibt sie zu deren
dreizehnten Geburtstag:

    _Liebe Anna!_

    Dies ist also der erste Geburtstag, den wir nicht miteinander
    feiern, aber ich denke, Du wirst deshalb doch ebenso vergngt
    sein und weit auch, da unsere guten Wnsche und unser treues
    Andenken sich durch so einige elende Bahnstunden nicht abhalten
    lassen, zu Dir zu kommen, sondern wir werden den Tag in Gedanken
    mit Dir feiern und wenn Ihr recht acht gebt, so ist mir's fast,
    als mtet Ihr spren, wie oft wir einen Besuch bei Euch, Ihr
    lieben Kinder, abstatten. Du wirst Dir fr dieses neue
    Lebensjahr gewi wieder manchen guten Vorsatz gefat haben oder
    es wenigstens tun, wenn man Dich daran erinnert, denn man mu
    immer und unermdlich wieder von neuem anfangen, an sich zu
    arbeiten, es ist gar schwer, sich etwas abzugewhnen, besonders
    wenn man es nun einmal wie Du schon dreizehn Jahre mit sich
    herumgetragen hat; nicht wahr, Du hast es schon erfahren, wie
    man achtgeben mu, um seinen guten Vorstzen nicht untreu zu
    werden? --

    Ich bin gar begierig, liebe Kinder, wenn wir wieder beisammen
    sein werden, ob ich mich ber Eure Fortschritte freuen kann.

    Die Geschenke, die Du diesmal von uns erhltst, zeichnen sich
    mehr durch ihre Ntzlichkeit als durch Schnheit aus, ein paar
    alte Rcke, ein paar Hemden etc. Indes ist der weie Unterrock
    doch noch sehr schn und wenn er nicht aus meinem Besitz
    stammte, so httest Du wohl kaum einen so schnen bekommen. Am
    Reifrock hast Du oben am Bund die Fltchen nach Bedarf noch fest
    zu nhe..... Deine Geburtstagswnsche hast Du wohl bedacht
    _auen_ auf den Brief geschrieben, wohl in der Meinung, da,
    wenn die Eltern Dir dieselben nicht erfllen, irgend ein Thurn-
    und Taxisischer Postbeamter Erbarmen haben solle, statt dessen
    hat Herr Wilbrandt Deinen Herzogswunsch beherzigt und schickt
    Dir nun die Photographie (des Herzogs) mitsamt dem netten
    Rhmchen und vielen schnen Glckwnschen, ich habe ihm aber
    gesagt, es sei schrecklich, wie er meine Kinder verwhne. Die
    kleine Broschre, die Dir der Vater schickt, hat Herr W. im
    Auftrag vom Vater geschrieben, ich denke, Ihr werdet sie gut
    verstehen und dann die schleswig-holsteinische Sache erst recht
    gut begreifen; ich lege noch einige Exemplare bei, die Du den
    Bekannten bringen kannst, gegen Bezahlung natrlich, denn es
    geht ja in die schleswig-holsteinische Kasse. Es kostet
    dreieinhalb Kreuzer, man darf Dir aber auch sechs dafr geben.
    Von diesem Schriftchen sind nun bereits zwanzigtausend Exemplare
    auf Bestellung verschickt und ungefhr weitere zwanzigtausend
    bestellt. Wie viel das aber Mhe und Kopfzerbrechen gekostet
    hat, die Sache so zu verbreiten, das sieht ihr kein Mensch an,
    und viel Geld an Porto ist hineingesteckt worden, wenn nur
    dadurch die Herzen zum Guten gelenkt werden. Manche Tage geht es
    bei uns von frh bis abends geschftig her, so da kein
    Fertigwerden ist, und wenn Ihr hier wret, mtet Ihr wohl auch
    oft fest am Schreibtisch sitzen, nicht gerade zum Schreiben,
    aber z. B. es mssen so schnell als mglich
    eintausendfnfhundert Stck gedruckte Briefe je einzeln mit
    Kreuzband, Marke und Adresse versehen werden, wie lang meint
    Ihr, da daran drei Menschen (der Schreiber, der Auslaufer und
    im Notfall ich) zu tun haben? Man braucht schon eine Zeit, nur
    um die Kreuzermarken zu schneiden. Derartige Arbeit hat uns die
    kleine Schrift viel gemacht und so geht es die ganze Zeit her,
    bald mit diesem, bald mit jenem.....

Einen scherzhaften Glckwunsch, den Brater zum gleichen Geburtstag
schrieb, mchten wir anfhren, zum Zeichen wie weit entfernt im Jahre
1864 auch die Optimisten unter den Deutschen noch davon waren, die
Einigung ihres Vaterlandes nahe zu whnen. Brater schreibt seinen
Glckwunsch auf ein gedrucktes Formular, das fr Mitteilungen der
geschftsleitenden Kommission der schleswig-holsteinischen Sache
bestimmt war, und redet als deren Geschftsfhrer seine Tochter an. Nach
feierlicher Einleitung kommt folgender Glckwunsch: Mgen Sie
wohlbehalten _so viele Jahre_ erleben, als von heute an bis zu dem
gesegneten Tag verstreichen werden, wo unser deutsches Vaterland unter
_einen_ Hut gebracht und seinem groen Elend ein Ende gemacht ist. Mge
Ihnen die lange Zwischenzeit durch eine frohe und fromme Jugend und
durch ein _heiteres Alter_ verschnert werden. Mgen Sie Ihren wrdigen
Eltern und unvergleichlichen Tanten allezeit zur Ehre und Freude
gereichen sowie auch durch einen friedfertigen und eintrchtigen Verkehr
mit jngeren Geschwistern den letzten Wunsch erfllen, welchen sich mit
geziemender Hochachtung anzudeuten erlaubt haben.

Namens der geschftsleitenden Kommission:

Der Vorsitzende       Der Geschftsfhrer
  verhindert                Brater.

Der Geschftsfhrer ahnte nicht, da er damit der Geburtstrgerin nur
noch sechs glckliche Jahre wnschte!

Fr Brater ergaben sich mancherlei Geschftsreisen in diesem Frhjahr
und oft wurde es fr die zurckbleibende Gattin fast unheimlich in dem
verlassenen Haus. Sie erzhlte spter manchmal, da sie mit einem
gewissen Unbehagen an den vielen verschlossenen Tren vorbei die stillen
Treppen hinaufgegangen sei. Unter diesen Umstnden war es fr sie eine
doppelte Freude, als sich Wilbrandt bereit erklrte, nach Frankfurt zu
kommen und sich an den Arbeiten zu beteiligen. Freilich beschftigte ihn
schon damals sein groer erster Roman und man sah es voraus, da der
Dichter in ihm bald den Juristen und Politiker in den Hintergrund
drngen wrde. Aber doch lieh er seine Kraft und seine gewandte Feder
der Arbeit, die berdies nichts weniger als trocken politisch war, da
sie mit Begeisterung aufgefat wurde. Die gemeinsamen Mnchner
Erinnerungen und Beziehungen verbanden in dem ihnen fremden Frankfurt
Wilbrandt noch nher mit der Familie Brater und der sich entwickelnde,
mit seinem Talent ringende junge Dichter sprach sich vertrauensvoll aus
gegenber der zehn Jahre lteren Frau, lie sich in dsteren Stimmungen
gern von ihr erheitern und brachte ihr dagegen in manche einsame Stunde
geistige Anregung. -- Aus dieser Frankfurter Zeit datiert auch die
Freundschaft mit der Familie Nagel. Als Mitarbeiter an der Sddeutschen
Zeitung und politischer Gesinnungsgenosse wurde Nagel von Brater
hochgeschtzt und die Beziehungen zu diesem Mann gewannen in spteren
Jahren Bedeutung fr Frau Brater.

Bis in den Sommer hinein verlngerte sich der Frankfurter Aufenthalt.
Frau Brater schreibt darber an ihre Jugendfreundin Frau v. Breuls geb.
Kopp: Wir sind die erste Woche des Juli jedenfalls noch hier, aber dann
hoffen wir, unser Ziel erreicht zu haben. Nicht als ob wir dchten, die
schleswig-holsteinische Sache, die meinen Mann hierher gerufen hat,
werde bis dorthin ihren gewnschten Abschlu gefunden haben, aber wir
hoffen auf einen Ersatzmann in die hiesige Werkstatt und werden dann mit
tausend Freuden der Heimat und unsern Kindern zueilen. Diese sind
einstweilen mit meiner Schwgerin Luise schon in Erlangen, denn da wir
dorthin umgezogen sind, wirst Du wissen, nur fhren wir immer ein so
unruhiges Wanderleben, da ein anderer nie recht wissen kann, _wo_ wir
eigentlich zu Hause sind. Wenn wir einmal dort recht festsitzen, mt
Ihr Schwestern uns besuchen, damit wir an Ort und Stelle der alten Zeit
gedenken knnen, der Kindheit, dieser harmlos glcklichen Zeit, und
unserer guten Mtter. Dieses Erlangen ist mir oft so de und
ausgestorben erschienen, von meinen frheren Freunden ist gar niemand
mehr dort und auf den Straen lauter fremde Gesichter, die mir wie
Eindringlinge in mein Eigentum erscheinen, doch freut es mich, da meine
Kinder nun auch dort heimisch werden und in der Kirche auf den Bnkchen
sitzen, wo ihre Mutter die Predigt hrte, wenn sie nicht gerade mit
ihrer Nachbarin zu schwtzen hatte, brigens sind meine Kinder viel
aufmerksamer und eifriger im Lernen als ich war, ja sie sind so fleiig,
da ich oft gar nicht begreife, wie ich zu solchen Kindern gekommen bin,
denn mir hatte jede Unterrichtsstunde nur den Zweck, mglichst viel
Dummheiten zu machen, und die gelungenste war immer die, in der sich
auch die Mitschlerinnen zu meinen Nichtsnutzigkeiten hatten verleiten
lassen.

Wenn uns, was ich recht sehnlich hoffe, diesen Winter kein Landtag nach
Mnchen ruft, so wird Anna im Frhjahr in unserer Kirche konfirmiert,
auch Agnes kann mit konfirmiert werden, doch ist sie noch sehr jung und
ich will es auf sie selbst ankommen lassen, ob sie nicht lieber noch
einmal den Prparandenunterricht nehmen will. ....

Die Frankfurter Zeit ging zu Ende. Brater schreibt an seine Schwester
Julie:

Von unserem Leben, das in seiner Art auch ein einsames ist, -- soweit
davon die Rede sein kann bei einem tglichen Verkehr mit halb
Deutschland und bei zwei dreistndigen Sitzungen wchentlich -- hat Dir
P. einiges berichtet. Die neueste Frucht meiner hiesigen Studien findest
Du in der kleinen Druckschrift, die ich nebst einigem Zubehr unter
Kreuzband mitgehen lasse. (Zusammenstellung der Teilnehmer des
Nationalvereins.) Man sieht ihr nicht an, was es doch gekostet hat,
diese 1300 Namen unter eine Haube zu bringen. Fragt man nach dem Erfolg
solcher Anstrengungen, so erscheint jeder einzelne verschwindend klein
und doch ist die Gesamtwirkung nicht zu verachten. Jedermann mu dies
begreifen, wenn er sich fragt, was aus unserer Sache geworden wre, wenn
wir -- das Volk -- diese fnf Monate hindurch die Hnde in den Scho
gelegt htten. Nebenbei sind diese gemeinsamen Operationen eine gute
Vorschule der politischen Einheit, der wir ja doch entgegen gehen.

Indes habe ich nun vorerst mein Teil getan und in sechs bis acht Wochen
soll, wie Du weit, unser hiesiges Zelt abgebrochen werden. Die Meinung
ist allerdings, es dann wieder in Erlangen aufzuschlagen, nur rechne ich
auf nichts mehr, nachdem ich mich so oft verrechnet habe. Eigentlich
mte jetzt mit aller Macht an einem neuen Lebensplan gearbeitet werden,
denn wenn kein Wunder geschieht wird am letzten Juni die Sddeutsche
Zeitung ihren Athem aushauchen. Da wir jedoch in einer wunderbaren Zeit
leben, so bitte ich Dich, diese Neuigkeit einstweilen als ein Geheimnis
zu behandeln. Jedenfalls bin ich so sehr daran gewhnt, mir von der
Vorsehung ohne viel eigenes Zutun meinen Platz anweisen zu lassen, da
ich mit strflichem Leichtsinn die Zukunft erwarte, was sie mir etwa
neues bescheren wird.

In derselben Zeit schreibt er an Ernst Rohmer: So viel ist mir jetzt
vollends klar geworden, da ich nur die Wahl habe, mich der Politik
_ganz_ zu ergeben, oder mich _ganz_ von ihr zurckzuziehen. Wer den
Mittelweg einhalten will, mu ein Amt oder ein Handwerk betreiben, auf
das er sich beziehen kann, sobald man ihm mit zu weit reichenden
Anforderungen kommt. In der letzten Zeit, nach dem Tod des Knigs (Max
#II.#), habe ich wohl daran gedacht, da man mir jetzt die Zulassung zur
Advokatur nicht mehr verweigern wrde, aber ich frchte mich vor dem
Handwerk und die Bewerbung wre der sauerste Entschlu meines Lebens.
Die Notwendigkeit, diesen Entschlu zu fassen, trat nie ein, es ergab
sich immer Arbeit mehr als genug und es wre wohl in jeder politisch
bewegten Zeit von Wert, wenn hervorragende Krfte frei zum Dienste
bereit stnden.

Im Sommer wurde Frau Braters sehnlicher Wunsch, nach Erlangen und zu
ihren Kindern zurckzukehren, erfllt; mit Freude und Jubel wurden die
Eltern nach fast dreivierteljhriger Trennung von den beiden Mdchen
empfangen, die schon einige Monate vorher mit ihrer Tante Luise Brater
dort eingetroffen waren und von dieser treuen Erzieherin auch noch
weiter unterrichtet wurden.

In den nun folgenden Jahren ergab sich durch den Landtag und dessen
Ausschsse ein hufiger Wechsel des Aufenthaltes zwischen Erlangen und
Mnchen, was nicht zur Annehmlichkeit des Lebens beitrug. Kam die
Familie nach Mnchen, so war nie vorauszusehen ob fr lange oder kurze
Zeit. Deshalb wurden immer nur mblierte Zimmer genommen und um die
Sache mglichst billig einzurichten, beschrnkte man sich aufs uerste,
mietete z. B. oft nur drei Betten und fr die vierte Person, die
jngste, die sich eines sehr guten Schlafes erfreute, wurde aus diesem
und jenem Bettstck auf dem Boden ein Lager bereitet.

So ergaben sich in den mblierten Wohnungen allerlei Nachteile. Einst
hatte sich die Familie eben erst eingemietet, und zwar bei einer
adeligen Dame, einer Grfin, als morgens vor dem Haus ein Wagen hielt
und der Gerichtsvollzieher mit einigen Dienstleuten kam, um die Mbel
abzuholen, die, wie sich herausstellte, alle verpfndet waren. In
theatralischer Weise fiel die Grfin auf die Kniee vor ihrem Mietsmann
und beschwor ihn, fr sie einzutreten. Die Vorstellungen Braters, da er
als Landtagsabgeordneter unmglich so kurzer Hand auf die Strae gesetzt
werden knne, vermochten endlich den Gerichtsvollzieher wieder
abzuziehen und die Angelegenheit wurde irgendwie geordnet, doch vergriff
sich die Grfin in ihrer Not noch an Hab und Gut der Mietsleute und es
war nicht mglich, lange da zu verweilen.

In jenen Jahren wurde Frau Brater im Ausziehen und Einrichten so gewandt
wie ein Packer von Fach und ihr Geschick, mit einem Mindestma von
Besitz auszukommen und Behagen zu schaffen, erregte oft das Staunen
solcher Abgeordneter, die nie den Luxus wagten, mit Frau und Kind zum
Landtage zu kommen, trotzdem sie vielfach in besseren Verhltnissen
waren. Es gehrte auch Frau Braters ganze Unbefangenheit dazu, mit
ruhiger Selbstverstndlichkeit Leute aus vornehmen und luxurisen
Kreisen in ihren einfachen Rumen zu empfangen. Buhl, den man den
Pflzer Nabob nannte, Baron von Stauffenberg von seinem Schlo kommend,
sie und viele andere Gesinnungsgenossen fanden sich oft abends ein, da
Brater seines Hustens wegen an den Klubbesprechungen nimmer teilnehmen
konnte. Solchen Gsten gegenber gab die Hausfrau wohl die Erklrung fr
die einfache Ausstattung, aber keine Entschuldigung, sie scherzte ber
die mangelhafte Einrichtung, sie verhllte sie nicht. Wenn so die
wandernde Familie immer wieder mit Beginn des Landtages erschien und den
Verkehr mit den nchsten Freunden wieder aufnahm, so waren unter diesen
auch solche, die etwas zur Eleganz von Braters Wohnung beitrugen. Die
Tochter Bluntschlis, Frau Hecker, sandte fr die Saison einige ihrer
Bilder zum Wandschmuck und wre jederzeit zu allen Opfern bereit
gewesen, wenn die Freundin darauf eingegangen wre.

Die pekuniren Verhltnisse waren in diesen Jahren oft ungnstig.
Pauline uerte einmal ihrer Schwgerin gegenber, da ihr Mann sich bei
seinem zunehmenden Leiden darber manchmal Sorge mache und sie fgte
hinzu: Ich aber gar nicht, denn wir _knnen_ nicht mehr sparen. Dies
bezeichnet ihre Stellung zur Geldfrage: Das Mglichste tun, dann aber
nicht sorgen.

Kehrte man nach monatelangem Aufenthalt aus den Mnchener mblierten
Wohnungen nach Erlangen zurck, so fand man dort zwar die eigenen Mbel,
wurde auch vom Bruder Hans mit rhrender Freude empfangen, aber immer
grer wurde die Schwierigkeit, in die Haushaltung einzugreifen, die
eine mehr und mehr empfindliche Haushlterin ohne Einmischung
weiterfhren wollte, und je lter die Kinder wurden, um so weniger war
es mglich, auf den Ton einzugehen, mit dem die Wohlmeinende, aber nur
Halbgebildete ihre Pflegebefohlenen leitete. Der Grundsatz, das Ideal
ihrer Erziehung war: nur nach auen keinen Ansto erregen, und das
dritte Wort: Was sagen die Leut! Verfing das nicht mehr bei den
Kindern, so suchte sie ihre Autoritt zu sttzen durch die Drohung:
Wartet nur, wenn die Tante kommt! Auf diese Weise zerstrte sie, zwar
nicht in schlechter Absicht, aber im Unverstande das Vertrauen der
Kinder und da sich tatschlich jedesmal Mibruche eingeschlichen
hatten, die abgestellt werden muten, so brauchte es immer lngere Zeit,
bis die Liebe der Kinder wieder gewonnen war. Dabei mute die immerhin
unentbehrliche Haushlterin ihrer groen Empfindlichkeit wegen mit einer
Schonung und Vorsicht behandelt werden, die einer so unmittelbaren
Persnlichkeit wie Frau Brater von Natur nicht gegeben war.

Manchmal seufzte sie in jener Zeit: Das schwerste Kunststck fr den
Menschen ist, mit den Menschen auszukommen! Sie bemhte sich aber
redlich, es zustande zu bringen, und ihres Bruders Dankbarkeit war ihr
Lohn. Ihre zeitweilige Anwesenheit ermglichte es ihm doch, in dieser
Weise den Hausstand fortzufhren, und ihm war alles recht, was ihm den
Gedanken an die Notwendigkeit einer zweiten Ehe fernhielt, denn sein
ganzes Herz gehrte noch seiner ersten Liebe. In groer Selbstlosigkeit
schickten sich die beiden Mnner in die kleinen unvermeidlichen
Nachteile, die der gemeinsame Haushalt mit sich brachte, auch die Kinder
schlossen sich in geschwisterlichem Verhltnis zusammen, aber das Haus
selbst, nrdlich gelegen, war kein gnstiger Aufenthalt fr einen
Brustleidenden, und Husten und Atemnot mehrten sich.

So wurde im Jahre 1866 fr das Sommerhalbjahr ein Aufenthalt ausfindig
gemacht, der klimatisch gnstiger war und doch keine vollstndige
Trennung ntig machte. Eine halbe Stunde von der Stadtwohnung entfernt,
auf dem Burgberge, lag das sogenannte Palmshuschen, ein kleiner grauer
Sandsteinbau mitten in groem Garten. Nur drei Zimmerchen waren als
Sommerwohnung ausgebaut und die standen leer. In diesem Huschen hatte
sich der Nrnberger Buchhndler Palm verborgen gehalten, der im Jahre
1806 wegen der Verbreitung der Schrift: Deutschland in seiner tiefen
Erniedrigung auf Befehl Napoleons standrechtlich erschossen wurde. Kaum
hatte die Familie Brater dieses stille Landhuschen bezogen, als -- wegen
des drohenden Krieges -- im Frhjahr 1866 der Landtag einberufen wurde.
So mute Brater auf unbestimmte Zeit nach Mnchen und Frau und Kinder im
Palmshuschen zurcklassen. Pauline schildert diesen Aufenthalt den
Wrttemberger Verwandten:

... Wir haben in unserm Gartenhuschen anfangs vor allem andern den
Ofen schtzen lernen, da wir noch am 23. Mai die prchtig grnen Bume
im dicken, dicken Schneegestber sehen muten. brigens ist der Schnee
wenigstens nicht liegen geblieben und in unserem Garten erfroren auch
erst in der letzten Nacht der kalten Zeit die Bohnen und einiges
andere, was meiner Agnes besonders ein wahrer Schmerz war, denn sie
beteiligt sich mit groer Vorliebe an der Gartenarbeit und sieht jedes
Pflnzchen mit wahrer Mutterliebe wachsen und gedeihen. Wir waren schon
sehr glcklich in unserer lndlichen Wirtschaft und Behausung, allein
seit mein Mann fort ist, ist natrlich auch mir die Freude halb
genommen, ja wenn ich nur gewi wte, da er in kurzer Zeit
wiederkommt, so wollte ich mich ruhig in dies kleine Migeschick fgen
als in ein Bruchteil der allgemeinen Not. Allein wenn ich denke, der
Landtag knnte sich in die Lnge ziehen und der Sommer meinem Mann
erneute Anstrengung statt Erholung bringen, dann wird's mir ganz
verzweiflungsvoll zumute. Ich habe indes noch keinen Grund dies zu
frchten, mein Mann hielt es fr mglich, da der Landtag mit vier
Wochen zu Ende gehen werde. -- Whrend nun die Herren in Mnchen und in
ganz Deutschland sich mit Kriegsgedanken und Rstungen abgeben, sitzen
wir hier in unserer kleinen Burg in einer Stille und Einsamkeit, da man
denken knnte, es gbe gar keine wichtigeren Dinge auf der Welt, als
Gemse und Salat pflanzen. Fr meinen Mann knnte ich mir kein
passenderes Pltzchen wnschen, es ist so ruhig, alles grn um uns, der
Wald ganz nahe, so da sich sogar der Kuckuck schon auf unseren Bumen
hren und sehen lie, der erste, den ich in meinem Leben sah, und Hasen
sind uns ganz gewhnliche Gste. Auch mir tut diese Stille nach dem
unruhigen Winter recht wohl und wie wird man den inneren Frieden erst
wieder genieen, wenn er von auen her wieder befestigt ist! Ich halte
noch immer an der Hoffnung, da der Krieg vermieden wird...

Meinen Geschwistern geht es gut... Einen Abend in der Woche kommen die
Brder bei uns zusammen, wo es dann immer ziemlich lebhaft, in diesem
Augenblick aber fast bermig lebhaft zugeht, denn Hans und Siegfried
sind politisch verschiedener Richtung und da knnte jemand, der sich
nicht auskennt, leicht meinen, sie mchten sich einander umbringen, aber
es nimmt doch immer ein freundschaftliches Ende und meine Kinder freuen
sich immer schon im voraus auf den Spektakel...

Vierzehn Tage spter (am 18. Juni) schreibt sie an ihre Schwgerin
Emilie Schunck: Inzwischen sind die Friedenshoffnungen nach und nach
verschwunden, und bis der Brief zu Dir kommt, wird wohl der Krieg
ausgebrochen sein! Das Emprendste an der Sache ist doch immer das, da
hier ein Krieg gefhrt wird, den auf beiden Seiten das ganze Volk nicht
will, -- was sind denn das fr Einrichtungen und was fr Menschen, die
sich soweit treiben lassen zu tun, was sie verabscheuen? Und was kann
man sich von ihnen dann noch weiter erwarten und zu was alles werden sie
sich noch hergeben und verurteilen lassen? Wahrlich, in solchen Zeiten
sind wir Frauen besser daran, die wir mit gutem Gewissen unsere Gedanken
von diesen klglichen Zustnden abwenden knnen, whrend die Mnner, die
das Ganze ausmachen, und _jeder_ ein Teil desselben ist, Arbeit und
Verantwortung auf sich haben. Leider sind diejenigen, die ihre
Schuldigkeit tun, immer zugleich auch die, die das Elend am tiefsten
empfinden..... Aus der Zeitung hast Du vielleicht ersehen, da der
Landtag bei uns zu Ende geht, ja wenn nichts Besonderes dazwischen
kommt, wird Karl in dieser Woche noch zurckkehren. Mit welcher
Ungeduld ich diesen Zeitpunkt erwartet habe, kann ich Dir kaum sagen, Du
weit ja, da wir hier auf dem Berg wohnen in einem herrlichen, ruhigen
Nest, das fr Karl gewi ein recht wohlttiger Aufenthalt wird, ach, und
er braucht den Sommer so notwendig zu seiner Erholung, so da ich
eigentlich in einer bestndigen Aufregung war um jeden Tag, den er in
Mnchen zubrachte, und ich bin nicht vllig ruhig, bis er wirklich und
leibhaftig wieder hier ist. Er schreibt, da sich sein Befinden in
Mnchen wenigstens nicht verschlimmert habe, das ist viel, aber immerhin
bessert es sich eben auch gar langsam und von unserem ohnedies kurzen
Sommer sind nun schon viele Wochen ungentzt verstrichen...

Als der Ersehnte endlich zurckkam, fand Pauline sein Befinden merklich
verschlimmert und es erwies sich als eine groe Wohltat, da auch er nun
in der stillen, lndlichen Wohnung Ruhe fand. Unten in der Stadt
erreichte die Aufregung ihren Hhepunkt, als ein Gefecht in nchster
Nhe erwartet wurde. Auch waren die sterreichisch gesinnten Elemente
der Bevlkerung aufgehetzt und Brater, der Bismarcks Bedeutung lngst
erkannt und offen hervorgehoben hatte, erfuhr, da der Pbel gewillt
war, ihm seine preuischen Fenster einzuwerfen. Aber mit Eintritt des
Waffenstillstandes verlief sich rasch die Erregung und das Jahr 1866
wurde in Beziehung auf die Feindseligkeiten gegen Brater ein Wendepunkt.
Nachdem die Ereignisse ihm Recht gegeben, verlor die Feindschaft mehr
und mehr ihren Stachel und immer weitere Kreise gingen vom engherzigen
Partikularismus zu nationaler Gesinnung ber.




X.

1866-1869


Im Herbste des Jahres 1866 tauchte der Plan auf, da fr Braters
Gesundheit eine richtige Kur unternommen werden sollte, ein
Winteraufenthalt im Sden wurde ihm geraten. Ein solcher machte aber
eine Beurlaubung von der Stndekammer, ein Aussetzen seiner meisten
Arbeiten ntig und davor bangte Pauline; von da an, meinte sie, wird er
erst empfinden, da er krank ist, bis jetzt lie die Arbeit ihn nicht zu
diesem Bewutsein kommen und wie gro mute nach solchen Opfern seine
Enttuschung sein, wenn etwa der Erfolg doch ausblieb! So wurde hin und
her beraten, bis Brater in seiner ruhigen, sachlichen Weise seinem
Arzte, Prof. Herz in Erlangen, klare Fragen vorlegte, deren Beantwortung
den Entscheid gaben. Er schreibt darber an Ernst Rohmer:

    Herz hatte mir nun die Fragen zu beantworten:

    1. Kann eine klimatische Kur insofern nachhaltig wirken, da sie
    die weitere Entwicklung des bels wesentlich aufhlt?

    Antwort: Ja.

    2. Ist ohne eingreifende Gegenmittel eine fortwhrende
    Steigerung des bels zu erwarten?

    Antwort: Ja.

    3. Kann die Kur nicht ohne Bedenken auf ein spteres Jahr
    verschoben werden?

    Antwort: Die Reaktionsfhigkeit des Organismus und folglich die
    Wahrscheinlichkeit, da die Kur wirkt, nimmt mit jedem Jahr ab,
    und wenn man am Ende der Vierziger steht, ist es eben noch
    Zeit. ...

Damit war fr Brater die Frage entschieden, denn fr die Mglichkeit der
Ausfhrung hatten andere gesorgt. In ergreifender Weise waren dem
Kranken, noch ehe der Plan zum Entschlu gereift war, die Mittel zur Kur
angetragen worden. Nicht nur von seinem treuen Onkel Meynier, sondern
auch von Freunden, deren Beweggrund war, ihre nationale Gesinnung auch
dadurch zu bettigen, da sie dem Manne beistanden, der fr die
nationale Sache seine Kraft und Gesundheit eingesetzt hatte. Dies war
ein erhebendes Gefhl fr Brater und seine Frau und ein Beweis, da
nicht nur das Bse immer wieder Bses, sondern auch das Edle wieder
Edles erzeugt. Das Zuviel wurde abgelehnt, das Ntige dankbaren
Herzens angenommen. Nun handelte es sich um die Wahl des Ortes, es
wurden damals Cannes, Hyres, Palermo und Montreux genannt und
Erkundigungen eingezogen. Der Entscheid fiel fr Cannes, die
sdfranzsische Stadt an der Rivira. Eltern und Kinder bereiteten sich
auf eine neue, lange Trennung vor, freundlich erklrten sich die Tanten
Brater bereit, die Nichten fr den Winter aufzunehmen, schon lag dieser
Abschiedsschmerz schwer auf der Seele, da tat sich eine Mglichkeit auf,
der Sparsamkeit und doch zugleich dem Herzenszug gerecht zu werden. Es
wurde in Cannes eine mblierte Wohnung mit Kche ermittelt, in der die
Familie eigene Wirtschaft fhren und dadurch zu viert nicht wesentlich
teurer leben wrde, als zu zweit in einer Pension. Anna und Agnes, nun
beide konfirmiert und der Schule entwachsen, sollten das Kochen besorgen
und sich dadurch einigermaen den interessanten Aufenthalt verdienen,
der ohne eine solche Leistung nach den Grundstzen der Eltern zu
verwhnend gewesen wre. Die Freude der Kinder bei der Mitteilung, da
man sie auf solche Weise mit gutem Gewissen mitnehmen knne, war so
berwltigend, da dadurch diese ganze, aus trauriger Ursache
unternommene Reise einen frhlichen Charakter bekam.

Zunchst wurde noch ein vierwchentlicher Kuraufenthalt in Stuttgart
genommen, wo damals fr Brustkranke eine Anstalt zum Gebrauche
komprimierter Luft bestand. Ein Erfolg war wohl nicht zu verzeichnen,
aber angenehm wurde der Aufenthalt durch den Verkehr mit dem Bruder,
Professor Heinrich Kraz und seiner Familie, auch Kolomann Pfaff lebte in
Stuttgart als Professor der Mathematik und das Zusammensein mit diesen
Brdern war eine besondere Freude vor dem Antritt einer Reise, die so
weit ab von allen Lieben fhren sollte. Im November ging die Fahrt ber
Genf, Lyon, Marseille, Toulon nach Cannes.

Frau Brater, die bei diesem Unternehmen nur an ihren Mann und dessen
Erholung gedacht und ber allem, was vor der Reise zu besorgen war, sich
selbst vergessen hatte, war von einem unerwarteten Glcksgefhl
berrascht bei dem Anblick des Meeres und der herrlichen sdlichen
Landschaft, in der nun fr einen ganzen Winter ihr Aufenthaltsort sein
sollte. Es kam ihr zum Bewutsein, da ihnen ungesucht aus dem Traurigen
eine Freude erwachsen war, und weit entfernt, sich dieser zu
verschlieen, geno sie mit Wonne das Schne, ffnete auch ihren Kindern
die Augen dafr und beglckte dadurch ihren Mann, dem es schon oft
schwer geworden war, da durch sein Leiden ein Schatten in die Familie
fiel.

Auch die huslichen Verhltnisse gestalteten sich angenehm. Dicht an dem
evangelischen Kirchlein stand das Haus, dessen unteren Stock sie
bewohnten und das in allen Stockwerken fr Fremde eingerichtet war.
Franzosen, Spanier und Englnder waren die Mitbewohner, die nun manchmal
neugierig und staunend an der Parterrewohnung vorbergingen und in die
offene Kche einen Blick warfen, wo die deutsche Hausfrau und ihre
Tchter an der Arbeit waren. Zuerst glaubten sie wohl nicht, da es
Leute ihres Bildungsstandes sein knnten, aber allmhlich wurde ihnen
bekannt, da der Herr ein Gelehrter mit dem Doktortitel sei. (Brater war
kurz vorher zum Ehrendoktor der Universitt Heidelberg ernannt worden.)
So lernten sie deutsche Art kennen und auch hochschtzen. Und wie gerne
wirtschafteten Mutter und Tchter zusammen, wie viel Neues war zu sehen,
wenn sie ausgingen, um Kchenvorrte heimzuholen! Auf dem Markte standen
die Metzger, um zahllose Hammelschlegel zu verkaufen, wunderliches
Seegetier lag in Krben, die Gemse waren auf dem Boden ausgebreitet.
Stnde mit Parfmeriewaren, Vanille und Porzellanknpfen fehlten an
keinem Markttage. Zwischen den Verkufern trieben sich Kinder umher,
bissen mit Lust in die ungeschlten Orangen, in die rohen Zwiebeln und
begleiteten mit ausdrucksvollen Gebrden das Patois, das sie mit
sdlicher Lebhaftigkeit sprachen.

In den Kauflden konnten die Fremden franzsische Hflichkeit kennen
lernen. So einmal, als eines der jungen Mdchen, die sich noch gar nicht
als Frulein fhlten, in ein Geschft trat und Sago zu kaufen verlangte.
Man gab ihr Bescheid, da Sago nicht in diesem Laden, jedoch in der Nhe
zu haben sei, aber sie selbst durfte sich nicht bemhen, rasch wurde ein
Junge danach geschickt, der #Mamichella (Mademoiselle)# einstweilen
ein Stuhl -- auf die Strae gestellt, da konnte sie Platz nehmen, bis das
Gewnschte zu ihr kam!

Der Heimweg von solchem Ausgang fhrte eine Strecke weit am Meeresufer
hin, das bei starkem Winde mchtig an den Steinwall brandete, der die
Strae schtzte. Am fernen Horizont war an solchen Tagen eine
auffallende Erscheinung zu sehen: wie Berge, die aufstiegen und wieder
abfielen -- es waren die mchtigen Wogen der offenen See. Bei uns ist's
so schn und herrlich schreibt Pauline, da ich jeden Tag meine Freude
habe, ja wren wir Menschenkinder imstande, nur der Gegenwart zu leben,
so wrde mir kaum etwas zu wnschen brig bleiben, aber wir knnen uns
eben nicht enthalten, vorwrts zu blicken!

In den ersten Wochen berwog die Freude an dem Schnen, als sich aber
gegen Weihnachten noch keine Spur einer Besserung zeigen wollte, klang
Leid und Sorge in jedem Brief und dieser Klang wre vielleicht noch
strker hervorgetreten, htte Pauline nicht die drckende Mutlosigkeit
vor ihrem Manne verbergen wollen. Wie sehr sie in dieser Stimmung
empfnglich war fr treue, teilnehmende Worte aus der Heimat, geht aus
dem nachstehenden Brief an E. Rohmer hervor.

    _Lieber Ernst!_

    Dein langer Brief, in der vielbeschftigten Weihnachtszeit
    geschrieben, ist mit voller Anerkennung und groer Freude
    empfangen worden, und da es bis zum letzten Augenblick den
    Anschein hatte, als sollte Euer Gru der einzige Weihnachtsgru
    aus der Heimat sein, entstand namentlich in der Phantasie meiner
    Kinder nach und nach eine frmliche Glorie um die Treue Deines
    Freundeshauptes, und als dann whrend der Bescherung noch zwei
    Briefe von den untreuen Erlangern einliefen, so wurde keine
    Absolution erteilt, denn es sei ein Leichtsinn, hie es, so bis
    zum letzten Augenblick zu warten, und der Onkel Ernst sei eben
    immer der einzige Mensch, auf den man sich verlassen knne...
    Da Dir unsere Briefe einen guten Eindruck betreffs der Gegend
    und des Klimas machen, ist ganz recht, wir schreiben natrlich
    ganz wahrheitsgetreu und hoffen nun auch, da Du unserm Plan
    zustimmen und mit Deiner Gattin fr den Monat April hierher
    kommen wirst. Dieser Plan ist nmlich bei uns bereits zum
    Beschlu erhoben, da wir berzeugt sind, da Du gar nichts
    Gescheiteres tun kannst, der April ist bei Euch noch so recht
    der Monat fr Zahnweh und Rheumatismen, whrend man hier Sommer
    haben wird; dazu ist die Reise an sich schon ein Vergngen. Die
    Ausgabe ist nicht so gro, fr 80 fl.  Person kommst Du bequem
    hierher, wir haben mit dritter Klasse u. dergl.  Person 54 fl.
    gebraucht. Hier finde ich Euch um diese Zeit gewi ein
    erwnschtes Quartier und meine Mdchen haben bis dorthin sicher
    so viel Fortschritte in der Kochkunst gemacht, da ich Euch mit
    gutem Gewissen an unsere Tafel laden kann. Also wenn Du in den
    nchsten Tagen Deinen Etat fr das Jahr 67 machst, so hast Du
    ein paar hundert Gulden fr eine Reise nach Cannes anzusetzen.
    Ein paar hbsche Ausflge haben wir schon auf Euere Ankunft
    verschoben, nmlich eine Wasserfahrt nach der eine kleine Stunde
    entfernten Insel Marguerite, wo es wunderschn sein soll und wo
    seinerzeit der Mann mit der eisernen Maske residierte, und dann
    eine Fahrt zu Wagen auf das Kap Roux hinaus. Eine neue Zierde
    unserer Gegend haben wir inzwischen auf einer nahen Anhhe
    entdeckt, nmlich eine ansehnliche Kette der schneebedeckten
    Seealpen, es sind mchtige Bergspitzen, die zum Teil 13000 Fu
    erreichen. Also komm und siehe, denn Du kannst Dir eine solche
    Natur nicht vorstellen, die bestndig im Sonntagsgewand
    einhergeht, und wenn ich zehn Jahre jnger und alles gesund
    wre, ich glaube, ich wrde den ganzen Tag nichts tun, als
    singen und Juhe schreien ...

    Unsere Feiertage sind uns recht vergnglich vergangen, etwas
    ruhiger als bei Euch, das ist gewi, es wollte mir fast komisch
    erscheinen, als ich fr meine zwei alten Kinder einen Baum
    bestellte, aber es rentierte sich doch, und sie freuten sich
    daran wie echte Kinder und waren sehr stolz ber die
    Bewunderung, die er bei unsern Franzsinnen erregte... Was die
    Heilwirkung der hiesigen Luft betrifft, so knnen wir leider
    noch immer nicht viel Gutes sagen, es ist mir unfalich, da
    meines Mannes Husten nicht nachlt, ich hatte gedacht, da bei
    dieser Lebensweise in einem Zeitraum von etwa acht Wochen doch
    schon eine kleine Besserung eintreten wrde, es ist bis jetzt
    aber noch nichts zu bemerken, indes hoffe ich um so
    zuversichtlicher, da sich die Besserung vorbereitet und dann
    dauerhaft zum Vorschein kommt. Karls gutes Aussehen deutet gewi
    eine solche Vorbereitung an.

    Nun noch meine besten Gre an Dein ganzes Haus ... in treuer
    Liebe Euere

                                                      _Pauline._

Es findet sich von Braters Hand noch die Randbemerkung: Gestern hat
sich die Juchheschreierin ber dem Schleppkleid einer kreolischen
Hausgenossin, die bei ihr zum Besuch war, den Fu vertreten und mu
jetzt das Zimmer hten! Ein schnes Zeichen seines Optimismus bietet
der Schlu seines eigenen Briefs, geschftlichen und politischen
Inhaltes: Gott befohlen fr das neue Jahr. Es geht in der Welt mit Ach
und Krach, doch _immer und immer vorwrts!_

Was Frau Brater von dem Aufenthalt in dem franzsischen, katholischen
Luftkurort am wenigsten erwartet htte, das wurde ihr und noch mehr
ihren Kindern ganz ungesucht zuteil: eine religise Anregung. Die
Hausbesitzerin, eine ltere Dame, und ihre nchsten Freunde gehrten der
evangelischen Kirche, der #glise libre# an. Sie kamen ihren
protestantischen Mietsleuten als Glaubensgenossen freundlich entgegen
und auf diesem Grund entstand bald eine wahre Freundschaft. Die kleine
Gemeinde in Cannes hatte jenes warme Gefhl der Zusammengehrigkeit, das
man immer dort trifft, wo es gilt, durch Einigkeit stark genug zu
werden, um den von allen Seiten andrngenden Feindseligkeiten der
bermchtigen Majorittskirche zu widerstehen. Der sonntgliche
Gottesdienst, dem jegliches Geprnge fehlte, hatte trotz oder wegen
seiner Nchternheit etwas ergreifend Ernstes und Wahres. Ohne Talar, im
gewohnten schwarzen Rock, trat der Geistliche an den Tisch, der den
Altar ersetzte und seiner klaren, schlichten Rede folgte jeder Zuhrer
gespannt und aufmerksam. Nichts drhnte salbungsvoll oder pathetisch
ber die Hupter hinweg, die Redeweise unterschied sich kaum von der des
tglichen Verkehrs, es kam auch wohl vor, da der Geistliche eine
Zwischenbemerkung machte, wie etwa: bitte die Tre zu schlieen, es
zieht, da er am Schlu der Predigt einige Bekannte aufforderte, mit
ihm zu Mittag zu essen. So menschlich nahe war Frau Brater und ihren
Kindern noch nie die Kirche getreten und so deutlich wie an den Gliedern
der kleinen Gemeinde hatten sie nirgends sonst den vertiefenden Einflu
warmer, religiser berzeugung empfunden. Brater freute sich der
Anregung, welche die Seinigen von diesen trefflichen Menschen empfingen,
wenn ihm persnlich auch der Umgang mit ihnen durch seine geringere
Kenntnis der franzsischen Sprache nicht mglich war. So weit ihn nicht
die Kur in Anspruch nahm, fhrte er sein stilles Leben am Schreibtisch,
versorgte aus der Ferne die politische Wochenschrift mit Beitrgen, die
Redaktion des Staatswrterbuchs mit Korrekturen und lebte im Geist in
seinem Vaterland.

So wre alles recht, ja ber Erwarten schn gewesen, wenn nur die
Hauptsache, die Besserung des Leidens, der Erfolg der Kur nicht
ausgeblieben wre. Sechs Monate waren fr den Aufenthalt in Aussicht
genommen, nach Verlauf von vier Monaten schreibt Frau Brater an ihre
Schwgerin:

    _Liebe Julie!_

    Wir haben einen raschen Entschlu gefat und die Umstnde
    bringen ihn zu rascher Ausfhrung: ich zeige Dir an, da wir im
    Begriffe sind, Cannes zu verlassen und darnach trachten, in
    Gries bei Botzen ein Unterkommen zu finden. Die Besserung in
    Karls Befinden war nur eine scheinbare und es hat sich gleich
    darauf (_ohne_ Veranlassung) eine dauernde Verschlimmerung
    eingestellt, die zwar nicht ber die frheren Zustnde
    hinausgeht, aber eben doch unerwnscht ist, so lt mir die
    Befrchtung, da fr Karl ein Seeklima ungnstig ist, keine Ruhe
    mehr, ich habe Dir das ja schon frher einmal gesagt und Du bist
    am Ende ber diese Neuigkeit des bersiedelns weniger berrascht
    als wir selbst. Dazu kommt, da der Mrz hier wegen seiner Winde
    ein schlechter Monat ist und wenn es uns in Gries nach Wunsch
    gelingt, denken wir einen guten Tausch zu machen und hoffen, bei
    der jetzigen vorgerckten Jahreszeit keinesfalls zu verlieren.
    Ich habe unvermutet schnell die Wohnung angebracht und wir
    hoffen, die Sache mit unbedeutenden Opfern durchzubringen, doch
    sind wir Frauensleute alle in Trnen dagestanden, als wir den
    Kontrakt der Abmietung unterzeichneten. Mir tut das Herz weh den
    ganzen Tag und Anna hat immer die Augen voll Wasser. Das Leben
    hier hat uns viel Freude gebracht und wir verlassen treue
    Freunde, die wir wohl nie wieder sehen werden. Wir haben uns
    heimisch und wohl geborgen gefhlt und werden nun am Samstag
    schon aus unserem warmen Nest hinausgetrieben, ohne uns schon in
    Gedanken am zuknftigen erfreuen zu knnen... Wir haben eine
    schne Reise vor uns, der Riviera entlang bis Genua, leider
    etwas teuer wegen der mangelnden Eisenbahn. _Wie_ wir die Reise
    machen werden, wissen wir selbst noch nicht, ich habe die
    hbsche Mission, morgen nach Nice zu fahren, um wegen der
    verschiedenen #Diligencen# u. dergl. Erkundigungen einzuholen,
    ein gutes Stck Arbeit bei meiner Sprachfertigkeit, es ist mir
    nicht recht wohl bei dieser Angelegenheit.

Die Verwandten und Freunde in der Heimat mochten es leicht verstehen,
wenn Pauline nicht ohne Wehmut von der herrlichen Gegend, von dem Meere
schied, das je wieder zu sehen sie kaum hoffte, aber da der Abschied
von solch neuen Bekannten, berdies franzsischer Nation, ihr und den
Tchtern wirklich schwer wurde und berhaupt in Betracht kam, gegenber
dem Wiedersehen der alten, treuen Bekannten, dies konnten sie sich wohl
schwer erklren, wenn sie nicht wuten, da ein starker Einflu
ausgegangen war von den religisen Naturen dieser kleinen Menschengruppe
in Cannes und nicht selbst schon erfahren hatten, wie sehr der Mensch an
diejenigen anhnglich ist, die sein Wesen irgendwie gefrdert und
bereichert haben. Schmerzlich war es unter allen Umstnden, den Ort zu
verlassen ohne jegliche gnstige Wirkung der Kur. Aber in diesen Jahren
bewhrte sich das Wort: Geteiltes Leid ist halbes Leid gar sehr bei
diesem Paar. Wollte einem von beiden der Mut sinken, so half das andere
mit dem seinigen aus, und indem der Leidende jede Klage aus Liebe fr
die Mitleidende unterdrckte, hielt er sich selbst seine Trsterin
frisch und anregend.

Die Reise in der kaiserlichen #messagerie#, d. h. in vier-,
streckenweise sechsspnniger Post auf der herrlichen, lngs des
Meerufers sich hinziehenden Strae ber Mentone, Nizza, San Remo bis
Genua war ein groer Genu, wenn auch mit Anstrengung erkauft, denn die
Fahrt ging auch bei Nacht ohne Unterbrechung weiter. Frau Brater
schreibt von Bozen aus an Ernst Rohmer:

... Unsere Reise war vom Wetter begnstigt, K. hat sie glcklich zurck
gelegt und wir freuen uns alle von Herzen, wieder im deutschen Vaterland
zu sein, obwohl es vorderhand nur sterreich ist..... Unser Weg war
Nizza, Genua, Mailand, Verona und dann vollends das Etschtal herauf;
durch und durch interessant und schn, namentlich der erste Teil
Nice--San Remo findet seinesgleichen selten, wir werden diese
Herrlichkeit unser Lebtag nicht vergessen, das mt Ihr sehen. -- Nun
sind wir in Bozen installiert und fhren unsern Haushalt in einer
groen, billigen Wohnung, mit aller Bequemlichkeit; da wir vorderhand
von unserm neuen Aufenthalt nicht sehr entzckt sind, ist kein Wunder,
hier ist noch alles kahl, kaum einige blhende Bume, und das Meer --
wann werde ich das einmal wiedersehen, mir tut das Herz weh, wenn ich
daran denke! brigens bin ich berzeugt, da wir wohlgetan haben, und
Karl fhlt sich hier behaglicher; Gott gebe, da wir auch einmal von
einer Besserung zu berichten haben!

Die berlegungen und den Entschlu, ob Cannes zu verlassen und Bozen zu
whlen sei, hatte Brater in der Hauptsache seiner Frau berlassen. Er
selbst war wenig medizinisch veranlagt und traute ihr in diesen Dingen
mehr zu als sich, auch beobachtete und verglich sie sein Befinden
genauer, als er selbst es tat. Seine Gewohnheit, nicht viel an die
eigene Person zu denken, aber doch gewissenhaft zu befolgen, was ihm die
rzte verordneten, machten ihn zu einem Patienten, wie man sie selten
trifft. Er behandelte seine eigene Krankheit so objektiv wie die eines
anderen Menschen. War alles befolgt, was die Kur ihm vorschrieb, so
hatte er auch weiter keine Gedanken mehr fr sein Leiden brig, es
mochte dann gehen wie es wollte, sein ganzes Interesse wandte sich der
Arbeit zu.

Von Bozen aus unternahm Brater mit den Seinigen einmal einen Ausflug
nach Meran. Auf dem dortigen Kirchhof war Braters Vater begraben. Als
ein neunundvierzigjhriger Mann hatte er, lungenleidend, zu seiner
Erholung ein bis zwei Jahre in Meran zugebracht und war dort seinem
Leiden erlegen. In ernsten Gedanken stand nun der Sohn am Grabe des
Vaters, fast im gleichen Alter, als dieser gewesen, an der gleichen
Krankheit leidend, mit derselben Erfahrung, da keine Kur das bel
aufhalten konnte. Es war ein ergreifender Gang! Aber mit groer
Selbstbeherrschung wurde jede schmerzliche Erregung, jeder dstere
Ausblick in die Zukunft unterdrckt; ergeben in sein Schicksal wandte er
seine Schritte bald wieder weg von dem Orte der Trauer, der Stadt zu,
deren groartige Naturschnheit er Frau und Kindern zeigen wollte.

Auf Mitte Mai war die Heimkehr angesetzt. Er schreibt an Ernst Rohmer,
der ihn bald zu sehen verlangte: Morgen soll nun nach Mnchen
aufgebrochen werden, wo wir am Donnerstag einzutreffen gedenken, die
drei Frostheiligen sind vorber und es kann, wenn der gute Wille
vorhanden ist, jetzt auch bei uns eine anstndige Witterung eintreten.
Der Kontrast gegen Bozen, wo wir seit einiger Zeit abends 10 Uhr 17 #R#
zu haben pflegen, wird immerhin ziemlich stark sein; kmen wir direkt
von Cannes, so wre es noch strker und schon deshalb war die hiesige
Zwischenstation gewi zweckmig. Im ganzen komme ich, wie schon
bemerkt, ziemlich unverndert zurck und es wird sich nun fragen, wie
mir die Mnchner Lebensart zusagt...... In Mnchen drfen wir also
erwarten, Dich bald zu sehen. Ich kann Dir unsere Wohnung nicht angeben,
weil sich noch keine gefunden hat und wir uns vermutlich vorerst mit
einem Interim behelfen werden. Es ist die schwere Not: ich soll nicht zu
kalt und nicht zu warm, nicht hoch und nicht abgelegen, nicht im
vorstdtischen Staub und nicht im stdtischen Spektakel leben -- wie lt
sich das machen?..... Pauline mu von Mnchen nach Erlangen gehen, um
dort Geschfte abzutun, es wird also darauf zu sehen sein, da Ihr Euch
in M. nicht verfehlt.

Auf der Heimreise ber den Brenner, Mitte Mai, bekamen unsere Reisenden
in diesem Jahre den ersten Schnee zu sehen. In Mnchen wurden sie von
der Schwester Julie empfangen, die einstweilen fr ein provisorisches
Unterkommen gesorgt hatte. Die rzte, die nach langer Abwesenheit ihren
Patienten wieder sahen und untersuchten, sprachen von einer wesentlichen
Besserung, die sich eingestellt habe. Dem Kranken selber und den
Seinigen kam davon allerdings nichts zum Bewustein, aber dieser
rztliche Ausspruch belebte dennoch die Hoffnung und erweckte neuen
Lebensmut, so da sich auch Brater sofort wieder in den Mittelpunkt der
politischen Ttigkeit begab. In der Kammer sprach er nur noch selten,
seine Stimme war schwach aber noch immer klar und wir lesen in einem
Berichte jener Zeit: Wenn er sprach, so lauschte die ganze Kammer. Es
war auch kein unntiges Wort in seiner Rede, mute er doch mit jedem
Atemzug haushalten. Wenn er mhsam Stufe fr Stufe die Treppe des
Stndehauses hinaufstieg, ging jeder still und achtungsvoll grend an
dem Manne vorbei, von dem alle erkannten, da er seine letzte Kraft
einsetzte. Seine Hauptttigkeit war die im Gesetzgebungsausschu und
diese Arbeit hielt ihn in den folgenden zwei Jahren meist in Mnchen
fest, wenn auch ntige Erholungspausen ihn zeitenweise aus der Stadt
hinaus ins bayerische Gebirg, einmal auch auf die Retraite, einem
stillen Landsitz bei Bayreuth, fhrten. Whrend dieses Aufenthalts
erhielt Frau Brater die Nachricht von dem Tode ihres Bruders Siegfried.
Sie schreibt darber: Wie oft hatte ich meinem schwer leidenden Bruder
ein sanftes Ende gewnscht. Nun ist mein Wunsch erfllt, sanft und
schmerzlos durfte er aus dieser Welt scheiden, aber so sind wir Menschen
-- die Freude, da nun dieser schwer Geprfte von allen Leiden erlst
ist, empfinde ich kaum, ich fhle nur immer und immer wieder den Schmerz
des Nimmerwiedersehens....... Mein Siegfried war mir immer ein
liebevoller und freundlicher Bruder, so weit ich zurck denke, und wie
liebenswrdig und gemtlich war er im Verkehr, es war ein wohltuendes
und behagliches Gefhl, sowie er nur ins Zimmer trat; auch meinem Mann
war er immer eine liebe Erscheinung. Dies ist nun alles vorbei ..... Wie
lieb man seine Geschwister hat, das weit Du ja aus Deinem eigenen
Herzen, sie sind eben das eigene Fleisch und Blut, eins ist durch das
andere und mit dem anderen das geworden, was es ist, sie sind ein Stck
des eigenen Wesens, gemeinsam trgt man die Erinnerung an Jugend und
Elternhaus, die auch dem spteren Leben noch Licht und Wrme verleiht
und bei niemand baut man so sicher und rckhaltlos auf Treue und
Verstndnis als eben bei Geschwistern ....

Nach der Rckkehr der Familie Brater vom Land ergab sich ein lngerer
Aufenthalt in Mnchen, den die Eltern der Ausbildung ihrer Tchter
zugute kommen lieen. Diese sollten sich auf das Examen in der
franzsischen Sprache vorbereiten, um spter Unterricht erteilen zu
knnen. Frau Brater selbst war zwar durchaus keine Freundin von der
damals noch ganz neuen Einrichtung, da Mdchen Examen machen und sich
auf einen speziellen Beruf vorbereiten sollten. Aber sie fgte sich dem
Rate der beiden Schwgerinnen, denen die Kinder ihre Ausbildung
verdankten, und erkannte auch, da es ihrem Mann eine Beruhigung war,
seinen Tchtern eine weitere Existenzmglichkeit mit ins Leben zu geben.
Als Gegengewicht fr diese Arbeit und den ohnedies bei dem zunehmenden
Leiden des Vaters ernsten Lebenszuschnitt lie sie die jungen Mdchen
auch Tanzstunden nehmen und freute sich, wenn sie dadurch unter
frhliche Jugend kamen. Das franzsische Examen, das heutzutage fast
eine Woche in Anspruch nimmt und zu dem sich in mehreren Stdten Bayerns
alljhrlich weit ber hundert Mdchen einfinden, wurde damals nur in
Mnchen, und zwar am Palmsonntag nachmittag abgehalten und auer unseren
zwei Privatschlerinnen nahmen nur einige Mdchen aus dem bekannten
Ascherschen Institut teil. Als die kleine Zahl um den Prfungstisch sa,
sahen die prfenden Herren lchelnd auf die emsig schreibenden Mdchen
und der eine sprach zum andern in dem Gefhl eines noch nicht
dagewesenen Erlebnisses: Welch ein Bild des neunzehnten Jahrhunderts!

Nach einigen Wochen erhielten die Geprften ihre Zeugnisse, und zwar
hatte unseres Wissens jede der Beteiligten die Note #I# bekommen. Damals
galt es noch, die Mdchen zu ermutigen, da sie von der neuen
Einrichtung Gebrauch machten, nicht sie zu sichten und zu sieben, um
sich vor der berzahl zu schtzen.

Ein Brief von Frau Brater an Lina Rohmer lt einen Einblick tun in ihr
damaliges Mnchner Leben: .... Ich wollte Dir nur noch sagen, da ich
trotz der Massen von Bekannten und lieben Freunden doch niemand habe,
der _meine_ Anliegen so mit mir teilen und tragen knnte wie Du (d. h.
ich sehe ab von meiner Schwgerin, die mir wie eine Schwester ist). Die
Menschen sind im Durchschnitt sehr egoistisch und ganz von ihren eigenen
Angelegenheiten durchdrungen und manche, die eine Ausnahme machen, haben
nicht so das Verstndnis fr andere. So bin ich hier die Vertraute und
Ratgeberin fr manche Freundinnen, weil ich selbst schon manches Schwere
durchgemacht habe und mich in die Lage der andern versetzen kann, aber
was mich auf dem Herzen drckt, das kommt da nie zur Sprache, ich drnge
mich nicht auf und fhle mich viel wohler dabei, das, was mein Innerstes
bewegt, nur wenigen mitzuteilen. So kommt es nun, da mich das
vielbewegte Leben in Mnchen ganz kalt lt, denn Du weit ja, wie ich
ganz von meinem Mann und Kindern abhnge und nur in ihnen meine Freude
habe und kannst Dir somit auch denken, da mir eine Sorge um sie so
nahe geht, da ich nicht leicht davon sprechen kann. So ist mir meines
Mannes Befinden ein steter Kummer, denn wir knnen uns nicht verhehlen,
da es von Jahr zu Jahr etwas schlimmer wird und zwar in einer Weise,
die eben recht peinlich ist; die Atmungsbeschwerden sind recht lstig,
es ist ihm jetzt schon _eine_ Treppe eine Schwierigkeit, natrlich
entbehrt er unter solchen Umstnden alle Krperbewegung und das ist auch
nicht gut und so ist er eben in allen Dingen ein Leidender und als
Leidender zu pflegen und ohne Hoffnung fr die Zukunft, an die wir uns
aller Gedanken entschlagen mssen. Du darfst indessen nicht denken, da
es gerade in diesem Augenblick nicht gut gehe, im Gegenteil, mein Mann
arbeitet sehr viel, ohne Nachteil, und ist heiter, ja seine gleichmige
Stimmung und freundliche Teilnahme fr alles und alles, was die Seinen
angeht, ist mir oft auffallend und ich denke mir oft: am Ende nimmt er
sich nur unserthalben so zusammen, damit nicht auch wir darunter leiden
sollen, und am Ende leitet ihn auch manchmal der Gedanke, da man sich
Liebes und Gutes erzeigen soll, weil man nicht wei, wie lange Zeit
einem noch dazu vergnnt ist. So leben wir in unserem Hause friedlich
und glcklich, die beiden Mdchen ahnungslos und voller Lebenslust und
Freude; wer uns oft zusammen lachen und schwtzen hrte, der wrde nicht
glauben, wie oft ich dagegen im stillen weine; oft mache ich mir auch
Vorwrfe ber meine Traurigkeit, denn _jetzt_ steht ja noch alles gut,
aber das hilft nichts, da mein Mann krank ist, fhle ich zu jeder
Stunde.

Der Herbst 1869 fhrte die Familie wieder vorbergehend nach Erlangen
und die beiden Tchter blieben auch dort zurck, als der Landtag
einberufen wurde, ber dessen Dauer man erst nheres erfahren mute, um
zu bestimmen, ob es sich lohne, die eigenen Mbel mitzubringen. Whrend
nun die Mdchen in Erlangen auf nhere Weisung wartend einige Wochen
dort blieben, spielten sich in Mnchen eigentmliche Landtagssitzungen
ab; die neue Kammer konnte sich nicht einigen ber die Prsidentenwahl,
es ergab sich die gleiche Stimmenzahl fr den einen Vorgeschlagenen wie
fr den andern. Brater, unfhig zu Fu zu gehen, fuhr tglich ins
Stndehaus, wo er mhsam Atem holend die Treppe hinaufstieg, um bei der
Prsidentenwahl seine Stimme abzugeben und dann sofort wieder
heimzukommen mit der Nachricht: Gleiche Stimmenzahl. So wiederholte sich
der Vorgang dreimal, worauf die Kammer als beschluunfhig aufgelst und
die Neuwahl angeordnet wurde. Die Kinder in Erlangen verfolgten diesen
Hergang mit persnlichem Interesse. Ein freundliches Briefchen des
Vaters vom 9. Oktober sagte ihnen, sie sollten die verlngerte Wartezeit
bentzen, um ein Kissen auf der Mutter Stuhl anzufertigen, zum Schmuck
der eben gemieteten einfachen Wohnung in der Barerstrae. Zehn Tage
spter kam ihnen ein Telegramm der Mutter zu, das sie sofort nach
Mnchen berief, da sich des Vaters Zustand verschlimmert habe.
Unverzglich reisten die Kinder ab, kamen in spter Abendstunde an, und
noch ehe der Morgen des 20. Oktober anbrach, hatten sie den Vater
verloren.




Dritter Teil

Die Witwe




XI.

1869-1870


Unter Frau Braters Papieren findet sich ein kleines Heft, welches ihre
Aufzeichnungen ber die letzten Lebenstage ihres Mannes enthlt. Wir
entnehmen daraus folgendes:

Am Dienstag den 12. Oktober zogen wir in die mit vieler Mhe
aufgefundene Wohnung; Karl freute sich daran, sein Zimmer war gro und
hoch.

Am Sonntag den 17. sagte er nachmittags beim Kaffee: 'heute habe ich
einen schlechten Tag, ich atme gar zu schwer', er sah matt aus. Abends
war Julie da; als wir uns zu Tische setzten, sagte er: 'es wird besser
sein, wenn ich nichts esse, ich bin zu sehr beengt.' Er nahm whrend des
Abends Teil an der Unterhaltung wie immer, wenn er auch weniger sprach.
Um zehn Uhr, wie gewhnlich, lag er im Bett und ich sagte ihm wenigstens
insofern sorglos _gute_ Nacht, als ich nicht zweifelte, da sie ihm mit
Morphium zuteil werden wrde. Ich lag im Zimmer daneben. Gegen Morgen
rief er mir laut und deutlich: 'Pauline, zieh dich einmal ein wenig an',
ich erschrak sehr, aber er hatte so sicher und ruhig gesprochen, da ich
nun doch nichts Schlimmes dachte. Als ich zu ihm hineinkam sagte er: 'es
ist jetzt halb vier Uhr, ich habe schon _zwei_ Pulver genommen und habe
keinen Augenblick geschlafen, hilf mir heraus in meinen Stuhl,
vielleicht wird mir's da leichter' -- sein Atem war unendlich kurz, die
Stimme klanglos und in seinen Zgen sah ich, da er im Todeskampfe war,
-- ich stand da unter heien, strmenden Trnen, sagte ihm liebe Worte,
aber helfen konnte ich ihm nimmer. Whrend ich ihn ankleidete, sagte er
lchelnd: 'du hast ja immer gesagt, ich soll dich doch rufen, wenn ich
etwas brauchen kann, ich habe dir jetzt nur einmal deinen Willen getan.'

Als ich ihn in den Stuhl gebettet hatte, sagte er: 'so jetzt mach, da
du ins Bett kommst, -- _schlafe_ und weine nicht in Deinem Bett.' Gott
wei, ich habe nicht geschlafen, denn ich wute nun, da mir das
treueste Herz im Sterben lag, ich sah mein ganzes, unbegrenztes Glck
zerbrochen, alles, alles vorbei. Dennoch kmpfte er noch zwei Tage gegen
den andringenden Tod, der ihn in der Nacht vom 19. auf den 20. erlste.

Vom 25. Oktober ist ein Brief datiert, vielleicht der erste, den Frau
Brater als Witwe schrieb, er ist an den treuesten Freund ihres Mannes,
an Ernst Rohmer gerichtet; denn nicht zu den eigenen Angehrigen fhlt
sich ein Trauernder vor allem hingezogen, vielmehr zu dem, der aus
freier Freundschaftswahl dem teuern Verstorbenen nahe getreten war.
Rohmer hatte nach der Beerdigung an Frau Brater geschrieben: So ist es
also vorber und das treueste Herz deckt die Erde! Wenn ich daran denke,
wie de und verlassen Du Dich fhlen wirst nach so langer, tiefinnerster
Lebensgemeinschaft, so blutet mir das Herz. Erscheint doch schon mir die
Zukunft grau und farblos, weil nun ein Ri in mein Dasein erfolgt ist,
der nicht mehr zu berbrcken ist! Ist dies persnlich so, so ist es
noch viel mehr der Fall, wenn ich an unsere politischen Bestrebungen
denke, deren Mittelpunkt und vornehmste Seele er war!.... Ich habe eben
einen tief ergriffenen Brief von Stauffenberg erhalten. Er spricht es
aus, da Bayern seinen besten Brger verloren hat, die Partei ihre
Seele. -- Frau Brater antwortete dem Freund:

    _Lieber Ernst!_

    Viele teilnehmende Worte kommen mir von allen Seiten zu, aber
    vor allem gehen mir die Deinigen zu Herzen und ich wei ja recht
    wohl warum, weil sie eben bei Dir am tiefsten aus dem Herzen
    kommen; so sehnte ich mich die ganze Zeit her darnach, mit Dir
    ein paar Worte zu sprechen, und jetzt, wo ich den ersten ruhigen
    Augenblick finde, ist mir's so hohl und ausgestorben zumute, so
    abgespannt vom vielen Sprechen und endlosen Wiederholen dessen,
    wobei einem das Herz blutet und das man zuletzt fast
    maschinenmig hersagt, so da ich mich nun beinahe besinnen mu
    auf das, was ich bin und was ich war und was es ist, das mir nur
    halb begriffen das Herz zusammenschnrt; jeden Morgen stehe ich
    auf mit der Sehnsucht nach dem Abend, wo ich still und allein an
    seinem Bett stehen kann, die leeren Kissen im Arm haltend und
    den Platz mit Kssen bedeckend, wo seine Hnde lagen.

    Wie sehr ich auf diesen letzten Trennungsschmerz vorbereitet
    gewesen bin, erkenne ich erst jetzt... Wie oft, oft bin ich
    schon unter heien Trnen im Bett gelegen, wenn ich dem
    Ruhelosen und Gequlten Gute Nacht gesagt hatte und doch so
    gut wute, da sie ihm nicht zuteil werden wrde! Darum hat
    sich auch mir das Bild, das sonst der Inbegriff alles Schmerzes
    ist, das Bild des Toten im Sarge, das hat sich mir eingeprgt
    als Trost und Erlsung und wenn mich der Schmerz bermannen
    will, so vergegenwrtige ich mir dies Bild, wie er so ruhig
    _liegen_ konnte, zum erstenmal wieder nach langen, schweren
    Monaten und wie die mde Brust ausruhte vom Kampf gegen den
    eindringenden Tod. Ja, _seine_ Ruhe ist mein einziger Trost und
    das Andenken an ihn meine einzige Freude; ich wute, wie
    glcklich ich war, wir wuten es ja beide, wir haben es uns oft
    ausgesprochen, und eben darum werde ich ihn nie entbehren
    lernen, weil wir so ganz einig waren bis ins innerste Herz
    hinein.

    Da ihm der letzte Trennungsschmerz erspart war, mochte auch ich
    ihm wohl gnnen, aber mir fiel es gar zu schwer und doch mochte
    ich ihm meine Gedanken nicht offenbaren. Mit welch wunderbarer
    Kraft er die letzten schweren Tage durchgekmpft hat, wird Dir
    berichtet worden sein, diese Kraft des Geistes, die sich vom
    Krper nicht fesseln lie, tuschte auch mich bis zum letzten
    Augenblick. Es war in dieser langen Leidenszeit keine Klage und
    bis zum letzten Atemzug kein Seufzer ber seine Lippen gekommen
    und noch im letzten Augenblick, wo er husten mute und doch die
    Kraft nimmer da war, trstete er mich, es geht schon nach und
    nach, dann sank er aufs Kissen zurck, richtete den Blick in
    die Hhe und ich sah, da der Geist im Scheiden war -- kaum
    konnte ich noch die armen Kinder herbeirufen.

    Die Ankunft der Kinder hatte ihm noch das letzte Lcheln
    abgelockt und noch einmal blickten die Augen treu und
    seelenvoll. Ob er die Pein der letzten Stunden empfunden hat,
    wei ich nicht, das Morphium verfehlte seine betubende Wirkung
    nicht; als ich um zwlf Uhr einmal an seinem Bett stand, sagte
    er: ich glaube ich habe geschlafen, dann hie er mich ins Bett
    gehen, weil er immer darum besorgt war, da man sich keine Mhe
    um ihn mache, ich ging, verwendete aber kein Auge von ihm; um
    zwei Uhr war ich wieder an seinem Bett .... ich gab ihm noch
    warmen Wein (die letzte Flasche Steinwein von Dir) und bis zehn
    Minuten vor seinem Tode ahnten wir denselben nicht; er hatte
    noch nach der Uhr gefragt, sein Ende war ein langsames Aufhren
    der mhevollen Atemzge, ich horchte noch lange und immer
    wieder, ob es der letzte gewesen sei, aber auch das Herz stand
    still, das in den letzten Tagen so stark und unruhig geklopft
    hatte.

    Da die kranke Lunge nicht die _nchste_ Ursache des Todes war,
    hat sich bei der Sektion gezeigt, es war das miterkrankte Herz,
    Du wirst ja den Bericht erfahren haben; nun knnen wir uns die
    Unruhe in der Brust erklren, von der er so oft sprach, noch am
    letzten Abend legte er meine Hand auf seine Brust und sagte: da
    fhle, wie es da klopft.

    ... Man hat mir schon von mehreren Seiten freundliche
    Anerbietungen gemacht und ich wei, da mein Mann treue Freunde
    hat, die seine Frau nicht in Not kommen lassen wrden, aber mein
    Mann hat selbst der Not vorgebeugt und es kme mir wie bitterer
    Undank vor, wenn ich mir nicht damit gengen lassen wollte
    ...... Nimmermehr mchte ich im Wohlstand leben, nachdem wir
    zusammen gesorgt und gespart und uns manches versagt haben, aber
    doch, ich kann es sagen, _nie_ mit bekmmertem Herzen, es hat
    diese Sorge dem Glck unseres Lebens keinen Eintrag getan ...

Die Freunde lieen es sich dennoch nicht nehmen, ihre edle Gesinnung fr
den Verstorbenen seinen Kindern gegenber zu bettigen. Am Mittwoch
bersiedle ich zu Julie in die Schommergasse schreibt Frau Brater, bis
dahin steht der Arbeitstisch meines Mannes unberhrt, dann gibt's einen
schweren Abschied!

In einem Album, das Bilder all der Orte enthlt, die fr Frau Braters
Leben bedeutungsvoll waren, ist auch ein Blatt, das den Mnchener
Kirchhof zeigt. Daneben steht der Vers:

    In stiller Nacht ist er von Dir geschieden,
    der Deine Liebe war, Dein Stolz, Dein Glck.
    Du fragst: was kann das Leben mir noch bieten,
    was soll ich noch, da er mich einsam lie zurck?
    Das hellste Licht zeigt auch den dunkeln Schatten,
    dem grten Glck folgt tiefste Traurigkeit.
    Wo zwei so innig sich verwachsen hatten,
    da ist die Trennung schier ein unertrglich Leid.

Ja, schier unertrglich erschien ihr der Gedanke an eine Trennung fr
Lebenszeit. Wute sie doch, wie schwer sie an jeder vorbergehenden
Trennung getragen hatte, trotz der Aussicht auf baldiges Wiedersehen,
und nun sollte dieser Zustand dauern, immerzu dauern, eine Trauer ohne
Ende dnkte ihr das vor ihr liegende Leben. Sie hatte vllig verlernt,
sich allein fr etwas zu interessieren, sich ohne ihn zu freuen. Wenn
teilnehmende Menschen sie auf die Kinder hinwiesen, die sie noch besa,
die mit ganzer Liebe an ihr hingen, so wies sie auch diesen Trost ab,
auch die Freude an den Kindern schien ihr unmglich, wenn sie nicht vom
Gatten geteilt wurde. Wohl beherrschte sie uerlich ihren Schmerz, aber
innerlich beugte sie sich nicht unter ihn. Stille Ergebung lag nicht in
ihrer Natur, vielmehr war sie gewhnt, anzukmpfen gegen das bel; in
allen schweren Lebenslagen, in den knappen Verhltnissen, im Unbehagen
des Wanderlebens, in den Krankheitszustnden ihres Mannes, immer war sie
mit geschrften Geisteskrften und mit praktischer Ttigkeit auf
Abhilfe, Verbesserung, Erleichterung bedacht gewesen, hatte sich um so
tapferer gewehrt, je grer das bel war. Aber hier kam ein Leid, dem
nicht beizukommen war, es lie sich nicht umbiegen, nicht wenden, da
eine gute Seite herauskme, es lockte nicht ihren Ttigkeitstrieb,
sondern hemmte ihn vielmehr, es reizte nicht ihre Widerstandskraft, nein
es lhmte sie.

In dieser trostlosen Verfassung kam ihr ein Brief ihres Bruders Hans zu.
Er, der hnlichen Schmerz erfahren hatte, empfand die wrmste Teilnahme
fr sie und er wute auch, da seine Schwester nicht in Unttigkeit
Trost finden wrde. Er bat sie zu kommen, fr immer die beiden
halbverwaisten Haushaltungen zu vereinigen und ihn dadurch so glcklich
zu machen, wie er es nie mehr gehofft hatte zu werden. Aber ihre Antwort
war ein Nein, ein schmerzlicher Aufschrei ich kann nicht, wenigstens
jetzt noch nicht, gnne mir Zeit, mich zu fassen. Es tat ihr weh, dem
Bruder das zu schreiben, aber sie lag zu tief darnieder, um sich so
schnell aufraffen zu knnen. Sie blieb den Winter in Mnchen bei ihrer
Schwgerin Julie, die dort wohnte und die drei betrbten Gste bei sich
aufnahm. Sie fhrten gemeinsame Wirtschaft, die Mdchen besorgten die
Kche und lernten noch weiter, die Tante gab franzsischen Unterricht
und Frau Brater sa in ihrem kleinen Zimmer und durchlebte in den
stillen Wintertagen und vielen schlaflosen Nchten die tiefste Trbsal.
Nur das konnte ihr Interesse erwecken, was mit ihrem Manne zusammenhing,
und bezeichnend ist fr sie, wie sich in ihren Briefen die alte Frische
und Tatkraft zeigte, wenn sie in ihres Mannes Geist und an seinem Werk
arbeiten konnte. In den letzten Jahren war ihnen beiden ein frherer
Mitarbeiter der Sddeutschen Zeitung persnlich nher getreten, #Dr.#
Nagel, der hnlich wie Brater keine feste Anstellung hatte und spter
als Verfasser eines tief durchdachten religisen Buches bekannt geworden
ist. ber diesen gemeinsamen Bekannten schreibt sie an Rohmer: Ich lege
Dir einen Brief von Nagel bei, wegen dessen was er ber seine
Angelegenheiten schreibt; mir scheint, es wre jetzt vielleicht der
Augenblick gekommen, wo man diese tchtige Kraft fr Bayern wieder
gewinnen knnte; Du weit, er hat weiland in der Sddeutschen Zeitung
Artikel geschrieben, von denen Karl sagte, da er sie ohne weiteres fr
seine eigenen erklren knnte, und Karl hat auch mehrfach geuert, wie
erwnscht es ihm schiene, wenn Nagel zu haben wre. Aber welche Stellung
und Aufgabe knnte man ihm denn zuweisen? Die Wochenschrift? oder wre
an der Sddeutschen Presse ein Wirkungskreis? -- berlege Dir's doch und
schmiede das Eisen so lange es warm ist; Nagels religiser Standpunkt
ist gewi kein Hindernis, war er's doch auch nicht bei Hofmann[8], und
berhaupt, wenn die Bestrebungen einer Partei nicht die Probe der
Religion Jesu aushalten, so sind sie gewi irrig, wenigstens nach meinem
schwachen weiblichen Urteil; an meines Mannes Reden und Handeln hat man
diese Probe jederzeit anlegen knnen... Nagel hat immer ein schneidiges
Wort gefhrt. Mich hat sein Brief in eine frmliche Aufregung versetzt,
weil ich berzeugt bin, Karl wrde Nagel festnehmen.

    [Funote 8: Professor der Theologie in Erlangen, Mitglied der
    Fortschrittspartei in Bayern.]

Manches erhebende, trstende Wort durfte die Witwe lesen, in Briefen,
welche die Freunde des Verstorbenen an sie richteten, in Nekrologen, die
nicht nur in Zeitungen Gleichgesinnter, sondern auch in Blttern
erschienen, die seine Richtung immer bekmpft hatten und trotzdem seiner
Person die Anerkennung nicht versagten. Hatte doch schon das ehrenvolle
Trauergeleite zur letzten Ruhesttte gezeigt, wie sich dieser viel
angefeindete Mann durchgerungen und zur Geltung gebracht hatte. Wer
htte zehn Jahre frher fr mglich gehalten, da die kniglichen
Staatsminister teilnehmen wrden an seinem Leichenbegngnis! Er hatte
seine Grundstze nicht verleugnet und sich nicht gebeugt vor den
Mchtigen, aber die gute Sache, der er mit Hingebung gedient hatte, die
war es, die ihn mit in die Hhe gehoben hatte.

Worte wie die folgenden muten der Witwe wohltun, wenngleich auch die
Anerkennung nach dem Tode etwas unendlich Wehmtiges fr die
Hinterbliebenen hat.

Prof. #Dr.# Ad. _Wagner_ schrieb ihr: ... Ihnen mu es Stolz und
Freude sein zu sehen, wie allgemein der Verlust Ihres Gemahls als ein
schwerer fr die Partei, fr das Vaterland empfunden wird. Mge auch
ber seinen Tod hinaus sein Wirken von Einflu bleiben und Frchte fr
Deutschland tragen, das wird ihm das schnste Denkmal sein...

_Nagel_ schrieb: ... Wohl wissen Alle, da wir an ihm eine
staatsmnnische Intelligenz ersten Ranges, ein unersetzliches
Fhrertalent an ihm verloren haben. Den meisten ist es nicht minder
bekannt, da in diesem schwchlichen Krper -- zum leuchtenden Zeugnis
fr die Herrschaft des Willens, der moralischen Kraft ber die Materie --
ein sthlener Charakter, ein Mann im vollen und ganzen Sinne des Wortes,
in der Tat und Wahrheit eine Rmerseele gewohnt hat; aber nur wir, die
wir das Glck seines persnlichen Umgangs genossen, haben auch seine
allgemein menschliche Seite, das Edle, Zarte, Reine seines Wesens
vollkommen schtzen und lieben lernen knnen. Auch _das_ konnten nur die
nheren Bekannten vllig erkennen, wie bei ihm die Sache Alles, das
Persnliche Nichts war; wie der Gedanke an das Ganze, die Hingabe an
Staat und Vaterland ihn so vllig beherrschte und erfllte, da es
einfach nicht mglich war, irgend ein persnliches Interesse, sei es
auch noch so feiner und versteckter Art, sei es auch nur ganz unbewut
im Hintergrunde des Denkens und Wollens liegend, bei ihm vorauszusetzen.
Diese reine und unbedingte Sachlichkeit war unter allen seinen seltenen
Eigenschaften vielleicht die seltenste ...

Prof. H. _Baumgarten_: ... Ich verfolge nun seit mehr als zwanzig
Jahren die schweren Kmpfe unseres Volkes, um ein gesundes Dasein
wieder zu gewinnen, ich habe im Sden und Norden einen groen Teil der
Mnner kennen gelernt, welche an dieser Arbeit einen hervorragenden
Anteil genommen haben. Wenn ich aber sagen sollte, wer von allen diesen
Mnnern einer groen Sache am reinsten, uneigenntzigsten,
unverdrossensten mit schwachem Leib und in bewegten Verhltnissen
gedient habe, so wrde ich keinen Augenblick anstehen zu erklren: Karl
Brater... Ein so edles Leben so lange mit so ganzer Hingebung begleitet
und mit voller Liebe gesttzt zu haben, wie Sie getan, das ist ein
schnes, beneidenswertes Los, und wie gro Ihr Schmerz sein mu, da Sie
nun von einem so guten und lieben Menschen getrennt sind, _Sie sind doch
unendlich viel glcklicher als Millionen_, die heiter ein inhaltsleeres
Leben fhren. Wer so vom Leben gebildet worden ist wie Sie, der wird
nicht klagen...

Sie sind unendlich viel glcklicher als Millionen? ... In den Tagen,
da sie diesen Brief erhielt, konnte Frau Brater dies nicht fassen, nicht
zugeben, ihr ganzes Herz widersprach dem: Nein, nein, unter Millionen
ist keine so _unglcklich_ wie ich! Dies war der Schrei ihres Herzens.
Aber Baumgarten hatte doch recht und wute, was er sagte. Nicht nur die
Erinnerung an das schnste Lebensglck meinte er, die ja ein
unverlierbarer Schatz ist, nicht nur an die Schar treuer Freunde dachte
er, die ihr und ihren Kindern zur Seite standen; ihm schwebte die
hchste Errungenschaft vor, die sie aus diesem Bunde mit dem edeln Manne
in sich trug, die Verwandlung ihres eigenen Wesens, die Entwicklung
ihrer Persnlichkeit. Hoch war sie durch ihn erhoben worden ber alles
Kleinliche, Selbstschtige, Unwahre, fr das Groe und Gute hatte er
ihr Herz und Sinn erschlossen und dieses inneren Reichtums wegen war sie
wohl glcklich zu preisen, auch jetzt, in der Stunde der Trauer. Und sie
versank auch nicht in dem unendlichen Leid. Sie suchte nach dem, was sie
darber erheben konnte. In einem Brief an Rohmer preist sie alle
diejenigen glcklich, die fest durchdrungen sind von dem Glauben an ein
Wiedersehen im Jenseits und wnscht sehnlich, auch zu diesen zu gehren,
da sie so viel Trost entbehre durch den Mangel an festem Glauben. Aber
ganz ohne Hoffnung bin ich nicht, schliet sie diese Betrachtungen.

In dieser Stimmung kam ihr einer der Freunde zu Hilfe, der, selbst eine
tiefreligise Natur und von lebendigem Glauben erfllt, fr Suchende und
Schwankende einen Halt bieten konnte; es war Nagel. Gleich in seinem
ersten Brief nach Braters Tod berhrte er die Frage, welche, wie er
ahnte, die Frau seines Freundes jetzt am tiefsten bewegen mute.

Er schrieb: Ich wei nicht, ob Sie geneigt sind, die einzigen echten
und wahren Trostgrnde, die einzigen, welche das Menschenherz wirklich
vershnen knnen mit den Leiden und Schrecken des Daseins, ja selbst mit
der furchtbaren Tatsache des Todes -- ob Sie diese Grnde gelten lassen,
unsere Anschauungen hierber gehen ja wohl auseinander, doch vielleicht
sind auch Sie von dem endlichen Wiedersehen berzeugt -- was auch alles
die bettelstolze Schulweisheit unserer Tage vorbringen mge, um den
Menschen auch um diese Hoffnung rmer zu machen. Und doch knnen wir
diese Hoffnung zu unzweifelhafter Gewiheit erheben -- wenn wir nmlich
_wollen_.

Diese Ansicht -- wir _knnen_ glauben, wenn wir _wollen_ --, der Einflu
des Willens auf die berzeugung, auf Glauben oder Unglauben, war Nagels
tiefe berzeugung und stand auch im Mittelpunkte seines spter
erschienenen Buches: Der christliche Glaube und die menschliche
Freiheit. Diesem von warmer berzeugung beseelten Manne sprach Frau
Brater alle ihre Zweifel und religisen Kmpfe aus und seine Briefe,
sowie spter seine Schriften gewannen fr ihr Leben Bedeutung und warfen
ein Licht in die dunkle Trauerzeit dieses ersten Winters, den sie als
Witwe erlebte. Nach verzweiflungsvollem Ringen mit ihrem tiefen Schmerz
raffte sie ihre Kraft zusammen, um den Kampf mit dem Leben, der ihr an
der Seite des geliebten Mannes so leicht geworden war, nun allein weiter
zu fhren. Sie schrieb an ihren Bruder, da sie seinem Rufe folgen und
im Mrz zu ihm kommen wolle.

Bis zu diesem Zeitpunkt konnte sie noch zusammen mit der Schwgerin, die
ihre Trauer teilte, und mit den Tchtern dem Andenken des Verstorbenen
leben, und ergreifend ist es zu lesen, wie sie noch mit lebhafter
Empfindung die politischen Kmpfe der Partei verfolgt, zu deren Fhrern
Brater gehrt hatte. Sie schreibt an Rohmer: Da die Adredebatte nun
zum Schlu gekommen, ist gar nicht mir zu wahrer Befriedigung ..... Mir
scheint, unsere Leute haben da und dort den Anstand verletzt und sind
auf das Niveau der Gegner herabgestiegen, das sie doch so sehr
verachteten; natrlich mute angegriffen, gestritten und das Herz an
diesem Ort ausgeschttet werden, aber kurz und bndig und ohne sich dann
weiter in die Balgerei einzulassen, denn da sie damit etwas _erreichen_
wrden, hat doch wohl keiner gedacht. Mir ist immer, als wre es anders
gegangen, wenn Karl noch als 'stiller Wchter' dabei gestanden wre, die
beiden Parteien _mssen_ ja doch nebeneinander stehen, Karl htte gewi
den mglichen Standpunkt erkannt und unwiderleglich bezeichnet fr die
_beiden_ Parteien und die unwrdige Debatte wre abgeschnitten worden
..... Ich habe den Eindruck, als ob ber die Saat, die er ausgestreut
hat, bereits ein bser Tau gefallen sei, und ich kann Dir gar nicht
sagen, in welchem Mae mich dies schmerzt, es ist mir, als ob sein
einziger geliebter Sohn ihm Unehre mache ..... Es wre mir ein Trost,
wenn Du oder andere die Angelegenheit nicht so schlimm aufgefat htten
wie ich .....

Allmhlich findet sie sich darein, ihren Mann diesen Kmpfen entrckt zu
sehen:

Die gegenwrtige Kammerttigkeit steht im grellen Widerspruch mit dem
friedlich stillen Bilde, das ich im Herzen trage, und wenn ich diesen
Kampfplatz auch noch immer fr unser eigenstes Revier halten mchte, so
durchdringt mich doch mehr und mehr der Gedanke, da diese reine Seele
nun zu einem hheren und vollkommenern Leben hindurchgedrungen ist.




XII.

1870-1875


Als Frau Brater im Frhjahr 1870 mit ihren beiden Tchtern nach Erlangen
bersiedelte, stand sie im dreiundvierzigsten Lebensjahr. Ihre flinke,
bewegliche Art lie sie eher noch jnger erscheinen, so wie auch ihre
frische Gesichtsfarbe auf krftigere Gesundheit schlieen lie, als sie
tatschlich besa. Die heitere Umgangsform, die ihr von Natur eigen und
in den Jahren tief innerlichen Glckes zur Lebensgewohnheit geworden
war, blieb ihr auch in der Trauerzeit treu und so konnte jeder
oberflchliche Beobachter glauben, sie sei der Aufgabe, den Haushalt des
Bruders zu bernehmen, in jeder Hinsicht gewachsen. Und doch war dem
nicht so, vielmehr gingen ihr die mannigfaltigen Anforderungen
krperlich und gemtlich oft ber die Kraft, und ihre Aufgabe war in der
Tat keine kleine. Wieder galt es, sich mglichst sparsam einzurichten.
Die Haushlterin wurde entlassen und nur ein Dienstmdchen beibehalten.
Anna, die tchtig gewesen wre, mit anzugreifen in der Haushaltung,
wurde zunchst zur Untersttzung einer befreundeten Familie nach Weimar
berufen, Agnes war bald durch franzsischen Unterricht in Anspruch
genommen, den zu erteilen sich gnstige Gelegenheit bot. So lag viel auf
der Hausfrau. Ihre vier Pflegekinder, zwei Knaben und zwei Mdchen,
standen nun im Alter von acht bis zwlf Jahren, und es galt vor allem,
sie wieder an die neue Ordnung zu gewhnen. So leicht sich nun einzelne
Kinder einzugewhnen pflegen, wenn sie aus ihrer Umgebung herausgenommen
und in eine fremde versetzt werden, so schwer ist es, wenn so ein
Trppchen beisammen in den gewohnten Verhltnissen bleibt und doch
pltzlich ein anderes Regiment ber sie kommt. Wer kann es ihnen
verargen, da sie sich in der gewohnten Freiheit beschrnkt, in allen
Rechten verkrzt, im tglichen Leben beengt fhlen? Mit einem tiefen
Seufzer klagte die kleine Julie eines Abends bei Agnes: Es gibt eben
jetzt so viel, ach so arg viel, was wir nimmer tun drfen und was wir
vorher gedurft haben. Und wer kann es andererseits der gebildeten Frau
verargen, wenn sie mit den Forderungen des Gehorsams, der Wahrhaftigkeit
und der Ordnung herantritt an ihre Pflegebefohlenen? Mute sie es nicht
tun, wenn ihr das Wohl dieser Kinder am Herzen lag, wie das ihrer
eigenen? Aber eine Erziehung, die jahrelang gefehlt hat und dann
pltzlich einsetzt, wird von Kindern schwerlich als Liebe empfunden.
Traurig uerte sie in jener Zeit: Die Kinder, die mir so zugetan waren
wie eigene, sind mir ganz entfremdet worden. Mit Furcht und Mitrauen
stehen sie mir gegenber und verheimlichen all ihr Tun vor mir.

Das waren groe Schwierigkeiten und nur einer im Hause blieb wunderbar
unberhrt davon, Bruder Hans. Er setzte in seine Schwester das grte
Vertrauen und hatte fr seine Kinder eine rhrende Liebe. Von der Stunde
an, wo er Schwester und Kinder beisammen wute, fhlte er sich glcklich
und war voll der besten Zuversicht. Nach seiner berzeugung muten die
Kinder die Tante lieben, und diese wrde an der Erziehung alles gut
machen, was versumt war, die finanziellen Angelegenheiten ruhten bei
ihr in besten Hnden, also war allem Elend abgeholfen und man lie ihn
knftig in Ruhe mit Heiratsprojekten. Leichteren Herzens als seit Jahren
ging er in sein Kolleg, pate ihn doch die Haushlterin nimmer an der
Treppe ab, um ihre Klagen ber die Kinder und die Geldnot vor ihn zu
bringen; frhlich wanderte er durch Hof und Garten, die merkwrdig
sauber aussahen, seitdem Pauline zwei Wagen voll Schutt hatte
hinausschaffen lassen, zerbrochene Ofenteile, verdorbenen Hausrat,
zersprungenes Geschirr, was alles in Jahren durch das Fenster in den Hof
geflogen oder durch die Kinder in den Garten geraten war. Wenn er abends
mit der Schwester im Garten sa, fhlte er sich glcklich und Pauline
mochte ihn nicht behelligen mit Klagen ber die mannigfaltigen
Schwierigkeiten, gnnte sie es ihm doch so von Herzen, da es ihm auch
noch einmal gut ging im Leben. Hingegen schilderte sie in Briefen an
Anna die unerfreulichen Zustnde, die sie und Agnes im Hause vorgefunden
hatten. Aber als sie aus Annas Briefen erkannte, da diese infolgedessen
sich gar nicht auf ihre bevorstehende Heimkehr von Weimar freuen konnte,
suchte sie ihr wieder Lust und Mut zu machen und schrieb der Tochter:

..... Du fragst, ob ich auch jetzt noch des Onkels Haus als unsern
Aufenthalt whlen wrde, und ich bin darber keinen Augenblick
zweifelhaft, so sehr sich auch oft das Herz abwendet von Verhltnissen,
die mit den vergangenen so ganz im Widerspruch stehen.

Es wrde uns wenig Erleichterung bringen, knnten wir auch die Form von
ehedem noch mehr bewahren, wir wrden dennoch jede Stunde inne werden,
da das Licht und die Sonne fehlt, die unser Leben bis hierher so
glnzend erleuchtet haben. -- Wenn ich manchmal hinuntergehe in des
Vaters (frheres) Stbchen, wo sein Tisch und Stuhl steht, da wird es
mir immer nur so untrstlich zumute, da ich glaube, man kmpft sich
leichter durch, wenn man sich entschliet, in Gottes Namen alles und
alles dahinzugeben, da uns ja doch alles nur an den Verlust mahnt. Wenn
wir des Vaters _Beispiel_ befolgen wollen, so knnen wir auch nicht
zweifelhaft sein, da wir hier am rechten Platze sind. Sei berzeugt:
wenn ich den Vater htte fragen knnen, so htte er uns das geraten, was
ich nun getan habe, hat denn nicht auch er sich immer an den Posten
gestellt, wo die Arbeit notwendig und dringend war, ohne Rcksicht auf
die eigene Bequemlichkeit; ja wenn wir in diesem Hause tun, was in
unsern Krften steht, so leben wir nach seinem Geist und Vorbild und
werden darin unser Glck finden. Da man aus einem arbeitsvollen Leben
mehr Segen und Befriedigung zieht, als wenn man seiner Neigung und
Bequemlichkeit folgen kann, das ist ja eine Wahrheit, die nicht ich erst
erfunden, wohl aber in reichem Mae erprobt habe. Fr euch beide glaube
ich, da es auch jetzt schon am besten _hier_ ist, habt ihr doch im
Umgang mit eurem Onkel immer eine Anregung, die ihr auerdem schwer
entbehren wrdet, und oft denke ich daran, wie vielen Grund zur
Dankbarkeit wir haben, da er uns seine treue Liebe so zuwendet. Als
neulich Frau Professor Thiersch eine von euch engagieren wollte, sprach
sich der Onkel mit aller Heftigkeit dagegen aus, zuletzt sagte er noch:
'ich kann's so nicht erwarten, bis die Anna wieder kommt, ich zhle
jeden Tag.' Im ganzen sind wir doch auch schon ein wenig heimisch hier
geworden und schwer ist nur die Kinderunruhe, die man eben den ganzen
Tag hat und bei der man nicht zu Worte kommen kann, doch in Jahresfrist
werden sie ein wenig wohlgezogen sein. Immerhin ist es aber gut, wenn Du
Dir vergegenwrtigst, da es hier zunchst einiges Entsagen gilt, Du
wirst Dich dennoch da heimisch fhlen, wo ich bin .....

Ganz allmhlich besserte sich das Verhltnis zu den Kindern. Der lteste
ihrer Pflegebefohlenen, Robert, ein sehr begabter Knabe, fhlte, da ihm
der Verkehr mit der Tante ganz ungewohnte geistige Anregung bot, und
besprach sich gern mit ihr; bei dem jngsten, dem kleinen Wilhelm, einem
herzensguten Kind, hatte das Mitrauen nie feste Wurzel gefat, er
wandte sich bald wieder zutraulich an die Tante und diese Wandlung der
Brder blieb nicht ohne Einflu auf die Schwestern. Doch wird sich bei
Mdchen nie so leicht ein kindliches, vertrauensvolles Verhltnis
bilden, weil sie viel zugnglicher sind fr die Einreden trichter oder
gewissenloser Leute, die in solch schwierigen Verhltnissen nie fehlen.
Niemand hatte es je Frau Brater bel gedeutet, wenn sie die eigenen
Kinder einfach hielt, aber bei Neffen und Nichten war das anders, und
jedermann glaubte sich berechtigt, sich einzumischen. Derartige
Schwierigkeiten lassen sich nicht in Wochen und Monaten berwinden, man
mu da mit Jahren rechnen, ja es ist Lebensarbeit und wir sind alle
unvollkommene Arbeiter. Frau Brater wre die erste gewesen, das
zuzugeben, nie war sie der Meinung, jederzeit den richtigen Ton
getroffen zu haben. In spteren Jahren, aus der Ferne zurckblickend,
glaubte sie manchen Fehler zu erkennen und war um so dankbarer dafr,
da schlielich alles gut geworden und sie in ihren alten Tagen die
volle Liebe derer genieen durfte, denen sie Mutterstelle ersetzt hatte.
In den Briefen aus der Zeit der grten Schwierigkeiten tut sie deren
kaum Erwhnung, nur die Trauer, die unverndert in ihrem Herzen lebte,
spricht sie manchmal ergreifend aus. So an Ernst Rohmer nach einem
Besuch ihres gemeinsamen Freundes Nagel: Ich habe Dich whrend Nagels
Anwesenheit oftmals zu uns gewnscht ... Was mich vor allem mit wahrer
Sympathie zu ihm hinfhrt, das ist die hnlichkeit, die er trotz aller
Verschiedenheit im letzten Grunde mit meinem Mann hat, es ist dieses
ernste, unermdliche Wollen und dieses unbestechliche Anerkennen und
Voranstellen der Wahrheit. Mich hat dieser tiefe moralische Ernst sehr
bewegt, denn er hat mir das Beispiel meines lieben Mannes wieder lebhaft
vor Augen gefhrt, ich sehe sein unermdliches Arbeiten, auch wo es ihm
schwer wurde, und so fhle ich mich veranlat, auch auf meinem traurigen
Wege nicht schwach die Hnde sinken zu lassen. -- Ach, man mu eben ein
ganz anderer Mensch werden, wenn man einen solchen Verlust erlitten hat,
und wie lange, wie lange wird das dauern! Noch habe ich so gar nichts
zustande gebracht, noch hngt mein Herz so ganz und ausschlielich an
ihm, da ich mir noch gar nicht _denken_ kann, da es anders werden
wird; es ist ja nicht, als ob ich mich der Gegenwart verschlsse und
gewaltsam die Vergangenheit festhalten wollte, im Gegenteil, ich seufze
oft frmlich nach Erleichterung dieses bittern, bittern Schmerzes.

Dieser Brief ist vom 12. Juni datiert. Allen denen, die in jener Zeit im
eigenen Leid versunken sich sehnten, darber hinaus gehoben zu werden,
kam eine mchtige Hilfe von auen: einen Monat spter wurde der
deutsch-franzsische Krieg erklrt. Es lt sich denken, wie dieses
Ereignis, das auch die schlfrigsten unter den Deutschen aufzurtteln
vermochte, in der patriotischen Familie des Hauses Pfaff-Brater
widerhallte! Entrstet ber die leichtfertige Kriegserklrung der
Franzosen schreibt Frau Brater: Knnte man doch den Groll der deutschen
Frauen nutzbar machen frs Vaterland! Was aber sie, wie alle national
gesinnten Deutschen zunchst am meisten bewegte, war die Frage, ob
Sddeutschland einig mit Preuen gegen Frankreich ziehen wrde. Wir
knnen uns heutzutage kaum mehr vorstellen, welche feindselige Gesinnung
gegen Preuen damals noch in breiten Schichten des bayerischen Volkes
herrschte. In einem Artikel des Volksboten vom Oktober 1868 finden wir
folgende Stelle: Wir tragen kein unntiges Verlangen, an der Seite
Frankreichs gegen unsere einzigen Feinde, die Preuen, in den Krieg zu
ziehen, solange Frankreich allein fertig werden kann mit unsern
Qulgeistern; wir wollen nicht Knechte und Vasallen werden, weder der
Franzosen noch der Preuen; aber das wird man nicht verwehren knnen,
da viele in den Franzosen ihre einzigen Schtzer gegen preuische
Vergewaltigung, ihre einzigen Helfer in der Not, ihre Retter von der
Annexion 1866 und -- wenn Gott es will -- ihre dereinstigen Befreier von
dem unertrglichen Joche des brutalen Preuentums sehen. Frankreich
bedarf unserer Hilfe nicht, solange es allein imstande ist, den tnernen
nordischen Kolo zu demtigen, wenn nicht zu zerschlagen.

Wir begreifen, da bei solcher Gesinnung ein Zusammengehen aller
deutschen Stmme gegen den ueren Feind keineswegs gesichert war, ja in
Frankreich war bei der Kriegserklrung zuversichtlich auf die deutsche
Uneinigkeit gebaut worden. Da sich unsere Feinde darin verrechnet
haben, da das nationale Bewutsein doch den Sieg davon trug ist gewi
zum Teil auch das Verdienst solch treuer Vorkmpfer wie Brater, die ihr
ganzes Leben dem Erwecken der nationalen Gesinnung geopfert haben. Als
die Kunde von dem einmtigen Vorgehen der Deutschen kam und bald darnach
die ersten Siegesnachrichten einliefen, drang der Jubel und das
Dankgefhl auch der trauernden Witwe ins Herz.

In heller Begeisterung schreibt Frau Brater nach dem ersten Sieg bei
Weienburg an Rohmer:


                                       Erlangen, 5. August 1870.

    _Lieber Ernst!_

    Es lt mir keine Ruhe, ich mu heute noch ein paar Worte an
    Dich richten, denn der erste Sieg, wenn er auch noch keinen
    Schlu auf den letzten gestattet, lt uns dennoch die
    namenlose, unbegrenzte Freude ahnen, die wir empfinden wrden,
    wenn auch der endliche Sieg auf unserer Seite wre!

    Ich habe heute lebhafter als je zuvor empfunden, da man im
    Glck der Teilnahme noch dringender bedarf als im Schmerz;
    diesen trgt man leichter in der Stille, aber wenn das Herz vor
    Freude berwallt, dann verlangt es mit strmischer Sehnsucht
    dahin, wo es volle Teilnahme und volles Verstndnis gefunden
    hatte, wo das Glck im doppelten Empfinden noch erhht wurde.
    Ich wei, da auch du in dieser Zeit oft seiner gedenkst, als
    des Freundes, der mit Dir im vollsten Einverstndnis gestanden
    war und als der treueste Freund, den er auf dieser Welt besessen
    hat.

    Dennoch habe ich meinen lieben Mann noch mit keinem Gedanken
    zurckgewnscht.... Das Gefhl, da er hoch ber den Leiden und
    Freuden dieser Welt steht, hat mich ganz durchdrungen und es ist
    mir eine stete Beruhigung, wenn ich mir sein stilles Bild
    vergegenwrtige; wem die letzten Atemzge so ganz den Ausdruck
    der seligen Ruhe verleihen, der hinterlt den Seinen ein
    trostbringendes Andenken, und ich mchte jedem sagen, tut eure
    Schuldigkeit so treu wie er, so kann's uns hier und dort nicht
    fehlen.

    Da mich unser Schicksal auf das mchtigste bewegt, wirst Du
    nicht bezweifeln, war es doch meines Mannes teuerste
    Herzenssache und noch habe ich auch nicht gelernt, mich an etwas
    zu erfreuen, was auer Zusammenhang mit ihm steht. In diesem
    Augenblick ist man nun in glcklicher Stimmung, aber dennoch bin
    ich mehr als sonst wohl dazu angetan, des Schmerzes zu gedenken,
    der nebenbei durch unser Vaterland zieht, wie viele heie Trnen
    werden flieen um die, die uns mit ihrem Leben den Sieg
    erkaufen.

    Hier war der Abschied unsres Bataillons, das viele Shne
    hiesiger Brger und Professoren mit sich nahm, ein sehr
    trauriger, so traurig, da ich fast kleinmtig ber unsre
    Soldaten wurde, aber ich glaube, es ist doch natrlich, da in
    einem solchen Augenblick der _Mensch_ strker ist als der
    Soldat.

    Wie wird sich unsre Sache entwickeln, das fragt man sich den Tag
    hundertmal; wenn die Zuversicht zum Sieg verhilft, so wird er
    auf unsrer Seite sein, da er _nicht_ auf unsrer Seite sein
    wird, das kann man sich nicht vorstellen und doch wird er schwer
    zu erringen sein, davon ist jeder berzeugt.

    Es ist eine schreckliche Zeit und man bringt den Tag kaum herum,
    bis wieder eine Zeitung kommt; was mich indes bis jetzt am
    meisten in Aufregung setzte, ist die Beobachtung der auswrtigen
    Mchte und das Benehmen Englands (vielleicht deute ich es nicht
    ganz richtig), das emprt mich in einem solchen Mae, da ich
    vor Grimm und Verachtung zittere, wenn ich daran denke. O wenn
    es uns gelnge, unsre Sache rund und nett allein zum Siege zu
    bringen, denke nur daran, was das wre! Was wrde man denn da
    anfangen in seiner Freude, ich wte mir nicht zu helfen, kommt
    nur gleich und ohne Verzug hierher, sowie Ihr von einem groen
    Sieg hrt. -- Freust Du Dich nicht auch ber die schne
    Kriegspoesie, die schon entstanden ist, ein echt nationaler
    Krieg! Hast Du den Kladderadatsch? Er hatte das schnste Gedicht
    An den Tyrannen; wenn Ihr's nicht habt, so schick ich's Euch.

Ein anderer Brief aus dieser Kriegszeit schliet mit den Worten:
Gottloserweise gab ich mich auch einer recht herzlichen Schadenfreude
hin, vielleicht mu ich die Snde einmal ben, tut nichts, jetzt finde
ich es gar zu schn, wenn wir den gromuligen Franzosen so wackere
Schlge geben.

Sieg auf Sieg folgte in den nchsten Monaten, das Interesse des ganzen
Hauses richtete sich auf ein und denselben Punkt, die Kinder
wetteiferten, wer zuerst eine neue Siegesdepesche heimbrchte, und durch
allgemeine Illumination der Stadt wurde der Tag von Sedan gefeiert, von
dem man damals hoffte, da er den Frieden unmittelbar im Gefolge haben
wrde.

Mitten in dieser Siegesstimmung jhrte sich der Todestag Braters und
seine Witwe, die da glaubte, der Name ihres Mannes sei vergessen ber
den Helden des Tages, durfte erfahren, da dennoch treulich seiner
gedacht wurde. In den Mnchner Neuesten Nachrichten erschien ein
Artikel, der an den Todestag Braters erinnerte und dem wir folgende
Stze entnehmen: Wenn wir mit jubelnder Begeisterung die Heldentaten
unsrer Shne und Brder feiern, wenn wir in stolzer Trauer des Muts und
der Opfer der Gefallenen gedenken, so werden wir auch des stillen
Denkers, des beredten Kmpfers, des treuen Beraters Deutschlands,
unseres _Brater_, dankerfllt uns erinnern, der mitgeholfen, die
herrlichen Siege unsrer Tage vorzubereiten und der, wenn auch nicht auf
blutigem Schlachtfelde, doch auf dem Felde der Ehre, mitten in seinem
deutschen Berufe fiel. Wir aber, und mit uns gewi alle treuen Anhnger
des Fortschrittes, erneuern das Versprechen, den Kampf, dem er zu frh
entrissen wurde, in seinem Geiste fortzusetzen, damit all das, wozu er,
der Edelsten einer, fr das Vaterland den Keim gelegt, zur schnsten
Entfaltung gelange.

Wie wohl tat an diesem Jahrestag der Witwe schon das _eine_ Wort:
_Unser_ Brater, so fhlte sie sich nicht alleinstehend mit ihrem
Schmerz, die Freunde teilten ihn. Auch der Dichter Leuthold, der
vorbergehend an der Sddeutschen Zeitung mitgearbeitet hatte, schrieb
ergreifende Verse, die spter unter seinen Gedichten gedruckt
erschienen:

    _Auf Karl Brater._

    Dein gedenk ich heute beim Sieg der groen
    deutschen Sache, der Dein charakterstrenger
    hoher Freimut, Deine gedankenklare
                        Seele geweiht war.

    Wenn ein Held im Taumel der Schlacht nach tapfern
    Taten hinsinkt, schmckt ihn der blut'ge Lorbeer,
    sein Gedchtnis feiert die Zeit und dankbar
                        nennt ihn die Nachwelt.

    Doch es bleibt die stillere Gre jener,
    die zum Wohl des Volks in Gedankenschlachten
    tropfenweis verbluten ein reines Leben,
                        minder beachtet,

    Ja, es bleicht ansplend die Flut bewegter
    Zeit die besten Namen, und mancher Grabstein
    bermoost, manch geistige Tat entfllt dem
                        Mund der Geschichte.

    Denn es hat der Lebende recht, die Menge
    liebt, was glnzt, und kufliche Lippen preisen
    jene nur, die willig das Lob mit vollen
                        Hnden belohnen.

    Doch dem Dichter ziemt es im Angedenken
    seines Volks, die Toten erstehn zu lassen
    und die denkmallosen Gedankenhelden
                        wrdig zu ehren.

Vier Wochen waren seit diesem traurigen Gedenktage verstrichen, November
war es und in der nrdlichen Wohnung kalt und dunkel, da fiel pltzlich
ein Sonnenstrahl ins Haus, so warm und belebend, da er auch Frau Brater
ins innerste Herz drang und endlich wieder ein glckliches Strahlen auf
ihrem Gesicht hervorrief: Ihre Tochter Anna wurde Braut. Der Brutigam,
Universittsbibliothekar #Dr.# Dietr. Kerler, war ihr als ein
vorzglicher Charakter und als politischer Gesinnungsgenosse ihres
Mannes lngst bekannt, ohne Sorge konnte sie zu dieser Verbindung ihren
Segen geben.

Auf welche Weise das Band zwischen dem jungen Paar entstanden war, das
hat sie selbst, fnfundzwanzig Jahre spter, bei Kerlers silberner
Hochzeit in launigen Versen mitgeteilt.

Sie schildert die bescheidenen Verhltnisse, in denen die kleine Anna
zur Welt kam und fhrt fort:

    Wie die Mutter dies ihr Kindlein
    erstmals auf den Armen trgt,
    eine Frage an das Schicksal
    unwillkrlich sie bewegt:
    Ob wohl dieses kleine Wrmlein
    unbewut jetzt auf der Erde
    seinem Ziel entgegen wachse,
    auch einst eine Mutter werde?
    Und ob schon vielleicht ein Brschlein
    irgendwo zur Schule msse,
    da es seinerzeit zur Jungfrau
    sichern Weg zu finden wisse?

    Wie die Mutter also dachte,
    war's noch frhe Morgenstunde,
    Winter war's und kalt und finster,
    keine Ahnung gab ihr Kunde,
    da frwahr ein solcher Bursche
    war im Deutschen Reich vorhanden
    und in dieser frhen Stunde
    schon in Ulm war aufgestanden.
    Dietrich hie der stramme Junge,
    ri sich los aus Schlafes Armen,
    nicht dem eignen Antrieb folgend,
    nein, ein Wecker ohn' Erbarmen
    geht durchs ganze Land der Schwaben
    wo man nur ein Brschlein kennt,
    da es zur Tortur sich rste,
    die man Landexamen nennt.
    Denn in diesem biedern Lande
    ist ein Knblein kaum geboren,
    wird's schon in der Wochenstube
    fr ein Kloster auserkoren.
    Und so ghnt und lernt der Junge
    schon in dieser dstern Stunde,
    denn auch ihm gab keine Ahnung
    von dem kleinen Sternlein Kunde,
    das soeben aufgegangen
    und bestimmt war seinem Leben,
    was es nur an Liebe wnschte
    seinerzeit vollauf zu geben.
    Doch zu blicken in die Ferne
    Hat er weder Zeit noch Ruh',
    denn Examen und #pro locos#
    gehen scheinbar endlos zu,
    Griechen, Rmer und Hebrer
    trgt ausschlielich er im Herzen
    und die deutschen Jungfrauen machen
    ihm noch lange keine Schmerzen. --
    Doch auch hier, wie allenthalben,
    fliehn die Jahre pfeilgeschwind,
    Klster, Stift und alle Plagen
    glcklich berstanden sind.
    Auch das letzte der Examen
    bringt er glnzend hinter sich
    und ganz wrdig auf der Kanzel
    sieht man nun den Dieterich!
    Doch wie kam's, da er so kurz nur
    auf dem schnen Posten stand
    und auf einmal ostwrts schielte
    nach dem fremden Bayernland?
    Scheinbar war es die Geschichte,
    die ihn fortgetrieben hat,
    er erfat sie und er wandert
    ihrethalb von Stadt zu Stadt.
    Schlielich kommt er in Erlangen,
    diesem kleinen Stdtchen an,
    sonderbar dort bleibt er hangen
    und wird dort ein Bchermann.
    Aber wo ist denn das Mgdlein,
    das damals geboren war?
    Nun, es ist lngst aus der Wiege,
    geht zur Schule Jahr fr Jahr
    ist ein junger Backfisch worden,
    fleiig rhrig ohne Rast,
    doch vor allem die Geschichte
    hat mit Eifer sie erfat;
    einstmals kam man in Erlangen,
    diesem kleinen Stdtchen an,
    und sie wnscht sich ein Geschichtsbuch,
    geht deshalb zum Bchermann.
    Dieser, freundlich wie er immer,
    hat das Buch ihr anvertraut,
    doch viel tiefer als es ntig
    in die Augen ihr geschaut!
    Sie, halb Kind noch, denkt sich gar nichts,
    bald auch zog man wieder fort
    und lebt nun drei volle Jahre
    fern von diesem lieben Ort.
    Doch es kommt die Zeit der Rckkehr
    und man siedelt fest sich an
    und an jene Augen denkend
    schleicht ins Haus der Bchermann.
    Ja nun ist es etwas andres,
    sie die Jungfrau, er der Mann,
    haben sich's nun gegenseitig
    mit den Blicken angetan!
    Und die Frage an das Schicksal,
    die die Mutter einst gestellt,
    berglcklich und bejahend
    ist gelst vor aller Welt.

Von der ersten Stunde an, da dieser Bund geschlossen wurde, war Frau
Brater der festen berzeugung, da die Verbindung eine tief beglckende
werden wrde. Sie schrieb an ihre Freundin Emilie, geb. Kopp: Dein
Brief kam in ein freudevolles Haus, denn mein Brautpaar ist so
glcklich, als ich es nur wnschen kann, so glcklich, da es mir ist,
als she ich mein eigenes schnes Leben wieder aufblhen, ich freue mich
dieses Glckes aus ganzem Herzen, aber dennoch, dennoch nur unter viel
heien Trnen. Wenn ein Herz so lange in Sorge und Schmerz gestanden ist
wie das meine, dann ruft jede Erregung, auch die freudigste, die
zurckgedrngten Empfindungen aufs neue wach. -- -- Anna hat sich einen
kostbaren Schatz erworben und ich wte kaum einen Mann, dem ich mein
Kind mit solcher Freudigkeit und Zuversicht geben wrde ..... und ich
wei, da auch mein lieber Mann sich dieser Verbindung erfreuen wrde;
sie kannten sich noch und Kerler spricht mit groer Liebe von unserem
teuren Geschiedenen.

Doch ich will ein Ende machen mit dieser Angelegenheit, Du siehst, da
sie unser Herz sehr bewegt, die Freude ist uns eben immer noch eine
ungewohnte Empfindung; wir hatten hier in Erlangen schwere Tage, und das
Eingewhnen wollte nicht recht gehen; wenn einem das eigene Leben
abgeschlossen, sein Zweck erfllt scheint, dann dnkt es einem zuweilen
fast unmglich vorwrts zu steuern, _vorwrts_ wo das Herz mit aller
Macht nach rckwrts strebt, und ich habe in diesem unruhigen Haushalt
hier kaum einen Augenblick Zeit, um das zu _denken_, was meinem Herzen
lieb und teuer ist. Dennoch habe ich in diesem schmerzvollen Jahr
gelernt allein zu sein, ich bin's gewhnt mein Teuerstes fr immer
entbehren zu mssen ... aber eines ist mir auch klar geworden: ich wei
da nichts, nichts mich von ihm trennen kann, je mehr die Zeit und die
Verhltnisse mir ihn entfernen, je mehr erkenne ich, da wir uns
unlslich verbunden sind, da ich ihm einzig und allein angehre, und
oft, oft wenn ich nach der Unruhe des Tages in der Stille der Nacht mit
meinen Gedanken allein bin, dann steht das geliebte Bild vor mir -- es
ist mir, als knnte ich seine Hand fassen ...

Wenn nun auch die Trauer im Herzen oft die Oberhand gewann ber die
Freude, so war die Mutter doch weit entfernt, dadurch das brutliche
Glck der Tochter zu trben. Ihr Brautpaar sollte nichts davon ahnen,
da sie beim Anblick ihres Liebesglcks mit Schmerzen daran dachte, wie
auch sie einmal das bittere Leid der Trennung erfahren wrden. Sie
freute sich mit den Frhlichen und drngte den Kummer ganz zurck bis
sie allein mit ihm war in der Stille der Nacht. Und das ganze Haus stand
unter dem Einflu des glcklichen Brautpaars; der Schimmer des nahen
Hochzeitsfestes verband auch die Kleinen mit den Groen in frhlicher
Vorfreude und Geschftigkeit. Dazu kam im Januar die Freude, die allen
Deutschen das Herz bewegte: der groe Tag in Versailles, die Grndung
des Deutschen Reiches als schnster Erfolg des Krieges. Der 10. Mai
brachte den lang ersehnten Frieden, der 28. Mai das schne Familienfest,
die Hochzeitsfeier.

Das junge Paar lie sich in Erlangen nieder, so trbte kein
Trennungsschmerz das frhliche Fest, Frau Brater sah ihre Tochter als
glckstrahlende junge Gattin dem geliebten Manne folgen. Sie blickte bei
diesem Lebensabschnitt in die Zukunft ihres Kindes, sich selbst prfend
und erwgend, ob sie getan hatte was in ihrer Macht stand, um sie fr
das Leben auszubilden. Schon mancher Mutter ist es in solcher Stunde
pltzlich klar geworden: Du hast Deine Tochter verwhnt und sie dadurch
im Egoismus heranwachsen lassen. Eine Egoistin kann aber den Mann nicht
glcklich machen und kann sie nicht glcklich _machen_, so wird sie auch
nicht glcklich _sein_. Solche berlegungen lagen Frau Brater um so
nher als sie durchdrungen davon war, da es viel mehr in der Hand der
Frau als in der des Mannes liege, eine Ehe glcklich zu gestalten, ja in
ihrer starken Ausdrucksweise sagte sie: Fr jede unglckliche Ehe mache
ich die Frau verantwortlich. Vielleicht entsprang diese Ansicht aus dem
unbewuten Gefhl, da es ihr mit ihren glcklichen Gaben und der
seltenen Mischung von Energie und Hingebung jedem Manne gegenber
gelungen wre, zu verhten, da ein _schlechtes_ Verhltnis entstnde.
Sie uerte manchmal: Es ist eigentlich noch wichtiger, da die Frau
gescheidt ist, als der Mann, und man versteht das, wenn sie der Frau
zumutet und zutraut, die Ehe in ihrer ganzen Schnheit auszubauen.

Frau Brater konnte bei dem Rckblick auf ihr Erziehungswerk ber den
Hauptpunkt beruhigt sein: verwhnt hatte sie die Kinder nicht, auch in
der eigenen Ehe niemals das Beispiel des Egoismus gegeben, so konnte sie
getrost auf das eheliche Glck des jungen Paares hoffen.

Bei der Hochzeitsfeier lie sie sich nicht anmerken, wie unsglich
wehmtig und schmerzlich ihr zumute war, da sie diesen Tag ohne den
geliebten Mann begehen mute. Sie verschlo tief im Herzen die Trauer,
wenn sie unter den Gsten sa und widmete sich diesen vollstndig. So
verlief das Fest freudig fr alle, die daran teilnahmen. Bei solchen
Anlssen kam Frau Brater das gesellige Talent zuhilfe, das sie in hohem
Grade besa. Sie glaubte nicht den Geladenen genug zu tun, wenn sie fr
deren leibliche Verpflegung gesorgt hatte, sie hielt es fr ebenso
wichtig, da Geist und Gemt ihrer Gste nicht leer ausgingen, und wie
sie dieser geselligen Pflicht unzhlige Male in ihrem Leben nachgekommen
war trotz schmerzenden Kopfes und brennender Augen, so tat sie es nun
mit wehem Herzen und verborgener Trauer, und gab den frhlichen Ton an,
der allen wohl tat.

Sie war immer anregend in Geselligkeit und doch fhrte sie nicht das
groe Wort wie manche hervorragend gesellige Talente tun, die zwar
unsere Bewunderung erregen, uns prchtig unterhalten, aber doch das
Gefhl hinterlassen, da neben ihnen niemand zur Geltung kommen konnte.
Sie lie gerne die anderen zu Wort kommen und verstand es prchtig, die
Rede auf das zu bringen was diese beschftigte. Sie versteht so
ausgezeichnet die Kunst zuzuhren, rhmte gelegentlich ein Freund ihres
Mannes von ihr und mit dieser Kunst tat sie vielen wohl, denn sie
antwortete auf das Gehrte liebenswrdig und treffend, nie in
konventionellen Redensarten, sondern in Ausdrcken die ihr direkt aus
dem Herzen kamen und denen ihr freundlicher Humor eine originelle
Wendung gab.

Leistete sie so ihr Mglichstes in Geselligkeit, so war sie auch hchst
entrstet ber Menschen, die sich nur unterhalten lieen, sich selbst
aber ihrer geselligen Pflichten gar nicht bewut waren. Ganz emprt
konnte sie sein ber Frauen und Mdchen, die whrend des Gesprchs immer
auf ihre Handarbeit sahen, ihre Stiche abzhlten und nur mit halbem Ohr
bei der Geselligkeit waren, und ber Mnner, die dasaen, schwiegen und
sich ganz bequem von andern unterhalten lieen. Langweilig sein ist die
grte Snde erklrte sie und war der Ansicht, es msse jeder gebildete
Mensch sein Teil zur Unterhaltung beitragen oder er sollte sich lieber
gar nicht in Gesellschaft blicken lassen.

Wer Frau Brater in solcher Entrstung reden hrte, der glaubte
schlielich selbst an die Snde der Langeweile. Man konnte nicht so
leicht dem widerstehen oder das vergessen, was sie mit ihrer ganzen
Wrme und Energie als ihre berzeugung vorgebracht hatte.

Im ersten Winter nach der Verheiratung ihrer Tochter schrieb sie an ihre
Freundin, Frau Professor Hecker: ... Du kannst Dir kaum vorstellen wie
viele Freude ich an meinem glcklichen Paar habe und wie sich das
Freundschaftsverhltnis, das zwischen mir und meinen Kindern besteht,
mit der verheirateten Tochter nun noch weiter und umfassender entwickelt
hat; und ich mchte sagen, ebenso geht es mir mit Agnes; seit wir nun
noch allein beisammen sind, ist unsere Anhnglichkeit aneinander so gro
geworden, da mir's oft ganz bange dabei wird; sie hngt ihr Herz gar zu
sehr an mich, ich mu so oft der unvermeidlichen Trennung denken ...

Whrend Frau Brater in solchen Worten andeutete, da sie, die oft vor
Mdigkeit fast der Arbeit erlag, sich selbst keine lange Lebensdauer
zutraute, war es ihr bestimmt, alle ihre Geschwister zu berleben. Vor
zwei Jahren war ihr Bruder Siegfried gestorben und nun trat deutlich und
drohend bei ihrem Bruder Hans ein inneres Leiden zutage, das nach einem
schweren Winter rasch eine tdliche Wendung nahm. An Pfingsten 1872,
whrend in Erlangen die Bergkirchweihe gefeiert wurde und alles
hinausgestrmt war, um sich zu ergtzen, kmpfte dieses Leben den
letzten Kampf, und Frau Brater mute den geliebten Bruder scheiden
sehen. Wehmtig schreibt sie: Ein treues Herz, wie es kein treueres,
liebenderes geben kann, habe ich auch jetzt wieder scheiden sehen mssen
und habe ihm einen Teil meines eigenen Wesens mit ins Grab gegeben. Ich
mu immer aufs neue daran denken, wie gern mein Bruder noch bei uns
geblieben wre.... Die Kinder behalte ich so lange ich nur immer kann.

Die vier so frh verwaisten Geschwister konnten auf diese Weise im
elterlichen Hause beisammenbleiben und wenn auch in der Folge das eine
oder andere seiner Ausbildung wegen fortkam, so stand ihnen doch fr
die Ferien ein Heim offen, in dem sie mtterliche Liebe fanden, das
bittere Gefhl des Verwaistseins blieb ihnen erspart.

Der Bruder des Verstorbenen, Professor Fritz Pfaff, wurde Vormund. Da er
aber auerhalb der Stadt, in einem Landhaus auf dem Berg wohnte und
berdies in jener Zeit viel leidend war, so blieb die Sorge fr die vier
Unmndigen auf Frau Brater liegen, auch das Geschftliche wurde ihr
bergeben. Gelegentlich einer Vorladung wurde ihr auf dem Gericht
mitgeteilt, wie sie fr die Waisen Buch zu fhren und Rechnung abzulegen
habe. Als sie von diesem umstndlichen Verfahren hrte, sie, der jede
pedantisch-brokratische Maregel in der Seele zuwider war, entgegnete
sie sofort in ihrer berzeugenden Art, solch umstndliche Rechnung knne
sie unmglich fhren, die wrde auch bei ihr gar nicht stimmen, sie
wolle mit den Kindern so weiter wirtschaften wie zu ihres Vaters
Lebzeiten, hoffe auch mit den vorhandenen Mitteln auszukommen, aber
alles weitere sei ganz unntig. Die beiden anwesenden Beamten sollen
sich daraufhin etwas ratlos angesehen, aber die Sache vorlufig
beigelegt haben. In der kleinen Stadt kannte man ja seine Leute, wute
da hier alles in Ordnung und die Mndel aufs beste versorgt wren, und
da man froh sein mute, sie so gut untergebracht zu wissen. Bei der
bewhrten Sparsamkeit der Hausfrau gelang es auch, die Shne studieren
zu lassen, und in den Jahren, da die Kosten am bedeutendsten waren,
wurde Frau Brater am wenigsten vom Gerichte behelligt, man war wohl auf
dem Amte zufrieden, wenn _sie_ zufrieden war.

Eine sparsame Einrichtung setzt voraus, da die Hausfrau selbst tchtig
mit angreift und so lag nun auch ein gut Teil Arbeit auf Frau Brater.
Die Zimmer, die ihr Mann und ihr Bruder bewohnt hatten, vermietete sie,
obgleich diese Zimmerherrn nicht unwesentlich die Arbeit vermehrten.
Ein Brief an ihre Tochter Agnes, die vorbergehend verreist war, gibt
einen Einblick in den unruhigen Haushalt:

    _Liebe Agnes!_

    Am Ende eines sehr, sehr strmischen Tages setze ich mich und
    versuche einen Brief an Dich, denn es ist doch unter allen
    Umstnden sehr angenehm, da man beim Schreiben _sitzen_ kann.

    Heute war geradewegs der Teufel los, aber bekanntlich wird ein
    Gewrge gerade dann komisch, wenn man es unmglich mehr
    beherrschen kann, sondern alles drunter und drber gehen lt.

    Ich begann meinen Tageslauf mit der groen Bgelei, die mit
    allen Zimmerherrnvorhngen ziemlich umfangreich war, zu gleicher
    Zeit stellte sich der neue Grtner ein und extra meinen
    Vorhngen zum Trotz der schon vor Wochen bestellte Zimmermann
    fr den Gartenzaun, dann kam der Schlosser fr das Tor, dann
    Herr Ebrard, dann Sophie Schnizlein, dann Anna mit der Kleinen,
    dann eine Ladung fr den Nachmittag aufs Rentamt, dann Emma
    Schunck zu einer Schirtingsteilerei; Ricke stberte und fegte
    unten und bekanntlich klingelt es dann alle Minute, schlielich
    klingelte dann auch noch Herr K. (ein Studierender, der bei Frau
    Brater einen Freitisch hatte) zu Klen und Sauerbraten und
    sprach heute noch weniger als gar nichts... Schlielich hngen
    nun doch alle Vorhnge, die Betten sind gesonnt und berzogen,
    kein Stubchen mehr ist im Zimmer und morgen kann der Zimmerherr
    seinen Einzug halten.... Schreibe Du nur bald wieder, denn wenn
    ich auch nicht viel Zeit habe, Dich zu vermissen, so vermisse
    ich Dich in kurzen Augenblicken um so ergiebiger und es ist mir,
    als sei'st Du schon 14 Tage weg!

Wenn sich in diesen bewegten Jahren Frau Brater die Freude gnnte, ab
und zu ein paar Stunden in dem glcklichen, friedlichen Heim der Familie
Kerler zuzubringen, so wurde sie bei der Rckkehr meist schon an der
Haustre von Gro und Klein mit allerlei Anliegen berfallen und im Chor
fragender, bittender oder auch streitender Stimmen die Treppe
hinaufgeleitet. Das war im einzelnen Falle wohl ungemtlich, aber liegt
nicht fr jede Frau doch auch etwas Beglckendes in dieser
Unentbehrlichkeit? Im Ganzen betrachtet war es doch ein Segen, da sie
noch ein so reiches Feld der Ttigkeit hatte, eines das sich noch
erweiterte, als sie im Sommer 1872 Gromutter wurde.

Als sie ihr erstes Enkeltchterchen in Empfang nahm, war sie erst Mitte
der Vierzig, man sah ihr die Wrde nicht an, wohl aber die Freude. Ich
mag es kaum eingestehen, welches Entzcken das liebe Geschpf bereitet,
schreibt sie in Erinnerung daran, da sie sich als junge Frau gehtet
hatte, das Lob ihrer eignen Kinder zu singen. Bei dem Enkelkinde konnte
sie diese Zurckhaltung nicht mehr ber sich bringen, der
Gromutterfreude lie sie freien Lauf. Die Wonne ber dies prchtig
gedeihende Kind spricht aus allen Briefen der folgenden Jahre. Freilich,
wenn die Eltern des Kindes dieses verwhnt oder zu sehr in den
Vordergrund gestellt htten, so wre ihre Freude an der Enkelin gleich
getrbt worden, denn ihre Erziehungsgrundstze waren ein Teil ihres
Wesens; sie verleugnete dieselben auch nicht bei den Enkelkindern. Kam
die Kleine zu Besuch in das gromtterliche Haus, so sorgte die
Gromutter, da ihr nicht von allen Seiten Beachtung, berschwngliche
Begrung zuteil wurde oder die originellen uerungen des Kindes
belacht und in seiner Gegenwart weitererzhlt wurden. Sie hatte am
liebsten, wenn das Kind fr sich allein spielte, begnstigte das soviel
sie konnte und sorgte, da der Ttigkeitstrieb der Kleinen nicht zu sehr
durch Rcksicht auf die Kleider beschrnkt werden mute. Sie sah sie
deshalb am liebsten in den von ihr selbst gestrickten Kittelchen mit
bunten Rckchen, an denen nicht viel zu verderben war. Mit Vergngen
lie sie dann das Kind Salat waschen d. h. mit Gras und Kraut im
Wasser patschen, Seifenblasen machen und dergl. Wurde dann auch alles
tropfna, so war doch die Kleine seelenvergngt dabei.

Vier Jahre spter gesellte sich noch ein Brderchen zu der kleinen
Berta, und wenn allmhlich wieder Glck und Lebenslust aus Frau Braters
Worten und Briefen sprach, so waren es die Enkelkinder, die junge
Familie Kerler, die solchen Ton anklingen lieen.

brigens fehlte es ihr auch sonst nicht an verwandtschaftlichen
Beziehungen in dem alten Erlangen, wo auer den drei Familien Pfaff nun
auch die Familie Sartorius lebte und manchen Sonntag zog eine groe
Schar von Abkmmlingen der guten Frau Pfaff hinaus nach den beliebten
rtchen der Umgegend, nach Bubenreuth, Rathsberg und Sieglitzhof, und
die heranwachsende Jugend dieser kinderreichen Familien verkehrte
frhlich zusammen. Schwager Sartorius, Rektor am Gymnasium, und seine
Frau Lina, geb. Rohmer waren wohl diejenigen, die zu jener Zeit am
fleiigsten Frau Brater aufsuchten. Die Freundschaft mit ihr war ja die
Brcke gewesen, die diese Beiden zusammengefhrt hatte und immer standen
sie im besten Einvernehmen mit ihr. In einem scherzhaften
Gelegenheitsgedichte sagt Frau Brater von ihrem Schwager Sartorius:
Doch der Mann von Stahl und Eisen, lt sich absolut nichts weisen.
Mit solch eisenfesten Ehemnnern ist nicht immer leicht auszukommen,
mgen ihre Grundstze noch so vortrefflich sein. So kam denn nicht
selten Frau Lina Sartorius zu der Schwgerin hinaus, um husliche Nte
mit ihr zu besprechen, so z. B. wenn sie Fenstervorhnge anschaffen
wollte und der gestrenge Eheherr erklrte, solange der Staat seine
Beamten so schlecht besolde, da es kaum zum Ntigen reiche, drfe man
sich keinen Luxus gestatten und es sei ganz recht, wenn jedermann auf
den ersten Blick sehe, da zu solchen Ausgaben der Gehalt nicht reiche.
Die Ehefrau hingegen fand, da bei solch schnen Grundstzen ihre Zimmer
nicht schn ausshen und wollte die Vorhnge durchsetzen.

Hatte sie dann bei einer Tasse Kaffee mit der Freundin diese und
hnliche Schwierigkeiten besprochen, so kam gegen Abend der Schwager, um
seine Gattin abzuholen. Mit schlauem Lcheln trat er vor die Frauen,
denn er dachte sich wohl, was sie verhandelt hatten. Habt Ihr recht
ber mich losgezogen? fragte er und sie antworteten lachend: Jawohl,
die ganze Zeit.

Wie es mit den Vorhngen ausfiel, wei niemand, wohl aber, da das
Ehepaar immer in schnster Harmonie von der Schwgerin nachhause
kehrte.




XIII.

1875-1883


Im Sommer 1875 hatte Frau Brater zum zweitenmal eine Braut im Hause. Ein
Jugendfreund Kerlers, wie dieser in Ulm aufgewachsen, suchte den
ehemaligen Schulkameraden auf, traf ihn ganz unvermutet schon in einer
netten Huslichkeit mit einer lieben Frau und dachte bei sich: So
gefiele mir's auch. Als nun der Zufall die Schwester der jungen Frau an
den Kaffeetisch fhrte, gestaltete sich dieser allgemeine Wunsch zu
einem bestimmten Plan. Der junge Mann wiederholte seinen Besuch und
eines Tages erhielt Frau Brater aus dem wrttembergischen Stdtchen
Blaubeuren einen Brief in dem der damalige Stadtschulthei߫
(Brgermeister) Sapper um die Hand ihrer zweiten Tochter anhielt. Im
Juni wurde die Verlobung gefeiert.

Frau Brater beantwortete die Glckwnsche der treuen Nrdlinger Freunde:

... Ich wei ja, da Ihr mir und meinen Kindern gerne etwas Gutes
gnnt, da nun diese Verlobung etwas Gutes ist, kann ich nicht
bezweifeln, wenn ich in Agnesens glckliche Augen sehe; ich selbst kenne
den Brutigam sehr wenig und wenn ich auch bei der kurzen Bekanntschaft
rasch ein volles Zutrauen gefat habe, so fhle ich doch jetzt bei der
Trennung von ihm, da wir uns noch ziemlich fremd sind, und der Gedanke,
da, wenn er nun wiederkommt, er mir mein einziges so sehr geliebtes
Kind entfhren wird, dieser Gedanke bewegt mich tief und rhrt an
manchen durchgekmpften Abschiedsschmerz.

Schon nach drei Monaten kam der Brutigam um die Braut heimzuholen. Wohl
gab es wieder ein frhliches Hochzeitsfest, diesmal aber mute eine
Trennung folgen. Frau Brater fiel es schwer, das letzte Glied der
eigensten Familie herzugeben. Auch die Braut trennte sich unter bitteren
Trnen von der Mutter, mit der sie in den letzten Jahren besonders innig
zusammen gewachsen war.

Man mchte sich oft wundern, wenn man sieht, wie ein junges Mdchen, das
zuhause in warmer Liebe und schnster Harmonie mit den Ihrigen gelebt
hat, berdies noch neben dem Berufe der Haustochter einen Lehrberuf
hatte, dem sie mit Eifer nachging und der sie pekunir selbstndig
machte, wenn ein Mdchen ein solch befriedigendes, sorgenloses Dasein
unbedenklich hingibt gegen ein ungewisses Los, in ganz fremden
Verhltnissen, an der Seite eines Mannes, der ihr, wenn auch noch so
lieb, doch vor Jahresfrist noch unbekannt war. Dabei hat sie nicht
einmal das Gefhl einer mutigen Tat, eines groen Wagnisses, sie folgt
unbedenklich einem inneren Triebe. Sie bringt es ber sich, alles zu
verlassen, um denselben Weg zu gehen, den einst die Mutter gegangen war.
Und je glcklicher die Ehe war, aus der ein Kind entsprossen ist, um so
zuversichtlicher wird es wieder von der Ehe alles Glck erwarten.

Der dritte Oktober war der Hochzeitstag und schon vom vierten ist der
erste Brief datiert, den die Mutter der jungen Frau nach Koblenz sandte,
wohin die Hochzeitsreise sie fhren sollte.

    _Liebes teures Kind!_

    Den ganzen Tag schon ist es mir Bedrfnis, ein Viertelstndchen
    zu finden, das ich ruhig mit Dir verbringen knnte, nicht gerade
    weil ich Dir etwas Besonderes zu sagen htte, sondern nur weil
    ich eben noch immer der Meinung bin, da ich Dir jeden Gedanken
    mitteilen knne, der mich bewegt, und wie sehr mein Herz nach
    Dir verlangt, wrde ich Dir gar nicht sagen, wenn ich nicht
    zugleich die sichere Hoffnung in mir trge, da das Glck, das
    Ihr Euch grnden werdet, mir noch reichen Ersatz bringen wird
    fr das Herzweh, das ich jetzt empfinde. Wenn erst einmal der
    briefliche Verkehr im Gange ist, wird es mir auch leichter
    werden und wenn das Strmen und Regnen nachlt, bei dem man
    seine Lieben so ungern auf der Reise wei, dennoch sage ich mir,
    da ja Euer Glck nicht vom schnen Wetter abhngig ist,
    Gottlob!

    Ich will Dir erzhlen, wie es seit gestern gegangen ist, Du
    kannst es Dir zwar an den Fingern abzhlen, aber so lange man
    noch so bekannt ist im Hause wie Du jetzt, mu man's genau
    wissen: Nachdem Ihr fort wart, war groe Stille im Hause, Mine
    ging mit halben und Vierteltorten bei Bekannten umher, so war
    ich herrlich allein und fing ganz still an aufzurumen, das
    Geschft ging aber langsam vonstatten, ich pausierte dazwischen
    ein wenig und weinte, auch trug ich in Gedanken manches Stck
    lang umher, bis ich es an den rechten Fleck legte, und
    schlielich waren der Objekte zum Aufrumen so viele, da ich,
    wie gesagt, sehr lange keine Wirkung meiner Ttigkeit erblickte;
    gegen acht Uhr kamen die Hochzeitsgste zurck, nachdem sogar
    Onkel Co noch getanzt und sich mit Tante Lina bei der Polonaise
    das wildeste Tempo erbeten hatte. Sie waren alle
    auerordentlich vergngt gewesen; daheim schenkten sie dann dem
    Ochsenfu߫ noch einige Aufmerksamkeit und um neun Uhr gingen
    sie miteinander ins Wirtshaus; wir zu Hause gebliebenen
    berfielen mit rcksichtsloser Eile unsere Betten und endlich
    wurde auch bei mir der Schlaf Herr ber das Kopfweh, das sich so
    allmhlich zu schner Hhe hinaufgearbeitet hatte. Somit kennst
    Du nun genau alle Stunden des Tages, der der wichtigste in
    Deinem Leben ist... Ich will Dir nun erzhlen wie der heutige
    Tag verging; also heute morgen erwachte ich ohne Kopfweh, aber
    Dein Bett stand leer neben mir, ich wute es schon genau ehe ich
    die Augen aufschlug, von da ab ging alles seinen gewohnten Gang,
    nur sah man nichts von Dir; um acht Uhr schon erschien Anna in
    gleicher Stimmung wie ich... Nachmittags ging man in den Prater,
    der Regen strmte ohne Aufhren, ich trank dort nur schnell
    Kaffee und verschwand dann in der Stille, um Deine Sachen zu
    ordnen; Johanne ging gar nicht mit, sie kmpft den ganzen Tag
    mit den Trnen, dazwischen geht sie ins Schlafzimmer und weint
    rckhaltslos. Im Prater war alles vergngt, sie spielten...
    Jetzt ist es halb zehn Uhr und ich trachte nach dem Bett, um
    ein Restchen Kopfweh vollends zu verschlafen.

    Und somit gute Nacht, mein liebes Kind, diesen Tageslauf kennst
    Du nun noch genau, nach und nach wird's anders werden, auch habe
    ich mich diesmal ausschlielich an Dich gewendet in der
    Vermutung, da diese Details hchst uninteressant fr Eduard
    sind. Wann Du diesen Brief erhltst wei ich ja nicht, aber
    immerhin werden ja Deine Gedanken noch zu diesen Tagen
    zurckkehren. Einstweilen beht Euch Gott!

                                                     5. Oktober.

    _Liebes Kind!_

    Ich kann Dir nicht sagen, wie sehr ich mich Eures Glckes und
    Eurer Liebe freue, das Bild, das ich mir jetzt von Euch mache,
    drngt mehr und mehr die schmerzliche Empfindung des Abschiedes
    zurck und wenn ich Deine Briefe lese, so wird es mir getroster
    und freudiger zumute. La Dich nur nie abhalten etwas zu
    schreiben ... sei stets berzeugt, da in Deinem Leben mir
    nichts fremd sein kann, ja da im Gegenteil eine verheiratete
    Tochter noch in viel innigerem Verkehr mit ihrer Mutter steht
    als vordem, denn jetzt erst knnen sie sich gemeinsam freuen an
    den tiefsten und beseligendsten Empfindungen, die das Leben
    einem Menschen bringen kann, und da das Glck, das uns der
    Liebesfrhling bringt, sich im Herzen nicht verwischt, auch in
    seinen kleinsten Regungen nicht, das wird Dir leicht glaublich
    sein und so halte fest an dem Bewutsein, da ich stets bei Dir
    bin.

    Die Freude des Zusammen_lebens_ entbehre ich freilich trotz
    allem noch immer schwer, unsere Plauderstndchen lassen sich
    brieflich nicht abmachen, da gibt ein Wort das andere; wie oft
    des Tages habe ich irgend eine Bemerkung auf der Zunge, die ich
    zurckhalte weil mir erst einfllt, da ja niemand mehr da ist,
    der sie _recht_ versteht, und welch ein unaussprechliches Glck
    es ist, _recht verstanden_ zu werden, in den kleinsten
    Bewegungen sogar, das wirst Du ja jetzt bestndig empfinden. Ich
    habe mir oft meine Gedanken gemacht, warum auch in den kleinsten
    Beziehungen das Glck des Einverstndnisses ein so beseligendes
    ist.

                                                       November.

    _Liebe Agnes!_

    Gestern, als wir eben die Treppe hinunter ins Konzert gingen,
    erhielt ich Deinen Brief und legte ihn mit einiger
    Seelenberwindung ganz unbesehen auf den Schreibtisch, dann
    segelten wir die bekannten Gassen entlang dem bekannten Ziele
    zu; als ich mich zum erstenmal wieder unter den vielen bekannten
    Gesichtern sah und nur _Du_ nicht dabei warst, da wurde mir's
    recht traurig ums Herz und Du mutest wohl eine Ahnung gehabt
    haben, da Du mir diesmal sobald schriebst, denn der Gedanke,
    da daheim auf dem Schreibtisch ein Brief von Dir lag, diente
    mir zur steten Aufheiterung. Als wir um 10 Uhr nach Hause kamen
    und nachdem die andern im Bette waren, ging ich endlich mit
    aller Mue an deinen Brief, der mich mit seinen vergngten
    Nachrichten auch wieder ganz vergngt machte, aber auf einen
    Punkt Deines Schreibens mu ich noch eingehen, denn er erregt
    meine Mibilligung. Du solltest nicht immer an meinen Besuch
    denken, man tuscht sich gar so leicht mit einer solchen Freude,
    die Trennung folgt ja so bald wieder darauf und wir mssen es
    nun eben lernen, uns als geschiedene Leute aufzufassen; es hat
    mich fast schon gereut, da ich meinem Verlangen, Euch Lieben
    wiederzusehen, ein so nahes Ziel steckte (Februar); ich fhle es
    wenigstens meinerseits, da ich mich eben nicht recht trennen
    _mag_ und doch trennen _mu_; ach die liebe Gewohnheit des
    Zusammenlebens, des Einverstndnisses in den hundert kleinen
    Dingen des tglichen Lebens, _ich_ mu sie aufgeben, _Du_
    bertrgst sie nach und nach. Dem Heimweh lt sich mit keinem
    Mittel beikommen, aber ein sicheres Heilmittel ist die _Zeit_,
    man lst sich eben nicht so leicht aus Verhltnissen, mit und in
    denen man geworden ist, die ein Teil von einem selbst sind, aber
    von Tag zu Tag verwchst man mit den neuen Verhltnissen und
    wenn einige Zeit herum ist, so sind einem _diese_ zur
    Lebensgewohnheit und lieb und teuer geworden.

    Wenn ich so zurckblicke auf mein Leben mit dem Vater, so
    erscheinen mir die ersten Jahre immer als ein oberflchliches
    Glck im Vergleich zu den spteren, brigens kam das nicht ganz
    von selbst, man mu sein Glck pflegen und behten und das
    werdet Ihr ja auch tun.

    Noch kann ich mir nicht recht denken, welcher Art der
    _Unfrieden_ sein wird, der ber kurz oder lang doch auch bei
    Euch einmal ausbrechen mu; wenn Ihr einmal recht Hndel
    miteinander gehabt habt, so bitte ich mir aus, da eins das
    andere bei mir verklagt, so lange ich nicht wei, worber Ihr
    streiten knnt, so lange habe ich noch kein erschpfendes Bild,
    auch drft Ihr nicht denken, da ich Eure Zwietracht sehr hoch
    anschlage.

    Das Staatswrterbuch ist hoffentlich angekommen. Es freut mich,
    diesen guten Freund und Lebensgenossen nun bei Euch zu wissen,
    Du weit ja wie sehr die Erinnerung an des lieben Vaters Leben
    mit diesem Werk verknpft ist, wie berall, wo wir auch waren,
    immer das erste Geschft war, die Verbindung mit dem Verleger
    und den Autoren herzustellen, und wie uns die Korrekturbogen in
    alle Meeresflchen und auf Bergeshhen verfolgten. Manches
    werdet ihr gerne gemeinsam lesen, lest auch einmal den Artikel
    Gemeinde, die Ideen oder die Auffassung, die darin
    niedergelegt sind, sind wohl heutzutage in aller Leute
    Bewutsein, aber damals war es eben nicht so, vieles wird jetzt
    als selbstverstndlich betrachtet und hingenommen, was noch vor
    zehn und zwanzig Jahren verfolgt und fast gechtet wurde...

    Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich es einrichten soll,
    um mein Haus zu verlassen, ich wei wahrlich nicht wie ich an
    eine Reise denken soll. Der neue Zimmerherr ist mir rgerlich
    weil er so viel braucht, er hat ein ewiges Geklingel bald um
    Feuer, bald um Wasser, auch der andere ist mir wieder rgerlich
    wegen seiner Unpnktlichkeit, und ich sinne den ganzen Tag, wie
    ich die Zimmerherrnwirtschaft los kriegen knnte.

Trotz allen Sinnens wurde kein Ausweg gefunden, denn das Haus mute zu
mglichst groer Rente ausgentzt werden. Es waren mhsame und
arbeitsvolle Jahre fr Frau Brater und dennoch, da sie so viel leisten
_konnte_, war es gut, da sie noch ein Feld der Ttigkeit hatte. Denn in
den beiden jungen Familien war ihre Hilfe wohl zu Zeiten von
unschtzbarem Wert, aber sie wute doch, da sie nicht immer ntig war,
und vertrat jederzeit die Ansicht wenn es irgend tunlich sei, sollte
eine Mutter nicht mit verheirateten Kindern gemeinsame Wirtschaft
fhren. Um so mehr freute sie sich, vorbergehend zu ihnen zu kommen,
und geno das Glck, mit Jubel und Wonne von Kindern und Enkeln
empfangen zu werden. Treulich unternahm sie jedes Jahr die Reise nach
Wrttemberg und brachte einige Wochen in Blaubeuren zu.

In dem frher erwhnten Album finden wir eine Photographie dieses
reizend gelegenen Stdtchens und daneben einen Vers, der von Frau Brater
sagt, da sie dreimal dorthin berufen wird

    Und sie kriegt zum Lohn
    jedesmal, so bald sie kommt,
    Einen Enkelsohn.

So wute sie es doch, wenn es not tat, immer mglich zu machen, von zu
Hause abzukommen, obwohl ihre empfindlichen Augen ihr das Reisen oft zur
Qual machten. Einmal schreibt sie nach der Heimreise von Blaubeuren, wo
sie unterwegs bei Verwandten Halt gemacht hatte: Sechs rauchende junge
Vettern, die zu meiner Begrung geladen waren, haben meinen Augen
vollends den Treff gegeben und ein andermal:

    _Liebe Agnes!_

    Gottlob wieder in Erlangen; Htte ich ein Tagebuch, mit der
    allerschwrzesten Tinte wrde ich diesen letzten Teil meiner
    Vergngungsreise darin verzeichnen! Meine Augen brachten mich an
    den Rand der Verzweiflung.... In Tbingen wurde es mit jeder
    Minute schlimmer. Mein Mittel hatte ich wohl dabei, konnte es
    aber nur noch abends anwenden, denn es schmerzte unsinnig. Ich
    berlegte immer, ob ich nicht mit dem ersten besten Zug nach
    Hause fahren sollte, aber ich mochte doch nicht so rasch
    abbrechen, wurde ja so herzlich empfangen!...

Von den drei kleinen Enkelshnchen, die sie bei ihrem Erscheinen auf
dieser Welt freundlich bewillkommt und in treue Pflege genommen hatte,
blieb ihr nur das erstgeborene erhalten. Das zweite, von Anfang an ein
zartes Pflnzchen, half sie liebevoll pflegen und als es trotz aller
Frsorge im zweiten Lebensjahre starb, stand sie unter dem Eindruck, da
hier ein Leben zu Ende ging, das vielleicht doch nur Leiden gewesen
wre, und ihr gesundes natrliches Gefhl lie sie den Tod schwchlicher
und leidender Menschen nie so schmerzlich beklagen. Als aber ein Jahr
spter das dritte Kind, ein prchtig gediehener fast zweijhriger Knabe
ganz rasch von der Diphtheritis dahingerafft wurde, empfand sie dies als
einen furchtbaren Schmerz. Sie erhielt die Todesnachricht whrend sie
mit der Familie Kerler zum Landaufenthalt im Spessart war. Keine
Naturschnheit vermag die Gedanken von solcher Trauer abzubringen, aber
es kam das Mittel, das einzige was solchen Kummer in den Hintergrund
drngen kann, die Sorge vor noch herberem Verlust; auch Karl, der
lteste der drei kleinen Brder erkrankte an der Diphtheritis und
schwebte in Lebensgefahr. Der Gedanke, da ihre Tochter auch das letzte
Kind verlieren sollte, war ihr entsetzlich und lag ihr damals besonders
nahe, denn es waren die Jahre, in denen diese Krankheit furchtbar um
sich griff, viele Eltern in einer Woche kinderlos wurden, und alle fr
ihre Kinder bangten. Als die Nachricht von der Besserung und
allmhlichen Genesung des kleinen Karl eintraf, konnte sie doch wieder
Glck und Dankbarkeit empfinden und sie schlo dieses Kind mit
besonderer Liebe in ihr Herz und hatte spter eine groe Freude daran,
da zwei kleine Schwestern sich zu dem Vereinsamten gesellten.

Wenn sie von den Reisen zu ihrer Tochter nach Erlangen zurckkam, so
hatte sie dort zwar kein Kleinkindergeschrei mehr um sich, aber doch
auch Unruhe genug. Liest man ihre Briefe, in denen sie ihr Erlanger
Leben schildert, so sieht man in eine belebte Stube, in der die vier
Schulkinder sich umhertreiben mit viel Lrm und Zank, der aber mit Humor
aufgefat wird. So schreibt Frau Brater einmal der Tochter: ... Den
ganzen Tag kam ich nicht ans Schreiben und als ich abends meinen Brief
begann, erbat sich Wilhelm als besonderes Vergngen, den geriebenen
Kartoffelsalat machen zu drfen, wobei er so viel interessante
Erfahrungen machte, da er immer meiner Teilnahme und meines Rates
bedurfte, und nebenbei ging bestndig der Zank mit den Schwestern, die
die Behauptung aufstellten, Kartoffelsalat machen schicke sich nicht fr
Buben, whrend Wilhelm entgegnete, wenn er wolle knne er seine Hnde so
sauber waschen wie andere Leute etc.

Gestern war ich mit auf dem Eis, denn alle Viere drngen schon seit
lange, da ich einmal ihre Kunst bewundere, die Mdchen fahren hbsch,
es sieht sehr anmutig aus, die Buben natrlich ohnedies, die tun sich ja
in allen krperlichen Knsten hervor. Wilhelm klettert auf die hchsten
Bume und zerreit alle Tage ein paar Hosen.

Allmhlich geben die Berichte ein anderes Bild: Meine Vier sind
ungewhnlich lebhaft und laut, doch sind sie alle heiter und glcklich
angelegt und ein frhlicher Spektakel ist wenigstens leichter zu haben
als ein widerwrtiger, berdies geht mir Julie schon tchtig zur Hand
und ist mir berhaupt eine liebe Tochter, wenn nun Johanne auch noch aus
dem Institut ist, dann sehe ich den Zeitpunkt nahen, wo ich unverrckt
auf dem Sopha sitzen bleiben kann, denn beide Mdchen sind sehr fleiig,
brigens tritt diesen Winter die Verpflichtung an mich heran, mich halbe
Nchte lang auf Bllen herumzutreiben und tagelang mit Bgeln, Garnieren
usw. beschftigt zu sein, da meine Mdchen jedoch ziemlich anspruchslos
und bescheiden sind, so tue ich es gerne. Bald waren die Jahre vorbei,
in denen sie einer Stellvertreterin bedurfte wenn sie verreiste, Julie
und Johanne waren nun fleiige Haustchter. Sie rhmt von ihnen: Im
Haus habe ich alles in schnster Ordnung getroffen, die Rechnung stimmt
auf den Pfennig.

So war der Familienstand durchaus erfreulich, aber unvermutet drohte
eine groe Vernderung. Frau Brater schreibt an Agnes: Was wirst Du
sagen, wenn Du hrst, da es sich gegenwrtig um eine Versetzung
Dietrichs nach Wrzburg handelt? Dort winkt eine hhere Rangstelle, es
ist dort ein sogenanntes Oberbibliothekariat, auch eine grere
Bibliothek usw., _hier_ ist andererseits weniger Arbeit und sind sehr
angenehme Verhltnisse. Es geschieht jedenfalls das mglichste, um
Dietrich hierzuhalten, aber ber gewisse Grenzen knnen sie eben nicht
hinaus. Die Sache steht auf der Schwebe, doch glaube ich eher an
Erlangen als an Wrzburg. Was fr ein harter Schlag mir diese Trennung
wre, das kannst Du ermessen!

Der Entscheid fiel fr Wrzburg und im Frhjahr 1878 bersiedelte die
Familie Kerler dorthin, zum groen Schmerze fr Frau Brater, die tglich
im beglckenden Verkehr mit Tochter und Schwiegersohn und den beiden
Enkelkindern gestanden hatte. Ich empfinde die Trennung immerwhrend
sehr schmerzlich schreibt sie an Anna und es ist mir fast
unbegreiflich, da ich nun die lieben Kinderstimmen so lange nimmer
hren und keinen Blick aus ihren hellen Augen empfangen soll. Dennoch
sage ich mir bestndig, da ja doch niemand gestorben ist und da wir
uns in kurzer Zeit daran gewhnen werden, ber die kleine Wegstrecke
hinweg uns des glcklichen Bewutseins der Liebe und Zusammengehrigkeit
zu erfreuen. An Agnes: Ich bin so froh, wenn ich die Handwerksleute,
die in Haus und Hof zugleich sind, endlich los habe, es ist dies eine
unleidliche Sache. berdies haben alle Verbesserungen sowohl im Haus wie
im Garten fr mich den Reiz verloren, die Kinder sind nun erwachsen, die
Buben gehen beide fort, die Mdchen werden auch nicht immer daheim
bleiben, was soll mir nun das de Haus? Wilhelm hatte recht, indem er
bei Kerlers Berufung sagte: unsere ganze Existenz ist untergraben!

Die Zurckbleibenden existierten aber dennoch weiter und zwischen den
herangewachsenen Kindern und ihrer Tante ergaben sich im Laufe der Jahre
immer mehr gemeinsame Interessen, die das tgliche Leben besonders in
den Ferienzeiten, wenn sich alle zusammenfanden, bereicherten. Auf den
jngsten Sohn hatte sich das naturwissenschaftliche Interesse der Pfaffs
vererbt, zur groen Freude seiner Tante. Nach den Osterferien schreibt
sie an Agnes: Wilhelm ist diesen Abend auch wieder abgereist, es wird
mir immer schwer, ihn wieder ziehen zu lassen, sein Wesen entwickelt
sich so auffallend in der mir verwandten Pfaffschen Art und fhrt mir
das Andenken an meine teuren Brder in lebensfrischer Weise vor die
Seele, ich unterhalte mich mit ihm gerade so, wie ich es in jungen
Jahren mit diesen getan habe, oder wenigstens ber dieselben
Gegenstnde. Seine Neigung zur Mathematik nimmt immer zu und erfllt ihn
ganz. Jetzt, nachdem ich wieder lngere Zeit von den Kindern getrennt
war, fllt mir wieder deren unendlich lebhaftes Wesen auf, es schwirrt
mir den ganzen Tag der Kopf und ein Fremder, der unten am Haus
vorbeiginge, wrde nimmermehr glauben, da all der Lrm von vier in
Frieden lebenden Familiengliedern herrhre, und Du weit wie sie sind,
_ich_ mu in erster Linie alles anhren, stehle ich mich ein wenig in
den Garten hinunter oder ins Besuchszimmer hinein, es dauert keine fnf
Minuten, so ist die Gesellschaft auch da. Namentlich aber in den ersten
Tagen der Ankunft bis das bervolle Herz ausgeschttet ist, so nun
Wilhelm, er begleitet mich auf Schritt und Tritt und whrend ich in der
Kche Julie den Kochunterricht gebe, setzt er nicht aus, mir irgend ein
physikalisches Gesetz oder ein geometrisches Problem zu erklren.
Abgesehen von der Strapaze ist brigens die Unterhaltung mit den Kindern
jetzt anregend und macht mir oft Spa, z. B. gestern abend kamen wir auf
die Definition von Begriffen zu sprechen, da wechselte dann immer
stilles tiefes Denken mit pltzlichem lauten Gebrll ab, wenn jeder das
beste sagen zu knnen glaubte, schlielich fragte ich: was ist ein Ofen?
Das war uns nun unvermutet schwer und es war komisch zu sehen, wie die
beiden Buben ihre Sthle drehten und den unschuldigen Ofen immer von
oben bis unten so bedenklich betrachteten ... Wilhelm sieht gar zu
schlecht aus, ich mag ihm die Ferien sehr gnnen, mit seinem Erscheinen
ist auch sogleich Sge, Schaufel, Hammer usw. wieder in Bewegung
gekommen, die abgefaulte Gartenbank ist gemacht, ein Baum umgehauen,
Lcher fr zwei andere sind gegraben und das geht alles mit einer Kraft
und Geschicklichkeit, da mich's freut. Bezeichnend ist, da er mir ein
Pckchen Ngel mitgebracht hat, weil sie ihm so schn erschienen sind.

Neben diesen heiteren Gesprchen kam in diesen und noch mehr in den
folgenden Jahren ein ernstes Thema immer fter zur Sprache: es war die
Religion. Die jungen Leute brachten von drauen die materialistische
Weltanschauung mit herein, die von der Tante mit Feuereifer bekmpft
wurde. Da sie aber durchaus nie den Wunsch hatte, die Leute zum
Schweigen zu bringen, sondern zu offener, rckhaltsloser Aussprache, so
wurde von beiden Seiten mit derselben Lebhaftigkeit disputiert, in der
auch schon die vorige Generation von Pfaffschen Brdern ihre
Streitigkeiten ausgefochten hatten, und wie damals geschah es auch jetzt
zuweilen, da Vorbergehende unter den offenen Fenstern stehen blieben,
horchten ob es Mord und Totschlag gbe, aber dann beruhigt von dannen
gingen, weil sie statt harter Reden nur Stichwrter vernahmen wie Strau
und Darwin, Seele und Gott.

Die religisen Einflsse, die das Leben ihr gebracht hatte, der des
Freundes Nagel vor allem, hatten bei Frau Brater den Glauben an den
lebendigen Gott zu tiefer berzeugung gereift und wenn sie auch ber
einzelne dogmatische Schwierigkeiten nicht hinweg kam, so lie sie diese
als unwesentlich beiseite. Verhngnisvoll fr jeden einzelnen und fr
ihr geliebtes deutsches Volk erschien ihr die materialistische
Weltanschauung, die nach ihrer berzeugung das Edelste und Beste im
Menschen leugnet und dadurch verkommen lt, die auch nie ideale
Charaktere wie den ihres Mannes hervorbringen wrde, und der Drang, sich
und anderen die Unhaltbarkeit derselben immer klarer zu machen, trieb
sie, manches ernste Werk zu lesen, und lie sie jede Gelegenheit
aufsuchen, durch schriftlichen oder mndlichen Verkehr einzudringen in
diese Fragen, die ihr immer mehr Herzenssache wurden. Sie gewann dadurch
nicht nur auf ihre Pflegekinder, sondern auch auf andere, die im Hause
verkehrten, starken Einflu und wurde im Laufe der Jahre fr manchen
jungen Menschen der Anla, ber religise Dinge nachzudenken, bot vielen
die seltene Gelegenheit, Zweifel vorbringen, auch atheistische
Anschauungen aussprechen zu drfen, ohne deshalb verurteilt zu werden,
und fand die warmen, klaren Worte, die Herz und Verstand zugleich fr
eine neue Anschauung erschlieen knnen.

Neben all diesen Interessen wurden Frau Brater die sich mehrenden
geselligen Beziehungen in Erlangen und die Arbeit, die das Haus mit
sich brachte, oft zu viel; sie stand unter dem Eindruck einer
Zersplitterung und eines Gehetzes, das ihr unsympathisch war. Ich mache
tglich an mir die Erfahrung, schreibt sie an Frau Hecker, da es gar
nichts bleres gibt, als in einem Gehetze zu leben, mit dem Bewutsein,
seine Sache unmglich ganz gut machen zu knnen, auch kann man ohne eine
gewisse Behaglichkeit keinen guten Humor haben und mit einem schlechten
Humor verpfuscht man alles. ... In diesem unruhigen Frhjahr bewegte
ich recht oft den Gedanken in meinem Herzen, von Erlangen wegzuziehen
und das Haus zu vermieten, denn gerade das relativ weitlufige Haus mit
Zimmerherrn und Garten macht doch recht viel Plage, ich sehe es immer
wenn ich ein paar Wochen verreist war, es gibt dann endlose Rckstnde.
brigens spreche ich noch nicht von diesem stillen Plan, denn erstens
merke ich, da ich mich selbst sehr schwer vom Garten trennen wrde, der
nun so hbsch ist und mir viele Freude macht, und dann kme ich ja
_heuer_ keinesfalls mehr zur Ausfhrung des Planes, darum schweige ich
noch. Aber in diesem Augenblick habe ich die hiesige Wirtschaft ein
wenig satt und sehne mich unter den vielen Menschen nach meinen
Kindern.

Als sich spterhin Frau Brater entschlo ihren Neffen und Nichten den
Vorschlag der bersiedelung nach Wrzburg zu machen, fand sie allgemeine
Zustimmung, und da sie von Kindern und Enkeln in Wrzburg herzlich
willkommen geheien wurde, so galt es nur noch, fr Haus und Garten
einen Mieter zu finden. Dies gelang ber Erwarten bald und der Umzug
wurde im Sommer 1880 bewerkstelligt. Das Loslsen aus dieser alten
Heimat mit ihren vielen teueren Erinnerungen wurde ihr wohl schwer und
die Trennung von den Verwandten ging ihr nahe, aber noch in letzter
Stunde half ein freudiges Ereignis ber den Abschied hinweg, es war die
Verlobung ihrer Nichte Johanne, die nun zunchst noch als Braut mit
bersiedelte nach Wrzburg, das nach bewegtem Wanderleben Frau Braters
letzte Heimsttte werden sollte. Ganz nahe bei der Familie Kerler wurde
eine freundliche Wohnung gemietet und der tgliche Verkehr in diesem
Hause war von nun an ihre Herzensfreude. Die Stadt selbst, am Main
gelegen, von den umliegenden Hhen aus betrachtet ein schnes Bild
bietend, war ihr indes lange Zeit nicht sympathisch. Weinberge sind
etwas Schreckliches, schreibt sie, hier ist's schattenlos und staubig,
man kommt heim, wie wenn man im Mehl herumgestiegen wre; wenn die Hhen
ringsum nicht alle abgeholzt wren, htten wir auch mehr Regen, aber der
Wald ist weit weg und die Trockenheit gro. Jedoch -- ob Weinberg oder
Wald -- diese ueren Verhltnisse sollten ihr bald recht nebenschlich
erscheinen, denn die nchsten Jahre brachten ihr ungewhnliche
Aufregungen durch die Schicksale, die sie mit ihren Pflegekindern
teilte. Diese standen ja ihrem Herzen nahe wie eigene Kinder und eine
Mutter kann nicht aufhren, fr ihre Kinder zu sorgen, auch nicht wenn
diese herangewachsen sind, ja es kann ihr auch kein Gericht durch die
Mndigkeitserklrung das Gefhl der Verantwortlichkeit abnehmen, denn
der Einflu, den sie bisher gehabt hat, hrt nicht pltzlich auf, sie
ist sich bewut, ihn noch immer zu besitzen, und es sind die Schicksale
erwachsener Kinder oft dadurch besonders aufregend fr die Mutter, da
es in jedem einzelnen Fall eine Frage des Gewissens und des Taktes ist,
wie weit sie ihren Einflu noch geltend machen soll.

Der lteste Neffe, ein hochbegabter und liebenswrdiger junger Mann, der
mit groer Liebe an seiner Tante und an den Geschwistern hing, hatte
doch nicht die ntige Charakterstrke, sein kleines Vermgen
zusammenzuhalten, als er es ausgehndigt bekam und es wurde ihm zum
Unsegen. Er entzog sich dem Einflu der Familie, verlie Wrzburg und
verlor dadurch den letzten Halt. Schmerzlich klingt aus allen Briefen
Frau Braters in jener Zeit die Klage; Wir wissen nicht, wo Robert ist
und oft genug stellt sie sich die Gewissensfrage: Htte ich ihn nicht
halten knnen? Jahr und Tag verflossen, bis der Vermite zurckkam zu
den Seinigen. Das Wiedersehen war unendlich traurig, denn was sollte nun
aus ihm werden? In seinem juristischen Berufe konnte er nicht wieder
ankommen, die Tren, die frher fr ihn offen gestanden, waren nun
geschlossen, umsonst wurde berall angeklopft, er fand keine Anstellung.
In mancher schlaflosen Nacht qulte sich Frau Brater, um einen Ausweg zu
finden, und diese Wochen gehrten zu den peinlichsten ihres Lebens. In
dieser schwierigen Lage tat sich endlich eine Mglichkeit der Existenz
auf. In Sdamerika wurden deutsche Lehrkrfte gewnscht und von Barmen
aus dorthin empfohlen. Dankbar wurde die Hand ergriffen, die sich zur
Hilfe bot, um so mehr als der Aufenthalt im warmen Klima gnstig fr die
angegriffene Gesundheit des jungen Mannes erschien. Er schiffte sich
ein, erreichte glcklich das Ziel und die verheiene Anstellung. Mancher
Brief, voll Liebe und Dankbarkeit gelangte aus weiter Ferne in Frau
Braters Hnde und gab ihr die beruhigende berzeugung, da unter diesen
traurigen Umstnden das Beste geschehen war. Nur die erschtterte
Gesundheit wollte sich nicht wieder befestigen, immer bedenklicher
lauteten in dieser Hinsicht die Nachrichten. Traurig schreibt sie ber
ihn: Roberts Befinden scheint rasch abwrts zu gehen, es ist mir so
unsglich schmerzlich, den schwer Leidenden so einsam in der Fremde zu
wissen! Wir haben ihm in letzter Zeit fter geschrieben und es ist mir
ein Trost, da er sich wenigstens an diesen Briefen und Liebeszeichen
erfreut. Ein Jahr etwa, nachdem Frau Brater den ersten Brief aus
Amerika erhalten hatte, traf der letzte ein und bald darnach die
Todesanzeige.

Es tut einem das Herz weh, schreibt sie an ihre Tochter, wenn man
dieses so traurig zu Ende gegangene Leben berblickt, und die Wehmut
wird nur vermehrt dadurch, da man zuletzt noch seine Erkenntnis teilen
durfte. Ich zweifle nicht, da er den Weg zur ewigen Heimat gesucht und
gefunden hat.




XIV.

1883-1886


In derselben Zeit, da Frau Brater voll Schmerzen an den Neffen in der
Ferne dachte, nahmen auch die Lebensplne ihrer Nichte Julie sie vollauf
in Anspruch. Das junge Mdchen wurde zur Frau begehrt von einem
Deutschen in Sdamerika, der frher in Erlangen gelebt hatte und ihr
lieb war. Tief im Innern Argentiniens war er als Professor an einer
hheren Lehranstalt angestellt und dort wollte sie dem Vereinsamten
heimisches Glck bereiten. Die Frage, ob sie in diese weite Ferne
ziehen, in unbekannten Verhltnissen einen Hausstand grnden sollte, war
wiederum ein schwerer Entschlu. Freilich hatte diesen nicht eigentlich
Frau Brater zu fassen, aber sie wute doch, da ihr Einflu, ihr Rat
schwer in die Wagschale fiel, und war bedrckt von dem Gefhl der
Verantwortlichkeit.

Im Oktober 83 war Frau Brater zu neuen Gromutterpflichten nach
Wrttemberg gereist, denn trotz aller Schwierigkeiten daheim brachte sie
es nicht ber sich, der Tochter in solcher Zeit ihre Hilfe zu versagen.
Von dort zurckgekehrt schrieb sie an ihre Tochter Agnes: ... Was mich
betrifft, so bin ich hier in einen Strudel gekommen, in dem ich mich
fast nimmer aufrecht halten konnte. Juliens Angelegenheiten haben sich
soweit vorgeschoben, da man nimmer gut zgern konnte, und doch zeigen
sich Schwierigkeiten und unmige Ausgaben. Ich habe mich zermartert, um
einen Ausweg zu finden, oder die Sache zu verzgern, bis S. Aussicht
htte, in einen Ort zu kommen, der nicht fast unerreichbar ist; aber wir
knnen ihm ja nimmer zuverlssig schreiben, bis er den Brief erhlt, ist
er ja vielleicht schon auf der Reise, ihr entgegen, und _wenn_ er schon
auf der Reise ist, so mssen Juliens Sachen lngstens bis Samstag
unterwegs sein!

Wir sind also in strmischer Eile, um eine Sache zu bewerkstelligen, die
ich in meiner gegenwrtigen Stimmung fr ein Unglck halte; ich war kaum
zwei Stunden hier, so schrieb ich schon an Krazers nach Stuttgart um
eiserne Bettstellen. Ich bestellte Kisten, Matratzen, Betten usw. und
noch wei ich nicht sicher, ob unsere Sachen noch angenommen werden. Ich
war in den ersten Tagen hier nahezu verzweiflungsvoll, denn ich fhle
mich verantwortlich und htte zu rechter Zeit Julie gut bestimmen
knnen, noch ein Jahr zu warten, aber indem man immer fr alle Flle
Zurstungen traf, bersah man den Punkt, von wo aus der Rckweg
abgeschnitten war. Soeben habe ich einen Sattel gekauft fr 140 Mark,
Julie hat von der Endstation bis zu ihrem Ziel drei Tage zu reiten! Wenn
diese Woche mit ihren aufregenden Zurstungen vollends berstanden ist,
dann beruhige ich mich auch wieder und unwillkrlich werden dann mehr
die Lichtseiten in den Vordergrund kommen, die Julie als hell leuchtend
erkennt.

Die groen Kisten mit dem ntigen Hausrat gelangten glcklich auf das
Segelschiff und whrend sie auf dem Ozean schwammen, beging die Familie
noch mit wehmtiger Freude das Weihnachtsfest. Fehlte doch der lteste
Bruder und mute man nicht annehmen, da auch die drei Geschwister das
Fest zum letztenmal gemeinsam feiern wrden? Gleich nach Weihnachten
wurde der Platz auf dem Schiffe, das in Marseille abgehen sollte,
bestellt und der Koffer gepackt, der das Ntigste fr die sechs Wochen
lange Seereise enthielt und das Hochzeitskleid der Braut. Am 8. Januar
frh morgens, noch ehe es Tag war, geleiteten die Tante und die
Schwester das tapfere Mdchen an die Bahn.

Noch am selben Tag und auch am folgenden sandte Frau Brater der
Reisenden die ersten Gre nach, die sie in Basel und in Marseille
erhielt. Es drngte sie, noch einmal ihre ganze Liebe der
entschwindenden Pflegetochter auszusprechen. In einem langen Briefe
blickt sie zurck auf die Zeit, in der sie die kleinen Mutterlosen
bernahm, und erzhlt: In der letzten Nacht, die Deine liebe Mutter
erlebte, sagte sie mehrmals zu Eurem Vater: 'sorgt fr eine treue Person
fr meine Kinder' und welches Mutterherz knnte diese Bitte nicht
nachempfinden und wrde sie nicht erfllen, wenn es ihm mglich wre?
Als ich in jener traurigen Zeit zu Euch kam, da ward Ihr ja noch klein
und kummerlos, aber jede Nacht, wenn ich vor dem Schlafengehen noch nach
den vier kleinen Schlfern schaute, hatte ich das Gefhl, da auch Euer
Mtterlein sanft ruhen knne, wenn eine liebende Hand ihre Kinder
zudeckt; als dann auch Euer Vater uns verlie, da stand ich oft, oft vor
den Bildern Eurer lieben Eltern und fragte mich prfend: 'Bist Du auch
gewi diese treue Person? und kannst Du einst bestehen vor ihnen mit all
Deinem Tun?' -- So glaubt mir nun eben, Ihr lieben Kinder, und vor allem
_Du_, mein liebes Kind, das nun aus dem Nest geflogen ist, meine
_Absicht_ war gut und wo ich gefehlt habe, da werdet Ihr mir's nicht
nachtragen, der Verzeihung und Nachsicht bedrfen wir alle, wir
schwachen Menschen.

Am 11. Januar schreibt Frau Brater nach Nrdlingen: Wieder habe ich ein
teures Kind in die Ferne ziehen lassen ohne das beglckende Wort: 'auf
Wiedersehen!' Dennoch fhlen wir uns alle erleichtert, denn die letzte
Zeit war unendlich aufregend und unruhig. Der Abschied war natrlich
unsglich schmerzvoll, aber trotz aller bitteren Trnen stand Julie doch
bis zum letzten Augenblick getrost und freudig da, so da ich mich
selbst an ihrer Freudigkeit aufrichten konnte und mir dieselbe immer
wieder vergegenwrtige, wenn ich mit Trnen nach der Himmelsrichtung
blicke, in der sie uns in raschem Flug enteilt. Heute reist sie aus
Basel und Montag aus Marseille ab. Wie und warum ich mich in den letzten
Monaten so entsetzlich gesorgt und geqult habe, knnte man nur
verstehen, wenn ich die ganze Entwicklungsgeschichte erzhlte, ich
glaube ich wre noch melancholisch geworden, htte ich nicht endlich all
mein Sorgen als nutzlos erkannt und aus vollem Herzen mein gutes Kind
unter Gottes Schutz allein gestellt mit dem innigen Gebet, da er auch
alle unsere Irrtmer und Fehler zum Guten wenden mge. -- Ich freue mich
sehr, nun bald, so Gott will, einige Mue und Zeit fr mich zu haben,
seit Monaten waren Kopf und Hnde ausschlielich mit Julie beschftigt,
nun bin ich geradewegs _berall_ mit Briefen und Besuchen im Rckstand,
die Kommode mit der Flickwsche will platzen, Kleider haben wir auch
keine zum Anziehen und das ganze Haus ist in unordentlichem Zustand.

Es sollte noch nicht so schnell Ruhe eintreten, denn von der jungen
Reisenden traf die Nachricht ein, da ihr groer Koffer vermit werde,
der Koffer, der alles enthielt, was sie fr die Seereise bedurfte und
noch mehr: die Papiere, die fr die Trauung erforderlich waren, das
Hochzeitskleid und alles, was sie an Silber oder Schmuck besa. Das
waren aufregende Nachrichten fr die Zurckgebliebenen. Frau Brater
schreibt an Agnes: Es wre wahrlich ein Unglck zu nennen, wenn
wirklich der Koffer nicht auf dem Schiff wre, und die Sache ngstigt
mich sehr. In ihrem Handkoffer hat Julie nur das Nachtzeug, auf dem Leib
hat sie natrlich ein Winterkleid und Filzhut und sie wird schon jetzt
in der Hitze sein! Aber auch wenn man den verzweiflungsvollen Zustand
auf dem Schiff in Kauf nehmen wollte, was soll sie denn in Buenos Aires
beginnen ohne ihren Koffer? Wir sind ganz wtend ber diese
Angelegenheit; ich habe sogleich an den Agenten geschrieben.

2. Februar. Der Koffer kam also wirklich erst nach Abgang des Schiffes
in Marseille an! Ich kann dies Migeschick nicht eher verschmerzen, als
bis ich wei, da auch Julie sich ber diese Sache getrstet hat, d. h.
bis ich annehmen kann, sie hat es nun hinter sich, ihren Willkomm und
Eintritt in die fremde Welt arm, fast wie ein Bettelmdchen zu halten.

Am 25. Mrz konnte Frau Brater nach Nrdlingen berichten: Ich mu Euch
doch mitteilen, da wir von unserer Auswandererin gute Berichte haben.
Die Seekrankheit hat sie zwar nie verloren, hingegen ist sie in der
Familie Krau wie in einem Elternhaus aufgenommen. Die Liebe und Treue,
die sich in fernen Landen die deutschen Landsleute erweisen, hat fr
mich etwas ganz Ergreifendes. In welchem Mae durfte sie auch Robert
erfahren! Aber ich mu dabei auch all der Sehnsucht, all des Heimwehs
gedenken, die solche Treue wohl in sich schliet! Mein gutes Kind
befindet sich nun im Stadium mchtigen Heimwehs, so da ich immer mit
Trnen an sie denken mu ...

Das Heimweh war leicht begreiflich, denn es kam vieles zusammen, das
brutliche Glck zu trben. Wohl war die Braut in Buenos Aires
einstweilen aufs beste geborgen, wohl machte der Brutigam die weite
Reise aus dem Innern des Landes, um sie heimzuholen, aber Hindernisse
der verschiedensten Art stellten sich der Verbindung entgegen, so da
diese zunchst auf sptere Zeit verschoben, dann aber, nach harten
inneren Kmpfen ganz aufgegeben wurde.

Als nach langer Pause im Briefwechsel diese Nachricht eintraf, war Frau
Brater tief bewegt in dem Gedanken an all die Trbsal, die dieses
geliebte Kind in der Fremde durchzumachen hatte, und Briefe, in denen
die wrmste Mutterliebe und die dankbarste Kindesliebe sich aussprachen,
wurden mit jedem Schiff ausgetauscht und halfen dem jungen Mdchen ber
das Gefhl der vlligen Vereinsamung hinweg. Sie beschlo, nicht sofort
wieder in die alten Verhltnisse zurckzukehren, vielmehr sich dort
einen Beruf zu suchen, was ihr auch durch die Hilfe des Rektors an der
deutschen Schule in Buenos Aires bald gelang, so da Frau Brater wieder
ruhiger an sie denken und von ihr berichten konnte: Meine Julie ist in
einer guten Stelle und wenn das Eingewhnen auch nicht ohne erneutes
Heimweh ging, so ist sie doch glcklich und stolz, da sie etwas leisten
kann, und diese Erfahrungen haben sie und mich um ein gutes Stck
vorwrts gebracht, aber sie wurden auch teuer erkauft. Wann und wie
werde ich sie wohl wiedersehen? Ich bin mir des Zusammenhangs mit ihr
lebhaft bewut.

Nach mehrjhrigem Aufenthalt in Amerika kehrte die geliebte
Pflegetochter in die Heimat zurck und verwertete ihre Lebenserfahrungen
als treue Gehilfin in deutschen Familien.

In diesen innerlich und uerlich durch die Schicksale ihrer
Pflegekinder bewegten Jahren ergab es sich einmal, da Frau Brater zehn
Tage ganz allein war. Aus dieser vllig ungewohnten Stille heraus
schreibt sie an Lina Sartorius: Bei mir ist's wie ausgestorben.... Ich
mchte ja nicht _immer_ so allein sein und gewi ist es auch dem
Menschen besser, wenn er mit andern lebt und sich mit dem Wesen und den
Eigenheiten anderer zurechtfinden mu, aber so zehn Tage einmal ganz
seinem Egoismus, ganz den eigenen Neigungen leben knnen ist wahrlich
schn und ich will schon trachten, da mir dadurch nicht gleich der
ganze Charakter verdorben wird.

Allmhlich wurde zur Regel, was vorher nur Ausnahmszustand gewesen war:
die Stille und Einsamkeit. Noch ein Jahr oder zwei lebte die Nichte
Johanne mit Frau Brater traulich zusammen, auch ihr Brutigam, Assistent
am Gymnasium, wurde ihr ein liebes Familienglied, aber als er im Jahre
1885 eine Anstellung in der Pfalz erhielt, verlie auch Johanne als
letztes ihrer Pflegekinder das Haus, um dem jungen Gatten zu folgen, und
nachdem sich die Unruhe gelegt hatte, die eine Hochzeit im eigenen Hause
mit sich bringt, fand sich Frau Brater zum erstenmal ohne Familie.

Sie hatte anfangs bei diesem dauernden Ferienzustande kein gutes
Gewissen und doch war ihr, der bald Sechzigjhrigen, nach solch bewegtem
Leben der Ruhestand wohl zu gnnen. Sie schreibt an Agnes: Ich habe
manche herrliche Stunde des Morgens mit einem interessanten Buch in den
Glacis-Anlagen; ich gebe mich dem Genu mit vollem Herzen hin und bin
sehr dankbar, da es meine Augen gerade recht liberal gestatten;
auerdem ist bis auf einen kleinen Rest von Flickerei alles
aufgearbeitet und das Haus in musterhafter Ordnung; nun kommen mir aber
die Bedenken, ob es auch recht und erlaubt ist, ein so behagliches Leben
der Selbstpflege zu fhren? Ich habe noch Krfte, um mehr zu leisten,
und doch -- was soll ich tun? Wieder ein paar Wickelkinder bernehmen --
dazu fehlt mir doch der Mut und ich habe ein Haar darin gefunden -- also
warte ich nun einmal, ob sich etwas ergibt.... Oft genug ergab sich
etwas; bald half sie der Tochter in Wrttemberg bei der Pflege eines am
Scharlach schwer erkrankten Enkels, bald sa sie am Bette der
zeitenweise leidenden Tochter Anna, verkrzte ihr die langen Stunden
durch Vorlesen und freute sich an diesen Lesestunden, da die Tochter
vollstndig ihr Interesse fr naturwissenschaftliche und
religis-theologische Bcher sowie fr Reisebeschreibungen teilte. Der
treue Freund, Ernst Rohmer, sandte aus seiner Buchhandlung alles, was
die Freundin interessieren konnte, und sie hatte nur immer zu danken und
abzuwehren. Aber Ernst, aber Ernst! beginnt einer ihrer Briefe,
zankend verbittet sie sich die hufigen Sendungen und ist doch gerhrt
und beglckt durch dieselben. So schreibt sie einmal: Die beiden
Afrika-Bcher sind nicht nur von mir, sondern von der ganzen Familie
freudig empfangen worden und Alt und Jung wird sich darein vertiefen,
Afrika ist gegenwrtig unser gemeinsamer Sparren und sowie Ihr Euch zur
Auswanderung entschlossen habt, kannst Du ungefragt auch fr uns die
Billete mitlsen; neulich wo unserem kleinen Otto ein Gemse nicht recht
schmecken wollte, sagte Anna zu ihm: 'ja wie kannst Du denn nach Afrika,
wenn Du so genschig bist?' Darauf die bescheidene Antwort: 'ja, ich
will ja gar nicht nach Afrika'; darauf seine Mutter: 'was fllt Dir ein,
jeder Mensch mu nach Afrika wollen.' Im Geheimen stelle ich oft
_andere_ Betrachtungen ber das Auswandern an, die Anhnglichkeit an
Heimat und Vaterland macht uns Deutschen in der Fremde gar bitteres
Herzweh. -- Auch fr meinen Kalender noch extra Dank, er freut mich immer
wegen seiner astronomischen Mitteilungen und die kleine Tabelle der
mittleren Zeit hat mich einmal eine volle Tagereise lang von hier bis
Neckarth. ausschlielich und eifrig beschftigt, allerdings hatte mich
die Sache vordem schon oft geniert und die schlieliche Klarheit mich
auerordentlich gefreut, wer wei ob Du, der _Verleger_ des Kalenders,
nicht leichtsinnig genug bist, die Sonne tglich ohne alle Kontrolle
auf- und untergehen zu lassen, und wer wei, ob Du Dich nicht
schlielich dabei ganz wohl fhlst?

Frau Brater bte allerdings pnktlich Kontrolle ber die Sonne. Sie
whlte schon ihre Wohnungen darnach, wo der Lauf der Gestirne gut zu
beobachten war, je hher droben, je besser. Erreichte im Sommer die
Sonne ihren hchsten Stand, so wurde auf dem Fenstersims ein Zeichen
eingegraben an dem Punkte, den ihr letzter Strahl beschien, ebenso am
krzesten Tag und jedes Jahr wurde mit Befriedigung die Pnktlichkeit
des Gestirnes festgestellt, wenn der letzte Strahl haarscharf den Punkt
des Vorjahres traf. Auch Barometer und Thermometer beobachtete sie
regelmig und als ihr zum erstenmal ein Maximum- und Minimum-Thermometer
verbesserter Konstruktion zu Gesicht kam, erklrte sie in ihrer
Bewunderung fr diese Erfindung, sie schenke von nun an keinem jungen
Paar mehr etwas anderes zur Hochzeit als solch einen genialen
Thermometer.

Nachdem sie eine neue Wohnung bezogen hatte, die einen weiten, freien
Blick gestattete, schrieb sie an Agnes: Ich steige manchmal nachts vor
Schlafengehen noch hinauf 'auf meines Daches Zinne', wo ich durch die
Oberlichtfenster eine herrliche Aussicht habe. Wenn Ihr einmal auf einem
hhern Standort wohnt, werde ich Dir an der Hand meiner kleinen
Sternkarte einige Anweisung geben, die Du seinerzeit wieder auf Deine
Kinder bertragen kannst; im allgemeinen hat zwar jeder Mensch reichlich
Beschftigung auf seinem eigenen Planeten und braucht nicht immer
darber hinauszuschauen, da aber unsere Bestimmung doch die ist, uns
schlielich aus der Gefangenschaft von diesem Planeten aufzuschwingen,
so ist es mir immer vorgekommen, als sei die Betrachtung dieser fernen
Welten, diese gewissermaen sinnliche Anschauung des Unendlichen ganz
besonders geeignet, auch den Geist dem Unendlichen und Ewigen nahe zu
fhren. Ich freue mich, wenn es mir noch zuteil wird, Berta einmal in
diese Dinge einfhren zu knnen, es ist ein Genu, mit diesem Kinde zu
verkehren, wo es im Begreifen kaum eine Schwierigkeit gibt.

Im Herbst 1886 begleitete Frau Brater diese ihre liebe Enkelin Berta
nach Boll in Wrttemberg zu dem bekannten Pfarrer Blumhardt, bei dem sie
einen Winter zubringen und den Konfirmandenunterricht besuchen sollte.
Kaum hatte sich das Mdchen dort eingewhnt, als es erkrankte. Die ganze
gromtterliche Liebe spricht aus den Briefen, die sie der Enkelin
schreibt in dem weichen, zrtlichen Ton, der seinen trstenden Einflu
auf die Kinder um so weniger verfehlte, als sie ihn in gesunden Tagen
nie zu hren bekamen. Einer der Briefe ist auf einen bemalten Bogen
geschrieben und die Anrede zeigt gleich die Liebkosung:

    _Mein lieber Schneck!_

    Das schnste Briefbgelein, das ich besitze und dessen Ursprung
    Dir bekannt ist, das nehme ich nun, damit Du siehst, da ich Dir
    gerne eine Freude machen und Dir eine frhliche Zeit gnnen
    mchte.

    Du tust mir herzlich leid, mein liebes Kind, da Du so getuscht
    wurdest und die Besserung noch keinen Bestand hatte! nicht wahr,
    wenn man einmal so 14 Tage im Bett gelegen ist, dann kommt es
    einem schon wie eine recht lange Geduldsprfung vor und es ist
    auch eine solche, nun erwartet aber, wie es scheint, der liebe
    Gott von Dir, da Du ihm noch ein wenig mehr Geduld darbringst,
    und ich glaube von Dir, mein liebes Kind, da Du auch dieses
    noch zustande bringst. Denke nur daran, wie wir auch hier
    _alles_ in Gedanken mit Dir teilen, es ist mir doch fast gerade
    so zu Mute, als ob ich bei meinem Strobelkopf am Bett se und
    zu ihm sagte: sei nur ganz vergngt, der liebe Gott schickt Dir
    ja den Tag der Genesung gerade zur rechten Zeit. Und wenn Dir
    jetzt das Heimweh ein wenig wiederkommen will, so geniere Dich
    nur ja nicht, sondern sprich es aus und weine auch nach
    Herzenslust, denn da wird es einem dann bald wieder leichter zu
    Mute und man denkt: warum bin ich denn eigentlich traurig, meine
    Lieben haben mich ja aus der Ferne gerade so lieb und die Zeit
    der Heimkehr kommt sicher auch wieder. -- Ich denke mir, Du wirst
    jetzt noch ein paar weniger gute Tage haben (was ist denn
    schlimmer: Zahnweh oder Herzstechen?) und dann wird alles
    miteinander vergehen, und dann aber wollen wir uns zusammen
    freuen und dankbar sein!! -- Kannst Du Dir gar nicht denken, da
    Du Dich erkltet oder mit irgend etwas Dir geschadet hast? es
    wre gut, wenn man es wte. -- Dein Heimweh vergeht sicher, wenn
    es Dir wieder besser ist und auerdem sage es uns nur. Wenn Du
    mir heute schreibst: liebe Gromutter komm und hole mich, dann
    kann ich ja nach zwei Tagen schon bei Dir sein und ich kann zu
    Deiner Pflege kommen, wenn es ntig ist.... Ich wnsche Dir von
    ganzem Herzen, da Du Dich durch ein paar bse Tage vollends gut
    durchschlgst. -- Es grt Dich in stetem treuen Andenken

                                               Deine Gromutter.

    Nachschrift: Heute gehe ich mit einer Weihnachtsliste in die
    Stadt, _Du_ drftest diese Liste nicht lesen, auch Otto nicht.

Die bsen Tage machten bald guten Platz, und der Aufenthalt in Boll,
der Einflu Blumhardts, entsprach den Erwartungen. Frau Brater schreibt
ber Blumhardt: Ich begreife die Begeisterung, die diese ursprngliche,
liebevolle Persnlichkeit hervorrufen kann, hingegen verstehe ich auch,
da Geistliche, die in ihrer Schablone befestigt sind, sich von
Blumhardt geradezu antipathisch berhrt fhlen knnen. Eine Predigt
z. B., in der auch einmal der Humor durchschimmert, so da man sich des
Lchelns nicht erwehren kann, das ist uns sehr fremdartig; diese
heitere, stets in unmittelbarem Verkehr mit Gott stehende Natur, dabei
der derbe Schwabe, das ist eine Eigenart, die nicht jedem zusagt.

Sie selbst lie sich durch diese Art nicht beirren. Ihr Herz und Ohr war
immer offen, um von irgend einer Seite religise Anregung zu empfangen.
Einen tiefen Eindruck hatte ihr das zuerst anonym erschienene Buch ihres
Freundes Nagel gemacht Der christliche Glaube und die menschliche
Freiheit. Noch war es ihr ungewohnt, ja erschien ihr fast anmaend, mit
Mnnern ber solche Fragen zu korrespondieren, aber endlich sagte sie
sich: In religisen Dingen ist niemand ein Laie, der ein Herz und ein
Gewissen hat, und jeder solche darf sich ber solch ein Buch ein Urteil
anmaen und so schreibt sie an Rohmer: Dieses Buch hat mich vielfach
in die unmittelbare Nhe Gottes gefhrt. Ich denke mir, da es den
Kindern des 19. Jahrhunderts eine Wohltat sein mu, ein erlsendes Wort
fr ihre Zweifel zu finden; mein oftmals gengstetes und mitunter von
allen Zweifeln erflltes Herz findet darin volles Gengen .... allein
da von der Erkenntnis der Wahrheit bis zu der Aneignung derselben eine
weite Kluft ist, das wei ich nur gar zu gut.... Lt sich uerlich
etwas tun zu der Verbreitung des Buches? Versume doch ja nichts. -- Du
siehst: 'wes das Herz voll ist etc.' Ich bin zu begierig jemandes Urteil
zu hren, habe natrlich mit niemandem sprechen knnen, da ja die
Anonymitt so sehr gewahrt werden soll. Und in einem spteren Briefe:
Deinen Brief habe ich Lina mitgeteilt, aber ber das Buch habe ich
geschwiegen, wenn ich _hier_ ber dasselbe spreche, so ist der Autor
sofort erkannt, ich bin aber vollstndig zum Schweigen verpflichtet.
Wollen wir nur fleiig in dem Buche lesen, es verfehlt seine beseligende
Wirkung nicht und wird uns, wenn dieses Leben die Geburtssttte fr ein
knftiges ist, auf die Dauer zusammenfhren.

Immer weitergehend auf dieser Spur fand sie noch manches Werk, das ihr
vorwrts half, teilte in gegenseitiger Anregung mit ihrer Tochter Anna
dieses warme Interesse und war besorgt, auch der fernen Tochter von
ihren Bcherschtzen mitzuteilen. Sehr erfreut war ich, schreibt sie
ihr, da Du Dixon (Das heilige Land) so gern gelesen hast und auch
die Erfahrung machtest, da man vieles im neuen Testament nach ihm erst
richtig erfassen lernt. Mir war das Christentum, so wie ich es
berkommen hatte, ein kaltes, totes Lehrgebude und erst in meinen
sptern Jahren habe ich es in dem Sinn, wie auch Dixon es andeutet warm
ins Herz fassen lernen, und darum mchte ich andern, vor allem Dir, auch
zu dieser Erkenntnis verhelfen. Fr Deinen Braterischen
Widerspruchsgeist scheint es mir vor allem ntig, Dich in das Bewutsein
Deiner vollkommenen Freiheit zu versetzen, man widerstrebt nur solange
man denkt, da einem etwas aufgentigt wird, was von Menschen gemacht
ist.

In Beziehung auf geistigen Besitz gilt das Wort: Wer da hat, dem wird
gegeben. Wo ein Mensch lebhaftes Interesse fr irgend einen Gegenstand
zeigt, da wird ihm von allen Seiten zugefhrt was dieses noch mehr
beleben kann. Hatte Nagel vor allen andern Frau Brater sein Buch
zugesandt, so brachte Schwiegersohn Kerler ihr und seiner Frau zu
gemeinsamem Lesen, was ihm hervorragend erschien, und so sandte ihr
Rohmer eine Reihe von Briefen religisen Inhaltes, die von Schulthe
geschrieben waren, einem tiefen Denker, mit dem schon Brater in
Beziehung gestanden war. Eine lange Zeit bildeten diese den Inhalt des
Briefwechsels zwischen ihr und Rohmer.

Sie schreibt: Da Du inmitten aller Sorgen, Arbeiten und Freuden
dennoch mit Schulthe in der Weise korrespondierst, das zeigt eben, da
es Dir geht wie mir, was Augustin so ausdrckt: 'Du hast uns, Gott,
gemacht zu Dir und unsere Seele ist unruhig, bis sie Ruhe findet in
Dir.' Ich habe diesen Brief mit grtem Interesse und ebensoviel Freude
gelesen, es wre wahrlich ein Unrecht gewesen, httet Ihr ihn nicht
drucken lassen. Wenn ein Mann wie Schulthe, den man im kirchlichen Sinn
nicht einen Christen nennen kann, ein solches Glaubensbekenntnis ablegt,
so hat dies etwas wahrhaft Erhebendes und Strkendes auch fr
diejenigen, die einen Schritt weiter trachten als er. Ja, es scheint
mir, da, wenn alle Menschen voll und ganz sein Bekenntnis teilen
wrden, man nicht mehr zu beten brauchte: Dein Reich komme ... Ich
meine unsere Geistlichen mten die Glaubensartikel im Lauf ihres Lebens
und Wirkens mit ihrer Gemeinde zu ergreifen _trachten_, Geistliche und
Gemeinde mten als _werdende_, nicht immer schon als _seiende_ Christen
angesehen werden ...

Wenn ich die so interessanten und sympathischen Briefe von Schulthe
lese, so geniere ich mich fast, irgend zu widersprechen, darum will ich
auch nicht versumen demtig das Bekenntnis meiner groen Unwissenheit
auszusprechen; nur in einem Punkt nehme ich auch fr uns Frauen etwas in
Anspruch: ein Gefhl fr das, was wahr sein kann.

Mitten aus seiner regen geistigen Ttigkeit heraus wurde Schulthe durch
den Tod abgerufen, zum tiefen Schmerz all seiner Freunde.

Ich mu oft an ihn denken, schreibt Frau Brater an Rohmer, an ihn,
der nun vom Glauben zum Schauen hindurch gedrungen ist und von dem ich
annehme, da er nicht in ein dunkles Land sondern in eine heimische
Umgebung eingetreten ist....

... La Dir noch besonders danken fr Deine Mitteilungen ber Schulthe'
Heimgang. Welch ein schner Tod, wenn sich einfach der ermdete Krper
niederlegt und der Geist frei wird! Die uerung von Schulthe: ich
habe in siebzig Jahren niemals Schmerzen gehabt war mir hchst
merkwrdig und ist mir ein Schlssel zu seinem Wesen. Es ist doch
sicher, da derjenige, der selbst nie _wesentliche_ Schmerzen berwunden
hat, sich solche auch _unmglich_ vorstellen kann, also eine der
hrtesten Lasten, ja vielleicht _die_ hrteste Last, die das arme
Menschengeschlecht drckt, war Schulthe unbekannt und damit auch
zugleich der strkste Antrieb zum Zweifel an einer persnlichen
Wirksamkeit Gottes und daher wiederum sein leichtes berzeugtsein von
einer solchen. Es ist ja mglich, da Schulthe dennoch schwere Tage
durchmachte, aber Sorgen oder Seelenschmerzen haben immer schon eine
Verwandtschaft mit dem Gttlichen, leiten uns dahin, nur die
Krperschmerzen haben so etwas elend Herunterziehendes.




XV.

1886-1896


Die traurige Beigabe des hheren Alters, einen Jugendgenossen nach dem
andern scheiden zu sehen, mute Frau Brater reichlich erfahren. Von den
vier Brdern Pfaff starb auch der letzte, Professor Fritz Pfaff, schon
im Jahr 1886, ihr ltester Bruder Heinrich Kraz war der einzige, der ein
hohes Alter erreichte. Sie schreibt an Agnes:

Ich bringe mir erst jetzt zum Bewutsein, wie unendlich oft ich meines
Bruders Fritz gedachte, und in wie vielen Dingen ich mich an ihn wenden
konnte. Als ich das letztemal bei ihm war, sagte ich ihm: 'Das ganze
Jahr hindurch drngen sich mir immer Fragen an Dich auf und wenn ich bei
Dir bin, fallen sie mir nimmer ein.' Da schlug seine Else vor, ich solle
doch einen Fragebogen anlegen. Das tat ich und ein solches Blatt mit
Fragen liegt nun in meiner Briefmappe und bleibt fr immer
unbeantwortet.

Gingen die Brder frhe dahin, so blieben ihr doch zwei von den
Schwestern ihres Mannes erhalten und standen ihr nahe wie eigene. Ihre
Altersgenossin Luise war fast jedes Jahr einige Wochen mit ihr
vereinigt, so da es zusammen einen betrchtlichen Teil des Lebens
ausmachte. Treulich hielt sie auch an den alten Freundschaften fest und
aus dem unbefangenen Ton ihrer Briefe geht hervor, wie vertrauensvoll
sie zusammenstanden. Gelegentlich eines Familienfestes schreibt sie an
Lina Sartorius:

.... Ja, es ist ein langes Stck Leben, das wir in inniger Teilnahme
miteinander zurcklegten und vieles schliet es in sich bis zwei
bermtige, leichtsinnige, lebensfrische junge Mdchen zu zwei so
wackeligen Gestalten heranreifen wie wir es nun beide sind; ich bin in
Gedanken bei Dir und an Deinem Feiertage im Geiste mitten unter Deinen
Gsten und da sehe ich, wie Du in gleicher Frische wie vor einem halben
Jahrhundert nun das Jugendglck Deiner Kinder mitempfindest; was Dich
selbst etwa beschwert, drngst Du in den Hintergrund, ich sehe nur Dein
frhliches Gesicht, denn Heiterkeit und Gengsamkeit sind Dir als zwei
Edelsteine in die Wiege gelegt.

Wie in den Briefen Frau Braters, so war auch im mndlichen Verkehr die
Mischung von gemtvollem Ernst und frhlichem Humor ein eigenartiger
Reiz ihrer Unterhaltung. Wer auch nur eine Stunde bei ihr war, hatte
gewi beides kennen gelernt, sowohl ihren heiteren Ton als auch ihre
ernste Lebensauffassung, denn diese beiden Seiten ihres Wesens kamen
immer zum Ausdruck. Sie hatte nicht, wie manche, ihre Stunden oder Tage,
an denen sie zu Spa und Scherz aufgelegt war und andere, an denen nur
Ernstes sie beschftigte. Nein, die Heiterkeit leuchtete stetig aus
ihrem Wesen und umflo wie ein freundliches Licht die Ewigkeitsfragen,
die bei all ihren Gesprchen anklangen. Eine Gesellschaft, in der
fortgesetzt ernster gemessener Ton waltete, sagte ihrem Wesen nicht zu
und wurde bald durch einen Schimmer ihres freundlichen Humors belebt,
aber ebensowenig war sie innerlich befriedigt, wenn Spa an Spa, Witz
an Witz sich drngte, obwohl sie mittun konnte, ja dem lustigen Ton
unwillkrlich Vorschub leistete durch die kstliche Eigenschaft, die sie
besa, nie etwas bel auszulegen und sich jede Neckerei gefallen zu
lassen. Als einmal in grerem Familienkreis unter andern Fragen diese
aufgegeben wurde: wer von uns steht himmelweit ber der Empfindlichkeit?
wurde sofort auf sie geraten.

So fand jeder, der zu ihr kam, was er brauchte, mit Ernst ging sie ein
auf das, was einen jeden beschftigte, und mit Heiterkeit erfrischte sie
alle Mden oder pessimistisch Gestimmten.

Und noch etwas zog die Menschen zu ihr hin: ihre Entschiedenheit. Wer
unsicher und schwankend vor irgend einem Entscheide stand oder sich in
verwirrten Lebensverhltnissen nicht zurecht fand, der konnte sich bei
ihr Rat holen. Mit seltener Klarheit fhlte sie heraus, was das Richtige
sei, und gab ihre Meinung ab, ohne sie durch ein vorsichtiges
einerseits, andererseits wieder einzuschrnken. Sie frchtete nicht
die Verantwortung eines entscheidenden Einflusses, sondern nahm diese
auf sich und htte ihr je einmal jemand gesagt: Ihr Ratschlag war kein
guter so htte sie das bedauert, aber nicht bereut. Sie schtzte die
Menschen nicht hoch, von denen sie scherzend das Wort zitierte: Ich
sage nicht so und nicht so, dann kann man nicht sagen, ich htte so oder
so gesagt.

Es ist uns aber nichts davon bekannt, da sich ihre Ratschlge nicht
bewhrt htten, denn praktisch und vorurteilslos, immer das Sittliche
als Norm empfindend, war sie wohl geeignet, das Richtige zu treffen. Fr
alle schwankenden Naturen ist der Umgang mit einer solchen
Persnlichkeit von grtem Werte. Manches Schicksal hat sie gelenkt,
manchen Entschlu herbeigefhrt, aber wie sie ber solche
Vertrauenssachen immer Schweigen bewahrt hat, so soll dies auch ferner
verschwiegen bleiben. Nur die Worte einer Freundin sollen angefhrt
werden, die selbst den Wunsch geuert hat, hier niederzulegen, was Frau
Brater ihr war:

Sie ahnte meine Schwierigkeiten, meine inneren Kmpfe, sie wurde meine
Beraterin, meine treue Helferin in stets sich steigernder Not. Wer wei,
wie ich diese ertragen htte ohne die sichere Hilfe der
Menschenfreundin. Ihr und ihrem energischen Eingreifen hab ich's zu
verdanken, aus meiner lhmenden Unentschiedenheit herausgerissen worden
zu sein. Ich kann mich in dem mehr als zwanzigjhrigen Verkehr mit der
geklrten innerlich erhabenen Freundin keiner Zeit erinnern, in der ich
mich in groen wie in kleinen Dingen nicht durch ihre starke Sttze
gehoben und getragen gefhlt htte. Wie viele Menschen mag sie, die
Starke, in ihrer Hilfssicherheit so ber Wasser gehalten haben! Da sie
mich wegen meiner Schwche nicht aufgab, hat mir oft zu neuem Mut und
Selbstvertrauen verholfen. Dies danke ich ihr ber ihr Grab bis zu
meinem Grab.

Von allen, die zu Frau Brater kamen, gingen wohl nur die unbefriedigt
von dannen, die in trivialer Klatschsucht ihre Unterhaltung suchten.
Solchen konnte sie nichts bieten, denn von Stadtneuigkeiten wute sie
nicht viel, sie hatte kein Auge und Ohr dafr. Stand sie am Fenster, so
sah sie nicht nach den Vorbergehenden, sie sah nach Wolken und Wind.
Nahm sie die Zeitung zur Hand, so geschah es wohl in der Absicht sie
ganz zu lesen, aber zunchst interessierte sie sich fr das Politische
und war das gelesen, so reichte meist die Kraft ihrer Augen nimmer zu
den Lokalnachrichten. Wurden in ihrer Gegenwart nichtige Dinge des
Langen und Breiten verhandelt, so verlor sie die Geduld, die ohnedies
nicht ihre starke Seite war. Fing da jemand umstndlich an: Wie wir im
August vorigen Jahres in N. waren -- oder war's schon im Juli? dann
konnte sie gleich die Bemerkung einwerfen: Ganz einerlei, nur weiter!
Gab irgend ein Familienereignis Anla zu allerlei Gerede, so witterte
sie schon Klatschsucht, die ihr in der Seele zuwider war, und sie lenkte
ab, zwar nie in schroffer Weise, mehr mit Humor, aber immerhin deutlich.
brigens wandte Frau Brater auch kleinen huslichen Angelegenheiten ihr
volles Interesse zu, sowie diese nicht nur als Unterhaltungsstoff
dienten, sondern es sich darum handelte, die richtige Stellung dazu
einzunehmen. So hielt sie es wohl der Mhe wert, trotz der schmerzenden
Augen, ihrer Tochter Agnes gelegentlich eines Magdwechsels eingehend zu
schreiben:

... In Beziehung auf Dein junges, neues Mgdlein habe ich die Sorge,
da Du sie verwhnst, d. h. nicht gehrig abrichtest; bei Euch in
Wrttemberg ist das Verhltnis zwischen Frau und Dienstmdchen im
Durchschnitt ein wenig anders als bei uns, bei Euch betrachtet es das
Mdchen als selbstverstndlich, da die Frau die Hausarbeit eben so gut
kann wie sie und da sie natrlich mit angreift, wenn das Mdchen nicht
fertig wird, sie findet nichts Auffallendes daran, da auch die Frau
Magdarbeit tut. Du hast Dich nun dieser Auffassung ein wenig
angeschlossen, Beispiel: als einmal Deine Pauline fort war, sagtest Du
mir, da Du in solchen Fllen immer besonders schn absplest und die
Kche aufrumest; bei uns wrde man in solchem Falle nur das
_Notwendigste_ tun und das brige fr die Magd zurckstellen; Dein
Verfahren ist nun ganz schn, vorausgesetzt, da es das Mdchen
_richtig_ annimmt. Pauline war ja eine pflichttreue fleiige Person, da
war nichts Wesentliches zu frchten, aber wenn Du nun ein so junges
Mdchen bekommst, das sich bei Dir ihre Auffassung des Verhltnisses
teilweise erst bildet, so mut Du vorsichtig sein. Sie mu von der
berzeugung durchdrungen sein, da diese Geschfte fr _Dich_ nicht
passen, da eine tchtige Magd diese Arbeiten der Frau abnehmen mu,
weil diese fr andere Leistungen und Verhltnisse da ist. Die Gefahr,
da sie Dich fr hochmtig oder geringschtzend hlt, wirst Du nicht
frchten, denn diese Eigenschaften sind etwas _ganz_ anderes und wenn
sie ihr Dienstbotenverhltnis richtig erfat, so wie es eben sein mu,
Deine _Dienerin_, so wird sie auch Deine Freundlichkeiten, Rcksichten
und Anerkennung in rechter Weise aufnehmen und sich dabei wohl fhlen.
Das Anleiten einer Magd habe ich immer als etwas Schwieriges empfunden,
denn wir sind dazu nicht aristokratisch genug, und wenn wir sie dann
glcklich verwhnt haben, rgern wir uns doch darber und es tut kein
gut; rcksichtslose und bequeme Frauen machen es in _dem_ Stck wirklich
besser...

Freundlich gestaltete sich Frau Braters Leben whrend der nchsten Jahre
in ihrer stillen Wrzburger Behausung. So oft sie das Bedrfnis fhlte,
konnte sie im Hause Kerler Anregung finden und die beiden
heranwachsenden Enkelkinder brachten ganz neue Interessen in ihr Leben.
In ihrem Album ist dieser Periode mit den Worten gedacht: Sie lauschet
der Enkelin lieblichem Sang, sieht stolz auf des Enkels heroischen
Gang. So stand sie mitten im Leben und fand doch in ihrer kleinen
Wohnung die Feierabendruhe, die sie tglich mit Wonne empfand. Eine
Zugehfrau nahm ihr einen Teil der Hausarbeit ab. Solche Frauen stehen
meist im harten Kampf ums Dasein, Frau Brater nahm daran warmen Anteil
und half mancher aus schwieriger Lebenslage, denn bei ihrer rhrenden
Anspruchslosigkeit und zweckmigen Einteilung behielt sie immer Geld
brig und spendete nach allen Seiten. Es war komisch, zu beobachten, wie
verschieden ihre pekuniren Verhltnisse beurteilt wurden: wer auf ihre
Einfachheit und Sparsamkeit sah, der urteilte: Eine ganz arme Frau!
Wer es erfuhr, da sie einer bedrngten Familie aufhalf und es ihr dabei
auf einen Hundertmarkschein nicht ankam, der sagte: So gibt nur eine
sehr reiche Frau. Beides war nicht richtig. Reich war sie, wenn man
reich jeden heit, der mehr hat als er braucht, aber sie brauchte fr
sich weniger als wohl die meisten ihres Standes. Sie blieb bei der alten
Gewohnheit hchster Einfachheit, auch noch nachdem sie durch den Tod des
treuen Familienonkels Meynier in bessere Verhltnisse gekommen war, denn
es freute sie beides gleich sehr, das Sparen und das Geben und das
letztere wurde durch das erstere mglich. Es mgen wohl die meisten
deutschen Hausfrauen sparen, aber vielleicht wenige so durchgehend, wie
sie es tat. Wer Frau Braters System in ihrem kleinen Miniaturhaushalt
beobachtete, der konnte im Punkte praktischer Einteilung gewi immer
noch etwas dazu lernen. So z. B. die Ausntzung der Wrme. Wrmeverlust
konnte sie nicht mit ansehen. Hatte sie einen Topf voll Milch
abgekocht, so war ihr der Gedanke rgerlich, da nun die Wrme dieser
achtziggradigen Milch nutzlos verloren gehen sollte. Also wurde dieser
Topf mit Milch schnell in eine Schssel mit kaltem Wasser gestellt und
der Moment abgepat, da die Temperatur der Milch sich mit der des
Wassers ausgeglichen hatte und in diesem, ohne jeglichen Verbrauch von
Brennmaterial erwrmten Wasser wurde das Frhstcksgeschirr
aufgewaschen. Die Befriedigung lag dann nicht sowohl in dem ersparten
Pfennig als in dem schn durchgefhrten Prinzip der rationellen
Wrmeverwertung.

Es hat wohl keine Wohnung gegeben, in der, wenn Frau Brater darin gelebt
hatte, die fen nachher noch ebenso aussahen wie vorher. Irgend etwas
Unzweckmiges konnte sie da nicht dulden. Rauch und Ru durften nicht
vorkommen, ihre fen muten, ohne geputzt zu werden, den Winter durch
aushalten, ebensowenig durfte aber die Wrme zu rasch abgehen, sie
wollte nicht den Weltenraum heizen. Auch eine gute Backrhre lie sie
sich in jeder Wohnung einrichten. So war denn auch ein begabter Hfner
das Ideal, nach dem sie immer strebte und oft genug sagte sie, es sollte
niemand Hfner werden drfen, der nicht Physik studiert hat! Hatte sie
nun so einen Handwerksmann, der eben nicht Physiker war, berufen, so
wich sie ihm nicht von der Seite und wollte er zuerst mit einem khlen
ich wei schon oder so macht man's immer nach gewohnter Schablone
arbeiten, so wute sie ihn in so eifriger und netter Weise fr ihr Ideal
zu interessieren und entschuldigte dabei ihre verstndigen Wnsche auf
so bescheidene Weise als eine bloe Liebhaberei von ihr, die er eben
bercksichtigen mchte, da jeder schlielich darauf einging und ihren
Angaben folgte. Alle Handwerksleute hatten gerne mit ihr zu tun und es
zeigte sich oft, wie anziehend eine originelle Persnlichkeit auf Leute
jeder Gesellschaftsklasse wirkt.

Wie die Wrme, so sparte Frau Brater auch andere Krfte. Besah man sich
genau ihre nette, in musterhafter Ordnung gehaltene Wohnung, so bemerkte
man, da ihre Schrnke an den vorderen Fchen kleine Holzkltzchen
unterlegt hatten. Warum? Weil dadurch die Schranktren von selbst die
Neigung hatten zuzufallen und es somit nicht ntig war, sie immer mit
dem Schlssel zuzuschlieen, was ihr als eine unzweckmige Zeit- und
Kraftverschwendung erschien.

Zeit, Kraft und Geld zu sparen, um solche dann reichlich zur Verfgung
zu haben, war ihr Ideal; und wie sie im Kleinen darnach lebte, so
wnschte sie sehnlich es auch im Groen, im Staat, durchgefhrt zu
sehen. Schlechte Finanzverhltnisse waren ihr ein Greuel, sie empfand
solche als etwas Unmoralisches und sprach sich oft in ihrer lebhaften
Art dagegen aus. Sie erlebte in spteren Jahren, da der lteste Sohn
ihres Bruders Siegfried Finanzminister in Bayern wurde. Da nun Siegfried
schon im Elternhause derjenige gewesen war, der ihren Ordnungssinn
geteilt, und da er spter an seiner Gattin eine musterhafte Hausfrau
gehabt hatte, so frohlockte sie, als sie hrte, da dessen Sohn knftig
im Staat den Haushalt fhren sollte.

In ihrem kleinen, rationell eingerichteten Heim fhlte sich Frau Brater
sehr wohl, aber sie spann sich doch nicht zu sehr darin ein. Jedes Jahr
reiste sie nach Calw, in den Schwarzwald, wo jetzt ihr Schwiegersohn
Sapper als Gerichtsnotar angestellt war und im Sommer begleitete sie die
Familie Kerler auf das Land. Von solch einem Aufenthalt, im
Fichtelgebirg, schreibt sie an ihren Neffen Hermann Braun: So etwas von
Waldespracht sieht man nicht leicht und nach unsern Laubwldern tritt
einem der Charakter des Nadelwaldes wahrhaft imposant entgegen, die
dunkle Farbe, die gemessene Bewegung; whrend so ein belaubter Baum im
Winde mit seinen tausend Blttern zappelt und plaudert, wiegt so eine
Tanne still sinnend ihr Haupt. Wir haben eine Fahrt an den Fu des
Schneeberges gemacht, den die Jungen und Gesunden erstiegen. Ich blieb
mit Anna in dem unermelich scheinenden Walde zurck umgeben von einem
Felsenchaos, das an einen Weltuntergang mahnte. Diese Felsen erhhen
allenthalben das Anziehende des Fichtelgebirges und das Herz schlgt
ganz anders, wenn man auf einem so kantigen, glitzernden Granitbrocken
steht als auf einem jmmerlichen Sand- oder Kalkstein, der fr
gewhnlich die Unterlage unseres Daseins bildet.

Mit der Familie Rohmer machte Frau Brater zweimal Reisen in die
Schweizer und Tiroler Alpen, die zu ihren schnsten Freuden gehrten.
Nach der Heimreise von der Schweiz schrieb sie an die Familie Rohmer,
die sich noch dort aufhielt: .... Morgens um 7 schon war ich in Luzern
auf dem Wege zu den drei Linden, wo es so schn war, da ich selbst fast
angewurzelt wre, denn ich konnte mich gar nicht zum Fortgehen
entschlieen. Dann sah ich den Gletschergarten! Wenn Ihr bedenkt, da
ich schon in meiner Jugend immer dachte, wenn ich Knig wre, wrde ich
einen Sommer lang alle meine Soldaten verwenden, um einen Gletscher
abzurumen, damit ich sehen knnte, wie es _unter_ dem Eis aussieht --
dann knnt Ihr Euch auch denken, wie ich nun im allerhchsten Grade
befriedigt bin, diese meine Neugierde gestillt zu sehen! Es ist in der
Tat eine rechte Erweiterung der Kenntnis ber die Gletscherttigkeit,
die einem dieser Anblick verschafft, und staunend steht man hier vor
einem Resultat, welches das Werk von wenigstens Jahr_tausenden_ zu sein
scheint! Wahrlich, dieser Gletschergarten ist ein wahrer Glcksfund!...
Mit dem Abendzug fuhr ich nach Schaffhausen, in Dachsen nahm ich
schmerzerfllt Abschied von den sonnenglnzenden, ewigen Schneebergen,
die schon in weiter, weiter Ferne lagen, aber noch goldig
herbergrten. Ich dachte Eurer und sende Euch jetzt noch meinen Dank
fr den unvergelichen Genu, den Ihr mir bereitet habt, und fr alle
Eure Liebe und Freundschaft!

Noch tieferen Eindruck machte ihr die groartige Natur des
Ortlergebietes, wohin sie auch mit Rohmer, dessen Frau und Tochter
reiste. Sie war noch ganz erfllt davon ein Jahr spter, als ein Bild
von Trafoi, das ihr Rohmer zuschickte, ihr die Herrlichkeit wieder vor
Augen fhrte.

Sie schreibt am 3. Februar.

Da Du mir das reizende Bildchen ausgewhlt hast, ist ein Zeichen, da
auch Du mit der gleichen unnennbaren Freude wie ich an die Herrlichkeit
denkst, die Gott in diesem Revier ausgebreitet hat. Blumhard sagt einmal
irgendwo: es sei ein groer, ein _Haupt_mangel, da wir die Herrlichkeit
Gottes so ferne liegen lieen, ich glaube, er folgerte daraus auch zum
Teil unsere Scheu vor Tod und Jenseits, ich mu dieser Worte oft
gedenken und das unsgliche Entzcken, das wir oft bei Eindrcken
dieser Welt empfinden, kann ich mir nicht anders erklren, als da durch
sie unsere Seele eine Ahnung der Herrlichkeit ihres Schpfers empfngt,
wenn auch oft ganz unbewut. Mir ist eine groartige Natur das
Erhebendste von irdischen Dingen, Du ersiehst es daraus, da ich schon
bei dem kleinen Bilde wieder denken mute: 'Dein ist das Reich und die
Kraft und die Herrlichkeit.' Versenke Dich doch einmal wieder recht in
die unergrndliche Tiefe dieser drei Worte.... brigens zeigt das Bild
den schnsten Punkt unserer gemeinsamen idealen Reise; ja wren meine
Augen nicht gar so elend, ich glaube ich wrde Euch noch einmal dahin
berreden!

Ja diese Augen! Sie lieen sich nicht ungestraft dazu bentzen, Tag fr
Tag die strahlenden Bilder der Schneeberge aufzunehmen. Sie
verschlimmerten sich sehr am Schlu der Reise und wurden zur tglichen
Qual.

ber dieses Augenleiden berichtet in jener Zeit ihre Tochter Anna an
Ernst Rohmer: Der Zustand der Augen verschlimmert sich oft pltzlich
und die Schmerzen nehmen sich dann aus wie ein heftiger Nervenschmerz
hinter den Augen, nach einigen Stunden wird es oft wieder besser und
verhltnismig ertrglich. Ihr kleiner eigener Haushalt ist jetzt fr
die Mutter von grtem Wert, da er ihr die einzige fr sie mgliche
Beschftigung liefert. Sehr wohlttig empfinden wir auch die Nhe
unserer Wohnungen, 150 Schritte. Die Mutter ist regelmig von 5-10 Uhr
abends bei uns und trotz allem spielen wir da ein Schach, das ihre Augen
verhltnismig wenig anstrengt. Ich kann es nicht sagen, wie sehnlich
ich auf Besserung hoffe, die Geduldsprfung, die wahrlich nicht klein
ist, wenn man auf alle Beschftigung mit den Augen verzichten mu,
liee sich noch ertragen, aber die Schmerzen und die Pein sind so gro,
da ich ihre Fortdauer als eine schwere Prfung ansehen wrde. Die
Mutter ist geistig so frisch und teilnehmend wie je, klagt auch nicht,
aber man sieht ja doch wie sie leidet! Die gehoffte Besserung stellte
sich zeitenweise ein, aber immer wieder kamen Monate, in denen die
Schmerzen nur in der Ruhe und Dunkelheit der Nacht vergingen und morgens
wieder auftraten. Keiner der vielen Augenrzte, die man im Laufe der
Jahre zuzog, konnte sie von dieser Qual befreien.

Ich sehe ganz gut, uerte sie oft, aber ich kann nicht schauen, es
ist immer, wie wenn die Augen voll Sandkrner wren. Manchmal sagte sie
auch: Meine Augen sind wie in Feuer gebettet. In spteren Jahren kam
noch eine andere, mit dieser Empfindlichkeit nicht in Zusammenhang
stehende Erkrankung dazu, die die Sehkraft beeintrchtigte. Wegen dieser
neuen Erscheinung konsultierte sie nach langer Zeit wieder einen
Augenarzt. Dieser nahm auch Notiz von der allgemeinen Empfindlichkeit
der Augen, die ihr so viel Pein bereitete. Seit wann sind Ihre Augen so
empfindlich gegen das Licht? fragte er, und als ihm das Gromtterlein
antwortete: Ich glaube seit meinem fnften Jahr, da meinte er, das sei
freilich kein frischer Fall, und gab den Gedanken an eine Behandlung
auf. Sie erinnerte sich, da es ihr schon im ersten Schuljahr eine Pein
war, die Lehrerin anzusehen, weil deren Gestalt sich von einer
weigetnchten Wand abhob. Aber sie klagte darber so wenig wie andere
Menschen sich beschweren, da es sie blendet, wenn sie direkt in die
Sonne sehen. Sie wuchs auf in der Meinung, da Schauen eine Anstrengung
sei. So von jeher abgehrtet gegen diese peinliche Empfindung, brachte
sie auch in diesen schlimmen Jahren noch manchen eigenhndigen Brief
zustande, denn sie entschlo sich immer ungern zum Diktieren, sie hatte
das tiefe Bedrfnis, mit ihren Lieben in der Ferne in Beziehung zu
bleiben und auch mit der heranwachsenden Generation in Verbindung zu
treten. So schrieb sie an ihren Enkel, Karl Sapper, der ihr als
Lateinschler zu Weihnachten einen geschichtlichen Aufsatz gemacht
hatte:

    _Mein lieber Karl!_

    Welche berraschung und Freude hast Du mir gemacht! Das war ja
    eine groe Arbeit, da sehe ich nun schon, da Du mich lieb hast,
    weil Du Dir so viele Mhe gemacht hast! Der Aufsatz ist mir sehr
    ntzlich, denn wenn man lter wird, vergit man gar vieles, nun
    habe ich wenigstens den dreiigjhrigen Krieg schn
    bersichtlich beisammen; wenn ich nun etwas nimmer recht wei,
    darf ich nur Dein Heft aufschlagen.

    Vielleicht kommst Du einmal nach Erlangen und Nrnberg, zwischen
    diesen beiden Stdten hatte Wallenstein auch einmal ein groes
    Lager, da steht noch ein Turm, man nennt ihn 'die alte Feste',
    von da aus hat Wallenstein sein Lager berblickt, da darfst Du
    dann hinaufsteigen und zu denselben Luken hinaussehen, wo
    Wallenstein auch hinausgeschaut hat, aber wahrscheinlich nicht
    so leichten Herzens als Du; wenn Du dann das weite, weite Feld,
    wo seine Soldaten lagerten, genugsam berblickt hast, dann
    steigt man wieder herunter und unten beim Turm steht ein
    gemtliches Wirtshuslein, da gibt's gutes Bier und Kaffee
    u. s. w., was man sich dann ohne Angst vor dem Totschieen gut
    schmecken lassen kann. Also wollen wir sehen, ob wir einmal
    miteinander da hinaufkommen?...

Im Sommer des Jahres 1895 tritt eine weitere Korrespondentin zu den
seitherigen, ein neues Familienglied ist zu begren. Der Neffe Wilhelm
Pfaff, wohlangestellter Ingenieur, teilte der Tante seine Verlobung mit,
und noch am selben Tage schreibt sie der Braut, um sie willkommen zu
heien, tut es mit den groen Buchstaben, die dem Eingeweihten zeigen,
da die Augen kaum parieren wollen. Sie wissen ja wohl, schreibt sie,
da Wilhelm mir nher steht, als dies gewhnlich zwischen Tante und
Neffe der Fall ist; sein Leben hat sich ja von seinem ersten Jahre an
unter meiner Sorge und Teilnahme entwickelt und nun ist mein
langgehegter Wunsch in Erfllung gegangen: er hat sich eine liebe Braut
gewhlt!

Da die neue Nichte und ihre Tante beide offene Naturen waren, so kam
zwischen ihnen schon im zweiten Briefe zur Sprache, was allein bei
dieser Verbindung zu bedauern war, die Verschiedenheit der Konfession,
die Braut gehrte der katholischen Kirche an. Frau Brater schrieb ihr:
Dein lieber Brief hat mich sehr gefreut, ich sehe daraus, da Du Deinem
Wilhelm mit groer Liebe zugetan bist, sein Wesen verstehst und zu
schtzen weit, und da er Dir ja die gleiche Liebe und das gleiche
Vertrauen entgegenbringt, freue ich mich von Herzen dieser
Gemeinsamkeit, die ein so schnes Glck verbrgt. Da diese
Gemeinsamkeit sich nicht auch auf die Kirche erstreckt, der Ihr beide
angehrt, erregt in unserer Familie natrlich das gleiche Bedauern wie
wohl auch in der Deinigen, ich wollte das in meinem ersten Brief an Dich
nicht gleich erwhnen, damit Du nicht zweifeln solltest, da wir das
Bedrfnis haben, Dich als liebes Familienglied ins Herz zu schlieen,
denn neben der uern Verschiedenheit der Religion bleibt ja doch in der
Hauptsache und im _tiefsten_ Grunde die Gleichheit, wir beten gemeinsam
zu unserm Vater im Himmel, als dessen Kinder wir uns fhlen, und unser
gemeinsames Ziel des Lebens ist die ewige Heimat bei Ihm! So mt Ihr
nur recht festhalten an dem, was Euch auch hierin verbindet, denkt nur
an den Spruch, der uns ja allen gesagt ist: 'Selig sind die reines
Herzens sind, denn sie werden Gott schauen' ... dann wird es Euch
gelingen, die Religion nicht als eine Scheidewand zu empfinden, sondern
als den Weg, den jedes in seiner Weise geht, um sich dieses reine Herze
zu erringen.

Durch dieses offene Aussprechen wurde auch zwischen Tante und Nichte die
Verschiedenheit der Konfession nicht eine Scheidewand, sondern fast im
Gegenteil eine Verbindung, insofern sie Anla gab, sehr bald von der
Oberflche in die Tiefe zu gehen und da gemeinsame Interessen
aufzusuchen. Im Februar 1896 war die Hochzeit, unmittelbar vorher
schreibt Frau Brater:

    _Liebes Brautpaar!_

    Noch vor Torschlu mchte ich Euch als solches begren und Euch
    meines Andenkens versichern ... ich bin mit tief empfundenen
    Glckwnschen bei Euch und es ist mir, als ob ich sie auch im
    Namen Deines mir so unsglich teueren Vaters aussprche, lieber
    Wilhelm.

    Als ich mich verlobte, sagte mein lieber Mann zu mir: 'wir
    wollen nie die Sonne untergehen lassen, ohne da alles klar und
    rein zwischen uns ist', dieses mchte ich nun Euch anraten und
    Ihr werdet gut dabei fahren, ich glaube auch, da das Euren
    beiderseitigen Naturen nicht besonders schwer wird, aber dennoch
    hat man manchmal etwas auf dem Herzen, was man nicht _gerne_
    sagt, aber sagt Euch nur immer alles und alles und seid Euch
    zwei gute Kameraden auf dem Lebenswege.

    Ich schliee, habe gar zu schlechte Augen! Also Glck auf!!

Bald wurde das Band zwischen Tante und Nichte ein inniges und von nun an
wurden Briefe mannigfaltigsten Inhaltes getauscht, aus denen der neuen
Verwandten bald das charakteristische Bild Frau Braters entgegentrat,
denn die Briefe zeigten freundlichen Humor und tiefen Ernst, gaben
praktische Hausfrauenwinke und religis-philosophische Gedanken, und das
alles hervorgehend aus dem warmen Bedrfnisse, dem andern Liebe zu
erweisen, indem man ihm vorwrts hilft; dabei ist ihr kein Mittel zu
unscheinbar, ein gutes heimatliches Klrezept mu der jungen Hausfrau
ebensowohl geschrieben werden wie der Titel einer religisen Broschre,
mit der dringenden Aufforderung, sie zu lesen.

Whrend von dieser Seite Frau Braters Leben bereichert wurde, drohte von
anderer Seite eine Verarmung. Sie schreibt an die Familie Kraz in
Stuttgart am 12. April 96:

    _Meine Lieben!_

    ... Ich wollte erst einen Anflug von Besserung abwarten, ehe ich
    Euch mitteilte, da Berta am Typhus schwer erkrankt ist... Das
    Fieber trat gleich in voller Heftigkeit auf (40-41),
    infolgedessen schon am fnften Tag solche Herzschwche, da wir
    glaubten, schon im Angesicht des Todes zu stehen. Dann lie sich
    das Fieber einige Zeit herabdrcken, und das Herz durch
    Digitalis- und Kampfereinspritzungen zu seiner Ttigkeit
    antreiben. Seit gestern ist nun eine leichte
    Rippenfellentzndung hinzugetreten und wir hatten die
    sorgenvollsten Stunden mit Atemnot und Herzschwche ....

    Ihr knnt Euch denken, wie uns zumute ist, es ist mir, als ob
    wir ohne dies teure Leben ganz ohne Sonnenschein leben mten.
    Anna hlt sich tapfer in diesem Kummer, stellt ihr Anliegen in
    Gottes treue Vaterhand. Die Pflege ist mhsam und schwer, da sie
    selbst sich _gar_ nicht bewegen soll, wegen des Herzens, aber
    sie ist eine geduldige Kranke und hat in leichten Stunden stets
    ein freundliches Wort fr uns. Sie ist ganz klar.

Zehn Tage spter an Agnes: Wir haben seit den Tagen, wo eine scheinbare
Besserung eingetreten war, wieder viel Sorge gehabt..... Mut und Geduld
unserer teuren Kranken ist auf harter Probe, denn der Zustand wird
peinlicher mit der zunehmenden Krperschwche, sie hat bei der Berhrung
und Bewegung groe Schmerzen. Sie hlt trotzdem an ihrer heitern Art
fest. Heute sagte Dietrich zu ihr: 'wenn du wieder gesund bist, dann
darfst du dir einen Landaufenthalt whlen, wo du willst, und ich bringe
dich hin', da erwiderte sie mit heiterem Lcheln: 'Vater, ich will dich
nicht ausbeuten, jetzt wo dein Herz weich ist', und spter sagte sie:
'Mutter, ich war elend nobel gegen den Vater'... Was fr peinliche
Nchte auch ich drben in meiner Abgeschiedenheit habe, kannst Du Dir
denken.

Die Herzschwche wurde so gro, da die Kranke mehr als einmal in
unmittelbarer Todesgefahr schwebte, und manchen Abend verlie die
Gromutter das Haus mit der bangen Sorge, da sie am nchsten Morgen die
geliebte Enkelin nimmer am Leben treffen wrde. Und dennoch siegte das
Leben. Frau Brater sprach es oftmals aus, da sie den Eindruck bekommen
habe, ein Mensch mit weniger energischem Lebenswillen wre dieser
Krankheit erlegen. Auf der Hhe des Fiebers hatte die Kranke gesagt:
Phantasiert wird nicht und gestorben wird nicht! und sie behielt in der
Tat immer das Bewutsein. Fr Frau Brater, die den Willen des Menschen
so hoch anschlug, die bei aller Erziehung, ja auch bei der
Selbsterziehung zur Religion, sich immer bemhte, den Willen in Bewegung
zu setzen, fr sie war dies eine Lebenserfahrung, die sie viel
beschftigte. Vor allem aber empfand sie eine unbeschreibliche Freude,
als die Macht des Fiebers endlich gebrochen war und die Kranke
allmhlich der Genesung entgegenging. Freilich wollte es nun fr die
Geduld der Gromutter etwas zu langsam vorwrts gehen und ihrem Naturell
erschien die groe Vorsicht bertrieben, die rzte und Pflegerinnen
anwandten, um ganz sicher vor einem Rckfall zu sein. Frau Brater war
jederzeit die beste und teilnehmendste Pflegerin fr Schwerkranke, sowie
fr solche, die Schmerzen litten. Sobald aber Gefahr und Schmerzen
vorbei waren und es sich nur darum handelte, Empfindliche zu schonen,
Schwache zu bercksichtigen, so ging das gegen ihre Natur und zugleich
gegen ihr pdagogisches Gefhl, das sofort eine Verwhnung des
Rekonvaleszenten frchtete. Mit einem ungeduldigen ach was macht ihr
fr Umstnde lehnte sie die Teilnahme an weitgehender Schonung ab oder
willfahrte nur mit Verleugnung ihrer eigenen Grundstze. Da ein kaltes
Lftchen der krnklichen Lunge, da eine nicht durch das Haarsieb
getriebene Speise dem Magen schaden knne, dies zu glauben war sie nicht
geneigt. So wre sie auch nie die geeignete Pflegerin fr Gemtskranke
oder Hysterische gewesen, denn sie neigte zu der Ansicht, da man solche
Menschen wohl dazu bringen knne, sich mit eigener Willenskraft wieder
aufzurtteln, und so erschien ihr in solchen Fllen eingehende Teilnahme
und Pflege nur schdlich. Sie war sich dessen bewut und sagte manchmal:
Ich bin nur froh, da kein Gemtsleidender in unserer Familie ist, der
htte es bei mir nicht gut. Ihre selbstlose Gte kam da in Konflikt mit
dem, was tief in ihrem Wesen lag, das Bedrfnis, die Menschen nicht
durch Guttaten zu verwhnen, sondern das Gute in ihnen zu frdern und zu
strken.

An Ostern war ihre geliebte Enkelin wie eine Sterbende im stillen
Krankenzimmer gelegen, am 28. Mai sa sie, wenn auch noch zart und
spitz, doch wieder in aufblhender Gesundheit an der festlichen Tafel,
an der die silberne Hochzeit ihrer Eltern gefeiert wurde.




XVI.

1896-1907


Auf die frhliche Feier der silbernen Hochzeit folgte im nchsten Jahre
die von Frau Braters siebzigstem Geburtstag. Es fand sich nur die
jngere Generation dazu ein, denn von den Altersgenossen waren nur noch
wenige am Leben. In den neunziger Jahren hatte sie viele zu betrauern,
sie verlor den letzten Bruder, Heinrich Kraz, ihre Schwgerin Julie
Brater, den Schwager Sartorius und den alten, treuen Familienfreund
Ernst Rohmer. Dieser schrieb ihr noch aus seiner letzten schweren
Leidenszeit die ergreifenden Worte:

    _Liebe Pauline!_

    Da ich gerade eine ertrgliche Stunde habe, drngt es mich, Dir
    zu sagen, wie tief mich Deine so innig teilnehmenden Zeilen
    gerhrt haben und wie dankbar ich fr Deine treue Anteilnahme
    bin. Ich bin jetzt bald vier Monate in der Trbsalshitze, zum
    Skelett abgemagert, ein erprobter Hungerknstler und eine
    medizinische Raritt.... Ich bezweifle, da eine nderung
    eintritt, und werde wohl so nach und nach aushungern. Nun wie
    Gott will!..... Wieviel Gutes hat Er mir zuteil werden lassen,
    auch jetzt eine allseitige rhrende Teilnahme! Herzlichst und
    dankbarst grt Dich Dein alter Freund und Vetter

                                                        #E. R.#

In diesen Jahren, da sie eine Trauerbotschaft nach der andern erhielt,
gedachte Frau Brater oft eines Verses aus ihrer Mutter Stammbuch:

    Mein Baum war schattendicht.
    O Herbstwind, komm und zeige,
    indem du ihn entlaubst,
    den Himmel durch die Zweige.

Einmal glaubte sie selbst schon am Ziel ihrer Wanderung zu sein. Sie
wurde, whrend sie in Calw bei der Tochter zu Besuch war, von einer
heftigen Lungenentzndung befallen. An dieser Krankheit war ihre Mutter
gestorben und sie zweifelte nicht, da es bei ihr den gleichen Ausgang
nehmen wrde. Aber schon nach wenigen Tagen trat eine Krisis ein und die
Siebzigerin erholte sich von der Krankheit so, da auch nicht eine Spur
zurckblieb. Aber sie konnte sich gar nicht gleich darein finden. Als
sie zum erstenmal wieder das Bett verlassen durfte und Kinder und Enkel
sich darber freuten, sagte sie: Ich habe gemeint, ich drfte jetzt
abschlieen, und war so dankbar, da es mir leicht werden sollte und nun
soll ich noch einmal frisch anfangen? Nach sechs Wochen konnte sie
wieder heim reisen und ihre Lieben in Wrzburg sorgten dafr, da sie
empfand, wie teuer ihr Leben ihnen noch war. Aber in den folgenden
Jahren traten allerlei Altersbeschwerden auf, die es allmhlich
untunlich erscheinen lieen, da sie ferner fr sich ganz allein wohnte.
Und doch konnte sie sich nicht entschlieen, jemand zu sich zu nehmen
oder zu ihren Kindern zu ziehen, weil ihr damit die Besorgung ihres
Haushaltes, die einzige Beschftigung, die ihre Augen gestatteten,
abgeschnitten war. Sie schreibt an Lina Sartorius: Ich wre so dankbar,
wenn ich mein einfaches Stilleben noch eine Zeitlang weiterfhren knnte
und keine Hilfe brauchte. In letzter Zeit war ich in dieser Hinsicht oft
zaghaft und frchtete, meine alte baufllige Htte wolle sich nimmer
recht sttzen lassen. Die Leberbeschwerden lieen mich zu keiner
Krftigung kommen .... so vergingen mir die Tage de und miserabel und
dabei traurig im Gefhl, wie sehr es mir noch an freudiger Ergebung in
Gottes Willen fehlt.

Die Frage ber ihre knftige Lebenseinrichtung fand eine unverhoffte
Lsung durch einen neuen Trauerfall. Schon seit zwei Jahren wankte die
Gesundheit ihres Schwiegersohnes Sapper und im September 1898 erhielt
sie die Nachricht von dessen Tod. Zunchst waren ihre Gedanken ganz und
ausschlielich von der Teilnahme fr ihre verwitwete Tochter und deren
drei Kinder erfllt und mit dankbaren Worten gedenkt sie des treuen
Schwiegersohnes, der sie jedes Jahr mit der herzlichsten
Gastfreundschaft aufgenommen hatte und immer darauf bedacht war, durch
Ausflge in die schne Umgebung ihrem Aufenthalte noch besonderen Reiz
zu verleihen. Eine durch und durch noble Natur nennt sie ihn.

Aber wenn sie auch die Trauer der Tochter verstand und teilte, so mahnte
sie doch die Verwitwete: Denke nicht, da die Erweisung von Treue und
Liebe _darin_ besteht, da man sich ganz und ausschlielich der einen
Empfindung der Trauer hingibt, o nein, Liebe und Treue erweisen sich in
der _Dauer_, in der Unwandelbarkeit, gnne Dir und Deinen Kindern auch
eine frhliche und heitere Stunde, wenn sie sich ergibt, das Gemt kann
dafr empfnglich sein, auch zwischen den betrbten Stunden. Durch ihre
schlimmen Augen am Schreiben gehemmt, schrieb sie schmerzlich bedauernd
der Tochter: Bei allen Menschen wollte ich mich noch gerne zum
Diktieren herbeilassen, obwohl es mir berall schwer fllt -- wenn ich
nur _Dir_ selbst schreiben knnte. Das Beste, was man sich zu sagen hat,
geht eben doch nur direkt von Herz zu Herzen, nicht nur durch ein Medium
hindurch, aber ich gebe mich wenigstens der Hoffnung hin, da Du die
Unvollkommenheit des Diktierens zu ergnzen weit.

Bald nach dem Tode des Schwiegersohnes tauchte der Plan auf, da die
Tochter mit ihren Kindern nach Wrzburg ziehen und die Mutter zu sich
nehmen solle. Diese Lsung, schreibt Frau Brater, erscheint mir als
ein _groes_ Glck fr mich, aber natrlich nur dann, wenn ich von der
berzeugung durchdrungen sein kann, Du wrdest diese Wahl des Ortes auch
in Rcksicht fr Dich und Deine Kinder treffen, denn auf mich, deren
Jahre doch gezhlt sind, darf man nichts bauen, da wrde ich mich ja gar
nicht zu sterben trauen.

Die Tochter und ihre drei erwachsenen Kinder, die sich nicht so leicht
entschlieen konnten, die alte Heimat zu verlassen, machten den
Vorschlag, erst im Herbste zu bersiedeln. Traurig darber schreibt Frau
Brater: Das ist fast noch ein Jahr! Ein Jahr ist lang fr mich, ich
mchte Euch doch selbst noch helfen eingewhnen, Euch mit meinen
hiesigen Freunden bekannt machen, wer wei, wie lang ich es noch
vermag. Daraufhin wurde ein frherer Termin festgesetzt und im April
bersiedelte die Tochter mit den zwei eben erwachsenen Enkeltchtern,
wieder eine Anna und Agnes, nach Wrzburg, whrend der Sohn als Vikar in
Wrttemberg Stellung nahm und nur als Gast in der gemeinsamen Wrzburger
Haushaltung erschien.

So zog denn Frau Brater -- zum letztenmal -- aus. Im Zwinger war eine
freundliche Wohnung mit dem Blick in Grten und Anlagen gefunden worden
und es war die hchste Zeit, da die Alleinstehende Anschlu fand, denn
schon den Umzug konnte sie kaum mehr bewerkstelligen wegen der
schmerzhaften Leberbeschwerden, die einige Wochen lang anhielten, und
noch im gleichen Jahre wurde sie von einem, wenn auch ganz leichten
Schlaganfall heimgesucht, der ihr zwar nicht einmal fr einen Moment das
Bewutsein raubte, aber ihr doch dauernd das Gehen erschwerte. So
erkannte sie voll Dankbarkeit an, da sie nun geborgen und versorgt war,
umgeben von denen, die sie von ganzem Herzen liebten, und doch nicht
getrennt von der Familie Kerler, an deren tglichem Verkehr sie ihre
Herzensfreude hatte. Wer da kam, pries es als glcklichen Umstand, da
eben jetzt, wo sie nicht mehr selbst fr sich sorgen konnte, andere
Hnde fr sie frei geworden waren und sie stimmte dankbar ein in diesen
Preis. Aber dennoch, und wenn sie es gar niemandem sagen und sich selbst
nicht eingestehen mochte, dennoch wollte es ihr nicht gelingen, sich so
glcklich zu fhlen, wie sie es vorher in ihrer Selbstndigkeit gewesen
war. Mit dem Augenblick, wo sie nichts mehr zu tun hatte, wo andere fr
sie sorgten und der Tag keine Arbeit mehr fr sie brachte, schien ihr
das Leben keinen Zweck mehr zu haben. Sie konnte sich ja in guten
Stunden wohl noch ein wenig beschftigen, aber wenn ihr die Enkelin auch
mit freundlicher Bitte um Hilfe ein kleines Kchengeschft
hereinbrachte, die Gromutter durchschaute doch, warum es geschah.
Merkwrdig, aber gewi wahr ist es, da keine Liebe und Frsorge, keine
Unterhaltung, kein Spiel, kein Vorlesen ihr ersetzen konnte, was man
doch als ein so bescheidenes Glck betrachten mchte: die eigene
Ttigkeit im selbstndigen Haushalt.

Aber was wir hier feststellen, wollte sie nicht Wort's haben, es wre
ihr als grter Undank erschienen und sie kmpfte an gegen dieses innere
Unbefriedigtsein tglich und durch Jahre hindurch. Auch brachte jeder
Tag solche Stunden, in denen sie sich behaglich fhlte, vor allem dann,
wenn auch die Hausgenossen nichts arbeiteten, wenn man bei Tisch oder
abends beim Lampenlicht sa und etwa ein Spiel machte und vor allem
_die_ Stunden oder besser Viertelstunden, wenn die Augen ihr
gestatteten, ein wenig selbst in die Bcher zu blicken, die sie gerade
am meisten beschftigten. Zu diesen gehrten vor allem die Schriften von
#Dr.# Johannes Mller.

Sie hatte dessen Vortrge gehrt, die sie mchtig ergriffen und hielt
seitdem die von ihm herausgegebenen Bltter zur Pflege persnlichen
Lebens. Diese sind nicht leicht zu verstehen und vielen erschien es
rtselhaft, da eine Siebzigerin eine solch neue Richtung wirklich
erfassen knne. Das Rtsel war aber sehr einfach zu lsen; in diesen
Gedanken trat nichts Fremdes an sie heran, sie fand hier nur klar
ausgesprochen, was sie dunkel gefhlt hatte. Wer Mllers Schriften
aufschlgt, trifft auf die Worte Persnliches Leben, Ursprnglichkeit.
-- Persnliches Leben war ihr eigenes Leben gewesen, Ursprnglichkeit
ihre hervorragende Eigenart. Die tiefe berzeugung, da der Glaube an
Gott entweder eines Menschen ganzes Sein und Leben durchdringen msse,
oder aber wertlos sei, war ihr eigen und stand auch in Mllers Heften zu
lesen. Manches andere darin war ihr allerdings fremd, wohl auch
unsympathisch, aber sie lie solches ruhig beiseite oder ging auch
leicht ber einzelne Aussprche, die ihr wunderlich erschienen, hinweg
mit der Bemerkung: Er meint das ganz anders, als es dasteht. Aber jene
Artikel, die ihr aus der Seele gesprochen waren, lie sie sich von
Kindern, Enkeln und Gsten, die sie besuchten, immer wieder vorlesen.
Zwar solchen gegenber, die befriedigt in der alten Auffassung des
Glaubens waren, sprach sie nicht von diesen Gedanken, hielt ihnen solche
Bcher ferne und pries sie glcklich, wenn sie nur einen _lebendigen_
Glauben zeigten. Hingegen drngte es sie, allen, die von Zweifeln
umgetrieben oder der Kirche feindselig gegenberstanden, das
mitzuteilen, was ihrem eigenen religisen Bedrfnisse so sehr entsprach.
Solche muten wohl oder bel Mllers Schriften lesen, sonst konnten sie
nicht vor ihr bestehen. So schreibt sie an eine Freundin: Sage mir
doch, ob Du die Mllerschen Hefte fortgesetzt _nicht_ liesest? ob Ihr
_alle_ so barbarisch seid, sie nicht zu lesen? Vieles ist ja geradezu
fr Eueresgleichen wie gemacht, denn Mller ist ja frmlich ein Apostel
der Freiheit und Selbstndigkeit und auch mit Deinem besten Willen
kannst Du ihm nichts anhaben, mir ist er zum Evangelisten geworden mehr
als irgend einer und ich lebe frmlich in seinen Gedanken, je mehr ich
sie erfassen lerne, und wie ich Dir schon einmal sagte, er fhrt in die
unmittelbare Gottesnhe; das dritte Heft bot mir weniger, aber das
soeben erschienene vierte hat wieder Groartiges und Ergreifendes.

Alle, die mit ihr im Briefwechsel standen, muten mindestens erfahren,
wie viel fr sie die in den Grnen Heften niedergelegte Auffassung
war. An Frau Geheimrat Wehrnpfennig schrieb Frau Brater: Mller ist
absolut liberal und dabei bis an die tiefste Wurzel des Seelenlebens
gehend. An ihre Nichten Kraz: Ich gedachte Eurer Marie beim Lesen des
vierten grnen Heftes mit dem Artikel: 'Warum ist das Leiden in der
Welt'; ich finde in diesem Hefte wieder so viel Ergreifendes, dieser
Mann spricht mir so ganz und gar nach meinem Gewissen und meiner
Empfindung und zeigt so klar, wo es fehlt in der Welt und bei jedem
einzelnen. Dieser Artikel ber das Leiden ist zum Eckstein meiner
Lebensanschauung geworden.

Jahrelang lag auf dem kleinen Tischchen vor ihrem Lehnstuhl eines jener
grnen Hefte und sie griff darnach, wenn es still um sie war. Wollten
ihr die Augen auch nur zehn Minuten des Lesens ermglichen, so hatte sie
doch wieder Gedanken geschpft, die sie erhoben ber das krperliche
Elend, Gedanken, die sich in Seelenkrfte verwandelten, in Geduld und
Liebe. Es kam vor, da Frau Brater mutlos ber sich selbst klagte und
meinte: ach der Mensch bleibt doch immer der gleiche, all sein Arbeiten
an sich selbst hilft nichts, wer lieblos und ungeduldig ist, der wird
einmal nicht liebevoll und geduldig. Aber sie bewies ganz augenfllig
das Gegenteil. Stets hatte sie etwas Friedliches, Geduldiges, wenn sie
sich versenkt hatte in gttliche Gedanken, und dieses liebevolle Wesen
war um so gewinnender, als es einen Sieg bedeutete ber die Ungeduld,
die das tatenlose Dasein in ihr erwecken wollte. Htte sie nicht ihr
ganzes Leben hindurch Selbstbeherrschung gebt, so wre sie mit dieser
schweren Prfung nicht fertig geworden. Gewi wird man jedem Menschen
bis in sein Alter die Fehler anmerken, zu denen seine Natur neigt, aber
bei dem, der dies Unkraut wuchern lt, wird es immer strender
hervortreten, hingegen bei dem, der dagegen ankmpft, wird es nie die
edeln Blten seines Wesens verdecken oder ersticken.

Deutlich erkennen wir das Ringen nach Geduld und Ergebung in ihren
Briefen an Nahestehende, so an Luise Hecker: ... Bei mir geht es leider
stets merklich abwrts ... es will mich das oft recht bedrcken, aber
ich sage mir: dies ist nun deine letzte Aufgabe, die Beschwerden des
Alters frhlichen und dankbaren Herzens hinnehmen zu lernen, freilich
bilde ich mir ein, es wrde mir leicht werden, wenn ich nur _lesen_
knnte, mich erheben an dem Geist anderer, wenn der eigene flgellahm
ist, aber gerade dies soll eben nicht sein; oft stehe ich an meinem
Bcherschrank, da stehen die Bcher, besonders die naturwissenschaftlichen,
die schauen mich an wie teure Verstorbene und das Herz tut mir weh...

An Lina Sartorius schreibt sie, nachdem diese alte, treue Freundin sie
wieder besucht hatte, eigenhndig mit zitternder Hand: Dies Blatt soll
nur ein Gru sein, es gibt ja bei mir nichts anderes mehr, aber ein
schner Dank fr Deine stete Freundlichkeit, die Du auch meinem
ungeduldigen Wesen gegenber stets bewhrst, dieses ist mein groer
Fehler, und wenngleich Du mir jetzt vielleicht eine Schmeichelei sagen
wrdest, so sage ich: _schweige_, denn es ist ja leider _zu_ wahr.
Wollen wir eben beide fleiig in Mller studieren und Fortschritte
machen und dabei aneinander denken und zwar in alter Liebe und Treue.

... Ich denke mit Freude daran, da Dich das neue Jahr zu uns fhren
wird, Gott gebe uns ein frhliches Wiedersehen! mein Befinden geht stets
ein wenig abwrts, ist aber doch noch recht ertrglich, um das, was etwa
noch kommt, wollen wir uns nicht ohne Not grmen, Du sagst es ja auch.
Mein Enkel Karl hat mir schon mehrfach zu Geburtstag oder dergleichen
kleine Arbeiten gemacht, heuer eine Disposition zu dem Mllerschen
Artikel 'Was ist Wahrheit', es hilft mir dies sehr zur Erfassung des
Ganzen, interessiert es Dich, so schicke ich Dir's einmal.... Liebe
Lina! treue Korrespondentin, Dank fr Deinen Brief! vielleicht sehen wir
uns doch noch in diesem Jahr, d. h. vielleicht kannst Du doch noch
kommen; ich freue mich sehr auf Eugenie, unsere Vermittlerin. -- Das
Buch, das ich mit Dir lesen wollte, heit: Der Deutsche und sein
Vaterland von Gurlitt, _sehr_ interessant, wrde Euch _alle_
befriedigen, besonders eine Rektorin a. D., wie Du bist.... Meine Hand
versagt den Dienst, deshalb: beht Dich Gott!

Lies doch das Mllersche Heft Bd. 6 Heft 2 'Der Mensch Jesus Christus',
mir ein Glck, eine Erlsung, d. h. wahre Befriedigung. _Langsam_ lesen,
viel Zeit dazu nehmen!

Inzwischen ist nun wieder ein Brief von Dir, Du treue Seele,
eingetroffen, aber ... ich mu recht entschieden das Lob zurckweisen,
das Du meiner 'Ergebung und Geduld' spendest, ich habe es ja in der Tat
so gut wie nicht viele Menschen, bin umgeben von Liebe und Teilnahme,
_mu_ nicht mehr leisten, als ich gut kann, und doch will mich das
Entbehren durch meine Augen und jetzt schwachen Beine etc. oft ganz
mimutig und gedrckt machen, so da ich oft denke, es geschhe mir
recht, wenn es noch viel schlimmer kme. Mein Leben, zwischen Bett und
Lehnstuhl sich abwickelnd, ist doch nicht de und ich bin so dankbar,
da ich wenig Schmerzen habe und mein tglich Brot nicht _verdienen_
mu. In Gedanken bin ich oft bei Dir und allen denen, die auch wir beide
gemeinsam lieben...

Wir sind eben jetzt zwei alte Kracherinnen und werden erst im Himmel
wieder lustig miteinander herumspringen.

Jedes Jahr kam die alte, treue Freundin zu Besuch und immer inniger
fhlten sie sich zusammengehrig, je mehr das Huflein der
Jugendgenossen zusammenschmolz. Rhrend war es, die den Achtzigern
nahestehenden Frauen in ihrem stets heiteren und doch so tiefgrndigen
Verkehr zu beobachten. Wieder war fr das Frhjahr 1905 ein Besuch
geplant, da kam im Januar die Nachricht, da die Freundin schwer an
Lungenentzndung erkrankt war. Frau Brater schickte ihr ein letztes
eigenhndiges Briefchen:

    _Liebe Lina!_

    Ich sitze bei Dir am Bett, mache mit Dir in Liebe und Treue die
    schweren Stunden durch, in denen Du jetzt leidest und wo Du mir
    stets ein Vorbild gewesen bist. Gar manche nchtliche Stunde bin
    ich bei Dir und Deinen Kindern und ich wei, _wie_ wir in
    Gedanken verbunden sind und zusammenhngen. Wie sehr wnsche
    ich Dir gute Besserung und eine getroste, friedvolle Zeit, wie
    dankbar wollen wir miteinander dafr sein, schreibe Du mir bald,
    ich will nur Deine liebe Schrift sehen, nur zwei Worte; liebe
    alte, Getreue, Du begreifst, wie dringend ich jetzt auf gute
    Nachricht hoffe, und freue mich unsglich, bis die
    Prfungsstunden berstanden sind! Bis dahin in innigem Gedanken
    und guten Wnschen aus voller Seele Deine alte Pauline.

    An Ernst und vor allem an Eugenie von Herzen Gru.

Dies war der letzte Gru einer fast siebzigjhrigen Freundschaft, denn
die ersehnten zwei Worte der lieben Handschrift kamen nimmer, am
1. Februar starb die Jugendfreundin.

Vorausgegangen, in diesem Worte lag der Trost fr die Vereinsamte und
ihre Trauer wurde gemildert durch die Dankbarkeit dafr, da die letzte
Krankheit und das Ende leicht gewesen waren. Beneidenswert schienen ihr
alle, die berwunden hatten, denn sie fhlte sich krperlichen Schmerzen
gegenber nicht als Heldin. Es bewegte sie ein tiefes Erbarmen fr alle
hoffnungslos Leidenden und fr diejenigen, die aus Verzweiflung darber
ihrem Leben selbst ein Ende machten. Oft kam dadurch die Rede auf die
Mglichkeit einer Erlsung fr solch gequlte Menschen. Sollte man
diejenigen, die sich nach Befreiung sehnen, nicht lsen von ihrer Last,
anstatt sie der Versuchung zum Selbstmord zu berlassen?

Ihre berzeugung und ihr Herzenswunsch war, da es einmal dahin kommen
wrde, und sie hrte gerne der andern Ansicht darber, wie es geschehen
knnte. In der Zukunft -- wenn auch noch in ferner -- wrde man einen
gesetzlichen Weg finden. Ein hoffnungslos Leidender mte bei Gericht
den Antrag stellen drfen, da ein Arzt ihm die Qual abkrze. Statt des
heimlichen Selbstmordes, der wie ein Alp auf den Hinterbliebenen lastet,
wrde dann nach gerichtlicher Entscheidung in feierlich erhebender Weise
dem Kranken, der den Antrag gestellt hatte, durch den Arzt der ersehnte
letzte Schlaf gebracht. Sobald die Obrigkeit das erlauben, in die Hand
nehmen und den Gerichtsarzt damit betrauen wrde, wre es kein Unrecht
mehr. Sie hrte gerne diese Gedanken aussprechen, deren Verwirklichung
auch ihr die Angst vor langem hoffnungslosen Schmerzenslager benommen
htte.

Das Leiden frchtete sie, aber nicht den Tod. Ihr letzter eigenhndiger
Brief an ihre Freundin Luise Hecker spricht das aus:

    _Liebe Luise!_

    Es ist mir ein wahres Bedrfnis und wre mir eine groe Freude,
    wenn ich Dir so eine Art Abschiedsbrief _selbst_ schreiben
    knnte; nicht als ob ich das Gefhl htte, unsere gemeinsame
    Wanderung auf dieser Welt nahe sich ihrem Ende, ach nein, das
    nicht, im Gegenteil, ich frchte jetzt fast mehr als frher, da
    mir noch ein langes Leben beschieden sein knnte, aber ich fhle
    recht klar, da es hchste Zeit ist, als Schreiberin und als
    Diktantin vom Schauplatz abzutreten, denn das eine wie das
    andere bersteigt vllig meine Fhigkeiten. Nur eines ist
    unverndert bei mir, das treue Gedenken an alle meine Freunde
    und: 'Die Liebe hrt nimmer auf'. Die Wahrheit dieses Spruches
    durchdringt mich so vollstndig, da sie allein schon mir eine
    Gewhr ist fr die Unsterblichkeit.

    .... Meine zunehmende Gelhmtheit, die Du an der Schrift
    erkennen kannst, beschwert mich und meine Pflegenden fast am
    meisten, ich kann nimmer zum Haus hinaus, kaum mehr durch meine
    Zimmer gehen, ich lasse es auch ganz unversucht.... Du siehst
    nun, liebe und getreue Alte, was fr ein Krppel ich fr diese
    Welt geworden bin, aber ich erkenne immer klarer, immer
    zweifelloser, da wir hier nur in einer Vorschule sind und
    diesen Krper als Handwerkszeug zur Schule tragen mssen, wie
    gerne denke ich an die Zeit, wo wir diese Last ablegen drfen
    und einkehren zur ewigen Heimat zu einem barmherzigen Vater. In
    dem Bestreben, mich in dieser Heimat schon ein wenig einzuleben,
    nicht so ganz als Fremdling zu erscheinen, wird mir die Zeit
    nicht so lang, wie es vielleicht auerdem der Fall wre. Du
    wrdest mich sehr verstehen, aber ich begreife gar wohl, wie Du
    in Deiner Jugendkraft noch ganz vom Leben erfllt bist und ich
    fhle in voller Teilnahme mit Dir....

Diesem Briefe liegt ein Blttchen bei mit dem bekannten Rckertschen
Vers:

    Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit
    klingt ein Lied mir immerdar,
    o wie liegt so weit, o wie liegt so weit,
    was mein einst war!

Auch die treue Freundin Luise Hecker, deren Jugendkraft in dem obigen
Briefe noch gepriesen ist, schied aus dem Leben noch vor der lteren,
immer mehr vereinsamten Freundin.

Aber Frau Brater hatte trotz der vielen Trauerflle auch in ihren alten
Tagen nicht nur Vereinsamung zu empfinden, das Leben brachte ihr von
anderer Seite Bereicherung. Ihre Enkelin Berta sowie ihr Enkel Karl
hatten sich in den letzten Jahren verheiratet, mit Liebe wandte sie sich
den neuen Familiengliedern zu und als dem Enkel Karl ein Sohn geboren
wurde, schrieb die achtundsiebzigjhrige Urgromutter noch eigenhndig
zur Taufe des Kleinen den selbsterdachten Vers:

    Will Dir einen Glckwunsch bringen,
    trag auch viele Dir entgegen,
    doch der Reim will nicht gelingen.
    Nun, daran ist nichts gelegen.
    Denn mit Dir, Du kleiner Engel,
    ist das Glck ja selbst gekommen,
    hat sich eingelebt im Herzen,
    feste Wohnung hier genommen.

Sie sah den Urenkel, der als ein kleiner Steiermrker auf die Welt kam,
nimmer im Leben, aber als sie sein Bild erhielt, nahm sie es gar oft
unter die Lupe und betrachtete in ihm mit liebevollem Interesse die neue
Generation. Als sie sich einmal ungehalten ber ihre blden Augen
aussprach, die gar nichts mehr taugten, sagte eine der Enkelinnen
trstend zu ihr: Aber Gromutter, Deinen Urenkel siehst Du doch noch
ganz deutlich, und sie antwortete in einer freundlichen und ihr sonst
ganz fremden unlogischen Weise: Nun ja, den schon, weil er eben gar so
ein netter Kerl ist. Kamen die Kinder und Enkelkinder zusammen und
saen zum Familienabend um den groen Tisch, so sa sie liebevoll und an
jeder Frhlichkeit von Herzen teilnehmend dabei, obgleich die
Schwerhrigkeit des Alters sie behinderte, so da sie manchmal erklrte:
Die Menschen teilen sich mir nimmer in gute oder bse, sondern in
solche, die deutlich und undeutlich reden.

Jeden Sonntag vormittag kam treulich als ihr Hausgeistlicher, wie sie
scherzend sagte, ihr Schwiegersohn zu ihr und las ihr mit seiner
krftigen Stimme eine Predigt vor; die letzten, an denen sie sich
erfreute, waren die von Rittelmeyer und Geyer. Manchmal nahm an dieser
Vorlesung auch die Tochter oder eine der Enkelinnen teil, nach
beendigter Predigt lieen sie aber Schwiegermutter und -Sohn allein
beisammen, denn diese beiden, die nun auch schon ein gutes Stck
Lebensweg und immer in bestem Einverstndnisse gegangen waren, hatten
sich viel zu sagen, und wenn etwas von ihrem Gesprch in das Nebenzimmer
drang, so waren es immer Worte, aus denen man erkannte, da sie sich an
der schnen gemeinsamen Erinnerung freuten, als die Kinder noch klein
waren. So war auch noch am Sonntag den 24. Februar der treue
Schwiegersohn bei ihr gewesen, sie sprachen diesmal ber den nahen
Geburtstag von Anna, und die eigenen Geburtstage dieses Jahres mochten
ihnen dabei in den Sinn kommen, es sollte fr Kerler der siebzigste, fr
Frau Brater der achtzigste sein. Freundlich, wie immer, rief er ihr beim
Fortgehen noch mit seiner frischen Stimme zu: Adieu Mutter, la Dir's
gut gehen, und keines von beiden ahnte, da es ein letztes
Abschiedswort war, keines htte gedacht, da der nchste Sonntag der
Todestag dieses noch so frischen, krftigen Mannes wre. Eine
Lungenentzndung berfiel ihn und bereitete ihm ein so leichtes, sanftes
Ende, da er fast ohne Leiden scheiden durfte.

Frau Brater hatte kein klares Bild von seiner Krankheit gehabt, denn
ihr, die nicht helfen, nicht nach ihm sehen konnte, die nachts so manche
schlaflose Stunde hatte, ihr wollte man gerne die Sorge und Angst
ersparen, solange man noch hoffen konnte, da sie gndig vorbergehen
wrde. Und nun kam so rasch das Ende und die Botschaft traf sie
innerlich unvorbereitet. Das war ein erschtternder Schmerz, denn in
dieser Todesnachricht lag fr sie das Bewutsein, da das Lebensglck
ihrer Tochter dahin sei, ein Ehebund getrennt, dem ihrigen gleich an
beglckender Innigkeit. Niemand wute so wie sie, was das heit, und sie
trauerte tief und still. Manchen Morgen, wenn die Enkelin, die bei ihr
im Zimmer schlief, an ihr Bett trat, fand sie die Gromutter in Trnen,
manchen Abend lag sie wach in wehmutsvollem Gedenken, wenn sie gleich in
rhrender Rcksichtnahme sich still verhielt, um die anderen nicht zu
bekmmern.

So waren fnf Wochen vergangen. Montag den 8. April abends kam Frau
Brater langsam und vorsichtig wie immer aus ihrem Zimmer in das
Wohnzimmer zum Abendessen und setzte sich mhsam in ihren Lehnstuhl an
den Tisch. Sieh, Gromutter, sagte die Enkelin, da ist das neue
weiche Rckenkissen, wollen wir's einmal probieren? Ja, sagte sie,
aber jetzt nicht gerade, ich habe auf einmal so einen furchtbaren
Kopfschmerz, und sie lehnte sich zurck in den Stuhl, griff nach der
Stirne und schlo die Augen, die armen, schwachen Augen, die ihr im
Leben so unendlich viel Qual bereitet haben. Sie schlo sie und hat sie
nicht wieder geffnet.

Es war ein Schlaganfall. Das Bewutsein verlor sich langsam. Sie
versuchte noch hie und da ein Wort zu sprechen. Das letzte, was wir
hren konnten, war ein leises, freundlich bittendes Wort an die Enkelin:
Anni, hilf mir ein bile! Von da an whrte das Leben noch einige Tage,
aber es war nur noch ein Atemholen und am Nachmittag des 12. April kam
der letzte Atemzug.

Wir sagten uns alle: Wie gndig ist es ihr ergangen, wie hat sie so
schmerzlos hinberschlummern drfen, wir gnnten ihr auch, da sie von
aller Pein befreit war, verstanden es, wenn man uns sagte: Fast achtzig
Jahre, da darf man nicht klagen, und _dennoch_ -- o Du herzliebe Mutter,
wie sollten wir Dich nicht vermissen??

Unser Buch schliet traurig, aber vielleicht doch nur traurig, weil wir
zu kurzsichtig sind, um ber den Tod hinaus zu sehen, in die
Herrlichkeit, nach der dieser Geist schon auf Erden sich gesehnt hat.
Seine besten Krfte stammten aus dem Gttlichen und wenn sie nun nimmer
in die irdische Hlle gebannt sind, werden sie dann nicht vereinigt sein
mit ihrem gttlichen Ursprung? Ja wenn wir uns da hinein versenken, dann
verwandelt sich unsere Trauer in ein Sehnen und Streben nach denselben
Krften und dann ist das Beste, dann ist der _Geist_ unserer Mutter bei
uns geblieben.




Von _derselben Verfasserin_ sind im Verlag von _Gundert_ in _Stuttgart_
erschienen:

=Das erste Schuljahr.= Eine Erzhlung fr Kinder von 7-12 Jahren.
3. Aufl.                                                   geb. M 1.20

=Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr.= Fr Mdchen von 12-16 Jahren.
2. Aufl.                                                   geb. M 3.--
(Die beiden Erzhlungen in einem Band M 4.--)

=Lieschens Streiche= und andere Erzhlungen, mit Bildern von Gertrud
Caspari.                                                   geb. M. 3.60

=Das kleine Dummerle= und andere Erzhlungen, zum Vorlesen im
Familienkreise.                                            geb. M 3.--

=Die Familie Pfffling.= Eine deutsche Wintergeschichte.
2. Aufl.                                                   geb. M 3.--



[Anmerkungen zur Transkription: Die nachfolgende Tabelle enthlt eine
Auflistung aller gegenber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S. 043: Dich glck- zu wissen -> Dich glcklich zu wissen
S. 045: uud erfreue mich schon jetzt -> und
S. 053: der merkwrdige Uuterschied -> Unterschied
S. 065: [Anfhrungszeichen ergnzt] Mein 31. Geburtstag
S. 074: 1851-1856 -> 1855
S. 076: behend in all ihren Bewegung -> Bewegungen
S. 085: [Anfhrungszeichen ergnzt] wchentliche Zusammenkunft.
S. 089: [vereinheitlicht] Heute ging ich mit Emma Schunk -> Schunck
S. 090: Denkwrdigkeiten aus meinen Leben -> meinem
S. 100: [Komma ergnzt] allmhlich ergriffen, so
S. 117: [Komma ergnzt] schneewei geworden, sie lag
S. 145: Uber Tler, ber Hhn! -> ber
S. 147: [Komma ergnzt] hatte sie die Befriedigung, einen
S. 149: [Anfhrungszeichen gestrichen] uerte Brater: Manches
S. 151: und es wre ja ja auch fr sie selbst -> wre ja auch
S. 167: [Anfhrungszeichen ergnzt] Man sieht ihr nicht an,
S. 197: ich erschrack sehr -> erschrak
S. 200: [komma korrigiert] erspart war' mochte auch ich -> war, mochte
S. 219: hat mich ganz durchdrungeu -> durchdrungen
p. 233: [gesperrt] _Liebe Agnes!_
S. 239: [Anfhrungszeichen ergnzt] durchgekmpften Abschiedsschmerz.
S. 250: [Komma gelscht] diese Trennung, wre, das -> Trennung wre, das
S. 270: [Anfhrungszeichen ergnzt] Urteil anmaen und so schreibt sie

Die Fraktur-Ligatur fr etc. wurde durch etc. ersetzt. (S. 160, 162,
248, 271, 305)

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaen ersetzt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Fett:           =fett gedruckter Text=
Antiquaschrift: #Antiquatext# ]



[Transcriber's Notes: The table below lists all corrections applied to
the original text.

p. 043: Dich glck- zu wissen -> Dich glcklich zu wissen
p. 045: uud erfreue mich schon jetzt -> und
p. 053: der merkwrdige Uuterschied -> Unterschied
p. 065: [added quotes] Mein 31. Geburtstag
p. 074: 1851-1856 -> 1855
p. 076: behend in all ihren Bewegung -> Bewegungen
p. 085: [added quotes] wchentliche Zusammenkunft.
p. 089: [unified] Heute ging ich mit Emma Schunk -> Schunck
p. 090: Denkwrdigkeiten aus meinen Leben -> meinem
p. 100: [added comma] allmhlich ergriffen, so
p. 117: [added comma] schneewei geworden, sie lag
p. 145: Uber Tler, ber Hhn! -> ber
p. 147: [added comma] hatte sie die Befriedigung, einen
p. 149: [removed quotes] uerte Brater: Manches
p. 151: und es wre ja ja auch fr sie selbst -> wre ja auch
p. 167: [added quotes] Man sieht ihr nicht an,
p. 197: ich erschrack sehr -> erschrak
p. 200: [corrected comma] erspart war' mochte auch ich -> war, mochte
p. 219: hat mich ganz durchdrungeu -> durchdrungen
p. 233: [spaced out] _Liebe Agnes!_
p. 239: [added quotes] durchgekmpften Abschiedsschmerz.
p. 250: [removed comma] diese Trennung, wre, das -> Trennung wre, das
p. 270: [added quotes] Urteil anmaen und so schreibt sie

The ligature for "etc." has been replaced by etc. (p. 160, 162, 248,
271, 305)

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Bold:       =bold text=
Antiqua:    #text in Antiqua font# ]





End of the Project Gutenberg EBook of Frau Pauline Brater, by Agnes Sapper

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU PAULINE BRATER ***

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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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