Project Gutenberg's Wo Gritlis Kinder hingekommen sind, by Johanna Spyri

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Title: Wo Gritlis Kinder hingekommen sind
       Geschichten fr Kinder und auch fr solche, welche die
       Kinder lieb haben, 8. Band

Author: Johanna Spyri

Release Date: September 10, 2007 [EBook #22570]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WO GRITLIS KINDER HINGEKOMMEN SIND ***




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                                  Wo
                           _Gritlis Kinder_
                           hingekommen sind.


                      Eine Geschichte fr Kinder
                                  und
            auch fr solche, welche die Kinder lieb haben.


                                  Von
                            Johanna Spyri.


                            Neunte Auflage.
                          _Mit vier Bildern._


                                Gotha.
                    Friedrich Andreas Perthes A.-G.



                       Alle Rechte vorbehalten.



Inhalt.
                                                  Seite

1. Im Landhaus am Rhein                               1
2. Im Hause des Arztes                               14
3. Im Dorf und in der Schule von Buchberg            33
4. Von weiteren Zustnden in Buchberg                46
5. Auf dem Eichenrain                                68
6. Die Tante wird neuerdings in Anspruch genommen    86
7. Was der Oskar grndet und die Emmi anstiftet     107
8. Beim Sonnenuntergang                             129
9. Eine letzte und eine erste Reise                 145




Wo Gritlis Kinder hingekommen sind.


[Illustration]




Erstes Kapitel.

Ein Landhaus am Rhein.


Die Junisonne leuchtete auf das schne steinerne Haus nieder, an dem die
eben aufgeblhten roten Rosen sich in Flle emporrankten und ringsum
einen sen, wrzigen Duft verbreiteten, dem von Zeit zu Zeit der
frische Morgenwind noch andere wrzige Dfte beimischte, die er von dem
reich besetzten Blumengarten am Hause emportrug und durch die offenen
Fenster ins Haus hineinwehte. Mitten im groen Blumengarten lag ein
weites Wasserbecken, von dem ein hoher Strahl zum blauen Himmel aufstieg
und wieder in den schimmernden Teich zurckfiel. Buntfarbige
Schmetterlinge flogen in Menge in der blauen Luft herum und setzten sich
da und dort auf die duftenden Blumen, und auf allen Zweigen der dicht
belaubten Bume, die ringsumher im Garten ihren Schatten ber alte
steinerne Bildsulen mit Wasserschalen auf den Armen oder ber
verborgene Ruhepltzchen breiteten, sangen und zwitscherten die Vgel
und wiegten sich lustig hin und her in der luftigen Hhe.

An einem der hohen Fenster des Hauses sa ein bleiches Mdchen und
schaute hinaus in den leuchtenden Morgen, aber es konnte all das Blhen
und Duften des herrlichen Gartens nicht eintrinken, denn das Fenster war
geschlossen. Mit verlangenden Blicken schaute das Kind durch die groen
Scheiben hinaus auf die leuchtenden Blumen und weiterhin auf die
schimmernden Wellen des dahinziehenden Rheines, der am Ende des Gartens,
wo die Terrasse niederstieg, in seinen grnen Wellen die tief
herunterhngenden Zweige der alten Lindenbume badete und dann
vorberrauschte. Man konnte vom Fenster aus die reich belaubten hohen
Bume unten am Wasser noch erblicken, aber man konnte nicht mehr sehen,
wie dort im khlen Schatten eine steinerne Bank stand, von der man
gerade in die grnen Wellen hinuntersah, und ber welche sich als
schtzendes Laubdach die dichten, alten ste breiteten, die nachher bis
hineinhingen in das schimmernde Wasser und wohlig eine Weile mit den
Wellen dahinschwammen. Es war ein wonniges Pltzchen und lieblich in
sonnigen Nachmittagen dort zu sitzen und trumend den vorbereilenden
Wellen zuzuschauen. Das bleiche Mdchen mute es wohl kennen, denn seine
Augen blieben auf jener Stelle haften und nahmen einen immer
verlangenderen Ausdruck an.

O, Mama, sagte es jetzt mit bittender Stimme, kann ich bald in den
Garten hinuntergehen? Kann ich heute bis zur Bank am Rhein und unter die
Lindenbume gehen?

Schon seit einer Stunde, da die Mutter ihr krankes Kind in das Zimmer
hereingefhrt und zu seinem Lieblingsplatz am Fenster gebracht hatte,
waren ihre ngstlichen Blicke kaum von dem farblosen Gesichtchen
gewichen, aus dem die zwei groen Augen so verlangend in den sonnigen
Garten hinausblickten.

Liebes Kind, sagte sie jetzt mit angstvoller Zrtlichkeit, du weit,
du wirst am Morgen so mde; wir wollen warten bis Nachmittag, dann
knnen wir vielleicht bis zum Rhein hinuntergehen. Nicht wahr, mein
Kind, so ist dir's auch recht?

Ach ja, seufzte das Mdchen und schaute wieder schweigend auf die
sonnenbeschienenen Blumen und die leise wiegenden Baumwipfel hinaus.

O, es ist so schn drauen, knnen wir nicht jetzt schon gehen, Mama?
bat das Kind nach einer Weile wieder, und so verlangend folgten seine
Augen den fortziehenden schimmernden Wellen drben, da die Mutter nicht
widerstehen konnte. Sie stand auf. In dem Augenblick trat eine ltere
Frau ins Zimmer, die so pnktlich und geordnet aussah, da man htte
denken knnen, sie habe weiter nichts zu tun, als die schnen grauen
Haare mit dem schneeweien Hubchen darauf und den einfachen, tadellosen
Anzug in Ordnung zu bringen; sie hatte aber das ganze Haus mit allen
verschiedenen Gliedern der Dienerschaft zu lenken und zu regieren. Kaum
war sie eingetreten, als Mutter und Tochter ihr zugleich entgegenriefen:
O, Klarissa, es ist gut, da du kommst! Und beide brachten nun ihre
Angelegenheit vor, die Mutter ngstlich fragend, ob sie meine, ein Gang
durch den Garten drfte schon gewagt werden, das Tchterchen dringend
bittend, sie mchte doch ja sagen dazu. Die alte Klarissa war eine
Persnlichkeit, bei der jeder im ganzen Hause, von der Herrin bis
hinunter zum jungen Laufburschen, Rat und Hilfe suchte in jeglicher Not
und Verlegenheit. Wer auch nur einmal in die freundlichen, guten Augen
der alten Klarissa schaute, der mute gleich ein Vertrauen zu ihr
fassen, denn jedes Menschenkind schaute sie liebevoll, wie mit den Augen
einer Mutter an. Klarissa, sag, da wir hinausgehen knnen, bat das
kranke Kind noch einmal instndig.

Liebe Frau Stanhope, wollen wir es nicht versuchen? sagte nun
Klarissa, zu der Mutter gewandt. Die Luft ist lieblich und alle Vgel
singen, als wollten sie uns hinausrufen.

Nun, wenn du denn meinst, Klarissa, so wollen wir es tun, stimmte die
Mutter bei, und nun wurde der Friedrich herbeigeholt, der langjhrige
Bediente; der hatte das kranke Tchterchen die Treppe hinunterzutragen,
damit es nicht schon ganz ermdet im Garten ankomme, denn seine Krfte
waren so bald erschpft. Unten angekommen, nahmen die beiden Frauen das
Kind in ihre Mitte und fhrten es durch den sonnigen Garten. Auf allen
Zweigen zwitscherten lustige Vgelein, die Rosen dufteten und ganze
Scharen von bunten Schmetterlingen flatterten frhlich in der lauen Luft
umher.

Nora, fhlst du dich wohl hier? fragte die besorgte Mutter.

O ja, es ist so schn, entgegnete das Kind, aber ich mchte so gern
zu der steinernen Bank hinunter und in die Wellen schauen, wo die Zweige
hineintauchen.

Der Weg wurde fortgesetzt, die grnen Rasenterrassen hinab bis unter die
alten Lindenbume, wo die steinerne Bank stand, fast verborgen von den
tief herunterhngenden sten, deren bltterreiche Enden leise auf dem
schimmernden Wasser sich wiegten. Die Lindenbume standen in der Blte
und erfllten ringsum die Luft mit sem Duft. Nora sa nun auf der Bank
und schaute still den Zweigen im Wasser und den forteilenden Wellen zu.

O, wenn ich auch so fortziehen knnte, Mama; aber ich bin immer mde.
Ich mchte auch so flink umherhpfen und so frhlich singen, wie die
Vgel da oben in den Linden! O, es ist so schn da, aber ich bin immer
mde.

Liebes Kind, du wirst ja krftiger werden, trstete die Mutter; aber
sie sah so aus dabei, als habe sie selbst am ntigsten, da ihr der
Trost werde, den sie zu geben versuchte. Heute kommt auch der Arzt, und
wir fragen ihn, was wir den Sommer zu deiner Strkung tun sollen. Jetzt
mssen wir wohl wieder ins Haus zurckkehren; du bist so bleich
geworden, Nora, was ist dir?

Nora versicherte, da sie nur mde sei. Es war auch immer so: nach
jeder greren Anstrengung kam auf ihr bleiches Gesichtchen eine noch
grere Blsse. Sie erreichte auch nur mit Mhe das Haus wieder, und
nachdem sie von Friedrich die Treppen hinaufgetragen worden war, wurde
sie auf das Sofa gelegt, wo sie eine Zeitlang ganz still und ohne Regung
lag, um von der Anstrengung auszuruhen.

Gegen Mittag kam der erwartete Arzt. Auf der Mutter eingehenden Bericht
ber die berhandnehmende Kraftlosigkeit ihres Tchterchens erklrte er,
es msse eine Luftvernderung stattfinden, und zwar die Versetzung in
eine strkende Bergluft fr den ganzen Sommer. Nach einigem Nachsinnen
fgte der Doktor bei, er werde sich gleich schriftlich an einen
Studienfreund wenden, der in der Schweiz lebe, und ihn um Rat fragen,
denn zu hoch hinauf drfe die junge Kranke auch nicht gebracht werden.
Sobald er Antwort von seinem Freunde erhalten htte, wrde er
wiederkommen, um Frau Stanhope davon Mitteilung zu machen. Damit
verabschiedete sich der Arzt.

Gegen Abend sa Nora wieder in ihrem Lehnstuhl am Fenster und schaute
still mit mden Blicken hinaus, wo die Abendsonne goldene Streifen ber
den grnen Rasen warf und die Rosenbltter durchleuchtete, die hier und
da von den Strahlen getroffen wurden. Die alte Klarissa sa am
Arbeitstischchen der Nora vorber, und ihre treuen Augen erhoben sich
von Zeit zu Zeit von der Arbeit und folgten den Blicken des kranken
Kindes.

Klarissa, sagte Nora jetzt, sag mir einmal wieder das alte Lied vom
Paradies.

Klarissa legte ihre Arbeit weg. Einmal wollen wir es wieder zusammen
singen, Kind, wenn du etwas krftiger bist; jetzt will ich dir's sagen,
und sie legte ihre Hnde ineinander und begann:

      Es fliet ein Strom kristallenklar
    Durch immer grne Auen,
    Da glnzt der Lilien weie Schar
    Im Duft, dem himmelblauen.

      Und Rosen duften, Rosen glhn
    Auf sonnengoldner Wiese,
    Und Vgel jauchzen laut im Grn:
    Wir sind im Paradiese!

      Und immer milde Lfte wehn
    Auf all den Blumenwegen,
    Und Menschen wie im Traume gehn
    Und kommen sich entgegen.

      Und gren sich allberall
    In Staunen und in Wonne.
    Sie kommen aus dem dunkeln Tal
    Ins Land der ew'gen Sonne.

      Und ziehen selig hin und her
    Und wissen nichts von Leide,
    Die kennen keine Trnen mehr,
    Die kennen lauter Freude.

Als Klarissa geendet hatte, war eine Zeitlang alles still; Nora schien
in Gedanken vertieft zu sein.

Klarissa, sagte sie nach einer Weile, das ist so schn, und macht mir
so groe Lust, zu gehen.

Geh nur gern, du liebes Kind, ja geh nur gern, sagte Klarissa mit
Trnen der Freude in den Augen, dann wandelst auch du frhlich unter
den leuchtenden Blumen hin und singst:

    'Wir kennen keine Trnen mehr,
    Wir kennen lauter Freude.'

Und wir kommen dir bald nach, erst ich, und dann die Mama.

In diesem Augenblick trat die Mutter herein. Klarissa stockte, sie wute
ja wohl, Frau Stanhope konnte den Gedanken nicht ertragen, da Nora sie
verlassen und in den Himmel gehen knnte. Aber die Mutter hatte die
letzten Worte der Klarissa wohl verstanden und schaute mit erneuter
Sorge auf ihr Kind, das sie auch so bla und mde aussehend fand, da
sie gleich darauf drang, es sollte zur Ruhe gebracht werden, was dann
auch ausgefhrt wurde.

Als am spten Abend die Mutter mit der alten Freundin allein noch im
Zimmer sa, begann sie ngstlich zu fragen, was denn Klarissa dazu
gebracht habe, mit Nora solche Gesprche zu fhren; das Kind sei doch
nicht so krank, da man an das Allertraurigste denken mte, und warum
denn davon reden.

Nora wollte gern mein altes Lied hren, entgegnete Klarissa, und,
liebe Frau Stanhope, lassen Sie mich nur eins sagen: Wenn unser liebes
Kind so einsam und kraftlos fortleben sollte, was htte es doch an
diesem Leben? Nicht das geringste von allen reichen Gtern, die es
umgeben, wird ihm zur Freude, ja nicht einmal einen kurzen Gang durch
den schnen Garten kann es genieen, alles wird ihm vergllt und
verwandelt sich dem armen Kinde in Schmerz und Leid. Sollten wir ihm
nicht die Heimkehr gnnen in ein schnes Land, wo kein Leid und keine
Schmerzen mehr sind?

Ich kann es nicht hren, Klarissa, ich kann es nicht ertragen, daran zu
denken, es kann nicht sein. Kann denn nicht alles noch ganz anders
werden und unsere Nora neue Krfte bekommen? jammerte die Mutter, und
so schmerzlich wurde sie von diesen Gedanken aufgeregt, da sie nicht
weitersprechen konnte. Sie zog sich zurck, und mit schwerem Herzen ging
auch die treue Klarissa nach ihrem Gemache. Bald stand das schne
steinerne Haus in dem herrlichen Garten still und lichtlos da; aber von
oben leuchtete der Mond darber, und wer so die hohen, weien Sulen
durch die dunkeln Bume schimmern sah, der dachte: Dort drinnen mu es
herrlich sein; denn den Kummer, der drinnen wohnte, konnte keiner
sehen.

Frau Stanhope bewohnte ihr vterliches Haus am Rhein. Sie hatte sich
sehr jung nach England verheiratet und dort nach wenigen Jahren ihren
Mann verloren. So war sie mit ihren zwei kleinen Kindern, dem
lieblichen, braunugigen Philo und der zarten, blondlockigen Nora, in
ihr vterliches Haus zurckgekehrt, das einsam und verlassen dastand,
denn ihre Eltern waren unterdessen beide gestorben, und Geschwister
hatte sie keine. berallhin hatte die treue Klarissa, die Pflegerin
ihrer Kindheit, sie begleitet, und wie eine Mutter hatte sie ihr im
fremden Land ber alles Neue und Ungewohnte hinweggeholfen und stand ihr
nun wieder im vereinsamten Vaterhaus als sorgende Mutter und Pflegerin
ihrer Kinder zur Seite. Mehrere Jahre waren so fr die friedliche
Familie in dem schnen Landhause in Freuden und Sorgen dahingegangen,
denn die zarten Kinder lieen keine ungestrte Frhlichkeit aufkommen.
Nun waren es bald zwei Jahre, als auf das Haus ein tiefer Schatten
gefallen war: der liebliche Philo hatte seine frhlichen braunen Augen
fr immer geschlossen und lag nun unter den weien Rosen begraben unten
im Garten bei den alten Lindenbumen. Philo, der Bruder, war der ltere
gewesen, doch nur um ein Jahr der Nora voran, die jetzt in ihrem elften
Jahre stand. --

Etwas mehr als eine Woche mochte seit dem sonnigen Tage vergangen sein,
als der Arzt wieder erschien. Er hatte die gewnschte Auskunft gefunden.
Sein Freund selbst bewohnte eine waldumkrnzte, gesunde Berggegend. Er
wollte den geeigneten Ort ausfindig machen, wo Frau Stanhope mit ihrem
Tchterchen in seiner Nhe den Sommer zubringen konnte. Er war sicher,
das Gewnschte zu finden; Frau Stanhope konnte nach Belieben ihre Reise
antreten und bei ihm erscheinen, es mute alles zu ihrem Empfang sich
vorbereitet finden.

Gleich in den folgenden Tagen wurden alle Vorbereitungen zur Reise
getroffen. Klarissa sollte dableiben und das Haus verwalten; nur das
junge Zimmermdchen sollte mit auf die Reise genommen werden, und schon
acht Tage nachher sa Frau Stanhope mit ihrem Tchterchen im Wagen,
um die Reise nach der Schweiz anzutreten, begleitet von den tausend
Glck- und Segenswnschen, welche die sorgliche Klarissa immer und immer
noch einmal in den Wagen hineinbot. Jetzt rollte dieser die weie Strae
entlang und Klarissa trocknete sich die Trnen weg, die sie im letzten
Augenblick nicht mehr zurckzuhalten vermocht hatte. Mit gefalteten
Hnden trat sie in das stille Haus zurck, und leise sagte sie vor sich
hin:

    Die kennen keine Trnen mehr,
    Die kennen lauter Freude.

[Illustration]




Zweites Kapitel.

Im Hause des Arztes.


Die Abendsonne schien lieblich auf die hellgrnen Blttchen der jungen
Gemse, welche in den zwei groen Beeten, die an den Blumengarten
grenzten, emporkeimten und eine besondere Freude der Hausfrau waren.
Wenn sie auch mit grerer Wonne zwischen all den duftenden Blumen des
Gartens hin und her ging, so schaute sie doch immer zum Schlu mit einer
besonderen Teilnahme nach den grnen Krutchen, die sie alle selbst
gest und vom ersten zarten Keime an bewahrt und gepflegt hatte. Der
Blumenkohl schien in diesem Jahr besonders wohl geraten zu wollen, denn
mit groem Wohlgefallen schaute die Besitzerin auf ihre junge Pflanzung
hin, die weithin frisch und unberhrt dastand; nirgends waren die
verderblichen Spuren gefriger Raupen zu sehen.

Guten Abend, Frau Doktorin, tnte es jetzt vom Wege herber, der durch
eine Hecke von den Beeten getrennt war. Sie haben doch immer das
schnste Gemse; man sieht wohl, da dazu gesehen wird.

Die Frau Doktorin war an die Hecke hingetreten, und ber diese herein
streckte jetzt der Taglhner Heiri seine schwielige Hand, denn er war
ein alter Bekannter und wute wohl, da er das Recht zu einem guten
Hndedruck hatte. Er war ja schon mit der Frau Doktorin zur Schule
gegangen, und wie oft war er seitdem bei ihr eingekehrt, um Trost und
Rat von ihr zu empfangen!

Sie erwiderte freundlich seinen Gru und fragte dann teilnehmend: Und
wie geht's denn, Heiri; immer viel Arbeit? Ist alles wohl zu Hause, Frau
und Kinder?

Ja, ja, gottlob! entgegnete Heiri, indem er die schweren Werkzeuge,
die er auf der Schulter trug, auf den Boden legte; Arbeit gibt's immer,
ich mu mit dem Zeug noch in die Schmiede. Aber es braucht auch Arbeit,
die Haushaltung wchst an.

Eure drei kleinen Buben sehen gut aus, ich habe sie gestern wieder
gesehen mit dem Elsli, fuhr mit freundlicher Teilnahme die Frau
Doktorin fort. Aber das Kind, das Elsli, ist gar so bleich und
schmchtig. Ihr verget doch nicht, woran seine Mutter gestorben ist,
Heiri? Man darf das Kind gewi nicht beranstrengen, es ist zu zart und
jetzt im strengsten Wachsen. Ihr mt beizeiten dazu sehen, Heiri, Ihr
habt's erfahren, wie bald es mit einem jungen Leben aus sein kann.

Ja, ja, das hab' ich, und das vergess' ich auch nicht, wie's war! Ich
konnte es nicht sehen, wie sie das Gritli in den Boden hineintaten, so
jung noch, so jung! Die Marget ist eine whrschafte Frau und brav, aber
das Gritli kann ich doch nicht vergessen. Heiri wischte mit seiner Hand
ein paar Trnen weg.

Der mitfhlenden Frau kamen auch die Trnen in die Augen. Ich vergesse
es auch nicht, Heiri; wie gern wre das arme Gritli noch bei Euch und
seinen zwei kleinen Kindern geblieben. Es ging auch so unerwartet
schnell mit ihm. Freilich sah es ja immer dnn und schmchtig aus, und
ich kann sein Kind, das kleine, gute Elsli, nie sehen, ohne da es mir
Sorge macht, ob es auch nicht zu sehr angestrengt wird; es kann nicht
viel aushalten, das ist wohl zu sehen.

Ja, es ist schon ein Schmales und Mageres, stimmte Heiri bei, aber
sonst schlgt es mehr mir nach, es ist so nicht gerade das Hurtigste und
so eher berdacht. Der Bub' ist sonst mehr wie das Gritli selig und hat
immer so etwas im Kopf und sitzt nicht gern still, und dann kann er's
nicht leiden, wenn die kleinen Buben nicht gerade besonders sauber sind,
und sagt etwa, man msse sie alle drei unter die Brunnenrhre stellen,
denn darin ist er punktum wie das Gritli selig; er kann nicht sehen, was
wst ist und unsauber. Aber dann fangen die Buben an zu rufen und zu
schreien, bis die Mutter kommt, und dann gibt's noch mehr Spektakel, und
so komm' ich fast nie heim am Abend, da mir die Marget nicht sagt, ich
msse dem groen Buben Ohrfeigen geben, weil er die Kleinen immer plage
und mache, da sie von der Arbeit weg msse. Aber wenn der Bub' dann so
vor mir steht und mich akkurat mit seinen Augen ansieht, wie das Gritli
tat, so kann ich ihm keine Ohrfeige geben; das macht dann die Marget bs
und es gibt scharfe Worte, und mir ist es auch nicht recht, weil sie
sonst eine brave und schaffige Frau ist. Ich habe schon manchmal
gedacht, wenn Sie ihr etwa ber die Ohrfeigen ein Wort sagen wollten,
Frau Doktorin, so wre ich froh; sie wrde eher auf Ihre Worte hren,
und Sie haben ja auch Buben aufzuziehen und wissen, was man mit ihnen
etwa machen mu. Sie wrden ihr gewi einmal ein Wrtlein sagen, wenn
sie etwa vorbeikommt, nicht wahr, Frau Doktorin?

Ja, das will ich schon gern tun; und wie ist es denn mit den Elsli,
kann es die Mutter gut mit ihm?

Ja, sehen Sie, das ist so, und der Heiri kam, um sich recht
verstndlich zu machen, noch ein wenig nher an die Hecke heran; das
Kind ist mehr so wie ich und gibt nach und hat nicht so seine eigenen
Sachen im Kopf, wie das Gritli sie hatte, und so seinen Eigenwillen. Es
tut akkurat, was die Marget will, und hat kein Widerwrtlein den ganzen
Tag und klagt nie, und wenn es auch von dem an, da es aus der Schule
kommt, bis es ins Bett mu, immer zu helfen hat und die Buben hten und
das Kleine herumtragen mu.

Nur auch nicht zu viel, Heiri, mahnte bekmmert die Frau Doktorin; es
ist mir eine rechte Sorge mit dem Kinde. Schickt mir die Marget bald
einmal vorbei, ich mchte auch darber ein Wort mit ihr reden; sagt ihr,
ich habe ihr fr die Kinder etwas abzugeben, entwachsene Rckchen von
den meinigen.

Das will ich gern tun, und nun will ich, denk' ich, wieder weiter. So
schlafen Sie wohl, Frau Doktorin, und nichts fr ungut und wnsche nur,
da alles gut weiter gedeihe im Gemsegarten.

Danke! Gute Nacht, Heiri! Noch einmal wurde ber die Hecke hin ein
Hndedruck gewechselt, dann zog Heiri seine Strae weiter.

Die Frau Doktorin blieb sinnend zwischen den Gemsebeeten stehen; aber
ihre Gedanken waren nicht mehr mit den grnen Krutlein beschftigt, auf
die ihre Augen niederschauten. Heiris Erscheinung und Gesprch hatte
frhere Tage in ihrer Seele wachgerufen. Sie sah ein frhliches
Kindergesicht mit groen braunen Augen neben sich und schaute eben mit
Verwunderung zu, wie zwei gewandte Hnde ein Vergimeinnicht vorn ins
Rckchen und nun noch eins ins Haar steckten, und wie gut das aussah.
Das Kind war das Gritli, das neben ihr am Bache sa, wo sie beide eben
die blauen Blumen in Flle gepflckt hatten und sie nun zu Struen
banden. Das Gritli war armer Leute Kind, aber immer sah es gut und
auerordentlich sauber und glatt gekmmt aus, und immer hatte es da und
dort ein Blmchen oder ein Schleifchen aufgesteckt, und immer sah es
aus, als sei es zu einem kleinen Fest geschmckt, wenn es noch so
einfache Kleider auf sich trug. Viele schalten das Gritli darum und
andere verlachten es; das nderte aber nichts: es war ein tiefes
Bedrfnis in dem Gritli, etwas Schnes an sich zu haben, und was auch
die Leute sagten, unausgesetzt ging das Gritli mit einem Blmchen oder
Bndchen geschmckt einher und sah aus, als komme es eben vom Maler, der
es zurechtgeputzt, um ein Bildchen aus ihm zu machen. Mit achtzehn
Jahren heiratete es den gutmtigen Heiri, der das Gritli schon immer
gern gehabt und ihm oftmals gesagt hatte, er wolle schon fr beide
arbeiten, wenn es nur seine Frau werden wolle. Schon nach fnf Jahren
welkte das zartgebaute Gritli an der Schwindsucht dahin. Seine beiden
Kinder, der vierjhrige Stephan und das dreijhrige Elsli, waren von der
jungen Mutter vom ersten Augenblick an so schmuck und sauber gehalten
worden, da es den Kindern tief eingeprgt blieb. Der Heiri mute aber
fr seine zwei kleinen Kinder wieder eine Mutter haben, und die Leute
sagten ihm, er msse die Marget zur Frau nehmen, denn sie werde ihm gut
helfen in aller Arbeit. So wurde die Marget seine Frau und war tchtig
und fest in jeder Arbeit; aber auf Schmuck und Blumen hielt sie nichts
und eine besondere Sauberkeit sah sie fr unntig und als eine
Zeitvergeudung an, und so bekam Heiris Haushalt einen anderen Charakter.
Die drei kleinen Buben und das Kleine in der Wiege sahen nicht aus, wie
der Fani und das Elsli ausgesehen hatten als kleine Kinder und auch
jetzt noch aussahen, denn die erste Gewohnheit war ihnen geblieben.

Aus diesen Gedanken, die so einer nach dem anderen in der sinnenden Frau
aufgestiegen waren, wurde sie durch ein frchterliches Geschrei
aufgeschreckt, das vom Hause her ertnte. Jetzt strzte, fortwhrend aus
vollem Halse schreiend, das achtjhrige Rikli, um die Ecke kommend, auf
sie los, hinter ihr her der Bruder Fred, ein groes Buch unter dem
linken Arm, den rechten mit geschlossener Faust ausstreckend.

Rikli, nicht so malos, mahnte die Mutter; komm doch zu dir. Was ist
denn geschehen?

Rikli schrie fort und steckte ihren Kopf ins Kleid der Mutter hinein.

Jetzt sieh doch, Mama, warum das vernunftlose Wesen sich so gebrdet,
berichtete der herzugerannte Fred; hier sieh, dieses niedliche
Frschlein habe ich gefangen und dem Rikli unter die Augen gehalten, da
es das Tierlein bewundern knne, und nun will ich dir gleich lesen,
welch ein merkwrdiges Exemplar es ist. Sieh nur, sieh! Fred hielt
seine offene Hand hin, aus der ein grner Frosch glotzte.

Rikli, nun sei ganz still, es ist genug, gebot die Mutter dem immer
noch fortschreienden Kinde, und du, Fred, weit wohl, da das Kind sich
allerdings unvernnftig vor deinen Tieren frchtet; warum mut du diese
gerade ihm unter die Augen halten?

Es war zunchst bei mir, erklrte Fred, und hr nur, wie interessant
die Beschreibung ist, Mama! Fred hatte sein Buch aufgemacht und las:
Der grne oder Wasserfrosch, #esculenta#, ist gegen drei Zoll lang,
grasgrn mit schwarzen Flecken. Seine Augen haben einen Goldglanz, die
Zehen der Hinterfe eine Schwimmhaut. Seine Stimme, die er besonders in
warmen Sommernchten hren lt, lautet: Brekekekex! Den Winter bringt
er im Schlamm zu. Er nhrt sich --

In diesem Augenblick kam ein Wagen herangefahren.

Es ist die Dame mit dem kranken Mdchen, la mich, Fred, la mich,
sagte die Mutter, eilig den Fred etwas beiseite schiebend, der ihr den
Weg versperrte. Er rannte ihr aber nach: Mama, so hr nur noch, du
weit ja noch nicht, womit er sich nhrt, er nhrt sich von --

Der Wagen war schon da. Aus dem Stalle kam der Hans, aus der Kche die
Kathri gelaufen in einer sauberen weien Schrze; denn man hatte ihr
gesagt: wenn ein Wagen vorfahre, habe sie herauszukommen, um ein krankes
Mdchen die Treppe hinaufzutragen. Fred und Rikli waren ein wenig
zurckgetreten und standen jetzt muschenstill an der Hecke, mit
gespannter Erwartung dem Weiteren entgegensehend. Erst trat eine Dame
aus dem Wagen und winkte Kathri heran. Dann hob diese eine weie, zarte,
fast durchsichtige Gestalt aus dem Wagen heraus und trug sie die Treppe
hinauf ins Haus hinein. Die beiden Frauen folgten gleich nach.

Das Kind ist viel grer als du, wenn schon die Mama gemeint hat, es
sei nur acht oder neun Jahre alt, erklrte jetzt Fred seiner Schwester
Rikli. Das gibt eine Freundin fr Emmi und man kann ihm auch ansehen,
da es sich fr ein Geschrei bedanken wrde, wie du es machst.

Ja, ja, es hat auch nicht immer Frsche und Spinnen und Raupen in der
Tasche, wie du, wehrte sich Rikli und wollte eben noch einiges
beifgen, das die Berechtigung ihres Geschreies beweisen mute, als Fred
die Hand aufmachte, um nach seinem Frosch zu sehen, und dieser mit einem
groen Satz gegen das Rikli hin entsprang. Mit einem durchdringenden
Geschrei rannte das Kind ins Haus hinein, wo es aber nicht weit
vordringen konnte, denn die Kathri scho ihm mit einem ganz
berwltigenden Bsch! Bsch! entgegen. Wenn ein Krankes drinnen ist,
so zu tun!

Wo ist die Tante? fragte Rikli; eine Frage, welche die Kathri
beantwortete, bevor sie recht ausgesprochen war, denn sie kannte diese
Frage, die des Tages viele hundert Male in dem Hause gehrt wurde.

In der anderen Stube; hier drinnen ist das Kranke, geh nicht dahinein,
die Mama hat's verboten; und das Schreien wie von einem angestochenen
Spanferkelchen ist auch nicht erlaubt im Hause drinnen, fgte die
Kathri aus eigener Beurteilung hinzu.

Rikli eilte in die andere Stube hinein, um der Tante die Geschichte mit
dem Frosch zu klagen, denn es konnte nicht darber wegkommen, da er ihm
fast ins Gesicht gesprungen war. Aber die Tante war schon in Anspruch
genommen: Oskar, der lteste Bruder, sa neben ihr, in ein ernsthaftes
Gesprch vertieft.

Weit du was, Tante? Wenn der Feklitus nicht nachgibt, so knnte man
beide Sprche zusammensetzen; dann wre doch der unsere da und die
anderen htten den ihrigen auch, meinst du nicht?

Ja, das knnte man tun, stimmte die Tante bei; so ist allen geholfen
und die Verse sind gedankenreich, wie es bei solchen Gelegenheiten sein
mu.

Hilf du dann auch der Emmi brodieren, Tante, bat Oskar; weit du, sie
macht sonst die Fahne nie fertig, sie luft gewi hundertmal davon weg,
etwas anderem nach.

Die Tante versprach ihre Mithilfe. Hocherfreut sprang Oskar auf und
davon, denn er mute seinen Freunden schnell noch Mitteilung ber den
glcklich gefundenen Ausweg mit den Sprchen und das erfreuliche
Versprechen der Tante machen. Bevor aber Rikli noch zu Worten kam fr
seine Froschgeschichte, war schon die ltere Schwester Emmi
hereingestrzt und rief in groer Aufregung: Tante! Tante! Sie gehen
alle in die Erdbeeren, ein ganzer Trupp; darf ich noch mit? Sag doch
schnell ja, ich kann nicht zur Mama und es pressiert.

Einmal in die Veilchen und einmal in die Erdbeeren und einmal in die
Heidelbeeren und immer in etwas, so ist's bei dir, Emmi. So geh, aber
komm nicht spt heim.

Emmi war schon drauen.

Ich auch! Ich auch! schrie Rikli und lief der Forteilenden nach. Aber
Emmi war in zwei Stzen die Treppe hinunter und rief zurck: Nichts!
nichts! du kannst nicht mit, im Wald hat's Kfer und rote Schnecken.
Rikli kehrte schleunig um, aber zum Ersatz wollte es nun einmal seine
bedauerliche Geschichte erzhlen. Doch jetzt kam Fred hereingelaufen mit
seinem Buch unterm Arm. Er setzte sich sogleich so nah als mglich zu
der Tante hin und schlug das Buch auf. Das ist gut, da du da bist,
Tante, die Mama hat gar nicht zu Ende hren knnen, und es ist ein gar
merkwrdiges Tier, ich hatte ein prachtvolles Exemplar gefangen. Aber du
mut nicht zu kurz kommen, Tante, morgen such' ich schon wieder einen
und bring' ihn dir.

Nein, nein! schrie das Rikli auf; sag nein, Tante, er springt einem
fast ins Gesicht und hat gelbe Augen, wie ein Drache und --

Fred hatte aus seiner leeren Hand eine Faust gemacht, hielt diese
pltzlich dem Rikli vor das Gesicht und schnellte sie auf; mit Geschrei
sprang das Kind weg und zur Tr hinaus. So, jetzt kann man doch ruhig
lesen, sagte Fred, befriedigt ber die Wirkung, legte seine Hand auf
das Buch und begann: Der grne oder Wasserfrosch, #esculenta# --

In dem Augenblick ging drben die Tr auf, man hrte Schritte und
Stimmen.

Komm, sagte die Tante, wir mssen das kranke Kind abfahren sehen, wir
kehren nachher zum Frosch zurck. Sie ging ans Fenster. Auf das Gesicht
der Tante kam ein trauriger Ausdruck, als sie sah, wie das Kind in den
Wagen gehoben wurde.

O, wie bla und krank sieht das liebliche Gesichtchen aus! Du armes
Kind! Nein, du arme Mutter! korrigierte sie sich, als ihr Blick auf die
Dame fiel, die herzlich der Hausfrau die Hand drckte, whrend ihr groe
Trnen die Wangen hinabflossen. Ach Gott! seufzte die Tante noch
einmal. Der Wagen rollte fort. Fred hatte sein Buch wieder ergriffen;
aber die Geschichte des Frosches konnte nicht mehr aufgenommen werden,
denn jetzt kam die Mutter herein und war sehr erregt von dem eben
Erlebten. Sie mute gleich der Tante Mitteilung davon machen, hatte
diese doch von jeher alles mit ihr durchgelebt, was in Freud' oder Leid
sie bewegte. Die Tante gehrte auch so ganz und gar zu ihrem Haus, da
die Kinder alle sich ein Haus ohne Tante eigentlich gar nicht vorstellen
konnten, denn diese war doch so notwendig da wie ein Papa und Mama. Fred
nahm schnell der Tante noch das Versprechen ab, vor dem Augenblick des
Aufrufs zum allgemeinen Rckzug nach den Nachtquartieren noch die
Lebensweise des Frosches anhren zu wollen; dann befolgte er die
Anweisung der Mutter, sich ein wenig hinauszubegeben. Die Mutter
erzhlte nun, welche tiefe Teilnahme die fremde Dame, Frau Stanhope, und
ihr krankes Tchterchen ihr eingeflt haben. Sie fand, das zarte
Geschpfchen mit den groen, blauen Augen und dem feinen, farblosen
Gesichtchen sehe aus, als ob es nur noch halb der Erde angehre. Die
arme Mutter aber knne sichtlich diesen Gedanken nicht ertragen, denn
schon beim ersten Wort der herzlichen Teilnahme, das sie, die
Doktorsfrau, ihr ausgesprochen hatte, sei sie in schmerzliche Trnen
ausgebrochen und habe gesucht, sich selbst zu tuschen mit dem Trost,
die Reise habe ihre Nora so sehr angegriffen, da sie nun gar so bla
und durchsichtig aussehe. Jetzt in der frischen Bergluft werde es gewi
bald anders werden, darauf hatte sie ihre ganze Hoffnung gesetzt.

Soweit hatte die Mutter berichtet, als sie den Hufschlag eines Pferdes
vernahm; sie wute, es war ihr Mann, der von seinen rztlichen Besuchen
heimkehrte. Augenblicklich ging sie ihm entgegen und benachrichtigte ihn
davon, da die erwartete Dame mit dem kranken Kinde angekommen sei. Der
Doktor machte sich auch, nachdem er vom Pferde gestiegen, gleich wieder
auf den Weg, um seinen ersten Besuch bei der neuen Patientin zu machen.
Er hatte eine Wohnung gefunden, die, soweit es berhaupt in dieser
lndlichen Gegend mglich war, den Wnschen entsprach, welche sein
Freund, der Arzt am Rhein, fr die Kranke und ihre Mutter ausgesprochen
hatte. Erst spt am Abend kehrte der Doktor wieder zurck, als die
Kinder schon verschwunden waren, nicht ohne da Fred noch seinen Zweck
erreicht hatte. Die letzte halbe Stunde lang war er unausgesetzt mit
seinem Buch unterm Arm der Tante auf Schritt und Tritt nachgegangen, um
den geeigneten Augenblick zur Mitteilung wahrzunehmen, was heute, wie
schon fter, lngere Zeit erforderte, denn die Tante war wieder einmal
von allen Geschwistern zugleich in Anspruch genommen, whrend auf der
einen Seite die Mutter und auf der anderen die Kathri zu gleicher Zeit
noch einen Rat von ihr begehrten. Aber Fred hatte viel Beharrlichkeit
und er konnte auch heute sich beruhigt niederlegen, denn er hatte die
Tante trotz allen Nebenansprchen an sie noch mit den smtlichen
Lebensbedingungen des Wasserfrosches bekannt gemacht.

Der Doktor hatte sich jetzt zu seinem Nachtessen gesetzt. Mutter und
Tante saen neben ihm und erwarteten mit Spannung seine Mitteilungen
ber die junge Kranke: wie er ihren Zustand gefunden habe und ob er die
Hoffnung hege, der Sommeraufenthalt werde die gewnschte Genesung
bringen. Aber der Doktor schttelte den Kopf. Da ist wenig zu hoffen,
sagte er, es ist keine Lebenskraft in dem Pflnzchen. Es handelt sich
nicht um heruntergekommene Krfte, sondern um den vlligen Mangel
derselben von Anfang an. Ob unsere Bergluft Wunder tun kann, wollen wir
sehen; ohne ein solches ist keine Hilfe.

Diese Nachricht stimmte die Frauen sehr traurig; sie hatten ja beide
gesehen, wie schwer der armen Mutter die Trennung von ihrem Kinde werden
wrde. Sie hielten beide noch an der Hoffnung fest, die strkende Luft
werde ihre wohltuende Wirkung auf das kranke Kind um so eher ausben,
als sie fr dasselbe ganz neu und ungewohnt war.

Emmi soll das Kind besuchen und es kurzweilen und aufheitern, sagte
der Doktor wieder; die hat ja immer zuviel Zeug im Kopf, da kann sie
etwas ablagern und stiftet unterdessen keine ihrer beliebten
Unternehmungen an, die alle in irgendein Unheil auslaufen. Dieses Wesen
wird sie hchstens zum Erstaunen bringen, aber gewi zu keiner
Mitwirkung hinreien; so ist es fr beide gut, wenn sie recht oft
hingeht.

Die Mutter stimmte bei, Emmi sollte so oft als mglich die kranke Nora
besuchen; der Gedanke war der Mutter selbst sehr lieb; sie zweifelte
nicht daran, da zwischen den Kindern ein Freundschaftsverhltnis
entstehen werde, das fr beide sehr wohlttig werden mte. Die stille,
zarte Nora knnte einen besnftigenden Einflu auf das rasche und
strmische Wesen ihrer Emmi ausben, und diese mit ihrer frischen,
lebendigen Weise mte neue, frohe Gedanken und Erheiterung in das
einfrmige Leben der jungen Kranken bringen.

Als spter der Doktor auf seiner Stube noch allerlei Vorbereitungen fr
den folgenden Tag traf, saen Mutter und Tante wie gewhnlich beim
groen Flickkorb zusammen, besprachen die Ereignisse des Tages und
erzhlten sich gegenseitig alle Erlebnisse, die sie heute mit den
Kindern gehabt, und alle Beobachtungen, die sie an ihnen gemacht hatten.
Dies war fr die Schwestern die einzige Zeit des Tages, da sie zu einem
ruhigen Aussprechen kamen, was ihnen ein groes Bedrfnis war; denn da
waren so viele Angelegenheiten, fr die sie gemeinschaftlich lebten und
handelten. Vor allem die Kinder mit all ihren Freuden und Schmerzen,
ihren Wnschen und Bedrfnissen, dann die Kranken, die von nah und fern
ins Haus kamen, und endlich alle Trost- und Hilfsbedrftigen der ganzen
Umgegend, die mit allen ihren Bedrngnissen dahin kamen, wo sie einer
warmen Teilnahme und der Untersttzung mit Rat und Tat allezeit sicher
waren. So hatten Mutter und Tante an diesem wie an jedem anderen Abend
so viele Dinge zu verhandeln und zu besprechen, da unter ihren
fleiigen Hnden die Haufen der heilsbedrftigen Strmpfe im groen
Flickkorb unbemerkt zusammenschmolzen und Mutter und Tante sich endlich
eines spten, aber wohlverdienten Feierabends freuen konnten.

[Illustration]




Drittes Kapitel.

Im Dorf und in der Schule von Buchberg.


Das Dorf Buchberg bestand aus vielen zerstreuten Bauernhfen und
greren und kleineren Gruppen von Husern und Huschen, die da und dort
hinter den reichbelaubten Fruchtbumen hervorguckten. In der Nhe der
Kirche standen nur einige Huser: das Schulhaus, die Ksterwohnung, das
feste alte Haus des Gemeindeprsidenten und einige kleinere
Bauernhuser. Fr sich allein in einiger Entfernung, der waldigen Anhhe
zu, stand das Haus des Arztes. Die grten Gebude von Buchberg aber
standen unten an der groen Landstrae, die ungeheure Fabrik und daneben
das gerumige Haus des Fabrikbesitzers, der beide Gebude selbst hatte
errichten lassen. Zwischen der Landstrae und dem Wohnhause lag ein
sehr sonnereicher Garten; da war kein Baum noch Busch hineingepflanzt,
denn so htte man ja das schne Haus von der Strae aus nicht recht
sehen knnen. Der Besitzer dieses schnen Hauses und der Fabrik war der
ausnehmend reiche Herr Bickel, der mit seiner Frau und dem einzigen
Sohne die unteren Rume des Wohnhauses bewohnte, indes die oberen --
sechs groe, prchtige Zimmer -- immer fest abgeschlossen waren mit
grnen, glnzenden Jalousieladen. Da kam auch nie ein Mensch hinein, als
nur Frau Bickel, wenn sie hinging, den Staub von den schnen Mbeln
wegzunehmen und diese bei dem Anla mit stiller Feierlichkeit zu
bewundern. In solchen Augenblicken durfte auch das Shnchen etwa
eintreten, nachdem es seine Schuhe vor der Tr hatte ausziehen mssen,
und so stand es dann in dem Halbdunkel mit einer Art andchtigen
Schauers und starrte die unentweihten Sessel und Kommoden an. Herr
Bickel war ein sehr angesehener Mann in der Gemeinde, denn in seiner
Fabrik fanden viele groe und kleine Leute Arbeit, welche Herr Bickel
hinwiederum sehr wohl zu gebrauchen wute. Er war auch so eifrig in
seinem Geschft, da er jeden Menschen darauf ansah, ob er in seiner
Fabrik zu gebrauchen wre oder nicht, und ihn je nach dieser
Eigenschaft oder dem Mangel derselben schtzte. Auch wenn in Buchberg
ein Kind auf die Welt kam, berechnete er gleich, in welchem Jahr es
unter die Zahl seiner Arbeiter knnte aufgenommen werden. Fast alle
Kinder in Buchberg wuten auch, da sie einmal unter die Herrschaft des
Herrn Bickel kommen wrden, und wichen immer scheu und respektvoll zur
Seite, wenn er daherkam mit dem dicken Stock, auf dem ein groer,
goldener Knopf sa, und mit der massiven, weithin glnzenden, goldenen
Uhrkette, an der ein ungeheures Petschaft majesttisch hin und her
baumelte.

Aus dem schnen Hause trat jeden Morgen der Sohn des Herrn Bickel, der
junge Feklitus, und wanderte die Strae hinauf, der Schule zu. Auf
seinem Rcken trug er den Ledertornister mit dem wundervollen Deckel,
auf dem, mitten unter schnen Rosengirlanden, gro und hervortretend die
Buchstaben F. B. zu sehen waren. Diesen Deckel hatte Frau Bickel dem
Sohn auf Weihnachten brodieren lassen. Zu seinem etwas ungewohnten Namen
Feklitus war er folgendermaen gekommen. Sein Grovater war ein
Schneider gewesen, und da dieser klein von Statur war und auch von ferne
nie in einer Stellung sich befand, wie einst sein Sohn sie einnehmen
sollte, sondern ein blutarmes Schneiderchen war, das sich kaum
durchbringen konnte, so hie er allgemein: der Schneiderli. Als er nun
seinem Sohn in der Taufe den Namen Felix gab, wurde dieser gleich nach
der Sitte der Gegend zu einem Fekli und hie nun fortan zur nheren
Bezeichnung: der Schneider-Fekli. Diesem aber, der frh ein Vorgefhl
seiner einstigen Bedeutung hatte, war dieser Name anstig und wurde ihm
immer mehr zuwider, je hher er in Reichtum und Ansehen stieg. Aber die
Buchberger waren nicht davon abzubringen: wenn sie einmal an einen Namen
gewohnt waren, so blieben sie unvernderlich dabei und trugen ihn von
einem Geschlecht aufs andere ber. So noch zur Stunde; obschon jeder,
der mit Herrn Bickel zusammentraf, wohl sagte: Guten Tag, Herr Bickel!
-- so nannte ihn doch kein einziger, wenn er von ihm redete, anders als:
der Schneiderli-Fekli. Davon hatte Herr Bickel eine Ahnung, und die
Sache war ihm sehr empfindlich. Als er nun schon ein groer Herr war und
mit der Frau Bickel in dem neuen, schnen Hause wohnte und ihm dann ein
Shnlein geschenkt wurde, da konnte er sich sehr lange nicht
entschlieen, es taufen zu lassen, denn er suchte und suchte und fand
immer den Namen nicht, der zu gleicher Zeit die Stellung und alle
Aussichten dieses Sohnes andeuten und auch das bertragen des verhaten
Namens unmglich machen wrde. Nun hatte Herr Bickel um diese Zeit als
Schulvorsteher dem Examen in Buchberg beizuwohnen. Da traf es sich, da
der Lehrer den Kindern eben die Bedeutung des Namens Fortunatus
auseinandersetzte. Freudestrahlend kam Herr Bickel nach Hause. Der Name
ist gefunden, jetzt wird getauft, rief er seiner Frau entgegen; und so
geschah es. Das Shnchen wurde von Vater und Mutter Fortunatus genannt
und jedesmal mit besonderem Genu, denn der Name entsprach vollkommen
seiner Stellung im Leben, und Herr Bickel war berzeugt, er habe damit
den alten, ihm anstigen Namen ausgerottet. Sobald aber sein Shnchen
in die Schule eintrat, fand es sich, da der Name Fortunatus den Kindern
zu lang war; sofort wurde er in Tus abgekrzt, und gleich darauf zur
nheren Bezeichnung wurde der Schneiderli-Fekli-Tus daraus, welcher
lange Name dann mit der Zeit in Fekli-Tus berging, wobei man blieb,
und schlielich glaubte jedermann in Buchberg, der Name heie wirklich
Feklitus, und fand es natrlich, um der Abstammung willen.

Feklitus sa mit Oskar auf der Schulbank der sechsten Klasse, das heit,
sie saen auf zwei Schulbnken in derselben Klasse; denn als sie vor
sechs Jahren miteinander in die Schule eintraten, setzte sich Oskar
gleich oben an, denn er war ein herrschschtiges Brschchen, das
allenthalben gern regieren wollte. Aber Feklitus blieb neben ihm stehen
und sagte: Das ist mein Platz; denn er war mit dem Bewutsein seiner
Stellung in die Schule gekommen und sein Vater hatte ihm auch gesagt:
Du gehrst dann obenan.

Aber der Lehrer war ein unparteiischer Mann; er untersuchte die Sache
genau, und da es sich fand, da Oskar zwei Tage lter war als Feklitus,
so bekam jener den ersten Platz. Um keinen Preis aber htte der Feklitus
den zweiten eingenommen, sondern er setzte sich auf den ersten der
zweiten Bank, und da die Klasse so gro war, da sie beide Bnke in
Anspruch nahm, lie ihn der Lehrer gewhren. So war es denn durch alle
Klassen bis zur sechsten hinauf geblieben, denn die Zahl der Schler
hatte sich nicht verndert. Dem Oskar war diese Einrichtung eben recht,
denn dadurch kam der lustige Fani, des Tagelhners Heiri Sohn, neben ihn
zu sitzen, der jederzeit zu allen Unternehmungen aufgelegt war, die
Oskar nur erfinden konnte, zu den gewagtesten am allerliebsten. Daneben
hatte die uere Erscheinung dieses Buben etwas Ansprechenderes fr den
Oskar, als die des breitschulterigen Feklitus, der stets in einem
schnen Tuchwams mit hohem Kragen steckte, in einer Weise, da von
seinem Hals, der ohnehin kurz war, gar nichts mehr gesehen wurde und der
ganze Feklitus aussah, als habe man ihn in ein Futteral gesteckt, in dem
er sich nicht mehr recht bewegen konnte. Fani war schmal und gewandt,
wie eine Eidechse, und trug er auch den ganzen Sommer nichts auf sich,
als sein Hemd und seine leinenen Hschen, so stellte er sich so leicht
und gefllig hin, da jeder mit ihm verga, wie sprlich er gekleidet
war. Strich er seine langen, dunkeln Haare, die so fort wuchsen, weil
niemand sie ihm abschnitt, mit seinen beiden Hnden ber die Stirn
zurck und schaute dann mit den groen, glnzenden Augen so
erwartungsvoll um sich, wie er zu tun pflegte, dann fiel dem Oskar
gleich ein neuer Plan zur Grndung irgendeiner Gesellschaft ein, denn
der Fani wre zu so manchem zu gebrauchen, wie er bemerkte, z. B. als
Knstler, oder als edler Ruberhauptmann, oder als Schauspieler. Das war
fr den Oskar besonders ansprechend, denn er war immer entweder mit dem
Gedanken beschftigt, etwas Groartiges zu grnden, Vereine,
Verbindungen, Gesellschaften, und dazu brauchte er gerade Leute, wie
Fani war; oder er hatte eben etwas gegrndet und hatte alle Hnde voll
zu tun mit der Durchfhrung der Sache, -- da war Fani wieder der rechte
Mann zur Hilfe, berall brauchbar, weil immer willig und mit einem
offenen Verstndnis begabt, wie kein zweiter in der Klasse. Die meisten
Schwierigkeiten bereitete ihm bei allen seinen Plnen der Feklitus, der
immer erst dann in die Sache einging, wenn ihm dabei eine Hauptrolle
zuteil wurde, oder es so herauskam, als habe er an dem Plan gerade so
viel erfunden, als Oskar. Feklitus aber mute fr die Dinge gewonnen
werden, sonst machte seine ganze Partei nicht mit und die Plne fielen
dahin, denn die Klasse war in zwei fast gleich groe Parteien geteilt;
ja so durchgngig hatte dieses Parteiwesen um sich gegriffen, da
eigentlich alle Klassen, bis zu den harmlosen Erstkllern hinunter, in
zwei verschiedene Heere geteilt waren, die Oskarianer und die
Feklitusianer. Oskar hatte alle unabhngigen Leute fr sich, alle
gutgestellten Bauernshne, alle Handwerkershne, die in die Futapfen
der Vter zu treten gedachten, und alle diejenigen, die einen bestimmten
Weg im Sinne hatten, vom Fuhrknecht bis hinauf zum knftigen Lehrer.
Alle anderen waren Anhnger des Feklitus, denn dieser hatte ein
Schreckenswort, das viele Unschlssige sogleich unter seine Fahne
brachte, wenn er es ertnen lie: Warte nur, bis du in die Fabrik
kommst! drohte Feklitus, sobald er sah, da einer unschlssig war,
wohin er sich wenden wollte, was denn auch manchen auf seine Seite
brachte, der sonst nicht zu ihm gehalten htte; aber je weniger man
wute, was dann begegnen konnte, wenn man in die Fabrik kam, desto
unheimlicher tnte die dunkle Drohung in die Ohren. Nur dem Fani war
alles Drohen und alle Aussicht auf unbestimmte, schreckliche Dinge ganz
einerlei. Er war entschieden der Fabrik verfallen, und zwar schon auf
kommende Ostern, wann seine Schulzeit zu Ende ging, das wute er sehr
gut; aber er hielt immer und auf der Stelle zu Oskar, und wenn in seinem
rger darber der Feklitus ihm etwa entgegenrief: Wart du nur, bis du
in die Fabrik kommst!, so drehte sich Fani lachend rundum und rief
zurck: Ja, ja, ich warte schon, es pressiert mir nicht. Dafr hatte
aber Feklitus auch einen Zahn auf den Fani und dachte entschieden daran,
ihm allerhand Schwierigkeiten zu bereiten, sobald er drben in der
Fabrik arbeiten wrde. Meistens fanden sich aber die Parteien doch
befriedigt zusammen, denn es lag dem Oskar daran, den Feklitus gut zu
stimmen, da er zum Gedeihen seiner Grndungen vieler Leute bedurfte und
daher fr die Eintracht war. Gerade jetzt herrschte ungestrter Friede
und bereinstimmung. Oskar hatte einen groartigen, allgemeinen
Sngerverein gegrndet. Aus allen Klassen sollte daran teilnehmen, wer
nur Lust hatte, und vor allem wurden nun gleich alle Vorbereitungen auf
das groe Sngerfest getroffen, das ja infolge der Grndung des Vereins
kommen mute. Er hatte den Feklitus gleich fr diese Unternehmung
gewonnen, indem er ihn zum Mitarbeiter an den Zurstungen fr den groen
Tag ernannt hatte. Eine brodierte Fahne stand auch fest in Aussicht --
denn die Tante hatte ja versprochen mitzumachen; das war eine ganz
andere Sicherheit, als nur Emmi fr die Sache gewonnen zu haben --; Fani
sollte Fahnentrger werden. Heute mute aber eine Sitzung stattfinden,
kndete Oskar an, als eben am Schlu der Schulstunden sechs bis acht der
Jungen auf einmal sich zur Tr hinausdrngen wollten, was das
Herauskommen merklich verzgerte, so da die Aufforderung zu der Sitzung
gleich noch nach allen Richtungen hin verbreitet werden konnte. Drauen
auf dem freien Platz wand sich die Masse der Buben sofort in einen
Knuel zusammen; so fanden bei ihnen die Sitzungen statt. Oskar teilte
gleich der Versammlung mit, da noch kein Spruch auf die Fahne gewhlt
worden sei, da er aber einen sehr schnen wisse, der auf die
Gelegenheit passe, nmlich den:

    Gesang verschnt das Leben und macht den Menschen froh.

Feklitus aber war nicht einverstanden. Er sagte, er habe schon oft
solche Feste gesehen und viel schnere Sprche da gefunden als diesen;
er wisse einen, der tne ganz anders, den msse man annehmen:

    Das Vaterland soll leben, die Freiheit lebe hoch!

Oskar sagte, der passe zu einem anderen Fest, nicht zu dem; aber der
Feklitus blieb bei seiner Ansicht und rief seine Getreuen auf, sie
sollten ihm helfen, und nun entstand ein betubender Tumult, und
Oskarianer und Feklitusianer schrieen so grimmig durcheinander, da
keiner den anderen mehr verstand. Jetzt packte Oskar den Feklitus am Arm
und zog ihn weithin auf die Seite, bis dahin, wo man wieder etwas
verstehen konnte, und sagte mit Entrstung: Weit du, Ruhestrer, da
du das Geschrei hervorgerufen hast, und das ist ganz miserabel von dir!
Was gewinnst du dadurch? Nichts! Was verdirbst du? Alles! Damit du aber
siehst, da ich nicht einer bin, wie du, so will ich dir jetzt einen
Vorschlag machen. Wir wollen unsere Sprche beide brauchen, und es ist
gut, da sie sich noch aufeinander reimen; dann heit die Inschrift so:

    'Gesang verschnt das Leben und macht den Menschen froh,
    Das Vaterland soll leben, die Freiheit lebe hoch!'

Jetzt war der Feklitus einverstanden; aber um keinen Preis htte er den
schnen Gedanken darangegeben, den er selbst gefunden und in seinem Kopf
behalten hatte. Nun wurde den anderen die bereinkunft verkndigt, die
Sitzung war geschlossen. Mit einemmal stob der ganze Knuel in hohen
Luftsprngen auseinander, und nach allen Richtungen hin erscholl durch
den Sommerabend die Freude des berstandenen Tagewerks. Oskar allein
ging still und mit einer groen Falte auf der Stirn nach Hause, denn er
trug einen rger mit sich. Wieder war der Fani, wie schon so oft, gleich
nach der Schule verschwunden und er hatte doch gehrt, da noch eine
wichtige Besprechung stattfinden sollte. Das nahm Fani alles viel zu
leicht; es war der einzige groe Fehler, den Oskar an ihm kannte: Fani
ging zu leicht von einer Sache in eine andere ber, sobald diese ihn
wieder ansprach, und Oskar wute jemand, der den Fani darin sehr
untersttzte und ganz war wie er, das war seine Schwester Emmi.
Eigentlich war diese noch rger, denn sie brachte den Fani immer wieder
auf etwas Neues und stiftete ihn berhaupt immer zu irgend etwas an. Das
kannte Oskar wohl an ihr und es war ihm sehr rgerlich, da der Fani
immer so schnell auf ihre Empfindungen einging. Gewi hatte sie ihn auch
heut' abend zu irgend etwas aufgestiftet und er war gleich darauf
eingegangen, da er so bald verschwunden war. Das verdro den Oskar sehr.
Bei seiner Ankunft zu Hause traf er gleich auf den Fred, der am
Gemsebeet auf dem Boden kauerte und mit beiden Hnden wie ein gieriger
Schatzgrber in der Erde herumwhlte.

Wo ist Emmi? rief ihm Oskar entgegen; aber rhre mich nicht an mit
deinen Hnden.

Du wirst wohl kein Samenkfer sein, nach dem ich mit meinen Hnden
herumsuche, war die Antwort. Wo Emmi ist, wei ich nicht; aber das
wei ich, da eins von euch, du oder Emmi, schon wieder alles Papier
genommen hat, so da kein Mensch seine Aufgaben machen kann, wenn er
noch so gern wollte.

Ich habe gar keins gebraucht, erklrte Oskar; da sie wieder etwas
angestiftet hat, das wei ich nun schon, und das Papier hat sie auch
gebraucht, und was sie noch alles anstellen wird, das kann man dann
sehen, wenn man ihr nicht einmal das Handwerk legt. Mit dieser
Prophezeiung trat Oskar ins Haus hinein.

[Illustration]




Viertes Kapitel.

Von weiteren Zustnden in Buchberg.


Oskar hatte richtig geraten: durch die geffnete Schulzimmertr war der
gewandte Fani unter den ersten hinausgeschlpft, und Emmi, die auch
berall durchkam und schon drauen stand, nahm ihn gleich in Beschlag.
Komm schnell, Fani, ich wei einen prachtvollen Baum, den du zeichnen
kannst, und Papier habe ich schon und alles.

Fani ging gleich mit groer Freude in den Vorschlag ein, und sofort
rannten die beiden davon, erst den Weg hinunter und dann dem grnen
Hgel zu, an dem ein schmaler Fuweg zwischen den blumenreichen Wiesen
emporfhrte. Hier beim langsamen Bergansteigen besprachen die Kinder nun
ihr Vorhaben, und Emmi erklrte dem Gefhrten, wohin sie ihn fhren
wolle. Es hatten nmlich heute frh die Unterrichtsstunden des Zeichnens
stattgefunden, welche die beiden obersten Klassen immer zusammen
erhielten. In der fnften Klasse saen Emmi und Elsli, sowie auch der
studienbeflissene Fred, der zwar ein Jahr zu jung war fr diese Klasse,
aber der Lehrer hatte ihn dahin versetzt, weil er den smtlichen
Vierkllern weit voraus war, ja sogar in der fnften Klasse war er noch
weitaus der Geschickteste. Nur im Zeichnen nicht, da war Fani allen
anderen so weit berlegen, da der Lehrer fter bemerken mute, wenn er
seine Zeichnungen ansah: Siehst du, Fani, wie du's kannst, wenn du
willst! Du knntest auch anderes noch besser machen, wenn du dich mehr
anstrengtest und nicht so gleichgltig und leichtsinnig wrest! Heute
nun hatte der Lehrer bemerkt, es wre ihm recht, wenn die Kinder hier
und da etwas nach der Natur abzeichneten, einen Baum oder eine Blume,
und hatte den Fani noch besonders aufmerksam gemacht, wie gut er die
Bume zu machen verstehe, er sollte sich einen schnen aussuchen. Das
war nun der Emmi gerade recht, so etwas ausfindig zu machen, denn an
Fanis Zeichnungen hatte sie schon immer eine besondere Freude gehabt. Er
hatte ihr auch schon allerhand gezeichnet: Rosen und Erdbeeren und
einen Fischer, mit einer Angelrute unter einem Baum am Wasser sitzend;
diese Bildchen konnte man als Buchzeichen so schn gebrauchen. Jetzt
erzhlte ihm Emmi, da sie auf der Stelle nachgedacht habe, welchen Baum
er zeichnen knne; da sei ihr auf einmal die groe Eiche in den Sinn
gekommen, die sehe jetzt so schn aus; noch vor wenig Tagen habe sie's
gesehen, denn sie sei mit der Mutter auf dem Eichenrain gewesen, um der
fremden Dame willen. Unter diesen Mitteilungen waren die Kinder nun auf
dem Hgel angekommen, welcher, um des schnen alten Baumes willen, der
Eichenrain hie. Der reichbelaubte Baum stand am Abhang des Hgels und
warf seinen Schatten weithin ber das kurze Gras des Weidebodens. Fani
schaute verwundert in das reiche Gezweig hinauf.

O, wie schn, sagte er; ich bin froh, da du den gewut hast, Emmi,
der ist prchtig zum Zeichnen! Ich will gleich anfangen, aber ein wenig
weiter weg, da oben, hier. Fani hatte sich den Hgel hinan Schritt fr
Schritt etwas weiter von dem Baum entfernt, bis er ihm zum Zeichnen
pate. Hier setzte er sich auf den Boden, Emmi gleich darauf neben ihn,
indem sie anfing, aus ihrer groen Schultasche einen ziemlichen Reichtum
an Papier und Bleistiften herauszukramen.

O, da kann man viel zeichnen mit so viel Papier und Bleistiften, sagte
Fani und schaute mit sehnschtiger Bewunderung auf all das schne
Material.

Ich gebe dir dann noch mit heim davon, versprach Emmi; ich habe schon
daran gedacht, da du dann wieder ndern mut und vielleicht noch einmal
anfangen, aber komm, da suche selbst einen Bleistift aus!

Mit Wonne tat Fani, wie er geheien war. So reichliches Material zu
haben, da man so darauflos zeichnen konnte, wie man wollte, schien dem
Fani das Hchste zu sein. Nachdem er noch ein paarmal seinen neuen
Bleistift und sein weies Papier mit Wohlgefallen angeschaut hatte,
setzte er sich zurecht und begann seine Arbeit. Emmi war nun ganz still
und schaute aufmerksam der Entstehung des Baumes zu.

O, o! Jetzt ist die Eiche schon ganz kenntlich! Nein, was du aber fr
schne Zweige und niedliche Blttchen machen kannst! rief Emmi jetzt
ganz entzckt aus; nein, so schn hast du gewi noch nie einen Baum
gemacht! Du wirst sehen, was der Lehrer sagen wird; gewi hast du die
allerschnste Zeichnung von allen. Wie machst du's denn nur, Fani? So
etwas knnte ich gar nie machen.

Ich mache es nur nach, sagte Fani, dessen Augen bestndig hin und her
gingen, jetzt zu dem Baum hinauf und jetzt wieder auf das Papier zurck,
und ganz flammten vor Eifer. Sieh nur auch die schnen Zweige, die er
hat, und die prchtigen Bltter; kein Blatt ist so schn wie das
Eichenblatt. O, und sieh nur oben, wie das so prachtvoll rundum geht,
gerade als htte man expre die Zweiglein so gemacht, da es die schne
Form gibt. O, wenn ich nur den ganzen Tag da sitzen knnte und immerfort
an dem Baum zeichnen, es gibt gar nichts Schneres auf der Welt.

Jetzt wei ich etwas, rief Emmi aus, so als habe sie auf einmal einen
groen Fund getan; du mut gewi ein Maler werden, Fani. So fngt es
an, wenn einer ein Maler werden mu, das wei ich bestimmt; sonst
knntest du gar nicht sagen, das Schnste auf der Welt wre, einen
ganzen Tag lang vor einem Baum zu sitzen und zu zeichnen, das wre doch
jedem anderen furchtbar langweilig.

Ja, du hast gut sagen, ich soll ein Maler werden, entgegnete Fani mit
einem Seufzer; im nchsten Frhling komm' ich aus der Schule, und dann
mu ich in die Fabrik und mu den ganzen Tag spulen vom Morgen bis am
Abend; da kannst du dann ein Maler werden, ich wte nur gern, wie?

Aber wolltest du denn nicht gern alles tun, um ein Maler zu werden,
Fani? Denk nur, wie herrlich! Wenn du doch selbst sagst, es wre das
Schnste auf der Welt, da wolltest du doch gern alles wagen, wenn du nur
dazu kommen knntest, oder nicht?

Freilich wollt' ich, gewi, aber da ist ja gar nichts zu wagen; was
knnte ich denn tun?

Wart du jetzt nur, Fani, ich will nun schon anfangen zu denken, was du
machen knntest. O denk nur, wenn du dann ein ganz geschickter Maler
wrdest und gar nichts anderes mehr tun mtest, als nur immer zeichnen
und malen, da httest du doch gar nichts mehr als Freude, dein Leben
lang; Fani, glaubst du nicht?

Emmi war jetzt so ins Feuer hineingekommen durch alle die Plne und
Aussichten, die ihr jetzt schon vorschwebten, da sie auch den Fani
angezndet hatte. Sein Stift war ihm aus der Hand gefallen und seine
Augen waren nicht mehr forschend auf die Eichenzweige gerichtet, sondern
rollten hin und her, als suchten sie da und dort etwas, was nicht zu
sehen war.

Glaubst du's sicher, Emmi, glaubst du gewi, das knnte sein? fragte
er jetzt in groer Aufregung. Was meinst du denn, das ich tun knnte?
Ich wollte es am liebsten auf der Stelle tun; aber was? aber was?

Das wei ich jetzt noch nicht, aber es kommt mir dann schon in den
Sinn; du mut nur ein wenig warten, vielleicht kann ich dir's morgen
schon in der Schule sagen. Aber komm, mach noch deinen Baum fertig, und
das Papier und die Bleistifte kannst du dann mitnehmen, da du noch
andere Bume machen kannst. Weit du, sie werden dann am Examen gezeigt,
und weil du nur so graues Papier hast und doch die allerschnsten
Zeichnungen machst, so wre es ja schade dafr.

Fani war sehr erfreut, denn oft schon htte er zu Hause gern eine
Zeichnung gemacht, aber da war nichts zu finden, was man dazu brauchte;
so war ihm das schne weie Papier samt den zwei Bleistiften ein wahrer
Schatz. Er ging nun noch einmal an seine Arbeit, und Emmi schaute zu und
lobte und bewunderte. Unterdessen war aber die Sonne untergegangen, und
leise kam die Dmmerung heran und erinnerte die Kinder daran, da die
Zeit der Heimkehr gekommen sei.

Fred hatte schon seit einiger Zeit seine Nachforschungen nach den
Samenkfern beendigt. Jetzt stand er auf dem Wege auerhalb der Hecke,
die den Garten einfate, und schaute mit Spannung nach der Schwester
Emmi aus, die doch endlich einmal heimkommen mute und mit der er
Abrechnung zu halten gedachte. Innerhalb der Hecke, im Garten, lief
Oskar mit demselben Vorhaben hin und her, nur in viel grerer
Aufregung, denn den ganzen Abend hatte er vergebens nach Fani
herumgesucht. Dieser war vllig verschwunden und kein Mensch wute,
wohin, und da waren noch so viele wichtige Dinge zu besprechen, bevor
das Sngerfest stattfinden konnte. Mit dem Feklitus waren solche
Besprechungen unmglich, er fate zu langsam und hatte nie einen
Gedanken. Da war Fani ein ganz anders schneller und erfindungsreicher
Geno. Sicher hatte Emmi den wieder abgefangen, um ihn zu etwas
anzustiften, denn dafr war sie bekannt; aber er wollte ihr schon
dahinterkommen, was sie heute ausgefhrt hatte, und ihre Ttigkeit ein
wenig beschneiden, denn das konnte ihm nicht lnger passen, da Emmi den
Fani so fr sich in Anspruch nehmen sollte. Durch diese Gedanken nahm
die Aufregung bei Oskar immer zu, und in immer greren Schritten ging
er im Garten auf und nieder. Jetzt sah drauen der lauernde Fred etwas
den Weg heraufkommen; das konnte aber nicht wohl Emmi sein, denn es war
eine ziemlich breite Masse, die fast den Weg von einer Seite zur
anderen ausfllte; in der Mitte war sie ein wenig hher, als an beiden
Enden. Fred staunte; er konnte nicht erraten, was sich da heranbewegte,
es konnte aber eine naturgeschichtliche Merkwrdigkeit sein; Fred lief
schnell ein wenig entgegen. In der Nhe erkannte er das Elsli, dem auf
der einen Seite der vierjhrige Rudi am Rckchen hing, auf der anderen
der dreijhrige Heirli; auf dem Arm sa ihm der zweijhrige Hanseli mit
dem dicken Kopf und den festen Armen und Beinen. So keuchte das Elsli
mit seinen drei Brderchen heran, denn das Gewicht von allen dreien hing
schwer an ihm.

Stell doch diesen dicken Hans auf den Boden, du mut ja fast
ersticken, sagte Fred, indem er die Anstrengungen der drei Brder, das
Elsli umzureien, mibilligend betrachtete.

Ich darf nicht, er fngt gleich an zu schreien und wird bs,
entgegnete Elsli fast ohne Atem und schleppte sich vorwrts, den Weg
hinauf.

Willst du zu uns? fragte Fred folgend.

Ja, etwas holen, da hinein; Elsli hob seinen Arm ein wenig in die
Hhe, an dem ihm noch ein groer Sack hing.

Du kannst ja nichts mehr tragen; stell doch jetzt einmal den Dicken
auf den Boden, er drckt dich ja fast zusammen, sagte Fred mit rger.

Sie waren nun oben angekommen und standen am Hause.

Ja, einen Augenblick mu ich ihn gewi niederstellen, nur bis mir der
Arm nicht mehr so weh tut. Mit diesen Worten stellte das Elsli den
Hanseli hin, der augenblicklich in ein so durchdringendes Zetergeschrei
ausbrach, da aus der Stube Mutter und Tante und aus der Kche die
Kathri herbeieilten.

Dich wollt' ich lehren! bemerkte die letztere mit einer schwingenden
Bewegung der flachen Hand und zog sich wieder zurck. In groem
Schrecken hatte das Elsli den Buben gleich wieder auf den Arm genommen;
er schrie aber noch eine Weile fort ber das Unrecht, das ihm geschehen
war.

Mama, sag doch dem Schreihals, da er auf dem Boden stehen soll, er
drckt ja das Elsli ganz zusammen, rief Fred zornig aus.

Auf diesen Ausspruch hin schrie der Hanseli noch viel rger und drckte
nun seinen Kopf noch so schwer auf Elslis Schulter nieder, da es sich
kaum mehr aufrechthalten konnte.

Du darfst ihn wirklich auf den Boden stellen, Elsli, sagte die Mutter
hier; er wird sich wohl zufriedengeben, komm! und die Mutter wollte
helfen, den kleinen Hans von dem Kinde abzulsen und auf den Boden zu
stellen; aber es war schwere Arbeit: er hielt sich mit Armen und Beinen
fest und zappelte und schlug aus mit den Fen. Endlich aber stand er
doch unten; nun aber erhob er ein so wtendes Geschrei und ri so heftig
an dem Elsli herum, da es in seinem Schrecken ihn schnell wieder auf
den Arm nahm, und mit Ergebung in sein Schicksal sagte es: Er will
nicht, er wird immer bs, wenn ich ihn nur einen Augenblick hinstelle,
und wenn ich aus der Schule heimkomme, so mu ich ihn auf der Stelle auf
den Arm nehmen, sonst fngt er gleich so zu tun an.

Aber der schwere Hans ist ja lngst zwei Jahre alt, er mu ganz gut
gehen, nicht nur stehen knnen, sagte nun die Mutter ein wenig unwillig
ber den kleinen Tyrannen, und dann ist ja das Kleine noch da, das
wirst du auch herumtragen mssen. Wie machst du's denn, Elsli?

Ja, da wird er noch viel bser, wenn er sieht, da ich das Kleine
nehme; dann schlgt er drein und stt mit den Fen und schreit so
furchtbar, da es die Mutter an allen Orten hrt, wo sie ist, und es
macht sie bse, wenn er so tut. Dann ruft sie gleich, ich soll machen,
da der Lrm aufhre, ich werde doch wohl den kleinen Buben noch zum
Schweigen bringen knnen; aber er hrt nie auf zu schreien, bis ich das
Kleine wieder in die Wiege lege und ihn auf den Arm nehme; dann sto'
ich eben die Wiege hin und her, so lange, bis das Kleine dann wieder gut
ist oder einschlft.

Komm einen Augenblick herein, Elsli, du siehst ja so mde aus, sagte
die Mutter teilnehmend; und du, Hanseli, stehst jetzt auf deine Fe
und wanderst selbst hinein, das kannst du ganz gut, und drinnen liegt
ein schnes Stck Brot und ein Apfel, das bekommst du.

Wenn du aber nicht gehen willst, fgte hier die Tante bei, so lassen
wir dich hier stehen, aber Rudi und Heirli kommen gern mit und holen
sich Brot und pfel, nicht wahr? Und das knnen sie auch ganz gut tun,
ohne das Elsli halb umzureien; komm mit mir!

Die beiden liefen gleich der Tante nach, und der kleine eigensinnige
Hans hatte den Sinn der Rede auch gefat; er war ganz still, als das
Elsli ihn nun wieder vom Arm heruntergleiten lie, und wackelte ohne
Widerrede an der Hand der Schwester neben der Frau Doktorin her ins Haus
hinein. Hinterdrein kam Fred und schwang ein Weidenrtchen in der Hand,
so, als wollte er damit andeuten, da es ein Mittel gebe,
widerspenstige Buben zum Marschieren zu bringen. Drinnen in der Stube
angekommen, sperrten die drei Buben ganz weit die Augen auf, denn sofort
ging die Mutter an den Schrank und holte den groen Brotkorb heraus und
schnitt vier ungeheure Stcke von dem mchtigen Laib herunter; auf jedes
legte sie einen schnen, roten Apfel, den sie nur aus dem Schrank
herausholen konnte; da lagen sie wohl schon fr die eigenen Kinder
bereit. Jetzt wurde jedem der Buben und auch dem Elsli sein Stck mit
dem Apfel gereicht, und Fred sagte: Nun, frisch, beit einmal los!
Augenblicklich gehorchten alle drei und knackten und knusperten nun
darauflos, da es jedem Lust gemacht htte, mitzuhalten. Elsli sagte
nun, warum es gekommen sei, und zeigte seinen Sack. Die Mutter hatte es
geschickt, die Sachen, welche ihr die Frau Doktorin versprochen hatte,
in dem Sack heimzuholen.

Nein, Kind, davon ist keine Rede, sagte diese bestimmt; wie knntest
du noch einen Sack mit Kleidern tragen! Sag du deiner Mutter, da sie
selbst einmal kommen soll; ich mu auch sonst mit ihr reden, dann nimmt
sie die Sachen mit.

Elsli, hast du denn gar keine Lust zu deinem Apfel? Und magst du auch
kein Brckchen Brot essen? fragte hier die Tante, die gesehen hatte,
wie das Kind sorgfltig seinen Apfel in die Tasche gesteckt hatte,
whrend es das Brot unberhrt in der Hand hielt.

Elsli wurde ein wenig rot, so als habe es etwas getan, das vielleicht
nicht erlaubt war, und sagte schchtern: Ich mchte nur gern mit dem
Fani teilen, er bekommt doch heut' nichts mehr.

Das darfst du schon sagen, Elsli, da du dem Fani davon geben willst,
das ist ganz recht, sagte die Tante freundlich; aber warum bekommt
denn der Fani heut' nichts mehr?

Wir haben nun schon zu Nacht gegessen, gerade eh' wir kamen, und der
Fani ist wieder nicht heimgekommen, wie schon manchmal, und dann it man
die saure Milch alle auf und auch die Erdpfel, weil sonst schon nicht
so viel sind, und der Vater sagt: 'Wer nicht da ist, hat keinen Hunger.'
Aber der Fani hat freilich Hunger; ich wei schon, er vergit nur, da
es Zeit ist.

Wo ist er denn aber? Mu er dir nicht etwa helfen, die kleinen Buben zu
hten am Abend? fragte die Tante weiter.

Nein, nein, das kann er nicht. Die Mutter sagt, sie tun nur viel rger,
wenn er dabei ist, er solle nur laufen; und so kommt er so manchmal um
sein Nachtessen, und ich kann ihm nichts behalten, und doch ist er immer
so gut mit mir. Wenn er dann heimkommt, macht er mir immer meine
Aufgaben mit den seinigen, weil ich das nie kann; ich habe zu tun, bis
die Mutter das Licht nimmt und ich ins Bett mu.

Der Fani kommt eigentlich nur aus Leichtsinn um sein Nachtessen, das
knnte er ja anders haben, und von den Aufgaben, die du nicht selbst
machst, wirst du auch nicht viel profitieren, Elsli, sagte die Tante.

Elsli wurde ganz rot und seine sanften, blauen Augen fllten sich mit
groen Trnen.

Ich wei schon, sagte es zaghaft; darum bin ich auch so ungeschickt
in der Schule, fast das Ungeschickteste in der ganzen Klasse.

Nein, nein, das bist du noch lange nicht, fiel Fred beschtzend ein;
du kannst nur deine Aufgaben nie, was wir auswendig lernen mssen und
nachlesen, und jetzt wei ich auch, warum, und wenn dich noch ein
einziges Mal einer auslacht, so will ich ihm dann zeigen, mit wem er es
zu tun hat.

Auf dem Elsli lag so viel, das ihm schwer machte und ihm weh tat, da es
fast nie recht froh und lustig aussah, wie die anderen Kinder. Auch
jetzt schaute es wohl dankbar fr seinen Trost den Fred an, aber es kam
keine Frhlichkeit auf sein schmales Gesichtchen; und wie es nun
aufstand und seine Brde wieder auf sich lud -- denn der Hanseli hatte
schon lange an ihm gerissen, um zu verstehen zu geben, da er wieder auf
den Arm wolle --, da sah das Kind so matt und mde aus, da es den Frauen
recht zu Herzen ging. Sie schauten ihm nach, wie es mhsam die Treppe
hinunter und ber den Platz ging, Rudi und Heirli auf beiden Seiten an
ihm hangend, der schwere Hanseli auf ihm liegend.

Ach Gott, wenn doch ein Sonnenschein in dieses freudlose Kinderleben
fallen wollte, seufzte die Mutter, und die Tante wollte eben mitfhlend
einstimmen, als ein auffallender Lrm ertnte und immer lauter herankam.
Emmi war eben den Weg heraufgekommen und beide Brder waren sofort auf
sie eingedrungen und schrieen nun gegenseitig auf sie los, immer einer
den anderen berschreiend. Warum hast du den Fani abgefangen? -- Was
hast du wieder mit allem Papier angefangen? -- Wozu hast du ihn jetzt
wieder aufgestiftet? -- So kann ja kein Mensch seine Aufgaben machen,
und daran bist du schuld! -- Sag, wo du ihn hingelockt hast, da er
sein Versprechen nicht hlt, zur Sitzung zu kommen? -- Sag, wo das
Papier ist, so kann man endlich etwas tun!

Die Schreienden, mit Emmi in ihrer Mitte, waren nun an der Haustreppe
angekommen. Die Mutter war eben abgerufen worden; die Tante trat zu den
Kindern heran.

Still! still! Nicht solchen Lrm machen! wehrte sie. Emmi kann euch
ja nicht einmal Rechenschaft geben, wenn ihr unaufhrlich beide
miteinander auf sie losschreit.

Emmi rettete sich augenblicklich zu der Tante und flsterte ihr in die
Ohren, wozu sie das Papier alles gebraucht habe, und bat dringend: Hilf
mir doch, Tante, bitte! bitte! Du weit ja, sonst tut der Oskar noch
rger!

Die Tante fand die Anwendung des Papiers nicht so schlimm und erklrte,
sie werde gleich anderes Papier herbeischaffen, und nun sollten alle
hereinkommen und an die Aufgaben gehen und es solle Ruhe und Stille
herrschen; und um ihren Worten Nachdruck zu geben, fgte sie bei:
Gleich wird auch der Papa nach Hause kommen; ihr wit, da er keinen
Lrm hren will! Das wirkte besnftigend. Alle traten ins Haus ein, und
bald nachher saen die Kinder alle vier, schweigend und eifrig
arbeitend, um den Tisch herum, denn die Tante hatte neues Papier
hergeschafft, auch dem Oskar erklrt, da Fani um seiner Schularbeiten
willen verschwunden sei. Nun schien der Abend in Frieden und Stille zu
Ende gehen zu wollen. Aber auf einmal erhob Rikli ein Mark und Bein
durchdringendes Geschrei, warf seinen Sessel zurck und strzte durch
die ganze Stube und weit in den Gang hinaus, nicht anders, als liefe ein
Ungeheuer hinter ihm her. Alle Kpfe erhoben sich, und mit Schrecken
schaute jeder um sich, die Ursache des Wehegeschreis zu entdecken.

Hier! hier! sagte Emmi und wies mit ihrem Zeigefinger auf den Tisch.
Da spazierte ganz gravittisch ein grnschimmernder Goldkfer ber das
weie Papier hin, der soeben der Tasche des unermdlichen Sammlers
entstiegen war.

Aber Fred, in der Tasche trgt man doch nicht lebende Kfer umher,
mahnte die Mutter; dafr hast du doch Behlter. Bedenke nur, welchen
Unannehmlichkeiten alle deine Nachbarn, auch du und die armen Tiere
selbst, ausgesetzt sind!

Fred war immer ein wandernder Menageriekfig, dem kein ordentlicher
Mensch nahe kommen darf, bemerkte Oskar ber sein Buch hin.

Ja, aber meine Sammlungen fallen denn nicht alle Augenblicke in nichts
zusammen, wie deine Vereine, warf Fred zurck; und siehst du, Mama, es
ist ein so schnes und ntzliches Tier, ich will dir nur gleich lesen,
was darber steht, und Fred langte schnell sein Buch herbei, das er
immer in der Nhe hatte. Der Goldkfer, #auratus#, mit gewlbten
Flgeldecken und starken Frezangen, nhrt sich von Raupen, Larven und
anderem Ungeziefer, wodurch er sehr ntzlich wird. Statt, wie er
verdient, geschont zu werden, wird er berall vom Unverstand verfolgt
und zertreten. -- Siehst du wohl, Mama?

Wir wollen ja deinen Kfer gar nicht mit Unverstand verfolgen, nur
gehrt er anderswohin, als in deine Tasche und auf den Tisch; trag ihn
weg, befahl die Mutter.

Und du, Rikli, winkte die Tante durch die offene Tr, komm du wieder
herein und gebrde dich nicht, als ob ein Kferchen dich gleich
umbringen knnte. Sieh, wenn du fortwhrend um solcher Kleinigkeiten
willen ein so furchtbares Geschrei erhebst, so wirst du einmal gestraft
werden, denn jeder wird denken, wenn er dich hrt: das hat nichts zu
bedeuten, und man sieht nicht nach dir, wenn dir auch wirklich etwas
begegnen sollte, da du mit allem Grund schreien knntest.

Rikli kam herein und Fred wollte eben mit seinem Kfer hinaustreten;
unter der Tr kamen sie zusammen. Fred sagte im Vorbeigehen: Auf dich
will ich einmal ein Gedicht machen, weil du so schne Tne von dir
gibst; du hast auch noch einen Bruder in der Kunst.

Ja, ja, Fred, eiferte das Rikli, man kann auch ein Gedicht darauf
machen, wie die grlichen Kfer aus deiner Tasche kommen und mit so
dnnen, furchtbaren Beinen ber den Tisch kriechen.

Das kann man, besttigte Fred und ging, seinen Kfer in eine Schachtel
einzulogieren.

Als die Kinder zusammenpackten, um sich zurckzuziehen, sagte die
Mutter: Morgen nachmittag habt ihr frei, da darfst du die kranke Nora
besuchen, Emmi, und so immer an den freien Nachmittagen und auch am
Sonntag; sie freut sich auf deinen Besuch.

Das ist doch ein Glck, da Emmi endlich eine Freundin bekommt; so hrt
sie einmal auf, anderer Leute Freunde fr sich in Anspruch zu nehmen,
sagte Oskar mit Befriedigung.

Emmi erwiderte nichts, sondern ging ganz ruhig ihrer Wege, sie hatte
aber nicht im leisesten im Sinn, etwas von ihrer Freundschaft mit dem
Fani abzugeben.

Als der Zug sich die Treppe hinauf nach den Schlafzimmern bewegte, voran
Oskar, dann Emmi, dann die Tante und zuletzt die beiden Jngsten
nebeneinander, sagte Fred, zu seiner Nachbarin gewandt: So, jetzt pa
einmal recht auf, Rikli! Dann sang er mit lauter Stimme nach
selbstgemachter Melodie:

      Das Rikli und der Hanseli
    Sind ganz wie zwei Geschwister;
    Sie singen wie die Amseli,
    Nur unerhrt viel wster.

Eben wollte das Rikli mit klagendem Geschrei die vergleichende Dichtung
beantworten, als die Tante sich umkehrte und es bei der Hand nahm.

Nein, Rikli, heute nicht mehr, sagte sie bestimmt, und lieber gar
nicht wieder! Zeig du dem Fred, da er vllig unrecht hat mit seiner
Vergleichung.

Wenn die Mutter nicht, wie so oft geschah, um diese Zeit zum
heimgekehrten Vater oder zu Krankenbetten oder zu anderen
Hilfsbedrftigen abgerufen wurde, so machte sie die Wanderung zu den
oberen Rumen mit, und die Kinder konnten sich dann in Mutter und Tante
teilen, um am Schlu des Tages noch alles, was ihnen auf dem Herzen lag,
bei der einen oder anderen abzulegen. War aber, wie oft und auch heute,
die Mutter abgerufen und die Tante allein zum Begleit da, so hatte sie
sehr zu wehren, da es zu keinem Kampf kam, denn jedes meinte, das
andere habe die Tante lnger an seinem Bette festgehalten. Heute kam es
aber dem Fred auch gar zu arg vor, wie lange erst die Schwestern drben
und nun noch Oskar die Tante fr sich behielten, und als sie endlich zu
ihm herantrat, sagte er statt aller Mitteilungen: Am liebsten wollte
ich, Tante, man knnte dich in zwei Hlften teilen und dann mit vier
multiplizieren, dann gbe es fr jeden zwei Tanten; so kme man doch
einmal zu seinem Recht. Die Tante wollte auch dem Fred sein Recht noch
werden lassen, aber schon rief unten die Kathri mit solcher
Dringlichkeit nach ihr, da sie aufbrechen mute, nicht ohne dem Fred zu
versprechen, morgen abend zuallererst an sein Bett zu kommen.

[Illustration]




Fnftes Kapitel.

Auf dem Eichenrain.


Als der Arzt vom Rhein seinem Freunde in Buchberg geschrieben hatte, er
mchte fr die kranke Nora eine geeignete Wohnung auf der gesunden Hhe
seines Heimatortes auffinden, damit sie den Sommer zu ihrer Strkung da
zubringen knnte, hatte dieser die Sache gleich seiner Frau bergeben,
die sofort mit der Tante zu beraten begann. Ihr erster Gedanke war das
groe Haus des Herrn Bickel gewesen, wo so viele unbewohnte Zimmer sich
befanden, und sogleich war die Frau Doktorin hingegangen; aber sie war
nicht gut angekommen. Frau Bickel hatte gleich erklrt, das sei ganz
unmglich, da sie von ihren Zimmern hergeben knnten, die brauchten sie
selbst; sie hatte auch kaum ihre Entrstung verbergen knnen ber ein
solches Ansinnen, da in die Zimmer, wo nie ein Mensch hereinkam, jetzt
auf einmal ganz fremde Leute hinein sollten und da wohnen. Die Frau
Doktorin hatte sanftmtig gesagt, Frau Bickel mge es ihr nicht bel
nehmen, es sei nur eine Anfrage gewesen, es sei eben sehr schwer, eine
Wohnung mit mehreren Zimmern zu finden. Frau Bickel hatte sich aber noch
lange nicht beruhigen knnen und nachher noch von Zeit zu Zeit zu Herrn
Bickel sagen mssen: Es nimmt mich nur wunder, was eigentlich auch die
Frau Doktorin meint; wir werden wohl unser Haus nicht fr andere Leute
gebaut haben! Herr Bickel war auch gleich ihrer Ansicht gewesen und
fgte zu diesen Bemerkungen immer bei: Und dann noch fr Leute, von
denen man nicht einmal wei, ob sie nur auch etwas haben, oder gar
nichts. Da knnte man schn ankommen! Der Frau Doktorin war dann auf
einmal ein Gedanke gekommen: auf dem Eichenrain stand seit dem Frhjahr
ein neues Huschen fertig, dessen ersten Stock der Bauer bezogen hatte,
dem es gehrte; den oberen Stock sollte sein Sohn beziehen, der auf den
Herbst seinen eigenen Haushalt grnden wollte; so standen die Zimmer
noch leer. Das Haus stand auf der Hhe des Rains und hatte eine
wundervolle Aussicht hinber auf die grnen Hgel mit den Schneebergen
dahinter und gegen Abend hinunter auf das rauschende Flchen im
waldigen Talgrund. Augenblicklich war die Frau Doktorin nach dem
Eichenrain hinaufgegangen, und zu ihrer Freude hatte sie in der
krzesten Zeit mit den willigen Bauersleuten alles festgestellt; wenige
Tage nachher sahen durch ihre Beisteuer an Betten und Mbeln die
sauberen, hellen Stbchen ganz wohnlich und einladend aus und standen
zum Empfang der Fremden bereit.

Jetzt waren schon einige Tage vergangen, seit Frau Stanhope mit ihrem
kranken Tchterchen eingezogen war, und nur der Herr Doktor und auch
einmal seine Frau waren noch dagewesen, denn Nora war von der Reise so
angegriffen, da sie noch keinen Besuch hatte empfangen drfen. Aber auf
heute war ihr Emmis Besuch von ihrem Vater versprochen worden, und nun
sa Nora an dem Fenster, das gegen Abend ging, wo sie immer am liebsten
sa. Von dort konnte sie auf die hellen, schumenden, rastlos wandernden
Wellen des Bergflusses sehen, und gegen Sonnenuntergang schaute sie so
gern nach dem leuchtenden Abendhimmel und den golden schimmernden Hgeln
davor.

[Illustration]

Jetzt erblickte Nora ein Mdchen, das den Hgel herauf ihrem Hause
zueilte. Sollte das die Emmi sein? Mit grter Verwunderung sah Nora,
wie das Kind, ohne abzusetzen, in Sprngen den ganzen Rain heraufgerannt
kam. Das war ihr unbegreiflich; sie meinte, nun msse es umfallen vor
Erschpfung. Aber im nchsten Augenblick klopfte es, und hereingelaufen
kam dasselbe Kind mit glhend roten Wangen und einem groen Strau von
roten und blauen Blumen in der Hand, den ein dicker, runder Arm sofort
der blassen Nora entgegenstreckte. Die Eingetretene war Emmi. Frau
Stanhope begrte sie freundlich und hie sie sich zu Nora hinsetzen,
die dankend den Strau in Empfang genommen hatte. Die beiden Kinder
boten einen sehr verschiedenen Anblick dar, wie sie so einander
gegenbersaen. Die rotbackige Emmi, mit ihren vollen, runden Armen und
dem ungestmen Leben in jeder Bewegung, lie die zarte, schmchtige Nora
noch schmaler und durchsichtiger erscheinen, so als knnte ein leiser
Windhauch sie wegwehen wie ein zartes Rosenblttchen. Frau Stanhope
schaute eine kleine Weile auf die Kinder, dann wurden ihre Augen na und
sie ging in das anstoende Zimmer hinber.

Wo hast du die frischen Blumen geholt? fragte jetzt Nora ihren Gast.

Auf der Wiese, jetzt im Herkommen, entgegnete Emmi; o, jetzt hat es
so viele rote Margeriten und Glitzerblumen und blaue Vergimeinnicht, o,
so viele, du solltest nur sehen, ganze Bsche! Sobald du gesund bist,
gehen wir miteinander in die Vergimeinnicht und dann in die Erdbeeren
und nachher in die Heidelbeeren.

Nora schttelte den Kopf, und mit groen, ernsten Augen sagte sie:
Darauf kann ich mich nicht freuen.

Emmi war sehr erstaunt, denn sie kannte nichts Herrlicheres; doch jetzt
kam ihr ein erklrender Gedanke.

Das kennst du gewi alles gar nicht, Nora, vielleicht hat es bei euch
keine Vergimeinnicht und Erdbeeren, aber wart nur, bis du kommen
kannst, du wirst dich einmal freuen! Du begreifst nicht, wie es dann
zugeht; man kann fast nicht mehr heim, so schn ist's dann immer.

Ja, man meint nur immer, es ist so schn drauen, sagte Nora
nachdenklich; aber wenn man drauen ist, wird man gleich so mde, so
schrecklich mde, und alle Freude ist aus.

Emmi schaute so verwundert auf die Nora, als spreche diese auf einmal
eine Sprache, die ihr vllig unverstndlich war. Emmi war niemals mde;
jeden Abend war ihr grtes Leid, da der Tag schon wieder zu Ende war
und sie nicht noch dahin und dorthin rennen konnte, auch wenn sie schon
den ganzen Tag umhergerannt war. In ihrer groen Verwunderung schaute
sie die Nora eine ganze Weile an. Da mute ihr denn aus ihrem Anblick
ein Gedanke klar geworden sein; auf einmal sagte sie ganz erleichtert:
O, jetzt wei ich schon, warum du das meinst; weit du, du bist nun
krank, aber wart nur, bis du wieder gesund bist, dann kommt's ganz
anders, dann hast du's wie ich und wirst gar nie mehr mde.

Aber Nora schttelte wieder den Kopf: Das war nie so bei mir, ich war
immer mde, ich kann mich gar nicht darauf freuen, da es so werde, wie
bei dir; es kommt doch nicht.

Der Emmi wurde es ganz angst. Ja, aber du mut dich doch auf etwas
freuen knnen, man mu doch jeden Abend an etwas denken, worauf man sich
freuen kann fr den folgenden Tag; und darum mut du es glauben, da
dich mein Papa ganz gesund machen wird, sonst kannst du dich ja auf gar
nichts freuen, und dann wirst du immer trauriger.

Ich freue mich schon auf etwas, und immer wenn ich so mde bin und die
anderen so lustig springen sehe, wie dich eben den Berg hinauf, denk'
ich daran und freue mich darauf, wie es dann im Himmel ist, noch viel
schner, als hier; so schne Blumen sind dort, Rosen und Lilien, die gar
nie welken, und alle Menschen sind froh und gesund fr immer. Freust du
dich nicht auch, in den Himmel zu gehen?

Emmi wute nicht recht, was sagen. Sie glaubte schon, da es im Himmel
so schn sei, aber sie wollte eigentlich doch lieber dableiben; da gab
es ja so vieles fr sie, sich daran zu freuen, da sie gar nicht darber
hinauskam. Nora schaute sie erwartend an, sie verlangte sichtlich nach
ihrer Antwort. Endlich sagte Emmi: Ich habe noch nie daran gedacht.

Enttuscht schaute Nora auf ihre neue Freundin.

Das ist schade, sagte sie mit einem Tone groer Niedergeschlagenheit;
nun kann ich auch mit dir nicht von dem schnen Leben im Himmel reden,
von dem mir Klarissa so viel erzhlt hat, weil es dich nicht freut, und
mit gar niemand kann ich davon reden, denn Klarissa kommt nicht hierher,
und zu Mama darf ich gar nicht davon sprechen; wenn ich nur ein Wort vom
Himmel sage, so mu sie gleich weinen und wird so traurig, da ich
nichts mehr sagen darf. Dann habe ich gedacht, mit dir knnte ich ganz
frhlich darber reden, wie mit der Klarissa, aber nun hast du keine
Freude daran.

Emmi antwortete nicht gleich. Sie grbelte sichtlich nach, wie da ein
Mittel zur Ausgleichung zu finden wre. Auf einmal rief sie hoch erfreut
aus: Jetzt wei ich etwas, und darauf kannst du dich auch freuen. Nun
whrt es gar nicht mehr lange, so fngt man an zu heuen; dann liegen die
schnen, trockenen Heuhufchen auf der Wiese herum und man kann gehen
und hineinliegen; da kannst du gar nicht mde werden, und wir gehen alle
Tage miteinander ins Heu. Aber Nora schttelte unglubig den Kopf und
sagte nichts mehr. Nach einer kleinen Weile stand Emmi auf und schickte
sich zum Fortgehen an. Unterdessen war Frau Stanhope wieder
hereingetreten, und als sie nun das Kind zum Weggehen gerstet sah,
meinte sie, damit habe es doch noch keine Eile; die Mutter wisse ja
schon, wo Emmi sei, sie solle sich doch noch ein wenig niederlassen.
Nora blieb ganz still und untersttzte das Gesuch der Mutter nicht, und
Emmi schien sehr pressiert zu sein; sie behauptete ein wenig unsicher,
es sei doch schon ziemlich spt, und hatte kaum mehr Zeit, recht
Abschied zu nehmen. Drauen vor der Tr nahm sie einen groen Anlauf und
rannte dann ohne Aufenthalt bergab und wieder bergan und langte so bald
darauf keuchend daheim an der Haustreppe an. Hier kam ihr in den Sinn,
da sie eigentlich viel frher wieder da sei, als sie und alle anderen
im Haus erwartet hatten, und da gewi die Brder einige Bemerkungen
ber ihre schnelle Rckkehr machen wrden, die sie gar nicht wnschte.
Sie berlegte, wie sie sich am besten aus der Sache ziehen knne. Die
Tante suchen, kam ihr gleich als hilfreiches Mittel in den Sinn. Ihr
wollte sie alles erzhlen, wie der Besuch abgelaufen war -- eigentlich
nicht so, wie sie sich vorgestellt hatte -- und wie sie so gegen das Ende
nicht mehr recht gewut habe, was sie mit der Nora reden sollte. Die
Tante wrde gewi gleich verstehen, wie es war, und dann die Sache schon
zurechtlegen, da die Brder nicht spotten konnten. Sie sprang also die
Treppe hinauf, stie aber gleich darauf mit dem Bruder Fred zusammen,
der von oben heruntergerannt kam.

Aha, da hat's was gegeben mit der neuen Freundin, sonst wrst du noch
lang' nicht da, rief Fred im Vorberrennen. Emmi gab keine Antwort und
lief der Stube zu. Eben trat die Mutter heraus, denn sie war in die
Kche gerufen worden, und drinnen im Zimmer sa die Tante allein am
Nhtisch. Eilig drckte sich Emmi an ihre Seite, damit nicht eins der
Geschwister komme und ihr den Platz raube, bevor sie ihre Angelegenheit
bei der Tante niedergelegt hatte.

Drauen in der Kche stand die Marget; die Frau Doktorin stellte ihr
einen Stuhl zum Tisch hin und schaute nach, ob sich nicht noch ein wenig
Kaffee vorfinde, und da sie noch solchen fand, setzte sie der Marget
eine Tasse voll vor, setzte sich dann zu ihr hin und sagte: Nehmt Euch
einen Augenblick Zeit, Marget; ich htte schon lang' gern einmal mit
Euch geredet. Es ist nicht nur um der Sachen willen, da ich Euch habe
kommen lassen, es ist um des Elsli willen. Das Kind liegt mir recht am
Herzen; es sieht gar zu zart und bleich aus, und immer sehe ich es mit
dem schweren Hanseli auf dem Arm, und die anderen kleinen Brder hangen
daneben noch so an ihm, da sie es fast zu Boden reien. Das kann das
zarte Kind gewi nicht lange aushalten; seht es nur auch an, es ist ja
zum Umblasen dnn und schmchtig. Ihr mt wirklich zusehen, da das
Kind den kleinen Buben nicht mehr immer auf dem Arm halten und die
anderen beiden noch dazu fortschleppen mu.

Ja, ja, Frau Doktorin, das ist bald gesagt, fiel jetzt die Marget ein;
aber was kann denn unsereins machen? Ich habe alle Hnde voll zu tun
vom Morgen bis in die Nacht hinein, da nur auch jedes tglich etwas auf
den Leib und etwas in den Lffel hat; da kann ich nicht noch alle die
kleinen Schreihlse auf mir haben; wie sollte ich dann arbeiten? Da ist
aber niemand, als das Elsli, das mir mit ihnen helfen kann; wer sollte
es tun? Der groe Bub', der Fani, knnte ihm etwa helfen, aber er
vergit's, er ist nicht bsartig, aber er denkt nicht dran und ist nie
da. Das Kind hat es ein wenig streng, ich wei schon, aber es mu sich
gewhnen, es kommt ja spter nur immer strenger.

Aber Marget, nahm die Frau Doktorin wieder auf, das Kind ist nicht
krftig, wie jedes andere, es hlt diese Lebensart nicht aus, und wenn
es Euch krank und elend wird, was habt Ihr dann?

Ja, dann in Gottes Namen, ich wei nicht, was dann; unsereins hat genug
an dem, was jetzt gerade zu tragen ist, und kann nicht noch fr das
sorgen, was kommen kann. Ich wei nur, da ich dem Elsli nicht ersparen
kann, da es jetzt dran mu, und je lter es wird, je schwerer wird's
kommen, denn sobald es einen Batzen verdienen kann, mu es in die
Fabrik, das ist keine leichtere Arbeit als die Buben hten. Da kommt
aber zuerst der Fani dran; der Vetter Fekli hat den schon im Aug' fr
Ostern, er hat mir schon zwei-, dreimal gesagt, er wolle sobald als
mglich an dem Buben etwas tun und ihn in die Fabrik nehmen. Freilich,
wenn der Schneiderli-Fekli nicht seinen Profit abshe bei der Arbeit des
Buben, so nhm' er ihn nicht, das wei ich schon; ohne Profit tut der
Vetter Fekli nichts.

Seid ihr wirklich verwandt mit dem Herrn Bickel, Marget? fragte die
Frau Doktorin.

Freilich bin ich, gab Marget zurck; wir sind nur zu dritten Kindern,
vom Grovater her. Er hat es jetzt ein wenig vergessen, seit er ein Herr
ist; aber das ist mir ganz gleich, ich tue, wie ich's gewohnt bin, und
wenn ich ihn sehe, so sage ich: 'Guten Tag, Vetter!' Und wenn er sich
dann ein wenig umkehrt, so als habe er nichts gehrt, und nachher mich
so begrt, als wisse er kaum recht, wie ich heie, so ist das seine
Sache. Mir ist's recht, da er den Fani so gut kennt und ihn im Auge
hat; so kann man bald auf einen Batzen bares Geld hoffen, es ist gewi
notwendig.

Jetzt holte die Frau Doktorin den Sack herbei, den das Elsli dagelassen
und in den die verschiedenen Kleidungsstcke gesteckt worden waren, und
bergab ihn der Frau.

Aber denkt doch daran, Marget, sagte sie, als diese sich zum Weggehen
anschickte; schont das Kind, wo Ihr knnt; versprecht es mir, ich helfe
Euch ja auch gern, wo ich kann.

So viel ich's kann, will ich's schon tun, versprach die Marget, setzte
aber gleich hinzu: Sie mssen aber ja wohl begreifen, da ich meiner
Arbeit nach mu, und es mu eben mit den Buben fertig werden, wie es
kann. Jetzt sind wir alle gesund, und doch braucht's alle Hnde, da nur
jedes sein bichen Essen bekommt jeden Tag. Was kann ich da viel
erleichtern? Kommt einmal wieder Krankheit ins Haus, wie auch schon, da
mu ja jedes noch ganz anders dran. Kann ich das ndern? Mich trifft's
zuerst. Es wei eben kein Mensch, wie die Armut tut, der nicht da
durchgegangen ist, und ich mu manchmal denken: Unserem Herrgott sind
seine Kinder nicht alle gleich lieb.

Nein, Marget, das mt Ihr nicht denken, sagte die Frau Doktorin mit
sanftem Ton, denn das schwere Leben der armen Leute ging ihr sehr zu
Herzen. Es gibt noch viel andere Leiden auer der Armut, die noch
bitterer weh tun knnen. Der liebe Gott mu wissen, warum sie uns kommen
mssen. Aber ich wei auch, da die Armut bitter ist, und es ist mir
schwer genug, da ich nicht berall helfen kann, wie ich mchte.

Die Marget nahm nun ihren Sack zusammen und ging.

Mit schwerem Herzen trat die Mutter in die Stube zurck; sie fhlte
wohl, da nach wie vor das Elsli seine Last herumzuschleppen hatte und
da das Kind mit dem schmchtigen Krperchen das nicht lange aushalten
wrde. Sie setzte sich seufzend neben die Tante hin, um bei ihr den
drckenden Eindruck niederzulegen, den sie von den Worten der Marget,
das Elsli betreffend, empfangen hatte. Die Tante hatte ja auch immer
irgendeinen trstlichen Gedanken und eine erheiternde Aussicht in allen
schwierigen Lagen des Lebens. Aber bevor noch Emmis immer noch strmende
Mitteilungen gedmpft waren und die Mutter beginnen konnte, steckte die
Kathri den Kopf zur Tr herein und rief: Frau Doktorin, Sie mssen
herauskommen, es ist schon wieder eine da!

Eine! Wer denn, Kathri? fragte die Frau Doktorin mit leisem Vorwurf.
Wer ist es denn?

Ja, wenn ein Mensch solche Namen behalten knnte! gab die Kathri
zurck.

Ist es etwa Frau Stanhope, die Ihr so drauen stehen lat? fragte die
Tante.

Gerade die ist's, besttigte die Kathri und fuhr rgerlich fort: Wenn
sie Hopfstange hiee, so knnte man sich doch noch etwas denken dabei;
aber so auf den Kopf gestellt kann kein Mensch einen Namen behalten.
Von dem Augenblick an wute aber die Kathri den Namen der Dame ganz
genau, denn das Bild von der Hopfenstange, die auf dem Kopf steht, kam
ihr nun immer gleich in den Sinn.

Die Mutter war hinausgegangen und hatte Frau Stanhope ins gute Zimmer
gefhrt. Diese kam, um die Frau Doktorin zu fragen, ob sie ihr nicht
einen jungen Boten verschaffen knnte, der ihr die vielen Kleinigkeiten,
die man immer bedrfe, tglich ein paarmal zu besorgen kme, da das
Dienstmdchen unmglich so viel auf der Strae sein knnte. Es wre ja
vielleicht ein Kind zu finden, das zwischen den Schulstunden durch Zeit
zu dieser Ttigkeit htte.

Augenblicklich stand das bleiche Elsli vor den Augen der Frau Doktorin
und sie berdachte gleich, wieviel besser es fr das Kind sein wrde,
eine Zeitlang leicht und frei herumlaufen zu knnen, anstatt immerfort
unter seiner Brde zu bleiben. Auch dachte sie sich, wenn dadurch
tglich einige Batzen in die Hnde der Marget gelangten, wrde diese
wohl suchen, die Sache mglich zu machen.

Ich wte ein sehr nettes, anstndiges kleines Mdchen, das Ihnen
gefallen wrde, sagte jetzt die Doktorsfrau; nur bin ich nicht ganz
sicher, ob die Mutter ihre Einwilligung dazu gibt, sie kann selbst das
Kind gut brauchen daheim.

Versprechen Sie ihr einen guten Lohn, sagte Frau Stanhope erfreut, am
allerliebsten mchte ich ein solches Mdchen haben; es soll die Mutter
nicht gereuen, sie soll nur sagen, was sie haben will.

Diese Aussicht fr das Elsli erfreute das eben noch so bekmmerte Herz
der Frau Doktorin so sehr, da sie gleich selbst noch zu der Marget
hingehen und womglich die Sache in Ordnung bringen wollte. Sie
begleitete denn auch Frau Stanhope ein gutes Stck Weges und lenkte dann
in den Feldweg ein, der zum Huschen des Tagelhners Heiri fhrte.

Die Marget war allein zu Hause und stand am Waschtrog. Hier stellte die
Frau Doktorin sich neben sie hin und fing an, die Sache mit ihr zu
besprechen. Es ging nicht lange, so waren die Frauen einig, denn die
Marget fand bald, ein wenig bares Geld, das ihr ja immer mangelte,
helfe ihr in manchem nach und sie knne dann selber eher etwa zu den
Kindern sehen; auch sei ja das Elsli damit nicht aus der Welt, meinte
sie. So wurde festgesetzt, gleich am folgenden Tag sollte das Elsli nach
der Schule um elf Uhr sich bei der Frau Stanhope einfinden, um seine
neue Ttigkeit anzutreten.

Am spteren Abend, als Mutter und Tante noch beieinander saen und die
Strmpfe stopften, erkundigte sich die Mutter, was die eifrigen
Mitteilungen der Emmi gewesen seien, und vernahm nun, da der Besuch bei
der kranken Nora ganz fehlgeschlagen hatte, da Emmi ganz berzeugt sei,
die Nora begehre nicht, da sie wiederkomme, da ihr selbst das aber im
geringsten nichts mache, sondern da sie froh sei darber, denn sie habe
gar nichts mehr zu reden gewut mit der Kranken und diese habe auch
nichts mehr gesagt. Das war nun ein ganz neuer Fall fr die Mutter und
setzte sie sehr in Erstaunen, denn bis jetzt war der Emmi noch nie das
Wort ausgegangen in keinerlei Gesellschaft, und die Sache war der Mutter
nicht recht, denn sie hatte sich so in den Gedanken eingelebt, Emmi
knnte der armen Kranken manche frhliche Stunde bereiten, und wiederum
knnte der Umgang der feinen Nora auf das etwas laute und unruhige Wesen
der Emmi einen sehr heilsamen Einflu ausben. Fr einmal konnte da nun
nichts getan werden, die Sache zu ndern; doch meinte die Mutter, es
knne ja von selbst noch ganz anders kommen, die Freundschaften unter
den Kindern schlieen sich wohl manchmal auf der Stelle, aber andere
Male mssen sich diese auch erst eine Zeitlang aneinander gewhnen. Die
Tante schttelte zwar den Kopf zu dieser Hoffnung, denn was ihr Emmi
erzhlt hatte, machte ihr ganz den Eindruck, als gingen diese zwei Wesen
in allen ihren Anlagen und Bestrebungen, ihren Freuden und Interessen so
weit auseinander, da sie nie zusammenkommen knnten. Dann besprachen
die Schwestern noch Elslis neue Aussichten, und die Mutter war ganz
glcklich in dem Gedanken, da sie ein paar Wochen lang nicht mehr den
schweren Hanseli auf dem Arm des fast zusammenbrechenden Kindes
erblicken msse.

[Illustration]




Sechstes Kapitel.

Die Tante wird neuerdings in Anspruch genommen.


Am folgenden Tag trat das Elsli nach elf Uhr ganz leise in das Haus auf
dem Eichenrain ein. Die Tr des Wohnzimmers stand offen, und Nora, die
in ihrem Sessel sa, schaute eben auf die Seite der offenen Tr hin und
erblickte auf einmal das Elsli; hereintreten hatte sie es nicht gehrt.
Nora schaute erstaunt nach dem Kinde hin. Das Elsli sah anmutig aus; es
hatte sich heute sorgsam seine hellbraunen Haare glatt gestrichen, nur
um die Stirn herum kruselte es sich leicht. Die Mutter hatte auch ein
sauberes Schrzchen und ein Tchlein um den Hals erlaubt, weil es zu der
Herrschaft gehen mute. Das schmale Gesichtchen war bla und sah
ernsthaft aus, schchtern schauten die sanften blauen Augen zu Nora
hin. Sie konnte sehen, das Kind wute nicht, ob es in das Zimmer
eintreten durfte oder nicht.

Komm, winkte ihm Nora, und als nun das Elsli vor sie getreten war,
ebenso leise, wie es seinen Eintritt ins Haus gemacht hatte, fragte sie:
Bist du das Kind, das die Ausgnge fr uns machen soll?

Elsli bejahte es. Seine Stimme hatte einen leisen, weichen Ton und das
ganze Elsli hatte etwas Leises, Zartes an sich, das der Nora gefallen
mute. Auf einmal streckte sie ihm ihre Hand entgegen und sagte: Komm,
sitz hier zu mir her, wir wollen ein wenig reden miteinander.

Das Elsli gehorchte.

Nicht wahr, du heiest Elsli? fing die Nora wieder an. Die Mama hat
dich kommen lassen, da du Seide holst und Eier und Bleistifte fr mich
und noch einiges; aber jetzt kannst du schon noch ein wenig hier bei mir
bleiben; oder wirst du dann etwa zu mde, wenn du noch alles holen mut
vor Mittag?

O nein, davon werde ich nicht mde, entgegnete das Elsli, ich wrde
schon anders mde daheim, denn ich mte gleich mit den Buben hinaus und
den Hanseli auf den Arm nehmen.

O dann weit du gewi gut, wie es ist, wenn man mde ist, so recht
mde, nicht wahr? fragte Nora ganz gespannt.

O ja, das wei ich schon ganz gut, versicherte das Elsli. Ich bin
fast immer mde, aber manchmal so stark, da ich am liebsten nur
niederliegen wollte und gar nicht mehr aufstehen. Der Hanseli wird jetzt
so furchtbar schwer, da ich ihn fast nicht mehr tragen kann; aber er
will nicht auf den Boden, er will auf meinem Arm sein, sonst schreit er
ganz laut und wird furchtbar bs.

O Elsli, so weit du so gut, wie es ist, so schrecklich mde zu sein!
rief Nora ganz erfreut aus ber das Verstndnis, das sie gefunden hatte.
O ich bin so froh, jetzt kann ich so gut mit dir von allem reden, du
weit nun ganz, wie es ist. Ja, nicht wahr, man mchte nur niederliegen
und gar nicht mehr aufstehen, bis etwas ganz anderes kme, etwas ganz
Neues, da man nicht mehr mde sein knnte, nicht wahr, Elsli?

Es kme nichts Neues, zuletzt mte man doch wieder aufstehen, meinte
das Elsli.

Nein, ich meine nicht so, wie du meinst; ich meine: niederlegen und
sterben, mchtest du nicht auch gern sterben Elsli?

Nein, ich meine, ich wollte lieber nicht, ich habe nie daran gedacht.
Warum meinst du?

O, dann weit du nur nicht, wie es dann sein wird. Die Klarissa hat mir
alles so schn erzhlt, und wir haben immer miteinander davon geredet.
Aber mit Mama darf ich nie davon reden, sie weint gleich so schrecklich
und wird traurig fr viele Tage. Aber dir will ich nun alles erzhlen,
und du wirst sehen, wie du dich freuen wirst, in den Himmel zu gehen.
Und das schne Lied von der Klarissa will ich dich auch lehren; soll ich
dir's gleich jetzt sagen?

Elsli war ganz bereit, das Lied anzuhren; aber jetzt trat Frau Stanhope
in das Zimmer ein und begrte das Kind mit einigem Staunen, denn sie
konnte sich nicht erklren, wie es kam, da die beiden Kinder so nah
zusammensaen und so vertraut miteinander redeten, als htten sie sich
schon lange gekannt. Noch mehr aber mute sie sich verwundern, als Nora
gleich sagte: O Mama, nicht wahr, mit der Seide kannst du schon warten,
und die Bleistifte brauch' ich gewi heute nicht, und nach den Eiern
habe ich auch schon keine Lust mehr, und das andere kann ja wohl nachher
das Kchenmdchen besorgen; ich wollte so gern, da Elsli jetzt bei mir
bliebe.

Gewi soll das Kind bei dir bleiben, wenn es dir Freude macht, sagte
die Mutter, selbst erfreut, da die gewhnlich teilnahmlose Nora einmal
wieder mit Lebhaftigkeit nach etwas verlangte. berdies, fgte sie
hinzu, kommt auch am Abend das Kind wieder, da bleibt immer noch Zeit
zum Ausgehen.

Diese Mitteilung machte die Augen der beiden Kinder zu gleicher Zeit
aufleuchten. Nora sah die langen, bangen Stunden des Tages von einem
neuen, herzerwnschten Verkehr belebt; dem Elsli kam es vor wie ein
groes Fest, so in Ruhe und Stille neben der Nora sitzen zu drfen, die
so freundlich zu ihm war. Da die Mutter aber dablieb, fing Nora nicht
mehr von ihrem Lied zu reden an; sie wute ja so gut, was die Mutter
betrbte, und wich sorgfltig aus, ihr von diesen Dingen zu sprechen.
Das machte aber die Nora oft stiller, als die Mutter wnschte, denn in
seinen Gedanken bewegte das Kind immer wieder alles, was die gute
Klarissa schon seit langer Zeit mit den lebendigsten Farben in sein Herz
einzuprgen gesucht hatte. Klarissa war erfahren in vielen Dingen; sie
hatte den Zustand der hinschwindenden Nora wohl erkannt und wollte dem
Kinde das Land, wohin es ging, so lieb machen, da es ihm nicht schwer
werden sollte, von der Erde wegzugehen. Und da die Liebe und Hoffnung
zu jenem Lande das Leben der Klarissa selbst erfllten, war es ihr nicht
schwer geworden, sie auch in dem empfnglichen Herzen der Nora
wachzurufen.

Das Elsli sollte nun von seinem Leben daheim und von seinen Geschwistern
erzhlen, und dadurch kam es denn gleich auf seinen Bruder Fani zu
sprechen und hrte gar nicht wieder auf damit, solange es berhaupt
erzhlen mute. Fr den Fani hatte das Elsli eine solche Liebe und
Bewunderung, da es nie genug bekam, zu schildern, wie gut und nett und
wie geschickt der Fani sei und wie er ihm in seinen Schularbeiten
beistehe und wie es gar nicht wte, wie es ohne den Fani leben knnte.
Es knnte dann auch gewi nie mehr frhlich sein; aber wenn es noch so
mde und traurig sei und der Fani dann heimkomme, so knne er es gleich
wieder froh machen, weil er selber immer so sei und so schne Sachen
immer vor sich sehe in der Zukunft, und so voller Freude und Erwartung
davon reden knne, da es auch gleich das Vertrauen ins Herz bekomme,
wenn es gerade noch gedacht habe, es knne nie, nie mehr froh werden und
es msse immer Angst und Sorge haben und so mde sein.

Frau Stanhope hrte gern zu, wie das Elsli mit seiner leisen Stimme und
dem sanften Ausdruck der tiefblauen Augen von seinem Leben erzhlte.

Nora folgte ganz gespannt jedem Worte, das es sprach; sie dachte
sichtlich den Worten viel weiter nach, als das Elsli selbst tat im
Erzhlen, und man konnte sehen, da sie mit dem grten Interesse und
Wohlgefallen Elslis Mitteilungen anhrte. Als Frau Stanhope zuletzt
sagte: Du kannst nun nach Hause gehen, Kind, nach vier Uhr erwarten wir
dich wieder, da fgte die Nora gleich bei: Komm dann auch bald, Elsli,
und sag deiner Mutter, da du erst um acht Uhr heimkommst.

Elsli versprach, gehorsam alles zu tun, und ging mit frohem Herzen
davon; es hatte erwartet, die fremde Kranke wrde kaum mit ihm reden und
es mte nur allerlei Sachen herbeiholen. Nun war das kranke Kind so
freundlich zu ihm gewesen, und die Dame, vor der es sich ein wenig
frchtete, auch, so da es ein groes Dankgefhl im Herzen hatte. Um
vier Uhr lief das Elsli schleunigst vom Schulhaus weg und sagte nicht
einmal der Emmi Lebewohl, vor Furcht, es knnte noch aufgehalten werden,
und es hatte ja versprochen, sogleich nach dem Eichenrain zu kommen. Die
Befrchtung war auch nicht umsonst: es hrte, wie jemand ihm mit aller
Macht nachrannte und seinen Namen rief. Es war der Feklitus, Elsli
kannte seine Stimme wohl.

Wart! wart! Willst du warten, wenn ich etwas mit dir will? rief er
befehlend hinter ihm her.

Nein, nein, ich kann nicht, rief das Elsli zurck, ich habe
versprochen, und es rannte davon wie ein Reh. Eine Zeitlang rannte der
Feklitus nach, sichtlich in groem Zorn, der ihn zu fortwhrenden
Drohworten drngte, die er dem Elsli nachrief, was aber seinen Lauf nur
erschwerte; keuchend und zornglhend stand er endlich still und erkannte
nun, da er das dahinfliegende Elsli doch nicht erreichen wrde. Nun
kehrte er grollend um, er hatte sichtlich einen besonders triftigen
Grund gehabt, dem Kinde nachzulaufen, um so mehr war er ber die
vereitelte Bemhung ergrimmt.

Das Elsli mute erst lang Atem holen, ehe es in das Haus auf dem
Eichenrain eintreten konnte; denn es war ohne Aufenthalt aus allen
Krften dahingelaufen, aus Angst, der Feklitus komme ihm noch nach und
wolle es zwingen, etwas anderes zu tun.

Nora hatte schon lang am Fenster nach ihm ausgeschaut. Als sie es
heranrennen und nun stillstehen sah, rief sie ihm voller Verlangen zu:
Komm, Elsli, komm, du kannst schon hier oben ausruhen, du mut nicht
mehr auslaufen.

Das Elsli gehorchte. Nora war ganz allein oben im Zimmer und hie voller
Freuden Elsli willkommen. Es mute sich gleich wieder zu ihr hinsetzen,
und sie erklrte ihm nun, da es gar nicht ausgehen msse; sie habe die
Mutter gebeten, da es bei ihr bleiben drfe den ganzen Abend, und die
Mutter habe es gern erlaubt; diese sei nun auch selbst ein wenig
fortgegangen, was sie sonst nie tun wolle, wenn Nora allein sei.

Jetzt habe ich dir auch so viel zu sagen, Elsli, fuhr Nora fort; du
hast wohl gar noch nie daran gedacht, wie es dann sein wird, wenn wir
von der Erde weggehen und in den Himmel kommen?

Das Elsli schttelte den Kopf. Nein, das habe ich nicht.

O! o! fuhr Nora ganz belebt fort, und whrend des Sprechens wurde sie
immer lebendiger: Da weit du vielleicht gar nicht, wie schn es dann
sein wird? Viel schner als alles, was du bis jetzt gesehen hast, und
gar keine kranken Menschen gibt es mehr da, nicht einen, und keiner ist
mehr mde, alle sind so glcklich, und hier und da am Strom unter den
Blumen treffen sie sich an und freuen sich; -- aber wart, ich will dir
das Lied der Klarissa sagen, du wirst sehen, wie schn da alles ist.

Die groen Augen der Nora wurden immer glnzender und ein immer tieferes
Rot kam auf ihre sonst so blassen Wangen, whrend sie ihr Lied sagte:

      Es fliet ein Strom kristallenklar
    Durch immer grne Auen,
    Da glnzt der Lilien weie Schar
    Im Duft, dem himmelblauen,

      Und Rosen duften, Rosen glhn
    Auf sonnengoldner Wiese,
    Und Vgel jauchzen laut im Grn:
    Wir sind im Paradiese!

      Und immer milde Lfte wehn
    Auf all den Blumenwegen,
    Und Menschen wie im Traume gehn
    Und kommen sich entgegen,

      Und gren sich allberall
    In Staunen und in Wonne.
    Sie kommen aus dem dunkeln Tal
    Ins Land der ew'gen Sonne,

      Und ziehen selig hin und her
    Und wissen nichts von Leide,
    Die kennen keine Trnen mehr,
    Die kennen lauter Freude.

Das Elsli schaute immer verwunderter auf die Nora, die ganz verndert
aussah mit ihren glnzenden Augen und dem so ungewohnt belebten
Angesicht. Dazu war Nora so von dem erfllt, was sie durch die Worte
ihres Liedes vor sich sah, da ihre Stimme zitterte vor innerer
Bewegung. Das Elsli blieb stumm und regungslos sitzen vor Erstaunen und
tiefgehendem Eindruck von all dem Neuen.

Gefllt dir denn das Lied nicht, Elsli? fragte Nora nach einer
lngeren Pause.

O doch, gewi߫, versicherte das staunende Kind.

Wolltest du denn nun nicht auch gern mit mir dorthin gehen, wo es so
schn ist? fragte Nora weiter.

Gehst du denn? fragte Elsli seinerseits etwas unsicher.

Ja, ich gehe, entgegnete Nora ganz zuversichtlich; Klarissa hat mir
schon lange davon erzhlt, wie Philo gegangen ist und ich dann bald auch
gehe. O, und so viel hat sie mir noch erzhlt, wie schn es dann sein
wird und wie alle Mden sich freuen und herumgehen am Strom und durch
die Blumen und nie, nie mehr mde werden. Das erzhl' ich dir dann alles
nach und nach, und noch so vieles! Nicht wahr, Elsli, du siehst nun,
wie es ist, und du willst auch am allerliebsten mit mir gehen, wenn ich
gehe?

Ja, ich mchte wohl, sagte das Elsli, mehr und mehr von den
beglckenden Hoffnungen hingerissen, die in Noras Augen leuchteten;
aber glaubst du denn, wir knnten nur so gehen, wann wir wollten?

O nein! So ist es nicht, Elsli; der liebe Gott ruft jedes, wann es
kommen soll. Ich wollte nur wissen, ob du auch so gern gehen willst wie
ich, da wir so recht miteinander reden knnen davon; und vielleicht
ruft uns der liebe Gott gleich beide miteinander, weil du ja auch so
mde bist. Klarissa hat mir gesagt, darum wisse sie, da der liebe Gott
mich bald zu sich rufen wolle. Denk, Elsli, wie schn, wenn wir beide
zusammen gingen und miteinander in den schnen Himmel kmen und da so
froh und ganz gesund immer zusammen umhergehen knnten durch die Rosen
und Lilien an dem glnzenden Strom, und nie, nie mehr mde werden
knnten!

Auch Elslis Augen wurden jetzt immer grer, denn immer lebendiger sah
es das Land in seiner Herrlichkeit vor sich, von dem Nora immer weiter
sprach und so viele schne, herzerfreuende Dinge zu erzhlen wute, da
dem gespannt lauschenden Elsli eine ganz neue Welt aufging und den
Kindern beiden die Stunden verrannen, da sie es gar nicht merkten.

Whrend die zwei so in der Stille zusammensaen, ging es im Hause des
Arztes ziemlich laut und lebendig zu. Nach der Schule waren Oskar, Emmi
und Fred sofort auseinandergestoben und nach drei verschiedenen
Richtungen hingerannt; jeder mute ein eigenes Interesse im Auge haben.
Fred lief nach Hause, er hatte schon den ganzen Tag im Sinn gehabt, der
Tante eine hchst spannende Darstellung von einem wenig bekannten
Tierlein vorzulesen, und war nie dazu gekommen. Nun er die beiden
ltesten so davonrennen sah, war er sehr erfreut und eilte nun aus allen
Krften, die Lage zu benutzen. Als er auf dem Wiesenweg den Feklitus
erblickte, wie er mit Rufen und Drohen hinter dem fliehenden Elsli
dreinsprengte, rief ihm Fred mit pfiffigem Lcheln nach: Feklitus,
gelt, es ist gut, da es ein Elsli gibt, vor dem man sich nicht genieren
mu? Denn der Fred hatte herausgefunden, da der Feklitus immer, wenn
sich bei ihm eine Schwierigkeit des Verstndnisses gezeigt hatte,
nachher gleich dem Elsli nachsetzte; daraus zog er den Schlu, da der
Feklitus eine Aufklrung suche, aber vor den Groen der Schule nicht die
Rede haben wollte, da er sie brauche. Dann strzte Fred weiter und
langte in der krzesten Zeit daheim in der Hausflur an, von wo er durch
die offene Kchentr die Tante erblickte, die dort am Tische stand und
in einem Puddingteig herumrhrte. Sie las eben aufmerksam auf dem
Papierchen, das vor ihr auf dem Tische lag: Nimm vier groe Eier, zwei
Lffel Mehl und eine Zitronenschale -- und fuhr sehr erschrocken
zusammen, als sich Fred pltzlich auf sie strzte mit einem lauten
Freudenschrei, da er das Feld ganz leer fand und die Tante vllig fr
sich in Anspruch nehmen konnte. O wie herrlich! Jetzt hr nur, Tante,
rief er aus und setzte sich gleich ganz bequem auf den Kchenschemel
hin, das beliebte Buch auf seinen Knieen ausbreitend. Du weit doch,
da Papa einmal eine Rohrdommel gefangen hatte? Jetzt hr ihre
Geschichte und ihr Leben. Eben bin ich darauf gekommen: Rohrdommel,
#Stellaris#. Hrst du auch zu, Tante?

Ja, ja, ich hre schon, nur weiter!

Ist rotgelb mit schwarzen Querflecken, die Federn am Hals kragenartig.
Wohnt im gemigten Europa, ist trbsinnig und mrrisch, stt nachts
ein eigentmliches Gebrll aus. Die gewhnliche Stimme lautet: Krauy!
krauy! Jenes Gebrll aber: prumb! prumb! Gegen Verfolger wird er
heftig. Das Weibchen legt vier groe Eier -- hrst du auch zu, Tante?
Weit du, was ich zuletzt gelesen habe?

Ja, ja wohl: Das Weibchen legt vier groe Eier, zwei Lffel Mehl und
eine Zitronenschale, sagte die Tante, unversehens ihre Gedanken
verfolgend.

Fred schaute sehr erschrocken mit weit aufgerissenen Augen zu der Tante
empor, denn sie hatte ganz trocken und ohne allen Spa so geredet.

Ach so, fiel die Tante gleich wieder ein, die so viel auf einmal zu
bewltigen hatte und nun ihren Irrtum gewahr wurde, ich bin nur in das
Rezept hineingekommen, fahr nur fort.

Ja so, das ist etwas anderes, bemerkte Fred beruhigt, denn du wirst
doch nicht meinen, Tante, da Vgel Zitronenschalen legen. Jetzt weiter:
Das Fleisch schmeckt nach --

Hier wurde die Vorlesung unterbrochen. Im Sturmschritt kam Oskar zur Tr
herein und gleich hinter ihm her strzte Emmi heran, und whrend sich
Oskar auf die rechte Seite der Tante stellte, so nah als mglich, um
sich ihr recht verstndlich zu machen, drngte die Emmi sich von links
an sie heran, so, da die arbeitende Tante ihre Kelle fast nicht mehr in
dem Becken herumbewegen konnte. Oskar war in groer Aufregung: Denk,
Tante, denk nur, rief er laut und durch die Steigerung des Gefhls
immer lauter, whrend Emmi auf der anderen Seite der Tante direkt ins
Ohr hineinflsterte, um auch verstanden zu werden, -- nun will der
Feklitus auf einmal den alten Vers nicht mehr auf die Fahne, weil er
einen anderen gehrt hat von einem Feste her; der gefllt ihm viel
besser und den will er durchaus auch auf unsere Fahne haben! Was meinst
du nun, Tante? Was mu man denn machen? Du weit nicht, wie strrig der
Feklitus ist, wenn er etwas zwingen will, und wenn man nicht nachgibt,
so macht er gleich nicht mehr mit.

Emmi, sei einen Augenblick still, ich komme dann auch zu dir, sagte
wehrend die Tante. Nun, Oskar, sag einmal den Vers, so knnen wir
sehen, ob er so schn ist.

So heit er:

      'Freiheit, Gleichheit, Brderschaft,
    Liederklang und Rebensaft!'

berichtete Oskar weiter.

Ist das alles? fragte die Tante.

Oskar bejahte.

Das wird nun jedenfalls nicht auf die Fahne brodiert, versicherte die
Tante. Sag du dem Feklitus, es sei ja nicht einmal ein Zeitwort in dem
Satz, den knne man nicht brauchen, er solle nur den Herrn Lehrer
fragen. Und weit du was, Oskar, wenn der Feklitus durchaus einen
geistigen Beitrag zu dem Feste liefern will, so fordere du ihn auf, die
Festrede zu halten.

Das war ein herrlicher Gedanke! Oskar ergriff ihn mit groem
Enthusiasmus. Eine Festrede! Daran hatte er noch gar nicht gedacht.
Gleich scho er auf und davon, denn noch heute Abend mute er die
Mitteilung machen und alles in Gang bringen.

Nicht wahr, Tante, nicht wahr? wiederholte Emmi dringend ein Mal ums
andere, nun Oskar fort war und sie Gehr finden konnte.

Ich wei nicht recht, was du mir sagtest, ich konnte nicht auf beiden
Seiten zugleich hren, erwiderte jetzt die Tante. Was meintest du
eigentlich, Emmi?

Ich meine -- und gelt, Tante, das meinst du doch gewi auch? -- da es
furchtbar schade wre, wenn der Fani in die Fabrik gehen mte und gar
keine Zeit zum Zeichnen mehr htte. Er sollte doch gewi ein Maler
werden, Tante, nicht wahr, Fani sollte ein Maler werden, so schnell als
mglich, da er nicht in die Fabrik eintreten mu und dann nie mehr
herauskommt und alles zu spt ist?

Das geht nicht so leicht, Emmi, so ein Maler und Knstler zu werden.
Auch wei man gar nicht, ob der Fani wirklich genug Talent dazu htte;
da braucht es dann noch etwas ganz anderes, als in der Schule ordentlich
zeichnen zu knnen.

Ja aber, Tante, ich wollte nur gern, da du mir sagtest, da du doch
auch so denkst, da der Fani viel lieber ein Maler werden soll, wenn er
kann, als da er in die Fabrik gehen soll. Nicht wahr, das ist doch ganz
gewi deine Ansicht, Tante? Emmi war so dringend, als htte die Tante
die Frage gerade jetzt zu entscheiden.

Begtigend sagte sie: Wenn Fani wirklich Aussicht htte, ein Maler zu
werden, so wre ich schon dafr und mchte es ihm herzlich gnnen; aber
davon ist ja doch keine Rede, Emmi.

Kann ich endlich fortfahren, Tante? Emmi schwatzt ja nur unntzes
Zeug, fiel der Fred hier ein. Aber Emmi lie ihn noch nicht aufkommen.

Tante, erklr mir nur noch ein Wort, bat sie dringend; was heit das:
Dekoration?

Das heit Verzierung, Emmi. Was hast du mit Dekorationen zu schaffen?
fragte die Tante.

Es heit auch Theaterwand, ergnzte Fred.

O, das ist recht! rief Emmi erfreut aus und rannte sehr unternehmend
davon.

Einen Augenblick sa Fred nachdenklich da, dann sagte er forschend:
Tante, hast du nicht gemerkt, da Emmi etwas im Sinn hat? Glaubst du,
sie wollte mit einer Theatertruppe fortgehen?

Nein, Fred, das glaube ich nun wirklich nicht, entgegnete die Tante,
ohne Unruhe ber diese Aussicht; solches Zeug hat denn doch Emmi nicht
im Kopf.

Tante, glaub du mir, sagte der Fred ernsthaft, wie einer, der seine
Erfahrungen gemacht hat; die Emmi hat etwas im Sinn, denn es ist ihr
ganz gleich, was die Worte bedeuten, wenn sie nicht etwas damit machen
will, denn die Emmi ist nicht wibegierig. Siehst du wohl, wie es ist,
Tante?

Die Tante konnte nicht mehr antworten, denn jetzt ertnte drauen von
der Treppe her ein nicht unbekanntes, aber frchterliches Geschrei:
Eine Schlange! Eine Schlange! Eine Schlange! Augenblicklich griff Fred
in seine Tasche, dann strzte er hinaus. Die Tante atmete auf. Endlich
konnte sie mit freien Armen und mit gesammelten Gedanken ihren Pudding
vollenden, und es war die hchste Zeit. Aber nein! Das Geschrei auf der
Treppe nahm einen so schreckenerregenden Charakter an, da sie Becken
und Kelle von sich stie und hinauseilte. Drauen, in der Mitte der
Treppe, stand auf einer Stufe das Rikli, mit Zetergeschrei auf die
folgende Stufe blickend, wo ein zierliches, grnes Eidechschen in
hchster Geschwindigkeit sich hin und her schlngelte. Noch eine Stufe
hher sa beschaulich der Fred und wartete ab, was des Geschreies Ende
sein wrde.

Aber wie einfltig, Rikli, sagte die Tante sanftmtig; wenn du doch
einen solchen Schrecken vor diesem Tierchen hast, so kehr doch um und
lauf fort.

Es luft mir nach, es luft mir nach, es ist eine Schlange! schrie das
Rikli und zappelte angsthaft auf demselben Fleck herum.

Fred, nimm die Eidechse weg, du siehst ja, wie das Kind sich aufregt,
sagte die Tante; ursprnglich wird sie wohl auch irgendwie von dir
herstammen.

Gewi, Tante, bettigte Fred; ich hatte sie in meine Tasche gesteckt,
sie mu sich dann, whrend ich vorlas, leise entfernt haben. Aber dieses
Rikli sollte doch zu einem vernnftigen Wesen erzogen werden; darum
wollte ich warten, bis der Schrecken in eine Freundschaft fr die
Eidechse bergegangen wre.

Die Tante war einverstanden, das Rikli msse wirklich noch erzogen
werden; aber der Versuch, den Fred unternommen, fhre nur endloses
Geschrei herbei. Man msse an eine ernstliche Kur denken, durch welche
das Rikli geheilt werden knne; jetzt aber solle es die Treppe
hinaufgehen und Fred mit seiner Eidechse hinunter, da der Lrm aufhre.
Dann ging die Tante in die Kche zurck und konnte endlich den Pudding
vollenden.

[Illustration]




Siebentes Kapitel.

Was der Oskar grndet und die Emmi anstiftet.


Der Feklitus hatte mit Genugtuung die Festrede bernommen und zu Hause
die Mitteilung von dem bevorstehenden Ereignis gemacht. Diese Mitteilung
machte einen groen Eindruck auf Herrn Bickel und seine Frau, und sie
beschlossen beide, dem Feste beizuwohnen, denn sie wollten doch den
Feklitus anhren, wenn er zum ersten Male ffentlich sprechen wrde. Es
wurde auch sofort fr den Redner ein nagelneuer Anzug angeordnet, der
dem Anla entsprechen sollte, und noch an demselben Abend wurde der
Schuhmacher beschickt und neue Stiefel wurden angemessen.

Den Feklitus sah man seit dem Tage schweigend und tiefsinnig umhergehen,
und man konnte wohl erkennen, da er mit auerordentlichen Gedanken
beschftigt war.

Eben war er aus der Schule herausgekommen, und zwar mit einem groen,
unfreiwilligen Satz, denn die Nachfolgenden drngten so ungestm, da
ein Luftsprung von den Vorderen gemacht werden mute; da war keine Zeit,
die Treppe Schritt um Schritt hinunterzugehen. Aber man konnte gut
sehen, da der Feklitus nicht gestimmt war, frhliche Sprnge zu machen,
denn er kam mit groen Runzeln auf der Stirn unten an und rannte nicht
mit dem Siegesgeschrei erprobter Krieger, wie die anderen, davon,
sondern langsam und stumm ging er um die Ecke des Schulhauses herum und
stellte sich da auf die Lauer. Als nun alle Buben vorbeigerannt waren,
kamen die Mdchen dahergelaufen, einmal zwei und wieder zwei und dann
eine ganze Gruppe, und dann kam allein und ganz eilig das Elsli heran.
Es hatte sich schon ein wenig versptet, denn es hatte noch sehr genau
seine Schulaufgaben fr morgen aufgeschrieben. Pltzlich wurde es von
hinten festgehalten und auf die Seite gezogen.

La mich gehen, Feklitus, ich mu schnell zur Nora, sie erwartet mich,
sagte es, als es nun sah, da es der Feklitus war, der es gepackt und
mit einem starken Ruck hinter das Schulhaus gestoen hatte.

Ich will dich zuerst etwas fragen, dann kannst du gehen, entgegnete er
gebieterisch und hielt das Elsli an seinem Jppchen fest.

So mach geschwind, ich mu gewi gehen.

So sag einmal, hub jetzt der Feklitus forschend an, wenn du einmal an
einem Sngerfeste eine Rede halten mtest, wie wrdest du dann
anfangen?

Ach, das ist ja etwas Dummes, das mu ich ja mein Lebtag nicht, rief
das Elsli und ri am Rcklein, um fort zu knnen. Aber der Feklitus
hatte eine feste Faust, es half nichts.

Ich habe nicht gesagt, da du es einmal mssest, fuhr er fort; ich
habe nur gesagt wenn, wenn -- und wenn kann man zu allem sagen. Jetzt
antwort: Wie wrdest du anfangen, wenn du am Sngerfest eine Rede halten
mtest?

Das wei ich ja nicht, von dem wei ich gar nichts, ich habe ja nie an
so etwas gedacht, und das Elsli ri wieder.

So denk jetzt daran! Du mut sagen, wie du anfangen wrdest, oder ich
lasse dich nicht los, bis es dunkel Nacht ist, und Feklitus hielt das
Rckchen immer fester. Ich will dir's jetzt noch leichter machen und
dir anfangen, dann aber fahre fort, oder dann wart nur! So fngt's an:
'Hochgeehrte Herren und Brder!' Jetzt fahr fort!

La mich doch los, sieh, ich mu gewi gehen, bat das Elsli; ich kann
ja doch nichts Rechtes sagen.

Du halsstarriges Elsi du -- brach jetzt der Feklitus zornig los --,
wart nur, du mut deinen Lohn schon haben! Wart du nur, bis du in die
Fabrik kommst, es geht jetzt nicht mehr lang', dann wirst du's erfahren,
wart nur!

Unbestimmte Schrecken stiegen in Elslis Einbildung auf; es ri nicht
mehr, ganz folgsam stand es da und besann sich. Nach einer kleinen Weile
sagte es: So wrde ich dann so anfangen: 'Hochgeehrte Herren und
Brder! Da wir nun so schn gesungen haben, so wollen wir uns nun
darber freuen und ein groes, langes Fest feiern --'

Wie ein Pfeil scho hier das Elsli davon, denn es hatte wahrgenommen,
da im Eifer des Zuhrens der Feklitus seine Faust aufgemacht hatte. Er
schaute dem Elsli grimmig nach, es war aber schon zu weit weg, um
verfolgt zu werden. So ging er endlich nachdenklich seiner Wege.

Am Sonntag sollte das groe Sngerfest stattfinden, denn bis dahin
hatte die Tante versprochen, die Fahne fertig zu machen. Vorher aber
sollte eine Probe ausgefhrt werden, um zu hren, wie die Rede
abgehalten wrde, und auch um die Bewegung des Zuges zu ordnen. Anstatt
der Fahne knnte fr einmal ein Tischtuch an die Stange befestigt
werden, die Tante wrde schon eins liefern. Am Samstagnachmittag sollte
die Probe abgehalten werden, so hatte Oskar mit seiner Gesellschaft
festgesetzt.

Am Samstag war denn auch kaum das ntige Essen am Mittagstisch
hinuntergeschluckt, als Oskar schon unruhig umherschaute, ob er wohl
bald aufstehen und sich entfernen drfe. Noch unruhiger gebrdete sich
Emmi, die schon von Anfang an ihre Gedanken ganz anderswo als bei ihrer
jetzigen Beschftigung hatte, denn alles schluckte sie wie im Fieber
herunter, schaute alle Augenblicke nach der Wanduhr und gab einmal ums
andere verkehrte Antworten. Sobald der letzte Bissen von des Vaters
Teller verschwunden war, fragte sie dringlich: Kann ich gehen, Mama?

Ich auch, Mama? setzte Oskar blitzschnell ein. Es wurde erlaubt.

Was mssen denn die beiden wieder grnden und stiften, da sie's so
eilig haben? fragte der Vater.

Emmi war schon zur Tr hinaus.

Morgen wirst du's schon sehen, Papa, sagte Oskar mit
vielversprechender Miene; heute noch wird die Rednerbhne errichtet und
der Festumzug geordnet. Du wirst gewi erstaunen. Willst du auch die
Festrede von Feklitus hren, Papa?

Danke bestens! Am Abend will ich dann mit Mutter und Tante auf dem
Festplatz erscheinen. Gehrst du auch zu den Festfeiernden, Fred?
fragte der Vater.

Nein, ich habe Ntzlicheres zu tun, entgegnete ernsthaft der Fred. Es
ist ntzlicher, den geringsten Sumpffrosch zu finden und kennen zu
lernen, als tausend Sngerfeste zu feiern.

Das Rikli rckte schnell ein wenig von Fred weg, vielleicht wollte er
gleich einen von den Frschen als Muster zeigen. Oskar warf dem Bruder
einen mitleidigen Blick zu und ging.

Friedlich saen am Nachmittag Mutter und Tante im Garten; vor ihnen auf
dem Tisch stand der groe Flickkorb und whrend die fleiigen Hnde die
Schden alle der groen und kleinen Strmpfe gutmachten, besprachen sie
die Ereignisse des Tages und das Leben und Wesen der Kinder, fr die sie
dieselbe Liebe und dasselbe Interesse hatten.

Es ist merkwrdig, wie die Dinge sich wiederholen in diesem Leben,
sagte jetzt die Mutter. Wenn die Kinder so erzhlen, wie der Feklitus
so hufig dem Elsli nachrennt, wenn keiner begreift, warum, stehen mir
immer die langvergangenen Zeiten vor Augen. Du weit doch noch, wie
Elslis Mutter, das lebensfrohe Gritli, bestndig von dem kurzen, dicken
Fekli verfolgt, so leicht und lustig dahinrannte und sich immer von Zeit
zu Zeit umkehrend, ihm mit Lachen zurief:

      'Fa mich ab! Fa mich ab,
    Fekli mit dem Brentrab!'

Die Tante erinnerte sich dieser Szenen sehr gut; sie mute herzlich
lachen, als sie ihr wieder so deutlich vor Augen traten. Das Gritli
hatte freilich seinen Sang nicht selbst gedichtet, fgte sie bei,
unser Bruder hatte ihm denselben eingeblasen; du erinnerst dich doch,
wie er sich an diesen vergeblichen Jagden ergtzte?

Die Mutter konnte nicht weiter antworten, denn in diesem Augenblick
erhob sich ein so Mark und Bein durchdringendes Geschrei, da die beiden
Frauen ganz zusammenschraken.

Es ist wieder das Rikli, das ist ganz sicher, sagte die Mutter, die
erst samt der Tante aufgesprungen war, sich nun aber wieder hinsetzte
und die Tante auch dazu aufforderte. Wir mssen wirklich dableiben,
fuhr sie fort; das Kind soll nicht meinen, da es fr jedes Kferchen,
das ihm nahe kommt, einen solchen Lrm aufschlagen darf und uns so zu
seiner Hilfe herbeizwingen kann; es mu wissen, da sein Geschrei fr
nichts keine Teilnahme mehr erweckt.

Gewi hlt ihm der Fred wieder irgendeinen grougigen Frosch unter die
Augen, der es unbarmherzig erschreckt, sagte mitleidig die Tante; aber
du hast schon recht, das Zetergeschrei mu es zu berwinden suchen.

In diesem Augenblick ertnte ganz von der anderen Seite her ein Gesang,
der an groem Lrm mit dem fortdauernden Schreien wetteiferte. Es war
unverkennbar Freds Stimme, die, dem Kreischen antwortend, sang:

      Das Rikli und der Hanseli
    Sind ganz wie zwei Geschwister;
    Sie singen wie die Amseli,
    Nur unerhrt viel wster.

Fred kann es nicht sein, der das Kind erschreckt, er singt ja auf einer
ganz anderen Seite, sagte die Mutter, sichtlich ein wenig erschttert
in ihrem Vorsatz, Rikli einmal schreien zu lassen, ohne ihm zu Hilfe zu
kommen. Jetzt nahm das Geschrei aber einen so unverkennbaren Charakter
der Verzweiflung an, da Mutter und Tante zugleich aufsprangen und dem
Orte zustrzten. Erst erblickten sie gar nichts, obschon das Wehgeschrei
dicht vor ihnen ertnte. Aber jetzt, da vor ihnen, unten im Graben, lag
das verzweiflungsvoll schreiende Rikli in einem wirklich jmmerlichen
Zustand. Fast bis an den Hals hinauf stak es in dem grnen
Schlammwasser; die Arme streckte es krampfhaft empor, wie um sie zu
schtzen vor der Berhrung mit den kleinen grnen Frschen, die hier und
da lustig in dem Sumpfwasser herumpltscherten. Die Tante war die
nchste beim Graben. Rasch stieg sie einige Tritte hinunter, erfate das
Kind bei den Armen und zog es mit einiger Anstrengung heraus. Als sich
nun das Rikli von zrtlicher Besorgnis umgeben fhlte und auf die
berstandenen Schrecken zurckschaute, fing es erst recht klglich zu
weinen und zu jammern an, und einmal ums andere sthnte es: O, warum
seid ihr auch nicht gekommen? Aber da wurde nicht viel Antwort gegeben,
der Zustand erforderte ein schnelles Eingreifen. Mutter und Tante faten
das Kind je an einer Hand und eilten mit ihm dem Hause zu, wo das
schlammberzogene Rikli ohne Verzgerung in die Badewanne gesteckt
wurde. Die Mutter war abgerufen worden, die Tante aber setzte sich
neben das badende Kind hin und sagte: So, jetzt will ich dir auf deine
Frage antworten. Und nun erklrte ihm die Tante die Sache und sagte
ihm, da es schon so oft dasselbe frchterliche Geschrei ausgestoen
habe, wenn der Fred mit einem harmlosen Kferchen oder kleinen Frosch
sich ihm nur genaht habe, da weder sie noch die Mutter dieses Gebaren
untersttzen und ihm mehr zu Hilfe kommen wollten. Einzig Freds Gesang
htte es gerettet, der bewies, da er nicht bei dem Rikli sei; sonst
wre niemand zu seiner Hilfe gekommen und es htte noch lange, lange
Zeit in dem Schlammwasser stecken knnen. Dann ermahnte die Tante das
Rikli ernstlich, an diese Erfahrung zu denken, denn sonst knnte es noch
einmal auf viel lngere Zeit und noch erschrecklichere Weise unter die
Frsche versetzt werden. Das Rikli hrte die Worte aufmerksam an, und
diesmal machten sie mehr Eindruck, als hnliche Ermahnungen gemacht
hatten, bevor es etwas so Grauenvolles erlebt hatte, wie das war, ganz
verlassen und ungehrt mitten unter den Frschen im Sumpf zu stecken.

Whrend dieser Zeit hatte Oskar seine Schar versammelt und war mit ihr
auf den Festplatz gezogen. Hier sollte zuerst die Festrede als Probe
abgehalten werden, dann sollte der groe Umzug und hernach die
Schlufestlichkeiten mit Bankett folgen, heute nur als Probe, morgen
aber mit richtigem Johannisbeersaft und Lebkuchen; das hatte die Tante
samt der Fahne zu liefern versprochen. Die Rednerbhne war aus vier in
die Erde gesteckten Holzpfosten und vier darber gelegten Brettern
kunstvoll errichtet. Jetzt bestieg sie der Feklitus und begann:

Hochgeehrte Herren und Brder! Da wir nun so schn gesungen haben,
wollen wir uns darber freuen und ein groes, langes Fest feiern und mit
den Glsern anstoen.

Der Feklitus kam von der Bhne herunter.

Mach doch fort! schrieen ihm die nchsten Zuhrer zu.

Die Rede ist fertig, nachher stt man mit den Glsern an, sagte
Feklitus, befriedigt von seiner Leistung und da sie vorberwar. Aber
unter der Versammlung erhob sich ein groer Lrm, denn die meisten
fanden die Rede zu kurz und wollten den Feklitus zur Fortsetzung wieder
auf die Bhne hinaufdrngen. Nur Oskar, der doch sonst alles regierte,
stand so dumm und verblfft da, als htte er etwas ganz Besonderes
vernommen. Die Worte hatten ihm auch einen groen Eindruck gemacht: Wie
konnte auch der Feklitus zu einem Gedanken gekommen sein, der ihm
selbst gar nicht eingefallen und der doch von solcher Wichtigkeit war
fr das Fest, da sie zu feiern hatten. Es mute ja doch gesungen
werden, da man merken konnte, es sei ein Sngerfest. Nachdem Oskar den
ersten rger verschluckt hatte, da er nicht der Urheber des Gedankens
war, strzte er sich mit einem Male in die lrmende Menge und rief aus
vollen Krften: Still! Jetzt mu man vor allem wissen, wer singen kann;
wir mssen nun ein schnes Lied einstudieren.

Aber da fand es sich denn, da keiner von ihnen singen konnte, auch der
Feklitus nicht; der behauptete aber, es sei ja nicht ntig. Oskar selbst
konnte keine Note richtig nachsingen, das wute er wohl, aber er hatte
erkannt, da da gesungen sein mute, und er rief nun mit Heftigkeit nach
dem Fani und die anderen schrieen mit, denn es kam den meisten in den
Sinn, da der Fani singen konnte. Er war aber nicht zu finden, er war
entschieden nicht bei der Schar, und auf einmal lief Oskar in
gestrecktem Galopp davon, alle anderen nach, und jeder lief nach seiner
Seite hin, so da in einem Nu der ganze Festplatz leer stand und einsam
die Rednerbhne darauf emporragte. Oskar strzte nach Hause; er war in
der grten Aufregung: was sollte nun aus seinem laut verkndeten Feste
werden! Denn das war ihm nun ganz klar, vor allem mute gesungen werden
am Sngerfest, und das mute er zustande bringen! Wie wrde der Papa
ber seine Grndung spotten! Wie wrde der Fred sticheln und sich
berheben mit seinen stets berdachten Handlungen! -- Nein, das konnte
nicht sein, der Fani mute auf den Platz, der konnte vorsingen, dann
sngen die anderen schon nach. Zu Hause angekommen, rannte er der Stube
zu, wo er eben die Emmi eintreten sah.

Wo ist der Fani, Emmi? rief er ihr aufgeregt zu; hast du ihn wieder
aufgestiftet, uns untreu zu werden und mit dir auszuziehen?

Emmi wurde ein wenig rot, sagte aber nichts; sie tat so, als hrte sie
nicht so recht, was er wollte. In diesem Augenblick streckte die Kathri
den Kopf zur Tr herein. Die Marget ist drauen, sie fragt, ob niemand
wisse, wo der Fani sei, sie suche ihn allenthalben, es pressiere, rief
sie in einem Atemzug herein und verschwand wieder. Jetzt wurde Emmi
dunkelrot bis unter die Haare hinauf und fing an, ngstlich an der Tante
zu zupfen. Diese merkte auch gleich, da etwas Unrichtiges begegnet war;
sie nahm Emmi an der Hand und ging zur Tr hinaus. Die Mutter folgte, um
nachzusehen, was die Marget so eilig hergebracht hatte. Diese erzhlte
in groer Aufregung, da der Vetter Fekli gekommen sei, um ihr zu sagen,
er habe im Sinn, den Fani gleich in der Fabrik anzustellen fr eine
besondere Arbeit, die der Bube gut machen knne und die ihm an den
Schulferien-Nachmittagen und auch in mancher anderen Stunde eine
Beschftigung geben werde, die ihm ein schnes Stck Geld einbringe. Nun
habe er gleich mit dem Fani reden wollen, aber den habe sie nun hin und
her gesucht und nirgends finden knnen; und den Vetter drfe sie auch
nicht mehr warten lassen, der werde jetzt gewi recht bse, wenn der
Fani nicht einmal mitkomme, nachdem sie nun so lange fortgeblieben sei,
nur um ihn zu suchen.

Die Mutter rief sofort den Oskar herbei und hie ihn nach allen Seiten
auslaufen, um den Fani zu suchen, er wrde ihn wohl am besten finden
knnen, meinte sie, und die Marget knne dann ruhig nach Hause gehen,
Oskar wrde den Fani dann gleich heimschicken.

Unterdessen hatte die Tante Emmi in ihre Schlafstube gefhrt, und sobald
sie drinnen waren, umklammerte Emmi krampfhaft den Arm der Tante und
flehte angstvoll: Hilf mir doch, Tante, hilf mir doch, da es nichts
Schlimmeres gibt und da der Papa nicht bse wird; hilf doch, da Fanis
Mutter es begreift, wie gut es ihm nun gehen wird und da er ein groer
Maler werden knne. Heut ist er nach Basel verreist.

Was sagst du, Emmi? Was sagst du? Es wird ja, will's Gott, nicht wahr
sein! rief die Tante in groem Schrecken aus.

Doch, es ist gewi wahr, Tante; geh doch zu Fanis Mutter und mach, da
es ihr recht ist und da sie nicht klagt beim Papa, flehte Emmi. Ich
will dir alles erzhlen, dann kannst du's schon sehen und der Marget
sagen, wie gut es dem Fani jetzt gehen kann. Siehst du, im Blatt stand
eine Anzeige vor ein paar Tagen, die hie so: 'Ein Dekorationsmaler in
Basel wrde einen Knaben von elf bis zwlf Jahren zu sich nehmen gegen
leichte Beschftigung, er knnte auch das Handwerk erlernen.' Dann war
noch die Adresse dabei. Das habe ich schnell dem Fani gezeigt, denn wir
haben schon lange nachgesonnen, wie er ein Maler werden knnte und nicht
in die Fabrik gehen mte, und das war gerade das Rechte, denn du
hattest ja gesagt, das hiee Verzierung und der Fred hat noch gesagt, es
heie auch Theaterwand. So wute ich ja schon, da der Fani da schne
Bume und Blumen und Krnze machen mte, und habe ihm das alles gesagt,
und er wollte schrecklich gern gehen. Zuerst wollten wir es seiner
Mutter sagen, aber er sagte, dann knne er gewi nie, nie gehen, denn
sie sage, das sei keine Arbeit, sondern nur Lumperei, und sie wolle
nichts davon wissen. Dann haben wir ausgemacht, er solle jetzt nur
einmal gehen, ich wollte dann schon sagen, wo er sei, wenn sie fragen,
und dann wrde er schnell schreiben und sagen, da er jetzt ein Maler
werden kann.

Aber, um's Himmels willen, was richtest du doch fr Zeug an, Emmi,
brach die Tante hier aus; es ist ja wirklich schrecklich! Wo wird der
Junge nun hinkommen und wie kann er ohne Geld nur nach Basel gelangen?

Emmi sagte, sie habe ihm alles Geld gegeben, das sie besessen, er komme
gewi nach Basel, wenn nur die Tante jetzt mit der Mutter reden wollte,
weil sie gerade so eifrig den Fani suche, wie sonst nie. Auch die Tante
fand, das sei das erste, was sie tun msse. Dann wollte sie sogleich
nach Basel schreiben, um zu wissen, ob der Fani wirklich dort angelangt
und in was fr Hnden er sei. Die Tante verlor keine Zeit. Sie schlug
ihr Tuch um und eilte hinaus dem Wldchen zu, hinter dem der Weg zu
Heiris Huschen niederstieg. Aus der niederen Haustr trat eben noch
Herr Bickel, als die Tante sich nahte. Er bemerkte abschlieend: Wie
gesagt, das Vagabundieren, das er im Brauch hat, hrt dann auf, ich
ziehe ihm jede vergeudete Zeit am Lohn ab.

[Illustration]

Er wird, denk' ich, erst Lohn haben mssen, eh' man ihm davon abziehen
kann, sagte Marget halblaut, whrend Herr Bickel gewichtigen Schrittes
davonging. -- Die Tante trat in das Huschen ein. Man kam von der Strae
unmittelbar in die Kche und von da in die Stube. Die Tr dahin stand
offen, und nahe dabei standen in der Stube zwei uralte Wiegen, eine fr
das Kleine und eine fr den Hanseli, und auf der anderen Seite in der
Kche stand der Waschzuber, den die Marget dahin gerckt hatte, um zu
gleicher Zeit ihrer Arbeit obliegen zu knnen und die drei Buben samt
dem Kleinen unter den Augen zu haben. Obschon der Hanseli zwei Jahre alt
war, hatte er noch seine Wiege, und diese diente zu gleicher Zeit als
Bettstatt und als Beruhigungsmittel fr ihn. Schlug er jetzt, seit
Elslis Wegbleiben, sein bekanntes Geschrei auf, so legte ihn die Mutter
auf der Stelle in die Wiege hinein, wo er, durch die schaukelnde
Bewegung beruhigt, alsbald vom Schlaf bermannt wurde. Eben jetzt stand
der Heirli auf der einen und der Rudi auf der anderen Seite der
beweglichen Bettstatt und beide stieen aus Leibeskrften die
heranschaukelnde Wiege immer einer dem anderen zu, so da der
darinliegende Hanseli lngst in den tiefsten Schlaf versunken war und
darin erhalten wurde. Die Tante setzte sich auf den hlzernen Schemel
neben den Waschtrog hin und forderte die Marget auf, fortzufahren an
ihrer Arbeit; sie habe mit ihr zu reden, das knne aber neben dieser
Arbeit geschehen. Sie fing nun ganz zahm und behutsam an, der Marget
beizubringen, wohin der Fani gekommen sei, und fgte auch gleich bei,
sie werde unverzglich nach Basel schreiben, um inne zu werden, wo er
hingekommen sei und was der Meister mit ihm im Sinne habe. Sie wrde ihn
auch gleich wiederkommen lassen, wenn der Vater und die Mutter es haben
wollten. Die Marget stand noch unter dem Eindruck des Lohnabziehens. Der
Vorteil fr den Fani und die ganze Haushaltung schien ihr schon nicht
mehr so gro zu sein, wie sie zuerst gedacht hatte. Wenn nun der Fani da
unten sein Essen und seine Kleider verdienen knnte und so unversehens
ein Handwerk erlernte und vielleicht bald sein eigenes Auskommen htte,
so wre das doch eigentlich besser als alles, was er daheim erreichen
knnte, und man htte so keine Sorgen bei dem ganzen Verlauf. Diese
Gedanken gingen der Marget schnell hintereinander durch den Kopf, und es
whrte gar nicht lange, so sagte sie der Tante, es wre gewi dem Vater
so recht, wie ihr selbst, wenn die Tante alles in die Hand nehmen und
nachfragen wollte, wie es der Fani habe, und wenn sie ein wenig dazu
sehen knnte, da der Bub' etwas Rechtes lerne. Sie wollte dann schon
noch mit dem Vater reden und nachher den Bericht bringen, was er dazu
sage; aber die Marget schien ganz berzeugt zu sein, da er dieselbe
Meinung haben werde, die sie habe. Die Tante fhlte sich sehr
erleichtert, denn sie hatte nicht gewut, wie die Sache von der Marget
aufgenommen wrde und ob sie nicht vielleicht einen groen Lrm machen
wrde ber das Fortlaufen des Buben, was doch im Grunde Emmi verschuldet
hatte. Sie fragte noch dem Elsli nach und hrte, da es zwischen der
Schule durch und bis zur Stunde des Schlafengehens seine ganze Zeit auf
dem Eichenrain zubringe. Fr sie sei es gar keine Hilfe mehr; mit den
beiden Buben mache sie's nun, wie sie knne, und beklagen knne sie sich
nicht, denn die Mutter des kranken Kindes sei eine gute und vernnftige
Frau, die wisse, da die armen Leute auch etwas brauchen, um leben zu
knnen. Das Elsli bringe jeden Abend einen Taglohn mit, den es gewi
nicht verdienen knne, und dazu so viel Kleider von dem kranken Kinde,
da sie dem Elsli fr lange Zeit nichts anzuschaffen habe. Diese
Nachricht erfreute die Tante sehr und mit frohem Herzen kehrte sie
zurck, denn es war alles so viel leichter abgegangen, als sie erwartet
hatte.

Schon auf dem halben Wege kam der Oskar ihr entgegengelaufen. Er hatte
bemerkt, da Emmi schon seit einiger Zeit an der Hausecke stand und auf
jemand wartete, das mute ohne Zweifel die Tante sein; aber er hatte so
dringende Geschfte mit ihr abzutun, da er sie durchaus zuerst sehen
mute. Er lief heimlich hinten ums Haus herum und eilte dem Wldchen zu.
Sobald er der Tante ansichtig wurde, strzte er auf sie los und go nun
seine ganze Geschichte von dem verunglckten Sngerfest ber sie: wie er
vergessen hatte, da noch gesungen werden sollte, und wie furchtbar alle
Leute sie auslachen wrden, und vor allen der Papa, wenn sie nun kmen
und wollten dem Feste beiwohnen; das sah er nun ganz klar ein. Aber er
hatte jetzt einen neuen, ganz herrlichen Gedanken: wenn man nun das
Sngerfest schnell in ein anderes umwandeln wrde, da es morgen doch
knnte abgehalten werden, eins, zu dem man die Fahne doch gebrauchen
knnte und in der Festrede ja nur einige Worte zu ndern htte? Die
Tante wute ja gewi einen guten Rat zu geben, welches Fest an die
Stelle des unausfhrbaren zu setzen sei, und Oskar schien auch nicht
abgeneigt, die Sache so zu bearbeiten, da schlielich anzunehmen wre,
er habe eigentlich absichtlich das Sngerfest in ein anderes verwandelt.
Aber die Tante war nicht derselben Meinung. Sie erklrte ihm nun, was
eigentlich der Sinn eines Festes sei, und da man immer zuerst etwas
Besonderes msse geleistet haben, um nachher ein Fest darber zu feiern.
Da das nun aber nicht geschehen sei, so sollte Oskar warten, bis es
einmal der Fall wre, dann wollte die Tante ihm zu einer glnzenden
Festfeier verhelfen.

Oskar war sehr herabgestimmt; aber er sah ein, da da fr einmal nichts
Neues zu grnden war, und folgte der Tante ziemlich niedergeschlagen ins
Haus hinein; er sah mit Besorgnis dem Nachtessen entgegen, da der Papa
seine Fragen ber das Fest von morgen wieder aufnehmen und so die ganze
Enthllung von dessen ruhmlosem Ausgang herbeifhren knnte. Eben scho
Emmi beim Anblick der Tante aus ihrem Hinterhalt hervor, um zu
vernehmen, was die Tat, bei der sie so sehr beteiligt war, fr Folgen
haben konnte; aber auch sie mute in unsicherem Bangen verharren, denn
eben trat auch der Vater ins Haus hinein, und unmittelbar darauf mute
man sich zum Nachtessen hinsetzen. In ihren beklemmenden Erwartungen
saen Oskar und Emmi tief auf ihre Teller gebeugt am Tisch und keines
von ihnen hob auch nur ein einziges Mal den Kopf auf, denn sie hofften
in dieser Stellung am ehesten unbemerkt zu bleiben. Fred hatte schon ein
paarmal forschende Blicke zu den beiden hinbergesandt; jetzt sagte er
bedeutsam: Es gibt auch einen Vogel, er heit Strau, #struthio#, der
steckt den Kopf vornber in den Sand hinein, denn er denkt, so sieht ihn
der Jger nicht. Diese Vgel leben in Afrika; bei uns kommen sie nur
selten vor und nhren sich von Kartoffelsalat.

Oskar, der eben, mit seinen Gedanken beschftigt, in seiner Portion
Kartoffelsalat herumstocherte, nahm die Beschreibung des Straues mit
ungewohnter Ruhe hin, und der Vater, der jetzt nach ihm hinschaute,
lachte ein wenig und sagte: Den drcken wohl die Festfreuden nieder?
Als aber keine weiteren Nachforschungen erfolgten und das Nachtessen
auch ohne alle Nachfragen nach dem Fani vorberging, standen Oskar und
Emmi mit sehr erleichterten Herzen vom Tisch auf, denn wenn auch fr
Oskar die Gefahr eines sehr empfindlichen Hohnes und fr Emmi diejenige
eines strengen Tadels nicht vorberwar, so war doch nun Zeit gewonnen,
und da war ja immer die Tante, bei der man neuerdings Rat und Hilfe
finden konnte.

[Illustration]




Achtes Kapitel.

Beim Sonnenuntergang.


Seit dem Tage, da das Elsli zum ersten Male bei der kranken Nora
eingetreten war und sie sich bald gut verstanden hatten, war das Kind
die tgliche Gesellschaft der Nora geblieben. Von Auslaufen und
Besorgungen Machen war nie eine Rede gewesen, denn Nora konnte es
tglich kaum erwarten, da das Elsli erschien, und bis zum letzten
Augenblick seines Bleibens lie sie es nicht von ihrer Seite weg. Die
Mutter, die keine grere Freude kannte als die, ihrem Kinde einen
Wunsch zu erfllen, freute sich an dem neuen Interesse der Nora und
gewhrte gern die Bitte, da das Elsli ganz nur zu ihrer Gesellschaft da
sein mchte. Frau Stanhope sah auch mit groer Befriedigung, wieviel
lebendiger und frhlicher die Nora geworden war, seit sie diese tgliche
Gespielin hatte, und hie darum auch das Elsli kommen, so oft es nur
konnte, auch am Sonntag, und hielt es gut in ihrem Hause. So kam es, da
das Kind jede Stunde des Tages auerhalb der Schule und bald auch den
ganzen Sonntag, vom Morgen bis zur Nacht, unzertrennlich mit der Nora
zubrachte. Es ging dabei eine groe Vernderung mit dem Elsli vor. Es
war ein so bildsames Geschpfchen, da es unwillkrlich in seiner
Erscheinung, im Ton seiner Stimme, in allen Gebrden so wurde, wie seine
Umgebung war. Nun sich die Nora, mit solcher Lebendigkeit und solcher
Freude an seinem empfnglichen Wesen, tglich stundenlang mit ihm
beschftigte und alles, was sie dachte und hoffte, alles, was in ihrem
Inneren vorging, dem Elsli mitteilte und es ganz und gar mit ihrem
eigenen Leben erfllte, kam es so, da auf das Elsli auch uerlich nach
und nach gnzlich die Art der Nora bergegangen war. Es hatte den Ton
ihrer Stimme, es sprach in ihren Worten, es machte die Bewegung ihrer
Hand, das ganze Elsli war verndert. Auch fr die Schule war eine groe
Vernderung mit dem Elsli vor sich gegangen. Wenn es jetzt unmittelbar
nach der Schule zu Nora kam, wurden gleich zuerst alle Bcher und Hefte
ausgepackt und die Arbeit der Schulaufgaben unternommen. Die Nora hatte
viel und gut gelernt und es war ein ganz neues Interesse fr sie, der
aufmerksamen Schlerin nachhelfen und alles erklren zu knnen, was sie
nicht verstand. Fr das Elsli war es eine nie gekannte Freude, endlich
einmal seine erfllten Aufgaben, wie die anderen Kinder, in die Schule
bringen zu knnen und nun wiederholt von dem Lehrer die Worte zu hren,
die er in so freundlichem Tone sagte: Das hast du gut gemacht, Elsli,
mit dir bin ich nun sehr zufrieden.

Waren die Schularbeiten beendigt und auch das Abendessen vorber, dann
saen die Kinder ganz nah zusammen und fingen ihre Gesprche an, deren
sie niemals mde wurden. Nora erzhlte von dem schnen Lande, wohin sie
gehen wollten, und das Elsli folgte mit ganzem Entzcken jedem Worte,
denn die Nora erzhlte so, als sehe sie alles vor sich, so da auch vor
dem Elsli alles lebendig dastand und es nie genug bekam von der
beglckenden Unterhaltung. Zuletzt sagte Nora immer noch ihr Lied, und
auch das konnte das Elsli nie genug anhren. Wenn dann der Abend zu Ende
war und das Elsli gehen mute, kam ihm jedesmal zum Schlu noch ein
trauriger Gedanke, und es sagte ngstlich: Wenn du nur nicht einmal
allein gehst, Nora, und ich zurckbleibe; was mte ich dann machen?
Aber die Nora trstete es jedesmal und sagte, der liebe Gott rufe ihm
dann schon, wenn sie ihn im Himmel recht darum bitte, was dann das Elsli
wieder beruhigte, so da es jeden Abend mit einem glcklichen Herzen,
wie es vorher nie gekannt hatte, heimkehrte.

So waren die sonnegoldenen Tage des Septembermonats herangekommen. Die
Kinder saen zusammen und schauten durch das offene Fenster, an dem
Noras Lehnstuhl stand, nach dem Abendhimmel hin, wo die Sonne untergehen
wollte. -- Nora war den ganzen Tag mde gewesen und hatte wenig geredet.
Ganz still saen auch jetzt die Kinder nebeneinander und schauten nach
dem golden leuchtenden Himmel hin. Jetzt strahlten die Flammen der
scheidenden Sonne noch einmal glhend empor, und wie ein goldener Strom
ergo sich das Leuchten ber Bume und Hgel auf die Wiesen herab.

Sieh, sieh! Elsli! rief Nora aus und ihre Augen leuchteten, wie Elsli
sie noch nie gesehen hatte; sieh, dort kommt der kristallene Strom
herbergeflossen! O ich mchte dorthin und weit ber den Strom gehen, o
wie wird es schn dahinter sein, wo alle die Blumen und die glcklichen
Menschen sind und wo sie so froh herumgehen und niemals mde werden!
Aber jetzt bin ich so mde, Elsli, komm ein wenig nher zu mir, willst
du? Elsli rckte ganz nah heran und Nora legte ihren Kopf auf seine
Schulter. O, so bin ich gut, setzte sie leise hinzu, so sehe ich
mitten, mitten hinein. O sieh, es ist, wie wenn der Himmel ganz offen
stnde, und man sieht, wie es leuchtet drinnen und schimmert und glnzt.
O wie schn! O wie schn! -- Auch das Elsli hatte noch nie ein solches
Leuchten am Himmel und solchen Goldglanz auf allen Hgeln gesehen. In
stummem Erstaunen schaute es darauf hin, und regungslos lagen die Kinder
lange, lange da, bis gegen Abend hin aller Glanz erloschen war und leise
ein weier Nebel unten vom Tal aufstieg und sich ber die Wiese legte.
Jetzt trat Frau Stanhope ins Zimmer; sie hatte, wie nun oft geschah,
Elslis Anwesenheit benutzt, in einem anderen Zimmer ihre Briefe zu
schreiben. Sie nahte sich der Nora, die immer noch ganz still auf Elslis
Schulter ruhte.

Gott im Himmel, schrie die Mutter auf, Nora, mein Kind! Es ist nicht
mglich! Erwache! Gib mir Antwort!

Frau Stanhope war niedergekniet; sie zog die Nora an sich; einen
Augenblick schaute sie auf das bleiche, stille Gesichtchen, dann warf
sie sich ber das Kind und schluchzte in Verzweiflung.

Schneewei vor Schrecken stand das Elsli da. Was konnte mit der Nora
begegnet sein, das ihre Mutter so unglcklich machte?

Hol den Arzt, Kind! Lauf, soviel du kannst! stie jetzt die
schluchzende Mutter hervor. Elsli eilte fort. Der Arzt war nicht zu
Hause; seine Frau gab dem Elsli Bescheid. Es mute ihr alles erzhlen,
was sich zugetragen hatte. Dann sagte sie teilnehmend: Ich glaube, der
kranken Nora ist fr immer wohl, die ist gewi im Himmel.

Das Elsli stand wie vom Schlag getroffen. Ist sie nun schon gegangen?
fragte es tonlos. Dann strzten ihm die Trnen unaufhaltsam die Wangen
herunter und vor groer Erschtterung hatte ein Zittern seinen ganzen
Krper erfat.

Du armes Elsli, sagte die Frau Doktorin, das Kind bei der Hand
nehmend, komm, setz dich einen Augenblick hier nieder! Aber das Elsli
war so von seinem Eindruck berwltigt, da es nicht sitzen konnte. Es
hielt sein Schrzchen vor die Augen und lief wieder fort, ganz klglich
vor sich hin jammernd: O! o! Nun ist sie schon gegangen und ohne mich!
Als es bei Frau Stanhope eintrat, fand es diese noch in derselben
Stellung ber ihr Kind gebeugt und verzweiflungsvoll weinend und
klagend. Elsli setzte sich auf den Schemel hin, den die Nora eben noch
gebraucht hatte, und weinte ganz still. So verflo wohl eine Stunde,
dann kam der Doktor. Nachdem er eine kurze Zeit den Platz der Frau
Stanhope eingenommen und sich ber die Nora gebeugt hatte, wandte er
sich zu der Mutter. Frau Stanhope, sagte er in rascher, aber
teilnehmender Weise, ich habe nichts mehr zu tun hier, suchen Sie das
Unabnderliche zu tragen, das Kind ist tot. Ich will Ihnen meine Frau
schicken. Dann ging er.

Nach einer Weile kam die Frau Doktorin. Aber kein Wort des Trostes, das
sie in ihrer herzlichen Teilnahme aussprach, fand Eingang bei der
verarmten Mutter. Sie hatte sich wieder ber ihr Kind geworfen und sah
und hrte nicht, was um sie her vorging. Als die Frau Doktorin bemerkte,
da es fr einmal unmglich war, sich der trostlosen Frau zu nhern,
trat sie zu dem Elsli heran, das immer noch auf seinem Schemel sa und
leise fortweinte; sie fate das Kind sanft bei der Hand und zog es auf.
Komm mit mir, Elsli, sagte sie freundlich, es ist Zeit fr dich,
heimzugehen. Wir wollen dich auch nicht vergessen, Elsli, und der liebe
Gott vergit keins seiner Kinder. Du mut dich zu trsten suchen und
denken, wie wohl es der Nora nun ist, da sie gar nie mehr krank sein
wird.

O, wenn sie mich nur mitgenommen htte, schluchzte das Elsli, denn der
Gedanke hatte sich so lange und tief bei ihm festgesetzt, da sie dann
miteinander gehen wrden, und nun war die Hoffnung dahin und es war
zurckgeblieben und nun so allein! Leise weinend ging es an der Seite
der Frau Doktorin dahin, und auch als diese bei dem aufsteigenden
Wiesenwege sagte: Nun trennen wir uns; schlaf wohl, Elsli, und komm
bald einmal zu uns, zog es sein Schrzchen nicht von den Augen weg.
Leise sagte es: Gute Nacht! und ging den Fuweg hinan, und immer
hrbarer wurde sein Schluchzen, je weiter es von der freundlichen
Begleiterin wegkam und je einsamer der Weg wurde, den es zu gehen hatte.

Die Mutter trat mit einem traurigen Herzen in das Haus ein, wo sie die
Kinder alle um die Tante gelagert fand, stiller und nachdenklicher, als
sie gewhnlich waren. Die Tante hatte ihnen erzhlt, da die Nora
gestorben und in den Himmel gegangen sei, was ihnen einen tiefen
Eindruck gemacht hatte, jedem in einer besonderen Weise. Fred hatte
gleich eine Menge Fragen und wollte genau wissen, wie Menschen sterben
und wieder leben knnen. Emmi war sehr niedergeschlagen, denn es kam ihr
nun in den Sinn, da sie niemals mehr zu Nora zurckgekehrt war und ihr
gar keine Freundlichkeit erwiesen hatte. Ganz still zogen sich heute die
Kinder zurck, und als am spten Abend Mutter und Tante noch allein
zusammensaen, mute die erstere der teilnehmenden Schwester noch den
ganzen Kummer ausschtten, der ihr Herz so schwer machte. Da war die
arme Mutter, die ihr einziges Kind in die Erde legen mute und der mit
keinem Worte des Trostes beizukommen war. Da war das zarte Elsli, das
nun an die harte Arbeit zurckkehren mute, die vielleicht so sehr ber
seine Krfte ging, da es sie nicht lange aushalten konnte. Dazu war es
nun doppelt verwaist; die nahe Freundin, durch die es in ein neues Leben
eingetreten war und in der es ganz gelebt hatte, war fr immer
weggegangen, und der Bruder Fani, an dem es mit aller Liebe hing, war
fort, und vielleicht ja auch fr immer fort; wer konnte wissen, wo der
bleiben wrde! Diese letztere Sache lag der Mutter auch als eine Last
auf dem Herzen; war ja doch Emmi schuld daran und das ganze Unternehmen
so unsicher, da man nicht einmal die Zuversicht haben konnte, Fani
lerne da wirklich etwas Rechtes, das ihm fr seine Zukunft von Nutzen
sein konnte. Die Tante hatte einer Bekannten nach Basel geschrieben und
sie gebeten, den Mann aufzusuchen, bei dem Fani eingetreten sein mute,
und ihr Nachricht ber den Charakter des Mannes und das ganze Verhltnis
zu geben. Es war auch schon eine Antwort gekommen, sie war aber nicht
gemacht, groe Hoffnungen fr Fani zu erwecken. Der Dekorationsmaler
hatte den Fani wirklich in seinen Dienst genommen, da er Gefallen an dem
offenen Wesen des Jungen fand, der ihm so zugelaufen kam und gleich
seine ganze Geschichte erzhlte. Der Maler hatte aber nur einen Buben
gesucht, der ihm die groen Pinsel und Farbtpfe nachtrage und ihm alles
reinigen helfe und fr ihn auslaufe. Dafr bekam er seinen Unterhalt von
dem Meister, fr seine Kleider sollte er aber selbst sorgen. Das war nun
gar keine glnzende Anstellung fr den Fani, und die Mutter riet
bekmmert hin und her, was nun wohl das Beste wre, das man tun knnte.
Fr einmal waren seine Eltern ja freilich damit einverstanden, da er
fortbleibe, da er keine bestimmte Anstellung habe; aber sie nahmen an,
er verdiene wenigstens so viel, da sie in keiner Weise mehr fr ihn zu
sorgen htten, da er im Gegenteil nchstens fr sie eine Nachhilfe sein
werde. So hatte die gute Mutter zu den alten immer wieder neue Sorgen
zu tragen, und manchmal schon wre ihr diese groe Last zu schwer
geworden, wenn die Tante nicht immer mitgetragen und durch ihre frohe
Gemtsart jedem Kummer gleich auch eine erfreuliche Seite abgewonnen
htte. So hatte sie auch heute manches trstende, erheiternde Wort fr
die Mutter, so da auch diese zuletzt wieder mit Hoffnung und Zuversicht
auf die kommenden Tage sehen und alles Sorgenerregende dem lieben Gott
anheimstellen konnte.

Am folgenden Morgen bat Emmi etwas niedergeschlagen um die Erlaubnis,
der Nora Blumen bringen und auf ihr Bett legen zu drfen. Die Mutter
erlaubte es gern und auf Freds Ansuchen hin auch, da er Emmi begleite.
Spter wollte auch sie selbst nachkommen und Frau Stanhope besuchen. Die
Kinder wurden eingelassen und vom Mdchen in das Zimmer gefhrt, wo Nora
auf einem schneeweien Bette lag, sie selbst so wei und still, wie sie
noch niemand gesehen hatte. Am Bette kniete die Mutter; sie schaute
nicht auf und blieb regungslos auf ihrem Platze, das Gesicht auf das
weie Lager gedrckt. Emmi legte still ihre Blumen auf das Bett hin,
dann erfate sie die Hand der Nora zum Abschied. Jetzt strzten der Emmi
die Trnen aus den Augen, denn da lag nun die Nora, kalt und schweigend
fr immer, und Emmi konnte ihr nie mehr etwas Freundliches tun, und da
sie noch am Leben war, hatte es Emmi nie getan und war am liebsten gar
nicht zu ihr gegangen, und doch war Nora so krank gewesen und so viel
allein und hatte wenig Freuden gehabt. Das kam der Emmi nun sehr bers
Herz und sie weinte leise fort, als sie nun mit Fred das Zimmer verlie.
Einige Zeit nachher trat die Frau Doktorin in das stille Zimmer ein.
Frau Stanhope erhob sich, sie hatte die Eintretende erkannt. Jetzt
verwandelte der dumpfe Schmerz der Trauernden sich in einen ungeheuren
Jammer. O, knnen Sie es begreifen, wie ganz verarmt ich bin? rief sie
unter einem Strom von Trnen aus. O, warum mute der liebe Gott mir
dieses einzige Kind nehmen? Htte er mir Hab und Gut, allen Reichtum,
alles, was ich besitze, weggenommen und mir mein Kind gelassen, ich
htte ja nicht gehadert, ich htte ja gern alles entbehrt und alles
getragen, wenn ich nur mein Kind behalten htte! Das ist das Hrteste,
das mir widerfahren kann, das Allerhrteste; o warum mu ich gerade mehr
als alle anderen leiden?

Liebe Frau Stanhope, sagte hier die Frau Doktorin, indem sie
besnftigend die Hand der Jammernden ergriff, ich begreife wohl Ihren
groen Schmerz, aber denken Sie auch an ihr Kind! Es ist doch nicht das
grte Leiden, an sein Kind zu denken, das der liebe Gott zu sich
genommen und fr immer von seinen Schmerzen befreit und zur ewigen
Freude eingefhrt hat. Wie die bittere Armut tut, das knnen Sie nicht
ermessen, und welche Leiden die Mtter durchzumachen haben, die schon in
frhen Jahren die Kinder zu harter Arbeit anhalten mssen, die ihnen
keine Freuden zu bieten, nur Entbehrungen aufzulegen haben, die fr sich
und die Kinder nichts anderes kennen, nichts anderes vor sich sehen, als
schwere Tage und herbe Sorgen, das kennen Sie nicht. Nehmen Sie Ihren
Schmerz aus Gottes Hand an und messen Sie nicht. Jedem ist ja das Leiden
das grte, das in seinem Herzen brennt; aber unser Vater im Himmel
wei, warum Er jedes auf dem Wege fhrt, den es zu gehen hat.

Frau Stanhope war stiller geworden, doch lag der Ausdruck eines
trostlosen Schmerzes fortwhrend auf ihrem Angesicht. Nach einer Weile
des Stillschweigens teilte sie dann der Frau Doktorin mit, da sie ihr
Kind mit fortzunehmen gedenke, damit es in ihrer Nhe und in der Nhe
seines vorangegangenen Bruders ruhe. Diese traurige Reise allein zu
machen, dazu knne sie sich nicht entschlieen, sie habe die treue
Wrterin ihres Kindes, Klarissa, herberufen, da sie alles uere fr
sie besorge und ihr zur Seite bleibe.

Diese Nachricht war fr die besorgte Frau Doktorin eine groe
Beruhigung; nun wute sie, da, was von auen her der armen Mutter an
Trost und Hilfe konnte geboten werden, ihr bald und am wohltuendsten
durch diese treue alte Freundin zuteil werden wrde. Diese allein hatte
ja die entschlafene Nora gekannt und auch geliebt wie eine zweite
Mutter. So kehrte die Frau Doktorin mit ein wenig erleichtertem Herzen
zurck, denn da war nun doch die Aussicht auf eine wohltuende Umgebung
fr die vereinsamte Frau. Das mute sie gleich der Tante mitteilen, denn
auch diese hatte ja eine so herzliche Teilnahme fr die verarmte Mutter.
Aber die Tante war nirgends zu finden. Emmi, die ganz gegen ihre
Gewohnheit still in einer Ecke sa, berichtete, der Fred habe lange die
Tante gesucht, er habe sie gewi zu einer Kferschau ntig gehabt und
fortgeholt. Die Mutter dachte auch, es werde so sein, und setzte sich zu
Emmi hin, die gern noch von der Nora wollte erzhlen hren. Es war ihr
ein Bedrfnis, von der Mutter zu hren, da die Nora froh und zufrieden
gewesen war ohne sie und da ihr ihre Gesellschaft nicht gemangelt
hatte, denn sie fhlte jetzt wohl, da sie nur an sich selbst gedacht
hatte bei dem Besuch und gar nicht daran, was sie fr die einsame,
kranke Nora tun knnte.

Fred war wirklich lngere Zeit der Tante nachgelaufen und hatte sie
endlich festnehmen knnen und nun weit hinunter nach dem entferntesten
Gartenhaus mit sich gezogen, denn er wollte ganz allein mit ihr reden.
Hier setzte er sich neben sie auf die Bank und sagte ernsthaft: Siehst
du, Tante, ich mu dir etwas sagen, aber nur dir allein. Heute habe ich
die Nora gesehen; sie ist ganz tot und ich kann nicht begreifen, da sie
einmal wieder erwachen und leben kann im Himmel.

So? das kannst du nicht begreifen, Fred? Siehst du, ich auch nicht,
sagte die Tante; aber der liebe Gott hat noch viele Dinge gemacht, die
du auch nicht begreifen knntest und ich ebensowenig, und doch sind sie
da. Wenn uns nun aber einer, dem wir fest glauben knnen, verspricht,
da wir wieder leben werden nach dem Tode dieses Krpers, so wollen wir
glauben, bis wir begreifen; und ich glaube zuversichtlich daran, Fred.

Aber, fing dieser in seiner gewohnten Zhigkeit noch einmal an, ich
habe doch immer gedacht, das Lebendigsein ist in dem Menschen wie in den
Tieren, und wenn ein Tierchen keine Bewegung mehr macht, so ist es ganz
tot und fngt nie mehr zu leben an; das habe ich beobachtet.

Hier wurde das Gesprch zwischen Fred und der Tante unterbrochen, da der
heimkehrende Vater an dem Gartenhuschen vorbeikam und die Tante
aufforderte, mit ihm durch das ckerchen zu wandern, um die prachtvollen
Kohlkpfe zu bewundern, die sich da entfaltet hatten. Fred ging still
seiner Wege, denn Kohlkpfe konnte er nicht bewundern, die lieen ihn im
Gegenteil viel schwere Augenblicke voraussehen, da er den grnen Stoff
auf seinem Teller erblicken wrde.

[Illustration]




Neuntes Kapitel.

Eine letzte und eine erste Reise.


Eben war ein groer Reisewagen am Hause des Arztes vorbergefahren,
worin ganz allein eine schwarze Frau sa. Das mute die Klarissa sein,
die gekommen war, Nora heimzuholen. Die Doktorskinder standen alle vier
im Garten und schauten still dem Wagen nach, denn sie empfanden, wie
traurig diese Reise sein mute. Die Tante stand oben am Fenster und
schaute mit ihnen dem Wagen nach. Als er unten um die Ecke verschwunden
war, winkte sie dem Fred, heraufzukommen; sie stand in seinem Zimmer. Er
kam augenblicklich heraufgerannt.

Sieh, Fred, ich rume dir ein wenig auf, du hast hier eine ziemliche
Unordnung, und Dinge, die keinen Wert haben, wollen wir nicht
aufbewahren. In dieser Schachtel ist ein totes Tierchen, das werfe ich
nun frs erste fort. Die Tante ging ans Fenster mit der Schachtel.

Um's Himmels willen, Tante, was willst du machen? schrie Fred auf und
strzte sich auf die Schachtel; das ist meine schnste Raupe, das gibt
ja den prachtvollen Totenkopf nachher, das ist der allerschnste
Schmetterling mit der wundervollsten Zeichnung auf den Flgeln.

Ach was noch gar, sagte die Tante, dies Tier hier ist ganz tot und
bewegt sich gar nicht mehr, da ist ja alles fertig.

Aber Tante, weit du denn gar nichts von der Geschichte der Raupe? Das
ist ja schrecklich! rief Fred in groer Aufregung aus, die Schachtel so
fest als mglich in seiner Hand haltend. Siehst du, hier liegt sie
jetzt eingepuppt und ist ganz wie tot; und diese Hlle, die du siehst,
ist auch tot, die wird nachher zurckgelassen. Aber siehst du, darunter,
zu allerinnerst, ohne da du es sehen kannst, ist doch etwas lebendig
geblieben, denn auf einmal, wenn es Zeit ist, verlt es diese Schale,
denn die gehrt nun nicht mehr zu ihm, und auf fliegt es mit schnen
Flgeln und ist ein ganz neues, prchtiges Geschpf.

Das kann ich aber nun wirklich nicht begreifen, Fred, sagte die
Tante, wie es zugeht, da ein Wurm, der immer an der Erde gekrochen
hat, erst ganz tot daliegt und dann auf einmal schne Flgel hat und
davonfliegt als ein neues Geschpf und den alten Leib, mit dem er an der
Erde kriechen mute, zurcklt. Kannst du das begreifen, Fred?

Nein, ich begreife es schon nicht, entgegnete Fred; aber es ist ja
gewi so, Tante, ganz gewi, wenn man schon nicht begreift, wie das so
sein kann.

Fred, sagte die Tante ernsthaft, wenn nun das Innerste, das in der
Nora lebendig war, gerade so die tote Hlle verlassen htte und
aufgestiegen wre zu fernen, schnen Hhen, um dort als ein neues,
herrliches Wesen fortzuleben?

Fred wurde ganz nachdenklich. Daran habe ich gar nicht gedacht, sagte
er dann, jetzt mu ich ganz anders an die Nora denken. Die wird aber
froh gewesen sein, so frei aufzufliegen, da sie doch so krank gewesen
war in der ersten Haut! Aber gelt, Tante, du bist auch froh, da du nun
die Geschichte der Raupe so klar weit, die ist doch sehr merkwrdig.

Gewi ist sie, Fred. Man kann auch so gut daraus sehen, da es Dinge
gibt, die wir nicht begreifen und erklren knnen und die doch
geschehen, die auch kein einziger Gelehrter noch ergrndet hat. Darum,
wenn du dann einmal ein Gelehrter wirst, Fred -- und das kannst du schon
werden in deinem Fach, wenn du so eifrig fortfhrst --, und du auf die
unbegreiflichen Dinge stest, dann sage dir nur jedesmal demtig: 'Da
ist etwas, das ich nicht erklren kann, da kommt der liebe Gott!' Und
dann bewundere seine Gre, die weit ber dich hinausgeht.

Fred packte ganz andchtig seine eingepuppte Raupe wieder zusammen und
schaute sie noch einmal lang und genau an, denn er mute jetzt erst
recht ber die Verwandlung nachdenken, die sich in dem Tierchen vollzog,
whrend es ganz tot dalag. --

Klarissa war bei Frau Stanhope angekommen, aber ihr Erscheinen brachte
der Trauernden keinen Trost; es war, als ob nur alle Erinnerungen in ihr
mit erneutem Schmerz aufstiegen. Klarissa wollte so gern etwas von den
letzten Tagen der Nora hren und wie sie entschlafen war; aber es war
der Mutter nicht mglich, darber zu sprechen, und Klarissa schwieg
still, denn jede Frage brachte einen neuen Ausbruch des Schmerzes
hervor. Sie setzte sich dann hin und schaute in das friedliche Angesicht
der Nora, das fr sie eine Sprache hatte, die ihr wohltat. Als sie aber
am folgenden Tag hrte, da das Kind Elsli allein bei der Nora gewesen
sei, als sie entschlief, da wnschte sie sehr, das Kind zu sehen, und
schickte nach ihm aus, da es zu ihr komme. Als nun das Elsli zum ersten
Male wieder in die Stube eintrat, wo es so viele glckliche Stunden mit
der Nora verlebt hatte, und dort ihren leeren Sessel am Fenster stehen
sah, mute es sehr weinen. Klarissa nahm das Kind mit groer
Freundlichkeit bei der Hand und setzte es neben sich hin. Dann fing sie
an, von der Nora zu sprechen, und jetzt ging dem Elsli das ganze Herz
auf, denn seit es von der entschlafenen Nora weggegangen war, hatte es
noch kein Wort von ihr sprechen knnen, und doch erfllte sie ja alle
seine Gedanken. Dem Elsli verging vllig seine groe Schchternheit und
es erzhlte in einem Flusse fort von allen Worten der Nora, wie sie ihm
von dem schnen Lande erzhlt hatte, wo sie zusammen hingehen wollten,
und welch schnes Lied sie immer zusammen gesagt hatten, und das Elsli
sagte im vollen Zug der Erinnerungen das ganze Lied vom kristallenen
Strom und den leuchtenden Blumen. Und zuletzt erzhlte es, wie auf
einmal ganz still die Nora allein fortgegangen sei, da es aber auch
bald gehen werde, da die Nora gewi den lieben Gott bitte, da Er ihm
rufe. Klarissa hatte mit Rhrung und Verwunderung dem Elsli zugehrt.
Das war ja ihr Lied, das die Nora als kleines Kindlein, auf ihren Knieen
sitzend, schon erlernt hatte. Das waren ihre eigenen Worte, mit denen
sie der Nora von dem Lande drben erzhlt hatte, -- und, wie wunderbar!
das Elsli hatte ja vllig den Ton der Stimme der Nora, es hatte die
Bewegungen ihrer Hand; jedes Wort brachte der Klarissa die entschwundene
Nora ganz lebendig vor Augen. Sie umfate das Elsli und weinte vor Leid
und Freude zugleich. Dann lief sie zu Frau Stanhope hinein und rief in
groer Aufregung einmal ums andere aus: O, das ist ja unser Kind, liebe
Frau Stanhope! Es ist ja die Stimme und die Worte unseres Kindes,
unserer Nora! Es ist ihre Schwester, unser Kind!

Erst hatte Frau Stanhope sich pltzlich erhoben und aufgehorcht; als sie
aber verstand, was Klarissa meinte, schttelte sie nur traurig den Kopf
und legte ihn wieder auf das Lager der Nora nieder.

[Illustration]

Aber die Klarissa war so erfllt von ihrem Eindruck, da die
Teilnahmlosigkeit der Frau Stanhope sie nicht entmutigte. Sie ging
hinaus und fhrte das Elsli herein, dem nun gleich wieder die Trnen die
Wangen herabrollten, wie es die Nora so still daliegen sah. Klarissa
fhrte es nahe zu dem weien Lager heran und legte Elslis Hand in die
der Nora. Dann sagte sie bittend zu der Mutter, die immer noch, ihr
Gesicht auf den Rand des Lagers gebeugt, an dem Bette kniete: Schauen
Sie auf, Frau Stanhope, unser Kind hat Ihnen noch etwas zu sagen. Die
Mutter erhob sich. Ihr Kind hielt ihr mit ausgestrecktem Arm das Elsli
entgegen. Einen Augenblick schaute sie starr auf die Kinder. Dann fate
sie die beiden ineinandergelegten Hnde in die ihrigen und sagte
schluchzend: Ja, Nora, ich wei es, du hast das Kind lieb gehabt, ich
will es nicht mehr von mir lassen. Und die gute Klarissa weinte mit,
aber es waren helle Freudentrnen, die sie weinte, und einmal die Nora
und einmal das Elsli streichelnd, wiederholte sie zrtlich: Ja ja, wir
mssen wieder ein Kindlein haben, fr das wir sorgen und es lieb haben
knnen.

Wie im Traum ging das Elsli nach Hause. Es hatte verstanden und wieder
nicht verstanden, was mit ihm werden sollte. Es hatte fest geglaubt, die
Nora helfe dazu, da es bald in den Himmel gerufen werde, dann komme sie
ihm entgegen. Jetzt war es so, als wre sie schon gekommen, aber um es
anderswohin zu fhren.

Nora war mitten unter Blumen in ihr letztes Bettlein hineingelegt
worden, in dem sie die Reise nach Hause machen sollte. Das hatte alles
die treue Klarissa besorgt. Nun machte sie sich auf den Weg, um Elslis
Mutter aufzusuchen, mit der sie eine eingehende Besprechung vorhatte.
Diese dauerte indessen nicht so sehr lange und bot nicht so viele
Schwierigkeiten, wie Klarissa befrchtet hatte, denn sie fand bei der
Marget ein sehr geneigtes Ohr fr ihre Vorschlge, besonders als diese
vernahm, da Frau Stanhope nicht nur im Sinn habe, das Elsli ganz und
gar zu sich zu nehmen und fr immer fr das Kind zu sorgen, sondern da
sie auch der Eltern eingedenk sein wolle, indem sie ihnen die Hilfe, die
das Kind ihnen htte leisten knnen, auf andere Weise ersetzen wollte.
Die Marget hatte eine unverhehlte Freude an diesem unerwarteten Glck
fr das Elsli und an dem Gewinn, den es ihr selbst bot. Sie meinte, das
Elsli habe zum strengen Arbeiten doch keine Kraft und Gesundheit, und
seit dem langen Umgang mit der Nora sei es auch sonst so mit allen
Gedanken und der ganzen Art aus seinem Geleise geraten, da es gar nicht
mehr hineinkomme. Das merke man am besten am Tun der kleinen Buben und
besonders des kleinsten, der jetzt den ganzen Tag berlaut schreie, da
man fast das Gehr verliere, und frher habe es ihn doch noch zum
Schweigen gebracht: da nehme man ebensogut wieder die Wiege zur Hand. So
schieden die Marget und die Klarissa in groem Frieden und
bereinstimmung, und die letztere versprach, da womglich jedes Jahr
einmal das Elsli nach seiner Heimat zurckgefhrt werden solle.

In der krzesten Zeit war im ganzen Dorfe die Nachricht verbreitet, da
das Elsli von der reichen Frau Stanhope angenommen worden sei und mit
ihr schon morgen nach ihrem schnen Gut am Rhein verreise. Die Nachricht
brachte einen ungeheuren Eindruck hervor. Wo zwei einander antrafen auf
dem Wege, standen sie still, um das Glck zu besprechen, das so
unerwartet dem Elsli zuteil wurde. Die Kinder in der Schule konnten vor
Aufregung gar nicht mehr still sitzen, es war, als erwarteten sie alle
durch diesen Glcksfall irgend etwas Unerhrtes. Sogar Herr Bickel wurde
durch das Ereignis zu einem ungewhnlichen Schritt veranlat. Er nahm
seinen Stock zur Hand und sagte: Frau, es schickt sich, da wir jetzt
der Frau Stanhope einen Besuch machen und ihr zeigen, da das Kind denn
doch auch noch rechte Verwandte hat. Vielleicht braucht sie auch einen
Rat, das Kind betreffend; da bin ich ihr Mann. Es kann auch sein, Frau,
da wir einen Besuch bei den Verwandten machen, wenn sie dann daheim
sind -- denn es gibt dort in ihrer Gegend groe Spinnereien --, und
vielleicht hat die Frau Stanhope Beziehungen mit solchen Husern, da
wre denn etwas fr das Geschft zu machen. Aber Herr Bickel mute noch
einmal seinen Stock hinstellen, denn so schnell war seine Frau nicht in
dem Zustande der Vervollkommnung angelangt, in dem allein sie einen
solchen Besuch unternahm.

Die grte Aufregung und Freude ber das Ereignis herrschte aber im
Hause des Arztes. Mutter und Tante waren voller Lob und Dank, da das
zarte Kind in so freundliche Hnde kommen und es ihm auf einmal so gut
gehen sollte. Es lag ja nun ein ganz neues Leben vor ihm; was konnte nun
auch aus dem bildsamen Kinde gemacht werden! Sie muten immer wieder
davon sprechen. Die Kinder hatten gar keinen anderen Gedanken mehr.

Oskar ging den ganzen Tag in tiefem Sinnen umher; er suchte den Punkt
auf, von wo aus er das neue Ereignis fr seine Plne verwerten knnte.
Es lag dem Oskar fortwhrend schwer auf dem Gemt, da die schne
brodierte Fahne unbenutzt liegen bleiben und nicht irgendein Fest in
Aussicht stehen sollte, welches die Anwendung der herrlichen Fahne
durchaus erheischte.

In einem hnlichen Zustand des Sinnens und Trachtens lief die Emmi den
Tag durch hin und her, und der schlaue Fred sagte ein paarmal, wenn sie
in seine Nhe kam: Die hat etwas im Sinn. Er selbst sa an dem Tag
lngere Zeit in eine Arbeit vertieft am Tisch. Es war eine lange, lange
Liste von den Namen aller derjenigen Raupen, Kfer und Schnecken, die er
als Bewohner der Rheinlande und deren Umgebungen kannte. Um der greren
Klarheit willen setzte er immer auch den lateinischen Namen des Tieres
neben den deutschen hin.

Am Abend dieses Tages sa das Elsli auf der langen Bank in der Stube;
man konnte es aber nicht sehen, denn mitten auf ihm sa der feste
Hanseli, und zu beiden Seiten saen der Heirli und der Rudi, jeder auch
noch so weit auf dem Elsli, als er Platz fand. Es lie ganz geduldig
sich fast erdrcken; es war ja der letzte Abend, fr lange Zeit das
letzte Mal, da die drei auf ihm sitzen wrden.

Das Elsli wute jetzt wohl, was mit ihm geschehen sollte, und es freute
sich darber. Die gute Klarissa hatte in der kurzen Zeit das Herz des
Kindes so ganz gewonnen, da es sich zu ihr wie zu einer Mutter halten
konnte, und mit ihr konnte es so voller Zutrauen reden, wie es nur mit
der Nora, sonst noch mit niemand hatte reden knnen. So wollte es gern
mit ihr fortziehen und bei ihr bleiben, und wenn auch Frau Stanhope ihm
immer noch ziemliche Scheu einflte, so war sie ja die Mutter der Nora
und das Elsli war schon deswegen ihr sehr anhnglich; auch war sie ja
immer gut zu ihm gewesen, nur nicht so vertraulich, wie Klarissa es war.
Was aber sein knftiges Leben sein werde, davon konnte das Elsli sich
keine Vorstellung machen, und leise kam ihm schon ein ngstlicher
Gedanke: wie es dann auch sein werde, wenn es so weit weg sei, und ob es
auch alles recht tun knne, was es dann zu tun habe. Aber es hatte den
festen Glauben, da die Nora es dorthin fhre, und das gab ihm Hoffnung
und Freude ins Herz. Aber auf das Weggehen hatte es doch ein wenig
Kummer und solchen noch besonders im Gedanken an den Fani, von dem es
nun so weit wegkam und den es vielleicht jahrelang nicht mehr sehen
sollte. Wie das Elsli so in seinen Gedanken dasa und nicht einmal
merkte, da der Hanseli schon lngere Zeit ungeduldig mit Hnden und
Fen um sich schlug, kam auf einmal die Emmi in die Stube
hereingerannt.

Elsli, rief sie schon unter der Tr, morgen gehst du, ich mu dir
noch etwas Wichtiges sagen. Stell doch den Hanseli auf den Boden und
komm schnell mit mir!

Er schreit, wandte das Elsli ein. Schon hatte er auch begonnen. Aber
der Emmi flte das keinen Schrecken ein. Sie stellte den Hanseli fest
auf den Boden und zog das Elsli fort, hinaus, ums Haus herum und hinter
den groen Apfelbaum.

Hier, sagte nun Emmi, das mut du mitnehmen, Elsli, und sie streckte
ihm eine dicke Rolle entgegen, und jetzt will ich dir etwas erklren.
Siehst du, auf eurer Reise kommt ihr auch nach Basel, das habe ich
gehrt --.

Glaubst du? unterbrach sie das Elsli mit leuchtenden Augen.

Ja, ja, es ist sicher, fuhr Emmi fort, und nun, weit du, zu der Frau
Stanhope mut du nichts sagen, sie ist jetzt so traurig, da sie nicht
zuhrt; aber der Frau Klarissa, die so gut ist, mut du erzhlen, da
der Fani dort in Basel ist und da du ihm gern wolltest Lebewohl sagen.
Dann geht sie gewi geschwind mit dir zu ihm, und dann gibst du ihm dies
von mir und sagst, ich lasse ihn gren, und hier hast du auch seine
Adresse.

O, ich bin so froh, da du mir das gesagt hast, Emmi, sagte das Elsli,
und eine groe Freude glnzte in seinen Augen. Glaubst du auch, da ich
es sagen darf?

Gewi mut du es tun, ganz sicher, denk, wie wird es den Fani freuen!
Versprich, da du es sicher tun willst --.

Das Elsli konnte nichts mehr versprechen, eben kam der Oskar
herangelaufen und nahm es gleich bei der Hand: Ich habe dich
allenthalben gesucht, Elsli, rief er eilig; jetzt find' ich dich
endlich! Komm mit mir, ich habe dir etwas zu sagen! Damit zog er das
Elsli ohne weiteres fort, von neuem ums Haus herum und hinter die
Haselnuhecke; hier blieb er stehen. Die Emmi folgte nicht nach, sie
fand es besser, den Oskar nicht noch zu reizen. Da sie soeben alle
Bleistifte im ganzen Hause zusammengerafft und fr den Fani fortgenommen
hatte samt allem weien Papier, das ihr und den Brdern zu ihren
verschiedenen Zwecken bergeben und immer zu schnell verschwunden war,
sah sie ohnedies einem Zornesausbruch von seiten der Brder entgegen.

Jetzt hr, Elsli, was ich dir erklre, sagte Oskar eindringlich; es
ist fr dich selbst sehr wichtig. Siehst du, jetzt kommst du ins Ausland
und da bist du dann zuerst fremd. Aber es hat dann schon auch noch
Schweizer an dem Ort, und da knnt ihr dann einen Verein grnden, einen
Vaterlandsverein; da kommt ihr dann jede Woche einmal zusammen und
sprecht so von allem im Vaterland --.

Ja, aber ich wei dann gewi nichts zu sagen, warf das Elsli etwas
ngstlich dazwischen.

Das ist gleich, die anderen reden dann schon, fuhr Oskar eifrig fort;
aber jetzt hr die Hauptsache. Im nchsten Sommer, wenn du dann
heimkommen darfst, da mut du mit allen den Mitgliedern, die dann auch
kommen, einen Ort verabreden, wo ihr dann zusammenkommen wollt, da wird
dann das Stiftungsfest gefeiert. Dann kommt man scharenweis von allen
Seiten, und ich komme mit einer prachtvollen Fahne, und es gibt ein
ungeheures Fest mit einem Umzug. Schreib mir dann, sobald der Verein
gegrndet ist.

Ja, ich will schon, sagte das Elsli ein wenig zaghaft, denn es sah
noch nicht recht klar vor sich, wer den Verein grnden wrde. Es konnte
aber keine weiteren Fragen tun, denn eben kam der Fred dahergestrmt mit
einem langen Papierbogen in der Hand; hinter ihm her keuchte das Rikli.
Oskar ging seiner Wege.

Elsli, komm, lies, rief jetzt der Fred; sieh, alle diese schnen
Raupen und die seltenen Kfer und diese Schneckenart, die wirst du alle
dort unten finden, am Rhein und in der Umgegend. Du mut nur auf den
Spaziergngen immer in die Hecken hineinkriechen und berall ein wenig
den Boden aufscharren, dann kommen die Kerle schon heraus, und dann
schickst du mir alle Exemplare, die du fangen kannst, nicht wahr? Ich
schicke dir dann auch etwas Schnes zurck. Du kannst nur alles
durcheinander in die Tasche stecken, bis du vom Spaziergang daheim bist,
und dann so die Hand obendrauf halten, da sie nicht unterdessen
herauskrabbeln, siehst du, so, wie ich es immer mache, und Fred
breitete die Hand beispielsweise weit aus ber seine Tasche, so als
wollte es berall darunter hervorkrabbeln.

Das Rikli schauderte ber und ber.

Elsli wollte so gern dem Fred den Gefallen tun, aber der Auftrag war ihm
nicht viel klarer, als der von Oskar, und es sagte demtig: Ich wollte
es gewi gern tun, Fred; aber wie mu ich es denn machen, da ich die
Kfer und die Raupen kenne, die so heien?

Das war ein vllig klarer Einwurf. Fred erkannte die Wahrheit dieses
Hindernisses; aber er war nicht der Mensch, so bald vor Hindernissen
zurckzuweichen. Er schaute seinen Bogen an. Wenn er zu jedem Namen das
Tier hinzeichnen, dann malen wrde? Richtig!

Morgen frh, eh' du abreisest, komm' ich noch einmal, rief er und
strzte fort.

Das Rikli, das so teuer seine Lehre bezahlt hatte, schrie wirklich nie
mehr unsinnig auf, wenn der Fred sich mit einem Tierchen nahte; aber es
bewachte sorgfltig alle Bewegungen des Bruders, da nicht einmal
unversehens aus dessen Faust oder Tasche ein grnugiger Frosch ihm
entgegenspringe. Aber ohne den Fred konnte das Rikli doch nicht sein, es
lief ihm berall nach. Nun er sich entfernt hatte, trat es schnell zum
Elsli heran und sagte eindringlich: Aber nicht lebendig, die vielen
schrecklichen Kfer und Schnecken; nur ausgestopft mut du sie schicken,
weit du, Elsli.

In diesem Augenblick kam der Feklitus herangeschritten im Sonntagsstaat.
Zu gleicher Zeit erscholl die Stimme der Mutter aus der Stube heraus, wo
der Hanseli ohne Unterla in seinem Geschrei verharrte: Es nimmt mich
nur wunder, Elsli, ob du heut' auch noch einmal ins Haus hereinzubringen
bist!

Das Rikli lief davon. Der Feklitus aber hatte schon das Elsli beim Arm
gepackt und hielt es fest: Ich mu einen Besuch machen auf dem
Eichenrain bei der fremden Frau und sagen, da ich dein Vetter bin und
da wir dann einmal dich besuchen wollen dort unten am Rhein, knurrte
er, aber ich geh' nicht allein, das geniert mich, du mut mit.

La mich los, du hrst es ja, ich mu ins Haus hinein, ich kann nicht
mit dir, sagte das Elsli und suchte sich loszumachen.

Du mut, rief der Feklitus, fate noch fester an und zog das Elsli mit
Gewalt davon, denn etwas so Ungewhnliches unternahm der Feklitus nicht
allein.

Oskar, Emmi, Fred und Rikli erhielten alle den gleichen Empfang, wie sie
so eins nach dem anderen heimgelaufen kamen. Auf den Stufen vor dem Haus
stand die Kathri und rief einem nach dem anderen mit abwehrender Gebrde
zu: Bsch! bsch! Mach keinen solchen Lrm! Die Frau Stanghopf ist
drinnen und nimmt Abschied.

Elsli war von den Auftrgen und Eindrcken dieses Abends und den
Gedanken an den folgenden Morgen so erfllt, da seine Augen keinen
Schlaf fanden in dieser letzten Nacht im Elternhause, und wie im Traum
fuhr in der Frhe des folgenden Morgens das Kind, mit den beiden Frauen
in dem groen Wagen sitzend, durch die noch ganz stille Landschaft der
Hauptstrae zu. Auf einmal flog ein gro gefaltetes Papier, mit einem
Steinchen beschwert, um nicht danebenzufallen, in die Kutsche hinein.

Leb wohl, Elsli, ich wollte, ich knnte mit, tnte es dazu von der
Seite her. Es war Fred, der mit seinem Werk nicht eher fertig geworden
war und in aller Frhe noch die letzten Schnecken gemalt hatte und nun
seinen Bogen nur noch in dieser Weise dem Elsli bergeben konnte.

Dieser letzte Gru brachte dem Elsli die Trnen in die Augen. Jetzt
fhlte es auf einmal klar, da es von der Heimat fort und weit, weit weg
zog. Die gute Klarissa hatte alles bemerkt; sie fate das Elsli
freundlich bei der Hand und hielt es fest, so da es fhlen konnte, es
zog mit einer Mutter fort. --

Die nchsten zehn Tage lang waren alle Reden und Gedanken der vier
Geschwister mit den Ereignissen der vergangenen Woche beschftigt, von
der Ankunft der kranken Nora an bis zu der Reise des Elsli, und wenn
alle die damit zusammenhngenden Tatsachen von allen Seiten beleuchtet
und grndlich durchgesprochen waren, dann fing man wieder von vorn an.
Am zehnten Tag kam ein groer Brief vom Elsli an, der brachte eine neue
Bewegung in die Gesellschaft. Mutter und Tante sahen mit Verlangen den
Nachrichten entgegen. Die Kinder steckten alle vier ihre Kpfe ber dem
Brief zusammen; jedes begehrte zuerst zu wissen, was darin stand. Er war
an Emmi adressiert. Sie zog sich aus dem Knuel zurck, machte den Brief
auf und rief: Ich will ihn vorlesen! Acht Seiten ist er lang! Dann
begann sie zu lesen:

                                 Lindenhalde am Rhein, 28. Sept. 18--.
Liebe Freundin!

Ich danke Dir viel tausendmal, da Du mir den guten Rat gegeben hast,
denn wenn Du es mir nicht so gesagt httest, so htte ich nie ein Wort
vom Fani sagen drfen.

Jetzt will ich vorn anfangen, Dir alles zu erzhlen: Als der Fred mir
noch Lebewohl gesagt hatte und ich dann von allen wegfuhr, mute ich ein
wenig weinen. Aber die Tante Klarissa -- denn jetzt soll ich immer 'Tante
Klarissa' sagen -- war sehr gut mit mir und sprach freundlich zu mir und
sagte, ich soll ihr nur immer alles sagen, was mich traurig mache, wir
wollen es dann miteinander tragen. Die Frau Stanhope hatte die Augen
zugemacht und lag ganz still in der Ecke, und ich dachte, sie sei ein
wenig entschlafen, und dann dachte ich, ich wollte am liebsten gleich
alles sagen mit dem Fani, wie Du es mir gesagt hattest, und dann tat
ich es. Die Tante Klarissa wute gar nichts von dem Fani und auch nicht,
da er lebte. Da erzhlte ich ihr alles, wie es mit ihm gegangen war und
wie lang ich ihn nicht mehr gesehen hatte. Dann sagte sie gleich, gewi
msse ich meinen Bruder noch sehen, wir haben schon Zeit in Basel, da
wir heute nicht weiterreisen. Und sie sagte, sie wolle dann schon mit
mir gehen, den Fani aufzusuchen, Frau Stanhope werde uns das gern
erlauben. Als wir in Basel ankamen, fuhren wir in ein so groes
Wirtshaus, wie ich noch keins gesehen hatte. Ich konnte fast nichts
essen vor Freude, da ich nun gleich zum Fani gehen durfte. Jetzt war es
drei Uhr. Gleich nach dem Essen sagte die Tante Klarissa zu Frau
Stanhope, wenn es ihr recht sei, so gehen wir nun miteinander, meinen
Bruder zu besuchen. Sie sagte, sie bleibe nicht allein da, sie komme mit
uns. Wir gingen ber eine lange Brcke ber den Rhein und dann noch
ziemlich weit. Zuletzt kamen wir zu kleinen Husern, da fragten wir nach
dem Maler Schulz. Da standen wir gerade vor seinem Haus. Frau Stanhope
ging voran und machte die Tr auf und trat in die Werkstatt ein und wir
kamen hinter ihr her. Da tat der Fani einen lauten Freudenschrei und kam
auf die Frau Stanhope zugesprungen und umklammerte sie und hatte vor
Freude die Augen ganz voll Trnen, denn er hatte furchtbar das Heimweh
gehabt, und jetzt sah er jemand, der aus der Heimat kam. Dann sah er
erst, da ich auch dabei war, da war er noch froher. Aber er lief vor
Freude wieder zur Frau Stanhope zurck und genierte sich gar nicht vor
ihr; aber Du weit es schon, der Fani hat sich ja nie geniert, er konnte
immer alles sagen. Und er umfate immer wieder die Frau Stanhope und
rief: 'O, gottlob, da ich jemand sehe von daheim!' Du kannst Dir nicht
vorstellen, wie freundlich die Frau Stanhope zu ihm war. Zuletzt sagte
sie, er solle seinen Meister rufen, sie wolle mit ihm reden. Dann kam
der Meister und sie ging mit ihm hinaus. Als sie wieder hereinkam, sagte
sie zu Fani: 'Wolltest du gern mit uns kommen und mit deiner Schwester
bei uns leben?' Jetzt kann ich Dir nicht sagen, wie es mir wurde. Zuerst
konnte ich gar nicht mehr atmen vor Freude, und dann auf einmal meinte
ich, es sei gewi nicht mglich, was ich verstanden hatte. Aber der Fani
schrie auf vor Freude und nahm die Frau Stanhope bei der Hand und bat so
mit den Augen und versprach, da er arbeiten wolle, soviel er nur knne,
da sie mit ihm zufrieden sei, wenn er nur mitkommen drfe. Da sagte
Frau Stanhope: 'Du kommst mit uns' und erklrte ihm, wann er am anderen
Morgen auf der Eisenbahn sein mute. O was fr eine Nachricht fr den
Fani und fr mich! Wir gingen ins Wirtshaus zurck. Auf dem Wege sagte
Frau Stanhope zu der Tante Klarissa: 'Du hast doch die hnlichkeit
bemerkt? Kann er nicht aus den groen braunen Augen einen anschauen, wie
mein Philo tat?' Die Tante Klarissa war so froh ber diese hnlichkeit
und sagte, jetzt wisse sie erst, warum der Fani ihr gleich so lieb
vorgekommen sei. Denn, weit Du, Philo war der Bruder der Nora. Am Abend
sagte Frau Stanhope noch zwei- oder dreimal von der hnlichkeit, und es
war zum ersten Male, da sie ein wenig mit uns redete. Am anderen
Morgen, als ich erwachte, konnte ich es nicht mehr glauben, da der Fani
mit uns komme. Ich dachte: ein so groes Glck kann ja nicht sein, ich
habe es gewi getrumt. Aber beim Kaffeetrinken sagte Frau Stanhope
gleich wieder von der hnlichkeit, die ihr aufgefallen sei, sobald der
Fani sie angeblickt habe, und sie sagte, sie freue sich, den Jungen
mitzunehmen. Mut Du Dich nicht sehr verwundern, da Frau Stanhope das
von dem Fani sagte? Als wir auf der Eisenbahn anlangten, kam uns der
Fani gleich entgegengelaufen. Er hatte drei Stunden auf uns gewartet.
Er sagte, er sei schon um sechs Uhr dahin gegangen, wenn ihm schon Frau
Stanhope gesagt hatte, wir kommen um neun Uhr, denn er habe es nicht
erwarten knnen. Da hat die Frau Stanhope zum ersten Male ein wenig
gelacht. Wir fuhren den ganzen Tag in der Eisenbahn, und der Fani kam
gar nicht aus der Freude heraus. Und wenn man an den Stationen stille
hielt und etwas sollte geholt werden und die Tante Klarissa schnell
gehen wollte, dann hielt sie die Frau Stanhope zurck und sagte: 'Nein,
nein! Nun haben wir einen Begleiter, der soll alles verrichten.' Dann
erklrte sie dem Fani, wie er es machen msse, und Du httest nur sehen
sollen, wie der umherscho und alles besorgte. Und er schaute dann immer
die Frau Stanhope an, ob er es ihr auch recht mache, und sie war
zufrieden mit ihm, man konnte es schon sehen. Es war schon Nacht, wie
wir wieder ausstiegen, und Frau Stanhope sagte, jetzt seien wir in
Mainz, wieder am Rhein, und morgen wrden wir erst recht den Flu sehen.
O, wo kamen wir hin am folgenden Morgen! Auf ein so prachtvolles
Dampfschiff, wie man sich gar nicht vorstellen kann, wenn man es nicht
gesehen hat. Der Fani war den ganzen Tag wie ein Unsinniger vor Freude,
da er so etwas Schnes sehe, und die Frau Stanhope erlaubte ihm, da
er auf dem ganzen Schiff umherlaufen und alles, alles ansehen drfe.
Dann habe ich ihn manchmal eine ganze Stunde lang nicht mehr gesehen.
Zuletzt kam er und holte sein Geschenk von Dir und nahm Papier und
Bleistift heraus und sagte, er wolle alles abzeichnen, da er sich immer
wieder erinnern knne, was er alles gesehen habe und wie das ganze
Schiff eingerichtet sei. Und er lt Dir viel-, vielmal danken fr Dein
schnes Geschenk; das habe ich noch vergessen im Anfang des Briefes. Am
Abend, als wir aus dem Schiff stiegen, stand eine groe Kutsche da und
noch ein Wagen, denn Du weit, die Nora fuhr ja immer mit uns. Wir
fuhren wohl eine halbe Stunde in der Kutsche. Dann kamen wir zu einem
Haus, das stand mitten in einem groen Garten mit vielen Bumen, da war
die Frau Stanhope daheim. Und beim Aussteigen sagte der Fani zu mir:
'Meinst du, da ich hier in dem groen Garten arbeiten msse, oder etwa
im Stall?' Aber das konnte ich ja nicht wissen, ich wute auch nicht
einmal, was ich selbst arbeiten sollte. Aber es ist so anders gekommen,
als wir gemeint haben, und als Du gewi auch meinst. Zuerst war die Frau
Stanhope so traurig, da wir sie drei Tage lang nicht sahen. Aber die
Tante Klarissa war so gut mit uns, wie noch nie ein Mensch auf der
Welt. Sie fhrte uns in dem groen Garten herum und zeigte uns alles und
auch, wo der Philo begraben lag. Da stand ein weies Kreuzchen mit
seinem Namen. Und wir drei aen zusammen an einem Tische, sonst war
niemand da. Dann wurde die Nora begraben neben ihrem Bruder bei den
groen Lindenbumen. Die Tante Klarissa sagte uns, jetzt komme Frau
Stanhope noch nicht zu uns, weil sie so traurig sei, da sie alles
wiedersehe in der Heimat, nur die Nora nicht. Aber am vierten Tage kam
die Frau Stanhope auch zu uns an den Tisch und war freundlich und sagte,
nun wollen wir auch zu arbeiten anfangen. O wie muten der Fani und ich
staunen darber, was es war, und jeden Abend freuen wir uns so stark auf
den anderen Morgen, denn so geht es nun immerfort. Was meinst Du, was
fr schwere Arbeit wir zu verrichten haben? Gar keine! Das kannst Du nun
fast nicht glauben, aber es ist gewi wahr. Den ganzen Morgen lang
drfen wir immer in den Unterrichtsstunden sitzen und so viel neue
Sachen erlernen! Um neun Uhr kommt ein Lehrer zu uns und bleibt bis um
ein Uhr, und zu dem Unterricht sind nur allein der Fani und ich.
Natrlich ist der Fani viel geschickter als ich, aber der Herr Lehrer
ist so gut mit mir; wenn ich nichts kann, so sagt er nur ganz
freundlich: 'Nun wollen wir aber recht tapfer sein, da wir dem Bruder
nachkommen!' Nun mu ich nie, nie mehr Angst haben, da ich die Aufgaben
nicht machen kann und da ich mich dann nachher schmen mu vor allen
Kindern in der Schule. Es ist aber immer so schnell ein Uhr, da wir es
nie glauben knnen, und immer freuen wir uns, da es morgen wieder
angeht. Wenn wir dann zu Mittag gegessen haben, gehen wir alle in den
Garten hinaus; dann geht Frau Stanhope immer mit dem Fani und er mu ihr
erzhlen von den Stunden und was er will, und man kann schon sehen, Frau
Stanhope hat ihn sehr gern, natrlich viel lieber als mich, denn Du
weit schon, wie er ist. Er kann alles sagen, was er denkt, und kann so
gut seine Freude zeigen und wie furchtbar froh er ist, da er da sein
darf und da er es so gut hat. Und das alles sagt er immer wieder der
Frau Stanhope so vorweg, wie es ihm in den Sinn kommt, und dankt ihr auf
einmal vor Freuden tausend-, tausendmal und hlt ihre Hand fest; und
wenn er dann so ganz voll Glck zu ihr aufsieht, dann streichelt sie ihm
das Haar und ist so freundlich mit ihm, wie ich nie Frau Stanhope
gesehen habe, als nur zu der Nora. Aber ich kann nie tun wie Fani, und
wenn ich schon ganz dasselbe im Herzen habe, so kann ich es nicht
sagen, und Frau Stanhope glaubt gewi gar nicht, da ich so dankbar sei,
und ich kann auch schon ganz gut begreifen, da sie nie so zu mir ist,
wie zum Fani. Aber die Tante Klarissa ist so gut mit mir, und wenn wir
aus dem Garten kommen, dann bin ich bei ihr in einer Stube und sie lehrt
mich so schne Arbeiten machen und auch brodieren -- wie Du kannst; und
sag auch dem Oskar, wenn wir vielleicht keine Mitglieder in den Verein
finden, so will ich ihm dafr noch eine Fahne zu dem groen Fest
brodieren -- Tante Klarissa hat es mir schon erlaubt --; er soll mir dann
nur schreiben, was fr ein Spruch darauf mu. Unterdessen hat in der
anderen Stube der Fani Unterricht im Zeichnen; dazu kommt ein anderer
Lehrer und bleibt zwei Stunden lang. Frau Stanhope sitzt dann fast immer
dabei, weil es ihr so groe Freude macht, da der Fani so schnell lernt
und schon ganz schne Sachen zeichnet.

Nachher gehen der Fani und ich noch allein in den Garten und laufen
herum in alle Ecken, denn da stehen allenthalben die schnen Bnke und
weie, steinerne Figuren, und das ist so schn, und der Garten ist so
gro und geht bis an den Rhein hinunter, und dort stehen die groen,
schnen Lindenbume, und es ist so herrlich und prchtig berall, da
es auf der ganzen Welt nicht schner sein knnte. Sag auch dem Fred, da
ich gewi immer auf die Kfer sehe, aber ich kann sie nicht fangen; er
soll aber nicht bs werden mit mir, vielleicht fang' ich doch noch
einen. Nach dem Abendessen sitzt die Tante Klarissa ans Klavier und dann
singen wir das Lied, das die Nora so gern hatte, und noch zwei oder drei
andere hat mich nun die Tante Klarissa noch gelehrt. Dann sitzt der Fani
meistens in der anderen Stube und zeichnet noch fr sich, aber wenn er
mit uns singt, tnt es viel schner, und nur wenn er mitsingt, kommt
Frau Stanhope auch und hrt zu. Zuletzt machen wir noch unsere Aufgaben.
Aber ein Tag ist so geschwind vorbei, wie ich nicht beschreiben kann,
und jeden Abend reut es uns so stark, den Fani und mich, da wir nun ins
Bett gehen mssen und nicht noch lang, lang immer fortfahren knnen. Ich
bin auch fast nie mehr mde, o wie ist es auch so schn, hier zu leben
und immer der Fani und ich zusammen, und wie haben wir es so gut! Wenn
wir zum Essen hereinkommen, dann sagt gewi die Tante Klarissa jedesmal:
'Gott sei Dank, da wir wieder mit Kindern zu Tische sitzen knnen!' Und
als sie gestern so sagte, da antwortete die Frau Stanhope: 'Gewi wre
dir am wohlsten, wenn wir das ganze Haus voller Kinder htten.' Und die
Tante Klarissa sagte: 'Ich htte deren nie zu viel.' Da sagte Frau
Stanhope: 'Ich wei etwas: im nchsten Jahre mssen wir die Freunde aus
der Schweiz zu uns einladen; da sollen alle vier Doktorskinder kommen,
und das kleine Rikli kannst du dann in deine besondere Obhut nehmen.' Da
hat der Fani vor Freude ganz laut aufgejauchzt und ich konnte keinen Ton
von mir geben, aber vor Freude konnte ich gar nicht mehr schlucken, und
auch die Tante Klarissa freute sich so stark ber die Worte, da sie in
die Hnde geklatscht hat, und dann hat sie gesagt: 'Elsli soll es
schnell schreiben; das mssen wir gleich ganz festmachen, da es uns
nicht entgeht.' Und dann sagte sie immer wieder voller Freude: 'Das ist
ein herrlicher Gedanke, Frau Stanhope, das ist ein herrlicher Gedanke.'
Und der Fani und ich sind gestern Abend im ganzen Garten herumgelaufen
und haben alles, alles aufgesucht, was wir Euch dann zeigen mssen: die
schnen, steinernen Figuren und alle Bnkchen in den Gebschen, und die
groen, hohen Lindenbume, wo man unter den langen, langen Zweigen
verborgen sitzen und auf den Rhein schauen kann. Und ich bin auch so
froh wegen der Kfer, der Fred kann sie dann alle selbst fangen. Der
Fani wird Dir bald einen groen Brief schreiben und dann auch einen dem
Oskar. Er will nur zuerst die Lindenbume und das Pltzchen darunter
fertig zeichnen, zu einem Geschenk fr Dich.

Wir lassen alle in Euerem Hause viel tausendmal gren und dann auch
den Vater und die Mutter und die kleinen Buben. Der Fani lt Dich noch
besonders gren.

                                                  Deine treue Freundin
                                                        Elsli.

Als der Brief zu Ende gelesen war, brach ein Jubel aus, der gar kein
Ende nehmen wollte. Welche Nachrichten enthielt er auch fr die vier
Geschwister. Welche Aussichten auf Dinge und Ereignisse, die zu den
herrlichsten Zukunftsplnen Stoff boten. Auch Mutter und Tante waren
ganz erfllt von dem, was sie eben vernommen hatten, und voller Dank und
Freude darber, da ihnen die groe Sorge um den Fani fr immer
abgenommen war, und da der liebe Gott den zwei Kindern, die ihnen so
sehr am Herzen lagen, einen so ber alles Erwarten herrlichen Lebensweg
aufgetan hatte.

Welches von den vier Kindern des Hauses aber das allerglcklichste ist
in der Aussicht auf die bevorstehende Rheinreise, das kann man gar nicht
sagen, und so sehr sind sie alle vier davon erfllt, da sie fast von
nichts anderem mehr reden knnen. Ein jedes von ihnen ist auch in einer
auerordentlichen Weise von den Plnen und Gedanken in Anspruch
genommen, welche die Aussicht auf das groe Ereignis hervorbringt. Oskar
sieht mit Wonne die Scharen der Schweizer im Auslande vor sich, die er
dann, von Fani untersttzt, in den neuen Verein hereinziehen wird. Mit
nicht geringerer Begeisterung sieht er der zweiten Fahne entgegen, die
das Stiftungsfest zu einem auerordentlich glnzenden erheben wird. Er
sucht nun rastlos in allen Werken der Literatur nach einem Spruche, der
den Zweck und die Gre des Festes in wrdigster Weise dartun wrde.
Sollte ihm da oder dort eins der Kinder, die diese Ereignisse
durchlesen, etwa einen Spruch einsenden wollen, so da er unter vielen
den schnsten auswhlen knnte, so wre er sehr erfreut darber. -- Emmi
ist in einem ununterbrochenen Freudenfieber. Nun ist ja der Fani
wirklich auf dem Wege, nach dem sie so lange fr ihn gestrebt hatte: auf
dem Wege, ein groer Maler zu werden. Denn da Frau Stanhope eine solche
Vorliebe fr ihn gefat hat, wird er gewi alles von ihr erbitten
knnen, auch seinen Beruf. Emmi kann aber das Zusammenkommen mit dem
Fani fast nicht erwarten, denn jeden Tag kommt ihr ein neuer Vorschlag
in den Sinn, den sie ihm durchaus fr seinen knftigen Lebensweg machen
mu. -- Fred hat alle Hnde voll zu tun. Er sieht einer so ungeheuren
Bereicherung seiner Insekten- und Amphibiensammlungen entgegen, da er
jetzt nur darum besorgt ist, wie er denn alle seine Reichtmer
unterbringen werde. Er hat der Tante das feste Versprechen abgenommen,
da jede groe und kleine Schachtel des Hauses, die nicht weiter
gebraucht wird, in sein Zimmer kommt, wo schon ein betrchtlicher Haufen
aufgeschichtet steht. Auch er wrde gern, wie Oskar, eine Bitte in die
Welt hinausschicken, da man ihm alle entbehrlichen Schachteln von
berallher zusenden mchte; aber die Mutter ist nicht einverstanden
damit, denn die freundlichen Beitrge knnten fr den vorhandenen Raum
zu groartig werden. -- Das Rikli aber kann zum ersten Male in seinem
Leben sich ohne geheime Schrecken der Freude auf einen groen Genu
hingeben. Da ihm bisher alle Freuden in Gemeinschaft mit seinem Bruder
Fred zuteil geworden waren, so hatte in seinem Empfinden hinter jeder
derselben etwas Erschreckliches gelauert, das auf einmal hervorkriechen
oder einen frchterlichen Sprung tun konnte. Jetzt wei das Rikli, da
es unter den Schutz der guten Tante Klarissa kommen wird, und von da aus
ohne Gefahr alles mitmachen kann, was in dem herrlichen Haus und Garten
am Rhein ausgefhrt werden soll.

Der Fani und das Elsli aber werden von Tag zu Tag glcklicher und
heimischer in ihrem neuen Leben und haben gar keinen Wunsch mehr, als
nur, da bald die Zeit komme, da ihre guten Freunde anlangen und all das
Schne, das sie umgibt, kennen lernen und es mit ihnen teilen knnen.

Die gute Klarissa aber sorgt dafr, da der Fani und das Elsli den
lieben Gott nicht vergessen, der sie zu solchen Freunden gefhrt hat.
Sie geht gern mit den Kindern auf die Sttte, wo Philo und Nora begraben
liegen, und erinnert sie hier daran, wie schnell und unerwartet das
Leben der Menschen aus Leid in Freude sich verwandeln kann, wie sie
beide, Fani und Elsli, es erfahren hatten; da es aber ebenso schnell
sich aus Freude in Leid verkehren und mitten in seinen Sonnenschein
hinein der Schatten des Todes fallen kann, und da nur diejenigen sicher
und frhlich bleiben, die auf den lieben Gott vertrauen, der alles in
seiner Hand hlt und zum Guten fhrt.



Druck von Friedrich Andreas Perthes, Aktiengesellschaft, Gotha.



Friedrich Andreas Perthes A.-G. Gotha.


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Ein goldener Spruch und Anderes.
  Illustr. geb. M 3.--

Die Vorzge der =Jugend- und Volksschriften= von =Johanna Spyri=, die in
den weitesten Kreisen, bei alt und jung, bei hoch und niedrig gleich
beliebt und geschtzt sind, haben von der Presse wie vom Publikum eine
so rckhaltlose und warme Anerkennung gefunden, da es wohl nicht mehr
ntig ist, auf den Wert und die Eigenart dieser von =jung und alt im
Volk= mit Jubel und Freude begrten Gaben noch besonders hinzuweisen.
Es ist unbestritten, da die =Erzhlungen von Johanna Spyri= in der
Jugendschriften-Literatur =einen der ersten Pltze= einnehmen.

Weit ber 1 Million Bnde verkauft.


Stefeli.

Von =E. Schaffner=. Zweiter Band von Johanna Spyri:
Einer vom Hause Lesa. Mit 4 Bildern. Geb. M 3.--


Auf der Grimsel.

Eine Erzhlung von =Anna Ulrich=. Mit 1 Titelbild. M 1.--, geb. M 1.60

Die Verfasserin hat mit ihrem Vorbilde Johanna Spyri nahe
Berhrungspunkte. Auch _ihre_ Erzhlung ist reich an landschaftlichen
Schilderungen, die Handlung ist fesselnd und nicht ohne dramatische
Hhepunkte und ergreifende Episoden, die Seelenschilderungen sind
feinsinnig und eindringend. Besonders jungen Mdchen von 14 bis 20
Jahren ist die Schrift zu empfehlen.


Zu beziehen durch jede Buchhandlung.


Friedrich Andreas Perthes A.-G. Gotha.

Mrchen und Schwnke fr Jung und Alt.
Seinen Kindern erzhlt von =Rudolph Vogel=.
Mit Bildern von Johannes Gehrts.

Frau Mre.
4. Aufl. Ill. geb. M 4.--

Glckskindle.
2. Aufl. Ill. geb. M 4.--

Spinnweiblein.
2. Aufl. Ill. geb. M 4.--

Was darber begeisterte Eltern und Lehrer, Schriftsteller und Knstler
geschrieben haben, wrde all in ganze Bogen fllen. Ihr aller Urteil ist
Lobes voll und mag hier, in wenige Stze zusammengefat, folgen:

... Nicht altklug wie die Neunmalweisen redet sie, des Dichters Frau
Mre, nein so einfach und doch so warm und tief, da sie dem
lauschenden Kinde die Welt in Sonnenglanz taucht. Wer seinem Kinde und
sich selbst das gleiche gnnt, der lasse die Bcher, die Knstlerhand
trefflich geschmckt hat, unter dem Christbaum nicht fehlen.

=Martinus i. d. Tgl. Rundschau.=


Ich will!

Lebensbilder hervorragender Mnner unserer Tage.
Von =H. Stkl=. Mit 16 Portrts.
M 2.40, geb. M 3.--

Dieses Buch ist in erster Linie fr die heranwachsende =Jugend=
bestimmt, der es in lebensvollen Zgen den Entwicklungsgang von
_sechzehn Mnnern_ schildert, die kraft ihres Willens und ihrer
Beharrlichkeit sich zu den Hhen der Menschheit emporschwangen. Die
_sechzehn Mnner_, deren Lebensbilder das Buch bietet, gehren der
Gegenwart und jngsten Vergangenheit an; sie entwickelten sich unter den
gleichen Lebensbedingungen wie wir, und daher ist ihr Beispiel geeignet,
lebhaft und eindringlich auf Phantasie und Willen der Jugend zu wirken.
Aber nicht nur =jugendlichen Lesern= wird das Buch eine anziehende und
wertvolle Gabe sein, sondern auch =Erwachsene= werden sich gerne seiner
Lektre widmen.


Von berall.

Allerlei Geschichten aus Heimat und Fremde.
Von =H. Stkl=. Illustriert von =M. Voigt=.
Geb. M 3.--

Vierzehn Erzhlungen fr die heranwachsende Jugend und die weitesten
Kreise des Volkes. Der Inhalt ist reizvoll, spannend und mannigfaltig.
Das Buch, mit Bildern trefflich geschmckt und schn ausgestattet, ist
als Geschenkwerk bestens zu empfehlen.


Nansens Nordpolfahrt.

Dem Volke und der Jugend erzhlt nach _Fridtjof Nansen_ In Nacht und
Eis von =G. Schmiedgen=. Mit 1 Karte. Illustriert.
M 2.40, eleg. geb. M 3.--

Unter Zugrundelegung des Originalwerkes eine _volkstmliche Darstellung_
der groen Nordpolexpedition. Der Verfasser bietet unter Ausschlieung
alles gelehrten und wissenschaftlichen Beiwerkes nur diejenigen
Erlebnisse und Erfahrungen der khnen Nordpolfahrer, die bei weiten
Kreisen des Publikums auf Teilnahme und Verstndnis rechnen knnen. Ein
rechtes, empfehlenswertes Geschenk fr die wissensdurstige Jugend.


-- Kataloge gratis und franko. --



[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der ca. 1920 erschienenen neunten Auflage erstellt. Das Buch
bildet den achten Band der Serie Geschichten fr Kinder und auch fr
solche, welche die Kinder lieb haben von Johanna Spyri. Die
nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller im elektronischen
Buch gegenber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S. 012: [Punkt ergnzt] bei den alten Lindenbumen.
S. 029: nachdem er vom Perde gestiegen -> Pferde
S. 042: [Punkt ergnzt] fr den groen Tag ernannt hatte.
S. 064: sein Buch herbei, da er immer -> das
S. 079: zwei- dreimal -> zwei-, dreimal
S. 081: [Komma ergnzt] schwer genug, da ich nicht
S. 115: das verweiflungsvoll schreiende Rikli -> verzweiflungsvoll
S. 128: mit sehr erleicherten Herzen -> erleichterten
S. 139: manchmal schon wre ihre diese -> ihr
S. 140: [Komma ergnzt] Hand der Jammernden ergriff, ich begreife
S. 165: [Punkt ergnzt] sie komme mit uns.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaen ersetzt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Fett:           =fett gedruckter Text=
Antiquaschrift: #Antiquatext# ]



[Transcriber's Note: This electronic book has been prepared from the
scans of a ninth edition copy, published ca. 1920; the book forms the
eighth volume of the series Geschichten fr Kinder und auch fr solche,
welche die Kinder lieb haben by Johanna Spyri. The table below lists
all corrections applied to the original text.

p. 012: [added period] bei den alten Lindenbumen.
p. 029: nachdem er vom Perde gestiegen -> Pferde
p. 042: [added period] fr den groen Tag ernannt hatte.
p. 064: sein Buch herbei, da er immer -> das
p. 079: zwei- dreimal -> zwei-, dreimal
p. 081: [added comma] schwer genug, da ich nicht
p. 115: das verweiflungsvoll schreiende Rikli -> verzweiflungsvoll
p. 128: mit sehr erleicherten Herzen -> erleichterten
p. 139: manchmal schon wre ihre diese -> ihr
p. 140: [added comma] Hand der Jammernden ergriff, ich begreife
p. 165: [added period] sie komme mit uns.

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Bold:       =bold text=
Antiqua:    #text in Antiqua font# ]





End of the Project Gutenberg EBook of Wo Gritlis Kinder hingekommen sind, by 
Johanna Spyri

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WO GRITLIS KINDER HINGEKOMMEN SIND ***

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     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
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is also defective, you may demand a refund in writing without further
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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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